Sicherheit und Humanität im Ersten und Zweiten Weltkrieg: Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Ausnahmezustand 9783110532203, 9783110529951, 9783111086996

Das vorliegende Werk behandelt die repressiven Maßnahmen, die während der beiden Weltkriege in den kriegführenden Staate

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Sicherheit und Humanität im Ersten und Zweiten Weltkrieg: Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Ausnahmezustand
 9783110532203, 9783110529951, 9783111086996

Table of contents :
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
1 Einleitung: Sicherheit und Menschenrechte. Dilemmata und Diskussionen in Gegenwart und Geschichte
2 Konzeptionelle Grundlage: Sicherheit, Menschenrechte und Zivilgesellschaft in vergleichs- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive
3 Mobilisierung und Überwachung im Zeichen der Sicherheit in den beiden Weltkriegen: die Internierung von Feindstaatenangehörigen und ihre Kontexte
4 Sicherheit und „innere Feinde“: Propaganda, Mobilisierung und Politik im Ersten Weltkrieg
4.1 Großbritannien
4.2 Deutsches Kaiserreich
4.3 Frankreich
4.4 Russisches Zarenreich
4.5 Österreich-Ungarn
4.6 Osmanisches Reich
4.7 Italien
4.8 Rumänien und Bulgarien
4.9 Vereinigte Staaten von Amerika
4.10 Lateinamerika
4.11 Japan
4.12 Britische Kolonien und Dominions
4.13 Neutrale Staaten
5 Ambivalente Gegenkräfte: zivilgesellschaftliche Aktivitäten und humanitäres Engagement im Ersten Weltkrieg
6 Der „innere Feind“: Propaganda, Mobilisierung und Politik im Zweiten Weltkrieg
7 Humanitäres und zivilgesellschaftliches Engagement für zivile Feindstaatenangehörige im Zweiten Weltkrieg
8 Fazit: Der Umgang mit „inneren Feinden“ in den beiden Weltkriegen zwischen Sicherheitskonstruktionen und Humanitätspostulaten
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister

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Arnd Bauerkämper Sicherheit und Humanität im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Bibliotheks- und Informationspraxis

 Herausgegeben von Klaus Gantert und Ulrike Junger

Band 67

Arnd Bauerkämper

Sicherheit und Humanität im Ersten und Zweiten Weltkrieg  Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Ausnahmezustand

Band 1: Erster Weltkrieg

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungsfonds Wissenschaft der VG Wort

ISBN 978-3-11-052995-1 e-ISBN (PDF) 978-3-11-053220-3 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-053004-9 Library of Congress Control Number: 2020950599 Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available in the Internet at http://dnb.dnb.de. © 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Einbandabbildung: Reinhard Mundschütz: Eingang zum Internierungslager Markl (1914–1918) Satz: bsix information exchange GmbH, Braunschweig Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

www.degruyter.com

 Für Anke

Vorwort Dieses Buch hat eine längere Geschichte. Sie begann mit der Diskussion über den Umgang mit dem Terrorismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001, die nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern auch in anderen Ländern z. T. heftige politische Kontroversen über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit ausgelöst hat. Wie können angesichts akuter Gefahren in Demokratien die Gewaltenteilung bewahrt und Menschenrechte als wichtiges Wertefundament geschützt werden? Meine Studien zur Entstehung und zum Wandel von Zivilgesellschaft nahmen diese Debatten ebenso auf wie meine Untersuchungen zu Sicherheitsdiskursen und -maßnahmen in den beiden Weltkriegen. Der Gerda-Henkel-Stiftung bin ich besonders verbunden durch die Verleihung einer Gastprofessur, die mir 2017/18 in London eine konzentrierte Arbeit an dem Manuskript erlaubte. Weiterführende Anregungen erhielt ich dort in Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen am Deutschen Historischen Institut und im Department of International History der London School of Economics and Political Science. Darüber hinaus erwies sich die Mitarbeit im Internationalen Graduiertenkolleg „Human Rights under Pressure“ an der Freien Universität Berlin und an der Hebrew University of Jerusalem als besonders fruchtbar. Nicht zuletzt waren Hinweise von Studierenden in mehreren Lehrveranstaltungen an der Freien Universität Berlin weiterführend. Bei der Recherche halfen in den verschiedenen Stadien der Vorbereitung Alice Hailperin, Verena Nöthig, Felicitas Remer und Franziska Bolz als zuverlässige Studentische Hilfskräfte. Bei der Endredaktion engagierte sich Maximilian Vogel überaus tatkräftig. Clara von Hirschhausen unterstützte mich in der letzten Phase bei der Anfertigung des Personen- und Sachregisters. Dr. Georg Wurzer bin ich für zahlreiche Hinweise zu den Abschnitten über Russland verbunden. Rabea Rittgerodt, Martin Rethmeier und Andreas Brandmair (Verlag de Gruyter Oldenbourg) danke ich für ihre ausgezeichnete Betreuung, das Lektorat und ihre Geduld. Der Druck erfolgt mit freundlicher Unterstützung der VG Wort (München). Zur Entstehung des Buches hat meine Ehefrau Anke mit ihren Anregungen, aber auch ansonsten mit ihrer kontinuierlichen Unterstützung besonders kräftig beigetragen. Ihr ist das Buch deshalb gewidmet. Berlin, im Herbst 2020

https://doi.org/10.1515/9783110529951-201

Arnd Bauerkämper

Inhaltsverzeichnis

Band 1: Erster Weltkrieg Vorwort  VII Abkürzungsverzeichnis  XI 1

Einleitung: Sicherheit und Menschenrechte. Dilemmata und Diskussionen in Gegenwart und Geschichte  1

2

Konzeptionelle Grundlage: Sicherheit, Menschenrechte und Zivilgesellschaft in vergleichs- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive  39 Sicherheit  39 Humanität und Menschenrechte  70 Zivilgesellschaft  126

2.1 2.2 2.3 3

Mobilisierung und Überwachung im Zeichen der Sicherheit in den beiden Weltkriegen: die Internierung von Feindstaatenangehörigen und ihre Kontexte  130

4

Sicherheit und „innere Feinde“: Propaganda, Mobilisierung und Politik im Ersten Weltkrieg  189 Großbritannien  189 Deutsches Kaiserreich  293 Frankreich  343 Russisches Zarenreich  367 Österreich-Ungarn  419 Osmanisches Reich  448 Italien  469 Rumänien und Bulgarien  478 Vereinigte Staaten von Amerika  481 Lateinamerika  502 Japan  510

4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.6 4.7 4.8 4.9 4.10 4.11

X  Inhaltsverzeichnis

4.12 4.12.1 4.12.2 4.13 5

Britische Kolonien und Dominions  515 Dominions  519 Kolonien  556 Neutrale Staaten  575 Ambivalente Gegenkräfte: zivilgesellschaftliche Aktivitäten und humanitäres Engagement im Ersten Weltkrieg  595

Band 2: Zweiter Weltkrieg 6 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 6.6 6.7 6.8 6.9 6.9.1 6.9.2 6.9.3 6.10

Der „innere Feind“: Propaganda, Mobilisierung und Politik im Zweiten Weltkrieg  689 Großbritannien  689 Deutschland  760 Frankreich  778 Sowjetunion  793 Italien  800 Vereinigte Staaten von Amerika  806 Lateinamerika  837 Japan und Ostasien  844 Britische Kolonien, Mandatsgebiete und (ehemalige) Dominions  860 (Ehemalige) Dominions  860 Kolonien  891 Andere Dominions, Kolonien und Mandatsgebiete im Empire  895 Neutrale Staaten  907

7

Humanitäres und zivilgesellschaftliches Engagement für zivile Feindstaatenangehörige im Zweiten Weltkrieg  918

8

Fazit: Der Umgang mit „inneren Feinden“ in den beiden Weltkriegen zwischen Sicherheitskonstruktionen und Humanitätspostulaten  1002

Literaturverzeichnis  1043 Personenregister  1119 Sachregister  1131

Abkürzungsverzeichnis AAAC

Academic Assistance Council

ACLU

American Civil Liberties Union

ACMA

Authorised Competent Military Authorities

ADM

Admiralty

ADV

Alldeutscher Verband

AECU

Alien Enemy Control Unit

AFSC

American Friends Service Committee

AI

Amnesty International

AIGP

Agence internationale des prisonniers de guerre

APL

American Protective League

ARA

American Relief Administration

ARC

American Red Cross

ASU

Anti-Socialist Union

BBL

British Brothers’ League

BCSC

British Columbia Security Commission

BEU

British Empire Union

BF

British Fascisti (British Fascists)

BNV

Bund Neues Vaterland

BOI

Bureau of Investigation

BRA

British Residents’ Association

BRC

British Red Cross Society

BSP

British Socialist Party

BUF

British Union of Fascists

BWL

British Workers’ League

CBF

Central British Fund for the Jewish Relief and Rehabilitation

CCR

Commission des Centres de Ressemblement

CCUARS

Central Council of United Alien Relief Societies

CFR

Commission for Relief

CIA

Central Intelligence Agency

CIB

Commonwealth Investigation Branch

CID

Committee of Imperial Defence

CIMADE

Service œcuménique d’entraide

CJV

Comité voor Joodsche Vluchtelingen

CO

Colonial Office

CPD

Emergency Advisory Committee for Political Defense

CPGB

Communist Party of Great Britain

https://doi.org/10.1515/9783110529951-203

XII  Abkürzungsverzeichnis

CUST

Boards of Customs, Excise, and Customs and Excise, and HM Revenue and Customs

DAI

Deutsches Ausland-Institut

DLM

Deutsche Liga für Menschenrechte

DORA

Defence of the Realm Act

DP

Displaced Person

DRK

Deutsches Rotes Kreuz

EMIGDIRECT

Emigrations directorium

FAZ

Frankfurter Allgemeine Zeitung

FBI

Federal Bureau of Investigation

FCR

Friends Committee for Refugees

FCRA

Friends Committee for Refugees and Aliens

FEC

Friends Emergency Committee for the Assistance of Germans, Austrians, Hungarians and Turks in Distress

FEWVRC/EME Friends Emergency and War Victims Relief Committee FO

Foreign Office

FVP

Fortschrittliche Volkspartei

GAC

German Jewish Aid Committee

GAV

Gustav-Adolf-Verein

GEC

Germany Emergency Committee

GRO

General Register Office for England and Wales

GVD

Grensbewaking en Vreemdelingendienst

HIAS

Hebrew Immigrant Aid Society

HICEM

Abkürzung des Zusammenschlusses von HIAS, JCA and EMIGDIRECT

HO

Home Office

IFL

Imperial Fascist League

IKRK

Internationales Komitee vom Roten Kreuz

ILO

International Labour Organization

ILP

Independent Labour Party

INS

Immigration and Naturalization Service

IRA

Irish Republican Army

IRO

International Refugee Organisation

IWRC

International Women’s Relief Committee

IWW

Industrial Workers of the World

JACD

Japanese American Committee for Democracy

JACL

Japanese American Citizens League

JCA

Jewish Colonization Association

JCCC

Japanese Canadian Citizens Council

JDC

Jewish Joint Distribution Committee

JIC

Joint Intelligence Committee

Abkürzungsverzeichnis 

JOINT

American Joint Distribution Committee

JPC

Jewish People’s Council

JRA

Jewish Relief Association

JRC

Jewish Refugees Committee

JWC

Joint War Comittee

KEF

Komitee für Einheit und Fortschritt

Komintern

Kommunistischen Internationale

KSZE

Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit

KV

Security Service (Großbritannien)

KZ

Konzentrationslager

LCO

Lord Chancellor’s Office

LGB

Local Government Boards

LRCS

League of Red Cross Societies

LSF

Library of the Religious Society of Friends

MO5

Military Operations Directorate 5

MO9

Military Operations Directorate 9

MEW

Ministry of Economic Warfare

XIII

MI5

Military Intelligence 5

MI9

Military Intelligence 9

MID

Military Intelligence Department

MSPD

Mehrheitssozialdemokratische Partei

NCCL

National Council for Civil Liberties

NJCSR

National Joint Committee for Spanish Relief

NKWD

Narodnyj kommissariat wnutrennich djel (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten)

NMEG

Nisei Mass Evacuation Group

NP

National Party

NSA

National Security Agency

NSB

Nationaal-Socialistische Beweging

NSC

National Savings Committee

NSDAP

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

NSL

National Service League

NUWM

National Unemployed Workers Movement

NWAC

National War Aims Committee

OGPU

Objedinjonnoje gossudarstwennoje polititscheskoje uprawlenije (Vereinigte staatliche politische Verwaltung)

OSE

Oeuvre de Secouraux Enfants

PMS2

Parliamentary Military Secretary Department, No. 2 Section

PREM

Prime Minister’s Office

PWRA

Prisoners of War Relief Agency

XIV 

RF

Abkürzungsverzeichnis

Rockefeller Foundation

RG

General Register Office

RMCP

Royal Canadian Mounted Police

RSHA

Reichssicherheitshauptamt

SCFIU

Save the Children Fund International Union

SFFD

Society of Friends of Foreigners in Distress

SHAEF

Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Force

SPD

Sozialdemokratische Partei Deutschlands

SPSL

Society for the Protection of Science and Learning

SRF

Serbian Relief Fund

SRK

Schweizerisches Rotes Kreuz

TUC

Trades Union Congress

UDC

Union of Democratic Control

UGIP

Union Générale des Israélites de France

UNRRA

United Nations Relief and Rehabilitation Administration

USPD

Unabhängige Sozialdemokratische Partei

VDA

Verein für das Deutschtum im Ausland

VRC

War Victims’ Relief Committee

WAGL

Women’s Anti-German League

WCCA

Wartime Civil Control Administration

WILPF

Women’s International League für Peace and Freedom

WO

War Office

WPA

War Prisoners Aid

WRA

War Relocation Authority

WRB

War Refugee Board

WRC

War Refugees Committee

YMCA

Young Men’s Christian Association

ZA

Zentral-Ausschuss für Hilfe und Aufbau

1 Einleitung: Sicherheit und Menschenrechte. Dilemmata und Diskussionen in Gegenwart und Geschichte It is impossible to read the history of the petty republics of Greece and Italy without feeling sensations of horror and disgust at the distractions with which they were continually agitated, and at the rapid succession of revolutions by which they were kept in a state of perpetual vibration between the extremes of tyranny and anarchy. […] From the disorders that disfigure the annals of those republics the advocates of despotism have drawn arguments, not only against the forms of republican government, but against the very principles of civil liberty. They have decried all free government as inconsistent with the order of society, and have indulged themselves in malicious exultation over its friends and partisans.1

Schon in den Federalist Papers beschwor Alexander Hamilton 1787 mit Hinweis auf die antiken griechischen und römischen Republiken die Gefahr, dass Demokratien bei akuten Gefahren und inneren Krisen zu Diktaturen werden könnten. Im Ausnahmezustand ziehen – so die Befürchtung – Bevölkerungen Sicherheit der Freiheit und Humanität vor. Aber vor allem im 20. Jahrhundert ist wiederholt heftig über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit gestritten worden. Beide Begriffe sind in der politischen Diskussion der letzten Jahrzehnte zu einflussreichen, aber oft nahezu beliebig benutzten Konzepten geworden, die verschiedene Akteure – unter anderem Politiker und Journalisten – auf unterschiedliche Politikfelder bezogen haben. Sie sind nicht nur für Schutz vor Kriegen, Kriminalität und Lebensrisiken eingetreten, sondern auch für Versorgungssicherheit. So ist angesichts der Nuklearkatastrophe in Japan 2011 von Politikern wie Norbert Röttgen nachdrücklich verlangt worden, in der Energiepolitik „Sicherheit neu [zu] denken“, um die „Sicherheit kommender Generationen“ zu gewährleisten. Damit haben sich auch zahlreiche neugegründete Verbände und Gesellschaften zur Sicherheitspolitik befasst. Die Herausbildung eines grenzüberschreitenden universalistischen Menschenrechtsdiskurses hat schließlich sogar dem noch weiterreichenden Ziel der human security Auftrieb verliehen. Damit verbunden, ist risk management zu einer zentralen politischen Aufgabe geworden.2 Von der Römischen Republik, die Sulla als dictator 82 v. Chr. beseitigte, über die Gesetze gegen die Revolutionäre in verschiedenen europäischen Ländern bis zum „Ermächtigungsgesetz“ der Nationalsozialisten vom 24. März 1933 1 Alexander Hamilton, The Federalist Paper No. 9 (1787), in: Garry Wills (Hg.), The Federalist Papers of Alexander Hamilton, James Madison and John Jay, Toronto 1982, S. 44. 2 Der Spiegel, Nr. 17, 23. April 2011, S. 31. https://doi.org/10.1515/9783110529951-001

2  1 Einleitung

oder zu den außerordentlichen Vollmachten, die 2020 infolge (und unter dem Vorwand) der Corona-Pandemie weltweit in über achtzig Ländern durchgesetzt worden sind – immer haben Regierungen im Ausnahmezustand freiheitliche, demokratische und republikanische Ordnungen ausgehöhlt oder sogar beseitigt.3 Kritiker haben jeweils davor gewarnt, Freiheit gegen Sicherheit auszuspielen. Auch im 21. Jahrhundert ist das Menetekel einer „Sicherheitsgesellschaft“ beschworen und eine „Versicherheitlichung“ (securitization) der Politik zurückgewiesen worden. 1989 erklärte der Richter am Obersten Gericht der USA, Thurgood Marshall, den Umgang mit Freiheits- und Menschenrechten in Ausnahmesituationen deshalb zu einer Bewährungsprobe für demokratische Ordnungen und freie Gesellschaften: „… history teaches that grave threats to liberty often come in times of urgency, when constitutional rights seem too extravagant to endure.“4 Rund zwei Jahrzehnte später kritisierte der Schriftsteller Peter Sloterdijk die Herausbildung einer „sekuritären Gesellschaft“, und er bezeichnete die Freiheit als „Opfer“ der politisch-sozialen Entwicklung seit 2001.5 Auch Wissenschaftler haben vor allem angesichts der z. T. einschneidenden Maßnahmen gegen den Terrorismus vor einer „Transformation des Rechtsstaates zum Sicherheitsstaat“ gewarnt. Dabei ist gelegentlich sogar einseitig eine Kontinuität der Ausnahmegesetzgebung seit dem frühen 20. Jahrhundert konstruiert worden, die jeweils Demokratien und Menschenrechte ausgehebelt hätten. Diese Interpretation blendet aber nicht nur institutionelle Barrieren gegen eine Steigerung staatlicher Sicherheitspolitik aus, sondern auch deren wiederholte Rücknahme. Auch sind unterschiedliche Ausprägungen im Ländervergleich unverkennbar. Sicherheitspolitik ist damit different, variabel und veränderbar. Dies unterschätzen einfache Interpretationen.6

3 Zahl nach Angabe des Centre for Civil and Political Rights (http://ccprcentre.org/ccprpages/ tracking-tool-impact-of-states-of-emergencies-on-civil-and-political-rights, Zugriff am 22. Mai 2020); Die Zeit, Nr. 20 / 7. Mai 2020, S. 5. Zur Debatte auch: Stephen Hopgood, Morbide Symptome. Die Krise der Menschenrechte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 20 / 2020, 11. Mai 2020, S. 16–1; Die Zeit, Nr. 14 / 26. März 2020, S. 17. Zu Ungarn: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Nr. 73 / 26. März 2020, S. 1; FAZ, Nr. 75 / 28. März 2020, S. 1. 4 Im Fall „Skinner versus Railway Labor Executives“, Zitat: Michael Linfield, Freedom under Fire: U. S. Civil Liberties in Times of war, Boston 1990, S. 1. 5 Zeit-Magazin, Nr. 51 / 11. Dezember 2008, S. 30 f. 6 So Jennifer Luff, Covert and Overt Operations: Interwar Political Policing in the United States and the United Kingdom, in: American Historical Review 122 (2017), S. 727–757, hier: S. 730– 732, 757. Zitate nach (in dieser Reihenfolge): Zeit-Magazin, Nr. 51 / 11. Dezember 2008, S. 30 f.; Günter Frankenberg, Staatstechnik. Perspektiven auf Rechtsstaat und Ausnahmezustand, Berlin 2010, S. 38. Zur Debatte über die „Sicherheitsgesellschaft“: Stefan Kaufmann / Ricky

1 Einleitung 

3

Im Folgenden wird das damit berührte Verhältnis von Sicherheit einerseits und Freiheit, Humanität und Menschenrechten andererseits zunächst anhand aktueller Auseinandersetzungen über den Kampf gegen den Terrorismus und die Regulierung von Migration erläutert. Diese beiden Herausforderungen sind zwar unterschiedlich; die darauf bezogenen politischen Maßnahmen ähneln sich aber im Hinblick auf die präventive Einweisung von oft pauschal als bedrohlich stigmatisierten Gruppen in Lager, die grundsätzlich der Unterdrückung, aber zumindest gelegentlich auch dem Schutz gedient haben.7 Anschließend sollen die historischen Bezüge zu den beiden Weltkriegen skizziert werden. Dieses einleitende Kapitel schließt mit Hinweisen zum Vorgehen und zur Gliederung des Buches.

Sicherheit und Freiheit im Zeichen des „War on Terror“ In den letzten Jahren ist das Verhältnis von Sicherheit und Menschenrechten besonders im Hinblick auf die Terrorismusabwehr überaus kontrovers diskutiert worden. Die Anschläge, die am 11. September 2001 das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington trafen, und der Beginn des daraufhin von US-Präsident George W. Bush proklamierten „Krieg gegen den Terror“ (War on Terror) haben eine heftige, anhaltende Kontroverse über die Berechtigung und Legitimität umfassender staatlicher Sicherheitskompetenzen ausgelöst. Diese Debatte hat sich erstens auf die präzedenzlose Erweiterung exekutiver Sondervollmachten des Präsidenten bezogen, vor denen James Madison, ein anderer Verfasser der Federalist Papers, schon im späten 18. Jahrhundert gewarnt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg intensivierte sich die Diskussion. So wandte sich Ramsey Clark, der von 1967 bis 1969 US-Präsident Lyndon B. Johnson als Justizminister diente, gegen eine weitgehende Einschränkung von Menschenrechten in Ausnahmezuständen.8 Nachdem die Macht des Präsidenten wegen des Missbrauchs durch Richard Nixon ab 1974 vorübergehend beschnitten worden war, sind die exekutiven Kompetenzen im Zeichen einer neuen Imperial Presidency seit den neunziger Jahren erneut gewachsen. Dazu gehörte auch ein Recht zur Prävention nach dem am 14. September 2001 von Bush verWichum, Risk and Security: Diagnosis of the Present in the Context of (Post-)Modern Insecurities, in: Historical Social Research 41 (2016), Nr. 1, S. 48–69, bes. S. 49, 66. 7 Aidan Forth, Barbed-Wire Imperialism. Britain’s Empire of Camps, 1876–1903, Oakland 2017, S. 14, 225. 8 Allan Rosas, Emergency Regimes: A Comparison, in: Donna Gomien (Hg.), Broadening the Frontiers of Human Rights. Essays in Honour of Asbjorn Eide, Oslo 1993, S. 165–199, hier: S. 165.

4  1 Einleitung

kündeten Ausnahmezustand. So verabschiedete der Kongress am 26. Oktober den USA Patriot Act, mit dem die Exekutive – vor allem der Präsident – nochmals weitreichende Befugnisse gewann, um Sicherheit zu gewährleisten.9 Damit sind aber auch verbriefte Freiheiten erheblich beschnitten worden. Diese Einschränkungen haben wiederholt Widerspruch und Opposition ausgelöst. Humanitäre Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) kritisierten schon früh die Proklamation eines „Krieges“ gegen den Terrorismus. Gegner der staatlichen Sicherheitspolitik haben auch auf das Department of Homeland Security verwiesen, welches Bush im November 2001 gründete und mit umfassenden Kompetenzen versah. So ist befürchtet worden, dass Bürgerrechte dauerhaft außer Kraft gesetzt werden könnten.10 Besonders die auf der Grundlage des USA Patriot Act getroffene Entscheidung der US-Regierung, Gefangene, die des Terrorismus verdächtigt wurden, im Camp Delta auf dem amerikanischen Militärstützpunkt Guantánamo Bay unbefristet zu internieren, hat international Protest hervorgerufen. In dem Marinestützpunkt der Vereinigten Staaten auf Kuba gelten weder das allgemeine amerikanische Recht noch die Verfassung. Insgesamt wurden 779 Verdächtige aus 48 Ländern (darunter 214 Afghanen) in das dortige Lager eingewiesen, das als „crown jewel of the new American detention system“ bezeichnet worden ist.11 Das Netz der USInternierungseinrichtungen umfasste auch verborgene Verhörzentren und Gefängnisse (black sites) in anderen Staaten wie Polen, Pakistan und Usbekistan. Insgesamt wurden nach Presseberichten allein von Herbst 2001 bis Januar 2003 rund 3.000 Menschen aus neunzig Staaten verhaftet.12 9 Text des Gesetzes in: https://www.sec.gov/about/offices/ocie/aml/patriotact2001.pdf (Zugriff am 14. Mai 2019), Vgl. auch Olaf Stieglitz, Undercover. Die Kultur der Denunziation in den USA, Frankfurt/M. 2013, S. 291. 10 David P. Forsythe, The Humanitarians. The International Committee of the Red Cross, Cambridge 2005, S. 129; Stieglitz, Undercover, S. 201. 11 Andrea Pitzer, One Long Night. A Global History of Concentration Camps, New York 2017, S. 358; Matthew Stibbe, Gendered Experiences of Civilian Internment during the First World War. A Forgotten Dimension of Wartime Violence, in: Ana Carden-Coyne (Hg.), Gender and Conflict since 1914. Historical and Interdisciplinary Perspectives, Basingstoke 2012, S. 14–28, hier: S. 16; Jonathan Gumz, International Law and the Transformation of War, 1899–1949: The Case of Military Occupation, in: Journal of Modern History 90 (2018), S. 621–660, hier: S. 621. 12 David Cole, Enemy Aliens: Double Standards and Constitutional Freedoms in the War on Terrorism. New York 2003; Johan Steyn, Guantánamo Bay: The Legal Black Hole, in: International and Comparative Law Quarterly 53 (2004), S. 1–15, hier: S. 6 f.; Matthew Stibbe, Civilian Internment during the First World War. A European and Global History, London 2019, S. 30 f.; John Horne, Introduction. Wartime Imprisonment in the Twentieth Century, in: Anne-Marie Pathé / Fabien Théofilakis (Hg.), Wartime Captivity in the 20th Century: Archives, Stories, Memories, New York 2016, S. 13–24, hier: S. 19. Angaben nach: Bernd Greiner, Die Abschaffung der Lager. Lektionen nach zehn Jahren „Anti-Terror-Krieg“, in: Bettina Greiner / Alan Kramer

1 Einleitung



5

Für diese Gefangenen hatte Bush im Februar 2002 in einem Memorandum die Bestimmungen der Genfer Konventionen von 1949 suspendiert, indem er den War on Terror nicht als reguläre militärische Auseinandersetzung zwischen Staaten, sondern als außergewöhnlichen Krieg gegen ungesetzliche Kombattanten definierte. Die exterritorialen Lager, in denen vermeintliche oder tatsächliche Terroristen interniert worden sind, haben sich der Kontrolle der jeweiligen staatlichen Institutionen entzogen. Sie unterstanden zunächst nicht der ordentlichen Strafgerichtsbarkeit, sondern Militärgerichten. Zudem waren die Häftlinge im Lager Guantánamo und in den black sites ohne Haftbefehl festgenommen und verschleppt worden. Darüber hinaus konnten die Betroffenen keinen Einspruch gegen ihre Internierung einlegen. Reguläre juristische Verfahren wurden bewusst und gezielt umgangen, um Verdächtige unbegrenzt internieren zu können.13 Damit widersprach das Vorgehen der amerikanischen Regierung fundamentalen Prinzipien wie dem des Habeas Corpus Amendment Act, der Verhafteten 1679 – zunächst in England – grundlegende Rechte wie die Überprüfung der Haft eingeräumt hatte. Kritiker der Internierungspolitik des US-Präsidenten haben deshalb wiederholt auf den Stellenwert hingewiesen, den die Verfassungen der demokratischen Länder den individuellen Freiheitsrechten zuweist. So urteilte in Großbritannien das House of Lords am 16. Dezember 2004, dass eine Inhaftierung von Verdächtigen ohne Anklage der Bindung des Landes an die 1950 unterzeichnete Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Menschenrechtskonvention) widerspreche. Auch gegen die Administration unter Bush ist eingewandt worden, dass sie willkürlich „Feinde“ konstruierte, die – so die offizielle Argumentation – die „nationale Sicherheit“ gefährdeten. Die Maßnahmen, die gegen diese Gruppe ergriffen wur(Hg.), Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013, S. 328–354, hier: S. 329, 342. 13 Alfred de Zayas, Human Rights and Indefinite Detention, in: International Review of the Red Cross 87 (2005), Nr. 857, S. 15–38, hier: S. 24; Daniel Marc Segesser, Lager und Recht – Recht im Lager. Die Internierung von Kriegsgefangenen und Zivilisten in rechtshistorischer Perspektive von der Aufklärung bis zur Gegenwart, in: Christoph Jahr / Jens Thiel (Hg.), Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert, Berlin 2013, S. 38–53, hier: S. 52; Bernd Greiner, 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen, München 2011, bes. S. 131–208, 225–236; ders., Abschaffung, S. 331 f.; Pitzer, Night, S. 362. Zur Internierungspraxis in Guantánamo auch: Manfred Nowak, Das System Guantánamo, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 36 / 2006, 4. September 2006, S. 23–30; Steyn, Guantánamo Bay, S. 7, 9 f., 12 f.; FAZ, Nr. 97, 27. April 2011, S. 33; Die Zeit, Nr. 18, 28. April 2011, S. 5. Vergleichend: Cynthia Banham / Brett Goodin, Negotiating Liberty: The Use of Political Opportunities and Civil Society by Barbary State Captives and Guantánamo Bay Detainees, in: Australian Journal of Politics and History 62 (2016), H. 2, S. 171–185.

6  1 Einleitung

den, schlossen auch die Kontrolle der Kommunikation durch die globalen Überwachungsprogramme der National Security Agency (NSA) ein. Die Regierung unter Präsident Barack Obama (2009–2017) hielt daran ebenso fest wie am Internierungslager Guantánamo. Damit hat sie Maßnahmen verlängert, die Menschenrechte verletzen, wie der „Folterbericht“ des Senats vom 9. Dezember 2014 ebenso gezeigt hat wie der nahezu zeitgleich veröffentlichte autobiographische Report des Mauretaniers Mohamed Ould Slahi über seine Erfahrungen als Häftling in der Guantánamo Bay Naval Base und anderen amerikanischen Camps.14 Allerdings ging die Zahl der Internierten in dem Lager auf Kuba von 2009 bis 2013 von 242 auf 107 zurück. Am Ende der zweiten Amtszeit Obamas Anfang 2017 litten noch 41 Gefangene auf dem Marinestützpunkt. Auch wurden unter seiner Ägide einzelne Sicherheitsgesetze in den USA entschärft. So hat der im Mai 2015 vom Repräsentantenhaus verabschiedete USA Freedom Act die Erfassung von Daten durch die NSA eingeschränkt. Der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) hatte schon am 28. Juni 2004 entschieden, dass das Lager Guantánamo amerikanischen Gesetzen und der Rechtsprechung von US-Gerichten untersteht. Damit war zumindest das Recht auf Verteidiger, Anhörungen und Überprüfungen wiederhergestellt worden.15 In Deutschland sind weniger einschneidende Gesetze erlassen worden. Das am 15. Januar 2005 in Kraft getretene Luftsicherheitsgesetz, welches unter bestimmten Bedingungen den Abschuss von Passagierflugzeugen erlaubte, war aber ebenfalls äußerst umstritten, bevor das Bundesverfassungsgericht das Gesetz im Februar 2006 als verfassungswidrig einstufte. Die Föderalismusreform, die in demselben Jahr verabschiedet wurde, stärkte zudem die Macht des Bundeskriminalamtes bei der Terrorismusabwehr. In Frankreich ist besonders nach den Anschlägen vom Januar und November 2015 die Macht des Sicherheitsapparats enorm gewachsen. Ende 2015 verhängte die französische Regierung den Ausnahmezustand, der im Mai 2016 nochmals um zwei Monate verlängert wurde. Inzwischen ist er zwar aufgehoben worden; die Regierung hat aber wichtige 14 Loch K. Johnson, Security, Privacy, and the German-American Relationship, in: Bulletin of the German Historical Institute 57 (2015), S. 47–73, hier: S. 48, 57, 69. Dazu ausführlich auch die Beiträge in: Kurt Graulich / Dieter Simon (Hg.), Terrorismus und Rechtsstaatlichkeit. Analysen, Handlungsoptionen, Perspektiven, Berlin 2007; Richard Ashby Wilson (Hg.), Human Rights in the ‚War on Terror‘, Cambridge 2006. Zur rechtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Folter instruktiv: Frankenberg, Staatstechnik, S. 294–307. Zur Debatte: Wolfgang Neškovic (Hg.), Der CIA-Folterreport. Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA, Frankfurt/M. 2015, bes. S. 36–55; Mohammed Ould Slahi, Das Guantánamo Tagebuch, hg. von Larry Siems, Stuttgart 2015. 15 Forsythe, Humanitarians, S. 133. Angaben nach: Stibbe, Civilian Internment, S. 301.

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Kompetenzen, die ihr verliehen worden waren, in reguläres Recht überführt. Dennoch hat der Sicherheitsexperte der rechtsbürgerlichen Oppositionspartei Les Républicains nach einem weiteren Mord eines islamistischen Terroristen im Juni 2016 verlangt, polizeibekannte „Gefährder“ zu internieren. Seit 2003/04 ist aber auch der Druck jener zivilgesellschaftlichen Organisationen gewachsen, die fordern, die Internierung eigener Staatsangehörigen zu beenden oder zumindest zu überprüfen.16 Umgekehrt haben sich die Terroristen des Islamischen Staates in ihren Aktionen direkt auf Guantánamo bezogen. So stigmatisieren sie ihrerseits nicht kooperationswillige Gefangene – wie sonst in den USA üblich – durch orangefarbene Kleidung. Dieses Vorgehen verweist auf den Stellenwert wechselseitiger Beobachtung und aufeinander bezogener Repressalien gegen Zivilisten in einer globalen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus.17 Weltweit sind auch die euphemistisch verbrämten Praktiken der enhanced interrogation techniques heftig kritisiert worden, denn sie widersprechen dem Anti-Folter-Übereinkommen der Vereinten Nationen von 1984 und der drei Jahre später vom Europarat verabschiedeten Europäischen Konvention zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe. Auch die Verschleppung festgenommener Terroristen in geheime Gefängnisse und Sammelstellen in anderen Staaten (extraordinary rendition) verstößt gegen Grundsätze des humanitären Völkerrechts. In diesen black sites wurden Gefangene von der Central Intelligence Agency (CIA) ohne Anklage festgehalten und sogar gefoltert. Die Genfer Abkommen von 1864, 1929 und 1949 schützen aber die Rechte von Soldaten und Zivilisten während militärischer Auseinandersetzungen. Deshalb haben Kritiker die Erpressung von Geständnissen und die Überführung von Verdächtigten in andere Staaten als Verstöße gegen das Völkerrecht verurteilt. Demgegenüber schuf die US-Regierung nach 2001 für Personen, die des Terrorismus verdächtigt waren, die Kategorie des „illegalen Kämpfers“ (unlawful combatant) oder „feindlichen Kombattanten“ (enemy combatant). Damit wurde dieser Gruppe bis 2006 der Status von Kriegsgefangenen abgesprochen, um so eine Internierung zu rechtfertigen. Darüber hinaus ist von Präsident Bush der Hinweis auf „militärische Notwendigkeiten“ und die „nationale Sicherheit“ genutzt worden, um dieses Vorgehen zu legitimieren. Solche Vorwände haben auch dazu gedient, harmlose Flüchtlinge zu verhaften

16 Pistol, Internment, S. 2; FAZ, Nr. 137, 15. Juni 2016. S. 3. 17 Vgl. https://www.washingtonpost.com/news/checkpoint/wp/2014/08/28/once-again-militants-use-guantanamos-orange-jumpsuit-in-an-execution/?noredirect=on&utm_term=.991dcc0edc6a; https://www.iwm.org.uk/history/john-keane-on-exploring-conflict-imagery-in-art (Zugriff am 28. April 2018). Den Hinweis verdanke ich Friedrich Huneke (Hannover).

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und andere Immigranten abzuschrecken. Der ehemalige Vizepräsident Richard Cheney hat die „national security“ sogar offen als „one percent doctrine“ bezeichnet, um damit den US-Amerikanern auch Schutz vor überaus unwahrscheinlichen Anschlägen zu versprechen. Die Regierungen anderer Staaten sind damit ermutigt worden, ebenfalls völkerrechtliche Schutzgesetze und -bestimmungen zu missachten.18 Angehörige und humanitäre Organisationen erhielten von der Bush-Administration (2001–2009) nur unregelmäßig vage Informationen, so dass der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus in der Presse als „war of fog“ bezeichnet worden ist.19 Das IKRK konnte das Lager Guantánamo zwar grundsätzlich besichtigen, stellte seine Inspektionen aber wiederholt ein, um gegen den Umgang der Militärbehörden und Geheimdienste mit den Internierten – besonders die oft brutalen Verhöre – zu protestieren. Überdies gewährte die US-Regierung dem Roten Kreuz keinen freien Zugang zu allen Gefangenen, die in dem Camp auf dem Luftwaffenstützpunkt in Bagram (Afghanistan) untergebracht worden waren. Das amerikanische Gefängnis in Kandahar durfte das IKRK sogar erst ab 2004 besichtigen. Dennoch blieb die Kritik des Internationalen Komitees am weltweiten Internierungs- und Deportationsprogramm der US-Regierung insgesamt eher zurückhaltend. Damit sollte die traditionale Neutralität des Roten Kreuzes gewahrt, eine noch schärfere amerikanische Blockadepolitik vermieden und die Lage der Internierten nicht weiter verschlechtert werden. Die Organisation setzte damit die leise und diskrete Diplomatie fort, die sie seit ihrer Gründung 1863 nahezu durchweg bevorzugt hatte. Das IKRK wurde dafür jedoch nicht belohnt, denn letztlich hielten Präsident Bush und seine Rechtsberater unnachgiebig am Grundsatz nationaler Souveränität fest. So weigerte sich die US-Regierung auch, das 1998 in Rom verabschiedete Statut des Internationalen Strafgerichtshofes zu unterzeichnen. Die Behandlung der „feindlichen Kämpfer“ in Guantánamo blieb damit einer internationalen rechtlichen Kontrolle entzogen. Jedoch bestätigte 2008 der Oberste Gerichtshof der USA die Gel-

18 Zitat: Andrew Preston, Monsters Everywhere: A Genealogy of National Security, in: Diplomatic History 48 (2014), S. 477–500, hier: S. 500. Vgl. auch David D. Cole, Outsourcing Torture. Extraordinary Rendition and the Necessity for Extraterritorial Protection of Human Rights, in: Sibylle Scheipers (Hg.), Prisoners in War, Oxford 2011, S. 281–296, hier: S. 284–286, 288, 292; Dawid Danilo Bartelt / Ferdinand Muggenthaler, Das Rendition-Programm der USA und die Rolle Europas, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 36 / 2006, 4. September 2006, S. 31–38; Thomas Bruha / Christian Tams, Folter und Völkerrecht, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 36 / 2006, 4. September 2006, S. 16–22; de Zayas, Human Rights, S. 23, 28; Stibbe, Civilian Internment, S. 301; Forsythe, Humanitarians, S. 131–133, 135, 137, 146, 150. 19 John Tierney, Hot Seat Grows Lukewarm under Capital’s Fog of War, in: New York Times, 20. Mai 2004, Seite A 14, Zitat: Forsythe, Humanitarians, S. 145.

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tung der Grundsätze des Habeas Corpus auch für Internierte, die des Terrorismus verdächtigt werden.20

Sicherheit und Menschenrechte in der Debatte über Einwanderung Auch darüber hinaus haben Regierungen in wahrgenommenen Not- und Ausnahmezuständen wiederholt grundlegende Freiheits- und Menschenrechte z. T. gravierend verletzt. In jüngster Zeit hat das Verhältnis zwischen Menschenrechten, Humanität und Freizügigkeit einerseits und Sicherheit und Stabilität andererseits auch in der Debatte über die Zuwanderung und den Umgang mit Minderheiten eine wichtige Rolle gespielt. Die zugenommene Immigration hat in vielen Staaten Ängste vor dem Verlust kultureller Identitäten, gesellschaftlichem Abstieg und wirtschaftlicher Verdrängung verstärkt. Diese Verunsicherung hat die Fremdenfeindlichkeit genährt, die freilich auch von politischen Akteuren und Parteien gezielt geschürt worden ist. Wegen des wachsenden Drucks haben Regierungen die Zuwanderung mit dem Hinweis auf die Sicherheit und Stabilität der bestehenden Ordnung zusehends begrenzt. Nach seiner Vereidigung im Januar 2017 hat US-Präsident Donald Trump die Immigration von Ausländern und den Aufenthalt von „Fremden“ in den USA besonders tiefgreifend eingeschränkt, wenngleich Urteile verschiedener Gerichte die neue Regierung wiederholt gezwungen haben, verfassungswidrige Gesetze zurückzunehmen. Schon im Wahlkampf um die Präsidentschaft waren Zuwanderer – vor allem Immigranten aus islamischen Ländern und Mexiko – als Bedrohung der nationalen Sicherheit diffamiert und pauschal mit Terrorismus assoziiert worden. Anhänger Trumps haben sich dabei auf die extrem repressive Politik gegenüber den Japanern im Zweiten Weltkrieg berufen, um ihre Forderung nach einer Registrierung aller in den USA lebenden Muslime zu rechtfertigen. Damit sollen letztlich grundlegende Freiheitsrechte dieser Gruppe beseitigt werden. Überdies hat sich die Kampagne sogar gegen eingebürgerte US-Bürgerinnen gerichtet, besonders Politikerinnen der oppositionellen Demokraten.21 Auch die Regierungen europäischer Staaten haben in den letzten Jahren weitreichende Sicherheitsgesetze erlassen, die Regierungen außerordentliche

20 Daniel Marc Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht? Die Ahndung von Kriegsverbrechen in der internationalen wissenschaftlichen Debatte 1872–1945, Paderborn 2010, S. 406 f.; Forsythe, Humanitarians, S. 135 f., 140, 142–147; Cole, Torture, S. 289. 21 Rachel Pistol, Internment during the Second World War. A Comparative Study of Great Britain and the USA, London 2017, S. 3 f.

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Vollmachten verliehen. Diese Kompetenzen sind mit dem Ziel gerechtfertigt worden, Gefahren abzuwehren, die von islamischen und – damit oft gleichgesetzten – islamistischen Einwanderern ausgehen. So erlaubte der 2001 vom britischen Parlament verabschiedeten Anti-terrorism, Crime and Security Act nach seinem Artikel 23 eine Internierung von Verdächtigen ohne Anklage. Daraufhin wurden bis zu 650 muslimische Männer und Jungen festgesetzt.22 In der Kampagne über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union haben sich Anhänger des „Brexit“ wie die Labour-Politikerin Gisela Stuart scharf gegen Einwanderung gewandt und den von ihnen behaupteten Kontrollverlust als Gefahr für die Sicherheit des Vereinigten Königreiches dargestellt. Alles in allem sind Bedrohungen so breit gefasst worden, dass damit umfassende Sicherheitsmaßnahmen gerechtfertigt werden konnten.23 Jedoch hatte die britische Regierung schon zuvor Rechte von Immigranten beschnitten, beispielsweise mit dem British Nationality Act von 1981, der die Verleihung des Staatsbürgerrechts auf dauerhaft im Land Sesshafte begrenzte. Seit der Jahrtausendwende ist überdies eine – in regierungsinternen Dokumenten geforderte – „feindselige Umgebung“ (hostile environment) geschaffen worden. In diesem Kontext hat die Regierung Einwanderer, die – wie die Generation der westindischen Windrush-Immigranten von 1948 bis 1971– bereits seit Jahrzehnten im Vereinigten Königreich lebten, interniert oder deportiert. Darunter waren auch die Kinder abgelehnter Asylbewerber.24 Nach einem Bericht, den ein Komitee des Unterhauses am 31. März 2019 veröffentlichte, waren 2018 24.748 „illegale“ Einwanderer festgesetzt worden, während 25.487 aus der Haft entlassen wurden. Davon hatte die Regierung 43,8 Prozent ausgewiesen.25 Ebenso heftige Kontroversen über die Balance zwischen Sicherheit und Menschenrechten, Humanität und Liberalität in der Migrationspolitik sind in Frankreich und Deutschland geführt worden, wo vor allem die camps de détention (Internierungslager) bzw. die „Ankerzentren“ kritisiert worden sind. In beiden Ländern wird weiterhin über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit

22 Stibbe, Experiences, S. 16. 23 Larry Frohman, Eine unerkennbare Zukunft regieren: Recht, Ausnahme und die Logik der präventiven Überwachung, in: Christoph Kampmann u. a. (Hg.), „Security turns its Eye Exclusively to the Future“. Zum Verhältnis von Sicherheit und Zukunft in der Geschichte, BadenBaden 2018, S. 285–303, hier: S. 296. 24 Rachel Pistol, From World War II ‚enemy‘ internment to Windrush: Britain quickly forgets its gratitude to economic migrants, in: The Conversation, 22. Juni 2018 (https://theconversation.com/from-world-war-ii-enemy-internment-to-windrush-britain-quickly-forgets-its-gratitude-to-economic-migrants-98331; Zugriff am 22. Juni 2018); Stibbe, Civilian Internment, S. 302– 304; ders., Experiences, S. 16. 25 Stibbe, Civilian Internment, S. 303.

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gestritten, nicht nur in Wahlkämpfen.26 Wegen der Weigerung, Migranten, die abgeschoben werden sollen, in „Transitzonen“ mit Lebensmitteln zu versorgen, hat die Kommission der Europäischen Union die Regierung Ungarns sogar vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt.27 Allgemein sind vor allem in autoritären Systemen und totalitären Diktaturen unter dem Vorwand der Antiterrorismuspolitik Minderheiten und Oppositionelle verfolgt und ohne Anklage in Arbeits- oder Umerziehungslagern festgehalten worden, so in China, Nordkorea und Russland. So hält die chinesische Regierung nach begründeten Schätzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen rund eine Million Uiguren in der Region Xinjiang in „Berufsbildungszentren“ gefangen, weil sie die politische und nationale Loyalität der Minderheit bezweifelt.28 Darüber hinaus haben die Behörden in einzelnen Ländern dort bereits lebende Migranten überprüft, zumindest vorübergehend in Lagern festgehalten oder sogar zwangsweise in ihre Heimat zurückgebracht. So hat die die Zwangsinternierung der Rohingya in Myanmar seit 2017 weltweit Proteste ausgelöst.29 Besonders kritisch sind Verstöße gegen humanitäre Grundsätze und Menschenrechte in Staaten diskutiert worden, die lange als gefestigte Demokratien galten, da sie hier selbst gesteckte freiheitliche und humanitäre Ansprüche verletzen. So haben Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Politiker in den USA den Umgang mit Einwanderern – darunter die Trennung von Kindern von ihren Eltern – und die unerträglichen Lebensbedingungen in den Camps gebrandmarkt, die von der Regierung unter US-Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko errichtet worden sind. Im Sommer 2019 erregten Pläne, 1.400 Immigranten in Fort Sill (Oklahoma) zu internieren, beträchtliches Aufsehen, denn hier waren schon im Zweiten Weltkrieg aus Japan stammende Amerikaner festgehalten worden.30

26 Dazu z. B. das Streitgespräch zwischen Hans-Georg Maaßen und Gerhart Baum in: Die Zeit, Nr. 40 / 26. September 2019, S. 10 f. 27 FAZ, Nr. 171 / 26. Juli 2019, S. 1. 28 Stibbe, Civilian Internment, S. 301. Exemplarisch die Opferberichte in: Die Zeit, Nr. 32 / 1. August 2019, S. 6. 29 Pitzer, Night, S. 370–385. 30 Vgl. z. B. die Berichte in: FAZ, Nr. 157 / 10. Juli 2019, Seite N 4; Die Zeit, Nr. 30 / 18. Juli 2019, S. 4.

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Historische Bezüge: der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen in den beiden Weltkriegen im Spannungsfeld von Sicherheit und Humanität In der neueren Debatte über den Kampf gegen den Terrorismus und über Migration haben auch Wissenschaftler grundsätzlich zum Verhältnis von Sicherheit auf der einen und Menschen- sowie Grundrechten auf der anderen Seite Stellung genommen.31 Dabei ist besonders auf den Umgang mit „inneren Feinden“ in den beiden Weltkriegen hingewiesen worden. Zwar sind direkte Analogien verfehlt; der Blick auf ähnliche Problemkonstellationen in der Vergangenheit kann aber gegenwärtigen Diskussionen historische Tiefenschärfe verleihen und diese in längerfristige Entwicklungen einordnen. So handelt es sich in diesen Ausnahmezuständen durchweg um eine Bedrohungskommunikation, in der Vorstellungen von Sicherheit Konzepte gegenwärtiger und zukünftiger Ordnung rechtfertigen sollten. Dabei haben Akteure Dringlichkeit und Notstände behauptet oder in Frage gestellt. Auch sind in den verschiedenen Konstellationen und Situationen durchweg unterschiedliche Verständnisse von Sicherheit auf der einen sowie Humanität, Menschenrechten und Freiheit auf der anderen Seite aufeinandergetroffen. Aushandlungsprozesse, die im Allgemeinen von Machtverhältnissen geprägt und deshalb asymmetrisch gewesen sind, haben über den Einschluss von Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft und die Ausgrenzung anderer entschieden, die gelegentlich sogar als „Feinde“ verteufelt worden sind. Umgekehrt können die Kontroversen über die Politik gegenüber dem „neuen“ Terrorismus ab 2001 als ein wesentlicher Impuls der Forschung über die Gewalt in den beiden Weltkriegen angesehen werden. In diesen totalen Konflikten lösten sich die Grenzen zwischen „innen“ und „außen“ umfassend auf, so dass Gewalt das Leben der gesamten Bevölkerung prägte, wenngleich in unterschiedlicher Weise.32 31 Vgl. beispielsweise Rachel Pistol, World War II. Ähnlich hat die amerikanische Historikerin Jennifer Luff mit Bezug auf den früheren Direktor der amerikanischen Bundespolizei FBI, J. Edgar Hoover, und den Direktor des britischen Geheimdienstes MI5 von 1909 bis 1940, Vernon Kell, betont: „We are living in an era when a global security state has been constructed before our eyes, one that surpasses the wildest dreams of J. Edgar Hoover and Vernon Kell“ (Luff, Operations, S. 756). 32 Vgl. dazu das dritte Kapitel und Matthew Stibbe, Introduction: Captivity, Forced Labour and Forced Migration during the First World War, in: ders. (Hg.), Captivity, Forced Labour and Forced Migration in Europe during the First World War, London 2009, S. 1–18, hier: S. 3 f.; Jost Dülffer, Alte und neue Kriege. Gewaltkonflikte und Völkerrecht seit dem 19. Jahrhundert, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 35–36 / 2016, S. 4–10, hier: S. 10; Steyn, Guantánamo Bay, S. 1; Jörn Leonhard, The Overburdened Peace. Competing Visions of World Order in 1918/19, in: Bulletin of the German Historical Institute Washington 62 (2018), S. 31–50, hier: S. 42. Allgemein: Steffen Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“. Zum Ver-

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Auseinandersetzungen über die Balance zwischen den leitenden Werten von Sicherheit und Humanität und dem darauf bezogenen Handeln sind damit keineswegs erst im neuen Jahrhundert entstanden. Vielmehr hat die Debatte die neuere Geschichte zahlreicher Nationalstaaten geprägt. So ist in den USA seit dem 1798 verabschiedeten Alien and Sedition Act über das Verhältnis zwischen Sekurität und humanitären Grundsätzen gestritten worden.33 In der „Hochmoderne“ um 1900 wurde Sicherheit vollends zu einer Leitkategorie des politischgesellschaftlichen Diskurses und Handelns. Zugleich blieb die Politik der Regierungen aber zumindest in den westlichen Demokratien der Bewahrung der Menschenrechte verpflichtet. Diese sind allgemein als „die allen Menschen kraft ihrer Geburt zustehenden, egalitären und vorstaatlichen Rechte“ definiert worden, „die auf Achtung, Schutz und Erfüllung an staatliche oder überstaatliche Hoheitsgewalt gerichtet sind.“ Nach diesem Verständnis beanspruchen Menschenrechte universelle Geltung. Zudem gelten sie als „unveräußerlich, unteilbar und interdependent“.34 Grundsätzlich konfrontierte die Notwendigkeit, jeweils das Verhältnis von Sicherheit und Menschenrechten zu bestimmen und daraus konkrete Handlungspraktiken, politische Entscheidungen und Maßnahmen (so Gesetze) abzuleiten, die Zeitgenossen jeweils mit erheblichen Abwägungsdilemmata. Im 20. Jahrhundert trugen spezifische Konstruktionen und Handlungsformen, die sich auf das Verhältnis von Sicherheit und Menschenrechten bezogen, letztlich auch nachhaltig zu den Vergesellschaftungsprozessen bei, die sich im „Zeitalter der Extreme“ vollzogen.35 An der jeweiligen Balance der beiden Leitkategorien in unterschiedlichen Ländern und Zeitabschnitten lassen sich deshalb nationale Besonderheiten, spezifische Vorstellungen und Normen ebenso ablesen wie politisch-gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Dehältnis von Sicherheit und Zukunft in der Geschichte, in: Kampmann u. a. (Hg.), „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 9–36, hier: S. 15, 24, 29–31. 33 Max Paul Friedman, Trading Civil Liberties for National Security: Warnings from a World War II Internment Program, in: Journal of Policy History 17 (2005), S. 294–307, hier: S. 294, 304. 34 Michael-Lysander Fremuth, Menschenrechte. Grundlagen und Dokumente, Berlin 2015, S. 23. Vgl. auch Lutz Raphael, Ordnungsmuster der „Hochmoderne“? Die Theorie der Moderne und die Geschichte der europäischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert, in: Ute Schneider / Lutz Raphael (Hg.), Dimensionen der Moderne. Festschrift Christof Dipper, Frankfurt/M. 2008, S. 73–91. Terminologische und konzeptionelle Differenzierung zwischen „Grundrechten“ und „Menschenrechten“ in: Arnd Pollmann, Menschenrechte, Grundrechte, Bürgerrechte, in: ders. / Georg Lohmann (Hg.), Menschenrechte. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2012, S. 129–136, bes. S. 129 f. 35 Eric J. Hobsbawm, Age of Extremes. The short twentieth century, 1914–1991, London 1994 (dt. Ausgabe: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995).

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mokratien sind besonders angesichts außergewöhnlicher Bedrohungen Menschenrechte wiederholt eingeschränkt und aufgehoben worden. Dies soll in diesem Buch am Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen dargelegt werden. Diese Gruppe wurde im anglo-amerikanischen Kulturraum im Allgemeinen als „enemy aliens“, „alien enemies“ oder „aliens of enemy nationality“ bezeichnet.36 In Frankreich waren sie offiziell „étrangers de nationalité ennemie“. Diese Begriffe waren zwar staatsrechtlich definiert; im Hinblick auf die Einschätzung der Loyalität kamen aber Kriterien ethnisch-kultureller Zugehörigkeit und politischer Loyalität hinzu. Damit muss über die zivilen Angehörigen gegnerischer Staaten auch die Behandlung der größeren Gruppe der „inneren Feinde“ in die Darstellung einbezogen werden.37 Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen konfrontierte alle kriegführenden Staaten in den beiden Weltkriegen mit erheblichen Problemen. Im Völkerrecht waren Zivilisten nicht präzise und umfassend geschützt. Auch konnten sich die Regierungen kaum auf Präzedenzfälle stützen. Deshalb gewann das Verhältnis zwischen der Leitkategorie der nationalen bzw. öffentlichen Sicherheit und den Bürgerrechten von Ausländern von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 erhebliche Brisanz.38 Diese Balance musste jeweils in oft schnell wechselnden Kontexten und Konstellationen austariert werden. Die weit verbreitete Unsicherheit der Regierungen und der Verwaltungsbehörden im Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen spiegelt sich sogar im Sprachgebrauch wider. Auch wegen der Ähnlichkeiten zwischen den Kriegsgefange36 Den Begriff „alien enemy“ prägte der englische Jurist William Blackstone 1766. Vgl. Pitzer, Night, S. 91. Der Begriff des „Feindstaatenangehörigen“ wird hier bevorzugt gegenüber dem Konzept des „Feindstaatenausländers“. Vgl. Christoph Jahr, Zivilisten als Kriegsgefangene. Die Internierung von „Feindstaaten-Ausländern“ in Deutschland während des Ersten Weltkrieges am Beispiel des „Engländerlagers“ in Ruhleben, in: Rüdiger Overmans (Hg.), In der Hand des Feindes. Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg, Köln 1999, S. 297– 321, hier: S. 298. 37 Dieter Gosewinkel, Schutz und Freiheit? Staatsbürgerschaft in Europa im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin 2016, S. 124–126; Richard B. Speed, Prisoners, Diplomats, and the Great War. A Study in the Diplomacy of Captivity, New York 1990, S. 141; Matthew Stibbe, Enemy Aliens and Internment, in: 1914–1918 online. International Encyclopedia of the First World War (http:// encyclopedia.1914-1918-online.net/pdf/1914-1918-online.net/article/enemy/aliens_and_internment-2014-10-08.pdf; Zugriff am 21. Juli 2016); George E. Pozzetta Alien Enemies or Loyal Americans? The Internment of Italian-Americans, in: Kay Saunders / Roger Daniels (Hg.), Alien Justice. Wartime Internment in Australia and North America, St. Lucia 2000, S. 80–92, hier: S. 273 (Anm. 2). 38 Dazu beispielhaft für die USA: Jörg Nagler, Control and Internment of Enemy Aliens in the United States during the First World War, in: Stefan Manz / Panikos Panayi / Matthew Stibbe (Hg.), Internment during the First World War. A Mass Global Phenomenon, London 2019, S. 181–203, hier: S. 181.

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nen und Zivilinternierten wurden beide Begriffe noch im Ersten Weltkrieg synonym verwendet. So bezeichnete in Großbritannien „prisoners of war“ oft ebenso festgesetzte Zivilisten, die in Deutschland vielfach als „Zivilgefangene“ bezeichnet wurden.39 Zudem differierten die Definitionen zwischen den kriegführenden Staaten aufgrund unterschiedlicher Interessen. So verstand die britische Regierung 1918 gefangene Offiziere der Handelsmarine als Soldaten, Deutschland aber als Zivilisten.40 Besonders in außereuropäischen Räumen unterschieden auch die französischen Kolonialbehörden oft nicht klar zwischen den beiden Gruppen. Zwar bezogen sich einige bilaterale Abkommen zu Kriegsfangenen ausdrücklich auch auf Zivilinternierte. So einigte sich Frankreich mit Deutschland und ÖsterreichUngarn auf ein Verbot von Zwangsarbeit für gefangene Zivilisten. Insgesamt kann die Behandlung dieser Gruppe in den beiden Weltkriegen aber analytisch nicht vollständig vom Umgang mit kriegsgefangenen Soldaten getrennt werden.41 Auch der rechtliche Status von Feindstaatenangehörigen blieb weitgehend unklar. Bereits die revolutionären Jakobiner hatten 1793 in Frankreich ein Gesetz erlassen, nach dem Angehörige von Staaten, die gegen das Regime Krieg führten, inhaftiert werden konnten. Ebenso waren im Verlauf des 19. Jahrhunderts Zivilisten festgesetzt worden, die nicht direkt an bewaffneten Konflikten mitgewirkt hatten, aber potentielle Soldaten waren. Konfrontiert mit unerwarteten Guerillakriegen, richteten Militärs überdies in Kolonien erstmals Lager ein, um alle Zivilisten, die als Freischärler verdächtigt wurden, zu konzentrieren und festzuhalten. Diese radikale Kriegspolitik bezog auch Frauen und Kinder ein. Die Camps gingen damit aus einer Fixierung auf (z. T. konstruierte) militärische Zwangslagen hervor, hinter der sich eine Professionalisierung der Armeekommandos und ein zweckgebundenes Denken verbargen. Obwohl sie keine Vernichtungslager waren, kennzeichnete sie eine hohe Sterblichkeit. So starben während des Amerikanischen Bürgerkrieges im Lager Andersonville (Georgia), welches die Südstaaten im Februar 1964 eröffneten, rund 13.000 Internierte (29 39 Jones, Great War, S. 88. 40 Dazu das Schreiben der britischen Admiralität vom 14. Januar 1918 in: NA, FO 383/424. 41 Stibbe, Civilian Internment, S. 13. Dazu auch schon Elfriede Underberg (Übers.), Dänische Hilfe für die vom Kriege betroffenen Länder im und nach dem Weltkrieg 1914–1918, in: Hans Weiland / Leopold Kern (Hg.), In Feindeshand. Die Gefangenschaft im Weltkriege in Einzeldarstellungen, Bd. 1, Wien 1931, S. 295–299, hier: S. 296. Vgl. auch Simon Giuseppi, The Internment of Enemy Aliens in France during the First World War: The ‚Depot‘ at Corbora in Corsica, in: Panayi / Stibbe (Hg.), Internment, S. 85–124, hier: S. 86–88; Mahon Murphy, Colonial Captivity during the First World War. Internment and the Fall of the German Empire, Cambridge 2018, S. 1 f., 9.

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Prozent der Insassen). Im Camp Salisbury (North Carolina) fanden 10.321 Gefangene (34 Prozent aller Insassen) den Tod.42 Im Anschluss an diese Politik und Praktiken in den Kolonien wurden zivile Feindstaatenangehörige in den beiden Weltkriegen in der Regel interniert. „Internierung“ wird als Festsetzung einer Gruppe gefasst, die als feindlich eingestuft worden ist. Dabei vollzieht sich die Einweisung ohne Gerichtsverfahren. Internierte müssen analytisch von Kriegsgefangenen unterschieden werden, auch wenn sich beide Kategorien in den beiden Weltkriegen teilweise überschnitten, besonders in Regionen außerhalb Europas. Zudem ist in Rechnung zu stellen, dass die Internierung in einzelnen Ländern während der beiden Weltkriege unterschiedlich bezeichnet worden ist, so in den USA von 1941 bis 1945 als „internment“, „relocation“ oder „evacuation“. Interniert wurden nicht nur zivile Feindstaatenangehörige, sondern auch andere Zivilisten, die als „innere Feinde“ galten, besonders Minderheiten, Gruppen mit abweichendem Verhalten und andere gesellschaftliche Randgruppen sowie politische Oppositionelle.43 In den beiden Weltkriegen wurden die betroffenen Personen überwiegend in gesonderte Lager eingewiesen, oft nach vorangegangenen Deportationen. Diese bezeichnen „staatlich verordnete und planmäßig durchgeführte Zwangsverschickungen von ausgewählten Bevölkerungsgruppen unter Einbeziehung militärischer Eskorten oder anderer Bewachungseinheiten von einem Ort A nach einem Ort B, wobei letzterer unter Strafandrohung meist lebenslänglich nicht mehr verlassen werden darf.“44 Von 1914 bis 1918 und zwischen 1939 und 1945 dienten Deportationen ebenso wie Internierungen in Lagern zunächst dem Zweck, den gegnerischen Staaten potenzielle Rekruten zu entziehen. Darüber hinaus sollten bestimmte Gruppen, die der Spionage und Sabotage verdächtigt und bezichtigt wurden, isoliert werden. Dazu gehören zivile Angehörige gegnerischer Staaten ebenso wie Minderheiten und politische Widersacher (so Pazifisten und Sozialisten), die als „innere Feinde“ vermeintlich im Dienst feindlicher Mächte standen. Diese Gruppen wurden länger, aber im Allgemeinen unter besseren Bedingungen festgehalten als zuvor Zivilisten in Südafrika und auf Kuba. Die Errichtung von Internierungslagern spiegelte letztlich deshalb die Entgrenzung der Gewalt in den 42 Joël Kotek / Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2001, S. 25 f., 89 f. 43 André Keil / Matthew Stibbe, Ein Laboratorium des Ausnahmezustands. Schutzhaft während des Ersten Weltkriegs und in den Anfangsjahren der Weimarer Republik – Preußen und Bayern 1914 bis 1923, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 68 (2020), S. 535–573, hier: S. 543– 552; Panayi, Societies, S. 9; Pistol, Internment, S. 6 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 31. 44 Stephan Steiner, Rückkehr unerwünscht. Deportationen in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit und ihr europäischer Kontext, Wien 2014, S. 32.

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totalen Kriegen wider, in denen im 20. Jahrhundert die Grenzen zwischen inneren und äußeren Feinden verschwammen. Camps waren schon vor 1914 in den Kolonien zur Unterdrückung von Rebellionen etabliert und anschließend im Rahmen globaler Wissenstransfers verbreitet worden, die sich nach dem Ersten Weltkrieg noch beschleunigten. Allerdings wurden fremde Vorbilder an die jeweils vorherrschenden Bedingungen und Ziele angepasst.45 Alle Formen der Repression gegen Feindstaatenangehörige sind seit der Wende zum 20. Jahrhundert mit dem Ziel gerechtfertigt worden, die Fortexistenz der jeweils betroffenen Nationen zu gewährleisten und diese zu schützen. Repressive Maßnahmen sollten besonders Spionage, Verrat und subversive Aktivitäten verhindern. Allerdings haben unterschiedliche Akteure Sicherheit auch als Argument genutzt. Dabei ist Furcht z. T. gezielt herbeigeführt oder zumindest verstärkt worden. „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ sind deshalb nicht nur objektive, überprüfbare Kategorien, sondern durchweg auch Konstruktionen, die mit dem Anspruch genutzt worden sind, äußere und innere Gefahren zu bannen.46 Mit der Zunahme der Kriegsgewalt gingen im 20. Jahrhundert jedoch zugleich Bemühungen einher, Übergriffe gegen gefangene Soldaten und wehrlose Zivilisten zu verhindern. Auch die Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger und die humanitäre Hilfe für diese Opfergruppe waren wechselseitig aufeinander bezogen. So hat der Verweis auf den Humanitarismus und das Konzept der „humanity“ seit dem 19. Jahrhundert den Befürwortern einer Zähmung von Kriegsgewalt dazu gedient, Mindestanforderungen im Umgang mit feindlichen Soldaten und Zivilisten einzufordern.47 Dabei verwiesen vor allem zivilgesell45 Klaus Mühlhahn, The Concentration Camp in Global Historical Perspective, in: History Compass 8/6 (2010), S. 543–561, hier: S. 543–555 (allerdings ohne explizite Erwähnung von Lagern für zivile Feindstaatenangehörige). Vgl. auch Panikos Panayi, Dominant Societies and Minorities in the Two World Wars, in: ders. (Hg.), Minorities in Wartime. National and Racial Groupings in Europe, North America and Australia during the two World Wars, Oxford 1993, S. 3–23, hier: S. 7, 10; Kotek / Rigoulot, Jahrhundert, S. 87, 89; Leonhard, Peace, S. 42. 46 Franz-Xaver Kaufmann, Sicherheit. Das Leitbild beherrschbarer Komplexität, in: Stephan Lessenich (Hg.), Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse, Frankfurt/M. 2003, S. 73–104, hier: S. 73. 47 „Humanitarismus“ ist allgemein als „helping others, promoting the general welfare of mankind, and rescuing endangered people“ definiert worden. Vgl. Branden Little, An Explosion of New Endeavours: Global Humanitarian Responses to Industrialized Warfare in the First World War Era, in: First World War Studies 5 (2014), Nr. 1, S. 1–16, hier: S. 2. Enger gefasst bezeichnet „Humanitarismus“ vor allem „the idea of ‚saving strangers‘, of helping victims, of protecting foreign, apparently innocent, civilian populations“ (Davide Rodogno, Against Massacre: Humanitarian Interventions in the Ottoman Empire 1815–1914: The Emergence of a European Concept and International Practice, Princeton 2012, S. 2). Zum Konzept der humanity das zweite

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schaftliche Organisationen bis zu den 1930er Jahren auf „Zivilisationsstandards“, welche die Geltung völkerrechtlicher Bestimmungen auf Europa und die USA beschränkten und viele asiatische Staaten ebenso ausschlossen wie Kolonien. In einem langfristigen Prozess der Verrechtlichung wurden Vergehen gegen unschuldige Zivilisten (crimes against humanity) im 19. Jahrhundert zwar zunächst moralisch gebrandmarkt und im frühen 20. Jahrhundert auch politisch verurteilt. In Kriegen blieben Zivilisten – im Gegensatz zu Soldaten – bis zum Zweiten Weltkrieg aber völkerrechtlich ungeschützt, und Kriegsverbrecher konnten international nicht bestraft werden.48 Erst als Reaktion auf die extreme Gewalt gegen Zivilisten und den Völkermord an den Juden und anderen Minderheiten verabschiedeten die alliierten Mächte schließlich am 8. August 1945 die Charta für den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Damit waren crimes against humanity zu einem völkerrechtlichen Instrument geworden, das zur Universalisierung der Menschenund Bürgerrechte erheblich beitrug. Diese hatten zwar schon die französischen Revolutionäre 1789 proklamiert; sie waren aber bis zum frühen 20. Jahrhundert lediglich von einzelnen Gruppen für ihre politischen Ziele in Anspruch genommen worden. Die Allgemeine Erklärung der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 formulierte demgegenüber einen universellen Anspruch, der aber Lücken aufwies und zudem hinsichtlich seiner Durchsetzung begrenzt blieb.49 Auch das politische und völkerrechtliche Konzept der Humanität, dem die extreme Gewalt in den beiden Weltkriegen Auftrieb verliehen hatte, blieb zwischen verschiedenen Akteuren umstritten. Außerdem verlief die Zähmung der

Kapitel in diesem Buch und Bruce Mazlish, The Idea of Humanity in a Global Era, New York 2009, S. 32. Vgl. auch Mühlhahn, Concentration Camp, S. 547. 48 Vgl. die detaillierte Darstellung im zweiten Kapitel. 49 Zur Argumentation besonders: Kerstin von Lingen, „Crimes against Humanity“. Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt, 1864–1945, Paderborn 2018, S. 11 f., 14 f., 17, 24 f., 28, 35–37, 45, 188–190; dies., „Crimes against Humanity“. Eine umstrittene Universalie im Völkerrecht des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen 8 (2011), S. 373–393. Daneben: Stefan-Ludwig Hoffmann, Einführung. Zur Genealogie der Menschenrechte, in: ders. (Hg.), Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010, S. 7–37, hier: S. 14. In der Forschung ist der Einfluss des Holocaust auf den Menschenrechtsdiskurs seit 1945 im Allgemeinen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die UN-Genozidkonvention (Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes) vom 10. bzw. 9. Dezember 1948 im Besonderen umstritten geblieben. Vgl. Annette Weinke, Vom „Nie wieder“ zur diskursiven Ressource. Menschenrechte als Strukturprinzip internationaler Politik seit 1945, in: dies. / Norbert Frei (Hg.), Toward a New Moral World Order? Menschenrechtspolitik und Völkerrecht seit 1945, Göttingen 2013, S. 12–39, hier: S. 21; John Cooper, Raphael Lemkin and the Struggle for Genocide Convention, Houndmills 2008, S. 184, 198, 276.

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Kriegsgewalt gegenüber Zivilisten keineswegs ungebrochen, und sie ist bis zur Gegenwart auf beträchtliche Hindernisse und Widerstände getroffen. Besonders mit dem Prinzip nationalstaatlicher Souveränität haben Regierungen ihre Sicherheitspolitik gegenüber äußeren Eingriffen zugunsten der Humanität und der Menschenrechte abgeschirmt.50 Trotz der Einrichtung internationaler Gerichtshöfe und der wichtigen Ansätze internationaler Kooperation in diesem Bereich, besonders seit der Jahrtausendwende, sind humanitäre Interventionen bis zur Gegenwart vielfach am Grundsatz der Staatssouveränität gescheitert. Zudem haben Völkerrechtler wie Ian Brownlie (1932–2010) zu Recht auf die Gefahr hingewiesen, dass sich die Regierungen von Großmächten auf den Schutz von Menschenrechten berufen könnten, um Übergriffe auf schwächere Staaten zu rechtfertigen. Diese unauflösbaren Aporien des Menschenrechtsdiskurses haben wiederum Passivität gegenüber massiven Verletzungen von Menschenrechten gerechtfertigt.51

Kontexte und Stand der Forschung Wie hier angedeutet, eröffnet die Untersuchung des komplexen Verhältnisses von Humanität und Sicherheit am Beispiel des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen in den beiden Weltkriegen instruktive Befunde und Einsichten, die auch aktuellen Diskussionen eine unabdingbare historische Tiefenschärfe verleiht. Allgemein basiert dieses Buch damit auf einem Verständnis von Zeitgeschichte, das von aktuellen Problemen ausgeht. So kann eine geschichtswissenschaftliche Perspektive auf den Umgang mit „Feinden“ die bereits skizzierte gegenwärtige Diskussion über Sicherheitspolitik und Menschenrechte bereichern. Auch hierbei ist zwischen den Sicherheitsbedürfnissen der verschiedenen Akteure zu unterscheiden. Überdies müssen einfache Analogien zur Problematik im spezifischen Kontext der beiden Weltkriege vermieden werden. Vielmehr ist der Vergangenheit ein eigener Stellenwert einzuräumen. Auch verbieten sich vorschnelle Kontinuitätskonstruktionen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Jedoch werfen aktuelle Kontroversen durchaus wichtige Fragen 50 Mazlish, Idea, S. 32–36; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 24. 51 Fabian Klose, The Emergence of Humanitarian Intervention. Three Centuries of Enforcing Humanity, in: ders. (Hg.), The Emergence of Humanitarian Intervention. Ideas and Practice from the Nineteenth Century to the Present, Cambridge 2016, S. 1–27, hier: S. 2, 8–10, 20 f.; ders., Protecting Universal Rights through Invasion. International Debates from the 1930s to the 1980s, in: Norbert Frei / Daniel Stahl / Annette Weinke (Hg.), Humanitarian Rights and Humanitarian Intervention. Legitimizing the Use of Force Since the 1970s, Göttingen 2017, S. 169–183.

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und analytische Perspektiven auf, die in diesem Buch aufgegriffen werden. Umgekehrt können Befunde und Einsichten historischer Studien auf aktuelle Probleme bezogen werden, wie der englische Historiker Geoffrey Barraclough (1908–1984) schon 1967 betont hat: „Contemporary history begins when the problems which are actual in the world today first take visible shape“.52 Der Gegenwartsbezug hat auch die neuere historische Forschung über die Menschenrechte und Zivilgesellschaft kräftig vorangetrieben.53 Obgleich vor allem die Internierung eine einschneidende Maßnahme war, die das Leben zahlreicher Menschen bestimmte, ist die Behandlung der zivilen Feindstaatenausländer in der Geschichtsschreibung und in der öffentlichen Debatte deutlich weniger beachtet und untersucht worden als der Umgang mit den Kriegsgefangenen der beiden Weltkriege. Flüchtlinge, unterdrückte Minoritäten und Zivilinternierte zählten deshalb lange zu den vergessenen Opfern des Ersten Weltkrieges. Die hohe Zahl der Zivilisten, die im Zweiten Weltkrieg starben (mit allein 5,7 Millionen jüdischen Opfern des Holocaust), hat die Vernachlässigung des Leidens dieser Gruppe in den Jahren von 1914 bis 1918 begünstigt. Außerdem galten Zivilisten, die in den beiden Weltkriegen starben, in den jeweiligen Staaten gedächtnispolitisch nicht als „Helden“, sondern als „Opfer“.54 52 Geoffrey Barraclough, An Introduction to Contemporary History, Harmondsworth 1967, S. 20. In den letzten Jahren ist diese Überlegung in den Diskussionen über den Stellenwert und die Aufgaben der Zeitgeschichte erneut aufgenommen worden. So hat Kristina Spohr Readman argumentiert: „… the principal distinguishing feature of ‚contemporary history‘ (in the truest sense of the term) is surely that its practitioners will write in medias res about events and developments that are perceived as actual and central to present-day life, as perceived by publics and political elites, and the outcome of which might still be uncertain […] contemporary historians need not only work from a certain starting point forward, exploring temporal causalities, contingency and agency of their object of research. They must also look backwards for explanatory depth …“ Kristina Spohr Readman, Contemporary History in Europe: From Mastering National Pasts to the Future of Writing the World, in: Journal of Contemporary History 46 (2011), S. 506–530, hier: S. 526. 53 Robert Brier, Beyond the Quest for a „Breakthrough“: Reflections on the Recent Historiographie on Human Rights, in: Jahrbücher für Europäische Geschichte 16 (2015), S. 155–173, hier: S. 172. 54 Bruce Scates / Rebecca Wheatley, War Memorials, in: Jay Winter (Hg.), The Cambridge History of the First World War, Bd. 5: The Social History of Cultural Life, Cambridge 2014, S. 528–556, hier: S. 543, 556; Sven Oliver Müller, Tod und Verklärung. Denkmale des Krieges in Großbritannien nach 1918, in: Heinz-Gerhard Haupt / Dieter Langewiesche (Hg.), Nation und Religion in Europa. Mehrkonfessionelle Gesellschaften im 19 und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2004, S. 173–201, hier: S. 196; Hannah Ewence, Bridging the Gap Between „War“ and „Peace“: The Case of Belgian Refugees in Britain, in: dies. / Tim Grady (Hg.), Minorities and the First World War. From War to Peace, London 2017, S. 89–113, hier: S. 91; Becker, Captive Civilians, S. 261; Jones, Great War, S. 84.

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Daher nahmen sie bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Erinnerungskulturen der Länder, die an den beiden Weltkriegen beteiligt waren, nur eine untergeordnete Rolle ein, auch wenn in einzelnen Ländern wie Großbritannien schon in den 1920er Jahren durchaus auch Denkmale für bestimmte Gruppen (beispielsweise internierte Frauen) eingeweiht worden waren. Aber sogar in Serbien, dessen Bewohner von den jeweiligen Besatzungsmächten von 1915 bis 1918 und von 1941 bis 1944 besonders rücksichtslos behandelt wurden, haben zivile Kriegsopfer kaum Beachtung gefunden, denn sie konnten in der national geprägten Gedächtnispolitik nicht für das vorherrschende Paradigma des heroischen Kämpfers in Anspruch genommen werden. Noch weniger passten sie in den Totenkult, der die Gefallenen ehrte. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg quälte viele ehemalige Zivilinternierte deshalb ein Schuldkomplex, auf den sie als Überlebende mit Schweigen reagierten.55 Erst mit der Abkehr von heroischen Erinnerungsnarrativen ist seit den 1980er Jahren auch das Leiden der Zivilisten hervorgehoben worden. Zugleich haben Ausstellungen und geschichtswissenschaftliche Deutungen nicht nur die Überhöhung der Gefallenen zurückgenommen, die zuvor in vielen Ländern vorgeherrscht hatte, sondern z. T. überhaupt einen Sinn des Leidens in Abrede gestellt. Im Rahmen der Hinwendung zur „Zivilhistoriographie“, die Kriegsopfer, Identitäten und Erinnerungen einbezogen hat, sind auch die zivilen Feindstaatengehörigen ebenso zunehmend beachtet worden wie die Minderheiten und Flüchtlingen in den kriegführenden Mächten. Dabei hat die Geschichtsschreibung die Feindpropaganda der kriegführenden Staaten ebenso untersucht wie die Behandlung der Zivilinternierten und den rechtlichen Status der Lager, in die sie verbracht wurden. Im Allgemeinen ist dabei die Perspektive der beteilig55 Oliver Wilkinson, British Prisoners of War in First World War Germany, Cambridge 2017, S. 277–281. Zu den Erinnerungen in Serbien: Trifunović, Prisoners of War. Zeitgenössisch schon: Hans Weiland, Pioniere der Menschlichkeit, in: ders. / Kern (Hg.), Feindeshand, Bd. 1, S. 237 f. Vergleichend: Arnd Bauerkämper, World War I in Twentieth-Century European History, in: Jarosław Suchoples / Stefanie James (Hg.), Re-visiting World War I. Interpretations and Perspectives of the Great Conflict, Frankfurt/M. 2016, S. 187–206; Kenneth S. Inglis: The Homecoming: The War Memorial Movement in Cambridge, England, in: Journal of Contemporary History 27 (1992), S. 583–605, hier: S. 585 f. „Gedächtnispolitik“ ist institutionell verfasst und zielt auf die Aktualisierung ausgewählter Erinnerungen in Repräsentationen, Ritualen und Inszenierungen, in denen jeweils die Gegenwart auf die Vergangenheit und Zukunft bezogen wird. Das Konzept der „Gedächtnispolitik“ lenkt die Aufmerksamkeit auf Interaktionen zwischen politischen Akteuren (vor allem nationalen Eliten), die jeweils versuchen, ihre Ziele und ihr Handeln zu legitimieren. Dazu formen und funktionalisieren sie bewusst Erinnerungen, die sie symbolisch und öffentlichkeitswirksam kommunizieren. Vgl. Erik Meyer, Memory and Politics, in: Astrid Erll / Ansgar Nünning (Hg.), A Companion to Cultural Memory Studies, Berlin 2010, S. 173–180.

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ten Regierungen, neutraler Staaten und humanitärer Organisationen vorherrschend geblieben. Davon kann eine neuere Forschungsrichtung unterschieden werden, welche (auch) die Erfahrungen der Betroffenen rekonstruiert und analysiert.56 Als wichtiger Kontext gilt in der Geschichtsschreibung auch die umfassende Mobilisierung aller Kräfte für die Kriegführung in den einzelnen Ländern. Dafür waren Emotionen vor allem bei der Dämonisierung von Feinden in der Propaganda wichtig, wie schon früh erkannt worden ist.57 In sozialpsychologischer Hinsicht vollzog sich die Unterdrückung von Feindstaatenangehörigen in einer Ausnahmesituation, so dass in diesem Buch die neuere historische Forschung zu Emotionen zu berücksichtigen ist. So schlugen sich Angst und Unsicherheit in Feindbildern nieder, die in den beiden Weltkriegen die Hasspropaganda kennzeichneten. Die Dämonisierung der jeweiligen Kriegsgegner festigte verzerrende und verengte Wahrnehmungen, die schon im frühen 20. Jahrhundert u. a. in Reden, Flugblättern, Zeitungen und Zeitschriften vermittelt worden waren. In vielen Staaten beeinflussten sogar fiktionale Kriegsszenarien in Zukunftsromanen die Regierungspolitik.58 56 Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert, München 2010, S. 114 f.; Tammy M. Proctor, Civilians in a World at War, New York 2010, S. 275; Rachamimov, ‚Zivilhistoriographie‘, S. 28. Zur Erinnerungsgeschichte vgl. Arnd Bauerkämper, Zwischen nationaler Selbstbestätigung und Universalisierung des Leids. Der Erste Weltkrieg in intellektuellen Diskursen, in der Geschichtsschreibung und Erinnerung, in: Gislinde Seybert / Thomas Stauder (Hg.), Heroisches Elend. Der Erste Weltkrieg im intellektuellen, literarischen und bildnerischen Gedächtnis der europäischen Kulturen, Frankfurt/M. 2014, S. 63–93; Peter Landley / Nigel Steel, Der Erste Weltkrieg als nationaler Erinnerungsort. Das „Imperial War Museum“ in Canberra, in: Barbara Korte / Wolfgang Hochbruck (Hg.), Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur, Essen 2008, S. 27–46, S. 32 f., S. 35–41; Gerd Krumeich, Der Erste Weltkrieg im Museum. Das Historial de la Grande Guerre in Péronne und neuere Entwicklungen in der musealen Präsentation des Ersten Weltkriegs, in: Korte / Hochbruck (Hg.), Der Erste Weltkrieg, S. 59–71, 62; Barton, Internment, S. 4. 57 Vgl. z. B. Elsa Brändström, Among Prisoners of War in Russia and Siberia, London 1929, S. 24: „…feelings and passions […] are absolutely necessary for the successful carrying on of any war – conviction, namely, of the wrong suffered at the hands of the enemy and blind hatred.“ 58 Hierzu und zum Folgenden: Steffen Bruendel, Kriegsgreuel 1914–18. Rezeption und Aufarbeitung deutscher Kriegsverbrechen im Spannungsfeld von Völkerrecht und Kriegspropaganda, in: Sönke Neitzel / Daniel Hohrath (Hg.), Kriegsgreuel. Die Entgrenzung der Gewalt in kriegerischen Konflikten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, Paderborn 2008, S. 293–316; Rüdiger Overmans, „Hunnen“ und „Untermenschen“. Deutsche und russisch / sowjetische Kriegsgefangenschaftserfahrungen im Zeitalter der Weltkriege, in: Bruno Thoß / Hans-Erich Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn 2002, S. 335–365, hier: S. 338; Rachamimov, POWs, S. 161 f. Dazu exemplarisch: Verena Moritz, „Schauermärchen“ und „Greueldichtun-

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In den beiden Weltkriegen führte Furcht besonders in akuten Krisen – so nach militärischen Niederlagen – zu verzerrten Wahrnehmungen, unbegründeten Verdächtigungen oder sogar zu Panik und Verschwörungsvorstellungen. Dabei wurden Zivilinternierte ebenso wie Kriegsgefangene Opfer eines Propagandakrieges, in dem Regierungen ihre Behandlung fremder Feindstaatenangehöriger jeweils verteidigten, den gegnerischen Staaten aber Misshandlungen und „Barbarei“ vorwarfen. So wurde in einer Publikation, die 1918 in Deutschland erschien, behauptet, dass zivile Feindstaatenangehörige im Ersten Weltkrieg human behandelt würden, während die Deutschen in den Entente-Staaten vor allem unmittelbar nach Kriegsbeginn verleumdet, angegriffen und ihres Eigentums beraubt worden seien. Damit sollte zwar weniger den eigenen Staatsangehörigen geholfen werden, deren Leben in der Gefangenschaft für alle Regierungen letztlich nebensächlich blieb. Vielmehr diente die Propaganda durchweg dem Zweck, jeweils die eigene Kriegführung zu rechtfertigen und dafür Unterstützung zu mobilisieren. Zugleich erforderte gerade diese politische Indienstnahme, humanitäre Mindeststandards einzuhalten, denn Informationen zu Übergriffen konnten von gegnerischen Staaten ausgenutzt werden. Deshalb wurden Nachrichten zu eigenen Übergriffen, die völkerrechtliche Abkommen verletzten, in den beiden Weltkriegen mit Hilfe der Zensur unterdrückt.59 In der Historiographie ist der Stellenwert der Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger in der längerfristigen Entwicklung vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges unterschiedlich bestimmt worden.60 Im Allgemeinen kann die Unterdrückung ziviler Feindstaatenangehöriger in den beiden Weltkriegen nicht ohne die Entwicklung der Migration und des Staatsbürgerrechts verstanden werden. Die Internierung basierte auf der staatlichen Politik der Regulierung von Migration im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. gen“, „Barbarei“ und „Massenmord“. Die Behandlung von Kriegsgefangenen als Gegenstand der österreichischen Pressepropaganda, 1914–1918, in: Zeitgeschichte 45 (2018), S. 35–56, bes. S. 36–38, 45; Ignatius Frederick Clarke, Introduction: ‚Horribly Stuffed with Epithets of War‘, in: ders. (Hg.), The Great War with Germany, 1890–1914. Fictions and Fantasies of the War-tocome, Liverpool 1997, S. 1–27, hier: S. 1; Stefan Manz / Panikos Panayi, The Internment of Civilian ‚Enemy Aliens‘ in the British Empire, in: Manz / Panayi / Stibbe (Hg.), Internment, S. 19–40, hier: S. 33. Überblick zur Rolle von Emotionen in: Jan Plamper, Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, München 2012. 59 Die Behandlung der feindlichen Zivilpersonen in den kriegführenden Staaten nach Ausbruch des Krieges, Berlin 1918, bes. S. VI, 58. Den Hinweis auf diese Publikation verdanke ich Matthias Kiekebusch, Berlin. Dazu jetzt umfassend: Eberhard Demm, Censorship and Propaganda in World War I. A Comprehensive History, London 2019, bes. S. 118–137. 60 Iris Rachamimov, ‚Zivilhistoriographie‘ des Ersten Weltkrieges: Der Erste Weltkrieg in der jüngeren akademischen Forschung, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 43 (2015), S. 21–52, hier: S. 26, 32 f., 37, 39, 52.

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Wanderungen und die darauf bezogenen staatlichen Kontrollregimes müssen deshalb in die Darstellung einbezogen werden. Allerdings diente die Internierung weder unmittelbar der Einwanderungskontrolle noch der Ein- und Ausbürgerung. Außerdem erwies sich die Zugehörigkeit zu einer Nation als rechtliche Kategorie in der Politik gegenüber zivilen Feindstaatenangehörigen in den Jahren von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 nicht als eindeutig, wie besonders der Umgang mit Eingebürgerten und Bürgern multiethnischer Reiche zeigte.61 Die nationalistische Mobilisierung in den beiden Weltkriegen verstärkte vorangegangene Bemühungen um eine vollständige Integration der Staatsbürger in die einzelnen Staaten und – damit einhergehend – den Ausschluss von Fremden. Seit der Französischen Revolution hatten Nationalstaaten ihren Angehörigen Teilhabe am Staat in Aussicht gestellt. Das wichtigste Instrument dafür war im 19. Jahrhundert das Staatsbürgerschaftsrecht. Damit bildeten sich Staatsvölker heraus, in denen Rechte an Nationen gebunden waren. Ausländer sollten bei der Einreise und in den einzelnen Ländern kontrolliert werden, vor allem durch Pässe und eine Registrierungspflicht, die europäische Regierungen im 19. Jahrhundert sukzessive einführten. Zugleich hatte die Wehrpflicht die Selbstbehauptung der einzelnen Nationalstaaten im globalen Wettbewerb mit konkurrierenden Ländern zu gewährleisten. Die dafür notwendige umfassende Mobilisierung steigerte in den beiden Weltkriegen Loyalitäts- und Partizipationserwartungen an die Staatsbürger, deren rechtliche Integration in die Nationalstaaten bereits vor 1914 vorangetrieben worden war. Damit hatte sich auch das Streben nach einer ethnischen Homogenisierung und gesellschaftlicher Integration verstärkt. Zugleich lud der neue Nationalismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert den Tatbestand des „Landesverrats“, der als rechtliche Kategorie schon im 16. Jahrhundert entstanden war, politisch und moralisch enorm auf. Diesen Prozess noch radikalisierend, verhängte das NS-Regime schließlich nicht nur für Hochverrat die Todesstrafe, sondern führte mit dem „Volksverrat“ 1934 auch einen neuen Straftatbestand ein.62 61 Stibbe, Civilian Internment, S. 32 f. Vgl auch Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000; ders. u. a. (Hg.), The Encyclopedia of Migration and Minorities in Europe: From the Seventeenth Century to the Present, Cambridge Press 2013; Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, München 2012; ders., Einführung: Steuerung und Verwaltung von Migration in Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert, in: ders. (Hg.), Migration steuern und verwalten. Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Göttingen 2003, S. 9–56; ders., Migration im 19. und 20. Jahrhundert. 62 Andreas Fahrmeir, Citizenship: The Rise and Fall of a Modern Concept, New Haven 2007; Benno Gammerl, Staatsbürger, Untertanen und Andere. Der Umgang mit ethnischer Heterogenität im Britischen Weltreich und im Habsburgerreich 1867–1918, Göttingen 2010; ders., Passports and the Status of Aliens, in: Martin H. Geyer / Johannes Paulmann (Hg.), The Mechanics

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Minderheiten mussten sich damit anpassen oder ihre Ausgrenzung hinnehmen – von rechtlichen Benachteiligungen und sozialen Diskriminierungen bis zu Vertreibung oder sogar Ermordung. Besonders in den beiden Weltkriegen gerieten Minoritäten unter erheblichen Druck, da sie vielfach mit den jeweiligen gegnerischen Ländern assoziiert wurden. Der Verdacht der Illoyalität, Sabotage und Unterwanderung richtete sich dabei nicht nur gegen Angehörige der Feindstaaten, sondern auch gegen Eingebürgerte, die den gegnerischen Ländern entstammten. Darüber hinaus steigerten die Belastungen der totalen Kriege den Hass auf Minderheiten, die in zahlreichen Staaten lebten. So radikalisierte sich der Antisemitismus im Ersten Weltkrieg vor allem in Osteuropa, wo der vielerorts extreme Fremdenhass bereits im späten 19. Jahrhundert Pogrome herbeigeführt hatte, zu einer umfassenden Verfolgung der Juden, die systematisch deportiert, enteignet, vertrieben und ermordet wurden.63 „Ethnische Säuberungen“ trafen aber auch andere Minderheiten, die als vermeintlich illoyale „innere Feinde“ verdächtigt wurden. Vor allem in Gemenge- und Grenzlagen wie in den multiethnischen Imperien war in den einzelnen Staaten die Abgrenzung von zivilen Feindstaatenangehörigen und eigenen Minderheiten bis 1918 oft schwierig. So lebten Armenier nicht nur in den gegeneinander kämpfenden Reichen der Osmanen und Russen, sondern auch in anderen Staaten des östlichen Mittelmeerraumes. Nachdem die Jungtürken bis 1913 ihr Bekenntnis zu einem multiethnischen Osmanischen Reich aufgegeben hatten, nutzen sie den totalen Ersten Weltkrieg zu einem radikalen demographic engineering zugunsten der Muslime und Türken. Diese Politik mündete 1915/16 in den Völkermord an den Armeniern und Assyrern. Aber auch in Osteuropa verband sich der äußere Konflikt mit dem Kampf gegen Minderheiten wie den Juden, die offiziell als „innere Feinde“ galten. Diese Auseinandersetzungen waren eine wichtige Dimension der Entwicklung zum totalen Krieg, der in den Jahren von 1941 bis 1945 schließlich im Holocaust gipfelte.64 of Internationalism. Culture, Society, and Politics from the 1840s to the First World War, Oxford 2001, S. 93–119, hier: S. 95, 98, 107; Christiane Reinecke, Grenzen der Freizügigkeit. Migrationskontrolle in Großbritannien und Deutschland, 1880–1930, München 2010. Übersicht in: Dieter Langewiesche, Nationalstaat, in: Rüdiger Voigt (Hg.), Handbuch Staat, Bd. 1, Wiesbaden 2018, S. 339–348, hier. S. 339 f.; ders., Nation als Ressourcengemeinschaft. Ein generalisierender Vergleich, in: ders., Reich, Nation, Föderation. Deutschland und Europa, München 2008, S. 36–52; ders., Jahrhundert, S. 34, 43, 46; Krischer, Judas, S. 26 f. Vgl. auch Daniela L. Caglioti, Waging War on Civilians: The Expulsion of Aliens in the Franco-Prussian War, in: Past and Present 221 (2013), S. 161–195, hier: S. 162 f. 63 Langewiesche, Nationalstaat, S. 340. 64 Omer Batrov / Eric D. Weitz, Introduction. Coexistence and Violence in the German, Habsburg, Russian and Ottoman Borderlands, in: dies. (Hg.), Shatterzone of Empires. Coexistence and Violence in the German, Habsburg, Russian and Ottoman Empire, Bloomington 2013, S. 1–

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Wie bereits angedeutet, war der Umgang mit Feindstaatenangehörigen in den beiden Weltkriegen auch eng mit Vertreibung verbunden. Davon ist analytisch die Flucht von Bevölkerungsgruppen aus Regionen zu unterschieden, die von feindlichen Streitkräften bedroht oder besetzt wurden. Allerdings wirkten beide Prozesse oft zusammen. So flohen aus den nördlichen und östlichen Départements Frankreichs im August und September 1914 viele Zivilisten. An strategisch wichtigen Verteidigungsanlagen – wie denjenigen in Toul, Longwy und Verdun – zwangen die Militärs aber auch Bewohner zur Umsiedlung, nicht zuletzt wegen der Furcht vor Illoyalität und Verrat. Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges verließen außerdem rund 50.000 Belgier ihr Land. Davon flohen 10.000 nach Großbritannien; aber auch die Niederlande und Frankreich nahmen belgische Flüchtlinge auf, deren Zahl sich bis Ende 1915 insgesamt auf 1,5 Millionen belief. Flucht, Zwangsaussiedlungen und Vertreibungen im Hinterland der Fronten gingen in den beiden Weltkriegen aber besonders in Ostmittelund Osteuropa mit Kämpfen einher. So ist die Zahl der Flüchtlinge allein im Russischen Reich für den Sommer 1915 mit rund drei und für November 1917 mit sieben Millionen veranschlagt worden.65 Hier, im Osmanischen Reich und in der Habsburgermonarchie verwiesen die Militärführungen im Ersten Weltkrieg viele Bewohner aus ihren Siedlungen, vor allem Minderheiten und Juden, die als Helfer der jeweiligen Kriegsgegner galten. So sollte der Hinweis auf die Sicherheit des Staates sowohl die Zwangsevakuierung von Deutschen und jüdischen Staatsangehörigen in Russland als auch die Verschleppung von Italienern in Lager in Österreich rechtfertigen. Besonders eklatant wirkten sich die Sicherheitsmanie und die damit verbundene Angst vor „inneren Feinden“ im Osmanischen Reich aus, wo die Zwangsumsiedlung der christlichen Armenier und Assyrer 1915 sogar in einen Genozid mündete, vor dem die russische Staatsführung im Zarenreich demgegenüber letztlich zurückschreckte.66 Die Verschleppten mischten sich mit Zivilisten, die vor den Kämpfen geflohen waren und gleichfalls im Hinterland versorgt werden 20, hier: S. 2, 5, 10–12; Jay Winter, Under Cover of War. The Armenian Genocide in the Context of Total War, in: Robert Gellately / Ben Kiernan (Hg.), The Specter of Genocide. Mass Murder in Historical Perspective, Cambridge 2003, S. 189–213, hier: S. 191, 208, 212 f.; Panayi, Minorities, S. 216, 218, 222, 238. Demographic engineering nach: Kieser / Bloxham, Genocide, S. 599. Ähnlich: Taner Akçam, The Young Turks and the Plans for the Ethnic Homogenization of Anatolia, in: Bartov / Weitz (Hg.), Shatterzone, S. 258–279, hier: S. 259. Zum Konzept der „ethnischen Säuerungen“ (gegenüber „Genoziden“): Philipp Ther, Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen“ im modernen Europa, Göttingen 2011, S. 7–14. 65 Angaben nach: Peter Gatrell / Philippe Nivet, Refugees and exiles, in: Winter (Hg.), Cambridge History, Bd. 3, S. 189 f., 203. 66 Winter, Cover, S. 208–210. Zu Flucht und Vertreibung auch Tony Kushner / Katherine Knox, Refugees in an Age of Genocide. Global, National and Local Perspectives during the

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mussten. So herrschten in Österreich-Ungarn in vielen Städten wie Wien, Prag, Graz und Brünn schon im Herbst 1914 katastrophale Zustände.67 Ebenso wie die Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, die sich in der Hand der Gegner befanden, wurden auch Flüchtlinge, Vertriebene und Deportierte von staatlichen Institutionen unterstützt. So organisierte in Frankreich eine Gruppe um den Schriftsteller André Gide im Ersten Weltkrieg Hilfsleistungen, und in Russland kümmerten sich beispielsweise lokale Selbstverwaltungsorgane und das halboffizielle „Tatjana-Komitee“ (benannt nach der Großfürstin Tatjana Nikolajewna Romanowa) um Flüchtlinge und Zwangsausgesiedelte. Allerdings blieb die karitative Unterstützung selektiv, und sie wurde unterschiedlich bewertet, wie die Unterstützung für die Belgier zeigt. Diese wurden in Frankreich und Großbritannien zumindest in den ersten Monaten als Bundesgenossen begrüßt, während die Aufnahme in den Niederlanden distanzierter blieb.68 Wie dargelegt, hat sich die Forschung zum humanitären Engagement für zivile Opfer der beiden Weltkriege aber erst in den letzten beiden Jahrzehnten intensiviert. Zudem ist der Bezug zur Geschichtsschreibung zu den Menschenrechten und die ambivalente Rolle internationaler Organisationen, die sich zu teilweise erheblichen Zugeständnissen an die kriegführenden Staaten gezwungen sahen, vernachlässigt worden. Noch während des Ersten Weltkrieges und in den darauffolgenden Jahren untersuchten Rechtswissenschaftler wie James W. Garner (1871–1938), Ronald Roxburgh (1889–1981) und Ernst (Ernest) M. Satow (1843–1929) den Problemkomplex. Weitere Studien zu den völkerrechtlichen Problemen wurden in den zwanziger Jahren veröffentlicht. In dieser frühen Phase der Aufarbeitung veröffentlichten auch betroffene Internierte und Diplomaten wie der ehemalige USBotschafter in Berlin, James W. Gerard (1867–1951), und der frühere amerikanische Botschafter im Osmanischen Reich, Henry Morgenthau (1856–1946), ihre Memoiren. Ebenso erschienen Erinnerungen von Personen, die Kriegsgefangenen und Zivilinternierten in den Jahren von 1914 bis 1918 geholfen hatten. So publizierte die schwedische Krankenschwester Elsa Brändström (1888–1948), die sich vor allem in Russland für die Gefangenen eingesetzt hatte, ErinnerunTwentieth Century, London 1999, S. 43–63, 172–214; Peter Gatrell, Refugees and Forced Migrants during the First World War, in. Immigrants and Minorities 26 (2008), Nr. 1–2, S. 82–110. 67 Antje Senarclens de Grancy, Different Housing Spaces – Space, Function, and Use of Barrack-Huts in World War I Refugee Camps, in: Zeitgeschichte 45 (2018), S. 457–482, hier: S. 460 f. 68 Gatrell / Philippe Nivet, Refugees, S. 193, 196, 205. Zum „Tatjana-Komitee“: Dmytro Myeshkov, Art. „Tetjana-Komitee“, in: Detlef Brandes / Holm Sundhaussen / Stefan Troebst (Hg.), Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien 2010, S. 637 f.

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gen. Einige Rückblicke, die in den 1920er und 1930er Jahren erschienen, waren einseitig und spiegelten noch die Frontstellungen der Kämpfe von 1914 bis 1918 wider.69 Nach dem Zweiten Weltkrieg bewerteten Juristen und Politiker unter dem Eindruck der noch umfassenderen Internierungs- und Unterdrückungspolitik, die in den Jahren von 1939 bis 1945 Millionen Opfer gefordert hatte, die Unterdrückungspolitik gegenüber Zivilisten im vorangegangenen Krieg neu. Dazu trug auch die in den vierziger Jahren intensive völkerrechtliche und politische Diskussion über Menschenrechte und Genozide bei.70 In der Geschichtsschreibung fehlte lange eine kritische Auseinandersetzung mit Gewalt gegenüber Zivilisten in den beiden Weltkriegen. Auch das Ausmaß und die Formen der Verfolgung und Unterdrückung von enemy aliens hat die historische Forschung erst seit den achtziger Jahren aufgezeigt und analysiert. Jüngst sind auch erste Gesamtdarstellungen vorgelegt worden.71 Dabei ist die Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger und ethnisch-nationaler Minderheiten über (Zwangs-) Migrationen und die Entwicklung des Staatsangehörigkeitsrechts hinaus auch auf andere übergreifende Probleme bezogen worden, so die Herausbildung von Kriegskulturen, die Geschichte der Zwangsarbeit, Gewalt gegen Soldaten und Zivilisten, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowie die Diskriminierung von Minoritäten. Diese Prozesse vollzogen sich in lokalen, nationalen und transnationalen Räumen. Nicht zuletzt haben neuere Studien Interpretationen, die Gefangene und Internierte entweder als Helden oder passive, willenlose Opfer gekennzeichnet haben, nachdrücklich in Frage gestellt. Die Betroffenen erweiterten während der Internierung ihre Fähigkeiten und verfügten auch in den Lagern über Handlungsmöglichkeiten, für die sie auch ihre 69 So Wilhelm Doegen, Kriegsgefangene Völker, Bd. 1: Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland, im Auftrage des Reichswehr-Ministeriums, Berlin 1919. Bei dem Verfasser handelt es sich um einen Linguisten, der in Kriegsgefangenen- und Internierungslagern die Sprache der Insassen untersuchte. Vgl. Tim Grady, A Deadly Legacy. German Jews and the Great War, New Haven 2017, S. 132. Ähnlich tendenziös: Weiland / Kern (Hg.), Feindeshand, 2 Bde., Wien 1931. Zu dieser Publikation kritisch: Hannes Leidinger, Habsburgs schmutziger Krieg. Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914–1918, St. Pölten 2014, S. 102; Stibbe, Civilian Internment, S. 307. 70 Überblick zur Geschichtsschreibung in: Caglioti, Aliens, S. 452–455; Stibbe, Enemy Aliens and Internment. Vgl. auch die Beiträge zu Weiland / Kern (Hg.), Feindeshand, 2 Bde.; Elsa Brandström, Among Prisoners of War in Russia and Siberia, London 1929; Ronald F. Roxburgh, The Prisoners of War Information Bureau in London, London 1915; ders., German Property in the War and the Peace, in: Law Quarterly Review 37 (1921), Nr. 1, S. 50–56; James W. Gerard, My Four Years in Germany, New York 1917; Henry Morgenthau, Ambassador Morgenthau’s Story, New York 1918; Garner, Treatment; Satow, Treatment. 71 Vgl. vor allem Stefan Manz / Panikos Panayi, Enemies in the Empire. Civilian Internment in the British Empire during the First World War, Oxford 2020; Stibbe, Civilian Internment.

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Erfahrungen vor der Gefangennahme bzw. Internierung nutzten. Damit konnten vor allem frühe Deutungen, die Fluchten verherrlicht oder einseitig die Repression in den Lagern betont hatten, differenziert und letztlich überwunden werden. Zugleich sollte die Kreativität vieler Internierter nicht verdecken, dass die Einweisung in Lager humanitäre Standards und Freiheitsrechte fundamental verletzte.72 Aber auch weiterhin erwähnen Gesamtdarstellungen des Ersten Weltkrieges den Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen und Minoritäten allenfalls am Rande.73 Vor allem aber ist das Verhältnis zwischen humanitären Gesichtspunkten und Menschenrechten einerseits und Sicherheit andererseits bislang kaum beachtet worden. Vielmehr hat sich die jüngere Historiographie wie auch die intensive wissenschaftliche und öffentliche Diskussion, die 2014 vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Staaten über den Ersten Weltkrieg geführt worden ist, erneut einseitig auf die Verantwortung für den Ausbruch des blutigen Konfliktes konzentriert. Dabei ist mit der Verteilung der Schuld auf die beteiligen Nationen auch ein Problemkomplex behandelt worden, der gegenüber den vorangegangenen Diskussionen seit den 1960er Jahren nur wenige neue Erkenntnisse erbracht hat. Zudem herrscht in der historischen Forschung weiterhin eine Fixierung auf die Westfront vor. Diese überkommene Perspektive ist erst seit der Jahrtausendwende schrittweise aufgebrochen worden. Nicht zuletzt bleibt der nationale Rahmen trotz einer zögernden Hinwendung zu vergleichs- und verflechtungsgeschichtlichen Perspektiven und Untersuchungsansätzen weiterhin vorherrschend.74 72 Harold Myrtum, A Tale of Two Treatments. The Materiality of Internment on the Isle of Man in World Wars I and II, in: Adrian Myers / Gabriel Moshenska (Hg.), Archaeologies of Internment, New York 2011, S. 33–52, hier: S. 43, 46; Wilkinson, Prisoners of War, S. 58, 68–77, 262, 270 f., 277–283; Stibbe, Civilian Internment, S. 4 f. Zu Österreich: Leidinger, Krieg, S. 102. Für Großbritannien: Panikos Panayi, A Marginalized Subject? The Historiography of Enemy Alien Internment in Britain, in: Richard Dove (Hg.), Totally un-English? Britain’s Internment of „Enemy Aliens“ in Two World Wars, Amsterdam 2005, S. 17–23. Zum Zusammenhang von Menschenrechten und gewaltsamen Vertreibungen im 20. Jahrhundert: Jan M. Piskorski, Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts. München 2013, S. 23, 26. 73 Vgl. z. B. Christopher Clark, Schlafwandler, München 2013; Herfried Münkler, Der Große Krieg, Berlin 2013, Ernst Piper, Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges, Berlin 2013; Volker Berghahn, Der Erste Weltkrieg, München22004, S. 8. Dagegen kurze Hinweise auf die Internierung in: Oliver Janz, 14. Der Große Krieg, Frankfurt/M. 2013, S. 122–128; Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, S. 353–356. 74 Vgl. Annika Mombauer, Die Julikrise, Europas Weg in den Ersten Weltkrieg, München 2014, S. 7–15; Stephan Lehnstaedt, In der Endlosschleife? Debatten über die Schuld am Ersten Weltkrieg von Emil Ludwig bis Christopher Clark, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 620–641; Ulrich Wyrwa, Zum Hundersten nichts Neues. Deutschsprachige Neu-

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Abgesehen von den traditionellen Studien zur internationalen Diplomatie, hat das grenzüberschreitende Ausmaß der beiden Weltkriege nur langsam Aufmerksamkeit gefunden. Dabei ist über Europa hinaus sukzessive auch die globale Dimension der Kriegführung deutlich geworden. In der transnationalen Geschichtsschreibung sind darüber hinaus zunehmend auch das Handeln und die Rollen von Akteuren, die nicht Regierungen angehörten, nachgezeichnet worden. So haben neuere Studien die Verfolgung von ethnischen Minderheiten und Opponenten gegen den Krieg untersucht. In detaillierten Untersuchungen sind zum Ersten Weltkrieg besonders die rigorose Unterdrückung, Not und Armut von Belgiern, Franzosen und Ost- und Südosteuropäern unter Bedingungen der Besatzungsherrschaft herausgearbeitet worden.75 Auch hat die Forschung zumindest angedeutet, dass die Repression ziviler Feindstaatenangehöriger in den beiden Weltkriegen maßgeblich zur ideologischen Aufladung der Politik und Gesellschaften beitrug, so mit radikalen Freund-Feind-Abgrenzungen. Die Ursachen, das Ausmaß und die Auswirkungen dieses Prozesses sind aber umstritten geblieben. So verweisen Verhandlungen und Abkommen zum Austausch von Gefangenen, aber auch Hilfsleistungen für diese Opfer auf Grenzen des totalen Krieges, vor allem in den Jahren von 1914 bis 1918. Aber auch im zweiten globalen Konflikt begrenzten vorübergehende Vereinbarungen und humanitäres Engagement Kriegsgewalt.76 Zwar liegen inzwischen einzelne Studien zur Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger in verschiedenen Räumen vor, allerdings vorrangig zu einzelnen Nationen im Ersten Weltkrieg.77 Demgegenüber ist dieser Prozess für die Jahre von 1939 bis 1945 allenfalls punktuell analysiert worden. Die Forschung hat sich lange auf militärhistorische Probleme und die Kriegsziele der beteiligerscheinungen zum Ersten Weltkrieg (Teil II), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 683–702; Stig Förster, Hundert Jahre danach. Neue Literatur zum Ersten Weltkrieg, in: Neue Politische Literatur 60 (2015), S. 5–25, bes. S. 8; Michael Epkenhans, Der Erste Weltkrieg – Jahresgedenken, neue Forschungen und Debatten einhundert Jahre nach seinem Beginn, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 63 (2015), S. 135–165, bes. S. 148 f.; Jost Dülffer, Einhundert Jahre Erster Weltkrieg. Eine Bilanz des Jahres 2014, in: Osteuropa 64 (2014), Nr. 11– 12, S. 45–58; Sönke Neitzel, Der Erste Weltkrieg und kein Ende, in: Historische Zeitschrift 300 (2015), S. 121–148, bes. S. 121 f., 138. 75 Vgl. z. B. Christian Westerhoff, Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzen Polen und Litauen 1914–1918, Paderborn 2012. 76 Heather Jones, As the Centenary Approaches: The Regeneration of First World War Historiography, in: Historical Journal 56 (2013), S. 857–878, hier: S. 857, 873 f., 877 f.; Alan Kramer, Recent Historiography of the First World War, in: Journal of Modern European History 12 (2014), S. 5–27, hier: S. 9, 16–22; Becker / Krumeich, Krieg, S. 176, 188, 194 f.; Leonhard, Peace, S. 42 f. 77 Vgl. besonders die Beiträge zu Manz / Panayi / Stibbe (Hg.), Internment.

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ten Mächte, die ideologische Grundlage der NS-Außenpolitik und Hitlers Rolle als „Führer“ im Herrschaftssystem des „Dritten Reiches“ konzentriert. Seit den 1980er Jahren ist auch der Massenmord an den Juden verstärkt untersucht worden, so in detaillierten Studien zu einzelnen Tätergruppen und Regionen (besonders in Osteuropa). Mit der Hinwendung zur Kulturgeschichte der Gewalt haben in der Geschichtsschreibung darüber hinaus Massaker an Zivilisten in den besetzten Gebieten – auch durch Einheiten der Wehrmacht – zusehends Aufmerksamkeit gefunden.78 Demgegenüber sind die Politik und der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen, die sich in den kriegführenden Staaten befanden, im Schatten dieser Verbrechen geblieben. Allerdings richtete sich besonders der Holocaust mit den Juden auch gegen eine Gruppe, die als „innere Feinde“ galten, die 1935 im Staatsbürgerrecht des „Dritten Reiches“ diskriminiert und 1941 offiziell ausgebürgert wurden. Diese Überschneidung ist hier in Rechnung zu stellen. Darüber hinaus fehlen vergleichs- und verflechtungsgeschichtliche Untersuchungen.79 Wie in diesem Buch anhand des Umgangs mit Feindstaatenangehörigen gezeigt wird, war die Politik der kriegführenden Mächte gegenüber (vermeintlichen oder tatsächlichen) Gegnern im Innern im Allgemeinen und Feindstaatenangehörigen im Besonderen aber weltweit miteinander verflochten. In den Kolonien und in den britischen Dominions, wo Zivilisten vielerorts interniert wurden, etablierten die imperialen Mächte in beiden Weltkriegen ein umfangreiches Lagersystem. In den Camps hielten allein die Entente-Mächte im Ersten Weltkrieg rund 20.000 Deutsche fest. Das Netzwerk der Lager reichte dabei von Ahmednagar (Indien) über Pietermaritzburg (Südafrika) und Französisch-Dahomey bis Liverpool (Australien) und Bandō (Japan). Dieses System verband mehrere Kriegsschauplätze miteinander.80 Darüber hinaus reagierten die kriegführenden Staaten hinsichtlich der Behandlung der Internierten aufeinander. Zwischen den Staaten vollzogen sich 78 Knappe Überblicke in: Elke Fröhlich, Der Zweite Weltkrieg. Eine kurze Geschichte, Stuttgart 2013, S. 232–262; Gerhard Schreiber, Der Zweite Weltkrieg, München 42007, bes. S. 64–69; Julian Kümmerle, Der Holocaust, Stuttgart 2016, S. 107–121. Vgl. als neuere Übersichten auch Joseph W. Bendersky, Trajectories in the Study of National Socialism, in: German Studies Review 39 (2016), S. 577–588, hier: S. 586 f.; Waitman Wade Beorn, New Paths, New Directions: Reflections on Forty Years of Holocaust Studies and the GSA, in: German Studies Review 39 (2016), S. 589–599, bes. S. 595–597. Zu den Verbrechen der Wehrmacht detailliert: Wolfram Wette, Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt/M. 2002. 79 Wilkinson, Prisoners of War, S. 273. 80 Hierzu und zum Folgenden: Stefan Manz, „Enemy Aliens“ in Scotland in a Global Context, 1914–1919: Germanophobia, Internment, Forgetting, in: Ewence / Grady (Hg.), Minorities, S. 117–142, hier: S. 119; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 547; Murphy, Captivity, S. 56; Overmans, „Hunnen“, S. 351.

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sogar Lernprozesse. Noch wichtiger waren Reziprozitätsbeziehungen. So wurden Zivilinternierte in viele der Abkommen der europäischen Mächte über Erleichterungen und Austauschaktionen für Kriegsgefangene einbezogen. Umgekehrt bestraften Regierungen zivile Feindstaatenangehörige, die sich in ihrer Hand befanden, für Übergriffe gegnerischer Nationen gegen eigene Staatsbürger. In diesen Repressalien, aber auch in Erleichterungen sind die globalen Wechselbezüge beim Umgang der kriegführenden Staaten mit Kriegsgefangenen und Zivilinternierten unübersehbar. Außer dem historischen Vergleich müssen zur Analyse des Umgangs mit diesen Gruppen deshalb verflechtungsgeschichtliche Untersuchungsansätze genutzt werden. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen den beiden Weltkriegen. Zwar unterschieden sie sich deutlich, und der zweite globale Konflikt ging nicht direkt aus dem ersten hervor. So zielten die Nationalsozialisten nur vordergründig auf eine Revision des Versailler Friedensvertrages. Auch ansonsten kann nicht von einer linearen Entwicklung von 1918 bis 1939 ausgegangen werden, so dass dem Konzept eines zweiten „Dreißigjährigen Krieges“ die Grundlage fehlt. Allerdings war der Erste Weltkrieg in vielerlei Hinsicht ein Präzedenzfall. So nahmen die Gewalt und Brutalität im Umgang mit Minderheiten und Zivilisten, die als „innere Feinde“ galten, sprunghaft zu, obwohl das humanitäre Völkerrecht vor 1914 erheblich erweitert worden war. Damit wurden auch zivile Angehörige gegnerischer Staaten Opfer einer ausufernden Sicherheitspolitik, die im totalen Krieg auf Angst und Panik beruhte.81

Untersuchungsansatz, methodische Grundlage, Quellen und Literatur In dieser Studie wird das Verhältnis zwischen Sicherheitskulturen und -politik einerseits sowie Menschenrechten und Zivilgesellschaft andererseits im Kontext der beiden Weltkriege analysiert, in denen in den beteiligten Staaten jeweils ein Ausnahmezustand verhängt wurde. Der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault hat diesen als Ausdruck und Folge biopolitischer Sicherheitsdispositive interpretiert, die nach dieser Deutung neuzeitliche Regierungsformen kennzeichnet. Diese „Gouvernementalität“ beruhe im Kern auf „Überwachen und Strafen“.82 Demgegenüber hat der italienische Philosoph Giorgio 81 Jörg Echternkamp, 1914–1945: Ein zweiter Dreißigjähriger Krieg? Vom Nutzen und Nachteil eines Deutungsmodells der Zeitgeschichte, in: Sven-Oliver Müller / Cornelius Torp (Hg.), Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009, S. 265–280, hier: S. 269; Stibbe, Civilian Internment, S. z; Schreiber, Der Zweite Weltkrieg, S. 7 f. 82 Zu dieser – hier notwendigerweise verkürzten – Darstellung umfassend: Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 1994. Vgl. auch Thomas

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Agamben eine längere Kontinuität des Ausnahmezustandes diagnostiziert. Seine Überlegungen bündeln sich in der Figur des Homo sacer, des Eidbrüchigen, der nach dem römischen Strafrecht getötet werden durfte, da er außerhalb der Rechtsordnung stand. Ihm stellt Agamben den Souverän als Begründer des Rechts gegenüber. Souveränität entsteht aus dieser Sicht durch die Herrschaft über rechtloses Leben. Der italienische Wissenschaftler, der Foucaults Konzept rechtsphilosophisch und souveränitätstheoretisch weiterentwickelt hat, ist zwar davon ausgegangen, dass der Ausnahmezustand nicht auf die Moderne beschränkt werden dürfe. Agamben hat aber auch betont, dass dieser erst seit dem 19. Jahrhundert im Konzentrationslager einen konkreten Ort gefunden habe.83 Letztlich ist diese Deutung jedoch überaus teleologisch, und sie ebnet die unterschiedlichen historischen Kontexte zu stark ein. Die hier beabsichtigte geschichtswissenschaftliche Darstellung nimmt deshalb Agambens und Foucaults Überlegungen auf, spezifiziert sie aber im Hinblick auf die jeweilige historische Situation. Für die Darstellung des politischen und gesellschaftlichen Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen im breiteren Kontext der Repression „innerer Feinde“ in den beiden Weltkriegen empfiehlt sich im Hinblick auf die Sicherheitspolitik und die damit verbundenen Wahrnehmungen von Gefahren und Risiken wegen des extremen Nationalismus und der bedeutenden Rolle der staatlichen Institutionen als erster Zugriff ein nationalhistorischer Untersuchungsansatz. Wie erläutert, muss allerdings ein historisch-vergleichender und verflechtungsgeschichtlicher Ansatz hinzutreten. Komparative Studien, die Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede zwischen mindestens zwei Untersuchungsgegenständen identifizieren und erklären sollen, sind in der Geschichtswissenschaft – besonders in Deutschland – seit den zwanziger Jahren und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen worden. Systematische und methodisch reflektierte Analysen zu interkulturellen und transnationalen Beziehungen, Transfers und Verflechtungen hat die Historiographie aber erst seit den 1980er Jahren hervorgebracht, obgleich konzeptionelle Vorüberlegungen in anderen Disziplinen bis zur Jahrhundertwende zurückreichen. Damit hat sich die Rekonstruktion und Analyse grenzüberschreitender Wahrnehmungen, Aus-

Lenk, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Hamburg 1997. Übersicht in: Andreas Gestrich, Konzentrationslager: Voraussetzungen und Vorläufer vor der Moderne, in: Bettina Greiner / Alan Kramer (Hg.), Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013, S. 43–61, hier: S. 43. 83 Vgl. Giorgio Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt/ M. 2002; ders., State of Exception, Chicago 2005, bes. S. 1–31. Guter Überblick in: Eva Geulen, Giorgio Agamben zur Einführung, Hamburg 2005; Gestrich, Konzentrationslager, S. 43 f.

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tauschprozesse und Wechselwirkungen zu einer wichtigen Aufgabe der historischen Forschung entwickelt.84 Zwar ist in der Geschichtsschreibung zunächst kontrovers diskutiert worden, ob, inwieweit und wie die komparative Methode mit transfer- bzw. verflechtungsgeschichtlichen Untersuchungsansätzen kombiniert werden kann. Inzwischen hat sich allerdings ein weitreichender Konsens herausgebildet, der davon ausgeht, dass die Transferforschung der Ergänzung durch die komparative Methode bedarf, zumal die einzelnen und sich teilweise überlagernden Ebenen von Transferprozessen – Problemwahrnehmung, Rezeption fremder Lösungsstrategien, Vermittlung und Übertragung, Aneignung und Transformation – in der sozialen Praxis selber von (jeweils zeitgenössischen) Vergleichen bestimmt worden sind. Andererseits ergänzen verflechtungsgeschichtliche Studien vergleichende Untersuchungen, da sie Wechselbeziehungen erfassen und damit vor allem Ähnlichkeiten erklären können. Alles in allem bietet sich deshalb an, die vergleichende Methode mit transfergeschichtlichen Untersuchungsansätzen zu kombinieren. Dabei muss aber analytisch und heuristisch zwischen beiden Verfahren getrennt werden. Auch wird durchweg zu beachten sein, dass interkulturelle und transnationale Transfers und Verflechtungen normativ grundsätzlich ambivalent sind. So waren der Austausch zwischen faschistischen Bewegungen (trotz ihres radikalen Nationalismus) und die Kooperation orthodox-kommunistischer Parteien in der III. Internationale ebenso integraler Bestandteil dieser Prozesse wie die Entstehung transnationaler Beziehungsnetze zwischen Friedensbewegungen und zivilgesellschaftlichen Nichtregierungsorganisationen.85 In methodologisch-theoretischer Hinsicht schließt das Buch nicht zuletzt an die im Folgenden erläuterte Neuorientierung der Politikgeschichte und zur historischen Forschung über die internationalen Beziehungen an, die in der Tradition des Historismus besonders in Deutschland lange auf das Handeln der Staatsmänner und Regierungen, die Spitzendiplomatie und die Außenpolitik fi-

84 Heinz-Gerhard Haupt / Jürgen Kocka (Hg.), Comparative and Transnational History. Central European Approaches and New Perspectives, New York 2009. Überblick in: Margrit Pernau, Transnationale Geschichte, Stuttgart 2011. 85 Jörn Leonhard, Comparison, Transfer and Entanglement, or: How to Write Modern European History today?, in: Journal of Modern European History 14 (2016), Nr. 2, S. 149–163; Arnd Bauerkämper, Wege zur europäischen Geschichte. Erträge und Perspektiven der vergleichs- und transfergeschichtlichen Forschung, in: Agnes Arndt / Joachim C. Häberlen / Christiane Reinecke (Hg.), Vergleichen, verflechten, verwirren? Europäische Geschichtsschreibung zwischen Theorie und Praxis, Göttingen 2011, S. 33–60; ders., Ambiguities of Transnationalism: Fascism in Europe Between Pan-Europeanism and Ultra-Nationalism, 1919–39, in: German Historical Institute Bulletin 29 (2007), Nr. 2, S. 43–67.

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xiert geblieben waren. Diese verengte Perspektive, die Politik als abgeschlossenen Bereich staatspolitischen (Ver-) Handelns gefasst hat, ist in den 1970er Jahren von Vertretern der neuentwickelten Sozialgeschichte – vor allem Hans-Ulrich Wehler (1931–2014) – scharf kritisiert worden. Gegenüber der „großen Politik der Kabinette“ hat diese Forschungsrichtung auf die gesellschaftlichen und (weniger prononciert) wirtschaftlichen Bedingungen politischen Handelns abgehoben. Demgegenüber haben Vertreter der Politikgeschichte aber weiterhin auf die relative Autonomie und Eigenlogik politischen Handelns insistiert.86 Die heftige Kontroverse über grundsätzliche Perspektiven der Geschichtsschreibung hat letztlich zu keiner Annäherung der gegensätzlichen Positionen geführt. Seit der Jahrtausendwende sind schließlich verstärkt Überlegungen zu einer Neuausrichtung der Politikgeschichte vorgestellt und dazu auch erste empirische Studien vorgelegt worden. Dabei ist eine Erweiterung auf nichtstaatliche Akteure auffallend. Zudem sollten – so die Forderung – die Definitionen, Verständnisse, Vorstellungen, Repräsentationsformen und Praktiken der Politik untersucht werden.87 Diese Hinwendung zur Kulturgeschichte sowie zur Analyse von Performanz und Praxis hat sich in verschiedenen Versuchen niedergeschlagen, gesellschaftliche Rückwirkungen, kulturelle Traditionen und Sinngebungen der Außenpolitik ebenso in historische Untersuchungen einzubeziehen wie Wahrnehmungen der Diplomatie und die ihr zu Grunde liegenden kollektiven Wertesysteme.88 Überdies hat sich das Verständnis des Staates in Studien 86 Klaus Hildebrand, Geschichte oder „Gesellschaftsgeschichte“? Die Notwendigkeit einer Politischen Geschichtsschreibung von den Internationalen Beziehungen, in: Historische Zeitschrift 223 (1976), S. 328–357; Hans-Ulrich Wehler, Kritik und kritische Antikritik, in: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 347–384; Thomas Nipperdey, Wehlers „Kaiserreich“. Eine kritische Auseinandersetzung, in: Geschichte und Gesellschaft 1 (1975), S. 539–560; Hans-Jürgen Puhle, Zur Legende von der „Kehrschen Schule“, in: Geschichte und Gesellschaft 4 (1978), S. 108–119. Bilanz in: Hans-Ulrich Thamer, Politische Geschichte, Geschichte der internationalen Beziehungen, in: Richard van Dülmen (Hg.), Fischer-Lexikon Geschichte, Frankfurt/M. 2003, S. 38–55; Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang, Göttingen 1993, S. 54–63. 87 Ute Frevert, Neue Politikgeschichte, in: Joachim Eibach / Günther Lottes (Hg.), Kompass der Geschichtswissenschaft, Göttingen 2002, S. 152–164; Thomas Mergel, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 574–606. Dazu auch die Beiträge zu: Ute Frevert / Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt/M. 2005. Als Pionierstudie: Johannes Paulmann, Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg, Paderborn 2000. 88 Eckart Conze, Zwischen Staatenwelt und Gesellschaftswelt. Die gesellschaftliche Dimension in der Internationalen Geschichte, in: Wilfried Loth / Jürgen Osterhammel (Hg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000, S. 117–140, bes.

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zur Politikgeschichte und zu den internationalen Beziehungen verändert. Zahlreiche Historiker haben nach der Auflösung der internationalen Ordnung des Kalten Krieges und unter dem Eindruck des Zerfalls von Staaten wie Jugoslawien gefordert, die analytische Fixierung auf den souveränen Territorial- und Nationalstaat (nach dem „Westfälischen System“) zu überwinden. Darüber hinaus sollen auch (vermittelnde) nichtstaatliche Akteure und Institutionen – zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen – einbezogen werden. Nicht zuletzt wird angestrebt, nationalhistorische und eurozentrische Perspektiven aufzubrechen und die transnationale Bedingtheit von Politik zu berücksichtigen.89 Dazu hat auch die neuere Global- und Imperialgeschichte beigetragen.90 Diese Studie über den Umgang mit „inneren Feinden“ im Ausnahmezustand der beiden Weltkriege schließt an die Neuorientierung der Geschichtsschreibung zu den internationalen Beziehungen an, indem sie auf die wechselseitige Bedingtheit von Politik und Gesellschaft abhebt. Darüber hinaus wird das Verhältnis von sicherheitsbezogenen und humanitären Diskursen und Praktiken untersucht, die in der Geschichtsschreibung zu den internationalen Beziehungen bereits erforscht worden sind.91 Dabei werden Außen- und Innenpolitik S. 131 f.; 135; Gottfried Niedhart, Selektive Wahrnehmung und politisches Handeln: internationale Beziehungen im Perzeptionsparadigma, in: ebd., S. 141–157, bes. S. 147 f., 155; Guido Müller, Internationale Gesellschaftsgeschichte und internationale Gesellschaftsbeziehungen aus der Sicht der deutschen Geschichtswissenschaft, in: Eckart Conze / Ulrich Lappenküper / Guido Müller (Hg.), Geschichte der internationalen Beziehungen. Erneuerung und Erweiterung einer historischen Disziplin, Köln 2004, S. 231–258, hier: S. 236, 249 f., 252; Jost Dülffer / Wilfried Loth, Einleitung, in: dies (Hg.), Dimensionen internationaler Geschichte, München 2012, S. 1–8, bes. S. 3 f.; Akira Iriye, Internationalizing International History, in: Thomas Bender (Hg.), Rethinking American History in a Global Age, Berkeley 2002, S. 47–62, bes. S. 49, 51– 53, 60; Wolfram Kaiser, Globalisierung und Geschichte. Einige methodische Überlegungen zur Zeitgeschichtsschreibung der internationalen Beziehungen, in: Guido Müller (Hg.), Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert. Fs. Klaus Schwabe, Stuttgart 1998, S. 31–48, bes. S. 42, 44, 48; Ursula Lehmkuhl, Diplomatiegeschichte als internationale Kulturgeschichte: Theoretische Ansätze und empirische Forschung zwischen Historischer Kulturwissenschaft und Soziologischem Internationalismus, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 394–423, bes. S. 410 f., 415, 416 f. 89 Eckart Conze, Abschied von Staat und Politik? Überlegungen zur Geschichte der internationalen Politik, in: ders. / Lappenküper / Müller (Hg.), Geschichte, S. 15–43, bes. S. 35, 40–42; 90 Überblicke in: Sebastian Conrad, Globalgeschichte. Eine Einführung, München 2013; Jürgen Osterhammel, Internationale Geschichte, Globalisierung und die Pluralität der Kulturen, in: Loth / Osterhammel (Hg.), Internationale Geschichte, S. 387–408, bes. S. 394, 408; Benedikt Stuchtey, Zeitgeschichte und Imperialgeschichte. Wendepunkte der internationalen Forschung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 301–337. 91 Luke Kelly, British Humanitarian Activity in Russia, 1890–1923, Cham 2018, S. 6. Vgl. auch die Anregungen in: Sandrine Kott, Internationalism in Wartime. Introduction, in: Journal of Modern European History 12 (2014), S. 317–322, bes. S. 317.

1 Einleitung 

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miteinander verschränkt und gesellschaftliche Mobilisierungsprozesse auf die Politik von Regierungen und Verwaltungen bezogen. Zudem bezieht die Darstellung außer Diskursen auch konkrete Praktiken – so Gesetze und Maßnahmen – ein. Die Darstellung gründet im Wesentlichen auf einer umfassenden Auswertung der Forschungsliteratur. Auch wurden Memoiren und Tagebücher beteiligter Akteure einbezogen. Darüber hinaus basiert die Darstellung auf Quelleneditionen und Gesetzestexten, die vielfach im Internet verfügbar sind. Jedoch konnten auch umfangreiche Bestände der National Archives (NA, London) eingesehen werden, die wichtige Befunde und Einsichten zur Sicherheitspolitik der kriegführenden Staaten, zu ihren Beziehungen und zur Rolle der neutralen Länder vermittelten.92 In der ebenfalls genutzten Library of the Religious Society of Friends (LSF, London) wurden Dokumente zur Unterstützung der Quäker für zivile Feindstaatenangehörigen und zur Kooperation dieses Verbandes mit anderen Hilfsorganisationen ausgewertet.93 Zwar dominiert in der Überlieferung der beiden Archive die britische Perspektive. Die Quäker verfügten aber weltweit über Verbindungen, und auch die Regierungsinstitutionen des Vereinigten Königreiches unterhielten nicht nur enge Beziehungen zu den Regierungen anderer Staaten, sondern auch zu humanitären Organisationen wie dem IKRK. In diesem Buch werden unterschiedliche Formen des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Hinblick auf das Verhältnis zwischen den Forderungen nach Sicherheit und Menschenrechten analysiert. Demgegenüber bezieht die Darstellung andere Kriegsopfer wie gefangene Soldaten, Versehrte, Geiseln, verfolgte Minderheiten, Flüchtlinge und politische Oppositionelle nur ein, soweit sie den Umgang mit den Zivilisten der jeweiligen gegnerischen Staaten berührten. Dabei behandelt die Studie nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch gesellschaftliche Akteure. Im Gegensatz zu bisher veröffentlichten Arbeiten, die oft einen gegebenen Ausnahmezustand vorausgesetzt haben, wird hier untersucht, wie Regierungen und zivile Feindstaatenangehörige die Konstellation der beiden Weltkriege für ihr Handeln, dessen Begründung und Legitimation nutzten. Dabei sollen über die häufig repressive Politik in den kriegführenden Staaten hinaus auch Akteure, Potentiale, Ansätze und Grenzen humanitären zivilgesellschaftlichen Handelns im Ersten Weltkrieg konturiert werden.94

92 Es handelt sich im Einzelnen besonders um Bestände des Home Office, des Foreign Office und des Colonial Office. Vgl. im Einzelnen das Literaturverzeichnis. 93 Aufschlussreich war besonders die Überlieferung des Friends Emergency and War Victims Relief Committee und des Friends Committee for Refugees and Aliens. Auch dazu detailliert das Literaturverzeichnis. 94 Luff, Operations, S. 730.

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Die Darstellung konzentriert sich im Anschluss an eine Erläuterung der leitenden Begriffe (zweites Kapitel) und eine Einbettung in den historischen Kontext der beiden Weltkriege (drittes Kapitel) auf die Sicherheitspolitik in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn und das Russische Zarenreich bzw. die Sowjetunion in den beiden Weltkriegen. Da vom Vereinigten Königreich schon in den Jahren von 1914 bis 1918 eine „systematische Verschärfung der nationalen Abgrenzungspolitik“ ausging, wird dieses Land besonders eingehend untersucht.95 Die Abhandlung, welche die beiden Weltkriege in getrennten Bänden behandelt, bezieht aber auch andere europäische Staaten und außereuropäische Räume ein. Im vierten und sechsten Kapitel wird der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Ersten bzw. im Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Die Ausführungen zu den einzelnen Ländern sind vergleichend angelegt. Zudem werden die staatlichen Sicherheitsmaßnahmen jeweils beziehungs- und verflechtungsgeschichtlich eingeordnet, da die Regierungen der kriegführenden Staaten ihre Politik wechselseitig wahrnahmen und aufeinander reagierten. Das transnationale Engagement humanitärer Organisationen als Gegenpol zu den Sicherheitsdiskursen und -maßnahmen in den beiden Weltkriegen wird im fünften und siebten Kapitel nachgezeichnet und erklärt. Zuvor müssen im folgenden Abschnitt aber zunächst die leitenden Begriffe „Sicherheit“, „Freiheit“ und „Zivilgesellschaft“ erläutert und in die Forschungsdiskussion eingeordnet werden.

95 Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 119. Vgl. auch Stibbe, Civilian Internment, S. 306.

2 Konzeptionelle Grundlage: Sicherheit, Menschenrechte und Zivilgesellschaft in vergleichs- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive 1961 erinnerte der kanadische Psychologe John Davidson Ketchum (1893–1962), der 1914 als 21-jähriger Musikstudent in Deutschland interniert und bis 1918 im Lager Ruhleben festgehalten wurde, an die „ruthless inhumanity of the modern armed state, and the readiness of millions to acquiesce in it. It is this passive acquience that is so frightening, for it means that we are losing the most human of all our capacities – the power of imagination, the ability to feel with and for our fellow-men. If this is the price we must pay for ‚national security‘ its cost will be disastrous.“1 Im Rückblick verwies damit ein unmittelbar Betroffener nicht nur auf die Deformation zivilgesellschaftlicher Normen wie Empathie im Ersten Weltkrieg, sondern auch auf die Verdrängung von Humanität bzw. Menschenrechten zugunsten weitgespannter Sicherheitsansprüche. Bevor diese Probleme mit Bezug auf die beiden Weltkriege untersucht werden, sind in diesem Kapitel zunächst die leitenden Begriffe und Konzepte zu diskutieren: „Sicherheit“, „Humanität“, „Menschenrechte“ und „Zivilgesellschaft“. Da vor allem die ersten beiden analytischen Kategorien grundlegend für die weitere Darstellung sind, werden sie besonders ausführlich diskutiert.

2.1 Sicherheit Begriff und Konzept „Sicherheit“ kann als Zustand, Konzept, Ziel und Konstruktion gefasst werden. Sie ist direkt oder implizit auf Unsicherheit und Risiko bezogen. Sowohl materielle Bedingungen als auch menschliches Verhalten vermögen Sicherheit zu verleihen. Grundsätzlich muss zwischen einem negativen Sicherheitsverständnis (als Schutz vor Gefahr) und einem positiven Konzept (als rechtlicher Rahmen) differenziert werden. Die Beziehung zwischen Sicherheit und Freiheit ist deshalb unterschiedlich gefasst worden. Während viele Kommentatoren vor allem angesichts der Erfahrung der Kontrolle in den Diktaturen des 20. Jahrhundert von einem Spannungsverhältnis ausgegangen sind, hat schon der englische Ju1 John Davidson Ketchum, Ruhleben. A Prison Camp Society, London 1965, S. XVIII. https://doi.org/10.1515/9783110529951-002

40  2 Konzeptionelle Grundlage

rist und Sozialphilosoph Jeremy Bentham (1748–1832) beide Konzepte eng aufeinander bezogen. Nach ihm setzt Freiheit sogar Sicherheit voraus. Auch das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Sekurität ist ambivalent geblieben. Einerseits sind beide Bereiche mit der Trennung von Staat und Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert auseinandergetreten. Andererseits kann eine Verflechtung von innerer und äußerer Sicherheit bis zur Gegenwart nicht übersehen werden.2 Deutlich ist in der neueren Forschung auch herausgearbeitet worden, dass „Sicherheit“ als soziale Konstruktion spezifischer Akteure zu verstehen ist. In Auseinandersetzungen ringen sie nicht nur um ihre jeweiligen Normen, Werte, Überzeugungen und Deutungen, sondern sie vertreten dabei auch jeweils partikulare Interessen. Seit dem 19. Jahrhundert haben sich die Vorstellungen und Wahrnehmungen zu Sicherheitskulturen verdichtet, die Identitäten gestiftet und damit zur Bildung von Gemeinschaften beitragen haben. Dieser Prozess, den die Entstehung von Territorial- und Nationalstaaten mit ihren politischen Sicherheitsansprüchen seit der Frühen Neuzeit kräftig gefördert hat, ist von mächtigen Emotionen – vor allem Angst – getragen worden. Diese haben den Einschluss von (jeweils unterschiedlich definierten) Staatsangehörigen ebenso vorangetrieben wie den Ausschluss von „Feinden“. Sicherheit ist damit nicht nur eine objektive, sondern auch eine subjektive Kategorie, die politisch und gesellschaftlich ausgehandelt wird. Diese verschiedenen Dimensionen, die in diesem Buch anhand des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen in den beiden Weltkriegen behandelt werden, sind im Folgenden zu erläutern. Zunächst sollte Sicherheit nicht statisch verstanden werden. Vielmehr muss von einem beträchtlichen historischen Wandel ausgegangen werden, so dass der Stellenwert und die Formen der Sicherheitspolitik und die ihr zu Grunde liegenden Ziele, Interessen, Diskurse und Überzeugungen variiert haben. Dabei wechselten jeweils Phasen der Ver- und Entsicherheitlichung (securitization und desecuritization). Die Abfolge von Bedrohungen und „Bedrohungsvergessenheit“ mit den daraus resultierenden Sicherheitsrisiken ist deshalb ebenso zu untersuchen wie das Verhältnis zwischen Bedrohungsdiagnosen und Strategien sowie Praktiken der Sekurität. So sind Risiken zwar allgegenwärtig; zugleich finden sich in Gesellschaft und Politik Rhetoriken der Sicherheit, die darauf verweisen, dass die Herstellung von Sekurität das Ausscheiden von Unsicherheit 2 Hierzu und zum Folgenden: Werner Conze, Art. „Sicherheit, Schutz“, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 5, Stuttgart 1984, S. 831–862; Matthias Schulz, Cultures of Peace and Security from the Vienna Congress to the Twenty-First Century. Characteristics and Dilemmas, in: Beatrice de Graaf / Ido de Haan / Brian Vick (Hg.), Securing Europe after Napoleon. 1815 and the New European Security Culture, Cambridge 2019, S. 21–39, hier: S. 21; Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 10.

2.1 Sicherheit



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voraussetzt. Auch der Zufall soll mit politischen Eingriffen ausgeschaltet werden. Sicherheit und Unsicherheit bestehen demgegenüber nicht nur gleichzeitig, sondern sie sind in ambivalenter Weise aufeinander bezogen. Nicht zuletzt ist das Streben nach Sekurität durchweg mit oft alltäglichen Grenzerfahrungen verbunden.3

Untersuchungsansatz Im Gegensatz zur „Kopenhagener Schule“, die Sicherheit weitgehend auf Sprechakte und Diskurse reduziert hat, sind von der „Pariser Schule“ auch Handlungen, politisch-gesellschaftliche Praktiken, soziale Beziehungen und Konflikte einbezogen worden. Seit der Frühen Neuzeit ist Sicherheitspolitik in spezifischen Konstellationen und als Resultat (symmetrischer oder asymmetrischer) Aushandlungsprozesse durchgesetzt und implementiert worden. Dabei mussten Konflikte über unterschiedliche Perzeptionen, Konzepte und Maßnahmen entschieden werden. Auseinandersetzungen über Sicherheit haben nicht nur wiederholt zu einer umfassenden politischen und sozialen Mobilisierung geführt, sondern auch zur Vergesellschaftung beigetragen. Alles in allem ist das Konzept der „Pariser Schule“ von Sicherheit als Prozess von Diskursen und Handlungen für historische Studien besonders anschlussfähig und geeignet. Es wird deshalb der Untersuchung des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen in diesem Buch zu Grunde gelegt.4

3 Eckart Conze, Historicising a Security Culture: Peace, Security and the Vienna System in History and Politics, 1815 to the Present, in: de Graaf / de Haan / Vick (Hg.), Europe, S. 40– 55, hier: S. 49, 54; Jan Hinrichsen / Reinhard Johler / Sandro Kott, Katastrophen. Vom Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen, in: Ewald Frie / Mischa Meier (Hg.), Aufruhr – Katastrophe – Konkurrenz – Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften, Tübingen 2014, S. 61–82, hier: S. 70 (Zitat), 75, 81; Katharina Eisch-Angus, Absurde Angst. Narrationen der Sicherheitsgesellschaft, Wiesbaden 2019, S. 13–15, 31 f. 4 Grundlegend: Barry Buzan / Ole Waever / Jaap De Wilde, Security: A New Framework for Analysis, Boulder 1998. Vgl. im Einzelnen Eckart Conze, Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, Göttingen 2018, S. 82–98; ders., Securitization. Gegenwartsdiagnose oder historischer Analyseansatz?, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 453–467; Christopher Daase / Stefan Engert / Julian Junk, Gesellschaftliche Verunsicherung als Herausforderung des Staates: Eine Einführung, in: dies. (Hg.), Verunsicherte Gesellschaft – überforderter Staat. Zum Wandel der Sicherheitskultur, Frankfurt/M. 2013, S. 9–32, hier: S. 11 f., S. 19; Arnd Bauerkämper, Einleitung: Sicherheitskulturen. Konzeptionelle Überlegungen aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive, in: Arnd Bauerkämper / Natalia Rostislavleva (Hg.), Sicherheitskulturen im Vergleich. Deutschland und Russland / UdSSR seit dem späten 19. Jahrhundert, Paderborn 2014, S. 7–31, hier: S. 21–26.

42  2 Konzeptionelle Grundlage

Auseinandersetzungen über Sicherheit sind nicht zuletzt von der Macht einzelner Akteure bestimmt worden, die bestrebt waren, ihre jeweiligen Konzeptionen von Sekurität durchzusetzen und dabei andere Gruppen ein- bzw. ausschlossen. Auf diesem Konfliktfeld ist das Verhältnis zwischen Sicherheit und grundlegenden Menschenrechten – so persönliche Unversehrtheit – entweder komplementär oder antinomisch verstanden, konzipiert und funktionalisiert worden. Dabei hat die mediale Vermittlung besonders seit dem 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle eingenommen. Zudem haben sich die Handlungspraktiken der jeweils beteiligten politischen Gruppen unterschieden. Alles in allem ist bei der Konzipierung und Implementation von Sicherheitspolitik seit dem späten 19. Jahrhundert der Einfluss nichtstaatlicher, gesellschaftlicher Akteure gewachsen, so dass in der politikwissenschaftlichen Forschung inzwischen sogar von einer security governance ausgegangen wird. In der Mobilisierung und im Aktivismus der Bevölkerung gegen „Feinde“ im Ersten Weltkrieg erreichte dieser Prozess einen ersten Höhepunkt.5 Wie bereits angedeutet, ist grundsätzlich zwischen Wahrnehmungen von Sicherheitsgefahren und konkreten Bedrohungen von Sekurität zu unterscheiden. Zwar überhöht die Differenzierung zwischen „objektiver“ und „subjektiver“ bzw. „affektiver“ Sicherheit eine Expertenkultur, die beansprucht, „wirkliche“ und scheinbare Gefahren eindeutig voneinander abgrenzen zu können. Jedoch bestimmen, konstruieren, kommunizieren und verhandeln spezifische Akteure mit ihren Wahrnehmungen, Interessen, Überzeugungen, Normen und Werten durchweg Angstgefühle einerseits und Sicherheitsgewissheiten andererseits.6 In spezifischen historischen Konstellationen haben Gefahren- und Risikoperzeptionen von Akteuren und die von ihnen jeweils vertretenen Werte, Normen und Ziele jeweils Diskussionen über Sekurität ebenso geprägt wie politische und gesellschaftliche Handlungen zugunsten der Sicherheit, z. B. die Vorbereitung und Verabschiedung von Gesetzen. Daraus sind seit dem 19. Jahrhundert „Sicherheitskulturen“ hervorgegangen. Sie umfassen grundsätzlich die „Überzeugungen, Werte und Praktiken von Institutionen und Individuen […], die darüber entscheiden, was als eine Gefahr anzusehen ist und wie und 5 Allgemein: Christoph Gusy, Sicherheitskultur – Sicherheitspolitik – Sicherheitsrecht, in: Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft 93 (2010), H. 2, S. 111–128, hier: S. 114, 125. 6 Andreas Anter, Die politische Idee der Sicherheit. Theoriegeschichte und Staatspraxis eines modernen Konzepts, in: Martin Möllers / Robert van Ooyen (Hg.), Jahrbuch öffentliche Sicherheit 2008/2009, Frankfurt/M. 2008, S. 15–25, hier: S. 18. Ähnlich hat Franz-Xaver Kaufmann zwischen „Systemsicherheit“ und „Selbstsicherheit“ unterschieden. Vgl. Kaufmann, Sicherheit, S. 88 f.

2.1 Sicherheit 

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mit welchen Mitteln dieser Gefahr begegnet werden soll.“ Damit sind auch zwischenstaatliche und innergesellschaftliche Konflikte über Sekurität zu untersuchen.7 Der Begriff „Sicherheitskultur“ ist in den westlichen Staaten nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 geprägt worden. In den neunziger Jahren wurde er auch in der politik- und rechtswissenschaftlichen Forschung aufgenommen, wobei er allerdings entweder auf Nationalstaaten oder auf „Weltkulturen“ bezogen worden ist. Im Anschluss an Christopher Daase wird hier demgegenüber ein kulturwissenschaftlich-praxeologisch orientiertes und inspiriertes Konzept der „Sicherheitskultur“ vorgeschlagen. Es hebt darauf ab, dass Sicherheitsprobleme jeweils von einer einflussreichen Adressatengruppe wahrgenommen, definiert und akzeptiert werden. Daraus resultiert jeweils politisches und gesellschaftliches Handeln. Ausgehend von dieser Überlegung, sollten historische Studien (oft nicht bewusste) Konzepte und Sinngebungen von Sicherheit rekonstruieren und analysieren, die sich in sozialen Praktiken niederschlagen. „Sicherheitskultur“ umfasst damit „diejenigen Werte, Diskurse und Praktiken […], die dem auf Erzeugung von Sicherheit und Reduzierung von Unsicherheit gerichteten sozialen Handeln individueller und kollektiver Akteure Sinn und Bedeutung geben.“8 Das Konzept vermag Ansätze unterschiedlicher Disziplinen zu Problemen der Sicherheit zu integrieren und wird der Einsicht gerecht, dass Sicherheitskulturen als Ensemble spezifischer, in der Regel interessengeleiteter Konstruktionen und Praxen gefasst werden sollten. „Sicherheitskultur“ erfasst die objektive und subjektive Dimension, Diskurse und Handeln sowie Sicherheitspolitik und -regimes auf nationaler, internationaler und transnationaler Ebene. Damit können auch Vorwände und vordergründige Rechtfertigungen von Unterdrückung, Verfolgung und Mord identifiziert und analysiert werden. Die Durchsetzung besonderer Verständnisse und Vorstellungen von Sekurität wird darüber hinaus maßgeblich von den jeweiligen Machtverhältnissen bestimmt. Die Untersuchung von Praktiken der Überwachung und Repression ist in diesem Zusammenhang besonders relevant und fruchtbar. Dabei sind allerdings polizeiliche Maßnahmen von geheimdienstlichen Aktivitäten zu unterscheiden. Indem dar7 Zitat: Daase, Wandel, S. 9; ders., Sicherheitskultur, S. 40. Vgl. auch Daase, National, Societal, and Human Security, S. 22. Zur akteurstheoretischen Ausrichtung grundsätzlich die Überlegungen in: Frank Adloff, Kollektives Handeln und kollektive Akteure, in: Friedrich Jaeger / Jürgen Straub (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Paradigmen und Disziplinen, Bd. 2. Stuttgart 2004, S. 308–326. 8 Zitat: Christopher Daase, Sicherheitskultur – Ein Konzept zur interdisziplinären Erforschung politischen und sozialen Wandels. In: Sicherheit und Frieden 29 (2011) 2, S. 59–65, hier: S. 63. Vgl. auch Conze: Securitization, S. 456; Kaufmann, Sicherheit, S. 97.

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über hinaus Freiheit als konkurrierender Leitwert in Studien einbezogen wird, entsteht ein Spannungsbogen, der Sicherheit als Konfliktfeld konstituiert. So gefasst, sind geschichtswissenschaftliche Studien zum Wandel von Sicherheitsvorstellen und -politik auch unmittelbar anschlussfähig gegenüber der neueren interdisziplinären Demokratisierungsforschung.9

„Sicherheit“, „Kontingenz“ und „Risiko“ Von diesen allgemeinen Überlegungen ausgehend, müssen Sicherheit und Unsicherheit konsequent historisiert werden. Im 16. und 17. Jahrhundert vollzog sich ein Bedeutungswandel der Begriffe certitudo und securitas und der damit einhergehenden Vorstellungen. Die Schutz- und Sicherheitszusagen für einzelne Personen und bestimmte Räume wurden vom Bezug auf den Territorialstaat verdrängt. Damit verbunden, bildete sich eine staatliche Sicherheitspolitik heraus. Diese Entwicklung begleitete eine Neuorientierung der Welterkenntnis. Der Unterschied zwischen Wissen und Gewissheit, die Martin Luther (1483–1546) noch auf das Heil begrenzt hatte, spiegelte sich in der Trennung von Theologie und Philosophie wider. Ihnen wurden der Glaube bzw. die Vernunft zugeordnet. Insgesamt traten Glauben und Wissen auseinander, und die zeitgenössische Diskussion erkannte und akzeptierte diese Differenz zusehends. Damit wurde Unsicherheit als „Risiko“ kalkulierbar und Sicherheit gestaltbar. Zugleich entwickelten sich darüber Konflikte.10 Auf dieser Grundlage konnte die Staatsgewalt ihren Anspruch auf Sicherheit bis zum 18. Jahrhundert sukzessive gegenüber konkurrierenden Instanzen durchsetzen. Dieser Prozess vollzog sich aber ungleichmäßig. Auch bildeten sich in der Frühen Neuzeit keineswegs überall ein Staatsvolk und ein Staatsgebiet mit klaren Grenzen heraus, so nicht im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806). Damit überlappten sich im 16. und 17. Jahrhundert noch personen- und territorialstaatliche Sicherheitsregimes. In beiden Verständnissen hob Sekurität im Allgemeinen aber eng auf Frieden und Schutz vor Verschwörungen (conjuratiae) ab. Dazu bezogen Territorialherren einen breiten 9 Dazu das Plädoyer in: Paul Nolte, Jenseits des Westens? Überlegungen zu einer Zeitgeschichte der Demokratie, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), S. 275–301, hier S. 279. Zu den hier erläuterten Dimensionen von Studien zu Sicherheit: Conze, Security Culture, S. 45, 54; Paul Gordon Lauren, The Evolution of International Human Rights. Visions Seen, Philadelphia 2011, S. 301 f., 306, 310; Luff, Operations, S. 731, 733. 10 Andrea Schrimm-Heins, Gewißheit und Sicherheit. Geschichte und Bedeutungswandel der Begriffe certitudo und securitas, in: Archiv für Begriffsgeschichte 34 (1991), S. 123–213, hier: S. 127–131, 197; Conze, Geschichte, S. 22, 107–109; ders., Security Culture, S. 46.

2.1 Sicherheit



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Fundus von Tatbeständen, die als „Verrat“ galten, auf die öffentliche Sicherheit (securitas publica). Umgekehrt sollte im frühneuzeitlichen Staat die Herstellung von Sicherheit Herrschaft ermöglichen und rechtfertigen. „Policey“ bezeichnete in diesem Sinne zugleich die Ordnung eines Gemeinwesens und dieses selber. Allerdings bildete sich bis zum Dreißigjährigen Krieg kein allgemeines Sicherheitsverständnis heraus. Vielmehr blieben pax publica und pax civilis die vorherrschenden Begriffe. Auch nutzten die Obrigkeiten zwar die Justiz, um politische Verbrechen zu delegitimieren und zu bekämpfen. Die dafür genutzten Normen blieben aber uneinheitlich. Sicherheit und Ordnung wurden dabei in der Vergangenheit identifiziert, die deshalb wiederhergestellt werden sollte.11 Erst im 18. Jahrhundert definierten die strafrechtliche Literatur, die Gesetzgebung und die Praxis der Sicherheitspolitik in den verschiedenen Territorien spezifische Bedrohungen und Maßnahmen, um die jeweils identifizierten Gefahren abzuwenden. Obwohl „Policey“ weiterhin auch die Wohlfahrtspflege umfasste, galt sie nunmehr erstmals als Institution, der die Obrigkeiten Aufgaben zum Schutz von Gemeinwesen übertrugen. Zugleich wurde Sicherheitspolitik zu einer wichtigen Grundlage der Legitimation staatlicher Herrschaft. Damit waren staatliche Akteure aber auch mit einem neuen Dilemma konfrontiert, denn die Bemühungen um Ordnung und Sicherheit deckten fortlaufend „Leerstellen des Nicht-Überwachten, Unsicheren und Ungeordneten“ auf. So konnte die Legitimität von Herrschaft unterminiert werden.12 Sicherheitspolitische Maßnahmen schufen damit neue Erwartungen, die wiederum weitere Eingriffe zur Gefahrenabwehr begründeten und herbeiführ11 Karl Härter / Beatrice de Graaf, Vom Majestätsverbrechen zum Terrorismus: Politische Kriminalität, Recht, Justiz und Polizei zwischen Früher Neuzeit und 20. Jahrhundert, in: dies. (Hg.), Vom Majestätsverbrechen zum Terrorismus: Politische Kriminalität, Recht, Justiz und Polizei zwischen Früher Neuzeit und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2012, S. 1–22, hier: S. 3– 8; ders., Sicherheit und Frieden im frühneuzeitlichen Alten Reich. Zur Funktion der Reichsverfassung als Sicherheits- und Friedensordnung 1648–1806, in: Zeitschrift für Historische Forschung 20 (2003), S. 413–431, hier: S. 415–419; Cornel Zwierlein / Beatrice de Graaf, Security and Conspiracy in Modern History, in: Historical Social Research 38 (2013), Nr. 1, S. 7–45, hier: S. 7–15; Cornel Zwierlein, Return to Premodern Times? – Contemporary Security Studies, the Early Modern Holy Roman Empire, and Coping with Achronies, in: German Studies Review 38 (2015), S. 373–392, bes. S. 373, 378 f., 381, 383, 387; Achim Landwehr, Zukunft – Sicherheit – Moderne. Betrachtungen zu einem unklaren Verhältnis, in: Christoph Kampmann / Angela Marciniak / Wencke Meteling (Hg.), „Security turns ist eye exclusively to the future“. Zum Verhältnis von Sicherheit und Zukunft in der Geschichte, Baden-Baden 2018, S. 37–56, hier: S. 50 f.; André Krischer, Von Judas bis zum Unwort des Jahres 2016: Verrat als Deutungsmuster und seine Deutungsrahmen im Wandel, in: ders. (Hg.), Verräter. Geschichte eines Deutungsmusters, Wien 2019, S. 7–41, hier: S. 22; Conze, Geschichte, S. 25; Kaufmann, Sicherheit, S. 76, 81. 12 Landwehr, Zukunft, S. 53.

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ten. Auf dieses Sicherheitsdilemma ist schon im späten 18. Jahrhunderts hingewiesen worden. Darüber hinaus stellte die kritische Intelligenz in der Aufklärung dem Polizeistaat erstmals den Rechtsstaat gegenüber. So warnte Günther Heinrich von Berg (1765–1843) in seinem „Handbuch des Teutschen Polizeirechts“ 1799 vor einer Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten durch die Sicherheitspolizei, die sich im späten 18. Jahrhundert herausbildete. Ähnlich hatte der preußische Gelehrte Wilhelm vom Humboldt (1767–1835) Sicherheit schon sieben Jahre zuvor gleichermaßen auf den Staat und die Bürger bezogen. Der moderne Territorialstaat verhieß Schutz, drohte aber auch mit Kontrolle und Unterdrückung. Demgegenüber fassten konservative Kritiker der Französischen Revolution Freiheit einseitig als Recht auf Sicherheit.13 Die sich öffnende Kluft zwischen „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“14 verlieh im 19. Jahrhundert der Erkenntnis und Vorstellung Auftrieb, dass Menschen Zeit gestalten können. Zwar hatten sich Sicherheitsvorstellungen schon in der Frühen Neuzeit auf Zukunftserwartungen bezogen, die im Allgemeinen als Utopie, Prophetie, Prognose oder Planung gefasst worden waren. Mit der Ausweitung der politischen Teilhabe um 1900 sollte Sicherheit demgegenüber zunehmend bestimmte politische Ordnungsentwürfe legitimieren. Diese mussten diskutiert, gerechtfertigt und ausgehandelt werden. Zugleich traten Grenzen der Plan- und Kalkulierbarkeit hervor. Das Bewusstsein von Kontingenz verschärfte sich in der „klassischen Moderne“, als besonders die Industrialisierung, Urbanisierung und Rationalisierung traditionale Lebenswelten umfassender erschütterten als zuvor. Zudem stellten Nationalisten und Liberale die Legitimität multiethnischer Imperien und dynastischer Herrschaft in Frage.15

13 Franz-Ludwig Knemeyer, Artikel „Polizei“, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 4, Stuttgart 1978, S. 875–897, hier: S. 883, 886 f.; Hans Erich Bödeker, Artikel „Menschheit, Humanität, Humanismus“, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 3, Stuttgart 1982, S. 1063–1128, hier: S. 1103; Conze, Geschichte, S. 24–31, S. 128; Kaufmann, Sicherheit, S. 76, 81; Eisch-Angus, Angst, S. 16 f. 14 Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/ M. 1979, S. 359, S. 364, S. 372. Dazu: Anders Schinkel, Imagination as a Category of History: An Essay Concerning Koselleck’s Concepts of Erfahrungsraum and Erwartungshorizont, in: History and Theory 44 (2005), S. 42–54, bes. S. 42, 45, 47 f., 52–54. 15 Detlev K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt/ M. 1987; Ulrich Herbert, Europe in High Modernity. Reflections on a Theory of the 20th Century, in: Journal of Modern European History 3 (2006), S. 5–21; Jan-Werner Müller, Contesting Democracy. Political Ideas in Twentieth-Century Europa, New Haven 2011, S. 9–16. Dazu auch: Au-

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Im Allgemeinen kann Kontingenz als „Nicht-Wissen über zukünftige Ereignisse bei gleichzeitigem Wissen um die Möglichkeit zukünftiger Negativ-Ereignisse“ gefasst werden. Sie zeichnet sich durch die „Ambivalenz von Unsicherheit und Handlungsoffenheit“ aus. Kontingenz ist zugleich verfügbar (durch Handlungen) und unverfügbar (als Zufall). Ihr Verständnis wird gesellschaftlich ausgehandelt und unterliegt damit dem Wandel, und ihre Erfahrung hat wiederholt Bemühungen um eine Kontrolle und Einschränkung ausgelöst. Dabei entwickelten sich verschiedene Formen von Versicherungen.16 In der Krise des fin de siècle um 1900 war aus der Sicht vieler Zeitgenossen „fundamentale Unsicherheit zum Signum der Moderne“ geworden, die sich als „Bewegung in eine unbekannte Zukunft“ entpuppte. Dabei wurde die Gegenwart im Allgemeinen eng auf die Zukunft, aber auch auf die Vergangenheit bezogen. Aus der intensiven Erfahrung von Unsicherheit resultierte ein verstärktes Bedürfnis nach Kontingenzreduktion.17 „Sicherheit“ verhieß angesichts dieses Bewusstseins von der Unbestimmtheit der Zukunft („known unknowns“) die „Lösung des Problems gesteigerter Kontingenz von Individuen.“18 Als Leitbild war Sekurität gegen die „Kontingenz der Zeit“ und die „Ungewissheit der Zukunft“ gerichtet. Der Begriff antwortete auf „charakteristische Problemlagen der Moderne in utopischer Weise, und gegust Nitschke u. a. (Hg.), Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880–1930, Reinbek 1990; Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 10 f., 28. 16 Zitate (in dieser Reihenfolge): Benjamin Scheller, Kontingenzkulturen – Kontingenzgeschichten: Zur Einleitung, in: Becker / Scheller / Schneider (Hg.), Ungewissheit, S. 9–30, hier: S. 16; Michael Makropoulos, Möglichkeitsbändigungen. Disziplin und Versicherung als Konzepte der sozialen Steuerung von Kontingenz, in: Soziale Welt 41 (1990), S. 407–423, hier: S. 407. Vgl. auch Michael Makropoulos, Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne, in: Archives Européennes de Sociologie 45 (2004), Nr. 1, S. 369–399; Cornel Zwierlein / Rüdiger Graf, The Production of Human Security in Premodern and Contemporary History, in: Historical Social Research 35 (2010), H. 4, S. 7–21, hier: S. 16; Peter Itzen / Simone M. Müller, Risk as a Category of Analysis for a Social History of the Twentieth Century: An Introduction, in: Historical Social Research 41 (2016), S. 7–29, hier: S. 16 f.; Conze, Geschichte, S. 110 f. 17 Jörg Fisch, Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850–1914, Stuttgart 2002, S. 318 f. Vgl. auch Wolfgang Bonß, (Un-)Sicherheit in der Moderne, in: Peter Zoche / Stefan Kaufmann / Rita Haverkamp (Hg.), Zivile Sicherheit. Gesellschaftliche Dimensionen gegenwärtiger Sicherheitspolitiken, Bielefeld 2001, S. 43–69, hier: S. 47; Lucian Hölscher, Heute war damals keine Zukunft – Dimensionen einer Historischen Zukunftsforschung im 20. Jahrhundert, in: Frank Becker / Benjamin Scheller / Ute Schneider (Hg.), Die Ungewissheit des Zukünftigen, Frankfurt/M. 2016, S. 59–94, hier: S. 85; Henne, „Security turns ist eye exclusively to the future“, S. 9; Conze, Geschichte, S. 44, 133, 140–142; Schrimm-Heins, Gewißheit, S. 125. 18 Michael Makropoulos, „Sicherheit“, in: Joachim Ritter / Karlfried Gründer (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 9, Basel 1995, S. 745–750, hier: S. 748.

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rade darin liegt seine Attraktivität.“ Das Leben in modernen Gesellschaften ist durch Kontingenz und das Bewusstsein von Unsicherheit gekennzeichnet. Die Debatte über Sekurität und Risiko ist deshalb weniger auf einzelne Ereignisse wie Havarien in Atomkraftwerken zurückzuführen, sondern vorrangig auf die Komplexität moderner Gesellschaften, die zudem eng miteinander verwoben und auch deshalb überaus verwundbar sind.19 Kontingenz bezieht sich unmittelbar auf „Risiko“ als besondere Form der Unsicherheit über Zukünftiges. Der Begriff kennzeichnet eine Gefahr, die Menschen durch ihre Entscheidungen eingehen und damit zugleich schaffen. Risiken sind abhängig von materiellen Bedingungen, aber auch von Wahrnehmungen und Bemühungen, Gefahren zu berechnen, zu beherrschen oder zumindest zu verringern. Sie setzten nicht erst mit der Lösung vom Gottglauben in der Aufklärung und Säkularisierung ein, sondern beeinflussten elaborierte Rechtsordnungen bereits seit der Antike. Allerdings hat sich das Reden über Risiken und der Umgang mit ihnen in der Moderne verändert, besonders durch den Aufstieg von Staat und Recht zu wichtigen Ordnungsinstrumenten. Damit sind ungeahnte Handlungskapazitäten, aber auch neue Risikolagen entstanden. Ebenso haben sich die Wahrnehmungen von Bedrohungen in der Moderne intensiviert und gewandelt, so dass eine neue Risikokultur entstanden ist. Alles in allem haben sich spezifische Arrangements herausgebildet, die „künftige Bedrohungen kalkulierbar machen sollen.“20 Im Gegensatz zu Gefahren, denen Menschen aufgrund äußerer Einflüsse ausgesetzt sind, können Risiken durch menschliche Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen beeinflusst werden, wie besonders Niklas Luh19 Zit. nach (in dieser Reihenfolge): Kaufmann, Sicherheit, S. 92, 74. Dazu auch anhand der Konzepte, die Franz-Xaver Kaufmann, Niklas Luhmann und Ulrich Beck entwickelt haben: Kaufmann / Wichum, Risk, S. 50, 62, 67. Darüber hinaus: Andreas Thier, Mala futura, securitas und „Spekulation“: Rechtskulturen des Risikos im historischen Wandel, in: Rolf H. Weber u. a. (Hg.), Aktuelle Herausforderungen des Gesellschafts- und Finanzmarktrechts. Fs. Hans Caspar von der Crone, Zürich 2017, S. 845–862, hier: S. 846, 851. 20 Scheller, Kontingenzkulturen, S. 14. Vgl. auch Herfried Münkler, Strategien der Sicherung: Welten der Sicherheit und Kulturen des Risikos, in: ders. / Matthias Bohlender / Sabine Meurer (Hg), Welten der Sicherheit und Kulturen des Risikos. Theoretische Perspektiven, in: Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert, Bielefeld 2010, S. 11–34, hier: S. 11 f., 25; ders., Die Untrennbarkeit von Sicherheit und Risiko – Über die Komplementarität von Strategien und Mentalitäten in Sicherheitsregimen und Risikomanagement, in: Becker / Scheller / Schneider (Hg.), Ungewissheit, S. 161–184, hier: S. 162; Eva von Contzen / Tobias Huff / Peter Itzen, Risikogesellschaften: Eine Einführung. Reden über Risiko jenseits der Disziplin, in: dies. (Hg.), Risikogesellschaften. Literatur- und geschichtswissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld 2018, S. 7–32, hier: S. 8, 10, 13–15; Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 25; Eisch-Angus, Angst, S. 182 f.

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mann betont hat. Angesichts der Entstehung von „Risikogesellschaften“ haben in der Moderne deshalb Präventions- und Vorsorgeversuche zugenommen. Seit dem 19. Jahrhundert sollte vor allem staatliche Prävention Risiken verringern, die nunmehr als grundsätzlich kalkulierbar galten. Damit setzte eine Debatte über Mittel zur kollektiven Gefahrenabwehr, Vorsorge und Risikomanagement ein, um so Katastrophen zu verhindern oder einzudämmen. Als politisches Konzept versprach gerade der Präventionsstaat eine Beherrschbarkeit zukünftiger Gefahren. Aber auch darüber hinaus hat sich seit dem 19. Jahrhundert eine umfassende Versicherheitlichung vollzogen. Allerdings war dieser Prozess keineswegs linear, wie Phasen der Rücknahme von Sicherheitsmaßnahmen in den späten 1820er Jahren und von 1842 bis 1848 zeigen.21 Diese konzeptionellen Überlegungen eröffnen Einsichten in historische Konstellationen der Unbestimmtheit. Untersuchungen dazu müssen „qualitative Zuschreibungen durch die Akteure bzw. Handlungsparadigmen – Risiko, Gefahr, Mut, Wagnis, Planung, Strategie, Taktik, Kalkül, Entscheidung, Krise, Spiel und Glück, Erfolg und Scheitern – in den Blick nehmen, um den aktiven und dynamisierenden Charakter eines vergangenen Kontingenzbewusstseins zu markieren.“22 So können im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege als Konstellationen verdichteter Kontingenz verstanden werden. Zugleich verstärkten sich Prozesse der Risikokontrolle, besonders durch Planung und social engineering, aber auch Überwachung, Repression und Sicherheitspolitik, die ihrerseits mit Debatten über Kontingenz einhergingen. Damit verknüpft, hat sich das Sicherheitsverständnis differenziert. Technische und öffentliche Sekurität (safety bzw. security) sind zunehmend voneinander unterschieden worden. Daneben trat Gewissheit (certainty). Insgesamt werden damit Studien zu Formen des „Kontin-

21 Niklas Luhmann, Soziologie des Risikos, Berlin 1991, S. 31; ders., Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral, in: Gotthard Bechmann (Hg.), Risiko und Gesellschaft – Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung, Opladen 1993, S. 327–338, hier: S. 177 f. Vgl. auch Michael Makropoulos, Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne, in: Archives Européennes de Sociologie 45 (2004), Nr. 1, S. 369–399; Peter Itzen / Simone M. Müller, Risk as a Category of Analysis for a Social History of the Twentieth Century: An Introduction, in: Historical Social Research 41 (2016), S. 7–29, hier: S. 16 f.; Meike Haunschild, Freedom versus Security. Debates on Social Risks in Western Germany in the 1950s, in: Historical Social Research 41 (2016), S. 176–200, hier: S. 177; Zwierlein / Graf, Production, S. 16; Härter, Security, S. 202, 207, 213; Scheller, Kontingenzkulturen, S. 14; Frohman, Zukunft, S. 291; Kaufmann, Sicherheit, S. 88; Kaufmann / Wichum, Risk, S. 58; von Contzen / Huff / Itzen, Risikogesellschaften, S. 21, 24; Conze, Geschichte, S. 109–114, 143; Hinrichsen / Johler / Kott, Katastrophen, S. 79, 81. 22 Uwe Walter, Kontingenz und Geschichtswissenschaft – aktuelle und künftige Felder der Forschung, in: Becker / Scheller / Schneider (Hg.), Ungewissheit, S. 100.

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genzmanagements“ zu einem aussichtsreichen Feld der historischen Forschung.23

Die Herausbildung von „Sicherheit“ Schon im römischen Kaiserreich wurden libertas und securitas unter der Herrschaft des Kaisers Augustus zu zentralen, komplementären Begriffen der Herrschaftslegitimation. Demgegenüber fassten Republikaner „Freiheit“ und „Sicherheit“ als Gegensatz auf. Seit dem 12. Jahrhundert bemühten sich Obrigkeiten verstärkt, Risiken zu reduzieren, vor allem für Reisende. So erhielten Pilger, Gelehrte und Kaufleute Schutzbriefe. Zunehmend sollten auch Seereisende dem Zugriff von Piraten entzogen werden. Als sich im 12. Jahrhundert die Funktionen von reisenden Kaufleuten und Kapitalgebern in einem neuen Typ der Seehandelsunternehmung (Commenda) differenzierten, bildete sich in den aufsteigenden oberitalienischen Seestädten (besonders Venedig und Genua) die Seeversicherung heraus. Damit konnten die Risiken des Handels im Mittelmeer besonders angesichts der Bedrohung durch Seeräuber kontrolliert werden. Jedoch blieb daneben die Vorstellung vom prägenden Walten Gottes in der Weltordnung bestehen. Erst mit der Herausbildung des institutionalisierten Flächenstaates in der Frühen Neuzeit wurde Risikomanagement zur Aufgabe und zunehmend auch zur Legitimationsgrundlage hoheitlicher Herrschaft, die den Anspruch erhob, eine Zukunft in Sicherheit zu gestalten. Zugleich differenzierten sich im frühneuzeitlichen Territorialstaat schrittweise äußere und innere Sicherheit aus.24

23 Frankenberg, Staatstechnik, S. 35 f.; Bonß, (Un-)Sicherheit, S. 45; Walter, Kontingenz, S. 110. Zitat: Münkler, Untrennbarkeit, S. 176 f. Zur Planung und zum social engineering: Martin Schulze Wessel, Zukunftsvorstellungen und Planungspraktiken in der Sowjetunion und der sozialistischen Tschechoslowakei: zur Einleitung, in: ders. / Christine Brenner (Hg.), Zukunftsvorstellungen und Planungspraktiken im Sozialismus. Die Tschechoslowakei im ostmitteleuropäischen Kontext 1945–1989, München 2010, S. 1–18; Dieter Gosewinkel, Zwischen Diktatur und Demokratie. Wirtschaftliches Planungsdenken in Deutschland und Frankreich: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Mitte der 1970er Jahre, in: Geschichte und Gesellschaft 34 (2008), S. 327– 359; Thomas Etzemüller, Social engineering als Verhaltenslehre des kühlen Kopfes. Eine einleitende Skizze, in: ders. (Hg.), Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 11–39. 24 Münkler, Untrennbarkeit, S. 171–179; Thier, Mala futura, S. 854; Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 9 f, 19, 25. Vgl. auch Benjamin Scheller, Die Geburt des Risikos. Kontingenz und kaufmännische Praxis im mediterranen Seehandel des Hoch- und Spätmittelalters, in: Historische Zeitschrift 304 (2017), S. 305–331, bes. S. 314 f., 329 f.

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In der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde schließlich die Sicherung von „Ruhe und Ordnung“ zu einem kollektiven Grundbedürfnis. Das Streben nach innerer und wirtschaftlicher Stabilität kennzeichnete die Politik der Großmächte nach dem Sieg über Napoleon. Diesem Ziel schien die monarchische Herrschaft, die in Mitteleuropa mit den Karlsbader Beschlüssen 1819 gesichert werden sollte, lange durchaus gerecht zu werden. Das Sicherheitsverständnis des österreichischen Außenministers und Staatskanzlers Klemens von Metternich (1773–1859) umfasste gleichermaßen Innen- wie Außenpolitik. Im Einzelnen bezogen die sozialen und politischen Eliten „öffentliche Sicherheit“ auf den Schutz des Eigentums und die Bewahrung von Bürgerlichkeit als Wertesystem. Dazu dienten ab 1819 die grenzüberschreitende Kooperation bei der Überwachung von Oppositionellen – vor allem im Deutschen Bund –, der Aufbau der politischen Polizei und Gesetze, die Aufruhr und Subversion kriminalisierten. Zugleich erwies sich im späten 19. Jahrhundert allerdings angesichts der zunehmenden Beteiligung auch der Unterschichten am politischen Prozess der Aufbau des Wohlfahrtsstaates als unabdingbar. Vor diesem Hintergrund reflektierte und steigerte die Zunahme staatlicher Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft die Erwartungen und Ansprüche auf Sicherheit und Stabilität. Umgekehrt wurde die individuelle Risikoverantwortung zusehends vergemeinschaftet. Damit einhergehend, vollzog sich im späten 19. Jahrhundert eine stufenweise Ausweitung und institutionelle Differenzierung staatlicher Sicherheitspolitik. Das Kriegsrecht, das zunächst noch auf Soldaten und zivile Feindstaatenangehörige begrenzt war, wurde zu einem Notstandsregime ausgeweitet, das Repressionsmaßnahmen auch gegen Zivilisten rechtfertigen sollte.25 Außen den Unterschichten, der sich formierenden Arbeiterschaft und ihren Organisationen – Gewerkschaften und Parteien – wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders Anarchisten und terroristische Anschläge zu einer Bedrohung der monarchischen und bürgerlichen Ordnung. So versuchte 1866 ein Student, der aus der Universität Kazan ausgeschlossen worden war, Zar Alexander II. zu erschießen. Nach einer Reihe weiterer gescheiterter Attentate wurde das russische Staatsoberhaupt im März 1881 von einem Angehörigen der sozialrevolutionären Geheimorganisation Narodnaja volja („Volksfreiheit“ 25 Mark Neocleous, Critique of Security, Edinburgh 2008, S. 44–49; Glenda Sluga, Economic Insecurity, „Securities“ and a European Security Culture after the Napoleonic Wars, in: de Graaf / de Haan / Vick (Hg.), Europe, S. 288–305, hier: S. 288, 298, 301; Härter, Security, S. 197–200, 203, 211; Conze, Security Culture, S. 47; Thier, Mala futura, S. 856; Münkler, Untrennbarkeit, S. 181; Conze, Geschichte, S. 145. Hierzu und zum Folgenden auch: Hans Boldt, Art. „Ausnahmezustand, necessitas publica, Belagerungszustand, Kriegszustand, Staatsnotstand, Staatsnotstandsrecht“, in: Otto Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 343–376, hier: S. 356, 359, 362, 364; ders., Ausnahmezustand, S. 414.

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oder „Volkswille“) ermordet, auch weil der Zar sich nach einem unmittelbar vorangegangenen Bombenanschlag, bei dem er unversehrt geblieben war, um die Verletzten kümmerte. Diese Rücksichtnahme, mit der Alexander II. die Gefahr bewusst und ostentativ ignorierte, spiegelt die Prägekraft einer überkommenen heroisch-kriegerischen Sicherheitskultur wider, die auf aristokratischen und militärischen Verhaltensnormen beruhte. Auch der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck, der am 7. Mai 1866 ein Attentat auf ihn überlebte, war traditionalen Ehrvorstellungen verhaftet. Ebenso missachteten andere Politiker und monarchische Herrscher ostentativ die Gefahr, denn die Abläufe am Hof bzw. in der Regierung und damit die herrschende politische und gesellschaftliche Ordnung sollten unbedingt aufrechterhalten werden.26 Die zunehmende Gefahr terroristischer Anschläge, die anarchistische Bewegungen seit den späten siebziger Jahren durchführten, erzwang allerdings weitere Schutzmaßnahmen wie eine Zunahme polizeilicher Kooperation und eine Neubewertung des Risikos.27 Mit zwei Anschlägen auf Kaiser Wilhelm I. im Mai und Juni 1878, der Ermordung des russischen Zaren Alexander II. und Angriffen auf weitere Staatsoberhäupter wie die englische Königin Victoria vollzog sich ein Umbruch in der Sicherheitskultur, der sich vor allem aus einem Wandel der Bedrohungslage ergab. Seit den 1870er Jahren waren Attentate durch Einzeltäter zunehmend von Aktionen terroristischer Gruppen abgelöst worden. Mit der Entpersonalisierung ging eine „Technisierung politisch motivierter Gewalt“ einher.28 Die Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel 1866 ermöglichte den gezielten Einsatz von Sprengstoff bei Anschlägen. Damit traten umfassende Schutzmaßnahmen an

26 Carola Dietze / Frithjof Benjamin Schenk, Traditionelle Herrscher in moderner Gefahr. Soldatisch-aristokratische Tugendhaftigkeit und das Konzept der Sicherheit im späten 19. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), S. 368–401, bes. S. 368, 371 f., 374, 381, 384; Carola Dietze, Terrorismus im 19. Jahrhundert: Politische Attentate, rechtliche Reaktionen, Polizeistrategien und öffentlicher Diskurs in Europa und den Vereinigten Staaten 1878–1901, in: Härter / de Graaf (Hg.), Majestätsverbrechen, S. 179–196, hier: S. 189–192; Marcus Mühlnikel, „Fürst, sind Sie unverletzt“? Attentate im Kaiserreich 1871–1914, Paderborn 2014, S. 33– 67. 27 Zu den Anarchisten und staatlichen Gegenmaßnahmen: Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism. An International History, 1878–1934, Cambridge 2014, bes. S. 75– 129; ders., The First Global Wave of Terrorism and International Counter-Terrorism, 1905–14, in: Jussi M. Hanhimäki / Bernhard Blumenau (Hg.), An International History of Terrorism. Western and Non-Western Experiences, London 2013, S. 16–33; ders., The International Campaign Against Anarchist Terrorism, 1880–1930s, in: Terrorism and Political Violence 21 (2009), Nr. 1, S. 89–109. 28 Dietze / Schenk, Herrscher, S. 384.

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die Stelle militärischer Ehre und männlicher Standhaftigkeit. Darüber hinaus gewann Sicherheit gegenüber liberalen Konzepten des laissez faire deutlich die Oberhand. So waren Adlige und Konservative, aber auch bürgerliche Gruppen im Deutschen Kaiserreich um die bestehende Ordnung besorgt, deren Legitimität die Attentäter und Terroristen mit ihren Attacken symbolisch in Frage stellten. Die Angst der Eliten schlug sich in dem Bemühen nieder, die Anschläge auf Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck für eine Versicherheitlichung der Politik zu nutzen. So stockte preußisch-deutsche Regierung das Personal der Polizei um das Zehnfache auf, und Reichskanzler Bismarck ließ eine Geheimpolizei einrichten. Auch in vielen anderen europäischen Staaten wurden die Sicherheitskräfte, die nun Staatsoberhäupter und führende Politiker persönlich schützten, deutlich gestärkt. Außerdem ging die Polizei gegen Oppositionelle vor, die in Deutschland als „innere Reichsfeinde“ bezeichnet wurden. Dazu war die Verantwortung für die beiden Attentate auf den Kaiser trotz klarer Beweise für die Täterschaft von Anarchisten gezielt den Sozialdemokraten zugewiesen worden. Gegen diese richtete sich das am 21. Oktober 1878 verabschiedete „Sozialistengesetz“. Sowohl im deutschen als auch im russischen Kaiserreich verschärften sich zudem die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus. Insgesamt wurden in beiden Staaten mit der „konservativen Wende“ bzw. dem Beginn der Regentschaft Zar Alexanders III. der Freihandel und liberale Reformen abgebrochen. Damit verschob sich der politische Diskurs von Freiheit und Fortschritt zu Schutz und Ordnung. Mit dieser Versicherheitlichung schrumpften die zeitlichen und räumlichen Erwartungshorizonte. Nicht nur die Eliten, sondern große Bevölkerungsgruppen verlangten Sicherheit sofort und im unmittelbaren Lebensumfeld.29 Diese Erwartung ging auch im „Zeitalter der Nervosität“ und im Kulturpessimismus des europäischen fin-de-siècle mit einer verschärfen Wahrnehmung von

29 Tobias Bruns, 1878 als sicherheitskulturelle Wende in der deutschen Geschichte, in: Kampmann / Marciniak / Meteling (Hg.), „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 233–257, bes. S. 234 f., 237–239, 241, 246–249; Carola Dietze, Von Kornblumen, Heringen und Drohbriefen. Ereignis und Medienereignis am Beispiel der Attentate auf Wilhelm I., in: Friedrich Lenger / Ansgar Nünning (Hg.), Medienereignisse der Moderne, Darmstadt 2008, S. 40–60, hier: S. 45; dies., Terrorismus, S. 182–189; Lukas Keller, Beyond the ‚People’s Community‘: the Anarchist Movement from the fin de siècle to the First World War in Germany, in: Matthew S. Adams / Ruth Kinna (Hg.), Anarchism 1914–18. Internationalism, Anti-Militarism and War, Manchester 2017, S. 95–113, hier: S. 95 f.; Andrew R. Carlson, Anarchismus und individueller Terror im Deutschen Kaiserreich, 1870–1890, in: Wolfgang J. Mommsen / Gerhard Hirschfeld (Hg.), Sozialprotest, Gewalt, Terror. Gewaltanwendung durch politische und gesellschaftliche Randgruppen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982, S. 207–236, bes. S. 215, 234; Mühlnikel, „Fürst, sind Sie unverletzt“?, S. 210–245; Conze, Security Culture, S. 51.

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Unsicherheit einher. Das Streben nach Sekurität sicherte dem Staat letztlich zentrale Kompetenzen.30 Unter dem Druck des wachsenden Sicherheitsbedürfnisses beschleunigte sich auch die Integration von Ausnahmefällen wie Belagerungen, Bürgerkriegen und Katastrophen in die jeweiligen Rechtsordnungen. So wurde in der Revolution von 1848/49 in vielen europäischen Staaten – zum Beispiel in Frankreich – der Belagerungszustand verhängt. Er ermächtigte die bedrängten Machthaber, ihre Bindung an das Gesetz aufzuheben und grundlegende Freiheitsund Menschenrechte zu suspendieren. Staatliche Institutionen beanspruchten Ausnahmerechte im Namen „öffentlicher Sicherheit“. Der Belagerungszustand legitimierte vor allem den Militäreinsatz im Innern und die Standgerichtsbarkeit. Als die herrschenden Eliten mit der Restauration in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Notstandsgefahren für überwunden hielten, ging aus dem kriegsrechtlich begründeten „Belagerungszustand“ sukzessive der „Ausnahmezustand“ hervor. Dazu unterschieden die Behörden scharf zwischen eigenen Bürgern und „Fremden“. Ein- und Ausschluss in die Gemeinschaften standen sich zusehends schroff gegenüber. Kriegsrechtliche Bestimmungen des Belagerungszustandes sollten sogar noch die Maßnahmen rechtfertigen, welche die deutsche Reichsleitung verhängte, als 1914 der Erste Weltkrieg begann. Auch in anderen kriegführenden Staaten wurden zu dieser Zeit Notstandsregimes eingerichtet und Ausnahmegesetze erlassen. Sie nutzten die Regierungen oder autokratischen Herrscher zu Beginn der Kämpfe, um Freiheitsrechte einzuschränken.31 In den Jahren von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 schlug sich die Wahrnehmung eines Kampfes um die nationale Existenz in tiefen Einschnitten in die Rechte und das Leben von Feindstaatenangehörigen nieder. Sogar Eingebürgerte wurden verdächtigt, denn Zuschreibungen von Identitäten waren letztlich 30 Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler, München 1998; Uwe Puschner, Krisenbewußtsein und Umbruchserfahrungen im Augenblick der Jahrhundertwende, in: Michel Grunewald / Uwe Puschner (Hg.), Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich, Bern 2010, S. 525–536; Walter Laqueur, Fin-de-siècle. Once More with Feeling, in: Journal of Contemporary History 31 (1996), S. 5–47. 31 Boldt, Art. „Ausnahmezustand, necessitas publica, Belagerungszustand, Kriegszustand, Staatsnotstand, Staatsnotstandsrecht“, S. 356, 359, 362, 364; ders., Ausnahmezustand, S. 414. Vgl. auch Daniela L. Caglioti, Dealing with Enemy Aliens in WWI: Security Versus Civil Liberties and Property Rights, in: Italian Journal of Public Law 3 (2011), No. 2, S. 181–194, hier: S. 181–183; dies., Aliens and Internal Enemies. Internment Practices, Economic Exclusion and Property Rights during the First World War, in: Modern European History 12 (2014), S. 448–459, hier: S. 451; Neocleous, Critique, S. 44–49. Grundsätzlich: Frankenberg, Staatstechnik, S. 35 f.; Bonß, (Un-)Sicherheit, S. 45.

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wichtiger als Staatsangehörigkeiten. Da Minderheiten aufgrund der ethnischen Aufladung des Nationalismus und der Staatsbürgerschaft in den beiden Weltkriegen mit den jeweils gegnerischen Ländern assoziiert wurden, verschärften sich fremdenfeindliche Vorurteile, die sich schon zuvor herausgebildet hatten. Die Ausgrenzung reichte dabei von abwertenden Bemerkungen bis zu physischen Angriffen. In diesem Radikalisierungsprozess wurden vielerorts aus Nachbarn, Bekannten und gelegentlich sogar Freunden „Feinde“. Der Massenmord an den Juden, der auf den Ausschluss der dämonisierten Minderheit aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ folgte, ist zumindest teilweise eine besonders extreme Manifestation einer Bedrohungskommunikation, die vermeintliche Gegner verteufelte und damit eine rassische Exklusionspolitik zu begründen suchte. Damit wurden Forderungen nach Sicherheit geradezu pervertiert.32 Mit einem umfassenden Spektrum repressiver Maßnahmen hatten die politischen Eliten schon 1914/15 nicht zuletzt auf gesteigerte Sicherheitsängste reagiert, die als Untersuchungsgegenstand ernst genommen werden müssen. Gerade weil sie konstruiert und oft sogar imaginiert war und gelegentlich sogar als bloßer Vorwand diente, war Angst in den nationalen Emotionsgemeinschaften tief verwurzelt. In beiden Weltkriegen richtete sie sich gegen bestimmte Personen und wurde dadurch besonders wirksam. Angst kristallisierte sich in Kampagnen gegen „innere Feinde“, so vermeintliche Spione, Saboteure, „Asoziale“ oder „volksfremde“ Elemente. Die Wirkungen der Agitation gegen diese „Fremden“ reichten bis zu erheblichen rechtlichen Diskriminierungen. Ansätze eines „Feindstrafrechtes“ finden sich aber bereits im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit bezog sich die Suche nach Sicherheit über den Schutz vor Verbrechen und Kriegen hinaus zusehends auch auf Lebensrisiken wie Alter und Krankheit und die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Energie. In diesem Expansions- und Differenzierungsprozess hat „Sicherheit“ als Leitwert mehr versprochen, als politische Maßnahmen gewährleisten konnten. Wenn Sicherheitsforderungen verabsolutiert wurden, gerieten sie in Konflikt mit anderen „Forderungen guter Gesellschaft“, so Freiheit und Humanität.33 32 Gordon W. Allport, The Nature of Prejudice, Cambridge 31955, S. 14 f., 49; Conze, Geschichte, S. 156. 33 Zygmunt Bauman, Freiheit und Sicherheit. Die unvollendete Geschichte einer stürmischen Beziehung, in: Elisabeth Anselm u. a. (Hg.), Die neue Ordnung des Politischen. Die Herausforderungen der Demokratie am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1999, S. 23–34; Sebastian Bischoff, Spy Fever 1914, in: Ute Daniel u. a. (Hg.), 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Berlin 2019-03-25 (doi:10.15463/ie1418.11355, Zugriff am 15. Mai 2020); Conze, Art. „Sicherheit, Schutz“, S. 831 f., 838–858; Knemeyer, Artikel „Polizei“, S. 889 f. Zitat: Kaufmann, Sicherheit, S. 104.

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Der Stellenwert von Angst als Emotion, die Rolle von Gerüchten, geschlechterpolitische Aufladung und die Unterdrückung „innerer Feinde“ im Ersten Weltkrieg Die sicherheitspolitischen Maßnahmen basierten nicht nur auf der zunehmenden Macht des Interventionsstaates, sondern sie resultierten auch aus Wahrnehmungen von Bedrohung, die Gefühle nachhaltig beeinflusst haben. Der französische Historiker Lucien Febvre (1878–1956), einer der Begründer der einflussreichen Annales-Schule, schlug schon 1956 vor, die grundlegenden menschlichem Gefühle und ihre Ausdrucksformen in der Geschichte zu untersuchen. Dabei sollte das Streben nach Sicherheit besonders berücksichtigt werden.34 Daran anschließend ist betont worden, dass besonders das Kontingenzbewusstsein in der Moderne der Forderung nach Sicherheit seine spezifische „emotionale Appellqualität“ verliehen hat.35 Auch das Konzept des Vertrauens vermag die historische Sicherheitsforschung und die Geschichte der Emotionen zu verbinden. Niklas Luhmann hat Vertrauen als Kategorie definiert, welche die Komplexität moderner Gesellschaften zu reduzieren vermag und ihren Mitgliedern überhaupt noch Handlungsfähigkeit sichert. Vertrauen vermittelt damit individuelle Selbstsicherheit und soziale Stabilität.36 So verleihen Emotionen Menschen letztlich „Gesellschaftsfähigkeit“.37 Die neuere Forschung ist davon ausgegangen, dass Emotionen nicht klar von kognitiven Prozessen abgegrenzt werden können. Damit ist die zuvor scharfe Trennung von Gefühlen und Vernunft überwunden worden. Außerdem werden Emotionen in der inzwischen als kulturelle Konstruktionen und soziale Praxis verstanden und untersucht. Als sprachliche Äußerungen beschreiben Emotionen nicht nur, sondern sie zeitigen auch konkrete Wirkungen. Der Historiker und Ethnologe William Reddy hat deshalb von emotives gesprochen, die in Ge34 Lucien Febvre, Pour l’histoire de sentiment. Le besoin de sécurité, in: Annales 11 (1956), S. 244–247. Vgl. auch ders., La sensibilité et l’histoire. Comment reconstituer la affective d’autrefois, in: Annales 3 (1941), S. 5–20; Birgit Aschmann, Vom Nutzen und Nachteil der Emotionen in der Geschichte, in: dies. (Hg.), Gefühl und Kalkül. Der Einfluß von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2005, S. 9–32, hier: S. 26; Bettina Hitzer, Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen, in: H-Soz-Kult, 23.11.2011 (https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1221; Zugriff am 12. November 2018); Conze, Geschichte, S. 42, 75, 160. 35 Kaufmann, Sicherheit, S. 94. 36 Niklas Luhmann, Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart 1968, S. 10, 13. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive: Ute Frevert (Hg.), Vertrauen. Historische Annäherungen, Göttingen 2003. Instruktiver Überblick in: Conze, Geschichte, S. 165. 37 Aschmann, Nutzen, S. 16 f.

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fühlsnormen eingebunden sind. Diese „emotionalen Regimes“ unterscheiden sich in ihrer Verbindlichkeit, so in Krieg und Frieden sowie in verschiedenen Herrschaftssystemen wie Demokratien und Diktaturen. Durchweg umfassen Gefühlsäußerungen aber einen „Handlungs- und Selbsterkundungszweck“, der an bestimmte Kulturen gebunden ist.38 Fühlen und Verständigen wirken demnach aufeinander ein, und Sprechakte gehen mit Ritualen und symbolischen Praktiken einher. Kollektive emotionale Standards (emotionology), die in ihrem Verhältnis zu vermeintlich authentischen Gefühlserfahrungen zu untersuchen sind, werden in und zwischen Gruppen ausgehandelt, durchgesetzt und – zumindest vorübergehend – festgelegt. Diese emotional communities (Barbara Rosenwein) bilden durch Kommunikation und Interaktion gemeinsame Gefühlswelten aus, die spezifische Normen und Ausdrucksformen teilen. Umfassende emotionale Gemeinschaften wie Nationen werden von kleineren Gruppen und Kreisen gleichermaßen gestützt und begrenzt, die sich überlappen können. Emotionale Gemeinschaften sind ebenso wie emotives kontextabhängig, und sie weisen spezifische „emotionale Skripte“ (Robert A. Kaster) auf, die ein Handlungsrepertoire für einzelne Gefühle festlegen.39 So strukturiert emotional grundierte Gewalt den Zusammenhalt von Menschen, und sie bringt neue gesellschaftliche Beziehungen hervor.40 Historische Studien zu Emotionen müssen deshalb die Kommunikations- und Mediengeschichte einbeziehen, um diffuse Begriffe wie „Hysterie“ zu vermeiden.41 Im Hinblick auf Sicherheitsbedürfnisse ist vor allem der Stellenwert von Angst hervorzuheben. Sie basiert zwar auf neuronalen Prozessen, die in einem bestimmten Teil des Gehirns, der Amygdala („Mandelkern“), ablaufen. Jedoch 38 Hitzer, Emotionsgeschichte; Aschmann, Nutzen, S. 17. 39 Robert A. Kaster, Emotion, Restraint, and Community in Ancient Rome, Oxford 2005, S. 8. Überblicke in: Plamper, Geschichte, S. 12–15, 42, 80–85, 298 f., 304 f., 313; Nina Verheyen, Geschichte der Gefühle, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.06.2010 (http://docupedia. de/zg/verheyen_gefuehle_v1_de_2010; DOI: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.320.v1, hu, Zugriff am 19. Mai 2018), bes. S. 4–8; Ute Frevert, Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen?, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), S. 183–208, hier: S. 197 f.; Hitzer, Emotionsgeschichte. Vgl. auch Barbara Rosenwein, Emotional Communities in the Early Middle Ages, Ithaca 2006, S. 2–25; dies., Worrying about Emotions in History, in: American Historical Review 107 (2002), S. 821–845; William Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001; Peter N. Stearns / Carol Z. Stearns, Emotionology: Clarifying the History of Emotions and Emotional Standards, in: American Historical Review 90 (1985), S. 813–836. 40 Sven Oliver Müller, Perspektiven einer Emotionsgeschichte an der Heimatfront im Ersten Weltkrieg, in: Arnd Bauerkämper / Natalia Rostislavleva (Hg.), Russland und Deutschland im Ersten Weltkrieg: Zwischen Sicherheit und Humanität, Moskau 2019, S. 53–59, hier: S. 58 f. 41 Stieglitz, Undercover, S. 158.

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sind Ängste nicht vorgegeben, sondern von Wahrnehmungen abhängig. So kann nur eine Zukunft, die als offen wahrgenommen wird und dabei auch Ängste auslöst, gestaltet und sogar geplant werden. In diesem Prozess können auch erwartete Gefahren abgewehrt werden. Überdies sind Ängste veränderbar und oft individuell unterschiedlich. So ist mit ihnen in Kriegen unterschiedlich umgegangen worden, wie Studien über die Angst von Soldaten und die Einstellungen zu ihr im 20. Jahrhundert gezeigt haben.42 Insgesamt ist diese Emotion deshalb als Gegenstand der Geschichtsschreibung ernst zu nehmen. So hat die historische Forschung die Indienstnahme von Angst für politische Zwecke betont, besonders in den USA. Joanna Bourke hat dieses Gefühl sogar allgemein zu einem Signum des 20. Jahrhunderts erklärt, allerdings nur im Hinblick auf westliche Gesellschaften. Demgegenüber nimmt dieses Buch Befunde von Studien auf, die den Wandel und unterschiedliche Formen von Ängsten hervorgehoben und rekonstruiert haben. Ihre Mobilisierung sollte keineswegs auf bestimmte Instrumentalisierungsstrategien von Eliten oder Medien reduziert werden.43 Vielmehr haben psychologische Studien gezeigt, dass Menschen, die akute Bedrohungen wahrnehmen, verstärkt Ordnung und klare Regeln verlangen. Auch in liberalen Gesellschaften hat Angst vor einschneidenden Ereignissen und Prozessen wie Terrorismus, Kriegen, rapidem Wandel und Überfremdung deshalb wiederholt fremdenfeindliche und autoritäre Einstellungen gestärkt.44 Wie angedeutet, sind Kontexte in Studien zu Formen und Auswirkungen von Angst aber umfassend zu berücksichtigen. Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass diese Emotion kulturell und historisch unterschiedlich gerahmt ist, so dass Reaktionen auf sie differiert haben. Ängste werden zudem von spezifischen Zukunftserwartungen geprägt. Dazu ist die Untersuchung des Verhältnisses zwischen ihnen und Sicherheitskulturen besonders fruchtbar. Insgesamt muss die historische Sicherheitsforschung damit die Frage aufnehmen, „wie 42 Susanne Michel / Jan Plamper, Soldatische Angst im Ersten Weltkrieg. Die Karriere eines Gefühls in der Kriegspsychiatrie Deutschlands, Frankreichs und Russlands, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), S. 209–248; Mike Burkhardt, Angst im Spiegel deutscher Feldpostbriefe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Historische Mitteilungen 17 (2004), S. 195–212; Schulze Wessel, Zukunftsvorstellungen, S. 1. Zur Amygdala: Aschmann, Nutzen, S. 21. 43 Dazu tendieren aber die meisten Beiträge zu: Frank Bösch / Manuel Borutta (Hg.), Die Massen bewegen. Medien und Emotionen in der Moderne, Frankfurt/M. 2006. 44 Karen Stenner, The Authoritarian Dynamic, Cambridge 2005, bes. S. 1, 32. Dazu auch schon: Pitirim A. Sorokin, Man and Society in Calamity: The Effects of War, Revolution, Famine, and Pestilence upon Human Mind. Behavior, Social Organization, and Cultural Life, New York 1943, S. 44 f. Dazu auch der Hinweis in: Claudia Siebrecht, Formen von Unfreiheit und Extreme der Gewalt. Die Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika, 1904–1908, in: Greiner / Kramer (Hg.), Welt, S. 87–109, hier: S. 107.

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Angst und Furcht, verstanden als Wahrnehmung von Unsicherheit, Gefahr oder Bedrohung in spezifischen politischen und sozialen Kontexten und Konstellationen“ gewirkt haben.45 In den beiden Weltkriegen beeinflussten Gefühle Gefahrenwahrnehmungen besonders nachhaltig. Angesichts der extremen Bedrohung staatlich-politischer und gesellschaftlicher Ordnungen, des radikalen Nationalismus und des hohen Integrationsdruckes waren die kriegführenden Staaten klar abgegrenzte emotionale Gemeinschaften. In ihnen vermittelten die Propaganda der Regierungen und andere Medien – besonders die Presse – wirkungsmächtige Emotionen. Politische Regimes regulierten Gefühlswelten, so durch Zensur.46 Hoffnungen und Ängste schlugen sich in Siegeseuphorie ebenso nieder wie in Fremdenhass und radikalen Feindbildern. Obwohl sie sich durchaus auch in physischen Reaktionen äußerten, waren für Angst und Furcht Kommunikationsprozesse konstitutiv, die Gefahren vermittelten. Im Allgemeinen kann „Bedrohungskommunikation“ als „Kommunikation einer Bedrohung“ verstanden werden, „die (aus der Sicht des Beobachters) sowohl den Beobachter selbst als auch die Adressaten der Kommunikation betrifft.“ Erst Beobachter erzeugen damit Unsicherheit. Zugleich ist herausgearbeitet worden, dass die emotionalen Ausnahmesituationen extremer Bedrohungen in den beiden Weltkriegen auch die politischen Ordnungen demokratischer Systeme veränderten.47 Eine wichtige Rolle spielten dabei Gerüchte. Allgemein können sie als Form informeller Kommunikation gefasst werden. Dabei ist nicht entscheidend, ob sie wahr oder falsch sind. Vielmehr müssen Gerüchte in einer bestimmten Situation plausibel erscheinen. In Krisen, die durch Ungewissheit und unzureichendes Wissen geprägt sind, vermögen sie kaum oder gar nicht verständliche Ereig45 Conze, Geschichte, S. 164. Vgl. auch Holger Nehring, Angst, Gewalterfahrungen und das Ende des Pazifismus. Die britischen und westdeutschen Proteste gegen Atomwaffen, in: Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hg.), Angst im Kalten Krieg, Hamburg 2009, S. 436–464; Arnd Bauerkämper, The Twisted Road to Democracy as a Quest for Security: Germany in the Twentieth Century, in: German History 32 (2014), S. 431–455; Axel Schildt, „German Angst“. Überlegungen zur Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, in: Daniela Münkel / Jutta Schwarzkopf (Hg.), Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert. Fs. Adelheid von Saldern, Frankfurt/M. 2004, S. 87–97; Hitzer, Emotionsgeschichte. 46 Damit entgeht gerade eine emotionsgeschichtliche Untersuchung der beiden Weltkriege kritischen Einwänden, die gegen Reddys und Rosenweins Konzepte erhoben worden sind. Vgl. Plamper, Geschichte, S. 82, 310. 47 Zitat: Werner Schirmer, Bedrohungskommunikation. Eine gesellschaftstheoretische Studie zu Sicherheit und Unsicherheit, Wiesbaden 2008, S. 89. Vgl. auch Ewald Frie / Mischa Meier, Bedrohte Ordnungen, Gesellschaften unter Stress im Vergleich, in: dies (Hg.), Aufruhr, S. 1–27, hier: S. 4 f., 17 f., 21 f.

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nisse zu erklären. Sie gleichen damit Informationsmängel aus und lösen tatsächliche oder vermeintliche Widersprüche auf. Besonders in extremen Ausnahmesituationen vermitteln Gerüchte angesichts von Orientierungslosigkeit Verhaltenssicherheit. Wenn sie glaubwürdig sind, können sie zählebig sein, aber grundsätzlich auch widerlegt und beseitigt werden. Damit ist jedoch eine Wiederkehr keineswegs ausgeschlossen. Vor allem in krisenhaften Situationen werden Gerüchte von einzelnen Akteuren vielfach erneut verbreitet. Sie entfalten aber unabhängig von ihren Trägern auch eine Eigendynamik und -logik. In jedem Fall gründen sie auf Emotionen, die handlungsleitend werden. Diese Prozesse sollen in diesem Buch anhand des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen veranschaulicht werden.48 Gerüchte basierten in den beiden Weltkriegen besonders auf Angst. Sie wurde in Diskursen vermittelt, die generell vorrangig auf Sprache basieren, eine hinreichend große Gruppe interessieren und deren Mitglieder zum Handeln bewegen. Aus dieser Sicht resultiert Furcht aus der Annahme von Individuen, eine Gefahr einschätzen und einen Feind erkennen zu können. Sie mobilisiert Abwehr, während Angst schon durch die Aussicht auf eine Gefahr ausgelöst wird, die präventiv verhindert werden soll. Panik entsteht, obwohl keine Bedrohung vorliegt. Sie kann insofern als fehlgeleitete Angst verstanden werden. Alle diese Emotionen werden aber nicht nur vermittelt, sondern vielfach auch von einzelnen Akteuren bewusst und gezielt geschaffen, die beispielsweise Angst in Furcht oder Panik verwandelt. „Angstunternehmer“ nutzen und verstärken Diskurse über Furcht, um Kontrolle über untergeordnete Gruppen zu gewinnen und ihre Herrschaft zu legitimieren. Diese „politics of fear“ demonstriert, dass Angst und Furcht als Wahrnehmungsformen von Bedrohungen grundsätzlich von Machtbeziehungen beeinflusst oder geprägt werden.49 Als intensive Emotionen lösen Angst, Furcht und Panik Sicherheitsbedürfnisse aus. Diese Gefühle können auch von Regierungen gesteigert werden, wie 48 Manfred Bruhn, Gerüchte als Gegenstand der theoretischen und empirischen Forschung, in: ders. / Werner Wunderlich (Hg.), Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform, Bern 2004, S. 11–39; Klaus Mertens, Zur Theorie des Gerüchts, in: Publizistik 54 (2009), S. 15–42. 49 Zit. nach (in dieser Reihenfolge): Bernd Greiner, Angstunternehmer. Zur Karriere eines amerikanischen Rollenmodells, in: Aus Politik und Zeitschichte, Nr. 32–33, 2013, S. 27–33, bes. S. 29; Margrit Pernau, Review Essay: What Object is Fear?, in: History and Theory 54 (2015), S. 86–95, hier: S. 91. Vgl. auch Joanna Bourke, Fear. A Cultural History, London 2005, bes. S. 11–19, 73–76, 357–391; dies., Fear and Anxiety: Writing about Emotion in Modern History, in: History Workshop Journal 55 (2003), S. 111–133; Richard J. McNally, Fear, Anxiety and Their Disorders, in: Jan Plamper / Benjamin Lazier (Hg.), Fear Across the Disciplines, Pittsburgh 2012, S. 118–131, bes. S. 17, 21, 24; Plamper, Geschichte, S. 84; Frevert, Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen?, S. 196; Aschmann, Nutzen, S. 13.

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schon Thomas Hobbes (1588–1679) beobachtete. So hat Angst nach Alexis de Tocqueville (1805–1859) die Moderne seit der Französischen Revolution gekennzeichnet. Dabei haben staatliche Institutionen Gefahren definiert und Bedrohungen übertrieben, die in der Sprache der Sicherheit gefasst werden. Auch in der Gegenwart können sich staatliche Akteure damit auf einen breiten Konsens stützen, während konkrete Maßnahmen zur Gefahrenabwehr vielfach umstritten sind. Jedoch reagieren politische und administrative Eliten nicht auf alle, sondern nur auf einzelne Gefahren. Ihre Sicherheitspolitik ist selektiv und orientiert sich zudem an Interessen, Zielen und Überzeugungen gesellschaftlicher Akteure, die wiederum über ungleiche Mittel zur Durchsetzung ihrer Anliegen verfügen. Alles in allem werden Angst und Furcht jeweils konstruiert. Dazu ist der Bezug auf „Sicherheit“ zur Ausübung staatlicher Macht und zur Repression individueller Rechte besonders geeignet, da dieses schillernde Konzept eine universalistische und scheinbar neutrale Rhetorik mit Maßnahmen verbindet, die sich gegen bestimmte Personen und Gruppen richtet. Auch dies legt nahe, zwischen Bedrohungen und dem Reden über diese zu unterscheiden. Zugleich führen Diskurse über Angst und Furcht oft zu einem „Teufelskreis von Sicherheitsbedürfnis und Machtanhäufung“. Damit müssen Bedrohungswahrnehmungen als mächtige Triebkräfte der Versicherheitlichung gelten. Sie stärken den Zusammenhalt von Gemeinschaften und begründen Erwartungen uneingeschränkter Loyalität.50 Dieser Prozess wurde im Ersten Weltkrieg deutlich, der zu einem Umbruch der Emotions- und Sicherheitsregimes führte. Die Vorstellungen darüber, welche Bilder und Gefühle in der Öffentlichkeit gezeigt und wie Menschen sich verhalten sollten, veränderten sich. In Deutschland war beispielsweise Angst in der bürgerlich geprägten Vorkriegsgesellschaft unerwünscht und z. T. sogar verpönt gewesen. Stattdessen war Härte propagiert worden, um die „nationale Ehre“ in dem unablässig propagierten Kampf der Staaten zu verteidigen. Jedoch hatte das Wettrüsten in den Jahren vor 1914 sogar unter den Eliten Angst ausgelöst, die wiederum ihre Agitation für eine Stärkung des Militärs intensivierten. Im Ersten Weltkrieg verbreiteten die Regierungen in Deutschland, aber auch in den anderen kriegführenden Ländern Angst vor dem dämonisierten inneren und äußeren Feind. Diese intensive Emotion begründete schließlich nicht nur die Forderung, den Krieg durchzuhalten und eine Niederlage unbedingt zu ver-

50 Zitat: Wilfried Loth, Angst und Vertrauensbildung, in: Dülffer / Loth (Hg.), Dimensionen, S. 29–46, hier: S. 33. Die Ausführungen folgen hier der schlüssigen Darstellung in: Corey Robin, The Language of Fear: Security and Modern Politics, in: Lazier / Plamper (Hg.), Fear, S. 118–131. Vgl. auch Corey Robin, Fear. The History of a Political Idea, New York 2004, S. 33 f., 37–39, 43–45, 71–77, 84 f.; Conze, Geschichte, S. 151, 153 f.

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meiden, sondern auch ein rigoroses Vorgehen gegen Kriegsgefangene und Zivilisten, die den jeweils gegnerischen Staaten angehörten oder mit ihnen assoziiert wurden. Die Angst, die in der Kriegspropaganda verbreitet wurde, schlug um in Hass auf den „Feind“, der umfassend und weit über die jeweiligen Gegner hinaus definiert und verstanden wurde. Vor allem stigmatisierte die Kriegspropaganda in vielen Staaten erstmals systematisch Feindstaatenangehörige als (potentielle) Spione, Saboteure und Verräter.51 Dabei wurden durchweg Deutungsmuster verhandelt. Die christliche Tradition des Verrates (mit ihrer Konzentration auf die Figur des Judas) und die römische Rechtslehre hatten die Semantik des „Verrats“ seit der Antike entgrenzt, und im 19. Jahrhundert war der „Landesverrat“ als rechtliche und politisch-moralische Kategorie durch den Nationalismus aufgeladen worden. In den beiden Weltkriegen stand damit ein breites Spektrum an Tatbeständen zur Verfügung, die von den Regierungen auf die Bewahrung der „öffentlichen Sicherheit“ bezogen wurden. Als kollektive Bedrohung verstanden, begründete „Verrat“ in den kriegführenden Staaten Einschluss und Ausschluss. In Szenarien höchster Gefahr wurden „Verräter“ als „innere Feinde“ identifiziert und stigmatisiert, oft auch gezielt von politischen Eliten und staatlichen Behörden, die damit eigene Interessen – so die Legimitation ihrer Herrschaft – verbanden. Zugleich gewann die Suche nach subversiven Kräften gewann eine Eigendynamik, die keineswegs ausschließlich „von oben“ gesteuert wurde, sondern auch von gesellschaftlichen Gruppen ausging. Dabei wurden „Verräter“ oft moralisch diskreditiert. Die Repression der Feindstaatenangehörigen im Allgemeinen und ihre Internierung im Besonderen waren damit tief in die Emotionsgeschichte der beiden Weltkriege eingebettet.52 Damit verbunden war eine geschlechterpolitische Grundierung von Sicherheitsvorstellungen. So verurteilte die britische Kriegspropaganda die deutsche Kriegführung nicht nur als barbarischen Angriff auf Zivilisten im Allgemeinen, sondern auch auf Frauen im Besonderen. Dabei wurden emotional gefärbte Metaphern wie Vergewaltigung und Schändung gezielt verwendet, um besonders den Überfall auf Belgien, die Exekution von Zivilisten, die Luftangriffe auf britische Städte und die Versenkung von Passagierschiffen zu verurteilen. Damit gelang es, abstrakte völkerrechtliche Kategorien auf das Alltagsleben der Briten 51 Anne Schmidt, Mit Angst durchhalten? Über das Für und Wider der Gräuelpropaganda, in: Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg, hg. vom Museum Europäischer Kulturen (Staatliche Museen zu Berlin), Berlin 2014, S. 27–42, bes. S. 29, 31, 33 f., 40; Uta Hinz, Art. „Internierung“, in: Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, S. 582–584, hier: S. 582 f.; Jonathan Glover, Humanity. A Moral History of the Twentieth Century, London 2001, S. 190–198; Dülffer, Kriege, S. 6. 52 Krischer, Judas, S. 11 f., 20, 22, 27, 40.

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zu beziehen und so zu konkretisieren. Nach der Kriegspropaganda waren Frauen, Kinder und ihr Heim unbedingt zu schützen. Letztlich konnten mit diesem Verfahren auch Verletzungen des geltenden Völkerrechtes wie die Seeblockade Deutschlands durch die Royal Navy als militärische Notwendigkeit gerechtfertigt werden. Gerade das Ziel, Frauen zu schützen, entzog sich weitgehend der Überprüfung und Kritik. Dies galt für die Rechtfertigung von Sicherheitspolitik in allen kriegführenden Ländern.53

Sicherheit, Gouvernementalität und Sozialkonstruktion im Verhältnis zu Freiheit und Humanität: Grundzüge einer Debatte Die Forschung zur Sicherheit hat sich seit dem späten 18. Jahrhundert im Wesentlichen an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung orientiert. Dabei ist die historische Sicherheitsforschung lange auf die staatlichen Institutionen fixiert geblieben, weil – wie dargestellt – deren Macht mit der Territorialisierung politischer Herrschaft seit der Frühen Neuzeit erheblich gewachsen war. Erst im 20. Jahrhundert traten die Gesellschaft und die Individuen als Bezugsgrößen hinzu. Damit hatte sich das Problemfeld von militärischer zu ökonomischer, ökologischer und humanitärer Sicherheit erweitert. In räumlicher Hinsicht ist Sicherheit zunehmend nicht mehr national, sondern grenzüberschreitend und in jüngster Zeit sogar global verstanden worden. Nicht zuletzt hat sich das Verständnis der zu begegnenden Gefahren von einem diffusen Bedrohungsgefühl zu einer Wahrnehmung von Risiken verschoben, zu deren Eindämmung über reaktive Maßnahmen hinaus präventive bzw. präkautive Handlungsstrategien und Politikkonzepte vorgeschlagen worden sind.54 Nach wie vor fehlen aber Studien, die Sicherheitskulturen vergleichend untersuchen, grenzüberschreitende Verflechtungen nachzeichnen und ihre emotionale Fundierung herausarbeiten.55 Zudem haben Kriege in der einschlägigen For-

53 Nicoletta Gullace, Sexual Violence and Family Honor. British Propaganda and International Law during the First World War, in: American Historical Review 102 (1997), S. 714–747, bes. S. 714–716, 724 f., 733–738. 54 Christopher Daase, National, Societal, and Human Security: On the Transformation of Political Language, in: Historical Social Research 35 (2010), H. 4, S. 22–37; ders., Wandel der Sicherheitskultur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 50 / 13. Dezember 2010, S. 12, 14; ders. / Stefan Engert, Global Security Governance: Kritische Anmerkungen zur Effektivität und Legitimität neuer Formen der Sicherheitspolitik, in: Gunnar Folke Schuppert / Michael Zürn (Hg.), Governance in einer sich wandelnden Welt, PVS-Sonderheft 41/2008, S. 475–498; Conze, Geschichte, S. 47–68, 120–122; Anter, Idee, S. 18; Zwierlein / Graf, Production, S. 7. 55 Bauerkämper, Einleitung, S. 11, 25; Conze, Geschichte, S. 76 f., 176 f.

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schung zur Geschichte der Sicherheit überraschend wenig Aufmerksamkeit gefunden, auch im Hinblick auf den engen Zusammenhang von innerer und äußerer Sekurität.56 Dieses Buch soll dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen. Bereits im 19. Jahrhundert nahmen Kritiker das Verhältnis von Sekurität und Menschenrechten als Gegensatz wahr. Vor allem staatliche Eingriffe im Ausnahmezustand gefährdeten die Freiheiten, deren Schutz die politischen Eliten z. T. bereits offen beanspruchten. Neben die Sicherheit durch den Staat trat aus der Perspektive der Liberalen, aber zunehmend auch breiter Gesellschaftsgruppen die Sicherheit vor dem Staat. Während diese Akteure die Gewährleistung grundlegender individueller Rechte als Voraussetzung der Sicherheit gefasst haben, ist das Verhältnis zwischen den beiden Leitkonzepten von anderen umgekehrt verstanden und bestimmt worden. Zudem hat in der Auseinandersetzung über die Balance zwischen den Leitkategorien der Streit über das jeweils hinzunehmende Risiko einen zentralen Stellenwert gewonnen. „Gefahr“, „Krise“ und „Risiko“ avancierten in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung deshalb zu Schlüsselbegriffen.57 Dabei wurde besonders in Krisenlagen und Ausnahmezuständen der Unterschied zwischen Gefahr und Risiko eingeebnet. Damit verknüpft, verbanden Regierungen Wohlfahrtsfürsorge mit einer z. T. umfassenden Kontrolle der Bevölkerung und der Migration. Auch wenn man Michel Foucaults Interpretation, dass der moderne Staat unter dem Deckmantel der Sicherheit Gewalt produziere, nicht teilt, lenkt sein Konzept der „Gouvernementalität“ die Aufmerksamkeit auf einflussreiche Dispositive und Erwartungen in der „Sicherheitsgesellschaft“ sowie die Machtverhältnisse, die mit Prozessen der Versicherheitlichung verbunden waren. Ebenso treten damit die Ziele und Interessen einzelner Akteure und Gruppen hervor, die Bedrohungen beschworen und – daraus abgeleitet – Sicherheit gefordert haben. Besonders relevant ist die Untersuchung dieser Triebkräfte und Herrschaftsbeziehungen für Studien über die Verhängung von Ausnahmezuständen.58

56 Dazu beispielsweise nur Andeutungen in: Conze, Geschichte, S. 38, 53, 159. 57 Landwehr, Zukunft, S. 49. Vgl. auch Alf Lüdtke / Michael Wildt, Einleitung. Staats-Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregime, in: dies. (Hg.), Staats-Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregimes. Historische Perspektiven, Göttingen 2008, S. 7–38, hier: S. 15–20; Achim Saupe, Von „Ruhe und Ordnung“ zur „inneren Sicherheit“. Eine Historisierung gesellschaftlicher Dispositive, in: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe, 7 (2010), H. 2, S. 2 (Zugriff am 8. Dezember 2010); Thomas Lindenberger, Ruhe und Ordnung, in: Etienne François / Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 2, München 2001, S. 469–484; Zwierlein / Graf, Production, S. 9, 12. 58 Grundlegend: Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I, Frankfurt/M. 2004, S. 87–133, bes. S. 96, 101 f., 116; Frankenberg, Staatstech-

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Der Erste Weltkrieg markiert im Hinblick auf die Sicherheitskulturen und -politik einen Epochenbruch. Nachdem schon zur Jahrhundertwende das Krisenbewusstsein gewachsen war, erschütterten die blutigen Kämpfe von 1914 bis 1918 grundsätzlich die bürgerliche Zukunftsgewissheit.59 In der Zwischenkriegszeit sollte schließlich ein umfassendes social engineering in Demokratien und Diktaturen innere und soziale Sicherheit gewährleisten, um den oft als „Degeneration“ stigmatisierten gesellschaftlichen Zerfall aufzuhalten. Auf eine umfassende Eingliederung, Homogenisierung und Egalisierung der einzelnen Menschen in Gemeinschaften zielend, umfasste Sozialkonstruktion nunmehr vielfältige Formen und Prozesse staatlicher Regelung, Regulierung und Planung auf der Grundlage von Expertenwissen. Damit gingen z. T. weitreichende Gestaltungsutopien einher. Alles in allem war social engineering „ein Versuch, die Folgen der Moderne zu bewältigen, der spezifische Versuch, die sozialen Beziehungen zu restabilisieren, um die vermeintliche Desintegration der Gesellschaft abzuwenden.“60 In diesem Prozess avancierte Sekurität zu einem wichtigen Ziel staatlicher Politik, die seit dem 19. Jahrhundert auch auf die Kontrolle von Immigration und Ausländern durch Gesetze zur Einwanderung und Staatsbürgerschaft gezielt hatte. Ausgehend von diesen Bemühungen, wurden Feindstaatenangehörige nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges zusehends verdrängt, interniert, deportiert und enteignet. Die Revolution der Bolschewiki in Russland veranlasste die politischen Eliten in den westlichen Staaten schließlich, zu einer noch autoritäreren Sicherheitspolitik überzugehen. Sie betrieben vor allem einen erheblichen Ausbau der politischen Polizei, die auch die Effektivität ihrer Überwachung steigern konnte. Da die Bolschewiki die Beschlüsse der „Zimmerwalder Konferenz“, die 1917 einen Verhandlungsfrieden gefordert hatte, nachdrücklich unterstützten, waren sie aus der Sicht der Regierungen in den kriegführenden Staaten gefährliche Pazifisten. Die Gründung der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1919 steigerte in den westlichen Ländern die Furcht vor einer weltweiten Revolution, zumal die einzelnen kommunistischen Parteien schon auf dem II. Weltkongress der Komintern (Juli und August 1920) an Eigenständigkeit einbüßten und im Verlauf der 1920er Jahre zentraler Kontrolle unternik, S. 37–38, 260; Bonß, (Un-)Sicherheit, S. 49–52; Boldt, Ausnahmezustand, S. 415; Conze, Geschichte, S. 20, 84 f., 101–105; Eisch-Angus, Angst, S. 21, 29, 182 59 Bonß, (Un-)Sicherheit, S. 43. 60 Zitat: Thomas Etzemüller, Auf den Spuren einer gesellschaftspolitisch problematischen Formation: social engineering 1920–1960, in: Martin Sabrow (Hg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2008, Potsdam 2009, S. 39–47, hier: S. 40. Dazu im Einzelnen auch die Beiträge zu: Etzemüller (Hg.), Ordnung. Übersicht in: Conze, Geschichte, S. 120, 138 f.

66  2 Konzeptionelle Grundlage

stellt wurden. Vor diesem Hintergrund rückte die Bewahrung der „nationalen Sicherheit“, auf die wiederholt schon im Ersten Weltkrieg Bezug genommen worden war, im darauffolgenden Jahrzehnt zu einem zentralen Ziel des Regierungshandelns auf. Zugleich intensivierten sich Gefahrenwahrnehmungen gegenüber neuen „inneren Feinden“. Angesichts der extremen Unsicherheit vollzog sich ein Radikalisierungsprozess, in dem sich fremdenfeindliche Ressentiments mit umfassenden Verschwörungstheorien verbanden.61 Erhöhte Sicherheitsbedürfnisse stärkten auch Konzepte der Gesellschaftskonstruktion und das darauf bezogene Handeln nichtstaatlicher Akteure. Die Kompetenzen der dafür zuständigen exekutiven Institutionen wurden im frühen 20. Jahrhundert in nahezu allen europäischen Staaten erweitert und gestärkt. Bei den gesellschaftlichen Eingriffen nutzen die jeweils zuständigen politischen und administrativen Akteure Expertenwissen, das seit der Jahrhundertwende im Zuge der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ geschaffen worden war. Den Sozialexperten oblag dabei vorrangig, Risiken zu identifizieren und die gesellschaftliche Entwicklung zu steuern, auch durch (Selbst-)Konditionierung der Menschen. Im Zuge dieser erweiterten Gesellschaftspolitik verstärkten sich im frühen 20. Jahrhundert Sicherheitsbedürfnisse erheblich. Damit wurde die „Harmonisierung von erforderlichem Eingriff und notwendiger Freiheitsbehauptung“ zu einer fundamentalen Herausforderung staatlicher Politik.62 Deutlich vor dem Beginn der neueren Debatte sind damit die Gefahren und Risiken der Unterwerfung gesellschaftlicher Prozesse und des Alltagslebens unter die Rationalitätskriterien einer staatlichen Sicherheitspolitik hervorgetreten.

61 Panikos Panayi, Immigration, Ethnicity and Racism in Britain, 1815–1945, Manchester 1994, S. 6, 103, 113, 125; Robert Gerwarth / John Horne, Bolshevism as Fantasy: Fear of Revolution and Counter-Revolutionary Violence, 1917–1923, in: dies. (Hg.), War in Peace. Paramilitary Violence in Europe after the Great War, Oxford 2012, S. 40–51, hier: S. 43; Alan Kramer, From Great War to Fascist Warfare, in: Miguel Alonso / Alan Kramer / Javier Rodrigo, Introduction, in: dies. (Hg.), Fascist Warfare, 1922–1945. Aggression, Occupation, Annihilation, Cham 2019, S. 25–50, hier: S. 25; Jan Kusber, Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 34–36 / 2017, 21. August 2017, S. 33–38, hier: S. 33, 37; Luff, Operations, S. 729 (Anm. 3), 734. Dazu auch: Andrew Preston, Monsters Everywhere: A Genealogy of National Security, in: Diplomatic History 48 (2014), S. 477–500. 62 Zitat: Boldt, Ausnahmezustand, S. 428. Allgemein: Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 165–193, hier: S. 166–185. Vgl. auch Lutz Raphael (Hg.), Theorien und Experimente der Moderne. Europas Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Köln 2012; Moritz Föllmer, Der „kranke Volkskörper“. Industrielle, hohe Beamte und der Diskurs der nationalen Regeneration in der Weimarer Republik, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 41–67.

2.1 Sicherheit 

67

Dabei haben warnende Stimmen drei Probleme hervorgehoben. So ist erstens die Kritik, dass staatliche Sicherheitspolitik Grundrechte zusehends nicht mehr dem Individuum, sondern der Gesellschaft zugeschrieben hat, im 20. Jahrhundert wiederholt gegen vermeintlich oder tatsächlich ausufernde Sicherungsansprüche staatlicher Institutionen gerichtet worden.63 Dies gilt zweitens auch für den Einwand, dass Eingriffe zugunsten von Sicherheitsbedürfnissen nicht dem Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel entsprechen. Ebenso sind drittens sicherheitspolitische Kompetenzen wiederholt in wenigen staatlichen Behörden konzentriert worden. Diese Zentralisierung, mit der eine institutionelle Differenzierung zurückgenommen worden ist, hat nicht nur unter Experten erhebliche Bedenken, sondern auch in der Bevölkerung z. T. heftigen Protest ausgelöst. Andererseits haben Politiker, Journalisten, zivilgesellschaftliche Aktivisten und Wissenschaftler argumentiert, dass nur eine effektive staatliche Sicherheitspolitik den Schutz von Menschenrechten gewährleistete.64 In den letzten Jahren hat sich diese Diskussion vor allem auf die Responsibility to Protect (Schutzverantwortung) bezogen, die 2005 auf Empfehlung der 2001 eingesetzten International Commission on Intervention and State Sovereignty von den Delegierten der UN-Weltkonferenz beschlossen wurde. Die Entschließung sieht Einschränkungen der staatlichen Souveränität vor, allerdings nur, wenn Menschenrechte einzig durch Zwangsmaßnahmen der Staatengemeinschaft geschützt werden können. Auch ist das 1998 verabschiedete Statut des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag bislang von drei Großmächten – Russland, China und den USA – nicht unterzeichnet worden. Eine Politik humanitärer Intervention, die „als gewaltsame Aktion ohne vorherige Einladung oder Zustimmung des Ziellandes mit dem Ziel des Schutzes grundlegender Menschenrechte“ durchgeführt wird, entspricht zwar der UN-Resolution Nr. 688 vom 5. April 1991 über die Einrichtung von Flugverbotszonen zum Schutz der Kurden im Nordirak. Sie ist aber auf den Widerspruch der „realistischen“ Schule in der Außenpolitik getroffen, die Eingriffe in die Ordnungen einzelner Länder ablehnt. Die Anhänger dieser Richtung vertreten weiterhin die Auffassung, 63 Zur terminologischen und konzeptionellen Differenzierung zwischen „Grundrechten“ und „Menschenrechten“ vgl. Arnd Pollmann, Menschenrechte, Grundrechte, Bürgerrechte, in: ders. / Georg Lohmann (Hg.), Menschenrechte. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2012, S. 129–136, bes. S. 129 f. 64 Dazu grundsätzlich: Oliver Lepsius, Sicherheit und Freiheit – ein zunehmend asymmetrisches Verhältnis in: Gunnar Folke Schuppert u. a. (Hg.), Der Rechtsstaat unter Bewährungsdruck, Baden-Baden 2010, S. 23–54; ders., Die Terrorismusgesetzgebung und das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in Deutschland, in: Beate Rosenzweig / Ulrich Eith (Hg.), Islamistischer Terrorismus. Hintergründe und Gegenstrategien, Schwalbach 2006, S. 119–149, bes. S. 134–136, 140.

68  2 Konzeptionelle Grundlage

dass Sicherheit im Wesentlichen von den nationalstaatlichen Regierungen gewährleistet werden kann und sollte. Ein transnationales Verständnis von Sekurität lehnen sie demgegenüber ab.65 Insgesamt hat sich die nationalstaatliche Souveränität damit in der völkerrechtlichen Entwicklung und Diskussion bis zur Gegenwart weitgehend behauptet, auch weil besonders der Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak ohne Mandat der Vereinten Nationen 2003 den humanitären Interventionismus nachhaltig beschädigt hat. Außerdem haben sich das Recht zum Krieg und das Recht im Krieg gegenläufig entwickelt. Obwohl der Stellenwert des humanitären Völkerrechtes seit dem frühen 20. Jahrhundert gewachsen ist, sind Kriege besonders von Staaten, die erhebliche Verpflichtungen hinsichtlich des ius in bello übernommen haben, kaum noch offiziell erklärt worden.66 Der hohe Stellenwert staatlicher Sicherheitspolitik ist auch in der Debatte und Forschung über failed states hervorgetreten. In Ländern wie Mali und dem Sudan, aber zuvor schon in Nigeria und Kambodscha hat die Erosion des staatlichen Gewaltmonopols wiederholt Bürgerkriege ausgelöst – eine Fragmentierung, die Thomas Hobbes angesichts blutiger Religionskriege im späten 17. Jahrhundert zur Forderung nach einer absolutistischen Staatsmacht geführt hatte. Zwar konnte dessen Gewaltmonopol auch in Rechtsstaaten gerade mit dem Hinweis auf die staatliche Schutzfunktion gerechtfertigt werden. Jedoch haben Verfassungen 65 Zitat: Matthew Jamison, Humanitäre Interventionen im Spiegel der britischen Politikdebatte – nationales Eigeninteresse oder international Verantwortung, in: Jörg Echternkamp / HansHubertus Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?, Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, Berlin 2017, S. 317–324; Cristina Gabriela Badescu, Humanitarian Intervention and the Responsibility to Protect. Security and Human Rights, London 2011; Jean Quataert, Advocating Dignity: Human Rights Mobilizations in Global Politics, Philadelphia 2009; Peter Lieb, Völkerrecht und Verbrechen in europäischen Kriegen des 20. Jahrhunderts, in: Echternkamp / Mack (Hg.), Geschichte, S. 317–324, hier: S. 317. Vgl. auch Daniel Stahl / Annette Weinke, Intervening in the Name of Human Rights. On the History of an Argument, in: Frei / Stahl / Weinke (Hg.), Rights, S. 9–23, hier: S. 22; Stefan Weidemann, Das Verhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit als politikwissenschaftliches Forschungsfeld, in: Hans-Helmuth Gander / Gisela Riescher (Hg.), Sicherheit und offene Gesellschaft. Herausforderungen, Methoden und Praxis einer gesellschaftlichen Sicherheitsforschung, Baden-Baden 2014, S. 43–75; Gisela Riescher, Demokratische Freiheit und die Sicherheit des Leviathan, in: dies. (Hg.), Freiheit und Sicherheit statt Terror und Angst. Perspektiven einer demokratischen Sicherheit, Baden-Baden 2010, S. 11–24; Jan Eckel, Humanitarian Intervention as Global Governance. Western Governments and the Suffering of „Others“ before and after 1990, in: Frei / Stahl / Weinke (Hg.), Rights, S. 64–85, hier: S. 82 f.; Dülffer, Kriege, S. 9; Conze, Geschichte, S. 167. 66 Dazu als quantitativer Überblick aus politikwissenschaftlicher Perspektive: Tanisha M. Fazal, (Kein) Recht im Krieg? Nicht intendierte Folgen der Regelung bewaffneter Konflikte, Hamburg 2019, S. 142, 162.

2.1 Sicherheit



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auch Bürger vor Übergriffen staatlicher Institutionen geschützt. Die Einhegung der Macht von Regierungen und ihrer Sicherheitsapparate ist eine erhebliche politische Herausforderung geblieben, zumal öffentliche Einrichtungen im 20. Jahrhundert auch die Versorgung mit knappen und umkämpften Rechtsgütern wie Wohnraum und Gesundheit übernommen haben. Das Verhältnis zwischen Sicherheitsansprüchen und -konzepten einerseits sowie Freiheits- und Grundrechten andererseits bleibt angesichts dieser Dilemmata in der rechts- und politikwissenschaftlichen Forschung umstritten.67 Jedoch ist „Sicherheit“ in den letzten Jahren zu einem zentralen Paradigma politischer und gesellschaftlicher Diskurse, Praktiken und Maßnahmen geworden. Diese haben sich auf ein wachsendes Spektrum von Lebensbereichen bezogen. Der semantische Gehalt von „Sicherheit“ hat dabei ebenso variiert wie das darauf bezogene Handeln. Im 20. Jahrhundert vollzogen sich die tendenzielle Ausweitung der politischen Regelungen und die damit verbundenen Eingriffe in Menschenrechte grundsätzlich zwar sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien; allerdings hat sich im Allgemeinen nur in demokratischen Systemen mit pluralistischen Gesellschaften und freier Öffentlichkeit eine offene Auseinandersetzung über die Balance zwischen staatlichen bzw. gesellschaftlichen Sicherheitsanforderungen einerseits und Freiheits- und Menschenrechten andererseits vollzogen. Dabei haben zivilgesellschaftliche Aktivisten vor einer ausufernden staatlichen Sicherheitspolitik gewarnt, vor allem hinsichtlich der Kompetenzen von Behörden zur gesellschaftlichen Kontrolle und ihrem Einfluss auf die Gesetzgebung gegen den Terrorismus. Jedoch ist Sicherheit besonders von staatlichen Akteuren als Menschenrecht definiert und für ihre Politik in Anspruch genommen worden. Der deutsche Verfassungsrechtler Josef Isensee hat 1982 sogar ein „Grundrecht auf Sicherheit“ gefordert. Mit den gesteigerten Sicherheitserwartungen ist allerdings zugleich die Unsicherheit gewachsen. Die Regierungen, die damit in eine Anspruchsfalle geraten sind, haben zudem Einfluss an grenzüberschreitend agierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Akteure wie mächtige Internetunternehmen verloren, die z. T. ihrerseits Bürgerund Menschenrechte bedrohen.68 67 Gert-Joachim Glaeßner, Sicherheit und Freiheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 52, Nr. 10–11 / 2002, S. 3–13, hier: S. 4, 7 f., 11 f.; Cristina Gabriela Badescu, Humanitarian Intervention and the Responsibility to Protect. Security and Human Rights, London 2011; Quataert, Dignity; Lieb, Völkerrecht, S. 89–98, hier: S. 97 f.; Eckel, Intervention, S. 84 Überblick in: Weidemann, Verhältnis, S. 43–75; Riescher, Freiheit; Dülffer, Kriege, S. 9. 68 Josef Isensee, Das Grundrecht auf Sicherheit. Zu den Schutzpflichten des freiheitlichen Verfassungsstaates, Berlin 1983. Vgl. auch Manuel Fröhlich / Jan Lemanski, Human Security: The Evolution of a Concept and its Doctrinal as well as Institutional Manifestations, in: Christoph Schuck / Mark Ahrenhövel (Hg.), Security in a Global Environment. Challenging the Human

70  2 Konzeptionelle Grundlage

2.2 Humanität und Menschenrechte Begriffe Die Akteure, die sich von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 in den kriegführenden Ländern, aber auch in internationalen Organisationen und neutralen Staaten für eine humane Behandlung ziviler und militärischer Feindstaatenangehöriger einsetzten, bezogen sich damit über nationalstaatliche Grenzen hinweg auf politische Ideale wie Zivilität, staatsbürgerliche Freiheiten und Demokratie, vielfach aber auch auf „Humanität“. So bezeichnete der US-Botschafter in London, Walter Hines Page (1855–1918), im Dezember 1914 den Vorschlag seines Rechtsberaters, in den kriegführenden Staaten regelmäßige Inspektionen durchzuführen, als einen „historic act of humanity“.69 Auch darüber hinaus wurden im frühen 20. Jahrhundert die Begriffe „Humanität“ bzw. „humanity“ in verschiedenen Sprachen verwendet, so von Völkerrechtlern und in der diplomatischen Korrespondenz. Damit sollte ein Umgang mit Feindstaatenangehörigen bezeichnet werden, der zivilgesellschaftlichen Mindeststandards entsprach.70 Allgemein bezeichnet der Terminus „Menschheit“ einerseits die „Natur“ des Menschen (als Naturwesen und seinem selbstbestimmten Zweck), andererseits aber auch die Gesamtheit aller Menschen. „Humanitas“ wurde in der römischen Republik als aristokratisches Ethos auf die bestehende Rechts- und Sozialordnung bezogen. Seit dem 3. und 4. Jahrhundert rückte dabei unter dem Einfluss des biblisch-theologischen Menschenbildes die Unvollkommenheit des Menschen als Geschöpf Gottes in den Mittelpunkt. Im 16. Jahrhundert entstand aus „humanitas“ das deutsche Wort „humanitet“ mit sozialethischer Bedeutung. Der theologische Begriff des Mittelalters trat in den darauffolgenden beiden Jahrhunderten zurück, als sich die neuzeitliche Subjektivität herausbildete. Die Aufklärer beanspruchten erstmals Freiheitsrechte gegenüber dem absolutis-

Security Approach, Baden-Baden 2011, S. 21–49; Christopher Daase, Die Historisierung der Sicherheit. Anmerkungen zur historischen Sicherheitsforschung aus politikwissenschaftlicher Sicht, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 387–405; Glaeßner, Sicherheit, S. 10–13; Henne, „Security turns its eye exclusively to the future“, S. 15, 23; Conze, Geschichte, S. 155 f. 69 Zitat: Speed, Prisoners, S. 24. 70 Bruno Cabanes, The Great War and the Origins of Humanitarianism 1918–1924, Cambridge 2014, S. 57. Zur Verwendung von „humanity“ vgl. z. B. United States Department of State, Papers Relating to the Foreign Relations of the United States (FRUS), 1915, Supplement, The World War. U. S. Government Printing Office, Washington 1928, S. 395 („rules of […] humanity“), 436–438, 463 („principles of humanity“), 437 („rights of humanity“), 1013 („servant of humanity“), 1021 („general interest of humanity“). Vgl. auch Caglioti, Aliens, S. 456.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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tischen Staat. Um 1840 vollzog sich ein einschneidender Bruch mit der theologischen und philosophischen Tradition. Der Mensch wurde nunmehr auf sich selbst gestelltes Wesen verstanden. Zugleich verbreitete sich „Humanismus“ als Bezeichnung menschlichen Verhaltens und bald auch als pädagogisches Leitziel. Mit dem europäischen Imperialismus ging zwar die Vorstellung von der Einheit des Menschengeschlechtes über nationalstaatliche Grenzen hinaus einher. Andererseits hierarchisierten die Kolonisatoren die Völker. Dem Bezug auf humanitäre Normen blieb der Hinweis auf „Menschenrechte“ im Ersten Weltkrieg noch untergeordnet. Der letztere Begriff wurde nur von wenigen Akteuren verwendet, so von dem Rechtswissenschaftler Louis Renault (1843–1918), der im Herbst 1914 in der Académie des Sciences Morales et Politiques über das Verhältnis zwischen Krieg und Menschenrechten im 20. Jahrhundert sprach.71 Humanität und Menschenrechte sind aber unterschiedlich interpretiert und implementiert worden, und Aktivisten haben sie widersprüchlich auf vorangegangene, ähnliche Vorstellungen bezogen. Seit dem 19. Jahrhundert ist der universalistische Anspruch dabei – in unterschiedlichem Ausmaß – auf kulturrelativistische Einwände getroffen. Dabei hat der Verweis auf besondere kulturelle Traditionen einen besonders hohen Stellenwert eingenommen. Er verdeckt aber oft auch machtpolitische Ziele und Motive der jeweiligen Eliten und Regierungen. Eine hier vorgenommene Historisierung der Menschenrechte vermag die skizzierten Zusammenhänge, Konstellationen und Kontexte freizulegen, zumal schon die Vorstellung der Menschenwürde tief in der Geschichte verwurzelt ist. Zudem hat die neuere Forschung betont, dass die Leitvorstellung allgemeiner Menschenrechte seit dem späten 18. Jahrhundert eng auf Bemühungen zur Einhegung bewaffneter Konflikte bezogen worden ist. So diente Humanität in den beiden Weltkriegen als allgemeiner Bezugsrahmen, hinter dem sich aber unterschiedliche Vorstellungen der beteiligen Akteure – so Opfer, Juristen und karitative Organisationen – verbargen.72

71 Cabanes, Great War, S. 57; Bödeker, Artikel „Menschheit, Humanität, Humanismus“, S. 1064–1067, 1072, 1075, 1079, 1084, 1089, 1112, 1121, 1121. 72 Arnd Pollmann, Der menschenrechtliche Universalismus und seine relativistischen Gegner, in: ders. / Lohmann (Hg.), Menschenrechte, S. 331–338; Stéphane Audoin-Rouzeau / Annette Becker, 14–18. Understanding the Great War, New York 2002, S. 54; Christopher McCrudden, Human Rights Histories, in: Oxford Journal of Legal Studies 2014, S. 1-35, hier: S. 3, 14; Dülffer, Kriege, S. 4; Joas, Sakralität.

72  2 Konzeptionelle Grundlage

Entstehung und Aufstieg des Humanitarismus Die Herausbildung eines transnationalen Menschenrechtsdiskurses ist aus einem langen Prozess hervorgegangen, der sich aber keineswegs linear vollzogen hat. Die Diskurse über die Gewährung gleicher menschlicher Rechte und die Beseitigung menschlichen Leids sind jedoch analytisch voneinander zu unterscheiden. Im Gegensatz zur Menschenrechtssprache begründet der Humanitarismus keine Rechtsansprüche. Dessen Entwicklung war aber eng mit Überlegungen zu Menschenrechten verbunden. Bereits im moralischen Universalismus, der sich in der „Achsenzeit“ (800 bis 200 v. Chr.) herausbildete, war das Konzept der Menschenwürde verwurzelt. Allerdings konnte sich das emanzipatorische Potential, das in der Sakralisierung der Person begründet war, lange nicht entfalten, da es u. a. durch kulturelle Überlegenheitsansprüche der Europäer bzw. der westlichen Welt überformt und relativiert wurde.73 Auch ist „das Moralische“ zu historisieren und besonders im Hinblick auf Aushandlungsprozesse und Konflikte zwischen spezifischen Akteuren über zivilgesellschaftliche Normen wie „Würde“ und „Anerkennung“ zu untersuchen. Damit können nicht nur die Handlungen erfasst und bestimmt werden, die jeweils von einzelnen Gruppen oder Menschen als „moralisch“ bewertet worden sind, sondern es tritt auch die emotionale Grundierung moralischer Forderungen hervor.74 Außer der Entwicklung zentraler Normen sind aber auch politische und gesellschaftliche Prozesse zu betrachten, die besonders das Verhältnis von Herrschenden und Beherrschten betroffen haben. Mit der Trennung von Göttlichem und Irdischen wurde im Mittelalter erstmals Herrschaftskritik möglich. Nachdem die Magna Charta 1215 den englischen Adligen politische Freiheiten gewährt und damit die Macht des Königs eingeschränkt hatte, musste Karl II. am 27. Mai 1679 den Habeas Corpus Amendment Act unterzeichnen. Nach diesem Gesetz waren Inhaftierte innerhalb von drei Tagen einem Richter vorzuführen, und sie durften nicht außer Landes gebracht werden. Verstöße konnten mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Diese Beschränkungen der Macht von Herrschern basierten auf dem Konzept der Menschenwürde und der naturrechtlichen Begründung von Regierungen, denen John Locke (1632–1704) den Schutz 73 Die Darstellung folgt hier: Hans Joas, Sind die Menschenrechte westlich? München 2015, bes. S. 11–29; ders., Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011, bes. S. 23–39. Vgl. auch Fabian Klose, „In the Cause of Humanity“. Eine Geschichte der humanitären Intervention im langen 19. Jahrhundert, Göttingen 2019, S. 78; Philipp Kandler, Literaturbericht. Neue Trends in der „neuen Menschenrechtsgeschichte“, in: Geschichte und Gesellschaft 45 (2019), S. 297–319, hier: S. 300 f. 74 Habbo Knoch / Benjamin Möckel, Moral History. Überlegungen zu einer Geschichte des Moralischen im „langen“ 20. Jahrhundert, in: Zeithistorische Forschungen 14 (2017), S. 93–111.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

73

der Naturrechte, des Lebens und der Freiheit auferlegte. Aber erst die Aufklärung, der Kampf gegen die Sklaverei und der Protest gegen die Folter im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert führten eine breitere Mobilisierung zugunsten der Menschenwürde herbei.75 Sie basierte auf neuen Narrativen, die – so in Berichten von Medizinern über Autopsien und Untersuchungskommissionen zu den Arbeitsverhältnissen in Bergwerken – den leidenden Körper zum Bezugspunkt zeitgenössischer Besorgnisse erhoben. Diese Texte erregten in einzelnen Gruppen der Leserschaft, die in der Aufklärung für rationale Ursachen konkreter Missstände sensibilisiert worden war, ein Mitgefühl, das z. T. Handeln zugunsten der Opfer auslöste. In diesem Kontext entstand im späten 18. Jahrhundert in England der Begriff „humanitarianism“, der allerdings erst rund ein Jahrhundert später definiert wurde. Der britische Reformer Henry S. Salt (1851–1939) erklärte 1891, als er die Humanitarian League gründete: „… by humanitarianism, I mean nothing more and nothing less than the study and practice of humane principles – of compassion, love, gentleness, and universal benevolence“. Diese idealisierende Definition verdeckte, dass das Selbstverständnis der Humanitaristen im 19. und frühen 20. Jahrhundert eng an Vorstellungen abendländischer Entwicklung und europäischer Zivilisation gebunden blieb.76 Der humanitäre Impuls hat auch über diese Grenze hinaus Abwehr ausgelöst, besonders wenn das Leiden anderer als abstrakt und weit entfernt wahrgenommen worden ist. In der Aufklärung betonten die tragenden Akteure der „humanitarian revolution“ deshalb Empathie, die Fürsorge, Philanthropie und Solidarität begründen sollte. Zudem hat humanitäres Engagement die Personen, denen jeweils Hilfe gewährt worden ist, lange als passive Opfer verstanden und gefasst, nicht aber als aktiv Handelnde. Zahlreiche Studien zu humanitärer Fürsorge weisen deshalb eine verengte Perspektive und verkürzende Interpretationen auf, indem sie sich auf die Personen konzentrieren, die Unterstützung empfangen. Demgegenüber haben sie Interessen der Hilfsorganisationen und Konflikte zwischen ihnen ausgeblendet. Zudem hat sich Humanität als variables, dehnbares und vieldeutiges Konzept erwiesen, das verschiedene Akteure jeweils für ihre Ziele eingesetzt haben, so als kollektive Appellationsinstanz. Es

75 Geoffrey Hindley, A Brief History of the Magna Carta. The Story of the Origins of Liberty, London 2008; Peter Stamatov, The Origins of Global Humanitarianism. Religion, Empires, and Advocacy, Cambridge 2013, S. 175. Umfassend: Jenny S. Martinez, The Slave Trade and the Origins of International Human Rights Law, Oxford 2012. Vgl. auch Philip Alston, Does the Past Matter? On the Origins of Human Rights, in: Harvard Law Review 126 (2013), S. 2043–2081. 76 Henry S. Salt, Humanitarianism: Its General Principles and Progress, London 1891, S. 3, Zitat: Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 70 (Anm. 117). Vgl. auch Kelly, Activity, S. 9.

74  2 Konzeptionelle Grundlage

hat durchweg politische Ziele, moralische Ansprüche und rechtliche Normen miteinander verschränkt.77

Menschen- und Bürgerrechte und das Engagement früher religiös-humanitärer Organisationen Mit dem Aufstieg des Humanitarismus ging die Kodifizierung von Bürger- und Menschenrechten einher. Die Virginia Declaration of Rights vom 12. Juni 1776 und die 1789 von den französischen Revolutionären verabschiedete Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen waren für die weitere Entwicklung wichtige Marksteine und Bezugsgrößen. Zugleich wurde „humanity“ zu einem Begriff des politischen Diskurses, wie ein Urteil des Königlichen Gerichtshofes (Court of King’s Bench) 1803 zeigte. Es verpflichtete die britischen Behörden, allen Bedürftigen – auch Ausländern – als „law of humanity“ Leistungen der Armenfürsorge zur Verfügung zu stellen.78 Allerdings kann nicht von einer ungebrochenen Ausbreitung von Humanität und Menschenrechten seit dem späten 18. Jahrhundert gesprochen werden, wie die – inzwischen allerdings sterile – Debatte über Zäsuren in deren Entwicklung gezeigt hat. „Menschenrechte“ waren in den Erklärungen des 18. Jahrhunderts konkret auf die bürgerliche Gesellschaft bezogen und damit keineswegs universell. Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten gründeten das Engagement für Menschenrechte und die Forderung nach „Humanität“ allenfalls partiell auf universellen Werten. Im Allgemeinen blieb es auf Forderungen für einzelne Gruppen und Kampagnen wie den Kampf gegen den Sklavenhandel begrenzt. Darüber hinaus verlangten Abolitionisten – so der englische Jurist Henry Wheaton (1785–1848) – in den 1840er Jahren die

77 Thomas W. Laqueur, Bodies, Details, and the Humanitarian Narrative, in: Lynn Hunt (Hg.), The New Cultural History, Berkeley 1989, S. 176–204, bes. S. 176–179, 193, 195, 202–204; Fabian Klose / Mirjam Thulin, Introduction: European Concepts and Practices of Humanity in Historical Perspective, in: dies. (Hg.), Humanity. A History of European Concepts in Practice from the Sixteenth Century to the Present, Göttingen 2016, S. 9–25, hier: S. 11, 13, 15 (Zitat), 24; Paul Betts, Universalism and its Discontents. Humanity as a Twentieth-Century Concept, in: ebd., S. 53, 62; Johannes Paulmann, Humanity – Humanitarian Reason – Imperial Humanitarianism. European Concepts in Practice, in: ebd., S. 290, 293, 299, 304; Vaughan Robinson, The Nature of the Crisis and the Academic Response, in: ders. (Hg.), The International Refugee Crisis. British and Canadian Responses, London 1993, S. 3–13, hier: S. 8 f.; Tony Kushner, Remembering Refugees – Then and Now, Manchester 2006, S. 45; Panayi, Immigration, S. 2. 78 Report from the Select Committee on Poor Removal; Together with the Proceedings of the Committee, Minutes of Evidence, Appendix, and Index (Parliamentary Papers, 1854, XVII), S. 471 f., Zitat: Fahrmeir, Passports, S. 112 f.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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Befreiung aller Sklaven. Die Gewalt gegenüber diesen Opfern stigmatisierten sie bereits als „crimes against humanity“.79 Auch das Konzept der humanitären Intervention entstand schon im 19. Jahrhundert. Eingriffe zur Beseitigung der kritisierten Missstände wurden allerdings nicht universalistisch verstanden, wie der Hinweis auf die „Zivilisation“ zeigt. Bereits seit dem 16. Jahrhundert waren Rechte von Völkern an das Christentum gebunden und daraus das Recht (und die Pflicht) zur Mission abgeleitet worden. Davon noch beeinflusst, bezeichnete das neue Konzept der „Zivilisation“ im 19. Jahrhundert spezifische Forderungen, die an Staaten gerichtet wurden (wie die Sicherung von Grundrechten). Daraus ergaben sich Herrschaftsansprüche und der Geltungsbereich des Völkerrechtes, dessen normative Kraft auf der Vorstellung vom Fortschritt der Menschheit basierte. Vor allem galten zivilisatorische Standards, die besonders auf dem Konzept souveräner Staatlichkeit beruhten, für die Anerkennung von Staaten als unabdingbar. Die globale Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Regierungen vollzog sich damit „im Medium des europäischen Völkerrechts“. In diesem Rahmen sollte der Hinweis auf „crimes against humanity“ den politischen und juristischen Kampf gegen die Sklaverei – so mit der Einrichtung binationaler Gerichtshöfe von 1817 bis 1871 – moralisch legitimieren. Ein umfassendes rechtliches Konzept hatte sich damit aber noch nicht herausgebildet.80 Außerdem entwickelte sich mit dem Aufstieg des modernen Nationalismus und Imperialismus eine Spannung zwischen moralischem Universalismus und nationalen Eigenheiten. „Herrenlose Souveränität“ war dem völkerrechtlichen Schutz entzogen. Dies ermöglichte Kolonialmächten, in den von ihnen beherrschten Territorien Eigentum – vor allem von Nicht-Christen – zu beschlagnahmen. Außerdem griffen sie in die inneren Angelegenheiten abhängiger Staaten ein. Mit der Doktrin „herrenloser Souveränität“ rechtfertigten die europäischen Großmächte, die ihrerseits Interventionen ausländischer Regierungen ablehnten, sogar die Forderung nach Gleichstellung von Christen und Musli79 Kandler, Literaturbericht, S. 298; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 40–50, 58–61; Bödeker, Artikel „Menschheit, Humanität, Humanismus“, S. 1106; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 70–82; ders., Protecting Universal Rights, S. 170 f. Zur Kampagne der Abolitionisten im Namen der Humanität: Fabian Klose, „A War of Justice and Humanity“: Abolition and Establishing Humanity as an International Norm, in: ders. / Thulin (Hg.), Humanity, S. 169–186. 80 Zitat: Marcus M. Payk, Frieden durch Recht? Der Aufstieg des modernen Völkerrechts und der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2018, S. 44. Vgl. auch Jörg Fisch, Internationalizing Civilization by Dissolving International Society. The Status of Non-European Territories in Nineteenth-Century International Law, in: Martin Geyer / Johannes Paulmann (Hg.), The Mechanics of Internationalism. Culture, Society, and Politics from the 1840s to the First World War, Oxford 2001, S. 235-257, hier: S. 246–248, 256.

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men im Osmanischen Reich. Die Souveränität dieses Imperiums war von den europäischen Imperien schon während des Freiheitskampfes der Griechen massiv verletzt worden. Als osmanische Truppen im April 1876 aufständische Bulgaren massakrierten, benutzte das Russische Zarenreich dies als Rechtfertigung dafür, der Hohen Pforte den Krieg zu erklären. Auch andere europäische Großmächte legitimierten den russischen Angriff als humanitäre Intervention, um die Rechte von Christen und den zivilisatorischen Fortschritt zu sichern.81 Pazifistische Vereine und Verbände mussten ihre Unterstützung, die sie als grenzüberschreitende Aufgabe verstanden, seit dem 19. Jahrhundert z. T. auf die Anforderungen der jeweiligen nationalen Regierungen ausrichten. Dies gilt auch für Hilfsorganisationen wie die Mitte des 17. Jahrhunderts entstandene Religious Society of Friends. 1666 war der Anwalt William Penn (1644–1718) dieser „Gesellschaft der Freunde“ beigetreten, deren Angehörige von Gegnern „Quäker“ (von quake: „erheben“) genannt wurden. Das Engagement der Glaubensbrüder war vorrangig religiös motiviert. Die Quäker proklamierten die Rückkehr zu einem idealisierten Urchristentum, in dem alle Menschen gleichgestellt sein sollten. Penn, George Fox (1624–1691) und ihre Anhänger engagierten sich in Nordamerika besonders für die Würde und Rechte der Indianer. Demgegenüber wurden die Afrikaner, deren Zahl mit dem transatlantischen Sklavenhandel zunahm, zunächst wenig beachtet. Über die entstehenden USA hinaus bildete die Society of Friends in Großbritannien und in anderen westlichen Ländern Gemeinschaften. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kämpften die Quäker auch gegen die Sklaverei. In Pennsylvania, wo William Penn 1682 eine Siedlung gegründet hatte, bemühte sich die „Gesellschaft der Freunde“, leitende britische Kolonialbeamte für ihre Ziele zu gewinnen. Der Lobbyismus erstreckte sich auch auf das Handelskomitee (Board of Trade; später Handelsministerium) in London. Im späten 18. Jahrhundert wurde die britische Hauptstadt zu einem Zentrum der grenzüberschreitenden humanitären Bewegung, wie auch die Bildung der British and Foreign Antislavery Society 1839 zeigte. Diese Organisation hob auf menschliche Würde ab und verwies insofern auf die späteren Aktivitä-

81 Vgl. Dieter Gosewinkel, Introduction. Histoire et fonctions de la propriété, in: Revue d’histoire moderne et contemporaine 61 (2014), Nr. 1, S. 7–25, hier: S. 14, 17; Jörg Fisch, Die europäische Expansion und das Völkerrecht. Die Auseinandersetzungen um den Status der überseeischen Gebiete vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984, S. 478, 482–491, 494, 497; ders., Civilization, S. 248, 252; Mark Swatek-Evenstein, A History of Humanitarian Intervention, Cambridge 2020, S. 118–120, 126, 153; Marco Duranti, European Integration, Human Rights and Romantic Internationalism, in: Nicholas Doumanis (Hg.), The Oxford Handbook of European History, 1914–1945, Oxford 2016, S. 440–458, hier: S. 449; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 43, 46, 442; Schulz, Cultures, S. 27–29.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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ten des IKRK seit den 1860er Jahren. Insgesamt war ein Netzwerk entstanden, das im 19. Jahrhundert zur Entstehung einer transnationalen Zivilgesellschaft beitrug. In den beiden Weltkriegen sollte die Gewalt gegen Zivilisten schließlich Bemühungen von Vertretern humanitärer Organisationen, Politikern und Völkerrechtlern vorantreiben, die Auswirkungen bewaffneter Konflikte zu begrenzen.82

Die Herausbildung des humanitären (Kriegs-)Völkerrechts, Abkommen und Organisationen im 19. Jahrhundert Wichtige Impulse zur Bändigung von Kriegen gingen auch von der Entfaltung des Völkerrechts aus, das hier deshalb in die Darstellung einbezogen werden muss. Schon in der Römischen Republik band vor allem Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) in seinem Werk De re publica (geschrieben 52 v. Chr.) den gerechten Krieg (bellum iustum) an spezifische materielle Voraussetzungen und Formalien, die eingehalten werden mussten (so die Forderung nach Rückgabe von Eigentum und eine Kriegserklärung). Der Kirchenvater Augustin (354–430 n. Chr.) griff dieses Konzept auf; er ließ jedoch allenfalls einen bellum iustum zur Herstellung des irdischen Friedens zu, den aber erst der himmlische Friede vollende. Daran anschließend, entwickelte der Philosoph und Rechtsgelehrte Hugo Grotius (1583–1645) die Grundlagen eines „Rechtes im Krieg“ (ius in bello). Er legte den Staatenbeziehungen das Naturrecht zu Grunde. Diese Auffassung richtete sich gegen das Konzept des positiven Rechts und gründete auch auf religiösen und humanistischen Überzeugungen. Grotius lehnte die von seinem Zeitgenossen Thomas Hobbes vertretene Souveränitätsdoktrin ab, die den Herrschern rechtliche Immunität verlieh. Demgegenüber hielt er Interventionen bei schweren Verletzungen des Naturrechtes für gerechtfertigt. Damit ging die Forderung einher, Kriege durch Regeln zu bändigen. So sprach sich Grotius erstmals für einen Austausch von Gefangenen aus, die außerdem rücksichtsvoll behandelt werden sollten. Darüber hinaus verlangte er, in Kriegen Leben und Ei-

82 Daniel Roger Maul, American Quakers, the Emergence of International Humanitarianism, and the Foundation of the American Friends Service Committee, 1890–1920, in: Johannes Paulmann (Hg.), Dilemmas of Humanitarian Aid in the Twentieth Century, Oxford 2016, S. 63–87, hier: S. 65, 86; Holger Nehring, Europäische Friedensbewegungen seit dem 19. Jahrhundert, in: Echternkamp / Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?, S. 99–110, hier: S. 99–101; Forsythe, Humanitarians, S. 14; Stamatov, Origins, S. 104 f., 114, 121–123, 175–182; Proctor, Civilians, S. 185. Grundlegend: William Penn, Früchte der Einsamkeit. Reflexionen und Maximen über die Kunst der Lebensführung, hg. von Jürgen Overhoff, Stuttgart 2018.

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gentum zu schonen, auf Geiselnahmen zu verzichten und kein Lösegeld zu fordern. Damit begründete Grotius das humanitäre Kriegsvölkerrecht.83 Darauf baute der Rechtsgelehrte Emeric de Vattel (1714–1767) auf, der sich 1758 in seinem Werk Le droit des gens ebenso gegen eine Überführung gegnerischer Offiziere und Soldaten in die Sklaverei wandte. Auch war Angehörigen von Kriegsgegnern nach Vattel eine Frist einzuräumen, in der sie das jeweilige Land verlassen durften. Diejenigen, die dies nicht wollten oder konnten, durften keineswegs unbegrenzt festgehalten werden; vielmehr mussten sie spätestens nach dem Ende von bewaffneten Konflikten freigelassen werden. Generell sollten Zivilisten in Kriegen geschont und nach den Grundsätzen von Recht und Menschlichkeit behandelt werden. Ähnlich wie Samuel Johnson (1709–1784) in seinem Dictionary of the English Language (1755) betrachtete Vattel dieses rücksichtsvolle Verhalten als Verpflichtung aller Menschen und Völker (offices d’humanité), die damit nach seiner Auffassung in einem wechselseitigen Verpflichtungsverhältnis miteinander verbunden waren.84 Damit hatte die Aufklärung dem humanitären Völkerrecht kräftige Impulse verliehen. Es sollte letztlich eine rationale Regierung von Territorialstaaten ermöglichen und die Verhältnisse in ihnen ebenso verbessern wie die Beziehungen zwischen ihnen. So trennte Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) erstmals klar zwischen individueller Feindschaft und militärischen Konflikten zwischen Staaten. Wie er 1762 unterstrich, wurden Personen zwar als Verteidiger ihres Landes Gegner, nicht aber einfach als Angehörige von Staaten. Menschen, die nicht (mehr) für eine Militärmacht kämpfen, waren deshalb zu schützen. Diese Auffassung, mit der Rousseau Kombattanten von Nichtkombattanten abhob, schlug sich 1785 in dem Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen Preußen und den Vereinigten Staaten von Amerika nieder, in dem Besuchsrechte von Gesandten beider Staaten bei den Gefangenen im jeweils gegnerischen Land festgelegt wurden. Deshalb sollten Soldaten, die sich ergeben hatten, nicht mehr in entlegenen Gebieten eingekerkert werden. Ein Dekret der französischen Nationalversammlung legte 1792 außerdem fest, dass Gefangene geschont, ge83 Überblick in: Laurent Ditmann, Grotius, Hugo (Huigh de Groot) (1583–1645), in: Jonathan F. Vance (Hg.), Encyclopedia of Prisoners of War and Internment, Santa Barbara 2000, S. 120 f.; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 62–65; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 56. Zur Entwicklung in der Antike und im Mittelalter vgl. Ernst Baltrusch, Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008, S. 35 f., 127–129; Edgar Wolfrum, Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 10–13, 39. 84 Klose / Thulin, Introduction, S. 14 f.; Paulmann, Humanity, S. 297 f.; Patrick M. O’Neil, Vattel, Emmerich de (1714–1767), in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 302; Tony Dawes, International Law, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 145–147.

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schützt und auf Bewährung freigelassen werden mussten, wenn sie versprachen, sich aus Kämpfen herauszuhalten. Im darauffolgenden Jahr kündigte der Nationalkonvent darüber hinaus sogar erstmals einen individuellen Gefangenenaustausch Mann für Mann an. Dies hielt Napoleon jedoch nicht davon ab, 1799 in Jaffa rund 3.500 arabische Gefangene zu exekutieren. Damit waren die Grenzen völkerrechtlicher Normen früh deutlich geworden.85 Der Nationalismus, die Einführung der Wehrpflicht, die damit einhergehende Aufstellung von Bürgerheeren und umfangreicher Reserveeinheiten radikalisierten und entgrenzten seit dem frühen 19. Jahrhundert die Kriegführung. Militärische Kategorien und Denkfiguren beeinflussten das gesellschaftliche Leben und auch den Alltag von Zivilisten, die zu potentielle Soldaten geworden waren. Als militärische Ressourcen verstanden, mutierten auch sie im totalen Krieg zu „Feinden“, wenn sie in gegnerischer Hand waren. Zugleich band das Konzept der „Nation in Waffen“ die Staatsbürgerschaft an den Kriegsdienst. Von Zivilisten an der „Heimatfront“ wurde nun unbedingte Loyalität gegenüber der eigenen Nation gefordert und erwartet. Juristen gestanden kriegführenden Staaten daraufhin das Recht zu, wehrfähige Männer an der Rückkehr in ihre Heimat zu hindern. So ließ Napoleon von 1803 bis 1814 in Frankreich rund 10.000 Briten internieren, oft – wie bis ins 19. Jahrhundert üblich – in Gefängnissen und auf Schiffen. Die britische Regierung griff von 1803 bis 1814 ihrerseits 1.557 französische Zivilisten auf, die meisten von ihnen auf hoher See. Die neue Praxis der Kriegführung nationalstaatlicher Regierungen traf auf eine traditionale Diplomatie, die den veränderten Anforderungen nicht mehr gewach-

85 Stephen C. Neff, Prisoners of War in International Law. The Nineteenth Century, in: Scheipers (Hg.), Prisoners, S. 59–73, hier: S. 64; Jonathan F. Vance, Decree Concerning Prisoners of War (1792), in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 73 f.; Rainer Pöppinghege, Im Lager unbesiegt. Deutsche, englische und französische Kriegsgefangen-Zeitungen im Ersten Weltkrieg, Essen 2006, S. 43 f.; William B. Cohen, Epilogue: The European Comparison, in: Lawrence J. Friedman / Mark D. McGarvie (Hg.), Philanthropy, and Civility in American History, Cambridge 2003, S. 385–412, hier: S. 396, 398; Matthew Stibbe, Civilian Internment and Civilian Internees in Europe, 1914–20, in: Immigrants and Minorities 26 (2008), Nr. 1–2, S. 49–81, hier: S. 55; Jörg Fisch, Völkerrecht, in: Dülffer / Loth (Hg.), Dimensionen, S. 151–168, hier: S. 155; Uta Hinz, Gefangen im Großen Krieg. Kriegsgefangenschaft in Deutschland 1914–1921, Essen 2006, S. 44 f.; Oliver Diggelmann, Völkerrecht und Erster Weltkrieg, in: Andreas Thier / Lea Schwab (Hg.), 1914, Zürich 2018, S. 105–132, hier: S. 123; Martti Koskenniemi, A History of International Law Histories, in: Bardo Fassbender / Anne Peters (Hg.), The Oxford Handbook of the History of International Law, Oxford 2012, S. 943–971, hier: S. 950. Vgl. auch Jean Spiropoulus, Ausweisung und Internierung feindlicher Staatsangehöriger, Leipzig 1922, S. 11 f., 95 f.; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 63. Zu Rousseau: Amanda Alexander, The Genesis of the Civilian, in: Leiden Journal of International Law 20 (2007), S. 359–376, hier: S. 361 (hier allerdings mit falscher Jahresangabe).

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sen war. Dieses grundsätzliche Problem verlieh den Anhängern einer Transformation des Völkerrechts von einem Rahmen regionaler Konventionen zu einem formalen System abstrakter Regeln kräftig Auftrieb und Unterstützung. Damit sollten der rapide Wandel der Kriegführung und die zunehmenden grenzüberschreitenden Verflechtungen berücksichtigt werden.86 Damit einhergehend, dominierte zusehends ein positivistisches Rechtsverständnis, dessen Vertreter naturrechtliche Normen ablehnten und stattdessen anstrebten, dem Völkerrecht eine wissenschaftliche Basis zu verleihen. Dabei beriefen sie sich entweder auf die Praxis der staatlichen Jurisdiktion, einen gemeinsamen Willen auf der Basis von Vereinbarungen oder das Prinzip der Souveränität. Als Vorbild galt das Zusammenleben in der bürgerlichen Gesellschaft auf der Grundlage der Aufklärung. Die Rechtspositivisten begrenzten das Völkerrecht auf die Aufgabe, Konflikte zwischen Staaten zu lösen. Dazu war Krieg zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur als letztes Mittel. Demgegenüber vertraten Juristen, die am Naturrecht festhielten, ein „Weltbürgerrecht“, so Johann Caspar Bluntschli (1808–1881). Auf dieser Grundlage befürwortete er ebenso wie Gustave Rolin-Jaequemyns (1835–1902) und Gustave Moynier (1826–1910) ein Recht zur Intervention in souveräne, „zivilisierte“ Staaten, um Massaker zu unterbinden. Bluntschli und sein in Brüssel lehrender Kollege Aegidius Arntz (1812–1884) bekannten sich auch bereits zum Schutz der „Menschenrechte“ („droits de l’humanité“). Allerdings blieb die Verwendung dieser Begriffe im 19. Jahrhundert noch vage, zumal sie nicht rechtlich kodifiziert waren.87

86 Angaben nach: Stibbe, Civilian Internment, S. 8. Dazu grundsätzlich: Payk, Frieden durch Recht?, S. 76, 656; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2011). Vgl. auch Arthur Page, War and Enemy Aliens. The Law Affecting Their Personal and Trading Rights and Herein of Contraband of War and the Capture of Prizes at Sea, London 21915, S. 18 f.; Alon Rachamimov, POWs and the Great War. Captivity on the Eastern Front, Oxford 2002, S. 70; Christoph Dieckmann / Babette Quinkert, „Kriegsnotwendigkeiten“ und die Eskalation der deutschen Massengewalt im totalen Krieg, in: dies. (Hg.), Kriegführung und Hunger 1939–1945. Zum Verhältnis von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen, Göttingen 2015, S. 9–32, hier: S. 14 f.; Spiropoulus, Ausweisung, S. 16–18; Stibbe, Civilian Internment and Civilian Internees, S. 51; Lieb, Völkerrecht, S. 89 f.; Diggelmann, Völkerrecht, S. 123; Echternkamp / Mack, Militärgeschichte, S. 14; Nehring, Friedensbewegungen, S. 102. 87 Johann Caspar Bluntschli, Das moderne Völkerrecht der civilisierten Staten als Rechtsbuch dargestellt, Nördlingen 1872, S. 20, 265, 269; Gustave Rolin-Jaequemyns, Note sur la Théorie du Droit d’Intervention: À propos d’une lettre de M. le professeur Arntz, in: Revue de Droit International et de Législation Comparée 8 (1876), S. 675, beide Zitate: Klose, Emergence, S. 18. Vgl. auch Daniel Marc Segesser, Humanitarian Intervention and the Issue of State Sovereignty in the Discourse of Legal Experts Between the 1830s and the First World War, in: Klose (Hg.), Emergence, S. 61 f., 71; Payk, Frieden durch Recht?, S. 30 f.; 656.

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Andere Rechtsgelehrte wie Lorenz von Stein (1815–1890) setzten auf Solidarität in der internationalen Gemeinschaft oder forderten, die Handlungsmacht der einzelnen Menschen zu stärken. Vor allem diese liberalen Rechtswissenschaftler, die sich für individuelle Autonomie einsetzten, wandten sich gegen die Fixierung auf den Staat. Zugleich lehnten sie die historische Schule des Rechts ab, die von Friedrich Carl von Savigny (1779–1861) begründet wurde. Diese betonte unterschiedliche, in allen Nationen spezifische Kontexte und befürwortete damit ein pluralistisches Verständnis. Auch wiesen sie Savignys strikte Trennung von privatem und öffentlichem Recht zurück. Demgegenüber bestanden besonders der italienische Rechtswissenschaftler Pascale Fiore (1837–1914) und der russisch-estnische Diplomat und Jurist Fedor Fedorovich Martens (1845–1909), der „Humanität“ als Quelle von Recht definierte, auf universellen, unveräußerlichen und von Regierungen unabhängigen Menschenrechten.88 Obgleich sie den Einfluss der vorherrschenden positivistischen Rechtsauffassung nicht brechen konnten, verliehen diese liberalen Juristen dem Kriegsvölkerrecht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wichtige Impulse. Es basierte auf der Norm begrenzter Kriege. Sie beruhte ihrerseits auf der Doktrin staatlicher Souveränität und einer eurozentrischen Vorstellung zivilisatorischer Standards.89 Vor diesem Hintergrund verlangten Rechtsanwälte und -wissenschaftler wie Johann Caspar Bluntschli, Tobias Asser (1838–1913), John Westlake (1828–1913) und Édouard René Lefebvre de Laboulaye (1811–1883) auch im Anschluss an Robert von Mohl (1799–1875), Opfer von Kriegen völkerrechtlich zu schützen und die Rechte neutraler Staaten zu respektieren. Sie trieben damit die Entwicklung des Kriegsvölkerrechts voran, welches sich grundsätzlich in das ungeschriebene Gewohnheitsrecht und das schriftlich kodifizierte Vertragsrecht gliedert. So forderte Bluntschli, Kriegsgefangene menschlich zu behandeln und sie zu ernähren. Sie sollten ausschließlich zu Arbeiten herangezogen werden, die nicht militärischen Zwecken dienten. Damit bezog sich Bluntschli, der die Schweiz als Vorbild eines internationalen humanitären Engagements betrachtete, auf die Grundsätze des 1864 in Genf gegründeten Roten Kreuzes. Alles in allem zielten diese Vorschläge nach den erschreckenden Erfahrungen 88 Dazu im Detail: Stephen C. Neff, Justice among Nations. A History of International Law, Cambridge/Mass. 2014, S. 217–297, bes. S. 273 f.; Annette Weinke, Gewalt, Geschichte, Gerechtigkeit. Transnationale Debatten über deutsche Staatsverbrechen im 20. Jahrhundert, Göttingen 2016, S. 33. Zur Diskussion über die Ansprüche Einzelner gegenüber dem Staat und der damit verbundenen Idee von Grundrechten: Christoph Menke, Privatrecht, Klagerecht, Grundrecht. Zur Einheit der modernen Rechtsidee, in: Marten Breuer u. a. (Hg.), Der Staat im Recht. Fs. Eckart Klein, Berlin 2013, S. 439–452. 89 Gumz, International Law, S. 622–624.

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des Krim-Krieges (1853–1856) und des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861– 1865) darauf ab, militärische Gewalt humanitär einzuhegen. Truppen, die von Staaten rekrutiert, befehligt und kontrolliert wurden, sollten die Zivilbevölkerung schonen. Damit unterschieden die Völkerrechtler zwischen Kombattanten und Zivilisten – freilich in einer Zeit, als die Militärtechnik diese Differenzierung zunehmend beseitigte. Diese Spannung sollte im 20. Jahrhundert trotz aller Bemühungen von Juristen und Vertretern humanitärer Organisationen fortbestehen. Immerhin schlossen sich die Rechtswissenschaftler allmählich über Grenzen hinweg zu einer eigenständigen Expertengruppe zusammen.90 Zudem bemühten sich karitative Gruppen und Pazifisten, die seit 1889 ebenfalls verstärkt international kooperierten, um eine Demokratisierung der Außenpolitik und die Gründung von Institutionen zur Schlichtung von Konflikten zwischen Staaten. Dafür trat beispielsweise die 1892 gegründete „Deutsche Friedensgesellschaft“ ein. Vor allem nach den Einigungskriegen in Deutschland und Italien sollten die Beziehungen zwischen den Nationalstaaten fortlaufend geregelt werden, allerdings ausschließlich in Europa und in der westlichen Welt. Besonders Gustave Moyniers Unterstützung der imperialen Durchdringung des Kongogebietes verweist auf eine „fatale Verbindung von Rechtsinternationalismus und europäischem Kolonialismus“ im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Diese Verschränkung sollte bis zur Dekolonisation anhalten, die den im Völkerrecht verankerten zivilisatorischen Anspruch der europäischen Mächte grundsätzlich in Frage stellte.91 Auch bildeten sich nach der Jahrhundertwende Spannungen zwischen radikalen („integralen“) Pazifisten und Vertretern einer gemäßigten („organisatorischen“) Richtung heraus, die Verteidigungskriege rechtfertigten und eine grundsätzliche Verweigerung des Kriegsdienstes ablehnten.92

90 James Crossland, Britain and the International Red Cross, 1939–1945, Basingstoke 2014, S. 25. Hierzu und zum Folgenden auch: Martti Koskenniemi, The Gentle Civilizer of Nations: the Rise and Fall of International Law, 1870–1960, Cambridge 2002, S. 11–97; Miloš Vec, From the Congress of Vienna to the Paris Peace Treaties of 1919, in: Fassbender / Peters (Hg.), Oxford Handbook, S. 654–678, hier: S. 655, 660, 663, 665. 91 Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 45; Swatek-Evenstein, History, S. 130, 141. Vgl. auch Daniel Laqua, Reconciliation and the Post-War Order. The Place of the Deutsche Liga für Menschenrechte in Interwar Pacifism, in: ders. (Hg.), Internationalism Reconfigured. Transnational Ideas and Movements Between the World Wars, London 2011, S. 209–237, hier: S. 209, 211. 92 Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 442. Zur grenzüberschreitenden Kooperation der Pazifisten: Jost Dülffer, Prevention or Regulation of War? The Hague Peace Conference as a Limited Tool for Reforming the International System before 1914, in: Lothar Kettenacker / TorstenRiotte (Hg.), The Legacies of Two World Wars. European Societies in the Twentieth Century, New York 2011, S. 15–28, hier: S. 17; Dieter Langewiesche, Das Jahrhundert Europas. Eine Annä-

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Die schrittweise, aber letztlich begrenzte und widersprüchliche Erweiterung des Völkerrechts (engl. International Law) zielte im 19. Jahrhundert auf den Wandel der Staatenbeziehungen von der Koexistenz zur Kooperation. Darüber hinaus sollte die Außenpolitik der nationalen Regierungen offengelegt und kontrolliert werden. Dazu wurden gesellschaftliche Organisationen gegründet, die unabhängig von Regierungen waren. Die Entwicklung des Kriegsvölkerrechtes, das u. a. den Umgang mit Angehörigen gegnerischer Staaten regelte, beschleunigte sich ab den 1860er Jahren auch deshalb, weil Debatten unter Experten zunehmend grenzüberschreitend eine öffentliche Wirkung erzielten, die sich in Konferenzen und Abkommen niederschlug. Sie spiegelten den zunehmenden internationalen Austausch wider.93 So korrespondierte Francis Lieber (1800– 1872), der 1926 aus Deutschland nach Großbritannien geflohen und im darauffolgenden Jahr in die USA gekommen war, bis zu seinem Tod 1872 eng mit Bluntschli. Als Professor der Geschichte und politischen Wissenschaft (political economy) setzte sich Lieber für die Humanisierung des Rechtes in und zwischen den Staaten ein. Dieses Ziel teilte Bluntschli vollauf. Beide Gelehrte vertraten humanitäre Grundsätze. Die Regierungen der einzelnen Länder hatten demzufolge die Rechte ihrer Bürger zu respektieren und zu schützen. Um dies zu erreichen, sah Lieber unter eng definierten Voraussetzungen sogar ein Interventionsrecht vor. Zudem bestanden er und Bluntschli – im Anschluss an Vattel – auf der Unterscheidung zwischen Staaten und Privatpersonen, die in Kriegen ebenso geschützt werden sollten wie ihr Eigentum. Diese Forderungen zielten letztlich auf ein humanitäres Völkerrecht, das von allen Regierungen in Krieg und Frieden anerkannt werden sollte.94 Erschütternde Nachrichten über die Auswirkungen des wachsenden militärischen Zerstörungspotentials verliehen den Bemühungen um die Zähmung der Kriegsgewalt im 19. Jahrhundert eine wachsende Resonanz. So schreckten die Berichte der britischen Krankenschwester Florence Nightingale über das Leiden im Krimkrieg (1853–1856) die westliche Öffentlichkeit auf. Noch nachhaltiger beeinflusste die Gewalt – auch gegenüber Zivilisten – im Amerikanischen Bürgerkrieg die Entstehung eines humanitären Kriegsvölkerrechtes. Dabei gingen besonders vom „Lieber-Code“, den US-Präsident Abraham Lincoln (1809–1865) im April 1863 erließ, wichtige Impulse aus. Diese General Order No. 100 verherung in globalhistorischer Perspektive, in: Historische Zeitschrift 296 (2013), S. 29–48, hier: S. 32; Röben, Bluntschli, S. 77, 139. 93 Zum Ausmaß, den Formen und Grenzen des Internationalismus der Überblick in: Johannes Paulmann, Globale Vorherrschaft und Fortschrittsglaube. Europa 1850–1914, München 2019, S. 400–408. 94 Betsy Röben, Johann Caspar Bluntschli, Francis Lieber und das moderne Völkerrecht, Baden-Baden 2003, S. 67, 79, 137, 153–158, 161 f., 164 f., 169 f., 198, 202, 235–238.

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pflichtete die amerikanischen Nord- und Südstaaten, die im Bürgerkrieg gegeneinander kämpften, verwundete Kriegsgefangene zu behandeln. Zudem sollte medizinisches Personal – Ärzte und Schwestern – nach dem von Lieber entwickelten Regeln in Kriegen geschont werden. Überdies waren unnötige Zerstörungen zu vermeiden. Auch sah der „Code“ vor, Soldaten, die in Kriegen Grausamkeiten wie Vergewaltigungen, Raub und Brandstiftungen begingen, hart zu bestrafen. Allerdings durfte ihnen nicht der Status von Kriegsgefangenen entzogen werden, wenn sie sich ergeben hatten. Insgesamt bezog sich das Regelwerk auf den Amerikanischen Bürgerkrieg, nicht auf einen militärischen Konflikt zwischen souveränen Staaten. Zudem lagen der Verordnung, die deutlich zwischen Soldaten und Zivilisten unterschied, nicht humanitäre Motive zu Grunde, sondern sie reagierte vorrangig auf den Einsatz von Massenheeren in Kriegen, die Lieber grundsätzlich für notwendig hielt. Sein Konzept der „militärischen Notwendigkeit“, das Kriegsgewalt einhegen sollte, blieb letztlich ambivalent, denn es konnte in militärischen Konflikten auch genutzt werden, um humanitäre Grundsätze einzuschränken.95 Jedoch hatte der „Lieber-Code“ zumindest den Grundsatz verankert, Zivilisten vor exzessiver Kriegsgewalt zu schützen. Dieses Prinzip bekräftigte die 1864 verabschiedete Genfer Konvention, die aus einer Expertenkonferenz hervorging und unter dem Eindruck der Schlacht von Solferino (1859) entstanden war. Hier hatte der Schweizer Geschäftsmann Henri Dunant (1828–1910), der schon zuvor freiwillig für die Young Men’s Christian Association (YMCA) gearbeitet hatte, das Leid Tausender sterbender und verwundeter Soldaten beobachtet. Daraufhin regte er die Gründung einer Organisation an, die für diese Kriegsopfer sorgen sollte. Städtische Honoratioren aus dem calvinistischen Bürgertum in Genf gründeten schließlich 1863 das Rote Kreuz. Die protestantische Erweckungsbewegung war damit das Fundament der neuen Organisation, die als eigenständiges Rechtssubjekt gebildet worden war. Aus dem Gründerkreis des „Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ ragte neben Dunant Gustave Moynier (1826–1910) heraus, der von 1864 bis 1910 als Präsident der Organisation amtierte. Diese versammelte aber nationale Gesellschaften, die sich in einzelnen Ländern sukzessive konstituierten. Damit war schon in der Bildung des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (das erst seit 1875 so bezeichnet worden ist) eine Spannung zwischen der engen Bindung an die staatliche Souveränität und dem universalistischen moralischen Anspruch angelegt, rechtliche Standards zum Schutz von Soldaten grenzüberschreitend 95 Ausführlich: von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 55, 65–71. Vgl. auch Neff, Prisoners of War, S. 61, 64; Swatek-Evenstein, History, S. 118; Röben, Bluntschli, S. 198–207; Neff, Justice, S. 323; Dawes, International Law, S. 146; Crossland, Britain, S. 17.

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durchzusetzen und den Kriegsopfern unter ihnen konkret zu helfen. Zudem prägte auch der Schweizer Nationalismus das Engagement des Komitees bis weit in das 20. Jahrhundert. Dennoch ging aus der Gründung des Roten Kreuzes letztlich ein neues soziokulturelles Feld humanitärer Fürsorge hervor, das auf den Grundsätzen der Humanität und Neutralität basierte. Der Beschluss der Internationalen Rotkreuzkonferenz in Washington 1912, das IKRK mit der Organisation und Verteilung von Hilfsgütern für Kriegsgefangene zu beauftragen, dokumentiert dieses Anliegen. Auch sollte dauerhaft ein Netzwerk von Hilfsorganisationen verankert werden.96 Mit der Gründung des IKRK war die Verabschiedung der Genfer Konvention, die 1864 Delegierte aus zwölf Staaten unterzeichneten, unmittelbar verknüpft. Sie verlieh verwundeten Soldaten (unabhängig von ihrer Nationalität) einen neutralen Status. Darüber hinaus wurden Angriffe auf Ärzte, Schwestern und Krankenhäuser, die mit einem roten Kreuz zu kennzeichnen waren, strikt untersagt. Einschränkungen der Freiheit von Soldaten, die in die Hand von gegnerischen Staaten gefallen waren, erlaubte die Konvention lediglich bei akuten Sicherheitsgefahren. Kranke und verwundete Kriegsgefangene sollten in ihre Heimat zurückgeschickt werden, sobald ihre Gesundheit wiederhergestellt war. Nicht zuletzt traten die Fachleute in Genf für eine enge Zusammenarbeit der nationalen Gesellschaften des Roten Kreuzes ein, die ihr Vorgehen im Rahmen internationaler Konferenzen untereinander abstimmen sollten. Diese Forderung blieb jedoch zunächst ohne Nachhall, zumal der preußisch-französische Krieg 1870/71 kurz war und die Kriegsgefangenen schnell wieder freigelassen wurden. Mit dem IKRK konkurrierend, begrenzte zudem der erstmalige Einsatz von Schutzmächten, die sich für Angehörige gegnerischer Länder einsetzten – so 1870/71 die Regierung Großbritanniens für Franzosen in preußischem Gewahrsam – die Kriegsgewalt. Allerdings hatten sowohl Frankreich als auch Preußen zuvor zahlreiche feindliche Ausländer aus ihrem Territorium ausgewiesen. Dem Genfer Komitee stellte sich deshalb die Aufgabe, Kriegsteilnehmer über den begrenzten Kreis der verwundeten Soldaten hinaus zu schützen.97 96 Shai M. Dromi, Soldiers of the Cross: Calvinism, Humanitarianism, and the Genesis of Social Fields, in: Sociological Theory 34 (2016), Nr. 3, S. 196–219, bes. S. 196–198, 202, 207, 213 f.; Astrid Hüdepohl, Organisationen der Wohlfahrtspflege. Eine ökonomische Analyse ausgewählter nationaler und internationaler Institutionen, Berlin 1996, S. 153; Susan Barton, Internment in Switzerland during the First World War, London 2019, S. 14 f.; Vance, International Committee of the Red Cross, S. 143; Forsythe, Humanitarians, S. 14–19; Crossland, Britain, S. 15–17; Payk, Frieden durch Recht?, S. 37. 97 Vgl. von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 74–76, 96 f., 102; dies., „Crimes against Humanity“ (2011). Daneben: Jonathan F. Vance, Geneva Conventions of 1864 and 1906, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 109 f.; ders., Protecting Power, in: ders. (Hg.), Encyclo-

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Nach der Gründung des Roten Kreuzes bildeten sich auch internationale Organisationen, die sich für die Rechte von Kriegsgefangenen einsetzten.98 So verlangte die 1872 in Paris konstituierte Société internationale pour l’améloriation du sort des prisonniers de guerre, die Bestimmungen der Genfer Konvention über die Verwundeten auch auf gefangene Soldaten anzuwenden. Allerdings scheiterte die Kampagne des Verbandes in den 1870er Jahren letztlich ebenso wie das Engagement des Roten Kreuzes für den Schutz der Bevölkerung in besetzten Gebieten. Nach dem Vorschlag des IKRK sollten Zivilisten, die verwundete Soldaten aufnahmen, in okkupierten Territorien von Requisitionen ausgenommen werden. Auch blieb die allgemeine Erklärung einer Konferenz, die 1868 in St. Petersburg stattfand und eine Kriegführung gegen Zivilisten untersagte, letztlich unverbindlich.99 Dennoch hatten sich an der Jahrhundertwende zumindest Grundlagen eines humanitären Völkerrechts herausgebildet, das universalistische Normen des Zusammenlebens begründete. Dafür war besonders die Etablierung des Institut de Droit international in Gent im September 1873 wichtig, das auf Initiative Rolin-Jaequemyns und unter Beteiligung Bluntschlis aus einem Treffen namhafter Juristen hervorging. In demselben Jahr wurde in Brüssel die International Law Association gebildet. Als Plattformen rechtswissenschaftlicher Diskussionen bündelten diese Institutionen den grenzüberschreitenden Austausch unter pedia, S. 227–229, hier: S. 227; Forsythe, Humanitarians, S. 24; Spiropoulus, Ausweisung, S. 17; Dieter Langewiesche / Nikolaus Buschmann, „Dem Vertilgungskriege Grenzen setzen“: Kriegstypen des 19. Jahrhunderts und der deutsch-französische Krieg 1870/71. Gehegter Krieg – Volks- und Nationalkrieg – Revolutionskrieg – Dschihad, in: Dietrich Beyrau / Michael Hochgeschwender / Dieter Langewiesche (Hg.), Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S. 479–502; Langewiesche, Jahrhundert, S. 41. Hierzu und zum Folgenden auch: Uta Hinz, Humanität im Krieg? Internationales Rotes Kreuz und Kriegsgefangenenhilfe im Ersten Weltkrieg, in: Jochen Oltmer (Hg.), Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs, Paderborn 2006, S. 216–236, S. 218 f.; Jochen Oltmer, Einführung. Funktionen und Erfahrungen von Kriegsgefangenschaft im Europa des Ersten Weltkriegs, in: ders. (Hg.), Kriegsgefangene, S. 11–23, hier: S. 17; Alan Kramer, Kriegsrecht und Kriegsverbrechen, in: Hirschfeld / Krumeich / Renz (Hg.), Enzyklopädie, S. 281–292, hier: S. 284 f.; Martin F. Auger, Prisoners of the Home Front. German POWs and Enemy Aliens in Southern Quebec, 1940–46, Vancouver 2005, S. 5; Irène Herrmann / Daniel Palmieri, International Committee of the Red Cross, in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hg. von Ute Daniel u. a., Berlin 2015-07-17. DOI: doi:10.15463/ie1418.10687 (Zugriff am 2. August 2018); Johannes Paulmann, Conjunctures in the History of International Humanitarian Aid during the Twentieth Century, in: Humanity 4 (2013), S. 215–238, hier: S. 224; Pöppinghege, Lager, S. 44 f.; Schulz, Dilemmas, S. 41, 55; Becker, Paradoxien, S. 28. 98 Der Begriff „international organization“ wurde offenbar 1868 von dem britischen Rechtsund Staatsphilosophen James Lorimer (1818–1890) geprägt. Vgl. Neff, Justice, S. 289. 99 Crossland, Britain, S. 26; Neff, Justice, S. 320.

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Juristen. Indem sie international gültige Regeln zum Schutz aller Menschen konzipierten und eine Schiedsgerichtsbarkeit vorbereiteten, mit der Konflikte zwischen Staaten gelöst werden konnten, trugen beide Einrichtungen maßgeblich zur Entwicklung des Völkerrechts bei. So wurden schließlich auf einer Konferenz, welche die russische Regierung im Juli und August 1874 in Brüssel ausrichtete, Grundsätze zur Besatzungspolitik, Regeln zur Behandlung von Kriegsgefangenen und – gegen den Widerstand Deutschlands – eine weite Definition von Kombattanten festgelegt.100 Obwohl es bei einer Deklaration blieb, die nicht ratifiziert wurde, beeinflussten die Beschlüsse der Brüsseler Konferenz die weitere Kodifizierung des Kriegsvölkerrechts. So gelang es, in die 1880 verabschiedete Ordnung zum Landkrieg, das Oxford Manual, eine Bestimmung aufzunehmen, nach der Verstöße gegen Regeln zur Kriegführung (vor allem gegen die Genfer Konvention von 1864) geahndet werden sollten. Das Reglement, das nach der Empörung über Massaker von Milizen an Zivilisten im Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich (1877/78) verfasst wurde, enthielt auch Bestimmungen zur Internierung in neutralen Staaten und ein Verbot von Repressalien, allerdings mit Ausnahmen. So erwähnte das Regelwerk zur Landkriegsführung zugleich die Kategorie der „Kriegsnotwendigkeit“. Mit ihr konnten Verstöße gegen das geltende Völkerrecht gerechtfertigt werden.101

100 Madeleine Herren, Internationale Organisationen seit 1865. Eine Globalgeschichte der internationalen Ordnung, Darmstadt 2009, S. 23; dies., Netzwerke der Zivilgesellschaft im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, in: Historische Mitteilungen 17 (2004), S. 48– 61, hier: S. 49 f.; Cecilia Lynch, Peace Movements, Civil Society, and the Development of International Law, in: Fassbender / Peters (Hg.), Oxford Handbook, S. 198–221, hier: S. 206, 209, 212 f.; Jörg Echternkamp, Krieg, in: Dülffer / Loth (Hg.), Dimensionen, S. 9–28, hier: S. 21; Dzovinar Kévonian, L’enquête, la prevue: les „atrocités“ balkaniques de 1912–1913 à l’epreuve du droit de la guerre, in: Le Mouvement Social 222 (2008), S. 13–40, hier: S. 21; Patrick M. O’Neil, Brussels Declaration, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 34; Koskenniemi, History, S. 944, 954; Crossland, Britain, S. 26 f.; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 95–111; Röben, Bluntschli, S. 67 f. 101 Vgl. Daniel Marc Segesser, On the Road to Total Retribution? The International Debate on the Punishment of War Crimes, in: Roger Chickering / Stig Förster / Bernd Greiner (Hg.), A World at Total War. Global Conflict and the Politics of Destruction 1937–1945, Cambridge 2005, S. 355–374, hier: S. 356; von Lingen, „Crimes against Humanity“, S. 81–95; Payk, Frieden durch Recht?, S. 30 f.; Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 190; Fisch, Völkerrecht, S. 161; Röben, Bluntschli, S. 198; Schulz, Dilemmas, S. 54; Segesser, Lager, S. 3 f., 43; Speed, Prisoners, S. 143.

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Das humanitäre Völkerrecht und Bemühungen zur Bändigung von Kriegsgewalt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Alles in allem veränderten die Institutionalisierung und Professionalisierung des Völkerrechtsdiskurses im späten 19. Jahrhundert die Konfliktregelungsverfahren zwischen Staaten. An diesem Prozess waren außer den Juristen, die sich auch in ihren jeweiligen Nationen zu Verbänden wie der 1906 gegründeten American Society of International Law zusammenschlossen, Militärexperten beteiligt. An die Stelle von Gebräuchen und bilateralen Abkommen traten formalisierte rechtliche Festlegungen, welche die Staatenbeziehungen regelten. Multilaterale Konferenzen, auf denen sich die Vertreter mehrerer Regierungen unter Beteiligung von Experten um einen Ausgleich ihrer jeweiligen Interessen bemühten, spiegelten diesen Wandel wider. Damit stand der nationalistischen und imperialistischen Außenpolitik eine wachsende „Verregelung der zwischenstaatlichen Beziehungen“ gegenüber. Dieser Trend schlug sich in der Entwicklung des humanitären Völkerrechts nieder.102 Trotz der Macht der souveränen nationalstaatlichen Regierungen und des hohen Stellenwertes utilitaristischer und pragmatischer Erwägungen beeinflussten schon im späten 19. Jahrhundert auch humanitäre Ideale zunehmend die internationale Politik. Dazu trug nicht zuletzt das Völkerstrafrecht bei, zu dem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals Überlegungen entwickelt worden waren. Anders als das Völkerrecht regelte es zunächst nicht Rechtsbeziehungen zwischen Staaten, sondern Verstöße Einzelner gegen Grundregeln menschlichen Zusammenlebens innerhalb von Gesellschaften. Unter dem Einfluss der 1864 verabschiedeten Genfer Konvention, die erstmals Grundsätze zum Umgang mit verwundeten und erkrankten Soldaten festgelegt hatte, gründete Rolin-Jaequemyns 1868 die Revue de droit international et de législation comparée, die den Appell an das menschliche Gewissen mit wissenschaftlichen Stellungnahmen zur Reform des Strafrechts und zur Sozialgesetzgebung zu kombinieren suchte. Aufgrund gravierender Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht im preußisch-französischen Krieg schlug Gustave Moynier als Präsident des IKRK schon 1872 sogar die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes vor. Er sollte Verletzungen der Genfer Konvention von 1864 ahnden. Moyniers Forderung unterstützte aber zunächst lediglich die nationale Rotkreuzgesellschaft Spaniens, so dass der Gerichtshof erst 1899 eingerichtet wurde und 102 Zitat: Weinke, Gewalt, S. 38. Vgl. auch Martin David Dubin, The Carnegie Endowment for International Peace and the Advocacy of a League of Nations, 1914–1918, in: Proceedings of the American Philosophical Society 123 (1979), S. 344–368, hier: S. 345; Payk, Frieden durch Recht?, S. 47 f.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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zudem nur begrenzte Kompetenzen erhielt. Diese und ähnliche frühe Überlegungen zum Völkerstrafrecht nahmen Immanuel Kants (1724–1804) Konzept des „Weltbürgerrechts“ auf. Ein universelles, aber besonders auf Europa bezogenes Bewusstsein, das gleichermaßen ethisch und rationalistisch fundiert war, sollte das Prinzip territorialer Souveränität einschränken, das seit dem Westfälischen Frieden das Verhältnis zwischen Staaten bestimmt hatte. Pascale Fiore verankerte in diesem Konzept auch individuelle Freiheits- und Menschenrechte, die er gegen die dynastische Legitimation stellte.103 Jedoch scheiterte Moyniers Vorschlag am Widerstand der Regierungen und der meisten Juristen. Der IKRK-Präsident bemühte sich daraufhin um eine Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Beziehungen durch Fortschritte beim ius in bello, das mit der ersten Haager Konferenz 1899 erneut in den Mittelpunkt der politischen und juristischen Diskussion rückte. Ab 1894 belebte der Protest gegen die Degradierung des französisch-jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus (1859–1935) auch das internationale Engagement für Menschenrechte, wie die Gründung der Ligue pour la Défense des Droits de l’homme (gemeinhin Ligue des Droits de l’homme genannt) 1898 zeigt. Der Verband verlieh im späten 19. Jahrhundert außerdem der Friedensbewegung neue Impulse. Viele Pazifisten wandten sich grundsätzlich gegen Kriege und lehnten damit das Konzept des Roten Kreuzes, das auf Eindämmung militärischer Gewalt zielt, kategorisch ab. Umgekehrt überlagerte die Debatte über Verfahren einer friedlichen Konfliktregelung – und damit die Verhinderung von Kriegen – allerdings Bemühungen, Gewalt in bereits begonnenen Auseinandersetzungen einzudämmen. So diskutierten Rechtswissenschaftler wie Georg Jellinek (1851–1911) und Heinrich Triepel (1868–1946) über Quellen des internationalen Rechts. Dabei bemühten sie sich, im grenzüberschreiten Austausch zwischen den juristischen Experten grundlegende Kategorien wie „Staat“, „Vertrag“ und „Krieg“ schärfer zu fassen. So beharrte Jellinek auf dem Recht als Grundlage staatlicher Herrschaft, die erst auf dieser Basis Wirtschaft und Gesellschaft regulieren sollte.104 103 Hierzu und zum Folgenden: Eckart Conze, Völkerstrafrecht und Völkerstrafrechtspolitik, in: Dülffer / Loth (Hg.), Dimensionen, S. 192; Daniel Marc Segesser, „Unlawful Warfare is Uncivilised“. The International Debate on the Punishment of War Crimes 1872–1918, in: European Review of History 14 (2007) 2, S. 215–234, hier: S. 216 f.; Laqua, Reconciliation, S. 213; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 90–95, 141 f., 408; ders., On the Road to Total Retribution? S. 355; Diggelmann, Völkerrecht, S. 110, 112; Crossland, Britain, S. 16–19; Dromi, Soldiers, S. 207. 104 Dazu im Einzelnen: Harald Kleinschmidt, Geschichte des Völkerrechts in Krieg und Frieden, Darmstadt 2013, S. 388–393; Charles S. Maier, Leviathan 2.0. Die Erfindung moderner Staatlichkeit, in: Emily S. Rosenberg (Hg.), 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege, München 2012, S. 33–286, hier: S. 163–166. Vgl. auch Daniel Marc Segesser, Kriegsverbrechen auf dem Balkan und in Anatolien in der internationalen juristischen Debatte während der Balkankriege

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Obwohl die Macht der Nationalstaaten und das Souveränitätsprinzip Moyniers Konzept eines internationalen Strafgerichtshofes zur Ahndung von Kriegsverbrechen bis zum Zweiten Weltkrieg blockierten, verstärkten sich im frühen 20. Jahrhundert Bemühungen, Konflikte friedlich beizulegen und humanitären Grundsätzen im Verhältnis der Staaten zueinander Geltung zu verleihen. In diesem Prozess nahmen die beiden Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 einen herausragenden Stellenwert ein. Die erste Zusammenkunft führte auf Initiative des russischen Zarenreiches am 18. Mai 1899 hundert Delegierte in Den Haag zusammen. An der zweiten Konferenz, die auf Anregung der USA, Italiens und Luxemburgs einberufen wurde, nahmen ab 15. Juni 1907 bereits 256 Vertreter aus 44 Staaten teil. Die Einladungen zu beiden Veranstaltungen beriefen sich auf den Grundsatz der Humanität. Jedoch trafen unterschiedliche Rechtstraditionen aufeinander, und auch das Rollenverständnis der Regierungsvertreter differierte. Während die Repräsentanten Deutschlands juristische Vorbehalte in den Dienst ihrer (nationalen) Politik nahmen, suchten die USA Rechtsnormen durchzusetzen. Demgegenüber war die französische Regierung lediglich an einer „rechtstechnischen Begleitung“ und Großbritannien an einer „betont unpolitischen Rechtsberatung“ interessiert.105 Die Regierungen der Großmächte – so des Vereinigten Königreiches – bemühten sich aber um die Zähmung der Kriegsgewalt, um sich in der entstehenden internationalen Öffentlichkeit als „zivilisierte“ Staaten präsentieren zu können. Auch schätzten sie die praktischen Vorteile, die ihnen humanitäre Organisationen wie das IKRK mit ihrer Fürsorge für gefangene und verwundete Soldaten boten. Jedoch banden die Regierungen die jeweiligen nationalen Rotkreuzgesellschaften eng an das Militär. So zwang in Großbritannien König Edward VII. 1905 das 1899 gebildete Central British Red Cross Committee und die National Aid Society zum Zusammenschluss zur British Red Cross Society (BRC), die in das britische Militär integriert wurde. Der neue Verband organisierte für die reguläre Armee und die territorialen Streitkräfte (Territorial Forces) freiwillige Hilfsorganisationen (Voluntary Aid Detachments), die Verwundete von Feldambulanzen in die Krankenhäuser transportieren. Damit wurde das Rote Kreuz zumindest indirekt in die britische Kriegführung eingespannt. In der humanitären Kriegsopferhilfe vollzog sich so zugleich eine Internationalisierung und Na-

und des Ersten Weltkriegs, in: Jürgen Angelow (Hg.), Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan. Perspektiven der Forschung, Berlin 2011, S. 193–209, hier: S. 193. 105 Payk, Frieden durch Recht?, S. 58.

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tionalisierung – eine Spannung, die Aktivisten in den beiden Weltkriegen mit oft unlösbaren Dilemmata konfrontieren sollte 106 Insgesamt sollte in Den Haag die Freiheit, Kriege nach „militärischen Notwendigkeiten“ zu führen, keineswegs eingeschränkt werden. Auch deshalb gelang es den Delegierten nicht, dem eingerichteten Schlichtungsgericht so starke Kompetenzen zu verleihen, dass es Kriege wirksam begrenzen oder sogar verhindern konnte. Die drei Haager Konventionen (Landkriegsordnung, Pazifikkonvention und Marinekonvention) wirkten aber durchaus innovativ, indem sie das Recht im Krieg fortentwickelten. Vor allem mit der völkerrechtlichen Verbindlichkeit und der Selbstverpflichtung der Unterzeichnerstaaten wurden neue Wege eingeschlagen. Die Landkriegsordnung begrenzte die „Tötungsgewalt im Krieg“ und bahnte letztlich der Einrichtung eines ständigen Schiedsgerichtshofes den Weg.107 Darüber hinaus förderten die beiden Haager Konferenzen die Herausbildung einer internationalen Öffentlichkeit, in der zivilgesellschaftliche Gruppen und Verbände anerkannt waren. Erstmals wirkten internationale Nichtregierungsorganisationen auch auf die Verhandlungen ein. Damit ging ein grenzüberschreitender Wissenstransfer zwischen humanitären Organisationen und Rechtsexperten einher, ohne dass dies aber direkt eine Verrechtlichung der internationalen Beziehungen verursachte. Der Austausch zwischen Nichtregierungsorganisationen hatte vielmehr – wie dargelegt – bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten eingesetzt.108 Auch bündelte die 1899 verabschiedete „Martens-Klausel“ mit ihren drei einflussreichen Bezugnahmen auf das „law of civilised nations“, die „laws of humanity“ und das „public conscience“ Argumentationsstränge, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem leitenden Konzept der „humanity“ auf eine Zähmung von Kriegsgewalt gezielt hatten. Die von dem russischen Rechtswissenschaftler Fedor (Friedrich) Fromhold Martens (1845–1909) formulierte Klausel wurde den Haager Konventionen – mit geringen Veränderungen – als Präambel vorangestellt. Damit sollte eine gewohnheitsrechtliche Regelung, die auf der Konferenz von Brüssel 1874 in einer Erklärung bekräftigt worden war, in das Vertragsrecht überführt werden.109 106 Crossland, Britain, S. 23, 29 f. Zur Territorial Force und zum Volunteer Training Corps während des Ersten Weltkrieges: John Morton Osborne, Defining Their Own Patriotism: British Volunteer Training Corps in the First World War, in: Journal of Contemporary History 23 (1988), S. 59–75. 107 Zitat: Nehring, Friedensbewegungen, S. 102. Vgl. auch Neff, Justice, S. 330 f., Weinke, Gewalt, S. 40; Crossland, Britain, S. 19 f., 27 f. 108 Payk, Frieden durch Recht?, S. 28, 48, 58, 518; Herren, Netzwerke, S. 52. 109 Vgl. von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 12, 14, 99–107; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 127; Gumz, International Law, S. 630 f.; Neff, Justice,

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Im Einzelnen legte die Haager Landkriegsordnung besonders Grundsätze zur Behandlung von Kriegsgefangenen fest, definierte erstmals den Status von Kombattanten und regelte den Umgang von Soldaten mit der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten. Sie erlegte den Signatarstaaten allgemein auf, auch nicht verwundete Kriegsgefangene menschlich zu behandeln und grundsätzlich auf Repressalien zu verzichten. Dazu definierte sie erstmals Grundsätze zum völkerrechtlichen Status, zur Beschäftigung, Unterbringung und Versorgung dieser Gruppe. Zudem verpflichteten sich die unterzeichnenden Staaten, den Kriegsgefangenen genug Nahrungsmittel und Kleidung zur Verfügung zu stellen. Sie sollten ebenso gut versorgt und untergebracht werden wie die eigenen Soldaten der jeweiligen Gewahrsamsmacht (Artikel 7). Damit waren Minimalstandards festgelegt worden, die sich in den einzelnen Ländern allerdings traditionell unterschieden. Schutzmächte hatten den Umgang mit den Gefangenen zu überwachen. Die Gefangenenfürsorge in Kriegen wurde damit Gegenstand der internationalen Politik und wiederholt auch zum Zankapfel der Diplomatie. Obwohl verbindliche Regeln zur Konfliktlösung nicht erreicht wurden, gewannen humanitäre Grundsätze und Motive letztlich eine politische Qualität. Nicht zuletzt hatten zivilgesellschaftliche Organisationen erstmals einen erheblichen Einfluss auf eine internationale Konferenz gewonnen, die sich zwar auf den Schutz von Soldaten konzentrierte, aber auch die Auswirkungen von Kriegsgewalt auf Zivilisten eindämmen sollte.110 Die Haager Konvention von 1907 erlaubte grundsätzlich die Internierung von Gefangenen in Städten, Festungen, Lagern oder anderen Orten, allerdies ausschließlich während Kampfhandlungen und als unabdingbar notwendige Sicherheitsmaßnahme (Artikel 5). Zwar war eine Unterbringung von Zivilisten und Kriegsgefangenen nicht ausdrücklich vorgeschrieben.111 Jedoch durften Offiziere keinesfalls zur Arbeit gezwungen und auch Soldaten ausschließlich nur in Betrieben und Räumen eingesetzt werden, die mit der Kriegführung des S. 323–330. Dazu auch: Kerstin von Lingen, Fulfilling the Martens Clause. Debating „Crimes Against Humanity“, 1899–1945, in: Klose / Thulin (Hg.), Humanity, S. 187–208, hier: S. 192 f.; Lynch, Peace Movements, S. 213; Fisch, Völkerrecht, S. 162; Dülffer, Prevention or Regulation of War?, S. 20; Hinz, Gefangen, S. 54; Herren, Internationale Organisationen, S. 35 f.; Conze, Völkerstrafrecht, S. 198. 110 Kenneth Steuer, Pursuit of an „Unparalleled Opportunity“. The American YMCA and Prisoner-of-War Diplomacy among the Central Power Nations during World War I, 1914–1923, New York 2009, S. 1; Rumen Cholakov, Prisoners of War in Bulgaria during the First World War, Diss. University Cambridge 2012 (Ms.), S. 6; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 116 f.; Diggelmann, Völkerrecht, S. 111; Hinz, Gefangen, S. 56 f., 59. Zu den Haager Friedenskonferenzen ausführlich: Jost Dülffer, Regeln gegen den Krieg? Die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 in der internationalen Politik, Berlin 1981. 111 Rachamimov, POWs, S. 72; Cholakov, Prisoners of War, S. 7.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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Gewahrsamsstaates nicht in Verbindung standen. Damit sollte die körperliche und psychische Unversehrtheit von Kriegsgefangenen gesichert werden. Grundsätzlich musste Arbeit entlohnt und begrenzt werden. Darüber hinaus waren Gewahrsamsstaaten verpflichtet, humanitären Organisationen Zugang zu Kriegsgefangenen zu gewähren, Unterstützungsleistungen zuzulassen und Registrierungsstellen einzurichten, damit Angehörigen Informationen übermittelt werden konnten (Artikel 14 und 15). Nach Friedensschlüssen mussten Gefangene unverzüglich in ihre Heimat zurückgeführt werden (Artikel 20).112 Insgesamt waren damit wichtige Schutzbestimmungen völkerrechtlich festgelegt worden. Gefangene waren nicht mehr ausschließlich Objekte der militärischen Strategie, sondern sie mussten nach der Norm der Menschenwürde behandelt werden. Zugleich verfestigten die Vorgaben zum Umgang mit Gefangenen die überkommene soziale Ungleichheit, besonders mit der Vorzugsbehandlung von Offizieren.113 Auch Privateigentum in Kampfzonen war nach den Haager Abkommen von 1899 und 1907 – ebenso wie schon nach der Genfer Konvention von 1864 – geschützt. Besatzungsmächte konnten Besitz beschlagnahmen und Arbeitskräfte rekrutieren, durften diese Ressourcen aber nicht gegen das Land einsetzen, dem die Besitzer angehörten. Nicht zuletzt untersagte Artikel 23 den Regierungen kriegführender Staaten, die Rechte von Feindstaatenangehörigen zu beseitigen, zu suspendieren oder auch nur für nicht justiziabel zu erklären. Zivilisten aus einem Feindstaat durften nicht zu Arbeiten gezwungen werden, die sich gegen ihr Heimatland richteten. Die Artikel 42 bis 56 verboten Übergriffe gegen die Bevölkerung in Kriegs- und Besatzungszonen. Im Besonderen wurden Plünderungen ausdrücklich untersagt (Artikel 47), und die Artikel 49 und 52 begrenzten Kontributionen und Requisitionen auf unmittelbare Bedürfnisse von Okkupationsarmeen und -verwaltungen. Darüber hinaus sollten Zwangsabgaben die Ressourcen des unterworfenen Landes nicht überbeanspruchen. Besat112 André Durand, From Sarajevo to Hiroshima. History of the International Committee of the Red Cross, Genf 1984, S. 83, 444 f., 466 f.; Caroline Moorehead, Dunant’s Dream. War, Switzerland and the History of the Red Cross, London 1998, S. 182, 187; Patrick M. O’Neil, Hague Conventions of 1899 and 1907, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 125 f.; Richard D. Wiggers, Forcible Repatriation, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 100–102; Alexander Watson, „Unheard-of-Brutality“: Russian Atrocities against Civilians in East Prussia, 1914–1915, in: Journal of Modern History 86 (2014), S. 780–825, hier: S. 789, 794; Overmans, „Hunnen“, S. 337; Neff, Prisoners of War, S. 68; Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 189; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 135–138; Becker / Krumeich, Krieg, S. 188; Lieb, Völkerrecht, S. 90, 92; Jones, Prisoners of War, S. 270 f.; Pöppinghege, Lager, S. 49; Best, Humanity, S. 220, 227; Khan, Das Rote Kreuz, S. 50; Segesser, Lager, S. 45. 113 Georg Wurzer, Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2005, S. 412; Rachamimov, POWs, S. 73; Neff, Prisoners of War, S. 70.

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zungsmächte durften keine Kollektivstrafen gegen die Zivilbevölkerung verhängen. Zugleich erlegte die Haager Konvention von 1907 ihnen allerdings auf, die öffentliche Ordnung und Sicherheit in den von ihnen kontrollierten Gebieten aufrecht zu erhalten – eine dehnbare Anforderung, die auch in Anspruch genommen werden konnte, um Übergriffe gegen Zivilisten zu begründen.114 Als hilfreicher zur Einhegung der Kriegsgewalt erwiesen sich die gewohnheitsrechtlichen Normen in der „Martens-Klausel“, die im Rahmen der Friedenskonferenz 1899 von dem gleichnamigen Juristen formuliert und der Konvention vorangestellt wurde. Diese Präambel verpflichtete die kriegführenden Parteien auch in Fällen, die nicht von der Landkriegsordnung erfasst wurden, auf die Regeln der Humanität und ihr Gewissen. In der Fassung von 1907 berief sich die Klausel außer auf die „usages established among civilized peoples“ und die „dictates of the public conscience“ explizit auf die „laws of humanity“. Damit sollten Mindeststandards des Schutzes im Landkrieg festgelegt werden.115 Alles in allem waren zu Beginn des Ersten Weltkrieges verwundete und kranke Soldaten ebenso geschützt wie Seeleute, Sanitätspersonal und Hospitalschiffe. Das geltende Völkerrecht untersagte darüber hinaus Übergriffe gegen Angehörige neutraler Staaten, Kriegsgefangene und die Bevölkerung in besetzten Gebieten. Allerdings ließ gerade der nur allgemeine Rekurs auf die „Humanität“ in der „Martens-Klausel“ den Großmächten weitgehende Handlungsfreiheit.116 Vor allem jedoch blieben zivile Feindstaatenangehörige und Minderheiten in souveränen kriegführenden Staaten weitgehend ungeschützt. Um Kriege zu begrenzen, betonte auch das Besatzungsrecht die Staatssouveränität und zivilisatorische Standards, die freilich nur für militärische Konflikte zwischen europäischen Ländern (und damit nicht für deren Kolonien) gelten sollten. Irregulä114 Text der Haager Landkriegsordnung vom 18. Oktober 1907 in: 100(0) Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert (http://www.1000dokumente.de/index.html? c=dokument_de&dokument=0201_haa&object=translation&st=&l=de, Zugriff am 18. April 2018). Vgl. auch Stefan Oeter, Die Entwicklung des Kriegsgefangenenrechts. Die Sichtweise eines Völkerrechtlers, in: Overmans (Hg.), Hand, S. 41–59, hier: S. 50; Bogdan Trifunović, Prisoners of War and Internees (South East Europe), in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hg. v. Ute Daniel u. a., Berlin 2014-10-08 (doi:10.15463/ ie1418.10132; Zugriff am 22. August 2018); Stibbe, Civilian Internment, S. 79. 115 Laws of War: Laws and Customs of War on Land (Hague IV), October 1907 (http://avalon. law.yale/edu/20th_century/hague04.asp#iart1, zit. nach: Jones, Great War, S. 86 f. Vgl. Arthur Eiffinger, The 1899 Hague Peace Conference: The Parliament of Man, the Federation of the World, Den Haag 1999, S. 313. 116 Payk, Frieden durch Recht?, S. 60 f.; Durand, Sarajevo, S. 33 f. Allerdings war in den Haager Konventionen noch nicht von „Zivilisten“ die Rede, sondern von „Bürgern“ – ein Begriff, der bis zum Ersten Weltkrieg als Bezeichnung für Nichtkombattanten auch im Völkerrecht geläufig war. Vgl. Alexander, Genesis, S. 359, 376.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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re Kombattanten, die nach der Besetzung als Zivilisten weiterkämpften, durften sogar exekutiert werden. Auch schützten die Haager Konventionen im Wesentlichen lediglich Soldaten und – mit Einschränkungen – Zivilisten in umkämpften und okkupierten Gebieten. Hier durften sie nicht zum militärischen Einsatz gegen ihr Land und zu einer Loyalitätsverpflichtung gegenüber der Besatzungsmacht gezwungen werden. Hingegen fanden sich keine expliziten Bestimmungen, die sich auf andere Gruppen von Zivilisten bezogen. Vor allem innerhalb von Staaten, die gegeneinander Krieg führten, blieben Feindstaatenangehörige in den beiden Weltkriegen völkerrechtlich ungeschützt. Sie wurden in der Haager Landkriegsordnung nicht erwähnt, die auch keine Bestimmungen zur Internierung, zu Geiselnahmen und Repressalien gegen diese Gruppe enthielt. Ebenso unbestimmt blieb im Völkerrecht der Status von Zivilinternierten. Davon abgesehen, war die Anwendbarkeit der Haager Landkriegsordnung umstritten. Verstöße gegen völkerrechtliche Bestimmungen und „militärische Notwendigkeiten“ wurden nicht präzise definiert. Sie sollten in beiden Weltkriegen im „Chaosraum“ des Schlachtfeldes, aber auch im Umgang mit zivilen Feindstaatengehörigen letztlich ein rücksichtsloses Vorgehen rechtfertigen, das wiederholt gegen völkerrechtliche Schutzregelungen verstieß.117 Vor allem die Vertreter des Deutschen Kaiserreiches bestanden in Den Haag auf dem Grundsatz nationalstaatlicher Souveränität. So nahmen der konservative Völkerrechtler Philipp Zorn (1850–1928) und der Vertreter des Auswärtigen Amtes, Johannes Kriege (1857–1937), 1907 die Schwierigkeit, klar zwischen rechtlichen und politischen Streitfällen zu unterscheiden, zum Anlass, das Konzept einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit generell abzulehnen. Auch blieben die Zuständigkeit für Gerichtsverfahren gegen Täter und Strafmaße unklar. Da Serbien, Montenegro und das Osmanische Reich bis 1914 zwar die Haager Konvention von 1899, nicht aber die verbesserte Fassung von 1907 unterzeichnet hatten, war darüber hinaus die Geltung der Normen im Ersten Weltkrieg zersplittert. Einige Völkerrechtler haben sogar grundsätzlich bezweifelt, dass es sich um einen Krieg handelte.118 117 Zitat: Oswald Überegger, Kampfdynamiken als Gewaltspiralen. Zur Bedeutung raum-, zeit- und situationsspezifischer Faktoren der Gewalteskalation im Ersten Weltkrieg, in: Zeitgeschichte 45 (2018), S. 79–101, hier: S. 90. Vgl. auch Moorehead, Dream, S. 175; Alexander, Genesis, S. 362; Gumz, International Law, S. 632; Crossland, Britain, S. 27. 118 Annie Deperchin, The Laws of War, in: Jay Winter (Hg.), The Cambridge History of the First World War, Bd. 1: Global War, Cambridge 2014, S. 615–638, S. 625; Hannes Leidinger, „Der Einzug des Galgens und des Mordes“. Die parlamentarischen Stellungnahmen polnischer und ruthenischer Reichsratsabgeordneter zu den Massenhinrichtungen in Galizien 1914/15, in: Zeitgeschichte 34 (2006), S. 235–260, hier: S. 239; Heather Jones, The Great War: How 1914–18 Changed the Relationship between War and Civilians, in: RUSI Journal 159 (2014), Nr. 4,

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Auch die Genfer Konvention von 1906 hatte die Signatarstaaten zwar verpflichtet, Strafbestimmungen zur Ahndung von Verstößen in ihre nationalen Rechtsordnungen aufzunehmen. Damit waren Verletzungen des Völkerrechts im Rahmen des jeweiligen Militärstrafrechtes zu ahnden, so der Missbrauch des Emblems des Roten Kreuzes und die Misshandlung verwundeter oder kranker gegnerischer Soldaten, für die auch Regeln zur Internierung in neutralen Staaten festgelegt wurden. Medizinisches Personal und Militärgeistliche, die in die Hand kriegführender Staaten gefallen waren, mussten in ihre Heimat entlassen werden. Jedoch enthielt die Genfer Konvention von 1906 keine präzisen inhaltlichen Vorgaben zur Bestrafung. Letztlich blieb das Kriegsvölkerrecht (oder das humanitäre Völkerrecht) im Hinblick auf das Recht im Krieg und das Recht zum Krieg (ius in bello bzw. ius ad bellum) damit fragmentarisch und lückenhaft. Weder das „Haager Recht“, das die Kriegführung betraf, noch das „Genfer Recht“ (das humanitäre Verpflichtungen, so zum Schutz von Kriegsopfern, festlegte) enthielt verbindliche Festlegungen, mit denen Kriegsgewalt nachhaltig eingedämmt und Verletzungen völkerrechtlicher Regelungen bestraft werden konnten. Das Recht zum Krieg blieb ohnehin in allen Ländern grundsätzlich unumstritten. Zwar stellten einzelne Rechtswissenschaftler – so der Dozent an der Universität Caen, Antoine Rougier (1877–1927), 1910 – den Grundsatz der Staatssouveränität in Frage, um den grundlegenden Menschenrechten auf Leben, Freiheit und Rechtmäßigkeit Geltung zu verschaffen. Sie konnten ihre Forderung nach humanitärer Intervention aber nicht durchsetzen.119 Darüber hinaus passten die Regierungen der einzelnen Staaten die nationalen Reglements nur teilweise den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung an. So widersetzten sich die Regierungen Deutschlands, Russlands und Österreich-Ungarns einer weiten Auslegung der Regelungen zum Kombattantenstatus und zu den Merkmalen legitimer Kämpfer. Nach ihrer Auffassung musste ein Gebiet zudem schon unmittelbar nach der Eroberung als besetzt gelten. Mit dieser restriktiven Interpretation sollte verhindert werden, dass Milizen

S. 84–91, hier: S. 86 (DOI: 10.1080/03071847.2014.946698; Zugriff am 29. August 2018); Payk, Frieden durch Recht?, S. 56–76; Trifunović, Prisoners of War. Vgl. auch Pöppinghege, Lager, S. 55; Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 189; Lieb, Völkerrecht, S. 92; Becker, Captive Civilians, S. 260 f., 272, 280 f.; Diggelmann, Völkerrecht, S. 117 f.; Howard, Total War, S. 376. 119 Daniel Marc Segesser, Katastrophe der Wissenschaft?! Gewalteskalation, Kriegsgräuel und Kriegsverbrechen als Instrumente der internationalen (Nicht-)Kooperation in der Rechtswissenschaft 1914–1919, in: Zeitgeschichte 45 (2018), S. 57–78, hier: S. 64; ders., Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 408; ders., On the Road to Total Retribution?, S. 357; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 56, 80; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 421 f.; Swatek-Evenstein, History, S. 143 f., 148; Neff, Justice, S. 296 f.; Vance, Geneva Conventions, S. 110. Allgemein zum ius in bello: Dülffer, Kriege, S. 5.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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oder sogar Zivilisten als Freischärler Soldaten bekämpften. Im Kampf gegen Partisanen beschworen die Regierungen dieser Staaten unter dem Druck der Militärs deshalb im Ersten Weltkrieg schließlich unablässig „Kriegsnotwendigkeiten“, so bei der Besetzung Belgiens und Serbiens 1914/15. Noch schärfer wurde der Konflikt in den Jahren von 1939 bis 1945 im Kampf der „Achsenmächte“ gegen die Alliierten.120 Der „Kriegspositivismus“ kennzeichnete grundsätzlich zwar die Politik aller kriegführenden Staaten; er war jedoch in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Hier befürchtete die Generalität einen „Volkskrieg“, der von Partisanen ausging. Diese Kampfführung, die der Generalstab mit dem französischen Republikanismus und der westlichen Demokratie assoziierte, widersprach dem offiziellen Leitbild eines staatlich kontrollierten Krieges, in dem der militärische und zivile Bereich scharf voneinander getrennt waren. Rücksichtnahme auf Zivilisten war aus dieser Sicht unnötig oder sogar schädlich.121 Dazu hatte der Große Generalstab im Kaiserreich schon 1902 eine Schrift über den „Kriegsbrauch im Landkriege“ herausgegeben, in der betont wurde: „Humanitäre Ansprüche, d. h. Schonung von Menschen und Gütern können nur insoweit in Frage kommen, als es die Natur und der Zweck des Krieges gestatten.“ Entgegen den Bestimmungen der Haager Konvention reduzierte das Heft des Generalstabes die Einhegung der Kriegsgewalt damit auf eine freiwillige Selbstbeschränkung. Rücksichtsloses Vorgehen gegen Soldaten und Freischärler wurde sogar als „Humanität“ definiert. Es sollten lediglich Grenzen gelten, die „Brauch und Herkommen, Menschenfreundlichkeit und berechnender Egoismus errichtet haben, für deren Beachtung aber ein äußerer Zwang nicht vorhanden, sondern nur ‚die Furcht vor Repressalien‘ ausschlaggebend ist.“ Diese Einschränkung richtete sich gegen „humanitäre[n] Anschauungen, die nicht selten in Sentimentalität und weichlicher Gefühlsschwärmerei ausarteten …“. Mit dem Prinzip „Not kennt kein Gebot“ ignorierte der Jurist Emanuel von Ullmann (1841–1913) 1908 sogar alle völkerrechtlichen Einschränkungen militärischer Gewalt. Insgesamt wurde damit das Konzept der „militärischen Notwendigkeit“ nicht genutzt, um Kriegsgewalt zu begrenzen (wie noch von Lieber beabsichtigt), sondern um humanitäre Grundsätze und völkerrechtliche Regelungen einzuschränken. Aus dieser Sicht gefährdeten „Fremde“ die staatliche Integrität und nationale Sicherheit. Rücksichtnahme auf Soldaten und Zivilisten im Krieg wur-

120 Daniel Marc Segesser, Kriegsverbrechen? Die österreichisch-ungarischen Operationen des August 1914 in Serbien in Wahrnehmung und Vergleich, in: Wolfram Dornik (Hg.), Frontwechsel. Österreich-Ungarns „Großer Krieg“ im Vergleich, Wien 2014, S. 213–233, hier: S. 216 f.; Horne / Kramer, War, S. 164, 167; Weinke, Gewalt, S. 55. 121 Horne / Kramer, War S. 167.

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de damit eng gefasst. Dagegen protestierten besonders die französische und britische Regierung.122 Zudem sahen die Vertreter der Staaten, die an den Haager Konferenzen teilnahmen, nicht voraus, dass künftige Kriege die Zivilbevölkerung umfassend einbeziehen würden. Die Regelungen konzentrierten sich deshalb auf die Kriegsgefangenen. Ein Vorschlag der japanischen Delegierten, die Bestimmungen zur Behandlung dieser Gruppe auf zivile Staatsangehörige gegnerischer Nationen auszuweiten, wurde auf der zweiten Haager Konferenz 1907 abgelehnt. Im Rückblick ging der griechische Völkerrechtler Jean Spiropoulus (Ioannis Georgiou Spyropoulos 1896–1972) davon aus, dass für die Zurückweisung der Forderung Japans eine Interpretation des Artikels 5 des Abkommens über die Regeln von Landkriegen maßgeblich war, nach der nur Soldaten interniert werden sollten. Demgegenüber wirkte das von dem deutschen Juristen Lassa Oppenheim (1858–1919) ebenfalls 1906 geprägte Konzept der „Kriegsverbrechen“ bahnbrechend. Damit bezeichnete er „such hostile or other acts of soldiers or other individuals as may be punished by the enemy on capture of the offenders.“123 Generell ging aus den Debatten über „Humanität“ im 19. Jahrhundert eine Richtschnur hervor, die kriegführende Mächte einem erheblichen Erwartungsund Rechtfertigungsdruck aussetzte. Dieser war durch die internationale Vernetzung von Aktivisten und Experten entstanden, die sich zu Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammengeschlossen und auch die Professionalisierung des Völkerrechtes vorangetrieben hatten. Dazu trugen im frühen 20. Jahrhundert der zunehmende grenzüberschreitende Austausch – so im Rahmen von Konferenzen – und die Mitarbeit an der der Vorbereitung von Abkommen kräftig bei. „Netz“ und „Informationen“ beschrieben um 1900 grenzüberschreitende Aktivitäten, die offizielle Beziehungen zwischen Staatsführun122 Kriegsbrauch im Landkriege. Kriegsgeschichtliche Einzelschriften, H. 31, hg. vom Großen Generalstabe, Kriegsgeschichtliche Abteilung I, Berlin 1902, S. 2 f., Zitat: Manfred Messerschmidt, Völkerrecht und „Kriegsnotwendigkeit“ in der deutschen militärischen Tradition seit den Einigungskriegen, in: German Studies Review (1983), S. 237–269, hier: S. 240. Vgl. auch Jonathan Hyslop, The Invention of the Concentration Camp: Cuba, Southern Africa and the Philippines, 1896–1907, in: South African Historical Journal 63 (2011), Nr. 2, S. 251–276, hier: S. 257; Gullace, Violence, S. 740 f.; Hinz, Gefangen, S. 59–63; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 72 f.; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 139 f.; Stibbe, Civilian Internment and Civilian Internees, S. 55; Caglioti, Aliens, S. 449. Das Sprichwort „Not kennt kein Gebot“ hatte im Deutschen Kaiserreich schon das 1878 erlassene „Sozialistengesetz“ begründen sollen. Vgl. Conze, Geschichte, S. 92 f 123 Lassa Oppenheim, War and Neutrality, London 1906, Zitat: Segesser, On the Road to Total Retribution? S. 357. Vgl. auch Weinke, Gewalt, S. 42; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 46–48.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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gen ergänzten und beeinflussten. Angesichts des zunehmenden Lobbyismus konnte Regierungen das Völkerrecht in den beiden Weltkriegen nicht mehr einfach ignorieren. Im Kampf um die öffentliche Meinung rechtfertigten sie vielmehr eigene Überschreitungen als „Kriegsnotwendigkeit“, und sie beschuldigten gegnerische Staaten, Bestimmungen internationaler Abkommen und Konventionen verletzt zu haben. Damit wurde das Völkerrecht zum Spielball der Kriegspropaganda, die in Deutschland vorrangig auf den Primat staatlicher Politik und in den westlichen Ländern stärker auf individuelle Rechte abhob.124 Insgesamt verschwammen die Grenzen zwischen der Diplomatie und den zivilgesellschaftlichen Aktivisten, die sich grenzüberschreitend informierten und austauschten. In diesem Prozess wurden auch neue philanthropische Organisationen wie das Carnegie Endowment for International Peace gegründet. Die Stiftung unterstützte ab 1910 die Initiativen zur internationalen Verständigung, förderte die Weiterentwicklung des Völkerrechts und untersuchte Kriegsverbrechen. So entfachte der Bericht, den das Carnegie Endowment 1914 zu den beiden Balkankriegen (1912/13) vorlegte, eine öffentliche Diskussion über die Deportation, Folter und Ermordung wehrloser Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder. Außer der Verurteilung dieser Kriegsverbrechen und der Kritik an Übergriffen gegen Verletzte und das Rote Kreuz war besonders die Empfehlung weiterführend, dauerhaft eine internationale Kommission zu bilden, die über Verstöße gegen völkerrechtliche Bestimmungen in Kriegen berichten und damit eine Bestrafung der Täter ermöglichen sollte. Unabhängig und ohne Auftrag der Großmächte hatte das Carnegie Endowment mit seiner Untersuchungskommission, der u. a. der russische Liberale Pawel Miljukow (1859–1943) angehörte, eine kritische Öffentlichkeit weiter sensibilisiert. Zugleich waren der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Friedensaktivisten, Juristen und einzelnen Politikern vorangetrieben worden. Damit verlieh der Bericht der Fortentwicklung des Völkerrechts Impulse, wenngleich vor allem mittel- und langfristig. Die Resonanz auf die Befunde und Empfehlungen, die erst im Mai 1914 veröffentlicht wurden und auch den Topos der „balkanischen Gräuel“ festigten, nahm nämlich rasch ab. Besonders die Forderung, die Geheimdiplomatie zugunsten einer transparenten Außenpolitik aufzugeben, traf bei den Regierungen der Großmächte auf entschiedenen Widerstand. Noch weniger wurde nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges die humanitäre Politik des IKRK unterstützt, das die

124 Norman Ingram, The War Guilt Problem and the Ligue des Droits de l’Homme, 1914–1944, Oxford 2019, S. 31. Hierzu und zum Folgenden auch: von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 122–126, 139; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 142; ders., „Unlawful Warfare is Uncivilised“, S. 219 f.; Neff, Justice, S. 300–319; Herren, Netzwerke, S. 49 f.

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Massaker während der Balkankriege ohnehin nur zurückhaltend kritisiert hatte. Damit sollte der Status als neutrale Organisation gesichert und Spielraum für weitere Unterstützungsleistungen erhalten werden.125

Der Niedergang des humanitären Völkerrechts im Ersten Weltkrieg Dennoch hatte der Stellenwert humanitärer Organisationen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zugenommen. Dies wurde auch bei der Planung der dritten Friedenskonferenz deutlich, die 1915 in Den Haag stattfinden sollte, aber nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs abgesagt werden musste. Schon im April 1912 hatte das Institut de Droit International verlangt, eine Delegation von neun Juristen zu dem Kongress zu entsenden. Auch in den USA waren Völkerrechtler und zivilgesellschaftliche Vereinigungen für die Konferenz eingetreten, an deren Vorbereitung sich mit der 1889 gegründeten „Interparlamentarischen Union“ und der International Law Association zwei einflussreiche internationale Organisationen beteiligten. Sie führten Rechtswissenschaftler mit Politikern und Journalisten zusammen. Nachdem der Beginn der Kämpfe im August 1914 der dritten Haager Friedenskonferenz die Grundlage entzogen hatte, ergriff mit der Women’s International League für Peace and Freedom (WILPF) erneut eine international agierende Organisation von Friedensaktivisten die Initiative. Dabei nahm ihr amerikanischer Verband, die Women’s Peace Party, die führende Rolle ein. Trotz des Krieges trafen sich vom 28. April bis 1. Mai 1915 über 1.000 Frauen aus zwölf Nationen unter dem Vorsitz der amerikanischen Soziologin und Pazifistin Jane Addams (1860–1935) in Den Haag. Obgleich nicht alle Aktivistinnen aus Großbritannien der Forderung nach einem Friedensschluss zustimmten und sich die Repräsentantinnen Frankreichs sogar weigerten, an der Weltfriedenskonferenz der Frauen teilzunehmen, gelang es, unter dem Motto „peace and equality“ insgesamt zwanzig Resolutionen zu verabschieden. Sie riefen u. a. zur Abschaffung des Krieges und zur Einrichtung ständiger Schiedsgerichte auf. Auch mit der Einsetzung eines „Internationalen Ausschuss für dauernden Frieden“ appellierten die Teilnehmerinnen im Ersten Weltkrieg an eine weltweite Öffentlichkeit. Nicht zuletzt dokumentiert der Einsatz der Frauen für weibliche Kriegsopfer das humanitäre Engagement der WILPF, die im Mai 125 Laurent Barcelo, La Mission Canegie dans les Balkans (Août – Septembre 1913), in: Guerres mondiales et conflicts contemporaines, Nr. 184 (1996), S. 3–13, hier: S. 6, 11; Nadine Akhund, The Two Carnegie Reports: From the Balkan Expeditions of 1913 to the Albanian Trip of 1921, in: Balkanologie 14 (2012), Nr. 1/2, S. 1–17, hier: S. 2, 5, 11; Swatek-Evenstein, History, S. 152; Segesser, On the Road to Total Retribution?, S. 358; ders, Kriegsverbrechen, S. 196 f.; Kévonian, L’enquête, S. 23–34, 40; Herren, Netzwerke, S. 53–55.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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1919 mit einer Resolution gegen Zwangsverschleppungen und Deportationen die überlieferte Doktrin der Staatssouveränität herausforderte.126 Letztlich konnten aber alle Initiativen und Bemühungen, die auf eine „Zivilisierung“ des Krieges gerichtet waren, die extreme Gewalt, denen sich außer Soldaten auch Zivilisten ausgesetzt sahen, in den Jahren von 1914 bis 1918 nicht verhindern. Da das Souveränitätsprinzip unangetastet blieb, war die Implementierung der bereits geltenden völkerrechtlichen Normen weiterhin den Regierungen der kriegführenden Nationalstaaten überlassen. Wie dargelegt, lehnten vor allem die militärischen Eliten Deutschlands mit dem Hinweis auf strategische Zwänge, „Notstand“ und dem Argument, dass die neuen Bedingungen der Kriegführung eine Anwendung der völkerrechtlichen Grundsätze der Haager Landkriegsordnung verhinderten (Grundsatz des rebus sic stantibus), schon vor 1914 im Allgemeinen Bindungen ab, die angeblich in Kriegen den Sieg der eigenen Seite verhinderten. Nach dem Beginn der Kämpfe rechtfertigten deutsche Völkerrechtler – darunter Lassa Oppenheim – die Internierung wehrfähiger Männer der gegnerischen Nationen als Selbstverteidigung oder Repressalie. Darüber hinaus begründete Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856–1921) die Verletzung der Neutralität Belgiens, indem er Ullmanns Rechtfertigung schrankenloser Kriegführung aufnahm und die Besetzung zu einer Notmaßnahme erklärte, mit der Deutschland angeblich nur einem Überfall Frankreichs zuvorgekommen war. Gegenüber dem britischen Botschafter Edward Goschen (1847–1924) bezeichnete der Reichskanzler den Londoner Vertrag, der 1839 die Neutralität Belgiens garantiert hatte, sogar als „Fetzen Papier“ („scrap of paper“). Die Auffassung Bethmann Hollwegs unterstützte der Herausgeber der „Zeitschrift für Völkerrecht“, Josef Kohler (1849–1919). Der Jurist Ernst Müller-Meiningen (1866–1944), der die Freiheitliche Volkspartei im Reichstag vertrat, wandte sich in einer Schrift für die englischsprachige Leserschaft sogar offen gegen eine vermeintlich obsessive Fixierung auf Humanität, die einen militärischen Sieg Deutschlands verhindere.127 Darüber hinaus verstießen deutsche Militärs in Belgien mit Gewaltmaßnahmen gegen Zivilisten, die verdächtigt wurden, Soldaten beschossen zu haben, auch gegen die völkerrechtlichen Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und das Verbot von gezielten Zwangsmaßnahmen. Der Bericht einer Kommission, die der belgische Justizminister Henri Carton de Wiart (1869–1951) eingesetzt hatte, beschuldigte die Deutschen schon am 23. August 1914, in der Umgebung von 126 Kévonian, L’enquête, S. 22; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 119–122, 127–135; Stibbe, Civilian Internment, S. 202. 127 Segesser, Katastrophe der Wissenschaft?!, S. 59–61; Gullace, Violence, S. 720, 740 f.; Payk, Frieden durch Recht?, S. 79–90; Stibbe, Civilian Internment, S. 131–133.

102  2 Konzeptionelle Grundlage

Aerschot (Provinz Flämisch-Brabant) Zivilisten erschossen, Häuser abgebrannt und geplündert zu haben. Französische und britische Juristen bestätigten im darauffolgenden Jahr die Übergriffe, die der Völkerrechtler Louis Renault 1915 als „Verbrechen“ und der Jurist Hugh H. Bellot (1860–1928) im darauffolgenden Jahr sogar erstmals als „Kriegsverbrechen“ bezeichnete. Demgegenüber hatten 93 deutsche Wissenschaftler im Herbst 1914 in ihrem „Aufruf an die Kulturwelt“ die Vorwürfe als alliierte Gräuelpropaganda bezeichnet und zurückgewiesen. Auch in weiteren völkerrechtlichen Kontroversen vertraten Juristen jeweils die Positionen ihrer Regierungen. Dazu gehörte außer dem Einsatz von Giftgas, der britischen Seeblockade, dem Übergang zum uneingeschränkten U-Bootkrieg (den die Entente-Mächte mit Piraterie gleichsetzten) und der Versenkung der Lusitania die Hinrichtung des britischen Kapitäns Charles Fryatt (1872–1916), der im März 1915 ein deutsches U-Boot gerammt hatte. Als Edith Cavell (1865– 1915), eine Krankenschwester, die nach der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen vielen alliierten Soldaten die Flucht in die Niederlande ermöglicht hatte, am 12. Oktober 1915 hingerichtet wurde, erregte dies in den Ländern der Entente heftigen Protest, der sich gleichfalls gegen die deutschen Luftangriffe auf zivile Ziele in London richtete.128 In diesem Kontext gewann die Behandlung von Kriegsgefangenen und Internierten an Brisanz. Die meisten französischen Völkerrechtler forderten, gegnerische Soldaten auch für Delikte zu verurteilen, die sie vor ihrer Gefangennahme begangen hatten. Demgegenüber setzte sich in Deutschland 1915 die Forderung des Berliner Rechtsprofessors Adolf Arndt (1904–1974) durch, auf Verfahren gegen „feindliche Ausländer“ nach dem Reichs- oder Militärstrafgesetzbuch zu verzichten. Damit sollten Prozesse gegen deutsche Staatsbürger in gegnerischen Staaten als Repressalie verhindert werden. Alles in allem erhoben Experten auf beiden Seiten den Krieg zu einem Kampf gegensätzlicher völkerrechtlicher Konzeptionen. Dabei behaupteten sie im Einklang mit ihren Regierungen, den Krieg für Humanität und Frieden zu führen. Zugleich zerfielen im

128 Stéphane Audoin-Rouzeau, 1914–1918. La Violence de Guerre, Paris 2014, S. 56; Neville Wylie, The 1929 Prisoner of War Convention and the Building of the Inter-War Prisoner of War Regime, in: Scheipers (Hg.), Prisoners, S. 91–108, hier: S. 97 f.; Segesser, Katastrophe der Wissenschaft?!, S. 58, 70 f., 76 f., 69 f.; ders., Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 170– 176, 182–188; Vec, Congress of Vienna, S. 670, 673, 675; Neff, Justice, S. 339; Duranti, European Integration, S. 442 f. Zu Cavell: Katie Pickles, Cavell, Edith Louisa (Version 1.1), in: Ute Daniel u. a. (Hg.), 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Berlin 2017-0124 (doi:10.15463/ie1418.10214/1.1; Zugriff am 13. Mai 2020); Kara Brown, Cavell, Edith, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 42. Zu Fryatt: Tanya Demjanenko, Fryatt, Charles Algeron (1872– 1916), in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 104 f. Zusammenfassend: von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 136–138.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

103

Ersten Weltkrieg der internationale Austausch und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftlern. Viele von ihnen nutzten das Recht offen, um die Politik ihrer Regierungen zu legitimieren und „Feinde“ zu diffamieren. Damit trugen sie letztlich zur Eskalation der Gewalt bei. Sogar die International Law Association lehnte Repressalien nicht grundsätzlich ab. Letztlich blieb die Spannung zwischen humanitären Grundsätzen und politischer Opportunität ungelöst.129 Insgesamt vollzog sich in den Jahren von 1914 bis 1918 eine „Nationalisierung des internationalen Rechts“, das damit selber Gegenstand des Konflikts wurde. Dieser Prozess erstreckte sich auch auf die Internierung, die formal nicht gegen das Völkerrecht verstieß.130 Während die Souveränitätsdoktrin in den einzelnen Ländern vor allem die staatliche Sicherheitspolitik enorm stärkte, waren die Konzipierung, die Politik und die rechtlichen Grundlagen der humanitären Hilfe bis zum Ersten Weltkrieg schwach. Die Aktivitäten der nationalen Hilfsverbände blieben letztlich an die Ziele der nationalen Regierungen gebunden, von deren Zustimmung auch die Aktivitäten der internationalen humanitären Organisationen abhingen. Allerdings unterschied sich das Ausmaß staatlicher Kontrolle in den einzelnen Ländern. Zudem war die Haager Konvention von 1907 zumindest ein „moralisches Regulativ“ für die Kriegshandlungen, auf deren Rechtmäßigkeit besonders die alliierten Mächte achteten, um die internationale Meinung zu ihren Gunsten beeinflussen zu können.131 Da die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands Kolonialtruppen einsetzten und auch weitere Gruppen und Völker außerhalb Europas für einzelne Mächte kämpften, verschob sich überdies die Abgrenzung einer „zivilisierten“ von einer „barbarischen“ Welt, zu der die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Russlands auch das Osmanische Reich zählten. So bezeichneten sie in einem Kommuniqué am 28. Mai 1915 das Massaker an den Armeniern als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ („crimes against humanity and civilization“), für das die Verantwortlichen nach dem Krieg bestraft werden sollten. Das von Oppenheim geprägte Konzept griffen schon während 129 Zum Rekurs auf „Humanität“ beispielhaft für Kanada: Lubomyr Y. Luciuk, In Fear of the Barbed Wire Fence. Canada’s First National Internment Operations and the Ukrainian Canadians, 1914–1920, Kingston 2001, S. 38. Vgl. auch Maximilian Koessler, Enemy Alien Internment: With Special Reference to Britain and France, in: Political Science Quarterly 57 (1942), Nr. 1, S. 98–127, hier: S. 98; Page, War, S. 12 f.; Spiropoulus, Ausweisung, S. 15 f.; Payk, Frieden durch Recht?, S. 90–97, 123–128. 130 Payk, Frieden durch Recht?, S. 118; Stibbe, Civilian Internment, S. 132. 131 Zitat: Svenja Goltermann, Der Markt der Leiden, das Menschenrecht auf Entschädigung und die Kategorie des Opfers. Ein Problemaufriss, in: Historische Anthropologie 68 (2015), S. 70–92, hier: S. 79.

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des Ersten Weltkrieges auch andere Völkerrechtler wie Bellot auf, um damit eine brutale Kriegführung gegen zivile oder militärische Angehörige feindlicher Staaten zu bezeichnen. Dabei konzentrierte sich die Aufmerksamkeit aber auf Verstöße gegen völkerrechtliche Bestimmungen im Westen Europas, während Kriegsverbrechen, die auf dem Balkan, in Osteuropa, an der Front in den Alpen und auf den außereuropäischen Kriegsschauplätzen begangen wurden, oft ausgeblendet blieben. Diese Räume galten in den dominanten westlichen Staaten weithin als „unzivilisiert“.132

Humanitätsrekurse auf der Versailler Friedenskonferenz und Strafverfahren 1919–1923 Obwohl das Souveränitätsprinzip angesichts der Massengewalt gegen Zivilisten kritisiert wurde, blieb nach dem Ende der Kämpfe auf der Versailler Friedenskonferenz 1919 umstritten, ob Verstöße gegen die Genfer und Haager Konventionen als Verbrechen gelten sollten. Ebenso wenig absehbar war die Bestrafung von Soldaten für brutale Übergriffe. Zu den Delikten, deren Ahndung verlangt wurde, gehörte nicht nur völkerrechtswidrige Gewalt, sondern auch die Zwangsarbeit von Zivilisten. Jedoch lehnten die USA – vertreten durch Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) und Außenminister Robert Lansing (einen Rechtsanwalt, 1864–1928) – eine internationale Strafgerichtsbarkeit ab. Damit entzogen sie dem Vorschlag, die „laws of humanity“ (nach der „Martens-Klausel“) als Grundlage für Prozesse gegen die Führung des Deutschen und des Osmanischen Reiches zu nutzen, den Boden. Ebenso entschieden wandte sich besonders die amerikanische Delegation in den Versailler Verhandlungen gegen eine rückwirkende Anwendung völkerrechtlicher Bestimmungen. Dies wurde auch von vielen (nicht nur nationalistischen) Politikern in Deutschland zurückgewiesen, die in ihrer Erbitterung über den „Kriegsschuldparagraphen“ und der daraus abgeleiteten Pflicht zu Reparationsleistungen (Artikel 231 des Versailler Vertrages) zu einem pauschalen „Völkerrechtsnegationismus“ Zuflucht nahmen. Damit übersahen sie, dass das internationale Recht zwar von den Siegermächten politisch instrumentalisiert wurde, aber durchaus durch Vorstellungen von Legalität geprägt worden war, die sich in einem längerfristigen Prozess seit 132 Michelle Tusan, „Crimes against Humanity“: Human Rights, the British Empire and the Origins of the Response to the Armenian Genocide, in: American Historical Review 119 (2014), S. 47–77; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 138–147; Payk, Frieden durch Recht?, S. 98, 100; Segesser, On the Road to Total Retribution? S. 359; ders., Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 200–203, 207; ders., „Unlawful Warfare is Uncivilised“, S. 215, 222–224; Neff, Justice, S. 350.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

105

dem 19. Jahrhundert herausgebildet hatten und nicht völlig frei interpretierbar waren. Der Protest der Verlierernationen richtete sich außerdem gegen die Forderung der siegreichen Alliierten, Personen auszuliefern, die beschuldigt wurden, Kriegsverbrechen begangen zu haben (nach den Artikeln 228 und 229). Darunter war auch der ins niederländische Exil geflohene Kaiser Wilhelm II. (1859–1941).133 Alles in allem wurde das internationale Strafrecht in Versailles kaum weiterentwickelt. Die Bezugnahme auf humanity war in den Verhandlungen nicht vorrangig auf strafrechtliche Ahndung gerichtet. Vielmehr sollte eine politische Konfliktlösung erreicht werden. So blieben Zivilisten in Kriegen auch in den folgenden Jahren völkerrechtlich kaum geschützt. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges überließen die Aburteilung von Kriegsverbrechern letztlich den Regierungen der Staaten, denen sie angehörten. So klagte das Leipziger Reichsgericht 1921/22 in zwölf Prozessen insgesamt 17 Verdächtigte an; davon wurden zehn zu einer Haft von sechs Monaten und fünf Jahren verurteilt und sieben freigesprochen. Bis 1927 mussten Ermittlungsverfahren gegen 1.600 Beschuldigte eingestellt werden, da die Beweise unzureichend waren. Überdies hatten die Richter mit ihrer weiten Auslegung von „Kriegsnotwendigkeit“ und „Kriegsbrauch“ eine Praxis fortgeschrieben, die sich um 1900 herausgebildet hatte, aber dem inzwischen vorherrschenden Verständnis des Völkerrechts widersprach. Die politische Opposition gegen die Kriegsverbrecherprozesse, die besonders unter deutschen Nationalisten und Konservativen verhasst waren, obsiegte damit über die – deutlich kleinere – Gruppe der Befürworter einer Aufarbeitung der eigenen Kriegsgewalt. Zwei vom Leipziger Gericht verurteile UBoot-Matrosen konnten sogar mit Hilfe der paramilitärischen „Organisation Consul“ aus dem Gefängnis fliehen. Ebenso scheiterten Initiativen, Wilhelm II. für den Ersten Weltkrieg zur Verantwortung zu ziehen, da die Niederlande eine Auslieferung des abgedankten Kaisers verweigerten. Immerhin war mit den

133 Gerd Hankel, Kriegsverbrechen und die Möglichkeiten ihrer Ahndung in Vergangenheit und Gegenwart, in: Thoß / Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg, S. 669–685, hier: S. 672, 677; Jürgen Matthäus, The Lessons of Leipzig. Punishing German War Criminals after the First World War, in: Patricia Heberer / Jürgen Matthäus (Hg.), Atrocities on Trial. Historical Perspectives on the Politics of Prosecuting War Crimes, Washington 2008, S. 3–23, hier: S. 5 f.; Weinke, Gewalt, S. 321. Vgl. auch Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1983, bes. S. 254–259; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 147–165; dies., Martens Clause, S. 165; Payk, Frieden durch Recht?, S. 497 f., 503, 520–543, 577–592, 657; Segesser, Katastrophe der Wissenschaft?!, S. 74 f.; ders., On the Road to Total Retribution?, S. 359 f.

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Leipziger Prozessen erstmals der Grundsatz verankert worden, Kriegsverbrechen justiziell zu verfolgen.134 Demgegenüber sprachen in Konstantinopel außerordentliche Militärgerichtshöfe in 35 Prozessen gegen Angeklagte des Osmanischen Reiches z. T. hohe Strafen aus. 16 Angehörige der Polizei und der Armee erhielten die Todesstrafe. Nach der Stabilisierung der Türkei 1923 ließ Mustafa Kemal (1881–1938) die Prozesse jedoch abbrechen, und die Massaker an den Armeniern wurden im Vertrag von Lausanne (vom 24. Juli 1923) überhaupt nicht mehr erwähnt. Damit unterblieb im Osmanischen Reich bzw. in der Türkei eine strafrechtliche Ahndung von extremer Kriegsgewalt gegen Zivilisten, zumal viele Verantwortliche geflohen waren. So wurde der ehemalige Innenminister Talât Pascha (1874– 1921) am 15. März 1921 in Berlin (wo er Zuflucht gesucht hatte) von einem Angehörigen eines armenischen Geheimkommandos ermordet.135 In Österreich setzte die Nationalversammlung am 19. Dezember 1918 eine „Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen“ ein. Das Gremium sollte Vorwürfe zu Verstößen von Österreichern und Ungarn gegen völkerrechtliche Regeln im Ersten Weltkrieg prüfen. Die entmachteten adligen Eliten, die bürgerlichen Oberschichten und besonders ehemalige Offiziere lehnten aber eine vorurteilslose Untersuchung eigener Kriegsgewalt entschieden ab. Zudem vernachlässigte die „Pflichtverletzungskommission“ Übergriffe gegen Zivilisten. Nicht zuletzt erwiesen sich die Begriffe „Kriegsgräuel“ und (seltener verwendet) „Kriegsverbrechen“ als zu unpräzise, so dass sie als rechtliche Kategorien nicht taugten. Mit Unterstützung der „Feldgerichtskommission“, die das Staatsamt 134 Gerd Hankel, Die Leipziger Prozesse. Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2003; Eckart Conze, Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt, München 2018, S. 385–403; Ewald Frie, 100 Jahre 1918/19. Offene Zukünfte, in: Zeithistorische Forschungen 15 (2018), S. 98–114, hier: S. 99; Hannes Leidinger, „Kriegsgräuel“ im Rückblick. Österreichische Diskussionen im internationalen Kontext während der Zwischenkriegszeit, in: Zeitgeschichte 45 (2018), S. 13–34, hier: S. 20; Alan R. Kramer, Prisoners in the First World War, in: Scheipers (Hg.), Prisoners, S. 75–89, hier: S. 85. Angaben nach: von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 167, 172. Geringfügig andere Werte in: Segesser, On the Road to Total Retribution?, S. 360; Hankel, Kriegsverbrechen, S. 673, 675. Vgl. auch Daniel Marc Segesser, The Punishment of War Crimes Committed against Prisoners of War, Deportees and Refugees during and after the First World War, in: Stibbe (Hg.), Captivity, S. 134–156, hier: S. 142, 150; Jörn Leonhard, Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, München 2018, S. 817, 1266 f.; Lingen, Martens Clause, S. 196 f.; ders., Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 231; Matthäus, Lessons, S. 15–17. 135 Daniel March Segesser, Dissolve or Punish? The International Debate Amongst Jurists and Publicists on the Consequences of the Armenian Genocide for the Ottoman Empire, 1915–23, in: Journal of Genocide Research 10 (2008), Nr. 1, S. 95–110; Payk, Frieden durch Recht?, S. 509– 518; Conze, Illusion, S. 403–407; Stibbe, Civilian Internment, S. 202; Leonhard, Frieden, S. 815.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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für Heerwesen am 2. Dezember 1918 etabliert hatte, untersuchte die „Pflichtverletzungskommission“ zwar 484 Fälle. Davon wurden aber nicht weniger als 325 eingestellt, und schon 1922 löste die Bundesregierung, in der die österreichischen Sozialdemokraten nicht mehr vertreten waren, das Gremium auf.136 Alles in allem scheiterte die Durchsetzung von Verfahren wegen „crimes against humanity“ – und überhaupt die Durchsetzung des Konzeptes – nach dem Ersten Weltkrieg vorrangig am Souveränitätsprinzip, auf dem die Verliererstaaten, aber auch die USA energisch beharrten. Damit verbunden, wurde kein internationaler Gerichtshof gegründet, so dass Sanktionsmöglichkeiten fehlten. Die Mehrheit der Politiker und Juristen, die an den Pariser Friedensverhandlungen mitwirkten, lehnten Initiativen ab, die darauf zielten, die Leitvorstellung der „Humanität“ über den politisch-moralischen Bereich hinaus als völkerrechtliche Kategorie zu definieren und zu verwenden. Insgesamt legte das Streben nach Sicherheit auch in siegreichen Staaten wie Frankreich ein Beharren auf der nationalstaatlichen Souveränität nahe. Demgegenüber kamen Überlegungen zur kollektiven Sicherheit, die besonders Wilson vertrat, kaum zum Tragen. Gerade wegen der hohen Erwartungen an die neue Friedensordnung verbreitete sich bald Enttäuschung über „Versailles“. Es wurde deutlich, dass der Gegensatz zwischen Sicherheitskonzeptionen und -verständnissen fortbestand, die auf nationaler Souveränität bzw. auf kollektiver Vereinbarung basierten. Offenkundig konnte das internationale Völkerrecht allein den Frieden nicht nachhaltig sichern, der nach den Hoffnungen der humanitären Aktivisten aus dem totalen Krieg hervorgehen sollte. Vielmehr stabilisierte die Versailler Konferenz nochmals „die alte Welt imperialer Diplomatie …“.137 Besonders in den Staaten, die 1918 besiegt worden waren, gerieten pazifistische Organisationen, die universalistische humanitäre Grundsätze und das Konzept kollektiver Sicherheit vertraten, in die Defensive. So forderte die „Deutsche Liga für Menschenrechte“ (DLM), die 1922 aus dem „Bund Neues Vaterland“ (BNV) hervorging, zwar nachdrücklich die Verteidigung der Menschenrechte und eine neue Außenpolitik, die von den Staatsbürgern und nicht mehr von den Eliten ausgehen und getragen werden sollte. Sie konnte sich aber nicht gegen den mächtigen Revisionismus durchsetzen, der in der Weimarer Republik auf eine Beseitigung des Versailler Vertrages drängte. Die DLM rechtfertigte ihren Pazifismus deshalb mit patriotischer Pflicht. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen in Europa hatten nicht nur den Nationalismus noch verstärkt, sondern 136 Leidinger, „Kriegsgräuel“, S. 23 (Angaben), 24, 32. 137 Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914–1945, München 2011, S. 69. Vgl. auch Payk, Frieden durch Recht?, S. 666; Leonhard, Peace, S. 34, 37, 45 f.; Conze, Illusion, S. 238–248, 496.

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auch die Spaltung der Friedensbewegung vertieft. Die Gegensätze wurden besonders in der Auseinandersetzung zwischen dem BNV und der Union of Democratic Control (UDC) über die Verantwortung für den Kriegsbeginn deutlich. Während der BNV die im Artikel 231 festgelegte Auffassung von der maßgeblichen Schuld des deutschen Kaiserreiches verteidigte, hob die UDC die allgemeinen Spannungen im internationalen Mächtesystem als strukturelle Ursache hervor.138

Kriegsgewalt im humanitären Völkerrecht nach 1918 Das Ausmaß der Gewalt im Ersten Weltkrieg hatte Initiativen von Juristen wie Quincy Wright (1890–1970) beflügelt, militärische Aggressionen zu ächten. Zwar wurde der 1923 vorgelegte Haager Entwurf zu den Regeln des Luftkriegs nicht angenommen, so dass eine Aufnahme in das Völkerrecht unterblieb. Jedoch verfestigte er die Kategorie der „Zivilisten“. Die Bemühungen um den Schutz dieser Gruppe vor gewaltsamen Übergriffen sollten 1928 im Kellogg-Briand-Pakt aufgenommen werden, der den Krieg ächtete und die unterzeichnenden Staaten verpflichtete, Konflikte friedlich beizulegen. Auch erweiterte sich nach 1918 der Kreis der Akteure, die an den Diskussionen über die Bestrafung von Kriegsverbrechen beteiligt waren, nochmals erheblich. Außer den Regierungen kleinerer europäischer Länder wie Belgien drängten vor allem viele lateinamerikanische und asiatische Staaten, die an den Pariser Vorortkonferenzen erstmals mit eigenen Delegationen mitgewirkt hatten, auf eine Erweiterung völkerrechtlicher Bestimmungen, die auch den Umgang mit Zivilisten in Kriegen betrafen. Vertreter Armeniens, Griechenlands und Serbiens lenkten die Aufmerksamkeit auf Verbrechen, die an Angehörigen ihrer Volksgruppen begangen worden waren. Als Magnet hatten die Pariser Verhandlungen auch auf zivilgesellschaftliche Organisationen gewirkt, die sie als Bühne nutzten, um für ihre jeweiligen Anliegen zu werben und Öffentlichkeit herzustellen. Jedoch ging aus den Pariser Vorortverträgen keine gemeinsame Sicherheitskultur hervor.139 Der Völkerbund verlieh der Entwicklung des humanitären Völkerrechts zwar weitere Impulse; allerdings war seine Wirkung letztlich gering. So blieben humanitäre Interventionen weitgehend auf das 1921 eingerichtete Hochkommis-

138 Laqua, Reconciliation, S. 219 f., 226 f. 139 Anna-Katharina Wöbse, „To cultivate the international mind“: Der Völkerbund und die Förderung der globalen Zivilgesellschaft, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), S. 852–863, hier: S. 861; Conze, Illusion, S. 214–222; Schulz, Cultures, S. 29. Zum Haager Entwurf von 1923: Alexander; Genesis, S. 359, 374 f.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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sariat für Flüchtlinge und einzelne Mandate für militärische Operationen beschränkt. Der Ständige Internationale Gerichtshof konnte ab 1922 ebenso wenig wie ein neu etablierter Schiedsgerichtshof (beide in Den Haag) verbindliche Regeln zur Eindämmung von Kriegsgewalt festlegen oder Konflikte wirksam schlichten. Auch einzelne Personen und internationale Organisationen durften keine Anklagen einreichen. Immerhin wurden hinsichtlich der Sicherheitspolitik, der Schlichtung und Rüstungsbeschränkungen klare Ziele formuliert, wie das 1924 verabschiedete Genfer Protokoll zeigt, das u. a. amerikanische Völkerrechtler wie James Wilford Garner und David Hunter Miller (1875–1961) nachdrücklich begrüßten. Auch wuchs ein Bewusstsein für Rechtsnormen, die international gelten sollten. Darüber hinaus wirkte das 1920 eröffnete Sekretariat mit seiner Abteilung „International Bureaux“ als wichtiges Forum, in dem Experten ihre Erkenntnisse und Auffassungen austauschten. Besonders die Beteiligung nationaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen und die politischen und völkerrechtlichen Diskussionen an den Beratungen des Völkerbundes verliehen den Bemühungen um eine Einhegung der Kriegsgewalt gegen Zivilisten durchaus Auftrieb.140 Damit wurden der Völkerbund und seine Einrichtungen – so die 1919 gegründete Internationale Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) – zu einem „Gravitationsfeld für zivilgesellschaftliche Organisationen“ und „Expertenpool der Juristen“. Dies zeigte auch die Diskussion über die Ahndung von Kriegsverbrechen und einen internationalen Strafgerichtshof im Rahmen der 1924 gegründeten Association Internationale de Droit Pénal (International Association of Penal Law). Ebenso brachten amerikanische Stiftungen in den 1920er Jahren im Rahmen des Völkerbundes Experten zusammen, die Vorschläge zur Weiterentwicklung einer neuen internationalen Sicherheitsordnung unterbreiteten. In ihr sollten Konflikte friedlich ausgetragen werden. Zu diesen Beratungen trug nicht zuletzt die 1889 gebildete „Interparlamentarische Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit“ bei. Allerdings befürchteten die Nichtregierungsorganisationen eine Zentralisierung der Kompetenzen im Völkerbundsekretariat. Zudem standen einer intensiven grenzüberschreitenden Zusammenarbeit weiterhin die Interessen der Regierungen in den Mitgliedstaaten 140 Diese befriedende Wirkung hatte schon Immanuel Kant schon im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert von einem Bund der Völker erhofft. Vgl. Langewiesche, Jahrhundert, S. 44. Zu den Wirkungen des Friedensvertrages: Katharina Rietzler, Experts for Peace. Structures and Motivations of Philanthropic Internationalism in the Interwar Years, in: Laqua (Hg.), Internationalism, S. 45–65, bes. S. 48, 52–54; Wöbse, „To cultivate the international mind“, S. 852– 854, 862 f.; Leonhard, Frieden, S. 818. Zu einseitig auf die Probleme des Völkerbundes abhebend die Darstellung in: Kleinschmidt, Geschichte, S. 424–426. Vgl. auch Schulz, Cultures, S. 33.

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und die nationale Prägung der gesellschaftlichen Organisationen selber entgegen.141 1929 präzisierte eine weitere Genfer Konvention Regeln zum Umgang mit Kriegsgefangenen. Ihnen wurde u. a. das Recht auf Einwände und Petitionen gegen ihre Behandlung eingeräumt (Art. 42). Darüber hinaus durfte sie ihre jeweiligen Schutzmächte über bevorstehende Rechtsverfahren gegen sie informieren (Art. 60). Außerdem erhielten sie das Recht, sich zu verteidigen und dafür einen Rechtsbestand und Übersetzer hinzuziehen (Art. 61 und 62). Prozesse waren in Anwesenheit eines Vertreters der Schutzmacht durchzuführen, wenn diesem Verfahren nicht das übergeordnete Ziel der Staatssicherheit entgegenstand (Art. 62). Kriegsgefangene wurden rechtlich den Soldaten der Gewahrsamsmacht gleichgestellt (Art. 63), und sie durften Einspruch gegen Urteile einlegen (Art. 64). Schuldsprüche in Strafverfahren waren der jeweiligen Schutzmacht unverzüglich zu übermitteln (Art. 65). Bei Todesurteilen mussten die tragenden Gesichtspunkte für die Strafzumessung detailliert erläutert werden (Art. 66). Darüber hinaus verbriefte das Genfer Abkommen Rechte der Schutzmächte, vor allem zur Inspektion von Gefangenenlagern. Nicht zuletzt durften „gemischte Kommissionen“ von drei Ärzten, die vom Gewahrsamsstaat und dem IKRK ernannt werden sollten, über die Entlassung kranker und schwer verletzter Gefangener entscheiden. Anders als die Haager Konventionen bezog sich das Abkommen nicht vorrangig auf die Mittel, sondern auf die Opfer des Krieges.142 Die Genfer Konvention von 1929 erweiterte deshalb zwar das humanitäre Völkerrecht und wurde ein wichtiger Bezugsrahmen der Diskussion über den Umgang mit Kriegsgefangenen.143 Die Konvention sollte aber Kriege nicht verhindern, weshalb Pazifisten wie der britische Diplomat und Politiker Robert Ce-

141 Wöbse, „To cultivate the international mind“, S. 858, 862; Conze, Illusion, S. 249 f. Zitate nach (in dieser Reihenfolge): Herren, Internationale Organisationen, S. 54; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 183. Vgl. auch Herren, Netzwerke, S. 60 f.; Neff, Justice, S. 353–357; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 234–261; ders., On the Road to Total Retribution?, S. 361 f.; Little, Explosion, S. 3–8. 142 Text in Rechtsinformationssystem des Bundes, Österreich (https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10000191; Zugriff am 22. September 2018). Vgl. auch Jonathan F. Vance, Mixed Medical Commissions, S. 190 f., hier: S. 190; Vance, Geneva Convention of 1929, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 197; ders., Protecting Power, S. 228. Das Abkommen sollte im Zweiten Weltkrieg von den Regierungen der kriegführenden Mächte umfassend verbreitet und publiziert werden. Vgl. z. B. Extracts from International Convention relative to the Treatment of Prisoners of War, Geneva, July 27, 1929, in: NA, HO 215/462. 143 So die Argumentation in Wylie, Convention, S. 91.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

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cil (1864–1958) eine Mitwirkung an den Beratungen abgelehnt hatten.144 Auch der völkerrechtliche Schutz ziviler Kriegsopfer blieb lückenhaft. Obwohl das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schon 1921 verlangt hatte, auch Zivilisten in den kriegführenden Staaten gegen Gewalt abzuschirmen, scheiterte dieser Neuansatz in den zwanziger Jahren, da Politiker und Militärs vorrangig auf einen verbesserten völkerrechtlichen Status von Kombattanten fixiert waren. Zudem hatten mächtige Länder wie Frankreich, Belgien und die Vereinigten Staaten 1921 nicht an der Konferenz des Roten Kreuzes teilgenommen, und Deutschland blieb von allen internationalen humanitären Aktivitäten zunächst ausgeschlossen. Nicht zuletzt vertraute die Staatengemeinschaft lange auf die Verhandlungen im Rahmen des Völkerbundes und die Bestimmungen der Pariser Vorortverträge zum Minderheitenschutz. Diese blieben aber letztlich weitgehend wirkungslos, weil die Friedensordnung die Nationalstaaten weiter gestärkt hatte. Damit war das Konzept der „nationalen Selbstbestimmung“ vieldeutig, oft widersprüchlich und durchweg umstritten geblieben. Letztlich wurde es den Anforderungen an eine europäische Sicherheitsordnung nicht gerecht. So enthielt die Genfer Konvention von 1929 keine Bestimmungen zum Umgang mit Minderheiten. Auch Überlegungen zur Einrichtung einer internationalen Gerichtsbarkeit gegen Kriegsverbrecher nach dem weitgehenden Scheitern der Prozesse in den frühen zwanziger Jahren versandeten zunächst folgenlos. Letztlich blieb die Behandlung von Zivilisten eine innere Angelegenheit der nationalstaatlichen Regierungen. Wirksamer waren in den Pariser Vorortverträgen die Bestimmungen zur Rückführung der Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, deren Repatriierung beispielsweise im Artikel 214 des Versailler Friedensvertrages festgelegt wurde. Die Regelungen waren insgesamt aber widersprüchlich, da die Abkommen einerseits Sicherheit vor einer neuen Aggression der „Mittelmächte“ – besonders Deutschlands – bieten, andererseits aber auch Grundsätzen einer universelleren Humanität gerecht werden sollten. Die Repatriierung internierter Angehöriger der Verliererstaaten verzögerte sich deshalb, teilweise sogar bis 1921/22.145 144 Zu Cecil, der im November 1918 Leiter der Völkerbundsabteilung im Foreign Office wurde: Conze, Illusion, S. 223 f. 145 Jörg Später, Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902–1945, Göttingen 2003, S. 56; Gerald Steinacher, Humanitarians at War. The Red Cross in the Shadow of the Holocaust, Oxford 2017, S. 37 f.; Wylie, Convention, S. 94; Segesser, Lager, S. 47; Oeter, Entwicklung, S. 51–53; Best, Humanity, S. 232 f.; Kramer, Combatants, S. 197; Goltermann, Markt, S. 80. Zum Minderheitenschutz und seinen Aporien nach 1918: Jost Dülffer, Humanitarian Intervention as Legitimation of Violence – the German Case 1937–1939, in: Klose (Hg.), Emergence, S. 208–228, hier: S. 209; Volker Prott, Tying Up the Loose Ends of National Self-Determination: British, French, and American Experts in Peace Planning, 1917–1919, in: Historical

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In den 1920er und 1930er Jahren blieben auch die Fortschritte bei der Eindämmung exzessiver Kriegsgewalt begrenzt. Zwar forderten Völkerrechtler einen verstärkten Schutz der Menschenrechte. Einzelne schlossen zu diesem Zweck sogar militärische Interventionen nicht aus. Jedoch fehlten dem Völkerbund Kompetenzen, mit denen Sanktionen gegen Regierungen durchgesetzt werden konnten. Trotz des Bekenntnisses zur kollektiven Verantwortung der Staatengemeinschaft und der Aufnahme von Minderheitenrechten in die Pariser Friedensverträge wurde das Souveränitätsprinzip kaum eingeschränkt. Auch galten nationale Streit- und Polizeikräfte für die Sicherheit der Staaten nach wie vor als unentbehrlich. Angesichts dieser Vorbehalte blieb der völkerrechtliche Schutz von Zivilisten unzureichend. Eine Erklärung des Institut de Droit International zu Menschenrechten, die der frühere Diplomat und neue humanitäre Aktivist André Mandelstam (1869–1949) 1929 unter dem Eindruck der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich verfasst hatte, enthielt zwar Verpflichtungen zugunsten der unbeteiligten Bevölkerung in Kriegen. Die Regierungen nahmen die Deklaration aber kaum zur Kenntnis.146 Im Besonderen fehlte weiterhin eine uneingeschränkte Verpflichtung zum Schutz von Zivilisten in Kriegen. Die beiden 1929 verabschiedeten Genfer Konventionen zur Behandlung von Kriegsgefangenen und Verwundeten bezogen zwar erstmals alle diese Opfer ein. Jedoch blendeten sie die Mittel der Kriegführung, auf die sich die Haager Ordnung konzentriert hatte, weitgehend aus. Auch verbesserten die Konventionen ausschließlich den völkerrechtlichen Status von Soldaten gegenüber den oft sicherheitspolitisch begründeten Verfügungsansprüchen der Regierungen kriegführender Staaten. Darüber hinaus traten dem Abkommen über den Umgang mit gefangenen Soldaten und Offizieren mit der Sowjetunion und Japan zwei Großmächte nicht bei, so dass auch deshalb der Aktionsradius und die Durchsetzungskraft der internationalen humanitären Vereinigungen begrenzt blieben. Da vor allem die rechtliche Durchsetzung von Schutzregelungen weiterhin ungelöst war, trafen sich Delegierte von 42 Staaten 1930 in Den Haag zu einer weiteren Konferenz, die der Völkerbund veranstaltete. Hier scheiterten Bemühungen, Regierungen für Verletzungen Journal 57 (2014), S. 727–750; Frie, 100 Jahre, S. 104; Eric D. Weitz, From the Vienna to the Paris System: International Politics and the Entangled Histories of Human Rights, Forced Deportations, and Civilizing Missions, in: American Historical Review 113 (2008), S. 1313–1343, bes. S. 1313 f., 1341. 146 Zara Steiner, The Lights That Failed. European International History, 1919–1933, New York 2005, S. 352, 362, 373; Helmut Philipp Aust, From Diplomat to Academic Activist: André Mandelstam and the History of Human Rights, in: European Journal of International Law 25 (2015), S. 1105–1121; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 301 f.; Swatek-Evenstein, History, S. 171; Klose, Protecting Universal Rights, S. 171–173.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

113

grundlegender Rechte von Ausländern zur Verantwortung zu ziehen, besonders eklatant. Bis 1939, als der zweite globale militärische Konflikt begann und die Grenzen zwischen den Kampfschauplätzen und der Heimat noch weiter auflöste, blieb die „Frage der Gewalt gegen Zivilisten […] rechtlich unscharf.“ Rechtspositivisten wie Karl Strupp (1886–1940), der bis zu seiner Vertreibung 1933 an der Universität in Frankfurt am Main lehrte, erhoben deshalb das Reziprozitätsprinzip und damit die Furcht vor Vergeltung zur Grundlage des Völkerrechts.147 Ebenso wenig konnte in den 1920er und 1930er Jahren eine bindende Übereinkunft zum Schutz von Zivilisten erzielt werden. Eine Konferenz des IKRK forderte 1925 zwar, Internierte im Hinblick auf ihre Behandlung mit Kriegsgefangenen gleichzustellen. Zudem sollten Gewahrsamsmächte dem Roten Kreuz im Kriegsfall unverzüglich Namenslisten übermitteln, so dass Angehörige benachrichtigt werden konnten. Weitergehende Initiativen scheiterten aber 1934 auf einer Konferenz des IKRK in Tokio, als die japanische Regierung nach dem Angriff auf die Mandschurei drei Jahre zuvor ihr zuvor erhebliches Engagement für das humanitäre Kriegsvölkerrecht eingestellt hatte. So blieb es in Tokio bei einem Entwurf zum Schutz von Zivilisten in kriegführenden Staaten. Auch eine weitere Konferenz, die 1938 in London stattfand, war in dieser Hinsicht erfolglos. Letztlich konnte das Genfer Rotkreuz-Komitee seine Kompetenzen trotz der extremen Gewalt, die in den Jahren von 1914 bis 1918 liberal-humanitäre Fortschrittsannahmen erschüttert hatte, in den 1920er und 1930er Jahren kaum erweitern. Nach wie vor widersetzten sich nationale Regierungen Vorschlägen, die ihre politische und militärische Entscheidungsfreiheit wirksam einschränkten.148 Eine weitere Tagung, die 1940 in Genf stattfinden sollte, musste abgesagt werden, und eine Konvention, die das IKRK zusammen mit der International Association of International Lawyers vorbereitet hatte, versandete. Auch der Völkerbund stand den Aggressionen Japans, Italiens und Deutschlands in den 1930er Jahren weitgehend hilflos gegenüber. Benito Mussolini (1883–1945)

147 Zitat: von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 188. Vgl. auch Iris Heidebrink, Prisoners of War, in: Peter Post (Hg.), The Encyclopedia of Indonesia in the Pacific War, Leiden 2010, S. 174–178, S. 177; Jonathan F. Vance, Geneva Convention of 1929, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 107 f., hier: S. 108; Vance, International Committee of the Red Cross, S. 145; Dawes, International Law, 146; Neff, Justice, S. 361–365; Durand, Sarajevo, S. 413, 443; Wylie, Convention, S. 102; Moorehead, Dream, S. 377; Overmans, „Hunnen“, S. 360. 148 Olive Checkland, Humanitarianism and the Emperor’s Japan, 1877–1977, Houndmills 1994, S. 85, 90; Frederick Dickinson, War and National Reinvention. Japan in the Great War, 1914–1919, Cambridge 1999, S. 252–255; Thomas Brückner, Hilfe schenken. Die Beziehung zwischen dem IKRK und der Schweiz 1919–1939, Zürich 2017, S. 80–84; Crossland, Britain, S. 33– 36, 106; Durant, Sarajevo, S. 445.

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nahm sogar ausdrücklich den Schutz der Menschenrechte in Anspruch, um im Oktober 1935 seinen Angriff auf Abessinien zu verteidigen. Ähnlich stellte das nationalsozialistische Regime die Rechte der deutschen Minderheiten in den Dienst ihrer Expansionspolitik, die es 1938/39 mit dem Prinzip der Selbstbestimmung rechtfertigte und als humanitäre Intervention ausgab. Darüber hinaus stellten die Machthaber des „Dritten Reiches“ das Völkerrecht, das sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte, grundsätzlich in Frage. Sie lehnten die Doktrinen von der Staatssouveränität und begrenzter Kriege kategorisch ab. Stattdessen gingen sie von der sozialdarwinistischen Vorstellung eines Rassenkrieges zwischen den Völkern um ihr Überleben aus. Intellektuelle Anhänger wie der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888–1985) betonten den uneingeschränkten Kampf um Raum als Grundprinzip der internationalen Ordnung, während sie die Rolle von Staaten, Souveränität und Völkerrecht in Abrede stellten.149 Dagegen scheiterten in den 1930er Jahren Initiativen nichtstaatlicher Organisationen und Akteure, die auf eine Weiterentwicklung des humanitären Völkerrechts drängten und auf einem erweiterten Schutz von Zivilisten bestanden. Allerdings schützte ein Abkommen über die Stellung der Flüchtlinge aus Deutschland vom 10. Februar 1938 diese Gruppe zumindest vor einer pauschalen Verhaftung und Internierung, wie schon zeitgenössische Rechtswissenschaftler erkannten. Zwar erwiesen sich auch diese Verpflichtung der Regierungen im Zweiten Weltkrieg gegenüber Sicherheitsängsten letztlich als wirkungslos. Immerhin hatten die völkerrechtlichen Abkommen aber normative Erwartungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten verankert, denen sich Krieg führende Mächte nicht mehr offen entziehen konnten, ohne ihre Legitimität und Reputation im internationalen Staatensystem einzubüßen.150

149 Dülffer, Intervention, bes. S. 211–213, 215, 227 f.; Klose, Protecting Universal Rights, S. 174; Gumz, International Law, S. 634–636. 150 Branden Little, State, Civil Society and Relief Organizations for War, in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hg. von Ute Daniel u. a., issued by Freie Universität Berlin, Berlin 2014-10-08 (DOI: 10.15463/ie1418.10490; Zugriff am 15. Oktober 2019). Hierzu und zum Folgenden auch: E. J. Cohn, Legal Aspects of Internment, in: Modern Law Review 4 (1941), Nr. 3, S. 200–209, hier: S. 203 f.; Koessler, Internment, S. 99 f., 111 f. Vgl. auch John Joel Culley, Enemy Alien Control in the United States during World War II: A Survey, in: Saunders / Daniels (Hg.), Alien Justice, S. 138–151, hier: S. 138, 140. Politikwissenschaftliche Arbeiten haben für die neuere Menschenrechtsdiskussion den Stellenwert und die Wirkung internationalen Drucks auf um ihre Legitimität besorgte Regierungen belegt. Vgl. Thomas Risse / Kathryn Sikkink, The Socialization of International Human Rights Norms into Domestic Practices: Introduction, in: ders. (Hg.), The Power of Human Rights. International Norms and Domestic Change, Cambridge 1999, 1–38, hier: S. 8, 10, 37 f.

2.2 Humanität und Menschenrechte



115

So beschuldigten sich die Regierungen Polens und Deutschlands nach dem Beginn des Angriffs des „Dritten Reiches“ gegenseitig, den Kellogg-Briand-Pakt gebrochen zu haben. Damit erkannten sie die normative Geltung des Vertrages zumindest indirekt an. Noch hemmender wirkte erneut die Furcht vor Repressalien, die den Regierungen nahelegte, das Kriegsvölkerrecht zu beachten. Dieses utilitaristische Motiv aufnehmend, schlug das IKRK den Regierungen der kriegführenden Staaten bereits im September 1939 vor, den Entwurf zu übernehmen, den es auf seiner fünften internationalen Konferenz 1934 in Tokio vorlegt hatte. In einer Denkschrift vom 21. Oktober 1939 wiederholte das Rote Kreuz seine Forderung, die Bestimmungen der Genfer Konvention von 1929 auch auf internierte Zivilisten anzuwenden. Zudem sollten zivile Feindstaatenangehörige beschleunigt ausgebürgert werden. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt (1882–1945) rief die Regierungen Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs im September 1939 sogar auf, grundsätzlich von einer Internierung von Zivilisten abzusehen und sie auszubürgern oder auf Bewährung freizulassen. Zwar hatte sich bis zu den 1930er Jahren unter Rechtswissenschaftlern und vielen Politikern ein Konsens darüber herausgebildet, auch Zivilisten gegnerischer Staaten menschenwürdig zu behandeln. Aber nur einzelne Staaten wie Frankreich, Großbritannien und Deutschland verpflichteten sich im Herbst 1939 ausdrücklich, Feindstaatenangehörige, die sich in ihrer Obhut befanden, ebenso zu schützen wie Kriegsgefangene. Dennoch wurden von 1940 bis 1942, als in den westlichen Demokratien die „nationale Sicherheit“ bedroht war (oder schien), auch in diesen Ländern enemy aliens pauschal und ungeprüft als (potentielle) „innere Feinde“ interniert. Damit sollte die Sicherheit im Krieg erhöht, Angst in der Bevölkerung verringert und so die Legitimität der Regierungen gestärkt werden.151 Der Zweite Weltkrieg erschreckte besonders wegen der extremen Gewalt der NS-Funktionäre, deutscher SS-Angehöriger und Soldaten in den besetzten Gebieten, vor allem in Osteuropa. Adolf Hitler (1889–1945) bezeichnete sogar noch im Mai 1944 eine humanitäre Rücksichtnahme auf Juden als „höchste Grausamkeit gegen das eigene Volk.“152 Bis 1941 war in den alliierten Staaten aber kaum über die Kriegsverbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands diskutiert worden. Vielmehr hatten deutsche Völkerrechtler wie Carl Schmitt und Axel von Freytagh-Loringhoven (1878–1942), die Übergriffe gegen „Volksdeutsche“ (vor allem in Polen) beklagten, Aktionen von Freischärlern als illegal verurteilten und damit den nationalsozialistischen Angriffskrieg zumindest indirekt rechtfertigten, zunächst die Diskurshoheit gewonnen. Demgegenüber verliehen 151 Segesser, On the Road to Total Retribution?, S. 362 f.; Durant, Sarajevo, S. 445–447. 152 Zitat: Peter Longerich, Hitler. Biographie, München 2017, S. 950.

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2 Konzeptionelle Grundlage

die frühen Berichte über die Kriegsverbrechen, die NS-Funktionäre, aber auch Angehörige der staatlichen Verwaltung schon 1939/40 begingen, der politischen und rechtswissenschaftlichen Diskussion in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten erst ab 1941 kräftige Impulse. Besonders die sich verdichtenden Nachrichten über den Völkermord an den Juden verstärkten in London Bemühungen von Politikern und Völkerrechtlern (von denen viele aus ihren Heimatländern vertrieben worden waren), frühere Initiativen zur Einhegung der Kriegsgewalt aufzunehmen und weiterzuentwickeln.153 Dabei blieb die Definition von „Kriegsverbrechen“ aber lange umstritten. Experten, die – wie George Finch (1884–1957), der Vorsitzende der American Society for International Law – eine Bestrafung der Verursacher des Krieges ablehnten, standen andere Juristen gegenüber, die forderten, die NS-Führung kollektiv für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Ebenso kontrovers wurde über das Rückwirkungsverbot diskutiert, das lediglich eine Ahndung von Taten erlaubte, die bestraft werden konnten, als sie begangen wurden (Grundsatz des nullum crimen, nulla poena sine lege). Nicht zuletzt war die Form der Jurisdiktion umstritten. So verlangte der nach Großbritannien emigrierte deutsche Rechtswissenschaftler Ernst Joseph Cohn (1904–1976) bereits 1940, Prozesse in den Heimatstaaten der Opfer durchzuführen. Demgegenüber traten andere Fachleute für die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes ein. Dieser Vorschlag setzte sich Anfang 1945 in den Regierungen der alliierten Mächte durch, nachdem der sowjetische Diktator Josef Stalin (1878–1953) und der britische Premierminister Winston Churchill (1874–1965) ihren Vorschlag zurückgezogen hatten, die führenden Nationalsozialisten ohne Rechtsverfahren zu exekutieren.154 Unstrittig war in den alliierten Staaten, dass der Zweite Weltkrieg eine neue Qualität der Gewalt gegen Zivilisten hervorgebracht hatte. Zwar waren von 1939 bis 1945 – mit Ausnahme der USA – weniger zivile Feindstaatenangehörige interniert worden als im Ersten Weltkrieg. Jedoch wurde die Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands als tiefer „Zivilisationsbruch“ wahrgenommen. Unter dem Eindruck der systematischen Ermordung von Juden und anderen Minderheiten als Folge der NS-Rassendoktrin intensivierte sich die seit dem 19. Jahrhundert geführte Diskussion über eine humanitäre Einhegung von Kriegsgewalt erneut erheblich. Nachdem das Konzept, ganze Gruppen zu schüt-

153 Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 303–393; ders., On the Road to Total Retribution?, S. 363–370. 154 Arnd Bauerkämper, Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945, Paderborn 2012, S. 113–115.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

117

zen, gescheitert war, gewann die Forderung, individuelle Menschenrechte zu gewährleisten, zusehends Einfluss auf die internationale Politik.155 Dazu wurden nach 1945 wichtige völkerrechtliche Grundlagen gelegt. Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten die alliierten Mächte – so in einer am 18. Dezember 1942 veröffentlichten Erklärung – den Völkermord an den Juden verurteilt, ohne sich allerdings zu einer strafrechtlichen Verfolgung zu verpflichten. Die Deklaration sollte vorrangig den Widerstand im besetzten Europa gegen die deutschen Okkupanten stärken und die Exilregierungen beruhigen, die aus dem besetzten Europa nach London geflohen waren. Die United War Crimes Commission, die im Oktober 1943 eingerichtet wurde, drängte aber auf Ermittlungen, auch wegen NS-Verbrechen, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg an deutschen Staatsangehörigen begangen worden waren. Damit bereitete sie der Verfolgung staatlich gebilligter oder sogar angeordneter Kriminalität den Boden.156 Nach dem Londoner Statut vom 8. August 1945 konnten nicht nur „Verbrechen gegen den Frieden“ (crimes against peace) und „Kriegsverbrechen“ (war crimes), sondern auch „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (crimes against humanity) geahndet werden. Damit war von Politikern und Juristen, die an der Vorbereitung der Grundsätze mitgewirkt hatten, das Konzept aufgenommen worden, das bereits 1915 von den Entente-Mächten in ihrer Deklaration gegen den Völkermord an den Armeniern verwendet worden war. Darüber hinaus setzten sich besonders Mandelstam und der österreichisch-britische Rechtswissenschaftler Hersch Lauterpacht (1897–1960) für humanitäre Interventionen als letztes Mittel ein, um im Rahmen der am 26. Juni 1945 unterzeichneten Charta der UNO gravierende Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden.157 Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (1945/46) und in den zwölf Nachfolgeprozessen (bis 1949) wurden die angeklagten deutschen Kriegsverbrecher wegen der erwähnten Delikte zum Tode verurteilt. In den Verfahren ver155 Weitz, Vienna, S. 1314, 1330, 1332, 1340 f.; Kempner, Enemy Alien Problem, S. 444, 456; Caglioti, Aliens, S. 454 f.; dies., Dealing with Enemy Aliens, S. 194; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 31. Zum Kontext: Dan Diner u. a. (Hg.), Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz, Frankfurt/M. 1988. 156 Thomas Buergenthal, International Law and the Holocaust, in: Michael J. Bazyler / Roger P. Alford (Hg.), Holocaust Restitution. Perspectives on the Litigation and Its Legacy, New York 2006, S. 17–29; von Lingen, „Crimes Against Humanity“ (2011); Segesser, On the Road to Total Retribution?, S. 370–373; Kochavi, Role, S. 59–80. 157 Neff, Justice, S. 397–401; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 430 f.; ders., Protecting Universal Rights, S. 183; Swatek-Evenstein, History, S. 180. Zu Lauterpacht: Martti Koskenniemi, A Closet Positivist. Lauterpacht Between Law and Diplomacy, in: James Loeffler / Moria Paz (Hg.), The Law of Strangers. Jewish Lawyers and International Law in the Twentieth Century, Cambridge 2019, S. 43–48.

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band sich das juristische Ziel, Verbrechen zu ahnden, für die das NS-Regime und seine Träger verantwortlich waren, mit historisch-politischer Aufarbeitung. Die Ermordung der Juden begründete rechtlich zudem erstmals den Tatbestand des „Genozids“. Damit war eine neue Phase in der Entwicklung des Völkerstrafrechtes erreicht. Das Londoner Statut und die Verfahren gegen Kriegsverbrecher regten die Gründung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag 1945 an.158 Im Dezember 1946 bestätigte die Generalversammlung der UNO die Rechtsgrundsätze, auf denen die Urteile im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess basiert hatten. Wichtige Grundlagen des völkerrechtlichen Schutzes von Zivilisten in Kriegen enthielt auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Obgleich der Beitrag des Holocaust zur Vorbereitung und Durchsetzung der Deklaration in der Forschung umstritten geblieben ist, verlieh die Erfahrung präzedenzloser Gewalt gegen Nichtkombattanten den Befürwortern universeller Menschenrechte kräftig Unterstützung.159 Nicht zufällig legte die vierte Genfer Konvention 1949 deshalb im Einzelnen und erstmals Grundsätze zur Behandlung von Zivilisten fest, die sich in Kriegen in der Hand von Gegnern befinden. Das Abkommen räumte Feindstaatenangehörigen das Recht ein, ihre Gastländer zu Beginn von Konflikten zu verlassen, und verbot ausdrücklich Geiselnahmen, Folter, Zwangsarbeit, Kollektivstrafen, Vergeltungsmaßnahmen und andere Repressalien. Überdies untersagte die Konvention Deportationen, die ungerechtfertigte Zerstörung von Eigentum und die Diskriminierung wegen der Zugehörigkeit zu Nationen, Konfessionen und Rassen oder politischen Überzeugungen. Nach den Artikeln 41 und 78 war eine Internierung von Zivilisten erlaubt, wenn die Sicherheit des betreffenden Staates gefährdet war, die Menschenwürde der Festgehaltenen bewahrt wurden und der Umgang mit ihnen weitestgehend den Regeln folgte, die für Kriegsgefange158 Vgl. von Lingen, „Crimes Against Humanity“ (2011); dies., Martens Clause, S. 188, 206; Segesser, On the Road to Total Retribution?, S. 372 f. 159 Im Einzelnen unterschiedliche Interpretationen in: Johannes Morsink, The Universal Declaration of Human Rights. Origins, Drafting and Intent, Philadelphia 1999, bes. S. 36–91; ders., The Dawn of Human Rights. The Universal Declaration and the Conscience of Humanity, in: Rainer Huhle (Hg.), Human Rights and History. A Challenge for Education, Berlin 2010, S. 25– 36; Dan Plesch, America, Hitler and the UN. How the Allies won the World War II and forged a Peace, London 2011, S. 101–118, 185–197; Marco Duranti, The Holocaust, the Legacy of 1789 and the Birth of International Human Rights Law: Revisiting the Foundation Myth, in: Journal of Genocide Research 14 (2012), Nr. 2, S. 159–186; Daniel Levy, Cosmopolitization of Victimhood. Holocaust Memories and the Human Rights Regime, in: Annette Weinke / Norbert Frei (Hg.), Toward a New Moral World Order? Menschenrechtspolitik und Völkerrecht seit 1945, Göttingen 2013, S. 210–218; von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2018), S. 26; Bazyler, Holocaust, S. 45–57; Hankel, Kriegsverbrechen, S. 682.

2.2 Humanität und Menschenrechte



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ne galten. Damit hatte die Genfer Konvention, in der sich die „Semantik des humanitären Völkerrechts“ deutlich niedergeschlug, trotz der weiterhin bestehenden Unklarheiten die rechtliche Einengung des Schutzes auf die Kombattanten und Zivilisten in Kampfgebieten überwunden. Die Zivilinternierten wurden völkerrechtlich mit den Kriegsgefangenen gleichgestellt.160 Auch darüber hinaus legte das Abkommen den Umgang mit Nichtkombattanten in Kriegen erstmals umfassend fest. Während die Urteile in den Prozessen gegen deutsche Verantwortliche für Geiselnahmen (besonders in Griechenland, Norwegen und Jugoslawien) 1947/48 das Recht auf Widerstand gegen Besatzungsmächte noch eng begrenzt hatten, lösten sich die 1949 verabschiedeten Genfer Konventionen in dieser Hinsicht von der Haager Landkriegsordnung. Die Bestimmungen lockerten die Verbindung zwischen der Doktrin des begrenzten Krieges und dem Besatzungsrecht. Gegen den Widerstand der Regierungen Großbritanniens und der USA setzten europäische Staaten, die unter der Okkupation des nationalsozialistischen Deutschlands gelitten hatten, nunmehr ein umfassendes Recht auf bewaffneten Kampf von Zivilisten gegen eine Besatzungsmacht durch. Der Widerstand gegen die nationalsozialistischen Okkupanten in Ländern wie Italien, Frankreich, Norwegen und Griechenland hatte diesen Wandel maßgeblich beeinflusst.161 Ambivalente Rekurse auf die jüngste Vergangenheit kennzeichneten auch die Genfer Flüchtlingskonvention, die am 28. Juli 1951 verabschiedet wurde. Sie verpflichtete die unterzeichnenden Regierungen auf den individuellen Schutz Entwurzelter. Flüchtlinge dürfen seitdem nicht mehr in Staaten zurückgeführt oder ausgewiesen werden, in denen ihnen Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Zusatzprotokolle zur vierten Genfer Konvention dehnten 1977 und 2005 den Schutz u. a. auf Opfer von Bürgerkriegen aus. Sie enthielten auch Bestimmungen zu Kriegen, die nicht zwischen Staaten geführt wurden. Wie der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen und Minderheiten in den beiden Weltkriegen zeigt, verlief die Entwicklung des humanitären

160 Zitat: Theodor Meron, The Humanization of International Law, Leiden 2006, S. 26. Vgl. auch William I. Hitchcock, Human Rights and the Laws of War. The Geneva Convention of 1949, in: Akira Iriye u. a. (Hg.), The Human Rights Revolution, New York 2012, S. 93–112; Joan Beaumont, Protecting Prisoners of War, 1939–95, in: Bob Moore / Kent Fedorowich (Hg.), Prisoners of War and their Captors in World War II, Washington 1996, S. 277–297, hier: S. 284; Jonathan F. Vance, Geneva Convention of 1929, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 108 f.; Victoria C. Belco, Reprisals, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 250–252, hier: S. 252; Stibbe, Civilian Internment, S. 298; Auger, Prisoners, S. 17; Dawes, International Law, S. 147; Neff, Justice, S. 402 f.; Hankel, Kriegsverbrechen, S. 682; Alexander, Genesis, S. 375; Moorehead, Dream, S. 717. 161 Gumz, International Law, S. 641, 650, 652–658.

120  2 Konzeptionelle Grundlage

Völkerrechts aber keineswegs geradlinig, sondern sie war von tiefen Einbrüchen geprägt. Dies gilt auch für Interventionen zum Schutz fundamentaler Menschenrechte. Das Recht zu Eingriffen wurde auch während des Kalten Krieges diskutiert, vor allem im Hinblick auf die Vereinten Nationen.162

Bilanz und Ausblick: humanitäres Völkerrecht und Engagement im Zeitalter der Weltkriege Insgesamt wurde die Masseninternierung von Zivilisten im Ersten Weltkrieg ein gefährlicher Präzedenzfall. Die NS-Machthaber luden die Doktrin nationaler Souveränität im „Dritten Reich“ schließlich mit ihrer Volkstumsideologie, dem Antisemitismus und Rassismus auf, indem sie die Slawen Osteuropas als minderwertig erklärten und sie zur Verfügungsmasse ihrer radikalen Volkstums-, Vernichtungs- und Expansionspolitik degradierten. Zugleich wurden humanitäre Konventionen und zivilisatorische Standards in den Jahren von 1939 bis 1945 gegenüber dem Ersten Weltkrieg noch weiter zurückgedrängt.163 Deutlich abgemildert vertraten in den beiden Weltkriegen auch die Regierungen anderer kriegführender Staaten den Primat nationaler Sicherheit. Auf dieser Grundlage unterwarfen sie zivile Feindstaatenangehörige einem rigorosen Reglement, das von der Isolierung über die Arbeitspflicht und Internierung bis zur Deportation in Lager reichte. Die Maßnahmen richteten sich zwar vorrangig gegen Angehörige gegnerischer Nationen, aber auch gegen politische Gegner und Minderheiten, die als „innere Feinde“ galten. Sie wurden mit den Kriegsgegnern assoziiert und oft sogar einfach identifiziert. Über die staatsrechtliche Perspektive hinaus muss der Umgang mit diesen Gruppen deshalb in die Darstellung einbezogen werden. Allerdings ist dabei zu beachten, das demokratische Regierungen keinen Genozid verübten.164 162 Überblick in: Segesser, Lager, S. 47–50; Koskenniemi, History, S. 945; Dülffer, Kriege, S. 7; Schulz, Dilemmas, S. 59; Dawes, International Law, S. 147; Echternkamp, Krieg, S. 22; Lieb, Völkerrecht, S. 92, 94; Fisch, Völkerrecht, S. 163–166. Vgl. auch Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 436 f. 163 Isabel Hull, A Scrap of Paper. Breaking and Making International Law during the Great War, Ithaca 2014, S. 324–328; Jones, Great War, S. 87 f.; Diggelmann, Völkerrecht, S. 107. 164 Angaben nach: Charmian Brinson / William Kaczynski, Fleeing from the Führer. Exil und Internierung in Briefen, Darmstadt 2017, S. 192; John Ormerod Greenwood, Quaker Encounters, Bd. 1: Friends and Relief, York 1975, S. 317. Zum Konzept des „Genozids“, das der Jurist Raphael Lemkin 1943/44 prägte, der Überblick in: Hans-Lukas Kieser / Donald Bloxham, Genocide, in: Jay Winter (Hg.), The Cambridge History of the First World War, Bd. 1: Global War, Cambridge 2014, S. 585–614, hier: S. 586–591. Vgl. auch Mühlhahn, Concentration Camp, S. 549; Stibbe, Civilian Internment, S. 296.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

121

Im Ersten Weltkrieg hegte vor allem die Furcht vor Repressalien die Gewalt gegen Angehörige gegnerischer Staaten ein. Sie bildete einen wichtigen Anreiz zur Befolgung des Völkerrechts, dessen Weiterentwicklung angesichts des enormen destruktiven militärischen Potentials, einer hypertrophen Sicherheitspolitik und der damit einhergehenden Repression „innerer Feinde“ dringend erforderlich schien. Tatsächlich konnten damit weitere militärische Auseinandersetzungen zwischen Staaten zwar nicht verhindert, aber doch gezähmt werden. Allerdings entschieden über Konfliktfälle jeweils ausschließlich die Regierungen der kriegführenden Länder. Demgegenüber fehlte eine überparteiliche Schlichtungsinstanz. Damit konnten repressive Maßnahmen gegenüber Feindstaatenangehörigen – gefangenen Soldaten und Zivilisten – nahezu beliebig als Vergeltung gerechtfertigt werden. Die „Neigung zum Repressalienargument“ höhlte letztlich das Völkerrecht aus. Auslegungen vertrags- und gewohnheitsrechtlicher Regelungen wie die Haager Landkriegsordnung bzw. die „Martens’sche Klausel“ unterwarfen die Regierungen der kriegführenden Staaten letztlich ihrem utilitaristischen Kalkül.165 Nach 1918 beeinflusste der Rekurs auf Menschenrechte zunehmend die Mobilisierung zugunsten von Kriegsopfern. So wurde 1922 die International Federation for Human Rights Leagues gegründet. Der Humanitarismus avancierte zu einer wichtigen Legitimationsfigur und Bezugsgröße, ohne dass er die Doktrin vom Primat territorial- bzw. nationalstaatlicher Souveränität der Regierungen in der völkerrechtlichen Diskussion nachhaltig einschränkte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen die Anforderungen an die Herstellung und Gewährleistung von Menschenrechten nochmals erheblich. Dazu trug nicht nur der Völkermord an den Juden und die präzedenzlose militärische Gewalt bei, sondern auch schon die Erfahrung der Kämpfe und Opfer in den Jahren von 1914 bis 1918. Die Ohnmacht angesichts der Übergriffe gegen Zivilisten belebte humanitäres Engagement. Die Hilfsleistungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und anderer humanitärer Organisationen, die bereits vor 1914 Kriegsopfer unterstützt hatten, bezogen im Ersten Weltkrieg zivile Feindstaatenangehörige ein. Sie wurden in bilateralen Vereinbarungen zwischen kriegführenden Staaten – so den Abkommen Deutschlands mit Großbritannien im Juli 1918 und mit den USA im November – zusehends Soldaten gleichgestellt. Nach dem Waffenstillstand entstand 1919 schließlich auf Initiative des Amerikanischen Roten Kreuzes die Internationale Föderation der Rotkreuzgesellschaften als supranationale

165 Diggelmann, Völkerrecht, S. 115, 118.

122  2 Konzeptionelle Grundlage

Organisation. Sie sollte die grenzüberschreitenden Bemühungen zur Kriegsopferhilfe noch effektiver koordinieren.166 Alles in allem waren die humanitären Werte, die völkerrechtliche Konzeptionen und Überlegungen jeweils enthielten, in den beiden Weltkriegen durchweg an die Interessen der Regierungen gebunden, die bestrebt waren, ihre Handlungsfreiheit im Hinblick auf die Kriegführung zu wahren. In dieser Hinsicht beeinflussten vor allem Vorstellungen über militärische Handlungslogiken und Sachzwänge die Politik zur Herstellung von innerer und äußerer Sicherheit. Bemühungen zur Reglementierung von Kriegsgewalt weisen deshalb nicht nur eine idealistische, sondern auch eine pragmatische Dimension auf. So mussten alle kriegführenden Regierungen nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit auf ihre eigenen Staatsangehörigen Rücksicht nehmen, die sich in der Hand der gegnerischen Mächte befanden. Vor allem sollten Repressalien vermieden werden. Zudem musste die öffentliche Meinung in anderen Ländern, besonders den neutralen Staaten, gewonnen werden. Auch dieser Aspekt hat Kriegsgewalt begrenzt. Nicht zuletzt wirkten Inspektionen – vor allem der Kriegsgefangenenund Internierungslager – durch die Schutzmächte und Hilfsorganisationen in den beiden Weltkriegen mildernd, denn die Regierungen der kriegführenden Mächte scheuten das Stigma der inhumanen Behandlung wehrloser Feindstaatenangehöriger.167 Im 20. Jahrhundert erweiterte sich auch der sachliche Geltungsbereich der Menschenrechte. Während soziale Sicherheit in der Erklärung der Menschenund Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789 noch nicht erwähnt worden war, wurde sie in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO aufgenommen. Allerdings vollzog sich dieser Prozess keineswegs geradlinig. So lösten die Allgemeine Erklärung der UN-Vollversammlung und die vom Europarat ausgearbeitete Europäische Menschenrechtskonvention, die im November 1950 unterzeichnet wurde, zunächst keinen umfassenden humanitären Aktivismus aus. Erst nach dem Abbruch der Modernisierungseuphorie, mit dem Beginn der Debatte über den Holocaust und angesichts der Entspannungspolitik bildete sich seit den 1970er Jahren ein grenzüberschreitender Menschenrechtsdiskurs heraus – einem Jahrzehnt, in dem auch der Terrorismus zu einer Herausforderung in der internationalen Politik wurde. Obgleich der Stellenwert der 1970er Jahre in der Entwicklung der Menschenrechte umstritten geblieben ist, setzten sich universalistische Bezüge, die sich nicht auf einzelne Gruppen beschränkten, erst seit diesem Jahrzehnt 166 Schulz, Dilemmas, S. 61; Speed, Prisoners, S. 153; Echternkamp / Mack, Militärgeschichte, S. 16. 167 Hinz, Gefangen, S. 45 f., 65, 70, 136 f.

2.2 Humanität und Menschenrechte 

123

durch. Nunmehr protestierten zunehmend auch Nichtregierungsorganisationen u. a. gegen die Repressionspolitik in südamerikanischen Militärregimes, und die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE, 1975) mobilisierte Dissidenz und Opposition in den kommunistischen Diktaturen. Nicht zuletzt wies die US-Regierung unter Präsident Jimmy Carter der Beachtung der Menschenrechte erstmals einen hohen Stellenwert in der amerikanischen Außenpolitik zu.168 Dieses neue Engagement war aber in den 1960er Jahren vorbereitet worden, als sich die neugegründete Organisation Amnesty International (AI) für die Freilassung politischer Gefangener einsetzte, der Bürgerkrieg in Nigeria weltweit humanitäre Hilfe auslöste und im Kontext der Entkolonialisierung wichtige Abkommen wie die Übereinkunft zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (1965) beschlossen worden waren. Darüber hinaus haben neuere Studien – so zu den Reaktionen der sozialliberalen Bundesregierung auf die Menschenrechtsverletzungen in Kambodscha, Chile und Argentinien von 1973 bis 1979 – belegt, dass die Menschenrechtspolitik westlicher Regierungen in den 1970er Jahren selektiv blieb. Erst zwei Jahrzehnte später begann sie, die internationale Politik zu beeinflussen. Nun begründete das politische Bekenntnis zu Menschenrechten erstmals einen bewaffneten humanitären Interventionismus, der seit dem 19. Jahrhundert lange lediglich mit dem Schutz von Minderheiten 168 Barbara Keys, Reclaiming American Virtue. The Human Rights Revolution of the 1970s, London 2014; Friedbert Pflüger, Die Menschenrechtspolitik der USA. Amerikanische Außenpolitik zwischen Idealismus und Realismus 1972–1982, München 1983; Jan Eckel, Schwierige Erneuerung. Die Menschenrechtspolitik Jimmy Carters und der Wandel der Außenpolitik in den 1970ern, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 66 (2015), Nr. 1/2, S. 5–24. Zu den Auswirkungen des KSZE-Abkommens unterschiedliche Deutungen in: Sarah B. Snyder, Human Rights Activism and the End of the Cold War. A Transnational History of the Helsinki Network, Cambridge 2011; Ned Richardson-Little, Between Dictatorship and Dissent: Ideology, Legitimacy, and Human Rights in East Germany, 1945–1990, in: Bulletin of the German Historical Institute 56 (2015), S. 69–82. Allgemein zum Beginn des Menschenrechtsuniversalismus in den siebziger Jahren: Jan Eckel, Humanitarisierung der internationalen Beziehungen? Menschenrechtspolitik in den 1970er Jahren, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 603–635; ders., Utopie der Moral, Kalkül der Macht. Menschenrechte in der globalen Politik seit 1945, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 437–484; Samuel Moyn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Einleitung: Die 1970er Jahre als Umbruchphase in der Menschenrechtsgeschichte, in: Jan Eckel / Samuel Moyn (Hg.), Moral für die Welt? Menschenrechtspolitik in den 1970er Jahren, Göttingen 2012, S. 7–21; Quataert, Dignity, bes. S. 69–108. Andere Autoren haben demgegenüber universalistische Menschenrechtsdebatten entweder bereits im späten 18. Jahrhundert oder in den Jahren unmittelbar nach dem Holocaust erkannt. Überblick über die Diskussion in: Kenneth Cmiel, The Recent History of Human Rights, in: American Historical Journal 101 (2004), S. 117–135; Samuel Moyn, Die neue Historiographie der Menschenrechte, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 545–572; Hoffmann, Einführung.

124  2 Konzeptionelle Grundlage

und der Herstellung von Frieden gerechtfertigt worden war. Im Gegensatz zu den 1970er Jahren, als erstmals nach einer ethischen Grundlage von Außenpolitik in einem zunehmend komplexeren, globalen System internationaler Beziehungen gesucht wurde, begann zwanzig Jahre später ein militärischer humanitärer Interventionismus. Er sollte mit Hilfe universeller Rechtsgrundsätze eine bessere Welt durchsetzen und mündete in das Bekenntnis der UN-Mitgliedsstaaten zur „Schutzverantwortung“. Der Hinwendung zu diesem Konzept waren der Völkermord in Ruanda und die Kriege im zerfallenden Jugoslawien vorangegangen.169 Insgesamt weist die Entwicklung der Menschenrechte zwar Wendepunkte und Phasen beschleunigten Wandels, aber keinen entscheidenden Durchbruch auf. Obgleich Humanitarismus und Menschenrechte gemeinsame ideengeschichtliche Ursprünge und inhaltliche Überschneidungen aufweisen, kann nicht von einem kontinuierlichen Prozess der Herausbildung und damit einer langen Genealogie ausgegangen werden. Vielmehr sind unterschiedliche Chronologien zu identifizieren. Auch war der Menschenrechtsaktivismus nur in spezifischen Konstellationen möglich, und er blieb zerbrechlich. Zudem sind Menschenrechte umstritten geblieben, und Akteure haben sie im Allgemeinen für eigene Interessen genutzt. Dem Wandel, den Aneignungsformen und Deutungen werden historische Studien gerecht, die auch den unterschiedlichen Verständnissen, Diskursen und Sprachen der Menschenrechte Beachtung schenken. So ist auf den engen, aber widersprüchlichen Bezug zum Konzept der „Selbstbestimmung“ hingewiesen worden, die Wladimir Iljitsch Lenin (1870– 1924) und Woodrow Wilson im frühen 20. Jahrhundert propagierten. Allerdings hatte der führende Politiker der Bolschewiki und Vorsitzende des Rates der Volkskommissare auf ein Sezessionsrecht, der amerikanische Präsident demge169 Philipp Rock, Macht, Märkte und Moral. Zur Rolle der Menschenrechte in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren, Frankfurt/M. 2010; Andrew I. Port, Courting China, Condemning China: East and West Cold war Diplomacy in the Shadow of the Cambodian Genocide, in: German History 33 (2015), S. 588–608, hier: S. 589, 595, 607 f.; Tim Szatkowski, Von Sihanouk bis Pol Pot. Die Beziehungen der Bundesrepublik zu Kambodscha (1967–1979), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), S. 1–34, hier: S. 31–33. Zu den 1960er Jahren: Steven L. B. Jensen, The Making of International Human Rights. The 1960s, Decolonization, and the Reconstruction of Global Values, Cambridge 2016; Burke, Decolonization: Stahl / Weinke, Intervening, S. 11,13. Zu AI: Stephen Hopgood, Keepers of the Flame. Understanding Amnesty International, Ithaca 2006; Tom Buchanan, „The Truth Will Set You Free“: The Making of Amnesty International, in: Journal of Contemporary History 37 (2002), S. 575–597. Zum Krieg in Biafra: Lasse Heerten, A wie Auschwitz, B wie Biafra. Der Bürgerkrieg in Nigeria (1967–1970) und die Universalisierung des Holocaust, in: Zeithistorische Forschungen 8 (2011), Online-Ausgabe (http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2011/id% 3D4516, Zugriff am 7. Januar 2015); Eckel, Intervention, S. 61, 66 f., 82.

2.2 Humanität und Menschenrechte



125

genüber lediglich allgemein auf Selbstregierung abgehoben. Da Minderheiten in diesen konkurrierenden Internationalismen nicht wirksam geschützt wurden, wandten sich deren Anhänger nach dem Zweiten Weltkrieg den individuellen Menschenrechten zu.170 Im Anschluss an diese Überlegungen bezeichnet „Menschenrechte“ in dieser Studie deshalb ein historisch variables semantisches Feld, das im Ersten Weltkrieg vorrangig mit dem Leitbild der „Humanität“ besetzt worden ist. Der „Humanitarismus“ ist im Allgemeinen durch grenzüberschreitende Hilfe, den Rekurs auf eine transzendentale Berufung und die wachsende Organisation von Aktivitäten gekennzeichnet, die dem Schutz der Menschen und der Verbesserung ihres Lebens dienen sollen. Damit unterscheidet sich humanitäres Engagement, das oft von einschneidenden Ereignissen wie Kriegen und Krisen ausgelöst worden ist, von früheren Formen der barmherzigen Hilfe. Während Menschenrechte auf rechtlichen Kategorien basieren, nimmt der Humanitarismus Diskurse über Bedürfnisse von Menschen auf. Dabei sind Respekt und Sympathie grundsätzlich wichtige Ressourcen, die Distanzierungsstrategien gegenüber „Feinden“, deren Anonymisierung, Entwürdigung und Verteufelung in den beiden Weltkriegen aber überlagerten.171 Demgegenüber waren humanitäre Hilfe unter Berufung auf einen „Notstand“, der Rekurs auf Menschenrechte und die Konstruktion von Solidarität wichtige Mittel, um anonymes Leiden in oft entfernten Räumen zu konkretisieren und damit Spender und Empfänger von Unterstützungsleistungen aufeinander zu beziehen und zusammenzuführen. Humanitäre Nichtregierungsorganisationen arbeiteten vor allem in den Jahren von 1939 bis 1945 in einem gemeinsamen Raum, in dem sie aber zugleich miteinander konkurrierten. Dabei waren die Interpretationen, Aneignungsformen und die praktische Umsetzung humanitärer Impulse unterschiedlich oder sogar gegensätzlich. Ebenso muss das Verhältnis zwischen kurzfristiger, gelegentlich sogar spontaner Nothilfe und den langfristigen Zielen humanitärer Verbände beachtet werden. Wie in diesem

170 Brier, Quest, S. 155, 157 f., 172 f.; Payk, Frieden durch Recht?, S. 104; Klose, „In the Cause of Humanity“, S. 78. Vgl. auch Jörg Fisch, Adolf Hitler und das Selbstbestimmungsrecht der Völker, in: Historische Zeitschrift 290 (2010), S. 93–118, hier: S. 96–103. Zur multiplen Chronologie in der Geschichte der Menschenrechte seit 1945: Jan Eckel, Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern, Göttingen 2014. Zum ambivalenten Verhältnis von Menschenrechten und „Selbstbestimmung“: Eric D. Weitz, Self-Determination. How a German Enlightenment Idea Became the Slogan of National Liberation and a Human Right, in: American Historical Review 120 (2015), S. 462–496; ders., From Vienna; Langewiesche, Jahrhundert, S. 46 f.; Leonhard, Frieden, S. 936 f., 1261. 171 Allgemein: Michael Barnett, Empire of Humanity. A History of Humanitarianism, Ithaca 2011, S. 5, 10, 16, 19–21, 26–28; Glover, Humanity, S. 22, 37, 113.

126  2 Konzeptionelle Grundlage

Buch gezeigt wird, waren die Praktiken der Hilfe für bedrängte oder bereits internierte Feindstaatenangehörige in den beiden Weltkriegen ebenso bedeutend wie die leitenden Konzepte. Ideen und Maßnahmen wirkten jeweils aufeinander ein.172 Generell sind drei Formen des Humanitarismus und Stadien seiner Entwicklung zu unterscheiden: ein imperialer Typ, den von etwa 1800 bis 1945 der Drang zur „Zivilisierung“ der Menschheit antrieb (1), der Neo-Humanitarismus, der von 1945 bis 1989 auf nationalstaatlicher Souveränität gründete (2) und der bis zur Gegenwart reichende liberale Humanitarismus, den Menschenrechte speisten (3). Humanitäre Hilfe ist ebenso wenig wie philanthropisches Engagement ausschließlich altruistisch motiviert geblieben, sondern von den Bedürfnissen und Zielen der empfangenden und der gebenden Personen bestimmt worden, deren Wünsche sich oft als unvereinbar erwiesen haben. Beachtenswert sind auch die Spannungen zwischen den verschiedenen Varianten des Humanitarismus, der ihm zu Grunde liegenden universalen und zugleich partikularen Ethik und eine Verpflichtung auf Emanzipation, die zugleich Herrschaft gerechtfertigt hat. Der Anspruch humanitärer Aktivisten und Organisationen, den Menschen zu erziehen und Solidarität zu fördern, ist damit oft konterkariert worden.173

2.3 Zivilgesellschaft In der soziologischen und politikwissenschaftlichen Forschung ist „Zivilgesellschaft“ überwiegend als Bereich gesellschaftlicher Selbstorganisation definiert worden, der nicht von staatlichen Institutionen kontrolliert und reguliert wird. Diese Sphäre ist durch grundsätzlich freie Interaktion gekennzeichnet, die auf der Anerkennung von Pluralität und Toleranz, Berechenbarkeit, gegenseitigem Vertrauen, Kooperationsbereitschaft und spezifischen Formen friedlicher Konfliktregelung basiert. In dieser Perspektive bezeichnet „Zivilgesellschaft“ vor allem ein „Modell sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ordnung […]. Eine offene Gesellschaft, Pluralismus, Menschen- und Bürgerrechte, der Rechts- und Verfassungsstaat, Öffentlichkeit, Demokratie, Kritik, innere Vielfalt und Lernfähigkeit gehören dazu, allzu viel soziale Ungleichheit und Entsolidari-

172 Diese Ausführungen beruhen auf dem Plädoyer für Studien zum Humanitarismus als Praxis in: Monika Krause, The Good Project. Humanitarian Relief NGOs and the Fragmentation of Reason, Chicago 2014, bes. S. 2, 4–6, 13, 20, 37, 147 f., 161–164, 171 f., 175; Kelly, Activity, S. 3 f. 173 Barnett, Empire, S. 6 f., 21, 29 f.

2.3 Zivilgesellschaft 

127

sierung sind mit diesem Modell nicht vereinbar.“174 In dieser additiven bereichsund handlungslogischen Begriffsbestimmung fallen die deskriptiv-analytische Ebene und eine normativ-utopische Dimension zusammen – eine Überlagerung, die sich in der Spannung zwischen dem universalen Geltungsanspruch einerseits und der realen Exklusivität von Zivilgesellschaftlichkeit andererseits widerspiegelt.175 Nach dem räumlichen Verständnis wird Zivilgesellschaft erstens als eine soziale Sphäre definiert, die „zwischen“ dem Staat, der Wirtschaft und dem privaten Bereich (Familie) angesiedelt ist. In ihr bestimmen freiwillig gegründete Assoziationen, die öffentlich und nicht profitorientiert agieren, das soziale und politische Handeln. Dieser intermediäre Bereich wird deutlich von der Sphäre des Staates unterschieden. Begründet im aufklärerischen Diskurs des späten 18. Jahrhunderts, bezeichnet „Zivilgesellschaft“ zweitens aber auch eine Form sozialen Handelns, die u. a. durch den Verzicht auf Gewalt, die Bereitschaft zur Anerkennung des Anderen und die Orientierung an der res publica gekennzeichnet ist.176 Auch dieses Verständnis basiert – explizit oder implizit – auf normativen Grundannahmen. Es setzt eine „Kultur der Zivilität“ voraus, „einschließlich der Hochschätzung für Toleranz, Selbständigkeit und Leistung sowie die Bereitschaft zum individuellen und kollektiven Engagement über rein

174 Jürgen Kocka, Zivilgesellschaft als historisches Projekt: Moderne europäische Geschichtsforschung in vergleichender Absicht, in: Christoph Dipper / Lutz Klinkhammer / Alexander Nützenadel (Hg.), Europäische Sozialgeschichte. Fs. Wolfgang Schieder, Berlin 2000, S. 475– 484, S. 481. 175 „Zivilgesellschaftlichkeit“ soll hier verstanden warden als „a particular way of dealing with difference and distinction, where the identity of civil society’s actors lies along a sliding scale of inclusion and exclusion“. Vgl. Sven Reichardt, Civil Society. A Concept for Historical Research, in: Annette Zimmer / Eckhard Priller (Hg.), Future of Civil Society. Making Central European Nonprofit-Organizations Work, Wiesbaden 2004, S. 35–55, S. 49. Dazu auch: Jürgen Kocka, Civil Society and Dictatorship in Modern German History. The Menahem Stern Jerusalem Lectures, Hanover 2010, S. 19–22. 176 Frank Adloff, Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis, Frankfurt/M. 2005, S. 17–91; Georg Kneer, Zivilgesellschaft, in: ders. (Hg.), Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen, München 1997, S. 228–251. Vgl. auch Jürgen Kocka, Zivilgesellschaft in historischer Perspektive, in: Ralph Jessen / Sven Reichardt / Ansgar Klein (Hg.), Zivilgesellschaft als Geschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2004, S. 29–42, hier: S. 32–34; Helmut K. Anheier / Anja Appel, Art. „Zivilgesellschaft“, in: Dieter Fuchs / Edeltraud Roller (Hg.), Lexikon Politik. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2007, S. 340–344.

128  2 Konzeptionelle Grundlage

private Ziele hinaus.“177 Jedoch sind diese Grundlagen der Zivilgesellschaft gefährdet und voraussetzungsvoll. Sie müssen deshalb in historische Studien untersucht werden, besonders im Hinblick auf ihre Entwicklung und Grenzen.178 Die Geschichtsschreibung hat sich deshalb intensiv der Zivilgesellschaft gewidmet, besonders in den letzten zwei Jahrzehnten. Dabei sind über Organisationsformen wie den Vereinen vor allem die Träger, deren Ziele und Motive, Handlungsspielräume sowie Ressourcen und Barrieren zivilgesellschaftlichen Engagements seit dem 19. Jahrhundert rekonstruiert und analysiert worden. So konnte in detaillierten Studien gezeigt werden, dass sich seit dem Einsatz für das Verbot des Sklavenhandels und der Sklaverei die grenzüberschreitende Kooperation der einzelnen Gruppen und Organisationen verstärkt hat. Auch der Kampf um die Rechte von Arbeitern und Frauen hat die Bildung und Zusammenarbeit internationaler Nichtregierungsorganisationen gefördert. Dazu trugen ebenso die Entstehung des Humanitarismus und die Gründung von Stiftungen bei, deren Arbeit der US-Stahlindustrielle Andrew Carnegie (1835–1919) im frühen 20. Jahrhundert systematisierte und auf eine vorausschauende Problemlösung ausrichtete. Allerdings hat die Historiographie die Auswirkungen von Brüchen unterschätzt, die diesen Expansionsprozess besonders in den beiden Weltkriegen zurückwarfen. Zudem ist die ambivalente Rolle internationaler humanitärer Organisationen unterbelichtet geblieben. Ihr Engagement war noch im Prozess der Durchsetzung von Menschenrechten keineswegs universalistisch und altruistisch motiviert, sondern zweckgebunden. Mit dieser utilitaristischen Ausrichtung ging die Anpassung an machtpolitische Konstellationen einher, wie die Untersuchung des Engagements zivilgesellschaftlicher Verbände in den beiden Weltkriegen belegt. Darüber hinaus zeigen die Aktvitäten der 1878 in England gegründeten Heilsarmee, dass einige zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisationen sogar humanitäres Engagement mit Sozialdisziplinierung im Innern (vor allem der Unterschichten) – und einer imperialistischen Zivilisierungsmission nach Außen verbanden. Diese Ambivalenz gegenüber der Regie-

177 Jürgen Kocka, Zivilgesellschaft. Zum Konzept und seiner sozialgeschichtlichen Verwendung, in: ders. u. a. (Hg.), Neues über Zivilgesellschaft aus historisch-sozialwissenschaftlichem Blickwinkel, Berlin 2001, S. 4–21, S. 10. 178 Arnd Bauerkämper / Dieter Gosewinkel / Sven Reichardt, Paradox oder Perversion? Zum historischen Verhältnis von Zivilgesellschaft und Gewalt, in: Mittelweg 36, 15. Jg., H. 1, 2006, S. 22–32, hier: S. 25.

2.3 Zivilgesellschaft 

129

rungspolitik kennzeichnet auch die Rolle zivilgesellschaftlicher Verbände in den beiden Weltkriegen.179

179 Harald Fischer-Tiné, Global Civil Society and the Forces of Empire: The Salvation Army, British Imperialism, and the „Prehistory“ of NGOs (ca 1880–1920), in: Sebastian Conrad / Dominic Sachsenmeier (Hg.), Competing Visions of World Order: Global Moments and Movements, 1880s-1930s, Basingstoke 2007, S. 29–67, bes. S. 31, 36, 42, 51–53. Knapper Überblick in: Pierre-Yves Saunier, Artikel „International non-governmental organizations (INGOs)“, in: ders. / Akira Iriye (Hg.), The Pelgrave Dictionary of Transnational History, Houndmills 2009, S. 573–580; Arnd Bauerkämper, Civil Society V: 19th Century, in: Helmut K. Anheier / Stefan Toepler / Regina A. List (Hg.), International Encyclopedia of Civil Society, New York 2010 (2. Aufl. 2020), S. 358–361. Vgl. im Einzelnen Arnd Bauerkämper / Christoph Gumb, Towards a Transnational Civil Society: Actors and Concepts in Europe from the Late Eighteenth to the Twentieth Century (WZB Discussion Paper Nr. SP IV 2010–401), Berlin 2010, S. 1, 22, 26–29; Arnd Bauerkämper, Von der bürgerlichen Gesellschaft zur Zivilgesellschaft. Überlegungen zu den Trägern und zur Handlungspraxis sozialen Engagements am Beispiel Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert in globalhistorischer Perspektive (Center for Area Studies, Working Paper 1/2010, Freie Universität Berlin), Berlin 2010; ders., Einleitung: Die Praxis der Zivilgesellschaft. Akteure und ihr Handeln in historisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive, in: ders. (Hg.), Die Praxis der Zivilgesellschaft. Akteure, Handeln und Strukturen im internationalen Vergleich, Frankfurt/M. 2003, S. 7–30.

3 Mobilisierung und Überwachung im Zeichen der Sicherheit in den beiden Weltkriegen: die Internierung von Feindstaatenangehörigen und ihre Kontexte Erinnerungskulturen Die beiden Weltkriege haben die Erinnerungskulturen in vielen Staaten nachhaltig geprägt. So hat das kollektive Gedächtnis des Ersten Weltkrieges in Europa nicht nur die Erfahrungen und Bedürfnisse, Erwartungen und Hoffnungen der Zeit nach dem Friedensschluss imprägniert, sondern als Rückprojektion auch vorangegangene Umwälzungen. In Polen war der Nexus von nationalem Opfermythos und heroischem Widerstand bereits in den Erinnerungen an die Teilungen angelegt, die Preußen, das zaristische Russland und die Habsburgermonarchie im späten 18. Jahrhundert erzwungen hatten. Zudem hatte die Glorifizierung des Kampfes der Soldaten gegenüber den Zivilisten wie Flüchtlingen und Internierten in den Kriegsgesellschaften schon die unmittelbaren Reaktionen auf die Kämpfe von 1914 bis 1918 gekennzeichnet. Darüber hinaus sind die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in den beteiligten Staaten von nachfolgenden Ereignissen und Prozessen überschattet und perforiert worden, besonders von den Erfahrungen der faschistischen Diktaturen und des zweiten globalen Konfliktes von 1939 bis 1945, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. So gilt der Erste Weltkrieg in Frankreich und Belgien nach wie vor als Grande Guerre. Auch in Großbritannien ist der Erste Weltkrieg – als Great War bezeichnet – noch in der gegenwärtigen Erinnerungskultur deutlich fester verankert als in Deutschland, wo der Zweite Weltkrieg das kulturelle Gedächtnis geprägt hat. In den Dominions trug die Beteiligung am Krieg auf der Seite der britischen Regierung wiederum zur Festigung nationaler Identitäten bei, so in Australien und Neuseeland durch den Anzac-Mythos. Allerdings prägte der Erste Weltkrieg auch in Deutschland über die Historiographie hinaus noch im Kalten Krieg das Geschichtsbewusstsein, Identitäten und Erwartungen, sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR.1 1 Matthew Stibbe, Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erwartungshorizont und Explanandum, in: Franka Maubach / Christian Morina (Hg.), Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland, Göttingen 2016, S. 33–85, hier: S. 81; Thomas Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum. Paderborn 2010, 93 f., 316, 320–322; ders., Zwischen Helden, Tätern und Opfern. Welchen Sinn deutsche, französische und englische Museen heute in den beiden Weltkriegen sehttps://doi.org/10.1515/9783110529951-003

3 Mobilisierung und Überwachung im Zeichen der Sicherheit



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Zumindest in Westeuropa hat der Zweite Weltkrieg das Gedächtnis und Gedenken des ersten globalen Konfliktes perforiert. In Belgien und Frankreich trugen Erinnerungen der Massaker deutscher Truppen an der Zivilbevölkerung im Herbst 1914 rund 26 Jahre später zur Massenflucht vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen bei. Zudem rechtfertigten Kollaborateure in beiden Staaten ihre Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern, indem sie den Ersten Weltkrieg als sinnlos interpretierten. Umgekehrt ist die erfolgreiche Verteidigung gegen den deutschen Angriff im Ersten Weltkrieg eng auf die Résistance gegen die deutschen Besatzer von 1940 bis 1944 bezogen worden. Im Lichte der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges sind die Kämpfe der Jahre von 1914 bis 1918 für unterschiedliche, oft sogar konträre Ziele in Anspruch genommen worden. Insgesamt kann von einem wechselseitigen Bezug differenter Erinnerungsschichten auf die beiden Weltkriege ausgegangen werden.2

Dimensionen Dem Ersten Weltkrieg fielen weltweit rund zwanzig Millionen Menschen zum Opfer, darunter neun Millionen Soldaten und sechs Millionen Zivilisten. Allein in Großbritannien und seinem Empire belief sich die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 900.000 Männer, davon allein 723.000 aus dem Vereinigten Königreich. In Italien starben infolge der Kämpfe 1,78 Prozent der Bevölkerung, in Frankreich 3,35, in Deutschland 3,0, im Vereinigten Königreich 1,72 und in Russland 1,08 Prozent. 8,5 Millionen Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Der Zweite Weltkrieg forderte insgesamt sogar fünfzig Millionen Opfer. Davon fielen 8,7 Millionen Soldaten der Roten Armee und bis Ende 1944 rund 2,7 Millionen Angehörige der Wehrmacht. Die Zahl der zivilen Opfer belief sich allein auf dem Territorium der Sowjetunion auf 14 bis 18 Millionen und in Polen hen, in: Geschichte und Gesellschaft 36 (2010), S. 462–491, hier: S. 477, 488 f., 491; Martin Bayer, Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 / 2014, S. 47–53, hier: S. 48 f.; Pierre Purseigle, The Reception of Belgian Refugees in Europe: A Litmus Test of Wartime Social Mobilisation, in: John Crawford / Ian McGibbon (Hg.), New Zealand’s Great War. New Zealand, the Allies and the First World War, Auckland 2007, S. 69–84, hier: S. 80; Murphy, Captivity, S. 211 f. 2 Jay Winter, Remembering War. The Great War Between Memory and History in the Twentieth Century. New Haven 2006, S. 26, 42; Arnd Bauerkämper, Gedächtnisschichten. Der Erste und Zweite Weltkrieg in den Erinnerungskulturen, in: Monika Fenn / Christiane Kuller (Hg.), Auf dem Wege zur transnationalen Erinnerungskultur? Konvergenzen, Interferenzen und Differenzen der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg im Jubiläumsjahr 2014, Schwalbach/Ts. 2016, S. 37–65; Laurence van Ypersele, Mourning and Memory, 1919–1945, in: John Horne (Hg.), A Companion to World War I, Oxford 2012, S. 576–590.

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auf 4,5 bis fünf Millionen Menschen. Die Zahl der Kriegsgefangenen erreichte im Ersten Weltkrieg neun Millionen. Von ihnen befanden sich noch im Januar 1919 allein im britischen Empire 507.215, davon 343.512 Deutsche und 119.159 Türken. Im Zweiten Weltkrieg gerieten rund 35 Millionen Soldaten in Gefangenschaft.3 Auch die hohe Zahl der Toten, Verletzten und Gefangenen verweist auf den globalen Charakter der beiden Kriege. Damit ging eine tendenziell totale Kriegführung einher, die sich vor allem aus der ideologischen, quasi-religiösen Aufladung im „war for righteousness“ ergab.4 Diese Entwicklung erreichte zwar in den Jahren von 1939 bis 1945 einen neuen Höhepunkt, hatte sich aber schon mit der Flucht großer Bevölkerungsgruppen von mehr als einer Million Belgiern im Herbst 1914 angedeutet. Insgesamt flohen im Ersten Weltkrieg vier Millionen Belgier und Franzosen. In Frankreich belief sich die Zahl der Zwangsmigranten auf rund drei Millionen, darunter 1,8 Million Belgier und Serben sowie allein eine Million Franzosen, die innerhalb ihres Heimatlandes entwurzelt worden waren. Großbritannien nahm die Mehrheit der Belgier auf. An der Ostfront mussten ab 1915 im deutschen Besatzungsgebiet vier Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Alles in allem wurden in Russland sechs und im Osmanischen Reich fünf Millionen Bewohner vertrieben. Außerdem starben in allen beteiligten Ländern bereits im Ersten Weltkrieg Millionen Zivilisten, allein in Deutschland rund 300.000, vor allem an Unterernährung und Krankheiten infolge Mangels.5 Darüber hinaus hatten Hunger und mangelnde Hygiene zahlreiche Menschen so geschwächt, dass sie

3 Mark Jones, Political Violence in Italy and Germany after the First World War, in: Chris Millington / Kevin Passmore (Hg.), Political Violence and Democracy in Western Europe, 1918– 1940, Basingstoke 2015, S. 14–31, hier: S. 25; Ian Kershaw, Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, München 2016, S. 136 f.; Geoffrey R. Searle, A New England?, Peace and War 1886–1918, Oxford 2004, S. 742; Heather Jones, A Missing Paradigm? Military Captivity and the Prisoner of War, 1914–18, in: Immigrants and Minorities 26 (2008), Nr. 1–2, S. 19–48, hier: S. 20; Manz / Panayi, Enemies, S. 35, 40; Berghahn, Der Erste Weltkrieg, S. 8; Horne, Introduction, S. 13. Übersicht zu den absoluten Zahlen der Todesopfer in: Raphael, Gewalt, S. 44, 250 f. 4 Herbert Butterfield, Christianity, Diplomacy and War, London 1953, S. 4. Vgl. auch James McMillan, War, in: Donald Bloxham / Robert Gerwarth (Hg.), Political Violence in TwentiethCentury Europe, Cambridge 2011, S. 40–86, hier: S. 40; Frie, 100 Jahre, S. 100. 5 Ursula Büttner, Weimar – die überforderte Republik 1918–1933 (Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 18), Stuttgart 2010, S. 171–767, hier: S. 256; Little, State; Berghahn, Der Erste Weltkrieg, S. 75 f., 88; Purseigle, Reception, S. 70, 75 f. Der Ausdruck „totaler Krieg“ (guerre totale) wurde in der Endphase des Ersten Weltkrieges in Frankreich geprägt. Vgl. Roger Chickering / Stig Förster, Are We There Yet? World War II and the Theory of Total War, in: dies. / Greiner (Hg.), World, S. 1–16, hier: S. 9; Heather Jones, The Great War: How 1914–18 Changed the Relationship between War and Civilians, in: RUSI Journal 159 (2014), Nr. 4, S. 84–91, hier: S. 86 (DOI: 10.1080/03071847.2014.946698; Zugriff am 28. August 2018).

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am Kriegsende der Spanischen Grippe zum Opfer fielen, die weltweit rund 25 Millionen Tote forderte.6 An den beiden Weltkriegen waren nicht nur das russische Zarenreich mit seinen Provinzen in Asien bzw. die Sowjetunion beteiligt, sondern auch die Kolonialreiche Großbritanniens und Frankreichs. Die imperiale Herrschaft ermöglichte den Regierungen der beiden Staaten, im Kampf gegen die „Mittelmächte“ bzw. „Achsenmächte“ erhebliche Ressourcen zu mobilisieren. Dazu gehörten Nahrungsmittel und Rohstoffe, aber auch Seewege. Im Ersten Weltkrieg konnte der Kreuzerkrieg des Deutschen Kaiserreiches die Schiffstransporte Frankreichs und Großbritanniens allenfalls erschweren. Auch die Blockade Deutschlands war von der kaiserlichen Marine nicht zu durchzubrechen. Seitens der alliierten Mächte band die Kriegsfinanzierung auf der Grundlage des Goldstandards diese Staaten an das Vereinigte Königreich, dessen Regierung über das Bankhaus J. P. Morgan Anleihen an amerikanische Investoren verkaufte. Bereits im November 1916, als der amerikanische Federal Reserve Board vor einer zu starken Spekulation auf einen Sieg der Entente warnte, wurden zwei Fünftel der täglichen Ausgaben Großbritanniens für den Krieg aus den Vereinigten Staaten transferiert. Schon bevor die USA im April 1917 ihre Neutralität aufgaben, hatte der Erste Weltkrieg auch wegen der Rohstoffe und Soldaten, welche die Kolonien bzw. Dominions Frankreich und dem Vereinigten Königreich zur Verfügung stellten, globale Dimensionen angenommen. Die Militärhilfe verlieh in den beiden Imperien Forderungen nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kräftig Auftrieb.7

Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen: Ausmaß und Verflechtungen Im Allgemeinen bildete sich im Ersten Weltkrieg mit „Zivilisten“ eine neue Kategorie heraus. Die damit bezeichnete Gruppe wurde zunehmend deutlich von Militärs abgehoben und galt zugleich grundsätzlich als legitimes Ziel der Kriegführung.8 Im Besonderen gehörten zu den Opfern der beiden Weltkriege auch zivile Feindstaatenausländer, die in der anglo-amerikanischen Welt als enemy aliens 6 Laura Spinney, 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte, München 2018; Frie, 100 Jahre, S. 100. 7 Angabe nach: Hew Strachan, The First World War as a Global War, in: First World War Studies 1 (2010), Nr. 1, S. 3–14, hier: S. 7. Vgl. auch Oliver Janz, Einführung. Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive. In: Geschichte und Gesellschaft 40 (2014), S. 147–159, hier: S. 147 f.; Raphael, Gewalt, S. 48 f. 8 Amanda Alexander, The Genesis of the Civilian, in: Leiden Journal of International Law 20 (2007), S. 359–376, hier: S. 359 f., 366–373, 376.

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bezeichnet wurden. Der Londoner Rechtsanwalt Arthur Page (1876–1958), der sich vor allem mit dem Handelsrecht in Kriegen befasste, definierte einen alien enemy 1915 als „alien whose Sovereign or State is at war with His Majesty the King“. Umfassender gefasst, handelt es sich um „zivile Männer, Frauen und Kinder, die Staatsangehörige der jeweils gegnerischen Staaten waren und sich bei Kriegsausbruch als Touristen, Geschäftsleute, Seeleute oder langfristig Ansässige“ in den einzelnen kriegführenden Ländern aufhielten. Jedoch erwies sich die rechtliche Kategorie des Feindstaatenangehörigen als fluide, denn Waffenstillstände und Friedensschlüsse entzogen ihr die Grundlage. Darüber hinaus war der Umgang mit den zivilen Feindstaatenangehörigen in den beiden Weltkriegen eingebettet in die Unterdrückung aller Personen, die als Gegner der jeweiligen Nation galten und vermeintlich die eigenen Kriegsanstrengungen untergruben. Die umfassendere Vorstellung eines „inneren Feindes“ war zwar bereits mit der Herausbildung eines neuen Staatsbürgerschaftsverständnisses nach der Französischen Revolution entstanden; aber erst der Erste Weltkrieg verlieh dem Konzept eine grenzüberschreitende Wirkungskraft. Damit entstand ein breites Spektrum von Gewalt und Repressionsmaßnahmen, darunter die Internierung.9 Vielerorts wurden Zivilisten, die gegnerischen Staaten angehörten, nach dem Beginn der beiden Weltkriege verhaftet und festgesetzt, oft aber nur schrittweise. Zunächst sollten wehrdienstfähige Männer (mobilisables), die sich im eigenen Land aufhielten, dem Zugriff des Feindes entzogen werden.10 Die repressive Politik erfasste bald aber auch Zivilisten, die nicht als Soldaten einge9 Stibbe, Civilian Internment, S. 307 f.; Keil / Stibbe, Laboratorium, S. 535-540. Zit. nach (in dieser Reihenfolge): Page, War, S. 1; Reinecke, Grenzen, S. 199. Die Bezeichnung enemy alien hatte der 1905 erlassene Aliens Act, der auf eine Kontrolle der Einwanderung zielte, im Vereinigten Königreich als Kategorie in das britische Recht eingeführt. Sie war schon unter Zeitgenossen umstritten, denn sie gründete auf einer Zuschreibung, die weder die Länge der Aufenthaltsdauer noch das Ausmaß der Loyalität berücksichtigte. Überhaupt sah der Sammelbegriff von individuellen Unterschieden ab. Deshalb wandte sich der Herausgeber der Tageszeitung Daily News, Alfred George Gardiner, gegen die stigmatisierende Konnotation von enemy aliens. Vgl. Müller, Recht, S. 391. Zum Begriff auch: Klaus Neumann, In the Interest of National Security. Civilian Internment in Australia during World War II, Canberra 2006, S. 16; Panikos Panayi, Minorities, in: Jay Winter (Hg.), The Cambridge History of the First World War, Bd. 3: Civil Society, Cambridge 2014, S. 216–241, hier: S. 222. Zur Ambivalenz der Konzeptes des alien: Tony Kushner, Local Heroes: Belgian Refugees in Britain During the First World War, in: Immigrants and Minorities 18 (1999), Nr. 1, S. 1–28, hier: S. 12; Murphy, Captivity, S. 180. 10 Dazu Page, War, S. 2: „An object of waging war being to crush the power of the enemy State by crippling its resources, persons are deemed to be clothed with enemy character not because they possess a particular nationality, but because by the relationship in which they have voluntarily placed themselves towards an enemy State, its resources tend to be increased and its power strengthened.“

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setzt werden konnten (non-mobilisables), so Frauen, Kinder und Männer unter 15 und über 55 Jahren. Diesen Gruppen wurden in den kriegführenden Staaten vielfach Illoyalität, Verrat, Spionage und Subversion unterstellt. Verdächtigungen und Vorwürfe richteten sich besonders gegen ausländische Frauen, die eigene Staatsangehörige geheiratet hatten. Weibliche Verführungskraft galt weithin – auch unter den (männlichen) Politikern – als eine Ursache von Spionage und Subversion. Damit wurde das Motiv der femme fatale fortgeschrieben, das schon die Diskussion im 19. Jahrhundert beeinflusst hatte. Auch Minderheiten wie Juden und Personen, die erst in den letzten Jahren oder Monaten vor dem Ersten Weltkrieg eingebürgert worden waren, erschienen verdächtig. Ebenso galten Minderheiten, die – oft in Grenzregionen – nach Autonomie bzw. nationaler Unabhängigkeit strebten, als illoyal. Die Regierungen wiesen diese Gruppen in Lager ein, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Auch das Vorgehen differierte in den einzelnen Ländern. Oft brachten die Behörden aber gefangene Zivilisten und Soldaten zusammen unter, da dieses Verfahren kostengünstig und in der Haager Konvention von 1907 nicht untersagt worden war.11 Schon bis Ende 1914 wurden allein in Großbritannien 20.000 Deutsche und Österreicher wie auch 2.000 Deutsche in Frankreich als Zivilisten interniert. Die deutsche Reichsleitung hielt mit Kriegsbeginn 6.000 Franzosen und 2.000 Belgier fest. In Österreich wurden 800 verhaftete französische, britische und belgische Staatsbürger gezählt.12 Insgesamt erfasste die Internierung zwischen 1914 und 1920 allein in Europa rund 400.000 Zivilisten direkt. Rechnet man Familienangehörige – verheiratete Frauen und Kinder – hinzu, waren insgesamt 800.000 Menschen betroffen. Weitere 50.000 bis 100.000 Personen wurden in außereuropäischen Räumen interniert, besonders im britischen Empire, in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Kanada, Australien und Ostasien. Die Regierung Kanadas internierte allein 5.000 Österreicher, Ungarn und Ukrainer. In den USA verhafteten die Behörden rund 10.000 enemy aliens, von denen aber nur 2.300 (nahezu ausschließlich Deutsche) in Lager eingewiesen wurden. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat die Zahl der Zivilisten, die im Ersten Weltkrieg in verschiedenen Formen festgehalten wurden, sogar mit zwei Millionen veranschlagt. Die Internierung bezog nicht nur Männer ein, sondern auch Frauen und Kinder, deren Männer bzw. Väter zuvor oft selber verhaftet worden waren. In Deutschland wurden während des Ersten Weltkrieges offiziell 11 Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 185–187; McMillan, War, S. 58 f.; Cholakov, Prisoners of War, S. 9, 11. Zum Motiv der femme fatale im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Sluga, Economic Insecurity, S. 290–292; Juliette Pattinson, The Twilight War. Gender and Espionage, Britain, 1900–1950, in: Simona Sharoni u. a. (Hg.), Handbook on Gender and War, Cheltenham 2016, S. 66–85, hier: S. 66. 12 Moorehead, Dream, S. 185.

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rund 112.000 Zivilinternierte festgehalten, von denen die meisten aus den eroberten Gebieten West- und Osteuropas verschleppt worden waren. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges brachten die Behörden allein 100.000 Belgier und Franzosen in das Deutsche Kaiserreich. Die britischen Sicherheitsbehörden internierten 1914/15 rund 32.000 enemy aliens, Frankreich 60.000 (Deutsche und Bürger Österreich-Ungarns). In Rumänien waren bis 1916 etwa 5.000 deutsche Zivilisten und Bürger Österreich-Ungarns sowie 1.000 Bulgaren in Gewahrsam genommen worden. Die Schätzungen für Bulgarien variieren zwischen 67.582 und 111.592. Hier erfasste die Internierung u. a. Serben und Kroaten. Im russischen Zarenreich wurden Anfang 1917 rund 300.000 Angehörige der „Mittelmächte“ und Russlanddeutsche (Staatsangehörige des Zarenreiches) festgehalten. Davon waren 50.000 interniert und 250.000 deportiert worden. In Großbritannien belief sich die Zahl der deutschen Zivilinternierten in demselben Jahr auf 36.000, von denen am Kriegsende 24.255 verblieben waren. 1917 waren auch 11.000 Staatsangehörige-Österreich-Ungarns in britischen Lagern, und in Deutschland befanden sich im November 1918 rund 3.500 Briten, in ÖsterreichUngarn insgesamt noch 200 Feindstaatenausländer.13 Im Ersten Weltkrieg unterhielt besonders die britische Regierung weltweit ein Netz von Camps, dessen Zentrum das Lager Knockaloe auf der Insel Man war. Oft wurden Zivilinternierte mehrfach verschifft, auch zwischen dem Vereinigten Königreich und Übersee. So mussten viele Deutsche den Krieg in Lagern in Afrika und Indien verbringen. Dabei beanspruchte das Außenministerium (Foreign Office) in der Internierungspolitik nicht nur in Großbritannien gegenüber dem Kriegs- und Kolonialministerium sowie der Admiralität die Vorherrschaft, sondern auch im gesamten Kolonialreich. Das Foreign Office drängte im Empire auf eine zentrale Koordination, um die Kontrolle über die Behandlung der Internierten zu behalten und damit Repressalien der deutschen Reichsleitung gegen britische Kriegsgefangene zu vermeiden. Das Außenministerium traf dabei vor allem 13 Angaben nach: Stibbe, Civilian Internment, S. 1, 35 f., 81; ders., Internment, S. 53, 73; ders., British Civilian Internees in Germany. The Ruhleben Camp, 1914–18, Manchester 2008, S. 184; ders., The Internment of Civilians by Belligerent States during the First World War and the Response of the International Committee of the Red Cross, in: Journal of Contemporary History 41 (2006), S. 5–19, hier: S. 7 f.; Stefan Manz / Panikos Panayi / Matthew Stibbe, Internment during the First World War. A Mass Global Phenomenon, in: dies. (Hg.), Internment, S. 4 f.; Kay Saunders, The stranger in our gates: Internment Policies in the United Kingdom and Australia during the Two World Wars, 1914–39, in: Immigrants and Minorities 22 (2013), Nr. 1, S. 22–43, hier: S. 27; Alan Kramer, Combatants and Noncombatants: Atrocities, Massacres, and War Crimes, in: Horne (Hg.), Companion, S. 188–201; Hinz, Art. „Internierung“, S. 582; Pitzer, Night, S. 95 f., 115; Piskorski, Die Verjagten, S. 53 f.; Cholakov, Prisoners of War, S. 13. Überblick in: Stibbe, Enemy Aliens and Internment; Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 185 f.; Caglioti, Subjects, S. 505 f.; Manz, „Enemy Aliens“, S. 118; Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 127 f.

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bei den zunehmend selbstbewussten Regierungen der Dominions auf Widerstand. Daneben internierte Frankreich in globalem Ausmaß, vor allem Deutsche nach der Eroberung der afrikanischen Kolonien des Kaiserreiches. Die französische Regierung reagierte nicht nur auf Repressalien der Reichsleitung in Deutschland, sondern auch auf die Internierungspolitik Großbritanniens, die sie gelegentlich als zu nachgiebig ablehnte. Gefangene wurden zwischen den Entente-Mächten aber auch transferiert. Noch bedrückender waren die Bedingungen bei den Schiffstransporten im Zweiten Weltkrieg, besonders in Ostasien, wo das japanische Militärregime gefangene Zivilisten oft über große Entfernungen verschob. Abgrenzung und Verflechtung kennzeichneten die globale Dimension der Internierung aber schon im Ersten Weltkrieg, in dem eine „new landscape of captivity“ entstand.14 Noch im Februar 1919 befanden sich rund 300 deutsche Zivilgefangene in Ägypten, 1.200 in Indien, 2.300 in Südafrika und 2.100 in Kanada. 236 wurden in Neuseeland gezählt, 1.323 auf Malta, 11 in Gibraltar und insgesamt 194 auf den Inseln Barbados, Bermuda und Trinidad.15 Insgesamt löste sich das System der Internierungslager auch in den ehemaligen „Mittelmächten“ in den 1920er Jahren auf. Bestehende und neue Camps wurden in Deutschland als Sammel-, Arbeits- und Heimkehrerlager eingerichtet.16 Die wechselseitigen Bezüge zeigten die Repressalien, aber auch Vereinbarungen über den Austausch von Kriegsgefangenen und über Erleichterungen für sie. Alles in allem wurden von 1914 bis 1918 zwischen den kriegführenden Staaten insgesamt vierzig Abkommen abgeschlossen, nahezu ausschließlich bilateral. 1915 einigten sich Frankreich und Deutschland auf die Heimführung von schwer erkrankten und verwundeten Soldaten über die Schweiz. Bei diesen Vereinbarungen auf Gegenseitigkeit waren die „Mittelmächte“ gegenüber den Staaten der Entente im Allgemeinen wegen des ungleichen Zahlenverhältnisses der Gefangenen benachteiligt. Aufgrund dieser Reziprozität, die erst nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 langsam entfiel, kann die Geschichte der Internierung und der davon Betroffenen nur in transnationaler Perspektive geschrieben werden. Dieser Untersuchungsansatz ermöglicht auch eine Analyse des Interaktionsverhältnisses zwischen den jeweiligen Heimatländern, den Gewahrsamsstaaten und den Schutzmächten.17 14 Jones, A Missing Paradigm?, S. 25. Vgl. auch Stibbe, Civilian Internment, S. 260; Beaumont, Prisoners of War, S. 281; Murphy, Captivity, S. 1–3, 6, 8 f., 13, 24, 26, 30–32, 36, 39–60, 63–66, 177; Manz, „Enemy Aliens“, S. 118, 130, 134; ders. / Panayi / Stibbe, Internment, S. 4 f.; Pitzer, Night, S. 103. 15 Stibbe, Civilian Internment, S. 46. 16 Ebd., S. 254–259. 17 Stibbe, Introduction, S. 11; ders., Civilian Internment, S. 145; Durand, Sarajewo, S. 43, 45; Barton, Internment, S. 6 f.; Pöppinghege, Lager, S. 49; Wippich, Internierung, S. 19; Jones, A

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Überblick und Konzepte: die Repression ziviler Feindstaatenangehöriger im Kontext von Notstandsregimes und „totalen“ Kriegskulturen Wie die Geschichtsschreibung herausgearbeitet hat, bezog die Kriegführung die Gesellschaften in beiden Weltkriegen umfassend ein. Schon in den Jahren von 1914 bis 1918 wurde eine Entwicklung zum totalen Krieg deutlich, die in der exzessiven Gewalt zwei Jahrzehnte später gipfelte. In der Historiographie ist diese „Totalisierung“ vor allem hinsichtlich der weitgespannten Ziele der beteiligten Mächte und der Formen der Kriegführung festgestellt worden. Front und Heimat waren enger aufeinander bezogen als im 19. Jahrhundert nach den Revolutionären und Napoleonischen Kriegen, mit denen das Zeitalter der Wehrpflicht und der Massenheere in den Jahren von 1792 bis 1815 begonnen hatte. Zugleich war die Nationalisierung in den Gesellschaften der beteiligten Staaten und Territorien vorangetrieben worden. Damit ging eine Ideologisierung von Kriegen einher. Im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) und im militärischen Konflikt zwischen Frankreich und Preußen 1870/71 wurden Zivilisten umfassend in die Kampfhandlungen einbezogen. Zwar trennten Soldaten und Nicht-Kombattanten auch im Ersten Weltkrieg noch unterschiedliche Erfahrungswelten. Außerdem wurde der Beitrag der beiden Gruppen zur Kriegführung unterschiedlich bewertet, denn nur Frontkämpfer galten als Helden. Unverständnis kennzeichnete deshalb oft Begegnungen zwischen den beiden Gruppen. Diese waren aber zugleich aufeinander bezogen, denn die Trennung von Kombattanten und Zivilbevölkerung verschwamm zusehends. Das Konzept des „totalen Krieges“ wird dieser Einsicht gerecht, ohne aber auf die Ursachen und Antriebskräfte der Entgrenzung von Gewalt abzuheben.18 Die faschistischen Regimes erhoben den Krieg von 1939 bis 1945 schließlich zu einem Instrument der inneren Erneuerung und zu einer angeblich notwendigen Auseinandersetzung im Überlebenskampf. Sie richteten ihren Kampf gezielt gegen Zivilisten und gingen gegen Partisanen besonders rücksichtlos vor. Allerdings kann wegen der deutlichen Unterschiede zwischen den Staaten, deren Regierungen am 27. September 1940 den Dreimächtepakt unterzeichneten Missing Paradigm?, S. 26. Zum Ende des Reziprozitätsprinzips ab 1918: Reinhard Nachtigal, Die Anzahl der Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 67 (2008), S. 345–384, hier: S. 373. 18 Benjamin Ziemann, „Vergesellschaftung von Gewalt“ als Thema der Kriegsgeschichte seit 1914. Perspektiven und Desiderate eines Konzeptes, in: Thoß / Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg, S. 735–758, hier: S. 740 f.; McMillan, War, S. 45 f.; Ronald Grigor Suny, „They Can Live in the Desert but Nowhere Else“. A History of the Armenian Genocide, Princeton 2015, S. 208 f.; Hannes Leidinger / Verena Moritz, Der Erste Weltkrieg, Köln 2011, S. 49; Horne, Introduction, S. 15; Gestrich, Konzentrationslager, S. 53; Raphael, Gewalt, S. 55.

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(Deutschland, Italien und Japan), und dem Mangel an Abstimmung über die militärischen Operationen nicht von einer einheitlichen „faschistischen Kriegführung“ gesprochen werden.19 Die extreme Gewalt in den beiden Weltkriegen war die Schattenseite des materiellen Fortschritts, der im 20. Jahrhundert in den Industriegesellschaften erreicht wurde, wenngleich keineswegs linear und überall.20 Angesichts der akuten Bedrohung durch neue Waffen gewannen die Regierungen und die ihnen untergeordneten staatlichen Instanzen gegenüber den Parlamenten deutlich an Macht. Der Politikwissenschaftler und Historiker Clinton Rossiter (1917– 1970) hat deshalb außer Rebellionen und wirtschaftlichen Notlagen Kriege als fundamentale Krisen moderner Demokratien identifiziert. Nach seiner Interpretation deformierten vor allem die beiden totalen Weltkriege parlamentarische Regierungen so weit, dass sich „konstitutionelle Diktaturen“ herausbildeten. Mit diesem Begriff hat Rossiter ein Notstandsregime bezeichnet, das die Legislative schwächte und die Exekutive stärkte. Damit wurde (vorübergehend) Herrschaft auf der Grundlage des Stand- und Ausnahmerechts möglich. Dieser Prozess hatte nach Rossiter mit der imperial presidency Abraham Lincolns begonnen, der im Amerikanischen Bürgerkrieg seine Kompetenzen erheblich ausdehnte und dies mit seiner Auffassung begründete, dass erst staatliche Macht Freiheit ermögliche. Der Trend wurde fortgesetzt mit Notstandsgesetzen in der Dritten Französischen Republik, in Großbritannien von 1914 bis 1945, in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren nach der Wahl Franklin D. Roosevelts zum Präsidenten und in der Weimarer Republik. Rossiter hat versichert, dass mit diesen Ausnahmeregimes die demokratische Ordnung gesichert werden sollte: „…this strong government, which in some instances might become an outright dictatorship, can have no other purposes than the preservation of the independence of the state, the maintenance of the existing constitutional order, and the defense of the political and social liberties of the people.“21

19 Demgegenüber werden die Ähnlichkeiten betont in: Alonso / Kramer / Rodrigo (Hg.), Fascist Warfare, S. 1–23, hier: S. 1–3, 12 f., 17; Amadeo Osti Guerrazzi, Cultures of Total Annihilation? The German, Italian, and Japanese Armies During the Second World War, in: Alonso / Kramer / Rodrigo (Hg.), Fascist Warfare, S. 119–142, hier: S. 120 f., 124, 135. 20 Beaumont, Prisoners of War, S. 277. 21 Clinton Rossiter, Constitutional Dictatorship. Crisis Government in the Modern Democracies, Princeton 1948, S. 7. Vgl. auch Bernd Greiner, Konstitutionelle Diktatur. Clinton Rossiter über Krisenmanagement und Notstandspolitik in modernen Demokratien, in: Mittelweg 36, Jg. 22 (2013), Nr. 1, S. 24–40; Saunders, War, S. 10 f.; Neocleous, Critique, S. 57. Zu Lincolns imperial presidency: Jörg Nagler, Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident – Eine Biographie, München 2011, S. 367, 426.

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Jedoch ist von dem amerikanischen Politikwissenschaftler auch eindringlich vor den Gefahren gewarnt worden, die von „konstitutionellen Diktaturen“ ausgehen. Er hat die Verhängung von Ausnahmezuständen deshalb ausdrücklich an klar definierte Bedingungen gebunden. Solche Regimes sollten nur gerechtfertigt sein, um Staaten und Verfassungsordnungen zu bewahren, und von Personen errichtet werden, die anschließend nicht selber regieren. Zudem forderte Rossiter, schon bei der Etablierung einer „konstitutionellen Diktatur“ eine Regelung zu ihrer Beendigung festzulegen, die Ausübung von Herrschaft auch in Ausnahmezuständen an die jeweilige Konstitution zu binden und alle Gruppen zu beteiligen, welche die Verfassung verteidigen. Nur damit könne die Regierung legitim bleiben. Weiterhin sollten Notstandsregierungen ausschließlich der Beilegung von Krisen dienen. Im Gegensatz zu totalitären Diktaturen – vor allem dem NS-Regime – müsse eine „constitutional dictatorship“ letztlich „temporary and self-destructive“ sein.22 Die in den beiden Weltkriegen durchgesetzten Gesetze und andere Restriktionen unterstreichen Rossiters Warnung, denn sie schädigten die Zivilgesellschaften in den einzelnen Gesellschaften. Die Handlungsspielräume unabhängiger sozialer Akteure schrumpften bereits, als Regierungen in allen beteiligten Staaten außerordentliche Vollmachten übertragen wurden, die sie zur Kontrolle der Bevölkerung und zur Nutzung aller Ressourcen nutzten. Darüber hinaus wurden die Herrschenden ermächtigt, Opposition gegen den Krieg zu unterdrücken und Maßnahmen zur Kontrolle der Feindstaatenangehörigen zu ergreifen. Dazu dienten u. a. die Bestimmungen zum Belagerungs- bzw. Ausnahmezustand, der im Zuge des Ersten und Zweiten Weltkrieges zusehends entgrenzt wurde. Im Zeichen der „nationalen Sicherheit“ beschnitten die Behörden in allen kriegführenden Staaten Freiheiten und Menschenrechte ebenso wie zivilgesellschaftliche Räume. Diese Restriktionen schlugen sich besonders im Umgang mit Feindstaatenangehörigen nieder. Diese Gruppe war heterogen. Sie umfasste Geschäftsleute, Missionare und Touristen, denen die Ausreise bei Kriegsbeginn nicht mehr gelungen war, ebenso wie Seeleute und ausländische Staatsangehörige, die schon lange in den jeweiligen Ländern lebten. Im Verlauf der beiden Weltkriege wurden aber auch andere „innere Feinde“ unterdrückt. Dazu gehörten Eingebürgerte ebenso wie Minderheiten, die angeblich die Sicherheit gefährdeten. Sogar mittlere und untere Verwaltungsbeamte unterschieden zwischen diesen Gruppen oft nicht. Die Feind- und Sekuritätskonstruktionen erwie-

22 Rossiter, Constitutional Dictatorship, S. 8 (Zitat), 297–306.

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sen sich damit als überaus dehnbar. Sie wurden für unterschiedliche Zwecke genutzt, mit Mythen verbunden und emotional aufgeladen.23 Die Behörden, die für die Kontrolle der Bevölkerung zuständig waren, unterwarfen zunächst Feindstaatenangehörige einer rigorosen Überwachung. So mussten sich Frauen und Kinder regelmäßig bei der Polizei melden, und sie durften sich in vielen Staaten nur begrenzt bewegen. Darüber hinaus enteigneten und verschleppten Regierungen viele Feindstaatenangehörige. Männer im (unterschiedlich definierten) wehrfähigen Alter wurden in der Regel festgenommen und in Lager verbracht. Damit nahmen die zuständigen Behörden alle diese Zivilisten kollektiv für die Kriegführung ihrer Herkunftsländer in die Verantwortung. Sogar die Ausweisung von Frauen und Kindern rechtfertigten die Regierungen der kriegführenden Staaten mit Sicherheitsargumenten. Diese repressiven Maßnahmen waren völkerrechtlich zwar nicht erlaubt, aber in den Abkommen bis zum Zweiten Weltkrieg auch nicht explizit ausgeschlossen worden. Aus diesem Regelungsdefizit war mit der Internierung von Zivilisten schon in den Jahren von 1914 bis 1918 eine fragwürdige „innovation of this war“ hervorgegangen, wie der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Gustave Ador (1845–1928), 1917 feststellte. Wegen des Leids der Zivilinternierten verlangte er, sie als besondere Opfergruppe anzuerkennen. Ador, den sein Onkel Gustave Moynier 1870 überzeugt hatte, dem IKRK beizutreten, war wegen seines jahrzehntelangen humanitären Engagements ein besonders überzeugender Fürsprecher ziviler Kriegsopfer.24

23 Jonathan F. Vance, Civilian Internees – World War I, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 49– 51, hier: S. 49 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 19, 156 f. 24 Zitat: Annette Becker, Captive Civilians, in: Winter (Hg.), Cambridge History, Bd. 3, S. 257– 281, hier: S. 260. Vgl. auch Annette Becker, Oubliés de la Grande Guerre. Humanitaire et culture de guerre 1914–1918. Population occupées, déportés civils, prisonniers de guerre, Paris 1998, bes. S. 27–88; Trude Maurer, Weder Kombattanten noch Kommilitonen. „Feindliche Ausländer“ in einer deutschen Universitätsstadt während des Ersten Weltkrieges, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 8 (2005), S. 185–210, hier: S. 191; Christoph Jahr, Keine Feriengäste. „Feindstaatenausländer“ im südlichen Bayern während des Ersten Weltkrieges, in: Hermann J. W. Kuprian / Oswald Überegger (Hg.), Der Erste Weltkrieg im Alpenraum. Erfahrung, Deutung, Erinnerung, Innsbruck 2006, S. 231–245, 238; Martin H. Geyer, Grenzüberschreitungen: Vom Belagerungszustand zum Ausnahmezustand, in: Niels Werber / Stefan Kaufmann / Lars Koch (Hg.), Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart 2014, S. 341–384; Jones, A Missing Paradigm?, S. 41, 43; Stibbe, Civilian Internment, S. 218; Caglioti, Property Rights, S. 3; Segesser, Lager, S. 46; Speed, Prisoners, S. 141; Panayi, Societies, S. 8; Best, Humanity, S. 231; Boldt, Ausnahmezustand, S. 12. Zu Ador: Irène Herrmann, Ador, Gustave, in: Ute Daniel u. a. (Hg.), 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Berlin 2015-07-09 (doi:10.15463/ie1418.10683; Zugriff am 13. Mai 2020).

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Die Internierung von Zivilisten im Ersten Weltkrieg sollte ein Präzedenzfall für den zweiten, noch verlustreicheren globalen Konflikt werden. Mit dem engen Wechselbezug zwischen Front und Heimat konnten in den beiden totalen Kriegen auch „innere“ und „äußere“ Feinde nicht mehr klar voneinander abgegrenzt werden. In einer Konstellation, in der die Existenz von Nationen gefährdet war (oder schien), gewann die Sicherheit der eigenen Nation eminente Bedeutung. Die Furcht vor einer entscheidenden militärischen Niederlage stärkte Regierungen und staatliche Behörden, die umfassend in wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse eingriffen, um den Sieg zu erringen. Über die umfassende Rekrutierung von Männern für den Wehrdienst hinaus weitete sich in den Kriegsgesellschaften die Beteiligung erheblich aus, und es vollzog sich eine umfassende Politisierung. Dazu gehörten die Bewegungen und Kommunikationsverbindungen zwischen Heimat und Front ebenso wie Bemühungen, Unruhen im eigenen Land einzudämmen. Zugleich trieb der Hass auf die Kriegsgegner die soziale und politische Mobilisierung weiter voran. Besonders nachdem sich 1915 die Hoffnung auf einen schnellen Sieg als illusionär erwiesen hatte, prägte Gewalt nicht nur die Kampfhandlungen an der Front, sondern auch das gesellschaftliche Leben in der Heimat.25 Mit der nationalen Integration und der Militarisierung der zivilen Sphäre ging die Ausgrenzung „innerer Feinde“ einher. Im Ausnahme- bzw. Notstand der totalen Weltkriege wurde die extreme äußere Bedrohung auf imaginierte Gegner projiziert, welche die Propaganda dämonisierte. Eine innergesellschaftliche „Feindmarkierung“ war damit integraler Bestandteil entgrenzter Gewalt.26 Demgegenüber blieben völkerrechtliche Regelungen, die militärische oder zivile Angehörige von Feindstaaten schützten, in der Politik der Regierungen letztlich untergeordnet. Gleichwohl konnten die Machthaber grundlegende und festgelegte humanitäre Anforderungen nicht offen zurückweisen, denn im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatten sich – wie dargestellt – zivilgesellschaftliche Organisationen herausgebildet, die forderten, Kriegsgewalt zumindest einzuhegen.

25 Sven Oliver Müller, Recht und Rasse. Die Ethnisierung von Staatsangehörigkeit und Nationalvorvorstellungen in Großbritannien im Ersten Weltkrieg, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), S. 379–403, hier: S. 381 f.; Matthew Stibbe, Germany, 1914–1933: Politics, Society, and Culture, Harlow 2010, S. 46, 50; Roger Chickering, Total War: The Use and Abuse of a Concept, in: Manfred Boemeke / Roger Chickering / Stig Förster, Anticipating Total War: The German and American Experiences, 1871–1914, Cambridge 1999, S. 13–28, hier: S. 14; Bruno Thoß, Die Zeit der Weltkriege. Epochen als Erfahrungseinheit, in: ders. / Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg, S. 7–30, hier: S. 28; Ziemann, „Vergesellschaftung der Gewalt“, S. 749; Winter, Cover, S. 190–194; Searle, A New England?, S. 749; Jones, Great War, S. 85, 89. 26 Ziemann, „Vergesellschaftung der Gewalt“, S. 751. Vgl. auch Leidinger / Moritz, Der Erste Weltkrieg, S. 86.

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Auch die öffentliche Meinung wurde grenzüberschreitend zu einer wichtigen Kraft, sodass ein Bekenntnis zu humanitärer Kriegführung wichtig war, um neutrale Staaten zu gewinnen und Repressalien gegen eigene Staatsbürger zu vermeiden. Besonders Inspektionen von Lagern durch Schutzmächte und humanitäre Organisationen vermochten deshalb Repressionen durchaus zu beseitigen oder zumindest zu mildern.27 Die Bemühungen, Gewalt gegen gegnerische Soldaten und Zivilisten zu bändigen, trafen aber auf erhebliche Hindernisse, besonders das Prinzip nationalstaatlicher Souveränität und die technologische Entwicklung. Die Konstruktion nationaler Gemeinschaften als politische Ordnungen sollte die Herrschaft der Regierungen legitimieren, die an den Weltkriegen beteiligt waren. Überdies wurden in den Jahren von 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 fortlaufend neue Waffen genutzt, die hohe Verluste verursachten, besonders bei Frontalangriffen. Schon im Ersten Weltkrieg anonymisierte vor allem der Einsatz von Artillerie, Maschinengewehren und Giftgas das Töten, und die Zahl der Opfer stieg sprunghaft. Zwei Jahrzehnte später traten Luftangriffe und am Ende der Einsatz von zwei Atombomben hinzu. Nicht zuletzt zeigte der Massenmord an den Juden eine neue, nicht geahnte Qualität der Gewalt, obwohl dem Holocaust im Ersten Weltkrieg der Genozid an den Armeniern vorausgegangen war. Insgesamt wurden die Grenzen zwischen dem zivilen und militärischen Sektor im Zweiten Weltkrieg aber noch poröser, nicht zuletzt wegen systematischer ethnischer „Säuberungen“, besonders in den vom „Dritten Reich“ besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas. Auch das Ausmaß der Mobilisierung und der Kontrolle von Menschen und Gütern war gegenüber den Jahren von 1914 bis 1918 gewachsen. 1944/45 gipfelte die Gewalt in einem Terrorregime, das die Nationalsozialisten mit dem Schutz der „Volksgemeinschaft“ und dem Ziel rechtfertigten, einen erneuten „Dolchstoß“ der „inneren Feinde“ zu verhindern.28 In beiden Weltkriegen verteufelte eine militante Propaganda in allen beteiligten Staaten jeweils gegnerische Nationen und ihre Angehörigen. Dabei wurde 27 Vgl. von Lingen, „Crimes against Humanity“ (2011); Winter, Cover, S. 206, 209; Segesser, Kriegsverbrechen?, S. 227, Wilkinson, Prisoners of War, S. 53 f.; Jones, A Missing Paradigm?, S. 34 f. 28 Larry Frohman, Population Registration, Social Planning, and the Discourse on Privacy Protection in West Germany, in: Journal of Modern History 87 (2015), S. 316–356, hier: S. 325 f.; Rachamimov, ‚Zivilhistoriographie‘, S. 39; Murphy, Captivity, S. 34; Manz, „Enemy Aliens“, S. 119 f.; Reinecke, Grenzen, S. 250 f., 382. Zum Verhältnis zwischen dem Holocaust und dem Genozid an den Armeniern: Winter, Cover, S. 189, 191, 212. Vgl. auch Jean-Jacques Becker / Bernd Krumeich, Der große Krieg. Deutschland und Frankreich im Ersten Weltkrieg 1914–1918, Essen 2010, S. 194; Kay Saunders, War on the Homefront. State Intervention in Queensland 1938–1948, St. Lucia 1993, S. 3 f.; Raphael, Gewalt, S. 255–260; Chickering, Total War, S. 16, 27; ders., Der Erste Weltkrieg, S. 49; Echternkamp, Krieg, S. 12.

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der eigene Kampf religiös, zivilisatorisch oder rassistisch überhöht und als eine universelle Mission zur Rettung der Menschheit gerechtfertigt. So beriefen sich französische und britische Intellektuelle ab Herbst 1914 auf das Ziel, mit dem Krieg gegen Deutschland die menschliche Zivilisation zu retten. In Deutschland, wo vor allem die protestantische Kirche den Kampf nachdrücklich unterstützte, verherrlichten viele Wissenschaftler – so 93 von ihnen in ihrem „Aufruf an die Kulturwelt“ im Oktober 1914 – den deutschen „Geist“, die „Kultur“, das „Volkskaisertum“ und die „Ideen von 1914“. Im Zweiten Weltkrieg dämonisierte die NS-Propaganda den „jüdischen Bolschewismus“. Damit radikalisierte sie eine Verschwörungsvorstellung, die bereits in den Jahren von 1917 bis 1921 geprägt worden war. Tief verwurzelte rassistische Vorurteile gegen Asiaten traten nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbor allerdings auch in alliierten Staaten wie den USA und Australien hervor, ohne dass sie hier in einen Genozid mündeten.29 Im Rahmen der „kulturellen Mobilmachung“ teilte die Kriegspropaganda die Welt klar in zwei Gruppen: Freunde und Gegner. Gewalt gegen die verteufelten „Feinde“ wurde sakralisiert und die eigene Kriegführung überhöht. Dazu gehörte auch, dass gegnerischen Staaten wehrfähige Männer entzogen werden sollten. Dieses Ziel löste zunächst die Internierung aus, auch wenn der Prozess zusehends eine Eigendynamik gewann und bald die systematische Verfolgung von Minderheiten umfasste, die als „innere Feinde“ vermeintlich die Sicherheit gefährdeten. Die Unterdrückung ziviler Feindstaatenangehöriger war damit integraler Bestandteil der „Totalisierung“ in den beiden Weltkriegen. Besonders die Internierung oder sogar Ermordung dieser unschuldigen Zivilisten zeigte die Dynamik der Gewalt. Die Internierten waren im Rahmen einer Politik, die Vergeltung an „feindlichen Ausländern“ suchte, in vielen kriegführenden Ländern hilflose Geiseln. Sie wurden zu Opfern einer ausufernden Sicherheitspolitik.30 Angesichts der politisch-ideologischen Polarisierung bemühten sich die Regierungen, alle verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren und zu nutzen, auch diejenigen ihrer überseeischen Kolonien. Über die Wirtschaft und die Rekrutierung von Soldaten hinaus sollte auch die Zivilbevölkerung – darunter Frauen – für die Kriegführung eingesetzt werden. Dabei waren Zwang und Überzeugung 29 Hew Strachan, The First World War, Bd. 1: To Arms, New York 2001, S. 1117, 1122–1136; Raphael, Gewalt, S. 61. Vgl. auch Steffen Bruendel, Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg, München 2014, S. 74–91, 169–184; ders., Kriegsgreuel, S. 300. 30 Anja Huber, Fremdsein im Krieg. Die Schweiz als Ausgangs- und Zielort von Migration, 1914–1918, Zürich 2018, S. 179; Pitzer, Night, S. 102; Horne / Kramer, War, S. 162, 168; Jones, Great War, S. 88; Weinke, Gewalt, S. 45; Winter, Cover, S. 200, 206, 209. Vgl. auch McMillan, War, S. 40, 42, 49–53; Alexander, Genesis, S. 370. Zum Zweiten Weltkrieg aus zeitgenössischer Sicht: Cohn, Aspects, S. 201.

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eng miteinander verschränkt. Allerdings blieb die Einbeziehung von Zivilisten besonders im Ersten Weltkrieg noch begrenzt, und sie hatte andererseits auch schon mit den umfassenden Kampfhandlungen der Frühen Neuzeit begonnen, wie der Blick auf die Verwüstungen zeigt, die im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 weite Gebiete Mitteleuropas verheerten. Überdies erschwert der suggestive Begriff des „totalen Krieges“ Nuancierungen und Differenzierungen, denn sogar in den beiden Weltkriegen traf die Mobilisierung auf Grenzen. So entfiel in den Kämpfen von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 humanitäre Rücksichtnahme keineswegs vollständig, wie in diesem Buch dargestellt wird. Deshalb ist vorgeschlagen worden, das Konzept als Idealtypus (nach Max Weber) zu benutzen.31 So können für die beiden Weltkriege Annäherungen an „zwei Spielformen industrialisierter Kriegführung mit der Tendenz zu ihrer Totalisierung“ identifiziert werden. Damit werden die Einwände gegen das Paradigma vom „totalen Krieg“ berücksichtigt und aufgenommen.32

Mobilisierung, Propaganda und ethnische Homogenisierung im Rahmen der Sicherheitspolitik im Ausnahmezustand Als „industrieller Volkskrieg“ bezog bereits der Erste Weltkrieg nahezu gleichermaßen Soldaten und Zivilisten ein, und er erschütterte in allen kriegführenden Ländern die gesellschaftlichen Ordnungen. Der Erosion des staatlichen Gewaltmonopols, vor allem durch Aufstände und Unruhen nach der Doppelrevolution in Russland, ging in den kriegführenden Ländern aber eine Stärkung staatlicher Institutionen voraus. Zwangsarbeit, die Wehrpflicht, die Rationierung von Nahrungsmitteln und eine umfassende Kontrolle der Bürger sollten die jeweiligen Staaten befähigen, die Kämpfe durchzuhalten. Dazu verkündeten die regierenden politischen Eliten in den einzelnen Ländern einen nationalen Konsens, so in Deutschland den „Burgfrieden“. Forderungen nach nationaler Einheit gingen mit radikalen Abwertungen der Gegner einher, denen grundlegende Rechte und oft sogar die Zugehörigkeit zur Menschheit abgesprochen wurde. Ein- und Ausschluss ergänzten sich damit. Dabei wurden „innere Feinde“ imaginiert und konstruiert, die vielfach als unzuverlässige „trojanische Pferde“ der jeweiligen Feindstaaten und als Sicherheitsgefahren galten. Sie wurden deshalb im Allge-

31 Chickering, Total War, S. 16, 19–23, 28. Vgl. auch Michael Howard, Total War. Some Concluding Reflections, in: Chickering / Förster / Greiner (Hg.), World, S. 375–383, hier: S. 381. Zum Idealtypus die Definition in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 41974, S. 191. 32 Thoß, Zeit, S. 11.

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meinen unterdrückt, vertrieben, deportiert oder sogar ermordet. Besonders nach militärischen Niederlagen nahm der Druck der staatlichen Sicherheitsbehörden auch auf Minderheiten zu, wie die Verfolgung der Juden und Deutschen in Russland exemplarisch zeigt. Mit dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich eskalierte im Frühjahr und Sommer 1915 schließlich ein hypertrophes Sicherheitsdenken, das eng mit einer gezielten Bevölkerungspolitik zugunsten ethnisch homogener Nationalstaaten verknüpft war.33 Durch die Eingriffe in wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen steigerten Regierungen ihre „infrastrukturelle Macht“, die der Soziologe Michael Mann als Fähigkeit des Staates bestimmt hat, die Zivilgesellschaft zu durchdringen und in seinem Territorium politische Entscheidungen durchzusetzen. Sie schlug sich in den kriegführenden Nationen in einer enormen Ausweitung staatlicher Kompetenzen und einer Vielzahl bürokratischer Regelungen nieder, die sich auf ein breites Spektrum von Aktivitäten und unterschiedliche Lebensbereiche bezogen.34 Dabei gingen die Macht und der Einfluss der Parlamente tendenziell zugunsten exekutiver Verwaltungsstäbe und der Militärführungen zurück. In nahezu allen kriegführenden Staaten bildete sich ein „System der ‚legislativen Delegationen‘“ heraus.35 Im Verlauf der beiden Weltkriege war auch die Kriegswirtschaft umfassend und detailliert zu organisieren, um die Waffenproduktion und die Versorgung von Soldaten und Zivilisten zu sichern. Zugleich mussten angesichts der hohen Verluste immer mehr Männer für den Wehrdienst rekrutiert werden. Sogar in 33 Michael R. Marrus, The Unwanted. European Refugees in the Twentieth Century, New York 1985, S. 51; Matthew James Frank, Making Minorities History. Population Transfer in TwentiethCentury Europe, Oxford 2017, S. 29 f.; Mark Levene, „The Enemy Within“?, Armenians, Jews, the Military Crises of 1915 and the Genocidal Origins of the „Minorities Question“, in: Ewence / Grady (Hg.), Minorities, S. 143–173, hier: 146–148, 155; Roger Chickering, Der Erste Weltkrieg als industrieller Volkskrieg, in: Echternkamp / Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?, S. 49– 55, hier: S. 49; Benjamin Ziemann, Germany after the First World War – A Violent Society? Results and Implications of Recent Research on Weimar Germany, in: Journal of Modern European History 1 (2003), Nr. 1, S. 80–95, hier: S. 87; Robert Gerwarth / John Horne, Paramilitarism in Europe after the Great War. An Introduction, in: dies. (Hg.), War in Peace, S. 1–18, hier: S. 2; Leidinger / Moritz, Der Erste Weltkrieg, S. 86; Manz / Panayi, Enemies, S. 32 f. 34 Michael Mann, The autonomous power of the state: its origins, mechanisms and results, in: Archives Européennes de Sociologie 25 (1984), S. 185–213, bes. S. 189; ders., The Sources of Social Power. The Rise of Classes and Nation-States, 1760–1914, Bd. 2, Cambridge 1993. Vgl. zur langfristigen Ausweitung staatlicher Kontrolle auch: J. C. Scott, Seeing Like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed, New Haven 1999. 35 Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914–1919, Stuttgart 1978, S. 63. Vgl. auch Steffen Kailitz, Nach dem „Großen Krieg“ – vom Triumph zum Desaster der Demokratie 1918/19 bis 1939, in: Totalitarismus und Demokratie 12 (2015), S. 21–45, hier: S. 3, 36.

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Großbritannien führte das Kabinett 1916 die Wehrpflicht ein. Zur Fortsetzung des totalen Krieges schien den Regierungen eine vollständige Erfassung der Bevölkerung notwendig. So mussten sich nach dem 1915 erlassenen National Registration Act alle im Vereinigten Königreich lebenden Männer und Frauen verzeichnen lassen.36 Darüber hinaus unterlag die Wirtschaft staatlicher Lenkung oder Koordination. So wurde in Deutschland im Mai und November 1915 ein Kriegsernährungsamt bzw. Kriegsamt gegründet, nachdem im Preußischen Kriegsministerium schon im August 1914 eine Kriegsrohstoffabteilung gebildet worden war. 1917 etablierte die Reichsregierung schließlich Kriegswirtschaftsämter, um die Produktion weiter zu steigern. In Russland wurden im Mai 1915 Kriegsindustriekomitees eingerichtet, zunächst in Moskau. In Großbritannien griff das in demselben Monat gebildete Ministry of Munitions zwar nicht direkt in die Produktion ein, aber es koordinierte die Erzeugung in den Unternehmen. In Frankreich übernahm diese Kontrollfunktion der Sozialist Albert Thomas (1878–1932), der 1916 zum Rüstungsminister ernannt wurde. Nach dem Übergang zum Abnutzungskrieg und hohen Verlusten wurde 1917/18 schließlich eine „zweite Mobilisierung“ unumgänglich, um die letzten Reserven zu nutzen. Dieser Prozess festigte die korporativen Strukturen, die eine enge Kooperation zwischen den Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden gewährleisten sollten. So wurden in Großbritannien Joint Industrial Councils gegründet, die der liberale Parlamentsabgeordnete John H. Whitley (1869–1930) leitete. In Neuseeland etablierte die Regierung im Februar 1917 den National Efficiency Board, dessen Arbeit besonders Verteidigungsminister James Allen (1855–1942) förderte. Auch damit wurde nicht nur die staatliche Intervention, sondern auch die Macht von Unternehmern und Gewerkschaften gestärkt.37

36 Dazu exemplarisch: Rosemary Eliot, An Early Experiment in National Identity Cards: The Battle over Registration in the First World War, in: Twentieth Century British History 17 (2006), Nr. 2, S. 145–176; Ralph Quincy Adams / Philip P. Poirier, The Conscription Controversy in Great Britain, 1900–1918, London 1987. 37 John E. Martin, Blueprint for the Future? ‚National Efficiency‘ and the First World War, in: Crawfort / McGibbon (Hg.), Great War, S. 516–533, hier: S. 517, 520, 531–533; Leidinger / Moritz, Der Erste Weltkrieg, S. 57; Manz / Panayi, Enemies, S. 32. Zu Großbritannien: Chris Wrigley, The Ministry of Munitions: An Innovative Department, in: Kathleen Burk (Hg.), War and the State, London 1982, S. 32–56; Bernd-Jürgen Wendt, Whitleyism – Versuch einer Institutionalisierung des Sozialkonfliktes in England am Ausgang des Ersten Weltkrieges, in: Dirk Stegmann / Bernd-Jürgen Wendt / Peter-Christian Witt (Hg.), Industrielle Gesellschaft und politisches System. Fs. Fritz Fischer, Bonn 1978, S. 337–353. Zu Russland: Manfred Hildermeier, Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München 2013, S. 1061; David Stevenson, 1914–1918. Der Erste Weltkrieg, London 2014, S. 348.

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Überdies unterbanden die Regierungen der kriegführenden Staaten die Mobilität der Arbeitskräfte, so im Vereinigten Königreich mit dem Munitions of War Act vom Juli 1915 und in Deutschland mit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“, das im Dezember 1916 in Kraft trat. Damit wurde eine umfassende Arbeits- und Dienstpflicht eingeführt, im Deutschen Kaiserreich allerdings nicht für Frauen. Darüber hinaus sollte die Erzeugung von Munition im Rahmen des „Hindenburg-Programms“, das im Sommer 1916 beschlossen wurde, bis Frühjahr 1917 verdreifacht werden. Auch die Truppenstärke war deutlich zu erhöhen. In Neuseeland führte der Finance Act, den die Regierung im April 1918 erließ, einen „nationalen Dienst“ ein. In diesem Rahmen wurden über die Kontrolle der Beschäftigung, Produktion und Dienstleistungen hinaus Löhne und Gehälter reguliert. Mit den Eingriffen in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ging eine enorm wachsende Staatsverschuldung einher, die beispielsweise in Großbritannien von 650 Millionen auf über 7,8 Milliarden Pfund wuchs. Nur ein Viertel der Kriegskosten konnten mit Steuereinnahmen bestritten werden.38 1915 verstärkten die kriegführenden Staaten auch ihre Propaganda, die auf die Mobilisierung der Heimat zielte. Dazu wurden einerseits die Bemühungen um nationale Geschlossenheit und Integration intensiviert. So sollten Sammlungen die Solidarität mit der kämpfenden Truppe demonstrieren. Andererseits schürte die Kriegspropaganda den Hass auf gegnerische Staaten und ihre Angehörigen. Die Suche nach „inneren Feinden“ spiegelte aber nicht nur die weit gespannte Sicherheits- und Mobilisierungspolitik wider, sondern auch die wachsenden gesellschaftlichen Spannungen in den meisten kriegführenden Staaten. Sie verschärften sich mit dem Überhang zu einer strikten Bewirtschaftungspolitik. Außer der zunehmenden sozialen Ungleichheit schienen die überlieferte Geschlechterordnung und das Verhältnis zwischen den Generationen bedroht. So stellten verwundete, versehrte und gefangene bzw. internierte Männer tradierte Vorstellungen von Maskulinität in Frage. Umgekehrt übernahmen Frauen und Kinder die Rollen von Männern. Im Krieg wuchsen nicht zuletzt die materiellen Belastungen, deren strukturelle Ursachen die meisten Deutschen nicht verstanden. Daher verstärkte sich die Suche nach „Feinden“, die zur Projektionsfläche von Not und Sicherheitsangst wurden. Der Mobilisierung ent-

38 James Cronin, The Politics of State Expansion. War, State and Society in Twentieth-Century Britain, London 1991, S. 76. Zu Deutschland: Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002, S. 133–154, 159; ders., Der Erste Weltkrieg, S. 52 f.; Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 22017, S. 144 f. Zu Neuseeland: Martin, Blueprint for the Future?, S. 528.

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sprach deshalb eine polizeiliche und militärische Kontrolle, mit der die Heimatfront vor Subversion geschützt werden sollte.39 Gewalt gegenüber Zivilisten war zwar schon vor 1914 als Mittel der Nationalisierung hervorgetreten, so nach der Erhebung der Polen 1863 im russischen Zarenreich. Hier hatte die Regierung die Militärplanung seit den 1870er Jahren überdies auf die Sicherheit des Staates ausgerichtet, wie auch die Einführung der Wehrpflicht 1874 zeigte. Mit der Russifizierung ging nicht nur ein schleichender Legitimitätsverlust der autokratischen Herrschaft des Zaren und ein Zerfall des multiethnischen Selbstverständnisses einher, sondern auch eine radikale Ausgrenzung von Minoritäten. Eine ähnliche Politik ethnischer Homogenisierung vollzog sich im Osmanischen Reich, wo ein Aufstand der christlichen Bulgaren 1877 zum Abbruch der liberalen Politik im Zeichen der 1839 begonnenen Tanzimat-Reformen führte und den türkischen Nationalismus stärkte. Zugleich wandten sich die osmanischen Eliten gegen die Westmächte, die für den Schutz von Minderheiten im Reich eingetreten waren, oft aber auch, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.40 Im Ersten Weltkrieg griffen die Propaganda der Regierungen gegen „Feinde“ und die (Selbst-)Mobilisierung großer Bevölkerungsgruppen im Zeichen der „Wachsamkeit“ schließlich nahtlos ineinander. Dies schlug sich in der massenhaften Einberufung zum Wehrdienst für die Nation ebenso nieder wie in militanten Aktivitäten bürgerwehrähnlicher Verbände – so Einwohnertrupps – gegen Feindstaatenangehörige und Minderheiten. Die politischen Eliten ließen gewalttätige Übergriffe dieser (tatsächlich oder vorgeblich) um den „Schutz der Heimat“ besorgten Bürgerinnen und Bürger lange zu. Sie schritten erst ein, wenn ihnen die Kontrolle über diese Vigilanz zu entgleiten drohte. Staatliche Unterdrückung „von oben“ und Selbstermächtigung „von unten“ waren – auch unter dem Einfluss der oft radikalen Kampagne vieler Presseorgane – eng miteinander verzahnt. Alles in allem hatte sich schon vor 1914 ein extremer Nationalismus mit Vorstellungen ethnischer Homogenität, Fremdenfeindlichkeit, Sicherheitsängsten und Feindkonstruktionen verbunden. Nicht nur die Regierungen, sondern auch große Bevölkerungsgruppen assoziierten ethnische Zugehörigkeit zum Nationalstaat mit politischer Loyalität. Damit war die Grundlage für eine Repressionspolitik gegenüber Angehörigen von Feindstaaten, Min39 Volker Ullrich, Deutsches Kaiserreich, Frankfurt/M. 2006, S. 51; Chickering, Der Erste Weltkrieg, S. 51; Stibbe, Experiences, S. 18; Manz / Panayi, Enemies, S. 19–21. Exemplarisch: Brock Millman, Managing Domestic Dissent in First World War Britain, London 2000, S. 304; Steffen Bruendel, Vor-Bilder des Durchhaltens. Die deutsche Kriegsanleihe-Werbung 1917/18, in: Arnd Bauerkämper / Elise Julien (Hg.), (Hg.), Durchhalten! Krieg und Gesellschaft im Vergleich 1914–1918, Göttingen 2010, S. 81–108. 40 Levene, „The Enemy Within“?, S. 155 f. Übersicht in: Paulmann, Vorherrschaft, S. 346–353.

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derheiten und Kriegsgegnern gelegt. Notstandsgesetze, die zu Beginn des Krieges in den einzelnen Staaten erlassen wurden, ermächtigten die staatlichen Behörden schließlich, gegen die verfemten Gruppen vorzugehen. Allerdings war die Mobilisierung keineswegs vollständig, nicht nur in den Reichen des russischen Zaren und des Sultans der Osmanen, wo Bewohner und materielle Ressourcen in entlegenen Räumen von den Behörden kaum lückenlos erfasst werden konnten. Vielmehr entzogen sich auch in Mittel- und Westeuropa Angehörige von Minderheiten dem Kriegsdienst, so 1914 allein im Elsass und in Lothringen 3.000 Einwohner, die nach Frankreich flohen. Außerdem kämpften von 16.000 Elsässern und Lothringern, die im Ausland Einberufungsbescheide erhielten, letztlich nur 4.000 für Deutschland. Aber auch in den anderen kriegführenden Staaten blieb eine totale Mobilisierung eine Illusion.41 In der Kriegspropaganda richteten sich die Angriffe besonders gegen Personen, die nicht Staatsbürger waren. Sie wiesen in den beiden Weltkriegen tatsächlich komplexe Loyalitäten auf. Im Allgemeinen verhielten sie sich zwar loyal gegenüber dem Land, in dem sie lebten. Jedoch fühlten sich viele Eingebürgerte und Nachkommen von Fremden, die in anderen Staaten geboren waren, zumindest noch teilweise an ihre Herkunftsländer gebunden. Loyalitäten waren damit komplex, multipel und nicht nur an Nationen gebunden, sondern auch an andere Zugehörigkeiten, und sie waren transnational ausgerichtet. Allein deshalb wurden Gruppen, deren Angehörige nicht Staatsbürger waren, oft zu „Feinden“ gestempelt. Die kriegführenden Regierungen entzogen ihnen grundlegende Rechte. Sie wurden diskriminiert, ausgewiesen, deportiert, interniert und enteignet. Die Erfahrungen der zivilen Feindstaatenangehörigen müssen damit trotz der prägenden Kraft des Nationalismus auch deshalb in einem grenzüberschreitenden Rahmen untersucht werden.42 41 Angabe nach: Alan Kramer, Wackes at War: Alsace Lorraine and the Failure of German National Mobilization, in: John Horne (Hg.), State, Society and Mobilization in Europe during the First World War, Cambridge 1997, S. 105–121, hier: S. 110 f. Vgl. auch Stéphane AudoinRouzeau / Annette Becker, 14–18, retrouver la guerre, Paris 2000, S. 64; Panayi, Minorities, S. 220, 222; Bischoff, Spy Fever; Manz / Panayi / Stibbe, Internment, S. 5; Manz / Panayi, Enemies, S. 32 f.; Stibbe, Introduction, S. 11 f.; Watson, „Unheard-of-Brutality“, S. 798, 824; Echternkamp, Krieg, S. 18 f.; Kershaw, Höllensturz, S. 75. Zitat nach: Matthias Quent, Selbstjustiz im Namen des Volkes: Vigilantischer Terrorismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 24–25 / 2016, 13. Juni 2016, S. 20–26, hier: S. 25. Zu Russland: Joshua A. Sanborn, Drafting the Russian Nation. Military Conscription, Total War and Mass Politics, 1905–1925, Illinois 2003, S. 107, 165, 181, 203–205. Allgemein zur selektiven Unterdrückung und Gewalt durch Regierungen: Heinz-Gerhard Haupt, Gewalt und Politik im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2012, S. 98. 42 Zur Komplexität der Loyalitäten in den beiden Weltkriegen: Wendy Webster, Enemies, Allies and Transnational Histories: German, Irish and Italians in Second World War Britain, in:

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Diese Prozesse des Ein- und Ausschlusses, die schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eingesetzt hatten, waren eingebettet in eine tiefgreifende Verschiebung im Verhältnis zwischen Individuen und dem Staat im Allgemeinen und eine Neufassung von Staatsbürgerschaft im Besonderen. Nach dem Nationsverständnis, das sich im 19. Jahrhundert durchsetzte, sollte ein homogenes Volk einen nationalen Territorialstaat bewohnen, in dem die Regierung jeweils souverän herrschte. Jedoch gewann darüber hinaus ein Konzept Anhänger, das die Volkszugehörigkeit nicht mehr vorrangig territorial definierte, sondern an die Abstammung band, die nunmehr als Ausweis der politischen Loyalität und emotionalen Identifikation mit der jeweiligen Nation galt. So ersetzten im späten 19. Jahrhundert mehrere Regierungen europäischer Staaten das ius soli durch das ius sanguinis. Daneben bildeten die Kultur (vor allem die Sprache), das Bekenntnis zu Religionen wie auch (verstärkt seit der Oktoberrevolution in Russland) die Zugehörigkeit zu Klassen prägende Scheidelinien. Damit einhergehend, wurden „Fremde“ zusehends ethnisch sozial oder politisch definiert. Diese Alteritätskonstruktionen schlugen sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in vielen Staaten u. a. in der Einschränkung der Immigration nieder. Sie spiegelte ihrerseits die Tendenz zur Ethnisierung des Staatsbürgerrechts wider.43 Insgesamt definierten die Regierungen die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Nationalstaaten in der Konfrontation der beiden Weltkriege noch schärfer als zuvor. Dabei entsprach verstärkten Bemühungen zur Integration die Mobilisierung gegen „Feinde“. Personen, denen die Staatsangehörigkeit fehlte, wurden verdrängt und zwangsweise ausgebürgert. Demgegenüber stellten die Regierungen der kriegführenden Staaten – mit Ausnahme Deutschlands – Einbürgerungen weitgehend ein. So ging die Zahl der angenommenen Anträge in Frankreich schon von 1913 bis 1914 von 3.447 auf 2.117 zurück, bevor die Naturalisation vollständig ausgesetzt wurde. Nur noch Ausländer, die sich zum Wehrdienst meldeten, konnten in einzelnen Fällen die Staatsbürgerschaft erhalten. In beiden Weltkriegen verschärften die Regierungen diese Abgrenzungspolitik fortlaufend. Jedoch entsprachen ethnische Zugehörigkeiten nicht durchweg der Staatsangehörigkeit. Deshalb wurden Minderheiten in den Staatsvölkern vielTwentieth Century British History 25 (2014), S. 63–86, hier: S. 81 f. Allgemein zu den transnationalen Interaktionen im Ersten Weltkrieg: Ute Frevert, Europeanizing German History, in: Bulletin of the German Historical Institute Washington 36 (2005), S. 9–31, hier: S. 13–15. 43 Daniela Caglioti, Subjects, Citizens and Aliens in a Time of Upheaval: Naturalizing and Denaturalizing in Europe during the First World War, in: Journal of Modern History 89 (2017), S. 495–530, hier: S. 495–498, 509 f., 512 (Angabe), 518 f., 529 f.; Gammerl, Staatsbürger, S. 220; Akçam, Young Turks, S. 258; Kushner, Remembering, S. 35. Überblick in: Paulmann, Vorherrschaft, S. 338–346.

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fach diskriminiert. Da die Politik zur Ein- bzw. Ausbürgerung in den Wehrgemeinschaften besonders von der (angenommen) nationalen Loyalität bestimmt wurde, folgte sie den jeweiligen Sicherheitswahrnehmungen. Diese beeinflussten auch die Vergabe sozialer Leistungen, von denen „Fremde“ ausgeschlossen waren.44 Vor 1914 hatte in den Ländern der Entente besonders die Neuregelung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts Argwohn erweckt. Ein Gesetz vom 22. Juli 1913 erschwerte nicht nur die Einbürgerung von Ausländern, sondern hob auch die geltende Regelung des Staatsangehörigkeitsgesetzes von 1870 auf, in dem festgelegt worden war, dass Deutsche ihre Staatsbürgerschaft nach einem zehnjährigen Aufenthalt im Ausland verloren. Demgegenüber durften sie ihre Zugehörigkeit zum Deutschen Reich ab 1. Januar 1914 unbegrenzt behalten und sogar auf ihre Kinder und Enkelkinder übertragen. Allerdings mussten sie dazu ihren Wehrdienst in Deutschland absolvieren. Ausländer, die Deutsche heirateten, verloren demgegenüber die Staatsangehörigkeit ihres Heimatlandes. Diese Neuregelung folgte weiterhin dem Prinzip der individuellen Willensentscheidung und traf deshalb bei radikalen Imperialisten und Nationalisten im Kaiserreich auf Widerstand. Diese hatten gefordert, anstelle der Loyalität gegenüber dem Staat auf ethnische Zugehörigkeit abzuheben. Das Gesetz vom 22. Juli 1913 entsprach aber durchaus der „Weltpolitik“ der deutschen Reichsleitung, die anstrebte, Deutsche in den Kolonien an ihr Heimatland zu binden. Zudem sollten Wehrdienstverweigerer leichter ausgebürgert werden können. Das Staatsbürgerschaftsrecht nach dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) löste vor allem in Ländern, in denen starke deutsche Minderheiten lebten (so im Russischen Zarenreich, Frankreich und den USA) erhebliche Besorgnis und Ängste vor einer „fünften Kolonne“ im Kriegsfall aus. In diesen Ländern galt die ethnische Zugehörigkeit zur deutschen Nation nunmehr pauschal als Sicherheitsrisiko. Nach dem Kriegsbeginn rechtfertigte das neue Staatsbürgerschaftsgesetz des Kaiserreiches in diesen Ländern deshalb das Vorgehen gegen (eingebürgerte) Deutsche. Umgekehrt stärkte es in Deutschland die Politik des „Burgfriedens“, und es verlieh der Illusion einer vorgeblich geschlossenen „Volksgemeinschaft“ erheblich Auftrieb.45 44 Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 98–102, 106, 133 f.; Caglioti, Subjects, S. 512. 45 Dieter Gosewinkel, Einbürgern und Ausschließen. Die Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom Deutschen Bund bis zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2001, S. 310, 314, 319 f., 323 f.; Eli Nathans, The Politics of Citizenship. Ethnicity, Utility and Nationalism, Oxford 2004, S. 178; David Blackbourn, Germans Abroad and Auslandsdeutsche. Places, Networks and Experiences from the Sixteenth to the Twentieth Century, in: Geschichte und Gesellschaft 41 (2015), S. 321–346, hier: S. 339, 343; Reinecke, Grenzen, S. 236 f. Z. T. andere Interpretation in: Rogers Brubaker, Citizenship and Nationhood in France and Germany, Cambridge/Mass. 1992,

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Im Zweiten Weltkrieg drängte die Zugehörigkeit zum deutschen „Volkstum“ den Stellenwert der Staatsbürgerschaft noch weiter zurück. Mit der Ernennung Heinrich Himmlers zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ am 7. Oktober 1939 intensivierte sich die Siedlungspolitik im eroberten Polen. Damit ging die Sicherung neuen „Lebensraums“ einher, wie die von 1940 bis 1942 erstellten Entwürfe zum „Generalplan Ost“ zeigten. In den eroberten Räumen Osteuropas wurden „Arier“ in „Volkslisten“ aufgenommen und damit als deutsche Staatsangehörige anerkannt. Demgegenüber galten „Fremdvölkische“ offiziell zwar als „Schutzangehörige“; sie konnten aber diskriminiert, verfolgt und ermordet werden, da die NS-Behörden das Staatsangehörigkeitsrecht ausgehebelt hatten. Dieses war „zum politisch verfügbaren Instrument der rassischen Volkstumspolitik“ geworden.46 Wie schon ein Runderlass des Reichsministeriums des Innern vom 29. März 1939 angeordnet hatte, waren „Volksfremde“ als (potentielle) „Feinde“ grundsätzlich aus der Gemeinschaft der „Deutschen“ ausgeschlossen. Auf dieser Grundlage beraubten die nationalsozialistischen Machthaber die Juden im November 1941 ihrer deutschen Staatangehörigkeit, bevor sie 1943 vollends pauschal für staatenlos erklärt wurden. Damit verloren sie auch endgültig ihre Eigentumsrechte, die schon seit der Mitte der 1930er Jahre schrittweise eingeschränkt worden waren.47 Der Rassen- und Vernichtungskrieg des „Dritten Reiches“ in den Jahren von 1939 bis 1945 hob sich zwar qualitativ vom Ersten Weltkrieg ab. Daneben blieben im nationalsozialistischen Deutschland aber Reste des „Normenstaates“ erhalten, besonders im Umgang mit Zivilisten aus den westlichen Staaten. Auch war die Entwicklung von 1914/18 bis 1939/45 weder zwangsläufig noch linear.48 Nicht zuletzt kann der Zweite Weltkrieg nicht einfach als „radikalisierte FortsetS. 116–118, 136; Evgenij Sergeev, Die Wahrnehmung Deutschlands und der Deutschen in Russland 1914–1918, in: Horst Möller / Aleksandr Čubar’jan (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Deutschland und Russland im europäischen Kontext, Berlin 2017, S. 97–108, hier: S. 100; Steffen Bruendel, Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Berlin 2003; Annemarie H. Sammartino, The Impossible Border. Germany and the East, 1914–1922, Ithaca 2010, S. 22 f.; Wippich, Internierung, S. 39; Caglioti, Subjects, S. 516, 523; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 30. 46 Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 272. 47 Gosewinkel, Introduction, S. 23; ders., Schutz und Freiheit?, S. 273–276. Vgl. im Einzelnen Diemut Majer, „Fremdvölkische“ im Dritten Reich. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Rechtssetzung und Rechtspraxis in Verwaltung und Justiz unter besonderer Berücksichtigung der eingegliederten Ostgebiete und des Generalgouvernements, Boppard 1993; Isabel Heinemann, Rasse, Siedlung, deutsches Blut. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassepolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003. 48 Carole Fink, The Peace Settlement, 1919–39, in: Horne (Hg.), Companion, S. 543–557, hier: S. 453; Frie, 100 Jahre, S. 105; Stibbe, Civilian Internment, S. 18 gf.

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zung“ der militärischen Auseinandersetzung interpretiert werden, die im Sommer 1914 begonnen hatte. Vielmehr vollzog sich in den Jahren von 1939 bis 1945 eine qualitativ neuartige Entgrenzung und „Extensivierung“ der Kriegführung, wie der Umgang mit Zivilisten demonstriert.49 Jedoch hatte der Erste Weltkrieg die Repressionspolitik nachhaltig radikalisiert. Trotz der erheblichen Unterschiede wiesen die beiden globalen Konflikte durchaus Ähnlichkeiten auf. Mit dem Beginn der Kampfhandlungen bildeten sich sowohl 1914 als auch 1939 in allen beteiligten Ländern weitgespannte Kriegskulturen heraus, die über die Regierungen und Eliten hinaus breite Bevölkerungsgruppen umfassten. Seit dem 19. Jahrhundert war die Macht des Staates zwar erheblich gewachsen; staatliche Herrschaft bedurfte aber sogar in autokratischen Systemen der Legitimität durch Zustimmung. Dazu konnten politische und gesellschaftliche Gruppen auch in den beiden „totalen“ Kriegen in der Regel nicht nur einfach gezwungen werden. Dies war vor allem in Ländern mit einer starken parlamentarischen Tradition und einem hohen Ausmaß zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation ausgeschlossen. Insgesamt verschränkten sich in den beiden Weltkriegen deshalb staatliche und gesellschaftliche Mobilisierungsprozesse eng miteinander. Die Kriegskulturen verknüpften Zwang und Überzeugung in einem Mischungsverhältnis, das in den beteiligten Ländern differierte und auch zeitlich variierte. Dabei wurde jeweils die Verteidigung der eigenen politischen und gesellschaftlichen Ordnung beschworen. Der Kampf um die Hegemonie war ideologisch aufgeladen.50

49 Thoß, Zeit, S. 19. Vgl. auch McMillan, War, S. 68. 50 Dagegen hat Raymond Aron den Ersten Weltkrieg als bewaffneten Konflikt über die Hegemonie und den Zweiten Weltkrieg als Kampf um die Hegemonie interpretiert. Vgl. Raymond Aron, War and Industrial Society, Oxford 1958. Zur Diskussion: John Horne, Introduction: Mobilization for ‚Total War‘ in: ders. (Hg.), State, S. 1–17, hier: S. 1–3, 6 f., 16 f.; Alan Kramer, Dynamic of Destruction. Culture and Mass Killing in the First World War, Oxford 2007, S. 328, 331; Geoffrey Best, Humanity in Warfare. The Modern History of the International Law of Armed Conflicts, London 1980, S. 221–223; Michael Howard, Total War in the Twentieth Century: Participation and Consensus in the Second World War, in: Brian Bond / Ian Roy (Hg.), War and Society. A Yearbook of Military History, London 1975, S. 216–226. Allgemein: Echternkamp, 1914–1945, S. 269. Daneben: Wolfgang Hartwig, Einleitung, in ders. (Hg.), Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900–1933, München 2007, S. 11–17, hier: S. 16; Konrad H. Jarausch, Out of Ashes. A New History of Europe in the Twentieth Century, Princeton 2015, S. 74 f.; Hans Boldt, Der Ausnahmezustand in historischer Perspektive, in: Der Staat 6 (1967), S. 409–432, hier: S. 430; Christoph Jahr / Jens Thiel, Prolegomena zu einer Geschichte der Lager. Eine Einführung, in: dies. (Hg.), Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert, Berlin 2013, S. 7–19, hier: S. 10; Proctor, Civilians, S. 110; Caglioti, Aliens, S. 451.

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Kriegskulturen prägten nicht nur die Kampfmoral an der Front, sondern auch das Alltagsleben der Bevölkerung in der Heimat. Sie zielten einerseits auf nationale Einheit. In dieser Hinsicht war von der Verschmelzung der Volkssouveränität, die in der Französischen Revolution begründet worden war, mit einem radikalen, integralen Nationalismus, der am Leitbild ethnischer Homogenität orientiert war, seit dem 19. Jahrhundert eine gewalttätige Dynamik ausgegangen. Der nationalen Integration und militärischen Mobilisierung – vor allem durch die Wehrpflicht – entsprach im „Volkskrieg“ die scharfe Abgrenzung von „Feinden“, die in der Kriegspropaganda vielfach dämonisiert wurden. Da die Trennung von äußeren und inneren Gegnern in den beiden „totalen“ Weltkriegen aber verschwamm, zielte die Kriegsmobilisierung in den einzelnen Staaten über die Soldaten hinaus auf Zivilisten, deren Durchhaltewille gestärkt werden sollte. Feindbilder wurden medial vermittelt, nicht nur national, sondern auch in lokalen Gemeinschaften. Dazu dienten die regierungsamtliche Propaganda und die Presse, denn „the communization of warfare necessitated the mobilisation of the civilian mind.“51 Die Mobilisierung von Emotionen war integraler Bestandteil dieses Prozesses. Vor allem Zeitungen und Zeitschriften mit hoher Auflage beeinflussten die Sicherheitskulturen, indem sie in einer zunehmend massenmedialen Öffentlichkeit, in der die Lesefähigkeit vor 1914 deutlich zugenommen hatte, Angst steigerten. Sie verbreiteten Vorstellungen und Wahrnehmungen von Gefahren und prägten damit die Sicherheitskulturen. Der Aufstieg der Daily Mail und des Daily Mirror zu auflagenstarken Zeitungen in Großbritannien nach ihrer Gründung durch Alfred Harmsworth (Lord Northcliffe, 1865–1922) 1896 bzw. 1903 zeigte exemplarisch den Trend zur kommerziellen Massenpresse, in der Zugehörigkeit zu Nationen und der Ausschluss aus ihnen verhandelt wurde. Angesichts der extremen Sicherheitsängste der Bevölkerungsmehrheit, die im Ersten Weltkrieg eine besonders enge emotionale Gemeinschaft bildete, steigerte die Boulevardpresse ihre Auflage ab 1914 tendenziell noch weiter. Zeitungen und Zeitschriften waren deshalb für die Mobilisierung in allen kriegführenden Staaten – mit Einschränkungen im Russischen und Osmanischen Reich – wichtiger als die regie-

51 Harold Lasswell, Propaganda Technique in World War I, Cambridge/Mass. 1971 (11927), S. 10. Vgl. auch Catriona M. M. Macdonald, May 1915: Race, Riot and Representation of War, in: dies. / Elaine W. McFarland (Hg.), Scotland and the Great War, East Lothian 1999, S. 145– 171, hier: S. 150, 163, 165 f. Zum historischen Hintergrund: Christopher Blackburn, French Revolution, Wars of the (1792–1799), in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 103 f.

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rungsoffizielle Propaganda, die allerdings viele sensationelle Presseberichte aufgriff und verstärkte.52 Darüber hinaus sollten den gegnerischen Staaten Ressourcen entzogen werden. Dazu gehörten Güter und Soldaten, aber auch wehrpflichtige Zivilisten, die zum Wehrdienst eingezogen werden konnten. Die Widerstandskraft der feindlichen Mächte sollte gezielt geschwächt werden. Die Regierungen bemühten sich deshalb, Anhänger in den gegnerischen Staaten zu mobilisieren. Zugleich war die eigene Bevölkerung jeweils vor (vermeintlich) subversiven Kräften zu schützen. Aus dieser Sicht musste der „innere Feind“ ausgeschaltet werden, damit die Fronten standhielten und die Sicherheit der jeweiligen Nation gewahrt blieb. In dieser Denkfigur war bereits die Furcht vor einem „Dolchstoß“ angelegt, auch wenn sich die Intensität und Formen des Mythos in den kriegführenden Staaten voneinander unterschieden. Vor allem in Ländern, in denen Militärs oder Diktatoren unumschränkt herrschten, schlug sich die Legende vom Verrat in umfassenden Verschwörungsvorstellungen nieder. Aber auch in den westlichen Staaten, in denen parlamentarische Regierungssysteme dominierten, richteten sich fremdenfeindliche Ressentiments, Spionagehysterie und der Verdacht der Illoyalität gegen Zivilisten, die den „Zentralmächten“ angehörten. Zur Zielscheibe der Kriegspropanda wurden jeweils besonders die in Deutschland geborenen Ausländer, deren Zahl sich 1914 in den USA auf rund 2,5 Millionen, in Belgien auf 57.000, in Großbritannien auf 56.000 und in Australien auf 33.000 belief. Auch im Zweiten Weltkrieg wurde die gemeinsame Abwehr des Fremden und von Ausländern (vor allem Feindstaatenangehörigen) konstitutiv für die „Heimatfront“.53 Da innere und äußere Sicherheit aber in allen kriegführenden Ländern aus der Perspektive der regierenden Eliten wechselseitig aufeinander bezogen wa-

52 Für Großbritannien: John McEwen, The National Press during the First World War: Ownership and Circulation, in: Journal of Contemporary History 17 (1982), S. 459–486, hier: S. 460 f., 464, 477 f., 481–483. 53 Huber, Fremdsein, S. 269. Angaben nach: Mark Ellis / Panikos Panayi, German Minorities in World War I: A Comparative Study of Britain and the USA, in: Ethnic and Racial Studies 17 (1994), Nr, 2, S. 238–259, hier: S. 239. Vgl. auch Alexander Prusin, A „Zone of Violence“: The Anti-Jewish Pogroms in Eastern Galicia in 1914–1915 and 1941, in: Bartov / Weitz (Hg.), Shatterzone, S. 362–377, hier: S. 363; John Horne, L’Etranger, la guerre et l’image de „l’autre“, 1914– 1918, in: Jean-Pierre Jessenne (Hg.), L’Image de l’autre dans l’Europe du Nord-Ouest à travers l’histoire, Villeneuve d’Ascq 1996, S. 133–144; ders., Horne, Introduction, S. 9 f., 16 f.; ders., Introduction. Wartime Imprisonment in the Twentieth Century, S. 15; Gerwarth / Horne, Paramilitarism, S. 13, 17; Huber, Fremdsein, S. 228 f.; Howard, Total War, S. 376, 379; Chickering / Förster, Are We There Yet?, S. 2, 4, 10 f.

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ren, galten außer den Angehörigen gegnerischer Staaten auch „innere Feinde“ – Pazifisten, Sozialisten, Wehrdienstverweigerer und Deserteure – pauschal als subversiv. Ebenso zweifelhaft erschien die Loyalität ethnischer Minderheiten gegenüber den Nationen, in denen sie lebten. Oft wurde ihnen als vermeintliche Helfershelfer der „Feinde“ sogar direkt Spionage und Verschwörung unterstellt. Getragen und getrieben von nationalistischen und fremdenfeindlichen Verbänden, die Angst vor einer Niederlange durch Unterwanderung verbreiteten, stigmatisierten Regierungen in vielen kriegführenden Staaten große Bevölkerungsgruppen als Sicherheitsrisiken, die rigoros einzudämmen waren. Zur Durchsetzung der weitreichenden Repressionspolitik nutzten die Machteliten nahezu alle Mittel, so die Mobilisierung und Militarisierung von Ethnizität. Dabei verstießen sie wiederholt auch gegen das Kriegsvölkerrecht, und sie gingen z. T. rigoros gegen Zivilisten vor. So schrieb der liberale britische Journalist John Hobson (1858–1940) 1917: The temper of war is arbitrary and absolute in its demands not only upon its fighting units but upon the civil populations, which it regards as mere instruments of military power. Modern warfare, in which nations contend with all their resources, industrial and financial as well as military, has gone far towards erasing the differences once recognized between combatants and non-combatants.54

Eine nahezu totale Mobilisierung vollzog sich im Ersten Weltkrieg, nachdem 1915 die Hoffnung auf einen schnellen Sieg geschwunden war. Zwei Jahre später erforderten die zunehmende Kriegsmüdigkeit und die zunehmenden innenpolitischen und gesellschaftlichen Konflikte aus der Sicht der Regierungen schließlich alle Mittel, um im Überlebenskampf den Sieg zu erringen. Allerdings wies die „Remobilisierung“, mit der die Regierungen vor allem in Frankreich, Großbritannien und Deutschland auf die militärische und politische „Erschöpfungskrise“ 1917 reagierten, in den einzelnen Ländern deutliche Unterschiede auf. Im Deutschen Kaiserreich griffen die staatlichen Behörden verstärkt zu Zwangsmaßnahmen, um der „mentalen Demobilisierung“ – vor allem unter den ethnischen Minderheiten (so Elsässern und Lothringern) – zu begegnen. Dagegen setzen sie in Großbritannien und Frankreich vorrangig auf Überzeugung, so dass die Kriegspropaganda intensiviert wurde. Zugleich weiteten besonders die Regierungen Deutschlands und Großbritanniens die Überwachung pazifisti-

54 John A. Hobson, Democracy after the War, London 1917, S. 33–35, Zitat: Panayi, Societies, S. 18. Vgl. auch Annette Becker, Paradoxien in der Situation der Kriegsgefangenen 1914–1918, in: Oltmer (Hg.), Kriegsgefangene, S. 24–31, hier: S. 29; Audoin-Rouzeau / Becker, 14–18. Understanding the Great War, S. 59, 74, 89.

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scher und sozialistischer Gruppen aus, um die Forderungen nach einem Verhandlungsfrieden einzudämmen.55 Insgesamt gewannen militärische Handlungskriterien in den beiden Weltkriegen absolute Priorität. Viele Soldaten und Zivilisten ordneten sich in den beteiligten Ländern diesen Zwängen bereitwillig und überzeugt unter, zumal in der Propaganda unablässig Ängste geweckt und gesteigert wurden. In der Kriegskultur, die national gerahmt war und maßgeblich zum Durchhalten der Kämpfe von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 beitrug, waren deshalb Zwang und Zustimmung eng miteinander verknüpft. Allerdings variierte das Mischungsverhältnis. Tendenziell herrschte Druck „von oben“ in Ost- und Ostmitteleuropa vor, wo die politische Mitwirkung und gesellschaftliche Teilhabe noch relativ schwach war. Demgegenüber nahm die nationalistische Mobilisierung „von unten“ in West- und Mitteleuropa und (ab 1917 bzw. seit 1941) in den USA einen bedeutenderen Stellenwert ein.56 Aber auch zivilgesellschaftliche Experten, humanitäre Helfer und Missionare, die sich für Kriegsgefangene und zivile Angehörige von Feindstaaten einsetzten, konnten dem Dilemma nicht entgehen, mit ihrem Engagement zugleich zur Kriegführung ihrer jeweiligen Länder beizutragen. Damit schrieben sie ungewollt Gewalt fort, und sie verlängerten indirekt die Kämpfe. Dieser grundlegende Konflikt prägte von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 die Aktivitäten karitativer Organisationen, die sich nicht von vornherein dem Ziel verschrieben hatten, ausschließlich oder vorrangig einzelne Staaten zu unterstützen. Übergriffe gegen Zivilisten blieben damit Bestandteil der Kriegskulturen.57 Traditionale Eliten verschrieben sich ungehemmt dem Ziel, die staatliche Exekutive im Allgemeinen und deren Sicherheitspolitik im Besonderen zu stärken. Dazu schürten sie gezielt Ängste in der Bevölkerung. Auch setzten sie Hinweise auf „Kriegsnotwendigkeiten“ bewusst ein, um ihre Ziele durchzusetzen. Damit war eine „realpolitische Wende in der internationalen Politik“ verbunden, die auf die Abwehr von Forderungen nach Mitsprache von Parlamenten und gesell55 John Horne, Remobilizing for ‚Total War‘: France and Britain, 1917–1918, in: Horne (Hg.), State, S. 196 f.; ders., Introduction, S. 12–15. Zitate nach (in dieser Reihenfolge): Leonhard, Büchse, S. 797, 862; Kramer: Wackes, S. 18 („mental demobilization“). 56 Arnd Bauerkämper / Elise Julien, Einleitung: Durchhalten! Kriegskulturen und Handlungspraktiken im Ersten Weltkrieg, in: dies. (Hg.), Durchhalten!, S. 7–28; Stevenson, 1914–1918, S. 319; Chickering, Der Erste Weltkrieg, S. 53; Echternkamp / Mack, Militärgeschichte, S. 14. 57 Hierzu und zum Folgenden: Isabel Hull, Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2005, S. 87, 159–181, 226, 233. 237, 242, 262, 271, 276–278, 285–290; Ian Kershaw, War and Political Violence in Twentieth-Century Europe, in: Contemporary European History 14 (2005), Nr. 1, S. 197–123, hier: S. 110 f., 117–119, 122; McMillan, War, S. 41. Zu dem Dilemma, mit dem Missionare und Experten humanitärer Organisationen konfrontiert waren, vgl. Proctor, Civilians, S. 177, 189, 192–194, 200–202.

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schaftlichen Gruppen in der Politik zielte. Vor allem außenpolitische Entscheidungen sollten der öffentlichen Diskussion entzogen werden.58 Konkret konnten beispielsweise Forderungen von Behörden, die eigene Ausstattung zu verbessern oder Macht zu gewinnen, ebenso gerechtfertigt werden wie das Streben, lästige Konkurrenz zu beseitigen, unliebsame Nachbarn auszusiedeln oder sogar zu ermorden. Die Kehrseite des Anspruches gegenüber der jeweils eigenen Bevölkerung, ihre Ziele und ihr Verhalten uneingeschränkt auf das Überleben der Nation im Krieg auszurichten, waren deshalb Feindbilder und Verschwörungsvorstellungen. Das Zusammenwirken staatlicher Sicherheitspolitik und populistischer Mobilisierung im Ausnahmezustand der Weltkriege schlug sich im nationalen Zusammenschluss, aber auch im Ausschluss von „inneren Feinden“ und Spionagehysterie nieder. Dabei war eigennützigen Übergriffen – so gegen fremdes Eigentum – von den Regierungen der Boden bereitet worden, indem sie den „Feinden“ grundlegende Bürgerrechte entzogen und auch darüber hinaus ihre Freiheit eingeschränkt hatten.59 Zwar war dieses Vorgehen nicht völlig präzedenzlos, denn auch in vorangegangenen Kriegen hatten Regierungen schon „innere Feinde“ im Allgemeinen und zivile Feindstaatenangehörige im Besonderen mit der Absicht kontrolliert oder unterdrückt, die Sicherheit ihrer Staaten zu gewährleisten. Daneben waren diese Gruppen wiederholt auch ausgewiesen worden. Alternativ hatten ihnen aber einzelne Regierungen – so diejenige Japans in den Kriegen gegen China (1894/95) und Russland (1904/5) – einen kaum eingeschränkten Aufenthalt eingeräumt.60 Diese Zugeständnisse blieben in den beiden Weltkriegen überaus selten. Vielmehr setzten die Machteliten der kriegführenden Staaten nahezu ausnahmslos eine repressive Politik durch. Dabei war die Spannbreite des Vorgehens der Polizei und anderer Sicherheitsorgane allerdings erheblich. Das Spektrum reichte von der Diskriminierung (so Sprachverbote) über Kontrollen (u. a. Meldepflichten), Einschränkungen der persönlichen Freiheit (vor allem der Mobilität), Bürgerrechten und wirtschaftlicher Aktivitäten (einschließlich Enteignungen), über Deportationen, Internierung und Ausbürgerung bis zu Massenmorden. So eskalierte die Unterdrückung von Minderheiten, die als „innere Feinde“ galten, 1915 im Osmanischen Reich zu einem Genozid an den Armeniern und christlichen Assyrern. Der Völkermord spiegelte das totale Ausmaß der Kriegführung wider, trug aber auch selber erheblich zu deren Radikalisierung bei. Er beruhte auf bürokratischer Koordination und Planung. Erheblich 58 Paulmann, Vorherrschaft, S. 373. 59 Wlodzimierz Borodziej / Maciej Górny, Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912–1923, Bd. 1: Imperien 1912–1918, Darmstadt 2018, S. 183, 237; Caglioti, Subjects, S. 499. 60 Spiropoulus, Ausweisung, S. 24–29.

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verbreiteter waren in den beiden Weltkriegen aber Internierungen, die mit dem Notstand begründet wurde. Sie können zwar keineswegs ausschließlich auf das Streben nach Sicherheit zurückgeführt werden; allerdings bildeten Bedrohungsängste eine mächtige Triebkraft der Politik gegenüber Feindstaatenangehörigen, Minderheiten und Dissidenten. Zur Überwachung und Unterdrückung dieser Gruppen nutzten die Regierungen verschiedene Instrumente – von Notstandsgesetzen über Militärtribunale (conseils de guerre in Frankreich) bis zu „Schutzhaft“ (in Deutschland).61 Darüber hinaus diente die Sicherheit der kämpfenden Nation als Vorwand für staatliche Maßnahmen, die sich in drei Kategorien gliedern lassen: erstens Einschränkungen der persönlichen Freiheit und der Mobilität (kulminierend in Internierung, Deportation und Vertreibung) und zweitens Eingriffe in persönliche Freiheiten (so das Recht, sich zu versammeln, sich öffentlich zu äußern und gegen Urteile Einspruch zu erheben). Davon sind drittens Verletzungen der Eigentumsrechte (durch Beschlagnahme, Sequestrierung und Enteignung) zu unterscheiden. Diese fremdenfeindliche Repressionspolitik war in den Klassengesellschaften verwurzelt, welche die innere Ordnung der kriegführenden Staaten kennzeichnete. So lenkten die politischen Eliten mit der Kampagne gegen „innere Feinde“ von eigenen Fehlern ab. Unternehmer und Händler nutzten und verschärften die Agitation, um unliebsame Konkurrenten zu verdrängen, Protest gegen das Horten von Waren einzudämmen und Hungerunruhen wegen der zunehmenden Versorgungsmängel zu verhindern. Zugleich strebten Regierungen und staatliche Behörden an, ihren Zugriff auf die jeweilige Bevölkerung auszuweiten, so durch Gesetze, die eine verschärfte Kontrolle ermöglichten.62 Jedoch waren die herrschenden Eliten nicht nur in autokratischen Regimes wie dem Deutschen Kaiserreich und dem Russischen Zarenreich, sondern vor allem in Demokratien auf eine aktive, massive und nachhaltige Unterstützung breiter Bevölkerungsgruppen angewiesen. In diesen Staaten initiierten oder be61 Michael Mann, The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing, Cambridge 2005, S. 12, 24; Panikos Panayi, The Destruction of the German Communities in Britain during the First World War, in: ders. (Hg.), Germans in Britain since 1500, London 1996, S. 113–130, hier: S. 130; Ellis / Panayi, German Minorities, S. 238; Panayi, Minorities, S. 220, 238; Manz / Panayi / Stibbe, Internment, S. 1 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 103, 307 f.; Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 134; Winter, Cover, S. 191, 208, 212 f.; Caglioti, Aliens, S. 456; dies., Dealing with Enemy Aliens, S. 184–186; Huber, Fremdsein, S. 180, 200 f. 62 Dazu immer noch wichtig: Jürgen Kocka, Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914–1918, Göttingen 1973. Vgl. hierzu und zum Folgenden auch Mann, Dark Side, S. 21–23; Daniela L. Caglioti, Property Rights and Economic Nationalism, in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hg. von Ute Daniel u. a., issued by Freie Universität Berlin, Berlin 2014-10-08, S. 3 (DOI: 10.15463/ie1418.1036, Zugriff am 8. Mai 2020); dies., Aliens, S. 459.

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günstigten die Machthaber deshalb ebenso populistische, fremdenfeindliche Kampagnen. Dabei nutzten sie zivilgesellschaftliche Vereinigungen und neue Medien, so Frontzeitungen und das Kino. Die Erfahrung extremer Unsicherheit führte zu Spionagefurcht und Verschwörungsängsten, die sich in z. T. extremer Gewalt gegen „Fremde“ entluden. Sie richtete sich pauschal gegen nationale und ethnische Minderheiten, aber auch gegen alle Feindstaatenangehörigen, die sich jeweils in den kriegführenden Ländern aufhielten. Vielfach wurden sogar Eingebürgerte stigmatisiert, unterdrückt und verfolgt. Diese fremdenfeindliche (Selbst-)Mobilisierung ist damit integraler Bestandteil einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformation im Ersten Weltkrieg, die mit der Herausbildung von Kriegskulturen einherging. Sie umfassten schon in den Jahren von 1914 bis 1918 Mythen, die den Kampf und Tod für die jeweils eigene Nation verherrlichten.63 Da die Opfer von Zivilisten im Allgemeinen deutlich geringer bewertet wurden als die Verluste der Soldaten, bemühten sich Bevölkerungsgruppen, die nicht direkt an den Kämpfen teilnahmen, sich in den Krieg einzuschreiben. Dazu diente u. a. die Hilfe für Flüchtlinge. Aber auch der Kampf gegen „innere Feinde“ vermittelte die Illusion, an den jeweiligen nationalen Kriegsanstrengungen teilzuhaben. Mit der Agitation gegen zivile Feindstaatenangehörige und Minderheiten wurde der Krieg an der „Heimatfront“ fassbar, und das Vorgehen gegen „Saboteure“ und „Spione“ vermittelte Legitimation, Selbstbewusstsein und Macht, vor allem angesichts drohender oder bereits eingetretener Kriegsniederlagen.64 Zwar kann keine eindeutige Kontinuität von den Gewalterfahrungen des Ersten Weltkrieges über die faschistischen Diktaturen und die kommunistische Terrorherrschaft (vor allem in ihrer stalinistischen Variante) bis zum Zweiten Weltkrieg konstruiert werden, in dem schließlich mindestens vierzig Millionen Soldaten und Zivilisten starben. Im Hinblick auf die Sicherheitspolitik muss vor allem beachtet werden, dass besonders in den westlichen Demokratien – Frank63 „… it is indeed not war or ‚militarization‘ that organizes society, but society that organizes itself through and for war“ (Michal Geyer, The Militarization of Europe, 1914–1945, in: John Gillis [Hg.], The Militarization of the Western World, New Brunswick 1989, S. 79 f. Vgl. auch John Horne, The Soldier’s War: Coercion or Consent?, in: Jay Winter (Hg.), The Legacy of the Great War. Ninety Years on, Columbia 2009, S. 91–122; Annette Becker, Faith, Ideologies, and the „Cultures of War“, in: Horne (Hg.), Companion, S. 234–247; Harald Wippich, Internierung und Abschiebung von Japanern im Deutschen Reich im Jahr 1914, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 55 (2007), S. 18–40, hier: S. 18; Stibbe, Introduction, S. 11; Raphael, Gewalt, S. 61– 63. 64 Stefan Manz, Migranten und Internierte. Deutsche in Glasgow, 1864–1918, Stuttgart 2003, S. 231; Purseigle, Reception, S. 80, 83.

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reich, Großbritannien, Belgien, in den Niederlanden und den USA – seit den 1920er Jahren Flüchtlinge aus dem faschistischen Italien und dem „Dritten Reich“ (einschließlich Österreichs und des Sudetenlandes) lebten, die nur nominell Feindstaatenangehörige waren, aber die Regimes in ihren Heimatländern ablehnten. Umgekehrt wiesen die Machthaber des „Dritten Reiches“ und Italiens eine Schutzpflicht für die von ihnen Vertriebenen zurück, denen z. T. sogar ihre Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Diese Zivilisten hoben sich damit schon in rechtlicher Hinsicht von den Feindstaatenangehörigen ab, die sich im Ersten Weltkrieg in gegnerischen Ländern aufgehalten hatten.65 Aber bereits der erste globale Konflikt radikalisierte in allen beteiligten Mächten nachhaltig die politische Kultur. Gewalt gegenüber konstruierten und stigmatisierten Gegnern prägte nicht nur Monarchien, sondern zeitigten auch in Demokratien eine nachhaltige Wirkung. „Mobilisierung“, „Notwendigkeit“ und „Loyalität“ avancierten zu Leitbegriffen einer weitgespannten, oft hypertrophen Sicherheitspolitik. Die kriegführenden Regierungen brachen überlieferte Tabus und ließen überlieferte Rücksichtnahmen fallen. In diesem Rahmen wurden zivile Feindstaatenangehörige unterdrückt und interniert. In den „Mittelmächten“, die durch die britische Seeblockade wirtschaftlich eingeschnürt wurden, setzten die Regierungen die Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften durch, so in Deutschland mit dem „Hilfsdienstgesetz“, das im Dezember 1916 eine allgemeine Arbeitspflicht für Männer im Alter von 17 bis 60 Jahren anordnete. Auch Ausländer wurden erfasst und zwangsrekrutiert, so in den von Deutschland besetzten Gebieten Belgiens und Nordfrankreichs, aber ebenso in Rumänien. Demgegenüber griff von den Entente-Mächten nur Russland im besetzten Galizien zu diesen Maßnahmen. Aber auch auf neutrale Staaten hatte der Erste Weltkrieg erhebliche Auswirkungen. Diese Länder mussten eine erhebliche Zuwanderung von Flüchtlingen bewältigen und die Unterbrechung oder zumindest Störung des Handels ausgleichen. Zudem übernahmen ihre Regierungen vielfach Aufgaben als Schutzmächte der kriegführenden Länder.66 65 Robert Kempner, The Enemy Alien Problem in the Present War, in: American Journal of International Law 34 (1940), S. 443–458, hier: S. 444; Cohn, Aspects, S. 206 f.; Koessler, Internment, S. 100. Vgl. auch Pitzer, Night, S. 224. 66 Vgl. Jens Thiel, Between Recruitment and Forced Labour: The Radicalization of German Labour Policy in Occupied Belgium and Northern France, in: First World War Studies (2013), S. 39–50, hier: S. 39–41; Hannes Leidinger / Verena Moritz, Flüchtlingslager in Osteuropa im Ersten Weltkrieg, Erschließung, Positionisierung und Skizzierung einer halb erkundeten Themenlandschaft, in: Jahr / Thiel (Hg.), Lager, S. 177–196, hier: S. 194; Kevin Passmore, Introduction: Political Violence and Democracy in Western Europe, 1918–1940, in: Millington / Passmore (Hg.), Political Violence, S. 1–13, hier: S. 1, 8; Kramer, Great War, S. 25, 43; Leonhard, Peace, S. 38, 41; Strachan, First World War, S. 1114; Kershaw, War, S. 110–115, 117 f., 122. Vgl. auch Panayi, Societies, S. 12–14, 19 f., 23; Jarausch, Out of Ashes, S. 91.

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Darüber hinaus wurden im Ersten Weltkrieg Feindstaatenangehörige, aber auch als unzuverlässig geltende Minderheiten vertrieben und verschleppt. Diese Zwangsmigration, die in der historischen Forschung lange unbeachtet geblieben ist, initiierten und forcierten staatliche Institutionen.67 Alles in allem vollzog sich vor allem ab 1916 eine „Totalisierung der Kriegführung“. Die destruktive Dynamik verwies auf den Zweiten Weltkrieg, in dem Gewalt jedoch ein nicht gekanntes Ausmaß erreichte. So wies der Holocaust zwar durchaus Kontinuitäten zum Umgang mit Zivilisten während des Ersten Weltkrieges auf, als gleichfalls „innere Feinde“ in Lagern inhaftiert, zwangsweise deportiert oder sogar erschossen wurden. Dennoch war die rassistisch motivierte systematische Vernichtung von Minderheiten – besonders der Juden – und „Volksschädlingen“ im „Dritten Reich“ und im besetzten Europa hinsichtlich ihres Ausmaßes und der Methoden präzedenzlos. Die Angst vor Verrat und Spionage erwies sich aber ebenso als Folgelast des Ersten Weltkrieges wie die Unterdrückung von zivilen Feindstaatenausländern und Angehörigen von Minderheiten. Die von den Nationalsozialisten errichteten Konzentrationslager hoben sich auch von den Straf- und Arbeitslagern des GULag ab, welche die Machthaber des „Dritten Reiches“ zudem keineswegs unmittelbar als Vorbild wahr- und aufnahmen.68 Darüber hinaus hatte die Auflösung der multiethnischen Imperien des russischen Zaren, der Habsburger und der Osmanen ethnische Gemengelagen einerseits und den Homogenisierungsdruck andererseits nicht aufgelöst. Vielmehr waren aus der Niederlage der „Mittelmächte“ besonders in Ostmittel- und Südosteuropa neue Nationalstaaten hervorgegangen, in denen z. T. starke Minderheiten auf Mitsprache, Autonomie oder sogar Unabhängigkeit drängten. Die politischen Eliten der Titularnationen suchten diese Bestrebungen, die sie als Gefahr für die Sicherheit der Staaten wahrnahmen, zu unterdrücken, denn die Sezession von den aufgelösten multiethnischen Reichen sollte durch die innere Nationalstaatsbildung vollendet werden. Daraus resultierten Gegensätze, Span67 Vgl. Leidinger / Moritz, Flüchtlingslager, S. 181. Dazu auch Piskorski, Die Verjagten, S. 35– 67; Oltmer, Globale Migration, S. 79–82. Zur Rolle des Staates: Saskia Sassen, Migranten, Siedler, Flüchtlinge. Von der Masseneinwanderung zur Festung Europa, Frankfurt/M. 2000, S. 100. 68 Dazu Einzelheiten in: Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2018, S. 14–17. Vgl. auch Geoffrey Smith, The Japanese Canadians and World War II, in: Saunders / Daniels (Hg.), Alien Justice, S. 93–113, hier: S. 93; Raphael, Gewalt, S. 43; Kramer, Great War, S. 39, 43. Zitat: Jens Thiel, Kriegswirtschaftliche Interventionen: die Etablierung von Zwangsarbeiterregimen im Ersten Weltkrieg, in: Jochen Oltmer (Hg.), Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert, Berlin 2016, S. 385–416, hier: S. 393; Jens Thiel / Christian Westerhoff, Deutsche Zwangsarbeiterlager im Ersten Weltkrieg. Entstehung – Funktion – Lagerregimes, in: Jahr / Thiel (Hg.), Lager, S. 117– 139, hier: S. 123. Allgemein: Echternkamp, Krieg, S. 12 f.; Jones, Great War, S. 85; Leonhard, Frieden, S. 612, 622, 1268.

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nungen und Konflikte, die nach dem Abschluss der Pariser Vorortverträge (1919/20) mittelfristig von den revisionistischen Mächten ausgenutzt wurden, um eine Expansionspolitik im Namen der Sammlung des Volkes zu rechtfertigen. Dazu beriefen sich die jeweiligen Regierungen und Eliten oft auch explizit auf Wilsons Konzept des „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“.69 Der Erste Weltkrieg hatte den Kult der Gewalt verstärkt, der schon im späten 19. Jahrhundert nicht nur national, sondern auch rassistisch aufgeladen worden war. Damit verbunden waren westlich-europäische Formen und Modelle des Regierens.70 So hatte das Ziel, ethnisch homogene Nationalstaaten zu schaffen, bereits in den 1890er Jahren Vorschläge für umfassende Bevölkerungstransfers hervorgebracht, besonders im Osmanischen Reich. Vor diesem Hintergrund gingen die Konstruktion und Repression „innerer Feinde“ in den Jahren von 1914 bis 1918 mit einer fundamentalen Radikalisierung der Politik und extremen Polarisierung einher. Das Freund-Feind-Denken hatte die Sehnsucht nach Sicherheit gesteigert. Nicht nur die Kämpfe an der Front, sondern auch die Repression stigmatisierter Minderheiten mündeten in entgrenzte Gewalt, die sich zugleich gegen (vermeintliche) innere und äußere Feinde richtete. Sie erfasste viele (aber keineswegs alle) Soldaten, die sich nach 1918 besonders in Deutschland, Österreich und Ungarn paramilitärischen Verbänden wie den Freikorps anschlossen. Hier bilden sich grenzüberschreitend Gewalträume heraus, da die Gruppen miteinander vernetzt waren. Die Eskalation war auch den Folgelasten der Demobilisierung geschuldet, die in vielen Ländern zu Anpassungsschwierigkeiten und Enttäuschung geführt hatten.71

69 Langewiesche, S. 341, 343 f. 70 Stibbe, Civilian Internment, S. 291. 71 Jochen Böhler, Enduring Violence: The Postwar Struggles in East-Central Europe, 1917–21, in: Journal of Contemporary History 50 (2015), S. 58–77, hier: S. 58–60, 73; Frank, Minorities, S. 409. Die Rolle ehemaliger Soldaten wird besonders betont in: Robert Gerwarth / John Horne, The Great War and Paramilitarism in Europe, 1917–23, in: Contemporary European History 19 (2010), S. 267–273, hier: S. 270; Peter Gatrell, War after the War: Conflicts, 1919–23, in: Horne (Hg.), Companion, S. 558–575; John Horne, War and Conflict in Contemporary European History, 1914–2004, in: Konrad H. Jarausch / Thomas Lindenberger (Hg.) Conflicted Memories. Europeanizing Contemporary Histories, New York 2007, S. 81–95; Robert Gerwarth, The Central European Counter-Revolution: Paramilitary Violence in Germany, Austria and Hungary after the Great War, in: Past and Present 200 (2008), S. 175–209; ders., Fighting the Red Beast: Counter-Revolutionary Violence in the Defeated States of Central Europe, in: ders. / John Horne (Hg.), War in Peace. Paramilitary Violence in Europe after the Great War, Oxford 2012, S. 52– 71; ders. / Stephan Malinowski, Europeanization through Violence? War Experiences and the Making of Modern Europe, in: Martin Conway / Kiran Klaus Patel (Hg.), Europeanization in the Twentieth Century. Historical Approaches, Houndmills 2010, S. 189–209; Stibbe, Civilian Internment, S. 239 f.; Kershaw, War, S. 113; Frie, 100 Jahre, S. 102 f.

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Gerade aber die fremdenfeindliche Mobilisierung der Zivilisten belastete in den kriegführenden Staaten nachhaltig die politische Kultur. Die Repression, Deportation oder sogar Ermordung „innerer Feinde“ verlängerte vor allem in Mittel- und Osteuropa nicht nur den Ersten Weltkrieg bis zu den frühen 1920er Jahren, sondern sie beseitigten auch mittelfristig humanitäre Hemmschwellen. Blutige Konflikte, denen Zehntausende Menschen zum Opfer fielen, brachten auch Zivilisten gegeneinander auf, so in den oft gewalttätigen Streiks. Vor diesem Hintergrund wurden noch im Zweiten Weltkrieg viele „Feinde“ nicht nur auf Anordnung der Regierungen, sondern auch auf Druck großer Bevölkerungsgruppen deportiert, verdrängt, interniert oder sogar ermordet.72 Bürgerkriege und andere Unruhen erschütterten 1917/18 und nach dem Ersten Weltkrieg mehrere Länder. Besonders eklatant war der Verlust der Kontrolle – auch über die Zivilinternierten – im revolutionären Russland. Hier bemühte sich die Provisorische Regierung ab Februar 1917 um ein multilaterales Abkommen zur Entlassung gefangener Zivilisten, die von den Bolschewiki schließlich bedingungslos freigegeben wurden. Demgegenüber wurden nun verstärkt eigene Bürger als „Klassenfeinde“ festgenommen, inhaftiert und vielfach sogar ermordet. In Bürgerkriegen knüpften auch Akteure in Staaten wie Irland, Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn an die Internierungspraxis der Kriegsjahre an. Allein in Finnland verhafteten die Behörden 80.000 (vermeintliche) Angehörige der Roten Graden, von denen 12.000 starben.73 In den Auseinandersetzungen verband sich extreme Gewalt mit einem Veteranenkult, einem radikalen Nationalismus und militanten Antibolschewismus, der mit antisemitischen Verschwörungstheorien verknüpft war. Paramilitärische Verbände mobilisierten und verstärkten Angst. Dieses Syndrom von ideologischen Antriebskräften, Emotionen und Handlungspraktiken bildete den Wurzelgrund des Faschismus, der in Benito Mussolinis Kampfbünden (fasci di combattimento) in Oberitalien 1919 erstmals offen hervortrat. Obgleich die faschistische Partei (Partito Nazionale Fascista) nach ihrer Gründung 1921 politisch zunächst wenig erfolgreich war, traf die Verfolgung von Marxisten, Sozia-

72 Vgl. Bernd Weisbrod, Gewalt in der Politik. Zur politischen Kultur in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43 (1992), S. 391–404; ders., Sozialgeschichte und Gewalterfahrung im 20. Jahrhundert, in: Paul Nolte u. a. (Hg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, München 2000, S. 112–123; Rainer Godel, Anti-Bourgeois Novels with Bourgeois Readers: „Justifying“ Violence in German Volunteer Corps Novels, in: German Studies Review 34 (2011), S. 325–344. Zur paramilitärischen Gewalt nach dem Ersten Weltkrieg schon früh: Arno J. Mayer, Post-War Nationalisms 1918–1919, in: Past and Present 34 (1966), S. 114–126; Khan, Das Rote Kreuz, S. 70 f.; Leonhard, Frieden, S. 612 73 Leonhard, Frieden, S. 611; Stibbe, Civilian Internment, S. 244–246.

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listen, Kommunisten und Liberalen schon vor der Machtübertragung auf Mussolini im Oktober 1922 grenzüberschreitend auf Resonanz. Der Faschismus ist ohne den Ersten Weltkrieg nicht denkbar, schon wegen des brutalen Umgangs mit wehrlosen Gruppen, die zu „inneren Feinden“ erklärt worden waren. Damit verbunden, verlängerten die Regierungen vieler Staaten die Notstandsgesetze bis zu den frühen 1920er Jahren.74 Allerdings darf die Kontinuität des Vorgehens gegen Zivilisten nicht überzeichnet werden. So verstanden sich vor allem in Deutschland junge Männer, die von 1914 bis 1918 nicht gekämpft hatten, als Vertreter der Kriegsgeneration. Die extreme politische Gewalt, die hier in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren die Weimarer Republik erschütterte, erwuchs nicht vorrangig aus dem Ersten Weltkrieg, sondern besonders aus den Unruhen paramilitärischer Gruppen, die den Waffenstillstand, den Versailler Vertrag und den Systemwechsel von der Monarchie zur parlamentarischen Republik ablehnten. Zudem sind nationale Unterschiede in Rechnung zu stellen. So wurden die Übergriffe der Freikorps in der Weimarer Republik von 1918 bis 1922 von der Regierung und der Reichswehr unterstützt. Demgegenüber gingen sie in Italien von einer Minderheit radikaler Aktivisten – besonders von den Elitestoßtruppen des Ersten Weltkrieges, den Arditi – aus. Insgesamt kann das Ende des Ersten Weltkrieges wegen der hier dargelegten Nachwirkungen als Zäsur im Umgang mit „inneren Feinden“ und zivilen Feindstaatenangehörigen gelten.75

Die Unterdrückung „innerer Feinde“ In beiden Weltkriegen erweiterten staatliche Behörden auch ihre Überwachung von Minderheiten, welche die verstärkte nationale Homogenisierungspolitik zu blockieren schienen. Sie verdächtigten Regierungen und breite Bevölkerungsgruppen ebenso der Illoyalität wie Dissidenten, welche die Politik „ihrer“ Regierung kritisierten oder offen ablehnten. Diesen Gruppen wurde als „fünfte Kolonne“ der Feinde Spionage und Sabotage unterstellt – eine Verschwörungsvorstel74 Ángel Alcalde, Towards Transnational Fascism: German Perceptions of Mussolini’s Fascists and the Early NSDAP, in: Politics, Religion and Ideology 2018, S. 1–20, hier: S. 5 f. (https:// www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/21567689.2018.1449109?journalCode=ftmp21; Zugriff am 23. März 2018); Leonhard, Frieden, S. 615; Stibbe, Civilian Internment, S. 16; Raphael, Gewalt, S. 39 f., 190–192. 75 Martin Clark, Italian Squadrismo and Contemporary Vigilantism, in: European History Quarterly 18 (1988), S. 33–49; Jorge Dagnino, The Myth of the New Man in Italian Fascist Ideology, in: Fascism 5 (2016), S. 130–148, hier: S. 131; Jones, Political Violence, S. 16 f., 21 f., 24; Ziemann, Germany, S. 85 f., 91 f.; Frie, 100 Jahre, S. 99.

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lung, die sich vor allem in Großbritannien, aber auch in den anderen europäischen Großmächten schon in den Jahren vor 1914 herausgebildet hatte. Angesichts der hypertrophen Sicherheitsängste verschwamm vielfach der rechtliche und politische Unterschied zwischen Flüchtlingen, Deportierten und Internierten. Letztlich destabilisierte die Eingruppierung der Bevölkerung nach nationalen Kriterien und (angenommener) Loyalität in beiden Weltkriegen die staatlichen Ordnungen, besonders in den multiethnischen Reichen.76 Der totale Krieg steigerte von 1914 bis 1918 den Stellenwert der jeweiligen „Heimatfront“ noch, an der sich schon in den ersten Wochen eine nicht kontrollierbare Furcht vor „inneren“ Feinden herausbildete.77 Die Ängste, die in vielen kriegführenden Staaten bereits vor 1914 verbreitet worden waren, wurden von politischen und gesellschaftlichen Akteuren bewusst mobilisiert, verstärkt und ausgenutzt, um die Repressionspolitik zu rechtfertigen. Im Ersten Weltkrieg vollzog sich eine Militarisierung, die sich in weitreichen Maßnahmen gegen zivile Feindstaatenangehörige niederschlug – von der Registrierung über die Enteignung bis zur Internierung. So war die Einweisung dieser Gruppe in Lager zwar keinesfalls präzedenzlos, wohl aber ihre Dauer und die Zahl der davon betroffenen Personen.78 Zivilgesellschaftliche und humanitäre Gruppen stellten sich nicht entschieden gegen die rigorose Überwachung oder sogar Inhaftierung potentieller „Verräter“. Diese Maßnahmen gegen Angehörige der jeweiligen Kriegsgegner wurden deshalb in allen beteiligten Staaten mit Hinweisen auf die nationale Sicherheit und die Notwendigkeit begründet, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Neben unspezifischen Gerüchten waren dafür konkrete Besorgnisse maßgeblich, so die Angst der Militärbefehlshaber vor dem Verrat von Geheimnissen. Zudem standen die staatlichen Behörden unter dem Druck fremden-

76 Panikos Panayi, Prisoners of Britain. German Civilian and Combatant Internees during the First World War, Manchester 2012, S. 41; ders., Germans in Britain during the First World War, in: Historical Research 63 (1991), S. 63–76, S. 64, 74; Julie Thorpe, Displacing Empire: Refugee Welfare, National Activism and State Legitimacy in Austria-Hungary in the First World War, in: Panikos Panayi / Pippa Virdee (Hg.), Refugees and the End of Empire, Basingstoke 2011, S. 102– 126, hier: S. 102, 104 f. Vergleichend: Leonhard, Büchse, S. 347–353, 364–386. 77 Demgegenüber ist Florian Altenhöner davon ausgegangen, dass der „innere“ den „äußeren Feind“ erst im Verlauf des Ersten Weltkrieges ablöste. Vgl. Florian Altenhöner, Kommunikation und Kontrolle. Gerüchte und städtische Öffentlichkeiten in Berlin und London 1914/1918, München 2008, S. 277. Beide Feindbilder waren aber von Beginn an wechselseitig aufeinander bezogen. 78 Claude Farcy, Les camps de concentration français de la Première Guerre Mondiale (1914– 1920), Paris 1995, S. 363; Audoin-Rouzeau / Becker 14–18. Understanding the Great War, S. 51– 53. Vgl. auch Garner, International Law, Bd. 1, S. 61, 75, 80, 83, 101.

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feindlicher Bevölkerungsgruppen, deren z. T. hysterische Ängste vor Sabotage und Spionage sie im Allgemeinen selber geweckt oder verstärkt hatten.79 So erlegten die Regierungen in allen kriegführenden Staaten zivilen Feindstaatenangehörigen nicht nur eine verschärfte Kontrolle auf, sondern sie deportierten und internierten diese enemy aliens auch. Wie angedeutet, galten ebenso nationale und ethnische Minderheiten als „innere Feinde“, besonders in den multiethnischen Imperien Österreich-Ungarns, des Osmanischen Reiches und des russischen Zarenreiches. Hier barg schon vor 1914 die heterogene Zusammensetzung der Bevölkerungen ein Potential für gewalttätige Konflikte, die vielerorts aber erst im Ersten Weltkrieg ausbrachen. Dabei richteten sich Zwangsmaßnahmen auch gegen eigene Bürger, besonders Bewohner von Grenzräumen. Diese waren im Gegensatz zu den Feindstaatenangehörigen im Allgemeinen aber rechtlich geschützt. Auch das Hinterland geriet unter die Kontrolle der Militärs. Ebenso steigerte der Erste Weltkrieg die Gewalt gegen Minoritäten. Deportationen und Geiselnahmen, die Sicherheit vor Sabotage zu versprechen schienen, waren besonders in Osteuropa weit verbreitet. Sogar aktive Soldaten, die jeweils anderen Völkern angehörten (so Russlanddeutsche, Juden und Tschechen, die für das Zarenreich kämpften) wurden des Verrats beschuldigt. Insgesamt löste sich besonders hier die Grenze zwischen der zivilen und militärischen Sphäre im Ersten Weltkrieg zusehends auf.80 Nicht zuletzt richtete sich die Sicherheits- und Repressionspolitik gegen gesellschaftliche Randgruppen wie Prostituierte. Ebenso wie Feindstaatenangehörige, Minderheiten, Sozialisten und Pazifisten galten sie im Ersten Weltkrieg als Sicherheitsrisiko. Dabei wurden soziale Vorurteile fortgeschrieben, die sich beispielsweise in Frankreich gegen „Nomaden“ (nomades) und „unnütze Esser“ (bouches inutiles) richteten. In Deutschland galten „Arbeitsscheue“ und unter den Vagabunden besonders die „Zigeuner“ zumindest als potentielle „innere Feinde“. Außer der Internierung griffen die – oft vorangegangene – Deportation und die zwangsweise Aussiedlung dieser Gruppen aus frontnahen Gebieten und als gefährdet eingestuften Zonen oft tief in das Alltagsleben der Betroffenen ein, von denen die staatlichen Behörden viele schon unmittelbar nach Kriegsbeginn aus ihren Wohnorten verwiesen. In Österreich-Ungarn und Frankreich wurden von 1914 bis 1918 jeweils bis zu zwei Millionen Zivilisten verschleppt. 79 Best, Humanity, S. 231 f. Zur Sicherheit und öffentlichen Ordnung als Leitvorstellungen vgl. Garner, International Law, Bd. 2, S. 169 f., 180–182. 80 Maciej Górny, Der Feind im Osten. Gewalt, Propaganda und Kultur an der Ost- und Südostfront im Ersten Weltkrieg, in: Echternkamp / Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen, S. 175– 184, bes. S. 175, 177 f.; Leidinger / Moritz, Der Erste Weltkrieg, S. 59; Manz / Panayi, Enemies, S. 32; Stibbe, Civilian Internment and Civilian Internees, S. 51 f.; ders., Civilian Internment, S. 135; Böhler, Violence, S. 62–64.

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Auch die wirtschaftliche Tätigkeit „innerer Feinde“ schränkten die Behörden z. T. erheblich ein. Andere Maßnahmen gegen ausländische und einheimische Wanderarbeiter und Arme spiegelten die soziale Differenzierung und Diskriminierung gesellschaftlicher Klassen an der „Heimatfront“ wider, so in ÖsterreichUngarn, wo zwischen Bemittelten und Unbemittelten unterschieden wurde. In den USA waren in beiden Weltkriegen vor allem arme Einwanderer besonders von Verhaftung und Internierung betroffen.81 Im Gegensatz zu Feindstaatenangehörigen wurden Deportierte aus Kriegszonen und Flüchtlinge und Evakuierte von ihren eigenen Regierungen festgesetzt. Die Gruppe schloss aber auch Soldaten und Zivilisten ein, die Zuflucht in neutralen Staaten wie den Niederlanden und der Schweiz gefunden hatten. Damit wollten diese Länder ihre Neutralität sichern, ihr humanitäres Engagement abschirmen und ihre politische Legitimität als Vermittler bewahren. Flüchtlinge wurden deshalb interniert. In den Lagern variierten die Lebensbedingungen oft erheblich. Besonders eklatant waren Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen. So konnten begüterte Internierte in vielen Lagern zusätzliche Lebensmittel erwerben und sogar Bedienstete halten. Darüber hinaus sind geschlechts- und altersspezifische Differenzen in Rechnung zu stellen, denn auch Frauen und Kinder, die gegnerischen Staaten angehörten, wurden z. T. interniert. Fremdenfeindliche Vorurteile richteten sich besonders gegen Frauen von Lagerinsassen. Vor allem weibliches Verhalten, das von gesellschaftlichen Konventionen abwich (so „unerwünschte“ sexuelle Beziehungen) wurde in vielen Staaten hart bestraft.82 Dabei waren auch Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Staaten wichtig, die den Umgang der Kriegsgegner mit ihren Staatsangehörigen genau beobachteten und bei Klagen oft zu Repressalien griffen. Staatliche Maßnahmen trafen aber auch innenpolitische Gegner des Krieges wie die pazifistische UDC, die im August 1914 in Großbritannien u. a. von dem bekannten Labour-Politiker (und späteren Premierminister) Ramsay MacDonald (1866–1937), dem Publizisten Norman Angell (1872–1967) sowie den liberalen Politikern Edmund Dene Morel (1873–1924), Charles Trevelyan (1870–1958) und Arthur Ponsonby (1871–1946) gegründet worden war. Aus der Perspektive der britischen Regierung gefährdete die in demselben Monat etablierte Fellowship of Reconciliation ebenfalls die „nationale Sicherheit“.83 81 Best, Humanity, S. 227; Keil / Stibbe, Laboratorium, S. 544, 550-552; Stibbe, Civilian Internment, S. 154–161. Angaben nach: Thorpe, Empire, S. 102. 82 Stibbe, Civilian Internment, S. 155 f.; Manz / Panayi, Enemies, S. 15–18. 83 Panikos Panayi, Germans as Minorities during the First World War: Global Comparative Perspectives, in: ders. (Hg.), Germans as Minorities during the First World War. A Global Comparative Perspective, Burlington 2014, S. 3–26, hier: S. 17. Zur UDC: Marvin Schwarz, The Union

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In Deutschland unterbanden die Behörden von Februar 1916 bis November 1918 die Aktivitäten des „Bundes Neues Vaterland“, der im Herbst 1914 gegründet worden war und daraufhin den „Aufruf an die Europäer“ veröffentlicht hatte. In dem Appell, mit dem die Unterzeichnenden – darunter Albert Einstein (1879–1955) und Georg Friedrich Nicolai (1874–1964) – auf den nationalistischen „Aufruf an die Kulturwelt“ reagierten, betonte der Verband die grenzüberschreitenden Bindungen der Menschen, besonders in Europa. Dieses Bekenntnis begründete auch die Teilnahme an der Weltfriedenskonferenz der Frauen in Den Haag 1915. Mit dem Verbot und der Unterdrückung der Organisation zerriss die deutsche Reichsleitung die Verbindungen des Bundes mit Kriegsgegnern im europäischen Ausland, so der Fabian Society und der UDC. Auch der Kontakt zu dem französischen Schriftsteller und Pazifisten Romain Rolland (1866–1944) wurde unterbrochen. Mitglieder wie Hans Paasche (1881– 1920), der als junger Marinesoldat 1905 zur Unterdrückung eines Aufstandes in Deutsch-Ostafrika eingesetzt worden war, sahen sich im Ersten Weltkrieg Anklagen wegen Verrats ausgesetzt. Der Historiker Ludwig Quidde (1858–1941), der sich 1894 der zwei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft angeschlossen hatte, musste wegen der politischen Verfolgung wiederholt in die Schweiz und in die Niederlande ausweichen. Durch Verhaftungen, Verhöre und Zensur wurden die „Deutsche Friedensgesellschaft“ und der „Bund Neues Vaterland“, zu dessen Gründern der Pazifist Otto Lehmann-Russbüldt (1873– 1964) zählte, in Deutschland „praktisch erdrosselt“, bevor die Organisation im Februar 1916 ihre Tätigkeit wegen des Verdachts „landesverräterischer Beziehungen“ einstellen musste. Demgegenüber konnte das „Deutsche Hilfswerk für die Kriegs- und Zivilgefangenen“, das Deutsche in der Hand der Kriegsgegner unterstützte, seine Arbeit ungehindert fortsetzen. Ebenso gelang es einzelnen weiblichen Lobbyorganisationen wie dem „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“, dem drohenden Verbot zu entgehen, indem sie karitativ für deutsche Kriegsopfer arbeiteten.84 of Democratic Control in British Politics during the First World War, Oxford 1971; Art. „Union of Democratic Control“, in: John Ramsden (Hg.), The Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, Oxford 2002, S. 662; Martin Ceadel, Angell, Ralph Norman, in: Ute Daniel u. a. (Hg.), 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Berlin 201512-17 (doi:10.15463/ie1418.10788; Zugriff am 13. Mai 2020); Searle, A New England?, S. 764. 84 Laqua, Reconciliation, S. 209 f., 212; David Welch, Germany, Propaganda and Total War: 1914–1918. The Sins of Omission, New Brunswick 2000, S. 137. Zitate (in dieser Reihenfolge): Otto Lehmann-Russbüldt, Der Kampf der Deutschen Liga für Menschenrechte für den Weltfrieden 1914–1927, Berlin 1927, S. 58; Schudnagis, Kriegs- und Belagerungszustand, S. 160. Zu Paasche: Mary Fulbrook, Lange Schatten der Erinnerungen: Gewalterfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges im historischen Bewusstsein der Generation im 20. Jahrhundert, in: Echternkamp / Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?, Berlin 2017, S. 205–213, hier: S. 208.

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Im Gegensatz zu den nationalen gesellschaftlichen Verbänden trafen die transnational orientierten Pazifisten, die sich vor 1914 zu Weltfriedenskongressen getroffen hatten, mit ihren Forderungen nach der Einrichtung einer Schiedsgerichtsbarkeit, dem Abbau von Feindbildern, der Erweiterung des Völkerrechts und einer transparenten Außenpolitik im Ersten Weltkrieg kaum auf Resonanz. 1917 kam es in Deutschland sogar nochmals zu einer politischen Polarisierung, als die neugegründete Deutsche Vaterlandspartei ein rigoroses Vorgehen gegen Kriegsgefangene und zivile Feindstaatenangehörige forderte. Demgegenüber trat der im Dezember 1917 gebildete „Volksbund für Freiheit und Vaterland“ für eine Verständigung mit den Kriegsgegnern und innenpolitische Reformen ein. Die Wirkung des Verbandes auf die öffentliche Meinung blieb aber ebenso gering wie der Einfluss der „Spartakusgruppe“ um Karl Liebknecht (1871–1919) und Rosa Luxemburg (1871–1919) in der SPD.85 Die Regierungen begründeten die Restriktionen jeweils mit dem Schutz ihrer Bevölkerungen. Die politischen Eliten und besonders die führenden Militärs betrachteten die pazifistischen Organisationen als Gefahr für die „öffentliche Sicherheit“. Sie konnten allerdings nicht verhindern, dass deutsche und englische Kriegsgegner, die sich auf grundlegende Freiheits- und Menschenrechte beriefen, mit ähnlichen Verbänden in neutralen Staaten wie dem Nederlandsche Anti-Oorlog-Raad in den Niederlanden kooperierten. Dort, in Schweden und in der Schweiz versammelten sich zudem Kriegsgegner, um über Konzepte zukünftiger internationaler Zusammenarbeit zu beraten, so im November 1917 in Bern. Diese Akteure und ihre Organisationen bezogen Humanität jeweils vorrangig auf Frieden. Der Pazifismus war im Ersten Weltkrieg damit ein wichtiger Kontext früher menschenrechtlicher Diskurse.86 Der Ausnahmezustand, den viele Regierungen zu Beginn der beiden Weltkriege erklärt hatten, ermöglichte den Behörden, Menschenrechte von Feindstaatenangehörigen und Kriegsgegnern einzuschränken. Die mehr als acht Millionen Kriegsgefangenen, die im Ersten Weltkrieg in die Hand von gegnerischen Regierungen gerieten, überwiegend in Lagern festgehalten und z. T. zu Arbeit gezwungen wurden, mussten nach den Bestimmungen der Haager Landkriegs-

85 Vgl. Katherine Storr, Excluded from the Record. Women, Refugees and Relief 1914–1929, Oxford 2010, S. 21; auch Ormerod Greenwood, Quaker Encounters, Bd. 1, S. 180; Stibbe, Germany, S. 50; Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt/ M. 22014, S. 236; Huber, Verfassungsgeschichte, Bd. 5, S. 55 (Fußnote 81); Proctor, Civilians, S. 183. 86 Ludwig Quidde, Der deutsche Pazifismus während des Weltkrieges 1914–1918. Aus dem Nachlaß Ludwig Quiddes, hg. von Karl Holl, Boppard 1979, bes. S. 68, 118 f., 148, 163.

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ordnung von 1907 grundsätzlich human behandelt werden.87 Dagegen blieben zivile Feindstaatenangehörige, die bei Kriegsausbruch im Ausland ihren Urlaub verbrachten, dort dauerhaft lebten und sogar eingebürgert waren, ohne völkerrechtlichen Schutz. Auch der Umgang mit Flüchtlingen war ungeregelt. So setzten mehrere Regierungen kurzfristig Gesetze durch, die zunächst oft eine vorübergehende Polizei- und Schutzhaft legalisierten. Anschließend wurden sie im Allgemeinen interniert. Zudem entzogen die Regierungen diesen zivilen Angehörigen der jeweiligen Feindstaaten (enemy aliens) vielfach ihr Eigentum. Sie nutzten und förderten dabei die nationalistische und fremdenfeindliche Agitation, die radikale Feindbilder verbreitete. Die Behörden spannten in den einzelnen Staaten die Bevölkerung ein, die an der Identifizierung, Überwachung und Festnahme von Dissidenten und Feindstaatenangehörigen mitwirkte. Alles in allem verbanden sich populistische Mobilisierung und zunehmende Staatsintervention mit einer Einschränkung des Verfügungsrechtes „innerer Feinde“ über ihr Eigentum und Eingriffe in ihre Freiheit. Damit beseitigten die Regierungen vieler kriegführender Staaten Grundlagen des Wirtschaftsliberalismus und individuelle Rechte, die in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, der amerikanischen Bill of Rights von 1791 und in den Verfassungen kontinentaleuropäischer Staaten im 19. Jahrhundert verbrieft worden waren.88 Ebenso schränkten die staatlichen Behörden den Spielraum zur Artikulation von Dissens erheblich ein, nicht nur in den (konstitutionellen) Monarchien, sondern sogar in Republiken wie Frankreich, wo Bürgerrechte und Freiheit zu den Postulaten der Revolution von 1789 gehört hatten. Damit sollte die unablässig propagierte nationale Geschlossenheit gesichert werden. Gefahren durch Spione und Saboteure wurden beschworen, um die jeweiligen Gesellschaften für den Krieg zu mobilisieren. Indem sie an der Identifizierung, Überwachung und Festnahme von Dissidenten und Feindstaatenangehörigen mitwirkten, nahmen auch Zivilisten eine wichtige Rolle bei der Kriegführung ein. Nicht zuletzt boten die Internierung und Enteignung von enemy aliens Gelegenheit, deren Besitz zu rauben. Unter dem Vorwand, die „nationale Sicherheit“ gewährleisten zu müssen, verhängten Regierungen restriktive Maßnahmen, um ausländische Einflüsse in den Volkswirtschaften (z. B. durch Beteiligungen an Unternehmen) zu beseitigen und das Eigentum von Feindstaatenangehörigen 87 Angabe nach: Oxana Nagornaja, Das deutsche Zwangsarbeitssystem des Ersten Weltkrieges als Lernprozess. Das Beispiel der russischen Kriegsgefangenen, in: Kerstin von Lingen / Klaus Gestwa (Hg.), Zwangsarbeit als Kriegsressource in Europa und Asien, Paderborn 2014, S. 143– 154, hier: S. 143. 88 John McDermott, Trading With the Enemy: British Business and the Law During the First World War, in: Canadian Journal of History 32 (1997), S. 201–219, hier: S. 203; Gosewinkel, Introduction, S. 10 f. Zur völkerrechtlichen Lage: Segesser, Lager, S. 46 f.

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zu beschlagnahmen oder sogar einfach einzuziehen. Über den Schutz der jeweiligen Bevölkerung hinaus rechtfertigten die herrschenden Eliten die restriktiven Maßnahmen mit dem Hinweis auf ähnliche Verfahren in Feindstaaten.89 Dabei war das Deutsche Kaiserreich allerdings zumindest gegenüber den westlichen Kriegsgegnern im Nachteil, denn insgesamt hielten sich hier im August 1914 maximal 15.000 Feindstaatenangehörige auf. Demgegenüber hatte das International Labour Office 1910 rund 317.070 als Deutsche geborene Einwohner in Großbritannien, Frankreich und Russland gezählt. In den Vereinigten Staaten waren sogar zweieinhalb Millionen Deutsche registriert. In Südafrika lebten 12.799, in Kanada 39.577, in Neuseeland 4.015 und in Asien 4.153 Deutsche. Umgekehrt wohnten insgesamt nur 184.307 Franzosen, Briten und Staatsangehörige des russischen Zarenreiches in Deutschland. Auch 1914 hielten sich deutlich mehr Deutsche in Großbritannien und Frankreich auf als umgekehrt Franzosen und Briten in Deutschland. Während im Vereinigten Königreich rund 70.000 Deutsche lebten, belief sich die Zahl der in Deutschland wohnenden britischen Bürger auf lediglich etwa 10.000. Auch gegenüber Frankreich bestand ein deutliches Ungleichgewicht, denn im Deutschen Kaiserreich hielten sich bei Kriegsbeginn lediglich 10.000 Franzosen auf. Dagegen waren in Frankreich 60.000 Deutsche gemeldet.90 Diese Asymmetrien erschwerten nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges Übereinkommen zur Freilassung von Gefangenen im Allgemeinen, und sie benachteiligten die deutsche Regierung im Besonderen. Die Regierung des Vereinigten Königreiches wies deshalb in Verhandlungen, die in der Schweiz stattfanden, die Forderung der Reichsleitung zurück, dieselbe Zahl gefangener Soldaten auszutauschen. Sie schlug vielmehr vor, für jeden Deutschen vier Briten freizulassen. Diese Quotenregelung war wiederum aus der Sicht der Regierung des Kaiserreiches inakzeptabel. Bilaterale Abkommen zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Großbritannien über den Austausch von Frauen, Kindern und Männern unter 17 und über 55 Jahre erfassten deshalb nur einen relativ kleinen Kreis von – gesundheitlich allerdings besonders gefährdeten – Personen.91 89 Friedrich Balke, Politische Paranoia, Zäsur des Stillstands und die Soziologie der ‚totalen Mobilmachung‘, in: Werber / Kaufmann / Koch (Hg.), Erste Weltkrieg, S. 143–163, hier: S. 143 f., 153; Caglioti, Property Rights, S. 2. 90 Hierzu und zum Folgenden: Stibbe, Civilian Internment and Civilian Internees, S. 53, 59; Caglioti, Aliens, S. 448; Christoph Jahr / Jens Thiel, Adding Colour to the Silhouettes: The Internment of Foreign Civilians in Germany during the First World War, in: Manz / Panayi / Stibbe (Hg.), Internment, S. 41–60, hier: S. 41 f. Von 60.000 deutschen Staatsangehörigen in Großbritannien wird ausgegangen in: Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 120. 91 National Archives (NA), FO 383/473 (Schreiben vom 15. Mai 1918).

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Überdies wurden einige Verträge erst in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges geschlossen. So unterzeichneten die Regierungen Deutschlands und der Vereinigten Staaten ein Abkommen zur humanen Behandlung von Zivilisten in Bern nach schwierigen Verhandlungen, die am 23. September 1918 begonnen hatten, am 11. November, dem Tag des Waffenstillstandes. Es konnte deshalb von der US-Regierung nicht mehr ratifiziert werden. Früher und umfassender waren Vereinbarungen zwischen dem Deutschen Kaiserreich, Japan, Serbien und Italien über die freie Ausreise aller Zivilisten.92

Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger in Lagern Das Vorgehen gegen „innere Feinde“ in den beiden Weltkriegen ist in diesem breiten und längerfristigen Kontext zu betrachten. Angesichts der akuten äußeren Bedrohungen wuchsen in den kriegführenden Ländern Spannungen und Konflikte. Sie richteten sich vor allem gegen zivile Ausländer, die jeweils gegnerischen Staaten angehörten und zunächst im Allgemeinen nicht in Lager eingewiesen worden waren. Sie wurden verdächtigt und als Sündenböcke für militärische Misserfolge missbraucht. So drängten in Großbritannien und in den USA Polizeibehörden, Militärs und Vertreter der Geheimdienste auf eine schnelle und umfassende Internierung. Einzelne Fälle von Spionage schienen den Verdacht zu bestätigen, dass Verräter die Staaten unterwandert hatten. Im Zweiten Weltkrieg kam hinzu, dass sich das NS-Regime seit 1933 bemüht hatte, die Bindungen von „Reichsdeutschen“ an ihr Heimatland – und damit auch an den Nationalsozialismus – zu stärken. Dafür nutzten die neuen Machthaber den „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“, der 1880/81 als „Allgemeiner Deutscher Schulverein“ gegründet und 1908 in „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) umbenannt worden war. Auch das 1917 gebildete „Deutsche Auslands-Institut“ (DAI) wurde in Dienst genommen. Darüber hinaus erregten außerhalb des Deutschen Reiches genuin nationalsozialistische Organisationen wie die 1931 eingerichtete „Auslandsabteilung“ der NSDAP, aus der die „Auslandsorganisation“ der Partei hervorging, die „Volksdeutsche Mittelstelle“ und die Gestapo (deren Einfluss über Deutschland hinausreichte) erhebliches Misstrauen. Diese Organisationen suchten in ausländischen Staaten – so Großbritannien – Bürger deutscher Herkunft zu beeinflussen und bedrängten besonders geflohene Gegner der Nationalsozialisten, wurden aber auch selber verdächtigt, systematisch Spione und Saboteure für das „Dritte Reich“ zu

92 Koessler, Internment, S. 99; Murphy, Captivity, S. 63, 183; Steuer, Pursuit, S. 284.

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rekrutieren. Als der Zweite Weltkrieg begann, überschätzten die Regierungen in den von Deutschland überfallenen Ländern jedoch im Allgemeinen die Sicherheitsgefahren. Letztlich wurden jeweils nur wenige Verräter verhaftet und verurteilt. Noch geringer war die Zahl der überführten Spione in den Jahren von 1914 bis 1918.93 Dennoch setzten Regierungen in beiden Weltkriegen umfassende Internierungen durch. Während 1914/15 zunächst nur Feindstaatenangehörige im wehrfähigen Alter verhaftet wurden, weiteten die Behörden die Kontrolle und Unterdrückung von Minderheiten zusehends aus. Dabei dominierte die Einweisung in Lager, die sich in einigen Staaten auch auf ihre imperialen Räume erstreckte, so dass sich z. T. umfassende Netzwerke und Transfersysteme herausbildeten. „Konzentrationslager“ waren im Allgemeinen fest abgrenzte, rechtlose Bereiche, in denen das Standrecht herrschte. Den Begriff leiteten zwei britische Unterhausabgeordneten, John Ellis (1841–1910) und Charles P. Scott (1846–1932), 1901 aus dem spanischen reconcentrado ab. Um 1900 verbreiteten Medien Nachrichten über die Camps, die von den Großmächten im Kampf gegen „unzivilisierte“ Aufständische in Kolonien errichtet und verwendet wurden.94 Der Begriff „Konzentrationslager“ wurde bis zum Zweiten Weltkrieg vielfach oft wahllos und gelegentlich sogar als Selbstbezeichnung gebraucht, auch in den westlichen Ländern und in der Schweiz.95 In den beiden Weltkriegen unterschied sogar das Rote Kreuz nicht zwischen „Internierungslagern“ und „Konzentrationslagern“, die erst nach 1945 im Schatten von „Auschwitz“ eine neue, bis heute geltende Bedeutung gewannen. Dieser semantische Wandel deutet darauf hin, dass die Entwicklung von den kolonialen Konzentrationslagern zum Holocaust nicht geradlinig verlief, sondern von Brüchen geprägt war. Zugleich sind Reaktionen und Lernprozesse vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg unübersehbar. So kennzeichneten Lager von 1914 bis 1918 neue Techniken zur Kontrol-

93 Louis de Jong, The German Fifth Column in the Second World War, London 1956, S. 255– 265, 274–297; James J. Barnes / Patience P. Barnes, Nazis in Pre-War London 1930–1939: The Fate and Role of German Party Members and British Sympathizers, Brighton 2005, S. 29, 59, 230, 232, 247. Grundsätzlich auch: Colin Holmes, A Tolerant Country? Immigrants, Refugees and Minorities in Britain, London 1991, S. 87, 101. 94 So die Argumentation in: Hyslop, Invention, S. 257, 264, 271, 273 f. ; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 543 f., 555. 95 Hier ließ das Eidgenössische Militärdepartement noch 1940 nahe der Stadt Büren an der Aare ein „Concentrationslager“ errichten (Jürg Stadelmann / Selina Krause, „Concentrationslager“ Büren an der Aare 1940–1946. Das größte Flüchtlingslager der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Baden 1999, S. 7). Zur Prägung des Begriffs concentration camp: Mühlhahn, Concentration Camp, S. 546. Der Begriff findet sich beispielsweise auch im Vermerk vom 4. Januar 1915 in: NA, FO 383/106. Vgl. ebenso Spiropoulus, Ausweisung, S. 20.

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le der Insassen wie Wachtürme und Stacheldrahtzäune. Auch wurden erstmals systematisch Maschinengewehre und Wachhunde eingesetzt.96 Jedoch müssen auch Kontinuitäten zur Vorkriegszeit beachtet werden. Weiterhin wurden Lager so konstruiert, dass möglichst alle Kriegsgefangenen und Internierten von den Bewachern gesehen werden konnten. Zudem engte die Unterbringung in getrennten Abteilungen Kontakte zwischen den Insassen ein, die mittels Karteikarten im Lager schnell gefunden werden sollten. Dabei war vor allem die Internierung der Buren in Südafrika ein Präzedenzfall geworden, auf den sich noch die Nationalsozialisten beriefen, allerdings im Rahmen ihrer vordergründigen Propaganda, die auf Schuldabwehr zielte und deshalb die Verantwortung auf Großbritannien abwälzte.97 Für die umfassenden Lagersysteme, die in den beiden Weltkriegen zur Internierung ziviler Feindstaatenangehörigen und anderer „Feinde“ genutzt wurden, waren zunächst die Erfahrungen prägend, die Regierungen im 19. Jahrhundert in Industriestaaten gewonnen hatten. Schon zuvor waren Randgruppen von den Sicherheitsbehörden in Gefängnissen, Arbeitshäusern, Fabriken und Hospitälern konzentriert worden. In Ländern wie Großbritannien und in den deutschen Territorien grenzten Behörden im 17. und 18. Jahrhundert Migranten und Fremde aus. Sie wurde als Kranke stigmatisiert, einer strikten Quarantäne unterworfen und dazu u. a. auf Schiffen isoliert. Als „innere Feinde“ galten auch Bettler und Vagabunden, die seit dem 18. Jahrhundert in Arbeitshäusern zu nützlicher Tätigkeit gezwungen und erzogen wurden. Im späten 18. Jahrhundert begann zudem die Unterbringung von Kriegsgefangenen in Lagern. Alle diese frühen Camps dienten vorrangig der Erziehung, Isolierung, Disziplinierung, Sozialkontrolle und Gesundheitsüberwachung von Kranken, gesellschaftlich „Unerwünschten“ und Migranten. Darüber hinaus wurden Lager der Armeen Laboratorien der Disziplinierung in einem Raum, der gezielt zu diesem Zweck ausgestaltet wurde. Insgesamt war das System, das sich im 20. Jahrhundert herausbildete, damit nicht völlig neu, sondern vielmehr eine „Kombination von Traditionen im Sinne einer kumulativen Radikalisierung …“. Dabei erwies sich besonders die vorangegangene militärische Nutzung für die Camps des Ersten Weltkrieges als prägend – vom Stacheldrahtzaun bis zum Einsatz bewaffneter Wachen.98

96 Forth, Barbed-Wire Imperialism, S. 213–216, 219, 225–227; Wilkinson, Prisoners of War, S. 64; Kramer, Prisoners, S. 86. 97 Hierzu und zum Folgenden: Forth, Barbed-Wire Imperialism, S. 17, 22–24, 40, 37 f., 42, 113, 120, 125; Wilkinson, Prisoners of War, S. 64–72. 98 Gestrich, Konzentrationslager, S. 60; Stibbe, Civilian Internment, S. 12, 153–155; Manz / Panayi, Enemies, S. 37; Fahrmeier, Passports, S. 108; Mytum, Tale, S. 36 f., 39.

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Die Erfahrungen, die in den einzelnen Ländern beim Management der verschiedenen Lager gewonnen worden waren, wurden im späten 19. Jahrhundert in der Verwaltung von Kolonien aufgenommen. Hier entwickelten die europäischen Großmächte – besonders Großbritannien und Deutschland – die präventive Konzentration von Gruppen, die kollektiv als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wurden, zu einer militärischen Strategie weiter. Obwohl Kritiker die undifferenzierte Internierung mit Sklaverei gleichsetzten, bestimmten letztlich besorgte Hinweise auf „militärische Notwendigkeiten“ die Politik. Die Übertragung von Praktiken der Beherrschung von Menschenkonzentrationen von den „Mutterländen“ auf die Kolonien schlug sich in personellen Kontinuitäten nieder. So arbeiteten im britischen Empire in Indien und in Südafrika (das 1910 Dominion wurde) ehemalige Fabrikinspektoren in der Lagerverwaltung. Diese Experten waren damit eine Schlüsselgruppe im Wissenstransfer. Umgekehrt wirkten die Erfahrungen, die in den Kolonien gewonnen worden waren, auf den Umgang mit Minderheiten und randständigen Gruppen in den europäischen Großmächten zurück.99 Schon im Krieg gegen Rebellen auf der Insel Kuba von 1868 bis 1878 hatten spanische Militärs Zivilisten in Dörfern konzentriert, die sie kontrollierten. Die Betroffenen nannten die Spanier reconcentrados. Bedrängt von Freischärlern unter General Maximo Gomez (1836–1905), vertrieb der spanische Militärgouverneur Valeriano Weyler y Nicolau (1838–1930) 1896/97 auf der Insel 300.000 bis 400.000 Einwohner (über ein Viertel der Bevölkerung) und hielt sie gezielt fest, um diese Zivilisten von Guerillatruppen zu trennen. Damit sollte die Erhebung der eingesessenen Bevölkerung niedergeschlagen werden. Zwar zielte die Politik der reconcentratiòn noch nicht auf einen Massenmord. Vielmehr sollten den Aufständischen wertvolle Kämpfer und Unterstützung entzogen werden. Vertreter von Schutzmächten, die von den gegnerischen Gruppen bestimmt worden waren, inspizierten erstmals Lager, um hier die Unterbringung und Versorgung zu überprüfen. Dennoch starb bis zur Abberufung Weylers und der Auflösung der Lager 1897 rund ein Drittel der betroffenen Kubaner an mangelnder Ernährung, schlechten hygienischen Bedingungen und unzureichender medizinischer Versorgung.100 Ein ähnliches Ziel verfolgte im Burenkrieg (1899–1902) der britische Militärbefehlshaber Horatio Kitchener (1850–1916), der in Südafrika eine Strategie der 99 Vgl. Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006, bes. S. 316–324. 100 Jonathan F. Vance, Concentration Camps, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 63; ders., Protecting Power, S. 227; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 545; Swatek-Evenstein, History, S. 133; Manz / Panayi, Enemies, S. 28. Ausführlich: John Lawrence Tone, War and Genocide in Cuba 1895–1898, Chapel Hill 2006.

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„verbrannten Erde“ verfolgte, und am 19. November 1900 anordnete, die Städte in der Provinz Transvaal zu „entvölkern“. Daraufhin wurden in Südafrika 150.000 bis 250.000 Männer, Frauen und Kinder in Konzentrationslager gezwungen. Schon bis Oktober 1901, als die Lager 111.619 weiße und 43.780 schwarze Insassen aufgenommen hatten, erreichte die Mortalitätsquote 34 Prozent. Insgesamt starben bis zum Kriegsende, als die Lager rasch aufgelöst wurden, rund 45.000 (ein Fünftel) der Internierten – davon 25.000 Buren und 14.000 bis 20.000 Afrikaner – wegen der schlechten Ernährung und als Folge von Krankheiten und Epidemien. Kitcheners offener Verstoß gegen die Haager Konvention (1899) hatte aber einen Konflikt mit dem britischen Prokonsul Alfred Milner (1854–1925) ausgelöst, der das rigorose Vorgehen gegen die Buren ablehnte. Darüber hinaus war die Reputation der britischen Regierung in der sich herausbildenden globalen Öffentlichkeit, in der sich – wie erläutert – zunehmend ein Bewusstsein für humanitäre Grenzen der Kriegführung herausbildete, zumindest vorübergehend schwer beschädigt. So berichtete Emily Hobhouse (1860–1926), die im South African Conciliation Committee mit dem liberalen Abgeordneten Leonard Courtney (1832–1918) zusammenarbeitete, besonders über das Leiden burischer Frauen und Kinder in den concentration camps. Hier schränkten die Inkompetenz von Kommandeuren und der Mangel an Gütern die Versorgung dieser Kriegsopfer erheblich ein. Dadurch wurde auch die Verbreitung von Krankheiten begünstigt. Angesichts der offenkundigen Vernachlässigung der Insassen forderte Hobhouse vehement, Hilfsorganisationen den Zugang zu den Lagern zu gestatten. Nach offiziellen Angaben Südafrikas starben in den Konzentrationslagern rund 28.000 Menschen. Auch die britische Frauenrechtlerin Millicent Fawcett (1847–1929) kritisierte die Zustände in den Lagern scharf. Darüber hinaus protestierte der französische Rechtswissenschaftler Alexandre Mérignhac (1857–1927) heftig gegen die Kollektivstrafen, die gegen die Buren verhängt worden waren. Demgegenüber beurteilten britische Journalisten Kitcheners Kriegführung unterschiedlich. In rechtfertigender Absicht verwiesen einige von ihnen ausdrücklich auf die Methoden, die General Weyler auf Kuba angewendet hatte.101 101 Stefan Manz / Tilman Dedering, ‚Enemy Aliens‘ in Wartime. Civilian Internment in South Africa during World War I, in: South African Historical Journal 68 (2016), S. 536–556, hier: S. 539 f.; Stephen M. Miller, Boer War (1899–1902), in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 27–30; Martin John Farrar, The Illusory Threat. Enemy Aliens in Britain during the Great War, Diss., King’s College, London 2016, S. 76; Stibbe, Civilian Internment, S. 10; Manz / Panayi, Internment, S. 26 f.; dies., Enemies, S. 29–31; Segesser, Recht statt Rache oder Rache durch Recht?, S. 129–132; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 546; Vance, Concentration Camps, S. 63 f. Angaben nach: Birgit Susanne Seibold, Emily Hobhouse und der Burenkrieg. Die Konzentrationslager in Südafrika von 1899–1902, Stuttgart 2012, S. 183 f.; Hyslop, Invention, S. 258 f.

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Nach dem Burenkrieg verbreitete sich die Praxis der Internierung in Camps so schnell und umfassend, dass das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Lager“ bezeichnet worden ist.102 Dabei wurde die Festsetzung von Zivilisten zu einem Mittel der Kriegführung, zunächst vor allem in Kolonien. So nahmen deutsche Politiker, Kolonialbeamte und Militärs das Konzept des „Konzentrationslagers“ auf, als es ihnen in ihrer Kolonie in Südwestafrika im August 1904 nicht gelang, die Herero und Nama entscheidend zu schlagen. Am 11. Dezember billigte Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849–1929) den Plan des deutschen Befehlshabers, General Lothar von Trotha (1848–1920), die Bevölkerung in einem Konzentrationslager auf der Haifischinsel festzuhalten. Damit entschied er sich gegen Vorschläge von Reichstagsabgeordneten der liberalen Parteien und des Zentrums, die sich für die Einrichtung von Reservaten ausgesprochen hatten. In dem Camp litten die 17.000 Insassen, die bis März 1907 eingewiesen worden waren, unter mangelhafter Ernährung und fehlender Hygiene. Insgesamt starben zwischen Oktober 1904 und März 1907 7.682 Gefangene. Mit rund 45 Prozent war die Todesquote in Südwestafrika deutlich höher als in den britischen Camps, die während des Burenkrieges in Südafrika errichtet worden waren. Zudem dienten die Lager in der deutschen Kolonie außer der „Erziehung zur Arbeit“ auch der Vernichtung. Das Land und Vieh der Herero und Nama erhielten deutsche Siedler, die damit vom Kolonialkrieg profitierten. Alles in allem vollzog sich der Genozid an den alteingesessenen Volksgruppen in einem Kontext, der von extremer Gewalt geprägt war. Damit verwies er bereits auf die totalen Weltkriege im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts.103 Die US-Armee richtete unter Brigadegeneral J. Franklin Bell (1856–1919) im Guerillakrieg auf den Philippinen (1899–1902) ab Dezember 1901 „Konzentrationszonen“ ein, nachdem die Vereinigten Staaten die Inseln 1898 von Spanien übernommen hatten. In den Provinzen Batangas und Laguna wurden 300.000 102 Dan Stone, Concentration Camps. A Short History, Oxford 2017, S. 133. Zur Diskussion auch: Zygmunt Bauman, A Century of Camps?, in: Peter Beilharz (Hg.), The Bauman Reader, Oxford 2001, S. 266–280. 103 Angaben nach: Jürgen Zimmerer, Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid, in. ders. / Joachim Zeller (Hg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 2003, S. 45–63, hier: S. 58; Bauman, A Century of Camps?, S. 261. Vgl. auch Jürgen Zimmerer, Kriegsgefangene in Deutsch-Südwestafrika, 1904–1907, in: Overmans (Hg.), Hand, S. 277– 294; Sibylle Scheipers, The Use of Camps in Colonial Warfare, in: Journal of Imperial and Commonwealth History 43 (2015), S. 678–698; Martin Eberhardt, Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas, 1915–1965, Berlin 2007, S. 39; Caspar Erichsen, Zwangsarbeit im Konzentrationslager auf der Haifischinsel, in: Zimmerer / Zeller (Hg.), Völkermord, S. 80–85; Manz / Panayi, Enemies, S. 26 f.; Siebrecht, Formen, S. 87, 89, 91 f., 94, 97 f., 103; Stone, Concentration Camps, S. 11; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 546; Swatek-Evenstein, History, S. 163.

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Zivilisten verschleppt. Damit sollte der Widerstand von Aufständischen, die unter Führung von Emilio Aguinaldo (1869–1964) einen Guerillakrieg gegen die amerikanische Armee führten, endgültig gebrochen werden. In den Camps, die nach der Jahrhundertwende auf den Inseln Mindanao und Marinduque eingerichtet wurden, starben bis 1913 10.000 bis 11.000 Insassen an Krankheiten und Unterernährung. Vor allem eine Cholera-Epidemie forderte Tausende Opfer. Auch mit der umfassenden Zerstörung von Häusern, Feldern und anderen Lebensgrundlagen im Südwesten der Insel Luzon verstieß der kommandierende General auf den Philippinen, Arthur MacArthur (1845–1912), gegen das Kriegsvölkerrecht. Der Schriftsteller Mark Twain (1835–1910) protestierte gegen die radikale Repressionspolitik der USA auf den Philippinen. Er verglich die Deportation und Internierung von Zivilisten, die überwiegend nicht zu den Rebellen gehörten, mit der Unterdrückung des Boxer-Aufstandes in China (1900) und dem Vorgehen der britischen Truppen unter Kitchener gegen die Buren. Die Unterdrückungspolitik ähnelte zudem dem Vorgehen der spanischen Truppen auf Kuba, das zuvor von der Regierung der Vereinigten Staaten kritisiert worden war.104 Insgesamt hatte sich das Vorgehen gegen Zivilisten in den Kolonien damit schon vor 1914 zusehends radikalisiert, indem sie in Lager verschleppt und dort festgehalten wurden. Die Internierung im Ersten Weltkrieg nahm diese restriktiven Praktiken auf, ohne dass der Status der festgenommenen Zivilisten im Kriegsvölkerrecht definiert worden war.105 Keinesfalls zufällig griffen die jeweils zuständigen Behörden und sogar das Rote Kreuz dabei auf den Begriff „Konzentrationslager“ zurück, so in Österreich-Ungarn. Auf dieser Grundlage bildeten sich von 1914 bis 1918 ganze Lagersysteme heraus, die in Europa acht bis neun Millionen Menschen erfassten. Die Masseninternierung von Kriegsgefangenen und Zivilisten (darunter Seeleuten) im Ersten Weltkrieg ist deshalb zu Recht als wichtiger Einschnitt in der Radikalisierung der Lagerhaft interpretiert worden. Sie war Bestandteil eines staatlichen Sicherheitsregimes, das der eigenen Bevöl-

104 Aidan Forth / Jonas Kreienbaum, A Shared Malady: Concentration Camps in the British, Spanish and German Empires, in: Journal of Modern European History 14 (2016), S. 245–267, hier: S. 245, 251; Hyslop, Invention, S. 260; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 545; Vance, Concentration Camps, S. 63; Swatek-Evenstein, History, S. 136; Manz / Panayi, Enemies, S. 28 f. 105 Peter Holquist, Violent Russia, Deadly Marxism? Russia in the Epoch of Violence, 1905–21, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 4 (2003), S. 627–652, hier: S. 635; Stone, Concentration Camps, S. 22; Manz / Panayi / Stibbe, Internment, S. 3; Murphy, Captivity, S. 2; Mühlhahn, Concentration Camp, S. 547. Zum ungeklärten völkerrechtlichen Status von Zivilinternierten auch: William B. Glidden, Internment Camps in America, 1917–1920, in: Military Affairs 37 (1973), S. 137–141; Audoin-Rouzeau / Becker 14–18. Understanding the Great War, S. 71.

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kerung angesichts der akuten Bedrohung als wirksames Risikomanagement vermittelt wurde. Damit sollte vorrangig die Legitimität und Stabilität der Regierungen erhöht werden. Die öffentliche Präsentation der Lager – so bei Inspektionen durch Vertreter humanitärer Organisationen – diente deshalb der Kriegspropaganda.106 Auch im Zweiten Weltkrieg bildeten Camps komplexe Räume, in denen sich die Unterbringung der Insassen aber oft erheblich unterschied. Besonders soziale und ethnische Differenzen trennten verschiedene Gruppen von Internierten und Kriegsgefangenen, die zugleich von der Außenwelt abgeschlossen waren. Im Raum des Ausschlusses lebten die Lagerinsassen (nach Giorgio Agamben) in einem Ausnahmezustand. Um so wichtiger war den mental Entwurzelten die Verbindung zu ihrer Heimat, so über Briefe und verschiedene Aktivitäten in den Camps.107 In beiden Weltkriegen wurden die Lager räumlich so gestaltet, dass die Insassen leicht kontrolliert und verwaltet werden konnten. Kriegsgefangene und Zivilinternierte lebten in der Regel (aber nicht überall) zumindest in getrennten Lagerbereichen. Disziplinierung war integraler Bestandteil des Alltagslebens. So wurde Privatheit beseitigt, auch in den Schlafsälen. In vielen Camps gestalteten die Insassen den Raum aber durchaus eigenwillig. So fügten sie vielerorts mit Zustimmung der Kommandeure in große Räume Abtrennungen ein, um dem engen Zusammenleben zu entgehen und damit auch Konflikte zu vermeiden. Internierte waren deshalb ebenso wenig wie Kriegsgefangene ausschließlich hilflose Opfer, obwohl sie nicht nur unter den schlechten materiellen Bedingungen, sondern auch unter der Enge, dem Mangel an Beschäftigung, der Disziplin und Überwachung litten. Zudem waren vor allem überbelegte Baracken oft schon nach wenigen Monaten beschädigt oder verschlissen. Andere Camps, die zeitgenössisch als „Luxuslager“ bezeichnet wurden, boten den Insassen, die hier der Oberschicht angehörten, erheblich mehr Komfort. Insgesamt waren die Übergänge zwischen den Camps für Kriegsgefangene, Internierte, Flüchtlinge und Verurteilte in vielen kriegführenden Staaten fließend.108

106 Senarclens de Grancy, Housing Spaces, S. 461 f., 477–481; Jones, Discipline and Punish?, S. 99; McMillan, War, S. 47 f.; Pitzer, Night, S. 102; Murphy, Captivity, S. 36; Forth / Kreienbaum, Malady, 257. 107 Giorgio Agamben, Means without End: Notes on Politics, Bd. 20: Theory out of Bounds, Minneapolis 2000, S. 37–45. Vgl. auch Annette Becker, Art, Material Life and Disaster. Civilian and Military Prisoners of War, in: Nicholas J. Saunders (Hg.), Matters of Conflict: Material Culture, Memory and the First World War, London 2004, S. 26–34, hier: S. 26, 28–31; Jones, A Missing Paradigm?, S. 37. 108 Senarclens de Grancy, Housing Spaces, S. 457 f., 459, 465 (Fußnote 36), 466–471, 473–475, 477, 481 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 13–15.

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Obwohl unter den Internierten auch Afrikaner waren, die oft besonders schlecht behandelt wurden, setzten die Regierungen in den beiden Weltkriegen vorrangig Europäer fest, und zwar oft jahrelang. Während sie zunächst die Rückkehr von Kriegsgefangenen und wehrfähigen Zivilisten in ihre jeweiligen Heimatstaaten verhindern sollte, wurde die Lagerhaft im Verlauf des Krieges fortschreitend zum Instrument einer umfassenden staatlichen Überwachungsund Disziplinierungspolitik. Dabei nahmen die Behörden gelegentlich sogar Angehörige von Feindstaatenangehörigen als Geiseln, um von vornherein einen Rechtsbruch feindlicher Länder zu verhindern. Die Haft diente aber auch der Rache. Als Repressalie sollte sie Übergriffe gegen eigene Bürger vergelten. Sie richtete sich damit gegen alle Feindstaatenangehörigen, die stellvertretend für ihre jeweiligen Nationen bestraft werden sollten. Allerdings unterschieden sich die Lebensbedingungen in Lagern auch in geographisch-politischer Hinsicht. In beiden Weltkriegen litten internierte Zivilisten besonders in Osteuropa. In den Jahren von 1941 bis 1945 setzten darüber hinaus die japanischen Militärs Lagerinsassen in den eroberten Gebieten Südost- und Ostasiens oft extremer Gewalt aus, die willkürlich gebraucht wurde. Wie dargelegt, bildeten die Internierung und Ermordung von Zivilisten in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern einen Sonderfall. Demgegenüber waren die Lebensbedingungen der Internierten in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten von Amerika im Allgemeinen deutlich besser.109 Vielfach reichte der Vorwurf der Spionage oder Sabotage aus, um Zivilisten in Lager einzuweisen. Dabei nahm die Dauer der Internierung im Kriegsverlauf erheblich zu. Ebenso vollzog sich eine Eskalation von Repressalien, die oft Erfahrungsberichte entlassener Gefangener oder Presseartikel auslösten. Damit wurden Lager insgesamt zu „totalen Institutionen“ (Erving Goffman) und zu allgemeinen Leitbildern der Quarantäne, mit der „innere Feinde“ kontrolliert werden sollten. Der Haft gingen zudem vielerorts Deportationen voraus, die ebenfalls schon vor 1914 in den Kolonien erprobt worden waren, um vermeintliche Bedrohungen und Sicherheitsrisiken zu beseitigen. Auf dieser Grundlage entzogen die Behörden Zivilisten, die als gefährlich galten, in allen kriegführenden Staaten zentrale Menschenrechte. Dabei setzten sie sich über rechtsstaatliche und völkerrechtliche Grundsätze hinweg, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß und in differenten Formen. Damit verbunden, vollzog sich eine „Versicherheitlichung“ (securitization) politischer und gesellschaftlicher Diskurse, mit

109 Lieb, Völkerrecht, S. 92; Beaumont, Prisoners of War, S. 278. Zu afrikanischen und afroamerikanischen Gefangenen vgl. David Killingray, Africans and African Americans in Enemy Hands, in: Moore / Fedorowich (Hg.), Prisoners, S. 181–203, hier: S. 182

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denen Maßnahmen zur Herstellung und Stabilisierung staatlicher Herrschaft und Ordnung untrennbar verbunden waren.110

Völkerrechtlicher Schutz von Zivilisten, Pazifismus und humanitäres Engagement Wie betont, vollzog sich in und zwischen den beiden Weltkriegen keineswegs eine lineare Radikalisierung von Kriegskulturen. Vielmehr muss zwischen einzelnen Regionen und Phasen unterschieden werden. Auch sind Übergriffe gegenüber Zivilisten von Gewalt gegenüber Kriegsgefangenen zu differenzieren. Die Lebensbedingungen dieser Gruppen unterschieden sich zwischen und in den einzelnen kriegführenden Staaten. An einigen Orten bildete sich ein besonderer Umgang mit Feindstaatenangehörigen heraus, der auch von den jeweiligen Bedingungen und den handelnden Akteuren beeinflusst wurde. So waren die umzäunten Lager ein spezifischer Raum an der Heimatfront. Hier trafen gefangene ausländische Staatsangehörige auf die einheimische Bevölkerung, auch wenn diese oft nur durch die Bewacher repräsentiert wurde. Im Gegensatz zu den Zivilinternierten waren die insgesamt acht bis neun Millionen Soldaten, die von 1914 bis 1918 gefangen genommen wurden, weiterhin in eine militärische Ordnung und Hierarchie integriert.111 Jedoch brachten die Erfahrungen brutaler Kriegführung sowohl von 1914 bis 1918 als auch von 1939 bis 1945 wiederholt Initiativen zu deren Bändigung hervor. So kam die Kodifizierung des humanitären Völkerrechts nach 1918 und 1945 voran. Auch in einzelnen Staaten hatte die extreme Kriegsgewalt Entsetzen hervorgerufen, so in Deutschland. Hier blieben die beiden wichtigsten Organisationen der ehemaligen Soldaten und Zivilinternierten, die „Reichsvereinigung 110 Hierzu und zum Folgenden: Matthew Stibbe, A Community at War: British Civilian Internees at the Ruhleben Camp in Germany, 1914–1918, in: Jenny MacLeod / Pierre Purseigle (Hg.), Uncovered Fields. Perspectives in First World War Studies, Leiden 2004, S. 79–94, hier: S. 80; Hull, Destruction, S. 73, 79, 85, 257; Jones, Discipline and Punish?, S. 100–102, 108; Leidinger / Moritz, Flüchtlingslager, S. 182, 184, 188, 190; Jahr / Thiel, Prolegomena, S. 11–15; Neocleous, Critique, S. 40–42; Farcy, Camps, S. 363; Audoin-Rouzeau / Becker, 14–18. Understanding the Great War, S. 61, 86. Zu Kriegsgefangenenlagern: Heather Jones, Eine technologische Revolution? Der Erste Weltkrieg und die Radikalisierung des Kriegsgefangenenlagers, in: Greiner / Kramer (Hg.), Welt, S. 110–133; dies., Kriegsgefangenenlager: Der moderne Staat und die Radikalisierung der Gesellschaft im Ersten Weltkrieg, in: Mittelweg 36, Jg. 20 (2013), H. 5, S. 59–75. 111 Heather Jones, Prisoners of War, in: Jay Winter (Hg.), The Cambridge History of the First World War, Bd. 2: The State, Cambridge 2014, S. 266–290, hier: S. 266, 268, 270, 272 f.; Proctor, Civilians, S. 177, 192, 200–202; Audoin-Rouzeau / Becker, 14–18, S. 82. Vgl. exemplarisch Stibbe, British Civilian Internees. Angabe nach: Nachtigal, Anzahl, S. 348.

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ehemaliger Kriegsgefangener“ und der „Volksbund zum Schutze der Kriegsund Zivilgefangenen“, bis zu den frühen 1930er Jahren weitgehend unpolitisch, und sie propagierten keineswegs einen neuen Krieg. Darüber hinaus zielten Utopien, die von Pazifisten, Sozialisten und Liberalen entwickelt, vertreten und verbreitet wurden, auf Frieden und Völkerfreundschaft. Angesichts der blutigen Auseinandersetzungen traten diese Akteure für Humanität und zivilgesellschaftliche Verständigung in und zwischen den kriegführenden Staaten ein. Damit stellten die Aktivisten zugleich überkommene Konzepte und Denkfiguren wie das Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität in Frage, und sie setzten sich für die Opfer des Krieges ein. Insofern war die Kriegsmobilisierung dialektisch mit verstärkten Bemühungen verbunden, die extreme Gewalt einzuhegen und künftig Kriege zu verhindern. Dazu bot der liberale Humanitarismus, der sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte, eine gute Grundlage. Als Leitkategorie hatte sich „Humanität“ im politischen Diskurs seit der Deklaration von St. Petersburg (1868) verankert. Auf dieser Basis rief die am 4. September 1900 in Kraft getretene erste Haager Konvention alle Staaten zu friedlicher Konfliktlösung auf.112 Ebenso dämmten völkerrechtliche Regelungen Gewalt gegen Zivilisten ein, wenngleich sie sich in beiden Weltkriegen weitgehend auf den Schutz von Kriegsgefangenen konzentrierten. Aber auch Zivilisten waren zumindest gewohnheitsrechtlich in den Schutz vor Übergriffen und anderer Gewalt eingeschlossen. Zudem inspizierten das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Vertreter der jeweiligen neutralen Schutzmächte gleichermaßen Lager für Kriegsgefangene und Zivilinternierte, die ohnehin oft zusammen untergebracht waren. So prüften Repräsentanten der Regierung Spaniens den Umgang mit französischen Soldaten in Deutschland. Darüber hinaus setzen sich internationale Nichtregierungsorganisationen für eine menschenwürdige Behandlung gefangener Soldaten und Zivilisten ein. Nicht zuletzt schlossen die Regierungen gegnerischer Staaten bilaterale Abkommen zum wechselseitigen Austausch gefangener Soldaten und Zivilinternierter. Dabei erwiesen sich Bemühungen der beiden Gruppen, sich in die Kriegsanstrengungen des eigenen Landes einzuschreiben, um Anerkennung zu gewinnen, letztlich als kontraproduktiv. Dazu dramatisierten und heroisierten sie auch bei Inspektionen ihren Zwangsaufent112 Jay Winter, Dreams of Peace and Freedom. Utopian Movements in the Twentieth Century, New Haven 2006, S. 3–9, 13, 25, 37, 205; Cabanes, Great War, S. 300–303; Stibbe, Germany, S. 86 f.; Jones, A Missing Paradigm?, S. 36; Kramer, Prisoners, S. 76. Zum Stellenwert politischer Gewalt in Deutschland in der Zwischenkriegszeit der Überblick in: Dirk Schumann, Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, B 18–20, 30. April 2018, S. 33–38.

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halt in den Lagern. So stellten Zeitungen, die von den Gefangenen produziert wurden, diese Opfer als Kämpfer dar.113 Die ungeahnte Kriegsgewalt verstärkte auch humanitäres Engagement, das sich darüber hinaus veränderte. Allgemein umfasste es die Hungerhilfe, die Fürsorge für Kinder, Gefangene und Verwundete sowie die Ansiedlung von Deportierten und Vertriebenen. Zwar hatten Organisationen wie das Rote Kreuz schon seit der Jahrhundertwende ihre Bemühungen um militärische und zivile Kriegsopfer verstärkt, so im Burenkrieg und in der blutigen militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und Japan 1904/1905. Der Erste Weltkrieg festigte aber Ansprüche von Kriegsopfern auf Fürsorge, wenngleich er nicht einfach als Gründungsmoment der modernen menschenrechtlichen Diskurse gelten kann. Der Krieg löste immerhin eine Professionalisierung und Zentralisierung des humanitären Aktivismus aus. Zu diesem Prozess trug die Betreuung der Zivilinternierten maßgeblich bei. Gegenüber einer Politik, die den Primat der „nationalen Sicherheit“ proklamierte, erwiesen sich völkerrechtliche Grundsätze einer menschlichen Behandlung von Feindstaatenangehörigen und die humanitären Organisationen, welche diese Normen vertraten, jedoch letztlich als zu schwach. Vor allem nationale Verbände waren im Allgemeinen zu Konzessionen gegenüber dem Kriegschauvinismus in ihren jeweiligen Ländern gezwungen, um hier überhaupt Wirkung erzielen zu können. Zivilgesellschaftliche Vereinigungen ließen sich oft von ihren Regierungen für deren Kriegführung einspannen. Zugleich zwang das enorme Ausmaß der Not und die hohe Zahl der Opfer die humanitären Hilfsorganisationen im Ersten Weltkrieg, neue Formen des Managements einzuführen, die Rekrutierung von Freiwilligen auszuweiten und die Sammlung von Spenden wirksamer zu organisieren. Nach 1918 zeigten Organisationen wie die amerikanische Near East Relief, die American Relief Administration (ARA) und der 1920 gebildete Save the Children Fund, dass sich in den vorangegangenen Jahren unter dem Druck des totalen Krieges nachhaltige Ansätze einer „humanitarian governmentality“ herausgebildet hatten. Die Fürsorge für zivile Kriegsopfer ging aber nach 1924 zurück. Insgesamt bildete der Erste Weltkrieg damit zwar eine Zäsur in der Entwicklung der humanitären Hilfe; der Einschnitt ist aber in längerfristige Entwicklungen einzubetten und nicht zu überschätzen.114 113 Jennifer Kewley Draskau, Relocating the „Heimat“. Great War Internment Literature from the Isle of Man, in: German Studies Review 32 (2009), Nr. 1, S. 82–106, hier: S. 87, 96 f.; Isabella von Treskow, Französische Kriegsgefangenenzeitungen im Ersten Weltkrieg: Internationale Erfahrung, Interkulturalität und europäisches Selbstverständnis, in: Comparativ 28 (2018), S. 29– 47, hier: S. 33; Stibbe, Civilian Internment, S. 13; Jones, A Missing Paradigm?, S. 35. 114 Zitat: Peter Gatrell u. a., Discussion: Humanitarianism, in: Ute Daniel u. a. (Hg.), 1914– 1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Berlin 2017-11-09

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Im Einzelnen blieb das IKRK, dessen Einfluss auf die nationalen Verbände gering war, zwar dem Konzept des grenzüberschreitenden humanitären Engagements verpflichtet. Jedoch wurde der universalistische Humanitarismus der Organisation durch den Nationalismus überlagert. Diese Problematik, die bereits die Gründung des Roten Kreuzes gekennzeichnet hatte, zeigte sich beispielhaft in Preußen-Deutschland, wo seit den späten 1860er Jahren Tausende lokale und regionale Rotkreuzverbände gegründet worden waren. Aber auch in anderen Staaten wie Frankreich folgten die nationalen Gesellschaften des Roten Kreuzes der nationalistischen Regierungspolitik. Im Ersten Weltkrieg eignete sich die japanische Sektion der Organisation offensiv den humanitären Anspruch des IKRK an, um den Status des Staates als „zivilisiertes“ Land gegenüber den europäischen Großmächten und den USA zu erhöhen. Sogar in neutralen Staaten wie den Niederlanden mussten sich im frühen 20. Jahrhundert nationale Sektionen des Roten Kreuzes dem Sanitätsdienst des Landes anschließen. Damit trugen sie letztlich zumindest indirekt zur Vorbereitung von Kriegen bei, deren Folgen sie lediglich zu mildern trachteten. Letztlich konnte das Internationale Komitee humanitäre Anliegen kaum gegen den Primat militärischer Gesichtspunkte und der Fixierung auf die „nationale Sicherheit“ behaupten, zumal es den Nationalismus sogar selber in Dienst nahm. Der Erste Weltkrieg verstärkte den Trend zu einer engen Bindung der Sektionen des Roten Kreuzes an die Regierungen und das Militär der einzelnen Staaten.115 Zwar hatten Verträge, die seit dem späten 18. Jahrhundert abgeschlossen worden waren, Angehörigen verfeindeter Staaten nach der Erklärung des Kriegszustandes Zeit zum Verlassen von Ländern gelassen (zunächst oft ein halbes Jahr). Auch bestand unter Völkerrechtlern weitgehend Konsens, dass Zivilisten im Kriegsfall ausschließlich festgenommen werden durften, um die Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit zu erhalten. Im Gegensatz zu den Soldaten unter den Kriegsgefangenen durften sie auch nicht zur Arbeit gezwungen werden. Insgesamt waren Zivilisten nach der herrschenden völkerrechtlichen Theo-

(doi:10.15463/ie1418.11168; Zugriff am 13. Mai 2020), hier die Beiträge von Peter Gatrell und Branden Little. Dagegen die Argumentation in: Cabanes, Great War. 115 Dieter Riesenberger, Für Humanität in Krieg und Frieden. Das Internationale Rote Kreuz 1863–1977, Göttingen 1992, S. 61; John F. Hutchinson, Champions of Charity. War and the Rise of the Red Cross, Boulder 1996, S. 203–219, 224, 256; Heather Jones, International or Transnational? Humanitarian Action during the First World War, in: European Review of History 16 (2007), S. 697–713, 698, 701, 706; Leo van Bergen, Duty Leads to Right, Right Leads to Duty. Dutch Red Cross, Nursing and War 1870–1918, in: Wolfgang U. Eckert / Philipp Osten (Hg.), Schlachtschrecken – Konventionen. Das Rote Kreuz und die Erfindung der Menschlichkeit im Kriege, Freiburg 2011, S. 67–88, bes. S. 67 f., 86 f.; Barnett, Empire, S. 81; Mikita, Alchemy, S. 118–122, 126; Schulz, Dilemmas, S. 45; Stibbe, Introduction, S. 12 f.

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rie und Praxis im Kriegsfall möglichst unberührt zu lassen. Macht über diese Gruppe sollte nicht missbraucht werden. Nicht zuletzt räumten die Eliten in den Demokratien (darunter auch viele Rechtswissenschaftler) in beiden Weltkriegen ein, dass ihr Anspruch, für Freiheit zu kämpfen, nur glaubwürdig war, wenn sie gegen Feindstaatenangehörige nicht mit Mitteln vorgingen, die rechtsstaatlichen Grundsätzen eklatant widersprachen.116 Darüber hinaus trafen das restriktive Management innerer Sicherheit und der national security state, der mit der fortschreitenden Mobilisierung entstand, im Ersten Weltkrieg nahezu überall auf den Protest von Dissidenten und Pazifisten. Sie traten für die Bürger- und Freiheitsrechte der Zivilinternierten und Kriegsgefangenen ein. Obgleich sich diese Gruppen nicht durchsetzen konnten, erreichten sie zumindest in einigen Staaten eine Milderung der restriktiven Sicherheitspraktiken und mittelfristig eine Verbesserung des völkerrechtlichen Schutzes von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. Dazu trugen vor allem ab 1916 auch Abkommen zwischen den kriegführenden Mächten und Initiativen neutraler Staaten bei. So setzten die amerikanischen Botschafter in Berlin, London, Paris, Wien und Petrograd 1915 zunächst gegenüber ihrem Außenministerium in Washington und anschließend in Verhandlungen mit den jeweiligen kriegführenden Staaten durch, dass dort Lager regelmäßig inspiziert werden durften. Ebenso bestanden die Kriegsgefangenen und Internierten selber vielfach auf Formen zivilgesellschaftlichen Umgangs, ohne sich damit allerdings durchsetzen zu können. Letztlich war die Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger in den beiden Weltkriegen aber nicht illegal, und sie blieb in den einzelnen Nationalstaaten weitgehend dem übergeordneten Zielen untergeordnet, die nationale Sicherheit zu gewährleisten und den militärischen Sieg zu erringen.117 Nach dem Ersten Weltkrieg erreichten Bemühungen zur Einhegung von Kriegsgewalt 1929 zwar die Verabschiedung einer weiteren Genfer Konvention. 116 Jones, Prisoners of War, S. 266; Becker, Oubliés, S. 230. Aus zeitgenössischer Perspektive: James W. Garner, Treatment of Enemy Aliens, in: American Journal of International Law 12 (1918), Nr. 1, S. 27–55, hier: S. 27: „Writers on international law are now in substantial agreement that a belligerent ought not to detain enemy subjects, confiscate their property, or subject them to any disabilities, further than such as the protection of the national security and defense may require.“ Vgl. auch James W. Garner, International Law and the World War, Bd. 1, London 1920, S. 14, 58, 69, 127; ders., International Law and the World War, Bd. 2, London 1920, S. 462; Ernest Satow, The Treatment of Enemy Aliens, in: Transactions of the Grotius Society: Problems of War, Bd. 2: Papers Read before the Society in the Year 1916, Cambridge 1916, S. 1–10; Koessler, Internment, S. 126 f.; Cohn, Aspects, S. 202. 117 Peter Holquist, „Information is the Alpha and Omega of Our Work“. Bolshevik Surveillance in Its Pan-European Context, in: Journal of Modern History 69 (1997), S. 415–450, 417– 419, 443, 445 (Zitat: 443); Speed, Prisoners, S. 20–26.

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Zivilisten, die sich als Feindstaatenangehörige in anderen Ländern aufhielten, waren aber weiterhin nicht durch völkerrechtliche Konventionen oder Verträge geschützt. Jedoch gewannen pazifistische und humanitäre Gruppen nach 1918 angesichts der Kriegsopfer, welche die Kämpfe im Ersten Weltkrieg gefordert hatten, neue Anhänger, vor allem in Großbritannien und Frankreich. In ihren Kampagnen erklärten besonders die sozialistischen und kommunistischen Kriegsgegner die „Kapitalisten“ zu „Kriegsgewinnlern“ und „inneren Feinden“. Zudem verliehen die Kommissionen und affiliierten Organisationen des Völkerbundes – wie die ILO und die Gesundheitsorganisation (Health Organisation) – humanitären Anliegen eine so erhebliche Publizität, dass der politische Druck auf Regierungen zunahm. Jedoch konnte der Völkerbund letztlich keine neuen Normen in den internationalen Beziehungen durchsetzen. So wurden Rechte ethnischer Minderheiten weiterhin kaum beachtet. Auch der Schutz von Flüchtlingen blieb unzureichend, nicht zuletzt weil die Hochkommissare des Völkerbundes, James McDonald (1933–35) und Neill Malcolm (1936–38) im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Fridtjof Nansen (1920–30), nicht mehr direkt von der Staatenorganisation unterstützt wurden. Kolonien und Mandatsgebiete in der außereuropäischen Welt blieben weiterhin den Interessen der Großmächte unterworfen. Schon vor der Machtübertragung an Adolf Hitlers Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Januar 1933 waren die hoffnungsvollen Initiativen der 1920er Jahre zur Erweiterung des völkerrechtlichen Schutzes vor Kriegsgewalt, zur Abrüstung und zu multilateralen Vereinbarungen abgebrochen. Der italienische Angriff auf Abessinien im Oktober 1935 und der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939), der die politisch-ideologischen Konflikte und die politische Polarisierung der 1930er Jahre widerspiegelte und verstärkte, zeigten schließlich vollends den Macht- und Legitimitätsverlust der neuen Staatenordnung, auf die der Völkerbund gezielt hatte.118 Im Folgenden wird der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen in Staaten dargelegt, die maßgeblich am Ersten Weltkrieg beteiligt waren: Großbritannien, Frankreich, Russland, Italien, die Vereinigten Staaten und das Osmanische Reich. Als neutrale Staaten nahmen vor allem die Schweiz und die Niederlande ebenfalls zivile Angehörige anderer Staaten auf. Dabei konzentriert sich die Darstellung auf die zeitgenössischen Diskussionen über das Verhältnis zwischen den Forderungen, die individuellen Freiheiten zu sichern und eine humanitäre Behandlung zu gewährleisten, und dem postulierten Gebot, die Sicherheit der Nationen im totalen Krieg zu schützen. Darüber hinaus werden konkrete Maßnahmen (so Gesetze) und ihre Wirkungen behandelt. 118 Zara Steiner, The Triumph of the Dark. European International History 1933–1939, New York 2011, S. 166–179, 1043, 1047–1049.

4 Sicherheit und „innere Feinde“: Propaganda, Mobilisierung und Politik im Ersten Weltkrieg 4.1 Großbritannien Voraussetzungen: Niedergangs- und Spionageängste, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Die Maßnahmen, denen zivile Feindstaatenangehörige im Vereinigten Königreich im Ersten Weltkrieg unterworfen wurden, können ohne die vorangegangene Zunahme der Fremdenfeindlichkeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht verstanden werden. Ebenso bedeutend waren Sicherheitsängste, die schon 1793 den Regulators of Aliens Act herbeigeführt hatten. Dieses Gesetz sollte das Eindringen französischer Revolutionäre in Großbritannien verhindern. Auch im 19. Jahrhundert steigerten revolutionäre Unruhen – so die Proteste der Chartisten von 1838 bis 1848 – und Anschläge von Anarchisten wiederholt Sorgen um die Sicherheit des Vereinigten Königreiches. Als äußerer Gegner wurde Frankreich in den 1890er Jahren von Deutschland abgelöst, mit dem Großbritannien nicht nur in Europa, sondern auch in den Kolonien konkurrierte.1 Die Zahl der Deutschen im Vereinigten Königreich nahm von 1861 bis 1871 von 28.644 auf 32.823 zu. Sie stellten hier damit 0,1 Prozent der Bevölkerung. Bis 1891 wuchs die deutsche Minderheit auf 50.599 und bis 1911 auf 53.324 Menschen. Als im August 1914 der Erste Weltkrieg begann, lebten in Großbritannien rund 57.000 Deutsche. Zusammen mit ihren Angehörigen und Eingebürgerten umfasste die deutsche Minderheit rund 100.000 Personen. Dagegen war die Zahl der Staatsbürger Österreich-Ungarns deutlich geringer.2 Zum schnellen Wachstum der deutschen Einwanderung hatten Erleichterungen bei der Einbür1 Tony Kushner / David Cesarani, Alien Internment in Britain During the Twentieth Century: An Introduction, in: dies. (Hg.), The Internment of Aliens in Twentieth-Century Britain, London 1993, S. 1–22, hier: S. 13; Pistol, Internment, S. 9. 2 Angaben nach: Colin Holmes, Immigrants and Refugees in Britain, in: Werner E. Mosse u. a. (Hg.), Second Chance. Two Centuries of German-speaking Jews in the United Kingdom, Tübingen 1991, S. 11–30, hier: S. 13; Panikos Panayi, The Lancashire Anti-German Riots of May 1915, in: Manchester Region History 2 (1988/89), Nr. 2, S. 3–11, hier: S. 3; ders., Fremdenfeindlichkeit in Großbritannien: Ihr Aufstieg und Wandel ca. 1890–1920, in: Karen Schönwälder / Imke Sturm-Martin (Hg.), Die britische Gesellschaft zwischen Offenheit und Abgrenzung: Einwanderung und Integration vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin 2001, S. 72–90, hier: S. 73; ders., Prisoners of War and Internees (Great Britain), in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hg. v. Ute Daniel u. a. (Hg.), Berlin 2014-10-08. DOI: doi:10.15463/ ie1418.10296 (Zugriff am 22. August 2018); Panikos Panayi / Stefan Manz, The Rise and Fall of https://doi.org/10.1515/9783110529951-004

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gerung beigetragen. Der 1870 erlassene Naturalisation Act ermöglichte Ausländern, Grundeigentum zu erwerben. Überdies stellte das Gesetz Eingebürgerte mit Briten gleich, die offiziell als „natural born“ galten. Die Einbürgerung war allerdings an die Bedingung geknüpft, dass Antragsteller bereits fünf Jahre in Großbritannien gewohnt oder dem Land in diesem Zeitraum gedient hatten und dies fortzusetzen gedachten. Auch nahm der Einbürgerungsprozess oft mehrere Jahre in Anspruch. Britische Frauen, die Ausländer heirateten, verloren ihre Staatsbürgerschaft.3 Mit der verstärkten Integration verschärfte sich aber auch der Ausschluss anderer Gruppen. Seit den 1840er Jahren hatte sich die Abgrenzung von „Fremden“ (aliens) vor allem gegen Iren gerichtet, die mit den Anarchisten identifiziert worden waren. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert prägte schließlich die zunehmend heftige Diskussion über die Einwanderung von Juden die Entwicklung der Einbürgerungspraxis. Forderungen, den Innenminister zu ermächtigen, Naturalisationen zu widerrufen, setzten sich bis 1914 aber noch nicht durch, zumal sich die Zahl der Einbürgerungen bis zur Jahrhundertwende in Grenzen gehalten hatte. Jedoch stigmatisierten vor allem konservative Politiker Juden – etablierte Financiers ebenso wie arme Einwanderer aus Osteuropa – als Feinde. Zugleich schärften der Hochimperialismus und der radikale Nationalismus die angelsächsische Identität. Diese gründete sich auch auf einer deutlichen Abgrenzung von aliens und dem Anspruch einer zivilisatorischen Überlegenheit, sowohl gegenüber den unterworfenen Völkern in Afrika und Asien als auch gegenüber den konkurrierenden europäischen Mächten.4 Britische Wahrnehmungen Deutschlands und der Deutschen im Vereinigten Königreich blieben lange widersprüchlich. Viele Autoren bewunderten einerseits die Kultur und die Landschaften in Deutschland. Auch die gemeinsame angelsächsische Herkunft wurde in der Literatur und Presse hervorgehoben. Andererseits galten Deutsche im Vereinigten Königreich als grobschlächtig. Germans in the British Hospitality Industry, c1880–1920, in: Food and History 33 (2013), S. 93– 119, hier: S. 97. 3 Steve Cohen, Anti-semitism, Immigration Controls and the Welfare State, in: David Taylor (Hg.), Critical Social Policy. Social Policy and Social Relations, London 1996, S. 27–47, hier: S. 36 f.; Zoë Denness, Gender and Germanophobia: The Forgotten Experiences of German Women in Britain, 1914–1919, in: Panayi (Hg.), Germans, S. 87; Gammerl, Staatsbürger, S. 218–227. 4 Zu den Wurzeln: Linda Colley, Britons. Forging the Nation, 1707–1837, New Haven 1992; dies., Britishness and Otherness: An Argument, in: Journal of British Studies 31 (1992), S. 309–329. Vgl. auch Alan Sykes, The Radical Right in Britain. Social Imperialism to the BNP, London 2005, S. 31; David Cesarani, An Alien Concept? The Continuity of Anti-Alienism in British Society before 1940, in: ders. / Tony Kushner (Hg.), Internment, S. 25–52, hier: S. 28 f., 47; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 73; Manz / Panayi, Enemies, S. 52, 55. Zur Debatte über die Einbürgerungspraxis: Gammerl, Staatsbürger, S. 230.

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Nachdem Preußen 1871 den Krieg gegen Frankreich gewonnen hatte und mit dem Deutschen Reich ein starker Nationalstaat in der Mitte Europas entstanden war, wuchsen die machtpolitische Konkurrenz und die Sorgen über die Verteidigungsfähigkeit der britischen Insel. So verbreiteten Traktate wie The Invasion of England (1860) und die 1871 von George Chesney (1813–1895) erstmals im Blackwood’s Magazine veröffentlichte Kurzgeschichte The Battle of Dorking Invasionsängste. Ein fiktives Bedrohungsszenario verband sich mit dem Ruf nach „nationaler Sicherheit“. Angesichts der Wirtschaftskrise in den 1870er Jahren wurden „Fremde“ in Großbritannien zusehends mit „Degeneration“, Verfall und Niedergang assoziiert. Diese Ängste wuchsen in den beiden folgenden Jahrzehnten, als ausländische Anarchisten und irische Nationalisten (Fenians) mit Anschlägen die Selbstsicherheit der Briten erschütterten. Unsicherheit und Zukunftsangst verdrängten zusehends den liberalen Optimismus, der die Reformfähigkeit und Innovationskraft des Landes als Grundlage britischer Weltmacht betont hatte.5 Angesichts dieser Krisen wuchs der Druck, die Sicherheitskräfte zu professionalisieren, besonders die Polizei. Nachdem eine Untersuchung eine mangelhafte Koordination zwischen den einzelnen Ermittlern aufgedeckt hatte, richtete das Innenministerium 1878 ein gesondertes Criminal Investigation Department ein. Darüber hinaus wurde 1883 mit dem Special Branch eine Sonderpolizei gegründet, die den Staat vor politischen Verbrechen und Subversion schützen sollte. Außer dem Anarchismus verliehen der Konflikt über den Status Irlands (Home Rule) und erste Streiks der sich langsam organisierenden Arbeiterschaft Forderungen nach einem Ausbau des Sicherheitsapparates kräftig Auftrieb. Die Gesetzgebung ließ der Polizei, in der die 1829 von Innenminister Sir Robert Peel (1788–1850) gegründete Metropolitan Police in London (mit Zentrale in London) herausragte, im Umgang mit öffentlichen Protesten einen weiten Interpretationsspielraum, wie die Auseinandersetzungen mit den Chartisten gezeigt hatten.

5 Umfassend: Rupert Allason, The Branch. A History of the Metropolitan Police Special Branch 1883–1983, London 1983, S. 1–15; Ignatius Frederick Clarke, The Battle of Dorking, 1871–1914, in: Victorian Studies 8 (1964/65), S. 309–328; Panikos Panayi, German Immigrants in Britain during the Nineteenth Century, Oxford 1995, S. 203–214, 232 f.; ders., The Enemy in Our Midst: Germans in Britain During the First World War, New York 1991, S. 9–26. Vgl. auch Thomas Boghardt, Spies of the Kaiser. German Covert Operations in Great Britain during the First World War Era, Houndmills 2004, S. 21; Lothar Kettenacker, Großbritannien: Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs, in: Möller / Čurbar’jan (Hg.), Der Erste Weltkrieg, S. 31–44, hier: S. 34; Hartmut Pogge von Strandmann, The Mood in Britain in 1914, in: Kettenacker / Riotte (Hg.), Legacies, S. 58–76, hier: S. 61; Luff, Operations, S. 735; Cesarani, An Alien Concept?, S. 32 f.; Panayi, Immigration, S. 114.

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Damit wurde das Verhältnis zwischen öffentlicher Sicherheit und dem Recht auf Meinungsäußerung Gegenstand politischer Kontroversen.6 In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, als die zunehmende machtpolitische Rivalität und wirtschaftliche Konkurrenz die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien deutlich verschlechterten, wuchs im Vereinigten Königreich die Germanophobie. So behauptete der Journalist Joseph Banister in seinem 1901 erschienenen Buch England Under the Jews, dass Juden und Deutsche das Vereinigte Königreich beherrschten. Radikal nationalistische und militaristische Gruppen und Agitationsverbände verlangten eine strikte Überwachung oder Ausweisung der im Land lebenden, z. T eingebürgerten Deutschen. Die Forderung nach Migrationskontrolle war aber nicht nur mit der wachsenden Feindschaft gegenüber Deutschland verbunden, sondern auch mit der Furcht vor einem Niedergang der Nation. Angesichts des langsam beginnenden Abstiegs Großbritanniens als globale See- und Industriemacht sah sich zur Jahrhundertwende auch die politische Elite zusehends gegenüber dem Deutschen Kaiserreich und den USA in der Defensive. Die Sicherheitsängste trugen zur Germanophobie bei, die zwar vor allem von rechtsnationalistischen Politikern getragen wurde. Aber auch in der Arbeiterbewegung war die Feindschaft gegen das autokratisch regierte Deutsche Kaiserreich weit verbreitet. Hier trafen die Schriften sozialistischer Intellektueller wir Robert Blatchford (1851– 1943) und Henry Hyndman (1842–1921), die zugleich den britischen Nationalismus verteidigten, auf eine erhebliche Resonanz.7 Vor diesem Hintergrund verbreitete sich Angst vor Spionage, Unterwanderung und einer Invasion. Massenmedien wie die Zeitungen Lord Northcliffes – vor allem die 1896 gegründete, populäre Daily Mail – und die ebenfalls weit verbreiteten illustrierten Magazine heizten die Unsicherheit noch an. Sie vermittelten wirksame Feindbilder und Verschwörungsvorstellungen. Zudem hatten seit den 1890er Jahren im Genre der Kriegsfiktion Serien die bislang vorherrschenden Kurzgeschichten ersetzt und Verleger auch erstmals gezielt nach geeigne-

6 Iain Channing, The Police and the Expansion of Public Order Law in Britain, 1829–2014, Abington 2015, S. 20–26, 54–60; Bernard Porter, The Origins of the Vigilant State. The London Metropolitan Police Special Branch before the First World War, London 1987, S. 7–18, 98–108, 193; Allason, Branch, S. 16–29. Zu den Anarchisten und den staatlichen Gegenmaßnahmen: Richard Bach Jensen, The First Global Wave of Terrorism and International Counter-Terrorism, 1905–14, in: Jussi M. Hanhimäki / Bernhard Blumenau (Hg.), An International History of Terrorism. Western and Non-Western Experiences, London 2013, S. 16–33; ders., The International Campaign Against Anarchist Terrorism, 1880–1930s, in: Terrorism and Political Violence 21 (2009), Nr. 1, S. 89–109. Vgl. auch Cesarani, An Alien Concept?, S. 32 f. 7 Später, Vansittart, S. 48–50; Panayi, Enemy, S. 30 f.; ders., Immigration, S. 118; ders., Immigrants, S. 222, 224.

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ten Autoren gesucht. Northcliffe beeinflusste ebenso wie der Vorsitzende der National Service League (NSL), Lord Roberts (1832–1914), sogar direkt den Schriftsteller William Le Queux (1864–1927), der in der Daily Mail vom 20. März bis 4. Juli 1906 seine Artikelserie The Invasion of 1910 veröffentlichte. Unter dem Druck des mächtigen Verlegers und des einflussreichen Militaristen nahm Le Queux, der noch 1894 Frankreich als mächtigsten Feind Großbritanniens identifiziert hatte, in seinen Text alle größeren Städte an der Ostküste Englands auf, durch die eine deutsche Invasion verlaufen sollte. Mit diesen Eingriffen sollte die Resonanz erhöht und der Kampagne für die Einführung der Wehrpflicht Auftrieb verliehen werden. Wegen der enormen Resonanz wurde die Artikelserie noch 1906 auch als Roman veröffentlicht. Um für das Buch zu werben, marschierten britische Kriegsveteranen mit Pickelhauben und in blauen preußischen Uniformen durch die Londoner Oxford Street. Die Zahl der verkauften Bücher belief sich schließlich auf über eine Million. Der Roman, der eine Vielzahl deutscher Spione – darunter auch Frauen – darstellte, wurde in 27 Sprachen übersetzt. Damit übertraf das Werk die Resonanz, die Erskine Childers (1870– 1922) schon 1903 mit seiner Invasionsgeschichte The Riddle of the Sands, 1903) erzielt hatte. Auch andere Schriftsteller wie Walter Wood (The Enemy in Our Midst, 1906) feierten mit ihren Romanen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg spektakuläre Erfolge. In diesem Prozess der massenmedialen Vermittlung lösten sich die jeweils konstruierten Sicherheitsgefahren von den realen Bedrohungslagen.8 Militärexperten hielten die fiktiven Invasionsszenarien, die von einer Überlegenheit der deutschen Flotte über die Home Fleet ausgingen, für völlig unrealistisch. So urteilte die britische Admiralität lakonisch über Childers’ Roman: „As a novel, it is excellent, as a war plan it is rubbish.“ Publikationen wie das satirische Magazin Punch gaben die Kriegsängste auch öffentlich der Lächerlichkeit preis, und viele zeitgenössische Stimmen forderten eine nüchterne Betrachtung. So betonten sie, dass die Annahme eines kurzen Krieges zwar der Erfahrung rapiden Wandels und dem Fortschrittsglauben im frühen 20. Jahrhundert entsprach, aber unrealistisch sei. Freilich verhinderten diese Kritiker nicht, dass auch Bücher wie When the Eagle Flies Seaward beträchtliches Aufsehen erreichten. In dem Roman plädierten die Autoren Patrick Vaux und Lionel Yexley 1907 für die Einführung der Wehrpflicht, um die britische Armee zu stärken.

8 Reinecke, Grenzen, S. 200 f.; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 83 f.; Clarke (Hg.), The Great War, S. 2, 18, 259; Pattinson, Twilight War, S. 69; Macdonald, May 1915, S. 159; Demm, Censorship, S. 139–141. Zur Forderung nach der Wehrpflicht: Adams / Poirier, Conscription Controversy, bes. S. 2–15; Searle, A New England?, S. 286; Altenhöner, Kommunikation, S. 196; Andrew, Secret Service, S. 46 f.; Holmes, Immigrants, S. 15; Terwey, Antisemitismus, S. 78–84.

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Das Horrorszenario einer deutschen Invasion Großbritanniens verbreitete auch Guy du Mauniers Theaterstück An Englishman’s Home, das nach der Premiere in London im Januar 1909 geradezu hymnisch gelobt wurde. Schon bevor die Regierung in demselben Jahr zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen beschloss, hatte sich die Vorstellung eines „inneren Feindes“ verfestigt. Sie wirkte innenpolitisch integrierend und sollte im Ersten Weltkrieg den Umgang mit zivilen enemy aliens maßgeblich prägen.9 Über Sicherheitsängste und Bedrohungsvorstellungen hinaus schürten die Invasions- und Spionagegeschichten Fremdenfeindlichkeit und den populären Nationalismus, der mit der Aktivität neuer Massenbewegungen verbunden war. Viele dieser Verbände verlangten die Stärkung der Nation und besonders eine massive Aufrüstung. Nachdem Admiral Alfred von Tirpitz (1849–1930) 1898 in Deutschland das erste Flottengesetz in den Reichstag eingebracht hatte, forderten Verbände wie die Navy League und die 1907 gebildete Imperial Maritime League eine enorme Aufrüstung der britischen Marine, vor allem durch den Bau vieler neuer Schlachtschiffe, der Dreadnoughts. Auch wenn der Marinegeheimdienst und die Admiralität die Furcht vor einer deutschen Invasion für unbegründet hielten, konnten sie sich der Agitation für Sicherheit kaum entziehen. Sie wurde vor allem von einer neuen „radikalen Rechten“ aus nationalistischen Konservativen betrieben, die damit die liberale Regierung unter Premierminister Henry Campbell-Bannerman (1905–1908) bedrängten. Allerdings darf der Einfluss der nationalistischen und militaristischen Sammelbewegungen auch nicht überschätzt werden. Vor dem Ersten Weltkrieg unterstützten höchstens 177 von 670 Unterhausabgeordneten die Forderung der NSL nach der Wehrpflicht, und dem populistischen Militarismus standen z. T. drastische Warnungen vor einem Krieg entgegen, die besonders Pazifisten und Sozialisten verbreiteten.10 9 Zitat: Pogge von Strandmann, Mood, S. 62. Vgl. auch Susanne Terwey, Moderner Antisemitismus in Großbritannien 1899–1919. Über die Funktion von Vorurteilen sowie Einwanderung und nationale Identität, Würzburg 2006, S. 68–84; Richard Thurlow, The Secret State. British Internal Security in the Twentieth Century, Oxford 1994, S. 49; Christopher Andrew, Secret Service. The Making of the British Intelligence Community, London 1985, S. 39 f.; ders., Phantasie und Apparat. Deutschland und die Anfänge des britischen Geheimdienstes, in: Journal für Geschichte, H. 4 / 1986, S. 44–49, hier: S. 46 f.; Clarke (Hg.), Great War, S. 3, 5, 8, 14, 116–118, 152; Boghardt, Spies, S. 21, 23–25, Panayi, Enemy, S. 32–36; ders., Immigrants, S. 239–241; Kettenacker, Großbritannien, S. 34. Zu den Jugendmagazinen: Robert H. MacDonald, Reproducing the Middle-class Boy: From Purity to Patriotism in the Boys’ Magazines, 1892–1914, in: Journal of Contemporary History 24 (1989), S. 519–539. 10 Angabe nach: Searle, A New England?, S. 513. Vgl. auch Frans Coetzee, For Party or Country. Nationalism and the Dilemmas of Popular Conservatism in Edwardian England, New York 1990, S. 9–136. Übersicht zur „National Service League“, die 1914 über rund 270.000 Mitglieder verfügte, im entsprechenden Artikel in: Ramsden (Hg.), Oxford Companion to Twentieth-Cen-

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Dennoch ging der radikale Nationalismus mit einer erheblichen Fremdenfeindlichkeit und einer Niedergangsangst einher, die auch Schriften wie Elliott Mills’ The Decline and Fall of the British Empire (1905) verbreiteten. Die Furcht vor einem Zerfall der Vormachtstellung Großbritanniens hatten vor allem die Niederlagen zu Beginn des Burenkrieges (1899–1902) und die Zuwanderung armer Immigranten aus Osteuropa ausgelöst. In der Agitation gegen die Einwanderer bündelten sich Fremdenfeindlichkeit und antisemitische Abwehrreflexe zunächst in der Sorge über die sozialen Probleme in einzelnen Vierteln Londons und – vor allem nach der Jahrhundertwende – über die Zukunft des Empire. Dabei drängten auch Gewerkschaften und jüdische Wohlfahrtsorganisationen wie der 1859 gegründete Jewish Board of Guardians auf eine Einschränkung der Immigration von überwiegend armen osteuropäischen Juden. Befunde über eine Verschlechterung der physischen Konstitution der Briten, besonders in den Großstädten, nährten diese Ängste. So hatte das Inter-Departmental Committee on Physical Deterioration in ihrem Abschlussbericht 1904 den unbefriedigenden Gesundheitszustand vieler Rekruten aus den städtischen Armutsvierteln hervorgehoben. Aber auch die Daten und Statistiken des 1836 gegründeten General Register Office zum Rückgang der Geburtenquote waren besorgt registriert worden. Die Furcht vor „Degeneration“ trieb in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts eine breit angelegte Kampagne zur Steigerung der „nationalen Effizienz“ (national efficiency) voran. Nationalistische Militärreformer wie der liberale Lord Esher (1852–1930) schürten dabei offen Niedergangsangst, um Kriegsbereitschaft zu fördern: „Anxiety, not a sense of security, lies at the root of readiness for war.“ Furcht sollte nicht zur Resignation führen, sondern eine aggressive Sicherheitspolitik begründen. Allerdings blieben im Vereinigten Königreich Vorschläge zur Verbesserung des Erbgutes (Eugenik) über sozialhygienische Konzepte mit Initiativen zur Steigerung der physischen Leistungsfähigkeit (so durch sportliches Training) und Sozialreformen verbunden. An dieser Effizienzkampagne nahmen auch zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Heilsarmee teil. Demgegenüber setzten sich Forderungen nach direkten staatlichen Eingriffen in die demographische Entwicklung kaum durch. Allerdings enthielt der 1913 verabschiedete Mental Deficiency Act weitreichende Regelungen zur Isolierung Geistesschwacher, Krimineller und als unzuverlässig stigmatisierter Personen.11 tury British Politics, S. 465. Zum relativen Niedergang Großbritanniens als Weltmacht: Correlli Barnett, The Collapse of British Power, London 1972; Paul Kennedy, Der Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt/M. 1989, S. 344–354. Vgl. auch Holmes, Immigrants, S. 26; ders., A Tolerant Country? S. 81; Panayi, Immigrants, S. 233 f. 11 Ruddock F. Mackay, Fisher of Kilverstone, Oxford 1971, S. 385, Zitat: Andrew, Secret Service, S. 48. Zur Niedergangsangst und den damit verbundenen Forderungen nach einer grund-

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Ebenso nutzte Kriegsminister Richard Haldane (1856–1928) die Invasionsund Spionagehysterie, um Rekruten für die von ihm 1908 gegründete Territorial Force (der Reservetruppe der britischen Armee) zu gewinnen. 1909, als Guy de Mauriers in London uraufgeführtes Schauspiel An Englishman’s Home einen deutschen Angriff andeutete, ließ Haldane anlässlich der Aufführung im Foyer des Theaters einen Stand aufstellen, um Freiwillige zu rekrutieren. Damit prägte die Armee auch die Gesellschaft – ein Prozess, der mit dem populistischen Militarismus während des Burenkrieges begonnen hatte. Jedoch blieb die Mobilisierung von Freiwilligen begrenzt. So hatten sich 1903 nur 2,7 Prozent der Briten im Alter von 15 bis 49 Jahren der Volunteer Force angeschlossen. Auch lehnte Haldane 1908 die Forderung führender Militärs nach einem gesonderten Gesetz über den zivilen Notstand ab.12 Zugleich führten antisemitische Pogrome im russischen Zarenreich nach der Ermordung Zar Alexanders II. am 13. März 1881 in den darauffolgenden Wochen und Monaten zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl ostjüdischer Immigranten. 1901 wurden in England und Wales 82.844 Russen und Polen registriert.13 Insgesamt erreichten bis 1914 rund 120.000 Juden – darunter 100.000, die in den polnischen Provinzen des russischen Zarenreiches gelebt hatten, – die britischen Inseln. Dabei ließen sie sich besonders in östlichen Vierteln London nieder, wo sie mit der überwiegend armen Bevölkerung vor allem um Arbeitsplätze und Wohnraum konkurrierten. Hier konnten sich Kandidaten der legenden Erneuerung: Richard A. Soloway, Demography and Degeneration: Eugenics and the Declining Birthrate in Twentieth-Century Britain, Chapel Hill 1990; David Feldman, The Importance of being English. Jewish Immigration and the Decay of Liberal England, in: ders. / Gareth Stedman Jones (Hg.), Metropolis London. Histories and Representations since 1800, London 1989, S. 56–84, bes. S. 56 f., 60–66, 69–78; Artikel „national degeneration“, in: Ramsdem (Hg.), Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, S. 456; Searle, A New England?, S. 511; Fischer-Tiné, Global Civil Society, S. 35, 38. Vgl. auch Thomas G. Fergusson, British Military Intelligence, 1870–1914. The Development of a Modern Intelligence Organization, London 1984, S. 197 f.; Edward Higgs, Life, Death and Statistics. Civil Registration, Censuses and the Work of the General Register Office, 1836–1952, Hatfield 2004, S. 134–138, 141 f.; Richard Holt, Contrasting Nationalisms: Sport, Militarism and the Unitary State in Britain and France before 1914, in: James A. Mangan (Hg.), Tribal Identities. Nationalism, Europe, Sport, London 1996, S. 39–54, hier: 51; Aribert Reimann, Der große Krieg der Sprachen. Untersuchungen zur historischen Semantik in Deutschland und England zur Zeit des Ersten Weltkries, Essen 2000, S. 188. 12 Angabe nach: Holt, Nationalisms, S. 44; Charles Townshend, Military Force and Civil Authority in the United Kingdom 1914–1921, in: Journal of British Studies 28 (1989), S. 262–292, hier: S. 262, 267; Boghardt, Spies, S. 26; Reimann, Krieg, S. 53. 13 Colin Holmes, The Promised Land? Immigration into Britain 1870–1980, in: David A. Coleman (Hg.), Demography of Immigrants and Minority Groups in the United Kingdom, London 1982, S. 1–21, hier: S. 7.

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Konservativen Partei in der Parlamentswahl von 1906 insgesamt besser behaupten als im Land insgesamt, offenbar auch weil sie im East End fremdenfeindliche Vorurteile verbreiteten. Zugleich führte der Aliens Act von 1905 eine Professionalisierung der Ausländerpolitik und eine „Ideologie der Kontrolle“ herbei.14 Zwar war ein Gesetzesentwurf, mit dem Lord Salisbury (1830–1903) 1894 die Einwanderung als gefährlich eingestufter Ausländer verhindern wollte, noch am Widerstand in der liberalen Regierung unter dem Earl of Rosebery (1847–1929) gescheitert. Auch zeigte die Agitation der 1886 gegründeten Society for the Suppression of Destitute Aliens nur wenig Wirkung. Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz stellten jedoch das liberale Selbstverständnis Großbritanniens als Asylland in Frage. Im frühen 20. Jahrhundert agitierten die 1901 gegründete British Brothers’ League (BBL) und die Immigration Reform Association in den östlichen Stadtvierteln Londons, wo in demselben Jahr rund achtzig Prozent der in der Stadt registrierten Juden lebten, gegen die überwiegend armen Einwanderer. Sie wurden u. a. beschuldigt, die Löhne für Arbeiter zu drücken und „subversive“ Kräfte zu unterstützen. Eine Kommission empfahl daraufhin, die Immigration einzuschränken. In seinem Abschlussbericht assoziierte dieses Parliamentary Alien Immigration Committee, dem alle Abgeordnete von Wahlkreisen im East End angehörten, 1903 die Immigranten mit Anarchisten, denen sie – den populären Stereotypen folgend – eine Neigung zum Verbrechen und andere negative, mit „Fremden“ assoziierte Charaktereigenschaften zuschrieb. Danach galten Einwanderer pauschal als unmoralische, verlotterte und unordentliche Menschen.15

14 Cohen, Anti-semitism, S. 29 („ideology of control“). 15 Angabe nach: Holmes, The Promised Land?, S. 9 f. Vgl. hierzu und zum Folgenden Colin Holmes, John Bull’s Island. Immigration and British Society, 1871–1971, London 1988, S. 67–74; ders., Anti-Semitism in British Society 1876–1939, London 1979, S. 89–95; Bernard Wasserstein, Britische Regierungen und die deutsche Emigration 1933–1945, in: Gerhard Hirschfeld (Hg.), Exil in Großbritannien. Zur Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland, Stuttgart 1983, S. 44–61, hier: S. 45; Christopher Husbands, East End Racism 1900–1980. Geographical Continuities in Vigilantist and Extreme Right-wing Political Behaviour, in: London Journal 8 (1982), H. 1, S. 3–26, hier: S. 7–12; Louise London, Whitehall and the Jews, 1933–1948. British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holocaust, Cambridge 2000, S. 17; Geoffrey G. Field, Anti-Semitism with the Boots Off, in: Wiener Library Bulletin, Special Issue 1983, S. 25–46, hier: S. 29 f.; Manz, Migranten, S. 232 f.; Kay Saunders, The stranger in our gates: Internment Policies in the United Kingdom and Australia during the Two World Wars, 1914– 39, in: Immigrants and Minorities 22 (2013), Nr. 1, S. 22–43, hier: S. 25; Cesarani, An Alien Concept?, S. 25–33; Sykes, Radical Right, S. 32 f.; Panayi, Immigrants, S. 215 f.; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 81 f.; Holmes, A Tolerant Country?, S. 78; Porter, Origins, S. 108–113. Zur Furcht vor Anarchisten und Einwanderern: Haia Shpayer-Makov, Anarchism in British Public Opinion 1880–1914, in: Victorian Studies 31 (1988), S. 487–516, hier: S. 496, 514 f.

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Diese Vorurteile prägten ebenso die Werke von Schriftstellern wie Hilaire Belloc (1870–1953) und die Agitation, welche die BBL und Unterhausabgeordnete wie William Evans-Gordon (1857–1913) und Howard Vincent (1849–1908) vorantrieben.16 Während frühe fremdenfeindliche Verbände wie die 1886 gegründete Society for the Suppression of the Immigration of Destitute Aliens nur eine geringe politische Wirkung erzielt hatten, identifizierten die Agitatoren der BBL Einwanderer pauschal mit Sozialisten, die sie ebenso als „unenglisch“ stigmatisierten wie die Anarchisten. Obwohl sich die Kampagne vorrangig gegen jüdische Immigranten richtete, wurden auch Deutsche, die nicht Juden waren, diffamiert, besonders in den östlichen Stadtvierteln Londons. Über Konservative hinaus verbanden Arbeiter, Gewerkschaften und Sozialisten Einwanderer oft mit Verbrechen und Krankheiten, welche die Nation nach Auffassung der fremdenfeindlichen Gruppen schwächten. Die Revolution in Russland Anfang 1905 verstärkte darüber hinaus nochmals die Furcht vor einem Umsturz. Vor diesem Hintergrund wurde im August 1905 der Aliens Act verabschiedet, den das konservative Kabinett unter Premierminister Arthur Balfour (1848–1930) in das Parlament eingebracht hatte, aber erst die nachfolgende liberale Regierung in Kraft setzte. Das Gesetz berührte das Asylrecht zwar nicht, erlaubte aber Vertretern der Einwanderungsbehörde, Schiffe zu durchsuchen und unerwünschten Passagieren die Einreise zu verbieten. Dazu wurden besonders mittellose, bedürftige, kranke und straffällig gewordene jüdische Einwanderer gerechnet. Für diese Immigranten, von denen sich die im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert aufgenommenen Hugenotten positiv abzuheben schienen, trat vor allem die zionistische Organisation B’nai B’rith ein. Dagegen widersprach der Board of Deputies of British Jews als alteingesessener, einflussreicher Interessenverband der britischen Juden den Bestimmungen des Aliens Act und der darauf bezogenen Verwaltungspraxis nur halbherzig. Die allgemein zunehmende Ablehnung von Fremden zeigte auch die Ausweisung von deutschen Sinti und Roma von 1904 bis 1906.17 16 Zum Antisemitismus unter Schriftstellern um 1900 ausführlich: Bryan Cheyette, Constructions of the ‚Jew‘ in English Literature and Society. Racial Representations, 1875–1945, Cambridge 1993. 17 Colin Holmes, The German Gypsy Question in Britain, 1904–1906, in: Kenneth Lunn (Hg.), Hosts, Immigrants and Minorities: Historical Responses to Newcomers in British Society, 1870– 1914, Folkestone 1980, S. 134–159; Todd M. Endelman, The Jews in Britain. 1656 to 2000, Berkeley 2002, S. 183–226, 194. Vgl. auch Debra Hayes, From Aliens to Asylum Seekers. A History of Immigration Controls and Welfare in Britain, in: Steve Cohen / Beth Humphries / Ed Mynott (Hg.), From Immigration Controls to Welfare Controls, London 2002, S. 30–46, hier: S. 32, 37; Panikos Panayi, German Business Interests in Britain during the First World War, in: Business History 32 (1990), S. 244–257, hier: S. 245; ders., Enemy, S. 27–29; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 78; ders., Immigration, S. 121; ders., Immigrants, S. 216. Die Neigung, Immigranten, die be-

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Bei der Einwanderungskontrolle gewann das Innenministerium gegenüber dem Handelsministerium (Board of Trade) und dem 1871 geschaffen Local Government Board, das die Lokalverwaltung in England und Wales beaufsichtigte, eine starke Stellung. Das Home Office nahm die Ausländer daraufhin in Statistiken auf, die im Ersten Weltkrieg für den Umgang mit Feindstaatenangehörigen genutzt werden sollten. Zudem wurden die osteuropäischen Flüchtlinge als „unerwünschte“ (undesirable) Ausländer politisch und sozial stigmatisiert. Obwohl von 1906 bis 1913 insgesamt lediglich 7.594 Ausländern auf der Grundlage des Aliens Act die Einreise nach Großbritannien verweigert wurde, schuf das Gesetz einen Präzedenzfall, an den Einwanderungsgegner später anknüpfen konnten.18 Auch wenn die Grenzkontrollbeamten bis 1910 jährlich nur etwa 1.000 Einwanderer zurückwiesen, waren mit dem Aliens Act ethnische Kategorien in die Staatsbürgerschaft eingeführt worden. Diese Kriterien schlossen bestimmte Gruppen von der Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich aus. Die Gesetze zur Altersversorgung (Old Age Pensions Act, 1908) und zur Gesundheits- sowie Arbeitslosenversicherung (National Insurance Act, 1911) verankerten die Unterscheidung zwischen Staatsangehörigen und Ausländern auch im Sozialrecht. Die Kontrolle der Einwanderung wurde so verbunden mit Zugangsbeschränkungen zur staatlichen Wohlfahrtsfürsorge.19 Die Ethnisierung des Staatsbürgerschaftsrechtes vollzog sich in Großbritannien unter dem Einfluss der vorangegangenen Entwicklung in den Siedlerkolonien (Dominions). So war in Kanada bereits im späten 19. Jahrhundert die Aufnahme „europäischer“ Einwanderer mit dem Ausschluss der offiziell unerwünschten „asiatischen“ Immigranten einhergegangen. Auch in Australien hatte sich die White Australia Policy schon seit den 1870er Jahren abgezeichnet, als in Queensland und New South Wales restriktive Gesetzesentwürfe erarbeitet worden waren, die Asiaten diskriminierten. Das britische Kolonialministerium hatte diese Vorlagen – so die australische Coloured Races Restriction Bill, in die 1896 ihrerseits Einflüsse aus Natal (Südafrika) eingegangen waren, – zwar abgelehnt, die rassistische Ausgrenzung besonders von Chinesen, Japanern und Melanesiern aber letztlich nicht verhindert. Mit der Politik des „weißen Australien“ reits in Großbritannien integriert waren, gegen Neuankömmlinge auszuspielten, sollte im Vereinigten Königreich im 20. Jahrhundert anhalten. Vgl. Kushner, Remembering, S. 27 f., 35. 18 Jill Pellew, The Home Office and the Aliens Act, 1905, in: Historical Journal 32 (1989), S. 369–385; Feldman, Importance, S. 57 f., 76. Angaben nach: Holmes, Immigrants, S. 17; Marrus, The Unwanted, S. 36 f.; Pistol, Internment, S. 11. Vgl. auch Kushner, Remembering, S. 27 f. 19 Diese Verknüpfung bestimmte in Großbritannien auch im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts politische Debatten und Gesetze. Vgl. Cohen, Anti-semitism, S. 29, 43, 47; Hayes, S. 30, 34–36, 40, 44.

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sollte auch der ökonomische Einfluss beseitigt werden, über den die Minderheiten teilweise verfügten. 1901 legte der rassistische Immigration Restriction Act schließlich für das gesamte Commonwealth Gruppen fest, denen die Einwanderung untersagt wurde, darunter Asiaten. Wenige Jahre später übernahm die britische Regierung die Logik kollektiver Verbote in dem Gesetz für den Umgang mit ethnischer Heterogenität. Entwicklungen im britischen Weltreich wirkten damit auf das imperiale Zentrum zurück. Hinzu kamen nationalstaatliche Kriterien, die sich seit der Jahrhundertwende vor allem in der zunehmenden rechtlichen Diskriminierung von Deutschen niederschlugen. Die Dominions waren damit keineswegs „Vorreiter der demokratischen Entwicklung“, wenn über das Wahlrecht hinaus auch der Umgang mit Ausländern einbezogen wird. Vielmehr ging die Ausweitung der Teilhabe von Staatsbürgern mit dem Ausschluss von Ausländern und Minderheiten einher.20 Wie gezeigt, wurden in der Debatte über jüdische Immigranten grundsätzliche Probleme der Staatsbürgerschaft, Einwanderung und Einbürgerung (naturalisation) verhandelt. Letztlich bezog sich die fremdenfeindliche Agitation auf nationale Identitäten, die ihrerseits eng mit Prozessen der In- und Exklusion verknüpft waren. Damit begann eine „diskursive Ausbürgerung“, die sich im Ersten Weltkrieg in der Internierung von Feindstaatenangehörigen niederschlagen sollte. Eine wichtige Grundlage dafür war der 1914 verabschiedete British Nationality and Status of Aliens Act, der die Verfahren der Ein- oder Ausbürgerung festlegte. Dabei vertiefte das Gesetz nicht nur die Unterscheidung zwischen alteingesessenen und naturalisierten Briten, sondern es erlaubte dem Innenminister auch, Einbürgerungen zurückzunehmen. Da das Gesetz die Staatsbürgerschaft an die Abstammung der Männer band, wurden Britinnen, die Ausländer geheiratet hatten, Ausländerinnen und damit praktisch entrechtet. Der Erste Weltkrieg beschleunigte schließlich diese Nationalisierung und Ethnisierung des Staatsbürgerrechtes, die um 1900 eingesetzt hatten.21 Nachdem bis zur Bildung der Entente Cordiale 1904 auch Frankreich als Rivale gegolten hatte, konzentrierte sich die Fremdenfeindlichkeit seit 1905 zunehmend auf die 49.133 Deutschen, die 1901 in Großbritannien gezählt worden

20 Zitat: Kailitz, Nach dem „Großen Krieg“, S. 30. Vgl. auch Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 23, 30 f.; Pistol, Internment, S. 10. 21 Zitat: Terwey, Antisemitismus, S. 123. Vgl. auch M. Page Baldwin, Subject to Empire: Married Women and the British Nationality and Status of Aliens Act, in: Journal of British Studies 40 (2001), S. 522–556; Panayi, Enemy, S. 61 f., ders., Immigration, S. 105; Gammerl, Staatsbürger, S. 232, 238–243, 330–333, 336, 339–347, 355; Gosewinkel, Schutz und Freiheit?, S. 121, 123. Zum Kontext: Arnd Bauerkämper, Die „radikale Rechte“. Nationalistische, antisemitische und faschistische Bewegungen vom späten 19. Jahrhundert bis 1945, Göttingen 1991, S. 58–92.

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waren.22 Der Rüstungswettlauf mit dem Kaiserreich hatte in Großbritannien seit dem späten 19. Jahrhundert nationalistische und militaristische Ressentiments gestärkt. Hinzu war die wirtschaftliche Konkurrenz der deutschen Industrie gekommen, deren Produkte mit der Herkunftsbezeichnung „Made in Germany“ gebrandmarkt werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurden Deutsche, die sich während des Burenkrieges nicht dem allgemeinen Jubel über die Entsetzung des belagerten britischen Militärstützpunktes Mafeking (Südafrika) im Mai 1900 anschlossen, erstmals offen angegriffen. Der radikal nationalistische National Review, den James Leopold (Leo) Maxse (1864–1932) herausgab, bezichtigte die in Großbritannien lebenden Deutschen pauschal der Parteinahme für das Deutsche Kaiserreich. Der Kampagne schloss sich die konservative Daily Mail an. 1906 beschuldigte auch der Schriftsteller Walter Woods die Deutschen in seinem Roman The Enemy in Our Midst unterschiedslos der Subversion. Damit wandte er sich gegen den 1905 in Kraft getretenen Aliens Act, den er als unzureichend ablehnte. Am 6. Mai 1907 behauptete die radikal-nationalistische radikal-konservative, 1772 gegründete Tageszeitung Morning Post sogar, dass sich in Großbritannien 90.000 deutsche Reservisten und Spione aufhielten. E. Phillips Oppenheim (1866–1946) in seinem Buch The Secret und William Le Queux in einer Artikelfolge über Spies of the Kaiser warfen den deutschen Einwanderern 1908 direkt Spionage für das Deutsche Reich vor. Während britische Agenten als moralisch integre, gut ausgebildete gentlemen und Ehrenmänner galten, bezeichneten Presseorgane und Schriftsteller deutsche Spione als hinterhältig und verschlagen.23 Zugleich erklärten Abgeordnete wie Mark Lockwood (1847–1928) im Unterhaus, dass deutsche Agenten die Invasion Großbritanniens geradezu generalstabsmäßig vorbereiteten. Nachdem die Leser der Weekly News in einem Wettbewerb aufgefordert worden waren, ihre Beobachtungen zu feindlichen Agenten mitzuteilen, erreichte den eigens eingerichteten „Spy Editor“ der Zeitung eine Flut von Zuschriften, darunter zahlreiche Denunziationen. In London wur22 Holmes, The Promised Land?, S. 7; Panayi, Immigrants, S. 239. 23 Hierzu und zum Folgenden: David French, Spy Fever in Britain 1900–1915, in: Historical Journal 21 (1978), S. 355–370, hier: S. 356–358; Nicholas Hiley, The Failure of British CounterEspionage against Germany, 1907–1914, in: Historical Journal 28 (1985), S. 835–862, hier: S. 844 f.; Andrew Francis, ‚The Meanest Devil of the Pit‘: British Representations of the German Character in Edwardian Juvenile Spy Fiction, 1900–1914, in: Jean Anderson / Carolina Miranda / Barbara Pezzotti (Hg.), The Foreign in International Crime Fiction: Transcultural Representations, London 2012, S. 153–164; David A. T. Stafford, Spies and Gentlemen: The Birth of the British Spy Novel, 1893–1914, in: Victorian Studies 24 (1981), S. 489–509, hier: S. 496–509; ders., Conspiracy and Xenophobia. The Popular Spy Novels of William Le Queux, in: Europa 4 (1981), S. 163–185; Pattinson, Twilight War, S. 68 f.; Panayi, Immigrants, S. 235–242; Pogge von Strandmann, Mood, S. 60.

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den vor allem Friseure und Kellner verdächtigt, die auch Maxse als Saboteure stigmatisierte. Die 1910 begründete Loyal British Waiters Society kritisierte einen aus ihrer Sicht unfairen Wettbewerb durch eingewanderte deutsche Ober, die vor allem in London den allgemeinen Aufschwung der Gastronomie genutzt hatten und hier rund zehn Prozent aller Kellner stellten. Auch in anderen Angestelltenberufen konnte die Furcht vor unerwünschter Konkurrenz gegen die Deutschen gerichtet werden. Diese wurden sogar verdächtigt, Nahrungsmittel vergiftet zu haben.24 Dagegen fanden warnende Stimmen kaum Gehör. So klagte die Times 1908 über die umlaufenden Gerüchte: „Every day brings its fresh accumulation of ‚proofs‘, rarely in the form of personal observation, generally in the shape of remarks made by some unknown person to someone else.“25 Auch radikale Liberale wandten sich gegen die Spionagemanie. Die Wochenzeitschrift Nation warnte im März 1909: „There is in the blood of all of us a primitive instinct of alarm which takes fire at the very mention of a spy.“ Ebenso kritisierte der Daily Chronicle im selben Jahr die Invasionsfurcht, die von nationalistischen Presseorganen und Schriftstellern geschürt wurde.26 Unter dem Eindruck der Angst vor Agenten und Verrätern nahm der Druck zur Professionalisierung des Sicherheitsapparates der Regierung zu, die bereits 1904 im Kriegsministerium ein Directorate of Military Operations eingerichtet hatte. Der Gründer der Pfadfinder, Robert Baden-Powell (1857–1941), empfahl den Briten die Spionage für das Vereinigte Königreich als patriotische Pflicht, während Oberstleutnant James Edmonds (1861–1956) im War Office ein Abwehrbüro, das Military Operations Directorate (M. O.5, seit 1907), einrichtete, das subversive Angriffe deutscher Agenten bekämpfen sollte. Der Leiter des neuen Geheimdienstes gab Meldungen feindlichen Spionen ungeprüft an die Regierung weiter, auch wenn sie lediglich auf Gerüchten und Denunziationen beruhten. In den ersten zwölf Fällen, über die Edmonds berichtete, waren die verdächtigten Personen nicht einmal klar als Deutsche identifizierbar. Auch kolportierte er Meldungen, die er von dem mit ihm befreundeten Le Queux erhalten hatte. Kriegsminister Haldane befürchtete, dass die Unsicherheit über den „inneren Feind“ seinen Plan, bei Kriegsausbruch ein Expeditionskorps nach Frankreich und Belgien zu entsenden, durchkreuzen könnte. Aufgeschreckt auch von seinen Beamten, setzte er deshalb 1909 einen Unterausschuss des 1904 gegründeten Committee of Imperial Defence (CID) ein, der die Spionagefahr durch enemy aliens in Großbritannien untersuchen und klar ein24 Bischoff, Spy Fever; Panayi / Manz, Rise, S. 93, 99, 104 f.; Pattinson, Twilight War, S. 69. 25 The Times, 21. August 1908, S. 9, zit. nach: Porter, Origins, S. 167. 26 The Nation, 27. März 1909, zit. nach: Andrew, Secret Service, S. 43. Vgl. auch Pogge von Strandmann, Mood, S. 60; Pitzer, Night, S. 90; Panayi / Manz, Rise, S. 104.

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schätzen sollte. In seinem Abschlussbericht bestätigte das Gremium 1912 nicht nur Meldungen zu deutschen Agenten. Vielmehr ging es sogar von einem umfangreichen Spionagenetz aus, das nach dem Bericht mit bestehenden Institutionen nicht kontrolliert werden konnte. Vor allem das Kriegsministerium hatte den Unterausschuss von seiner Auffassung überzeugt, dass die Spionage durch Deutsche eine Gefahr für die Sicherheit des Vereinigten Königreiches darstellte. Nach Auffassung des Gremiums konnte die britische Regierung dieser Bedrohung mit den vorhandenen Ressourcen nicht begegnen. Angesichts dieser Warnung strebte das War Office in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nach einer umfassenden Kontrolle der Bevölkerung.27 Außerdem beschloss die von Haldane eingesetzte Kommission, der Regierung zu empfehlen, einen Geheimdienst zu etablieren. Innenminister Winston Churchill ernannte Hauptmann Vernon Kell (1873–1942) 1909 zum Direktor des neuen Secret Service Bureau, der als Inlandsgeheimdienst besonders für Spionageabwehr zuständig wurde. Kells vorangegangener Einsatz während des Boxeraufstandes in China und als Agent des War Office verweist auf den imperialen Kontext, in dem der britische Geheimdienst entstand. Auch der Special Branch richtete seine Aktivität zusehends gegen Feindstaatenangehörige, während die Überwachung von Anarchisten und Iren in den Hintergrund trat. So zeigte sich Kell in seinem ersten Bericht, den er im März 1910 dem Kriegsministerium und der Admiralität übermittelte, überzeugt, dass Spionage durch deutsche Agenten der Vorbereitung einer Invasion diente. Obwohl er diese Auffassung kaum belegen konnte, mussten die einzelnen Polizeistationen in den verschiedenen Distrikten Ausländer seit 1910 registrieren. Zudem oblag ihnen, Informationen über Verdächtige zu gewinnen und diese zu verhaften, da der Geheimdienst dazu nicht berechtigt war. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg schlug das Innenministerium sogar vor, eine Polizeireserve aus 2.800 Rentnern zu bilden und Tausende Bürger, die nicht vorbestraft waren, als Hilfspolizisten einzusetzen. Auch damit sollte die innere Sicherheit im Falle eines bewaffneten Konfliktes gewährleistet werden. Darüber hinaus nahm die Zusammenarbeit zwischen dem Geheimdienst und den Polizeieinheiten des Staatsschutzes bei der Identifizierung und Kontrolle von enemy aliens in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sprunghaft zu, ohne dass dabei Kompetenzkonflikte ausblieben.28 27 Denness, Gender, S. 74; Andrew, Phantasie, S. 44, 47; Hiley, Failure, S. 844–846; French, Spy Fever, S. 358; Pogge von Strandmann, Mood, S. 64; Panayi, Enemy, S. 37 f.; ders., Immigrants, S. 248 f. Zu den Anfängen des Geheimdienstes bis 1909: Fergusson, British Military Intelligence, S. 202–222. 28 Christopher Andrew, The Defence of the Realm. The Authorized History of MI5, London 2010, S. 30–34; ders., Secret Intelligence and British Foreign Policy 1900–1939, in: ders. / Jeremy Noakes (Hg.), Intelligence and International Relations 1900–1945, Exeter 1987, S. 9–28,

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Auch ergab sich eine Blindstelle, die geschlechterspezifischen Rollenzuweisungen geschuldet war: Politiker und Sicherheitsexperten trauten den vermeintlich schwachen Frauen zunächst subversive Aktivitäten nicht zu, obgleich der Geheimdienst selber zunehmend weibliche Arbeitskräfte beschäftigte, allerdings fast ausschließlich in untergeordneten Positionen wie Sekretariatsstellen. Im Widerspruch zu den geschlechterspezifischen Vorurteilen wurden einige Frauen aber auch als Agentinnen rekrutiert, da die radikalen Nationalisten die Bedrohung durch feindliche Spioninnen bald geradezu grotesk überzeichneten. Der extreme Nationalismus, die Furcht vor Sicherheitsrisiken und die Fremdenfeindlichkeit, die Männer prägten, waren in Großbritannien damit vor dem Ersten Weltkrieg geschlechterspezifisch aufgeladen. Politiker, die Führung der Polizei und Vertreter der Geheimdienste warnten vor der sexuellen Verführungskraft von Frauen, die zugleich als verschlagen und manipulierbar galten. Presseartikel nahmen diese Sorgen um Sicherheit, Moral und „Degeneration“ auf und verbreiteten die ohnehin populären geschlechterspezifischen Vorurteile, obwohl bis Ende 1916 lediglich 243 Frauen als Verdächtige interniert worden waren.29 Die Registrierung von vermeintlich gefährlichen enemy aliens ging von dem Beschluss einer weiteren Untersuchungskommission (des Committee of Imperial Defence) aus, die von Churchill geleitet worden war. Der Innenminister wies Kell daraufhin an, eine Kartei aller in Großbritannien lebenden Deutschen und Österreicher anzulegen. Dabei wurde er mit Daten versorgt, die ihm das General Register Office for England and Wales (GRO) zur Verfügung stellte. Das GRO, das schon seit 1836 Angaben zur Bevölkerungsentwicklung (so Zahlen zu Geborenen und Gestorbenen) erhob, stellte den Sicherheitsdiensten u. a. Informationen über enemy aliens und Kriegsflüchtlinge zur Verfügung. Auch das Kriegsmi-

hier: S. 13 f.; ders., Secret Service, S. 58–60; ders., Phantasie, S. 45 f., 48; Pattinson, Twilight War, S. 69 f.; Pogge von Strandmann, Mood, S. 64; Fergusson, British Military Intelligence, S. 222; Boghardt, Spies, S. 28, 36, 144; David Englander, Police and Public Order in Britain 1914–1918, in: Clive Emsley / Barbara Weinberger (Hg.), Policing Western Europe. Politics, Professionalism, and Public Order, 1850–1940, New York 1991, S. 90–138, hier: S. 93; John Curry, The Security Service 1908–1945. The Official History, Trowbridge 1999, S. 66; Stefan Petrow, Policing Morals. The Metropolitan Police and the Home Office, 1870–1914, Oxford 1994; Richard Deacon, British Secret Service, London 1991, S. 154–159; Wolfgang Krieger, Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaoen bis zur NSA, München 32014, S. 159–162; Luff, Operations, S. 735; Hiley, Failure, S. 847, 861; Porter, Origins, S. 170. Vgl. auch die Artikel „Vernon Kell“; „Secret Service Bureau“ und „Security Service“, in: Ramsden (Hg.), Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, S. 350, 594, 594–596. 29 Tammy M. Proctor, Female Intelligence. Women and Espionage in the First World War, New York 2003, S. 30, 33, 42 (Angabe), 51, 147.

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nisterium legte ein Register an, das vor dem Ersten Weltkrieg zwar noch erhebliche Lücken aufwies (vor allem in London). Immerhin wurden hier aber schon bis 1913 Daten zu 28.380 Personen gesammelt und auf Karteikarten notiert. Dazu nutzten die Beamten ab 1911 die Daten der Volkszählung, die in diesem Jahr stattfand. Damit hatte sich ein „Informationsstaat“ (Edward Higgs) herausgebildet, zu dem vor 1914 auch die Gründung einer Sozialversicherung (besonders zum Schutz von Kranken und Alten) beitrug. Die Etablierung und Expansion der Sicherheitsbehörden hatten in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zudem die z. T. militanten Proteste der Suffragetten um Emmeline Pankhurst (1858–1928) und ihre beiden Töchter Christabel (1880–1958) und Sylvia (1882– 1960) gefördert, die das Wahlrecht für Frauen forderten. Ebenso war die Unsicherheit angesichts von Massenstreiks (vor allem ab 1910) und der Ansätze zur Bildung einer Allianz zwischen den Gewerkschaften der Berg-, Eisenbahn- und Transportarbeiter gewachsen, denn ein umfassender Ausstand der Arbeiter drohte die Wirtschaft lahmzulegen. Zugleich führten die Forderungen der irischen Nationalisten nach einer Selbstregierung (Home Rule) sogar eine Verfassungskrise herbei. Angesichts der Agitation der irischen Nationalisten und der Weigerung des Oberhauses, Kompetenzen bei der Gesetzgebung aufzugeben, befürchteten zeitgenössische Beobachter wie der Leiter des Criminal Investigation Department von New Scotland Yard, Basil Thomson (1861–1939), 1913/14 sogar einen Bürgerkrieg.30 Der „Vorfall“ von Curragh (Curragh Incident) am 20. März 1914 verlieh diesen Schreckensszenarien noch zusätzlich Nahrung. Dort war der Kommandeur der Garnison, Sir Arthur Paget (1851–1928), vom Kriegsministerium angewiesen worden, seine Truppen auf die Verlegung nach Ulster vorzubereiten, falls es dort zu Unruhen kommen sollte. Er verstand diese Order als Marschbefehl, räumte seinen Offizieren aber den Rücktritt ein. 57 von ihnen gingen auf dieses Angebot ein. Die britische Regierung zog daraufhin den Befehl zurück und setzte die Offiziere wieder ein. Britische Nationalisten und irische Loyalisten interpretierten dieses Zugeständnis als Verrat an der Union des Königreiches. Alles in allem spiegelte der Ausbau des Sicherheits- und Polizeiapparates die zunehmenden Bedrohungsvorstellungen und Ängste vor Verfall, Niedergang und „Degeneration“ wider. So nahm die Zahl der Polizisten im Special Branch allein von 1909 bis 1913 von 38 auf 69 zu. Demgegenüber warnten Liberale vor einem Ein-

30 Panayi, Enemy, S. 38; ders., Immigrants, S. 249; Searle, A New England?, S. 472; French, Spy Fever, S. 359 f.; Allason, Branch, S. 34–36; Thurlow, Secret State, S. 19–36; Pogge von Strandmann, Mood, S. 65; Porter, Origins, S. 164–166; Andrew, The Defence of the Realm, S. 48.

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satz von Truppen gegen politische und gesellschaftliche Proteste und einer sozialen Militarisierung.31 Die größte Gefahr für die innere Sicherheit Großbritanniens ging aus der Sicht der Regierung aber von deutschen Spionen und Subversion aus, vor allem im Kriegsfall. So stellte ein weiterer Unterausschuss des CID, das Home Ports Defence Committee, seit August 1909 Listen gefährdeter Orte zusammen, so dass der örtlichen Polizei schließlich am 30. Juli 1914 detaillierte Pläne zum Schutz militärischer Einrichtungen übermittelt werden konnten.32 Seit 1910 hatte Churchill auch die Internierung ziviler enemy aliens vorbereitet, die der Subversion und Sabotage bezichtigt wurden. Schon die Streikwelle, die Großbritannien 1911 erschütterte, hatte das Home Office nicht zuletzt auf deutschen Einfluss zurückgeführt. Der Unterausschuss des CID einigte sich 1913 auf ein Verbot der Ein- und Auswanderung im Kriegsfall. Eine Masseninternierung von Feindstaatenausländern war zwar noch nicht geplant; die grassierende Furcht vor Sabotage und Spionage führte jedoch zu verstärkten Anstrengungen, Fremde ausnahmslos zu registrieren – zunächst allerdings mit nur begrenztem Erfolg. So erfassten die Behörden nicht alle der 53.324 Deutschen, die 1911 im Vereinigten Königreich lebten. Sie stellten damit 75 Prozent der 67.775 nicht eingebürgerten Ausländer, die nach dem Kriegsbeginn enemy aliens werden sollten. Vor allem wurden keine Migranten in London verzeichnet. Ebenso wenig mussten die Inhaber von Hotels und Pensionen ausländische Gäste registrieren. Jedoch waren im Juli 1913 schon 28.800 Ausländer notiert, davon 11.000 Deutsche und Österreicher. Ende August 1914 sollte sich die Zahl der erfassten Personen schon auf 50.633 belaufen.33 Die angelegten Listen von Verdächtigen zeigen das Kontrollbedürfnis einer Bürokratie, die bestrebt war, ihre Macht zu steigern. Damit konnte sie sich aber bis zum Ersten Weltkrieg nur teilweise durchsetzen. Ökonomische Interessen, die begrenzten Ressourcen des Staates und libertäre Traditionen begrenzten noch den Einfluss der Anhänger einer umfassenden Sicherheitspolitik. So musste im März 1911 ein Gesetzesentwurf zur Registrierung aller Ausländer (Aliens Bill) angesichts erheblicher Vorbehalte im Unterhaus und im Innenministerium zurückgezogen werden. Die Regierung hielt ihre Listen deshalb geheim. Auch 31 Townshend, Force, S. 270, 275 f. 32 French, Spy Fever, S. 364. 33 Farrar, Threat, S. 127–136. Angaben nach: Kevin James, Aliens, Subjects and the State. Surveillance in British Hotels during World War I, in: Immigrants and Minorities 36 (2018), Nr. 3, S. 199–231, hier: S. 206; Holmes, Immigrants, S. 13; Webster, Enemies, S. 65; Reinecke, Grenzen, S. 202, 209; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 77; Manz / Panayi, Enemies, S. 52. Die Zahl der Deutsch sprechenden Ausländer belief sich 1911 auf 62.522. Vgl. Manz, „Enemy Aliens“, S. 119.

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die Postkontrolle, die Churchill seit Ende 1911 im General Post Office einrichtete, traf auf starke politische Widerstände. So lehnten Unterhausabgeordnete wie Ramsay MacDonald (Labour Party) eine staatliche Überwachung von Bürgern ab. Liberale Politiker wie Edward Pickersgill (1850–1911) und der irisch-nationalistische Parlamentarier Thomas Power O’Connor (1848–1929) artikulierten vor allem das weit verbreitete Misstrauen gegen den neuen Geheimdienst, dessen Tätigkeit sie als „dirty work“ bezeichneten. Auch Forderungen nach einer allgemeinen Meldepflicht wurden bis 1915 abgelehnt. Sogar die Marineführung wandte sich gegen die Fremdenfeindlichkeit und die damit verbundenen Ängste vor Spionage und einer Invasion, zumal die Flottenrivalität zwischen Großbritannien und Deutschland ab 1910 nachließ.34 Dennoch beschloss das Kabinett unter Premierminister Herbert Asquith (1852–1928), den Official Secrets Act von 1889 zu novellieren, um die exekutiven Kompetenzen der Regierung zu stärken und damit die innere Sicherheit des Landes zu gewährleisten. Das Gesetz, das am 18. August 1911 angesichts der zunehmenden Spannungen in der Zweiten Marokkokrise innerhalb weniger Stunden vom Unterhaus verabschiedet wurde, führte neue Straftatbestände ein. So durften verdächtige Personen verbotene Orte nicht mehr betreten oder sich ihnen nähern. Auch die Weitergabe von Informationen, die Feinden nutzen konnten, wurde strikt untersagt. Ebenso konnten Bürger belangt werden, die Spione beherbergt hatten. Vor allem aber erlaubte der Official Secrets Act den Behörden, pauschal (ohne individuelle Haftbefehle) Personen festzunehmen, die verdächtigt wurden, gegen die – von der Regierung definierte – Sicherheit des Staates gehandelt zu haben. Beschuldigte konnten schon verurteilt werden, wenn ihr Charakter, ihr Verhalten und die Umstände des jeweiligen Falles Spionage nahelegten. Damit mussten Angeklagte ihre Unschuld beweisen, nicht aber umgekehrt die Sicherheitsbehörden die Schuld der Verdächtigten. In der kurzen Debatte des Unterhauses wandte der liberale Parlamentsabgeordnete Sir Alpheus Morton (1840–1923) deshalb zu Recht ein, dass das Gesetz gegen die Magna Charta verstoße. Überdies waren Staatsbedienstete, die der unerlaubten Weitergabe von Informationen bezichtigt wurden, nach der Novelle zu bestra34 Pogge von Strandmann, Mood, S. 65; Porter, Origins, S. 168, 178 f. Hierzu und zum Folgenden: Edward Higgs, The Information State in England. The Central Collection of Information on Citizens since 1500, Basingstoke 2004, bes. S. 109, 136; Keith D. Ewing / Conor Anthony Gearty, The Struggle for Civil Liberties. Political Freedom and the Rule of Law in Britain, 1914–1945, Oxford 2000, S. 37–43; Christiane Reinecke, Im Namen der nationalen Sicherheit: Sicherheitsbedenken und Migrationspolitik in Großbritannien während des frühen 20. Jahrhunderts, in: Traverse 16 (2009), H. 1, S. 57–74, hier: S. 61, 68; dies., Grenzen, S. 209, 211; James, Aliens, S. 204; Curry, Security Service, S. 66 f., 69; Thurlow, Secret State, S. 40 f.; Hiley, Failure, S. 845–862.

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fen. Sie wurden verpflichtet, für die Veröffentlichung von als geheim eingestuften Informationen zuvor die Erlaubnis der Regierung einholen. Insgesamt hatte der Sicherheitsapparat damit umfassende Kompetenzen gewonnen.35 In diesem Kontext konkretisierte das CID im August 1913 auch die geplanten Maßnahmen zur Internierung von enemy aliens. In einem Bericht schlug das Komitee am 3. März 1914 der Regierung vor, Feindstaatenangehörige im Kriegsfall zur Ausreise zu drängen, und diejenigen enemy aliens, die dennoch im Land blieben, einer Registrierungspflicht und Mobilitätseinschränkungen zu unterwerfen. Premierminister Asquith und Innenminister Reginald McKenna (1863–1943) sagten zu, diese Empfehlung aufzunehmen. Damit nahmen sie die Konstruktion einer Gefahr für die nationale Sicherheit auf und die daraus abgeleiteten gravierenden Einschränkungen grundlegender Menschenrechte und der Prinzipien des Rule of Law in Kauf. So wurden umfassend Daten zu potentiellen Spionen und Verrätern erhoben. Aufgrund der erfolgreichen Postüberwachung verfügten die britischen Sicherheitsbehörden bald auch über präzise Informationen zu 22 deutschen Agenten, die zunächst aber geschont wurden. Außerdem verstärkten das Innenministerium, das Kriegsministerium, die Admiralität und die Postämter den Austausch von Informationen und ihre Kooperation. Darüber hinaus wirkte der Secret Service an der Vorbereitung einschneidender Gesetze mit, die sich gegen „innere Feinde“ richteten und im Kriegsfall in Kraft gesetzt werden sollten. Dazu war 1911 auch ein War Book in Angriff genommen worden, das zwischen einer Vorbereitungszeit (precautionary period) und dem Kriegszustand unterschied. Demgegenüber war ein Belagerungszustand nicht vorgesehen. Auch Forderungen der Militärs, nach dem Vorbild des Aliens Act von 1803 bei Ausbruch eines Krieges grundsätzlich alle Feindstaatenangehörigen auszuweisen oder zu inhaftieren, setzten sich nicht durch.36

35 French, Spy Fever, S. 360 f.; Proctor, Intelligence, S. 32. Vgl. auch Porter, Origins, S. 168; Andrew, Secret Service, S. 64; ders., Defence of the Realm, S. 39; Boghardt, Spies, S. 35; Fergusson, British Military Intelligence, S. 223. 36 Nicholas Hiley, Counter-Espionage and Security in Great Britain during the First World War, in: English Historical Review 101 (1986), S. 625–670, hier: S. 637; ders., International Security on Wartime. The Rise and Fall of P. M. S. 2, 1915–1917, in: Intelligence and National Security 1 (1986), S. 395–415, hier: S. 397; Len Barnett, Internment of Enemy Aliens in Great Britain, within the Empire and at Sea during 1914, London 2004, S. 2; Altenhöner, Kommunikation, S. 42. Übersicht im Artikel „Official Secrets Act“ in: Ramsden (Hg.), Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, S. 483. Außerdem Stafford, Spies, S. 494; Thurlow, Secret State, S. 41–43; Curry, Security Service, S. 68, 74.

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Der Beginn des Ersten Weltkrieges, die Notstandsgesetze und der Ausbau des Sicherheitsapparates Als das Deutsche Reich mit dem Angriff auf Belgien am 4. August 1914 die Neutralität des Landes verletzte, gewannen in der britischen Regierung die Befürworter einer Intervention die Oberhand über ihre liberalen Gegner, die bis zuletzt für eine Neutralität des Landes eintraten. Dagegen blieben Appelle von Organisationen wie der Neutrality League und dem Neutrality Committee wirkungslos. Auch die Friedenskampagnen einzelner Aktivisten – so Emily Hobhouse – waren vergeblich. Am 4. August erklärte die britische Regierung dem Deutschen Kaiserreich den Krieg, auch für die britischen Dominions und Kolonien. Daraufhin verließen liberale Kriegsgegner wie Charles Trevelyan, John Morley (1838–1923) und John Burnes (1858–1943) die Regierung. Trevelyan gründete zusammen mit Ramsay MacDonald im September die pazifistische UDC, deren Politik bald auch der Journalist Edmund Dene Morel maßgeblich beeinflusste. Dagegen trat der Quäker Joseph A. Pease (1864–1957), der das Bildungs- und Erziehungsministerium (Board of Education) leitete, nicht zurück. Als deutschfreundlich geltende Minister wie Haldane und der Erste Seelord Louis (Ludwig) Battenberg (1854–1921) verloren ihre Ressorts. Zu ihrer Entmachtung hatten nationalistische Presseorgane wie die Daily Mail und die Times kräftig beigetragen, indem sie die Loyalität dieser Personen gegenüber dem Vereinigten Königreich offen in Frage stellten.37 Das Parlament erließ bald Notstandsgesetze, welche die Sicherheit des Vereinigten Königreiches im Kriegszustand gewährleisten sollten. Zwar lehnte die Regierung die Forderung nach einem zivilen Notstand ab, mit dem führende Generale ihren Truppen Sondervollmachten sichern wollten, vor allem um eine Invasion des Landes abzuwehren. Jedoch stimmte das Unterhaus hastig und nahezu ohne Debatte dem vom Kabinett vorgelegten Defence of the Realm Act (DORA) zu, der am 8. August 1914 in Kraft trat. Als Generalvollmacht ermächtigte das Gesetz die Regierung und die ihr untergeordneten Behörden, die öffentliche Sicherheit und die Verteidigung des Landes zu gewährleisten. Die staatliche Exekutive hatte damit „the power during the continuance of the present war to issue regulations […] for securing the public safety and the defence of the realm.“ Spionage war von Militärgerichten zu verfolgen. Auch Zivilisten konnten 37 David Rubinstein, Quakers and the Great War, 1914–15, in: ders., Essays in Quaker History, York 2016, S. 125–146, hier: S. 128; John V. Crangle / Joseph O. Baylen, Emily Hobhouse’s Peace Mission 1916, in: Journal of Contemporary History 14 (1979), S. 731–743, hier: S. 733; Horst Lademacher, Die Illusion vom Frieden. Die zweite Internationale wider den Krieg, 1889– 1919, Münster 2018, S. 387 f.; Panayi, Enemy, S. 46; Millman, Dissent, S. 13, 38; Stevenson, 1914–1918, S. 326 f.

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von Kriegsgerichten verurteilt werden, in schweren Fällen sogar zum Tod. Zwar waren die Proteste pazifistischer Gruppen gegen die Generalermächtigung für die Regierung (und die Kriegserklärung Großbritanniens generell) erheblich; sie konnten die Politik des Kabinetts aber zunächst kaum beeinflussen. Vielmehr wurden im Namen der Sicherheit wichtige Grundrechte beseitigt.38 Der DORA zielte zunächst vor allem auf den Schutz von militärischen Anlagen, Transport- und Kommunikationsmitteln. Angehörige der gegnerischen Staaten mussten sich bei der Polizei melden, die in den Wachen schon Ende Juli jeweils gesonderte Abteilungen für Kriegsaufgaben eingerichtet hatte. Außerdem durften sie sich außerhalb von fünf Kilometern um ihren Wohnort nur mit Passierschein aufhalten, und sie waren gehalten, „verbotene Zonen“ (prohibited areas) – in der Regel militärisch wichtige Gebiete – zu verlassen. Überdies wurden ihnen Waffen, Sprengkörper, Fahrzeuge, Fotoapparate und Brieftauben entzogen. Im weiteren Verlauf des Krieges erweiterte das Innenministerium die Überwachung der enemy aliens. So setzte der Direktor des General Register Office, General Bernard Mallet (1859–1932), 1915 ein Gesetz zu der von ihm seit Jahren geforderten allgemeinen Meldepflicht durch. Mit dem Hinweis auf die Sicherheit des Landes im totalen Krieg konnte in der Diskussion über diese National Registration Bill der Widerstand liberaler Gegner überwunden werden. Nach der Verabschiedung der Gesetzesvorlage mussten alle Personen im Alter von 15 bis 65 Jahren Angaben über sich und ihre Beschäftigung hinterlassen. Der National Registration Act war aber nicht zuletzt dem bürokratischen Eigeninteresse geschuldet, die Macht der obersten Registrierungsbehörde zu erweitern. Auch der Geheimdienst und die Polizei wurden erheblich gestärkt. So mussten ab Februar 1916 über Feindstaatenangehörige hinaus alle Ausländer regelmäßig bei der Polizei erscheinen. Verstöße waren von Militärgerichten hart zu ahnden.39 Vor allem jedoch konnte der Innenminister Fremde ausweisen und ohne Anhörung deportieren oder internieren. Ergänzende Gesetze vom 28. August und vom 27. November erweiterten diese Kompetenzen der Regierung und der untergeordneten Behörden noch. Diese wurden sogar ermächtigt, „reports likely to cause diaffection or alarm“ zu bestrafen – eine vage Vollmacht, die 38 Zitat: Charles Townshend, Making the Peace. Public Order and Public Security in Modern Britain, Oxford 1993, S. 58, 64. Vgl. auch Adrian Gregory, British ‚War Enthusiasm‘ in 1914: A Reassessment, in: Gail Braybon (Hg.), Evidence, History and the Great War: Historians and the Impact of 1914–18, Oxford 2003, S. 67–85; Ian McGibbon, Germany and New Zealand at War, in: James N. Bade (Hg.), Out of the Shadow of War. The German Connection with New Zealand in the Twentieth Century, Oxford 1998, S. 5–18, hier: S. 5; Pistol, Internment, S. 12; Allason, Branch, S. 40 f.; Searle, A New England?, S. 807; Pogge von Strandmann, Mood, S. 65–73. Zur Übermacht der staatlichen Exekutive nach dem DORA auch: Maier, Leviathan 2.0, S. 204 f. 39 Manz, Migranten, S. 262 f.; Allason, Branch, S. 39; Reinecke, Grenzen, S. 209, 211 f.

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gleichwohl im Parlament nur eine Nachfrage auslöste. Vor allem die Entmachtung des Unterhauses und die außerordentliche Gerichtsbarkeit brachen mit den politischen Traditionen Großbritanniens. Die Defence of the Realm Regulations erfassten alle Aspekte des öffentlichen Lebens, die als sicherheitsrelevant galten. So wurden die Versammlungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung aufgehoben. Weitere Verordnungen, die von der Regierung im Verlauf des Ersten Weltkrieges erlassen wurden, begrenzten die Verfügung über Privateigentum und erlaubten Aufenthaltsbeschränkungen. Die Polizei konnte Zivilisten ohne Begründung anhalten, durchsuchen und verhaften (DORA Regulation 55). Auch war sie berechtigt, Wohnungen zu betreten und zu durchsuchen. Allerdings schränkte der DORA – vor allem die 1916 erlassene Regulation 9A – politische Versammlungen kaum ein.40 Weitere Verordnungen verhängten Strafen für Störungen der Kriegswirtschaft und Versorgung (namentlich Regulation 42) sowie das unerlaubte Sammeln sensibler Informationen und deren Weitergabe. So wurde eine umfassende Zensur eingeführt (Regulation 18). Die DORA Regulation 40 D sah sogar vor, Frauen, die Geschlechtskrankheiten hatten und mit Angehörigen der britischen Streitkräfte sexuelle Beziehungen aufnahmen oder sie dazu anstifteten, mit einer Zuchthausstrafe von bis zu sechs Monaten zu bestrafen. Alle diese Einschränkungen grundlegender Freiheitsrechte waren vorrangig auf die Kombination von Deutschenhass und Spionagefurcht zurückzuführen. Zwar hatten Polizisten des Special Branch acht zuvor identifizierte deutsche Agenten bereits am 4. August festgenommen.41 Da das Secret Service Bureau verdeckt arbeitete und 40 Jon Lawrence, The Transformation of British Public Politics after the First World War, in: Past and Present 190 (2016), S. 185–216, hier: S. 194. Hierzu und zum Folgenden auch: Gerard J. Degroot, Blighty. British Society in the Era of the Great War, Harlow 1996, S. 141; Arthur Marwick, The Deluge. British Society and the First World War, London 1965, S. 31 f., 36 f.; Ewing / Gearty, Struggle, S. 43–62; Townshend, Force, S. 279 f.; ders., Peace, S. 56 f.; Wasserstein, Regierungen, S. 45; Hiley, Failure, S. 858; Holmes, John Bull’s Island, S. 94; Altenhöner, Kommunikation, S. 43, 45. Vgl. auch David Englander, Military Intelligence and the Defence of the Realm: the Surveillance of Soldiers and Civilians in Britain during the First World War, in: Bulletin of the Society for the Study of Labour History 52 (1987), Nr. 1, S. 24–32, hier: S. 24, 31; ders., Police, S. 120; Thurlow, Secret State, S. 48; Farrar, Threat, S. 139 f.; Andrew, Secret Service, S. 70; Panayi, Societies, S. 6. 41 In der Geschichtsschreibung ist lange von 21 verhafteten deutschen Spionen ausgegangen worden. Neuere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass lediglich acht Agenten festgenommen worden waren (von denen einer bald freigelassen werden musste). Kell hatte die Zahl bewusst höher angesetzt, um die Regierung zu drängen, Sicherheitsgesetze zu verabschieden, besonders den Aliens Restriction Act vom 5. August 1914. Außerdem sollte der Mythos einer erfolgreichen Operation die Macht des Secret Service Bureau steigern und diese Institution gegenüber Eingriffen der Regierung abschirmen. Vgl. dazu Nicolas Hiley, Entering the Lists. MI5’s Great Spy Round-up of August 1914, in: Intelligence and Security 21 (2006), S. 47–76, bes.

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Verdächtige nicht verhaften durfte, blieb sein Anteil an diesem Erfolg in der britischen Öffentlichkeit aber weitgehend verborgen. Gerade deshalb sammelte Kell weiterhin fieberhaft Informationen über deutsche Spione, die er überall in Großbritannien vermutete. Dabei griff er ebenso wie schon in der Vorkriegszeit auch bedenkenlos Gerüchte auf, die sich – ausgehend von den vor 1914 geschürten Ängsten – zu Kriegsbeginn im Vereinigten Königreich in Windeseile verbreitet hatten.42 Kell verdächtigte besonders Deutsche, die nach dem Überfall auf Belgien entlassen worden waren. So hatten in London viele Kellner schon im August ihre Beschäftigung verloren. Kell drängte das Kabinett, diese oft mittellosen und als erpreßbar geltenden enemy aliens zu internieren. Ende August fasste die Regierung dazu schließlich einen Beschluss. Den Vertretern des Sicherheitsapparates im Kriegsministerium, besonders Edmonds und Kell, war es gelungen, mit Berichten, in denen ungeprüft Vorurteile gegen Deutsche aufgenommen worden waren, die Politik der Regierung zu bestimmen und Widersprüche weitgehend zum Schweigen zu bringen, auch indem sie die Sicherheitsgefahr durch deutsche Spionage und Unterwanderung bewusst übertrieben. Dabei beriefen sie sich durchweg auf Statistiken und Personenangaben, die der Geheimdienst selber gesammelt hatte. Damit war der Fremdenfeindlichkeit eine scheinbar rational-wissenschaftliche Begründung und Legitimität verliehen worden. Während das War Office seine Arbeit vor allem auf den militärischen Schutz Großbritanniens ausrichtete, war das Sicherheitsverständnis der Polizei – vor allem in den einzelnen Gemeinden breiter gefasst. Es schloss auch sozialhygienische Aufgaben und den Kampf gegen Kriminalität ein, darunter die Verdrängung gesellschaftlich unerwünschter Gruppen, die mit zivilen Feindstaatenangehörigen zumindest in Verbindung gebracht wurden.43 Insgesamt steigerten die Verordnungen nach dem Defence of the Realm Act die Macht der Exekutive gegenüber dem Unterhaus erheblich. Mit dem Defence of the Realm Consolidation Act vom 27. November 1914 erhielten das Kriegsministerium und die Admiralität weitere außerordentliche Vollmachten. Das MiliS. 47, 69 f.; ders., Re-entering the Lists. MI5’s Authorized History and the August 1914 Arrests, in: Intelligence and Security 25 (2010), S. 415–452, bes. S. 415, 449–452. 42 Hierzu und zum Folgenden: Panikos Panayi, The Imperial War Museum as a Source of Information for Historians of Immigrant Minorities: The Example of Germans in Britain During the First World War, in: Immigrants and Minorities 6 (1987), S. 348–361, hier: S. 352 f.; Manz, „Enemy Aliens“, S. 120; Farrar, Threat, S. 106; French, Spy Fever, S. 365; Allason, Branch, S. 39; Manz, Migranten, S. 233 f. 43 Peter Cahalan, Belgian Refugee Relief in England during the Great War, New York 1982, S. 392; Hiley, Failure, S. 859 f.; ders., Entering the Lists, S. 69. Zur Entlassung deutscher Kellner: Panayi / Manz, Rise, S. 93 f., 105.

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tär gewann nunmehr mit den neu eingerichteten Authorised Competent Military Authorities (ACMA) eine erhebliche Macht, die sich in tiefgreifenden Eingriffen in die britische Zivilgesellschaft niederschlug. Kriegsgerichte konnten nach dem neuen Gesetz bei Verstößen gegen DORA-Verordnungen Todesstrafen verhängen. Vor allem aber stärkte der Defence of the Realm Consolidation Act die Kompetenzen des Special Branch und des Secret Service Bureau beträchtlich. So durfte die Spionageabwehr, die im August 1914 allerdings nur über sechs Offiziere verfügte, verdächtige Personen aus festgelegten Räumen verweisen. Häuser konnten durchsucht und Privatbesitz (auch Unterlagen) beschlagnahmt werden. Darüber hinaus war der Geheimdienst befugt, die Mobilität von Bewohnern Großbritanniens einzuschränken. Sogar Anklagen wegen Subversion und Verrat wurden den Sicherheitsexperten überlassen. Obgleich das Secret Service Bureau über keine detaillierten Informationen zum Angriff Deutschlands gegen Frankreich und Belgien verfügt hatte, rechtfertigte McKenna die weitgespannte Sicherheitspolitik mit einem „Zustand nationaler Gefahr oder schwerer Notlage“.44 Abgesehen von dem Hinwies auf den Primat der public safety argumentierte die Regierung, dass das Parlament die außerordentlichen Vollmachten selber delegiert habe und deren Ausübung kontrolliere. Obwohl McKenna indirekt zugab, dass „öffentliche Sicherheit“ (public security) letztlich nicht eindeutig definiert werden konnte und er privat zeitweilig durchaus an dem illiberalen Kriegsregime zweifelte, galt bis März 1915 de facto das militärische Standrecht, das nach dem Osteraufstand im darauffolgenden Jahr auch in Irland verhängt wurde. Kritiker wie der Parlamentsabgeordneter Charles Trevelyan bezeichneten das britische Königreich schon in den ersten Monaten des Krieges als „police state“. Auch Rechtswissenschaftler sprachen von einer „unblutigen Revolution“ und „Militärdiktatur“, die dem überlieferten Common Law die Grundlage entzogen habe.45 Im Oberhaus traf vor allem die Militärgerichtsbarkeit für Zivilisten auf Widerspruch. Hier verteidigten besonders die Lords Parmoor (1852–1941) und Loreburn (1846–1923) Bürger- und Freiheitsrechte gegen die umfassenden DORA-Gesetze, und sie warnten vor einer übereilten Panikreaktion der Regierung in der Sicherheitspolitik. Allerdings zielten diese Einwände auf die Wiederherstellung der zivilen Gerichtsbarkeit für britische Staatsbürger, nicht Ausländer. Der Defence of the Realm (Amendment) Act vom 16. März 1915 räumte 44 Reinecke, Namen, S. 63. Vgl. auch Page, War, S. 23; Andrew, Defence of the Realm, S. 29, 72; ders., Secret Service, S. 77, 174; Proctor, Intelligence, S. 30; Altenhöner, Kommunikation, S. 43, 47. 45 Zitat: Townshend, Peace, S. 56. Zu McKenna: Millman, Dissent, S. 14.

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daher zumindest Briten wieder das Recht auf ein ordentliches Verfahren vor Zivilgerichten ein. Mit diesem Ergänzungsgesetz vollzog sich im Frühjahr 1915 eine begrenzte Entsicherheitlichung, bevor enemy aliens im Mai einer verschärften Internierung unterworfen wurden.46 Auch wenn Großbritannien im Ersten Weltkrieg kein total kontrollierender Sicherheits- oder sogar Militärstaat wurde, setzte der Defence of the Realm Act schon 1914 für die Dauer des Krieges wichtige Grundrechte außer Kraft. Die Aliens Restriction Bill, die am 5. August 1914 innerhalb von wenigen Stunden vom Parlament verabschiedet worden war, ermächtigte den Innenminister zur Überwachung aller Ausländer. Fremden Staatsangehörigen durfte zudem die Einreise verweigert werden. Vor allem ab 1915 wurde die Kontrolle der Häfen zu einem Schwerpunkt der Sicherheitspolitik. So erhöhte sich die Zahl der Beamten, die hier Reisende nach Großbritannien überwachten, von Oktober 1915 bis Juni 1917 von 59 auf 147.47 Wenn sich Ausländer bereits im Vereinigten Königreich befanden, mussten sie weitere Einschränkungen ihrer Freiheit hinnehmen. Dazu konnte die Regierung Verordnungen (Orders in Council) erlassen, denen nach der Royal Prerogative lediglich der König zustimmen musste. Auf dieser Grundlage hatten sich alle in Großbritannien lebenden enemy aliens unverzüglich bei der Polizei registrieren zu lassen. Für Angehörige von Staaten, die mit dem Vereinigten Königreich verbündet waren, galt dies nur für militärisch wichtige Zonen (prohibited areas). Überdies wurde die Bewegungsfreiheit der im Lande lebenden feindlichen Staatsangehörigen auf einen Umkreis von fünf Meilen um ihre Wohnsitze begrenzt. Deutsche, Österreicher und Ungarn durften sich grundsätzlich nicht mehr in den prohibited areas aufhalten, in denen sie nach Ansicht der Behörden ein militärisches Risiko darstellten. Unabhängig von ihrem Wohnort hatten sie ihre Autos abzugeben, und auch deutsche Zeitungen und Verbände wurden unterdrückt. Trotz der Bedenken, die einzelne Abgeordnete wie William Byles (1839–1917) gegen die Machtkonzentration im Home Office erhoben, sicherte vor allem der Hinweis auf akute Sicherheitsgefahren die nahezu einstimmige Verabschiedung der Aliens Restriction Bill.48

46 Hiley, Security, S. 395; Townshend, Peace, S. 58 f.; Altenhöner, Kommunikation, S. 44, 50; Ewing / Gearty, Struggle, S. 45, 49 f., 80; Marwick, Deluge, S. 37. Zitat: G. W. Keeton, Liversidge v. Anderson, in: Modern Law Review 5 (1942), S. 162–173, hier: S. 166. 47 Angaben nach: Reinecke, Namen, S. 208. Zum Regierungsbeschluss vom Oktober 1914: Edward David (Hg.), Inside Asquith’s Cabinet. From the Diaries of Charles Hobhouse, London 1977, S. 196. Zur Kontrolle der Häfen: Farrar, Threat, S. 83 f. 48 Tony Kushner / Katharine Knox, Refugees in an Age of Genocide. Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century, London 1999, S. 44.

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Auf dieser Grundlage entschied die Regierung im Oktober 1914, Ausländer, die ihre Radios für verdeckte Aktionen nutzten, dem Kriegsrecht zu unterwerfen. Diejenigen, die nur versäumten, ihre Geräte anzumelden, mussten sich zivilrechtlichen Verfahren stellen. Nicht zuletzt konnten Polizeibehörden und Geheimdienste verdächtige Feindstaatenangehörige und darüber hinaus „unerwünschte“ Personen verhaften, internieren oder ausweisen. Dagegen lehnte die Regierung eine Masseninternierung von enemy aliens noch ab. Deutsche, ungarische und österreichische Frauen sollten in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.49 Die britische Regierung begründete diese restriktiven Maßnahmen und die damit verbundene exekutive Macht mit dem Hinweis auf die nationale bzw. öffentliche Sicherheit im Krieg, versprach aber, nur notwendige Einschränkungen der Freiheit zu verhängen. So wurde die Einbürgerung von Feindstaatenangehörigen trotz des erheblichen Drucks radikaler Nationalisten zunächst nicht ausgesetzt. Außerdem räumte das Innenministerium den enemy aliens ein, Großbritannien bis zum 11. August 1914 ungehindert zu verlassen. Schiffe neutraler Staaten durften deutsche Reservisten sogar bis November in ihre Heimat zurückbringen, bevor die Empörung über die Übergriffe deutscher Soldaten in Belgien eine striktere Politik herbeiführte. Die britische Ausländerkontrolle löste bis 1917 wiederholt Konflikte mit den USA aus, die Festnahmen von Angehörigen der „Mittelmächte“ auf ihren Schiffen als Verstoß gegen die Londoner Seerechtsdeklaration von 1909 betrachteten. Der amerikanische Botschafter in London, Walter Hines Page, protestierte wiederholt gegen diese Übergriffe.50 Allen Feindstaatenangehörigen wurde nach dem Kriegsausbruch die Einreise nach Großbritannien untersagt. Auch beschlagnahmte die Regierung unverzüglich deutsche Schiffe, nachdem Verhandlungen über eine Übereinkunft mit dem Kaiserreich über eine Schonfrist von zehn Tagen gescheitert waren. Zu der Aliens Restriction Order wurden im Verlauf des Krieges 27 Ergänzungen verab49 Hierzu und zum Folgenden: Geoffrey R. Searle, Corruption in British Politics 1895–1930, Oxford 1987, S. 242; Stella Yarrow, The Impact of Hostility on Germans in Britain, 1914–1918, in: Tony Kushner / Tony Lunn (Hg.), The Politics of Marginality. Race, the Radical Right and Minorities in Twentieth-Century Britain, London 1990, S. 97–112, hier: S. 98 f.; Panayi, Enemy, S. 46–53; ders., Business Interests, S. 246; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 76; Macdonald, May 1915, S. 155; Cahalan, Belgian Refugee Relief, S. 358–366; Panayi, Immigration, S. 105 f.; ders., Destruction, S. 116, 118; Farrar, Threat, S. 73, 78; Holmes, Anti-Semitism, S. 121; Ewence, Gap S. 92; Spiropoulus, Ausweisung, S. 73–75, 115–127 (hier Abdruck des Gesetzes); Pistol, Internment, S. 12; French, Spy Fever, S. 366 f.; Andrew, Defence of the Realm, S. 53 f.; London, Whitehall, S. 17; Allason, Branch, S. 38; Searle, A New England?, S. 774. Aus zeitgenössischer Perspektive: Page, War, S. 11, 19–22, 28, 43 f. 50 NA, ADM 116/4466 („Draft Memorandum for the Cabinet by the Secretary of State for Foreign Affairs“); FO 383/29 (Schreiben vom 4. März 1915).

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schiedet, um neuen (wahrgenommenen) Bedrohungslagen gerecht zu werden. So mussten Besitzer von Hotels und Pensionen ab 1915 alle Gäste über 14 Jahre verzeichnen. Im Fremdenverkehrssektor weitete sich die Dokumentation zur Übernachtung im Verlauf des Krieges zu einer umfassenden Registrierungspflicht aus. Auch hatten Ausländer einen Pass mit sich zu führen. Eine weitere Verordnung vom 15. September 1915 erlegte Seeleuten auf, in festgelegten Häfen anzulanden und sich dort jeweils registrieren zu lassen. Nach dem Besuch, zu dem Emily Hobhouse im Juni 1916 in Berlin empfangen worden war, untersagte eine Order in Council vom 7. November 1916 britischen Staatsbürgern, ohne offizielle Genehmigung in gegnerische Staaten einzureisen. Da auch der DORA wiederholt novelliert wurde, wuchs aber die Verwirrung unter den Polizisten, denen die Durchsetzung oblag. Die Verordnungen wurden deshalb von den lokalen Behörden unterschiedlich interpretiert und angewandt.51 Trotz der unmittelbar nach Kriegsbeginn verhafteten Spione begründeten die Notstandsgesetze und ihre Novellen eine Sicherheitskultur, die sich vor allem gegen „Fremde“ (aliens) richtete. Damit wurde nicht nur das Kriegsministerium, sondern auch die Position der Sicherheitsexperten im Special Branch und im Inlandsgeheimdienst gestärkt. Kells Stellvertreter, Eric Holt-Wilson (1875– 1950), hatte sogar direkt an der Vorbereitung der Gesetze mitgewirkt. Auch waren die Polizeistationen schon am 29. Juli vom Secret Service Bureau alarmiert und mit Listen verdächtiger Deutscher versorgt worden. Sicherheitsexperten wie Kell fürchteten aber weiterhin Sabotageakte. Obgleich sich Meldungen über angeblich geheime Lichtsignale nahezu ausschließlich als unbegründet erwiesen – so noch im Januar 1915 –, begründeten die Führungen von Polizei und Geheimdienst die unablässig geforderte Stärkung ihrer jeweiligen Institutionen weiterhin mit der Furcht vor Spionage und Verrat. Dabei konkurrierten sie um Macht und die Zuweisung öffentlicher Mittel. Unbeirrt von Einwänden, weiteten die Behörden, die für die öffentliche Ordnung zuständig waren, ihre Aktivitäten im Ersten Weltkrieg kontinuierlich aus.52 Die Kompetenzen der Ministerien, die für die Sicherheitspolitik zuständig waren, überschnitten sich dabei. Dazu trug auch die Vielzahl der Einrichtungen bei, die mit der Durchführung der Maßnahmen befasst waren. Die wichtigsten Organe der Sicherheitspolitik waren der Special Branch und das Secret Service Bureau, das 1914 in Special Intelligence Bureau umbenannt und als Abteilung M. O.5(g) dem Kriegsministerium zugeordnet wurde. Sie trafen auf eine Regierung unter Führung der Liberalen Partei, die unter Premierminister Asquith (bis 51 „Aliens Restrictions (Seamen) Order, 1915“, in: NA, FO 383/110. Vgl. auch James, Aliens, S. 221; Crangle / Baylen, Peace Mission, S. 740. 52 Allason, Branch, S. 38; Farrar, Threat, S. 94, 154, 219–221; Marwick, Deluge, S. 37 f.

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5. Dezember 1915) zunehmend gespalten war. Dabei verdrängte eine Gruppe von Liberalen um den Munitions- und Kriegsminister David Lloyd George (1863–1945) schrittweise Politiker, die weiterhin auf den Schutz individueller Freiheits- und Grundrechte gegenüber der staatlichen Exekutive drängten. Die Behörden hatten die restriktiven Maßnahmen gegen Feindstaatenangehörige jeweils mit dem Hinweis auf die öffentliche Ordnung und ihre Pflicht gerechtfertigt, die Sicherheit in Großbritannien zu gewährleisten. Angesichts der Furcht vor einer „fünften Kolonne“ von Feindstaatenangehörigen erhielten die Sicherheitsbehörden beträchtliche öffentliche Mittel, mit denen sie ihre Kompetenzen erheblich erweitern und ihre Macht enorm steigern konnten. Damit verbunden, erschlossen sie sich neue Aufgabenfelder. So dehnte sich die Kontrolle über Zivilisten, die den gegnerischen Nationen angehörten oder aus ihnen stammten, hinaus auf andere „innere Feinde“ aus, besonders britische Kriegsgegner.53 Damit ging eine institutionelle Differenzierung einher. So wurde die M. O.5 (seit 1916: MI5) schon im August 1914 in acht Sektionen geteilt, um den vielfältigen Aufgaben bei der Überwachung gerecht zu werden. Als Leiter der Sektion M. O.5 (g) war Kell verantwortlich für Spionageabwehr, Fremde und die Kontrolle des zivilen Verkehrs im Ausland. Am Ende des Ersten Weltkriegs verfügte der MI5 über Informationen zu 53.000 Feindstaatenangehörigen, weiteren 12.000 Frauen, die mit Ausländern verheiratet waren, und 34.500 Briten, die verdächtigt wurden, von Bürgern anderer Staaten abzustammen. Damit verknüpft, konnte Kell den Personalbestand seiner Behörde schon in den ersten vier Kriegsmonaten verdoppeln. 1915 wurden weitere 227 und im darauffolgenden Jahr nochmals 423 Mitarbeiter rekrutiert. Insgesamt schnellte die Zahl der Beschäftigten im Geheimdienst für Spionageabwehr in den Jahren von 1914 bis 1918 von vier Offizieren, drei Detektiven und sieben Büroangestellten auf insgesamt 850 Personen hoch. Der Special Branch wuchs von 114 (November 1914) auf 700 geheimdienstlich arbeitende Polizisten (1918). Der Jahresetat beider Organisationen zusammen erhöhte sich von 25.000 Pfund 1914 auf 200.000 Pfund 1918 enorm.54 Obgleich die Erfassung und Auswertung von Daten zur Bevölkerung (z. T. bereits mit Hilfe von Hollerith-Lochkarten) auch auf die Einführung der Sozialversicherung für Kranke und Alte ab 1908 zurückzuführen war, zielte die Expansion des Sicherheits- und Informationsstaates vorrangig auf die Kontrolle

53 Dazu ausführlich: Farrar, Threat, bes. S. 68, 85 f., 94, 117, 154. Überblick in: Gottfried Niedhart, Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert, München 1987, S. 162 f. 54 Angaben nach: Hiley, Counter-Espionage, S. 637, 642, 646 f.; Andrew, Secret Service, S. 181; ders., Defence of the Realm, S. 55, 84; Holmes, John Bull’s Island, S. 94; Altenhöner, Kommunikation, S. 43. Vgl. auch Pattinson, Twilight War, S. 71.

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der deutschen Minderheit. Zu diesem Zweck weitete Kells Security Service nach dem Kriegsbeginn die Überwachung von Ausländern nochmals erheblich aus. Der Sicherheitsdienst, der schon im August 1914 über eine Kartei zu 16.000 Personen verfügte, richtete eine Registratur ein, in der schließlich 43.000 Männer und 10.000 Frauen verzeichnet waren. Überdies wurden 12.000 britische Ehefrauen von Ausländern aufgenommen. Eine „Graue Liste“ enthielt zudem Angaben zu 34.500 Briten, die mit Feindstaatenangehörigen verwandt oder in Ländern geboren waren, gegen die Großbritannien Krieg führte. 38.000 Dossiers bezogen sich auf Personen, die verdächtigt wurden, für Englands Kriegsgegner zu arbeiten. Insgesamt enthielt die zentrale Registratur des MI5 schon 1917 rund 250.000 Karten und 27.000 Akten zu diversen Verdächtigten. Auch die fast 359.000 Briefe, die im Verlauf des Krieges von dieser Geheimdienststelle verschickt worden waren, dokumentieren das Ausmaß der Sicherheitsbürokratie. Darüber hinaus prüfte der Geheimdienst bis 1917 Angaben zu 86.000 Personen, die Pässe und Reisegenehmigungen beantragt oder sich um eine Anstellung in sicherheitsrelevanten Stellungen bemüht hatten. Am Ende des Krieges waren in der Kartei der Spionageabwehr alles in allem schließlich eine Million Namen erfasst. Eine „schwarze Liste“ von 13.524 besonders verdächtigen Personen umfasste 22 Bände.55 1917/18 verstärkten innenpolitische Unruhen, die vorrangig Angehörigen der Feindstaaten zugeschrieben wurden, die Ausweitung der Polizei- und Geheimdienstapparate. Da Erfolge auf dem Schlachtfeld ausblieben, wuchs auch in der Regierung die Furcht vor Subversion, so dass die Macht der Sicherheitsexperten nochmals zunahm. Schon im Juli und September 1915 hatten Feuer und Explosionen Fabriken zerstört, in denen Granaten produziert worden waren. Nicht nur die Polizeiführung, sondern auch der zuständige Minister Lloyd George führte diese Vorfälle in einer wichtigen Branche der Rüstungswirtschaft auf gezielte Sabotage zurück. Zugleich nahm in den Gewerkschaften der Widerstand gegen den Munitions of War Act zu, der Unternehmern erlaubte, qualifizierte Beschäftigte durch ungelernte Arbeiter zu ersetzen. Um die Unruhen zu ersticken und Störungen der Waffenproduktion zu unterbinden, richtete der Security Service im Februar 1916 im Munitionsministerium eine gesonderte Intelligence Division ein, die Fabrikanten im Hinblick auf die Sicherung der Produktion beriet. Aus ihr ging im Juni eine neue geheime Einrichtung, das P. M. S. 2 (Parliamentary Military Secretary Department, No. 2 Section) hervor. Weit über das Ziel, Sabotage zu verhindern, hinaus infiltrierte sie pazifistische Verbände, Gewerkschaften und die oppositionelle Arbeiterbewegung. So ermittelte der Ge55 Angaben nach: Hiley, Counter-Espionage, S. 646 f.; Andrew, Secret Service, S. 174; ders., Defence of the Realm, S. 59, 84 f.; Farrar, Threat, S. 95 f.; Pattinson, Twilight War, S. 72.

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heimdienst ab Juni 1916 gegen 5.246 Pazifisten. Vor allem sollten Streiks künftig unterdrückt werden. Dazu setzte das P. M. S. 2 sogar Agents Provocateurs ein. Dieses Verfahren wurde erst aufgegeben, nachdem Unterhausabgeordnete wie Ramsay MacDonald die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Praxis gelenkt hatten und auch im Munitionsministerium die Sorge vor einem Skandal gewachsen war.56 Der Furcht der britischen Eliten vor einem Umsturz hatte im Frühjahr 1917 der Beschluss einer Konferenz von Gewerkschaften und Sozialisten, nach dem Vorbild der Revolution in Russland auch in Großbritannien einen Arbeiter- und Soldatenrat zu bilden, kräftig Nahrung verliehen. Auch die Resolution einer Konferenz in Leeds im Juni 1917 beunruhigte die Regierung, besonders die führenden Vertreter des Sicherheitsapparates wie Thomson. Diese Akteure versuchten energisch, die revolutionären Aktivitäten einzudämmen. So erließ das Kriegskabinett 1917 den Military Service Act, der die Zwangsrekrutierung von in Großbritannien lebenden Russen erlaubte.57 Einen Antrag britischer Sozialisten, an einer Friedenskonferenz in Stockholm teilzunehmen, lehnte die Regierung ab. Das skandalöse Vorgehen des P. M. S. 2 und Thomsons ehrgeizige Pläne, einen umfassenden Sicherheitsapparat zu errichten, erzwangen aber letztlich die Auflösung des Parliamentary Military Secretary Department, dessen Kompetenzen daraufhin auf den Special Branch (zuständig für Streiks) und das Munitionsministerium (das die Sabotageabwehr übernahm) aufgeteilt wurden.58 Die Auflösung des P. M. S. 2 im Juni 1917 war aber ebenso auf das Misstrauen gegenüber den Ambitionen Thomsons zurückzuführen, den Special Branch zu einem zentralen nationalen Sicherheitsdienst aufzuwerten. Dieser Plan hatte Kells Argwohn geweckt und Kompetenzkonflikte zwischen dem Security Service und dem Special Branch verschärft, die bereits 1916 entstanden waren. Dazu hatten persönliche Auseinandersetzungen ebenso beigetragen wie Überschneidungen in der Zuteilung der Aufgabenbereiche der beiden Sicherheitsbehörden. Im Januar 1917 schlug Thomson dem Innenministerium mit Unterstützung des

56 Ebd. 57 Im Sommer 1917 schlossen die britische und die neue russische Regierung schließlich eine Militärkonvention, die Russen erlaubte, zwischen dem Wehrdienst für eines der beiden Länder zu wählen. Andernfalls konnten sie ausgewiesen werden. Vgl. Reinecke, Grenzen, S. 220. 58 David Englander / James Osborne, Jack, Tommy, and Henry Dubb: The Armed Forces and the Working Class, in: Historical Journal 21 (1978), S. 593–621; Hiley, Security, S. 396, 401–406, 410 f.; Andrew, Secret Service, S. 195–198; Cahalan, Belgian Refugee Relief, S. 378; Olmsted, Anticommunism, S. 92 f.; Millman, Dissent, S. 208 f., 212–216, 295; Englander, Police, S. 116– 119; Rothstein, Soldiers’ Strikes, S. 9. Beschönigend dagegen die Interpretation in: Stephen Ward, Intelligence Surveillance of British Ex-Servicemen, 1918–1920, in: Historical Journal 16 (1973), S. 179–188, bes. S. 179, 188.

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Direktors des Marinegeheimdienstes, Reginald Hall (1870–1943), sogar einen National Intelligence Service vor, der alle für die Sicherheit relevanten Behörden unter seiner Leitung vereinigen sollte. Obgleich er diese Forderung letztlich nicht durchsetzen konnte, traf sie im konservativen Establishment durchaus auf Resonanz. Angesichts der wachsenden Kriegsmüdigkeit, die sich im Mai 1917 in einer Resolution von 32 Unterhausabgeordneten der Liberalen Partei und der Labour Party für einen Friedensschluss niederschlug, waren auch aus der Sicht der Regierung außerordentliche Maßnahmen notwendig, um die „öffentliche Sicherheit“ zu gewährleisten. So nutzte Thomson nach der Oktoberrevolution in Russland die Furcht vor einem kommunistischen Umsturz, um die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Dazu verbreitete er den Vorwurf, dass britische Pazifisten und Sozialisten von den russischen Bolschewiki Gold erhalten hätten. Auch Kell ließ kommunistische Gruppen überwachen, nachdem seine Spionageabwehr schon 1915 den Communist Club in London durchsucht hatte. Im darauffolgenden Jahr waren 17 Mitglieder dieser Gruppe interniert worden.59 Obgleich die Leitung des Special Branch dem Wandel zu einer politischen Polizei skeptischer gegenüberstand als die mit ihnen rivalisierenden führenden Vertreter des Sicherheitsdienstes, gelang es Thomson, die Kompetenzen und Macht seiner Polizei im Konflikt mit dem Security Service erheblich zu erweitern. Dazu trug ein Streik von Polizisten in London, auf den Premierminister Lloyd George im August 1918 überaus alarmiert reagierte, maßgeblich bei. 1919 wurde Thomson schließlich zum Director of Intelligence ernannt, und ein Kabinettsausschuss beschloss, die finanziellen Mittel für den Special Branch kräftig zu erhöhen, der deutlich Züge einer politischen Polizei annahm. Obwohl eine Angleichung an kontinentale polizeistaatliche Entwicklungen in Großbritannien während des Ersten Weltkrieges unverkennbar war, wurde Kells Budget gekürzt. Damit setzte sich die Argumentation der Befürworter eines zentralen Inlandsgeheimdienstes, dass der Erste Weltkrieg die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung demonstriert habe, letztlich nicht gegen die Bedenken der Gegner durch. Die (z. T. konstruierten) freiheitlichen Traditionen Großbritanniens verhinderten hier eine kontinuierliche und nachhaltige Versicherheitlichung, für die Kell und Thomson aber weiterhin eintraten. Dabei unterstützte sie der einflussreiche Kolonialminister Walter Long (1854–1924), der schon während des Ersten Weltkrieges als Befürworter einer umfassenden Sicherheitspolitik hervorgetreten war. Wie er in einer Unterhausdebatte am 26. November 1914 argumentierte, sollte damit jegliches Risiko beseitigt werden: „… err on the side of too much

59 Andrew, Defence of the Realm, S. 81 f., 95, 97, 106 f. Zur Friedensresolution: Adam Tooze, Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, München 2015, S. 98.

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precaution, but do not err on the side of letting anybody live in any part of the country who is likely in any way to be able to aid our foes.“60 Wie dargelegt, wurde die grundsätzlich kaum zu bestreitende Forderung, im Krieg die Sicherheit der Nation zu gewährleisten, im Konkurrenzkampf der zuständigen Institutionen für partikulare Interessen genutzt. So stellte ein Bericht des MI5 1917 fest: „… many actions of the public, in peace perfectly permissible, must, in time of war, either be categorically prohibited or conditionally controlled by regulation in the public interest.“61 Dazu wurde auch die Postzensur massiv verstärkt, die im April 1915 eine neugegründete Abteilung im War Office, das MO9 (aus dem später das MI9 hervorging), übernahm. Sie erfasste allein 1917 rund 356.000 Briefe, die angeblich für den Feind nützliche Informationen enthielten und deshalb zumindest vorübergehend nicht ausgeliefert werden durften. Die Zahl der Mitarbeiter, die für die Kontrolle der Postsendungen zuständig waren, schnellte von Dezember 1914 bis zum Kriegsende von 170 auf 4.861 hoch.62 Auch der von Hall geleitete Marinegeheimdienst wurde im Ersten Weltkrieg zu einer wichtigen Regierungsinstitution, die nicht nur nach deutschen Spionen suchte, sondern auch „innere Feinde“ wie Sozialisten und Pazifisten überwachte. Alles in allem nahm der Stellenwert von Sicherheit als Politikfeld im Ersten Weltkrieg beträchtlich zu. Allerdings diente sie oft als Vorwand, wie der Hinweis von Behörden und fremdenfeindlichen Aktivisten auf ihre Pflicht zeigt, die zivilen Staatsangehörigen der „Mittelmächte“ zu internieren, um sie Angriffen zu entziehen.63 Insgesamt war auch in Großbritannien schon 1917 das Fundament für eine umfassende „Dolchstoß“-Legende im Fall einer Niederlage gelegt, obwohl die Sicherheitsdienste im Verlauf des Krieges lediglich 65 deutsche Agenten nach

60 Hansard, House of Commons Debates, Bd. 68, 26. November 1914 („Consolidated Fund [No. 1] Bill“), Sp. 1374, https://api.parliament.uk/historic-hansard/lords/1914/nov/26/consolidated-fund-no-1-bill (Zugriff am 6. Juni 2015). Hierzu und zum Folgenden auch: Nigel West (Hg.), The Guy Liddell Diaries, Bd. 1: 1939–1942. MI5’s Director of Counter-Espionage in World War II, London 2005, S. 1; Hiley, Counter-Espionage, S. 656–659; Andrew, Secret Service, S. 199, 229–231; ders., Defence of the Realm, S. 108 f.; Altenhöner, Kommunikation, S. 146– 148; Reimann, Krieg, S. 200. 61 Hiley, Counter-Espionage, S. 649. 62 Andrew, Secret Service, S. 177. 63 Terwey, Antisemitismus, S. 123–154; Hiley, Security, S. 397; Allason, Branch, S. 41; Curry, Security Service, S. 70 f.; Kathryn Olmsted, British and US Anticommunism Between the World Wars, in: Journal of Contemporary History 53 (2018), S. 89–108, hier: S. 89; Degroot, Blightly, S. 159. Angaben nach: Thurlow, Secret State, S. 49; Porter, Origins, S. 179 f.

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dem Aliens Restriction Act verurteilten.64 Angesichts der Angst vor einem Sieg der Kriegsgegner, aber auch im Kampf um Macht und Ressourcen ging der Secret Service keineswegs nur mehr gegen (eingebürgerte) Deutsche und Österreicher, sondern gegen alle Kräfte vor, die den zunehmend belastenden Krieg ablehnten. Streiks und der irische Osteraufstand vom April 1916 hatten die Furcht vor diesen „inneren Feinden“ verstärkt. Auch nach dem Rücktritt des liberalen Premierministers Asquith am 6. Dezember 1916 und der Bildung des Kriegskabinetts unter David Lloyd George zwei Tage später verdächtigten nationalistische Agitatoren sogar die politischen Eliten, mit einer zu nachgiebigen Politik gegenüber Iren, Pazifisten und den deutschen enemy aliens letztlich die Kriegsgegner zu begünstigen. Darüber hinaus richtete sich das Augenmerk auf „Kriegsgewinnler“ unter Unternehmern, die in der Rüstungswirtschaft hohe Gewinne erzielten. Diese Gefahren suchte der Sicherheitsapparat einzudämmen.65

Staatsinterventionismus und gesellschaftliche Selbstermächtigung Der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen war im Vereinigten Königreich im Ersten Weltkrieg durch staatliche Eingriffe „von oben“, aber auch durch gesellschaftliche Mobilisierung „von unten“ gekennzeichnet. Beide Prozesse waren wechselseitig aufeinander bezogen und miteinander verschränkt. Unter dem Druck des totalen Krieges wich der traditionelle Liberalismus, dessen Einfluss schon nach der Jahrhundertwende abgenommen hatte, vollends einem verstärkten Staatsinterventionismus, der die Macht der Regierung enorm stärkte. So bildete Lloyd George im Dezember 1916 ein Kriegskabinett, das neben ihm nur noch vier Minister umfasste. Außer den konservativen Politikern Andrew Bonar Law (1858–1923), Alfred Milner und Lord Curzon (1859–1925) vertrat Arthur Henderson (1863–1935) als Minister ohne Geschäftsbereich die Labour Party. Die Regierung bekräftigte ihre Entschlossenheit, den Krieg trotz aller militärischen Rückschläge bis zum Sieg weiterzuführen. Diesem Kabinett, das als Koordinationszentrale der Regierungspolitik über weitreichende Befugnisse verfügte, waren die verschiedenen Ministerien untergeordnet. In ihnen arbeiteten außer parteilosen Geschäftsleuten und Unternehmern zahlreiche Vertraute Milners, die anstrebten, den Parlamentarismus und die Auseinandersetzung zwischen Parteien zugunsten der von ihnen verherrlichten nationalen Einheit einzuschränken. Insgesamt wurden die exekutiven Kompetenzen der Regierung 64 Angabe nach: Andrew, Defence of the Realm, S. 75; Englander / Osborne, Jack, Tommy, and Henry Dubb, S. 602. 65 Reimann, Krieg, S. 199 f., 203.

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im Rahmen des Kriegskabinetts unter Lloyd George erheblich erweitert, denn für die Politik des Regierungschefs war das technokratische Ziel, die Effizienz der Kriegsanstrengungen zu stärken, geradezu konstitutiv. Der neue Premierminister zentralisierte deshalb die Entscheidungen. So stärkte das Kabinett seine Kontrolle über das Militär und – damit verbunden – die Kriegführung. Während sich eine autoritär herrschende Machtzentrale herausbildete, ging der Einfluss des Parlaments und der Parteien ab 1915 weiter zurück.66 Insgesamt wuchsen die staatlichen Interventionen in Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem 1917, als noch mehr Waffen und Geld für den Abnutzungskrieg mobilisiert werden mussten und sich zugleich auch der politische Druck erhöhte, den Nachkriegsaufbau zu planen. Nachdem dazu schon 1916 Komitees eingerichtet worden waren, nahmen im darauffolgenden Jahr die neuen Ministerien für Schifffahrt, Arbeit und Nahrungsmittelversorgung ihre Arbeit auf. Nicht zuletzt um die Arbeiterschaft zu beruhigen und die Reformorientierung in der Labour Party zu stärken, wurde im Juli 1917 zudem ein Ministerium für Wiederaufbau etabliert, das von Christopher Addison (1869–1951), einem liberalen Abgeordneten und engen Vertrauten des Premierministers, geleitet wurde. Dieses Ministry of Reconstruction bereitete nicht nur die Demobilmachung der britischen Truppenverbände nach dem Ersten Weltkrieg vor, sondern entwickelte weitreichende sozialpolitische Konzeptionen. Diese Initiativen sollten 1918 in einem Schulgesetz, das die staatliche Finanzierung des Bildungssystems stärkte, im Housing Act von 1919 und im darauffolgenden Jahr in der Arbeitslosigkeitsversicherung kulminieren. Insgesamt öffnete die Regierung damit einen weit gespannten Erwartungshorizont, den Lloyd George im Wahlkampf Ende 1918 schließlich in dem Versprechen bündelte, ein „fit country fit for heroes to live in“ zu schaffen.67 Die Mobilisierung war aber nicht nur eine Folge der Regierungspolitik und des Staatsinterventionismus, sondern wurde auch von einer radikal populistischen Bewegung getragen. Dabei entfaltete der Kriegsnationalismus eine erhebliche Eigendynamik, die sich z. T. sogar gegen die Ziele der Regierung richtete. Nachdem die Behörden Anfang August 1914 ausdrücklich zu Wachsamkeit aufgerufen und angeordnet hatten, wehrfähige Deutsche festzunehmen, erwiesen 66 Cronin, Politics, S. 76. Zum Hintergrund: Robert J. Scally, The Origins of the Lloyd George Coalition, The Politics of Social Imperialism, 1900–1918, Princeton 1975. 67 Franz-Josef Brüggemeier, Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 124. Vgl. auch Kenneth O. Morgan, The Twentieth Century (1914–2000), in: ders. (Hg.), The Oxford History of Britain, Oxford 2001, S. 582–679, hier: S. 594 f.; Kenneth und Jane Morgan, Portrait of a Progressive: The Political Career of Christopher Viscount Addison, Oxford 1980; Kenneth O. Morgan, Consensus and Disunity. The Lloyd George Coalition Government 1918– 1922, Oxford 1979; Cronin, Politics, S. 67, 90.

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sie sich gegenüber der von ihnen ausgelösten Lawine von Meldungen als völlig überfordert. So erhielt allein die Polizei in London aus der Bevölkerung schon im ersten Kriegsmonat 8.000 und bis Mitte September 1914 fast 9.000 Hinweise auf vermeintliche deutsche Agenten.68 Fast alle dieser Meldungen erwiesen sich in den Untersuchungen als haltlos. Wie McKenna im Kabinett berichtete, war auch sechs Wochen nach Kriegsbeginn kein Fall von Verrat entdeckt worden. Vereinzelt hatten Polizisten lediglich einige Waffen bei Feindstaatenangehörigen gefunden. Obwohl der Innenminister mehrfach öffentlich versicherte, dass die Mehrheit der Deutschen die Sicherheit des Vereinigten Königreiches keineswegs gefährdete, waren Verschwörungsvorstellungen und wilde Gerüchte kaum zu kontrollieren. So schürten radikale Nationalisten die Angst, dass deutsche Saboteure das Wasser vergiftet hätten. Ebenso wie in anderen Staaten weckte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Großbritannien mächtige Emotionen, die sich bereits vor 1914 herausgebildet hatten und von der Regierung nur schwer eingedämmt werden konnten. Oft wurden sie sogar gezielt genutzt, um eine ausufernde Sicherheitspolitik durchzusetzen. So teilte der Polizeichef in London dem Innenministerium mit, dass die 4.500 Deutschen, die in der britischen Hauptstadt als „Reservisten“ verzeichnet worden waren, die öffentliche Sicherheit unterminierten, da sie bald arbeitslos und verarmen würden.69 Die gesellschaftliche Selbstermächtigung schritt im Herbst 1914 voran, als Berichte belgischer Flüchtlinge über die brutale Kriegführung der deutschen Truppen die Fremdenfeindlichkeit erneut steigerten. Clubs, Vereine und Verbände schlossen im Herbst 1914 deutsche und österreichische Mitglieder aus. So entschieden fünfzig Repräsentanten von Golfclubs, die sich im Oktober in London trafen, mit nur einer Gegenstimme, Deutsche und Österreicher zum Austritt zu zwingen. Diese Feindstaatenangehörigen wurden auch aus Handelskammern ausgeschlossen, und sie durften die Börse nicht mehr betreten. Unter dem Druck einer fremdenfeindlichen Pressekampagne entließen die Besitzer von Restaurants und Hotels außerdem deutsches Personal, besonders die pauschal als Spione beschuldigten Kellner. Nationalistische Zeitungen wie die Daily Mail, die 1914 eine Auflage von rund einer Million Exemplaren erzielte, schürten die Angst vor ausländischen Spionen und Saboteuren. Die fremdenfeindliche Agitation trug wenige Wochen nach Kriegsbeginn maßgeblich zu Übergriffen gegen Deutsche und ihr Eigentum bei, besonders in London. Die Ausschlüsse und Gewalt spiegelten die Polarisierung der „Heimatfront“ wider, zu der auch anglikanische Geistliche wie der Bischof von London, Arthur Foley Winnington68 Proctor, Intelligence, S. 38; Stevenson, 1914–1918, S. 328 f. 69 David (Hg.), Inside Asquith’s Cabinet, S. 191, 196; Barnett, Internment, S. 2–6.

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Ingram (1858–1946), mit ihren Predigten gegen die Deutschen kräftig beitrugen.70 Die Versenkung des Passagierdampfers Lusitania verlieh den Anhängern einer restriktiven Sicherheitspolitik im Allgemeinen und einer umfassenden Internierung im Besonderen enormen Auftrieb. Die Torpedierung des Schiffes am 7. Mai 1915 vor der Südküste Irlands durch ein deutsches U-Boot führte im Vereinigten Königreich und in anderen Ländern – besonders in den USA – zu heftigen diplomatischen Protesten. Das Schiff war innerhalb von 18 Minuten untergegangen. Der Angriff hatte 1.198 Menschen das Leben gekostet. Darunter waren 128 US-Bürger. Mit besonderer Empörung reagierten viele Amerikaner und Engländer auf den Tod zahlreicher Frauen und Kinder. So erklärte Lord Derby (1865–1948): „This country calls no longer for men to fight an honourable foe. It calls for men to hunt down and crush once and for all a race of cold-blooded murderers.“71 Der Untergang des Schiffes radikalisierte in Großbritannien auch die Fremdenfeindlichkeit und Kriegspropaganda. Der extrem nationalistische Publizist Horatio Bottomley (1860–1933), der seit 1906 die (1820 gegründete) Wochenzeitschrift John Bull herausgab, propagierte am 15. Mai 1915 sogar offen eine „vendetta against every German in Britain whether ‚naturalised‘ or not.“ Er unterlegte seine Forderung mit einem radikalen Feindbild: „…you cannot naturalise an unnatural beast – a human abortion – a hellish freak. But you can exterminate it.“ Demgegenüber beriefen sich die Liberalen auf „britische Tugenden“ wie „Fairness“, um deren Bewahrung sie den Krieg führten. Der Herausgeber der Daily News, Alfred George Gardiner (1865–1946), distanzierte sich sogar von der Bezeichnung „enemy alien“, die er in seiner Tageszeitung in Anführungszeichen setzen ließ.72 Verstärkt durch die Sensationspresse, verbreiteten sich dennoch Gerüchte über „Verrat“ durch „innere Feinde“, zu denen besonders die in Großbritannien lebenden Deutschen gerechnet wurden. So forderte der Dramatiker Sir Arthur Pinero (1855–1934) in der Times eingebürgerte Deutsche auf, sich zum briti70 Panikos Panayi, Anti-German Riots in London during the First World War, in: German History 7 (1989), S. 184–203, hier: S. 186–189; ders., Immigration, S. 110, 112; ders., Destruction, S. 124; ders, Lancashire Anti-German Riots, S. 4, 7 f.; Müller, Tod, S. 186, 189 f.; Barnett, Internment, S. 7 f. Angabe zur Auflage nach: McEwen, National Press, S. 466. 71 Zitat nach: Panayi, Lancashire Anti-German Riots, S. 7. Geringfügig andere Angaben zur Opferzahl in: Berghahn, Der Erste Weltkrieg, S. 47. Zum Untergang der Lusitania ausführlich, aber ohne Hinweise zu den Folgen für Feindstaatenangehörige: Willi Jasper, Lusitania. Kulturgeschichte einer Katastrophe, Berlin 2015, bes. S. 55–92. 72 Vgl. Page, War, S. 10, 22; Endelman, Jews, S. 184; Pitzer, Night, S. 91; Reinecke, Grenzen, S. 217. Aus zeitgenössischer Sicht: David (Hg.), Inside Asquith’s Cabinet, S. 241.

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schen König Georg V. (1865–1936) zu bekennen. Sogar prominente Personen wie der Mediziner Sir Felix Semon (1849–1921) sahen sich daraufhin gezwungen, öffentlich ihre Unterstützung der britischen Kriegsführung zu erklären. Auch naturalisierte Deutsche wie die Bankiers Ernest Cassel (1852–1921), der 1869 nach England gekommen war, und Bruno Schröder (1867–1940), dessen Vorfahren 1818 in London ein Finanzinstitut für Kaufleute gegründet hatten, wurden der Illoyalität verdächtigt. Darüber hinaus beschuldigten die radikalen Nationalisten den 1862 als Sohn deutsch-jüdischer Eltern in New York geborenen Edgar Speyer (1862–1932), für Deutschland zu arbeiten. Obgleich der Bankier und Mäzen im November 1914 378.000 Pfund für die britische Kriegsanleihe gespendet hatte, wurde Speyer zum Sündenbock für die Kriegspolitik des Premierministers Asquith, mit dem er persönliche Kontakte unterhielt. Radikal nationalistische Konservative skandalisierten diese Beziehungen, als sie Anfang 1915 die Kriegspolitik der britischen Regierung als zu zurückhaltend kritisierten. Im New Witness forderte dessen Herausgeber Cecil Chesterton (1879–1918) im Januar 1915 sogar, Speyer und andere deutsche Juden in ein „Konzentrationslager“ einzuliefern. Auch nachdem er am 20. Mai in der Times seine Loyalität gegenüber Großbritannien bekräftigt hatte, wurde Speyer weiterhin der Verschwörung beschuldigt. In diesem Sinne interpretierten seine Gegner sogar sein Angebot an Asquith, als Berater des Königs zurückzutreten und auch seine anderen öffentlichen Ämter aufzugeben. Vor allem die Anti-Socialist Union, legte dies als Undankbarkeit aus und agitierte weiter gegen den Bankier. Im August 1918 mündete die Kampagne, die letztlich Asquith als Gefahr für die Sicherheit Großbritanniens brandmarken sollte und mit Denunziationen seiner Frau einherging, in einen Antrag des Oberhauses zur Ausbürgerung Speyers.73 In der Agitation verband sich die Feindschaft gegen Deutsche mit Antisemitismus. Nach der Versenkung der Lusitania entlud sich die aufgepeitschte Empörung in gewalttätigen Angriffen auf enemy aliens. In ganz Großbritannien kam es unmittelbar nach der Bekanntgabe des Untergangs am 8. Mai zu Ausschreitungen gegen Deutsche. Die Übergriffe begannen in Liverpool – dem Heimathafen des torpedierten Schiffes – und in Bradford (Yorkshire). Hier zerstörten Demonstranten rund 200 Geschäfte, die (tatsächlich oder vermeintlich) Deutschen gehörten. Die Ansprüche auf Schadenersatz beliefen sich auf 40.000 Pfund. In Lancashire breiteten sich Unruhen rasch auf Manchester und Salford

73 Antony Lentin, Banker, Traitor, Scapegoat, Spy? The Troublesome Case of Sir Edgar Speyer: An Episode of the Great War, London 2013, S. 39 f., 50 (Zitat), 63, 95-148-152, 166; Panayi, Business Interests, S. 244; Caglioti, Subjects, S. 522; Holmes, Anti-Semitism, S. 123; Panayi, Immigration, S. 117; ders., Destruction, S. 122. Zu den substanzlosen Denunziationen z. B. der Brief vom 17. Juli 1916 in: NA, HO 45/10756/267450.

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aus. Dabei wurden über die Liegenschaften von Deutschen hinaus auch Gebäude beschädigt, die anderen nationalen Minderheiten wie Italienern, Russen und Chinesen gehörten. Vergeblich versuchte die Polizei, diese Eigendynamik der Zerstörungen zu unterbinden. Auch die Urteile von Gerichten, die besonders Übergriffe auf das Eigentum von Angehörigen der Entente-Mächte hart bestraften, schreckten zunächst kaum ab. Die Ausschreitungen, an denen unterschiedliche soziale Schichten und offenbar viele Frauen beteiligt waren, hatten die Versenkung der Lusitania zwar ausgelöst; ihr war aber von der vorangegangenen, langjährigen Propaganda gegen die Deutschen der Boden bereitet worden. Die Verarmung im Krieg spielte demgegenüber offenbar eine untergeordnete Rolle, da die Arbeiterschaft ein erhebliches Lohnwachstum erreichte, das die Steigerung der Lebenshaltungskosten im Allgemeinen übertraf.74 In London, wo die Polizei 866 Personen verhaftete, belief sich der Schaden an 2.000 Gebäuden auf insgesamt 200.000 Pfund. Hier wurden 1.100 Fälle von Sachbeschädigungen und 250 verletzte Personen registriert. Besonders im East End richtete sich die Gewalt auch gegen Geschäfte und Häuser von Juden. Insgesamt verwüsteten die Demonstranten und Marodeure, unter denen jüngere, oft wenig qualifizierte Briten überproportional stark vertreten waren, in London am 11. Mai 1915 allein 65 Geschäfte, obgleich 200 Polizisten eingesetzt waren. Bei den Ausschreitungen wurden oft auch persönliche Rechnungen beglichen. Ebenso zerstörten marodierende Gruppen in vielen anderen Großstädten wie Manchester und Sheffield Wohnhäuser und Läden, deren Eigentümer deutsche Namen trugen.75 In Schottland waren Glasgow und Dumfries besonders von den Ausschreitungen betroffen. Auch hier trugen lokale Dynamiken zu den gewalttätigen Übergriffen maßgeblich bei, indem beispielsweise Kriegserfahrungen in besonderer Weise vermittelt wurden. Die schottischen Zeitungen waren aber deutlich weniger nationalistisch und konservativ ausgerichtet als in England. Die Presseorgane verbreiteten zwar auch Sicherheitsängste, aber keine extremen Bedrohungsszenarien. Die Gewalt gegen Geschäfte im Mai 1915 in kleineren Städten wie Greenock, Annan und Dumfries war deshalb vorrangig auf die Entschlossenheit der Täter zurückzuführen, die wirtschaftliche Konkurrenz deutscher Ladenbesitzer auszuschalten. An den Übergriffen beteiligten sich überwiegend junge Männer. Offenbar wirkten sich generationelle Prägungen und Erfahrun-

74 Panayi, Enemy, S. 229–253; ders., Business Interests, S. 249; ders., Lancashire Anti-German Riots, S. 4 f., 7–10; ders., Anti-German Riots in London, S. 189–199; Pitzer, Night, S. 91. 75 Englander, Police, S. 106–111; Manz, Migranten, S. 242–244. Vgl. auch Altenhöner, Kommunikation, S. 197. Als frühe Studie: C. C. Aronsfeld, Jewish Enemy Aliens in London During the First World War, in: Jewish Social Studies 18 (1956), S. 275–283.

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gen aus. Nicht zuletzt waren in Schottland besonders Regionen und Gemeinden betroffen, deren Bewohner in den Kämpfen an der Front viele Angehörige verloren hatten. Die Einheiten der hier rekrutierten Soldaten hatten im Frühjahr 1915 besonders hohe Verluste erlitten.76 Den Ausschreitungen, die sogar kleinere Orte wie Walton-on-Thames und Castleford erfassten, war vielerorts eine fremdenfeindliche Agitation von „Angstunternehmern“ wie den radikalen Nationalisten und eine Pressekampagne gegen die enemy aliens unmittelbar vorangegangen. Dazu hatten auch radikal nationalistische Unterhausabgeordnete mit Hetzreden gegen Feindstaatenangehörige beigetragen. Die Ausschreitungen gründeten damit auf einer aggressiven „Bedrohungskommunikation“, die fremdenfeindlichen Ressentiments kräftig Auftrieb verlieh. Letztlich wurde damit nicht mehr zwischen Angst, Furcht und Risiko unterschieden.77 In den Unruhen, zu denen auch der Protest gegen Versorgungsmängel beitrug, wurden die Deutschen pauschal als Sicherheitsrisiko denunziert, obwohl viele von ihnen öffentlich ihre Loyalität gegenüber dem Vereinigten Königreich erklärt hatten, auch in Leserbriefen an die Times. Radikale Nationalisten verlangten dennoch, die Minderheit unterschiedslos auszuweisen oder sie in einem concentration camp festzusetzen. In einigen Städten – so in Glasgow am 12. Mai – wurden Deutsche in großen Menschenaufläufen unter militärischer Bewachung abgeführt und in Lager gebracht, noch bevor die Regierung die erweiterte Internierung beschlossen hatte. Um Schadenbegrenzung bemüht, stellte das Kabinett die Aktivitäten der Geheimdienste und Polizeikräfte öffentlich heraus, um ihre Politik gegenüber radikal konservativen Politikern und Presseorganen zu rechtfertigen, die unablässig fremdenfeindliche Ressentiments schürten. Zugleich beschuldigten Politiker – darunter auch Premierminister Asquith – die Presse, die Bevölkerung mit ihrer fremdenfeindlichen Sensationsberichterstattung aufgewiegelt zu haben. Obgleich die Behörden der Kontrolle von Gerüchten – und damit der Zensur öffentlicher Kommunikation – einen geringeren Stellenwert zumaßen als im Deutschen Kaiserreich, weitete sich die staatliche

76 Macdonald, May 1915, S. 161. Mit anklagender Absicht: Behandlung der feindlichen Zivilpersonen, bes. S. 50. 77 French, Spy Fever, S. 369 f.; Englander, Police, S. 106; Searle, A New England?, S. 771; Millman, Dissent, S. 37; Endelman, Jews, S. 184; FRUS, 1915, Supplement, S. 385. Angaben nach: Panayi, Immigration, S. 124; ders., Destruction, S. 128; ders., Business Interests, S. 249; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 83; Macdonald, May 1915, S. 145. Zu den hier genutzten analytischen Kategorien: Schirmer, Bedrohungskommunikation, bes. S. 83, 89; Greiner, Angstunternehmer, S. 29.

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Überwachung des gesellschaftlichen Lebens auch im Vereinigten Königreich deutlich aus.78 Verstärkt durch die ersten Angriffe deutscher Truppen mit Giftgas bei Ypern, die Attacken von Zeppelin-Luftschiffen auf britische Städte und die ersten Rückschläge in der Schlacht auf der türkischen Halbinsel Gallipoli, wuchsen im Vereinigten Königreich im Frühjahr 1915 damit Sicherheitsängste, die freilich von radikalen Nationalisten und Konservativen gezielt geschürt wurden, um die liberale Regierung zum Rücktritt zu zwingen. So geriet das Kabinett im April in die Defensive, als Nachrichten über die Misshandlung von Briten, die in Deutschland im Lager Ruhleben (bei Berlin) interniert worden waren, in der Presse erschienen und im Unterhaus diskutiert wurden. Die Informationen verliehen dem Ruf radikaler Konservativer nach einer Unterdrückung der Feindstaatenangehörigen im Namen der Sicherheit kräftig Auftrieb. Einen entscheidenden Durchbruch erzielten sie aber erst nach dem Scheitern einer schnellen Landung auf der Halbinsel Gallipoli und der Versenkung der Lusitania im Frühjahr 1915.79 Auch Nachrichten über sinnlose Zerstörungen in Belgien und Nordfrankreich heizten die Propaganda gegen die „Hunnen“ an. Nahezu alle Zeitungen und Zeitschriften trugen zu der Agitation bei. So prangerte die Evening News ab 13. Mai in einer Serie „The Horrible Hun“ (so der Titel) die Deutschen als Bestien an. Die Zeitung forderte ihre Leserschaft auf, Artikel über enemy aliens auszuschneiden und aufzubewahren. Sie warnte die Regierung sogar offen vor einer rechtspopulistischen Mobilisierung, falls das Kabinett nicht selber gegen die Deutschen vorgehen sollte. Nachdem die Masseninternierung begonnen hatte, jubelte Bottomley: „To concentration camps – we had almost said something stronger – with the lot of them.“80 Demgegenüber protestierten die Regierung

78 Zitat: Müller, Recht, S. 386. Vgl. auch Adrian Gregory, The Last Great War. British Society and the First World War, Cambridge 2008, S. 46; Holmes, Anti-Semitism, S. 124; Yarrow, Impact, S. 104; Altenhöner, Kommunikation, S. 88, 145 f.; Manz, Internment, S. 94; Bird, Control, S. 106, S. 113, S. 124; Panayi, Act, S. 58 f.; Deacon, British Secret Service, S. 167, 173–175; Englander, Police, S. 110. Zu den Verhaftungen in Glasgow: Manz, Migranten, S. 278. 79 Hierzu und zum Folgenden: Arnd Bauerkämper, Zivilgesellschaften im Ersten Weltkrieg. Das Verhältnis von Sicherheit und Menschenrechten am Beispiel des Umgangs mit zivilen Feindstaatenangehörigen, in: Thier / Schwab (Hg.), 1914, Zürich 2018, S. 131–171, hier: S. 141 f.; Panayi, Enemy, S. 76–78; Spiropoulus, Ausweisung, S. 77 f.; Yarrow, Impact, S. 99; French, Spy Fever, S. 370; Manz, „Enemy Aliens“, S. 122; Lentin, Banker, S. 54–60. Als enemy alien galt in Großbritannien offiziell eine Person, „whose sovereign or State is at war with His Majesty the King.“ Vgl. Garner, International Law, Bd. 1, S. 61. 80 John Bull, 22. Mai 1915, zit. nach: Später, Vansittart, S. 43.

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der „Mittelmächte“ – so die deutsche Reichsleitung – am 25. Mai 1915 scharf gegen die pauschale Gefangennahme aller wehrfähigen Männer.81 Alles in allem schrumpften zivilgesellschaftliche Räume 1915 nochmals erheblich zugunsten der Kriegskultur, die maßgeblich auf der Verbreitung radikaler Feindbilder beruhte. Zu der zusehends feindseligen Stimmung gegen Angehörige gegnerischer Staaten trugen staatliche Institutionen wie das schon am 6. August 1914 eingerichtete War Propaganda Bureau unter dem liberalen Journalisten und Politiker Charles Masterman (1873–1927) kräftig bei. Über ein Pressebüro leitete die Regierung fünfzig Herausgebern von Presseorganen vertraulich Informationen zu. 1917 wurde auch das Department of Information (aus dem 1918 das Ministry of Information hervorging) gegründet, das die Zensur koordinierte. Alle diese Einrichtungen drängten Intellektuelle und Schriftsteller wie Thomas Hardy (1840–1928), Herbert George Wells (1866–1946) und Rudyard Kipling (1865–1936), öffentlich für ihr Land Partei zu ergreifen.82 1916 steigerten der Rückgang der Freiwilligenmeldungen für die Armee, die gescheiterte Offensive an der Somme und der Tod des populären Marineministers Lord Kitchener, der am 5. Juni 1916 auf dem von einer Mine versenkten Kreuzer „Hampshire“ starb, die Furcht vor einem Verlust des Krieges. Zudem hatte die Kriegsmarine in der Seeschlacht im Skagerrak erhebliche Verluste erlitten. Angesichts dieser Rückschläge schwoll die Agitation gegen die enemy aliens im Sommer 1916 erneut an. Im Oberhaus verlangten die Lords Meath (1841– 1929) und Beresford (1846–1919) am 29. Juni erneut die Internierung aller Feindstaatenangehörigen und die Rücknahme der Einbürgerung von Personen, die in gegnerischen Staaten geboren waren und unter den radikalen Kriegsbefürwortern als illoyal galten. Diese Forderung erhoben in einer Debatte im Unterhaus auch radikal konservative Abgeordnete wie William Joynson-Hicks (1865–1932) und Richard Cooper (1874–1946), der die Deutschen ebenso wie andere Mitglieder des Unterhauses als „Hunnen“ bezeichnete, verbreitete im House of Commons darüber hinaus Verschwörungsvorstellungen, indem sie Presseberichte über eine „unsichtbare Hand“ aufgriffen. Zudem setzte sich Joynson-Hicks für die Zensur der Post humanitärer Hilfsorganisationen ein, die außerdem Internierungslager grundsätzlich nicht mehr besuchen sollten. Besonders in London kam es vor diesem Hintergrund erneut zu gewalttätigen Übergriffen gegen Deutsche. Dabei forderten Demonstranten vor allem in den Stadtteilen Islington, Acton und Tooting, sogar 81 NA, FO 383/30 (Schreiben vom 25. Mai 1915). 82 Panayi, Destruction, S. 115; Macdonald, May 1915, S. 151, 163; Stevenson, 1914–1918, S. 329 f. Zur britischen Kriegspropaganda umfassend: Cate Haste, Keep the Home Fires Burning. Propaganda in the First World War, London 1977, S. 79–107.

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Frauen und Kinder zu internieren. Hier wurden auch zahlreiche Läden, deren Besitzer bloß deutsche Namen trugen, schwer beschädigt oder zerstört. Während die Lokalzeitungen in ihrer Berichterstattung gelegentlich Sympathie mit den Opfern ausdrückten, heizte die nationale Presse die Stimmung gegen die enemy aliens weiter an.83 Jedoch trat Innenminister Herbert Samuel (1870–1963) weiterhin für einen differenzierten Umgang mit Feindstaatenangehörigen ein. Auch der liberale Abgeordnete George Lambert (1866–1958), Schatzkanzler McKenna und der Parlamentsabgeordnete Philip Snowden (1864–1937), der auf dem linken Flügel der Labour Party dem Krieg kritisch gegenüberstand, verteidigten die Rede- und Versammlungsfreiheit ebenso wie das Recht auf Wehrdienstverweigerung. Noch offensiver argumentierend, setzte Ramsay MacDonald dem Ruf nach „nationaler Sicherheit“ sogar die „nationale Ehre“ Großbritannien entgegen, die eine faire Behandlung auch der enemy aliens erfordere. Ebenso bezeichnete Arthur Ponsonby die pauschale Stigmatisierung aller Feindstaatenangehörige als illoyale Betrüger als „Schande“.84 Als die deutsche Militärführung den Luftkrieg gegen Großbritannien 1917 verstärkte, wuchsen erneut die ohnehin schon weitverbreiteten Sicherheitsängste und Verschwörungsvorstellungen, die sich gegen „innere Feinde“ – Deutsche, Österreicher und Juden, nunmehr aber noch massiver auch gegen britische Sozialisten und Gewerkschaftler – richteten. Am 7. Juli 1917 töteten Zeppelinangriffe auf London hier 57 Bewohner; 193 wurden verletzt. Anschließend wurden nochmals deutsche Zivilisten und ihr Eigentum attackiert, besonders im Norden Londons. Die Polizei intervenierte zwar, konnte sich aber wiederum nicht überall durchsetzen. Zudem traf das entschlossene Vorgehen der Ordnungskräfte und der Gerichte, die oft harte Strafen verhängten, bei den gewalttätigen Demonstranten auf Widerstand.85 In Schottland hatten Luftangriffe bereits seit Anfang April 1917 zu einer fast vollständigen Verdrängung der Deutschen aus dem öffentlichen Leben geführt. Dazu war in Glasgow vor allem von Geschäftsleuten die Anti-Alien Movement gegründet worden, die auch von Politikern wie dem ehemaligen Parlamentsab-

83 Panayi, Anti-German Riots in London, S. 199; ders., Enemy, S. 253 f.; Kewley Draskau, „Heimat“, S. 88. 84 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 22, 29. Juni 1916, Sp. 462–480 („Uninterned Enemy Aliens“), http://hansard.millbanksytems.com/lords/1916/jun/29/uninterned-enemy-aliens; Zugriff am 14. Januar 2016); Hansard, House of Commons Debates, Bd. 83, 29. Juni 1916, Sp. 1047– 1175 („Internment of Aliens“), http://hansard.millbanksytems.com/commons/1916/jun/29/internment-of-aliens; Zugriff am 14. Januar 2016). 85 Panayi, Enemy, S. 254–256; ders., Anti-German Riots in London, S. 200 f.

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geordneten James Parker Smith (1854–1929) unterstützt wurde. Dieser forderte im Juni 1916 auf einer Kundgebung, alle Deutschen zu entfernen, um damit die Freiheit und Sicherheit der Briten zu schützen. Nach Auffassung des Lokalpolitikers rechtfertigte dieses Ziel auch eine weitere Einschränkung der Freiheit von enemy aliens.86

Die Agitation von Schriftstellern, Publizisten und nationalistischen Verbänden gegen „innere Feinde“ Die Verschwörungsvorstellungen und die damit verbundenen fremdenfeindlichen Übergriffe leiteten im Ersten Weltkrieg den Hass vieler Briten auf Feindstaatenangehörige und andere Minderheiten ab, welche die Sicherheit des Vereinigten Königreiches vermeintlich gefährdeten. So schrieben Emmeline und Christabel Pankhurst, die vor 1914 für das Wahlrecht von Frauen eingetreten waren, allen Deutschen pauschal eine Neigung zu extremer Gewalt zu. Auch Literaten befeuerten die fremdenfeindliche gesellschaftliche Mobilisierung. So behauptete der Schriftsteller Kirton Varley, dass eine „Camorra“ Großbritannien zersetze, und er verbreitete 1917 in seinem Buch „The Unseen Hand“ beispielhaft die Angst vor einer Konspiration. Er erklärte: „There can be no doubt that the UNSEEN HAND had penetrated the financial world as completely as it had penetrated the political world, and that they had learnt to pull the financial strings as skillfully as the political strings.“87 Auch andere radikal nationalistische und fremdenfeindliche Schriftsteller und Journalisten nutzten bestehende Sicherheitsängste gezielt für ihre fremdenfeindliche Kampagne. Damit verstärkten sie die Ängste, die auch Le Queux in seinem Buch German Spies in England: An Exposure schürte. Nach der Veröffentlichung des Traktats im Februar 1915 wurden in einer Woche rund 40.000 Exemplare verkauft. Wegen der enormen Nachfrage mussten innerhalb von 18 Tagen sechs Auflagen gedruckt werden.88 Der Schriftsteller H. G. Wells bezeichnete 1917 sogar König George V. öffentlich als Ausländer. Das Königshaus benannte sich daraufhin im Juli von „Sachsen-Coburg und Gotha“ in „Windsor“

86 Manz, Migranten, S. 234, 244 f., 249, 289. 87 Kirton Varley, The Unseen Hand, London 1917, S. 75 f. (Blockschrift im Original). Vgl. auch Panayi, ‚The Hidden Hand‘, S. 262–264; Panayi, Enemy, S. 172 f.; Searle, A New England?, S. 772. 88 Altenhöner, Kommunikation, S. 197; Cahalan, Belgian Refugee Relief, S. 397. Zum Buch German Spies in England: Lentin, Banker, S. 49; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 81.

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um. Battenberg nahm den Namen „Mountbatten“ an. Auch deutsche Juden wechselten ihre Namen, um Angriffen und Gewalt zu entgegen.89 Nach der Oktoberrevolution in Russland verbreiteten sich verstärkt Verschwörungsvorstellungen, die sich vorrangig gegen Deutsche und Juden richteten. Die Behauptung einer weitreichenden Konspiration lud der entstehende Antibolschewismus kräftig auf. Noch im Januar 1918 erregte der Journalist und Parlamentsabgeordnete Noel Pemberton Billing (1881–1948) erhebliches Aufsehen, als er in seiner Wochenzeitung, dem Imperialist, auf ein „Schwarzbuch“ (Black Book) hinwies. In ihm waren angeblich 47.000 Engländer verzeichnet, die für Deutschland spionierten. Nach Pemberton Billing hatten sie Aufführungen von Oscar Wildes (1854–1900) verbotenem Drama „Salome“ besucht, so dass sie erpressbar geworden waren. Er nannte auch einzelne Personen und bezichtigte in einem Verleumdungsverfahren, das die Tänzerin Maud Allan (1873– 1956) gegen ihn beantragt hatte, im Mai 1918 sogar die Ehefrau des früheren Premierministers Asquith und den vorsitzenden Richter der Spionage. Dieser wurde damit für das Kriegskabinett zu einer Belastung. Liberale warnten vor den zerstörerischen Wirkungen dieser Diffamierungskampagne und den Gerüchten über Verrat. Dabei hoben sie hervor, dass Pemberton Billing selber mit der Tochter eines Deutschen verheiratet war. Die Kritiker der grassierenden Fremdenfeindlichkeit und der damit verbundenen ausufernden staatlichen Sicherheitspolitik konnten ihre Einwände zwar in Zeitungen veröffentlichen, da das Recht auf freie Meinungsäußerung in Großbritannien – im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland – grundsätzlich nicht angetastet wurde. Dennoch steigerte das Aufsehen erregende Verfahren gegen Pemberton Billing nochmals eine Fremdenfeindlichkeit, in der sexuelle Assoziationen und Vorurteile gegenüber Frauen den Diskurs um die öffentliche Sicherheit moralisch aufluden.90 Militanz prägte auch die Debatte über die Staatsangehörigkeit, Einwanderung und Einbürgerung. Antisemitische und deutschfeindliche Journalisten wie Maxse und Howell Arthur Gwynne (1865–1950) traten für die Internierung bzw. Ausweisung eingebürgerter Deutscher ein, besonders in ihren nationalistischen und fremdenfeindlichen Presseorganen Morning Post bzw. dem National Review. Ebenso propagierten die Zeitschrift John Bull und die Daily Mail, die sich im Gegensatz zum National Review an eine breite Leserschaft richteten, den 89 Matthias Heine, Letzter Schulalltag im Kaiser-Wilhelmsland. Wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte, Hamburg 2018, S. 34–36; Endelman, Jews, S. 184. 90 Searle, Corruption, S. 255–268; ders., A New England?, S. 774 f.; Proctor, Intelligence, S. 39– 42; Panayi, ‚The Hidden Hand‘, S. 264–267; ders., Enemy, S. 178–180. Vgl. auch Lentin, Banker, S. 74; Manz, Migranten, S. 241 f.; Allason, Branch, S. 39; Haste, Home Fires, S. 108–125, 130 f.; Müller, Recht, S. 392; Andrew, Secret Service, S. 188–190; Altenhöner, Kommunikation, S. 284– 286.

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Kampf gegen die deutschen „Feinde“.91 Hinzu trat 1911 der Eye-Witness (Ende 1912 umbenannt in New Witness), der den Brüdern Cecil und Gilbert Keith Chesterton (1874–1936) ebenso wie Hilaire Belloc als Sprachrohr ihrer reaktionären, fremdenfeindlichen und antisemitischen Ideologie diente. Aber auch sozialistisch orientierte Schriftsteller wie George Bernhard Shaw (1856–1950) und Herbert G. Wells lehnten Juden ab, wenngleich vorrangig als Repräsentanten des Kapitalismus. Nicht zuletzt trugen populäre Militärromane wie die von William Le Queux und Captain R. W. Campbell verfassten Bücher zu der fremdenfeindlichen Spionagehysterie bei.92 Unter den radikalen Nationalisten wurden Fremdenfeindlichkeit und Antibolschewismus ein geradezu pathologisches Syndrom. Der letzte, zunächst erfolgreiche Vorstoß deutscher Truppen an der Marne vom März bis Juli 1918 verlieh den Sicherheitsängsten, die gezielt ausgenutzt wurden, nochmals Auftrieb. Radikal nationalistische und antisemitische Agitatoren wie die Journalisten Arnold White (1848–1925) und Ellis Powell (Financial Times, 1869–1922) denunzierten ebenso wie der Arzt John Henry Clarke (1853–1931) alle – weit definierten – Kriegsgegner als subversive Kräfte. Den Mythos einer hidden hand verbreiteten auch konservative Parlamentsabgeordnete wie Joynson-Hicks, Cooper und Henry Dalziel (1868–1935). Als verdeckt arbeitende „Feinde“ galten sogar eingebürgerte Deutsche, deren Namen und Anschriften der John Bull im Juli 1918 veröffentlichte. Damit suchte Horatio Bottomley, der mit der Zeitschrift im letzten Kriegsjahr eine Auflage von fast zwei Millionen Exemplaren erzielte, die Sicherheitsängste der Bevölkerung zu mobilisieren und sie gegen alle Fremden aufzuwiegeln.93 Diese Angriffe vermittelten soziale Anerkennung und die Illusion, an der Heimatfront für den Sieg der Nation zu kämpfen. Mit Attacken gegen Minderheiten und Kriegsgegner, vor allem aber Feindstaatenangehörige konnten Briten ihre Kampf- und Opferbereitschaft demonstrieren, auch wenn sie selber nicht an der Front eingesetzt waren oder in der Rüstungswirtschaft für die Kriegsan91 McEwen, National Press, S. 476, 482 f. 92 Vgl. Searle, Corruption, S. 117–119; Townshend, Peace, S. 61; Holmes, Anti-Semitism, S. 125; Manz, Migranten, S. 236–240; Panayi, Destruction, S. 125. 93 Vgl. John Henry Clarke, England Under the Heel of the Jew. A Tale of Two Books, London 1918. Dazu: Panikos Panayi, ‚The Hidden Hand‘: British Myths About German Control of Britain During the First World War, in: Immigrants and Minorities 7 (1988), S. 253–272, hier: S. 261– 265; ders., Enemy, S. 162–175; ders., Immigration, S. 117; ders., Destruction, S. 127; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 85; Searle, Corruption, S. 20, 41, 50, 98, 103, 109, 117–119, 137, 248, 256, 264 f.; ders., A New England?, S. 772; Endelman, Jews, S. 184; Lentin, Banker, S. 78, 151. Zum Luftkrieg und zu den Auswirkungen der Angriffe deutscher Zeppeline: Niklas Napp, Die deutschen Luftstreitkräfte im Ersten Weltkrieg, Paderborn 2017, S. 243–255; Castle, Fire, S. 56–63, 109–111. Angabe zur Auflage nach: McEwen, National Press, S. 483.

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strengungen ihres Landes arbeiteten. So konnte zumindest der Eindruck vermittelt werden, innere Sicherheit herzustellen. Allerdings war eine Eigendynamik der Angst vor „Feinden“ und die damit verbundene radikale Fremdenfeindlichkeit die Kehrseite dieses Prozesses. Verschwörungsvorstellungen schädigten die liberale politische Kultur Großbritanniens erheblich, zumal die radikalen Nationalisten letztlich die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie forderten. Sie sollte durch einen starken Staat auf der Grundlage korporativer Strukturen ersetzt werden.94 Vorstellungen einer Konspiration von enemy aliens verbreiteten darüber hinaus Organisationen wie die 1915 gegründeten British Empire Union (BEU) und die National Party (NP). Beide Verbände rückten die Deutschen und britische Sozialisten eng zusammen. Sie kombinierten eine populistische fremdenfeindliche Kampagne mit gezieltem politischen Lobbyismus. So vermutete die BEU in Großbritannien Verräter, die enemy aliens schützten und begünstigten. Dieses Coddling the Huns („Die Hunnen begünstigen“) – ein weit verbreitetes Motto der Propaganda – wurde als Ursache der hohen Kriegsverluste angesehen. Auf der Grundlage dieser haltlosen Spekulationen drängte die BEU die Regierung, Parlamentsabgeordnete und Mitglieder des Oberhauses unablässig, alle zivilen Feindstaatenangehörigen zu internieren.95 Die Agitation unterstützten Parlamentsabgeordnete wie Croft, Cooper und Joynson-Hicks. Besonders entschieden wandte sich Croft, der zusammen mit Cooper im August 1917 die NP bildete, gegen einen Kompromissfrieden. Er lehnte Deutschland ebenso kompromisslos ab wie den Sozialismus und Kommunismus. Croft verteidigte entschieden Großbritanniens Herrschaft im Empire.96 Außerdem agitierte die 1908 gegründete Anti-Socialist Union (ASU) gegen die Labour Party, die sie als 94 Brüggemeier, Geschichte, S. 198, 126; Audoin-Rouzeau / Becker 14–18. Understanding the Great War, S. 57 f.; Manz, Migranten, S. 286; Müller, Recht, S. 385, 389 f.; Altenhöner, Kommunikation, S. 280. 95 Dazu das Schreiben vom 28. September 1917 mit beigefügter Petition und das Flugblatt „Coddling the Huns“ in: NA 45/10756/267450. 96 Zu Crofts Nationalismus und Imperialismus im Ersten Weltkrieg: Charmian Brinson / AnnaMüller-Härlin / Julia Winkler, His Majesty’s Loyal Internee: Fred Uhlman in Captivity, London 2009, S. 38 f.; Searle, Corruption, S. 247, 324–327. Vgl. auch Panayi, Enemy, S. 202–207, 212– 214; ders., The British Empire Union in the First World War, in: Kushner / Lunn (Hg.), Politics, S. 113–128; Kenneth D. Brown, The Anti-Socialist Union, 1908–1949, in: ders. (Hg.), Essays in Anti-Labour History. Responses to the Rise of Labour in Britain, London 1974, S. 234–261; William D. Rubinstein, Henry Page Croft and the National Party 1917–22, in: Journal of Contemporary History 9 (1974), S. 129–148; Chris Wrigley, ‚In Excess of Their Patriotism‘: The National Party and Threats of Subversion, in: ders. (Hg.), Welfare, Diplomacy and Politics. Essays in Honour of A. J. P. Taylor, London 1986, S. 93–119, hier: S. 101; Bauerkämper, Die „radikale Rechte“, S. 104–125; Leonhard, Büchse, S. 355; Panayi, Imperial War Museum, S. 357 f.

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„unpatriotisch“ diffamierte und des Defätismus bezichtigte. Damit unterstellte die ASU der Arbeiterpartei Verrat, so in der 1915 veröffentlichten programmatischen Propagandaschrift „Our Enemy at Home“. An der nationalistischen Agitation war auch Baden-Powells Pfadfinderbewegung beteiligt, die 1914 mehr als 150.000 Jungen vereint hatte, konservative Werte wie national Ehre, Pflicht und Selbstkontrolle propagierte und (angebliche) Drückeberger verurteilte.97 Ebenso verliehen radikale Nationalisten und Antisemiten wie der Journalist Arnold White, der die britischen Juden als „fünfte Kolonne“ der Deutschen denunzierten, der fremdenfeindlichen Propaganda der BEU Auftrieb. 1918 verfügte der radikal nationalistische Agitationsverband nach begründeten Schätzungen über 10.000 Mitglieder. Die BEU artikulierte die Bedrohungswahrnehmung der britischen Mittelschichten und richtete sich gegen alle Fremden, Sozialisten, Pazifisten und Kommunisten, die ebenso wie die Deutschen als „innere Feinde“ galten. Die National Party und militante Bürgerwehren (Vigilantes) waren am Ende des Ersten Weltkrieges und in den ersten Jahren nach dem Waffenstillstand sogar im Unterhaus vertreten. Kleinere Verbände, die gegen Feindstaatenangehörige hetzten, waren die League of Londoners, die Britain for the British Movement, der Women’s Imperial Defence Council und die Anti-German League, die nach der Versenkung der Lusitania gegründet wurde, aber nur ein Jahr bestand.98 Die radikale nationalistische und fremdenfeindliche Agitation, in der Demagogen auch antisemitische Verschwörungsvorstellungen aufgriffen, erfasste z. T. auch die britische Arbeiterbewegung. So etablierte der Journalist Victor Fisher, der sich für eine Armee wehrpflichtiger Bürger und eine Stärkung der Kriegsmarine einsetzte, im April 1915 das National Defence Committee, aus dem ein Jahr später die British Workers’ League hervorging. Diese Organisation störte die Kundgebungen der radikalen Sozialisten und Pazifisten. Dabei griff sie Sicherheitsängste auf, die im Ersten Weltkrieg auch populäre Romane von Edgar Wallace (besonders 1925 – The Story of a Fatal Peace, 1915) und F. E. Eddis (That Goldheim! A Spy Story, Exposing a special danger resulting from alien immigration, 1918) verbreiteten.99 Alles in allem trieben die Veröffentlichungen und Aktionen von Journalisten und nationalistischen Organisationen die gesellschaftliche Selbstermächtigung voran, die sich in gewaltsamen Aktionen gegen die enemy aliens nieder97 Angabe nach: Searle, A New England?, S. 511. Vgl. auch Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 82. 98 Panayi, Enemy, S. 207–212; ders., Destruction, S. 126 f.; ders., Immigration, S. 121; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 82. 99 Degroot, Blightly, S. 151 f.; Englander, Police, S. 120 f.; Andrew, Secret Service, S. 192 f.

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schlug. Unter dem Eindruck der Angriffe, die sich auch gegen die britische Regierung richteten, lehnte das Innenministerium Forderungen der nationalistischen Organisationen, alle zivilen Feindstaatenangehörigen (auch Frauen und Kinder) zu internieren, durchweg kategorisch ab. Dabei verwies das Home Office nicht nur auf humanitäre Grundsätze, sondern argumentierte vor allem, dass diese enemy aliens (vor allem Angehörige der multiethnischen Imperien) für Großbritannien gewonnen werden müssten. Sogar in den Sicherheitsbehörden lösten Behauptungen von Verrat und Unterwanderung, welche die Populärliteratur, die Boulevardzeitungen und die Agitationsverbände verbreiteten, Besorgnis aus.100

Die Repressionspolitik der britischen Regierung gegenüber zivilen Feindstaatenausländern und Minderheiten Obwohl das Home Office bei der Internierung und Deportation über einen weiten Interpretationsspielraum verfügte, konnten sich die Minister Reginald McKenna (bis Mai 1915), Sir John Simon (Mai 1915 – Januar 1916), Herbert Samuel (Januar 1916 – Dezember 1916) und Sir John Cave (ab Dezember 1916) der fremdenfeindlichen Agitation nationalistischer Politiker, Journalisten und Schriftsteller kaum entziehen. Auch waren die Kompetenzen im britischen Regierungsapparat unklar. So arbeitete das Kolonialministerium neben dem gesonderten India Office. Interministerielle Kommissionen wie das Prisoners of War Department und das Destitute Aliens Committee konnten die Arbeit der Ministerien nur unzureichend koordinieren, so dass Reibungsverluste unvermeidbar waren. Allerdings verbesserte sich die Abstimmung im Verlauf des Krieges, auch zwischen den Londoner Ministerien und den Behörden im britischen Weltreich.101 Die Regierungen der Dominions agierten formal zwar unabhängig; jedoch blieben sie im Hinblick auf die Kriegführung an das Kabinett in London gebunden. Im Institutionengefüge der britischen Regierung verfügte das Innenministerium gegenüber dem War Office, der Admiralität, dem MI5, dem Handelsministerium und dem Foreign Office nur über geringe Macht. Zwar kritisierte sogar der Special Branch die Verschwörungsvorstellungen, die Schriftsteller wie Le Queux und John Buchan (1875–1940) auch während des Krieges verbreiteten. Dennoch forderte das noch kleine Secret Service Bureau permanent eine schärfere Überwachung der enemy aliens. Zwar konnte der Sicherheitsdienst die Akti100 Dazu der Brief vom 10. Oktober 1917 in: NA, HO 45/10756/267450. 101 Manz / Panayi, Internment, S. 22, 34.

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vitäten des deutschen Auslandsgeheimdienstes in Großbritannien ab 1915 weitgehend unterbinden. Auch klagten britische Gerichte bis Kriegsende insgesamt nur 31 Deutsche wegen Spionage an, von denen zwölf zum Tode verurteilt und exekutiert wurden. Dennoch beugte sich das Innenministerium nahezu durchweg dem Primat der Sicherheitspolitik: „It was better to be safe than sorry, even if the price of safety was ridicule.“102 Die militärische Bedrohung schien die Kontrolle und Unterdrückung von Feindstaatenausländern zu rechtfertigen. Dazu gehörte auch der Beschluss des Kriegskabinetts im Juli 1918, in Regierungsbehörden nur noch Personen zu beschäftigten, die von Briten abstammten oder Staatsangehörige alliierter Staaten waren. Damit gab Lloyd George Forderungen radikal nationalistischer Konservativer nach, die schon seit Kriegsbeginn unablässig vor Spionen in Behörden gewarnt hatten. Zugleich versicherte der Premierminister, dass die britische Regierung zwar keinesfalls anstrebe, den Menschenrechtsverletzungen durch die deutsche Reichsleitung nachzueifern oder diese sogar zu übertreffen; im Krieg falle aber „the benefit of doubt to the country.“103 Tatsächlich waren die deutschen enemy aliens in Großbritannien keineswegs ausschließlich Opfer. Vielmehr provozierten einige von ihnen bewusst die Behörden, indem sie offen ihre Loyalität gegenüber dem Deutschen Reich erklärten. Obwohl die meisten der aus Deutschland stammenden Feindstaatenangehörigen mit schneller Anpassung und eilfertiger Assimilation auf den Kriegsausbruch reagierten, blieben viele in ihren Loyalitäten gespalten. Da diese Personen ihre Bindung an die Heimat keineswegs völlig aufgegeben hatten, waren die Restriktionen, die ihnen auferlegt wurden, nicht völlig unberechtigt. Auch blieben humanitäre Gesichtspunkte in der Politik des Kriegskabinetts und im Umgang der Behörden mit den enemy aliens, zu denen auch Österreicher, Ungarn und Bulgaren zählten, keineswegs völlig unbeachtet. So stimmte Lloyd George im Juli 1918 einem Abkommen mit Deutschland zu, nach dem Kriegsgefangene und internierte Zivilisten ausgetauscht werden sollten.104 Die Politik der britischen Regierung gegenüber den Feindstaatenausländern war letztlich widersprüchlich, zumal die Gruppe der aliens oft nur schwer klar identifiziert werden konnte. Zwar galten für Minderheiten, die aus den multiethnischen Reichen (Russland, Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) nach Großbritannien eingewandert waren, Sonderregelungen. So konnten Griechen,

102 Zitat: Porter, Origins, S. 173. Angabe nach: Farrar, Threat, S. 116. Vgl. im Detail Panayi, Enemy, S. 83 f.; Manz / Panayi, Internment, S. 22, 35; Pattinson, Twilight War, S. 70 f. 103 Zitat: Müller, Recht, S. 398. Vgl. auch Panayi, Destruction, S. 118 f. 104 Manz, Migranten, S. 252–254, 257–260; Panayi, Enemy, S. 187–196; Caglioti, Dealing with Enemy Aliens, S. 193.

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Armenier oder Syrer nach einer Verordnung vom 7. Januar 1915 von den Bestimmungen der Aliens Restriction Order befreit werden, wenn sie Christen waren und nachweisen konnten, dass sie die Regierung des Osmanischen Reiches ablehnten. Der griechische Konsul und das Exilkomitee der Armenier sollten den britischen Behörden helfen, diese alien friends zu identifizieren. Entsprechende Belege für Syrer wurden von französischen oder griechischen Diplomaten erwartet, deren Regierungen beanspruchten, die syrischen Katholiken bzw. Orthodoxen zu vertreten und zu schützen. Das Foreign Office untersagte überdies pauschale Repressionen gegen Staatsangehörige des Osmanischen Reiches in Ägypten. Türken sollten in britischen Besitzungen wie Hongkong nur interniert und enteignet werden, wenn sie verdächtigt wurden, gegen die Kriegführung des Vereinigten Königreiches gearbeitet zu haben. Dennoch wurden im Januar 1917 allein in Kairo 229 türkische Frauen zusammen mit ihren 207 Kindern festgehalten. Auch jüdische Bewohner Salonikis ließ das britische Außenministerium internieren. Ebenso wurden Muslime, die angeblich in Arabien den Heiligen Krieg propagierten, in den Kolonien festgesetzt, sogar in Indien. Zugleich bemühte sich der Gouverneur hier, vor den Osmanen geflohene Scheichs für Großbritannien zu gewinnen. Ebenso wurden vor allem Personen, für die sich nationalistische Organisationen in London einsetzten, von repressiven Maßnahmen ausgenommen.105 Insgesamt waren im Empire im Juli 1915 aber nur wenige Türken interniert, so in Großbritannien 94 von insgesamt 493, in Kanada 142 von 1.813, in Südafrika fünf von 566 und in Neuseeland einer von 431. Allerdings hatten die Behörden 111 in das Lager Fort Verdala bei Valetta auf der Insel Malta gebracht. Hier wurden im Dezember 1914 1.451 gefangene Zivilisten und Soldaten gezählt, davon 1.027 Deutsche, 303 Österreicher und 121 Türken. Im August 1915 litten auf Malta insgesamt 1.355 zivile Feindstaatenangehörige. Nur einzelne von ihnen ließ das britische Außenministerium frei.106 Außer den enemy aliens zielte die Internierungspolitik der britischen Regierung auf die Disziplinierung und Kontrolle des öffentlichen Raums und die Disziplinierung von Randgruppen. Dazu zählten Arme, aber auch Einwanderer. Jedoch war die Loyalität geflohener oder schon vor 1914 immigrierter Polen, Tschechen, Lothringer und Elsässer kaum eindeutig festzustellen. Für diese Gruppen wurde deshalb bei Feltham (im Westen Londons) ein gesondertes

105 NA, FO 383/88 (Verordnung vom 7. Januar 1915; Schreiben vom 6., 8. und 12. Januar, vom 9., 24. und 28. Februar, 7., 9. und 26. März, 6. Mai und 16. Oktober 1915); HO 45/10756/267450 (Brief vom 10. Oktober 1917). Angaben nach: Moorehead, Dream, S. 197. 106 NA, FO 383/30 (Schreiben vom 29. Juli 1915); FO 383/88 (Minutes); Manz / Panayi, Internment, S. 27; Manz / Panayi, Enemies, S. 115.

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Camp eingerichtet, das in Deutschland als „Verräterlager“ galt. Der allgemeine Argwohn richtete sich sogar gegen Angehörige neutraler Länder, vor allem deutschsprachige Schweizer, von denen viele ausgewiesen und einige sogar festgenommen wurden. Der Gesandte der Eidgenossenschaft in London erreichte nur mühsam die Entlassung von Internierten bzw. die Rückkehr von Schweizern, die aus Großbritannien gedrängt worden waren. Auch die rund 250.000 belgischen Staatsangehörigen, die 1914/15 vor den deutschen Truppen in das Vereinigte Königreich geflohen waren, wurden in Großbritannien zunehmend misstrauisch beobachtet. Als sich 1915/16 herausstellte, dass die Flüchtlinge in absehbarer Zeit nicht in ihr Heimatland zurückkehren würden, wuchsen die Spannungen. Vereinzelt kam es auch zu Ausschreitungen, so in Fulham (im Westen Londons), wo sich verarmte britische Arbeiter von den Neuankömmlingen verdrängt sahen und deshalb im Mai 1916 offen protestierten. Überdies forderten britische Nationalisten – darunter auch Unterhausabgeordnete – zunehmend eine zügige Repatriierung der belgischen Flüchtlinge nach Kriegsende.107 Die 25.000 bis 30.000 wehrfähigen Juden, die aus Russland nach Großbritannien gekommen waren, unterlagen nicht der (1916 eingeführten) Wehrpflicht und wurden deshalb vielerorts als „Drückeberger“ bezeichnet. Damit – so ein weiterer Vorwurf – konnten sie Arbeitsplätze einnehmen, die Engländer mit der Meldung zum Kriegseinsatz verlassen hatten. Nachdem Bemühungen des Direktors für Rekrutierung in Kitcheners Kriegsministerium, Edward Stanley (Earl of Derby), wehrfähige Briten für die Streitkräfte zu werben, im Winter 1915/16 den enormen Bedarf an neuen Soldaten nicht erfüllt hatten, wuchsen vor allem in Zentren jüdischer Einwanderung wie dem Londoner East End die fremdenfeindlichen Ressentiments. 1916 scheiterte aber ein Vorschlag des liberalen Innenministers Herbert Samuel, russische Juden im wehrfähigen Alter zwangsweise in das Zarenreich zu deportieren, am Widerstand der Betroffenen und ihrer Organisationen. Gegen Samuels Forderung wandten sich das Foreign Jews Protection Committee, aber auch der 1760 gegründete Board of Deputies of British Jews, der als etabliertes Vertretungsorgan der britischen Juden eine Kommission für jüdische Einwanderer eingerichtet hatte. Außerdem überschnitten sich die Kompetenzen zwischen Kriegs- und Innenministerium, denen die Ausländerpolitik oblag. Die britische Sicherheitspolitik gegenüber Feindstaatenangehörigen wies deshalb durchaus Lücken auf.108 107 Ewence, Gap, S. 95; Pöppinghege, Lager, S. 65; James, Aliens, 209 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 95 f.; Gatrell, Refugees, S. 83 f. Zum Lager für friendly aliens: Anna Braithwaite Thomas u. a. (Hg.), St. Stephen’s House. Friends’ Emergency Work in England 1914 to 1920, London o. J. [1920], S. 74. Zu den Schweizern: Huber, Fremdsein, S. 229 f., 232, 249. 108 John C. Bird, Control of Enemy Alien Civilians in Great Britain 1914–1918, New York 1986, S. 45, 49, 133; Julia Bush, Behind the Lines. East London Labour 1914–1919, London 1984,

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Internierung und Ausbürgerung 1914/15: Triebkräfte, Verfahren und Folgen Wie dargelegt, war die Internierung seit 1913 vorbereitet worden. Darauf aufbauend, erließ die Regierung bereits kurz nach Kriegsbeginn die Regulation 14B. Nach dieser Verordnung konnten Verdächtige festgenommen und ohne Gerichtsverfahren interniert werden: Where on the recommendation of a competent naval or military authority or of one of the advisory committees hereinbefore mentioned it appears to the Secretary of State [Innenminister] that for securing the public safety or the defence of the realm it is expedient in view of the hostile origin or associations of any person that he shall be subjected to such obligations and restrictions as are hereinbefore mentioned, the Secretary of State may by order require that person […] to be interned.

Das Sicherheitsinteresse sollte einschneidende Beschränkungen grundlegender individueller Rechte begründen. Holt-Wilson rechtfertigte die Internierung auch mit der inhumanen Politik der deutschen Reichsleitung, besonders explizit in einer Anhörung der Unterkommission für „Fremde“ (Aliens) des Committee of Imperial Defence im Juni 1915. Hinter diesen Argumenten waren aber konkrete institutionelle Eigeninteressen und fremdenfeindliche Ressentiments verborgen. Zudem wurden die Behörden ermächtigt, Personen zu deportieren, die mit ihrem Verhalten gegen die öffentliche Sicherheit verstoßen und die Verteidigung des britischen Königreiches gefährdet hatten.109 Wie McKenna am 9. September 1914 dem Unterhaus mitgeteilt hatte, waren insgesamt 50.633 nicht eingebürgerte Deutsche und 16.141 Staatsangehörige Österreich-Ungarns von der Polizei erfasst worden. Anhand dieser Daten betrieben die Sicherheitsbehörden gezielt die Internierung der insgesamt 70.000 enemy aliens, die 1914 in Großbritannien lebten und älter als 14 Jahre waren.110 NachS. 167–175; dies., East London Jews and the First World War, in: London Journal 6 (1980), S. 147–161; David Cesarani, Anti-Alienism in England After the First World War, in: Immigrants and Minorities 6 (1987), Nr. 1, S. 5–29, hier: S. 9–14; ders., An Alien Concept?, S. 36; Jahr, Zivilisten, S. 298; Endelman, Jews, S. 185 f.; Panayi, Germans, S. 66; Holmes, A Tolerant Country?, S. 76, 91; Becker / Krumeich, Krieg, S. 184. Zu den belgischen Flüchtlingen besonders: Holmes, Immigrants, S. 19, 28. Angabe nach: Panikos Panayi, Immigrants, Refugees, the British State and Public Opinion During World War Two, in: Pat Kirkham / David Thoms (Hg.), War Culture: Social Change and Changing Experiences in World War Two Britain, London 1995, S. 201–208, hier: S. 203. 109 Zitat: Porter, Origins, S. 173. Vgl. auch Colin Turpin / Adam Tomkins, British Government and the Constitution, Cambridge 2007, S. 756; Hiley, Counter-Espionage, S. 645, 668 (Angabe); Andrew, Defence of the Realm, S. 80 f.; Boghardt, Spies, S. 146; Ewing / Gearty, Struggle, S. 55, 62; Townshend, Peace, S. 65. 110 Andrew, Secret Service, S. 174; Reinecke, Grenzen, S. 209; Degroot, Blightly, S. 157.

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dem das Kriegsministerium am 7. August angeordnet hatte, alle wehrfähigen Deutschen und Österreicher festzunehmen, verhafteten Polizeidienststellen bis zum 13. August knapp 2.000 und bis Monatsende 4.300 dieser Feindstaatenausländer. Auch einzelne Frauen, die als Sicherheitsgefahr eingestuft worden waren, büßten ihre Freiheit ein. Vergeblich dementierte McKenna Ende August sensationelle Presseberichte und die oft erfundenen Gerüchte über die Aktivitäten angeblich getarnter Spione. Da das Innen- und Kriegsministerium besonders die arbeitslos gewordenen Feindstaatenangehörige als Gefahr für die öffentliche Ordnung betrachtete, wurden vom 28. August bis 16. September weitere 6.700 Deutsche festgenommen. Die Versenkung von drei britischen Kreuzern durch ein deutsches U-Boot und der anschließende Rücktritt des in Großbritannien eingebürgerten Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, Louis Battenberg, im September 1914 verliehen der Forderung, weitere enemy aliens zu verhaften, erneut kräftig Auftrieb. So behauptete der ehemalige Admiral Charles Beresford, dass deutsche Agenten die Sicherheit Großbritanniens gefährdeten. Der Stellvertretende Generalstaatsanwalt (Assistant Director of Public Prosecutions), Guy Stephenson (1865–1930), verwies in seiner Antwort an Beresford zwar auf die schwache Beweislage, und die Regierung lehnte im Herbst 1914 auch Angebote außerparlamentarischer Agitationsverbände wie der Navy League ab, zur Sicherheitspolitik der Regierung durch eine Spionagejagd beizutragen. Die Angst war aber erheblich gewachsen und zugleich so gezielt gesteigert worden, dass die Internierung ausgeweitet wurde. Ende September waren bereits 13.600 Feindstaatenangehörige (davon 10.500 Zivilisten und der Rest Soldaten) verhaftet worden. Am 20. Oktober 1914 entschied die Regierung schließlich, weitere 23.000 wehrfähige Deutsche und Österreicher festzusetzen. Der staatliche Eingriff in Bürgerrechte wurde nicht nur mit dem Hinweis auf die Sicherheit der Nation im totalen Krieg, sondern auch als karitative Maßnahme gerechtfertigt, die enemy aliens und ihre Angehörigen vor Übergriffen und Verarmung schützen sollte. Tatsächlich meldeten sich einige Feindstaatenangehörige, die ihre Arbeit verloren hatten, von Verarmung bedroht waren und isoliert lebten, bei der Polizei, um sich freiwillig abführen zu lassen.111 111 NA, HO 45/10756/267450 (Schreiben vom 9., 14., 24. und 28. Oktober 1914). Angaben nach: Panayi, Prisoners of War. Vgl. auch Catriona Pennell, „The Germans Have Landed!“: Invasion Fears in the South-East of England, August to December 1914, in: Heather Jones / Jennifer O’Brien / Christoph Schmidt-Supprian (Hg.), Untold War. New Perspectives in First World War Studies, Leiden 2008, S. 97–116; Julie V. Gottlieb, Isle of Man, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 152 f., hier: S. 152; Tim Grady, Landscapes of Internment. British Prisoner of War Camps and the Memory of the First World War, in: Journal of British Studies 58 (2019), S. 543–564, hier: S. 546; Panayi / Manz, Rise, S. 106; Farrar, Threat, S. 142 f.; David (Hg.), Inside Asquith’s Cabinet, S. 200; Farcy, Camps, S. 362; Panayi, Enemy, S. 42; Denness, Gender, S. 73,

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Die Internierung so vieler Feindstaatenangehöriger traf auf erhebliche praktische Schwierigkeiten, denn die festgesetzten enemy aliens konnten in Lagern und Gefängnissen nicht untergebracht werden. Auch war die repressive Politik weder mit dem Selbstbild britischer Zivilität noch mit einer realistischen Gefahrenanalyse vereinbar. Die Internierung von Frauen weckte zudem Erinnerungen an den Burenkrieg, als die Einweisung dieser Gruppe in die concentration camps international Proteste gegen die britische Politik ausgelöst hatte.112 Angesichts der Nachrichten zu Übergriffen deutscher Soldaten gegen Zivilisten in Belgien, der militärischen Rückschläge der britischen Streitkräfte bei Ypern und der Angriffe von drei deutschen Kriegsschiffen auf die Küste von East Anglia – angeblich mit Hilfe deutscher Spione – am 3. November 1914 gewannen die Befürworter einer weitgespannten Sicherheitspolitik weiter die Oberhand, auch im Unter- und Oberhaus. Bis zum 12. November setzten die Behörden deshalb 12.381 Feindstaatenausländer fest, darunter 8.612 Deutsche und 3.756 Staatsbürger Österreich-Ungarns. Nach Angaben des Justizministers (Lord Chancellor), Richard Haldane, und McKennas waren zudem allein in London 6.000 Hausdurchsuchungen durchgeführt und 120.000 Delikte behandelt worden, die den Verdacht der Metropolitan Police erregt hatten und als Verrat oder Spionage bewertet worden waren. Aus dem Kreis der Verdächtigen nahm die Polizei 342 Personen fest. Vor allem McKenna verteidigte zwar die Rechte der Feindstaatenangehörigen. So erklärte er am 26. November 1914 im Unterhaus: I […] get communications from friends of these people in this country, begging me to remember that any harsh measures that we may inflict upon enemy aliens here will be retaliated upon our own people in Germany and Austria. I also get very strong representations from neutral countries, and I do not think we ought to leave entirely out of account the impression which our action creates abroad.

Auch bei den slawischen Staatsangehörigen Österreich-Ungarns stellte sich die Frage, „how far we should intern in order to secure military safety.“ Nicht zuletzt forderte er die Anwendung der Haager Konvention auch für Zivilinternierte. Letztlich gab McKenna aber dem Druck nationalistischer Parlamentarier wie Beresford und den Forderungen von Oberhausmitgliedern nach, die überall deutsche Agenten vermuteten und die Angst vor Spionen schürten. Außerdem verwiesen sie auf abschreckende Berichte belgischer und französischer Flüchtlinge über Gräuel deutscher Soldaten und Repressalien gegen britische Zivilis-

79 f., 85; Kushner / Knox, Refugees, S. 46; Ellis / Panayi, German Minorities, S. 248; Pöppinghege, Lager, S. 55; Müller, Recht, S. 384; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 27; French, Spy Fever, S. 368; Reinecke, Grenzen, S. 215 f. Zum Hintergrund: Lentin, Banker, S. 43. 112 Denness, Gender, S. 85; Manz / Panayi, Internment, S. 26 f.

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ten im Kaiserreich. Nach ihrer Auffassung wurden zudem Briten in Deutschland schlechter behandelt als umgekehrt.113 Jedoch reichten die Kapazitäten des Kriegsministeriums, das vorrangig britische Truppen unterbringen musste, für die Unterbringung Tausender Zivilisten nicht aus. Der für die Einquartierung zuständige Generaladjutant, der im Kriegsministerium direkt Kitchener untergeben war, drängte McKenna deshalb, die Internierung einzustellen, zumindest vorübergehend. Außerdem folgte der Innenminister einer Empfehlung des War Office, indem er 1.000 festgenommene Feindstaatenangehörige auf Bewährung entließ. Dennoch wälzte Kitchener die Verantwortung auf den Innenminister ab und beschuldigte ihn, die Verhaftungen verzögert zu haben, wie Postminister Charles Hobhouse (1862–1941) in seinem Tagebuch empört notierte. Insgesamt wurden von November 1914 bis Februar 1915 rund 3.000 Internierte entlassen. Im März 1915 war die Zahl der Lagerinsassen gegenüber September 1914 um insgesamt 6.000 zurückgegangen. 114 Im Dezember 1914 hatten in Großbritannien noch 14.000 Deutsche und Österreicher, die im wehrfähigen Alter waren, in Freiheit gelebt. Viele beschäftigungslose Feindstaatenangehörige gingen nach London, wo sie polizeilicher Aufsicht unterstellt wurden. Auch darüber hinaus trafen sie in der britischen Hauptstadt auf Ablehnung und Ressentiments, zumal sie hier die ohnehin erhebliche Wohnungsnot und Versorgungsprobleme verschärften. In einer Denkschrift warnte McKenna das Kabinett, dass weitere Entlassungen von Internierten den Protest der radikalen Kriegsbefürworter anfachen und in großen Bevölkerungsgruppen Unruhen auslösen würden. Das Innenministerium entließ daraufhin nur noch bereits festgenommene enemy aliens, die seit mehr als dreißig Jahren im Vereinigten Königreich gelebt hatten oder medizinische Gutachten zu schweren Erkrankungen vorlegten. Auch Internierte, deren Söhne in der britischen Armee dienten, konnten freigelassen werden.115 Jedoch lehnte Asquith Ende 1914 die Bildung eines Committee of Public Safety ab, das radikale Nationalisten wie Beresford und Lord Leith of Fyvie im 113 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 18, 25. November 1914, Sp. 29–73 („The Spy Peril“), http://hansard.millbanksystems.com/lords/1914/nov/25/the-spy-peril (Zugriff am 6. Juni 2015); Hansard, House of Commons Debates, Bd. 68, 26. November 1914 („Consolidated Fund [No. 1] Bill“), Sp. 1371 f.; 1380 f.; 1390, 1394 f. (Zitate); https://api.parliament.uk/historic-hansard/ lords/1914/nov/26/consolidated-fund-no-1-bill (Zugriff am 6. Juni 2015); NA, HO 45/10756/ 267450 (Parliamentary Debates, 25. November 1914). Zu den Angriffen der deutschen Kreuzer: H. G. Castle, Fire Over England. The German Air Raids of World War I, London 1982, S. 36; Lentin, Banker, S. 47. 114 David (Hg.), Inside Asquith’s Cabinet, S. 206. 115 LSF, FEWVRC/EME/6/1/2 (Vermerk vom 4. Oktober 1915); NA, FO 383/106 (Bericht vom 27. Februar 1915).

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Oberhaus zur Spionagejagd forderten. Dabei verwies Beresford erneut auf eine „danger which amounts to being stabbed in the back – which the spy danger really is“.116 In seiner Kampagne unterstützten ihn Zeitungen wie der Daily Express und einzelne liberale Abgeordnete wie Henry Dalziel, der die liberale Sonntagszeitung Reynolds News besaß und 1917 das 1865 gegründete, angesehene Magazin Pall Mall Gazette erwerben sollte. Bis Februar 1915 brachte das Innenministerium daraufhin fast 20.000 nicht eingebürgerte Deutsche, Österreicher und Ungarn in Lager, für deren Verwaltung aber das Kriegsministerium zuständig war. Anfang Mai waren noch 19.000 zivile Feindstaatenangehörige interniert. Dagegen befanden sich 40.000 enemy aliens in Freiheit. Darunter waren 24.000 Männer und 16.000 Frauen.117 Insgesamt blieb die Internierungspolitik in den ersten Kriegsmonaten zwar widersprüchlich. Jedoch behielten bis Anfang 1915 im Unter- und Oberhaus die Vertreter einer zurückhaltenden Internierungspolitik die Oberhand. Gegen die überwiegend radikal nationalistischen Anhänger einer harten Politik gegenüber ausländischen Staatsangehörigen und sogar eingebürgerten Personen, die in gegnerischen Staaten geboren waren, setzten sich diejenigen Politiker durch, die – wie Haldane – bereit waren, um der Bewahrung individueller Freiheiten und humanitärer Fürsorge willen begrenzte Risiken einzugehen. Der Justizminister wies in einer Debatte des Oberhauses am 25. November 1914 außerdem auf die Gefahr von Repressalien hin. Dazu erläuterte er, dass die deutschen Behörden Briten festgesetzt hatten, nachdem Deutsche in Großbritannien interniert worden waren. Auch die liberalen Unterhausabgeordneten Stanley Buck116 Hansard, House of Commons Debates, Bd. 68, 26. November 1914 („Consolidated Fund [No. 1] Bill“), Sp. 1378, https://api.parliament.uk/historic-hansard/lords/1914/nov/26/consolidated-fund-no-1-bill (Zugriff am 6. Juni 2015). Vgl. auch Panayi, Destruction, S. 115; ders., Imperial War Museum, S. 355; ders., Enemy, S. 75. 117 Angaben nach: NA, FO 383/106 (Bericht vom 27. Februar 1915; „Bericht der Herren Ed. Naville und B. van Berchem vom Internationalem Komitee vom Roten Kreuz in Genf über die Besichtigung von Gefangenenlagern in England“ vom Januar 1915); FO 383/473 (Schreiben vom 7. Juni 1918); Saunders, ‚The Strangers in our Gates‘, S. 27; Altenhöner, Kommunikation, S. 200 f.; French, Spy Fever, S. 368; Englander, Police, S. 111; Panayi, Destruction, S. 120. Vgl. auch David Saunders, Aliens in Britain and the Empire During the First World War, in: Immigrants and Minorities 4 (1985), Nr. 1, S. 5–27, hier: S. 5–7; Stefan Manz, Civilian Internment in Scotland during the First World War, in: Dove (Hg.), Totally un-English?, S. 83–97, hier: S. 85, 91; Panikos Panayi, An Intolerant Act by an Intolerant Society: The Internment of Germans in Britain during the First World War, in: Cesarani / Kushner (Hg.), Internment, S. 43–75, hier: S. 54, 56; ders., Prisoners, S. 47; Manz, Migranten, S. 263 f.; Andrew, Secret Service, S. 180 f.; Barnett, Internment, S. 10; Cesarani, An Alien Concept?, S. 34; Terwey, Antisemitismus, S. 108– 121, 245; Higgs, Information State, S. 140; Thurlow, Secret State, S. 54; Becker, Captive Civilians, S. 262; Neocleous, Critique, S. 51. Zu Beresford: Searle, Corruption, S. 78, 190, 215, 320–325. Zu Dalziel: McEwen, National Press, S. 473, 480 f.

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master (1861–1934) und Josiah Wedgwood (1872–1943) bestanden auf einer humanen Behandlung der Feindstaatenangehörigen. Im Oberhaus kritisierte besonders Viscount Allendale (1860–1923) die Ausländerjagd auf der Grundlage von Gerüchten. Diese Politiker verteidigten Großbritanniens liberales und humanitäres Erbe.118 Dagegen traten viele Konservative im Parlament und im Oberhaus für eine umfassende Internierungspolitik ein, um den von zivilen Feindstaatenangehörigen und Eingebürgerten angeblich ausgehenden Bedrohungen zu begegnen. Diese Kritiker – so Lord Meath im Oberhaus und Joynson-Hicks im Unterhaus – skandalisierten Anfang 1915, dass von Ende November 1914 bis Januar 1915 2.680 internierte enemy aliens entlassen worden waren und 27.000 deutsche, österreichische und ungarische Männer – darunter 3.500 in den prohibited areas – weiterhin in Freiheit lebten. Entschieden lehnten sie Ausnahmeregelungen zum Wohnverbot ab, das gegen enemy aliens in den bedrohten Küstenregionen verhängt worden war. Zudem wandten sie sich gegen die institutionelle Trennung in der Ausländerpolitik, vor allem zwischen dem Innenministerium, dem die Registrierung und die Durchsetzung der Bestimmungen der Aliens Restriction Order oblagen, und dem Kriegsministerium, das für die Internierung der wehrfähigen Feindstaatenangehörigen zuständig war. Demgegenüber sollte eine Bündelung der Kompetenzen die Sicherheit gegenüber Feindstaatenangehörigen erhöhen. Auch wurde verlangt, die Einbürgerung Deutschstämmiger zurückzunehmen. Damit war der Vorwurf verbunden, dass die deutsche Regierung das Vertrauen auf einen wechselseitigen Austausch von Frauen, Kindern und nicht wehrfähigen Männern verletzt hätte. Ein Humanitätsgebot bei der Internierung lehnten die nationalistischen Kritiker der Regierung ab. Vielmehr verwiesen sie auf die angeblich konsequentere Politik gegenüber Feindstaatenangehörigen in Deutschland, Frankreich und Russland. Beresford sprach im März 1915 im Unterhaus sogar von der Gefahr eines „Dolchstoßes“. Demgegenüber verteidigten Innenminister McKenna, aber auch die Abgeordneten Dalziel und Henderson die liberalen Traditionen Großbritanniens im Umgang mit Ausländern, indem sie auf einer Prüfung der einzelnen Personen beharrten, die zur Internierung vorgesehen waren. Zudem wiesen liberale Abgeordnete darauf hin, dass die Spionagegefahr weniger von den Feindstaatenangehörigen aus-

118 Hierzu und zum Folgenden: Hansard, House of Lords Debates, Bd. 18, 25. November 1914, Sp. 29–73 („The Spy Peril“), http://hansard.millbanksystems.com/lords/1914/nov/25/the-spyperil (Zugriff am 6. Juni 2015); House of Commons Debates, Bd. 68, 26. November 1914 („Consolidated Fund [No. 1] Bill“), Sp. 1369 f., https://api.parliament.uk/historic-hansard/lords/1914/ nov/26/consolidated-fund-no-1-bill (Zugriff am 6. Juni 2015). Vgl. auch Panayi, Enemy, S. 278 f.

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ging, sondern von Personen, die unauffällig lebten und äußerlich nicht erkennbar waren.119 Angesichts des zunehmenden Druckes der Nationalisten und radikalen Konservativen, aber auch einiger Liberaler wie Dalziel sah sich der zunächst zögernde Asquith nach der Versenkung der Lusitania am 13. Mai 1915 gezwungen, die Internierung aller männlichen Feindstaatenangehörigen im Alter von 17 bis 55 Jahren anzuordnen. Dies betraf auch eingebürgerte enemy aliens, obwohl sich der Premierminister und der Erste Lord der Admiralität, Winston Churchill, zunächst für die Schonung dieser Gruppe eingesetzt hatten. Daraufhin wies das Innenministerium Polizisten im ganzen Land an, Deutsche, Österreicher und Ungarn im wehrpflichtigen Alter zu verhaften und zu internieren. Asquith begründete diese einschneidende Maßnahme mit dem Hinweis auf die Sicherheit des Landes und dem Gebot, Feindstaatenangehörige vor randalierenden Gruppen zu schützen. Sie sollten „for their own safety, and that of the community“ interniert werden.120 Dies betraf auch Juden, die in gegnerischen Staaten geboren waren. Obgleich ihn Organisationen wie der B’nai B’rith dazu drängten, intervenierte das Board of Deputies nicht beim Innenministerium. Damit sollte die Loyalität der britischen Juden gegenüber dem Vereinigten Königreich gezeigt werden. Deutsche Frauen und Kinder wurden ausgewiesen, wobei Ausnahmen nach dem vom Premierminister betonten Gebot der „Humanität“ (humaníty) gewährt werden sollten. Jedoch repatriierte die Regierung allein im Mai und Juni 1915 rund 10.000 Feindstaatenangehörige, überwiegend Frauen und Kinder von Deutschen. Asquith wandte sich zwar wiederholt gegen eine pauschale Verurteilung aller enemy aliens. Ausländer, die eine Sondererlaubnis beantragten, mussten aber nachweisen, dass von ihnen keine Gefahr für die Sicherheit Großbritanniens ausging. Die im Juli 1915 als Order in Council verabschiedete Regulation 14B legalisierte schließlich sogar die präventive Lagerhaft verdächtiger Personen.121 119 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 18, 6. Januar 1915, Sp. 272–286 („Alien Enemies“), http://hansard.millbanksytems.com/lords/1915/jan/06/alien-enemies; Zugriff am 14. Januar 2016; Hansard, House of Lords Debates, Bd. 18, 10. Februar 1915, Sp. 497–505 („Alien Enemies“), http://hansard.millbanksytems.com/lords/1915/feb/10/alien-enemies; Zugriff am 14. Januar 2016; Hansard, House of Commons Debates, Bd. 70, 3. März 1915, Sp. 497–505 („Enemies“), http://hansard.millbanksytems.com/commons/1915/mar/03/aliens-1; Zugriff am 14. Januar 2016. 120 Hansard, House of Commons Debates, Fifth Series, LXXI, 1842, 13. Mai 1915, zit. nach: Panayi / Manz, Rise, S. 106. 121 Hansard, House of Commons Debates, Bd. 71, 11. Mai 1915, Sp. 1606–1616 („Alien Enemies“), http://hansard.millbanksytems.com/commons/1915/may/11/aliens-enemies; Zugriff am 14. Januar 2016; Hansard, House of Commons Debates, Bd. 71, 12. Mai 1915, Sp. 1648– 1649 („Segregation an Internment“), http://hansard.millbanksytems.com/commons/1915/

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Zu der Entscheidung zugunsten der Masseninternierung hatten auch die Befunde einer von dem Juristen und Historiker James Bryce (1838–1922) geleiteten Untersuchungskommission zu den Übergriffen deutscher Soldaten gegen belgische Zivilisten im Herbst 1914 beigetragen. Der Bericht des Gremiums wurde am 12. Mai 1915 veröffentlicht. Mit der Dokumentation, die zugleich Propaganda war, sollte eine „globale Empörungsgemeinschaft“ gebildet werden. Allerdings hatte die Untersuchungskommission die horrenden Berichte über deutsche Massaker nicht geprüft. Damit wurde er von der Regierung für ihre Kriegspropaganda in Dienst genommen.122 Weitere 22.000 Ausländer – Frauen, Kinder und ältere Männer – lebten zwar weitgehend unbehelligt, konnten sich aber nicht frei bewegen. Sie gehörten lange zu den vergessenen Opfern des Krieges. Vor allem die Ehefrauen der Internierten mussten ihre Familien durchbringen und für die Kinder sorgen – eine Aufgabe, die sie kaum ohne Hilfe bewältigen konnten. Auch wurden ihnen Telefone, Autos oder Fahrräder entzogen. Nicht zuletzt zerstörten Plünderer Läden und anderes Eigentum von Deutschen. Dabei wurden nach offiziellen Angaben im Ersten Weltkrieg insgesamt 257 Personen verletzt, davon 107 Polizisten. Vielerorts beschlagnahmten die Behörden das noch intakte Eigentum. Gesellschaftlich isoliert, mussten sich viele der in Freiheit verbliebenen Deutschen, Österreicher und Ungarn schließlich der Zwangsrepatriierung nach Deutschland beugen, der rund 20.000 enemy aliens unterlagen. Schon unmittelbar nach der Versenkung der Lusitania wies die britische Regierung Frauen, Kinder und Männer, die sich nicht im wehrfähigen Alter befanden, verstärkt aus Großbritannien aus.123 Angesichts der wachsenden Fremdenfeindlichkeit entzogen die Behörden auch immer mehr deutschen und österreichische Frauen, Invaliden und Kindern ihre Staatsbürgerschaft. Auch darüber hinaus prägte die überkommene Geschlechterordnung die Unterdrückung von Feindstaatenangehörigen. Sie vermischte sich mit ethnischen und rassistischen Kategorien. Dabei traten Spannungen und Widersprüche auf, wie der Umgang mit britischen Ehefrauen von Deutschen zeigt. Die pauschale Ausweisung weiblicher Feindstaatenangehöriger und die Ablehnung ihrer Einreise in das Vereinigte Königreich trafen 1915 may/12/segregation; Zugriff am 14. Januar 2016; Hansard, House of Commons Debates, Bd. 71, 13. Mai 1915, Sp. 1841–1878 („Statement by Prime Minister“), http://hansard.millbanksytems. com/commons/1915/may/13/statement; Zugriff am 14. Januar 2016. Angabe nach: Denness, Gender, S. 76. 122 Zitat: Weinke, Gewalt, S. 51. Vgl. auch Später, Vansittart, S. 41. 123 Manz, Migranten, S. 264, 285; ders., „Enemy Aliens“, S. 125; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 77; Kushner / Knox, Refugees, S. 44; Higgs, Information State, S. 144 f.; Yarrow, Impact, S. 101.

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nur bei Liberalen und Pazifisten auf Widerspruch. Ebenso weitgehend unumstritten war die Erwartung, dass Frauen britischer Männer, die in Deutschland interniert waren, in das Vereinigte Königreich zurückkehren sollten. Wenn sie dazu nicht in der Lage waren, erhielten sie von der Regierung über die Berliner Botschaft der USA (ab April 1917 der Niederlande) einen Zuschuss.124 Dagegen waren die staatlichen Zuwendungen, die britischen Frauen deutscher, österreichischer, ungarischer und türkischer Internierter in Großbritannien ab August 1915 gewährt wurden, heftig umstritten, denn sie hatten nach dem geltenden Einbürgerungsgesetz von 1870 ihre Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich verloren. Unterhaltszahlungen an diese Gruppe lehnten die radikalen Kriegsbefürwortern deshalb entschieden ab. So wurden die Zuwendungen an die Ehefrauen internierter enemy aliens ab November 1915 eingestellt, wenn sie imstande waren, selber eine bezahlte Arbeit anzunehmen.125 Auch Hilfsleistungen humanitärer Organisationen für diese unschuldigen Opfer waren für die radikalen Nationalisten und Militaristen inakzeptabel. Demgegenüber konnten bedürftige Angehörige von Internierten Zuwendungen nach dem Armenrecht (Poor Law) in Anspruch nehmen. Indem sie vor allem den Frauen gegen erhebliche Widerstände eine Unterstützung gewährte, dokumentierte die britische Regierung nicht zuletzt die Beharrungskraft traditionaler geschlechterpolitischer Konzepte, obwohl sich diese zugunsten der Betroffenen auswirkten. Insgesamt war die staatliche Hilfe für Feindstaatenangehörige aber mangelhaft, zumal auch das im Innenministerium eingerichtete Destitute Aliens Committee (seit 1916 Civilian Internment Camps Committee) weitgehend unwirksam blieb.126 Die Ablösung des als zu nachgiebig kritisierten McKenna durch Simon am 27. Mai 1915 in der neugebildeten liberal-konservativen Koalitionsregierung unter Asquith besiegelte die Verhärtung der britischen Politik gegenüber den enemy aliens. Allerdings waren neben dem Übergang zur Masseninternierung auch Anzeichen einer Entsicherheitlichung deutlich. So übernahm das Innenministerium im Mai 1915 vom Kriegsministerium die Kontrolle über die Internierungspraxis. Auch wurden zwei Beratungsgremien (Advisory Committees) eingerichtet, die jeweils für England und Wales bzw. Schottland über Anträge auf Entlassung aus den Lagern entschieden. Bis Ende 1915 verschonten sie 7.348 von 15.419 Personen, die eine Ausnahmeregelung beantragt hatten, von der Internierung. Überdies hatte das Home Office der Kommission zur Defence Regulation 14B die Entscheidungskompetenz über „further cases of ordinary internment“ entzogen. Darüber hinaus erreichten bis 1917 14.939 Antragsteller, dass 124 Denness, Gender, S. 71, 77, 81, 87, 89, 91, 97. 125 Ebd., S. 90 126 Proctor, Intelligence, S. 36.

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Anordnungen zu ihrer Repatriierung zurückgenommen wurden. Bemerkenswerterweise begründeten die Komitees und die Behörden Bewilligungen mit dem Gebot der „Humanität“, obgleich vorrangig der Mangel an Unterkünften eine ausnahmslose Internierung verhinderte, wie Beamte des Innenministeriums gegenüber Vertretern humanitärer Hilfsorganisationen schon in den ersten Monaten des Krieges zugegeben hatten.127 Darüber hinaus wurden nicht internierte enemy aliens als Beschäftigte benötigt. Trotz intensiver Werbung für Arbeit von „nationaler Bedeutung“ (national importance) meldeten sich aber nur wenige dieser zivilen Feindstaatenangehörigen. So waren Ende Juni 1918 von 13.664 „feindlichen Ausländern“ lediglich 3.341 gewonnen worden. Von 6.684 in Frage kommenden Personen, welche die zuständigen Vermittlungsstellen befragt hatten, hatten diese 3.100 Personen befragt, aber nur 255 rekrutiert. 16 Interviewte internierten die Behörden erneut, weil sie sich beharrlich weigerten, Arbeiten anzunehmen. Der geringe Erfolg des Programms war aber weniger auf eine Blockade der Betroffenen, sondern vorrangig auf den Widerstand von Gewerkschaften zurückzuführen, die eine zu geringe Qualifikation bzw. niedrige Löhne kritisierten und einen Unterbietungswettbewerb mit der unerwünschten Konkurrenz befürchteten. Außerdem fehlten in der angespannten Kriegswirtschaft Unterkünfte und Nahrungsmittel für weitere Beschäftigte. Darüber hinaus äußerten örtliche Polizeioffiziere erhebliche Sicherheitsbedenken; Forderungen, die in der Rüstungswirtschaft beschäftigten enemy aliens zu bewachen, konnten angesichts des Mangels an Polizisten aber nicht erfüllt werden. Nicht zuletzt waren viele zivile Feindstaatenangehörige alt oder ungeeignet für die Arbeiten, und die Behandlung von Gruppen wie den Polen oder Tschechen, die zwar Bürger Österreich-Ungarns waren, aber als friendly enemies galten, blieb unklar. Damit verhinderten praktische Probleme bis 1916 einen umfassenden Arbeitseinsatz ziviler Feindstaatenangehöriger.128 Mit der Durchsetzung der Wehrpflicht mussten aber eingezogene britische Soldaten durch deutsche Kriegsgefangene ersetzt werden. Daraufhin wurden die Grenzen der Lager durchlässiger, und Kontakte mit britischen Zivilisten nahmen zu. Die verstärkte Arbeit außerhalb der Camps verbesserte auch das Verhältnis der Gefangenen zu den Briten. Dies traf aber deutlich weniger auf die Zivilinternierten zu, die in der Regel in den Lagern blieben. Obwohl im No127 Dazu das Protokoll vom 19. Mai 1915 in: LSF, FEWVRC/EME/6/1/1. Zit. nach dem Brief John Simons an Richter Hankey vom 29. September 1915, in: NA, HO 45/24677. Angaben nach: Panayi, Enemy, S. 81; Manz, Migranten, S. 265; Reinecke, Grenzen, S. 217. Vgl. auch Bohdan S. Kordan, Enemy Aliens. Prisoners of War. Internment in Canada during the Great War, Montreal 2002, S. 81; Thurlow, Secret State, S. 48 f., 58; Yarrow, Impact, S. 100; Müller, Recht, S. 387 f., 391. 128 NA, FO 383/473 (Schreiben vom 5. Juli 1918).

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vember 1917 bereits 29.511 Deutsche interniert worden waren, wurden auch die noch in Freiheit lebenden Zivilisten im Frühjahr 1918 erneut zum Ziel gewalttätiger Angriffe, als Großbritannien und Frankreich angesichts der Offensiven der deutschen Armeen an der Westfront und durch das Ausscheiden Russlands vor einer kriegsentscheidenden Niederlage zu stehen schienen.129 Noch am 8. Juli 1918 forderte Beresford im Oberhaus erneut, allen eingebürgerten Deutschstämmigen nachträglich die britische Staatsangehörigkeit zu entziehen. Gebetsmühlenartig verlangte er zudem die Internierung der 6.000 in Freiheit verbliebenden Deutschen. Im Namen der Sicherheit drängte er die Regierung nunmehr auch, die 6.000 Österreicher und Angehörige des Osmanischen Reiches, die noch nicht verhaftet worden waren, unverzüglich festzunehmen. Dagegen hoben die Lords Parmoor und Buckmaster in ihren Stellungnahmen die humanitäre Pflicht der britischen Regierung hervor, Eingebürgerte und Feindstaatenangehörige, die kein Vergehen oder Verbrechen begangen hatten, zu schützen. Parmoor bezog sich dabei ausdrücklich auf die „nationale Ehre“ des Vereinigten Königreiches. Drei Tage später zeigte Innenminister Cave zwar Verständnis für die akuten Sicherheitsängste; er wies aber auf den Beitrag vieler Eingebürgerter und Feindstaatenangehöriger zu den Kriegsanstrengungen Großbritanniens hin und rechtfertigte Ausnahmen für Alte, Kranke sowie Frauen und Kinder von enemy aliens. Darüber hinaus sollten Personen, die als Angehörige von Minderheiten in den gegnerischen Ländern lebten, nicht pauschal interniert werden. Auch Dalziel appellierte an Fairness, indem er eine undifferenzierte Unterdrückung von Feindstaatenangehörigen als „unbritisch“ verurteilte. Zugleich kritisierte er aber das Staatsangehörigkeitsgesetz, das 1913 in Deutschland erlassen worden war, als Deckmantel für illoyale Aktivitäten. Deutlicher forderte Wedgwood den Innenminister auf, die britischen Traditionen von Gerechtigkeit und Humanität zu beachten. Dieselben Werte verlangte Joynson Hicks aber auch für den Umgang mit britischen Gefangenen in Deutschland. Damit drohte er indirekt Vergeltung für die von ihm behauptete brutale Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten im Kaiserreich an. Der konservative Abgeordnete John Rees (1854–1922) bedauerte sogar, dass Großbritannien an die Haager Konvention gebunden war und beklagte die aus seiner Sicht zu große Nachsichtigkeit der Regierung gegenüber den zivilen Feindstaatenangehörigen. Als Verfechter einer uneingeschränkten Sicherheitspolitik trat auch der konservative Abgeordnete Henry Page Croft auf, der von einem Netzwerk deutscher Verräter im Vereinigten Königreich ausging. Alles in allem zeigte sich am Kriegsende, dass die umfassende Internierung die radikalen Nationa-

129 Grady, Landscapes, S. 543, 546, 550, 556 f.; Panayi, Prisoners of War.

252  4 Sicherheit und „innere Feinde“

listen keinesfalls ruhiggestellt, sondern sie letztlich in ihren immer weitreichenderen Forderungen bestätigt hatte.130

Das Leben in den Internierungslagern Bis November 1915 hatten die Behörden schließlich 32.440 zivile Feindstaatenangehörige festgesetzt. Am 14. Dezember wurden in den Internierungslagern insgesamt sogar schon 45.749 Feindstaatenangehörige registriert; davon waren 13.475 Reservisten und 32.274 Zivilisten. Im Januar 1916 wurden insgesamt 32.295 Zivilinternierte gezählt, darunter 26.474 Deutsche, 5.664 Österreicher oder Ungarn und 157 Untertanen des Osmanischen Reiches. 7.286 Feindstaatenangehörige waren von der Internierung ausgenommen. Davon stellten Staatsangehörige Österreich-Ungarns allein 3.974, während 2.962 Deutsche waren.131 Nach der Einlieferung in Durchgangslager hatte die Polizei die Verhafteten im Herbst 1914 zunächst auf Schiffen und in provisorischen Lagern wie diejenigen in Olympia (London), Newbury und Lofthouse Park (nahe Wakefield in West Yorkshire) untergebracht. In dem Camp in Douglas (Insel Man) waren am 24. September 1914 die ersten 200 Gefangenen aufgenommen worden. Erst im darauffolgenden Jahr wurden die Internierten im Allgemeinen von Kriegsgefangenen getrennt, allerdings überwiegend innerhalb der Lager, die außerdem festgesetzte Seeleute aufnahmen. Nur in wenige Camps wies die britische Polizei ausschließlich Zivilisten ein, so in die ehemalige deutsche Landsiedlung Libury Hall (nahe Ware in Hertfordshire), wo sich im Mai 1916 159 Internierte aufhielten. Im darauffolgenden Monat wurden 188 Insassen (davon 178 Deutsche und zehn Italiener) registriert. Es handelte sich dabei überwiegend um ältere Männer, die mit Britinnen verheiratet waren und sich deshalb zu Kriegsbeginn geweigert hatten, nach Deutschland zurückzukehren. Gelegentlich nahmen sogar Camps, die für Soldaten und Offiziere eingerichtet worden waren, einzelne Zivilsten auf. So fand ein Inspekteur der US-Botschaft in London im April 1916 im Lager Handforth (Cheshire) einen Mann vor, der offenbar auf eigenen

130 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 30, 8 Juli 1918, Sp. 649–694 („Enemy Aliens“), http://hansard.millbanksytems.com/lords/1918/jul/08/enemy-aliens, Zugriff am 14. Januar 2016); Hansard, House of Commons Debates, Bd. 108, 11. Juli 1918, Sp. 52–605 („Sir G. Cave’s Statement“), http://hansard.millbanksytems.com/commons/1918/jul/11/sir-g-caves-statement, Zugriff am 14. Januar 2016). 131 Farrar, Threat, S. 91; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 27; Manz, Migranten, S. 264; Speed, Prisoners, S. 146; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 77; ders., Prisoners of War; Pöppinghege, Lager, S. 55; Kushner / Knox, Refugees, S. 45.

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Wunsch dorthin gekommen war, um regelmäßig seine kranke Ehefrau im nahegelegenen Manchester besuchen zu können.132 Der völkerrechtliche Status der Camps, die offiziell als Alien Detention Centres bezeichnet wurden, und ihrer Insassen blieb unklar. Auch eine wissenschaftliche Untersuchung konnte diese Frage nicht klären. Die Behörden vermochten die Insassen nicht eindeutig zuzuordnen, denn sie waren weder Verbrecher noch kriegsgefangene Soldaten, deren Behandlung die Haager Konvention festgelegt hatte. Vielmehr handelte es sich überwiegend um Feindstaatenangehörige, die sich bei Kriegsbeginn oft zufällig in Großbritannien aufgehalten hatten. Immerhin wurde Vertretern von Schutzmächten und Repräsentanten von Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, der Young Men’s Christian Association und den Quäkern erlaubt, den Internierten zu helfen. Ebenso durften katholische Pfarrer und Geistliche die Lager besuchen und den Insassen beistehen.133 In vielen Camps bestanden gesellschaftliche Unterschiede fort. So waren in Lofthouse Park, wo im November 1915 rund 1.500 Insassen in einem früheren Kulturveranstaltungszentrum lebten, Angehörige der Oberschichten in relativ komfortablen Baracken untergebracht. Internierte, die sich den Aufenthalt in diesem privilegierten Lager leisten konnten, wurden vom britischen Innenministerium sogar gezielt in das Lager gebracht. Hier arbeiteten andere, weniger wohlhabende Insassen gegen Bezahlung für sie. Obgleich die Lebensverhältnisse alles in allem gut waren, hatten rund 400 Männer, die aus Afrika nach Wakefield gebracht worden waren, in dem Camp Malaria verbreitet.134 Im März 1916 befanden sich hier 1.457 Internierte, davon allein 1.334 Deutsche. Sie klagten im Frühjahr 1916 zwar über Langeweile, die verschlammten Wege und das Wasser auf dem Gelände. Auch wurde eine rasche Repatriierung nach Deutschland gefordert. Ansonsten aber fand der Inspekteur der amerikanischen Schutzmacht gute hygienische Verhältnisse vor. Auch die Versorgung der Insassen war ausreichend. Im Juni 1916 hatten sich die Lebensbedingungen im Lager Lofthouse

132 NA, FO 383/163, Bl. 248–252; United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports of Visits of Inspection Made by Officials of the United States Embassy to Various Internment Camps in the United Kingdom, London 1916, S. 10, 32. Vgl. auch Kotek / Rigoulot, Jahrhundert, S. 95 f.; Manz / Panayi, Enemies, S. 169 f. Zum Lager Douglas: Yvonne M. Cresswell (Hg.), Living with the Wire. Civilian Internment in the Isle of Man during the two World Wars, Douglas 1994, S. 9; Kewley Draskau, „Heimat“, S. 89. 133 Zusammenfassend: Braithwaite Thomas u. a. (Hg.), St. Stephen’s House, S. 66–70; Panayi, Enemy, S. 108; Manz, „Enemy Aliens“, S. 122, 130; Pöppinghege, Lager, S. 94, 107; Rachamimov, ‚Zivilhistoriographie‘, S. 30 f. 134 NA, FO 383/106 (Bericht „Wakefield Camp“); FO 383/143 (Bericht vom 11. Februar 1916); Manz / Panayi, Enemies, S. 173.

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Park nach den Beobachtungen des zuständigen US-Inspekteurs weiter verbessert, abgesehen von der Wasserversorgung und dem unbefestigten Gelände. Das britische Kriegsministerium wies deshalb im August 1916 Beschwerden der deutschen Reichsleitung über eine schlechte Verpflegung zurück. Insgesamt war das Camp im Ersten Weltkrieg fast durchweg mit mindestens 1.500 Insassen belegt; der höchste Wert betrug 2.400. Die deutliche Mehrheit der Internierten waren Deutsche.135 Große Lager für Kriegsgefangene und Zivilinternierte wurden besonders an entlegenen Orten eingerichtet, so in Wales und in Irland, wo im Juni 1916 in Oldcastle (nahe Meath) 578 Zivilisten (davon 468 Deutsche und 110 Österreicher). Im Juli 1917 wurden hier 494 Internierte gezählt, davon 398 Deutsche und 95 Bürger Österreich-Ungarns. Noch geeigneter erschien der britischen Regierung die Insel Man, die direkt der britischen Krone unterstand und weder dem Vereinigten Königreich zugehörte noch eine Kronkolonie war. Außerdem schien die Insel wegen der Lager an der britischen Westküste für die Unterbringung von Gefangenen besonders geeignet. Hier wurden von 1914 bis 1919 rund 25.000 männliche Internierte gezählt. Allein das Camp Knockaloe (nahe Peel), das in vier Lagerkomplexe mit insgesamt 23 Abteilungen aufgeteilt war, nahm bis Ende 1915 insgesamt rund 23.000 Internierte auf. Im April 1916 waren in dem Lager, das eigens zur Aufnahme festgesetzter enemy aliens errichtet worden war, noch 20.563 Zivilisten untergebracht, davon allein 16.936 Deutsche und 3.382 Österreicher. Im November 1917 belief sich die Zahl der Insassen, die aus Deutschland und der Habsburgermonarchie stammten, auf 15.773 bzw. 2.450. Demgegenüber lebten hier lediglich 22 Bulgaren. Die Zusammensetzung der Internierten, welche die britische Regierung aus verschiedenen Gebieten der Welt oder von aufgebrachten Schiffen nach Knockaloe gebracht hatte, war überaus heterogen. Beobachter der US-Schutzmacht registrierten noch Ende 1914 und Anfang 1915 eine gute Versorgung, zumal die Insassen einen Teil der Gewinne erhielten, welche die Kantine erzielte. Jedoch erschienen die Unterkünfte, die sanitären Bedingungen in den Lagerkrankenhäusern und die Versorgung mit Gemüse verbesserungsbedürftig. Überdies mussten sich alle Internierten an die militärische Disziplin gewöhnen, die ihnen die Kommandanten und Wachsoldaten auferlegten. Später verschlechterte sich die Versorgung. Ergänzend wiesen die amerikanischen Inspekteure schon 1916 auf die Folgen des monotonen Lebens im Lager Knockaloe hin, obwohl die verschiedenen Interniertenkomitees (vom Sport über Musik und Theater bis zur Herausgabe von Zeitungen) eine rege Aktivität entfalteten. Jedoch war die Gemeinschaft der Insassen im Lager keineswegs egalitär. Schon auf den Schiffen, auf denen sie – wie in 135 NA, FO 383/163, Bl. 18–21, 202–205, 369.

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Portsmouth – vorübergehend untergebracht worden waren, hatten die Behörden sie in drei Klassen mit unterschiedlicher Ausstattung untergebracht.136 Auch im Camp Douglas, das auf der Insel Man aus der Umwidmung eines Jugendferienlagers hervorgegangen war, wurde für privilegierte Gefangene ein abgetrennter Bereich eingerichtet, in dem sie besser versorgt wurden, mehr Platz hatten und einen Diener beschäftigen durften. Dieses Lager war im November 1914 schon mit 3.500 zivilen Feindstaatenangehörigen (darunter 2.000 Deutschen), im Ersten Weltkrieg aber durchschnittlich mit 2.500 Internierten belegt. 1916 lebten hier sogar rund 2.700 enemy aliens, davon fast 2.000 Deutsche. Im November 1917 wurden in Douglas 2.380 Zivilinternierte festgehalten, davon 1.638 Deutsche, 529 Österreicher und 13 Türken. Insgesamt variierte die Belegung im Ersten Weltkrieg zwischen 2.200 und 2.800 Insassen. In dem Camp hatten die räumliche Enge und das schlechte Essen schon im November 1914 einen Aufstand ausgelöst, bei dem Wachsoldaten fünf Gefangene erschossen und 19 Deutsche verletzten. Die Namen der Getöteten wurden der deutschen Regierung übermittelt.137 Auf dem Festland ragte das Lager Alexandra Palace (im Norden Londons) heraus, wo bis zu 3.000 Zivilinternierte auf engem Raum zusammenleben muss136 NA, FO 383/106 („Note of visit to prisoners’ camps“ vom 2. Februar 1915, S. 5, 8; „Bericht des Beauftragten des Amerikanischen Botschafters in London Chandler Hale über die Besichtigung der Gefangenenlager in Douglas und Peel auf der Insel Man und in Templemore in Irland“ vom November 1914), FO 383/163, Bl. 153–163, 390–399; „Bericht der Herren Ed. Naville und B. van Berchem vom Internationalem Komitee vom Roten Kreuz in Genf über die Besichtigung von Gefangenenlagern in England“ vom Januar 1915); FO 383/277 (Schreiben vom 7. August 1917); United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports, S. 13, 39. Angaben nach: Jennifer Kewley Draskau, Kulturkrieg und Frontgeist from behind the Wire. World War I Newspapers from Douglas Internment Camp, in: Gillian Carr / Harold Mytum (Hg.), Cultural Heritage and Prisoners of War. Creativity behind Barbed Wire, New York 2012, S. 207–226, hier: S. 207; Dina Gusejnova, Gegen Deutsches K. Z. Paradies. Thinking about Englishness on the Isle of Man during the Second World War, in: History of European Ideas 2020 (DOI: 10.1080/ 01916599.2020.1746076; Zugriff am 22. Mai 2020), S. 3; Stibbe, Internment, S. 57, 216. Übersichten in: Manz / Panayi, Enemies, S. 227–249; Gottlieb, Isle of Man, S. 152; Mytum, Tale, S. 33, 37– 40. 137 NA, FO 383/70 (Vermerk vom 22. Juli 1915); FO 383/106 („Bericht des Beauftragten des Amerikanischen Botschafters in London Chandler Hale über die Besichtigung der Gefangenenlager in Douglas und Peel auf der Insel Man und in Templemore in Irland“ vom November 1914). Angaben nach: NA, FO 383/277 (Brief vom 29. November 1917); Cresswell (Hg.), Living with the Wire, S. 11; Manz / Panayi, Enemies, S. 175; Panayi, Prisoners of War. Hinweise in: Gottlieb, Isle of Man, S. 152. Zum Lager Douglas auch Stibbe, Civilian Internment, S. 95; Harold Mytum, Materiality Matters: The Role of Things in Coping Strategies at Cunningham’s Camp, Douglas During World War I, in: ders. / Gillian Carr (Hg.), Prisoners of War. Archaeology, Memory and Heritage of the 19th and 20th Century Mass Internment, New York 2013, S. 169–187, hier: S. 170; ders., Tale, S. 36 f.

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ten. Im Mai 1915 waren hier 1.368 Angehörige der „Mittelmächte“ interniert. Ein Jahr später belief sich die Zahl der festgehaltenen zivilen enemy aliens bereits auf 2.334, davon 1.598 Deutsche, 695 Österreicher, 14 Türken und 27 Angehörige anderer Staaten, gegen die das Vereinigte Königreich Krieg führte. In drei Abteilungen des Gebäudes, in dem vor dem Krieg Unterhaltungs- und Kulturveranstaltungen stattgefunden hatten, konnten jeweils bis zu 1.000 Personen untergebracht werden. Die Lagergemeinschaft war auch hier keineswegs egalitär, denn Angehörige der Oberschichten mussten ihre Kleidung nicht selber waschen und ihnen wurde eine größere Privatsphäre gewährt. Alle Insassen – nahezu ausschließlich Männer – durften das Lager nur ausnahmsweise verlassen, so bei einer schweren Erkrankung enger Angehöriger. Der deutsche Anarchist Rudolf Rocker (1873–1958), der 1895 nach England gekommen und Ende 1914 interniert worden war, hat die Gesamtzahl der in Alexandra Palace Internierten in seinen Erinnerungen mit rund 17.000 beziffert.138 Rocker, dessen Ehefrau Milly 1916 verhaftet und nach Aylesbury (Buckinghamshire) verbracht wurde, ist auch ausführlich auf die Lebensumstände in dem Lager eingegangen. Obgleich die Mahlzeiten offenbar ausreichend waren, litten die Insassen unter der zunächst völlig unzureichenden Versorgung, der Anonymität und der Beschäftigungslosigkeit. Zwar bereiteten die Internierten ihr Essen im Allgemeinen selber zu, und sie waren auch für die Reinigung der Lager zuständig. Darüber hinaus organisierten sie in den Camps diverse Aktivitäten, so in Lofthouse Park, wo im Juni 1916 Zivilisten gefangen gehalten wurden, darunter 1.322 Deutsche, 122 Österreicher und drei Türken. Interniertenkomitees entwickelten u. a. Sport- und Bildungsprogramme, für die sie auch die wachsenden Bibliotheken nutzten. So verfügte das Camp Douglas schon im Mai 1916 über 5.000 bis 6.000 Bücher, die nach dem Bericht eines Inspekteurs der US-Botschaft in London eifrig gelesen wurden. In demselben Monat entfielen im Lager Libury Hall auf nur 188 internierte Zivilisten über 1.000 Bücher. In einzelnen Camps richteten Komitees der Insassen sogar kleine Universitäten mit Vorlesungsverzeichnissen ein. Darüber hinaus wurden Publikationen herausgegeben, die – wie die Knockaloe Lager-Zeitung – vereinzelt sogar außerhalb der Camps verkauft wurden. Obwohl die Mitteilungsblätter der deutschen Internierten im Verlauf des Ersten Weltkrieges nationalistischer wurden und auch die Bindung an die Heimat zusehends herausstrichen, duldeten die Lagerkomman138 NA, FO 383/106 („Report on Alexandra Palace Internment Camp“). Angaben nach: United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports, S. 23; Panayi, Prisoners of War; Kotek / Rigoulot, Jahrhundert, S. 96; Stibbe, Civilian Internment, S. 95; Manz / Panayi, Enemies, S. 112. Zu den sozialen Unterschieden in den Lagern: Nadja Durbach, Comforts, Clubs, and the Casino: Food and the Perpetuation of the British Class System in First World War Civilian Internment Camps, in: Journal of Social History 53 (2019), S. 487–507.

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danten die Veröffentlichung, um die Insassen zu beschäftigen und Unruhen zu verhindern. Mit den Aktivitäten, zu denen auch künstlerische Arbeit gehörte, bemühten sich die Internierten, ihren Zwangsaufenthalt kreativ zu nutzen und ihm Sinn zu verleihen.139 In nahezu allen Lagern wurden Krankenabteilungen oder -häuser und in Dartford sogar ein eigenes Hospital eingerichtet, in dem im Juli 1917 32 Zivilisten versorgt wurden. Der zuständige Inspekteur nahm den Kommandanten gegenüber kritischen Berichten, die im Mai 1917 in Deutschland in der Frankfurter Zeitung erschienen waren, ausdrücklich in Schutz. Dies galt auch für eine psychiatrische Anstalt, in der im Juli 1917 44 deutsche Zivilinternierte behandelt wurden. Einige Camps waren auch ausschließlich der Unterbringung von Zivilisten gewidmet. So ließ die Regierung im Juni 1917 das Kriegsgefangenenlager in Codford (Wiltshire) vollständig räumen, um dort Zivilinternierte unterzubringen. Ebenso wurden Zweiglager gegründet, so im Sommer 1917 ein Camp in Bulford, in das Zivilinternierte aus Knockaloe gebracht wurden, die Familien in Großbritannien hatten und sich zur Arbeit bereit erklärt hatten. Hier waren im Oktober 1917 191 Zivilisten untergebracht.140 Wie bereits erwähnt, entwickelten die Internierten in vielen Lagern ein breites Spektrum von Aktivitäten, die als Strategien zur Bewältigung des erzwungenen Aufenthaltes gelten können. Dazu gehörten u. a. Sportwettkämpfe, Fortbildungskurse und handwerkliche Arbeiten. Vereinzelt wurden sogar kleine Universitäten mit Veranstaltungen angeboten. Auch Theateraufführungen waren populär. Dabei verwischten die männlichen Insassen oft Unterschiede zwischen Geschlechtern, indem sie Frauenrollen spielten. Im Camp Stobs (nahe Hawick im Süden Schottlands), in dem im Oktober 1915 rund 2.400 und im Februar 1916 2.283 zivile Feindstaatenangehörige interniert waren, hatten die Insassen mit Zustimmung des Kommandanten sogar ein eigenes Schiedsgericht eingerichtet, das Streitigkeiten schlichtete. Obwohl sie die drückende Langeweile allenfalls lindern konnte, stärkte die Lagerselbstverwaltung doch das Selbstbewusstsein der Insassen, und sie erleichterte die Anpassung an das neue Leben in den Camps, in denen kleine abgetrennte Privatsphären entstanden. Auch persönliche Gegenstände wie Bücher und Bilder bewahrten Identitäten und Bindungen an die Heimat. Damit wurden auch harte klimatische Bedingungen – so in Stobs 139 Iris Rachamimov, Camp Domesticity. Shifting Gender Boundaries in WWI Internment Camps, in: Carr / Mytum (Hg.), Heritage, S. 291–305, hier: S. 303; Kewley Draskau, „Heimat“, S. 90; Mytum, Tale, S. 41. Angaben nach: United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports, S. 19, 27, 31. Vgl. auch Rudolf Rocker, Alexandra Palace Internment Camp in the First World War 1914–1918 (Ms., British Library, London), S. 1, 4–6, 16, 21 f., 35–37, 41–44, 58. Zu Milly Rocker: Proctor, Intelligence, S. 34. 140 NA, FO 383/277 (Schreiben vom 30. und 31. Juli sowie vom 6. und 9. Oktober 1917).

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die Kälte im Winter – erträglicher. Trotz der vielfältigen Tätigkeiten wuchs im Verlauf des Krieges in den britischen Lagern allgemein der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, unter den internierten Zivilisten ebenso wie unter den Kriegsgefangenen. Dazu wurde vielfach ein Abkommen zum Austausch von Gefangenen gefordert. Zugleich fürchteten einzelne Internierte offenbar die Rückkehr in eine deutlich veränderte Nachkriegsgesellschaft, so dass sie sogar schon bewilligte Repatriierungen verweigerten.141 Außerhalb der Camps wurden Zivilinternierte im ersten Kriegsjahr nicht beschäftigt, da vor allem britische Nationalisten Sicherheitsgefahren wahrnahmen und Gewerkschaften Lohnkonkurrenz befürchteten. Zudem hatten Diplomaten der Schweiz den deutschen Lagerinsassen mitgeteilt, dass ihre Regierung nur Tätigkeiten innerhalb der Camps billigte. Erst als der Arbeitskräftemangel im Vereinigten Königreich Ende 1915 zunahm, begann mit der Produktion von Postsäcken eine systematische Beschäftigung. Im Februar 1916 gab die Regierung Anweisungen zur Arbeit von Lagerinsassen für staatliche Institutionen und private Unternehmen heraus. Im Herbst dieses Jahres bildete das Kriegskabinett schließlich das Prisoners of War Employment Committee, das allerdings überwiegend Kriegsgefangenen Beschäftigung gegen Entgelt vermittelte. Damit konnten sie ihre Nahrungsmittelrationen erhöhen. Direkte Beziehungen zwischen den Lagerinsassen und Unternehmen oder Kunden, die Produkte abnahmen, wurden grundsätzlich unterbunden.142 Obgleich damit immerhin Beschäftigungsangebote geschaffen worden waren, führten die fehlende Privatsphäre und das Misstrauen zwischen den Gefangenen in den Lagern weiterhin zu Konflikten, zumal auch soziale Unterschiede zwischen den Insassen fortbestanden. Kommandanten, welche jeweils die Ordnung im Lager bestimmten, und Wachleute verschärften gelegentlich die Spannungen, oft durch Schikanen und Gedankenlosigkeit. Nicht zuletzt sorgten Nachrichten über Misshandlungen britischer Gefangener in Deutschland und Presseberichte, in denen den Behörden vorgeworfen wurde, die Internierten zu verwöhnen, in einzelnen Camps für erhebliche Unruhe. So wurden deutschen Internierten vorübergehend Vorträge über deutsche Literatur mit dem Hinweis auf eine ähnliche Einschränkung in Lagern des Kaiserreiches verboten. Nicht zuletzt wegen dieses Druckes, Vergeltung zu üben, zögerten auch mitfühlen141 Iris Rachamimov, Liminality and Transgression. Breaching Social Boundaries in the First World War Internment Camps, in: Anne-Marie Pathé / Fabien Théofilakis (Hg.), Wartime Captivity in the 20th Century. Archives, Stories, Memories, New York 2016, S. 84–94, hier: S. 87; dies., Camp Domesticity, S. 302 f.; Mytum, Materiality, S. 171–186. Zu Stobs: NA, FO 383/106 („Report on Stobs Internment Camp“); United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports, S. 7, 15; Manz / Panayi, Enemies, S. 174. 142 NA, HO 215/334 (Memorandum „Employment of Prisoners of War & Enemy Aliens“).

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dende Wachsoldaten und -offiziere, das Alltagsleben der gefangenen enemy aliens in den Camps zu erleichtern. Alles in allem prägten nicht nur die Behandlung, Versorgung und Beschäftigungsangebote die Verarbeitung des erzwungenen Lageraufenthaltes, sondern auch dessen Dauer und die frühere gesellschaftliche Position der betroffenen Personen. Ebenso müssen der Einfluss der Presse und die Beziehungen zur Außenwelt durch Besuche von Angehörigen und Postsendungen in Rechnung gestellt werden.143 Viele internierte Feindstaatenangehörige litten in oft abgelegenen Lagern, so in Lofthouse Park und in Stobs, wo sowohl Kriegsgefangene als auch Zivilisten untergebracht waren. Im Februar 1916 belief sich die Zahl der Insassen im Camp Stobs auf insgesamt 4.616 und im April auf 4.592. Davon waren 2.269 Zivilinternierte (2.089 Deutsche, 178 Österreicher und zwei Türken). Durchschnittlich erreichte die Belegung im Ersten Weltkrieg hier 4.500 Gefangene. Offenbar deutlich schlechter waren die Lebensbedingungen im Londoner Lager Stratford. Im Rückblick wurden die Probleme in den Camps zwar oft beschönigt. So urteilte ein deutscher Internierter 1931: „… we were treated exactly the same as British prisoners were being treated in Germany.“ Jedoch hielten die britischen Behörden die Bestimmungen der Haager Konvention für die Behandlung von Kriegsgefangenen überwiegend ein, auch um Repressalien gegen eigene Staatsangehörige zu vermeiden, die sich im Gewahrsam der „Mittelmächte“ befanden.144 Dennoch verschlechterte sich die Versorgung der Internierten im Kriegsverlauf. Darüber hinaus waren die psychischen Folgen des Aufenthaltes in den Lagern erheblich. In den männlichen Zwangsgemeinschaften entwickelten sich emotionale Bindungen und sexuelle Beziehungen, die vielfach gesellschaftliche Normen respektierten, diese aber auch immer wieder überwanden und verletzten. Vor allem litten die Internierten unter ihrer Machtlosigkeit, denn als wehrlose Gefangene, die nicht an den Kämpfen teilgenommen hatten, konnten sie den vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Leitbildern des Kriegers und Ernährers nicht gerecht werden. Sie versuchten deshalb, sich in die Kriegsanstrengungen ihres Heimatlandes einzuschreiben, wenn sie sich noch dem Staat, aus dem sie oder ihre Vorfahren stammten, verpflichtet fühlten. So bezeichneten sich die deutschen Internierten oft bewusst als „Kriegsgefange143 Vgl. Reinecke, Grenzen, S. 229 f. 144 Paul Cohen-Portheim, Time Stood Still. My Internment in England 1914–1918, Oxford 1931, S. 43. Allerdings verschwieg Cohen-Portheim keineswegs völlig die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern. Vgl. Panayi, Immigration, S. 107, 152 f.; Manz / Panayi, Enemies, S. 171 f. Angaben nach: United States, Embassy / Boylston A. Beal, Reports, S. 15; NA, FO 383/33; Panayi, Destruction, S. 123; ders., Prisoners of War; Manz, „Enemy Aliens“, S. 126. Zum Lager Stobs auch: Pöppinghege, Lager, S. 60.

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ne“. Damit sollte die Last des Lagerlebens dramatisiert werden. Dem Zweck der (Selbst-)Rechtfertigung diente auch der Rekurs vieler Lagerinsassen auf zentrale Topoi der deutschen Kriegspropaganda, besonders „Kulturkrieg“ und „Frontgeist“. Damit dokumentierten sie ihre nationale Loyalität. Zugleich entwickelten jedoch zumindest die Internierten auf Man auch eine Bindung an die Insel und ihre Bewohner.145

Wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen Über die Internierung hinaus wurden zivile Feindstaatenangehörige Opfer ökonomischer Restriktionen. Das erste Gesetz, das am 18. September 1914 erlassen wurde, basierte auf einer Erklärung vom 5. August 1914, die Geschäfte mit Angehörigen gegnerischer Staaten grundsätzlich verbot. Dies betraf kleine Handwerksbetriebe ebenso wie Niederlassungen multinationaler Konzerne unter deutscher Führung. Der am 18. September 1914 in Kraft getretene Trading with the Enemy Act verbot den Handel mit deutschen und österreichisch-ungarischen Unternehmen in „feindlichem Territorium“ (hostile territory). Ein ergänzendes Gesetz vom 27. November 1914 erlaubte der Regierung, Inspektoren zu ernennen, die das Eigentum von Feindstaatenangehörigen kontrollierten. Nach weiteren Ergänzungen durften enemy aliens keine Finanzgeschäfte mehr abwickeln und kein Vermögen ins Ausland transferieren. Allerdings exportierten britische Firmen über neutrale Länder weiterhin Güter in die „Mittelmächte“. Außerdem blieben wirtschaftliche Aktivitäten von Unternehmen, an denen Deutsche beteiligt waren, im Vereinigten Königreich weiterhin erlaubt. Nicht zuletzt konnten Ausnahmegenehmigungen für Exporte beantragt werden. Ende 1914 erreichten eine dafür eingesetzte Kommission täglich mehr als 900 derartige Gesuche.146 1915 verstärkte sich der Druck nationalistischer und militaristischer Politiker, Agitationsverbände und Presseorgane, die einen verschärften Kampf gegen „innere Feinde“ propagierten. Damit gerieten die Anhänger des Wirtschaftsliberalismus in der Regierung – besonders McKenna und Simon – zusehends unter Druck. Nach einer Verordnung vom 11. März sollte die Kriegsmarine vor allem Frachten, die für Deutschland bestimmt waren, ausnahmslos unterbinden. Außer der Seeblockade wurden auch Sanktionen gegen Personen verschärft, die gegen die Handelsbeschränkungen verstoßen hatten. Angeklagte mit deutschen Namen erhielten besonders harte Haft- oder Geldstrafen. Überdies durften Per145 Kewley Draskau, „Heimat“, S. 83, 85, 87, 89, 96 f., 100, 102–104; dies., Kulturkrieg, S. 207 f., 210, 218 f., 222 f.; Rachamimov, Camp Domesticity, 295, 298 f. 146 McDermott, Trading with the Enemy, S. 205.

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sonen, die im Vereinigten Königreich lebten, nach dem 1915 erlassenen Enemy (Extension of Powers) Act keinen Geschäftsverkehr mehr mit Firmen unterhalten, die Verbindungen zu Deutschland aufwiesen. Feindstaatenangehörige verloren zudem Patente; dabei entfiel ein Anspruch auf Entschädigung, auch nach dem Ende des Krieges. Darüber hinaus wurden Gerichte ermächtigt, Treuhändern, die für England, Schottland, Wales und Irland ernannt wurden, Eigentum und Vermögen zu übergeben. Auch das Board of Trade konnte Verwalter einsetzen.147 Mit einem weiteren, besonders einschneidenden Gesetz verschärfte die britische Regierung am 27. Januar 1916 die wirtschaftlichen Restriktionen. Nach dem Trading with the Enemy Amendment Act konnten nunmehr alle Geschäfte von enemy aliens liquidiert werden. Darüber hinaus mussten Unternehmen ab 1916 deutsche Partner angeben. Der Registration of Business Names Act, der Firmen diese Pflicht auferlegte, zielte darauf, Beteiligungen offenzulegen und zu unterbinden. Diese Gesetze waren zwar den Zielen verpflichtet, den wirtschaftlichen Einfluss der enemy aliens im Vereinigten Königreich zu brechen und den gegnerischen „Mittelmächten“ wirtschaftliche Ressourcen zu entziehen. Zugleich sollte aber schon lange unerwünschte Konkurrenz beseitigt und die britische Gesellschaft für den Krieg mobilisiert werden. Dabei war die Übernahme fremden Eigentums ein materieller Anreiz. Damit hatte die Regierung aber den überlieferten Schutz des Privateigentums aufgegeben. Zudem war sie vom Wirtschaftsliberalismus abgerückt, den noch die Kampagne des konservativen Spitzenpolitikers Joseph Chamberlain (1836–1914) für Schutzzölle von 1906 bis 1910 nicht nachhaltig erschüttert hatte.148 Insgesamt beschlagnahmten Gerichte schon bis Ende 1915 fünf Millionen Pfund, während der Board of Trade Feindstaatenangehörigen Eigentum im Wert von 500.000 Pfund entzog. In den ersten Kriegsmonaten sollten geschäftliche Beziehungen zwischen Briten und enemy aliens im Allgemeinen aber lediglich beendet und das Eigentum von Ausländern kontrolliert werden. Demgegenüber ging die Regierung ab 1916 zu einer systematischen Beschlagnahme über. Insgesamt wurden im Ersten Weltkrieg 583 Unternehmen abgewickelt, davon allein 1916 392.149 Auch anschließend nutzten die Behörden gezielt die Gelegenheit, besonders die Deutschen aus der Wirtschaft auszuschließen. So ver147 Hierzu und zum Folgenden: Panayi, Business Interests, S. 247 f., 250 f.; ders., Enemy, S. 135–141; ders., Immigration, S. 106; ders., Destruction, S. 119 f.; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 77; Roxbury, German Property, S. 50; Searle, A New England?, S. 774; Caglioti, Property Rights, S. 5; Manz, Migranten, S. 284; McDermott, Trading With the Enemy, S. 208–212. Zeitgenössisch: Page, War, S. 38. 148 McDermott, Trading with the Enemy, S. 213–216. 149 Ebd., S. 216 f.

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bot die Retail Business (Licensing) Order ab Februar 1918 die Eröffnung von Läden im Einzelhandel ohne Lizenz, und im August untersagte ein weiteres Gesetz Betrieben, die Feindstaatenangehörige kontrollierten, sogar Geschäfte in den ersten fünf Jahren nach dem Kriegsende. Dabei konnten sie auf die Mitwirkung einiger britischer Unternehmer und Geschäftsleute rechnen. So wandte sich der Verband der Klavierbaubetriebe gegen Deutsche, die in Großbritannien in dieser Branche produzierten. Einzelne Firmen wie English Electric Co. gingen sogar direkt aus dem Zwangsverkauf deutscher Konkurrenten hervor. Insgesamt nötigten Gesetze, die nach dem Trading with the Enemy Act erlassen wurden, viele Deutsche, Österreicher und Ungarn letztlich, ihre Betriebe in Großbritannien zu schließen. Im Unterschied zu den Internierungen gründeten die Enteignungen aber auf Gesetzen. Zudem erwies sich der Rekurs auf die Sicherheit des Landes als ambivalent, denn er schützte gelegentlich sogar Unternehmen, die (eingebürgerten) Deutschen gehörten, vor der Abwicklung.150

Die Unterdrückung von britischen Staatsbürgern als „innere Feinde“ Die Februar- und Oktoberrevolution in Russland 1917 lösten in Großbritannien innere Unruhen aus, die nicht mehr ausschließlich auf eine Spionage und Unterwanderung durch Angehörige der gegnerischen Nationen, sondern auch auf „innere Feinde“ unter den Briten zurückgeführt wurden, besonders Sozialisten, Pazifisten und Wehrdienstverweigerer. Sie wurden mit den äußeren Kriegsgegnern assoziiert oder sogar gleichgesetzt. Aber schon ab 1916 war in Großbritannien die Opposition gegen den Krieg zunehmend brutal unterdrückt worden. Damit hatte sich die Arbeit der Sicherheitsbehörden von der Spionageabwehr auf den Kampf gegen Subversion verlagert. Schon früh wurden offene Kriegsgegner verfolgt. So verfolgten der Special Branch und der MI5 einflussreiche Pazifisten wie den Publizisten Norman Angell und den Gründer der am 5. August 1914 gebildeten UDC, Edmund Dene Morel, der bereits ab 1900 mit Photographien die Massaker der belgischen Kolonialmacht im Kongo dokumentiert und eine öffentliche Kampagne dagegen initiiert hatte. Die UDC, die im Krieg unablässig auf einen Verhandlungsfrieden ohne Annexionen drängte, verlangte eine demokratische Kontrolle der Außen- und Rüstungspolitik. Unterstützt von der Independent Labour Party, trat die UDC für eine internationale Zusammenarbeit aller Staaten ein. Der Verband hatte schon bis Ende 1915 mehr als 300.000 Mitglieder gewonnen. Sie waren in 107 Gruppen organisiert. 1918 hatten sich der 150 Ebd., S. 215; Panayi, Business Interests, S. 250–254; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 77; Roxbury, German Property, S. 56, Caglioti, Property Rights, S. 9 f.

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UDC sogar 650.000 Kriegsgegner angeschlossen. Prominente Mitglieder wie Norman Angell traten schon während des Ersten Weltkrieges für die Gründung eines Völkerbundes ein. Auch pazifistische Organisationen, die – wie die Neutrality League – zwischen den Deutschen und ihrer Regierung unterschieden, wurden von der Regierung und Nationalisten denunziert, ohne dass damit die Friedenskampagne abbrach. Im darauffolgenden Jahr übergaben die britischen Pazifisten Premierminister Lloyd George eine Petition, in der 200.000 Unterzeichner für einen Verhandlungsfrieden eintraten. Ein Jahr später hatten sich der UDC schon rund 650.000 Briten angeschlossen. Allerdings war die Organisation keineswegs homogen und geschlossen, denn radikale Pazifisten, die – wie John Morley – Kriege grundsätzlich ablehnten und deshalb den Eintritt Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg verurteilt hatten, trafen auf Mitglieder, die zumindest den Kampf gegen Deutschland rechtfertigten. Arthur Henderson, der an der Gründung der UDC beteiligt war, amtierte im Kriegskabinett unter Lloyd George sogar weiterhin als Minister.151 Die Regierung, besonders der seit 1916 amtierende Innenminister George Cave, bemühte sich mit verschiedenen Maßnahmen, den Einfluss des pazifistischen Verbandes in der Öffentlichkeit zurückzudrängen. Die UDC wurde beschuldigt, die britischen Kriegsanstrengungen zu sabotieren. Dieser Vorwurf, den die Friedensaktivisten energisch zurückwiesen, richtete sich auch gegen die Quäker, weil die Society of Friends den Krieg im Allgemeinen und die Wehrpflicht im Besonderen ablehnte. Daneben unterstützten die Nationalisten Verbände wie das nach der russischen Februarrevolution 1917 gebildete National War Aims Committee (NWAC), das institutionell und personell eng mit der Regierung verflochten war. Das Komitee, das allein vom 4. August bis 10. Oktober 1917 in 3.192 Versammlungen die Weiterführung des Krieges propagierte, bezichtigte die britischen Pazifisten, im Sold der Deutschen zu stehen und von ihnen kontrolliert zu werden. Führende Vertreter der UDC wie Morel wurden unter diesem Vorwand verfolgt. Der Sicherheitsdienst überwachte seinen Postverkehr und sein Telefon. Im August 1917 wurde er schließlich zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, weil er angeblich zu Streiks aufgerufen hatte, um die Waffenproduktion zu unterbinden. Auch verbot das Kriegsministerium 1916 die Verbreitung pazifistischer Propaganda. Alle Aktivitäten der UDC unterlagen fortan strenger behördlicher Kontrolle. Unter dem

151 Angaben nach: Lademacher, Illusion, S. 388; Searle, A New England?, S. 764; Ewing / Gearty, Struggle, S. 63. Andere Angaben in: Degroot, Blightly, S. 144. Vgl. auch Andrew, Defence of the Realm, S. 85 f.; Ceadel, Angell; Nehring, Friedensbewegungen, S. 104; Pogge von Strandmann, Mood, S. 59 f., 69; Später, Vansittart, S. 52. Zu Morels Aktivitäten im Kongo: Barnett, Empire, S. 29.

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Eindruck des Umsturzes durch die Bolschewiki Im November 1917 beschloss eine Kommission des Innenministeriums, der sowohl Kell als auch Thomson angehörten, schließlich, zehn kleinere pazifistische Verbände im Hinblick auf Zahlungen aus Deutschland zu untersuchen, obwohl in einer Expertise des Special Branch keinerlei Anhaltspunkte dafür präsentiert worden waren. Die Polizei beschlagnahmte die Unterlagen dieser Organisationen und ließ deren Zuwendungen prüfen. Auch dieser Übergriff gegen grundlegende Freiheitsrechte blieb ohne greifbares Ergebnis. Er spiegelte aber die Verschwörungsvorstellungen der Regierung – besonders des Innenministers Cave – wider und schwächte die britischen Pazifisten.152 Die Sicherheitsexperten beobachteten auch entschiedene Gegner der Wehrpflicht, die im Januar 1916 für Junggesellen und im Mai für alle militärdienstfähigen Männer (mit Ausnahme Irlands) eingeführt worden war, mit Argusaugen. So durchsuchten Polizeioffiziere des Special Branch am 5. Juni 1916 die Londoner Zentrale der No-Conscription Fellowship, die der Sozialist und Pazifist Clifford Allen (1889–1939) im Dezember 1914 auf Initiative des Quäkers Henry Hodgkin (1877–1933) gegründet hatte. Bei der Polizeiaktion wurden Unterlagen und Propagandamaterial der Organisation beschlagnahmt. Am darauffolgenden Tag richtete sich eine ähnliche Durchsuchung gegen den National Council Against Conscription. Die Kriegsdienstverweigerer, die als „Drückeberger“ denunziert wurden, galten in den Behörden als Sicherheitsrisiko, obwohl im Ersten Weltkrieg nur 1.500 Briten den Wehrdienst kategorisch ablehnten und deshalb inhaftiert wurden. Weitere 7.000 leisteten Ersatzdienst in nicht kämpfenden Einheiten, und 3.000 wurden in Arbeitslager eingewiesen, die das Innenministerium betrieb. Dennoch steigerte die Wehrpflicht den Antisemitismus. So warfen radikal-nationalistische Agitatoren Juden vor, Ausnahmebestimmungen zu nutzen, um damit den Militärdienst zu umgehen. Zugleich jedoch profitierten sie angeblich vom Krieg. Dieser Vorwurf richtete sich auch gegen die 25.000 bis 30.000 russischen Männer, die sich in Großbritannien aufhielten.153 Nachdem der bekannte konservative Politiker Lord Lansdowne (1845–1927) im November 1917 in einem offenen Brief für einen Verständigungsfrieden ein152 Vgl. Millman, Dissent, S. 21–23, 229–251 (Angabe: S. 234); Hiley, Counter-Espionage, S. 650, 654 f., 657; Porter, Origins, S. 169; Andrew, Secret Service, S. 199, 226 f.; ders., Defence of the Realm, S. 102 f.; Searle, A New England?, S. 769; Horne, Remobilizing for ‚Total War‘, S. 197, 199 f.; Degroot, Blightly, S. 152. Zum NWAC: Michael L. Sanders / Philip M. Taylor, Britische Propaganda im Ersten Weltkrieg 1914–1918, Berlin 1990, S. 62–66. 153 Hierzu und zum Folgenden: Andrew, Secret Service, S. 194; ders., Defence of the Realm, S. 94; Englander, Police, S. 113; Searle, A New England?, S. 766 f.; Degroot, Blightly, S. 153; Millman, Dissent, S. 210; Ormerod Greenwood, Quaker Encounters, Bd. 1, S. 180.

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getreten war und die neue Regierung der Bolschewiki am 15. Dezember einen Waffenstillstand mit Deutschland geschlossen hatte, verquickten sich Ressentiments gegen Juden mit antikommunistischen Feindbildern. Bertrand Russell (1872–1970), einer der führenden Repräsentanten der No-Conscription Fellowship, wurde 1918 wegen der Veröffentlichung „aufrührerischer“ Texte sogar zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Die Repressionsmaßnahmen waren vorrangig auf die überzogene Furcht der Behörden vor einer Behinderung der Kriegsanstrengungen in einer kritischen Phase der Kämpfe zurückzuführen und weniger auf die Stärke der Organisationen selber. Vorherrschend blieben bis zum Kriegsende vielmehr der Patriotismus und die Bereitschaft zum Durchhalten. Allerdings trafen die Bemühungen der Regierung, die Stimmung mit Hilfe des 1914 gegründeten Amtes für Kriegspropaganda (War Propaganda Bureau) im Londoner Wellington House zu lenken, vor allem im Unterhaus auch auf Skepsis. Noch größeres Misstrauen erregte die Bildung eines Informationsministeriums 1917, zumal es direkt Lloyd George unterstellt wurde und es aus Sicht vieler liberaler und Labour-Politiker ein innenpolitisches Machtinstrument des Premierministers gegen das Parlament war. Unumstrittener blieb eine Abteilung für Propaganda in feindlichen Staaten, mit dessen Leitung Lloyd George im Februar 1918 Northcliffe beauftragte.154 Wie dargelegt, hatte die Repression der Sicherheitsapparate schon zuvor auch die Arbeiter erfasst. Sie wurden beschuldigt, die Rüstungsproduktion zu sabotieren. Die zunehmenden Unruhen in Russland und die Furcht vor einem revolutionären Umsturz in Großbritannien verliehen der Kampagne gegen „innere Feinde“ kräftig Auftrieb. So heizte Horatio Bottomley den Chauvinismus an, indem er Streiks pauschal denunzierte und alle Sozialisten des Verrats bezichtigte. Diesen Vorwurf verbreitete auch die Anti-Socialist Union, die aber eine offene Herausforderung des Kriegskabinetts unter Lloyd George – und damit den Bruch mit der Politik des nationalen Konsenses – scheute. 1915/16 war die Regierung aber erstmals während des Krieges über die Streiks alarmiert, die im Raum Glasgow (Schottland) die Produktion kriegswichtiger Güter zeitweise lahmlegten. In der Clydeside protestierten besonders die Independent Labour Party (ILP), die British Socialist Party (BSP) und lokale Organisationen wie das Clyde Workers Committee gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und die Vormacht der Arbeitgeber, die qualifizierte Beschäftigte durch ungelernte er154 Sanders / Taylor, Propaganda, S. 40–44, 66–80, 200 f.; Hirschfeld / Krumeich, Deutschland, S. 102. Zur Debatte über den im Daily Telegraph veröffentlichten Brief Lansdownes, der daraufhin aus der Konservativen Partei ausgeschlossen wurde: Justin Quinn Olmstead, Peace, a Tactical Approach: How Britain and Germany Abused the Promise of Peace during the First World War, in: ders. (Hg.), Reconsidering Peace and Patriotism during the First World War, Basingstoke 2017, S. 117–125; Horne, Remobilizing for ‚Total War‘, S. 203.

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setzten. Die Regierung verbot daraufhin Zeitungen der Streikenden und der Linkssozialisten wie den Worker und Forward. Die Initiatoren der Arbeitsniederlegungen – so John MacLean (1879–1923) und William Gallacher (1881–1965) – wurden verhaftet, verurteilt und inhaftiert. Einzelne Vertreter der Arbeiterbewegung wiesen die Behörden sogar auf der Grundlage der Regulation 14 des DORA aus dem Streikgebiet aus. Bis Ende März 1916 konnte der Ausstand mit diesen restriktiven Maßnahmen erstickt werden, und bis 1918 wurde kein Fall gezielter Sabotage in kriegswichtigen Betrieben bekannt.155 Die ILP, die sich für einen dauerhaften Frieden auf der Grundlage einer grenzüberschreitenden Verbrüderung einsetzte, blieb letztlich schwach. Bis 1917 traf vor allem das Stop-the-War Committee, das der bekannte Labour-Politiker Keir Hardie (1856–1915) mitgründete, nur auf eine geringe Resonanz. Am Kriegsende verfügte die ILP über lediglich 35.000 Mitglieder. Die BSP propagierte auf einer Konferenz, die sie im Juni 1917 mit Unterstützung der ILP durchführte, zwar einen Frieden ohne Annexionen. Diese Forderung blieb in Großbritannien aber politisch letztlich ebenso marginal wie der Ruf nach Arbeiter- und Bauernräten, zumal die BSP 1917 nur 6.435 Mitglieder hatte. Ebenso begrenzt waren die Auswirkungen der Streiks. Die Arbeitszeit, die während des Ersten Weltkriegs verloren wurde, belief sich nur auf ein Viertel des entsprechenden Wertes für die Jahre von 1910 bis 1914. Obgleich sich die Zahl der ausgefallenen Werktage in den letzten beiden Kriegsjahren von rund 2,4 auf fast 5,9 Millionen sprunghaft erhöhte, übertrafen Ausfallzeiten, die Arbeitsniederlegungen von 1918 bis 1921 verursachten, den im Ersten Weltkrieg erreichten Wert um mehr als das Zehnfache.156 Nachdem im Sommer 1917 eine weitere große Offensive britischer Truppen bei Passchendaele unter hohen Verlusten von 275.000 Soldaten gescheitert war, breitete sich vor allem in der Arbeiterschaft Kriegsmüdigkeit aus.157 Hinzu kam die Anziehungskraft der Oktoberrevolution in Russland. Obgleich der Ruf „Follow Russia“ im Vereinigten Königreich nicht unmittelbar Proteste auslöste, nahm die Unruhe in der britischen Arbeiterschaft wegen der zunehmenden sozialen Ungleichheit nunmehr erheblich zu. Vor allem im Bergbau, in der Munitionsproduktion, im Transportsystem und im Maschinenbau wuchsen die Spannungen. Während Unternehmer in der Rüstungsindustrie hohe Gewinne ver155 Andrew Rothstein, The Soldiers’ Strikes of 1919, London 1980, S. 10; Hiley, Counter-Espionage, S. 648–655, 660; Millman, Dissent, S. 11 f., 34; Ewing / Gearty, Struggle, S. 71–80; Sykes, Radical Right, S. 38–42; Degroot, Blightly, S. 160; Andrew, Secret Service, S. 193 f.; Searle, A New England?, S. 820; Porter, Origins, S. 169, 180. 156 Andrew, Secret Service, S. 198; ders., Defence of the Realm, S. 66, 98 f. Angaben nach: Rothstein, Soldiers’ Strikes, S. 8; Degroot, Blightly, S. 151; Searle, A New England?, S. 756, 764. 157 Angabe nach: Stevenson, 1917, S. 201.

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buchten, mussten Arbeiter deutliche Preissteigerungen für lebensnotwendige Güter hinnehmen. Auch war der Zugang zu Lebensmitteln ungleich. Zudem wurden qualifizierte Facharbeiter durch ungelernte Beschäftigte ersetzt. Diese dilution drohte die Macht der Gewerkschaften zu unterhöhlen. Der Protest entlud sich in Streiks, die 1915/16 vor allem das Industriegebiet um Glasgow und das Kohlerevier von Südwales (wo Arbeiter schon 1911 für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungengekämpft hatten) erschütterten. Ausstände führten im Vereinigten Königreich zum Verlust von drei bzw. 2,5 Millionen Arbeitstagen. Die Streiks, die von Gewerkschaftsvertretern in den einzelnen Betrieben organisiert worden waren, richteten sich auch gegen die Kooperation des Trades Union Congress (TUC) mit der Regierung und die Mitwirkung des Spitzenverbandes bei der Organisation der Kriegsanstrengungen. 1917 gingen in Großbritannien nochmals rund eine halbe Million Arbeitstage verloren, bevor die Streikaktivität im darauffolgenden Jahr abnahm.158 Vor diesem Hintergrund 1917/18 rückte die Furcht vor inneren Unruhen in den Mittelpunkt der Sicherheitspolitik. Konservative und Nationalisten führten die Arbeitsniederlegungen und die zunehmenden Proteste auf eine Verschwörung von Deutschen und Sozialisten zurück. Dabei wurde den in England lebenden Angehörigen des Kaiserreiches unterstellt, die weltrevolutionäre Politik der neuen kommunistischen Machthaber zu unterstützen und gezielt einen Umsturz der bestehenden Ordnung zu betreiben, um Großbritannien als Kriegsgegner auszuschalten. Getrieben von ihrer Angst vor einer Kriegsniederlage als mächtige Emotion, konstruierte die britische Kriegsgemeinschaft außer Deutschen, Sozialisten, Kommunisten, Pazifisten und Wehrdienstverweigerern auch andere „Feinde“. So wurde russischen Juden vorgeworfen, sich mit Hilfe prominenter Glaubensbrüder dem Wehrdienst für das Vereinigte Königreich zu entziehen. Die Kategorie des enemy alien erwies sich damit als extrem dehnbar.159 Jedoch konnte die Regierung zumindest den Protest der Arbeiter mit ihrer Zusage, eine gerechtere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu schaffen, teilweise auffangen. Auch die Ankündigung, allen Männern über 21 Jahren und 158 Angaben nach: Bernard Waites, A Class Society at War. England 1914–1918, Leamington Spa 1987, S. 232; Stevenson, 1914–1918, S. 333. Vgl. auch Rudolf Klepsch, British Labour im Ersten Weltkrieg. Die Ausnahmesituation des Krieges von 1914–1918 als Problem und Chance der britischen Arbeiterbewegung, Göttingen 1983, S. 169–186. Überblick in: Brüggemeier, Geschichte, S. 118 f. 159 Angaben nach: Searle, A New England?, S. 751. Vgl. auch Arnd Bauerkämper, Wahrnehmungszäsur ohne Deutungszäsur. Das Jahr 1917 in Großbritannien, in: Elena Korowin / Jurij Lileev (Hg.), Russische Revolutionen 1917. Kulturtransfer im europäischen Raum, Paderborn 2020, S. 63–85, bes. S. 80; Thurlow, Secret State, S. 57, 71; Farrar, Threat, S. 102; Holmes, Anti-Semitism, S. 127–136; Englander, Police, S. 112; Millman, Dissent, S. 287 f.

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Frauen über 30 Jahren das Wahlrecht zu gewähren, war populär. Damit wurden Forderungen von Arbeitern und Labour-Politikern aufgenommen, eine Demokratisierung in Politik und Wirtschaft herbeizuführen und soziale Ungleichheit abzubauen. Mit ihrer Sozialprogrammatik stärkte die Regierung letztlich die Reformorientierung in der britischen Arbeiterbewegung und Labour Party, die nicht vorrangig eine grundlegende sozioökonomische Umwälzung, sondern schrittweise Verbesserungen anstrebten. Damit gelang eine „Bewahrung der nationalen wie auch Labours Einheit und Repräsentation der Gefolgschaftsinteressen.“ Letztlich wurde die Entwicklung der gewerkschaftlichen und politischen Vertretung von Arbeitern zu reformorientierten Organisationen gestärkt, die eine Teilhabe an der Macht anstrebten.160

Humanitäre Traditionen und Restbestände von Zivilgesellschaftlichkeit: Spielräume und ihre Grenzen Der Rekurs auf die grundsätzlich verteidigten „britischen“ Traditionen, den Liberalismus und humanitäre Werte verhinderte letztlich, dass der radikale Nationalismus rassistisch aufgeladen wurde und er die parlamentarische Ordnung nachhaltig bedrohte. Auch der Grundsatz des Rule of Law war im Ersten Weltkrieg nicht vollständig außer Kraft gesetzt. Im Gegensatz zu Deutschland konnten Internierte seit Mai 1915 ein Gesuch an ein Berufungsgericht richten, um die Rechtsgrundlage der Internierung prüfen zu lassen. So legte Arthur Zadig, der in Deutschland geboren und 1905 in Großbritannien einbürgert, aber offenbar ausschließlich wegen seiner Herkunft interniert worden war, 1917 gegen diese Maßnahme Einspruch ein. Da er keines konkreten Vergehens bezichtigt worden war, seien – wie er argumentierte – Grundsätze des Habeas Corpus verletzt worden. Damit verbunden, sprach Zadig der britischen Regierung die Legitimität ab, die Regulation 14B zu erlassen, mit der seine Internierung gerechtfertigt worden war. Jedoch wandte sich von den 13 Richtern, die mit dem Fall befasst waren, nur einer gegen die Entscheidung des Innenministers. Im Oberhaus insistierte besonders Lord Shaw of Dunfermline (1850–1937) auf seiner Auffassung, dass die weitreichenden Bestimmungen der Regulation 14B zugunsten der Rechte der Internierten eingeschränkt werden müssten. Angesichts der zunehmenden Kritik setzte sich letztlich die Auffassung durch, dass eine präventive Internierung illegal war. Zadig wurde daher Ende 1917 schließlich freigelassen.161 160 Zitat: Klepsch, British Labour, S. 293. 161 Hierzu und zum Folgenden: Turpin / Tomkins, Government, S. 757; Ewing / Gearty, Struggle, S. 84–92; Stibbe, Community, S. 82; Keeton, Liversidge v. Anderson, S. 167–169.

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Im Allgemeinen unterstützten Richter aber die restriktive Sicherheitspolitik der Regierung. So lehnte der Oberste Gerichtshof 1917 die Beschwerde eines Internierten gegen das Verfahren, das der zivilen Gerichtsbarkeit entzogen war, mit deutlicher Mehrheit ab (R. v. Halliday). Auch in diesem Prozess erklärte Lord Shaw, dass bei einem nationalen Notstand die individuelle Freiheit geschützt werden müsste, zumal „öffentliche Sicherheit“ als Grundlage der Ausnahmerechte nicht klar gefasst werden könne. In seiner Replik stellte der Rechtswissenschaftler Sir Frederick Pollock (1845–1937) demgegenüber die Geltung bürgerliche Freiheitsrechte in Kriegszeiten grundsätzlich in Frage. In einem anderen Verfahren, das die Internierung betraf (Ronnfeldt v. Phillips), betonte Lord Justice Thomas Scrutton (1856–1934), dass ein Krieg nicht nach den Grundsätzen der Magna Charta geführt werden könne. Auch die Klage dieses Internierten wurde damit abgewiesen.162 Der Primat der Sicherheitspolitik gegenüber den Werten der Liberalität und Humanität zeigte sich nicht zuletzt darin, dass von 16.000 Anträgen auf eine Ausnahme von der Internierung nur 7.150 bewilligt wurden.163 Viele Richter wiesen enge Bindungen an die Regierung auf. So war Rufus Isaacs (Lord Reading, 1860–1935) als Lord Chief Justice der zweithöchste Richter in England und Wales; zugleich diente er der Regierung aber auch in besonderen Missionen, so im September 1915, als er amerikanische Kredite für Großbritanniens Kriegswirtschaft sicherte. Die Gewaltenteilung war während des Ersten Weltkrieges im Vereinigten Königreich z. T. außer Kraft gesetzt, zumal Neuwahlen zum Parlament vertagt wurden und eine Zustimmung des Unterhauses zu den Notverordnungen, die nach dem Defence of the Realm Act erlassen wurden, nicht erforderlich war. Damit konnte letztlich die Regierung die Maßnahmen beschließen, die sie für notwendig erachtete, um die öffentliche Sicherheit und die Verteidigung des britischen Königreichs zu gewährleisten. Jedoch richtete das Kabinett 1914 ein Prisoners of War Information Bureau ein, in dem Kriegsgefangene und Zivilinternierte ebenso registriert wurden wie Gefallene und Verwundete der gegnerischen Länder. Zudem nahmen die Mitarbeiter Informationen über Gefangene auf, die in den Lagern erkrankten der verstarben, und leiteten diese Nachrichten weiter, in der Regel über das Rote Kreuz. Darüber hinaus wurden auch Anfragen zu Zivilisten und Soldaten der Feindstaaten beantwortet, die in britische Hand gefallen waren. Nicht zuletzt

162 Townshend, Peace, S. 65–67. 163 Allerdings wurden von 16.456 Gesuchen, in denen die Antragsteller gegen Verfügungen zur Zwangsausweisung protestierten, immerhin 14.939 bewilligt. Vgl. Panikos Panayi, The Enemy in Our Midst: Germans in Britain During the First World War, New York 1991, S. 81.

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sammelte das neue Amt persönliche Gegenstände, die auf den Schlachtfeldern gefunden worden waren.164 Ebenso wurde in Großbritannien im September 1914 ein Directorate of Prisoners of War eingerichtet, das beim Kriegsministerium ressortierte. Im Foreign Office, das wesentliche Kompetenzen im Bereich der Gefangenenaufsicht und -fürsorge vom Kriegsministerium übernommen hatte, war seit Oktober 1916 das Prisoners of War and Aliens Department zuständig. Diese Abteilung sorgte unter Leitung des stellvertretenden Staatssekretärs Thomas Wodehouse Legh (Lord Newton, 1857–1942) nicht nur für die zivilen und militärischen Feindstaatenangehörigen, die in britischem Gewahrsam waren, sondern auch für die eigenen Staatsbürger, die sich unter der Kontrolle feindlicher Regierungen befanden. Lord Newton bemühte sich um Deeskalation und versuchte, Repressalien in Großbritannien zu vermeiden. Damit zog er den Hass nationalistischer Verbände und Zeitungen auf sich, die verlangten, Deutsche, Österreicher und Ungarn zu internieren, selbst wenn diese eingebürgert worden waren.165 Das Spektrum der Aufgaben, die das Prisoners of War and Aliens Department zu bewältigen hatte, war überaus breit: Es reichte von der Sicherung des Postverkehrs, des Transports von Versorgungsgütern über finanzielle Transfers und Reaktionen auf Repressalien bis zum Austausch und zur Repatriierung von Zivilisten und Soldaten. Auch mussten Anfragen aufgenommen und bearbeitet werden, die überwiegend Verwandte und Bekannte der betroffenen Personen an die Regierung gerichtet hatten. Nicht zuletzt oblag der Abteilung die regelmäßige Kommunikation mit den neutralen Schutzmächten und den nationalen und internationalen humanitären Organisationen, die sich in der Gefangenenfürsorge engagierten.166 Daneben sammelte das geheime Committee on the Treatment by the Enemy of British Prisoners unter Robert Younger (1861–1946) Informationen zur Behandlung britischer Zivilisten in den „Mittelmächten“. Das Gremium befragte besonders Frauen, die in das Vereinigte Königreich zurückgekehrt waren, und kritisierte vor allem die Lebensumstände im Lager Holzminden.167

164 NA, FO 383/106 (gedruckter Brief vom 27. Februar 1915); Ronald F. Roxburgh, The Prisoners of War Information Bureau in London, London 1915, bes. S. 12–19, 25–29, 42; Panayi, Prisoners of War. 165 Panayi, Prisoners of War; Stibbe, Civilian Internment, S. 138, 165 f. 166 Dazu z. B. die Überlieferung in: NA, FO 383/110. 167 Stibbe, Civilian Internment, S. 139.

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Gefangenenaustausch Auf diese Grundlage und auf der Basis des Reziprozitätsprinzips einigte sich die britische Regierung wiederholt mit anderen Staaten auf eine Rückführung eigener Staatsangehöriger, die in die Hand von Feinden gefallen waren. Allerdings wurden Abkommen lediglich bilateral abgeschlossen. So vereinbarten britische und deutsche Unterhändler im Januar 1917 in Den Haag einen Austausch aller Männer von mehr als 45 Jahren, der allerdings erst ein Jahr später in Kraft trat. Angesichts der Verzögerung und der enttäuschten Erwartungen wuchs in Großbritannien 1917 nicht nur unter den Kriegsgefangenen, sondern auch unter den Internierten die Frustration enorm. 168 Bereits im Oktober 1916 hatte die deutsche Reichsleitung ihre Absicht erklärt, 600 bis 700 Insassen des „Engländerlagers“ Ruhleben gegen rund 7.000 deutsche und österreichische Zivilisten auszutauschen, die von der britischen Regierung aus der Internierung entlassen wurden. Damit sollte der britischen Propaganda begegnet werden, die das Leben der Gefangenen in Deutschland in düsteren Farben zeichnete. Der Ankündigung lag auch die Absicht zu Grunde, die nationalistischen Kritiker der Friedensaktivistin Emily Hobhouse zu entwaffnen, die im Juni 1916 das Camp in Ruhleben besucht und damit im Vereinigten Königreich eine heftige Kontroverse ausgelöst hatte. Allerdings galt die Übereinkunft nicht für die deutschen Kolonien, in denen britischen Truppen insgesamt 20.000 Deutsche in die Hände fielen. Die Regierung des Vereinigten Königreiches fürchtete weiterhin Repressalien gegen eigene Staatsbürger, die sich in Belgien befanden, und zog deshalb den Plan zurück, alle Deutschen, die in Ostafrika gefangen genommen worden waren, nach Australien zu deportieren. Auch die Absicht, deutsche Zivilisten, die in Indien, Singapur und Hongkong aufgegriffen oder festgehalten wurden, in Australien zu konzentrieren, gab die britische Regierung schließlich auf. 169

Bilanz Die liberal-humanitäre Tradition wurde in Großbritannien in den Jahren von 1914 bis 1918 zwar keineswegs völlig zerstört. Allerdings schädigte sie die Unterdrückung der zivilen enemy aliens erheblich, wie besonders die Internierung 168 Dazu anschauliche Berichte in: LSF, FEWVRC/EME/6/3/7 (Camp Reports, July – August 1917). Exemplarisch der Antrag der Imperial Merchant Service Guild vom 16. September 1918 und die Listen vom 8. Mai 1916 in: NA, FO 383/427. 169 Crangle / Baylen, Peace Mission, S. 736–739.

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zeigt. Im März 1917 befanden sich in britischen Lagern insgesamt 58.138 Kriegsgefangene und Zivilinternierte. Im Empire (außer Großbritannien) belief sich die Zahl der festgesetzten zivilen Feindstaatenangehörigen im Februar 1918 nach Angaben des Innenministeriums auf 11.707. Im Juni waren im britischen Weltreich allein 32.000 Zivilisten interniert, davon 11.000 in den Kolonien oder Dominions. Alle wehrpflichtigen Männer (im Alter von 17 bis 51 Jahren), die Österreich-Ungarn angehörten, wurden ebenso festgehalten wie männliche Deutsche im Alter von 17 bis 55 Jahren. 5.000 bis 6.000 deutsche und die gleiche Anzahl österreichischer bzw. ungarischer Männer hatte die britische Regierung in Freiheit belassen; davon waren die meisten nicht wehrpflichtig und viele entweder mit Britinnen verheiratet oder als friendly enemies eingestuft, die lediglich in rechtlicher Hinsicht gegnerischen Staaten angehörten. In den Camps befanden sich nur wenige Frauen, die oft der Spionage verdächtigt und nach der Defence Regulation 14B verhaftet worden waren. Als ab 11. November 1918 die Waffen schwiegen, belief sich die Zahl der Lagerinsassen im Vereinigten Königreich noch auf 24.522 – davon allein 15.974 in Knockaloe – und in den Kolonien auf rund 10.000. Bis Mai 1919 ging die Zahl der Internierten auf rund 5.000 zurück. Darunter befanden sich 3.373 Zivilisten und 2.899 Seeleute. Bis Oktober 1919 waren 84 Prozent der Insassen, die am Kriegsende noch in den Lagern gelebt hatten, repatriiert worden. Alles in allem kann von 50.000 gefangenen Zivilisten in Großbritannien und seinem Weltreich ausgegangen werden. 800 Internierte starben, davon die meisten infolge der Spanischen Grippe 1918/19. Die Gesamtzahl der Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, die den Krieg in zwölf großen Lagern verbrachten, belief sich auf 115.000. Die Mehrheit der Zivilisten, die hinter Stacheldraht leben mussten, waren weiße, deutsche Männer im wehrfähigen Alter. Sie wurden festgesetzt, weil die britische Regierung sie als Sicherheitsgefahr wahrnahm.170 21.000 zivile Feindstaatenangehörige konnten im November 1918 in Großbritannien noch in Freiheit leben. Es handelte sich vor allem um Frauen und Kinder, die mit den internierten Männern auch ihren Lebensunterhalt verloren hatten. Sie erhielten von den Armenverbänden (Boards of Guardians) eine begrenzte Unterstützung. 28.744 Feindstaatenangehörige hatte die britische Regierung während des Ersten Weltkrieges deportiert, überwiegend nach Kanada 170 Angaben nach: LSF, FEWVRC/EME/6/4/9 („Deutsche Kriegsgefangene in Großbritannien“, Vorwort); NA, FO 383/473 (Memorandum vom 19. April 1918); Matthew Stibbe, A Question of Retaliation? The Internment of British Civilians in Germany in November 1914, in: Immigrants and Minorities 23 (2005), Nr. 1, S. 1–29, hier: S. 19; Manz / Panayi, Internment, S. 20 f., 35; Manz / Panayi, Enemies, S. 179; Grady, Landscapes, S. 544; Ellis / Panayi, German Minorities, S. 249; Murphy, Captivity, S. 64; Manz, „Enemy Aliens“, S. 118; Panayi, Prisoners of War. Vgl. auch Reinecke, Grenzen, S. 215.

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und Australien.171 Darüber hinaus kehrten viele enemy aliens entweder freiwillig oder zwangsweise in ihre Heimat zurück. Schon bis zum 1. Januar 1915 zählten die britischen Behörden allein 6.365 repatriierte Deutsche, davon 4.996 Frauen und Männer unter 14 Jahren. Die Zahl der zurückgeführten Staatsangehörigen Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches belief sich auf 1.955 bzw. 75.172 Von Mai 1915 bis Juni 1916 verließen Großbritannien rund 10.000 enemy aliens, überwiegend Deutsche. Insgesamt repatriierten die Behörden rund 20.000 (von insgesamt 75.000) Frauen und Kinder, die in Großbritannien als Feindstaatenangehörige registriert waren. Bis April 1919 waren allein 19.000 Deutsche ausgebürgert worden. 5.000 hatten beantragt, sie von der Repatriierung auszunehmen; 3.890 von ihnen durften schließlich im Vereinigten Königreich verbleiben.173 Die restriktiven Maßnahmen trafen außer den Deutschen auch Österreicher und Ungarn. Ebenso wurden Angehörige des Osmanischen Reiches interniert und überwacht, allerdings deutlich weniger. Jedoch erregten die Muslime, die in Großbritannien lebten, erheblichen Argwohn, denn die Regierung und viele Briten verdächtigten sie der Illoyalität. Mehrdeutige Äußerungen führender Vertreter der Minderheit, die zwischen dem Bekenntnis zum britischen König und der Sympathie mit der weltweiten islamischen Gemeinschaft (umma) schwankten, nährten die Zweifel. Auch Meutereien muslimischer Soldaten, die für Großbritannien gegen das Osmanische Reich kämpfen sollten, in Singapur im Februar 1915 und ein Jahr später in Mesopotamien zeigten, dass die Loyalität der Kolonialtruppen von Kontexten abhing und an Erwartungen gebunden war, die vor allem auf eine erweiterte Selbstbestimmung zielten.174 Allerdings wurden die Angehörigen der multiethnischen Imperien im Allgemeinen milder und vor allem unterschiedlich behandelt, da oft uneindeutig war, ob die einzelnen Volksgruppen zu den „Feinden“ gehörten. So fasste das Kriegsministerium die Politik gegenüber türkischen Zivilisten im Juni 1915, als in Großbritannien 94 von ihnen interniert waren, folgendermaßen zusammen: „They are dealt with generally on the same lines as other alien enemies, but greater latitude is allowed in deciding on individual cases than in the case of 171 Hierzu und zum Folgenden: Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 77 f.; Ormerod Greenwod, Quaker Encounters, Bd. 1, S. 216. 172 NA, FO 383/106 (Tabelle „Enemy Aliens who have left the United Kingdom with Permits up to 1st January, 1915“). 173 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2747 („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018). 174 Humayun Ansari, „Tasting the King’s Salt“: Muslims, Contested Loyalties and the First World War, in: Ewence / Grady (Hg.), Minorities, S. 33–61, bes. S. 34, 37, 44 f., 49, 52.

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Germans and Austrians.“175 Internierte, aber „freundliche“ Untertanen des osmanischen Sultans konnten auch freigelassen und Armenier sogar eingebürgert werden. Erhebliche Unsicherheit zeigten die britischen Behörden zudem im Umgang mit Griechen und Makedoniern.176 Generell sollten Bindungen von Feindstaatenangehörigen an Großbritannien verhindert werden. So bemühte sich das Innenministerium, Heiraten zwischen enemy aliens und Britinnen zu unterbinden oder zumindest zu erschweren. Standesbeamte wurden angewiesen, nur Anträge auf Eheschließungen von Frauen zu akzeptieren, die schwanger waren, um so die Geburt von „Bastarden“ zu verhindern.177 Ehen mit Angehörigen von Minderheiten des Russischen und Osmanischen Reiches sowie Österreich-Ungarns, die – wie Polen, Griechen, Armenier und Syrer – als loyal gegenüber dem Vereinigten Königreich galten, wurden in der Regel genehmigt. Dies galt auch für enemy aliens, die aus ihren Heimatländern geflohen waren.178 Insgesamt führten das Verbot von Publikationen in ihrer jeweiligen Landessprache und die erzwungene Auflösung von Vereinen im Ersten Weltkrieg zu einer Schwächung von ethnisch-religiösen Minoritäten und sogar einer weitgehenden Auflösung der Gemeinschaften von enemy aliens. So wohnten in ganz Schottland am 1. August 1918, wo im August 1914 3.170 Feindstaatenangehörige registriert worden waren, nur noch 644 Angehörige von Staaten, gegen die Großbritannien Krieg führte. Schon bis November 1914 waren hier 1.073 Feindstaatenangehörige interniert worden. Mit dem Rückgang der deutschen Gemeinden ging eine Überalterung einher, die erst die verstärkte Zuwanderung in den 1930er Jahren wieder umkehrte. Der Zerfall der deutschen Gemeinden im Ersten Weltkrieg war aber nicht nur auf die restriktive Politik der britischen Regierung gegenüber den zivilen Feindstaatenangehörigen zurückzuführen, sondern auch auf die nachlassende Einwanderung nach Großbritannien schon vor 1914.179 Alles in allem veränderte vor allem die Internierung ziviler Feindstaatenangehöriger nachhaltig die politische Kultur Großbritanniens. Die öffentliche Mei-

175 NA, FO 383/88 (Brief vom 27. Juni 1915). 176 NA, FO 383/88 (Schreiben vom 6. und 8. Januar 1915; Vermerke vom 3. April und 10. Mai 1915). 177 Zitat im Schreiben vom 23. Juni 1915 in: NA, RG 48/201. 178 Vgl. Zeitungsartikel vom 8. Januar 1915 sowie die Briefe vom 8. Januar, 14. und 21. Juni, 7. Juli und 23. Juli, 20. und 23. August 1915 und vom 6. Juli 1916 und 22. Juli 1919 in: NA, RG 48/ 201. 179 Angaben nach: Manz, Migranten, S. 265, 272; ders., „Enemy Aliens“, S. 124; Cesarani, Anti-Alienism, S. 6; ders., An Alien Concept?, S. 35; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 27; Thurlow, Secret State, S. 55; Curry, Security Service, S. 74; Holmes, Immigrants, S. 27; ders., John Bull’s Island, S. 96; Allason, Branch, S. 38.

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nung und die populistische, von Massenmedien mobilisierte Fremdenfeindlichkeit schufen Feindbilder und Vorurteile, die auch von den politischen Eliten weitgehend geteilt wurden. Letztlich sollte der sicherheitspolitische Aktionismus eines „police state under military control“ angesichts der populistischfremdenfeindlichen Agitation vorrangig der britischen Bevölkerung Schutz suggerieren und damit der Regierung Unterstützung und Legitimität verleihen. Die Internierung der Feindstaatenangehörigen spiegelte die gesteigerte Macht der staatlichen Exekutive ebenso wider wie die sprunghaft gewachsene Sicherheitsangst und die Fremdenfeindlichkeit, die im Ersten Weltkrieg insgesamt eine zuvor nicht erreichte Intensität erreichte. Zwar hatten bereits die Agitation gegen die Ostjuden und der daraufhin 1905 verabschiedete Aliens Act Ressentiments gestärkt, die im 19. Jahrhundert auch gegen andere Immigranten wie die Iren gerichtet worden waren. Jedoch verband sich die offene gesellschaftliche Feindseligkeit gegenüber Deutschen und Österreichern nach dem Kriegsbeginn mit einer umfassenden staatlichen Repression, die sich in beispiellosen Gesetzen zur Enteignung, Internierung und Ausbürgerung niederschlug.180 Dabei erwies sich der Ruf nach Sicherheit allerdings als ebenso ambivalent wie die damit einhergehende radikal nationalistische Agitation, die sich gegen Pazifisten und Sozialisten richtete, aber auch die angeblich zu nachsichtige Politik der Regierung verurteilte. Forderungen und Verhaltensweisen, die sich aus der Sicht der konservativen Nationalisten gegen die Kriegführung Großbritanniens richteten, wurden von dieser Gruppe kriminalisiert und pathologisiert. Den Nationalismus nahmen aber auch die Gegner dieser Politik in Anspruch, die auf die Tradition „britischer“ Freiheit und der damit verbundenen Rechte verwiesen. Das Postulat, die öffentliche Ordnung zu gewährleisten und damit enemy aliens zu isolieren oder auszuweisen, integrierte die Nation deshalb nicht nur, sondern es verschärfte subkutan auch politische und gesellschaftliche Gegensätze, Spannungen und Konflikte.181 Die fieberhafte Suche nach „Feinden“ hatte den Sicherheitsdienst veranlasst, weitgehend ohne Kontrolle Daten zu immer mehr Personen – darunter fast ausschließlich britische Staatsangehörige – zu erfassen und zu verzeichnen. Auf dieser Grundlage wurden schon zwischen Mai 1915 und Juni 1916 rund 10.000 Feindstaatenangehörige ausgebürgert, darunter einige mit ihrer Zustimmung. Von den Internierten kehrten aber nur 6.840 in ihre Heimatländer zu180 Panayi, Destruction, S. 113 f.; Thurlow, Secret State, S. 53. Zum Abkommen vom Januar 1918: Stibbe, Community, S. 91; Müller, Recht, S. 389; Speed, Prisoners, S. 152. 181 Sven Oliver Müller, The Enemy in Our Midst. Nationalismus in Großbritannien im Ersten Weltkrieg, in: Michael Einfalt u. a. (Hg.), Konstrukte nationaler Identität. Deutschland, Frankreich und Großbritannien (19. und 20. Jahrhundert), Würzburg 2002, S. 257–277, bes. S. 259 f., 275–277.

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rück. Darüber hinaus ermächtigte der 1918 verabschiedete neue British Nationality and Status of Aliens Act den Innenminister, als illoyal eingestufte Briten – vor allem Personen deutscher Herkunft – auszubürgern. So entzog Speyer ein Komitee des Innenministeriums noch am 1. Dezember 1921 die britische Staatsbürgerschaft. Die Zahl der in Großbritannien lebenden Deutschen fiel von 1914 bis 1919 von 57.500 auf rund 22.254. Die Einwanderung nach Großbritannien wurde erschwert, und auch Asyl gewährte die Regierung nur noch in einzelnen Fällen, wie der Vorsitzende des 1938 gegründeten Christian Council for Refugees from Germany and Central Europe, John Hope Simpson (1868–1961) 1939 im Rückblick feststellte.182 Letztlich stellten die fremdenfeindliche Agitation und die einschneidenden Maßnahmen, die gegen die enemy aliens verhängt wurden, das britische Selbstverständnis als Hort der politischen Freiheit grundsätzlich in Frage. So kritisierte Snowden die Sicherheitsgesetze zutreffend als „an interference with the customs and liberties of the people unparalleled in the history of the country.“ Vor allem die Internierung der Feindstaatenangehörigen verstieß gegen Grundsätze des Habeas Corpus, mit denen individuelle Rechte in das common law eingeschrieben worden waren. Dieses hatte staatlichen Behörden untersagt, Bürger ohne Anklage und Anhörung vor Gerichten zu inhaftieren und ihnen das Recht auf Widerspruch zu entziehen. Die Internierungspolitik griff nicht nur in die Freiheitsrechte der unmittelbar Betroffenen ein, sondern auch in das persönliche Leben ihrer Angehörigen. Die Befürworter von Einschränkungen der Privatsphäre und individueller Menschenrechte setzten sich gegen die Kritiker mit dem Argument durch, dass der äußere und innere Feind abgewehrt werden müsse, um die Freiheiten Großbritanniens zu bewahren.183 Einige der Internierten waren aber falsch als enemy aliens eingestuft worden, denn den Polizisten und Verwaltungsbeamten war die Nationalität und – damit zusammenhängend – die Loyalität der Lagerinsassen oft nicht klar. Büro182 Cyril Pearle, The Dunera Scandal. Deported by Mistake, London 1983, S. 1. Angaben nach: Panayi, Enemy, S. 82; ders., Destruction, S. 122; ders., Immigrants, S. 202; ders., Business Interests, S. 255; ders., Fremdenfeindlichkeit, S. 78; Stibbe, Civilian Internment, S. 265. Vgl. auch Panikos Panayi, Prisoners of Britain: German Civilian, Military and Naval Internees during the First World War, in: Yearbook of the Centre for German and Australian Exile Studies 7 (2005), S. 29–43, S. 29 f., 38; ders., Prisoners of Britain: German Civilian, Military and Naval Internees during the First World War, in: Dove (Hg.), Totally un-English?, S. 29–43, hier: S. 30, 33; ders., Germans, S. 65, S. 73; Enemy, S. 283–291; ders., Immigration, S. 105 f.; ders., Act, S. 54, 56, 69, 71; ders., Societies, S. 6 f.; Caglioti, Subjects, S. 521 f.; Leonhard, Büchse, S. 354; Müller, Recht, S. 399; Bird, Control, S. 69, 122 f.; Manz, Internment, S. 90, 94; Stibbe, Enemy Aliens and Internment. Zu dem Gesetz: Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 27. 183 Zitat: Eliot, Experiment, S. 151. Vgl. auch Manz, Migranten, S. 265; Reinecke, Grenzen, S. 222; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 23.

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kratische Kriterien erwiesen sich in vielen Fällen als ungeeignet, um Betroffene eindeutig der Gruppe der Feindstaatenangehörigen zuordnen zu können. Dies galt vor allem für Personen, die in multiethnischen Reichen gelebt oder in ihrem Leben nationalstaatliche Grenzen überschritten hatten, wie sich auch bei der Repatriierung zeigte, die unmittelbar nach dem Krieg begann. Dazu musste ein eigens eingesetztes Komitee über Anträge auf Ausnahmen entscheiden. Das Gremium beschloss letztlich, 16 Prozent der Internierten nicht in ihre Heimatländer abzuschieben. Viele von ihnen waren Ausländer, die schon lange im Vereinigten Königreich gelebt hatten und mit britischen Frauen verheiratet waren. Mit der Entscheidung, sie im Land zu belassen, sollte auch vermieden werden, Kindern ihre Väter zu nehmen. Das vermeintlich klare Ordnungsschema von „Freund“ und „Feind“ war für den Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen allenfalls bedingt tauglich.184 Alles in allem war der Liberalismus als überlieferte Grundlage der britischen Zivilgesellschaft im Ersten Weltkrieg Nationalismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gewichen. Dazu hatten auch der Zusammenbruch des autokratischen Zarenregimes in Russland im Februar 1917 und die Oktoberrevolution beigetragen. Den sich daraufhin verbreitenden Antikommunismus luden bald antisemitische Verschwörungsvorstellungen auf, die auch die „Balfour-Deklaration“ zugunsten einer „Heimstätte“ für die Juden vom 2. November 1917 nährte. Die Vorstellung einer deutsch-jüdisch-bolschewistischen Konspiration, die u. a. populäre Spionageromane verbreiteten, ging von den „Protokollen der Weisen von Zion“ aus, die der Geheimdienst des russischen Zaren gefälscht hatte. Das Syndrom aus Deutschenhass, Antikommunismus und radikaler Judenfeindschaft traf 1918/19 unter britischen Nationalisten, aber auch in der katholischen Presse auf beträchtliche Resonanz. Die Entscheidung der britischen Regierung, nach dem Ausscheiden Russlands aus dem Ersten Weltkrieg die Rekrutierung osteuropäischer Juden für die britischen Truppen einzustellen, verlieh dem Antisemitismus weiter Auftrieb. Als sich in Großbritannien im Frühjahr 1918 angesichts der zunächst erfolgreichen deutschen Offensiven die Furcht vor einer entscheidenden Niederlage verbreitete, verstärkten sich auch die Vorbehalte gegen Pazifisten und Quäker, denen unterstellt wurde, mittelbar

184 Reinecke, Grenzen, S. 222; Jahr, Zivilisten, S. 299 f., 321; Kramer, Kriegsrecht, S. 286. Vgl. auch Brian K. Feltman, The Stigma of Surrender. German Prisoners, British Captors, and Manhood in the Great War and Beyond, Chapel Hill 2015, S. 81–85; Panikos Panayi, An Embattled Minority: the Jews in Britain During the First World War, in: Kushner / Lunn (Hg.), Politics, S. 61–81; ders., ‚The Hidden Hand‘; ders., Anti-German Riots in London; David Reynolds, The Long Shadow. The Great War and the Twentieth Century, London 2013, S. 56; Manz, Migranten, S. 280, 283; Hutchinson, Champions, S. 237–256.

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oder sogar direkt die Deutschen zu unterstützen. Noch im Mai 1918 verurteilten Gerichte deshalb drei führende Vertreter der Society of Friends wegen der nicht autorisierten Publikation eines Flugblattes zu Freiheits- bzw. Geldstrafen.185 Auch Gruppen der Arbeiterschaft galten offiziell als unzuverlässig und (potentielle) „innere Feinde“. Nachdem schon 1917 Streiks ausgebrochen waren und die Teilnehmer die offiziell proklamierten Ziele des Krieges zunehmend in Frage gestellt hatten, betraute die Regierung die Armee mit der Kontrolle von Sozialisten und Pazifisten, denen eine Revolution unterstellt wurde. Auch Verbände, die sich um die Versorgung entlassener Soldaten und Kriegsversehrter kümmerten, wurden vom Special Branch überwacht. Dazu zählten die 1916 gegründete National Association of Discharged Soldiers and Sailors und die im darauffolgenden Jahr konstituierte National Federation of Discharged and Demobilized Sailors and Soldiers, denen der Kriegsminister Lord Derby im Herbst 1917 die offiziöse Comrades of the Great War gegenüberstellte. In den ACMA sollte das Militär die Stimmung in der Bevölkerung kontrollieren.186 Dazu setzten die Leiter dieser Behörden auch Informanten ein, die unerkannt Versammlungen beobachteten und Gespräche belauschten. Aktivitäten, die als Spionage oder Subversion eingestuft wurden, meldeten die ACMA unverzüglich den Sicherheitsbehörden. Bei der Überwachung nahm der MI5 eine Schlüsselstellung ein, indem der Geheimdienst die „nationale Sicherheit“ definierte. Daneben stellten aber auch viele Bürger den Competent Military Authorities bereitwillig Informationen zur Verfügung. Jedoch handelt es sich vielfach um haltlose Gerüchte und Denunziationen, so dass die Auskünfte aufwendig verifiziert werden mussten. Die Militärbehörden entschieden im Allgemeinen selbstständig über Internierungen, die oft präventiv und lediglich auf der Grundlage eines Verdachts verhängt wurden. Eine Arbeitsniederlegung der Polizisten, die damit im August 1918 gegen sinkende Reallöhne protestierten, stellte dieses Sicherheitsregime in Frage. Die Regierung akzeptierte deshalb innerhalb weniger Stunden die Forderungen der Streikenden, obwohl auch Truppen

185 Shmuel Almog, Antisemitism as a Dynamic Phenomenon: The ‚Jewish Question‘ in England at the End of the First World War, in: Pattern of Prejudice 21 (1987), Nr. 4, S. 3–18; Sharman Kadish, ‚Boche, Bolshie and the Jewish Bogey‘: The Russian Revolution and Press Antisemitism in Britain 1917–21, in: Patterns of Prejudice 22 (1988), Nr. 4, S. 24–39; Field, AntiSemitism, S. 27 f.; Panayi, ‚The Hidden Hand‘, S. 268 f.; Millman, Dissent, S. 256. Zu den populären Spionageromanen: Terwey, Antisemitismus, S. 97–107. Zum katholischen Antisemitismus, -germanismus und -kommunismus: Reimann, Krieg, S. 206 f. 186 Hierzu und zum Folgenden: Englander, Military intelligence, S. 24 f., 27–29; Ward, Intelligence Surveillance, S. 181 f.; Sykes, Radical Right, S. 44; Altenhöner, Kommunikation, S. 282; Holmes, A Tolerant Country? S. 81, 88; Townshed, Peace, S. 96–98; Millman, Dissent, S. 263 f., 296.

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im Land gehalten worden waren, um die befürchteten Erhebungen „innerer Feinde“ niederzuschlagen.

Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg Die Radikalisierung, welche besonders die russische Oktoberrevolution herbeigeführt hatte, brach auch nach dem Kriegsende nicht ab. Vielmehr verstärkten 1919 Konflikte, die sich besonders in Streiks von Arbeitern und Soldatenrebellionen niederschlugen, die Furcht vor einem kommunistischen Umsturz, die Fremdenfeindlichkeit und den Antisemitismus, die bereits die innenpolitischen Spannungen und Konflikte im Ersten Weltkrieg genährt hatten. Agitatoren wie der Anthropologe und Eugeniker George Pitt-Rivers (1890–1966) nahmen den weitverbreiteten Antibolschewismus auf. Zugleich beschworen sie – wie schon während des Krieges – die Einheit der Nation.187 Darüber hinaus verliehen Organisationen wie die Britons der Unsicherheit nach der Russischen Oktoberrevolution Ausdruck. Der Verband wurde im Juli 1919 von Henry Hamilton Beamish (1873–1948), einem radikalen Nationalisten und Antisemiten, gegründet. Er war im Mai 1918 zunächst als Kandidat der Vigilantes in das Unterhaus gewählt worden.188 Die Britons, die schon Anfang 1923 auch Kontakt zu den deutschen Nationalsozialisten aufnahmen, reagierten auf die Unruhen der unmittelbaren Nachkriegszeit, indem sie Schutz vor den britischen Juden versprachen, die u. a. nach Madagaskar ausgewiesen werden sollten. Der Verband gewann zwar keine Massenbasis, verbreitete aber Verschwörungsvorstellungen, vor allem durch die Publikation der „Protokolle der Weisen von Zion“, die 1921 in der Times publiziert und als Fälschung entlarvt wurden. In den 1920er Jahre beteiligten sich auch Schriftsteller wie Nesta Webster (1876–1960), die von 1924 bis 1927 den Britons angehörte, und Presseorgane wie die Morning Post, der Spectator und The Patriot, die der Herzog von Northumberland (1880–1930) ab 1922 herausgab, an der antisemitischen Kampagne. Die Agitation mobilisierte und prägte Unsicherheitswahrnehmungen gegen die als

187 Zu Pitt-Rivers: George Pitt-Rivers, The World Significance of the Russian Revolution, Oxford 1920. Vgl. auch Gisela Lebzelter, Political Anti-Semitism in England 1918–1939, London 1978, S. 17 f.; Müller, Tod, S. 191. 188 Matthias Thorns, Britisches und deutsches Judentum in der Krise (1918–1921), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2005), S. 1000–1018, hier: S. 1004 f., 1007; Searle, A New England?, S. 775.

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Bedrohung stigmatisierten Juden. Gewalttätige Übergriffe gegen Minderheiten blieben in Großbritannien aber selten.189 Entgegen den Hoffnungen vieler Liberaler und McKennas, die 1914 nur von vorübergehenden Eingriffen in Freiheitsrechte ausgegangen waren, wurden auch die einschneidenden Maßnahmen gegen Fremde – über die Feindstaatenangehörigen hinaus – nach dem Kriegsende verlängert. Schon der im August 1918 erlassene British Nationality and Status of Aliens Act hatte – mit Hinweis auf das deutsche Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 – erstmals in der neueren Geschichte Großbritanniens auf dem Konzept einer ethnischen und kulturellen Abstammungsgemeinschaft basiert. Gebürtige Briten wurden von Zugewanderten unterschieden, und Einbürgerungen konnten zurückgenommen werden. Davon ausgenommen waren nur Männer, die in den britischen Truppen oder in den Streitkräften der verbündeten Mächte dienten. Darüber hinaus wurden Ausnahmen bei der Internierung aufgehoben. Das Gesetz, eine Novelle des 1914 verabschiedeten British Nationality and Status of Aliens Act, prolongierte nicht nur fremdenfeindliche und rassistische Vorurteile, sondern es war auch den Ängsten und der Unsicherheit geschuldet, die sich in der britischen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg verbreitet hatten. Diese Emotionen wichen auch in den zwanziger Jahren nicht, wie der neue British Nationality and Status of Aliens Act zeigt, der im August 1922 in Kraft trat. Noch direkter als das vier Jahre zuvor eingeführte Staatsbürgerschaftsrecht war das Gesetz der Vorstellung einer ge-

189 Geoffrey Alderman, The Jewish Community in British Politics, Oxford 1983, S. 102 f. Zu den Britons und zur Verbreitung der „Protokolle“ nach 1918: Gisela C. Lebzelter, Henry Hamilton Beamish and the Britons: Champions of Anti-Semitism, in: Kenneth Lunn / Richard C. Thurlow (Hg.), British Fascism. Essays on the Radical Right in Inter-War Britain, London 1980, S. 41–56; Barry A. Kosmin, Colonial Careers for Marginal Fascists – A Portrait of Hamilton Beamish, in: Wiener Library Bulletin 27 (1973/74), Nr. 47–48, S. 16–23; Colin Holmes, New Light on the ‚Protocols of Zion‘, in: Patterns of Prejudice 11 (1977), Nr. 6, S. 13–21; ders. The Protocols of the „Britons“, in: Patterns of Prejudice 12 (1978), Nr. 5, S. 13–18; Gisela Lebzelter, The Protocols in England, in: Wiener Library Bulletin 31 (1978), Nr. 47–48, S. 111–117; Richard Thurlow, The Powers of Darkness. Conspiracy Belief and Political Strategy, in: Patterns of Prejudice 12 (1978), Nr. 6, S. 1–12, 23, hier: S. 1–3; ders., The ‚Jew Wise‘: Dimensions of British Political Anti-Semitism, 1918–39, in: Immigrants and Minorities 6 (1987), Nr. 1, S. 44–65, hier: S. 46– 49; Keith M. Wilson, The Protocols of Zion and the Morning Post, 1919–1920, in: Patterns of Prejudice 19 (1985), Nr. 3, S. 5–14; Lebzelter, Anti-Semitism, S. 49–67; Panayi, Immigration, S. 121 f. Zu Webster: Richard M. Gilman, Behind World Revolution. The Strange Career of Nesta H. Webster, Bd. 1, Ann Arbor 1982, S. IX, 1–8, 13–47. Zum Patriot: Markku Ruotsila, The Antisemitism of the Eighth Duke of Northumberland’s the Patriot, 1922–1930, in: Journal of Contemporary History 39 (2004), S. 71–92.

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schlossenen Gemeinschaft verpflichtet, der ausschließlich gebürtige Briten angehörten, auch wenn sie im Ausland lebten.190 Insgesamt verstärkte die repressive Politik gegenüber zivilen Feindstaatenausländern im Ersten Weltkrieg fremdenfeindliche Einstellungen, die schon vor 1914 gewachsen waren und auch nach dem Waffenstillstand von der britischen Regierung aufgenommen wurden. Besonders der neue Aliens Restriction (Amendment) Act, der 1919 auf Empfehlung einer 1916 eingesetzten Regierungskommission verabschiedet wurde und bis 1971 in Kraft blieb, schrieb die fremdenfeindliche Immigrationspolitik fort. In den Beratungen zur Aliens Restriction Bill hatten nationalistische Politiker, aber auch der seit Januar 1919 amtierende liberale Innenminister Edward Shortt (1862–1935) die pauschale Internierung der männlichen enemy aliens im Ersten Weltkrieg noch im Rückblick gerechtfertigt. So betonte Shortt in einer Debatte des Unterhauses am 15. April 1919: „A man in time of war can take no risks. We cannot for our country take any risks. It was impossible to give to any enemy alien the benefit of the doubt.“191 Dennoch lehnten radikal fremdenfeindliche Abgeordnete wie Horatio Bottomley und Noel Pemberton Billing eine Verlängerung der außerordentlichen Vollmachten des Defence-of-the-Realm-Gesetzes für zwei weitere Jahre ab, da sie dem Innenministerium misstrauten und Shortts Einwanderungspolitik grundsätzlich als zu großzügig kritisierten. Stattdessen forderten sie ein dauerhaft geltendes, restriktives Immigrationsgesetz, denn – so Bottomley – „every alien at this moment is prima facie an undesirable alien“.192 Pemberton Billing verlangte darüber hinaus eine Kennzeichnungspflicht für alle Ausländer, die in Großbritannien lebten. In der Diskussion verbreiteten auch extrem konservative Politiker wie Ernest Wild (1869–1934), Richard Cooper und William JoynsonHicks weiterhin das Feindbild vom deutschen Spion, um ihre Agitation für eine rigorose Ausweisung ehemaliger enemy aliens zu befeuern. Der Parlamentarier John Butcher (1853–1935) beschwor am 15. April 1919 im Unterhaus sogar das Schreckbild von „hordes of German aliens dumped into this country, to interfere with our own people, to set up the same system of intrigue in our midst, the same system of interference with British labour, the same system of undermining British business that we had before the War.“ Auch traten in der Debatte 190 Müller, Recht, S. 393–403; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 76; Degroot, Blightly, S. 158; Millman, Dissent, S. 220; Stibbe, Civilian Internment, S. 96. 191 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2749 („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018). Vgl. Stibbe, Civilian Internment, S. 261. 192 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2763 („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018; kursiv im Original).

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über das Gesetz erneut antisemitische Verschwörungsvorstellungen und rassistische Einstellungen hervor, die sich auch gegen Chinesen richteten.193 Nur einzelne Politiker wie der Labour-Abgeordnete Ben Tillett (1860–1943) appellierten an Menschenwürde, Offenheit und Großzügigkeit, die sie als Vorzüge der liberalen politischen Kultur verstanden. Er trat zwar für den Schutz von Arbeitern vor unfairer Konkurrenz ein, verteidigte aber das Asyl „in the interest of humanity“.194 Der Liberale Josiah Wedgwood beklagte am 15. April 1919 den „spirit of persecution“ in der Debatte über den Gesetzentwurf und bekannte entsetzt: „I have never been so ashamed of this House of Commons as I have been today.“ Vergeblich berief er sich auf die „old British traditions of fair play, justice and liberty“.195 Zusammen mit der Aliens Order von 1920, die während des Krieges verhängte Einschränkungen gegen Ausländer verlängerte und den Innenminister zur Ausweisung von Ausländern ohne Arbeitserlaubnis ermächtigte, dokumentierte der Aliens Restriction (Amendment) Act die Auswirkungen der Fixierung auf „nationale Sicherheit“ und die damit verbundenen willkürlichen Übergriffe gegenüber Ausländern. In den 1920er Jahren mussten alle Personen, die Großbritannien betreten oder verlassen wollten, einen Pass präsentieren, in dem ihre Identität und Nationalität verzeichnet waren. Kein Ausländer durfte das Land ohne Genehmigung des Arbeitsministeriums betreten. Ausgenommen von dieser Regelung waren nur vorübergehende Aufenthalte. Zudem hatten Immigranten nachzuweisen, dass sie selber oder Hilfsorganisationen ihren Unterhalt übernahmen. Damit konnten sich nur noch Personen, die Großbritannien nützlich waren oder unabweisbare persönliche bzw. humanitäre Gründe hatten, dauerhaft im Land niederlassen. Dagegen wurden allein nach dem Aliens Restriction (Amendment) Act mehr als 30.000 Deutsche, Österreicher, Ungarn und Türken ausgewiesen, die immer noch als Kriegsgegner galten. Das Gesetz zeigte damit, wie umfassend die Kämpfe in den Jahren von 1914 bis 1918 das humanitäre Erbe erschüttert hatten.196 193 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2772 („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018). Vgl. auch Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 76. 194 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2782 („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018). 195 Hansard, Commons Sitting of 15 April 1919, Serie 5, Bd. 114, Sp. 2790 f („Aliens Restriction Bill“), http://hansard.millbanksystems.com/commons/1919/apr/15/aliens-restriction-bill (Zugriff am 28. März 2018). 196 Pistol, Internment, S. 13. Vgl. auch John C. Torpey, The Invention of the Passport. Surveillance, Citizenship and the State, Cambridge 2000, S. 116; Yarrow, Impact, S. 109; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 31 f.; Kushner, Remembering, S. 32, 41; London, Whitehall, S. 18;

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Nur gelegentlich wurden in der Nachkriegszeit Bürgerrechte ausdrücklich verteidigt, so im Oberhaus von Lord Montagu, der am 9. Juni 1920 in der Debatte über die Air Navigation Bill forderte, Verurteilten ein Recht auf Einspruch zu gewähren. Dabei distanzierte er sich explizit von den restriktiven Notstandsgesetzen, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges erlassen worden waren. Zudem kehrte Lord Parmoor das Sicherheitsargument gegen die Regierung um, indem er darauf hinwies, dass eine weitere Beschlagnahme und Liquidation des Vermögens von Feindstaatenangehörigen den Schutz des Eigentums verletzte, das in der offiziellen Selbstdarstellung Großbritanniens einen hohen Stellenwert einnahm, vor allem in der Abgrenzung zur Sowjetunion: „… this principle of confiscation ought not to have been introduced. I feel it is a mean thing for a country like ours to throw disadvantages of this kind upon poor people, and that, as regards the wider aspect of international credit and the carrying trade of this country, instead of promoting restoration, we are creating difficulties which need not exist.“197

Zudem sah Parmoor den britischen Seehandel gefährdet. Die Kombination grundsätzlicher humanitärer Erwägungen mit pragmatischen Hinweisen auf eigene Interessen kennzeichnete allgemein die Debatte über die Verlängerung der Ausnahmegesetze, die 1914/15 erlassen worden waren. Demgegenüber hoben Gegner Parmoors wie der Lordkanzler Frederick E. Smith (Lord Birkenhead, 1872–1930) zwar auf die „obligations to humanity“ ab, spielten diese aber gegen das Leid der Opfer des deutschen Angriffskrieges aus.198 Das Innenministerium konzentrierte sich in den 1920er Jahren auf die Integration der bereits im Land lebenden Ausländer. Demgegenüber schottete die Regierung das Land gegenüber den Flüchtlingen ab, deren Zahl in Europa in diesem Jahrzehnt höher war als in den 1930er Jahren. Darüber hinaus berechtigte die Aliens Order die Polizei, Ausländer auch ohne Haftbefehl festzunehmen und zu inhaftieren. Nicht zuletzt sollte die Mehrheit der Internierten in ihre Heimatländer repatriiert oder in andere Staaten deportiert werden. Die Zahl der Deutschen ging daraufhin auf 12.358 – weniger ein Viertel des Vorkriegsstandes – zurück. Die Einbürgerung ehemaliger Feindstaatenangehöriger, die der Manz, Migranten, S. 291; Cahalan, Belgian Refugee Relief, S. 385–387; Panayi, Fremdenfeindlichkeit, S. 76. 197 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 40, 9. Juni 1920, Sp. 559 („Property of Ex-Enemy Subjects“); https://api.parliament.uk/historic-hansard/lords/1920/jun/09/property-of-ex-enemy-subjects#column_554 (Zugriff am 16. Oktober 2018). 198 Hansard, House of Lords Debates, Bd. 40, 9. Juni 1920, Sp. 569 („Property of Ex-Enemy Subjects“); https://api.parliament.uk/historic-hansard/lords/1920/jun/09/property-of-ex-enemy-subjects#column_554 (Zugriff am 16. Oktober 2018).

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British Nationality and Status of Aliens Act noch 1918 untersagt hatte, wurde in Großbritannien erst 1931 wieder erlaubt (mit Ausnahme von Türken). Insgesamt blieb die Immigration in das Land bis zu den frühen 1930er Jahren ebenso begrenzt wie die Einwanderung in andere westlichen Staaten, so Frankreich und die USA.199 Darüber hinaus konnten Proteste nach dem 1920 novellierten Official Secrets Act auch im Frieden unterdrückt werden. Als besonders restriktiv erwies sich schließlich der erste Emergency Powers Act, der im Oktober 1920 vom Parlament nach kurzer Beratung verabschiedet wurde und der Exekutive erlaubte, grundlegende individuelle Rechte zu suspendieren, um (so die offizielle Begründung) Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Polizeichefs konnten Versammlungen und Aufmärsche mit Zustimmung des Innenministers verbieten, wenn sie Unruhen befürchteten (Regulation 22). Diese Gesetze spiegelten die Suche nach „Normalität“, Ordnung und Sicherheit wider, mit denen die Verwerfungen des Ersten Weltkrieges überwunden werden sollten. Sie waren Bestandteile einer Stabilisierungspolitik, die einen Wandel der politischen Auseinandersetzungen in Großbritannien herbeiführte. So galten die – bis 1914 üblichen – Störungen öffentlicher politischer Kundgebungen in den zwanziger Jahren zusehends als unerwünscht. Der Emergency Powers Act und der Official Secrets Act von 1920 richteten sich auch gegen die zunehmenden Streiks, welche die breite Unzufriedenheit über die beginnende wirtschaftliche Depression widerspiegelten. Die Unruhen hatten im Januar 1919 in britischen Metropolen (besonders London), aber auch in Kleinstädten wie Peterborough, Crewe und Keighley eingesetzt. Soldaten, die von Dover und Folkestone nach Frankreich transportiert werden sollten, hatten sich geweigert, Großbritannien noch mehrere Wochen nach Kriegsende erneut zu verlassen. Damit protestierten sie auch gegen die Entsendung britischer Truppen nach Russland, wo sie im Bürgerkrieg den Kampf der „weißen“ Verbände gegen die Bolschewiki unterstützen und damit die Revolution unterdrücken sollten. In einigen Städten, in denen Soldaten im Januar und Februar 1919 den Dienst verweigerten, hatten sich schon während des Ersten Weltkrieges Ausschreitungen gegen hier lebende Deutsche und ihr Eigentum gerichtet. Auch die neuen Unruhen waren z. T. fremdenfeindlich oder sogar rassistisch motiviert, vor allem 1919 die Proteste gegen fremde Seeleute, die in britischen

199 Zur Aufhebung des Einbürgerungsverbotes die Vermerke vom Oktober 1931 in: NA, CO 323/1130/18. Hierzu und zum Folgenden auch: Lawrence, Transformation, S. 185–190, 197 f.; Cesarani, An Alien Concept?, S. 38–40; ders., Anti-Alienism, S. 6; Yarrow, Impact, S. 109; Holmes, Immigrants, S. 15 f., 28; Luff, Operations, S. 742; Wasserstein, Regierungen, S. 46; Channing, Police, S. 66 f.; Townshed, Peace, S. 86.

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Häfen zudem als unerwünschte Konkurrenz galten. Die Demonstrationen waren aber auch auf die Unzufriedenheit der britischen Soldaten über die schleppende Demobilisierung und die unzureichende staatliche Versorgungs- und Reintegrationspolitik zurückzuführen. Um ihre Forderungen durchzusetzen, gründeten rebellierende Soldaten im Januar 1919 vielerorts eigene Gewerkschaften. Trotz des deutlichen „spirit of revolt“ und der ultimativen Forderung, bis zum 11. Mai aus der Armee entlassen zu werden, sprachen die Militärbehörden, die Regierung und Presse offiziell nicht von einer „Meuterei“.200 Die Demobilisierung der Soldaten 1919, als die Mannschaftsstärke der britischen Armee von 3,5 Millionen auf 900.000 Soldaten sank, nahm den Protesten vorübergehend ihre Militanz. Mit dem Ende des Nachkriegsbooms 1921 wuchs allerdings erneut die Arbeitslosigkeit unter den Veteranen. Einige von ihnen griffen zu gewalttätigen Aktionen, um ihre Unzufriedenheit und Enttäuschung zu zeigen. Alarmiert über die Unruhen, ließ die Regierung die ehemaligen Soldaten wieder kontrollieren. Allerdings zeigten die Polizeiberichte, dass die deutlich überwiegende Mehrheit der Veteranen keinen Umsturz anstrebte, sondern auf Reformen innerhalb der Verfassungsordnung abzielte. Damit sollte das „Land fit for heroes to live in“ geschaffen werden, das führende Politiker – vor allem Lloyd George im Wahlkampf 1918 – den britischen Kämpfern des Ersten Weltkrieges versprochen hatten.201 Tatsächlich wirkten die Streiks der Arbeiter aus der Sicht der Sicherheitsapparate aber bedrohlich, zumal an ihnen auch Kriegsveteranen teilnahmen. Ebenso steigerten die Gewalt der paramilitärischen Black and Tans im irischen Bürgerkrieg (1919–1921) und das Massaker, das General Reginald Dyer (1864– 1927) am 3. April 1919 an wehrlosen Demonstranten in der nordindischen Stadt Amritsar beging, die Furcht vor einer Brutalisierung, die der Erste Weltkrieg aus der Sicht vieler liberaler Beobachter ohnehin in der Gesellschaft herbeigeführt hatte. Die Regierung ließ die Arbeiterschaft dennoch auch 1919 intensiv überwachen. Bei der Verhaftung von Kommunisten griff sie gelegentlich sogar auf den 1797 erlassenen Incitement to Mutiny Act zurück. Demgegenüber kritisierten Politiker und Anhänger der aufsteigenden Labour Party vor allem das brutale Vorgehen der Staatsorgane, so der paramilitärischen Defence Force, in der seit 1921 viele ehemalige Soldaten gegen Streiks vorgingen. Auch das Einschreiten der 200 Zitat: Rothstein, Soldiers’ Strikes, S. 68. Vgl. auch Adrian Gregory, Peculiarities of the English? War, Violence and Politics: 1900–1939, in: Journal of Modern European History 1 (2003), S. 44–59; hier: S. 51; Ward, Intelligence Surveillance, S. 183–187; Stibbe, Civilian Internment, S. 266; Saunders, ‚The stranger in our gates‘, S. 32. 201 Jakub Drábrik, „We’re of their blood and spirit of their spirit“: Ex-servicemen and the British Union of Fascists, in: Alessandro Salvador / Anders G. Kjostvedt (Hg.), New Political Ideas in the Aftermath of the Great War, Basingstoke 2017, S. 151–174, hier: S. 157–160.

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Polizei gegen Demonstranten und Streikende, die Vollmachten der Supply and Transport Organization zur Sicherung der Versorgung in einem Notstand (so bei Streiks) und das Vorgehen der Royal Irish Constabulary in Irland lösten Furcht vor einer Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens aus. Radikale Nationalisten wie Horatio Bottomley forderten demgegenüber weiterhin nicht nur eine Kennzeichnungspflicht für eingebürgerte Ausländer, sondern auch ein noch rücksichtsloseres Vorgehen der staatlichen Ordnungskräfte gegen Labour-Politiker wie Ramsay MacDonald. Die Angst auf beiden Seiten spiegelte in den frühen 1920er Jahren die politische Polarisierung wider.202 Sie wich erst mit der zögernden Stabilisierung ab 1923, als sich erneut der Mythos eines vermeintlich friedlichen britischen Königreichs verbreitete. Es sollte nach den Turbulenzen des Ersten Weltkrieges wiederhergestellt werden. Da ein weiterer Krieg fern schien, empfahl das Committee of Imperial Defence 1923, nur 5.500 Plätze für die Internierung von Feindstaatenangehörigen zur Verfügung zu stellen, die Großbritannien in einem künftigen Konflikt nicht rechtzeitig verlassen konnten oder sollten. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg war geplant, „feindliche Ausländer“ im Fall eines erneuten Krieges weitestgehend auszuweisen.203 Die Agitation gegen den Sozialismus und Bolschewismus gipfelte nochmals 1924 im Wahlkampf, als die Konservative Partei einen angeblich von Gregori Sinowjew (1883–1936), dem Chef der III. Kommunistischen Internationale, an die Communist Party of Great Britain geschickten Brief als Hinweis auf eine geplante Subversion in der Armee des Vereinigten Königreiches interpretierte. Kurz zuvor hatte die erste Labour-Regierung unter Premierminister MacDonald die UdSSR anerkannt. Mitarbeiter des MI5 verzeichneten bis 1925 25.250 Personen auf eine einem Precautionary Index, nachdem schon 1918 eine „schwarzen Liste“ (Defence Black List) 13.500 Namen enthalten hatte. Darüber hinaus waren bis zum Kriegsende vom Geheimdienst 27.000 Akten und 250.000 Karteikarten zu einzelnen Personen angelegt worden. Während des Generalstreiks im Mai 1926

202 Jon Lawrence, Forging a Peaceable Kingdom: War, Violence, and Fear of Brutalization in Post-First World War Britain, in: Journal of Modern History 75 (2003), S. 557–589, bes. S. 557 f., 566, 570, 575, 579, 581, 583; ders., Fascist Violence and the Politics of Public Order in Inter-war Britain: the Olympia Debate Revisited, in: Historical Research 76 (2003), S. 238–267, hier: S. 244; ders., Transformation, S. 197, 210; Townshed, Peace, S. 84–90; Luff, Operations, S. 743; Millman, Dissent, S. 265. 203 Michael Seyfert, Im Niemandsland. Deutsche Exilliteratur in britischer Internierung. Ein unbekanntes Kapitel der Kulturgeschichte des Zweiten Weltkriegs, Berlin 1984, S. 21; ders., „His Majesty’s Most Loyal Internees“: Die Internierung deutscher und österreichischer Flüchtlinge als „enemy aliens“, in: Hirschfeld (Hg.), Exil, S. 155–182, hier: S 156; Kushner / Cesarani, Alien Internment, S. 3; Caglioti, Subjects, S. 520.

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wurden die Daten ebenso wie die Bestimmungen des Emergency Powers Act genutzt, um die Arbeitsniederlegungen zu unterdrücken. Abgeordnete des Unterhauses wie Ernest Thurtle (1884–1954) forderten daher, zumindest die Regulation 22 zu streichen.204 Das Gesetz richtete sich aber auch gegen die Hungermärsche, die von der 1921 gegründeten National Unemployed Workers Movement (NUWM) besonders in den frühen 1920er und 1930er Jahren organisiert wurden. Auch die Proteste der Arbeitslosen führten vor allem die Sicherheitsorgane auf eine gezielte Infiltration kommunistischer Aufrührer aus der Sowjetunion zurück, die das Committee of Imperial Defence schon 1920 als nächsten Hauptfeind Großbritanniens identifiziert hatte.205 Überdies sollte der Emergency Powers Act die Unabhängigkeitsbewegung in Irland ersticken, die bis 1919 vor allem von den Irish Volunteers getragen wurde. Schon nach dem Osteraufstand von 1916, in dem die Rebellen zwei Jahre zuvor erhaltene deutsche Waffen verwendet hatten, war die Anwendung der 1914 erlassenen Regulation 14B gegen die irischen Kämpfer für die Unabhängigkeit vorgesehen worden. Das Innenministerium nutzte die Notstandsverordnung 1917/ 18, um die irischen Aktivisten, die aus der Sicht der Regierung die Sicherheit des Landes bedrohten, zu internieren und zu deportieren. Sie wurden u. a. in den Lagern Frongoch (Wales) und Ballykinlar (Irland) festgehalten. Allein von Mai bis Dezember 1916 durchliefen 1.800 verhaftete Iren, von denen viele Mitglieder der 1905 gegründeten nationalistischen Partei Sinn Féin waren, das Camp in Frongoch, einem kleinen walisischen Dorf. Rund die Hälfte der insgesamt 3.500 verhafteten Iren ließ die britische Regierung nach England bringen. Auf Druck der Militärs in Irland, die einen weiteren Aufstand befürchteten, sicherte die britische Regierung den Internierten ihre Rechte nach dem Habeas Corpus zu. Eine Untersuchungskommission beriet das Kabinett im Hinblick auf den weiteren Umgang mit den Verhafteten, besonders deren frühzeitige Entlassung. Alle irischen Internierten wurden bis Ende Dezember 1916 nach Irland zurückgeführt.206 Nach Meldungen über die Anlandung deutscher Waffen in Irland ermächtigte das Kriegskabinett den Kommandierenden General im Februar 1917 aber 204 Channing, Police, S. 66. Angaben nach: Andrew, Secret Service, S. 241; Proctor, Intelligence, S. 52. Vgl. auch Helmut Altrichter, Kleine Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 32007, S. 62 f.; Niedhart, Geschichte, S. 166 f. 205 Vgl. Channing, Police, S. 67–73; London, Whitehall, S. 21. Zur NUWM: Richard Croucher, We Refuse to Starve in Silence. A History of the Nation al Unemployed Workers’ Movement, 1920–46, London 1987. 206 Angaben nach: Jon Parry, ‚The Black Hand‘. 1916 and Irish Republican Prisoners in North Wales, in: Paul O’Leary (Hg.), Irish Migrants in Modern Wales, Liverpool 2004, S. 139–155, hier: S. 141; Stibbe, Civilian Internment, S. 102; Pitzer, Night, S. 139.

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erneut, 31 Verdächtige, die als Anhänger der IRA galten, auf der Grundlage der Regulation 14B unverzüglich zu verhaften und nach England zu deportieren. Nachdem sie dort zunächst nur an bestimmten Orten festgesetzt worden waren, lösten Fluchten schließlich die Internierung aus. Da in den Lagern Kriegsgefangene und Zivilinternierte getrennt werden sollten, wurden sie in Gruppen von maximal fünfzig Personen in Gefängnisse gebracht. Auch eine Internierung auf der Insel Man vermieden die Behörden wegen der Nähe zu Irland bewusst. Die Anordnungen begründeten die Haft jeweils mit dem Ziel, die „öffentliche Sicherheit“ zu bewahren. Dazu hielten der Innenminister und seine Beamten bloße Einschränkungen der Mobilität nach den Fluchten nicht mehr für ausreichend, zumal diese Restriktionen nur schwer zu überwachen waren. Mit zunehmender Kriegsdauer fehlten in Großbritannien Polizisten, die zum Wehrdienst eingezogen worden waren. Der Staatssekretär für Irland und das Oberkommando der Armee (Army Council) verlangten im Sommer 1918 deshalb, alle nach England gebrachten Verhafteten sofort zu internieren. Die Briefe der Gefangenen und andere Kommunikationsverbindungen wurden zensiert, um Nachrichten an die Partei der irischen Nationalisten, Sínn Fein, und auch darüber hinaus unerwünschte Publizität zu vermeiden. Dazu lancierte die Regierung gezielt Meldungen über die Internierung in der gelenkten Presse, und das Home Office erlaubte den Anwälten der Verhafteten Gespräche mit den Internierten, allerdings nur mit Beteiligung eines Vertreters des jeweiligen Gefängnisses.207 Damit konnte die Regierung die Unabhängigkeitsbewegung, die sich ab 1919 vor allem in der neugegründeten Irish Republican Army (IRA) sammelte, allerdings kaum eindämmen. Vielmehr politisierte und radikalisierte die Internierung die betroffenen irischen Nationalisten, und bis 1918 war die von ihnen geschürte Angst vor einer Ausdehnung der Wehrpflicht auf Irland weit über den Kreis der Nationalisten hinaus verbreitet. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eskalierte der Bürgerkrieg auf der Insel. Einflussreiche Militärs wie Nevil Macready (1862–1946) und Hugh Sandham Jeudwine (1862–1942) verlangten deshalb 1920, über ganz Irland das Standrecht zu verhängen. Damit sollte nicht nur die Armee aktiv zur Unterdrückung der irischen Nationalisten eingesetzt, sondern auch die Internierung von Aufständischen legalisiert werden. Diese Forderungen trafen im Kabinett unter Premierminister Lloyd George zwar nicht auf Zustimmung. Jedoch verabschiedete das britische Parlament am 9. August 1920 lediglich den Restoration of Order in Ireland Act. Das Gesetz führte die 207 NA, CO 904/186 (Schreiben vom 18. Februar, 5. und 13. März, 14. und 23. Mai 1917 sowie vom 15. und 26. April, 13. und 23. Mai, 8., 13., 11., 14., 22. und 28. Juni 1918, 19. Juli 1918 sowie 11. Oktober 1918; „Recommendation under Regulation 14B of the Defence of the Realm Regulations“; Notiz vom 29. Mai 1915).

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Kriegsgerichtsbarkeit in Regionen ein, in denen die IRA besonders militant auftrat. Obgleich sogar einzelne Minister Bedenken gegen die weitgehende Übertragung der Verwaltung auf Militärbehörden äußerten, setzten sich die Befürworter, die auf einen Notstand in Irland verwiesen, letztlich durch. Damit war aber keine uneingeschränkt herrschende Militärregierung etabliert.208 Auch die Rekrutierung und der Einsatz der paramilitärischen Black and Tans, welche die Union Irlands mit dem Vereinigten Königreich verteidigten, erwiesen sich letztlich als kontraproduktiv. Nach der Teilung der Insel sollte der 1922 erlassene Civil Authorities (Special Powers) Act (Northern Ireland) weitere Unruhen in Nordirland verhindern. Das Gesetz ermächtigte das nordirische Innenministerium uneingeschränkt, Verordnungen zu erlassen, die es zur Sicherung von Recht und Ordnung für notwendig hielt. Außerdem konnte das Ministerium Untersuchungen verbieten, wenn es dies zur Bewahrung des Friedens und der Ordnung für erforderlich erachtete. Auf dieser Grundlage wurden allein von 1922 bis 1924 728 Personen interniert, darunter fast ausschließlich irische Nationalisten. Die Republikaner, die für eine Wiedervereinigung des ab 1921 geteilten Irland im Rahmen des katholisch geprägten Freistaates eintraten, verteufelten die nordirischen Nationalisten und die Londoner Regierung als „innere Feinde“, die in den zwanziger und dreißiger Jahren ebenfalls unterdrückt wurden. Damit überlagerte die politische Repression schon nach wenigen Jahren die offiziell verkündete Absicht des Special Powers Act, in Nordirland nach dem blutigen Bürgerkrieg Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.209 In ganz Großbritannien galt nach dem Ersten Weltkrieg darüber hinaus die Ausweis- und Meldepflicht, die 1916 für alle Ausländer eingeführt worden war. Allerdings scheiterten Initiativen, ein lückenloses Verzeichnis aller Briten anzulegen, wegen der Sorge vor einem umfassenden Überwachungsstaat. So hob die Regierung den 1915 erlassenen National Registration Act auf. Auch verlor der Sicherheitsapparat die Kompetenz zur Ausweiskontrolle. Generell wurden die Mittel für den Security Service und den Special Branch nach dem Kriegsende erheblich gekürzt. Schon bis 1920 ging die Zahl der Mitarbeiter im Directorate of Military Operation von mehr als 6.000 auf rund 150 zurück. In den frühen 1920er

208 Townshend, Peace, S. 76 f.; ders., Force, S. 288; Parry, ‚The Black Hand‘, S. 147–149. Überblick in: Ewing / Gearty, Struggle, S. 399, 412 f. 209 Laura K. Donohue, Regulating Northern Ireland: The Special Powers Acts, 1922–1972, in: Historical Journal 41 (1998), S. 1089–1120, hier: S. 1090–1092, 1100, 1105, 1113; Huw Bennett, Detention and Interrogation in Northern Ireland, 1969–75, in: Sibylle Scheipers (Hg.), Prisoners in War, Oxford 2011, S. 187–203, hier: S. 188; Francis S. L. Lyons, The war of independence, 1919–1921, in: William Edward Vaughan (Hg.), A New History of Ireland, Bd. 6, Oxford 1996, S. 141–259, hier: S. 249 f.

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Jahren erzwang die anhaltende Sparpolitik, mit der die Regierung auf den Konjunktureinbruch reagierte, weitere Entlassungen.210 Insgesamt blieb die Entsicherheitlichung aber begrenzt. Der Special Branch und der Inlandsgeheimdienst begründeten das weitgehende Festhalten an den Regelungen, die grundlegende Menschenrechte einschränkten oder sogar aufhoben, mit sicherheitspolitischen Argumenten. Sekurität galt dabei geradezu als Voraussetzung der Freiheit.211 In ihrer obsessiven Suche nach „Feinden“ zeigten sich die Sicherheitsorgane besonders an den gesammelten Informationen zu Ausländern interessiert. Hinweise auf die „nationale Sicherheit“ sollten auch die Verzögerungen bei der Freilassung der internierten Zivilisten rechtfertigten, die z. T. bis 1920 in den Lagern festgehalten wurden. Die Überwachung hatte sich nach 1918 aber zunehmend gegen „Sozialisten“ und „subversive“ Kräfte gerichtet, die in den Betrieben den Arbeitsfrieden zu bedrohen schienen. Damit sollten Arbeiter vom „Klassenkampf“ abgehalten und als patriotic labour in die nationale Gemeinschaft integriert werden.212 Zur Kontrolle der Arbeiterschaft und zur Unterdrückung von Streiks trugen nach dem Ersten Weltkrieg unternehmernahe Verbände wie die BEU und die British Workers’ League (BWL) bei, die 1916 von dem Imperialisten und (seit Dezember) Minister ohne Geschäftsbereich im Kriegskabinett des Premierministers Lloyd George, Alfred Milner, gebildet worden war. Der Verband nahm 1918 als National Democratic Party erfolgreich an der Parlamentswahl teil und war anschließend mit zehn Abgeordneten im Unterhaus vertreten. Auch zwei von 25 Kandidaten der NP wurden für das Parlament gewählt. Eng mit der Partei kooperierte die im Dezember 1916 etablierte British Commonwealth Union, die unter der Leitung des Industriellen und konservativen Politikers Patrick Hannon (1874–1963) als Lobbyorganisation für Unternehmer 1918 außerdem die BWL unterstützte.213 210 Angabe nach: Proctor, Intelligence, S. 146, und dem Artikel „Internment“, in: Ramsden (Hg.), Oxford Companion to Twentieth-Century British Politics, S. 333. Vgl. auch Richard Thurlow, Passive and Active Anti-Fascism: The State and National Security, 1923–45, in: Andrzej Olechnowicz / Nigel Copsey (Hg.), Varieties of Anti-Fascism. Britain in the Interwar Period, Basingstoke 2010, S. 162–180, hier: S. 164; Eliot, Experiment, S. 166–169; Higgs, Information State, S. 140; Reinecke, Namen, S. 65; dies., Grenzen, S. 212. 211 Dies demonstriert die Grußkarte, die Kell als Direktor des MI5 zu Neujahr 1920 verschickte. Vgl. Andrew, Secret Service, S. 243. 212 Townshend, Force, S. 292; Olmsted, Anticommunism, S. 91–93. 213 Roy Douglas, The National Democratic Party and the British Workers’ League, in: Historical Journal 15 (1972), S. 533–552; John A. Turner, The British Commonwealth Union and the General Election of 1918, in: English Historical Review 93 (1978), S. 528–559; Ron Bean, Liverpool Shipping Employers and the Anti-Communist Activities of J. M. Jughes, 1920–25, in: Bulletin of the Society for the Study of Labour History, Nr. 32 (1977), S. 22–26; John O. Stubbs, Lord

4.1 Großbritannien



291

Ebenso wie diese Organisation sollten die 1919 gegründeten Middle Class Union und die Economic League, die z. T. die Agitation der 1882 gegründeten Liberty and Property Defence League weiterführte, die Arbeiterschaft von einer Revolution abhalten und den Behörden und Unternehmern Informationen über radikale, vermeintlich subversive Gruppen übermitteln. Die Economic League unterhielt einen grenzüberschreitenden Austausch mit ähnlichen, radikal antikommunistischen Organisationen wie der American Vigilant Intelligence Federation und der Sane Democracy League of Australia, die eine Allianz gegen die Kommunistische Internationale gebildet hatten. Die Economic League und andere „patriotische“ Vereinigungen, die der ehemalige Direktor des Marinegeheimdienstes, Reginald Hall, mit öffentlichen Mitteln unterstützte, zeitweise sogar direkt leitete und zu einem Informationsnetzwerk zusammenschloss, übermittelten dem MI5, der Polizei und Betriebsleitern Angaben über Arbeiter, die zum Streik bereit waren und zu Arbeitsniederlegungen aufriefen. Diese „schwarzen Listen“ von Kommunisten und anderen „subversiven“ Personen und Verbänden wurden in ganz Großbritannien systematisch zusammengestellt und für Entlassungen genutzt.214 Gegen die „rote Gefahr“ agitierten nach dem Ersten Weltkrieg auch die Reconstruction Society, die 1918 aus der ASU hervorgegangen war, die zwei Jahre gebildete Liberty League und die Pfadfinder mit ihren spezifischen Männlichkeitsidealen. Alle Verbände einte ein ausgeprägter Antisozialismus, Fremdenfeindlichkeit und antisemitische Ressentiments. Damit verbunden, agitierten sie gegen die Labour Party, die Liberalen und das parlamentarische System, das sie mit Korruption und „Degeneration“ assoziierten. Insgesamt bedrohten die radikal nationalen Verbände, die einige radikal konservative Politiker wie Robert Sanders (1867–1940) und der Pressezar Lord Northcliffe unterstützten, die Sicherheit und die öffentliche Ordnung in Großbritannien zumindest ebenso nachhaltig wie die Arbeitsniederlegungen und die Proteste von Soldaten 1919. Aber auch staatliche Institutionen verstanden und fassten die „nationale Sicherheit“ breit und überaus dehnbar. Die Maßnahmen, mit denen in der Nachkriegszeit „Ordnung“ und „nationale Einheit“ gewährleistet werden sollten, unterschieden sich allerdings. Sie reichten von einer direkten Repression der irischen Unabhängigkeitsbewegung und revolutionärer Arbeiter bis zu korporativen Zusammenschlüssen bzw. Vorschlägen regionaler Selbstverwaltung.215 Milner and Patriotic Labour, 1914–1918, in: English Historical Review 87 (1972), S. 717–754; Rubinstein, Henry Page Croft, S. 135; Searle, A New England?, S. 775 (Angabe), 822 f. 214 Arthur McIvor, „A Crusade for Capitalism“: The Economic League, 1919–39, in: Journal of Contemporary History 23 (1988), S. 631–655, bes. S. 631, 642, 647–650. 215 Mischa Honeck, The Power of Innocence. Anglo-American Scouting and the Boyification of Empire, in: Geschichte und Gesellschaft 43 (2016), S. 441–466, hier: S. 477; Andrew Roth-

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Alles in allem war die Konstruktion „innerer Feinde“ und die damit zusammenhängende Internierung integraler Bestandteil eines auch in Großbritannien bis zur Mitte der zwanziger Jahre andauernden Ausnahmezustands, der im Mai 1926 während des Generalstreiks nochmals verschärft wurde. Dabei waren die britischen Sicherheitsdienste vor allem auf die Kommunisten fixiert, die sich 1920 in der neugegründeten Communist Party of Great Britain (CPGB) gesammelt hatten. In dieser Konstellation fühlten sich auch paramilitärische und faschistische Bewegungen wie die National Citizens’ Union ermächtigt, dem extrem konservativen Innenminister William Joynson-Hicks ihre Unterstützung anzubieten. Ebenso stilisierten sich die 1923 gegründeten British Fascisti (BF), die Benito Mussolini bewunderten und sein Regime als Vorbild verherrlichten, zu Rettern Großbritanniens vor dem Bolschewismus. Die BF waren eine kleine Organisation, die Sicherheit versprach, einzelne Bestandteile des italienischen Faschismus übernahm und sie mit dem radikalen britischen Konservativismus verschmolz. Dazu boten sich die Mitglieder als freiwillige Hilfsoffiziere an. Besorgt um das staatliche Gewaltmonopol, lehnte der Innenminister eine Kooperation mit diesen militanten Organisationen zwar ab. Er schloss eine Verwendung von Angehörigen der BF aber nicht aus, falls der Verband seine Statuten änderte. Der strikte Antikommunismus der Organisation traf angesichts der Unruhen in der Mitte der 1920er Jahre offenbar auch unter Militärs, im Geheimdienst und in den Polizeibehörden auf Sympathie. So gehörte Maxwell Knight (1900–1968), ein führender Agent des MI5, den BF an. Er hatte sich der Gruppe von Faschisten nach einer Kundgebung der British Empire Union angeschlossen, deren führende Mitglieder – Industrielle, Landbesitzer und konservative Politiker – er über interne Vorgänge in den BF informieren sollte.216 stein, Soldiers’ Strike; Englander, Police, S. 127; Rubinstein, Henry Page Croft, S. 139–146; Wrigley, ‚In Excess of Their Patriotism‘, S. 103–111. Zu Northcliffe: Searle, Corruption, S. 268–270; Haste, Home Fires, S. 133. Zu korporativen Konzepten exemplarisch: Alfred Milner, Questions of the Hour, London o. J. [1923], S. 11–124, 146–173. Zu den Verbindungen zu Sanders: John Ramsden (Hg.), Real Old Tory Politics. The Political Diaries of Robert Sanders, Lord Bayford, 1910–35, London 1984, S. 6, 30, 86, 89 f., 101, 111, 240. 216 Richard Thurlow, State Management and the British Union of Fascists in the 1930s, in: Mike Cronin (Hg.), The Failure of British Fascism. The Far Right and the Fight for Political Recognition, Basingstoke 1996, S. 29–52, hier: S. 31; John Hope, British Fascism and the State 1917–1927: A Re-examination of the Documentary Evidence, in: Labour History Review 57 (1992), S. 72–83, hier: S. 73 f., 77, 79 f.; Gerald C. Webber, Intolerance and Discretion: Conservatives and British Fascism, 1918–1926, in: Tony Kushner / Kenneth Lunn (Hg.), Traditions on Intolerance. Historical Perspectives on Fascism and Race Discourse in Britain, Manchester 1989, S. 155–172. Zu den British Fascisti: David Baker, The Extreme Right in the 1920s: Fascism in a Cold Climate, or ‚Conservatism with Knobs on‘, in: Cronin (Hg.), Failure, S. 12–28; Kenneth Lunn, The Ideology and Impact of the British Fascists in the 1920s, in: Kushner / Lunn (Hg.),

4.2 Deutsches Kaiserreich 

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Joynson Hicks förderte außer den Sicherheitsängsten vor dem Bolschewismus auch fremdenfeindliche und antisemitische Ressentiments. Außerdem bereiteten sich die Behörden in den zwanziger Jahren gezielt auf neue Notstände vor. So perfektionierte der Registrar General, Sylvanus Vivian (1880–1958), seine Konzepte zur lückenlosen Registrierung aller Briten. Überdies setzte die Regierung die neu gebildete Civil Constabulary Reserve, die aus der Defence Force hervorgegangen war, als paramilitärische Truppe gegen Streikende ein. Andererseits verhinderte die konservative Regierung, die von 1924 bis 1929 unter der gemäßigten Premierminister Stanley Baldwin (1867–1947) regierte, eine politische Radikalisierung und den Aufstieg rechtsextremer außerparlamentarischer Verbände.217

4.2 Deutsches Kaiserreich Ausgangslage und Überblick Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurden Deutsche in den gegnerischen Staaten als „feindliche Ausländer“ (enemy aliens) vieler Rechte beraubt, interniert, enteignet oder ausgewiesen. Umgekehrt unterlagen die im Kaiserreich lebenden Angehörigen der Entente-Mächte erheblichen Einschränkungen. Im Kaiserreich hielten sich 1914 zwar nur rund 15.000 Feindstaatenangehörige auf. Hier wurden aber in den folgenden Jahren zweimal so viele Zivilisten interniert

Traditions, S. 140–154; Julie Wheelwright, ‚Colonel‘ Barker: A Case Study in the Contradictions of Fascism, in: Kushner / Lunn (Hg.), Politics, S. 40–48; Paul Stocker, Importing Fascism: reappraising the British fascisti, 1923–1926, in: Contemporary British History 30 (2016), S. 326–348, bes. S. 326, 342 f. Zu Knight: Anthony Masters, The Man Who Was M. The Life of Maxwell Knight, Oxford 1984; Henry Hemming, Maxwell Knight, MI5’s Greatest Spymaster, London 2017, S. 8–60, 115–118; Colin Holmes, Searching for Lord Haw-Haw: The Political Lives of William Joyce, London 2016, S. 49 f. 217 Bill Schwarz, The Language of Constitutionalism: Baldwinite Conservatism, in: ders. / Alan O’Shea (Hg.), Formations of Nation and People, London 1984, S. 1–18. Kritischer: David Cesarani, Joynson-Hicks and the Radical Right in England after the First World War, in: Kushner / Lunn (Hg.), Traditions, S. 118–139; ders., The Anti-Jewish Career of Sir William JoynsonHicks, Cabinet Minister, in: Journal of Contemporary History 24 (1989), S. 461–482; ders., AntiAlienism, S. 18–21. Vgl. auch Ronald Blythe, The Age of Illusion. Glimpses of Britain Between the Wars 1919–1940, Oxford 1986 (London 11963), S. 21–42; Bruce Coleman, The Conservative Party and the Frustration of the Extreme Right, in: Andrew Thorpe (Hg.), The Failure of Political Extremism in Inter-War Britain, Exeter 1989, S. 49–66, hier: S. 56; Higgs, Information State, S. 148 f.; Sykes, Radical Right, S. 45; Cesarani, An Alien Concept?, S. 40 f.; Townshed, Peace, S. 93; Eliot, Experiment, S. 176; Thurlow, Anti-Fascism, S. 166, 177.

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wie in Großbritannien und Frankreich, vor allem wegen des hohen Stellenwertes der (Zwangs-)Rekrutierung von Arbeitskräften in den besetzten Gebieten Belgiens, Nordfrankreichs und des russischen Zarenreiches. Allein beim Rückzug aus Nordfrankreich (zwischen Arras und Soissons) im Februar und März 1917 führten die deutschen Truppen 125.000 arbeitsfähige Bewohner mit, darunter sogar 45 Schweizer. Das „Unternehmen Alberich“, mit dem der Rückzug der deutschen Truppen auf die „Siegfried-Linie“ erleichtert werden sollte, ging aber auch mit der Zwangsevakuierung von Frauen und Kindern einher. So nahm die Zahl der gefangenen „feindlichen Ausländer“ vom 10. Juni 1915 bis zum 10. Oktober 1918 von 48.513 auf 111.879 zu. Davon waren rund 100.000 deportierte Zivilisten aus den besetzten Gebieten West- und Osteuropas. Besonders als 1915/16 Arbeitskräfte aus den okkupierten Regionen in das Deutsche Kaiserreich gebracht wurden, wuchs die Zahl der Internierten sprunghaft, so allein vom 10. Oktober 1915 bis zum 10. Juli 1916 von 76.988 auf 84.447. Insgesamt stellten die Zwangsrekrutierten im Ersten Weltkrieg zwischen 4,8 und 6,2 Prozent aller Kriegsgefangenen, die sich in Deutschland aufhielten. Hier waren 1918 rund drei Millionen ausländische Arbeiter beschäftigt. Sicherheitspolitische und militärische Gesichtspunkte verbanden die Behörden deshalb beim Umgang mit Feindstaatenangehörigen eng mit wirtschaftlichen Zielen. Auch deshalb wurden Staatsbürger der USA, Panamas, Brasiliens, Haitis und Kubas in Deutschland im Ersten Weltkrieg nicht interniert. Alles in allem war die globale Dimension der Internierung im Deutschen Kaiserreich schwächer als in Großbritannien, während Europa wegen der Arbeitskräfterekrutierung stärker erfasst wurde.218

Feindbilder und Kriegspropaganda Im Kaiserreich war in den Jahren vor 1914 die Spionagefurcht ebenso gewachsen wie in den anderen europäischen Staaten, die sich im Ersten Weltkrieg bekämpften. Walther Nicolai (1873–1947), der 1913 zum Chef des militärischen Geheimdienstes III B ernannt wurde, gab rückblickend an, dass die Zahl der wegen Spionageverdachts verhafteten Personen von 1909 bis 1913 von 47 auf 346 hochgeschnellt war. Noch im August 1918 bemerkte er, dass Deutschland einen „Zweifrontenkrieg gegen den äußeren und inneren Feind“ führe.219 Um abwei218 Angaben nach: Doegen, Völker, Bd. 1, S. 28 f. (Tabelle F); Huber, Fremdsein, S. 233; Reinecke, Grenzen, S. 198; Stibbe, Civilian Internment, S. 100, 102. Vgl. auch Gosewinkel, Einbürgern, S. 329; Stibbe, A Question of Retaliation?, S. 21; Jahr / Thiel, Colour, S. 42. 219 Zitat in: Altenhöner, Kommunikation, S. 148. Angaben nach: Alex Marshall, Russian Military Intelligence, 1905–1917: The Untold Story behind Tsarist Russia in the First World War, in: War in History 11 (2004), S. 393–423, hier: S. 403.

4.2 Deutsches Kaiserreich 

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chende Meinungen zu unterdrücken, steuerten die Oberzensurstelle, die im Oktober 1914 beim Stellvertretenden Generalstab eingerichtet wurde, und das Kriegspresseamt die Berichterstattung von Zeitungen und Zeitschriften. Obgleich zentrale Pressekonferenzen und Informationsreferate bei Militär- und Zivilbehörden Richtlinien erteilten, blieben diese uneinheitlich. Eine umfassende Kontrolle und Steuerung der Presse und der Journalisten wurden im Ersten Weltkrieg deshalb nicht erreicht. Auch im Vergleich mit den demokratischen Kriegsgegnern war die deutsche Propaganda nicht extrem radikal, obgleich sie durchweg ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken prägte. So verherrlichte die Agitation das Deutsche Kaiserreich als vermeintlichen Hort der „Kultur“ und der „Humanität“. Dieser Rekurs auf die „deutschen Werte“ blieb weitgehend unwidersprochen, wenn man von einzelnen Kritikern wie Heinrich Mann (1871– 1950) absieht.220 In den gegnerischen Staaten und in vielen neutralen Ländern lösten jedoch vor allem gezielt initiierte und amtlich gelenkte Aktionen wie der „Aufruf an die Kulturwelt“, den das Nachrichtenbüro des Reichsmarineamtes vorbereitete und im Frühherbst 1914 von 93 Intellektuellen unterzeichnen ließ, scharfen Protest aus. In diesem „Aufruf der 93“ wurden nicht nur die Vorwürfe der Kriegsgegner zurückgewiesen, sondern auch der deutsche Militarismus und Nationalismus glorifiziert. In dem „Kampf der Kulturen“, in dem die Kriegspropaganda des Deutschen Reiches die „Ideen von 1914“ gegenüber den „Ideen von 1789“ beschwor und die eigene „Kultur“ von der westlichen „Zivilisation“ abgrenzte, war die deutsche Seite jedoch letztlich klar unterlegen.221

Voraussetzungen: Regelungen zum Belagerungszustand und zur Ausländerkontrolle vor 1914 Die deutsche Reichsleitung hatte die Internierung von Feindstaatenangehörigen in den Jahren vor 1914 kaum konkret vorbereitet. Deshalb griffen die Machthaber des Kaiserreiches auf im 19. Jahrhundert erlassene Ausnahmegesetze zurück. Im Deutschen Bund hatte die bayerische Regierung in der Rheinpfalz 1832 erstmals den Belagerungszustand verhängt, um die pfälzische Freiheitsbewegung zu unterdrücken. Wegen der revolutionären Erhebung in Berlin erklärte

220 Steffen Bruendel, Zwei Strategien intellektueller Einmischung: Heinrich und Thomas Mann im Ersten Weltkrieg, in: Ingrid Glicher-Holtey (Hg.), Zwischen den Fronten. Positionskämpfe europäischer Intellektueller im 20. Jahrhundert, Berlin 2006, S. 87–115; Creutz, Pressepolitik, bes. S. 50–52, 292, 296 f. 221 Hirschfeld / Krumeich, Deutschland, S. 67 f., 108 f.; Becker / Krumeich, Krieg, S. 182 f.

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die Obrigkeit im November 1848 in Preußen den Belagerungszustand und General Friedrich von Wrangel (1784–1877) das Kriegsrecht über Berlin. Damit waren mit der Begründung, die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten, schon früh Freiheiten eingeschränkt, Vereine aufgelöst und alle Zivilisten entwaffnet worden. Am 10. Mai 1849 erließ die preußische Regierung schließlich eine Verordnung über den Belagerungszustand, um die revolutionäre Bewegung im gesamten Staat zu unterdrücken. Damit sollte das monarchische Prinzip gegen das Repräsentativsystem behauptet werden, das ihrerseits in den Rechten der Kammern wurzelte. Auch die 1850 erlassene Verfassung begründete die Aufhebung von Freiheitsrechten mit einer „dringenden Gefahr für die öffentliche Sicherheit“.222 Daran anknüpfend, stimmten die beiden Kammern des preußischen Parlaments einer Verordnung zu, die am 4. Juni 1851 als Gesetz erlassen wurde. Den Ausnahmezustand begründete der Staatsrechtler Lorenz von Stein (1815–1890) 1852 auch wissenschaftlich, indem er staatliche Ordnungen an spezifische Voraussetzungen band und die Gefahr von Bürgerkriegen in Industriegesellschaften beschwor. Die Verfassungen des Norddeutschen Bundes (1866) bzw. des Kaiserreiches (1871) ermächtigten den Bundesfeldherrn bzw. den Kaiser auf der Grundlage des Gesetzes vom 4. Juni 1851 explizit, bei einer Bedrohung der öffentlichen Sicherheit den Kriegszustand zu erklären. Nach Artikel 68 der Bismarck’schen Reichsverfassung vom 16. April 1871 konnte der Kaiser bei Störungen der inneren Ordnung und Gefahren für die Sicherheit des Staates im Deutschen Reich den Belagerungszustand verhängen. Nur die Beteiligung Bayerns bedurfte einer separaten Verordnung. Zudem war der Kaiser befugt, als Oberkommandeur der Streitkräfte reichsweit die vollziehende Zivilgewalt den Befehlshabern der einzelnen Militärbezirke zu übertragen und Grundrechte wie Vereins- und Versammlungsfreiheit einzuschränken. Die Entscheidung darüber, ob die öffentliche Sicherheit bedroht war, lag im Ermessen des Monarchen. Damit konnte de facto eine Militärdiktatur etabliert werden, wie Zeitgenossen schon vor 1914 bemerkten.223 222 Christian Schudnagies, Der Kriegs- oder Belagerungszustand im Deutschen Reich während des Ersten Weltkriegs. Eine Studie zur Entwicklung und Handhabung des deutschen Ausnahmezustandes bis 1918, Frankfurt/M. 1994, S. 34 f. Vgl. auch Gosewinkel, Einbürgern, S. 329; Leidinger / Moritz, Der Erste Weltkrieg, S. 57. 223 Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 2: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850, Stuttgart 1960, S. 149, 755; ders., Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 3: Bismarck und das Reich, Stuttgart 31988, S. 47 f., 60 f., 1043–1048; Jeff Rutherford, The German War in the East: The Radical Variant of Fascist War, in: Alonso / Kramer / Rodrigo (Hg.), Fascist Warfare, S. 221–240, hier: S. 222; Holmes, A Tolerant Country? S. 106. Zu Lorenz von Steins Abhandlung: Lorenz von Stein, Zur preußischen Verfassungsfrage

4.2 Deutsches Kaiserreich



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Ebenfalls schon lange vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges hatten die staatlichen Behörden im Deutschen Kaiserreich slawische Einwanderer ihrer Sicherheitspolitik unterworfen. Zwar waren zwischen 1886 und 1890 Bestrebungen, alle Polen des Landes zu verweisen, am Widerstand der Gutsbesitzer gescheitert, die diese Saisonarbeiter dringend benötigten. Jedoch zwangen die Behörden sie, im Winter in ihre Heimat zurückzukehren.224 Ab 1907 mussten sich polnische Beschäftigte auch gesondert registrieren lassen. Der Verdacht subversiver Tätigkeit richtete sich aber nicht nur gegen die osteuropäischen „Slawen“, sondern vor allem ab 1910 auch gegen die Engländer, denen weithin Niedertracht, Verrat und kaltschnäuziges Kalkül unterstellt wurde. Franzosen betrachteten deutsche Nationalisten und die seit der Jahrhundertwende an Einfluss gewinnende völkische Bewegung ohnehin als „Erbfeind“. Die Pazifisten, die sich in Organisationen wie dem 1911 gegründeten „Verband für Internationale Verständigung“ sammelten, erzielten demgegenüber nur eine geringe öffentliche Wirkung. Insgesamt war die Politik gegen „Reichsfeinde“ schon vor 1914 eng auf die Einschränkung der Migration und die Ziele bezogen, nationale Einheit und ethnische Homogenität herzustellen. Dazu griffen staatliche Institutionen zunehmend in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ein, ohne damit allerdings eine lückenlose Kontrolle zu erreichen.225

Ausnahmezustand und Kompetenzen der Behörden Mit der Erklärung des Kriegszustandes am 31. Juli 1914 wurde Artikel 68 der Reichsverfassung – und damit indirekt auch das preußische Gesetz über den Belagerungszustand – in Kraft gesetzt. Angesichts des von Kaiser Wilhelm II. erklärten akuten Notstandes übertrug der Monarch den Kommandeuren von 62 Militärbezirken – darunter den Befehlshabern der Stellvertretenden Generalkommandos in 24 Armeekorpsbezirken – weitreichende exekutive Vollmachten. (1852), ND Berlin 2002. Dazu auch: Dirk Blasius, Einleitung: Carl Schmitt nach 1945 – Umwertungen und Wertschätzung eines politischen Juristen, in: ders., Carl Schmitt und der 30. Januar 1933. Studien zu Carl Schmitt, Frankfurt/M. 2009, S. 9–17, hier: S. 11, 13. 224 Klaus J. Bade, „Preußengänger“ und „Abwehrpolitik“. Ausländerbeschäftigung, Ausländerpolitik und Ausländerkontrolle auf dem Arbeitsmarkt in Preußen vor dem Ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 24 (1984), S. 91–162; ders., Politik und Ökonomie der Ausländerbeschäftigung im preußischen Osten. Die Internationalisierung des Arbeitsmarkts im Rahmen der preußischen Abwehrpolitik, in: Hans-Jürgen Puhle / Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Preußen im Rückblick, Göttingen 1980, S. 273–299; Reinecke, Grenzen, S. 242. 225 Matthew Stibbe, German Anglophobia and the Great War, 1914–1918, Cambridge 2001, S. 26; Michael E. Nolan, The Inverted Mirror. Mythologizing the Enemy in France and Germany, 1898–1914, New York 2005, S. 87, 95, 102; Reinecke, Grenzen, S. 386 f.

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Nur Bayern war davon ausgenommen. Da die Kommandeure an die Front ausrückten, ernannten sie Stellvertreter, die im Namen der „öffentlichen Sicherheit“ nunmehr die oberste Zivilgewalt ausübten. Dazu erließen sie jeweils Verordnungen oder Verfügungen. In ihren Bezirken waren die stellvertretenden Kommandeure nicht nur für den Umgang mit Kriegsgefangenen, sondern auch für die Kontrolle von Zivilisten zuständig, gegen die sie u. a. „Schutzhaft“ verhängen durften. Diese repressive Maßnahme bezog sich gleichermaßen auf deutsche Kriegsgegner und zivile Feindstaatenangehörige. Das preußische Kriegsministerium sollte die Kriegsgefangenenpolitik koordinieren und in den 21 Armeekorpsbezirken, in denen schließlich Lager eingerichtet wurden, für ein einheitliches Vorgehen sorgen. Das Unterkunfts-Departement im Kriegsministerium war für deutsche Gefangene zuständig, die sich im Gewahrsam gegnerischer Staaten befanden.226 Grundsätzlich waren die stellvertretenden Militärkommandeure ermächtigt, sieben Grundrechte der preußischen Verfassung zu suspendieren: persönliche Freiheit, Meinungsfreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, den Anspruch auf einen gesetzlichen Richter und das Verbot von Ausnahmegerichten. Organisationen, die nach Auffassung der Militärs die Sicherheit des Reiches gefährdeten, durften verboten werden. Darüber hinaus oblag den stellvertretenden Kommandeuren die Durchsetzung des wirtschaftlichen Notrechts und der Zensur. Am 31. Juli 1914 wurde ihnen dafür auch die Polizei unterstellt. Ausländer mussten ihren Pass mitführen, und neue Ausweise an Einreisende wurden nicht mehr ausgestellt. Damit sollte Mobilität kontrolliert werden. Darüber hinaus wurde allen Briten eine nächtliche Ausgangssperre und eine Pflicht auferlegt, sich täglich bei Polizeiwachen zu melden. Ebenso verschärften die Behörden für andere Ausländer die Meldepflicht, die schon vor 1914 grundsätzlich auch für Deutsche gegolten hatte. Japaner, die Deutschland nicht über die Schweiz verlassen hatten, nahm die Polizei bei Kriegsbeginn gefangen. Darüber hinaus gestanden die Abgeordneten des Reichstages der Regie-

226 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, München 2003, S. 41; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992, S. 786 f.; Wilhelm Deist, Das Militär an der „Heimatfront“ 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945, in: Thoß / Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg, S. 375–389, hier: S. 376; Wurzer, Die Gefangenen, S. 415. Vgl. auch Klaus Otte, Lager Soltau. Die Kriegsgefangenen- und Internierungslager des Ersten Weltkrieges (1914–1921). Geschichte und Geschichten, Soltau 1999, S. 14, 19; Huber, Verfassungsgeschichte, Bd. 5, S. 45 f.; ders., Verfassungsgeschichte, Bd. 3, S. 1043, 1049 f., 1052 f.; Wilkinson Prisoners of War, S. 47; Keller, Beyond the ‚People’s Community‘, S. 105; Welch, Germany, S. 137. Exemplarisch die Bekanntmachungen des Oberbefehlshabers in den Marken in: Ulrich Cartarius (Hg.), Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918, München 1982, S. 16–19.

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rung auf der Grundlage des „Gesetzes über den Belagerungszustand“ am 4. August 1914 im „Kriegs-Ermächtigungsgesetz“ zu, „gesetzesvertretende Verordnungen“ zu erlassen, die ordentliche, vom Parlament verabschiedete Gesetze ersetzten. Damit hatten sie praktisch der Durchsetzung der „militärischen Exekutivsuprematie“ zugestimmt.227 Das Staatsnotrecht ermächtigte den Bundesrat, Maßnahmen gegen wirtschaftliche Schädigungen zu ergreifen, und Militär- und Zivilbehörden wurden beauftragt, die Mobilmachung und Kriegführung zu sichern. Schon in den ersten Kriegstagen beschlagnahmten die Militärbefehlshaber mit dieser Vollmacht Eigentum, das sie für die Kriegführung beanspruchten. Zudem konnten die zentralen Reichsbehörden Geschäfte von Feindstaatenangehörigen unter staatliche Kontrolle stellen. Verordnungen, die am 22. Oktober, 26. November und 22. Dezember 1914 erlassen wurden, unterwarfen britische, französische und russische Unternehmen einer Zwangsverwaltung. Damit hatte die Reichsleitung ihre Politik, die zunächst zurückhaltend geblieben war, erheblich verschärft. Am 31. Juli 1916 ordnete sie schließlich sogar die Liquidierung britischen Eigentums an. Vor allem im Elsass und in Lothringen, aber auch in Hamburg und Preußen, wo sich Investitionen von Briten konzentriert hatten, wurden Betriebe beschlagnahmt oder aufgelöst. Damit sollten Übergriffe auf deutsches Eigentum in den britischen Kolonien vergolten werden, wo erhebliches Vermögen beschlagnahmt worden war.228

Angst vor Unterwanderung und Fremdenfeindlichkeit nach Kriegsbeginn Die Gesetzgebung gegenüber Feindstaatenausländern war begleitet von einer umfassenden Mobilisierung, in der die Geschlossenheit der Nation in einer angeblich homogenen Kampfgemeinschaft propagiert wurde. Der innere Zusammenschluss ging mit der Ausgrenzung ethnischer Minderheiten und „innerer Feinde“ einher. Dazu gehörten u. a. Juden, Polen, Franzosen und Dänen. Die emotional aufgeladene nationalistische Begeisterung und die fremdenfeindli227 Martin Creutz, Die Pressepolitik der kaiserlichen Regierung während des Ersten Weltkriegs. Die Exekutive, die Journalisten und der Teufelskreis der Berichterstattung, Frankfurt/ M. 1996, S. 43, 49; Mathieu Deflem, Policing World Society. Historical Foundations of International Police Cooperation, Oxford 2002, S. 112; Torpey, Invention, S. 112 f.; Wippich, Internierung, S. 19; Reinecke, Grenzen, S. 226 f.; Altenhöner, Kommunikation, S. 39; Caglioti, Subjects, S. 502; Stibbe, Community, S. 81; ders., Anglophobia, S. 24. 228 Vgl. S. 259–261 und Caglioti, Property Rights, S. 5 f., 10. Ergänzend: Friedrich Lenz / Eberhard Schmidt, Die deutschen Vergeltungsmaßnahmen im Wirtschaftskrieg, nebst einer Gesamtbilanz des Wirtschaftskrieges, 1914–1918, Bonn 1924.

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che Politik richteten sich besonders gegen Angehörige von Staaten, gegen die Deutschland Krieg führte.229 Die Kriegserklärung an Frankreich vom 3. August 1914 löste in Deutschland keineswegs nur Begeisterung oder Indifferenz aus, sondern führte auch eine Panik herbei, in der vor allem die Furcht vor Spionen in der nationalen Emotionsgemeinschaft geradezu hysterische Züge annahm. So notierte der Schriftsteller und Publizist Harry Graf Kessler (1868–1937) am 5. August 1914 seinen Eindruck, dass in Berlin die Bevölkerung „vollkommen den Kopf verloren“ hätte.230 Ähnlich kennzeichnete der Schriftsteller Ernst Toller (1893–1939) die Stimmung zu Kriegsbeginn: „… die Luft ist geladen mit unbrüderlichem Mißtrauen.“231 Selbsternannte Bürgerwehren errichteten Straßensperren, an denen sie Fremde kontrollierten und damit das staatliche Machtmonopol einschränkten. Die nationalistischen und rassistischen Ressentiments trafen auch unschuldige Frauen wie die österreichische Schriftstellerin Grete Gulbransson (1882–1934), die im August 1914 in Berlin von einer pfeifenden Menge verfolgt wurde, weil sie mit langen Schritten auf der Straße gelaufen und deshalb für einen verkleideten russischen Spion gehalten worden war. Ermutigt von den Generalkommandos und den ihnen untergeordneten Behörden, jagten in Deutschland im Sommer 1914 überall Milizen „innere Feinde“. Dazu zählten auch renommierte Wissenschaftler wie der Historiker Nikolai Karejew (1850–1931), der sich im Sommer 1914 in Deutschland aufhielt. Als besonders verdächtig galten russische Juden. Die emotionale Kriegsgemeinschaft festigte in Deutschland jedoch vor allem die Furcht vor englischen Spionen. Angestachelt von der Regierungspropaganda und der Presse, attackierten aufgebrachte Deutsche sogar westliche Diplomaten wie den US-Botschafter in Berlin, James Gerard (1867–1951). Die Schutzmächte – so Spanien für die Russen – waren in den ersten Wochen des Krieges mit der Aufgabe, die bedrängten Feindstaatenangehörigen zu schützen, oft überfordert. Einzelne von ihnen wurden aber von Privatpersonen unterstützt. So appellierte der Geschichtswissenschaftler Theodor Schiemann (1847– 1921) erfolgreich an die Reichsleitung, seinem Kollegen Karejew die Ausreise nach Russland zu erlauben.232 229 Sven Oliver Müller, Deutsche Soldaten und ihre Feinde. Nationalismus an Front und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt/M. 2007, S. 30–35; Grady, Legacy, S. 135. 230 Harry Graf Kessler, Das Tagebuch, Bd. 5: 1914–1916, hg. v. Günter Riederer und Ulrich Ott, Stuttgart 2008, S. 81. 231 Cartarius (Hg.), Deutschland, S. 16. 232 Thomas Flemming / Bernd Ulrich, Heimatfront. Zwischen Kriegsbegeisterung und Hungersnot – wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg erlebten, München 2014, S. 40, 42–48; William C. Fuller, The Foe Within. Fantasies of Treason and the End of Imperial Russia, Ithaca 2006, S. 172; Altenhöner, Kommunikation, S. 194, 205; Deflem, Policing World Society, S. 112;

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Als im Kaiserreich im Herbst 1914 die Hoffnung auf einen schnellen Sieg schwand, wuchs die Fremdenfeindlichkeit, die mit akuten Sicherheitsängsten einherging. Deutsche gingen nicht nur gegen den Gebrauch von Fremdwörtern in der Öffentlichkeit vor, sondern sie verfolgten – wie bereits angedeutet – auch vermeintliche Feindstaatenangehörige. Vielerorts galten Männer mit schwarzen Bärten als Russen und damit zugleich als potentielle Agenten. Obgleich die Furcht vor diesen „Feinden“ politisch besonders aufgeladen war, richtete sich der Verdacht auch gegen Personen mit Regenmänteln nach englischer Mode. Gerade weil die von der Reichsleitung gebetsmühlenartig beschworene „nationale Einheit“ ebenso eine Illusion blieb wie der „Geist von 1914“, vollzog sich eine innenpolitische Polarisierung. Damit ging eine Radikalisierung der Feindbilder einher, die sich vorrangig auf die gegnerischen Staaten bezogen, so den „perfiden Albion“ (Großbritannien), das „despotische“ Russland und das „aggressive“ Frankreich. Zugleich verbreitete sich im Deutschen Kaiserreich Angst vor „Verrätern“ und „Spionen“. „Undeutsche“ Gruppen wurden aus der entstehenden „Volksgemeinschaft“ des Ersten Weltkrieges ausgeschlossen, und viele Deutsche verdächtigten Minderheiten wie die Elsässer und Lothringer der Spionage. Angesichts des erheblichen Misstrauens wurden allein im Elsass und in Lothringen schon in der Mobilisierungsphase im August 1914 rund 400 Menschen verhaftet, darunter Landtagsabgeordnete, die eine Autonomie des deutschen Bundesstaates unterstützten. Alles in allem prägten in Deutschland Verschwörungsvorstellungen und eine ausufernde Semantik des „Verrats“ die Kriegsmobilisierung. Der „innere Feind“ wurde ein „diskursiv verbreitetes Distinktions- und Integrationsmittel.“ Der Befund, dass Spionagefurcht wichtiger war als Spionage selber, verweist darauf, dass Sicherheit auch im Deutschen Kaiserreich konstruiert und emotional grundiert war.233 So entstanden nach dem Kriegsbeginn Gerüchte, dass sich feindliche Spione als Nonnen, Äbte oder Priester verkleiden könnten. Angeblich verbreiteten sie bewusst Krankheiten, und sie wurden beschuldigt, Lebensmittel und Wasser zu vergiften.234 Auch eskalierte die Suche nach „Goldautos“, mit denen das Edelmetall angeblich durch Deutschland von Frankreich nach Russland transportiert wurde, in einigen Gemeinden zu wahllosen Angriffen auf verdächtigte Pitzer, Night, S. 99; Grady, Legacy, S. 60; Kershaw, Höllensturz, S. 101; Gosewinkel, Einbürgern, S. 329. Zum Angriff auf Gerard: Ketchum, Ruhleben, S. 6. 233 Christoph Nübel, Die Mobilisierung der Kriegsgesellschaft. Propaganda und Alltag im Ersten Weltkrieg in Münster, Münster 2008, S. 75; Welch, Germany, S. 58 f.; Stibbe, A Question of Retaliation?, S. 4; Müller, Soldaten, S. 38, 43 f.; Purseigle, Reception, S. 82. Angabe nach: Kramer, Wackes, S. 108. 234 Alexander Watson, Ring of Steel. Germany and Austria-Hungary at War, 1914–1918, London 2014, S. 336; Bischoff, Spy Fever.

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Pkws. Selbstermächtigte Patrouillen setzen dabei z. T. Waffen gegen Fahrer ein. Im Regierungsbezirk Bromberg (Provinz Posen) wurde sogar der Landrat des Kreises Schubin erschossen. In den Straßenblockaden spiegelten sich zwar auch die traditionalen Aversionen gegen den Autoverkehr, der aus der Sicht von Dorfbewohnern das ländliche Leben störte. Die Kontrollen hatten aber ein Gerücht ausgelöst, das wahrscheinlich die Presseabteilung des Großen Generalstabes gezielt lanciert hatte, um mit der Warnung vor Goldtransporten die Kriegsbereitschaft zu erhöhen. Damit hatte sie fremdenfeindliche Angriffe ausgelöst, die Gemeinschaften festigten, nicht zuletzt durch emotionale Bindungen und körperliche Kontakte. Die Mobilisierung wurde vielerorts auch von der Polizei unterstützt, die beauftragt war, Spionage und Sabotage zu verhindern. Dazu überwachte sie besonders Brücken, Verkehrsverbindungen und Fabriken, z. T. in Kooperation mit den selbsternannten Ordnungskräften. Kontrolle „von oben“ und militante Selbstmobilisierung „von unten“ griffen ineinander. Die Zahl der Todesopfer dieser „Spionitis“ belief sich nach Schätzungen auf rund 60. Jedoch entzog sich die emotional aufgeladene Selbstmobilisierung in der Kriegsgesellschaft vielerorts der Kontrolle der Regierung und der lokalen Behörden. So mussten wiederholt Polizei und Feuerwehr eingesetzt werden, um – überwiegend haltlose – Gerüchte über Spionage und geplante Anschläge zu überprüfen. Die Beteiligung an den Übergriffen gegen Fremde, die als Sicherheitsrisiko stigmatisiert wurden, vermittelte deutschen Zivilisten die Illusion, dass auch sie zur Kriegführung ihres Landes beitrugen.235 Dazu gehörte die Durchsetzung einer strikten amtlichen Sprachpolitik, die fremde Einflüsse beseitigen sollte. Schon seit 1885 hatte sich dafür der Allgemeine Deutsche Sprachverein eingesetzt, dessen Mitglieder unterschiedlichen bürgerlichen Schichten angehörten. Umfassende „behördliche Fremdwortverdeutschungen“ erfassten bereits im späten 19. Jahrhundert besonders das Bauund Transportwesen (Eisenbahn).236 Auch in den deutschen Kolonien sollten Umbenennungen die Macht der neuen Herren symbolisch repräsentieren und damit festigen. So verboten die deutschen Behörden in Neuguinea, das offiziell „Kaiser-Wilhelmsland“ hieß, Englisch als erste Fremdsprache. Demgegenüber verdrängte die Kolonialverwaltung die Vielzahl der einheimischen Sprachen bewusst nur begrenzt, da sie eine Einigung der unterworfenen Bewohner und sogar Aufstände fürchtete. Ausgehend von diesen Eingriffen, erreichte die 235 Zitat: Altenhöner, Kommunikation, S. 193. Vgl. auch Uwe Fraunholz, Motorphobia. Antiautomobiler Protest in Kaiserreich und Weimarer Republik, Göttingen 2002, S. 167–170; Bischoff, Spy Fever; Reinecke, Grenzen, S. 225; Müller, Perspektiven, S. 54–57; Hirschfeld / Krumeich, Deutschland, S. 60 f. Zum Tod des Landrats der Presseartikel in: Cartarius (Hg.), Deutschland, S. 16. 236 Heine, Schulalltag, S. 59.

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„Fremdworthatz“ im Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt. Dabei wurden beispielsweise „Confiserien“ und Hotels mit ausländischen Namen umbenannt, so das Haus „Westminster“ im Zentrum von Berlin in „Lindenhof“. Eindeutschungen bezogen sich vorrangig auf französische und englische Wörter, aber auch auf die Schreibweise. So wurden aus „Cakes“ „Kekse“. Deutsche Nationalisten hofften sogar, nach einem Sieg ein „Weltdeutsch“ durchsetzen zu können, das aber einfach gehalten werden sollte, weil befürchtet wurde, dass ein differenziertes Vokabular in den Kolonien Propaganda gegen die Herrschenden erleichtern und Rebellionen auslösen könnte.237 Die deutsche Kriegspropaganda richtete sich zunächst vor allem gegen den „Verrat“ Großbritanniens, da die Reichsleitung noch Anfang August 1914 auf eine Neutralität des Inselreiches gehofft hatte. Daneben nährte sie gezielt die Angst vor „Kosakengreueln“, nachdem die russische Armee in demselben Monat Gebiete Ostpreußens erobert und besetzt hatte. Erst als auch völlig Unschuldige angegriffen wurden, die Polizei von einer Flut von Anzeigen überschwemmt wurde und gegen gewalttätige Übergriffe einschreiten musste, unterbanden die Militärbefehlshaber im Herbst 1914 irreguläre Straßensperren und andere willkürliche Aktionen. Schon im August 1914 hatte der Generalstab zwar Wachsamkeit angeordnet, aber – zunächst vergeblich – versucht, eine „planlose Spionenfurcht“ zu verhindern. Auch riefen die Behörden die Polizisten auf, Ruhe zu bewahren. Sogar die Kriegspropaganda wurde zeitweilig zurückgenommen, um unkontrollierbare Ängste einzudämmen, die als Ausdruck einer „weiblichen Hysterie“ galten. Ab Ende 1914 mussten Extrablätter, die zunächst mit sensationellen Nachrichten fremdenfeindliche Übergriffe ausgelöst hatten, im Deutschen Reich amtlich genehmigt werden. Anschließend beruhigte sich die Lage, so dass braungebrannte oder „slawisch“ aussehende Deutsche keine Attacken mehr fürchten mussten. Auch sah das deutsche Militär von Maßnahmen gegen die polnische Bevölkerung in Westpreußen ab, da sie zumindest 1914/15 offenbar nicht pauschal der Illoyalität bezichtigt wurde.238 Damit war die Agitation gegen „Slawen“ aber keineswegs gebrochen. In der fortdauernden Feindlichkeit gegenüber dieser Volksgruppe waren nationale, soziale und rassistische Abgrenzungen wirksam. So galten Russen nicht nur als 237 Christoph Nonn, 12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreichs 1871–1918, München 2020, S. 564. Welch, Germany, S. 59; Heine, Schulalltag, S. 60, 124 f. 238 Benjamin Ziemann, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914–1923, Essen 1997, S. 52; Peter Lieb, Der deutsche Krieg im Osten von 1914 bis 1919. Ein Vorläufer des Vernichtungskriegs?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 465– 506, hier: S. 471; Becker / Krumeich, Krieg, S. 184; Nübel, Mobilisierung, S. 82; Welch, Germany, S. 59–61.

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„unerwünscht“, sondern als gefährliche Feinde, die oft eng an die gleichfalls verfemten Juden gerückt wurden. Schon vor 1914 hatten vor allem konservative Presseorgane wie die „Kreuz-Zeitung“ das Zarenreich nicht mehr – wie noch unmittelbar nach der Niederlage im Krieg gegen Japan (1904/5) – nur als Großmacht im Niedergang, sondern auch als zunehmende Gefahr für die Sicherheit Deutschlands dargestellt. Dabei war – so von der „Kölnischen Zeitung“ in einem Aufsehen erregenden Artikel am 2. März 1914 – außer der wachsenden Kriegsrhetorik im Zarenreich vor allem auf den Panslawismus und die damit verbundene Expansionspolitik auf dem Balkan verwiesen worden. Liberale Presseorgane, die zunächst auf die innenpolitischen Zwecke der Propagandakampagne in Russland und die Angst der Eliten vor einem Umsturz verwiesen hatten, teilten im Sommer 1914 die weit verbreitete Feindschaft gegen Russen, die auch im sozialdemokratischen Vorwärts als rückständig, „barbarisch“ und „asiatisch“ verdammt wurden. Angesichts der Anfangserfolge der Zarenarmee, die im August 1914 mit insgesamt rund 650.000 Soldaten in Ostpreußen vorrückte, wurden Russen in Deutschland schon in den ersten Kriegswochen verfolgt und unterdrückt. Die Berichte über Gräueltaten von Soldaten – vor allem Kosaken – knüpften nahtlos an die Vorkriegspropaganda an. An der Agitation beteiligten sich außer den Printmedien, die bis 1916 nicht zentral von der Reichsleitung gesteuert wurden, auch einflussreiche Intellektuelle wie der Soziologe Max Weber (1864–1920) und der Historiker Friedrich Meinecke (1862– 1954), die eindringlich vor der „Gefahr aus dem Osten“ warnten.239

Die Politik gegenüber zivilen Feindstaatenangehörigen Im dezentralen System der Bezirkskommandanturen fehlte eine koordinierende Instanz, auch nach der Einrichtung eines Obermilitärbefehlshabers (in Person des preußischen Kriegsministers) Ende 1916.240 Regionale und lokale Unterschiede im Umgang mit „inneren Feinden“ sind deshalb unübersehbar. So scheiterte eine einheitliche Regelung für deutschstämmige Ausländer an den Universitäten am Widerstand Preußens, wo die Behörden nicht nur nach der Staatsangehörigkeit und Abstammung entscheiden wollten (wie vom badischen 239 Troy Paddock, Creating the Russian Peril. Education, the Public Sphere, and National Identity in Imperial Germany, 1890–1914, Rochester 2010, S. 156, 164, 167–179, 186, 192, 198, 201–210, 226; ders., Still Stuck at Sevastopol: The Depiction of Russia During the Russo-Japanese War and the Beginning of the First World War in the German Press, in: German History 16 (1998), S. 358–376, hier: S. 358, 364, 369–371, 375; Watson, „Unheard-of-Brutality“, S. 782, 813; Jahr / Thiel, Colour, S. 44. Angaben nach: Hirschfeld / Krumeich, Deutschland, S. 80. 240 Stevenson, 1914–1918, S. 334.

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Kultusminister gefordert), sondern auch die politische Loyalität zu einem wichtigen Kriterium erhoben. Zwischen einzelnen Universitätsstandorten bildeten sich deshalb beträchtliche Differenzen heraus. So verbreiteten sich in Göttingen im Spätsommer 1914 zwar Spionagefurcht und Fremdenfeindlichkeit. Hier unterstellten Einwohner einem behinderten jüdischen Studenten, dass sein Buckel künstlich sei und eine Bombe tarne. Überdies wurden alle russischen Wissenschaftler und Studierenden in einer Gewerbeschule in Gewahrsam genommen. Jedoch besuchten sie dort verschiedene Kommilitonen und Professoren, die sich auch bemühten, ihnen noch Abschlussprüfungen zu ermöglichen, indem sie Fristen verkürzten. Einzelne Hochschullehrer bürgten sogar für entlassene Russinnen und Russen. Außerdem half der Privatdozent für Physik Max Born (1882–1970) russischen Studierenden bei der Ausreise in die Schweiz. Diese Solidarisierung erregte den Argwohn nationalistischer Göttinger, die Unterstützung für die Feindstaatenangehörigen als „Ausländerei“ kritisierten. Dennoch hielten sich in der Stadt sogar zwei ehemalige Obersten der Zarenarmee auf, die bei Kriegsbeginn in Deutschland überrascht und zunächst im Offiziersgefangenenlager Celle interniert worden waren. Darüber hinaus wurden einzelne Russen noch zum Studium zugelassen. Auch in anderen Städten und Gemeinden erfuhren Feindstaatenangehörige, die nicht festgenommen worden waren und z. T. schon lange in Deutschland lebten, praktische Hilfe, vor allem nachdem die Kriegsbegeisterung Anfang 1915 zurückgegangen war. In engen Gemeinschaften, in denen die Fremden bekannt waren und respektiert wurden, konnte sich offenbar zumindest gelegentlich gegenseitiges Vertrauen gegenüber der nationalistischen Abgrenzung behaupten. Dieser Befund verweist auf Grenzen der „Totalisierung“ des Krieges.241 Demgegenüber war die Politik in anderen Städten, Dörfern und Regionen deutlich restriktiver. An der Universität Berlin wurden alle „feindlichen“ Studierenden, die nicht deutscher Abstammung oder „Bildungsinländer“ waren, konsequent ausgeschlossen. Hier sank der Anteil der Ausländer an allen Immatrikulierten deshalb vom Sommersemester 1914 bis zum Sommer 1918 von 15,2 auf 4,6 Prozent. Auch an der Universität im hessischen Gießen setzte die Verwaltung unter dem Eindruck einer hier weit verbreiteten Angst vor Spionen einen Ministererlass zum Ausschluss von Studierenden aus gegnerischen Ländern offenbar direkt um. Feindstaatenausländer durften hier nicht mehr studieren oder 241 Trude Maurer, „…und wir gehören auch dazu“. Universität und ‚Volksgemeinschaft‘ im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2015, S. 772, 777; dies., „Akademische Bürger“ und „feindliche Ausländer“: Rußländer an deutschen Universitäten im Ersten Weltkrieg, in: Bauerkämper / Rostislavleva (Hg.), Russland, S. 280–288, hier: S. 286 f.; dies., Fremde, Feinde – oder Freunde?, S. 104 f., 107, 112; dies., Kombattanten, S. 191, 204, 208 f. Allgemein: Becker / Krumeich, Krieg, S. 188.

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promoviert werden. Die Universitätsverwaltung gewährte nur wenige Ausnahmen. Noch drastischer waren die Maßnahmen an der Universität Straßburg, wo Ausländer im Sommer 1914 noch 175 Studierende (8,9 Prozent der Immatrikulierten) gestellt hatten. Schon im Winter 1914/15 waren von diesen nur sieben geblieben. Insgesamt ging die Zahl der ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen schon vom Sommer 1914 bis zum darauffolgenden Winter von 4.750 auf 1.438 zurück. Ein Jahr später wurden nur noch 1.302 Studierende aus anderen Ländern registriert. Von 2.669 Angehörigen späterer Feindstaaten studierten im Kaiserreich 1915 nur noch 62 „Russen“, fünf Italiener, zwei Engländer und ein Belgier. Auch an vielen Hochschulen sollte das Vorgehen gegen wehrlose zivile Feindstaatenangehörigen offenbar die nationale Loyalität der Betroffenen und ihr Engagement für die Kriegführung Deutschlands belegen. Mit der Mobilisierung gegen die feindlichen Ausländer reihten sie sich in die vielbeschworene Verteidigungsgemeinschaft ein, die als „Heimatheer“ verherrlicht wurde.242 Die fehlende Koordination und Einheitlichkeit der Politik gegenüber Feindstaatenausländern zeigte sich aber nicht nur im Umgang mit ausländischen Studierenden, sondern auch in den Reaktionen der Behörden auf Rückkehrgesuche. Einzelnen Arbeitern, Urlaubern und Studierenden, die Feindstaaten angehörten, wurde noch Ende Juli und Anfang August die Ausreise erlaubt. Zudem beschloss die Regierung nach einer Beratung am 17. August, in Zukunft andere „unverdächtige“ Ausländer auszuweisen. Nach einem Erlass des Preußischen Innenministeriums vom 2. September 1914 sollte vorrangig Angehörigen von Staaten, deren Regierungen auch Deutschen die Rückkehr gestatteten, die Ausreise erlaubt werden. So durften Russen, die von den Behörden als „harmlos“ eingestuft worden waren, Deutschland mit Unterstützung des „Hilfsvereins der deutschen Juden“ noch nach der Kriegserklärung Deutschlands gegenüber dem Zarenreich (1. September 1914) verlassen. Allerdings protestierten Hunderte nationalistischer Juden beim Generalsekretär des Verbandes, Bernhard Kahn (1876–1955), gegen das Hilfsangebot für die Ostjuden. Auch musste Kahn den Widerstand einzelner Militärs wie des stellvertretenden Kommandeurs des 2. Armeekorps in Stettin, Hermann von Vietinghoff (1851–1933), überwinden, obgleich sich der Stellvertreter des Generalstabschefs in Berlin für den Austausch ausgesprochen hatte. Letztlich konnten aber 17 Züge mit russischen Staatsbürgern aus Berlin abfahren. Hinzu kamen vier weitere Transporte aus Frankfurt (Main).243 242 Angaben nach: Maurer, „…und wir gehören auch dazu“, S. 771, 780, 789. Vgl. auch Maurer, „Akademische Bürger“, S. 284–286. 243 Hierzu und zum Folgenden: Jahr / Thiel, Colour, S. 44 f.; Reinecke, Grenzen, S. 228 f.; Grady, Legacy, S. 60 f., 119; Barnett, Internment, S. 1; Borodziej / Górny, Weltkrieg, S. 260.

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Vor allem Russen, die nicht wehrpflichtige Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren waren, mussten Deutschland verlassen. Nur verdächtige Personen setzte die Polizei fest. So wurde einer Gruppe russischer Schachspieler, die bei der Rückfahrt aufgefallen waren, die Ausreise verwehrt. Touristen, die ihren Urlaub beispielsweise in beliebten Kurorten verbrachten, schützten mancherorts zunächst Hotelinhaber oder private Gastgeber. Auch der 21-jährige kanadische Student John Davidson Ketchum, der erst am 27. Juni aus Großbritannien nach Berlin zurückgekehrt war, um dort an der Universität sein Musikstudium fortzusetzen, musste sich in den ersten Wochen nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich lediglich regelmäßig bei der Polizei melden. Erst als er am 28. August seine Aufenthaltsbescheinigung nicht vorwies, wurde er verhaftet, zunächst in die Berliner Stadtvogtei eingewiesen und schließlich im Lager Ruhleben interniert. Auch britische Seeleute wurden schon im August 1914 in deutschen Häfen festgesetzt, überwiegend in Hamburg. Einzelne festgenommene Zivilisten, die Kriegsgegner geworden waren, ließen die Behörden vorübergehend wieder frei, bevor die stellvertretenden Kommandeure der Armeebezirke zum Jahresende ihre endgültige Internierung anordneten. Alles in allem war der Umgang mit zivilen Feindstaatenangehörigen im Deutschen Reich in den ersten Kriegswochen unsystematisch und widersprüchlich, da die Kompetenzen unklar blieben. Außerdem rechneten weder die Reichsleitung noch die Militärführung mit einem langen Krieg.244 Die unterschiedliche Behandlung der zivilen Feindstaatenangehörigen ist z. T. auf Befehlshaber zurückzuführen, die ihren Handlungsspielraum nutzten; sie spiegelte aber vor allem die mangelnde Vorbereitung, die widersprüchliche Politik und die unterschiedlichen Auffassungen in den beteiligten deutschen Verwaltungen wider. So forderten das preußische Kriegsministerium und der Große Generalstab, wehrfähige feindliche Ausländer zu inhaftieren, aber alle anderen Angehörigen gegnerischer Nationen abzuschieben, um mit diesen Personen nicht mehr belastet zu werden. Dagegen plädierten die Stellvertretenden Generalkommandos für ein differenzierteres Vorgehen. So trat das VIII. Armeekorps in Koblenz dafür ein, unverdächtige wehrpflichtige Feindstaatenangehö-

Instruktiver Fall in: NA, FO 383/523, Bl. 87. Vgl. auch Dimitrij Olejnikow, Von Ritterlichkeit zu Verachtung. Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das Verhälnis zu den Deutschen, in: Karl Eimermacher / Astrid Volpert (Hg.), Verführungen der Gewalt. Russen und Deutsche im Ersten und Zweiten Weltkrieg, München 2005, S. 179–204, hier: S. 195; Wippert, Internierung, S. 25. 244 Rainer Pöppinghege, Leben im Lager. Die Kriegsgefangenen-Zeitschrift „L’echo du Camp de Rennbahn“ als sozialgeschichtliche Quelle, in: Westfälische Zeitschrift 149 (1999), S. 195– 207, hier: S. 196. Zu Ketchum: Ketchum, Ruhleben, S. XIV, 4.

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rige zwar in Deutschland festzuhalten, sie aber nicht als Kriegsgefangene einzustufen.245 Insgesamt hatten die Militärführung und die Reichsleitung den Umgang mit Staatsangehörigen gegnerischer Nationen völlig vernachlässigt. Dies galt besonders für die Unterbringung der Festgenommenen. Erst am 7. August 1914 wurde mit dem Unterkunftsdepartement im Preußischen Kriegsministerium eine zentrale koordinierende Planungs- und Koordinationsinstanz festgelegt. Diese Einrichtung gewann nur langsam die Kontrolle über die schnell eintreffenden Kriegsgefangenen und die zivilen Feindstaatenangehörigen, denn letztlich waren die einzelnen Kommandeure ausschließlich gegenüber dem Kaiser verantwortlich. Zudem erschwerte die Selbständigkeit der Lagerkommandanten und – ab 1915 – die Verteilung der Kriegsgefangenen auf verschiedene Arbeitskommandos außerhalb der Lager die Übersicht und eine einheitliche Behandlung. Im Gegensatz zu Soldaten wurden die Zivilinternierten im Allgemeinen aber nicht gezwungen, eine Beschäftigung aufzunehmen. Jedoch unterstanden alle Insassen dem Militär, und sie wurden überwiegend im von Landsturmmännern bewacht. Mit Kriegsbeginn hatte die Reichsleitung die Grenzen Deutschlands gesperrt, so dass ein Rücktransport von Feindstaatenausländern nicht mehr möglich war. Damit sollte eine Konzentration der Verkehrsmittel auf militärische Zwecke erreicht, aber auch die Rückkehr wehrfähiger Männer und der Verlust von Arbeitern, die gegnerischen Nationen angehörten, verhindert werden. Das Innenministerium Mecklenburg-Schwerins ordnete am 3. August 1914 an, ausländische Beschäftigte zu entwaffnen, zu bewachen und zu verhaften, wenn sie sich unerlaubt von der Arbeit entfernten. Darüber hinaus wurden ihnen der Alkoholgenuss und der Besuch von Städten verboten. Am darauffolgenden Tag untersagten die preußischen Behörden von den rund 430.000 osteuropäischen Saisonarbeitern (überwiegend Polen), die zur Ernte nach Deutschland gekommen waren, etwa 300.000 die Rückkehr in ihre Heimat. Sie wurden in Deutschland festgesetzt und vielerorts in Barackenlagern untergebracht. Nachdem die Niederlage der deutschen Truppen an der Marne im September 1914 den Hoffnungen auf einen schnellen Sieg Deutschlands den Boden entzogen hatte, sollten ausländische Beschäftigte, die sich zu Kriegsbeginn im Reich befanden, unbedingt hierbleiben, um den steigenden Arbeitskräftebedarf zu sichern, zunächst vor allem auf dem Lande. Hier waren nach offiziellen Angaben bei Kriegsbeginn 291.538 Polen aus Russland beschäftigt. Da die vorgeschriebene Zulassung durch Zwangslegitimierung aber in vielen Fällen umgangen wurde, 245 Hierzu und zum Folgenden: Hinz, Gefangen, S. 69, 71 f., 136; Pöppinghege, Lager, S. 59; ders., Leben, S. 197; Wilkinson Prisoners of War, S. 47.

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ist die Zahl der polnischen Arbeiter in Deutschland im Sommer 1914 sogar mit rund 500.000 veranschlagt worden. Ein Erlass des preußischen Ministers des Innern und für Landwirtschaft vom 28. September 1914 verbot russisch-polnischen Beschäftigten einen Ortswechsel ohne polizeiliche Genehmigung und wehrpflichtigen Russen im Alter von 17 bis 45 Jahren die Rückkehr in ihre Heimat. Nach einer Entscheidung vom 7. November mussten alle Saisonarbeiter aus Russland und Russisch-Polen neue Arbeitsverträge akzeptieren. Schon im Oktober war das Rückkehrverbot auf sämtliche ausländischen Beschäftigten ausgedehnt worden, die sich im Deutschen Reich befanden. Darunter waren auch belgische Arbeiter, die zunächst zwar nicht in Lager eingewiesen wurden. Dennoch waren damit die Grundlagen eines restriktiven Sonderarbeitsrechts gelegt worden, das nicht zuletzt auf der Furcht vor einem inneren Umsturz infolge von Arbeitskräftemangel oder subversiver Aktivität von Fremdarbeitern beruhte.246 Auch andere Angehörige von Feindstaaten wurden festgehalten. Diejenigen, die in deutschen Einrichtungen beschäftigt waren oder studierten, mussten nach einem preußischen Erlass vom 30. August 1914, den der Reichskanzler auch den anderen Länderregierungen auferlegte, aus Institutionen wie Hochschulen ausgeschlossen werden. Viele von ihnen wurden aber festgehalten. So durften russische Gastwissenschaftler, die im wehrfähigen Alter waren, Universitätsstädte wie Göttingen nicht verlassen. Dagegen erlaubten die Behörden Wehrpflichtigen, die aus Österreich-Ungarn stammten, die Rückkehr, da dazu vor 1914 Vereinbarungen getroffen worden waren. Allerdings gaben Bauern und örtliche Verwaltungen sogar Saisonarbeitskräfte, die in der Doppelmonarchie 246 Angaben nach: Wolfram Pyta, Polnische und belgische Arbeiter in Preußen während des Ersten Weltkrieges, in: Geschichte in Köln 14 (1983), Nr. 1, S. 62–120, hier: S. 67; Janz, 14, S. 128; Avner Offer, The First World War. An Agrarian Interpretation, Oxford 1989, S. 62; Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert, S. 33–35, 114 f.; Panayi, Minorities, S. 237; Gustavo Corni / Francesco Frizzera, Die Diskussion um die „Zwangswirtschaft“ während des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 66 (2018), S. 17–41, hier: S. 20; Grady, Legacy, S. 61; Stibbe, Civilian Internment, S. 154. Vgl. auch Ulrich Herbert, Zwangsarbeit als Lernprozeß. Zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter in der westdeutschen Industrie im Ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 24 (1984), S. 285–304, hier: S. 288, 296; Jochen Oltmer, Arbeitszwang und Zwangsarbeit – Kriegsgefangene und ausländische Zivilarbeitskräfte im Ersten Weltkrieg, in: Rolf Spilker / Bernd Ulrich (Hg.), Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg, 1914–1918, Bramsche 1998, S. 97–107, hier: S. 99; Mark Spoerer, Kriegswirtschaft, Arbeitskräftemigration, Kriegsgesellschaft, in: Oltmer (Hg.), Handbuch S. 632–689, hier: S. 648; Gunter Mahlerwein, Grundzüge der Agrargeschichte, Bd. 3: Die Moderne (1880–2010), Köln 2016, S. 195; Hull, Destruction, S. 228; Thiel, Interventionen, S. 403; Thiel / Westerhoff, Zwangsarbeiterlager, S. 121 f.; Borodziej / Górny, Weltkrieg, S. 260; Wachsmann, KL, S. 239.

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angeworben worden waren, nur zögernd frei, weil in der Landwirtschaft die Ernte einzubringen war.247 Nach Kriegsbeginn wurden nur noch „feindliche Ausländer“ eingebürgert, die im Inland geboren waren. Einzelverfügungen und Verordnungen schränkten auch die persönliche Freiheit und Freizügigkeit dieser Gruppe ein. So untersagten die Behörden Versammlungen und Vereinigungen. Außerdem griffen die Presseabteilungen der stellvertretenden Generalkommandos mit ihrer Zensur in die Meinungsfreiheit ein. Dazu nutzten sie ein Spionagegesetz, das am 3. Juni 1914 erlassen worden war, um Gefahren für die öffentliche Sicherheit abzuwenden. Es sah harte Strafen für (versuchten) Landesverrat vor. Auch unterlagen Feindstaatenangehörige schon zu Kriegsbeginn einer Meldepflicht und Aufenthaltsbeschränkungen. Damit sollten „landesverräterische Beziehungen“, „Sabotage“ und „Subversion“ verhindert werden. Auch Dissidenten und nationale Minderheiten unterstanden der militärischen Strafgerichtsbarkeit, zu deren Ausübung die Kommandeure vierzig außerordentliche Gerichte einrichteten. Diese verurteilten Kriegsgegner und Feindstaatenangehörige auch wegen Äußerungen, die aus der Sicht der Machthaber von „unpatriotischer Gesinnung“ zeugten. Daneben wurden Angehörige von Gruppen, welche die innere Sicherheit im Kriegszustand zu gefährden schienen, vielfach direkt einer „Schutzhaft“ unterworfen, die keiner richterlichen Prüfung bedurfte. Allerdings wurde sie schon Mitte August 1914 gelockert. Gegen missliebige Deutsche ordneten die Behörden oft Festnahmen, polizeiliche Überwachung oder die Zwangsrekrutierung für die Armee an. Die Vollmacht für kriegsrechtliche Verhaftungen und Aufenthaltsbeschränkungen war aber begrenzt, denn Betroffene hatten das Recht, dem Reichsmilitärgericht Beschwerden zu übermitteln. Zudem wurde für rechtlich unbegründete Freiheitseingriffe nachträglich eine Entschädigung gewährt. Unverdächtige Feindstaatenangehörige, die über einen festen Wohnsitz verfügten und in ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis eingebunden waren, konnten unter Polizeiaufsicht gestellt oder – mit Ausnahme der Männer im wehrfähigen Alter – ausreisen. Allerdings setzte dies voraus, dass auch Deutsche gegnerische Staaten verlassen durften.248

247 Trude Maurer, Fremde, Feinde – oder Freunde? Studenten und Gelehrte aus dem Russischen Reich in Göttingen vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, in: Göttinger Jahrbuch 54 (2006), S. 89–112, hier: S. 91, 103; dies., Kombattanten, S. 209; Thiel, Interventionen, S. 402. 248 Maurer, Kombattanten, S. 196; Huber, Verfassungsgeschichte, Bd. 3, S. 1053; ders., Verfassungsgeschichte, Bd. 5, S. 57. Zitate nach: Schudnagies, Kriegs- und Belagerungszustand, S. 168.

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Internierung, „Schutzhaft“ und Lager Alles in allem war der Umgang mit den rund 15.000 Feindstaatenangehörigen, die sich in Deutschland aufhielten, inkonsistent, ungeplant und improvisiert. Zunächst wurden überdies nur wenige von ihnen interniert. Außer den Russen, die nicht im wehrfähigen Alter waren, durften auch französische und belgische Frauen, Kinder und Männer unter 17 und über 60 Jahren über die Schweiz ausreisen. US-Botschafter Gerard unterstützte diese Politik, indem er die kriegführenden Staaten aufrief, zivile Feindstaatenangehörige zu schonen. Die deutsche Reichsleitung gab ihre zurückhaltende Politik jedoch auf, nachdem die britische Regierung beschlossen hatte, wehrfähige Deutsche festzusetzen. Diese Maßnahme verlieh in der nationalistisch-konservativen Presse – so in der „Kreuz-Zeitung“ – Forderungen nach Vergeltung Auftrieb. Im Oktober 1914 beschlossen das Reichsamt des Innern, das Preußische Innen- und Kriegsministerium und der Admiralstab der Marine bei einer Besprechung schließlich, der englischen Regierung ein Ultimatum zu übermitteln. In dieser Mitteilung verlangte die deutsche Reichsleitung am 31. Oktober, bis zum 5. November alle in Großbritannien internierten Deutschen freizulassen. Nachdem diese Forderung nicht erfüllt worden war, wurde am 6. November angeordnet, alle männlichen Engländer im Alter von 17 bis 55 Jahren festzusetzen. Diese Gruppe gehörte zu den ersten Internierten, die als „bürgerliche Gefangene“ bezeichnet wurden. Jüngere und ältere Männer blieben jedoch ebenso verschont wie Frauen und Kinder, die zuvor repatriiert worden waren. Auch Geistliche und Ärzte wurden nicht erfasst. Auf diese Ausnahmeregelungen hatte sich die Reichsleitung schon im Oktober mit Großbritannien geeinigt. Allerdings mussten sich die nicht internierten Briten kontinuierlich bei Polizeidienststellen melden und permanent Ausweise mitführen.249 Die Internierung und andere Repressionsmaßnahmen verhängte die deutsche Reichsleitung nicht nur als Repressalie. Vielmehr blieb das Auswärtige Amt skeptisch gegenüber den Bemühungen anderer Behörden – so derjenigen des „Reichskommissars zur Erörterung von Gewalttätigkeiten gegen deutsche Zivilpersonen in Feindesland“, Otto Just (1854–1931) –, die Maßnahmen als gerechtfertigte Vergeltung für Übergriffe gegen Deutsche im Vereinigten König249 Lewis Foreman, In Ruhleben Camp, in: First World War Studies 2 (2011), S. 27–40, hier: S. 28; Jonathan F. Vance, Ruhleben, S. 256–258, hier: S. 257; ders., Civilian Internees – World War I, S. 50; Stibbe, A Question of Retaliation?, S. 11–15; Speed, Prisoners, S. 80, 147 (Angabe), 148; FRUS, 1915, Supplement, S. 997 f.; Stibbe, Community, S. 80; ders., Enemy Aliens and Internment; Reinecke, Grenzen, S. 215; Maurer, Kombattanten, S. 191; Spiropoulus, Ausweisung, S. 85 f.; Barnett, Internment, S. 9 f. Aus der Perspektive eines betroffenen Internierten: Ketchum, Ruhleben, S. XVI f., 7.

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reich zu verteidigen. Auch der Einsatz schwarzer Wachsoldaten gegen deutsche Soldaten und Kriegsgefangene löste Proteste aus. Das Vorgehen gegen zivile Angehörige der Entente-Mächte war auch auf den Druck vieler Militärkommandeure zurückzuführen, die „Sicherheit“ an der Heimatfront forderten. Die Verhaftung und Kontrolle der Briten, die der Generalstab als wichtigsten Gegner betrachtete, wurden deshalb als „militärische Notwendigkeit“ gerechtfertigt. Außerdem sollte das Vorgehen gegen die zivilen Feindstaatenangehörigen die Entschlossenheit der Regierung zeigen, den Krieg auch nach dem Rückschlag an der Marne durchzuhalten und bis zum Sieg zu führen. Nicht zuletzt dienten die Internierten als Geiseln, die mit gegnerischen Staaten gegen Deutsche ausgetauscht werden konnten. So entwickelte sich zwischen den Kriegsgegnern schon früh eine Dynamik von Repressalien, die von den Regierungen ohne Rücksicht auf die betroffenen Zivilisten verhängt wurden.250 Im Dezember 1914 ordnete die deutsche Regierung an, auch Franzosen zu internieren, und sie dehnte die Politik Anfang 1915 auf alle Angehörigen des britischen Empire (Kanadier, Südafrikaner, Neuseeländer und Australier) aus. Die Beschlüsse wurden unter dem Eindruck der Internierung deutscher enemy aliens und weiterer Übergriffe auf Deutsche in Großbritannien und Frankreich getroffen, so dass hier grenzüberschreitende Wechselbezüge wirksam waren. Außer der Vergeltung, mit der die Kriegsgesellschaft stabilisiert werden sollte, wurde das verschärfte Vorgehen gegen zivile Feindstaatenangehörige mit dem Hinweis auf die Sicherheit der Nation begründet. Dabei nahm die tief verwurzelte Angst vor Spionage und Unterwanderung einen wichtigen Stellenwert ein. Darüber hinaus drängten vor allem führende Militärs die Reichsleitung, männliche Feindstaatenangehörige festzunehmen, um den gegnerischen Ländern Soldaten zu entziehen. Dies betraf ab Herbst 1916 auch Portugal und Rumänien.251 Da der schrittweise Übergang zur Internierung aber kaum vorbereitet worden war, mussten die schrittweise verhafteten Zivilisten zunächst provisorisch untergebracht werden, vielerorts in Polizeiwachen, Gefängnissen und auf Schiffen. Dazu dienten ebenso Camps für Kriegsgefangenenlager. Erst Ende 1914 eröffneten die Militärbehörden größere „Zivilgefangenenlager“. Rund 4.000 wehrfähige britische Zivilisten wurden am 6. November festgenommen und in das „Engländerlager“ Ruhleben (bei Berlin) eingewiesen, wie die britische Regierung allerdings erst spät feststellte.252 Hier lebten Anfang 1915 4.273 Männer un250 Stibbe, A Question of Retaliation?, S. 1 f., 16, 22; ders., Civilian Internment, S. 135–138; Ketchum, Ruhleben, S. XVIII. 251 Stibbe, Civilian Internment, S. 99; ders., Enemy Aliens and Internment; ders., A Question of Retaliation?, S. 16; Reinecke, Grenzen, S. 229 f. 252 NA, FO 383/110 (Korrespondenz vom August 1915). Dazu: Stibbe, Civilian Internment, S. 47.

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ter schwierigen, aber insgesamt erträglichen Bedingungen, die sich im Jahresverlauf vorübergehend weiter verbesserten. Sie waren notdürftig in Pferdeställen untergebracht, in denen sie gegen eine – u. a. durch die Überbelegung verursachte – Ungezieferplage kämpften. Juden wurden von den anderen Insassen getrennt, offiziell um ihre Ernährung mit koscheren Lebensmitteln zu erleichtern.253 Aber auch in anderen Camps hielten sich einzelne zivile Staatsangehörige des Vereinigten Königreiches auf, so im August 1916 ein englischer Seemann in Hameln.254 Im Gegensatz zu den meisten anderen Lagern, in denen auch Kriegsgefangene festgehalten wurden, befanden sich in Ruhleben ausschließlich Zivilisten, die vor allem unter Beschäftigungslosigkeit litten und ungeduldig ihre Entlassung erwarteten. Ebenso war die Ernährung zumindest 1916 unzureichend und nicht ausgewogen. Die Internierten nahmen aber die gleichfalls zunehmende Not der deutschen Arbeiter wahr, die im Lager und in der Nähe Reparaturen ausführten.255 Unter dem Druck von Organisationen wie dem im Februar 1917 gebildeten Ruhleben Prisoners’ Release Committee drängte das britische Außenministerium auf die Freilassung von Internierten. Dazu behauptete das Foreign Office, dass die deutschen Behörden in Ruhleben die Zahl der Insassen zu erhöhen suchten, indem sie in das Lager auch Personen einwiesen, die allenfalls lose mit dem Vereinigten Königreich verbunden waren und als Spione eingesetzt werden sollten. Nach dem Kriegsende drängte das Foreign Office deshalb das Konsulat der niederländischen Schutzmacht in Berlin, ihm Karteikarten und Listen zur Verfügung zu stellen, die von der deutschen Lagerverwaltung zu den einzelnen Insassen angelegt worden waren.256 Außerdem kritisierte das britische Außenministerium – besonders Anfang 1918 – die unzureichende Heizung und Beleuchtung des Lagers. Zudem zeigte es sich besorgt über Berichte, die auf die Popularität von Glücksspielen verwiesen. Eine Besserung der Lage durch die vorgeschlagene Zusendung englischer Zeitungen wurde wegen der Kontrolle in Deutschland ebenso für unrealistisch gehalten wie eine Übereinkunft über einen beschleunigten Postverkehr. Die Stärkung der Selbstorganisation im Lager durch die Einrichtung eines neuen Komitees strebte die Abteilung für Kriegsgefangene im Außenministerium zwar 253 NA, FO 383/523, Bl. 88–94. Schreiben vom 30. Juli 1915 in: NA, FO 383/26. Vgl. auch Hilke Langhammer, Das Celler Schloss als Internierungslager für „Feindstaatenausländer“, in: dies. (Hg.), Hinter Stacheldraht, Celle 2018, S. 30–59, hier: S. 32; Grady, Legacy, S. 62. 254 NA, FO 383/158, Bl. 73. 255 Dazu Offer, First World War, S. 55 und den Bericht des US-Inspekteurs A. E. Taylor vom 1. Mai 1916 in: LSF, TEMP MSS 6/3/5. Vgl. auch NA, FO 383/523, Bl. 192 f. 256 NA, FO 383/523, Bl. 128 und „Extract from Major Ducrot’s XIXth Report on Prisoners of War“. Vgl. auch Stibbe, Civilian Internment, S. 166 f.

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an; jedoch sollte dies den Internierten nicht aufgezwungen werden. Im Sommer 1918 mussten die britischen Beamten erkennen, dass die Indiskretion eines entlassenen Lagerinsassen, der im März in der Daily Mail eine Artikelserie über Ruhleben veröffentlicht hatte, die Bemühungen der britischen Regierung zur Unterstützung der verbliebenen Internierten erschwert hatte, denn inzwischen waren Vergünstigungen von den deutschen Behörden zurückgenommen worden. Um die neuen Einschränkungen zu beseitigen, schaltete das Foreign Office wiederum das Konsulat der Niederlande in Berlin ein. Zugleich verschärfte das Prisoners of War Department des Ministeriums seine Kontrolle der Medien, um weitere Sensationsberichte zu verhindern, die Repressalien gegen festgehaltene britische Zivilisten auslösen konnten. Ein Inspekteur des IKRK fand die Insassen des Lagers Ruhleben im Oktober 1918 aber in guter Verfassung vor, und kurz vor Weihnachten waren fast alle Internierten, die nicht in Deutschland bleiben wollten, in ihre Heimat zurückgekehrt. Der britischen Regierung blieb noch, die oft schwierige Wiedereingliederung der Entlassenen, die z. T. vier Jahre im Lager verbracht hatten, zu fördern.257 Für Franzosen stand ein Internierungslager in Holzminden bereit, in das ab 16. Dezember 1914 rund 4.000 Zivilisten eingewiesen wurden. Weibliche Gefangene und Kinder lebten in gesonderten Baracken. Die Insassen forderten ihre Regierung in Paris wiederholt zur Hilfe auf.258 In dem Lager waren im August 1916 auch acht Britinnen, davon fünf Stewardessen, deren Schiff zu Beginn des Krieges aufgebracht worden war.259 Außerdem wurden im weiteren Kriegsverlauf in dem Camp Zivilisten festgehalten, die aus den besetzten Gebieten Frankreichs, Belgiens und Russlands deportiert worden waren. So befanden sich im Frühjahr 1918 rund 400 Frauen, die als Geiseln aus Belgien und Nordfrankreich verschleppt worden waren, in dem Lager, aus dem Gefangenen am 24. Juli 1918 eine spektakuläre Flucht gelang. Die Zahl der Insassen betrug hier am 10. Oktober 4.240. In Sennelager waren im Herbst 1918 weitere 2.462, in Ruhleben 2.318 und in Havelberg 1.820 Internierte, darunter auch Russen, die unter z. T. erbärmlichen Bedingungen lebten, und 300 indische Seemänner. Zu den kleineren Lagern gehörten diejenigen in Traunstein und Frankfurt/Oder mit 623 bzw. 634 Insassen. Im Sommer 1915 lebten 246 Personen, von denen nur 49 als Kriegsgefangene verzeichnet waren, im Schloss Celle. 1916 waren 225 Zivilisten – davon 17 Briten – in dem Camp. Offenbar handelte es sich hierbei um Gefange257 NA, FO 383/424 (Vermerke vom 18. Januar und 29. Mai 1918; Memorandum vom 13. Juni 1918; „Statement re Articles in Daily Mail by E. L. Pyke“; Schreiben vom 4. Juni 1918; Briefe vom 26. September, 6. November, 20. Dezember 1918); FO 383/277 (Memorandum vom August 1917). 258 NA, FO 383/106 (Bericht vom 23. Januar 1915). Vgl. auch Stibbe, Civilian Internment, S. 47, 169 f. 259 NA, FO 383/157, Bl. 440 f., 476–478, 495.

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ne, die den Oberschichten angehörten. Zwei Sonderlager, die zwischen Zossen und Wünsdorf in Brandenburg gebaut worden waren, nahmen muslimische Feindstaatenangehörige auf, die hier von Ethnologen und Anthropologen untersucht wurden. Allein im „Halbmondlager“ Wünsdorf hielten sich bis zu 4.000 Insassen auf. Soweit bekannt, befanden sich hier aber keine Zivilisten, sondern ausschließlich gefangene Soldaten, die aus Russland bzw. den Kolonien der Westmächte stammten. Die Sterblichkeitsraten waren offenbar unterschiedlich. Der Anteil der Internierten, die starben, belief sich im Oktober 1915 bei den Arabern auf 1,2 Prozent und bei den Indern auf 16,8 Prozent. Die Angehörigen der kolonisierten Völker waren einerseits gefürchtet; andererseits lösten sie bei deutschen Beobachtern Neugier aus. Insgesamt wurden in Deutschland am 10. Oktober 1918 noch 20.771 Zivilisten festgehalten, die gegnerischen Nationen angehörten.260 Staatsangehörige des Zarenreiches verbrachten die Generalkommandos überwiegend in die Lager Hameln und Traunstein. Hier prägten kulturelle Vorurteile der deutschen Gewahrsamsmacht ihre Lebenslage. Im Camp Ruhleben waren ab November 1914 100 bis 200 staatenlose russische Juden ebenfalls antisemitischen Stereotypen ausgesetzt. Auch andere zivile Staatsangehörige des Zarenreiches litten in den Camps vielerorts Not und wurden oft schlecht behandelt. Allerdings erhielten internierte und kriegsgefangene Russen auch von ihrer Regierung kaum Hilfe.261 Daneben wurden für „bürgerliche Gefangene“ anderer Nationen vielerorts Kriegsgefangenenlager genutzt, so in Soltau für Belgier. Die Flamen unter ihnen sollten für die deutsche Politik im besetzten Belgien gewonnen werden; die Resonanz blieb aber gering. Auch in Sennelager bei Paderborn litten sowohl gefangene Soldaten als auch Zivilisten, obwohl die bei260 Die Zahl der Zivilinternierten war damit deutlich geringer als diejenige der Kriegsgefangenen, von denen am 10. Oktober 1918 allein Russen 1.194.912 Soldaten und 2.337 Offiziere stellten. Vgl. Doegen, Völker, S. 12–19 (Tabelle E und F). Dazu auch: Speed, Prisoners, S. 151; Steuer, Pursuit, S. 4; Audoin-Rouzeau / Becker, 14–18; Jahr / Thiel, Colour, S. 43; Understanding the Great War, S. 73. Angaben nach: NA, FO 383/157, Bl. 484; Heather Jones, Imperial Captivities. Colonial Prisoners of War in Germany and the Ottoman Empire, 1914–1918, in: Santanu Das (Hg.), Race, Empire and First World War Writing, Cambridge 2011, S. 175–193, hier: S. 177; dies., A Missing Paradigm?, S. 21; Hinz, Art. „Internierung“, S. 583. Zu Ruhleben und Holzminden: Stibbe, Internees; ders., Community, S. 91–94; ders., Enemy Aliens and Internment. Zum Lager im Schloss Celle: Langhammer, Schloss, S. 33. Zum Lager Holzminden: Colin Burgess, Holzminden, in: Vance (Hg.), Encyclopedia, S. 133; Langhammer, Schloss, S. 32. Zu Havelberg: Stibbe, Civilian Internment, S. 50. Zu den Sonderlagern: Margot Kahleyss, Muslime in Brandenburg – Kriegsgefangene im 1. Weltkrieg. Ansichten und Absichten, Berlin 1998; Grady, Legacy, S. 132. 261 Demgegenüber die Deutung in: Overmans, „Hunnen“, S. 343. Vgl. auch Stibbe, Civilian Internment, S. 54.

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den Gruppen hier – wie auch in anderen Camps – räumlich getrennt waren. Berichte, dass in dem Lager Internierte erkrankt waren, dementierte das Auswärtige Amt im Sommer 1916.262 Im Allgemeinen wurden zunächst Gefangene unterschiedlicher Nationalitäten zusammen untergebracht. 1915 entschied die Reichsleitung aber, die gefangenen Angehörigen der verschiedenen Staaten voneinander zu trennen. Da die Zuständigkeit für die Lager mit den Stellvertretenden Generalkommandos dezentral organisiert war, wurde die Internierung nicht einheitlich gesteuert. Den Lagerkommandanten eröffneten sich damit Handlungsspielräume.263 Den Zivilinternierten wurde zwar eine Selbstorganisation erlaubt, die verschiedene kulturelle Aktivitäten zuließ. Ihr Leben in den Lagern kann aber kaum als „Lernfeld“ gekennzeichnet werden. Obgleich die Insassen keine Arbeiten verrichten mussten, die über die Reinigung der Lager hinausreichten, war vor allem die Hilf- und Beschäftigungslosigkeit demütigend. Überdies blieb auch in den deutschen Internierungslagern die Solidarität zwischen den Insassen ebenso begrenzt wie die Gleichheit. Vielmehr konnten sich wohlhabende Gefangene gegen Geld in andere Lager überführen lassen oder eine zusätzliche Versorgung erhalten. Dem belgischen Historiker Henri Pirenne (1862–1935) erlaubte der preußische Kriegsminister sogar die Unterbringung in einem Hotel in Jena. Insgesamt wurden im Deutschen Reich bis 1918 rund 100.000 Zivilisten interniert, die gegnerischen Staaten angehörten.264 Daneben unterlagen einige Elsässer und Lothringer, deren Loyalität gegenüber Deutschland unklar war, Aufenthaltsbeschränkungen. Diese Restriktion traf auch den Pazifisten und Anarchisten Erich Mühsam (1878–1934).265 Im August 1914 befanden sich auch rund 6.000 Japaner im Deutschen Kaiserreich. Da viele schon wenig später das Land verließen, wurden nur 60 bis 70 in „Schutzhaft“ genommen, nachdem am 20. August das Ultimatum der japanischen Regierung an das Deutsche Reich bekannt gegeben worden war. Im Mai 1917 wurden darüber hinaus rund 100 Besatzungsmitglieder des japanischen Postschiffes „Hitachi Maru“ interniert. Zwar schränkten die Stellvertretenden Generalkommandos zunächst nur die Mobilität der Japaner ein, die sich noch in Deutschland aufhielten. Wegen der Furcht vor Spionage und der gezielt be262 NA, FO 383/157, Bl. 119. Hierzu und zum Folgenden: Maurer, Kombattanten, S. 191; Otte, Lager Soltau, S. 15, 67; Reinecke, Grenzen, S. 231; Pöppinghege, Lager, S. 77; Wippich, Internierung, S. 26 (Anm. 26). 263 Vgl. von Treskow, Kriegsgefangenenzeitungen, S. 33; Langhammer, Schloss, S. 53. 264 Zit. (mit Bezug auf Lager für russische Kriegsgefangene) nach: Nagornaja, Zwangsarbeitssystem, S. 143. 265 Manz / Panayi / Stibbe, Internment, S. 11; Jahr / Thiel, Colour, S. 47; Pöppinghege, Lager, S. 60.

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schworenen „gelben Gefahr“ ordneten sie aber nach der Kriegserklärung Japans an das Deutsche Kaiserreich (23. August) schließlich die Internierung der japanischen Staatsangehörigen an. Sie wurden vielerorts provisorisch in Gefängnissen untergebracht, die allerdings in vielen kleinen Gemeinden nicht zur Verfügung standen. So forderte die Polizei in der Grafschaft Bentheim die Errichtung einen zentralen „Konzentrationslagers“, um damit das Problem zu lösen. In der ostwestfälischen Stadt Detmold klagte ein Japaner, der am 14. Oktober aus der „Schutzhaft“ entlassen und anschließend in seiner Wohnung von der örtlichen Polizei überwacht wurde, über die schlechte Behandlung durch die deutschen Behörden, auch in Japan, wo er schließlich im März 1915 eintraf. Darüber hinaus wurden 860 Zivilisten aus Südasien festgesetzt. Davon stellten Inder die größte Gruppe. Demgegenüber konnte der Status der Koreaner, deren Land 1910 von Japan annektiert worden war, von den lokalen Behörden in den verschiedenen deutschen Staaten kaum geklärt werden. 266 Als Reaktion auf den Beschluss der japanischen Regierung, alle Deutschen in Japan freizulassen, ordnete der Chef des Stellvertretenden Generalstabes der Armee am 23. September an, den unverdächtigen Japanern, die in Deutschland festgesetzt worden waren, die Ausreise zu erlauben. Diese „feindlichen Ausländer“ wurden bis März 1915 in ihre Heimat zurückgeführt. Nur ein Japaner, dessen Aktivitäten aus der Sicht der deutschen Behörden undurchsichtig waren, verblieb in Haft. Auch Serbien hatte Deutschland gegenseitige Rücksichtnahme auf Zivilisten zugesichert. Ebenso wie im Fall der Japaner schlug sich das Reziprozitätsverhältnis deshalb bei den Serben nicht in wechselseitige Repressalien, sondern in einer Deeskalation nieder. Allerdings wurde diesen beiden Gruppen von Feindstaatenangehörigen beschlagnahmtes Eigentum nicht zurückgegeben, und sie erhielten auch nach dem Kriegsende nur in wenigen Fällen Entschädigungen. Alles in allem zeigt der Umgang mit Japanern und Serben erneut, dass die Politik der deutschen Reichsleitung gegenüber den Feindstaatenangehörigen vor allem in den ersten Monaten des Krieges reaktiv war.267 Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den Japanern, verschärfte sich Ende 1914 aber die Internierung der Zivilisten, die gegnerischen Nationen angehörten. Dieser Prozess war nicht vorrangig militärisch, sondern besonders propagandistisch und politisch motiviert. Die Festnahme befriedigte vor allem das Bedürfnis nach Vergeltung, das in der deutschen Öffentlichkeit wuchs, als ein schnelles Kriegsende in weite Ferne rückte. Zudem hatten Nachrichten über die 266 Checkland, Humanitarianism, S. 74 f. Angaben nach: Wippich, Internierung, S. 21, 29, 37; Jahr / Thiel, Colour, S. 45. 1917 übernahm die Schweiz von den USA die Rolle der Schutzmacht, die deutsche Interessen in Japan und umgekehrt wahrte. 267 Jahr / Thiel, Colour, S. 45.

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Internierung deutscher Zivilisten in Großbritannien Forderungen nach Repressalien gegen britische Staatsbürger ausgelöst, wie der Berliner Polizeipräsident Traugott von Jajow (1865–1941) am 2. November dem Oberkommandierenden in den Marken und Gouverneur von Berlin, Gustav von Kessel (1846–1918), mitteilte. Mit der Isolierung der männlichen Feindstaatenangehörigen sollte aber auch der Anspruch und die Fähigkeit der Reichsleitung, der Generalkommandos und der zivilen Behörden demonstriert werden, die Sicherheit der eigenen Bürgerinnen und Bürgerinnen zu gewährleisten. Dementsprechend galten die Internierten nicht zuletzt als Faustpfand für Deutsche, die von den Entente-Mächten festgehalten wurden. Dabei behandelten die Behörden des Kaiserreichs Italiener und Rumänen besonders hart, da sie jeweils als „Verräter“ galten. Zudem erhielten sie ebenso wie russische und serbische Gefangene keine Lebensmittelpakete aus ihrer Heimat, so dass die Sterblichkeit unter den Gefangenen dieser Nationen im Allgemeinen relativ hoch war. Allerdings vollzog sich die Internierung keineswegs lückenlos. Vor allem Frauen und Kinder, aber auch alte kranke und alte Männer, welche die Behörden als Belastung wahrnahmen, durften in ihre Heimat zurückkehren.268 Die Repressionspolitik gegenüber zivilen Feindstaatenangehörigen im Allgemeinen und die Internierung im Besonderen verwischten in Deutschland ebenso wie in Großbritannien die Grenze zwischen „inneren“ und „äußeren“ Feinden. So wurden auch Pazifisten und Sozialisten festgenommen. Vor allem im bayerischen Lager Traunstein lebten „Reichsfeinde“, die beschuldigt wurden, die Kriegsanstrengungen Deutschlands zu sabotieren, neben zivilen Feindstaatenangehörigen, obgleich die Bestimmungen zur „Schutzhaft“ nach dem preußischen Gesetz über den Belagerungszustand in Bayern zunächst nicht übernommen worden waren. Angesichts des heftigen Protestes gegen die militärische „Schutzhaft“ richtete die Reichsleitung 1916 schließlich Instanzen ein, die eine Aufsicht, Prüfung und Beschwerden ermöglichen und damit die Rechte der Betroffenen schützen sollten. So konnten für deutschrussische „Zivilgefangene“ nach einer Einzelfallprüfung die Internierung und polizeiliche Meldevorschriften aufgehoben werden, wenn als zuverlässig geltende Deutsche für diese Gruppe bürgten. Diese Erleichterung bezog sich besonders auf Deutschbalten, die aber von den Behörden im Kaiserreich ohnehin nicht eindeutig eingeordnet werden konnten. Dem Schutz vor „inneren Feinden“ sollte über die Internie268 Nachtigal, Anzahl, S. 356, 359. Hierzu und zum Folgenden: Maurer, Kombattanten, S. 200; Geyer, Grenzüberschreitungen, S. 356; Stibbe, Civilian Internees, bes. S. 24, 32–37; ders., Anglophobia, S. 17; ders., Internees, S. 24, 27–30, 35–37, 40; ders., Community, S. 80; Kramer, Combatants, S. 194; Jahr, Zivilisten, S. 299–301; ders., Feriengäste, S. 239; Kramer, Kriegsrecht, S. 286; Holquist, „Information is the Alpha and Omega of Our Work“, S. 442.

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rung hinaus auch eine umfassende Kontrolle dienen. Besonders das Kriegsministerium forderte seit November 1915 von den Kommandeuren der Militärbezirke regelmäßig Berichte zur Lage im Reich an, vor allem zur Stimmung der Bevölkerung. Zugleich wurde wiederholt vor Übergriffen gegen Zivilinternierte und Kriegsgefangene gewarnt. 269

Das Leben in den Lagern In den Camps litten die Internierten vor allem an bedrückender Langeweile. Die erzwungene Untätigkeit und ihre (psychischen und physischen) Folgen bezeichnete der Schweizer Arzt und Diplomat Adolf Lukas Vischer (1884–1974), der selber Lager besuchte, 1918 erstmals als „Stacheldrahtkrankheit“. Als Symptome galten u. a. Rastlosigkeit, Lethargie und Reizbarkeit, die vor allem auf das monotone Alltagsleben, den Mangel an Privatheit und die unbegrenzte Dauer der Haft zurückgeführt wurden. Auch war die Verbindung zur Heimat schwach, da Post zensiert wurde und nur unregelmäßig eintraf. Die lang andauernde Isolierung führte bei einigen Internierten sogar zu psychischen Zusammenbrüchen, die noch nicht gezielt therapiert werden konnten. Vischer verbreitete seine Befunde weit über Deutschland hinaus und erhöhte damit das Bewusstsein für das Leiden der Zivilinternierten.270 Beschäftigung galt als Mittel gegen die „Stacheldrahtkrankheit“. Die Zivilinternierten nahmen ihr Leben in den Lagern deshalb selber in die Hand, indem sie Kultur-, Bildungs- und Sportveranstaltungen organisierten. Zeitungen, die z. T. auch an Leser außerhalb der Lager verschickt wurden, boten ebenso Beschäftigung, Unterhaltung und Informationen. Viele Lagerkommandanten unterstützten diese Aktivitäten, weil damit Unruhen und Fluchten verhindert wurden. Die Internierten umgingen aber auch Vorschriften oder nutzten sie sogar aktiv, um eigenständiges Handeln zu ermöglichen. Diese Ausweich- und Aneignungsstrategien konnten allerdings ebenso wie die verschiedenen Beschäfti269 Jahr / Thiel, Colour, S. 46–48; Maurer, Kombattanten, S. 200; Geyer, Grenzüberschreitungen, S. 356; Stibbe, Civilian Internees, bes. S. 24, 32–37; ders., Anglophobia, S. 17; ders., Internees, S. 24, S. 27–30, S. 35–37, S. 40; ders., Community, S. 80; Kramer, Combatants, S. 194; Jahr, Zivilisten, S. 299–301; ders., Feriengäste, S. 239; Kramer, Kriegsrecht, S. 286; Holquist, „Information is the Alpha and Omega of Our Work“, S. 442. 270 NA, FO 383/277 (Schreiben vom 29. November 1917). Vgl. auch Avy Ohry / Zahava Solomon, Dr Adolf Lukas Vischer (1884–1974) and ‚barbed wire disease‘, in: Journal of Medical Biography 22 (2014), Nr. 1, S. 16–18, hier: S. 16 f.; Stibbe, Civilian Internment, S. 211–227; Manz / Panayi, Enemies, S. 37; Jonathan F. Vance, Barbed-Wire Disease, in: ders. (Hg.), Encyclopedia, S. 20–22.

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gungsinitiativen die Hilflosigkeit, das geringe Selbstwertgefühl und die daraus resultierende Gereiztheit der Zivilinternierten allenfalls verringern. Viele Lagerinsassen zeigten auch nur wenig Neigung, sich auf die neue, ihnen fremde Umgebung einzulassen. Insgesamt war die „Lagergesellschaft“ (prison camp society), die Ketchum 1965 im Rückblick auch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges als brutales „soziales Experiment“ gekennzeichnet hat, von Spannungen und Konflikten geprägt.271 In Ruhleben wurden im Verlauf des Ersten Weltkrieges mindestens 7.000 britische Staatsangehörige interniert, davon rund 5.500 wehrdienstfähige Männer. Darunter waren außer Personen, die schon lange in Deutschland lebten, aber hier nicht eingebürgert worden waren, Seeleute, Touristen und Siedler aus dem Empire. Aber auch Künstler wie Musiker, die sich im Sommer regelmäßig in Deutschland aufhielten, wurden im August 1914 festgehalten und im Herbst in Ruhleben festgesetzt, wo sie weiterhin komponierten und Konzerte (sogar mit deutscher Musik) organisierten. Die Unterbringung in den Pferdeställen der ehemaligen Trabrennbahn in Spandau (bei Berlin) war zunächst primitiv. Auch litten die internierten Briten unter dem ungewohnten militärischen Reglement und der Beschäftigungslosigkeit.272 Im Lager starben von 1914 bis 1918 zwar weniger als sechzig Briten; die Regierung in London verfolgte die Vorgänge allerdings genau, in der Regel mit Hilfe von Inspektionsberichten, Informationen von Besuchern wie dem anglikanischen Bischof Herbert Bury (1854–1933) und Aussagen freigelassener Gefangener. So wurde im Januar 1918 ein Internierter, der angeblich angeboten hatte, für seine Freilassung den Krieg des Deutschen Reiches gegen sein Heimatland zu unterstützen, dem MI5 gemeldet. Zudem drängte die Admiralität auf eine Gleichstellung gefangener Offiziere der britischen Marine und der Armee – im Gegensatz zur Praxis in Deutschland, wo Besatzungen von Handelsschiffen nicht als Kombattanten anerkannt wurden.273 Erst 1915 verbesserte sich die Lage der Insassen. Die einzelnen Gefangenengruppen wurden unterschiedlich behandelt und auch räumlich getrennt untergebracht. Britische Matrosen und Fischer litten unter besonders harten Repressionen der deutschen Lagerleitung, auch in Sennelager und Holzminden. Dem Kommandanten und den Wachmannschaften des Sennelagers warf die britische 271 Zitat: Ketchum, Ruhleben, S. 3. Vgl. auch Pitzer, Night, S. 95; Manz / Panayi, Enemies, S. 42; Pöppinghege, Leben, S. 200, 204–207; Wilkinson Prisoners of War, S. 68–77, 270 f.; Cresswell (Hg.), Living with the Wire, S. 19; Panayi, Prisoners of War. 272 Dazu der Bericht vom 1. November 1915 (S. 8 f.) in: LSF, FEWVRC/EME/2/1/4. Vgl. auch: Foreman, Ruhleben Camp, S. 28–38; Vance, Ruhleben, S. 257.; Grady, Legacy, S. 62. 273 NA, FO 383/424 (Briefe vom 14. und 25. Januar 1918). Angabe nach: Foreman, Ruhleben Camp, S. 36.

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Regierung sogar vor, internierte Fischer aus Grimsby misshandelt und gefoltert zu haben. Andererseits unterschied sie aber bei Anträgen von Gefangenen, die um eine Repatriierung oder Einbürgerung baten, nach dem Ausmaß der Loyalität gegenüber dem Vereinigten Königreich.274 Auch daraus resultierten zwischen den Camps und innerhalb der Lagergesellschaften Spannungen und Konflikte, die Solidarität erschwerten oder sogar blockierten. Sie entwickelte sich deshalb vorrangig in kleinen Gemeinschaften.275 Die britische Regierung protestierte wiederholt gegen die Behandlung ihrer internierten Staatsbürger. Nur wenigen von ihnen gelang die Flucht. 276

Deportationen von zivilen Feindstaatenangehörigen aus den besetzten Gebieten Außer der Internierung der zivilen Feindstaatenangehörigen, die sich in Deutschland aufhielten, ließ die Reichsleitung aus den besetzten polnischen Gebieten des russischen Zarenreiches sowie aus Frankreich und Belgien gegen die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung als unzuverlässig eingestufte Minderheiten – vor allem Juden – deportieren, besonders aus den Zonen unmittelbar hinter der Front. In den besetzten Gebieten wurden Arbeitskräfte angeworben oder zwangsrekrutiert. Im Gegensatz zu den Polen, die vorrangig in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, mussten die Belgier im Allgemeinen in der Rüstungsindustrie arbeiten, besonders im Ruhrgebiet. Darüber hinaus wurden im Frühjahr 1916 mehr als 25.000 Zivilisten – darunter viele Frauen und Jugendliche – aus den nordfranzösischen Städten Lille, Roubaix und Tourcoing zur Zwangsarbeit in Deutschland abtransportiert. Diese Zentren lagen in der deutschen Etappe, die das deutsche Militär beherrschte. Während die Deportation von Frauen und Kindern in Nordfrankreich vorrangig spontan und mit dem Ziel erfolgte, Unruhe in Kampfzonen zu vermeiden, wurde die Rekrutierung der belgischen Fremd- und Zwangsarbeiter systematisch betrieben. Diese „feindlichen Ausländer“ mussten in Deutschland bleiben. Demgegenüber durften die insgesamt 100.000 niederländischen Arbeitskräfte ebenso wie kleinere Gruppen aus 274 Beispiel in: NA, FO 383/427 (Schreiben vom 2. August 1918). Zu den Foltervorwürfen: NA, FO 383/158, Bl. 119–126. 275 NA, FO 383/158, Bl. 333 f., 467. Bericht eines Betroffenen in: Ketchum, Ruhleben, S. 5–7. Vgl. auch Panayi, Enemy, S. 126; Manz, „Enemy Aliens“, S. 128; ders. / Panayi / Stibbe, Internment, S. 8; Reinecke, Grenzen, S. 233 f.; Pöppinghege, Lager, S. 61, 96–105; Speed, Prisoners, S. 21; Feltman, Stigma, S. 75; Jones, Prisoners of War, S. 286; Audoin-Rouzeau / Becker 14–18. Understanding the Great War, S. 81–83. 276 NA, FO 383/523, Bl. 104, 118, 165.

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anderen neutralen Staaten wie Dänemark, Norwegen, Schweden und aus der Schweiz in ihre Heimat zurückkehren. Auch in Deutschland war ihre Freizügigkeit nicht eingeschränkt.277 Überhaupt beeinflusste der erhebliche und wachsende Arbeitskräftebedarf in Deutschland nachhaltig die Internierungspolitik der Reichsleitung und der Militärkommandos. Mit der schnellen Zunahme der Rekrutierung von immer mehr Soldaten, dem zunehmenden Mangel und der Not, zu der die britische Seeblockade erheblich und nachhaltig beitrug, wurden Kriegsgefangene und Zivilinternierte ab 1915 zu wertvollen Arbeitskräften. Diese „Ökonomisierung“ im Umgang mit Feindstaatenangehörigen spiegelte sich vor allem in der Ausweitung der Zwangsarbeit wider. Dabei wuchs besonders die Zahl der Zivilisten, die aus den besetzten Gebieten nach Deutschland deportiert und hier festgehalten wurden, im Kriegsverlauf erheblich. Am 3. Oktober 1916 ordnete die 3. Oberste Heeresleitung, die im August unter Paul von Hindenburg (1847–1934) und Erich Ludendorff (1865–1937) gebildet worden war, die Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften an. Das besetzte Belgien und die okkupierten Gebiete im Norden Frankreichs waren überwiegend einer zivilen Verwaltung unterstellt. In diesem Generalgouvernement, das bis 1917 Generaloberst Moritz von Bissing (1844–1917) leitete, waren seit Kriegsbeginn durch Zerstörungen und die Einstellung der Produktion etwa 500.000 Belgier arbeitslos geworden.278 Dennoch blieben bis Herbst 1916 Bemühungen des Deutschen Industriebüros in Brüssel, Beschäftigte für Betriebe anzuwerben, weitgehend erfolglos. In dieser Konstellation forderte vor allem das preußische Kriegsministerium, Belgier nicht nur auf freiwilliger Basis zu gewinnen, sondern auch zur Arbeit im Deutsche Reich zu verpflichten. Die deutschen Militärs, die sich im September 1916 schließlich über die Bedenken der Reichsleitung, des Reichsamtes des Innern, des Auswärtigen Amtes und des Generalgouverneurs von Bissing hinwegsetzten, wurden von einflussreichen Unternehmern der Eisen- und Stahlindustrie wie Carl Duisberg (1861–1935), Hugo Stinnes (1870–1924) und Walther Rathenau (1867–1922) unterstützt. Diese Akteure waren sich durchaus bewusst, dass die von ihnen verhängten Zwangsmaßnahmen grundlegende Rechte der betroffenen Belgier und Franzosen verletzten und gegen das Kriegsvölkerrecht verstießen. So äußerten einzelne Unternehmer (allerdings pragmatisch motivierte) Vorbehalte gegen die kasernierte Unterbringung der erfassten Beschäf277 Jens Thiel, Menschenbassin Belgien. Anwerbung, Deportation und Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg, Essen 2007; ders., Interventionen, S. 406; ders., Recruitment, S. 43. Darüber hinaus: Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert, S. 35 f.; Jahr / Thiel, Colour, S. 48 f.; Herbert, Geschichte, S. 138 f.; Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 121; Becker, Oubliés, S. 57–59; Marrus, The Unwanted, S. 57; Becker / Krumeich, Krieg, S. 186. 278 Zitat nach: Hinz, Gefangen, S. 247, 357, 362. Vgl. auch Reinecke, Grenzen, S. 237 f., 249.

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tigten, die den restriktiven Bestimmungen für „feindliche Ausländer“ unterlagen. Zudem sorgten sie sich um Sabotage. Letztlich befürworteten sie aber die Zwangsarbeit. Dabei beriefen sich die Militärs sogar ausdrücklich auf die Haager Landkriegsordnung, die Staaten verpflichtet hatte, in von ihnen okkupierten Gebieten Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dazu erhoben sie die weit verbreitete Beschäftigungslosigkeit zu einer Sicherheitsgefahr. Mit der erzwungenen Rekrutierung von Arbeitskräften in Belgien sollten aber vor allem die Ziele des „Hindenburg-Programms“ erreicht werden, indem in der Rüstungsindustrie deutsche Beschäftigte für den Wehrdienst freigestellt und zugleich mehr Waffen produziert wurden. „Sicherheit“ diente auch in diesem Kontext als – durchaus mächtiges – Argument, um die Zwangsmaßnahme zu rechtfertigen.279 Letztlich basierte diese Politik der Besatzungsmacht auf einer spezifischen Vorstellung öffentlich