Schattenorte in Belfast: Stadterneuerung nach dem Ende des Nordirlandkonflikts 9783839441534

"Shadowy places" show: The interests of the participants when dealing with the past can be read off urban rene

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Schattenorte in Belfast: Stadterneuerung nach dem Ende des Nordirlandkonflikts
 9783839441534

Table of contents :
Inhalt
Vorwort
Abkürzungsverzeichnis
Teil A: Einführung
1. Einleitung
2. Methodisches Vorgehen
Teil B: Theoretischer Rahmen
3. Kollektive Erinnerung: Bedeutung, Funktionen und die Symbolhaftigkeit von Orten
4. Gesellschaften zwischen Krieg und Frieden: Herausforderungen und Aufgaben in der Post-Konflikt-Phase
5. Ethnopolitisch geteilte Städte: Wechselwirkungen von Stadt und Konflikt
6. Zusammenführung der theoretischen Debatten: Ein Analyserahmen für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in der Stadt
Teil C: Empirische Untersuchung
7. Geschichte und Entwicklung Belfasts
8. Schattenorte des Nordirlandkonflikts: Drei Stadterneuerungsprojekte in Belfast
Teil D: Abschluss und Reflexion
9. Schlussbetrachtung: Ziele und Motive im Umgang mit Schattenorten in Diskurs und Praxis
Literatur
Liste der befragten Personen 2010

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Henriette Bertram Schattenorte in Belfast

Urban Studies

Henriette Bertram (Dr.) hat Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina studiert und am Fachbereich »Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung« der Universität Kassel promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind städtische Erinnerungskulturen sowie der Umgang mit der Geschichte nach politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen.

Henriette Bertram

Schattenorte in Belfast Stadterneuerung nach dem Ende des Nordirlandkonflikts

Dissertation an der Universität Kassel, Fachbereich Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung, Henriette Bertram, Disputation am 12. Mai 2017.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2018 transcript Verlag, Bielefeld

Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Umschlaggestaltung: Maria Arndt, Bielefeld Umschlagabbildung: Henriette Bertram, Belfast, 2017 Satz: Henriette Bertram Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar Print-ISBN 978-3-8376-4153-0 PDF-ISBN 978-3-8394-4153-4 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unter: [email protected]

Inhalt Vorwort | 7 Abkürzungsverzeichnis | 9

TEIL A: EINFÜHRUNG 1

Einleitung | 13

1.1 Kontext und Fragestellung der Arbeit | 13 1.2 Aufbau und inhaltlicher Kurzüberblick | 17 2

Methodisches Vorgehen | 25

2.1 Diskursanalyse als Forschungsprogramm | 25 2.2 Methodische Operationalisierung | 30

TEIL B: THEORETISCHE GRUNDLAGEN 3

Kollektive Erinnerung: Bedeutung, Funktionen und die Symbolhaftigkeit von Orten | 45

3.1 Kollektives Gedächtnis: Wie erinnern Gemeinschaften? | 46 3.2 Funktionen kollektiven Erinnerns und Vergessens | 55 3.3 Raumbezug von Erinnerung | 61 4

Gesellschaften zwischen Krieg und Frieden: Herausforderungen und Aufgaben in der Post-Konflikt-Phase | 75

4.1 Die Post-Konflikt-Phase als „Zwischenwelt“: ein Friedensabkommen allein macht noch keinen Frieden | 76 4.2 Mögliche gesellschaftliche Ursachen für die Beständigkeit der fragilen Situation | 80 4.3 Gesellschaftliche Aufgaben in der Post-Konflikt-Phase | 90

5

Ethnopolitisch geteilte Städte: Wechselwirkungen von Stadt und Konflikt | 101

5.1 Ethnopolitische Teilung in der Stadt: Vom Konflikt zum Post-Konflikt | 102 5.2 Bedeutung von Städten und städtischen Orten in ethnopolitischen Konfliktkonstellationen | 114 5.3 Das räumliche Erbe ethnopolitischer Konflikte in Städten | 123 5.4 „Normalisierung“ in der Post-Konflikt-Stadt | 134 6

Ein Analyserahmen für den Umgang mit räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in der Stadt | 141

6.1 Dissonanz von Orten als Erinnerungsträger in der Post-Konflikt-Zeit | 141 6.2 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der Post-Konflikt-Phase | 143 6.3 Vielfalt von räumlichen Hinterlassenschaften in der Stadt | 148

TEIL C: EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG 7

Geschichte und Entwicklung Belfasts | 153

7.1 Grundzüge der historischen Stadtentwicklung Belfasts | 154 7.2 Die Troubles und ihre räumlichen Hinterlassenschaften in Belfast | 159 Exkurs: Umgang mit der Konfliktvergangenheit in Nordirland | 189 7.3 Das politische und Planungssystem Nordirlands | 195 7.4 Belfast seit dem Karfreitagsabkommen: City on the rise? | 198 8

Schattenorte des Nordirlandkonflikts: Drei Stadterneuerungsprojekte in Belfast | 213

8.1 8.2 8.3 8.4

Andersonstown Barracks | 215 Crumlin Road Gaol und Girdwood Park | 250 Stewartstown Road Regeneration Project | 300 Diskussion der empirischen Ergebnisse | 32 2

T EIL D: ABSCHLUSS UND REFLEXION 9

Schlussbetrachtung: Ziele und Motive im Umgang mit Schattenorten in Diskurs und Praxis | 347

Literatur | 361 Liste der befragten Personen 2010 | 409

Vorwort

Viele Menschen haben mich beim Schreiben dieses Buchs unterstützt. Bei ihnen möchte ich mich an dieser Stelle ganz offiziell und herzlich bedanken. Prof. Dr. Ulf Hahne und Prof. Dr.-Ing. Uwe Altrock haben die Betreuung und Begutachtung meiner Dissertation am Fachbereich Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung der Universität Kassel übernommen. Von diesem Fachbereich sowie von der Rolf und Ursula Lieberum-Stiftung habe ich finanzielle Unterstützung für meine Forschungsaufenthalte in Belfast erhalten. Meine Interviewpartner*innen gaben mir sehr offen Einblick in ihre Gedanken zu und Erfahrungen mit Stadterneuerung in Belfast. Dadurch konnte ich wesentliche Standpunkte, Prozesse und Ergebnisse verstehen und auf einem stabilen empirischen Fundament argumentieren. Petra Fängewisch, Dr. Kerstin Hinrichsen, Christine Kahl, Prof. Dr. Carsten Keller, Felix Kühnel, Dr. Thomas Pristl (†) und Niklas Radenbach haben meine Arbeit in Teilen oder sogar in Gänze im Voraus gelesen, kritisch kommentiert und dadurch die inhaltliche wie sprachliche Qualität erheblich gesteigert. Silke und Barbara Obermeier stellten mir sechs Monate lang ihr Arbeitszimmer zur Verfügung und ermöglichten so die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. von Promotion und Babyversorgung. Meine Eltern Petra und Dieter haben mich (nicht nur) während der Promotionszeit stets ermutigt und meine persönliche wie akademische Entwicklung liebevoll begleitet. Ich bin froh, dass ich mich immer auf euch verlassen kann. Meine wunderbaren Kinder Kaspar und Cleo erinnern mich immer wieder daran, wo sich das wahre Leben abspielt und haben mir die Zeit der geistigen und körperlichen Abwesenheit nicht nachgetragen. Ihr seid mein größtes Glück. Mein Mann Grischa hat nicht nur alle Textteile als erstes und als letztes gelesen, unermüdlich mit mir Knoten gelöst und lose Enden zusammengefügt. Darüber hinaus übernahm er während der heißen Phase auch den Großteil der Familienarbeit. Ohne dich wär‘s nix geworden. Superheld!

Abkürzungsverzeichnis

AP BCC BDP BIP BMAP BRO BUAP CBE DoE DoJ DRD DSD DUP EQIA GSP GTM IFI IRA MBE MLA MP NBCAU NBPB NIHE NIMDM NIO NISRA OBE

Atlantic Philantropies Belfast City Council Building Design Partnership Belfast Interface Project Belfast Metropolitan Area Plan Belfast Regeneration Office Belfast Urban Area Plan Commander of the British Empire Department of the Environment Department of Justice Department for Regional Development Department for Social Development Democratic Unionist Party Equality Impact Assessment Greater Shankill Partnership Grounded Theory-Methode International Fund for Ireland Irish Republican Army Member of the British Empire Member of the Legislative Assembly Member of Parliament North Belfast Community Action Unit North Belfast Partnership Board Northern Ireland Housing Executive Northern Ireland Multiple Deprivation Measure Northern Ireland Office Northern Ireland Statistics and Research Agency Order of the British Empire

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OFMDFM PEACE PLACE PRONI PRP PSNI RIBA RPA RSUA RUC SDLP SEUPB SLIG SRRP TBUC UDA UDR UUP UVF WBPB ZZF

Office of the First Minister and Deputy First Minister EU Programme for Peace and Reconciliation Planning Landscape Architecture Community Environment Public Records Office Northern Ireland Participation and the Practice of Rights Police Service for Northern Ireland Royal Institute of British Architects Review of Public Administration Royal Society of Ulster Architects Royal Ulster Constabulary Social and Democratic Labour Party Special European Union Programmes Body Suffolk Lenadoon Interface Group Stewartstown Road Regeneration Project Together: Building a United Community Ulster Defence Army Ulster Defence Regiment Ulster Unionist Party Ulster Volunteer Force West Belfast Partnership Board Zentrum für zeithistorische Forschung

Teil A: Einführung

1 Einleitung

1.1 K ONTEXT

UND

F RAGESTELLUNG DER ARBEIT

Nach der Beilegung eines gewaltsam ausgetragenen innerstaatlichen Konflikts steht die betroffene Gesellschaft vor einer Reihe komplexer Aufgaben, zu denen auch der Umgang mit der konfliktbehafteten und die Gesellschaft spaltenden Vergangenheit gehört. Darunter wird häufig die juristische Aufarbeitung und strafrechtliche Verfolgung von Gewalttaten oder die politische Zusammenarbeit von Vertreter*innen der am Konflikt beteiligten Gruppen verstanden und als Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen bearbeitet. Aufgrund der engen Verknüpfung von Raum und Erinnerung gehören zu diesem Bereich allerdings auch lokale Aushandlungsprozesse über konkrete, im Konflikt entstandene oder durch den Konflikt geprägte Orte, von denen einige symbolische Bedeutung haben und die häufig von den ehemaligen Konfliktgruppen unterschiedlich interpretiert werden. Nach der Konfliktbeilegung verhandeln die verschiedenen Interessensgruppen der Gesellschaft miteinander über die zukünftige Nutzung dieser Orte (Graham und Whelan 2007). Dabei nehmen Städte als Epizentren ethnopolitischer Konflikte, in denen sowohl gekämpft als auch verhandelt wird, besondere Rollen ein. Sie werden als „intensive microcosm[s] for the wider societal tensions and fragmentations, and their diverse related discourses“ beschrieben (Gaffikin und Morrissey 2011:79). Als solche nehmen sie bzw. die städtischen Akteur*innen Einfluss auf den Fortgang des Konflikts sowie Erfolg und Misserfolg späterer Friedenskonsolidierungsprozesse. Sowohl die Bewohner*innen als auch die gebaute und gestaltete Umwelt in den Städten tragen häufig einen überproportional hohen Anteil der zerstörerischen Folgen des Konflikts. So sind auch die Anzahl, Dichte und Diversität der räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts in vielen Städten besonders hoch, sie sind nahezu allgegenwärtig. Daher liegt diesem Buch die Annahme zugrunde, dass im Umgang mit diesen Orten eine lokale Erinnerungskultur

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konstruiert wird, die erwünschte Interpretationen und öffentliche Repräsentationen der Konfliktvergangenheit und der am Konflikt beteiligten Parteien offenbart. Vor diesem Hintergrund setze ich mich in dieser Arbeit mit den Motiven und Zielen auseinander, die den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in der Stadt prägen. Den empirischen Kontext der Arbeit bietet die Stadt Belfast nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens im Jahr 1998. Ausgangspunkt meines Forschungsvorhabens war meine Verwunderung darüber, wie wenig und wie unsystematisch sich politische und zivilgesellschaftliche, in unterschiedlicher Weise an der Stadtentwicklungs- und Stadtplanungspolitik beteiligte Akteur*innen in Belfast mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts auseinanderzusetzen scheinen. Diese Beobachtung gilt auch für andere Bereiche des gesellschaftlichen und offiziellen Umgangs mit dem Nordirlandkonflikt, der als „piecemeal approach“ bezeichnet wird (McGrattan 2010:156, Bell 2002:1097, vgl. Graham und Whelan 2007:483). Damit scheinen sich auch Vorhaben der Stadtentwicklung in Belfast in eine grundsätzlich zu beobachtende, sehr pragmatische und „auf Sachfragen fokussierte […] Realpolitik“ einzufügen, die einige kontroverse Fragen bewusst ausblendet oder immer wieder vertagt (Baumann 2008:62, vgl. Birrell 2016). Die Übertragung dieser Herangehensweise auf die räumliche Ebene ist deshalb bemerkenswert, weil das Stadtbild und die physische Form Belfasts stark durch den Nordirlandkonflikt geprägt wurden und viele dieser Spuren bis heute sichtbar sind (Gaffikin und Morrissey 2011, Murtagh 2008, Shirlow 2003a). Diese Sichtweise ist unumstritten – ganz im Gegensatz zu den vielfältigen, vom Konflikt geprägten oder geschaffenen Orten und den mit ihnen in Verbindungen stehenden Ereignissen. Auch existiert für die Wechselwirkungen von städtischer Politik und gesamtgesellschaftlichen Konflikten bzw. Friedenskonsolidierungsprozessen sehr wohl ein Bewusstsein (z. B. Gaffikin und Morrissey 2011, Bollens 2000). Eine nennenswerte öffentliche Debatte über einen wünschenswerten Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts wird jedoch bislang vermieden – wie Neill unterstellt, „just because it is difficult“ (2007:154). Zumindest in Teilen ist diese Schwierigkeit sicherlich auf eine bis heute fehlende Verständigung der regierenden Parteien bezüglich der Bewertung des Konflikts und der mit ihm zusammenhängenden Symbolen zurückzuführen (vgl. Hocking 2015:36, Jarman 2002:292-293). Auch das Karfreitagsabkommen gibt kein historisches Narrativ vor (Bell 2002:1098). Hinzu kommen eine grundsätzlich eher unpolitische Planungskultur (Bollens 2000) und eine etwas diffuse Angst davor, mit konkreten Aussagen und festen Zielen Abwehrreaktionen in der Bevölkerung auszulösen (Frank Gaffikin 2010, pers. Gespräch).

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Die Erinnerung an Ereignisse und Personen, die mit dem Nordirlandkonflikt in Verbindung stehen, findet daher bislang überwiegend getrennt und nahezu privatisiert in den jeweiligen Gemeinschaften statt, Unionist*innen bzw. Protestant*innen und Nationalist*innen bzw. Katholik*innen bleiben dabei unter sich. Switzer und Graham beschreiben die nordirische Erinnerungslandschaft nach dem Konfliktende als „following the lines of the conflict itself: fractured, partial, relative and interwoven with the difficult and ambiguous dissonances between the public and private domains“ (2009:163). Einen gemeinsamen Ort des Gedenkens gibt es in Belfast nicht (Graham und Whelan 2007). Auch die Planwerke der verschiedenen Maßstabsebenen aus den Jahren seit dem Karfreitagsabkommen nehmen meist nur abstrakt Bezug auf die „divided and polarised nature of the community“, verknüpfen wünschenswerte Politikansätze aber vor allem mit dem Ziel, Arbeitsplätze für die benachteiligten Nachbarschaften zu schaffen und die Konnektivität innerhalb der Stadt und besonders mit „places of employment growth but also to other services such as shopping and leisure facilities“ zu verbessern (Belfast City Council 2004:26). Konkrete konfliktbehaftete Orte werden nicht angesprochen und es werden auch keine Strategien für den Umgang mit diesen empfohlen oder gar festgelegt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die tatsächlichen, mit Leidenschaft und großem Engagement geführten Debatten, die diversen Beteiligungsrunden und starken Meinungen und Gefühle, die zutage treten, wenn Veränderungen an einem dieser kontroversen Orte geplant werden. Im letzten Teil des obigen Zitats von Switzer und Graham klingt bereits an, wie schwierig private und öffentliche Erinnerungspraktiken vereinbar sein können. Es wird die Vermutung nahegelegt, dass die Interpretation der Vergangenheit nicht nur zwischen den ehemaligen Konfliktparteien divergiert, sondern dass darüber hinaus eine offizielle, wiederum andere Version existiert, die der Erinnerung an den Konflikt möglicherweise nicht sehr viel Raum gibt. Aufgrund des Fehlens von offiziellen und öffentlich nachvollziehbaren Vorgaben für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts stellte sich mir immer stärker die folgende Frage, die dann zur zentralen Forschungsfrage für dieses Buch wurde: Welche Ziele und Motive, welche Denk- und Handlungslogiken prägen den lokalen Diskurs und die tatsächliche Praxis im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts, über deren friedenskompatible Neunutzung nach dem offiziellen Ende des Konflikts nachgedacht wird? Dazu ergaben sich die folgenden nachgeordneten Fragen: Wie werden die Orte überhaupt bewertet, welchen Stellenwert hat ihre konfliktbezogene Symbolik? Verändert sie sich im Laufe der Zeit? Wenn ja, wie? Welche Akteur*innen sind

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wie stark am gesellschaftlichen Diskurs über diese Orte beteiligt? Welche erinnerungspolitischen Interessen verfolgen sie? Wird die Entwicklung der Orte als Teil des Diskurses über den Umgang mit der Vergangenheit insgesamt betrachtet? Welches historische Narrativ setzt sich durch? Kann eine der traditionellen Gemeinschaften ihre Sichtweise etablieren oder ist eher eine neutrale Sichtweise auf die Orte dominant? Gibt es überhaupt ein Interesse daran, die Geschichte dieser Orte zu erzählen und zu erinnern? Was passiert, wenn keine Einigung auf ein historisches Narrativ erzielt werden kann – was kein ganz unwahrscheinliches Szenario ist, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich die ehemaligen Konfliktparteien die Ereignisse des Konflikts interpretieren? Und wie fügen sich diese Orte letztendlich in eine Post-Konflikt-Stadtentwicklung ein, in welcher der Nordirlandkonflikt und seine räumlichen Implikationen zumindest offiziell so gut wie gar nicht vorkommen? Seit dem Beginn des Forschungsprozesses ist einige Zeit vergangen – die politische Landschaft in Nordirland und die Haltung zu einigen Fragen haben sich in dieser Zeit verändert. Als einer der ersten Schritte zu einer stärkeren auch offiziellen Verknüpfung der Politikbereiche Stadtplanung/-entwicklung und Umgang mit der Vergangenheit kann die Veröffentlichung und Umsetzung der Regierungsstrategie „Together: Building a United Community“ (TBUC) im Jahr 2013 genannt werden. Ein Ziel dieser Strategie ist die Abschaffung aller interface barriers1 innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren, also bis 2023. Diese Zeitspanne gilt als ambitioniert bis unrealistisch, auch wenn einige durchaus symbolträchtige Projekte bereits umgesetzt wurden (Abernethy 2016, Northern Ireland Federation of Housing Associations 2016). Dabei wird auch nur über einen einzelnen Typus von räumlichen Hinterlassenschaften nachgedacht. Die Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts in Belfast sind jedoch deutlich vielfältiger und umfassen sehr unterschiedliche Orte. Zudem gibt die Regierung den Umgang mit den interface barriers in TBUC bereits vor: Sie sollen entfernt werden. Eine diskursive Aushandlung mit den Anwohner*innen und möglichen anderen Interessensgruppen findet also nur über die genauen Modalitäten des Entfernens, nicht aber über mögliche Alternativen statt. Weitere offizielle Positionen zum Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts sind bislang nicht bekannt. Ende 2015 ging die vorläufig letzte Runde von Allparteiengesprächen mit der Veröffentlichung einer Vereinbarung mit dem Titel „A Fresh Start: The Stormont Agreement and Implementation 1

So werden in Nordirland die Barrieren – Mauern, Zäune, Stacheldraht etc. – zwischen katholisch-nationalistisch und protestantisch-unionistisch dominierten Gebieten bezeichnet. Die Grenze selbst, unabhängig davon, ob sie sichtbar gekennzeichnet oder nur Eingeweihten bekannt ist, wird interface genannt.

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Plan“ zu Ende. Im Rahmen dieser Verhandlungen, die von der Nordirlandministerin Theresa Villiers geleitet wurden, konnte zu mehreren vormals strittigen Punkten eine Einigung erzielt werden. Eine Positionierung zu einem Umgang mit dem „Erbe“ des Nordirlandkonflikts in mehreren gesellschaftlichen Bereichen steht jedoch nach wie vor aus. Raumbezogene Fragen oder Beschlüsse zu einzelnen symbolträchtigen Orten waren nicht Teil der Verhandlungen (Birrell 2016, British Government 2015). Im Gegensatz zu vielen Beiträgen aus einigen der hier einfließenden theoretischen Perspektiven ist dies keine präskriptive Arbeit. Ich möchte nicht herausfinden, in welcher Weise die verschiedenen Möglichkeiten des Umgangs mit den räumlichen Hinterlassenschaften auf den Friedensprozess wirken oder wie der Umgang gestaltet werden sollte, um ein friedliches Zusammenleben oder gar Versöhnung herbeizuführen. Ebenso wenig möchte ich zu Handlungsempfehlungen oder Vorschlägen für „bessere“ Alternativen in Bezug auf „peacebuilding in cities“ gelangen (Bollens 2013). Mein vorrangiges Ziel ist es, tatsächlich stattfindende lokale Diskurse und daraus entstehende Praktiken um die räumlichen Hinterlassenschaften eines ethnopolitischen Konflikts nach dessen Beilegung nachzuvollziehen. Anhand der Optionen und Lösungsvorschläge, die an den ausgewählten Orten sag- und durchsetzbar sind, möchte ich den Umgang mit diesen Orten, mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten analysieren und herausfinden, welche expliziten und impliziten Motive und Ziele bei ihrer Neugestaltung verfolgt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, greife ich Debatten aus verschiedenen Disziplinen der Sozialwissenschaften (Stadtsoziologie, Sozial- bzw. Kulturgeographie, Friedens- und Konfliktforschung als Teil der Politikwissenschaften), den Kulturwissenschaften sowie den Planungswissenschaften auf und setze sie zueinander in Beziehung. Alle bieten wichtige, bislang jedoch weitgehend unverbundene Erklärungsansätze zum Verständnis von Erinnerung und Gedenken sowie der Bedeutung von Stadt und städtischen Orten speziell im Post-Konflikt-Kontext, lassen aber auch wichtige Fragen offen. Ein weiteres Ziel ist es somit, einen Beitrag zur Integration und Weiterentwicklung dieser verwandten und sich ergänzenden theoretischen Debatten zu leisten. Der folgende Abschnitt erläutert den Aufbau der Arbeit und gibt einen Einblick in die Inhalte jedes Kapitels.

1.2 AUFBAU

UND INHALTLICHER

K URZÜBERBLICK

Dieses Buch besteht aus einem theoretischen und einem empirischen Teil. Im folgenden zweiten Kapitel lege ich zunächst mein methodisches Vorgehen

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ausführlich dar. Ein induktiver Forschungsansatz, der keine bereits bestehende Theorie überprüfen, sondern zur Entdeckung von Zusammenhängen und zu neuen Erkenntnissen führen soll, bietet sich zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen an (vgl. Schwab-Trapp 2007:71). Zu diesem Zweck habe ich eine raumbezogene Diskursanalyse durchgeführt. Eine grundlegende Prämisse dieses Forschungsprogramms ist es, Räume als gesellschaftlich und diskursiv gestaltet zu betrachten (vgl. Glasze und Mattissek 2009). Damit steht die Konstitution und Entwicklung von Räumen in Verbindung mit der Durchsetzung bestimmter gesellschaftlicher Vorstellungen, man kann an ihnen hegemoniale Vorstellungen von Stadt- oder Raumentwicklung und deren Ziele ablesen. Gleichzeitig prägen gesellschaftliche Diskurse, welche Entwicklungsoptionen für bestimmte Räume überhaupt vorstellbar und sagbar sind und welche nicht. Diskurse und Räume beeinflussen sich also wechselseitig (Bauriedl 2009:222). Zur Operationalisierung der Diskursanalyse wende ich die Grounded Theory-Methode (GTM) nach Glaser und Strauss (1967) bzw. Strauss und Corbin (1996, 1990) an. Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Grundlagen kollektiver Erinnerung. Besonders werden die soziale Konstruiertheit derselben sowie die daraus resultierende Notwendigkeit zur Selektion aus der Gesamtheit aller Erinnerungen eines Kollektivs herausgestellt (Halbwachs 1925, dt. erstmals Halbwachs 1966, A. Assmann 2007). Die Mitglieder einer Gemeinschaft entscheiden in einem kontinuierlichen Aushandlungsprozess – und dabei durchaus in Konkurrenz zueinander – darüber, welche Elemente der Vergangenheit bewahrt werden sollen. Eine Erinnerung wird solange weitergegeben, bis sie im kollektiven Gedächtnis von anderen überlagert wird oder sie dem Selbstbild der Gruppe und ihren Erinnerungsbedürfnissen nicht mehr entspricht (Pethes 2008:57). Mithin ist das Vergessen nicht nur überlebensnotwendig, um eine Überlastung des kollektiven Gedächtnisses zu verhindern, sondern es wird auch gezielt eingesetzt, um unliebsame Teile der Vergangenheit auszublenden (vgl. Kenneweg 2009, Stråth 2000:22, Huyssen 1993:250). Zwei grundlegende Funktionen und Kommunikationsrichtungen des kollektiven Gedächtnisses, die konstitutiv für die Art und Weise und den Umfang des Erinnerns sind, lassen sich unterscheiden. Eine Funktion ist die Konstruktion einer kollektiven Identität für die Gemeinschaft, die über die gemeinsame Geschichte gestärkt und für die einzelnen Mitglieder nachvollziehbar gemacht wird. Als zweites Motiv stehen zunehmend der Aspekt der Außenkommunikation sowie die erlebnisorientierte und marktgängige Präsentation von Aspekten der Vergangenheit im Vordergrund (Frank 2009). Aufgrund der Vielfalt der beteiligten Akteur*innen und Zielgruppen, die mit unterschiedlichen Interpretationen der

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Vergangenheit einhergehen, entsteht leicht Dissonanz im Umgang mit derVergangenheit (Ashworth und Graham 2005). Diese kann zu Konflikten führen, aber auch die Grundlage für multiperspektivisches Erinnern bilden. Weiterhin hebe ich die Bedeutung von Orten als symbolische Medien der Erinnerung hervor. Orte strukturieren und stützen die Erinnerung, sie lassen sie personenunabhängig und zeitlich weniger beschränkt zugänglich werden (vgl. A. Assmann 2009:23-35, Kenneweg 2009, Staiger und Steiner 2009). Gerade nach politischen oder gesellschaftlichen Umbrüchen werden viele mit dem alten System verbundene Orte „politisch oder gesellschaftlich als schmerzhaft oder auch peinlich“ empfunden (Zentrum für Zeithistorische Forschung 2015). Sie werden als Schattenorte bezeichnet; der Umgang mit ihnen ist für alle Beteiligten schwierig. Ich stelle einige mögliche Strategien dafür vor, die von Ignorieren oder Beschweigen über Umdeuten bis hin zum gezielten touristischen Inszenieren reichen. Bezüglich des Umgangs mit städtischen Schattenorten ist in den letzten Jahren zwar ein zunehmendes Forschungsinteresse zu verzeichnen. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei allerdings auf tatsächlichen Gedenkorten z. B. im Sinne von Denk- und Mahnmalen und ihrer Gestaltung bzw. Entfernung nach einem politischen Umbruch (Sabrow 2015, Speitkamp 1997). Die räumlichen Hinterlassenschaften von Konflikten und anderen unliebsamen Vergangenheiten sind jedoch deutlich vielfältiger als bloße Gedenkorte und umfassen auch etliche alltägliche Orte, die vielleicht nur für einen Teil der Gesellschaft eine symbolische Bedeutung haben oder auch nur der flüchtigen, manchmal kaum bewussten Erinnerung dienen (vgl. Canefe 2001:161). Diese Bandbreite von Orten wird bislang noch kaum thematisiert, wodurch m. E. wichtige Aspekte des Umgangs mit umstrittener Vergangenheit unbeachtet bleiben. In Städten sind nach der Beilegung von langanhaltenden Konflikten besonders viele symbolische Orte und zudem die gesamte Bandbreite von räumlichen Hinterlassenschaften auffindbar, weswegen ich ihre Rolle in einem gesonderten Abschnitt aufgreife. In Kapitel 4 stehen Post-Konflikt-Gesellschaften und ihre besonderen Merkmale im Vordergrund. Nach dem offiziellen Ende des Konflikts entsteht eine komplexe und für alle Beteiligten ungewohnte Situation, in der die im Konflikt erlernten Selbstverständlichkeiten nicht mehr gültig sind. Der Konflikt ist zwar offiziell beigelegt, die zugrundeliegenden Ursachen sowie die gesellschaftliche Spaltung sind jedoch nicht plötzlich verschwunden. Vielmehr geht der Konflikt in eine neue Austragungsphase ein (Mac Ginty et al. 2007:1, Lederach 2005:46). Nach einer Diskussion des Begriffs „Post-Konflikt“ werden mögliche Ursachen dafür herausgearbeitet, dass in vielen Post-Konflikt-Gesellschaften noch lange Zeit eine „Zwischenwelt“ zwischen Krieg und Frieden bestehen bleibt (Baumann

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2008). Dazu gehört erstens die Konkurrenz zweier wichtiger Ziele im beginnenden Friedensprozess, nämlich die Stabilisierung der Situation einerseits und die Transformation der Gesellschaft andererseits (Mac Ginty 2010, Borer 2006, McEvoy-Levy 2006). Hinzu kommt zweitens die beschriebene Unsicherheit auf Seiten aller beteiligten Akteur*innen über ihre neue Rolle und die Vorleistungen, die sie erbringen müssen, bevor der Friedenskonsolidierungsprozess positive Effekte bringt (Darby 2006, Miall 2004). Als dritter Grund gelten die oben benannten unbewältigten Strukturmerkmale aus dem Konflikt, die ein Bedürfnis nach Separation und Rückzug in die Sicherheit der eigenen Gemeinschaft auslösen (Baumann 2008). Weiterhin zeige ich in Kapitel 4 die große Bandbreite von Aufgaben auf, die im Rahmen des Post-Konflikt-Wiederaufbaus bewältigt werden muss. Dazu gehört es, gesellschaftliche Strategien für den Umgang mit der Vergangenheit zu finden (Barakat 2005). Dabei fällt auf, dass physische und soziale Elemente des Wiederaufbaus in der Friedens- und Konfliktforschung noch überwiegend losgelöst voneinander oder sogar als gegensätzlich betrachtet werden. Eine Sichtweise, die beide Teilbereiche integriert und als interdependent ansieht, liegt bisher nur vereinzelt vor (Björkdahl und Buckley-Zistel 2016). Es wird die Bedeutung der Vergangenheit in Post-Konflikt-Gesellschaften thematisiert und die Schwierigkeiten des gesellschaftlichen Erinnerns vor dem Hintergrund der divergierenden historischen Narrative der ehemaligen Konfliktgruppen erläutert (Ahonen 2012, Aiken 2008, Graham und Whelan 2007). Die Stellung von Städten in ethnopolitischen Konfliktkonstellationen ist das Thema des fünften Kapitels. Bislang wird die wissenschaftliche Debatte über diesen Städtetypus eher unsystematisch geführt. Es dominieren Beiträge aus den Planungswissenschaften, die häufig normativ geleitet sind und planerische und lokalpolitische Interventions- und Bearbeitungsmöglichkeiten in verschiedenen Stadien des Konfliktaustrags untersuchen (u. a. Bollens 2012, Gaffikin und Morrissey 2011, Bollens 2007a, Hepburn 2004). Zudem ist die Herstellung von Bezügen sowie die Abgrenzung zum Diskurs über Städte, die aufgrund von sozioökonomischer Polarisierung als „geteilt“ betrachtet werden, oft unzureichend. Ein Ziel des fünften Kapitels ist es daher, zur Systematisierung dieser noch jungen Debatte beizutragen. Es werden Ansätze verschiedener Autor*innen diskutiert, Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt und für den vorliegenden Kontext fruchtbare Elemente identifiziert. Anschließend werden die Wechselwirkungen von Städten und Konflikten betrachtet. So können Städte als Epizentren und Standorte mit ökonomischer, politischer und historisch-symbolischer Bedeutung besondere Rollen innerhalb ethnopolitischer Konfliktkonstellationen einnehmen (vgl. Davis und Libertun de

E INLEITUNG

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Duren 2011, Pullan 2011, Bollens 2000). Darüber hinaus tragen sie jedoch auch die Hauptlast während eines Konflikts: Überproportional viele Einwohner*innen werden Opfer des Konflikts und auch im Stadtraum hinterlässt er deutliche Spuren: Es entstehen diejenigen Orte, die nach der Konfliktbeilegung als räumliche Hinterlassenschaften oder Schattenorte bezeichnet werden. Gerade vor dem Hintergrund der in Nordirland beobachteten Schwierigkeiten, eine gesamtgesellschaftliche Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit und ihren räumlichen Spuren zu führen, kann der Diskurs über konkrete (städtische) Orte eine Art Stellvertreterfunktion einnehmen und schwierige gesellschaftliche Fragen auf eine kleinräumige Ebene herunterbrechen (Bollens 2013:375). Es werden insgesamt sechs Erscheinungsformen von Schattenorten differenziert, welche die Gesamtheit der möglichen räumlichen Auswirkungen von Konflikten in Städten umfassen. Diese Typen sind das Ergebnis einer Auswertung und Systematisierung von bestehenden, sich selten aufeinander beziehenden Beiträgen zu verschiedenen ethnopolitisch geteilten Städten. Damit möchte ich meine Erweiterung des in Kapitel 3 eingeführten Begriffs der Schattenorte argumentativ und empirisch fundiert stärken. Ich nehme daher bewusst nicht nur Gedenkorte und Orte mit expliziter Symbolik in die Aufzählung auf, sondern auch Orte, die durch räumliche Teilung, Verfall und Zerstörung und konfliktbezogene städtebauliche Maßnahmen entstehen. Zum Abschluss des fünften Kapitels setze ich mich mit „Normalisierung“2 als gesellschaftlicher Entwicklungstendenz auseinander, die gegenläufig zu der vorher beschriebenen Tendenz zum Rückzug und zur Abgrenzung ist und die Einflüsse, denen Post-Konflikt-Gesellschaften unterliegen, um einen entscheidenden Aspekt ergänzt. „Normalisierung“ wird noch seltener als wichtige gesellschaftliche Strömung in Post-Konflikt-Gesellschaften ausgemacht. Zumeist wird sie mit neoliberalisierten Politiken, sozioökonomischer Spaltung und Überdeckung des Konflikthintergrunds als Resultat eines oktroyierten „liberal peace“ in Verbindung gebracht (Mac Ginty 2010, vgl. Hocking 2015, Nagle 2009). Ich stelle

2

Ich setze „Normalisierung“ in Anführungszeichen, da die Frage, was normal ist und was nicht – und was eine „normale“ Stadt ausmacht – von Person zu Person unterschiedlich beantwortet wird. Ich setze „normal“ auch nicht gleich mit „gut“ oder „richtig“. Der Begriff beschreibt eine gesellschaftliche Tendenz in Post-Konflikt-Gesellschaften und besonders in Post-Konflikt-Städten zur Lösung vom Konflikthintergrund und zur Nachahmung von Politiken und Verhaltensweisen, die aus anderen Gesellschaften/Städten ohne ethnopolitischen Konflikt bekannt sind und von vielen als „normal“ empfunden werden. Zur ausführlichen Erläuterung des Begriffs und Kritik daran s. Kapitel 5.4.

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zur Diskussion, ob „Normalisierung“ tatsächlich – wie in den meisten Forschungsbeiträgen postuliert – vor allem als von Eliten oder von externen Akteur*innen vorangetrieben und gesteuert wird, oder möglicherweise auch einem genuinen Bedürfnis aus den Bevölkerungen selbst entspringt. Das sechste Kapitel dient der Erarbeitung eines eigenen Analyserahmens für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnonationalen Konflikten in Städten. Es zeigt die Beiträge und Grenzen der theoretischen Debatten zur Fragestellung dieser Arbeit auf und setzt die wichtigsten Aspekte der Kapitel 3 bis 5 zueinander in Beziehung, so dass sie eine neue Perspektive auf die Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren in Bezug auf den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften und den damit verbundenen Zielen und Motiven erlauben. Drei Spannungsfelder, innerhalb derer sich der Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts entfaltet, werden aufgezeigt. Diese sind erstens die Innen- bzw. Außenorientierung im Umgang mit der Vergangenheit, zweitens die gegensätzlichen gesellschaftlichen Ziele von Stabilität und Transformation sowie drittens die ungleichzeitigen Entwicklungsrichtungen zwischen Rückzug und „Normalisierung“. Innerhalb dieser Spannungsfelder ensteht Dissonanz im Hinblick auf die Interpretation und Nutzung der Geschichte. Aufgrund der weitgehenden Abwesenheit von öffentlichen Debatten oder offiziellen Positionen im Hinblick auf den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts in Belfast untersuche ich im zweiten Teil der Arbeit die diesbezüglichen Ziele und Motive direkt anhand dreier Stadterneuerungsprojekte der Post-Konflikt-Zeit. Um die ausgewählten Projekte besser in ihren Kontext einordnen zu können, gibt Kapitel 7 einen Überblick über die wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung Belfasts seit dem 19. Jahrhundert. Es wird der Weg der nordirischen Regionalhauptstadt von der boomenden Industriemetropole über das vom Bürgerkrieg gezeichnete Zentrum der Gewalt bis zur heutigen touristisch attraktiven „must-see city“ nachgezeichnet (Katz 2006). Die Schwerpunkte der aktuellen Stadtentwicklungspolitik werden herausgearbeitet und anhand von Beispielen dargelegt. In Kapitel 8 erfolgt die Darstellung und Diskussion der untersuchten Stadterneuerungsprojekte und der mit ihnen verbundenen diskursiven Aushandlungsprozesse. Dabei handelt es sich erstens um die ehemalige Polizei- und Militärkaserne Andersonstown Barracks im Herzen des republikanischen Westbelfast, zweitens um Crumlin Road Gaol und Girdwood Park, ein ehemaliges Gefängnis mit angrenzender Kaserne der britischen Armee im ethnisch fragmentierten Norden der Stadt3 sowie drittens um das Stewartstown Road Regeneration Project in 3

Dieses Vorhaben wurde während des Bearbeitungszeitraums aufgrund der Umstrittenheit einiger Maßnahmen in zwei Teilprojekte aufgegliedert. Ich habe beide Teilprojekte

E INLEITUNG

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einem reinen Wohngebiet mit zwei stark verfeindeten Gemeinschaften im schon fast suburbanen Westen der Stadt. Die Andersonstown Barracks sind ein Beispiel für ein Zweckgebäude, das in Westbelfast als Symbol für die britische „Besatzung“ galt. Das Gebäude wurde gemeinsam von der britischen Armee und der nordirischen Polizei RUC (Royal Ulster Constabulary) als Kaserne genutzt und befand sich auf einer ca. 10 ha großen Fläche. Anfang 2005 wurde es abgerissen. Im Jahr 2012 ist die Fläche begrünt und für die temporäre Nutzung freigegeben worden, über eine endgültige Nutzung gibt es zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit keine Information. Crumlin Road Gaol und Girdwood Park sind ebenfalls symbolische Zweckgebäude, die durch ihre Lage im fragmentierten Nordbelfast zusätzlich zu Symbolen für die territoriale Aufteilung der Stadt sowie für Verfall und Dysfuktion an den interfaces geworden sind. Das Gefängnis wird aktuell als Kultur- und Tourismusprojekt genutzt, während auf Girdwood Park für verschiedene, vor allem freizeitund bildungsorientierte Nutzungen freigegeben wurde und zudem zwei kleinere Wohnquartiere umfassen wird. Das Stewartstown Road Regeneration Project ist ein durch zivilgesellschaftliches Engagement entstandenes Geschäfts- und Bürogebäude. Als Teil der peace line zwischen den beiden Quartieren Suffolk und Lenadoon stellt es ein Beispiel für eine städtebauliche Auswirkung des Konflikts dar. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, der als Folge des Konflikts dysfunktional wurde und nicht mehr instandgesetzt werden konnte. Die Struktur des Kapitels orientiert sich an den mithilfe der GTM herausgefilterten Kategorien. Ich beschreibe zunächst die jeweils historische Bedeutung und symbolischen Zuschreibungen in Verbindung mit dem jeweiligen Ort sowie deren Veränderung im Laufe des Diskurses. Danach wird der Diskursverlauf chronologisch dargestellt und in diesem Rahmen bereits die wichtigsten Diskursgemeinschaften, ihre Interessen und Positionen eingeführt. Abschließend teile ich die Diskurse in Phasen auf und arbeite die Ziele und Motive heraus, die in jeder Phase mit den Projekten verfolgt werden. Der letzte Abschnitt dient der Zusammenfassung und gemeinsamen Diskussion der drei Projekte. Kapitel 9 schlägt einen Bogen zum theoretischen Rahmen der ersten Kapitel und schließt die Arbeit mit einer Reflexion der Ergebnisse ab. Es wird deutlich, dass der Wunsch nach „Normalisierung“ die Stadtentwicklungsprozesse der PostKonflikt-Zeit maßgeblich prägt und daher eine bislang unterschätzte Einflussgröße für den Umgang mit den im Konflikt entstandenen Schattenorten darstellt.

weiter beobachtet und behandle sie in dieser Arbeit in einem gemeinsamen Kapitel, differenziere aber bei den Schlussfolgerungen zwischen dem gemeinsamen Beginn und der späteren geteilten Entwicklung.

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Kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte sind zum Zeitpunkt der Untersuchung in Bezug auf die städtischen Schattenorte kaum durchsetzbar, es dominieren oberflächliche oder einseitige Konfliktnarrative. Die Geschichte spielt dabei eher für die Außendarstellung als für die Identitätsstiftung nach innen eine Rolle. Der explizite Bezug der Orte zum Konflikt verschwindet in den Diskursen überwiegend recht schnell, prägt aber sowohl die Diskurse als auch die weitere Nutzung der Orte mindestens implizit sehr deutlich. Aushandlungsprozesse auf der lokalen Ebene werden durch die fehlende gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung tendenziell erschwert, da für jedes Projekt eine Erinnerungshaltung und Zielsetzung quasi von Null ausgehandelt werden muss. Die Praxis, Elemente der Konfliktvergangenheit als soziale (und nicht als politische) Geschichte zu erzählen und marketingtauglich für Besucher*innen aufzubereiten, bietet einerseits Ansatzpunkte für eine dialogsuchende Erinnerungskultur, die die Gemeinsamkeiten der Gemeinschaften betont. Andererseits kann dieses Vorgehen jedoch auch als Umgehen der wirklich schwierigen Themen interpretiert werden, da auf der politischen Ebene bislang keinerlei Multiperspektivität zugelassen wird.

2 Methodisches Vorgehen

Ich habe für dieses Buch eine raumbezogene Diskursanalyse durchgeführt, die aufgezeigt hat, welche Entwicklungsoptionen für die vom Konflikt hinterlassenen Schattenorte in Belfast nach 1998 sagbar sind und welche sich im Lichte der beschriebenen gesellschaftlich-politischen Entwicklungstendenzen durchsetzen. Dadurch sind Rückschlüsse auf die hegemonial kommunizierte Sicht auf den Konflikt und erwünschte Formen der Erinnerung möglich. Operationalisiert wurde die Fragestellung mithilfe der Grounded Theory-Methode (GTM), die eine Annäherung an explorative Fragestellungen ohne einschränkende Vorannahmen erlaubt. Im folgenden Abschnitt erläutere ich zunächst die Grundlagen der „klassischen“ Diskursanalyse nach Michel Foucault, um dann auf die Prämissen und Besonderheiten der raumbezogenen Diskursanalyse einzugehen (2.1). Die Grounded Theory stelle ich im zweiten Abschnitt des Kapitels (2.2) vor. Damit verknüpft beschreibe ich meinen eigenen Forschungsprozess bis hin zur Herausbildung eines den untersuchten Projekten am besten entsprechenden Kodierrahmens und der Kernkategorie „Ziele und Motive“. Die Ausformulierung und Interpretation der Kategorien erfolgt in Kapitel 8.

2.1 D ISKURSANALYSE

ALS

F ORSCHUNGSPROGRAMM

2.1.1 Diskursanalyse nach Michel Foucault Diskursanalytische Forschungsansätze gehen zurück auf Michel Foucault (z. B. 1973, 1974) und untersuchen, wie ein bestimmtes Thema in einer Gesellschaft diskutiert wird, welche Interpretationen dieses Themas als legitim wahrgenommen werden und sich als gesellschaftlicher Mainstream durchsetzen, welche Interpretationen hingegen marginalisiert werden und was überhaupt zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einer bestimmten Gesellschaft und zu einem bestimmten

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Thema „sagbar“ ist und was nicht (Strüver 2009, Lanz 2007:15, Bauriedl 2007b:48). Nach Glasze und Mattissek sind Diskurse „überindividuelle Muster des Denkens, Sprechens, Sich-selbst-Begreifens und Handelns sowie die Prozesse, in denen bestimmte Vorstellungen und Handlungslogiken hergestellt und immer wieder verändert werden“ (2009:11). In öffentlichen Diskursen werden politische oder gesellschaftliche Ereignisse von verschiedenen kollektiven Akteur*innen, die auch als diskursive Gemeinschaften bezeichnet werden, gedeutet. Eine diskursive Gemeinschaft entsteht durch politisch-kulturelle Nähe der einzelnen Akteur*innen und die Nutzung ähnlicher Argumente (Schwab-Trapp 2007:23). Ihre Deutungsangebote werden wiederum von anderen Akteur*innen aufgenommen und bestätigt, bestritten oder verändert. Alle Beteiligten stehen dabei in Konkurrenz um die Definitionsmacht. Am Ende dieses Prozesses entsteht eine so genannte diskursive Formation, welche die aktuell hegemoniale und legitime Deutung eines gesellschaftlichen Sachverhalts darstellt und andere mögliche Deutungen verdrängt (vgl. Mattissek et al. 2013:249, Schutter 2011:81, SchwabTrapp 2007:11, Bauriedl 2007a). Ein Diskurs setzt sich aus vielen einzelnen Diskursbeiträgen zusammen, denen je nach gesellschaftlicher Position und Anerkennung des beitragenden Akteurs bzw. der beitragenden Akteurin unterschiedliches Gewicht beigemessen wird. Sie stehen in Beziehung zu anderen Diskursbeiträgen, werden beeinflusst von politischen Rahmenbedingungen, gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten sowie lokalen Spezifika (vgl. Schwab-Trapp 2007:23-29, Bauriedl 2007a). Ein Diskurs ist somit eine Form gesellschaftlicher Bedeutungs- und Machtproduktion, die von den Akteur*innen gestaltet wird und die Einfluss auf deren weitere Teilnahme am Diskurs hat (vgl. Lanz 2007:16, Keller 2011:10-11). Zu öffentlichen Diskursen, die meinungsprägend sind, hat zumeist nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, die „Diskurselite“, Zugang (Lanz 2007:16; vgl. Schwab-Trapp 2007, Schutter 2011). Damit ist auch klar, dass ein Diskurs nie eine gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit darstellen kann, da Aussagen je nach Position und gesellschaftlichem Status der Akteur*innen unterschiedlich interpretiert und als unterschiedlich gewichtig eingeschätzt werden (Mattissek et al. 2013:267). Zudem beziehen sie sich immer nur auf einen ausgewählten Zeitpunkt, einen Ort sowie ein thematisches Feld (Bauriedl 2007b:48). Die Akteur*innen können bestimmte Argumente im Diskurs als Legitimationstechniken einsetzen, die einige Deutungsangebote gewichtiger und berechtigter erscheinen lassen als andere (Schutter 2011:81). Die in einer Gesellschaft stattfindenden Diskurse verändern sich graduell oder auch plötzlich, so wie sich auch die Gesellschaften selbst verändern (Mattissek et al. 2013:251, Bauriedl 2007b:49). Die Aufgabe des/der Forscher*in bei der Diskursanalyse ist es somit, „Spannungen und Kräfteverhältnisse – einschließlich von

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Widersprüchen und Bruchlinien – herauszuarbeiten, die bei der sozialen Produktion und Distribution von Bedeutung auftreten und so zu rekonstruieren, wie sich gesellschaftliche Konsense und Kompromisse konstituieren“ (Lanz 2007:16). Dabei ist es möglich, eine archäologische oder eine genealogische Perspektive einzunehmen: Die archäologische Perspektive erfasst einen Diskurs zu einem bestimmten Zeitpunkt, die genealogische Perspektive hingegen untersucht die Entwicklung des Diskurses über einen längeren Zeitraum sowie Brüche oder gleitende Verschiebungen der Deutungen (Mattissek et al. 2013:263-264, Dzudzek 2013). In dieser Arbeit werden nacheinander beide Positionen eingenommen: Ich verdeutliche für jedes untersuchte Projekt zunächst aus archäologischer Perspektive die historische Symbolik des jeweiligen Orts, die als Grundlage für das Verständnis der weiteren Analyse dient. Danach steht die genealogische Perspektive im Vordergrund, da ich den Diskursverlauf seit dem Abschluss des Karfreitagsabkommens bzw. seit dem jeweiligen Diskursbeginn der drei untersuchten Projekte betrachte. Dadurch möchte ich Veränderungen der Symbolik der Orte abbilden, die sich gegebenenfalls auch auf die Ziele und Motive auswirkt. 2.1.2 Raumbezogene Diskursanalyse Die Diskursanalyse als Forschungsprogramm wird in den letzten Jahren auch in den raumbezogenen Sozialwissenschaften (v. a. Sozialgeographie und Stadt- und Raumsoziologie) stärker diskutiert und immer häufiger genutzt (Mattissek et al. 2013:293, Glasze und Mattissek 2009, Rothfuß und Dörfler 2013). Infolge des spatial turn wird der Raum auch bei der Diskursanalyse stärker als strukturierendes Element für gesellschaftliche Diskurse in den Blick genommen und Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Diskurs und räumlicher Entwicklung untersucht (Bauriedl 2007a, 2009). Die Vorstellung, dass nicht nur gesellschaftliche Verhältnisse, sondern auch Räume einen Kontext für Diskurse darstellen und dass Diskurse auf Räume und Räume auf Diskurse wirken, ergänzt bisherige diskursanalytische Ansätze um eine weitere Dimension (vgl. z. B. Frank 2009, Bauriedl 2007a, Bauriedl 2007b). Räume werden nicht mehr als natürliche und objektive Gegebenheiten betrachtet, sondern vielmehr als gesellschaftlich und diskursiv gestaltet und mit Bedeutung versehen. Umgekehrt wirken die Bedeutung und die Gestaltung der Räume auch wieder auf die Gesellschaft und auf den Diskurs. Das Materielle und das Soziale sind somit über den Diskurs eng miteinander verknüpft und bedingen sich gegenseitig, wodurch „die Konstitution bestimmter Räume eng verknüpft [ist] mit der hegemonialen Durchsetzung bestimmter sozialer Wirklichkeiten“ (Mattissek et al. 2013:251, vgl. Glasze und Mattissek 2009).

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Die Konstitution und Entwicklung von Räumen stehen in Verbindung mit der Durchsetzung gesellschaftlicher Vorstellungen, man kann an ihnen hegemoniale Vorstellungen von Stadt- oder Raumentwicklung ablesen. Gesellschaftliche Diskurse geben vor, welche Entwicklungsoptionen für bestimmte Räume überhaupt vorstellbar oder sagbar sind und welche nicht. Gleichzeitig ist aber die bereits bestehende Bedeutung der Orte auch grundlegend dafür, wie der Diskurs gestaltet wird. Hier wird eine entscheidende Weiterentwicklung der „klassischen“ Diskursanalyse offenbar, die vor allem die materiellen Rahmenbedingungen als ausschlaggebend für die soziale Ordnung betrachtet: Bei der raumbezogenen Diskursanalyse sind Diskurse und Räume ko-konstituierend, sie wirken wechselseitig aufeinander und stellen sich gegenseitig her (Bauriedl 2009:222). Diskurse sind laut Bauriedl an konkrete Orte gebunden. Dabei werden „durch die performative Praxis des Wiederholens und Zitierens von Sprechakten Räume mit Deutungen belegt“ (2007a: o. S.). Anhand von Projekten der Stadtentwicklung, ihrer Ausgestaltung und Realisierung materialisiert sich demnach ein Diskurs auch räumlich. Diese Stadtentwicklungsprojekte bezeichnet sie mit dem Begriff local stories, die sie als „Verdichtungen lokaler Diskursordnungen, die zu raumgebundener Geschichte geworden sind“ erläutert (2007b:52). Dabei stellt sie fest, dass bei mehreren, teils in unmittelbarer Nähe voneinander durchgeführten Projekten unterschiedliche Aspekte des übergeordneten Diskurses im Vordergrund stehen. Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, „dass es sich bei einer Stadt nicht um einen organischen Diskursraum handelt, sondern vielmehr um ein Patchwork unterschiedlicher Lesarten von Stadt und Zuschreibungen in der Stadt“ (Bauriedl 2007a, Hervorhebung i. O.). Bauriedl weist ein bereits festgelegtes Themenspektrum an Projekten der Stadtentwicklung nach. Ihre Untersuchung folgt also gewissermaßen der umgekehrten Richtung wie meine, in der ich – aufgrund der Unmöglichkeit, einen übergeordneten Diskurs nachzuvollziehen – erst die Frage stelle, welche Themen und Argumente in Bezug auf die betrachteten Projekte im Diskurs von Bedeutung sind und diese in den Kontext des theoretischen Analyserahmens (Kap. 6) einordne. Trotzdem ist ihr Ansatz auch für den vorliegenden Forschungskontext fruchtbar, da auch hier Stadtentwicklungsprojekte als räumliche Manifestationen eines Diskurses betrachtet werden. Wie in Hamburg lässt sich auch in Belfast feststellen, dass bei den Projekten unterschiedliche Themen, Ziele und Teildiskurse im Vordergrund stehen. Als Kritik besonders an poststrukturalistisch geprägten diskursanalytischen Ansätzen, zu denen auch die raumbezogene Diskursanalyse zu rechnen ist, wird zuweilen geäußert, dass bei diesen der Diskurs und nicht das Subjekt selbst im Mittelpunkt stehe. Dadurch würden Räume vor allem als über Sprache und Medien – eben im Diskurs – hervorgebracht betrachtet (Rothfuß und Dörfler 2013:15-

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17). Dies ist für Rothfuß und Dörfler nicht in Einklang zu bringen mit den Vorstellungen der qualitativen Sozialforschung, da deren Untersuchungsgegenstand die subjektive Welterfahrung sei, welche nicht nur aus Sprache und dem Umgang damit und deshalb auch außerhalb eines Diskurses bestehe. Für die in diesem Buch behandelten Themen sind die beiden Ebenen kaum zu trennen: Auch im Nordirlandkonflikt war „das Private politisch“ und gerade in den nachfolgend betrachteten Quartieren kann nahezu jede*r eine Vielzahl von Geschichten erzählen, die zeigen, wie der Konflikt sich auf ihr Leben ausgewirkthat. Einige meiner Interviewpartner*innen sind vor allem aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen während des Nordirlandkonflikts heute in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagiert und kamen deshalb überhaupt erst als Interviewpartner*innen in Frage. Die von mir ausgewählten Projekte sind für sie keine Forschungsobjekte, sondern Orte, mit denen sie sehr persönliche und teilweise traumatische Erinnerungen verknüpfen: Für einen Interviewpartner stellten die Andersonstown Barracks ein tägliches Ärgernis dar, aufgrund dessen er sich an seinem Wohnort nicht frei fühlen konnte. Ein anderer war im Crumlin Road Gaol inhaftiert und auch im renovierten Zustand erinnert ihn das Gebäude an die teils brutale Behandlung durch die Gefängniswärter und die schwierigen hygienischen Bedingungen während seiner Haftzeit. Eine weitere Interviewpartner erlebte, wie zu Beginn der Troubles eine Bombenexplosion in ihrem Garten neben dem heutigen Stewartstown Road Regeneration Project zur Folge hatte, dass ein Familienmitglied sein Hörvermögen verlor. Subjektive, persönliche Erfahrungen sind demnach untrennbar von den professionellen und beide beeinflussen sich gegenseitig. Die von mir befragten Personen wurden zwar nicht aufgrund ihrer subjektiven Erfahrungen, nicht als Privatperson ausgewählt, sondern aufgrund ihres professionellen Hintergrunds und ihrer Position bzw. Zugehörigkeit zu einer am Diskurs beteiligten Organisation. So wurden sie zu den Standpunkten dieser Organisation befragt. Auch die untersuchten Dokumente sind von einzelnen Personen oder Gruppen von Personen mit ihren ganz speziellen und natürlich subjektiven Hintergründen verfasst worden. Herausgegeben oder verantwortet werden sie jedoch von einer politischen oder zivilgesellschaftlichen Organisation und geben die Position dieser Organisation wieder. Für meine konkrete Fragestellung interessiert mich also die subjektive Welt- oder Raumerfahrung dieser einzelnen Personen als gesellschaftliche – also überindividuelle – Sicht auf die räumlichen Hinterlassenschaften eines ethnopolitischen Konflikts und der Umgang mit demselben. Dieser Prozess wird von Subjekten gestaltet und beeinflusst, diese befinden sich aber immer innerhalb eines institutionell oder politisch begrenzten Rahmens – sie agieren als Teil eines kollektiven Akteurs und repräsentieren damit einen Teildiskurs. Allerdings gehe

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ich davon aus, dass einzelne Personen auf der Grundlage ihrer subjektiven Welterfahrungen den Diskurs stark prägen können, wenn sie sich in einer entsprechend machtvollen Position befinden. Interessant sind dazu die folgenden Gedanken von Charmaz, auf die ich ebenfalls nachfolgend im Zusammenhang mit der Grounded Theory ausführlicher eingehen werde. Ihre Sichtweise verbindet das Subjekt mit dem Sozialen, indem sie das individuelle Handeln und subjektive Erfahrungen in einen überindividuellen Zusammenhang einordnet, dessen „sich die Forschungsteilnehmer/innen nicht notwendig bewusst sein müssen. Subjektive Bedeutung kann Ideologien widerspiegeln; Handlungen können soziale Konventionen oder Machtbeziehungen reproduzieren. […] Indem wir individuelles Handeln und persönliche Bedeutungen auf diese Art und Weise einordnen, stellen wir Beziehungen zwischen der Mikro- und der Makroebene der Analyse her und verbinden so das Subjektive und das Soziale“ (Charmaz 2011:186-186).

2.2 M ETHODISCHE O PERATIONALISIERUNG 2.2.1 Grounded Theory Für die Durchführung einer Diskursanalyse gibt es keine festgelegte Methode, sie stellt vielmehr ein allgemeines Forschungsprogramm dar, „in dem Theorie, Methode und Empirie aufs Engste miteinander verflochten sind“ (Schwab-Trapp 2007:29). Im Einklang mit dem Erkenntnisinteresse und der forschungsleitenden Fragestellung des jeweiligen Projekts wird von den Forschenden eine passende Methode ausgewählt (Mattissek et al. 2013:270, Dzudzek 2013:7, Keller 2011:1011). Ich wende für die methodische Umsetzung meiner Fragestellung die Grounded Theory-Methode (im Folgenden GTM) nach Glaser und Strauss (1967) bzw. nach Strauss und Corbin (1996, 1990) an. Aus den zeitgenössischen Ansätzen der „zweiten Generation“ von Grounded Theorists stellt besonders die konstruktivistische Weiterentwicklung nach Charmaz eine interessante und geeignete Ergänzung dar (z. B. 2006, 2011). Die GTM bietet ein zielgerichtetes, regelgeleitetes Vorgehen und lässt gleichzeitig eine größtmögliche Offenheit zu, die es möglich macht, sie an unterschiedliche Fragestellungen anzupassen (Strauss und Corbin 1996:23, Berg und Milmeister 2011:362, Mey und Mruck 2011, Brüsemeister 2008). Zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung bzw. „Entdeckung“ durch Barney Glaser und Anselm Strauss war die Vorgehensweise der beiden Soziologen nahezu revolutionär, da sie damit

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das damals vorherrschende hypothetiko-deduktive Modell der Theorieüberprüfung in Frage stellten und so auf die methodischen Anforderungen an zunehmend komplexe Forschungsfragen und den Bedarf nach der Entwicklung neuer Theorien in einer sich rapide verändernden Welt reagierten (Mey und Mruck 2011, Kelle 2007). Ziel der GTM ist die Entwicklung einer gegenstandsbezogenen Theorie mittlerer Reichweite, die in empirischen Daten begründet, also „grounded in data“ ist (vgl. Breckenridge und Jones 2009, Kuckartz 2007a). Die Forschenden wissen dabei zu Beginn des Forschungsprozesses noch nicht genau, wie viele Daten sie erheben werden und auf welche Phänomene sie bei der Auswertung in den Daten stoßen (Breckenridge und Jones 2009). Glaser und Strauss werden als Begründer der GTM zwar bis heute immer gemeinsam genannt, haben aber tatsächlich nur wenige Werke gemeinsam publiziert und ihre Positionen haben sich im weiteren Verlauf ihrer Forschungskarrieren sogar recht stark voneinander entfernt (vgl. Berg und Milmeister 2011:362, Mey und Mruck 2011). Besonders uneinig waren sie sich über die Rolle und den Einbezug von theoretischem Vorwissen. Strauss und seine spätere Koautorin Corbin haben die zunächst weitgehend theorielose Herangehensweise der ursprünglichen GTM, die voraussetzt, dass die neue Theorie allein aus den erhobenen Daten emergieren müsse – von Kelle auch als „induktivistisches Selbstmissverständnis“ der GTM kritisiert (2007:32) – später stark relativiert. Trotz Glasers deutlicher Kritik an dieser Modifikation der ursprünglichen GTM lässt folgendes Zitat vermuten, dass Glaser und Strauss auch bereits früh auf diesen Widerspruch aufmerksam wurden, ohne ihn jedoch aufzulösen: „Of course, the researcher does not approach reality as a tabula rasa. He must have a perspective that will help him see relevant data and abstract significant categories from his scrutiny of the data“ (1967:3). Diese „Perspektive“, die es dem/der Forscher*in erlaubt, das Relevante in den Daten zu erkennen, nennen Glaser und Strauss theoretische Sensibilität (Kelle 2011, Mey und Mruck 2011, Kelle 2007). Ungeklärt bleibt in der frühen GTM, wie der/die Forscher*in überhaupt theoretisch sensibel wird (Kelle 2011). Zudem trägt die Vorstellung, dass bei korrekter Anwendung der GTM die einzig mögliche und sinnvolle Theorie das Resultat der Datenanalyse sei, nicht der Tatsache Rechnung, „dass sich alle empirischen Phänomene in verschiedener Weise und aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven beschreiben und erklären lassen“ (Kelle 2011:245). In neueren Veröffentlichungen herrscht weitgehend Konsens darüber, dass sich die theoretische Sensibilität des/der Forscher*in aus „verschiedenen Quellen speist: Literaturstudium, eigene berufliche Erfahrungen, eigene persönliche Erfahrungen und den Forschungsprozess selbst“ (Muckel 2011:340). Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang die Empfehlung von Dey, nicht „an open mind with an empty head“ zu

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verwechseln (2008), Vorwissen also durchaus zuzulassen und einzubeziehen, dabei aber dennoch offen für überraschende Erkenntnisse aus den Daten zu bleiben. Vorwissen und alle seine Quellen werden also mittlerweile als unvermeidlicher Teil der Forschungspersönlichkeit betrachtet, der immer in den Prozess der Datenerhebung und -analyse sowie in die angestrebte Theoriebildung eingeht. Charmaz geht in der von ihr prominent vertretenen konstruktivistischen Weiterentwicklung der GTM sogar so weit, sowohl die Daten selbst als auch die letztendlich entstehende Theorie als gemeinsam von dem/der Forscher*in und den Forschungsteilnehmenden konstruiert zu betrachten (2011, 2006, vgl. auch Mey und Mruck 2011:18-19).1 Die konstruktivistische GTM versteht Wissen als in sozialen Prozessen konstruiert, deren Bedingungen „von den Perspektiven, Privilegien, Positionen, Interaktionen und geografischen Standorten der Forscher/innen beeinflusst“ (Charmaz 2011:184) werden. Die Forscher*innen schauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Welt und diese unterscheiden sich wiederum zum Teil erheblich von denen der Forschungsteilnehmer*innen. Damit geht die konstruktivistische GTM einen Schritt weiter als vorhergehende Ansätze, in denen die Rolle der Forschenden und die soziale Konstruiertheit ihrer Handlungen nicht bedacht wurde, sondern lediglich die der Forschungsteilnehmer*innen. Charmaz plädiert daher für eine reflexive Forschungshaltung, die all diese Einflüsse anerkennt und wenn nötig expliziert (2011, 2006). Ähnlich wie in der Diskursanalyse wird die Grounded Theory und das Vorgehen der Forschenden häufig nicht genau erklärt, so dass der Forschungsprozess leicht ein wenig mystisch und unübersichtlich erscheint: Wie durch einen „Taschenspielertrick“ komme eine Liste von Themen und Kategorien zustande, die das Publikum vertrauensvoll hinnehmen muss (Barbour 2001, zit. n. Breckenridge und Jones 2009: o. S.). Die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse kommt also sehr auf das Vorgehen und die Transparenz der Untersuchung an (Breckenridge und Jones 2009). Ich möchte daher im Folgenden meine Vorgehensweise sowie mein Vorwissen über das Feld und andere Einflüsse auf den Forschungsprozess nachvollziehbar machen und damit die von Charmaz thematisierte reflexive Forschungshaltung einnehmen. In diesem Zusammenhang werde ich auch auf einige Punkte im Forschungsprozess hinweisen, an denen sich Abweichungen von den Empfehlungen der GTM ergeben haben.

1

Dieser Ansatz ist nicht zu verwechseln mit partizipativen Forschungsstilen, in denen Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Praxisvertreter*innen aus ihrem Interessensgebiet forschen (vgl. Unger 2014, Bergold und Thomas 2012).

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2.2.2 Datenerhebung mit der Grounded Theory Die GTM sieht vor, das zu untersuchende Material über ein theoretisches Sampling zu erfassen und in einem mehrstufigen Verfahren zu kodieren (vgl. Mey und Mruck 2011:28-29). Mit dem Begriff theoretisches Sampling ist der „auf die Generierung von Theorie zielende […] Prozess der Datenerhebung [gemeint], währenddessen der Forscher seine Daten parallel erhebt, kodiert und analysiert sowie darüber entscheidet, welche Daten als nächste erhoben werden sollen und wo sie zu finden sind“ (Glaser und Strauss 1967:53). Datenerhebung und -analyse laufen also „eng verschränkt“ und „in wiederkehrende[n] Zyklen“ ab (Mey und Mruck 2011:15), da über Erkenntnisse aus den ersten Daten weitere Fälle in den Blick rücken, die mit den bereits erhobenen verglichen werden (vgl. auch Breckenridge und Jones 2009, Ulendahl 2013, Kuckartz 2007a). Über dieses ständige Vergleichen werden die ersten Erkenntnisse bestätigt, differenziert oder kontrastiert und die neue Theorie entsteht (Strauss und Corbin 1996, Truschkat et al. 2011:366). Alle Informationen, derer der/die Forscher*in habhaft werden kann, können als Daten genutzt werden, es gibt keine einheitliche und für alle passende Strategie oder Einschränkung möglicher Artefakte (Charmaz 2011). Auch die Vorstellung, die GTM sei eine reine Interviewmethode, ist lange überholt. Zudem ist das Vorgehen beim ersten Sampling nicht unbedingt einheitlich: Der oder die Forscher*in kann gezielt, systematisch oder zufällig an seine oder ihre ersten Daten kommen und diese Strategien im weiteren Verlauf der Arbeit beibehalten, verändern oder kombinieren (Truschkat et al. 2011:362-365). Gezielt bedeutet, dass ein Fall ganz bewusst passend für die jeweilige Forschungsfrage ausgewählt wird. Eine gewisse Nähe und ein guter Zugang zum Feld sind bei dieser Strategie von Vorteil. Beim systematischen Sampling soll z. B. ein möglichst breites Spektrum von Fällen einbezogen werden. Ein zufälliges Sampling kann sich besonders zu Beginn der Forschung anbieten, wenn der oder die Forscher*in mit der größtmöglichen Offenheit an seinen oder ihren Gegenstand herantreten möchte. Für meinen Forschungsprozess habe ich die drei Strategien verbunden und in unterschiedlichen Phasen genutzt. Durch meine langjährige Verbundenheit mit Nordirland und mehrere Aufenthalte dort2 hatte ich bereits Vorwissen über das 2

Darunter sind besonders mein einjähriger Freiwilligendienst in Belfast von 2000 bis 2001, ein vierwöchiger Sondierungsaufenthalt im Rahmen der Dissertation im Herbst 2010 sowie eine Exkursion mit Masterstudierenden aus den Fächern Stadtplanung und Nachhaltiges Wirtschaften der Universität Kassel im Herbst 2011 zu nennen. 2010 führte ich bereits eher „ungerichtete“ Expert*inneninterviews über die Verbindungen von Stadtentwicklung und dem Umgang mit der Vergangenheit allgemein. Einige Informationen aus diesen früheren Interviews sind in Kapitel 7 eingeflossen, stellen aber

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Feld bzw. über die Stadt Belfast und die wichtigsten stadtentwicklungspolitischen Debatten der letzten Jahre. Hinzu kamen Vorkenntnisse aus der Literatur zu räumlichen Hinterlassenschaften in ethnopolitisch geteilten Städten. Die Auswahl der drei Stadterneuerungsprojekte Andersonstown Barracks, Crumlin Road Gaol/Girdwood Park und Stewartstown Road Regeneration Project erfolgte zunächst gezielt und aufgrund ihres erhofften Beitrags zur forschungsleitenden Fragestellung dieser Arbeit. Die Andersonstown Barracks sind eine ehemalige Polizei- und Militärkaserne im Herzen des republikanischen Westbelfast, die 2005 abgerissen wurden. Seitdem ist die Fläche unbebaut. Bei Crumlin Road Gaol und Girdwood Park handelt es sich um ein ehemaliges Gefängnis mit angrenzender Kaserne der britischen Armee im ethnisch fragmentierten Nordbelfast. Das Stewartstown Road Regeneration Project ist ein teilweise kommerziell, teilweise durch zivilgesellschaftliche Organisationen genutztes Gebäude in einem reinen Wohngebiet mit zwei stark verfeindeten Gemeinschaften im schon fast suburbanen Westbelfast. Jeder der Orte steht klar in Verbindung mit dem Nordirlandkonflikt, wurde von ihm sowohl physisch als auch in Bezug auf seine symbolische Bedeutung geprägt und kann somit als Teil der räumlichen Hinterlassenschaften bzw. als Schattenort bezeichnet werden. Reine Gedenkorte habe ich nicht in die Auswahl einbezogen, da sich bei ihnen die Frage nach Zielen und Motiven des Umgangs mit diesen Orten weitestgehend von selbst beantwortet – selbst wenn sie z. B. auch zu touristischen Zwecken vermarktet werden, so ist das Gedenken als Ziel unstrittig und damit gesetzt. Darüber hinaus war für die Auswahl eine gewisse Größe und Bedeutung der einzelnen Projekte wichtig, so dass eine Wahrnehmung über den konkreten Ort hinaus gegeben war und ein Diskurs über seine Entwicklung in der Post-Konflikt-Zeit von Außenstehenden überhaupt nachvollzogen werden konnte. Innerhalb dieser Überlegungen erfolgte die Auswahl systematisch, um ein möglichst großes Spektrum von Orten und (potenziellen) Symboliken abbilden. Die drei Projekte unterscheiden sich daher deutlich hinsichtlich ihrer symbolischen Bedeutungen; auch Umfang, Größe, Akteurskonstellation und die direkte räumliche Umgebung sind bei allen untersuchten Projekten unterschiedlich. nicht Teil des Samples dar. Dies eher allgemeinen Informationen aus dem Jahr 2010 sind daher auch nicht anonymisiert, die konkreteren und persönlicheren Aussagen aus den Interviews für das Sample hingegen schon. Die einzige Ausnahme stellt der Abgeordnete für Westbelfast im britischen Unterhaus, Paul Maskey (Sinn Féin), dar. In der Ausübung diverser politischer Ämter äußerte er sich mehrfach öffentlich zu dem Nachnutzungsprozess auf der Fläche der Andersonstown Barracks, zum Beispiel in Pressemitteilungen oder Zeitungsartikeln. Alle anderen, zumeist weniger in der Öffentlichkeit stehenden Personen, sind nicht namentlich aufgeführt, sondern nur in ihrer Funktion.

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Die Suche nach verfügbaren schriftlichen Informationen über die drei Stadterneuerungsprojekte gestaltete ich anschließend ebenfalls systematisch, um möglichst viel über die Orte zu erfahren. Dabei waren vor allem alle Arten von Dokumenten (Pläne, Pressemitteilungen, Strategie- und Positionspapiere…) der verschiedenen Institutionen und Organisationen, die sich im Rahmen der Projekte eingebracht hatten, relevant. Auch Artikel aus den lokalen und einigen überlokalen Zeitungen (v. a. Belfast Telegraph, in geringerem Maße Newsletter, Andersonstown News, South und North Belfast News; Guardian, Irish Times) waren Teil meines so erhobenen Samples. Hinzu kamen einige wenige wissenschaftliche Publikationen, die sich mit einem der Projekte beschäftigen. Die Dokumente fand ich überwiegend über die Online-Archive der genannten Zeitungen und über die Webseiten der beteiligten Institutionen. Eine Schlagwort-Suche über Internetsuchmaschinen brachte einige unerwartete, „zufällige“ Treffer. Über die Dokumente konnte ich mir im Vorfeld ein relativ gutes Bild über die Chronologie der Projekte, wichtige Ereignisse und beteiligte Akteur*innen machen, viele Hintergründe blieben jedoch noch ungeklärt. Abbildung 1: Schematischer Ablauf des Forschungsprozesses (eigene Abbildung)

Zur Schließung dieser Lücken diente ein Forschungsaufenthalt in Belfast im Frühjahr 2014, bei dem ich Expert*inneninterviews führte. Bei der Suche nach und Kontaktaufnahme mit potenziellen Interviewpartner*nutzte ich mehrere der Strategien: Ich versuchte wiederum systematisch, ein möglichst breites Spektrum von Personen und Meinungen zu samplen und mit Vertreter*innen aller beteiligten Organisationen zu sprechen. Andererseits wählte ich die Interviewpartner*innen gezielt aufgrund ihrer Funktion oder Position, z. B. als Beteiligte an einem Gremium oder verantwortliche Mitarbeiter*innen für ein Projekt bei einer Organisation, aus.

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Zu einem geringen Teil entzog sich der Erhebungsprozess jedoch auch der gezielten oder systematischen Planung und erhielt dadurch zusätzlich ein gewisses zufälliges Element: So blieb ich erstens während meines Forschungsaufenthalts in Belfast stets offen für weiterführende Kontakte sowie Literaturempfehlungen meiner Interviewpartner*innen, die zu interessanten Begegnungen und Erkenntnissen führten. Von einigen bekam ich zudem auch weitere Dokumente ausgehändigt, zum Beispiel Sitzungsprotokolle, nicht online erhältliche Broschüren oder den gedruckten Inhalt einer bereits abgeschalteten Webseite. Zweitens war ich natürlich auch abhängig von der Verfügbarkeit der kontaktierten Personen. So liegt die Zufälligkeit letzten Endes auch darin begründet, wer aus meinem gezieltsystematisch ausgewählten Kreis von potenziellen Gesprächspartner*innen sich für ein Gespräch bereitgefunden hat und wer nicht. Beispielsweise konnte ich mit mehr Personen aus dem katholisch-nationalistischen als aus dem protestantischunionistischen Milieu sprechen. Dies liegt in Teilen an der Auswahl der Projekte – an der Entwicklung der Fläche der ehemaligen Andersonstown Barracks sind ausschließlich nationalistische und „neutrale“, also staatliche Akteursgruppen beteiligt – vor allem aber daran, dass meine Anfragen aus ungeklärten Gründen bei unionistischen Organisationen weniger Erfolg hatten. Auch zusätzliche Versuche, Fragen nach meiner Rückkehr nach Deutschland per E-Mail beantwortet zu bekommen – was in einigen Fällen bereits zugesagt worden war – scheiterten ohne Erklärung der betreffenden Personen. Hinzu kommt ein deutlicher Überhang von männlichen Personen zwischen ca. 45 und 60 Jahren. Diese waren aber eben als Ansprechpartner für die Projekte angegeben oder hatten an einer der Beteiligungsrunden teilgenommen. Mehr Diversität der befragten Personen wäre wünschenswert gewesen – junge, alte und weibliche Menschen scheinen aber an den Entwicklungsprozessen insgesamt weniger teilgenommen zu haben und waren daher für mich nicht sichtbar. Das Sampling endet, sobald eine theoretische Sättigung erreicht ist und von der Erhebung neuer Daten keine signifikanten neuen Erkenntnisse zu erwarten sind (Mey und Mruck 2011). Die Entscheidung, wann dieser Punkt erreicht ist, liegt im Ermessen der Forschenden. Dabei wird empfohlen, „Vertrauen in die Daten bzw. die emergierende Theorie zu haben“ und nicht unnötige Datenmengen zu erheben, die kaum noch neue Erkenntnisse bringen (Truschkat et al. 2011:373). Nach der Auswertung der ersten Interviews zeichnete sich ab, dass ich trotz der geringeren Anzahl von Gesprächspartner*innen auch die unionistische Perspektive ausreichend nachvollziehen konnte. Da sich etliche Aspekte in den Interviews wiederholten und meine Vorinformationen aus der Dokumentenanalyse gut ergänzten, konnte ich die Datenerhebung nach meinem Forschungsaufenthalt in

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Belfast weitgehend einstellen. Lediglich zwei weitere Gespräche führte ich telefonisch im Sommer 2014. Zudem bezog ich einzelne Dokumente (Aktualisierung von Webseiten, Zeitungsartikel) noch bis zum 1. April 2015 ein. An diesem Datum trat in Nordirland eine Review of Public Administration in Kraft, die eine grundlegende Kontextveränderung darstellte (s. Kap. 7). Insgesamt führte ich 22 Expert*inneninterviews mit 25 an den Projekten beteiligten Personen, die zwischen 30 und 90 Minuten dauerten. Davon ging es in drei Gesprächen um das Stewartstown Road Regeneration Project, in sechs Gesprächen um die Andersonstown Barracks und in 12 um das Crumlin Road Gaol und/oder Girdwood Park, wobei in einigen auch die Sprache auf eins der anderen Projekte kam. In einem Gespräch wurden alle drei Projekte behandelt. Bei drei Gesprächen hatte ich zwei Gesprächspartner*innen. Bei der Gesprächsführung orientierte ich mich überwiegend an den Relevanzsetzungen des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin und hatte zumeist nur wenige einleitende Fragen und grundsätzliche Themen, über die ich sprechen wollte, vorbereitet. In der GTM wird ein Anspruch an die Gleichzeitigkeit der Datenerhebung und Datenanalyse formuliert. Die simultane, zirkuläre Datenerhebung und -analyse ist ein wichtiger Aspekt in allen Varianten der GTM, jedoch räumen Truschkat, Kaiser-Belz und Volkmann ein, dass es sich bei diesem Vorgehen zumeist um einen „Idealfall der Forschung nach der GTM“ handelt (2011:371), die Umsetzung in der Praxis jedoch häufig schwierig ist (vgl. Ulendahl 2013). Ich habe die ersten Daten aus Dokumenten, also vom Schreibtisch aus erhoben. In dieser Phase konnte ich einen Text nach dem anderen nach theoretisch relevanten Vorfällen durchsuchen und mit vorläufigen Codes versehen. Dies geschah unter Zuhilfenahme des Auswertungsprogramms MAXQDA, was die Übersicht über das Material sehr erleichterte. Aufgrund der Intensität der Datenerhebung während meines Forschungsaufenthalts in Belfast, wo ich teilweise mehrere Interviews an einem Tag über die ganze Stadt verteilt führte, erfolgte ein Großteil der Auswertung der Interviewdaten jedoch nach meiner Rückkehr nach Deutschland. Zwei zusätzliche Interviews führte ich von zuhause aus am Telefon. Die Datenerhebung in der GTM ist kein in sich abgeschlossener Vorgang, sondern nur ein Arbeitsschwerpunkt während einer Phase des Forschungsprozesses, der nach einiger Zeit in einen anderen Schwerpunkt, die Datenanalyse, übergeht (Truschkat et al. 2011:372). Dies trifft auch auf mein Vorgehen zu: Auch nach meinem Forschungsaufenthalt habe ich weitere Daten, vorwiegend Zeitungsartikel und Internetdokumente, in die Analyse einbezogen. Der Schwerpunkt der Datenerhebung fand somit während des Aufenthalts in Belfast statt, das Ende dieser Phase fiel aber nicht gänzlich mit meiner Rückkehr nach Deutschland zusammen.

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2.2.3 Der Auswertungsprozess nach der Grounded Theory Die Datenanalyse nach der GTM erfolgt durch ein mehrstufiges Kodierverfahren. Kodieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass für die Fragestellung relevante Textpassagen herausgefiltert und mit einem Schlagwort oder einer Wortfolge belegt werden, die das Material für die jeweilige Fragestellung strukturieren (Kuckartz 2007a:57). Die GTM sieht eine induktive Kategorienbildung vor, bei der ein Kodierrahmen erst aus dem Material heraus entwickelt wird und nicht – wie es bei einer deduktiven Vorgehensweise der Fall wäre – das Material nach seiner Passung zu im Vorhinein festgelegten Codes durchsucht wird (Kuckartz 2007a:60). Die Schritte im Kodierprozess werden in den verschiedenen Spielarten der GTM uneinheitlich benannt, unterscheiden sich aber inhaltlich nicht substanziell. Ich schließe mich der Benennung von Strauss und Corbin an, da diese am stärksten verbreitet und in der Literatur aufgearbeitet zu sein scheint. Als erstes erfolgt das offene Kodieren, bei dem das Material aufgebrochen, also in seine Einzelteile zerlegt wird (Truschkat et al. 2011). Es werden diejenigen Textstellen – bezeichnet als incidents oder theoretisch relevante Vorfälle – ausgewählt, die überhaupt für die jeweilige Fragestellung von Bedeutung sind (Berg und Milmeister 2011, Mey und Mruck 2011). Erste vorläufige Codes werden diesen Textstellen zugeordnet und im weiteren Analyseprozess ständig mit dem neuen Material verglichen. Die ersten Codes orientieren sich dabei in der Regel eng an den Daten und werden nach und nach zu systematischeren, abstrakteren Kategorien verdichtet (vgl. Kuckartz 2007b). Das offene Kodieren wird dabei auch als „Methode des freien Assoziierens“ (Muckel 2011:342, Hervorhebung i. O.) bezeichnet oder mit dem Sortieren eines großen Haufens von Spielzeug in einer Halle verglichen (Berg und Milmeister 2011:318). Das Schema, nach dem sortiert wird, ist noch nicht bekannt, und um den Überblick zu erleichtern, werden die einzelnen Teile mit einer Art Etikett versehen, das sie beschreibt. Während des gesamten Kodierprozesses werden Memos geschrieben, in denen die entstehende Theorie gleichsam vor-entwickelt wird. Sie unterstützen den/die Forscher*in bei der Entwicklung der neuen Theorie, zeigen Lücken und Verbindungen auf, verfeinern die Codes und geben Hinweise darauf, wie das weitere Sampling vonstattengehen könnte (Breckenridge und Jones 2009). Sie fixieren Gedanken während des Kodierprozesses, halten Auswertungsschritte fest oder beschreiben die Kategorien genauer (Mey und Mruck 2011). Nach diesem ersten Durchgang des Materials folgt das axiale Kodieren, das Verbindungen zwischen den Kategorien herstellt und sie weiter abstrahiert (Kuckartz 2007a). In diesem Schritt bildet sich idealerweise ein Kodierrahmen

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heraus. Dieser stellt ein Raster von Kategorien dar, welches das Material theoretisch handhabbar macht und erklärt. Sowohl Glaser als auch Strauss und Corbin haben Mechanismen entwickelt, welche die Herausbildung dieses Rasters unterstützen sollen. So hat Glaser eine Reihe von sehr abstrakten Kodierrahmen zusammengestellt, die der/die Forscher*in probeweise an das Material anlegen und gegebenenfalls kombinieren kann. Strauss und Corbin hingegen schlagen die Anwendung eines Kodierparadigmas vor, das die Kategorien bereits relativ genau vorgibt. Die Entwicklung dieses Kodierparadigmas hat ihnen den Vorwurf eingehandelt, „forcing“ mit den Daten zu betreiben, sie also an die Kategorien anzupassen und nicht umgekehrt die Kategorien aus ihnen zu entwickeln. Glasers Kodierfamilien werden wiederum als kaum operationalisierbar kritisiert, da sie zu breit gefächert und abstrakt seien (Mey und Mruck 2011, Breckenridge und Jones 2009, Kelle 2007). Berg und Milmeister (2011) sowie Charmaz (2011) betonen, dass vorgegebene Kodierrahmen nicht für jede Fragestellung hilfreich sein müssen, sondern die Entwicklung einer angemessenen Theorie auch behindern können. Man könne sie somit nutzen, wenn sie als Unterstützung empfunden werden. Sollten sie jedoch die Kreativität beim Forschen einschränken oder gar Kategorien den Daten aufzwingen, sei von der Nutzung abzuraten (vgl. Mey und Mruck 2011:42, Kelle 2011:244). Ein Grundprinzip der Grounded Theory ist schließlich, dass die Daten gerade nicht einem vorgegebenen Schema angepasst werden sollen, sondern das Schema – die Theorie – erst im Laufe der Datenanalyse entsteht. Auch andere empirische Arbeiten verweisen auf die Abwandlung des Strauss/Corbin’schen Kodierrahmens oder entwickeln gleich einen eigenen (z. B. Kelle 2007). Ich behandelte die drei zur Untersuchung ausgewählten Projekte als einzelne Einheiten, wodurch beim offenen Kodieren zunächst teilweise unterschiedliche vorläufige Kategorien entstanden. Damit beabsichtigte ich, den jeweiligen Charakter der Projekte abzubilden und ihrer Verschiedenheit gerecht zu werden. So stand bei den Andersonstown Barracks die Veränderung der Stimmung bezüglich der Fläche stark im Vordergrund. Zudem waren die beteiligten staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen und ihre Rollen sehr klar definiert. Bei diesem Projekt steht als einziges bei der Fertigstellung dieser Arbeit eine endgültige Nutzung noch nicht fest, die Fläche wurde allerdings seit dem Abriss des Gebäudes mehrfach temporär genutzt. Beim Crumlin Road Gaol und Girdwood Park ergab sich die Schwierigkeit, dass das Projekt während des Datenerhebungsprozesses in zwei Teilprojekte aufgegliedert wurde, die ich aufgrund ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit gemeinsam, aufgrund ihres unterschiedlichen Charakters und des sehr unterschiedlichen Fortschreitens aber auch getrennt betrachten musste. Auch bei diesem Projekt sind Brüche deutlich erkennbar. Hinzu kommt die Vielzahl von Vorschlägen und Meinungen bezüglich der Nutzung, die

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Vielfalt der im Prozess entstandenen Konflikte und die teilweise verwirrende Akteurskonstellation in den verschiedenen Projektphasen. Ganz anders gelagert war der Fall des Stewartstown Road Regeneration Project, wo die Akteur*innen sowie die Ziele des Projekts eindeutig abgegrenzt waren. Die drei wichtigsten Akteur*innen, die ich auch für Interviews traf, hatten jedoch ihre Geschichte auch schon häufig für andere erzählt, so dass es an einigen Stellen schwierig war, das Material für meine spezielle Fragestellung nutzbar zu machen. Am Ende des ersten Kodierdurchgangs hatte ich eine Vielzahl von kleinteiligen Codes und Kategorien gebildet, etliche Textstellen mehreren Kategorien zugeordnet und diverse Memos geschrieben, welche die Benennung der Kategorien erläuterten. Für alle Projekte bezogen sich mehrere Codes auf die Geschichte und die Symbolik der jeweiligen Fläche und die Akteur*innen und ihre Rollen. Eine für alle Projekte zentrale Kategorie hatte ich zunächst mit „Werte im Entwicklungsprozess“ überschrieben, wobei die Benennung noch nicht ganz treffend erschien. Beim axialen Kodieren stellte ich fest, dass aus der Auswahl von vorgeschlagenen Kodierrahmen oder -familien für mein empirisches Material keine geeignet war. Ich begann also selbst, inhaltlich ähnliche oder miteinander in Zusammenhang stehende Codes zu gruppieren, wodurch nach und nach ein eigener, zunächst vorläufiger Kodierrahmen entstand, der zu allen drei Projekten passte. Als erstes entstand die Kategorie „Geschichte und Symbolik des Orts“, die ich in vier Unterkategorien einteilte: Beschreibung des Orts/Erscheinungsbild, Konfliktbezug, Veränderung der Symbolik, heutige Bedeutung für die Gemeinschaft. Der zweiten Kategorie gab ich die Überschrift „Akteur*innen und Positionen“, wobei die Unterkategorien hier aufgrund der unterschiedlichen Akteurskonstellationen stark voneinander abwichen. Die noch nicht ganz zufriedenstellend benannte Kategorie „Werte im Entwicklungsprozess“ änderte ich in „Ziele und Motive“. Bis zum Ende des Prozesses bleiben die Kategorien „revisionsoffen“ (Schwab-Trapp 2007:30). Der letzte Schritt ist das selektive Kodieren, bei dem sich schließlich eine Kernkategorie (oder einige wenige Kernkategorien) herausbildet, die das zu untersuchende Phänomen am besten erklärt (Mey und Mruck 2011). Anhand der theoretisch relevanten Vorfälle innerhalb der Kategorie „Geschichte und Symbolik des Orts“ konnte ich die Bedeutung und Symbolik der Orte während des Nordirlandkonflikts und die Veränderungen in der Post-KonfliktZeit erfassen. Dazu gehörte auch die Beschreibung der Orte – sowohl des physischen Erscheinungsbilds als auch der damit verknüpften Emotionen und Eindrücke. Aufgrund der hier gesammelten Vorfälle konnte die dissonante Interpretation der Orte und ihrer Symbolik herausgearbeitet und die Orte überhaupt erst als Bestandteil des schwierigen Erbes des Konflikts bzw. als Schattenorte klassifiziert werden. Damit stellte diese Kategorie gewissermaßen die Grundlage dar,

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auf der sich die weiteren Kategorien aufbauten. Als Kernkategorie legte ich die mit den Projekten verbundenen „Ziele und Motive“ fest. Über diese Kategorie sind Rückschlüsse darauf möglich, welche Interpretationen, Hoffnungen und Wünsche mit den Projekten verbunden sind – werden sie als Raum oder als Ort, als planerische Dispositionsmasse oder als Geschichtsträger gesehen? An wen richtet sich die Nutzung in der Post-Konflikt-Zeit, welche Strategie wird im Umgang mit dem historischen Erbe eingeschlagen? Daraus lässt sich wiederum ableiten, welches konfliktbezogene Narrativ sich durchsetzt oder ob vielmehr darauf verzichtet wird, diese in der Gegenwart abzubilden. Die dritte Kategorie, „Akteur*innen und Positionen“, ermöglicht eine differenzierte Darstellung der unterschiedlichen Interpretationen von Seiten der verschiedenen kollektiven Akteur*innen, wodurch wiederum Kontroversen und Konflikte sichtbar und beschreibbar werden. Weiterhin nahm ich eine Unterteilung in mehrere „Diskursphasen“ vor. Dadurch ließen sich erstens graduelle Bedeutungsverschiebungen und auch plötzliche Brüche im Diskurs feststellen und gegebenenfalls auf konkrete Ereignisse (z. B. Wahlen) zurückführen. Zweitens wurden die Diskurse dadurch überschaubarer und besser vergleichbar. Die beim selektiven Kodieren festgelegten Kategorien bilden die „Knochen“ der Analyse, ein zusammenhängendes „Skelett“ wird nun durch die theoretische Verbindung geschaffen, welche die Forschenden ihnen geben (Charmaz 2006:45 zit. n. Berg und Milmeister 2011:311). Die Ergebnisse aus der Datenanalyse werden dann zum Beispiel mit bereits bestehenden theoretischen Ansätzen zu etwas Neuem verbunden. Die neu entwickelte Theorie hat „nun nicht unbedingt einen nomothetischen Charakter, d. h. es wird keineswegs nur allgemeingültiges und gesetzmäßiges Wissen formuliert. Vielmehr handelt es sich um eine an Standpunkt und Lebenswelt der Theorieproduzierenden gebundene, narrativ-deskriptive Annäherung an das zentrale Phänomen der Studie“ (Berg und Milmeister 2011:325).

Die inhaltliche Fokussierung der theoretischen Kapitel (3 bis 5) sowie der Analyserahmen und die Herausarbeitung der drei Spannungsfelder aus Kapitel 6 erfolgten erst auf Grundlage der Kategorien aus der empirischen Untersuchung. Besonders bei Andersonstown Barracks und Crumlin Road Gaol wurden die unterschiedlichen Kommunikationsrichtungen und Zielgruppen sehr deutlich, die den Diskurs prägten und eine Lösung teilweise erschwerten. Die Schwierigkeit, gleichzeitig Stabilität zu gewährleisten und Transformation anzustoßen, zeigte sich wiederum im Zusammenhang mit dem Stewartstown Road Regeneration Project und Girdwood Park. Die gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklungs-

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tendenzen von Rückzug und „Normalisierung“ wurden bei allen Projekten evident. Sowohl für die Diskursanalyse als auch für die GTM ist eine enge Verzahnung von Theorie und Empirie charakteristisch und eine ständige Rückkoppelung von bestehenden theoretischen Ansätzen mit neuen Erkenntnissen aus der Empirie durchaus vorgesehen. Daher fließen auch in dieser Arbeit einige Aspekte aus der empirischen Untersuchung bereits in die theoretischen Kapitel ein (besonders Kapitel 5) und komplettieren den in Kapitel 6 erarbeiteten Analyserahmen.

Teil B: Theoretischer Rahmen

3 Kollektive Erinnerung: Bedeutung, Funktionen und die Symbolhaftigkeit von Orten

Der Umgang einer Gesellschaft mit Orten als symbolischen Medien der Erinnerung lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Elemente der Vergangenheit als erhaltungs- und erinnerungswürdig eingestuft werden und welche – sich überschneidenden oder auch konkurrierenden – Ziele und Motive die einzelnen Mitglieder und Teilgruppen mit der Erinnerung verknüpfen (vgl. Hocking 2015:8, Ladd 1997:2). Das Thema ist daher für diese Arbeit zentral, und es kann auf einen reichen Fundus an Vorarbeiten zurückgegriffen werden: Seit etwa drei Jahrzehnten besteht in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung ein ungebrochenes Interesse an Erinnerungskulturen in verschiedenen Gesellschaften und gesellschaftlichen Untergruppen sowie der Entstehung und Veränderung von kollektiven Gedächtnissen im Laufe der Zeit (vgl. A. Assmann 2013, Rose-Redwood et al. 2008:161, Staiger und Steiner 2009, Welzer 2001:11). Im folgenden Abschnitt (3.1) werden zunächst grundlegende kulturwissenschaftliche Sichtweisen auf das kollektive Gedächtnis und die wissenschaftliche Herkunft und Entwicklung des Themas nachvollzogen (3.1.1). Besondere Bedeutung kommt der sozialen Konstruiertheit kollektiver Erinnerung sowie der Wechselseitigkeit von Erinnern und Vergessen zu (3.1.2). Mit der sozialen Konstruktion der kollektiven Erinnerung wollen die beteiligten Akteur*innen eine Botschaft transportieren; das Erinnern bekommt eine übergeordnete Funktion. Zwei für diese Arbeit grundlegende Funktionen mit unterschiedlichen Kommunikationsrichtungen werden in Abschnitt 3.2 erläutert. Diese sind die Identitätsstiftung und Stabilisierung einer Gemeinschaft (3.2.1) sowie die Darstellung von Aspekten der eigenen Geschichte für Außenstehende, etwa zu touristischen Zwecken (3.2.2). Anhand dieser Funktionen wird wiederum deutlich, dass

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kollektives Erinnern keine objektive Wiedergabe historischer Fakten ist. Vielmehr streben die verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen und Teilgruppen in einem kontinuierlichen Aushandlungsprozess danach, ihre Prioritäten und Sichtweisen auf die Geschichte als dominantes Narrativ zu etablieren und weiterzugeben, wodurch das Erinnern auch eine politische Komponente bekommt. Jedes Element der Vergangenheit kann unterschiedliche, sich durchaus entgegenstehende Bedeutungen und Funktionen innehaben, die u. a. mit den verschiedenen Zuschreibungen und Kommunikationsrichtungen (nach „innen“ und nach „außen“) zu tun haben. Dies wird als „Dissonanz“ bezeichnet und in Abschnitt 3.2.3 ausführlich dargelegt (Tunbridge und Ashworth 1996). Anschließend wird die Bedeutung von Orten als symbolischen Medien für das kollektive Gedächtnis aufgegriffen (3.3). Besonders wird die strukturierende Wirkung von historischen und symbolischen Orten für die kollektive Erinnerung sowie der Einfluss der Raumgestaltung auf das Selbstbild von Gruppen diskutiert (3.3.1). Die Wirkung und Bedeutung dieser Orte ist je nach Erinnerungsanlass und Selbstbild der erinnernden Gemeinschaft unterschiedlich. Dadurch sind sie wiederum unterschiedlich gut in das kollektive Gedächtnis zu integrieren und erfordern unterschiedliche Strategien des Umgangs. Einige Erinnerungsanlässe sowie Möglichkeiten des Umgangs mit diesen werden in Abschnitt 3.3.2 vorgestellt. Da in dieser Arbeit der Umgang mit symbolischen Orten in der Stadt im Mittelpunkt steht, werden zudem die Besonderheiten der Stadt als „einzigartiges Erinnerungsdepot“ thematisiert, (Bogdanović 1993:22, zit. n. Kenneweg 2009:54), in dem Kontinuitäten, aber auch Wandel und Widersprüche in der Geschichte und Erinnerungskultur einer Gemeinschaft erkennbar werden (3.3.3).

3.1 K OLLEKTIVES G EDÄCHTNIS : W IE ERINNERN G EMEINSCHAFTEN ? Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses ist durch die Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs (Halbwachs 1925, dt. erstmals Halbwachs 1966) geprägt worden. Bis heute beeinflusst seine Vorstellung vom Erinnern als sozial eingebettete Leistung die wissenschaftliche Debatte maßgeblich (vgl. Staiger und Steiner 2009:5, Lederach 2005:136, Christmann 2003:4). Anders als das individuelle Gedächtnis, dessen Grundlage neuronale Prozesse im Gehirn sind, kommt das kollektive Gedächtnis durch Sprache und Interaktion, durch Riten und Symbole zustande (Ross 2013:93, J. Assmann 2011:16, A. Assmann 2007:29-30, Stråth 2000:25). Dadurch wird ein „collective framework of shared images and

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meanings“ gebildet (Middleton und Brown 2011:33, vgl. Ahonen 2012:14). Innerhalb dieses Rahmens bleibt jede einzelne Erinnerung zwar individuell und wird von jeder Person auf Grundlage ihrer spezifischen Vorerfahrungen auch individuell verarbeitet (vgl. A. Assmann 2013:16-17, Meusburger 2011:52, Neill 2001a:14). Der soziale Gedächtnisrahmen bietet jedoch die grundlegende Voraussetzung für das Individuum, um diese Erinnerungen überhaupt einordnen und bewerten zu können (Staiger und Steiner 2009:3, J. Assmann 2011:17, Dwyer und Alderman 2008:167, A. Assmann 2007:15, Jarman 1997:6). Die Gesamtheit aller „denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse […], seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur“ wird als Erinnerungskultur bezeichnet (Cornelißen 2012:2, vgl. auch A. Assmann 2013:10). In jedem Individuum überlagern und kreuzen sich die Gedächtniskonstruktionen mehrerer Kollektive. Diese Konstruktionen haben eine unterschiedliche Dauer und Reichweite, gehen aber immer über die tatsächlich von einzelnen Personen erlebten Ereignisse hinaus (vgl. A. Assmann 2007:21-23, Christmann 2003:6). Häufig handelt es sich um Kollektive auf Grundlage räumlicher Maßstabsebenen wie dem Nationalstaat, der Region, dem Wohnort oder auch der Nachbarschaft, aber auch um tatsächliche, also organisierte und gemeinsam handelnde Gruppen wie Vereine oder Parteien. Als kleinste Einheit der Identifikation gilt häufig die Familie (Christmann 2003:6). Im vorliegenden Fall sind – falls nicht anders angegeben – zumeist (nationale) Gesellschaften und größere gesellschaftliche Teilgruppen gemeint, die ich häufig auch als Gemeinschaften bezeichne. Diese handeln zwar nicht unbedingt gemeinsam und organisiert, was in einigen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen als Voraussetzung für die Nutzung des Begriffs „Gruppe“ erachtet wird, sie üben aber durchaus ein hohes Identifikationspotenzial für ihre Mitglieder aus, über das diese sich auch bewusst sind (König und Hammerich 2006, Homans 1972). Wenn sich meine Erläuterungen im Folgenden auf alle Ebenen von Vergemeinschaftung beziehen und eine Differenzierung nicht nötig ist, benutze ich den allgemeinen Begriff Kollektiv. Der gesellschaftliche Erinnerungsrahmen wirkt generationenübergreifend und trägt zum Entstehen einer langfristigen kollektiven Identität bei. Erst durch ihn kann ein Kollektiv ein Gefühl für den Sinn und Wert seines Daseins entwickeln (vgl. J. Assmann 2011:15, Bittner 2010a:24, Ashworth und Graham 2005:9, Christmann 2003:5). Besonders im Rahmen von Krisen und Konflikten trägt die über die gemeinsame Vergangenheit hergestellte kollektive Identität zur Stabilisierung bei (vgl. Pethes 2008:20) – in Post-Konflikt-Gesellschaften kommt diese stabilisierende Funktion nur sehr eingeschränkt zum Tragen, wie Kapitel 4 zeigen wird. Aktuelle Ereignisse werden von den Individuen als Entwicklungsschritte des

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jeweiligen Kollektivs betrachtet. So sind Vergangenheit und Zukunft der Gemeinschaft verbunden, die Erfahrungen der Individuen ordnen sich darin ein (Huyssen 1993:249). Mithilfe des kollektiven Gedächtnisses kann jedes Individuum sich selbst als Teil einer „größeren Einheit“ mit stabilen Werten sehen (A. Assmann 2013:17), deren Bestand weit über die Lebensdauer Einzelner hinausgeht (vgl. Staiger und Steiner 2009:5, Ashworth und Graham 2005:8, Neill 2001a:6-7). Um diese Stabilität vermitteln zu können, muss ein kollektiver Erinnerungsrahmen zwar grundsätzlich selbst stabil sein, dabei ist er jedoch keineswegs unveränderlich: Ereignisse und Erkenntnisse aus der Gegenwart werden in ihn eingeordnet und verändern den Blick der Individuen auf Vergangenheit und Zukunft (vgl. Pinkerton 2012:141, A. Assmann 2007:15, Christmann 2003:4, Huyssen 1993:249). Diese Kontinuität einerseits, kombiniert mit einem langsamen Wandel andererseits, hilft den Individuen bei der Orientierung in der Gegenwart (Stråth 2000:11). In Gesellschaften, die – wie Post-Konflikt-Gesellschaften – einen plötzlichen Umbruch erleben, entsteht eine hohe Unsicherheit, da ihr kollektiver Erinnerungsrahmen gänzlich oder zumindest in Teilen zur Disposition steht und neu gefüllt werden muss. Diesen Aspekt greife ich in Abschnitt 3.3 sowie Kapitel 4 auf und verweise an dieser Stelle nur auf die Möglichkeit, dass sich ein Erinnerungsrahmen durch tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche auch rapide und umfassend verändern kann. 3.1.1 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis Nach Aleida und Jan Assmann besteht das kollektive Gedächtnis aus zwei Komponenten, dem kommunikativem und dem kulturellen Gedächtnis (A. Assmann 2013, A. Assmann 2007, J. Assmann 1992, vgl. Christmann 2003, Welzer 2002:13). Das kommunikative Gedächtnis hilft den Individuen dabei, alltägliche Erfahrungen in einen Kontext zu setzen (Pethes 2008:65). Dabei unterliegt es ständiger Veränderung und bleibt nur über einen Zeitraum von zwei bis drei Generationen oder 80 bis 100 Jahren in ähnlicher Form bestehen (A. Assmann 2007:25). Es beinhaltet diejenigen Erinnerungen, die von einer Generation an die nächste überliefert werden und von direkter biographischer Erfahrung getragen werden. Nachfolgende Generationen fügen ihre eigenen Erfahrungen zum kommunikativen Gedächtnis hinzu und interpretieren die Erinnerungen der vorherigen Generationen auf ihre eigene Weise, so dass neue Themen in den Vordergrund rücken, andere dafür verschwinden. Durch den Wechsel kommt es zu einer Veränderung der Erinnerungskultur, da jede Generation ihre eigenen Schluss-

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folgerungen aus der Geschichte zieht und sich diesen entsprechend verhält (A. Assmann 2007:26-27).1 Über die aktuellsten Erinnerungen hinaus sind weiterhin die „Gründungsmythen“ einer Gemeinschaft, ihre Fundamente, Teil des kommunikativen Gedächtnisses, obwohl mit ihnen spätestens nach einigen Jahrzehnten keine biographische Erinnerung mehr verknüpft ist (vgl. Giesen 2005:389). Sie machen aus einem Kollektiv eine „imagined community“ im Sinne Andersons (1983) und binden dieses wiederum an ein bestimmtes Territorium mit festgelegten Grenzen, z. B. den Nationalstaat (vgl. Oesterle 2005:517), aber auch an Städte oder Nachbarschaften. Diese Mythen legitimieren die jeweils gesellschaftlich akzeptierten Traditionen und territorialen Ansprüche des Kollektivs (vgl. Bell et al. 2010:5, Ashworth und Graham 2005:9, Stråth 2000:20-22). Das kulturelle Gedächtnis hingegen objektiviert Erinnerung, speichert sie also personenunabhängig und mithilfe von Medien. Dadurch bleibt es der Gemeinschaft dauerhaft über viele Generationen zur Verfügung (vgl. J. Assmann 2011:17). Diejenigen Teile der Vergangenheit, die als besonders wichtig und wertvoll gelten, werden in Archiven, Museen und anderen Orten bewahrt; ihr Andenken wird weiterhin über Riten und Feste sichergestellt (Pethes 2008:64). Dort bleiben Erinnerungen solange erhalten, wie es möglich ist, sie aufzubewahren und wie ihre Bedeutung von den Mitgliedern der Gruppe bzw. ihren Expert*innen entschlüsselt werden kann (vgl. A. Assmann 2007:34). Durch Archivierung und Objektivierung werden einzelne Elemente der Vergangenheit Teil einer „offiziellen“ Erinnerungskultur, die überwiegend von Eliten bestimmt wird. Aber auch Teilgruppen einer Gemeinschaft können ihre Erinnerungen auf ähnliche Weise bewahren und dadurch zugänglich machen. Das kollektive Gedächtnis einzelner Bevölkerungsteile oder kleinerer räumlicher Einheiten unterscheidet sich dadurch u. U. deutlich von dem gesamtgesellschaftlichen. Träger des kulturellen Gedächtnisses ist somit nicht ein Gehirn, sondern ein symbolisches Medium in Form von materialen Repräsentationen (Bibliotheken, 1

Als Beispiel dafür wird häufig der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland genannt: Die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst nicht umfangreich thematisiert, sondern erst von der Kindergeneration (den so genannten „68ern“), die eine moralische Distanz dazu entwickeln konnten, aufgegriffen. Ein weiterer Generationenwandel fällt mit der deutschen Wiedervereinigung 1989 zusammen. Für die Enkelgeneration war die NaziVergangenheit schon viel stärker „Geschichte“ und damit weiter entfernt als für die Vorgängergeneration, dadurch mussten sie sich gleichzeitig aber auch weniger deutlich davon abgrenzen (vgl. Ahonen 2012:19, A. Assmann 2007:98-103, Giesen 2005:405406).

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Bilder und Sammlungen, Denkmäler und Skulpturen, Architektur und Landschaft, aber auch alltägliche Gebrauchsgegenstände) oder symbolischen Praktiken wie Feste und Riten (vgl. A. Assmann 2007:31-35, Christmann 2003:4, Welzer 2001:11, Speitkamp 1997:6). Symbolische Medien stehen sinnbildlich für Werte, Bräuche oder Moden sowie für die soziale Ordnung, in der sie entstanden sind (vgl. Middleton und Brown 2011:41-43). Diese Bedeutungen sind den Objekten nicht inhärent, sondern sie werden ihnen von der erinnernden Gruppe zugeschrieben (Sather-Wagstaff 2015:195, Bevan 2006:12). Durch symbolische Zuschreibungen können Objekte bei einem offiziellen Gedenkanlass oder auch beiläufig Erinnerungen hervorrufen (vgl. J. Assmann 2011:17, Kenneweg 2009:47, Staiger und Steiner 2009:3). Speitkamp unterscheidet zwischen Symbolen ersten, zweiten und dritten Grades als Erinnerungsträgern (Speitkamp 1997:7-8). Symbole ersten Grades sind solche, die keinen anderen Zweck haben als den, ein Symbol für etwas zu sein (z. B. für die Nation oder für einen Gründungsmythos): Flaggen oder Denkmäler, aber auch Hymnen gehören zu dieser Kategorie. Symbole zweiten Grades haben auch einen praktischen Zweck und werden im Alltag benutzt. Dazu gehören Münzen oder Geldscheine, aber auch Straßennamen. Zusätzlich stehen sie aber auch symbolisch für das Wertesystem einer Gemeinschaft. Dies wird besonders deutlich, wenn eine Veränderung dieser Symbole eintritt, z. B. eine neue Währung eingeführt oder eine Straße umbenannt wird. Symbole dritten Grades haben diese Bedeutung nicht dauerhaft, sondern nur situativ inne. Zu ihnen gehören beispielsweise „Herrschafts- und Amtsgebäude, die einmal in ihrer realen Funktion angesehen, dann aber auch als Symbole von Abhängigkeit und Mißständen wahrgenommen werden können“ (Speitkamp 1997:8). Räumliche Bezüge sind in allen drei Kategorien von Symbolträgern vorhanden, wodurch bereits hier die wichtige Rolle von Räumen und Orten für das kollektive Gedächtnis deutlich wird. Symbolische Medien werden in Archiven verschiedenster Form bewahrt, wo sie immer neu miteinander kombiniert und in Beziehung gesetzt werden können. Dadurch ändert sich auch ihre Interpretation bzw. die Sichtweise auf sie (vgl. A. Assmann 2007:53). In ihrer Gesamtheit zeigen sie nicht nur die Kontinuität der Gesellschaft und ihrer Geschichte, sondern bilden auch Brüche und Widersprüchlichkeit von Erinnerung und Erinnerungskultur ab (Speitkamp 1997:6, 8). Dies kann sich besonders nach einem gesellschaftlichen oder politischen Umbruch zeigen, wenn Teile der Vergangenheit gewissermaßen über Nacht anders gedeutet werden als vorher. Bei einigen dieser Brüche ist die Integration in das neue Selbstbild schwierig, der Umgang damit nicht eingeübt und daher zunächst unklar. Das kulturelle Gedächtnis kann weiter unterteilt werden in ein Speichergedächtnis und ein Funktionsgedächtnis (A. Assmann 2013:28, 2007:54-56). Das

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Speichergedächtnis stellt das vollständige Archiv aller Erinnerungen einer Kultur dar. In ihm befindet sich die komplette, dabei aber ungerichtete und noch nicht interpretierte Sammlung aller „Erinnerungsdaten“ dieser Kultur. Über das Funktionsgedächtnis wählen die Mitglieder gezielt diejenigen Teile der Vergangenheit aus dem Speichergedächtnis aus, auf die sie sich aktuell beziehen möchten. 3.1.2 Erinnerung als soziale Konstruktion und Interpretation der Vergangenheit Kollektives Erinnern kann also als gezielte soziale Leistung betrachtet werden, bei der die Vergangenheit aus der Gegenwart und dem aktuellen Selbstverständnis der Gruppe heraus gedeutet wird. Dabei wird es von aktuellen Zielen, Bedürfnissen und Konflikten einer Gemeinschaft bestimmt (Dwyer und Alderman 2008:168): Das „Gedächtnis bewahrt Erinnerungen auf, arbeitet sie auf und speichert sie so, dass sie für jeweils entstehende Bedürfnisse der Sinnstiftung, Orientierung und Legitimation genutzt werden können“ (Bauerkämper 2012:44, Staiger und Steiner 2009:5, A. Assmann 2007:16, Lederach 2005:140). Erinnerungen stellen nach diesem konstruktivistischen Verständnis keine objektive Wiedergabe der Vergangenheit dar, sondern eine „translation or representation of the past in the present“ (Stråth 2000:19). Die Gruppe eignet sich nur diejenigen Teile an, die ihr in der Gegenwart nützlich sind und die zu ihr passen. Erst darüber gibt sie ihnen eine Funktion in der Gegenwart – Vollständigkeit und Sinn sind somit nicht gleichzeitig möglich, ein Speichergedächtnis ist ohne Funktionsgedächtnis nutzlos und umgekehrt (vgl. Ross 2013:91, Pethes 2008:68, Binder 2007:185). Speicher- und Funktionsgedächtnis sind miteinander gekoppelt und Erinnerungen können durchaus von dem einen ins andere übergehen, wenn dies von der Gesellschaft oder Gemeinschaft gewünscht wird (vgl. A. Assmann 2007:57). Dies geschieht häufig dann, wenn sich das Selbstbild des Kollektivs ändert und es dies über die Neuinterpretation von Geschichte kommunizieren will. Somit ist die Interpretation von Geschichte auch immer wieder von Neuem möglich und die darauf aufbauende kollektive Identität form- und verhandelbar (vgl. Bittner 2010a:24). Wie genau der soziale Bezugsrahmen für Erinnerung gestaltet wird, welche Teile der Vergangenheit er einschließt, neu aufnimmt oder verwirft, entscheiden die Mitglieder des Kollektivs in einem kontinuierlichen Aushandlungsprozess. Die bereits bestehende kollektive Identität fungiert dabei als Filter, der nur diejenigen Erinnerungen durchlässt, welche die Gemeinschaft aktuell braucht, um das gewünschte Selbstbild zu bestätigen, zu ergänzen oder zu verändern (vgl. Meusburger et al. 2011:8, Pethes 2008:74-75, Rose-Redwood et al. 2008:161). Diese Praxis macht eine Anpassung historischer Narrative an sich

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wandelnde Umstände und politische wie soziale Konditionen und Bewertungen möglich. Auch symbolische Medien können neue Bedeutungen erhalten, wenn sich Erinnerungsbedürfnisse, Werte oder Ziele eines Kollektivs in der Gegenwart ändern und „pasts have to be reinvented“ (Ashworth und Graham 2005:4). Abbildung 2: Formen des kollektiven Gedächtnisses (nach Assmann 2007)

Häufig fallen kollektiv erinnerte Ereignisse in eine der von Volkan etablierten Kategorien „chosen traumas“ oder „chosen glories“ (Volkan 2006, vgl. Lederach 2005:142). Auch Aleida Assmann geht davon aus, dass diese beiden „Pole“ die kollektive Erinnerung bestimmen (2007:14). Somit können nicht nur Heldengeschichten, Siege und andere positive Errungenschaften, sondern auch Niederlagen und schmerzliche Erfahrungen den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärken. Voraussetzung dafür ist, dass sie in Form eines heroischen Opfergedächtnisses2 Einlass in die Erinnerungskultur der Gemeinschaft finden können (A. Assmann 2007:74-75). Dabei wird eine Strategie der Mythenbildung und Umdeutung der Niederlage in eine Heldentat verfolgt, wodurch diese mit einem positiven Selbstbild vereinbar wird (vgl. A. Assmann 2007:70).

2

Aleida Assmann unterscheidet zwei verschiedene Formen des Opfergedenkens, die unterschiedlich gut mit einem positiven Selbstbild vereinbar sind. Sacrificium steht für das aktive, das heroische Opfergedächtnis, das auf Märtyrer*innen oder Widerständler*innen oder allgemein auf Unterlegene in einem Konflikt, die heldenhaft gekämpft haben, angewandt werden kann (A. Assmann 2007:72). Victima hingegen bezeichnet diejenigen Opfer, die wehrlos einer Gewalttat ausgeliefert waren. Es ist schwierig, ein solches Ereignis positiv in das historische Narrativ einer Gruppe zu integrieren, da es für die Rolle der victima keine gesellschaftliche Anerkennung gibt und sich durch die Passivität der Eigengruppe kaum die Möglichkeit bietet, die Niederlage überhöhend umzudeuten.

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Ein wichtiger Teil des interessengesteuerten Auswahlprozesses von Erinnerungen ist mithin auch das Vergessen (vgl. Pethes 2008:57, Stråth 2000:22, Huyssen 1993:250). Jede Entscheidung für die Bewahrung einer Erinnerung beinhaltet gleichzeitig auch die – bewusste oder unbewusste – Entscheidung, eine andere nicht zu bewahren. Lange wurde das Vergessen zumindest in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung als zu überwindendes Defizit angesehen; zunehmend wird ihm aber eine ähnlich notwendige Funktion für den Erhalt von Kollektiven zugeschrieben wie dem Erinnern, da die Fülle der Erinnerungen und Erfahrungen einer Gesellschaft in ihrer Gesamtheit unmöglich permanent im Funktionsgedächtnis präsent gehalten werden kann (vgl. Pethes 2008:76). Pethes bezeichnet das Vergessen deshalb sogar als „Hauptfunktion des Gedächtnisses“, die eine Blockade durch Überlastung verhindert (2008:74-77, vgl. A. Assmann 2007:36-37). Aleida Assmann geht zudem davon aus, dass eine Gesellschaft nur mithilfe des Vergessens nach traumatischen und gewaltvollen Zeiten neu beginnen und ihr Selbstbild an veränderte Wertesysteme nach politischem Wandel oder auch an neue Erkenntnisse der Wissenschaft anpassen kann (2007:51-53). Erinnerung braucht immer auch eine Nachfrage, also jemanden, der die damit verbundenen Geschichten hören und die Erinnerung bewahren will (vgl. Cornelißen 2012). Es kann sein, dass das Interesse an einer Erinnerung erst nach vielen Jahren eintritt, da manche unangenehmen oder sogar traumatischen Episoden eine „Zeit der Latenz“ brauchen, bis über sie gesprochen werden kann (Giesen 2005:401). Durch die Archivierung im Speichergedächtnis gehen aber auch „vergessene“, also aktuell nicht genutzte Erinnerungen nicht verloren, sondern können im Bedarfsfall wieder hervorgeholt werden. Bei aller Notwendigkeit des Vergessens muss anerkannt werden, dass dadurch manche gesellschaftlichen Erinnerungen über andere gestellt und manche als weniger bedeutsam herabgesetzt werden. Damit einhergehend erfolgt häufig die Privilegierung von Erinnerungen einiger Teile der Gesellschaft, während andere Teile nicht beachtet oder gar absichtlich ignoriert werden (Frank 2009:115, Huyssen 2003:1). Die Teilgruppen einer Gesellschaft konkurrieren somit um Repräsentation und Aufmerksamkeit für ihre Erinnerungen bzw. ihre Interpretation der Vergangenheit (Frank 2009:103). Gerade während politischer Umbrüche, wenn das gesamte System symbolischer Zuschreibungen zur Disposition steht, kann – muss aber nicht zwangsläufig – die Konkurrenz von Erinnerungen durchaus zu Konflikten führen (Czepczyński 2008:53). Dementsprechend beinhaltet der Bezug auf die Vergangenheit in der Gegenwart immer auch eine politische Komponente, denn die Auswahl, Interpretation und Gestaltung von Erinnerungskultur wird maßgeblich von politischen bzw.

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staatlichen Institutionen und der von ihnen ausgehenden Sicht auf vergangene Ereignisse beeinflusst (vgl. Fulbrook 2009:142, Pethes 2008:18-19). Das Funktionsgedächtnis dient somit auch der Verbreitung ideologischer und politischer Botschaften (vgl. Meusburger et al. 2011:7). In demokratischen Gesellschaften sind nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch andere gesellschaftliche Akteur*innen wie Parteien, Medien, Künstler*innen oder gesellschaftspolitische Gruppierungen, Vereine und Verbände (A. Assmann 2013:22) an der Konstruktion eines historischen Narrativs beteiligt. Auch sie haben ein Interesse daran, ihre Deutungen der Vergangenheit in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und ihre daraus hervorgehende Sichtweise zu etablieren (vgl. Kenneweg 2009:26, Pethes 2008:65). Zudem sind offizielle Erinnerungsangebote immer nur Angebote, die auch abgelehnt oder nur in Teilen angenommen werden können (vgl. A. Assmann 2013:19, 28). Zumeist werden konkurrierende Interpretationen der Vergangenheit in autoritären Regimen so lange marginalisiert oder unterdrückt und die Vergangenheit als „kollektive Fiktion“ gestaltet, bis ein Regimewechsel stattfindet (A. Assmann 2013:25). Im Gegensatz zum weiter oben beschriebenen Vergessen durch „Vergleichgültigung, Nachnutzung und Überformung“, stellt diese Praxis eine „gezielte […] Nihilierung durch materielle Vernichtung, durch feierliche Auslöschung aus dem Bereich des öffentlich Sagbaren (damnatio memoriae) oder durch gesellschaftliche Tabuisierung“ dar (Sabrow 2015:79, Hervorhebung i. O.). Ein „Vergessensbefehl“ kann zwar ausgesprochen, jedoch niemals befolgt werden (Pethes 2008:77) – solange Personen leben, die ein Ereignis miterlebt haben, bleibt es im Speichergedächtnis vorhanden und wird zumindest latent erinnert, obwohl es vielleicht politisch unerwünscht sein mag. Somit existieren selbst in den repressivsten Diktaturen, in denen das staatliche Narrativ sehr dominant ist, immer auch alternative Deutungen der Vergangenheit, z. B. aus der Sicht von Minderheiten oder Unterlegenen in einem Konflikt (vgl. Meusburger 2011:58), dies vielleicht aber nur heimlich (vgl. Althaus 2005:589, Stråth 2000:32). In stabilen Demokratien ist ein Pluralismus der Interpretation von Vergangenheit innerhalb eines gewissen Rahmens normal und sogar erwünscht, so dass verschiedene historische Narrative und damit verbundene Erinnerungsmotive nebeneinander existieren, sich überlappen, ergänzen oder auch gegenseitig Konkurrenz machen dürfen (vgl. Ross 2013:94, Bauerkämper 2012:50, Shimada 2010:37, Pethes 2008:19-20). Die Teilgruppen des Kollektivs beteiligen sich daran, ein mehrheitsfähiges Narrativ auszuhandeln bzw. haben die Möglichkeit, das dominante Narrativ um ihre Sichtweise zu ergänzen. Über öffentliche Debatten kann potenziell die gesamte Gesellschaft mittelbar am Ausgestaltungsprozess des kollektiven Gedächtnisses teilnehmen und dieses mittragen, auch wenn an den

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konkreten Entscheidungsprozessen nur eine besonders lautstarke oder mächtige Minderheit beteiligt ist (vgl. A. Assmann 2013:28). Gerade ein offener Umgang mit unangenehmen und möglicherweise umstrittenen Ereignissen der Vergangenheit wird als Zeichen politischer Reife und einer fortschrittlichen, hoch entwickelten Diskussionskultur interpretiert (vgl. Meusburger 2011:67). Die in allen Gesellschaften stattfindende Konstruktion der Vergangenheit und ihre Betrachtung durch eine gegenwärtige, zum aktuellen Selbstbild der Gruppe passende „Brille“ wird trotz ihrer offensichtlichen Unvollständigkeit mittlerweile nicht mehr als falsch oder unecht, sondern vielmehr als unvermeidlich angesehen (Sather-Wagstaff 2015:195). Die von der Gemeinschaft vorgenommene Interpretation der Vergangenheit stellt eine von mehreren möglichen dar, die bestehenden Interessenslagen und Bedürfnissen entgegenkommt. Diese Sichtweise trägt der Tatsache Rechnung, dass viele Menschen mit unterschiedlichen Prioritäten und Vorerfahrungen an der Produktion und Bewertung von Erinnerung teilnehmen und der soziale Erinnerungsrahmen immer wieder auf politische und kulturelle Veränderungen reagiert und ein objektiver Blick auf die Geschichte dadurch unmöglich ist (vgl. Ross 2013:93, A. Assmann 2007:31, Huyssen 2003:1). Erinnerungen, so Neill, „cannot exist outside those people who do the remembering“ und sind daher „historically conditioned changing colour and shape according to the emergencies of the moment“ (Neill 2001a:14). Damit werden Entscheidungen von Akteur*innen darüber, welche Teile der Vergangenheit als erinnerungswürdig ausgewählt werden sollen, erstens für die sozialwissenschaftliche Forschung überhaupt erst interessant und ermöglichen zweitens Rückschlüsse auf die mit der Erinnerung verknüpften Motive und Ziele. An diesen lässt sich wiederum ablesen, in wessen Interesse die Erinnerung an bestimmte Teile der Vergangenheit liegt und welche Teilgruppen welchen Anteil am Diskurs sowie der Entwicklung, Verbreitung und Rezeption des damit verbundenen Narrativs haben (vgl. Ashworth und Graham 2005:8). Der folgende Abschnitt widmet sich den Funktionen, die mit kollektiver Erinnerung häufig verbunden sind und aus denen letztlich Ziele und Motive der beteiligten Akteur*innen ableitbar sind.

3.2 F UNKTIONEN KOLLEKTIVEN E RINNERNS V ERGESSENS

UND

Im vorherigen Abschnitt wurde deutlich, dass die Selektion von Elementen der Vergangenheit eines Kollektivs absichtsvoll und im Hinblick auf das Erreichen bestimmter Ziele und Motive erfolgt. Das Erinnern erhält somit spezielle Funktionen, die mit unterschiedlichen Botschaften und Kommunikationsrichtungen

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verbunden sind und möglicherweise von verschiedenen Akteur*innen ausgehen (Ashworth und Tunbridge 2000 2000:24, vgl. Frank 2009:124). Dabei wird über „offizielle“ Elemente der Erinnerungskultur wie z. B. Denkmäler zumeist die Sichtweise politischer und sonstiger gesellschaftlicher Eliten dargestellt, Minderheiten und andere weniger mächtige Bevölkerungsteile werden darin tendenziell seltener berücksichtigt. Möglicherweise gestalten diese ihre eigene Erinnerungslandschaft, gegebenenfalls auch auf eher informelle Weise (Altrock et al. 2010b, Dwyer und Alderman 2008:168). Zwei grundlegende Funktionen werden im Folgenden herausgearbeitet: So dient das kollektive Erinnern häufig entweder der Kommunikation nach innen (zur Identitätsstiftung für die Gemeinschaft) oder nach außen (zur Darstellung der Geschichte für andere). Die von unterschiedlichen Teilgruppen eines Kollektivs verfolgten Ziele und Motive können sich durchaus entgegenstehen oder auch gleichzeitig verfolgt werden, was als Dissonanz bezeichnet wird (Tunbridge und Ashworth 1996). Als grundsätzliche Anmerkung sei vorangestellt, dass es wahrscheinlich ähnlich viele Funktionen und damit verbundene Ziele und Motive wie erinnernde Individuen und Teilgruppen gibt, so dass auch andere Einteilungen oder weitere Untergliederungen möglich wären. Ich möchte hier diejenigen Aspekte des kollektiven Erinnerns verdeutlichen, die sich im Kontext dieser Arbeit als besonders relevant erweisen und die sowohl in der Literatur häufig aufgegriffen als auch empirisch beobachtet werden. 3.2.1 Identitätsstiftung für die Gemeinschaft und Stabilisierung des politischen Systems Die Vergangenheit und daraus ausgewählte Erinnerungselemente bilden einen wichtigen Teil der kollektiven Identität von Gemeinschaften (vgl. J. Assmann 2011:17, Pethes 2008:67-68, A. Assmann 2007:56). Nach Ashworth und Graham ist die Vergangenheit sogar „integral to individual and communal representations of identity and its connotations of providing human existence with meaning, purpose and value“ (2005:9). Gemeinschaften tendieren dazu, die Auswahl aus vergangenen Ereignissen und Erfahrungen derart zu gestalten, dass sich daraus ein kohärentes Narrativ aufbauen lässt, das den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärkt und ihre Erinnerungsbedürfnisse befriedigt. Dieses Narrativ erzählt die Herkunft und Entwicklung der Gemeinschaft und stellt so die „formative story of who we are as a people and a place“ dar (Lederach 2005:142). Zum Zwecke der Komplexitätsreduktion werden in dieses Bild passende und Gemeinsamkeit stiftende Ereignisse eher hervorgehoben, andere eher vernachlässigt bis verleugnet (vgl.

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Pethes 2008:57). Diese Ereignisse werden – mit unterschiedlich starken Modifikationen – von Generation zu Generation weitervermittelt. Ein Motiv bei der identitätsstiftenden Erinnerung ist die Stabilisierung des politischen Systems über die Schaffung eines möglichst homogenen politischen Gedächtnisses, das das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinschaft stärkt (Pethes 2008:37-40). Als räumliche Bezugsebene wird häufig der Nationalstaat genannt, was wiederum mit dem staatlichen Bedürfnis nach Sicherung und Schutz des Territoriums zusammenhängt (Johnson 2015:162, Czepczyński 2008:50, Graham et al. 2000:12). Dieses Motiv kann aber auch auf anderen Maßstabsebenen zutage treten; gerade auf der städtischen oder der Nachbarschaftsebene ist oft ein Verbundenheitsgefühl zwischen Individuen aufgrund ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zu einem Raumausschnitt zu beobachten (vgl. Christmann 2003:9), dieses wird durchaus auch politisch genutzt. Es ist jedoch festzuhalten, dass Erinnerungen sowie Erinnerungsangebote niemals gleich auf alle Teilgruppen und Individuen eines Kollektivs wirken – selbst wenn sich die Mehrheit mit einer Version identifizieren kann, wird es immer auch Abweichungen und Personen(gruppen) geben, die sich nicht angesprochen oder sogar ausgeschlossen fühlen (vgl. Pethes 2008:89). So kann eine Interpretation der Geschichte, die für eine Teilgruppe gemeinschaftsbildend wirkt, bei anderen ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins hervorrufen: „All heritage is someone’s heritage, and therefore logically not someone else’s“ (Graham und McDowell 2007 2007:345; vgl. Kenneweg 2009:47, Ashworth und Graham 2005:5). Die Identitätsbildung einer Gemeinschaft und ihrer einzelnen Teilgruppen funktioniert somit auch über die Abgrenzung nach außen. In Post-Konflikt-Gesellschaften kommt dieser Aspekt sehr deutlich zum Tragen, da sich dort die Vergangenheitsinterpretationen der Gruppen gegenseitig ausschließen. 3.2.2 Außendarstellung und Imagebildung Neben der Identitätsstiftung für die Gruppe dient die Auswahl aus dem Fundus der Erinnerungen auch immer dem Ziel, ein bestimmtes Bild einer Gemeinschaft, ihrer Werte und Ideen nach außen zu kommunizieren, z. B. zu Zwecken der Imagebildung und der Generierung von Aufmerksamkeit (vgl. Mattissek 2007:8384, Ashworth und Graham 2005:5). Die Beschwörung eines immer härter werdenden internationalen Wettbewerbs der Städte und Regionen um Tourist*innen, Investor*innen und Einwohner*innen ist zu einer Art Gemeinplatz geworden. Dieser Wettbewerb führt dazu, dass die verantwortlichen Akteur*innen verstärkt um ein Image bemühen, das Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit suggeriert und sowohl die eigene Einwohnerschaft als auch Außenstehende beeindruckt (vgl.

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Bittner 2010a:27, Binder 2007:182, Mattissek 2007:83-84). Die Geschichte wird im Zuge dieses Wettbewerbs auch zu einer „economic commodity“ (Ashworth und Graham 2005:4) und bekommt damit eine weitere Bedeutung zugeschrieben, die sich häufig von derjenigen unterscheidet, die sie als kulturelle, identitätsstiftende Ressource für die Gemeinschaft innehat (vgl. Schofield et al. 2002:7). In die deutschsprachige Debatte um Erinnerungskultur und mögliche Nutzungen von Geschichte wird die erlebnis- und tourismusorientierte Inszenierung der Vergangenheit sowie die daraus entstehende Heritage-Industrie erst seit einigen Jahren stärker integriert. Lange Zeit dominierte eine Betrachtung von Geschichte und Erinnerung im Sinne des vorherigen Abschnitts, womit jedoch die erinnernden Gemeinschaften als mehr oder weniger abgeschlossene, in sich ruhende Einheiten dargestellt wurden, die sie so vielleicht nie waren und im Zuge einer auf allen Ebenen beobachtbaren Globalisierung heutzutage sicherlich nicht mehr sind (Frank 2009:337). In der englischsprachigen, vor allem den wissenschaftlichen Disziplinen der Geographie und der Geschichtswissenschaft entstammenden Heritage-Forschung3 wird die Inszenierung von Elementen der Geschichte als Ressource zur Unterstützung der ökonomischen Entwicklung von Städten und Regionen bereits seit den 1980er Jahren thematisiert (Graham et al. 2000:17). Etwa seit diesem Zeitpunkt ist eine deutliche Expansion der Tourismus- und Freizeitindustrie zu beobachten, außerdem die damit verbundene starke Ausdifferenzierung touristischer Angebote, durch die sich der Heritage-Tourismus als ein wichtiges Nischensegment etablieren konnte (Light 2015:146-147, Frank 2009:77-80). Mittlerweile stellen das kulturelle und historische Erbe eines Landes, einer Region oder einer Stadt sowie sein Ausdruck in der gebauten und gestalteten Umwelt sogar einen der wichtigsten Faktoren für den Tourismus und insbesondere das 3

Heritage wird von Graham, Ashworth und Tunbridge als „contemporary use of the past“ definiert (2000:2). In Anlehnung daran bezeichnet Frank die Vergangenheit als Rohstoff, aus dem sowohl History als auch Heritage hervorgehen. Heritage als das sich an Orten manifestierende kulturelle Erbe einer Gemeinschaft stellt dabei die kommodifizierte Form von History dar. Damit kann Heritage nicht ganz gleichgesetzt werden mit kollektiver Erinnerung, die beiden Konzepte weisen aber einige gemeinsame Charakteristika auf. Dazu gehören die soziale Konstruiertheit, ihr Beitrag zur individuellen und kollektiven Identität, die Möglichkeit, sie politisch zu instrumentalisieren sowie ihre grundsätzliche „Umkämpftheit“ (Sather-Wagstaff 2015). Heritage findet immer an Orten statt, die als heritage sites benannt werden und ist dort Teil der Erinnerungslandschaft einer Gemeinschaft. Aufgrund des stärkeren räumlichen Fokus und der Betonung der Funktion als ökonomische Ressource ergänzt die Debatte um Heritage die Ausführungen zur kollektiven Erinnerung an vielen Stellen, weswegen ich hier beide nutze und miteinander kombiniere.

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boomende und sehr profitable Segment des Städtetourismus dar (vgl. Ashworth und Graham 2005:7, McEldowney et al. 2001:112-113). In fast allen Ländern und auf nahezu allen geographischen Ebenen werden heutzutage Elemente der Geschichte genutzt, um touristisch attraktiv zu wirken (Light 2015:148). Tourismus kann dabei in mehrere Richtungen identitätsstiftend wirken: Erstens auf die Reisenden, die ihr Reiseziel sowie die Art, es zu erkunden, als Möglichkeit sehen, ihre persönliche Identität auszudrücken (Light 2015:148, Frank 2009:80-81); zweitens aber auch auf die bereiste Region und ihre Bewohner*innen, die sich durch den Tourismus der Attraktivität ihrer Heimat und deren Geschichte gewahr werden und sich damit wiederum stärker mit ihr identifizieren (Hinrichsen 2017). Die Inszenierung von Geschichte zu touristischen Zwecken ist vielfach als oberflächlich, als negative Aspekte ausblendend, als zu sehr am Vergnügen und zu wenig an Bildung interessiert oder gar als „Disneyfizierung“ kritisiert worden (Frank 2009:98; Staiger und Steiner 2009:7, Graham et al. 2000:20, Boyer 1996, Huyssen 1993:254). Nach und nach wird jedoch eine Sichtweise immer verbreiteter, die diese popularisierte Form des Umgangs mit der Vergangenheit als eine mögliche und legitime neben anderen begreift, die eben zeitgenössischen Bedürfnissen in Bezug auf das kollektive Erinnern entspricht (z. B. Johnson 2015:164, Frank 2009, Ashworth und Graham 2005). 3.2.3 Dissonanz im Umgang mit der Geschichte Ebenfalls aus der Heritage-Forschung stammt das Konzept der „Dissonanz“ im Umgang mit der Geschichte bzw. dem als Heritage angeeigneten und erinnerten Teil der Geschichte (Ashworth und Graham 2005:5). Dissonanz entsteht aus mehreren Gründen: So nimmt zum einen das kulturelle und historische Erbe einer Gemeinschaft aufgrund der beschriebenen Vielfalt von Motiven bei der Inszenierung von Vergangenheit eine Doppelfunktion als kulturelle und ökonomische Ressource ein. Dies kann zu Konflikten führen, wenn „sacred objects“, die für die Identitätskonstruktion einer Gemeinschaft besonders bedeutsam sind, auch touristisch genutzt werden oder die kommerzielle Nutzung überhandnimmt (Ashworth und Tunbridge 2000:23). Zum anderen sind auch innerhalb von Gemeinschaften die Sichtweisen auf die Vergangenheit und die Prioritäten bei der kollektiven Erinnerung in der Regel nicht homogen. Es wurde bereits angesprochen, dass die Interpretation und Inszenierung von Erinnerung zwischen den Individuen und Teilgruppen einer Gemeinschaft ausgehandelt werden, wobei sich häufig eine Version als dominant durchsetzt, die zumeist auch staatlich unterstützt oder sogar gesteuert wird und staatliche Strukturen und Ideologien tendenziell stabilisieren (Czepczyński

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2008:41, Ashworth und Tunbridge 2000:28). Diese offizielle Version, so Ashworth und Graham, trage allerdings nicht der Akteurs- und Interessensvielfalt bei der Produktion und Rezeption der inszenierten Geschichte Rechnung. Ihrer Meinung nach können die historischen Ressourcen einer Gemeinschaft Verschiedenes für verschiedene Menschen und Gruppen darstellen. Sie seien „capable of being interpreted differently within any one culture at any one time, as well as between cultures and through time“ und nehmen eine „variety of official (state-sponsored) and unofficial forms“ (Ashworth und Graham 2005:4) an. Offizielle und inoffizielle Formen des Erinnerns können deutlich voneinander abweichen. Gruppen, die sich in der offiziellen Version nicht ausreichend repräsentiert fühlen, können diese in Frage stellen und sich für Veränderungen einsetzen oder eigene, mehr oder weniger informelle Teilgedächtnisse konstruieren (Johnson 2015:166). Abbildung 3: Dissonanz im Umgang mit der Vergangenheit (eigene Abbildung)

Dissonanz sei jeder Interpretation der Vergangenheit inhärent (Ashworth und Tunbridge 2000:24), daher nicht zu verhindern und ergebe sich unweigerlich aus dem beschriebenen „continuous interplay of the official/unofficial and insider/outsider dichotomies that characterize every single manifestation of heritage“ (Ashworth und Graham 2005:11). Diese Multiperspektivität und Multidimensionalität jeglicher Nutzung der Vergangenheit kann innerhalb der Gemeinschaft zu Konflikten führen, sie kann aber auch eine Grundlage für Toleranz und Verständnis zwischen verschiedenen Teilgruppen einer Gesellschaft sein (Ashworth und Tunbridge 2000:24). So ist es durchaus möglich, dass verschiedene – auch exklusive – Interpretationen der Vergangenheit nebeneinanderstehen und wechselseitig toleriert oder sogar wertgeschätzt werden (Frank 2009:114-117). Problematisch wird diese Situation erst dann, wenn es wie in Post-Konflikt-Gesellschaften zum einseitigen oder gegenseitigen Ausschluss kommt, wodurch der nicht-repräsentierte Teil ihr historisches Erbe gewissermaßen verliert (Frank 2009:116).

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3.3 R AUMBEZUG VON E RINNERUNG Raum und konkrete Orte können als strukturierende symbolische Medien für Gedächtnis und Erinnerung betrachtet werden, an deren Wertschätzung, Nutzung und Entwicklung bzw. Konservierung sich u. a. die Motive im Umgang mit der Vergangenheit ablesen lassen (vgl. A. Assmann 2007, Langenohl 2005:611). Das kulturelle Erbe einer Gemeinschaft, das sich als Heritage an Orten manifestiert, verbindet gleichsam Raum und Zeit (Ashworth und Graham 2005:11). Mit Vergangenem assoziierte Orte geben der kollektiven Erinnerung eine mehr oder weniger permanente physische Form und machen durch ihre Materialität die Vergangenheit in der Gegenwart erfahrbar (Huyssen 1993:249, 255). In diesem Abschnitt wird zunächst die Verknüpfung von Erinnerung und Orten als symbolischen Medien dargelegt und gezeigt, über welche gesellschaftlichen Praxen Orte diese Rolle erhalten. Anschließend werden einige kollektive Erinnerungsanlässe thematisiert, die mit konkreten Orten verbunden sein können und die häufig auch den planerischen, politischen und gesellschaftlichen Umgang mit ihnen bestimmen. Weiterhin widme ich mich schließlich der Stadt als einzigartige[m] Erinnerungsdepot“ (Bogdanović 1993)4, deren Erinnerungskultur die nationale oder regionale ergänzen, sich von ihr aber auch abgrenzen und deutlich davon unterscheiden kann. 3.3.1 Orte als symbolische Medien der Erinnerung Bereits in den 1920er Jahren hat Halbwachs darauf hingewiesen, dass die kollektive Erinnerung einen räumlichen Rahmen braucht, um sich zu entwickeln. Diese

4

Kenneweg merkt an, dass das Bild von der Stadt als Depot eine längst überholte Vorstellung vom Raum als Container impliziere und nicht der Wandlungsfähigkeit von Stadt, von kollektiver Erinnerung und deren Bedeutungen Rechnung trage (2009:54). Ähnliches gilt für die Stadt als „Palimpsest“ (S.67) oder als „Archiv“ (S. 79). Diese Bilder lassen vielleicht die aktive und auf die Gesellschaft wirkende Komponente des Raums bzw. der Stadt unberücksichtigt. Sie verdeutlichen allerdings sehr anschaulich, dass die Stadt in ihrer Materialität viele historische Ereignisse und (teilweise nicht mehr existierende) Kulturformen abbildet, weshalb ich – und auch Kenneweg selbst – sie dennoch nutze. Mithilfe dieser Bilder wird deutlich, dass die Stadt einen großen Fundus von potenziell symbolischen Orten beherbergt, aus welchem diejenigen ausgewählt und inszeniert werden, die für das erinnernde Kollektiv aktuell wichtig und nützlich sind.

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Sichtweise hat in den Sozialwissenschaften im Zuge des spatial turn seit den späten 1980er Jahren verstärkte Popularität erfahren.5 Zu den damit einhergehenden Annahmen von Gleichzeitigkeit und Ausdifferenzierung passt eine Vorstellung aus der Gedächtnisforschung, dass sich an einigen Orten und insbesondere in Städten verschiedene Schichten der Vergangenheit wie ein „Palimpsest“ übereinanderlegen und gleichzeitig sichtbar werden (A. Assmann 2007:222). Die Selektivität kollektiver Erinnerung, die im ersten Abschnitt dieses Kapitels erläutert wurde, lässt sich auch im Umgang mit diesen historischen oder symbolischen Orten beobachten: Genutzt bzw. erhalten oder auch rekonstruiert werden vor allem diejenigen Orte (bzw. diejenigen Schichten des Palimpsests), deren Symbolgehalt den Erinnerungsbedürfnissen und -interessen der Gegenwart entspricht (Ashworth und Graham 2005:4, Graham et al. 2000:2). Diese Sichtweise wird auch in der bereits angesprochenen Debatte um Heritage bzw. heritage sites aufgegriffen. Zu Heritage gehören nach Ashworth und Graham diejenigen Teile der Vergangenheit, die in der Gegenwart noch genutzt und angeeignet werden. Genauer handelt es sich ihrer Ansicht nach um „very selective artefacts, mythologies, memories and traditions“, die zu „resources for the present“ werden (Ashworth und Graham 2005:4). Als solche stellen sie eine Art raumbezogenes Funktionsgedächtnis oder, wie Sather-Wagstaff formuliert, „memorywork-in-action“ dar (2015:192). An diesen Orten wird die Vergangenheit in der Gegenwart sinnlich erfahrbar; die Erinnerung und damit auch Teile der kollektiven Identität einer Gemeinschaft erhalten über sie eine physische Form (Bakshi 2014:189, Kenneweg 2009 2009:35/48, Czepczyński 2008:54, Rose5

Der von Soja (1989) geprägte Begriff des spatial turn und die damit verbundene Forschungsagenda stehen für eine Tendenz, Raum (wieder) stärker als strukturierendes Element für gesellschaftliche Phänomene zu betrachten und zu beforschen, nachdem in der Moderne eher der Einfluss der Zeit im Vordergrund stand (vgl. Leitgeb und Csáky 2009, Döring und Thielmann 2009). Der spatial turn entspringt der Vorstellung von der Nachmoderne als einer Epoche der Gleichzeitigkeit, in der sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert und viele verschiedene Vorstellungen von Kultur (wie oben ausgeführt

auch

von

Erinnerungskultur)

mehr

oder

weniger

gleichberechtigt

nebeneinander bestehen (vgl. Kenneweg 2009:41). Infolge des turn setzt sich in den Sozialwissenschaften zunehmend ein Raumverständnis durch, das davon ausgeht, dass Orte einerseits sozial gestaltet werden, andererseits aber auch auf die Gesellschaft wirken und dadurch das Verhalten der Personen, die sich in ihnen bewegen, strukturieren (vgl. Middleton und Brown 2011: 40, Kenneweg 2009:43, Schroer 2009, Pott 2007:37, Gunn 2001:3). Damit wird der Umgang mit und die Gestaltung des Raums zum Symbol „of our culture, […] of the existing social order, […] of aspirations, needs, and fears“ (Harvey 2009 [1973]:31).

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Redwood et al. 2008:161, Ladd 1997:1). Die Orte stellen symbolische Medien dar, mit denen eine bestimmte Bedeutung verknüpft ist. Häufig werden diese Orte selbst als „symbolisch“ bezeichnet (Altrock et al. 2010b). Auch hier gilt, dass die Entscheidung für die Erinnerung an ein bestimmtes Element der Geschichte mithilfe der Inszenierung an einem Ort die Entscheidung gegen andere beinhaltet und diese in Vergessenheit geraten lässt (Dwyer und Alderman 2008:168). In diesem Zusammenhang unterscheidet Aleida Assmann Orte und Räume (2007:217-218): An Orten hat bereits ein Ereignis stattgefunden, wodurch sie von der Gemeinschaft mit Erinnerungen und Emotionen verknüpft werden. Räume dagegen bieten Planungspotenzial für die Zukunft. Donofrio drückt einen ähnlichen Gedanken folgendermaßen aus: „Place is a space plus meaning“ (Donofrio 2010, zit. n. McEvoy-Levy 2012:1). Diese Unterscheidung ist einleuchtend und besonders die Formulierung von Donofrio eingängig; beide Autor*innen gehen jedoch nicht darauf ein, dass ein solcher zugeschriebener Status – als Raum oder Ort – sich permanent ändern kann: Durch eine Bedeutungszuschreibung wird ein Raum zu einem Ort, durch Gestaltungs- und Planungsvorhaben an diesem Ort wird er jedoch wieder zur verfügbaren Dispositionsmasse und damit zu einem Raum. Jeder Ort befindet sich damit in einem „continuous state of becoming“ (Ashworth und Graham 2005:4), er unterliegt regelmäßigen und natürlichen „cycles of creative destruction and renewal“ (Meusburger et al. 2011:9), im Zuge derer er sich stetig weiterentwickelt. Somit können Orte als symbolische Medien sowie ihre Wahrnehmung und Gestaltung als „ever-unfinished process“ bezeichnet werden (Bevan 2006:16, vgl. Vanneste 1996:i). Der Blick aus der Gegenwart heraus mit gegenwärtigen Interessen und Bedürfnissen wurde bereits als ausschlaggebend für den Umgang mit räumlichen Hinterlassenschaften vergangener Ereignisse sowie für die Entscheidung darüber, was als Ort und was als Raum gilt, beschrieben (vgl. Graham et al. 2000:2). Daraus lässt sich schließen, dass nicht nur Orte der Erinnerung einen räumlichen Rahmen geben, sondern auch die Erinnerungskultur und Werte einer Gemeinschaft sowie die Interessen der Akteur*innen darüber abgebildet werden, wie sie mit den räumlichen Hinterlassenschaften vergangener Ereignisse und Epochen verfahren (Meusburger et al. 2011:4). Wie andere symbolische Medien erhalten Orte ihre Bedeutung über die Interpretation und Nutzung mit ihnen verknüpfter Ereignisse – um einen Ort symbolisch nennen zu können, muss es immer auch Akteur*innen geben, die ihm eine Symbolik zuschreiben (Altrock et al. 2010b). Dies geschieht mithilfe verschiedener Aktivitäten „from spontaneous, dramatic events to regular ritualistic activity“ (Stangl 2007:409). Über langfristige Wiederholung wird die Bedeutung gefestigt (vgl. Bevan 2006:12, Jarman 1997:9). Umgekehrt erhalten aber Aktivitäten ihre

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Bedeutung über bereits existierende Bedeutungen der Orte, das Verhältnis ist also wechselseitig (vgl. Stangl 2007:409). Auch deshalb werden starke emotionale Verbindungen zu symbolischen Orten aufgebaut, wie McEvoy-Levy verdeutlicht: „Places have meaning and people form deep attachments to them because places constitute identities and can have sacred or existential significance“ (2012:4-5). Die zugeschriebenen Bedeutungen können sich mit den erinnernden Gemeinschaften verändern, was sich wiederum auf die Gestaltung und Wertschätzung der mit ihnen verbundenen Orte auswirkt (Ashworth und Graham 2005:4, Graham et al. 2000:18). Grundsätzlich sind sie zwar – ebenso wie die physische Form der Orte – häufig über lange Zeiträume hinweg stabil, dabei aber keinesfalls statisch, so dass sie innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Machtverhältnisse immer wieder verhandelt, geformt und interpretiert, aber auch bestätigt und von Neuem anerkannt werden (vgl. McEvoy-Levy 2012:2, Meusburger et al. 2011:8, Dwyer und Alderman 2008:168). Zumeist wird die Gestaltung der Orte so angelegt, dass dadurch bestimmte erwünschte Assoziationen ausgelöst werden (Frank 2009:126). Allerdings muss ihre tatsächliche Rezeption und Nutzung nicht zwangsläufig mit der Intention der Gestaltenden übereinstimmen, sondern kann sich durchaus verselbständigen (vgl. Siebeck 2007:102). Möglicherweise hat die Geschichte eines Orts auch nur für einen kleinen Teil einer Gesellschaft oder nur für eine bestimmte Gruppe eine Bedeutung. Die identitätsstiftende Funktion eines Orts muss – selbst wenn die Mehrheit sie akzeptiert – somit längst nicht für alle gelten; Orte können bei verschiedenen Teilgruppen einer Gesellschaft unterschiedliche Erinnerungen und Emotionen auslösen und produzieren daher nicht nur Identität, sondern auch Differenz (vgl. Pethes 2008:89). So ist es möglich, dass ein Ort mehrere, auch dissonante, Bedeutungen erhält, die ihm von verschiedenen Akteur*innen zugeschrieben werden (Ashworth und Graham 2005:3). Zudem können Bevölkerungsteile, die sich nicht repräsentiert fühlen, die offizielle Botschaft eines Orts auch in Frage stellen und möglicherweise untergraben (Hocking 2015:10). Nach politischen oder gesellschaftlichen Umbrüchen können sich auch die Wertschätzung, die ein Ort erfährt sowie die Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird, grundlegend wandeln. Der Blick auf die Vergangenheit verändert sich – und damit auch ihre Bewertung, was wiederum auch eine veränderte Interpretation von symbolischen Orten nach sich zieht (Altrock et al. 2010b). Häufig wird mindestens die offizielle Erinnerungslandschaft komplett neu gestaltet, da manche – oder auch alle – Elemente des alten Systems nicht mehr erwünscht oder schlichtweg nicht mehr tragbar sind (Light und Young 2010:1454, Czepczyński 2008:3, Ashworth und Graham 2005:4). Dabei sind auch (von offizieller Seite inszenierte oder auch spontan durchgeführte) Umgestaltungen an historischen Orten im Sinne von

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Speitkamps „Denkmalstürzen“ (1997) nicht selten. Diese zielen darauf ab, veränderte Umstände im Selbstbild einer Gemeinschaft zu verankern und damit neuen Erinnerungsanforderungen Rechnung zu tragen (vgl. Staiger und Steiner 2009:6). Gerade in Bezug auf die Inszenierung historischer Orte zu touristischen und anderen aufmerksamkeitssteigernden Zwecken wird – wie oben angedeutet – häufig ein Verlust von Authentizität beklagt. Eine neue Qualität und Verbreitung solcher Inszenierungen, die häufig erlebnisorientiert sind und weniger auf die Vermittlung historischer „Fakten“ als auf die Auslösung von Emotionen abzielen, lässt sich sicherlich tatsächlich besonders seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert beobachten. Einschränkend zu dieser Kritik kann jedoch angemerkt werden, dass von Individuen und Gruppen gestaltete Orte, zumal als symbolische Medien der Erinnerung, schon immer in gewisser Weise inszeniert und damit – auch aufgrund der absichtsvollen, interessengesteuerten Auswahl – unauthentisch sind. So ist es für Ashworth und Graham vor allem ein Resultat der Bedeutungszuschreibung als Zeugnis einer bestimmten Epoche oder eines Ereignisses, wenn Orte „in der Zeit eingefroren“ würden „whereas previously they had been constantly changing“ (Ashworth und Graham 2005:7). An anderer Stelle konstatieren Graham, Ashworth und Tunbridge: „Authenticity is unattainable as all heritage is created in and by the present“ (2000:16). Auch Aleida Assmann äußert sich zu der Frage der Authentizität von (traumatischen) Orten am Beispiel von zu Gedenkorten umgestalteten Konzentrationslagern der Nationalsozialisten (2007:223-226) – die zwar einen hohen touristischen Wert haben, denen aber niemand fehlende Ernsthaftigkeit oder Leichtfertigkeit im Umgang mit der Geschichte vorwirft. Sie geht davon aus, dass Orte und andere symbolische Medien der Erinnerung immer inszeniert sind, dabei aber durchaus weiterhin authentisch sein können. Die Konservierung bedeute dabei gleichzeitig Erhalt wie auch Verlust der Authentizität und es sei wichtig, sich klar zu machen, dass der für Besucher*innen erhaltene Ort nicht mit dem tatsächlichen historischen Schauplatz gleichzusetzen ist. Auch die Anwesenheit am historischen Ort erlaube dem/der Besucher*in die Einfühlung in die jeweilige historische Situation nur bis zu einem gewissen Grad. Selbst an sehr festgelegten Orten sei zudem eine Vielfalt von Perspektiven auf das historische Ereignis anzutreffen, die unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellten, eine große Bandbreite von Affekten zuließen, und das „Gedächtnis der Orte uneinheitlich und irreduzibel komplex“ gestalteten (A. Assmann 2007:225). „Der Ort“, so die Schlussfolgerung Assmanns, „ist alles, was man an ihm sucht, was man von ihm weiß, was man mit ihm verbindet. So gegenständlich konkret er ist, so vielfältig präsentiert er sich in den unterschiedlichen Perspektivierungen“ (2007:225).

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3.3.2 Wirkung von und Strategien im Umgang mit symbolischen Orten Historische Orte lassen sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten differenzieren. So sind manche Orte zwar „historisch“ in dem Sinne, dass dort ein historisches Ereignis stattgefunden hat oder sie ihre Form durch ein historisches Ereignis erhalten haben. Dies muss aber nicht unbedingt bekannt oder gar Teil einer offiziellen Erinnerungskultur sein. Somit sind nicht alle historischen Orte auch symbolisch; manche sind es vielleicht auch nur für einen kleinen Teil einer Gesellschaft. Sie sind vielleicht nicht in offizielle Gedenkanlässe eingebettet, können aber einen hohen symbolischen Wert für die „inoffizielle“ Erinnerungskultur einer gesellschaftlichen Teilgruppe aufweisen (vgl. Rose-Redwood et al. 2008:162). An anderen Orten findet gar keine offizielle Erinnerung statt, sie können aber Momente der spontanen Erinnerung auslösen und ziehen daraus einen symbolischen Wert (Kenneweg 2009:47). Symbolische Orte können daher sowohl als „aide-mémoires to memory retrieval“ als auch als „‚actors‘ in the public performance of commemoration“ gelten (Johnson 2012:241). In ihrer Gesamtheit bilden sie die Erinnerungslandschaft eines Kollektivs, welche wiederum Überschneidungen mit und konkurrierende Deutungen zu den Erinnerungslandschaften der Teilgruppen aufweist (Dwyer und Alderman 2008:167). Der mit einem Ort verbundene Erinnerungsanlass und die ihm zugeschriebene Bedeutung entscheiden maßgeblich darüber, wie ein Ort bewertet und interpretiert wird. Daraus ergeben sich letztlich auch die Erinnerungsstrategien in Bezug auf diesen Ort, also ob er z. B. als offizieller Erinnerungsort inszeniert oder ignoriert, versteckt oder bewusst umgestaltet wird. Manche Orte sind leicht in ein positives Selbstbild der Gemeinschaft zu integrieren, andere sind umstritten, nach einem Umbruch diskreditiert oder mit einem negativ konnotierten Ereignis verbunden. Viele Orte mit symbolischer und historischer Bedeutung lassen sich den erläuterten Polen der Erinnerung von „Triumph“ und „Trauma“ zuordnen: Sie stehen in Verbindung mit Held*innen und Vorbildern oder auch mit Opfern, andere wiederum mit Täter*innen oder mit mehreren dieser Personengruppen. Orte, die eindeutig den „Triumphen“ einer Gemeinschaft zuzuordnen sind, haben häufig mit den Gründungsmythen der Gemeinschaft, mit historischen Siegen, aber auch mit wissenschaftlichen oder kulturellen Leistungen zu tun oder sie erinnern an Personen, die etwas Besonderes für die Gruppe geleistet haben (Czepczyński 2008:53, A. Assmann 2007:219). Sie tragen laut Bakshi dazu bei, die Mythen der Gruppe zu „operationalisieren“, sie in eine physische Form zu übersetzen (2014:199). Diese Orte sind oftmals besonders prestigeträchtig oder werden z. B. durch Monumente oder die Inszenierung von mit dem Ereignis in Verbindung stehenden

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Artefakten sichtbar gemacht (vgl. Meusburger et al. 2011:9). Bei dieser Form des Gedenkens kann es sich um Originalschauplätze handeln, dies ist jedoch nicht immer der Fall. Aber auch durch andere räumliche Markierungen wie Museen oder Kunst im öffentlichen Raum bis hin zur Benennung von Straßen und Plätzen kann an Personen und Ereignisse erinnert werden, die für eine Gruppe zum jeweiligen Zeitpunkt wichtig sind. Ebenso finden Feier- und Gedenkveranstaltungen häufig an wiederkehrenden, gezielt ausgewählten Orten statt, die dann langfristig mit dem Ereignis oder der Person, an das/die erinnert wird, verknüpft bleiben. Diese können besondere (z. B. sakrale oder politisch konnotierte) Gebäude oder auch speziell dem Gedenken an Ereignisse oder Personen gewidmete Orte sein (vgl. Meusburger et al. 2011:7, Pethes 2008:87). Die beschriebene Umstrittenheit und Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten geschichtlicher Ereignisse sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten werden besonders im Umgang mit so genanntem dark heritage deutlich (vgl. Czepczyński 2008, Graham et al. 2000:19). Mit diesem Begriff werden die räumlichen Hinterlassenschaften von z. B. Kriegen, Genoziden und anderen Gewaltereignisse oder von Menschen herbeigeführten Katastrophen bezeichnet (Lennon und Foley 2004). Nach politischen Umbrüchen können aber auch die symbolischen Orte des alten Systems als „dunkles“ und damit vielfach als unerwünschtes kulturelles Erbe eines Kollektivs gelten. Die verschiedenen Möglichkeiten, mit diesem Erbe umzugehen, sind besonders seit den 1990er Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung geraten (Sather-Wagstaff 2015:195-196). An manchen dieser Orte wird den Opfern von Kriegen oder anderen Gewaltereignissen gedacht, die die eigene Gruppe zu beklagen hatte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist eine Hinwendung zu einem viktimologischen Opfergedächtnis zu beobachten, womit die (passive) Opferperspektive in jüngerer Zeit stärkeres Ansehen erfährt (A. Assmann 2007:78). Im Zuge dessen sind mit steigender Tendenz Orte entstanden, an denen Gemeinschaften den Opfern der von ihr ausgehenden Gewalt gedenken (vgl. A. Assmann 2013:146). An diesen Orten, von Assmann als „traumatisch“ bezeichnet, erkennen die Täter ihre Ausübung von Gewalt als unrechtmäßig und erweisen den Opfern durch die Widmung des Orts Anerkennung (2007:221). Über diesen Umweg der „gesühnten Schuld“ und des gezielten Bruchs mit der Geschichte kann das Ereignis sogar als Element des Neuanfangs für die (ehemaligen) Täter fungieren und damit identitätsstiftend für die Zeit nach dem Umbruch werden (vgl. Sabrow 2015). Angemessene Modi des Gedenkens und der Gestaltung von Orten zu finden, an denen Opfern gedacht wird – den Opfern von Gewalt an der eigenen Gruppe und mehr noch den Opfern von Gewalt, die von der eigenen Gruppe ausging –

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können für eine Gemeinschaft Herausforderungen darstellen. Dabei ist die Botschaft, die von diesen Orten ausgehen soll, zumindest mehr oder weniger eindeutig (z. B. Trauer, Reue oder Mahnung – Nie wieder!). Andere mit negativ besetzten historischen Ereignissen assoziierten Orte rufen Unsicherheit in Bezug auf einen angemessenen Umgang mit ihnen hervor. Dies passiert möglicherweise, weil sich die Orte einer klaren Bewertung entziehen oder die ihnen zugeschriebene Bedeutung so schlecht zu dem aktuellen Selbstbild der Gemeinschaft passt, dass eine Integration in die bestehende Erinnerungskultur kaum vorstellbar erscheint. Diese Orte, die nach einem Umbruch als „politisch oder gesellschaftlich […] schmerzhaft oder peinlich“ empfunden werden, werden auch als Schattenorte bezeichnet (Zentrum für Zeithistorische Forschung 2015). Die mit ihnen verbundene unangenehme Erinnerung und die Unsicherheit bezüglich ihrer Gestaltung können die Entwicklung eines Orts lähmen, so dass die Erinnerung zu einem „stumbling block to the needs of the present“ wird (Huyssen 1993:250) Dazu gehören zum Beispiel diejenigen Orte, an denen „die nationalsozialistischen Entscheidungsträger die Massenverbrechen des NS-Regimes planten und befehligten, sie jedoch nicht in die Tat umsetzten“ und die unter dem Begriff „Täterort“ diskutiert werden (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Bayerisches Amt für Landespflege 2011). Dieser Begriff wird nur in Verbindung mit dem Nationalsozialismus genutzt und ist deshalb m. E. nicht anwendbar auf inner-staatliche Konflikte im Allgemeinen und den Nordirlandkonflikt im Besonderen, da eine Ausweitung auf beliebige Elemente von dark heritage – bei aller Anerkennung des Leids und der Schmerzen, die innerstaatliche Konflikte hervorrufen – die Verbrechen der Nationalsozialisten bagatellisieren würde. Der Begriff Schattenort ist somit geeigneter, um nicht nur diese, sondern insgesamt alle Orte, „die mit einer öffentlich bekannten Geschichtslast konfrontiert und von ihr als Erinnerungsräume geprägt sind“, zu bezeichnen (Sabrow 2015:78). Neben der Tatsache, dass mit dem Ort ein der Gemeinschaft bewusstes historisches Ereignis verknüpft wird, ist es also auch wichtig, dass ihm eine gewisse Aufmerksamkeit zuteil wird und der Ort in irgendeiner Weise zum Zwecke der Erinnerung genutzt wird. Schattenorte stellen zunächst eine „Bürde“ für erinnernde Gemeinschaften dar, die bei den beteiligten Akteur*innen Ratlosigkeit hervorrufen kann, weil keine Strategie für den Umgang mit ihnen naheliegt (Warnemünde 2015). Auch hier ist allerdings die soziale Bedeutungszuschreibung entscheidend dafür, wie stark ein Ort durch seine Geschichte belastet ist und welche Aufmerksamkeit er von wem erhält (Sabrow 2015:78). Meiner Ansicht nach fehlt bei der obigen Definition von Schattenorten jedoch eine entscheidende Kategorie: Nicht abgedeckt werden nämlich diejenigen Orte,

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deren Geschichte zwar bedeutend und eng mit einem umstrittenen Teil der Vergangenheit verknüpft ist, die aber keine expliziten Gedenk- oder Erinnerungsorte darstellen und sich aufgrund bestimmter Eigenschaften (z. B. Größe, Lage, sonstige Raumnutzung in der Umgebung) auch nicht für eine diesbezügliche Gestaltung anbieten. Möglicherweise ist ihre Geschichte den Mitgliedern der erinnernden Gemeinschaft zwar bekannt, die damit verbundene Symbolik aber nicht zwangsläufig bewusst oder zumindest nicht dauerhaft präsent. Wenn man allerdings anerkennt, dass auch Orte der inoffiziellen und beiläufigen Erinnerung als Teil der Erinnerungslandschaft eines Kollektivs oder Teile dessen fungieren und durch unterschiedliche Interpretation Dissonanz hervorrufen können, müssen auch alle anderen, von „dunklen“ oder umstrittenen Ereignissen geprägten Orte als Schattenorte gelten. Dazu können nicht mehr genutzte Militärgelände und weitere Sicherheitsarchitektur gehören, aber auch zerstörte Gebäude oder Brachen. Darüber hinaus können aber auch ganz alltägliche Orte, die durch ein Konfliktereignis dysfunktional geworden oder negativ belegt sind, zu Schattenorten werden – wodurch wiederum die alltägliche Raumgestaltung im Umgang mit Schattenorten als Bestandteil lokalisierter Erinnerungskultur betrachtet werden kann. Mit Bezug auf Berlin spricht Ladd davon, dass jede Zeit dort ihre Monumente „– visible and remembered, planned and accidental –“ hinterlassen habe (1997:45). Er geht damit auch von der Möglichkeit aus, dass symbolische Orte ungeplant und aus vorher ganz unauffälligen Orten entstehen. In eine ähnliche Richtung argumentiert die nordirische Organisation Healing Through Remembering. Diese konzipierte im Jahr 2012 eine Ausstellung mit dem Titel „Everyday Objects Transformed by the Conflict“, die ebendiese alltäglichen Objekte ausstellte und die Geschichte des Nordirlandkonflikts anhand von mit den Objekten verbundenen Geschichten erzählte. In die vorbereitende Sammlung von Artefakten, die der Konflikt hervorgebracht hat, konnten alle offensichtlichen oder auch ungewöhnlichen Objekte eingehen, welche direkt mit dem Konflikt in Verbindung stehen, die Teilung der Gesellschaft reflektieren (Healing Through Remembering 2008:12) oder eine Kontextualisierung für das Verständnis des Konflikts bieten (Healing Through Remembering 2008:8). In ihrer Gesamtheit bilden sie die materielle Kultur des Konflikts ab (vgl. dazu auch Jarmans Definition von „military archaelogy“, 2002:282-283). In Kapitel 5 greife ich diesen Aspekt speziell im Hinblick auf ethnopolitische Konflikte und ihre räumlichen Hinterlassenschaften in Städten wieder auf und stelle das Spektrum der in der Post-Konflikt-Zeit sichtbar werdenden Schatten- und Gedenkorte vor, das ebenfalls offensichtliche wie auch überraschende und ungewöhliche Orte umfasst. Eine Positionierung zu einem Schattenort ist für alle beteiligten Akteursgruppen schwierig, nicht zuletzt deshalb, weil sich die möglichen Modi des Umgangs

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mit ihnen im Laufe der letzten Jahrzehnte erweitert haben. Dabei entsteht leicht eine Kontroverse zwischen denjenigen Teilen der Gesellschaft, die eine „prinzipielle […] Bewahrung historischer Zeugnisse“ befürworten und denjenigen, die für die „Beseitigung des ästhetisch Unsäglichen oder politisch Nichttolerierbaren“ plädieren (Speitkamp 1997:5). Nicht nur, aber besonders nach Bürgerkriegen oder gewalttätig ausgetragenen innerstaatlichen Konflikten ist es möglich, dass ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft sich dafür ausspricht, keine oder nur wenige Überreste traumatischer oder unangenehmer Ereignisse zu bewahren, sondern nach vorne zu blicken und alle Energie einem Neuanfang oder auch der Herausstellung eines weniger trennenden Teils der Vergangenheit zu widmen (vgl. Larkin 2010, Daly und Sarkin 2011:21). Die Fragen, die sich Gesellschaften in dieser Phase stellen können, formulieren Schofield/Johnson/Beck sehr prägnant: „How do we feel about our troubled past, about a ‚heritage that hurts’? […] And how will the retention of objects, structures and sites of conflict contribute to a more peaceful and tolerant society“ (2002:1)? “[S]hould sites that will serve to remind people of past troubles be retained or removed? Is it better to confront this materiality, or ignore and forget it […]? Then, what is an appropriate way of presenting and interpreting sites of conflict? To leave things as they are, as ‚monuments‘ clearly displaying the effects of time and neglect […], or to provide clean, managed sites where tourists and visitors are presented with a finished product, a visitor experience, engaging to a greater or lesser degree“ (2002:7)?

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es fast durchgängig üblich, unliebsame Aspekte der Vergangenheit aus dem aktuellen Speichergedächtnis eines Kollektivs auszublenden. Deren räumliche Hinterlassenschaften wurden entweder zerstört, ignoriert oder – wenn möglich – kommentarlos einer neuen Nutzung zugeführt. Die Praxis der Umbenennung und Neuinterpretation von Zeichen, die zumeist sehr gezielt „von oben“ durchgeführt, geradewegs inszeniert wird, bezeichnet Speitkamp als „Denkmalsturz“ (1997:18). Dieser Prozess umfasst zwei Aktivitäten, nämlich die Verdammung und Abgrenzung von einer bestimmten Vergangenheit einerseits, andererseits aber auch die Schöpfung neuer Symbole (1997:9) und spiegelt so die zwei Pole von Erinnerung und Vergessen im Umgang mit der Vergangenheit wider: Neue Traditionen entstehen durch die Zerstörung der alten (1997:18-19). Dadurch tragen Denkmalstürze auch zur Entstehung einer neuen Identität nach dem Umbruch bei und können somit durchaus hilfreich dabei sein, Spaltungen zu überwinden (1997:9). Eine Neugestaltung symbolischer Orte

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kann auch räumlich einen Neuanfang signalisieren, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des alten und des neuen Systems kommunizieren und dadurch das neue System stabilisieren (vgl. Charlesworth 2006:9). Auch heute wird Trennendes und Unangenehmes noch häufig aus dem historischen Narrativ einer Gemeinschaft ausgeblendet (Czepczyński 2008:49), es sind aber mittlerweile auch andere Strategien des Umgangs damit denkbar. Für Speitkamp gelten Denkmalstürze als „legitimer Ausdruck von kollektiver Identität und Merkmal jeder Erinnerungskultur“ (1997:19). Bei häufiger Anwendung kritisiert er sie aber durchaus auch als „Flucht vor der Geschichte“ (1997:17). Er zeigt Strategien auf, die nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der mittel- und osteuropäischen kommunistischen Staaten die Bewahrung umstrittener und unbequemer Symbole möglich machten und als Zeichen eines offenen Umgangs mit der Vergangenheit, der auch Schattenseiten anerkennt, interpretiert werden können. Dazu gehören beispielsweise die Kommentierung oder Kontextveränderung von symbolischen Orten. Auch Siebeck benennt die die reflektierende Dekonstruktion von Erinnerungsorten als Strategie, die besonders im Zuge der Wiedervereinigung in Deutschland zum Tragen gekommen sei. Dadurch sollte zwar eine Abgrenzung zu den Monumenten der DDR vorgenommen, gleichzeitig aber auch die Offenheit und Überlegenheit demokratischer Systeme bewiesen werden, die Aufklärung und Diskussion an die Stelle der Zensur treten lassen (Siebeck 2007:88). Eine solche Kultur der kritischen Aufarbeitung, die auch die Anerkennung fremden Leids umfasst, ist – zumindest in einigen Ländern und in Bezug auf einige historische Ereignisse – verstärkt erst seit nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten. Darüber hinaus ist es möglich, die Botschaft von Schattenorten gezielt in etwas Positives umzudeuten und so das damit verbundene Narrativ zu verändern (Czepczyński 2008). Möglicherweise geschieht dies im Rahmen einer Vermarktung von Schattenorten als Sehenswürdigkeiten des dark tourism (Warnemünde 2015). Diese Strategie wird ca. seit den 1980er Jahren häufiger angewandt. Dark tourism bezeichnet den Tourismus an denjenigen Orten, die mit Tod, Verbrechen oder Leiden in Verbindung stehen und ist eine wichtige Unterkategorie von Heritage Tourism (Tarlow 2005, Lennon und Foley 2000). Strategien des Dark Tourism transformieren „past tragedies into future economic productivity“ (Tarlow 2005:55). Darüber, dass „Tragödien“ zu Heritage erklärt werden – nach Tarlow gehören dazu nur die wirklich „abgehakten“ und damit „sicheren“ Bestandteile der Geschichte (2005:52) – können sie positiv gerahmt werden; die dazugehörigen Schattenorte werden zu Attraktionen (vgl. Frank 2009:97). Diese Form des Tourismus wird überwiegend als „banal“ bezeichnet (Tarlow 2005:54), nach Causevic und Lynch kann sie für Post-Konflikt-Städte und -Regionen jedoch

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auch kathartisch wirken und einen Prozess der sozialen Erneuerung anstoßen. Wenn dies gelingt, bezeichnen sie diese Tourismusform als phoenix tourism, im Zuge dessen die Destinationen sich dem mythischen Vogel gleich aus der Asche erheben (Causevic und Lynch 2011). Der Symbolgehalt von Objekten und Orten zeigt sich während eines Umbruchs, in dem über Bewahrung oder Neudefinition von Werten und Grundsätzen entschieden wird, besonders deutlich, wird bewusster wahrgenommen und ändert sich gegebenenfalls auch grundlegend (vgl. Speitkamp 1997:9). Am Umgang mit den durch Umbrüchen entstehenden Schattenorten lässt sich aufgrund des breiten Spektrums von möglichen Herangehensweisen beobachten, welche Aspekte der Selbstdarstellung einer Gesellschaft aktuell wichtig sind und welche Ziele und Motive mit der Gestaltung dieser Orte verfolgt werden. Das Maß, mit dem jede dieser Strategien angewandt wird, entscheidet jede Gesellschaft im Verlauf des jeweiligen Umbruchs mehr oder weniger bewusst. 3.3.3 Erinnerung in der Stadt und städtische Erinnerungskultur Städte verfügen über einige Eigenschaften, die ihnen nach Staiger und Steiner eine „focal position in and for our memory culture“ verschaffen (2009:2). Aufgrund der zumeist langen Siedlungskontinuität und der Vielfältigkeit der symbolischen Medien auf vergleichsweise engem Raum kann die Stadt als Speicher für Erinnerungen bezeichnet werden, als ein „visual archive“, in dem verschiedene Möglichkeiten der Geschichtskonstruktion nebeneinander bestehen und von städtischen und anderen Akteur*innen interpretiert und für ihre jeweiligen Erinnerungszwecke genutzt werden (Bakshi 2014:191, vgl. Crinson 2005, Graham et al. 2000:208). Wie in anderen Archiven auch können die einzelnen Artefakte auch in der Stadt immer wieder neu kombiniert und aufeinander bezogen werden. Bogdanović charakterisiert die Stadt daher als „einzigartiges Erinnerungsdepot, das in der Regel das Gedächtnis einer einzigen Nation, Rasse, Sprache weit übersteigt“ (Bogdanović 1993 zit. n. Kenneweg 2009:53). Ikonische Architektur, (öffentliche) Gebäude und andere räumliche Bezüge dienen dabei als Repräsentationen der städtischen, nationalen oder gegebenenfalls auch regionalen Identität und transportieren im Sinne des oben gezeigten Nebeneinanders von Innen- und Außenkommunikation das erwünschte Image der Gemeinschaft (vgl. Light und Young 2010:1454, Pott 2007:38-39). Das Erscheinungsbild vieler Städte bleibt über einen langen Zeitraum stabil und vermittelt seinen Betrachter*innen dadurch Beständigkeit (vgl. Bakshi 2014:190, Kenneweg 2009:36, Bevan 2006:12, Langenohl 2005:613). Gleichzeitig werden aber auch Brüche und Neuausrichtungen in ihnen deutlich: Durch

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Gestaltung, Verfall oder mutwillige Zerstörung verändert sich die physische Form schrittweise oder auch ganz plötzlich. Ebenso kann wie oben beschrieben das Prestige, die Bewertung und Wahrnehmung städtischer Orte oder ganzer Städte im Zuge eines Werte- oder Systemwandels eine Veränderung erfahren (vgl. Bakshi 2014:193, McEvoy-Levy 2012:2, Kenneweg 2009:36, Stangl 2007:408). Somit lässt sich an lange bestehenden Orten in der Stadt nicht nur Kontinuität, sondern auch der Wandel der Zeit ablesen und beobachten: Die verschiedenen Schichten des Palimpsests legen sich in der Stadt übereinander und sind gleichzeitig historische Symbolträger wie auch selbstverständliche Bestandteile des Alltags der Bewohner*innen im Sinne von Speitkamps Symbolen dritten Grades. Dabei sind Städte jedoch keine „Museen“ (Ladd 1997:3), in denen die Geschichte „gestapelt“ (Middleton und Brown 2011:44) wird, sondern sie unterliegen wie beschrieben Entwicklungs- und Gestaltungszyklen, die jenseits von erinnerungskulturellen Erwägungen liegen und mit veränderten „profanen“ Nutzungsanforderungen und Bedürfnissen zu tun haben. Boyer bezeichnet den Wandel von Gestaltungen und Erscheinungsformen sogar als „Essenz“ der Stadt (Boyer 1996:54). In jeder Stadt wird bei dem Aushandlungsprozess über bewahrenswerte Relikte der Vergangenheit eine eigene Balance „between total forgetting und total memorialisation“ gesucht (Jordan 2006:10). Es ist unvermeidlich, dass innerhalb dieses Prozesses einige Ereignisse und Akteur*innen vergangener Zeiten intensiv beleuchtet und andere eher in den Hintergrund gerückt werden (vgl. Meusburger et al. 2011:9). Das Ergebnis lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Bevölkerungsteile ihre Narrative durchsetzen konnten und sich somit als mächtig erwiesen haben, denn „[t]o carve and to control places within the territory is to dominate“ (Czepczyński 2008:47). Wie gezeigt ist Selektion aus der Fülle der Erinnerungen aller Teilgruppen einer Gemeinschaft nötig, damit überhaupt eine identitätsstiftende (städtische) Erinnerungskultur entstehen kann, es werden dadurch aber auch einige Bevölkerungsteile stärker im Stadtraum repräsentiert als andere (Gunn 2001:6). Till und Jonker weisen zudem darauf hin, dass in vielen Städten die Praxis zu beobachten sei, das „Alte“ räumlich einzugrenzen und ihm besondere Orte innerhalb des Stadtraums – Gedenkorte, einzelne restaurierte Gebäude oder ganze heritage districts – zuzuweisen, um mithilfe der gebauten Umwelt den Überblick über „the messiness of the temporal“ zu behalten (2009:86). Symbolische Orte in der Stadt wirken zudem auf verschiedenen Maßstabsebenen unterschiedlich. Häufig wird herausgestellt, wie Städte und einzelne städtische Orte dazu beitragen, ein nationales Vergangenheitsnarrativ zu stärken, wie Bakshi erläutert: „National narratives are supported by urban design and architecture projects that both look to the past as well as create a tangible image of a desired future“ (Bakshi 2014:190). Ähnlich beschreibt Till Städte als „stages to

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display a distinctive national past and articulate an exclusive understanding of a cultural–political community“ (2004:351, zit. n. Light und Young 2010). Auch Vale konstatiert: „City building and nation building are linked, especially when the city is a modern capital“ (2011:199). Dabei führt der Bezug aller Erinnerungsstrategien auf „die Nation“ möglicherweise dazu, dass andere – städtische, regionale, auf Teilgruppen bezogene – Versionen der Vergangenheit nicht gewürdigt werden (Pethes 2008:89). Daher können sich die verantwortlichen Akteur*innen einer Stadt auch dazu entscheiden, zu Zwecken der Identitätsstiftung und/oder Imagebildung nicht allein das nationale historische Narrativ zu stärken, sondern dieses mit lokaler Geschichte zu ergänzen – oder auch im Kontrast dazu herauszustellen, warum eine Stadt oder bestimmte Orte darin besondere Qualitäten aufweisen, die sie von anderen unterscheiden und sie auch innerhalb des nationalen Systems hervorheben (Graham et al. 2000:204). Dabei ist es keineswegs so, dass nationale Narrative stets die lokalen definieren, wie lange angenommen wurde (Frank 2009:338). Vielmehr tritt das Bestreben, Einzigartiges, die Stadt und ihre Bewohner*innen Definierendes hervorzuheben, im Zuge der zunehmenden Wettbewerbs- und Tourismusorientierung vieler Städte immer deutlicher zutage, so dass Bedeutungen auf verschiedenen Maßstabsebenen an ein und demselben Ort wirken können. Diese verschiedenen Bedeutungen können sich gegenseitig ergänzen, aber auch Konkurrenz machen und tragen damit ihrerseits zur Dissonanz des historischen Erbes bei (Frank 2009:127, Graham et al. 2000:181). Auch hier werden die beiden Kommunikationsrichtungen der mit kollektiver Erinnerung verbundenen Ziele und Motive nach innen und nach außen deutlich. Dabei kann ein und dieselbe Personengruppe je nach betrachteter Maßstabsebene allerdings auch unterschiedlich zugeordnet werden, z. B. wenn ein Ort vergemeinschaftend für eine Nation wirkt, gleichzeitig aber auch ein Distinktionsmedium der Stadtgemeinschaft darstellt.

4 Gesellschaften zwischen Krieg und Frieden: Herausforderungen und Aufgaben in der Post-Konflikt-Phase

In diesem Kapitel widme ich mich den Spezifika von Post-Konflikt-Gesellschaften, die sich sowohl von Gesellschaften ohne ethnopolitischen Konflikt als auch von denjenigen, in denen ein solcher Konflikt manifest ausgetragen wird, unterscheiden. Ich stelle die zweite für diese Arbeit grundlegende theoretische Debatte vor, die disziplinär vor allem der Friedens- und Konfliktforschung als Teil der Politikwissenschaften zuzuordnen ist. Da die inhaltlichen Überschneidungen an einigen Stellen offensichtlich werden, ergänze ich die Post-Konflikt-Literatur durch Beiträge aus anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen und stelle dadurch bereits Bezüge zwischen beiden Debatten her. Zunächst diskutiere ich den Begriff „Post-Konflikt“, der von einigen Autor*innen als ungenau kritisiert wird, da es auch in der Zeit nach dem Abschluss eines Friedensabkommens häufig noch lange zu Ausschreitungen und gewaltvollen Auseinandersetzungen kommt (4.1). Anschließend erfolgt eine Darstellung möglicher Ursachen für Rückschläge und das Wiederauftreten von physischer Gewalt in Post-Konflikt-Gesellschaften (4.2). Dazu gehört die Konkurrenz zweier Ziele, die in der wissenschaftlichen Literatur und der politischen Praxis als wichtig für den Friedenskonsolidierungsprozess angenommen werden. Diese sind die Herstellung von Stabilität auf der einen Seite, die eben dieses Wiederaufflammen von Gewalt verhindern soll, und der Beginn einer gesellschaftlichen Transformation mit dem Ziel der Sicherung eines dauerhaften Friedens und die Annäherung der Gemeinschaften auf der anderen (4.2.1). Hinzu kommt eine große Unsicherheit bei allen beteiligten Akteur*innen in Bezug auf Dauer und Ausgang des Friedenskonsolidierungsprozesses und auf ihre eigene Rolle und Möglichkeiten des Profitierens (4.2.2). Als dritte Ursache wird häufig die Beständigkeit vieler im Konflikt entstandenen Einstellungen und Verhaltensweisen genannt, die mit dem Bedürfnis

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nach Sicherheit und Rückzug in die eigene Gemeinschaft einhergehen (4.2.3). Diese werden als unbewältigte gesellschaftliche Strukturmerkmale bezeichnet und resultieren aus fehlendem gegenseitigen Vertrauen. Auch nach dem Friedensabkommen prägen die vormaligen Konfliktlinien die Gesellschaft weiterhin stark. Im dritten Teilkapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Aufgaben und Zielen in der Post-Konflikt-Phase (4.3). Zunächst wird eine mögliche Bandbreite von Aufgaben aufgezeigt, die im Rahmen des Post-KonfliktWiederaufbaus auf die Akteur*innen zukommen (4.3.1). Eine dieser Aufgaben ist der Umgang mit der Vergangenheit, der auf verschiedenen Ebenen und in mehreren Sektoren stattfindet (4.3.2). Es wird die Bedeutung der Vergangenheit in PostKonflikt-Gesellschaften diskutiert: Durch den Abschluss des Friedensabkommens verändert sich die Bewertung der Vergangenheit und des vormaligen Erinnerungsrahmens der Konfliktgruppen. Jede Post-Konflikt-Gesellschaft steht daher vor der grundsätzlichen Entscheidung zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen der Bewahrung und Beseitigung der Spuren des Konflikts. Zudem stellt sich die Frage, welche und wessen Version der Vergangenheit sich in der Post-KonfliktZeit als hegemonial durchsetzt, denn die im Konflikt entstandenen wechselseitig ausschließenden historischen Narrative der Gemeinschaften bleiben auch nach dem Abschluss eines Abkommens wichtig und erschweren in der Post-KonfliktPhase die Annäherung.

4.1 D IE P OST -K ONFLIKT -P HASE ALS „Z WISCHEN WELT “: EIN F RIEDENSABKOMMEN ALLEIN MACHT NOCH KEINEN F RIEDEN „There is no such thing as a post-conflict society“ – diese einigermaßen pessimistische, vielleicht sogar provokante These stammt von Simpson, der jedoch mit dieser Auffassung keineswegs alleine ist (1997, zit. n. Yassin 2008). Auch John Paul Lederach, weltweit einer der profiliertesten Autoren im Bereich der Friedensund Konfliktforschung, drückt seine kritische Haltung gegenüber der Wortkombination „Post-Konflikt“ deutlich aus, indem er sie als „misnomer“ (1994:7) oder als „the greatest oxymoron of them all“ bezeichnet (Lederach 2005:43). Solcherlei Kritik und Skepsis speisen sich aus der Beobachtung, dass langanhaltende innerstaatliche Konflikte zwar mit einem Abkommen offiziell beigelegt werden können, damit aber nur die manifeste Phase des Konflikts vorüber ist und die Konfliktursachen nicht sofort beseitigt sind. Die Realität zeigt häufig, dass der Abschluss eines Friedensabkommens nicht das Gleiche ist wie die Sicherung eines dauerhaften Friedens (Mac Ginty et al. 2007:1, vgl. auch Hayward 2011:2,

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McEvoy-Levy 2006:1, Ben-Porat 2005,). Damit wird eine traditionelle Sichtweise in der Friedens- und Konfliktforschung in Frage gestellt, die Frieden als exakt festlegbares Ereignis und Endprodukt eines Verhandlungsprozesses begreift (Baumann 2008:13). Ein Abkommen trägt idealerweise dazu bei, dass akute und besonders gewalttätige Phasen eines Konflikts beendet werden, nicht aber, dass aus dem so entstandenen „negativen Frieden“ ein „positiver Friede“ wird (Borer 2006:4).1 Mac Ginty bezweifelt sogar, dass Frieden überhaupt intentional herbeigeführt werden kann und geht vielmehr davon aus, dass dies in den meisten Fällen als „happy accident“ gewissermaßen nebenbei passiert (Mac Ginty 2013:1). Ball fasst die Leistungen und Grenzen von Friedensabkommen prägnant wie folgt zusammen: „Peace agreements provide a framework for ending hostilities and a guide to the initial stages of postconflict reform. They do not create conditions under which the deep cleavages that produced the war are automatically surmounted“ (Ball 1996:619, zit. n. Ramsbotham et al. 2011:231).

Der erfolgreiche Abschluss von Friedensverhandlungen mit einem unterzeichneten Abkommen kann in der Konfliktregion wie auch in der Weltöffentlichkeit positiv bis euphorisch aufgenommen werden. Für die verhandelnden Parteien bietet ein Abkommen jedoch u. U. die Möglichkeit, den Konflikt unter anderen Vorzeichen und mit anderen Mitteln auszutragen (Baumann 2008:13, Darby 2006:2) – z. B. dann, wenn die Kosten der weiteren gewaltsamen Konfliktaustragung die Kosten einer Beilegung übersteigen würden und die Konfliktparteien sich gegenseitig in einen „hurting stalemate“ gebracht haben (Zartman 2001). Ball bezeichnet Friedensabkommen deshalb auch als „the means through which the parties hope to resolve the unfinished business of war“ (Ball 1996:608, zit. n. Ramsbotham et al. 2011:231). Moltmann formuliert hoffnungsvoller, dass durch ein Friedensabkommen immerhin das „Vorhaben“ ausgedrückt werde, „einen politischen Raum zu schaffen, in dem die Parteien eines bislang gewaltsam ausgetragenen Konflikts in einen ernsthaften Dialog eintreten, um dessen Austrag zu zivilisieren und im weiteren Verlauf die Ursachen des Konflikts zu beseitigen“ (2004:63).

1

Die Unterscheidung zwischen negativen und positiven Formen von Frieden geht auf Johan Galtung (1969) zurück und ist in der Friedens- und Konfliktforschung heute weitreichend etabliert. Nach Galtung entsteht negativer Frieden bereits durch das Ende eines Kriegs und die Abwesenheit von direkter physischer Gewalt, während positiver Frieden ganzheitlicher ansetzt und auch die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und die Bekämpfung struktureller Gewalt einschließt (vgl. Mac Ginty 2005:34).

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Prozessmodelle der Konfliktbearbeitung beschreiben einen idealtypischen Verlauf des Konflikts in Phasen, beginnend mit Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien und endend mit dem Abschluss eines Friedensabkommens und der anschließenden langfristigen gesellschaftlichen Veränderung (vgl. Maddison 2016:21, Mac Ginty 2005:38-39). In der Realität laufen die Phasen jedoch selten linear ab und speziell der Prozess der gesellschaftlichen Transformation ist keinesfalls als einfach oder gar reibungslos zu bezeichnen. Vielmehr ist er hochkomplex und geht gerade zu Beginn mit einer Reihe von Einschnitten für alle Mitglieder der Gesellschaft einher (vgl. Ramsbotham et al. 2011, Lederach 2005:43, Stedman 2002:2, Mitchell 2002:3-4). Der Begriff post-agreement wird daher von Borer schon fast vernichtend als ein „heuristic device of academics and politicians so nefarious in nature“ bezeichnet, dass aus ihm eine „taken for granted version of social reality powerful enough to obscure what actually exists: complex processes of change that defy neat chronological categorization“ entstehe (2006:9). In den meisten Fällen folgt auf den Abschluss eines Abkommens zwar eine Phase der relativen Gewaltlosigkeit, die aber nicht zwingend von Dauer sein muss (Mac Ginty 2010:151, Collier et al. 2008:462). Zudem können zwar die an offiziellen Verhandlungen beteiligten Gruppen die Gewaltanwendung eingestellt haben, dies verhindert jedoch nicht zwangsläufig Gewalt von Seiten dissidenter Gruppen, Straßenkämpfe, Überfälle oder Einschüchterungen (McEvoy-Levy 2006:8). Gewalttätige und friedliche Phasen können einander auch nach dem Abschluss eines Abkommens noch mehrfach abwechseln, bis der Friedenskonsolidierungsprozess in eine längerfristige stabile Phase eintritt – oder der Konflikt sogar wieder dauerhaft manifest wird (Miall 2004:3). Diese erneuten Gewaltausbrüche sind nicht zwangsläufig genauso heftig wie die Gewalt vor dem Abkommen, sie können aber durchaus die Stabilität und Sicherheit der Bevölkerung beeinträchtigen, ihr Vertrauen in den Friedenskonsolidierungsprozess und seine Akteur*innen erschüttern und die Gegnerschaft zwischen den (eigentlich ehemaligen) Konfliktparteien weiterhin aufrechterhalten. Selbst bei denjenigen Bevölkerungsteilen, die keine Gewalt anwenden und auch auf keine andere Weise gezielt den Friedenskonsolidierungsprozess zu sabotieren versuchen (häufig sogar die Mehrheit), bleiben Einstellungen und Verhaltensmuster noch überwiegend von den Erfahrungen aus der Zeit vor dem Abkommen geprägt. Auch psychische Schwierigkeiten und negative Gefühle wie Angst, Wut und Schmerz lösen sich mit dem Abschluss eines Abkommens nicht automatisch auf (Hutchison und Bleiker 2013:82). Der gesellschaftliche Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden bleibt so auch nach dem Abschluss eines Abkommens noch lange Zeit bestehen. Die beschriebene Kritik an dem Begriff Post-Konflikt erscheint nachvollziehbar – auch mit Blick auf Nordirland, wo eine stabile politische Situation erst fast

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zehn Jahre nach Abschluss des Karfreitagsabkommens zustande gekommen ist und die Denkmuster des Nordirlandkonflikts heute noch einen Vorwand für Gewalt und Feindschaft bieten. Ich halte den Begriff trotzdem für unverzichtbar, um die Phase nach der offiziellen Konfliktbeilegung, in der bereits alle Parteien ihren Willen zur gewaltlosen Konfliktbearbeitung erklärt haben, analytisch von der Zeit davor zu unterscheiden. Dabei gehe ich mit den zitierten Autor*innen davon aus, dass sich gesellschaftliche Einstellungen und Verhaltensmuster nicht allein durch den Abschluss eines Friedensabkommens tiefgreifend verändern. Der institutionelle Rahmen, der durch das Abkommen geschaffen wird, bringt m. E. dennoch eine Reihe von Veränderungen mit sich, die so grundlegend sind, dass eine Unterscheidung der Phasen nötig ist (vgl. McEvoy-Levy 2006:1-2). Dazu gehört beispielsweise der Status der beteiligten Akteur*innen, die gegebenenfalls über Nacht von Guerillakämpfern zu an einer Regierung Beteiligten werden. Auch ist es möglich, dass Bevölkerungsteile, die in einer Gesellschaft lange Zeit marginalisiert waren, durch ein Abkommen erstmalig Anerkennung erfahren und somit auch ganz andere Möglichkeiten erhalten, um ihre Positionen und Anliegen zu kommunizieren und durchzusetzen. Eine Einteilung von Interventionsmöglichkeiten im Rahmen von Konflikten nach Reimann macht deutlich, dass Friedenskonsolidierungsprozesse bereits weit vor dem Abschluss eines Abkommens beginnen und in der Post-Konflikt-Phase durchaus noch weiterlaufen (2004, vgl. auch Shimada 2010, Mitchell 2002). Reimann unterscheidet Konfliktbeilegung, Konfliktlösung und Konflikttransformation als drei verschiedene Ansätze des Konfliktmanagements als übergeordneten Begriff2. Nach ihrer Definition bezeichnet Konfliktbeilegung „all outcome oriented strategies for achieving sustainable win-win solutions and/or putting an end to direct violence, without necessarily addressing the underlying conflict causes“ (Reimann 2004:8). Die maßgebenden Akteur*innen dieses Ansatzes sind staatliche Entscheidungsträger*innen. Konfliktlösung beschreibt Reimann als stärker prozessorientiert und darauf ausgerichtet, auch tiefer liegende strukturelle Aspekte des Konflikts zu beseitigen. Auch nicht-staatliche Akteur*innen spielen 2

Die Begriffsverwendung in der Friedens- und Konfliktforschung ist uneinheitlich und je nach Standpunkt des/der betreffenden Autor*in werden die Begriffe sehr unterschiedlich interpretiert. Ein Streitpunkt betrifft beispielsweise die Fragen, ob Konfliktlösung überhaupt möglich oder gar wünschenswert sei oder ob Konfliktmanagement allein ausreichenden Anspruch an die transformative Kraft der Interventionen habe oder den Konflikt nur verwalte. Eine ausführliche Begriffsdiskussion kann im Rahmen dieser Arbeit nicht erfolgen; ich schließe mich daher der Einteilung nach Reimann an und verweise lediglich auf die Existenz dieser Diskussion (vgl. z. B. Maddison 2016:26, Baumann 2008:75-76, Miall 2004).

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hier eine wichtige Rolle (Reimann 2004:9-10). Konflikttransformation schließlich hat einen langfristigen Zeithorizont, schließt auch so genannte Graswurzelakteur*innen ein und hat die Schaffung eines langfristigen Friedenszustands durch konstruktiven gesellschaftlichen Wandel zum Ziel (vgl. Gordon 2008, Lederach 2005). Daher ist dieser Ansatz voraussetzungsvoll: Es muss in der betreffenden Gesellschaft schon ein „potential for peacebuilding“ vorhanden sein, wozu der Abschluss eines Friedensabkommens ein Schritt sein kann (Reimann 2004:11). Interessant ist in diesem Zusammenhang weiterhin ein Beitrag von Davies, in dem sie nicht nur die Frage aufwirft, ob wirkliche Post-Konflikt-Situationen überhaupt je entstehen können, sondern auch, ob es tatsächlich möglich oder erwünscht sein kann, nach langanhaltenden Konflikten auf eine Wiederherstellung der „Prä-Konflikt-Situation“ hinzuarbeiten (2004:229). Hier wird wiederum deutlich, wie unsicher der Ausgang von Friedenskonsolidierungsprozessen sein kann, wenn ihr Ziel gewissermaßen unbekannt ist und eine Rückkehr zur „Normalität“ im Sinne des status quo ante unmöglich ist – da dieser Zustand und seine Rahmenbedingungen ja letztendlich die manifeste Phase des Konflikts ermöglicht haben. Andere Formen von „Normalität“ sind für die meisten Akteur*innen aber sehr abstrakt und entziehen sich der Erfahrung aus erster Hand. Der ungewisse Zustand, in dem sich die Gesellschaften nach dem Abschluss eines Friedensabkommens befinden, wird von Baumann als „Zwischenwelt“ beschrieben (2008). Ähnlich bezeichnet ihn Mac Ginty als „limbo“ oder „no war, no peace situation“ (Mac Ginty 2010). Mögliche Ursachen dafür liegen in der Natur von Friedenskonsolidierungsprozessen sowie in Merkmalen der Gesellschaften selbst begründet und sind das Thema des folgenden Abschnitts.

4.2 M ÖGLICHE GESELLSCHAFTLICHE U RSACHEN FÜR DIE B ESTÄNDIGKEIT DER FRAGILEN S ITUATION Als eine grundsätzliche Herausforderung für Post-Konflikt-Gesellschaften wird die Konkurrenz unterschiedlicher Ziele im Friedenskonsolidierungsprozess betrachtet: Es ist nahezu unmöglich, die noch fragile Situation zu stabilisieren und gleichzeitig eine umfassende gesellschaftliche Transformation zu beginnen. Hinzu kommt die Unsicherheit vieler Akteur*innen bezüglich der neuen Situation und ihrer Rolle darin. Zusätzlich bleiben gesellschaftliche Strukturelemente aus dem Konflikt noch lange bestehen, so dass die gesellschaftliche Spaltung weiterhin in allen Lebensbereichen spürbar ist.

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4.2.1 Konkurrierende Ziele im Friedenskonsolidierungsprozess: Stabilität vs. Transformation Friedenskonsolidierungsprozesse können darunter leiden, dass zwei mit ihnen in Verbindung stehende übergeordnete Ziele – nämlich die Herstellung von Stabilität zur Verhinderung neuerlicher Gewalt einerseits und gesellschaftliche Transformation andererseits – sich gegenseitig Konkurrenz machen (Bollens 2013:377, Borer 2006:5-6, McEvoy-Levy 2006:7). Um Stabilität zu gewährleisten und den Prozess nicht zu gefährden, kann der Konflikt gewissermaßen „eingefroren“ werden (Mac Ginty 2010:159, Hills 2009:217). Dies bedeutet, dass alle möglicherweise zu Kontroversen oder gar Aufkündigung des Abkommens führenden Themen ignoriert oder vertagt werden (Maddison 2016, McEvoy-Levy 2006:8). Ein solches Vorgehen kommt dem starken Bedürfnis nach Sicherheit entgegen, das viele PostKonflikt-Gesellschaften auszeichnet, und soll verhindern, dass den ohnehin verunsicherten Konfliktgruppen zu viel auf einmal abverlangt wird (vgl. Baumann 2008:79). Wenn der Erhalt des Zustands direkt nach der Schließung des Abkommens als grundsätzliches Ziel dominiert, kann jedoch nicht gleichzeitig eine grundlegende gesellschaftliche und politische Transformation erfolgen (vgl. Mac Ginty et al. 2007:2, Pouligny 2005:506). Das Resultat ist häufig eine „politische Lähmung“, innerhalb derer Konflikte eher unterdrückt als aktiv diskutiert werden, um die Stabilität zu erhalten (Maddison 2016:22). In manchen Fällen trägt sogar die Architektur eines Friedensabkommens selbst oder die daraus entstehende politische Landschaft dazu bei, dass sich die gesellschaftliche Spaltung nicht auflöst und der Schwebezustand bestehen bleibt. Beispielsweise weisen Rothchild und Roeder auf ein Dilemma von Institutionen des Power-Sharing oder Konsoziationalismus hin (2005:6): Diese erlaubten zwar zunächst Kompromisse und die paritätische Aufteilung von Ämtern zwischen den Konfliktgruppen, hielten auf lange Sicht die konstruierten Gruppengrenzen jedoch weiter aufrecht und verhinderten eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (McGrattan 2010:185). Um sich in die Ordnung der politischen Institutionen einzufügen, müssen sich in einem solchen System beispielsweise auch Parteien, die in ein Parlament gewählt werden, als zu einer Seite zugehörig deklarieren, damit die Gleichwertigkeit der Gemeinschaften gewahrt bleiben kann. Alle diejenigen Einzelpersonen und Gruppierungen, die sich nicht innerhalb der alten Konfliktordnung einordnen (lassen) möchten, haben somit auch innerhalb des neuen Systems keinen wirklichen Platz (vgl. Murtagh und Keaveney 2006:190).

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Im Zusammenhang damit kritisiert Mac Ginty die Anwendung von immer wieder ähnlichen Lösungsformeln in sehr unterschiedlichen Friedenskonsolidierungsprozessen (2010). Diese Maßnahmen können auch als „transformations at the national level“ zusammengefasst werden (Shimada 2010:22): Sie lösen zwar einige Probleme auf der Makro-Ebene, lassen aber auf der lokalen Ebene viele Faktoren unbearbeitet, die den Konflikt ursprünglich entfacht hatten und die das konkrete Zusammenleben der Konfliktparteien weiterhin beeinflussen (vgl. Baumann 2008:62, Lederach 1994). Dazu zählen beispielsweise strukturelle Diskriminierung, politische und ökonomische Benachteiligung einer der Konfliktgruppen, Menschenrechtsverletzungen, Angst und Misstrauen. Abbildung 4: Ursachen für die Beständigkeit der „Zwischenwelt“ (eigene Abbildung)

Daraus ergebe sich, so Mac Ginty weiter, vor allem von Seiten der internationalen Akteur*innen der zivilen Konfliktbearbeitung eine Konzentration auf die Beendung der Gewalt, die eigentlich nur ein Symptom des Konflikts darstelle sowie die Etablierung eines „liberal peace“, dessen Bedingungen mit der Einführung einer demokratischen Gesellschaftsordnung sowie einer liberalen Marktwirtschaft erfüllt seien (Mac Ginty 2010, vgl. Mac Ginty et al. 2007:2, Guttal 2005:73-74).3 3

Es scheint auf den ersten Blick so, als treffe gerade dieses Merkmal nicht auf den vorliegenden empirischen Kontext zu. Schließlich ist Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs und damit der ältesten Demokratie der Welt. Auch mangelnde marktwirtschaftliche Orientierung kann dort sicher nicht unterstellt werden. Durch Direct Rule hatten jedoch die nordirischen politischen Institutionen seit 1972 kaum Kompetenzen; alle wichtigen Fragen wurden in London entschieden. Auch die Versammlung wurde erst nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens eingesetzt. Es ist also durchaus möglich, von einem Demokratiedefizit zu sprechen, das erst in der Post-Konflikt-Zeit

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Die Einschätzung, dass allein die Einführung von demokratischen Institutionen in einer traumatisierten Gesellschaft keine Garantie für das Ende von gewalttätigen Ausschreitungen darstellt, wird auch von Volkan vertreten (2006:17). Eine demokratische Gesellschaftsordnung könne ein erster Schritt zu einer Gesellschaft sein, in der sich alle Untergruppen repräsentiert fühlen; das Einüben neuer, demokratischer Verhaltensmuster sei aber langwierig und aufwändig (Volkan 2006:118, vgl. auch Bollens 2008). Andere Autor*innen rekurrieren auf die Unterscheidung zwischen negativem und positivem Frieden und bestätigen damit die Einschätzung der unterschiedlich weitgehenden Veränderung auf der Makro- und der Mikro-Ebene. So hebt beispielsweise Baumann hervor, dass gerade die „weichen“ Faktoren, also soziale und psychologische Komponenten des Konflikts aufgrund ihrer Komplexität und der schwierigen Messbarkeit von Veränderung in Friedenskonsolidierungsprozessen häufig eher vernachlässigt würden (2008:32-33, vgl. Mac Ginty 2010:152, Aiken 2008:17-18, Ramsbotham et al. 2011:241). Auch Lederach geht davon aus, dass die Anerkennung emotionaler oder subjektiv wahrgenommener Bedürfnisse von Individuen oder Gruppen ebenso wichtig sei für die Schaffung eines dauerhaften Friedens wie Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen (2005). Die Anerkennung von Traumata und negativen Gefühlen bezeichnen Hutchison und Bleiker als ersten Schritt zu ihrer Überwindung (2013:84). Gerade aufgrund der Unsicherheit und Fragilität vieler beginnender Friedenskonsolidierungsprozesse kann jedoch eine zu plötzliche Transformationsanstrengung von den Mitgliedern der Gesellschaft auch als Zumutung erlebt werden und Widerstand auslösen, wodurch die Konkurrenz der beiden Ziele kaum lösbar scheint und das Vorgehen für die verantwortlichen Akteur*innen stark erschwert.

durch eine schrittweise Devolution von Aufgaben aufgelöst wird (vgl. Carmichael und Knox 2004:597-598). Adverse ökonomische Effekte werden in Nordirland bis heute häufig mit Subventionen aus London und großzügigen Zuwendungen aus den Strukturfonds der Europäischen Union abgefedert. Dennoch entfalten sich marktwirtschaftliche Kräfte seit dem Ende des Konflikts in Nordirland stärker. Hinzu kommt ein beispielloser Investitionsboom, der besonders Belfast in den letzten 15 Jahren stark verändert hat. Ohne die Beilegung des Konflikts wäre diese Entwicklung nicht denkbar gewesen (vgl. Carden 2011:6).

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4.2.2 Unsicherheit über Dauer, Ende und Ergebnisse des Friedenskonsolidierungsprozesses Der Begriff „Post-Konflikt“ ist wie gezeigt in vielerlei Hinsicht uneindeutig – in den meisten Fällen ist es jedoch zumindest klar, wann die Post-Konflikt-Phase eintritt, nämlich mit dem Bekenntnis aller Parteien zu einer Zusammenarbeit frei von physischer Gewalt. Es folgt die Phase der Friedenskonsolidierung, im Englischen zumeist peacebuilding oder peacemaking genannt (vgl. Baumann 2008). Wann das voraussichtliche Ende, erreicht sein wird und wie die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt gestaltet und organisiert sein wird, ist allerdings ungewiss. Es ist zu Beginn dieser Phase nicht vorhersehbar, in welcher Geschwindigkeit und mit welchen Erfolgen der Prozess voranschreitet (vgl. Borer 2006:7, Darby 2006:1-3/41, Miall 2004:3, Lederach 2008 [1995]:13-14). Die Folge ist eine hohe Unsicherheit bei allen Beteiligten, die auch im weiteren Verlauf des Friedenskonsolidierungsprozesses lange nicht verschwindet. So existieren auch in Wissenschaft und Praxis sehr unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der „üblichen“ Dauer eines solchen Prozesses: Pfaffenholz geht beispielsweise von recht dehnbaren „between five and ten or occasionally more years“ aus (2009:187). Lederach mahnt hingegen, bei der Friedenskonsolidierung eher „in Jahrzehnten“ zu denken (Lederach 1994:9). Andere Autor*innen machen noch weniger greifbare Aussagen zur Dauer und stellen geradezu lakonisch fest, die mit Friedenskonsolidierung in Verbindung stehenden Aufgaben seien aufgrund ihrer Komplexität eben „zeitaufwändig“ (Mac Ginty 2010:155) und erforderten daher ein „Langzeitengagement“ von allen Seiten (Reisinger 2009:494-495). Moltmann bemerkt in diesem Zusammenhang, Friedenskonsolidierung dauere zumeist „sehr viel länger, als die weltpolitische Öffentlichkeit aushält, sich mit einem Konflikt zu beschäftigen“ (Moltmann 2004:67, vgl. Maddison 2016:2-3, Stedman 2002). Interne politische Akteur*innen sowie die Mitglieder von Post-Konflikt-Gesellschaften haben zwar schon aufgrund des eigenen Interesses einen längeren Atem, aber auch für sie ist es schwierig und anstrengend, über viele Jahre hinweg nur kleine Fortschritte und immer wieder auch Rückschritte zu sehen. Pouligny stuft die ersten Jahre nach dem Friedensschluss als wichtig, die darauffolgenden – wenn die erste Begeisterung über das Konfliktende abgeflaut ist, aber die Veränderungen durch den Frieden noch nicht deutlich spürbar sind – jedoch als noch bedeutsamer ein (2005:503). Diese Einschätzung zeigt in Verbindung mit dem Zitat von Moltmann deutlich eine weitere schwer lösbare bis paradoxe Herausforderung von Friedenskonsolidierungsprozessen auf: Wirkliche

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Veränderungen stellen sich in der Regel erst mittel- bis langfristig ein, die Aufmerksamkeitsspanne von Medien, internationalen Institutionen und anderen externen wie internen Beteiligten ist hingegen eher kurzlebig und an schnellen Erfolgen interessiert, weshalb die Phase der Friedenskonsolidierung in dieser Hinsicht als „äußerst unattraktiv […] und unspektakulär […]“ eingeschätzt wird (Baumann 2008:70). Auch Lederach macht deutlich, wie (unrealistisch) hoch die Erwartungen an den Abschluss eines Friedensabkommens sein können: Das Abkommen bilde eine einmalige, relativ kurzfristig herbeigeführte „culmination of negotiations to supposedly end what were years, if not decades, of violence and war“ (Lederach 2005:41, vgl. Ramsbotham et al. 2011:231, Barakat 2005:12). „On closer consideration“, führt Lederach weiter aus, „agreements that end a conflict are hard to find. Most peace accords are not solutions in content but proposed negotiated processes, which, if followed, will change the expression of the conflict and provide avenues for defining relationships (2005:46)“.

Durch mediale Rezeption und die potenziell hohe Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit können die Erwartungen weiter steigen. In der Folge entsteht oftmals Enttäuschung, wenn schnelle und gleichzeitig tiefgreifende Veränderungen ausbleiben (Darby 2006:5, Mac Ginty 2010:152, Barakat 2005:12). Zudem sind nicht nur Ablauf und Endpunkt des Gesamtprozesses unbekannt, sondern es entsteht für alle Konfliktgruppen sowie ihre einzelnen Mitglieder eine vielfach komplexere und damit unsichere Situation als während des Konflikts: Alle Beteiligten sind mit dem Abschluss des Abkommens dazu gezwungen, sich aus einer zwar unangenehmen und gefährlichen, aber immerhin bekannten und daher einschätzbaren Situation mit klar definierten Gegnern – also dem Konflikt und seinen gewaltsamen Austragungsformen – in einen Prozess mit ungewissem Ausgang zu bewegen. Zwar entsteht dadurch die Möglichkeit einer „friedlichen“ Zukunft, es ist aber noch nicht vorhersehbar, wie diese Zukunft ganz konkret aussehen wird, welchen Platz innerhalb des neuen Systems die einzelnen Gruppen und Personen einnehmen werden und welche Vorteile sie durch den Frieden und ihr Engagement dafür erhalten (vgl. Rothchild und Roeder 2005, Lederach 2008 [1995]). Gleichzeitig steigt der Anpassungsdruck an diesen noch unbestimmten zukünftigen Zustand. Der Frieden stellt damit für die Konfliktgruppen ein Risiko dar (vgl. Stedman 2002) und erscheint ihnen als etwas „Mysteriöses“ (Lederach 2005:39). Möglicherweise empfinden die Akteur*innen das Tempo der Veränderungen als zu schnell oder als zu langsam – oder auch zu langsam in einem Bereich und zu schnell in einem anderen: So stellen sich willkommene und manchmal in der Euphorie des Friedensschlusses versprochene Verbesserungen der Lebensqualität

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und eine Erweiterung der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten selten kurzfristig ein (Mac Ginty 2005:34), da die Voraussetzungen dafür erst nach und nach geschaffen werden müssen (vgl. Mac Ginty 2005:43-44). Notwendige, aber als weitere Zumutung empfundene politische Kompromisse sind jedoch schwieriger einzugehen, so dass es besonders (vormalig) privilegierten ethnischen Gruppen so vorkommen kann, als müssten sie für das Gelingen des Prozesses stark in Vorleistung gehen, ohne dafür eine direkt spürbare Kompensation zu erhalten (Lederach 1994:13, Mac Ginty 2010). Zudem ist es möglich, dass das von politischen Eliten geschlossene Abkommen für einige Individuen und Teilgruppen der Gesellschaft nicht nachvollziehbar ist. Wenn dann auch noch ein kurzfristig spürbarer Wohlstands- und Sicherheitsgewinn ausbleibt, können das Abkommen und seine Folgen schnell an Beliebtheit verlieren (vgl. Switzer und Graham 2009:153-154, Mac Ginty et al. 2007:8, Brown und Mac Ginty 2003:84, Bell 2002:1096). Dadurch geraten auch politische Vertreter*innen der Konfliktgruppen, die teilweise erst mit der neuen politisch-institutionellen Architektur zu selbigen geworden sind, in eine Zwickmühle: Einerseits verspüren sie durch die Beilegung des Konflikts Veränderungsdruck gegenüber sich selbst, gegenüber ihren Einstellungen und ihrer Rhetorik, die nicht mehr zu den Anforderungen der Post-KonfliktZeit passen. Andererseits müssen sie die Anliegen der eigenen Gruppe so klar vertreten, dass diese ihnen weiterhin das Vertrauen ausspricht und sich nicht mit zu vielen zu plötzlichen Veränderungen überfordert fühlt (Lederach 1994:13). In der Post-Konflikt-Phase differenzieren sich die Gesellschaft, das Wohlstandsniveau und die Mobilitäts- und Identitätsoptionen ihrer Mitglieder zunehmend aus. So kommt es, dass einige Bevölkerungsteile schnell von der Konfliktbeilegung profitieren. Für andere Teile der Bevölkerung bedeutet ein offizielles Ende des Konflikts nicht unbedingt eine sofortige Verbesserung ihrer Lebenssituation, sie bleiben sozial benachteiligt und fühlen sich trotz des Abkommens nicht sicher vor physischer Gewalt, was wiederum das Risiko von Enttäuschungen und Rückfällen erhöht. Besonders langsam erholen sich oftmals gerade diejenigen Bevölkerungsteile, die bereits am stärksten unter dem Konflikt gelitten haben und deren Stimmen eher wenig politisches Gewicht haben. Diese Ausdifferenzierung erfolgt nicht zwangsläufig anhand der ethnopolitischen Konfliktlinien (vgl. Hills 2009, Darby 2006, Murtagh und Keaveney 2006:187-188, Mac Ginty 2005:44, Schwarz 2005:434, Steenkamp 2005). Ich greife diesen Aspekt im Zusammenhang mit dem Wunsch nach „Normalisierung“ in Kapitel 5 erneut auf.

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4.2.3 Unbewältigte gesellschaftliche Strukturelemente Eine mögliche Entwicklungsrichtung von Post-Konflikt-Gesellschaften wird durch das langfristige Bestehenbleiben konfliktiver Elemente aus der Vergangenheit, so genannter unbewältigter Strukturelemente, charakterisiert (vgl. Baumann 2008:32). Diese gelten als „quasi-permanent“ und stehen daher einer Annäherung der ehemaligen Konfliktpartien im Wege (Reisinger 2009:484). Sie führen dazu, dass auch langfristig ein Zustand der „freiwilligen Apartheid“ als „gesellschaftliches Grundmuster sozialer Interaktion“ vorherrscht und die Gesellschaft den Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden nicht verlässt (Baumann 2008:32). Baumann beschreibt fünf dieser Merkmale, nämlich: 1. Sectarianism oder ethnopolitische Mobilisierung, 2. die Entstehung eines negativen Common Sense und das Verschwinden einer moderaten Mitte, 3. eine starke Bedeutung von Territorialität und dadurch die weitere Verstärkung räumlicher Segregation, 4. das destruktive Potenzial von politischen, kulturellen und historischen Symbolen sowie 5. die herausragende Rolle historischer Großereignisse. An dieser Stelle werden die ersten beiden Punkte in den Mittelpunkt gestellt, da sie m. E. zum einen grundlegend sind und die weiteren gewissermaßen bedingen, und die Punkte 3 bis 5 zum anderen im Zusammenhang mit der Bedeutung von Erinnerung und historischen Orten im weiteren Verlauf des Kapitels ausführlich zur Sprache kommen. Die Ausführungen Baumanns werden mit Erkenntnissen aus weiteren Werken ergänzt und erweitert. Das erste charakteristische Merkmal von Post-Konflikt-Gesellschaften ist die systematische Spaltung entlang der ethnopolitischen Konfliktlinien und die Dominanz dieser Spaltung in allen Bereichen dieser Gesellschaft (vgl. Ben-Porat 2005:149, Logue 2001:484). Baumann benutzt hierfür den englischen Begriff Sectarianism, den ich aufgrund der sperrigen und ungebräuchlichen deutschen Übersetzung („Sektierertum“) ebenfalls unübersetzt beibehalte (2008:92-97). Rolston und McVeigh beschreiben Sectarianism ähnlich wie Baumann als eine Form des institutionalisierten Rassismus, der von Parteipolitik über Einstellungspraxen von Arbeitgeber*innen über Bildungspolitik bis hin zu individuellen Wohnpräferenzen sämtliche Bereiche der Gesellschaft durchzieht (2007:16, vgl. Horowitz 2000:7). Alle politischen Themen werden durch die „Konflikt-Brille“ betrachtet. Auch dadurch wird es schwierig zu entscheiden, welche gesellschaftlichen Probleme wirklich aus dem Konflikt rühren und welche andere Ursachen haben. Der Konflikt bleibt die wichtigste Trennlinie der Gesellschaft (Maddison 2016:30-31, Guelke 2012:29). Die Mitglieder von Post-Konflikt-Gesellschaften sind über die Dauer des Konflikts und damit manchmal jahrzehntelang ständig einem Gefühl der Bedrohung

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und der Unsicherheit ausgesetzt gewesen. Daraus entsteht ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrautheit, was weiterhin zu Skepsis gegenüber allem „Fremden“, nicht zur eigenen Gruppe gehörenden, führt. Diese Skepsis kann durchaus ein Grund für das Entstehen neuer Konfliktlinien sein, z. B. Fremdenhass oder auch die Ablehnung von allem, was den Anschein von „Normalisierung“ erweckt und Veränderungen für die Gemeinschaft bringt (vgl. Maddison 2016:3536, Baumann 2008:79/97-100, Gordon 2008:142, McVeigh und Rolston 2007:13, Schwarz 2005:434, Lederach 1994). Übergeordnete, potenziell vergemeinschaftend wirkende Ebenen entfalten keine ausreichende Strahlkraft; hybride Identitäten sind nicht vorgesehen (vgl. McGlynn 2011, Lederach 1997:12-13). Viele Einstellungen und alltägliche Verhaltensweisen, die während des Konflikts erlernt und über einen langen Zeitraum eingeübt wurden, werden im Friedenskonsolidierungsprozess zunächst nicht verändert, um in der neuen und deutlich komplexeren Situation den Überblick zu behalten und die Unsicherheit in den eigenen Reihen zu überspielen (vgl. Dubois und Trabelsi 2007). Gerade in dieser Zeit des Umbruchs, die den Individuen hohe Anpassungsleistungen abverlangt, funktioniert die Stärkung der Gruppenkohäsion „auf einer negativen Grundlage, d.h. auf dem Ausschluss [...] der als Feind betrachteten ‚Out-Group’“ besonders gut (Baumann 2008:97, Hervorhebung i. O.). Loyalität gegenüber der Eigengruppe bedeutet daher auch in der Post-Konflikt-Zeit immer noch Feindseligkeit gegenüber der oder den anderen Gruppe(n). Charlesworth nennt diese Haltung einen „ethos of partition“, der bestehen bleibt, auch wenn eine formale oder physische Trennung nicht mehr besteht (Charlesworth 2006:4). Dieses Bedürfnis nach Separation wird auch räumlich ausgedrückt: Es erfolgt ein verstärkter Rückzug in vermeintlich sichere ethnisch homogene Gebiete, wodurch die Begegnung mit Mitgliedern der anderen Teilgruppe(n) unwahrscheinlicher wird und sich leichter vermeiden lässt (Baumann 2008:100-102, McVeigh und Rolston 2007:10). Durch den Rückzug kann es aufgrund der grundsätzlich getrennten Welten nach wie vor kaum zu einer Überprüfung und gegebenenfalls Revidierung der Stereotype und Vorbehalte gegenüber der anderen Gruppe(n) kommen. Diese Trennung wird häufig am deutlichsten bei den in prekären Verhältnissen lebenden Unterschichten, die weniger mobil sind, am stärksten segregiert bleiben und wo die traditionellen Konfliktlinien noch häufiger einen Vorwand für gewalttätige Ausschreitungen bieten (vgl. Leonard 2010). Sie durchzieht jedoch auch die anderen Schichten der Gesellschaft, so dass eine tatsächliche soziale Integration auch mit zunehmender ökonomischer Prosperität weiter ausbleibt (Baumann 2008:97). Durch die Separation wird wiederum der Zusammenhalt der Gesamtgesellschaft und die Entstehung einer übergeordneten gemeinsamen Identifika-

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tionsebene behindert (vgl. Aiken 2008:13). Für die Individuen ist es kaum möglich, sich nicht zu dem Konflikt zu positionieren und sich selbst mit einer der ehemaligen Konfliktgruppen zu identifizieren. Tolerante oder neutrale Positionen werden von einigen gesellschaftlichen Teilgruppen geradeheraus abgelehnt. Andere Teilgruppen gehen weniger offen mit der Ablehnung um, reflektieren sie vielleicht sogar, behalten sie aber im Grundsatz bei. Auch politisch werden häufig Parteien unterstützt, die klar die Interessen einer Gruppe gegenüber der anderen vertreten. Baumann nennt dies die „Herausbildung eines skeptischen Common Sense“ (2008:97-100). Dies führt dazu, dass eine moderate Mitte keine ausreichende kritische Masse erreicht, um sich als gesellschaftliche Kraft zu etablieren. Govier erklärt diese skeptischen Rückzugsbestrebungen mit dem immer noch fehlenden Vertrauen zu den anderen Konfliktgruppen, wodurch eine Zusammenarbeit erschwert werde (2006, zit. n. Gordon 2008, vgl. Maddison 2016:38): „The plain fact is that people living in the same society need to cooperate; to cooperate, they need to trust; and in the aftermath of violence and oppression, that is difficult. To say that people alienated by wrongdoing are in no position to trust and cooperate is an understatement.“

Rückzug in die eigene Gemeinschaft und Ablehnung der anderen können, müssen aber nicht zwangsläufig auch mit physischer Gewalt einhergehen. Steenkamp stellt jedoch fest, dass Gewalt als Konfliktlösungsstrategie in Post-Konflikt-Gesellschaften selbstverständlicher als anderswo akzeptiert wird (2005). Sie nennt dies eine „Kultur der Gewalt“, die auf allen Ebenen der Gesellschaft (international, staatlich, gemeinschaftlich sowie individuell) verankert ist und macht die vom Konflikt geprägten Normen und Werte für ihr Entstehen verantwortlich. Da die Gesellschaft über einen langen Zeitraum hinweg gewalttätigem Verhalten ausgesetzt gewesen ist, sei strukturell Aggression gefördert worden. In der Folge wird nun Gewalt als gängige und legitime Art und Weise der Erlangung von Vergünstigungen und Durchsetzung von Interessen anerkannt (Maddison 2016: 29, Steenkamp 2005:262-264). Auch nach dem Abkommen wird Gewalt politisch begründet und legitimiert. Gerade für junge Menschen, die während des Konflikts möglicherweise in instabilen (Familien-)Verhältnissen oder mit Unterbrechungen ihrer Schul- und Ausbildung aufgewachsen sind, kann es attraktiv erscheinen, sich gewalttätigen Gemeinschaften wie Gangs oder paramilitärischen Gruppierungen anzuschließen (Steenkamp 2005:261). Diese bieten ihnen die Struktur und Klarheit, die sie in der oben beschriebenen Unsicherheit und Komplexität vermissen. Hinzu kommt eine gemessen an der Gesamtbevölkerung hohe Anzahl ehemaliger Kombattanten

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„who are trained only for fighting“ (Steenkamp 2005:260). Diese Gruppe hat über einen langen Zeitraum Gewalt als etwas Alltägliches, als Profession ausgeübt und vielleicht auch keinen anderen Beruf erlernt, was ihre Eingliederung in die Gesellschaft erschwert. Aber auch bei anderen Bevölkerungsteilen sind z. B. häusliche Gewalt, hohe Suizidraten und Drogenmissbrauch als Folgen des Konflikts und damit verbundener Traumata verbreitet (Maddison 2016:29).

4.3 G ESELLSCHAFTLICHE AUFGABEN IN DER P OST -K ONFLIKT -P HASE Mit einem Friedensabkommen beginnt eine neue und wie gezeigt sehr komplexe Phase der Konfliktaustragung, welche die betroffenen Gesellschaften vor eine Reihe vielfältiger und miteinander zusammenhängender Aufgaben stellt. In diesem Abschnitt ordne ich die Aufgabe des Umgangs mit der Vergangenheit zwischen Bewahrung und Beseitigung in den Zusammenhang weiterer Aufgaben des Wiederaufbaus in der Post-Konflikt-Phase ein und zeige Bedeutung von Geschichte und kollektiver Erinnerung in dieser Zeit auf. Im Zusammenhang mit heutigen innerstaatlichen Konflikten wird die Phase des Wiederaufbaus (bzw. insgesamt die Zeit nach dem Abschluss eines Friedensabkommens) erst seit einigen Jahren in der Forschungsliteratur verhandelt (Barakat 2005:10). Der Begriff steht im Deutschen in engem Zusammenhang mit dem Wiederaufbau Deutschlands und Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg, der vor allem den physischen „Wieder-Aufbau“ zerstörter Infrastruktur und Gebäude umfasste und eine schnelle ökonomische Erholung unterstützen sollte (Altrock et al. 2010a). In Bezug auf das hier thematisierte Forschungsfeld der innerstaatlichen Konflikte mit ethnopolitischem Hintergrund werden die Begriffe Wiederaufbau und Friedenskonsolidierung häufig uneinheitlich und miteinander vermischt gebraucht; eine verbindliche Definition oder Abgrenzung von Aufgaben hat sich bislang nicht durchgesetzt (vgl. Barakat 2005:10-11). Ich benutze im Folgenden den Begriff Wiederaufbau als Übersetzung des englischen Ausdrucks post-conflict reconstruction, und subsumiere darunter eine Reihe von komplexen, sowohl technischen als auch „weichen“, also mit sozialen Aspekten zusammenhängenden Aufgaben, die sich den Akteur*innen in Post-Konflikt-Gesellschaften stellen. Dazu gehört es auch, in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen einen Modus im Umgang mit der umstrittenen Vergangenheit zu finden. Im Sinne der oben ausgeführten Gedanken zur Unerwünschtheit und Unmöglichkeit eines status quo ante ist mit Wiederaufbau nicht das nachbildende Wieder-

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herstellen der Situation vor dem Konflikt gemeint, sondern vielmehr die Bemühungen darum, nach dem Ende eines innerstaatlichen Konflikts funktionierende Strukturen auf allen Ebenen der Gesellschaft aufzubauen (vgl. Barakat 2005:10). Die Durchführung der Teilaufgaben dient wiederum dem Ziel der Friedenskonsolidierung, die ich dementsprechend als übergeordneten Prozess begreife4 – und die m. E. auch eine stärkere normative Komponente beinhaltet, da das Ziel von Friedenskonsolidierung ja immer die Etablierung eines dauerhaften und umfassenden (= positiven) Friedens sein muss (vgl. Stedman 2002, Mitchell 2002:19). Außerdem wird Friedenskonsolidierung tendenziell stärker mit externen, häufig internationalen Akteur*innen und deren diplomatischen Bemühungen in Verbindung gebracht; Wiederaufbau hingegen bezeichnet eher die Verantwortlichkeiten von Akteur*innen aus den betroffenen Gesellschaften selbst (Barakat 2005:10). 4.3.1 Physischer und sozialer Wiederaufbau oder: Der spatial turn in der Friedens- und Konfliktforschung Die Auswirkungen von Konflikten sind von Fall zu Fall unterschiedlich schwerwiegend, aber immer vielfältig und bei noch fragilen staatlichen Strukturen und Institutionen häufig nicht ohne Hilfe von außen zu bewältigen. Möglicherweise gehören die Zerstörung der physischen wie ökonomischen Infrastruktur dazu, oftmals auch das Fehlen funktionierender Institutionen sowie psychosoziale Traumata, die mit Angst und Misstrauen einhergehen und als unbewältigte Strukturmerkmale häufig noch lange in den Gesellschaften vorhanden bleiben (vgl. Barakat 2005:10, van Gennip 2005:57). Aufgrund dieser Vielfalt ist die Abgrenzung einer einheitlichen Definition von Wiederaufbau oder eine trennscharfe Unterscheidung vom Begriff Friedenskonsolidierung (und darüber hinaus von einigen anderen Begriffen wie recovery, rehabilitation oder development) ebenso schwierig wie die Ableitung verbindlicher Aufgaben. Dies kann vielleicht darauf zurückgeführt werden, dass die Vielzahl der Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen eine Einheitlichkeit erschwert, da jede Disziplin andere Aspekte – wie z. B. den Wiederaufbau von Institutionen, von Wirtschaftskraft oder zwischenmenschlichen Beziehungen – in den Mittelpunkt stellt (vgl. Barakat 2005:11). Barakat subsumiert unter den Begriff Wiederaufbau sehr umfassend alle diejenigen Aktivitäten „designed not only

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Auch dies ist keine allgemeingültige Definition, manche Autor*innen sehen das Verhältnis von Wiederaufbau und Friedenskonsolidierung genau umgekehrt (vgl. z. B. Coyne 2005).

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to reactivate economic and social development but at the same time to create a peaceful environment that will prevent a relapse into violence“ (2005:11). Ein rein auf den physischen Wiederaufbau abzielendes Vorgehen wird mittlerweile von vielen Autor*innen als „technokratisch“ (Mac Ginty et al. 2007:2) oder als „Behandlung von Symptomen“ (Charlesworth 2006:5) kritisiert und stattdessen betont, dass Wiederaufbau nicht nur physische und technische, sondern auch soziale Aspekte umfasse und dass letztere die weitaus größere Herausforderung für Friedenskonsolidierungsprozesse darstellten (vgl. Baumann 2008:19, Guttal 2005, Lederach 2005:41, Steenkamp 2005:265). Dabei werden physische und soziale Ansätze jedoch zumeist als unverbunden bis hin zu gegensätzlich betrachtet, wie das folgende Zitat nahelegt: „Indeed, PCPB (post-conflict peace building, Anm. d. Verf) projects have traditionally focused more on economic and physical infrastructures or on formal institutional processes, but have tended to forget that wars destroy not only buildings and bodies but also trust, hope, identity, family and social ties“ (Pouligny 2005:496).

Als „klassische“ Bestandteile des Wiederaufbaus werden üblicherweise v. a. die Wiedereinsetzung von Institutionen und die Reparatur von Infrastruktur, die Demobilisierung von bewaffneten Gruppen und weitere Sicherheitsthemen sowie die Rückführung von Flüchtlingen genannt (vgl. Borer 2006:15, Coyne 2005:325326). Diese Ansätze fassen Wiederaufbau – trotz der unbenommen großen Bandbreite von Teilaufgaben – eher eng und bleiben gedanklich innerhalb eines Rahmens, der Wiederaufbau insgesamt von „normalen“ gesellschaftlichen Aufgaben und Sektoren abgrenzt. Einige neuere Ansätze erweitern diesen Rahmen und ergänzen einige Aspekte, die überwiegend den „weichen“ Faktoren zugerechnet werden können: „Reconstruction efforts have to deal with changing identities and group boundaries; the difficulties of communicating across boundaries; justice and reconciliation; the distribution of property, land and wealth; the writing of history; the rebuilding of trust; and the capacities for new political systems“ (Pouligny 2005:505).

Ein breites Spektrum von Wiederaufbau-Aktivitäten, das sowohl „klassische“ als auch „weiche“ Faktoren umfasst, legt McEvoy-Levy vor: „The establishment of an effective and legitimate government, the implementation of reforms to create new legal, political, and security institutions, and the beginning of social and economic revitalization and measures ‚consolidating civilian security‘ […], the return

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of refugees, removal of landmines, rebuilding infrastructure, stabilizing currencies, enabling renewed agricultural work, cleaning war-produced pollution, implementing trauma therapy programs, encouraging local healing initiatives, and devising mechanisms to deal with the past“ (2006:9).

Diese Aufzählungen verdeutlichen in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden die Komplexität des Aufgabenbereichs und zeigen die Vielzahl von Sektoren, die mit dem Wiederaufbau nach einem innerstaatlichen Konflikt befasst sind. Dafür, dass die Zweiteilung zwischen physischen und sozialen („weichen“) Aufgaben gedanklich stärker aufgehoben oder der physische Raum auch in der Friedens- und Konfliktforschung als soziale Prozesse abbildend wahrgenommen würde, gibt es jedoch bislang nur wenige Indizien. So führt bspw. Zetter an, dass physischer Wiederaufbau kein „Selbstzweck“ sei, sondern vielmehr eine „metaphor and integral component of the international community’s wider objective of reconstruction of societies disintegrated by war“ (2005:155). In diesem Sinne sind einige prominente Wiederaufbauprozesse bekannt, in denen symbolische Gebäude und Strukturen unter hohem Aufwand wiedererrichtet wurden (z. B. die Alte Brücke in Mostar, die Souks in Beirut) und dies mit der Hoffnung verbunden war, dass dadurch auch soziale Annäherungsprozesse angestoßen werden würden (Charlesworth 2006, Calame 2005). Chojnacki und Engels stellen fest, es sei derzeit „sehr in Mode“, Themen aus dem Bereich der Friedens- und Konfliktforschung mit räumlichen Ebenen in Bezug zu setzen (2013:5). Diese Formulierung deutet jedoch weiter auf den Neuheitswert einer solchen Bezugnahme hin und lässt vermuten, dass ein spatial turn in der Friedens- und Konfliktforschung insgesamt und konkret bei der Betrachtung von Wiederaufbau noch nicht flächendeckend erfolgt zu sein scheint – trotz eines engen, empirisch beobachtbaren Zusammenhangs der physischen Erneuerung und der Raumentwicklung mit dem „weichen“ Themenbereich des Umgangs mit der Vergangenheit. Eine stärkere Integration der beiden Ebenen könnte m. E. jedoch dazu führen, dass die physischen Aufgaben nicht nur als technokratisch und zweitrangig abgetan und möglicherweise als Vehikel für die Umsetzung der „weichen“ Aufgaben betrachtet würden. Diese wiederum könnten durch das Herunterbrechen auf konkrete, auch physische Aufgaben umfassende Aspekte weniger schwierig umsetzbar erscheinen, wodurch ihre von Mac Ginty kritisierte Vernachlässigung gegebenenfalls verringert werden könnte (2010). Ich möchte daher für eine Perspektive plädieren, die physische und soziale Aktivitäten im Rahmen des Wiederaufbaus explizit zusammendenkt und als relevant für das Fortschreiten des Friedenskonsolidierungsprozesses begreift. Diese Sichtweise

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möchte ich nachfolgend anhand der Teilaufgabe des Umgangs mit der Vergangenheit, die in Post-Konflikt-Gesellschaften auf verschiedenen Ebenen stattfindet, weiter verdeutlichen. 4.3.2 Umgang mit der Vergangenheit als physische und soziale Teilaufgabe des Wiederaufbaus In Folge der Konfliktbeilegung verändern sich Machtbeziehungen, Einstellungen und Prioritäten und es steht – neben einer Reihe anderer vormaliger Selbstverständlichkeiten – auch die Bewertung vergangener Ereignisse zur Disposition (vgl. Ahonen 2012:25). Eine umfangreiche Teilaufgabe des Wiederaufbaus ist es daher, einen Modus (oder auch mehrere Modi) des Umgangs mit der Vergangenheit5 zu finden, der mit den Erinnerungsbedürfnissen der unterschiedlich vom

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Ich nutze den Begriff Umgang mit der Vergangenheit im Sinne des englischen dealing with/coming to terms with the past anstelle des im Deutschen gebräuchlicheren Begriffs Vergangenheitsbewältigung, obwohl er etwas umständlich zu handhaben und „unspezifischer“ ist (Bauerkämper 2012b:44), dafür aber unbelastet und weniger wertend. So steht Vergangenheitsbewältigung erstens in der deutschsprachigen Literatur fast immer in Verbindung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und impliziert m. E. zweitens durch den hinteren Wortteil „Bewältigung“ auch in einem normativen Sinne die Aufarbeitung und das Sich-der-Vergangenheit-Stellen als die einzig richtige Vorgehensweise (vgl. Assmann 2007, Welzer 1996). Wenn von „Umgang“ anstelle von „Bewältigung“ die Rede ist, schließt dies auch die Entscheidung zum Nicht-Erinnern und Nicht-Aufarbeiten als Möglichkeit ein. Zudem nehmen die meisten Beiträge zum Thema Vergangenheitsbewältigung eine Haltung ein, die „Versöhnung“ als Endstadium von Friedenskonsolidierungsprozessen begreift und gehen davon aus, dass die Einigung auf eine gemeinsame Sichtweise auf die Vergangenheit eine Voraussetzung für eine Annäherung darstellt (vgl. Ahonen 2012:25). So schreibt beispielsweise Aleida Assmann, dass ein Bürgerkrieg erst wirklich beendet sein könne, wenn ein gemeinsamer Erinnerungsrahmen für beide Gemeinschaften konstruiert sei, in dem keine Erinnerung marginalisiert würde, sondern die unterschiedlichen Perspektiven vielmehr in einem „höheren Rahmen“ aufgingen (2007:71). Als Ziel von Erinnerungspolitik benennt sie dabei die Versöhnung der Gemeinschaften und die Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung „um einer gemeinsamen und freien Zukunft willen“ (2007:71, vgl. auch Ross 2013, Baumann 2009, Lederach 2005, Hamber 1999). Solch eine normative Einschränkung möchte ich gerne vermeiden und auch andere Ziele und Motive im Umgang mit der Vergangenheit als legitim anerkennen.

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Konflikt betroffenen gesellschaftlichen Teilgruppen im Einklang steht (vgl. Ahonen 2012:26). Die Aufmerksamkeit, die dieser Aufgabe beigemessen wird, sowie die Herangehensweisen und Schwerpunktsetzungen sind in jeder Post-KonfliktGesellschaft unterschiedlich (vgl. Hamber 1999, Huyse 2001). Nachfolgend erläutere ich zunächst die Bedeutung der Vergangenheit in der Post-Konflikt-Phase sowie die Herausforderungen, die damit in Verbindung stehen. Ich spreche verschiedene Ebenen an, auf denen sich die Aufgabe des Umgangs mit der Vergangenheit stellt. Insgesamt wird der Umgang mit der Vergangenheit zwar eher als „weiche“ Aufgabe betrachtet. Durch den Zusammenhang des kollektiven Gedächtnisses mit Raum und konkreten Orten sowie die enge Verbindung der (ehemaligen) Konfliktgruppen mit ihrem Territorium bekommt er jedoch auch eine physische, lokal erfahrbare Komponente. Trotzdem wird der Umgang mit der Vergangenheit als Bestandteil von Friedenskonsolidierungsprozessen in der Friedens- und Konfliktforschung überwiegend ortsungebunden und als Aufgabe speziell damit beauftragter Institutionen wie Wahrheitskommissionen diskutiert. Lokale und gerade raumbezogene Implikationen kommen allenfalls dort vor, wo explizit Gedenkstätten behandelt werden. Beim Umgang mit der Vergangenheit in Post-Konflikt-Gesellschaften wird deutlich, wie sehr sich die Sichtweisen der ehemaligen Konfliktgruppen auch nach der Beilegung noch unterscheiden: Bereits während des Konflikts haben die Gemeinschaften deutlich divergierende und nicht miteinander vereinbare Narrative der Vergangenheit entwickelt (Baumann 2008:107-108, Lederach 2005:35). Diese werden nach der Konfliktbeilegung weiter genutzt, um den Zusammenhalt einer Gruppe zu stützen und sie gegen andere Konfliktparteien abzugrenzen. Die Gemeinschaften interpretieren die Vergangenheit, ihre eigene sowie die Rolle der anderen im Konflikt klar unterschiedlich (Aiken 2008:14-15, Canefe 2001:63-64). Die Bezugsrahmen der kollektiven Gedächtnisse reichen dabei u. U. weiter zurück als die manifest ausgetragene Phase des Konflikts (vgl. Jarman 1997b). Aus den unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte entstehen wiederum „ghettoized and antagonistic styles of remembrance“, also komplett voneinander getrennte Praxen der Erinnerung und des Gedenkens, die die Trennung auch in anderen Lebensbereichen widerspiegeln (Graham und Whelan 2007:479, Brown und Mac Ginty 2003:101). So gut wie alle Teile der Vergangenheit stellen in Post-Konflikt-Gesellschaften „contested heritage“ dar (Graham und Whelan 2007:476) und jede Gruppe identifiziert sich nur mit ihrem Narrativ und ihrer Version der Geschichte (vgl. Brown 2012:445-446). Ein gemeinsamer Erinnerungsrahmen, der zumindest für die Mehrheit der Gesellschaft bedeutsam ist, existiert nicht. Tatsächlich gemeinsame kulturelle und historische Aspekte sind während des Konflikts häufig in den Hintergrund getreten (vgl. Oberschall

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2013:173). Auch die Erinnerungslandschaften in Post-Konflikt-Gesellschaften sind gespalten, mit dem Konflikt verbundene Orte werden unterschiedlich bewertet (vgl. Graham und Whelan 2007:493). Ahonen erklärt das kollektive Gedächtnis daher zu einer Bürde für Post-Konflikt-Gesellschaften, welche die Beteiligten immer wieder an aneinander begangene Schuld und Unrecht erinnert (2012:13). Graham und Whelan bezeichnen Post-Konflikt-Gesellschaften als „unagreed societies“ und die Rolle der Vergangenheit in diesen als von einer potenziell „confrontational quality“ (2007:476). In Kapitel 3 wurde gezeigt, dass diese Beobachtung bis zu einem gewissen Punkt für alle Gesellschaften gilt und ein vereinheitlichtes historisches Narrativ für das friedliche Zusammenleben verschiedener Teilgruppen einer Gesellschaft nicht unbedingt notwendig ist. In Post-Konflikt-Gesellschaften können allerdings weitreichende Teile der Vergangenheit zum Hindernis für den Wiederaufbau sozialer Beziehungen nach der Konfliktbeilegung und zum potenziellen Störfaktor für den Friedenskonsolidierungsprozess werden (vgl. Ahonen 2012:15, Miall 2004:8, Cairns und Roe 2003:4), da der gegenseitige Ausschluss überwiegt und sich wenig „common ground“ ausmachen lässt (Graham und Whelan 2007:483). Switzer und Graham erklären vor diesem Hintergrund Erinnerung und Gedächtnis in Anlehnung an Carl von Clausewitz sogar zu einer potenziellen „Verlängerung des Konflikts mit anderen Mitteln“ (2009: 154). Erinnerungen an Märtyrertum, Heldentaten und Opferleiden sowie die Gründungsmythen jeder Gruppe werden an die jeweils nächste Generation weitergegeben und kontinuierlich präsent gehalten (Coakley 1993:4, Canefe 2001). Mit dem Konflikt in Verbindung stehende Ereignisse bleiben Bestandteile des Funktionsgedächtnisses und sind vielen Gruppenmitgliedern so vertraut, als hätten sie sie selbst erlebt, auch wenn sie vielleicht schon Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zurückliegen. Erinnerung und Gedenken dienen dazu, der eigenen Gruppe die Schuld und Verbrechen der Anderen aufzuzeigen (Ahonen 2012:13), die Moral vergangener, auch gewalttätiger Taten von Mitgliedern der eigenen Gruppe zu verdeutlichen (Graham und Whelan 2007: 493) sowie Handlungen und Einstellungen in der Gegenwart zu legitimieren (Bell et al. 2010:13, Santino 2001:8). Zudem verleiht die Kontrolle über die Erinnerung an vergangene Ereignisse auch in der Gegenwart die Definitionsmacht über die kollektive Identität und den Erinnerungsrahmen der Gruppe (McDowell 2007:727). Eine Hinwendung zu einem viktimologischen kollektiven Erinnern (A. Assmann 2007:78), das auch fremdes Leid anerkennt, ist in Post-Konflikt-Gesellschaften für viele kaum vorstellbar. Auch aufgrund des fehlenden gemeinsamen Erinnerungsrahmens ist es schwierig, Empathie für die Opfer anderer Gruppen zu entwickeln.

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Die Beilegung des Konflikts und der damit verbundene politisch-gesellschaftliche Umbruch stellen die Bedeutungen geschichtlicher Ereignisse in Frauge. Dies führt aber in Verbindung mit dem beschriebenen Unsicherheitsgefühl in der Post-Konflikt-Phase nicht selten dazu, dass sich einige Bevölkerungsteile ihren „sicheren Wahrheiten“ umso vehementer zuwenden (Lederach 1994:11). Die soziale Konstruiertheit von Erinnerung und ihre Interpretation vor dem Hintergrund aktueller Interessen und Bedürfnisse zeigt sich hier auch für Post-Konflikt-Gesellschaften: Die getrennten Erinnerungspraxen entsprechen dem Bedürfnis der Gruppen nach Rückzug und Sicherheit und bewahren sie zudem davor, ihre lange gepflegten historischen Narrative in der Post-Konflikt-Zeit überprüfen zu müssen. Auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene wägen die verantwortlichen Akteur*innen bei jeder Beschäftigung mit der Vergangenheit – z. B. bei der juristischen oder zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung im Rahmen von Transitional Justice – zwischen dem „right to move on“ der Gesellschaft und dem „right to justice“ von geschädigten und traumatisierten Individuen ab (Brady 2008:183). Aber auch in nahezu allen anderen Bereichen wie im Rahmen der politischen oder wirtschaftlichen Zusammenarbeit wird immer wieder eine Entscheidung zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Bewahren und Beseitigen getroffen. Eine umfangreiche Aufklärung und Wahrheitsfindung steht häufig sogar den Interessen mächtiger, auch staatlicher, Akteur*innen entgegen, da diese u. U. selbst aktive Mitglieder von Konfliktparteien waren und als solche Schuld auf sich geladen haben (Lawther 2013:158). Fast alle Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis gehen jedoch mittlerweile davon aus, dass irgendeine Form der Untersuchung, Anerkennung und Rechenschaftsablegung in Bezug auf während des Konflikts geschehene Verbrechen der Gesellschaft hilft, die Traumata zu bewältigen und ein friedliches Zusammenleben der ehemaligen Konfliktparteien zu ermöglichen (Borer 2006:3). Aleida Assmann nennt diese Praxis „Erinnern, um zu überwinden“ und beschreibt das Erinnern in diesem Zusammenhang als eine „wichtige performative Handlung in einer kritischen Übergangssituation mit einer erhofften therapeutischen, läuternden und reinigenden Wirkung“ (2013:192). Die gesellschaftliche Aufgabe des Umgangs mit der Vergangenheit ist eine sehr sensible und führt aufgrund gegenläufiger historischer Narrative und damit zusammenhängenden Erinnerungspraxen nicht zwangsläufig zu einer stärkeren Annäherung der Gemeinschaften. So zeigt Brown beispielsweise auf, dass eine Annäherung der Gemeinschaften und ihrer politischen Vertreter*innen ein mögliches Ergebnis gemeinsamen Erinnerns sein kann, andererseits aber auch, dass sich die Spaltung dadurch noch weiter verstärken kann (2012:449). Clark demonstriert am Beispiel der Erinnerungspraxen in Vukovar im heutigen Kroatien, wie „too

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much memory“ und vor allem die einseitige Herausstellung des historischen Narrativs einer Gruppe und die Marginalisierung der anderen die Annäherung nach dem jugoslawischen Bürgerkrieg sogar verhindert (2013). Ähnlich stellt Pinkerton am Beispiel eines Memorial Gardens in Ostbelfast heraus, dass dort nicht eine neutrale oder gar versöhnende Erinnerungshaltung eingenommen werde, sondern vielmehr die Unschuld der eigenen und Schuld der anderen Gemeinschaft betont werde (Pinkerton 2012:142-145). Die Geschichte ist nach Santino zwar immer und überall „a backwards look“ (2001:7) – in Post-Konflikt-Gesellschaften erschwert dieser Blick zurück jedoch möglicherweise die Entstehung eines gruppenübergreifenden, gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts auch für die Zukunft. Durch die kontinuierliche Erinnerung an Ereignisse aus der Konfliktzeit können auch damit verknüpfte negative Gefühle wie Verlust, Angst und Marginalisierung langfristig aufrechterhalten und nicht überwunden werden (Santino 2001). Auch für das alltägliche Zusammenleben in einer Gesellschaft, möglicherweise in derselben Stadt und nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, ergeben sich Herausforderungen. So ist beispielsweise der gemeinsame Schulunterricht von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Gemeinschaften in einigen Fächern schwer möglich, da kulturelle und historische Inhalte ganz anders bewertet und wertgeschätzt werden (vgl. Davies 2004); potenziell konfliktbehaftete Sachverhalte werden daher in der Schule oft gar nicht erst thematisiert (vgl. McGlynn 2011). Dementsprechend sprechen einige Argumente dafür, die Konfliktvergangenheit (zunächst) ruhen zu lassen, sie zu beschweigen oder zu ignorieren. In diesem Fall werden durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit keine Ressourcen im Friedenskonsolidierungsprozess gebunden (vgl. A. Assmann 2007:98-104). Auch der Schutz der nachfolgenden Generationen, die möglichst unbehelligt von der Konfliktvergangenheit aufwachsen sollen, kann ein Argument gegen eine Beschäftigung mit der Vergangenheit sein (Hamber 1999:4). Für manche Mitglieder der Gesellschaft ist die Erinnerung auch schlichtweg zu schmerzhaft, so dass die Traumata aus dem Konflikt nicht zur Ruhe kommen, die Spaltung der Gesellschaft in „Opfer“ und „Täter“ perpetuiert wird und kein Neuanfang gelingt (A. Assmann 2013:182-183, King 2005, Huyse 2001). Auch Hamber räumt ein, wie mühevoll es sein kann, der anderen Gruppe zuzuhören und „viele Wahrheiten" auszuhalten (1999:2). Gleichzeitig geht er aber davon aus, dass diejenigen, die durch den Konflikt besonders stark Schaden genommen haben, keine Wahl haben, ob sie Erinnern oder Vergessen wollen, da das Erlebte sie ohnehin verfolgt (1999:7, vgl. auch Assmann 2013:93, Clark 2013:122). Einen ähnlichen Standpunkt nimmt Baumann ein, der Spanien und den

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pacto de olvido („Pakt des Vergessens“) als Beispiel für eine nicht erfolgte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zitiert, die noch Jahrzehnte später die Gesellschaft spaltet (2009:110). Die Weigerung (v. a. der politischen Eliten), über einen Konflikt zu sprechen, Hintergründe und Täter zu benennen, bezeichnet er in Anlehnung an Volkan als „chosen amnesia“. Als Alternative dazu, entweder mehrere Narrative nebeneinander stehen zu lassen und ihre Unvereinbarkeit zu ignorieren oder den Versuch zu machen, ein gemeinsames post-konfliktives Narrativ zu etablieren, werden zunehmend multiperspektivische oder dialogische Formen des Erinnerns genannt (vgl. A. Assmann 2013:191-200, Ahonen 2012:25). Dabei wird allen Gruppen zugestanden, ihre Sicht der Dinge (zunächst) beizubehalten. Gleichzeitig erkennen sie an, dass auch andere Sichtweisen möglich sind (Ross 2013:99). Ein Verweis auf das Konzept der „Dissonanz“, die allen Aspekten des kulturellen und historischen Erbes intrinsisch ist und die auch von Ashworth und Tunbridge als mögliche Grundlage für Toleranz und Verständnis zwischen verschiedenen Teilgruppen einer Gesellschaft bezeichnet wird, liegt an dieser Stelle nahe (Ashworth und Tunbridge 2000:24). Nach langanhaltenden innerstaatlichen Konflikten sollen Gemeinschaften, die über viele Jahre verfeindet waren und sich gegenseitig Gewalt angetan haben, plötzlich friedlich miteinander in einer Gesellschaft leben. In dieser Situation scheint der Schritt, Perspektiven der ehemaligen Gegner*innen als gleichwertig anzuerkennen, für viele bereits unmöglich. Er bedeutet einen „Verrat“ an der Gruppenidentität und der Ideologie, die sie letztendlich in den Konflikt geführt hat. Als Ziel dieser Erinnerungsformen steht vor allem die Anerkennung der Opfer der anderen Gruppe(n) im Vordergrund. Damit wird umgangen, dass alle Gruppen auf die Anerkennung des eigenen Leidens pochen, aber dabei übersehen oder ignorieren, dass auch die anderen Gewalterfahrungen gemacht haben (vgl. 2009:118, Hamber 1999:8). Um diesen Rahmen zu füllen, ist es z. B. denkbar, dass eine Suche nach alternativen Vergangenheiten erfolgt, die für die Bedürfnisse der sich neu formierenden Gesellschaft zwischen Aufbruchsstimmung und Rückwärtsgewandtheit geeignet sein könnten (Carden 2011:4). Häufig wird in Post-Konflikt-Gesellschaften versucht, einen weiter zurückliegenden Teil der Vergangenheit stärker präsent zu machen, wenn diesem mehr Potenzial zugetraut wird, für alle ehemaligen Konfliktparteien tragbar und ansprechend zu sein und der zumindest an einer Stelle Anknüpfungspunkte bieten kann (vgl. Ahonen 2012:25, Brown 2012:447-448). Ein Beispiel hierfür aus dem nordirischen Kontext ist die entstehende Erinnerungskultur rund um den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs und speziell der Schlacht an der Somme, in der Mitglieder der Ulster Volunteer Force (UVF) als

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Teil der Armee des britischen Königreichs kämpften. Traditionell hat dieses historische Ereignis vor allem in der protestantisch-unionistischen Erinnerungskultur einen Platz, wird aber zunehmend auch als „symbol of reconciliation“ dargestellt, was Switzer und Graham (durchaus wohlwollend) als „revisionism of First World War commemoration in Ireland“ bezeichnen (2009:160).

5 Ethnopolitisch geteilte Städte: Wechselwirkungen von Stadt und Konflikt

Nach der Betrachtung gesamtgesellschaftlicher Post-Konflikt-Situationen sowie der Aufgaben und Herausforderungen nach dem Abschluss eines Friedensabkommens rücken in diesem Kapitel die Wechselwirkungen von Stadt und Konflikt in den Fokus. Das Kapitel ist in vier Abschnitte unterteilt: Im ersten Abschnitt wird der noch relativ junge und bislang recht unsystematisch geführte Diskurs um Städte in langanhaltenden innerstaatlichen Konfliktkonstellationen nachvollzogen und verschiedene Ansätze diskutiert (5.1). Dabei fällt auf, dass etliche Autor*innen kaum zwischen Konfliktursachen sowie Konfliktphasen unterscheiden bzw. die Benennung und Einteilung sehr uneinheitlich verläuft. Es werden daher zunächst Bezüge, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ansätze herausgearbeitet (5.1.1). Ein besonderes Anliegen in diesem Abschnitt ist es, aufbauend auf den Ausführungen aus Kapitel 4 deutlicher zwischen der manifesten Phase des Konflikts und der Post-Konflikt-Phase zu differenzieren, um den stadtbezogenen Diskurs für diese Arbeit besser nutzbar zu machen (5.1.2). Danach wird die besondere Stellung von Städten und die symbolische Bedeutung städtischen Raums und städtischer Orte während ethnopolitischer Konflikte und in der Post-Konflikt-Zeit dargestellt (5.2.1). Aufgrund verschiedener Charakteristika können Städte – im Sinne von städtischen Akteur*innen, Politiken und Stadtgesellschaften –Einfluss auf den Fortgang des Konflikts nehmen und am Erfolg oder Misserfolg von Friedenskonsolidierungsprozessen beteiligt sein. Verschiedene mögliche Strategien, die städtische Akteur*innen verfolgen können, sowie ihre Wirkungsweisen auf den Konflikt werden erläutert (5.2.2). Abschließend wird das Spektrum möglicher räumlicher Hinterlassenschaften von langanhaltenden ethnopolitischen Konflikten in Städten aufgezeigt (5.3). Die räumlichen Auswirkungen von Konflikten in Städten sind zwar bereits für einige einzelne Fallstudien dokumentiert, bisher aber noch kaum systematisiert worden. Es wird deutlich, dass nicht nur Städte und städtische Akteur*innen auf Konflikte

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wirken, sondern die Konflikte umgekehrt auch tiefe und dauerhafte Spuren in den Städten hinterlassen. Diese sind einerseits räumlich sichtbar und erfahrbar, andererseits haben sie aber auch besondere räumliche Praxen der Stadtbewohner*innen zur Folge. Dieser Abschnitt stützt die in Kapitel 4 ausgeführte Sichtweise auf den raumbezogenen Umgang mit der Vergangenheit als eine Komponente des Wiederaufbaus, in der sowohl physische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen. In Abschnitt 5.4 wird unter dem Stichwort „Normalisierung“ eine besonders in den Städten beobachtete mögliche Entwicklungsrichtung von Post-KonfliktGesellschaften thematisiert, die in Beiträgen der Friedens- und Konfliktforschung bislang noch kaum beachtet wird. Diese Tendenz ergänzt das in Kapitel 4 erläuterte Bedürfnis nach Rückzug in die Sicherheit der eigenen Gemeinschaft, die aus den unbewältigten Strukturmerkmalen und der allgemeinen Unsicherheit im PostKonflikt-Kontext resultiert. Die beiden Merkmale von Post-Konflikt-Gesellschaften sind gewissermaßen gegenläufig und grundlegend für das Verständnis von Post-Konflikt-Gesellschaften. Die Gegenläufigkeit gesellschaftlicher Entwicklung und die Zerrissenheit zwischen den beiden Tendenzen sind besonders im Verlauf meines empirischen Forschungsprozesses deutlich geworden. Da ich allerdings mit meinem explorativen Vorgehen im Rahmen der Grounded Theory-Methode (GTM) keine bestehende Theorie überprüfe, sondern vielmehr selbst zur Theoriebildung beitrage, ergänze ich diesen Aspekt bereits hier. Mein methodisches Vorgehen sowie die enge Verzahnung von Theorie und Empirie in der Diskursanalyse sowie in der GTM wurden ausführlich in Kapitel 2 erläutert.

5.1 E THNOPOLITISCHE T EILUNG IN DER S TADT : V OM K ONFLIKT ZUM P OST -K ONFLIKT Verschiedene Ausprägungen von Fragmentierung, Polarisierung, Teilung oder Spaltung von Städten werden mindestens seit den Anfängen der Chicago School of Sociology und verstärkt seit den 1990er Jahren als Gegenstände sozialwissenschaftlicher (Stadt-)Forschung verhandelt. Die Städte selbst werden mit Schlagwörtern wie „dual cities“ (Mollenkopf und Castells 1991), „divided cities“ (Fainstein et al. 1992, Marcuse 1993), „vielfach geteilte“ (Krätke 1996) oder „gespaltene“ Städte (Häußermann und Siebel 2004, Häußermann und Kapphan 2000) belegt. Weitgehend unumstritten ist die Sichtweise, dass jede Stadt entlang verschiedener sozioökonomischer Merkmale „in some sense ‚divided‘“ ist (Anderson 2008:3). Dies wird in der Regel auf die in Städten ausgeprägte Diversität der Bevölkerung sowie die konzentriert auftretenden Folgen der Globalisierung

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und wachsende sozioökonomische Ungleichheiten zurückgeführt. Diese werden u. a. durch residentielle Segregation, Gentrifizierung und die Herausbildung einer „städtischen Unterklasse“ sichtbar (Häußermann 1997, Fainstein und Harloe 1992:9-13, vgl. Keller et al. 2014). Diese Symptome sind in den letzten Jahrzehnten immer weiter verbreitet zu beobachten. Grundsätzlich sind städtische Fragmentierung und Polarisierung jedoch keine neuzeitlichen Phänomene, sondern laut Gaffikin und Morrissey bereits „as old as antiquity“ (2011:56). Den Nutzen des in englischsprachigen Publikationen häufig genutzten Begriffs divided city erklären sie daher als gering, da Teilung „as ambiguous as it is ubiquitous“ und der Begriff somit letztendlich auf alle Städte anwendbar sei (2011:55). In den letzten gut 15 Jahren sind eine Reihe von Werken entstanden, die sich dezidiert mit gewaltsam ausgetragenen ethnopolitischen Konflikten und ihren Auswirkungen auf bzw. Ausprägungen in Städten beschäftigen und die häufig ebenfalls als divided cities bezeichnet werden (als frühere Ausnahmen können z. B. Benvenisti 1986 oder Yiftachel 1995a genannt werden). Das aufkommende Interesse an diesem Stadttypus wird auf die gestiegene Aufmerksamkeit für Städte und Stadtforschung im Zuge der weltweit fortschreitenden Urbanisierung zurückgeführt; es kann aber auch als Reaktion auf die erhöhte Bedeutung langanhaltender innerstaatlicher Konflikte seit dem Ende des Kalten Krieges oder als eine Kombination dieser beiden Entwicklungen gedeutet werden (vgl. Beall et al. 2011:5, Gaffikin und Morrissey 2011, Horowitz 2000). Bei der Diskussion dieser unterschiedlichen Formen von Teilung – der sozioökonomischen einerseits und der ethnopolitischen andererseits – wird deutlich, dass eine Abgrenzung zwar möglich und analytisch sinnvoll ist, dass in Städten mit ethnopolitischem Konflikthintergrund jedoch beide nebeneinander und übereinander bestehen und ihre Wirkung entfalten. Die Debatte über Städte in ethnopolitischen Konfliktkonstellationen wird in der deutschsprachigen Forschungslandschaft bislang so gut wie gar nicht rezipiert. Beteiligt sind bislang vor allem englischsprachige Autor*innen, überwiegend aus den Planungswissenschaften und in geringerem Maße aus der Geographie und Geschichtswissenschaft. Ein grundsätzliches Forschungs- und Interessensdefizit an der Untersuchung gesamtgesellschaftlicher Konfliktkonstellationen auf der städtischen Ebene, wie es Anderson (2008) oder Stanley (2003) noch vor vergleichsweise kurzer Zeit beklagten, kann zwar mittlerweile nicht mehr unterstellt werden (vgl. Davis und Libertun de Duren 2011:244-245), wohl aber eine noch sehr geringe Integration zweier eigentlich verwandter Forschungsfelder. Es wäre außerdem verfrüht, bereits die Entstehung einer zusammenhängenden wissenschaftlichen Debatte über (ethno-)politische Teilung in Städten zu konstatieren. Die Arten der Teilung und die Merkmale der Konflikte werden noch sehr

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uneinheitlich abgegrenzt. Themenschwerpunkte sind bislang vor allem die planerischen und/oder politischen Möglichkeiten des Umgangs mit ethnopolitischen Konflikten und ihre Auswirkungen in konkreten Städten, weniger jedoch die definitorische oder konzeptionelle Qualifizierung einer besonderen Städtekategorie (vgl. Gaffikin und Morrissey 2011). Dies mag der Einzigartigkeit der jeweils betrachteten Konflikte und ihrer spezifischen Wirkungen in den verschiedenen Städten und sicherlich auch der Vielfalt der Untersuchungsschwerpunkte geschuldet sein, mit dem stetigen Zuwachs an Beiträgen ist es jedoch mittlerweile schwierig, die Übersicht zu behalten. Ziel dieses Abschnitts ist somit der Beginn einer Systematisierung der Beiträge sowie die Herstellung von Bezügen, um dadurch Schnittstellen und Unterschiede aufzuzeigen und die Wechselwirkungen zwischen Städten bzw. Stadtgesellschaften und gesamtgesellschaftlichen ethnischen Konflikten herauszuarbeiten. Zudem möchte ich stärker, als es in bisherigen Beiträgen geschieht, zwischen manifesten und Post-Konflikt-Situationen differenzieren, um die Erkenntnisse besser in den Zusammenhang dieser Arbeit einordnen zu können. Im Folgenden gehe ich zunächst auf die Benennung von Konflikten bzw. Teilungen ein und stelle anschließend die daraus ableitbaren Konfliktursachen sowie die Aussagen der jeweiligen Autor*innen zur Konfliktbeilegung und dem Übergang in die Post-Konflikt-Phase dar. Ich beende den Abschnitt mit einer Zusammenführung derjenigen Aspekte, die für den Kontext dieser Arbeit nutzbar sind. 5.1.1 Vielfältige Terminologie und zugrundeliegende Konfliktursachen Folgen dieser unsystematisch geführten Debatte um ethnopolitisch geteilte Städte sind die terminologische Vielfalt sowie die Diversität der Kriterien, die bei der Zuordnung zu dieser Städtekategorie und den zugrundeliegenden Konfliktursachen angewandt werden. So ist in einigen Beiträgen von divided (z. B. Calame und Charlesworth 2009), in anderen von divided/partitioned (Kliot und Mansfeld 1999), dann wieder von polarized (Bollens 1999, Bollens 2000, Bollens 2007a, Bollens 2012), von contested (Pullan 2011, Hepburn 2004) oder von wounded cities (Susser und Schneider 2003) die Rede. An anderer Stelle werden frontier cities (Kotek 1999) oder conflict cities (Davis und Libertun de Duren 2011) genannt. Die Auswahlkriterien überschneiden sich nur teilweise, so dass auch die jeweils unterschiedliche Städte unter diese Begriffe fallen (Bollens 2007b:2, Anderson 2008). Die Vergleichbarkeit der Beiträge bzw. die Möglichkeiten der Bezugnahme werden dadurch erschwert (vgl. Gaffikin und Morrissey 2011).

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Ähnlich wie Morrissey und Gaffikin halte ich die Aussagekraft von schlagwortartigen Bezeichnungen für gering (2011), da wie dargestellt alle Städte auf die eine oder andere Weise geteilt sind. Ich möchte zudem pauschale Benennungen wie „geteilte“, „polarisierte“ oder „fragmentierte Städte“ vermeiden, um der Prozesshaftigkeit von Konfliktbearbeitung und den sehr unterschiedlichen Fragmentierungsgraden (von Städten) und Eskalationsgraden (von Konflikten) Rechnung zu tragen. In den hier betrachteten Konflikten vermischen sich ethnische und politische Konfliktlinien, wodurch die Konstruiertheit von kollektiver, insbesondere ethnischer Identität erneut deutlich wird. Ich bezeichne daher die hier betrachteten Formen von Teilung und Konflikten als ethnopolitisch. Als Bezeichnung für Städte in solchen Konfliktkonstellationen, die ausreichend präzise und dennoch weit genug gefasst ist, um auch bereits offiziell beendete Konflikte einzuschließen, wäre m. E. „Städte mit ethnopolitischem Konflikthintergrund“ angemessen. Da diese Wortkombination aber die Lesbarkeit des Texts stellenweise erschweren würde, benutze ich den Begriff ethnopolitisch geteilte Städte.1 Wo der ethnopolitische Kontext eine untergeordnete Rolle spielt, ist zuweilen auch von langanhaltenden innerstaatlichen Konflikten die Rede. Diesen Begriff nutze ich, um die Dauer des Konflikts zu betonen und/oder ihn von gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Staaten zu unterscheiden. Als einer der prominentesten Autoren untersucht Scott Bollens in mehreren Werken die Rolle von Stadtplanung und Stadtentwicklung im Rahmen von „Urban Peace-Building“ (1999). Eine Gemeinsamkeit seiner in sehr unterschiedlichen Konfliktkonstellationen angesiedelten Beispielstädte wie Barcelona, Johannesburg oder Jerusalem ist die Existenz eines innerstaatlichen Konflikts, der sich in der Stadt auf besondere Weise manifestiert. Er spricht von Städten „in troubled settings“ (2007b:1), die er „umkämpft“ („contested“; 1999, 2007a) oder „ethnisch polarisiert“ („ethnically polarized“; 2000) nennt und von „nur“ z. B. im sozialen oder kulturellen Sinne geteilten („divided“) Städten unterscheidet. Bollens kritisiert selbst die Uneinheitlichkeit des Gebrauchs von Begriffen in der Literatur (2007b:2), die Bezeichnungen sind in seinen Werken jedoch auch nicht immer präzise definiert und bleiben auch über die Jahre nicht konsequent (vgl. Gaffikin und Morrissey 2011:56). Diese Anmerkung ist weniger als Kritik zu verstehen – es ist ein natürlicher Prozess, dass sich Definitionen und Inhalte weiterentwickeln – sondern vielmehr als Beispiel für die Schwierigkeiten, in diesem Bereich adäquate Begrifflichkeiten zu entwickeln und anzuwenden. 1

„Ethnopolitische Konflikte“ ist als Begriff im deutschsprachigen Raum etabliert und kann auch auf die vorliegende Städtekategorie angewandt werden; im englischsprachigen Kontext wird wie bei Anderson eher von „ethnonational“ gesprochen (2008, vgl. Baumann 2008:38).

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Eine Stadt gilt nach Bollens dann als umkämpft, wenn sie symbolisch für „wider group-based territorial and political claims“ (1999:281) steht, die eigentlichen Konfliktlinien also überlokal verlaufen. Charakteristisch für sie ist weiterhin, dass eine – meist die schwächere, gegebenenfalls marginalisierte oder unterdrückte – Konfliktgruppe die staatlichen Institutionen ablehnt und sich gegen die herrschende politische Ordnung stellt, so dass eine „kompromisslosere“ (2000:9) Form des Konflikts entsteht (vgl. 1999:9-10, 2007b:3); keine der Gruppen dominiert die andere(n) aber komplett (2000:9-10). So wirken die Spannungen in der Stadt u. U. sogar konfliktverschärfend für die ganze Region (2000:10-11). Bezüglich der Frage nach den zugrundeliegenden Konfliktursachen geht Bollens davon aus, dass übergeordnete politische Differenzen in Verteilungsfragen übersetzt und auf lokaler Ebene ausgetragen würden. Strukturelle Benachteiligung einer ethnischen Gruppe, ausgedrückt u. a. durch unerfüllte materielle und symbolische Bedürfnisse, identifiziert er somit als einen Auslöser für die Eskalation eines Konflikts (2002:8). Weiterhin ist eine Eskalation möglich, wenn politische Eliten die eigene Gruppe als gefährdet durch die andere darstellen (1999:10). Bollens betrachtet somit einerseits diejenigen Städte, in denen das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen problematisch ist und es auch bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen ist, sich aber alle Gruppen in ein und demselben Staat mit unumstrittenen Grenzen verorten (z. B. Johannesburg oder Beirut). Andererseits werden aber nicht alle von ihm untersuchten Konflikte zwangsläufig gewaltsam ausgetragen. Somit kann er auch Barcelona als Beispiel für eine Stadt anführen, in der Konflikte dadurch entstehen, dass sich ein signifikanter Anteil der Bevölkerung als zu einer eigenen Volksgruppe zugehörig begreift und für diese gerne einen eigenen Staat gründen würde. Dort ist dieser Konflikt jedoch nie gewalttätig ausgetragen worden Damit ist das von ihm betrachtete Spektrum von Konfliktsituationen und -eskalationsgraden sehr breitgefächert, was eine Unterscheidung zu anderen in der Stadt ausgetragenen Konfliktarten erschwert. Eine Gemeinsamkeit der Fälle ist, dass es sich bei allen Konfliktgruppen um alteingesessene „homeland groups“ handelt, die das Recht auf den Großteil von Ressourcen und Territorium auf Grundlage ihrer jahrhundertelangen Verbindung mit der Stadt fordern (Bollens 2000:5). In jüngeren Werken (2007a, 2007b, 2008, 2009, 2012) widmet sich Bollens vor allem denjenigen Städten „that have gone through major disruptions and transformations“ (2007b:19) und die sich danach in einer Phase „of significant societal uncertainty involving constitutional and institutional reform“ befinden (2007a:15) oder diese vielleicht sogar schon hinter sich gelassen haben, um sich nun teils erfolgreich friedlich zu entwickeln. Diese Erweiterung ist für diese Arbeit wichtig, da Bollens als einer von wenigen Autoren explizit den Gedanken an politischen

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Wandel und die Möglichkeit zur Beilegung des Konflikts artikuliert und nach dem Eskalationsgrad der Konflikte differenziert. Er trifft eine klare Unterteilung zwischen denjenigen Städten, in denen der Konflikt gewalttätig ausgetragen wird, und denjenigen, in denen dies nicht oder nicht mehr der Fall ist, wobei er de Begriff „Post-Konflikt“ selbst nicht nutzt. Stark vereinfacht und daher nicht unproblematisch ist m. E. jedoch bei Bollens die Einführung eines „urban conflict-stability continuum“ (2007c:29) mit vier Stationen (active conflict, suspension of violence, movement toward peace und stability/normalcy), worin er die betrachteten Städte in Spanien und Bosnien (2007c), Israel/Palästina, Zypern, Südafrika und Nordirland (2006, 2007b) einordnet. Dieses Kontinuum impliziert ein lineares Fortschreiten von Konflikten von gewalttätiger Auseinandersetzung hin zu friedlicher Koexistenz, was im Kontext der behandelten Konfliktgemengelagen unwahrscheinlich ist und wie in Kapitel 4 diskutiert nicht mehr dem aktuellen Stand in der Friedens- und Konfliktforschung entspricht. Je nach Einordnung auf dieser Skala werden laut Bollens unterschiedliche politische und planerische Interventionen nötig (vgl. 2007c:29-34). Hepburn betrachtet „Contested Cities in the Modern West“ hingegen aus historischer Perspektive, unter ihnen so unterschiedliche Fälle wie Danzig, Brüssel, Belfast und Jerusalem (2004). Dabei differenziert er begrifflich zwischen „umkämpften“ und „geteilten“ Städten. Auch geteilte Städte sind nach Hepburn zwar von zwei oder mehr ethnischen oder religiösen Gruppen bewohnt, die sich auch antagonistisch gegenüberstehen können. Zu umkämpften Städten werden sie allerdings erst dann, wenn ein „fundamentalerer“ Konflikt über die legitime Bewohnerschaft einer Stadt entsteht. Wörtlich bezeichnet er als umkämpfte Städte alle „major urban centre[s] in which two or more ethnically-conscious groups – divided by religion, language and/or culture and perceived history – co-exist in a situation where neither group is willing to concede supremacy to the other“ (2004:2). Hepburn bezeichnet somit ebenfalls diejenigen Städte, in denen es zu einer Eskalation kommt, gleichermaßen als umkämpft wie diejenigen, in denen der Konflikt latent bleibt und nicht gewalttätig ausgetragen wird. Auf Grundlage seiner Definition lehnt Hepburn auch den von Kotek (1999) geprägten, eigentlich ähnlich beschriebenen Begriff der „frontier city“ ab, da dieser eine tatsächliche geographische Grenze zwischen Staaten impliziere, die innerhalb der Stadt durchgesetzt werden solle. Kotek nennt die „doppelte Legitimität“ der Gruppen (ähnlich den homeland groups bei Bollens) als Grund dafür, dass Probleme in der frontier city auf eine politische Ebene gebracht würden und sich von „nur“ multikulturellen Schwierigkeiten unterschieden (1999:228). Die Stadt wird für Kotek dadurch zum „territory for two dreams“ – eine vielleicht euphemistische Bezeichnung angesichts der eher alptraumartigen Zustände, die

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ethnopolitische Konflikte mit sich bringen können – und steht sinnbildlich für das gesamte Gebiet, in dem sich der Konflikt abspielt (1999:228). Auch für Anderson spielt die (tatsächliche oder „gefühlte“) staatliche Zugehörigkeit der Konfliktgruppen eine entscheidende Rolle bei seiner Konzeptualisierung (2008). Er spannt ein Kontinuum zwischen den beiden Polen „ethnisch geteilte Städte“ und „national geteilte Städte“ auf. In der Mitte dieses Kontinuums liegen ethnisch-national geteilte Städte, in denen beide Arten von Teilungen aufeinandertreffen. Als Beispiele für national geteilte Städte führt er die seit 1945 geteilten Doppelstädte Frankfurt (Oder)/Słubice und Görlitz/Zgorzelec an der heutigen deutsch-polnischen Grenze an. Auch Berlin vor 1989 fällt für ihn unter diese Kategorie der durch zwischenstaatliche Konflikte geteilten Städte, deren Teilung aber nicht auf ethnischer Rivalität beruht. Chicago oder Johannesburg nennt er als Beispiele für rein ethnisch geteilte Städte. Dort leben mehrere ethnische Gruppen weitgehend getrennt voneinander, es gibt aber keine Debatte über Staatsgrenzen oder die staatliche Zugehörigkeit der Stadt. Ethnisch-national geteilte Städte, in denen beide Komponenten eine Rolle spielen, bilden die dritte und komplizierteste Kategorie. Zu ihnen gehört Belfast ebenso wie Jerusalem, Mostar oder Nikosia. Die Konfliktgruppen in diesen Städten erklären sich selbst sowie ihre Stadt zu verschiedenen Staaten zugehörig. Durch dieses territoriale Ausschlussprinzip, nach dem aus Sicht beider Gruppen nur die jeweils eigene ein Anrecht auf das Land hat, wird jede Form der Kompromissfindung zu einem Nullsummenspiel: Was die eine Gruppe gewinnt, muss die andere aufgeben (vgl. Anderson 2010:18-20). Somit scheint bei Anderson zunächst keine Möglichkeit der friedlichen Weiterentwicklung einer konfliktiven Situation vorgesehen. Er erwähnt zwar, dass in Beispielstädten durchaus unterschiedliche Grade von Gewalt und Antagonismus herrschen, eine Beilegung und daraus resultierende Veränderungen für den Status der Städte werden jedoch nicht erwähnt. Als Gemeinsamkeit ethnisch-nationaler Städte und als Ursprung ihrer Konflikte macht Anderson die politische Instrumentalisierung ethnischer Merkmale bei gleichzeitiger Zugehörigkeit zu einem Imperium aus (2008:10-11). Um den Herrschaftsaufwand an der Peripherie möglichst gering zu halten, seien die Ethnien vom „Mutterland“ aus politisch instrumentalisiert und Unterschiede betont worden. Diese historischen Differenzen wirkten unaufgearbeitet bis in die Gegenwart nach. Er illustriert dies am Beispiel von Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs: Um die Volksgruppen im weit entfernten Irland besser kontrollieren zu können und die eigene Schwäche bei der Durchsetzung britischer Interessen zu vertuschen, sei zwischen den englischen und schottischen protestantischen Siedlern einerseits und den irisch-katholischen Einheimischen andererseits eine

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Hierarchie etabliert worden, die der ersten Gruppe aufgrund ihrer Ethnizität – ausgedrückt über die konfessionelle Zugehörigkeit – Macht über die zweite gab. Die resultierende strukturelle Benachteiligung der irisch-katholischen Bevölkerung habe seither mehrfach unausweichlich zur Eskalation geführt (Anderson 2008:1113, vgl. auch Gaffikin und Morrissey 2011:68-69). Form und Urheberschaft von Politisierung sind bei Anderson andere als bei Bollens, bei beiden Autoren stellt es sich aber als besondere Crux heraus, dass alle Konfliktparteien in der Regel seit Jahrhunderten in der betreffenden Stadt und der dazugehörigen Region leben, sie als ihre legitime Heimat ansehen und sich mit ihr identifizieren. Damit greift Anderson auch ähnlich wie Kotek und Bollens den Aspekt der gleichberechtigten Legitimität und lange bestehenden Siedlungskontinuität der Gruppen auf. Kliot und Mansfeld führen den Begriff der „doppelt geteilten Stadt („partitioned/divided city“) ein und streben damit ähnlich wie Anderson an, sowohl der Teilung der Städte selbst als auch dem größeren (nationalen oder regionalen) Konfliktkontext Rechnung zu tragen (1999). Die Teilung des Staats oder der Region (partition) resultiert dabei aus der Teilung der Nation (division, 1999:173). Sie unterscheiden „partitioned/divided cities“ und die in ihnen vorkommende „ultimate form of segregation“, die alle Lebensbereiche umfasst, von rein residentiell segregierten Städten mit mehreren ethnischen Gruppen wie z. B. in Südafrika oder Nordamerika (1999:169). Mit Berlin, Jerusalem und Nikosia betrachten sie allerdings wiederum sehr unterschiedliche Städte, in denen auch die ethnische bzw. innerstaatliche Komponente des Konflikts nur teilweise eine Rolle spielt. Auch andere Autor*innen nehmen keine eindeutige Abgrenzung von Konfliktursachen vor. So untersuchen Calame und Charlesworth mit Belfast, Beirut, Jerusalem, Mostar und Nikosia zwar unbestritten stark konfliktbehaftete und auf unterschiedliche Arten geteilte Städte, verzichten jedoch weitgehend auf eine theoretische oder definitorische Reflexion (2009). Aspekte von Wiederaufbau und Städtebau stehen in dieser Betrachtung im Vordergrund. Als Gemeinsamkeit der Städte sehen sie deren „self-imposed apartheid“, die einem ethnischen Konflikt entspringt. Auch Susser und Schneider beleuchten vor allem Zerstörung und Wiederaufbau der von ihnen als verletzt („wounded“) bezeichneten Städte (2003), wobei die Bandbreite Ursachen von Verletzung sehr groß ist und weit über innerstaatliche Konflikte hinausgeht: Auch Verbrechen, Naturkatastrophen, Krieg oder auch rapides Wachstum und Ausdehnung werden von ihnen untersucht. Die Bezeichnung von Städten als „verletzt“ transportiert die Vorstellung, dass das Ereignis, das diese Verletzung hervorgerufen hat, schon in der Vergangenheit liegt und anschließend eine Heilungs-, also die Wiederaufbau- und Transformationsphase beginnt. Damit schließen sie einerseits explizit die Möglichkeit ein,

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Verletzungen, Konflikte und traumatische Ereignisse zu überwinden. Andererseits ist diese Vorstellung aufgrund der Länge gesellschaftlicher Transformationsphasen und der fehlenden Linearität von Friedenskonsolidierungsprozessen nach der Beilegung eines innerstaatlichen Konflikts vielleicht auch simplifizierend. Aufgrund der in allen Städten beobachtbaren Fragmentierungs- und Polarisierungstendenzen führen Morrissey und Gaffikin keine begriffliche Unterscheidung der von ihnen untersuchten geteilten Städte ein, wohl aber eine inhaltliche (2011, 2006): Ein die Stadt teilender Konflikt könne, so ihre Argumentation, entweder von einer Debatte um Pluralismus oder Souveränität bestimmt sein. Bei ersterer Variante sei eine Bevölkerungsgruppe – subjektiv oder objektiv – benachteiligt, der Kern der Konflikte in der Stadt seien „issues of social class, power, status and equity“ (2011:21). Das Ziel der benachteiligten Gruppe sei es, eine Machtbalance herzustellen, im Rahmen derer alle Bevölkerungsgruppen ihre Bedürfnisse und Interessen gleichberechtigt artikulieren können. Innerhalb von Pluralismuskonflikten sei eine Kompromisslösung meistens möglich. Souveränitätskonflikte beinhalten jedoch eine zusätzliche, verhärtend wirkende Ebene: Mindestens eine Gruppe – die sich ebenfalls häufig als marginalisiert begreift – stellt den Staat, zu dem die Stadt gehört, seine Legitimation und seine Institutionen grundsätzlich in Frage, wodurch kein gemeinsames Bekenntnis zu einer politischen Einheit zustande kommt (2006: 873). Daraus resultierend ergeben sich kaum Ansatzpunkte für eine politische Zusammenarbeit zwischen den Gruppen.

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Tabelle 1: Überblick über Literatur/Forschungsansätze zu ethnopolitisch geteilten Städten (eigene Abbildung) Autor*innen

Jahr

Disziplinäre Einordnung

Betrachtete Städte/ genannte Beispiele

Benennung

Gründe für Teilung

Unterscheidung nach Art der Teilung

Unterscheidung Konfliktphasen

Anderson

2008

Geographie

Belfast Jerusalem Mostar Mitrovica Nikosia Beirut Kirkuk

Ethnisch-national geteilt

Zugehörigkeit zu einem Empire; Merkmal einer Gruppe wird politisch instrumentalisiert

Ja

Nein

Kliot/ Mansfeld

1999

Geographie

Jerusalem Berlin Nikosia

„zweifach geteilt“ partitioned/ divided

Räumliche Teilung resultiert aus politischer Teilung

Ja

Nein

Bollens

1999 2013

Planungswissenschaften

Johannesburg Jerusalem Belfast Nikosia Mostar Sarajevo Barcelona San Sebastián

umkämpft

Strukturelle Benachteiligung einer ethnischen Gruppe + politische Instrumentalisierung

unklar

Ja

Morrissey/ Gaffikin

2006 2011

Planungswissenschaften

Pittsburgh Cleveland Chicago Belfast Nikosia Detroit Bradford Oldham

geteilt

Pluralismus- oder Souveränitätskonflikt

Nicht explizit

Nein

Davis/ Libertun de Duren

2011

Planungswissenschaften

Jerusalem Beirut (Baskenland)

Keine

Identitätskonflikte

Nein

Ja

Calame/ Charlesworth

2009

Architektur

Belfast Beirut Jerusalem Mostar Nikosia

geteilt

Unklar

Ja

Nein

Hepburn

2004

Geschichte

Danzig Triest Brüssel Montreal Belfast Jerusalem Ahmedabad

umkämpft

Ethnische Gruppen unterscheiden sich durch Sprache, Religion, Kultur, Geschichte; erkennen sich gegenseitig nicht an

Ja

Nein

Kotek

1999

Geschichte

Belfast Hebron Brüssel Tirgu Mures

Frontier cities

Territoriales Verhalten der ethnischen Gruppen

Ja

Nein

Susser/ Schneider

2003

Anthropologie

Mexico City New York Beirut Belfast Bangkok Bagdad

Verletzt

Ethnische Konflikte, schnelles Wachstum, Naturkatastrophen, sozioökonomische Konflikte, Drogenhandel

Nein

Ja

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5.1.2 Ethnopolitische Teilung in der Post-Konflikt-Phase Vor dem Hintergrund dieser Vielfalt an sich überlappenden und ergänzenden Interpretationsmöglichkeiten ist eine Zusammenführung und Abgrenzung derjenigen Aspekte, die für die Fragestellung dieser Arbeit nutzbar sind, notwendig. Drei Merkmale von ethnopolitisch geteilten Städten bleiben m. E. auch in der Post-Konflikt-Phase relevant, wobei in Teilen Veränderungen im Vergleich zu der manifesten Phase des Konflikts stattfinden: Diese sind 1. die überlokalen Konfliktursachen, 2. die politische Instrumentalisierung der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe und 3. die Gleichwertigkeit der Gruppen im Sinne der „doppelten Legitimität“ bei Kotek oder den „homeland groups“ nach Bollens. Als Ursachen für langanhaltende innerstaatliche Konflikte, die sich auch in der Stadt manifestieren, werden in allen diskutierten Beiträgen gesamtgesellschaftliche, also überlokale Konfliktlinien gesehen. Fruchtbar erscheint in diesem Zusammenhang die Definition von Souveränitätskonflikten in Anlehnung an Gaffikin und Morrissey (2011), in denen die Gruppen kein gemeinsames Bekenntnis zu einer politischen Instanz ablegen können und die staatlichen Institutionen von mindestens einer Gruppe in Frage gestellt werden. Die Unterscheidung von Souveränitäts- und Pluralismuskonflikten lässt mehr Spielraum als das Anderson’sche Kontinuum von ethnischen/ethnisch-nationalen/nationalen Konflikten, ist dabei aber weniger beliebig als die Auswahl der untersuchten Städte bei Bollens. Damit schließe ich nur diejenigen Städte ein, in denen Konflikte über einen längeren Zeitraum gewalttätig ausgetragen wurden, da diese die deutlichsten Folgen im Sinne der nachfolgend thematisierten räumlich sichtbaren Spuren und räumlichen Praxen der Bewohner*innen nach sich ziehen und damit erst für die Fragestellung dieser Arbeit interessant werden. Zudem machen nur manifest gewordene Konflikte eine offizielle Konfliktbeilegung und anschließende Friedenskonsolidierung, während der über den Umgang mit der Vergangenheit entschieden wird, überhaupt notwendig. In der Post-Konflikt-Phase muss der Auslöser eines Souveränitätskonflikts jedoch nicht mehr zwangsläufig tagespolitische Relevanz haben und die Gruppen können sich mit den staatlichen Institutionen arrangieren, sogar mit ihnen zusammenarbeiten. Durch das gemeinsame Bekenntnis zu einem politischen Regelwerk stehen in der Post-Konflikt-Phase zudem andere politische, gesellschaftliche und planerische Aufgaben im Vordergrund als im Falle eines noch manifesten Konflikts. Das Beispiel von Belfast/Nordirland zeigt, dass diese Unterscheidung durchaus eine praktische Relevanz hat: Die Identifikation der Bevölkerung mit zwei verschiedenen Nationalitäten und sogar Staaten (irisch oder britisch) und auch die rhetorische Kompromisslosigkeit in dieser Frage schließen mittlerweile

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die Akzeptanz gemeinsamer politischer Institutionen weder auf regionaler noch auf städtischer Ebene aus. Trotz etlicher, teilweise bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt anhaltender Rückschläge im Friedensprozess ist die Region politisch als stabil zu bezeichnen, die nordirische Versammlung und ihre Ministerien sowie die gewählten Vertreter*innen der lokalen Behörden werden von allen Parteien und weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert. Sogar die von der nationalistischen Gemeinschaft traditionell abgelehnte Polizei wird nach einer Reform nicht mehr als feindlich wahrgenommen (Gordon 2008). Im Karfreitagsabkommen wurde festgelegt, dass Nordirland so lange ein Teil des Vereinigten Königreichs bleibt, bis eine Mehrheit der Bevölkerung dies anders wünscht. Damit ist die Frage, zu welchem Staat Nordirland gehört, zwar nicht gelöst, sondern nur vertagt worden. Mit dieser Regelung scheinen aber alle Seiten vorerst einverstanden zu sein, so dass dieses Thema im politischen Tagesgeschäft kaum eine Rolle spielt. Häufig ist innerhalb von Souveränitätskonflikten eine Gruppe objektiv oder subjektiv benachteiligt, wodurch erst der Nährboden für eine Eskalation entsteht. Gerade in der Post-Konflikt-Phase können sich jedoch gesellschaftliche Machtverhältnisse deutlich ändern. Idealerweise werden in dieser Zeit zudem Verhältnisse geschaffen, in denen keine der Gruppen mehr marginalisiert wird, so dass dieser Teil der Definition von Gaffikin und Morissey v. a. für die manifeste Phase des Konflikts von Relevanz ist. Ich nehme zweitens als Konfliktursache an, dass die ethnische Zugehörigkeit als identitätskonstituierendes Gruppenmerkmal politisch instrumentalisiert wird. Dadurch nehmen sich die Gruppen gegenseitig als bedrohlich oder feindlich gesinnt wahr und politisch-ideologische und ethnische Identitäten überschneiden sich. Die Gruppenzugehörigkeit wird zum wichtigsten Kriterium für soziale Organisation, politische Zustimmung und Ressourcenallokation (Anderson 2008:1011). In der Post-Konflikt-Phase bleibt dieses Merkmal zumindest in Teilen bestehen, was auch mit unbewältigten Strukturmerkmalen aus dem Konflikt erklärt werden kann. Damit schließe ich nicht ethnopolitisch motivierte Ereignisse wie Naturkatastrophen oder rapides Wachstum wie bei Davis und Libertun de Duren oder Susser und Schneider als alleinige Konfliktursachen aus, wobei sie bereits vorhandene Konfliktlinien sicherlich verschärfen können (vgl. Davis und Libertun de Duren 2011, Susser und Schneider 2003). In mehreren Beiträgen wird zudem der Aspekt der „doppelten Legitimität“ (Kotek 1999) bzw. der homeland groups (Bollens, vgl. auch Anderson 2008) aufgegriffen, den ich als drittes Merkmal für sinnvoll erachte. Dadurch, dass alle Gruppen den gleichen Anspruch auf das städtische Territorium erheben und sich

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auf lange Siedlungskontinuitäten berufen können, ergibt sich eine besonders verhärtete Konfliktkonstellation, in der beide Gruppen auf ihrem angestammten Recht beharren.

5.2 B EDEUTUNG VON S TÄDTEN UND STÄDTISCHEN O RTEN IN ETHNOPOLITISCHEN K ONFLIKT KONSTELLATIONEN Innerhalb von gesamtgesellschaftlichen Konfliktkonstellationen wird Städten eine besondere Stellung zugesprochen, die zunächst unabhängig von der Konfliktphase und Austragungsform ist, und die unterschiedlich ausgefüllt werden kann. Davis und Libertun de Duren gehen davon aus, dass ethnopolitisch geteilte Städte nicht per se die Orte der Toleranz und der Transzendierung von Unterschieden darstellen, als welche sie seit Louis Wirth häufig beschrieben worden sind (2011:230, vgl. Colombijn und Erdentug 2002:1). Vielmehr sehen die Autorinnen gerade in Städten, wo viele unterschiedliche Lebensentwürfe und Wertvorstellungen auf engem Raum nebeneinander existieren, die Gefahr der Eskalation von Konflikten und verweisen auf die steigende Zahl von Städten mit Konfliktpotenzial. In diesem Sinne beschreiben auch Gaffikin et al. die Stadt als potenzielle „cradle for the wider societal tensions“ (2008:8-9). Für Bollens hingegen stellt sie ein „laborator[y] of democracy“ dar (2007a:240), was in etwa die Bandbreite der Sichtweisen auf die möglichen Rollen von Städten verdeutlicht. Anderson benennt Städte in gesamtgesellschaftlichen Konfliktkonstellationen weiterhin als „victims and protagonists“ (2008:7), Morrissey und Gaffikin bedienen sich der Metapher „stage and actor“ (2006:873). Beide Begriffspaare verweisen einerseits auf Orte, an denen der Konflikt und seine Auswirkungen am intensivsten ausgetragen und erlitten werden, die andererseits aber auch als einflussnehmend auf den Fortgang des Konflikts gesehen werden. Als „Bühne“ des Konflikts wird die Stadt von selbigem geprägt und gestaltet; Auseinandersetzungen finden in ihr besonders häufig und besonders heftig statt, so dass die Stadt auch als eines der „Opfer“ gelten kann. Beide Begriffe beziehen sich sowohl auf die physische Gestalt als auch auf die Lebensqualität der Bewohner*innen und ihre Möglichkeiten der Lebens- und Alltagsgestaltung. Gleichzeitig wirken Städte über lokale Politiken sowie zivilgesellschaftliche Praktiken auch selbst als „Akteurinnen“ bzw. als „Protagonistinnen“ auf die Konflikte ein. Im Folgenden erläutere ich zunächst einige Besonderheiten von Städten und städtischem Raum sowie die möglichen Rollen städtischer Akteur*innen, bevor ich in Abschnitt 4.3 die Auswirkungen von Konflikten in Städten (Städte als „Opfer“ und „Bühne“) vertiefe.

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5.2.1 Die besondere Stellung von Städten in ethnopolitischen Konfliktkonstellationen Städte werden häufig zu Epizentren der gewaltvollen und gewaltfreien Konfliktaustragung (Hepburn 2004, Horowitz 2000:381-189), zu „intensive microcosm[s] for the wider societal tensions and fragmentations, and their diverse related discourses“ (Gaffikin und Morrissey 2011:79). Zwar werden die Auswirkungen von Konflikten und Konfliktbearbeitung überall – unabhängig von Stadt oder Land – erst in ihren konkreten lokalen Ausprägungen für die Bevölkerung spürbar. Einige städtische Charakteristika tragen jedoch dazu bei, dass der Konflikt in der Stadt eine besondere Dynamik erhält. Dazu gehört z. B. die Nähe der Konfliktparteien zueinander, die ihr territoriales Verhalten und ihren Wunsch nach Homogenität und Rückzug verstärkt. Gleichzeitig sind die Konfliktparteien jedoch aufeinander angewiesen, um die Funktionsfähigkeit der Stadt aufrechtzuerhalten. Hinzu kommen die funktionale wie ökonomische Zentralität von Städten sowie ihre Symbolhaftigkeit, die in Abschnitt 5.2.2 ausführlich aufgegriffen wird (vgl. Bollens 1999:267). So trägt die räumliche Nähe der Konfliktparteien zueinander, manchmal in direkt aneinandergrenzenden Stadtteilen oder sogar in nebeneinanderliegenden Straßen oder Häusern dazu bei, dass die Gruppen sich in der Stadt stärker als auf dem Land begegnen und überhaupt miteinander beschäftigen müssen (Colombijn und Erdentug 2002). Die andere(n) Gruppe(n) wird bzw. werden im Alltag wahrgenommen und es sind Vergleiche mit der eigenen Lebenssituation möglich, wodurch die ethnopolitischen Konfliktlinien erst eine Relevanz für die Lebensführung von Individuen erhalten (Bollens 2002:12). Die Gruppen werden zu „intimate enemies“ (Bollens 1999:8). Der Wunsch nach Abgrenzung verschärft sich durch die tatsächliche räumliche Nähe und die Sichtbarkeit der anderen Gruppe(n) im Stadtraum. Er geht mit dem Bedürfnis einher, das jeweils gruppeneigene Territorium zu markieren und abzugrenzen, um es zu sichern (vgl. Hepburn 2006:3). Mit dem Rückzug in vermeintlich sichere ethnisch homogene Gebiete wird die Begegnung mit Mitgliedern der anderen Teilgruppe(n) unwahrscheinlicher und leichter zu umgehen. Die eigenen, exklusiv definierten Nutzungsrechte für einen Raumausschnitt verteidigen die Mitglieder einer Gruppe gegen Ansprüche der anderen (Baumann 2008:100-102, McVeigh und Rolston 2007:10). Aufgrund dessen finden an den Grenzen zwischen den Territorien der ethnischen Gruppen auch die meisten gewalttätigen Auseinandersetzungen statt (Horowitz 2002:381-383, vgl. auch Pullan 2011). Dieses territoriale Verhalten gilt als eine „powerful geographic strategy to control people and things by controlling area“ (Sack 1986:5), die aufgrund der starken Unsicherheit für alle Seiten in der Post-

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Konflikt-Zeit erhalten bleibt bzw. sich tendenziell noch verstärkt. Sie verschafft zudem der Gruppe und ihren Mitgliedern auch ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Gestaltungsmacht über das eigene Umfeld (vgl. Ben-Porat 2005:149). Die hohe Bevölkerungszahl und -dichte in den Städten erhöht weiterhin das Mobilisierungspotenzial für Organisationen aller (ehemaligen) Konfliktgruppen und damit auch die Bedeutung von Städten in ethnopolitischen Konfliktkonstellationen. Dissidente paramilitärische Organisationen können auch in der PostKonflikt-Phase noch Zulauf erhalten, da sie ihren Mitgliedern die Stabilität und die sicheren Wahrheiten bieten, die sie innerhalb der gesamtgesellschaftlich unsicheren Situation vermissen. In Städten haben militante oder extremistische Gruppierungen die besten Möglichkeiten, auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen und Mitstreiter zu rekrutieren (Bollens 2000:5). Gleichzeitig sind die Gruppen aber auch aufeinander angewiesen und müssen zusammenarbeiten, um die städtische Funktionsfähigkeit – z. B. die ökonomischen Funktionen oder auch Transport und Versorgung innerhalb der Stadt – aufrecht zu erhalten. Da zumeist keine totale Trennung der Gruppen und ihrer Aktionsräume möglich oder auch erwünscht ist, kommt es in den meisten Städten mit ethnopolitischem Konflikthintergrund durchaus zu alltäglichen Begegnungen und – zumindest in Zeiten ohne gewalttätige Konfliktaustragung – auch einem gewissen Austausch zwischen den Mitgliedern der unterschiedlichen Gemeinschaften (vgl. Davis und Libertun de Duren 2011:249, Pullan 2011:23, Hepburn 2004:3). 5.2.2 Symbolhaftigkeit von Städten – Orte als symbolische Medien in Post-Konflikt-Städten In Kapitel 3 wurde erläutert, dass Städte in ihrer Gesamtheit als Symbol gelten können; darüber hinaus finden sich in ihnen häufig aber auch viele symbolische, meist mit historischen Ereignissen verknüpfte Orte, die zur Herstellung und Festigung der Identität einer Gemeinschaft und/oder zur Darstellung derselben nach außen genutzt werden können. Dies gilt auch für Post-Konflikt-Gesellschaften, wo zudem eine sehr enge Verbundenheit der ehemaligen Konfliktgruppen mit historischen Ereignissen sowie deren Schauplätzen charakteristisch ist (Baumann 2008:105-109, McDowell 2007, Shirlow 2003a:88). Das Territorium stellt für die Gruppen somit mehr als nur einen bloßen Raumausschnitt dar, vielmehr werden ihm über Erinnerungen und Emotionen symbolische und überhöhte Bedeutungen zugeschrieben, so dass es selbst zum Identifikationsobjekt wird (vgl. Lederach 2005:132, Coakley 1993): “[T]he territory that is contested or destroyed is much more than bricks and mortar, beautiful terrain, or even prized ‚real-estate‘“

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(McEvoy-Levy 2012:4-5). Die Gruppe und ihr Territorium konstruieren und definieren sich gewissermaßen gegenseitig (vgl. Shimada 2010:28). Dadurch werden Debatten über den Stadtraum und seine Gestaltung zu „potent proxies for addressing unresolved and inflamed socio-political issues that are too difficult to directly confront after societal breakage“ (Bollens 2013:375). Diese lassen die dissonante Bedeutung vieler Orte offen zutage treten. Wenn diese Wechselbeziehung bzw. das Anrecht einer Gruppe auf ihr angestammtes Territorium durch eine andere in Frage gestellt wird oder die Sichtweisen auf einen Ort zu deutlich divergieren, können die vormaligen Konfliktlinien schnell wieder aufbrechen (vgl. Saltman 2002:3), gegebenenfalls wird das Territorium auch wieder gewaltsam verteidigt. Die Gemeinschaften greifen in solchen Fällen häufig auf die Geschichte zurück, um ihre Ansprüche zu legitimieren und legen dar, dass die Gruppe schon seit langer Zeit mit dem betreffenden Raumausschnitt verbunden ist (Gaffikin und Morrissey 2011:7). Lederach macht in diesem Zusammenhang die folgende Beobachtung in Belfast: „The past was alive, in fact, literally circulating in the streets each year in the parading season when violence would erupt around who had the right to remember what day in history, in which way and on whose geography“ (2005:134).

Diese legitimierende Funktion von Geschichte – und ihre Instrumentalisierbarkeit durch Selektivität und Subjektivität (Brown 2012:445) – ist nicht nur in Nordirland, sondern auch innerhalb anderer ethnopolitischer Konfliktkonstellationen beobachtbar, wie beispielsweise Pullan und Gwiazda anhand des archäologischen Projekts „City of David“ in Jerusalem illustrieren. Dort zielen israelische Siedler darauf ab, ihre territorialen Ansprüche im hauptsächlich von Palästinensern bewohnten Ostjerusalem durchzusetzen (2009, 2008). Die Gruppen nutzen verschiedene Arten von Markierungen, um zu kommunizieren, dass das Gebiet für andere „out-of-bounds“ ist (Boal 1987:114). Mithilfe von Symbolen werden Orte geschaffen, die das historische Narrativ der Gruppe visualisieren und so wichtige Elemente der Kultur und Identität der Gruppe darstellen (Baumann 2008:102-105, McDowell 2007:726, Ben-Porat 2005:149, Santino 2001). So beschreiben Morrissey und Gaffikin das Territorium einer Gruppe als „Leinwand“, auf der diese ihre Version der Geschichte darstellt (2006:875). Im Gegensatz zum Bild von der Stadt als Palimpsest, wo verschiedene Schichten übereinanderliegen und die Vielfalt an Einflüssen sichtbar ist, wird auf der gruppeninternen Leinwand nur eine Version der Geschichte gezeigt. Nach Brown erfüllen diese Orte und räumlichen Zeichen auch nach dem Konfliktende ein Bedürfnis nach Anerkennung von Leid und den erbrachten Opfern.

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Weiterhin unterstützen sie die Ideologie der Gruppe und stellen sie in einem Licht dar, in dem sie sich gerne sehen will, z. B. als diejenige, die im Konflikt für eine gerechte Sache gekämpft hat (2012:446). Dadurch bestätigen sie die Gruppenidentität und stellen erneut eine Verbindung zur Geschichte und den Orten und Räumen der Gruppe her (Graham und Whelan 2007:481). Auf „micronationalist […] territories“ werden so „multiple local pasts“ dargestellt, in denen sich die unüberbrückbaren Differenzen festigen können, die Gruppen weiterhin ihr Narrativ pflegen und kaum zur Reflexion oder gar zur Empathie mit der/den anderen Gruppe(n) angeregt werden (vgl. Graham und Whelan 2007:479). In ethnonational geteilten Städten können diese Territorien nur wenige Meter voneinander entfernt liegen (vgl. Brown 2012:454). Ein wichtiger Erinnerungsanlass ist häufig das Gedenken an die „Gefallenen“, also vor allem die verstorbenen Mitglieder paramilitärischer Organisationen, denen nicht selten größerer Wert beigemessen wird als den zivilen Opfern der Gewalt. An diesen Orten wird anderen Gruppen die Zugehörigkeit verwehrt, die Versicherung der Gruppenidentität findet auch über den Ausschluss von anderen statt (vgl. Ross 2013:98). Die Erinnerungshaltung ist unversöhnlich, wodurch die getrennten Erinnerungspraxen wiederum bekräftigt werden (vgl. Switzer und Graham 2009:157, Graham und Whelan 2007:488). Als weiterer Grund für die Symbolhaftigkeit von Städten gilt die Konzentration wirtschaftlicher und politischer Funktionen und Institutionen in der Stadt. Hinzu kommt, dass mit dem Konflikt zusammenhängende Ereignisse – wie z. B. Anschläge oder Ausschreitungen, aber auch politische Entscheidungen – auch über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen werden (vgl. Hills 2009:5). Dadurch kommen Städte besonders als potenzielles Ziel von Anschlägen und Angriffen in Frage. In Verbindung mit der Kriegszerstörung in den Städten des ehemaligen Jugoslawiens ist der Begriff „Urbizid“ geprägt worden. Er steht für eine Praxis, gezielt die symbolischen und historischen Orte der gegnerischen Gruppe, für ihre Kultur charakteristische Architektur und bedeutende (zivile oder gar multikulturelle) Institutionen zu zerstören, um ihren Mitgliedern auch psychischen Schaden zuzufügen (Bittner 2010b:146, Charlesworth 2006:102). Durch dieses Vorgehen entstehen wiederum Orte, die mit dem Konflikt verknüpft und potenziell als symbolisch wahrgenommen werden. 5.2.3 Einfluss städtischer Akteur*innen auf Konfliktverlauf und Friedenskonsolidierung Städte haben nicht nur eine symbolische Bedeutung inne, sondern politische und zivilgesellschaftliche Akteur*innen setzen in ihnen auch übergeordnete politische

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Maßnahmen um. Dazu gehören auch die im Rahmen des Friedenskonsolidierungsprozesses getroffenen Vereinbarungen, die zudem erst im lokalen Kontext greifbare Effekte zeigen (vgl. Maddison 2016: 248, Bollens 2000:19). Lederach bezeichnet lokale Akteur*innen daher als middle-level leaders, die schon während der manifesten Phase des Konflikts und noch stärker in der Post-Konflikt-Zeit wichtige Funktionen für den weiteren Verlauf des Konflikts übernehmen können (Lederach 2001:148). Dabei unterscheiden sich die Handlungsspielräume der Akteur*innen deutlich je nach Kompetenzen, Kapazitäten und dem Grad kommunaler Handlungsfähigkeit. Auch in der Post-Konflikt-Phase liegt es mit in der Verantwortung der städtischen Regierungen und Zivilgesellschaften, wie die Gruppen nach Jahren der gewalttätigen Auseinandersetzung ihr Zusammenleben organisieren und wie bzw. ob die „tangible benefits of peace to the streets and neighbourhoods of strife-prone cities“ erfahrbar werden (Bollens 1999:3). Zwar werden auch Friedensabkommen und das Ende von Bürgerkriegen auf der internationalen, nationalen oder regionalen Ebene verhandelt, und lokale Akteur*innen schaffen nicht losgelöst von übergeordneten politischen Ebenen Frieden. Ebenso wenig führen Veränderungen in der gebauten Umwelt oder der Planungspraxis automatisch zu erwünschten Verhaltensänderungen in der Bevölkerung (Bollens 2013:377). Jedoch beeinflussen städtische Akteur*innen in Zeiten der Unsicherheit „nach“ dem Konflikt das Zusammenleben in der Stadt und tragen beispielsweise dazu bei, neue Werte und positive Entwicklungen durch den Friedensschluss im Stadtraum sichtbar zu machen (Davis und Libertun de Duren 2011:10-11, Calame und Charlesworth 2009, Bollens 2007a:1-6, Charlesworth 2006). Ob ein Friedenskonsolidierungsprozess stabil bleibt oder nicht, hängt somit nicht nur von der nationalen bzw. regionalen Ebene ab, sondern wird auch von Ereignissen in der Stadt und Verhaltensweisen städtischer Akteure bestimmt, wie Bollens feststellt: „Urban accommodation without a national peace would leave the city vulnerable and unstable, but a national peace without urban accommodation would be one unrooted in the practical and explosive issues of intergroup and territorial relations“ (2000:xvii-xviii).

Die Kombination dieser und weiterer Kontextfaktoren (z. B. Einflussmöglichkeiten der lokalen Politiker*innen sowie der jeweiligen Zivilgesellschaften, Einstellungen der Bevölkerung, Institutionen, räumliche Gegebenheiten) wirkt in jeder Stadt anders und kann den Konflikt entweder abmildern oder verschärfen (Bollens 2000:7). Möglicherweise kann es von der Bevölkerung sogar auch erwünscht sein, die Trennung im Stadtraum auch in der Post-Konflikt-Phase weiter

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aufrechtzuerhalten, um ihr Bedürfnis nach Separation und Rückzug befriedigen zu können (Bollens 2013:377). Bollens unterscheidet in Anlehnung an Benvenisti (1986) und Yiftachel (Yiftachel 1995b) vier Strategien, die städtische Politik in (Post-)Konflikt-Kontexten verfolgen kann und die er als neutral, parteiisch, gleichstellend oder lösend klassifiziert (z. B. Bollens 2012): Die neutrale Strategie versucht, den Konflikt und seine Implikationen völlig außen vor zu lassen und Entscheidungen damit zu entpolitisieren – auch aus einer Unsicherheit heraus, wie mit der Situation umzugehen ist (Calame und Charlesworth 2009:166-170). Für die Ressourcenallokation werden technische Kriterien angewandt, die nicht immer die unterschiedlichen Lebensbedingungen der Gemeinschaften beachten. Die Wurzeln des Konflikts, so Bollens weiter, werden nicht bearbeitet. Die Planungsverantwortlichen interpretieren ihre Rolle eher als reaktiv und auf die pragmatische und ideologiefreie Lösung städtischer Problemstellungen beschränkt (vgl. auch Charlesworth 2006). Diese Einstellung lässt bestenfalls keine neuen Auslöser für Unruhen zu, unterbindet aber auch ein progressiveres Vorgehen. Stabilität und die Verhinderung von Gewalt stehen im Vordergrund und werden einer Transformation der Beziehungen zwischen den Gruppen vorgezogen. Als Beispiel für eine Stadt, in der diese Strategie angewandt wird, wird Belfast genannt (Bollens 2000:186-303). Diese Einschätzung wird von Gesprächspartner*innen in Belfast bestätigt (Alasdair Davidson/Sam Kendel 2010, Frank Gaffikin 2010, pers. Gespräche). Die parteiische Strategie als zweite Möglichkeit bringt die Akteur*innen hingegen klar dazu, sich auf die Seite der stärkeren und regierenden Gruppe zu stellen, um deren Dominanz zu untermauern. Die Anwendung dieser Strategie beobachtete Bollens in Jerusalem (2000:51-186), also in einem Kontext, in dem der Konflikt – bei kurzzeitigen und vorübergehenden Entspannungsphasen seit Bollens‘ Untersuchung in den späten 1990er Jahren – noch in vollem Gange ist. Die befragten Akteur*innen, überwiegend angestellte Stadtplaner*innen, sehen sich selbst als Beauftragte und Repräsentant*innen des Staats. Ihre Aufgabe liegt darin, nationalstaatliche Ideologien auf der städtischen Ebene durchzusetzen. Um die Sicherheit und Überlegenheit der israelischen Bevölkerung zu gewährleisten, wurden in Jerusalem die palästinensischen Wohngebiete in ihrem Wachstum behindert, fragmentiert und mit deutlich weniger Ressourcen bedacht (vgl. hierzu auch Pullan 2011, Yiftachel 1998 und das Konzept der ethnocracy). Als eine unvorhergesehene und vielleicht nicht unbedingt intendierte Auswirkung dieser Strategie waren die politische sowie die Sicherheitssituation damals (wie seitdem immer wieder) extrem angespannt. Von einem wirklichen Sicherheitsempfinden kann wohl für beide Seiten nicht gesprochen werden.

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Die dritte Strategie beabsichtigt die Gleichstellung („equity“) der Gruppen. Auch hier wird bewusst aufgrund der Gruppenzugehörigkeit der Stadtbewohner*innen gehandelt, allerdings mit dem Ziel, Ungleichheiten nach und nach abzubauen und vormalig unterprivilegierte Gruppen zu unterstützen. Als Beispiel für diese Strategie dient Johannesburg nach dem Ende der Apartheid, wo angestrebt wurde, die Wohngebiete der Schwarzen und Farbigen nach jahrzehntelanger Vernachlässigung aufzuwerten und die räumlichen Folgen wie Segregation, urban sprawl und eine zerrissene Stadtstruktur mit Pufferzonen zwischen „weißen“ und „nicht-weißen“ Wohngebieten abzubauen (Bollens 1999:155-264). Bei der Anwendung dieser Strategie wird angenommen, dass die Konfliktursachen überwiegend in den sozialen und ökonomischen Ungleichheiten der Gruppen liegen und ein Abbau dieser Ungleichheiten automatisch zu Frieden und besseren Beziehungen zwischen den Gruppen führt. Politisch-historische und gegebenenfalls auch strukturelle Gründe werden im städtischen Kontext nicht bearbeitet. Als viertes wird eine Lösungs-Strategie („resolver strategy“) genannt, die lokale Themen zu den Wurzeln des Konflikts in Beziehung setzt und damit über das bloße Management des Konflikts hinausgeht. Dabei wird angestrebt, die territorialen, symbolischen und ökonomischen Bedürfnisse jeder Gruppe und ihrer Räume zu beachten, ohne das „große Ganze“, also die gesamtstädtische Ebene, aus dem Auge zu verlieren. Die Anregung eines konstruktiven Dialogs zwischen den Gruppen im Rahmen des Friedenskonsolidierungsprozesses ist Teil der Strategie. Bollens räumt jedoch ein, dass es wahrscheinlicher sei, dass diese Strategie aus zivilgesellschaftlichen Initiativen oder interethnischen politischen Gruppen entspringe als dass sie von Vertreter*innen staatlicher Institutionen verfolgt würde, da erstere weniger weisungsgebunden seien und ohne die Rahmenbedingungen eines bürokratischen Staates agieren könnten (2000:26-27). Bollens nennt keine Beispielstadt für diese Strategie. Morrissey und Gaffikin (2006:876-879) kritisieren die Anwendbarkeit der von Bollens benannten Strategien. Sie legen ihren Arbeiten die normative Prämisse zugrunde, dass sich Akteur*innen der Stadtplanungs- und -entwicklungspolitik ihrer Verantwortung für den Konfliktverlauf, die sie aufgrund des engen Zusammenhangs von Stadt, städtischem Raum und ethnopolitischen Konflikten tragen, offensiver und proaktiver stellen müssten (Gaffikin und Morrissey 2011:4). Daher gehen sie davon aus, dass erstens auch bei noch so neutraler Intention die Auswirkungen einer städtischen Intervention gerade in ethnopolitisch geteilten Städten niemals neutral seien, da immer ein Einfluss auf die Konfliktparteien und ihre Umwelt bestünde. Zweitens setze parteiische Planung voraus, dass die Regierungsseite den Konflikt weiter am Leben erhalten und nicht beilegen will, was mit ihrer genannten grundlegenden Annahme nicht vereinbar ist. Die

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Gleichstellungsstrategie sei drittens deshalb kaum durchführbar, weil sozioökonomische Themen nicht von den tiefer liegenden Ursachen des Konflikts getrennt werden könnten. Im Zusammenhang mit der Lösungsstrategie halten sie viertens für problematisch, dass „nothing much can be changed until a lot is changed“ (Gaffikin und Morrissey 2006:877), man also kaum Schritt für Schritt vorgehen könne, sondern am besten alle Problembereiche gleichzeitig bearbeiten müsse. Sie beschreiben fünf weitere Planungsstrategien, die sie aus verschiedenen Zeiträumen Belfaster Stadtplanungs- und -entwicklungspolitik ableiten und in Stichpunkten umreißen (Gaffikin und Morrissey 2006:884). Diese sind: • •

• • •

Ignorant: Der Konflikt wird nicht beachtet, in der Hoffnung, dass er sich von selbst löst. Resigniert: Der Konflikt wird als Problem anerkannt, aber es herrscht Resignation bezüglich der Möglichkeiten städtischer Politik, darauf Einfluss zu nehmen. Schlichtend: Es werden infrastrukturelle Elemente wie Straßen oder Gewerbeflächen genutzt, um die Gruppen voneinander fern zu halten. Ambivalent: Es wird keine konsistente Strategie verfolgt, sondern situationsbezogen reagiert, um keine Seite zu verschrecken. Reaktiv: Die Verantwortlichen sind bereit, auf Vorschläge aus der Zivilgesellschaft einzugehen, ergreifen jedoch nicht selbst die Initiative.

Diese zusätzlichen Strategien überlappen sich m. E. zumindest in Teilen mit der Typologie von Bollens, z. B. können ein ignoranter oder schlichtender Ansatz auch als verschiedene Ausprägungen von Neutralität gelten. „Resigniert“ beschreibt wiederum weniger eine Strategie als einen Zustand, in den die Akteur*innen eintreten, wenn ihre Bemühungen für eine bessere Integration der ehemaligen Konfliktgruppen keinen Erfolg haben. Ich möchte an dieser Stelle nicht Argumente für oder gegen eine der Typologien aufzeigen oder abschließend klären, welche Strategien in welchen Städten und mit welcher Intention und welchen Wirkungen angewandt werden. Vielmehr geht es mir darum, darauf hinzuweisen, dass städtische Akteur*innen in Politik, Planung und Zivilgesellschaft auch in ethnopolitisch geteilten Städten über Handlungsspielräume verfügen und mit ihren Handlungen auch auf den Verlauf des Konflikts bzw. der Friedenskonsolidierung einwirken. In der Aufzählung von Morrissey und Gaffikin wird zudem deutlich, dass städtische Akteur*innen über eine Reihe von Möglichkeiten verfügen, eben nicht strategisch mit einem Konflikt bzw. nach dem offiziellen Ende des Konflikts mit seinen räumlichen Hinterlassenschaften umzugehen. Eine flexible, sich auf die jeweiligen lokalen Bedürfnisse

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einstellende Herangehensweise kann sicherlich in mancher Hinsicht hilfreich sein, da niemandem zu viel abverlangt wird (Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräch). Ohne übergeordnetes Ziel kann dadurch aber möglicherweise auch der Eindruck von Beliebigkeit oder des Ignorierens der für viele weiterhin wichtigen Konfliktvergangenheit entstehen (Rab McCallum/Bréandan Clarke 2010, pers. Gespräch). Die genannten Herangehensweisen städtischer Akteur*innen kommen u. a. im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten – als Planungsaufgaben im Rahmen des physischen Wiederaufbaus und als Ressourcen für kollektives Erinnern und kollektive Identität, die dem sozialen Wiederaufbau zugerechnet werden können – zum Ausdruck. Thema des folgenden Abschnitts sind die möglichen Formen räumlicher Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in Städten.

5.3 D AS RÄUMLICHE E RBE ETHNOPOLITISCHER K ONFLIKTE IN S TÄDTEN Es ist bis hierher sowohl deutlich geworden, welche Bedeutung Städte und symbolische städtische Orte für ethnopolitische Konflikte haben können, als auch, wie städtische Akteur*innen Einfluss auf den Verlauf von Konflikten und von Friedenskonsolidierung nach der Beilegung des Konflikts nehmen können. Es wirken allerdings nicht nur Städte auf ethnopolitische Konflikte, sondern die Konflikte verändern auch die Städte sichtbar und wirken sich auf die räumliche Entwicklung aus. Dadurch können wiederum symbolische Orte sowie vielfältige Folgen für die Bewohner*innen und fast alle gesellschaftlichen Bereiche entstehen. Für diesen Abschnitt habe ich eine Reihe von eher unsystematischen und oftmals auf eine Stadt oder ein Projekt konzentrierten Studien ausgewertet, um das breite Spektrum von möglichen raumbezogenen Auswirkungen von langanhaltenden innerstaatlichen Konflikten in Städten darzustellen2. Dabei sind Unterschiede, aber auch einige wiederkehrende Muster zu erkennen (vgl. Maddison 2016:232). Zu den räumlichen Hinterlassenschaften gehören sowohl materielle als auch immaterielle Elemente im Sinne räumlich beobachtbarer Praxen, sowohl bewusst gebaute oder gestaltete (Gedenk-)Orte als auch Orte, deren physische Form zwar

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Die Grundlage dieses Abschnitts bilden die in 5.1.1 zusammengefassten Beiträge sowie die dort aufgelisteten auf unterschiedliche Weise geteilten Städte (s. Tabelle 1 S. 111). Hinzu kommen ca. 35 weitere Texte, die keine konzeptionellen Überlegungen zu ethnopolitischer Teilung in Städten anstellen, sich aber mit einem ethnopolitischen Konflikt bzw. seinen Hinterlassenschaften in einer Stadt beschäftigen.

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durch ein Ereignis im Konflikt entstanden ist, die daraus entstandene Symbolik aber eher als nicht-intendierte Nebenfolge zu betrachten ist (vgl. Association of Critical Heritage Studies 2015). Entsprechend ist auch die historische Symbolik mehr oder weniger deutlich bzw. für die einzelnen Teilgruppen der Gesellschaft mehr oder weniger bedeutsam oder überhaupt bewusst. Wenige im Folgenden vorgestellte Elemente fallen ganz eindeutig nur unter eine der Überschriften, sondern sind meistens mehreren zuzuordnen, wie auch später bei der Einordnung der untersuchten Orte in Belfast deutlich werden wird. Manche räumliche Hinterlassenschaften des Konflikts wie Denk- oder Mahnmale werden gezielt zum Zwecke des Erinnerns errichtet. Andere werden erst nach der Konfliktbeilegung von einer der Gruppen angeeignet und zu Gedenkorten gemacht oder finden sogar Eingang in das offizielle Funktionsgedächtnis der Gesellschaft. Diese Orte sind Teil des Alltags vieler Bewohner*innen von Post-KonfliktStädten und lösen – deshalb oder trotzdem – vielfältige Emotionen aus, weshalb sie als Ressourcen für das kollektive Gedächtnis gelten können. Viele dieser Orte können als Schattenorte bezeichnet werden. Nach dem offiziellen Ende des Konflikts entscheiden lokale und überlokale politische und zivilgesellschaftliche Akteur*innen in einem manchmal zähen Aushandlungsprozess über die Zukunft der räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts. Einige der durch den Konflikt entstandenen Orte erhalten aufgrund ihrer Geschichte und der unterschiedlichen Interpretationen der Konfliktgruppen eine starke symbolische Qualität, so dass ihre weitere Entwicklung und Gestaltung zu einem sensiblen Thema werden und u. U. zu neuen Konflikten führen können. Potenziell sind alle vom Konflikt geprägten Orte symbolisch, nicht bei allen ist die symbolische Bedeutung jedoch auch bewusst. Bei der Neunutzung oder -gestaltung nach dem Ende des Konflikts offenbart sich aber möglicherweise eine implizite oder unterbewusste Symbolik, die sich z. B. in erhitzt geführten Debatten über die Zukunft des Orts äußern kann. Nach der Auswertung der Fallstudienliteratur lassen sich sechs teilweise überlappende und sich gegenseitig bedingende Typen von räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in der Stadt ausmachen: Dazu gehören erstens die territoriale Aufteilung der Stadt in zwei Hälften oder auch mehrere Enklaven, wobei das Stadtzentrum möglicherweise von allen Bevölkerungsteilen genutzt wird. Als Folgen von Teilung und Segregation entstehen zweitens weitere Orte, die häufig mit der Zeit als ganz normale Bestandteile des Alltags wahrgenommen werden. Ein Beispiel dafür sind Mauern, Zäune oder andere Barrieren, welche die Konfliktgruppen voneinander fernhalten sollen. Drittens beschreibe ich durch Investitions- und Renovierungsstau, Vernachlässigung und

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Zerstörung dysfunktional gewordene Orte, die aber zum Teil aufgrund der territorialen Situation oder ihrer Symbolik nicht einfach „wiederhergestellt“ werden können. Viertens sind einzelne Gebäude, Ensembles oder Anlagen zu nennen, die aufgrund ihres Zwecks (z. B. Hochsicherheitsgebäude der Polizei oder Armee, Gefängnisse) in enger Verbindung mit dem Konflikt stehen und – je nach Interpretation durch eine der ehemaligen Konfliktgruppen – z. B. als Orte der Unterdrückung oder der Gerechtigkeit eine symbolische Bedeutung erlangen. Fünftens entstehen auch noch nach der Konfliktbeilegung Gedenkorte, die mit einem Ereignis aus dem Konflikt in Verbindung stehen und für eine oder mehrere Gruppen eine symbolische Bedeutung haben, weil dort Gruppenmitglieder als Helden verehrt und/oder als Opfer betrauert werden. Die sechste Form von Hinterlassenschaften unterscheidet sich von den anderen, da sie keine konkreten Orte umfasst, sondern vielmehr die räumlichen Praxen der Stadtbewohner*innen, die sich als direkte oder indirekte Folge des Konflikts während seiner manifesten Phase herausbilden und auch nach der Konfliktbeilegung aus Gewohnheit oder Angst beibehalten werden. Diese sind zwar nicht explizit Teil meiner empirischen Untersuchung, sind jedoch klar auch räumliche Folgen des Konflikts und gehören daher in diese Aufzählung. 5.3.1 Territoriale Aufteilung Die wohl hervorstechendste Auswirkung ethnopolitischer Konflikte in Städten und gewissermaßen die Voraussetzung für etliche der anderen Elemente ist die Aufteilung des Stadtgebiets in den Konfliktgruppen zugeordnete Bereiche. Die Gebiete der Gruppen grenzen zwar häufig direkt aneinander, ihre Wege überschneiden sich jedoch nicht. Die Mitglieder jeder Gruppe sind dadurch in ihrer Mobilität eingeschränkt, da mit dem Beginn des Territoriums einer anderen Gruppe ihre Bewegungsfreiheit endet. Die territoriale Organisation der Stadt bekommt damit auch eine politische Bedeutung, der Raum selbst wird symbolisch aufgeladen und ist eng mit dem Verlauf des Konflikts verknüpft (vgl. Shirlow 2003a:78, Shirlow 2003b:77). Demographische Veränderungen der Konfliktgruppen mit territorialen Auswirkungen können daher die Spannungen erhöhen (Gaffikin und Morrissey 2011:207). Die Ausprägungen territorialer Aufteilung sind vielfältig und reichen von einer klaren Zweiteilung bis hin zu einer mosaikartigen Fragmentierung mit nur für Insider lesbaren Markierungen (Calame und Charlesworth 2009:8-10, Hepburn 2004:7). Entsprechend unterscheiden sich auch der Grad sowie die Rigidität der residentiellen Segregation der Konfliktgruppen (vgl. Hepburn 2004:231). So wird in Nikosia nicht nur die Stadt durch die so genannte Green Line in zwei ethnisch

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homogene Teile geteilt, diese Grenze ist vielmehr sogar Teil einer Staatsgrenze zwischen der Republik Zypern und der Türkischen Republik Nordzypern und war bis vor wenigen Jahren nur für wenige Menschen passierbar (vgl. Bakshi 2012: 481, Kliot und Mansfeld 1999:189). Andere Städte, z. B. Mostar oder Jerusalem, weisen eine – manchmal ebenfalls als Green Line bezeichnete – Trennungslinie auf, deren Durchlässigkeit sich mit dem Eskalationsgrad des Konflikts ändern kann (Calame und Charlesworth 2009:84, 104). Weiterhin ist es möglich, dass wie in Beirut oder Belfast mehrere eher kleinteilige Gebiete unterschieden werden, deren Grenzen sich z. B. im Zuge von Kampfhandlungen oder demographischen Veränderungen verschieben können (vgl. Calame und Charlesworth 2009:38, Shirlow 2008:78). So entstehen mehrere nach ethnischen Gesichtspunkten segregierte Enklaven, die als „patchwork quilt“ (Gaffikin und Morrissey 2011:204) oder „mosaic“ (Shirlow 2008:78) beschrieben werden. Das Stadtzentrum kann sich wie in Belfast oder in Beirut vor der Eskalation des Konflikts als neutrale, von allen genutzte Zone etablieren, da die dort konzentrierten Funktionen und Institutionen von der gesamten Bevölkerung nachgefragt werden. Es ist jedoch nicht unbedingt möglich, diese Neutralität gezielt herbeizuführen, wie das Beispiel von Mostar nach dem Ende des Jugoslawienkrieges zeigt: Dort sahen die Pläne der internationalen Gemeinschaft vor, das Zentrum als neutrale Zone zu etablieren. Von der Bevölkerung wurde dieser Plan allerdings nicht unterstützt, so dass das Zentrum zum Zielbereich strategischer Ansiedlung von Institutionen wurde, welche die Territorien der jeweiligen Gruppe kennzeichnen sollten (Bollens 2007a:190, Bollens 2006:114). In anderen Städten wie z. B. Jerusalem gibt es kaum neutrale Gebiete, in denen sich die Einwohner*innen frei und in ihrer Gruppenzugehörigkeit unerkannt bewegen können (vgl. Bollens 2000:63). Besonders während gewalttätiger Phasen innerhalb des Konfliktverlaufs kann es zu freiwilligen oder erzwungenen Umsiedlungen von Personen kommen, die in einem „falschen“ Stadtteil leben, wodurch sich die räumliche Trennung der Gruppen weiter verhärtet. In den ausgewerteten Studien wird von phasenweise ablaufenden signifikanten Bevölkerungsbewegungen innerhalb der Stadt und Vertreibungen in andere Regionen berichtet, wodurch sich auch ehemals gemischte Stadtteile zwangsweise homogenisieren (vgl. Calame und Charlesworth 2009:118, Mesev et al. 2009:894, Charlesworth 2006:58, Shirlow 2003a:81, Boal 2002:688, Doherty und Poole:185). Viele Bewohner*innen ziehen sich auch „freiwillig“ in Stadtteile zurück, in denen ihre Gruppe eine stabile Mehrheit stellt, da sie sich dort sicherer fühlen. Dieses Sicherheitsgefühl kann jedoch trügerisch sein, da häufig gerade an den innerstädtischen Grenzen die meisten Todesfälle und Gewalttaten zu verzeichnen sind (Calame und Charlesworth 2009:76). Bei klar abgegrenzten Territorien sind

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Ziele paramilitärischer Attacken leichter zu identifizieren (Boal 2002:693). Besonders im Falle von patchworkartigen Siedlungsmustern ist es einfach, Menschen über ihre Bewegungen innerhalb der Stadt einer Gruppe zuzuordnen und allein aufgrund dieser Zugehörigkeit willkürlich anzugreifen (vgl. Calame und Charlesworth 2009:50, Mesev et al. 2009:900). Aber auch an Grenzübergängen innerhalb einer „Green Line“ kann es zu gezielten Anschlägen auf Mitglieder einer anderen Gruppe kommen (vgl. Calame und Charlesworth 2009:97). Die Zivilbevölkerung wird zur „leichten Beute“ (Gaffikin und Morrissey 2011), was sich weiter restriktiv auf das öffentliche Leben und Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände auswirken kann (vgl. Calame und Charlesworth 2009:50). 5.3.2 Städtebauliche Auswirkungen des Konflikts Die städtebaulichen Auswirkungen stehen mit der territorialen Organisation der Konfliktgruppen in enger Verbindung und ergeben sich teilweise daraus. Dazu zählen Maßnahmen, welche die Konfliktgruppen voneinander fernhalten und gegebenenfalls zu ihrer Überwachung dienen sowie die intendierten und nichtintendierten Folgen, die daraus entstehen. Diese Maßnahmen werden oftmals während besonders gewalttätiger Phasen ergriffen, um die Bevölkerung zu schützen. Nach dem Ende des Konflikts bestehen diese Elemente aber fort und verändern sich nur durch einen sehr aufwändigen Umbau, dessen Ziele und Ausgestaltung zudem häufig umstritten sind. Der Aufbau physischer Barrieren zwischen Gebieten, die verschiedenen Gruppen zugeordnet werden, verfestigt die territoriale Aufteilung der Stadt zusätzlich. Oftmals entstehen diese als Provisorium, um eine eskalierte Gewaltsituation kurzfristig unter Kontrolle zu bringen und z. B. Straßenschlachten einzudämmen (vgl. Calame und Charlesworth 2009:134, Shirlow 2003b:81, Boal 2002:692-693). An diesen Barrieren werden viele Straßen zu Sackgassen, die plötzlich an einer Mauer, einem Stacheldrahtzaun oder (im Falle von provisorischen Barrieren) einem aufgeschichteten Haufen aus Sandsäcken, Abfällen und anderen unattraktiven Gegenständen enden. Sie schränken die Mobilität weiter ein, unterbrechen die Transportsysteme und verändern die Bewegungsmuster der Bewohner*innen (vgl. Oktay 2007:239, Gebhardt und Schmid 1999:211). Wege, die benachbarte Viertel miteinander verbinden, werden geschlossen oder als zu gefährlich wahrgenommen und nicht mehr genutzt. Es ist möglich, dass beim Straßen- und Städtebau die Interessen der Sicherheitskräfte einbezogen werden, was als „security planning“ bezeichnet wird (vgl. Brand 2009a:43, Boal 1996:157, Murtagh 1993:18): Weitere Sackgassen werden gezielt geplant, beispielsweise um

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„kritische“ Wohnsiedlungen schnell und mit minimalem Aufwand sichern zu können oder Fluchtwege für Angreifer zu verringern. Andere Straßen werden so entworfen, dass sie schweren Armeefahrzeugen die Durchfahrt erlauben (Brand 2009b:2675).3 Auch in der Post-Konflikt-Phase können diese Grenzen – mehr als „mental divide“ denn als tatsächliche Barriere (Charlesworth 2006:59) – bestehen bleiben, so dass sich die Teilung der Stadt und die Segregation der Bevölkerung zunächst kaum verändern (vgl. Calame und Charlesworth 2009:105, Bollens 2006:90, Charlesworth 2006:61, Kliot und Mansfeld 1999:219). Dadurch wird es kompliziert, eine der neuen politischen Situation angemessene räumliche Lösung für diese Orte zu finden. Selbst wenn sich die Einstellung zu den Barrieren ändert und sie nicht mehr als notwendig erachtet werden, ist das Einreißen einer Mauer nicht die einzige notwendige Maßnahme, um einen solchen Ort zu verändern und wieder funktionsfähig zu machen, da die ganze Umgebung auf die Existenz der Mauer und auf die Verhinderung von Konfliktpotenzial ausgerichtet ist. Weitere, daraus entstandene gebaute Strukturen – ganz zu schweigen von den sozialen – müssten also ebenfalls in den Prozess einbezogen werden, um wirklich eine Veränderung zu bewirken. Bis dies geschehen kann, bleibt eine Integration der Gruppen auf der räumlichen wie der sozialen Ebene schwierig (vgl. Bollens 2013:378, Bollens 2006:100, Kliot und Mansfeld 1999:214). Weitere städtebauliche Elemente der Teilung können Barrieren oder Checkpoints z. B. rund um den Stadtkern sein, die bei Bedarf geschlossen werden, um unliebsame Gruppen und Einzelpersonen fernhalten können (Bollens 2000:64, OECD 2000:27, Boal 1996:154). Hinzu kommen gewachsene oder eigens angelegte Pufferzonen zwischen den Gebieten der Gruppen, z. B. in Form von Freiflächen, breiten Straßen, Schienentrassen oder Gewerbegebieten (Murtagh 2002:57). 5.3.3 Verfall und Dysfunktion Während langanhaltender innerstaatlicher Konflikte wird das Stadtbild sowohl durch Anschläge oder Zerstörungen während Kampfhandlungen als auch durch Verfall und Vernachlässigung verändert. Wie oben angesprochen sind Städte besonders häufig „Opfer“ von gewalttätiger Zerstörung: Hier wird die höchste mediale Aufmerksamkeit garantiert und Anschläge können besonders wirkungsvoll inszeniert werden (vgl. Boal 1996:155). Solcherlei Angriffe konzentrieren sich in 3

Diese Strategie ist kein auf ethnopolitische Konflikte begrenztes Phänomen, sondern wird auch beim Stadtumbau von Paris durch den Präfekten Haussmann unterstellt. In aktuellen Kontexten ohne innerstaatlichen Konflikt dürften solche Erwägungen jedoch selten eine Rolle spielen.

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einigen Städten vornehmlich auf das oftmals eher neutrale und von allen genutzte (historische) Stadtzentrum, in dem traditionell die meiste Interaktion zwischen den Konfliktgruppen stattfindet und wo die meisten funktional oder symbolisch bedeutsamen Orte liegen (vgl. Calame und Charlesworth 2009:142). Hinzu kommen Spuren von Vernachlässigung, die Orte dysfunktional oder nicht mehr im eigentlichen Sinne nutzbar werden lassen. So entstehen an den Grenzen zwischen den Territorien – egal ob kleinteilig oder gesamtstädtisch – verschiedener Konfliktgruppen oftmals „zones of abandonment“ (Boal 1996:153154, vgl. auch Bollens 2000:59, Calame und Charlesworth 2009:77). Besonders dort, wo der Stadtkern durch eine „Green Line“ geteilt wird, entsteht leicht ein Niemandsland „devoid of human activity“ (Pullan 2011:27). Grenzen und Pufferzonen werden zu selbstverständlichen, teilweise dominanten Bestandteilen des Stadtbilds (Koureas 2010:170, Murtagh 1993:15). Sogar die Telekommunikations- und Transportverbindungen zwischen den Sektoren können abreißen, wodurch die Trennung der Gruppen noch schwerer zu überwinden wird (vgl. Charlesworth 2006:60). Die angespannte Sicherheitslage kann zu einer starken Bevölkerungsabwanderung führen. Geschäfte und Büros werden geschlossen, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen werden unbenutzbar und siedeln an sicherere Orte um (vgl. Charlesworth 2006:199, Schmid 2002, Doherty und Poole:185, McGivern 1993:26). Sogar in ehemals dynamischen Stadtvierteln kommt das öffentliche Leben zumindest zeitweise zum Erliegen (Bakshi 2012:483). Gebäude – oftmals auch architektonisch oder für eine der Gruppen symbolisch wertvolle (Bakshi 2012:479) – und öffentliche Anlagen werden zerstört. Flächen fallen brach, Müllberge lassen städtische Gebiete noch ungepflegter erscheinen (vgl. Koureas 2010:167/173, Bollens 2007a:185, Oktay 2007:234-236). Noch nutzbare verlassene Gebäude bleiben möglicherweise leer oder werden eigentlich unerwünschten Nutzungen zugeführt, ehemals beliebte und prestigeträchtige Wohn- und Geschäftslagen verlieren stark an Attraktivität und werden nur noch z. B. als Rotlichtbezirke, Open Air-Märkte oder von kleineren Gewerbebetrieben genutzt, in manchen Fällen auch zu Militärstützpunkten umfunktioniert (vgl. Bakshi 2012, Koureas 2010, Calame und Charlesworth 2009:52/98/122, Oktay 2007:234-236, Charlesworth 2006:86, Kliot und Mansfeld 1999:184/190, Gebhardt und Schmid 1999:211,). Dadurch kann es zu Plünderungen der verlassenen Gebäude kommen (vgl. Charlesworth 2006:60). Zudem ist das Image dieser Gegenden häufig sehr negativ, so dass sie als mindestens unattraktive oder gar gefährliche Wohn- und Gewerbestandorte gelten (vgl. Murtagh 2002:47). Auch wenn das Stadtzentrum noch nutzbar bleibt, so kann es durch die beschriebenen Entwicklungen dennoch stark an Aufenthaltsqualität verlieren und zu

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einem Ort der Angst und Unsicherheit werden. Als solcher wird es nur gezielt für Besorgungen aufgesucht und besonders nach Geschäftsschluss gemieden (vgl. OECD 2000:27, Berry und McGreal 1993:194). Je heruntergekommener eine Stadt dadurch wirkt, desto weniger Investitionsanreize gibt es wiederum und es kommt zu einer Abwärtsspirale von Gewalt, Verfall und Desinvestition (OECD 2000:27). Das Image der Stadt als Ganzes verschlechtert sich, bei Gewerbetreibenden wie bei der Wohnbevölkerung macht sich Pessimismus breit (OECD 2000:27). Die verlassenen und verfallenen Gebiete wirken weiter „visually demoralizing“ (Oktay 2007:238). Für private wie staatliche Investoren sind die Anreize zum Wiederaufbau so lange gering, wie noch offene Kampfhandlungen stattfinden, da eine erneute Zerstörung jederzeit eintreten kann (vgl. van Gennip 2005:58). In der Post-Konflikt-Phase „normalisieren“ sich gerade die Stadtzentren häufig recht schnell, da die Stadt als Investitionsstandort plötzlich attraktiv wird und der Investitions- und Renovierungsstau aufgelöst wird. Suburbanisierung bis hin zur Zersiedelung sind weitere mögliche Folge des Prestigeverlusts der Innenstadt: Auch aus Angst vor der weiteren Konzentration von Gewalt im Stadtzentrum werden gegebenenfalls – wie in Belfast in den 1970er und 1980er Jahren – die Verlagerung von Einzelhandel, Unternehmen und Wohngebieten in außerhalb gelegene Gebiete forciert (Gaffikin und Morrissey 2011:115, Nagle 2009:184, McEldowney et al. 2001:100). 5.3.4 Zweckgebäude als Symbole Nicht nur die Städte in ihrer Gesamtheit, sondern auch einzelne Gebäude oder Ensembles von Gebäuden können durch ihre Funktion oder Symbolkraft besonders als Ziel von Anschlägen in Frage kommen. Hierunter fallen beispielsweise Armee- oder Polizeistationen, Justizgebäude, Gefängnisse und andere Orte, an denen eine Gruppe ihre Herrschaft über die andere demonstriert oder auch Mitglieder mehrerer Gruppen gefangen genommen, inhaftiert, möglicherweise gefoltert wurden (vgl. Flynn 2011, Brand 2009b, Brand 2009a:36-37). Gebäude mit politischer Funktion wie Parlamente oder Ministerien können ebenso hierunter gefasst werden (Neill 2001a:16-17). Einige dieser Gebäude verfügen über einen hohen architektonischen bzw. denkmalpflegerischen Wert, was aber in der Post-Konflikt-Zeit nicht unbedingt als Argument zu ihrer Erhaltung herangezogen wird (vgl. Mürbe 2007:109-110, Schofield et al. 2002:7).

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5.3.5 Konfliktbezogene Gedenkorte Bereits während des Konflikts und mehr noch nach seinem Ende entstehen Gedenkorte, wo an Mythen, besondere Ereignisse im kollektiven Gedächtnis der Gruppe oder wichtige Führungsfiguren erinnert wird oder auch kulturelle Aspekte der anderen Gruppe diffamiert werden (vgl. Hepburn 2004:226, Boal 2008 [1969]:357). Diese Orte nehmen die sich wechselseitig ausschließenden historischen Narrative der Gruppen auf. Manchmal werden sie inoffiziell oder in einer legalen Grauzone gestaltet. Viele Gedenkorte befinden sich auf dem Territorium einer der Gemeinschaften und ihre Botschaft bzw. das mit ihnen verknüpfte Ereignis richtet sich klar nur an die eigene Gruppe und schließt die andere(n) ebenso klar aus, womit die Erinnerung an die eigenen Toten über die an die anderen gestellt wird (Brown und Mac Ginty 2003:99). Gräber, Denk- oder Mahnmale oder so genannte memorial gardens stellen mögliche Gedenkorte dar, aber auch verschiedene Formen künstlerischen Ausdrucks wie Wandmalereien oder Skulpturen lassen sich diesem Typus zurechnen. In manchen ethnopolitischen Konfliktkonstellationen können sogar Kulturerbestätten oder archäologische Ausgrabungen wie die oben erwähnte „City of David“ in Jerusalem zu symbolischen Gedenkorten stilisiert werden, da sie die historische Verknüpfung einer der Gruppen mit der Stadt dokumentieren und ihr und damit auch dem politischen Anliegen der Gruppe Legitimität verleihen (vgl. Pullan 2011:21, Hepburn 2004:227). 5. 3.6 Räumliche Praxis Vertreibungen und ethnische Säuberungen, die oben als Auswirkungen ethnopolitischer Konflikte beschrieben wurden, sind Extreme, die selbst in Zeiten offen gewalttätiger Konfliktaustragung eher eine Ausnahmesituation darstellen. Doch auch in ruhigeren Zeiten und noch lange nach der offiziellen Konfliktbeilegung werden viele Bereiche des alltäglichen Lebens der Stadtbewohner*innen von im Konflikt erlernten Verhaltensmustern bestimmt, die teilweise eine räumliche Relevanz haben. Diese hängen weiterhin mit dem Bedürfnis nach Rückzug in die eigene Gemeinschaft zusammen und bleiben daher auch in der Post-KonfliktPhase zunächst noch bestehen. Neben der residentiellen Segregation, die mit der Teilung der Stadt in den Gruppen zugehörige Territorien einhergeht, entsteht zusätzlich eine Segregation von Aktivitäten (Boal 2008 [1969]:349). Dadurch wird die Mobilität der Bewohner*innen ethnopolitisch geteilter Städte eingeschränkt, da sie zu bestimmten Stadtteilen keinen Zugang haben oder haben wollen (vgl. Hays 2010:366). Die

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Teilung bleibt im Friedenskonsolidierungsprozess zunächst in den Köpfen der Menschen verankert, auch wenn eine reale Gefahr vielleicht längst nicht mehr existiert (Rab McCallum 2010, pers. Gespräch). Dies bedeutet auch, dass Arbeitsstellen in diesen Stadtteilen nicht in Frage kommen und der städtische Arbeitsmarkt de facto geteilt ist. Den Erwerbstätigen oder Arbeitssuchenden steht nur der Teil der Stellen zur Verfügung, der auf dem Territorium der eigenen Gruppe oder gegebenenfalls im neutralen Zentrum liegt. Geschäftliche oder andere oberflächliche Interaktionen mit Mitgliedern der anderen Gruppe(n) lassen sich natürlich nicht immer vermeiden, wobei in solchen Fällen häufig eine übertriebene Freundlichkeit an den Tag gelegt wird (Santino 2001:61, Harris 1972). Weiterhin sind Alltagsbesorgungen wie Arztbesuche, Behördengänge oder Einkäufe nur mit erhöhtem Aufwand zu erledigen, weil Umwege in Kauf genommen werden, um Gebiete der anderen Gruppe zu umfahren (vgl. Hays 2010:366). In einigen Städten werden daher manche Dienstleistungen und soziale Infrastrukturen wie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Freizeit- oder Jugendzentren doppelt zur Verfügung gestellt, was eine starke Belastung für die öffentlichen Kassen darstellt (Belfast City Council und Deloitte 2008). Die Bewohner*innen werden durch weitere Wege und lange Pendelzeiten auch in der Länge und Gestaltung ihrer Freizeit beeinträchtigt (Davis und Libertun de Duren 2011:231, Hays 2009:341/366, Calame und Charlesworth 2009:227-232, Kliot und Mansfeld 1999:199-201). Personen, die sich in so einem Patchwork von Territorien bewegen, können relativ leicht zu einer Gruppe zugeordnet werden, wodurch besonders Zivilisten gefährdet sind oder sich als gefährdet wahrnehmen. Für Belfast ist dokumentiert, dass gerade Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadtvierteln nach wie vor kaum ihr Wohnumfeld verlassen, was nicht nur ihre räumliche, sondern auch die soziale Mobilität einschränkt (vgl. Murtagh und Murphy 2011:68). Für Kinder und Jugendliche aus privilegierteren Familien beschränkt sich die Kenntnis der Stadt auf Fahrten mit dem Auto (Murtagh und Murphy 2011:72). Es wird vermutet, dass eine mit dieser Situation als Normalität aufwachsende Generation sich in der Post-Konflikt-Zeit noch schwerer eine Veränderung dieser Situation vorstellen kann, wodurch sich die genannten Mechanismen perpetuieren (Calame und Charlesworth 2009:227-228). Mit einem Konflikt verbundene Gewaltanwendung kann körperliche Verletzungen bis hin zu Todesfällen zur Folge haben. Mindestens sind mit konfliktbezogenen Einschüchterungen und Umsiedelungen aber Verluste an sozialen Netzwerken, Wohnungen sowie materiellen Gütern verbunden, da ein Großteil des Eigentums zurückgelassen werden muss (vgl. Calame und Charlesworth

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2009:139). Oft gehen mit einer solchen Erfahrung weiterhin psychische und physische gesundheitliche Probleme einher (vgl. Calame und Charlesworth 2009:227). Die symbolische Aufladung des Raums und die Verknüpfung mit der jeweiligen Gruppenidentität hat zudem zur Folge, dass ein „natürlicher“ Bewohnerwechsel, wie er sich an anderen Orten konstant vollzieht (manchmal auch mit negativen Folgen, vgl. z. B. seit einigen Jahren stattfindende Gentrifizierungsdebatten), verhindert wird oder sich zumindest stark verlangsamt. Auch entgegen rationaler Abwägungen und demographischer Notwendigkeiten wird zuweilen stur darauf beharrt, dass ein Straßenzug oder eine Nachbarschaft zum Territorium der eigenen Gruppe gehört, nur damit „die anderen“ sich dort nicht ansiedeln können (vgl. Hepburn 2004:8). Diese Einstellung kann beispielsweise dazu führen, dass neu gebaute Wohnungen in Grenzgebieten nie bezogen oder direkt nach ihrer Fertigstellung wieder zerstört werden oder langsam verfallen, wenn eine Gruppe zwar Bedarf hat, die andere es aber nicht zulässt, dass sie die traditionellen Grenzlinien überschreitet und sich damit fremdes Territorium zu eigen macht (vgl. Shirlow 2008:79, McGivern 1993:27). Weiterhin können Privathäuser oder gar ganze Siedlungen festungsartig gestaltet oder mit Überwachungsanlagen versehen und von Sicherheitsdiensten weiter geschützt werden, wenn sich ihre Bewohner unsicher und bedroht fühlen. Dies ist beispielsweise der Fall für einige jüdische Wohnanlagen in Jerusalem, wo die Angst vor Anschlägen extremistischer Palästinensergruppen sehr hoch ist (vgl. Pullan 2011:17), oder für von Weißen bewohnte Stadtteile Johannesburgs, in denen laut Bollens seit dem Ende der Apartheid ein „general sense of paranoia“ vorherrscht (1999:168). Häufig markieren die Gruppen ihre Teile des Territoriums, um ihr Anrecht darauf zu kommunizieren (Boal 1987:114). Möglichkeiten der Markierung sind Wandmalereien, auf denen historische Ereignisse dargestellt werden, ebenso Flaggen, Wimpel und andere Elemente der „Straßendekoration“ wie Plaketten, Embleme und Logos, Barrikaden oder Spruchbänder, Sticker, Poster und sogar bestimmte symbolträchtige Blumen. Manchmal werden zusätzlich temporäre oder situationsabhängige Markierungen verwandt, so zum Beispiel Paraden und Straßenumzüge, bestimmte, mit einer Gruppe assoziierte Kleidung, das Abbrennen riesiger Feuer, das lautstarke Abspielen von Predigten oder religiös oder kulturell eindeutig zuordenbarer Musik, der Verkauf von mit einer der Gruppen assoziierter Tageszeitungen oder anderer Waren (vgl. Bakshi 2012:483, Brown 2012:453, Bell et al. 2010:13, Brand 2009a:45-54, Graham und Whelan 2007:480, Santino 2001).

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5.4 „N ORMALISIERUNG “

IN DER

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Das Spektrum von Schattenorten, die ethnopolitische Konflikte in Städten hinterlassen, ist vielfältig und bleibt über einen langen Zeitraum bestehen. Auch der in Kapitel 3 festgestellte Rückzug der Gemeinschaften trägt in der Post-KonfliktZeit zusätzlich dazu bei, dass Veränderungen an der gebauten Umwelt schwierig zu realisieren sind. Gleichzeitig kann noch eine weitere gesellschaftliche Strömung beobachtet werden, die in gewisser Weise im Widerspruch zu Rückzug und Innenorientierung steht, und die ich im Folgenden als „Normalisierung“ bezeichne. Für die unterschiedlichen Teile der Bevölkerung hat diese Tendenz eine unterschiedlich starke Bedeutung. Unbewältigte Strukturmerkmale koexistieren in der Post-Konflikt-Phase mit, wie Rolston und McVeigh es formulieren, Merkmalen „zivilisierter“ Gesellschaften, wodurch es zu widersprüchlichen, geradezu ungleichzeitigen Entwicklungen kommt (2007:10). „Normalisierung“ als gesellschaftliche Entwicklungstendenz wird bislang seltener diskutiert als das Bedürfnis nach Rückzug. Der Begriff selbst wird nur in wenigen Beiträgen genutzt, zudem wird die dahinterliegende Dynamik selten systematisch ausgeführt (z. B. Hocking 2015, Bittner 2010b, Bairner 2006). Bestehende Arbeiten betrachten das Thema vornehmlich aus der Perspektive der planungs- und sozialwissenschaftlichen Stadtforschung, weshalb ich es in diesem Kapitel aufgreife. „Normalisierung“ kann verschiedene Aspekte umfassen: Einige Regionen vollziehen mit der Beilegung des Konflikts erst den Übergang in eine liberale Marktwirtschaft und Demokratie oder werden, wie in Kapitel 3 dargelegt, von der internationalen Gemeinschaft dazu angeregt, diese Systeme zu übernehmen (Mac Ginty 2010). Damit sind sie stärker als zuvor Strömungen von außerhalb sowie dem damit einhergehenden Druck ausgesetzt, sich innerhalb des globalen Wettbewerbs zu positionieren (vgl. Bollens 2007a, Susser und Schneider 2003). Während des Konflikts stehen die „diseconomies of division“ einem reibungslosen Funktionieren z. B. des Arbeits- und Immobilienmarkts entgegen (Gaffikin und Morrissey 2011:204-205), sie verhindern Investition (OECD 2000) und behindern die Entstehung attraktiver Angebote für Freizeit und Tourismus. Weiterhin garantiert der Konflikt – trotz der wie überall bestehenden sozioökonomischen Unterschiede – ein gewisses Maß an „Gleichheit“, da alle Mitglieder der Gesellschaft sich weniger gut entfalten können als es ohne den Konflikt möglich wäre. Mit dem Eintritt in die Post-Konflikt-Phase erhalten Tendenzen, die allgemein den Folgen von Globalisierung, weltweiter wirtschaftlicher Integration und dem internationalen Standortwettbewerb zugeordnet werden, eine größere Bedeutung, da sie während der manifesten Konfliktaustragung durch den Konflikt überlagert oder sogar undenkbar gemacht wurden (O'Dowd und Komarova 2011, Murtagh 2008).

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Mit „Normalisierung“ geht weiterhin häufig eine stärkere Außenorientierung und die bereitwillige, relativ unkritische Annahme gesellschaftlich-politischer Trends einher, die anderswo bereits seit Jahrzehnten ablaufen und sich in Post-KonfliktKontexten aufgrund des späteren Beginns quasi im Zeitraffer vollziehen (vgl. Bertram 2014b, Bartetzky 2007). Diese schlagen sich z. B. in einem angestrebten Imagewechsel mit dem Ziel der positiven Positionierung als aufsteigender Standort, der wachsenden Bedeutung von Tourismus und Immigration oder auch von wirtschaftlichen Außenbeziehungen nieder. Häufig werden auch die Neoliberalisierung von Politiken sowie die Kommodifizierung des kulturellen Erbes und historischer Orte damit in Verbindung gebracht (Nagle 2009). Es entstehen neue, attraktive Freizeit- und Konsummöglichkeiten, die durch die steigenden Investitionen und die neu erlangte Bewegungsfreiheit, etwa durch den Abbau von Barrieren möglich werden (Bertram 2014b). Wie der ethnopolitische Konflikt selbst und seine (räumlichen) Auswirkungen wird auch die Erholung und „Normalisierung“ am deutlichsten in den Städten sichtbar. Besonders in den Stadtzentren konzentrieren sich zu Beginn von Friedenskonsolidierungsprozessen häufig die Wiederaufbaubemühungen. Bald nach dem offiziellen Konfliktende kann ein Bau- und Investitionsboom eintreten. Dadurch entstehen „pockets of affluence in capital cities and select tourist and recreational areas“, die tatsächlich den Eindruck einer ganz „normalen“ Stadt erwecken können (Guttal 2005:79). Zudem lässt sich in der Bevölkerung eine rapide sozioökonomische Ausdifferenzierung beobachten, die dazu führt, dass die Vorteile der „Normalisierung“ vor allem für einige privilegierte Personengruppen, nämlich die wirtschaftlich besser gestellten und gut ausgebildeten städtischen Eliten, erlebbar werden. Sie können die entstehenden Möglichkeiten am besten nutzen, tun dies auch gerne und profitieren von neuen Freizeit- und Konsumangeboten, Bewegungsfreiheit und dem wirtschaftlichen Aufschwung u. a. durch die steigenden Investitionen von außen (vgl. Hocking 2015:184). Die unbewältigten Strukturelemente aus dem Konflikt sind für sie im Alltag kaum noch spürbar und sie können sich weitgehend davon emanzipieren – auch wenn sie vielleicht in ihrem privaten Umfeld weitgehend in eine der traditionellen Gemeinschaften integriert sind und diese auch selten verlassen (vgl. Brand 2009a:36). Die „Normalisierung“ mit all ihren Folgen ist für sie eine im Grundsatz positive Entwicklung. In der Literatur wird „Normalisierung“ zumeist als „Fassade“ (Nagle 2009) oder „Maske“ (Hocking 2015:9) entlarvt und auf die schon erwähnte unkritische Adaption neoliberalisierter (Stadt-)Politiken zurückgeführt. Die Errichtung einer solchen Fassade sei einfacher als die Bearbeitung der unbewältigten Strukturmerkmale aus dem Konflikt, bringe schneller sichtbare Erfolge und würde daher von den verantwortlichen Akteur*innen gerne als Strategie verfolgt (Neill 2010).

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So würde eine von negativen Aspekten befreite Neutralität anstelle von wirklicher Gemeinsamkeit propagiert (O'Dowd und Komarova 2011), was wiederum eine ungleichzeitige ökonomische und räumliche Entwicklung nach sich ziehe, bei der ethnisch segregierte Territorien neben globalisierten Orten des Konsums und des inszenierten historisch-kulturellen Erbes existieren (Hocking 2015:173, vgl. Horni 2011, Murtagh und Murphy 2011). Diese Sichtweise ähnelt der Kritik aus der Friedens- und Konfliktforschung an der möglichst zügigen Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft („liberal peace“) als Allheilmittel. Besonders kritisiert wird häufig, dass die neu entstehenden Angebote sich mehr an Tourist*innen und Investor*innen als an die eigene Bevölkerung richten, die – bis auf einige finanzkräftige und konsumfreudige Bevölkerungsteile – von ihnen ausgeschlossen bleiben (Hocking 2015:79, Davis und Libertun de Duren 2011:11). Damit wird laut Bairner aber auch ein weiterer Aspekt von „Normalisierung“ erfüllt, denn seiner Meinung nach sei falsch anzunehmen, dass in „so-called normal cities the benefits of urban living, such as access to social and cultural spaces, are freely available to all“ (Bairner 2006:161). Durch diese Aussage wird noch einmal deutlich, dass auch andere Städte auf die eine oder andere Weise „geteilt“ sind und überall Teile der Bevölkerung von Angeboten ausgeschlossen werden. In diesem Sinne wird in einigen Beiträgen herausgestellt, dass weniger privilegierte Schichten die Veränderungen in Post-Konflikt-Städten zwar auch bemerken, sie jedoch weniger positiv bewerten würden. Sie seien nicht dazu in der Lage, dem starken politischen und gesellschaftlichen Veränderungsdruck durch das Ende des Konflikts standzuhalten, profitierten kaum von der „Normalisierung“ und der Wunsch nach Rückzug in die eigene Gemeinschaft bzw. Abschottung verstärke sich, was wiederum die beschriebene „Zwischenwelt“ zwischen Krieg und Frieden aufrechterhalte (vgl. Leslie 2010, Mac Ginty 2010, Murtagh 2008). Die Diskrepanz zwischen „Normalisierung“ und einem Fortbestand der konfliktiven Strukturmerkmale führe zu neuen Spannungen, die nur teilweise mit den traditionellen Konfliktlinien erklärbar seien. Dabei stehen die verschiedenen Formen der Spaltung – ethnopolitisch und sozioökonomisch – in Post-Konflikt-Gesellschaften und besonders in Post-KonfliktStädten nebeneinander und gelten für unterschiedliche Bevölkerungsteile unterschiedlich stark. Diejenigen, die sich von den alten Konfliktmustern lösen können, sind oft sozioökonomisch bessergestellt und von der ethnopolitischen Spaltung kaum berührt. Für diejenigen Bevölkerungsteile, die den Konflikt weiterhin stark als Teil ihres Lebens wahrnehmen, wirken die sozioökonomischen Kräfte zusätzlich restriktiv und machen es ihnen noch schwerer, die ethnopolitische Spaltung zu überwinden. Eine „wachsende Kluft zwischen dem Kosmopolitismus und

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neuem Nationalismus“ entsteht (Bittner 2010b:142), wobei sich neue und traditionelle Konfliktlinien überlagern und überkreuzen (vgl. Muir 2014, O'Dowd und Komarova 2011, Murtagh und Keaveney 2006). Auch im Umgang mit der Konfliktvergangenheit und ihren räumlichen Hinterlassenschaften sind die ungleichzeitigen Entwicklungsrichtungen der Gesellschaft beobachtbar: Die weiterhin getrennten Erinnerungspraxen der Gemeinschaften sowie die traditionell spaltende Bedeutung der Vergangenheit und ihrer Interpretation wurde in Kapitel 4 deutlich. Mit der „Normalisierung“ der Gesellschaft kommt eine weitere Sichtweise hinzu, die den Konflikt weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung und offiziellen Erinnerungskultur ausblendet und sich auf die Gegenwart und Zukunft konzentriert. Auf einer übergeordneten, gesamtgesellschaftlichen und überwiegend von Eliten gesteuerten Ebene wird über das offizielle und hegemoniale Konfliktnarrativ entschieden, das auch zur Außendarstellung genutzt wird und das nicht notwendigerweise die Erinnerungsbedürfnisse der Gemeinschaften berücksichtigt. Die Erinnerung an den Konflikt ist damit nicht nur zwischen den ehemaligen Konfliktgruppen mit ihren getrennten Erinnerungspraxen umstritten. Politische oder gesellschaftliche Eliten können weiterhin auch anstreben, dem Konflikt – in gewisser Weise vergleichbar mit einem Denkmalsturz (Speitkamp 1997) – möglichst wenig Raum innerhalb der entstehenden Post-Konflikt-Erinnerungskultur zu geben und eine baldige „Normalisierung“ als ein dominantes gesellschaftliches Narrativ zu etablieren (Neill und Ellis 2008, Neill 2006). Als „Weg des geringsten Widerstands“ wird dabei häufig das Vermeiden von Referenzen an die Konfliktvergangenheit oder an die getrennten kollektiven Erinnerungen der Gemeinschaften gesehen (Hocking 2015:79). Die Umstrittenheit dieses Vorgehens wird auch in Bezug auf den Wiederaufbau und die Gestaltung von Orten deutlich. So ist es einerseits möglich, dass aufgrund des Wunschs nach Rückzug und Sicherheit bestehende, tendenziell kontroverse Orte der Erinnerung auch in der Post-Konflikt-Zeit erhalten werden, auch wenn sie eine klar gewalttätige oder diffamierende Botschaft transportieren. Andererseits kann der Wunsch nach „Normalisierung“ und danach, den Konflikt und seine Auswirkungen hinter sich zu lassen, aber auch dazu führen, dass Orte dazu genutzt werden, ein neues, konfliktfreies Image zu kommunizieren, das die unangenehme Vergangenheit nicht mehr berücksichtigt. Im Vordergrund steht die Schaffung von Orten des Konsums, die der Herausbildung einer globalisierten Identität dienen und auf Besucher*innen und Investor*innen attraktiv wirken – möglicherweise auch, um eine einseitige Konzentration auf die traditionellen Konfliktlinien aufzubrechen (Hocking 2015:184, Neill et al. 2014, Neill 2010).

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Als Beispiel für eine solche Praxis wird häufig der Wiederaufbau von Beirut zitiert, der nach dem Ende des dortigen Bürgerkriegs sowohl die „Auferstehung“ der Hauptstadt als auch die Erholung des ganzen Landes symbolisieren sollte. Der Prozess wurde weltweit beachtetet, das Ergebnis häufig als falsche Tatsachen vorspiegelnd kritisiert (Larkin 2010:415, Charlesworth 2006:53-84). Dabei wurde die Innenstadt zwar nach historischem Vorbild, aber mit nahezu ausschließlich neuen Gebäuden wiederhergerichtet. Zusätzlich wurde jede Spur des Bürgerkriegs vernichtet und ein geradezu verklärtes Bild einer heroischen, seit der Antike in derselben Form bestehenden Stadt gezeichnet, das die neue nationale Einheit widerspiegeln und festigen sollte (Larkin 2010:419). Dem Wiederaufbau ging ein umfassender Abriss voraus, der die Innenstadt stärker zerstörte als der Bürgerkrieg, weswegen das Projekt auch als „devoid of memory and a Middle-Eastern version of Canary Wharf“ beschrieben wurde (Stewart 1991, zit. n. Charlesworth 2006:68). Damit folgt Beirut in ihrem dominanten, gesamtstädtischen Entwicklungsdiskurs – trotz der Orientierung am antiken Vorbild – klar dem Wunsch nach „Normalisierung“ und dem Ziehen eines Schlussstrichs unter die Konfliktära. Weniger extreme, aber von der Zielrichtung her ähnliche „Normalisierungs“-Bestrebungen werden auch für andere Städte beobachtet (u. a. Kapstadt nach dem Ende der Apartheid und Berlin nach der Wiedervereinigung, vgl. Till und Jonker 2009). Im Zuge der zweigeteilten gesellschaftlichen Entwicklung zwischen Rückzug und „Normalisierung“ kann eine Diskrepanz zwischen den langfristigen erinnerungspolitischen Zielen der am Friedenskonsolidierungsprozess beteiligten Eliten und den direkt nach dem Abschluss eines Abkommens bestehenden Erinnerungsbedürfnissen der ehemaligen Konfliktgruppen entstehen. So ist es möglich, dass der Konflikt aufgrund des Wunschs nach „Normalisierung“ in der hegemonialen, offiziellen Erinnerungskultur – gewissermaßen als Minimalkonsens – kaum Beachtung findet und die Gemeinschaften ihren erinnerungskulturellen Bedürfnissen und die für sie wichtigen Ereignisse und Personen daher weiterhin getrennt voneinander und in der Sicherheit ihrer jeweiligen Territorien nachgehen. Die Beobachtungen in Bezug auf „Normalisierung“ und die damit verbundene Außenorientierung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft erscheinen plausibel, auch die kritische Sichtweise darauf kann nachvollzogen werden: Die negativen Konsequenzen sozialräumlicher Spaltung sind vielfach untersucht und zu Beginn dieses Kapitels angesprochen worden. Sie gelten auch in Post-Konflikt-Städten. Möglicherweise greift es jedoch zu kurz, „Normalisierung“ in Post-Konflikt-Gesellschaften einzig als verfehlte und kosmetische Form von Friedenskonsolidierung zu betrachten, bei der die Ursachen des Konflikts nicht bearbeitet, sondern mit einer Fassade des schönen Scheins überdeckt werden. Mehrere Aspekte werden in der Debatte m. E. bislang nicht ausreichend gewürdigt:

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Der Wunsch nach gesellschaftlicher – und damit einhergehend auch räumlicher – „Normalisierung“ muss nicht zwingend nur von außen oder auch von den eigenen Eliten oktroyiert sein, sondern entspringt auch einem genuinen und authentischen Wunsch nach einem Neubeginn aus der Bevölkerung heraus. Zumindest Teile der Gesellschaft sind durchaus einverstanden damit, den Blick vornehmlich in die Zukunft zu richten, die Annehmlichkeiten der neuen Zeit zu genießen und die Konfliktvergangenheit weitestgehend ruhen zu lassen. Diese Einstellung setzt sicherlich zumeist eine gewisse Privilegierung durch Bildung und das Vorhandensein ökonomischer Ressourcen voraus. Diejenigen Teile der Bevölkerung, die sich eine „Normalisierung“ wünschen, decken sich höchstwahrscheinlich weitgehend mit den Zielgruppen neoliberalisierter und festivalisierter (Stadt-)Politik, die auch dort, wo kein ethnopolitischer Konflikt vorliegt, häufig als oberflächlich und die eigentlichen Probleme ignorierend wahrgenommen wird. Da das Verhaftet-Sein in den alten Konfliktmustern häufig als ein Problem der Unterschichten wahrgenommen oder sogar aktiv dargestellt wird (Maddison 2016:239), kann der Wunsch nach „Normalisierung“ und das freudige Annehmen neuer Freizeit- und Konsumangebote auch eine Disktinktionsmöglichkeit für die wachsende Mittelschicht im Sinne von Bourdieus feinen Unterschieden bieten (2014 [1982]). Hier findet möglicherweise eine Art „doppelte Distinktion“ statt (Richter 2009): Städte und besondere städtische Orte stellen in der Nachmoderne nicht nur für Entscheidungsträger*innen wichtige Ressourcen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit dar, sondern sind zunehmend auch Mittel der Distinktion und der Selbststilisierung für ihre Bewohner*innen. Die oben genannten Tendenzen der Stadtentwicklung, verschaffen nicht nur den Städten Aufmerksamkeit und erhöhen ihre Attraktivität, sondern bescheren auch den Bewohner*innen einen Statusgewinn und kommen ihnen damit durchaus gelegen. Die oben dargestellte Argumentation, nach der neu entstehende Konsum- und Freizeitangebote nur für die Mittel- und Oberschichten interessant sind und ohnehin benachteiligte Bevölkerungsgruppen nicht von ihnen profitieren, kann jedoch auch als schablonenartig oder sogar paternalistisch interpretiert werden. Aus dieser Sichtweise heraus wird von oben herab, nämlich vornehmlich von kritischen Akademiker*innen entschieden, dass die Unterschichten keine „Normalisierung“, keine Festivalisierung und Konsumorientierung brauchen, sondern zunächst einmal das soziale und räumliche Erbe des Konflikts aufarbeiten sollten. Es erscheint m. E. jedoch unbegründet, dass attraktive – und nach dem Vorbild „normaler“ anderer Städte häufig massentaugliche – Angebote in der Stadt nicht auch für diejenigen Bevölkerungsteile einen Status- und Distinktionsgewinn darstellen sollten, die sonst vom Friedenskonsolidierungsprozess enttäuscht sind.

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Zudem lässt die Abwertung von „Normalisierungs“-Strategien als kosmetisch und oberflächlich außer Acht, dass von diesen möglicherweise auch Potenzial zur Transformation und Strahlkraft für den (lokalen) Friedenskonsolisierungsprozess ausgehen kann. So spricht beispielsweise Maguire in Bezug auf die Konversion der Ebrington Barracks in Derry/Londonderry von der „Kraft des Banalen“ („power of the banal“), die sich dort entfalte: Das dort entstandene Kulturprojekt wird von allen Bevölkerungsteilen der Stadt genutzt und ermöglicht so vielfältige „banale“ Begegnungen auf neutralem Terrain. Für ihn ist das Projekt ein Beispiel für „light tourism“ und stellt ein Signal der Hoffnung dar, das sogar auch über den lokalen Kontext hinaus wirksam werden könne (Maguire 06.06.2016). Es ist schwierig, den Ursprung des Wunschs nach „Normalisierung“ zu identifizieren, was aber auch nicht zwingend nötig ist. Ich möchte vor allem auf die Möglichkeit dieses Wunschs, der aus den Gesellschaften selbst heraus entsteht, hinweisen. Diese Sichtweise ergänzt die in Kapitel 4 erläuterte Sichtweise auf Post-Konflikt-Gesellschaften und stellt Teile davon in Frage. Ich möchte zur Diskussion stellen, mögliche negative Konsequenzen von „Normalisierung“ in PostKonflikt-Gesellschaften und Post-Konflikt-Städten zwar bewusst zu machen, diese aber nicht per se als oberflächliche Formen von Vergemeinschaftung abzutun, die eine langwierige und mühsame Konfliktbearbeitung obsolet machen sollen. Damit könnte „Normalisierung“ als eine gesellschaftliche Strömung neben anderen betrachtet werden, die zwar nicht unproblematisch ist, nach jahrzehntelangen Einschränkungen durch den Konflikt aber auch Verständnis verdient hat. Diese Sichtweise auf die Gesellschaften, ihre Städte und städtische Politiken, ermöglicht es, „normalisierende“ Ziele und Motive im Umgang mit Schattenorten als ebenso legitim zu betrachten wie andere. Zudem erlaubt sie eine größere Offenheit für empirisch beobachtbare Phänomene und birgt das Potenzial für den Gewinn neuer Erkenntnisse im Rahmen der Analyse der untersuchten Stadterneuerungsprojekte.

6 Zusammenführung der theoretischen Debatten: Ein Analyserahmen für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in der Stadt

In den Kapiteln 3 bis 5 wurden theoretische Debatten aus mehreren Disziplinen nachvollzogen und weiterentwickelt. Alle drei Debatten bieten wichtige Erklärungsansätze für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten in Städten in der Post-Konflikt-Phase (5.1) und die damit verbundenen Ziele und Motive, bleiben aber weitgehend unverbunden, wodurch jeweils wichtige Aspekte unbeleuchtet bleiben. Im Folgenden verknüpfe ich diese drei Debatten und setze sie zueinander in Beziehung, um daraus einen eigenen theoretischen Analyserahmen als Grundlage für die Auswertung der empirischen Untersuchung im zweiten Teil des Buchs zu entwickeln.

6.1 D ISSONANZ VON O RTEN ALS E RINNERUNGS TRÄGER IN DER P OST -K ONFLIKT -Z EIT Im Umgang mit Orten als sinnlich erfahrbaren Trägern der Erinnerung entsteht immer Dissonanz aus der Vielfalt der möglichen Interpretationen und beteiligten Akteur*innen sowie deren Anforderungen und Zielen, die jeweils unterschiedliche Management-Strategien nahelegen (3.3.1, 3.3.3). Kollektives Gedächtnis wird intentional und selektiv über Kommunikation und Aushandlungsprozesse in einer Gemeinschaft hergestellt, wobei die Teilgruppen der Gemeinschaft darum ringen, ihre Vorstellungen und Interessen sowie ihre Interpretation der Vergangenheit

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durchzusetzen. Damit geht einher, dass längst nicht alle Elemente der Vergangenheit bewahrt werden können, sondern etliche auch in Vergessenheit geraten oder sogar gezielt tabuisiert werden. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die Auswahl der erinnerungswürdigen Elemente in allen Gesellschaften politisch bzw. staatlich beeinflusst wird und mächtige gesellschaftliche Gruppen tendenziell stärker in der offiziellen Erinnerungskultur repräsentiert sind als Minderheiten. Letztere können sich daher u. U. von Erinnerungsangeboten ausgeschlossen fühlen, deren Bedeutung aber auch aktiv verändern oder ein eigenes Angebot für ihre Gemeinschaft schaffen (vgl. Sather-Wagstaff 2015, J. Assmann 2011, Staiger und Steiner 2009, Pethes 2008, A. Assmann 2007). In ethnopolitisch geteilten Gesellschaften lässt sich eine grundsätzlich enge Verbindung von Konflikt, Geschichte und Raum bzw. konkreten Orten beobachten, welche die Symbolik der Orte bestimmt und konstituierend für das Selbstverständnis der mit dem Ort verbundenen Gemeinschaft ist. Die ehemaligen Konfliktparteien konkurrieren miteinander über die Deutungshoheit über die vergangenen Ereignisse (4.3.2). So kann eine Erinnerung, die für eine Gemeinschaft eine Demütigung darstellt, für die andere gegebenenfalls mit einem Triumph verbunden sein; eine Symbolik, die für Teile der Gesellschaft eine existenzielle Bedeutung hat, ist für andere Teile möglicherweise unwichtig oder wird sogar abgelehnt. Viele der mit dem Konflikt verbundenen Orte können als Schattenorte bezeichnet werden, deren Vorhandensein schmerzhaft oder peinlich ist. Auch nach dem offiziellen Konfliktende existieren sehr unterschiedliche Interpretationen der Vergangenheit, so dass auch über die Bewertung eines Orts selten Einigkeit erzielt wird. Mit dem politischen Umbruch stehen Nutzung und Gestaltung dieser Orte erneut oder erstmalig zur Disposition. Dabei reicht das Spektrum der Herangehensweisen von Ignorieren über Umdeuten der konfliktbezogenen Symbolik bis hin zur gezielten Nutzung zu touristischen Zwecken. Diese Strategien sind weder vorgegeben noch auf alle Orte übertragbar (3.3.2), wodurch ihre Betrachtung im Zusammenhang mit der Frage nach Zielen und Motiven besonders interessant wird: Am Umgang mit vom Konflikt geprägten Orten ist ablesbar, welche Sichtweise auf den Konflikt sich als hegemonial durchsetzt und welches Bild die sich neu formierende Gesellschaft von sich selbst und ihrer Vergangenheit transportieren möchte (3.1). Die an der Entscheidung über eine Nachnutzung oder Neuentwicklung beteiligten Akteur*innen stehen in der Post-Konflikt-Phase somit vor hochkomplexen Aufgaben, die aufgrund der divergierenden Interessenslagen potenziell sehr kontrovers diskutiert werden. Der Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften ist Teil des Wiederaufbaus, der eine sowohl soziale als auch physische Aufgabe

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darstellt (4.3). Er steht innerhalb spezifischer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die teilweise widersprüchliche Anforderungen und Erwartungen hervorbringen und die Dissonanz zumeist erhöhen. Die Dichte und Vielfalt der räumlichen Hinterlassenschaften in den Städten sowie deren heterogene symbolische Bedeutung erschweren die Aufgabe zusätzlich (5.2).

6.2 G ESELLSCHAFTLICHE R AHMENBEDINGUNGEN IN DER P OST -K ONFLIKT -P HASE Im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten bewegen sich die Akteur*innen innerhalb eines besonderen gesellschaftlich-politischen Kontexts, der in den vorangehenden Kapiteln herausgearbeitet wurde. Drei zum Teil spannungsreiche oder sogar ungleichzeitige Tendenzen sind darin auszumachen, die die Dissonanz und Umstrittenheit der mit dem Konflikt in Verbindung stehenden Orte tendenziell erhöhen und Einfluss auf den Umgang mit ihnen nehmen. Diese sind •

• •

Die verschiedenen Funktionen bzw. Kommunikationsrichtungen des kollektiven Erinnerns und Vergessens, die an den aktuellen Bedürfnissen und Zielen einer Gesellschaft und ihrer vielfältigen Untergruppen ausgerichtet sind (3.1, 3.2). Stabilität und Transformation als konkurrierende Ziele im Friedenskonsolidierungsprozess (4.1, 4.2.1); Rückzug und „Normalisierung“ als gleichzeitig auftretende, dabei aber gegenläufige Entwicklungsrichtungen der Gesellschaft in der Post-Konflikt-Phase (4.2.2, 4.2.3, 5.4)

Abbildung 5: Analyserahmen – Schematische Darstellung der Spannungsfelder (eigene Abbildung)

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Innerhalb dieser drei Spannungsfelder entfalten sich Ziele und Motive in Verbindung mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts und steuern wiederum die Auswahl der Strategien im Umgang mit selbigen. Diesen Strategien liegen sehr unterschiedliche Erinnerungshaltungen zugrunde, die wiederum die Bewertung der Orte und ihrer Geschichte beeinflussen. 6.2.1 Kommunikationsrichtungen des kollektiven Erinnerns und Vergessens: Identitätsstiftung für die Gemeinschaft(en) und Außendarstellung Bei der Präsentation von Geschichte und dem kulturellen Erbe (oder Heritage) einer Gemeinschaft können zwei Kommunikationsrichtungen eingeschlagen werden, die in enger Verbindung mit den angestrebten Zielen und Motiven stehen: Einerseits ist eine eher nach innen gewandte Orientierung möglich, die identitätsstiftend für die Gemeinschaft wirken soll, und andererseits eine eher nach außen gerichtete Inszenierung von Geschichte und des kulturellen Erbes zu Zwecken der Imagebildung und touristischen Vermarktung. Bei der ersten Kommunikationsrichtung wird der Ort als kulturelle Ressource, möglicherweise als „sacred place“ betrachtet, bei der zweiten Form stellt er vor allem eine ökonomische Ressource dar, die Aufmerksamkeit und Profit generieren soll. Diese Form von Dissonanz ist nicht post-konflikt-spezifisch, sondern lässt sich für nahezu jede Präsentation und Inszenierung von Geschichte in fast allen Gesellschaften feststellen. Speziell im Post-Konflikt-Kontext stellt sich dabei die Frage, wieviel Erinnerung an den Konflikt für welche Zielgruppe angemessen ist. Dabei kann die Ausrichtung des offiziellen und hegemonialen Konfliktnarrativs sich durchaus „nach außen“ orientieren, dabei den Konflikt weitgehend ignorieren und die Erinnerungsbedürfnisse der ehemaligen Konfliktparteien dadurch möglicherweise nicht befriedigen. Ihre Erinnerung an den Konflikt findet dann weiterhin in der Sicherheit der jeweiligen Gemeinschaft statt. Gleichzeitig ist es jedoch auch möglich, dass eine touristische Nachfrage nach einer Inszenierung des Konflikts im Rahmen von dark tourism entsteht und die verantwortlichen Akteur*innen sich gezwungen sehen, dieser auch entgegen ihrer eigentlichen Absicht zu entsprechen (vgl. Light 2015, Frank 2009, Ashworth und Graham 2005, Tunbridge und Ashworth 1996). Die beiden Kommunikationsrichtungen sind jedoch nicht zwangsläufig unvereinbar, denn möglicherweise wirken auch eher außenorientierte Strategien identitätsstiftend nach innen und umgekehrt.

Z USAMMENFÜHRUNG

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6.2.2 Konkurrenz zwischen Stabilität und Transformation Friedenskonsolidierungsprozesse dauern häufig viele Jahre oder sogar mehrere Jahrzehnte, da Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung sich nicht sofort grundlegend mit dem Abschluss eines Friedensabkommens zwischen Vertreter*innen von Eliten verändern. Eine wichtige Annahme in der Friedens- und Konfliktforschung ist daher die Prozesshaftigkeit von Frieden. Die meisten Friedenskonsolidierungsprozesse bleiben für einige Zeit volatil und es ist immer wieder mit Rückschlägen und neuerlicher Gewaltanwendung zu rechnen. Dies ist vor allem auf eine große Unsicherheit zurückzuführen, die bei allen Beteiligten aufgrund der Komplexität der neuen Situation entsteht (vgl. Mac Ginty 2010, Baumann 2008, Barakat 2005, Lederach 2005). Als ein Resultat dieser Unsicherheit lassen sich zwei konkurrierende Ziele im Friedensprozess ausmachen: Die Herstellung von Stabilität einerseits und der Beginn einer gesellschaftlichen Transformation andererseits. Erstere soll den Beteiligten kurzfristig Sicherheit und Verlässlichkeit vermitteln und ihnen nicht zu viel Veränderung auf einmal zumuten. Dadurch wird es aber nahezu unmöglich, eine langfristig notwendige Transformation und kritische Beschäftigung mit dem Konflikt zu initiieren oder vorzubereiten. Potenziell kontroverse Themen, zu denen auch der Umgang mit der Vergangenheit und ihren räumlichen Hinterlassenschaften gehört, werden um der Stabilität willen möglicherweise ausgeblendet oder zurückgestellt. Ein Schwerpunkt auf gesellschaftliche Transformation kann jedoch auch als Zumutung empfunden werden und Widerstand auslösen, wodurch die Stabilität der Situation wiederum gefährdet wird. Politische Arrangements auf der nationalen oder regionalen (Regierungs-)Ebene sind dabei grundsätzlich richtungsweisend für das lokale Zusammenleben der Gemeinschaften, lösen aber nicht zwangsläufig konkrete Probleme, die vor Ort entstehen (vgl. Shimada 2010, Borer 2006, McEvoy-Levy 2006). Durch die Konkurrenz der beiden Ziele entsteht Dissonanz im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von Konflikten: Stehen stabilisierende Ziele im Vordergrund, werden höchstwahrscheinlich andere Management- und Inszenierungsstrategien angewandt, als wenn Transformation erreicht werden soll. 6.2.3 Gegenläufigkeit von Rückzug und „Normalisierung“ Den dritten Teilkontext bilden zwei widersprüchliche, gewissermaßen ungleichzeitige Entwicklungstendenzen von Post-Konflikt-Gesellschaften: Einerseits bleiben im Konflikt entstandene Einstellungen und Verhaltensweisen, die auch als

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unbewältigte Strukturmerkmale bezeichnet werden, als Resultat der beschriebenen Unsicherheit in der Post-Konflikt-Zeit weiterhin bestehen. In der Folge bleiben die Gemeinschaften weiterhin zurückgezogen und es kann sich ein Zustand der „freiwilligen Apartheid“ etablieren (Baumann 2008). Diese Tendenz wird vor allem, aber nicht nur für sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten ausgemacht. Dadurch bleiben die privatisierten und exklusiven Formen und Praktiken der Erinnerung, die sich jeweils nur an die Mitglieder der eigenen Gemeinschaft richten, bestehen. Zwischen den Gemeinschaften und ihren stark divergierenden historischen Narrativen entsteht kein Austausch, fast alle Elemente der Vergangenheit werden nach wie vor komplett unterschiedlich bewertet (Switzer und Graham 2009, McDowell 2008, Speitkamp 1997). Bereits allein aus dieser Tendenz entsteht potenziell Dissonanz bei der Entwicklung und Gestaltung von Orten, die für alle zugänglich sein und eine möglichst große Bandbreite von Bevölkerungsteilen ansprechen sollen. Als zusätzliche Quelle von Dissonanz entsteht in der Post-Konflikt-Phase weiterhin der Wunsch nach „Normalisierung“. Dieser geht mit einer stärkeren Öffnung nach außen sowie einer eher unkritischen Übernahme von weltweit beobachtbaren politisch-gesellschaftlichen Trends einher, die unter den Stichworten Neoliberalisierung und Globalisierung zusammengefasst werden. Als Resultate werden die stärkere sozioökonomische Ausdifferenzierung der Gesellschaft sowie die Kommodifizierung des kulturellen Erbes und historischer Orte genannt (vgl. O'Dowd und Komarova 2011, Bittner 2010b, Nagle 2009). Es entstehen neue, attraktive Freizeit- und Konsummöglichkeiten, die durch die steigenden Investitionen und die neu entstehende Bewegungsfreiheit ermöglicht werden. Das hegemoniale historische Narrativ, auch in Bezug auf den Konflikt, wird an den „touristischen Blick“ angepasst (vgl. Hocking 2015:9, Urry 1990). Auch für diejenigen Teile der Bevölkerung, welche – neben Tourist*innen und Investor*innen – die Zielgruppe der neuen Angebote darstellen, spielt der Konflikthintergrund kaum noch eine Rolle, sie genießen die Annehmlichkeiten, die der Friedensschluss für sie mit sich bringt (Gaffikin und Morrissey 2011). Die Tendenz zur „Normalisierung“ wird in der Forschungsliteratur bislang weniger beleuchtet als das Bedürfnis nach Rückzug. In Beiträgen, die das Thema aufgreifen, stehen die sozioökonomische Ausdifferenzierung und daraus entstehende Probleme im Vordergrund, „Normalisierung“ wird zumeist als „neoliberale Maske“ abgetan (Nagle 2009), die zur Überdeckung der Konfliktvergangenheit dient. Kaum beachtet wird bisher allerdings die – empirisch beobachtbare – Möglichkeit, dass die damit einhergehenden Politiken und Entwicklungen zumindest von Teilen der Gesellschaften selbst gewünscht werden. Für einige Bevölkerungsgruppen dienen sie möglicherweise sogar als Distinktionsmittel, mithilfe derer sie

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DER THEORETISCHEN

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ihre Fähigkeit zur Anpassung an den Frieden und zur „Normalisierung“ demonstrieren. Es entsteht zusätzliche Dissonanz dadurch, dass der Konflikt entweder nur wenig Raum erhält oder eher marktgängig und touristisch interessant inszeniert wird und damit diejenigen Bevölkerungsteile, die eine tiefergehende Auseinandersetzung wünschen, ausschließt. „Normalisierung“ kann möglicherweise jedoch auch einen – zumindest vordergründigen – Ausweg aus dem Dilemma bieten, welche bzw. wessen Version der Konfliktvergangenheit bewahrt und als hegemonial kommuniziert werden soll. Tabelle 2: Analyserahmen – Mögliche Interpretationen von mit dem Konflikt in Verbindung stehenden Orte (eigene Abbildung) Innenorientierung

Außenorientierung:

Ziel

Identitätsstiftung

Imageverbesserung, Aufmerksamkeitssteigerung

Ort als…

Kulturelle Ressource, Ort des Gedenkens oder Bildungsstäte, sacred place

Ökonomische Ressource, Touristenattraktion, aufmerksamkeitsgenerierendes Medium

Erinnerungshaltung

Aus Betroffenen-Perspektive

Aus Besucherperspektive, oberflächlich, unterhaltend, von negativen Aspekten befreit

Mögliche Strategien

Erinnern, Mahnen, Feiern

Inszenieren, Umdeuten als Attraktion für Heritage-Tourismus

Stabilität

Transformation

Ziel

Kurzfristige Stabilität

Langfristige gesellschaftliche Veränderung

Ort als…

Stabilisierendes Medium

Anstoß zur Veränderung, Bewältigung konfliktbezogener gesellschaftlicher Strukturmerkmale

Erinnerungshaltung

Neutral, nicht wertend

Offen, versöhnlich, multiperspektivisch, Dialog suchend

Mögliche Strategien

Ignorieren

Kritische Aufarbeitung

Rückzug

„Normalisierung“

Ziel

Wiederherstellen von Sicherheit

Positionierung im internationalen Wettbewerb, Imagewechsel, Freizeit-/Tourismusorientierung

Ort als…

Gedenkort, potenziell mit Schmerz verbundener sacred place

Touristenattraktion, Zeichen für Anbruch einer neuen Zeit, für Attraktivität, „Normalität“

Erinnerungshaltung

Geschlossen, selbstviktimisierend, nur aus eigener Perspektive

Oberflächlich, unterhaltend, von negativen Aspekten befreit

Mögliche Strategien

Privatisiertes Erinnern, Mahnen, Feiern, Protest

Inszenieren, Umdeuten als Attraktion für Heritage-Tourismus

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6.3 V IELFALT VON RÄUMLICHEN H INTERLASSENSCHAFTEN IN DER S TADT Die räumlichen Hinterlassenschaften von ethnopolitischen Konflikten können auch als Schattenorte bezeichnet werden. Nach dem von mir vertretenen Verständnis stellen nicht nur die expliziten Gedenkorte und Monumente als Bestandteile der offiziellen Erinnerungskultur des vormaligen Systems Schattenorte dar. Es werden vielmehr auch inoffizielle, nur für einen Teil der Gesellschaft bedeutsame Orte sowie unauffällige, beiläufige Erinnerungen auslösende Orte dazu gezählt. Entscheidend für ihre Bewertung ist nicht allein eine objektiv feststellbare Verbindung zum Konflikt, sondern auch die soziale Zuschreibung durch die Gemeinschaft. Diese kann allerdings auch unbewusst geschehen und wird möglicherweise erst offenbar, wenn eine Neunutzung oder Umgestaltung angestrebt wird. Die räumlichen Hinterlassenschaften von Konflikten können somit als Bestandteil der Erinnerungslandschaft einer Gesellschaft (auch der inoffiziellen), der Umgang mit ihnen als Beitrag zur Herausbildung einer lokalen, sich an konkreten Orten manifestierenden Erinnerungskultur bezeichnet werden. Die Vielfalt und Dichte der räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts ist gerade in Städten besonders hoch, sie sind dort gewissermaßen allgegenwärtig (3.3.3, 5.2.1, 5.2.2). Zudem gelten die Städte selbst u. U. als symbolisch und sind wichtige Arenen der Konfliktaustragung. Städtische Akteur*innen nehmen daher eine bedeutsame Scharnierfunktion ein und können innerhalb ihrer jeweiligen Handlungsspielräume Einfluss darauf nehmen, wie die Erinnerung an den Konflikt und andere die Gesellschaft spaltende historische Elemente in der PostKonflikt-Zeit gestaltet werden (5.2.3). Dabei beeinflussen grundsätzliche Planungsstrategien und Selbstbilder von Planer*innen und anderen städtischen Akteur*innen die konkreten Strategien im Umgang mit einzelnen Orten. Insgesamt lassen sich sechs Typen konfliktbezogener Orte identifizieren, die in der Post-Konflikt-Zeit eine Positionierung erforderlich machen (5.3): •



Die territoriale Aufteilung der Stadt in den Gruppen zugeordnete Gebiete: Von klarer Zweiteilung bis hin zu kleinteiliger Fragmentierung. Grenzen können durch Barrieren markiert sein, aber auch „nur“ in den Köpfen existieren. Das Stadtzentrum und einzelne Stadtteile können neutral bleiben. Segregation nimmt während gewalttätiger Phasen häufig noch zu. Städtebauliche Auswirkungen: Barrieren, Checkpoints und Pufferzonen, welche die Anwohner*innen voneinander fernhalten sollen. Rückbau ist aufwändig und geht mit (gefühltem) Sicherheitsverlust

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DER THEORETISCHEN

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einher, deshalb bleiben sie bestehen. Schränken die Mobilität der Bewohner*innen ein und erschweren die Annäherung. Verfall und Dysfunktion durch Zerstörung und Vernachlässigung: Orte sind nicht mehr im eigentlichen Sinne nutzbar. Flächen fallen brach, Image und Erscheinungsbild der Stadt leiden zusehends. Symbolische Zweckgebäude: Militäranlagen, Gefängnisse oder andere Gebäude, die mit der Dominanz einer Gruppe in Verbindung gebracht werden. Werden nach der Konfliktbeilegung möglicherweise nicht mehr gebraucht. Explizite Gedenkorte wie Gräber, Denk- und Mahnmale: Sind zumeist einer Gemeinschaft zuzuordnen, wirken häufig einschüchternd auf die andere(n). Räumliche Praxen der Bewohner*innen, die im Konflikt entstehen: Keine physischen Orte, aber auch räumlich beobachtbar und daher Teil der immateriellen räumlichen Hinterlassenschaften. Durch sie entstehen neue Gedenk- oder andere konfliktbezogene Orte. Dazu gehören bestimmte Mobilitätsmuster oder die permanente oder temporäre Markierung des Territoriums der Gemeinschaften durch Wandmalereien, Flaggen, Wimpel, Plaketten, Embleme und Logos, Feuer, Barrikaden, Spruchbänder, Paraden und weitere einer der Gruppen zuordenbare Elemente.

Meine nachfolgend dargestellte empirische Untersuchung beschäftigt sich mit alltäglichen und besonderen Schattenorten des Nordirlandkonflikts in Belfast, ihrer symbolischen Bedeutung sowie den Zielen und Motiven, die dem Umgang mit ihnen nach dem Ende des Nordirlandkonflikts zugrundeliegen. Diesen Umgang begreife ich als Bestandteil einer städtischen Erinnerungskultur, die sich zwischen den beschriebenen Einflussfaktoren entfaltet. Im Diskurs um diese Orte sowie in ihrer letztendlichen Gestaltung spiegelt sich wider, welche Sichtweise(n) auf den Konflikt kommuniziert werden sollen und sich als hegemonial durchsetzen. In Kapitel 7 erfolgt zunächst ein Überblick über die wichtigsten Stationen der und Einflüsse auf die Stadtgeschichte Belfasts sowie eine Einordnung aktuell dominanter Stadtentwicklungstendenzen. Die Vorstellung und Analyse der drei ausgewählten Stadterneuerungsprojekte ist das Thema des achten Kapitels.

Teil C: Empirische Untersuchung

7 Geschichte und Entwicklung Belfasts

Eine stadthistorische Publikation über Belfast ist mit dem Untertitel „Enduring City“ versehen, was als „die beständige“, aber auch „die erduldende Stadt“ übersetzt werden kann (Boal und Royle 2006b). In der Tat ist die Geschichte der Stadt bewegt und durchaus bewegend. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Belfast weltweit als Metropole des Schiffsbaus und der Ingenieurskunst gefeiert; in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Belfast vor allem mit Demonstrationen, gewalttätigen Ausschreitungen und Anschlägen assoziiert. Heute macht Belfast als Event- und Kulturmetropole von sich reden, inszeniert ihr industrielles Erbe und wirbt mit dem besonderen „craic“1, den Besucher*innen dort erleben können. Seit dem Beginn des Friedensprozesses durchläuft die Stadt rapide städtebauliche Veränderungen und ist bestrebt, ein dynamisches, offenes und optimistisches Image von sich zu transportieren, in welchem der Nordirlandkonflikt kaum noch eine Rolle spielt (vgl. Connolly 2006:401). Um die drei untersuchten Projekte besser in ihren Kontext einordnen zu können, gibt dieses Kapitel einen stichwortartigen Überblick über die wichtigsten Stationen und Einflüsse der Stadtentwicklung Belfasts. Es wird deutlich, wie eng in Belfast Stadtentwicklung und Konfliktaustragung zusammenhängen. Das Kapitel beginnt mit den Grundzügen der historischen Stadtentwicklung seit der Blütezeit Belfasts als Industriemetropole, da in dieser Zeit die Grundlagen für die weitere Entwicklung bis heute gelegt wurden. Belfasts Industrialisierung erfolgte im Vergleich mit anderen britischen Städten eher spät, unterlag dann aber ähnlichen Zyklen von Aufstieg und Niedergang (7.1). Sehr stark beeinflusst wurde die Stadt zudem durch den im August 1969 eskalierenden Nordirlandkonflikt, dessen Zentrum Belfast in der Folge fast 40 Jahre lang war. Die räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts thematisiere ich in Abschnitt 7.2. Dazu gehören analog zu

1

„Spaß, gute Zeit“ auf Irisch; wird in der Alltagssprache in Nordirland häufig genutzt.

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dem in Kapitel 5 erarbeiteten Spektrum auch diverse räumliche Praxen der Bewohner*innen als immaterielle Hinterlassenschaften. Einige dieser räumlich erfahrbaren Auswirkungen des Konflikts bestehen in ähnlicher Weise bis heute fort, andere haben sich seit dem Beginn des Friedenskonsolidierungsprozesses deutlich verändert, weshalb ich in diesem Abschnitt nicht nur die ursprünglichen Auswirkungen, sondern teilweise auch aktuelle Fortentwicklungen beschreibe. Seit dem Abschluss des Karfreitagsabkommens im Jahr 1998 hat sich Belfast merklich und mit hoher Geschwindigkeit verändert; die ehemals von Angst, Gewalt und ökonomischer Dauerkrise gezeichnete Stadt „normalisiert“ sich zusehends und wird auch international als „on the rise“ wahrgenommen (Lonely Planet Blue List 2007, zit. n. Katz 2006). Aktuell dominante Stadtentwicklungsstrategien bedienen sich vor allem event- und tourismusorientierter Maßnahmen, die in vielen Städten seit einigen Jahrzehnten zum Standardrepertoire gehören. Diese lege ich in Abschnitt 7.3 dar. Nicht nur räumlich, sondern auch institutionell hat sich Nordirland durch den Konflikt und dann wieder durch den Friedenskonsolidierungsprozess verändert. Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Kapitel greife ich daher in Abschnitt 7.4 die Veränderungen des politischen und speziell des Planungssystems kurz auf. Eine Vermischung der zeitlichen Ebenen (historische Stadtentwicklung/Entwicklung während der Troubles/ aktueller status quo) ist in diesen Abschnitten nicht zu vermeiden. Teilweise wurden inhaltliche Redundanzen auch bewusst beibehalten, da Aspekte von unterschiedlichen Seiten betrachtet werden und in mehreren Abschnitten relevant sind. Im Verlauf des Kapitels wird offensichtlich, wie stark das Stadtbild Belfasts und auch das Verhalten ihrer Bewohner*innen durch den Nordirlandkonflikt geprägt bleiben und wie tiefgreifend sich die Stadt gleichzeitig seit der Konfliktbeilegung gewandelt hat. In Abschnitt 7.5 stelle ich einige Einschätzungen dieser Veränderungen dar und verdeutliche, wie stark diesbezügliche Positionen und Interpretationen auseinandergehen können.

7.1 G RUNDZÜGE DER HISTORISCHEN S TADTENTWICKLUNG B ELFASTS Belfast entwickelte sich erst im Zuge der Ulster Plantation2 gegen Ende des 17. Jahrhundert von einer kleinen Siedlung zu einer wirklichen Stadt. Damals fungierte Belfast noch vor allem als Marktstandort (Boal 1995:10, Jones 1960), bald

2

So wird die gezielte Ansiedelung englischer und schottischer – protestantischer – Familien und Soldaten im Nordosten der Insel Irland bezeichnet. Diese Politik wurde vom

G ESCHICHTE UND E NTWICKLUNG B ELFASTS | 155

gab es aber auch schon „mills, brewhouses, sugar refineries, malt-kilns, a pottery, tanneries and, nearby, iron works“ (Boal und Royle 2006b:12). Ab dieser Zeit schritt das Wachstum der Stadt rapide voran und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich Belfast bereits stark industrialisiert. Die meisten Arbeiter*innen waren zu dieser Zeit in Leinenfabriken beschäftigt. Leinen war lange Zeit das Hauptexportgut der Stadt und der ganzen Region (Boal und Royle 2006a:13, Jones 1960:34-35). Die Zahl der Arbeiter*innen in der Leinenindustrie verdreifachte sich zwischen 1850 und 1875 (Wiener 1969:13). Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Ausdehnung der Industrie ihren Höhepunkt erreicht. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigten alle Belfaster Leinenfabriken ca. 69.000 Menschen, die meisten von ihnen Frauen (Boal und Royle 2006a:18). Aufgrund der hohen Konzentration von Industriebetrieben gehörten Belfast und der nordöstliche Teil der Insel Irland im 19. Jahrhundert zu den dynamischsten Regionen des Vereinigten Königreichs. Um 1850 war Belfast sogar der wichtigste und größte Hafen Irlands (Boal und Royle 2006a:15). Durch die günstige Lage der Stadt am Fluss Lagan und am Belfast Lough konnte sich eine florierende Schiffsbauindustrie etablieren, die sowohl in Bezug auf die Eigentümer- als auch auf die Arbeiterstruktur stark von den protestantischen Siedlern dominiert war. Auch damals schon kam es in den Werften immer wieder zu Gewalt gegen die wenigen katholischen Arbeiter. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren in Belfast sowohl die größte Werft als auch die größte Seilfabrik der Welt ansässig (Boal 1995:13). Die größte, weltweit bekannte Werft war Harland & Wolff, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts 9.000 Männer beschäftigte. Nicht nur die Titanic und ihre Schwesterschiffe Olympic und Britannic, sondern auch etliche weitere britische Ozeandampfer und Kriegsschiffe wurden von Harland & Wolff gebaut. Noch heute zieht Belfast einen großen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihrer Vergangenheit als Arbeiter- und Industriestadt. Im Jahr 1921 erfolgte nach einem langen Unabhängigkeitskrieg der Irish Republican Army (IRA) die Teilung der Insel in eine mehrheitlich irisch-katholische Republik Irland und ein mehrheitlich britisch-protestantisches Nordirland. Der Norden bekam zwar eine teilweise Verwaltungsautonomie zugesprochen und wies einige Charakteristika unabhängiger Staaten auf, verblieb aber mit Belfast als Regionalhauptstadt im Vereinigten Königreich (Murray und Murtagh 2007:113, McCall 1999:37). Nordirland wurde aus den sechs Grafschaften Antrim, Armagh,

britischen Staat als Möglichkeit gesehen, diesen damals besonders rebellischen Teil des Empires unter Kontrolle zu bringen und ging mit Enteignung sowie weitgehender Diskriminierung der einheimischen, irisch-katholischen Bevölkerung einher.

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Derry/Londonderry, Down, Fermanagh und Tyrone der Provinz Ulster3 gebildet. Ein Zwei-Kammern-System wurde eingeführt, und ab sofort war Nordirland berechtigt, Abgeordnete nach Westminster zu entsenden. Die drei weiteren zu Ulster gehörigen Grafschaften Cavan, Donegal und Monaghan wurden dem Freistaat zugeschlagen, da sie mehrheitlich von Katholik*innen bewohnt waren und die unionistischen Eliten befürchteten, diese Grafschaften nicht kontrollieren zu können (vgl. Hocking 2015:23, Rapp 1987:18). In den sechs Grafschaften des späteren Nordirlands machte die katholische Bevölkerung nur etwa ein Drittel aus. Im Zusammenhang mit der Teilung der Insel kam es in Belfast zu einer Reihe von Unruhen und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Loyalisten. Diese wurden durch die Weltwirtschaftskrise in den 1920er und 30er Jahren, die auch in Belfast hohe Arbeitslosenzahlen verursachte (25% im Jahr 1925; Wiener 1969:14), weiter verschärft (Boal 2002:691, Ellis und McKay 2000:47, Boal 1995:21). In der Folge nahm auch die Aufteilung des Stadtgebiets in überwiegend protestantisch-unionistische bzw. katholisch-nationalistische Wohngebieten zu, wobei diese in der Tendenz bereits seit der Gründung der Stadt bestanden hatte (Boal 2002:688, Doherty und Poole 2000:180, Boal 1995:21). Der erste Premierminister Nordirlands wurde James Craig, der sich selbst als Vorsteher eines „Protestant Parliament and a Protestant State“ verstand (Carmichael und Knox 2004:594, Kandel 2005:78). Die Teilung der Insel und Gründung Nordirlands bezeichnen McVeigh und Rolston als „first and overarching sectarian act“, der alle größeren und kleineren Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen nach sich zog (2007:5). Bis 1976 sollte die Region von Craigs Partei, den Ulster Unionists, als alleiniger Regierungspartei regiert werden (Baumann 2008:55). Die Einigkeit in politischen Fragen sicherte den Unionisten langfristig den Machterhalt (Korstian 2008:20). Weiterhin trug die Einführung des sog. Kommunalen Zensuswahlrechts, das nur Besitzern oder Pächtern von Land oder Gebäuden im kommunalen Wahlkreis das Stimmrecht zugestand, zur Dominanz der Unionisten bei. Dadurch wurde die im Durchschnitt wirtschaftlich schlechter gestellte katholische Bevölkerung zusätzlich benachteiligt, da prozentual weniger Personen das Wahlrecht erhielten. Weiterhin wurde das Verhältniswahlrecht auf kommunaler und auf Landesebene abgeschafft, kleine Parteien erst gar nicht entstehen konnten und die Einheit des Unionismus gewährleistet blieb. Wahlkreise wurden gezielt so eingeteilt, dass unionistische Mehrheiten zustande kamen, auch wenn die Bevölkerungsmehrheit eigentlich überwiegend katholisch-nationalistisch war; eine Praxis, die als „gerrymandering“ 3

Die Insel Irland besteht aus vier Provinzen (Ulster, Leinster, Munster und Connaught) mit insgesamt 32 Grafschaften (countys). Ulster besteht aus insgesamt neun Grafschaften, von denen aber nur die genannten sechs zu Nordirland gehören.

G ESCHICHTE UND E NTWICKLUNG B ELFASTS | 157

bezeichnet wird. Zudem war das gesamte Erziehungs- und Bildungswesen ethnisch-konfessionell segregiert, was sich ebenfalls bis heute auswirkt und erst langsam verändert. Katholik*innen waren weiterhin einer institutionalisierten Diskriminierung ausgesetzt, sie wurden so gut wie nie im (höheren) öffentlichen Dienst beschäftigt und oftmals auch bei der öffentlichen Wohnungsvergabe sowie auf dem privaten Arbeitsmarkt übergangen (vgl. Korstian 2008:18-20, Connolly 2006:411, Kandel 2005:78-89, McCall 1999:39, Bardon 1992:499-504). Die Industrialisierung und die dadurch entstehenden Arbeitsplätze brachten eine große Zahl von Zuwanderer*innen aus ländlichen, überwiegend katholisch geprägten Gebieten der Insel mit sich (Korstian 2008:17). Diese Neubürger*innen veränderten die konfessionelle Zusammensetzung der Kernstadt deutlich: Die katholische Minderheit, deren Anteil Mitte des 18. Jahrhunderts bei kaum fünf Prozent gelegen hatte, machte um 1830 bereits ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus (Boal 1995:13). Die Gesamtbevölkerung Belfasts wurde 1901 mit knapp 350.000 angegeben (Boal 2006:57, Evans und Jones 1955). Bis 1937 stieg diese Zahl auf ca. 440.000 an (Jones 1960:127) und erreichte mit knapp 600.000, die beim Census im Jahr 1971 gezählt wurden, ihren bisherigen Höhepunkt. In Bezug auf die Entwicklung des Industriesektors ist Belfast in vieler Hinsicht eine typisch britische Stadt, die erst mit der industriellen Revolution nennenswertes Wachstum verzeichnen konnte, den Höhepunkt ihrer Bedeutung und ökonomischen Prosperität noch vor dem Ersten Weltkrieg erreichte und nach dem Ende des Wirtschaftswunders in den 1950er und 60er Jahren langsam, aber sicher in eine Krise geriet (Donovan 2013:134, Brown 1990:54, Wiener 1969:15). Bemerkenswert ist die Konzentration der industriellen Betriebe (und damit auch der Arbeitsplätze) innerhalb Nordirlands auf Belfast: Im Jahr 1951 befanden sich dort 58% aller nordirischen Industriearbeitsplätze (Hart 1990:39). Entsprechend hart wurden die Kernstadt und ihre Arbeiter*innen in den folgenden Jahrzehnten von der einsetzenden Deindustrialisierung getroffen; in einigen Stadtteilen Belfasts erreichten die Arbeitslosenraten bis zu 40% (Hart 1990:39). Insgesamt verlor Belfast zwischen 1973 und 1986 über 43% der Arbeitsplätze in der Industrie, in absoluten Zahlen ca. 53.200. Besonders etliche protestantische Arbeiter, die über Generationen mit den Werften und der Schiffsbauindustrie verbunden waren, gerieten durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes häufig auch in große persönliche Krisen (Graham 2007:227, Hart 2006:87-89, Boal 1996:156). Dieser heftige ökonomische Niedergang sowie die erneute Eskalation des Konflikts, die sich in den 1970er Jahren gegenseitig verschärften, scheint allerdings noch in den frühen 1960er Jahren nicht vorhersehbar gewesen zu sein (Boal 1990:7). Sorgen galten eher dem schnellen und ungebremsten Wachstum der

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Stadt, weshalb der 1963 veröffentlichte Matthew Plan (benannt nach seinem Erdenker Sir Robert H. Matthew) vorsah, eine Stop Line um Belfast herum zu ziehen, jenseits derer keine Bautätigkeit mehr erfolgen sollte (Murray und Murtagh 2007:113). Damit sollte die für 1981 prognostizierte Bevölkerungszahl der Kernstadt von 700.000 Menschen auf maximal 600.000 begrenzt werden (Boal 1990:5). Neben der erwünschten Eindämmung des Bevölkerungswachstums war der extrem schlechte Zustand des Wohnungsbestands ein Grund für die Einsetzung der Stop Line. Außerdem zielte die Maßnahme auf den Schutz der die Stadt umgebenden Natur ab, darunter besonders das Lagan Valley und die Antrim und Down Hills, die von der zunehmenden Zersiedelung bedroht waren (Boal 1994:142, Boal 1990:4). Aufgrund von geringer Bau- und Renovierungstätigkeit in der Zwischenkriegszeit sowie der Zerstörung vieler Wohnhäuser während der Bombardierung Belfasts im Zweiten Weltkrieg („Belfast Blitz“) galten die Wohnverhältnisse in der Stadt bis in die 1970er Jahre hinein als „perhaps the worst […] in Western Europe“ (Boal 1994:149). Um Belfast weiter zu entlasten, sollte das Wachstum in einigen Mittelstädten über Nordirland verteilt angeregt werden – eine Praxis, die der in vielen britischen Städten in den 1960er Jahren ähnelte. Aufgrund der Umsetzung dieses Plans, der fast zeitgleich einsetzenden Wirtschaftskrise und des Ausbruchs der Troubles verlor Belfast von 1971 bis 1981 fast 20% ihrer Bevölkerung, was in diesem Umfang nicht intendiert gewesen war (Brown 1990:55). Bis 1991 sank die Bevölkerungszahl weiter auf ca. 280.000 Personen (Boal 1994:142). Aufgrund der schlechten Wohnungszustände wurden in den 1960er Jahren schließlich eine Reihe von Stadterneuerungsprogrammen durchgeführt, welche zudem die Bevölkerungsdichte einiger Nachbarschaften stark reduzierten und damit deren Charakter dauerhaft veränderten. Prominent aufgearbeitet wurde diese Praxis und ihre Folgen für den Zusammenhalt und die Lebensfähigkeit der betroffenen Quartiere am Beispiel der protestantisch-unionistischen Nachbarschaft Shankill durch Wiener (1969). Teil der damit einhergehenden Modernisierungsmaßnahmen war zudem der Bau eines Netzes von Autobahnen in Nordirland, der damals als notwendig erachtet wurde, um die Infrastruktur an den steigenden Autoverkehr anzupassen. Die Autobahn („Westlink“) führt unter anderem auch eng am Stadtzentrum von Belfast vorbei und schneidet einige angrenzende Stadtteile im Norden und Westen gewissermaßen vom Stadtzentrum ab. Die Überquerung des Westlink erschwert die Anreise vom Zentrum aus nach Nord- und Westbelfast und umgekehrt für Nutzer*innen des öffentlichen Nahverkehrs, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen deutlich, macht sie gefährlich und unattraktiv, so dass der eigentlich kurze Weg selten in Kauf genommen wird, wenn es nicht unbedingt

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nötig ist. In den letzten Jahren wird in Belfast die fehlende Konnektivität der Innenstadt mit einigen angrenzenden Wohnquartieren und die daraus resultierende Benachteiligung für Haushalte ohne PKW-Besitz diskutiert. Die Stadtautobahn wird in diesen Diskussionen mittlerweile als Hindernis zur Verbesserung der Verbindung betrachtet, mit dem auch langfristig umgegangen werden muss (Mark Hackett 2010, Rab McCallum 2010, pers. Gespräche).

7.2 D IE T ROUBLES UND IHRE RÄUMLICHEN H INTERLASSENSCHAFTEN IN B ELFAST Nachdem der Konflikt einige Jahrzehnte nur latent bestanden hatte, eskalierte er ab 1969 erneut und trat damit in diejenige Austragungsphase ein, die in Nordirland umgangssprachlich als „Troubles“ (Unruhen, Störungen) bezeichnet wird. Höhere Positionen in der Verwaltung waren zu diesem Zeitpunkt nach wie vor fest in protestantischer Hand und „[c]ontracts, houses and even the most insignificant jobs were […] given out as favours of all parties represented“ (Bardon 1992:640). Die ungleiche Vergabe von Wohnraum schlug sich entsprechend des Kommunalen Zensuswahlrechts auch in den Wahlergebnissen nieder: Junge katholische Paare und Familien mussten oft viel länger auf die Zuteilung einer Wohnung warten und wohnten solange noch bei den Eltern. Damit waren sie von der Stimmabgabe ausgeschlossen, weil sie keinen eigenen oder zumindest selbst gemieteten Grund und Boden vorweisen konnten. Auch in der Privatwirtschaft war Diskriminierung alltäglich: Für Katholiken war beispielsweise nahezu unmöglich, eine Anstellung in der Schiffsbauindustrie zu bekommen. So beschäftigte die größte Belfaster Werft Harland & Wolff im Jahr 1970 nur 400 katholische Arbeiter bei einer Belegschaft von über 10.000 Menschen. Zögerliche Reformbestrebungen der unionistischen Machthaber kamen zu spät und waren nicht weitgehend genug, als dass sie den wachsenden Unmut hätten auffangen können (Carmichael und Knox 2004:594). Schließlich konnte in den späten 1960er Jahren eine vor allem von katholischen und nationalistischen Gruppierungen initiierte Menschenrechtsbewegung, die gegen die strukturelle Diskriminierung von Katholik*innen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie die extrem schlechten Zustände im öffentlichen Wohnungsbau protestierte, eine solch starke Anhängerschaft mobilisieren, dass sich die politischen Entscheidungsträger des unionistischen Systems bedroht und provoziert fühlten. Die Bewegung initiierte eine Reihe von Demonstrationen, welche von der Polizei mit großer Härte niedergeschlagen wurden. Daraufhin kam es in (London-)Derry und kurz darauf auch in Belfast zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Demonstrierenden

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und Mitgliedern der Sicherheitskräfte (Hocking 2015:25, Donovan 2013:134, Curtis 2008:409-410, Connolly 2006:412, Carmichael und Knox 2004:595). Als die Situation sich derart zuspitzte, dass die lokalen Sicherheitskräfte sie nicht mehr kontrollieren konnten, wurden im August 1969 britische Soldaten nach Nordirland entsandt. Diese wurden von den Bewohner*innen der betroffenen Gebiete besonders in (London-)Derry und Belfast zunächst sogar freudig empfangen, da sie sich eine Verbesserung der Sicherheitssituation und eine bessere Behandlung als durch die nordirische Polizei erhofften (Jarman 1997b:77-78). Durch die Unerfahrenheit der fast ausschließlich aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs stammenden Soldaten in Bezug auf die „sectarian geography“ Belfasts und Nordirlands und ihr häufig unsensibles Vorgehen trugen sie jedoch eher noch zu einer Verhärtung der Fronten bei und zogen selbst Unmut auf sich (Byrne 2011:28). Erst durch dieses Zusammenspiel von Umständen und Ereignissen konnte die Irish Republican Army (IRA), die seit ihrer nur teils erfolgreichen Unabhängigkeitskampagne in den 1920er Jahren kaum noch aktiv gewesen war, wieder weitreichende Unterstützung in der Bevölkerung gewinnen (Korstian 2008:19). Die Organisation begann einen bewaffneten Kampf gegen die von Republikaner*innen als illegitim betrachtete britische Besatzung. Bis 1998 kamen 3.483 Menschen im Zusammenhang mit den Troubles ums Leben – nicht nur verschuldet von der IRA, sondern auch von loyalistischen paramilitärischen Gruppierungen und den britischen Sicherheitskräften. 1.879 der getöteten Menschen waren Zivilist*innen, 1.117 gehörten den britischen Sicherheitskräften an (Sutton 2016). Über 40.000 Menschen wurden verletzt. Im Jahr 1972, das als Höhepunkt des Konflikts betrachtet wird, waren 30.000 britische Armeesoldaten (davon 8.500 Angehörige des Ulster Defence Regiment UDR) in Nordirland stationiert (Gillespie 2008:42). Erst im Jahr 1998 schuf das Karfreitagsabkommen die Voraussetzungen für den vollständigen Truppenabzug, die Einsetzung einer regionalen Regierung unter Beteiligung von Unionisten und Nationalisten und die Neuordnung der Institutionen. Die Troubles wurden nach fast 40 Jahren für beendet erklärt. Die Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Konflikt bilden jedoch auch weiterhin die Grundlage für Einstellungen und Verhaltensweisen vieler Menschen; die ethnopolitischen Konfliktlinien bestimmen nach wie vor auch die politischen Diskussionen (McGrattan 2010:157). Vor der Auseinandersetzung mit den räumlichen Hinterlassenschaften dieser Zeit scheint eine grundsätzliche Anmerkung angebracht: Prinzipiell blieb das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Belfast – vielleicht abgesehen von den Höhepunkten der gewaltvollen Konfliktaustragung in den früheren 1970er Jahren und mit Ausnahme einiger weniger Stadtteile – während der Troubles weitestgehend funktionsfähig. Es wurden von staatlicher Seite wie auch von Privatpersonen

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einige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, die es vielen Menschen über weite Zeiträume ermöglichten, ihren Arbeits- und Freizeitaktivitäten mit wenigen Einschränkungen nachzugehen (vgl. Bairner 2006). Diese Anmerkung soll nicht die traumatischen Erfahrungen vieler Menschen während der Troubles als gering abtun oder in Abrede stellen, dass das Leben fast jedes und jeder Nordir*in in irgendeiner Weise vom Konflikt geprägt wurde. Es soll vielmehr darauf hingewiesen werden, dass der Konflikt zu manchen Zeitpunkten größere Rollen spielte als zu anderen und zudem unterschiedliche Auswirkungen auf einzelne Personen und Bevölkerungsgruppen hatte, die von kleinen Unannehmlichkeiten in der Alltagsorganisation bis hin zu großen Verlusten und lebenslangen Traumata reichen. In Belfast hatten die Troubles in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich starke Auswirkungen: So wohnte dort im Jahr 1971 zwar nur ca. ein Fünftel der nordirischen Bevölkerung, der Prozentsatz der Belfaster Todesopfer politischer Gewalt liegt jedoch bei fast 50% (Gaffikin und Morrissey 2006:879-880, Hepburn 2004:182). Innerhalb der Stadt konzentrieren sich die Vorfälle wiederum auf wenige Stadtteile im Norden und Westen. Über 75% der Belfaster Todesopfer stammten aus Nord- oder Westbelfast (Morrissey und Smyth 2002:29). Dort gaben in einer Umfrage im Jahr 2002 fast 40% der Befragten an, „severe or very severe experiences of conflict related violence“ (Gaffikin und Morrissey 2011:207) gemacht zu haben. Es wird zudem häufig darauf hingewiesen, dass sehr viele Opfer des Konflikts in unmittelbarer Nähe zu ihren Wohnorten und/oder in interface areas4 starben (Mesev et al. 2009:900-901, Shirlow 2003a:82). In Stadtteilen, die sowohl katholisch dominiert als auch sozial benachteiligt waren, erreichte die Sterberate durch politisch motivierte Gewalt in den Jahren 1969-1999 bis zu 10‰ (verglichen mit ca. 1‰ in wohlhabenderen Stadtteilen; Gaffikin und Morrissey 2011:208, vgl. Mesev et al. 2009:900). Heute, keine 20 Jahre nach der Konfliktbeilegung, sind die gesellschaftlichen Zustände dieser Zeit kaum mehr vorstellbar. Und doch waren die Troubles für einen Großteil der Bevölkerung über viele Jahre Realität und selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens. Die heutige junge Generation wächst in einer völlig anderen Realität auf – dass die Auswirkungen des Nordirlandkonflikts in Belfast allerdings immer noch auf vielfache Weise zu spüren sind, zeigen u. a. die immer wieder auftretenden gewaltsamen Ausschreitungen, für die der Konflikthintergrund noch ausreichend Vorwände bietet (vgl. Donovan 2013:138), oder die diffuse Angst, die Mitglieder einer Gemeinschaft davon abhält, Stadtteile zu besuchen, die sie der anderen Gemeinschaft zuordnen. Auch viele räumliche

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Mit dem Begriff interface werden in Nordirland die Grenzen zwischen unionistischen und nationalistischen Quartieren bezeichnet.

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Hinterlassenschaften des Konflikts sind ein hartnäckiger Bestandteil des täglichen Lebens, der die Erinnerung an selbigen – bewusst und unbewusst – wachhält. 7.2.1 Territoriale Organisation Das Segregationsmuster in Belfast ist komplex, teilweise sehr kleinteilig und über viele Jahrzehnte, in Teilen wohl sogar seit der Gründung der Stadt, tradiert (Boal 2002:688). Die Segregation nach ethnischen Gesichtspunkten verschärfte sich aber deutlich in den ersten Jahren der Troubles (Hocking 2015:25, Boal 2002:691). So lebten im Jahr 1969, kurz vor der Eskalation des Konflikts, nur ca. 28% der Einwohner*innen Belfasts in einer Straße, in der alle Bewohner*innen zur selben ethnischen Gemeinschaft gehörten. 1977 waren es bereits 50% (Boal 1994:146). Auf beiden Seiten wurden Einwohner*innen aus vormals gemischten Stadtteilen vertrieben oder es kam zu „freiwilligem“ Wegzug aus Angst vor möglichen Übergriffen (Curtis 2008:411-413). Zwischen 1969 und 1973 siedelten ca. 60 000 Einwohner*innen, ausgelöst durch Straßenkämpfe und gezielte Bedrohungen und Einschüchterungen, innerhalb der Stadt um. Die Bewohner*innen fühlten sich in gemischten Gebieten zunehmend unwohl und suchten die vermeintliche Sicherheit ethnisch homogener Stadtteile auf (Jennifer Hawthorne, pers. Gespräch, Hepburn 2004:183, Murtagh 2002:46, Doherty und Poole 2000:185, Boal 1996:152). In vielen, besonders nationalistischen Nachbarschaften entstanden regelrechte „no-go zones“, in denen die Polizei und Armee nicht erwünscht waren, aber auch der öffentliche Nahverkehr zum Erliegen kam und nur noch die nötigsten öffentlichen Dienstleistungen erbracht wurden (Hocking 2015:25, Korstian 2008:22). Die (v. a. republikanischen) paramilitärischen Gruppen stilisierten sich in diesen Gegenden zu „social workers with armalites“, die zumindest ein rudimentäres Sozialsystem aufrechterhielten und über eine informelle lokale Ökonomie junge Menschen mit Arbeit und Einkommen versorgten (Korstian 2008:26). Bis zum Zerfall Jugoslawiens galt dieser Umwälzungsprozess als die größte Bevölkerungsbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg (Shirlow 2003a:81). Betroffen waren vor allem Arbeiterhaushalte, nationalistische häufiger als unionistische (Curtis 2008:10). Persönliche Kontakte und Freundschaften über die ethnopolitischen Grenzen hinweg gingen innerhalb weniger Jahre stark zurück. Durch die räumliche Teilung wurde es zudem einfacher, Mitglieder der eigenen bzw. der anderen Gemeinschaft zu unterscheiden, da Aufenthaltsorte und Bewegungsmuster leicht zuzuordnen waren (vgl. Shirlow 2008:76, Boal 2002:693). Es entstanden vor allem beim öffentlichen Wohnungsbau zwei getrennte Wohnungsmärkte, da Mitgliedern beider Gruppen nur noch bestimmte Stadtteile zur Verfügung standen. Aufgrund dessen wurde 1979 sogar die Stop

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Line wieder aufgehoben und die Siedlung Poleglass im äußersten Westen der Stadt gebaut, mit der die hohe Nachfrage nach Wohnraum von Seiten der katholisch-unionistischen Gemeinschaft zumindest in Teilen aufgefangen werden sollte (Boal 1994:146, vgl. Sam Kendel 2010, pers. Gespräch). Auch noch im Jahr 2001 lebten über zwei Drittel der Einwohner*innen in Gebieten, die sich zu mindestens 81% aus Mitgliedern derselben Konfession zusammensetzten (67,3% der Katholiken und 73% der Protestanten; Shirlow 2008:78). Seitdem weist der Trend leicht auf eine beginnende Desegregation hin, wie die Ergebnisse des Census von 2011 verdeutlichen (Gaffikin 2013). Auslöser für diese statistischen Verschiebungen sind jedoch vor allem Zuzüge von außerhalb Nordirlands sowie neu entstehende „neutrale“ Wohngebiete; gerade in den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus wird die starre Teilung bis heute kaum aufgebrochen und liegt unverändert bei ca. 90% (Nolan 2012, Shirlow 2008:78-79). Dort wird auch in den nächsten Jahren keine substantielle Veränderung erwartet. Generell lässt sich in Belfast eine Konzentration der katholisch-nationalistischen Arbeiterschicht in den dicht besiedelten innerstädtischen Wohngebieten feststellen. Die wohlhabendere Bevölkerung, die sich bis vor Kurzem überwiegend aus dem protestantischen Teil rekrutierte, hat sich seit dem Beginn der Troubles immer mehr in die Vororte zurückgezogen (Donovan 2013:139, Boal 1994). Zurück blieben Quartiere, die von O’Dowd und Komarova als „residual ‚loyalist‘ working class communities“ bezeichnet werden, deren Benennung als „communities“ allerdings aufgrund der sinkenden Einwohnerzahlen und des zunehmenden Leerstands teilweise kaum noch gerechtfertigt werden kann (2009:9). Das Stadtzentrum gilt als neutrale Zone, die für alle gleichermaßen zugänglich ist und in der die ethnische Zugehörigkeit weder heute noch während der Troubles eine Rolle spielt(e) (Gaffikin et al. 2008). Diese Neutralität äußert sich in einer weitreichenden Abwesenheit von Symbolen, die für eine der Gemeinschaften identitätsstiftend und die andere potenziell abschreckend sein können (Hocking 2015:68-69). Die meisten Etablissements der Nachtökonomie – besonders Pubs, Clubs und andere Orte, an denen Alkohol konsumiert wird – richten ihre Einlasspolitik entsprechend aus und verwehren Personen, die sich z. B. über ihre Kleidung – zumeist Fußballtrikots – mit einer der Gruppen assoziieren, den Zutritt. Die vier nach den Himmelsrichtungen benannten Stadtteile Belfasts haben alle sehr eigene Charakteristika und entwickeln sich unterschiedlich. Im Folgenden stelle ich jeden Stadtteil kurz vor. Traditionell gelten die an das Zentrum angrenzenden Quartiere Westbelfasts als katholischer Block und republikanischnationalistische Hochburg. Im Northern Ireland Multiple Deprivation Measure5 5

Der Northern Ireland Multiple Deprivation Measure ist die offizielle Messung für spatial deprivation in Nordirland. 52 Indikatoren fließen in sieben unterschiedlich

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von 2010 erscheinen fünf Westbelfaster Bezirke unter den zehn am meisten benachteiligten Bezirken Nordirlands; besonders in den Bereichen Gesundheit und Bildungsniveau sind die Werte unterdurchschnittlich. Auch die Lebenserwartung liegt in weiten Teilen Westbelfasts unter dem nordirischen Durchschnitt von 79 Jahren; Einkommen und Beschäftigungsquote sind niedrig (Northern Ireland Statistics Research Agency 2010). Im Sommer 1969 fanden in Westbelfast einige der massivsten Ausschreitungen statt und dort war auch der erste Einsatzort der britischen Truppen in Belfast. Bis 1998 blieb Westbelfast ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste „centre of the war“ (Carden 2011:9). Viele aktuelle Bewohner*innen Westbelfasts sind ehemalige Häftlinge, die in der IRA oder in einer anderen militanten republikanischen Organisation aktiv waren und nach dem Karfreitagsabkommen in einer veränderten Gesellschaft ihren Platz suchen. Durch die jahrzehntelange Abschottung von den umgebenden protestantischen Stadtteilen und die herausgehobene – teils eigens, teils von außen zugeschriebene – Stellung während des Nordirlandkonflikts als Ort des Widerstands gegen die britische „Besatzung“ haben sich in Westbelfast ein sehr starker lokaler Zusammenhalt, gut funktionierende informelle soziale Netzwerke und eine besondere Identifikation der Bewohner*innen mit ihrem Wohnort und der ehemals unterdrückten irischen Kultur herausgebildet (Carden 2011:9). Durch seine kulturellen Besonderheiten generiert der Stadtteil auch signifikantes touristisches Interesse. Im Gegensatz dazu ist Nordbelfast kein einheitlicher Stadtteil, sondern gleicht einem Flickenteppich aus segregierten Quartieren bzw. Straßenzügen (Shirlow 2008:79). Die Grenzen sind mal mehr, mal weniger subtil und werden durch Flaggen, Graffiti, Mauern und Zäune markiert. Mehrere innenstadtnahe Bezirke Nordbelfasts gehören zu den sozial schwächsten aller nordirischen Bezirke (Northern Ireland Statistics Research Agency 2010); besonders die Indikatoren Gesundheit, Einkommen und Beschäftigung werden als prekär bewertet. Ardoyne, New Lodge und Water Works erreichen zudem sehr schlechte Wertungen bei dem Indikator Housing and Living Environment Deprivation (Northern Ireland Statistics Research Agency 2010). Der Anteil der Personen ohne formale Schul- oder Ausbildungsqualifikation erreicht zudem in Crumlin, New Lodge und Shankill um 70% (Northern Ireland Statistics Research Agency 2011). Ardoyne, New Lodge

gewichteten Gruppen in den Index ein: Income Deprivation (25%), Employment Deprivation (25%), Health Deprivation and Disability (15%), Education, Skills and Training Deprivation (15%), Proximity to Services (10%), Living Environment (5%), Crime and Disorder (5%). Die Angabe des Rankingergebnisses der Nachbarschaften dient hier als Orientierung, nicht als absolute Aussage bezüglich des Status der jeweiligen Gebiete.

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und Water Works werden zu über 90% von Mitgliedern der katholisch-nationalistischen Gemeinschaft, Crumlin und Shankill zu ähnlich hohen Anteilen von Mitgliedern der protestantisch-unionistischen Gemeinschaft bewohnt (Participation and the Practice of Rights Project o. J.). Auch im Jahr 2012 erklärten noch fast 60% der Einwohner*innen, dass sie am liebsten in einer Gegend wohnen würden, in der die Mehrheit der anderen Bewohner*innen der gleichen Religion angehört wie sie selbst (Concilium Northern Ireland 2012:21). Ebenfalls fast 60% der Befragten präferierten für ihre Kinder eine Schule „that followed their personal religion“ (Concilium Northern Ireland 2012:14-15). Die innenstadtnahen Teile Nordbelfasts grenzen fast direkt an das Stadtzentrum an. Trotzdem existiert eine psychologische Barriere für die Bewohner*innen anderer Stadtteile; Nordbelfast wird als „außerhalb“ wahrgenommen, was auch mit der Notwendigkeit zur Überquerung des Westlink sowie der unzureichenden Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun hat. Der Osten Belfasts liegt am anderen Ufer des Flusses Lagan und gilt als weitestgehend protestantisch-loyalistischer Stadtteil. Direkt am östlichen Rand der Innenstadt befindet sich mit Short Strand/Cluan Place aber auch eines derjenigen interfaces, an denen es immer wieder zu Ausschreitungen kommt (Malik 2011, Nawaz 2005). Die katholisch-republikanische Enklave Short Strand besteht nur aus einigen wenigen Straßenzügen, seine Bewohner*innen fühlen sich jedoch mit ihrem Wohnort so stark verbunden, dass ein Wegzug für die meisten nicht in Frage kommt (Maggie Andrews 2010, pers. Gespräch). Innerhalb des Stadtteils Ostbelfast sind die größten sozioökonomischen Unterschiede zu beobachten (Northern Ireland Statistics Research Agency 2010, Maggie Andrews, pers. Gespräch). Traditionell handelt es sich bei den Quartieren in Inner East hauptsächlich um ehemalige Industrie- und besonders Werftarbeiterquartiere. Ostbelfast war besonders durch den Niedergang der nordirischen Schiffsindustrie in den letzten Jahrzehnten von Arbeitslosigkeit betroffen und hat sich bis heute nicht vollständig davon erholt. Seit 2002 wird das ehemalige Gelände der Werft Harland & Wolff zu Titanic Quarter umgebaut, dessen Herzstück das spektakuläre Museum Titanic Belfast Visitor Experience ist. Die weiter außerhalb gelegenen Gebiete werden zunehmend von jungen und eher gut situierten Familien bewohnt. Südbelfast wird zumeist als problemloses, prosperierendes und überwiegend gemischtes Viertel beschrieben. In der Tat befinden sich dort schon immer die Wohnsitze der wohlhabenderen Bevölkerungsteile sowie die traditionsreiche Queen’s University. Die Gegend um die Universität ist von studentischem Wohnen sowie von einer Vielzahl von Kultur- und Gastronomieeinrichtungen geprägt, es gibt traditionell nur wenige und eher „gemäßigte“ interfaces und kaum sozial

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schwache Gebiete. Die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln an das Stadtzentrum ist sehr gut. Sogar einige ehemals verrufene Teile Südbelfasts gelten heute als „a good place to hang out“ für Student*innen und junge, gut ausgebildete Arbeitnehmer*innen sowie die wachsende migrantische Bevölkerung, für die die Zugehörigkeit zu einer der traditionellen nordirischen Gemeinschaften wenig bis keine Bedeutung hat (Murtagh 2008:17). In den letzten Jahren sind etliche hochpreisige Wohnsiedlungen entstanden. Dies führte auch zu kritischen Kommentaren, da der Eindruck entstand, Südbelfast verwandle sich in „eine einzige große gated community“ (Mark Hackett 2010, pers. Gespräch). Einkommen und Lebenserwartung liegen über dem Durchschnitt und besonders das Bildungsniveau ist sehr hoch (Northern Ireland Statistics Research Agency 2010). So ergab beispielsweise eine Auswertung der Studieneintrittszahlen aus dem Jahr 2015, dass ca. 40% der Schulabgänger*innen aus Südbelfast ein Studium aufnahmen, während es in Nordbelfast nur etwa 20% waren (Black 2015). Damit gehörte die Rate für Südbelfast zu den regionsweit höchsten, die für Nordbelfast zu den niedrigsten. Im Mai 2016 wurde in Südbelfast eine der insgesamt zwei Abgeordneten der nordirischen Grünen für die Regionalversammlung gewählt, was ein weiteres Indiz für die abnehmende Orientierung an den traditionellen Konfliktlinien darstellt. Die territoriale Organisation Belfasts hat sich zumindest in den traditionellen Wohnquartieren auch nach der Beilegung des Nordirlandkonflikts kaum verändert. Besonders in denjenigen Quartieren, in denen die neue Ära nach 1998 noch kaum Veränderungen gebracht hat, lässt sich weiterhin ein Bedürfnis nach Rückzug in eine vertraute Umgebung und nach Abgrenzung beobachten. 7.2.2 Städtebauliche Auswirkungen Um die Konfliktgruppen voneinander zu trennen und die Bevölkerung vor Bombenanschlägen v. a. der IRA zu schützen, wurden zu Beginn der Troubles umfangreiche und radikale städtebauliche Maßnahmen ergriffen, die teilweise noch heute bestehen (Neill 2001b:42-44, Berry und McGreal 1993:194). Nach den ersten Autobomben der IRA, die im Stadtzentrum platziert waren und darauf abzielten, das kommerzielle Leben dort lahmzulegen, wurden die Eingänge zu den Hauptgeschäftsstraßen in der Innenstadt ab Juli 1972 von einem „system of crude barriers“ verschlossen (Brown 1985b:3), an denen alle, die das Stadtzentrum betreten wollten, durchsucht wurden (Brown 1990:57). Eine Zufahrt zum Stadtzentrum war nur noch für Lieferverkehr möglich. Bis 1976 wurden die provisorischen Barrieren zu einem regelrechten ring of steel ausgebaut, welcher das gesamte Zentrum umschloss (Hills 2009:26, Coaffee und Wood 2006:506, Coaffee 2004:201).

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Als Folge der Abriegelung schrumpfte der Einkaufsbereich der Innenstadt auf wenige Straßen zusammen, da die Geschäfte außerhalb der Sicherheitszone als nicht mehr zum Zentrum zugehörig wahrgenommen und weniger frequentiert wurden. Um 18.00 Uhr wurde die Innenstadt „abgeschlossen“, nur drei Eingänge blieben länger geöffnet. Abends und nachts hielt sich kaum noch jemand innerhalb der Zone auf, was vor allem die Inhaber*innen von Bars, Restaurants, Hotels und anderen Teilen der Nachtökonomie schädigte (Brown 1990:57, 1984:41). Besonders die motorisierten Mittel- und Oberschichten nutzten verstärkt die Möglichkeit, ihre Besorgungen außerhalb des Zentrums in neu entstehenden Shopping Malls zu erledigen (Brown 1985a:9) – eine Entwicklung, die zeitgleich auch in anderen Städten ähnlich zu beobachten war, die sich in Belfast jedoch durch die Bombenanschläge der IRA besonders stark auswirkte. In den späten 1970er Jahren änderte die IRA ihre Strategie und konzentrierte ihre Angriffe nun vor allem auf Personen und Gebäude, die sie als Bestandteil oder Unterstützung der britischen „Besatzung“ betrachteten, so zum Beispiel Mitglieder der Sicherheitskräfte und der Justiz sowie deren Amtssitze (Brown 1990:58, 1985c:9-10). Die Situation im Stadtzentrum entspannte sich daraufhin nach und nach. Es wurde möglich, die Sicherheitszone zu verkleinern, die Kontrollen von Fußgänger*innen einzustellen, Busverkehr im Zentrum wieder zuzulassen – auch, wenn zunächst noch alle Busse an den Eingängen durchsucht wurden und es nicht erlaubt war, Passagier*innen innerhalb der Zone ein- oder aussteigen zu lassen (Brown 1985c:10). Aus Vorsicht blieben die metallenen Zäune noch einige Jahre stehen, falls sich die Sicherheitssituation wieder verschlechtern würde. Um ihnen ein freundlicheres Aussehen zu verleihen, wurden sie zumindest in bunten Farben angestrichen (Brown 1985b:6-7). Der ring of steel wurde seit den 1980er Jahren nach und nach abgebaut, u. a. als vertrauensbildende Maßnahme des britischen Staats im gerade beginnenden Friedensprozess. Heute dient die Erinnerung an ihn vor allem der Illustration von Veränderungen und Verbesserungen in der Belfaster Innenstadt durch den Friedensprozess. Eine andere, in vielen Wohngebieten heute noch bestehende räumliche Manifestation des Konflikts sind jedoch die so genannten peace lines. Damit werden bis zu 5,5 Meter hohe Mauern oder Zäune zwischen aneinandergrenzenden nationalistischen und unionistischen Wohngebieten bezeichnet (Geoghegan 2013). In den meisten Fällen sind diese Barrieren dort entstanden, wo über einen längeren Zeitraum hinweg Ausschreitungen zwischen Anwohnenden aus mehreren Nachbarschaften stattfanden. Zu Beginn der Troubles wurden diese Barrieren zunächst als Provisorium aus Stacheldraht von der britischen Armee aufgebaut, um Straßenschlachten zu verhindern und die aufgebrachte Bevölkerung daran zu hindern, Mitgliedern der anderen Gemeinschaft Gewalt anzutun (Jarman

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2008:26). Sie ersetzten informelle Barrieren aus Möbeln, Pflastersteinen und ausgebrannten Autos, die von den Anwohner*innen errichtet worden waren (Byrne 2011:29-39). Damals war geplant, die Stacheldrahtzäune bereits nach einigen Wochen wieder abzubauen, wenn sich die Situation beruhigt haben würde (Geoghegan 2013, Byrne 2011:33). Diese Hoffnung hat sich in den vergangenen 40 Jahren als trügerisch erwiesen. Im Laufe der Jahre sind die peace lines sogar eher höher und solider geworden, häufig auf Wunsch der Anwohner*innen selbst (Jarman 2002:282). Die letzte peace line wurde im Jahr 2007, fast 10 Jahre nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens, in Auftrag gegeben (Maddison 2016:238). Manche sind mit einem Tor versehen, durch das Autos fahren können und das nur nachts oder zu Zeiten besonderer Spannung zwischen den Gemeinschaften geschlossen wird. Manche Tore für Fahrzeuge sind aber auch seit 40 Jahren nicht geöffnet worden. Für Fußgänger*innen sind zumeist Durchgänge vorgesehen, damit sie auf die andere Seite gelangen können, ohne teilweise erhebliche Umwege machen zu müssen. Die Häuser, die direkt an den peace lines gelegen sind, sind zudem häufig mit metallenen Gittern vor den Fenstern und oberhalb der Hinterhöfe geschützt, damit Wurfgeschosse von der anderen Seite keinen Schaden anrichten können. Aufgrund der besonderen demographischen „Patchwork“-Situation befinden sich die meisten peace lines in Nordbelfast, sogar der Pausenhof einer Grundschule und ein öffentlicher Park werden dort durch Zäune geteilt (Geoghegan 2013, Jarman 2002:286). Insgesamt stehen peace lines in 22 Bezirken. Diese zählen überwiegend zu den zehn Prozent der am meisten benachteiligten Bezirke Nordirlands (Byrne et al. 2012:4, Shirlow 2008:79-80). Die erste und bis heute längste peace line trennt das katholisch-nationalistische Westbelfast vom angrenzenden protestantisch-unionistischen Stadtteil Shankill. Die Barriere zieht sich etliche Kilometer bis in die suburbanen Wohngebiete an einer Hauptverkehrsstraße entlang und verändert immer wieder ihr Aussehen (Hurley Dépret 2007). An einem Ausschnitt halten heute einige der durch Westbelfast führenden Black Cab Tours6, damit Tourist*innen dort Botschaften

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Die Black Cab Tours sind geführte Touren durch West- und (teilweise) Nordbelfast mit den für Belfast typischen schwarzen Taxis. Diese Taxis waren während der besonders gewalttätigen Phasen des Nordirlandkonflikts ein wichtiger Bestandteil des Nahverkehrs in Belfast, da der öffentliche Busverkehr in die besonders berüchtigten Gebiete eingestellt wurde und die Taxis damit für viele Bewohner*innen dieser Stadtteile die einzige verbliebene Transportmöglichkeit waren (Hurley Dépret 2007:150). Heute gibt es mehrere Unternehmen, die politische Taxi-Touren durch Westbelfast anbieten, darunter als vielleicht prominentestes Beispiel Coiste na n-larchimí als Organisation ehe-

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hinterlassen können (Neill et al. 2014:10). Auch mehrere öffentlich finanzierte Kunstwerke wurden seit 2009 dort angebracht (Hocking 2015:92-95). Die genaue Anzahl der peace lines ist unklar, da es nicht immer einfach ist zu entscheiden, ob eine bestimmte Struktur als solche zu zählen ist. Das Northern Ireland Office7 veröffentlichte im Jahr 2007 einen Bericht, in dem 42 peace lines gezählt wurden (Byrne 2011:16), eine Forschungsarbeit des Community Relations Council kam ein Jahr später jedoch auf 88 peace lines (Community Relations Council), da in dieser Studie auch informelle Barrieren und andere Pufferzonen wie z. B. Brachland oder Bepflanzung einbezogen wurden (Jarman 2008:23). Eine von Belfast Interface Project in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2012 verweist sogar auf 99 peace lines, davon 74 allein in Nord- und Westbelfast (Belfast Interface Project 2012). Wichtiger als die Festlegung der exakten Zahl ist jedoch das Bewusstsein darüber, dass Barrieren in Belfast jahrzehntelang als normale städtebauliche Maßnahme eingesetzt wurden, um die Konfliktgruppen voneinander zu trennen (Jarman 2008). In den 1980ern, in denen die Hochphase des Konflikts bereits vorüber war, wurden immer noch neue Barrieren errichtet, diese allerdings nach Möglichkeit ästhetisch ansprechender gestaltet, z. B. durch Bepflanzung und weniger militaristisches Design (Byrne 2011, Jarman 2008:26, Alasdair Davidson 2010, pers. Gespräch). Auf diese Weise sind ganze Siedlungen entstanden, die überwiegend aus Sackgassen bestehen und entsprechend sehr nach innen gewandt sind. So werden die Bewohner*innen vor zu starkem Verkehr geschützt und gleichzeitig bleibt die Siedlung überschaubar, so dass Fremde sofort registriert werden können (Boal 1996:157). An anderen interfaces wurde auf eine Mauer verzichtet, die Häuser auf den sich gegenüberliegenden Straßenseiten aber von der Straße abgewandt – also mit den Eingangstüren nach hinten – gebaut und mit Zäunen geschützt (Mark Hackett 2010, pers. Gespräch, Jarman 2008:27). Zusätzlich zu den offensichtlichen peace lines wurden Stadtautobahnen und sonstige – absichtlich breiter als eigentlich notwendig gebaute – Hauptstraßen sowie Grünstreifen als Trennelemente eingesetzt (Boal 1996:157, Alasdair Davidson/Sam Kendel 2010, pers. Gespräch). Diese Praxis wird auch als „wedge maliger republikanischer Häftlinge, die auch im Zusammenhang mit der Neunutzung der Andersonstown Barracks-Fläche in Kapitel 8 eine Rolle spielen. 7

Das Northern Ireland Office (NIO) wurde 1972 im Rahmen von Direct Rule geschaffen und ist das für Nordirland zuständige britische government department. Ihm steht ein*e Nordirlandminister*in vor. Bis 2010 war das NIO für den Bau und Erhalt von peace lines zuständig. Im Zuge der Devolution von Aufgaben an die nordirische Verwaltung und Regionalregierung wurde die Verantwortung für die meisten peace lines an das nordirische Department of Justice (DoJ) abgegeben (Byrne et al. 2012:4).

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planning“ bezeichnet (Murtagh 2002: 54). Um brachgefallene Flächen in der Nähe von peace lines wieder nutzen zu können, wurden seit dem Beginn des Friedensprozesses an einigen Stellen öffentlich subventionierte Business Parks angesiedelt, die Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig weiterhin die Gemeinschaften voneinander fernhalten sollten (Byrne 2011:48). Abbildung 6: „Peace Gate“, Workman Avenue (Quelle: richwainwright.com)

Etliche peace lines wurden sogar noch nach dem Beginn des Friedensprozesses gebaut, erweitert oder erhöht (Jarman 2008:22). Noch heute werden in den Bezirken mit peace lines die häufigsten konfliktbezogenen Gewalttaten verübt, wodurch die Anwohner*innen kontinuierlich einer gewissen Unsicherheit und erhöhtem Stress ausgesetzt sind (Donovan 2013:133). Für die Bewohner der interface areas stellen die peace lines trotzdem einen gefühlten Sicherheitsgewinn dar, sie waren lange Zeit selbstverständlicher und als notwendig erachteter Bestandteil des Alltags. Bei einer Befragung der University of Ulster glaubten 87% der Proband*innen, die peace lines seien ursprünglich errichtet worden „to help people feel safer“, 82% „to reduce community tensions“ (Byrne et al. 2012:11). Zwar wurden sie von 75% respektive 67% der Befragten als „ugly“ und Träger eines „bad image of Northern Ireland“ betrachtet. Gleichzeitig dachten jedoch auch 69%, sie seien „still necessary because of the potential for violence“ (Byrne et al. 2012:13). Interessant ist weiterhin, dass vor allem die befragten protestantischen Anwohner*innen die peace lines als Schutz für ihre Identität (43% gegenüber 20% der katholischen Befragten) und den Erhalt ihrer Kultur (59% gegenüber 42% der

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katholischen Befragten) betrachteten. 41% der Protestant*innen (10% der Katholik*innen) gaben an, dass ihre Gemeinschaft ohne die peace line sogar aufhören würde zu existieren (Byrne et al. 2012:14). Zwar gaben 44% der Befragten an, dass sie es gerne sehen würden, wenn die peace lines „some time in the future“ abgerissen würden, gleichzeitig konnten sich aber nur 38% „a time when we will have no peace lines in Northern Ireland“ vorstellen (Byrne et al. 2012:20-21). Abbildung 7: Gesicherte Häuser hinter der peace line in Westbelfast (eigenes Foto)

Einige peace lines befinden sich im Besitz der Northern Ireland Housing Executive8, die für die Sicherheit in ihren Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus zuständig ist. Über ihren Verbleib wird bei Baumaßnahmen oder auf Veränderungsvorschläge der Anwohner*innen hin von Fall zu Fall entschieden, eine übergeordnete Strategie gibt es von Seiten der Organisation nicht (Murtagh 2002:55, Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräch). Die nordirische Regionalregierung hat erstmals 2013 – also über 40 Jahre nach dem Bau der ersten peace 8

Die Northern Ireland Housing Executive (NIHE) ist die wichtigste Institution des öffentlichen Wohnungsbaus in Nordirland. Auf dem Höhepunkt der Troubles im Jahr 1971 wurde diese Aufgabe in Nordirland zentralisiert, um Vorwürfen der Benachteiligung von Katholik*innen zu begegnen. Heute managt die Housing Executive nahezu 90.000 Wohnunterkünfte in ganz Nordirland (Northern Ireland Housing Executive 2016a). Von den institutionellen und administrativen Veränderungen im Rahmen der Devolution bleibt die Organisation bislang unberührt.

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lines – eine Strategie vorgelegt, mit der sie öffentlich und schriftlich zum Umgang mit interface barriers Stellung nimmt und einen Zeitraum von zehn Jahren für die Entfernung aller Barrieren vorgibt („Together: Building a United Community“/TBUC, Office of the First Minister and Deputy First Minister 2013). Dieser Zeitraum gilt als sehr ambitioniert bis unrealistisch, zumal TBUC keine formalen Richtlinien für die Vorgehensweise beim Abriss beinhaltet (Geoghegan 2013). Die Initiative wurde vom damaligen Ersten Minister Peter Robinson (Democratic Unionist Party, DUP) stolz, aber dennoch vorsichtig verkündet und mit dem Versprechen verbunden, dass „the bulldozers would not be moving in immediately“ (Henderson und McHugh 2013). Diese Einschränkung verdeutlicht, wie schwierig und lebensverändernd dieser Schritt für einige Gemeinschaften und speziell die direkten Anwohner*innen zu sein scheint. So ist für viele peace lines ein schrittweises Vorgehen avisiert, im Zuge dessen sie zunächst durch freundlicher aussehende Zäune ersetzt werden, die zumindest die Sicht auf die andere Seite erlauben (Abernethy 2016). An anderen Stellen wird erst ein zusätzliches Gitter oder Stacheldraht abgebaut, die Mauern darunter werden noch nicht entfernt. 7.2.3 Verfall und Dysfunktion Die bisher beschriebenen Folgen des Konflikts – Vertreibungen/Umsiedelungen, die Verhärtung der Segregation, Zerstörungen durch Anschläge, gewaltsame Auseinandersetzungen und Vandalismus sowie die zunehmenden Sicherheitsmaßnahmen – führten an vielen Stellen in Belfast weiterhin dazu, dass Orte dysfunktional wurden, brachfielen, nicht mehr genutzt oder in Stand gesetzt werden konnten. Das Stadtzentrum war davon insofern betroffen, als die dort gelegenen Geschäfte in den frühen und mittleren 1970er Jahren zu den bevorzugten Angriffszielen von Bombenanschlägen der IRA gehörten, die sich dadurch ein größtmögliches mediales Interesse erhoffte und dem britischen Staat besonders hohen ökonomischen Schaden zufügen wollte. Zwischen 1970 und 1975 wurden ca. 300 Geschäfte im Stadtzentrum bzw. ein Viertel der gesamten Verkaufsfläche von Bomben zerstört, manche Geschäfte sogar mehrmals (Brown 1987:196, Brown 1985b:1). Hinzu kam eine starke Zurückhaltung von Geschäftsleuten in Bezug auf die Wiederinstandsetzung ihrer Immobilien, die natürlich (abgesehen von mutwilliger Zerstörung) auch den normalen Zyklen von Verfall und Renovierungsbedürftigkeit ausgesetzt waren. Auch institutionelle Investor*innen scheuten sich bis in die 1980er Jahre hinein davor, nennenswerte Investitionen in Nordirland und Belfast zu tätigen. Der Bevölkerungsverlust in der Kernstadt trug zusätzlich zu Verfall und Dysfunktion bei: Insgesamt verlor Belfast zwischen 1971 und 1991 ca. ein Drittel ihrer

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Einwohnerschaft, die Zahl fiel von fast 420.000 auf weniger als 280.000 Personen (Morrissey und Smyth 2002:26). Die meisten in die suburbanen und ländlichen Gebiete der Belfast Metropolitan Area abgewanderten Haushalte stammten aus der protestantisch-unionistischen Gemeinschaft (Morrissey und Smyth 2002:27). Seit den 1990er Jahren hat sich die Bevölkerungszahl der Kernstadt bei ca. 290.000 stabilisiert, seit der Review of Public Administration, die mit einer Verschiebung von administrativen Grenzen einherging, hat sich die Zahl auf ca. 330.000 erhöht (Belfast City Council 2015). Einige der protestantisch-unionistischen Nachbarschaften haben sich dennoch von dem Verlust bis heute nicht erholt und überaltern zusätzlich zusehends, so dass dort mehr und mehr Häuser leer stehen. Die Bewohner*innen der häufig dicht besiedelten und durchschnittlich jüngeren angrenzenden katholisch-nationalistischen Nachbarschaften können die leerstehenden Wohnungen nicht ohne Weiteres nutzen, da sie dazu die tradierten Grenzen der Wohngebiete überschreiten müssten (vgl. Donovan 2013:140). Durch die unterschiedliche demographische Entwicklung der Gemeinschaften bedeuten die Grenzen für die beiden Gemeinschaften jedoch auch ganz unterschiedliche Dinge: „Catholics see peace walls as a problem to their community developing. For Protestants, peace walls protect their way of life, their bonfires, their flags.“ (Byrne, zit. n. Geoghegan 2013). Zudem wird den Politiker*innen unterstellt, dass sie aus Angst davor, durch eine Grenzverschiebung ihre Wählerbasis zu verlieren, die Situation hinnehmen oder sogar aktiv anheizen (Frank Gaffikin, Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräche). Dadurch entstanden etliche Flächen an interface areas, die nicht mehr nutzbar waren und es teilweise bis heute nicht sind, da dort befindliche Wohnhäuser oder Geschäfte häufig zum Ziel von Angriffen beider Seiten wurden und es weiterhin für nötig gehalten wird, Pufferzonen zwischen den Gemeinschaften beizubehalten (Hocking 2015:38, Jarman 2002:285, Boal 1996:154, Marie-Thérèse McGivern 2010, pers. Gespräch). In den frühen Jahren der Troubles wurden etliche Häuser sogar von ihren unfreiwillig umsiedelnden Besitzer*innen beim Auszug verwüstet oder in Brand gesteckt, wodurch die nachfolgenden, selbst aus anderen Stadtteilen vertriebenen Bewohner*innen umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführen mussten, bevor die Häuser normal bewohnbar waren (Curtis 2008, Hall 2007:8). An anderer Stelle wurde gezielt versucht, die Segregation aufzubrechen: In den frühen 1990er Jahren sollte die Entstehung „gemischter“ Nachbarschaften forciert werden und in einer protestantisch dominierten Siedlung des sozialen Wohnungsbaus wurde Wohnraum explizit für katholische Bewohner*innen geschaffen. Die Zeit scheint für diesen Vorstoß jedoch noch nicht reif gewesen zu sein: Innerhalb weniger Tage brachen gewalttätige Ausschreitungen zwischen Mitgliedern der Gemeinschaften aus, im Zuge derer 15 gerade errichtete Häuser mutwillig zerstört

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wurden und schließlich von der Housing Executive abgerissen werden mussten (Sam Kendel 2010, pers. Gespräch); die katholischen Neu-Bewohner*innen wurden vertrieben. Anstelle der Häuser wurde eine peace line errichtet (McGivern 1993:27). Um solche Situationen nicht noch einmal zu provozieren, wurden in der Folge an interfaces häufig Gewerbeparks oder Seniorenheime gebaut oder andere nicht-residentielle Nutzungen erdacht (Séan Brennan, Sam Kendel 2010, pers. Gespräche). Die Housing Executive sah zudem über viele Jahre davon ab, selbst aktiv die ethnische Mischung in den von ihnen verwalteten Siedlungen anzustreben, um sich nicht dem Verdacht des „social engineering“ auszusetzen (Jennifer Hawthorne, Marie-Thérèse McGivern 2010, pers. Gespräche). Seit 2005 gibt es ein Community Cohesion Unit innerhalb der Housing Executive, das in enger Abstimmung mit den Bewohner*innen Möglichkeiten erprobt, die Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus – ob gemischt oder von einer der Gemeinschaften dominiert – „safe and welcoming for all“ zu gestalten (Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräch, Northern Ireland Housing Executive 2016b). Ein Beispiel für eine kürzlich entstandene kreative Nutzung eines brachliegenden Grundstücks an einem interface ist der Gemeinschaftsgarten Peas Park in Nordbelfast, der aus verschiedenen unabhängigen Initiativen von Einzelpersonen und Kleingruppen hervorgegangen ist. Der Garten ist Teil des Projekts Temporary Places, das von Belfast City Council finanziell unterstützt wird, und erfreut sich mittlerweile in der Nachbarschaft großer Beliebtheit. Durch Feste, Workshops und natürlich das regelmäßige gemeinsame Gärtnern trägt er zum friedlichen gemeinschaftlichen Leben im Stadtteil bei (Temporary Places 2016, Geoghegan 2013). 7.2.4 Zweckgebäude als Symbole Durch den Konflikt haben weiterhin bestimmte Zweckgebäude eine starke Symbolik erhalten, da sie (fast immer) mit der lange unionistisch dominierten Verwaltung oder der britischen „Besatzung“ assoziiert werden. Als Beispiele für diesen Typus können einerseits Gefängnisse, Gerichtsgebäude oder sonstige Amtssitze genannt werden, andererseits waren während der Troubles und darüber hinaus aber auch Kirchen, Pubs, Orange Halls oder Gaelic Football Clubs als wichtige Elemente des sozialen Lebens der Gemeinschaften Ziele von Anschlägen (vgl. Brown 2012, McGrattan 2010:174). Bei den Militärgebäuden handelt es sich teilweise sogar um durch den Konflikt entstandene spezielle Gebäudetypen: Dazu gehören die festungsähnlichen Polizeistationen, die während der Troubles an mehreren Stellen in Nordirland erbaut wurden und die bei der nationalistischen Bevölkerung schon allein aufgrund ihrer Größe und ihres bedrohlichen Aussehens heftige Abwehrreaktionen hervorriefen

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(vgl. Hoge 2001). Hinzu kommt eine Reihe von Kasernen der britischen Armee, die eine ähnliche Wirkung haben. Während der späten 1970er und 1980er Jahre waren diese Gebäude häufig Ziele der Bombenattacken der IRA, was ihre massive Sicherung nötig erscheinen ließ (Jarman 2002:283). Für die Sicherheitskräfte war das Leben und Arbeiten in diesen Kasernen von sehr großer Unsicherheit geprägt; von der IRA wurden Menschen wie Gebäude zu „legitimate targets“ des Freiheitskampfes erklärt und wähnten sich permanent in Gefahr – und dies nicht völlig zu Unrecht, wie die über 1.000 Todesopfer der Troubles aus den Reihen der Sicherheitskräfte belegen (Sutton 2016). Teil des Karfreitagsabkommens war ein klares Bekenntnis aller Parteien zur Demilitarisierung, weswegen etliche dieser Gebäude und Flächen von den Sicherheitskräften aufgegeben und in der Folge abgerissen oder umgenutzt wurden. So verschenkte der britische Staat im Zuge einer Reinvestment and Reform Initiative beispielsweise die Gebäude und Flächen von sechs aufgegebenen security and military sites im Jahr 2002 an die nordirische Regionalverwaltung bzw. das Office of the First Minister and Deputy First Minister (OFMDFM). Mit der Schenkung war die Auflage verbunden, dass „the sites, and/or proceeds arising from the sale of part or all of any of them must be used specifically for purposes which represent a tangible benefit of the peace process, for example, by ensuring that subsequent redevelopment has an emphasis on cross community initiatives“ (Northern Ireland Audit Office 2011:2-3). Zwei dieser Anlagen, Malone Barracks sowie das Crumlin Road Gaol, befinden bzw. befanden sich in Belfast (vgl. Northern Ireland Audit Office 2011). Die Malone Barracks in Südbelfast wurden an einen privaten Investor verkauft. Der Kaufpreis blieb mit £ 3,8 Millionen aus nie ganz geklärten Gründen weit unter dem geschätzten Wert von £ 5 Millionen (Public Accounts Committee 2011). Es wird vermutet, dass den beratenden Land and Property Services ein schneller Abschluss wichtiger war als die Erzielung eines hohen Preises. Die Fläche wurde anschließend mit Wohnhäusern bebaut, die beim Verkauf einen neuen Preisrekord für Belfast von bis zu £ 500/m2 aufstellten (Northern Ireland Audit Office 2011:20-26). Das Crumlin Road Gaol wird als Teil der empirischen Untersuchung im folgenden Kapitel ausführlich thematisiert, weswegen ich an dieser Stelle nicht weiter auf den Verbleib des Gebäudes eingehe. Gegenüber dem Gefängnis befindet sich das Crumlin Road Court House, das zwar nicht Teil der Reinvestment and Reform Initiative war, aber einen ähnlich symbolischen Status innehat. Da die beiden Gebäude unterirdisch verbunden sind und häufig zusammen thematisiert werden, gehe ich im nächsten Kapitel auch auf das Gerichtsgebäude kurz ein. Auch etliche Polizeistationen wurden im Zusammenhang mit der Polizeireform von 2001 nicht mehr gebraucht, z. B. weil Funktionen zusammengelegt

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wurden. Ein Beispiel ist die Polizeistation auf der Westbelfaster Springfield Road, die 2002 geschlossen und abgerissen wurde. Im Laufe der Troubles war das Gebäude immer höher und stärker geschützt worden, so dass lange Zeit nur noch ein schmaler Fußweg zwischen der Polizeistation und der angrenzenden Häuserzeile frei blieb. Von den Anwohner*innen wurde der Abriss daher willkommen geheißen (Cowan 2002). Andere Stationen, darunter die im folgenden Kapitel untersuchte kombinierte Armee- und Polizeibasis Andersonstown Barracks, wurden an das Department for Social Development verkauft, das die Fläche einer neuen Nutzung zuführen wollte. Das Gebäude wurde „without sympathy“ behandelt, also ohne lange Debatte abgerissen, was generell auf Zustimmung in der nationalistischen Bevölkerung stieß (Jarman 2002:287). Wieder andere Stationen wurden renoviert und umgebaut, d. h. mit weniger abschreckend und festungsartig aussehenden Sicherheitsmaßnahmen versehen. Die Schließung sowie der folgende Abriss oder die Übergabe an ein Regionalministerium waren besonders für die nationalistische Gemeinschaft wichtige und in hohem Maße symbolische Akte, die eine positive und optimistische Botschaft in Bezug auf den Friedenskonsolidierungsprozess transportierten. Für die unionistische Gemeinschaft hatten die genannten Gebäude nicht unbedingt den gleichen symbolischen Status, da sie die Anwesenheit britischer Soldaten nicht als unrechtmäßige „Besatzung“ betrachteten und auch zu den lokalen Sicherheitskräften eine unproblematische Beziehung hatten. Umkämpft und zum Symbol werden die Flächen und Gebäude für sie teilweise erst bei ihrer Wiederinwertsetzung, wie in Kapitel 8 am Beispiel des Crumlin Road Gaol und Girdwood Park deutlich wird. Eine bedeutsame Ausnahme in Bezug auf die symbolische Zuschreibung ist das Gefängnis Maze/Long Kesh. Dieses befindet sich nicht in Belfast, sondern ist etwas außerhalb der Kleinstadt Lisburn gelegen. Es wurde im Jahr 2000 geschlossen und ebenfalls als Teil der Reinvestment and Reform Initiative an OFMDFM übergeben.9 Im Jahr 1981 fand dort der Protest der republikanischen Insassen gegen die Aberkennung des Status als politische Gefangene statt. Dieser Protest zog sich über mehrere Jahre hin und kulminierte in einem Hungerstreik, bei dem zehn Gefangene starben (Graham und McDowell 2007:348). Diese Männer und besonders der erste Tote Bobby Sands sind bis heute republikanische Heldenfiguren. Hinzu kommen einige spektakuläre Ausbrüche aus dem Gefängnis – u. a. von Gerry Kelly, der heute Mitglied des britischen Unterhauses für die republikanische Partei Sinn Féin ist – und unzählige Legenden, die gemeinsam den besonderen Status für die republikanische Gemeinschaft ausmachen und dazu führen, dass er 9

Die Symbolik des Gefängnisses ist vielschichtig und kann an dieser Stelle nicht umfassend erläutert werden. Für kurze und prägnante Zusammenfassungen der Geschichte und Symbolik empfehle ich Flynn 2011 oder Graham und McDowell 2007.

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als „overwhelmingly Republican space“ betrachtet wird (Neill 2006:116). Die Einschätzung von Korstian, Gefängnisse in Nordirland seien während der Troubles „die ‚think tanks‘ der (republikanischen, Anm. d. Verf.) Bewegung, Kaderschmiede für die neue Führungsriege und Ausbildungsstätte für den Nachwuchs“ gewesen, trifft auf Maze/Long Kesh in besonderem Maße zu (2008:27). Obwohl dort auch loyalistische Gefangene inhaftiert waren, lässt sich die Symbolik nicht analog auf die andere Gemeinschaft übertragen. Nach der Schließung des Gefängnisses wurden die Gebäude bis auf einen Flügel abgerissen. Die Fläche sollte zu einer „site of regional strategic importance“ umgebaut werden, wofür ein Masterplan erarbeitet wurde (Northern Ireland Audit Office 2011:27). Unter anderem sollte auf dem Gelände ein von Daniel Libeskind entworfenes Konflikttransformationszentrum errichtet werden, von dem aus die Erfahrungen Nordirlands im Friedenskonsolidierungsprozess mit aller Welt geteilt werden sollten (Hocking 2015:38). Vor allem die unionistische Regierungspartei DUP verhindert bis zur Fertigstellung dieser Arbeit jedoch noch die Umsetzung des Masterplans und besonders die Freigabe des verbleibenden Gebäudes zur Besichtigung – aus Angst, daraus würde ein „Republican shrine legitimising, commemorating and mythologising the ‚armed struggle’ of the IRA“ entstehen und die unionistische Version der Geschichte des Orts ginge unter (Neill 2006:117, ähnlich Hocking 2015:37, Jarman 2002:290). Auch der nordirische Chief Inspector of Prisons, Sir David Ramsbotham, empfahl 1998 den vollständigen Abriss aller Gebäude. Jarman schreibt dazu, diese Empfehlung entspringe wohl einem „desire to erase the political memories of the place, to remove all physical traces of a locale where the government won the battle with the hunger strikers but lost the war with the prisoners“ und sei in etwa gleichzusetzen mit der Freude und Befriedigung vieler Nationalist*innen über den Abriss britischer Armeestützpunkte (Jarman 2002:290). Als weitere symbolische Gebäude dieses Typus werden zuweilen auch Stormont Parliament Buildings, der Sitz der nordirischen Versammlung, sowie die Belfaster City Hall genannt. Das Parlamentsgebäude wurde 1932 eröffnet und wird von einer Britannia-Figur geziert. An der Auffahrt zum Gebäude befindet sich eine Statue von Edward Carson, einem protestantischen Politiker und Juristen, der besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts aktiv war. Carson war Gründer einer Bürgermiliz, die später zur Ulster Volunteer Force (UVF) wurde, und wirkte maßgeblich an den Verhandlungen zur Teilung der Insel Irland mit. Die Betonung der unionistischen Tradition und Verbindung zu Großbritannien an mehreren Stellen in und am Gebäude sowie mehrere Bezüge zu den sechs Grafschaften stellten damals eine Abgrenzung zum irischen Freistaat dar (Northern Ireland Assembly

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2016, Hocking 2015:23, Neill 2001a:16). In der jüngeren Vergangenheit sind einige Anstrengungen unternommen worden, die Wahrnehmung des Geländes zu neutralisieren, z. B. durch ein Open-Air-Konzert von Elton John mit 14.000 Besucher*innen kurz nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens (Gaffikin et al. 2008, Neill 2001a, BBC News 1998). Belfast City Hall ist ein Beispiel für typisch britische Monumentalarchitektur im Stile des edwardianischen Neo-Barock und ist umgeben von „statues of leading Protestant civic and business figures, British war memorials and an imposing sculpture of Queen Victoria“, was die Intention der Gestaltenden verdeutlicht, ein Symbol für die Verbindung zum „Mutterland“ und für die unionistische Dominanz und Macht in der Stadtpolitik zu schaffen (Hocking 2015:23). Schon lange werden die Bänke und Rasenflächen um das Gebäude jedoch von allen Bevölkerungsgruppen und vielen Besucher*innen zum Ausruhen nach dem Einkaufsbummel, zum Picknick in der Mittagspause oder als Treffpunkt genutzt. Auch das Café im Rathaus selbst erfreut sich großer Beliebtheit. Gezielt unterstützt wird die Wahrnehmung als offener Ort durch auf dem Gelände stattfindende Events wie Weihnachts- und andere Märkte, Familienpicknicks, Sportveranstaltungen wie die Eröffnung des Giro d‘Italia oder Informationsveranstaltungen (z. B. Williamson 2015, Gaffikin et al. 2008). Die gestalterischen Elemente scheinen also seit dem Bau des Gebäudes ihre Symbolik weitgehend eingebüßt zu haben – bis auf ein eigentlich winziges Detail: Im Jahr 2013 entschied der City Council, die britische Flagge nicht mehr täglich, sondern nur noch an bis zu 18 ausgewiesenen Tagen auf dem Rathaus wehen zu lassen. In der Folge entwickelten sich Demonstrationen und Straßenschlachten in mehreren Stadtteilen und sogar auch im Zentrum der Stadt, die über Wochen andauerten und bei denen sich abgehängt fühlende Mitglieder der unionistischen Bevölkerung ihre Frustration über den Verlust ihrer Privilegien auf drastische Weise ausdrückten (BBC News 2014a). 7.2.5 Gedenkorte Räumlich sichtbares Gedenken an Ereignisse während der Troubles und ihre Opfer findet in Belfast weitgehend getrennt in den jeweiligen Gemeinschaften und damit gewissermaßen privatisiert statt. Dabei setzen Nationalist*innen und Unionist*innen sehr unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte und interpretieren die Ereignisse auf stark divergierende Weise. Die Formen des Erinnerns weisen allerdings durchaus große Überschneidungen auf (vgl. Brown 2012, Graham und Whelan 2007). Nicht alle, aber etliche der Gedenkorte transportieren Botschaften, die (auch) als politisch oder sogar „overtly ethnonationalist or sectarian“ eingestuft werden können (Graham und Whelan 2007:482). Diese Orte dienen neben

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der Erinnerung auch dazu, die Territorien der Gemeinschaften zu markieren und unterstützen so die ortsgebundene Identität der Anwohner*innen (Graham und Whelan 2007:482). Besonders viele dieser Orte sind in den innenstadtnahen segregierten Nachbarschaften in West-, Nord- und Ostbelfast zu finden, wo die Markierung des Raums eine traditionelle Praxis ist (vgl. Graham und Whelan 2007:489). Graham und Whelan stellen seit dem Abschluss des Karfreitagsabkommens einen sprunghaften Anstieg an Gedenkstätten und politischen Symbolen im öffentlichen Raum fest, die sich nur an eine der beiden ehemaligen Konfliktgruppen richten (2007:480-481). Diese füllt laut Hocking die Leerstelle des Gedenkens, die durch die zögerliche Haltung offizieller Stellen entsteht (2015:39). Trotz des Anstiegs ist diese Praxis, öffentliche Orte durch symbolische Zuschreibungen und Markierungen zu (Gedenk-)Orten einer Gruppe zu erklären, jedoch keine neue, sondern findet schon mindestens seit mehreren Jahrzehnten statt (vgl. Flynn 2011:384). Brown stellt fest, dass Gedenken und Orte des Gedenkens in Nordirland überwiegend alltägliche Formen annehmen und Erinnerungen dadurch zum täglichen Leben gehören und sehr präsent gehalten werden (2012). Zudem gibt es eine Tendenz dazu, die Mitglieder paramilitärischer Organisationen als Helden zu verehren und gegenüber den zivilen Opfern herauszustellen (Switzer und Graham 2009:154, Graham und Whelan 2007:488), was zu einer sehr stark männlich dominierten Perspektive auf den Konflikt, seine Ereignisse und erwünschte Formen von Erinnerung und Gedenken führt (McDowell 2008). Die Frage, wer von den ca. 3.500 Personen, die im Zusammenhang mit den Troubles ums Leben kamen, als „rechtmäßiges“ Opfer („just victim“) gilt und ob zum Beispiel Mitglieder der paramilitärischen Organisationen oder der Sicherheitskräfte dazu gezählt werden, wird bis heute kontrovers diskutiert (Switzer und Graham 2009, Graham und Whelan 2007, s. Exkurs S. 188 ff.). Dies führt beispielsweise dazu, dass es bis dato keinen öffentlich finanzierten Gedenkort für die Opfer der Troubles gibt (Hocking 2015:38, Graham und Whelan 2007:490). Ebenso ist es eine schwierige Gratwanderung, von Seiten staatlicher Organisationen an die verstorbenen Mitglieder der Sicherheitskräfte zu erinnern, da dies bedeuten würde, den britischen Staat als aktive Konfliktpartei darstellen zu müssen – ein Bild, das möglichst vermieden werden soll (Johnson 2012:242). So befindet sich ein memorial garden für die Mitglieder der Royal Ulster Constabulary (RUC, wie die nordirische Polizei vor der Reform genannt wurde) innerhalb des nur auf Antrag zugänglichen Hauptquartiers des reformierten Police Service for Northern Ireland (PSNI).

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Abbildung 8: Memorial Garden in Clonard, Belfast (Quelle: bugbitten.com)

Wie sehr die kollektive Erinnerung zwischen den Gemeinschaften auch über den unmittelbaren Zeitraum der Troubles hinaus divergiert, wird 2016 im Jahr des hundertsten Jubiläums der Schlacht an der Somme während des Ersten Weltkriegs sowie des Osteraufstands gegen die britische Herrschaft in Dublin deutlich. Belfast City Council finanzierte Gedenkveranstaltungen an die beiden Ereignisse mit insgesamt £ 250.000, die hälftig aufgeteilt werden sollen (Fitzmaurice 2015). Es wird nicht offen ausgesprochen, aber es kann davon ausgegangen werden, dass die eine Hälfte des bereitgestellten Geldes von der nationalistischen und die andere Hälfte von der unionistischen Gemeinschaft beantragt werden wird. Damit werden beide Gedenkanlässe in ihrer Unterschiedlichkeit als legitim angesehen und gefördert, mehrere Sichtweisen auf das Jahr 1916 bestehen gleichwertig nebeneinander. Es ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich, dass Mitglieder einer Gemeinschaft in nennenswertem Umfang an den Feierlichkeiten der anderen teilnehmen. In der Tageszeitung Independent wurde die Belfaster Bevölkerung als weiterhin gespalten über Erinnerungsfragen gezeigt, wobei überwiegend Indifferenz bezüglich der Erinnerungspraxen der anderen Gemeinschaft herrscht – „provided our noses aren’t rubbed into it“ – und die Veranstaltungen nicht die angestammten Territorien verlassen (Lusher 2016). Der City Council selbst zeigt in diesem Jahr eine Ausstellung, die sich auf besondere Weise mit den beiden Ereignissen befasst. In der Ausstellung wird eine Belfaster Familie porträtiert, die über unterschiedliche Familienmitglieder an beiden Ereignissen teilnahm: Zwei Schwestern reisten nach Dublin, um dort bei der Proklamation der Republik dabei

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zu sein, während einer der Brüder an der Somme kämpfte (Morrison 2016). Ein expliziter Bezug zu den getrennten Erinnerungspraxen der Gemeinschaften und die potenziell integrierende Wirkung der Ausstellung oder auch der Beteiligung von Belfaster Familien an beiden Veranstaltungen wird nicht hergestellt. Abbildung 9: „International Wall“, republikanische Murals, Westbelfast (eigenes Foto)

Zu den häufigsten materiellen Formen des Gedenkens gehören murals – politische Wandgemälde, die häufig die freien Wände von Reihenendhäusern zieren und damit weithin sichtbar sind – weiterhin memorial gardens, Denkmäler, Gedenkplaketten und besonders ausgewiesene Grabstätten auf Friedhöfen. Der Großteil der Gedenkorte der Gemeinschaften ist erst nach 1998 entstanden, gleichzeitig sind die Formen ihrer Gestaltung dauerhafter und beständiger geworden (Graham und Whelan 2007:480) und reflektieren die für Post-Konflikt-Gesellschaften festgestellte gestiegene Unsicherheit, verbunden mit dem Bedürfnis, die eigene Sicht auf die Geschichte erzählen zu können. Einige der wichtigsten Formen werden im Folgenden beschrieben. Murals werden häufig von paramilitärischen Organisationen bei lokalen Künstler*innen (oder auch ungelernten, selbsterklärten Talenten) in Auftrag gegeben (Jarman 1997a:210-211). In republikanischen Gegenden sind es Sinn Féin und die IRA, die bestimmen, welche Inhalte die murals aufgreifen und an welchen Orten sie entstehen sollen (Jarman 1997a:235). So stellen sie in beiden Gemeinschaften traditionell häufig militaristische Motive dar, zum Beispiel vermummte

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Männer mit Maschinengewehren, oder erinnern an Mitglieder der paramilitärischen Gruppierungen, die bei einem „Einsatz“ ums Leben kamen (McDowell 2008:341, Jarman 1997a). Die paramilitärische Gewalt wird dadurch auch legitimisiert und als politisch und idealistisch motiviert dargestellt (Jarman 1997a:224). Die loyalistische Mural-Tradition reicht bis vor den Ersten Weltkrieg zurück, republikanische murals entsehen in größerem Umfang erst seit dem IRAHungerstreik im Jahr 1981 (Brown und Mac Ginty 2003:94, Jarman 1997a:209). Beide Seiten zeigen ihre Helden und Märtyrer (darunter einige wenige Heldinnen und Märtyrerinnen) und erinnern an unschuldige Opfer, die durch – aus Sicht der erinnernden Gemeinschaft – willkürliche Gewaltakte der anderen Seite oder durch Mitglieder der britischen Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sind (Graham und Whelan 2007). Etliche murals kommentieren aktuelle politische oder gesellschaftliche Ereignisse (Jarman 1997a:245), die mittlerweile nicht mehr zwangsläufig einen Konfliktbezug aufweisen. Republikanische murals verknüpfen das Gedenken an die Troubles häufig mit dem Kampf für ein freies und vereintes Irland bzw. mit dem Leiden, das die katholisch-nationalistische Gemeinschaft seit dem Beginn der britischen „Besatzung“ erdulden musste (McDowell 2008:343, Jarman 1997a). Einige, auch zumeist republikanische Gemälde drücken Solidarität mit Unabhängigkeits- und Revolutionsbewegungen in anderen Teilen der Welt wie Palästina oder Kuba aus (Jarman 1997a:236) – wodurch diese wiederum für manche Bewohner*innen loyalistischer Gebiete zu „IRA-Symbolen“ werden (Hocking 2015:27). In loyalistischen Gebieten erinnern viele murals an „King Billy“, William of Orange, der 1690 die Schlacht am Boyne gegen den katholischen Widersacher James I. gewann, oder die Schlacht an der Somme im Jahr 1916 (Jarman 1997a:215-216). Zudem zeigen sie häufig, von welcher der konkurrierenden paramilitärischen Gruppierungen die Gegend kontrolliert wird (Rolston 2012:450, Jarman 1997a:218). Seit dem Beginn des Friedenskonsolidierungsprozesses stellt sich ein langsamer Wandel in Bezug auf die Gestaltung der murals ein. Es ist eine Abkehr von rein militaristischen Motiven hin zu für die Gemeinschaft wichtigen und identitätsstiftenden geschichtlichen Ereignisse zu beobachten. Dazu gehören wiederum die Unterstützung der britischen Armee im Ersten Weltkrieg und besonders die Schlacht an der Somme (Loyalisten) oder die Hungerstreiks von republikanischen Gefangenen in den 1980er Jahren (Republikaner). In jüngerer Zeit wird häufig angestrebt, Motive auszuwählen, die nicht einschüchternd für Mitglieder der jeweils anderen Gemeinschaft wirken. So wird besonders in Ostbelfast der Bau der Titanic wiederholt aufgegriffen, auch berühmte Belfaster wie George Best oder C. S. Lewis sind zu beliebten Motiven geworden (Hocking 2015:182). Diese Veränderung hin zu weniger gewalttätigen

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Motiven vollzieht sich gerade in loyalistischen Gebieten allerdings zögerlich und teilweise nur durch Anreize von außen (Rolston 2012). Zumeist schaffen es die Nationalisten, ihr historisches Narrativ attraktiver zu verpacken und tourismusund marketingtauglich aufzubereiten. Ein Beispiel für einen Anreiz von außen, der zur Abschaffung einiger militaristischer murals führte, war das 2008 von Belfast City Council durchgeführte Projekt Re-imaging Communities, im Rahmen dessen über 150 murals verändert wurden. Bei der Neugestaltung wurde auf Gewalt propagierende Darstellungen und einschüchternde Symboliken verzichtet (Maddison 2016:246-247, Bertram 2014a). Abbildung 10: „Freedom Corner“, loyalistische murals, Ostbelfast (eigenes Foto)

Eine Ansammlung mehrerer murals befindet sich an der so genannten International Wall auf der Falls Road in Westbelfast. An dieser bemalten Mauer halten täglich etliche schwarze Taxis während ihrer Touren, auch manche Reisebusse legen dort einen Stopp ein. Häufig sieht man Tourist*innen auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und fotografieren. Im März 2016 erschien an der Mauer ein neues mural, das Edward Carson zeigte. Das Gemälde wurde von Sinn Féin in Auftrag gegeben und sollte das Bild des Hungerstreikers Kieran Nugent für einige Wochen ersetzen. Möglicherweise als Geste der Annäherung intendiert, sorgte es jedoch innerhalb kürzester Zeit für Protest von Seiten republikanischer Dissidenten (Belfast Telegraph 2016b) und wurde nach einigen Tagen sogar angezündet, was die unionistische Tageszeitung Newsletter zum Anlass nahm, die Verantwortlichen als „bigots“ zu beschimpfen (Newsletter 2016). Anhand dieses

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Beispiels wird deutlich, wie schwierig die Umgestaltung von murals sein kann, wenn sogar Mitglieder der eigenen Gemeinschaft so offen dagegen agieren. Memorial gardens als weitere Orte der Erinnerung dienen dazu, den Toten einer lokalen Gemeinschaft an einem gemeinsamen Ort zu gedenken. Häufig handelt es sich dabei um Mitglieder der paramilitärischen Organisationen, in einige werden aber auch Zivilist*innen aufgenommen. Zumeist sind diese Orte eingezäunt; innerhalb der Zäune befinden sich Tafeln, auf denen die Namen aller Opfer eingraviert sind. Hinzu kommen häufig Blumenschmuck und Bänke zum Verweilen (Filardo Llamas 2012:152-153, Wiedenhopft Murphy 2010, Graham und Whelan 2007). Die republikanischen memorial gardens sind oft größer und pompöser, die loyalistischen bedienen sich gerne der Rhetorik britischer Gedenkorte für die Weltkriege (Graham und Whelan 2007:489). Überwiegend werden memorial gardens von Anwohner*innen (bzw. von lokalen Mitgliedern paramilitärischer Organisationen) initiiert (McDowell 2008:345-346) und nicht immer ganz legal errichtet (Hocking 2015:39). Die genutzte Sprache ist häufig ähnlich: Es wird an Helden und Märtyrer erinnert, die für die Gemeinschaft gestorben sind, „in action“ getötet wurden. Ähnlich verhält es sich mit den paramilitärischen Grab- und Gedenkstätten auf Friedhöfen, die besonders für die Republikaner wichtige Orte darstellen. Häufig steht auf oder neben solch einer Stätte zusätzlich eine Statue, die einen bewaffneten Mann in Uniform und mit einem Barett als Kopfbedeckung zeigt (McDowell 2008:343-344). Abbildung 11: Mural als Werbung für eine Black Cab Tour (eigenes Foto)

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Neben diesen gängigsten Formen des Gedenkens existieren natürlich auch noch weitere. Einen Versuch, über ein traumatisches Ereignis, das eine Nachbarschaft stark getroffen und verändert hat, ins Gespräch zu kommen, stellt Wing mit dem Ballymurphy Commemorative Trail vor (2010). Während der „Operation Demetrius“, die im Rahmen von internment without trial10 durchgeführt wurde, stürmten über 1.000 britische Soldaten die Wohnhäuser in der Westbelfaster Nachbarschaft Ballymurphy. Mehrere Dutzend Männer, darunter Teenager und Senioren, wurden verhaftet, viele weitere verletzt und 11 Männer – alle Zivilisten – sogar getötet (Wing 2010:33). Die drei Tage im August 1971 werden von der lokalen Gemeinschaft als Ballymurphy Massacre bezeichnet; der Toten wird heute durch kleine Plaketten und murals an den Häusern der Getöteten gedacht. Das Sichtbar-Machen soll der Aufklärung und der Suche nach „Wahrheit“ dienen. Die genannten Beispiele illustrieren durch ihre Schwerpunkte und Ausrichtung die Aufzählung von traditionellen Erinnerungsanlässen aus Kapitel 2, die vor allem mit Triumphen und Traumata, mit Heldentaten und erbrachten Opfern zu tun haben. Zudem haben einige der Gedenkorte in Belfast mittlerweile durchaus auch touristische Relevanz erlangt. Dies macht das Beispiel der Black Cab Tours – geführte Touren durch den Stadtteil mit den für Belfast typischen schwarzen Taxis – als eine besondere und durchaus politische Attraktion deutlich. Diese sind Teil der Vermarktung des historisch-kulturellen Erbes Westbelfasts, wo die touristischen Akteur*innen den besonderen Status des Quartiers während der Troubles in einen größeren Zusammenhang von „Irishness“ einbetten und das Quartier damit als Nischendestination für politischen Tourismus etablieren (vgl. Bertram 2017 Wiedenhopft Murphy 2010, Hurley Dépret 2007, Brown und Mac Ginty 2003:96). Westbelfast ist jedoch zurzeit der einzige Ort in Belfast, an dem der Geschichte der Troubles ein größerer touristischer Stellenwert zugeschrieben wird, während in der Innenstadt und an anderen touristisch interessanten Orten andere Aspekte der Belfaster Geschichte und Kultur herausgestellt werden. 10 Internment without trial begann im August 1971 mit der „Operation Demetrius“ und dauerte bis Dezember 1975 an. Im Zusammenhang mit dieser Politik Verhaftete mussten nicht rechtskräftig verurteilt werden, um in einem Gefängnis festgehalten zu werden. Die „Operation Demetrius“ hatte aufgrund der Brutalität, mit der sich die britischen Truppen Zugang zu den Häusern der Verdächtigen verschafften und diese während ihrer Haft behandelten, mehrere Tage andauernde kriegsähnliche Zustände in ganz Nordirland, besonders Belfast und (London-)Derry zur Folge. Unter den Verhafteten waren viele Zivilist*innen, aber kaum hochrangige IRA-Mitglieder, da diese im Vorfeld von den Plänen erfahren hatten und untergetaucht waren. Erst ab 1973 wurden auch einige wenige Mitglieder loyalistischer paramilitärischer Gruppierungen im Rahmen von internment verhaftet.

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7.2.6 Räumliche Praxen In Kapitel 4 wurde verdeutlicht, dass neben physisch-materiellen Orten auch die räumlich beobachtbaren Praxen der Stadtbewohner*innen von ethnopolitischen Konflikten beeinflusst werden. Dazu gehört auch die Segregation aller Aktivitäten: Neben Wohnen laufen auch weitere Bereiche des täglichen Lebens – Arbeiten, Einkaufen und andere alltägliche Erledigungen sowie weite Teile der Freizeitgestaltung – überwiegend innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft ab: „Each group has their own schools, preferred newspapers, political parties, cultural and sporting organizations, and preferred version of history that paints the outgroup as untrustworthy“ (Mac Ginty et al. 2007:7). Diese Praxen bleiben bestehen, auch wenn schon lange keine Gewalttaten an einem interface mehr geschehen sind oder die peace lines (teilweise) geöffnet werden. In Belfast verlassen viele Bewohner*innen der konfessionell segregierten Stadtteile noch heute ihre Nachbarschaften kaum. Selbst die „neutrale“ Innenstadt wird von ihnen selten genutzt. Entsprechend beschränken sich auch Kontakte auf die Wohnquartiere und das unmittelbare Umfeld (vgl. McGrath et al. 2007, Shuttleworth et al. 2000:190). Abbildung 12: Republican Plot auf dem Milltown-Friedhof (eigenes Foto)

So wird auch eine Arbeitsstelle in einem anderen Stadtviertel eher abgelehnt, als dass dafür eine gefühlte Unsicherheit auf sich genommen wird (Séan Brennan, Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräche). Im Jahr 2000 arbeiteten Katholik*innen zumeist im Zentrum sowie im Westen der Stadt und kaum im protestantisch

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dominierten Ostbelfast. Protestant*innen hingegen arbeiteten kaum in Westbelfast, sondern eher im Osten der Stadt oder an der Peripherie, was in etwa die oben beschriebene Wohnsegregation widerspiegelt (Shuttleworth et al. 2000:189). In einer Studie aus dem Jahr 2003 gab nur ein Zwölftel der Befragten an, in einer Gegend „dominated by the ‚other‘ religion“ zu arbeiten (Shirlow 2003a:85). Fast 90% der Befragten konnten im Rahmen derselben Studie öffentlich finanzierte Einrichtungen benennen, die sie aufgrund ihrer Lage auf „fremdem Territorium“ nicht nutzten. Die Lage einer Einrichtung bestimmt somit, welcher Gruppe sie von den potenziellen Nutzer*innen zugeordnet wird – nicht nur die Gegend selbst „gehört“ einer der Gruppen, sondern auch alle in dieser Gegend befindlichen Einrichtungen (Belfast City Council und Deloitte 2008). Sogar der Besuch von Gesundheitseinrichtungen wurde von einem Achtel der Befragten vermieden, wenn die nächste Möglichkeit auf der „anderen“ Seite gelegen war (Shirlow 2003a:86). Nur 18% nutzten regelmäßig die nächstgelegenen Einkaufsmöglichkeiten auf der „anderen“ Seite, wohingegen 48% Gegenden, die hauptsächlich von der anderen Gruppe bewohnt werden, nicht einmal tagsüber betreten oder befahren würde. Angst vor verbaler oder körperlicher Gewalt war dabei der stärkste Grund für diese Zurückhaltung. Weiterhin spielten Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe und der Wunsch, die eigene Gemeinschaft z. B. durch den Einkauf im Quartier zu unterstützen, eine Rolle für diese Entscheidung (Shirlow 2003a:86). Somit werden häufig Umwege in Kauf genommen, um Besorgungen zu machen oder eine öffentliche Institution aufzusuchen (Belfast City Council und Deloitte 2008, Murtagh 2002:67, Jarman 1997a:88). Auch durch die peace lines, die von den Anwohner*innen umfahren oder umlaufen werden, ist der Zugang zu anderen Stadtteilen und den dort gelegenen Institutionen, Dienstleistungen und Arbeitsplätzen stark eingeschränkt (vgl. Murtagh und Murphy 2011, Murtagh und Shirlow 2007:364, Murtagh 2002, Shuttleworth et al. 2000, Boal 1996:154). Bushaltestellen werden gerade an interfaces häufig nur von der einen oder der anderen Seite genutzt. Je nachdem, wo eine Person einoder aussteigt, kann sie zweifelsfrei zu einer Seite zugeordnet werden. Um nicht zum potenziellen Angriffsziel auf feindlichem Territorium zu werden, nutzen besonders in Nordbelfast viele Bewohner*innen nicht die nächstgelegene Bushaltestelle, sondern eine, die ihnen sicher erscheint. Stellenweise sind die Buslinien komplett segregiert, so dass eine die katholischen Wohngebiete eines Stadtteils bedient und eine andere die protestantischen (Maddison 2016:237-238). Sehr verbreitet ist in Belfast die Markierung des Raums mithilfe von Symbolen. Zu diesem Zweck greifen beide Gruppen traditionell auf Flaggen und für ihre Gemeinschaft symbolische Farben zurück, die unmissverständlich anzeigen, ob ein

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Gebiet loyalistisch oder nationalistisch dominiert wird (Hocking 2015:26, Donovan 2013:136, Nagle 2008, Brown und Mac Ginty 2003, Jarman 1997a). Die Flaggen zeigen die irische Tricolor oder die britische Union Flag bzw. Logos der loyalistischen Paramilitärs. Lange war auch das Bemalen der Bordsteine und Straßenlaternen in den Farben grün-weiß-orange oder rot-weiß-blau beliebt (Brown und Mac Ginty 2003:95, Jarman 1997a:209-210), was heute allerdings nur noch in den absoluten Hardline-Gebieten vor allem auf der loyalistischen Seite beobachtet werden kann.11 Die im vorherigen Abschnitt thematisierten murals dienen nicht nur dem Gedenken, sondern auch der Markierung des Territoriums. Weitere häufig angewandte und kontrovers diskutierte Maßnahmen mit ähnlichem Ziel sind das Abhalten von Ritualen wie Paraden oder das Abbrennen riesiger bonfires an bestimmten Feiertagen. Beide Praxen werden ebenfalls bevorzugt in den loyalistischen Gemeinschaften durchgeführt und haben in der Vergangenheit immer wieder zu Spannungen und Protesten bis hin zu Ausschreitungen geführt (vgl. Moynihan 2011, Jarman 1997a, Santino 1996). Als federführende Organisation für die Durchführung von Paraden ist der Oranier-Orden (Orange Order) bekannt, eine protestantische politisch-religiöse Vereinigung mit langer Tradition, deren Mitglieder viele hochrangige Posten im unionistisch dominierten Nordirland bekleideten und bis heute teilweise wichtige Rollen in der Gesellschaft spielen. Der Orden ist benannt nach dem protestantischen Wilhelm III. von Oranien (William of Orange), der 1690 die Schlacht am Boyne gegen den katholischen König Jakob II. gewann. Mit dieser Schlacht liefert der Oranierkönig bis heute den Vorwand für das beliebteste unionistische Fest, nämlich den Gedenktag an die Schlacht am 12. Juli. Im Vorfeld dieses Tages werden in den lokalen Gemeinschaften monatelang Materialien gesammelt, um das größte bonfire zu errichten und in der Nacht vor dem 12. Juli abzubrennen (vgl. Jarman 1997a). Von Republikanern durchgeführte Rituale schließen das Niederlegen von Kränzen sowie öffentliche Gebete an Gräbern ein (Graham und Whelan 2007). Durch einige dieser Praxen wurde lange Zeit ein hoher Konkurrenzdruck um Ressourcen zwischen den Gruppen aufrechterhalten, die immer genau beobachteten, was „die anderen“ bekamen und dasselbe auch für sich forderten. In der Vergangenheit gab es daher die sehr ineffiziente Tendenz dazu, öffentliche Einrichtungen doppelt bereitzustellen, damit auch die Gruppe, die in einem Stadtteil die Minderheit darstellt, sicher und möglichst schnell versorgt werden konnte (Donovan 2013:138, Belfast City Council und Deloitte 2008) – auch gefördert

11 Diese Praxis wird heute manchmal zu ganz anderen Gelegenheiten aufgegriffen: So leuchteten die Bordsteine während einer Gay Pride-Parade im Jahr 2016 zum Beispiel an einigen Stellen pink oder in Regenbogenfarben (Cromie 2015, Hughes 2016).

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durch die von Bollens beschriebene neutrale Planungsstrategie. Als Beispiele hierfür werden u. a. Sportstudios, Stadtteilzentren oder Hausarztpraxen genannt (Jennifer Hawthorne 2010, pers. Gespräch). Dieses Vorgehen wird erst im Nachgang zu der 2008 begonnenen Finanz- und Wirtschaftskrise stärker in Frage gestellt. Abbildung 13: Bemalte Bordsteine und Straßenlaternen in Ostbelfast (eigenes Foto)

E XKURS : U MGANG MIT IN N ORDIRLAND

DER

K ONFLIKTVERGANGENHEIT

Dieser Exkurs dient dazu, die gesamtgesellschaftlichen und politischen Bemühungen um einen Umgang mit der Vergangenheit zu verdeutlichen, da diese letztendlich auch den Rahmen für den Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften setzen. Es erfolgt zunächst eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte des Karfreitagsabkommens und des St Andrews-Abkommens als Grundlagen des Friedenskonsolidierungsprozesses. Anschließend stelle ich dar, zu welchen konfliktbezogenen Themen und Ereignissen bereits von wem und mit welchem Ergebnis gearbeitet wurde, und gebe abschließend einen Überblick über zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit aktuelle Pläne.

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Karfreitagsabkommen (1998) und St Andrews-Abkommen (2006) Die Grundlage für den Friedenskonsolidierungsprozess und offizielle Formen des Umgangs mit der Konfliktvergangenheit bildet das 1998 von den meisten nordirischen Parteien sowie den Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Republik Irland beschlossene Karfreitagsabkommen. In gleichzeitig in beiden Teilen der Insel abgehaltenen Referenden wurde es von der Bevölkerung bestätigt.12 In dem Abkommen wurde eine dreigeteilte institutionelle Struktur beschlossen: Erstens wurde die Aufhebung der Direktherrschaft aus London sowie eine Devolution von Regierungs- und Administrationsaufgaben an eine neu zu wählende nordirische Versammlung und Exekutive geplant, in der die politische Macht paritätisch zwischen Unionist*innen und Nationalist*innen aufgeteilt ist. Zweitens wurde ein Nord-Süd Council sowie drittens ein Forum des Austauschs zwischen der britischen und der irischen Regierung eingerichtet. Sowohl das Vereinigte Königreich als auch die Republik Irland verzichteten auf territoriale Ansprüche in Nordirland. Es wurde festgelegt, dass Nordirland so lange Teil des Vereinigten Königreichs bleibt, bis eine Mehrheit der Bevölkerung sich in einem Referendum anders entscheidet (McGrattan 2010, Gordon 2008:140-141, Mac Ginty et al. 2007:6, McVeigh und Rolston 2007:2). Im Dezember 1999 übernahm schließlich eine regionale Versammlung sowie die paritätisch aus Vertreter*innen aller größeren Parteien besetzte Regierung die politische Verantwortung in Nordirland. Erster Minister wurde David Trimble (Ulster Unionist Party, UUP), Seamus Mallon (Social Democratic and Labour Party, SDLP) sein Stellvertreter.13 Bereits im Februar 2000 entzweiten sich die Regierungsparteien über ihre unterschiedlichen Ansichten zur Entwaffnung paramilitärischer Gruppierungen; die nordirische Regierung und die Versammlung wurden suspendiert. Eine zweite Phase der Selbstverwaltung dauerte von Mai 2000 bis Juli 2001, die dritte von November 2001 bis Oktober 2002. Nach diesem 12 Bei einer Wahlbeteiligung von 81% stimmten in Nordirland 71,1% für das Karfreitagsabkommen, 28,9% stimmten dagegen. Dabei war das Wahlverhalten in den beiden traditionellen Gemeinschaften sehr unterschiedlich: Nur etwas mehr als die Hälfte der nordirischen Protestant*innen, gleichzeitig aber ca. 90% der Katholik*innen bestätigten das Abkommen. In der Republik Irland stimmten 94,4% der Wähler*innen dafür, wobei die Wahlbeteiligung mit 56,3% deutlich niedriger lag (Carmichael und Knox 2004:64). 13 Die größten nordirischen Parteien sind mittlerweile die Democratic Unionist Party (UUP) und Sinn Féin (irisch: Wir Selbst). Die gemäßigteren Parteien UUP und SDLP haben seit dem Abschluss des Friedensabkommens an Stimmen verloren. Weiterhin erwähnenswert ist die cross-community Partei Alliance Party. Weitere Splitterparteien sind überwiegend dem unionistischen Lager zuzuordnen.

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dritten Scheitern und einer weiteren Suspendierung konnte erst ein neues Abkommen im Jahr 2006, das St Andrews-Abkommen, dem Friedenskonsolidierungsprozess und der politischen Zusammenarbeit der ehemaligen Konfliktparteien neues Leben einhauchen. Seit der Wiedereinsetzung der Versammlung am 8. Mai 2007 hat es keine weitere Suspendierung gegeben, auch wenn dies mehrfach nur knapp abgewendet werden konnte (Knox und Carmichael 2010:82, McGrattan 2010:170-171). Das Karfreitagsabkommen vermeidet eine eindeutige Positionierung zu den Ereignissen im Nordirlandkonflikt, zu den Zielen des Friedenskonsolidierungsprozesses oder zur Frage nach Schuld oder Unschuld der beteiligten Akteur*innen. Ebenso wenig wird ein „‚past-specific‘ mechanism“ eingesetzt, der sich mit diesen Fragen beschäftigt (Bell 2002:1107). Vielmehr stellt es ein pragmatisches, dabei aber recht unspezifisches Rahmenwerk für den Friedenskonsolidierungsprozess dar, das allgemeine Richtlinien festlegt, die Details aber offenlässt (Connolly 2006:414, Bell 2002). Als Teil dieses Rahmens wurde die Einsetzung einer Opferkommission, eine Polizeireform, die frühzeitige Entlassung von politischen Gefangenen, die Entwaffnung paramilitärischer Gruppierungen sowie ein Abzug der britischen Truppen in Nordirland beschlossen (Lundy und McGovern 2001). Auch das St Andrews-Abkommen enthält keine umfassenden Vorschläge zum Umgang mit der Vergangenheit, sondern bleibt weiterhin auf einer eher pragmatischen Ebene. Kommissionen zu einzelnen Themen und Ereignissen Bereits im Oktober 1997 gründete die britische Regierung eine Victims Commission, die von Sir Kenneth Bloomfield geleitet wurde (McGrattan 2010:175). Ihr Ziel war es, „possible ways to recognise the pain and suffering felt by victims of violence arising from the troubles“ zu erarbeiten (Bell 2002:1101). Besonders kontrovers wurde – und wird nach wie vor – die Frage diskutiert, welcher Personenkreis überhaupt als „unschuldige“ oder wenigstens „rechtmäßige“ Opfer des Konflikts zu bezeichnen ist – republikanische Gruppierungen sprechen vor allem den Mitgliedern der Sicherheitskräfte diesen Status ab, aus der unionistischen Sichtweise sind IRA-Mitglieder grundsätzlich nicht als rechtmäßige Opfer zu bezeichnen (Bell 2002:1102). Der Kommissionsbericht schlägt weitreichende finanzielle und medizinische Unterstützung für Gewaltopfer und ihre Familien vor. Teil der Empfehlungen sind weiterhin die Errichtung eines Gedenkorts und die Schaffung eines gesetzlichen Feiertags, der der Versöhnung gewidmet ist (Connolly 2006:420-421). Aus der Bloomfield Commission ging ein Victims Liaison Unit innerhalb des Northern Ireland Office hervor, welches die Empfeh-

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lungen des Reports in Teilen umsetzt (Bell 2002:1108-1109). Die grundsätzliche Frage nach Schuld und Unschuld bleibt bis heute jedoch unbeantwortet. Nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens wurde der ehemalige Nordirlandminister und Gouverneur von Hong Kong, Chris Patten, mit der Leitung einer Kommission zur Reform der Polizei (Independent Commission on Policing for Northern Ireland, ugs. Patten Commission) beauftragt. Diese stellte ihren Abschlussbericht mit 175 Empfehlungen im September 1999 vor (Gordon 2008:144145). Die nordirische Polizei Royal Ulster Constabulary (RUC) besaß in der nationalistischen Bevölkerung keinen guten Ruf, ihr wurde tiefsitzendes Misstrauen entgegengebracht. Von vielen Unionist*innen wurde sie als „primary line of defence against internal Catholic uprising or an invasion by the Irish Free State“ betrachtet, sie galt als politisiert und parteiisch (Gordon 2008:137). Katholik*innen kam es kaum in den Sinn, sich dort um eine Anstellung zu bemühen. So waren auch 92% aller Mitarbeiter*innen im Jahr 1998 Protestant*innen. Die wichtigsten umgesetzten Maßnahmen aus dem Patten Report waren die Umbenennung der RUC zu Police Service for Northern Ireland (PSNI), der Austausch des alten, belasteten Logos und anderer Symbole sowie die Verpflichtung, zukünftig Mitarbeiter*innen zu 50% aus der katholischen Bevölkerung zu rekrutieren (McGrattan 2010:168-169). Der Bericht sprach zwar keine Schuldzuweisung aus und zudem wurde der RUC im Jahr 2000 kurz vor ihrer Auflösung das Georgskreuz14 verliehen (Bell 2002:1115) – dennoch stellte die Reform das bis zu diesem Zeitpunkt gültige staatliche Narrativ von einer neutralen Polizeitruppe, die in schwierigen Zeiten und unter dem Einfluss republikanischen Terrors einfach ihre Arbeit machte, zumindest in Teilen in Frage (Lawther 2013:162-163, McGrattan 2010:169, Bell 2002:1140). Weiterhin untersuchte der britische Staat einige symbolträchtige oder für den Ausbruch des Konflikts entscheidende Ereignisse, darunter – nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte – 14 einzelne Todesfälle, die von Mitgliedern der Sicherheitskräfte ausgelöst wurden (Connolly 2006:421). Als längste und teuerste öffentliche Untersuchung im Vereinigten Königreich gilt die Bloody Sunday Inquiry unter der Leitung des Richters Lord Saville of Newdigate, die 1998 startete und deren Ergebnisse 2010 veröffentlicht wurden (Connolly 2006:425-426). Untersucht wurden die Vorkommnisse am 13. Januar 1972 während einer Demonstration in (London-)Derry, bei der 13 unbewaffnete Menschen von britischen Soldaten erschossen wurden. Anders als das direkt im Anschluss an den „Blutsonntag“ abgehaltene Widgery Tribunal kommt die neuerliche Untersuchung zu dem Schluss, dass Schüsse ohne ersichtlichen 14 Das Georgskreuz ist die höchste zivile Auszeichnung für Tapferkeit im Vereinigten Königreich.

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Grund auf die Zivilisten abgefeuert worden seien. Nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts entschuldigte sich der britische Premierminister David Cameron im Namen der Regierung öffentlich für das Fehlverhalten der Soldaten. Die Untersuchung war zwar langwierig und umfassend, konzentrierte sich aber auf einen „single defining moment“ der frühen Troubles, der ausschlaggebend dafür war, dass eine friedliche Beilegung des Konflikts nicht mehr realistisch schien (Connolly 2006:427). Eine umfassende Verständigung über den Konflikt wurde nicht vorgenommen (Bell 2002:1138). Um die Möglichkeiten eines formalen Wahrheitsfindungsprozesses auszuloten, wurde 2007 eine Consultative Group on the Past, geleitet von Lord Robin Eames und Denis Bradley, eingesetzt (Lawther 2013:158). Deren Aufgabenbeschreibung lautete, sowohl einen Weg des Umgangs mit der Vergangenheit zu finden als auch Empfehlungen darüber abzugeben, wie die nordirische Gesellschaft in eine gemeinsame Zukunft gehen könne. Daraus schließt McGrattan, der Auftrag, sich nicht zu sehr mit der Vergangenheit zu beschäftigen, sondern vielmehr optimistisch nach vorne zu schauen, sei darin bereits immanent (2010:176-177). Das Gremium empfiehlt die Einrichtung einer Legacy Commission. Diese Empfehlung ist jedoch bislang nicht umgesetzt. Zusätzlich zu diesen offiziellen Kommissionen ist eine Reihe von Initiativen aus dem zivilgesellschaftlichen und akademischen Milieu entstanden, die sich mit der Konfliktvergangenheit Nordirlands beschäftigen (Lundy und McGovern 2001:28). Dazu gehören z. B. die Cost of the Troubles Study, der Sutton Index of Deaths oder das umfassende Projekt Healing Through Remebering. Auch Oral History-Projekte wie das Ardoyne Commemoration Project oder der Ballymurphy Commemorative Trail sind zu nennen (Wing 2010, Bell 2002:1124). Allparteiengespräche 2013-2015 Erst im Jahr 2013 erfolgte eine von nordirischen Politiker*innen ausgehende Initiative zum Umgang mit der Vergangenheit. Die Unruhen im Zusammenhang mit der kontroversen Entscheidung von Belfast City Council, die britische Flagge nur noch an wenigen Tagen im Jahr über dem Rathaus wehen zu lassen und einem Anstieg kleinerer konfliktbezogener Gewalttaten im Jahr 2013 brachten das Thema wieder auf die Agenda (Mallinder 2014). OFMDFM beauftragte den USamerikanischen Diplomaten Richard Haass und die Harvard-Professorin Meghan O’Sullivan im Juli 2013 mit der Leitung von Allparteiengesprächen, die (u. a.) zu einer Übereinkunft im Umgang mit der Vergangenheit führen sollten. Bis zum im Vorhinein festgesetzten Ende der Gespräche am 31.12.2013 konnte jedoch nicht in allen Bereichen eine Einigung erzielt werden. So wurden sich die Parteien nicht darüber einig, welcher Personenkreis zu den Opfern des Konflikts gezählt werden

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solle (Mallinder 2014). Es wurde die Einsetzung von drei neuen Institutionen beschlossen: Diese sind erstens ein Historical Enquiries Unit, das sich mit noch ungeklärten Todesfällen befassen soll, zweitens eine Independent Commission for Information Retrieval, die – abgekoppelt vom Strafjustizsystem – eine Reihe von Themen untersuchen soll15, und drittens ein Oral History Archive, das die konfliktbezogenen Geschichten und Erlebnisse von Zeitzeug*innen aufnehmen soll (The Committee on the Administration of Justice et al. 2015, Mallinder 2014). Im Jahr 2014 liefen die Verhandlungen weiter, sie wurden aber bereits im Februar wegen einer sich anbahnenden politischen Krise ausgesetzt (Mallinder 2014). Sowohl das Jahr 2014 als auch 2015 endeten mit weiteren Last-Minute-Deals, in denen Einigung über andere kontroverse Fragen erzielt werden konnte; im Bereich des Umgangs mit der Vergangenheit ging jedoch weder das Stormont House-Abkommen (2014) noch A Fresh Start (2015) signifikant über die 2013 beschlossenen Punkte hinaus (Rowan 2016). Ein Polizeipressesprecher, zivilgesellschaftliche Organisationen wie Relatives for Justice und auch die von der britischen Regierung eingesetzte Opferbeauftragte Judith Thompson zeigten sich enttäuscht über die Ergebnisse (BBC News 2015a). Die Schwierigkeiten, zu einer Einigung zu gelangen, wird von Seiten etlicher Kommentator*innen aus Wissenschaft, Politik, Journalismus und Zivilgesellschaft darauf zurückgeführt, dass die am Konflikt beteiligten Parteien kein Interesse an einer Aufarbeitung und Anerkennung der eigenen Verantwortlichkeiten haben (Rowan 2016, Lawther 2013:159-162, McGrattan 2010:179-180, Connolly 2006:415-418, Lundy und McGovern 2001:28). Bis heute haben die hauptsächlichen Konfliktparteien, zu denen McGrattan die IRA, die loyalistischen Paramilitärs und den britischen Staat zählt, sich daher noch nicht öffentlich mit ihren Handlungen während des Konflikts auseinandersetzen müssen (2010:174). Auch die Frage nach der Rolle der Republik Irland als Unterstützerin der IRA bleibt ungeklärt (Rowan 2016).

15 Die folgenden Themen werden als mögliche Investigationsschwerpunkte genannt: „Collusion, ‘Ethnic cleansing’ in borders and interface areas, ‘Shoot-to-kill’ policy, Targeting off duty security force personnel, Ireland’s support for IRA, Intra-community violence by paramilitaries, Use of lethal force, Detention without trial, Mistreatment of detainees and prisoners, Disappeared, Financing and arms for paramilitaries“ (Mallinder 2014).

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7.3 D AS POLITISCHE N ORDIRLANDS

UND

P LANUNGSSYSTEM

Die Auswirkungen des Konflikts sind in Nordirland nicht nur räumlich erfahrbar, sondern der Konflikt hat auch auf die staatlichen Institutionen und ihre Kompetenzen Einfluss genommen. Um die Akteurskonstellationen und Zuständigkeiten in Bezug auf die im folgenden Kapitel untersuchten Fallbeispiele besser nachvollziehbar zu machen, gebe ich an dieser Stelle einen kurzen Überblick über einige wichtige Elemente des politischen sowie des Planungssystems in Nordirland. Ich beginne mit der Einführung von Direct Rule zu Beginn der Troubles und beschreibe weiter die Veränderungen durch das Karfreitagsabkommen bis zur Reform of Public Administration, im Zuge derer die lokalen Behörden im April 2015 erstmals seit der Konfliktbeilegung wieder die Zuständigkeit für planerische Entscheidungen übernommen haben.16 Der Konflikt war unter anderem deshalb eskaliert, weil die unionistisch dominierten Behörden in Verdacht geraten waren, Katholik*innen und katholischnationalistische Wohngebiete bei Planungsentscheidungen, Ressourcenverteilung und der Vergabe öffentlichen Wohnraums systematisch zu benachteiligen. Um dem Konflikt keine weitere Munition zu liefern, traf die britische Regierung 1972 die Entscheidung, Direktherrschaft (Direct Rule) aus Westminster einzuführen, also die unmittelbare Regierungsverantwortung in Nordirland selbst zu übernehmen (vgl. Pinkerton 2012:148-164, Neill 2007:686-689, Schug 2007:49). Dies bedeutete, dass die nordirische Regierung und Versammlung suspendiert wurden und nahezu alle Regierungs- und Verwaltungsfunktionen von einem Northern Ireland Office (NIO) mit Sitz in London übernommen wurden. Erster Nordirlandminister (Secretary of State for Northern Ireland) wurde William Whitelaw, der über keinerlei Beziehung zu Nordirland oder besondere Kompetenz für das Amt verfügte. Auch zu späteren Zeiten standen dem NIO häufig wechselnde und nicht immer enthusiastische oder mit den Besonderheiten Nordirlands vertraute Minister*innen vor (Maggie Andrews 2010, pers. Gespräch). Die britische Regierung hoffte zunächst, nur in einer kurzen Übergangsphase die Verantwortung übernehmen zu müssen, tatsächlich dauerte Direct Rule allerdings – mit

16 Im Mai 2016 sind weitere Veränderungen umgesetzt worden: So wurde das Office of the First Minister and Deputy First Minister in Executive Office umbenannt, das Department of Social Development in Department for Communities. Das Department of the Environment wurde aufgelöst. Dieser Zeitpunkt fällt nicht mehr unter den Betrachtungszeitraum dieser Arbeit, weshalb ich die aktuellsten Veränderungen hier nicht berücksichtige.

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Ausnahme einer Unterbrechung in den Jahren 1973 und 74 – bis ins Jahr 1999 an (vgl. Korstian 2008:24-25, McCall 1999:44-46). Selbst danach wurden die nordirische Regierung und Versammlung bis zum St Andrew’s Agreement im Jahr 2006 noch einige Male aufgrund von Differenzen zwischen den beiden größten Parteien der traditionellen Gemeinschaften, DUP und Sinn Féin, suspendiert (vgl. Gillespie 2008:83-84). Tabelle 3: Übersicht über Ministerien und Planungsverantwortlichkeit vor der Verwaltungsreform (eigene Abbildung) Institution

Planungsrelevante Verantwortlichkeiten

Department for Regional Development

Planungs- und Entwicklungsstrategie für ganz Nordirland; Transport: Straßenbau, öffentlicher Personennahverkehr, Häfen und Flughäfen

Department of the Environment

Die natürliche und gebaute Umwelt; Flächennutzungsplanung

Department for Social Development

Stadterneuerung; Wohnungsbau

Lokale Behörden (Belfast City Council)

Kommunale Planung; Lokale wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung; Bauaufsicht

Partnership Boards (North, South, East, West & Greater Shankill)

Soziale, wirtschaftliche und physische Stadtteilerneuerung

Mit der Einführung von Direct Rule wurden auch Planungsentscheidungen auf eine als neutral wahrgenommene Zuständigkeitsebene gehoben (Murray und Murtagh 2007:115). Gleichzeitig wurden den lokalen Behörden („local authorities“) wesentliche Teile der Planungsverantwortung entzogen und zentralisiert. Zuständigkeit für die Stadtplanung erhielt der Town and Country Planning Service mit mehreren lokalen Büros als nachgeordnete Behörde des NIO. Die nordirischen Gemeinden und damit auch der Belfast City Council behielten die Zuständigkeit für „bins, bogs and burials“ (etwa: „Mülleimer, Klos [= Abwasser] und Beerdigungen“), wie die Restkompetenzen spöttisch bezeichnet wurden – wenn auch etwas verkürzt, denn außerdem waren „leisure, recreational and cultural facilities, consumer protection, environmental health and saftety and, increasingly, tourism Aufgabenbereiche der lokalen Behörden (Wilson und Game 2011:63, vgl. auch Ellis und McKay 2000:49). Im Zuge dieser Reform wurde die Northern Ireland Housing Executive (NIHE) als neutrale, weil ebenfalls staatliche Zentralorganisation gegründet, die in Nordirland bis heute für das umstrittene Politikfeld des öffentlichen Wohnungsbaus inklusive Wohnungsvergabe und Wohnungsneubau verantwortlich ist (Murtagh 2002:27-28). Auch Stadtentwicklungsstrategien wie der Belfast Urban Area Plan (1989) wurden in Folge von Direct Rule vom regionalen Department of the Environment

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(DoE) erstellt. Insgesamt arbeiteten sechs von Beamt*innen geführte Regionalministerien mit Sitz in Belfast dem oder der Nordirlandminister*in zu. Die Gemeinden wurden auch bei Entscheidungen, die sie direkt betrafen, nur konsultiert (Wilson und Game 2011, Ellis und McKay 2000:50). Diese Zentralisierung führte dazu, dass die öffentliche Verwaltung und damit auch die Stadtplanung lange Zeit als technokratisch und entfernt von den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen wahrgenommen wurde (Maggie Andrews, Sabine Kalke 2010, pers. Gespräche). Für Belfast als Hauptstadt und größter und bevölkerungsreichster Agglomeration wurde die Verantwortung für soziale, ökonomische und physische Entwicklung 1995 an fünf Stadtteil-Partnerships übertragen (North, East, South, West und Greater Shankill). Diese stehen in engem Kontakt und arbeiten an einigen Projekten zusammen, bleiben aber dennoch auf ihren jeweiligen Stadtteil konzentriert, so dass über mehrere Jahrzehnte keine lokale Institution existierte, die für die Entwicklung der gesamten Stadt zuständig war und mehr als nur einen Stadtteil im Blick hatte. Diese Besonderheit führt zu einer starken Fragmentierung und der Entwicklung einer Vielzahl von Plänen und Strategien der Stadt(teil)entwicklung, die lange Zeit kaum abgestimmt waren (Frank Gaffikin, Marie-Thérèse McGivern 2010, pers. Gespräche). Mit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens wurde ein Regierungssystem festgelegt, innerhalb dessen die jeweils größten Parteien jeder Gemeinschaft – seit 2001 sind dies die Democratic Unionist Party (DUP) und Sinn Féin – die beiden Ersten Minister*innen stellen, denen ein gemeinsames Office of the First and Deputy First Minister untersteht. Die beiden sind gleichberechtigt bei der Entscheidungsfindung und können nur gemeinsam regieren – oder aber gemeinsam zurücktreten (Carmichael und Knox 2004:603). Weiterhin wurde die Übertragung administrativer Unabhängigkeit an die nordirische Regionalverwaltung (devolution) beschlossen, deren Regierungskabinett aus Minister*innen von allen im Parlament vertretenen Parteien besteht (Northern Ireland Assembly Education Service 2016).17 Als Resultat sind zusätzliche Ministerien mit neuen Verantwortungsbereichen entstanden, damit auch alle gewählten Parteien mit Ministerien versorgt werden können (Frank Gaffikin, Marie-Thérèse McGivern, pers. Gespräche, Murray und Murtagh 2007:113, Carmichael und Knox 2004:603, Ellis 17 Im März 2016 beschloss die Versammlung, das System des power-sharing in Teilen aufzulösen und den kleineren Parteien zukünftig die Entscheidung darüber zu überlassen, ob sie Teil der Regierung oder Teil der Opposition sein möchten. Nach den regionalen Wahlen im Mai 2016 machten die Parteien UUP, SDLP und Alliance erstmalig von der Möglichkeit Gebrauch, in die Opposition zu gehen (Belfast Telegraph 2016d). Die Folgen dieser Entscheidung sind zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit noch nicht abzusehen.

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und McKay 2000:52). Übergeordnete Planungsvorgaben für die Region macht seitdem das Department for Regional Development (DRD). Für konkretere, auf einzelne Städte und Regionen Nordirlands bezogene Pläne war bis zum April 2015 das Department of the Environment (DoE) zuständig (Murray und Murtagh 2007:113). Aufgaben im Bereich der Stadterneuerung sowie die soziale Stadtentwicklung übernahm bis zu diesem Zeitpunkt jedoch das Department for Social Development (DSD). Die Zusammenarbeit zwischen den drei Ministerien funktionierte in der Vergangenheit nicht immer gut und wurde nicht selten durch die unterschiedliche parteipolitische Zugehörigkeit der Minister*innen erschwert. Das NIO blieb jedoch weiterhin als übergeordnete Instanz bestehen (Carmichael und Knox 2004:603) und übernahm während der Suspendierungen der nordirischen Regierung und Versammlung in den Jahren 2002 bis 2007 wieder die Leitung der Ministerien und andere Regierungsaufgaben. Im April 2015 ist nach mehreren zeitlichen Verschiebungen eine Verwaltungsreform und historische Veränderung von Zuständigkeiten in Kraft getreten: Alle lokalen Planungsaufgaben wurden erstmals seit über 40 Jahren wieder an die lokalen Verwaltungen übertragen. Dieses aufwändige Vorhaben wurde über einen langen Zeitraum hinweg durch die verschiedenen ehemals und aktuell zuständigen Institutionen vorbereitet und verändert die politisch-institutionelle Landschaft nachhaltig. Die Veränderungen wurden mit großer Spannung und auch ein wenig Anspannung erwartet. Einerseits war die Reform sie mit der Hoffnung verbunden, dass die – demokratisch gewählten und lokal ansässigen – councillors eine größere Sensibilität für die Menschen und die jeweiligen Orte mitbringen, andererseits gab es jedoch auch skeptische Stimmen, die bezweifelten, dass die lokalen Behörden den neuen Verantwortungen gewachsen sein würden. Um abschätzen zu können, welche Effekte sich tatsächlich durch das RPA eingestellt haben, ist bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Buchs noch nicht ausreichend Zeit vergangen.

7.4 B ELFAST SEIT DEM K ARFREITAGSABKOMMEN: C ITY ON THE RISE ? Zwar sind die räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts auch fast 20 Jahre nach dem Ende des Nordirlandkonflikts noch an vielen Stellen im Stadtraum sichtbar, dennoch hat Belfast seitdem auch in vielerlei Hinsicht radikale Veränderungen durchlaufen und entwickelt sich in ähnlicher Weise wie andere europäische Regionalhauptstädte. So ist eine Reihe neuer Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten entstanden, der Tourismussektor wächst beträchtlich und die durchschnittlichen Lebensverhältnisse haben sich als Teil der Friedensdividende

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an den britischen Standard angeglichen. Gerade beim Besuch der Innenstadt und einigen angrenzenden Stadtteilen spielen Merkmale wie Herkunft und religiöse oder politische Zugehörigkeit eine zunehmend untergeordnete Rolle. Eine beginnende Desegregation wird ebenso festgestellt wie die Entstehung einer „dritten“, nordirischen Identität, die Hybridität anerkennt und die traditionelle Dichotomie (irisch oder britisch) überwindet (Mac Ginty et al. 2007:8). In diesem Abschnitt stelle ich die wichtigsten Projekte und thematischen Stränge der Stadtentwicklung seit 1998 vor. Da die generelle Stoßrichtung bereits seit Anfang der 1980er Jahre in ähnlicher Weise besteht, werden an einigen Stellen Initiativen aufgegriffen, die weiter zurückreichen als 1998 und wichtige Meilensteine oder Vorläufer aktueller Entwicklung darstellen. Zu den wichtigsten Ansätzen gehören erstens die Revitalisierung der Innenstadt (7.4.1), zweitens die Vermarktung des historisch-kulturellen Erbes durch quarterization und theming of city space (7.4.2) sowie drittens eine deutlich beobachtbare Freizeit- und Eventorientierung (7.4.3). Diese Strategien zielen einerseits auf die verbesserte Wahrnehmung der Stadt auf der internationalen Ebene, bei Tourist*innen und Investor*innen ab, andererseits aber auch auf die Schaffung von unbelastetem Identifikationspotenzial für möglichst breite Teile der Bevölkerung. Wie beschrieben war die politische Landschaft in Nordirland lange sehr fragmentiert und die Organisationen, die mit verschiedenen Schwerpunkten in der Stadtentwicklung und Stadtteilentwicklung aktiv sind, sind durchaus vielfältig. Ich strebe daher hier keine abschließende Aufzählung aller seit 1998 durchgeführten Programme und Initiativen an, sondern möchte die für den Kontext dieser Arbeit wichtigsten Stränge darstellen, die außerdem von den Einwohner*innen sowie außerhalb Nordirlands am deutlichsten wahrgenommen werden. Weitere Aktivitäten finden z. B. bei der fortlaufenden Wohnraumsanierung statt, darunter die kürzlich beendete, schon fast als slum clearance zu bezeichnende Komplettsanierung des unionistischen Quartiers Village in Südwestbelfast (vgl. Hocking 2015:66, Rita Harkin 2010, pers. Gespräch). Außerdem erwähnenswert sind eher kleinteilige Programme der sozialen Stadterneuerung und weiteres, weniger öffentlich wahrgenommenes Brachflächenrecycling. 7.4.1 Revitalisierung und bauliche Erneuerung der Innenstadt und der Waterfront „In the early 1980s, central Belfast came back, Lazarus like, from the dead“, schreibt Brown bereits eine knappe Dekade vor der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens (1990:58). Die Belfaster Innenstadt stellte zwar zu jedem Zeitpunkt der Troubles eine weitgehend neutrale Zone dar, sie war allerdings durch

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die Bombenkampagne der IRA in den frühen und mittleren 1970er Jahren kein attraktives Zentrum, das zum Flanieren und Bummeln einlud. Besonders nach Ladenschluss war die Innenstadt wie ausgestorben. Die meisten Bewohner*innen suchten sie daher nur auf, um zielgerichtet etwas zu erledigen, und verließen sie anschließend schnellstmöglich wieder. Pläne, die Aufenthaltsqualität und die Wahrnehmung der Innenstadt zu verändern, wurden bereits seit den frühen 1980er Jahren umgesetzt (Boal 1994:151, Cebulla 1994). Die Absicht, die Innenstadt zu revitalisieren, kann dabei durchaus als politisches Statement gewertet werden, das die „Normalisierung“ der Situation als hegemoniales Narrativ etablieren und dem Konflikt möglichst wenig Raum geben sollte. Neill, Murray und Grist bezeichnen das Vorhaben als Teil eines „non-military battle with political violence in showcasing the advantages of normalisation“ (2014:5). Diese Denkweise spielt laut Gaffikin auch heute noch in der nordirischen Planungskultur eine Rolle, die eher daran interessiert ist, eine Vision für eine Zukunft ohne den Konflikt umzusetzen, als sich in der Gegenwart mit dem Konflikt auseinanderzusetzen (2010, pers. Gespräch). Um die Wiederbelebung der Innenstadt in Gang zu bringen, wurden zunächst Büros öffentlicher Institutionen dorthin umgesiedelt. Außerdem wurden mit Urban Development Grants sowohl Eigentümer*innen einzelner Geschäfte und Wohngebäude (sog. owner occupiers) als auch institutionellen Investor*innen finanzielle Anreize zur Renovierung und Instandsetzung ihrer Immobilien geboten (Boal 1994:151). Der Belfast Urban Area Plan von 1990 zielte besonders auf die Förderung des Einzelhandels (Gaffikin und Morrissey 1990:115-118). Der Plan wurde von DoE in dem Bestreben verfasst, mit einem attraktiv gestalteten und belebten Zentrum nicht nur das Image Belfasts, sondern der ganzen Region zu verbessern (Boal 1994:150). Zunächst stellten sich die Effekte in Form von baulichen Veränderungen und wirtschaftlichen Verbesserungen jedoch nur langsam ein (vgl. Berry und McGreal 1993:200-207, Cebulla 1994). Erst der Investitions- und Bauboom der späten 1990er und der 2000er Jahre, an dem erstmals auch private Investor*innen in signifikantem Umfang teilnahmen und der als Folge der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens und des anschließenden Friedenskonsolidierungsprozesses betrachtet wird, brachte das Vorhaben in größerem Umfang voran (Neill et al. 2014:6, Plöger 2007:35). Eines der ersten großen Projekte, das zur Wiederbelebung der Innenstadt beitrug, war die Errichtung des Einkaufszentrums Castle Court in der Haupteinkaufsstraße Belfasts im Jahr 1987. Das Gebäude selbst wurde damals besonders wegen seiner gläsernen Fassade als Zeichen des Aufbruchs und der Zuversicht in Bezug auf ein baldiges Ende der Gewalt betrachtet. Wegen dieses Symbolgehalts konnte sich der zeitgenössische Entwurf letztendlich gegenüber

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einer rekonstruierten Version der viktorianischen Fassade des vorher dort befindlichen Grand Central Hotel durchsetzen (Brown 1985d:67, McEldowney et al. 2001 2001:107) – der damalige Nordirlandminister Richard Needham, der die Revitalisierung der Innenstadt zu seinem wichtigsten Projekt gemacht hatte, „forderte“ eine Glasfassade als Symbol für das neue Selbstbewusstsein Belfasts (Neill et al. 2014:5). Mit 32.000 m2 Verkaufsfläche und einem finanziellen Umfang von £40 Mio. (davon 10 Mio. aus öffentlicher Förderung) war Castle Court damals das größte kommerzielle Entwicklungsvorhaben, das jemals in Nordirland durchgeführt wurde und ein wichtiges Signal, dass die Belfaster Innenstadt wieder für Investoren von außerhalb attraktiv wurde (Brown 1985d:68-69). Mittlerweile ist allerdings bekannt, dass die Symbolik des Aufbruchs nur in Teilen gewirkt hat: Der Hintereingang des Gebäudes wird damals wie heute stark mit dem sich anschließenden katholischen Westbelfast assoziiert und von daher von einigen Besuchenden bewusst gemieden (Mark Hackett 2010, pers. Gespräch). Weiterhin wurden verlängerte Öffnungszeiten eingeführt und es fanden wieder mehr Kulturveranstaltungen im Zentrum statt, wodurch sich Belfast zu einer „city of shoppers and spectacle“ wandeln sollte (Neill 2001b:46). Weitreichende Verschönerungsmaßnahmen wurden umgesetzt: U. a. wurden eine Fußgängerzone eingerichtet, die Straßenbeleuchtung verbessert und Bäume gepflanzt, außerdem wurden zusätzliche Mülleimer und Ruhebänke aufgestellt (Brown 1990:58). Auch das mehrfach zum Ziel von IRA-Bombenanschlägen gewordene Grand Opera House wurde mit Mitteln der britischen Regierung restauriert. In der Folge eröffneten auch in der nahen Great Victoria Street eine Reihe von Restaurants, Bars und anderer Ausgehmöglichkeiten, die in ihrer Gesamtheit als „Golden Mile“ bezeichnet wurden (Brown 1990:60). In der Innenstadt entstanden so bereits Jahre vor dem Karfreitagsabkommen „oases of normality“ inmitten des weiter anhaltenden Konflikts (Neill und Ellis 2008:92). Ein weiterer wichtiger Baustein der Wiederbelebung Belfasts war die Revitalisierung und bauliche Erneuerung entlang der Waterfront am Fluss Lagan, die damals als „one of the most ambitious urban planning projects in Western Europe“ bezeichnet wurde (Brown 1990:62). Die eigens zu diesem Zweck gegründete Laganside Corporation, ein non-departmental public body („Quango“18) innerhalb des NIO, bekam die Aufgabe, die Stadt wieder stärker mit dem Fluss zu verbinden. Dazu sollte sie die Neuentwicklung des ehemaligen Hafenareals und einer Reihe von Flächen entlang des Flussufers von insgesamt etwa 140 Hektar managen und umsetzen (vgl. Smith und Alexander 2001:179). Zusätzliche Planungsbefugnisse, 18 Quangos sind „quasi-autonomous non-governmental organisations“. Als solche werden sie von Ministerien finanziert und arbeiten eng mit ihnen zusammen, sind aber kein Teil dieser Ministerien.

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die Bauaufsicht sowie die Entscheidungsgewalt über den öffentlichen Wohnungsbau verblieben allerdings bei der britischen Regierung, die das Vorhaben auch finanziell unterstützte. Das Hafenareal lag zu dieser Zeit größtenteils brach und war großflächig von Industriealtlasten kontaminiert, die angrenzenden Quartiere heruntergekommen. Der Lagan wurde im Rahmen des Projekts von Verschmutzungen befreit, Fußund Fahrradwege wurden an den Ufern angelegt. Ein moderner – wieder größtenteils gläserner – Konzert- und Veranstaltungsort, die Waterfront Hall, entstand dort neben Belfasts ersten modernen Hochhäusern (Hocking 2015:30). Diese wurden zwar als „blockish and bland“ verspottet, beherbergen aber ein Hilton Hotel und eine Niederlassung von British Telecom – zwei globale Marken, deren Anwesenheit damals ebenfalls als positives Signal gedeutet wurde (Brett 2006). Ein viel diskutierter und zunächst als „sore on the shore“ abgelehnter Anbau der Waterfront Hall, welcher der gestiegenen Nachfrage gerecht werden soll, wurde im Mai 2016 eröffnet (Abernethy 2015). Am anderen Ufer des Lagan wurde im Jahr 2001 das multifunktionale Entertainment Centre Odyssey Complex, eröffnet, in dem Konzerte, Ausstellungen und Sportereignisse stattfinden (Neill et al. 2014:8). Ein weiteres umfangreiches Teilprojekt der Laganside Corporation war in den 1990er Jahren die Dekontamination des ehemaligen Gaswerk-Geländes und die anschließende Konversion in Wohnunterkünfte sowie Behörden- und andere Bürogebäude (Neill et al. 2014:6). Weitere Vorhaben wie die Instandsetzung des viktorianischen St George’s Market oder die Neugestaltung des Custom House Square wurden ebenfalls von der Laganside Corporation gesteuert, bis diese im Jahr 2007 den Betrieb einstellte und ihre Verantwortung an DSD übergab (vgl. Laganside Corporation 2007). Auch private Investmentfirmen finanzierten Teile der Modernisierung, darunter z. B. den Obel Tower, mit 26 Geschossen das vorläufig höchste Gebäude auf der ganzen Insel. Er beherbergt Apartments, Einkaufsmöglichkeiten, ein Hotel und weitere Bürogebäude (Neill et al. 2014:8, Neill 2010:311, Irish News 2016, Black 2014). Mit der Eröffnung des Victoria Square Shopping Centre im Jahr 2008 vergrößerte sich die Verkaufsfläche in der Innenstadt um ein Drittel bzw. 75.000 m2. Das Einkaufszentrum schloss eine unattraktive Baulücke zwischen Innenstadt und Waterfront und brachte erstmals eine größere Anzahl hochwertiger Designerlabels nach Belfast (Neill et al. 2014:8). Unter anderem befinden sich in dem Komplex ein Multiplex-Kino, Restaurants und Modeläden und eine der größten Filialen der Warenhauskette House of Fraser im Vereinigten Königreich. Das Dach bildet eine gläserne Kuppel, die von Tourist*innen wie Einheimischen als Aussichtspunkt genutzt wird (Hocking 2015:73, Neill 2010:311). Belfasts zu diesem Zeitpunkt ältester Pub, die Kitchen Bar, musste dem Vorhaben auf nachdrücklichen Wunsch

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des Developers trotz (kleinerer) Proteste aus der Bevölkerung weichen (Hocking 2015:73, Rita Harkin 2010, pers. Gespräch). Das aktuell umfangreichste Stadtentwicklungsprojekt ist die Umgestaltung und Erweiterung des Campus der University of Ulster am nördlichen Rand der Innenstadt, wo zukünftig 15.000 Studierende und Mitarbeiter*innen ihren Arbeitsort haben sollen. Dieses Vorhaben wird vom Bau mehrerer Hundert studentischer Wohneinheiten flankiert, die den Charakter der bis dato weitgehend unbewohnten Umgebung komplett transformieren werden (Belfast Telegraph 2016c, BBC News 2015b). Für die angrenzenden Nordbelfaster Wohnquartiere stellt die Entwicklung ein zweischneidiges Schwert dar. Besonders monieren Repräsentant*innen der Gemeinschaften die in ihren Augen unzureichend stattfindende Beteiligung durch die Universität und private Investor*innen. Gleichzeitig erhoffen sie sich auch positive Effekte und eine Aufwertung ihrer Nachbarschaften (Busskamp 2014:101-110). Die Fertigstellung des Projekts wird für 2018 erwartet. 7.4.2 Theming of City Space und Vermarktung des historischkulturellen Erbes Ein zweites hervorstechendes Element der Stadtentwicklung in Post-Konflikt-Belfast ist die Einteilung des (inner-)städtischen Raums in verschiedene thematische Quartiere („theming of city space“). Insgesamt sind sieben kulturell besonders interessante Quartiere identifiziert und benannt worden. Diese Praxis hat das häufig zitierte Bonmot „from a ‚city of two halves‘ to a ‚city of seven quarters‘“ hervorgebracht (Carden 2011:4). Die sieben Quartiere sind: Cathedral Quarter, Titanic Quarter, Gaeltacht Quarter, Queen’s Quarter, Linen Quarter, Market Quarter und Library Quarter. Cathedral Quarter und Linen Quarter (bzw. Cathedral Conservation Area und Linen Conservation Area) sind seit 1990 respektive 1992 Flächendenkmäler (Boal 1994:152). Bislang ist das Vermarktungs- und Inszenierungskonzept allerdings nur bei den beiden erstgenannten und dem Gaeltacht Quarter als fortgeschritten zu bezeichnen (Carden 2011:6), wobei der Ausbau der Renovierungs- und Vermarktungsaktivitäten im Linen Quarter voranzuschreiten scheint (BBC News 2016). Die Vermarktung des historischen Cathedral Quarter wurde zunächst unter der Führung der Laganside Corporation professionalisiert und formalisiert (Hocking 2015:31). Traditionell kann das Quartier mit einer hohen Dichte an Ausgehmöglichkeiten sowie Kunstschaffenden und kleinen Kulturbetrieben aufwarten, welche die geringen Mieten und Grundstückspreise dort zu schätzen wissen. Seinen Namen erhält es von St. Anne’s Cathedral, die sich in seiner Mitte befindet.

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Am Rande des Cathedral Quarter sind die Kunsthochschule der University of Ulster (nach dem Umzug auch der Hauptcampus der Universität mit mehr als 10.000 Studierenden) und mehrere Zeitungsredaktionen gelegen. Hinzu kommen diverse kleinere und größere Veranstaltungsorte im und um das Quartier herum, in denen z. B. das Cathedral Quarter Arts Festival oder die Culture Night stattfinden. Private Investitionen ließen in den letzten Jahren einige neue Hotels und Bars entstehen, öffentliche Gelder wurden vor allem zur Verbesserung der Infrastruktur eingesetzt. Zwischen den alteingesessenen Organisationen des Viertels und den Developern kommt es jedoch immer wieder zu Kontroversen über die Nutzung von Räumen, nicht zuletzt aus Angst der Erstgenannten vor Gentrifizierung und einem Verlust der Authentizität (vgl. Power et al. 2010:184, Mark Hackett 2010, pers. Gespräch, Smith und Alexander 2001:186-188). Bereits 1994 schreibt Boal mit Bezug zum Cathedral Quarter: „At a time when the city is striving to move away from an extremely traumatic recent past, it is striking and significant that there is also a reaching back to a heritage in the built environment that provides a reminder of the city’s historical underpinnings“ (1994:152).

Titanic Quarter entsteht seit 2002 auf dem Gelände der ehemaligen Werft Harland & Wolff und Nordirlands größter Industriebrache (75 Hektar) und soll in den 2030er Jahren fertiggestellt werden (Titanic Quarter 2016). Das Thema des Quartiers bezieht sich auf die Belfaster Schiffsbaugeschichte mit ihrem „Flagg-Schiff“ Titanic und damit ebenso auf eine weiter zurückliegende Ära in der Geschichte der Stadt. Lange Zeit erinnerte man sich in Belfast gar nicht gerne daran, dass die Stadt der „Geburtsort“ der Titanic ist – weltweit erinnerte der Name des Schiffs an gescheiterte Ambitionen und wurde zu einem „symbol [...] of hubris and lost confidence in modernity“ (Neill und Ellis 2008:101). In Belfast selbst stand die Werft Harland & Wolff sowie die gesamte Schiffsbauindustrie stellvertretend für die systematische Diskriminierung katholischer Arbeiter durch protestantische Unternehmer und wurde als „Protestant space“ wahrgenommen (Neill 2006:114). Erst seit dem Beginn der 2000er Jahre wird das touristische Potenzial der Titanic selbstbewusster ausgeschöpft, die kommerzielle Etablierung der „Marke Titanic“ scheint mittlerweile politisch wenig umstritten zu sein (Neill et al. 2014:13, vgl. Neill und Ellis 2008:100-102). Herzstück des Quartiers ist das spektakuläre und weltweit beachtete Titanic Belfast Visitor Experience („Don’t call it a museum!“ – Lawless 2012), das zum 100. Geburtstag der Titanic im April 2012 eröffnet wurde. Das Besucherinteresse ist groß und übertrifft alle im Vorfeld geäußerten Prognosen (Thompson 2014),

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auf den einschlägigen touristischen Webseiten finden sich überwiegend begeisterte Reviews (Trip Advisor 2016, Hetherington 2012). In wissenschaftlichen Beiträgen wird jedoch auch Kritik an der eventorientierten und „pseudohistorischen“ Darstellung geäußert (Hocking 2015:34). Neill kritisiert die Inszenierung der Titanic und die Umdeutung der Symbolik weiterhin als „scrubbed and sanitised“ (Neill 2006:115). Die Vernachlässigung der Originalgebäude direkt neben dem modernen Neubau sieht er als Zeichen für die „hegemony of the profane“ (Neill 2014:121ff.), die kommerzielle, teilweise humoristische Vermarktung des Museums hält er für geschmacklos. Diese Kritik tut der Popularität der Ausstellung jedoch keinerlei Abbruch: Bis März 2015 wurde sie von fast 2 Millionen Menschen besucht (Titanic Belfast 2015). Darüber hinaus wird das Quartier mit Wohn- und Bürogebäuden, Hotels, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, einem Science Park, dem Hauptquartier des Northern Ireland Public Record Office (PRONI) sowie dem Filmstudio Titanic Studios gemischt genutzt (vgl. Neill 2010:315-319). Spätestens zum Zeitpunkt der Fertigstellung soll es als Netzknoten für Informations- und Kommunikationsindustrie, Medien und Entertainment fungieren (McDonald). Befürchtungen, das Titanic Quarter könne zu einer „city within a city“ ohne Verbindung zur restlichen Stadt werden, sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Jahr 2018 sollen die ersten Expressbuslinien (Rapid Transit) in Belfast den Betrieb aufnehmen und das Quartier erst dann stärker mit der Innenstadt verbinden (Stewart 2014b). Das seit 2006 vermarktete Gaeltacht Quarter umfasst den innenstadtnah gelegenen Teil Westbelfasts und ist das einzige der sieben Quartiere, das nicht im Stadtzentrum oder in Südbelfast liegt (Canning 2006). Der Begriff Gaeltacht bezeichnet eine überwiegend irischsprachige Gemeinde – damit ist die Bezeichnung für Westbelfast natürlich nicht ganz korrekt, denn die offizielle sowie die Alltagssprache ist dort ebenso wie im Rest der Stadt Englisch, auch wenn viele Einwohner*innen Irisch zumindest bruchstückhaft sprechen. Den Initiator*innen geht es auch nur zum Teil um Sprachförderung, sondern vor allem darum, die irische Kultur (und Sprache) in Westbelfast erlebbar zu machen und kulturelle und touristische Initiativen im Stadtteil unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln. Gaeltacht Quarter ist weiterhin das einzige der Quartiere, das eine klare und eindeutige Beziehung zu einer der beiden traditionellen nordirischen Gemeinschaften und ihrer Kultur herstellt, da die irische Sprache eng mit der katholisch-nationalistischen Seite assoziiert wird (Carden 2011:7). Dabei betonen die Verantwortlichen, im Gaeltacht Quarter und mit der Förderung der irischen Sprache niemanden ausschließen, sondern sogar eine „kosmopolitische“ Form des Irischen etablieren zu wollen (Carden 2011:13).

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Ein eigens für die Förderung des Tourismus im Gaeltacht Quarter gegründetes Unternehmen, An Cheatrú Ghaeltachta Teo/The Gaeltacht Quarter Ltd, nahm 2006 die Arbeit auf. Dahinter steht eine Gruppe von „business people, Irish language enthusiasts and tourism and economic development professionals who almost all originate from West Belfast or have long term links with the area“ (Carden 2011, 12). Eine der wichtigsten Institutionen im Quartier ist das irischsprachige Kulturzentrum Cúlturlann McAdam O’Fiaich an der Hauptverkehrsader des Quartiers, der Falls Road. Im September 2011 wurde ein moderner Anbau von der damaligen Präsidentin der Republik Irland, Mary McAleese, eröffnet. Noch wenige Jahre zuvor wäre die Entstehung eines solch architektonisch hochwertigen, ca. £2 Millionen teuren Gebäudes, das die Lokalzeitung Andersonstown News als „[j]ewel on the Falls Road“ bezeichnete (Quinn 2011a), in Westbelfast völlig undenkbar gewesen. Seit 2009 wird zudem jährlich das Gaeltacht Quarter Festival durchgeführt (Gaeltacht Quarter Festival 2016). 7.4.3 Freizeit- und Eventorientierung Als dritter thematischer Schwerpunkt ist in Belfast eine deutliche Freizeit- und Eventorientierung zu beobachten, die eine „diverse cultural infrastructure“ entstehen lässt (Neill et al. 2014:11). Diese ist sowohl für auswärtige Besucher*innen wie auch für viele Einheimische, die in ihrer Heimatstadt etwas erleben möchten, attraktiv. Die Initiativen in diesem Bereich sind sehr vielfältig und kleinteilig, weshalb ich im Folgenden nur eine Auswahl präsentieren kann. Ein wichtiger Bereich innerhalb dieses Schwerpunkts ist die Renovierung bereits bestehender sowie die Schaffung neuer kultureller Institutionen. So wurde im Jahr 2009 das traditionsreiche Ulster Museum nach einer umfangreichen Renovierung neu eröffnet. Für das renommierte Lyric Theater wurde ein architektonisch hochwertiger Neubau in Auftrag gegeben und 2011 eröffnet. Im Jahr 2012 wurde das Metropolitan Arts Centre MAC als erstes großes Ausstellungs- und Veranstaltungshaus im Stadtzentrum bzw. am Rande des Cathedral Quarter fertig gestellt (Neill et al. 2014:11). Weiterhin ist es in den letzten Jahren gelungen, die Stadt zum Austragungsort einiger großer Events zu machen. Darunter waren die World Police and Fire Games (2013), der Big Start des Giro d’Italia (2014), Teile des Tall Ships-Rennens (2015, 2009) oder die Eishockey-Weltmeisterschaft (2017). Seit 2011 ist Belfast Drehort der Serie Game of Thrones, was der Stadt weitere internationale Aufmerksamkeit beschert (Soulshine Traveler 2014) und mit geführten Game of ThronesTouren eine zusätzliche touristische Einnahmequelle eröffnet hat.

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Ergänzend zu den großen Events bereichern auch kleinere, regional oder national beachtete Events und Festivals das kulturelle Leben in der Stadt. Darunter sind z. B. die bereits erwähnten Veranstaltungen Cathedral Quarter Arts Festival, Culture Night, Festival of Fools oder auch das Belfast Film Festival @ Queen’s, die sich bei Einheimischen und Besucher*innen großer Beliebtheit erfreuen. Seit einigen Jahren gibt es in Belfast zudem einen Continental Christmas Market an der City Hall, dessen Besucherzahl stetig wächst (Rainey 2016). Auch andere Marktveranstaltungen (z. B. Kunsthandwerk, Folktown Market) werden zusätzlich zu den etablierten Markttagen in St George’s Market durchgeführt. Ergänzend sind Veranstaltungen rund ums Essen und Trinken, wie sie auch in anderen europäischen Städten aktuell in Mode sind, zu nennen, z. B. die Food Fair oder Nordirlands erstes Beer Fest im Stile des Oktoberfests (Cousins 2015). Darüber hinaus deuten einige öffentlich finanzierte Großprojekte im Bereich der Grünflächen- und Freiraumgestaltung auf eine starke Freizeitorientierung hin. Darunter ist besonders der Connswater Greenway zu nennen. Dieses Projekt wird gemeinsam von East Belfast Partnership Board und Belfast City Council durchgeführt und lässt eine ca. 9km lange lineare Grünfläche im Osten der Stadt entstehen. Im Rahmen des Projekts werden die Flüsse Connswater, Knock und Loop gesäubert; der Park entsteht entlang ihrer Ufer. Das Projekt umfasst £ 40 Millionen und soll eine „living landmark and a fantastic legacy to our children“ werden. Zielgruppe sind „the 40,000 residents, pupils and students attending the 23 schools and colleges, visitors and tourists to east Belfast and those who choose to work and invest in east Belfast“ (Connswater Community Greenway 2016). Seit 2015 gibt es in Belfast ein öffentliches Fahrradleihsystem, dessen Nutzung alle Erwartungen übertrifft (Belfast Health and Social Care Trust 2016, Edwards 2015). Im selben Jahr fand sogar das Ciclovia Event in Belfast statt, im Zuge dessen die Innenstadt einen Tag lang für Autoverkehr gesperrt war (Ciclovia Belfast 2015, UTV Staff 2015). Passend dazu sollen in der nahen Zukunft die Fahrradwege in der Stadt saniert und neue geschaffen werden (Office of the First Minister and Deputy First Minister, UTV Staff 2016). In einer der autoabhängigsten Städte des Vereinigten Königreichs kommen diese Initiativen einem Paradigmenwechsel gleich (Power et al. 2010). In diesem Abschnitt ist deutlich geworden, dass Belfast nach dem Ende des Nordirlandkonflikts in hohem Tempo ihren Neuanfang angeht und sich physisch verändert. Dabei hat sich das Image der Stadt gerade in den letzten Jahren durchaus im Sinne der angestrebten Dynamik, Offenheit und Erlebnisorientierung gewandelt – wobei dieser Wandel langsamer als erhofft vonstatten ging und immer wieder von teilweise gewaltsam ausgetragenen Kontroversen zwischen den ethnisch-politischen Gemeinschaften zurückgeworfen wurde. Dennoch hat sich

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der Tourismus – dank der beschriebenen neuen Attraktionen – zum dynamischsten Wirtschaftszweig der Region entwickelt; die Zahl der Besucher*innen hat sich zwischen 1998 und 2007 auf knapp sieben Millionen vervierfacht und steigt seitdem moderat weiter (vgl. Plöger 2007:38-39, Belfast City Council 2016b). Auch Tourismus-Verlage und Reiseberichte in Zeitschriften und Tageszeitungen nehmen Nordirland und Belfast immer mehr in den Blick und sind überwiegend wohlwollend bis begeistert davon, wie wenig bei all den neuen Attraktionen der Gedanke an den Nordirlandkonflikt noch „stört“ (Schaap 2016, Cromie 2016a, Turbett 2016, Telegraph.co.uk 2015, Avril-Ann Braganza). Im März 2016 erhielt Belfast den Guardian and Observer Travel Award als „Best UK City“, was die Stadträtin Deirdre Hargey stolz als „testament to how far the city has come in recent years“ wertete (Belfast Telegraph 2016a). Das Zentrum hat dank der seit den 1980er Jahren beobachtbaren Aufwertungsbemühungen seine Rolle als „Northern Ireland’s main shop window“ wieder eingenommen (Neill und Ellis 2008:99) und von den Zerstörungen und der Gefahr der 1970er und 1980er Jahre ist dort heute – abgesehen von einigen heruntergekommenen Ecken, die noch auf ihre Wiederinstandsetzung warten – kaum noch etwas zu spüren. Insgesamt konzentriert sich die Entwicklung der Innenstadt auf die Bereitstellung von Orten des Konsums und der Kultur mit einigen Rückgriffen auf historische Ereignisse, die zumeist weiter zurückliegen als die Troubles. Dabei handelt es sich nicht zwangsläufig um Orte der Hochkultur, der Fokus liegt eher auf massen- und marketingtauglichen Angeboten. Neben den Tourist*innen profitiert davon eine steigende Anzahl gut verdienender, gut ausgebildeter, vorwiegend junger Bewohner*innen, die das graue und beklemmende Image Belfasts als vom Konflikt gezeichnete Stadt abschütteln und sich gerne den Annehmlichkeiten des Friedens hingeben. 7.4.4 Einschätzungen zur Stadtentwicklung in Post-Konflikt-Belfast Die genannten Strategien sind nicht neu und sie wurden sicherlich auch nicht in Belfast erfunden, sondern sind vielmehr Teil eines stadtpolitischen Standardrepertoires, das viele europäische und westliche Städte seit einigen Jahrzehnten nutzen, um (paradoxerweise) ihre Einzigartigkeit und besonderen Vorzüge herauszustellen. Besonders ist dabei für Belfast allerdings vor allem der späte Zeitpunkt, zu dem sich die meisten dieser Entwicklungen vollziehen – nämlich eben erst seit knapp 20 Jahren – und das Tempo sowie die Vehemenz, mit der die „verlorenen Jahre“ der Troubles dort augenscheinlich aufgeholt werden sollen. O’Dowd und

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Komarova sprechen in diesem Zusammenhang von der Entstehung eines „consumerist Belfast“ (2009:10), in dem konfessionelle oder politische Zugehörigkeit kaum noch eine Rolle spielen und der gemeinsame Konsum die ehemaligen Konfliktlinien überwindet (vgl. Graham 2007:222, Neill 2004:192). Bei der Betrachtung der gesamtstädtischen Entwicklung in diesem Kapitel lassen sich vor allem die für den Analyserahmen herausgestellten Pole „Normalisierung“/Außendarstellung und Rückzug/Innengewandtheit deutlich erkennen. So stellen beispielsweise Neill und andere fest, dass Stadtentwicklung in Belfast derzeit vor allem auf „the shock of the new“ setze (Neill et al. 2014:8, Neill 2006:113): Die prestigeträchtigsten Projekte der Stadterneuerung und viele der größeren kulturellen Events sind Neuentwicklungen mit einer starken Symbolik der „Normalisierung“. Angefangen bei der ersten gläsernen Shopping Mall aus den 1980er Jahren bis hin zu Titanic Quarter handelt es sich fast ausschließlich um „neutrale“ Gebäude und Räume, die weder an unionistische noch an nationalistische Traditionen anknüpfen und damit für alle gleichermaßen zugänglich sein sollen (Hocking 2015:35). Interessanterweise wird Belfast auch auf der Internetseite des Lonely Planet zur „brand-new city“ erklärt, die sich – recht alliterationslastig – „from bombs-and-bullets pariah to a hip-hotels-and-hedonism party town“ transformiert habe (Lonely Planet 2016). Die Beobachtung des entstehenden „Neuen“ in Belfast ist mit Blick auf viele Projekte sicher korrekt – aber nicht ganz vollständig, denn einige stadtentwicklungspolitische Initiativen der letzten Jahre nehmen auch „Altes“ in den Blick, indem sie die Geschichte Belfasts aufgreifen und marketing- und tourismustauglich inszenieren. Dazu gehört Titanic Belfast ebenso wie Cathedral Quarter, der wiederhergerichtete St. George‘s Market und andere auf Heritage-Tourismus abzielende Orte. Dabei werden – wie in vielen anderen Städten auch – diejenigen Ereignisse und Epochen in den Mittelpunkt gerückt, die in der Gegenwart nützlich und attraktiv erscheinen. Auffällig selten gehört dazu das offensichtlichste und prägendste Element der jüngeren Geschichte – die Troubles, die damit gewissermaßen zum „elephant in the room“ werden (Kelly Robinson, Marie-Thérèse McGivern 2010, pers. Gespräche). Nur in Westbelfast gibt es derzeit Bestrebungen, die Geschichte des Stadtteils mit Bezugnahme auf den Konflikt zu erzählen, was aufgrund mehrerer Westbelfaster Spezifika recht erfolgreich ist. Wenn man einige Nachbarschaften nicht aufsucht und nicht ausgerechnet eine Black Cab Tour bucht, ist Belfast heute einfach eine „ganz normale“ Stadt, die anstrebt, sich nach einer schwierigen politischen Phase und nach dem ökonomischen Niedergang im Zuge der Deindustrialisierung – der ähnlich in vielen anderen Städten in Europa und darüber hinaus stattgefunden hat – als „ganz besonders“ im internationalen Wettbewerb zu positionieren. Dabei wird als Motiv bei der Darstellung des

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historisch-kulturellen Erbes eine deutliche Außenorientierung festgestellt, die sich in der Priorisierung der Tourismustauglichkeit der Angebote niederschlägt, welcheteilweise als wichtiger eingestuft würde als der Nutzen für die einheimische Bevölkerung (Hocking 2015:9). Abgesehen davon folgt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung diesem Muster der „Normalisierung“ jedoch nicht, sondern verharrt in den vom Konflikt geprägten Verhaltensmustern. Das in der Post-Konflikt-Zeit entstandene „consumerist Belfast“ steht laut O’Dowd und Komarova im Gegensatz zu „Troubles Belfast“ (O'Dowd und Komarova 2009). Letzteres wird mit den getrennten Wohnvierteln der sozial benachteiligten Bewohnerschaft assoziiert, in denen die sozialen wie räumlichen Hinterlassenschaften des Konflikts noch deutlich spürbar sind. Es wurde gezeigt, dass die rapiden Veränderungen in der Stadt nicht nur freudige Reaktionen, sondern durchaus auch Verunsicherung und Rückzug in die bzw. Verbleib in den ethnisch segregierten Enklaven auslöst. Die Erinnerung an die Troubles und andere Ereignisse findet dort weitgehend getrennt statt. Weiterhin sind die Segregation selbst, Verfall und Dysfunktionalität vieler Orte sowie die damit in Verbindung stehenden räumlichen Praxen der Bewohner*innen, direkte oder indirekte Produkte des Konflikts. Die relative Deprivation der benachteiligten innerstädtischen Nachbarschaften ist in den 20 Jahren seit dem Abschluss des Karfreitagsabkommens eher noch gestiegen, da „Consumerist Belfast“ ein Vielfaches an attraktiven – und für viele immer noch unerreichbaren – Angeboten bereithält. Es überlagern sich, wie Graham schreibt, eine „vertical division along sectarian lines but also a horizontal divide between a relatively contented embourgoised majority and a socially excluded lumpenproletariat living in marginalised, polarised housing estates festooned with ethnic territorial markers“ (2007:225).

Die Reaktionen auf das neue und sich in der Post-Konflikt-Zeit stark ausdifferenzierende Belfast sind nicht nur von Seiten der Einwohner*innen gespalten; auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung werden sehr unterschiedliche Sichtweisen artikuliert. So hat Neill in mehreren Werken die stadtentwicklungspolitische Ausrichtung in Belfast als „lipstick on the gorilla“ bezeichnet (Neill 1993, Neill et al. 1995, 2004, Neill 2006) – eine prägnant formulierte Kritik, die breite Resonanz gefunden hat und in der Folge häufig zitiert wurde (z. B. Nagle 2009:185, Carden 2011, Murtagh 2011:1123). Er selbst hat sie fast 20 Jahre später als „perhaps too harsh a metaphor“ in Teilen zurückgenommen (2014:5). Für Bairner wiederum gehen diejenigen, die begeistert von einer „Normalisierung“ der Stadt sprechen, von der grundsätzlich falschen Prämisse aus, dass ein „normales“

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Leben während der Troubles in Belfast nicht möglich gewesen sei. Auch er hält jedoch eine „Normalisierung“, die allein auf Konsum und Profitorientierung abzielt und weite Teile der Bevölkerung außen vorlässt, nicht für wünschenswert (2006:160-161). Ebenfalls kritisch stellt Nagle die Frage, ob die neu entstandenen Freizeit- und Konsummöglichkeiten in Belfast möglicherweise als potemkinsche Dörfer bezeichnet werden können, die aus einer Neoliberalisierung der Stadtpolitik entstanden sind und an der Lebensrealität der meisten Einwohner*innen vorbeigehen (2009). Sich vor dem Hintergrund der steigenden Ungleichheit für die neu entstandenen Angebote zu begeistern und diese freudig zu nutzen, muss aus dieser Sichtweise heraus zynisch und oberflächlich scheinen. Eine andere Argumentation wurde bereits 1994 von Boal ausgesprochen und wird heute ähnlich von Vertreter*innen der Praxis in Belfast bestätigt (z. B. MarieThérèse McGivern 2010, pers. Gespräch). Boal hält es im Gegensatz zu den beschriebenen Positionen gerade für zynisch, wenn bereits erreichte positive Veränderungen als unzureichend abgewertet werden, weil sie nicht die Quadratur des Kreises schaffen und allen Einwohner*innen gleichermaßen zugutekommen: „Those of a more cynical disposition rather dismiss developments such as city centre regeneration and Laganside as cosmetic, image manipulating exercises, manifestations of the post-modern city […]. Only a city that has plumbed into the depths can fully savour those indicators of recovery that are evident. Cynicism is all too easy“ (1994:154).

Auch werden die Veränderungen in der Bevölkerung durchaus positiv aufgenommen und erhöhen die Identifikation mit der und den Stolz auf die Heimatstadt. Darauf gibt z. B. die folgende Aussage eines Intervievpartners einen Hinweis19: „I remember Belfast as a place that terrified me as a child. And now when I come into Belfast I […] sort of think to [my]self, this is continental. And that’s because the physical environment actually encourages you to think of Barcelona as opposed to Belfast peace lines. […] There is a great normality in Belfast which mirrors the normality of many other European cities or cities all over the world! […] In recent years [Belfast] has become one of the top weekend destinations for hen parties and stag dos. […] This is the normality for this generation of Belfast. […] A changed built environment in a generation of my lifetime

19 Diese Aussage machte eine Person, die ich als Mitarbeiter der nordirischen Polizei („Crime Prevention Officer“) zu Girdwood Park befragte. Im Rahmen des Interviews gab der Befragte auch einige Einschätzungen zu den Veränderungen seiner Heimatstadt sowie zu ihrem veränderten Nutzungs- und Aufenthaltsverhalten in Belfast als Privatperson ab.

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has made me realise that a place that did cause me terrible fear doesn’t cause me fear anymore. Actually, I love to be in Belfast.“

Es bleibt festzuhalten, dass in Belfast in den vergangenen 20 Jahren eine deutliche Verschärfung von sozioökonomischen Ungleichheiten stattgefunden hat, die für diesen Zeitraum allerdings auch für andere europäische Städte beschrieben werden und damit wohl auch als Bestandteil von „Normalisierung“ gelten können (vgl. Bairner 2006:161). Dies impliziert auch Nagle: „Practically all contemporary metropolises contain a roughly similar ‚mask‘ – strategies of economic redevelopment, including adaptive commercial reuse, designating areas of the city as artistic quarters, and forms of historical preservation – that covers continuing disinvestment and increasing social inequality“ (2009:174).

Starke Überschneidungen der Belfaster Stadtentwicklung mit dem „‚neoliberalen‘ Projekt“ (Nagle 2009:174) sind an vielen Stellen nicht zu übersehen; und möglicherweise verstärken diese neoliberalisierten Politiken die genannten Disparitäten zusätzlich, was eine kritische Beurteilung im Sinne der zitierten Autoren sicherlich rechtfertigt (Neill 2010, Nagle 2009, Bairner 2006). Verbesserungen der Lebens- und Raumqualität für die nach wie vor benachteiligten Stadtteile in Belfast bleiben wünschenswert. Einschränkend ist allerdings darauf hinzuweisen, dass einige kleinere und größere Regenerationsprojekte in diesen Stadtteilen in den letzten Jahren (u. a.) am Widerstand der umliegenden Nachbarschaften gescheitert sind oder deren Vertreter*innen zumindest bestrebt waren, sie aufzuhalten (Jonny Byrne 2010, pers. Gespräch). Dieser Widerstand entsprang z. B. beim Bau des Campus der University of Ulster teilweise einer Empörung darüber, dass die Interessen der lokalen Gemeinschaften – in ihren Augen wieder einmal – bei der Planung des Vorhabens zu wenig berücksichtigt wurden; teilweise spiegelte der Widerstand aber auch eine diffuse Angst vor jeder Art von Veränderung – in diesem Falle baulicher und sozialer, potenziell aber auch ökonomischer – wider, der die Gemeinschaften in der Post-Konflikt-Phase weiterhin charakterisiert (Busskamp 2014:51-53).

8 Schattenorte des Nordirlandkonflikts: Drei Stadterneuerungsprojekte in Belfast

In diesem Kapitel erläutere und diskutiere ich die Ergebnisse meiner empirischen Untersuchung und interpretiere sie mithilfe der Grounded Theory, um sie zum Zwecke der Theoriebildung nutzbar zu machen. Drei Stadterneuerungsprojekte, die Andersonstown Barracks in Westbelfast (8.1), Crumlin Road Gaol und Girdwood Barracks in Nordbelfast (8.2) und das Stewartstown Road Regeneration Project in einem Wohngebiet im suburbanen Westbelfast (8.3), wurden zur tiefergehenden Untersuchung ausgewählt. Alle drei Orte wurden sowohl physisch als auch in Bezug auf ihre symbolische Bedeutung von den Troubles geprägt und haben damit eine potenzielle (und potenziell kontroverse) Erinnerungsfunktion, stellen aber keine reinen Gedenkorte dar. Jeder der Orte zu einem oder mehreren der in Kapitel 5 erarbeiteten Typen von räumlichen Hinterlassenschaften zuordnen, wobei reine Gedenkorte nicht in die Auswahl einbezogen wurden und die räumlichen Praxen als immaterielle Hinterlassenschaften sich gewissermaßen als Querschnittsthema an mehreren Stellen wiederfinden. Eine ausführliche Darstellung der zugrundeliegenden Auswahlkriterien habe ich in Kapitel 2 vorgenommen. Die Strukturierung der Teilkapitel erfolgt anhand des ebenfalls in Kapitel 2 erläuterten Kodierrahmens mit den Kategorien Symbolik und Geschichte, Akteur*innen und Positionen sowie Ziele und Motive. Für jedes Projekt erläutere ich zunächst die Symbolik des Orts in Bezug auf die Troubles, wie sie zu Beginn des Diskurses bestanden hat. Dieses Hintergrundwissen ist entscheidend, um die weitere Diskussion nachvollziehen zu können. Ich nehme damit im jeweiligen ersten Abschnitt eine archäologische Perspektive ein, um den Ausgangspunkt für den Diskurs zu verdeutlichen. Im jeweils zweiten Abschnitt rekonstruiere ich zunächst den Diskursverlauf in Bezug auf die Entwicklung des jeweiligen Projekts und führe die wichtigsten Akteur*innen bzw. Diskursgemeinschaften und ihre Positionen ein, um einen

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Überblick über den gesamten Prozess im Untersuchungszeitraum zu geben. Wichtige Diskursbeiträge, die für das Verständnis der grundsätzlichen Zusammenhänge zuträglich sind, sind hier bereits Teil der Darstellung. Abbildung 14: Lage der drei untersuchten Stadterneuerungsprojekte in Belfast (eigene Abbildung; Kartengrundlage: openstreetmap.org)

Die Interpretation der Motive und Ziele, die den Diskurs und die Entwicklung der Orte charakterisieren erfolgt im jeweils dritten Abschnitt. Die Diskurse unterteile ich in Phasen, um Entwicklungslinien und etwaige Brüche bzw. Verschiebungen der hegemonialen Diskurslogik besser herausarbeiten zu können. Die Überschriften der Abschnitte bezeichnen die wichtigsten aus dem empirischen Material ableitbaren Ziele und Motive in der jeweiligen Phase. Zusätzlich stelle ich für jede Phase dar, welche Akteur*innen mit welchen Positionen den Diskurs (und gegebenenfalls das Ergebnis des Diskurses in geplanter oder gebauter Form) besonders beeinflussen und wie sich die Symbolik der Orte im Laufe des Diskurses verändert. Im jeweils zweiten und dritten Abschnitt steht somit die genealogische Perspektive im Vordergrund, da Veränderungen über die Jahre beschrieben werden. Dabei lässt sich erkennen, welche Deutungsangebote und Interpretationen mit Stadtentwicklungsprojekten in der Post-Konflikt-Phase verbunden sind. Die drei Projekte betrachte ich dabei im Sinne Bauriedls als local stories, anhand derer sich ein im Diskurs entstehendes dominantes Narrativ räumlich manifestiert (2007a). Anders als bei Bauriedls Untersuchung in Hamburg gibt es jedoch in Belfast keinen gesamtgesellschaftlichen, übergeordneten Diskurs, an dem die Teildiskurse

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abgeglichen werden könnten. Im letzten Abschnitt (8.4) diskutiere ich daher die Ergebnisse der Teiluntersuchungen im Lichte des in Kapitel 6 dargestellten Analyserahmens und mit dem Ziel, die im ersten Teil der Arbeit vorgestellten Theorien zu ergänzen und zu präzisieren.

8.1 ANDERSONSTOWN B ARRACKS Die Andersonstown Barracks sind ein Beispiel für ein Zweckgebäude, das durch seine Lage und einige mit dem Konflikt in Verbindung stehende Ereignisse eine herausgehobene Stellung und symbolische Aufladung erlangt hat. Das Gebäude wurde gemeinsam von der britischen Armee und der nordirischen Polizei RUC als Kaserne genutzt und befand sich auf einer ca. 10 ha großen Fläche im Bezirk Andersonstown im Herzen des katholisch-republikanischen Westbelfast. Anfang 2005 wurde das Gebäude abgerissen. Die Fläche liegt hinter einem Kreisverkehr an der Kreuzung der beiden Hauptverkehrsadern des Quartiers, der Falls Road und der Glen Road. Die zentrumsnah gelegenen Quartiere Westbelfasts mit der Falls Road als wichtigster Durchfahrts- und Geschäftsstraße gelten nicht nur als katholisch-republikanische Hochburg, sondern sie gehören auch zu den benachteiligtsten Quartieren der Stadt, woran auch eine Reihe von öffentlichen wie zivilgesellschaftlich organisierten Programmen und Projekten kaum etwas verändert hat. Abbildung 15: Lage der ehemaligen Andersonstown Barracks (eigene Abbildung; Kartengrundlage: openstreetmap.org)

Bis zur Übergabe der Projektzuständigkeit an Belfast City Council im April 2015 war die Fläche unbebaut, jedoch hergerichtet und in einem gepflegten Zustand. Die bis auf einige junge Bäume leere und umzäunte Grünfläche wurde als temporärer Veranstaltungsort im Rahmen von Festivals oder Märkten genutzt, eine

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permanente Nutzung zeichnete sich auch zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Buchs noch nicht ab. Eine Seite der Fläche, die mit einer Mauer zu der angrenzenden Häuserzeile versehen ist, dient zur Ausstellung von murals und anderen Kunstwerken lokaler Künstler*innen. 8.1.1 Geschichte und Symbolik des Orts Die auf dem Gelände befindliche Hochsicherheitskaserne dominierte die Umgebung und überragte die ansonsten überwiegende Wohnbebauung an dieser Stelle. Der Wellblechzaun, der das Gebäude umgab und vor Anschlägen sichern sollte, ragte bis auf den Gehweg, so dass Fußgänger*innen einen Umweg in Kauf nehmen mussten, wenn sie an dem Gebäude vorbeigehen wollten. Die mehrere Stockwerke hohen Überwachungstürme mit Kameras sowie der abfallende Straßenverlauf erzeugten bei den Bewohner*innen Westbelfasts den Eindruck einer abgeschotteten, feindseligen Festung. Für die umliegenden Häuser und ihre Bewohner*innen bedeutete die Präsenz des Gebäudes ganz konkrete Einschränkungen für ihre Lebensqualität, da sie ihren Wohnungen Tageslicht nahm, ihnen den Ausblick aus Fenstern und Garten verleidete und das Gefühl vermittelte, ständig unter Beobachtung zu stehen. Noch im April 2014 zeigt sich ein Mitarbeiter der Vereinigung republikanischer Ex-Häftlinge Coiste na n-Iarchimí1 im Gespräch nahezu verwundert über „[the] grass, the space, the light“, die jetzt auf der und um die Fläche herum erfahrbar seien. Durch den Abriss sei ein „totally different sense of place and a totally different sense of space“ entstanden (2014, pers. Gespräch). Der für die Fläche zuständige Economic Development Officer beim West Belfast Partnership Board betont, wie stark sich das Leben der Anwohner*innen durch den Abriss zum Positiven verändert habe: „The local residents…for the first time from what they can remember this site’s now flattened, there’s a lot of natural light coming into the neighbouring houses“ (2014, pers. Gespräch). Paul Maskey, der Sinn-Féin-Abgeordnete für Westbelfast im britischen Unterhaus und einer meiner Interviewpartner, nennt die Veränderung durch den Abriss gar „dramatisch“: „The place has changed dramatically. I live in the street facing it. And so I would have to pass it every single day when I was going home or coming out to go to work in the mornings. […] When I looked out my back…where my garden is, I could see the watchtowers, I could see the grey buildings, I could see the grey concrete walls, reinforced walls, and I could see sangers where RUC personnel were then looking onto my community. And I could see the 1

Irisch, etwa: Komitee ehemaliger Häftlinge

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CCTV cameras which were spying into people’s houses. So the very fact that I can sit in my back garden – if you ever get a sunny day in Belfast – and look to a clear view and there’s no grey walls, there’s no watchtowers and there’s no TV cameras spying in on you. I think that has a massive positive impact not only on mine but on my family’s life and families who live ‘round that area“ (2014, pers. Gespräch).

Abbildung 16: Andersonstown Barracks (Quelle: architectsjournal.co.uk)

Nicht nur den direkten Anwohner*innen in Andersonstown war die Kaserne ein Dorn im Auge, sondern sie stellte auch für viele andere Menschen in Westbelfast eine Provokation und ständige Erinnerung an ihre als unrecht empfundene politische Situation dar. Von Vertreter*innen lokaler Organisationen und Parteien wird sie daher als „eyesore“ (Ryan 2005), „blight of the community“ (Sinn Féin 2004), „blot on the landscape of West Belfast“ (An Phoblacht 2005) oder auch „bad news story“ (Paul Maskey, Abgeordneter für Westbelfast im britischen Unterhaus 2014, pers. Gespräch) bezeichnet. Aber auch nicht-lokale Quellen sprechen im Zusammenhang mit den Barracks von einer „fortress“ (Fulcher 2014), von „dominance“ (Welch 2011) oder einer „burden“ für Westbelfast (Architects' Journal 2010). Bedeutsamer als die direkten Einschränkungen auf die Wohnqualität ist jedoch die symbolische und politische Bedeutung einer solch starken physischen Präsenz der als illegitim betrachteten britischen Sicherheitskräfte in einem Stadtteil, der die Auswirkungen des Konflikts wie kaum ein anderer gespürt hat. Für die stark politisierte Gemeinschaft in Westbelfast und besonders für Mitglieder der Partei Sinn Féin und anderen republikanischen Organisationen galt die Kaserne daher

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als „physical symbol of British military oppression“ (An Phoblacht 2005) oder gar als „synonymous with the history of the Troubles“ (Ryan 2005). Ein Coiste-Mitarbeiter erklärt diese Sichtweise im Interview wie folgt: „The police who were in our areas…we didn’t regard them as police in our areas, they were in military occupation of our areas“ (2014, pers. Gespräch). U. a. diese Sichtweise führte dazu, dass die Andersonstown Barracks zur am häufigsten attackierten Polizeistation in Nordirland wurden (Keenan 2005). Einige Ereignisse während der Troubles verstärkten die symbolischen Bezüge zum Konflikt zusätzlich und hielten das Gefühl aufrecht, von dieser Kaserne aus nicht beschützt, sondern vielmehr bedroht zu werden. Dazu gehören zum Beispiel das Attentat des Loyalisten Michael Stone auf die Trauergemeinde beim Begräbnis dreier IRA-Mitglieder auf dem benachbarten Milltown-Friedhof im Jahr 1988 oder die Explosion einer IRA-Autobombe vor dem Gebäude im Jahr 1983 (Architects' Journal 2010, An Phoblacht 2005, McKernon 2005). 8.1.2 Überblick über den Diskursverlauf, Akteur*innen und Positionen Die Andersonstown Barracks gehörten zu denjenigen Armee- und Polizeistationen, die im Zuge der Konfliktbeilegung und des Abzugs der britischen Truppen aus Nordirland geräumt und deren Flächen für eine zivile Nutzung zur Verfügung gestellt wurden. Im Jahr 2004 wird die Kaserne vom Northern Ireland Office (NIO) an das Department for Social Development (DSD) verkauft. Damit erhält das Belfast Regeneration Office (BRO) innerhalb des Ministeriums die Zuständigkeit für das Gebäude und die Entwicklung der Fläche (An Phoblacht 2007a). Schließung und Abriss des Gebäudes werden bereits Anfang 2005 verkündet (An Phoblacht 2005) und in den lokalen Medien und republikanischen Weblogs von Genugtuung begleitet: „We won't deny it: there's a certain pleasure to be had from watching Andersonstown Barracks and its vast array of spying and monitoring equipment disappear in a cloud of dust“ (McKernon 2005). Auch der langjährige Vorsitzende und Unterhausabgeordnete der Partei Sinn Féin, Gerry Adams, lässt seine Zufriedenheit mit diesem Beschluss verlautbaren. In seinen Diskursbeiträgen stellt er vor allem heraus, wie wichtig es ihm und seiner Partei ist, dass zukünftige Projekte den Bewohner*innen Westbelfasts zugutekommen und fordert mehrfach öffentlich eine Übergabe des Geländes an „die community“: „Sinn Fein will join forces with the local community to ensure this symbol of militarisation and oppression is made part of the regeneration of west Belfast which we are advancing“ (Press Association 2004).

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Alex Attwood, Westbelfaster SDLP-Mitglied in der nordirischen Versammlung und späterer DSD-Minister, trägt eine ausgewogenere Sichtweise vor, die sowohl die Erinnerungsfunktion des Orts als auch die Bedeutung für die Westbelfaster Anwohnerschaft sowie die Notwendigkeit des Nach-Vorne-Schauens betont und dabei sogar die schwierige Situation der in der Kaserne stationierten Polizisten anerkennt: „It can have a number of future uses, including preserving the archaeological remains that are believed to lie beneath the site2, and a building or other scheme that sends out a message about the resilience of the local community and their hopes for the future" (Press Association 2004). „No one should forget that police officers were attacked and killed in and around the station and that many, many civilians were hurt and abused by policing practice in the past […]. The past ought to be remembered […] and the site developed symbolising the future and the best of west Belfast“ (Keenan 2005).

Ebenfalls bereits im Januar 2005 kündigt Coiste na n-Iarchimí an, das Gelände kaufen und als günstige Unterkunft („Backpackers’ Hostel“) für Gäste, die an der politischen Geschichte Westbelfasts interessiert sind, umzubauen zu wollen. Den Vorstoß von Coiste begründet ihr Sprecher Caoimhín Mac GiollaMhín mit den folgenden Worten: „Andersonstown Barracks has been in operation for the last thirty or forty years and no one has ever been employed in it. No-one there ever spent a penny in the local shops or in the local restaurants and pubs, and now it is time for the site to be put to positive use. We want something that is going to have economic spin-offs for the community, and something that is owned by the community“ (McGuigan 2005).

Der bis heute bestehende Bedarf an Besucherunterkünften in Westbelfast wird auch von anderen Akteur*innen bestätigt. Trotzdem erfolgt auf diesen Vorschlag keine – zumindest keine öffentlich zugängliche – Reaktion des Ministeriums als zuständiger Behörde und Eigentümer der Fläche. Informelle Reaktionen aus dem Quartier auf den Vorschlag werden als „fairly favourable“ (Coiste-Mitarbeiter 2014, pers. Gespräch) beschrieben; auch der Unterhausabgeordnete Paul Maskey bezeichnet die damaligen Entwürfe und die Idee der Umnutzung als „good proposal“ (2014, pers. Gespräch). Eine Mitarbeiterin von DSD macht im Interview

2

Diese Vermutung hat sich nicht bestätigt.

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jedoch sehr deutlich, dass eine Erhaltung des Gebäudes damals keine Option gewesen sei: „There was neither the will nor the investment to make that work […] purely because of what it (the Barracks, Anm. d. Verf.) stood for“ (2014, pers. Gespräch). Der Vorschlag von Coiste wurde also nie ernsthaft öffentlich diskutiert oder den Anwohner*innen formal im Rahmen einer Bürgerbeteiligung vorgelegt, wie Beteiligte im Rahmen von Interviews erläutern. Weitere Vorschläge, die bereits zu diesem Zeitpunkt – allerdings mit ungeklärter Urheberschaft – im Raum stehen, sind die Einrichtung eines „political tourism centre“ oder der Bau eines „‚landmark building‘ which is dramatic and attention-seeking and which reflects the recent past but has its face set to the future“ (Keenan 2005). Tabelle 4: Zeitstrahl mit Ereignissen, Phasen, Akteur*innen und Zielen Zielen des Stadterneuerungsprojekts Andersonstown Barracks (eigene Abbildung) Jahr

Ereignisse

Akteur*innen

Ziele & Motive

2005

Umnutzungsvorschlag Coiste Abriss Barracks Ceíli mór + weitere temporäre Nutzungen

Politiker: Sinn Féin, (SDLP) Coiste Republikanisch-nationalistische Zivilgesellschaft

Aneignung Triumph Verbesserung der Lebensqualität Erzählen der Geschichte des Quartiers Nutzen für „die community“

Ausschreibung Auftragsvergabe an Carvill Group „Stop the sell out“: Protest Rückzug Carvill Group Auftrag Feasibility Study

DSD Politiker: Sinn Féin Politisch organisierte Anwohner*innen

Ökonomischer Profit Politische Profilierung Selbstbestimmung Nutzen für „die community“

Erneute Ausschreibung Libeskind wird Jury-Vorsitzender Konsultationsprozess Wettbewerb/Shortlist Prozess endet ohne Ergebnis

DSD WBPB/PLACE Anwohner*innen/Teilnehmer*innen am Konsultationsprozess (Daniel Libeskind, ohne eigene Diskursbeiträge)

Ikonische Stadtteilerneuerung Kompensation Politische Profilierung Tourismusförderung Nutzen für „die community“

DSD WBPB Anwohner*innen Keep it green

Partikularinteressen Verbindung mit bestehenden touristischen Attraktionen Ökonomischer Nutzen Nutzen für „die community“ Schneller Abschluss

2006 2007 2008

2009 2010 2011

2012

Begrünung Temporäre Nutzung

2013 2014

Neue Bürgerbefragung

Kurz nach der Ankündigung wird das Gebäude ohne nennenswerte weitere Debatte abgerissen, das Gelände asphaltiert und für sporadische, eventmäßige Nutzung freigegeben. Der Architekt, der später zusammen mit Coiste an einem Wettbewerb für die Bebauung der Fläche teilnimmt, schätzt das Vorgehen des

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Ministeriums als übereilte, gedankenlose Zerstörung ganzer „histories and heritage lines“ ein: “The barracks was taken by the Department of Social Development and they had no idea what to do with it at the time […] other than they immediately demolished [it], that’s what they’ve done regularly. They’ve taken a site and not seen the value in elements of its history […]. [T]he building had been modified and changed quite a bit over the years. Obviously, because it was initially a two-storey, simple, edge-of-town police barracks that then became a heavily fortified extended barracks for a long time […]. There was a whole body of work added to it that kind of made it difficult […] for them to consider it a viable proposal but still they could have looked at it. But they decided to just demolish it. So they demolished all the walls, all the exterior security including the doors, and they demolished the building itself fairly quickly [and found themselves] with a vacant site and then wondered what to do with it, basically“ (2014, pers. Gespräch).

Abbildung 17: Leere Fläche nach dem Abriss (Quelle: placeni.org)

Im August 2005 findet eine traditionelle irische Tanzveranstaltung, ein so genanntes Céili mór, auf der asphaltierten Fläche statt. Einer der Organisatoren, der auf Irisch schreibende und publizierende Autor Gearóid ó Cairealláin, kommentiert das Ereignis und besonders die Symbolik der irischsprachigen Veranstaltung gewissermaßen als Rückeroberung der Fläche durch die Bewohner*innen Westbelfasts:

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„We recognise the symbolism – and the significance – of this event. Everyone knows what Andytown Barracks stood for for so many years – on Saturday we want to show what the future can stand for. Where once there were armed police and British soldiers we will have a céili band beating out Gaelic music. Where once the Irish language was banned3, we will have songs and stories in Irish, and plenty of conversation in the native tongue“ (Andersonstown News 2005).

In den darauffolgenden Jahren wird das Gelände beispielsweise als Ausstellungsort, als Marktplatz und als Stellfläche für den Weihnachtsbaum des Quartiers genutzt (Ryan 2005, Belfast Telegraph 2008). Initiiert werden die Veranstaltungen u. a. von WBPB oder anderen Westbelfaster Organisationen. Die Mauer, welche die Rückseite des Geländes markiert, wird zur Ausstellungsfläche für wechselnde murals und andere Kunst aus dem Quartier (Kerr 2008). Im August 2007 kündigt die damalige DSD-Ministerin (SDLP) an, die Fläche von einem privaten Developer entwickeln lassen zu wollen. An der Ausschreibung beteiligt sich wiederum die Organisation Coiste zusammen mit einem Architekturbüro sowie einem Developer aus Westbelfast. Sie greifen dabei den bislang unkommentierten Hostel-Vorschlag – in einem neuen Gebäude und kombiniert mit einem Wohngebäude mit 10 bis 15 Einheiten – noch einmal auf. Der von mir befragte Coiste-Mitarbeiter räumt jedoch ein, dass ein Hostel, das nicht in dem Originalgebäude eingerichtet wird, lange nicht dieselbe „mystique“ ausgestrahlt hätte wie ihr ursprünglicher Vorschlag (2014, pers. Gespräch). Der beteiligte Architekt wird von Paul Maskey als „very much a community individual“ beschrieben (2014, pers. Gespräch). Es ist damit anzunehmen, dass er Westbelfast, die wichtigen Akteur*innen und Stimmungen gut kennt und einschätzen kann. Zudem wurde der Vorschlag bei einigen öffentlichen Veranstaltungen mit Interessierten aus der lokalen Bevölkerung, darunter einige ehemalige Häftlinge, diskutiert. Zur Umsetzung wird von DSD jedoch ein Vorschlag des Unternehmens Carvill Group ausgewählt. Die Pläne der Carvill Group bestehen im Wesentlichen aus dem Bau eines sechsstöckigen Gebäudes mit ca. 30 Wohneinheiten, Ladenlokalen im Erdgeschoss und einer „community facility“, die gegen eine geringe Miete lokalen zivilgesellschaftlichen Gruppen zur Verfügung gestellt werden soll (Belfast Telegraph 2007a). Eine Befragung oder Anhörung der Anwohnerschaft scheint im Vorfeld nicht stattgefunden zu haben. 3

Anders als diese Aussage suggeriert, war die irische Sprache in Nordirland niemals verboten. Nach der Teilung der Insel wurde sie in Nordirland marginalisiert und das Erlernen erschwert. Viele republikanische Häftlinge lernten irisch als politisches Statement im Gefängnis. Seit 1998 hat irisch den offziellen Status einer anerkannten Minderheitensprache und erfährt seitdem eine vorsichtige Renaissance.

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Laut Aussage des Unterhausabgeordneten Maskey kommt die Ankündigung von Margaret Ritchie „out of the blue“ (2014, pers. Gespräch) und löst erbitterten Widerstand und massive Proteste im Quartier aus (McCarney 2007). Im Namen von Sinn Féin fordert Gerry Adams die Ministerin mehrfach zur Revision ihrer Entscheidung auf und setzt sich für die Initiierung eines Beteiligungsprozesses ein: „The Andersonstown Barracks site is a key landmark location in west Belfast. Any development must reflect this fact, the history of the site and the needs of local residents. Sinn Féin’s focus is to achieve the maximum potential benefit to the local community“ (An Phoblacht 2007a, 2007b).

Anwohner*innen und lokale Politiker*innen verurteilen den Entwurf der Carvill Group in einem Blogartikel als „hideous“, „monstrosity […] replac[ing] another monstrosity“ und sogar als „worse than the barracks“ (McCarney 2007). Diese Einschätzungen beziehen sich jedoch nicht so sehr auf die historische Symbolik der Fläche, sondern vor allem auf erwartete neuerliche Einschränkungen ihrer Wohnqualität: Das geplante sechsstöckige Gebäude, so die Befürchtungen, könnte den angrenzenden Häusern wieder Licht nehmen, die zusätzlichen Einwohner*innen würden die Abwassersysteme überfordern und für erhöhtes Verkehrsaufkommen sorgen. Außerdem würde ein solches Gebäude einfach nicht in die Gegend passen und möglicherweise sogar einen Trend zum weiteren Bau von Apartments auslösen.4 Mehrmals wird betont, wie stark sich die Anwohner*innen bei der Entscheidungsfindung übergangen fühlen (McCarney 2007). Interessanterweise liegen die Absichten, die DSD laut der Aussage der Ministerin mit den Plänen verfolgt und die Wünsche der Anwohner*innen, artikuliert durch ihre*n gewählte*n Vertreter*in im britischen Unterhaus, rhetorisch durchaus auf einer Linie. So erklärt Margaret Ritchie bei der Vorstellung der Pläne: „This development will contribute greatly to the regeneration of the Falls Road and the Upper Falls area. It is a great opportunity to create a significant landmark building on what is considered to be a ‚gateway‘ site to greater West Belfast“ (McCarney 2007).

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Die alteingesessenen Nachbarschaften in Belfast sind baulich vor allem aus zweigeschossigen Reihenhäusern aus den für Großbritannien und Irland typischen roten Ziegelsteinen zusammengesetzt. Apartments werden häufig als unattraktiv empfunden und mit modernem Nomadentum und unerwünschten Einflüssen von außen gleichgesetzt. Die Entwicklung dieser Wohnform wird daher als Bedrohung für den traditionellen Lebensstil angesehen und entsprechend abgelehnt (vgl. Busskamp 2014:53).

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Für Paul Maskey ist es wichtig, dass „whatever is to be built here has to blend in with the local community but it also needs to be iconic because this is the heart of West Belfast“ (McCarney 2007) – wie genau diese Absichten erreicht werden können, interpretieren die beiden Politiker*innen jedoch sehr unterschiedlich. Die Entscheidung des Ministeriums im Jahr vor dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wird mit dem hohen Gewinn erklärt, den Grundstücke und vor allem Wohnraumentwicklungen zu diesem Zeitpunkt erzielten: „One of the things about that particular period was that every square yard of vacant land in West Belfast was being hoovered up by developers to build houses, to build flats. They were buying back gardens of people so they could build… you’re talking about a time when real estate was at a premium. Houses that are now trading hands for about 60, 70 000 pounds would have been double, sometimes treble that during this period“ (Coiste-Mitarbeiter 2014, pers. Gespräch). „When the Department brought the proposals forward, you were part of the boom. The prices of property were going really, really high […] Any piece of land they were buying they were taking over to develop for housing which they were selling off for any amount of figures, they could have just named figures and then they would have got that“ (Paul Maskey 2014, pers. Gespräch).

Ende August 2007 trifft eine Delegation von gewählten und nicht-gewählten Vertreter*innen aus Westbelfast die Ministerin, um ihr ihre Sicht der Dinge darzulegen und wiederum einen Beteiligungsprozess zu fordern. Die starken Gefühle und heftigen Reaktionen in Bezug auf die Pläne des Ministeriums erklärt Paul Maskey damit, dass die Westbelfaster Gemeinschaft während der Troubles keinerlei Mitspracherecht bezüglich der Gestaltung der Fläche hatte und jetzt nicht mehr klein beigibt, sondern mitgestalten will (2014, pers. Gespräch). Die Proteste gegen die Pläne dauern an, bis die Ministerin im Oktober 2007 in einer Pressemeldung erklärt, die Carvill Group habe ihr Angebot zurückgezogen. „Carvill won the bid but lost the PR battle you might say“, kommentiert ein Architekt und Stadtentwicklungsaktivist den Vorgang im Interview. Als Hintergrund für die Entscheidung gibt die Ministerin mögliche Verzögerungen im Planungsprozess an, die wiederum die Durchführung anderer Projekte des Unternehmens beeinträchtigen würden (BBC News 2007). Mögliche, aber nicht öffentlich bestätigte Gründe sind zudem finanzielle Schwierigkeiten des wenige Jahre später Konkurs anmeldenden Unternehmens oder auch die Wirkung der Proteste im Quartier. Die Ministerin bedauert, dass durch diese Entscheidung der Carvill Group Investitionen verloren gegangen seien, die für die Erneuerung Westbelfasts

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und anderer benachteiligter und heruntergekommener Quartiere in der Stadt eine wichtige Rolle hätten spielen könnten. Für weitere Schritte möchte sie sich nun viel Zeit nehmen und zunächst alle Optionen bedenken (Heaney 2007b). Von der im Zuge der Proteste entstandenen Gruppe „Stop the Sell-Off“ wird der Rückzug des Developers jedoch begrüßt und erneut die Hoffnung geäußert, es möge sich nun eine „full, inclusive and binding consultation“ anschließen „that will put control over the future of the site back into the hands of the public, where it has belonged all along“ (Heaney 2007b). Im März 2008 erscheint eine von DSD und dem West Belfast and Greater Shankill Enterprise Council in Auftrag gegebene „Andersonstown Gateway Feasibility Study“ (Colin Buchanan & Partners Limited und Mackel + Doherty Architects 2009), die mehrere Entwicklungsszenarien für den zwischen Glen Road, Falls Road und Kennedy Way gelegenen Teil von Andersonstown entwirft, zu dem auch das ehemalige Kasernengelände gehört. Die Autor*innen der Studie stellen verschiedene Möglichkeiten dar und empfehlen als beste Entwicklungsoption für das Gelände, darauf ein – möglicherweise temporäres – „Expo centre“ zu errichten, in dem in einer Art Bauausstellung die baulich-räumliche Erneuerung des Stadtteils dokumentiert wird. Außerdem sollen ein Veranstaltungssaal, Besprechungsräume und Büros für die mit Stadtteilerneuerung in Westbelfast befassten Organisationen entstehen. Ein Café/Restaurant sowie ein Auditorium werden ebenfalls vorgeschlagen. Im Außenbereich soll ein Garten gestaltet werden und ein kleiner Platz mit einer speaker’s corner entstehen, der für Veranstaltungen genutzt werden kann (Colin Buchanan & Partners Limited und Mackel + Doherty Architects 2009). Die Ministerin unterstützt den Vorschlag und möchte das Projekt schnellstmöglich vorantreiben. Sinn Féin in Westbelfast und besonders Gerry Adams sind jedoch erneut unzufrieden mit dem Vorgehen, da erneut keine Bürgerbeteiligung stattgefunden habe. Bei einem Treffen mit Ritchie im Oktober 2009 werfen Adams sowie Paul Maskey der Ministerin vor, mit ihrem Verhalten das Vertrauen der lokalen Bevölkerung aufs Spiel zu setzen. Adams besteht weiter darauf, die Fläche „der community“ zur Verfügung zu stellen. Einen Monat nach dem Treffen kritisiert der Unterhausabgeordnete erneut öffentlich, dass das Ministerium immer noch nicht auf „die community“ zugegangen sei, um gemeinsam eine adäquate Nutzung für die Fläche zu entwickeln. Im Vorfeld hatte Margaret Ritchie angekündigt, einen Architekturwettbewerb für die Umsetzung eines „Expo centre“ ausloben zu wollen. Das Vorgehen des Ministeriums wird ein einer Presseerklärung von Sinn Féin als „undemokratisch“ bezeichnet:

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„What’s at stake here is a piece of important public land; the use of public money; and the benefit to the public from proposals for this site in the future. Therefore for the Minster and this Department to refuse to engage the public, and public representatives, in the decisionmaking about these matters is fundamentally undemocratic“ (Sinn Féin 2009).

Danach wird es zunächst einige Zeit still um das Projekt und die öffentliche Diskussion um das „Expo Centre“ oder eine andere Nutzung kommt zum Erliegen. Im Februar 2010, kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit, landet die Ministerin noch einen Coup: Sie kann Daniel Libeskind, „the world’s most celebrated currently practicing architect“ (Department for Social Development et al.) als Jury-Vorsitzenden für einen geplanten Architekturwettbewerb gewinnen (Irish Architecture News 2010). Gleichzeitig beginnt ein mit großem medialen Echo aufgezogener Konsultationsprozess, der von PLACE Built Environment Centre5 und dem West Belfast Partnership Board geleitet und moderiert wird und das Ziel hat, Ideen und Wünsche für die Nutzung der Fläche aus der Bevölkerung zu sammeln. Es werden mehrere öffentliche Treffen abgehalten, zu denen alle interessierten Bewohner*innen Westbelfasts eingeladen sind. Außerdem finden Treffen mit verschiedenen Interessensgruppen in der Gegend statt, bei denen diese die Gelegenheit haben, ihre Sichtweise darzulegen. Darunter sind Politiker*innen und community representatives, kulturelle Organisationen, Jugendgruppen und Gruppen älterer Menschen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, über das Internet und soziale Netzwerke Wünsche für die zukünftige Bebauung und Nutzung einzubringen. Der Prozess scheint starke Beteiligung auszulösen und auf reges Interesse zu treffen (Department for Social Development et al. o. J.). Als ambitioniertes Ziel erklären die verantwortlichen Institutionen, ikonische Architektur als Touristenattraktion im benachteiligten und lange vernachlässigten Westbelfast erschaffen zu wollen. Dies scheint bei den Bewohner*innen positiv aufgenommen zu werden. Da die Fläche in der Zwischenzeit als „boring“, „waste of space“ und „run-down" wahrgenommen wird und als „drinking den" genutzt zu werden scheint (PLACE 2010), ist die Freude darüber, dass dort etwas Neues entstehen soll, wenig überraschend. Die Frage, wie genau die zukünftige Nutzung bereits definiert sein müsse, bevor der Wettbewerb an den Start gehen könne, wird

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PLACE ist ein Akronym für Planning Landscape Architecture Community Environment. „PLACE is an independent, not-for-profit organisation dedicated to the making of great places across Northern Ireland“ (PLACE NI 2016). Die Organisation wurde 2004 von der Royal Society of Ulster Architects (RSUA) und Belfast City Council, unterstützt vom Arts Council for Northern Ireland ins Leben gerufen. 2011 wurde PLACE unabhängig von der RSUA.

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offenbar kontrovers diskutiert. Mehrfach wird von Teilnehmenden am Partizipationsprozess darauf hingewiesen, dass es ihrer Meinung nach der falsche Weg sei, einen reinen Designwettbewerb für ein recht unspezifisches Expo Centre auszuschreiben, ohne die Nutzung(en) des Gebäudes bereits vorher konkret festgelegt zu haben (PLACE 2010). Während des Prozesses wird der Name „EXPO West“ von den beteiligten Organisationen genutzt, eine Bezugnahme auf die Geschichte der Fläche als Standort der Andersonstown Barracks findet nicht mehr statt. Dies wird allerdings nicht ganz kritiklos akzeptiert und von einer Person, die an der Beteiligung teilnimmt, darauf hingewiesen, dass die endgültige Nutzung schließlich noch nicht feststehe (PLACE 2010). Im Westbelfaster Volksmund ist die Fläche heute wieder oder vielleicht auch immer noch als „the former Barracks site“ bekannt (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch). Das letzte öffentliche Treffen dieser Konsultationsrunde findet im Juli 2010 statt, als das Department for Social Development bereits an Alex Attwood, ebenfalls SDLP, übergeben wurde (Adams 2010), im November wird schließlich die von PLACE verfasste Aufgabenstellung für den zweistufigen Wettbewerb veröffentlicht. Darin wird wieder deutlich auf die Geschichte der Fläche sowie auf die Auswirkungen, welche die Troubles in Andersonstown und Westbelfast hatten, hingewiesen: Die dort befindliche Polizeistation habe eine „looming presence“ in der Nachbarschaft gehabt (Department for Social Development et al.). Weiterhin wird der Wille des Ministeriums bekräftigt, zur Erneuerung Westbelfasts und dadurch gewissermaßen auch zur Entschädigung des Quartiers für während der Troubles erlittene Nachteile beizutragen: „The Northern Ireland Department for Social Development see the construction of the Expo West building as a statement of the Department's determination to regenerate an area that witnessed the worst effects of conflict“ (Architects' Journal 2010).

In einer Broschüre zum Wettbewerb wird auf den Charakter Westbelfasts als nationalistisches und sozial benachteiligtes Quartier mit einer kulturell und politisch sehr engagierten und aktiven Gemeinschaft von Bewohner*innen hingewiesen (Department for Social Development et al. o. J.). Als Zweck des zu entwerfenden Gebäudes wird wiederum ein „Expo centre“ angegeben, das als Ausstellungsort für den Regenerations- und Transformationsprozess des Quartiers dienen soll; eine Bezugnahme auf die Geschichte des Orts erfolgt nicht. Die Hoffnung wird geäußert, das Gebäude möge einen „new standard in west Belfast in terms of innovation and design“ etablieren (Welch 2011), teilweise ist von einem „major iconic building which will become known worldwide“ die Rede (PLACE 2010).

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Die Frist für Einreichungen wird auf den 17. Dezember 2010 festgesetzt. Am 29. Januar 2011 soll die Jury zusammenkommen, um aus den ca. 40 Wettbewerbsbeiträgen eine Shortlist zusammen zu stellen. Bei dieser Gelegenheit gibt der DSDMinister Alex Attwood eine Pressemitteilung heraus, die nahezu wortgleich mit der seiner Vorgängerin im Jahr zuvor ist: „Like me, Daniel (ursprünglich noch: Mr Libeskind, Anm. d. Verf.) is committed to building a thriving and confident Belfast and to involving the local community in design proposals for their area“ (Department for Social Development 29.01.2011). Fünf Architektenteams, u. a. aus London, Oslo, Dublin und Belfast, werden schließlich um eine Einreichung für die zweite Phase gebeten.6 Daniel Libeskind zeigt sich „very impressed“ von der Qualität der Beiträge und freut sich auf die Entstehung eines „great scheme“ im Anschluss an den Wettbewerb (Welch 2011). Bevor allerdings ein Gewinnerteam verkündet werden kann, beschwert sich ein Belfaster Architekturbüro, dessen Einreichung nicht für die Shortlist ausgewählt wurde, über den Auswahlprozess und droht mit einer gerichtlichen Klage. Offizielle Grundlage der Beschwerde ist die Beurteilung der Nachhaltigkeit der Entwürfe, bei der es Unregelmäßigkeiten aufgrund nicht genau festgelegter Kriterien gegeben habe (Wilding 2011). Der Prozess wird zunächst auf Eis gelegt und die Teams, die in der engeren Wahl waren, um Geduld gebeten, bis eine Lösung gefunden sei. Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, im Mai 2011, wechselt der zuständige Minister im Zuge der Wahlen zur nordirischen Regionalversammlung erneut. Nachfolger von Alex Attwood im Ministerium wird Nelson McCausland, ein prominentes Mitglied der Democratic Unionist Party (DUP), die auch seit 2001 – mit Unterbrechungen während der Zeiten, in denen die Versammlung suspendiert war – den oder die Erste*n Minister*in stellt. Pläne für das weitere Vorgehen werden von Seiten des Ministeriums in den nächsten Monaten nicht öffentlich geäußert. Tim Attwood, Mitglied des City Council für die SDLP, fordert schließlich im Dezember 2011 ein offizielles Statement zum weiteren Verfahren. Zudem beklagt Attwood, wie heruntergekommen und verschmutzt die Fläche mittlerweile sei und fordert das Ministerium als Besitzer dazu auf, sie aufzuräumen und zukünftig sauber zu halten (Quinn 2011b).

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Grafton Architects und BDSP Partnership mit Adams Kara Taylor, Hawkins\Brown mit North Seven, Kennedy FitzGerald & Associates mit Carmody Groarke, Niels Torpwith WDR & RT Taggart, URS Scott Wilson mit Hackett Hall McKnight.

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Abbildung 18: Begrünte Fläche der ehemaligen Andersonstown Barracks (eigenes Foto)

Kurz darauf wird klar, dass der Wettbewerb nicht bis zum Ende durchgeführt werden wird. Ein*e anonyme*r Teilnehmer*in äußert sich frustriert und verärgert darüber, dass der Prozess und die guten Entwürfe der Architekturbüros einem „minor admin issue“ zum Opfer gefallen seien (Fulcher 2011). Das Ministerium wird für seine intransparente Informationspolitik kritisiert. Geraldine McAteer, Vorsitzende des West Belfast Partnership Board, möchte bis zur endgültigen Lösung temporäre Nutzungen – wie den kurz darauf stattfindenden Westbelfaster Weihnachtsmarkt – stärker unterstützen und die Möglichkeit, das Gelände in den Besitz der „community“ zu übergeben, erneut mit DSD diskutieren (Quinn 2011b). Im darauffolgenden Jahr wird die Fläche begrünt, mit einigen Bäumen bepflanzt und umzäunt, um sie zumindest ästhetisch ansprechender zu gestalten und vor Vandalismus und Vermüllung zu schützen. Pläne zum weiteren Vorgehen werden zu diesem Zeitpunkt nicht öffentlich diskutiert. Nach dem aufwändigen und medial stark begleiteten Beteiligungs- und Ausschreibungsprozess scheinen nach dem vorläufigen Scheitern Frustration und Ratlosigkeit bei allen Beteiligten, nicht zuletzt bei den Anwohner*innen, vorzuherrschen. Bis zur erneuten Aufnahme des Diskurses vergeht einige Zeit, auch die Webseite, auf der das Beteiligungsverfahren dokumentiert wird, wird abgeschaltet. 7

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Mir liegt eine Printversion der Webseite vor.

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Im Juni 2013 veröffentlicht die Stadtteilzeitung Andersonstown News die Nachricht von einer Neuauflage des Wettbewerbs, die bereits im August starten soll. Diese Nachricht wird allerdings von keinem anderen Medium aufgegriffen und der entsprechende Wettbewerb findet auch tatsächlich nicht statt (Neeson 2013). Erst im Februar 2014 beginnen erneute Bürgerbefragungen, da DSD gesetzlich zur Erhebung und Nutzung aktueller Daten verpflichtet ist und nicht einfach die vielleicht überholten Ergebnisse des zurückliegenden Beteiligungsprozesses nutzen kann. Der neue Beteiligungsprozess wird von West Belfast Partnership Board alleine durchgeführt und von wesentlich weniger medialer Aufmerksamkeit begleitet. Insgesamt werden vier Informationsstände in lokalen Supermärkten organisiert, außerdem können interessierte Bürger*innen ihre Anregungen wieder über soziale Netzwerke äußern. Insgesamt läuft diese zweite Konsultationsrunde jedoch mit viel weniger Enthusiasmus ab, viele Einwohner*innen Westbelfasts sind der Diskussionen überdrüssig oder mittlerweile mit der freundlich aussehenden, aber weiterhin nur temporär nutzbaren Grünfläche recht zufrieden, auch wenn diese in keiner Weise den hohen Erwartungen und spektakulären Plänen von DSD im Zusammenhang mit dem „Expo centre“ entsprechen. Eine Facebook-Seite mit ca. 35 Mitgliedern argumentiert für die Erhaltung der Fläche in dieser Form und vergleicht ein neues Gebäude mit der ehemaligen Bebauung: „I wonder what the resident [sic!] of the houses adjacent to this park […] think of another few decades of having their sunshine blocked out“ (Keep it green 2014). Angesichts der Tatsache, dass das Gelände sich zwischen den beiden großen Grünflächen Falls Park und Milltown Cemetery, befindet, löst die Präferenz für eine weitere unbebaute Fläche an dieser Stelle auch in Interviews mit einem an dem Prozess nicht beteiligten Experten Verwunderung aus. Nicht nur die Befragung wurde in der zweiten Runde weniger aufwändig gestaltet, auch die Erwartungen sind weniger hoch. Im Interview wird von einem Mitarbeiter des West Belfast Partnership Board dafür auch ein Zusammenhang mit den den Auswirkungen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hergestellt, die Nordirland hart getroffen hat und in deren Folge die Ansprüche bei etlichen Projekten der Stadtentwicklung heruntergeschraubt wurden. Diese hatte zwar zum Zeitpunkt der ersten Beteiligungsrunde auch schon mehrere Jahre angedauert, die Auswirkungen wurden allerdings erst nach und nach spürbar und verschärften sich bis 2014 noch einmal deutlich. Viele Teilnehmer*innen artikulieren im Rahmen der zweiten Beteiligungsrunde den Wunsch, nur ein eher kleines Gebäude zu errichten und einen Teil der Grünfläche zu erhalten. Auch haben sich laut Aussagen mehrerer Interviewter besonders die direkten Anwohner*innen an die freie Aussicht gewöhnt und wissen diese zu schätzen, was auch das Entstehen der Initiative „Keep it Green“ verdeutlicht. Andere machen sich Sorgen um das

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erhöhte Verkehrsaufkommen im Zusammenhang mit vielen auswärtigen Besucher*innen oder befürchten eine Verschlechterung der Parkplatzsituation (Hasson 2014). Zudem werden in dieser Phase erstmals öffentlich kritische Stimmen laut, die die ambitionierten Pläne aus dem ersten Verfahren als an den Wünschen der Anwohner*innen vorbeigehend erklären: „The community of this area has never asked for an ‚iconic‘ building“ (Hasson 2014). Abbildung 19: Gedenkinstallation für die Hungerstreiker an der Rückseite der Fläche (eigenes Foto)

Ein Gebäude, so lautet der am häufigsten geäußerte Vorschlag, könnte potenziell als Informations- und Recherchezentrum mit Bezug zu dem benachbarten Milltown Cemetery genutzt werden und – wie auch in vorhergehenden Phasen bereits vorgeschlagen – ein Café beherbergen. Auch eine Stadtteilbibliothek ist weiterhin im Gespräch, wobei diese Idee an Unterstützung verloren zu haben scheint. Es wird allerdings von den Vertreter*innen der beteiligten Organisationen weiterhin vermutet und gehofft, dass durch das Projekt etwas entsteht, das zur touristischen Entwicklung des Stadtteils beiträgt und auch Besucher*innen aus anderen Stadtteilen anzieht (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch). Die zuständige DSDMitarbeiterin möchte in der geplanten Wettbewerbsausschreibung auflisten, was die lokale Gemeinschaft sich wünscht und was im Quartier gebraucht wird, ist sich dabei aber sicher, dass „conflict is not needed in the area“ (2014, pers. Gespräch). Im Mai 2014 werden die vollständigen Ergebnisse der Befragung dem Lenkungsausschuss für das Projekt vorgestellt.8 Im Herbst 2014 wird auf der

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Der Lenkungsausschuss setzt sich zusammen aus zwei Mitarbeiter*innen von DSD, Paul Maskey als dem Unterhausabgeordneten für Westbelfast, dem von mir befragten Mitarbeiter von WBPB und der Vorsitzenden der Organisation sowie einem Vertreter

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Grundlage dieser Ergebnisse schließlich doch eine Neuauflage des Wettbewerbs angekündigt, der sich aufgrund seiner Zielrichtung jedoch klar von dem ersten Verfahren unterscheidet: Dieses Mal sollen die Teilnehmer*innen keine rein architektonischen Entwürfe einreichen, sondern sind aufgefordert, ein komplettes Nutzungskonzept für das Gelände zu erarbeiten (Fulcher 2014). Auf diese Ankündigung folgt allerdings kein tatsächlicher Wettbewerb. Der (öffentlich nachvollziehbare) Diskurs kommt zum Erliegen und es werden keine weiteren Neuigkeiten im Zusammenhang mit der Fläche bekannt gegeben. Auch die Webseiten der beteiligten Organisationen (Belfast City Council, DSD, WBPB) geben zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit keine aktuelle Auskunft. Im April 2015 geht die Zuständigkeit für die Fläche mit der Review of Public Administation an Belfast City Council über, dessen Budget für Stadterneuerungsprojekte das vormalige des Ministeriums um ca. ein Drittel unterschreitet. Eine neue Priorisierung von Projekten ist somit eine der ersten Aufgaben für den Council, im Rahmen derer es auch möglich ist, dass andere Projekte vorgezogen und zuerst umgesetzt werden. 8.1.3 Diskursphasen Mit Blick auf den Ablauf der Projektentwicklung seit der Freigabe der Kaserne durch PSNI und den Kauf des Geländes von DSD lassen sich vier Diskursphasen ausmachen, in denen unterschiedliche Akteur*innen mit unterschiedlichen Zielen und Motiven dominieren. Die erste Phase beginnt 2005 mit der Bekanntgabe des Abrisses und dem nahezu gleichzeitigen Vorschlag von Coiste zur Umnutzung des Gebäudes. Nach einer Diskurspause, in der keine öffentlich zugänglichen Diskursbeiträge erfolgen, beginnt die zweite Phase mit dem Vorschlag der DSDMinisterin Margaret Ritchie, die Fläche von einem privaten Developer bebauen zu lassen. Diese Phase endet mit der Veröffentlichung der Andersonstown Gateway Feasibility Study. Die dritte Phase beinhaltet die Zeit zwischen der Verpflichtung von Daniel Libeskind als Jury-Vorsitzenden bis zum Scheitern des Architekturwettbewerbs Anfang 2012. Im Anschluss daran beginnt die vierte Phase, die bis zum Ende des Betrachtungszeitraums andauert. Ich beschreibe für jede Phase zunächst die Veränderung der Symbolik, dann die hauptsächlich beteiligten Akteur*innen und die jeweiligen aus dem Diskurs ableitbaren Ziele und Motive. Themen und Argumente der Diskursbeiträge verändern sich von Phase zu Phase nicht unbedingt grundlegend, sondern es handelt sich zumeist eher um veränderte Schwerpunktsetzungen. Interessant ist besonders, von Fáilte Feirste Thiar/Welcome to West Belfast, einer lokalen Organisation zur Förderung des Tourismus.

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dass die Symbolik des Orts sich innerhalb des Diskurszeitraums deutlich wandelt und der enge Bezug zu den Troubles nach und nach verschwindet. Erste Phase: Aneignung und Umdeutung (2005) Zu Beginn der ersten Phase werden die Andersonstown Barracks (u. a.) noch als „Synonym für die Troubles“ bezeichnet (Kathy Rea zit. n. Ryan 2005), die Geschichte des Orts und seine Symbolik für die Bewohner*innen Westbelfasts sind ein wichtiger und sehr präsenter Bestandteil des Diskurses. Zumindest direkt nach dem Abriss scheint es für die republikanische Gemeinschaft im Quartier zunächst noch sehr wichtig zu sein, dass die Erinnerung an die Kaserne und ihre Symbolik aufrechterhalten bleibt, wie dieses Zitat aus dem republikanischen Blog Nuzhound (Überschrift: „An awful history, and worth remembering“) verdeutlicht: „The station's dread history holds many bad memories for this community, but it is important that that history is never forgotten or swept under the carpet. The PSNI may hope that as the lofty communications towers come crashing down and the blast walls and reinforced sangars [sic!] are demolished, the real truth about Andersonstown Barracks will disappear into the air along with the brick dust“ (Nuzhound Blog 2005).

Republikanische Diskursbeiträge verhehlen ihre Genugtuung bezüglich des Abrisses nicht; dieser stellt für sie einen späten Triumph über die britische „Besatzung“ dar. Bei der Erinnerung geht es der republikanischen Diskursgemeinschaft vornehmlich darum, erfahrenes Unrecht anzuprangern und die eigene Sicht auf die Vergangenheit, die erstmals gleichberechtigt neben anderen steht, öffentlich zu machen. Vorschläge bezüglich einer Nachnutzung erfolgen zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht oder nur sehr unkonkret als Forderung einer Übergabe an „die community“. Alex Attwood scheint als MLA für Westbelfast der einzige Diskursteilnehmer der gemäßigten nationalistischen SDLP zu sein. Er zeigt sich in seinen Beiträgen verständnisvoller und konstruktiver, wobei seine Formulierung, ein „building or other scheme“ mit Bezug zur Vergangenheit und Zukunft Westbelfasts unterstützen zu wollen, kaum als konkreter Vorschlag für eine potenzielle Nachnutzung gelten kann (Keenan 2005). Die politische und historische Symbolik der Fläche und des Abrisses schwingt in den Diskursbeiträgen der Politiker beider Parteien durchaus mit, es fehlt allerdings augenscheinlich eine Vorstellung davon, wie mit dieser umgegangen werden soll. Der erste öffentlich zugängliche und von Coiste in den Diskurs eingebrachte Nachnutzungsvorschlag für die Kaserne – das Hostel für politisch interessierte

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Tourist*innen – ist der einzige Diskursbeitrag, der erstens eine weitere Verwendung des Gebäudes vorsieht und zweitens eine konkrete Nutzung vorschlägt. Auf diesen Vorschlag wird allerdings im weiteren Verlauf des Diskurses kein Bezug mehr genommen. Nach dem Abriss erfolgt eine erste temporäre Aneignung der Fläche durch die Bewohner*innen Westbelfasts. Diese wird durch die Durchführung des Céili mór auf der Fläche eingeläutet, welches sich schwerpunktmäßig an „die community“ richtet. Besucher*innen von außerhalb werden nicht explizit eingeladen. Diese Veranstaltung ist jedoch auch gleichzeitig die politischste und am offenkundigsten republikanische, die auf der Fläche seitdem überhaupt stattgefunden hat. Die Symbolik, ausgerechnet eine irischsprachige Tanzveranstaltung auf dem Gelände einer ehemaligen Polizeikaserne abzuhalten, wird von den Organisatoren nicht nur erkannt, sondern sogar betont. Aufgrund der Überschneidung politischer und ethnisch-kultureller Identitäten stellt das Céili nicht nur eine Tanzveranstaltung dar, sondern ein sehr eindeutiges, fast schon hämisches politisches Statement im Hinblick auf den Abriss und die fortschreitende Demilitarisierung: Westbelfast tanzt auf den Ruinen der britischen Sicherheitsarchitektur. Dieses Céili bleibt allerdings das einzige auf der Fläche. Spätere Veranstaltungen sind weit weniger politisch konnotiert. Bezugnahmen auf die historische Besonderheit der Fläche finden durchaus noch zu späteren Zeitpunkten statt, wie beispielsweise bei der (politisch eigentlich unverdächtigen) Ankündigung der Illumination des Quartiersweihnachtsbaums, der im Dezember 2005 auf Initiative von WBPB erstmals auf der Fläche aufgestellt wird. Ein Kommentar in einem republikanischen Weblog lautet dazu wie folgt: „Bright lights will lighten the dark history of the Andersonstown Barracks site where a twenty-five foot Christmas tree is to be illuminated this Wednesday“ (Ryan 2005). Im selben Beitrag wird eine Mitarbeiterin von WBPB mit den folgenden Worten zitiert: „The Andersonstown Barracks site is synonymous with the history of the Troubles and the base itself was an eyesore on the main Falls Road. Now it’s gone, we hope the land can be reclaimed for use by the local community. Placing a Christmas tree here symbolises hope, renewal and regeneration in a very central part of the Falls Road. Thousands of people pass here every day and hopefully they’ll enjoy seeing the tree lit up in the evenings. I think it’s fitting that a site once renowned for conflict will be a symbol of peace this Christmas“.

Auch in dieser Aussage wird dem Ort und der Veranstaltung noch eine (wenn auch sehr allgemeine) symbolische Bedeutung zugewiesen: Weihnachten bzw. ein Weihnachtsbaum als Symbol des Friedens und der Hoffnung; politische Stellungnahme oder gar Häme sind aus dem Beitrag nur wenige Monate nach dem Céili

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nicht mehr herauszulesen. Weiterhin wichtig scheint jedoch die Aneignung der Fläche durch die lokale Bevölkerung zu sein. Ebenfalls in diesem Beitrag spricht die Mitarbeiterin des WBPB eine Einladung an die „people of West Belfast and beyond“ aus (Ryan 2005). Externe Gäste sind also durchaus willkommen, die Westbelfaster Bevölkerung bleibt aber klar die Hauptzielgruppe. Dies wird noch verstärkt durch die Beteiligung anderer lokaler Organisationen und Unternehmen, wodurch laut Geraldine McAteer, CEO von WBPB, ein „real sense of partnership and a positive community feel“ bei der Vorbereitung entstanden seien (Ryan 2005). Über das Event wird eine Umdeutung der Fläche zum Symbol für die Regenerierung und die Hoffnung auf Veränderung in Westbelfast vorgenommen, die allerdings auf der während des Konflikts entstandenen Symbolik basiert und diese aufnimmt („I think it’s fitting that a site once renowned for conflict will be a symbol of peace this Christmas“). Bereits ein knappes Jahr nach dem Abriss des Gebäudes sind in dieser Äußerung die politische Bedeutung und Inszenierung der Fläche jedoch längst nicht mehr so deutlich wie direkt nach dem Abriss. Die wichtigste Diskursgemeinschaft in dieser ersten Phase setzt sich aus Personen und Organisationen aus Westbelfast zusammen, die ausschließlich aus dem republikanisch-nationalistischen Milieu stammen. Der Diskurs bleibt noch sehr lokal begrenzt, nicht einmal DSD als Eigentümer der Fläche bringt sich in den Diskurs ein. Als ein kurzfristiges Motiv lässt sich deutlich die Aneignung und Transformation der Fläche durch die lokale Bevölkerung erkennen. Die symbolische Bedeutung mit Bezug zum Konflikt wird aufgenommen und für die Gemeinschaft positiv umgedeutet. Langfristige Ziele oder Motive werden für den weiteren Umgang mit der Fläche noch nicht formuliert, die Hochstimmung über den Abriss scheint den politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zunächst auszureichen. Es ist erstaunlich, dass in einem Quartier, für das viele Mängel festgestellt werden können, und das traditionell über eine sehr aktive und kreative Zivilgesellschaft verfügt, kaum Ideen für die Nachnutzung dieser zentral gelegenen und symbolischen Fläche entstehen. In dieser ersten Phase überwiegt in den ausgewerteten Diskursbeiträgen somit anscheinend die Befriedigung darüber, dass die nationalistisch-republikanische Gemeinschaft Westbelfasts sich in der Post-Konflikt-Phase und im Zusammenhang mit der Demilitarisierung als „Siegerpartei“ fühlen kann, die nach dem Abriss der Kaserne einen Teil ihres Territoriums zurückerobert. Die Symbolik des Orts spielt dabei durchaus eine Rolle, der Erhalt (von Teilen) der Struktur oder eine andere Möglichkeit der Erinnerung an die vormalige Nutzung und damit verbundene Ereignisse werden jedoch nicht öffentlich diskutiert. Die Westbelfaster Diskursgemeinschaft präsentiert sich sehr nach innen gewandt und an einer internen Zielgruppe orientiert.

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Die einzige Abweichung von dieser hegemonialen Diskursrichtung stellt in dieser Phase der schon sehr konkrete Vorschlag von Coiste dar. Aus diesem Vorschlag lassen sich verschiedene Motive ableiten: Er speist sich erstens aus dem Wunsch, die Fläche in etwas Positives und Nutzbringendes für Westbelfast zu verwandeln, nachdem die vormalige Nutzung über so viele Jahre für Unterdrückung und Gewalt stand. Bemerkenswert ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der die touristische Entwicklung des Stadtteils und die Erhöhung der Besucherzahl mit positiven Effekten und einer Verbesserung der ökonomischen Situation für seine Einwohner*innen verknüpft werden (Caoimhín Mac GiollaMhín/Coiste: „...now it is time for the site to be put to positive use…“). Zweitens wird durchaus eine Erinnerungsfunktion über die Nutzung der Fläche angestrebt, wenn auch nicht über die primäre Nutzung als Hostel. Zielgruppe des Vorschlags sind jedoch (politische) Tourist*innen aus dem Ausland und Besucher*innen aus anderen Teilen Nordirlands, denen Coiste als Organisation von ehemaligen Häftlingen mit touristischem Auftrag die Geschichte des Stadtteils vermitteln möchte. Die Andersonstown Barracks sind für sie ein symbolisches Medium dieser Erzählung, das sie in ihre anderweitigen touristischen Aktivitäten einbinden können. Zweite Phase: Profit und Selbstbestimmung (2007-2008) Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2007 entwickelt sich der Diskurs weiter – nach einer mehr als einjährigen Ruhephase, für die keine öffentlich zugänglichen Diskurseiträge auffindbar sind. In dieser zweiten Phase dreht sich der Diskurs vor allem um den Vorstoß der Ministerin, die Fläche von einem privaten Developer bebauen zu lassen. Als Reaktion auf die Ankündigung betont Gerry Adams, dass jede Entwicklung der Geschichte und der bedeutsamen Lage des Geländes Rechnung tragen und zudem die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung erfüllen müsse (z. B. An Phoblacht 2007b). Die historische Symbolik der Kaserne ist zu diesem Zeitpunkt also noch im Diskurs präsent, wobei nicht alle Diskursbeiträge diese Forderung von Sinn Féin aufgreifen. Es formiert sich ein deutlicher Protest im Quartier gegen den „Ausverkauf“ Westbelfasts durch das Ministerium, der von lokalen zivilgesellschaftlichen Initiativen und den gewählten Vertretern von Sinn Féin für Westbelfast, allen voran Gerry Adams, getragen wird. Das Motiv, die Westbelfaster Bevölkerung möge endlich von dem Potenzial der Fläche profitieren, steht auch in anderen Diskursbeiträgen im Vordergrund, wobei weiterhin keine konkreten Vorschläge für eine Neugestaltung gemacht werden. Interessanterweise kommen auch in dieser Diskursphase öffentlich zugängliche Diskursbeiträge ausschließlich von lokalen Organisationen, die gegen die Pläne von DSD protestieren, die Westbelfaster Diskursgemeinschaft bleibt immer

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noch weitestgehend unter sich. Das Ministerium bleibt bis zu einer Pressemitteilung, bei der es den Rückzug der Carvill Group verkündet, stumm. Für Sinn Féin, traditionell ohnehin die mit Abstand stärkste Partei in Westbelfast, ist dieser Prozess eine Möglichkeit, sich gegenüber der einzigen Rivalin, der gemäßigt nationalistischen SDLP zu profilieren, denn deren lokale Vertreter*innen können gegen das SDLP-geführte Ministerium schwerlich protestieren. Diese nehmen allerdings nicht einmal auf dem Höhepunkt der Proteste gegen das Ministerium unterstützend am Diskurs teil. Es wird deutlich, dass zumindest die artikulierte Mehrheit der Bewohner*innen Westbelfasts gegen den konkreten Vorschlag der Carvill Group, gegen einen Verkauf an ein privates Unternehmen im Allgemeinen und gegen eine Bebauung ohne vorherige Bürgerbeteiligung sind. Eine Initiative, die sich für eine konkrete Option einsetzt, formiert sich nicht. Ein Stimmungsbild, das von der Kampagne „Stop the Sell-Off“ bei einer Protestveranstaltung eingeholt wird, ergibt ein Interesse aus der Bevölkerung an einem Jugendzentrum, einem Seniorentreff oder einem Kulturzentrum (Heaney 2007a). Auch findet in dieser Diskursphase keine beobachtbare Auseinandersetzung mit der Geschichte des Orts statt. Dennoch wird die heftige Reaktion im Quartier auf die Pläne des Ministeriums von dem/der Westbelfaster Abgeordneten – nicht ohne einen gewissen Stolz auf den Erfolg der von ihm/ihr mitorganisierten Kampagne – mit der Geschichte des Orts, der vorherigen Bebauung und der Behandlung der Bevölkerung durch Behörden erklärt: „It was handled very, very poorly. And it was like a department saying to this community, ‚you’re going to get this, whether you like it or not‘. And the problem with this community is they’re not gonna accept it. Because what was on the site previously to that – this community didn’t like it. So when they were told ‚it’s going there, whether you like it or not‘, there’s no way you could’ve built something else and had taken the same attitude. That wasn’t going to happen“ (2014, pers. Gespräch).

In dieser Phase steht nicht so sehr der potenziell positive Nutzen der Fläche im Vordergrund, sondern der Protest, der sich gegen die Pläne von DSD formiert. Das Motiv der Protestierenden könnte im Lichte der Aussagen des/der Unterhausabgeordneten als Selbstbestimmung umschrieben werden. DSD löst den Protest und den Diskursverlauf in dieser Phase zwar aus, hält sich selbst aber mit Diskursbeiträgen zurück. Das Ministerium stellt damit die zweite, formal mächtigere, aber weniger sichtbare Diskursgemeinschaft in dieser Phase dar. Aufgrund des anhaltenden Schweigens von Seiten des Ministeriums ist es schwierig, handlungsleitende Motive für die Vorgehensweise sowie die gewünschte zukünftige Bebauung abzuleiten. Einen Hinweis auf ein Motiv gibt die

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Äußerung der Ministerin nach dem Rückzug der Carvill Group, als sie sich bedauernd über die vergebene Chance für die bauliche Erneuerung des Stadtteils äußert. Hinzu kommt die Einschätzung mehrerer Interviewpartner*innen, dass in dieser Zeit – auf dem Höhepunkt des Post-Konflikt-Booms in Nordirland – möglichst viel Land zu Höchstpreisen an private Investoren und Developer verkauft wurde. Auch der Name der Protestgruppe „Stop the Sell-Off“, die sich gegen den „Ausverkauf“ Westbelfasts wehrt, deutet darauf hin, dass dem Ministerium als primäres Motiv Gewinnorientierung und eine Vertretung der Interessen des „Kapitals“ unterstellt wird. Zumindest scheint die Ministerin die Entwicklung der Fläche durch ein privates Unternehmen für eine gute Möglichkeit zu halten, die bauliche Erneuerung Westbelfasts voranzubringen (BBC News 2007). Es entsteht der Eindruck, als sei die Fläche für DSD einfach eine von vielen Brachflächen im Besitz des Ministeriums gewesen und ihre möglichst profitable Nachnutzung eben eine der damit verbundenen Aufgaben. Im Zusammenhang mit der oben zitierten Aussage des Architekten zum Abriss des Gebäudes – „they had no idea what to do with it at the time […] other than they immediately demolished [it]“ – ist zu vermuten, dass DSD kein Interesse daran hat, die Erinnerungsfunktion oder die Symbolik der Fläche zu bewahren. Vielmehr entscheidet sich das Ministerium durchaus bewusst dafür, die Fläche als „Raum“, als planerische Dispositionsmasse ohne Geschichte, zu betrachten. Damit liegt die Vermutung nahe, dass die Ministerin vielleicht nicht unbedingt das Bedürfnis nach Erinnerung im Stadtteil, aber doch die starken Emotionen, welche die Fläche zu diesem Zeitpunkt immer noch hervorruft, unterschätzt hat. Mit ihrem Vorgehen bietet sie den lokalen Akteur*innen eine Vorlage zum Protest und den Sinn Féin-Politikern eine Möglichkeit zur politischen Profilierung im Wahlkreis. Das hegemoniale und wiederkehrend geäußerte Motiv für die Entwicklung der Fläche von Seiten der lokalen Akteur*innen ist die – allerdings sehr unkonkret bleibende – Verbesserung der Lebensqualität in einem benachteiligten, vom Konflikt gezeichneten Stadtteil. Diese Argumentation kann als Legitimationstechnik für den Protest, aber auch für andere Vorschläge, nicht zuletzt die diversen diskutierten Nutzungen für den Tourismus, interpretiert werden. Die ersten, im Rahmen der nicht-repräsentativen Befragung durch „Stop the Sell-Off“ probeweise geäußerten Gegenvorschläge aus der Bevölkerung (Jugend- oder Kulturzentrum, Seniorentreff,) zielen darauf ab, eine mögliche Lücke in der sozialen Infrastruktur des Quartiers zu füllen. Ob diese Lücken tatsächlich spürbar bestehen, kann für Außenstehende nicht nachvollzogen werden – möglicherweise sind diese eher vagen Vorschläge aber auch lediglich das, was den Befragten als Erstes einfällt und ihnen und ihresgleichen potenziell einen Nutzen bringen könnte.

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Weder das Motiv der Außendarstellung der Gemeinschaft über den Tourismus noch die Beschäftigung mit der Vergangenheit kommen in dieser Diskursphase vor, insgesamt ist die symbolische Bedeutung der Fläche kaum noch Thema. Dass sie aber nach wie vor existiert – möglicherweise nicht mehr ganz bewusst – zeigt der starke Protest sowie die Emotionen, die der Vorschlag und das Vorgehen von DSD hervorrufen. Für DSD scheint die Fläche ein Element der „Normalisierung“ Westbelfasts zu sein, wobei dies nicht explizit geäußert wird. Lokale Politiker der Partei Sinn Féin nutzen den Diskurs über die Fläche für ihre eigene politische Profilierung und stilisieren den Protest in gewisser Weise zum Gefecht mit der SDLPMinisterin Margaret Ritchie. Auf eine Instrumentalisierung der Fläche in dieser Hinsicht deutet außerdem hin, dass konstruktive Ideen für die weitere Nutzung nach wie vor ausbleiben. Dritte Phase: Ikonische Stadtteilerneuerung und Tourismusförderung (2008-2011) Die dritte Phase beginnt mit der Veröffentlichung der Andersonstown Gateway Feasibility Study im März 2008 und dem anschließenden Aufkommen des „Expo Centre“-Vorschlags. Ein Bruch im Diskurs sowie eine stärker nach außen gewandten Kommunikationsrichtung der Diskursbeiträge lassen sich an dieser Stelle deutlich feststellen, wobei der Wunsch nach einem Nutzen für die Bewohner*innen Westbelfasts weiterhin ein deutliches Motiv bleibt. Gleichzeitig wird der geschichtliche Hintergrund der Fläche immer seltener erwähnt und der Ort in Diskursbeiträgen in dieser Phase als „important“ (Sinn Féin 2009), „strategic“ (Welch 2011) oder „iconic“ (Quinn 2011b) bezeichnet. Auch meine Interviewpartner*innen bedienen sich immer wieder exakt dieser Adjektive Diese Einschätzungen beziehen sich allerdings vor allem auf die Lage der Fläche als „Epizentrum Westbelfasts“ (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch), nicht so sehr auf die historische Bedeutung. Zudem wird die Portalfunktion der Fläche für Andersonstown herausgestellt, womit die – natürlich schon vorher bestandene – Zentralität und gute Erreichbarkeit der Fläche erstmals im Diskurs eine wirkliche Bedeutung erhält (PLACE 2010). Es ist natürlich möglich, dass die Geschichte des Orts und seine einstige Symbolik als Ausgangspunkt für die Darstellung der baulichen und sonstigen Veränderung Westbelfasts in der Ausstellung im „Expo Centre“ gedient hätte. Dies wird so jedoch an keiner Stelle explizit oder implizit ausgesagt und kann aufgrund des Scheiterns der Pläne auch heute nicht angenommen werden.

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Die in dieser Phase auf der Fläche stattfindenden Veranstaltungen haben einen unpolitischen Charakter und ihre Dokumentation kommt nun völlig ohne Verweise auf die Geschichte des Orts aus. So ist beispielsweise bei der Einweihung des Quartiersweihnachtsbaums 2008 keinerlei politische Symbolik mehr wahrzunehmen (Belfast Telegraph 2008). Das Event wird zwar von lokalen Organisationen veranstaltet und von lokalen Berühmtheiten, die eng mit der irisch-republikanischen Kultur verbunden sind, gestaltet, die Teilnahme wird jedoch nicht symbolisch oder politisch gedeutet und genutzt. Ab dieser Phase bestimmen DSD, weiterhin mit der Ministerin Margaret Ritchie, und die von DSD eingesetzten Organisationen PLACE und West Belfast Partnership Board stärker als vorher den Diskurs und geben Impulse für die weitere Entwicklung der Fläche. Von Seiten der vorher aktiven lokalen Organisationen und Parteien sind in dieser Phase erstaunlich wenige Diskursbeiträge zu finden, nur der Unterhausabgeordnete beschwert sich noch im November 2009 in einer Pressemitteilung über die weiterhin nicht stattfindende Konsultation der Einwohner*innen (Sinn Féin 2009). Dabei bezeichnet er die Fläche als „important piece of public land“, bei dessen Entwicklung es um „the use of public money; and the benefit to the public“ gehe. Die Bedeutung, die aus der Geschichte des Orts resultiert, erwähnt er nicht. Von DSD geht nicht nur die Verpflichtung des Stararchitekten Daniel Libeskind aus, sondern auch die Einsetzung von PLACE und West Belfast Partnership Board für die Durchführung der Bürgerbeteiligung. Mit dem Beginn des Beteiligungsprozesses verstummen viele kritische Stimmen; Westbelfast lässt sich augenscheinlich mitreißen von dem offen zur Schau getragenen Enthusiasmus der durchführenden Organisationen PLACE und WBPB. Die Zusammenarbeit der beiden Organisationen im Rahmen des Projekts ist für das Projekt sehr fruchtbar, da die eine (WBPB) lokal akzeptiert ist und Einfluss auf andere wichtige Akteur*innen im Quartier hat, die andere (PLACE) als neutral und unverbraucht gilt, ein gewisses kosmopolitisches Flair und besonders die nötige Expertise für die Nutzung der neuen Medien im Beteiligungsprozess und den Designaspekt des Projekts mitbringt. Das innovative und breit angelegte Beteiligungsverfahren und die hochkarätige Jurybesetzung lösen Optimismus, vielleicht sogar Euphorie über die geplante Transformation der Fläche und Westbelfasts als Ganzes aus. Im Diskurs stehen jetzt touristisch verwertbare, nach außen gewandte Nutzungsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Beflügelt durch die hochkarätige JuryBesetzung und nicht zuletzt angeheizt von Daniel Libeskind selbst (PLACE 2010), spricht der neue Minister Alex Attwood (SDLP) von seinem Wunsch, ein „iconic building, one that defines the future of West Belfast and captures the character of the Andersonstown community“ auf dem Gelände zu sehen (GK 2011).

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Die Worte „innovation and design“ kommen in mehreren Diskursbeiträgen vor und begleiten auch die Wettbewerbsausschreibung (Architects' Journal 2010, Irish Architecture News 2010, Welch 2011). Damit verbunden ist der Wunsch, Tourismus in Belfast zu unterstützen und das „Expo Centre“ zu einer Attraktion im Quartier werden zu lassen (Department for Social Development et al. o. J.). Die Herkunft der Fläche und die Geschichte des Quartiers sowie die physische Gestalt der Barracks als „‚imposing‘ fortress“ werden in der Ausschreibung deutlich benannt (Welch 2011, Architects' Journal 2010). Passend dazu erklärt der Minister das Projekt zum „statement of my own and my department’s determination to regenerate an area that witnessed the terrible trauma of terror and conflict“. Das Projekt und die bauliche Erneuerung insgesamt werden im öffentlichen Diskurs als Entschädigung für die schlechten Bedingungen im Quartier während der Troubles dargestellt. Vermutlich auch aufgrund der Erfahrungen aus dem ersten Versuch, die Fläche einer neuen Nutzung zuzuführen, erwähnen mehrere Beiträge die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung (PLACE 2010). In Bezug auf die zukünftige Nutzung ist die Zielsetzung jedoch weniger konkret. Das angedachte „Expo Centre“ soll vor allem die weitere bauliche Erneuerung des Stadtteils dokumentieren. Es scheint nicht vorgesehen, dass auch die politische oder konfliktbezogene Geschichte erzählt oder aufgearbeitet wird, damit also auch eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Erneuerung im Sinne des erwähnten phoenix tourism einhergeht. In der Ausschreibung wird ein Gebäude gesucht, das Büros, eine Bibliothek und Räume zur „flexiblen“ Nutzung, etwa für Events und Ausstellungen (u. a. zur Darstellung der Stadtteilerneuerung), sowie künstlerische Aktivitäten beinhaltet (Department for Social Development et al.). Interessanterweise überschneidet sich diese Beschreibung – nicht komplett, aber doch zu nicht unerheblichen Teilen – mit einem Vorschlag, den Gerry Adams über seinen Weblog verbreitet und der ein „sustainable public service centre“ mit Bibliothek und Informationszentrum mit Bezug zu den benachbarten Friedhöfen sowie ein Nachbarschaftszentrum („Ionad an Phobail“ in der Sprache republikanischer Aktivist*innen) favorisiert. Diese Variante verknüpft nach innen und nach außen gewandte Zielsetzungen: Laut Gerry Adams würde mit seinem Vorschlag die lokale Bevölkerung von einer nützlichen Dienstleistung profitieren und zugleich könne das Gebäude als „valuable and attractive gateway into the greater Andersonstown area“ dienen (Adams 2010). Mit diesem Vorschlag bringt Adams auch erstmals im Diskurs das „rich cultural and political heritage“ Westbelfasts zur Sprache, das bereits seit Langem einige Tausend Besucher*innen pro Jahr in den Stadtteil führe (Adams 2010). Insgesamt lässt sich in dieser Phase eine viel stärkere Diskursbeteiligung von Akteur*innen außerhalb Westbelfasts beobachten. Interessanterweise geschieht

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diese Akteursverschiebung mit dem Beginn der weitreichenden Bürgerbeteiligung, also eigentlich zu einem Zeitpunkt, an dem die Sichtweisen der lokalen Bevölkerung im Vordergrund stehen sollen. Das professionelle Vorgehen und die enthusiastische Rhetorik der vom Ministerium eingesetzten Organisationen heben den Diskurs auf eine andere Ebene, erhöhen die Ansprüche und die Erwartungen und führen – obwohl der Nutzen für die Gemeinschaft immer noch betont wird – dazu, dass sich die Vorschläge viel stärker nach außen richten als bisher. Der historische Hintergrund der Fläche spielt noch eine Rolle bei der Erläuterung der Vergangenheit, eine Bedeutung dieser Vergangenheit für Gegenwart oder Zukunft scheint jedoch nicht erwünscht. Diese Sichtweise etabliert sich als stillschweigende Übereinkunft zwischen allen Beteiligten, da in keiner Weise mit der historischen Symbolik der Fläche selbst oder ihrem Potenzial als Ort der Erinnerung und Inszenierung eines bestimmten historischen Aspekts argumentiert wird. Stärker als in den vorhergehenden Phasen und unterstützt durch den Anspruch, ein „ikonisches“ Gebäude zu bauen, tritt das Motiv hervor, mit der Bebauung der Fläche den Tourismus in Westbelfast zu fördern und damit wiederum die wirtschaftliche Situation im Stadtteil zu verbessern. Dieser Wunsch wird ganz selbstverständlich mit der Verbesserung der Lebensbedingungen im Stadtteil verknüpft und kann als Legitimationstechnik für die Umsetzung des von DSD favorisierten EXPO West-Projekts gelten. Das Gebäude selbst mit seiner spektakulären Architektur soll nach den Plänen von DSD, PLACE und WBPB dabei die Hauptattraktion sein, die Besucher*innen in den Stadtteil bringt. Die Tatsache, dass Westbelfast bereits traditionell eine Nischendestination für politischen und Heritage-Tourismus darstellt und auch schon einige Attraktionen aufweisen kann, wird explizit nur von Gerry Adams aufgegriffen. Für die bestehenden Attraktionen, speziell für die benachbarten Friedhöfe, sollen Angebote im Gebäude unterstützend und erläuternd bereitstehen. Diese Ausrichtung weicht zwar inhaltlich von dem „Expo Centre“-Vorschlag ab, bedient sich jedoch auch der Logik, die Aufmerksamkeit von außen als Vehikel für die Verbesserung der sozioökonomischen Situation im Stadtteil betrachtet. Protest gegen die Vorgehensweise oder die Pläne des Ministeriums kommen in dieser Phase nicht vor, die breit angelegte Bürgerbeteiligung sowie die Aussicht auf ein spektakuläres Gebäude, gepaart mit der Freude über die Teilnahme des prominenten Architekten Daniel Libeskind wirken einend und lassen wenig Raum für Gegenwehr. Vierte Phase: Irgendwas mit Tourismus (2012-2015) Eine erneute deutliche Veränderung der Diskurslogik und der hegemonial artikulierten Denkrichtungen kann nach dem Moment der Ernüchterung im Zuge des

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gescheiterten Wettbewerbsverfahrens beobachtet werden. Die nun folgende öffentlich nachvollziehbare Stimmung bezüglich des Projekts hat im Vergleich zur vorhergehenden Phase an Dynamik und Begeisterung eingebüßt und kann als pragmatisch bis lieblos bezeichnet werden; der ehemalige Hoffnungsträger im Herzen Westbelfasts stellt nach Jahren ohne Fortschritt eher eine Belastung und ein Symbol des Scheiterns dar, was auch über die direkt involvierten Akteur*innen hinaus so wahrgenommen wird: „You know, the Andersonstown Road Barracks site, I think even the symbolism of that has gone to some degree, it’s now become just a planning issue. The longer these things last, it’s just a matter of what can we do with them and how can we utilise them“ (Mitarbeiter North Belfast Interface Network 2014, pers. Gespräch).

Zunächst tritt der Diskurs ein weiteres Mal in eine Ruhephase ein, was neben dem Scheitern des Wettbewerbs vermutlich auch mit dem Wechsel an der Spitze des Ministeriums zu erklären ist. Erstmals äußert sich dann im Dezember 2011 – sieben Monate nach dem Amtsantritt des neuen Ministers Nelson McCausland (DUP) – ein SDLP-Stadtratsmitglied zu der Fläche. Der Stadtrat fordert Informationen zum Verfahren und eine baldige Lösung, mit der „a more positive and vibrant view of West Belfast“ möglich wird (Quinn 2011b). Man ist versucht zu unterstellen, dass ein unionistischer Minister einem so wichtigen Projekt in Westbelfast keine Priorität mehr einräumen würde. Dafür gibt es jedoch keine Belege, zumal ein gutes halbes Jahr des Stillschweigens in Relation zum Gesamtverfahren und direkt nach dem Beginn der Amtszeit eines neuen Ministers auch keine übermäßig lange Zeit ist. Erstmals seit dem Eintritt von DSD in den Diskurs wird die Fläche nun wieder als Möglichkeit zur politischen Profilierung genutzt: Nachdem nun ein Mitglied einer unionistischen Partei dem Ministerium vorsteht, ist es auch für die SDLP möglich, sich kritisch zum Stillstand auf der Fläche zu äußern. Die Fläche wird 2012 begrünt und wieder temporär genutzt. Erst der Zeitdruck durch die nahende Übergabe der Fläche an Belfast City Council scheint die Wiederaufnahme des Verfahrens und eine erneute Beteiligungsrunde im Februar 2014 auszulösen. Die in diesem Rahmen geäußerten Vorschläge lesen sich deutlich bescheidener als die der vorhergehenden Diskursphase. Die Einschätzung, das Verfahren sei mittlerweile „just a planning issue“ ohne symbolische Zuschreibung (Mitarbeiter North Belfast Interface Network 2014, pers. Gespräch) scheint sich tendenziell zu bestätigen: In der Ankündigung der neuen Beteiligungsrunde auf der Webseite des WBPB fehlt jeder Hinweis auf die historische Bedeutung der Fläche. Auch die Ankündigung der zweiten Wettbewerbsausschreibung erwähnt

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die „long demolished fortress – once a symbol of The Troubles“ nur noch ganz unaufgeregt, gewissermaßen nebenbei (Fulcher 2014). Die gewählten Vertreter*innen im britischen Parlament (Paul Maskey, Sinn Féin) und im City Council (Tim Attwood, SDLP) rufen ebenfalls über die Webseite des WBPB zur Beteiligung auf und bezeichnen die Fläche dabei als „iconic and historical“ (Maskey) und „vitally important“ (Attwood). Der Stadtrat erinnert zudem noch einmal an die Möglichkeit, ein „world-class iconic multi purpose building“ darauf zu entwickeln (West Belfast Partnership Board 2014). Auch viele Teilnehmer*innen am Beteiligungsprozess halten die Fläche nach wie vor für wichtig für die weitere Erneuerung Westbelfasts (Hasson 2014). Insgesamt ist in dieser Phase die Stimmung weit weniger eindeutig als in den vorhergehenden Diskursphasen. Partikularinteressen der Anwohner*innen und Kritik an den vorhergehenden ambitionierten Ideen treten stärker als zuvor in Erscheinung. Die Fläche scheint weniger als in den vorergehenden Phasen als Ressource zur Entwicklung des ganzen Quartiers wahrgenommen zu werden und eine gewisse „Beteiligungsmüdigkeit“ ist zu beobachten (Verantwortliche für Andersonstown Barracks bei DSD 2014, pers. Gespräch). Die Option, die Fläche so zu lassen wie sie ist und weiterhin temporär zu nutzen oder nur ein kleines Gebäude darauf zu errichten wird erstmals wieder ernsthaft in Erwägung gezogen (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch). Auch die am Prozess beteiligten Institutionen, die sich vorher als Unterstützerinnen der ambitionierten, Westbelfast transformierenden Entwicklungsoption präsentiert hatten, unterstützen eine solche Lösung. Die Pläne der dritten Diskursphase werden sogar als überambitioniert, das vormalig präferierte „Expo Centre“ als möglicherweise überflüssig und vor allem an den Bedürfnissen der Westbelfaster Gemeinschaft vorbeigehend dargestellt: „We’ve done a public realm site, do we leave it as it is? Do the community want that? Or is there something additional that they want? Looking back to this big building that was originally proposed. And we get a sense the community and especially the local residents [are] saying we don’t want anything on that, it’s lovely the way it is. We want it to be green, we want it for the community to use. […] It could have turned into a white elephant, you know. It just could have become another vacant building“ (Verantwortliche für Andersonstown Barracks bei DSD 2014, pers. Gespräch).

Von den Teilnehmer*innen der Bürgerbeteiligung werden in dieser Beteiligungsrunde Vorschläge wie die Errichtung eines Kultur-, Senioren- oder Jugendzentrums eingebracht. Vorschläge dieser Art sollen einen konkreten Mangel an sozialer oder kultureller Infrastruktur in Westbelfast ausgleichen und damit vor

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allem der Westbelfaster Gemeinschaft zugutekommen (Hasson 2014). Eine touristische Verwertbarkeit ist dabei eher ein Nebeneffekt, allerdings ein durchaus willkommener, wie dieser Kommentar im Rahmen der Befragung verdeutlicht: „For many decades this site had such a negative impact on the local community, and we believe that a centre for artistic excellence could be the positive light that would shine as a beacon towards a brighter future not only for our young people, but also serving as a venue presenting local talent to the world“ (Hasson 2014).

Gleichzeitig und in gewisser Weise im Widerspruch zu der „kleinen“ Lösung bleibt der Wunsch bestehen, die Nutzung der Fläche möge sich als „economic driver“ für Westbelfast erweisen, weitere Investitionen nach sich ziehen und Arbeitsplätze entstehen lassen (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch). Auch der Anspruch, mit dem Projekt eine Außenwirkung zu erzielen und Besucher*innen nach Westbelfast zu bringen, wird in dieser Phase weiterhin geäußert, allerdings in bescheidenerem Umfang. Dabei fokussieren die Diskursbeiträge weniger auf die ikonische Architektur und eher auf die Herstellung eines Zusammenhangs mit bereits bestehenden touristischen Attraktionen. Denkbar und durchaus logisch scheint für einige am Diskurs Beteiligte eine Verknüpfung mit den benachbarten Friedhöfen und besonders dem Milltown Cemetery zu sein, auf dem u. a. etliche bekannte IRA-Mitglieder sowie mehrere Tausend unbenannte Opfer von Epidemien aus verschiedenen Jahrhunderten begraben sind: „And the Barracks site, it sits beside Milltown Cemetery which is really important in terms of culture and history and the things that went on there during the Troubles and the last 20 years. It’s important for locals and also for tourists coming in. So the Barracks site sits in quite a unique location, and from the results of that the people see it as a key iconic site“ (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch).

Ein Schwerpunkt auf Heritage-Tourismus durch den Bau eines Dokumentationsund Informationszentrums für Ahnen- und Familienforscher*innen mit angegliedertem Café und Souvenirladen wird in mehreren Interviews und Dokumenten erwähnt und scheint insgesamt mehrheitsfähig zu sein. Während die Geschichte des einzelnen Orts selbst immer mehr in den Hintergrund tritt, wird eine Neunutzung in Verbindung mit den Friedhöfen zum dominanten Vorschlag und erscheint aufgrund der räumlichen Nähe auch für viele logisch. Hier findet eine Umdeutung des belasteten Orts zu einem Teil der touristischen Infrastruktur statt, was aufgrund der Lage und der Bedeutung einiger Orte in der Umgebung relativ mühelos möglich ist. Der touristische Wert der beiden Friedhöfe ist unbestritten, da sich

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schon seit vielen Jahren Besucher*innen aus ganz Nordirland und dem Ausland für sie interessieren und u. a. ihretwegen Westbelfast besuchen. Zudem ist wohl das historische Erbe der dort begrabenen republikanischen „Märtyrer“ und der namenlosen Epidemieopfer leichter erzählbar und für touristische Zwecke nutzbar als die Geschichte der Barracks selbst. In dieser werden feindliche britische Soldaten und nordirische Polizisten als Hauptakteure betrachtet, republikanische Akteur*innen kommen eher am Rande oder als IRA-Mitglieder und damit auch als Gewalttäter*innen vor. Weder die eine noch die andere Rolle passt in das aktuelle Selbstbild der Westbelfaster Gemeinschaft und das dominante touristisch-historische Narrativ, das die politische Geschichte des Stadtteils und seiner Bewohner*innen (und nicht von Außenstehenden) als gerechten Kampf gegen eine illegitime Besatzung erzählt. Gewalttaten aus den eigenen Reihen werden dabei nicht abgestritten, aber auch nicht gezielt in den Blick gerückt; fremdes Leid wird noch selten anerkannt. Auch für die vielen Legenden im Zusammenhang mit dem republican struggle, die sicherlich einen Teil des touristischen Appeals von Westbelfast ausmachen, bleibt bei der Fokussierung auf die Geschichte dieses einzelnen Orts wenig Platz. Damit kommt die Erinnerungsfunktion des Orts an dieser Stelle wieder deutlicher zum Tragen, allerdings – wie es sich schon in der dritten Phase angedeutet hatte – vor allem als Teil eines größeren historisch-kulturellen Zusammenhangs und nicht mit Bezug auf die Fläche selbst. Auffällig ist weiterhin, dass die Symbolik des Orts und die Möglichkeiten, die Geschichte des Stadtteils zu erzählen, häufig mit einem Verweis auf die Zukunft oder die positiven Veränderungen, die bereits stattgefunden haben, ergänzt wird. Dies wird einerseits als zu touristischen Zwecken einsetzbar eingeschätzt und soll andererseits auch den Stolz auf die eigene Geschichte und die eigene Gemeinschaft stärken. Tourismus wird damit weiterhin direkt und weitgehend unkritisch mit positiven Effekten für Westbelfast und seine Bewohner*innen in Verbindung gebracht: „But: look at the past, don’t dwell on it! Park it – and move forward. This is my view. [...] I think when you have tourists in it creates a bit of pride within a local community also. So tourism, while it creates employment opportunities it also instils pride within the local community because people will say ‚there’s someone who’s wanting to look at my community, my street. Isn’t that a good thing, let’s tell our story in a positive manner‘“ (Paul Maskey 2014, pers. Gespräch).

Eine inhaltlich ähnliche Aussage macht die für die Barracks zuständige Vertreterin von DSD, die damit gleichzeitig verdeutlicht, dass die offiziell erwünschte

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Version von Vergangenheit und Erinnerung durchaus von der lokal beobachtbaren abweicht: „So we’re trying to educate people to think of it [the site, Anm. d. Verf.] differently. Let’s not forget the past because it was iconic in that area, but just think about the whole place differently there“ (2014, pers. Gespräch).

Eine definitive Entscheidung über die weitere Verwendung der Fläche ist auch nach der zweiten Beteiligungsrunde noch nicht auszumachen. Ein Kompromiss scheint „ein bisschen von allem“, beispielsweise ein „small mixed-use building with lots of green space around the site“ (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch), zu sein, das teilweise touristisch genutzt wird und eine Verbindung zu den Friedhöfen aufweist. Dieser mehrfach geäußerte Vorschlag zielt zwar immer noch auf eine Außenwirkung ab, hebt sich aber deutlich von den „iconic worldclass architecture“-Vorschlägen ab, die im Zusammenhang mit dem ersten Wettbewerb und der Zusammenarbeit mit Daniel Libeskind aufgetaucht sind. Der Vorschlag bestätigt den Eindruck der schwindenden Euphorie über die mit dem Freiwerden der Fläche verbundenen Möglichkeiten sowie die veränderte Bedeutung des Orts. Zu einem nicht unerheblichen Teil kann dies sicher mit der Länge des Prozesses und den Schwierigkeiten, die immer wieder eine Nutzung verhindern und die den Diskurs insgesamt immer pragmatischer werden lassen, erklärt werden. Auch die Rezession als Teil der globalen Kontextbedingungen und ihre sich über Jahre verschärfenden Folgen tragen zur Veränderung des Diskurses, zu größerem Pragmatismus und einem Herunterschrauben von Ansprüchen bei. Wenn auch noch keine verbindliche Einigung auf eine Nachnutzung gefunden werden konnte, so ist in dieser Phase aber auch keine so deutliche Kontroverse oder gar ein Antagonismus zwischen den verschiedenen Diskursgemeinschaften auszumachen. DSD erscheint in dieser Phase eher passiv und bestrebt, das Projekt so weit wie möglich, gerne ohne Proteste und Peinlichkeiten, voranzubringen, um es im Zuge der RPA an Belfast City Council übergeben zu können (Verantwortliche für Andersonstown Barracks bei DSD 2014, pers. Gespräch). Es findet eine enge Abstimmung mit den beteiligten Akteur*innen aus Westbelfast in der Lenkungsgruppe für das Projekt statt, über deren Arbeitsweise keine negativen Äußerungen bekannt sind. Aber auch von den lokalen Organisationen scheint das Vorhaben eher pflichtbewusst verfolgt zu werden und weniger als noch in der dritten Diskursphase eine Herzensangelegenheit darzustellen. Eine politische Instrumentalisierung findet nicht mehr statt. Möglicherweise ist aus dem Umgang mit der Fläche zu diesem Zeitpunkt auch einfach kein Kapital mehr zu schlagen:

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So glauben viele Einwohner*innen Westbelfasts nicht mehr recht an eine hochwertige Bebauung oder sind mittlerweile mit der freundlich aussehenden, dabei aber eher schlicht gestalteten und weiterhin nur temporär nutzbaren Grünfläche ganz zufrieden. In dieser vorerst letzten Diskursphase zeigt sich deutlich eine Entkoppelung des Orts von seiner jüngsten Geschichte und der Wunsch zur Inszenierung eines anderen historischen Aspekts, der vermeintlich besser dazu geeignet ist oder dem aktuellen Geschichts- und Selbstbild der Gemeinschaft besser entspricht. Die Zeit, die seit dem Abriss vergangen ist, sowie die bisher gescheiterten Nachnutzungsversuche lassen die ursprüngliche Symbolik der Fläche nach und nach verschwinden. Hinzu kommen die eher positiven Erfahrungen, die mit den neuen, temporären Nutzungen zusammenhängen und die als neue Erinnerungs-Schichten die vormalige Konfliktsymbolik überlagern. Die Interviewpartner*innen sind mehrheitlich davon überzeugt, dass die junge Generation kaum noch negative Gefühle mit dem Ort verbindet, da sie keine aktiven Erinnerungen an die Troubles hat und ihr politisches Bewusstsein auch erst nach dieser Zeit entstanden ist. Zwar sei das Gelände im Volksmund immer noch als „(former) Barracks site“ bekannt, diese Benennung habe jedoch kaum noch eine symbolische Bedeutung, sondern sei eben der Name der Fläche.9 „The focus of the Andersonstown Barracks and the whole imagery of it and the impact of that imagery on the people around it: It’s now a thing of the past, it’s gone, you know. People wouldn’t, young people, like it’s...it’s just unimaginable. And it’s not only there. It’s in a number of places where barracks have been levelled and houses have been built“ (Coiste-Mitarbeiter 2014, pers. Gespräch). „I guess because the barracks has been away and the symbol – of what the barracks stood for for a lot of people – has been removed, a lot of people see the site as quite fresh […]. A lot of people enjoy walking past the site because it’s almost like the halfway point in the West, it’s almost the middle of West Belfast“ (Mitarbeiter WBPB 2014, pers. Gespräch).

9

Eine abweichende Auffassung vertritt einzig Paul Maskey: „I wouldn’t say there’s any less importance on it. People still call it today ‘the Andersonstown Barracks site’, so it’s still known as what it was previously known and whether that’s a good thing or bad thing – I don’t know but the fact is that […] even young people today know it as Andersonstown Barracks site who probably can’t even remember the old barracks site on it (2014, pers. Gespräch).“

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Zu diesen Einschätzungen der Interviewpartner*innen passt, dass die historische Bedeutung zu Beginn des Diskurses stark betont und das mit der Fläche verbundene Trauma für Westbelfast herausgestellt wird, die historischen Bezüge jedoch immer mehr aus dem Diskurs verschwinden. Nur kurz nach dem Abriss ist die Erinnerung an die Kaserne und die mit ihr verknüpften, teilweise traumatischen Geschehnisse, noch präsent und wird – von republikanischen und nationalistischen Diskursteilnehmer*innen, nicht von DSD – als erinnerungswürdig dargestellt. Diese selbstviktimisierende Erinnerungshaltung rückt vor allem das Leid der Westbelfaster Gemeinschaft unter der britischen „Besatzung“ und die Unrechtmäßigkeit derselben in den Fokus. Dieser Fokus verschwindet recht bald und wird in der letzten Diskursphase positiv umgedeutet und durch den Zusammenhang mit der Geschichte der Friedhöfe und des Quartiers insgesamt ersetzt. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung, mehr als 15 Jahre nach dem offiziellen Ende des Konflikts und fast zehn Jahre nach dem Abriss des Kasernengebäudes, ist es allerdings unwahrscheinlich, dass die Vergangenheit der konkreten Fläche und deren konfliktbezogene Symbolik in näherer Zeit zum Selbstbild der Gemeinschaft oder den Interessen der beteiligten Diskursgemeinschaften passen wird. Das Aufgreifen der jüngeren Geschichte des Orts scheint nicht mehr zu den sagbaren Optionen für die Entwicklung der Fläche zu gehören. Nur ein Interviewpartner bedauert dies – „They’ve taken a site and not seen the value in elements of its history“ – und auch in der medialen Dokumentation des Prozesses findet sich kein Kommentar mit einer ähnlichen Aussage. Gleichzeitige Verweise auf positive Entwicklungen seit Konfliktende und die großen Hoffnungen für die Zukunft können als Distanzierung von der mit dem Konflikt verknüpften Symbolik gedeutet werden. Nachdem in der zweiten Diskursphase deutlich wird, wie emotional besetzt die Fläche auch nach dem Abriss des Gebäudes noch ist und ein „normales“ Verfahren am Widerstand der lokalen Bevölkerung scheitert, erfolgt ein Versuch, die bestehende Symbolik durch beeindruckende, ikonische Architektur zu überdecken. Konfliktbezogene Aspekte werden nicht mehr thematisiert. Das Wiederauftauchen des Erinnerungsfokus, verschoben auf den größeren Kontext der Geschichte des Quartiers und der republikanisch-nationalistischen Gemeinschaft, stellt dabei möglicherweise eine Art von natürlich entstandener „Normalisierung“ dar: Die Notwendigkeit, eine permanente Erinnerung an die Unterdrückung und schlechte Behandlung während der Troubles aufrechtzuerhalten, wird anscheinend nicht mehr gesehen. Die Erinnerungsfunktion der Fläche wird umgedeutet, um einen Teil des wertvollen Westbelfaster Heritage zu inszenieren, wobei wieder die Außendarstellung als Kommunikationsrichtung im Vordergrund steht. Dabei ist die Geschichte Westbelfasts auch heute kaum entkoppelt von den Troubles zu sehen, es wird jedoch stark darauf geachtet, den

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Stadtteil nicht darauf zu reduzieren. Es stehen weniger die negativen Erfahrungen im Vordergrund als vielmehr die Resilienz und der kulturelle Reichtum einer besonderen Gemeinschaft. Diese Umdeutung steht in einem gesellschaftlichen Kontext, den der von mir befragte ehemalige Häftling und heutige Mitarbeiter der Organisation Coiste eindrücklich schildert, und durch den diese positive Fokussierung erst möglich wird: „The world has changed! Everything has changed! And changed so fundamentally! It’s really unbelievable! […] Massively, there’s no British soldiers on the streets for a start. The military occupation is gone. The relationship between my community and the cops is totally different. And people from my community can now feel a sense of that this is their city too, a sense of ownership and also a sense of hope for the future that we will continue to see further change into the future“ (2014, pers. Gespräch).

Als ein hegemoniales Motiv der beteiligten Akteur*innen lässt sich der Wunsch ausmachen, mit dem Projekt einen direkten Nutzen für die Einwohner*innen erfahrbar zu machen. Zudem kann das Bestreben, ein touristisch verwertbares, für Besucher*innen attraktives Projekt mit imageverändernder Wirkung für den Stadtteil zu verwirklichen, beobachtet werden. Die beiden Motive werden jedoch nicht als sich gegenseitig ausschließend betrachtet, sondern das zweite gewissermaßen als Vehikel für das erste gesehen und an einigen Stellen auch legitimierend eingesetzt. Dabei wird die Erinnerungsfunktion der Fläche erweitert und soll im Kontext des politisch-historischen Heritage-Tourismus und zur Erzählung der Geschichte des Quartiers genutzt werden.

8.2 C RUMLIN R OAD G AOL

UND

G IRDWOOD P ARK

Dieser Abschnitt beschreibt zwei Projekte in Nordbelfast, Crumlin Road Gaol und Girdwood Park. Zu Beginn des Entwicklungsprozesses dieser beiden Projekte wurde von Seiten der zuständigen Ministerien – dem Department for Social Development und dem Office of the First Minister and of the Deputy First Minister – der Plan verfolgt, die Entwicklung und Umnutzung beider Teile mit einem gemeinsamen Masterplan voranzubringen. Dies stellte sich allerdings als nicht praktikabel heraus, da sich über die Nachnutzung von Girdwood Park eine langwierige Kontroverse entspann, die letztendlich eine Trennung der beiden Verfahren zur Folge hatte. So konnten immerhin die Arbeiten an dem ehemaligen Gefängnis und seine Umnutzung für kulturelle und touristische Zwecke relativ

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zügig fortschreiten. Eine erneute Zusammenlegung der Prozesse ist nicht vorgesehen. Aufgrund der räumlichen wie gedanklichen Nähe der beiden Projekte und der Überschneidung etlicher beteiligter Akteur*innen beschreibe ich sie zunächst in einem gemeinsamen Text. Die Auswertung und Interpretation des empirischen Materials erfolgt jedoch teilweise getrennt, da mit den beiden Projekten nach der Trennung unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und Ziele verfolgt werden. Der Entwicklungsprozess des Gefängnisses und des angrenzenden ehemaligen Militärgeländes stellte sich u. a. aufgrund mehrerer Nordbelfast-spezifischer Problematiken als besonders kompliziert heraus. In Kapitel 7 wurde bereits angedeutet, dass Nordbelfast kein einheitlicher Stadtteil ist, sondern als „patchwork of small communities in which people have an intense sense of belonging“ beschrieben werden kann (North Belfast Community Action Unit 2002:7). Die Aufteilung des Territoriums hat zur Folge, dass viele Menschen Angst davor haben, sich durch die Gebiete der „anderen Seite“ zu bewegen und ihr Zugang zu „shops, jobs, post offices, health centres, leisure facilities and schools“ somit sehr eingeschränkt ist (North Belfast Community Action Unit 2002:10). Die Gemeinschaften haben sich im Verlauf der Troubles und auch noch während der Post-Konflikt-Phase sehr nach innen gewandt und den Kontakt über die ethnischen Grenzen hinweg größtenteils eingestellt. Ein Bedürfnis nach Rückzug ist in Nordbelfast und besonders bei den unionistischen Nachbarschaften deutlich erkennbar. Die territoriale Fragmentierung des Stadtteils zeigt sich auch in einer politischen Fragmentierung: Im Mai 2016 wurden drei Kandidat*innen der DUP, zwei von Sinn Féin und eine Kandidatin der SDLP als Abgeordnete in die nordirische Versammlung gewählt – ein Ergebnis, das seit 1998 immer wieder mit nur geringen Abweichungen zustandekommt. Aufgrund der großen Differenzen besonders zwischen DUP und Sinn Féin konnten sich die gewählten Vertreter*innen der verschiedenen Parteien in der Vergangenheit selten auf eine gemeinsame Linie einigen, was Nordbelfast gegenüber den anderen, weniger fragmentierten Stadtteilen in eine schlechtere Position für die Verteilung von Ressourcen und die Akquise prestigeträchtiger Stadterneuerungsprojekte brachte (Mitarbeiter North Belfast Partnership Board 2014, pers. Gespräch). Während des Nordirlandkonflikts und auch noch in den Jahren danach wurde Nordbelfast als „a site of much violence“ (Fallon 2011:15), als „microcosm for the conflict“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch) oder auch „just the worst of everything“ (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch) bekannt. Alleine in Nord- und Westbelfast ist ein Drittel der Opfer der Troubles ums Leben gekommen (O'Dowd und Komarova 2009:5). Andere Bewohner*innen wurden verletzt, vertrieben oder aufgrund von anderen

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Vorkommnissen traumatisiert, so dass sich bis zum Ende des Konflikts eine gewisse Alltagsnormalität, wie sie in den meisten anderen Teilen Nordirlands vorherrschte, nie einstellen konnte (vgl. Fallon 2011). Abbildung 20: Lage des Crumlin Road Gaol und Girdwood Park (eigene Abbildung; Kartengrundlage: openstreetmap.org)

Ein Mitarbeiter der Lower Shankill Community Association beschreibt die Rolle seiner community wie folgt: „Lower Shankill at one time was a so-called bastion of loyalist resistance. This community has been – through the conflict – victim of external violence, it has been the victim of internal violence and history will tell you that there has been violence emanating from this community“ (2014, pers. Gespräch).

Für die angrenzenden republikanischen Quartiere New Lodge und Cliftonville sowie das loyalistische Lower Oldpark würden ähnliche Beschreibungen zutreffen. Die Krawalle an den interfaces, die heute noch stattfinden und häufig von gelangweilten Jugendlichen ohne Perspektive über Mobiltelefone oder soziale Netzwerke organisiert werden, werden als „recreational rioting“ bezeichnet (etwa: „Randalieren zur Entspannung“; Leonard 2010, North Belfast Community Action Unit 2002:12). Die an an die Projektfläche angrenzenden Wahlkreise gehören zu den sozial und ökonomisch schwächsten aller nordirischen Bezirke (Muir 2014:58), ein signifikanter Anteil der Wohnungen in allen Bezirken kann dem sozialen Wohnungsbau zugeordnet werden. Durch die anhaltenden Gewalt-

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vorkommnisse und das extrem niedrige Ausbildungsniveau hat Nordbelfast in der Vergangenheit wenig Interesse bei Investor*innen geweckt (North Belfast Community Action Unit 2002:62). Viele Bewohner*innen Nordbelfasts sind daher in Bezug auf den Friedensprozess und die ihnen versprochenen Vorteile durch die Konfliktbeilegung heute desillusioniert und glauben nicht mehr daran, dass sich ihre Situation durch den andauernden Friedenskonsolidierungsprozess noch signifikant ändern wird. Diese Sichtweise wurde auch von einigen meiner Interviewpartner*innen artikuliert. Zusätzlich verkompliziert wird das Zusammenleben der Gemeinschaften durch die unterschiedliche Entwicklung, die sich seit einiger Zeit für nationalistische und unionistische Quartiere ausmachen lässt (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch): So sind die nationalistischen Gebiete dicht besiedelt und von Wachstum geprägt, die Bevölkerung ist eher jung. Für junge Familien ist es schwierig, adäquaten Wohnraum zu finden – auch deshalb, weil ihnen durch die rigide Segregation nur Teile des Wohnungsmarkts im Stadtteil zur Verfügung stehen (North Belfast Community Action Unit 2002:60). In den working class-Quartieren in Belfast ist es bis heute sehr üblich, dass junge Leute sich eine Wohnung in der Nähe der Familie suchen, wenn sie selbstständig werden; viele möchten ihre Heimatquartiere nicht verlassen. Die protestantische Bevölkerung hingegen ist durchschnittlich älter und weniger kinderreich, weswegen Wohnungsknappheit kein Thema ist. Dafür ist der Zustand der Gebäude häufig schlechter als in den nationalistischen Quartieren. Für viele Unionist*innen fühlt es sich an, als würden sie aus Nordbelfast „squeezed out“ (North Belfast Community Action Unit 2002:11), worauf sie mit Sorge und Sturheit reagieren. Fallon beschreibt das Gefühl der Verdrängung und des Verlusts von Privilegien von Seiten der protestantischen Bevölkerung wie folgt (2011:30): „Catholics seem to be replacing Protestants in government, in public spaces like jobs, and now in territory as well. If Catholic neighborhoods continue to expand in the direction of Protestant neighborhoods, bringing the interfaces closer, contact with the “other“ is bound to increase. The unwritten rules of segregation and space suggest that living together is untenable, and so when the Catholic communities expand into Protestant or neutral ‚territory‘ the response may be to retreat in order to reduce contact. The retreat means loss of community space, which means loss of identity and social cohesion, which could mean further encroachment by the ‚other‘.“

Die nationalistische Bevölkerung fühlt sich hingegen innerhalb ihrer angestammten Gebiete eingeschlossen und würde gerne expandieren anstatt gezwungen zu sein, in andere Teile der Stadt umzuziehen. Sie empfinden es als ungerecht und

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verschwenderisch, dass in den unionistischen Quartieren viele Wohnungen, manchmal ganze Straßenzüge leer stehen, die sie aber nicht nutzen können (North Belfast Community Action Unit 2002:11). Somit wird ein demilitarisiertes Gelände, das in Nordbelfast für Projekte der Stadterneuerung zur Verfügung gestellt wird, schnell zum Teil des Konflikts und zu einem weiteren Grund für die beiden Gemeinschaften, sich gegenseitig zu belauern: „And therefore, instead of those freed-up sites [Crumlin Road Gaol and Girdwood Pard, Anm. d. Verf.] becoming development opportunities they become ‚what's the intention of the other side in relation to it‘. Because that intention encroaches on the quality of your life“ (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch).

Aufgrund dieser Besonderheiten kommt der Dunlop Report zu der folgenden, wenig ermutigenden Gesamtbewertung der Situation in Nordbelfast, die so direkt selten schriftlich fixiert wurde und deutlich macht, in welchem Zusammenhang der Diskurs um die Umnutzung der beiden Gelände steht (North Belfast Community Action Unit 2002:7): „North Belfast has the capacity to absorb resources, destroy people, impoverish children and destabilise other parts of Northern Ireland. The price of failure to address and resolve the issues is high and is made up of direct and indirect costs. The direct costs include: the enormous cost of policing; the high cost of caring for an increasingly unhealthy population; and the costs of intensive social support across several agencies. The indirect costs include: a diminished sense of self-worth; sapping of confidence; lost opportunities; resistance to economic development; recurring cycles of violence and disorder; the waste of human potential; and damage to the image of Belfast and Northern Ireland.“

In diesem Kontext ist die Entwicklung der beiden Orte eine hochkomplexe Aufgabe für die beteiligten Individuen und Organisationen und birgt vielfältige Hinweise auf Motive und Ziele im Umgang mit räumlichen Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts, wie ich im Folgenden darstellen werde. 8.2.1 Geschichte und Symbolik der Orte Das Crumlin Road Gaol ist ebenfalls ein Beispiel für ein symbolisch gewordenes Zweckgebäude, wobei diese Symbolik aufgrund der Funktion des Gebäudes und der heterogenen Bevölkerungsstruktur der Umgebung sich deutlich von der Symbolik der Andersonstown Barracks unterscheidet. Das Gebäude wurde von

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Charles Lanyon entworfen und 1845 eröffnet. Die Werke des englischen Architekten sind in ganz Belfast zu finden. Damals stellte der Bau einen neuen, als hochmodern geltenden Typus von Gefängnis dar und erlangte dadurch internationales Interesse (Culture Northern Ireland 2016, BBC News 2005). Heute ist das Gebäude denkmalgeschützt. Bis 1996 wurde es als Gefängnis genutzt und 2003 im Zuge der Reinvestment and Reform Initiative der britischen Regierung an OFMDFM übergeben (Northern Ireland Audit Office 2011). Neben den Gefängnisgebäuden selbst mit einem Haupthaus und vier Flügeln umfasst das Gelände außerdem die ehemaligen Wohnunterkünfte der Gefängnismitarbeiter, einen weitläufigen Hof und ein seit 2014 wieder als Gefängnis genutztes Haus für Freigänger, die von dort auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet werden. Die Fläche beträgt 13 Hektar. Gemeinsam mit Girdwood Park handelte es sich um „the biggest regeneration project ever planned for north Belfast“ (O'Dowd und Komarova 2011:2016). Im nie umgesetzten Masterplan für das Gebäude sowie das angrenzende GirdwoodGelände wird es beschrieben als „high-quality, landmark building which has the potential to transform the appearance of the lower Crumlin Road and attract investment to the area“ (Building Design Partnership 2007:9). Die Geschichte des Gefängnisses ist ereignisreich: Zu Zeiten Königin Victorias wurden dort (wie damals üblich) auch Kinder gefangen gehalten, die oft nur kleinste Vergehen begangen hatten. Viele Republikaner*innen verbinden den Namen Tom Williams mit dem Gefängnis (Culture Northern Ireland 2016). Dieser IRA-Kämpfer wurde 1942 mit 18 Jahren dort gehängt, weil er einen Polizisten getötet hatte. Insgesamt starben im Crumlin Road Gaol 17 Männer am Galgen, der letzte im Jahr 1961 (Dulisch 2013). Im Jahr 1914 wurden dort nordirische Suffragetten gefangen gehalten, die sich mit Aktionen des zivilen Ungehorsams für das Frauenwahlrecht eingesetzt hatten. Später waren die Insassen allerdings alle männlich. In den 1970er und 1980er Jahren wurde das „Crum“, wie es im Volksmund genannt wird, vor allem als Untersuchungsgefängnis für die politischen Gefangenen beider Seiten genutzt, die später den Großteil ihrer Haftstrafe im Maze/Long Kesh Prison verbüßten. Diese beiden Gefängnisse stellten „focus points of prison struggles during the Troubles“ dar (McDonald 2014). Republikanischen Gefangenen gelangen einige spektakuläre Ausbrüche aus dem Gefängnis. Die Auseinandersetzungen der Troubles wurden zwischen den Insassen weitergeführt: Im Jahr 1991 zündete die IRA eine Bombe in der Kantine des Gebäudes, die zwei loyalistische Gefangene tötete. Eine Racheaktion loyalistischer Paramilitärs einige Wochen später blieb ohne Todesopfer (McDonald 2014).

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Abbildung 21: Crumlin Road Gaol (Quelle: meetingsbooker.com)

Gegenüber dem Gefängnisareal, auf der anderen Straßenseite der Crumlin Road, befindet sich ein bis 1998 genutztes Gerichtsgebäude, Crumlin Road Courthouse, in dem über 10.000 Menschen im Zusammenhang mit politisch motivierten Straftaten verurteilt worden sind. Das Gebäude wurde ebenfalls von Charles Lanyon entworfen und ist heute denkmalgeschützt. Zu Beginn der 2000er Jahre wurde es an einen privaten Investor verkauft, der bereits mehrere Ideen dafür entwickelte, jedoch keine davon umsetzen konnte (Foy 2003). Nach Jahren der Vernachlässigung und mehreren Brandanschlägen ungeklärter Urheberschaft befindet es sich zum Zeitpunkt der Datenerhebung in einem sehr schlechten baulichen Zustand und steht nach wie vor leer. Auf eine Initiative des Office of the First Minister and Deputy First Minister (OFMDFM) wurden Optionen für das weitere Verfahren mit dem Gebäude entwickelt und im März 2016 zuletzt diskutiert. Favorisiert wurde die Option, das Gebäude durch die öffentliche Hand zurückzukaufen und für touristische und gewerbliche Nutzung herzurichten (McAdam 2016). Das Gefängnis und das Gerichtsgebäude sind unterirdisch mit einem Gang verbunden, durch den Verurteilte direkt vom Gerichtssaal in ihre Zelle gebracht werden konnten. Vor der Renovierung des Gefängnisses erzeugten die beiden einander gegenüberliegenden Gebäude, die sie umgebende Sicherheitsarchitektur und die mit ihnen verbundenen Ereignisse ein unbehagliches, geradezu unheimliches Gefühl für Anwohner*innen wie Passant*innen. Im Zuge der Waffenstillstände und der beschlossenen Demilitarisierung Nordirlands wurden beide Gebäude in ihrer Funktion nicht mehr benötigt und – auch aufgrund ihrer hohen Symbolkraft für den Friedensprozess – geschlossen (McGahan 1998, Donnelly 1998).

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Für Nationalist*innen wie Unionist*innen (nicht nur) in Nordbelfast ist das Gebäude und die Erinnerung an dort stattgefundene Ereignisse mit „Schmerz“ und anderen negativen Gefühlen verbunden (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch). Viele Menschen in den umliegenden Quartieren verknüpfen persönliche Erfahrungen mit dem Gefängnis – beispielsweise, weil sie selbst dort einsaßen und (u. a.) unter den schlechten hygienischen Bedingungen und der unzureichenden Beheizung litten. Andere besuchten dort Verwandte und Freunde und mussten dafür lange Wartezeiten in Kauf nehmen und Schikane von Seiten der Gefängniswärter über sich ergehen lassen. Ein Mitarbeiter der Lower Shankill Community Association erläutert die Bedeutung, die das Gefängnis für ihn während der Troubles hatte und gibt bereits einen Hinweis darauf, wie es heute gesehen wird: „Crumlin Road Gaol was viewed by everybody as a bad place because…I had friends who were killed in it. There was an IRA bomb in the kitchen; two friends of mine blew up. 35 IRA men escaped from it. So each community will have their view. The fact that today Crumlin Road Gaol is a genuine shared space and it does attract visitors to North Belfast – I have to welcome that“ (2014, pers. Gespräch).

Auch ein Mitarbeiter des Nachbarschaftszentrums Ashton Community Centre im nationalistischen Quartier New Lodge erinnert sich mit sehr eindrucksvollen Worten an die Verhältnisse während seiner eigenen Haftzeit. Die Aussage macht deutlich, wie sehr ihn die Veränderung des Orts bewegt und wie stark die Erinnerungen an das Gefängnis und die Symbolik in Nordbelfast präsent sind: „When we were in it it was riddled with cockroaches and mice and shit like that. A very aggressive place to be in at times. And it was jam-packed with people. [...] And there’s so many people who went through the jails from these areas, it sort of seems really surreal and weird going into Crumlin Road Gaol for meetings. [...] And particularly the families, too, not just the prisoners, the families who had to go up there. And the people who went up to those jails were people who lived in poverty by and large“ (2014, pers. Gespräch).

Bei Girdwood Park, wie das Gelände mittlerweile in der offiziellen Kommunikation genannt wird, handelt es sich um ein 14 Hektar großes ehemaliges Militärgelände der britischen Armee, das als Girdwood Barracks bekannt war. Auch hier geht es also vordergründig um ein ehemaliges Zweckgebäude bzw. -gelände. Gleichzeitig kann Girdwood Park aber auch als Beispiel für die aus dem Konflikt entstandene territoriale Organisation der Stadt gelten, die in Nordbelfast

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eine besondere Bedeutung hat. Da die Fläche gewissermaßen einen Puffer zwischen mehreren angrenzenden katholisch-nationalistischen und protestantischunionistischen Nachbarschaften darstellt – und damit jede Entwicklung dort potenziell ein neues interface schafft – fällt sie zusätzlich in die Kategorie der städtebaulichen Auswirkungen des Konflikts. Bevor die Armee im Jahr 1970 das Gelände beanspruchte (McKernon 2005), befand sich dort tatsächlich ein Park, was heute aber kaum noch bekannt zu sein scheint. Ähnlich wie die Andersonstown Barracks wurde Girdwood von den Republikanern als Symbol der Unterdrückung und illegitimen Besatzung durch Großbritannien gesehen: „Girdwood, that’s what they came from to patrol our areas in their army vehicles and their blackened faces with their guns and their helicopters and land rovers“ (Mitarbeiter Ashton Community Centre 2014, pers. Gespräch). In dem republikanischen Blog Nuzhound wird Girdwood als „Base of Brutality“ und „the focal point of a reign of terror inflicted on the nationalist population in Belfast“ bezeichnet, es ist von Folter und einem brutalen und nahezu unmenschlichen Umgang mit Gefangenen die Rede (McKernon 2005). Welche Teile der Beschreibung Wahrheit und welche Legende sind, entzieht sich meiner Kenntnis – dies ist aber auch nicht entscheidend für den Zusammenhang dieser Arbeit, da hier die Interpretation des Orts als feindliches Territorium durch die republikanisch-nationalistische Gemeinschaft im Mittelpunkt des Interesses steht. Die Wahrnehmung auf loyalistischer Seite beschreibt der befragte Mitarbeiter der Lower Shankill Community Association als neutral bis positiv: Die Militärstation wurde als Teil der notwendigen Sicherheitsinfrastruktur und damit als Schutz für die eigenen Leute begriffen (2014, pers. Gespräch). Zudem wurden auch immer einige Zivilist*innen als Sicherheits- oder Reinigungskräfte gebraucht, was die Akzeptanz erhöhte. Diese Personen wurden überwiegend aus den umliegenden protestantischen Nachbarschaften rekrutiert. Der Großteil der Menschen in (Nord-)Belfast hat das Gelände allerdings nie betreten und somit keine Vorstellung davon, wie es hinter der Absperrung aussah oder was dort passierte: „In the case of Girdwood, [there] was a very long barrier or perimeter fence around it. There was a large footprint of ground inside it of which a couple of generations in Belfast have grown up and have had no idea what was inside that“ (Crime Prevention Officer PSNI 2014, pers. Gespräch). Auch die beiden befragten Mitarbeiter*innen des Greater Shankill Partnership Board, beide gebürtige Bewohner*innen des unionistischen Stadtteils Shankill, zeigen ein sehr distanziertes Verhältnis zu der Fläche, was ihrer Meinung nach auch die Aneignung und den weiteren Umgang erschwert:

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„Girdwood Barracks was an army barracks for all the time that I ever remember. And was not in the public realm, [...] it was not where you lived your life. It was not what you came up against. You know, it was there but it wasn’t part of you“ (Mitarbeiterin Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch). „Crumlin Road Gaol and Girdwood were never on our radar until ten years ago [...]. They weren’t part of this community. And they weren’t significant to it [...]. So that patch there is difficult. It’s been a no-man’s land for a long time. To make it every-man’s land now is like a big fucking ask, you know“ (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch).

Im Jahr 2005 wird die Kaserne von der Armee geräumt und das Gelände im darauffolgenden Jahr von DSD erworben (Muir 2014:58). Die Diskussion um seine Verwendung ist langwierig und macht Girdwood Park in der Post-Konflikt-Zeit zum „symbol of the failure of relationships in the North of the city“ (Projektverantwortliche Belfast City Council 2014, pers. Gespräch). Erst durch eine Initiative des Belfast City Council im Jahr 2012 zu einem vorläufigen Ende. Im Frühjahr 2014 wird mit den Bauarbeiten an einem so genannten Community Hub auf dem Gelände begonnen, der verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und zur Durchführung von Events, aber auch Räume für Belfast Metropolitan College zur Verfügung stellen soll. Anfang 2015 wird das Gebäude eingeweiht. Das Projekt soll „a derelict site into a positive icon of Belfast’s future“ verwandeln (Belfast City Council 2014b). 8.2.2 Überblick über den Diskursverlauf, Akteur*innen und Positionen Nach der Schließung des Gefängnisses gab es einige Jahre lang keine öffentliche Debatte über die Nachnutzung. Die Einschätzung, dass das Gebäude – vor allem im Zusammenhang mit dem angrenzenden, zu diesem Zeitpunkt noch von der britischen Armee genutzten Kasernengelände – eine wertvolle Entwicklungsressource für Nordbelfast darstellen könnte, wurde erstmalig 2002 im Report des North Belfast Community Action Project („Dunlop Report“) geäußert (North Belfast Community Action Unit 2002).10 Der Report schlägt eine Mehrzwecknutzung

10 Das North Belfast Community Action Unit war Ende 2001 als Reaktion auf die Aus-

schreitungen in Nordbelfast, die über Nordirland hinaus als „Holy Cross Dispute“ bekannt wurden und den noch jungen Friedensprozess auf eine harte Probe stellten,

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mit Wohneinheiten, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sowie kommerzieller Nutzung durch Einzelhandel vor. Auch solle die Möglichkeit geprüft werden, angrenzende Gebäude wie das ehemalige Gericht, das Mater Hospital und die Schule St Malachy’s College in zukünftige Entwicklungen zu integrieren (Building Design Partnership:83, Muir 2014:58). Das fertig entwickelte Gelände soll schließlich ein „symbol of hope and economic regeneration“ für Nordbelfast darstellen (Building Design Partnership 2007:15). Diese Empfehlung wurde zwar als eine Grundlage für den später erarbeiteten Masterplan genutzt, als Ganzes aber nicht umgesetzt. Bis zur dauerhaften Wiedereröffnung des Gefängnisses für Besucher*innen vergehen nach der Veröffentlichung des Reports zehn Jahre, bis zu einer Einigung über die Nachnutzung der Girdwood Barracks sogar noch mehr Zeit. Tabelle 5: Vorgeschichte/Kontext des Stadterneuerungsprojekts Crumlin Road Goal/Girdwood Barracks (eigene Abbildung) Jahr

Projekt

1996

Schließung Crumlin Road Gaol

1997

Kontext Nordbelfast

Schließung Crumlin Road Court House

1998

Karfreitagsabkommen

1999 2000

Fehde zwischen UDA und UVF in Shankill mit mehreren Toten

2001

Verkauf des Gerichtsgebäudes an Investor „Holy Cross Dispute“ in Nordbelfast

2002 2003

Veröffentlichung Dunlop Report Übergabe Gefängnis an OFMDFM

2004 2005

Räumung/Abriss Girdwood Barracks

Ein Mitarbeiter des Cliftonville Community Regeneration Forum, erklärt, dass bis zum Beginn des Diskurses über die beiden Orte deshalb eine solch lange Zeit verstreicht, weil die jeweiligen Anliegen aus den angrenzenden Nachbarschaften so unvereinbar scheinen. Besonders auf der unionistischen Seite herrscht die Angst vor, durch Wohnnutzung in Girdwood weiter zurückgedrängt zu werden:

eingesetzt worden und blieb bis zu seiner Auflösung im Jahr 2010 eine Untereinheit von OFMDFM.

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Tabelle 6: Zeitstrahl mit Ereignissen, Phasen, Akteur*innen und Zielen Zielen der Stadterneuerungsprojekte Crumlin Road Goal und Girdwood Park (eigene Abbildung) Jahr

Ereignisse

Akteur*innen

Ziele & Motive

2006

Advisory Panel wird einberufen

Leitbildformulierung

Advisory Panel: ca. 20 Mitglieder aus Politik + Zivilgesellschaft+ unabhängige Expert*innen, Vorsitzender BDP

BDP: Auftrag/Entwurf Veröffentlichung Masterplan

Ende Maspterplanprozess

BDP Vorsitzender DSD

Internationale Bedeutung Tourismusförderung Imageverbesserung Schaffung eines neuen Quartiers für neue Nutzer*innen Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten Konnektivität

2007

2008

EQIA

Prozesse werden getrennt

DSD

OFMDFM

Ereignisse

Akteur*innen

Ziele & Motive

Ereignisse

Akteur*innen

Ziele & Motive

Probeöffnung durch OFMDFM/ NBCAU

OFMDFM/ NBCAU Politiker*innen Community Representatives

Aufwertung Imageverbesserung Beschäftigungsund Ausbildungsmöglichkeiten Konnektivität Ministerin kündigt Wohnungsbau an Protest

DSD Community Representatives

Politische Profilierung Lebenssituation im Stadtteil verbessern

Einigung über Konzept Belfast City Council beantragt PEACE-Gelder bei SEUPB

Belfast City Council Community Representatives DSD Politiker*innen Anwohner*innen (SEUPB ohne eigene Diskursbeiträge)

Crumlin Road Goal

2009

2010

2011 2012

Eröffnung, Events und Führungen

„Shared Space“ Verbesserung der Beziehungen Teilhabe der Nachbarschaft Theming of city space

Konsultationen SEUBP bestätigt Mittelzuweisung für Community Hub

2013

2014

Girdwood Park

Gewinn des Tourismus-Awards

Bau Community Hub

2015 2016

Eröffnung Community Hub Weitere Baumaßnahmen

Erfüllung lokaler Bedürfnisse: Beschäftigungsund Ausbildungsmöglichkeiten, Freizeitangebote Quartiersbelebung „Shared Space“ Flexibilität als Querschnittsthema

„For a couple of years after the army moved out there was a lot of fear…people within the unionist community didn’t want to talk about it. […] People were saying ‚no, we don’t want to talk about Girdwood‘. […] The fear was that it was going to be turned into a big Nationalist housing estate. It wasn’t […] any sort of security fear except that it was gonna be, you

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know, 600 nationalist houses. And in fairness, there were people on the Nationalist side who did argue for it. I remember the first time I raised [the issue] about the need for facilities in there, for jobs as well as housing, ‚No, we just want housing. What do youse want talking about jobs? We just want housing‘“ (2014, pers. Gespräch).

Für die nationalistische Gemeinschaft ist die Frage nach zusätzlichem Wohnraum wie erläutert vordringlich, da ihr Anteil an der Bevölkerung ansteigt und die Bevölkerungsdichte in den nationalistischen Teilen Nordbelfasts die durchschnittlichen Werte für Belfast weit übertrifft. Ein weiteres Anliegen, das von Vertreter*innen nationalistischer Nachbarschaften in die Diskussion eingebracht wird, ist die Forderung nach zusätzlichen Sport- und Freizeiteinrichtungen, da sich die bislang existierenden ihrer Meinung nach vorwiegend auf „protestantischem Terrain“ befinden (Sinn Féin 2005). Für die unionistische Gemeinschaft hingegen ist die Forderung nach zusätzlichem Wohnraum ein rotes Tuch, da ihr Anteil an der Bevölkerung entsprechend des Wachstums der nationalistischen Gemeinschaft zurückgeht und viele Häuser auf unionistischem Gebiet bereits leer stehen. Sie fühlen sich zurückgedrängt und sehen ihre Gemeinschaften nahe dem Kollaps. Im März 2006 beruft der damalige Nordirlandminister David Hanson – die nordirische Versammlung ist zu diesem Zeitpunkt seit über drei Jahren suspendiert, so dass diese Aufgabe vom NIO übernommen wird – ein Advisory Panel ein, das aus knapp 20 Personen besteht. Darunter sind Vertreter*innen von Nachbarschaftsorganisationen, gewählte Vertreter*innen im City Council und der regionalen Versammlung sowie Mitarbeiter*innen von Behörden (Belfast City Council, North Belfast Community Action Unit/OFMDFM) und beratenden Organisationen (Strategic Investment Board, Community Relations Council, ehem. Leiter der Laganside Corporation; Building Design Partnership 2007:49, Muir 2014:59). Das Panel soll Empfehlungen für die Nachnutzung des Gefängnisgebäudes sowie der angrenzenden Militärfläche erarbeiten. Die Leitung übernimmt ein selbstständiger Stadtplaner und gebürtiger Belfaster, der seit vielen Jahren und in mehreren Ländern Stadterneuerungsverfahren beratend begleitet. Aufgrund vormaliger Aufträge ist er bestens vertraut mit Nordbelfaster Besonderheiten und Herausforderungen. Die erste Aufgabe des Gremiums ist es, sich auf ein Leitbild für die Projektentwicklung zu einigen, was zunächst scheinbar gelingt und wie folgt lautet: „To create a regeneration project of international significance which brings maximum economic, social and environmental benefits to the local and wider community and in doing so creates a vibrant, inclusive and diverse environment which attracts present and future generations to work, live and play“ (Building Design Partnership 2007:4).

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Der Vorsitzende wertet die Einigung als Erfolg. Erst später stellt sich heraus, dass nicht alle Mitglieder des Panels den Wortlaut des Leitbilds als bindend betrachten (2014, pers. Gespräch). Im folgenden Prozess unterstützen die Mitglieder DSD dabei, eine Shortlist von Architektur- und Planungsbüros zu erstellen, die für den Entwurf eines Masterplans für Girdwood Park und das Gefängnis infrage kommen (Vorsitzender Advisory Panel 2014, pers. Gespräch). Der Auftrag wird im Februar 2007 schließlich an das englische Großbüro Building Design Partnership (BDP) vergeben (Miller 2006).11 Der anfängliche Optimismus der Panel-Mitglieder weicht nach kurzer Zeit jedoch der Ernüchterung über die stark divergierenden Positionen beim Thema Wohnen und die geringe Verhandlungsbereitschaft einiger Personen. Der Vorsitzende des Panel benennt hier konkret die Vertreter*innen der unionistischen Parteien (2014, pers. Gespräch, vgl. Fallon 2011). Im Juli 2007 veröffentlicht DSD den von BDP erstellten Draft Masterplan für die kombinierte Girdwood/Gaol-Fläche, in dem ein komplett neues Quartier innerhalb von Nordbelfast entworfen wird. Dem Entwurf vorausgegangen sind „two rounds of public consultations with local communities […] at analysis and ideas stages, in open and group formats, including one cross-community forum“ (Building Design Partnership 2007:4). Auch Vertreter*innen von „[s]tatutory and voluntary bodies“ wurden im Rahmen dieser Beteiligungen befragt (Building Design Partnership 2007:4). Weitere Konsultationen werden im Masterplan angeregt. Zudem wird die Hoffnung ausgedrückt, die Fläche möge zu einem gemeinsam genutzten Ort („shared space“) werden, der attraktive Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten bietet und für die Bewohner*innen Nordbelfasts sowie für Tourist*innen attraktiv ist. Das Gefängnis soll nach diesen Plänen in eine touristische „destination with international profile“ umgewandelt werden, die auch Angebote für die lokale und weitere Belfaster Bevölkerung bereitstellt und als Hauptzugang zum Gelände fungieren (Building Design Partnership 2007:73). Um diese Destination mit Leben zu füllen, sei ein „heritage feature“ vorstellbar, das die Geschichte des Gefängnisses oder gleich die Geschichte der Gefängnisstrafe insgesamt erzählt, gegebenenfalls verbunden mit einer „campaign for justice“ in Zusammenarbeit mit Amnesty International (Building Design Partnership 2007:73). Als inhaltlich nicht weiter begründete und gerade im Nordbelfaster Kontext kurios bis unsensibel anmutende Erweiterung schlägt der Masterplan die Einrichtung einer „Irish

11 Der Vorsitzende des Advisory Panel war über viele Jahre und bis kurz vor dem Beginn

des kombinierten Gaol/Girdwood-Prozesses Mitarbeiter bei BDP, hat nach eigener Aussage allerdings am Auswahlprozess nicht teilgenommen, um dem Eindruck der Parteinahme vorzubeugen (2014, pers. Gespräch).

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Genealogy exhibition“ vor, welche die Geschichte der Iren und ihrer Diaspora erzählt (Building Design Partnership 2007:73). Es wird weiterhin vermutet, dass eine Nutzung „relating to conflict resolution“ vermutlich von etlichen „charitable foundations worldwide“ finanziell unterstützt werden würde (Building Design Partnership 2007:74). Zu „ernsthaft“ solle die Nutzung jedoch nicht werden, um weiterhin touristisch attraktiv zu bleiben (Building Design Partnership 2007:74). Das Herzstück („heartspace“) des neuen Quartiers soll sich an der Rückseite des Gefängnisgebäudes befinden und aus „new buildings of high quality, modern design, sympathetic to the robust style of the 19th century prison [and] suitable for a range of compatible uses including learning, speciality leisure/entertainment and business incubation“ bestehen (Building Design Partnership 2007:5). Darüber hinaus werden Wohn- und Gewerbenutzung, Sportanlagen und diverse weitere Freizeitmöglichkeiten vorgeschlagen. Der Text greift auch die Kontroversen auf, die als Hindernis für die Umsetzung des Masterplans gesehen werden: Zwar befürworten die Berater*innen von BDP und der Vorsitzende des Panel deutlich den Bau von Wohneinheiten auf der Fläche, es wird jedoch eingeräumt, dass es zu diesem Thema innerhalb des Panel nicht zu einer Einigung gekommen sei (Muir 2014:59, Building Design Partnership 2007:6). Dies habe vornehmlich mit den Vorbehalten von Seiten der unionistischen Vertreter*innen zu tun, die um den Verlust des neutralen, für alle zugänglichen Charakters des Geländes fürchten, da sicher in die Mehrheit der Wohnungen nationalistische Bewohner*innen einziehen würden. Um die Entstehung eines neuen interface zu vermeiden, präferieren viele Bewohner*innen der angrenzenden unionistischen Nachbarschaften eine Lösung, nach der gar niemand in Girdwood wohnt. Die Vertreter*innen der nationalistischen Nachbarschaften machen sich wiederum für Wohnraumentwicklung stark – einige hätten sogar gerne eine ausschließliche Wohnnutzung gesehen – weil sie das Fehlen von Wohnraum als ihr vordringlichstes Problem erachten. Als zweites kontroverses Thema stellt sich die Diskussion um die weiteren Straßenzugänge zum und auf dem Gelände heraus. Bislang war die Kaserne komplett von ihrer Umgebung abgeschottet, jetzt soll die Fläche besser zugänglich und begehbar sein. Mögliche Zufahrtswege sind stets einer der segregierten Nachbarschaften zugeordnet, was die Planung der Verkehrswege stark verkompliziert. Einerseits sollen keine neuen interfaces geschaffen werden, andererseits sollen alle Nachbarschaften gleichwertigen Zugang zu den Angeboten erhalten. Einige der angrenzenden Straßen stellen – wie die Cliftonpark Avenue nordwestlich der Fläche – bereits ein interface dar, so dass es gerade Fußgänger*innen nicht unbedingt sicher erscheint, diese Zugänge zu nutzen. Der Masterplan verweist auf die

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Möglichkeit, gerade Fußgängerwege erst nach und nach einzuführen, wenn sich die Sicherheitssituation verbessert (Building Design Partnership 2007:5-6). In der Erinnerung des Panel-Vorsitzenden ist es vor allem mit den Vertreter*innen der unionistischen Parteien schwierig, einen Kompromiss zu finden, da sie die Entwicklung von Wohnraum kategorisch ablehnen. Daher ging er schon bei der Übergabe seines Berichts an die DSD-Ministerin Margaret Ritchie (SDLP) davon aus, dass der Masterplan in der damaligen Fassung wohl kaum umgesetzt werden würde (Vorsitzender Advisory Panel 2014, pers. Gespräch). Nach der Veröffentlichung des Masterplans werden kritische Stimmen in allen anliegenden Nachbarschaften laut, die unzufrieden mit den Vorschlägen sind und monieren, dass die darin enthaltenen Nutzungen nicht ausreichend der lokalen Bevölkerung zugutekommen. Zudem scheint sich auch unter den am Prozess beteiligten Vertreter*innen der zivilgesellschaftlichen Organisationen der Eindruck zu verstärken, dass das Wohl der Bevölkerung zumindest für die Architekt*innen nicht unbedingt im Vordergrund gestanden habe bzw. sie nicht ausreichend Sensibilität für die Besonderheiten Nordbelfasts mitgebracht hätten. Ihre Vorstellungen, so der Vorwurf, orientierten sich an erfolgreichen Großprojekten in anderen Städten, die ein internationales Publikum anziehen und beeindrucken sollen; lokale Bedürfnisse und Vorbehalte seien nicht ernst genug genommen worden. Der Vertreter des Cliftonville Community Regeneration Forum beim Advisory Panel erklärt dazu, dass er einige der Vorschläge von BDP bei den Informationsveranstaltungen in seiner Nachbarschaft Cliftonville gar nicht erst gezeigt habe, „[because] people would have thought I’m on drugs“ (2014, pers. Gespräch). Dabei zeigt er durchaus Verständnis für die Perspektive der Planer*innen, ist sich aber sicher, dass sie die Besonderheiten Nordbelfasts nicht hätten einschätzen können: „I just don’t think they had a clue. All they were trying to do was regenerate the site. They weren’t thinking, ‚right, this site has got a major potential to contribute to peace and reconciliation. It could address deep disadvantage and deep division‘. These people don’t live here, these people were never involved in the conflict! The consultants and a lot of the officials are dead on, you know, but they were in a job. They have to come and provide papers for this. They don’t see the big picture“ (2014, pers. Gespräch).

Um der öffentlichen Diskussion einen anderen Fokus zu geben und ein Gefühl dafür zu vermitteln, welche greifbaren positiven Veränderungen die Renovierung und Öffnung des Gefängnisses für Nordbelfast mit sich bringen könnten, kündigt die DSD-Ministerin Margaret Ritchie im September 2007 eine probeweise Öffnung des Gefängnisgebäudes an. An zwei Tagen in der Woche wird es bis Dezem-

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ber 2007 die Möglichkeit geben, an touristischen Führungen durch das Gebäude teilzunehmen. Außerdem soll Shakespeares Macbeth im Rahmen des Belfast Festival @ Queen’s, dem traditionsreichsten und größten Kulturfestival der Insel Irland, im Gefängnis aufgeführt werden. Erste Baumaßnahmen beinhalteten zunächst die sicherheitsrelevante Instandsetzung sowie den Witterungsschutz. Die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen an der Fassade wie Explosionsschutzwände, Stacheldraht und kugelsicheres Glas werden abgebaut, damit „the wonderful architecture of this listed building which was […] designed by Sir Charles Lanyon“ wieder wahrgenommen werden könne (Margaret Ritchie, zit. n. Clerkin 2007). Nach Weihnachten 2007 sollen weitere Renovierungsarbeiten folgen. Weiterhin möchte Margaret Ritchie neuerliche Konsultationen bezüglich der langfristigen Entwicklung des Gebäudes und der angrenzenden Fläche durchführen, die auf den bereits bestehenden Draft Masterplan aufbauen sollen. Zunächst möchte ihr Ministerium jedenfalls noch keine Nutzungsmöglichkeit explizit ausschließen. Noch im Oktober beginnen die Konsultationen mit einer Pressekonferenz, auf der die Ministerin die Öffentlichkeit davon überzeugen möchte, was für eine wichtige und einzigartige Chance die Entwicklung des Gebiets für die Erneuerung Nordbelfasts und der Stadt als Ganzes darstellt: „If we are successful then this site, at one time one of the most isolated and uninviting in Northern Ireland, can become one of Belfast's most vibrant and attractive places“ (Belfast Telegraph 2007b.). Sie betont, dass der Draft Masterplan kein fertig ausgearbeiteter und unumstößlicher Plan sei, sondern vor allem zeigen solle, welche vielfältigen Möglichkeiten die Fläche biete. Weder würde durch ihn eine bestimmte Nutzung vorgeschrieben noch von vorneherein ausgeschlossen. Ende Januar 2008 soll diese Konsultationsrunde abgeschlossen sein (Belfast Telegraph 2007b). Aufgrund anhaltender Kritik am Verlauf des Masterplan-Prozesses, am deutlichsten geäußert von der Organisation Participation and the Practice of Rights (PPR), führt das North Belfast Community Action Unit ab Oktober 2008 ein Equality Impact Assessment (EQIA) durch (Muir 2014).12 Zu Beginn des Prozesses wurde es vom NBCAU versäumt, ein entsprechendes Assessment anzuwenden, da die Verantwortlichen – anders als viele Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher 12 Ein Equality Impact Assessment (EQIA) ist ein im Vereinigten Königreich angewandtes rechtliches Werkzeug, mit dem geprüft wird, ob ein Projekt oder ein Gesetz eine bestimmte Bevölkerungsgruppe benachteiligen. In Nordirland wurde es mit dem Northern Ireland Act von 1998 eingeführt (sog. Section 75 legislation) und ist als einer der ersten Schritte vorgesehen, bevor der eigentliche Planungsprozess in Gang kommt. Untersuchte Parameter sind religiöse Überzeugung, politische Meinung, ethnische („racial“) Zugehörigkeit, Alter, Familienstand, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Behinderung sowie Verpflichtungen bei der Versorgung Familienangehöriger.

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Organisationen – davon überzeugt waren, über andere Kanäle ausreichend Bürgerbeteiligung durchgeführt zu haben (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch). Im Rahmen des nachträglichen EQIA gehen 28 schriftliche Kommentare von verschiedenen Organisationen und einer Einzelperson ein. Die weitreichendste Empfehlung des daraus entstandenen Berichts ist es, die Entwicklung des Gefängnisses von der des Kasernengeländes zu trennen und der Renovierung und weiteren Verwendung des Gefängnisses Priorität einzuräumen, da über diese weitgehende Einigkeit herrsche (Muir 2014:58, Northern Ireland Audit Office 2011:18, Department for Social Development 2009:1). Die verantwortlichen Institutionen folgen dieser Empfehlung. Für Girdwood Park zeichnet sich zu diesem Zeitpunkt noch keine Einigung ab, weswegen der Bericht sich dafür ausspricht, die Entwicklung „stufenweise“ vorzunehmen, so dass die Gemeinschaften mit der Durchführung einzelner Projekte Selbstbewusstsein und gegenseitiges Vertrauen aufbauen könnten, um zu einem späteren Zeitpunkt auch die umstritteneren Projektteile in Angriff zu nehmen (Department for Social Development 2009:1). Ein überarbeiteter Entwurf sieht vor, die Wohnnutzung von der sonstigen Nutzung zu trennen (Department for Social Development 2009:19). In der Mitte des Girdwood-Geländes befindet sich nach diesem Entwurf ein Sportfeld, am Rand soll die Möglichkeit zur Freizeitnutzung gegeben sein. Auch Erweiterungen für die angrenzende Schule St. Malachy’s sowie das Mater Hospital sind weiterhin Teil der Pläne. An der Rückseite des Gefängnisses soll ein so genannter Community Hub gebaut werden, in dem Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Freizeit- und Sportangebote genutzt werden können (Muir 2014:59, Department for Social Development 2009:19). Das Gefängnis erscheint in diesem Papier als reines Tourismusprojekt. Dem North Belfast Community Action Unit wird bis zu seiner Auflösung im April 2010 die Verantwortung für die Entwicklung des Gefängnisgebäudes übertragen (Northern Ireland Audit Office 2011), DSD behält die Verantwortung für das Girdwood-Gelände. Für das Gefängnis wird über ein Museum als mögliche Nachnutzung nachgedacht, außerdem sind Restaurants und eine Kunstgalerie sowie Gemeinschaftsgärten im Gefängnishof im Gespräch. Am Gebäude werden im Laufe der folgenden Jahre weitere Instandsetzungsmaßnahmen vorgenommen. Zwischen den Bauphasen wird das Gefängnis auch immer wieder für Besucher*innen geöffnet. Während der ersten Öffnungsphase von September bis Dezember 2007 hatte das Gefängnis ca. 7.000 Besucher*innen angelockt, von Juni bis September 2008 waren es sogar fast 10.000 und damit deutlich mehr als erwartet (Northern Ireland Audit Office 2011). Der Abschluss der Maßnahmen und die dauerhafte Öffnung werden auf Herbst 2011 festgesetzt. Unter anderem sollen das Torhaus und der governor’s corridor renoviert, die visitor facilities verbessert

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werden. Die Ersten Minister betonen die Wichtigkeit des Projekts sowohl für Nordbelfast als auch für die touristische Entwicklung der Stadt und den von der Finanzkrise stark betroffenen Bausektor (Belfast Telegraph 2010b). Die Entwicklung einer umfassenden und groß angelegten Marketingstrategie wird noch nicht als sinnvoll betrachtet, da es keinen beschlossenen Masterplan gibt und das Gefängnis nach wie vor nicht als beendetes Projekt betrachtet wird. Es soll so vermieden werden, zu große Hoffnungen bezüglich der touristischen und ökonomischen Effekte bei der Bevölkerung zu wecken (Northern Ireland Audit Office 2011:47). Danach ebbt der Diskurs um den Komplex wieder ab. Nur das gegenüberliegende Gerichtsgebäude gerät 2009 in die Schlagzeilen, als innerhalb weniger Monate mehrere Brandanschläge darauf verübt werden. In der Folge verschlechtert sich das Verhältnis zwischen dem Besitzer und Investor Barry Gilligan und der anliegenden Lower Shankill Community dramatisch. Gilligan beschuldigt „die community“, die Brandanschläge verübt zu haben, diese weist die Anschuldigungen weit von sich und verdächtigt Gilligan selbst, Brandstifter*innen beauftragt zu haben. Die wirklichen Hintergründe werden nie öffentlich bekannt. Im Jahr 2012 wird das Gefängnis nach umfangreichen Renovierungsmaßnahmen als Touristenattraktion und Konferenzzentrum wiedereröffnet – und zwar von zwei der bekanntesten ehemaligen Insassen, den Ersten Ministern Peter Robinson (DUP) und Martin McGuinness (Muir 2014:58). Im Juni 2014 führen sie sogar gemeinsam Queen Elizabeth und Prinz Philipp durch das Gebäude (Philipson 2014, BBC News 2014b, Moriarty 2014). Neben mehreren Führungen täglich (normale und „paranormale“, so genannte spook tours) finden in dem ehemaligen Gefängnis zahlreiche Events statt, von Johnny Cash Tribute Nights und anderen Konzerten über Ausstellungen bis hin zu Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Führungen werden teilweise von ehemaligen Insassen des Gefängnisses geleitet. Die Räumlichkeiten können weiterhin für unterschiedliche private und geschäftliche Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern oder Hochzeitsempfängen, aber auch für Konferenzen gebucht werden (Ryan 2012). Einer der Flügel beherbergt mittlerweile eine Whiskeybrennerei (Belfast Telegraph 2012a). Die Führungen sowie die Vermietungen werden von einem Privatunternehmen im Auftrag von OFMDFM durchgeführt. Besondere Anfragen, z. B. von Filmcrews, werden in Absprache mit OFMDFM bearbeitet und nach Aussage eines leitenden Mitarbeiters des Ministeriums überwiegend positiv beantwortet (2014, pers. Gespräch). Es wird jedoch darauf geachtet, keine Gefühle zu verletzen und „mit einer gewissen Sensibilität“ mit dem Gebäude und seiner Geschichte umzugehen, um den mittlerweile erreichten Status als „unifier“ nicht aufs Spiel zu setzen (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch). Im Jahr 2014 hat das Crumlin Road Gaol die NI Tourism Awards für ein „Highly Commended Best Visitor

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Experience“ erhalten. Es wurde vom Royal Institute of Chartered Surveyors als Projekt des Jahres und noch einmal gesondert wegen seiner positiven Effekte für die umliegenden Nachbarschaften in der Kategorie „community benefit“ ausgezeichnet (Stewart 2014a). Aufgrund der kreativen und friedlichen Nutzung wird das Projekt als Symbol für Nordirlands „journey to peace“ und die Umwidmung von „swords into ploughshares“ beschrieben (Clarke 2014). Im Interview erläutert ein Mitarbeiter des Regeneration Department von OFMDFM seine Vision, dass die Renovierung des Gefängnisses den Startschuss für die Entstehung eines „Historical Quarter“ in Nordbelfast bildet, in dem die verschiedenen historisch bedeutsamen Gebäude in der Umgebung miteinander verbunden werden. Er hofft darauf, dass dadurch Nordbelfast insgesamt attraktiver und als Teil der touristischen Destination Belfast vermarktbar wird: „You have got the old Orange Hall, you’ve got the Clifton Cemetery, you’ve got Clifton House which was the old workhouse and before that it was owned by people who were very active in the anti-slavery movement. You’ve the old Jewish synagogue down there, you’ve got a huge Jewish history to this part of town, you’ve got a Hindu temple, and you’ve got a Russian Orthodox and Greek Orthodox Church around the corner. So whenever you wind down deep into the history of this area, there’s a lot there that people will want to see. We need to bring that out“ (2014, pers. Gespräch).

Konkrete Pläne für die Umsetzung eines weiteren – dann insgesamt achten – thematischen Quartiers sind bislang nicht bekannt. Bemerkenswert ist an dieser Vision einerseits die Vielfalt der als historisch bedeutsam identifizierten Gebäude und ihrer Bedeutungen, andererseits fehlt in der Aufzählung aber sehr offensichtlich ein symbolisches Medium, das die jüngste Vergangenheit repräsentiert. Zudem bezieht er Andachtsorte mehrerer religiöser Traditionen ein, wodurch besonders deutlich auffällt, dass die beiden in Nordirland am stärksten vertretenen Traditionen dabei nicht vorkommen. Die öffentliche Diskussion um die Nachnutzung der Girdwood Barracks nimmt erst wieder Anfang 2010 – und damit nur wenige Wochen vor dem Wechsel an der Spitze des Ministeriums – an Fahrt auf, als die Ministerin Margaret Ritchie den Plan kundtut, sofort mit dem Bau von 200 „low-cost“ Wohneinheiten auf der Fläche beginnen zu wollen (Belfast Telegraph 2010a).13 Für die darüber hinaus gehende Nutzung möchte sie aber durchaus auch weiterhin einen Konsens 13 Der Zusatz low-cost deutet darauf hin, dass Sozialwohnungen gebaut werden sollen, die dann vermutlich vor allem an die bereits auf der Warteliste stehende nationalistische Bevölkerung des Stadtteils vergeben würden – nicht an die neuen Mittelschichts-Bewohner*innen, die der erste Masterplan anziehen sollte.

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finden. Der zu erwartende Gegenwind zu diesen Plänen folgt umgehend. Nigel Dodds, der unionistische MP für Nordbelfast und Ritchies Vorgänger im Amt, hält der Ministerin vor, alleine vorzupreschen und dabei nicht die Wünsche der Anwohner*innen zu berücksichtigen. Gerade die (unionistische) Lower Oldpark Community habe in der Vergangenheit deutlich ihr Unbehagen über die Wohnnutzung geäußert und befürchte eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften in Nordbelfast. Unterstützung bekommt Ritchie indes von einem Parteikollegen, dem Nordbelfaster Stadtratsmitglied Patrick Convery, der vor allem die schwierige und unzureichende Wohnsituation der nationalistischen Nachbarschaften zu bedenken gibt (McCready und Lovett 2010). Nach dem Ende von Ritchies Amtszeit im Februar 2010 dauert es ein ganzes Jahr, bis ihr Nachfolger Alex Attwood die Pläne aufgreift. Er kündigt im März 2011 den Bau von 200 Wohneinheiten und damit eines der größten Projekte des sozialen Wohnungsbaus in Nordirland an. In seiner Vision sollen „windows and washing lines“ zukünftig „watchtowers and sangers“ auf dem Gelände ersetzen und dadurch „a much brighter future for everyone in the area“ einleiten (Belfast Telegraph 2011). Wie bereits im vorhergehenden Jahr lässt der Einspruch von unionistischer Seite nicht lange auf sich warten. Nigel Dodds nennt den Vorstoß in einer Presseerklärung „zynisch“ und weist darauf hin, dass Pläne dieser Art nicht von einem Minister alleine beschlossen werden können, sondern von der nordirischen Versammlung unterstützt werden müssen. Der plötzliche Vorstoß untergrabe den Planungsprozess, der gemeinsam von DSD und OFMDFM geleitet würde und verschlechtere die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften in Nordbelfast. Zusammen mit den DUP-Kollegen Nelson McCausland und William Humphrey gibt er ein Statement heraus, in dem sie erklären, dass die angrenzende unionistische Lower Oldpark-Community vor Angriffen dieser Art geschützt werden müsse. Sie kündigen an, dass alle drei den Plänen in der nordirischen Versammlung nicht zustimmen werden. Gerry Kelly, Sinn Féin-Mitglied der nordirischen Versammlung für Nordbelfast, vermutet im Hinblick auf die für den 5. Mai angesetzten Regionalwahlen eine Wahlkampftaktik („electioneering“) hinter der Ankündigung des Ministers (McAdam 2011a). Nach den Wahlen besetzt Nelson McCausland, der auch ein Mitglied des ursprünglichen Advisory Panels gewesen war, das Amt des DSD-Ministers. Er nimmt die Initiative seiner Vorgänger*innen im August 2011 zurück und erinnert an den ursprünglichen Masterplan, in dem die Wichtigkeit von allseitiger Unterstützung für den Erfolg eines Projekts auf der Fläche betont wird, „particularly with regard to housing“ (McAdam 2011b). Die SDLP vertritt nach wie vor den Standpunkt, dass Girdwood die einzige Fläche in Nordbelfast ist, mit welcher der Bedarf nach Wohnraum gedeckt werden kann. Die Wichtigkeit von Wohnraum

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wird auch von einem Vertreter des Cliftonville Community Regeneration Forum betont. Er weist gleichzeitig kritisch darauf hin, dass keine*r der bisherigen Minister*innen die lokale Bevölkerung überhaupt nach ihren Wünschen und Vorstellungen befragt habe (vg. Malcolm 2011). In der Folge gelingt es dem Minister – unterstützt von den Nachbarschaftsorganisationen der umliegenden Quartiere – tatsächlich, die gewählten Vertreter*innen für Nordbelfast zu einer neuen Diskussionsrunde zusammenzubringen. Sechs Monate lang arbeiten sie an einem Konzept, das sie im Mai 2012 gemeinsam der Öffentlichkeit vorstellen (Department for Social Development 2011): Danach soll der „Community Hub“ das Herzstück der Fläche bilden. Weiterhin sollen ein Spielfeld für verschiedene Sportarten (Fußball, Rugby und Gaelic Football), eine Sporthalle und ein gewerblich genutztes Gebäude entstehen. Wohnnutzung ist auch vorgesehen, allerdings nicht mehr in einem Stück, sondern auf zwei verschiedenen, an entgegengesetzten Enden gelegenen Teilen der Fläche (Devenport 2012). Das etwas größere Stück kann damit der nationalistischen Nachbarschaft New Lodge zugeordnet werden, das kleinere der unionistischen, von Schrumpfung bedrohten Nachbarschaft Lower Oldpark (Baker 2012). Zahlen oder Daten werden in der Erklärung jedoch nicht genannt, der Plan bleibt sehr vage. Der Community Hub soll verschiedene Freizeit-, Gesundheits- und Bildungsangebote beinhalten und zudem Beschäftigungsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung schaffen, die zu diesem Zeitpunkt aber nicht spezifiziert werden. Die Einigung der politischen Vertreter*innen kommt gerade noch rechtzeitig, damit Belfast City Council knapp zehn Millionen Pfund für die Entwicklung des Community Hub beim Special European Union Programmes Body (SEUPB) bzw. PEACE III-Programm14 beantragen kann (Devenport 2012). Der Plan erzielt gemischte Reaktionen: Kritiker*innen äußern ihre Unzufriedenheit darüber, dass die Wohnungen nicht auf der Basis der größten Nachfrage vergeben werden sollen, sondern dass zwei Teilflächen für Wohnnutzung – de facto eine „katholische“ und eine „protestantische“ Teilfläche – ausgewiesen werden (Burns 2012). Wieder andere sind enttäuscht, dass die bestehende Lösung aufgrund der aus dem Konflikt herrührenden Befindlichkeiten der Gemeinschaften und der verantwortlichen Politiker*innen nur einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ darstellt und keine 14 Der Special European Union Programmes Body ist verantwortlich für die Durchführung der Strukturprogramme PEACE I – IV, INTERREG VA sowie der europäischen Strukturfonds in Nordirland, der nordirisch-irischen Grenzregion und Westschottland. Das PEACE-Programm ist ein spezieller Fonds für Nordirland und die Grenzregion zur Republik, der seit 1995 existiert und als Reaktion auf den Waffenstillstand der paramilitärischen Gruppen in Nordirland ins Leben gerufen wurde. PEACE IV läuft bis zum Ende der aktuellen Förderperiode im Jahr 2020.

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Möglichkeit gefunden wurde, wie das Wohngebiet stärker gemeinsam und die Fläche insgesamt kreativer hätte genutzt werden können (Baker 2012). Trotzdem sind selbst diejenigen, die den Plan als wenig kreativ beurteilen, erfreut darüber, dass es überhaupt zu einer Einigung über das weitere Vorgehen gekommen ist und der Stillstand zumindest vorläufig beendet zu sein scheint: „Football pitches, is that the best use of the land? I wouldn’t necessarily be convinced that it is, but you know what? The politicians came to an agreement. And to see the politicians get to an agreement that’s nearly like something that’s never happened before in North Belfast“ (Mitarbeiter Cliftonville Community Regeneration Forum 2014, pers. Gespräch). „And then that plan was launched in May 2012 […]. It represented a significant progress in that it did have cross-community support; and it had an element of housing but a muchreduced element. And it included the Community Hub. It was primarily leisure, some housing. But limited. The location obviously very important; it didn’t talk about phasing or it didn’t talk about timing but it did talk about the aspiration for the site and how it would function“ (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch).

Verteidigt wird der neue Plan auch aufgrund der veränderten Verhältnisse und der geringeren Investitionsbereitschaft nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ein Vorhaben von den Dimensionen des ersten Masterplans nicht mehr erlaubten: „So that plan (the original Masterplan, Anm. d. Verf.), it coincided then with the market changing entirely. It had been premised on a lot of private-sector investment, on quite dense apartment-building. Again, with a view to it being private sector. And that that would then facilitate whatever kind of community facilities were in there. But there was meant to be a provision of training opportunities, community and leisure. Broadly funded by private sector“ (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch).

Bereits nach wenigen Tagen zieht die SDLP ihre Zustimmung zu dem Kompromiss aber schon wieder zurück, da sie die beiden Regierungsparteien Sinn Féin und DUP verdächtigt, einen Kuhhandel eingegangen zu sein: Dafür, dass Sinn Féin die Pläne des Ministers auf der Girdwood-Fläche unterstützt, soll die DUP der bislang umstrittenen Einrichtung eines Konflikttransformationszentrums im ehemaligen Gefängnis Maze/Long Kesh zugestimmt haben (Belfast Telegraph 2012b). Nelson McCausland zeigt sich in seinem Blog sehr enttäuscht über den Rückzug der SDLP (McCausland 2012) und bestreitet weiterhin eine Verbindung zwischen den beiden Projekten (McAdam 2012). Aufgrund der vielen widersprüchlichen Aussagen und Signale seit dem Scheitern des ersten Masterplans

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entsteht bei einigen Interviewpartner*innen der Eindruck, die Fläche würde als „political football“ genutzt (vgl. auch Muir 2014). Nachdem die Europäische Union bestätigt, dass sie den Bau des Community Hub auf der Girdwood-Fläche aus dem PEACE III-Fonds finanzieren wird, übernimmt Belfast City Council die Initiative: Ein Hub Forum, das sich aus Mitarbeiter*innen von Ministerien (DSD und OFMDFM), Mitgliedern von Nachbarschaufsorganisationen und gewählten Vertreter*innen zusammensetzt, tritt regelmäßig zusammen um den Prozess zu besprechen und zu managen. Dieser wird als weitaus positiver eingeschätzt als der vorausgegangene Masterplan-Prozess: „At the very, very beginning the Council didn’t really engage. But in fairness to them: once they then did engage, they did engage. […] Personally speaking, I wouldn’t be queuing up to criticise the Council. Within the context that they’re trying to work in they’ve done as good as I think that could be done“ (Mitarbeiter Cliftonville Community Regeneration Forum 2014, pers. Gespräch).

Ein positiver Nebeneffekt des Hub Forum scheint zu sein, dass die Vertreter*innen der angrenzenden Community-Organisationen sich im Verlauf des Prozesses besser kennen gelernt und eine vertrauensvolle Basis der Zusammenarbeit miteinander aufgebaut haben. Dies hängt teilweise mit der Arbeit im Hub Forum zusammen, der Grundstein dafür wurde aber wohl schon einige Jahre zuvor gelegt, als drei Community Representatives aus Cliftonville, Lower Shankill und Lower Oldpark gemeinsam die Initiative „North Talks, too“ ins Leben riefen und dafür die erforderlichen finanziellen Mittel von DSD akquirierten. So sind sie sogar dazu in der Lage, gemeinsam auf nachträgliche Anfragen des SEUPB zum Finanzierungsantrag zu reagieren und eine aktive Rolle dabei zu übernehmen, alle gewählten Politiker*innen für Nordbelfast zur Unterzeichnung eines Unterstützungsbriefes für den Community Hub zu bewegen und so den Finanzierungsantrag zu unterstützen. Die Projektverantwortliche für den Community Hub bei Belfast City Council sieht die gewachsenen und gestärkten Beziehungen zwischen den community representatives und die Einsicht der Politiker*innen, dass sich die Verhältnisse in Nordbelfast nur durch eine bessere Zusammenarbeit verändern werden, sogar als einen ausschlaggebenden Faktor, wieso der neue Plan im Gegensatz zum Masterplan von 2007 durchführbar ist und positive Effekte bringen könnte: „I think big part of why it came to the dead end there just wasn’t the political and community context for it to happen. Relationships are still difficult, but they have really strengthened, you have great kind of projects happening at grassroots level in and around the facility of

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the Girdwood Park site. So all of that helped us create dialogue around what they wanted to see on the site“ (2014, pers. Gespräch).

Von verschiedenen Interviewpartner*innen wird betont, dass sich die produktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit vor allem zwischen den Mitarbeiter*innen der Nachbarschaftsorganisationen abspielt, die Beziehungen der Gemeinschaften insgesamt sich jedoch nicht in demselben Maße verbessert hätten. Bereits im Sommer 2013 verteilt der Belfast City Council Flugblätter an die Nordbelfaster Bevölkerung, in denen um Unterstützung für den Community Hub geworben und zur Teilnahme an „Family Fun Days“ und anderen Veranstaltungen eingeladen wird, bei denen die Nordbelfaster Bevölkerung ihre Meinungen und Wünsche zu baulichen und inhaltlichen Aspekten des Hub kundtun kann. Die endgültige Zusage vom Special Programmes Body kommt im Oktober 2013 (Belfast City Council o. J.), im April 2014 wird mit dem Bau begonnen. DSD kümmert sich um die Einsetzung der notwendigen Infrastruktur (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch). Selbst über die zwei Teilflächen, in denen Wohneinheiten entstehen sollen, scheint zu diesem Zeitpunkt kaum noch kontrovers diskutiert zu werden. Zwar gibt es weiterhin einige Kritik aus den nationalistischen Nachbarschaften, weil ihrer Meinung nach zu wenige Wohneinheiten vorgesehen sind. Nach dem jahrelangen Hin und Her herrscht allerdings insgesamt die Erleichterung vor, endlich einen Kompromiss gefunden zu haben, mit dem alle leben können und dass trotz der ursprünglichen Ablehnung durch den DSD-Minister Nelson McCausland jetzt überhaupt Wohneinheiten auf der Fläche gebaut werden sollen. Es scheint bei den meisten Beteiligten sowie den angrenzenden Nachbarschaften zu diesem Zeitpunkt eine vage Hoffnung zu herrschen, dass der Community Hub eine gute Idee sein und positive Auswirkungen auf Nordbelfast und die Lebensqualität im Stadtteil haben könnte. Skepsis wird bezüglich der Funktionen des Community Hub geäußert – ist der Hub überhaupt mehr als ein weiteres Sportund Freizeitzentrum (Black 2013)? In diesem Zusammenhang wird die Ankündigung des Belfast Metropolitan College („Belfast Met“), einer vielfältigen Ausund Weiterbildungseinrichtung (eine Art offene Hochschule), einen Teil des Gebäudes als Ankermieter zu beziehen, positiv aufgenommen. Weiterhin soll das Gebäude eine Mehrzweckhalle, ein Fitnessstudio mit Saunabereich, ein Café, eine Jugendeinrichtung und mehrere flexible kleine Räume für Sitzungen und andere Veranstaltungen beinhalten (Belfast City Council 2012). Die Organisationen der umliegenden Nachbarschaften beraten miteinander über die Möglichkeiten, gemeinsam eine Jugendeinrichtung zu betreiben und eine Art Inkubator für Gründer*innen aus Nordbelfast ins Leben zu rufen.

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Der Community Hub wird Anfang 2016 von dem nordirischen Finanzminister Mervyn Storey und dem zum Zeitpunkt aktuellen Bürgermeister Arder Carson eingeweiht. Auf der Webseite von Belfast City Council werden als endgültige Nutzungen ein Fitnessstudio mit Wellnessbereich, eine Sporthalle, kleinere Mehrzweckräume, ein mietbarer Raum für private Feierlichkeiten, Klassenräume für Belfast Met, ein Jugendbereich sowie eine „outdoor piazza“ mit Sitzgelegenheiten genannt. In den kommenden Jahren wird von DSD die Straßeninfrastruktur fertiggestellt und weitere Sportanlagen, indoor und outdoor, angelegt. Mit dem Bau der Wohneinheiten, die als letztes auf der Fläche entstehen sollen, wurde Apex Housing Association beauftragt (Belfast City Council 2014b). Über die während des Zeitraums der Datenerhebung aktuellen Pläne und bereits be- und abgeschlossenen Maßnahmen werden hauptsächlich zwei gegensätzliche Meinungen geäußert: Eine Gruppe (wobei hier keine homogene Gruppe im Sinne einer Gemeinschaft gemeint ist, sondern eher eine Gruppe im Sinne von mehreren Personen mit verschiedenen professionellen und konfessionellen Hintergründen) zeigt sich enttäuscht über die stückchenweise Entwicklung der beiden Projekte, die ihrer Meinung nach weit hinter den Ambitionen des ersten Masterplans zurückbleibt, und hätte lieber die Umsetzung eines Projekts in dieser Größenordnung gesehen. Für sie sind die aktuellen Pläne eine „lost opportunity“ für Nordbelfast, da sie längst nicht so viel Veränderungspotenzial entfalten wie Stadterneuerungsprojekte in den anderen Stadtteilen das volle Potenzial der Fläche nicht ausschöpfen. Personen, die dieser Argumentation folgen, können sich nicht vorstellen, dass eine echte Veränderung der Lebensqualität oder der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften von Girdwood Park ausgeht und sind zudem skeptisch oder unzufrieden in Bezug auf die Nutzung und Entwicklung des Gefängnisgebäudes. „Ultimately, a compromise was agreed. But the opportunity was lost. I mean, things are happening and will happen. Which will help to regenerate that area. But unfortunately, there will be a division in religious lines or cultural lines. And that is a great pity because the whole purpose of the site […] was…it was an opportunity to restore greater prosperity and a much broader base of inhabitants and a more mixed approach to living together“ (Vorsitzender Advisory Panel 2014, pers. Gespräch).

Die zweite Gruppe ist froh darüber, dass nach so vielen Jahren der unproduktiven und kompromisslosen Diskussion überhaupt ein Fortschritt erreicht wurde und vertritt die Meinung, dass die geplanten Angebote des Community Hub sehr wohl eine positive, wenn auch vielleicht weniger direkte Wirkung in Nordbelfast entfalten können, dabei aber den Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung deutlicher

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entgegen kommen – wobei durchaus anerkannt wird, dass der ursprüngliche Masterplan um einiges raffinierter und ehrgeiziger war als die durchgeführten Pläne. Abbildung 22: Girdwood Park Community Hub (eigenes Foto)

Dennoch betonen mehrere, an einem oder sogar an beiden Prozessen beteiligte Interviepartner*innen, dass Pläne immer nur so gut sein können, wie die Projekte, die tatsächlich daraus entstehen und dass nicht (oder nur unter Protest der Anwohner*innen) umsetzbare Visionen niemandem wirklich nutzen. Gleichzeitig scheint sich diese Personengruppe aber damit abgefunden zu haben, dass Projekte von der Tragweite und Komplexität von Girdwood Park und dem Crumlin Road Gaol unmöglich alle Beteiligten und Betroffenen zufrieden stellen können: „For everybody who advocates mixed use somebody else comes back and says ‚but what are you trying to do to the area?. And why deny the local need? In order to bring in the right kind of people?‘ […] There are so many different perspectives feeding in – so the criticism might be that there is not enough housing. Or that there’s too much housing. That there is too much emphasis on leisure, or that it’s not the right type of leisure provision. It’s a compromise, it’s explicitly a compromise plan. I personally believe that it has great potential for the area, but there remain voices of dissent. And it’s a neutral plan. And it doesn’t explicitly address, I mean your question of does it take on board...does it try and address the past? No“ (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch).

Dieses Zitat bezieht sich vor allem auf Girdwood Park und der letzte Satz zeigt wiederum, dass besonders wegen der vielen unterschiedlichen Perspektiven und

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ungeklärten Fragen eine wie auch immer geartete Bezugnahme auf die Geschichte und historische Symbolik des Standorts kein leitendes Motiv im Umgang mit der Fläche ist oder war und eine solche Herangehensweise auch kaum für nötig oder fruchtbar erachtet wird. Welche Motive und Ziele stattdessen in welcher Diskursphase zum Tragen kommen, erörtere ich im folgenden Abschnitt. 8.2.3 Diskursphasen Die Projekte an der Crumlin Road sind die umfangreichsten der in dieser Arbeit untersuchten, wobei besonders die Neunutzung des Girdwood-Geländes langwierige Kontroversen ausgelöst hat. Bei der Umsetzung dieses Projekts zeigt sich deutlich, wie die fragmentierte Geographie Nordbelfasts in Verbindung mit der schwierigen sozioökonomischen Situation im Stadtteil zu vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Motiven und Hoffnungen in Bezug auf die beiden Projekte führt. Auch der Diskurs über die Projekte ist komplexer und verschachtelter als bei den Andersonstown Barracks oder dem Stewartstown Road Regeneration Project und verändert sich stärker im Laufe der Zeit. Der Diskurs über eine gemeinsame Entwicklung von Gefängnis und Militärgelände beginnt 2005 mit der Schließung der Girdwood Barracks (8.2.3.1). Zu diesem Zeitpunkt steht das Gefängnis bereits fast zehn Jahre leer, seit der Veröffentlichung des Dunlop Report sind drei Jahre vergangen. Das Ende der ersten Phase fällt mit dem Scheitern des ursprünglichen Masterplan-Prozesses und der Durchführung des EQIA im Jahr 2008 zusammen. Anschließend wird das Projekt zweigeteilt, womit sich auch der Diskurs in zwei Teildiskurse mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufspaltet, die ich getrennt voneinander darstelle (8.2.3.2 und 8.2.3.3). Zusätzlich zu den Inhalten verändert sich auch die Form der Aushandlung über den Umgang mit den Orten sowie die Anzahl und Diversität der Akteur*innen im Diskurs deutlich. Zudem weichen die zeitlichen Verläufe der zwei Teildiskurse voneinander ab: Der Diskurs über das Gefängnis schließt sich direkt an das EQIA an. Die Kontroverse über Girdwood Park sorgt hingegen dafür, dass ein Diskurs über das zweite Projekt erst mit der Einigung der Nordbelfaster Politiker*innen ab Mai 2011 nachvollziehbar wird. Erste Phase: Aufwertung und Tourismusförderung (2005-2008) Im 2002 veröffentlichten Dunlop Report wird das Potenzial des Gefängnisses und des angrenzenden Militärgeländes für Nordbelfast erstmals erwähnt. In dem Bericht wird ein Ziel der damaligen Ersten Minister aufgegriffen, „some prisons and army bases“ im Zuge der Demilitarisierung zu „symbols of peace and prosperity

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and the engine of economic and social regeneration in local areas“ umzugestalten. (North Belfast Community Action Unit 2002:83). Dazu scheinen den Autoren das Crumlin Road Gaol und die damals noch militärisch genutzte Girdwood-Fläche Report prädestiniert; die Aussage kann daher als kontextbildend für den beginnenden Diskurs betrachtet werden (North Belfast Community Action Unit 2002:83). Der Diskurs über die Nachnutzung beginnt mit der Einberufung des Advisory Panel als elitärem Zirkel, zu dem nur die Mitglieder Zugang haben, und wird erst nach der Veröffentlichung des ersten Masterplans auch außerhalb dieses Gremiums geführt. Auch alle nachfolgenden Diskursbeiträge beziehen sich bis zur Aufspaltung in zwei Projekte mit Kritik oder Verteidigung auf diesen Masterplan. In dieser Phase ist der Vorsitzende des Advisory Panel als zentraler Akteur und bedeutsame Einzelperson zu nennen, der die Diskursformation bis zur Auflösung des Panel entscheidend prägt. Innerhalb des Panels werden stark divergierende Meinungen vertreten, die bis zum Ende der Arbeitsphase nicht in allen Bereichen zusamengebracht werden können. Die Empfehlungen des Gremiums bilden die Grundlage für den von BDP erarbeiteten Masterplan. Die von seinem Vorsitzenden favorisierte Interpretation des Geländes wird von BDP und DSD unterstützt, wodurch diese Akteur*innen in der ersten Phase als eine Diskursgemeinschaft gelten können. Abweichende Meinungen werden vor allem von Seiten der community representatives und der unionistischen Politiker geäußert, wobei sich deren Sichtweise innerhalb der ersten Phase nicht als hegemonial durchsetzt. An keiner Stelle in dieser Diskursphase spielt die historische Symbolik des Gefängnisgebäudes oder der ehemaligen Militärfläche eine Rolle. Im Masterplan wird zwar vorgeschlagen, das Gefängnis in eine Attraktion für Heritage-Tourismus umzuwandeln. Dies weist darauf hin, dass die Planer*innen Potenzial sehen, die historische Bedeutung und die attraktive, denkmalgeschützte Architektur für ökonomische Zwecke zu nutzen. Im Masterplan wird jedoch kein Bezug zum Nordirlandkonflikt oder einem konkreten historischen Ereignis hergestellt. Die Heritage-Thematik wird dagegen sehr weit ausgedehnt: Nicht nur die Geschichte des Gebäudes soll erzählt werden, sondern es soll möglicherweise ein so abstrakter Ausstellungsgegenstand wie Gefangenschaft allgemein oder sogar die gesamte Geschichte der Iren und ihrer Diaspora behandelt werden. Besonders letzterer Vorschlag erweckt den Eindruck, als gehe es den Verantwortlichen hauptsächlich darum, eine Attraktion für die – tendenziell zahlungskräftige – Diaspora vor allem aus den USA zu schaffen. Da sich ein signifikanter Teil der Nordbelfaster Bevölkerung überhaupt nicht mit „den Iren“ identifiziert, sondern seine kollektive Identität aus der vehementen Abgrenzung von allem Irischen speist, liegt die Vermutung nahe, dass die Mitarbeiter*innen von BDP sich nicht sehr ausführlich auf die lokale Geschichte eingelassen haben.

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Die sehr vage Ankündigung, in dem Komplex auch für die Anwohner*innen attraktive Angebote bereithalten zu wollen, lässt sich daher als Legitimationstechnik für die Einrichtung einer Touristenattraktion ausgerechnet an dieser Stelle, in diesem stark benachteiligten Stadtteil mit seinen vielfältigen dringlicheren Bedürfnissen, interpretieren. Auch Nutzungen „relating to conflict resolution“ werden nicht aufgrund der Geschichte des Gebäudes oder der Bedürfnisse im Quartier vorgeschlagen, sondern in Bezug auf ihr Potenzial, geldgebende Institutionen zu überzeugen (Building Design Partnership 2007:74). An keiner Stelle in dem Dokument wird die Symbolik der ehemaligen Militärfläche oder ihres Freiwerdens nach dem Abzug der britischen Truppen erwähnt, obwohl diese Entscheidung durchaus kontrovers war und die Symbolik zum fraglichen Zeitpunkt bewusst wahrgenommen wurde: „When it [the British Army leaving Girdwood, Anm. d. Verf.] was first announced, I think there would have been a great sense of ‚this is fantastic‘. One of the biggest military bases, if not the biggest military base in Belfast is getting shut down. The soldiers are moving out and this is going to be turned into something of use to the community“ (Mitarbeiter Ashton Community Centre 2014, pers. Gespräch). „The announced closure of Girdwood army base will be the end of a horrific and gruesome chapter of the British army’s presence in North Belfast. For three decades the installation was the focal point for a reign of terror inflicted on the nationalist population in Belfast“ (McKernon 2005). „This decision is totally wrong in the light of the continuing exposure of the utterly bogus and fraudulent nature of the IRA’s commitment to peace“ (Nigel Dodds, damaliger MP für Nordbelfast [DUP], zit. n. The Irish Times 2005).

Mehrere Interpretationen dafür, dass eine Bezugnahme ausbleibt, sind möglich: Zum einen divergiert wie dargestellt die Bewertung und Bedeutung der Kaserne zwischen den Gemeinschaften deutlich, so dass eine eindeutige Positionierung kaum möglich wäre. Zum anderen stellt die Assoziation der Kaserne mit Folter und brutaler Behandlung durch die britischen Soldaten u. a. im Rahmen von internment without trial einen sensiblen Aspekt dar, weshalb auch der britische Staat als letztendlicher Auftraggeber der Studie ein Interesse daran haben könnte, dem historischen Aspekt möglichst wenig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Die Konfliktvergangenheit des Projektgebiets oder Ansätze zum Umgang mit dieser sind also nicht Teil des durch den Masterplan angestoßenen Diskurses. Ein Vergangenheitsbezug wird nur insofern hergestellt, als dass die Benachteiligung

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und Fragmentierung in Nordbelfast als direkte Folge des Nordirlandkonflikts gesehen werden. Das Verhältnis der Nachbarschaften zueinander als klares „Erbe“ des Konflikts wird nur am Rande und als Hemmnis für eine Einigung auf einen Entwicklungspfad thematisiert (Vorsitzender Advisory Panel 2014, pers. Gespräch, Building Design Partnership 2007:6). Das übergeordnete Leitbild für den ersten Masterplan fasst die sehr diversen und ambitionierten Hoffnungen, die das Projekt weckt, anschaulich zusammen und gibt einige Anhaltspunkte für die mit dem Projekt verbundenen Motive: „To create a regeneration project of international significance which brings maximum economic, social and environmental benefits to the local and wider community and in doing so creates a vibrant, inclusive and diverse environment which attracts present and future generations to work, live and play“ (Building Design Partnership 2007).

In diesem Leitbild wird der hohe Anspruch deutlich, ein neues Quartier zu schaffen, das lebendig, urban und dynamisch und gleichzeitig für alteingesessene und neue Bewohner*innen sowie für Besucher*innen von außerhalb attraktiv sein soll. Eine Imageverbesserung für den Stadtteil und die Stärkung seines touristischen Potenzials sind dabei wichtige Teilziele. Im Vordergrund stehen die städtebauliche Ambition und der Wunsch, dass ein „project of international significance“ entsteht. Dabei ist sich der Vorsitzende auch durchaus über die Besonderheiten in Nordbelfast bewusst und möchte diesen über die bauliche Erneuerung begegnen: „Someone might have said, ‚you would have been better off recognising that it’s partly Catholic and partly Protestant and you do a scheme that reflects that‘. I just could never have done such a scheme“ (2014, pers. Gespräch).

Eins der Vorhabenziele ist es, Menschen von außen (Neu-Bewohner*innen, Arbeitnehmer*innen, Besucher*innen und Nutzer*innen der Freizeit- und Kulturangebote) nach Nordbelfast zu bringen, die gerne aus höheren Gesellschaftsschichten stammen und weniger vom Konflikt traumatisiert sein dürfen als die bisherigen Anwohner*innen. Sie könnten, so die (nicht immer explizite) Argumentation von BDP und dem Panel-Vorsitzenden, allein durch ihre Anwesenheit dazu beitragen, die festgefahrene Situation in Nordbelfast aufzubrechen und das Image des Stadtteils zu verbessern. Diese Denkweise wird in den folgenden Zitaten deutlich: „The site is strategically placed to offer the surrounding communities opportunity to transform negative perceptions of the area and to substantially upgrade its amenity and

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appearance through enhancement of the physical environment“ (Building Design Partnership 2007:14). „The draft Masterplan proposes the creation of a new city quarter, drawing together neighbouring areas and linking seamlessly with them through new pedestrian streets, urban spaces and a mixture of complementary activities. The objective is to create a place to live, to learn, to work, a place for culture, well-being, enjoyment, relaxation and the bringing together of people from every background“ (Building Design Partnership 2007:8). „[T]he whole purpose of the site being seen as a development opportunity was to restore greater prosperity, a much broader base of inhabitants and a more mixed approach to living together“ (Vorsitzender Advisory Panel 2014, pers. Gespräch).

Kritik an der Aufwertung und ihrer auch negativen Konsequenzen begegnet der Vorsitzende mit dem Argument, dass eine stärkere Mischung von Menschen und Hintergründen eine Chance zur Lösung der festgefahrenen Nordbelfaster Probleme darstellen könne: „The notion of gentrification still provokes a knee-jerk response. One of our ideas was to provide more student accommodation in Crumlin/Girdwood (as an example of just one type of property tenure) to encourage students to come and live there. That’s not gentrification, its just a way of getting a broader mix of people into the area, of adding to its variety and bringing extra spending power to the benefit of local service providers. It doesn’t have to be gentrification. What is needed is a mixed community in all senses of the word“ (2014, pers. Gespräch)!

Als Tenor des Dokuments schwingt die Hoffnung mit, dass die existierenden Gemeinschaften von einer überwiegend von privatem Investment getragenen Entwicklung profitieren und ihre Konflikte darüber nach und nach in den Hintergrund treten werden. Dies soll allerdings eher als gewissermaßen automatischer Nebeneffekt der Umgestaltung passieren. Operationalisiert wird dieser Bereich vor allem mit der Schaffung und Bereitstellung von Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, was ein befragter Mitarbeiter des Greater Shankill Partnership Board als „highest lowest common denominator“ aller Beteiligten bezeichnet (2014, pers. Gespräch). Mit dem Großprojekt scheint die einmalige Chance verbunden, Nordbelfast und die schwierigen Verhältnisse dort durch unbelastete, in jeder Hinsicht „gemischte“ Nutzung grundlegend zu verändern, ohne vorher langwierige Maßnahmen der Vergangenheitsbewältigung und Friedenskonsolidierung

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durchlaufen zu müssen – und von diesen bei der Umsetzung ambitionierter Pläne aufgehalten zu werden. Weiterhin wird im Masterplan das Ziel geäußert, Nordbelfast stärker an das Zentrum anzubinden. Die Tatsache, dass Nordbelfast durch verschiedene städtebauliche Entwicklungen der letzten 40 Jahre vom Stadtzentrum isoliert worden ist und für Nicht-Autofahrer*innen eine unattraktive und umständliche Anreise erfordert – und dass u. a. dies dazu beiträgt, dass der Stadtteil benachteiligt und heruntergekommen bleibt – ist schon vor der Fertigstellung des Masterplans Teil der stadtentwicklungspolitischen Debatte in Belfast. Die Fläche am zentrumsnahen Ende der Crumlin Road scheint den Projektverantwortlichen daher prädestiniert dafür, die Verbindung zu verbessern (Building Design Partnership 2007:8). Auf Seiten der Nordbelfaster Bevölkerung löst diese Herangehensweise eine Abwehrhaltung aus. Der Masterplan und seine Ziele werden als Ignorieren der Bedürfnisse und Wünsche der alteingesessenen Bewohner*innen interpretiert (vgl. Fallon 2011). Sie fühlen sich nicht ausreichend in den Prozess involviert und haben den Eindruck, ihre Anwesenheit würde von den Mitgliedern des Advisory Panel und den Vertreter*innen des Department for Social Development sogar als Problem wahrgenommen, da sie den ehrgeizigen Plänen skeptisch gegenüberstehen und ihre Ängste und Ressentiments nicht so einfach hinter sich lassen können. Auch diesen Eindruck bestätigen die community representatives der umliegenden Gemeinschaften in Gesprächen. Zusätzlich erachten auch nicht alle die Renovierung des Gefängnisses als prioritär, um die Situation in Nordbelfast zu verbessern und hätten die dort eingesetzten Ressourcen lieber anderweitig vergeben: „My problem is this: [...] Flagship projects very often just sail past the communities that they’re meant to benefit. If a quarter – a tenth of the effort, money and focus had gone into the front of the Shankill Road that has gone into Crumlin Road Gaol to regenerate what this community says is its vital organ [and against which] the health of the Shankill and everybody who lives out there is judged…the parameter of the health of the Shankill is the front of the Shankill Road, that’s how everybody sees how well-off we’re doing or not. Not Crumlin Road Gaol. If a tenth, a twentieth of the effort, focus and money had gone into the front of this road, it’d be a different scene“ (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch).

Einige Vertreter*innen der beteiligten Nachbarschaften gehen sogar so weit, die Empfehlungen des Masterplans als nicht nur an ihren Bedürfnissen vorbeigehend zu betrachten, sondern es scheint ihnen sogar so, als würden sie selbst und ihre Probleme als Hindernis für die Durchführung der ambitionierten Pläne gesehen (Mitarbeiterin Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch). Offen

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bestätigt wird diese Sichtweise nicht und sie soll hier auch keinem und keiner der beteiligten öffentlichen und privatwirtschaftlichen Akteur*innen unterstellt werden. Die folgende Äußerung des Panel-Vorsitzenden lässt jedoch den Schluss zu, dass die Entwicklungsmöglichkeiten der Fläche an den Maßstäben „normaler“ Städte gemessen wurden und nicht so sehr daran, was lokal möglich und nötig ist: „When the plan was produced, I thought it was a very good plan. There is no doubt that it was a plan at a level of which any major city in Europe would have been proud“ (2014, pers. Gespräch). Belfast befindet sich zwar möglicherweise auf dem Weg dazu, eine Stadt zu werden, die man mit „any major city in Europe“ vergleichen kann, 2007 war der Weg dahin jedoch noch weit. Ein Plan, dessen transformatorische Ambitionen in vielen anderen europäischen Städten wohl funktioniert oder sogar Begeisterung ausgelöst hätten, ließ sich in Belfast aufgrund des territorialen Erbes des Konflikts nicht durchführen. Ein befragter Mitarbeiterin des Greater Shankill Partnership Board geht sogar noch einen Schritt weiter und macht den Plan in Teilen dafür verantwortlich, dass die Beziehungen der Nachbarschaften in dieser Zeit problematisch blieben: „Going back to that Masterplan […], it was just an example of how you should never go about anything. It was just awful. […] Both communities were looking on at government designing something for a site that nobody had any trust in what the government were doing. ‘Cause nobody knew what it was. What that allowed the both communities to do was to pick a common enemy which was the government proposal and what the government were doing. And which relieved them of any need to address each other. It didn’t do anybody a service at the time“ (2014, pers. Gespräch).

Zweite Phase, Teildiskurs 1: Das Gaol als Touristenattraktion und Treffpunkt (2008-2012) Aufgrund der 2008 beginnenden Wirtschafts- und Finanzkrise und des andauernden Widerstands der Gemeinschaften in Nordbelfast wird der Masterplan letztendlich nicht in der ursprünglich von BDP erstellten Form umgesetzt. Stattdessen wird ein EQIA durchgeführt, das die Aufteilung des Vorhabens in zwei Projekte empfiehlt. Dieser Empfehlung wird von den beteiligten Ministerien OFMDFM und DSD, in deren Besitz sich die beiden Teilprojekte befinden, gefolgt. In der Folge entstehen zwei getrennte, sich aber immer wieder aufeinander beziehende Diskurse über die beiden Projekte, die sich aber nur in Teilen zeitlich überschneiden und die ich hier auch getrennt voneinander darstelle. Nach dem EQIA prägen andere Diskursteilnehmer*innen die öffentliche Wahrnehmung. Darunter ist besonders das North Belfast Community Action Unit

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(NBCAU) zu nennen, welches das EQIA verantwortlich durchführt und Empfehlungen ausspricht. Später wird der Leiter der Abteilung, der selbst gebürtig aus Nordbelfast stammt, als Director of Regeneration im OFMDFM tätig sein und Projektverantwortung für das Crumlin Road Gaol übernehmen. Das Advisory Panel wird aufgelöst. Sein Vorsitzender sowie BDP nehmen nicht mehr am Diskurs teil, andere ehemalige Mitglieder des Panel wie die community representatives und lokale Politiker*innen jedoch schon. Im 2009 veröffentlichten Report, der die Ergebnisse des EQIA wiedergibt, werden die folgenden Ziele für die weitere Entwicklung genannt (hier noch für das kombinierte Projekt): „The site must be developed in a way that will attract businesses, investment and visitors into the area to create wealth and jobs. Hence the project should prioritise issues such as increased employment, tourism, health provision and the potential for improved educational facilities and accessibility to crèche facilities“ (Department for Social Development 2009).

Es wird empfohlen, zuerst mit der Renovierung des Gefängnisgebäudes zu beginnen und es so bald wie möglich für Besucher*innen zu öffnen. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass sich über die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen, relativ unstrittigen Projekt die Beziehungen zwischen den Nachbarschaften soweit verbessern, dass auch die Nachnutzung der Girdwood-Fläche fortschreiten kann. Der Teildiskurs über das Crumlin Road Gaol bleibt dem ursprünglichen über das kombinierte Projekt in manchen Punkten ähnlich. So werden als wichtigste Ziele nach wie vor die Verbesserung des Images der Umgebung und die Erhöhung des Besucheraufkommens genannt. Das Gefängnis und seine Angebote sollen so attraktiv sein, dass es für Menschen von außerhalb Gründe gibt, Nordbelfast zu besuchen. In Verbindung damit steht wiederum die Verbesserung der gefühlten und tatsächlichen Anbindung des Stadtteils an das Zentrum: „By having amenities here in North Belfast that people will want to go to and then create the access routes and the transportation routes and make it easier for people from North Belfast to move into town then you remove the intellectual and the emotional barriers to the movement of people around town“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch).

Von der Instandsetzung des Gebäudes wird eine ästhetische Aufwertung der gesamten Umgebung erwartet, die auch zur Imageverbesserung beitragen soll. Es wird zudem die Hoffnung artikuliert, dass sich dadurch der Stolz der Anwohner*innen auf ihren schlecht beleumundeten Stadtteil erhöht und sich die Wahrnehmung der Gegend insgesamt zum Positiven hin verändert:

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„The redevelopment of the Gaol is phenomenal, it’s really world-class, [...] it all looks really brilliant. And it starts making people proud of where they live. So I think those type of things start to really change people’s mentality“ (Projektverantwortliche Belfast City Council 2014, pers. Gespräch).

Als weiteres wichtiges Motiv ist mit dem Projekt ein klarer wirtschaftlicher Nutzen verbunden, vor allem in Bezug auf die Entstehung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, die primär den Anwohner*innen eine Perspektive bieten und dadurch die Gemeinschaften lebensfähig erhalten sollen (Department for Social Development 2009). Diese Hoffnung wird sogar von denjenigen geteilt, die dem Projekt ansonsten skeptisch gegenüberstehen und sich kaum Effekte durch den Tourismus für die Gemeinschaften erhoffen: „I really, really hope Crumlin Road Gaol works. I hope it works a bit for this community, I tell you the best that I expect out of it is a few people get a few jobs. Everything else will pass by this community. Tourists will be coming up and down, and that’ll be lovely, I love seeing tourists. But they get out as fast as they come in. There might be a few people who make some money out of it and it’ll be a nice building to look at“ (Mitarbeiter Greater Shankill Partnership Board 2014, pers. Gespräch).

Im Gegensatz zur ersten Diskursphase wird nun das Motiv, das Gefängnis als „shared space“ zu etablieren, stärker betont. Besonders die Zugänglichkeit des Gebäudes und Relevanz und Attraktivität der darin befindlichen Nutzungen für die Anwohner*innen wird als wichtig erachtet: Das Projekt soll nicht ausschließlich auswärtige Besucher*innen anziehen, sondern auch mit seiner direkten Umgebung und den dort lebenden Menschen verbunden sein. Dieser Anspruch stellt eine deutliche Verschiebung der Motive im Vergleich zur ersten Diskursphase dar. Zwar wird auch im ersten Masterplan davon gesprochen, dass eine „shared community“ aus dem Projekt entstehen solle, dies bleibt jedoch recht abstrakt und bezieht sich zudem nur auf Girdwood Park und die dortige Wohnnutzung. Der Wunsch, das Gefängnis als gemeinsam genutzten Raum zu entwickeln, der von allen anliegenden Gemeinschaften gleichermaßen als „ihrer“ begriffen wird, wurde von den Vertreter*innen der Gemeinschaften zuerst im Rahmen des EQIA deutlich in den Diskurs eingebracht und von ihnen wie auch von OFMDFMals Voraussetzung für den Erfolg des Projekts gesehen: „But then it also highlighted an issue with the local communities. They challenged me to say: ‚We don’t want you to develop this building where it’s just for people from outside the area to come in, art exhibitions have nothing to do with us, they’re for rich people‘. So we

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[OFMDFM, Anm. d. Verf.] had to maintain confidence, and we also had to address the issue where those sorts of things are available to local people. [...] So we had to deal with that in two ways: Breaking down the perception of people outside the area so we can get them in; and also bringing in local people“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch).

Für den befragten Mitarbeiter der Lower Shankill Community Association gilt das Ziel als weitgehend umgesetzt; er zeigt sich sehr zufrieden mit dem Engagement von OFMDFM: „So the Gaol then adopted some of that ethos and employed young apprentices and people from all the communities in the project. We could see from very early on that it was a genuine attempt to build shared space because the people who worked on it were from all over“ (2014, pers. Gespräch).

Die Umsetzung dieser Komponente ist auch deshalb möglich, weil in allen umliegenden Nachbarschaften ein Interesse an dem Gefängnis besteht und weil – vielleicht „ironischerweise“ (Muir 2014:58) – die ähnlichen Erfahrungen während der Troubles Teile der Anwohner*innen einander näherbringen. Für viele Anwohner*innen gibt es auch heute noch eine enge Verbindung zu dem Gefängnis, aus dem Neugier und Interesse für das Projekt entspringen. Die Möglichkeit, das Gefängnis zu besichtigen und an Führungen teilzunehmen, trägt dazu bei, die Erinnerungen aufrecht zu erhalten oder wieder aufleben zu lassen, wie die folgende Aussage des Mitarbeiters des Ashton Community Centre deutlich macht. „I think there is a certain curiosity, there’s a fair amount of interest. Anytime you hear of tourists being mentioned, people go, ‚yeah, I wouldn’t mind going to that‘. And I think it’s because of that historical connection. And that sense of connection, you know, ‚oh, my Da was in there‘, or ‚my brother was in there‘. Or: ‚I was in there‘“ (2014, pers. Gespräch).

Eine naturgemäß distanziertere, inhaltlich jedoch ähnliche Einschätzung trifft die Projektverantwortliche für den Community Hub bei Belfast City Council: „The Gaol is so successful. The Gaol is successful in two ways: It brings in tourists and foreigners, but it’s also really successful in a way that – and this is heresy to say that – that Titanic isn’t. […] A lot of people go to Titanic Belfast when they have visitors in town. I know a lot of community groups who go to Crumlin Road Gaol because it’s really interesting, it gives an opportunity to talk about politics and social history. It’s of the people, you know. […] Crumlin Road Gaol has been hugely successful in attracting both audiences, that local community audience“ (2014, pers. Gespräch).

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Die Geschichte und Symbolik des Gebäudes sind bei diesem Projekt der Grund dafür, dass es heute tatsächlich sowohl als Touristenattraktion als auch als Treffpunkt und Identifikationsort für die lokalen Gemeinschaften Erfolg hat. Dabei wird die Symbolik des Gebäudes im Verlauf dieser Phase deutlich abgeschwächt und gleichzeitig erweitert, wodurch das Gebäude für unterschiedliche Deutungen und (Erinnerungs-)Interessen eine Projektionsfläche bietet. So lässt sich am Beispiel des Crumlin Road Gaol erstens die Umwandlung eines Symbols für die Troubles in ein Element des Heritage-Tourismus, das zur Veränderung eines herunterkommenen Quartiers beiträgt, gut beobachten. Bei den geführten Touren wird (auch von den ehemaligen Häftlingen) darauf geachtet, die Geschichte des Konflikts nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Die Troubles werden in den Zusammenhang der langen Geschichte des Gebäudes und der Region gestellt, der inhaltliche Schwerpunkt liegt bei weiter zurückliegenden Ereignissen wie der Inhaftierung der Suffragetten oder den heute grausam anmutenden strafrechtlichen Gepflogenheiten des viktorianischen Zeitalters. Auch die äußere Form des Gebäudes orientiert sich heute am „Originalzustand“ von 1845. Das unattraktive und wohl auch schwieriger touristisch vermarktbare Sicherheitsequipment aus den 1970er und 1980er Jahren wurde abgebaut und hinterlässt nur noch unauffällige Spuren im Gebäude, auf die unwissende Besucher*innen hingewiesen werden müssen, um sie wahrzunehmen (Rita Harkin 2010, pers. Gespräch). Auch deshalb wird die Inszenierung von dem ehemaligen Häftling und heutigen Mitarbeiter des Ashton Community Centre – und sicher auch von manchen anderen, die das Gebäude noch als Gefängnis kannten – als „sanitized“ oder „a bit cheesy“ empfunden, da die Realität der Haftbedingungen und des Gefängnislebens nicht abgebildet wird (2014, pers. Gespräch). Noch weitergehend sind die Pläne von OFMDFM – zum Zeitpunkt der Datenerhebung eher eine Vision als ein umsetzungsfähiger Plan – Nordbelfast als „Historical Quarter“ zu stilisieren und damit in den stadtweit beobachtbaren Trend des „theming of city space“ zur Herausstellung des touristisch attraktiven kulturellen Erbes einzuflechten. Zweitens scheint es allerdings auch so, als solle die Schließung des Gefängnisses nicht das „Ende der Geschichte“ für das Gebäude bedeuten. Durch die Inszenierung aktueller, politisch bedeutsamer Ereignisse wie den Besuch von Queen Elizabeth zusammen mit den damaligen Ersten Ministern Peter Robinson (DUP) und Martin McGuinness (Sinn Féin) im Jahr 2014 wird das Gefängnis zum „reminder of just how far we have come“ und zum Symbol dafür, wie in PostKonflikt-Belfast „swords into ploughshares“ verwandelt werden (Clarke 2014). Das einstige Symbol für den Konflikt wird so mit einer neuen Friedenssymbolik

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belegt, die von den Medien gerne aufgegriffen wird und sicher gut mit dem touristischen Appeal zu vereinen ist. Möglicherweise ist die beschriebene Art der Inszenierung von Geschichte „light“ und die nicht zu deutliche Betonung des Konfliktzusammenhangs gerade ein Grund dafür, warum das Gebäude ein so breites Spektrum von Zielgruppen anspricht und auch weitere Deutungen als die offizielle zulässt. Denn das Gefängnis bietet aufgrund der engen Verbundenheit mit allen Nachbarschaften drittens auch die Möglichkeit zur privaten, teilweise sogar gemeinschaftenübergreifenden Auseinandersetzung mit ganz konkreten Erinnerungen an die Zeit der Troubles, wie manche Einschätzungen der Gesprächspartner*innen verdeutlichen („[I]t gives an opportunity to talk about politics and social history. It’s of the people“). Für manche ehemaligen Häftlinge ist die heutige Nutzung zwar immer noch gewöhnungsbedürftig, auch wenn sie wie der befragte Mitarbeiter des Ashton Community Centre die Entwicklung grundsätzlich begrüßen: So gefällt ihm das Gebäude „the way it is now“ deutlich besser als „the way it was“, trotzdem findet er es immer noch schwierig, das heutige Erscheinungsbild und Veranstaltungen dort in Einklang zu bringen mit seinen früheren Erfahrungen. Dies veranschaulicht er anhand seiner Gedanken während eines Konferenzbesuchs: „I spoke up there last year, and it was about ex-prisoners issues. And that just seemed ironic. It was a big crowd there and it was actually quite a good conference and I was thinking back, ‚Jesus, you never thought this would have…‘, you know, it’s strange the way things work out“ (2014, pers. Gespräch).

Aus denselben Gründen ist das Gaol für einen anderen Interviewpartner auch kein „place for joviality“. Er berichtet von Bekannten, die eine geplante betriebliche Weihnachtsfeier dort aufgrund der historischen Symbolik des Orts nicht abgehalten haben (Mitarbeiter North Belfast Interface Network 2014, pers. Gespräch). Dies ist jedoch eine Sichtweise, die ansonsten kaum im Diskurs auftaucht. Es ist daher wahrscheinlich, dass die „alltägliche“ Nutzung jenseits der geführten Touren durch Konferenzen, Kulturveranstaltungen und Familienfeiern, die sich überwiegend an ein heimisches Publikum richten, die konfliktbezogene Wahrnehmung des Gebäudes nach und nach weiter in den Hintergrund rücken lässt und es immer stärker zu einem selbstverständlichen Bestandteil des städtischen Kulturangebots wird. Durch die Möglichkeit, die Erinnerungen aus dem Konflikt mit neuen Erinnerungen zu ergänzen und zu überlagern, verändern sich die symbolischen Zuschreibungen für die heutigen Nutzer*innen. Ein weiterer deutlicher Unterschied zu der ersten Phase ist möglicherweise aus den Lerneffekten durch das Scheitern des Masterplans (u. a.) an der Sturheit der

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angrenzenden Nachbarschaften entstanden. Crumlin Road Gaol wird heute als „unifier“ gesehen, der alle Gemeinschaften gleichermaßen anspricht und zumindest die Zusammenarbeit der Nachbarschaftsorganisationen verbessert hat (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch). Diese Verbesserung wird jedoch möglicherweise nicht nur als Selbstzweck angestrebt, sondern – aufgrund der Erfahrungen mit dem Masterplan von 2007 – auch als Vehikel, das die Umsetzung der touristischen und eher marktorientierten Komponenten der Nutzung des Gebäudes ermöglicht. Im Zusammenhang mit dem ersten Masterplan wurde eher von einer umgekehrten Vorgehensweise ausgegangen: Infolge der Aufwertung und baulich-räumlichen Veränderung würden sich die Beziehungen der Gemeinschaften schon auch verändern bzw. letztere sich sicher in die Aufwertungslogik einfügen, wenn sie sich einmal an den Gedanken gewöhnt hätten. Aufgrund des starken Widerstands der Gemeinschaften, die sich von dieser impliziten Argumentation übergangen fühlten, konnte der Masterplan letztendlich nicht umgesetzt werden. Mit der Entwicklung des Gefängnisses wurde daher der umgekehrte Ansatz – wie es scheint erfolgreich – ausprobiert. Zweite Phase, Teildiskurs 2: Girdwood als “political football“ (2010-2016) Der Teildiskurs über Girdwood Park stellt sich in vieler Hinsicht diffuser und vielfältiger dar und ist durch ein deutlich breiteres Akteursspektrum und große Vielfalt an Material gekennzeichnet. Nach dem Scheitern des ersten Masterplans und der Veröffentlichung der EQIA-Reports kommt der Diskurs über die Nachnutzung der Girdwood-Fläche zunächst zum Erliegen. Es scheint zu diesem Zeitpunkt keine*r der beteiligten Akteur*innen eine Vorstellung oder eine starke Idee zu haben, wie weiter mit der Fläche verfahren werden soll bzw. eine solche Idee öffentlich zu vertreten. Hinzu kommen auch hier die immer deutlicher werdenderen finanziellen Restriktionen, mit denen als Folge der Krise umgegangen werden muss. Die weitgehend auf privatem Investment basierenden Pläne werden auch deshalb nicht mehr als umsetzbar angesehen. Die historische Symbolik der Militärfläche und die Bedeutung des Truppenabzugs für Belfast ist in dieser Phase gar kein öffentlich diskutiertes Thema mehr. Es findet auch keine temporäre Nutzung der Fläche oder gar eine Aneignung durch die Anwohner*innen wie in Westbelfast statt, was sicherlich vor allem mit der Lage an einem sehr sensiblen interface zu tun hat. Ein expliziter Hinweis zum Umgang mit der Geschichte des Geländes kommt in keinem Diskursbeitrag vor,

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wobei einige Interviewpartner*innen – wie im folgenden Zitat die Projektverantwortliche für den Community Hub bei Belfast City Council – regelrecht mit Unverständnis auf eine Frage danach reagieren: „Because it’s not agreed. And why would you freeze-frame it as an army barracks and not as a parkland? Just because it’s kind of...sexy from a conflict point of view, why would you do that? It’s a bit like the murals argument. Where people say ‚oh my goodness that is really interesting for tourists‘, and you kind of think, well actually people have to live beside those armed figures. And children have to grow up beside them. We will put stuff into the Hub which will look at heritage, it will look at identity, but...it was a kind of dead space for local people because it wasn’t anywhere you went. It was just a big corrugated ugly fence that you lived beside. And I’m not sure people had a lot of interaction with it. The people who served in the barracks, as far as I know didn’t live anywhere close by. I think it’s different from somewhere like Maze Long Kesh where you want to do lots of development stuff as well but you also need to tell the story of the prisoners, you need to tell the story of the prison wardens, and you need to tell the story of the communities affected by it. But for me it’s a bit like the Police Barracks on the Malone Road...you know, they were just demolished and houses built. Because that’s what the Malone Road needed. So why would it be any different for North Belfast“ (2014, pers. Gespräch)?

Möglichkeiten und Formen raumbezogener Erinnerung jenseits der Frage, ob die Kaserne als gebaute Struktur erhalten bleibt, sind nicht Teil des Diskurses. Die fehlende Erinnerungs- und Erhaltungswürdigkeit macht die Projektverantwortliche für den Community Hub vor allem daran fest, dass das Leben und Arbeiten der Soldaten in der Kaserne keine lokale Bedeutung hat, ihre Geschichte gehört somit offensichtlich nicht zu bewahrenswerten Erinnerungen und wird daher nicht weiter thematisiert. Aufschluss über einen weiteren Grund gibt jedoch auch ihr Einstieg in die Beantwortung meiner Frage – „because it’s not agreed“. Diese Begründung lässt weiterhin den Schluss zu, dass beim Umgang mit unterschiedlich interpretierten historischen Ereignissen immer noch große Unsicherheit herrscht und die Geschichte lieber ignoriert als eine Kontroverse riskiert wird. Abgesehen von der Frage, welcher Teil der Geschichte als erinnerungswürdig gelten soll, hat das „murals argument“ eine klare Berechtigung: Um das Kasernengelände herum leben Menschen, Kinder wachsen dort in der Post-KonfliktZeit auf. Für einige dieser Personen geht es bei dem Umgang mit der Fläche vielleicht auch um die Symbolik, die Frage nach der Form und den Funktionen ihres direkten Wohnumfeldes wird für viele jedoch im Vordergrund stehen. Zudem wird zu Recht darauf hingewiesen, dass die Nutzung der Fläche als Kaserne nur eine von mehreren möglichen Vergangenheiten ist, die man herausgreifen könnte

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(„why would you freeze-frame it as an army barracks and not as a parkland?“). Gleichzeitig könnte jedoch auf die Frage, warum für Nordbelfast andere „Erinnerungsregeln“ gelten sollten als für Südbelfast, auch darauf verwiesen werden, dass Nordbelfast eben deutlich stärker vom Konflikt betroffen war und dies von internen wie externen Akteur*innen zu jeder sich bietenden Gelegenheit betont wird. Entsprechend kann vermutet werden, dass es dort auch mehr Aufarbeitungsbedarf gibt als in Südbelfast, wo kaum offensichtliche Probleme zwischen den beiden ehemaligen Konfliktparteien herrschen. Gleichzeitig gehen einige Interviewpartner*innen davon aus, dass Girdwood Park – ähnlich wie auch die Fläche der ehemaligen Andersonstown Barracks – mittlerweile gerade von jungen Menschen nicht mehr wegen seiner Geschichte als belastet angesehen wird, sondern vor allem deshalb, weil die aktuellen Differenzen der Gemeinschaften über so viele Jahre eine Entwicklung verhinderten und die Fläche fast zehn Jahre nach ihrer Freiwerdung noch nicht zum Nutzen der Anwohner*innen verändert werden konnte: „But people, especially the younger generation who maybe don’t remember it that well – it means nothing to them probably. It’s just that place that they’re supposed to be building something on. It doesn’t mean that much to them. [...] I think we passed that period, that was most certainly when it was first announced, there would have been a great sense of ‘this is fantastic’: One of the biggest military bases, if not the biggest military base in Belfast is getting shut down. The soldiers are moving out and this is going to be turned into something of use to the community. And instead it’s sat there and it’s become a political battleground. And so it’s been a reminder, in symbolic terms as well as in practical terms, of the divisions that still exist, of the difficulties that are still there.“ (Mitarbeiter Ashton Community Centre 2014, pers. Gespräch). „The reality is, the barracks’s gone away and...I think it’s happened so long ago...the symbolism is gone, more or less. And the problem that has been encountered with it has become more of a solving the problems because it had been coming on to dereliction and it was a big ugly monster and people needed to deal with it“ (Mitarbeiter North Belfast Interface Network 2014, pers. Gespräch).

Eine Symbolik mit Bezug zu der konkreten Geschichte des Orts ist somit kaum festzustellen, wohl aber die allgemeine Symbolik von Segregation und Territorialität des Konflikts, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Die nach dem Scheitern des Masterplans offenbar werdende Ideenlosigkeit macht es möglich, dass Girdwood bzw. die ungelöste Frage nach Wohnnutzung auf der Fläche in der Folge als „political football“ genutzt werden kann (Muir

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2014). Vor allem die DSD-Minister*innen Margaret Ritchie und Alex Attwood (beide SDLP) versuchen, politischen Profit aus dem Nordbelfaster Dauerkonflikt zu schlagen, indem sie ankündigen, alsbald den Bau von Wohnungen auf der Fläche in Auftrag geben zu wollen. Diese Ankündigungen liefern den unionistischen Politiker*innen in Nordbelfast Vorlagen, die eingeübten Muster der politischen Auseinandersetzung in Nordirland zu reproduzieren, indem sie sich erwartungsgemäß gegen den Bau von Wohnungen aussprechen und sogar mit rechtlichen Konsequenzen drohen. Erst unter dem unionistischen Minister Nelson McCausland gelingt die Einigung, allerdings auch unter dem Eindruck von Mauscheleien und Kuhhandeln. Zu diesem Zeitpunkt bringen die Initiative des City Council, einen Community Hub auf einem Teil der Fläche zu bauen, sowie die auslaufende Förderperiode der Europäischen Union wieder Schwung in das Verfahren. An der Nutzung des HubGebäudes und der Qualität und visionären Kraft des Vorschlags scheiden sich wie oben beschrieben während des Diskussionsprozesses die Geister. Bei der Eröffnung Anfang 2016 scheint aber eine positive Einschätzung des Projekts zu überwiegen. Es kann vermutet werden, dass die Rezession, die größere private Investitionen unwahrscheinlich machte, alle Akteur*innen gewissermaßen zu einer besseren Zusammenarbeit gezwungen hat. Besonders die am Prozess beteiligten öffentlichen Institutionen wie DSD und Belfast City Council, die bereits erhebliche Ressourcen in den Entwicklungsprozess investiert hatten, besaßen ein großes Eigeninteressen daran, zu einer Einigung zu kommen und die Entwicklung der Fläche nach so vielen Jahren zu Ende zu bringen. Auf das Leitbild des ursprünglichen Masterplans wird im Verlauf des Girdwood-Teildiskurses kaum noch Bezug genommen – außer dann, wenn verdeutlicht werden soll, wie stark sich das Projekt und die damit verbundenen Intentionen und Motive nach der Aufspaltung gewandelt haben: „Some playing pitches and a Community Hub. It most certainly isn’t gonna be this international something, what did they say, a development of international significance. Whatever that meant. I think that sort of disappeared in the distance somewhere“ (Mitarbeiter Ashton Community Centre 2014, pers. Gespräch).

Immer wieder weisen die Interviewpartner*innen darauf hin, dass besonders dieser Teildiskurs stark von der inzwischen stattgefundenen Rezession beeinflusst wird, welche eine völlig veränderte Herangehensweise an das Projekt zur Folge hatte. So waren die Autor*innen des 2007 veröffentlichten Masterplans noch davon ausgegangen, das neue Quartier würde überwiegend durch private Investi-

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tionen entwickelt werden. Nach der im Jahr 2008 beginnenden Finanz- und Wirtschaftskrise ist davon nicht mehr die Rede. Interessanterweise sind es für den Mitarbeiter des Ashton Community Centre gerade die Rezession und die daraus folgende Veränderung des Nachdenkens über Girdwood, die eine Verbesserung für Nordbelfast und seine Bewohner*innen bewirken könnten: „The private money’s gone. Nobody wants to invest there. You’ve got some public money. And now, by default almost, you’re having something which the community probably will end up benefiting from, if it’s done properly. If it can overcome the difficulties around territory and peace lines and who owns what. It could become a reasonably decent shared space.“ (2014, pers. Gespräch).

Insgesamt lassen sich nach der Wiederaufnahme des Diskurses drei übergeordnete Motive ausmachen: Die Erfüllung lokaler Bedürfnisse, das Leisten eines Beitrags zur Belebung des Quartiers sowie die Schaffung eines „shared space“. Deutliche Unterschiede sind auch bei diesem Teildiskurs in Bezug auf das Zustandekommen der dominanten Diskursformation und besonders auf die beteiligten Akteur*innen festzustellen. Nach dem EQIA ziehen sich die Ministerien OFMDFM und DSD weitgehend zurück aus dem Prozess, der nun von Belfast City Council geleitet wird. Die Teilnehmer*innen am Hub Forum überschneiden sich auch nur in Teilen mit denen des Advisory Panel. Insgesamt liegt bei der Zusammensetzung ein größerer Schwerpunkt auf Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen besonders, aber nicht nur aus Nordbelfast. Ein häufig genanntes Motiv ist die Erfüllung lokaler Bedürfnisse mithilfe der Fläche. Die positiven Auswirkungen für die anliegenden Gemeinschaften werden im Diskurs über Girdwood Park insgesamt sehr viel stärker und differenzierter herausgestellt als im ursprünglichen Masterplan, die Pläne werden als „more geared towards the needs of the local community“ betrachtet (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch). Auch aktive Teilhabe an und Zugang zu den Angeboten für die Anwohner*innen ist nun ein starkes Thema im Diskurs. Die Anwohner*innen sollen „the services they need in the one place“ vorfinden (Belfast City Council 2014a). Besonders von Seiten des City Council wird kommuniziert, dass ihre Pläne bezüglich des Community Hub „backing from all communities, at all levels“ haben und dass die Communities sowohl „firmly united behind the idea of a facility that everyone can enjoy“ als auch „central in developing plans to date“ sind bzw. waren (Belfast City Council 2014b) – ein weiterer Hinweis auf das veränderte Verfahren der Entscheidungsfindung.

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Neben eher unkonkret geäußerten Hoffnungen, Girdwood Park möge „some of the long term issues facing local communities, including poverty, health problems and more opportunities for young people“ verändern (Belfast City Council o. J., vgl. Girdwood Residents' Jury 2009) und die Benachteiligung im Stadtteil verringern, werden auch einige greifbarere Wünsche wie die Schaffung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die Bereitstellung attraktiver Freizeit- und Sportangebote genannt (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch, Belfast City Council o. J.). Besonders sollen die Angebote auf die oben benannten Menschen, die bisher wenig bis gar nicht vom Frieden profitiert haben, zugeschnitten sein und im Sinne von „outreach work, training, apprenticeships etc.“ bereitgestellt werden (Kommentar der Lower Shankill Community Association zum EQIA, Department of Social Development 2009). Die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Menschen in Nordbelfast ist ein Motiv, das beide Gemeinschaften gleichermaßen betrifft. „Training and jobs“ wird immer wieder als Schlagwort genannt, um das vordringlichste Bedürfnis aller anliegenden Gemeinschaften zu beschreiben. Dabei wird vermutet, dass diese nur langfristig „over a period of years“ durch die Förderung von „microenterprises and incubation“ und nicht durch einen oder wenige große Investoren entstehen werden (Mitarbeiter Cliftonville Community Regeneration Forum 2014, pers. Gespräch). Bereits im EQIA wurde die Empfehlung ausgesprochen, die ökonomische Entwicklung zur höchsten Priorität zu erheben (Department for Social Development 2009). Der City Council trägt zu diesem Ziel vornehmlich durch die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen während der Konstruktionsphase des Community Hub bei (Belfast City Council 2014b). Wie eng dieses Motiv der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und Schaffung von Arbeitsplätzen auch mit dem Friedenskonsolidierungsprozess in Verbindung gebracht wird, zeigt die folgende Aussage des Mitarbeiters der Lower Shankill Community Association: „One of the barriers that we found in this community when we approached people and asked them to come to a conversation with their neighbours about a shared space project was, in many cases people would have quite literally said to you [...] ‚look, the Good Friday Agreement has been signed. I didn’t work, I had no job before the Good Friday Agreement has been signed. I have had no job since the Good Friday Agreement has been signed. Material difference to me? Absolutely none.‘ [...] The more we entered into the whole regeneration subject then it became quite clear that in fact some of these people were being very truthful and brutally honest in their response. So as an association, Lower Shankill Community Association, we had to very quickly adapt what we did. [...] Because we realised that in order to encourage our community to step up to their plate and engage with their neighbours that

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we had to show that part of our strategy was regeneration activities for those people, regeneration activities which brought new housing, new facilities, but also regeneration activities that brought jobs to the people who lived in these communities. And that’s basically how we currently approach peace-building. [...] We have to focus on sustaining and building the peace, but we also have to focus on regeneration activities which will provide benefit to people who are currently very far away from the job market“ (2014, pers. Gespräch).

Als weiteres lokales Bedürfnis ist die sehr kontrovers diskutierte Schaffung von Wohnraum zu nennen. Zwar ist mittlerweile eine Lösung gefunden worden, mit der alle Seiten zufrieden scheinen, aber lange Zeit war die Frage „how you address objective need in one community but how you also have to consider [the] impact of that on community relations which then impacts on both communities“ eine der schwierigsten und scheinbar nicht befriedigend zu beantwortende (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch). Das Equality Impact Assessment empfiehlt daher ein phasenweises Vorgehen, bei dem zunächst die weniger umstrittenen Punkte umgesetzt werden, von denen beide Seiten profitieren. Erst später sollen die stärker diskutierten Themen bearbeitet werden: „Create jobs first. Begin with tourism then business then leisure and recreation then housing“ (Department for Social Development 2009). Bezüglich der Frage nach Wohnnutzung auf der Fläche geben sich die Vertreter*innen nationalistischer Gemeinschaften kompromissbereit, wohingegen die unionistischen Gemeinschaften – vielleicht aus ihrer gefühlten Position der Schwäche heraus – lange eine unnachgiebige Haltung angenommen hatten. Erst unter einem unionistischen DSD-Minister war es ihnen möglich, diese Haltung aufzugeben und einem Kompromiss zuzustimmen, da sie ihm mehr Vertrauen entgegenbringen konnten als den nationalistischen Amtsvorgänger*innen. Auch die Entwicklung eines dynamischen, lebendigen Quartiers mit „vibrant leisure and community facilities“ (Belfast City Council 2014b), in dem die Menschen gerne wohnen und sich aufhalten, bleibt in dieser Phase ein wichtiges Motiv. Es wird zwar nicht mehr angestrebt, Girdwood Park als ein Projekt mit internationaler Reichweite zu verwirklichen, das Menschen von überall her anzieht, die Verbesserung des Images von Nordbelfast wird im Zusammenhang mit der Schaffung von attraktiven Angeboten auf der Fläche aber nach wie vor erhofft (vgl. Fallon 2011). Der Mitarbeiter der Lower Shankill Community Association erwartet, dass die neuen Angebote von Menschen aus ganz Belfast genutzt werden (2014, pers. Gespräch). Auch die Projektverantwortliche bei Belfast City Council betont, dass besonders der Community Hub darauf ausgelegt sei, viele verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen von unterschiedlichsten Menschen zu befriedigen (2014, pers. Gespräch). Die Freizeitangebote sollen den modernsten

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Standards entsprechen und dadurch sowohl für die direkten Anwohner*innen als auch für Personen von außerhalb attraktiv sein (vgl. Belfast City Council 2014b). Ein drittes Motiv betrifft auch bei diesem Teilprojekt die konfliktbehaftete und segregierte territoriale Situation in Nordbelfast: So wird sehr deutlich und von allen Seiten der Anspruch formuliert, die Fläche und besonders den Community Hub als „truly shared space“ zu etablieren (Belfast City Council 2014b). Dies beinhaltet natürlich das oben genannte Motiv, eine Teilhabe für alle zu ermöglichen. Die Formulierung geht allerdings noch etwas weiter und bedeutet im nordirischen Kontext explizit die gemeinsame Nutzung eines Orts von Nationalist*innen und Unionist*innen, an dem „sectarian based prejudice and division“ überwunden und Menschen mit unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen miteinander ins Gespräch kommen können. Dieser Ort soll „in values of inclusion, diversity, equity and inter-dependence“ verwurzelt sein und dazu beitragen, die Barrieren in Nordbelfast abzubauen und so auch einen Beitrag zur „Normalisierung“ der Raumnutzung zu leisten (Department for Social Development 2009): „And if the community hub is functioning properly and if the leisure facilities are tapping in to shared kind of youth engagement and things and you know where you are with the Gaol and potential development of the Courthouse as well, there’s scope there. But for now the simple challenge is just to take the fences down. And to normalise the space and the directions of travel and the sense of ‚it’s OK to move from A to B‘. And if you see somebody coming from A and you live in B you don’t automatically have to be afraid. You’re trying to normalise travel patterns“ (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch).

Dazu sei es wichtig, die Menschen dazu zu bringen, eine Vision dafür zu entwickeln, „what kind of a community do we want to live in in 20 years time as opposed to the problems that we’re dealing with now“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch). Aussagen wie diese können in zwei Richtungen gedeutet werden: Einerseits ermöglicht es die Konzentration auf eine wünschenswerte Zukunft, aktuelle Probleme und ihre lange Tradition nicht zu deutlich in den Vordergrund zu rücken. Andererseits werden die Dynamiken, die hinter den aktuellen Problemen liegen, dadurch auch nicht verändert (vgl. Fallon 2011:31).15 15 Fallon äußert in ihrer anthropologischen Studie über Girdwood die folgende Einschätzung, in der die Zerrissenheit zwischen den beiden Polen Stabilität und Transformation, zwischen dem Ignorieren der übergeordneten Konfliktlinien zugunsten der alltäglichen Entscheidungsfindung einerseits und dem Lähmungspotenzial dieser Konfliktlinien für ebendiese alttägliche Entscheidungsfindung andererseits deutlich wird (2011:31): „At the [public political] debate, I got a real sense of how divisive issues, for one reason or

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Im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Teilhabe und der Zugänglichkeit für alle wird weiterhin betont, dass das Gelände „safe and welcoming for all“ (Projektverantwortliche Community Hub bei Belfast City Council 2014, pers. Gespräch) sein muss und sich niemand im Zweifel darüber fühlen darf, ob er oder sie die Angebote gefahrlos nutzen kann. Dazu gehört auch ein „zero tolerance approach to graffiti on the site...kind of any tensions, any gathering of young people“ (Projektverantwortliche Community Hub bei Belfast City Council 2014, pers. Gespräch), damit diese „vision of creating a shared, vibrant and safe space which everyone can enjoy“ Wirklichkeit werden kann (Belfast City Council 2014b). „Everyone“ bezieht sich hier natürlich nur auf diejenigen, die sich an die sehr eng gesteckten Regeln halten, sich nicht „herumtreiben“ oder sich den Ort auf irgendeine unerwünschte Weise aneignen. Damit wird die erwünschte Art von familienfreundlicher „vibrancy“ zu einem wichtigen Element bei der Verhinderung dieser ungewollten Aneignung: „Back into that idea of the Girdwood site where there would be social housing involved on both ends of the site – part and parcel of the long-term delivery of that site is that there is high-quality social housing that people really want to live in, that makes a busy and vibrant area again, and it’s very much about identifying the places that we can, take the void spaces and fill them with legitimate neighbourhood activities, where families want to be because once you create those spaces the anti-social elements don’t stay where the family activities go on“ (Crime Prevention Officer PSNI 2014, pers. Gespräch).

Kontrovers diskutiert wurde in diesem Zusammenhang die Frage nach der Straßen- und Wegeführung auf und zu der Fläche. Einerseits ist damit der praktische Zugang zur Fläche von allen Seiten gemeint, der durch „multiple access routes to the site from both sides of the community“ sichergestellt werden soll. Damit soll

another, start to become dominant over issues that could have wider impact. The politicians were either talking about trying to make Northern Ireland work on a logistic level while ignoring the deep divisions between them, or focusing on the politics of those divisions and forgetting that they were responsible to people to try to make their lives better on a day today basis. I left the debate with two possible understandings of the Girdwood debate. The first is that people need houses, jobs, but sectarianism in the form of territoriality and resource competition has gotten in the way. The other is that Northern Ireland is still a nation of deep, divisive conflict (I do not buy into the “postconflict“ label) and that, for the sake of day-to-day needs like jobs and housing, the conflict is simply being managed by segregation and separation, rather than addressed and worked through.“

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weiter dazu beigetragen werden, dass die Fläche und die dort bereitgestellten Angebote „open to all regardless of religious belief or political opinion“ sind und bleiben (Department for Social Development 2009:4). Im ursprünglichen Masterplan war dieser Aspekt noch untergeordnet behandelt worden: „The people who carried out the original masterplan – whenever I looked at it I felt they made a mistake because they basically have one main road accessing the site. But at certain parts of that road they had a one-way system. And that’s perceived by one community as ‚well, you’re telling me I can go that far but no further‘. But the reason why they designed it that way was the traffic management and to try and limit the amount of vehicle access – which is a good thing to do, overall. But just to not take into consideration the local communities“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch).

Von Vertreter*innen der anwohnenden Nachbarschaften wurden zudem Bedenken geäußert, die Fläche für den Durchgangsverkehr zu öffnen, da sie einerseits die Zugangsmöglichkeiten der „anderen“ auf ihr Territorium fürchteten und sich andererseits an die komfortable verkehrsberuhigte Wohnsituation durch die Mauer am Ende der Straße gewöhnt hatten: „I mean there’s historical division there, very stark division and the […] mind maps people have […] just exclude big chunks of land that are not there as in there’s places you just don’t go and there’s places that are very much theirs. So […] as the site concept was developed by the architect it was about trying to break that down. And reinstate normal patterns, you know. But…there is resistance at a community level to have a vehicle access through the site. So you won’t be able to drive through. And I know that the local police actually don’t agree with that and feel it’s a missed opportunity“ (Projektverantwortliche für das Gelände bei DSD 2014, pers. Gespräch). „Some of the communities around the site – where we would see the access, where it’s coming in and going out, there hasn’t been heavy traffic there for 40 years. So if you live there and we come to talk to you about opening the roads – you don’t want to see heavy traffic, particularly if you have young kids“ (Mitarbeiter OFMDFM 2014, pers. Gespräch).

Ein Vertreter der nordirischen Polizei PSNI, der beratend an dem Projekt beteiligt war, betont, dass Durchgangsverkehr die Fläche seiner Ansicht nach sogar sicherer machen würde, da sich insgesamt mehr Menschen dort aufhalten, die potenziell Gewalttaten oder Vandalismus verhindern könnten.

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„Maybe two generations are used to no through traffic so they don’t want through traffic. And for me – because this is an inner-city area – the natural thing would be that there should be traffic gridway movement networks. From a policing perspective, I don’t like movement areas where traffic and pedestrian movement are very much separated. And the idea of creating this is a leaky cul-de-sac where the vehicles can’t move through but pedestrians can. At the end of the day all the cul-de-sacs become barriers and potential problem places for street drinking, anti-social behaviour. If those things take hold there, will people feel safe? If people feel unsafe, will the community hub be safe as a building if purely for antisocial behaviour never mind inter-community problems“ (2014, pers. Gespräch)?

Aufgrund der vielen kontrovers diskutierten Punkte und der Schwierigkeiten bei der Einigung ist die Flexibilität der Entwicklungen ein wichtiges Querschnittsthema im Diskurs, das direkt mit der Beziehung der Gemeinschaften miteinander verknüpft ist: Sollten sich diese durch den Community Hub oder andere gemeinsame Nutzungen der Fläche und den weiteren Dialog im Laufe der Jahre verbessern, sollen auch die Nutzungen angepasst werden. Es wird die Hoffnung geäußert, dass einige Lösungen, die heute undenkbar erscheinen, in einigen Jahren vielleicht möglich werden, wie die Projektverantwortliche bei DSD erläutert: „And if down the line you could remove that barrier, you could instate it as a through road – that flexibility is there, you acknowledge the future scope, but you’re not pushing the full solution now. And it will depend on how the site develops. Success of one element might trigger...or enable greater ambition for something else. [...] There are plans for the front of Cliftonpark Avenue. There’s agreement, there is outline permission for a plot which is – in loose terms – economic units or mixed-use, but that is undefined in any detail. But there’s a question mark in when is even the right time to develop that. Whether you try to push to develop it now or you’re limiting the potential of it whereas if you wait until the site is opened up and you start to build some confidence, you just might have a better idea and more creative solutions and something a bit more ambitious for that“ (2014, pers. Gespräch).

An der Kontroverse um die Straßenführung zeigt sich, wie komplex die Zusammenhänge zwischen Stadtenwicklung und -erneuerung und der andauernden Friedenskonsolidierung sind bzw. wie deutlich das räumliche Erbe des Konflikts auch bei scheinbar harmlosen Planungsfragen noch seine Wirkung entfaltet. Gerade in einer so schwierigen territorialen Situation wie in Nordbelfast und bei der Entwicklung eines so umfangreichen und bedeutsamen Projekts wie Girdwood Park scheint die bauliche Erneuerung nur Hand in Hand mit der Annäherung der Gemeinschaften voranschreiten zu können. Ein weiteres Indiz dafür könnte der

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positive Einfluss sein, der „North Talks, too“ für die Zusammenarbeit der community representatives und in letzter Konsequenz auch für die Einigung auf eine Nutzung für die Fläche gehabt hat.

8.3 S TEWARTSTOWN R OAD R EGENERATION P ROJECT Das Stewartstown Road Regeneration Project (SRRP) liegt gute drei Kilometer von den ehemaligen Andersonstown Barracks entfernt in einem Wohngebiet im fast schon suburbanen Westbelfast. SRRP hat einen wesentlich geringeren Umfang als die anderen beiden Projekte und wurde bis vor Kurzem weniger stark öffentlich und kaum über den lokalen Kontext hinaus diskutiert. Dies war von den Initiator*innen auch gewollt, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit z. B. von paramilitärischen Gruppierungen auf sich zu ziehen. In den letzten Jahren hat es als „first of its kind“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch) und damit potenzielles Vorbild für weitere ähnliche Projekte jedoch größere Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten der lokalen und regionalen Politik und Medien erhalten (Berichterstattung über Aktionen im Belfast Telegraph). Zudem wurden einige wenige wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht, die sich mit dem SRRP beschäftigen (Donovan 2013, Brand 2009b). Die bauliche Seite des Projekts beinhaltet eine einzige, eher unauffällige Gebäudezeile mit Nutzung durch Gewerbebetriebe, eine Kindertagesstätte und zivilgesellschaftliche wie öffentliche Institutionen („It’s just a row of shops with offices up above it“, Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Außergewöhnlich ist das Projekt vor allem durch zwei Aspekte: Erstens bildet die Stewartstown Road an dieser Stelle ein interface zwischen dem katholischnationalistischen Lenadoon und der deutlich kleineren protestantisch-unionistischen Enklave Suffolk (Donovan 2013:150). Zweitens ist das Projekt aus einer Initiative zweier Nachbarschaftsorganisationen, dem Suffolk Community Forum und dem Lenadoon Community Forum hervorgegangen. Besonders vorangebracht wurde es von zwei leitenden Mitarbeiterinnen der Foren, die mir auch für Interviews zur Verfügung standen. Auf der Fläche befand sich bereits vorher ein ähnlich genutztes Gebäude, das allerdings in einem sehr schlechten Zustand war und bereits in Teilen leerstand. Daran angrenzend standen einige unbewohnte Reihenhäuser der Housing Executive. Aufgrund von Vandalismus und immer wiederkehrenden gewalttätigen Ausschreitungen seit dem Beginn der Troubles wollte oder konnte niemand in die Wiederinstandsetzung investieren; Wohnungen direkt am interface galten als unbewohnbar und gefährlich:

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„Protestants couldn’t live in the flats; they would just be attacked and put out. Catholics couldn’t live in the flats for the same reason. So the flats were just derelict. […] The shops were mostly empty. I think there were two shops. One was a Post Office which people went to to get their benefit and the other one was a second-hand clothes shop, a thrift shop. But the other shops were all empty. So that building was part of the interface“ (Mitarbeiterin Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch).

Abbildung 23: Lage des Stewartstown Road Regeneration Project (eigene Abbildung; Kartengrundlage: openstreetmap.org)

Damit stellt es als Teil der peace line ein Beispiel für eine städtebauliche Auswirkung des Konflikts dar, gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, der als Folge des Konflikts dysfunktional wurde und nicht mehr instandgesetzt werden konnte. Die territoriale Aufteilung der Stadt wird hier besonders für die Bewohner*innen der angrenzenden protestantisch-unionistischen Enklave Suffolk zum Problem. Da über mehrere Jahrzehnte keinerlei Austausch zwischen Suffolk und Lenadoon stattgefunden hatte, werden das Zustandekommen einer Zusammenarbeit und der Erfolg des Projekts auch heute noch als bemerkenswert und keineswegs selbstverständlich angesehen. Auch nach Jahren der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit werden die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften und den Projektmitarbeiter*innen durch politische Entwicklungen auf anderen Ebenen oder an anderen Orten zuweilen in Mitleidenschaft gezogen, wie die Mitarbeiterinnen beider Foren betonen.

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Abbildung 24: Stewartstown Road Regeneration Project (eigenes Foto)

8.3.1 Geschichte und Symbolik der Fläche Suffolk Estate, wie das gesamte Gebiet südlich und nördlich der Stewartstown Road vor dem Ausbruch des Konflikts genannt wurde, wurde in den 1950er Jahren als Siedlung des sozialen Wohnungsbaus angelegt und von den neu einziehenden Bewohner*innen, die überwiegend aus dem kleinbürgerlichen oder Arbeitermilieu stammten, als suburbane Idylle empfunden (Hall 2007:3). Die Bevölkerung von Suffolk Estate bestand zu diesem Zeitpunkt zwar mehrheitlich aus protestantischen Familien, besonders nördlich der Stewartstown Road (im heutigen Lenadoon) wird die damalige Zusammensetzung aber eher als konfessionell gemischt beschrieben (Hall 2007:4). Der Beginn der gewaltvollen Auseinandersetzungen in Belfast Ende der 1960er Jahre wirkte sich auch auf das Zusammenleben der Gruppen in Suffolk aus. Aus vielen Gegenden zogen sich Katholik*innen in das sichere, da traditionell katholisch-nationalistisch dominierte Westbelfast zurück. „I’m sure you know what happened in Belfast over that time, it was documented as being the greatest forced population shift in Europe from the Second World War. When literally thousands of families were forced from their homes, both Catholics and Protestants. Obviously, as Catholic families were being forced from their homes in Protestant areas of Belfast, they sort of naturally migrated this way. Because it was an extension of the Falls, West Belfast. Throughout the early 70s it has been documented […] that about 500, 550 Protestant families were forced from their homes over on that side of the road, my husband and I being

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one of those families. We lived just across the street“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch).

Einige der neu angekommenen Katholik*innen lebten sogar in Lagern, bis ihnen eine permanente Unterkunft zugewiesen werden konnte. Andere zogen kurzerhand in Häuser ein, die von Protestant*innen zurückgelassen wurden oder trugen selbst ihren Teil dazu bei, um deren Umzugsentscheidung zu beschleunigen. Mitglieder beider Gemeinschaften waren massiven Einschüchterungsversuchen, Vandalismus und Drohungen ausgesetzt. In Suffolk betraf dies jedoch vor allem Protestant*innen, die sich vor den Massen katholischer Flüchtlingen aus anderen Stadtteilen auf die südliche Seite der Stewartstown Road zurückzogen (Hall 2007:6-12, vgl. auch Donovan 2013:151). Das ehemalige Stadtteilzentrum mit Geschäften an der Stewartstown Road – auf dem Grundstück des heutigen SRRP gelegen – verkam zum „sterile piece of land, a sort of no man’s land between two communities“ und zur Austragungsfläche für gewalttätige Auseinandersetzungen (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). Die Lebensbedingungen für beide Gemeinschaften verschlechterten sich deutlich, jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Im nationalistischen Lenadoon, wie der ehemalige Teil Suffolks südlich der Stewartstown Road seither genannt wird, waren die Bewohner*innen vor allem durch den schlechten Zustand der Häuser – sowie die ständige Präsenz der britischen Armee beeinträchtigt. Etliche Vorbesitzer*innen hatten beim Auszug noch so viel wie möglich zerstört und die Armee rüstete Wohnhäuser zu temporären Soldatenunterkünften um. Dadurch kam es nicht selten zu gefährlichen Situationen und die Bewohner*innen fühlten sich von den Soldaten schikaniert und bedroht (Hall 2007). Eine meiner Interviewpartnerinnen, die bereits damals im Quartier lebte, beschreibt, wie sie diese Zeit wahrgenommen hat und welche Auswirkungen sie für ihre damals junge Familie hatte: „The British Army in the 70s militarised most of Lenadoon. They took over houses, they took over blocks of flats, they turned them into military barracks. So they did with the four houses right next to my house. The first time it was blown up my son was eight months old. And his eardrums were perforated and my son’s been left profoundly deaf since then. And we had to live in a house that was under bombardment because the army post was next door and [we] got verbally abused and threatened by the British Army that was in the barracks“ (2014, pers. Gespräch).

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Zusätzlich wurde das Quartier wie etliche der republikanischen Nachbarschaften in dieser Zeit zu einer „no-go area“, so dass dort kaum kommunale Dienstleistungen erbracht wurden. Selbst an Wohngebäuden des öffentlichen Wohnungsbaus wurden nur die nötigsten Renovierungsarbeiten durchgeführt (Hall 2007:13). Tabelle 7: Zeitstrahl mit Ereignissen, Phasen, Akteur*innen und Zielen (eigene Abbildung) Jahr

Ereignisse

1995

Erste Kontaktaufnahme zwischen den Community Foren über BIP

1996

1997

Drumcree Erste Überlegungen zur Erneuerung des Gebäudes

1998

Steering Group for Regeneration wird gegründet

Akteur*innen

Ziele & Motive

Belfast Interface Project Suffolk Community Forum Lenadoon Community Forum SLIG (International Fund for Ireland, NIHE, DSD/BRO ohne eigene Diskursbeiträge)

Verbesserung der Lebensbedingungen Sicherheit Gleichstellung der Gemeinschaften Schaffung von Kontaktmöglichkeiten

AP

Peacebuilding (abgekoppelt von raumbezogenem Diskurs)

1999 2000

Offizielle Gründung der Stewartstown Road Regeneration Company

2001

Baubeginn 1. Bauabschnitt

2002

Eröffnung 1. Bauabschnitt

2003

Verleihung des BURA-Awards

2004

Atlantiv Philantropies finanziert Peacebuilding Plan

2005 2006

Beginn der Förderung durch AP

2007

Baubeginn 2. Bauabschnitt

2008

Eröffnung 2. Bauabschnitt

In Suffolk hatte durch die Vertreibungen vor allem der gemeinschaftliche Zusammenhalt gelitten. Der Enklavenstatus in Westbelfast und die damit zusammenhängenden erschwerten Bedingungen des alltäglichen Lebens brachten in den kommenden Jahren viele Bewohner*innen dazu, in andere Stadtteile abzuwandern (Donovan 2013:151). Suffolk war zum „little orange dot in the middle of this big safe green“ geworden (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch), was die Herausbildung einer aktiven paramilitärischen Untergruppe der

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Ulster Defence Army (UDA) und in der Bevölkerung insgesamt eine radikal-defensive Grundhaltung nach sich zog. Nach Einschätzung einer meiner Interviewpartnerinnen können durch diese Entwicklungen alle Bewohner*innen der beiden Gemeinschaften als Konfliktopfer betrachtet werden: „I don’t think there is anybody who isn't a victim of the Troubles. None of us came out of it unscarred. We all have stories and we all have background“ (2014, pers. Gespräch). Die verlassenen Häuser in Suffolk wurden aufgrund der mangelnden Attraktivität des Wohnumfelds selten neu bezogen, so dass die Bevölkerungszahl zusehends kleiner wurde und viele Gebäude in einem schlechten Zustand waren (Hall 2007:14-15). Aus einer Umfrage unter den Jugendlichen in Suffolk, die in den 1990er Jahren von Suffolk Community Forum durchgeführt wurde, ging hervor, dass viele mit dem Erreichen der Volljährigkeit so schnell wie möglich in andere Stadtteile ziehen wollten, weil sie davon ausgingen, die Siedlung habe ohnehin keine Zukunft (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Die Grenze zu Lenadoon und die territoriale Situation „dominated every aspect of daily life in Suffolk, completely“ (Hall 2007:15). Der Bewegungsradius der Bewohner*innen war stark eingeschränkt; außerhalb der winzigen Siedlung konnten sie sich kaum anders als mit dem Auto fortbewegen. Hinzu kamen häufige Attacken auf Mitglieder der Gemeinschaft, von denen naturgemäß besonders die Häuser und ihre Bewohner*innen direkt hinter der peace line betroffen waren. Wie in anderen Teilen Belfasts, an denen interfaces entstanden, verfielen Gebäude entlang der peace line in den kommenden Jahren zusehends und die Grundstücke verloren an Wert. An der Stelle, an der sich heute das SRRP befindet, standen eine Wohnhausreihe sowie ein kleineres kommerziell genutztes Gebäude, dessen Geschäftseinheiten aber fast alle leer standen. Die Reihenhäuser waren nicht bewohnt, da sich sowohl Protestant*innen als auch Katholik*innen vor Angriffen der jeweils anderen Seite fürchteten und das Gelände mieden. Auch das Geschäftsgebäude war in keinem guten baulichen Zustand. Für eine weitere Abwertung der Gegend sorgten unansehnliche Graffiti (vgl. Donovan 2013:152). Das SRRP bzw. die Entwicklung des interface zwischen Suffolk und Lenadoon symbolisiert exemplarisch für viele andere Wohngebiete Belfasts die starken Einschnitte und negativen Veränderungen, die mit dem Beginn des gewaltvoll ausgetragenen Nordirlandkonflikts und dem forcierten Anstieg der konfessionellen Segregation einhergingen und bis heute das alltägliche Leben in den betroffenen Gemeinschaften bestimmen.

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8.3.2 Überblick über den Diskursverlauf, Akteur*innen und Positionen Über 20 Jahre hinweg traten die beiden Gemeinschaften nicht miteinander in Kontakt (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Erste vorsichtige Schritte zu einer Annäherung wurden 1996 durch einen Mitarbeiter des Belfast Interface Project (BIP)16 eingeleitet, der eine Studie in Suffolk und Lenadoon durchführte. Zu diesem Zweck befragte er Mitglieder sowohl des Suffolk Community Forum als auch des Lenadoon Community Forum zu ihren jeweiligen Anliegen und Bedürfnissen im Hinblick auf die eigene Gemeinschaft, das interface und die andere Gemeinschaft. Die Notizen aus den Interviews wurden zwischen den Gruppen ausgetauscht, wodurch sich ein zunächst mittelbar geführter Dialog entwickelte (Hall 2007:16-18, Belfast Interface Project 1999:4). Diese Form der Kommunikation wurde nach einiger Zeit als zu aufwändig und zeitraubend empfunden und ein persönliches Treffen vereinbart. Bald stellte sich heraus, dass ähnlich wie in Nordbelfast viele Probleme – Arbeitslosigkeit, Benachteiligung und Perspektivlosigkeit – auf beiden Seiten gleichermaßen existierten. Einige Missverständnisse, die sich über die Jahrzehnte der Abschottung aufgebaut hatten, konnten nach und nach beigelegt und eine Vertrauensbasis zwischen den Teilnehmer*innen an den Treffen aufgebaut werden. Dabei lief die Annäherung keineswegs immer einfach oder gar reibungslos. Oftmals hatte der regionale politische Kontext und vor allem die Ausschreitungen rund um „Drumcree“ in den späten 1990er Jahren einen schädigenden Einfluss auf die lokalen Beziehungen (Donovan 2013:153, Hall 2007:19-22, Belfast Interface Project 1999:5-6).17 Besonders die Delegation aus Suffolk hatte mit Gegenwind aus der eigenen Gemeinschaft zu kämpfen, denn einige Bewohner*innen der Enklave hatten Angst davor, dass eine Öffnung gegenüber Lenadoon über kurz oder lang zu einer „Übernahme“ führen würde (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch, Donovan 2013:154). Trotz aller Rückschläge und Widrigkeiten wurde im Jahr 1996 die Suffolk-Lenadoon Interface Steering Group

16 Belfast Interface Project (BIP) ist eine Organisation, die andere Organisationen dabei unterstützt, „creative approaches towards the regeneration of Belfast's interface areas“ zu entwickeln (Belfast Interface Project 2016). 17 Der traditionelle Marsch des Orange Order zur Drumcree-Kirche in Portadown, einer Kleinstadt in Co. Armagh südwestlich von Belfast, führt durch ein katholisches Wohngebiet. Mitte der 1990er Jahre eskalierte ein Konflikt um die Marschroute, brachte den damals gerade beginnenden Friedensprozess in Gefahr und griff auch auf Belfast und andere Städte Nordirland über, wo in der Folge ebenfalls Ausschreitungen stattfanden.

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(später: Suffolk Lenadoon Interface Group, SLIG) als loses Kommunikationsnetzwerk gegründet, das dabei helfen sollte, Missverständnisse beizulegen und Gerüchte schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen (Suffolk Lenadoon Interface Group 2008, Hall 2007:22). Ein konkreteres Ziel bekam die Zusammenarbeit, als die Housing Executive 1996 bekannt gab, einige heruntergekommene Gebäude an der Stewartstown Road abreißen zu wollen – unter anderem das, in dem das Büro des Suffolk Community Forum untergebracht war. Die Organisation bemühte sich daraufhin zunächst alleine um finanzielle Unterstützung für den Bau eines neuen Gebäudes. Der International Fund for Ireland18 wies ihren Antrag jedoch mit dem Verweis auf die geringe Größe der Gemeinschaft ab, die Ausgaben in der benötigten Höhe nach Ansicht der Verantwortlichen nicht rechtfertigten. Jedoch wurde ihnen eine Finanzierung in Aussicht gestellt für den Fall, dass ein Antrag von Suffolk und Lenadoon gemeinsam gestellt würde (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum, Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräche). Gleichzeitig wurde der Zustand der Gebäude auf der Stewartstown Road immer schlechter, die Ansicht immer unattraktiver (Hall 2007:23). In einem langen und schwierigen Prozess, der nicht nur aufwändige Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung von Suffolk und Lenadoon, sondern auch eine sechsmonatige Mediationsphase zwischen den beiden Gruppen einschloss, wurde schließlich die Stewartstown Road Regeneration Company Ltd. gegründet, die sich um eine neue Bebauung der Fläche kümmern sollte (Hall 2007:25-26). Als Ziel des Unternehmens wurde festgelegt „to rebuild the centre and manage it in a way that enabled both communities to use and benefit from it and at the same time ensure the centre could draw custom from both communities, assisting its commercial success“ (Donovan 2013:154).

Die Mitarbeiterinnen der beiden Organisationen, die maßgeblich für den Fortschritt des Projekts und der Zusammenarbeit verantwortlich waren, mussten in dieser Phase auch mit persönlichen Anfeindungen und Drohungen von Personen aus ihren eigenen Gemeinschaften umgehen lernen. Besonders in Suffolk gab (und

18 Der International Fund for Ireland (IFI) wurde 1986 von den Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Republik Irland gegründet und wird finanziell von den Vereinigten Staaten, Kanada, Neuseeland, Australien und der Europäischen Union unterstützt. Als Ziel des Fonds wird die Beseitigung der tieferliegenden Gründe für sectarianism und Gewalt sowie die Versöhnung innerhalb und zwischen den Gemeinschaften angegeben (International Fund for Ireland 2013).

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gibt) es mit der Ulster Defence Association (UDA) immer noch eine aktive paramilitärische Gruppierung, die einen Macht- und Gesichtsverlust fürchtete, daher dem Projekt lange Zeit sehr skeptisch gegenüberstand und es mit verschiedenen Mitteln zu verhindern suchte: „It was very difficult in that these were the most violent years of the conflict out here. We were working with a community where the real hard-line paramilitaries had said that never again would a Catholic set foot on this side of the Stewartstown Road“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch).

Die Housing Executive war schließlich dazu bereit, die Fläche für die Initiative aus den Gemeinschaften zu spenden, da sie ohnehin nicht glaubte, selbst die Möglichkeit zur Umsetzung eigener Pläne zu haben (Hall 2007:27): Egal, was sie dort initiieren würde, so die zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich realistische Vermutung, die Gebäude würden von beiden Seiten gemieden, etwaige Bewohner*innen eingeschüchtert und im schlimmsten Fall sogar angegriffen. Nur eine Entwicklungsidee, die von Mitgliedern beider Gemeinschaften gemeinsam erdacht worden sei, könne möglicherweise eine Erfolgschance haben. Weitere Geldgeber für den Bau des Gebäudes, die jeweils ca. die Hälfte der benötigten Mittel zur Verfügung stellten, waren der International Fund for Ireland (IFI) sowie das Belfast Regeneration Office (damals unter dem Namen Making Belfast Work) innerhalb des DSD (Donovan 2013:155). Die heruntergekommene Geschäftszeile sowie die benachbarten ungenutzten Reihenhäuser an der Stewartstown Road sollten durch ein neues zweistöckiges Gebäude mit Geschäften im Erdgeschoss und Büros sowie „community space“ im ersten Stock ersetzt werden (Hall 2007:23, Suffolk Lenadoon Interface Group 2008). Eine Nahversorgung für Suffolk und Lenadoon war zu dieser Zeit kaum noch vorhanden: „If you’d seen the old shop…there was a wee small grocery shop and there was a chemist shop. That was all that serviced Lenadoon and Suffolk“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). Daraus zogen die Beteiligten der beiden Foren den Schluss, dass es nicht alleine wichtig sei, peace lines abzureißen, sondern vorher gut zu überlegen, womit sie zu ersetzen seien. Da die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen nach wie vor störanfällig waren, wurden genaue Regeln für die Zusammenarbeit festgelegt. Vor allem im kleineren Suffolk mussten die Bewohner*innen überzeugt werden, dass keine Entscheidung über ihre Köpfe hinweg getroffen werden würde (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). So betonen alle Beteiligten immer wieder, dass die beiden Gemeinschaften trotz ihrer sehr unterschiedlichen Größe

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absolut gleichberechtigt bei allen Entscheidungen sind: Der Vorstand des Unternehmens besteht beispielsweise aus zwölf Personen, von denen vier aus Suffolk und vier aus Lenadoon kommen. Weitere vier Personen kommen von außerhalb und werden aufgrund ihrer jeweiligen Qualifikation als Unterstützung herangezogen (Hall 2007:23). Das Gebäude musste eine Reihe von Kriterien erfüllen, um den Ansatz der Gleichberechtigung auch baulich widerzuspiegeln: So wurde sehr darauf geachtet, dass aus beiden Wohnquartieren ein sicherer Zugang zum Gebäude möglich ist. Es gibt einen Eingang in Richtung Suffolk und einen in Richtung Lenadoon, die auch dieselbe Adresse haben: 124 Stewartstown Road. So sind sie formal gleichwertig, auch wenn die Lenadooner Seite der Hauptstraße Stewartstown Road zugewandt ist und daher eher wie der Haupteingang aussieht. Das Gebäude sowie seine Umgebung sollten „bright and attractive“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch) aussehen und einen einladenden Eindruck machen, gleichzeitig mussten sie aber hohen Sicherheitsstandards genügen und sollten potenziellen Unruhestifter*innen erst gar keine Möglichkeit bieten, Schaden anzurichten. So wurde überwiegend auf Bepflanzung verzichtet, da Hecken o. ä. als Verstecke genutzt werden könnten. Alle Fenster wurden mit Sicherheitsglas und Metallgittern versehen, das Gebäude mit Anti-Graffiti-Farbe gestrichen (Donovan 2013:158, Brand 2009b). Farben, die einer der beiden Konfliktgruppen zugeordnet sind (vor allem grün und orange) wurden bei der Gestaltung vermieden. Die Büroräume für die Foren wurden identisch gestaltet, um auch hier Gleichwertigkeit zu signalisieren (Donovan 2013:156, Brand 2009b:2864). Eine großzügige Sitzfläche mit Küche zwischen den beiden Flügeln des Gebäudes erleichtert es den Mitarbeiter*innen der Organisationen, in ihren Pausen ins Gespräch zu kommen (Brand 2009b:2862). Außerdem wurden genaue Richtlinien für die Nutzung des Gebäudes festgelegt: So dürfen keine politischen Symbole wie Embleme oder Flaggen der Konfliktgruppen gezeigt werden und die Räumlichkeiten werden zum Beispiel nicht für (partei-)politische Zwecke genutzt. Auch die Vermietung an einen Off-licence, ein bis spät abends geöffnetes Alkoholgeschäft, wurde kategorisch ausgeschlossen. Weitere, eigentlich harmlose und unverdächtige Nutzungen, deren Präsenz jedoch das Zusammenkommen und Herumlungern vornehmlich junger Leute fördern könnte, sind ebenfalls nicht erwünscht. Dazu würden z. B. schon ein Taxistand, ein Schnellrestaurant oder ein Wettbüro gehören – also kleine Betriebe, die anderswo kaum auffallen würden und völlig unproblematisch wären (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch, Donovan 2013: 158). Die erwünschten Geschäfte hingegen sollen möglichst Waren des täglichen Bedarfs führen, die von allen Anwohner*innen benötigt und entsprechend häufig

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frequentiert werden. Neben einem Café – laut den beiden Gründerinnen lange Zeit das einzige weltweit, in welchem Trikots sowohl von den Glasgow Celtics als auch den Glasgow Rangers getragen werden19, befinden sich dort heute ein kleiner Lebensmittelladen, eine Postfiliale sowie eine Apotheke. Ein Fachgeschäft für Kinderkleidung, in dem auch die Schuluniformen für alle Schulen in der Gegend verkauft wurde, schloss im Jahr 2013 und wurde durch einen Innenausstatter ersetzt. Dieser Wechsel war der erste seit der Eröffnung des Gebäudes im Jahr 2002 und lief problemlos ab, so dass das Ladenlokal nicht lange leer stand. Abbildung 25: Peace line hinter dem Gebäude (eigenes Foto)

Die obere Etage bietet Büro- und Konferenzräume für SLIG und andere zivilgesellschaftliche Organisationen, wird aber auch von öffentlichen Institutionen wie dem Belfast Health and Social Care Trust genutzt. Von kommerziellen und öffentlich finanzierten Nutzer*innen wird eine höhere Miete verlangt als von ehrenamtlichen Organisationen. Alle Gewinne, die das Projekt abwirft, werden durch drei geteilt: Ein Drittel verbleibt beim Unternehmen, das damit Investitionen tätigt und das Gebäude instand hält. Von den verbleibenden zwei Dritteln erhalten Suffolk Community Forum und Lenadoon Community Forum jeweils die Hälfte zur freien Verfügung. Sie unterstützen damit ehrenamtliche Arbeit in ihrer 19 Die schottischen Fußballvereine Celtic und Rangers haben auch in Nordirland eine symbolische Bedeutung: Celtic wird mit dem katholisch-republikanischen Milieu assoziiert, Rangers mit dem protestantisch-loyalistischen. Das Tragen eines Fußballtrikots wird damit zu einer politischen Selbstaussage.

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jeweiligen Gemeinschaft (Donovan 2013:157-158). Dabei handelt es sich um eher geringe Summen in Höhe von wenigen Hundert Pfund, aber „it’s enough to create some small bursaries to groups in the area“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch), für die diese Möglichkeit der Finanzierung „a huge difference“ bedeutet (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Auch, um einen Teil der Gewinne an die Gemeinschaften zurückzugeben und damit den „feel-good factor“ erlebbar zu machen, war die ökonomische Tragfähigkeit der Angebote von Anfang an wichtig – und deshalb, weil den Nachbarschaftsorganisationen nur begrenzte Mittel zur Verfügung standen, um ein etwaiges ökonomisches Scheitern finanziell aufzufangen (Hall 2007:28). Die erste Bauphase wurde 2002 beendet. Im Jahr 2003 gewann das SRRP einen Preis der British Urban Regeneration Association für „Outstanding Achievements for Community Regeneration“ (Stewartstown Road Regeneration Project o. J.). Dabei wurde weniger die architektonische Qualität des Gebäudes gewürdigt als vielmehr der Prozess, den die beiden Gruppen durchlaufen hatten sowie der Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der Gemeinschaften. Seitdem wird das SRRP immer wieder als Beispiel für gelungene und vorbildliche Arbeit über die konfessionellen Grenzen in Nordirland hinweg zitiert und auch im akademischen Diskurs wahrgenommen (Donovan 2013, Brand 2009b). Eine zweite Bauphase wurde aufgrund des großen Erfolgs bald geplant und 2008 erfolgreich abgeschlossen. Der Anbau beinhaltet neben zusätzlichen Büround Geschäftsräumen eine Kindertagesstätte, die von Kindern aus Suffolk und Lenadoon besucht wird. Aufgrund der unterschiedlichen Größenverhältnisse ist die Mehrzahl der 50 Plätze von Kindern aus Lenadoon besetzt, aber „as long as a child from Suffolk wants a place and gets a place“, stelle dies für niemanden ein Problem dar (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Durch die wiedererlangte „vibrancy along the front“ und die Möglichkeit, einige Mitglieder der beiden Gemeinschaften in den Geschäften mit Arbeitsplätzen zu versorgen, habe das Projekt „a wee bit of a heart into the area“ zurückgebracht (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). Sie beschreibt das Gebäude als eine „living, breathing peace wall where we provide services that are accessible to both communities“ (2014, pers. Gespräch). Besonders die Tatsache, dass das Projekt von Mitgliedern beider Gemeinschaften aufgebaut wurde, von ihnen verwaltet und weiterentwickelt wird und die Gewinne wiederum anderen Initiativen aus der Gegend zugutekommen wird als zentraler Bestandteil des Erfolgs gewertet und gibt den Bewohner*innen der beiden Nachbarschaften Sicherheit, dass nichts über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Zudem haben die Menschen in den beiden Quartieren ein Interesse daran, das Projekt zu unterstützen und Verantwortung dafür zu übernehmen:

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„It was hard in some respects because we guaranteed people we would come back at every step and consult with them, keep them involved, tell them what was happening...the one thing is really important I always say is you can't run away ahead of your own community. […] If this had been somebody coming in and doing this and sort of got on the motorway and went home again it wouldn’t have had the same effect“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). „And I think what made it work in the end was that it was coming from local people who lived in the community. I said, ‚I’ve lived in this community longer than any of you! I’ve lived here from 1952, my children have been raised here, my grandchildren are being raised here. Why would I want to do anything that is going to either hurt or harm my own community? So we’re asking you to trust us and we guarantee you there’ll be total transparency. There’ll be no hidden agendas, everything that we do we will bring back to you and keep you informed‘“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch).

Im Jahr 2004 ändert sich die Arbeit von SLIG grundlegend: Die Stiftung Atlantic Philanthropies (AP) nimmt Kontakt mit den SLIG-Mitarbeiterinnen auf und regt sie dazu an, einen gemeinsamen Peacebuilding Plan für Suffolk und Lenadoon zu erarbeiten. Für die Umsetzung des Plans stellt sie finanzielle Unterstützung mit einem Gesamtumfang von £ 2 Mio. in Aussicht (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum, Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräche, Donovan 2013:155). Im Jahr 2006 erhält SLIG die endgültige Finanzierungszusage von Atlantic Philanthropies und kann elf neue Mitarbeiter*innen einstellen, die sich um jeweils einen Bereich – Kinder, Sport, ältere Menschen, etc. – des Peacebuilding Plan kümmern (Suffolk Lenadoon Interface Group 2008). Zwar gab es auch vor der Finanzierung durch AP bereits andere Projekte neben dem Management des SRRP, der Umfang vergrößert sich nun jedoch deutlich und der Schwerpunkt der Arbeit verschiebt sich von community regeneration in Richtung Friedenskonsolidierung. Eine Voraussetzung dafür, dass die Zusammenarbeit der community groups überhaupt beginnen konnte, war eine langsam aufgebaute vertrauensvolle Beziehung zumindest zwischen einigen Schlüsselpersonen, in der auch Differenzen und Vorurteile thematisiert wurden. Um diese Art von Beziehung aufbauen zu können, war es förderlich, dass alle maßgeblich Beteiligten von vorneherein auf ein langfristiges Engagement für das Projekt eingestellt waren: „We have been there and back. I can remember when we first all met up, we were never totally at ease for a long, long time. And we have to be aware that others in the community

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feel now as we did then, so we must be patient“ (Aussage eines oder einer Beteiligten aus Hall 2007). „You know, it’s the length of time and I think that’s the most important thing. It’s about the long-term commitment. To make change, it doesn’t happen overnight“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch).

Über die Jahre der Zusammenarbeit hinweg konnten sich diese vertrauensvollen Beziehungen überhaupt erst entwickeln und auch in Zeiten geringerer Übereinstimmung grundsätzlich aufrechterhalten werden. Auch nach vielen Jahren der intensiven Zusammenarbeit ist das Zusammenleben der Gemeinschaften Suffolk und Lenadoon noch lange nicht selbstverständlich und auch nicht immer friedlich. Noch immer kommt es gelegentlich zu Ausschreitungen und auch die Beziehungen der Mitarbeiter*innen des SRRP sowie der beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen leiden z. B. unter gesamtstädtischen oder regionalen politischen Spannungen wie den Diskussionen und Protesten rund um die Beflaggung der Belfaster City Hall. Da die Mitarbeiter*innen des SRRP sich schon lange kennen und einander vertrauen, haben sie mittlerweile eingespielte Mechanismen entwickelt, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und über die Differenzen hinweg im Dialog zu bleiben, so dass am Ende meistens eine für alle tragbare Lösung gefunden wird. Die Anwohner*innen des interface können sich zwar mittlerweile deutlich freier bewegen als früher, eine Auflösung der territorialen Teilung bleibt jedoch jenseits des Vorstellbaren. Gemischt-konfessionelle Paare und Familien sind zumindest in Suffolk nicht willkommen und werden zum Wegzug gedrängt. Trotz der mittlerweile in Suffolk herrschenden Wohnungsknappheit kommt aber auch für die protestantisch-unionistischen Bewohner*innen kein Umzug auf die andere Seite in Frage. Auch behalten die Bewohner*innen der Häuser entlang der Grenze weiterhin Sicherheitsmaßnahmen bei: „People who live on the other side of that gate, inside Suffolk, are afraid of being attacked. And they are attacked. Their houses are attacked. They’re not attacked every night or every weekend but maybe three, four times a year their houses will be attacked“ (Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch).

Die Interviewpartner*innen betonen außerdem, wie deutlich sich die Atmosphäre tagsüber von der Atmosphäre nach Geschäftsschluss unterscheidet, wenn das Gebäude nicht mehr belebt ist. „It’s very different here during the day than it is at night. At night, the building is all locked up and shuttered“ (Mitarbeiterin Suffolk

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Community Forum 2014, pers. Gespräch). Dies wird sich nach Meinung der Interviewpartner*innen auch in absehbarer Zeit nicht ändern, und es ist von Seiten des SRRP oder SLIG auch nicht geplant, aktiv eine Veränderung herbeizuführen. Überwiegend bleibt es jedoch auch in den Nächten ruhig. Am frühen Morgen schließt eine Person aus Suffolk, die dafür von SRRP bezahlt wird, die Zugänge in der peace line von dieser Seite zum Gelände auf und abends wieder ab. Im Frühjahr 2014 wird im Rahmen des Regierungsprogramms Together: Building a United Community (TBUC) die Suffolk zugewandte Seite des Gebäudes (also die nicht als solche benannte Rückseite) umgestaltet: Der ursprüngliche, nahezu blickdichte Sicherheitszaun wurde durch einen leichter und weniger abweisend aussehenden – aber dennoch ebenso sicheren – Zaun ersetzt. Dieser Zauntyp wurde bereits für die zweite Bauphase genutzt, so dass dadurch ein einheitliches und insgesamt freundlicheres Aussehen erreicht wurde. Außerdem wurde auch dieser Eingang barrierefrei gestaltet. Vorher konnten z. B. Rollstuhlfahrer*innen nur durch den Eingang an der Stewartstown Road, wo sich auch der Parkplatz befindet, in das Gebäude gelangen. Auch die Beleuchtung wird verändert, das Gelände insgesamt einladender gestaltet. SLIG hatte im Vorfeld mit den Anwohner*innen in Suffolk über die Baumaßnahmen beraten und schließlich nur diejenigen Veränderung in Auftrag gegeben, die das Sicherheitsgefühl weiterhin aufrechterhalten. So sei ein Effekt der TBUC-Strategie zumindest, dass über einige Barrieren, an die sich die Anwohner*innen längst gewöhnt hatten und über die sie nicht mehr nachdenken, nun wieder gesprochen und getestet wird, welche Sicherheitsmaßnahmen wirklich gebraucht werden (Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch). Die weitere finanzielle Situation von SLIG sowie der beiden Foren war außerdem zu diesem Zeitpunkt sehr unsicher. Von den elf Mitarbeiter*innen verblieben noch drei bis zum Ende der Laufzeit der Förderung durch AP im Jahr 2015. Sowohl AP als auch der IFI, der das SRRP von Anfang an unterstützt hat, stellen in den kommenden Jahren ihre Aktivitäten ein und werden keine neuen Projekte mehr finanzieren. Mündliche Zusagen von Seiten der nordirischen Ministerien für eine dauerhafte Finanzierung der Arbeit über die Grenzen der Gemeinschaften hinweg – OFMDFM und DSD – sind laut Aussage eines/einer Interviewpartner*in über einen Zeitraum von mehreren Jahren nicht eingelöst worden, obwohl vielfältige Ideen zur Weiterentwicklung der Projekte existieren. 8.3.3 Diskursphasen Im Diskurs über das Stewartstown Road Regeneration Project und seine Veränderungen sind zwei Phasen unterscheidbar. Die erste beginnt mit dem Beginn des

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Dialogs zwischen den zwei Gemeinschaften, die zweite mit der Kontaktaufnahme durch Atlantic Philanthropies im Jahr 2004. Bereits seit der erfolgreichen Fertigstellung der ersten Bauphase wurden die meisten Projektgegner*innen von der Nützlichkeit und Attraktivität des Angebots überzeugt. In der Folge stieg das Interesse der Medien, der Behörden und anderer gemeinschaftenübergreifender Initiativen an dem entstandenen „first shared space, the first of its kind right across Northern Ireland“ rapide an (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). Aus diesem gestiegenen Interesse resultierte letztlich die Kontaktaufnahme durch Atlantic Philantropies und deren Finanzierung eines Peacebuilding Plan für Suffolk und Lenadoon. Dieses Ereignis veränderte die Arbeit von SLIG „komplett“ und ließ die Versöhnungskomponente des Projekts erstmals explizit hervortreten (Suffolk Lenadoon Interface Group 2008). Die Projekt- und damit auch die Diskurslogik hat hier insgesamt andere Schwerpunkte als die der anderen beiden, da erstens die erwünschte Nutzung von Anfang an feststand bzw. überhaupt erst den Ausschlag für den Projektbeginn gab und daher nicht kontrovers diskutiert wurde. Zweitens ist das Projekt als einziges der Beispiele zum Zeitraum der Datenerhebung bereits (vorläufig) abgeschlossen gewesen, auch wenn weitere Projektphasen in der Zukunft denkbar. Drittens ist das Spektrum der am Diskurs beteiligten Akteur*innen kleiner und setzt sich ausschließlich aus Mitgliedern zivilgesellschaftlicher Organisationen zusammen.20 Eine andere Nutzung des Gebäudes als die umgesetzte oder auch eine andere Verwertung der Fläche beispielsweise durch die Housing Executive als Besitzerin war zu keinem Zeitpunkt vorgesehen, entsprechend gibt es von Beginn an nur eine dominante Diskurslogik, die sich über die gesamte erste Phase hinweg nicht verändert. Abrupte Brüche im Diskurs sind allerdings auch beim Übergang von der ersten in die zweite Phase nicht auszumachen. Es lässt sich vielmehr eine Erweiterung der diskursbestimmenden Motive und Ziele beobachten, wobei die vorherigen weiter bestehen bleiben. Erste Phase: Verbesserung der Lebensbedingungen im Stadtteil (1996-2004) Das Projekt SRRP entstand aufgrund eines konkreten Nahversorgungsdefizits und einem grundsätzlichen Gefühl der Perspektivlosigkeit besonders in Suffolk. Um die Umgebung wieder lebenswerter und attraktiver zu gestalten, sollte „something tangible“ mit Signalwirkung für die Anwohner*innen beider Seiten des interface geschaffen werden (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum, pers. Gespräch). 20 Auch DSD, NIHE und die anderen finanzierenden Organisationen sind am Projekt be-

teiligt, nehmen aber nicht durch eigene Beiträge am Diskurs teil.

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Bei den Gesprächen über ein Bauprojekt der beiden Foren bzw. ihres gemeinsamen Unternehmens stand daher zu jeder Zeit der räumliche Entwicklungsaspekt im Vordergrund. Zwar wurden die Regeln für die Zusammenarbeit und für das Gebäude selbst vor dem Hintergrund der konfliktbezogenen Spannungen aufgestellt – darüber, wie der Prozess der Zusammenarbeit sowie das fertige „Produkt“, das SRRP, die Beziehungen der Gemeinschaften zueinander verändern würde, wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht gesprochen. Auch die Geschichte und Symbolik der Fläche, die für etliche Beteiligte auch eine sehr persönliche Komponente hat, wurde nicht thematisiert: „We didn't talk about cross-community, good relations or any of the other commonly used phrases. Our work was about community development, economic regeneration, community sustainability and looking to the future“ (Suffolk Lenadoon Interface Group 2008a).

Dabei sind community development und die Regeneration der Fläche für die Mitarbeitenden eng verbunden, wenn nicht sogar gleichgesetzt mit einer konkreten Verbesserung der Lebensqualität, aber auch mit einer „Normalisierung“ der Situation am interface: „This is all about making things better for ordinary people. This is not about flag-waving. This is about creating something that normalises this area (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum, pers. Gespräch).“ „Normalisierung“ hat in dieser Aussage eine andere Konnotation als die in Kapitel 4 beschriebene Form: In Verbindung mit der Tatsache, dass über schwierige Themen zunächst nicht gesprochen wird, lässt sich die angestrebte Form von „Normalität“ auch als Stabilisierung der Situation beschreiben, im Rahmen derer die positiven Auswirkungen des friedlichen Zusammenlebens betont, den einzelnen Gemeinschaften aber nicht zu viel Veränderung zugemutet wird. Das zentrale Motiv für die Initiator*innen ist von Beginn an die Verbesserung der Lebenssituation am interface. Dies soll durch die Schaffung eines attraktiven Nahversorgungsangebots für eine wohlmeinende und friedliche Kundschaft sowie die Bereitstellung von Dienstleistungen und sozialen Diensten erreicht werden. Auch in der folgenden Aussage wird deutlich, dass dies ein eigenständiges Ziel und kein Mittel zum Zweck war: „It wasn’t a community relations project, it was about community development“ (Hall 2007:18). Für beide Gemeinschaften hat die Entwicklung des Projekts einen essenziellen Charakter, da sich Gewalt und Deprivation – sehr unterschiedlich, aber jeweils deutlich negativ – auf sie ausgewirkt hatten und zumindest Suffolk dadurch bis an die Grenze der Lebensfähigkeit gekommen war.

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Aus diesem Grund wurden gezielt Mieter*innen für das Gebäude ausgesucht, die einen konkreten und ganz alltäglichen Bedarf im Quartier decken und von deren Anwesenheit alle profitieren sollten: „We wanted tenants in the building who’d actually benefit the two local communities rather than tenants who would pay a good rent but would not bring any other benefit apart from money. So the tenants there tend to be agencies who are doing something useful“ (Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch).

Dieses Ziel der Verbesserung der Lebensqualität galt auch noch bei der Erweiterung des Gebäudes um die zweite Phase, in der sich heute die Kindertagesstätte befindet: „Because we had identified that there’s a huge need for childcare in the area. So we had said right at the very beginning we wanted to build something for childcare“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Die Akzeptanz des Projekts, dessen Standort immerhin Teil eines interface darstellt, und die Annahme des Angebots durch die gewünschte Zielgruppe können nur erreicht werden, wenn die Bewohner*innen beider Gemeinschaften sich dort sicher fühlen und frei bewegen können. Die Gewährleistung der Sicherheit für Menschen und Gebäude ist deshalb ein zweites mit der Entwicklung der Fläche verbundenes Ziel, das hohe Priorität hatte und hat: „What you have to do is show people that this space here is safe for everybody; whether you come from Suffolk or Lenadoon, there’s no threat to you here“ (Aussage eines oder einer Projektbeteiligten aus Hall 2007). Dieses Ziel setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Zunächst wurde bei der Gestaltung des Gebäudes und des umgebenden Geländes darauf geachtet, potenziellen Unruhestifter*innen gar keine Möglichkeiten zu bieten, Schaden anzurichten. Das Nachdenken darüber begann noch vor dem Abriss der alten Gebäude, da aufgrund der Lage der Fläche weitere Faktoren bedacht werden mussten: „There’s an interface gate to the left of the building. And that gate hasn’t been opened in about 30, 40 years. And the very first stage in the building of the building was ‚what are we gonna do about the gate? ‘ Because the building is actually built a few feet forward of the old building. So what they had to do is rebuild the gate. So the rebuilding of the gate was just as important as the rebuilding of the building if you know what I mean. It’s all about security at the end of the day, really“ (Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch).

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Beim Entwurf des Gebäudes wurden schließlich umfangreiche „target hardening conventions“ wie „the use of toughened, laminated glass, metal grills to protect the windows in the stairwell and roller shutters over all windows“ umgesetzt, die aber gleichzeitig die einladende und freundliche Erscheinung des Gebäudes und seiner Umgebung nicht zunichtemachen durften (Brand 2009b:2677). Zudem war es wichtig, einen Zugang zum Gebäude von beiden Seiten bereitzustellen: „We wanted there to be dual access because it was very important to us that people in Suffolk didn’t feel that they had to walk the whole way round the front to get into the building“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). Gleichzeitig sollten die Zugänge aber auch kontrollierbar und nicht zu jeder Zeit nutzbar sein: „When the front and back door are closed at night, it’s a safe barrier for people in Suffolk, in the smaller community. It’s not a peace wall, but it creates a secured space along the front of their estate“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum, pers. Gespräch).

Weiterhin wurde auf eine abendliche und nächtliche Nutzung verzichtet, so dass potenziell gewaltbereiten Gruppen oder Einzelpersonen keine Anreize geboten werden, sich auf dem Gelände aufzuhalten, wie beide Projektinitiatorinnen betonen. Beide sind sich sicher, dass dieser Grundsatz sich „niemals“ verändern wird, was darauf hindeutet, dass die gewünschte Stabilisierung jedenfalls noch nicht vollständig eingetroffen ist: „We set in place very strict guidelines which I actually think have proved the test of time. We have very strict criteria around the letting of the shops. We will never have a taxi depot, we’ll never have a chip shop. We’ll never have a Chinese carryout there. Because it’s the sort of place that people hang around outside. There’s nothing wrong with the service. But it’s the kind of thing...if you have kids who are looking somewhere to hang around and migrate to – that’s the sort of place that they’ll hang around. And we didn’t want that. We wanted shops that provided affordable services to both communities but that would lock up at a certain time of night and go home. And obviously a taxi depot wouldn’t do that, it would stay open until much later“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). „There was no sort of places that sold alcohol. No taxi depots. No hot food carry-outs. No bookie shops because people who bet hang around them, too. Nothing that would draw people like moths to a flame“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch).

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Um sicherzustellen, dass das Gebäude auch wirklich von der gewünschten Kundschaft als ansprechend wahrgenommen wird, dass sich beim Aufenthalt auf dem Gelände alle sicher fühlen und die Angebote für alle zugänglich sind, herrscht zudem im und um das Gebäude herum absolute politische Neutralität. Auf politische Botschaften sowie Anspielungen auf die Geschichte oder konfessionelle Identität der Gemeinschaften wird gänzlich verzichtet. Dazu gehörte zu Beginn auch, dass weder Politiker*innen noch Polizist*innen das Gebäude betreten sollten. Brand nennt diesen Ansatz eine „zero-tolerance policy for any display of sectarianism“ (2009b:2683). Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Projekt nicht „hijacked by any one side“ wird (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). Mit „any one side“ sind hier nicht nur Suffolk und Lenadoon oder sektiererische Gruppierungen aus den Gemeinschaften gemeint, sondern durchaus auch Behördenvertreter*innen oder Politiker*innen, die sich mit dem Erfolg des Projekts schmücken und daraus Profit schlagen möchten. Der Grundsatz der Neutralität gilt nach wie vor, wobei durch den Fortschritt des Friedenskonsolidierungsprozesses sowie das größere Vertrauen der Projektmitarbeiter*innen zueinander bereits leichte Modifikationen möglich waren: „Things have moved on over the years and politicians have come to this building and […] attended things and the police do come in because it would be Suffolk Community Forum’s office“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch).21 Ein drittes Ziel war die absolute Gleichstellung der Gemeinschaften, die sich wie oben beschrieben z. B. über die Art der Entscheidungsfindung oder die Aufteilung der Räumlichkeiten äußert (Brand 2009b). Dieser Aspekt ist allen Beteiligten wichtig, das Wort „equal“, gleich, wird im Diskurs häufig gebraucht: „It was about the validity of both cultures and religions and outlook, both would be respected. Nobody should have to dumb down their beliefs, their religious belief or any other beliefs. Because we’re equally valid, equally equal. [...] The building is a shared space, it is equally owned by the two communities, regardless of the size of the communities“ (Mitarbeiterin Lenadoon Community Forum 2014, pers. Gespräch). 21 Die Anwesenheit von Polizei war deshalb lange Zeit problematisch, da die nordirischen Republikaner*innen grundsätzlich jede Zusammenarbeit mit bewaffneten britischen Kräften ablehnten. Auch noch nach der Polizeireform im Jahr 2001, aus welcher der aktuell operierende Police Service of Northern Ireland (PSNI) hervorging, verweigerte Sinn Féin die Anerkennung. Dies änderte sich erst nach dem St. Andrew’s Agreement im Jahr 2007, im Zuge dessen auch die nordirische Versammlung wieder eingesetzt wurde. Seitdem hat sich das Verhältnis zwischen der republikanischen Gemeinschaft und der Polizei deutlich entspannt (s. Exkurs S. 188 ff.).

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„It was about equal ownership of both communities and not one community being more equal than the other“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch). „It’s jointly owned, they have a system of consensus. So that one community, each community can veto if something contentious might come up“ (Mitarbeiter Belfast Interface Project 2014, pers. Gespräch).

Dadurch, dass dieser Grundsatz unantastbar und für alle selbstverständlich ist, können in einigen Bereichen mittlerweile auch leichter Zugeständnisse gemacht werden, so zum Beispiel bei der Vergabe der Betreuungsplätze in der Kindertagesstätte, wo die meisten Kinder aus dem nationalistischen Quartier kommen: „...simply because that’s where the catchment is. Suffolk’s a very small community and we can never compete equally on anything– and that’s never important, that’s not important to me. As long as a child from Suffolk wants a place and gets the place. We have fifty children and there might only be actually about three or four coming from Suffolk but that’s how it is“ (Mitarbeiterin Suffolk Community Forum 2014, pers. Gespräch).

Es wird immer wieder erklärt, dass eine Annäherung der Gemeinschaften oder gar eine Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht im Fokus des Projekts stehen: „This initiative is now recognised by people all over the place as a role model of reconciliation and good practice – even though ‚reconciliation‘ as such was never our priority; our priority was simply to improve the wellbeing of our two communities“ (Hall 2007:34).

Trotzdem wurde von Anfang an darauf geachtet, informellen und gewissermaßen nebenbei stattfindenden Kontakt zwischen Mitgliedern der Gemeinschaften zu ermöglichen, so zum Beispiel im Café des Gebäudes, in der Teeküche für die Mitarbeiter*innen oder in der Kindertagesstätte: „The SRRP building too was designed to facilitate friendly encounters between the residents of the two adjacent areas. The first floor, for example, contains a kitchen and a sizeable communal seating area“ (Brand 2009b). „If you have people from Suffolk and Lenadoon working in there together then it’s another opportunity for them to mix and even socialise. And parents coming to leave or collect their kids will meet other parents, even if at first all that is exchanged between them is an initial ‚hello‘. But maybe the next time they’re sitting in the coffee house having a cup of tea, they’ll recognise each other and ask: ‚How’s your wee one getting on?‘ or whatever. It’s

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not something you’re forcing on people, but is something that hopefully will grow“ (Hall 2007:30).

Dass diese neutralen, zufälligen Begegnungen so friedlich und mittlerweile selbstverständlich ablaufen, kommentiert der Mitarbeiter des Belfast Interface Network, der das Projekt von Anfang an begleitet hat, noch heute nahezu überrascht: „Usually when you go up there you‘ll be able to park okay. But the car park’s pretty full. The place is busy. So just to replace the old building with the new building and have all those people using it and happy to mix and rub shoulders, just that was seen as a...yes, it’s regeneration but you could say there’s an element of reconciliation in there, too. There’s a little café there and you honestly do get this: You will see people in Rangers tops sitting at tables beside people in Celtics tops. Now, they might not talk to each other. But the fact that they might even sit in the same café on an interface, that’s really quite...that wouldn’t happen in many parts of the city, in interfaces“ (2014, pers. Gespräch).

Die historische Symbolik der Fläche als peace line ist beständig unterschwellig Teil des Diskurses, sie wird aber selten explizit aufgegriffen. Auch scheint es bei keinem/keiner der beteiligten Akteur*innen ein Interesse daran zu geben, die Vergangenheit zu thematisieren. Weder für die angrenzenden Gemeinschaften noch für die – wenigen – Besucher*innen von außerhalb wird irgendein Aspekt der Geschichte aufbereitet oder gar dargestellt. Vielmehr sind die aktuell spürbaren Folgen der Geschichte, die den Ort bis heute prägen, das eigentliche Thema, das den Diskurs beherrscht: Angriffe auf Häuser direkt hinter der peace line, herumlungernde Jugendliche oder sonstige argwöhnisch betrachtete Personengruppen, der Umgang mit besonderen (Gedenk-)Tagen und politischen Krisen, die sich auch auf das Zusammenleben der Gemeinschaften am interface auswirken. Allerdings scheinen auch positive Erinnerungen an die Zeit der „suburbanen Idylle“ keinen Platz im Rahmen des Projekts zu haben. Zweite Phase: Friedenskonsolidierung (2004 – 2015) Die zweite Diskursphase beginnt mit der Kontaktaufnahme durch Atlantic Philantropies im Jahr 2004. Alle in der ersten Phase beobachtbaren Ziele und Motive bleiben weiterhin relevant, es tritt nun aber auch der Anspruch auf, Menschen auf beiden Seiten des interface auch über alltägliche Begegnungen hinaus zusammenzubringen und damit möglicherweise eine Transformation der Beziehungen zu beginnen. Die zufälligen Kontakte wurden im Rahmen des Peacebuilding Plan um Events und gemeinsame Aktionen verschiedener Gruppen ergänzt:

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„It’s about building up the capacity, building up the confidence of the different strands: young people, women, pensioners, and then to begin organising some joint activities. M____ is currently working with a pensioners’ group regarding a joint Christmas carol concert, involving some P7 children22 from both primary schools“ (Hall 2007:33).

Bei diesen Veranstaltungen standen keine Aspekte des Umgangs mit der Vergangenheit im Vordergrund, sondern es ging eher darum, den Kontakt zwischen Menschen in ähnlichen Situationen aus den beiden Gemeinschaften zu ermöglichen. Eine bedeutsame Ausnahme war das oral history-Projekt „Building Bridges at the Grassroots“, das anhand von Aussagen einiger älterer Anwohner*innen die Geschichte von Suffolk und Lenadoon seit der Gründung der Siedlung bis zum Bau des Stewartstown Road Regeneration Project erzählt (Hall 2007). In dem dazugehörigen Buch wird deutlich beschrieben, wie beide Seiten die Vertreibungen und die entstehende Segregation erlebt haben, wie es zur Wiederannäherung und schließlich zur Zusammenarbeit für das SRRP kam. Das Gebäude und die Zusammenarbeit daran kann daher als Ausgangspunkt für die weiteren Aktivitäten der Suffolk Lenadoon Interface Group gelten, die zumindest teilweise stärker auf die lokale Friedenskonsolidierung fokussieren. Heute gibt SLIG „peacebuilding and regeneration“ als die beiden „cornerstones“ ihrer Arbeit an (Suffolk Lenadoon Interface Group 2008b).

8.4 D ISKUSSION

DER EMPIRISCHEN

E RGEBNISSE

In diesem Kapitel habe ich drei Stadterneuerungsprojekte untersucht, um Teildiskurse über den Umgang mit Schattenorten zu identifizieren und Rückschlüsse auf die dahinterliegenden Ziele und Motive zu ziehen. Im folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Aspekte aus den drei untersuchten Projekten zusammengeführt und diskutiert. Zur Strukturierung dienen die aus dem empirischen Material abgeleiteten Kategorien (Stellenwert und Entwicklung der Symbolik, Akteur*innen und Positionen sowie Ziele und Motive). Zur Diskussion der Kernkategorie Ziele und Motive nutze ich den in aus den theoretischen Debatten entwickelten und in Kapitel 6 dargelegten Analyserahmen mit den Spannungsfeldern Stabilität/Transformation, Rückzug/Normalisierung sowie Innen-/Außenorientierung.

22 Primary 7 (P7) entspricht ca. der 6. Klasse in Deutschland.

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8.4.1 Stellenwert und Entwicklung der Symbolik Zum Beginn jedes Diskurses war mit allen untersuchten Orten eine starke historische Symbolik verbunden, die deutlich benannt werden konnte und von den Diskursteilnehmer*innen auch bewusst wahrgenommen wurde. Diese wurde in den Diskursen auf unterschiedliche Weise behandelt und weiterentwickelt. Andersonstown Barracks: Von der „awful history“ zum „rich heritage“ Die Andersonstown Barracks sind ein Beispiel für ein symbolbehaftetes Zweckgebäude und Teil der konfliktbezogenen Sicherheitsarchitektur. Im nationalistischen Westbelfast wurden sie als Fremdkörper empfunden, das Gebäude stand sinnbildlich für die britische „Besatzung“. So gab es auch kaum Interesse daran, die Struktur zu erhalten. Der Abriss des Gebäudes kann selbst als symbolisch bezeichnet werden und wurde im Stadtteil freudig bis schadenfreudig kommentiert. Ein Vorschlag, der den Symbolgehalt der Fläche sehr bewusst aufnimmt und ausgerechnet von ehemaligen republikanischen Häftlingen ins Spiel gebracht wird, zielte darauf ab, das Gebäude in Teilen zu erhalten und es zu einem Backpackers‘ Hostel umzugestalten. Dieser Vorschlag wurde allerdings von den anderen Diskursakteur*innen nicht aufgegriffen und damit marginalisiert. Dies entsprach den Interessen des verantwortlichen Ministeriums als Teil der Regionalregierung, für das ein Erhalt der Struktur nicht in Frage kam. Trotz des schnellen und unsentimentalen Abrisses ist es für die republikanischen Akteur*innen aus dem Quartier zunächst noch wünschenswert, die Erinnerung an die Kaserne und die von ihr ausgehend empfundene Bedrohung zu bewahren und für nachfolgende Generationen zu erzählen. Die Erinnerungshaltung im Quartier macht einen unversöhnlichen, selbstviktimisierenden Eindruck. Im weiteren Prozess wird die ursprüngliche Symbolik jedoch von jeweils aktuellen Plänen der Neunutzung überlagert und verschwindet nach Meinung der meisten Diskursteilnehmer*innen in den folgenden Jahren ganz. Besonders trägt dazu das Scheitern des „EXPO West“-Projekts bei, das aufgrund der aufwändigen Inszenierung, dem groß angelegten Beteiligungsprozesses und der Beteiligung von Daniel Libeskind selbst als Versuch gewertet werden kann, ein neues Symbol zu schaffen, das die alte Symbolik überlagert. Die favorisierte Entwicklungsoption, die während der vorläufig letzten Diskursphase von vielen Beteiligten unterstützt wurde, ist ein eher kleines Gebäude als touristisches Informations- und Recherchezentrum mit Bezug zum benachbarten Milltown-Friedhof, das außerdem Möglichkeiten für private und nachbar-

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schaftliche Veranstaltungen aus „der community“ bereitstellen soll. Damit wird nicht mehr die Geschichte des Orts selbst aufgegriffen, die als „fremde“ Geschichte empfunden wird. Stattdessen soll das Gebäude unterstützend für bereits bestehende (u. a.) touristisch genutzte Angebote wirken. Über die Verbindung zu den traditionsreichen Friedhöfen wird zudem deutlich gemacht, dass die Geschichte der Gemeinschaft weit zurückreicht. Die durchaus tourismusförderlichen irischen Wurzeln werden betont, was innerhalb Belfasts ein Alleinstellungsmerkmal darstellt. Der Bezug zur „Irishness“, der auch z. B. durch das Gaeltacht Quarter hergestellt wird, steht selbst gewissermaßen symbolisch für Westbelfast und die Rolle des Stadtteils während der Troubles. Dadurch wird das Projekt zu einem Element des besser vermarktbaren Westbelfaster Heritage umgedeutet, über das die Geschichte des Stadtteils erzählt wird. Der wahrgenommene Einfluss der Troubles wird minimiert. Dabei wird allgemein akzeptiert, dass die Deutungshoheit über symbolische Orte und insgesamt für Projekte mit historischem Bezug im Quartier bei der nationalistischen Gemeinschaft liegt und dass deren Interpretation für Projekte im Quartier auch nicht infrage gestellt wird. Die in der Kaserne stationierten Soldaten und Polizisten haben in diesem Narrativ keinen Platz. So passt sich der Diskurs um die Fläche zumindest teilweise dem touristischen Blick an, der in Westbelfast die genannten Charakteristika sucht und das Narrativ der aufrechten und benachteiligten nationalistischen Gemeinschaft über die Jahrzehnte recht gut verinnerlicht hat. Öffentlich wahrnehmbare Dissonanz entsteht aus der Interpretation der Geschichte an dieser Stelle nicht. Crumlin Road Gaol: „Schwerter zu Pflugscharen“ Crumlin Road Gaol ist ebenfalls ein symbolträchtiges Zweckgebäude, an das Mitglieder beider traditioneller Gemeinschaften, der unionistischen und der nationalistischen, Erinnerungen haben. Viele ehemalige Gefangene leben auch heute noch in Nordbelfast, wo sich das Gefängnis befindet. Für sie steht es symbolisch für schmerzhafte Erfahrungen, Brutalität von Seiten der Gefängniswärter und unter den Gefangenen und erinnert sie an schlechte hygienische Bedingungen und Überfüllung. Ausgerechnet aufgrund der ähnlichen Erfahrungen von unionistischen wie nationalistischen Häftlingen einschließlich deren Familienangehörigen birgt das Projekt aber auch das Potenzial, die Gemeinschaften einander näher zu bringen, da jede Seite die Erfahrungen der anderen nachvollziehen kann. Vor allem die hochklassige Architektur des Gebäudes führte dazu, dass das Gefängnis in den späten 2000er Jahren im Stile des Ursprungszustands von 1845 restauriert und für eine touristische und freizeitbezogene Nutzung freigegeben

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wurde. Einige ehemalige Häftlinge aus den angrenzenden Nachbarschaften sind dort heute als Touristenführer beschäftigt, für andere Anwohner*innen stellt es mittlerweile einen wichtigen Treffpunkt und Veranstaltungsort dar. Die Angebote werden aber auch von Besucher*innen aus ganz Nordirland und darüber hinaus rege genutzt. Bei den Führungen wird die Geschichte des Orts während der Troubles durchaus thematisiert, dabei aber nicht in den Vordergrund gestellt. Vielmehr wird diese Zeit in einen größeren Zusammenhang gestellt und die Vielfalt der historischen Bezüge (Viktorianische Ära, modernes Reformgefängnis, Suffragetten…) betont. Der Ort ist zwar immer noch eng mit der Konfliktgeschichte verknüpft, wird jedoch längst nicht mehr als düster und bedrohlich empfunden. Zusätzlich wird dafür gesorgt, dass die Wahrnehmung und Symbolik des Orts nicht statisch bleibt, sondern sich mit dem fortschreitenden Friedensprozess weiter wandelt: So werden zum Beispiel politische Ereignisse wie der Besuch der Queen, die sich von den ehemaligen Insassen und zu jenem Zeitpunkt Ersten Ministern Peter Robinson und Martin McGuinness dort herumführen ließ, in dem Gebäude inszeniert. Die touristische und kulturelle Nutzung lässt es zu, dass positive und kurzweilige Erfahrungen nach und nach die konfliktbezogene Symbolik überlagern können und das Projekt mittlerweile als Symbol für die Veränderungen durch die Konfliktbeilegung gefeiert wird. Auch hier entsteht durch das touristische Interesse ein gewisser Stolz auf das eigene Quartier, wenn auch noch in geringerem Rahmen als in Westbelfast. Das Projekt wird aufgrund der touristischen Ausrichtung und der weitgehenden Befreiung von negativen Aspekten weiterhin von einigen Diskursteilnehmer*innen kritisiert, längst aber nicht mehr so deutlich wie zu Beginn des Prozesses. Girdwood Park: Von der „Base of brutality“ zur Basis für die communities in Nordbelfast? Girdwood Park kann als Beispiel für mehrere Typen von Schattenorten gelten. Zunächst ist es ein ehemaliges Militärgelände, das nach dem Abriss der darauf befindlichen Gebäude brach fiel und aufgrund der territorialen Organisation der Stadt und insbesondere Nordbelfasts über viele Jahre dysfunktional blieb. Die nationalistischen Gemeinschaften in Nordbelfast schrieben dem Militärgelände eine ähnliche Symbolik zu wie den Andersonstown Barracks: Es wurde als bedrohlich empfunden, möglicherweise wurden dort sogar IRA-Mitglieder oder Personen, die dafür gehalten wurden, gefoltert. Für die unionistischen Gemeinschaften war Girdwood hingegen ein eher neutrales Gebiet, ein notwendiger Bestandteil der Sicherheitsvorkehrungen, der als konkreter Ort aber mit ihrem Leben nicht sehr viel zu tun hatte.

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Heute bezieht das Gelände seine Symbolik vor allem aus seiner Lage am interface zwischen vier benachteiligten Nachbarschaften (zwei unionistische, zwei nationalistische), die sehr unterschiedliche Interessen haben und sich daher lange nicht auf eine Nutzung verständigen konnten. Diskursteilnehmer*innen erklären das Ausbleiben eines Bezugs zur Geschichte damit, dass das Gelände für die Anwohner*innen nicht betreten werden konnte – es war zwar da, stellte aber nicht Teil des Lebens in den Quartieren dar. Es bestehe daher kein Interesse daran, z. B. etwas über die Menschen herauszufinden, die dort als Soldaten gedient haben. Die territoriale Teilung Nordbelfasts dominiert – als Folge des Konflikts – zwar den Diskurs. Ansonsten wird keinerlei Bezug zu den Troubles, zur Funktion und Symbolik der Fläche in dieser Zeit hergestellt. Die heutige, hauptsächlich freizeitorientierte Nachnutzung mit dem Community Hub als Herzstück präsentiert sich streng neutral und geschichtslos und strebt einen Interessensausgleich zwischen den Bedürfnissen der anliegenden Nachbarschaften an. Möglicherweise kann das recht umstandslose Beseitigen der beiden betrachteten Militäranlagen (Andersonstown und Girdwood Barracks) als eine besondere Form des Denkmalsturzes gewertet werden. Laut Speitkamp erfolgt nach der Zerstörung eines Symbols eine Neugestaltung, die die neue Identität ausdrückt (1997). Dass dies in Belfast teilweise sehr lange dauert, lässt vermuten, dass es noch keine starken und gleichzeitig mehrheitsfähigen Ideen gab, wie die Leerstelle, die das Ende des Konflikts hinterlassen hatte, anders mit Inhalt gefüllt werden konnte. Dazu passt die Kritik, die bei beiden Projekten von Seiten zivilgesellschaftlicher Akteur*innen geäußert wurde, dass nicht eine gute Nutzungsidee umgesetzt, sondern vor allem ein beeindruckendes Gebäude geschaffen werden sollte, das die Vorteile des Friedens symbolisiert. Stewartstown Road Regeneration Project: Neutraler Boden Das Stewartstown Road Regeneration Project schließlich symbolisiert die territoriale Verhärtung, die zu Beginn der Troubles in Belfast erfolgte und das Leben in einem vormals ethnisch gemischten Wohngebiet zum Schlechteren veränderte. Ein volatiles interface entstand, die an dieser Stelle befindlichen Gebäude konnten nicht mehr genutzt werden und verfielen. Daher ist der Ort außerdem ein Beispiel für städtebauliche Auswirkungen des Konflikts sowie durch den Konflikt beschleunigten Verfall und Dysfunktion. Durch die Initiative von engagierten Personen aus beiden Gemeinschaften konnte ein neues Gebäude errichtet werden, dessen Mieter die Nahversorgung für die Umgebung sicherstellen und weitere Dienstleistungen wie Kinderbetreuung

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oder gesundheitsbezogene Beratung anbieten. Durch die Besonderheit als Pionierprojekt und Bottom-Up Initiative steht es mittlerweile symbolisch für die Möglichkeiten engagierter Nachbarschaftsarbeit. Die Wahrnehmung des Orts hat sich dadurch stark zum Positiven verändert und die Situation am interface entspannt. Vorbehalte der Gemeinschaften gegen die jeweils andere existieren nach wie vor, so dass die Segregation der Gemeinschaften außerhalb des Geländes selbst weiterhin besteht. Die Geschichte des Orts wird an keiner Stelle im oder am Gebäude aufgegriffen. Von den Initiator*innen wird Wert darauf gelegt, dass das Gelände und alle Räumlichkeiten strikt neutral gehalten sind und keine Bezüge zur Geschichte oder zur Identität einer der Gemeinschaften wahrnehmbar sind. Strenge Verhaltensregeln sorgen dafür, dass brenzlige Situationen zwischen Mitgliedern der Gemeinschaften kaum entstehen können. Die einzige Ausnahme bildet das Café, in dem z. B. das Tragen von Fußballtrikots durchaus akzeptiert wird und noch nie zu Missstimmung oder gar Gewaltanwendung geführt hat. Zusammenschau Als Gemeinsamkeit der betrachteten Projekte lässt sich feststellen, dass sich das Interesse, die konfliktbezogene Geschichte der konkreten Orte zu erzählen oder zu bewahren, in Grenzen hält. Die Angebote sind entweder unbelastet und ignorieren die Konfliktsymbolik, oder sie beziehen sich auf eine touristisch orientierte Inszenierung von Vergangenheit, die die Zeit der Troubles zwar nicht verschweigt, aber auch nicht betont. Vorschläge, die sich mit einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigen, scheinen derzeit kaum denkbar zu sein, was wiederum den fehlenden übergeordneten Dialog widerspiegelt. Dafür sind mehrere Erklärungsansätze möglich: In Post-Konflikt-Gesellschaften ist die Aushandlung eines akzeptierten historischen Narrativs besonders schwierig. Eine eindeutige Bewertung der Orte ist somit zumindest an den interfaces kaum möglich. Anhand der untersuchten Projekte lässt sich beobachten, wie die Teilgedächtnisse der Gesellschaft in der PostKonflikt-Phase miteinander um die Deutungshoheit konkurrieren. Als Reaktion wird die Geschichte im Falle von Girdwood Park und SRRP weitestgehend ignoriert, die Symbolik von Girdwood Park sogar von einigen Diskursteilnehmer*innen angezweifelt. Aufgrund der immer noch bestehenden Symbolfunktion als interfaces und den daraus resultierenden Schwierigkeiten bleibt die Geschichte und der Konflikt jedoch an diesen konkreten Orten weiterhin präsent, wodurch eine Annäherung der Gemeinschaften nur sehr langsam erfolgt. Für eine

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multiperspektivische, versöhnliche Erinnerungshaltung scheint in den anliegenden Gemeinschaften noch keine ausreichende Bereitschaft zu bestehen – obwohl sie in kleinem Rahmen, z. B. unter den Mitarbeiter*innen der Nachbarschaftsorganisationen, bereits seit geraumer Zeit praktiziert wird. Weiterhin lässt sich die konfliktbezogene Geschichte der Orte möglicherweise schlecht in das Selbstbild der lokalen Gemeinschaften integrieren, sie wirkt nicht identitätsstiftend: So fließen kurz nach dem Abriss der Andersonstown Barracks noch einige Beiträge in den Diskurs ein, die das Aufrechterhalten der Erinnerung an das Gebäude fordern. In den darauffolgenden Jahren verändert sich jedoch die Erinnerungshaltung. Bauliche Aufwertungsprojekte, die Vermarktung des Quartiers als Gaeltacht Quarter und der damit zusammenhängende Anstieg der Besucherzahlen stärken das Selbstbewusstsein der Einwohner*innen und geben ihnen ein positiveres Bild von ihrem eigenen Stadtteil. Diese Entwicklung kann als Beispiel dafür gesehen werden, wie über den Umweg der touristischen Nutzung die eigene Geschichte als erzählenswert, der eigene Stadtteil als attraktiv und interessant empfunden werden kann. Das Bild von der unterdrückten Gemeinschaft, die während der Troubles unter den Schikanen aus der Kaserne zu leiden hatten, passt mit dieser Haltung nicht mehr zusammen. Stattdessen sollen positive Aspekte der Geschichte gezeigt werden, in denen eine resiliente, eng vernetzte, kulturell reiche und politisch engagierte Gemeinschaft die wichtigste Rolle spielt. Die Geschichte wird an das neue Selbstbild angepasst. Auch in Suffolk und Lenadoon ist es schwierig, Geschichte und Selbstbild zu vereinen: Dort sind Mitglieder beider Gemeinschaften als Täter*innen aufgetreten, sehen sich selbst aber vor allem als Opfer der Umstände und der Gräueltaten der jeweils anderen Seite. Diese Erinnerungshaltung hat sich über die Jahre der Zusammenarbeit kaum verändert, wodurch – typisch für Post-Konflikt-Gesellschaften – wenig Empathie für die jeweils andere Seite entstehen kann. Bei Girdwood Park und Andersonstown Barracks werden zudem britische Soldaten und Polizisten der RUC als vornehmliche Akteure, welche die Geschichte der Orte geprägt haben, genannt. Deren Erfahrungen werden als fremd, nicht als Teil der eigenen Geschichte, wahrgenommen – ein weiteres Indiz für fehlende Empathie für Konflikterfahrungen außerhalb der eigenen Gemeinschaft. Auch nach dem Abzug der Truppen gibt es kein Interesse daran, sich ein Bild von den beiden Orten zu machen, die jahrzehntelang mitten in den Wohngebieten standen, aber dennoch zu einer anderen Welt gehörten. Die historische Symbolik scheint bei allen Projekten rasch in den Hintergrund zu treten. Stattdessen werden aktuell pressierende Konflikte und Probleme wie die Wohnungsvergabe am interface oder die generelle sozioökonomische Benachteiligung – die teilweise ja auch vom Konflikt hervorgebracht wurden – vorrangig

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im Diskurs verhandelt. Die Anwohner*innen finden es wohl weniger wichtig, was ein Gelände einmal bedeutet hat als was es zukünftig für sie (oder auch für die anderen) bedeuten kann. Dies ist insofern bemerkenswert, als sowohl der Diskurs als auch die letztendliche Nutzung bei allen Projekten dennoch von der historischen Symbolik bestimmt werden. Bei den Protesten gegen eine kommerzielle, von außen bestimmte Nutzung zeigt sich sowohl bei den Andersonstown Barracks als auch bei dem kombinierten Gaol/Girdwood-Projekt, dass die Flächen für die lokalen Gemeinschaften durchaus wichtig und emotional besetzt sind. Bei SRRP und Girdwood Park verdeutlichen die strengen, nicht verhandelbar scheinenden Verhaltensregeln, wie stark die symbolische Aufladung noch wirkt: Eine gemeinsame Nutzung ist zwar möglich und allemal besser als Verfall und offene Feindschaft, aber nur unter sehr eng gesteckten Voraussetzungen und mit deutlicher Exklusionswirkung für alle, die sich nicht dem Neutralitätsnarrativ anschließen. Durch diese Regeln wird erst die notwendige Stabilität erreicht, um auf einer pragmatischen Ebene über die Neunutzung der Orte zu diskutieren. Gleichzeitig bleibt damit jedoch die Chance ungenutzt, in eine Debatte über ein mögliches gemeinsames lokales Konfliktnarrativ einzusteigen. Offen bleibt, warum dort, wo die jüngste Vergangenheit Kontroversen hervorruft, kein Rückgriff auf weiter zurückliegende historische Elemente erfolgt. Bei Girdwood Park wird die ehemalige Nutzung als Park mit altem Baumbestand und die Herkunft des bekannten Belfaster Dichters John Hewitt aus dieser Gegend erwähnt. Aktuelle Planungen nutzen damit zusammenhängende positive Zuschreibungen jedoch nicht. Bei SRRP erinnern sich noch einige der aktiven Mitglieder der beteiligten Nachbarschaftsorganisationen an die als idyllisch beschriebene Zeit vor dem Ausbruch der Troubles. Es wäre sicher möglich, diese historischen Bezüge im Funktionsgedächtnis der Gemeinschaften zu aktivieren. Dies scheint jedoch an keiner Stelle im Diskurs in Erwägung gezogen zu werden. 8.4.2 Akteur*innen und Positionen Die Untersuchung der an den Diskursen teilnehmenden Akteur*innen und ihrer Positionen zeigt, wie unterschiedlich gesellschaftliche Aushandlungsprozesse über symbolische und konfliktträchtige Orte vonstattengehen können. Staatliche (lokale oder regionale) Akteur*innen bildeten dabei in fast allen Fällen eine der wichtigen Diskursgemeinschaften, waren aber nicht zwangsläufig dominant oder konnten ihre favorisierte Version ungehindert durchsetzen.

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Andersonstown Barracks: Geschlossene Westbelfaster Veranstaltung? Der Diskurs um die der Andersonstown Barracks-Fläche wird zu Beginn von Teilnehmer*innen aus dem republikanischen Milieu dominiert, die gemeinsam eine diskursive Gemeinschaft bilden. Der Diskurs findet in dieser Phase ausschließlich im Quartier statt, öffentlich nachvollziehbare Diskursbeiträge richten sich klar nach innen. Für die politischen Akteur*innen – besonders Sinn Féin – stellt der Eintritt in den Diskurs zudem eine Möglichkeit zur politischen Profilierung dar. Mit ihrer wiederholten Forderung, einen Nutzen für „die community“ mit der Fläche erreichen zu wollen, richten sie sich zwar offiziell an staatliche Stellen (DSD), de facto aber vor allem an ihre Wähler*innen. Viele Diskursbeiträge aus dem Quartier behandeln keine Ideen für die Nutzung der Fläche, sondern drücken vor allem Freude über den Abriss aus. Dies wird begleitet von einer (temporären) Aneignung der Fläche durch zivilgesellschaftliche Organisationen und die Bewohner*innen im Quartier, was zunächst als ausreichend empfunden zu werden scheint. Die Ideenlosigkeit in Bezug auf die Neunutzung der Fläche ist verwunderlich, da Westbelfast als der Stadtteil mit dem engsten sozialen Netzwerk und der aktivsten Zivilgesellschaft gilt. Als einzige Ausnahme kann Coiste genannt werden, deren Vorschlag allerdings möglicherweise zum falschen Zeitpunkt in den Diskurs eingebracht und marginalisiert wird. Trotz des Fehlens eigener Ideen lässt die Gemeinschaft im Quartier aber auch nicht zu, dass staatliche und privatwirtschaftliche Akteur*innen (DSD und Carvill Group) sich mit ihrer favorisierten Option durchsetzen. Nach einer Diskurspause wird DSD zur treibenden Kraft des Prozesses und mächtigstem Akteur im Diskurs. In Zusammenarbeit mit PLACE, WBPB und Daniel Libeskind schreibt sich das Ministerium ein Leuchtturmprojekt für Westbelfast auf die Fahnen, das vor allem durch ikonische Architektur wirken soll. Es gelingt dem Ministerium, mit ihrer Idee Begeisterung auch im Quartier zu wecken und sie als hegemoniale Diskursformation zu etablieren. Durch die breite Unterstützung aus dem Quartier fällt es den anderen bisher aktiven Diskursteilnehmern aus Westbelfast schwer, politischen Nutzen aus dem Projekt zu ziehen. Nach dem Scheitern der Pläne ist bei den beteiligten Institutionen deutlich Frustration, bei den Bürger*innen eine gewisse Beteiligungsmüdigkeit auszumachen, weshalb Partikularinteressen, die zahlenmäßig kleine Bevölkerungsgruppen bedienen, wieder stärkere Aufmerksamkeit erhalten.

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Crumlin Road Gaol und Girdwood Park: Mühsamer Erfolg durch Vielfalt und Teilhabe Die erste Phase, in der Crumlin Road Gaol und Girdwood Park noch als kombiniertes Projekt umgesetzt werden soll, wird von DSD als staatlichem Akteur und den vom Ministerium eingesetzten Akteur*innen dominiert. Im Advisory Panel, das als Vielfalt abbildendes und ausgewogenes Beratungsgremium bezeichnet werden kann, werden die Differenzen zwischen unionistischen und nationalistischen Teilnehmer*innen lange diskutiert – danach werden Einwände beider Seiten jedoch den Argumenten der Planer*innen von BDP und dem Vorsitzenden des Advisory Panel unterworfen. Es entsteht der Eindruck, die Planer*innen hätten vor allem das kreative Potenzial des Projekts gesehen und die lokalen Besonderheiten dabei weitgehend ignoriert. Die Pläne für das Gelände werden zur Projektionsfläche für alles, was seit der Konfliktbeilegung aus Sicht der Gemeinschaften falsch gelaufen ist, Protest formiert sich. Die Anwohner*innen sehen sich als Opfer – diesmal nicht als Opfer physischer Gewalt, sondern eines von staatlichen Institutionen und der Privatwirtschaft vorangetriebenen neoliberalen „Normalisierungsprozesses“, in dem die Bedürfnisse der Nachbarschaften keine Rolle spielen und einseitig Besserverdienende und Tourist*innen bedient werden. Das ambitionierte Projekt scheitert an einer Kombination mehrerer Faktoren, nicht zuletzt aber daran, dass die Vorstellungen über eine erstrebenswerte Nutzung dreier beteiligter Diskursgemeinschaften – DSD/Staat, Vertreter*innen der unionistischen Gemeinschaften einerseits und der nationalistischen andererseits –in dieser Phase unvereinbar sind. Nach der Trennung der Projekte treten sowohl bei Crumlin Road Gaol als auch bei Girdwood Park staatliche Organisationen (OFMDFM bzw. Belfast City Council) als wichtigste und den Diskurs dominierende Akteur*innen auf, die allerdings die Unterstützung der und enge Abstimmung mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen im Quartier suchen – welche sie nach der leidvollen Erfahrung mit dem Masterplan wohl auch brauchen, um dort erfolgreich sein zu können. Als OFMDFM zum Hauptakteur für das Gefängnis wird, gibt das Ministerium eine inklusive, dabei jedoch tendenziell unkritische Erinnerungshaltung vor. Die Erfahrungen der Anwohner*innen während der Troubles werden als Ausgangspunkt für Dialog und Austausch, nicht für gegenseitige Beschuldigungen genutzt. Von einigen Diskursteilnehmer*innen wird sie deshalb als oberflächlich und von negativen Aspekten befreit bezeichnet. Durch sie ist allerdings auch das wichtigste Projektziel bekannt und damit vereinbare Angebote können relativ leicht umgesetzt werden. Das Ergebnis wird von unterschiedlichen Diskursgemeinschaften akzeptiert und positiv gewürdigt. Diese Erinnerungshaltung schafft in Verbindung

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mit einer attraktiven Mischung aus nicht-konfliktbezogenen Angeboten und dem erklärten Ziel, das Gefängnis als „unifier“ zu etablieren, die Voraussetzung für den Erfolg des Projekts. Der letztendliche Kompromiss für Girdwood Park trägt deutlich die Handschrift der angrenzenden Nachbarschaften und besonders der Cross-communityInitiative North talks, too. Hier war eine Aushandlung der Interessen der beteiligten Akteur*innen besonders wichtig, da kein*e Diskursteilnehmer*in so dominant auftreten konnte, dass seine/ihre Vorstellung als hegemonial akzeptiert wird. Politische Akteur*innen nehmen zwar am Diskurs teil und nutzen das Projekt dazu, eigene Interessen zu verfolgen. Lösungsorientiert bringen sie sich aber erst zu einem Zeitpunkt ein, als staatliche und zivilgesellschaftliche Akteur*innen sich bereits auf eine Möglichkeit verständigt haben und auf eine Einigung drängen. Stewartstown Road Regeneration Project: Die Zivilgesellschaft macht’s möglich Das SRRP unterscheidet sich in Bezug auf die Akteursstruktur deutlich von den anderen Projekten: Die Initiative für das Projekt ging allein von zwei Nachbarschaftsorganisationen und einer gemeinsam gegründeten cross-community Organisation aus. Unterstützt wurden sie von Belfast Interface Project, einer weiteren, gesamtstädtisch operierenden zivilgesellschaftlichen Organisation. An der Entwicklung beteiligt waren zwar NIHE als ehemalige Eigentümerin der Fläche, DSD mit Belfast Regeneration Office und mehrere geldgebende Organisationen. Diese verfolgten jedoch keine eigenen Ziele im Diskurs. Eine Bebauung oder sonstige Verwertung der Fläche am interface zwischen Suffolk und Lenadoon erscheint der Housing Executive als Besitzerin und dem Belfast Regeneration Office als der zuständigen Behörde zu schwierig und unsicher, weshalb sie sich ganz aus dem Projekt zurückzieht. Ebenso wenig haben politische Akteur*innen einen Anteil am Diskurs. Dies ist später auch von Seiten der Projektinitiatorinnen beabsichtigt. SRRP ist das einzige der untersuchten Projekte, bei dem zuerst eine konkrete Nutzungsidee entstand, die dann den weiteren Projektverlauf und die Umsetzung bestimmte. Dadurch steht im Diskurs weniger das Austarieren von Interessen oder das Verhandeln der Nutzung im Vordergrund; langwierig und kräftezehrend gestaltet sich hier vor allem die Überzeugung und Einbindung möglichst vieler Einwohner*innen der beiden Quartiere.

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Zusammenschau Eine Gesamtbetrachtung der Projekte macht deutlich, dass eine konstruktive Zusammenarbeit von regionalen und/oder lokalen staatlichen Institutionen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen förderlich für den Fortschritt der Projekte zu sein scheint. Sowohl bei den Andersonstown Barracks als auch bei dem kombinierten Gaol/Girdwood-Projekt führten (vermutete oder tatsächliche) Alleingänge des Ministeriums DSD zu Protesten und Stillständen, die erst mit der Einbindung der lokalen Bevölkerung aufgelöst werden konnten. Dabei haben sowohl die staatlichen als auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen mal impulsgebende und mal verhindernde Rollen inne. Entsprechend der insgesamt schwachen Rolle der lokalen Behörden in Nordirland tritt der City Council nur bei einem Projekt, Girdwood Park, als zentraler Akteur auf. Weitere beteiligte Akteur*innen variieren zwischen den Projekten und können z. B. Unternehmen (Carvill Group), supranationale Institutionen (SEUPB) oder Stiftungen (AP, IFI) sein. Diese Akteur*innen bringen zwar eigene Interessen in Bezug auf die Projekte ein, die allerdings kaum nachzuvollziehen sind, da von ihnen keine öffentlich zugänglichen Diskursbeiträge ausgehen. Daher kann darauf nur indirekt geschlossen werden. Darüber hinaus fällt auf, dass staatliche Organisationen als diejenige Diskursgemeinschaft auftreten, die die Diskurse am stärksten prägt und auf die sich die meisten anderen Beiträge beziehen. Zwar können sie sich nicht unbedingt mit ihren Vorschlägen und Zielen durchsetzen, sie lösen jedoch mit ihren Vorschlägen jeweils deutliche Reaktionen aus, die den weiteren Diskursverlauf bestimmen und den Aushandlungsprozess mit den zivilgesellschaftlichen Akteur*innen nötig und möglich machen. Im Verlauf dieser Prozesse wird zumeist eine Lösung gefunden, die den Vorschlag der staatlichen Institution als Grundlage nimmt und um das ergänzt, was den zivilgesellschaftlichen Institutionen besonders wichtig ist. Die von staatlichen Institutionen ausgehenden Vorschläge werden mehrfach als inhaltlich vage sowie als zu stark außenorientiert kritisiert und erst in der Verhandlung mit v. a. zivilgesellschaftlichen Organisationen konkretisiert. Andere Vorschläge sind so offensichtlich an den Interessen der Wählerklientel des/der aktuellen Ministers/Ministerin orientiert, dass sie kaum ernst genommen werden können. Auf Seiten der politischen Gegner*innen sowie der Nachbarschaftsorganisationen in den betroffenen Quartieren rufen sie reflexartige Empörung hervor und verhindern so einen konstruktiven Dialog. Ähnlich lassen sich die Diskursbeiträge parteipolitischer Akteur*innen einordnen, die an den Diskursen um Crumlin Road Gaol, Girdwood Park und Andersonstown Barracks teilnehmen. Der Diskurs um die Andersonstown Barracks wird von

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Sinn Féin zur politischen Profilierung gegenüber der kleineren Rivalin SDLP genutzt. Die Partei festigt ihre Vormachtstellung im Quartier über den Protest gegen Pläne des Ministeriums sowie die wiederholte Forderung, mit der Fläche einen Nutzen für die Westbelfaster Bevölkerung zu erzielen – ohne allerdings selbst aktiv Vorschläge in den Diskurs einzubringen. Bei den Projekten in Nordbelfast sind die gewählten Vertreter*innen so sehr in den traditionellen Mustern der Auseinandersetzung gefangen, dass sie zunächst gar nicht bemerken, dass ihre Wähler*innen ihnen bereits einen Schritt voraus sind: Erst durch die Intervention der cross-community Initiative North Talks, Too lassen sie sich zu einer Einigung über die künftige Nutzung von Girdwood Park zu bewegen. Die Vermutung, dass zivilgesellschaftliche Organisationen vornehmlich eine kritische Strategie anwenden, die mit einer aufarbeitenden, versöhnenden Haltung einhergeht (Bollens 2000), bestätigt sich für die untersuchten Beispiele nicht zwangsläufig. Zwar sind zivilgesellschaftliche Akteur*innen bei allen Prozessen eine der wichtigsten Gruppen. Dabei nehmen sie jedoch im Falle von Girdwood Park und den Andersonstown Barracks eine durchaus parteiische, zurückgezogene und den Vorteil der eigenen Gruppe suchende Haltung ein und wirken zumindest stellenweise eher verhindernd als ermöglichend. Bei SRRP sind es drei zivilgesellschaftliche Organisationen – die beiden Nachbarschaftsgruppen und Belfast Interface Project – welche die Initiative ergreifen, die Verwirklichung des Projekts vorantreiben und auch den Diskurs bestimmen. Lange Zeit bleiben die Projektverantwortlichen jedoch in einer strikt neutralen Haltung und streben eher eine Behandlung der Symptome des Konflikts an. Die Verbesserung der Beziehungen bzw. ein tatsächlicher lokaler Friedenskonsolidierungsprozess erfolgen erst nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit und durch einen Anstoß von außen, verändern aber wiederum nichts an der territorialen Situation zwischen den Gemeinschaften. Soziale und räumliche Prozesse scheinen hier im und am Gebäude selbst zusammengedacht zu werden, eine darüber hinausgehende Wirkung wird allerdings nicht angestrebt und ist für die Diskursteilnehmer*innen auch zukünftig kaum vorstellbar. 8.4.3 Ziele und Motive Die mit den Projekten verbundenen Ziele und Motive lassen sich überwiegend gut in den entwickelten Analyserahmen einordnen. Die einzenen Bestandteile haben jedoch unterschiedliche Bedeugung für jedes Projekt. Damit repräsentiert jedes Projekt tatsächlich einen eigenen Teildiskurs mit eigenen Zielen und Motiven und erzählt damit eine eigene local story, die sich in Verbindung mit den anderen zu einem Gesamtbild fügt.

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Andersonstown Barracks: Aufwertung durch Touristifizierung Ein sich durch den gesamten Diskurs ziehendes Motiv für die Nachnutzung der Fläche ist die Schaffung eines – eher diffusen – Nutzens für die Anwohnerschaft, gewissermaßen als Entschädigung dafür, dass sie so lange unter der Anwesenheit des Gebäudes und dem Konflikt im Allgemeinen leiden mussten. Da dieses Argument wiederkehrend, hauptsächlich von staatlichen und parteipolitischen Akteur*innen und zur Unterstützung unterschiedlicher Vorschläge geäußert wird, kann es als eine Legitimationstechnik bezeichnet werden, um in Westbelfast Zustimmung zu erhalten. Bei den Andersonstown Barracks zeigt sich deutlich, wie eine selbstviktimisierende Erinnerungshaltung zu Beginn des Diskurses mit einem Rückzug ins Quartier und in die eigene Gemeinschaft einhergeht und später zu Protest gegen Pläne führt, die den Charakter des Quartiers verändern könnten. Weitere Motive zu Beginn des Diskurses sind die Aneignung der Fläche über temporäre Nutzungen und der starke Wille zur Selbst- und Mitbestimmung. Für DSD und das investierende Unternehmen ist der wirtschaftliche Gewinn ein wichtiges Ziel. Die Fläche wird als planerische Dispositionsmasse, als ganz „normales“ Projekt behandelt, ihre Geschichte vermutlich bewusst ausgeblendet. Das Vorgehen des Ministeriums löst im Quartier starke Emotionen aus, weshalb die Fläche von den Anwohner*innen wohl noch nicht als „eine wie jede andere“ betrachtet wird. Der Ort ist für die Gemeinschaft mit Schmerz verbunden und dies wird deutlich gezeigt. Die Bewohner*innen des Stadtteils und ihre politischen und zivilgesellschaftlichen Vertreter*innen scheinen entschlossen, eine Neunutzung nur zuzulassen, wenn sie das Gefühl haben, darüber mitentscheiden zu können. Weiterhin wird der Unwille zur Veränderung deutlich, der sich z. B. auf eine befürchtete Erhöhung des Verkehrsaufkommens oder einer von der bisherigen Bebauungsstruktur abweichenden Architektur bezieht. Die Pläne des Ministeriums haben in dieser Phase keine Chance. In den darauffolgenden Jahren verändert sich die vergangenheitsbezogene Haltung in Westbelfast. Sie wird selbstbewusster und stellt weniger das Leiden der Gemeinschaft während der Troubles in den Mittelpunkt, sondern vielmehr ihre kulturellen und historischen Besonderheiten. Damit entspricht das ikonische „Expo Centre“ und die Beteiligung Daniel Libeskinds an dem Architekturwettbewerb durchaus dem neuen Selbstbild der Gemeinschaft und den Interessen im Quartier zu diesem Zeitpunkt. Über den gesamten Diskurs hinweg und besonders in dieser Phase lässt sich eine Zerrissenheit zwischen Innen- und Außenorientierung sowie die widersprüchlichen Anforderungen von Rückzug und „Normalisierung“ feststellen: Eine weitere Attraktion könnte dem Stadtteil stärkere Präsenz auf der touristischen

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Landkarte einbringen, die Begeisterung über das versprochene Leuchtturmprojekt und das Interesse an der Fläche ist groß. Sie wird als ikonisch und wichtig betrachtet, was eine Bebauung auch reflektieren soll. Eine Imageverbesserung, bauliche Aufwertung und Belebung des Quartiers – besonders zu touristischen Zwecken – werden als Ziele formuliert. Es ist den Anwohner*innen aber nach wie vor wichtig, dass sich ihr Wohnumfeld nicht zu sehr ändert und ihre Partikularinteressen berücksichtigt bleiben. Vorgeschlagene Nutzungen der Fläche – von Apartments über EXPO West bis hin zum genealogischen Recherchezentrum – richten sich tendenziell nach außen, legitimiert werden sie jedoch mit den positiven Effekten für Westbelfast und zielen damit auch nach innen. Es ist bemerkenswert, wie wenig gegensätzlich die meisten Diskursteilnehmer*innen dabei innen- und außenorientierte Ziele, die Funktion des Orts als einerseits kulturelle und andererseits ökonomische Ressource wahrnehmen. Bis zum Schluss fehlt allerdings eine wirklich gute Idee für die Verwendung der Fläche, was möglicherweise auch mit ihrer starken Symbolik zusammenhängt: Um diese zu überlagern, muss die Idee eben nicht nur gut, sondern möglichst spektakulär sein. Die Pole Stabilität und Transformation haben bei diesem Projekt auf den ersten Blick weniger Bedeutung, da aufgrund der ethnisch homogenen Bewohnerstruktur bereits eine gewisse Stabilität herrscht und ein nationalistisches Narrativ in Bezug auf den Konflikt von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt wird. Tatsächlich sind auch in der relativen Stabilität der Westbelfaster Gemeinschaft Unsicherheit und die Ablehnung neuer Einflüsse zu beobachten, die sich in Protesthaltung und der bevorzugten Bewahrung des Bekannten ausdrückt. Eine nur temporär nutzbare Grünfläche, die immerhin keinen Schaden anrichtet, wird attraktiver eingeschätzt als andere Entwicklungsmöglichkeiten, deren Auswirkungen nicht eingeschätzt werden können. Vorschläge, die das Erscheinungsbild der Nachbarschaft, ihr Image und die touristische Nutzung transformieren wollen, kommen ausschließlich von außen und werden mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Nach dem gescheiterten Wettbewerb mit Daniel Libeskind entsteht zwar zunächst Enttäuschung, während der zweiten Befragungsrunde wird jedoch auch die Erleichterung darüber deutlich, dass kein möglicherweise überdimensioniertes Gebäude mit fragwürdigem Nutzen entstanden ist. Crumlin Road Gaol und Girdwood Park: Transformation als Vehikel für “Normalisierung“ Auch bei Cumlin Road Gaol und Girdwood Park führen Protest und Rezession dazu, dass die Projekte weniger groß angelegt durchgeführt werden als in der Vision des Masterplans vorgesehen. In der ursprünglichen Fassung richten sich die

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Ziele und Motive fast ausschließlich nach außen: Über die Herstellung eines neuen, unbelasteten Quartiers wird die „Normalisierung“ Nordbelfasts angestrebt, der Stadtteil soll attraktiv für Besucher*innen, Investor*innen und Neu-Bewohner*innen aus Nordirland und der ganzen Welt werden. Das verstärkte Besucheraufkommen soll zudem die Verbindung Nordbelfasts mit dem Stadtzentrum stärken und zum Abbau der psychologischen Barrieren beitragen. Dass die Imageverbesserung und bauliche Erneuerung auch der alteingesessenen Einwohnerschaft zugutekommen und diese mit attraktiven Freizeit-, Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten versorgen soll, kann als Legitimationstechnik für die Durchsetzung der Interessen des Ministeriums DSD gewertet werden. Als ein Ziel wird zwar formuliert, dass das Großprojekt auch die angespannte Situation zwischen den verfeindeten und sozial benachteiligten Gemeinschaften in Nordbelfast verändern soll. Dies wird jedoch vor allem durch die Entstehung des neuen Quartiers mit neuer Mittelschichts-Nutzerklientel angestrebt und soll eine langwierige Konflikttransformation überflüssig machen. Die Rolle der alteingesessenen Nachbarschaften und die genauen Auswirkungen des Projekts auf selbige werden in dieser Diskursphase nicht thematisiert. Die Pläne treffen in den angrenzenden Nachbarschaften auf verunsicherte, unzufriedene Menschen, die sich nach dem Ende des Konflikts in ihre Gemeinschaften zurückziehen und primär ihre eigenen Bedürfnisse im Blick haben. Sie verdächtigen DSD und BDP, das Projekt nicht für sie, sondern an ihnen vorbei durchsetzen zu wollen. Sie reagieren darauf mit weiterem Rückzug und der noch stärkeren Betonung ihrer jeweils eigenen Interessen. In dieser Konstellation ist es fraglich, ob die Pläne überhaupt durchsetzbar gewesen wären; die 2008 beginnende Rezession ist dann gewissermaßen der „Sargnagel“ für das Großprojekt. Die Aufteilung in zwei Projekte hat eine teilweise Veränderung der Ziele und Motive zur Folge, die allerdings an entscheidenden Stellen erfolgt: Die Renovierung und touristische Öffnung des Gefängnisses soll nach wie vor eine überlokale Attraktion für einheimische wie auswärtige Besucher*innen darstellen. Auch von einer Imageverbesserung und Stärkung der Konnektivität mit dem Stadtzentrum ist in der zweiten Diskursphase weiterhin die Rede, so dass die „Normalisierungs“-Bestrebungen in Verbindung mit der Stabilisierung der schwierigen lokalen Situation weiter wichtig bleiben. Hinzu kommt das Ziel, die lokale Verbindung mit dem Projekt zu stärken. Diverse Veranstaltungen sowie die Möglichkeit, das Gefängnis für private Feierlichkeiten zu nutzen, werden von der lokalen Bevölkerung gerne angenommen und fördern die Aneignung des Orts durch diese. Durch die Anstellung ehemaliger Häftlinge wird die historische Verbindung in die Gegenwart verlängert. Interessanterweise tritt trotz der verschiedenen Perspektiven und sicherlich auch in

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Teilen divergierenden Erlebnisse mit dem Gefängnis die Dissonanz im Umgang mit der Geschichte in den Hintergrund. Der mit dem Gefängnis verbundene Schmerz und die traumatischen Erfahrungen, die einige Interviewpartner*innen betonen, können von Mitgliedern beider Gemeinschaften nachvollzogen werden; dies lässt eine multiperspektivische Erinnerung zu. Das Projekt bekommt eine „vereinigende“ Komponente und wird als shared space anerkannt, was als vorsichtige Hinwendung zur Transformation gedeutet werden kann. Auch bei Girdwood Park führt erst eine langsame Herangehensweise, bei der die Anwohner*innen sich nicht übergangen fühlen, dazu, dass die Fläche bebaut wird. Zu Beginn des Diskurses nutzen einige der parteipolitischen Akteur*innen in Nordbelfast das Projekt, um politischen Nutzen daraus zu schlagen und ihre jeweilige Wählerklientel rhetorisch zu bedienen. Belfast City Council gelingt es schließlich, die Vertreter*innen der Nachbarschaftsorganisationen von ihren Plänen zu überzeugen, die wiederum die politischen Vertreter*innen zur Räson bringen und das Spiel mit Girdwood als „political football“ beenden helfen. Nach Einschätzung eines Interviewpartners ermöglicht erst das Scheitern des großen Masterplans eine Annäherung zwischen den Gemeinschaften, denn es entsteht dadurch für die Anwohner*innen die Chance und auch die Pflicht, eigene Wünsche und Vorstellungen zu formulieren. Wiederum bei Girdwood Park fällt auf, dass es lange keine stark vertretene und gleichzeitig politisch durchsetzbare Idee für die Nachnutzung zu geben scheint. Vorschläge wie die reine Wohnnutzung, die Teile der nationalistischen Nachbarschaften favorisieren, können aufgrund des Protests aus den unionistischen Nachbarschaften nicht umgesetzt werden. Die neutralen Vorschläge hingegen werden wegen ihrer unspezifizischen Nutzung und der fehlenden visionären Strahlkraft kritisiert. Hier zeigt sich erneut die Zerrissenheit der Anwohner*innen zwischen den Bedürfnissen nach „Normalisierung“ und Rückzug: Sie wünschen sich eine Veränderung der angespannten und prekären Situation in Nordbelfast und möchten endlich auch mit einem Großprojekt an den positiven Folgen der Konfliktbeilegung teilhaben. Gleichzeitig bedeutet Veränderung für sie aber auch Risiko, worauf sie mit Rückzug reagieren. Um diesen widersprüchlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, wird mit dem Community Hub ein Kompromiss geschlossen, der für einige Beteiligte zu zahm und kleinmütig bleibt, für andere aber schon zu viele Zugeständnisse den anderen Interessensgruppen gegenüber macht. Die Ziele für den Community Hub handeln vor allem Belfast City Council und die Vertreter*innen der zivilgesellschaftlichen Organisationen im Hub Forum miteinander aus. Nach und nach setzt sich ein überwiegend positiver Eindruck von dem Projekt durch. Der Hub soll zwar auch weiterhin das Image Nordbelfasts verbessern und für Außenstehende attraktiv zu sein. Als wichtigstes Ziel kann nun

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jedoch eine Orientierung an den Bedürfnissen in den angrenzenden Nachbarschaften bezeichnet werden. Besonders betont werden die gemeinsamen Anliegen nationalistischer und unionistischer Gemeinschaften wie die Bereitstellung von Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten und das Schaffen von Perspektiven. Auch mit der sonstigen Nutzung v. a. als Sport- und Veranstaltungsort wird das Ziel bzw. das Potenzial verbunden, konkrete Mängel im Quartier zu beheben und die Lebensqualität zu verbessern. Das Ziel, die Fläche als shared space zu etablieren und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Nachbarschaften zu etablieren, kann dem Bereich der Transformation zugeordnet werden. Diese soll jedoch nicht so sehr über eine kritische Aufarbeitung erfolgen, sondern eher nebenbei durch alltägliche Begegnungen, gemeinsames Lernen, Arbeiten, Spielen und Feiern. Die Grundvoraussetzung dafür ist die Vermittlung von Sicherheit, damit alle potenziellen Zielgruppen die Angebote auch tatsächlich und entspannt nutzen. Dies wird durch eine gewisse Sterilität und Verregelung erreicht. Es wird exakt definiert, welche Formen von Aneignung erwünscht und welche unerwünscht sind (Graffiti, Herumlungern…). Den Gemeinschaften wird durch die stärkere Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse und die Betonung von Sicherheit die Stabilität vermittelt, die sie in dieser Situation brauchen. Wenn auch gesellschaftliche Transformation als wünschenswertes Ziel für die Zukunft grundsätzlich anerkannt wird, so werden doch in der Gegenwart häufig andere Fragen (Wohnungsdruck bzw. Überalterung und Leerstand) als dringlicher wahrgenommen. Als ein zentrales Ziel von Girdwood Park kann daher auch der Erhalt größtmöglicher Flexibilität genannt werden, die es ermöglicht, zukünftigen gesellschaftlichen Veränderungen auch bei der Gestaltung und Nutzung der Fläche entsprechen zu können. Stewartstown Road Regeneration Project: Stabilisierung durch Neutralität Aufgrund der Lage in einem reinen Wohngebiet und Funktion als Nahversorgungszentrum bleibt dieses Projekt stärker innenorientiert als die anderen. Eine gewisse Außenorientierung ist dennoch vorhanden, da zumindest die Bevölkerung Suffolk zu Beginn des Dialogs stark dezimiert war und daher auch neue Einwohner*innen anziehen wollte. Mit der Bebauung und Neunutzung der Fläche verfolgte SLIG insgesamt das Ziel, konkrete Mängel für die beiden angrenzenden Quartiere zu beheben und die Lebensqualität zu verbessern. Als weiteres wichtiges Ziel kann auch hier die Herstellung von Sicherheit genannt werden: Sicherheit vor physischer Gewalt und Attacken von der anderen Seite, Sicherheit vor unrechtmäßiger Nutzung und Aneignung des Orts, Sicherheit

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vor Vandalismus. Um dies zu erreichen, arbeitet SLIG noch stärker als der City Council in Girdwood Park mit einer Reihe von strengen Regeln, die die Nutzung des Gebäudes, Design- und Dekorationsaspekte, aber auch die Zusammenarbeit der Gemeinschaften betreffen. Damit soll u. a. die Gleichstellung der Gemeinschaften gewährleistet und den Anwohner*innen Stabilität vermittelt werden. Die Verhaltensregeln haben sich im Laufe der Projektdauer kaum verändert. Der Fokus auf die Sicherheit aller Beteiligten sowie besonders der Anwohner*innen direkt am interface ist verständlich und hat das Projekt ursprünglich erst ermöglicht, er scheint mittlerweile aber auch eine Legitimationstechnik darzustellen, die Veränderungen und Flexibilität an manchen Stellen verhindert. Gewissermaßen im Widerspruch dazu steht die Praxis der Anwohner*innen, das Gebäude mit politischen Symbolen (Fußballtrikots) bekleidet zu betreten, was aber wohl keine Störungen oder gar Gewalt nach sich zieht. Möglicherweise wird eine vorsichtige Transformation bereits „durch die Hintertür“ erreicht, ohne dass dies als Ziel explizit benannt worden wäre. Jenseits des Geländes selbst scheinen die Gemeinschaften am interface auch noch 20 Jahre nach dem Beginn der Annäherung sehr aufeinander und ihre territoriale Situation konzentriert zu sein, alltägliche Begegnungen sind kaum möglich. Dies überrascht vor allem vor dem Hintergrund, dass peacebuilding – angeregt durch Atlantic Philantropies – nun auch schon seit über zehn Jahren als erklärtes Ziel verfolgt wird. Dieses Ziel findet jedoch bislang keinen räumlichen Ausdruck. Allein die beginnende Veränderung der peace line an der Rückseite des Gebäudes kann annäherungsweise als räumlicher Ausdruck von Veränderung interpretiert werden; bislang wurde sie jedoch nur ersetzt und nicht entfernt. Als Nutzung mit dem weitest gehenden Transformationspotenzial kann die Kindertagesstätte bezeichnet werden, in der Kinder aus beiden Gemeinschaften betreut werden. Dabei wird vor allem angestrebt, Vorurteile über die Möglichkeit zu alltäglichen Begegnungen abzubauen und das gemeinsame Leben in einem Stadtteil friedlicher und selbstverständlicher zu gestalten. So scheint das Verhalten auf dem Gelände selbst weitgehend „normalisiert“, jenseits davon leben die Gemeinschaften in den beiden Quartieren nach wie vor sehr zurückgezogen. Zusammenschau Die Abbildungen 26 bis 30 zeigen, dass die Dimensionen des Analyserahmens für die untersuchten Projekte durchaus zutreffend sind. Auf der Achse „Normalisierung“ – Rückzug ist eine deutliche Tendenz der Zielsetzung hin zu „Normalisierung“ festzustellen, wobei diese Ziele zumeist von staatlichen Akteur*innen, teilweise unterstützt von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen verfolgt werden.

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Abbildung 26: Zusammenschau der vier Stadterneuerungsprojekte in den Dimensionen des Analyserahmens (eigene Abbildung)

Abbildung 27: Stadterneuerungsprojekt Andersonstown Barracks in den Dimensionen des Analyserahmens (eigene Abbildung)

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Abbildung 28: Stadterneuerungsprojekt Crumlin Road Goal in den Dimensionen des Analyserahmens (eigene Abbildung)

Abbildung 29: Stadterneuerungsprojekt Girdwood Park in den Dimensionen des Analyserahmens (eigene Abbildung)

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Abbildung 30: Stadterneuerungsprojekt Stewartstown Regeneration Project in den Dimensionen des Analyserahmens (eigene Abbildung)

Ziele, die dem Bereich Rückzug zuzuordnen sind, werden insgesamt weniger verfolgt. Fast ausschließlich parteipolitische Akteur*innen sind in diesem Feld aktiv. Hinzu kommen Rückzugsbestrebungen von Seiten der Gemeinschaften, wenn sie sich übergangen und überfordert fühlen. Auch eine selbstviktimisierende Erinnerungshaltung scheint eher zum Rückzug zu führen, eine selbstbewusstere Haltung mit mehr Abstand eher zur „Normalisierung“. Die Herstellung von Stabilität wird besonders bei den Projekten an interfaces als Voraussetzung für Transformation betrachtet. Weiterhin wird in diesem Bereich deutlich, dass Transformationsziele eher indirekt über die bauliche Erneuerung und die Bereitstellung erreicht werden sollen. Im Vordergrund steht nicht die Erinnerung oder der Dialog über die Vergangenheit, sondern vielmehr die Herstellung von Good Relations und die Etablierung besonderer, gemeinsam genutzter Räume in der Gegenwart. Dort soll Neutralität herrschen, in den Quartieren selbst wird die jeweilige gemeinschaftliche Identität gelebt. Freundlicher Austausch wird ermöglicht und angeregt, wobei aber gleichzeitig niemand überfordert werden oder sich gezwungen fühlen soll. Dieser Dimension zugehörige Ziele werden eher von Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen in den Diskurs eingebracht. Es stellt sich zudem die Frage, ob ein solches Ausblenden der Vergangenheit bzw. ein oberflächlicher Austausch tatsächlich zu Transformation führt oder nur eine etwas weitergehende Form von Stabilität erreichen kann.

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Keines der identifizierten Ziele verbindet Transformation und Rückzug. Es fällt auch schwer, sich Projekte vorzustellen, die diesen Bereich abdecken könnten. Am stärksten gefüllt ist der Quadrant zwischen Stabilität und „Normalisierung“, was darauf hindeutet, dass sich die Projekte überwiegend in die gesamtstädtische Freizeit- und Touristifizierungslogik einfügen, in der die Vergangenheit nur oberflächlich thematisiert wird. Dabei sind einige der Ziele in diesem Bereich auch sehr spezifisch auf die jeweiligen Nachbarschaften zugeschnitten. „Normalisierung“ hat jedoch für die Akteur*innen in den Quartieren auch noch eine etwas andere Bedeutung als die in Kapitel 5 beschriebene, nämlich die Möglichkeit, sich angstfrei und unbefangen im eigenen Wohnumfeld bewegen zu können. Ziele, die „Normalisierung“ und Transformation verbinden, kommen seltener vor. Wo Transformation als Ziel verfolgt wird, soll dies eher implizit und über alltägliche Begegnungen geschehen, bei denen sich die „Kraft des Banalen“ (Maguire 2016) entfalten kann. Vor dem Hintergrund des fehlenden Gesamtdiskurses und der gesamtgesellschaftlichen Zögerlichkeit bei der Auseinandersetzung mit dem Konflikt überrascht dieser Befund nicht. Gleichzeitig ist Girdwood Park ein Projekt, wo beginnende Transformation es überhaupt erst ermöglicht, dass in der Folge auch „Normalisierung“ stattfinden kann. Die Annäherung zwischen den Gemeinschaften schafft die Voraussetzung für die Umsetzung des Hub und weiterer Projekte auf der Fläche. Transformation ist hier also nicht nur Selbstzweck, sondern auch Voraussetzung für die weitere Entwicklung.

Teil D: Abschluss und Reflexion

9 Schlussbetrachtung: Ziele und Motive im Umgang mit Schattenorten in Diskurs und Praxis

„Red brick in the suburbs, white horse on the wall, Eyetalian marbles in the City Hall: O stranger from England, why stand so aghast? May the Lord in His mercy be kind to Belfast. The jewel that houses our hopes and our fears Was knocked up from the swamp in the last hundred years; But the last shall be first and the first shall be last: May the Lord in His mercy be kind to Belfast. We swore by King William there'd never be seen An All-Irish Parliament at College Green, So at Stormont we're nailing the flag to the mast: May the Lord in His mercy be kind to Belfast. O the bricks they will bleed and the rain it will weep, And the damp Lagan fog lull the city to sleep; It's to hell with the future and live on the past: May the Lord in His mercy be kind to Belfast.“ MAURICE JAMES CRAIG (BALLAD TO A TRADITIONAL REFRAIN, 1974)

Die letzten Zeilen des Gedichts „Ballad to a Traditional Refrain“ des Belfaster Literaten und Architekturhistorikers Maurice James Craig aus dem Jahr 1974

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transportieren die Vorstellung, dass die Vergangenheit in Gesellschaften mit ethnopolitischem Konflikthintergrund eine zentrale Bedeutung für die Identitätskonstruktion der Gemeinschaften innehat (vgl. Baumann 2008, Graham und Whelan 2007, Lederach 2005). Die Pflege eines kohärenten historischen Narrativs und dessen Durchsetzung gegenüber der oder den anderen Konfliktgruppe(n) wird als prioritär gegenüber der Herstellung einer gemeinsamen Zukunft und der Schaffung von Perspektiven für die vom Konflikt traumatisierte Bevölkerung dargestellt. Eine Betrachtung von lokalen Diskursen um Schattenorte in Belfast nach dem Karfreitagsabkommen legen jedoch einen anderen Befund im Hinblick auf den Umgang mit und die Bedeutung der Vergangenheit nahe: Look to the future and to hell with the past – oder wenigstens „don’t dwell on it“, wie es ein Gesprächspartner im Interview ausdrückte. In diesem Buch stand die Frage im Mittelpunkt, welche Ziele und Motive im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften des Nordirlandkonflikts in Belfast zu beobachten sind und welche Rückschlüsse darüber auf – gesamtgesellschaftliche und lokale – historische Narrative, auf Sichtweisen auf den Konflikt und eine entstehende Erinnerungskultur gezogen werden können. Orte können Erinnerung strukturieren, Geschichte sinnlich erfahrbar machen und in der Gegenwart präsent halten (A. Assmann 2007). Die räumlichen Hinterlassenschaften von (z. B.) langanhaltenden innerstaatlichen Konflikten können auch als Schattenorte bezeichnet werden; als Orte, deren symbolische Bedeutung nach einem politischgesellschaftlichen Umbruch unklar ist und zunächst keine offensichtliche Strategie im Umgang mit ihnen nahelegt. Ergänzend zu bisherigen Abgrenzungen habe ich darunter nicht nur explizite Gedenkorte wie Denk- und Mahnmale zusammengefasst (vgl. Sabrow 2015), sondern auch Orte, die nur für einen Teil der Bevölkerung symbolisch sind oder beiläufig Erinnerung auslösen. Städte werden in der Literatur als „visuelle Archive“ (Bakshi 2014), „Palimpseste“ (A. Assmann 2007) oder „Erinnerungsdepots“ (Bogdanović 1993) bezeichnet. Gerade in den Städten sind Schattenorte allgegenwärtig. Zusätzlich gibt es häufig eine hohe Flächennachfrage, der sich auch symbolische Orte nicht entziehen können. Dies macht es für Post-Konflikt-Städte unausweichlich, früher oder später Strategien für den Umgang mit diesen Orten auszuhandeln. Die Art und Weise, wie dies passiert, ist – wie jeder Umgang mit symbolischen Medien des kollektiven Gedächtnisses in jeder Gesellschaft – abhängig von aktuellen Interessen und Bedarfen der Bevölkerung und insbesondere ihrer mächtigen Akteursgruppen. Da für Belfast und Nordirland kein gesamtgesellschaftlicher Diskurs über den Umgang mit der Vergangenheit und den Verbleib der vielfältigen Spuren des Konflikts nachvollziehbar ist, habe ich mithilfe der raumbezogenen Diskursanalyse als Forschungsprogramm und operationalisiert durch die Grounded Theory-Methode

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drei Projekte der Stadterneuerung als local stories untersucht. Anhand dieser local stories ließen sich Teildiskurse abbilden, welche die Besonderheiten der einzelnen Fälle, aber auch wiederkehrende Muster verdeutlichten (Kap. 8). Ziel der GTM ist die Bildung einer neuen Theorie im Sinne einer „an Standpunkt und Lebenswelt der Theorieproduzierenden gebundene, narrativ-deskriptive Annäherung an das zentrale Phänomen der Studie“ (Berg und Milmeister 2011:325). Dabei habe ich „Normalisierung“ als eine mögliche Entwicklungsrichtung der Gesellschaft ausgemacht, die allerdings bislang noch selten – und wenn, vor allem in stadtbezogener Forschungsliteratur – aufgegriffen wird. „Normalisierung“ im Post-Konflikt-Kontext geht einher mit einer starken Außenorientierung und sozioökonomischer Ausdifferenzierung. Dazu gehört auch die Kommodifizierung des kulturellen Erbes und historischer Orte sowie die Entstehung von Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Zumeist profitieren davon vor allem die alteingesessenen und neu entstehenden Mittel- und Oberschichten, weshalb „Normalisierung“ in der Literatur zumeist kritisch bewertet und als neoliberale Fassade abgewertet wird, welche die weiterhin bestehenden Differenzen nur überdeckt (vgl. Bittner 2010b, Neill 2010, Nagle 2009, Bairner 2006). Aus der empirischen Untersuchung – die sowohl in der Diskursanalyse als auch in der GTM immer sehr eng mit der Theorie verzahnt ist – geht jedoch hervor, dass der „Normalisierung“ als gesellschaftliche Tendenz in Post-Konflikt-Gesellschaften eine größere Bedeutung beizumessen ist als die bislang spärliche wissenschaftliche Aufarbeitung vermuten lässt. Zudem ist die beschriebene normative Sichtweise nur in Teilen zutreffend, da die meisten Folgen von „Normalisierung“ von weiten Teilen der Bevölkerung durchaus freudig begrüßt werden. Um neue Erkenntnisse in Bezug auf die Entwicklung von Post-Konflikt-Gesellschaften sowie Ziele und Motive im Umgang mit der Vergangenheit zu ermöglichen, betrachtete ich „Normalisierung“ in dieser Arbeit daher rein analytisch als eine gleichberechtigte gesellschaftliche Tendenz neben anderen. Aus den wichtigsten Aspekten der theoretischen Debatten habe ich einen eigenen Analyserahmen für Ziele und Motive im Umgang mit der Vergangenheit in Post-Konflikt-Gesellschaften kombiniert (Kapitel 6), anhand dessen die lokalen, projektbezogenen Diskurse strukturiert wurden. Diese Spannungsfelder beeinflussen die jeweiligen Aushandlungsprozesse über die Zielrichtung der Stadterneuerungsprojekte und stellen teilweise widersprüchliche Anforderungen. Durch die nicht selten konfligierenden Erinnerungshaltungen und Zielsetzungen der beteiligten Akteur*innen entsteht Dissonanz bei der Aufbereitung historischer Zusammenhänge in der Gegenwart, woraus wiederum unterschiedliche mögliche Strategien für den Umgang mit und die Neunutzung von Schattenorten ableitbar sind.

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Das erste Spannungsfeld entsteht – zunächst unabhängig von ethnopolitischen Konflikten – zwischen den beiden grundsätzlichen Kommunikationsrichtungen (nach innen oder nach außen) bei der Inszenierung von Geschichte und dem Nutzen der Orte als kulturelle, kollektive Identität stiftende oder als ökonomische Ressource, die z. B. im Bereich des Heritage-Tourismus eingesetzt wird (Kap. 3). Das Konzept der Dissonanz kommt ursprünglich aus der angloamerikanischen Heritage-Debatte, weswegen ich es im Zusammenhang mit diesem Spannungsfeld erläutert und auf die anderen Spannungsfelder übertragen habe (Ashworth und Tunbridge 1996): Dissonanz entsteht in Folge jeden Umgangs mit kollektiver Erinnerung und kommt aufgrund der Vielzahl der Perspektiven, Akteur*innen und deren Interessen zustande, die an der Präsentation der Vergangenheit in der Gegenwart teilhaben. Das zweite Spannungsfeld, die Konkurrenz von Stabilität und Transformation in Post-Konflikt-Gesellschaften, trägt ebenfalls zur Entstehung von Dissonanz bei (Kap. 4). Je nachdem, welches der beiden Ziele zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Friedenskonsolidierungsprozess im Vordergrund steht, kommen auch im Umgang mit der Konfliktgeschichte und ihren räumlichen Hinterlassenschaften sehr unterschiedliche Ziele, Vorgehensweisen und Strategien zur Anwendung. Schattenorte können in diesem Spannungsfeld entweder als stabilisierende, Sicherheit vermittelnde Medien fungieren oder aber einen Anstoß zur Veränderung geben. Als drittes Spannungsfeld wurden die beiden gegensätzlichen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen Rückzug und „Normalisierung“ in Bezug gesetzt (Kapitel 4 und 5). Für diejenigen Bevölkerungsteile, die sich in der Post-KonfliktZeit weiter zurückziehen, sind vom Konflikt geprägte Orte potenzielle Erinnerungsressourcen für die eigene Gemeinschaft, von denen die andere(n) Konfliktpartei(en) ausgeschlossen bleiben. Sichtweisen, die von der eigenen abweichen, haben dort keinen Platz. Dissonanz entsteht bereits durch die unterschiedlichen, manchmal unvereinbar scheinenden historischen Narrative der ehemaligen Konfliktparteien. Zusätzlich verkomplizierend wirkt es, wenn andere Bevölkerungsteile „Normalisierung“ anstreben – dazu gehört es auch, zu zeigen, dass der Konflikt tatsächlich abgeschlossen ist und die Gegenwart nicht mehr signifikant prägt. Anhand dieser Kurzdarstellung zeigt sich bereits, dass die Spannungsfelder nicht nur in sich widersprüchlich, sondern auch miteinander potenziell schwer vereinbar sind. In Städten mit besonderer symbolischer Bedeutung, in denen sich zudem eine Vielzahl der als schwierig empfundenen Schattenorte befindet, ist die Aufgabe des raumbezogenen Umgangs mit der Vergangenheit zudem besonders komplex. Den letzten Teil des Analyserahmens bildet daher eine Aufzählung der in Kapitel 5 erarbeiteten Typen von möglichen räumlichen Hinterlassenschaften,

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die nach dem Ende des Konflikts eine Nachnutzung und damit auch eine Positionierung zu ihrer Geschichte erforderlich machen. Als Vorbereitung auf die empirische Untersuchung habe eine ich Darstellung der wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung Belfasts von der Industrialisierung bis heute vorgenommen, die drei aktuell wichtigsten Stränge der Stadtentwicklungspolitik herausgearbeitet und anhand von Beispielen illustriert (Kapitel 7). Diese Stränge sind erstens die Revitalisierung und bauliche Erneuerung der Innenstadt und der Waterfront, zweitens quarterisation und theming of city space und drittens Freizeit- und Eventorientierung. Auch im gesamtstädtischen Rahmen deutet sich die Relevanz der drei Spannungsfelder an. So wird beispielsweise eine Polarisierung zwischen dem alten – zurückgezogenen – und dem neuen – sich „normalisierenden“ – Belfast festgestellt, von O’Dowd und Komarova als Troubles Belfast bzw. Consumerist Belfast bezeichnet (2011, vgl. Murtagh 2008). Gedenken an im Zusammenhang mit dem Konflikt stehende Ereignisse und Personen läuft weitgehend nach innen gewandt in den jeweiligen Gemeinschaften ab, während weiter zurückliegende Elemente wie die Blütezeit der Schiffsbauindustrie für ein Publikum von außen inszeniert werden (vgl. Neill et al. 2014). Dabei transformiert sich Belfast städtebaulich in einem rasanten Tempo, was sich jedoch nicht unbedingt auch in einer gesellschaftlichen Transformation niederschlägt. Wegen des schwer nachvollziehbaren übergeordneten Diskurses können die Spannungsfelder jedoch genauer und aussagekräftiger auf der Ebene einzelner Projekte untersucht werden. Grundlage für diese Aussage ist die Prämisse, Aushandlungsprozesse über Schattenorte in Post-Konflikt-Städten als Entstehungsprozess einer lokalisierten Form von Erinnerungskultur zu begreifen Daher habe ich drei Projekte der Stadterneuerung in Belfast – die Fläche der ehemaligen Andersonstown Barracks, Crumlin Road Gaol und Girdwood Park sowie das Stewartstown Road Regeneration Project – ausgewählt und auf die jeweils verfolgten Ziele und Motive hin analysiert (Kapitel 8). Dabei konnte ich die folgenden zentralen Erkenntnisse gewinnen: Die Diskurse um die ausgewählten Stadterneuerungsvorhaben bestätigen zunächst, dass die Aufgabe, einen angemessenen Umgang mit der Konfliktvergangenheit zu finden, eine der schwierigsten in der Post-Konflikt-Phase sein kann. Insgesamt spiegeln die betrachteten Projekte den insgesamt in Nordirland beobachteten „piecemeal approach“ im Zusammenhang mit der Konfliktbearbeitung wider (Bell 2002). Die fehlenden gesamtgesellschaftlichen Vorgaben machen den Diskurs um einzelne schwierige Orte noch schwieriger und lassen ihn teilweise über Jahre ergebnislos mäandern. Für jedes Projekt muss auf der lokalen

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Ebene eine Erinnerungshaltung und -kultur ausgehandelt werden, die alle beteiligten Akteur*innen mittragen können. Dabei werden einige Muster sowie einige Besonderheiten sichtbar, die ich im Folgenden beschreibe. Die Projekte setzen sich eher nicht kritisch mit der Vergangenheit der Orte auseinander. Lösungen, die dies anstreben, scheinen im sich neu erfindenden Belfast derzeit nicht durchsetzbar und sind kaum Teil der Diskurse. Sowohl Unsicherheit und Dissonanz bei der Interpretation der Geschichte (bei Girdwood Park und SRRP) als auch ein gestärktes Selbstverständnis und Selbstbild (bei den Andersonstown Barracks) führen tendenziell dazu, dass Ignorieren oder Umdeuten der historischen Symbolik als Strategien angewandt werden. Gängige Strategien blenden die Vergangenheit entweder aus oder erweitern den historischen Zusammenhang der Orte, in dem die Troubles als eine Episode neben anderen und als endgültig abgeschlossenes Heritage erscheinen (vgl. Tarlow 2005). Gleichwohl wird bei der Diskursanalyse deutlich, dass die Orte durchaus historisch belastet sind und von ihrer historischen Bedeutung geprägt werden – obwohl die historische Symbolik in allen Diskursen schnell in den Hintergrund tritt und kaum Interesse an einer Aufnahme des Themas bei der Neunutzung besteht. Darauf deutet die Tatsache hin, dass die historischen Bedeutungen den Diskurs, die Nutzung und die Emotionen bei den Verhandlungen über die Orte weiterhin prägen. Die Geschichte haftet den Orten auch nach Jahren noch an, auch wenn sie nicht mehr bewusst aufgegriffen wird. Dazu passt auch die Beobachtung, dass Ideen für die Neunutzung fast aller Flächen weniger inhaltlich begründet als symbolisch aufgeladen sind und die Überlagerung der alten Symbolik anstreben. Bei der Neugestaltung der Orte ist bemerkenswert, dass Bezüge zum Konflikt besonders dort erfolgen, wo zusätzlich eine deutliche Außenorientierung im Sinne einer touristischen Nutzung angestrebt wird (Crumlin Road Gaol und phasenweise Andersonstown Barracks). Damit werden Besucher*innen von außen als die eigentliche Zielgruppe der Erinnerung an den Konflikt ausgemacht. Das Narrativ passt sich an den „touristischen Blick“ und seine Ansprüche – Oberflächlichkeit, Unterhaltung, leichte Verwertbarkeit – an (vgl. Urry 1990). Die Chance, einen tiefergehenden Dialog auf lokaler Ebene anzustoßen – der in der Friedens- und Konfliktforschung sowie in der Planungswissenschaft als grundsätzlich erforderlich für gesellschaftliche Transformation erachtet wird (vgl. z. B. Bollens 2000, 2007, Borer 2006, Hamber 1999) – wird dabei nicht genutzt. In mancher Hinsicht stellt das Crumlin Road Gaol eine Ausnahme dar, da dort von dem verantwortlichen Ministerium als dominantem Diskursteilnehmer eine multiperspektivische, versöhnliche Erinnerungshaltung vorgegeben wurde, die auch von allen Beteiligten angenommen und praktiziert wird.

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Diese versöhnende Haltung wird vor allem dadurch ermöglicht, dass neben der langen, deutlich mehr als die Jahre der Troubles umfassenden Geschichte des Gebäudes weniger die politische als die soziale Geschichte der Gemeinschaften in Nordbelfast thematisiert wird. Dadurch wird deutlich, dass sich die Erfahrungen und Erlebnisse gewöhnlicher Menschen während des Konflikts in den Gemeinschaften in vielerlei Hinsicht ähnelten und auf dieser Ebene Erinnerungen ausgetauscht werden können. Aufgrund dieser Fokussierung können sich beide Seiten weiterhin als Opfer eines weitgehend abstrahierten und entpersonalisierten Konflikts sehen, der besonders in Nordbelfast fast jede Familie in der einen oder anderen Weise betroffen hat. Die lokalen Gemeinschaften, ihre ehemaligen Häftlinge und deren Angehörige erfahren eine späte Wertschätzung und Empathie für ihre schwierige Situation jenseits einer erneuten Be- oder gar Verurteilung von begangenen Straftaten. Eine derart ausgerichtete Erinnerung an den Konflikt ist deutlich einfacher in ihr Selbstbild zu integrieren als die Zuweisung von Verantwortung und Täterschaft. Auffällig ist weiterhin, dass eine neutrale oder gar multiperspektivische Erzählung der Vergangenheit ausschließlich dort angestrebt wird, wo Territorien von Gemeinschaften unterschiedlicher Konfession aufeinandertreffen, was die Relevanz des Projektbeispiels Andersonstown Barracks noch einmal verdeutlicht. Bei dieser, im Herzen der republikanischen Hochburg Westbelfast gelegenen Fläche steht es außer Frage, dass die Geschichte des Orts aus Sicht der lokalen Gemeinschaft – und wiederum der ganz gewöhnlichen Menschen, die ihren Alltag während des Konflikts gestalten mussten – erzählt wird. Die Erlebnisse und Erfahrungen anderer gewöhnlicher Menschen, die auch am Konflikt teilnehmen mussten und die mit diesem Ort verbunden sind, nämlich der Polizisten und Soldaten, wird von der lokalen Gemeinschaft an keiner Stelle im Diskurs aufgegriffen oder als erzählenswert betrachtet. Aber auch Akteur*innen, die nicht aus dem Quartier kommen wie das zuständige Ministerium oder der prominente Architekt Daniel Libeskind, bringen diese Option nicht in den Diskurs ein. Dies lässt einerseits den Schluss zu, dass die Fähigkeit zur Empathie und multiperspektivischen Erinnerung wie für Post-Konflikt-Gesellschaften typisch auch in Westbelfast weiterhin nicht sehr ausgeprägt ist (Graham und Whelan 2007): Die Gemeinschaft versichert sich gewissermaßen über ihr Konfliktnarrativ ihrer Rolle im Konflikt, die in dem stark politisierten Quartier einen großen Teil der kollektiven Identität ausmacht. Die für viele Bewohner*innen verunsichernde Post-Konflikt-Situation wird darüber stabilisiert. Andererseits erlaubt diese Beobachtung aber noch eine weitere Schlussfolgerung: Da Westbelfast das touristisch am weitesten entwickelte innerstädtische Wohngebiet ist, kann ein Vergleich mit anderen Wohngebieten zwar nicht ganz

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seriös angestellt werden. Dennoch fällt es schwer, die Akzeptanz eines solch einseitigen Narrativs auf ein unionistisches Quartier, etwa Shankill oder das innerstädtische Ostbelfast, zu übertragen. Damit kann sich ein nationalistisch gefärbtes Konfliktnarrativ zumindest in der Außenwahrnehmung gegenüber einem unionistischen durchsetzen. Dies geschieht allerdings nicht, weil in einem politischen oder gesellschaftlichen Aushandlungsprozess beschlossen worden wäre, dass die nationalistische Gemeinschaft die offizielle Deutungshoheit über den Nordirlandkonflikt erhalten soll. Ganz im Gegenteil ließen gerade unionistische Politiker*innen in der Vergangenheit mehrfach verlautbaren, dieses Narrativ niemals als legitime Sichtweise akzeptieren zu wollen. Es wird jedoch stärker von außen nachgefragt, ist besser touristisch vermarktbar und darum trotz seiner Einseitigkeit kompatibel mit der allgemeinen Logik der „Normalisierung“. Damit bedient dieses Narrativ – paradoxerweise und höchstwahrscheinlich auch nicht ganz bewusst – sehr widersprüchliche Zielrichtungen. Diejenigen Orte wiederum, die vor allem einer Nutzung durch die Anwohner*innen zugeführt werden, verzichten gänzlich auf historische Bezüge (Girdwood Park und Stewartstown Road Regeneration Project). Damit soll den Benutzer*innen Sicherheit vermittelt und kein Narrativ über das andere gestellt werden. Als mögliche Gründe für das Ausblenden speziell der Konfliktvergangenheit wurden bei der Diskussion der empirischen Ergebnisse das fehlende gemeinsame Narrativ und die schlechte Integrationsmöglichkeit der Geschichte in das Selbstbild der Gemeinschaften ausgemacht (Kap. 8). Es überrascht allerdings, dass auch positive, potenziell vergemeinschaftend wirkende Elemente Vergangenheit nicht als Ressource für das kollektive Funktionsgedächtnis mobilisiert werden. Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür ist die für Post-Konflikt-Gesellschaften typische Marginalisierung gemeinsamer historischer Elemente über die Jahre der Troubles hinweg. Hinzu kommt, dass die Orte wie oben erläutert mindestens unbewusst deutlich belastet sind und dies auch in der Post-Konflikt-Phase noch lange bleiben. Eine Überlagerung durch andere historische Elemente ist somit möglicherweise nur in einem langwierigen Prozess zu erreichen. Besonders an den interfaces zeigt sich die Relevanz des Spannungsfeldes von „Normalisierung“ und Rückzug als ungleichzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen und die Zerrissenheit, der Post-Konflikt-Gesellschaften ausgesetzt sind: Die neu entwickelten Orte werden zu shared space erklärt, sie sollen ein neutraler, geschichtsloser Boden sein, auf dem sich alle Besucher*innen zuhause fühlen. Mit dieser Vorgabe sind gewisse Verhaltensregeln verbunden, die allerdings nur auf dem jeweiligen Gelände gelten. In den Nachbarschaften, die direkt an die Orte angrenzen, gelten die Regeln der jeweiligen Bewohner*innen. Weiteres Erinnern und der Umgang mit der Vergangenheit bleibt privatisiert und

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gänzlich den Gemeinschaften überlassen. Eine Einbindung in einen gesamtgesellschaftlichen oder auch lokalen Diskurs ist für diese Orte nicht vorgesehen; die lokale Gemeinschaft bestimmt das Narrativ allein. Zwar gehen von den Akteur*innen auf der Nachbarschaftsebene in den letzten Jahren vorsichtige Impulse zur Verständigung und Öffnung aus. Insgesamt spiegelt diese Teilung aber bislang noch die gesamtstädtische Aufteilung in ein neutrales, für alle nutzbares Zentrum und segregierte Wohngebiete mit exklusiver Einwohnerschaft im Kleinen wider. Die untersuchten Beispiele bieten Hinweise darauf, dass die Erinnerungshaltung der jeweils diskursprägenden Akteur*innen ausschlaggebend dafür ist, welche der Tendenzen sich insgesamt stärker durchsetzt: So führt eine selbstviktimisierende Haltung wie (jeweils phasenweise) bei Andersonstown Barracks oder Girdwood Park eher zu Rückzug, eine oberflächlich-versöhnliche Haltung wie beim Crumlin Road Gaol eher zu „Normalisierung“. Dabei kann die deutliche Vorgabe einer Erinnerungshaltung von Seiten einer wichtigen Diskursgemeinschaft sowohl sehr förderlich als auch nachteilig für den Projektfortschritt und -abschluss sein. In welche Richtung das Projekt dadurch letztendlich beeinflusst wird, hängt davon ab, wie stark und überzeugend die damit verbundene Nutzungsidee ist, welche Erinnerungshaltung die anderen Akteur*innen mit in den Diskurs bringen und auf welche Weise die Aushandlung einer für viele tragbaren Lösung erfolgt. Da offizielle gesamtgesellschaftliche Vorgaben weiterhin ausbleiben, werden die grundsätzliche Erinnerungshaltung sowie Ziele und Motive jeweils lokal und am konkreten Projekt zwischen den Diskursteilnehmenden verhandelt. Insgesamt scheinen staatliche Akteur*innen eher der gesamtstädtisch beobachteten „Normalisierungs“-Logik zu folgen, parteipolitische Akteur*innen tendieren eher in Richtung Rückzug. Die Mitglieder dieser Akteursgruppe – als einheitliche Diskursgemeinschaft kann man sie kaum bezeichnen, da sie unterschiedlichen Parteien angehören und daher sehr unterschiedliche Interessen verfolgen – spielen insgesamt eine eher verhindernde, wenig konstruktive Rolle und berufen sich stark auf die (vordergründigen) Interessen ihrer Wählerklientel. Dadurch üben sie insgesamt weniger Einfluss auf den Diskurs und die Ergebnisse aus als sie könnten und marginalisieren sich stellenweise selbst. Überwiegend bestätigt sich das von einigen Interviewpartner*innen geäußerte Vorurteil, dass eine Aufrechterhaltung von Teilung parteipolitischen Interessen entspricht. Obwohl staatliche Institutionen zumeist auch von Personen mit parteipolitischer Zugehörigkeit geleitet werden, scheint ihre Rolle als regional bzw. gesamtstädtisch operierende*r Akteur*in dazu zu führen, dass Ziele und Motive auch vor allem auf dieser Ebene verfolgt werden und eher darauf geachtet wird, dass sich die Projekte in die gesamtstädtische Entwicklungslogik einfügen.

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Die Achse Transformation/Stabilität wird häufig von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in den Diskurs eingebracht. Dabei qualifizieren sie die „normalisierenden“ Vorschläge der staatlichen Institutionen im Dialog in eine der beiden Richtungen. Zurzeit sind Ziele, die „Normalisierung“ und Stabilität miteinander verbinden, sowohl gesamtstädtisch als auch für die betrachteten Projekte am deutlichsten nachvollziehbar, wie Abbildung 31 verdeutlicht. Erste vorsichtige Transformationsbestrebungen sind besonders an den interfaces auszumachen (North talks, too/Peacebuilding Plan von SLIG), diese finden aber noch kaum einen räumlichen Ausdruck. Teilweise werden Stabilitäts- oder Transformationsziele auch deshalb in den Diskurs eingebracht und durchgesetzt, weil eine einseitige Verfolgung von „Normalisierungs“-Zielen zu Widerstand in den Quartieren geführt hat. Eine Weiterführung der Projekte wird durch sie überhaupt erst ermöglicht, weshalb sie mindestens in Teilen auch als Vehikel für die übergeordnete Zielsetzung der „Normalisierung“ betrachtet werden können. Dabei sind Stabilität und Transformation manchmal tatsächlich so widersprüchlich, wie die Theorie nahelegt (Kapitel 4). So stellt sich anhand des Stewartstown Road Regeneration Project die Frage, wann im lokalen Friedenskonsolidierungsprozess der Moment gekommen ist, vom Ziel der Stabilisierung zum Ziel der Transformation überzugehen. Die mit dem Projekt verbundenen Ziele – Verbesserung der Lebensqualität in den Quartieren, Sicherheit und Gleichstellung der Gemeinschaften – stellen überwiegend die Stabilisierung der Situation am interface in den Mittelpunkt. Zwar haben Teile des Projekts, die Begegnungen ermöglichen – das Café oder die Kindertagesstätte – auch das Potenzial zur Transformation, diese muss jedoch immer beiläufig passieren und wird nie explizit als Ziel verfolgt. An anderer Stelle, z. B. bei Girdwood Park und Crumlin Road Gaol, ist eine Unterscheidung von Stabilität und Transformation jedoch kaum trennscharf möglich. Auch hier stabilisieren die Ziele der Projekte – Verbesserung der Lebenssituation in den Gemeinschaften, Konnektivität, Teilhabe der Anwohner*innen und die Etablierung von shared space – zunächst die volatile Situation am interface und vermitteln in den Nachbarschaften das Gefühl, gehört zu werden und Teil des Prozesses zu sein. Dadurch wird besonders das Gefängnis als „unifier“ empfunden, eine vorsichtige Transformation auch der Beziehungen zwischen den lokalen Gemeinschaften wird möglich. Bei diesem Spannungsfeld handelt es sich daher möglicherweise eher um ein Kontinuum als um entgegengesetzte Pole. Vor dem Hintergrund, dass erstens zu Beginn der Projekte zumeist die Herstellung von Stabilität steht und zweitens wiederkehrend betont wird, dass Transformation

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zwar erwünscht sei, aber niemandem aufgezwungen werden solle, kann diese Erkenntnis vielleicht den Übergang vom einen (kurzfristigen) Ziel in das andere (längerfristige) erleichtern. Abbildung 31: Ziele und Motive der Außenorientierung (eigene Abbildung)

In Verbindung mit dem dritten Spannungsfeld – Innen- bzw. Außenorientierung – sind auch ganz konfliktunabhängige Parameter wie Lage, Funktion und generelle Zielsetzung des Projekts ausschlaggebend für eine Einordnung. Somit ist das SRRP naturgemäß weniger nach außen gewandt als die anderen Projekte, bei denen Tourismus, Vermarktbarkeit und Konnektivität zumindest irgendwann im Diskurs eine Rolle spielen. Als Erkenntnis für Post-Konflikt-Gesellschaften und Ziele und Motive im Umgang mit der Vergangenheit ist bemerkenswert, dass Identitätsstiftung über die Inszenierung historischer Ereignisse kaum eine Rolle in den Diskursen spielt. Dadurch, dass noch kein akzeptierter Modus für den Umgang mit der Vergangenheit gefunden wurde, scheint diese Dimension nur geringe Relevanz zu haben. Als nach innen gewandte, an der Gemeinschaft orientierte Ziele werden eher die bauliche Erneuerung oder die Schaffung von Ausbildungsund Arbeitsmöglichkeiten genannt. Dabei werden die beiden Zielsetzungen nicht zwangsläufig als gegensätzlich betrachtet und es ist nur eine recht geringe Dissonanz zwischen Innen- und Außenorientierung wahrnehmbar. Tourismus, Imageverbesserung und die Präsentation der Geschichte für Außenstehende werden sogar als Unterstützung gesehen, um auch für die Anwohner*innen Verbesserungen in der Lebensqualität und Ausstattung ihrer Nachbarschaften zu erreichen. Insgesamt scheint die theoretisch geführte Debatte um Erinnerungskultur an wahr-

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genommenen Erfordernissen neoliberalisierter Stadtentwicklungspolitik, die auch in Post-Konflikt-Städten sehr mächtig ist, vorbeizugehen. Die Erkenntnisse und besonders die deutliche Hervorhebung der „Normalisierungs“-Logik im Post-Konflikt-Kontext sind maßgeblich auf die methodische Umsetzung des Forschungsvorhabens zurückzuführen. Die Nutzung der raumbezogenen Diskursanalyse als Forschungsprogramm sowie die Operationalisierung durch die GTM haben sich daher als gewinnbringend und fruchtbar erwiesen. So erleichterte die Besonderheit der raumbezogenen Diskursanalyse, Raum und Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Diskurse als ko-konstituierend zu betrachten, die Fokussierung der Fragestellung und ermöglichte es, Wiederaufbauprozesse stringent als sowohl physisch-räumliche als auch soziale Prozesse zu betrachten. Abbildung 32: Ziele und Motive der Innenorientierung (eigene Abbildung)

Die GTM wiederum macht einen genauen Blick auf das Material nötig und möglich, wodurch sich ein ständiges Wechselspiel von Theorie und Empirie ergibt. So entstanden der letztendliche Aufbau der Arbeit sowie der Zuschnitt des theoretischen Unterbaus tatsächlich erst aus den ausgewerteten Daten. Dadurch ergab sich der interdisziplinäre Ansatz der Arbeit, in der theoretische Debatten aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt wurden. Erst so gelang es, die wichtigsten Einflussfaktoren und gesellschaftlichen Ziele für den Umgang mit der Vergangenheit zu erfassen und die Komplexität von Post-Konflikt-Gesellschaften weitaus besser abzubilden als durch eine intradisziplinäre Brille. Der Analyserahmen

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konnte um den noch wenig beleuchteten Baustein bzw. die gesellschaftliche Tendenz der „Normalisierung“ in ihren verschiedenen Facetten ergänzt werden, dadurch wurde er vielfältiger und noch besser auf die Fragestellung anwendbar. Die herausgearbeiteten Kategorien können zunächst recht allgemein gehalten werden, denn die Auswertung mithilfe eines Computerprogramms ermöglicht es, mehrere untergeordnete und spezifischere Ebenen zu differenzieren, welche die Kategorien weiter qualifizieren. Der Überblick über Beiträge und Positionen der einzelnen Diskursgemeinschaften wird vereinfacht, so dass diesen auch Interessen und Ziele direkt zugeordnet werden können. Interessen von Akteur*innen, die nicht mit eigenen Beiträgen am öffentlichen Diskurs oder an Gremien teilnehmen, werden in der Diskursanalyse allerdings kaum erfasst. Für die vorliegende Untersuchung wurden die Diskursbeiträge staatlicher, parteipolitischer und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen erfasst, die Rolle externer Akteur*innen – Developer und Investor*innen wie die Carvill Group, suprastaatliche Institutionen wie die EU oder rein finanzgebende Institutionen wie Atlantic Philantropies – wird nur am Rande thematisiert. Hier bieten sich weitere Forschungsansätze. Auch kann der als Ideal formulierte Anspruch der GTM, Datenerhebung und -auswertung parallel und ohne Vorkenntnisse durchzuführen, nur bei Arbeiten erfüllt werden, bei denen entweder eine reine Literaturanalyse durchgeführt oder zeitlich und räumlich uneingeschränkter Zugang zum Feld besteht. Im vorliegenden Fall musste ein Großteil der Datenerhebung innerhalb weniger Wochen passieren, so dass Abweichungen vom Modell unausweichlich waren. Aber auch bei anderen Arbeiten, bei denen beispielsweise Interviews ausgewertet werden, erscheint es schwierig, diesen Anspruch zu erfüllen, da ja immer erst ein Interview fertig ausgewertet sein müsste, bevor ein Termin mit einem oder einer weiteren Gesprächspartner*in vereinbart werden kann. Dadurch kann es zu erheblicher Zeitverzögerung kommen. Die Validität der Untersuchung bleibt m. E. jedoch gewährleistet, wenn diese Voraussetzung nicht vollständig erfüllt ist, solange ein vielfältiges Sample ein breites Spektrum von Perspektiven berücksichtigt. Darüber hinaus ist die hier entwickelte interdisziplinäre Betrachtungsweise von räumlichen Hinterlassenschaften von langanhaltenden innerstaatlichen Konflikten und insbesondere die dargelegte Rolle von Städten im Friedenskonsolidierungsprozess (Kap.5) möglicherweise ein Schlüssel, um auch planerische bzw. anwendungsorientierte Fragestellungen und Sichtweisen stärker in wissenschaftliche Debatten um Erinnerungskultur im Post-Konflikt-Kontext einfließen zu lassen. Weitere Arbeiten könnten beispielsweise die Wirkung von Subventionen und anderer finanzieller Unterstützung untersuchen. Dieses Thema wird überall dort aufgeworfen, wo in Aussicht gestellte Finanzmittel z. B. eine Verständigung bis zu einem bestimmten Termin voraussetzen. Es ergibt sich die Frage, ob sich diese

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Wirkung eher positiv oder negativ gestaltet: Einerseits üben Vorgaben von außen eine disziplinierende Wirkung aus, so dass möglicherweise überhaupt erst ein Projekt umgesetzt werden kann. Andererseits pressen sie unberechenbare Prozesse gesellschaftlichen Wandels in starre Zeitpläne und sehr überschaubare Zeithorizonte – und tragen damit zu den beschriebenen und in der Friedens- und Konfliktforschung als problematisch diskutierten Paradoxa der Friedenskonsolidierung bei (Kap. 4). In diesem Zusammenhang wird die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für Entwicklung nach dem Ende des Konflikts bzw. nach Möglichkeiten zur Erhaltung größtmöglicher Flexibilität interessant: Wie kann eine Maßnahme, die Stabilität verschafft und die Früchte des Friedenskonsolidierungsprozesses lokal erlebbar macht rasch umgesetzt werden, gleichzeitig aber auch Spielraum gelassen werden für zukünftige Entwicklungen, die gegebenenfalls schon mehr Transformation zulassen? Mit Blick auf die internationale Konflikt- und Krisenlandschaft wären zudem weitere Vergleiche interessant, die Erklärungsansätze dafür bieten könnten, unter welchen Umständen sich kritische, neutrale oder auch weiterhin spaltende Erinnerungshaltungen durchsetzen und welche Folgen diese jeweils auch für die Stadtentwicklung haben. In diesem Zusammenhang wäre auch eine weitere Untersuchung der Bedeutung von „Normalisierung“ und ihren vielfältigen Facetten in anderen Post-Konflikt-Gesellschaften lohnenswert. Geschichte und die Vermittlung und Inszenierung von Vergangenheit sind immer umkämpft. In Post-Konflikt-Gesellschaften und gerade in Post-KonfliktStädten sind sie es besonders. Dieses Buch leistet einen Beitrag zum Verständnis der komplexen Prozesse, die im Umgang mit den räumlichen Hinterlassenschaften von Konflikten ablaufen. Es zeigt sich, dass stadtentwicklungspolitische Prozesse ganz anders und doch sehr ähnlich ablaufen als anderswo. Dadurch können möglicherweise Lerneffekte für den Interessensausgleich für andere Städte mit verhärteten sozialen oder politischen Konflikten erzielt werden. Nicht mit der Erinnerung umzugehen, scheint nicht möglich zu sein, auch wenn die historische Symbolik ignoriert, umgedeutet oder nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Auch das Einfügen dieser Orte in die generelle Entwicklungslogik der „Normalisierung“ ist daher eine Form des Umgangs mit der Vergangenheit und ihrer räumlichen Hinterlassenschaften, die aufgrund ihrer Oberflächlichkeit im akademischen Diskurs kritisiert wird und in der Praxis durchaus auf Widerstand trifft. Von Beteiligten am Diskurs um Schattenorte wird sie aber keineswegs nur als Fassade verstanden, sondern auch als Möglichkeit zum Neuanfang in verhärteten Konfliktkonstellationen, die eine eher oberflächliche Betrachtung historischer Ereignisse oder auch das weitgehende Ignorieren der Konfliktvergangenheit rechtfertigt. Möglicherweise wird dadurch jedoch auf eine wichtige Ressource für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft verzichtet.

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