Schopenhauer im 20. Jahrhundert: Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft 9783205790785, 9783205785897

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Schopenhauer im 20. Jahrhundert: Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft
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Andreas Hansert

Schopenhauer im 20. Jahrhundert Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft Herausgegeben von der Schopenhauer-Gesellschaft e. V.

Böhlau Verlag Wien · Köln · Weimar

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Gedruckt mit Unterstützung der Schopenhauer-Gesellschaft e. V.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-205-78589-7 Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, der Wiedergabe im Internet und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. © 2010 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. und Co. KG, Wien · Köln · Weimar http://www.boehlau.at http://www.boehlau.de Druck: Generál, HU-6726 Szeged

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Präsidenten der Schopenhauer-Gesellschaft . . . . 7

1. Paul Deussen und die Schopenhauer-Gesellschaft . . . . . 11 Schopenhauer · 12 · Paul Deussen (1845–1919) · 19 · Deussens Ausgabe der Werke Schopenhauers · 27 · Die Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft 1911 · 31 · Die Schopenhauer-Gesellschaft unter der Führung Deussens 1911–1919 · 35 · Das Ringen um wissenschaftliches Profil · 38 · 2. Wirren und Spaltungen in der frühen Weimarer Zeit . . . . 45 Organisatorische Neuerungen · 46 · Die Gründung des Schopenhauer-Archivs 1921 · 48 · Die Abspaltung der Völkischen: Die Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft · 53 · „Wissenschaft“ und „Gemeinde“ im Konflikt · 61 · 3. Die Ära Hans Zint . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 „Linke“ Tendenzen des Schopenhauerianismus · 73 · Die großen Kongresse · 77 ·

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Inhalt

4. Die Schopenhauer-Gesellschaft in der NS-Zeit . . . . . . . 85 Arthur Hübscher (1897–1985) · 85 · Exkurs: Kontroverse Schopenhauer-Rezeption bei Hitler und Rosenberg · 92 · Zint und Mockrauer in Bedrängnis · 103 · Die Gesellschaft unter Anpassungsdruck · 107 · Der nicht ganz reibungslose Übergang von Zint auf Hübscher 1936 · 118 · Die neue Schopenhauer-Ausgabe Hübschers 1937–1941 · 126 · Die „Hinauswahl“ der Juden 1937 · 133 · Die Schopenhauer-Feiern 1938 · 144 · Das Frankfurter Schopenhauer-Museum 1938–1944 · 152 · Affären und Entwicklungen während des Krieges · 161 · Geschönte Bilanz · 169 · 5. Nach 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Schopenhauer-Interpretation im Schatten des Faschismus · 179 · Reorganisation des Institutionellen und der Schopenhaueriana · 189 · Rückkehr der Emigranten anlässlich der Tagung 1955 · 196 · Etablierung der Schopenhauer-Gesellschaft · 205 · 6. Schlaglichter zur weiteren Entwicklung . . . . . . . . . . . 209 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Anmerkungen · 217 · Abkürzungen · 239 · Zitierweise der Werke Schopenhauers · 239 · Quellen · 240 · Abgekürzt zitierte Literaturtitel · 241 · Abbildungsnachweis · 242 · Danksagung des Autors · 242 · Personenregister · 243 ·

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Vorwort

Am 30. Oktober 2011 wird die Schopenhauer-Gesellschaft 100 Jahre alt. Damit ist sie eine der ältesten philosophischen Gesellschaften, die sich einem bestimmten Philosophen widmen, und sie hat auch immer zu den größten dieser Art gehört. Vor allem durch die Vielfalt der Mitglieder, sowohl was die Internationalität als auch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Berufsgruppen und sozialen Hintergründen betrifft, nimmt sie eine besondere Stellung ein. Das Jubiläumsjahr wurde nun vom Vorstand der Gesellschaft zum Anlass genommen, einen Blick auf ihre wechselvolle und auch für das allgemeine Verständnis des vorigen Jahrhunderts interessante Geschichte zu werfen. Die Voraussetzungen für ein solches Unternehmen sind besonders günstig gewesen, denn wie kaum eine andere wissenschaftliche Vereinigung verfügt die Schopenhauer-Gesellschaft trotz einiger kriegsbedingter Lücken über einen durchgängig erhaltenen Aktenbestand. Das hängt freilich auch mit ihrer Geschichte selbst zusammen, nämlich mit der Art und Weise, in der sie sich im Gegensatz zu vielen anderen wissenschaftlichen Gesellschaften durch die Zeit des Nationalsozialismus zu erhalten wusste. Diese schwierige Phase bildet denn auch einen Schwerpunkt der Darstellung in dem vorliegenden Buch, das vor allem die ersten 50 Jahre, von der Gründung 1911 in Kiel bis zur Jubiläumsfeier in München 1961, behandelt; der Zeitraum ist wegen der geschichtlichen Umwälzungen 7

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Vorwort

und der Einbindung vieler berühmter Persönlichkeiten von besonderer historischer Bedeutung. In den darauffolgenden 20 Jahren verlief die Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft relativ ruhig. Erst in den Achtzigerjahren, mit den Kämpfen um die Nachfolge Arthur Hübschers im Präsidentenamt, mit den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag Schopenhauers und mit den durch die Edition seines handschriftlichen Nachlasses angestoßenen neuen Entwicklungen in der Schopenhauer-Forschung, wird es wieder spannend. Doch ist diese Zeit zu nah an der unsrigen, um frei mit den Akten umgehen zu können. Hier kann daher nur ein allgemeiner Ausblick gegeben werden, während ihre detaillierte Aufarbeitung auf eine spätere Zeit verschoben werden muss. Der Titel Schopenhauer im 20. Jahrhundert ist durchaus angebracht, denn die Rezeption und Erforschung der Philosophie Schopenhauers lag in dieser Zeit weitgehend in den Händen der Schopenhauer-Gesellschaft. Dieser ungewöhnliche Umstand hängt mit einer bemerkenswerten Ignoranz der Universitäten gegenüber dem Philosophen zusammen, die sicher nicht hinreichend aus Schopenhauers berüchtigten Tiraden gegen die „Universitäts-Philosophie“ und deren Professoren zu erklären ist. Schopenhauers methodisches Konzept sperrt sich gewissermaßen gegen eine akademische Behandlung, weil er die logische Konsistenz seiner Ausführungen als sekundär gegenüber ihrer Rückführung auf intuitive Einsichten betrachtet. „Meine Sätze … beruhen meistens nicht auf Schlussketten, sondern unmittelbar auf der anschaulichen Welt selbst, und die, in meinem Systeme, so sehr wie in irgend einem, vorhandene strenge Konsequenz ist in der Regel nicht eine auf bloß logischem Wege gewonnene; vielmehr ist es diejenige natürliche Übereinstimmung der Sätze, welche unausbleiblich dadurch eintritt, dass ihnen sämmtlich die selbe intuitive Erkenntniß, nämlich die anschauliche Auffassung … der realen Welt … unter Berücksichtigung des Bewußtseyns, 8

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Vorwort

darin sie sich darstellt, zum Grunde liegt“, schreibt Schopenhauer in den Parerga und Paralipomena. Wegen solcher Äußerungen wurde seine Philosophie zu Unrecht in die Ecke von Weltanschauungslehren gerückt, die einer wissenschaftlichen Prüfung weder standhalten noch bedürfen. Hinzu kommt der literarische Stil Schopenhauers, von dem Friedrich Dürrenmatt sagte: „Der schreibt so blendend, dass man plötzlich nicht mehr weiß, was man eigentlich gelesen hat.“ Zweifellos sind das Voraussetzungen, die die akademische Rezeption erschweren, doch bleibt es auch dann angesichts ihres unbestreitbaren Einflusses auf Denker wie Nietzsche, Wittgenstein, Scheler, Bloch und Horkheimer immer noch rätselhaft, dass die Philosophie Schopenhauers so wenig Resonanz an den Universitäten fand, war doch gerade dieses Jahrhundert durch die Kritik der Wissenschaft aus hermeneutischen und existenzialistischen Richtungen geprägt. Gegen Ende des Jahrhunderts änderte sich das ein wenig, die letzten Präsidenten waren Universitätsprofessoren. Es dauerte jedoch bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, dass mit der Schopenhauer-Forschungsstelle in Mainz erstmals eine universitäre Institution geschaffen wurde, die sich dem Philosophen widmet. Aber auch sie wird zu einem großen Teil von der Schopenhauer-Gesellschaft und der ihr nahestehenden Pförtner-Stiftung finanziert, so dass die wissenschaftliche Schopenhauer-Forschung immer noch eng mit der Gesellschaft verknüpft bleibt. Im Ausland, etwa bei der nach dem Vorbild der Mainzer Institution geschaffenen Forschungsstelle für Schopenhauer und seine Schule in Lecce, engagieren sich mittlerweile die Universitäten stärker als im Heimatland des Philosophen. Das Vorhaben, zum 100-jährigen Jubiläum eine Darstellung der Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft vorzulegen, war nicht ohne größere Vorbereitungen durchführbar. Im Schopenhauer-Archiv in Frankfurt lagerten etwa 370 Ordner mit mehr oder weniger ungeordneten Akten der Gesellschaft. In einem ersten Schritt 9

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Vorwort

mussten die Akten erschlossen werden, d. h. die Inhalte der jeweils ungefähr 300 Blätter umfassenden Ordner waren zu verzeichnen und neu zu ordnen. Nach ersten fehlgeschlagenen Versuchen mit wissenschaftlichen Hilfskräften wurde diese Arbeit einer ausgebildeten Archivarin anvertraut: Frau Angelika Tarokic führte die notwendigen Arbeiten in einem halben Jahr durch und schloss sie mit der Erstellung eines Findbuchs und der Verzeichnung der Materialien in der „Faust“-Datenbank ab, die dann für die Auswertung der Akten zum Zweck einer Darstellung der Geschichte verwendet werden konnten, aber auch darüber hinaus ausgezeichnete Instrumente für Recherchen aller Art sind. Für die Abfassung der Geschichte der Gesellschaft selbst konnte der Vorstand mit Herrn Dr. Andreas Hansert einen ausgewiesenen und in derartigen Projekten erfahrenen Autor gewinnen. Auch bei dem Verlag sollte nach diesen umfangreichen Vorarbeiten und Investitionen nicht gespart und das Renommee des Namens Böhlau genutzt werden. Es versteht sich, dass all dies nicht ohne finanzielle Unterstützung von außen zu leisten war. Und so gilt mein Dank zunächst denjenigen, die durch großzügige Spenden die Erschließung der Akten und das Zustandekommen des Buchs in der vorliegenden Form ermöglicht haben: der Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung, der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Landesbank Hessen-Thüringen und der 1822-Stiftung der Frankfurter Sparkasse. Herrn Dr. Mathias Jehn, dem Leiter des Archivzentrums der Universitätsbibliothek Frankfurt, seinem Mitarbeiter Stephen Roeper und Herrn Dr. Thomas Regehly, dem Archivar der Schopenhauer-Gesellschaft, danke ich für die gute Kooperation, Frau Tarokic und Herrn Dr. Hansert für die gute und engagierte Arbeit. Matthias Koßler (Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft e.V.) 10

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1. Kapitel

Paul Deussen und die Schopenhauer-Gesellschaft

Geht das: Philosophie, verstanden als „rücksichtslose Wahrheitsforschung“ (P I, 167), institutionell betrieben im Rahmen einer Gesellschaft? Sind die Universitätsprofessoren, diese „Geschäftsmänner der Katheder“, die ‒ wer sonst? ‒ darin die Führung zu übernehmen haben, offen für die Botschaft des Johannes aus der Wüste, des in Felle Gekleideten, der sich von Heuschrecken nährt? Werden sie seinen Stachel in die Traditionen des Denkens hineintragen, ihn schärfen oder ihm durch das Hereinholen in den Betrieb stattdessen die Spitze brechen, ihn der akademischen Routine, dem saturierten Publikum bequem machen? Die Rede ist von Arthur Schopenhauer und der SchopenhauerGesellschaft, jener Vereinigung von Freunden und Kennern seiner Philosophie, die sich die bessere Erforschung und Verbreitung seines Denkens auf die Fahnen geschrieben hat. Wenigstens die Anstandsfrist eines halben Jahrhunderts schuf Distanz gegenüber dem mit so überaus feuriger Leidenschaft und höchstem Wahrheitsanspruch ausformulierten Werk. 1911 hielt Paul Deussen, Universitätsprofessor in Kiel, die Zeit für gekommen, die weltweite Wirkung, die das Denken des 1860 verstorbenen Philosophen unterdessen erlangt hatte, in institutionelle Bahnen zu lenken und die Gesellschaft zu gründen ‒ in der Absicht und der Hoffnung, Schopenhauer im 11

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1. Paul Deussen und die Schopenhauer-gesellschaft

Geistesleben und in der akademischen Philosophie als feste Größe zu etablieren. Unvermeidlich waren damit die eingangs formulierten Fragen gestellt.

Schopenhauer Immerhin war Schopenhauer zu diesem Zeitpunkt bereits zu einem Klassiker des philosophischen Denkens des 19. Jahrhunderts geworden, wiewohl die Vorbehalte gegenüber seiner Lehre in etablierten Universitätszirkeln lange nicht gewichen waren. So nachhaltig nun aber seine Wirkung eingesetzt hatte, so bescheiden waren einstmals ihre Anfänge gewesen. Mit dreißig Jahren hatte Schopenhauer bereits sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung vollendet und kurz danach publiziert. Das war 1818/19. Der Kerngehalt seiner Lehre war damit formuliert. Er bestehe, wie er in der Vorrede zur Erstveröffentlichung ausführte, nur in „einem einzigen Gedanken“ ‒ nämlich dem der intellektuellen Selbsterkenntnis des dunklen und ewig strebenden Willens, der sich überall und allmächtig in der Natur objektiviert. Verneinung des Willens, wie er sich von der Schwerkraft bis hin zum Geschlechtstrieb in unserem Leib manifestiere, war das Ziel, seine Überwindung durch mühsam errungene Erkenntnis und Einsicht in sein Wirken. Die Weisen der alten indischen Philosophie, die Heiligen des frühen oder eines eher mystisch und asketisch orientierten Christentums, in abgemilderter Form auch die Künstler waren für Schopenhauer ‒ weitab vom Getriebe unserer Alltagswelt ‒ die Gewährsleute solcher Vollendung und glücklich erreichter Überwindung des aus dem Willen entsprungenen leidvollen Daseins. Es war und ist keine Philosophie, die mit der täglich empfundenen Übermacht der praktischen oder säkularen Zwecke konform geht. ‒ Alles, was Schopenhauer in den 12

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Arthur Schopenhauer, Daguerreotypie vom 3. September 1852

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1. Paul Deussen und die Schopenhauer-gesellschaft

mehr als vierzig Jahren, die nach der Erstpublikation seines Hauptwerks noch vor ihm lagen, weiter dachte und schrieb, betrachtete er nur als Kommentierung und Erläuterung dieses seines zentralen Gedankens. Hatte er als junger Mann somit den Hauptgedanken bereits entwickelt und ausgesprochen, so wollte ihn aber kaum jemand hören bzw. lesen ‒ damals, in den Anfängen. Goethe wenigstens, mit dem Schopenhauer in Weimar verkehrt und mit dem er sich fruchtbar, wenn in Teilen auch kontrovers über die von beiden beackerten Probleme der Farbenlehre ausgetauscht hatte, ließ sich zu einem kurzen, freundlichen Kommentar über die Welt als Wille und Vorstellung herbei, der aber nur brieflich mitgeteilt war, und Jean Paul rühmte das Werk schon bald in einer Bemerkung seiner Kleinen Nachschule zur Ästhetischen Vorschule.1 Einige bedeutende Leser immerhin ‒ aber kein Bucherfolg. Nicht ahnend, dass man es hier mit einem Hauptwerk des philosophischen Denkens zu tun hatte, ließ der Verleger, Brockhaus in Leipzig, die unverkäuflich gewordene Auflage einstampfen. Fünfundzwanzig Jahre später wagte Brockhaus dann doch noch einmal eine Neuauflage. Zögerlich stießen Schopenhauers Werke auf Interesse ‒ dann aber unaufhaltsam und immer mehr. Ernsthafte Leser und Interpreten seiner Philosophie traten auf den Plan, zunächst nicht aus den Universitäten, sondern aus dem gelehrten Publikum; meist waren es Juristen. Schopenhauer wusste sie zu schätzen, nannte sie ironisch seine „Apostel“, wenn sie über ihn schrieben „Evangelisten“. Nach der Publikation der Parerga und Paralipomena 1851 begann ‒ wie er es nannte ‒ die „Komödie des Ruhms“. Zwischenzeitlich, zu Beginn und in der Mitte der 1820er Jahre, hatte Schopenhauer zwei Versuche unternommen, die Dozentenlaufbahn einzuschlagen. Es hatte die im Aufschwung befindliche Universität Berlin sein sollen, wo er zu reüssieren dachte. Hier traf er auf den großen Antipoden, der ihm und der Wirkung seines Wer14

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kes einstweilen so massiv und monolithisch im Wege stand: Hegel. In völliger Überschätzung seines eigenen fachlichen Ansehens legte Schopenhauer es auf eine Konfrontation mit dem älteren, schon berühmten Kollegen direkt an ‒ um erneut einen glatten Misserfolg zu ernten: Seine bewusst zur gleichen Zeit wie das hegelsche Hauptkolleg angesetzte Vorlesung blieb leer, die Studenten zogen zu dem ungelittenen Konkurrenten. Der jahrelangen fruchtlosen Spiegelfechterei an der Berliner Universität machte die Cholera ein Ende. Während Hegel ihr 1831 zum Opfer fiel, gelang Schopenhauer rechtzeitig die Flucht. So kam er in das von der Epidemie verschonte Frankfurt, wo er, von einem längeren Aufenthalt in Mannheim abgesehen, für den Rest seines Lebens bleiben sollte. Eine Universität gab es hier damals noch nicht, aber von der Universität hatte Schopenhauer ohnehin genug, wiewohl er sich in offiziellen Dokumenten wie Vollmachten oder seinem Testament2 auch später noch als Dozent der Universität Berlin auswies. Jetzt erkannte er in dem beträchtlichen Vermögen, das er von seinem kaufmännisch erfolgreichen Vater geerbt hatte, endlich die Chance zur Unabhängigkeit: Als Privatgelehrter war er frei. In einem Traktat Ueber die Universitäts-Philosophie verarbeitete Schopenhauer seine Berliner Erfahrungen im Rahmen der Parerga. Hegel und der Hegelianismus, die das philosophische Denken seiner Zeit so mächtig dominierten und die er lange an sich hatte vorbeiziehen sehen, wurden ihm zur Verkörperung dessen, was er jetzt abschätzig „Universitäts-Philosophie“ nannte. Und mehr noch: Hegel selbst wurde ihm zu einem Hassobjekt erster Güte. Groß und unüberwindlich schien ihm die Spannung zwischen ihren Paradigmen: dem schroffen Primat des allmächtigen Willens (der Natur) über den schwachen Intellekt bei ihm selbst, der vielfach verborgenen, aber weisen Regieführung allen Geschehens durch einen universalen Weltgeist bei Hegel. Aber bei aller Differenz in der Sache, bei Scho15

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penhauer wird auch verletzte Eitelkeit im Spiel gewesen sein, saßen die Hegelianer doch so gut und sicher im Sattel institutionalisierter Universitätslehre, dass sie es sich leisten konnten, ihn zu ignorieren und außen vor zu halten. Grimmig schleuderte er solcher Missachtung jetzt eine Salve von Invektiven entgegen, die kein Maß und keine Gerechtigkeit kannten: Als „Afterphilosophie“ und „freche Afterweisheit“, als „philosophische Hanswurstiade“, „Wischiwaschi, das an’s Tollhaus erinnert“ und „Philosophie des absoluten Unsinns“ beschimpfte er Hegels Werk, sprach angewidert vom „ekelhaften Hegeljargon“ und schmähte den Philosophen einen „Windbeutel“, ja einen „plumpen und ekelhaften Scharlatan“, den er für nichts Geringeres als die „ganze Degradation der Philosophie“ verantwortlich machte. Hegel war ihm, wie die nicht minder verabscheuten Zeitgenossen Fichte und Schelling, der „Götze der Universitätsphilosophie“. Ein Hauptvorwurf Schopenhauers gegenüber Hegel bestand darin, dieser habe mit seiner Apotheose des Staates die Philosophie staatlichen Zwecken dienstbar gemacht. Es sei daher eine „empörende Lehre“, dass die Bestimmung des Menschen im Staat aufgehe. In engem Zusammenhang damit warf er der Hegelschule vor, sie habe originäres kantisches Denken, die bedeutendste Lehre seit 2000 Jahren, die für Schopenhauer zu einem denkbar wichtigen Ausgangspunkt für seine eigene Philosophie geworden war, von der Universität verdrängt. Unter Hegels Diktum vom Absoluten und von „absoluter Religion“, denen der Weltgeist zielgerichtet entgegenstrebe, habe man die von Kant als unabdingbar nachgewiesene Trennung von Philosophie und Theologie wieder eingerissen. So sei der als Universitätsprofessor auftretende Philosoph wie Heinrich VIII. jetzt wieder zu einem „defensor fidei“, einem Verteidiger des Glaubens geworden. Doch Philosophie sei, so wurde Schopenhauer nicht müde, gut kantisch zu dekretieren, eben nun einmal keine Theologie! Zusätzlich pro16

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vozierte er mit seinem radikalen Atheismus, mit dem er insbesondere die monotheistische und personalisierte Gottesvorstellung der jüdisch-christlichen Tradition verwarf, und gab den weltauflösenden Nirwana-Vorstellungen Indiens den Vorzug. Da die zeitgenössische Universitätsphilosophie sich von der Theologie aber nicht distanziere, müsse sie allzeit daherlavieren und Rücksicht nehmen „auf die Furcht des Herrn, den Willen des Ministeriums, die Satzungen der Landeskirche“ und anderes mehr (W I, XXVIII). Kirchliche Dogmen und im Verein mit ihnen der Staat, der sich in Romantik und Vormärz, namentlich unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. noch immer christlich fundiert sah, hatten die institutionalisierte Philosophie noch nicht aus ihrem Bannkreis entlassen, ja diese arbeitete ihnen im deutschen Idealismus sogar entgegen. Schopenhauer konstatierte daher nicht von ungefähr, seine Art zu philosophieren und diejenige, die an der Universität betrieben wurde, seien „von Grund aus heterogen“ (ebd.). Heterogen nicht nur nach den hier genannten Inhalten, heterogen waren sie auch im Praktischen und Habituellen. Als Privatgelehrter, der Schopenhauer nun war, machte er allerhand Vorbehalte gegenüber dem universitären Betrieb als solchem geltend. Die Professoren lebten eben von der Philosophie, nicht für sie; Weib und Kind und sich selbst zu versorgen sei ihnen vor allem wichtig. Die Philosophie werde darüber zum Gewerbe, die Wahrheitssuche, der Schopenhauer, der Einzelgänger, der Asket, sich so kompromisslos verschrieben hatte, gerate dabei zum Sekundären. Feine Animositäten entwickelte er gegenüber den subtiler wirksamen Zwängen, mit denen sich der universitäre Alltag dem Denken, das als solches eben Selbstdenken sei, in den Weg stelle: Das „philosophische Katheder ist gewissermaaßen ein öffentlicher Beichtstuhl, wo man coram populo [vor allem Volke] sein Glaubensbekenntniß ablegt. Sodann ist der wirklichen Erlangung gründlicher, oder gar tiefer Einsichten, also dem wahren Weisewer17

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den, fast nichts so hinderlich, wie der beständige Zwang, weise zu scheinen, das Auskramen vorgeblicher Erkenntnisse, vor den lernbegierigen Schülern, und das Antworten-bereit-haben auf alle ersinnliche Fragen. Das Schlimmste aber ist, daß einen Mann in solcher Lage, bei jedem Gedanken, der etwan noch in ihm aufsteigt, schon die Sorge beschleicht, wie solcher zu den Absichten hoher Vorgesetzter passen würde: Dies paralysirt sein Denken so sehr, daß schon die Gedanken selbst nicht mehr aufzusteigen wagen.“ (P I, 161) Seinem Dasein als Privatgelehrter wusste er daher immer mehr abzugewinnen: „Der Wahrheit ist die Atmosphäre der Freiheit unentbehrlich.“ (Ebd.) In diesem Zusammenhang lässt er den eingangs erwähnten Johannes aus der Wüste auftreten: Als Feind und Widersacher würden die Philosophieprofessoren ihn betrachten, als einen, der den Geist des Spieles nicht gefasst habe und es ihnen allen zu verderben drohe (ebd. 167). Es ist der gleiche Gedanke, der Dostojewski bewegte, als er einige Zeit später die Geschichte vom Großinquisitor niederschrieb, jene Erzählung über den mächtigen Kirchenmann, der Jesus für dessen fiktives Wagnis, leibhaftig wieder auf die Erde zurückzukehren, mit dem Scheiterhaufen droht. Es scheint also wenig Spielraum für ein Denken und Wahrheitssuchen im Stile und in der Konsequenz eines Schopenhauers im Rahmen einer universitären oder universitätsähnlichen Institution vorhanden zu sein. Jedenfalls nicht für die philosophische Suche nach dem Neuen, so wie er es verstand: als einer Wissenschaft, die noch gar nicht existiere, die ihr Ziel noch nicht erreicht habe, nicht einmal ihren Weg sicher kenne (P I, 193). Was aber war mit dem gesicherten philosophischen Wissen: der Logik, der Geschichte der Philosophie etc., oder dem, was Schopenhauer in Abgrenzung zur „reinen“ Philosophie die „angewandte“ Philosophie nannte, die der Ausbildung von Staatsbeamten diente? Hier erkannte er die Berechtigung der Universitätslehre an; solche Inhalte ließen sich unter ih18

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rem Dach der jungen Generation allemal vermitteln. Auch gestand er ein, dass durch die Universität die Philosophie wenigstens „eine öffentliche Existenz“ erhalte. (P I, 149) Dass aber seine eigene Philosophie kathederfähig würde, dafür müssten erst ganz andere Zeiten heraufziehen. (W I, XXVIII) In dieser Bemerkung deutet sich an, dass Schopenhauer sich darüber bewusst war, dass in der okzidentalen Welt seine Philosophie sich schwerlich würde erhalten und entfalten können, würde die Universität sie auf Dauer außen vor halten. Wohl war sie weitgehend außerhalb der Universität entstanden; langfristige und dauerhafte Wirkung war aber nicht gegen sie, sondern nur mit ihr zu erreichen. Deussen und einigen anderen Professoren schien die Zeit dafür im frühen 20. Jahrhundert gekommen zu sein. Deussen wusste, was er tat. Er hatte zu diesem Zeitpunkt selbst bereits eine fast lebenslange, von einschlägigen Kontroversen begleitete Geschichte des Wachsens und Reifens mit Schopenhauer hinter sich.

Paul Deussen (1845–1919) „Einen Philosophen musst Du lesen, ihn selbst, jede Zeile von ihm, aber nichts über ihn, keine Zeile über ihn, ‒ er heißt Arthur Schopenhauer!“ Diese Worte, geschrieben Mitte der 1860er Jahre, markieren für Deussen den Anfang; an ihn war diese dringliche Aufforderung gerichtet als er, ein Pfarrersohn, in jungen Jahren in Bonn Theologie studierte. Der Schreiber der Zeilen hatte in einem Leipziger Antiquariat gerade Die Welt als Wille und Vorstellung entdeckt und sich den Inhalt schnell zu eigen gemacht. Er war ebenfalls ein Pfarrerssohn: Deussens Schul- und früher Studienfreund Friedrich Nietzsche.3

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1. Paul Deussen und die Schopenhauer-gesellschaft

Deussen und Nietzsche ‒ ein für die Schopenhauer-Rezeption höchst bedeutendes Gespann. Beide waren sich in Schulpforta begegnet, wo sie ihre Gymnasialzeit zusammen absolviert hatten; auch begannen sie zunächst gemeinsam ihr Studium in Bonn ‒ auch Nietzsche immatrikulierte sich zunächst einmal bei den Theologen ‒, bevor sie räumlich und intellektuell je eigene Wege gingen. Schon in der gemeinsamen Schulzeit widmeten beide sich intensiv den alten Sprachen und der Philologie, lasen mit Begeisterung die Autoren und Philosophen der Antike, aber auch die Klassiker der deutschen Literatur. Und doch: in diesem gemeinsamen Beackern der gleichen Felder traten früh und subtil auch schon die Unterschiede zutage. Ein Schwieriger (Nietzsche) sei auf einen Gradlinigen (Deussen) getroffen, ein früh Verletzter auf einen Versöhnlichen, ein Vornehmer auf einen Volkstümlichen ‒ so Deussens Biograph Heiner Feldhoff.4 Deussen war, auch später, der Robuste, der Lebenstüchtige, Nietzsche der Feinnervige, Angegriffene, stets Kränkelnde. Aber Nietzsche war für Deussen auch der „Autoritätsfreund“, der, der den anderen forderte, oft genug überforderte, ihn zeitweilig wohl auch ein wenig verachtete, da er ihm bisweilen etwas zu behäbig erschien. Dennoch hielt die Freundschaft, auch wenn Wirkungskreis und Denken sie allmählich von einander entfernten, ein Leben lang, und sie übertrug sich nach dem Tod des Philosophen mit gewissen Abstrichen auch auf dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Deussen ging auf Nietzsches Anregung, Schopenhauer zu lesen, seinerzeit eher zögerlich und mit Reserve ein. Seinem Biographen zufolge habe ihn zunächst in der Schrift Die beiden Grundprobleme der Ethik jenes der indischen Weisheitslehre entstammende „tat twam asi“ (Das bist du) fasziniert, das sein Analogon bei Schopenhauer in der Erkenntnis hat, dass jenseits aller Vielheit und Verschiedenheit der Individuen wir alle ein und dasselbe Wesen seien; 20

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Paul Deussen

Friedrich Nietzsche

überall ist es der gleiche Wille, der sich in den Erscheinungen objektiviere. Indische Philosophie war Deussen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gänzlich neu. Schon in seiner frühen Studienzeit in Bonn ließ er nebenbei ein eigenständiges Interesse für das Sanskrit erkennen und hatte damit begonnen, es zu erlernen. In Schopenhauers Texten musste ihm daher von Anfang an manches zentrale Motiv vertraut vorkommen. Wenig später nach dieser ersten Beschäftigung, im Jahr 1868, als er sich für längere Zeit in die Abgeschiedenheit seiner Westerwälder Heimat zurückzog, um seine Dissertation zu schreiben ‒ und zwar über Platon ‒, nahm er sich die Zeit, Die Welt als Wille und Vorstellung endlich systematisch zu lesen. Mit ersten Erfahrungen im Sanskrit und seinen Platon-Studien im Tornister war er dafür entsprechend sensibilisiert. Er habe das Buch wie einen Roman gelesen, bekannte er später, sei entzückt gewesen von den ersten drei Teilen und habe sich geprüft, ob er die Fähigkeit zur willensfreien ästhetischen Kontemplation in sich spüre. Doch der vierte Teil, der die Verneinung des Willens zum Leben behan21

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1. Paul Deussen und die Schopenhauer-gesellschaft

delt, habe es verdorben, der sei ihm so grau, so öde und trostlos erschienen …5 Es dauerte noch eine Weile, bis Deussen seinen Beruf und seine Berufung und damit auch seine Rolle als Bahnbrecher für Schopenhauers Lehre finden sollte. Zunächst schien es bei ihm auf eine Tätigkeit als Gymnasiallehrer in der Provinz hinauszulaufen. Doch ließ er selbst bei dieser Tätigkeit seine philosophischen Interessen keinen Moment aus dem Blick, im Gegenteil, das jetzt vertieft betriebene Studium von Schopenhauers Schriften brachte den Knoten endlich zum Platzen: Jetzt avancierte Schopenhauer zu einer bestimmenden Größe seines Denkens. Wenn theologische Rücksichten gegenüber dem „Atheisten“ Schopenhauer ihm bisher Skrupel bereitet hatten ‒ Deussen stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem zusätzlich angestrebten Predigerexamen ‒, verflogen sie nun. Jetzt leuchteten ihm Gemeinsamkeiten zwischen Schopenhauer und dem Geist des Neuen Testaments plötzlich mit solcher Evidenz ein, dass er den Denker zum „philosophus christianissimus“ ausrief. Nein, er könne, so meinte er nun, sich Schopenhauer anschließen, ohne sein Christentum dafür preisgeben zu müssen. Aus der unbefriedigenden Perspektive des Schuldienstes rettete ihn Nietzsche, als er ihm bei einer reichen russischen Industriellenfamilie in Genf eine Stelle als Hauslehrer vermittelte. Bereits Schopenhauer hatte in einer solchen Position eine typische Vorbereitungszeit für Universitätsprofessoren gesehen, jedoch abschätzig gemeint, sie sei eine Schule der Unterwürfigkeit und Fügsamkeit und dem Philosophieren daher abträglich. (P I, 206) Für Deussen war diese Wendung gleichwohl ein Glücksfall, denn die Stelle ließ ihm Freiräume, die er beherzt zu nutzen verstand. Unter anderem war die Entlohnung durch die Russen so großzügig, dass er sich ein kleines Vermögen ansparen konnte, das ihm, wie seinerzeit Schopenhauer, später, als es für seine fortgeschrittene intellektuelle Reifung darauf ankam, 22

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Paul Deussen

Paul Deussen

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für eine gewisse Zeit Unabhängigkeit verschaffte. In Genf entschied sich zumindest intellektuell sein berufliches Schicksal. Hier reifte in ihm der Entschluss, sein Leben der indischen Philosophie und dem Studium des Sanskrits zu widmen. An der dortigen Universität betrieb er seine Habilitation, hielt Vorlesungen in französischer Sprache und begründete das Studium des Sanskrits. Es folgte nach Genf noch eine längere Zeit der Wanderschaft, in der Deussen seinen Ruf als Indologe befestigte und sein philosophisches Weltbild schärfte. In seiner 1877 publizierten und auf große Resonanz gestoßenen Schrift Die Elemente der Metaphysik waren die Koordinaten seines Denkens, in dem sich „das Brahman der Inder, die Ideen des Platon, der Weltschöpfer und Welterlöser des Christentums, das Ding an sich Kants, die Kräfte in den Naturwissenschaften und der Wille Schopenhauers zu einem unzerreißbaren Ganzen der Metaphysik“ zusammenschlossen, schon deutlich sichtbar.6 Damit war der gedankliche Kosmos abgesteckt, in dem Deussen sich fortan bewegte. Dass er es aber gewagt hatte, das Christentum mit der indischen Philosophie und mit Schopenhauer, deren „atheistische“ Tendenz unübersehbar waren, so unverblümt in einem Atemzug zu nennen, brachte ihm Ärger ein. Nach Deutschland zurückgekehrt, hatte er darüber in öffentlichen Vorträgen mit großer Publikumsresonanz gesprochen. Es war die Zeit des Kulturkampfes: Eine Zeitungskampagne wurde gegen ihn in Gang gesetzt, und das zuständige preußische Handelsministerium verbot ihm, an den Hochschulen über Schopenhauer und das Indische zu sprechen. Schopenhauers Reserve gegenüber der Universitätsphilosophie, ihrer Willfährigkeit gegenüber den Ministerien und den Landeskirchen fand in dieser Maßnahme der Obrigkeit spät noch ihre Bestätigung. Doch Deussen hatte auch Förderer im System: den liberalen Direktor des Aachener Polytechnikums, wo er gesprochen hatte, vor allem aber Friedrich Althoff, den preußischen Ministerialdirektor und überaus 24

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einflussreichen Wissenschaftspolitiker in Berlin. In Berlin konnte er sich mit der Schrift über das System der Vedânta (erschienen 1883) auch habilitieren. Wenig später ließ er Die Sûtra’s der Vedânta folgen. Nietzsche lobte seinen Freund als den ersten Europäer, der diese Philosophie von innen her verstanden habe. Deussen hatte als Wissenschaftler damit Anerkennung, Statur und Autorität gewonnen, und unverkennbar begann sein Leben in bürgerliche Bahnen einzuschwenken. Just auf einer Reise über die Alpen 1887, auf der er ‒ frisch vermählt ‒ Nietzsche, seinen jetzt einzelgängerisch gewordenen Freund, in Sils Maria nach langer Trennung wieder traf, erreichte ihn aus Berlin ein erster Ruf, zunächst als Extraordinarius. Seine akademische Karriere ging ihrem Höhepunkt entgegen. Nietzsches Leben verlief derweil in entgegengesetzter Richtung, weg von der Universität. Auch inhaltlich hatte Nietzsche sich von Schopenhauer längst abgekehrt und war in manchen Elementen, wie etwa der Mitleidsethik, zu dessen ausgesprochenem Gegner geworden. Doch im Habitus seines Denkens und Philosophierens war er Schopenhauer nähergerückt: Er war es, der ‒ was bei Schopenhauer noch mehr metaphorisch gemeint war ‒ philosophisches Denken tatsächlich in „freier Bergluft“ praktizierte, während Deussen, dem nun Dotierung und Etablierung winkten, sich nur wunderte, wie primitiv Nietzsche in den Bergen lebe. Hatte er geahnt, dass Nietzsche, der große Inspirator der Philosophie des 20. Jahrhunderts, auf der Bahn zum Abgrund wandelte, während er den Weg hin zum beamteten Kathederphilosophen einschlug? Während Nietzsche zu Beginn des Jahres 1889 endgültig in diesen von ihm selbst aufgerissenen Abgrund stürzte, winkte Deussen sogar die Berufung auf eine ordentliche Professur. Jetzt sollte es an die Universität in Kiel gehen. Doch fast hätte er sich noch einmal um Kopf und Kragen geredet, als er auf einem Orientalistenkongress in Skandinavien seiner Ansicht Ausdruck verlieh, das höchste Wesen sei über alle „Persönlich25

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keit“ erhaben und zukünftige Bekenntnisse würden den Glauben an einen persönlichen Gott nicht mehr enthalten. Etwas mehr Zurückhaltung mit solch originär schopenhauerschem Gedankengut wäre angesichts des noch nicht abgeschlossenen Berufungsprozederes sicher angebracht gewesen. Doch mit der schließlich durchgesetzten festen Bestallung Deussens war Schopenhauers Philosophie, allem akademischen Grummeln zum Trotz, fast 30 Jahre nach dem Tod ihres Urhebers auf dem Katheder erstmals angekommen. Deussen entfaltete auf seiner neuen Position bedeutende Aktivitäten. Zu seinen Großtaten zählen seine Übersetzungen aus dem Sanskrit. Schopenhauer waren die Upanishaden nur über eine lateinische Übersetzung von 1801/02 zugänglich gewesen; seiner Forderung, ein europäischer Übersetzer möge sich des Urtextes annehmen, kam Deussen nun nach. 1897 erschienen seine bahnbrechenden Sechzig Upanishad’s des Veda 7 ‒ ein Buch von über 1 000 Seiten, das schnell zum Standardwerk avancierte und Deussen internationalen Ruhm eintrug. Darüber hinaus beschäftigte ihn über einen Großteil seiner gesamten Professorenlaufbahn hinweg die auf mehrere Bände angelegte Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen. Wie die SchopenhauerArbeiten erschien auch dieses Werk bei Brockhaus, der erste Band 1894. Hier wie anderwärts legte Deussen ausgiebig dar, dass er in Schopenhauer den unüberbietbaren Gipfel der Philosophie sah. „Ich glaube“, so bekannte er einleitend, „mit diesem Lebenswerke eine Dankesschuld an die großen Lehrer abzutragen, denen ich die seligsten Momente des Erdendaseins verdanke, und unter denen vor allen anderen der Veda und die Bibel, Platon, Kant und Schopenhauer im Vordergrunde stehen. Schon als ich vor nahezu einem halben Jahrhundert nach Absolvierung meiner philosophischen Examina mich 1870 dem Studium einerseits der Bibel, andererseits der kantischen Philosophie zuwandte und durch Kant auf Schopenhauer geführt 26

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wurde, fand ich in den Werken dieser Geistesheroen die nicht mehr zu erschütternde Grundlage meiner eigenen Anschauungen über Welt und Leben; …“8 Weiter sprach er von dem „großen, einheitlichen, philosophisch wie religiös volle Befriedigung gewährenden Lehrsystem“, das mit Kants und Schopenhauers Philosophie errichtet worden sei. Für Deussen lief die Philosophiegeschichte somit auf Kant und Schopenhauer hinaus: durch Kant wurde „der ewigen metaphysischen Wahrheit eine feste, für alle Zukunft unerschütterliche Grundlage geschenkt …, deren Bedeutung bei seinen nächsten, mit Schonung und relativer Anerkennung ihrer Verdienste behandelten, Nachfolgern eine Verdunkelung erlitt, bis es dann dem fast übermenschlichen Genius Schopenhauer gelang, auf dem von Kant gelegten Grunde ein Gebäude ewiger philosophischer Wahrheiten aufzurichten, welche im Einzelnen der Ergänzung und Berichtigung fähig und bedürftig sein mag, als Ganzes aber nicht veralten kann und bestimmt ist, ein unverlierbares Besitztum der ganzen Menschheit zu werden und zu bleiben.“9 Wo Schopenhauer mit solcher Verve nun von einem Universitätsprofessor in den Olymp gehoben wurde, war die Zeit gekommen, neue Stufen in der Institutionalisierung und Kodifizierung seines Werkes anzugehen.

Deussens Ausgabe der Werke Schopenhauers Die Gründung der Gesellschaft ging unmittelbar aus einem anderen großen Projekt hervor, das Schopenhauer gewidmet war: eine neue, von Deussen in Angriff genommene Ausgabe der gesamten Werke, der Briefe und des reichhaltigen Nachlassmaterials des Philosophen. Schopenhauer selbst hatte am Ende seines Lebens mit seinem Verleger Brockhaus bereits den Plan einer Gesamtausgabe seiner Werke 27

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erörtert. In nur fünf Bänden wollte er den gesamten Umfang seiner publizierten Schriften zusammengefasst sehen. Doch auch Schopenhauer selbst hätte die endgültige Textgestalt seines Œuvres erst finden müssen, denn das in seinen Büchern sich niederschlagende Denken war zeitlebens durch Kommentierungen und Erläuterungen ergänzt worden: Ständig überarbeitete er die alten Auflagen seiner einzelnen Werke und machte sich Notizen zur Verbesserung für eine neue. Auch die zuletzt von ihm publizierten Fassungen bedeuteten für ihn daher keineswegs das Ende seiner Überlegungen. Es stellt sich daher die Frage, was eigentlich der authentische Schopenhauer sei, was und wie viel er von den hinterlassenen Notizen in die abschließende Ausgabe eingearbeitet hätte. Julius Frauenstädt, der früheste Anhänger, war als Erster damit konfrontiert: Er war noch vom Meister selbst als Erbe und Verwalter seines schriftlichen Nachlasses mit der Herausgabe seiner Schriften betraut worden und erfüllte diesen Auftrag 1873/74 getreu mit der Publikation der ersten Gesamtausgabe seiner Werke. Nach Frauenstädts Tod sollten die Manuskripte Schopenhauers, die sich in seinem Besitz befanden, bestimmungsgemäß an die Königliche Bibliothek Berlin (die heutige Staatsbibliothek) gehen.10 Doch bei der Abwicklung unterlief den Erben Frauenstädts ein folgenreicher Fehler. Schopenhauer hatte sich von jedem seiner publizierten Bücher je ein Exemplar mit weißem Papier durchschießen lassen ‒ die sogenannten Handexemplare ‒, worin er die genannten Verbesserungen und Ergänzungen für künftige Neuauflagen notierte.11 Die Bedeutung dieser Objekte für alle künftige Editionsarbeit war nach dem Tod Frauenstädts verkannt worden: statt in die Bibliothek gelangten sie so in den Antiquariatsbuchhandel und von dort in Privatbesitz einschlägig interessierter Personen. Sie waren somit nicht frei zugänglich und sollten für künftige Herausgeber, die auf Einsichtnahme angewiesen waren, zum Zankapfel geraten. Auch die Verantwortlichen in der 28

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Schopenhauer-Gesellschaft sahen sich mit dem Problem der Handexemplare wiederholt konfrontiert. Schon Eduard Grisebach hatte das Nachsehen. Grisebach war nach Frauenstädt der Nächste, der ‒ mit veränderten Editionsprinzipien ‒ den erneuten Versuch einer Werkedition unternahm. 1 619 Fehler und Ungenauigkeiten hatte er in der Ausgabe seines Vorgängers ausgemacht und nahm daher einen neuen Anlauf. Doch ihm standen, im Gegensatz zu Frauenstädt, die Handexemplare nicht zur Verfügung; mehr als einen flüchtigen Blick erlaubte ihm der damalige Besitzer, Friedrich Bremer, der sich selbst als Schopenhauer-Herausgeber betätigen wollte, nicht. Auch der viel gerühmten Ausgabe Grisebachs wurden schließlich zahlreiche Fehler nachgewiesen. Es war Gustav Friedrich Wagner, der Autor des zum Standardwerk gewordenen „Encyklopädischen Registers zu Schopenhauer’s Werken“12 von 1909, der sie zutage förderte. Die Anregung, endlich eine verlässliche Ausgabe herzustellen, kam von dem jungen Verleger und Schopenhauer-Enthusiasten Reinhard Piper. Schon bei der Gründung seines Verlags in München 1904 hatte er versucht, Deussen als Autor für sich zu gewinnen.13 Wegen seiner Bindung an Brockhaus musste Deussen ihn vorerst vertrösten. Wenige Wochen vor der Gedenkfeier zu Schopenhauers fünfzigstem Todestag im September 1910 wandte Piper sich erneut an ihn: Jetzt unterbreitete er ihm den Plan einer zunächst auf zehn Bände angelegten Schopenhauer-Ausgabe, die neben den publizierten Werken „in würdigster Ausstattung, absoluter Korrektheit und einer bisher unerreichten Vollständigkeit“ auch den ungedruckten Nachlass sowie Schopenhauer-Briefe enthalten sollte. Deussen willigte schnell ein, als Herausgeber zu fungieren, stellte jedoch klar, dass jüngere Kräfte die Ausführung der materiellen Arbeit übernehmen müssten. Es erstaunt nicht wenig, mit welcher Verve sich Deussen, Piper und ein größeres Team junger Mitarbeiter, das sich in Berlin der Manuskripte annahm oder anderweitig für die Edition 29

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tätig wurde, daraufhin in die Arbeit stürzten: Bereits ein halbes Jahr nach der initiierenden Idee, im Juni 1911, lag der erste Band vor: ein getreuer Abdruck des ersten Bandes der Welt als Wille und Vorstellung nach der Ausgabe letzter Hand von 1859, jetzt mit bibliophiler Hingabe aufgemacht in einem repräsentativen Großoktavformat. Die nächsten drei Bände kamen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in schneller Folge. Zum Problem für die erforderliche Quellenarbeit wurden jedoch auch hier die erwähnten Handexemplare. Der aktuelle Besitzer, Referent Albert Graeber aus Leipzig, war zuerst misstrauisch: Bei der Bearbeitung des ersten Bandes hatte Deussen keinen Zugriff auf sie. Dann ließ Graeber sich erweichen und stellte ihm die Bände zur Auswertung doch noch zur Verfügung. Doch schon ein Jahr später zog er sie zum Ärger Deussens wieder zurück. Deussen hatte zwischenzeitlich Abschriften davon anfertigen lassen. Diese fehleranfälligen Kopien mussten für die weitere Bearbeitung der Edition dann ausreichen, während die Originalexemplare selbst zu einem Konkurrenten wanderten, der sie dann auch käuflich erwarb: Otto Weiß. Weiß war schon anderweitig als Herausgeber philosophischer Werke (Schelling und Hegel) hervorgetreten. Jetzt richtete sich sein Interesse auf Schopenhauer. Auch er plante sein Projekt im gleichen Umfang wie Deussen, nämlich als Edition der Werke, des Nachlasses und der Briefe. Für dieses Unternehmen brachte ihm der Besitz der Handexemplare einen großen methodischen Vorteil. Er hütete sie daher mit entsprechender Eifersucht. Seine Ambitionen wurden zum Konkurrenzprojekt, und schon bald ist von einer Beleidigungsklage die Rede, die Weiß gegen ein Mitglied der Gesellschaft anstrengte, das sich öffentlich etwas despektierlich über sein Vorhaben geäußert hatte.14 Solcher Ärger mit Weiß und um die Handexemplare sollte auf Jahrzehnte hin zu bisweilen schriller Begleitmusik für alle editorische Arbeit am Werk Schopenhauers anschwellen. 30

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Die gründung 1911

Die Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft 1911 Deussens Editionsarbeit hatte aber noch einen anderen Effekt, der hier nun in erster Linie interessiert: die Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft. Die ursprüngliche Anregung dazu kam von dem Berliner Rechtsanwalt Paul Posener. Posener, der mit Eduard Grisebach bekannt war, hatte diesen Vorschlag gegenüber Reinhard Piper geäußert, als der für seinen Plan einer Schopenhauer-Ausgabe geworben hatte.15 Für Piper war eine solche Gründung nicht zuletzt auch wegen der Akquisition eines Kreises von Subskribenten für sein verlegerisches Großprojekt interessant. Deussen, der auch bei diesem Vorhaben die Führung übernehmen sollte, habe aber zunächst gezögert. Im April 1911 ‒ der erste Band der neuen SchopenhauerAusgabe war gerade in Druck ‒ besuchte Deussen den Philosophischen Kongress in Bologna. Wiederum wurde ihm hier von einem Berliner, jetzt dem Geheimen Justizrat und Universitätsprofessor Josef Kohler, zugeredet, in Sachen Gesellschaftsgründung aktiv zu werden. Kohler bot nicht nur seine eigene Mitarbeit im Führungsgremium an, sondern wollte als Schatzmeister auch Arthur von Gwinner, Vorstandssprecher der Deutschen Bank und damit einer der führenden Repräsentanten der deutschen Hochfinanz, darüber hinaus Mitglied im preußischen Herrenhaus, rekrutieren. Gwinner war der Sohn von Wilhelm von Gwinner (1825–1917), dem Testamentsvollstrecker und ersten Biographen Schopenhauers, der hochbetagt noch immer in Frankfurt lebte.16 Arthur, der aus frühen Kindertagen daher noch eine persönliche Erinnerung an Schopenhauer bewahrte,17 hatte 1905 der Frankfurter Stadtbibliothek ein bedeutendes Konvolut an Schopenhaueriana (Handschriften, Bücher aus seiner Bibliothek u. a.) vermacht,18 auch durfte man von ihm hoffen, Zugang zu den Schopenhaueriana, die sich im Besitz seines 31

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Vaters befanden, zu erhalten. So vielfach bedrängt, ließ Deussen sich endlich herbei, die Gründung anzugehen.19 Am 30. Oktober 1911 wurde die Schopenhauer-Gesellschaft in Kiel (Deussens Wohnsitz und Arbeitsstätte) formell ins Leben gerufen. Deussen übernahm mit Kohler und Gwinner als seinen Stellvertretern, zunächst provisorisch, ihre Führung. Ihr erster Akt war die Versendung eines gedruckten Werbeschreibens, in dem sie die Gründung publik machten und die Freunde der schopenhauerschen Philosophie zum Beitritt aufforderten.20 „Sollte der Erfolg unseren Erwartungen entsprechen, so dürfte unsere Gesellschaft nach und nach zu einer Macht erstarken, welche, gleichweit entfernt von finsterm Aberglauben und plattem Materialismus, berufen sein könnte, den Geist echter philosophischer Forschung und wissenschaftlicher Metaphysik in immer weiteren Kreisen des deutschen Vaterlandes und weit über dessen Grenzen hinaus zu wecken und nach Kräften zu unterstützen“, hieß es in dem (vermutlich von Piper gedruckten) Aufruf. Drei Aufgaben hatte die Gesellschaft sich gestellt: die Schaffung eines Schopenhauer-Archivs, die Pflege des Gedankenaustausches der Mitglieder und die Herausgabe eines Jahrbuchs. Unterzeichnet wurde der Aufruf von 25 Persönlichkeiten (wobei diese Auflistung in zwei abweichenden Varianten vorliegt), die für eine illustre und geographisch weite Streuung der SchopenhauerGemeinde stehen: Mehr als ein Drittel trug den Professorentitel, davon die meisten als Universitätsprofessoren, neben Deussen der japanische Übersetzer Schopenhauers aus Tokyo, Anesaki, die Professoren Costa und Cuboni aus Rom, die indischen Professoren Ray und Shastri, aber auch Ludwig Schemann, Professor in Freiburg, der als Schopenhauer-Forscher und -Sammler in Erscheinung getreten war. Schemann behauptete übrigens, Piper habe ursprünglich ihn für die Leitung der kritischen Schopenhauer-Ausgabe gewinnen wollen; wegen anderer Verpflichtungen habe er absagen müssen und 32

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Die gründung 1911

Aufruf anlässlich der Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft 1911

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ihm stattdessen Deussen empfohlen.21 Ein anderer ausgesprochener Kenner des schopenhauerschen Werkes, der bereits erwähnte Gustav Friedrich Wagner, findet sich ebenfalls auf der Liste, wie auch der Wiener Indologe Karl Eugen Neumann, der als Autor bei Piper mit der Übersetzung der Reden Buddhas hervorgetreten war. Von Bedeutung war darüber hinaus Friedrich Clemens Ebrard, Direktor der Stadtbibliothek Frankfurt, in dessen Haus sich mittlerweile ebenfalls bedeutende Nachlassstücke von Schopenhauer befanden, und in diesem Zusammenhang auch Carl Gebhardt, ebenfalls aus Frankfurt, der für Deussen ein wichtiger Verbindungsmann zur Frankfurter Schopenhauer-Überlieferung geworden war. Die Häuser Piper und Brockhaus als Schopenhauer-Verleger gehörten ebenfalls mit zum Kreis der Initiatoren, aber auch Henriette Hertz, Gründerin der Hertziana in Rom und enge persönliche Freundin Deussens. Gut ein Drittel der Gründungsmitglieder war Ausländer oder lebte im Ausland: Wie erwähnt waren Indien, Japan, Italien, darüber hinaus aber auch die USA, Österreich und die Schweiz die Herkunftsländer. Auch die Juristen ‒ als Berufsgruppe unter den Verehrern Schopenhauers traditionell stark vertreten ‒ waren mit einem Fünftel präsent, außerdem mit Hans Thoma, Wilhelm Trübner und einem weiteren berühmten Maler. All diese Namen und Professionen legen unverkennbar Zeugnis davon ab, dass Schopenhauers Denken in breiteren Kreisen des Bildungsbürgertums und in etablierten Institutionen des Kultur- und Universitätsbetriebs unterdessen nachhaltig Wirkung zu entfalten begonnen hatte.

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unter der führung Deussens

Die Schopenhauer-Gesellschaft unter der Führung Deussens 1911–1919 „Das wäre also etwas Schönes, wenn so eine Philosophie, von der man gar nicht leben kann, Luft und Licht, wohl gar allgemeine Beachtung gewönne!“ So hatte Schopenhauer mit Blick auf seine eigene Philosophie 1844 geschrieben. (W I, XXVIII) Allgemeine Beachtung … War es eine repräsentative Elite des Geistes, die sich hier versammelt hatte? Warum etwa hielt sich Thomas Mann zurück, seit frühen Jahren ein Verehrer Schopenhauers, der in seinem Spätwerk Deussen dann sogar ein kleines literarisches Denkmal setzte?22 Wie auch immer, der Kreis wuchs schnell: Aus den 25 Unterzeichnern des Aufrufs von Herbst 1911 waren zum Jahresende schon über 200 Mitglieder geworden. Ihre Zahl stieg ‒ und das trotz des bald ausbrechenden Weltkrieges ‒ kontinuierlich auf fast 700 zum Ende des Jahres 1918 an. Wie beim Gründerkreis kamen auch hier viele aus dem Ausland; die inländischen Mitglieder waren mit dem größten Anteil in Berlin (einschließlich des noch nicht eingemeindeten Charlottenburg) ansässig, auch die Schopenhauer-Städte Frankfurt und Dresden waren gut vertreten; München ‒ mit Schopenhauer nur durch ein Jahr, in dem er krank daniederlag, verbunden ‒ war ebenfalls stark, und Deussens Tätigkeit in Kiel sicherte der Gesellschaft in der Ostseestadt eine überproportionale Präsenz.23 Die Schopenhauer-Gesellschaft stand mit diesen Zahlen etwas im Schatten der 1904 gegründeten Kant-Gesellschaft, die insbesondere nach Ende des Krieges einen rasanten Anstieg auf weltweit über 3 000 Mitglieder Anfang der Zwanzigerjahre erlebte.24 Übers Jahr bot die Gesellschaft ihren Mitgliedern zwei Attraktionen: das Jahrbuch, das man zu Schopenhauers Geburtstag am 22. Februar überreichte, und die Generalversammlung, die meist in der Pfingstwoche abgehalten wurde. Die Generalversammlung25 35

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fand an unterschiedlichen Orten statt und dauerte jeweils mehrere Tage. Sie bestand aus repräsentativen Empfängen und Festessen, einem Zyklus von Vorträgen und Diskussionen, kurzen Verhandlungen der geschäftlichen Belange, Exkursionen und Besichtigungen ‒ sofern der Ort es bot, natürlich zu Schopenhauer-Stätten ‒ sowie ausgiebigem geselligen Beisammensein. Erstmals traf man sich im Mai 1912 an Deussens Wirkungsstätte in Kiel. Schopenhauer-Stätten gab es hier nicht zu besichtigen, nur der „Kriegshafen“ und Ausflüge in die Umgebung bis nach Kopenhagen standen auf dem Besuchsprogramm. Doch konnte Deussen den Schopenhauer-Freunden auch etwas Besonderes bieten, nämlich die Besichtigung der nie gesehenen Handexemplare, die Referent Graeber ihm zu diesem Zeitpunkt gerade überlassen hatte. Die zweite Versammlung im Jahr darauf fand in Frankfurt statt. Ein Ehrenkomitee aus ortsansässigen Mitgliedern und Honoratioren hatte die umfängliche Veranstaltung bestens organisiert, was zum Muster für die später folgenden Versammlungen wurde. 100 Mitglieder nahmen daran teil, die bei einem Empfang im Rathaus der Stadt auch von offizieller Seite willkommen geheißen wurden. Frankfurt hatte wie kaum eine andere Stadt an authentischen Schopenhauer-Stätten und -Hinterlassenschaften natürlich einiges zu bieten: die Wohnhäuser des Philosophen, darunter das Sterbehaus, eine eigens arrangierte Ausstellung von Schopenhauer-Bildnissen und -manuskripten in der vom Meister einst frequentierten Stadtbibliothek, das 1895 errichtete Schopenhauer-Denkmal, an dem eine Kranzniederlegung stattfand, und schließlich das Grab ‒ ein Ehrengrab ‒ auf dem Hauptfriedhof der Stadt. Dass das Gesellige nicht zu kurz kam, lag in Deussens Naturell: Der weltverneinende Standpunkt der indisch-christlich-schopenhauerschen Philosophie, so erläuterte er den Mitgliedern, vertrage sich sehr wohl mit einem fröhlichen Herzen und einer heiteren Lebensanschauung.26 In diesem Sinne ließ man es sich bei einem „glänzenden Festmahl“ 36

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im Frankfurter Hof, dem ersten Haus unter den vornehmen Hotels am Platze, wohl sein und nutzte ‒ augenzwinkernd und vielleicht schon etwas weinselig geworden ‒ solche Gelegenheiten gerne, Schopenhauers berüchtigte Tiraden Über die Weiber kurzerhand zu einer Fälschung zu erklären, um unbefangen einen Toast auch auf die zahlreich anwesenden Damen ausbringen zu können. Es waren Schwänke nach Deussens Geschmack; sie lösten die Zunge, man lernte sich kennen, man freundete sich an, man fand es nett auf den jährlichen Treffen; nichts war zu spüren von der misanthropischen Häme, die der Meister so oft versprüht hatte; Deussens menschenfreundliches Wesen führte Regie. Es waren die Geburts- und Wiegenstunden der Schopenhauer-Gemeinde. Trotzig bot sie sogar der Ungunst des Krieges die Stirn: Nach München und Düsseldorf versammelte sie sich ‒ „trotz der Beschwerden … der Verpflegung“ ‒ 1916 und 1917 in den Schopenhauer-Städten Dresden und Danzig, 1918 noch einmal in Kiel. Der angestrebte Austausch zwischen den Schopenhauer-Freunden kam somit in Gang. Auch das zweite Anliegen, der Aufbau eines Archivs, schien anfänglich vielversprechend. Gleich im ersten Jahr erhielt die Gesellschaft von der Dresdner Familie Bähr, deren Vater und Großvater, Carl Georg und Johann Carl Bähr, zu Lebzeiten noch zum engen Verehrerkreis um Schopenhauer gehört hatten, einen eigenhändigen Brief des Meisters und eines seiner Prismen geschenkt. Darüber hinaus kamen als antiquarische Raritäten Die Welt als Wille und Vorstellung in den drei Originalauflagen von 1819, 1844 und 1859 sowie eine Ausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft in der 1. Auflage Riga 1781. Doch so hoffnungsvoll der Anfang war, auf diesem Niveau ging die Sammeltätigkeit vorerst nicht weiter. Vielfach hinterlegten verschiedene Autoren, auch Deussen, ihre eigenen Werke zu Schopenhauer in dem Archiv. Weitere historische Dokumente und antiquarische Werke oder sonstige Devotionalien 37

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blieben vorerst aber weitgehend aus.27 Doch längerfristig sollten das Archiv und die Sorge um alle Nachlassstücke aus der Lebenssphäre des Philosophen im weitesten Sinne zu einem Hauptmotiv für die Gesellschaft werden.

Das Ringen um wissenschaftliches Profil Ungleich effektiver entwickelte sich das dritte Vorhaben: die Herausgabe eines Jahrbuchs der Schopenhauer-Gesellschaft. Schon wenige Monate nach der Gründung der Gesellschaft, zum SchopenhauerGeburtstag am 22. Februar 1912, konnte Deussen den ersten Band vorlegen. Wie die von Piper so schnell realisierte große Schopenhauer-Edition war auch die Herausgabe des Jahrbuchs eine organisatorische Meisterleistung. Die Mitgliedsbeiträge betrugen jährlich 10 Mark oder 100 Mark einmalig, um die lebenslange Mitgliedschaft zu erlangen. Diese Beträge reichten in den ersten Jahren aus, um die Druckkosten, aber auch die Kosten für die Geschäftsführung der Gesellschaft zu bestreiten; Zuschüsse der öffentlichen Hand spielten vorerst keine, Spenden allenfalls eine geringe Rolle.28 Inhaltlich aber musste das Jahrbuch seine Form erst finden. Deussen ließ zunächst alles zu, was sich in Verehrung für und in Kennerschaft über den Meister äußern wollte. Rangstreitigkeiten glaubte er dadurch vermeiden zu können, dass er die Beiträge in alphabetischer Reihenfolge nach Autorennamen abdruckte. Ihm selbst sicherte dieses Verfahren den ersten Platz im ersten Jahrbuch. Mit einem sehr persönlich formulierten Bekenntnis Wie ich zu Schopenhauer kam wurde die Reihe so eröffnet; auch später ließ er immer wieder Essays programmatischen und entsprechend werbenden Inhalts folgen, sprach von der Beweiskraft der Philosophie Schopenhauers (2. JB) oder davon, Was wir wollen (3. JB). Die Zusammenstellung 38

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der ersten Ausgabe des Jahrbuchs geriet bunt: Unter dem Pseudonym Diotima äußerte sich Henriette Hertz zu Schopenhauer über die Weiber. Darin distanzierte sie sich von der verletzenden Form, in die der Meister seine diesbezüglichen Äußerungen gefasst habe, um ihm in der Sache selbst dann aber recht zu geben: das „Weib“ als Erhalterin der Gattung, die „Frau“, die potenziell sich Emanzipierende, als davon abgelöstes Individuum. Es folgten fast 20 weitere kleinere Beiträge: verschiedene kürzere und längere Gedichte, fünfzeilige Denksprüche und Sentenzen, ein sonettförmig vorgetragenes Glaubensbekenntnis von Maria Groener, eine Geburtstagseloge auf den Philosophen, eine Zukunftsvision, die sich aus der Sicht des Jahres 4000 n. Chr. mit der Frage, ob Schopenhauer gelebt habe, befasst; dazwischen verschiedene ernsthaftere Abhandlungen, unter anderem von Gustav Friedrich Wagner, dem Lexikonautor. Vielleicht war diese sehr bunt geratene Mischung auch ein bisschen der Übereilung bei der Herausgabe der ersten Nummer geschuldet. Aber Deussen wollte in Gesellschaft und Jahrbuch neben der Wissenschaft auch laienhafter, vor allem aber auch künstlerisch inspirierter Schopenhauer-Verehrung Raum geben. Jetzt hatte er das Sammelsurium. Er war zu jovial, als dass es ihn übermäßig gestört hätte. Unbegreiflich, wie er all das, was hier zutage kam, mit seinem Namen decken konnte, meinte sein später Nachfolger Arthur Hübscher.29 Aber auch damals schon blieb diese Linie nicht unwidersprochen. Bereits auf der ersten Generalversammlung 1912 wurde ein Antrag gestellt, künstlerische Beiträge vom Jahrbuch künftig auszuschließen. Eine Minderheit in der Gesellschaft sah deren Bestimmung in einer strengeren und konsequenteren Ausrichtung, als Deussen es vorschwebte. Doch der Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, das Jahrbuch sei nicht nur zur Erörterung wissenschaftlicher Fragen bestimmt, es solle auch ein Bild von dem wachsenden Einfluss der schopenhauerschen Philosophie auf alle Kreise 39

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der Nation und das gesamte Kulturleben bieten.30 Diese Zurückweisung war freilich kein Präjudiz: Die Frage, ob die Gesellschaft nicht doch stärker wissenschaftlich auszurichten wäre, sollte ihr als ein dauerndes und grundlegendes Thema erhalten bleiben. Einer der Wortführer, der sich für eine solche Zielsetzung aussprach, war ein Schüler Deussens, der für die weitere Entwicklung der Gesellschaft noch zentrale Bedeutung erlangen sollte: Franz Mockrauer. Mockrauer ‒ Jahrgang 1889 ‒ hatte ein Studium der klassischen Philologie, Philosophie, Psychologie und Pädagogik an den Universitäten Freiburg, Kiel und Berlin absolviert; und Deussen hatte ihn in das Team junger Mitarbeiter berufen, das an der Herstellung seiner Schopenhauer-Ausgabe mitwirkte. Mockrauer operierte dank dieser Tätigkeit auf einer professionellen Basis, die es ihm ermöglichte, minutiös in das schopenhauersche Werk einzudringen. Zwei Jahre nach dem abgelehnten Antrag wagte er einen erneuten Vorstoß in dieser Sache und wandte sich mit einem Rundschreiben an die wissenschaftlich geschulten Mitglieder.31 Diese seien, so führte er aus, naturgemäß eine Minorität, die von der Majorität allzu sehr in den Hintergrund gedrängt werde. Wieder stieß er sich am Niveau der Beiträge im Jahrbuch und dem Überhandnehmen der literarischen Beiträge. Er schlug verschiedene Maßnahmen vor, unter anderem die Einrichtung einer wissenschaftlichen Kommission mit bestimmten inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. Mockrauer wollte damit expressis verbis auf eine Stärkung des universitätswissenschaftlichen Elements hinaus; zielgerichtet und hartnäckig strebte er nach der Professionalisierung ‒ und in der Folge nach der Marginalisierung, ja Ausschaltung der „dilettantischen Gedankenarbeit“. Doch auf der kurz danach, Anfang Juni 1914, in München veranstalteten Generalversammlung scheint seine Anregung nicht behandelt worden zu sein.32 Dann kam zunächst der Krieg.

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Der Krieg machte wissenschaftlichen Ambitionen generell das Leben schwer, Deussens Schopenhauer-Ausgabe brachte er schnell ins Stocken. Sieben Bände waren zwischen 1911 und 1913 in schneller Folge herausgekommen. Jetzt, im Krieg 1916, erschien noch ein Band mit Nachlassschriften; bis zum nächsten Band sollte es dann bis 1923 dauern. Deussen war ‒ entgegen der allgemeinen Euphorie ‒ kein Freund dieses Krieges. Kaisertreu wie er war, glaubte er zwar, er sei dem deutschen Volk „frevelhaft“ aufgezwungen worden, doch insgesamt gesehen war er ihm „eine traurige Bestätigung der Lehre Schopenhauers von der Bejahung des Willens zum Leben“. Auch lehnte er Anregungen wie die, ausländische Mitglieder aus der Gesellschaft auszuschließen, empört ab. Die Gesellschaft habe erhaltend (bezüglich der geistigen Bildung) und versöhnend auf den Gang der Ereignisse einzuwirken.33 Deussens mäßigende Haltung in der Kriegsfrage und sein Gewährenlassen der dilettantischen Bestrebungen innerhalb der Schopenhauer-Gesellschaft sind womöglich als zwei Seiten ein und derselben Medaille bzw. ein und desselben liberalen Gemüts zu verstehen. Mancher aus dem Kreis derjenigen, die nach wissenschaftlicher Profilierung strebten, neigte hingegen auch im Sozialen und Politischen zur Polarisierung. Noch während des Krieges, im April 1918, gab es diesbezüglich neue Initiativen. Drei Juristen, die bald schon große Bedeutung in der Gesellschaft erlangen sollten ‒ Rechtsanwalt Hans Taub aus München, Justizrat Leo Wurzmann aus Frankfurt und Amtsrichter Hans Zint aus Danzig ‒, denen andere, darunter auch Universitätsprofessor Kowalewski aus Königsberg, sich anschlossen, erhoben die Forderung, neben dem wohl als ineffektiv erachteten Jahrbuch nach dem Muster der Kantstudien eine periodische Zeitschrift Schopenhauer-Studien mit wissenschaftlichem Anspruch herauszubringen. Eine solche hielten sie für geeignet, die schopenhauersche Philosophie aus ihrer abgesonderten 41

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1. Paul Deussen und die Schopenhauer-gesellschaft

Richtung zu lösen und ihr den gebührenden Platz in der philosophischen Geistesarbeit der Gegenwart zu verschaffen. Darüber hinaus sollte die Gesellschaft Monographien herausbringen, als Erstes eine Festschrift zum hundertjährigen Erscheinen der Welt als Wille und Vorstellung. Und schließlich forderten sie die Einsetzung eines Arbeitsausschusses, der dieses Programm vorbereiten sollte. Zur Finanzierung schlugen die Antragsteller eine Verdopplung des Mitgliedsbeitrags vor, wogegen Deussen aber mit Rücksicht auf die im Felde stehenden und die ausländischen Mitglieder massiven Einspruch erhob. Bei den sonstigen Vorschlägen aber war er gerne bereit, hilfreich die Hand zu reichen.34 Die Initiative der Juristen war auch von Maria Groener, Mitglied und Jahrbuchautorin der ersten Stunde, mit unterzeichnet worden. Sie aber glaubte nun, diese Ambitionen in einem begleitenden, in Eigenregie gedruckten Flugblatt An die Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft vom Mai 1918 noch weiter treiben und einen scharfen Ton in diese Debatte bringen zu müssen. 35 „Ich bin orthodox ‒ aber orthodox aus Notwehr, nicht aus Prinzip“, bekannte sie und zog eine gnadenlos kritische Bilanz der Inhalte der bisherigen Bände des Jahrbuchs. Sie machte darin Beiträge aus, die die Gesellschaft bloßstellten ‒ ausdrücklich nannte sie Wilhelm von Gwinner und Carl Gebhardt; andere Autoren, so etwa Mockrauer, schalt sie „Verschlimmbesserer“ Schopenhauers. Sie schwang sich zur Richterin über ihre Mitstreiter auf und übte im Detail zum Teil ätzend Kritik, ließ dabei aber unerwähnt, dass auch sie selbst zum bunten Erscheinungsbild des Jahrbuchs mit Gedichten, philosophischen Märchen und dergleichen ihren Beitrag geleistet hatte. Sie schloss ihre Ausführungen mit einer beachtlichen Formulierung, die womöglich zum Leitspruch der Schopenhauer-Gesellschaft hätte werden können: Es gehe um zwei Ziele: „Schopenhauer in die Breite: als Trost der leidenden Menschheit; 42

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das ringen um wissenschaftliches profil

Schopenhauer in die Höhe: als herrschende Philosophie an der Universität der Zukunft“. Doch Groener war im Tonfall zu polarisierend und zu polemisch. Mit ihr wollte sich niemand zusammentun, und sie sollte der Gesellschaft durch noch heftigere Ausfälle bald schon zu schaffen machen. Jetzt kam sie jedenfalls nicht zum Zuge, als die Generalversammlung im Mai 1918 die Anregung von Taub, Wurzmann und Zint aufgriff und den von ihnen geforderten Arbeitsausschuss einsetzte.36 Stattdessen gehörten diesem neben Wurzmann selbst unter anderem die von Groener gescholtenen Herren Gebhardt und Mockrauer an. Man hatte sich auf den Weg gemacht, die wissenschaftliche Profilierung voranzutreiben. Ein wissenschaftlich so ambitionierter Kopf wie Mockrauer witterte Morgenluft. Er wollte mehr; für ihn war es nur eine erste, mehr provisorische Form, die das wissenschaftliche Element mit der Einsetzung des Ausschusses institutionell jetzt gefunden hatte. Schon bald sollte er weiterkommen.

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Kapitel 2

Wirren und Spaltungen in der frühen Weimarer Zeit

Interne Ereignisse und die allgemeinen Schwierigkeiten der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse setzten bald nach Ende des Krieges eine markante Zäsur. Am schwersten wog der plötzliche Tod Paul Deussens am 6. Juli 1919. Bis zum Ende hatte der 74-Jährige Vorlesungen gehalten und war im akademischen Betrieb sowie für die Schopenhauer-Gesellschaft unermüdlich tätig gewesen. Auch war es ihm vergönnt, sein monumentales Lebenswerk abzuschließen: 1917 hatte er den letzten Band seiner Allgemeinen Geschichte der Philosophie in Händen gehalten, an der er fast drei Jahrzehnte gearbeitet hatte. Nun starb er, wie er es wollte: „in den Sielen“. Doch sein Tod hinterließ in der von ihm gegründeten Gesellschaft ein Vakuum, zumal im gleichen Jahr auch deren zweiter Vorsitzender, Josef Kohler, verstarb. Dramatisiert wurde diese Personalie durch die allgemeinen Wirren der Nachkriegszeit. Auf innere Spannungen, die Deussens Integrationskraft bislang im Zaum gehalten hatte, wirkten sie katalysatorisch. Die organisatorischen Neuerungen, die jetzt anstanden ‒ eine Änderung der Satzung und eine Verlegung des Sitzes der Gesellschaft von Kiel nach Frankfurt ‒, ließen sich noch einvernehmlich regeln. Doch unschön waren die Szenen, die sich ereigneten, als sich einige Mitglieder abspalteten und mit publizistischem 45

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Trommelfeuer ins jetzt entstehende völkisch-antisemitische Lager abdrifteten. Zugleich verschärfte sich intern der Richtungsstreit um die Frage der weiteren Profilierung der Gesellschaft als wissenschaftliche Institution, und die Gesellschaft verfügte nach Deussens Abgang zunächst über keine autoritative Persönlichkeit, die in der Lage gewesen wäre, den Konflikt zu moderieren und persönliche Verletzungen, die daraus folgten, zu vermeiden. Schließlich sah sich die Gesellschaft genötigt, ihre eigene Publikationstätigkeit und andere Aktivitäten aufgrund der wirtschaftlichen Not zur Zeit der Inflation zeitweilig ganz einzustellen. Es war äußerst schwieriges Fahrwasser, in dem sich die Schopenhauer-Gesellschaft in den frühen Weimarer Jahren wiederfand.

Organisatorische Neuerungen Der Schatzmeister, Arthur von Gwinner, war nach dem Tod Deussens und Kohlers unvermittelt als einziger Vertreter des dreiköpfigen Führungsgremiums der Gesellschaft, des „Kuratoriums“, verblieben. Er beriet sich mit dem kurz zuvor neu installierten Arbeitsausschuss und berief Justizrat Wurzmann und Franz Mockrauer provisorisch in die Leitung der Gesellschaft. Erst für 1920 war wieder eine Generalversammlung angesetzt, die gültige Beschlüsse fassen und Personen wählen konnte. Die personelle Veränderung wurde nun auch zum Anlass für organisatorische Neuerungen. Die Satzung und damit die innere Konstitution wurde einer umfassenden Revision unterworfen.37 An die Stelle des dreiköpfigen Kuratoriums trat jetzt ein Vorstand mit sieben Mitgliedern, bestehend aus dem Vorsitzenden, dem Schatzmeister, dem Schriftführer, dem neu geschaffenen Amt des Archivars sowie drei Beisitzern. Deutlich schlug sich das Bemühen um Professionalisierung in der Formulierung nieder, der 46

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organisatorische neuerungen

Vorstand habe das Recht, einen „besoldeten Beamten“, insbesondere einen Generalsekretär, anzustellen. Vor allem aber wurde neben dem Vorstand und der Generalversammlung jetzt formal ein drittes Organ der Gesellschaft geschaffen, mit dem der Arbeitsausschuss statuarischen Rang erhielt: die Wissenschaftliche Leitung, deren Mitglieder auf Vorschlag des Vorstands von der Generalversammlung für jeweils vier Jahre zu wählen waren. Die personelle Basis der Führungsgremien wurde mit der Erneuerung somit zugleich beträchtlich erweitert. Den Vorsitz übernahm nun Leo Wurzmann aus Frankfurt; auch der neu berufene Archivar kam jetzt zweckmäßigerweise aus Frankfurt, wo sich die Aktivitäten der Gesellschaft nun konzentrieren sollten, also wählte man Carl Gebhardt. Mit Hans Zint, Landesgerichtspräsident in Danzig, wurde als einer der Beisitzer eine Persönlichkeit berufen, die künftig noch von großer Bedeutung für die Gesellschaft werden sollte. Eine überragende Stellung aber vermochte sich nun Franz Mockrauer zu sichern. Als Schüler und Mitarbeiter Deussens, dem er im Jahrbuch einen umfangreichen Nachruf widmete, sah er sich wohl als eigentlicher Erbe von dessen Hinterlassenschaft. Es hat ganz den Anschein, als sei er es gewesen, der bei den umfassenden Strukturveränderungen, die jetzt im Gang waren, die Regie führte. Er verfolgte dabei das klare Interesse an einer weiteren wissenschaftlichen Profilierung der Gesellschaft. Die neu geschaffene Position des Generalsekretärs nahm er daher selbst ein. Er war damit bezahlter Angestellter der Gesellschaft, hatte seit 1919 jedoch zugleich noch eine Dozentur an der Volkshochschule in Dresden, wo er nun ansässig geworden war. Auch privat hatte er im übrigen Bande zur Dresdener Schopenhauer-Tradition geknüpft, als er 1917 Johanna Bähr geheiratet hatte, die Tochter von Carl Georg Bähr, dem von Schopenhauer sehr geschätzten frühen Interpreten seiner Werke. Die neue Satzung besagte, dass der Generalsekretär gleichzeitig Schriftführer sein und 47

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damit ein Amt im Vorstand einnehmen könne. Mockrauer besetzte daher auch diese Position. Der Schriftführer seinerseits aber war wie der Archivar qua Satzung automatisches Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung, so dass Mockrauer (mit Gebhardt) schließlich auch in diesem Gremium tätig werden konnte. Hier umgab er sich mit Universitätsprofessoren wie Hans Vaihinger, dem Geschäftsführer der Kant-Gesellschaft, mit denen er sich in seinem Anliegen um wissenschaftliche Formierung der Schopenhauer-Gesellschaft einig wusste. Diese ungewöhnliche Personalunion von Generalsekretariat, Schriftführer im Vorstand und Mitgliedschaft in der Wissenschaftlichen Leitung scheint Mockrauer direkt auf den Leib geschneidert worden zu sein. Sie ermöglichte es ihm, jedem anderen in den Führungsorganen, selbst dem Vorsitzenden, den Rang abzulaufen.

Die Gründung des Schopenhauer-Archivs 1921 Auch das neu geschaffene Amt des Archivars hatte eine nicht geringe Bedeutung. Die Verlagerung des Sitzes der Gesellschaft nach Frankfurt geschah in der Absicht, die Bestände ihres Archivs mit den Schopenhaueriana, die die Frankfurter Stadtbibliothek hütete, zu einem Ganzen zu vereinigen und hier eine würdige Gedenk- und Forschungsstätte für den Philosophen zu errichten.38 Die Stadtbibliothek, deren Gründung in die Zeit des Spätmittelalters und der Wiegendrucke zurückreicht, beherbergte eine bedeutende Sammlung von großem kulturhistorischem, bibliophilem und wissenschaftlichem Wert. Zwischen 1820 und 1825 war ihr am Mainufer ein klassizistischer Neubau errichtet worden; Schopenhauer, der ihn für seine Studien häufig besuchte, wohnte in ihrer Nachbarschaft. Die Giebelinschrift an dem Gebäude: „Studiis libertati reddita civitas“ ‒ mit der man das Haus der wiedergewonnenen Freiheit der 48

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Gründung des schopenhauer-Archivs 1921

Die Frankfurter Stadtbibliothek, um 1830

Stadt nach den napoleonischen Kriegen weihen wollte ‒ wurde ihm wegen des schlechten Lateins zum Stein des Anstoßes. „Litteris, recuperata libertate, civitas“, hätte es, so meinte er, stattdessen heißen müssen. Lange nach seinem Tod, im Jahr 1939, folgte man seinem Rat und änderte die Inschrift tatsächlich nach seiner Vorlage.39 Schopenhauer selbst hatte den Grundstein für einen auf ihn und sein Wirkungsfeld ausgerichteten Sammlungsschwerpunkt an dem altehrwürdigen Haus gelegt, als er ihm sieben Daguerreotypien von sich vermachte. Seither hatte man hier immer wieder Schopenhaueriana gesammelt. Schon 1861 überließ Schopenhauers Universalerbe, der Berliner Fonds zur Unterstützung invalider preußischer Soldaten und Hinterbliebener von Gefallenen, einen Abguss der Büste von Elisabeth Ney aus dem Nachlass des Meisters. Besonders die in Öl geschaffenen Schopenhauer-Porträts wurden dann zu einem Samm49

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lungsschwerpunkt. Ein herausragendes Objekt war das einzige erhaltene reine Werkmanuskript, nämlich die Reinschrift zum zweiten Band der Welt als Wille und Vorstellung für die zweite Auflage von 1844, das 1891 in die Bibliothek gekommen war.40 In den Kontext der Frankfurter Schopenhauer-Verehrung gehört auch die Errichtung eines Denkmals für den Philosophen 1895 unweit der Bibliothek. Zehn Jahre später machte wie erwähnt Arthur von Gwinner dem Haus eine bedeutende Schenkung: elf Briefe und Handschriften, 164 Bände aus Schopenhauers Bibliothek, 41 Titel seiner Schriften und 91 Arbeiten über ihn.41 Zwei Jahre danach, 1907, schenkte das Frankfurter Auktionshaus Josef Baer & Co. ebenfalls 293 Bände aus der Schopenhauer-Bibliothek.42 Es hatte die Objekte früh schon von Wilhelm Gwinner erworben, der als Testamentsvollstrecker Schopenhauers Bibliothek ursprünglich geerbt hatte, aus Platzmangel aber einen Teil hatte verkaufen müssen. Auch eine Trouvaille wie die berühmte Karikatur Schopenhauers von Wilhelm Busch ‒ später im Krieg zerstört ‒ wurde damals bereits akquiriert.43 Frankfurt hatte den weitaus bedeutenderen Fundus an Schopenhauer-Objekten, so dass es angebracht erschien, die kleine Sammlung der Schopenhauer-Gesellschaft, um deren Feuersicherheit sich Deussen schon gesorgt hatte, damit zu vereinigen und die Kräfte zu bündeln. Auch war der Direktor der Stadtbibliothek, Friedrich Clemens Ebrard, ja schon seit der Gründung Mitglied der Gesellschaft und daher bereit, Schopenhauer in der Bibliothek durch die Einrichtung eines Schopenhauer-Zimmers eigens zu würdigen. Bei der Generalversammlung der Gesellschaft im Oktober 1921 in Frankfurt wurde es feierlich eröffnet und damit ein „SchopenhauerArchiv“ begründet. Einige Zeit später wurden die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Bibliothek auch vertraglich geregelt.44 Die Gesellschaft übergab ihre Objekte als Dauerleihgabe, die Bibliothek gewährleistete, wie bei ihren eigenen Beständen, die archivarische, 50

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Vierter Bogen aus Schopenhauers Manuskript zur zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung 51

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museale und bibliothekarische Verwaltung und Zugänglichkeit und bestimmte mit Karl Jahn einen eigenen Beamten, der hier zuständig war. Gebhardt, „der eigentliche Schöpfer des Archivs“45 und Vertreter vonseiten der Gesellschaft, hatte seinen Dienstraum ganz in der Nähe im Schopenhauer-Haus Schöne Aussicht Nr. 16. Die Bestände beider Institutionen bilden seither eine Einheit, so dass sie nach Provenienz und Eigentum vielfach gar nicht zu unterscheiden sind. Schon kurz nach der Vereinigung erhielt das Archiv von Arthur von Gwinner einige bedeutende Zuweisungen, darunter das Doktordiplom Schopenhauers,46 während die Stadt Frankfurt aus ihrem Stadtarchiv Schopenhauers Originaltestament an die Bibliothek überwies. Nach der Inflation stellte die Stadt Frankfurt einmalig 10 000 RM und regelmäßige jährliche Ankaufsmittel in Höhe von 2 000 RM bereit; aber auch die Gesellschaft half bei der Finanzierung, als der Kauf des bekannten Ruhl’schen Bildes von Schopenhauer anstand, das ihn als jungen Mann zur Zeit der Abfassung der Welt als Wille und Vorstellung zeigt.47 Auch eines der zahlreichen Schopenhauer-Porträts von Jules Lunteschütz48 kam so in den frühen Zwanzigerjahren ins Archiv, darüber hinaus eine Reihe von Autographen, darunter als bedeutendstes Konvolut der gesamte Briefwechsel Schopenhauers mit Johann August Becker, dem „gelehrten Apostel“, der einzige Briefwechsel, der im eigentlichen Sinne als philosophisch gilt. Erneut gingen auch Devotionalien ein: Justizrat Wurzmann überließ als Leihgabe das Aquarellbildnis von Schopenhauers Haushälterin Margarete Schnepp, und der Enkel des mit Schopenhauer befreundeten Kaufmanns August Kilzer stiftete die Nachtmütze des Philosophen.49

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die abspaltung der völkischen

Die Abspaltung der Völkischen: Die Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft Das Frühjahr 1920 brachte einen Skandal. Stein des Anstoßes waren die Publikationen zweier Mitglieder der Gesellschaft. Die eine stammte von der erwähnten Maria Groener. Sie hatte schon früher mit ihrer Kritik an den Schopenhauer-Jahrbüchern provoziert, war in diesem Forum aber doch zugleich auch immer wieder als durchaus geschätzte Autorin in Erscheinung getreten. 1914 hatte die Gesellschaft durch die Stiftung von Curt Böttiger einen Preis in Höhe von 500 Mark auf die beste Bearbeitung der Frage ausgesetzt, wie die Darstellung des Philosophiehistorikers Kuno Fischer (1824–1907) von Schopenhauers Leben, Charakter und Lehre zu beurteilen sei. Von den drei eingegangenen Arbeiten avancierte just die von Maria Groener zur preisgekrönten und wurde im Jahrbuch von 1918 veröffentlicht. Von „wohltuender Objektivität“ und „bis ins Einzelne gehender Sachkenntnis“ sprach der Preisrichter, dem die eingereichten Arbeiten ohne Nennung der Autorennamen zur anonymen Beurteilung vorgelegen hatten.50 Jetzt, im Mai 1920, stand die Preisträgerin vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Zum Casus Belli wurde ihre neueste Schrift Schopenhauer und die Juden.51 Groener gab sich hier offen als Anhängerin der völkischen Bewegung und der Rassenhygiene zu erkennen. Auch der Kontext war dementsprechend: Der Deutsche Volksverlag, in dem die schmale Publikation und bald auch analoge Titel wie Goethe und die Juden, Luther und die Juden, Wagner und die Juden erschienen, war eine Gründung des einschlägig orientierten Münchner Verlegers Julius Friedrich Lehmann, zu dessen Autoren auch Alfred Rosenberg zählte. Groener nahm Schopenhauer hier als Kronzeugen für radikale Äußerungen gegen die Juden in Beschlag. In der Tat findet sich in Schopenhauers Schriften an verschiedenen Stellen eine 53

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Reihe von äußerst kritischen und abwertenden Bemerkungen über das Judentum ‒ etwa im zweiten Band der Parerga § 132 (P II, 278ff.) oder dortselbst in einer Passage gegen Ende des Gesprächs des Demopheles mit dem Philalethes über Religion (P II, 378ff.), dann aber vereinzelt auch in der Welt als Wille und Vorstellung (WW I, 481; WW II, 580, 666) und anderweitig. Sie stehen bei ihm im Kontext seines übergreifenden Systems, das der indischen Weisheit den Vorzug gibt vor den von Schopenhauer rigoros abgelehnten theistischen bzw. monotheistischen Religionen, als deren Urheber er das Judentum sah. Judentum und insbesondere der Islam verfielen daher seinem Verdikt, während er dem Christentum eine gewisse Abmilderung des Theismus zugutehielt, da er bei ihm gewisse Einflüsse Indiens vermutete. In diesem Zusammenhang ließ Schopenhauer sich, seinem Naturell entsprechend, verschiedentlich zu einigen drastischen Bemerkungen über die Juden verleiten. Den Antisemiten des 20. Jahrhunderts gerieten sie zu willkommener Vorlage; Groener zitierte sie, ohne die Fundstellen anzugeben, ausgiebig. Vor allem aber ging sie über Schopenhauer in ihren Bestrebungen beträchtlich hinaus. Sechzig Jahre nach Schopenhauers Tod habe die Rassenhygiene bedeutende Erkenntnisfortschritte gemacht. Schopenhauer hatte, um das „Gespenst“ des Judentums zum Verschwinden zu bringen, dafür plädiert, die Mischehe zwischen Juden und Christen zu begünstigen (P II, 280f.); er sah diese Maßnahme im Zusammenhang mit dem von ihm ohnehin erwarteten Absterben der Religion. Solche Überlegungen seien in der „‚aufgeklärten‘ Zeit der Rassenhygiene“, wo man die mendelschen Gesetze kenne, so Groener (S. 16f.), verpönt. Wolle man Schopenhauers Vorschlag folgen, so müsse man sich zumindest gegen den weiteren Zustrom der Juden vollkommen absperren, was Schopenhauer, „lebte er heute“, zweifellos befürworten würde; zum anderen müsste man gegenläufig auf „straffste rassische Hochzucht und Stählung der germanischen 54

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Volksgesundheit ganz besonders achten“. Auch Schopenhauers Mitleidsethik nahm Groener für sich in Beschlag und sprach von der „arischen Moral des Mitleidens“. Je niederrassiger ein Mensch sei, desto geringer sei die Fähigkeit zum Mitleiden in ihm ausgebildet, weshalb es ein „Zeichen von Verjudung“ sei, wenn Mitleid, menschliche Güte und Hilfsbereitschaft verachtet würden. Solche Deutungen sollten sich später freilich komplett umkehren, von Mitleid wollte die nationalsozialistische Bewegung als Vollender ihrer völkischen Vorläufer nichts mehr wissen. Groener, die zweifellos über einen scharfen Intellekt verfügte, beließ es nicht bei solcher Vereinnahmung Schopenhauers für das völkisch-rassistische Gedankengut, erneut ging sie auch zu heftiger persönlicher Attacke über. In einem Anhang ihrer Schrift breitete sie in denunziatorischer Absicht Interna der Schopenhauer-Gesellschaft aus und charakterisierte die Einsetzung des Arbeitsausschusses auf der Generalversammlung 1918, bei der man sie außen vor gehalten hatte, unter dem Stichwort „Juda hat die Macht an sich gerissen“. Der verstorbene Deussen wurde persönlich als Despot und als „ein Judenfreund und ein Versippter“ geschmäht. (Deussen war mit einer Frau aus jüdischer Familie verheiratet gewesen.) In dem eingesetzten Ausschuss hätten die Juden die Führung übernommen, und das erste Jahrbuch, das unter ihrer Ägide ‒ unter „Judenägide“ ‒ entstand, sei entsprechend ausgefallen: Die Aufsätze seien voller abstrakter Spitzfindigkeiten und Ismen ‒ „Verjudung“ allenthalben. Nur einen Beitrag, den von Hans Zint über Goethe, wollte Groener gelten lassen. Dass auch sie selbst Autorin dieses Jahrbuchs war, und zwar mit einem Nachruf über Gustav Friedrich Wagner, verschwieg sie. Ungebeten fanden alle Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft eine Werbung des Deutschen Volksverlags für diese Kampfschrift in ihrer Post. Die Leitung der Gesellschaft sah sich genötigt, sich mittels einer Presseerklärung gegen diese unerwünschte Werbekam55

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pagne zur Wehr zu setzen: Ein aktuelles Mitgliederverzeichnis sei in jedem Jahrbuch zugänglich, was sich der Verlag zunutze gemacht habe; mit parteipolitischen Tendenzen habe die Schopenhauer-Gesellschaft nichts zu tun; sie verfolge rein wissenschaftliche Ziele und missbillige auf das Schärfste, wenn der hehre Name Arthur Schopenhauers zu unlauteren, verletzend wirkenden antisemitischen Machenschaften missbraucht werde.52 Die entstandene Spannung wurde durch einen Mitstreiter der Groener, ihren Vetter Johannes Emil Weber, ebenfalls Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, weiter aufgeladen. Weber flankierte die groenersche Schrift durch ein umfangreiches, in seiner polemischen Qualität beträchtlich zugespitztes Pamphlet mit dem Titel Wie lange noch? (Quousque tandem?) 53. Es verstand sich, wie der Untertitel verriet, als Eine Programmschrift zur Neuordnung der SchopenhauerGesellschaft und erschien daher gezielt wenige Tage vor der für Ende Mai in Dresden angesetzten Generalversammlung. Ton und Inhalt nahmen jetzt endgültig eine bedrohliche und giftige Färbung an. „Machenschaften“ und „‚Schiebungen‘ größten Stils“ hielt Weber den Verantwortlichen der Schopenhauer-Gesellschaft vor, sagte ihnen offen den Kampf an und sprach von „meiner gerechten Sache“ (S. 3f.). Erneut wurde Schopenhauer in Regie genommen; der sei „von unserer Rasse“ (S. 4f.). Wo Groener sich noch um eine gewisse Nüchternheit bemüht hatte, schoss Irrationalität nun ungehindert ins Kraut: Nicht Wissenschaft wolle man, sondern Weisheit. Man erwarte von der Schopenhauer-Gesellschaft daher die Zertrümmerung des deutschen Götzen Kant und eine Abwendung von der „verjudeten Kant-Gesellschaft“ (S. 4f.). Doch hielt Weber sich mit der von Groener schon erledigten einschlägigen Schopenhauer-Exegese nicht lange auf, sondern wendete seinen Angriff gleich ins Persönliche. Er sprach von einer „Reformpartei“ innerhalb der Gesellschaft, der er selbst, Groener und andere angehörten, und brachte 56

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den Unterschied zur Gegenpartei auf den einfachen Nenner „Hie Deutsch, hie Judäa“. „Bewusst spiele ich die Frage der Neuorganisation der Sch.-G. hinaus auf die auf ’s Neue und großartiger denn je durch die Welt flammende Rassenfrage, in der allein letzte Entscheidungen unserer irdischen Dinge möglich sind.“ (S. 7) Entsprechend folgen antijüdische Beschimpfungen der führenden Personen der Gesellschaft, die an Bodenlosigkeit und Niedertracht kaum zu überbieten sind. Alle wurden sie einzeln durchgenommen: Taub, Zint, Wurzmann, Gebhardt, dann natürlich vor allem: Deussen, der geistig „verjudet“ und mit einer Jüdin (gemeint ist Henriette Hertz) befreundet gewesen sei. Die Spitze der Schmähung aber erfuhr der „Oberlehrer Mockrauer“, ein „verteufelt (getaufter) christlicher Jude“ (S. 12, der, nach eigenem Bekunden, im Herbst 1919 übrigens in Frankfurt in den Soldatenrat gewählt worden war54). Er, Weber, „erledige … den Typ Mockrauer gerne mit einer gewissen Freude. Denn mit diesem Typ muß in unserem deutschen Geistesleben ganz gründlich aufgeräumt werden …“ (S. 32) In verleumderischer Manier wurde Mockrauer seine Ehe mit Johanna Bähr als Erbin einer mit Schopenhauer noch persönlich verbundenen Familientradition als Einheirat in die geistige Dynastie Schopenhauers zum Vorwurf gemacht. Das seien die „Waffen Juda’s gegen den Gojim“, wogegen „wir Wächter des Blutes“ stünden. Weber verlieh der Hoffnung auf eine Gelegenheit Ausdruck, „den Schlag zu parieren“ (S. 33). Offen stellte Weber die Machtfrage, erhob Führungsansprüche mit der Neugründung einer „deutschen Schopenhauer-Gesellschaft“ und legte einen neuen Satzungsentwurf vor (S. 40ff.). Es handelt sich um eine ellenlange Suada, in der „kein demokratisches Konzessiönchen“ (45) mehr gemacht wurde und die ganz dem „Kampf gegen die Verjudung des deutschen Geistes“ (47) gewidmet war. Die Ortsgruppen der Gesellschaft sollten demnach den Schulterschluss zu den „jeweiligen völkischen Ortszeitungen“ suchen und als „Hort 57

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politischer Tätigkeit“ gelten ‒ „aber nur in dem Sinne, daß wir erziehen wollen zu blutlich-geistiger Gesinnung“. Wirr und wild wurde hier um sich geschlagen, in einem Atemzug aber „gleich, mit großen Lettern!“ propagiert: „Hetzer, wie so gerne von der Gegenseite aus den Antisemiten man nennt, sind wir nicht!“ [Original fett gesetzt] Die Hetzer seien die anderen, die „uns, die Antisemiten, als Volksverhetzer“ verschrien (S. 7). Auch Groener hatte in ihrer Schrift einleitend von Besonnenheit und besonnenem Handeln gesprochen. Doch wer sollte da besonnen bleiben? Für die Gesellschaft waren diese Äußerungen eine Zumutung ‒ und nichts als das. Mockrauer sprach vom „moralischen Abscheu sämtlicher Mitglieder vor ihrer [Groeners] niederträchtigen und schmutzigen Kampfweise“.55 Groener war auf der Generalversammlung in Dresden anwesend, doch Gespräch und Diskussion über ihr und Webers Anliegen konnte es angesichts von dessen tödlicher Radikalität nicht geben. Die Generalversammlung sprach sich kurzerhand für den Ausschluss beider von der Gesellschaft aus, was durch eine (von der Satzung vorgeschriebene) schriftliche Umfrage unter allen Mitgliedern bestätigt wurde.56 Groener und Weber waren damit hinausgeworfen. So entstand unter ihrer beider Führung als Abspaltung die „Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft“. Sie zog manch bedeutendes Mitglied wie etwa Ludwig Schemann mit herüber, der völkisch gesinnt war,57 zu dem es später vonseiten der Alt-Gesellschaft aber wieder freundlichen Kontakt gab, gewann mit dem Chefredakteur des Völkischen Beobachters Dietrich Eckart einen frühen Intimus Hitlers58 und trat sofort mit publizistischer Agitation auf den Plan. Die Deutsche Freiheit, ein einschlägiges, im Titel mit Hakenkreuzen bestücktes Organ der völkischen Bewegung, brachte im September 1920 ein Schopenhauerheft heraus,59 in dem sich Groener vor dem Hintergrund ihres Ausschlusses aus der Alt-Gesellschaft ausgiebig zu 58

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den Vorgängen und der Neugründung äußerte. Auch sie gab jetzt alle Zurückhaltung auf und fand zu ungeheuerlichen Formulierungen. Schopenhauers Mitleidsethik, die sie zuvor noch als „arisch“ in Anspruch genommen hatte, widmete sie jetzt um: „Unser tat twam asi heißt nicht: Das bist Du = Mensch, sondern: das bist Du = Deutscher.“ Und: „Verjudeter Deutscher tut sich etwas darauf zugute, Schopenhauers Mitleidsmoral zu propagieren und gegen Antisemitismus ins Feld zu führen, und übersieht, dass Schopenhauer niemals Mitleid gepredigt, sondern nur die Tatsache, das Phänomen des Mitleids philosophisch erklärt hat.“ Weber schoss in dem Blatt erneut seine giftigen Pfeile ab, und Bruno Tanzmanns Artikel Die Rettung von Schopenhauers Philosophie für die völkische Erziehung malte in aller Deutlichkeit das Menetekel des 20. Jahrhunderts an die Wand: „Für uns Völkische ist die Rassenfrage die Feuerprobe für alles Denken: wer diese nicht besteht, der geht für uns in Rauch auf.“ So geschrieben im Jahr 1920! Schopenhauer aber sei einer, obwohl er so gut wie nichts über die Rassenfrage selbst geschrieben habe, der feuerfest sei und klar herauskomme. Die weiteren Publikationen der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft griffen auf eine höchst merkwürdige Art uneinheitliche Tendenzen auf. Ihr Gründungsbuch von 192160 trat einerseits mit dem bereits sattsam propagierten antijüdischen Habitus auf. Dann aber wiederum übersetzte Groener einen Auszug von Deussens Outlines on Indian Philosophy ins Deutsche und druckte den Text ab. Es dürfte sich um eine glatte Verletzung des Urheberrechts gehandelt haben; nicht vorstellbar, dass angesichts der vorhergegangenen persönlichen Schmähungen irgendjemand der Berechtigten das Recht zum Abdruck des deussenschen Textes erteilt haben sollte. Auch brachte das Gründungsbuch einen Artikel des Arztes Hans Brennecke ‒ seinerseits Mitglied der neuen Gesellschaft ‒, der sich kritisch mit der Forderung nach „Freigabe der Vernichtung le59

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bensunwerten Lebens“ auseinandersetzte, die Karl Binding und Alfred Hoche 1920 unter diesem Titel in einer Publikation im Felix Meiner Verlag erhoben hatten. Unter Berufung auf Schopenhauers Mitleidsethik und sein „tat twam asi“ wendete Brennecke sich mit Entschiedenheit gegen entsprechende Bestrebungen. Sie würden zu „grausamster Barbarei und Unkultur, schrankenlosester Herrschaft egoistischer Instinkte“ führen und der Menschheit den letzten sittlichen Halt nehmen. Auch dieser Artikel lag konträr zu der sonst überall sich klar offenbarenden Entwicklungslinie der neuen Gesellschaft vom Völkischen zum Nationalsozialismus hin. Besonders schmerzlich aber musste die Alt-Gesellschaft es empfinden, dass es Weber und Groener gelang, auch bedeutende Potenziale der etablierten Schopenhauer-Tradition für sich zu vereinnahmen, nämlich den Nachlass des so produktiven, 1917 verstorbenen Schopenhauer-Forschers Gustav Friedrich Wagner. Die Herausgabe seiner nachgelassenen Schriften machten Weber und Groener, die offenbar eine Schülerin und Vertraute von Wagner gewesen war,61 sich nun zur Aufgabe. Noch im Gründungsbuch brachten sie eine neue und erweiterte Edition von dessen Entstehungsgeschichte der Kritik der reinen Vernunft, mit Briefen Maupertius’ und Wilhelm Gwinners heraus, die in einer früheren Version schon 1912 im Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft erschienen war. An anderer Stelle berichtete man wiederum von Auseinandersetzungen zwischen den verstorbenen Herren Deussen und Wagner, um einmal mehr mit Deussen „abzurechnen“.62 Die Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft arbeitete sich an der Alt-Gesellschaft ständig und offen ab, während man dort versuchte, die ungelittene Sezession zu ignorieren. In der Schopenhauer-Gesellschaft wurde der Skandal als überaus peinlich empfunden. Man versuchte, ihn nach außen hin möglichst diskret zu handhaben, und schwieg in der Öffentlichkeit darüber. Die verstoßene Maria Groener aber blieb auf lange Zeit hin noch ein Störfaktor. 60

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„Wissenschaft“ und „gemeinde“ im konflikt

„Wissenschaft“ und „Gemeinde“ im Konflikt Franz Mockrauer, der von Groener und Weber so Geschmähte und Verunglimpfte, hatte nicht nur dank seiner Ämter eine prominente Stellung in der Schopenhauer-Gesellschaft, nach Deussens Tod war er vor allem auch intellektuell der maßgebliche Kopf. Auch übernahm er bei der Weiterführung der von seinem Mentor begonnenen Schopenhauer-Ausgabe die führende Rolle. Deussen selbst hatte sich in den letzten Monaten seines Lebens noch intensiv Frank Mockrauer darum bemüht, den durch den Krieg abgerissenen Faden wieder aufzunehmen und den aus dem Feld heimgekehrten Mockrauer als Hauptbearbeiter der Edition auf honorierter Basis fest zu installieren.63 Auch Piper hielt, Deussens Tod und allen zeitbedingten Schwierigkeiten zum Trotz, an dem Projekt eisern fest, und die Gesellschaft übernahm schließlich das Patronat darüber. So konnten Mockrauer, aber auch Gebhardt, der Archivar, und andere sich wieder an die Arbeit machen. Erneut sahen sich die Bearbeiter hier mit dem Konkurrenten Otto Weiß konfrontiert, der die für jede Editionsarbeit unentbehrlichen Handexemplare der SchopenhauerWerke unter Verschluss hielt. Weiß hatte jetzt ein erstes Resultat seiner eigenen Tätigkeit als Herausgeber vorgelegt. Obwohl schon vor dem Krieg fertiggestellt, gelang die Publikation der ersten bei61

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den Bände seiner Schopenhauer-Ausgabe erst jetzt, im Jahr 1919: Sie beinhaltete die Welt als Wille und Vorstellung nebst einem umfangreichen textkritischen Apparat.64 Methodisch beanspruchte Weiß, wie er im Vorwort schrieb, nichts Geringeres als die „einzig wirklich endgültige Lösung der hier gestellten Aufgabe“ und ließ in einer begleitenden Publikation dezent Kritik an Deussens Edition verlauten.65 Mockrauer aber hielt Weiß’ Editionsgrundsätze für „anfechtbar“ und merkte beispielsweise an, dieser habe beim Nachweis der von Schopenhauer angeführten Zitate aus der Literatur ohne gebührende Würdigung von der Arbeit Deussens Gebrauch gemacht.66 Doch Weiß’ Arbeit erntete in der Fachwelt durchaus Anerkennung, selbst Arthur Hübscher versagte sie ihm später in der Rückschau nicht.67 Hätte er sein Projekt auf dem vorgelegten Niveau weitergetrieben, wäre die Deussen-Piper-Ausgabe womöglich sehr in die Defensive geraten. Doch Weiß blieb frühzeitig stecken: Über die ersten beiden Bände kam seine Edition nicht hinaus; den unüberbietbaren Vorteil, den er mit dem Besitz der Handexemplare hatte, vermochte er nicht auszuspielen. Umso mehr setzte Mockrauer um der eigenen Editionsarbeit willen nun alles daran, sich in irgendeiner Weise Zugang dazu zu verschaffen. Er reklamierte die Bände als „Nationaleigentum“. Doch die Verhältnisse waren vergiftet. Mittelsleute wurden eingeschaltet: Elisabeth Förster-Nietzsche, Anton Kippenberg, der Leiter des Insel-Verlags, wo Weiß auch publizierte, vor allem dann Leo Klamant aus Berlin. Doch alle Mühe war vergebens, Weiß gerierte sich als ein äußerst schwieriger und unberechenbarer Verhandlungspartner und stellte unmögliche Bedingungen, weshalb Mockrauer ihn als einen Neuropathen und suggestiven Lügner beschimpfte.68 Das Deussen-Projekt aber musste weiterhin ohne die Originale der Handexemplare auskommen; nur die Abschriften, die Deussen früher davon hatte machen können, standen zur Verfügung. Unter diesen Umständen brachte Mockrauer nach jahre62

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langer, den Zeitverhältnissen geschuldeter Pause 1923 endlich wieder einen Band der Schopenhauer-Ausgabe heraus. Es war der Band mit der Nummer 6, er beinhaltet die Frühschrift Ueber das Sehn und die Farben, die Eristische Dialektik und andere kleine Nebenschriften. Mockrauer war zweifellos einer der produktivsten SchopenhauerForscher in und außerhalb der Gesellschaft. Auch die Redaktion des Jahrbuchs lag jetzt weitgehend in seinen Händen, und auch hier versuchte er, eine Profilierung und bessere Strukturierung herbeizuführen. Die frühere Anordnung der Beiträge nach Alphabet der Autorennamen änderte er jetzt ab, indem er sie nach klar definierten Rubriken gliederte: philosophisch-wissenschaftliche und literarischkünstlerische Abteilung, Bibliographie, Buchbesprechungen und Mitteilungen von Interna der Gesellschaft. Auch bei der Auswahl der Beiträge verfuhr er sicherlich kritischer als zuvor Deussen. Im Übrigen hatte er dafür auch Rückhalt bei der neu installierten Wissenschaftlichen Leitung, in der ohnehin Universitätsprofessoren dominierten. Entsprechend groß waren Mockrauers Ambitionen, der Gesellschaft wissenschaftliche Achtung und Reputation zu verschaffen und darauf hinzuwirken, sie gegebenenfalls auch in der universitären Szene weiter zu etablieren. Doch 1921 sah er seine Bestrebungen jäh torpediert. Schatzmeister Gwinner stellte sich ihm an einem bestimmten Punkt unvermittelt in den Weg, was einen teils heftig geführten Grundsatzkonflikt um den Status der Wissenschaftlichkeit auslöste. Nach der leidigen Affäre mit Groener und Weber stellte dieser Streit die Gesellschaft erneut vor eine Zerreißprobe. Der Hintergrund dieser Kontroverse war folgender: Ein ungenannter Stifter hatte Anfang der Zwanzigerjahre über Hans Zint ein Preisgeld auf die Beantwortung der Frage ausgesetzt, inwieweit der schopenhauersche Begriff eines von Vorgestelltem unabhängigen Willens durch die Ergebnisse der neueren Psychologie gerechtfer63

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tigt werde. Es war ein Thema der Zeit, nahm aber auch konkret eine Fährte auf, die in einem Aufsatz von Alois Höfler im Jahrbuch von 1920 gelegt worden war. Höfler, Professor für Pädagogik und Philosophie in Wien sowie Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung in der Gesellschaft, hatte in einem umfangreichen Aufsatz, der dem Gedenken an Paul Deussen gewidmet war, in loser Assoziation über die Zukunft der Schopenhauer-Rezeption Arthur von Gwinner spekuliert.69 Er könne hier, so führte er aus, nur in wenigen Worten andeuten, was unsereiner vermisse, wenn er Kant und Schopenhauer die Wörter Verstand, Vernunft und dergleichen sozusagen voraussetzungslos gebrauchen höre. „Wir nennen das heute psychische Dispositionen …“. (S. 94) Man habe sich schon unzählige Male an dem Intellektvakuum in Schopenhauers „Wille“ gestoßen: Wille, der nichts will; Streben, das nichts anstrebt. Aus Schopenhauers Formulierung „Wille zum Leben“ leitete Höfler ab: „Kein Wollen ohne Gegenstand, ohne Gewolltes.“ (S. 107) Solche Probleme und Fragen waren es, die Höfler bewegten. Mockrauer nahm sie auf und versuchte, ihnen mit feinen Differenzierungen über das Bewusstlose und das Unbewusste in Schopenhauers Denken noch manch weitere Nuance abzugewinnen.70 Das Problem war subtil und, wie so häufig, ein Problem mehr für die, die ihren Ehrgeiz an die Aufklärung der Details und verbor64

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gener Zusammenhänge heften ‒ ein Problem für Fachleute eben. Doch der Widerpart, Schatzmeister Gwinner, war mit Schopenhauer weniger durch Textexegese und Forscherneugier als ‒ über seinen Vater ‒ vor allem durch familiäre Tradition verbunden. Mit den Spezialdiskussionen, die in den Kreisen der Wissenschaftlichen Leitung zu diesem Punkt geführt wurden, war er nicht vertraut. Bei einem Vorstandstreffen in Weimar am 31. Juli 1921 fragten er und der Vorsitzende Wurzmann beiläufig danach, was es mit der Preisfrage auf sich habe. Mockrauers Auskunft löste eine unerwartete Reaktion aus. Nach seinem Zeugnis habe Gwinner sehr erregt reagiert und schließlich strikte Absetzung des Themas verlangt. Das Weimarer Treffen führte daher schnell zum Eklat ‒ dies vor allem auch dadurch, dass Mockrauer auf Gwinners völlig unerwartete Forderung prompt mit dem Rücktritt vom Amt des Generalsekretärs und der Drohung reagierte, seine Mitarbeit an der Deussen-Ausgabe und am Jahrbuch einzustellen. Was genau es war, das Gwinner an der Preisfrage missfiel, bleibt dabei unklar. Er selbst erwähnte, ohne sie näher zu bestimmen, „stärkste Gründe“, die dagegen sprächen.71 Hat es ihm generell missfallen, Schopenhauer im Lichte der neueren Psychologie zu betrachten? Schien ihm die Frage nach dem „Begriff eines Willens unabhängig von Vorgestelltem“ prinzipiell zu problematisch? Die Sache klingt nicht wenig dramatisch, wenn in den Unterlagen die Rede davon ist, er und Wurzmann hätten das Thema als die Grundvoraussetzungen der schopenhauerschen Philosophie infrage stellend und deshalb mit dem Zweck der Schopenhauer-Gesellschaft nicht vereinbar beanstandet.72 Schnell nahm die Affäre um die Preisfrage eine Wendung ins Grundsätzliche. Mockrauer war der Ansicht, Gwinner vertrete einen „dogmatisch-‚apostolischen‘ Standpunkt“, während er „uneingeschränkt wissenschaftliche Arbeit“ wünsche. Vorerst sprach er trotz der sachlichen Differenz dabei noch von „besten persönlichen Bezie65

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hungen“ zum langjährigen Schatzmeister; doch sollten die sich bald abkühlen. Es war ihm schon damals klar, dass einer von beiden wohl weichen musste.73 Als Kern des Streites entpuppte sich die Frage, wie viel Autonomie die Wissenschaftliche Leitung gegenüber dem Vorstand geltend machen konnte und durfte. Gemäß § 9 der Satzung sollte dieses Organ die wissenschaftliche Tätigkeit der Gesellschaft leiten. Doch einschränkend hieß es auch: „Bei Meinungsverschiedenheiten irgendwelcher geschäftlicher Art, insbesondere soweit sie die Gesellschaft finanziell belasten, entscheidet der Vorstand.“ Obwohl im konkreten Fall die Preissumme durch einen Stifter garantiert und finanzielle Aspekte wenigstens an diesem Punkt nicht zur Debatte standen, entzündete sich über die Auslegung dieser Satzungsbestimmung der Grundsatzkonflikt. In den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Krieg wies die Bilanz der Gesellschaft immer wieder ein Defizit auf. In dieser Zeit hatte Gwinner, der wohlhabende Bankier, ohne dass er dies in den von ihm als Schatzmeister im Jahrbuch publizierten Bilanzen ausgewiesen hätte, die Verluste immer wieder durch den Einsatz eigener Mittel dezent ausgeglichen. Sprach Mockrauer vor Ausbruch des Konflikts über diese noble Geste anerkennend,74 so wetterte er später über die „völlige Abhängigkeit der Gesellschaft von der einzigen Geldmacht des Schatzmeisters“.75 Hinzu kam, dass Gwinner als Erbe seines für die Schopenhauer-Rezeption prominenten Vaters, aber auch dank eigener Sammeltätigkeit einen beträchtlichen Besitz an bedeutenden Schopenhaueriana, insbesondere eine Vielzahl von Manuskripten und Briefen sowie große Teile der Bibliothek des Philosophen, besaß. Einige hervorragende Stücke hatte er, wie erwähnt, bereits dem Archiv der Gesellschaft gestiftet und man hoffte auf mehr von dieser Seite. Auch diesen Besitz, so meinte Mockrauer nun, würde Gwinner jetzt als Druckmittel einsetzen.76 In vertraulichen Briefen sprach er daher von „intellektueller Bindung“77, die Gwinner ihm, 66

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damit aber aller freien wissenschaftlichen Tätigkeit auferlegen wolle. So schaukelte sich der Konflikt hoch. Mockrauer machte im Lauf des Jahres 1922 die Dresdner Ortsgruppe, wo er das Sagen hatte, regelrecht gegen den Vorstand mobil. Er ging dabei so weit, sogar „Spaltungen oder eine Auflösung der Hauptgesellschaft“ in Kauf zu nehmen.78 In seinem Umfeld schmähte man Wurzmann, der bei aller Vorliebe für die wissenschaftliche Arbeit eher zu Gwinner hielt, als „Frankfurter Diktator“ und propagierte für die nächste turnusgemäße Neuwahl die „Ausschaltung der tyrannischen Vorstandsmitglieder“.79 Der Streit reduzierte sich am Ende auf den Kampf um die Formalie: Mockrauer wollte den § 9 der Satzung80 im Sinne der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung verstanden wissen. Auf einer Vorstandssitzung in Frankfurt im Oktober 1921 hatte Gwinner noch mit Rücktritt gedroht, wenn es diesbezüglich zu einer formellen Erklärung käme.81 Ein Jahr später gab Mockrauer seine Zurückhaltung auf und suchte mit Rückendeckung der Dresdner Ortsgruppe offen die Konfrontation, indem er in einem „kategorischen Antrag“ eine formelle Garantieerklärung für die Unabhängigkeit der Wissenschaftlichen Leitung forderte. Das brachte den Knoten endgültig zum Platzen: Jetzt, nach eineinhalb Jahren der Auseinandersetzung warf Gwinner sein Amt entnervt hin.82 So kam Mockrauer einer wissenschaftlichen Ausrichtung der Gesellschaft wohl näher. Doch der Erfolg hatte seinen Preis: Gwinner verweigerte den Bearbeitern der Deussen-Ausgabe nun den Zutritt zu den von ihm gehüteten Schopenhaueriana. Doch auch unter den Sympathisanten seines Anliegens hatte Mockrauer sich mit der Art seines Vorgehens nicht nur Freunde gemacht. Hans Zint, der als Vorstandsmitglied schon früh versucht hatte, zwischen den beiden Parteien zu vermitteln, pflichtete Mockrauers Ansichten über die Rechte und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung innerhalb der Schopenhauer-Gesellschaft und dessen Ablehnung einer dogma67

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tisch gebundenen Bekenntnis-Gemeinde „vollinhaltlich“ bei, doch hielt er Mockrauer auch eine gewisse Neigung zum „Zunftgelehrtentum“ vor. Und angesichts des unsanften Hinausdrängens von Gwinner fühlte er, Zint, sich von Mockrauers Kampfformen ‒ die an „übelste politische Gepflogenheiten erinnernden Ultimata“ ‒ so abgestoßen, dass er ihm bei aller hohen Wertschätzung seiner wissenschaftlichen Arbeit offen vorhielt, er erblicke in ihm den „Zerstörer der Schopenhauer-Gesellschaft“.83 Mockrauers Kampf pro „Wissenschaft“ und gegen die Ansinnen der „Gemeinde“ war so mit einer nicht geringen Hypothek von tiefen Zerwürfnissen und menschlichen Verletzungen belastet. Von Hans Zint sollte in dieser Situation das weitere Schicksal der Schopenhauer-Gesellschaft entscheidend abhängen. Sein ausgleichendes Temperament wurde allseits ebenso geschätzt, wie ihm seine Bereitschaft und seine Fähigkeit, die Dinge in kurzen und prägnanten Formulierungen offen beim Namen zu nennen, Autorität eintrug. Auch verhielt er sich in der verfahrenen Situation klug und großzügig. Hatte er wegen Mockrauers Vorgehen ernsthaft mit dem Gedanken an Rückzug aus dem Vorstand gespielt, so überwand er sich selbst und ließ sich von Mockrauer ‒ weil er sich nicht dem Vorwurf aussetzen wolle, zum Zusammenbruch der SchopenhauerGesellschaft beizutragen ‒ doch zum Bleiben bewegen.84 Das ganze Jahr 1923 hindurch blieb nach Gwinners Demission die Führungsfrage in der Gesellschaft zunächst ungeklärt; Wurzmann betrachtete sich als Vorsitzenden auf Abruf; die Dresdner Ortsgruppe, die die Situation herbeigeführt hatte, sollte es jetzt richten. Dort brachte man zunächst Karl Wollf, Dramaturg am Schauspielhaus der Sächsischen Staatstheater in Dresden, als Kandidaten für den Vorsitz in Vorschlag; dann aber ging schließlich Mockrauer selbst ins Rennen. Gegen ihn gab es naturgemäß Vorbehalte. Als sich die Blicke im Frühjahr 1924 dann aber auf Hans Zint richteten, dessen abgelegenen 68

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Wohnort in Danzig man bisher als zu nachteilig empfunden hatte, war er zum Verzicht bereit. Er beschränkte sich auf die Forderung, ein künftiger Vorsitzender müsse, wenn er nicht ein philosophischer Fachmann sei, die Erklärung abgeben, sich auf die Verwaltungstätigkeit als solche zu beschränken und nicht in die Kompetenzen der Wissenschaftlichen Leitung einzugreifen.85 Erst auf der Generalversammlung im Oktober 1924 in Weimar, wo man Nietzsches 80. Geburtstag beging, konnte die schwere Krise der Schopenhauer-Gesellschaft beigelegt werden. Durch die allgemein dramatische wirtschaftliche Lage in Deutschland, die 1923 weder die Herausgabe eines Jahrbuchs noch die Abhaltung einer Generalversammlung erlaubt hatte, war sie beträchtlich verschärft worden. Jetzt wurde mit Hans Zint endlich eine allseits geschätzte und respektierte Persönlichkeit, die darüber hinaus auch über anerkanntes intellektuelles und schriftstellerisches Format verfügte, an die Spitze der Gesellschaft gewählt. Von ihm durfte man sich eine Beruhigung der weiteren Entwicklung erhoffen. Arthur von Gwinner aber wurde (gemeinsam mit Elisabeth Förster-Nietzsche) zum Ehrenmitglied ernannt. Er zeigte sich am Ende versöhnlich: Freundlich, so heißt es, habe er die Auszeichnung angenommen.

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3. Kapitel

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Hans Zint bemühte sich, die inneren und äußeren Spannungen zu dämpfen und die Schopenhauer-Gesellschaft wieder in ein ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Die etwas günstigeren äußeren Umstände, die in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre in Deutschland herrschten, kamen ihm dabei entgegen. Im institutionellen Zuschnitt der Gesellschaft hatten die vorangegangenen Krisenjahre allerdings ihre Spuren hinterlassen. Nach einem kontinuierlichen Anstieg seit der Gründung hatte die Zahl der Mitglieder Ende 1921 den Höchststand von 836 erreicht; während der Inflationszeit verlor man dann ein Viertel und verzeichnete Ende 1926 noch 603 Mitglieder, eine Zahl, die sich bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise wieder leicht auf 689 erholte. (Die Kant-Gesellschaft zählte zu diesem Zeitpunkt allerdings über 4 000 Personen in ihren Reihen.) Die eine oder andere allgemein bekannte Persönlichkeit des Kulturlebens fand sich nun darunter: Hans Pfitzner, Romain Rolland oder Stefan Zweig. Der Rückgang der Mitglieder ging vor allem zu Lasten der Internationalität, die seinerzeit ein Drittel ausgemacht hatte; jetzt, in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre, waren Ausländer nur noch vereinzelt vertreten. Verstärkt tauchten nun institutionelle Mitglieder auf, Gelehrtengesellschaften (die Kant-, die Goethe-, die Nietzsche-Gesellschaft u. a.), vor allem zahlreiche Staats-, Universitäts- und Landesbiblio71

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theken, auch aus den USA, die damit schlicht ihr Abonnement auf das Jahrbuch hatten, und andere. Tagungen und Generalversammlungen zu veranstalten, das Jahrbuch herauszubringen, die Verwaltung am Laufen zu halten war jetzt relativ so teuer geworden, dass die Mitgliedsbeiträge nicht mehr ausreichten. Erstmals 1928 gelang es, Zuschüsse der öffentlichen Hand zu akquirieren, nämlich von der Stadt Frankfurt (3 000 RM), dem preußischen Kultusministerium (1 000 RM) und dem Reichsinnenministerium (1 000 RM). Hinzu kamen diverse private Spenden, darunter vor allem die Hinterlassenschaft des österreichischen Hauptmanns Franz Lindtner, der der Gesellschaft ein Kapital von 8 000 RM vermachte, von dessen Erträgen die Verbreitung der Werke Schopenhauers in Volks-, Arbeiter-, Krankenhaus- und sonstigen öffentlichen Bibliotheken und Lesehallen gefördert werden sollte. Soldaten waren seinerzeit von Schopenhauer testamentarisch bedacht worden; ein Soldat revanchierte sich nun. Doch die finanzielle Situation der Gesellschaft blieb prekär: Man hatte Mühe, wieder Regelmäßigkeit in die Liefertermine des Jahrbuchs zu bekommen, und Generalversammlungen konnten nur noch im Zweijahresrhythmus stattfinden. Die Unbeschwertheit und Spontaneität, mit der Deussen mit einigen wenigen Mitgliedsbeiträgen die Institution seinerzeit zum Laufen gebracht hatte, war dahin. 86 Auch die politischen Spannungen gerieten jetzt immer mehr zu einer auch intellektuellen Herausforderung. Von der „Bewahrung der reinen Geistigkeit vor politischer Barbarisierung“ hatte Mockrauer früher angesichts der Auseinandersetzung mit Groener und Weber schon gesprochen.87 Doch der Pendelschlag, den deren völkisch-antisemitisch motivierter Angriff ausgelöst hatte, war in seiner Heftigkeit nur ein Vorspiel gewesen, und jeder Zeitgenosse spürte, dass das Politische in der Weimarer Zeit virulent blieb. Auch Zint wollte die Gesellschaft aus solchen Verwerfungen heraushal72

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ten, indem er ihren vollkommen unpolitischen Charakter betonte. Entsprechend wollte er noch nicht einmal einem Aufruf des Republikanischen Richterbundes von Ende 1924, die Gesellschaft möge sich in eine Liste republiktreuer Organisationen eintragen lassen, Folge leisten, obwohl er sich bei dieser Gelegenheit persönlich als ein „überzeugter Republikaner und Sozialist“ bekannte.88 Doch Bekenntnisse wie dieses kamen jetzt mehr oder weniger offen auch in der Schopenhauer-Interpretation selbst zutage.

„Linke“ Tendenzen des Schopenhauerianismus Auch Zint, der sich in seiner Heimatstadt Danzig politisch engagierte, hat über eine Auslegung Schopenhauers in seinem Sinne nachgedacht. Seinem erklärten Grundsatz der Neutralität in seinem Amt blieb er aber insofern treu, als er solche Deutungen von vornherein konsequent außerhalb der Gesellschaft vornahm: nämlich in einem Artikel in der Danziger Volksstimme.89 „Wenn er [Schopenhauer] heute lebte“, so wäre er nach Zint, trotz der bürgerlich-konservativen Haltung, die er seinerzeit eingenommen hatte, „Sozialist“. Am Anblick des sozialen Elends auf den Reisen seiner Jugendjahre und im Brüten darüber habe sich seine Mitleidsethik entwickelt. Auch habe er in einer Lebensführung, die auf Kosten der Kräfte anderer gehe, moralisches Unrecht und nur in eigener Arbeit den rechtlich und sittlich möglichen Ursprung des Eigentums gesehen. Mit Verweis auf eine einschlägige Passage in den Parerga (P II, § 125, 260ff., s. a. 226) über Armut und Sklaverei glaubte Zint das Bild der kapitalistischen Wirtschaft zu erkennen, in dem ‒ Jahrzehnte vor der Theorie des „Kapitals“ ‒ sogar die Lehre vom Mehrwert vorweggenommen worden sei. Schopenhauers Einsicht und Hoffnung, dass die Maschinenarbeit die schwere Körperarbeit ersetzen werde, sei 73

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Hans Zint 74

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auch dem Sozialismus vertraut. Sein Pessimismus widerspreche freilich der hier sich andeutenden Utopie, doch sei der moderne Sozialismus der Gegenwart, so Zint, von der Utopie, dem Zukunftshoffen zugunsten der Bewegung ohnehin abgerückt. Es gehe auch dem Sozialisten heute nicht um ein paradiesisches, sondern um ein heroisches Dasein ‒ was eine Affinität habe zu Schopenhauers bekanntem Ausspruch, dass nicht Glück, sondern ein heroischer Lebenslauf das Höchste sei, was ein Mensch erreichen könne (P II, 342). „… wenn Schopenhauer heute lebte …“ ‒ Jahre zuvor hatten andere proklamiert, er wäre in diesem Falle Antisemit und Rassenhygieniker geworden. Denkbar heterogene Interessenlagen der Gegenwart sahen in dem komplexen System des schopenhauerschen Denkens Wurzeln und Traditionsstränge ihres eigenen Wirkens. Doch Zints diesbezügliche Bemühungen blieben dezent und hielten sich im Hintergrund, hatten in Tonfall und Methode nichts gemein mit den gehässigen und vernichtenden Kampagnen à la Groener und Weber. Auch Mockrauer lieferte einen interessanten Beitrag dafür, Schopenhauer aus der Perspektive seiner eigenen beruflichen und historischen Lebenslage heraus zu deuten. 1923 wurde er Leiter der Volkshochschule Dresden und musste sich aus der aktiven Arbeit in der Gesellschaft daher etwas zurückziehen ‒ an der weiteren Herstellung der Deussen-Ausgabe war er nur noch am Rande beteiligt, und auch die Redaktion des Jahrbuches ging so auf Zint über. Als Autor für das Periodikum blieb er gleichwohl erhalten. 1925 hatte er sich hier in einem Essay kenntnisreich um eine Positionsbestimmung Schopenhauers in der Philosophie der Gegenwart bemüht.90 Jetzt reflektierte er auf dieser Basis in einem großen, durchaus programmatisch angelegten Beitrag über Schopenhauers Bedeutung für die Volksbildung und suchte damit die Verbindung zu den demokratisch-egalitären Grundströmungen, denen sich die Weimarer Republik verpflich75

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tet wusste.91 Kühn wurde Schopenhauer hier in mancher Hinsicht gegen sich selbst gekehrt. Doch Mockrauer machte es sich damit keineswegs einfach. Profund führte er zunächst alle Stellen im Werk des Philosophen an, die seinem Versuch, mit Schopenhauer die Volksbildung philosophisch zu fundieren, prima vista offenkundig widersprachen: die „asozialen, antisozialen Tendenzen in Schopenhauers Persönlichkeit und Lehre“; seine Vorliebe für Mystik und Mönchstum, die einer „Sozialisierung des Geistes“ und der „Volksbildung“ entgegenstünden; seine Rede von der „Aristokratie der Natur“, gegen die „Fabrikware“ des normalsterblichen Geistes und anderes mehr. Angesichts der zeittypischen, reformfreudigen Rede vom „Neuen Menschen“ müsse man bei Schopenhauer mit seiner Ansicht über die Unveränderlichkeit des Charakters von einem „pädagogischen Pessimismus“ ausgehen. Und doch wollte Mockrauer, gegen all diese massiven Vorbehalte, nun Schopenhauer oder den „Schopenhauerianismus“ als eigentliche Begründungsphilosophie für die ‒ auch dank seines eigenen führenden Engagements ‒ in der Weimarer Zeit zu großer Blüte gekommene Volksbildung reklamieren. Schopenhauer habe sich gegen die „Jahrhunderte alte europäische Tyrannei einer angeblichen Schau durch Begriffe“ gewandt und der Intuition, der Erkenntnis durch Anschauung, wieder zu ihrem Recht verholfen. Das kam einem volksbildnerischen Anliegen in mancher Hinsicht entgegen. So habe die Volksbildung gegenüber der akademisch-universitären Philosophie bei der Verbreitung der schopenhauerschen Gedanken den Vorzug größerer empirischer und intuitiver Lebenssubstanz. Die Volksbildung stelle den leeren Abstraktionen der akademischen Wissenschaften immer wieder das „unerschöpflich reiche, stets andere, stets fließende Leben gegenüber, mit dem sie fortgesetzt in allerinnigste Berührung tritt, aus dem heraus als eine Funktion der lebendigen Gesellschaft sie selber wirkt“. Hier in der Volksbildung hätten die „genialen ‚Dilettanten‘“ ‒ ne76

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ben Schopenhauer Feuerbach, Nietzsche, Spengler, Tolstoi ‒ ihren Platz, wie überhaupt Schopenhauer im Gegensatz zu Kant, Hegel oder Fichte durch die „Volksverständlichkeit“ und Bildlichkeit seiner Sprache, aber auch wegen seiner Lebensnähe und ewigen Jugend auch dem Volk verständlich sei. Vor allem aber sei Schopenhauer für die Volksbildung durch seine unübertroffene Leistung prädestiniert, aus der modernen erfahrungs- und naturwissenschaftlichen Denkweise Europas heraus den Zugang zu den ehemals im religiösen Leben wirksamen Intuitionen wiedergefunden zu haben. Vielfältige Ansätze also für Mockrauer, mit Schopenhauer die eigene Berufsund Bildungsarbeit methodisch zu fundieren, aufzuwerten und zu legitimieren. Unverkennbar aber war auch die Absicht, Schopenhauer jetzt in der Volksbildungsarbeit eine neue Heimstatt zu bieten, nachdem seine Lehre ‒ trotz Deussen ‒ an der Universität nicht Wurzel habe fassen können. So würde sie zu einem wesentlichen, unverlierbaren Element des gesamten deutschen Volksbewusstseins werden. Damit waren auch hier egalitäre und „demokratische“ Potenziale der zum „Schopenhauerianismus“ weiterentwickelten Philosophie des Meisters als eines signifikanten Phänomens und einer bezeichnenden Facette der Schopenhauer-Rezeption in der Weimarer Zeit herausgearbeitet.

Die grossen Kongresse Höhepunkte der Ära Zint waren drei wissenschaftliche Kongresse, die im Rahmen der Generalversammlungen abgehalten wurden: der erste 1927 in Dresden zum Thema Europa und Indien, der zweite 1929 zu Philosophie und Religion in Frankfurt und ein dritter 1931 in Hamburg zu Theorie und Wirklichkeit. Durch die konzentrierte und programmatische Ausrichtung der Zusammenkünfte auf ein 77

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Leitthema und die verstärkte Einladung von externen Fachgelehrten von außerhalb der Gesellschaft, darunter viele aus dem Ausland ‒ so dass bis zu vier (europäische) Konferenzsprachen zugelassen waren ‒ erreichte man ein neues Niveau der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und der wissenschaftlichen Organisation. Der Dresdner Kongress versuchte, mit Indien einem Hauptthema der schopenhauerschen Philosophie nachzuspüren.92 Europa habe, so Zint93, die Höhe seiner Wissenschaft und Technik mit einer Verkümmerung des sittlichen und religiösen Bewusstseins erkauft und nun mit dem Weltkrieg einen „moralischen Bankrott“ erlebt. Man suche daher u. a. auf dem „heiligen Boden Indiens“ neue Orientierung, denn für Europa sei die indische Kultur die Schöpferin und Bewahrerin höchster Werte philosophischen, religiösen, mythischen Lebens. Gleichwohl fühle sich Indien vom europäischen Geist, dem „wissenschaftlichen Eroberer der erfahrbaren Welt“, bedroht, denn er sei losgelöst von den Bindungen inneren Schauens. Es gehe im Geiste Schopenhauers aber um die Suche nach einer verschütteten eurasischen Kultureinheit. In diesem Sinne hatte die Tagung die Absicht, neue und kritische Fragen zu stellen wie etwa die, ob Schopenhauer Indien richtig verstanden habe. Aber auch umgekehrt, ob dem modernen Inder die tiefsten Gedankengänge der alten Philosophie seines eigenen Landes zugänglich seien oder ob er im Wesentlichen erst durch die Arbeit der europäischen Indologie eine genaue Kenntnis von ihrem Sinn und Inhalt erfahre. Mockrauer beteiligte sich mit einem Grundsatzreferat zu Schopenhauer und Indien, während von indischer Seite Prabbu Dutt Shastri, Gründungsmitglied der Gesellschaft, über Indien und Europa sprechen wollte.94 Unruhen in Lahore vereitelten seine Abreise; er konnte seinen Beitrag nur fürs nachfolgende Jahrbuch abliefern, das in seiner wissenschaftlichen Abteilung schwerpunktmäßig den Kongress behandelte. Erstmals trat Helmuth Glasenapp bei der 78

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Schopenhauer-Gesellschaft in Erscheinung, nach Deussen einer der wichtigsten deutschen Indologen. Er behandelte den Vedânta als Weltanschauung und Heilslehre. Romain Rolland, der französische Linksintellektuelle, Pazifist und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1915, sprach über das Verhältnis zwischen dem indischen Mönch und Gelehrten Vivekananda (1863–1902) und Paul Deussen.95 Zahlreiche weitere Vorträge befassten sich aus europäischer Sicht mit verschiedenen Aspekten des indischen Denkens, und immer wieder wurde Gandhi, dem die Gesellschaft im Rahmen der Tagung ein Telegramm schickte,96 zu einem Bezugspunkt: Tolstoi und Gandhi, Dostojewksi und Gandhi, Lenin und Gandhi lauteten die Themen. Schopenhauers Philosophie erwies sich so auch im 20. Jahrhundert als ein tragfähiger Pfeiler, über den sich in erneuerter Form eine Brücke zum fernöstlichen Denken schlagen ließ. Höhepunkt aber war der Kongress zu Philosophie und Religion in Frankfurt, allein schon wegen der Redner.97 Hier trafen unter anderem Martin Buber und Albert Schweitzer aufeinander. Insbesondere des Letzteren Vortrag, der der Mystik des Apostels Paulus gewidmet war, muss für die Zuhörer ein besonderes Erlebnis gewesen sein: Zwei Stunden, so heißt es im Tagungsbericht, habe er sie in Bann geschlagen. Schweitzer zeigte einige historische Spezifika des paulinischen Denkens auf und sah in Paulus den Begründer der Askese. Er habe die gewaltige Ethik der Liebe in die Welt gebracht. Was Jesus intuitiv offenbart habe, sei bei ihm zum System geworden, und von ihm führe der Weg zu Schopenhauer. Schweitzer betonte die innere Verbundenheit von Philosophie und Religion, beider Inhalt sei ihm identisch. Der Mensch begreife sich und sein Verhältnis zum Universum durch das Denken, und in dem Moment, da dieses Denken Lebensinhalt werde, gehe es in Religion über.98 Diese Auffassung des Tagungsthemas konnte bei den anwesenden Philosophen nicht unwidersprochen bleiben. Insbesondere mit 79

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Gebhardt, der mit einem Beitrag über Schopenhauers Stellung zu oder besser gegen Augustinus vertreten war, kam es darüber zum Disput. Dabei standen, wie ein kundiger Beobachter notierte, 99 auch Lebenshaltungen im Gegensatz: auf der einen Seite Schweitzer „voller Genialität des Geistes und des Herzens, der ein Jünger Jesu und ein moderner Mensch zugleich sein möchte“, auf der anderen Seite „der feinsinnige und vornehme Carl Gebhardt, der kühle und kritische Historiker“, der Schopenhauer näherstehe als Schweitzer. Schopenhauer habe, auch in Abgrenzung zu Hegel, den Begriff Religionsphilosophie, in dem er zwei heterogene Gebiete miteinander vermischt sah, problematisiert. Mit einer gewissen Enttäuschung gab Schweitzer daher zu verstehen, er fühle sich angesichts solcher Vorbringungen in seinem Bemühen, Christentum und Philosophie miteinander zu versöhnen, von den Gebildeten im Stich gelassen. Indien hatte es da leichter. Wie Glasenapp, der erneut einen Tagungsbeitrag lieferte und nun sogar in die Wissenschaftliche Leitung der Gesellschaft gewählt wurde, darlegte, hat Indien einen Gegensatz zwischen Religion und Philosophie nicht so entwickelt wie das europäische Denken. Das Thema wurde in einschlägigen Beiträgen auch im nachfolgenden Jahrbuch fortgeführt.100 Es brachte mehrere neue Aufsätze zur Sache, aber auch den Wiederabdruck von Frauenstädts historischem Text Über das wahre Verhältnis der Vernunft zur Offenbarung von 1848. Bemerkenswert ist vor allem ein ausführlicher Essay von Hans Zint, der wegen einer mehr als einjährigen, schweren gesundheitlichen Krise auf der Frankfurter Tagung nicht hatte anwesend sein können und damit gewissermaßen sein Nachwort zu dieser Debatte lieferte. Es war der ambitionierte Versuch, über den bei Schopenhauer zunächst offenkundigen Gegensatz von Religion und Philosophie hinauszugelangen und den Meister als in Wahrheit originär religiösen Menschen und Denker herauszuarbeiten.101 Zint vertrat 80

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die Auffassung, Schopenhauer habe einen von der Aufklärung inspirierten objektivistischen Begriff von Religion gehabt, dem zufolge Religion der Inbegriff von Glaubenssätzen, Dogmen und Institutionen, also im Grunde genommen Kirchenreligion gewesen sei. Unterdessen habe sich jedoch ein Begriffswandel vollzogen; an die Stelle von „Religion“ sei „Religiosität“ getreten. Es gehe daher nicht mehr um Glauben im Sinne von Für-wahr-Halten, sondern um einen seelischen Tatbestand. In klaren Worten konstatierte Zint eine Wendung hin zum Psychologischen, dementsprechend eine Aufwertung und Hochschätzung der Religionspsychologie. Das habe dem früher so hitzigen Streit zwischen „Wissen“ und „Glauben“ die Bedeutung genommen, was Zint zu der Formulierung führte: „Die Wahrheitsfrage braucht heute bei ruhiger Betrachtung weder für den Philosophen noch für den Theologen mehr eine Rolle zu spielen. Religion kann darauf verzichten, ihren Anspruch auf ‚Wahrheit‘ der Glaubenssätze vor dem Forum der Vernunft zu rechtfertigen, und kann sich in das religiöse Erlebnis flüchten …“ Zint bestimmte die Eigenart dieses Erlebnisses als „Kontrastgefühl“: auf der einen Seite die Erfahrung von religiöser Not in Form von intellektueller, kreatürlicher und sittlicher Begrenzung, auf der anderen Seite die Erfüllung und Erlösung im Numinosen. Für diese Überlegungen und Konzeptionen suchte er nach Belegstellen in Schopenhauers Philosophie und fand sie vor allem in dessen Vorstellung des doppelten Bewusstseins: hier empirische religiöse Not, dort das bessere Bewusstsein (Zustände religiöser Erfüllung). Schopenhauer habe die Ergebnisse neuerer religionswissenschaftlicher Forschung in sich aufgenommen. Bleibe man sich der Erweiterung des Religionsbegriffs bewusst, könne man in der subjektiven psychologischen Wurzel das Gemeinsame des religiösen und metaphysischen Bedürfnisses erkennen, während in Ziel und Form Religion und Philosophie sich unterscheiden mögen. Auf diese Art vermochte Zint, Schopenhau81

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3. Die ära hans zint

ers System entgegen dessen religionskritischen Äußerungen doch als hochgradig religiös „durchtränkt“ zu bestimmen. Zints Aufsatz war ein erneuter ambitionierter Versuch, verborgene Unterströmungen in Schopenhauers Philosophie im Lichte zeitgenössischen Denkens kenntlich zu machen. Seine Wendung hin zur Religionspsychologie steht dabei in enger Verbindung zu der Öffnung der Jahrbücher und Diskussionsforen auch der Ortsgruppen für Themen aus der Psychologie und selbst der Psychoanalyse in den Zwanzigerjahren. Unter den Ortsgruppen war um 1930 diejenige in Hamburg eine der aktivsten. Sie organisierte den dritten der Kongresse, der dem Verhältnis von Theorie und Wirklichkeit nachspürte. Das Thema wurde unter dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen behandelt, unter anderem vom Standpunkt des Psychologen und Metaphysikers (William Stern aus Hamburg), des Erkenntnistheoretikers und Naturwissenschaftlers (Friedrich Lipsius aus Leipzig), aber auch aus Sicht der Religion (Friedrich Heiler aus Marburg). Hans Prinzhorn, Autor des einflussreichen Buches über Die Bildnerei der Geisteskranken (1922), referierte über die psychologischen Wurzeln der Illusion. Der Frankfurter Soziologe und Volkswirtschaftler Franz Oppenheimer sprach über das Verhältnis der Fiktion der Wirtschaftstheorie und der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Auch die Politik wurde behandelt. Erfolglos hatte man sich um Carl Schmitt als Referenten bemüht, so wurde dieser Aspekt von Eduard Heimann aus Hamburg behandelt. Insgesamt aber scheint das Tagungsthema etwas spröde gewesen zu sein; dem einen oder anderen Referenten gelang es teilweise nur recht beiläufig, den Bogen seiner Argumentation auch zu Schopenhauer zu schlagen. Der Tagungsbericht, verfasst vom Vorstandsmitglied Konrad Pfeiffer, der selbst Autor eines Buches über Schopenhauer gewesen war, gab mitunter sogar konträre Kommentare dazu ab, und in seinem Schlusswort bemerkte Hans Zint nur lapidar, das Verhältnis von Theorie und Wirklichkeit sei 82

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schon in Schopenhauers Satz vom „Intellekt im Dienste des Willens“ enthalten.102 Doch die Tagung selbst war, gerade auch was das Begleitprogramm mit Empfängen, einem Konzert und einer Ausstellung über die Entwicklung der Philosophie im 18. und 19. Jahrhundert betrifft, glänzend organisiert. Auch Hamburg konnte für sich in Anspruch nehmen, eine, wenngleich eher unglückliche, Station im Leben Schopenhauers gewesen zu sein, wozu die Gäste in einem Vortrag Neues erfuhren. Die Ära Hans Zint war bis zum Beginn der NS-Zeit intellektuell sehr ertragreich. Es erstaunt, wie Zint neben seinem Beruf als Landgerichtsdirektor es vermochte, über das Organisatorische hinaus die Schopenhauer-Gesellschaft auch in ihren inhaltlichen Kernanliegen souverän zu führen und mit umfänglichen Beiträgen selbst die Richtung der Schopenhauer-Rezeption mitzugestalten. Auch wenn die akademisch-universitäre Etablierung Schopenhauers in den Zwanzigerjahren stagnierte, so steht die Ära Zint gleichwohl für den ambitionierten und produktiven Versuch, Schopenhauer weiterzudenken und sich sein Werk vor dem Hintergrund neuer Entwicklungen in Philosophie, Wissenschaft, Kultur und Geschichte neu anzueignen.

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4. Kapitel

Die Schopenhauer-Gesellschaft in der NS-Zeit

Anfang der Dreißigerjahre trat erstmals ein Schopenhauer-Forscher in Erscheinung, der sowohl für die Rezeption des Philosophen im 20. Jahrhundert wie für die Gesellschaft selbst zentrale Bedeutung erlangen sollte: Arthur Hübscher. In enger Zusammenarbeit mit der Gesellschaft betrieb er damals zwei wichtige Editionsprojekte, mit denen er sich einen Namen in Sachen Schopenhauer zu machen verstand. Dass er in der Nachfolge Zints schon bald ihr Vorsitzender und diese Verpflichtung ihm zur Lebensaufgabe werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht absehbar.

Arthur Hübscher (1897–1985) Arthur Hübscher war ein Schopenhauer-Jünger, eine Art nachgeborener „Evangelist“, dem die Hingabe an den Meister gleichsam in die Wiege gelegt worden war.103 Schon sein Vorname sei vom Vater mit Bedacht gewählt worden. Dieser, Georg Hübscher, hatte als Antiquar und zeitweiliger Verleger an Schopenhauer einschlägiges Interesse und brachte über ihn und sein Umfeld selbst Bücher heraus, darunter Max Heckers Monographie über Schopenhauer und die indische Philosophie (1897). Von Deussens Aktivitäten bei der 85

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Entstehung der Piper-Ausgabe und bei der Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft war daher schon in Arthurs Elternhaus vielfach die Rede; der Vater war Deussen noch persönlich begegnet, konnte sich zu einer Mitgliedschaft in der Gesellschaft allerdings nicht entschließen. Dass er ausgerechnet Schopenhauers Kapitel Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich aus dem Hauptwerk aufgeschlagen auf dem Nachttisch liegen hatte, als er 1914 verstarb, regte seinen noch jugendlichen, in Trauer versunkenen Sohn fast zwangsläufig zu grüblerischer Lektüre an. Schopenhauer wurde somit früh schon zum Fixpunkt von Arthurs geistiger Existenz; an ihm habe er immer „Halt und Trost“ gefunden, manches Rätsel habe er ihm gelöst, er sei ihm zum „nie versagenden Beobachter, Berater und Freund“ geworden.104 Die Familie mit Wurzeln in Norddeutschland ‒ Posen und Lübeck ‒ war nach einer Zwischenstation in Köln, wo Arthur 1897 geboren wurde, 1902 nach München gekommen, was mehr als ein biographisches Detail ist. Hübscher erlebte die süddeutsche Metropole von Kind auf als einen Kosmos von unerhörter kultureller und künstlerischer Dichte, was nicht nur sein persönliches Weltbild, sondern später vor allem auch seine berufliche Tätigkeit als Publizist nachhaltig prägte. Nach zweijährigem Frontdienst im Ersten Weltkrieg und einem in München absolvierten Studium der romanischen Philologie, der Philosophie und der Geschichte wurde er 1924 Redaktionsleiter der in der Weimarer Zeit einflussreichen Süddeutschen Monatshefte. Es war dies das publizistische Forum eines kulturellen und politischen Milieus entschieden süddeutsch-antipreußischer Richtung.105 In ihren Anfängen war die 1904 gegründete Zeitschrift stark geprägt von der Person Friedrich Naumanns, der dem „deutschen Süden“ eine spezifische Liberalität attestierte: Man behandle den Menschen hier anders als auf den pommerschen Rittergütern, und auch die Arbeiterfrage habe im Süden nicht die 86

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Schärfe wie im Norden. Die Zeitschrift war in diesem Sinne zunächst politisch-liberal, dabei nicht separatistisch und ‒ wie die Mitarbeit von Hans Thoma, Hermann Hesse u. a. zeigt ‒ thematisch eher kulturell ausgerichtet. Man war pro-wittelsbachisch, föderalistisch, gegen den bismarckschen Einheitsstaat und gegen eine überall gewitterte Anmaßung Berlins. Die Niederlage im Krieg brachte eine Wende. Der Herausgeber der Zeitschrift, Paul Nikolaus Cossmann, vollzog einen scharfen Rechtskurs: Dolchstoßlegende und Versailles wurden zu Themen, man geißelte Sozialismus und Bolschewismus, und im Propagandakampf gegen die Republik entfaltete das Blatt einen oft unguten Einfluss. Mit den Nazis wurde gleichwohl gehadert, Cossmann war ‒ zu strengem Katholizismus konvertiert ‒ jüdischer Herkunft und sollte 1942 in Theresienstadt enden. Unter diesen Vorgaben wurde Hübscher mit 27 Jahren Redaktionschef und fand hier ein ausgiebiges Betätigungsfeld. Durch eine Kontroverse mit Thomas Mann wurde er bald auch einem überregionalen Publikum bekannt. Mann, der seine unlängst noch gepflegte rechtskonservativ-nationalistische Orientierung nun zugunsten eines Bekenntnisses zur Republik aufgegeben hatte, nahm bei seinen während des Ersten Weltkriegs verfassten Betrachtungen eines Unpolitischen anlässlich einer Neuauflage 1922 verschiedene Kürzungen und Abmilderungen der Ursprungsversion vor. Hübscher brachte die Änderungen 1927 in einem Feuilleton aufs Tapet. Er warf Mann heimliche Anpassung an den demokratischen Zeitgeist vor, indem er sein „undemokratischstes Buch“, dem Hübscher implizit Beifall zollte, stillschweigend, ohne dem Käufer und Leser einen Hinweis zu geben, einer „demokratischen Bearbeitung“ unterzogen habe. Thomas Mann ließ sich das nicht bieten und verwahrte sich streng gegen Hübschers vermeintlich rein philologisches Interesse, das in Wahrheit an ein deutsch-nationalistisches Ressentiment gegen ihn 87

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appelliere. Der Streit führte zu Briefwechseln zwischen den beiden Kontrahenten und einem öffentlichen Schlagabtausch in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, in der Folge schließlich zu einem weiten Presseecho. Es war eine Kontroverse mit Fernwirkung: Einzelne Formulierungen Manns aus seinen Briefen an Hübscher kehrten 1933 noch in Heydrichs Schutzhaftbefehl für ihn und 1934 im Ausbürgerungsantrag des Gauleiters wieder. In der Thomas-MannForschung heißt es heute daher, Hübscher habe in dieser Sache „einiges auf dem Kerbholz“, sie nennt ihn in einem Atemzug mit Hanns Johst, dem späteren Leiter der Reichsschrifttumskammer.106 Hübscher selbst aber zeichnete in seiner Autobiographie ein durchaus nüchternes Bild von Mann, der sich durch literarische Vereinnahmungen seines unmittelbaren persönlichen Umfelds ‒ so auch des als Zivilisationsliteraten geschmähten Bruders in den Betrachtungen ‒ selbst immer wieder in verfängliche Situationen gebracht habe.107 Markant sind Hübschers Memoiren vor allem dort, wo er das süddeutsche Element, dem er sich angesichts seiner norddeutschen Wurzeln mit einer gewissen renegatenhaften Vehemenz verschrieben hatte, wortstark mit philosophischen und politischen Grundströmungen in Verbindung zu setzten wusste.108 Deutschland teilte er dabei in zwei verschiedene „Räume“ (der Begriff so auch von ihm selbst in Anführungsstriche gesetzt): hier der Süden, alter Kulturboden, Urheimat deutscher Kultur, als solche bis zu den romanischen Domen, der Stauferherrlichkeit und dergleichen zurückreichend, dort der Norden und Osten, im Wesentlichen Kolonialland mit manchen Zügen des Brutalen, Aufdringlichen, Überheblichen und noch heidnisch und wendisch, als im Süden längst die Kultur erblüht war. Berlin schien ihm, im Gegensatz zu dem feinporig mit Kunst und Kultur durchtränkten München, eine Stadt der Steinmassen und des Asphalts, die Stadt eines absterbenden Kulturbe88

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Arthur Hübscher (Altersporträt)

wusstseins, des Verfalls einer höheren Lebensform, des Aufwucherns alles Massenhaften usw. Von einer wiedereingesetzten Wittelsbacher Monarchie hatte er sich damals, Anfang der Dreißigerjahre, eine Rettung Deutschlands erhofft und in einer Sonderausgabe der Süddeutschen Monatshefte deren Thronprätendenten daher bereits zum „König Ruprecht“ ausgerufen. Für die weitere Entwicklung wusste er in der Rückschau seiner spät im Leben verfassten Memoiren einmal mehr Berlin die Hauptverantwortung zuzuschreiben, und mit der Kapitale setzte er sogleich auch Hegel mit auf die Anklagebank. Die Reichshauptstadt des Nationalsozialismus und die Hauptstadt des Sklavenstaates der DDR seien gleichermaßen Manifestationen der hegelschen Staatsdespotie. Dabei ließ er den subtilen Hinweis folgen, jenseits der Berliner Mauer sei in keiner öffentlichen Bibliothek Schopenhauer zu finden ‒ nein, an Schopenhauer konnte es 89

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nicht gelegen haben. So erlebte die intellektuelle Rivalität zwischen den philosophischen Antipoden des frühen 19. Jahrhunderts ihre Wiederkehr in einer übermäßig zugespitzten Kulturpolarität von gutem Süden und bösem Norden. Schopenhauer aber war für Hübscher bereits in seiner publizistischen Tätigkeit in der Weimarer Zeit zu einem immer wieder aufgegriffenen Topos geworden. Die Aprilausgabe der Süddeutschen Monatshefte aus dem Jahr 1930 hatte er schwerpunktmäßig Schopenhauer gewidmet und größtenteils mit eigenen Beiträgen bestückt. Schon hier fällt auf, was sein ganzes weiteres Leben mit und für Schopenhauer bestimmte: dass er sich seinem Meister mehr editorisch-philologisch und historisch-biographisch als mit großer philosophischer Geste näherte. So brachte er hier eine Wiedergabe unbekannter Gespräche des Philosophen aus dessen letzten Lebensjahren und äußerte sich zu seinem Briefwechsel, wobei er einen bislang unveröffentlichten Brief Schopenhauers an seine Schwester mit abdruckte. Auch schrieb er in späteren Ausgaben der Hefte wiederholt selbst zu Schopenhauer und ließ andere Autoren, die teilweise zum engen Umfeld der Schopenhauer-Gesellschaft gehörten, darin zu Wort kommen. Mit diesen Artikeln, die in ihrer Machart eigentlich auch im Schopenhauer-Jahrbuch hätten erscheinen können, öffnete er den Blick in eine sehr produktive Werkstatt. In ihr ging er seit geraumer Zeit höchst ambitionierten Projekten nach, die auch für die Schopenhauer-Gesellschaft von zentralem Interesse waren. Hübscher arbeitete damals an einer Zusammenstellung der Gespräche Schopenhauers. Die Edition, so meinte er, die Grisebach mehr als 30 Jahre zuvor veröffentlicht habe, sei in jeder Hinsicht unzulänglich. Mit den Zeugnissen von nunmehr 95 Gesprächspartnern erhob er dagegen den Anspruch, jetzt die editio definitiva vorzulegen ‒ sah sich aber Jahrzehnte später (1971) dann doch zu Ergänzungen genötigt. Er tat dies alles bereits unter der Obhut der Schopenhauer90

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Gesellschaft: Zint reservierte dem über 400 Seiten starken Text der Erstausgabe exklusiv die Ausgabe eines gesamten Jahrbuchs; es war dasjenige des Jahres 1933.109 Parallel dazu hatte Hübscher ein zweites Editionsprojekt betrieben. Im Frühjahr 1932 war er von Piper gebeten worden, die weitere Bearbeitung der ins Stocken geratenen deussenschen SchopenhauerAusgabe zu übernehmen. Die Gesellschaft war an diesem Projekt nach wie vor unterstützend beteiligt. Zuletzt war 1929 in der Bearbeitung durch Carl Gebhardt der erste der Bände, die die Briefwechsel Schopenhauers brachten, erschienen. Dieser Band 14 der Deussen-Ausgabe enthielt die Korrespondenz von und an Schopenhauer aus den Jahren 1799 bis 1849. Einen Teil des Manuskripts für den nachfolgenden zweiten Briefband hatte Gebhardt noch selbst bis zum Satz bringen können, doch schwere gesundheitliche Probleme hinderten ihn am Abschluss. Piper betraute somit Hübscher mit der weiteren Bearbeitung. Der war von der Qualität der Arbeiten, die sein Vorgänger geleistet hatte, jedoch ernüchtert, ja geradezu entsetzt. Es stellte sich heraus, dass Gebhardt der Aufgabe nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus methodischen Gründen nicht gewachsen war. Hübscher distanzierte sich schon damals öffentlich von seiner Arbeit,110 was Zint ihm etwas verübelte, da er keine Bloßstellung des schwer kranken Mannes wünschte.111 In der späten Rückschau seiner Memoiren, als die anderen Beteiligten längst nicht mehr am Leben waren, legte Hübscher seinem Urteil dann keinerlei Zügel mehr an: Gebhardts Band 14 sei „ein bis heute unerreichtes, von gröbsten Fehlern, Auslassungen und Ungenauigkeiten aller Art strotzendes Musterstück editorischer Liederlichkeit“.112 Hübscher sah sich zu zahlreichen Korrekturen und Ergänzungen veranlasst, was Piper wiederum unangenehm hohe Satzkosten bescherte. Die Gesellschaft half ihm mit 1 800 RM, während sie Hübscher ein Honorar von 700 RM zusprach.113 Hübscher stand also in ihren Diensten. 91

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Nach wie vor fühlte sie sich der Vollendung der von ihrem Gründer begonnenen großen Ausgabe des Meisters verpflichtet. Und in der Person Hübschers schien sie dafür den richtigen Mann gefunden zu haben. Wie anfänglich Deussen und sein junger Mitarbeiterstab erwies auch Hübscher sich als ein außergewöhnlich produktiver, zupackender und gewissenhafter Editor. Neben seiner Tätigkeit für die Süddeutschen Monatshefte erledigte er die Arbeit an Band 15 binnen Jahresfrist, im Sommer 1933 konnte das Werk bereits erscheinen. Nun stand noch ein dritter Band zu den Briefen aus, der den wissenschaftlichen Anhang und verschiedenes anderes bringen sollte. Doch zu seiner schnellen Realisation fehlten Piper bis auf Weiteres der verlegerische Mut und alle finanziellen Mittel. Vor allem aber war unterdessen eine Zeitenwende eingetreten.

Exkurs: Kontroverse Schopenhauer-Rezeption bei Hitler und Rosenberg „… wenn der Lärm des Tages allzu laut erschallt, wenn der homo politicus allein den Ton angibt, dann geziemt es sich für den homo philosophicus wohl, in der Stille zu sammeln und zu sichten. Er gibt darum sein Werk nicht auf; auch diese Pause kann schöpferisch sein.“ So geschrieben im Januar 1933 von Hans Zint im Vorwort des 20. Jahrbuchs, das Hübschers Edition der Schopenhauer-Gespräche brachte. Als das Buch wenige Wochen später traditionsgemäß zum Geburtstag des Meisters am 22. Februar erschien, war Hitler an der Macht. Was durfte man von den neuen Herren erwarten, was hatte man von ihnen zu befürchten? Leute wie Maria Groener und die Neue Deutsche SchopenhauerGesellschaft hielten ihre Stunde für gekommen. Der antisemitische Schopenhauer, so glaubten sie, würde nun Oberwasser bekommen. 92

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Tatsächlich war Hitler Schopenhauer freundlich gesinnt, ja mehr als das: Er soll ihn sogar als seinen Lehrer bezeichnet haben.114 Kamen seine Rede und seine Monologe auf die Philosophie, so nannte er immer wieder das Dreigestirn Kant, Nietzsche und Schopenhauer. Die Frage aber ist, wie er ihre Schriften gelesen und was ihn daran fasziniert hat. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, Hitler sei zu systematischem Studium nicht in der Lage gewesen, er habe sein Wissen vielmehr oft aus sekundären Quellen geschöpft und sich monoman der Zeitungslektüre hingegeben. Eine methodische und wissenschaftliche Herangehensweise war ihm zutiefst fremd; er war Autodidakt, verfügte jedoch über ein sehr gutes Gedächtnis, was einer Wissensakkumulation förderlich war. Für Schopenhauer hatte er sich schon früh interessiert. Bereits in seiner Wiener Zeit war er flüchtig mit dessen Werk in Berührung gekommen. Im Männerwohnheim, wo der junge Bohemien gestrandet war, soll er „Vorträge“ gehalten haben. Doch habe er auf die Nachfrage eines älteren Mitbewohners ‒ „der Professor“ genannt ‒, ob er Schopenhauer jemals gelesen habe, einräumen müssen, nur „einiges“ von ihm zu kennen, was ihm die Ermahnung eingetragen habe, „von Dingen zu sprechen, die er verstehe“.115 Man weiß, dass Hitler in seiner Wiener Zeit auch mit Juden verkehrte und sich sein aggressiver Antisemitismus erst später Bahn brach. Seine Verehrung für Schopenhauer, die hier bereits grundgelegt war und die sein ganzes Leben über anhielt, wurzelt ursprünglich daher nicht in den antijüdischen Äußerungen des Philosophen, sie hatte ihren Grund vielmehr in dessen Rezeption und Wertschätzung durch Wagner und Nietzsche. Schopenhauers Philosophie galt als „Künstlerphilosophie par excellence“ (Thomas Mann116) und hatte als solche denkbar große Wirkung auf die Künstler der Jahrhundertwende gehabt. Nicht nur Wagner, Nietzsche oder Tolstoi, der Schopenhauer als den „genialsten aller Menschen“ bezeichnet hat, auch Max Beckmann, der eine ganz an93

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dere künstlerische Haltung einnahm, schätzte Schopenhauer hoch. Hitlers eigene künstlerische Ambitionen fanden hier reichhaltig Nahrung, und Schopenhauers Hass auf alles Akademische, Universitäre, auf alles institutionalisierte und reglementierte Denken fand bei dem eigenbrötlerischen Bohemien mit seiner Aversion gegen die Professoren Widerhall.117 Schopenhauers Geniekonzeption muss er wie eine lebendige Ermunterung für seine eigenen Größenphantasien gelesen haben.118 Der stolze Trotz des Philosophen gegen seine jahrzehntelange Verkennung, sein dagegen sicher behauptetes Bewusstsein um die wahre Bedeutung seines Werkes dürften bei dem jungen, von der Akademie zweimal abgewiesenen Hitler tiefen Eindruck gemacht haben. Hitler fühlte sich nicht als gescheitert, sondern, wie Schopenhauer, als „verkannt“.119 Dabei waren seine eigenen künstlerischen Aspirationen, wie Thomas Mann später in einer berühmten Glosse hellsichtig formulierte, aber nicht mehr als „eine dumpfe Ahnung, vorbehalten zu sein für etwas ganz Unbestimmbares, bei dessen Nennung, wenn es zu nennen wäre, die Menschen in Gelächter ausbrechen würden“.120 Für diesen „abgewiesenen Viertelskünstler“ muss eine Philosophie wie die schopenhauersche eine Labung, ja ein Aufputschmittel gewesen sein. Als er dann in den Ersten Weltkrieg zog, habe er die ganze Zeit über die „fünf Bände“ der Werke Schopenhauers im Tornister mit sich herumgeschleppt; er habe viel von ihm gelernt, und das Bändchen mit der Welt als Wille und Vorstellung sei ganz zerlesen gewesen.121 In der Frühzeit der NS-Bewegung in München scheint Hitler schließlich von seinem Mentor Dietrich Eckart, dem er später Mein Kampf widmete, einiges über Schopenhauer erfahren zu haben,122 und Eckart stellte aufgrund seiner Mitgliedschaft denn auch ein Verbindungsglied zur Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft dar. Hitler bewegte sich in München dann direkt in jenem an früherer Stelle geschilderten Umfeld, das die völkische und rassistische 94

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Interpretation und Vereinnahmung Schopenhauers entschieden betrieb. All die Verlage, Monographien und Sonderhefte der völkischen Bewegung, die sich dem Meister unter einschlägigen Vorzeichen widmeten, hatten hier ihren Sitz, und der gute Name, den Schopenhauer in diesen Kreisen genoss, lag Hitler hier allenthalben im Ohr. So ist denn auch überliefert, dass er sich Groeners Schopenhauer und die Juden ausgeliehen hat.123 Schopenhauer findet kurze Zeit später daher, wenn auch eher flüchtig, Erwähnung in Mein Kampf. Hier griff Hitler nun in der Tat den antisemitischen Schopenhauer auf, als er ihn an zwei Stellen mit den Worten zitierte, die Juden seien „große Meister im Lügen“.124 Die originale Formulierung, auf die Hitler sich hier bezieht, findet sich in einem der von Schopenhauer hinterlassenen, von ihm selbst aber nicht mehr für den Druck autorisierten Zusätze im zweiten Band der Parerga und Paralipomena. Die meisten der späteren Editionen, auch die von Hitler verwendete grisebachsche, bringen die Passage. Hier schrieb Schopenhauer: „Auch ersehn wir aus den beiden angeführten römischen Klassikern [Tacitus und Justinus], wie sehr zu allen Zeiten und bei allen Völkern die Juden verabscheut und verachtet gewesen sind: zum Theil mag Dies daher stammen, daß sie das einzige Volk auf Erden waren, welches dem Menschen kein Daseyn über dieses Leben hinaus zuschrieb, daher als Vieh betrachtet wurde, Auswurf der Menschheit ‒ aber große Meister im Lügen. ‒“ (P II, 378f.)125 Ungeachtet der Tatsache, dass seine engsten, von ihm selbst persönlich geschätzten Adepten fast alle Juden waren, ließ Schopenhauer sich wiederholt zu solch wüsten Aussprüchen hinreißen. Sie wurzeln, wie an frührer Stelle gesagt, weniger in einem genuinen Antisemitismus als vielmehr in dem von ihm aus systematischen Gründen abgelehnten Theismus, als dessen Erfinder und Urheber er das Judentum sah. Doch solche Feinheiten interessierten Hitler ohnehin nicht. Er adaptierte Schopenhauer nach 95

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seinem Gusto. An einer der beiden Stellen, an denen er sich auf ihn bezog, sprach er davon, das ganze Dasein der Juden sei auf einer einzigen großen Lüge aufgebaut, nämlich der, dass es sich bei ihnen um eine Religionsgemeinschaft handle, „während es sich um eine Rasse ‒ und zwar was für eine ‒ dreht“. „Als solche aber hat sie einer der größten Geister der Menschheit für immer festgenagelt in einem ewig richtigen Satze von fundamentaler Wahrheit: er nannte sie ‚die großen Meister der Lüge‘ …“ Die Unkorrektheit im Zitat ‒ „Meister im Lügen“ muss es heißen ‒ ist dabei das kleinere Vergehen. Schwerer wiegt Hitlers Charakterisierung der Juden als Rasse. Schopenhauer hatte in dem den Juden gewidmeten § 132 des zweiten Bandes der Parerga ‒ eine Passage, die von Hitler nicht berücksichtigt wurde ‒, ganz ähnlich argumentiert: es sei ein auf das „Irreleiten absichtlich berechneter Ausdruck“, von den Juden als einer „Religionssekte“ oder von „Jüdischer Konfession“ zu sprechen; „Jüdische Nation“ sei das Richtige (P II, 280). Indem bei Hitler aus „Nation“ nun unversehens „Rasse“ wurde, zeigte sich der Abstand, der zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts gewachsen war. Hitler übersah auch, dass Schopenhauer bei aller Kritik am Judentum an dieser Stelle ein Vorgehen empfahl, das er selbst als „Rassenschande“ nun bald schon strikt unter Strafe stellen sollte: nämlich die Assimilation der Juden durch Mischheirat. Die beiden marginalen Erwähnungen in Mein Kampf sind die einzigen Äußerungen Hitlers über Schopenhauer, die von ihm selbst überliefert sind; alle anderen stammen von Zeitzeugen. Und es sind fast auch die einzigen, die sich auf Schopenhauers Kritik am Judentum beziehen. Es verwundert sehr, dass er die anderen antijüdischen Stellen nicht stärker ausgebeutet hat; die völkische Bewegung, Maria Groener voran, hatte sie doch alle zusammengetragen, so dass er leichten Zugriff darauf gehabt hätte. Hitler scheint sich in der Tat jedoch nach wie vor mehr für den „Künstlerphilosophen“ interessiert 96

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zu haben. Hier lag die Wurzel für seine Verehrung. Goebbels berichtete in seinen Tagebüchern noch 1944, Hitler habe ihm Schopenhauers Gedanken über die Schriftstellerei zukommen lassen ‒ das ist das Kapitel Ueber Schriftstellerei und Stil aus den Parerga ‒ mit der Maßgabe, es an alle schreibenden Parteigenossen und an alle Schriftsteller zu versenden. Goebbels las begeistert in dem Buch, es sei fast wie ein „Katechismus für schreibende Menschen“, und wenig später unterhielt er sich mit Hitler noch einmal darüber, der es auch noch einmal durchstudiert und wiederum tiefe Erkenntnis daraus geschöpft habe.126 Auch anderweitig wurde Hitlers Begeisterung für Schopenhauer als Schriftsteller bezeugt; nur die größten Denker eines Volkes, wie er, Schopenhauer, es war, seien berufen, sprachliche Änderungen vorzunehmen.127 Goebbels dokumentierte 1943 auch eine längere Ausführung Hitlers, in der er sich über seine drei philosophischen Hausgötter ausließ. In Goebbels’ Worten klang es so: „Der Führer führt in diesem Zusammenhang eine Unmenge von außerordentlich interessanten Gesichtspunkten an. Er kommt noch einmal auf die Gegenüberstellung Kant-Schopenhauer-Nietzsche-Hegel zu sprechen. Kant hält er für einen im wesentlichen dynastisch gebundenen Philosophen. Schopenhauer ist der geborene Pessimist, der mit einem ungeheueren Reichtum an Geist und Witz seine philosophischen Gegner zu Paaren getrieben hat. Aber wenn Schopenhauer die Welt als die denkbar schlechteste und den Menschen als das denkbar verächtlichste Wesen ansieht, so hätte er eigentlich die Konsequenz daraus ziehen und, anstatt dreizehn [sic!] Bücher zu schreiben, sich selbst aus diesem Jammerdasein verdrücken müssen. Das hat er nicht getan. Nietzsche ist da der Realistischere und Konsequentere. Er sieht zwar die Schäden der Welt und des menschlichen Geschlechts, aber er folgert daraus die Forderung des Übermenschen, die Forderung eines gesteigerten und intensivierten Lebens. Deshalb ist Nietzsche unserer Auffassung natürlich viel näher als Schopen97

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hauer, so sehr wir Schopenhauer im einzelnen schätzen mögen. Hegel ist ein durchaus gebundener philosophischer Fürstendiener; er verdient, wie der Führer meint, die harte und rücksichtslose geistige Stäupung, die er von Schopenhauer erfährt. Der Pessimismus ist nicht ausreichend, um das menschliche Leben zu bezwingen. Das menschliche Leben ist Angelegenheit eines steten Auslesekampfes. Wer nicht kämpft, wird dabei zugrundegehen. Die Philosophie hat nur die Aufgabe, das Leben zu steigern und zu vereinfachen, nicht aber, es mit einem pessimistischen Schleier zu überlagern. Ich habe selten mit dem Führer eine so interessante und tiefschürfende Unterredung gehabt wie an diesem Tage.“128 Hier klingen gewisse Vorbehalte an; Hitler sind die Inkompatibilitäten seiner eigenen Weltanschauung mit wesentlichen Elementen in Schopenhauers Denken sicher nicht entgangen. Und sollte sein Tornisterexemplar der Welt als Wille und Vorstellung von ihm wirklich „zerlesen“ worden sein, hätte er auch die scharfen Kontrapunkte zu seiner Haltung ‒ die Willensverneinung, die Mitleidsethik, den Erlösungsgedanken ‒ systematisch realisieren müssen. Diese überall offenkundig zutage tretenden Divergenzen hielten ihn dennoch nicht davon ab, Schopenhauer immer ein ehrendes Gedenken zu bewahren. Seiner generellen Wertschätzung für den Denker verlieh er Ausdruck, indem er auf dem Berghof eine Büste von ihm aufstellen ließ.129 Auch kündigte er an, es würden in der Innenhalle der Bibliothek in Linz, dem großen, von ihm geplanten Museumskomplex in seiner Heimatstadt, später einmal Kant, Schopenhauer und Nietzsche stehen. 130 Es seien dies unsere größten Denker, denen die Engländer, Franzosen und Amerikaner nichts, aber auch gar nichts Gleichwertiges an die Seite stellen könnten. Kant, so führte er dabei weiter aus, habe das ungeheure Verdienst, die im Mittelalter und in der kirchlichen Dogmatik wurzelnde Scholastik endgültig überwunden zu haben. Auf seiner erkenntnistheoretischen Grundhaltung baue Schopenhauer auf, dem 98

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wir außerordentlich viel verdankten. Er sei es gewesen, der die reine Zweckphilosophie eines Hegel überwunden habe, so dass von ihr nichts mehr übrig geblieben sei. So und ähnlich hat Hitler in seinen Monologen im Führerhauptquartier bruchstückhafte philosophische Kenntnisse zum Besten gegeben. Wenn in Hegels Staatsphilosophie gemeinhin eine gewisse Tendenz zum totalitären und damit auch zum NS-Staat hin gesehen wurde, bei Schopenhauer hingegen, wie Hübscher meinte, die NS-kritischen Elemente herausgestellt wurden, so hat Hitler selbst es gerade umgekehrt gesehen. Bei aller Oberflächlichkeit in der Sache: an der Wertschätzung, die Hitler Schopenhauer entgegenbrachte, kann es keinen Zweifel geben. Bei dem sogenannten Chefideologen der NS-Bewegung, Alfred Rosenberg, fiel das Urteil hingegen ganz anders aus. Rosenberg bezog gegenüber Schopenhauer eine ausgesprochen kritische Position. Nach Hitlers Mein Kampf war es sein erstmals 1930 erschienener Mythus des 20. Jahrhunderts, der zur großangelegten ideologischen Richtmarke der NS-Bewegung avancierte und wie das hitlersche Werk bis 1945 in Millionenauflage Verbreitung fand. Der Mythus erhob einen quasi philosophisch-religiösen Anspruch. Alle hatten das Buch im Regal, kaum einer aber hatte es wirklich studiert. Hitler selbst bekannte, er habe es wie viele Gauleiter „nur zum geringen Teil gelesen“, es sei zu schwer verständlich geschrieben, auch distanzierte er sich, bei Übereinstimmung in den grundlegenden Fragen des Antisemitismus und der Ablehnung christlich-religiöser Bekenntnisse, in mancher Hinsicht von weiterführenden Annahmen Rosenbergs.131 Lange Textzitate im Mythus zeigen, dass Rosenberg sich mit Schopenhauer ungleich gründlicher befasst hat als Hitler.132 Auch er interessierte sich für die antijüdischen Äußerungen Schopenhauers dabei allenfalls am Rande ‒ nur gegen Ende zitiert er einmal die Rede von den Juden als „großen Meistern im Lügen“.133 In 99

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dem mehr als 20 Seiten langen Abschnitt, den er Schopenhauer widmete, ist davon jedoch überhaupt nicht die Rede, der nazistische Rasseantisemitismus, der Zentralthema des Buches ist, kommt hier überhaupt nicht vor. Es werden aber auch nicht schopenhauersche Hauptmotive wie etwa die Mitleidsethik angeführt, an denen Nationalsozialisten zwangsläufig Anstoß nehmen mussten und die auch Rosenbergs Ablehnung hätte motivieren können. Mit der Überschrift Wille und Trieb gibt Rosenberg vielmehr ein ganz anders gelagertes Interesse an Schopenhauer zu erkennen. „… die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens“, hatte es bei Schopenhauer geheißen, was in letzter Konsequenz zu der Erkenntnis führe: „Kein Wille: keine Vorstellung, keine Welt“ (W I, 485 u. 486). In solcher Deutung erblickte Rosenberg einen „gewaltsamen monistischen Versuch“ der Weltdarstellung; Wille und Vorstellungen würden zusammengezwungen. Für Schopenhauer war der Wille ein dunkler, ebenso grund- wie erkenntnisloser Drang, universeller Wille zum Leben, der sich in der gesamten Natur zeige, am deutlichsten aber im Geschlechtstrieb und den Regungen des Leibes. Vor allem war ihm der so verstandene Wille das Primäre, der Intellekt, der sich seiner erkennend und selbsterkennend vergewissert, das Sekundäre, Abgeleitete. Der Wille als solcher ‒ als Ding an sich ‒ war für ihn frei, ja allmächtig. Er objektiviere sich im Individuum, werde zunächst intelligibler Charakter und trete als empirischer Charakter schließlich in Erscheinung. Doch einmal Erscheinung angenommen, und somit existent, komme die Reihe von Grund und Folge zu ihrem Recht. Als Erscheinung war das durch den Willen hervorgebrachte Individuum determiniert, festgelegt, unfrei in dem Sinne, dass es dem unentrinnbaren Gesetz der Sequenzialität von Ursachen und Wirkungen unterworfen sei. Dass der Mensch als „moralische Null“ (W I, 345) geboren sei, sich durch freie Wahl nach Belieben selbst erschaffen könne und in diesem Sinne eine rein intellektuell 100

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fundierte Willensfreiheit habe, war Schopenhauer eine auf Cartesius zurückgehende „alte Ansicht“ (ebd.), die er strikt zurückwies. Allein durch Willensverneinung ‒ in den „Phänomenen der Heiligkeit“ (ebd. 339) ‒ konnte der Mensch das Korsett, in das er als Erscheinung eingebunden war, wieder lösen und in der Erlösung frei werden: frei vom Willen, frei von der Erscheinung, frei von der Welt. Gegen diese subtile, von Schopenhauer in seinem ganzen Werk weitläufig und differenziert ausformulierte Konzeption erhob Rosenberg grundlegenden Einspruch. Seitenweise zitierte, kommentierte und kompilierte er einschlägige Passagen aus dessen Werk. Diese Rekonstruktion ließ er im zweiten Teil seiner dem Philosophen gewidmeten Ausführungen in eine Persiflage übergehen, um darzulegen, dass die schopenhauersche Architektonik, insbesondere bei der Verneinungs- und Erlösungslehre, nicht stimme. Gegen diese versuchte er eben das zu rehabilitieren, was Schopenhauer als „alte Ansicht“ hatte verabschieden wollen, nämlich einen Begriff des Willens als eines intellektuellen, intentionalen Vermögens; Rosenberg ging von der Vorstellung eines „schaffenden, zielstrebigen Willens“ aus. Mit dem Wort Wille, so meinte er, würden zwei grundverschiedene Begriffe bezeichnet. Dabei reduzierte er den schopenhauerschen Willensbegriff ganz auf die Kategorie des Triebes. Er, Rosenberg, sei gezwungen, festzustellen, „dass mein ganzes wollendes Wesen ein polares, in zwei Teile geteilt ist: in ein sinnlich-triebhaftes und in ein übersinnlich-willenhaftes“ (336). Schopenhauers Wille war ihm nicht mehr als ein „rein tierischer Trieb … ein unschöpferisches, niederziehendes Prinzip“, das die nichtige Seite des Menschen offenbare (342). Dagegen wollte er den Menschen unter Berufung auf Goethe als ein Wesen sehen, das „ein kategorisches Sittengesetz“ in sich walten wisse. So lief es bei ihm auf die einfache Dichotomie von Trieb und intellektuell bzw. moralisch bestimmtem Willen und auf die Umkehrung des von Schopenhauer formulierten Verhältnis101

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ses von Primärem (Wille im schopenhauerschen Sinne) und Sekundärem (Intellekt) hinaus. Diese grundlegend ablehnende Haltung wendete Rosenberg schließlich ins Persönliche, indem er Schopenhauer, dessen Vorname er wiederholt ohne h, „Artur“, anführte, als Mensch ins Visier nahm. Mehrfach warf er ihm angesichts seiner markanten persönlichen Eigenheiten, seiner Selbstüberhebung, seiner Schadenfreude an den Schwächen anderer „brutalen Egoismus“ und die Macht eines „bis zur Krankhaftigkeit“ gesteigerten Willens vor ‒ Wille verstanden in seinem, Rosenbergs, Sinne. Selten habe wohl der Widerspruch zwischen Trieb, Einsicht und Willen so mächtig in einem Herzen geklafft. Schopenhauers grundsätzlicher Pessimismus sei im Alter Verbitterung gewesen (340). Wohl attestierte Rosenberg ihm weltumfassenden Intellekt, robuste Individualität und, wie Hitler, einen Sprachstil, „ein Deutsch … von einer Pracht, Farbigkeit und Klarheit, wie nur ganz wenige unter den Größten“; doch die Persönlichkeit, so relativierte er sogleich, reiche nicht aus für ein volles, abgerundetes Werk. So glaubte er in Schopenhauer eine tragische Figur sehen zu dürfen, „weil ihm zum Intellekt der Wille fehlte“. In dieser Tragik aber wusste er ihm überraschend dann schließlich doch noch etwas abzugewinnen: Schopenhauer liefere das Beispiel eines „heroischen Kampfes“: „ein Mensch hat hier alles auf eine Karte gesetzt, und diese hat fehlgeschlagen“ (342). Schopenhauer selbst habe bekannt, das Höchste, was ein Mensch erreichen könne, sei ein „heroischer Lebenslauf“. Das, so meinte Rosenberg abschließend in einer bemerkenswerten Wendung, „ist ein nordisches Bekenntnis, wie es schöner nicht gefunden werden kann. Und deshalb ist auch Artur Schopenhauer ‒ unser.“ Diese Zuwendung zu dem Philosophen als einem an sich selbst Gescheiterten hätte Rosenberg allerdings kaum veranlassen können, ihm Kränze zu winden: Das geplante Aufstellen von Schopenhauers 102

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Büste in der Ehrenhalle von Linz hätte er wohl nicht goutiert. Doch bevor es dazu kommen konnte, war der Nationalsozialismus ohnehin selbst schon gescheitert. Rosenberg nahm also eine ausgesprochen schopenhauerkritische Position ein. Da das Buch schon 1930 erschienen war und noch vor der Machtergreifung sehr beachtliche Auflagen erreichte, ist es erstaunlich, dass man sich in der Schopenhauer-Gesellschaft mit der entsprechenden Passage nicht befasst hat; im Jahrbuch gibt es keinen Hinweis. Nach dem Machtantritt verbot sich eine Auseinandersetzung mit ihm selbstredend: Jetzt waren die führenden Männer der Schopenhauer-Gesellschaft persönlich in Gefahr.

Zint und Mockrauer in Bedrängnis Bevor man in den Gremien der Schopenhauer-Gesellschaft selbst erste Auswirkungen der „nationalen Revolution“ zu spüren bekam, traf es einige ihre Exponenten ad personam. Hans Zint kosteten die Ereignisse die berufliche Position.134 Er war den Nazis vor allem politisch, sicher aber auch menschlich nicht genehm. Schon in seiner Zeit in Danzig war er für die SPD politisch aktiv gewesen, hatte sich als Sozialist und Republikaner bekannt, war darüber hinaus Mitglied der Liga für Menschenrechte und stand im Austausch mit Personen wie Romain Rolland.135 1930 ließ er sich vom preußischen Staat abwerben und ging als Landgerichtspräsident nach Stettin, zwei Jahre später in gleicher Funktion schließlich nach Breslau, wo er den Machtantritt Hitlers erlebte. Nach den Reichstagswahlen von März 1933 stürmten die Nazis das Gerichtsgebäude, in dem er leitend tätig war, hissten die Hakenkreuzflagge, holten ihn auf die Straße und forderten ihn auf, die Fahne zu grüßen. Zint lehnte es ab, woraufhin zwei SA-Leute ihm einem Bericht der Nazipresse zu103

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folge „Hilfestellung“ leisteten. Am selben Tag reichte er ein Urlaubsgesuch ein und wurde einige Monate später ‒ auf eigenen Antrag, wie er sagte136 ‒ 54-jährig in den Ruhestand versetzt. Zint war angesichts einer Gewaltandrohung standhaft geblieben, an seinem Verhalten konnte die Öffentlichkeit noch einmal sehen, was es heißt, seine Würde zu bewahren. Dann hatte er das Feld aber ohne Weiteres geräumt. Er zog sich nach Hermsdorf/Kynast zurück, einem kleinen Dorf im Riesengebirge, und widmete sich fortan ganz seinen Studien und seinen Aufgaben als Präsident der SchopenhauerGesellschaft. Er hatte den Rückzug wohl vorgezogen, weil er ahnte, die neue Zeit würde ihn bei einem Verharren in seiner Position vor unzumutbare Entscheidungen und Kompromisse stellen ‒ und sei es nur vor die Frage eines Parteieintritts. Wohl war Zint seinerzeit politisch engagiert gewesen, doch der Parteienkampf und die in dieser Arena erforderliche Leidenschaft für die Polarisierung scheinen seinem zurückhaltenden Temperament, seiner menschlichen und geistigen Haltung im Grunde fremd geblieben zu sein. Zint, der Landgerichtspräsident a. D., war seinem Wesen nach mehr Beamter als Politiker und mehr am Ideal des gerechten Richters orientiert. In dieser Eigenschaft schwankte er selbst noch gegenüber dem NS-Staat, von dem er nun seine Pension bezog, zwischen innerer Ablehnung und einem fest ererbten Rest von Loyalität gegenüber der staatlichen Obrigkeit. Obwohl er nicht Nationalsozialist sei und deshalb aus seiner leitenden beruflichen Stellung in kürzester Frist werde scheiden müssen, so schrieb er in einem Brief am 1. Juli 1933, „… denke ich doch historisch genug, um das geschichtliche Recht der gegenwärtigen großen Bewegung anzuerkennen und ihrem großen Ziele einer wahren Volksgemeinschaft aufrichtig volle Verwirklichung zu wünschen.“137 Ein Sensorium dafür, wohin es mit dem Nationalsozialismus in Wahrheit ging, war dem Unpolitischen als solchem nicht gegeben. In jedem Fall aber ist die Formulierung 104

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viel mehr noch Ausdruck von Zints noblem Charakter ‒ selbst dem Gegner noch Fairness entgegenzubringen ‒ als ein Indiz für heimliche Sympathien gegenüber den Nazis. Sein Bemühen um Noblesse gegenüber diesem Gegner entbehrt freilich nicht eines tragischen Moments. Die zitierte Briefstelle aber geht weiter: Er sei „zu tief von der grundsätzlichen Autonomie des Geistes, und insbesondere des philosophischen Geistes, überzeugt, als dass ich meinerseits mich bereitfinden könnte, ihn der Politik unterzuordnen“138. Er machte sich Hoffnungen, wenigstens hier die Oberhand zu behalten. Wie in den Jahren zuvor war er bereit, die Verantwortung für die Schopenhauer-Gesellschaft weiter zu übernehmen, „wenn an dem bisherigen grundsätzlich unpolitischen und übernationalen Charakter unserer Gesellschaft nichts geändert wird“139. Hier im Reich des Geistes glaubte er sein eigentliches Refugium wahren zu können ‒ jetzt umso mehr, da die Zeiten so rau geworden waren, er selbst aber auch mehr Zeit für es erübrigen konnte. In der Stille sammeln und sichten, wenn der homo politicus allein den Ton angebe …, so hatte er es wenige Tage vor Hitlers Ernennung den Mitgliedern der Schopenhauer-Gesellschaft ja schon mit auf den Weg gegeben. Manche seiner Mitstreiter, die jüdisch oder jüdischer Herkunft waren, führte der Weg schon bald in die Emigration. Am stärksten betraf es zunächst Franz Mockrauer. Er war ‒ als Kind schon evangelisch getauft ‒ jüdischer Herkunft140 und allein schon deshalb gefährdet. Darüber hinaus aber hatte er sich auch intellektuell gegenüber den neuen Machthabern zuvor schon in Position gebracht. In einem umfänglichen Beitrag über Die Verantwortung des geistigen Menschen in der Krisis der Gegenwart im Jahrbuch 1932141 hatte er konstatiert, dass Humanismus und deutscher Idealismus zurzeit aufs Höchste gefährdet seien: „Bolschewismus und Faschismus kennen keine autonome, verantwortungsbewusste Geistigkeit, keine intellektuelle Ethik. Pragmatisch-positivistisch oder traditionalistisch-dogmatisch ist die 105

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Haltung beider Mächte, die sich brutal und ohne Achtung vor der verantwortlichen Selbstbestimmung des Gesamtbewusstseins jedes Menschen zu diktatorisch-unfreien Staatsformen entfaltet.“ Das klang vollkommen anders als Zints Hoffnung auf stilles Wirken des Geistes. Schon am Vorabend der Machtergreifung hatte Mockrauer den Nazismus damit viel deutlicher durchschaut: „Mag auch der Faschismus so radikal nicht sein [wie der Bolschewismus, Anm. d. Verf.], mag er gerade in der Pflege der wertvollsten Inhalte europäischer Tradition zur Abwehr bolschewistischer Zerstörung eine wesentliche Aufgabe sehen, die ihm gestellt ist, ‒ auch er sucht den Geist zu kommandieren und von politischen Zweckentscheidungen abhängig zu machen, und so vernichtet er in den Seelen, was zu erhalten er vorgeben möchte: das intellektuelle Gewissen und den ‚kategorischen Imperativ‘ des Geistes. / Deutschland sieht das Bewusstsein seiner Menschen von beiden Mächten bedrängt. Ihr inhaltlicher Gegensatz droht ihre Kräfte zu steigern; ihr gemeinsamer Gegensatz gegen den Geist droht zur Vernichtung des kostbarsten Erbes deutscher Überlieferung zu führen. Aufgabe der Schopenhauer-Gesellschaft und ihrer Mitglieder ist es, aus dem heroisch der Wahrheit gewidmeten Leben und der entsagungsvoll bewährten Geisteshaltung ihres Meisters Kräfte zur Abwehr der ernsten Kulturgefahr, die dem Abendlande droht, zu gewinnen.“ Wieder wurde, jetzt von anderer Seite, das Heroische bemüht: als Dagegenhalten, als Widerstehen, als Festhalten an der Wahrheit. Angesichts solch exponierter Äußerungen lag es in der Konsequenz der Ereignisse des Jahres 1933, dass ihr Urheber schnell ins Ausland entweichen musste. Seit Sommer dieses Jahres führte Mockrauers Korrespondenz eine Pension in Kopenhagen im Briefkopf. Die ganze NS-Zeit über musste er in der Emigration bleiben, zunächst in Dänemark, ab 1937 in Schweden. Sein Interesse für Schopenhauer jedoch war ungebrochen. So dachte er trotz räumlicher Entfernung zunächst auch nicht daran, seine Posten im Vorstand und in der Wissenschaft106

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lichen Leitung der Gesellschaft aufzugeben. Auch für das Jahrbuch schrieb er weiterhin Beiträge. In Kopenhagen gelang es ihm, Zugang zu den Akten der Königlich Dänischen Gesellschaft der Wissenschaften zu erhalten und die Hintergründe des Preisausschreibens zu beleuchten, an dem Schopenhauer sich 1840 mit seiner Schrift Über das Fundament der Moral beteiligt hatte. Die Schrift war abgelehnt worden, was Schopenhauer zu einer leidenschaftlichen Suada voller Spott gegenüber akademischer Gelehrsamkeit im Allgemeinen, der dänischen Akademie im Besonderen angestachelt hatte. Mockrauer gelang es in einer umfangreichen Abhandlung im Jahrbuch 1935, die Interna dieser Vorgänge zu beleuchten.142 In den Leitungsgremien der Gesellschaft saßen 1933 noch weitere Juden im Sinne der Nazis: Karl Wollf aus Dresden, Hans Taub aus München und der frühere Vorsitzende Justizrat Wurzmann aus Frankfurt. Einige ihrer Kollegen in diesen Organen waren aber Anhänger und Mitglieder der NSDAP.

Die Gesellschaft unter Anpassungsdruck Die „Gleichschaltung“ habe das bürgerliche Vereinswesen 1933 vor die Wahl gestellt: Anpassung oder Auflösung, bemerkt Christian Tilitzki und demonstriert seine Feststellung am Schicksal der Kant-Gesellschaft und der völkisch und deutschnational gesinnten Deutschen Philosophischen Gesellschaft.143 Über diese Erkenntnis post festum konnten die damaligen Akteure selbst allerdings nicht in der Klarheit verfügen wie die Nachgeborenen. Zint hoffte, diese Extreme vermeiden zu können, die Schopenhauer-Gesellschaft weder unzumutbar anpassen noch auflösen zu müssen. Ursprünglich hatte die Gesellschaft geplant, die Reihe der großen Kongresse, die man in den Jahren zuvor veranstaltet hatte, fortzuset107

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zen. Für Herbst 1933 hatte man sich eine große Tagung zum Thema Philosophie und Kunst in München vorgenommen. Das Vorhaben wurde ein Opfer der Zeitumstände, zunächst aus wirtschaftlichen Gründen, mehr aber noch, weil klar geworden war, dass man sich über diese Fragen nicht mehr hätte frei austauschen können. So lud man, da eine turnusmäßige Neuwahl der Organe anstand, für Oktober zu einer geschäftsmäßigen Mitgliederversammlung nach Frankfurt. In deren Vorfeld unternahm ein einfaches Mitglied, Friedrich Kormann, Studienrat aus Bischofswerda, den Versuch, die Gesellschaft stärker auf die offizielle Linie auszurichten.144 Er bedauere zwar sehr, dass „die völkische Umwälzung, wie ich annehme, eine Anzahl unserer Mitglieder hart getroffen hat“, gleichwohl fühlte er sich dazu berufen, der herrschenden Tendenz auch in der Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen, indem er den Antrag stellte, bei Neuwahlen zum Vorstand und der Wissenschaftlichen Leitung den „Arierparagraphen“ anzuwenden und die Gräuelpropaganda gegen Deutschland im Ausland formell zu verurteilen. Der Arierparagraph ‒ als Teil des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 ‒ betraf formal nur Angehörige des öffentlichen Dienstes. Loyale Anhänger des Regimes, die sich in ihrem Vorgehen teilweise der Unterstützung öffentlicher Regierungs- oder sonstiger Dienststellen vergewissern konnten, bemühten sich mit unterschiedlichem Erfolg jedoch immer wieder, ihn auch auf freie Kulturträger und unabhängige gemeinnützige Institutionen auszudehnen. Zint setzte alles daran, Kormann von seinem Bemühen abzubringen. Schon früh hatte er ihm bedeutet, er würde zu einem grundsätzlichen Ausschluss der Juden aus den Vorstandsämtern „die Hand nicht reichen“. Tatsächlich vermochte er Kormann dazu zu bewegen, seinen Antrag bezüglich des Arierparagraphen zurückzuziehen; der Vorstand hatte sich nur noch mit der Verurteilung der Gräuelpropaganda auseinanderzusetzen und stellte dazu ‒ gemäß 108

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Zints Credo ‒ intern fest, eine kulturelle Tätigkeit im Ausland sei nur dann erfolgreich, wenn sie sich bewusst fernhalte von der Einmischung in politische Tagesfragen. Zwei Herren, Karl Wollf und Rudolf Borch, schieden bei den Oktoberwahlen aus ‒ wie es hieß, wegen Arbeitsüberlastung.145 Während Wollf später emigrieren musste, lagen bei Borch, der politisch nicht betroffen war, offenbar persönliche Gründe vor. An ihrer Stelle wurden Walter Rauschenberger, Direktor der Senckenbergischen Bibliothek in Frankfurt, und Paul Th. Hoffmann, Stadtarchivar in Hamburg-Altona und Vorsitzender der dortigen, sehr regen Ortsgruppe der Gesellschaft, gewählt. Beide Männer waren dem Regime offenbar zugetan. Rauschenberger trat, ohne allerdings Parteimitglied zu sein,146 im Lauf der NS-Zeit vielfach mit Publikationen zum Thema Rasse hervor und nahm sich unter dem Stichwort Erb- und Rassenphysiologie schöpferischer Persönlichkeiten dabei besonders auch Schopenhauers an. Hoffmann verstand es, die Hamburger Ortsgruppe auf Linie zu bringen: Offenbar wurden dort die jüdischen Mitglieder zum Rückzug aus dem Vorstand veranlasst147 und für den Winter 1933/34 ein einschlägiges Vortragsprogramm angesetzt: Fast alle Beiträge handelten vom Staat, vom Volk, vom Völkischen, der geschichtlichen Wirklichkeit und dergleichen ‒ was alles andere waren als Zentralthemen schopenhauerschen Denkens.148 Eine andere Ortsgruppe, die Danziger, beschloss am 26. Oktober 1933 ihre Selbstauflösung. Zint hatte ihr angesichts der veränderten Verhältnisse eine „Gleichschaltung … durch Umbildung des Vorstands, jedoch ohne Eingriff in den Mitgliederbestand“ empfohlen, wie die Hamburg-Altonaer Gruppe sie vorgenommen habe. Er war dann aber konsterniert darüber, dass man sich in Danzig außerstande sah, „mit nicht-arischen Volksgenossen als einfachen Mitgliedern einer Schopenhauer-Gesellschaft weiterhin an einem Tisch zu sitzen ‒ damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Da dem aber so 109

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ist, halte ich die Selbstauflösung für den einzigen Weg, den die Ortsgruppe einschlagen konnte.“149 Die Ortsgruppen in Frankfurt und in Dresden hatten schon vor Beginn der NS-Zeit ihre Aktivitäten eingestellt, bereits das Jahrbuch von 1932 erwähnt sie nicht mehr. Eine der Kultur und Gelehrsamkeit verpflichtete Vereinigung wie die Schopenhauer-Gesellschaft musste sich mehr und mehr von den Maßnahmen des Regimes bedrängt fühlen. Am 22. September 1933 wurde per Gesetz die Reichskulturkammer gegründet, die große offizielle Standesorganisation unter der Obhut des Propagandaministeriums, mit der die Regierung das gesamte Kulturleben unter ihre Kontrolle zu bringen versuchte, indem sie alle hier tätigen Personen und Organisationen zur Zwangsmitgliedschaft verpflichtete.150 Zint scheint als Jurist und ehemaliger Staatsbeamter die Publikation des Gesetzes und der bald danach erlassenen Durchführungsverordnungen aufmerksam verfolgt zu haben. Doch war es zunächst völlig unklar, wieweit die Gesellschaft von der Regelung betroffen war. Zint vermutete, dass mindestens die Herausgabe des Jahrbuchs meldepflichtig sei, so dass man damit womöglich bei einer der Unterabteilungen der Kulturkammer, der Reichsschrifttumskammer, meldepflichtig wäre. Vorsorglich empfahl er den Autoren des Jahrbuchs per Rundschreiben vom 9. Dezember 1933, sich registrieren zu lassen, revidierte sich allerdings selbst nur einen Tag später, als er der Presse entnahm, es seien nur hauptberufliche Autoren meldepflichtig, was für viele der Mitarbeiter am Jahrbuch gar nicht zutraf. Zint war zu sehr loyaler Beamter, als dass er einfach abgewartet hätte; ihm lag auch jetzt noch an korrektem Verwaltungshandeln. So schrieb er am 12. Dezember endlich selbst nach Berlin, um zu erfahren, woran die Schopenhauer-Gesellschaft mit der neuen Kammer sei. Über einen Monat später, am 23. Januar 1934, erhielt er durch eine „Arbeitsgemeinschaft der Literarischen Gesellschaften und Vortragsveranstalter in der Reichsschrifttumskammer“ den Bescheid, 110

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er selbst sei in seiner Eigenschaft als Herausgeber des Jahrbuchs vorläufig aufgenommen. Darüber hinaus wurde er zum Ausfüllen eines mitgeschickten Fragebogens aufgefordert, vor allem aber zur Abgabe einer durchaus heiklen Erklärung, „dass dem Vorstand Ihrer Gesellschaft bezw. Vereinigung nur Persönlichkeiten arischer Abstammung nach den für die Beamtenschaft erlassenen gesetzlichen Bestimmungen angehören“. Damit wurde die Geltung des Arierparagraphen für die Gesellschaft nun auch von offizieller Seite angesprochen. Dabei ist nicht ausgemacht, ob die Kammer die Schopenhauer-Gesellschaft überhaupt in den Blick genommen hätte, wenn Zint, statt mit seiner Anfrage in Berlin vorauszueilen, den Gang der Dinge einfach ruhig abgewartet hätte; das Feld der freien Vereine und Kulturträger war faktisch zu weitläufig, als dass die neu eingerichtete Kammer es flächendeckend und systematisch zu erfassen in der Lage gewesen wäre. Da er nun einmal angefragt hatte, war Zint auch zur Antwort verpflichtet, und er tat es seinem Naturell entsprechend gewissenhaft. Dem engeren bzw. geschäftsführenden Vorstand gehörten, so erklärte er, mit ihm selbst, Schatzmeister Sülzner und dem stellvertretenden Vorsitzenden Gebhardt nur Personen „arischer Abstammung nach der für die Beamtenschaft erlassenen gesetzlichen Bestimmung“ an, dem Kreis des weiteren Vorstands und der Wissenschaftlichen Leitung dann aber auch Nichtarier und ein Ausländer. Von maßgeblicher Seite sei ihm erklärt worden, „dass mit Rücksicht auf die Bedeutung der Schopenhauer-Gesellschaft für den Kulturaustausch mit dem Auslande es nicht im Sinne der Regierung liegen würde, eine völlige Gleichschaltung im Sinne einer Entfernung aller Nichtarier vorzunehmen“. Zint verwies auf den internationalen Philosophen-Kongress in Bologna 1911, aus dem die Gesellschaft hervorgegangen sei, und auf 123 ausländische Einzelpersönlichkeiten und Institute, die man noch unter den Mitgliedern habe. Offenbar fanden es die Berliner Stellen mit Rücksicht auf 111

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diese Vernetzung im Ausland nicht opportun, auf strikter Durchführung des Arierparagraphen zu bestehen. Im März 1934 wurde die Gesellschaft in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen, ohne dass die Mitgliedschaft dreier Juden in den Leitungsgremien ‒ Mockrauer, Taub und Wurzmann ‒ von dieser Seite her beanstandet worden wäre. Auch der weitere Verkehr mit der Kammer gestaltete sich über Jahre hin gänzlich unspektakulär, er beschränkte sich auf die regelmäßige Zusendung mehr oder weniger offizieller Rundschreiben und über die Zahlungsmodalitäten des Mitgliedsbeitrags. Nur einmal, im Herbst 1938, ging eine etwas heiklere Anfrage zum Anteil der „Nichtarier“ unter den Mitgliedern ein, wovon an späterer Stelle (S. 143f.) noch zu reden sein wird. Eine konkrete Gefahr, die von der Reichsschrifttumskammer ausgegangen wäre, lässt sich jedenfalls nicht feststellen. Allerdings blieb sie nicht das einzige offizielle Organ, das sich für Institutionen wie die Schopenhauer-Gesellschaft interessierte. Im Mai 1934 meldete sich auch das „Amt Rosenberg“. Rosenberg war wenige Monate zuvor, am 24. Januar 1934, von Hitler zum Parteiideologen berufen worden,151 doch sein Auftrag war ebenso wenig klar bestimmt wie seine Kompetenzen innerhalb des so widersprüchlich und polykratisch angelegten NS-Systems. Zwischen Goebbels’ Kulturkammern und Robert Leys Kraft durch Freude-Organisation hatte Rosenberg Mühe, seinen Einfluss zu entfalten. Eigenständig versuchte er, seiner Berufung durch Hitler Kontur zu verleihen, und nannte sich fortan „Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP“ ‒ in Kurzform „Amt Rosenberg“. Es war eine Dienststelle, die sich vor allem auf eine umfangreiche Publizistik konzentrierte. In dem Rundschreiben vom Mai 1934, das bei der Schopenhauer-Gesellschaft einging,152 hieß es, es verstehe sich von selbst, dass die Überwachung nicht nach kleinlichen Gesichtspunkten erfolgen werde und die Selbständigkeit 112

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der Organisation auf ihrem unmittelbaren Fachgebiet in keiner Weise berühre. Die Vorstände hätten teilweise selbst Interesse an einschlägigen NS-Themen bekundet, daher bitte man um die Benennung eines Verbindungsmannes und um weitere Informationen über den betreffenden Verband. Auch jetzt dachte Zint nicht daran, die Sache erst einmal dilatorisch zu behandeln; postwendend benannte er Heinrich Hasse, Professor an der Frankfurter Universität und mit mehreren Publikationen zu Schopenhauer ein langjähriger Gefolgsmann der Gesellschaft, in deren Wissenschaftlicher Leitung er einen Sitz hatte. Hasse war schon 1932 Mitglied der Partei geworden, wie Zint unter Angabe der Mitgliedsnummer dem Amt auf Nachfrage mitteilte. Zur Zusammensetzung der Gremien konnte er die im Jahr zuvor erfolgte Neuwahl von Rauschenberger und Hoffmann als „Umbildung des Vorstands“ darstellen, während es ihm dann doch gelang, die Präsenz von Mockrauer, Taub und Wurzmann zu verschleiern. Hasse jedoch schickte dem Amt kurze Zeit später ein Mitgliederverzeichnis, in dem alle Namen markiert waren, die einen jüdischen Klang hatten;153; auch äußerte er sich Ende 1934 noch einmal in einem Brief über die Aktivitäten der Gesellschaft. Doch auch hier blieb der Kontakt Episode. Wie im Fall der Reichsschrifttumskammer gingen im Ergebnis auch vom Amt Rosenberg keinerlei konkrete Maßnahmen gegenüber der Gesellschaft aus. Es waren somit weniger die staatlichen und parteiamtlichen Organe, durch die man unter Anpassungsdruck geriet, problematischer waren unter Umständen der Eifer und die Aktivitäten von Anhängern des Nationalsozialismus, die man in den eigenen Reihen oder im direkten Umfeld der Schopenhauer-Forschung hatte. Maria Groener mit ihrer Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft war wieder in Erscheinung getreten.154 Hübscher hatte, als er sich 1932 an die Herausgabe des Briefbandes im Rahmen der DeussenEdition machte, mit ihr Verbindung aufgenommen, da er sich für 113

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ihre Arbeiten zu Gustav Friedrich Wagner interessierte. Groener, die mit ihrer völkischen Sezession damals schon sehr ins Abseits geraten war, fühlte sich durch diese Zuschrift geehrt und aufgewertet. Sie habe befürchtet, gab sie Hübscher im August 1932 zur Antwort, er habe ihre Vereinigung mit Absicht ignoriert, „weil wir den Nationalsozialismus zum Sprungbrett unseres Erscheinens genommen hatten u auch heute noch den Rassegedanken, präziser, den Gedanken der ‚zweierlei Menschen‘, mit Nachdruck verfechten u unsere künftige Aufgabe darin sehen, diesen Gedanken in der Weise der Schopenhauerschen Philosophie organisch einzuschreiben, dass wir seine Ansätze in den Werken des Philosophen nachweisen“. Hübscher, der über den früheren Streit der Gesellschaft mit Groener zu diesem Zeitpunkt wohl nicht voll im Bilde war, trat mit ihr in einen freundlich gestimmten Austausch, der vor allem von gewissen Interna der Schopenhauer-Forschung und der Sammlerszene in Sachen Schopenhaueriana handelte; auch zeigte er eine gewisse artige Anerkennung ihrer teilweise etwas zwielichtigen Manuskripte. Ihren gezielten Hinweis auf eine antijüdische Stelle in den Parerga, die Schopenhauer selbst gesperrt gesetzt habe, Deussen in seiner Edition jedoch nicht, nahm er dankbar zur Kenntnis; das sei „recht übel“ und Schlamperei zuzuschreiben; in seiner eigenen Ausgabe sollte er die Stelle später dann philologisch korrekt behandeln.155 Groener witterte 1933 Morgenluft, musste dann aber feststellen, dass sie von offizieller Seite nicht zur Kenntnis genommen wurde. Sie schrieb es Rosenbergs kritischer Position gegenüber Schopenhauer zu: „Rosenberg lehnt in seinem Mythus Schopenhauer ab“, hieß es Ende 1933 in ihrem Rundschreiben an die Mitglieder der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft,156 „und die Philosophie des dritten Reiches orientirt [sic!] sich gehorsamst an anderen Größen, nicht zuletzt als wäre nichts geschehen, an Fichte. Dass Dietrich Eckart einer der ersten Mitglieder unserer Gesellschaft war, er, der in stundenlangen 114

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Nachtgesprächen mit Adolf Hitler in Schopenhauers Philosophie eindrang, bleibt bei uns unvergessen, und wir hoffen, dass, wenn erst der Strom der Hin=und Her=und Laut=und Leisetreter, die Begleiterscheinung jeder Neugründung, sich verlaufen haben wird, der Weg sich findet, um Schopenhauer an den Platz zu rücken, der ihm zukommt.“ Im Übrigen beklagte Groener sich, die Mitglieder ihrer Gesellschaft ließen sie im Stich. Im Jahr darauf brachte sie unter großer Anstrengung noch eine letzte Publikation ihrer Gesellschaft, das Meisterbuch, heraus.157 Die Schrift präsentierte eine umfangreichere Edition von Werken Friedrich Gustav Wagners, und das war ein Ertrag, an dem auch die seriöse Schopenhauer-Forschung und damit auch die Vertreter der Schopenhauer-Gesellschaft Interesse hatten. Wagners Ausführungen seien für die Reinhaltung der Lehre Schopenhauers im allerhöchsten Grade bedeutsam, kommentierte das Jahrbuch der Hauptgesellschaft.158 Doch in einem Vorwort und einem längeren Schlusswort legte Groener einmal mehr einschlägige Bekenntnisse zum Nationalsozialismus ab und verstieg sich zu höchst absurden Gedankenkonstruktionen ‒ wie etwa der, die „Judaisten“ seien aus einer Rückpaarung von Mensch und Tier im Paradies hervorgegangen ‒, mit denen sie Schopenhauer für die herrschende Lehre kompatibel zu machen gedachte. Auch Hübscher rezensierte das Buch in einer Ausgabe der Süddeutschen Monatshefte, die schwerpunktmäßig der Rassenfrage gewidmet war, und fügte seinem Lob für die Edition der Arbeiten Wagners sogar noch die Bemerkung hinzu, die Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft komme mit dieser wichtigen Veröffentlichung aufs Schönste der Aufgabe nach, die sie sich vor Jahren gestellt habe: „Schopenhauer als den großen, dreifachen Führer in Fragen der Rasse, des Geschlechts und der Philosophie der Gegenwart des deutschen Volkes hinzustellen.“159 Mit der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft ging es aber nun zu Ende. Groener hatte, gesundheitlich an115

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geschlagen, keine Kraft mehr. Die Schopenhauer-Gesellschaft aber stand einmal mehr vor dem Dilemma, wie man sich des Nachlasses von Wagner vergewissern könne, ohne Groener unzumutbare Zugeständnisse machen zu müssen. Ein Schriftentausch zwischen den beiden Gesellschaften wurde zwar vereinbart, doch Zint sah sich genötigt, Hübscher gegenüber eine Warnung vor Groener auszusprechen.160 In einer internen Aktennotiz vermerkte er darüber hinaus, sie sei „trotz mancherlei Begabung … psychisch anormal“.161 Er konnte nicht wissen, dass Groener am gleichen Tag, an dem er dies niederschrieb ‒ dem 3. Oktober 1936 ‒, verstarb. Anfang 1937 vollzog Groeners Mitstreiter, Jo Weber, der als Schriftsteller gänzlich bedeutungslos geblieben war, die Auflösung der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft. Viele Jahre später, im Jahr 1943, gelang es der Schopenhauer-Gesellschaft, ihm zum Preis von 518 RM auch noch die Rechte für den Wiederabdruck der Werke Wagners abzukaufen.162 Am Ende zeigte sich so, dass der hart und schrill gezeichneten völkisch-nationalsozialistischen und zugespitzt antisemitischen Linie, die Groener seit 1920 in der Schopenhauer-Rezeption zur Geltung zu bringen versucht hatte, noch nicht einmal in der NSZeit Erfolg beschieden war. Groener blieb unter den philosophisch ambitionierten Schopenhauer-Verehrern nicht die Einzige, die eine entschieden nationalsozialistisch gefärbte Aneignung des Philosophen propagierte. Raymund Schmidt163, ein Schüler und Mitarbeiter Hans Vaihingers, trat mit einer martialischen Attacke auf den Plan. Sein Forum war das im Jahr 1935 bereits in 38. Auflage erschienene Handbuch der Judenfrage.164 Den „aufbauenden, deutschen Geist spiegelnden Synthesen“ (Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche) hielt Schmidt die „ungeheuer betriebsame, analytisch zersetzende, skeptisch zernagende Kleinliteratur“ der jüdischen Philosophen entgegen. Sie hätten mit den Grundlagen „arischen Systemdenkens“ aufgeräumt und 116

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einen „gesinnungslosen ‚atonalen‘ Begriffsbrei“ gemacht. Hauptangriffsziele Schmidts waren die Kant-Gesellschaft, die sein Lehrer, Vaihinger, gegründet hatte, und die Kant-Literatur, die unter Führung von Hermann Cohen und der Marburger Schule unübersehbar „verjudet“ sei: „rationalistisch verbogen und eingejudet“. Das gleiche wie mit Kant sei auch mit Hegel und Schopenhauer geschehen. Schopenhauer, der Judenfeind, dessen Interpreten Juden gewesen seien „und dessen literarisches Erbe (Schopenhauer-Gesellschaft) sich bis vor ganz kurzer Zeit unter dem Einfluss der Gwinner, Mockrauer usw. befand, wo es genau so zu einer Geschäftshuberei ausgeartet ist, wie das Philosophieren im Namen Kants. Man sehe sich einmal die in den Kantstudien oder in den Schopenhauerjahrbüchern der letzten Jahre vor dem Umsturz veröffentlichten Listen der Ehrenmitglieder bzw. zahlenden und unterstützenden Mitglieder dieser Gesellschaften an. Es wimmelt darin in einem Grade von jüdischen Namen, dass man meint, die Mitgliederlisten von Synagogen in Händen zu haben. Diesem Unfug hat die Deutsche Erneuerung ein Ende gemacht.“ Doch es stünden noch Jahre des Kampfes und der gründlichen Säuberung bevor. Schmidts denunziatorische Absicht lag offen zutage. Eine solch konkrete Nennung von Personen und Institutionen konnte Folgen haben: Andere Personen beschuldigten Schmidt nach dem Krieg, er habe sie ins KZ gebracht. Die von ihm geschmähten Gwinners waren freilich Protestanten: der Senior, Wilhelm, war ein angesehener Konsistorialrat; seine Schwiegertochter Anna, Arthurs Frau, allerdings war Jüdin und entstammte der wohlhabenden Frankfurter Bankiersfamilie Speyer. Der einmal mehr angegriffene Mockrauer war immerhin in der Sicherheit des Exils. Doch auf der Liste der Mitglieder des Vorstands und der Wissenschaftlichen Leitung der Gesellschaft stand er noch immer. Sicherlich war Schmidts Angriff einer der Gründe dafür, dass man es ab 1936 bis auf Weiteres unterließ, in den Jahr117

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büchern noch die Mitgliederlisten und die Zusammensetzung der Leitungsorgane zu publizieren. Waren konkrete Maßnahmen gegen die Schopenhauer-Gesellschaft bis Mitte der Dreißigerjahre noch nicht erfolgt, so war stete Vorsicht doch allemal geboten. Zint hatte sicherlich davon gehört, dass die große Kant-Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt ungleich stärker im Würgegriff von NS-Aktivisten und -behörden, vor allem auch des Amtes Rosenberg, war als seine eigene Vereinigung,165 und er konnte nicht wissen, ob ihr nicht das gleiche Schicksal blühte. Eine Flanke durfte man unter keinen Umständen öffnen.

Der nicht ganz reibungslose Übergang von Zint auf Hübscher 1936 Angriffspunkte hätte das Jahrbuch bieten können. Zint als verantwortlicher Herausgeber versuchte, sie so weit wie möglich zu vermeiden, ohne sich auf der anderen Seite dem Regime anzudienen. Vorsorglich verzichtete er für die Jahre 1934 und 1935 ganz auf das früher üblich gewesene Vorwort, und in dem letzten von ihm herausgebrachten Jahrgang 1936 findet sich allenfalls indirekt und äußerst verhalten ein Hinweis auf die Schwierigkeiten der Zeitumstände: Es sei davon abgesehen worden, diesem Jahrbuch (anlässlich des anstehenden 25-jährigen Bestehens der Gesellschaft) den Charakter einer Jubiläumsschrift zu geben und in einer Rückschau auf das zurückgelegte Vierteljahrhundert über das darin Erstrebte und Erreichte Rechenschaft abzulegen. „Warum wohl?“ stand zwischen den Zeilen. Noch war es möglich, die frühere Linie weitgehend beizubehalten. Im Jahrbuch von 1934 erschien ein Artikel André Fauconnets über Les fondements de la psychoanalyse chez Schopenhauer; Fauconnet, fast von Anfang an wiederholt Autor des Jahrbuchs, publizierte seine Ar118

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tikel hier meist auf Französisch, ein Umstand, der es gewiss erleichterte, sich auch 1934 noch ausführlich über einen Denker ‒ Freud ‒ zu äußern, dessen Bücher im Jahr zuvor offiziell verbrannt worden waren. 1935 erschien auch noch der erwähnte Artikel des Emigranten Mockrauer über Schopenhauer und die dänische Akademie. Das alles wurde nicht beanstandet, das Jahrbuch blieb unangefochten. Dennoch wogen die allgemeinen Umstände in Politik, Wirtschaft und öffentlichem Kulturleben schwer. Von dort wurde die Gesellschaft mit ihren sonstigen Aktivitäten stark in die Defensive gedrängt; Generalversammlungen, Vorträge und sonstige Publikationsvorhaben musste man ganz einstellen. Allein aus diesen allgemeinen Gründen ging die Zahl der Mitglieder kontinuierlich zurück: Seit man nach den Krisen der frühen Zwanziger im Jahr 1930 mit 689 Personen und Institutionen wieder eine gewisse Konsolidierung erreicht hatte, war Jahr für Jahr ein Rückgang zu verzeichnen gewesen; bis zum Beginn des Jahres 1936 hatte man 40 Prozent eingebüßt und lag bei nur noch 412 Mitgliedern. Entsprechend wurde auch die finanzielle Basis immer geringer, zumal es ‒ um dem vom Regime initiierten Winterhilfswerk allein das Feld zu überlassen ‒ unterdessen auch ein Verbot zum Sammeln von Spenden gab. In einem Rundschreiben an die Vorstandsmitglieder malte Zint 1935 die Lage so düster, dass er glaubte, es müsse „im nächsten Jahre, in dem die Gesellschaft ihr 25. Lebensjahr begeht, die Frage der Auflösung … zur Entscheidung gebracht werden …“.166 Die harsche Widrigkeit der äußeren Umstände wurde durch ungünstige im Inneren verstärkt. Vorstand und Wissenschaftliche Leitung verloren binnen kurzer Zeit mehrere ihrer Mitglieder durch Tod. So starben, zum Teil noch in recht jungen Jahren, 1933 Hans Vaihinger, 1934 Carl Gebhardt und Friedrich Reinhard Lipsius sowie 1935 Heinrich Hasse. Damit wurden außerhalb des formellen Turnus Nachwahlen erforderlich. 1934 bestimmte man durch das verein119

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fachte Verfahren einer schriftlichen Umfrage unter den Mitgliedern vier Herren für die verwaisten Posten. Neu hinzu kam so Professor Richard Oehler, Generaldirektor der Frankfurter Bibliotheken, also auch der Stadtbibliothek als Hüterin des Schopenhauer-Archivs. Oehler war ein Vetter von Nietzsche und hatte mehrere Arbeiten über ihn publiziert. Jetzt war er auch ein treuer Anhänger der Partei und des Regimes.167 Die Vorliebe für Nietzsche erstreckte sich aber nicht auf Schopenhauer, für den er wenig Sinn und über den er daher keine tieferen Kenntnisse hatte. Ein Jahr später zog er sich mit dem Hinweis auf die Überschneidung von Amtskompetenzen aus der Vorstandsarbeit bereits wieder zurück, blieb in seiner beruflichen Funktion mit den Belangen der Gesellschaft allerdings verbunden. Überaus bemerkenswert ist die zweite Berufung: Giorgio Del Vecchio, Professor der Rechtsphilosophie in Rom und ‒ Jude oder zumindest jüdischer Herkunft! Da er Ausländer war, war dies den inländischen Behörden wahrscheinlich nicht bekannt. Auch in den Akten der Gesellschaft des Jahres 1934 ist davon nicht die Rede; erst 1937 finden sich Hinweise darauf, dass zumindest die führenden Köpfe darum wussten.168 Del Vecchio blieb die gesamte NS-Zeit hindurch und bis zu seinem Tod 1970 Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung. Im Übrigen war dort schon seit 1929, und auch er bis zu seinem Tod 1966, ein weiterer Ausländer präsent: der erwähnte Fauconnet, Franzose und Professor in Poitiers, der Deussen noch gekannt hatte und von ihm zu Schopenhauer geführt worden war. Mit einem Standardwerk über L’ésthétique de Schopenhauer (erschienen Paris 1913) hatte er sich früh schon einen Namen gemacht. Diese Vernetzung mit dem Ausland war für die Schopenhauer-Gesellschaft unter normalen Umständen selbstverständlich; jetzt aber erhielt sie eine zusätzliche strategische Bedeutung und konnte ihr unter Umständen zum Schutzschild vor Repressalien durch das Regime gereichen. 120

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Als Dritter wurde Arthur Hübscher gewählt ‒ eine Berufung, die angesichts seiner kenntnisreichen und intensiven editorischen Bearbeitung verschiedener Aspekte des Œuvres von Schopenhauer überfällig war. Schließlich wurde Hermann Glockner, Professor in Gießen und einer der führenden Vertreter des Neuhegelianismus in Deutschland, in die Wissenschaftliche Leitung delegiert. Zint glaubte offenbar, er sei ein Parteimann, und wollte ihn, als Hasse gestorben war, in dessen Nachfolge als Verbindungsmann zum Amt Rosenberg benennen. Es sei „drollig“ gewesen ‒ erklärte Glockner nach dem Krieg ‒, wie seine (Zints) anfängliche Enttäuschung immer mehr einer kaum verhohlenen Befriedigung Platz gemacht habe, als er ihm habe eingestehen müssen, dass er kein Parteigenosse sei und es auch nicht werden würde.169 Diese Schilderung entsprach, was seine, Glockners, Person betraf, wohl nicht ganz der Wahrheit; tatsächlich war er gegenüber dem NS-System kompromissbereiter, als diese Darstellung suggerieren sollte; ein von ihm später doch eingereichtes Beitrittsgesuch zur Partei wurde mit der Begründung, er sei politisch uninteressiert und untätig, abschlägig beschieden.170 Auch distanzierte er sich 1942 intern von dem ungarischen Schopenhauer-Interpreten Melchior Palágyi, als sich herausstellte, dass er Jude war.171 Zints anfänglicher Eindruck kann so falsch also nicht gewesen sein; und gewiss ist auch der Hinweis, er habe sich über jeden Nicht-Nazi heimlich gefreut, durchaus glaubwürdig. Für die Verbindung zum Amt Rosenberg brauchte er jedenfalls einen unstreitig anerkannten Gefolgsmann der Partei. Als solchen gewann er 1935 den Rechtsphilosophen Carl August Emge, der als langjähriges Mitglied der Gesellschaft nun in die Wissenschaftliche Leitung eintrat. Emge war eine einflussreiche Persönlichkeit. Nach Lehrtätigkeiten in Gießen und Jena sowie als zeitweiliger Leiter des Nietzsche-Archivs war er gerade Ordinarius 121

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in Berlin geworden und bekleidete wichtige Positionen an der von Hans Frank, dem späteren Generalgouverneur von Polen, gegründeten Akademie für Deutsches Recht. 1936 publizierte er ein Buch über Ideen zu einer Philosophie des Führertums,172 in dem er darüber sinnierte, wie man den „Führergedanken in die Sphäre des Rechts“ übertragen könne. Zugleich stand er aber auch mit dem Juden Del Vecchio in Verbindung, dessen Lehrbuch der Rechtsphilosophie er 1937 ins Deutsche übersetzten ließ und für das er das Geleitwort verfasste. Gustav Radbruch lobte es als eher „demoliberal“. 173 Emge war 1934/35 zeitweilig auch als Vorsitzender der sehr bedrängten Kant-Gesellschaft im Gespräch gewesen, doch kam er nicht zum Zug.174 Um ihn als Verbindungsmann zu Rosenbergs Amt zu installieren, stellte Zint dieser Behörde gegenüber Emges Verdienste um den Nationalsozialismus heraus: Seit 1. 12. 1931 sei er Mitglied der Partei und der erste nationalsozialistische Universitätskurator in Deutschland gewesen; auch habe er als wissenschaftlicher Leiter des Nietzsche-Archivs dieses dem Führer zur Verfügung gestellt.175 Dass Emge nicht ganz so glatt ins NS-Schema passte, wie die im Werbeschreiben an die NSBehörden eigens akzentuierten Karrieredaten vermuten lassen, deutet schon sein Kontakt zu Del Vecchio an. Er verhielt sich später durchaus auch nonkonform und trat während des Krieges etwa mit einer Sammlung von Aphorismen hervor, die einen hohen Grad von offen vorgetragener Regimekritik aufwies. Emges Position im Nationalsozialismus ist alles andere als eindeutig nazistisch, sondern insgesamt schillernd.176 Wenn er nach dem Krieg an Hübscher schrieb, er selbst sei „Widerstandsmann“ gewesen,177 so wird man diese Äußerung allerdings ebenso dem Interesse an Entlastung zuschreiben müssen wie die lupenreine Darstellung seiner Parteikarriere im Schreiben Zints demjenigen an Ruhe vor dem Regime. Die historische Wahrheit liegt wie immer in derlei Fällen zwischen solch konträren, aus einer jeweiligen praktischen Absicht entstandenen Darstellungen. 122

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Zint hatte die Gesellschaft bis Mitte der Dreißigerjahre somit politisch weitgehend unbehelligt durch die Zeit gebracht. Doch zeichnete sich langsam das Ende seiner Tätigkeit als Präsident ab. Offenbar dachte er für die Nachfolge frühzeitig an den noch jungen Hübscher. Zielstrebig brachte er ihn daher in Stellung: nach seiner Wahl in die Wissenschaftliche Leitung 1935 kam Hübscher ein Jahr später zunächst als Beisitzer auch in den Vorstand, wo er dank seiner Kenntnisse das Amt des Archivars übernehmen sollte. Hübscher reiste nach Frankfurt, um sich vor Ort ein Bild von der Aufgabe zu machen. Schon zuvor hatte Zint ihn gebeten, auch die Herausgabe des Jahrbuchs zu übernehmen, wofür er als hauptberuflich tätiger Redakteur ohnehin besondere Eignung mitbrachte. Die Ausgabe des Jahres 1936 war die letzte, die Zint noch besorgte. Es war zugleich das Jahr, in dem er die Zeit für seine Demission gekommen sah. In einem Rundschreiben an den Vorstand kündigte er zum 30. Oktober 1936, dem 25. Jahrestag der Gründung der Gesellschaft, seinen Rücktritt an.178 Es geschehe dies „in völliger Freiheit und aus eigenster Verantwortlichkeit“. In einer kurzen Bilanz seiner zwölfjährigen Amtszeit stellte er fest, der einstige Konflikt zwischen „Schopenhauer-Gemeinde“ und „Forschungsgemeinschaft“ könne als überwunden gelten. Die Arbeit habe von ihm aber erhebliche Opfer verlangt, die seine Kräfte, auch angesichts von gesundheitlichen Problemen, nun überstiegen. Auch schlugen für ihn seine räumliche Abgeschiedenheit von den Zentren der SchopenhauerForschung und der Tod der genannten Mitglieder in den Gremien zu Buche. Als weiteren Grund aber gab er den allgemeinen kontinuierlichen Niedergang der Schopenhauer-Gesellschaft seit fünf Jahren an und nannte u. a. das Versiegen aller Zuschüsse aus privaten und öffentlichen Quellen. Wie aber sollte man sein Fazit verstehen, als er schrieb: „Vielleicht ist es zuletzt eine geistesgeschichtliche Situation, die mein Abtreten und das Eintreten neuer Kräfte an meiner Stelle 123

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erfordert, wenn ein wesentlicher Zweig am Baume deutschen Kulturlebens nicht verdorren soll.“ Die „geistesgeschichtliche Situation“ war nicht im Sinne von Hans Zint und dem, wofür er stand. Es klingt, als habe er Platz machen wollen für allfällige Anpassungen an die herrschenden Umstände in Deutschland. Wen würden die Gremien nun zu seinem Nachfolger bestimmen? Paul Hoffmann, der Hamburger, zeigte Interesse. Er war auch als Schriftsteller mit Titeln wie Blut und Rasse im deutschen Dichter- und Denkertum (Hamburg 1934, mit Zweitauflage 1937) und aktuell mit Die Welt vor Gott (Jena 1936) hervorgetreten, wo er auch Schopenhauer behandelte. Doch es sei „schlimmer als alle unsere Befürchtungen erwarten ließen“, spottete Hübscher über die zuletzt genannte Arbeit.179 Waren das die „neuen Kräfte“, denen Zint das Feld überlassen wollte? Nein. Statt Hoffmann lief es schnell auf Hübscher hinaus. Zu ihm hatte Zint Vertrauen gefasst. Doch auch dessen Wahl war nicht einfach das Ergebnis routinierter Akklamation. Franz Mockrauer, der vor der NS-Zeit Hübscher gerne bei dessen Arbeit am Schopenhauer-Briefband beraten hatte, wollte erst wissen, wie er die Gesellschaft in diesen Zeiten zu führen gedachte. Wahrscheinlich im September 1936 richtete er einen offenbar an Konrad Pfeiffer aus Halle, den Schriftführer, der die Neuwahl zu leiten hatte, adressierten Brief, in dem er drei Fragen formulierte, deren Bejahung er von dem Kandidaten erwartete. Da dieses Dokument im Archiv nicht aufzufinden ist, bleibt sein Inhalt unbekannt; nur so viel lässt sich rückschließen, dass sein Inhalt brisant gewesen sein muss. Pfeiffer nämlich tauschte sich darüber vertraulich mit Hübscher aus. Dieser meinte als betroffener Kandidat dazu: „M.s Schreiben finde ich ganz unglaublich, ja geradezu verantwortungslos. Seine drei Fragen würde ich natürlich wenn sie mir vorgelegt würden, mit Nein beantworten. Es geht nicht an, den neuen Vorsitzenden heute auf eine bestimmte Linie festzulegen, weil 124

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man ja gar nicht weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden. Dass mit M’schen Methoden sowohl die Gesellschaft, wie auch höchstwahrscheinlich ihre leitenden Männer aufs schwerste geschädigt würden, ist wohl klar.“180 Wie scharf waren die Bedingungen formuliert, die Mockrauer aus der Emigration heraus für seine Zustimmung stellte? Hätten sie diejenigen, die im Lande selbst zu agieren hatten, in Gefahr gebracht? Oder war Hübscher auf dem Weg, sich, entgegen Mockrauers mutmaßlichen Forderungen, dem Regime ohnehin anzupassen? In Hübschers Brief an Pfeiffer heißt es weiter, man müsse eine Korrespondenz über solche Dinge ablehnen, und mit einer Schärfe, die man sich nur gegenüber dem vertrauten Gesprächspartner erlaubt, meinte er: „Das Beste wäre sicher, wir hätten M. überhaupt los.“ Die genauen Hintergründe dieser Äußerungen bleiben mangels dokumentarischer Überlieferung im Unklaren, klar sind nur die Divergenz und der Misston als solche. Pfeiffer jedenfalls vollzog die Wahlprozedur dann schnell durch schriftliche Umfrage unter den Vorstandsmitgliedern. Hübscher erhielt erwartungsgemäß die große Mehrheit unter den neun möglichen Stimmen. Hoffmann hatte sich der Stimme enthalten; Mockrauer aber war überhaupt nicht mehr gefragt worden. Da Hübscher dessen drei Fragen gegenüber Pfeiffer mit Nein beantwortet hatte, wertete dieser Mockrauers Stimme schlicht als Ablehnung.181 Per Rundschreiben informierte Pfeiffer die Mitglieder dann vom Wahlergebnis. Die Antwort, die Mockrauer auf seinen Einwand erhielt, war somit nur die nüchterne Mitteilung der vollzogenen Wahl, was er mit gutem Grund als taktlos, wenn nicht gar als Affront empfunden haben mochte. Unter diesen Voraussetzungen trat Hübscher am Tag des 25. Gründungsjubiläums der Gesellschaft, dem 30. Oktober 1936, das Amt des Präsidenten an.

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Die neue Schopenhauer-Ausgabe Hübschers 1937–1941 Mit Hübscher hatte die Gesellschaft den produktivsten unter den damaligen Schopenhauer-Forschern an ihre Spitze berufen. Er sollte im weiteren Lauf seines langen und arbeitsreichen Lebens zum womöglich produktivsten des gesamten 20. Jahrhunderts überhaupt heranwachsen. Just zur Zeit seiner Berufung arbeitete er intensiv an der Realisierung des lange gehegten Plans einer Neuausgabe der gesamten Werke Schopenhauers. Er vertiefte sich in diese Arbeit neben seinen beruflichen Verpflichtungen als Feuilletonredakteur bei den Münchner Neuesten Nachrichten und als Schriftleiter der Süddeutschen Monatshefte. Schopenhauer war seit nunmehr 75 Jahren tot; seither hatten sich mit Frauenstädt, Grisebach, Deussen, Weiß und ‒ für die Rezeptionsgeschichte weniger von Bedeutung ‒ Rudolf Steiner bereits fünf Editoren um seine Werke bemüht. Die DeussenAusgabe war noch nicht vollendet und Hübscher bei diesem Projekt mit der Bearbeitung des noch immer nicht erschienenen dritten der Briefbände sogar selbst involviert, als er, da er bei allen Vorgängerausgaben bestimmte methodische Mängel ausmachte, die Zeit zu einem ganz neuen Anlauf für gekommen sah. Textkritische Überlegungen und eine Kritik an der Reihenfolge der einzelnen Werke in den früheren Gesamtausgaben waren die wichtigsten Einwände gegenüber seinen Vorgängern. Von allen bisherigen Herausgebern war es aus seiner Sicht ausgerechnet der erste gewesen, der noch von Schopenhauer selbst beauftragte Julius Frauenstädt, der der Lösung der Aufgabe, die sich hier stellte, in mancher Hinsicht am nächsten gekommen war. Seine Ausgabe sei von den anderen Herausgebern kritisiert, ja teilweise sogar geschmäht und als überholt bezeichnet worden. Zu Unrecht, wie Hübscher meinte. Ihm ging es nun um eine Rehabilitation der frauenstädtschen Editionsprinzipien, darum, 126

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„die Tradition zu befestigen, nicht zu erschüttern“,182 weshalb er seine Sämtlichen Werke mit dem Untertitel Nach der ersten, von Julius Frauenstädt besorgten Gesamtausgabe neu bearbeitet und herausgegeben von Arthur Hübscher erschienen ließ. Dieser Untertitel stand in erster Line für ein editorisches Programm. 1937 bis 1941, als die sieben Bände sukzessive erschienen, war es aber mehr als das: Es war auch das offene Bekenntnis zu einem Juden. Frauenstädts Namen auf dem Titelblatt zu nennen war zu diesem Zeitpunkt alles andere als opportun, auch wenn nur Eingeweihte um das Judentum des ersten Herausgebers wussten. Alfred Baeumler, Leiter der Abteilung Wissenschaft im Amt Rosenberg, sprach Hübscher 1938 einmal darauf an: Warum er nicht gesagt habe, dass Frauenstädt Jude gewesen sei (wobei er, Baeumler, sogar selbst mit der alten frauenstädtschen Ausgabe arbeitete183). Hübscher habe ihm geantwortet, er denke, das wisse man.184 Damit hatte es sein Bewenden, und Hübscher nannte Frauenstädt auch noch in den Bänden, die 1939 und 1941 erschienen. Zunächst griff Hübscher im Gegensatz zu Grisebach, Deussen und Weiß wieder die Reihenfolge der einzelnen Werke für die Gesamtausgabe auf, die Frauenstädt vorgeschlagen hatte.185 Schopenhauer hatte gegen Ende des Lebens zu dieser Frage mehrere Anweisungen gegeben, die einander jedoch widersprachen. Welche sollte Gültigkeit haben? Grisebach und ihm folgend Deussen und Weiß hielten jene Anweisung186 für maßgebend, nach der die ersten beiden Bände das Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, der dritte Band dann die kleineren Schriften (Der Satz vom Grunde / Über den Willen in der Natur / Die beiden Grundprobleme der Ethik), Band vier und fünf schließlich die Parerga bringen sollten. Die Schriften zur Farbenlehre kamen mit einem umfangreichen Anhang in einen sechsten Band. Diese Folge hatte den äußerlichen Vorteil, dass so in etwa sechs gleich starke Bände zusammenkamen. Frauenstädt berief sich hingegen auf eine andere Notiz Schopenhauers, nach der die 127

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Anordnung der Werke weitgehend nach ihrer zeitlichen Entstehung erfolgen sollte.187 So begann seine Gesamtausgabe mit der Erstlingsschrift Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde ‒ in erster Fassung erschienen 1813 ‒, die für Schopenhauers weiteres Denken, insbesondere für das bald danach verfasste Hauptwerk in der Tat von fundamentaler und systematischer Bedeutung war. Frauenstädt und ihm nun folgend auch Hübscher entschieden sich für die Anordnung, die „vom Standpunkt der Schopenhauerschen Philosophie aus“ gerechtfertigt erschien, nicht für diejenige, die den bibliophilen Vorteil für sich hatte. Hübscher konnte dafür auch die Autorität Gustav Friedrich Wagners in Anspruch nehmen, der sich ‒ gegen Grisebach gerichtet ‒ ebenfalls für Frauenstädts Anordnung ausgesprochen hatte. Das Problem, dass der erste Band, der dann nur die Vierfache Wurzel und die kleinen Schriften zur Farbenlehre brachte, zu schmal ausfallen würde, umgingen die beiden Editoren dadurch, dass sie jeweils ein längeres Lebensbild von Schopenhauer aus eigener Feder beigaben. Entscheidend für Hübschers Neuansatz aber waren textkritische Überlegungen. Hier berührte er ein Problem, das seines Erachtens noch nicht befriedigend gelöst, ja von seinen Vorgängern in seiner Schärfe teilweise gar nicht gesehen worden war. Schopenhauer hatte bei Neuauflagen seiner Werke ‒ das Hauptwerk erfuhr zu seinen Lebzeiten drei Auflagen ‒ immer starke Veränderungen und Ergänzungen der jeweils vorhergehenden Fassung vorgenommen. Es verstand sich von selbst, dass alle Herausgeber ihrer Edition die Ausgaben letzter Hand zugrunde legten, auch Frauenstädt und Hübscher. Darüber hinaus fanden Notizen Berücksichtigung, die Schopenhauer sich bei den einzelnen Werken auch hier noch einmal für künftige Neuauflagen gemacht hatte, die u. a. in die früher genannten Handexemplare eingetragen waren. (Nur Ludger Lütkehaus sollte 1988 dann eine Edition rein nach den Ausgaben der letzten Hand 128

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vorlegen, also ohne diese danach verfassten, von Schopenhauer nicht mehr autorisierten Zusätze.) Von Schreibweise, Orthographie, Interpunktion und Textgestalt hatte Schopenhauer strenge Vorstellungen, die er in verschiedenen Äußerungen festhielt. Im Entwurf einer Vorrede für die von ihm gewünschte Gesamtausgabe schleuderte er kurz vor seinem Tod noch seinen berüchtigten „Fluch über Jeden, der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich ändert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.“ 188 Dieser Bannspruch verfehlte seine Wirkung auf die Herausgeber nicht, er führte bis hin zu einer dogmatisch-starren Befolgung des Diktums. Und doch feite er sie nicht dagegen, zahlreiche Lese- oder Transkriptionsfehler zu begehen. Grisebach hielt Frauenstädt eine lange Liste davon vor, während Wagner bei Grisebach dann eine noch höhere Zahl feststellte. Wagner nannte 4 000 Stellen, die bei künftigen Editionen zu revidieren seien. Deussen machte sich seine Erkenntnisse bereits zunutze. Wagners Arbeiten waren für die weitere Herausgeberarbeit jedenfalls von zentraler Bedeutung. Sie bildeten auch den Traditionsstrang, der von Frauenstädt zu Hübscher führte, und von hierher erklärt es sich auch, warum Hübscher den für die SchopenhauerForschung so bedeutenden Nachlass Wagners nicht dem Gespann Groener und Weber hatte überlassen wollen. Hübscher war unter den Herausgebern nun derjenige, der gegenüber Schopenhauers unbedingter Anweisung, keine Änderungen an seinen Texten vorzunehmen, die größte Souveränität bewies. Er belebte damit eine Diskussion neu, die im Grunde bis heute, da man an digitale Neuauflagen mit ihren Darstellungsmöglichkeiten alternativer Lesarten, dem gesonderten Ausweis der später verfassten Zusätze und kompletter Rekonstruktionen vorhergehender Auflagen denkt, nicht abgeschlossen ist. In zahlreichen einzelnen, genau belegten und begründeten Fällen hielt er es für ratsam, von 129

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der Anweisung abzugehen. Ausdrücklich brach er „mit dem Vorrang der Ausgaben letzter Hand und [bekannte] sich statt dessen zum Vorrang der handschriftlichen Überlieferung“. Hübscher hatte für seine Arbeit nicht nur wie seine Vorgänger die umfangreichen Manuskriptbücher in Berlin zur Verfügung (zehn stattliche Bände von insgesamt fast 4 000 Seiten189) sowie die Abschriften der Handexemplare, die Deussen seinerzeit hatte anfertigen lassen (denn an die Originale im Besitz des zänkischen Otto Weiß kam auch er nicht heran190). Er verfügte erstmals über vollkommen neues Material: so die Handschrift des 2. Bandes der Welt als Wille und Vorstellung, die seit 1891 von der Forschung bislang unbeachtet in der Frankfurter Stadtbibliothek lag, darüber hinaus über einen großen Teil der Handschrift der Parerga, die sich seit 1913 in der Stadtbibliothek Dresden befand, das Originalmanuskript der Kopenhagener Preisschrift, das sich dank der früher genannten Recherchen von Mockrauer nun auch gefunden hatte,191 und schließlich gab es von der Druckvorlage der 3. Auflage des Hauptwerks und der zweiten Auflage der Ethik zahlreiche größere und kleinere Zusätze in der handschriftlichen Fassung. Durch systematische Auswertung aller dieser Handschriften, aber auch durch Vergleich der verschiedenen Druckfassungen der Werke führte Hübscher den Nachweis, dass sich in die Ausgaben letzter Hand zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten eingeschlichen hatten, die Schopenhauer, der zeitlebens ein schlechter Korrekturleser gewesen sei, selbst gar nicht bemerkt habe. Von den bisherigen Herausgebern seien sie aber alle mitgeschleppt worden. Auch monierte Hübscher, Schopenhauer habe sich an seine eigenen Anweisungen zur Orthographie keineswegs konsequent gehalten; darüber hinaus habe sich seine Schreibweise im Lauf der Zeit entsprechend den allgemeinen Änderungen der Rechtschreibung ebenfalls verändert. Hübscher nahm also davon Abschied, sich sklavisch an den Text der Ausgaben letzter Hand zu halten, und 130

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machte sich unter Würdigung des gesamten verfügbaren Materials stattdessen auf die Suche nach den „wahren Absichten“ des Meisters. In umfangreichen textkritischen Anhängen machte er sein Vorgehen transparent und allgemein nachvollziehbar. Neben zahlreichen kleinen Optimierungen fühlte er sich so auch zu schwerwiegenderen Textkorrekturen berechtigt. So brachten beispielsweise alle Editoren getreu der Ausgabe letzter Hand eine Formulierung aus der zweiten Vorrede der Welt als Wille und Vorstellung, in der Schopenhauer von einem achromatischen Objektglas sprach, das man dadurch zustande bringe, „daß man es aus einem Konvexglase von Flintglas und einem Konkavglase von Krownglas zusammensetzt“.192 Schopenhauer hatte sich hier offenkundig verschrieben; Hübscher konnte auf eine Passage in seiner Farbenlehre verweisen, wo er es richtig dargestellt habe,193 und korrigierte analog daher die angeführte Stelle, an der es in seiner Ausgabe dann heißt: „… aus einem Konvexglase von Krownglas und einem Konkavglase von Flintglas …“194 Mit solchen methodischen Eingriffen in die Textgestalt glaubte er Schopenhauers Intention gerecht zu werden und erhob den Anspruch, nun endlich die gültige historisch-kritische Ausgabe seiner Werke vorzulegen. Es war eine immense Arbeit, die hier in kürzester Frist geleistet wurde. Binnen vier Jahren, zwischen 1937 und 1941, erschienen die sieben Bände, von denen der letzte (neben der Urfassung der Vierfachen Wurzel aus dem Jahr 1813) vor allem aus den entsprechenden Anhängen (Übersetzung und Nachweis der Zitate, Namens- und Sachregister etc.) bestand. Auch verlegerisch kehrte Hübscher zu den Ursprüngen zurück: Seine Ausgabe erschien wieder bei Brockhaus, wo Schopenhauer selbst und Frauenstädt schon publiziert hatten. Doch zur gleichen Zeit war Hübscher auch noch mit Piper zugange und mit der Fortführung der Deussen-Ausgabe beschäftigt. Wohlgemerkt: Seine eigene Ausgabe hatte sich zunächst nur auf die gedruckten Werke Schopenhauers konzentriert und war damit 131

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neben die ersten sechs Bände der Deussen-Ausgabe, die ebenfalls die Werke beinhalteten, getreten, ja ersetzte diese nun weitgehend. Hübscher monierte an diesem Teil der Deussen-Ausgabe nicht ganz zu Unrecht, man habe die Editionsprinzipien nicht stringent durchgehalten. Doch das Deussen-Projekt war größer angelegt und sollte wie erwähnt auch den handschriftlichen Nachlass und die Briefe enthalten. Hübscher hatte den dritten Band zu den Briefen für dieses Projekt lange schon fertig. Während Piper wie erwähnt aus wirtschaftlichen Gründen zunächst keine Möglichkeit gesehen hatte, ihn zu drucken, so entspannte sich die Lage nach dem Frankreichfeldzug vorübergehend, und er drängte Hübscher nun, das Manuskript druckfertig zu machen. So erschien 1942 in der Deussen-Ausgabe Hübschers dritter Briefband. Er brachte nicht allein Nachträge zu Schopenhauers Briefwechsel, umfängliche Berichtigungen zum ersten, von Gebhardt so unzulänglich besorgten Briefband, mehrere editorische und textkritische Anhänge, ein Personenregister etc., sondern auch eine Reihe von kleineren Texten Schopenhauers (nachgelassene Verse, Widmungen, autobiographische Aufzeichnungen) und den Abdruck einer Anzahl von Dokumenten zur Lebensgeschichte. Dieser voluminöse Band ‒ Band sechzehn, fast 800 Seiten stark ‒ war der letzte, der im Rahmen der Deussen-Ausgabe herauskam. Sie blieb somit unvollendet. Die Bände sieben, acht und zwölf, die einen Abdruck der Manuskriptbücher und weiterer Nachlassschriften hätten bringen sollen, erschienen nicht mehr. Die vollständige Publikation des handschriftlichen Nachlasses blieb eine Aufgabe für die Zukunft ‒ eine Aufgabe für Arthur Hübscher.

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Die „Hinauswahl“ der Juden 1937 Noch immer saßen im Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft Hans Taub und Leo Wurzmann ‒ beides engagierte und verdiente Mitglieder seit den Anfängen. Mockrauer hingegen hatte die Zeichen der Zeit einmal mehr rechtzeitig erkannt: Kurz nach der Wahl Hübschers zum neuen Präsidenten zog er es vor, aus dem Vorstand und, gemeinsam mit seiner Frau, selbst aus der Gesellschaft auszutreten. In seinem Schreiben an Hübscher von Ende 1936 sprach er von einen „schmerzlichen Entschluss“ und nannte als Grund zunächst harte wirtschaftliche Not, unter der er im Exil zu leiden habe. Dann kam er jedoch auf den Kern des Problems zu sprechen: „Der noch schwerer wiegende Grund ist der, dass das Jahr 1937 wahrscheinlich einen Teil unserer Mitglieder einer sehr peinlichen Situation aussetzen wird, da Ihre seinerzeit Herrn Dr. Pfeiffer auf gewisse Fragen gegebene negative Antwort eine befriedigende Haltung des Vorstandes in entscheidenden Punkten des Lebens und der Tätigkeit der Schopenhauer-Gesellschaft leider nicht erwarten lässt. Wir müssen sogar annehmen, dass Ihnen unser Austritt aus der Gesellschaft und der damit verbundene Austritt aus dem Vorstand und der Wissenschaftlichen Leitung nicht unerwünscht sein dürfte, wenn auch nur aus ‚taktischen‘ Gründen. Sie werden verstehen, dass wir weder aktiv mitverantwortliche Teilhaber noch passiv Objekt eines solchen Kurses der Gesellschaft zu sein wünschen. Sollte sich später zeigen, dass unsere Befürchtungen unbegründet waren und haben sich die sowohl kulturellen Verhältnisse wie auch unsere eigene wirtschaftliche Lage gebessert, so stünde ja einem eventuellen Wiedereintritt nichts im Wege.“195 Dieses bemerkenswerte Schreiben zeigt, dass Mockrauer die Situation der Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland auch und vielleicht gerade aus der Ferne nüchtern einzuschätzen und offen anzusprechen verstand. Es scheint, als 133

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seien diejenigen, die unter dem Druck, der im Inland herrschte, zu agieren hatten, in ihrer Wahrnehmung weitaus befangener gewesen. Gegenüber Pfeiffer bemerkte Hübscher, man solle über Mockrauers Schritt „nicht allzu traurig sein …, weil die Trennung im Laufe dieses Jahres [1937] doch hätte kommen müssen“. Allein die mögliche Außenwirkung von Mockrauers Demission machte ihm eine gewisse Sorge, und so überlegten beide, ob es aus diesem Grund nicht besser wäre, wenn er wenigstens als einfaches Mitglied in der Gesellschaft doch verbliebe.196 Nun schaltete sich jedoch Hans Zint ein, dem die schädliche Außenwirkung dieses Vorgangs ebenfalls zu Herzen ging. Um sie abzuwenden und weil er sich Mockrauer persönlich verbunden fühlte, unternahm er aus eigener Initiative einen Versuch, diesen umzustimmen. Es gelang ihm tatsächlich: Mockrauer zog seine Austrittserklärung zurück; er blieb nicht nur in der Gesellschaft (wofür er und seine Frau wegen ihrer schwierigen Situation beitragsfrei gestellt wurden), sondern auch im Vorstand. Hübscher war von dem etwas eigenmächtigen Vorstoß Zints, dem er ansonsten den nötigen Respekt entgegenbrachte, wenig angetan. So ging man also doch mit drei jüdischen Vorstandsmitgliedern in das Jahr 1937, von dem Hübscher wusste, es würde, da im Herbst turnusgemäß Vorstandswahlen anstanden, die Entscheidung bringen.197 Man muss sich dabei die Lage verdeutlichen, in der die Hauptakteure im Inland sich damals befanden. Hübscher stand in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Redakteur in München wohl unter einem nicht geringen politischen Druck. Seine später geschriebene Autobiographie suggeriert das jedenfalls eindrucksvoll. Das stark nationalkonservative, wenn zeitweise nicht sogar reaktionäre Profil der Süddeutschen Monatshefte war wohl antirepublikanisch gewesen, doch bei den Nazis war es ebenfalls ungelitten. Der Herausgeber, Cossmann, musste sich 1933 aus politischen Gründen sofort zurückziehen; auch war er jüdischer Herkunft. Hübscher hielt zu ihm, bis 134

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er im KZ verschwand, und wurde selbst degradiert, indem er auf den Stellvertreterposten in der Schriftleitung zurückgestuft und ihm ein scharfer Parteimann, Leo Friedrich Hausleitner, vorgesetzt wurde. 1936 rückte er noch einmal als Hauptverantwortlicher auf, doch im September dieses Jahres kam das Ende, die Hefte mussten ihr Erscheinen einstellen. Hübscher war zuvor schon gleichzeitig in der Feuilletonredaktion der Münchner Neuesten Nachrichten tätig gewesen, die im gleichen Verlag erschienen; in dieser Funktion blieb er weiterhin auf dem Posten.198 1937 lockerten die Nazis die Sperre für Neuaufnahmen in die Partei, die sie, um Kaderpartei zu bleiben, 1933 verhängt hatten. Im Kontext der jetzt erfolgten großen Beitrittswelle wurde auch Hübscher Parteimitglied. Man habe die Redakteure zum Parteieintritt gezwungen, hieß es nach dem Krieg im Spruchkammerverfahren. Hübscher beantragte die Aufnahme am 29. Oktober 1937, aber sie wurde ihm schon rückwirkend zum 1. Mai erteilt, was in der Tat für eine gewisse Unregelmäßigkeit im Aufnahmeverfahren spricht.199 War Hübscher ein Nazi? Er war Mitglied der Partei geworden ‒ dies aber wohl mehr situationsbedingt als aus innerer Überzeugung. Doch Hübscher kam aus einem nationalistisch-konservativen Milieu und machte verschiedentlich Äußerungen, die denen von loyalen Parteileuten durchaus gleichen. Eine davon ist auffällig. Er machte sie nicht im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit, wo sie mit der Tagesaktualität wohl schnell in Vergessenheit geraten wäre; sie steht ausgerechnet im Vorwort zum ersten Band seiner Schopenhauer-Ausgabe. In wenigen Worten skizzierte er kurz sein von Frauenstädt ausgehendes editorisches Programm, wechselte dann seinen ansonsten erkennbar um Sachlichkeit bemühten Stil recht unvermittelt, um eine polemische Bemerkung einzufügen: „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten eine umfassende Auflösung aller Grundgesetze des Denkens erlebt: neben die Auflösung der 135

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Perspektive in der Malerei und die Auflösung der Tonalität in der Musik ist als würdiges Gegenstück die Auflösung der Kausalität in der Philosophie getreten ‒ Ergebnis einer allgemeinen geistigen Verlotterung, die hinreichend zu kennzeichnen auch Schopenhauer[s] reiches Arsenal an Worten der Verurteilung und des Abscheus kaum ausgereicht hätte. Mögen immerhin gewisse Herren vom Tiegel und der Retorte auch weiterhin von Kausalität und Willensfreiheit philosophieren, ‚wie Barbiergesellen‘, mögen die neuesten Ergebnisse von Alteweiber- und Alsobphilosophie, von Apothekerpsychologie und Sexualideologie als geistige Errungenschaften gepriesen werden ‒ es kommt nicht in Betracht, wenn man mit den Maßen der Jahrtausende gemessen wird.“200 Hübscher hatte sich mit dieser offenkundig den Zeitumständen geschuldeten Bemerkung etwas gehen lassen. Da er sie im Rahmen seiner Schopenhauer-Ausgabe fallen ließ, mit der er sich zugleich offen zu dem Juden Frauenstädt bekannte, spricht nichts dafür, dass er dabei irgendwie unter Loyalitätsdruck gestanden hätte. Sie ist datiert „München, im August 1937“. Es war jener Sommer, als dort, in der „Hauptstadt der Bewegung“, mit denkbar großem Propagandagetöse und Publikumszuspruch die Ausstellung Entartete Kunst gezeigt wurde. Haben ihn diese Eindrücke zu seinem Rundumschlag gegen die moderne Kunst, die zeitgenössische Musik, aber auch gegen die Psychoanalyse oder Hans Vaihingers Philosophie des Als ob verleitet? Nur die Tatsache, dass er statt von „Entartung“ von „Verlotterung“ sprach, lässt einen mehr kulturkonservativen als nazistischen Hintergrund vermuten. Nach der Zeitenwende trat das Peinliche dieser Passage schnell zutage. Schon in der Neuauflage von 1948 hat Hübscher sie getilgt. Auch die dritte Auflage von 1972 bringt sie nicht; erst die Viertauflage, die nach Hübschers Tod 1988 erschien, druckte das Vorwort von 1937 in seiner ursprünglichen Fassung wieder ab.

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In der Schopenhauer-Gesellschaft wurde nun immer mehr ihr Schriftführer, der genannte Konrad Pfeiffer, zum entscheidenden Partner für Hübscher. Pfeiffer gab später an, er habe während der NS-Zeit seine Tätigkeit als Anwalt niederlegen müssen, weil er zuvor antifaschistische Angeklagte in Strafrechtsprozessen verteidigt habe.201 Er nutzte die erzwungene Pause zu vertieftem Schopenhauer-Studium und publizierte mehrere Bücher und Aufsätze, in denen Konrad Pfeiffer er Mozart oder Goethes Faust auf der Grundlage der Philosophie des Meisters deutete. Intensiv berieten Pfeiffer und Hübscher sich nun über die Angelegenheiten der Gesellschaft. Die Absichten, die sie verfolgten, brachte Pfeiffer in einem etwas grundsätzlicheren Schreiben Ende September 1937 zum Ausdruck:202 Die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit der Gesellschaft war demnach das höchste Ziel. Unabhängigkeit im totalitären Staat ‒ es war ein Ding der Unmöglichkeit. Denn: Wollte man den weiteren Niedergang, ja schließlich den gänzlichen Untergang der Gesellschaft abwenden, wie ihn viele bürgerliche Vereine, die Kant-Gesellschaft und andere damals erlebten, so musste man die bisherige Zurückhaltung aufgeben, aktiv werden und, nicht zuletzt in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung, den Kontakt auch zu offiziellen Stellen suchen. Insbesondere der am 22. Februar 1938 bevorstehende hundertfünfzigste Geburtstag Schopenhauers schien eine höchst geeignete Gelegenheit, endlich 137

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wieder einmal wirksam in Erscheinung zu treten. Wollte man diesen Weg jedoch beschreiten, wieder mehr in die Öffentlichkeit gehen und dabei womöglich mit dem Regime kooperieren, so konnte man sich nicht mit einem jüdisch besetzten Vorstand präsentieren. Ein dadurch veranlasster Abgang der Juden bedeutete freilich eine denkbar massive Einbuße dessen, was man eigentlich anstrebte, eben der Unabhängigkeit. Wie so häufig in einem totalitären Staat war man dazu gezwungen, in unauflösbarem Widerspruch zu agieren: sich zu verstricken. Man war in der Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz ohne Erfahrung. 1935 hatte die Stadt Frankfurt den Plan gefasst, den 75. Todestag Schopenhauers mit einer Ausstellung öffentlich zu begehen. Die bloß stillschweigende Anwesenheit des früheren Vorsitzenden, des alten Justizrats Leo Wurzmann, der in der Stadt lebte, hätte schon damals eine solche Veranstaltung gefährdet. Eine Durchführung ohne Wurzmann wollte Zint jedoch unter keinen Umständen in Kauf nehmen. Im Gegensatz zu Hübscher drei Jahre später verzichtete er lieber ganz auf eine Beteiligung der Gesellschaft, die Stadtbibliothek richtete die Feier allein aus, die Gesellschaft trat nicht in Erscheinung.203 Wie erwähnt wurde Zint ob solcher Zurückhaltung nicht zu Unrecht von der Sorge geplagt, die Gesellschaft stehe vor dem Aus. Wenn Hübscher und Pfeiffer sich stattdessen nun für eine vorsichtige öffentliche Präsenz entschieden, so hatte das seinen Preis, nämlich: das Ausscheiden der jüdischen Vorstandsmitglieder. Faktisch waren sie angesichts dieser objektiv schwierigen Entscheidung unsicher und suchten Rat bei dem offiziellen Verbindungsmann zum Amt Rosenberg, dem von ihnen als einflussreich eingeschätzten Emge in Berlin. 1936 habe der eine „Gleichschaltung“ der Gesellschaft noch abgelehnt; ein Jahr später aber hielt er, nachdem er ein Protektorat des bevorstehenden großen Schopenhauer-Jubiläums durch den Führer empfohlen hatte, 138

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ein Ausscheiden der „nichtarischen“ Vorstandsmitglieder dann doch für unbedingt erforderlich.204 Nicht wegen etwaiger antisemitischer Einstellungen des neuen Präsidenten ‒ das ist entscheidend ‒, sondern primär aus dieser widersprüchlichen Konstellation heraus stellte sich somit die Frage, wie man Mockrauer, Wurzmann und Taub zu einem Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Wahlen, wenn nicht gar zum vorzeitigen Rücktritt bewegen Hans Taub konnte. So traten Hübscher und Pfeiffer, und sei es ungewollt, den Betroffenen als Vollstrecker des Regimes entgegen. Ihr Briefwechsel suggeriert, Taub, mit dem sie beide in regem Kontakt standen ‒ Hübscher sah ihn häufig am gemeinsamen Wohnort München ‒, hätte Verständnis für die Situation aufgebracht. Doch Taubs Verständnis hatte angesichts seiner eigenen Lage sicherlich seine Grenzen. Wie schmachvoll und demütigend er und seine Frau ihre Situation als Juden in Deutschland damals erlebten und welch irreparablen Verletzungen sie mit sich nahmen, geht aus der Korrespondenz, die sie nach dem Krieg wieder mit Hübscher führten, in aller Deutlichkeit hervor, auch wenn sie gegenüber Hübscher selbst dort wiederholt Dankbarkeit für Beistand ausdrückten.205 Und als Zint Taub Ende 1938 „unter herzlichen Worten und der Bekundung der Unberührtheit meiner inneren Stellung zu ihm“ erklärte, er müsse als Ruhestandsbeamter die äußere Verbindung 139

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mit ihm aufgeben, wunderte er, Zint, sich allen Ernstes darüber, dass dieser daraufhin „einen inneren Bruch“ mit ihm vollzogen und anscheinend kein Verständnis für den „unumgänglichen Zwang“, dem er unterliege, aufgebracht habe.206 Konnte man einem, den das Regime gerade um die Existenz zu bringen im Begriff war, zumuten, noch für die Handlungsnöte des Gegenübers VerLeo Wurzmann ständnis zu haben? Auch ein anderer Betroffener, Otto Juliusberger, der in die USA emigriert war, sprach von Äußerungen Zints, die seltsam und seiner unwürdig gewesen seien, und von „zeitlich bedingten Entgleisungen“.207 „Freiwillig“ wäre somit eine unpassende Charakterisierung für Taubs Verzicht auf eine erneute Kandidatur 1937, er tat es wohl eher in der nüchternen Erkenntnis, dass ein Widerstreben ohnehin zwecklos gewesen wäre. Wurzmann war hingegen auch zu diesem Zeitpunkt nicht gewillt, seinen Platz zu räumen. Als alter Mann erlebte der ehemals angesehene Justizrat allenthalben seine gesellschaftliche und politische Deklassierung. Zint, der sich ihm freundschaftlich verpflichtet fühlte, hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass ihm regelmäßig Glückwünsche der Gesellschaft zum Geburtstag übermittelt wurden. Wurzmann, seit 1927 Ehrenmitglied, konnte auf Verdienste um die Gesellschaft verweisen, der er sich nach wie vor verbunden fühlte. Wenige Wochen vor der anstehenden Wahl legte er noch einmal ein Pfund auf die Waagschale: den Entwurf eines Testaments für den 140

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Freiburger Kaufmann Friedrich Asmus, der die Absicht bekundet hatte, der Gesellschaft ein Vermögen zu vermachen. Just von denen, die am wenigsten bereit waren, weiterhin mit Juden in den Leitungsgremien zusammenzuarbeiten ‒ sei es Emge, sei es Hoffmann oder Rauschenberger ‒, kamen nun Vorschläge, man möge Wurzmann das Ausscheiden „schmerzlos“ machen, indem man ihn zum Ehrenvorsitzenden ernenne oder ihm ein Buch aus Schopenhauers Bibliothek schenke. Wurzmann aber wollte nicht weichen, und Pfeiffer kamen noch einmal beträchtliche Zweifel, „den Mann am Rande des Grabes zu kränken und vielleicht tödlich zu verletzen“.208 Am 13. November 1937 schritt Hübscher jedoch zur Tat, indem er ein Rundschreiben an die Mitglieder der Gesellschaft verschickte, in dem er die bevorstehende Wahl ankündigte und an die Stelle der drei Juden schlicht drei neue Kandidaten setzte. Einer, Friedrich Bähr, soll auf Vorschlag Taubs nominiert worden sein. Wiederum lag die Lösung in der vollendeten Tatsache. Doch habe dieses Schreiben ihm und Pfeiffer viel Kopfzerbrechen gemacht, bekannte Hübscher wenige Tage später gegenüber Zint: „Es ist leider nicht ohne Verstimmung unsers verehrten Freundes W. abgegangen, dem sowohl Dr. Taub wie ich verschiedentlich Dinge klarzumachen versucht haben, die er nicht verstehen kann.“209 Und Zint antwortete ihm: „Ich habe auch bereits Gelegenheit genommen, unsern alten Wurzmann in seiner Betrübnis und Bitterkeit zu trösten und zu beruhigen, indem ich ihm geschrieben, dass auch ich und niemand sonst ein anderes Ergebnis hätte erzielen können, und dass er niemandem aus dem Geschehenen einen Vorwurf machen dürfe und könne.“210 Wurzmann soll über diesen Brief Zints so empört gewesen sein, dass er sich von Schopenhauer losgesagt habe.211 Auch Karl Wagner, ein Naturwissenschaftler aus Frankfurt, der jetzt neu in die Wissenschaftliche Leitung gewählt worden war und Wurzmann Anfang 1938 besuchte, wusste mit einer bemerkenswerten Wortschöp141

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fung davon zu berichten, die „Hinauswahl aus dem Vorstand“ sei diesem sehr nahegegangen, und der Trost, dass das in der Zeit liege, recht mager. Erworbene Verdienste gestrichen zu sehen sei bedauerlich, aber es sei nicht anders gegangen.212 Wurzmann erfuhr seinen Hinauswurf als das, was er ‒ und sei es unbeabsichtigt ‒ objektiv eben doch war: ein Gewaltakt. Wurzmann und Taub erhielten ein warmherziges Dankesschreiben. Beide konnten noch kurz vor dem Krieg emigrieren. Wurzmann ging in die USA. Im Alter von 80 Jahren starb er am 9. Februar 1941 in San Francisco. Seine Tochter hielt sich ebenfalls in Kalifornien auf und traf dort auf einen anderen prominenten Exilanten, der den Vater aus der Frankfurter Ortsgruppe der Schopenhauer-Gesellschaft noch gut gekannt hatte: Max Horkheimer.213 Taub entkam mit seiner Frau nach Schweden, wo sie während des Krieges blieben. Nach der Kapitulation sollte es wieder zu Kontakten mit Hübscher und der Schopenhauer-Gesellschaft kommen. Noch unangenehmer verlief die „Hinauswahl“ Mockrauers. Nachdem er ein Jahr zuvor schon von sich aus demissioniert, dann zurückgeholt worden war, mutete es jetzt umso peinlicher an, ihn für die Wiederwahl nicht mehr zu nominieren. Hübscher versuchte, ihn wenige Tage vor dem genannten Mitgliederrundschreiben, auf dem er als Kandidat nicht mehr genannt werden würde, darauf vorzubereiten. Auf diesen Vorgang reagierte Mockrauer erneut mit einem Schreiben, von dem Hübscher sagte, es sei „impertinent“.214 Wiederum erfährt man davon nur aus Äußerungen, die Hübscher Dritten gegenüber gemacht habe, das Original ließ sich wie der Brief aus dem Vorjahr im Archiv nicht auffinden. Erneut scheinen Mockrauers Äußerungen brisant gewesen zu sein. Gegenüber Zint, dem er den Brief schickte, äußerte Hübscher: „… Ich werde, nachdem es mit großer Mühe gelungen ist, eine Krise innerhalb der Gesellschaft zu verhindern, die in diesem Schreiben ausgesprochenen 142

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Wünsche keinesfalls erfüllen, ich werde den Brief auch nicht einmal mehr beantworten. Es geht wirklich nicht an, dass man uns aus dem sicheren Hort der Emigration heraus Vorschriften über unser Verhalten machen und uns dabei den Vorwurf machen will, wir hätten gewisse Motive ‚schamhaft, diplomatisch und ängstlich‘ verschwiegen.“ Der Brief hätte „größten Schaden anrichten können, wenn er in unrechte Hände käme“. Auch Taub, dem er ihn zu lesen gegeben habe, sei durchaus seiner (Hübschers) Meinung.215 Da Hübscher ihm offenbar nicht antwortete, schickte Mockrauer ein weiteres Schreiben: Zum zweiten Mal erklärte er darin seinen Austritt aus der Schopenhauer-Gesellschaft. Auch von diesem Brief und seinem Inhalt erfährt man nur aus einem kurzen Antwortschreiben, zu dem Hübscher sich dann doch noch herbeiließ.216 Auf Zints Drängen hin schickte der Vorstand auch Mockrauer dann noch ein Dankesschreiben. Mockrauer könne sich ja denken, bemerkte Pfeiffer, dass es nicht allzu sehr von Herzen komme.217 Bis auf den Einspruch bzw. die Resignation der Betroffenen war die durch schriftliche Umfrage eingeholte Zustimmung der Mitglieder zu den vorgeschlagenen Kandidaten einhellig. Deutsche Juden waren in den Gremien der Gesellschaft damit nicht mehr vorhanden, aber ein ausländischer: Del Vecchio in der Wissenschaftlichen Leitung. Als Italiener sei er sicher tragbar, hieß es in einem Schreiben Hübschers.218 Da es während der NS-Zeit unter den Mitgliedern der beiden Führungsorgane im Allgemeinen ohnehin keine persönlichen Begegnungen gab, kam es nicht zu Beanstandungen. Dass Vorsicht geboten war, machte eine Anfrage der Reichsschrifttumskammer ein Jahr später im frühen Herbst 1938 deutlich. Sie wollte wissen, wie sich seit 1932 Jahr für Jahr der Anteil der „Nichtarier“ unter den Mitgliedern entwickelt hatte. Hübscher gab für 1932 einen Anteil von 63 von 555 (11,4 %) an, dann fortlaufend weitere Daten bis 1937, als noch 25 von 403 Mitgliedern (6,2 %) nichtarisch 143

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gewesen sein sollen; für das Jahr 1938 nannte er 12 von 406 (3 %) und meinte dazu einschränkend, die Richtigkeit könne nicht gewährt werden, da es sich um ausländische Mitglieder handle.219 Woher wusste er das alles so genau oder glaubte, es so genau zu wissen, dass er selbst in der Rückschau auf das Jahr 1932 solch präzise Zahlen nennen konnte?

Die Schopenhauer-Feiern 1938 Hübscher stellte das Jahrbuch 1938 ganz in das Zeichen des 150. Geburtstags von Schopenhauer. Es brachte eine Sammlung von „Erlebnissen und Bekenntnissen“, in der eine Vielzahl von Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland über die Bedeutung, die Schopenhauer für sie selbst hatte, Auskunft gaben. Unter anderem äußerten sich Hans Pfitzner und Hermann Hesse, dann aber vor allem Hans Zint mit einem großen Essay über Schopenhauer als Erlebnis. Es waren auch Bekenntnisse darunter, die dem Geist der Zeit entsprachen: Ludwig Schemann, Gründungsmitglied der Gesellschaft, dann zu Groeners Neuer Deutscher Schopenhauer-Gesellschaft abgewandert, später sich der Muttergesellschaft wieder annähernd, feierte seinen eigenen Anschauungen gemäß Schopenhauer auch hier als einen der „großen Bahnbrecher für die Rasse“.220 Allen vorsichtigen Bemühungen zum Trotz, über Emge an das Amt Rosenberg heranzukommen, war die Gesellschaft bei den großen offiziellen Feiern zum Geburtstag nur am Rande beteiligt. Hübscher war einmal mehr unsicher, wieweit er sich in dieser Sache mit den offiziellen Stellen wirklich einlassen sollte. Noch im Januar 1938 hieß es, man müsse „aus den bekannten Gründen“ ganz im Verborgenen bleiben.221 Die Initiative für die Feiern lag weitgehend bei den Verwaltungen und Kulturinstitutionen der Schopenhauer-Städte, 144

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einer Gauleitung und dem Amt Rosenberg. Frankfurt war beteiligt, dann vor allem aber Danzig als Geburtsort, in Dresden präsentierte die Landesbibliothek eine Schau. Aus den Kreisen der ehemaligen Ortsgruppen fanden nur die Hamburger um Paul Hoffmann noch selbst zur Initiative und organisierten dort eine Ausstellung. Danzig aber gelang es, mit Unterstützung des Amtes Rosenberg die zentrale Feier zu veranstalten. Erstmals sondierte im September 1937 die dortige Gauleitung in dieser Sache bei Rosenbergs Dienststelle.222 Das entsprechende Schreiben weist, nebenbei bemerkt, in seinen viereinhalb Zeilen zuzüglich Briefkopf und Unterschrift sechs Schreib- und zwei Interpunktionsfehler auf („Teoretisch“, „Schoppenhauer“ u. a.). Doch das Berliner Amt reagierte zunächst zögerlich; Rosenbergs Kritik an Schopenhauer im Mythus zeigte noch ihre Wirkung. „Die Philosophie Schopenhauers vereinigt in sich sehr verschiedenartige Elemente“, gab Alfred Baeumler in seiner Eigenschaft als zuständiger Ressortleiter im Amt zur Antwort. „Sie hat den Erlösungsgedanken aufgenommen und ist ihrer innersten Tendenz nach ungeschichtlich. Insofern steht sie zu unserer Weltanschauung in Widerspruch. Andererseits aber bedeutet Schopenhauer als Charakter wie als Denker (vergl. insbesondere auch seine Stellung zum Judentum) außerordentlich viel für uns.“ Mit solch offener Negation der Erlösungsethik schlug man einen tragenden Pfeiler in Schopenhauers Systems weg. Deutlicher hätte man kaum zum Ausdruck bringen können, dass der Nationalsozialismus sich Schopenhauer nur durch eine eklektische und vereinseitigende Interpretation zu eigen machen konnte. Als die Danziger darum baten, für eine geplante Festschrift das einschlägige Kapitel über Schopenhauer aus dem Mythus abdrucken zu dürfen, versagte Rosenberg die Genehmigung; es handle sich hier um eine „im Zusammenhang notwendige Kritik an Schopenhauer“, ihre Publikation für die Zwecke der Feier sei nicht erwünscht; in der Rede, die er für Danzig ankündigte, 145

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werde er seine Stellung zu Schopenhauer festlegen. An Danzig als zentralem Veranstaltungsort hatte das Regime allein schon aus territorialen Gründen Interesse; es war eine günstige Gelegenheit, in der vom Deutschen Reich seit 20 Jahren abgetrennten Stadt Flagge zu zeigen. Die Gauleitung vor Ort und der Senat der freien Stadt fungierten gemeinsam als Träger der nun als „Reichsfeier“ ausgegebenen Veranstaltung. Hier wurde Schopenhauer eine ganze Woche lang gefeiert. Höhepunkt war die Festveranstaltung in der Aula der Technischen Universität am Geburtstag, dem 22. Februar. An diesem Ort hielt Rosenberg seine Rede,223 die im Rundfunk auch in weite Teile des Reiches übertragen wurde und ein großes Presseecho auslöste.224 Schopenhauer fand in Rosenbergs Ausführungen nun eine überaus positive Würdigung; die Distanz, die dieser im Mythus noch markiert hatte, wurde, dem Anlass gemäß, stillschweigend übergangen. Nicht das System interessierte ihn jetzt, sondern die Persönlichkeit des Philosophen. Hatte er Schopenhauer im Mythus noch als tragische, weil in ihren philosophischen Intentionen gänzlich gescheiterte Figur charakterisiert, so hob er nun seinen „heroischen“ Kampf um die Wahrheit hervor. „Wahrheitsfanatismus“ nannte es Rosenberg, Schopenhauer hatte von „rücksichtsloser Wahrheitsforschung“ gesprochen. Rosenberg, einer der größten Antipoden der Kirche im Nationalsozialismus, stellte Schopenhauers Religionskritik heraus, knüpfte jetzt ausführlicher als im Mythus an dessen Äußerungen zu den Juden an, kam auf seine Tierethik zu sprechen und erkannte ihn just an diesem Punkt als „mahnenden Propheten der Achtung des Lebens“. Wenn Rosenberg Schopenhauer wiederholt ein „großes heroisches Leben“ attestierte und ihm „großes Ringen“, „heldisches“ Sichstellen, „großes Menschentum“ und dergleichen Superlative zugutehielt, so implizierte er damit freilich immer ein stark politisches Element. Denn einen heroischen Lebenslauf führten nicht nur der Künstler und der Denker, so ließ er erkennen, sondern auch der 146

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Feldherr und der Staatsmann. Rosenberg ging es um die „Schicksalszeiten des eigenen Ichs und der Völker“, wofür man erst wieder ein tieferes Empfinden habe, als die „Blitze“ (des Weltkriegs) eingeschlagen hätten. Das war jedoch alles andere als Heroismus im Sinne Schopenhauers; der hatte von der Geschichte und ihren Akteuren bekanntlich keine allzu hohe Meinung: „… der Stoff der Weltgeschichte ist ein ganz anderer, ja entgegengesetzter, nämlich nicht das Verneinen und Aufgeben des Willens zum Leben, sondern eben sein Bejahen (…)“, so hieß es in seinem Hauptwerk; nicht der „Welteroberer“, der mit Billigung auch der Danziger Festversammlung jetzt allenthalben auf dem Sprung stand, sondern der „Weltüberwinder“ sei die größte, wichtigste und bedeutsamste Erscheinung, welche die Welt aufzeigen könne (W I, 455f.). Es ist dies einer der zahlreichen prägnanten Ausdrücke des zentralen Gedankengangs des Philosophen, die Rosenbergs Schlusssatz, Schopenhauer stehe „uns heute näher, als er es jemals den früheren Geschlechtern gewesen ist“, systematisch widersprechen. Dem Kenner waren die Bruchlinien überdeutlich. Hübscher, der als Präsident der Gesellschaft offiziell nach Danzig geladen war, schrieb an Pfeiffer, Rosenberg habe nur die Dinge herausgestellt, die ihm gerade in den Kram passten.225 Begleitet war der Festakt mit Rosenberg von der Enthüllung einer Bronzebüste Schopenhauers nach dem Entwurf von Franz Lehmann-Siegmundsburg226 in der Aula der Universität und einer Gedenktafel am Geburtshaus sowie der Eröffnung einer Ausstellung. Die folgenden Tage brachten eine Reihe von Abendvorträgen, bei denen Gelehrte, darunter auch zwei aus dem Ausland, sich zu verschiedenen Aspekten des Werkes und der Person äußerten. In diesem Zyklus trat auch Hübscher mit einem Beitrag Schopenhauer in unserer Zeit auf. In seiner Person war die Schopenhauer-Gesellschaft in Danzig somit offiziell vertreten, doch spielte sie nicht mehr als eine Nebenrolle. Zint, dem nicht nur die Schopenhauer-Rezeption, 147

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sondern auch die Stadt Danzig als seine langjährige Wirkungsstätte viel zu verdanken hatte, war nicht eingeladen worden. Hübschers Gedanken kreisten bei seinem Danziger Vortrag227 um verschiedene Themen der Philosophie Schopenhauers wie etwa sein Verhältnis zur Romantik. Die Anklänge an „unsere Zeit“ blieben dabei eher subtil, etwa wenn er darlegte, Schopenhauer habe den Fortschrittsund Idealitätsidealen von 1789 nüchtern das „nie“ sich wandelnde Bild vom Alltag entgegengehalten. Das gerade in dieser Zeit so viel strapazierte Zitat über den „heroischen Lebenslauf“, der anstelle des Glücks das Höchste sei, was ein Mensch erreichen könne (P II, 342), brachte auch Hübscher, und auch er interpretierte es als „die Haltung unserer germanischen Vorfahren“. Schopenhauers Lehre von der Verneinung des Willens brachte er mit dem Opfertod des (Ersten) Weltkriegs in Verbindung, indem er sie auf eine weitere, seinerzeit gern zitierte Passage aus der Ethik bezog (E, 273),228 in welcher der dem Krieg ansonsten abholde Philosoph dem Soldatentod fürs Vaterland einen altruistischen Sinn unterlegte. Das sei das „Ethos unserer Zeit“. Mit solchen Äußerungen traf Hübscher gewiss eine breite nationalkonservative Stimmung, die weit über Anhänger des Regimes hinaus in Deutschland vorherrschend war. Offene Avancen an das Regime, etwa durch Verweis auf Schopenhauers antisemitische Äußerungen, hatte Hübscher jedoch nicht gemacht. Emigrantenkreise aber hielt das nicht davon ab, ihn für diese Art der Schopenhauer-Interpretation zu schelten: Von „Gelichter, das sich anmaßt, deutschen Geist zu repräsentieren“, war hier die Rede.229 Wie anders „Schopenhauer in unserer Zeit“ gesehen werden konnte, machte eine Stimme offenbar, die sich einige Monate später im Jubiläumsjahr im Ausland erhob. Es war Thomas Mann, der in seinem ebenfalls ins Exil gegangenen Verlag, Bermann Fischer in Stockholm, damals einen großen monographischen Essay mit dem schlichten Titel Schopenhauer herausbrachte.230 Mann rekapitulierte 148

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kenntnisreich Anlage, Architektur und Grundzüge der schopenhauerschen Philosophie und stellte immer wieder die sehr der Kunst affine Eigenart seines Denkens heraus. Er verortete Schopenhauer sowohl in seinen entscheidenden geistesgeschichtlichen Bezugspunkten, Platon und Kant, wie er auf der anderen Seite die unüberschätzbare Wirkung reflektierte, die er auf Wagner, NietzThomas Mann sche und andere, schließlich auf sein eigenes Frühwerk, namentlich auf die Abfassung der Buddenbrooks, gehabt hatte. Manns Darstellung besticht nicht nur sprachlich als Meisterleistung, sondern auch durch feine Differenzierungen seiner Schopenhauer-Interpretation, originelle Pointen und ein souveränes Beiseiteschieben manch klischeehafter Etikettierung. Sein Essay atmet gleichermaßen lange und intime Vertrautheit mit dem Werk des Meisters wie eine unverbrüchliche Sympathie mit ihm. Das hielt ihn aber nicht davon ab, vor dem Hintergrund eindrücklicher und schmerzhafter Erfahrungen der Zeit- und Wirkungsgeschichte an einem entscheidenden Punkt nun von ihm abzurücken. 1939, ein Jahr nach seinem großen Essay, schrieb er in einem Artikel Kultur und Politik:231 „Wie sehr die Unglückseligkeit der deutschen Geschichte und ihr Weg in die Kulturkatastrophe des Nationalsozialismus mit der Politiklosigkeit des bürgerlichen Geistes in Deutschland zusammenhängt, seinem gegen-demokratischen Herabblicken auf die politische und soziale Sphäre von der Höhe des Spirituellen und der ‚Bildung‘ ‒ das wurde 149

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mir wieder recht bewusst, als ich kürzlich den Umgang mit einem großen deutschen Denker und Schriftsteller ersten Ranges erneuerte, der auf meine Jugend einen gewaltigen Einfluss ausgeübt: mit Arthur Schopenhauer.“ Dieses Motiv war zuvor schon im Schopenhauer-Essay angeklungen.232 Jetzt aber arbeitete Mann es noch deutlicher heraus. Es war zugleich eine Auseinandersetzung mit und Distanzierung von seiner eigenen Vergangenheit, als er sich während des Ersten Weltkriegs als unpolitischer und antidemokratischer Betrachter des Zeitgeschehens definiert, stilisiert und öffentlich bekannt hatte. Just das unpolitische, ja apolitische, die Politik verachtende Element, das der Geschichte des deutschen Bildungsdenkens anhafte und für die Schopenhauer insbesondere stehe, schien ihm jetzt als hoch problematisch. Jetzt erkannte er: „… man entgeht damit nicht der Politik, man gerät nur auf die falsche Seite ‒ und zwar mit Leidenschaft“; durch Missachtung des Politischen ‒ des Demokratischen ‒ setze der Geist sich in selbstmörderischer Weise zu allem Geistigen in Widerspruch. Besonders problematisch erschien ihm jetzt Schopenhauers Verhalten im Schicksalsjahr 1848. Der bekannten Anekdote zufolge war dieser am 18. September des Revolutionsjahres Zeuge eines Barrikadenkampfs direkt vor seiner Wohnung in Frankfurt geworden. Österreichische Soldaten schlugen die Erhebung nieder und drangen dabei auch in Schopenhauers Wohnung ein, woraufhin dieser dem führenden Offizier seinen großen doppelten Operngucker kommen ließ, damit er die „souveräne Kanaille“ besser „rekognosciren“ und zusammenschießen könne233 ‒ ja, mehr noch: Einige Jahre später vermachte er sein Vermögen testamentarisch den preußischen Soldaten und ihren Hinterbliebenen, die bei der Wiederherstellung der alten Ordnung invalide geworden oder gefallen waren. Es war übrigens ein Aufstand der äußersten, antiparlamentarischen Linken in der 48er-Bewegung; er richtete sich nicht gegen die Fürsten, sondern gegen die frei gewählte, damals seit fast 150

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einem halben Jahr amtierende Paulskirchenversammlung und die von ihr getragene provisorische Regierung, mit deren Haltung in der Schleswig-Holstein-Frage die Aufständischen nicht einverstanden gewesen waren. Ironie der Geschichte: Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof kam es später zu einem erneuten Treffen Schopenhauers mit den Freiheitskämpfern: 13 Jahre nach seinem Tod errichtete man den 32 Aufständischen, die 1848 u. a. vor seiner Wohnung erschossen worden waren, unweit seines Grabes ein ehrenvolles Denkmal, während das Mahnmal für die gefallenen Soldaten, deren Angehörige er testamentarisch bedachte, und für die beiden Paulskirchenabgeordneten, die von den Aufständischen getötet worden waren, in weiterer Entfernung von seiner Ruhestätte steht.234 Hatte Thomas Mann Schopenhauers Verhalten in den Betrachtungen eines Unpolitischen noch beifällig geschildert,235 so sah er jetzt darin nichts anderes als „grimmige Mesquinerie [Kleinlichkeit, Engherzigkeit] und Komik“. Im völligen Ausscheiden des Politischen aus Schopenhauers Denken erblickte er nun eine „wahre Philisterei und Drückebergerei“. Die Wurzeln dieser Haltung sah er nicht allein in der Person, sondern mehr noch in ihrer Philosophie: diese ziele eben nicht auf Befreiung, sondern auf Erlösung. „Wie sollte ein Denken, für das die Freiheit jenseits der Erscheinung liegt, mit der Idee politischer Freiheit viel anzufangen wissen?“236 Vom Gegensatz von indisch-schopenhauerischer Erlösungsethik und okzidentaler Entwicklungsethik hatte analog der politisch sensibilisierte Mockrauer in den Zwanzigerjahren schon gesprochen.237 Mann erkannte in dieser tiefen politischen Abstinenz, der Politikfremdheit der deutschen Bildung, die er auch bei Goethe sah und von der er in seinen Anfängen selbst massiv geprägt gewesen war, nun eine der geistesgeschichtlichen Wurzeln für die Barbarei des Nazismus ‒ eine Art von Mitschuldigwerden durch Unterlassung.

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In Deutschland kamen Thomas Manns Werke, so auch seine Schopenhauer-Monographie aus dem Jubiläumsjahr, damals in den Giftschrank. Doch die Verantwortlichen der Schopenhauer-Gesellschaft hatten Zugang. Zint hatte sich Manns Büchlein mit Oehlers Billigung 1942 aus der Frankfurter Stadtbibliothek kommen lassen. Er sprach von „beachtenswerten Gedanken“, doch sei der Name des Verfassers gegenwärtig wohl „zu odios“, um das Buch im Jahrbuch zu besprechen.238 Dazu hatte Hübscher angesichts seiner Auseinandersetzung, die er mit Thomas Mann in den Zwanzigerjahren gehabt hatte, wohl ohnehin kaum eine Neigung. Der Hiatus, jetzt auch in der Schopenhauer-Interpretation, war noch größer geworden, und noch im hohen Alter sollte Hübscher mit subtilen Wendungen später gegen Manns Schopenhauer-Essay polemisieren: Es sei hier „kein innerer Auftrag am Werk, kein schöpferischer Impuls, nur der Wille zu fleißiger Arbeit im Dienst eines verlockenden Angebots …“.239

Das Frankfurter Schopenhauer-Museum 1938–1944 Das Jubiläumsjahr brachte in seinem späteren Verlauf überraschend noch ein neues Projekt in der Schopenhauer-Rezeption hervor: Ende 1938 fasste die Stadt Frankfurt den Beschluss, dem prominenten Philosophen ein Museum einzurichten. Die Bestände des Schopenhauer-Archivs in der Frankfurter Stadtbibliothek bildeten dafür die Grundlage. Seit der Zusammenlegung der Archive der Gesellschaft und der Stadtbibliothek waren die hier versammelten Schopenhaueriana ständig gewachsen. Nach den früher erwähnten Erwerbungen in den Zwanzigerjahren waren Anfang der Dreißiger eines der Schopenhauer-Porträts von Angilbert Goebel, verschiedene Erinnerungsstücke der berühmten Schopenhauer-Porträtistin 152

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Elisabeth Ney, wertvolle Dokumente wie ein Notizbuch des Meisters mit Stickereien mutmaßlich von seiner Berliner Geliebten „Ida“, Caroline Medon, oder das väterliche Ausgabenbuch auf der für den jungen Schopenhauer so eminent wichtigen Reise von 1803/04, aber auch Devotionalien wie eine Flöte, ein Rasiermesser und eine Locke des verstorbenen Philosophen und anderes mehr hinzugekommen.240 1937 kam es zur Versteigerung der Bibliothek von Wilhelm Trübner, der bedeutende Schopenhaueriana besessen hatte. Frankfurts NS-Oberbürgermeister, Friedrich Krebs, bewilligte außerplanmäßig 6 000 RM für Ankäufe, so dass mit Schopenhauers eigenhändigen Manuskripten für die dritte Auflage der Welt als Wille und Vorstellung (1859) und für sein Buch Ueber den Willen in der Natur (45 Blätter) zwei hoch bedeutende Akquisitionen getätigt werden konnten.241 Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich darüber hinaus bereits ab, dass die Gesellschaft durch Erbschaft in den Besitz der hochkarätigen Schopenhauer-Sammlung ihres eben verstorbenen Wiener Mitglieds Robert Gruber (1867–1936) kommen würde. Gruber war nicht allein ein bedeutender Sammler, sondern auch ein Forscher in Sachen Schopenhauer. Er hatte u. a. im Jahrbuch der Gesellschaft über ihn geschrieben und sich als Herausgeber betätigt: Band 13 der Deussen-Ausgabe, der einen Abdruck von Schopenhauers Handexemplaren der Werke Kants mit einer genauen Dokumentation der Randbemerkungen des Meisters brachte, hatte er, Gruber, besorgt. Gruber vermachte seine Sammlung mit der Maßgabe, sie dürfe nicht in das Archiv eingereiht werden, sondern müsse als geschlossener Bestand neben den Frankfurter Stücken erhalten bleiben. Hübscher hatte im Gespräch mit ihm noch eine Änderung dahingehend erwirkt, dass die Gesellschaft und nicht das Archiv, an dem die Stadt Frankfurt beteiligt war, zur alleinigen Erbin werden sollte. Er störte sich daran, dass die Verantwortlichen der Frankfurter Stadtbiblio153

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thek etwas zu selbstherrlich mit dem gemeinsamen Besitz umgegangen waren.242 Die Sammlung Gruber brachte der Gesellschaft 563 Nummern an Briefen, Handschriften und Büchern, darunter allein 70 Briefe und Schriftstücke von Schopenhauers eigener Hand, 124 der Mutter, 40 der Schwester, Dokumente aus dem Umfeld, 83 Bände aus Schopenhauers Bibliothek, darunter die Handexemplare der erwähnten kantischen Schriften mit den Randschriften Schopenhauers, und anderes, darüber hinaus 197 Nummern mit Bildern, u. a. sieben Originalskizzen von Schopenhauer, die Lunteschütz an der Mittagstafel des Englischen Hofs entworfen hatte, und von Personen seines Umfelds, darunter ein Miniaturbild der Schwester Adele. Grubers Konvolut war ein außerordentlich bedeutender Zuwachs.243 1938 kam es an anderer Stelle zu weiteren Ankäufen durch die Stadt Frankfurt. Jetzt war Schopenhauers häusliches und privates Umfeld im Blick: sein Bett, sein Schreibtischstuhl, ein Pastellbildnis der Medon, ein Pastellgemälde seiner Haushälterin Margarethe Schnepp und anderes. Der Inhalt des Schopenhauer-Archivs nahm dank dieser Objekte mehr und mehr auch museale Qualität an. Und die Stadt Frankfurt beförderte diese Entwicklung unter Oberbürgermeister Krebs mit Nachdruck. Wie erwähnt, war sie schon zum 75. Todestag Schopenhauers 1935 mit einer Gedächtnisausstellung hervorgetreten ‒ aus den genannten Gründen ohne Beteiligung der Gesellschaft. Zur Feier des 150. Geburtstags 1938 veranstaltete die Stadt in der Geschlechterstube des Römers mit großem Publikumszuspruch (13 598 Besucher) erneut eine Ausstellung. Unmittelbar bevor er zur Danziger Feier abreiste, hielt Hübscher hier zur Eröffnung vorab seinen Jubiläumsvortrag. Im Frankfurter Volksblatt wurde daraufhin (am 28. 2. 1938) die Frage diskutiert, ob es nicht besser sei, die gesamten Schopenhaueriana, wie sie die Ausstellung im Römer vereinigte, 154

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Im Haus links, Schöne Aussicht 17, wohnte Schopenhauer von März 1843 bis Juli 1859. Im Haus rechts, Schöne Aussicht 16, verbrachte er sein letztes Lebensjahr und starb hier am 21. September 1860 im ersten Zimmer parterre rechts. Hier sollte das Schopenhauer-Museum eingerichtet werden.

in den Räumen des Hauses Schöne Aussicht 17, in dem Schopenhauer den größten Teil seiner Frankfurter Zeit verbracht hatte, unterzubringen und dieses Haus zu einer Frankfurter SchopenhauerGedächtnisstätte zu machen. Oehler, der oberste Bibliothekar der Stadt, habe dies bejaht, denn Ausstellung und Archiv seien ohnehin nicht Aufgabe der Stadtbibliothek. Das Haus Nr. 17 gehörte der Stadt Frankfurt, während das Nachbarhaus Nr. 16, in dem Schopenhauer sein letztes Jahr verbracht hatte und gestorben war, sich noch in Privatbesitz befand. Im seinem Sterbezimmer dort war jetzt eine Weinhandlung untergebracht.

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Es war dieses Haus, die Nr. 16, nahe am nördlichen Brückenkopf der alten Mainbrücke gelegen, mit Blick auf das gegenüberliegende Deutschordenshaus, in dem der anonyme, von Schopenhauer so geschätzte Verfasser der Theologia Deutsch gewirkt hatte, das damals bereits zum eigentlichen „Schopenhauerhaus“ geworden war. Seine Bewohner waren sich seiner historischen Bedeutung in der Topographie des Geistes sehr bewusst: der Kunsthistoriker Fried Lübbecke oder der Bildhauer Richard Petraschke, der eine Büste Schopenhauers geschaffen hatte, die an dessen 70. Todestag 1930 unter Beteiligung der Gesellschaft im großzügigen Atrium des Hauses aufgestellt worden war. Auch brachte man damals schon eine Gedenktafel an dem Haus an mit der Inschrift: „Hier starb am 21. September 1860 Arthur Schopenhauer.“244 Der Erbauer des großzügigen Hauses war der reiche Bankier Zacharias Wertheimber gewesen, sein jetziger Besitzer der betagte Moritz Fuld-Sachs. Er war Jude und damit je länger, desto mehr schutzlos. Der 9. November 1938, die „Reichskristallnacht“, hatte für die bislang vagen Überlegungen zu einem Frankfurter SchopenhauerMuseum ungewollt eine katalysatorische Wirkung. Erneut drang, wie bei jenen denkwürdigen Ereignissen im September 1848, ungebetener Besuch mit politischem Hintergrund in die Räume ein, in denen Schopenhauer einst gelebt hatte. Jetzt war es der braune Mob, der durch Ermutigung „von oben“ in jener Nacht überall im Reich Synagogen anzündete und jüdische Geschäfte zerstörte und der so auch die Weinhandlung, die die jüdischen Gebrüder Weiß hier in Schopenhauers Sterbezimmer betrieben, heimsuchte und weitgehend in Trümmer legte. Selbst die Schopenhauer-Büste im Atrium kam bei diesem Wüten zu Schaden, doch existierte noch ein weiterer Abguss des Werkes, der nach dem Krieg ins SchopenhauerArchiv kam.245 Die Geschichte hatte eine verhängnisvolle Wendung genommen: 1848 hatte Schopenhauer die Hand dazu gereicht, dass 156

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aus seiner (im Nachbarhaus gelegenen) Wohnung heraus auf die demokratische Linke geschossen wurde. Der Sturm, der jetzt in seinen hinterlassenen Räumen wütete, wäre wohl unterblieben, hätten im Ringen der Jahre 1848/49 jene Kräfte die Oberhand behalten, die er so tief verachtetet hatte. Es hatte ganz den Anschein, als sollte die Skepsis, die Thomas Mann gegenüber Schopenhauers entschieden apolitischer Haltung geltend gemacht hatte, an ein und demselben Ort ihre empirische Begründung finden. Mann traf in Amerika übrigens auf einen anderen Denker und Philosophen, ebenfalls ein Frankfurter, Adorno, der von den Gewaltexzessen, die am 9. November an der Schönen Aussicht tobten, indirekt kaum minder betroffen war: In der Nachbarschaft des Schopenhauerhauses, in den Nummern 9 und 7, hatte sein jüdischstämmiger Vater gleichfalls eine Weinhandlung betrieben. Die Familie war rechtzeitig ins Exil gegangen, dann aber enteignet worden. Adorno stellte nach seiner Rückkehr 1949 Entschädigungsansprüche wegen der Häuser.246 Die Frankfurter Stadtverwaltung hatte die Schlägertrupps zwar nicht ausgesandt, doch in dem Umstand, dass diese die jüdischen Eigentümer und Mieter aus dem Feld geschlagen hatten, erkannte sie sofort ihre Chance. Die Gebrüder Weiß kündigten Schopenhauers Wohnung zum Jahresende, Hausherr Fuld-Sachs sah sich bald zum Verkauf der Immobilie an die Stadt gezwungen, und im Kulturamt der Stadt hieß es noch im November: „Da Schopenhauer der einzige ‚Frankfurter‘ ist, der es neben Goethe zu einem unbestrittenen und unbestreitbaren Weltruhm gebracht hat, ist es schon längst wünschenswert, dass die Stadt Frankfurt ihm eine seines Namens würdige Gedächtnisstätte errichte. Hierzu bietet sich nun eine sehr glückliche Gelegenheit, insofern die baulich völlig unverändert erhaltene Sterbewohnung des Philosophen (zur ebenen Erde Schöne Aussicht 16) am 1. 1. 1939 frei wird.“247 Das Pogrom als „sehr glückliche Gelegenheit“! Schon am 2. Dezember 1938 verfügte der Ober157

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bürgermeister die Einrichtung des Museums. Im folgenden Jahr bewilligte er Mittel zum Ankauf des Hauses und im November 1939 weitere Gelder. Aus der Stadtbibliothek, an deren Giebel nun endlich auch die Inschrift nach dem Vorschlag des Meisters verbessert wurde (s. o. S. 48f.), verbrachte man die umfangreichen Schopenhaueriana hierher, und aus dem Stadtgeschichtlichen Museum, dem heutigen Historischen Museum, wurde die alte Küche, die dort noch im ursprünglichen Zustand vorhanden war, herübergeschafft.248 Zu Schopenhauers Geburtstag am 22. Februar 1940 war die Eröffnung vorgesehen. Hübscher hatte seine Rede für diesen Anlass schon fertig, da musste „mit Rücksicht auf die augenblickliche Lage“, also den Krieg, die Einweihung ausgesetzt und verschoben werden.249 Hübscher druckte seine nicht gehaltene Rede mit dem Titel Aufgaben der Schopenhauer-Forschung stattdessen im Jahrbuch ab.250 Aus intimer Kenntnis des Werkes und der Rezeption des Meisters formulierte er hier eine Vielzahl von Desiderata für künftige Forschungen zu Schopenhauer. Dabei wies er darauf hin, dass hier auch die geschichtsphilosophische Betrachtung wohl bald zum Zuge kommen würde. Vielleicht, so meinte er, „wird einer gar nicht so fernen Zukunft eine neue Erkenntnis der bleibenden Geltung von Schopenhauers Geschichtsphilosophie beschieden sein, die Erkenntnis, dass gerade die bewusste Abwendung seiner Lehre von allem historisch Bedingten, ihre Erhebung ins Zeitlose, die unumgängliche Voraussetzung für eine objektive Erfassung des Phänomens Geschichte bildet. Vielleicht auch werden schon die großen geschichtlichen Umwälzungen, die wir Heutigen miterleben, zu einer ungeahnt radikalen Widerlegung des noch immer in vielerlei Formen und Arten herrschenden Fortschritts-Optimismus Hegelscher Herkunft führen und damit den Boden auflockern zu einem vertieften Verständnis der Geschichtsphilosophie und ‒ untrennbar damit verbunden ‒ der Ethik Schopenhauers.“ Der Tenor in diesen Äußerungen ist unver158

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kennbar ein anderer als der beim Antipoden Thomas Mann. Die bewusste Abwendung von allem historisch Bedingten: War es nicht eher eine Anti-Geschichtsphilosophie? Mit der Ethik allerdings, die Schopenhauer formuliert hatte, hätte sich in der Tat manch scharfer Einspruch nicht nur gegen Hegel, sondern auch gegen die „großen geschichtlichen Umwälzungen“ der damaligen Zeit begründen lassen. Jene Umwälzungen waren es auch, die das Schopenhauer-Museum, nachdem sie es erst befördert hatten, ebenso schnell wieder zu Fall brachten. Wieder einmal war es Mockrauer, der von dunklen Ahnungen getrieben war: Schon im April 1941 erkundigte er sich angesichts drohender Luftangriffe von Schweden aus nach der Sicherheit von Schopenhauer-Dokumenten in Deutschland.251 Bald begann man damit, die Bestände des Schopenhauer-Archivs in Sicherheit zu bringen ‒ zu spät, wie sich zeigen sollte. Der radikalisierte Krieg verhinderte die Eröffnung des Museums endgültig: In den beiden verheerenden Luftangriffen auf die Frankfurter Altstadt am 18. und 22. März 1944, die auch das Goethe-Haus in Trümmer legten, fiel schließlich auch das Schopenhauer-Haus. Es wurde weitgehend zerstört; die massiven Außenmauern des Erdgeschosses, in dem sich Schopenhauers Wohnung befunden hatte, standen aber noch komplett.252 Fast noch dramatischer aber ist die Tatsache, dass ein Teil der Sammlungen nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden war. Am Goethe-Haus, wo man um Distanz zum NS-Regime bemüht war, hatte man schon zu Kriegsbeginn zügig mit der Auslagerung des Inventars begonnen und eine genaue Dokumentation des Gebäudes vorgenommen, so dass ein Wiederaufbau und seine Ausstattung nach dem Krieg möglich wurden.253 Das Schopenhauer-Museum aber war zu sehr mit den offiziellen Stellen verwoben, als dass die Zeichen der Zeit früh genug erkannt worden wären. Die Auslagerungen begannen daher zu spät. Die Sammlung Gruber, 159

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die exklusiv im Eigentum der Schopenhauer-Gesellschaft war, und einige andere Stücke ‒ ein Abguss der neyschen Büste aus Schopenhauers Nachlass,254 die berühmte Bleistiftzeichnung von Wilhelm Busch,255 die Schopenhauer mit seinem Pudel zeigte, und anderes mehr ‒ hatte man in der sogenannten Schatzkammer, einem Kellerraum der Stadtbibliothek, untergebracht, den man für bombensicher hielt. Nach dem ersten der beiden verheerenden Angriffe vom März 1944 traf der zuständige Archivar, Karl Jahn, die Entscheidung zur Evakuierung. Die Stücke standen zum Abtransport bereit, als sie beim zweiten Angriff vier Tage später, am 22. März, eine Bombe traf, die sie angeblich vollkommen vernichtete.256 Auch die Manuskripte zur dritten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung (1859) und Ueber den Willen in der Natur, die man erst kurz zuvor aus dem Nachlass Wilhelm Trübners erworben hatte, wurden ein Raub der Flammen. Darüber hinaus verbrannten Einrichtungsgegenstände, die sich noch im Schopenhauer-Haus befunden hatten, wie Schopenhauers Bett, sein Schrank und sein Spiegel. Dagegen habe Jahn persönlich sein Sofa, auf dem er gestorben war, seinen Schreibtischstuhl und eine Blechwanne mit Schopenhauer-Büchern aus dem Nachlass von H. H. Houben in letzter Minute aus dem brennenden Haus gerettet.257 Eine ganze Reihe anderer Gegenstände gingen in den Wirren der letzten Kriegsmonate wohl verloren, einige wenige kamen später wieder zutage. Auch wenn der größte Teil des Frankfurter Archivs gerettet werden konnte, so waren die Verluste, die die Schopenhauer-Überlieferung in diesem apokalyptischen Szenarium erlitt, doch denkbar empfindlich.258 Die Stadt Frankfurt entschied sich nach dem Krieg für einen kompletten Neubau der Innenstadt. Die noch vorhandenen Erdgeschossmauern des Schopenhauer-Hauses wurden abgeräumt und an ihrer Stelle ein kleinteiliges Appartementgebäude errichtet, über dessen Haupteingang auch wieder eine Gedenktafel mit dem Hin160

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weis auf das Sterbehaus angebracht wurde. Doch das Projekt eines Museums war damit zunächst einmal zu Ende; spätere Initiativen, es wieder zu beleben, und sei es an anderer Stelle in der Stadt, hatten bis heute keinen Erfolg.259 Schopenhauers Erbe hat durch Krieg und NS-Herrschaft materiell, wohl aber auch ideell beträchtlichen Schaden genommen.

Affären und Entwicklungen während des Krieges Die Koralle, eine illustrierte „Zeitschrift für Unterhaltung“, brachte im September 1940 einen Artikel über das Phänomen des Geizes. Mit zahlreichen Bildern und kurzen kommentierenden Glossen führte sie von Voltaire über Marlborough und anderen bis hin zu Rockefeller eine Reihe prominenter Persönlichkeiten aus der Geschichte auf, die sie als Geizkragen identifizierte. Auch Schopenhauer fand sich in dieser illustren Galerie. In einem kurzen, ca. zwanzigzeiligen Spaltentext wurde ihm vorgehalten, gegenüber seinen Bediensten als kleinlicher Tyrann aufgetreten zu sein, der auf dem Etikett seiner Rotweinflasche heimlich die Pegelstände markiert habe.260 Das sorgte für Ärger. Kein Geringerer als der reiz- und streitbare Hans Pfitzner verlieh dem Marginalen, Unbedeutenden unangemessenes Gewicht, indem er eine Affäre daraus machte. Pfitzner, ein Verehrer Schopenhauers261 und seit 1937 Mitglied in der Gesellschaft, fühlte sich durch den Artikel geradezu persönlich beleidigt. Empört wandte er sich an Hübscher:262 Er nehme die Sache „verflucht ernst“, die Schopenhauer-Gesellschaft müsse dagegen ‒ am besten durch eine Beschwerde bei Alfred Rosenberg ‒ einen energischen Schritt tun, „denn wofür ist sie da?“ Wenn es nicht gelänge, den Verfasser des Artikels, den „anonymen Schuft“, unschädlich zu 161

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machen und zu einem Dementi zu veranlassen, trete er, Pfitzner, aus der Gesellschaft aus. Hübscher hatte zu diesem Zeitpunkt schon selbst einen Protestbrief an die Redaktion der Koralle geschickt, die ihm in einem längeren Schreiben versicherte, man habe keine beleidigende Absichten verfolgt. Hübscher reichte die Antwort nicht aus. Die „Unwissenheit und bodenlose Leichtfertigkeit“, die schon beim Abfassen des Artikels die Feder geführt habe, werde durch diesen Rechtfertigungsversuch noch überboten. Noch einmal forderte Hübscher die Koralle auf, eine Berichtigung zu veröffentlichen, in der von den früheren Ausführungen in allen Einzelheiten abgerückt werde. Wohl auch gedrängt durch Pfitzner, wandte er sich nun tatsächlich an Rosenberg, der aber anderes zu tun hatte, als sich in einen solchen Kleinkrieg einzumischen. Durch seinen Adjutanten ließ er Hübscher ausrichten, in der Form hätte der Artikel etwas liebenswürdiger ausfallen können, doch entsprächen die Tatsachen im Großen und Ganzen der Wahrheit. Rosenbergs gleichgültige Haltung zeigte noch einmal, wie wenig er Schopenhauer allen öffentlichen Reden bei den Danziger Feiern zum Trotz in Wahrheit schätzte. Offenbar wandte Hübscher sich daraufhin an die Goebbels unterstellte Reichspressekammer, die die Sache an nachgeordnete Organe abschob. Mit halbjähriger Verzögerung wurde der Schriftleiterin der Koralle im März 1941 auf diesem Weg vom Berliner Landesverband des Reichsverbandes der Deutschen Presse eine „ernste Ermahnung“ erteilt. Eine öffentliche Distanzierung war damit immer noch nicht erfolgt. Hübscher und Pfeiffer hielten es nach so langer Zeit aber nicht mehr für opportun, darauf weiter zu bestehen; das Publikum habe die Angelegenheit bereits vergessen, durch eine Berichtigung komme der Vorwurf des Geizkragens nur noch einmal erneut in die Öffentlichkeit. Nur der unversöhnliche Pfitzner war noch dafür, jetzt Goebbels selbst mit dem Vorgang zu befassen, wovon Hübscher sich aber nichts mehr versprach. Pfitzner beruhigte sich schließlich 162

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wieder, und die Sache lief sich tot. Wie hatten seriöse SchopenhauerLeser einer solchen Zeitschrift wie der Koralle überhaupt Ernst beimessen können? Ihr Verhalten sagt etwas aus über die Geistes- und Charakterhaltung jener Zeit, da man Verrat und Gefahr selbst im Harm- und Belanglosesten noch witterte. Nicht an sich, sondern einzig unter dem Gesichtspunkt der Intransigenz und des beträchtlichen denunziatorischen Eifers, die an ihr offenbar wurden, ist die Affäre von einem gewissen historiographischen Interesse. Denunziation kam auch wieder ins Spiel, als im Herbst des Jahres 1941 turnusmäßig die Neuwahlen für den Vorstand und die Wissenschaftliche Leitung anstanden. Man verzichtete angesichts der noch immer etwas prekären Situation der Gesellschaft und der allgemeinen Lage (der Krieg gegen die Sowjetunion hatte begonnen) auch jetzt wieder auf eine Generalversammlung und lud zur schriftlichen Abstimmung ein. Es standen alle Herren zur Wiederwahl, die seit 1937 schon im Amt waren. Aus dem Kreis der Mitglieder gab es Einwände: Ein Herr schlug vor, Fauconnet von der Bewerberliste zu streichen, da man mit Frankreich im Krieg sei; Hübscher konnte es ihm ausreden.263 Schwerer wog der Einwand, den Gymnasialprofessor Josef Krug aus Wien gegen die Wiederwahl von Hans Oellacher, seit 1937 Mitglied im Vorstand, erhob. Oellacher sei „in der Systemzeit in Oesterreich vor dessen Rückgliederung in das Deutsche Reich ein fanatischer Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen und habe sich auch als solcher „weit über den Zwang, der auf den damaligen Staatsbeamten lastete, freiwillig und eifrig betätigt“.264 Oellacher, ein klassischer Philologe, der auch als Spezialist für Papyri in Erscheinung getreten war und sich später habilitierte, war nach dem Anschluss Österreichs 1938 tatsächlich von seinem Dienst als Gymnasiallehrer in Salzburg suspendiert worden.265 Hübscher hatte ihn im Jahr zuvor in den Vorstand geholt, da er eine von ihm geschätzte Arbeit über die Einflüsse von Platons 163

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Ideenlehre auf die Metaphysik Schopenhauers vorgelegt hatte.266 Im Jahrbuch zum großen Schopenhauer-Jubiläum 1938 war er ebenfalls mit einem kleinen Beitrag, Feier und Aufgabe, vertreten.267 Darin finden sich einige bemerkenswerte Formulierungen, die sich so vielleicht nur ein Autor erlauben konnte, der damals, kurz vor dem Anschluss Österreichs, noch im Ausland lebte. Wenn er Schopenhauer dort als denjenigen abendländischen Philosophen charakterisierte, der, anknüpfend an Platons Eros, als erster dem Triebleben wieder den gebührenden Platz einräume, so ist dies eine direkte Entgegnung auf Rosenbergs Schopenhauer-Interpretation im Mythus. Und wenn Rosenberg in seiner Danziger Rede sagte, Schopenhauer stehe uns, dem nazistischen Deutschland, heute näher, als er es jemals den früheren Geschlechtern gewesen sei, so notierte Oellacher in seinem Beitrag zeitgleich, die geistige Welt Schopenhauers sei nicht ganz die uns heute umgebende; es ehre den Mann, dass er heute nicht „populär“ sei; von der heute umlaufenden Kleinmünze sei keine auf ihn anwendbar. Schließlich gerieten ihm besonders die Schlussworte seines Beitrags zu einer unverblümten Absage an den Ungeist der Zeit: „Unsere Aufgabe soll schlichter Dienst am Werke sein: eine kleine bewegte Gemeinde möge das überkommene Geistesgut rein und lauter in eine andere Welt hinüberreichen, die besser sein wird als unsere. Wir glauben an eine Zukunft des Geistes.“ So veröffentlicht im Februar 1938. Wenige Wochen später, nach Hitlers Einmarsch in Österreich, war Oellacher seine Stellung los. Ab 1940 war er in München bei dem Thesaurus linguae Latinae, dem umfangreichsten lexikalischen Werk über die lateinische Sprache, tätig. Es war nicht verwunderlich, dass sich ein Anhänger des Regimes gegen die Wiederwahl eines Mannes mit solchem Hintergrund aussprach. Hübscher, der Ärger vonseiten Krugs befürchtete, rühmte Oellacher gegenüber seinem Vertrauten, Pfeiffer, jedoch als „ganz ausgezeichneten Mann“.268 Auch Pfeiffer wollte ihn halten, 164

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schlug aber vor, gegebenenfalls zu Oellacher zu gehen und ihn unter Vorlage der Korrespondenz zu bitten, im Interesse der Gesellschaft auf seine Wiederwahl zu verzichten. Hübscher zögerte seine Antwort an Krug etwas hinaus und ließ die Wahl geschehen. Krug verweigerte der Liste mit Verweis auf Oellacher seine Zustimmung, machte ansonsten aber keine weiteren Probleme. Oellacher blieb im Amt und erlebte nach dem Fall des Regimes auch beruflich seine Rehabilitation. Der Krieg brachte der Gesellschaft zwischenzeitlich erstaunlicherweise noch einmal einen kleinen Aufschwung.269 Noch 1939 schien die Lage sehr bedenklich. Die Geldmittel waren auf ein Minimum geschrumpft. Ein offensives Einwerben öffentlicher Zuschüsse schien den Verantwortlichen als sehr zwiespältig. Der Druck des Jahrbuchs für 1940 schien daher gefährdet, zumal im weiteren Verlauf des Krieges die jetzt verordnete Papierkontingentierung zu einem immer ernsteren Problem wurde. Ebenso ging die Zahl der Mitglieder einem Tiefstand entgegen und betrug Anfang 1942 nur noch 348. Doch 1940 ging wieder eine Spende eines Mitglieds über 500 RM ein, was die Lage etwas entspannte. 1942 schien sich sogar eine Wende abzuzeichnen. Die Kassenlage sei befriedigend, hieß es jetzt. Auch die Zahl der Mitglieder stieg in den Jahren 1943 und 1944 wieder auf 439 an. Mangels anderweitiger Konsummöglichkeiten hatten die Menschen verstärkt Geld für Bildung übrig, auch wenn es im Grunde genommen schon Inflationsgeld war. Die überschüssigen Exemplare der älteren Jahrgänge des Jahrbuchs erlebten 1943 mit etwa 1 000 verkauften Stücken so geradezu einen Absatzboom. Es war aber wohl nicht nur überschüssiges Geld: Auch Schopenhauer selbst muss dem interessierten Publikum unter den Drangsalen des Krieges einiges bedeutet haben. War die monetäre Lage der Gesellschaft somit verbessert, machte nun allerdings das Finanzamt Schwierigkeiten und versuchte, da man es versäumt hatte, die Sat165

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zung neuen gesetzlichen Bestimmungen des NS-Staates anzupassen, die Gesellschaft und die ihr zugehörige Lindtner-Stiftung zu besteuern. Auch die zuständige Stelle für die Papierzuteilung verweigerte für das Jahrbuch 1944 zunächst jegliches Kontingent.270 Doch da trat 1943 unvermittelt ein denkbar hoher Protektor aus Hitlers allerengstem Umfeld in Erscheinung: Martin Bormann. Was es damit auf sich hatte, schilderte Hübscher in einem Brief an Zint: „Vor einiger Zeit bat der Leiter der Parteikanzlei, Reichsleiter Martin Bormann um Übersendung unserer Jahrbücher an seine Anschrift. Gleichzeitig machte er noch 5 Adressen namhaft, an die wir die Jahrbücher schicken möchten. Ich konnte seinen Wunsch ganz erfüllen und auch die anderen Adressen wenigstens teilweise beliefern lassen. Noch bevor diese Angelegenheit erledigt war, schickte er mir mit einem netten Brief einen Scheck über 10 000 Mark für die Gesellschaft. In meinem Dankesschreiben nahm ich die günstige Gelegenheit beim Schopf um 1.) um eine Befürwortung in der Sache der Papierbewilligung für das nächste Jahrbuch zu bitten, die Schwierigkeiten bereitet und 2.) ihn zu fragen, ob irgend eine Gelegenheit bestünde, meine Schopenhauer-Sachen noch hinaus zu bringen. Er hat diese Wünsche erfüllt: ein Herr der Parteikanzlei wird in diesen Tagen die Sache mit dem Papier erledigen. Das Ergebnis der zweiten Bitte ist eben das vorhin genannte Lastauto. Dies alles natürlich streng vertraulich.“271 Einige Monate später sprach Hübscher von einem persönlichen Interesse Bormanns für Schopenhauer, weshalb er ihm mehrfach Unterstützung habe zuteil werden lassen. Doch wäre es nicht gut, seine Bereitwilligkeit allzu sehr in Anspruch zu nehmen.272 Nicht nur Bormann half, für 1943 ist auch von zahlreichen großen und kleinen Spenden aus Mitgliederkreisen und einem so zustande gekommenen Anstieg des Vermögens auf über 24 000 RM ‒ mehr als das Vierfache des Bestands von 1940 ‒ die Rede. Das Pro166

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blem aber war: Güter und Dienstleistungen, wie etwa das Druckpapier, das man eigentlich gebraucht hätte, gab es nicht mehr zu kaufen; Geld war vorhanden, aber es war eigentlich nichts mehr wert. Mitten im Krieg, als Hübscher in München mehrfach Opfer von Ausbombung wurde und nur mit Mühe auch seine Unterlagen zu Schopenhauer und der Schopenhauer-Gesellschaft retten konnte, erlebte die Gesellschaft so eine etwas unwirklich anmutende Spätblüte. Im Jahr 1944 konnte Hübscher, vor allem dank Bormanns Intervention bei der Papierzuteilung, so doch noch ein Jahrbuch herausbringen. In seinen Vorworten hatte er sich mit Äußerungen zum Zeitgeschehen bislang zurückgehalten. Angesichts der Zerstörung eines Teils der Bestände des Schopenhauer-Museums durch Bomben schien es jedoch angebracht, das Schweigen aufzugeben. Doch wie konnte man sich unverfänglich zu dem Geschehen äußern? Hübscher tat sich schwer und beriet sich darüber mit Pfeiffer und Zint. Dem deussenschen Weltkriegspatriotismus sei er ja nie gefolgt; das Vorwort für das jetzt anstehende Jahrbuch solle aber nicht nur Bormann gefallen, sondern auch „unseren ausländischen Freunden“.273 Zint sprach von den Schwierigkeiten, einerseits den Anforderungen des Propagandaministeriums zu genügen und auf der anderen Seite dem Geist Schopenhauers gerecht zu werden. Vor einer Nachwelt, die dem babylonischen Sprachgewirre dieser Zeit entronnen ist, werde er, Hübscher, das im Entwurf für das Vorwort Gesagte aber mit gutem Gewissen verantworten dürfen. Der Herausgeber des Jahrbuchs wandelte 1944 auf schmalem Grat. In der gedruckten Fassung lautet die betreffende Passage des Vorworts dann wie folgt: „Der umfassende Anschauungsunterricht, den das vergangene Jahr der Philosophie Schopenhauers zuteil werden ließ, hat die stillen Bereiche unserer Arbeit nachdrücklicher einbezogen, als wir in unseren nüchternsten Erwartungen es für möglich gehalten hätten. 167

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Das Schopenhauer-Museum, die Zentralstelle der Schopenhauerforschung besteht nicht mehr. …“ Hübscher sprach vom Verlust aller Arbeitsmöglichkeiten, des Museums, der Verlage, der Bücher und der Sammlungen. „Wir haben begreifen müssen, dass wir nicht den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Krieges gegenüberstehen, sondern dem planmäßigen Angriff auf die kulturellen Traditionen Deutschlands. Was hier getroffen werden sollte, ist nicht die deutsche Wehrmacht, die deutsche Rüstung oder vielleicht ein missliebiges politisches System [sic!], es sind die großen Namen … Goethe, Beethoven, Schopenhauer …“ Hübscher hielt dem entgegen, dass man dennoch einen Aufsatz wie „Schopenhauer und England“ abdrucke. Das „Eigentliche und Fortzeugende“ bleibe aller Vernichtung unzugänglich. „Wenn wir heute unsre Stimme für dieses Eigentliche, Unvergängliche erheben, so wissen wir, dass sie über die Grenzen des Reiches hinaus gehört werden wird. Unter Trümmern und in den Schauern der Vernichtung dienen wir den ewigen Werten, als Deutsche, als Europäer, als Wortführer des gesitteten Teiles der Menschheit.“ Hübschers Formulierung vom „missliebigen politischen System“ ist bemerkenswert, er hätte, für ihn unverfänglicher, auch eine neutrale Formulierung ‒ etwa „die Führung des Deutschen Reiches“ ‒ wählen können. Auch der Verweis auf Europa lag sicher nicht auf der Linie. Aber seine Worte waren zugleich eine Kritik an den Alliierten, die im Begriff waren, auch alles Zivile und alles Kulturelle unterschiedslos auszumerzen. Auch Hans Zint war von den Kriegsmaßnahmen nun persönlich bedroht. Im Frühjahr 1945 zeichnete sich ab, dass seine einsame Zufluchtsstätte im Riesengebirge von Kampfhandlungen nicht verschont bleiben würde. Zint hätte sich bald schon auf die Flucht begeben müssen. Doch den Einmarsch der Roten Armee erlebte er nicht mehr. Auf einem Stuhl sitzend, verstarb er am 1. März 45, ohne Todeskampf, im Alter von 62 Jahren in seinem Haus in Hermsdorf. 168

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Seine Frau konnte danach noch in den Westen entkommen. Sein Nachlass, der für die Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft von Bedeutung gewesen wäre, konnte nicht mehr gesichert werden. 1954 erschienen fünf seiner bedeutendsten Aufsätze aus dem Jahrbuch in einem kleinen Sammelband.274 Hübscher würdigte mit warmen Worten Person und Lebensleistung im Vorwort. Zints unermüdliche Geistesarbeit am Werk Schopenhauers hatte so Wirkung über seinen Tod hinaus.

Geschönte Bilanz Anpassung oder Auflösung ‒ wenn dieses in der NS-Zeit objektiv die Handlungsalternativen für eine Vereinigung wie die Schopenhauer-Gesellschaft waren, so kann es, da die Gesellschaft kontinuierlich Bestand hatte, gar nicht anders sein, als dass das Gesamtbild, das sie in dieser Phase bot, durchwachsen ist. Welchen Preis hatte sie für ihren Fortbestand ‒ freiwillig oder erzwungen ‒ bezahlt? Das charakteristische Moment, das alle Handlungen der Hauptakteure ‒ Zint, Hübscher, Pfeiffer, aber selbst noch Emge und andere ‒ durchzog, war Unsicherheit; Unsicherheit darüber, wie man sich angesichts der schnell sich wandelnden Situation und der Undurchschaubarkeit, auch der Unberechenbarkeit und der Willkür des Regimes verhalten sollte. Immer wieder drohte das Damoklesschwert der Auflösung: weil die wirtschaftliche Grundlage schwand, weil aufgrund der allgemeinen politischen Verhältnisse die Mitgliedschaft, zumal bei den jüdischen Mitgliedern, scheinbar unaufhaltsam zurückging; und überall wurde man Zeuge, wie vergleichbare bürgerliche und kulturelle Vereinigungen mittelbar oder unmittelbar niedergemacht wurden. Die Schopenhauer-Gesellschaft ist insofern ein sehr ungewöhnliches Exempel, als sie die NS-Zeit 169

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überdauert hat, ohne sich offen in die Arme des Regimes zu begeben. Es ist dies eine nicht geringe Leistung. Das Hauptkapitel, das der Nachwelt jedoch Anlass zu kontroverser Diskussion gibt, ist die „Hinauswahl“ der Juden 1937. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass eine Behörde, die Partei, das Amt Rosenberg, die Kulturkammer oder sonst ein Organ des Regimes Hübscher und Pfeiffer unmittelbar zu diesem Schritt genötigt hätten. Sie taten es aufgrund ihrer Einschätzung der allgemeinen Lage; das Festhalten an den jüdischen Vorstandsmitgliedern, so glaubten sie, hätte die Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt in größte Schwierigkeiten bringen müssen, wofür in der Tat einiges spricht, wie etwa die Anfrage der Reichsschrifttumskammer nach der Zahl der „nichtarischen“ Mitglieder in der Gesellschaft im Herbst 1938. Keinen Anhaltspunkt gibt es dafür, dass sie es aus einer eigenen antisemitischen Haltung heraus getan hätten; Del Vecchio haben sie dauerhaft in ihren Reihen gedeckt, Cossmann, dem jüdischstämmigen Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte, hat Hübscher bis zum Schluss die Treue gehalten; auch Frauenstädts Nennung in der Schopenhauer-Ausgabe darf man ihm anrechnen. Gleichwohl steht Hübschers generelle Haltung zum Nationalsozialismus wegen seines Parteieintritts 1937 zur Debatte ‒ gerade auch wenn man berücksichtigt, wie Taub, Wurzmann, Mockrauer und andere ihre Verstoßung aus Deutschland im Allgemeinen, aus der Gesellschaft im Besonderen erlebt und erfahren haben. Der Eintritt sei bei seiner Stellung als Schriftleiter im Münchner Zeitungsverlag erzwungen gewesen, sagte Hübscher nach dem Krieg. Doch nicht alle seine Handlungen und Äußerungen während der NS-Zeit sind über jeden Zweifel erhaben; manche der zitierten Äußerungen aus seiner Feder bewegen sich, wie häufig bei Personen mit einem stark rechtskonservativ-nationalistischen Hintergrund, auf einem Terrain, das auch die Nazis als das ihre für sich beanspruchten; in seiner öffentlichen Formulierung 170

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vom „missliebigen politischen System“ 1944 deutet sich aber eine Absetzbewegung an. Es geht bei allem auch um Maßstäblichkeit: Die Denunziationen und Aktionen von Leuten wie Kormann mit seinem Vorschlag, den Arierparagraphen in der Gesellschaft anzuwenden, Maria Groeners und Raymund Schmidts schrille Agitation oder der Einspruch von Josef Krug gegen die Wahl Oellachers waren erkennbar von anderer Qualität und zeigen kontrastierend am Fall selbst, was eine genuin nazistische Einstellung ist. Auch schriftliche Exkurse zu Rassenfragen und dergleichen originären NS-Themen, wie sie einige Autoren des Jahrbuchs praktizierten, sind von Hübscher ‒ von kaum bedeutenden Randbemerkungen abgesehen ‒ nicht vorhanden. Und bis zum Schluss war er hinsichtlich einer verfänglichen Einlassung der Gesellschaft mit Behörden und Vertretern des Regimes erkennbar zurückhaltend. Der Historiker könnte diesen Befund so stehen lassen, wäre da nicht die Würdigung von Hübschers Verhalten durch die Spruchkammer in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Hier wurde die Historie in ihrer ganzen empirisch feststellbaren Widersprüchlichkeit schlicht und einfach liquidiert. Jede Person, die Mitglied der NSDAP gewesen war, musste sich vor diesem Forum verantworten, so auch Arthur Hübscher, der dieses Verfahren in München zu durchlaufen hatte.275 Hübscher wurde von dem öffentlichen Kläger in die zweithöchste der vom Befreiungsgesetz vorgegebenen fünf Belastungsgruppen, in die Gruppe der „Belasteten“, eingereiht.276 Der Kläger folgte dabei schlicht einer Bestimmung des Gesetzes, nach der eine Person, die gleichzeitig Mitglied in der Partei und in der Reichspressekammer gewesen war, formal hier einzureihen war, brachte darüber hinaus aber keinerlei konkrete Belastungsindizien vor. Hübscher und sein Anwalt setzten alles daran, ihn von dieser rein formellen Beschuldigung zu entlasten. Es wurde dabei nicht nur seine berufliche Stellung als Schriftleiter in München, sondern vor 171

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allem auch seine Tätigkeit für die Schopenhauer-Gesellschaft thematisiert. Zahlreiche Personen, auch aus seinem direkten Umfeld in der Gesellschaft, stellten ihm bereitwillig Entlastungsschreiben zur Verfügung: Hermann Glockner, Konrad Pfeiffer, die Verleger Reinhard Piper und Hans Brockhaus, schließlich mehrere Personen aus dem Ausland: André Fauconnet, Hans Oellacher, Giorgo Del Vecchio, der englische Schopenhauer-Forscher und -Übersetzer Eric Francis Payne, der mit der Besatzungsarmee nach Deutschland gekommen war. Auch Emge schickte ein Schreiben, während Hübscher sich seinerseits bei Emge mit einem Schreiben für dessen Spruchkammerverfahren revanchierte.277 Dass ein Beklagter nicht auf historischer Wahrheitssuche ist, sondern seine Interessen verficht und die Dinge einseitig und in seinem Sinne pointiert darstellt, versteht sich von selbst. Das wurde hier aber so weit getrieben, dass man es nicht nur mit der halben Wahrheit zu tun hatte, sondern das Ganze bisweilen in Unwahrheit umzukippen drohte. Mehr noch und schwerwiegender: Es färbte auf die Geschichtsschreibung der Institution ab, für die der Beklagte stand: der Schopenhauer-Gesellschaft. Hübschers Anwalt charakterisierte dessen Tätigkeit für die Gesellschaft als „jahrelange, bewusste Sabotage der nationalsozialistischen Politik in geistiger und kultureller Beziehung“. Im Jahrbuch habe man bewusst belastete Autoren publizieren lassen. Von Schemanns oder Rauschenbergers Artikeln zu Rasseproblemen sprach er nicht. Als Beispiel für die belasteten Autoren nannte er unter anderem Mockrauer. Ausgerechnet Mockrauer! Der hatte im Jahrbuch zuletzt 1936 geschrieben, als nicht Hübscher, sondern Zint noch Herausgeber gewesen war. Ein von ihm noch wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eingesandtes Manuskript über Walter Scott und Arthur Schopenhauer hatte Hübscher nicht mehr zum Abdruck gebracht.278 Der hatte ihn unterdessen unsanft aus dem Vorstand hinausgedrängt und sah sich daher gerade jetzt, 1946, als er dabei war, von allerhand Personen Entlastungsschrei172

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ben einzusammeln, mit Anfragen Mockrauers zur NS-Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft konfrontiert, die „Ihnen z. T. unangenehm sein werden“ (siehe dazu unten S. 180f ).279 Dass vor diesem Hintergrund nun auch Mockrauer ohne sein Wissen und Einverständnis für Hübschers Prozessstrategie vereinnahmt wurde, verleiht dem entlastenden Hinweis auf die seinerzeit ungelittenen Autoren eine unschöne Färbung. ‒ Von den schwierigen Verhältnissen des Jahres 1937, der „Hinauswahl“ der Juden aus den Gremien, ist in dem ganzen Verfahren ohnehin an keiner Stelle die Rede. Stattdessen wird Hübscher immer nur attestiert, er habe die Gleichschaltung der Gesellschaft und die Einführung des Arierparagraphen verhindert, was allerdings das Hauptverdienst von Zint gewesen war. Pfeiffer ging in seinem Entlastungsschreiben, dessen Inhalt ihm von Hübscher zuvor ohnehin souffliert worden war,280 dann sogar so weit, ein Treffen anzuführen, das er im Oktober 1937 mit Hübscher, Schatzmeister Sülzner und Taub gehabt hatte; es sei dabei darum gegangen, die Feier von Schopenhauers 150. Geburtstag vorzubereiten, aber sich trotzdem der Einflussnahme der Nazis auf die Gesellschaft, wie sie damals sehr stark befürchtet worden sei, zu entziehen. Prüft man die Unterlagen aus der Zeit selbst, ging es bei dem Treffen weniger um die Jubiläumsfeier als vielmehr um die Frage, wie man die jüdischen Vorstandsmitglieder bei der anstehenden Neuwahl zum Verzicht bewegen konnte, und um neue Kandidaten.281 Das Treffen erscheint so in einem anderen Licht, als Pfeiffer es zur Entlastung nun darstellte. Auch Emge strich unter anderem heraus, wie mutig Hübscher gewesen sei, Del Vecchio zu halten, und schrieb, es sei „hier, wie auch in allen anderen Fällen, Herrn Dr. Hübscher als Vorsitzendem [gelungen,] die Schopenhauer-Gesellschaft unversehrt zu lassen“. Solche Äußerungen widersprachen, angesichts des Schicksals von Wurzmann, Taub und Mockrauer, direkt dem historischen Sachverhalt. Doch der Kammervorsitzende Dr. Mar173

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tini nahm all diese Vorbringungen dankbar auf. Nirgends fand er sich zu einem kritischen Nachfragen, einem Abwägen, einem Infragestellen der präsentierten Dokumente bereit. Stattdessen verstärkte er die von den Zeugen und dem Anwalt angelegte Tendenz zur Entlastung sogar noch beträchtlich: Hübscher habe nach Hitlers Machtergreifung sofort seine Stellung als Hauptschriftleiter bei den Süddeutschen Monatsheften verloren, schrieb er; tatsächlich behielt Hübscher sie bis Ende 1933, war dann unter einem scharfen NS-Mann Stellvertreter und wurde 1936, im Jahr der Einstellung, noch einmal Hauptschriftleiter.282 Ein regimekritischer Artikel, den er im März 1945 kurz vor dem Fall Münchens als verantwortlicher Redakteur noch in den Münchner Neuesten Nachrichten hatte passieren lassen283 und der ihm den Rauswurf aus dem Verlag eintrug, was in den Wirren des untergehenden NS-Regimes gewiss ein nicht ganz ungefährlicher Akt war, wurde von Hübscher sehr in den Vordergrund gespielt. Seine Geschichte im Nationalsozialismus und damit auch diejenige der Schopenhauer-Gesellschaft wurden von Zeugen, Anwälten, vom Betroffenen selbst, schließlich aber von der Kammer so lange zugerichtet, bis sie sich am Ende als „eine geschlossene Kette aktiver Widerstandshandlungen“ (Martini) darstellte. Um dieses Bild nicht zu trüben, ließ Hübscher damals auch noch die oben (S. 135f.) zitierte problematische Passage im Vorwort seiner Schopenhauer-Ausgabe vom Sommer 1937 verschwinden. Er unterschrieb das Vorwort der jetzt zur neuen Drucklegung anstehenden Ausgabe mit „München, im August 1937 / Waging am See, im Januar 1948“, so dass der Leser glauben musste, er habe 1948 den gleichen Text vor sich wie 1937. Bei Thomas Mann hatte Hübscher es noch lautstark kritisiert, als dieser die Betrachtungen eines Unpolitischen ohne Kenntlichmachung von Kürzungen neu herausgebracht hatte.

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Die Spruchkammer München stufte Arthur Hübscher am 30. September 1947 als „entlastet“ ein. Das war möglich, weil Tendenzen zum Widerständigen, die auch im historischen Material selbst vereinzelt erkennbar sind, in maßloser Übertreibung akzentuiert, auf der anderen Seite aber Verstrickungen, Dilemmata und partielle Anpassungen nicht nur kleingeredet, sondern ganz verschwiegen und somit gar nicht zum Thema gemacht wurden. Dieser offizielle Urteilsspruch prägte das Selbstbild, das Hübscher und die Schopenhauer-Gesellschaft sich von ihrem Verhalten in der NS-Zeit von nun an machten: „Wir dürfen heute, in Rückblick und Rechenschaft, wohl sagen, dass die Gesellschaft unangetastet in Haltung und Bestand die Zeit des Nationalsozialismus, Krieg und Zusammenbruch überdauert hat (…)“, resümierten Hübscher und andere später wiederholt.284 Und er musste sich darin auch insofern bestätigt fühlen, als es ihm nach dem Krieg tatsächlich gelang, gerade zu Taub und zu Mockrauer wieder ein enges Verhältnis aufzubauen. Hübscher standen nach dem Krieg noch vier Jahrzehnte intensiven Wirkens für Schopenhauer bevor. Seine Verdienste um die Sache des Philosophen waren am Ende sehr beträchtlich, entsprechend kam er im Alter zu hohen Ehren und Auszeichnungen und genoss größte Anerkennung. En passant wurde bei den vielfältigen Ehrungen so auch immer wieder darauf hingewiesen, er habe die Schopenhauer-Gesellschaft unbeschadet durch die NS-Zeit geführt. Einen Höhepunkt erreichte diese Lesart an seinem 85. Geburtstag im Jahr 1982, als der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in seiner Laudatio auf den betagten Jubilar auch lobend auf die Vorstandswahlen von 1937 zu sprechen kam. Diese bezeichnete er als einen „Coup besonderer Art“. Hübscher habe die fällige Generalversammlung der Schopenhauer-Gesellschaft damals nicht einberufen, „sondern ließ statt dessen, was satzungsmäßig möglich war, schriftlich über den neuen Vorstand und die neue Wissenschaftliche 175

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Leitung abstimmen. Auf diese Weise konnte die Anordnung der nationalsozialistischen Behörden umgangen werden, jüdische Mitglieder auszuschließen. Sie blieben denn auch Mitglieder, geführt auf einer zweiten, nicht veröffentlichten Mitgliederliste.“285 Aus dem bisher geübten Verschweigen der problematischen Vorgänge war nun partiell die glatte Verkehrung des historischen Sachverhalts geworden. ‒ Eine weitere, kurz darauf erfolgte Episode der Geschichtsbearbeitung war wohl eine Folge der von starken internen Rivalitäten in der Schopenhauer-Gesellschaft geprägten Schlussphase der Präsidentschaft Hübschers: Karl Luzius, ein Frankfurter Mitglied der Gesellschaft, das möglicherweise von vereinsinternen Gegnern Hübschers zu seinem Schritt ermuntert worden war, stellte Ende des Jahres 1982 in zwei Schreiben an den Vorstand erstmals Fragen zur NS-Vergangenheit Hübschers und der Gesellschaft. Er tat es höchst ungeschickt und mit diffusen Unterstellungen, glaubte, ohne seinen Namen ausdrücklich zu nennen, Hübscher allein wegen dessen Teilnahme an den Schopenhauer-Feiern in Danzig 1938 etwas anhaben zu können. An diesem Punkt aber hatte Hübscher sich nichts vorzuwerfen. So konnte er Luzius einen „ehr- und gewissenlosen Verleumder“ zeihen und ihn mit Rückendeckung der Gesellschaft und anwaltschaftlicher Intervention zu einer formellen Rücknahme seiner Behauptungen zwingen.286 Hübscher glaubte zeigen zu können, dass er selbst und die Gesellschaft bei den seinerzeitigen „Reichsfeiern“ ohne Belastung waren. Zu diesem Zweck ließ er sich aus dem Bundesarchiv Koblenz Kopien der einschlägigen Akten kommen287 und erarbeitete zu diesem Thema einen Aufsatz, der im Jahrbuch der Gesellschaft von 1985 kurz nach seinem Tod erschien.288 Was die Hintergründe der Danziger Feiern betrifft, kann dieser Text vor der kritisch-historischen Rekonstruktion wohl bestehen. Entscheidend aber ist einmal mehr, dass all das andere, was Anlass zu kontroverser Diskussion hätte geben können ‒ im Kern das Drama um den frü176

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heren Vorsitzenden: den in der Bitternis des Verstoßenseins verstorbenen Justizrat Wurzmann ‒, seit den Tagen der frühen Nachkriegszeit ungenannt geblieben, wenn nicht gar in sein Gegenteil verkehrt worden ist. Weniger im Verhalten in der NS-Zeit selbst als vielmehr in seiner juristischen und zeithistoriographischen Nachbearbeitung liegt somit das Problem der komplexen Causa.

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5. Kapitel

Nach 1945

Kaum je gab es in der Geschichte eine Zäsur von solcher Tiefe und Reichweite wie in Deutschland 1945. Nichts und niemand konnte ihr hier entgehen. Die Schopenhauer-Gesellschaft hatte im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Vereinigungen die NS-Zeit zwar überstanden, doch mit dem Untergang alles öffentlichen Lebens ruhten bis auf Weiteres nun auch ihre Aktivitäten. Gleichwohl bot die Person Arthur Hübschers eine solide Gewähr für Kontinuität. Infolge der Kriegszerstörungen saß er bis Anfang der Fünfzigerjahre abgeschieden im oberbayerischen Waging am See. Als Postverkehr wieder möglich war, begann er sofort damit, den Kontakt zu den Mitgliedern der Gesellschaft, wo immer sie ihm erreichbar waren, auch im Ausland wieder aufzunehmen. Hübscher wollte Schopenhauer auch im geistigen Wiederaufbau eine Position und Gehör verschaffen. Schopenhauers Werk hatte für ihn unangefochten Gültigkeit behalten.

Schopenhauer-Interpretation im Schatten des Faschismus Anderen waren unter dem Eindruck des Geschehenen Fragen an Schopenhauers Werk und an die Schopenhauer-Gesellschaft gekommen. 179

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5. Nach 1945

In dem wieder aufgenommenen Briefverkehr mit den Mitgliedern meldete sich schon früh auch Franz Mockrauer, der den Krieg in Schweden überstanden hatte. Ende Mai 1946 wandte er sich mit einem längeren Schreiben an Hübscher.289 Hübscher möge seine Anfrage noch nicht wieder als Mitgliedsanmeldung betrachten, darüber müsse er sich die Entscheidung noch vorbehalten. Mockrauer wollte wissen, wie die Gesellschaft es jetzt mit ihrer Zeit im Nationalsozialismus halte. Er schrieb dabei ohne irgendeinen persönlichen Vorwurf. In gewohnt sachlicher und verbindlicher Form erkundigte er sich nach dem Schicksal der Schopenhaueriana im zerbombten Deutschland, nach dem Verbleib bestimmter Personen und anderen Dingen, schnitt dann aber allgemeine Fragen zur Lage der Schopenhauer-Gesellschaft an, von denen er offen sagte, sie würden seinem Adressaten, Hübscher, unangenehm sein. Er sprach von „anstößigen Konzessionen an die nationalsozialistische Staatsmacht und Ideologie“, die sich in den Publikationen der Gesellschaft in der Tat vereinzelt finden, und empfahl eine „eindeutig klare Abstandnahme“ davon in der Vorrede des nächsten Jahrbuchs. Vor allem aber forderte er Hübscher zu einer personellen Reinigung der Mitgliedschaft und des Vorstands auf: „Leitende ‚Pg’s‘, Mitglieder der SS, leitende Funktionäre der SA und anderer Naziorganisationen oder gar Kriegsverbrecher“ waren ihm als Mitglieder künftig untragbar. Diese Aufzählung zeigt allerdings, dass Mockrauer die Zusammensetzung der Mitgliedschaft aus der Ferne problematischer einschätzte, als sie es vor 1945 tatsächlich gewesen war. Dann brachte er einen bemerkenswerten Vorschlag hervor: Kein Geringerer als Thomas Mann sollte demnach Vorsitzender oder Ehrenpräsident der Gesellschaft werden. Für die internationale Stellung der Gesellschaft wäre das ein außerordentlicher Gewinn. Mockrauer zeigte sich von Manns Schopenhauer-Monographie von 1938290 tief beeindruckt, die dank der Herausgabe durch Bermann Fischer ja zugleich auch Teil jener 180

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deutschsprachigen Emigrantenszene in Stockholm gewesen war, der er nun selbst angehörte. Man könne an Thomas Mann natürlich nur herantreten, wenn die Gesellschaft wieder „‚einwandfrei‘“ sei. Es gehe auch darum, die ungerechtfertigte Identifizierung von Schopenhauers Gedanken mit denjenigen Nietzsches, Spenglers oder gar Alfred Rosenbergs zu überwinden. Im Übrigen aber hielt er es für besser, über persönliche Fragen zu schweigen: Die Vorkommnisse um die Präsidial- und Vorstandswahlen 1936/37 sprach er nicht an. Gleichwohl, einen deutlichen Trennstrich zu der zurückliegenden Zeit hielt er für erforderlich. Hübscher verlieh seiner Freude über das erste Lebenszeichen Mockrauers Ausdruck, antwortete auf seinen Brief aber nur sehr allgemein, indem er ihm versicherte, man habe keine leitenden Parteigenossen unter den Mitgliedern gehabt; der Gesellschaft seien keinerlei Schwierigkeiten gemacht worden und die Mitgliedschaft im In- und Ausland biete ein schönes, einstimmiges Bild der Gesellschaft. Die Militärregierung habe noch keine Anordnungen für internationale Vereinigungen erlassen. Den Thomas Mann betreffenden Vorschlag griff Hübscher ebenso wenig auf, wie später je ein klärendes Wort zu eventuellen „anstößigen Konzessionen“ im Jahrbuch erfolgte.291 Doch die Zensur der Militärbehörden ließ dieses Antwortschreiben Hübschers nicht passieren; in einem zweiten Schreiben musste er sich auf mehr private Äußerungen beschränken, so dass Mockrauer einmal mehr ohne befriedigende Antwort blieb. Auf Jahre hin kam es daher zu keinem weiteren Kontakt. Im Frühjahr 1946 hatten Hübscher und seine Frau292 erstmals nach fast sieben Jahren auch dem Ehepaar Taub geschrieben, den früheren Freunden aus München, die den Krieg ebenfalls in der Emigration in Schweden überlebt hatten und die mit Mockrauer in Verbindung standen. Taubs antworteten freundlich und waren bereit, an die freundschaftlich-familiären Beziehungen von ehemals 181

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anzuknüpfen. Sie zeigten sich gegenüber den Hübschers dankbar dafür, dass sie ihnen während ihrer Bedrängnis in der NS-Zeit beigestanden und einige ihrer Sachen in Obhut genommen hatten, als sie abrupt aus dem Land gewiesen worden waren. Jetzt konnten sie sich dafür mit Lebensmittelpaketen revanchieren. Aber ihre Briefe künden auch von der tiefen Schmach, als die sie ihre Behandlung als Juden und ihre Vertreibung aus Deutschland seinerzeit erfahren hatten, und sie verliehen dem Schmerz über den Tod von Verwandten Ausdruck, die nach Osten deportiert worden waren. Nein, in Deutschland würden sie nie mehr leben wollen.293 Hans Taub hatte sich in Schweden in seine schon früh betriebenen Studien zu Strindberg vertieft, dabei mit besonderem Akzent immer auch dessen Verbindung zu Schopenhauer nachgespürt. Jetzt vermochte er sich damit selbst an der Schwelle zum Pensionsalter noch eine Assistentenstelle an der Universität in Göteborg zu verschaffen. Sein wiederbegonnener Briefwechsel mit Hübscher schwankte ständig zwischen Vertrauen in die Persönlichkeit seines Partners auf der einen, der Skepsis und dem Schmerz gegenüber dem Land und seiner Kultur, das ihn vertrieben hatte, auf der anderen Seite. Auch bezüglich Schopenhauers Werk, dem er gleichwohl verbunden blieb, hatten sich ihm angesichts des historischen Geschehens Fragen ergeben. Es waren Fragen eines Mannes, der knapp dem Holocaust entronnen war. Am 20. 6. 1947 richtete er einen langen Brief an Hübscher, dessen bemerkenswerter Inhalt ein ausführliches Zitat rechtfertigt. Taub berichtete von Briefen voller Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, die er jetzt aus Deutschland bekomme, deren Verfassern „alles Glück und alle Seligkeit, als auch das Glück des reinen Erkennens wie ausgelöscht erscheint. Da kommt mir zuweilen der Gedanke, ob nicht vielleicht das Leiden als Quell der Erkenntnis, als Fundament des Durchschauens des principium individuationis an eine bestimmte Grenze gebunden ist, wie auch nach Überschrei182

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ten der Baumgrenze in der Regel alle Vegetation aufhört. In diesem Zusammenhang eine andere Frage: Schwebt Schopenhauer bei der Lehre vom Leiden als Weg der Erlösung nicht nur das individuelle Leiden vor, während Seuchen und Epidemien, Massennot und Massenelend und die anderen schrecklichen Zugänge zum ‚angeschauten Leiden‘ nach ihm nur zerstörende, nicht aber auch tragende Kräfte bedeuten? Auch bei Buddha scheint die Lehre vom Leiden und der Leidenserlösung ausschließlich auf individueller Grundlage aufgebaut zu sein. ‚Geburt, Alter, Krankheit und Tod und alle aus dem Hängen an der Sinnenwelt entspringende Erkenntnis des individuellen Daseins sind Leiden.‘ (Predigt zu Benares). Gewiss lehren schon die Upanishads, dass alle Vielheit nur eine Täuschung ist. Aber all dies scheint nicht zu genügen, um die Tatsache zu erklären, dass die großen Lehrer der Menschheit an den Leiden der Menschheit, eines großen Teils der Menschheit vorübergingen, weil sie nur eine individuelle Erlösung kennen. 3 Millionen unschuldiger Juden mussten für den verbrecherischen Wahnsinn eines einzelnen ihr Leben lassen. Ungefähr 20 x 3 Millionen dürften heute in Deutschland hungern. Massen gingen und gehen zu Grunde. Wie sollen sie bei Schopenhauer u. Buddha Trost finden, wenn die Erlösung der Akt eines individuellen Willens ist? Sie werden mir vermutlich vorhalten, dass Schopenhauer sich nicht an die Masse wendet, ja ein Verächter der Masse war. Gewiss! Aber damit ist das Problem des Massenmordes, des Massenelends und all des Furchtbaren, was wir [gemeint waren wohl die Juden und die Emigranten] erleben mussten, nicht gelöst. Vielleicht konnte Schopenhauer dazu nichts sagen, weil ihm dieses Leid zu erleben oder nur ‚anschauen‘ zu müssen in seinem von außen gesehen so stillen und stets geregelten, gemächlichen Leben erspart blieb. Hier endet die Philosophie als ‚Erlebnisinhalt‘. Rührt daher die völlige Hoffnungslosigkeit, der vor kurzem ein bis dahin begeisterter Jünger Schopenhauers in einem erschütterten Brief an 183

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uns Ausdruck gab? Es würde mich freuen, wenn Sie, lieber Herr Dr. Hübscher, mich einmal in einer ruhigen Stunde wissen lassen würden, wie Sie sich zu diesen Fragen stellen.“294 Taub sprach hier einen „blinden Fleck“ in Schopenhauers Werk an. Konnte man sich damit begnügen, die geschichtliche und politische Sphäre als ein bloßes Moment der Erscheinungswelt abzutun, wenn sie innerhalb weniger Jahre solche Verheerungen anzurichten imstande war? Konnte man sich mit Schopenhauers Diktum begnügen, nicht der „Welteroberer“, sondern der „Weltüberwinder“ sei die größte, wichtigste und bedeutsamste Erscheinung, welche die Welt aufzuweisen habe (W I, 456), nachdem jener die Welt ‒ die historische Welt ‒ so jäh in den Abgrund gerissen hatte? Taub warf hier ein Deutungsproblem auf, bei dem noch zu klären war, ob bei Schopenhauer dazu Antworten zu finden sein würden. Es war im Grunde genommen auch die Frage Thomas Manns gewesen, der Schopenhauer vorgehalten hatte, er würde das Politische als ein bedeutendes Element des Menschlichen zu sehr verachten und vernachlässigen und dafür einen allzu hohen Preis bezahlen. Hübscher reagierte auf Taubs Überlegungen denn auch etwas ratlos: „Oft habe ich in diesen Tagen Ihrer Frage nachgedacht“, schrieb er ihm. „Ich glaube allerdings, dass eine Leidenserlösung nur auf individueller Grundlage denkbar ist und dass Schopenhauer ebenso wie Buddha sie nicht anders verstanden haben. Es gibt keine kollektive Erlösung, es gibt auch keinen Trost für die Millionen von Gemordeten, es gibt nur den Trost, den jeder einzelne von ihnen aus den Lehren Buddhas und Schopenhauers gewinnen konnte. Massen und Völker sind bloße Abstraktionen. Nebenbei: Es gibt ja auch keine kollektive Ethik. Ortega y Gasset hat das Hinschwinden der sittlichen Verantwortlichkeit da, wo die Masse die Verantwortung trägt, recht einleuchtend gemacht. Und wir haben es ja selbst erlebt, wohin es führt, wenn der große Gehorsam an die Stelle der eigenen Entscheidung tritt.“295 184

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Weder Mockrauer noch Taub noch Thomas Mann hatten bei allen skeptischen Fragen, die ihnen gekommen waren, auch nur entfernt daran gedacht, Schopenhauer geistesgeschichtlich für Hitler mitverantwortlich zu machen. Doch Stimmen, die in diese Richtung zielten, wurden jetzt laut. Schon Mockrauer hatte in seinem Schreiben darauf hingewiesen; auch die Versuche der völkischen Rechten von ehedem, den Meister für sich zu vereinnahmen, waren ihm aus eigener Erfahrung noch in lebendiger Erinnerung. Nun registrierte auch Hübscher mit Besorgnis einen Aufsatz aus Ost-Berlin, der Schopenhauer im „Vorraum des Faschismus“ aufstellte. Er stammte aus der Feder von Ernst Niekisch, der, ursprünglich von der SPD herkommend mit einer schillernden Vergangenheit als „Nationalbolschewist“ und Internierung unter Hitler, nun zur KPD in Ost-Berlin gestoßen war.296 Niekisch sprach verächtlich vom untergehenden reaktionären Kleinbürgertum in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das ‒ wenn auch vergeblich ‒ versucht habe, sich mit der Willensverneinung der schopenhauerschen Philosophie zu kurieren. Über die wagnersche Musik und Nietzsches Übermenschen sah er eine direkte Genealogie zu Hitler, während er selbst für die hegel-marxsche Traditionslinie focht. Was Niekisch hier im kleinen Rahmen formulierte, wurde einige Jahre später von Georg Lukács mit ungleich größerer Wirkung entfaltet. Lukács sah Schopenhauer als einen Hauptvertreter einer von ihm so charakterisierten „irrationalistischen“ Philosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, für die Deutschland von Schelling ausgehend über Nietzsche und andere prominente Denker ein klassischer Boden gewesen und die daher unmittelbar zum geistigen Wegbereiter Hitlers geworden sei. Er warf Schopenhauer vor, ein Großbourgeois und „Rentnerschriftsteller“ und daraus folgend „ein indirekter Apologet der kapitalistischen Gesellschaftsordnung“ gewesen zu sein, der aufklärerische Tendenzen ins Reaktionäre verdreht und mit seinem 185

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Pessimismus jedes politische Handeln als sinnlos verworfen habe. Nach der Niederlage der Revolution von 1848, als das Bürgertum sich seiner Philosophie angenommen habe, sei er mit dieser Haltung der Antipode des „ragendsten Gipfels des deutschen Denkens“, des dialektischen und historischen Materialismus von Marx und Engels, gewesen.297 Schopenhauer als Vorläufer und Wegbereiter des Faschismus ‒ für Hübscher war diese provokante These, wie sie ihm im Aufsatz von Niekisch begegnete, beinahe eine willkommene Vorlage, um zur Formulierung der Gegenposition auszuholen. Der intellektuelle Wegbereiter des Faschismus, so wurde er nun nicht müde zu propagieren, sei nicht Schopenhauer, sondern dessen alter Rivale ‒ Hegel!298 Aber nicht nur für den Faschismus, auch für seinen ideologischen Gegenspieler, den totalitären Sozialismus und Kommunismus des Ostens, bilde Hegel die Grundlage. Die Denkfigur der hegelschen Dialektik sah Hübscher in der theologischen Geschichtsphilosophie des Joachim de Fiore (gest. 1202) vorgeprägt, der bereits die Überwindung und Vereinigung der Gegensätze in einem „dritten Reich“ gesehen habe. Hübscher zog Linien von Hegel ausgehend über die Rezeption auf der Rechten mit dem konservativen Vordenker Friedrich Julius Stahl zu Hitler, auf der Linken über Marx zu Stalin. Beide Ideologien, deren Wurzeln er eben bei Hegel sah, ließen dem Einzelnen nicht seinen Entfaltungsraum, sondern setzten auf das Kollektive: Gesellschaft, Gemeinschaft, Masse, Volk, Staat. Manches an Hübschers Argumentation erinnert an den harten Angriff, den noch unter dem Eindruck des Krieges Karl Popper, auf den Hübscher sich aber nicht ausdrücklich bezog, in seinem später einflussreich gewordenen Buch über Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (englische Erstausgabe 1945) auf die hegelsche Dialektik unternommen hat. Publikumswirksam machte auch Popper Hegel geistesgeschichtlich für die Totalitarismen der Zeit verantwortlich 186

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und führte dabei wiederholt Schopenhauer als Kronzeugen für die angebliche Wertlosigkeit von Hegels Philosophie an.299 Schopenhauers Werk erschien Hübscher gegen Hegel geradezu als eine Rettung des menschlichen Individuums. Wiederholt wies er darauf hin, für Schopenhauer seien nur die Individuen und ihr Lebenslauf real, die Völker und analog andere übergreifende Zusammenhänge wie Geschichte, Staat oder Gesellschaft hingegen „bloße Abstraktionen“ (W II, 505f.). Schopenhauers Modernität bestehe darin, dass er nicht wie Hegel von der Geschichte oder dem Weltgeist und nicht wie die idealistischen Denker vom Bewusstsein aus, sondern „vom Leib“ her philosophiere. Wille kann sich eben nur in individuellen Leibern objektivieren, nicht in den Abstrakta. Schopenhauer habe die Geschichte daher als eine „Fortsetzung der Zoologie“ verstanden, was wohl als die Fortführung der Betrachtung vom Gattungsmäßigen ins Individuelle wie umgekehrt die Rückführung des Individuellen ins Gattungsmäßige zu verstehen sei. Mit dieser Philosophie „vom Leibe“ her, die das Individuum mehr würdige als die Philosophien des Geistes, sei Schopenhauer zum großen Anreger des 20. Jahrhunderts, etwa der Psychoanalyse, geworden. Mit all diesen Publikationen fand der jetzt weltpolitisch virulent gewordene Ost-West-Gegensatz auch im philosophischen Diskurs seinen Niederschlag: Fast klang es so, als wolle Hübscher Schopenhauer als einen geistigen Vater des westlich-demokratischen Individualismus, dessen Stunde historisch nun anbrach, in Anspruch nehmen, während er Hegel als den „Philosophen der Ostzone“300 abqualifizierte. Die Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft, die auf dem Territorium der DDR lebten, hielt er ob ihres Bekenntnisses zu dem Philosophen daher für politisch gefährdet. Und doch: Schopenhauers Paradigma, „vom Leib“ her zu philosophieren, war auch schon einmal anders verstanden und keineswegs immer im demokratischen Sinne ausgelegt worden: Noch wenige Jahre zuvor war 187

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es auch zum Anknüpfungspunkt für die philosophisch ambitionierten Rassentheoretiker geworden. Hübscher, der in den Fünfzigerjahren als Kulturredakteur der Bayerischen Staatszeitung wieder in München tätig wurde, beschränkte sich in seiner literarischen Produktion, die bald nach dem Ende des Krieges wieder anschwoll, nicht allein auf Schopenhauer. In mehreren Büchern, die bis Anfang der Sechzigerjahre erschienen und Titel trugen wie Philosophen der Gegenwart (1949), Denker unserer Zeit (1956/57) und Von Hegel zu Heidegger (1961), entfaltete er ein breites Panorama des internationalen philosophischen Denkens im 20. Jahrhundert. Es sind Belege dafür, dass er sehr verschiedene Grundströmungen und Tendenzen sich produktiv zu eigen gemacht hatte und eine Art Zeitgeschichte der Philosophie bis hin zu den französischen Existenzialisten um Sartre und Camus zu schreiben bemüht war. So weit gespannt sein Panorama auch erschien, es hatte auch charakteristische Fehlstellen: Die jetzt einflussreich gewordene Philosophie der Frankfurter Schule etwa, zu der Hübscher ab 1955 über Max Horkheimer einen freundlichen Kontakt aufnehmen sollte, blieb darin ausgespart. Auch den Erfolg von Jaspers und Heidegger, denen er einzelne Abschnitte widmete, sah er mit gemischten Gefühlen. Schopenhauer, und gerade auch der Gegensatz zu Hegel, blieb bei all dieser Anstrengung, auch neue, durchaus heterogene Entwicklungen zu verarbeiten, doch der entscheidende Bezugspunkt, den er in seinem späten, 1973 erschienenen Opus Magnum Denker gegen den Strom noch weiter ausdifferenzierte.301 Hübscher ließ sich in dieser Zeit zu Äußerungen herbei, ähnlich wie seinerzeit Deussen sie in seinen Schriften getan hatte, die Schopenhauer eben doch eine einzigartige und singuläre Stellung zusprachen: Schopenhauer besitze ein Wahrheitserlebnis, „so annehmbar, so unangreifbar, wie keine andere Philosophie es bieten kann“.302

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Reorganisation des Institutionellen und der Schopenhaueriana Neben der intellektuellen Fortführung und Fortentwicklung der Schopenhauer-Rezeption und -Tradition war Hübscher auch intensiv mit der Reorganisation der Gesellschaft beschäftigt. Deutschlands Fragmentierung in Besatzungszonen und seine Isolierung vom Ausland standen seinen Bemühungen, die Mitglieder zu sammeln, anfänglich noch im Weg. Man sieht es noch anhand der ersten Mitgliederliste, die (im Jahr 1952) nach dem Krieg wieder publiziert wurde:303 479 Personen und Institutionen ‒ das waren meist Universitäts-, Landes- oder Staatsbibliotheken ‒ waren aufgeführt. Das war nominell bereits wieder mehr als während der NS-Zeit, so dass Hübschers rastlosem Einsatz schon Neuzugänge zu verdanken gewesen waren. Allerdings: mehr als ein Viertel davon ‒ 128 Personen ‒ waren in einer eigenen Rubrik als „verschollen“ ausgewiesen. Faktisch blieben daher nur 351 Mitglieder und damit etwas weniger als der Durchschnitt während der braunen Jahre. Etwas mehr als ein Fünftel, nämlich 75, kamen aus dem Ausland, die meisten davon aus Österreich und der Schweiz (zusammen 44), einige wenige aus Übersee und Fernost, aus den sowjetisch dominierten Ländern Osteuropas (außer der DDR) war neben der Nationalbibliothek Prag und der Jagiollenska Krakau nur noch ein einziges natürliches Mitglied, ein Professor aus Sofia, verzeichnet. Die Emigranten waren teils wieder beigetreten (Taub in Göteborg und Otto Juliusberger in New York), teils hielten sie sich einstweilen noch zurück (Mockrauer und der bereits nach Frankfurt heimgekehrte Horkheimer). Da Hübscher die Mitglieder in der DDR für gefährdet hielt, glaubte er sie tarnen zu müssen, indem er bei ihnen die sonst überall notierte Adressangabe unterließ; entsprechend brachte er einen Aufsatz über Das Religiöse bei Schopenhauer von Konrad Pfeiffer im gleichen Jahr189

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buch 1951/52 ohne Autorenname, da dieser noch in Halle lebte.304 Die großen Verwerfungen der Zeitgeschichte hatten in dieser ersten Nachkriegsliste somit sichtbar ihre Spuren hinterlassen. Das Jahrbuch war vergleichsweise schnell wieder herausgekommen. Das 31. war noch 1944 erschienen, das 32. kam bereits 1948 – Hübscher datierte es „1945–1948“ –, so dass lückenlose Kontinuität gewahrt schien. Der Titel wurde von Jahrbuch der SchopenhauerGesellschaft zu dem etwas breiter angelegten Schopenhauer-Jahrbuch geändert. Im Vorwort dieses ersten Nachkriegsbuches hielt Hübscher einen kurzen Rückblick auf die NS-Zeit. Die Herausgabe des Jahrbuchs war in dieser Periode die einzige öffentliche Aktivität der Gesellschaft gewesen. Hübscher resümierte hier nur kurz, die Reihe der Bücher könne „ehrenvoll bestehen“. Dem lässt sich aus historischer Perspektive im Großen und Ganzen zustimmen. Vereinzelt hatte es „anstößige Konzessionen“, von denen Mockrauer mit der Bitte um öffentliche Distanzierung gesprochen hatte, aber doch gegeben, etwa in einem Beitrag des völkisch eingestellten Ludwig Schemann, der von Hitler ausgezeichnet worden war,305 oder von Walter Rauschenberger mit seinen einschlägigen Ausführungen zu Schopenhauers Ahnen306, der auch außerhalb der Jahrbücher gerne der Erb- und Rassenphysiologie schöpferischer Persönlichkeiten (Buch, erschien Jena 1942) nachgespürt hatte. Selbst im internen Briefverkehr während des Krieges hatte man sich verschiedentlich von der „maßlosen Überspannung des Rasse-Gedankens“ bei Rauschenberger distanziert.307 Jetzt verlor Hübscher kein Wort mehr darüber. Er wollte auf andere Art ein Zeichen setzen und verlieh dem ersten Nachkriegsjahrbuch daher einen betont internationalen Akzent durch den Abdruck englisch-, französisch- und italienischsprachiger Autoren oder des Briefwechsels von Hans Zint mit Romain Rolland. ‒ Anfang der Fünfzigerjahre gelang es Hübscher, die Stadt Frankfurt zu einem regelmäßigen Druckkostenzuschuss für 190

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das Jahrbuch zu bewegen. Nachdem er sich in der NS-Zeit bei Einlassungen mit den offiziellen Stellen in Zurückhaltung geübt hatte, war dies der Anfang einer künftig wieder stärkeren institutionellen Förderung durch die öffentliche Hand. Ein zentrales Anliegen war die Reorganisation und Bestandsaufnahme der Schopenhauer-Überlieferung, insbesondere die Wiedereinrichtung des Frankfurter Archivs. Die Situation für die Gesamtheit der Schopenhaueriana in öffentlichem und privatem Besitz war infolge des Krieges naturgemäß zunächst unübersichtlich. Was hatte den Krieg überstanden, und wo war es verblieben? Dass das Schopenhauer-Archiv und das zerstörte Schopenhauer-Museum empfindliche Verluste erlitten hatten, war seit dem Bombardement klar. Die Stadt Frankfurt wollte die alte Stadtbibliothek aus der Zeit des Klassizismus, von der nur noch der massive Portikus stehen geblieben war, nicht mehr aufbauen. (Erst mehr als fünfzig Jahre später entschloss man sich dann doch zu einer historischen Rekonstruktion des einst von Stadtbaumeister Hess errichteten Gebäudes und brachte darin das Frankfurter Literaturhaus unter.) Die Stadtbibliothek, die zugleich auch die Funktion als Universitätsbibliothek zu erfüllen hatte, erhielt zunächst ein Provisorium in einem flussaufwärts ebenfalls am Mainufer gelegenen klassizistischen Palais, das einmal eines der Wohnhäuser der Frankfurter Rothschilds gewesen und auch zuvor schon als Bibliothek genutzt worden war. (Heute logiert darin das Frankfurter Jüdische Museum.) Hier erhielt 1951 auch das Schopenhauer-Archiv vorerst Räumlichkeiten, bis mehr als zehn Jahre später im damaligen Universitätsviertel ein großes Gebäude für die Bibliothek errichtet wurde, in dem es dann längerfristig unterkam. (1992 war es aus Platzgründen noch einmal in eine unweit im Westend gelegene Villa ausgelagert, wo ein Archivzentrum eingerichtet worden war, kam 2006 aber in die Universitätsbibliothek zurück. Die komplette Verlegung der Universität ins nördliche 191

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Westend, die mit großem städtebaulichen Aufwand in Gang gesetzt worden ist, wird um 2017 herum einen erneuten Umzug des Archivs ‒ dann der fünfte seit 1945 ‒ zur Folge haben.) Erst 1959 war es möglich, eine detaillierte Bestandsaufnahme des Archivs vorzulegen, die vor allem auch die an früherer Stelle erwähnten Kriegsverluste genauer auflistete.308 Insbesondere die Sammlung Gruber wurde jetzt definitiv als „verbrannt“ deklariert. Doch dies scheint nicht ganz den Tatsachen zu entsprechen, denn Jahrzehnte später gab es Hinweise darauf, dass einzelne Stücke daraus den Krieg offenbar doch überlebt hatten. Dem Schopenhauer-Archiv wurden aus dem angelsächsischen Sprachraum teils im Original, teils in Kopie mehrfach Schriftstücke mit der Bitte, ihre Echtheit zu prüfen, vorgelegt, die als Objekte aus der vermeintlich untergegangenen Sammlung Gruber identifiziert werden konnten. Sollten die verloren geglaubten Dokumente also zumindest in Teilen doch nicht verbrannt sein, wären sie veruntreut worden. Hübscher, unterdessen ein intimer Kenner aller Schopenhaueriana, wäre der Sache mit Eifer nachgegangen, hätten sich diese Hinweise noch zu seinen Lebzeiten ergeben. Schon damals beobachtete er mit Argusaugen, wenn anderweitig Schopenhauer-Objekte, die im Gefolge der Kriegswirren in dunklen Kanälen verschwunden waren, wieder ans Licht kamen. So waren der Dresdener Stadtbibliothek Handschriften Schopenhauers, darunter große Teile der Parerga und seine Eintragung in das Frankfurter Goethe-Album, gestohlen worden. Hübscher kannte die Sachen dank seiner editorischen Arbeit genau und hatte sie in den Bänden seiner eigenen Schopenhauer-Ausgabe und in den von ihm besorgten Briefbänden der Deussen-Ausgabe publiziert. 1948 und 1949 wurden diese Stücke im Berliner Auktionshandel angeboten und dabei der Manuskriptteil Über das Geistersehen für 10 000 RM an einen namentlich nicht bekannten Kunden in Westdeutschland verkauft. Hübscher nannte 192

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die verantwortlichen Antiquare Gerd Rosen und Georg Ecke öffentlich beim Namen. Ohne Erfolg wies er sie auf die Unrechtmäßigkeit ihres Besitzes hin. Auch der Stadt Frankfurt wurden Handschriften aus diesen Dresdener Beständen angeboten. Hübscher warnte den Kulturdezernenten vor ihrem Erwerb. Über Jahrzehnte hinweg registrierte er immer wieder ihr sporadisches Auftauchen auf dem Auktionsmarkt; 1979 kaufte u. a. die Staatsbibliothek Berlin einige Blätter aus dieser Provenienz.309 Neben den Dresdener Sachen erlitt auch der große und bedeutende Besitz an Schopenhaueriana der Familie Gwinner in den letzten Kriegswirren Verluste. Die Sachen waren jetzt bei Charlotte von Wedel, der Tochter bzw. Enkelin und damit Erbin von Arthur und Wilhelm von Gwinner. Hübscher hatte es im Lauf der Jahre verstanden, die nicht ganz einfache Beziehung der SchopenhauerGesellschaft zur Familie Gwinner neu zu gestalten und zu Frau von Wedel eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, so dass sie ihm ihre Schätze für seine Forschungen schließlich zugänglich gemacht hatte. Ein Teil der Bücher aus der Bibliothek Schopenhauers, die sich in großer Zahl in ihrem Besitz befanden, war auf dem Familiengut Krumbke in der Altmark deponiert gewesen, wo er am Ende des Krieges Plünderungen und Zerstörungen ausgesetzt war. Aus diesem verschollenen Bestand tauchte Anfang der Fünfzigerjahre ein wertvoller Sammelband mit Schriften Schellings, in denen Schopenhauer Randnotizen vorgenommen hatte, ebenfalls im Berliner Auktionshandel wieder auf. Charlotte von Wedel unternahm mit Hilfe Hübschers und eines Rechtsanwalts Schritte, das Buch zurückzuerhalten. Doch es war vergeblich, der Antiquar legte eine Quittung vor, der zufolge er den Band schon 1943 von einem anderen Antiquar erworben habe, und zwar just von jenem Georg Ecke, der jetzt mit den gestohlenen Dresdener Handschriften hervorgetreten war. Schließlich kaufte ihn die Yale University. Hübscher erhielt Fo193

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tokopien, damit er wenigstens Schopenhauers Notizen auswerten konnte.310 Erst Anfang der Achtzigerjahre ‒ Frau von Wedel war bereits verstorben ‒ bekam er die Information, dass hundert Titel aus gwinnerschem Besitz, die auf dem märkischen Gut deponiert waren, Eingang in die Landes- und Universitätsbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle gefunden hatten. Im hohen Alter konnte er einige davon (ebenfalls anhand von zur Verfügung gestellten Kopien) sogar noch darstellen und beschreiben.311 Nach der Wiedervereinigung erhoben die Erben Charlotte von Wedels erfolgreich Restitutionsansprüche, erhielten die Hallenser Stücke zurück und vermachten sie dem Frankfurter Archiv, dem ‒ wovon noch zu reden ist ‒ Frau von Wedel zuvor bereits ihre gesamten Schopenhaueriana gestiftet hatte.312 Bald nach dem Krieg wurde auch die leidige Frage der Handexemplare von Schopenhauers eigenen Werken wieder akut. Unter „ungeklärten Umständen“, wie Hübscher in einem kurzen, wenig schmeichelhaften Nachruf bemerkte, war ihr langjähriger Besitzer, Otto Weiß, gestorben.313 Hübscher hatte schon frühzeitig selbst versucht, wegen dieser für die Forschung so bedeutenden Unterlagen mit Weiß in Kontakt zu kommen, war aber ebenso wie früher Deussen und Mockrauer an dessen unberechenbarem und unzugänglichem Charakter gescheitert. Unterdessen hatte er Einsicht in unpublizierte Denkschriften erhalten, in denen Weiß 1938 unselig über Die deutsche Schopenhauerforschung und die Juden314 schwadroniert hatte. In seinem Nachruf sprach er vom Leben des Otto Weiß daher als einem „verfehlten Dasein“. Nun bekam Hübscher durch Vermittlung einer Stuttgarter Antiquariatsbuchhandlung mehrfach einige der Handexemplare zum Kauf angeboten und daher zur Ansicht vorgelegt. Bei der Durchsicht entdeckte er ein von Schopenhauer beschriebenes Quartblatt, das lose dem Band der Parerga beilag. Dank seiner genauen Kenntnisse konnte er dieses Stück konkret einem der schopenhauerschen Manuskriptbücher in der Berliner 194

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Staatsbibliothek, den Cogitata, zuordnen, wo man es seit 1911, kurz nachdem Weiß daran gearbeitet hatte, als vermisst gemeldet hatte. Hübscher konnte Weiß nun also sogar des Diebstahls bezichtigen. Das von Weiß mutmaßlich entwendete Blatt musste später von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dennoch für teures Geld zurückgekauft werden.315 Im Zuge dieser wiederholten Angebote der Handexemplare konnte im März 1950 endlich wenigstens eines der kostbaren Stücke, und zwar die Frühschrift Ueber das Sehn und die Farben, erschienen Leipzig 1816,316 mit Schopenhauers eigenhändigen Änderungen und Zusätzen vom Schopenhauer-Archiv erworben werden. Weitere Ankäufe aber scheiterten wie schon in den Zwanzigerjahren an überzogenen Preisvorstellungen, dann aber auch an Erbstreitigkeiten, die nach dem Tod von Weiß entstanden waren. Die Erbin, Anna König in Reutlingen, war sich bewusst, dass sich mit diesen Objekten Geld machen ließe. Hübscher blieb über Jahre hinweg daher nichts anderes übrig, als auf dem Auktionsmarkt immer wieder Verkauf und Wiederverkauf einzelner Stücke, die dann zeitweilig in eine Privatsammlung in Jerusalem kamen, zu verfolgen. Mit Sorge registrierte er, dass 1961 sogar einzelne Seiten, die aus dem Handexemplar der zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung herausgerissen worden waren, bei einer Auktion auftauchten. Das Hamburger Auktionshaus Hauswedell kaufte die Blätter und fügte sie dem Exemplar wieder ein, bevor der Schweizer Bibliophile Martin Bodemer dann alle Exemplare zu den drei Auflagen der Welt als Wille und Vorstellung erwarb; sie befinden sich heute in der von ihm begründeten Fondation Martin Bodmer in Cologny bei Genf.317 Erst Mitte der Siebzigerjahre konnte die Berliner Staatsbibliothek, der alle Handexemplare gemeinsam mit den Schopenhauer-Manuskripten von ihrem ersten Besitzer, Julius Frauenstädt, eigentlich einmal zugedacht gewesen waren, drei weitere Stücke aufkaufen, nachdem der Preis von mehreren Hunderttausend DM eine große Diskussion 195

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in der Presse ausgelöst hatte.318 Der Verbleib der übrigen Exemplare319 ist unklar. Damit mündete die so schwierige, vielfach unerfreuliche Sammlungsgeschichte der Handexemplare, mit all ihren misslichen Folgen auch für die Editionsgeschichte der Schopenhauer-Werke, wenigstens teilweise in öffentlichen Besitz. Das Schopenhauer-Archiv hatte noch in den Fünfzigerjahren aber auch den Zugang manch schönen musealen Objekts zu verzeichnen. So erhielt es etwa die goldene Uhr Schopenhauers, die er testamentarisch seinerzeit dem von ihm so sehr geschätzten „Evangelisten“ Carl Georg Bähr vermacht hatte. Sie war auf den jetzt in Dresden verstorbenen Sohn Bährs übergegangen. Franz Mockrauer, dessen Schwager, trug von Schweden aus Sorge dafür, dass das kostbare Stück in einer diskreten Operation aus der DDR herausgeschmuggelt wurde; er hatte die Befürchtung gehegt, die Ost-Behörden würden es zurückhalten.320 Sammlungsgeschichte wurde so auch hier zum Spiegel der Zeitgeschichte.

Rückkehr der Emigranten anlässlich der Tagung 1955 Gegen die geschichtliche Ordnung der Zeit habe Schopenhauer die zeitlos gültige Ordnung seiner Lehre aufgerichtet ‒ so Hübscher wiederholt in seinen gegen Hegel gewandten Texten.321 Auf der ersten Tagung der Schopenhauer-Gesellschaft nach dem Krieg, die unter dem Titel Schopenhauer und die Gegenwart im Jahr 1955 veranstaltet wurde, stellte er diese Einsicht zur Debatte. Die Frage sei, ob man von der Gegenwart her Schopenhauers Werk betrachte oder umgekehrt von Schopenhauer her das geistige Leben der Gegenwart beurteile und bewerte. Man höre immer wieder, so Hübscher, die neue Zeit erfordere auch eine neue Aussage, was ein Verlangen vor 196

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allem junger Menschen sei, „die sich in nie geahnten furchtbaren Erlebnissen zum ersten Mal dem dunklen Weltsinn gegenübersehen“. Werde man aber älter und habe den Wechsel verschiedener Zeiten miterlebt, so begreife man immer weniger, „warum wir um die Wahrheiten von heute bemüht sein sollten, die doch nur als die Irrtümer von morgen gelten können“.322 Dennoch: Schopenhauer und die Gegenwart wurde jetzt offen thematisiert. Hans Zint hatte die alljährlichen Generalversammlungen der Gesellschaft Ende der Zwanzigerjahre zu bedeutenden wissenschaftlichen Tagungen entwickelt. Nach mehr als zwanzigjähriger Unterbrechung wollte man an diese hoffnungsvolle Entwicklung jetzt, im Jahr 1955, mit einer erneuten Tagung wieder anschließen. Helmuth von Glasenapp, nach Deussens Tod der führende Vertreter der Indologie in Deutschland, der auf dem Kongress Europa und Indien 1927 in Dresden schon gesprochen hatte, stellte als einer der sieben Redner mit einem Beitrag Schopenhauer und Indien personelle und intellektuelle Kontinuität her. Auch Emge und Glockner lieferten als langjährige Mitglieder der Gesellschaft Beiträge. Aloys Wenzl setzte sich u. a. kritisch mit Schopenhauers Deutung der Willensfreiheit auseinander, die Freiheit nur in der Verneinung des Willens erkennen könne, und bekannte sich dagegen zu „verantwortlicher Freiheit im Leben“. Eduard May deutete Schopenhauer im Kontext der aktuellen Naturphilosophie, und Alexandre Baillot sprach über Influence de Schopenhauer sur la pensée française contemporaine. Vom siebten Redner, Horkheimer, wird gleich noch ausführlicher zu reden sein. Die Tagung 1955 brachte vor allem die Rückkehr der Exilanten. Da war zunächst Taub. Hübscher hatte ihm im Vorfeld schon angekündigt, man wolle ihn wieder in den jetzt neu zu bildenden Vorstand hineinnehmen.323 Taub sprach von „einem schweren Entschluss … wieder nach Deutschland [zu der Tagung] zu fahren“, 197

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kündigte dann aber doch einen Vortrag über sein Lebensthema Schopenhauer und Strindberg an,324 während er gegenüber seiner Nominierung für den Vorstand zunächst etwas skeptisch war: „Hoffen wir, dass die Zeit reif ist …“325 Auf der Generalversammlung wurde er, fast 20 Jahre nachdem er unfreiwillig ausgeschieden war, wieder gewählt. Auch ein anderer Emigrant erschien wieder; auch er kam anlässlich der Tagung 1955 aus Schweden angereist: Franz Mockrauer. Bei dieser Gelegenheit scheint es zu einer Aussprache mit Hübscher gekommen zu sein. Hübscher hat Mockrauer offenbar berichtet, unter welchem Druck er 1937 gestanden habe und in welche Schwierigkeiten ihn seine, Mockrauers, briefliche Interventionen gebracht hätten. Diesem habe es nachträglich leidgetan, schrieb Hübscher, „und so haben wir die Sache begraben“.326 Mockrauer schrieb damals an Hübscher: „Sie sehen, ich freue mich nicht nur gleich Ihnen, ‚dass wir wieder zusammengekommen sind‘, sondern ergreife Ihre ausgestreckte Hand sofort sehr kräftig ‒ vielleicht nach Ihrer Meinung zu heftig. Aber ich meine, wir wollen ja derselben Sache dienen und dürfen und müssen in diesen Dingen ganz vertrauensvoll und offen miteinander reden.“327 So illusionslos Mockrauer seinerzeit in seiner Beurteilung der Verhältnisse in den Dreißigerjahren gewesen war, eine einfache offene Aussprache schien ihm zu genügen, die historischen Belastungen in seiner Beziehung zur Gesellschaft zu bereinigen. Jetzt trat er der Gesellschaft erneut bei, und bereits im Jahrbuch von 1956 war er erstmals wieder mit einem Beitrag vertreten. Auch begann er mit Hübscher wieder einen dichten und vertrauensvollen Briefwechsel. Als im September 1957 Hans Taub starb, offerierte ihm Hübscher dessen Vorstandsamt: „Sie sind ja nun einer der ganz wenigen, die sich ernsthaft an unserer Arbeit beteiligen.“ Mockrauer nahm die Offerte dankbar an, „zumal ich ja vor der Nazizeit dem Vorstand angehört hatte“. 328 Erst Jahre später wurde die Vergangen198

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heit auf unangenehme Weise noch einmal kurz aufgerührt. Schatzmeister Sülzner, der schon in den Dreißigerjahren mit Hübscher und Pfeiffer zusammengewirkt hatte, erlitt im Alter einen bedenklichen Verfall seiner psychischen und mentalen Verfassung.329 Durch eine ironische Bemerkung Mockrauers beim geselligen Zusammensein auf der Tagung im Jahr 1960 hatte er sich so schwer gekränkt gefühlt, dass er ihn mit einer Reihe konfuser Briefe voller Beleidigungen, Ressentiments und Minderwertigkeitskomplexe traktierte. Hübscher, dem er Durchschläge davon zukommen ließ, war über den Zustand, der sich darin offenbarte, entsetzt. Mockrauer durchschaute die Sache schnell und konnte sich mit Hübscher darüber verständigen, dass man es hier mit einem Abgleiten ins Krankhafte und Neurotische zu tun habe. Die Serie der sülznerschen Beleidigungsbriefe gipfelte schließlich in einem Schreiben, in dem er auf sein vermeintlich gutes Verhältnis zu Juden zu sprechen kam (nur den polnischen Juden unterstellte er „Betrügereien“), kehrte am Ende seinen Affekt komplexartig dann aber doch gegen „das jüdische Vorstandsmitglied Dr. Mockrauer“. Es klang, als habe die totgeschwiegene Geschichte in der Altersneurose eines der damals unmittelbar Beteiligten sich noch einmal Gehör verschaffen wollen. Mockrauer aber bewies angesichts der unqualifizierten Äußerungen des Herrn Sülzner Souveränität; er ließ sich davon nicht provozieren und nahm sie nicht zum Anlass für eine erneute Betrachtung der Vergangenheit. Er wollte im Rahmen der Gesellschaft an der Rezeption Schopenhauers mitwirken, was er bis zu seinem Tod mit großer Intensität tat, und Hübscher dankte ihm „für die vornehme Art, in der Sie die ‚Affäre Sülzner‘ behandelt haben“. Mockrauers Haltung, seit 1955 entschieden wieder die gemeinsame Sache in den Vordergrund zu stellen, ist für die Schopenhauer-Gesellschaft unter Hübschers Leitung so zu einem Bestandteil im Selbstverständnis ihrer eigenen Geschichte geworden. 199

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5. Nach 1945

Ein dritter Emigrant kehrte schließlich wieder zurück: Max Horkheimer. Hübscher hatte einem Zeitungsartikel, den Adorno im Februar 1955 zum 60. Geburtstag seines Freundes verfasst hatte, entnommen, Horkheimer sei durch Schopenhauer zur Philosophie gekommen. In der Tat hat Horkheimer Schopenhauer später verschiedentlich als denjenigen philosophischen Denker bezeichnet, mit dem er sich ‒ einer Anregung seines Freundes Max Horkheimer Friedrich Pollock folgend ‒ als (mit Theodor W. Adorno, rechts) Erstem beschäftigt habe, 330 ja er ging schließlich sogar so weit, Schopenhauer neben Marx als denjenigen Philosophen zu bezeichnen, der die Kritische Theorie und damit eine der bedeutendsten geistigen Strömungen der ersten Nachkriegsjahrzehnte der Bundesrepublik entscheidend beeinflusst habe.331 Sein Direktorenzimmer im Frankfurter Institut für Sozialforschung zierte ein Porträt des Philosophen.332 Schon als junger Akademiker hatte er zur Schopenhauer-Gesellschaft gefunden, 1918 tauchte er erstmals im Mitgliederverzeichnis auf. In der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre war er eines der aktiven Mitglieder der Frankfurter Ortsgruppe gewesen.333 1934 war er ‒ unterdessen im Exil ‒ das letzte Mal im Mitgliederverzeichnis genannt worden. Nach seiner Rückkehr nach Frankfurt hatte er keine Eile damit gehabt, seine Mitgliedschaft zu erneuern. Jetzt, im Frühjahr 1955, bat ihn Hübscher mit dem Hinweis, es fehle dafür noch ein Soziologe, um einen Vortrag für die an200

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stehende Tagung.334 Es ist bemerkenswert, wie zielstrebig Hübscher hier dann doch eine Brücke zu einer intellektuellen und theoretischen Tradition schlug, die derjenigen, der er selbst entstammte, in mancher Hinsicht offen entgegengesetzt war. Noch später verlieh er in einer autobiographischen Notiz seiner Abneigung gegen die große Zahl und allem Geschehen, in dem die Masse sich zum Helden aufwerfe, Ausdruck; all das sei ihm so öde erschienen wie noch heute gewisse der Masse, der Gesellschaft dienende und in hohem Ansehen stehende Disziplinen.335 Diese Äußerung zeigt denn auch die Grenzen seiner Möglichkeiten auf, die Schopenhauer-Gesellschaft neuen Tendenzen zu öffnen. Noch interessanter als Horkheimer wäre womöglich Adorno für die Gesellschaft gewesen. Adorno fühlte sich mit Schopenhauer zwar ungleich weniger geistesverwandt als sein langjähriger Intimus Horkheimer. Doch sind Affinitäten zu Schopenhauer, die mehr im Habitus als im Inhalt liegen und die untergründig daher weitaus markanter sind, unübersehbar: die originäre Hinwendung zum Künstlerischen und Musikalischen, verbunden mit wirkungsvollen sprachschöpferischen Qualitäten ihrer Texte, der teilweise aphoristische Gestus (Parerga und Minima Moralia), das stark mit persönlichen und moralischen Konnotationen versehene Engagement ihrer Werke, der umfassende Erfahrungsbegriff, der unakademisch die eigene Erfahrung zur Quelle der Erkenntnis macht, die skeptische Distanz zum allgemeinen universitären Betrieb, die teilweise bis zur Vernichtung gesteigerte Angriffslust (hier Hegel, dort Strawinsky), gepaart mit einem tiefen Mangel an Selbstironie etc.336 Doch über flüchtige Kontakte hinaus kam es zu keiner engeren Beziehung Hübschers zu Adorno. Hübscher hatte sich für den im Auftreten weitaus „bürgerlicher“ temperierten Vertreter der Kritischen Theorie entschieden, und es ist denkbar, dass er dabei auch von einem strategischen Hintergedanken geleitet war: Horkheimer hatte kurze Zeit 201

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zuvor das Amt des Rektors der Frankfurter Universität bekleidet und war somit ein einflussreicher Ordinarius; hinsichtlich einer besseren institutionellen An- und Einbindung des Schopenhauer-Archivs in den Frankfurter akademischen Betrieb konnte es nicht schaden, ihn für sich zu gewinnen. Horkheimer führte in seinem soziologisch inspirierten Beitrag zur Tagung mit dem Titel Schopenhauer und die Gesellschaft337 aus, Schopenhauer habe, da für ihn ja nur die Individuen und ihr Lebenslauf real waren, ein „atomistisches Bild der Gesellschaft“ gehabt. Auch habe er die geschichtliche Anstrengung entgegen der aufklärerischen Vorstellung von der Perfektibilität des Menschen für sinnlos gehalten. Eigentlich waren solche Ansichten für einen stark soziologisch denkenden Philosophen wie Horkheimer eine Herausforderung. Horkheimer gestand der Gesellschaft in der Tat ungleich mehr Eigenrecht zu, mehr autonom wirkende, empirische Strukturierungsmacht als Schopenhauer, für den sie, analog zu den Völkern, bestenfalls ein Abstraktum war, und konstatierte ihre massive Veränderung und Veränderbarkeit insbesondere durch die Entfaltung von Technik und Produktivkräften. Doch just an diesem Punkt glaubte er sich mit Schopenhauer wieder zu berühren, denn der habe solche Entwicklungen ‒ die allmähliche Abschaffung der Handarbeit durch den Einsatz von Maschinen ‒ wie eine einschlägige Passage aus den Parerga (P II, 263f.) zeige, durchaus gesehen und, mehr noch: begrüßt. Beeindruckt zeigte sich Horkheimer vor allem aber auch von der Skepsis, die Schopenhauer sich trotz solcher Einsichten gegenüber dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts bewahrte. Als Koautor der Dialektik der Aufklärung und Zeitgenosse der Katastrophen des 20. Jahrhunderts hatte er gesehen, wohin diese Entwicklung führte, für die er allerdings, stärker als Schopenhauer es getan hätte, originär gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich machte. In der leidvoll erfahrenen Ernüchterung über den Verlauf 202

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der Geschichte fühlte er sich dem Pessimisten Schopenhauer jedoch ganz und gar geistesverwandt. Horkheimer griff dieses Motiv fünf Jahre später an prominenter Stelle noch einmal auf, als er Festredner anlässlich des 100. Todestages von Schopenhauer war und in der Paulskirche über die Aktualität Schopenhauers sprach.338 Angesichts der stattgehabten historischen Ereignisse nannte er ihn nun einen „hellsichtigen Pessimisten“. Auch Mockrauer bewegten diese Gedanken, als er in einem Abendvortrag am gleichen Tag die Frage stellte: „(…) können wir nach den entsetzlichen Handlungen, deren sich schuldig zu machen angeblich zivilisierte und kultivierte Menschen unseres Zeitalters fähig waren, nach totalem Krieg, Atombomben und bestialischer, nein, diabolischer Menschenquälerei und millionenfacher Massenausrottung und verworfenster Unmenschlichkeit Schopenhauers Weltbild im Ernst als falsch betrachten? Lässt nicht, was unsere Generation als Tatsachen erleben und durchleiden musste, die Erfahrungen, Leidensschilderungen und Bosheitsbeispiele Schopenhauers weit hinter sich?“339 Hier klangen Auslegungen Schopenhauers an, in denen gerade Emigranten sich darum bemühten, ihre historischen Erfahrungen zu beleuchten und zu verstehen. Horkheimer konfrontierte in seiner Paulskirchenrede nun aber auch linke, vermeintlich aufklärerische Traditionen mit Schopenhauers Pessimismus: Von der Französischen Revolution bis hin zur leninschen Revolution konstatierte er immer wieder ein Umschlagen der eigentlich angestrebten freien und gerechten Gesellschaft in ihr Gegenteil. Schopenhauers Lehre habe in der Gegenwart schon allein dadurch ihre Bedeutung, weil sie so unbeirrbar die Götzen denunziere. Verkünder säkularer Heilsgeschichte könnten sich nicht auf ihn berufen. Die subtile Dialektik schopenhauerschen Denkens sah Horkheimer aber nun darin, dass es auch nicht in die Verteidigung dessen münde, was je schon sei. Schopenhauer war für ihn alles andere als ein Apologet bestehender Verhältnisse, wie Lukács es ihm 203

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unterstellt hatte. „Je heller der Gedanke ist, desto mehr treibt er zur Abschaffung des Elends, und doch ist die Versicherung, das sei der letzte Sinn des Daseins, das Ende der Vorgeschichte, der Beginn der Vernunft nichts als eine liebenswerte Illusion.“340 In diesem Zusammenhang brachte Horkheimer sogar das im 20. Jahrhundert so vielfach gebrauchte und missbrauchte Zitat Schopenhauers vom „heroischen Lebenslauf“ (P II, 342). Horkheimer rückte Schopenhauer dann aber auch stärker in die Nähe Hegels; er sei dem so verhassten Gegenpart nicht so fern, wie er selbst es glaubte. Auch das Wiedererkennen der logischen Strukturen in Natur- und Menschenwelt, auf das es bei Hegel in der Lehre von Natur und objektivem Geist ankomme, sei der ästhetischen und philosophischen Kontemplation bei Schopenhauer verwandt. Horkheimer sprach in der Paulskirche von „einer Nuance“, die Schopenhauer und Hegel unterscheide. Das waren Bemerkungen, die in deutlichem Kontrast zu der von Hübscher mit Eifer betriebenen geistesgeschichtlichen Polarisierung standen. ‒ Adorno knüpfte „als alter Hegelianer“ in einem späteren kurzen Briefwechsel mit Hübscher übrigens insofern daran an, als er Hegel vor den Invektiven Schopenhauers in Schutz nahm: Schopenhauer habe Hegel vor der Nachwelt „denunziert“, während Hegel sich ihm gegenüber bei ihrem Zusammentreffen an der Berliner Universität doch mit einer „largesse“ verhalten habe, an der jeder freie geistige Mensch sich ein Vorbild nehmen könne. Beschäftige man sich philosophiegeschichtlich mit Schopenhauer, komme, so gab Adorno Hübscher mit süffisanter Formulierung zu verstehen, seine „allmähliche Neutralisierung zu auch einem großen Philosophen“ heraus.341 Nein, in den Frankfurter Kreisen war mit einer Hegel-Kritik à la Hübscher keine Position zu gewinnen. So versuchte man, die Schopenhauer-Rezeption an prominenter Stelle weiterzudenken. Horkheimer blieb der Schopenhauer204

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Gesellschaft auch künftig als Redner und Beiträger erhalten, referierte später zu Pessimismus heute oder zum Verhältnis der Religion zu Philosophie und Wissenschaft.342 Auch institutionell gelang es, ihn für die Schopenhauer-Gesellschaft zu gewinnen. Sein Beitrag auf der Tagung von 1955 machte so viel Eindruck, dass im Kreis der Wissenschaftlichen Leitung der Wunsch geäußert wurde, Horkheimer möge diesem Gremium beitreten. Der willigte ein, nachdem Hübscher ihm versichert hatte, es würde ihm aus diesem Amt keine Arbeit erwachsen.343 Auch trat Horkheimer der Gesellschaft damals wieder als Mitglied bei. 1966 wurde er schließlich sogar zum Ehrenmitglied ernannt. Horkheimer war für die Schopenhauer-Rezeption auch insofern von nicht geringer Bedeutung, als mit ihm, in seiner Folge aber auch mit seinem Schüler Alfred Schmidt Schopenhauer wie seinerzeit bei Deussen wieder stärker Eingang in die universitär gelehrte und wahrgenommene Philosophie fand.

Etablierung der Schopenhauer-Gesellschaft Schopenhauers hundertster Todestag am 21. September 1960 und der fünfzigste Jahrestag der Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft ein Jahr später ‒ beide begangen mit großen offiziellen Feiern in Frankfurt und in München ‒, darüber hinaus die Pensionierung Hübschers, die es ihm ermöglichte, ab 1962 noch für mehr als zwanzig Jahre persönlich die Leitung des Schopenhauer-Archivs zu übernehmen, waren Marksteine im Prozess der öffentlichen Etablierung der Schopenhauer-Rezeption ‒ dies gleichermaßen auf institutioneller wie auf intellektueller Ebene. Hübscher suchte jetzt gezielt die Nähe und die Anerkennung der Gesellschaft durch führende Repräsentanten staatlicher und kommunaler Stellen. Zur hundertsten Wiederkehr des Todestages Schopenhauers gelang es ihm, die Stadt 205

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Schopenhauer-Medaille der Stadt Frankfurt, Bronzeplakette von Adolf Jäger, geschaffen aus Anlass des hundertsten Todestages von Schopenhauer 1960 (Vorder- und Rückseite)

Frankfurt mehr oder weniger als Träger eines großen Teils der Jubiläumsfeiern zu gewinnen: Der Oberbürgermeister empfing die Gesellschaft offiziell im Römer und verlieh an eine Reihe aktiver Mitglieder der Gesellschaft eine eigens geschaffene Schopenhauer-Medaille; Hübscher ehrte er für seine Verdienste gesondert noch mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt; für die Generalversammlung stellte er den Sitzungssaal der Stadtverordneten zur Verfügung; der Kulturdezernent sprach zur Eröffnung einer in städtischen Räumen durchgeführten Schopenhauer-Ausstellung, und den Festakt ließ die Stadt schließlich sogar in der nur besonderen Anlässen vorbehaltenen Paulskirche abhalten. Mit Horkheimer als Festredner gewann Hübscher eine Person, die jetzt größtes Renommee erworben hatte: unlängst emeritiert, war er gerade auch zum Ehrenbürger der Stadt Frankfurt ernannt worden. Auch auf der Fünfzigjahrfeier der Gesellschaft ein Jahr später in München konnte Hübscher ein Glückwunschtelegramm des Bundespräsidenten verlesen, es gab eine Ansprache des bayerischen Kultusministers und einen Empfang durch die Stadt München. 206

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Darüber hinaus war das Jubiläum begleitet von einer Tagung zur Existenzphilosophie ‒ beginnend mit einem Vortrag über Schopenhauer und Kierkegaard bis hin zu einem Beitrag, der dem schwierigen Verhältnis zu den zeitgenössischen Existenzphilosophen nachspürte.344 Hübscher war sichtlich bemüht, auch anderen Erfahrungen in der Rezeption Schopenhauers Raum zu geben und das Werk des Meisters im Lichte gegenwärtiger Geistesströmungen zu reflektieren. Auch verschaffte er dem Schopenhauer-Gedenken mit den hochrangigen Jubiläumsveranstaltungen einen Platz im öffentlichen Leben. Sie bildeten gleichermaßen den Auftakt zu neuen Entwicklungen wie den Abschluss der ersten Jahrhunderthälfte in der Existenz der Schopenhauer-Gesellschaft. Symbolisch für diese Zäsur war nicht zuletzt der Tod Franz Mockrauers. Auf der Fünfzigjahrfeier in München wurde er als einer derjenigen, der bei der Gründung schon mit dabei gewesen war, mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet ‒ eine späte Genugtuung für einen, der als Folge der NS-Zeit für annähernd 20 Jahre nicht auf der Mitgliederliste gestanden war. Friedrich Kormann, der aus dem gleichen Grund die Ehrenmitgliedschaft erhielt und durchgängig auf fünfzig Jahre Mitgliedschaft verweisen konnte, hatte 1933 für die Einführung des Arierparagraphen plädiert. Die konträren Mitgliederkarrieren beider Jubilare stehen für Pendelschläge der Geschichte, die einem freudig begangenen Jubiläum seinerzeit jedoch kein Thema waren. Kurze Zeit später verfasste Mockrauer noch einmal einen profunden Aufsatz, der in der Festschrift zu Hübschers 65. Geburtstag am 3. Januar 1962 erschien. Er befasste sich darin mit dem Begriff des Gewissens bei Schopenhauer,345 der in dessen Werk im Gegensatz zu anderen Morallehren keine zentrale Rolle gespielt habe. Von einem reinen „intellektuellen Gewissen“, mit dem er sterbe, hatte Schopenhauer am Vorabend seines Todes gesprochen. Mockrauer erwähnte es in seinem Beitrag ‒ und hätte 207

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es mit gutem Grund auch für sich selbst beanspruchen dürfen. Ein halbes Jahr später, am 7. Juli 1962, starb er kurz vor der Vollendung seines 73. Geburtstags in einem Stockholmer Krankenhaus.346 Mockrauer war im Exil geblieben. Seine Bedeutung für die SchopenhauerGesellschaft in den ersten fünfzig Jahren ihrer Existenz ist derjenigen von Deussen, Zint und Hübscher gleichrangig.

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6. Kapitel

Schlaglichter zur weiteren Entwicklung

Die Jubiläumsfeiern und eine institutionelle Neustrukturierung in der Leitung des Schopenhauer-Archivs Anfang der Sechzigerjahre stellen eine gewisse Zäsur in der Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft dar. Es sei auch eine Zäsur für die hier vorgelegte Rekonstruktion. Künftige Historiker und Historikerinnen mögen sich der Darstellung der zweiten Jahrhunderthälfte in der Geschichte dieser Institution unbefangener nähern als ein Autor, der manchen der Akteure als Zeitgenossen erlebt oder noch erlebt hat. Das abschließende Kapitel beschränkt sich daher auf einige kurze Schlaglichter. Hübscher bestimmte die Geschicke der Gesellschaft noch mehr als zwanzig Jahre lang, dies sogar unter effektiveren Bedingungen als bisher. Seine Pensionierung als Redakteur 1962 machte ihn gänzlich frei für Schopenhauer. Frankfurts Oberbürgermeister Werner Bockelmann lockte ihn daraufhin mit dem Angebot einer mit halbem Budget dotierten Angestelltenposition, nach Frankfurt zu übersiedeln und die Leitung des Schopenhauer-Archivs an der Stadt- und Universitätsbibliothek zu übernehmen.347 Für zwanzig Jahre gab es so eine Personalunion und eine Professionalisierung von Archivleitung und Präsidentschaft. Es war eine Aufwertung und Neupositionierung des Archivs sowohl wie der Gesellschaft. Maßgeblich wurde die Arbeit für die Gesellschaft jetzt zudem unterstützt von 209

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6. schlaglichter zur weiteren entwicklung

Hübschers Frau Angelika, die selbst mit zahlreichen eigenen, vor allem editorischen Arbeiten zu Schopenhauer hervortrat und zur Erledigung von Verwaltungsbelangen der Gesellschaft die Position einer (ehrenamtlich tätigen) „Generalbevollmächtigten“ erhielt. Hübscher brachte in Form seiner langjährig gepflegten Beziehungen zu Charlotte von Wedel eine „Morgengabe“ mit nach Frankfurt, die jetzt reichen Ertrag brachte: In mehreren Tranchen zwischen 1960 und ihrem Tod 1972 stiftete Frau von Wedel ihren aus gwinnerscher Tradition herkommenden Besitz an Schopenhaueriana. Es handelte sich dabei um Bildnisse Schopenhauers ‒ das Jugendbildnis von 1809 von Karl Ludwig Kaaz und eine Daguerreotypie von 1846348 ‒ und verschiedene Porträts von Schopenhauers Vorfahren sowie eine Reihe origineller Gegenstände aus seinem häuslichen Leben: Schreibfeder, Brille, eine der Flöten und dergleichen.349 Darüber hinaus kamen von Frau von Wedel zahlreiche hoch bedeutende Handschriften und Dokumente Schopenhauers wie die beiden frühen Reisetagebücher aus den Jahren 1800 (Karlsbad, Prag etc.) und 1803/04 (Holland, England, Frankreich etc.)350 sowie umfangreiche Konvolute von Schriftstücken: Manuskripte, Dokumente zu seiner Lebensgeschichte, eigenhändige Briefe und Briefentwürfe, zahlreiche Briefe an Schopenhauer sowie Briefe aus seinem familiären Umfeld351. Schließlich hinterließ Frau von Wedel noch eine große Zahl von Büchern aus der Bibliothek Schopenhauers.352 Es waren Zuwendungen, die an Bedeutung alle Akquisitionen übertreffen, die das Schopenhauer-Archiv seit seinem Bestehen getätigt hat. ‒ Und sie stärkten darüber hinaus die Position des Archivs generell. Hübscher, dem es gelang, zur Frankfurter Stadtverwaltung gute und förderliche Beziehungen aufzubauen, sah sich gegen Ende seiner Amtszeit dadurch ermuntert, das Projekt eines Schopenhauer-Museums wieder aufzugreifen. Frankfurt erlebte seit Ende der Siebzigerjahre einen Gründungsboom in seiner Museumslandschaft („Museumsufer“), 210

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und Hübscher entwarf Pläne, wenn auch nicht mehr am alten Ort an der Schönen Aussicht, wo die bauliche Situation es kaum zuließ, so doch in einer Westendvilla endlich ein Haus für Schopenhauer zu erhalten.353 Doch auch diese neuerliche Initiative zerschlug sich ‒ primär aufgrund von internen Querelen in der Gesellschaft. Auch die editorische Arbeit hatte Hübscher intensiv weiterbetrieben. Erst jetzt war es möglich, Schopenhauers handschriftlichen Nachlass, für dessen Druck er bereits seit den frühen Nachkriegsjahren vergeblich bei Brockhaus und Piper geworben hatte, herauszubringen: Zwischen 1966 und 1975 erschien er in sechs Bänden im Frankfurter Waldemar Kramer Verlag, der von 1952 bis 1992 auch die Jahrbücher druckte.354 Wegen der mangelnden Unterstützung konnte aber immer weniger transkribiert werden; Schopenhauers Nachlass ist daher nicht komplett veröffentlicht; es bleiben hier Aufgaben für künftige Editoren. Auch brachte Hübscher 1968 eine Monographie über die umfangreichen Bildnisse Schopenhauers und seiner Vorfahren355 sowie verbesserte und ergänzte Editionen seiner Gespräche356 und seiner Briefe357 heraus. 1972 kam es zu einer (nach wie vor in Fraktur gesetzten) Neuauflage seiner historisch-kritischen Ausgabe bei Brockhaus (zu einer weiteren 1988), die die Grundlage für eine 1977 im Diogenes-Verlag erschienene Taschenbuchausgabe (Züricher Ausgabe) bildete.358 Doch Hübschers Ausgabe ist auch hier nicht das Ende der editorischen Bemühungen, es besteht weiterer Bedarf an Optimierung, etwa in der Rekonstruktion der Textfassung der früheren Auflagen der Werke Schopenhauers. Schließlich zog Hübscher eine Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit Schopenhauer in seiner 1973 erstmals erschienenen Monographie Denker gegen den Strom.359 Hübscher blieb produktiv bis zu seinem Tod im Alter von fast 90 Jahren. Vielleicht war er etwas aus der Zeit gefallen. Was sich seit 1968 ‒ besonders in Frankfurt ‒ an den Universitäten ereignete, war sicher 211

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nicht nach seinem Geschmack. Er erfuhr es als Angehöriger einer Generation aus dem Kaiserreich. Das intellektuelle und das akademische Milieu nahmen eine Ausrichtung und eine Politisierung an, die Schopenhauer im Allgemeinen wenig Sympathie entgegenbrachte. Gerd Haffmans, dessen Altersgenossen „wg. Vietnam und dem Muff von tausend Jahren mit der Polizei Straßensport betrieben“, während er selbst sich, auch als Mitglied der Gesellschaft, für Schopenhauer doch interessierte, bemerkte aus der Rückschau sarkastisch, die Gesellschaft sei zu dieser Zeit eine „im eigenen Saft köchelnde Sekte, Schopenhauer selbst aus der zählenden Öffentlichkeit nicht nur verschwunden, sondern als letzter Reaktionär überhaupt nicht diskussionsfähig“ gewesen.360 Erwähnt sei, dass der Schreiber dieser Zeilen sich mit Hübscher zwischenzeitlich wegen redaktioneller Fragen bei der gemeinsamen Vorbereitung der Züricher Schopenhauer-Ausgabe überworfen hatte.361 Doch die „köchelnde Sekte“ konnte dem scheinbar ungünstigen Zeitgeist zum Trotz stetiges Wachstum vorweisen: Von knapp 300 Mitgliedern im Schopenhauer-Jahr 1960 stieg sie kontinuierlich auf über 1 000 in den Achtzigerjahren362 ‒ und damit auf einen historischen Höchststand. Sekte, Reaktionär ‒ oder doch eine „Schopenhauer-Renaissance“, von der damals manche sprachen? Naturgemäß war es eine jüngere Generation, die sich in diesem zahlenmäßigen Zuwachs Ausdruck verschaffte. Sie brachte neue Themen mit, so etwa ‒ zeittypisch ‒ die Gegenüberstellung Schopenhauers mit Marx auf einem Kongress der Gesellschaft im Jahr 1976, bei dem Alfred Schmidt das Hauptreferat hielt.363 Erwähnenswert scheint in diesem Zusammenhang auch ein Beitrag über Schopenhauer und die Strafrechtsproblematik von Fritz Bauer, dem hessischen Generalstaatsanwalt und Initiator des Auschwitzprozesses.364 Hübscher, der den Entwicklungen der Zeit auch mit Jugendforen entgegenzukommen versuchte, wuchs dabei in eine Patriarchenrolle 212

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hinein. Die zwanzig Jahre seiner Frankfurter Wirkungszeit waren allen Anfechtungen und Zeitgeistströmungen zum Trotz von einer dichten Kette von Jubiläumsfeiern, Ehrungen, Auszeichnungen und Festschriften begleitet; kein runder oder halbrunder Geburtstag, auch nicht der sechzigste Jahrestag der Gründung der Gesellschaft 1971 oder der siebzigste 1981 vergingen ohne solche offiziellen Feiern. Hohe Repräsentanten von Staat und Gesellschaft gaben sich dabei ein Stelldichein, darunter Bundespräsident Walter Scheel, der dem Schopenhauer-Archiv 1976 einen Besuch abstattete.365 Kaum verwunderlich, dass das Ende einer solch ungewöhnlich langen und gewichtigen Präsidentschaft mit einer schweren Krise in der Gesellschaft verbunden war. Dies weniger weil Hübscher sich nicht im Klaren darüber gewesen wäre, dass es an der Zeit war, einen Nachfolger zu installieren; Grund waren kontroverse Vorstellungen über die Zukunft der Gesellschaft. Mehrfach gab es Initiativen einzelner Vertreter des Vorstands und einer Minderheit unter den Mitgliedern, von Hübschers systematisch betriebener enger Bindung der Gesellschaft an Frankfurt mit all seinen Ressourcen ‒ dem Archiv, der gewachsenen Schopenhauer-Tradition und einer jetzt freundlich gesinnten städtischen Kulturverwaltung ‒ abzurücken. Sie behaupteten, die Gesellschaft verkomme zu einem „Frankfurter Lokalverein“. Unruhig war das Fahrwasser, in das die Gesellschaft über diese Divergenzen hineinglitt. Von 1980 bis 1984 führten sie zu schweren Konflikten, Rücktritten, zahlreichen Austritten und Abspaltungen. Erst nach einer turbulenten Interimspräsidentschaft von Wolfgang Schirmacher aus Hamburg (1982–84), der im Streit und mit Gründung einer eigenständigen Internationalen Schopenhauer-Vereinigung ausschied, gelangte die Gesellschaft unter der Präsidentschaft des Mainzer Universitätsprofessors Rudolf Malter (1984–1992) wieder zu ruhiger sachlicher Arbeit. Es waren denn auch diese Rivalitäten, die Hübschers aussichtsreiche Pläne für ein neues Schopenhauer-Haus, für die er Fürsprecher in der 213

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Frankfurter Stadtverwaltung gehabt hatte, schon gleich zu Beginn dieser Phase schnell zu Fall brachten. ‒ Posthum öffnete die hübschersche Präsidentschaft dann noch eine Flanke. Mit Einwilligung der Stadt Frankfurt war ‒ offenbar erst nach seinem Tod ‒ entschieden worden, Hübscher auf dem Hauptfriedhof direkt neben dem Grab Schopenhauers beizusetzen. Formal liegt er auf einer der beiden Grabstätten, die 1969 unmittelbar neben Schopenhauers Grab frei geworden waren und die die Ruhestätte des Philosophen seither durch die gemeinsame Umfassung mit einer kniehohen Hecke räumlich erweitern. Für den unbefangenen Besucher sind die Grabstätten von Meister und „spätem Evangelisten“ damit eins ‒ ein Arrangement, das nicht ohne Widerspruch geblieben ist. Vor allem die Gegner aus den Konflikten am Ende von Hübschers Präsidentschaft machten es in der überregionalen Presse zum Thema.366 Jüngst wurden gärtnerische Maßnahmen getroffen, um die beiden Grabstellen wieder deutlicher voneinander abzugrenzen. Bereits 1967 hatte Hübscher in einem Vortrag öffentlich über die Zukunft der Schopenhauer-Gesellschaft reflektiert.367 Der Vorsitzende der Gesellschaft müsse ein guter Kenner des Werkes, der Person und der Wirkungsgeschichte Schopenhauers sein, er müsse einschätzen können, welchen Platz Schopenhauer in den Wissenschaften unserer Tage einnehme, und als Herausgeber des Jahrbuchs in der Lage sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das war an seine künftigen Nachfolger gerichtet. Vor allem beschäftigte ihn dabei einmal mehr das Verhältnis der Schopenhauer-Rezeption zur Universitätsphilosophie, das durch des Meisters eigenes Verhalten historisch bereits vorbelastet war. Hübscher richtete einen Appell an die Frankfurter Universität, Schopenhauer in der Lehre stärker institutionell zu verankern: „Dann könnte es vielleicht noch einmal dazu kommen, dass mein künftiger Nachfolger als Professor der Philosophie in Frankfurt die Schopenhauer-Gesellschaft in gute Obhut nimmt.“ Nach wie vor stellte die Universität den neuralgischen 214

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Punkt bei der Frage der seriösen Kodifizierung der schopenhauerschen Lehre dar. Hübscher selbst ließ aber auch gewisse kritische Untertöne gegenüber der akademischen Szene, 368 der er selbst nicht angehörte, und gegenüber der Philosophie in ihrem zeitgenössischen Zuschnitt verlauten,369 und auch vonseiten der Universität, nämlich von dem Mainzer Philosophieprofessor Joachim Kopper, wurde im Jahrbuch selbstkritisch die Frage aufgeworfen, ob Schopenhauers Philosophie kathederfähig sei.370 Doch just in Mainz entstand nun auch ein neuer Schwerpunkt der universitären SchopenhauerForschung. Der neue Präsident, Rudolf Malter (1937–1994), lehrte dort, auch der Schopenhauer-Interpret Jörg Salaquarda, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde hier schließlich eine „Schopenhauer-Forschungsstelle“ eingerichtet, die vom jetzigen Präsidenten der Gesellschaft, Matthias Koßler, geleitet wird, der als Professor der Philosophie selbst mit zwei großen und zahlreichen kleineren Arbeiten zu Schopenhauer hervorgetreten ist ‒ darunter einer Monographie zu einem Vergleich Hegels mit Schopenhauer, die, nicht zuletzt entgegen Hübscher, die Gemeinsamkeiten zwischen beiden stärker betont.371 Die Schopenhauer-Forschung hat damit vorerst eine institutionelle Form an der Universität gefunden, wenn auch nicht in Frankfurt, wo mit dem Schopenhauer-Archiv die zweite und ältere Schopenhauer-Institution sitzt. Doch auch an der Frankfurter Universität gab es nach Horkheimer durchaus noch eine lebendige Beschäftigung mit Schopenhauer: Alfred Schmidt hat ihm umfangreiche Arbeiten insbesondere zur Religionsphilosophie oder zu seiner Rolle als Vorläufer der Psychoanalyse gewidmet, und Brigitte Scheer hat ihn als Ästhetiker gewürdigt. Unter den Universitätslehrern ist auch Dieter Birnbacher (Düsseldorf ) anzuführen, heute Vizepräsident der Gesellschaft, der zahlreiche Aspekte von Schopenhauers Denken in zeitgemäßer Form ‒ etwa zu Fragen der Medizinethik ‒ aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Mit seinen 215

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etwas lockereren Bindungen an die Universität wäre auch Ludger Lütkehaus (Freiburg) zu nennen, der mit umfangreichen fachliterarischen und editorischen Arbeiten zu Schopenhauer, darunter vor allem die Herausgabe der Schopenhauer-Werke, die sich getreu an den Ausgaben letzter Hand orientiert, hervorgetreten ist. Es scheint also, Schopenhauer habe in der universitären Philosophie Stellung und Anerkennung erlangt. Das Spektrum der Schopenhauer-Gesellschaft selbst reicht über die akademische Philosophie aber hinaus. Als freie Vereinigung bietet sie seit jeher auch dem philosophisch interessierten Laien ein Forum, sich aktiv mit Schopenhauers Denken auseinanderzusetzen. Und mit dem Schopenhauer-Archiv praktiziert sie neben den wissenschaftlichen Aufgaben eine Form des Gedenkens und Sammelns, die jenseits der klassischen akademischen Forschung und Lehre angesiedelt ist. Dieser Überlieferungsstrang bildet die Grundlage dafür, dass Schopenhauers Leben und Werk auch in musealer Präsentation Wirkung entfalten und das Archiv unter entsprechenden institutionellen Voraussetzungen zugleich auch Museum werden kann. Am Ende erscheint in neuem Licht, was am Anfang stand: Nietzsches Aufforderung an Deussen aus den 1860er Jahren, einen Philosophen ‒ eben Schopenhauer ‒ müsse er lesen, „ihn selbst, jede Zeile von ihm, aber nichts über ihn, keine Zeile über ihn“. Fraglos hat der erste Teil dieses Appells auch heute noch seine Gültigkeit: Schopenhauer lesen! Aber, nach all der Rezeptionsarbeit des 20. Jahrhunderts, „keine Zeile über ihn“? Jedem und jeder steht es frei; noch immer hat es viel, sehr viel für sich. Doch „Schopenhauer lesen“ kann man nicht mehr wie 1860. Hundertfünfzig Jahre editorische und interpretatorische Arbeit an seinem Werk, wie sie Institutionen wie die Schopenhauer-Gesellschaft maßgeblich geleistet haben, bleiben der Lektüre im 21. Jahrhundert nicht äußerlich. 216

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Beide in: Über Arthur Schopenhauer, hg. v. Gerd Haffmans, 3., erweiterte und verbesserte Auflage, Zürich 1981, S. 173f. Arthur Schopenhauers Gesammelte Briefe, hg. v. Arthur Hübscher, 2., verbesserte und ergänzte Auflage, Bonn 1987, S. 140, 275 u. 367; Schopenhauers Testament in: Carl Gebhardt (Hg.), Das SchopenhauerArchiv. Festschrift zur 13. Tagung der Schopenhauer-Gesellschaft, Heidelberg 1929, S. 30. Paul Deussen, Wie ich zu Schopenhauer kam, in: 1. JB 1912, S. 14. Feldhoff 2008, S. 34. Deussen (wie Anm. 3). Paul Deussen, Die Elemente der Metaphysik, 7. Aufl., Leipzig 1921, S. 125f.; Feldhoff 2008, S. 102f. Sechzig Upanishad’s des Veda, aus dem Sanskrit übersetzt u. mit Einl. u. Anm. vers. von Paul Deussen, Leipzig 1897. ‒ Eine neue Ausgabe davon: Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. In der Übersetzung von Paul Deussen, hg. u. eingeleitet von Peter Michel, Wiesbaden 2006. Paul Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen, zwei Bände à drei Abteilungen, Leipzig 1894–1917, Bd. 2, 3. Abteilung S. V. Ebd., S. IX. Abschriften des Briefwechsels von Frauenstädts Bruder mit der Bibliothek Feb. und März 1879 in SG 5. (Hier auch weitere Schreiben der frühen Herausgeber der Schopenhauer-Werke: Grisebach und Bremer.) Auflistungen und Beschreibungen der Exemplare in der Vorrede zu Arthur Schopenhauers sämtlichen Werken, hg. v. Paul Deussen, zwei217

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ter Band, München 1924, S. Xf., und Schopenhauer-Nachlass, Bd. 5, Nr. 494–514, S. 151–154. Neu hg. von Arthur Hübscher: Schopenhauer-Register von Gustav Friedrich Wagner, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960. Reinhard Piper, Briefwechsel mit Autoren und Künstlern 1903–1953, hg. v. Ulrike Buergel-Goodwin und Wolfram Göbel, München Zürich 1979, S. 77f. Korrespondenz mit H. H. Houben 1915, in SG 5. Piper 1979 (wie Anm. 13), S. 528; Ernst Piper u. Bettina Raab, 90 Jahre Piper. Die Geschichte des Verlages von der Gründung bis heute, München u. Zürich 1994, S. 63. Vgl. auch Posener an Hübscher, 28.4.1950 in SG 55. Frankfurter Biographie I, Frankfurt 1994, S. 292. Die Adelung erfolgte erst 1910, so dass hier bei der späteren Nennung seines Namens in historischem Kontext auf das Adelsprädikat verzichtet wird. Arthur von Gwinner, Lebenserinnerungen, hg. v. Manfred Pohl, Frankfurt 1975, S. 12. Estermann 1988, S. 9; ISG: Magistratsakte S 1482. Paul Deussen, Mein Leben, hg. v. Erika Rosenthal-Deussen, Leipzig 1922, S. 343; Feldhoff 2008, S. 205ff. „Aufruf“, in verschiedenen Varianten in SG 1 und SG 5. Schemann, in 25. JB 1938, S. 70. Im Doktor Faustus lässt Mann seinen Erzähler, Serenus Zeitblom, nach einem wörtlichen Zitat aus Deussens Nietzsche-Biographie Notizen machen. Vgl. Thomas Mann, Dr. Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Bd. 10.1 u. 2, Frankfurt 2007, Textband S. 736 u. Kommentarband S. 898. Siehe die Mitgliederlisten in den einzelnen Bänden des Jahrbuchs der Schopenhauer-Gesellschaft. Im Jahrbuch für 1919 werden die Mitglieder auch nach Städten gegliedert aufgeführt. Freundlicher Hinweis von Frau Dr. Ruffing von der Kant-Forschungsstelle an der Universität Mainz. Berichte darüber regelmäßig in den Jahrbüchern. 2. JB 1913, S. 263f. 218

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Berichte regelmäßig in den Jahrbüchern. Berichte des Schatzmeisters regelmäßig in den Jahrbüchern. Hübscher 1983, S. 70f. 2. JB 1913, S. 264f. Mockrauers Rundschreiben v. 27.5.1914 in SG 1 und SG 5. Kein Hinweis im Bericht über die Münchner Versammlung im 4. JB 1915, S. 299–235. Alles in den Vorreden der Jahrbücher. Vgl. auch Feldhoff 2008, S. 220ff. Unterlagen in SG 1 und Schreiben Deussens an Mockrauer v. 21.7.1918 in SG 32. In SG 1. 8. JB 1919, S. 288f. Die neue Satzung von 1920 ist in den Jahrbüchern der Zwanzigerjahre jeweils abgedruckt. Stollberg 2009; Bibliotheca Publica Francofurtensis, Fünfhundert Jahre Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, hg. v. Klaus-Dieter Lehmann 1984, Salzweg und Darmstadt 1985, S. 177ff. und zugehöriger Tafelband Nr. 122f. Ebd. S. 114, Anm. 54, u. S. 193; Edith Kiessling, Die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Blüte, Untergang und Wiederaufbau einer Bibliothek, Frankfurt 1969, S. 83. Estermann 1988, Nr. 1423. Ebd., S. 9; ISG: Magistratsakte S 1482. Ebd. Hübscher 1968, Nr. [107]. Abschrift des Vertrags v. 22.11.1925 in ISG: Magistratsakte 8.040. Stollberg 2009. 11. JB 1922, S. 102f. u. 169, auch 12. JB 1923–25, S. 264. Hübscher 1968, Nr. [4]. Ebd., Nr. [106]. Zu all diesen Zuwendungen siehe 12. JB 1923–1925, S. 256 u. 259ff. (Abbildung der Nachtmütze in Arthur Schopenhauer 1989, S. 300. Entgegen der hier gemachten Angabe ist die Mütze nicht im Krieg zerstört worden, sondern im Schopenhauer-Archiv noch vorhanden.) 219

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7. JB 1918, S. 278ff.; der groenersche Text ist publiziert ebd., S. 13–85. Maria Groener, Schopenhauer und die Juden, München (Deutscher Volksverlag) 1920. Gedrucktes Rundschreiben der Schopenhauer-Gesellschaft von (Ende) Mai 1920, in: SG 2. Jo Weber: Wie lange noch? (Quousque tandem?) Eine Programmschrift zur Neuordnung der Schopenhauer-Gesellschaft, Innsbruck 1. Mai 1920, ein Exemplar in SG 2. Mockrauer an Wilhelm Flitner v. 25.5.1948, in: Nachlass Mockrauer, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung Bonn, MOC011. Mockrauer an Alois Höfler, 9.6.1920 in SG 7. Protokoll der Sitzung v. 23.5.1920 in SG 2; Schreiben an Jo Weber v. 30.8.1920 in SG 6. Peter Emil Becker, Ludwig Schemann. Verkünder der Rassenlehre, in: ders.: Wege ins Dritte Reich. Teil 2: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und Völkischer Gedanke. Stuttgart u. a. 1990, S. 101–123. Sein Beitrittsschreiben zu der neuen Gesellschaft war 2009 im Antiquariatshandel. Dem Autor lag eine digitale Kopie des Dokuments vor. Exemplar in SG 2. Gründungsbuch der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft, hg. v. Johann Emil Weber (Selbstverlag der N.D.Sch.-G.), Innsbruck 1921. Ebd., S. 8 u. 9. Werkstattbuch der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft aus dem Jahre 1922. Im Auftrage des Gründers und Leiters der Gesellschaft hg. von Maria Groener, Innsbruck und Leipzig 1923. Im Selbstverlag der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft. Vgl. SG 32. Arthur Schopenhauers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe nebst dem handschriftlichen Nachlaß und den gesammelten Briefen herausgegeben von Otto Weiß. Im Rahmen dieser Edition erschienen bei Hesse & Becker Verlag, Leipzig, die ersten beiden Bände, die die Welt als Wille und Vorstellung beinhalteten.

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Otto Weiß, Prolegomena zu einer kritisch-wissenschaftlichen Ausgabe der Werke Schopenhauers, in: Kant-Studien, 24 (1920), S. 347–353, bes. S. 351. Mockrauer, Zur Frage der Schopenhauer-Ausgabe, in: Kant-Studien, 25 (1920), S. 458ff., bes. S. 462f. Hübscher in der Einleitung zu Band 1 seiner eigenen SchopenhauerAusgabe, Leipzig 1937, S. 21f., und ders., Die kritische SchopenhauerAusgabe. Rückblick und Ausblick, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 1 (1946), S. 380–387. Briefwechsel mit Klamant und Kippenberg in SG 7, mit FörsterNietzsche in SG 6. Höfler, Schopenhauer 1919–2020. Dem Gedenken an Paul Deussen gewidmet, in: 9. JB 1920, S. 85–147. Mockrauer an Zint, 18.9.1921 in SG 34. Gwinner an Mockrauer, 10.8.1921 in SG 37. Stellungnahme von Hans Zint v. 25.9.1921 in SG 2 u. SG 34. Mockrauer an Kippenberg, 7.8.1921 in SG 7. Mockrauer an Gebhardt, 30.10.1920 in SG 39. Mockrauer an Zint, 22.11.1921 in SG 34, und Mockrauer an Höfler, 30.12.1921 in SG 7. Ebd. Mockrauer an Gebhardt, 11.9.1921 in SG 39, und an Zint, 22.11.1921 in SG 34. Mockrauer an Frischeisen-Köhler, 5.11.1922 in SG 8. Kowalski an Mockrauer, 30.12.1922 in SG 8. Der § 9 hatte folgenden Wortlaut: „Die Wissenschaftliche Leitung, deren Mitglieder auf Vorschlag des Vorstandes von der Generalversammlung jeweils auf vier Jahre gewählt werden, bildet eine Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich geeigneter Gesellschaftsmitglieder. Sie leitet im Rahmen der Satzung die wissenschaftliche Tätigkeit der Gesellschaft. Bei Meinungsverschiedenheiten irgendwelcher geschäftlicher Art, insbesondere soweit sie die Gesellschaft finanziell belasten, entscheidet der Vorstand. Der Wissenschaftlichen Leitung gehören an der jeweilige Schriftführer und der Archivar. Der erste führt den Schriftverkehr und vertritt die Wissenschaftliche Leitung nach außen.“ 221

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Mockrauer an Zint, 22.11.1921 in SG 34. Gwinner an Taub, 5.1.1923 in SG 9, und Mockrauer an Juliusberger, 24.6.1924 in SG 10. 83 Stellungnahme von Hans Zint, 25.9.1921 in SG 2, und Zint an Mockrauer, 10.9.1923 in SG 34. 84 Zint an Mockrauer, 10.9.1923 in SG 34. 85 Protokoll der Vorstandssitzung in Frankfurt am 7.3.1924 in SG 2. 86 Alle diese Angaben sind den jeweiligen Berichten in den Jahrbüchern sowie den Generaliaakten SG 2 und SG 3 entnommen. 87 Mockrauer an Gebhardt, 30.10.1920 in SG 39. 88 Zint an den Republikanischen Richterbund, 23.12.1924 in SG 2. 89 Zint, Schopenhauer und der Sozialismus. Zum 140. Geburtstag des Philosophen am 22. Februar 1928, in: Danziger Volksstimme 21.2.1928, Nr. 44, 19. Jg. (Ein Exemplar in der Frankfurter Universitätsbibliothek unter S 18/90.) 90 Mockrauer, Schopenhauers Stellung in der Philosophie der Gegenwart, in: 12. JB 1923–1925, S. 26–57. 91 Mockrauer, Schopenhauers Bedeutung für die Volksbildung, in: 14. JB 1927, S. 74–116. 92 Vgl. „Das Tier, das du jetzt tötest, bist du selbst …“. Arthur Schopenhauer und Indien, zusammengestellt und herausgegeben von Jochen Stollberg, Frankfurt 2006, hier im Aufsatz von Thomas Regehly, S. 141ff. 93 Zint im Vorwort zum Tagungsband, 15. JB 1928, auch Material in SG 2. 94 Alle Beiträge im 15. JB 1928. 95 Vgl. auch Feldhoff 2008, S. 170ff. 96 Zint erwähnt es im Schreiben an Mockrauer v. 20.6.1927 in SG 34. 97 Siehe zum Nachfolgenden den von Agnes Wurzmann verfassten Tagungsbericht im 16. JB 1929, S. 219ff. 98 Vgl. auch Johannes Vandenrath, Albert Schweitzer und Schopenhauer, in: 44. JB 1968, S. 52–84. 99 Friedrich Lipsius, Der Kampf um den Kentauren. Ein Gespräch als Nachwort zur Schopenhauer-Tagung, in: 17. JB 1930, S. 106–120. 100 17. JB 1930. 101 Hans Zint, Das Religiöse bei Schopenhauer, in: ders., Schopenhauer 222

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als Erlebnis, München, Basel 1954, S. 49–107 (Erstveröffentlichung im 17. JB 1930, S. 3–75). Tagungsbericht von Konrad Pfeiffer im 19. JB 1932, S. 375–395. Zum Nachfolgenden Hübscher 1966 u. ders. 1983. Hübscher 1966, S. 29. Hans Christof Kraus, Kulturkonservatismus und Dolchstoßlegende. Die „Süddeutschen Monatshefte“ 1904–1936, in: ders. (Hg.), Konservative Zeitschriften zwischen Kaiserreich und Diktatur, Berlin 2003, 13–43. Albert von Schirnding: Konflikt in München. Thomas Mann und die treudeutschen Männer der „Süddeutschen Monatshefte“, in: Thomas Mann in München III. Vortragsreihe Sommer 2005, hg. von Dirk Heißerer, München 2005, S. 261–288; Hermann Kurzke, Kommentar zu Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Bd. 13.2 der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, Frankfurt 2009, S. 133–138. Hübscher 1983, S. 51ff. Ebd., S. 94ff. Schopenhauers Gespräche, hg. v. Arthur Hübscher, in: 20. JB 1933, S. 1–418; Arthur Schopenhauer, Gespräche. Neue, stark erweiterte Ausgabe, hg. v. Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971. Seine Vorrede zum 15. Band der Deussen-Ausgabe, München 1933. Briefwechsel zwischen Zint und Hübscher, 3.7., 9.7., 30.10.1933 in SG 35. Hübscher 1983, S. 78. Bilanzen der Gesellschaft in den Jahrbüchern 1933 und 1934. Nach dem Zeugnis von Leni Riefenstahl, vgl. dies., Memoiren, München 1987, S. 249f. Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 2001, S. 238; Ian Kershaw, Hitler, Stuttgart 1998, Bd. I, Anmerkung 103, S. 771. Mann 1960, S. 530. Hamann (wie Anm. 115), S. 333f. Birgit Schwarz, Geniewahn: Hitler und die Kunst, Wien, Köln, Weimar 2009, S. 52ff.

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119 Ebd., S. 11. 120 Thomas Mann, Bruder Hitler, 1939, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Frankfurt 1960, Bd. 12, S. 845–852, S. 848. 121 Adolf Hitler, Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Die Aufzeichnungen Heinrich Heins, hg. v. Werner Jochmann, Hamburg 1980, S. 411 (19.5.1944). Vgl. auch Hans Frank, Im Angesicht des Galgens, München 1953, S. 46. Hitler sprach dieser Quelle zufolge von den „Reclam-Bändchen“. Demnach hatte er die grisebachsche Ausgabe bei sich, die allerdings nicht fünf, sondern sechs Bände umfasst. 122 Ernst Hanfstaengl, Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters, München 1970, S. 299. Dazu gibt es auch Hinweise im Archiv der Schopenhauer-Gesellschaft: vgl. Rundschreiben der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft an die Mitglieder, 16.12.1933, Durchschlag in SG 20, sowie Schreiben Pfeiffers an Hübscher, 29.9.1937 in SG 40. 123 Timothy Ryback, Hitlers Bücher. Seine Bibliothek ‒ sein Denken, Mit einem Vorwort von Norbert Frei, Köln 2010, S. 78. 124 Hitler, Mein Kampf, Eher-Verlag München 1941, S. 253 u. 335. 125 Vgl. Walter Pritzkow, Schopenhauer-Zitate in Hitlers Buch „Mein Kampf“, in 71. JB 1990, S. 183–192, bes. S. 187f.; Wolfgang Weimer, Der Philosoph und der Diktator. Arthur Schopenhauer und Adolf Hitler, in: 84. JB 2003, S. 157–168. Wenn Weimer S. 163 mitteilt, er habe diese Zitatstelle in den Werken Schopenhauers nicht gefunden, so kann er sich nur auf die von Ludger Lütkehaus herausgegebene Schopenhauer-Ausgabe beziehen, die sich streng an der Ausgabe letzter Hand (also ohne die später von Schopenhauer verfassten Zusätze) orientiert. Hitler las, wie oben in Anm. 121 gesagt, die grisebachsche Ausgabe, die die Zusätze enthält. 126 Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte hg. v. Elke Fröhlich, München etc. 1993–2008, Teil II, Bd. 12, S. 278, 320f. u. 408. 127 Hitler, Monologe (wie Anm. 121), S. 314. 128 Goebbels, Tagebücher (wie Anm. 126), Teil II, Bd. 8, S. 290f. 129 Ryback 2010 (wie Anm. 123), S. 162.

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130 Hitler, Monologe (wie Anm. 121), S. 411. Eine analoge Stelle bei Goebbels, Tagebücher (wie Anm. 126), Teil II, Bd. 7, S. 181. 131 Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, München 2003, S. 301 (11.4.1942). 132 Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, hier zitiert nach der Ausgabe München 1944. Darin besonders der Abschnitt „Wille und Trieb“, S. 323–344. 133 Ebd., S. 687. 134 Zum Folgenden: Erwin Lichtenstein: Die Juden der freien Stadt Danzig unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, Tübingen 1973, S. 4; Tilitzki 2002, Bd. 2, S. 1038, FN 462; Wolf Gruner: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 1 Deutsches Reich, München 2008, S. 83. Von Zints Mitgliedschaft in der SPD spricht auch Hübscher im Schreiben an Emge, 11.7.1947 in SG 52. 135 Gardant la paix de l’âme … Aus dem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Romain Rolland und Hans Zint, in: 32. JB 1945–1948, S. 43–49. 136 Zint an Hübscher, 12.8.1933 in SG 35. 137 Zint an Kormann, 1.7.1933 in SG 4. 138 Ebd. 139 Zint an Hübscher, 12.8.1933 in SG 35. 140 Mockrauer an Hübscher, 21.11.1960 in SG 139. 141 Franz Mockrauer: Die Verantwortung des geistigen Menschen in der Krisis der Gegenwart, 19. JB 1932, S. 129–164. 142 Mockrauer, Schopenhauer und Dänemark ‒ Neue urkundliche Beiträge zur Beleuchtung dieses Verhältnisses, in: 22. JB 1935, S. 242–322. 143 Tilitzki 2002, S. 1006–1022. 144 Siehe zum Folgenden die Abschriften des Briefwechsels zwischen Kormann und Zint 1933 sowie das Vorstandsprotokoll v. 22.10.1933 in SG 4. 145 So Zint in einem Schreiben an Hübscher, 30.10.1933 in SG 35. 146 Bundesarchiv Berlin (ehem. BDC), Rauschenberger, Walter, 12.7. 1880. Rauschenberger gab allerdings an, förderndes Mitglied der SS zu sein. 225

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147 Siehe Bemerkung Zints an Cüsow, 5.11.1933 in SG 4. 148 21. JB 1934, S. 304. 149 Zint an den Vorsitzenden der Danziger Gruppe, Hans Cüsow, 5.11. 1933 in SG 4. 150 Zum Nachfolgenden siehe Unterlagen in SG 4 und SG 43. 151 Reinhard Bollmus, in: Die Braune Elite 1, hg. v. Ronald Smelser u. a., 4. Aufl., Darmstadt 1999, S. 223 u. 230f.; Ernst Piper, Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München (Pantheon) 2007, S. 323ff. 152 Siehe dazu und zum Nachfolgenden SG 44. 153 Im Bundesarchiv Berlin, Fotokopien davon in SG 47. 154 Zum Folgenden siehe SG 18. 155 Es handelt sich um das Wort „gestohlen“, das sich in der gleichen Passage befindet, an deren Ende auch das von Hitler verwendete „Meister im Lügen“ steht. Vgl. Deussen-Ausgabe, Bd. V, S. 386, und HübscherAusgabe, Bd. 6, S. 378. 156 Rundschreiben an die Mitglieder v. 16.12.1933, Durchschlag in SG 20 (unter Groener). 157 Meisterbuch der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft, hg. v. Johann Emil Weber, Ulm 1934, Verlag der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft. 158 22. JB 1935, S. 374. 159 Hübschers Besprechung in: Süddeutsche Monatshefte, 31. Jg., Mai 1934, Heft 8, S. 510. 160 Zint an Hübscher, 12.4. u. 1.5.1935 in SG 35. 161 Zint am 2.10.1936 in SG 4. 162 Vgl. 31. JB 1944, S. 192, dazu den Vertrag und den Schriftwechsel 1943 in SG 29. 163 Zu Schmidt vgl.: Rainer Hegselmann und Geo Siegwart, Zur Geschichte der „Erkenntnis“, in: Erkenntnis 35, 1991, S. 461–471. 164 Raymund Schmidt: Das Judentum in der deutschen Philosophie, in: Theodor Fritsch, Handbuch der Judenfrage. Die wichtigsten Tatsachen zur Beurteilung des jüdischen Volkes, 38. Auflage, 171 bis 180 Tausend, Hammer-Verlag Leipzig 1935, S. 391–401. 165 Tilitzki 2002, S. 1013–1022. 166 Rundschreiben an die Vorstandsmitglieder v. 30.4.1935 in SG 4. 226

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167 Lexikon deutscher wissenschaftlicher Bibliothekare 1925–1980, Frankfurt 1985, S. 237f.; Hans-Gerd Happel, Das wissenschaftliche Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Unter Berücksichtigung der Universitätsbibliotheken, München, London, New York, Paris 1989, S. 51f. 168 In der Korrespondenz zwischen Hübscher und Pfeiffer von September und Oktober 1937 ist davon die Rede, SG 40. 169 Glockner an Hübscher, 13.11.1945 in SG 31. 170 Tilitzki 2002, S. 619; Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? Frankfurt 2003, S. 187; Glockner an Hübscher, 3.4.1946 in SG 51. 171 Briefe Glockners an Hübscher vom 22.4. und 9.10.1942 in SG 28. 172 C. A. Emge, Ideen zu einer Philosophie des Führertums, Berlin 1936. 173 Ders., Geleitwort zu: Giorgio Del Vecchio, Lehrbuch der Rechtsphilosophie, Berlin 1937. Vgl. auch Tilitzki 2002, S. 1028. 174 Tilitzki 2002, S. 1015f. 175 Zint an das Amt Rosenberg, 11.6.1935 in SG 44. 176 Tilitzki 2002, S. 1023–1037, 1086 und zahlreiche andere Stellen. 177 Emge an Hübscher, 22.5.1947 in SG 52. 178 Zint, Rundschreiben an die Vorstandsmitglieder v. 1.9.1936 in SG 4. 179 Hübscher an Pfeiffer, 10.11.1936 in SG 40 und dessen Antwort, 13.11.1936, beide in SG 40. 180 Hübscher an Pfeiffer, 30.9.1936 in SG 40. 181 Pfeiffer an Hübscher, 6.10.1936 in SG 40. 182 Vorrede zu Band I seiner Ausgabe der Schopenhauer-Werke, Leipzig 1937, S. VII. 183 Baeumler an Hübscher, 10.5.1956 in SG 61. 184 Hübscher, Die Schopenhauer-Feiern 1938. Unbekannte Dokumente, in: 66. JB 1985, S. 25. 185 Siehe dazu die Einleitung in Band I seiner Ausgabe 1937, S. 6ff. 186 In Schopenhauers Briefen an Brockhaus, vgl. Deussen-Ausgabe Bd. 15, S. 655ff. u. 668; darüber hinaus S. 661ff., 665ff., 778–780, 783, 784, 809 u.a. 187 Schopenhauer-Nachlass, Band 4, Teil 2, S. 33. 188 Ebd. 189 Siegfried Detemple, Die wissenschaftlichen Manuskripte Arthur 227

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Schopenhauers in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Eine Beschreibung, in: Die Schopenhauer-Welt, Ausstellungskatalog zum 200. Geburtstag von Schopenhauer, Frankfurt Berlin 1988, S. 157–179. Siehe Hübschers unfreundlichen Nachruf auf Weiß in: 35. JB 1953–54, S. 93. Mockrauer, Schopenhauer und Dänemark (Neue urkundliche Beiträge zur Beleuchtung dieses Verhältnisses), in: 22. JB. 1935, S. 242– 322, bes. Anhang D., S. 316–322. Lütkehaus-Ausgabe von 1988, I. S. 20. Lütkehaus-Ausgabe von 1988, III, S. 696. Hübscher-Ausgabe, Bd. II, S. XXIII, Zeile 11 u. 12, und Hübschers Anmerkung ebd., S. 644. Mockrauer an Hübscher, 29.12.1936 in SG 38. Hübscher an Pfeiffer, 4.1.1937 in SG 40. Rekonstruiert aus dem Briefwechsel Hübscher–Pfeiffer in SG 40 und Hübscher–Mockrauer in SG 38. Hübscher 1983, S. 99ff. u. 109. Siehe auch Impressum der Süddeutschen Monatshefte. Bundesarchiv Berlin, Berlin Document Center: NSDAP-Zentralkartei und NSDAP-Gaukartei zu Arthur Hübscher. Hübscher im Vorwort zu Band 1 seiner Schopenhauer-Ausgabe in der ersten Auflage von 1937, S. VIII. Auskunft von Pfeiffer in seinem Entlastungsschreiben für Hübschers Spruchkammerverfahren vom 6.4.1946, Spruchkammerakte Arthur Hübscher im Staatsarchiv München: Karton 783; auch Hübschers Nachruf auf Pfeiffer 1962, in: 43. JB 1962, S. 135. Pfeiffer an Hübscher, 29.9.1937 in SG 40. Zint an Hübscher, 29.5. u. 2.10.1935 in SG 35. Mehrfach ist von ihm 1936 und 1937 im Briefwechsel Hübschers mit Pfeiffer die Rede in SG 40. Die Briefe des Ehepaars Taub an Hübscher nach 1945 in SG 51 u. SG 52. Zint berichtete darüber an Hübscher, 6.11.1940 in SG 49. Otto Juliusburger an Hübscher, 15.1.1947 in SG 51. Pfeiffer an Hübscher, 26.10.1937 in SG 40. 228

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ANMERKUNGEN

209 Hübscher an Zint, 18.11.1937 in SG 49. 210 Zint an Hübscher, 19.11.1937 in SG 49. 211 So der Emigrant Juliusburger an Hübscher nach dem Krieg, 15.1.1947 in SG 51. 212 Wagner an Zint, 16.1.1938 in SG 36. 213 Horkheimer an Hübscher, 23.2.1955 in SG 196. Ebd. auch Antwortschreiben Hübschers vom 26.2.1955. 214 Hübscher an Pfeiffer, 23.11.1937 in SG 40. 215 Hübscher an Zint, 25.11.1937 in SG 49. Siehe auch Hübschers Darstellung dieser Vorgänge aus der historischen Rückschau in seinem Schreiben an Sülzner v. 19.10.1960 in SG 154. 216 Hübscher an Mockrauer, 21.12.1937 in SG 38. 217 Zint an Hübscher, 28.11.1937 in SG 49, und Pfeiffer an Hübscher, 14.12.37 in SG 40. 218 Hübscher an Pfeiffer, 10.11.37 in SG 40. 219 Reichsschrifttumskammer / Gruppe literarische Vereine und Vortragsveranstalter: „Fragebogen für Vereine“, ausgefüllt von Hübscher am 1.10.1938, in: Bundesarchiv Berlin, (ehem. BDC), RKK, Hübscher Arthur 3.1.1897. 220 Alle Beiträge in: 25. JB 1938, Schemanns Äußerung S. 72. 221 Wagner an Zint, 16.1.1938 in SG 36. 222 Dieses und die nachfolgenden Äußerungen aus dem entsprechenden Schriftverkehr im Bundesarchiv Berlin. Davon Fotokopien im Archiv der Gesellschaft in SG 47. Siehe dazu auch den Aufsatz von Hübscher, Die Schopenhauer-Feiern 1938. Unbekannte Dokumente, in: 66. JB 1985, S. 19–26. 223 Rede des Reichsleiters Alfred Rosenberg in der Technischen Hochschule in Danzig am 22. Februar 1938, in: Arthur Schopenhauer und sein Werk. Festrede und Vorträge anlässlich der Reichsfeier zum 150. Geburtstag des deutschen Denkers in Danzig, Danzig 1938, S. 5–17. 224 Vgl. SG 47. 225 Hübscher an Pfeiffer, 2.3.1938 in SG 40. 226 Hübscher 1968, S. 157, Nr. [103]. Arthur Schopenhauer 1989, S. 346. 227 Arthur Hübscher, Schopenhauer in unserer Zeit, in: Arthur Schopenhauer und sein Werk. Festrede und Vorträge anlässlich der Reichsfeier 229

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zum 150. Geburtstag des deutschen Denkers in Danzig, Danzig 1938, S. 58–79. Eine analoge Passage auch in den Parerga (P I, 389). Vgl. den Artikel Schopenhauer in der von Max Sievers herausgegebenen Wochenzeitschrift Freies Deutschland, Jg. 2, 1938, Nr. 9, S. 4. Mann 1960. Thomas Mann, Kultur und Politik, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Frankfurt 1960, Bd. 12, S. 853–861. Mann 1960, S. 563ff. So Schopenhauer in einem Brief an Frauenstädt, 2.3.1849, in: Arthur Schopenhauers Gesammelte Briefe, hg. v. Arthur Hübscher 2., verbesserte und ergänzte Auflage, Bonn 1987, S. 234f. Vgl. auch Hübschers Lebensbild von Schopenhauer in Bd. I. seiner Schopenhauer-Ausgabe, S. 119f. Bettina Erche, Der Frankfurter Hauptfriedhof, Frankfurt 1999, S. 243f. u. 251 und Arthur Schopenhauer 1989, S. 340. Vgl.: Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Bd. 13.1 der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, Frankfurt 2009, S. 142f. Alle Fundstellen Mann 1960, S. 564ff. Mockrauer: Schopenhauers Stellung in der Philosophie der Gegenwart, in: 12. JB 1923–1925, S. 26–57. Zint an Hübscher, 25.10.1942 in SG 49. Hübscher, Thomas Manns Schopenhauer-Essay, in: 63. JB 1982, S. 117–119. Berichte in 21. JB 1934, S. 288ff. und 22. JB 1935, S. 423ff. 25. JB 1938, S. 379ff.; ISG: Magistratsakte 8.040; Briefwechsel Hübscher–Oehler in SG 23. Hübscher an Pfeiffer, 15.5.1939 in SG 41 u. weitere Korrespondenz ebd. Dazu ausführlich Hübscher, Die Sammlung Gruber, 27. JB 1940, S. 138–203 und Hübscher 1968, Nr. [19]–[27]. Hinweise zur Abwicklung in SG 25. 18. JB 1931, S. 355–360; Hübscher 1968, Nr. [104]; Eintrag zu Petraschke in Frankfurter Biographie II, Frankfurt 1996, S. 131. Vgl. auch Fried Lübbecke, Der Muschelsaal, Frankfurt 1960, S. 464–468. Abbildung des Hauses und des Atriums mit der Schopenhauer-Büste in: Alt Frankfurt. Ein Vermächtnis, Frankfurt 1950, S. 226f. 230

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ANMERKUNGEN

245 Brief Lübbeckes an Oberbürgermeister Krebs, 15.11.1938, in: ISG: Magistratsakte 8.040. Vgl. a. Hübscher 1968, Nr. [104]. 246 Adorno, Briefe an die Eltern 1939–1951, hg. v. Christoph Gödde u. Heinz Lonitz, Frankfurt 2003, S. 532f. 247 Kultur-Amt der Stadt Frankfurt an das Hauptverwaltungsamt 30.11.1938, in: ISG: Magistratsakte 8.040. 248 Zu all diesen Vorgängen vgl.: ISG: Magistrats-Nachträge 122, § 39, und ISG: Magistratsakte 8.040. 249 In der einschlägigen Literatur ist verschiedentlich davon die Rede, ein Wasserrohrbruch habe die Eröffnung 1940 verhindert. Dieser Vorfall ereignete sich, dann sogar zweifach, aber erst im Januar und Februar 1942 (vgl. Jahn an Sülzner, 21.2.1942, und Jahn an Hübscher, 3.3.1943, beide in SG 45). 250 27. JB 1940, S. 1–13. Vgl. hier auch sein Vorwort und S. 288ff. 251 Mockrauer an Hübscher, 12.4.1941 in SG 38. 252 Fried Lübbecke, Abschied vom Schopenhauerhause (1944), in: Alt Frankfurt. Ein Vermächtnis, Frankfurt 1950, S. 327–330. Fotos des zerstörten Hauses mit den stehenden Erdgeschossmauern im Schopenhauer-Archiv. Vgl. auch Arthur Schopenhauer 1989, S. 248f., 296. 253 Joachim Seng, Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift ‒ Frankfurter Goethe-Museum 1881–1960, Göttingen 2009, S. 451ff. 254 Hübscher 1968, Nr. [57]. 255 Ebd., Nr. [107]. 256 Dazu Berichte von Jahn v. 10.2.1945 in SG 45, Hübscher an Pfeiffer, 6.3.1946 in SG 151, und Bibliothekar Diehl v. 21.6.1951 in SG 140. 257 Lt. Bericht wie ebd. 258 Siehe die detaillierte Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1959 mit einer Verlustliste in: 40. JB 1959, S. 67–92. 259 Vgl. SG 145. Siehe dazu auch unten in diesem Buch S. 210f. 260 Geiz, die kalte Leidenschaft, in: Koralle. Zeitschrift für Unterhaltung vom 15.9.1940, Nr. 37, S. 908–912, hier S. 909 die Glosse: Und Herr Schopenhauer?. 261 Bernhard Adamy, Pfitzners Schopenhauer-Rezeption, in: 56. JB 1975, S. 138–157. 231

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262 Pfitzner an Hübscher, 4.10.1940, zitiert nach: Bernhard Adamy, Im Zeichen Schopenhauers. Briefe Arthur Hübschers an Hans Pfitzner, in: 67. JB 1986, S. 7–18 (Original in den Hübscheriana in der Bayerischen Staatsbibliothek München). ‒ Die nachfolgenden Quellen zur Koralle-Affäre sind alle nach dem Artikel von Adamy zitiert. (Hinweise auch in Hübschers Briefwechsel mit Pfeiffer in SG 41 und Jahn in SG 45.) 263 Hübscher an Pfeiffer, 31.10.1941 in SG 41. 264 Zitat aus Krugs Brief im Schreiben Hübscher an Pfeiffer, 6.11.1941 in SG 41. 265 Siehe zu ihm Fritz Moosleitner, Fotos von Hans Oellacher, das kunstwerk des monats (Broschüre des salzburger museum carlino augusteum), April 2004, 17. Jg., Blatt 192. (Dank an Dr. Moosleitner für die Übersendung des Drucks.) 266 Hans Oellacher, Einflüsse von Platos Ideenlehre auf die Metaphysik Schopenhauers, in: Zeitschrift für österreichische Mittelschulen Jg. 2, 1925. 267 Oellacher, Feier und Aufgabe, in: 25. JB 1938, S. 88–91. 268 Dieses und das Weitere im Briefwechsel Hübscher-Pfeiffer, 6.11.1941 und später im gleichen Jahr in SG 41. 269 Siehe die Geschäftsberichte in den einzelnen Jahrgängen des Jahrbuchs. 270 Siehe Bescheid der Reichskulturkammer an den Verlag Winter, der das Jahrbuch druckte, 2.7.1943, in: Bundesarchiv Berlin (ehemals BDC), RKK, Hübscher, Arthur 3.1.1897. 271 Hübscher an Zint, 26.8.1943 in SG 49. 272 Hübscher an Jahn, 11.11.1943 in SG 45. 273 Hübscher an Pfeiffer, 21.2.1944 in SG 41. 274 Hans Zint, Schopenhauer als Erlebnis, München, Basel 1954. 275 Die nachfolgende Darstellung ist nach Hübschers Spruchkammerakte im Staatsarchiv München: Karton 783 rekonstruiert. 276 Das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ vom 5.3.1946 sah folgende Gruppen vor: 1. Hauptschuldige, 2. Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer), 3. Minderbelastete (Bewährungsgruppe), 4. Mitläufer und 5. Entlastete. 232

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Die gegenseitigen Entlastungsschreiben vom Juni 1946 in SG 52. Mockrauer an Hübscher, 25.8.1939 in SG 38. Mockrauer an Hübscher, 30.5.1946 in SG 139. Hübscher an Pfeiffer, 14.3.1946 in SG 151. Dazu den Schriftwechsel Hübschers mit Pfeiffer von Herbst 1937 in SG 40. Laut Impressum der Süddeutschen Monatshefte. Auch Hübscher selbst schrieb später in seinen Memoiren, er habe die Verantwortung behalten. Vgl. Hübscher 1983, S. 103 u. 109. Oscar von Pander, Vor zwei Jahrtausenden, in: Münchener Neueste Nachrichten 19.3.1945. Der Artikel handelt anspielungsreich von Vercingetorix, der sich freiwillig Cäsar ergeben hat, um sein Volk zu retten. 33. JB 1945–1948, S. III. Siehe auch seinen Rückblick im 43. JB 1962, S. 75f. Hilmar Hoffmann in: Zeit der Ernte. Studien zum Stand der Schopenhauer-Forschung. Festschrift für Arthur Hübscher. Im Namen des Vorstandes der Schopenhauer-Gesellschaft hg. v. Wolfgang Schirmacher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1982, S. 18–23, bes. 21f. ‒ Von der erwähnten zweiten Liste sprechen auch Angelika Hübscher (47. JB 1967, S. 112) oder Alfred Schmidt (Tugend und Weltlauf, Frankfurt u. a. 2004, S. 152), während im Spruchkammerverfahren davon nie die Rede gewesen war. Der Autor fand im Archiv der Gesellschaft keinen Hinweis darauf. Die Affäre Luzius in SG 177. In SG 47. Hübscher, Die Schopenhauer-Feiern 1938. Unbekannte Dokumente, in: 66. JB 1985, S. 19–26. Mockrauer an Hübscher, 30.5.1946 in SG 139. Mann 1960. Hübscher an Mockrauer, 4.7.1946 in SG 139. Es war seine erste, 1949 verstorbene Frau Annelise, geb. von Bülow. Angelika Knote-Bernewitz heiratete er 1950. Briefwechsel in SG 51 u. SG 52. Taub an Hübscher, 20.6.1947 in SG 52. 233

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295 Hübscher an Taub, 31.7.1947 in SG 52. 296 Ernst Niekisch, Im Vorraum des Faschismus, in: Aufbau. Kulturpolitische Monatsschrift, Heft 2, 1946, S. 122–137. 297 Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, 3. Auflage Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag) 1984 (Erste Auflage 1954). Die Zitate hier aus dem Abschnitt zu Schopenhauer S. 160f., 198, 168, 165 u. 159. 298 Hübscher 1947 und ders. 1948. 299 Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen, 7. Aufl. mit weitgehenden Verbesserungen und neuen Anhängen, Tübingen 1992. Vgl. auch Alfred Deder, Schopenhauer und Popper, in: 59. JB 1978. 300 Hübscher an Posener, 14.5.1950 in SG 55. 301 Hübscher 1988, hier zur Hegel-Kritik S. 195–203. 302 Hübscher 1948, S. 31 u. 42. 303 34. JB 1951–52, S. 101–111. 304 Dazu Hübscher an Pzillas, 3.1.1953 in SG 58. 305 Vgl. eine Passage von ihm, erschienen nur wenige Tage nach seinem Tod im Jahrbuch zum 150. Geburtstag Schopenhauers, in: 25. JB 1938, S. 71ff., vgl. auch oben S. 144 in diesem Buch. 306 21. JB 1934, S. 131–149, bes. S. 135f. 307 Z. B. Pfeiffer an Taub, 17.11.1936 oder Pfeifer an Hübscher, 4.11.1936, beide in SG 40. 308 40. JB 1959, S. 67–92. 309 Berichte Hübschers in den Jahrbüchern: 33. JB 1949–1950, S. 134, 35. JB 1954–54, S. 88f., 61. JB 1980, S. 182f. ‒ Darüber hinaus Korrespondenz von 1948/49 in SG 53 u. SG 54 unter D (Dresden) und R (Antiquar Rosen) sowie Briefwechsel zwischen Kulturdezernent vom Rath an Hübscher 1952 in SG 57. 310 34. JB 1951–51, S. 95ff., und 35. JB 1953–54, S. 89. Korrespondenz in SG 57 u. SG 58 unter Wedel und Meyer. Die Auswertung in 63. JB 1982, S. 4ff. 311 63. JB 1982, S. 123–127, und 64. JB 1983, S. 161–164. 312 Stollberg 2009, S. 135f. 313 35. JB 1953–54, S. 93. 234

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Staatsbibliothek Berlin: Ms.germ.quart. 2308. 54. JB 1973, S. 178f. In: Schopenhauer-Nachlass, Bd. 5, Nr. 499. Ebd. die Nummern 501, 503 und 505. Auszugsweise wiedergegeben im 55. JB 1974, S. 74–78. Bei den Berliner Exemplaren handelt es sich um die im Schopenhauer-Nachlass, Bd. 5, bezeichneten Nummern 495 (Die beiden Grundprobleme der Ethik, Frankfurt/Main 1841), 497 (Parerga und Paralipomena, Berlin 1851, 2 Bände) und 507 (Ueber den Willen in der Natur, Frankfurt/ Main 1836). Das sind ebd. die Nummern 500 (Ueber das Sehn und die Farben, 2. verbes. u. verm. Aufl., 1854), 509 (Ueber den Willen in der Natur, 2. Aufl. 1854), 511 (Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1813) und 513 (Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 2. Aufl. 1847). Mockrauers Mitteilungen an Hübscher in SG 139. Hübscher 1947, S. 708 u. ders. 1948, S. 24. Hübscher im Vorwort zum Tagungsband, das ist 36. JB 1955. Hübscher an Taub, 20.2.1955 in SG 60. Erschienen im 37. JB 1956, S. 42–54 mit einer Ergänzung im 38. JB 1957, S. 159. Schon im 7. JB 1918, S. 250–252 hatte Taub sich zu diesem Thema geäußert und darüber hinaus eine Monographie Strindberg als Traumdichter, Göteborg 1945, publiziert. Taub an Hübscher, 7.3.1955 in SG 60. Hübscher an Sülzner, 19.10.1960 in SG 154. Briefwechsel Hübscher und Mockrauer im August 1955 in SG 139. Briefwechsel ebd. von Oktober 1957. Die nachfolgende Affäre, rekonstruiert aus den Briefwechseln von Mitte Oktober und November 1960 in SG 154 u. 139. Horkheimer an Hübscher, 23.2.1955 in SG 196; darüber hinaus Horkheimer in einem Rundfunkgespräch 1969, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 7, S. 320f. Horkheimer in einem Vortrag, gehalten 1969 kurz nach Adornos Tod in Venedig, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 8, S. 336. Vgl. auch eine Bemerkung von ihm in: Kritische Theorie, Bd. 1, Eine Doku235

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mentation, hg. v. Alfred Schmidt, Frankfurt 1968, S. XIIf. F. Werner Veauthier, in: 69. JB 1988, S. 593. Vortragsankündigungen in 15. JB 1928, S. 408, und 16. JB 1929, S. 297; Mitglied im Ortsausschuss zur Vorbereitung der Frankfurter Tagung Philosophie und Religion (in SG 3); Horkheimer an Hübscher, 23.2.1955 in SG 196. Hübscher an Horkheimer, 20.2.1955 in SG 196. Hübscher 1966, S. 18. Dieter Birnbacher: Schopenhauer und Adorno ‒ philosophischer Expressionismus und Ideologiekritik, in: ders./Andreas Lorenz/Leon Miodonski (Hg.): Schopenhauer im Kontext. Deutsch-polnisches Schopenhauer-Symposium 2000, Würzburg 2002 (Beiträge zur Philosophie Schopenhauers, 5), S. 223–239. Horkheimer, Schopenhauer und die Gesellschaft, Erstpublikation in: 36. JB 1955, S. 49–57; jetzt in: Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 7, S. 43–54. Erstpublikation in: 42. JB 1961, S. 12–25; jetzt in: Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 7, S. 122–142. Mockrauer, Schopenhauers Philosophie, ihre Leistung, ihre Probleme, in: 42. JB 1961, S. 26–51, Zitat S. 42. Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 7, S. 133. Schriftwechsel Adornos und Hübschers im Jahr 1964 in SG 76. Horkheimer in: Gesammelte Schriften, Bd. 7. Hübschers Briefwechsel mit Horkheimer, Juni 1955 in SG 60. Alle Beiträge in 43. JB 1962. Mockrauer, Der Begriff des Gewissens bei Schopenhauer, in: Kreise um Schopenhauer. Arthur Hübscher zum 65. Geburtstag am 3.1.1962 und zum 25-Jahres-Jubiläum als Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft im Oktober 1961. Festschrift hg. v. Carl August Emge, Wiesbaden 1962, S. 56–66. Siehe Hübschers Nachruf in: 44. JB 1963, S. 209–211. ISG: Magistratsakte 8.444; auch Hübschers Autobiographie 1983, S. 160f., 41. JB. 1961, S. 118. Hübscher 1968, Nr. [3] und [63]. 42. JB 1961, S. 112–113. 236

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43. JB 1962, S. 139. 49. JB 1968, S. 132–160. 54. JB 1973, S. 172–181, und 55. JB 1974, S. 79ff. Unterlagen in SG 145. Schopenhauer-Nachlass. Hübscher 1968. Arthur Schopenhauer, Gespräche. Neue, stark erweiterte Ausgabe, hg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971. Arthur Schopenhauers Gesammelte Briefe, hg. v. Arthur Hübscher, Bonn 1978 (2., verbesserte und ergänzte Auflage, Bonn 1987). Arthur Schopenhauer, Züricher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, editorische Materialien besorgt von Angelika Hübscher, Redaktion von Claudia Schmölders, Fritz Senn und Gerd Haffmans, Zürich 1977. Hübscher 1988. Gerd Haffmans, Schopenhauer und die Zunahme der Abgreifer, Erstpublikation in: Merkur, Februar 1988, jetzt in: Das Schopenhauer EinLeseBuch. Ein ABC für die Jetztzeit aus dem handschriftlichen Nachlaß, nebst einem Anhang, die die Kritik der korrupten Vernunft enthält, hg. v. Gerd Haffmans, Frankfurt 2006, S. 133–144, hier S. 140. Gerd Haffmans’ Replik auf Hübschers Kritik an der Züricher Ausgabe (60. JB. 1979, S. 260–263), in: Über Arthur Schopenhauer, hg. v. Gerd Haffmans, dritte, erneut erweiterte und verbesserte Auflage, Zürich 1981, hier S. 315–322: „Zur Züricher Ausgabe. Ein Duftauszug“. 51. JB 1970, S. 182; Angaben in SG 330; Mitgliederverzeichnisse der Achtzigerjahre im JB. Vgl. dazu 58. JB 1977. Fritz Bauer, Schopenhauer und die Strafrechtsproblematik, in: 49. JB 1968, S. 13–29; auch in: Fritz Bauer, Die Humanität der Rechtsordnung, Ausgewählte Schriften, hg. v. Joachim Perels und Irmtrud Wojak, Frankfurt, New York 1998 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 5), S. 341–362. 58. JB 1977, S. 210. Artikel von Volker Spierling in DIE ZEIT v. 8.1.1988 und Leserbrief von Schirmacher ebd. v. 5.2.1988, sowie DER SPIEGEL v. 1.2.1988. Dazu Replik von Angelika Hübscher im Leserbrief in der FAZ v. 237

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27.1.1988. ‒ Vgl. auch die Grabakte bei der Verwaltung des Frankfurter Hauptfriedhofs. Hübscher, Zur Zukunft der Schopenhauer-Gesellschaft, in 48. JB 1967, S. 121–126. Vgl. diverse Broschüren im ungeordneten Bestand der Akten der Schopenhauer-Gesellschaft: Im Dienste der Humanität. Die Schopenhauer-Gesellschaft ‒ ihr Auftrag, ihre Zukunft (1981) oder Das Schopenhauer-Archiv in Frankfurt am Main (liegt in verschiedenen Fassungen vor.) Hübscher 1988, S. 277ff. Joachim Kopper, Ist Schopenhauers Philosophie kathederfähig?, in: 66. JB 1988, S. 21–28. Matthias Koßler, Substantielles Wissen und subjektives Handeln, dargestellt in einem Vergleich von Hegel und Schopenhauer, Frankfurt u. a. 1990, hier zu Hübscher S. 20f.

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Abkürzungen (Zu weiteren Abkürzungen siehe auch unten Zitierweise der Schopenhauer-Werke) BDC FN ISG JB

Berlin Document Center Fußnote Institut für Stadtgeschichte (Stadtarchiv Frankfurt) Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft (1912–1944) bzw. Schopenhauer-Jahrbuch (ab 1945/48) PG Parteigenosse (der NSDAP) RKK Reichskulturkammer RM Reichsmark SG Akten der Schopenhauer-Gesellschaft (im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt)

Zitierweise der Werke Schopenhauers Die Schriften Schopenhauers werden zitiert nach der Hübscher-Ausgabe: Arthur Schopenhauer, Sämtliche Werke, hg. v. Arthur Hübscher, 7 Bände, 4. Aufl., Mannheim: F.A. Brockhaus, 1988 (= Werke). Die Zitierweise folgt dem für die Schopenhauer-Jahrbücher vorgegebenen Muster: G F WI W II N E

PI

Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (Werke I: Schriften zur Erkenntnislehre) Ueber das Sehn und die Farben (Werke I: Schriften zur Erkenntnislehre) Die Welt als Wille und Vorstellung I (Werke II) Die Welt als Wille und Vorstellung II (Werke III) Ueber den Willen in der Natur (Werke IV [I]) Die beiden Grundprobleme der Ethik (Werke IV [II]) I. Ueber die Freiheit des menschlichen Willens II. Ueber das Fundament der Moral Parerga und Paralipomena I (Werke V) 239

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Abkürzungen (Zu weiteren Abkürzungen siehe auch unten Zitierweise der Schopenhauer-Werke) BDC FN ISG JB

Berlin Document Center Fußnote Institut für Stadtgeschichte (Stadtarchiv Frankfurt) Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft (1912–1944) bzw. Schopenhauer-Jahrbuch (ab 1945/48) PG Parteigenosse (der NSDAP) RKK Reichskulturkammer RM Reichsmark SG Akten der Schopenhauer-Gesellschaft (im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt)

Zitierweise der Werke Schopenhauers Die Schriften Schopenhauers werden zitiert nach der Hübscher-Ausgabe: Arthur Schopenhauer, Sämtliche Werke, hg. v. Arthur Hübscher, 7 Bände, 4. Aufl., Mannheim: F.A. Brockhaus, 1988 (= Werke). Die Zitierweise folgt dem für die Schopenhauer-Jahrbücher vorgegebenen Muster: G F WI W II N E

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Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (Werke I: Schriften zur Erkenntnislehre) Ueber das Sehn und die Farben (Werke I: Schriften zur Erkenntnislehre) Die Welt als Wille und Vorstellung I (Werke II) Die Welt als Wille und Vorstellung II (Werke III) Ueber den Willen in der Natur (Werke IV [I]) Die beiden Grundprobleme der Ethik (Werke IV [II]) I. Ueber die Freiheit des menschlichen Willens II. Ueber das Fundament der Moral Parerga und Paralipomena I (Werke V) 239

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Parerga und Paralipomena II (Werke VI) Schopenhauer-Nachlass: Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, hg. v. Arthur Hübscher, Band 1 bis 5, Frankfurt 1966– 1975 (darunter Band 4 als Doppelband)

Werden andere Ausgaben zitiert (Frauenstädt, Grisebach, Deussen, Weiß, Lütkehaus o. a.), wird dies gesondert vermerkt. Bei Zitaten aus den Schriften Schopenhauers wurde entsprechend den strengen Anweisungen, die er selbst gegeben hat (siehe dazu oben S. 129), auf genaue Wiedergabe seiner eigenen Schreibweise geachtet. (Bei Zitaten von anderen Autoren oder von Passagen aus archivischen Quellen wurde hingegen eine behutsame Anpassung an die heutige Rechtschreibung vorgenommen und offenkundige Schreibfehler i. d. R. korrigiert. Ergänzungen und Erläuterungen des Autors sind in eckige Klammern gesetzt.)

Quellen Das vorliegende Buch ist, neben der Benutzung der Fachliteratur, vor allem aus drei Quellenbeständen erarbeitet: Als Erstes aus den Akten der Schopenhauer-Gesellschaft. Sie lagern unter der Bestandsnummer B 1 im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (ehemals Stadt- und Universitätsbibliothek) in Frankfurt am Main und sind durch ein Findbuch sowie eine Verzeichnung in der Faust-Datenbank bis zum Jahr 1981 archivarisch erschlossen; die noch nicht geordneten Bestände aus der Zeit danach befinden sich ebenfalls an diesem Ort. Bei den Akten aus den ersten fünfzig Jahren der Gesellschaft handelt es sich um die persönlichen Handakten der einzelnen Akteure, soweit sie sie dem Archiv übergeben haben. Die für die Gesellschaftsgeschichte relevanten Nachlassbestandteile von Paul Deussen, Hans Zint und anderen konnten dabei nicht oder nur partiell für das Archiv gesichert werden; insofern ist die Überlieferung lückenhaft. Die einzelnen Archiveinheiten werden hier mit dem Kürzel SG und der jeweiligen Signaturnummer zitiert. ‒ Als zweite wichtige Quelle wurden die seit 1912 erschienenen Jahrbücher der Schopenhauer-Gesellschaft bzw. ab 1945 die Schopenhauer-Jahrbücher herange240

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Parerga und Paralipomena II (Werke VI) Schopenhauer-Nachlass: Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, hg. v. Arthur Hübscher, Band 1 bis 5, Frankfurt 1966– 1975 (darunter Band 4 als Doppelband)

Werden andere Ausgaben zitiert (Frauenstädt, Grisebach, Deussen, Weiß, Lütkehaus o. a.), wird dies gesondert vermerkt. Bei Zitaten aus den Schriften Schopenhauers wurde entsprechend den strengen Anweisungen, die er selbst gegeben hat (siehe dazu oben S. 129), auf genaue Wiedergabe seiner eigenen Schreibweise geachtet. (Bei Zitaten von anderen Autoren oder von Passagen aus archivischen Quellen wurde hingegen eine behutsame Anpassung an die heutige Rechtschreibung vorgenommen und offenkundige Schreibfehler i. d. R. korrigiert. Ergänzungen und Erläuterungen des Autors sind in eckige Klammern gesetzt.)

Quellen Das vorliegende Buch ist, neben der Benutzung der Fachliteratur, vor allem aus drei Quellenbeständen erarbeitet: Als Erstes aus den Akten der Schopenhauer-Gesellschaft. Sie lagern unter der Bestandsnummer B 1 im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (ehemals Stadt- und Universitätsbibliothek) in Frankfurt am Main und sind durch ein Findbuch sowie eine Verzeichnung in der Faust-Datenbank bis zum Jahr 1981 archivarisch erschlossen; die noch nicht geordneten Bestände aus der Zeit danach befinden sich ebenfalls an diesem Ort. Bei den Akten aus den ersten fünfzig Jahren der Gesellschaft handelt es sich um die persönlichen Handakten der einzelnen Akteure, soweit sie sie dem Archiv übergeben haben. Die für die Gesellschaftsgeschichte relevanten Nachlassbestandteile von Paul Deussen, Hans Zint und anderen konnten dabei nicht oder nur partiell für das Archiv gesichert werden; insofern ist die Überlieferung lückenhaft. Die einzelnen Archiveinheiten werden hier mit dem Kürzel SG und der jeweiligen Signaturnummer zitiert. ‒ Als zweite wichtige Quelle wurden die seit 1912 erschienenen Jahrbücher der Schopenhauer-Gesellschaft bzw. ab 1945 die Schopenhauer-Jahrbücher herange240

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abgekürzt ZITIERTE LITERATURTITEL

zogen. (Hier zitiert unter dem Kürzel JB.) ‒ Eine dritte Kategorie bilden Unterlagen in anderen Archiven, so insbesondere im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt (ISG), im Staatsarchiv München, im Bundesarchiv Berlin u. a. Die Fundstellen werden in den Anmerkungen jeweils genannt.

Abgekürzt zitierte Literaturtitel Arthur Schopenhauer 1989: Arthur Schopenhauer. Leben und Werk in Texten und Bildern, von Angelika Hübscher, Frankfurt 1989 Estermann 1988: Alfred Estermann, Die Autographen des SchopenhauerArchivs der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Gesamtverzeichnis. Bearbeitet von Alfred Estermann. Stuttgart-Bad Cannstatt 1988 Feldhoff 2008: Heiner Feldhoff, Nietzsches Freund. Die Lebensgeschichte des Paul Deussen, Köln, Wien, Weimar 2008 Horkheimer, Gesammelte Schriften: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, hg. v. Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, 19 Bände, Frankfurt 1985–1996 Hübscher 1947: Arthur Hübscher, Die Nachfolge Hegels. Die rechte und die linke Schule, in: Das goldene Tor, Jg. 2, Heft 8/9, 1947, S. 708–716 Ders. 1948: Arthur Hübscher, Hegel und Schopenhauer. Ihre Nachfolge ‒ ihre Gegenwart, in: 32. JB 1945-48, S. 23–42 Ders. 1966: Arthur Hübscher, Leben mit Schopenhauer, Frankfurt 1966 Ders. 1968: Arthur Hübscher, Schopenhauer-Bildnisse. Eine Ikonographie, Frankfurt 1968 Ders. 1983: Arthur Hübscher, erlebt ‒ gedacht ‒ vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert, Bonn 1983 Ders. 1988: Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern ‒ heute ‒ morgen, 4., durchgesehene Aufl., Bonn 1988 (Erstauflage 1973) Mann 1960: Thomas Mann, Schopenhauer, Erstausgabe Stockholm 1938. Hier zitiert nach: Thomas Mann, Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Frankfurt 1960, Bd. 9, S. 528–580 Stollberg 2009: Jochen Stollberg, Das Schopenhauer-Archiv in Frankfurt am Main. Geschichte ‒ Bestände ‒ Aufgaben, in: Schopenhauer und die 241

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abgekürzt ZITIERTE LITERATURTITEL

zogen. (Hier zitiert unter dem Kürzel JB.) ‒ Eine dritte Kategorie bilden Unterlagen in anderen Archiven, so insbesondere im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt (ISG), im Staatsarchiv München, im Bundesarchiv Berlin u. a. Die Fundstellen werden in den Anmerkungen jeweils genannt.

Abgekürzt zitierte Literaturtitel Arthur Schopenhauer 1989: Arthur Schopenhauer. Leben und Werk in Texten und Bildern, von Angelika Hübscher, Frankfurt 1989 Estermann 1988: Alfred Estermann, Die Autographen des SchopenhauerArchivs der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Gesamtverzeichnis. Bearbeitet von Alfred Estermann. Stuttgart-Bad Cannstatt 1988 Feldhoff 2008: Heiner Feldhoff, Nietzsches Freund. Die Lebensgeschichte des Paul Deussen, Köln, Wien, Weimar 2008 Horkheimer, Gesammelte Schriften: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, hg. v. Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, 19 Bände, Frankfurt 1985–1996 Hübscher 1947: Arthur Hübscher, Die Nachfolge Hegels. Die rechte und die linke Schule, in: Das goldene Tor, Jg. 2, Heft 8/9, 1947, S. 708–716 Ders. 1948: Arthur Hübscher, Hegel und Schopenhauer. Ihre Nachfolge ‒ ihre Gegenwart, in: 32. JB 1945-48, S. 23–42 Ders. 1966: Arthur Hübscher, Leben mit Schopenhauer, Frankfurt 1966 Ders. 1968: Arthur Hübscher, Schopenhauer-Bildnisse. Eine Ikonographie, Frankfurt 1968 Ders. 1983: Arthur Hübscher, erlebt ‒ gedacht ‒ vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert, Bonn 1983 Ders. 1988: Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern ‒ heute ‒ morgen, 4., durchgesehene Aufl., Bonn 1988 (Erstauflage 1973) Mann 1960: Thomas Mann, Schopenhauer, Erstausgabe Stockholm 1938. Hier zitiert nach: Thomas Mann, Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Frankfurt 1960, Bd. 9, S. 528–580 Stollberg 2009: Jochen Stollberg, Das Schopenhauer-Archiv in Frankfurt am Main. Geschichte ‒ Bestände ‒ Aufgaben, in: Schopenhauer und die 241

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Schopenhauer-Schule, hg. v. Fabio Ciraci, Domenico M. Fazio, Matthias Koßler, Würzburg 2009, S. 125–138 Christian Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, 2 Bde., Berlin 2002

Abbildungsnachweis Abb. S. 140: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt; Abb. S. 138: Stadtarchiv München; alle übrigen aus dem Schopenhauer-Archiv der Frankfurter Universitätsbibliothek. Das Porträt von Arthur Hübscher auf S. 89 stammt von der Frankfurter Fotografin Ursula Seitz-Gray, der für die Rechteeinräumung zum Abdruck hiermit herzlich gedankt sei.

Danksagung Als Autor danke ich: erstens dem Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft, insbesondere dem Präsidenten Prof. Dr. Matthias Koßler und dem Archivar Dr. Thomas Regehly, die beide auch das Manuskript intensiv gegengelesen haben; zweitens den weiteren Geldgebern: besonders der Cronstett- und Hynspergischen ev. Stiftung Frankfurt und der Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung; drittens den Mitarbeitern im Archivzentrum der Frankfurter Universitätsbibliothek: Dr. Mathias Jehn, Stephen Roeper und dem früheren Leiter Jochen Stollberg; viertens Kollegen für fachliche Anregungen: Prof. Dr. Fabio Ciraci, Universität Lecce, und Dr. Rolf Wiggershaus; fünftens den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen kontaktierter Bibliotheken und Archive und schließlich Gerd-Peter Kossler für Redaktionsarbeiten sowie dem Böhlau Verlag für Druck und Publikation. Frankfurt am Main, im Juli 2010 Andreas Hansert

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Schopenhauer-Schule, hg. v. Fabio Ciraci, Domenico M. Fazio, Matthias Koßler, Würzburg 2009, S. 125–138 Christian Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, 2 Bde., Berlin 2002

Abbildungsnachweis Abb. S. 140: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt; Abb. S. 138: Stadtarchiv München; alle übrigen aus dem Schopenhauer-Archiv der Frankfurter Universitätsbibliothek. Das Porträt von Arthur Hübscher auf S. 89 stammt von der Frankfurter Fotografin Ursula Seitz-Gray, der für die Rechteeinräumung zum Abdruck hiermit herzlich gedankt sei.

Danksagung Als Autor danke ich: erstens dem Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft, insbesondere dem Präsidenten Prof. Dr. Matthias Koßler und dem Archivar Dr. Thomas Regehly, die beide auch das Manuskript intensiv gegengelesen haben; zweitens den weiteren Geldgebern: besonders der Cronstett- und Hynspergischen ev. Stiftung Frankfurt und der Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung; drittens den Mitarbeitern im Archivzentrum der Frankfurter Universitätsbibliothek: Dr. Mathias Jehn, Stephen Roeper und dem früheren Leiter Jochen Stollberg; viertens Kollegen für fachliche Anregungen: Prof. Dr. Fabio Ciraci, Universität Lecce, und Dr. Rolf Wiggershaus; fünftens den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen kontaktierter Bibliotheken und Archive und schließlich Gerd-Peter Kossler für Redaktionsarbeiten sowie dem Böhlau Verlag für Druck und Publikation. Frankfurt am Main, im Juli 2010 Andreas Hansert

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Schopenhauer-Schule, hg. v. Fabio Ciraci, Domenico M. Fazio, Matthias Koßler, Würzburg 2009, S. 125–138 Christian Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, 2 Bde., Berlin 2002

Abbildungsnachweis Abb. S. 140: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt; Abb. S. 138: Stadtarchiv München; alle übrigen aus dem Schopenhauer-Archiv der Frankfurter Universitätsbibliothek. Das Porträt von Arthur Hübscher auf S. 89 stammt von der Frankfurter Fotografin Ursula Seitz-Gray, der für die Rechteeinräumung zum Abdruck hiermit herzlich gedankt sei.

Danksagung Als Autor danke ich: erstens dem Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft, insbesondere dem Präsidenten Prof. Dr. Matthias Koßler und dem Archivar Dr. Thomas Regehly, die beide auch das Manuskript intensiv gegengelesen haben; zweitens den weiteren Geldgebern: besonders der Cronstett- und Hynspergischen ev. Stiftung Frankfurt und der Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung; drittens den Mitarbeitern im Archivzentrum der Frankfurter Universitätsbibliothek: Dr. Mathias Jehn, Stephen Roeper und dem früheren Leiter Jochen Stollberg; viertens Kollegen für fachliche Anregungen: Prof. Dr. Fabio Ciraci, Universität Lecce, und Dr. Rolf Wiggershaus; fünftens den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen kontaktierter Bibliotheken und Archive und schließlich Gerd-Peter Kossler für Redaktionsarbeiten sowie dem Böhlau Verlag für Druck und Publikation. Frankfurt am Main, im Juli 2010 Andreas Hansert

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Personenregister Kursiv gesetzte Zahlen verweisen auf Abbildungen. Kursiv gesetzte Zahlen in Klammern beziehen sich auf Nummern in den Anmerkungen S. 217ff.; Personen werden hier nur ausgewiesen, wenn ihre Nennung inhaltlich von Bedeutung ist. Adorno, Theodor W. 157, 200f., 200, 204 Althoff, Friedrich 24 Anesaki, Masahar 32 Asmus, Friedrich 141 Augustinus 79 Bähr (Familie) 37 Bähr, Carl Georg 37, 47, 196 Bähr, Friedrich 141 Bähr, Johann Carl 37 Bähr, Johanna, siehe Mockrauer, Johanna Baer, Josef & Co. 50 Baeumler, Alfred 127, 145 Baillot, Alexandre 197 Bauer, Fritz 212 Becker, Johann August 52 Beckmann, Max 93f. Beethoven, Ludwig van 168 Bermann Fischer, Gottfried 148, 180 Binding, Karl 60 Birnbacher, Dieter 215 Bismarck, Otto von 87 Bloch, Ernst 9 Bockelmann, Werner 206, 209

Bodemer, Martin 195 Borch, Rudolf 109 Bormann, Martin 166f. Böttiger, Curt 53 Bremer, Friedrich 29, (10) Brennecke, Hans 59f. Brockhaus (Verlag) 26f., 29, 34, 131, 211 Brockhaus, Friedrich Arnold 41 Brockhaus, Hans 172 Buber, Martin 79 Buddha 183f. Busch, Wilhelm 50, 159 Camus, Albert 188 Cäsar (283) Cohen, Hermann 117 Cossmann, Paul Nikolaus 85, 134f., 170 Costa, Alessandro 32 Cuboni, Guiseppe 32 Descartes, René 101 Deussen, Marie, geb. Volkmar 55 Deussen, Paul 11, 19–27, 23, 29–42, 45–47, 50, 55, 57, 59f., 61–65, 67, 243

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Personenregister

72, 77, 79, 85f., 91f., 113f., 120, 126f., 129–132, 153, 167, 188, 192, 194, 197, 205, 208, 216 Deutsche Philosophische Gesellschaft 107 Diogenes (Verlag) 211 Dostojewski, Fjodor M. 18, 79 Dürrenmatt, Friedrich 9

55, 61, 79, 91, 111, 119, 132 Glasenapp, Helmuth von 78, 80, 197 Glockner, Hermann 121, 172, 197 Göbel, Angilbert Goebbels, Joseph 97f., 112, 162 Goebel, Angilbert 152 Goethe, Johann Wolfgang von 14, 53, 55, 101, 137, 151, 157, 168, 192, 206 Goethe-Gesellschaft 71 Goethehaus 159 Graeber, Albert 30, 36 Grisebach, Eduard 29, 34, 90, 95, 126–129, (10), (121), (125) Groener, Maria 39, 42f., 53–56, 58–60, 61, 63, 72, 75, 92, 95f., 113–116, 129, 144, 171 Gruber, Robert 153f., 159f., 192 Gwinner (Familie) 193f., 210 Gwinner, Anna, geb. Speyer 117 Gwinner, Arthur (seit 1908: von) 31f., 46, 50, 52, 63–69, 64, 117, 193 Gwinner, Wilhelm (seit 1910: von) 31, 42, 50, 60, 65f., 117, 193

Ebrard, Friedrich Clemens 34, 50 Eckart, Dietrich 58, 94, 114 Ecke, Georg 193 Emge, Carl August 121f., 138, 141, 144, 169, 172f., 197 Engels, Friedrich 186 Fauconnet, André 118, 120, 163, 172 Feldhoff, Heiner 20 Feuerbach, Ludwig 77 Fichte, Johann Gottlieb 16, 77, 114, 116 Fiore, Johannes von 186 Fischer, Kuno 53 Förster-Nietzsche, Elisabeth 20, 62, 69, 185 Frank, Hans 122 Frauenstädt, Julius 28, 80, 126–129, 131, 135f., 170, 195, (10) Freud, Sigmund 119 Friedrich Wilhelm IV., preuß. König 17 Fuld-Sachs, Moritz 156f.

Haffmans, Gerd 212 Hasse, Heinrich 113, 119, 121 Hausleitner, Leo Friedrich 135 Hauswedell (Auktionshaus) 195 Hecker, Max 85 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 15f., 30, 77, 80, 89, 97–99, 116f., 121, 158f., 185–188, 196, 201, 204, 215

Gandhi, Mahatma 79 Gebhardt, Carl 34, 42f., 47f., 50, 244

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Personenregister

Heidegger, Martin 188 Heiler, Friedrich 82 Heimann, Eduard 82 Heinrich VIII., engl. König 16 Hertz, Henriette 34, 39, 57 Hess, Johann Friedrich Christian 191 Hesse, Hermann 85, 144 Heydrich, Reinhard 88 Hitler, Adolf 58, 92–99, 102, 112, 115, 122, 138, 164, 166, 174, 185f., 190 Hoche, Alfred 60 Hoffmann, Hilmar 175 Hoffmann, Paul Th. 109, 113, 124, 141, 145 Höfler, Alois 64 Horkheimer, Max 9, 142, 188f., 200–206, 200 Houben, Heinrich Hubert 160, (14) Hübscher, Angelika 209f. Hübscher, Anneliese 181 Hübscher, Arthur 8, 39, 62, 85–92, 89, 99, 113–116, 118, 121–139, 141– 144, 147f., 152–154, 158, 161–176, 179–182, 184–201, 204–215 Hübscher, Georg 85f.

Juliusberger, Otto 140, 189 Justinus Frontinus 95 Kaaz, Karl Ludwig 210 Kant, Immanuel 15, 24, 26f., 37, 56, 64, 77, 93, 97f., 116f., 149, 153f. Kant-Gesellschaft 35, 48, 56, 71, 107, 117f., 120, 137 Kierkegaard, Sören 207 Kilzer, August 52 Kippenberg, Anton 62 Klamant, Leo 62 Kohler, Josef 31f., 45f. König, Anna 195 Kopper, Joachim 215 Kormann, Friedrich 108, 171, 207 Koßler, Matthias 215 Kowaleski, Arnold 41 Kramer, Waldemar (Verlag) 211 Krebs, Friedrich 153f., 157f. Krug, Josef 163–165, 164, 170 Lehmann, Julius Friedrich 53 Lehmann-Siegmundsburg, Franz 147 Lenin, Wladimir Iljitsch Uljanow 79, 203 Ley, Robert 112 Lindtner, Franz 72, 166 Lipsius, Friedrich 80, 119 Lübbecke, Fried 156 Lübke, Heinrich 206 Lütkehaus, Ludger 128, 216 Lukács, Georg 185f., 203f.

Jäger, Adolf 206 Jahn, Karl 52, 160 Jaspers, Karl 188 Jesus von Nazareth 18, 24, 79f. Johannes der Täufer 11, 18 Johst, Hanns 88 245

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Personenregister

Lunteschütz, Jules 52, 154 Luther, Martin 53 Luzius, Karl 176

25, 69, 77, 93, 97f., 116, 120f., 149, 181, 216 Nietzsche-Gesellschaft 71

Malter, Rudolf 213, 215 Mann, Heinrich 88 Mann, Thomas 35, 87f., 93f., 148–152, 149, 157, 159, 174, 180f., 184f. Marlborough, John Churchill, Duke of 161 Martini, Dr. 173f. Marx, Karl 185f., 200, 212 Maupertius, Pierre-Louis Moreau de 60 May, Eduard 197 Medon, Caroline (Ida) 153f. Meiner, Felix (Verlag) 60 Mendel, Gregor 54 Mockrauer, Franz 40, 42f., 46–48, 57f., 61, 61–69, 72, 75–78, 103, 105–107, 112f., 117, 119, 124f., 130, 133, 139, 142f., 151, 159, 170, 172f., 175, 180f., 185, 189f., 194, 196, 198f., 203, 207f. Mockrauer, Johanna, geb. Bähr, 47, 57, 133 Mozart, Wolfgang Amadeus 137

Oehler, Richard 120, 152, 155 Oellacher, Hans 163–165, 171f. Oppenheimer, Franz 82 Ortega y Gasset, José 184

Napoleon 49 Naumann, Friedrich 86 Neumann, Eugen Karl 34 Ney, Elisabeth 49, 153, 160 Niekisch, Ernst 185f. Nietzsche, Friedrich 9, 19f., 20, 22,

Palágyi, Melchior 121 Paul, Jean 12 Paulus (Apostel) 79 Payne, Eric Francis 172 Petraschke, Richard 156 Pfeiffer, Konrad 82, 124f., 133f., 137, 137–139, 141, 143, 147, 162, 164f., 167, 169f., 172f., 189, 199 Pfitzner, Hans 71, 144, 161–163 Piper (Verlag) 34, 211 Piper, Reinhard 29, 31f., 34, 38, 61f., 91f., 131f., 172 Platon 21, 24, 26, 149, 163f. Pollock, Friedrich 200 Popper, Karl R. 186f. Posener, Paul 31 Prinzhorn, Hans 82 Radbruch, Gustav 122 Rath, Karl vom (Frankfurter Kulturdezernent) 193, 206 Rauschenberger, Walter 109, 113, 141, 172, 190 Ray, Prasana K. 32 Rockefeller, John D. 161 Rolland, Romain 71, 79, 103, 190 246

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Personenregister

Rosen, Gerd 193 Rosenberg, Alfred 53, 92, 99–103, 112–114, 118, 121f., 127, 138, 144–147, 161f., 170, 181 Rothschild (Familie) 191 Ruhl, Sigismund Ludwig 52 Ruprecht von Wittelsbach 89

Speyer (Frankfurter Bankiersfamilie) 117 Stahl, Julius Friedrich 186 Stalin, Josef 186 Steiner, Rudolf 126 Stern, William 82 Strawinsky, Igor 201 Strindberg, August 182, 198 Sülzner, Arthur 111, 173, 199

Salaquarda, Jörg 215 Sartre, Jean Paul 188 Scheel, Walter 213 Scheer, Brigitte 215 Scheler, Max 9 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph 16, 30, 116, 185, 193 Schemann, Ludwig 32, 58, 144, 172, 190 Schirmacher, Wolfgang 213 Schmidt, Alfred 205, 212, 215 Schmidt, Raymund 116f., 171 Schmitt, Carl 82 Schnepp, Margarete 52, 154 Schopenhauer, Adele (Schwester) 90, 154 Schopenhauer, Arthur (nicht im Einzelnen ausgewiesen) Schopenhauer, Johanna (Mutter) 154 Schopenhauer, Heinrich Floris (Vater) 15, 153 Schweitzer, Albert 79f. Scott, Walter 172 Shastri, Prabhu Dutt 32, 78 Spengler, Oswald 77, 181

Tacitus, Cornelius 95 Tanzmann, Bruno 59 Taub, Hans 41, 43, 57, 107, 112f., 133, 139, 139f., 142f., 170, 173, 175, 181–185, 189, 197f. Taub (Ehefrau) 139, 142, 181f. Thoma, Hans 34, 87 Tilitzki, Christian 107 Tolstoj, Leo Nikolajewitsch 77, 79, 93 Trübner, Wilhelm 34, 153, 160 Vaihinger, Hans 48, 116f., 119, 136 Vecchio, Giorgio Del 120, 122, 143, 170, 173 Vivekananda, Swami 79 Voltaire, François Arouet de 161 Wagner, Adolf 88 Wagner, Gustav Friedrich 29, 34, 39, 55, 60, 115f., 128f. Wagner, Karl 141f. Wagner, Richard, 53, 93, 149, 185 Weber, Johannes Emil 56–61, 63, 72, 75, 116, 129 247

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Personenregister

Wedel, Charlotte von 193f., 210 Weiß (Gebrüder) 156f. Weiß, Otto 30, 61f., 126f., 130, 194f. Wenzl, Aloys 197 Wertheimber, Zacharias 156 Wiesengrund, Oscar Alexander (Adornos Vater) 157 Wittelsbacher 87, 89 Wittgenstein, Ludwig, 9 Wollf, Karl 68, 107, 109 Wurzmann, Leo 41, 43, 46f., 52, 57, 65, 67f., 107, 112f., 133, 138–142, 170, 173, 177 Wurzmann (Tochter) 142

Vercingetorix (283) Zint, Hans 41, 43, 47, 55, 63, 67–69, 71–75, 74, 77f., 80–83, 85, 91f., 103–111, 113, 116, 118f., 121–124, 134, 138–144, 147, 152, 166–169, 172f., 190, 197, 208 Zint, Susanne 169 Zweig, Stefan 71

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