Reichtum der Sprache: Studien zur Germanistik und Linguistik 9783110910391, 9783484730656

The volume assembles 29 selected articles on Germanic studies (Germanistics) and linguistics by Helmut Henne from the pe

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Reichtum der Sprache: Studien zur Germanistik und Linguistik
 9783110910391, 9783484730656

Table of contents :
Inhalt
Vorwort
I. Semantik und Lexikographie
Deutsche Lexikographie und Sprachnorm im 17. und 18. Jahrhundert
Prinzipien einsprachiger Lexikographie
Nachdenken über Wörterbücher: Historische Erfahrungen
Johann Christoph Adelung – Leitbild und Stein des Anstoßes. Zur Konstitutionsproblematik gegenwartsbezogener Sprachforschung
„Mein bruder ist in einigen dingen [...] abgewichen“. Wilhelm Grimms Wörterbucharbeit
Hermann Pauls Theorie und Praxis der Bedeutungserklärung. Ein Werkstattbericht
Ein erweiterter Rahmen für die lexikalische Semantik. Am Beispiel von Nebel und anderen undurchsichtigen Dingen
Das Eigene im Fremden. Vom semantischen Stellenwert der Wörter
Braunschweigische Wörterbuchwerkstatt – Joachim Heinrich Campe und sein(e) Mitarbeiter
II. Gruppensprachen – gestern, heute, morgen
Jugendsprache und Jugendgespräche
Zur Sprache der Jugend im Wandervogel. Ein unbekanntes Kapitel deutscher Sprachgeschichte
Jugend und ihre Sprache
Historische Studenten- und Schüler spräche – heute
Nachwort [zu: Friedrich Kluge: Rotwelsch]
Jugend, Sprache und Innovation
III. Linguistik des Gesprächs
Gesprächsanalyse. Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft
Gesprächswörter. Für eine Erweiterung der Wortarten
Die Rolle des Hörers im Gespräch
Probleme einer historischen Gesprächsanalyse. Zur Rekonstruktion gesprochener Sprache im 18. Jahrhundert
Gegensprechanlagen. Literarische Dialoge (Botho Strauß) und linguistische Gesprächsanalyse
Zur historischen und literarischen Dimension der Gesprächsforschung
IV. Sprachgeschichte und literarische Linguistik
Das Problem des Meißnischen Deutsch oder „Was ist Hochdeutsch“ im 18. Jahrhundert
Innere Mehrsprachigkeit im späten 18. Jahrhundert. Argumente für eine pragmatische Sprachgeschichte
Literatursprache Normen wider die Norm Arno Schmidts „Stürenburg-Geschichten“ in der Zeitung
Armut oder Fülle? Sprache im technischen Zeitalter
Literaten als Chronisten der Sprache. Am Beispiel von Arno Schmidt und Botho Strauß
Von der Sprachkritik lernen. Rede zum Fritz-Mauthner-Tag 1997
Lebensfahrt. Arno Schmidts „Rollende Nacht“
Von Bächen, Küsten und Tintenfischen. Morgenstern-Etude
Nachweis der Erstveröffentlichungen

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Reichtum der Sprache

Helmut Henne

Reichtum der Sprache Studien zur Germanistik und Linguistik

Herausgegeben von Jörg Kilian und Iris Forster

Max Niemeyer Verlag Tübingen 2006

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN-13: 978-3-484-73065-6

ISBN-10: 3-484-73065-X

© Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006 Ein Unternehmen der K. G. Saur Verlag GmbH, München http://www. niemeyer. de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Druck: Laupp & Goebel GmbH, Nehren Einband: Buchbinderei Klotz, Jettingen-Scheppach

Inhalt

Vorwort

VII

I. Semantik und Lexikographie Deutsche Lexikographie und Sprachnorm im 17. und 18. Jahrhundert (1968)

3

Prinzipien einsprachiger Lexikographie (1976)

38

Nachdenken über Wörterbücher: Historische Erfahrungen (1977) Johann Christoph Adelung - Leitbild und Stein des Anstoßes. Zur Konstitutionsproblematik gegenwartsbezogener Sprachforschung (1984) „Mein bruder ist in einigen dingen [...] abgewichen". Wilhelm Grimms Wörterbucharbeit (1985)

57

101

Hermann Pauls Theorie und Praxis der Bedeutungserklärung. Ein Werkstattbericht (1987)

113

Ein erweiterter Rahmen für die lexikalische Semantik. Am Beispiel von Nebel und anderen undurchsichtigen Dingen (1994)

122

Das Eigene im Fremden. Vom semantischen Stellenwert der Wörter (1996)

132

Braunschweigische Wörterbuchwerkstatt - Joachim Heinrich Campe und sein(e) Mitarbeiter (1996)

139

89

II. Gruppensprachen - gestern, heute, morgen Jugendsprache und Jugendgespräche (1981)

155

Zur Sprache der Jugend im Wandervogel. Ein unbekanntes Kapitel deutscher Sprachgeschichte (1981)

168

Jugend und ihre Sprache (1984)

183

Historische Studenten- und Schülersprache - heute (1984)

198

Nachwort [zu: Friedrich Kluge: Rotwelsch] (1987)

227

Jugend, Sprache und Innovation (1996)

235

III. Linguistik des Gesprächs Gesprächsanalyse. Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft (1977)

247

Gesprächswörter. Für eine Erweiterung der Wortarten (1978)

264

VI Die Rolle des Hörers im Gespräch (1979)

270

Probleme einer historischen Gesprächsanalyse. Zur Rekonstruktion gesprochener Sprache im 18. Jahrhundert (1980)

283

Gegensprechanlagen. Literarische Dialoge (Botho Strauß) und linguistische Gesprächsanalyse (1984)

296

Zur historischen und literarischen Dimension der Gesprächsforschung (1994)

314

IV. Sprachgeschichte und literarische Linguistik Das Problem des Meißnischen Deutsch oder „Was ist Hochdeutsch" im 18. Jahrhundert (1968)

327

Innere Mehrsprachigkeit im späten 18. Jahrhundert. Argumente für eine pragmatische Sprachgeschichte (1985)

346

Literatursprache - Normen wider die Norm. Arno Schmidts „Stürenburg-Geschichten" in der Zeitung (1986)

361

Armut oder Fülle? Sprache im technischen Zeitalter (1988)

374

Literaten als Chronisten der Sprache. Am Beispiel von Arno Schmidt und Botho Strauß (1993)

384

Von der Sprachkritik lernen. Rede zum Fritz-Mauthner-Tag 1997 (1998)

393

Lebensfahrt. Arno Schmidts „Rollende Nacht" (2003)

403

Von Bächen, Küsten und Tintenfischen. Morgenstern-Etude (2003)

410

Nachweis der Erstveröffentlichungen

419

Vorwort

Der vorliegende Band versammelt 29 ausgewählte Studien von Helmut Henne aus den Jahren 1968 bis 2003, die sich dem Reichtum der Sprache aus verschiedenen Richtungen nähern: Da ist einmal der semantische Reichtum der Sprache, wie er lexikologisch gefasst und lexikographisch eingeholt wird; da ist, sodann, auf dem Weg vom Wort zum Text in Funktion, der historisch gewachsene Reichtum der Gruppensprachen, vornehmlich der gegen die Standardnormen rebellierende Reichtum der Jugendsprache(n), der varietätenlinguistisch zu (be)greifen ist; da ist, drittens, weiter schreitend vom Text zum Dialog, der Reichtum des Gesprächs, der sprachpragmatisch im Rahmen einer historisch gesättigten Gesprächsanalyse umgrenzt wird; und da ist schließlich der literarische Reichtum der Sprache, der, sprachreflexiv, sprachbewusst und vor allem sprachkritisch, die Sprache formt und das Wort im Text und diesen im Dialog aufhebt. Lexikologie und Lexikographie, Varietätenlinguistik, Sprachpragmatik und Sprachkritik sind Disziplinen der modernen Germanistischen Linguistik oder sollen es - wie im Falle der Sprachkritik - erst noch werden. Die moderne Germanistische Linguistik ist noch nicht sehr alt; es gibt sie erst seit gut dreißig Jahren. Im Jahr 1969 fragte Peter von Polenz „Gibt es eine germanistische Linguistik?", und er antwortete auf diese Frage noch etwas verhalten: „Germanistische Linguistik kann also nicht viel mehr sein als eine Angewandte Linguistik. Aber es muß sie geben um der Reform des Deutschunterrichts willen, und es wird sie geben [...], wenn sie in Studium, Lehre und Forschung aus beschränkenden Bindungen an Altgermanistik, Literaturgeschichte und Philologie befreit wird und sich nach anderen systematischen Wissenschaftsdisziplinen hin offenhält." (in: Jürgen Kolbe [Hrsg.]: Ansichten einer künftigen Germanistik, München 1969, 149-168, Zitat 163). Heute gibt es, wie man weiß, die Germanistische Linguistik. Der Durchsetzung ihres Namens im wissenschaftlichen Diskurs wie auch im institutionellen Gefüge der Universitäten hat Helmut Henne wesentliche Impulse gegeben - als Professor für „Germanistische Linguistik und Philologie" (so die Venia legendi aus dem Jahr 1970) und als Mitbegründer und Mitherausgeber u.a. der „Zeitschrift für Germanistische Linguistik" (ZGL; 1973ff.), der „Reihe Germanistische Linguistik(RGL; 1975ff.) und des „Lexikons der Germanistischen Linguistik (LGL; '1973, '1980). Dabei hat er, anderes als von Polenz es forderte, diese neue Germanistische Linguistik nicht im engeren Sinne „aus beschränkenden Bindungen an Altgermanistik, Literaturgeschichte und Philologie befreit", sondern er hat die Germanistische Linguistik zu einer Grundlagenwissenschaft von Altgermanistik, Literaturgeschichte und Philologie gemacht, und diese damit gleichsam zu Anwendungsaspekten der Germanistischen Linguistik. Nicht zuletzt aus dieser Perspektive ist die Germanistische Linguistik wohl auch An-

VIII gewandte Linguistik, aber sie ist darüber hinaus denn doch „viel mehr" geworden, und zwar auch „um der Reform des Deutschunterrichts willen". Auf den vier genannten Arbeitsfeldern der Germanistischen Linguistik wird in den vier Kapiteln des Bandes der Reichtum der Sprache entfaltet: „Semantik und Lexikographie", „Gruppensprachen - gestern, heute, morgen", „Linguistik des Gesprächs" sowie „Sprachgeschichte und literarische Linguistik". Die vier Richtungen werden dabei auch im Rahmen ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung beleuchtet. Die versammelten Studien binden somit die Geschichte des Fachs ein, spiegeln sie und weisen zugleich in die Zukunft - etwa im Bereich der kognitiven Semantik und der Hypertext-Lexikographie, der Varietätenlinguistik und der Angewandten Dialogforschung, der philologisch beschlagenen und linguistisch begründeten Sprachkritik. Der Band bietet eine Auswahl aus den Schriften Helmut Hennes. Über sein gesamtes wissenschaftliches Schrifttum bis zum Jahr 2001 informiert das Schriftenverzeichnis in der Festschrift zu seinem 65. Geburtstag (A. Burkhardt / D. Cherubim [Hrsg.]: Sprache im Leben der Zeit [...], Tübingen 2001, 493505). Für die Drucklegung wurden die hier ausgewählten Texte neu gesetzt; offenkundige Druckfehler der Vorlagen wurden dabei stillschweigend korrigiert, einige Diakritika wurden vereinheitlicht, einige Abbildungen aus satztechnischen Gründen anders platziert. Darüber hinaus haben wir in die Texte jedoch nicht eingegriffen, und zwar auch dort nicht, wo es ohne philologische Bedenken möglich gewesen wäre, etwa bei einer Vereinheitlichung der Formen von Fußnotentexten, Literaturangaben im Text und Literaturverzeichnissen. Deren Verschiedenheit erzählt auch ein Kapitel Wissenschaftsgeschichte. Insofern wir die Auswahl der Texte auch vor dem Hintergrund getroffen haben, dass wir - um Odo Marquardts griffige Formel zu variieren - der Zukunft des Faches Germanistische Linguistik die Herkunft beigesellen wollen, versammelt unser Band nicht lediglich „Kleine Schriften" im engeren und üblichen Sinn dieser Sammelbandbenennung. „Kleine Schriften" blicken aus der Gegenwart zurück, die hier versammelten „Studien" blicken aus der (Wissenschaftsgeschichte nach vorn. „Kleine Schriften" sind Marken eines zurückgelegten Weges; die folgenden „Studien" hingegen verstehen wir als Wegbereiter, Wegweiser und Schrittmacher der Germanistischen Linguistik - „gestern, heute, morgen", wie es im Titel des 2. Kapitels heißt. „Kleine Schriften" sind Denkmäler, oft Ehrfurcht gebietend, nicht selten erhaben; die „Studien" dagegen locken zur Kritik, sind Impulse und zugleich Stachel, wollen nicht wohlwollend zur Kenntnis genommen werden, sondern als Anrede auf Erwiderung stoßen.

Helmut Henne zum 70. Geburtstag. Heidelberg/Braunschweig, im Frühjahr 2006

J. K./T. F.

I. Semantik und Lexikographie

Deutsche Lexikographie und Sprachnorm im 17. und 18. Jahrhundert

I. Z u m Forschungsstand Im Jahre 1745 sprechen Bodmer und Breitinger von „gantzen Banden [...], welche die Sprache, die Grammatik und die Wörter, zur vornehmsten Absicht ihrer vereinigten Bemühungen genommen haben [...]"'. Was diese „Banden" hervorgebracht haben, hat für die Grammatik in Max Hermann Jellineks „Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik von den Anfängen bis auf Adelung" 2 eine wissenschaftliche Aufbereitung gefunden. Mit dem Hinweis auf die Vortrefflichkeit dieses Buches wird oft verbunden, daß ein ähnliches Standardwerk für die Lexikographie fehle. Das ist hier zu wiederholen. Als erster hatte Johann Leonhard Frisch deutsche Wörterbücher zum Gegenstand einer kleinen Monographie gemacht. Er handelte in einem Programm des (Berliner) „Grauen Klosters" von 1739 „De primis in Germania typis editis lexicis Germanicis""'.Hier beschrieb er einige gedruckte Glossare des späten 15. und des 16. Jahrhunderts mit Sachkenntnis: u. a. das Glossar von 1482 bei Zeninger in Nürnberg, das von Dasypodius, Erasmus Alberus und Josua Maaler (Pictorius). Der Vorgänger Jellineks in der Historiographie der Grammatik, Elias Caspar Reichard, gab seinem „Versuch einer Historie der deutschen Sprachkunst" von 1747 auch einen kurzen Abriß der Geschichte der deutschen Wörterbücher und Glossare bei 4 . Auch Gottsched bemühte sich, die historische Entwicklung der deutschen Lexikographie zu verfolgen. In den von ihm herausgegebenen Zeitschriften würdigte er frühere lexikographische Versuche 5 . Jacob Grimm gab dann 1854 in der Vorrede zum ersten Band seines „Deutschen Wörterbuchs" einen kurzen Bericht von der Arbeit seiner Vorgänger 6 , den Rudolf Hildebrand 1873 in der Vorrede zum 5. Band vertiefte: Die „Vorgeschichte von Grimms

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In: Opitzens von Boberfeld Gedichte [...] Zürich 1745, S. 167. 2 Halbbde. Heidelberg 1913/14. Berolini 1739. Herr Dr. Gerhardt Powitz, Frankfurt/M., hatte die Freundlichkeit, mir eine Xeroxgraphie seiner Photokopie des Originals aus der Bibliothek des Berliner Gymnasiums zum „Grauen Kloster" zu überlassen. Hamburg 1747, S. 293^199. Die Geschichte der deutschen Sprachkunst, nach neuerem Sprachgebrauch: der Grammatik, wird im allgemeinen zu wenig beachtet. Μ. H. Jellinek bezeichnet Reichard ausdrücklich als seinen „Vorgänger". Vgl. Jellinek, 1. Halbbd., S. VII. Vgl. Hans Lachmann, Gottscheds Bedeutung für die Geschichte der deutschen Philologie. Diss. Greifswald 1931. Der Ort der Publikation sind vor allem seine „Beyträge zur Critischen Historie Der Deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit". Leipzig 1732-1744. Siehe Lachmann, a.a.O., S. 86. Auch abgedruckt in: Kleinere Schriften. Bd. VIII, S. 302-386. Jetzt auch als Sonderausgabe der Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt 1961 (Libelli. 52). - Auf die Vorworte der früheren Wörterbücher, die teilweise — mit wechselndem Erfolg - die Arbeiten ihrer Vorgänger würdigen, kann hier nur pauschal verwiesen werden.

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Semantik und Lexikographie

Wörterbuch im 17. und 18. jahrhundert" interessierte ihn7. Zuvor hatte Rudolf von Raumer 1870 einige Materialien zur historischen Lexikographie des Deutschen in seiner „Geschichte der germanischen Philologie, vorzugsweise in Deutschland" 8 , erarbeitet, und danach gab Matthias von Lexer in einer Würzburger Rektoratsrede von 1890 nochmals eine kurze historische Darstellung der neuhochdeutschen Lexikographie 9 . Damit ist die Liste der historischen Auf- und Abrisse schon erschöpft, sieht man von Monographien ab, die sich Spezialwörterbüchern zuwenden. So versuchte Adolf Scholz in einer Greifswalder Dissertation, eine „systematisch historische" Geschichte der Mundartwörterbücher zu geben 10 . Auch Arbeiten, die unter speziellen Gesichtspunkten die Wörterbücher des Deutschen untersuchen, sind nicht eben häufig. Als Beispiel sei etwa Arthur Schmidts Versuch genannt, den „Fortschritt der etymologischen Erkenntnis" in den deutschen Wörterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts zu verfolgen". Entsprechend dem notwendigen Zug zur Spezialisierung und Aufbereitung des Materials hat jüngere und jüngste Forschung begonnen, das lexikographische Feld aufzuteilen. Auf die Bedeutung der frühneuhochdeutschen Glossare des 15. und 16. Jahrhunderts für die deutsche Sprachgeschichte wies Arno Schirokauer in mehreren Aufsätzen hin. Nach ihm sind vor allem die Untersuchungen von Gilbert de Smet zu diesen Glossaren des Frühneuhochdeutschen grundlegend 12 . Jüngst hat Gerhardt Powitz auf deren Vorläufer, auf die spätmittelalterlichen Glossographen und deren Vokabularien, (wieder) hingewiesen' 3 . Klaus Grubmüller drang „vom Stoff wie von der Form her in das Zentrum der zweisprachigen Glossographie des Spätmittalters" vor, indem er den „Vocabularius Ex quo", das bekannteste und am besten überlieferte Wörterbuch dieser Zeit, untersuchte 14 .

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Diesen Titel (mit dem Zusatz „Zur") gab er der Vorrede bei dem Wiederabdruck in den „Gesammelten Aufsätzen und Vorträgen zur deutschen Philologie und zum deutschen Unterricht". Leipzig 1890, S. 19^10. München 1870. Zur Geschichte der neuhochdeutschen Lexikographie. Würzburg 1890. Deutsche Mundarten-Wörterbücher. Leipzig 1930 (Form und Geist. 20). Zum Fortschritt der etymologischen Erkenntnis des Deutschen in den Wörterbüchern des 17. und 18. Jhs. Berlin 1927 (Germanische Studien. 49). Zum Forschungsstand dieses Bereichs im einzelnen siehe Gilbert de Smet in dieser Festschrift S. 5 Iff. In seinem Vorwort zu dem Nachdruck von: Simon Roths Fremdwörterbuch. Helsinki 1936 (Memoires de la Societe Neophilologique de Helsingfors. XI) fordert Emil Öhmann schon damals Nachdrucke der frühnhd. Glossare, der „für die deutsche Wortforschung so ergiebigen Quellen". Jacobus Albinus und Jacobus Tübinger. In: PBB (Halle) 82. 1961, S. 555-557. Zur Geschichte der Überlieferung des Engelhus-Glossars. In: Nd. Jb. 86. 1963, S. 83-109. Zu dem Glossar des Straßburger Chronisten Fritsche Closener. In: Zs. für dt. Philologie 83. 1964, S. 321-339. Hubrilugus und Huwilogus. In: Zs. für dt. Altertum 93. 1964, S. 226-238. Vocabularius Ex Quo. Untersuchungen zu lateinisch-deutschen Vokabularien des Spätmittelalters. München 1967 (Münchener Texte und Untersuchungen zur dt. Literatur des Mittelalters. 17). Zitat S.VIII.

Deutsche Lexikographie und Sprachnorm

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Gerhard Ising und wiederum Gerhardt Powitz haben in zwei Monographien die Aufmerksamkeit der Forschung auf die Wörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts gelenkt. Ising arbeitete über die Wörterbücher Kaspar Stielers (1691) und Matthias Kramers (1700/02) und Powitz über das Johann Leonhard Frischs (1741)'\ Ihre Untersuchungen haben u.a. gezeigt, wie wichtig diese Wörterbücher für das Verständnis der Sprache der Zeit und damit deren Literatur sind. Doch diese lexikographischen Produkte sind Hilfestellung nur - auch das haben Ising und Powitz deutlich gemacht - , wenn sie kritisch eingeschätzt werden; wenn man weiß, wo lexikalische Traditionen unbesehen übernommen sind, wo normative Tendenzen vorherrschen und wo deskriptive Wörterbucharbeit im Vordergrund steht. An Untersuchungen dazu mangelt es durchaus. An älteren ist etwa Max Müllers Studie über „Wortkritik und Sprachbereicherung in Adelungs Wörterbuch" zu nennen 16 . Auch die bibliographische Aufarbeitung der Wörterbücher im weitesten Sinn steckt noch in den Anfangen 17 . Über seine Erfahrungen bei der bibliographischen Erfassung von Wörterbüchern, Wortverzeichnissen, Wortlisten (und Namenbüchern, Namenverzeichnissen, Namenlisten) referiert Rudolf Schützeichel 18 . Er fordert in einer künftigen Bibliographie eine sprachsoziologische Gliederung bei der Anordnung des Materials.

II. Wörterbuch und Literatur „Den Adelung erbitte mir, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen. Ich habe allerlei Fragen an dieses Orakel zu thun." So schreibt Schiller am 26. Januar 1804 an Goethe. Und zuvor, am 6. November 1788, hatte Goethe seinen Verleger und Buchhändler Göschen zur Eile gemahnt: „Senden Sie mir doch baldigst von Adelungs Wörterbuch den letzten Band. Die vier ersten besitze ich." An welches lexikographische Orakel wendet sich Martin Luther, als er zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Bibel verdeutscht? Oder: Welches Wörterbuch geht Martin Opitz zu Beginn des 17. Jahrhunderts um Ratschlag an? Hätte ihm die nur bis zum Buchstaben G gediehene „Teutsche Sprach vnd Weisheit" des Augsburgers Georg Henisch Hilfe sein können? Da weder zu Luthers noch zu Opitzens Zeit ein Adelung weit und breit zu sehen ist, darf lüglich weitergefragt 15

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Gerhard Ising, Die Erfassung der deutschen Sprache des ausgehenden 17. Jhs. in den Wörterbüchern Matthias Kramers und Kaspar Stielers. Berlin 1956. Gerhardt Powitz, Das dt. Wörterbuch Johann Leonhard Frischs. Berlin 1959. Berlin 1903. (Palaestra. 14). Für die mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Glossare sind hier die Arbeiten von Lorenz Diefenbach zu nennen: Glossarium Latino-Germanicum Mediae et Infimae Aetatis Ε Codicibus Manuscriptis Et Libris Impressis. Francofurti ad Moenum 1857. - Novum Glossarium Latino-Germanicum Mediae et Infimae Aetatis. Beiträge zur wissenschaftlichen Kunde der neulateinischen und germanischen Sprachen. Frankfürt am Main 1867. Namenbücher und Wörterbücher des deutschen Sprachgebiets. In: Proceedings of the Eighth International Congress of Onomastic Sciences. The Hague 1966, S. 481^185.

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Semantik und Lexikographie

werden: Wie steht es zu Beginn des 18. Jahrhunderts? Hätte sich z.B. Johann Christian Günther, hätte er nur gewollt, lexikalischen Beistandes versichern können? Dieser hätte immerhin zum „Teutschen Sprachschatz" Kaspar Stielers greifen können 19 , um seine literarischen Erzeugnisse mir denen einer lexikographischen Autorität zu vergleichen. Seit wann gibt es zumindest die Möglichkeit - und die Gewohnheit, solches zu tun, wie der Brief Schillers an Goethe zeigt, wenn auch schon kritische Distanz und amüsierte Ironie durchscheint: Orakel Adelung? Ihren „alphabetischen auftritt" 20 hatte die deutsche Sprache längst gehabt: Jacob Grimm setzte den Teuthonista von 1477 als erstes gedrucktes Glossar an, und Arno Schirokauer bezeichnete den Vocabularius teutonico-latinus von 1482 als erstes gedrucktes hochdeutsches Glossar. Doch schon das handschriftliche Glossar des Fritsche Closener im 14. Jahrhundert (vor 1384) hat ein deutschlateinisches Wörterverzeichnis 21 . Im ausgehenden 15. und im 16. Jahrhundert entsteht dann eine lange Reihe solcher Glossare, die durch innere Abhängigkeit und lexikalische Traditionen eng miteinander verknüpft sind. Daß nicht nur humanistische Bemühung um die lateinische Gelehrtensprache, um die Aneignung der klassischen Latinität im besonderen, die Lexikographen leitete, sondern auch die Sorge um die Aus- und Fortbildung der Muttersprache, ist deutlich. Sie legten zugleich Zeugnis über den Fortschritt der Kultur der deutschen Sprache ab 22 . Der Weg dieses Prozesses der Förderung der Volkssprache geht vielfach über die Schule. Was den Verfassern dieser Glossare zumeist fehlt, ist die personale und geistige Verbindung zur deutschen Literatur, zu den Poeten und Literaten der Zeit, die deutsche Texte schreiben. Das ändert sich erst im 17. Jahrhundert, genauer: seit Martin Opitz, als nämlich die m a ß g e b e n d e n Literaten überhaupt erst anfangen, deutsche Texte zu verfassen und die Normen und Formen der westeuropäischen Kultursprachen und der neulateinischen Literatursprache als beispielhaft auch für die deutschsprachige Poesie anzusehen; als sie die Möglichkeiten der Dichtung zur Ausbildung einer Literatur- und Hochsprache erkennen. Wollte man ein exaktes Datum nennen, so müßte man das Jahr 1617 anführen. In diesem Jahr erscheint Opitzens „Aristarchus sive de contemptu linguae Teutonicae", und die Fruchtbringende Gesellschaft konstituiert sich zu Weimar, jene Korporation, in deren Reihen die Diskussion über ein zu schaffendes Wörterbuch beginnt. Diese Fürsten- und Gelehrtenakademie ist oft verlästert worden. Aber man lese nur ihren Briefwechsel bei Gottlieb

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Nürnberg 1691. Jacob Grimm, Vorreden zum Deutschen Wörterbuch. Darmstadt 1961, S. 29. S. dazu Gerhardt Powitz, Zu dem Glossar des Strassburger Chronisten Fritsche Closener. In: Zs. f. dt. Philologie 83. 1964, S. 322. Johann Leonhard Frisch sagte es lateinisch. Als Untertitel zu seinem Schulprogramm (s.o. S. 80) formulierte er zu den Glossaren des 15. und 16. Jhs.: „De lexicis [...] quae de progressu culturae linguae Germanicae testantur."

Deutsche Lexikographie und Sprachnorm

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Krause2"': dann wird einsichtig, was oben über die Verbindung von schöner Literatur einerseits und Sprachkunst (Grammatik) andererseits gesagt wurde. Neben grammatischen Problemen stehen die der Literatur zur Debatte, man schickt sich gegenseitig Manuskripte und Bücher zu und diskutiert über sie24. Die theoretischen Köpfe in Fragen der Lexikographie und Grammatik sind zugleich betriebsame und bedeutende Literaten. Schottel und Harsdörffer brillieren in beiden Sparten, die damals nicht als getrennt empfunden wurden. Zu diesem Zeitpunkt also wird die aus praktischen Bedürfnissen der Kanzlei und der Schule schon seit dem 15. Jahrhundert andauernde Diskussion, wie eine verpflichtende, Regeln setzende, d.h. normative Grammatik und ein ebensolches Wörterbuch auszusehen habe, auf einer höheren Ebene fortgesetzt. Die Diskussion wird im 17. und 18. Jahrhundert andauern. In dem Lebenswerk Adelungs kulminiert diese Entwicklung. Durch diese Zielsetzung wird zugleich die Richtung der Sprachforschung der zwei Jahrhunderte bestimmt: Sie ist synchronisch-normativ. Mit seinen weiterführenden Vorschlägen zur Erforschung der Mundarten, der Fachsprachen und der historischen Sprachschichten ist Leibniz seiner Zeit voraus, schafft aber in seinem Umkreis einen diese Thematik berücksichtigenden Gelehrtenkreis.

III. „Questione della lingua" Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erreicht Deutschland die vor allem in Italien geführte Diskussion, wo das Vorbild für die Literatur in der Landessprache zu suchen sei, und dann weiter: wie ein solches Vorbild fortzuentwickeln sei, damit es den Ansprüchen einer auf Form und Würde bedachten hohen Literatur genüge. Das Bewußtsein der Trennung zwischen der hochentwickelten Kunstsprache, eben der Sprache der schönen Literatur, und der zweckmäßige Bedürfnisse erfüllenden Umgangssprache hatte in der lateinischen und romanischen Kultur eine lange Tradition. In Italien beherrschte die „questione della lingua, della toscanitä ο italianatä" die Diskussion, und zwar seit Dante in seinem Essay „De vulgari eloquentia" die Landessprache auch theoretisch hoffähig gemacht hatte 25 . Dieselbe Diskussion wird sich in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert wiederholen: Ob nämlich das „beste Deutsch", die vorbildliche Literatur23

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G[ottlieb], Krause (Hrsg.), Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein. Briefe, Devisen und anderweitige Schriftstücke. Hrsg. nach den Originalien der Herzogl. Bibliothek zu Cöthen. Leipzig 1855. Ich zähle die Titel einiger Bücher auf, die man sich zusendet und über die man diskutiert: „Don Quixote", du Bartas' „La semaine", das Tobias Hübner übersetzte, Tassos „Gerusalemme liberata" in der Übersetzung von Diederich von dem Werder (als das „Erlösete Jerusalem"), Opitzens deutsche Psalmen, das von ihm edierte Annolied, Sidneys „Arcadie", Rists „Freudenspiel", Harsdörffers „Gesprächsspiele", den „Filander von Sittewald", Buchners Poetik, Schottels Reimkunst (1645) u.a. Dazu Robert A. Hall (Jr.), The Italian Questione Della Lingua. An Interpretative Essay. Chapel Hill 1942.

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Semantik und Lexikographie

spräche, das meißnische Sächsisch sei oder ob es die Summe des Sprachgebrauchs aller guten Schriftsteller darstelle, gleichsam ein Extrakt aus allen Mundarten sei. Die Frage lautete u.a.: „Welche unter allen Teutschen mundarten die naturmäßigste, reinlichste und zierlichste sey 26 ?" Die institutionelle Basis, auf der diese Diskussionen gefuhrt werden, sind nicht die Universitäten, sondern Akademien, die sich z.T. heftig befehden, wie überhaupt die höhere Ebene, auf die die wissenschaftlichen Diskussionen gehoben werden, garantiert wird durch wissenschaftliche Vereinigungen, Akademien, die - von Italien ausgehend - im 16. und 17 Jahrhundert überall in Europa gegründet werden 27 . Nur solche mit linguistischer Betätigung stehen im folgenden zur Diskussion. Der im 16. Jahrhundert gegründeten „Accademia della Crusca" - nur die bekannteste unter vielen anderen italienischen die den Primat des Toskanischen verficht, folgt 1612 z.B. eine „Anticrusca". Fürst Ludwig von Sachsen-Anhalt war um 1600, während eines Aufenthalts in Italien, Mitglied der einflußreichen „Accademia della Crusca" geworden. Unter seiner geistigen Führung wurde 1617 in Weimar die „Fruchtbringende Gesellschaft" gegründet. Georg Neumark, der zweite Historiograph dieser Vereinigung 28 , berichtet, wie man am Tage der Gründung von den „Italiänischen Gesellschaften" gesprochen habe, „welche zu allerley Tugend-Reitzung der Jugend / Erhaltung gutes Vertrauens / zu Erbauung wolanständiger Sitten / und denn absonderlich zu nützlicher Ausübung jedes Volkes Landessprache / rühmlich aufgerichtet würden / [...]" 29 . Moralisch und linguistisch, um es kürzer zu sagen, wollten die Mitglieder arbeiten, wobei das „absonderlich" Georg Neumarks nicht überlesen werden darf. Dieser normative, verbindliche sprachliche Regeln aufstellende Impetus ist so stark, daß noch in einer Ankündigung für das „Deutsche Wörterbuch" der Brüder Grimm in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung" von 1838, die höchstwahrscheinlich von Jacob stammt, das „Vocabularo [sie!] della Crusca" als Muster

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So schreibt Harsdörffer am 24. Nov. 1643 an Fürst Ludwig von Sachsen-Anhalt. Tn: G.Krause (Hrsg.), Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein. Leipzig 1855, S. 328. - Die sprachgeschichtliche Stellung Luthers wird von Friedrich Kluge für das 17. Jahrhundert überschätzt, wenn er resümiert: „Luthergrammatik und Lutherdeutsch - da ist die Losung im 17. Jahrhundert." In: Von Luther bis Lessing. Sprachgeschichtliche Aufsätze. Straßburg 1918, S. 229. Denn: der Verweis auf Luther als Vorbild im 17. Jahrhundert bedeutete nicht materiell die Übernahme seiner Grammatik und Lexik, sondern signalisierte nur die Forderung eines gehobenen Stils, einer über den Landschaften liegenden Hochsprache. Dazu Verf., Hochsprache und Mundart im schlesischen Barock. Köln, Graz 1966 (Mitteldeutsche Forschungen. 44), S. 31f., 39.

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Siehe dazu Baron Cay von Brockdorff, Gelehrte Gesellschaften im XVFI. Jahrhundert. Kiel 1940, S. 44: „Den Akademien ist und war der Kampf um die Schaffung und Wahrung der Höhenlage für die Problembehandlung gemeinsam: in dieser Beziehung bilden sie sozusagen ein großes Ganzes." Der erste war Carl Gustav von Hille: Der Teutsche Palmenbaum: Das ist / Lobschrift von der Hochlöblichen / Fruchtbringenden Gesellschaft [...] verfasset / durch den Vnverdrossenen. Nürnberg 1647. Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum. Oder Ausführlicher Bericht / Von der Hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft [...] Von dem Sprossenden [...] Nürnberg 1668, S. 12.

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vorschwebte 30 . Diese unter dem Einfluß Lachmanns entstandene Konzeption wurde aber bald verändert. Wilhelm Grimm faßte das Ergebnis dieser veränderten Konzeption 1846 entschieden zusammen: „[...] wir wollen kein Gesetzbuch machen [,..] 31 ." Genau das aber war die Intention der Grammatiker und Literaten des 17. Jahrhunderts, die im Umkreis der „Fruchtbringenden Gesellschaft" die Frage einer deutschen Grammatik und eines deutschen Wörterbuchs zu diskutieren begannen.

IV. Sprache und N o r m Tn Deskription und Normierung teilen sich die Aufgaben der Grammatiker und Lexikographen im 17. und 18. Jahrhundert, wobei die sprachnormierenden Bemühungen in diesem Fall nicht die Suche nach einem naturwissenschaftlichen Mittelwert, dem statistisch zu ermittelnden Durchschnitt sind, sondern die nach einem - mehr oder weniger - fiktiven Ideal 32 . Die Soziologie hat hierfür den Begriff sozial-kultureller Leitbilder erarbeitet und auf deren Bedeutung für die Gesamtgesellschaft wie auch Teilgruppen hingewiesen. Hugo Steger unterscheidet zwischen „sprachlichen Gebrauchsnormen und vorbildlichen Normen, die zwar rein kaum verwirklicht werden, in denen sich aber die Leitbilder der Gesellschaften sprachlich repräsentieren [...]"33. Daß die „leitbildbezogenen idealen Sprachnormen" 34 bei der Entwicklung und dem Ausbau des Deutschen zur Literatur- und Hochsprache eine entscheidende Rolle spielen, liegt auf der Hand. Ein dynamischer Faktor eignet ihnen qua defmitione. Der Begriff d i e s e r „präskriptiven" sprachlichen Norm 34a erscheint deshalb im 17. und 18. Jahrhundert so zentral, weil aus dem sozial differenzierten Wortschatz und den geographischen Varianten der deutschen Sprache, den Raum- und Sozialdialekten, eine einheitliche Hochsprache geformt werden soll. Daß jede Sprachgemeinschaft das Bewußtsein einer sprachlichen Norm, von Gebrauchsnormen hat,

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Nr. 241 vom 28. August 1838. Zitiert bei Arno Schirokauer, Das Grimmsche Wörterbuch als Dokument der Romantik, In: Philobiblon 1. 1957, S. 318. Richtig ist „Vocabulario [...]". Siehe auch Walter Boehlich, Ein Pyrrhussieg der Germanistik. Die Vollendung des „Deutschen Wörterbuchs" der Brüder Grimm. In: Der Monat 13. 1961 (Heft 154), S. 39ff. In einer Rede auf der Frankfurter Germanistentagung. Zitiert bei Arno Schirokauer, a.a.O. Auf diesen Unterschied zwischen dem „naturwissenschaftlichen" und dem „geisteswissenschaftlichen" Normbegriff macht aufmerksam Walter Kuhlmann, Vom Normcharakter der Sprache. In: Zs. f. Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 16. 1963, S. 113-115. Probleme der sprachlichen Kommunikation in der Industriegesellschaft. In: Zwischen Sprache und Literatur. Drei Reden. Göttingen 1967, S. 11. Steger a.a.O. So definiert es Dieter Nerius, Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache. Halle 1967 (Linguistische Studien), S. 10. - Diese Arbeit konnte im ganzen für den vorliegenden Aufsatz nicht mehr herangezogen werden.

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denen sie sich unterwirft, ist von der neueren Linguistik längst erwiesen 33 . Doch hat sie auch bestätigt, daß die sprachliche Norm - vom Sprecher und Schreiber her gesehen: das Normbewußtsein - intensiver in der Literatur- und Hochsprache entwickelt ist, eben in der Form der leitbildbezogenen Norm. Die Intention der Grammatiker und Literaten im 17. Jahrhundert war nun, über die Sprache der Literatur eine einheitliche deutsche Hochsprache zu entwickeln, die Gesamtbesitz zumindest des gebildeten Teils der deutschen Nation werden sollte. Dabei entfaltete sich diese normative Sprachbetrachtung unter ganz bestimmten geistesgeschichtlichen und sozialen Prämissen. Das von Erich Trunz für das 17. Jahrhundert erarbeitete „Systemdenken" 36 , das mit einem zeitgenössischen Begriff auch als das Vorherrschen des ordo in allen Bereichen des Lebens zu umschreiben ist, begünstigt die normative Sprachhaltung. Der rationale und intellektuelle Grundzug der Zeit, in der die großen philosophischen „Systeme" vorbereitet werden, führt Grammatiker und Lexikographen dazu, die Sprache gleichfalls ihrem Zugriff zu unterwerfen: „Aus dem Systemdenken, das auf die Analogie verschiedener Daseinsbereiche aufgebaut ist, läßt sich [...] das Ideal der Sprachrichtigkeit überzeugend herleiten" 37 , „der Mikrokosmos muß Spiegel des Makrokosmos sein, dann verhält er sich richtig" 38 . Das folgende Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung, übernimmt dieses Bewußtsein dahingehend, daß sich alles vernunftmäßig ordnen und bilden lasse. Die religiöse Fundierung der Ordnung weicht einer natur- und menschenrechtlichen. Konrad Burdach hat diesem philosophischen Rationalismus und Ästhetischen Klassizismus einen „Zug zum Universalismus", den „Drang zum Weltverbindlichen, Absoluten" zugesprochen j9 . Käre Kaiser hat Burdachs Charakteristik in seiner Monographie über die Mundart und Schriftsprache in der Zeit zwischen Leibniz und Gottsched übernommen und ausgeführt, daß dieser „Drang zum Absoluten" sprachlich „zwei Auswirkungsfelder" habe: „Das eine [...] ist die Absolutierung der deutschen Sprache nach außen. Das andere [...] ist jener typische Aufklärungsgedanke der Vereinheitlichung der deutschen Sprache, der endgültigen Konsolidierung der neuhochdeutschen Einheitssprache" 40 .

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Bohuslav Havränek, Zum Problem der Norm in der heutigen Sprachwissenschaft. In: Actes du 4" Congres International de Linguistes. Copenhague 1938, S. 152ff. Wieder abgedruckt in A Prague School Reader in Linguistics. Compiled by Jodef Vachek. Bloomington 1964, S. 413^120. Weltbild und Dichtung im deutschen Barock. In: Zs. f. Deutschkunde 1937, S. 14-29; überarbeiteter Abdruck in: Aus der Welt des Barock. Stuttgart 1957, S. 1-35. Horst Nahler, Das Lehrgedicht bei Martin Opitz. Diss. Masch. Halle 1961, S. 18. Erich Lrunz, a.a.O. (1957), S. 6. Zitiert bei Nahler. Universelle, nationale und landschaftliche Triebe der deutschen Schriftsprache im Zeitalter Gottscheds. In: Festschrift August Sauer. Stuttgart o.J. [1925], S. 19. Mundart und Schriftsprache. Versuch einer Wesensbestimmung in der Zeit zwischen Leibniz und Gottsched. Leipzig 1930 (Form und Geist. 18), S. 30f.

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Neben diesem p h i l o s o p h i s c h e n Antrieb zur normativen Denkart gibt es einen i d e o l o g i s c h e n : Es ist die „kulturpatriotische Leitidee" 4 ', die gleichfalls das Verhältnis der Literaten zur Sprache bestimmt. Über die „kunstvoll" entwickelte Muttersprache versuchen sie, das nationale Bewußtsein zu stärken und am Wiederaufbau einer deutschen Nation mitzuwirken: „Die aus dem Risorgimento hervorgegangenen Nationalstaaten definieren und rechtfertigen sich als Staaten von Sprachvölkern. Sprachliche Homogenität ist im Denken der Epoche zur Voraussetzung des souveränen Nationalstaats geworden [...]" 42 . Da in Deutschland weder die staatliche Einigung noch die sprachliche Homogenität erreicht war, bedurfte es doppelter normierender Anstrengungen, d.h. normativer Eingriffe. Freilich begünstigte das Fehlen einer Zentralmacht rivalisierende Gruppen, anders als etwa in Frankreich. Deshalb gab es - wie in Italien - eine „questione della lingua". Die deutschen Grammatiker des 17. Jahrhunderts konstatieren zudem eine Diskrepanz zwischen allgemeiner kultureller Bedeutung der deutschen Nation und deren Sprache: „Alle Künste und Sprachen [...] sind von den Teutschen auffs sinnreichste und gründlichste hervorgezogen / aber jhrer eigenen Sprache und jhrer selbst ist von ihnen selbst fast vergessen worden" 4 j . Auch hier erhält der „sprachpflegerische" Impuls neue Antriebe. Ferner ist eine s o z i o l o g i s c h e Voraussetzung anzuführen: Dieser Normierungsprozeß ist zugleich Ausdruck gesellschaftlicher Implikationen, er hat sprachsoziologische Relevanz. Die Grammatiker und Sprachtheoretiker gehören dem Stand der Gelehrten an, die seit dem 16. Jahrhundert das geistige Leben in Deutschland bestimmen 44 . Die auf soziale Behauptung bedachten Gelehrten müssen aber - sofern sie ihr Tnteresse der deutschen Sprache zuwenden - sich von den aus ihrer Sicht sozial deklassierten Mundarten distanzieren. Gerade ihre im 17. Jahrhundert zumeist von eines Fürsten Gnaden abhängige Stellung erfordert, daß sie die Sprache des „Pöfel" in Verruf bringen, um somit die „würden der Poesie" - und damit ihre eigene - zu garantieren. Diese sozialen und öko-

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Dieser Begriff von Bruno Markwardt, Geschichte der deutschen Poetik. Bd. 1: Barock und Frühaufklärung. 2. Aufl. Berlin 1958, S. 27. Auch Burdach a.a.O. S. 20 spricht von dem „doppelten Impuls universalen Strebens und nationalen Wetteifers", also einem universalistischen und partikularistischen Antrieb. Eugen Lemberg, Nationalismus. II. Soziologie und politische Pädagogik. Reinbek 1964, S. 34f. Justi-Georgii Schotteiii / Einbeccensis, Teutsche Sprachkunst / [...] Braunschweig [...] 1641, Bl. Xij v . Vgl. dazu den grundlegenden Aufsatz von Erich Trunz, Der deutsche Späthumanismus um 1600 als Standeskultur. In: Zs. für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 21. 1931, S. 17-53. Wieder abgedruckt bei Richard Alewyn (Hrsg.), Deutsche Barockforschung. Köln 1965, S. 147-181. - Noch die anonymen „Wohlgemeinten Vorschläge Zu einer Allgemeinen und Regel-mäßigen Einrichtung und Verbesserung der Teutschen Sprache In dem Ober-sächsischen und Nieder-sächsischen Kreise [...]" Halberstadt, 1732 [...] formulieren eindeutig: „Es kommt hier allein auf die Gelehrten an. Die Ungelehrten bleiben in allen Ländern bey ihrer Schreib-Art [...]" (S. 28f.).

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nomischen Prämissen der auf rationaler und intellektueller Basis arbeitenden Sprachnormung müssen gleichfalls beachtet werden 43 . Schließlich ist noch eine t r a d i t i o n e l l - b i l d u n g s m ä ß i g e Voraussetzung zu nennen. Dieses auf Ordnung und einheitliche Formung der Sprache zielende Prinzip ist die Fortführung humanistischer, d.h. in diesem konkreten Fall: regelsetzender Praxis im 17. Jahrhundert, übertragen auf die deutsche Sprache: Es ist deutschsprachiger Humanismus 46 . Der im 15. und 16. Jahrhundert vorbereitete „Aufstieg" der deutschen Sprache 47 findet in dieser regelsetzenden Tätigkeit eine konkrete Form. Regelsetzend meint hier, daß die Grammatiker ihre als hochsprachlich erkannten Normensysteme nunmehr in Form von Grammatiken und Wörterbüchern kodifizieren und als verbindliche Schrift- und Hochsprache vorstellen. Die Normensysteme der Mundarten (und Umgangssprachen) bleiben davon unberührt. Als mögliche Varianten für die Hochsprache aber sollten sie ausgeschieden werden. Drei Kriterien für die Norm der Hochsprache kann man pauschal aus den gelehrten Schriften erarbeiten: 1. Sie steht über den Mundarten und stimmt mit dem „guten" Gebrauch „guter" Schriftsteller überein; 2. sie ist ein grammatisches Kunstprodukt, das analog und damit richtig gebildet ist; 3. sie ist mit der Sprache der Gebildeten Obersachsens identisch 48 . Insgesamt fiel es schwer, diese Kriterien miteinander zu harmonisieren, vor allem Punkt eins und zwei mit Punkt drei. Welches Kriterium besaß die Priorität? Die Grammatiker neigten naturgemäß dazu, Punkt zwei und damit ihre normierende Tätigkeit in den Vordergrund zu stellen, zumal sie die Norm, die von ihnen dekretierte richtige Sprachform, als etwas Reales, als die wahre Natur der Sprache hinstellten, die zu finden Aufgabe des Grammatikers sei49.

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Diese auf „rationale Struktur" zielende Entwicklung und den „rationalistischen Zeitgeist" arbeitet für diese Zeit (für den Übergang vom Mhd. zum Nhd.) auch Rudolf Hotzenköcherle heraus in: Entwicklungsgeschichtliche Grundzüge des Neuhochdeutschen. Tn: Wirkendes Wort 12. 1962, S. 321-331, Zitat S. 330. Verf., Hochsprache und Mundart im schlesischen Barock. Köln, Graz 1966, S. 23f. Anna Daube, Der Aufstieg der Muttersprache im deutschen Denken des 15. und 16. Jhs. Diss. Rostock 1939. Dazu Rudolf Hildebrand, Sachsens Antheil an der Ausbildung der neuhochdeutschen Sprache. In: Die Grenzboten 19. 1860, 1, S. 99—113. (Der Artikel erschien anonym.) Hier Zitate und Quellen des 16. bis 18. Jahrhunderts, die für die Identität der Hochsprache und der Sprache der „Gebildeten" Obersachsens eintreten. Wieder abgedruckt in: Gesammelte Aufsätze und Vorträge zur deutschen Philologie und zum deutschen Unterricht. Leipzig 1890, S. 315-335. Μ. Η Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 1. Halbbd. Heidelberg 1913, S. 116: „Die bedeutendsten Grammatiker gehören der Schotteischen Richtung an [...]", der, so könnte man fortfahren, vor allem Niederdeutsche und Süddeutsche zuneigen. Jellinek formuliert weiter: „Die Ostmitteldeutschen trugen ihre Grammatik in sich." Schottel war Niedersachse, Gottsched Ostpreuße, Adelung Pommer. Die großen grammatischen Theoretiker kamen nicht aus Obersachsen, wenn das auch in den beiden letzten Fällen ihre Wahlheimat - auch sprachlich - wurde.

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Das Analogieprinzip Schottels und seiner Schule ist das maßgebende Konzept sprachlicher Veränderung und Normierung 3 0 . Dieses räsonierend-deduktive Prinzip gibt im 17. Jahrhundert der Grammatik einen neuen Impetus. Nicht mehr vom Seienden, vom guten Gebrauch guter Schriftsteller - etwa von dem Luthers - oder von der Sprache einer Landschaft gingen die Grammatiker in erster Linie aus, sondern sie setzten die Normen kraft ihrer sprachwissenschaftlichen und auf soziale Distanzierung und damit sprachliche Einigung zielenden Einsicht. Und ein weiteres Faktum ist neu im Barockzeitalter: daß der normativen Grammatik vorausgehen oder folgen sollte ein ebensolches Wörterbuch, das - wie die Grammatik die sprachlichen Formen - den Wortschatz aufbereiten sollte für die Erfordernisse der postulierten Literatur- und Hochsprache. Neben den normierenden Grammatiker trat der normierende Lexikograph. Diese zugunsten einer theoretisch statuierten Norm betriebene Sprachlenkung darf nicht nur unter negativen Aspekten als Sprachverarmung und -Verkümmerung beschrieben werden, wie das 19. Jahrhundert unter dem Einfluß der Ansichten der Brüder Grimm dies zumeist tat. Die in Richtung auf eine Einheits- und Hochsprache betriebene Sprachnormierung garantiert zugleich eine höhere Qualität der sprachlichen Kommunikation hinsichtlich rationaler und intellektueller Inhalte. Der Abstraktionsprozeß der Sprache wird damit weiter vorangetrieben, eine „hinrichtung der spräche nach dem geistigen begriff' 5 1 findet statt. Voraussetzung z.B. für die Schaffung der deutschen philosophischen Wissenschaftssprache ist u.a. dieser Normierungsprozeß 3 2 .

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Es stammt aus der griechischen Grammatik und gilt auch den Poetikern der Zeit als Maßstab für die Richtigkeit poetischer Sprache: „Sondern es muß vor allen dingen gewisse Masse und Regel / welche die Griechen αναλογιαν nennen / beobachtet werden." August Buchners Anleitung Zur Deutschen Poeterey [...] Wittenberg [...] 1665, S. 47. In der modernen Sprachwissenschaft hat sich die Terminologie geändert: „Als Bestandteil der Norm der Schriftsprache werden jene neuen Elemente angesehen, die regelmäßig hinsichtlich der neuen Struktur sind." Alois Jedlicka, Zur Prager Theorie der Schriftsprache. In: Travaux Linguistiques de Prague. 1. Prague 1964, S. 49. - Zu den Ansichten der „Prager Schule" über „Kodifikation und grammatische Norm" - Ergebnissen der strukturalen und funktionalen Sprachwissenschaft über diese Probleme - siehe Josef Vachek (avec collaboration de Josef Dubsky), Dictionnaire de Linguistique de l'Ecole de Prague. Utrecht/Anvers o.J. unter den Stichwörtern „codification de la norme grammaticale", „interventions normatives dans la langue litteraire", „norme et codification d'une langue". Jacob Grimm, Deutsche Grammatik. Zweite Ausgabe, 1. Theil. Berlin 1870, S. 21. Vgl. Paul Piur, Studien zur sprachlichen Würdigung Christian Wolffs. Halle 1903. - Für die Gegenwart hat die Bedeutung dieses Normierungsprozesses Hugo Steger aufgegriffen. Vgl. Sprachnorm, Grammatik und technische Welt. In: Sprache im technischen Zeitalter 3/1962, S. 183-198. Steger spricht hier auch von der „rationellen Einflußnahme" auf die Sprache im 17. Jahrhundert. Und für die Gegenwart: „Vieles spricht dafür, daß sich die Hochsprache (und nur sie!) entweder den rationalen Anforderungen anbequemt, oder daß das höhere menschliche Denken vollständig in die konsequenten künstlichen Sprachen auswandert" (S. 197).

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V. Wörterbuchprogramme Im Umkreis der „Fruchtbringenden Gesellschaft" setzt die Diskussion ein, wie die (theoretische) Sprachforschung und die (praktische) Spracharbeit auszusehen habe. Georg Philipp Harsdörffer entwirft 1644 in der „Schutzschrift für die Teutsche Spracharbeit" ein Programm, in dem er verkündet, „daß die dickermelte Teutsche Spracharbeit nachfolgendes Absehen hat": I. II. III. IV. V. VI.

Daß die Hochteutsche Sprache in ihrem rechten Wesen und Stande / ohne Einmischung fremder ausländischer Wörter / auf das möglichste und thunlichste erhalten werde. Daß man sich zu solchem Ende der besten Aussprache im Reden / und der zierlichsten gebunden- und ungebundener Schreibarten befleissige. Daß man die Sprache in ihre grundgewisse Richtigkeit bringe / und sich wegen einer Sprache und Reimkunst vergleiche / als welche gleichsam miteinander verbunden sind. Daß man alle Stammwörter in ein vollständiges Wortbuch samle / derselben Deutung / Ableitung / Verdopplungen / samt denen darvon üblichen Sprichwortern / anlüge. Daß man alle Kunstwörter von Bergwerken / Jagrechten / Schiffarten / Handwerkeren / u.d.g. ordentlich zusammentrage. Daß man alle in fremden Sprachen nutzliche und lustige Bücher / ohne Einmischung fremder Flickwörter / übersetze / oder j a das beste daraus dolmetsche"".

Diesen Entwurf fand der geschäftige Harsdörffer selbst so gut, daß er ihn 1646 nochmals publizierte, nunmehr in lateinischer Sprache 54 . Die sprachlichen Bemühungen und Aktivitäten der Zeit fing dieses Programm recht präzis ein: Man war auf der Suche nach dem „rechten Wesen und Stande" der hochdeutschen Sprache (I), sowohl der gesprochenen wie geschriebenen (II). Dieses „rechte Wesen" zu garantieren, ist Aufgabe der Grammatik, die die „grundgewisse Richtigkeit" zu verbürgen hat, wie auch der Poetik (III): Beides gehörte zusammen, Schottel schrieb nacheinander eine „Sprachkunst" und eine „Reimkunst". Dazu ist aber gleichfalls ein „Wortbuch" vonnöten, das die Stammwörter „vollständig" sammelt, etymologisch deutet sowie die möglichen Ableitungen und Zusammensetzungen bringt (IV). Nicht das Wörterbuch als Thesaurus steht auf dem Programm, sondern der sprachwissenschaftlich analysierte und fixierte Wortschatz in (vermeintlich) übersichtlicher Gliederung nach Wurzelwörtern. Auch das Wörterbuch steht im Dienst der Sprachrichtigkeit. Neben gemeinsprachlichem Wortschatz gehört hierzu auch der fachsprachliche (V). Hilfsmittel und nützliche Vorübung zur Vervollkommnung der deutschen Sprache ist die Übersetzung ausländischer Literatur (VI), „ohne Einmischung fremder Wörter", wie Harsdörffer schon in Punkt I hervorgehoben und womit er didaktisch geschickt sein Programm eingeleitet hatte: Sprachpurismus als sprachlenkendes und -normierendes Mittel begreift auch der einfachere Sprachteilnehmer. Aus diesem umfassenden Programm sollen im folgenden die

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Schutzschrift / für die Teütsche Spracharbeit / und derselben Beflissene: zu Einer Zugabe / den Gesprächspielen angefuget durch den SPIELENDEN. In: FRAVENZIMMER GESPRECHSPIELE / [...] Nürnberg [...] 1644. [Anhang], S. 18. In: Georgi Philippi Harsdorferi Specimen Philologicae Germanicae, Continens Disqisitiones XII. De Linguae nostrae vemaculae Historia, Methodo, & Dignitate. [...] Norimbergae [...] M.DC.XLVI., S. 166.

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Konzeptionen näher untersucht werden, in denen präskriptive normative Funktionen des Wörterbuchs in den Vordergrund gestellt werden. Der Weg zum umfassenden deutschen Wörterbuch ist mit vielen Programmen gepflastert. Es wäre Aufgabe einer Akademie, einer wissenschaftlichen Korporation gewesen, dieses Werk zu schaffen, zumindest in ihre Obhut zu nehmen, wie in Frankreich oder Italien. Zwar wurden die theoretischen Voraussetzungen und die Programme in der Fruchtbringenden Gesellschaft und später in der Berliner Societät (nach 1700) diskutiert; doch die praktische Vollendung war das Werk einzelner. Dabei fehlte es den erfahrenen Lexikographen nicht an der Einsicht, daß diese Aufgabe die Kräfte eines einzelnen überstieg. Harsdörffer, der zu den Wörterbuchtheoretikern des 17. Jahrhunderts gehörte, regte an, daß sich sicher zwanzig Mitglieder der Fruchtbringenden Gesellschaft finden ließen, „deren ein ieder einen Buchstaben übernehmen, und noch dieses Jahr bey dem Ertzschrein einschicken sollte" 33 . Fürst Ludwig bezeichnete das als ein brauchhares Konzept 56 . Christoph Ernst Steinbach, einer der Wörterbuchmacher des 18. Jahrhunderts, meint noch 1724 in der Vorrede zu seiner Grammatik: „Denn vor einen ist es ein unmögliches Werck" 57 . In der Vorrede zur ersten Auflage seines Wörterbuchs (1725) sinnt er auf Abhilfe, die so unwirksam wie die Harsdörffers war: „Mir schiene es aber am besten, wenn sich einer mein Wörterbuch durchschiessen liesse, und bey iedem Worte gleich anmerckte, was er anzumercken hätte" 38 . Dieses Exemplar möge er dann mit Anmerkungen (bitte) zurückschicken oder dem Herrn Verleger auf der Messe übergeben: Steinbach versuchte, aller Ehre wert, sich eine Privatakademie unter Beteiligung anderer Sprachforscher zu schaffen 59 . Doch nicht nur praktische Arbeitserfahrungen ließen diese Männer auf Abhilfe sinnen. Steinbach brachte auch seine Kenntnis der Geschichte um die lexikographische Zuversicht: „Man betrachte nur selber, wie viele zwar deutsche Lexica versprochen, aber wenig heraus kommen sind" 60 . Vom nur versprochenen bis zum fertiggestellten Wörterbuch gibt es viele Zwischenstufen, die man als „Programme und Proben" zusammenfassen kann. Am uninteressantesten sind - naturgemäß - nur die versprochenen Werke: Von Paul Schede Melissus geht die Mär, er habe ein

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Krause, Ertzschrein a.a.O., S. 392. a.a.O., S. 397. An den „Suchenden" (Schottel) schreibt er 1645: „Wegen des deutschen Wörterbuches were wol nötig die arbeit ausZutheilen [...]" a.a.O., S. 297. Christ. Ernst Steinbachs kurtze und gründliche Anweisung zur Deutschen Sprache. [...] Rostochii et Parchimi [...] 1724. Vorrede, B. a4 v - Diese Erkenntnis ist sehr weit verbreitet. Vgl. (im selben Jahr): Vorbote Eines Teutschen Lexici Etymologici, [...] von Christoph Thiebern, Breßlau, [ ..] 1724, S. 20f.: „Man siehet wohl heraus, wie schwer diese Arbeit sey, und fast wegen der unsäglichen Kosten und Mühe einem eintzigen Privat-Manne unmöglich [...]." Christoph Ernst Steinbachs Deutsches Wörter-Buch [...] Breßlau, [...] 1725. (Vorrede). Einen hat sein Aufruf zumindest erreicht: Gotthold Ephraim Lessing. In seinem Nachlaß fand sich ein durchschossenes Exemplar von Steinbachs Deutschem Wörterbuch von 1725. Vgl. Arthur Hübner, Lessings Plan eines deutschen Wörterbuchs. In: Kleine Schriften zur deutschen Philologie. Berlin 1940, S. 237. [...] Kurtze und gründliche Anweisung zur Deutschen Sprache [...] a.a.O.

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Wörterbuch geschrieben (und eine Einleitung in die deutsche Sprache) 61 ; Johann Bernhard Zinserling soll „eine vollständige Arbeit eines Teutschen Lexiei vorgenommen" haben 62 . Auch bekanntere Namen stehen in dieser Reihe: Die Enttäuschung über das von Gottsched angekündigte, aber nur im Umfang eines Probebogens erschienene Wörterbuch war groß . Zur selben Zeit (1759) ließ auch der Basler Professor der Beredsamkeit, Johann Jacob Spreng, einen Probebogen: „Vorschlag eines allgemeinen deutschen Glossarii" drucken, in dem er vor allem auf „Bereicherung unserer Sprache" durch ausgefallenen Wortschatz 64

aus war . Im Kreis der Fruchtbringenden Gesellschaft erhebt zuerst Christian Gueintz die Forderung nach einem „Wörterbuch" (1640) u n d einem „Redensartbuch", also einem phraseologischen Lexikon 63 . Er gebraucht auch nach Comenius 66 den sich dann durchsetzenden Terminus „Wörterbuch" zum ersten Mal. Ihm folgt Justus Georg Schottel mit dem Entwurf eines Entwurfs: in seiner „Teutschen Sprachkunst" von 1641 kündigte er an, daß die zehnte Lobrede „de modo & methodo conficiendi Lexicon in lingua Patria" handeln solle. Doch: „Manebit ei fortasse alius locus" 67 . Dieser „andere Ort" der Ausführung des Programms wurde dann die „andere Auflage" der „Sprachkunst" von 1651. Doch zuvor hatte er schon 1641 in der ersten Lobrede „Von der Uhralten Hauptsprache der Teutschen [...]" einen weiteren summarischen Hinweis auf die Notwendigkeit eines „vollstendigen Wörterbuchs der Teutschen" gegeben, „und zwar also / daß ein jedes Wort zu seinem Stamme oder Wurtzel gebracht / und mit beygefügten guten Exempeln auß allerhand Authoren erkläret würde" 68 . Doch vorher sei eine Grammatik vonnöten. Diesen Ankündigungen folgte in der zweiten Auflage von 1651, „wie ein völliges Lexicon in Teutscher Sprache zuverfertigen" sei69. Zwischen diesen beiden Jahreszahlen, 1640 (Gueintz) und 1651 (Schottel), liegt die erste intensive Diskussion deutscher Gelehrter, wie ein Wörterbuch in der Muttersprache am zweckmäßigsten einzurichten und am schnellsten zu verfassen

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Elias Caspar Reichards Versuch einer Historie der deutschen Sprachkunst. Hamburg 1747, S. 151, der wiederum auf Harsdörffers Specimen Philologicae Germanicae (1646), neunte Untersuchung, verweist. Daniel Georg Morhofen Unterricht Von Der Teutschen Sprache und Poesie / deren Uhrsprung / Fortgang und Lehrsätzen. [...] Kiel / [...] 1682, S. 504. Adelung druckt in der ersten Auflage seines Wörterbuchs, 1. Bd. 1774, S. III-V einen Auszug dieses Probebogens ab. Als Ersatz für das Wörterbuch gelten seine „Beobachtungen über den Gebrauch und Missbrauch vieler deutscher Wörter und Redensarten". Straßburg und Leipzig 1758. Neu hrsg. von Johannes H. Slangen. Utrecht 1955. Adolf Socin, Schriftsprache und Dialekte im Deutschen nach Zeugnissen alter und neuer Zeit. Heilbronn 1888, S. 395f. Eugen Frühe, Untersuchungen über den Wortschatz schweizerischer Schriftsteller des 18. und 19. Jhs. Diss. Freiburg/Br. 1913, S. 4. Krause Ertzschrein a.a.O., S. 245. Vgl. Kluge-Mitzka, Etymologisches Wb. der dt. Sprache. Berlin 1963, S. 870. Justi Georgii Schotteiii / Einbeccensis, Teutsche Sprachkunst / [...] Braunschweig [...] 1641, S. 172. a.a.O., S. 9. Justi-Georgii J. V. D. Teutsche Sprachkunst / [ . . . ] Braunschweig [...] 1651, S. 293.

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sei. Den Verlauf dieser Diskussion haben Jellinek 70 und Powitz 71 nach dem urkundlichen Material Gottlieb Krauses beschrieben. An dieser Diskussion sind vor allem Schottel, Harsdörffer, Gueintz und Fürst Ludwig beteiligt. Harsdörffer unterbreitet 1648 als erster einen in sich geschlossenen Plan eines deutschen Wörterbuchs. Er geht so vor, daß er in seinem Entwurf den ausführlichen Titel des projektierten Wörterbuchs (s. Abbildung 1) Wort für Wort kommentiert: Titel sind zu dieser Zeit graphisch gestaltete Inhaltsangaben. Entkleidet man Titel und Kommentar des plakativen und demonstrativen Charakters, so kann man vier Hauptgesichtspunkte des Programms erarbeiten: 1. Das Wörterbuch soll möglichst vollständig sein; 2. es soll (vorwiegend) auf literarischen Quellen ruhen; 3. es soll „kunstfuglich"; d.h. „methodice", d.h. „lehrrichtig" sein, im heutigen Deutsch: Die einzelnen Wortartikel sollen systematisch nach grammatischen Prinzipien eingerichtet werden; 4. es soll die Wörter auch im Kontext, nämlich „redarten, phrases" bringen. Punkt eins garantiert den säkularen Charakter des Unternehmens und grenzt es gegen frühere deutsche Wörterbücher ab. Genannt werden „Heinisch" und „Pictorius" 72 . Punkt zwei und drei sollen den wissenschaftlichen Anspruch des Unternehmens rechtfertigen. Sie sind noch weiter zu differenzieren. Als Quellen werden genannt: die „Reichsabschiede", „Goldast", „D. Luther" und „die Poeten" 73 . Hier stehen nebeneinander Kanzleisprache, biblische und literarische Sprache. Daneben werden die älteren Wörterbücher als Hilfe für die Sammlung der Stammwörter genannt. Dieses aus schriftlichen Quellen exzerpierte Material soll nun „nach ihrer [der Sprache] angebornen Eigenschafften" eingerichtet werden. Diesen dunklen Spruch des Titels erläutert Harsdörffer im Kommentar: Diese „Eigenschafften" würden bestimmt durch den „Gebrauch" und die „Analogia". Man muß sich also vorstellen, daß das (vollständige) Wörterbuch aus den Quellen nach dem Sprachgebrauch exzerpiert und nach dem wissenschaftlichen Kriterium der Analogie oder „der Sprache Ebenmaß" zusammengestellt wird. Wie diese beiden Kriterien zu harmonisieren seien, d.h. welchem im Einzelfall der Vorzug zu geben sei, wird nicht beschrieben. Sicher wird im Zweifelsfall der normierende Grammatiker den deskriptiven Lexikographen überspielen. Man sieht an diesem Punkt eines theoretischen Konzepts unmittelbar bestätigt, was Jellinek summarisch konstatiert: „Heuristisches Prinzip" (die richtige Sprache zu finden) (ist) „die Analogie" 74 .

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Geschichte der nhd. Grammatik, 1. Halbbd., S. 182-184. Das dt. Wörterbuch J. L. Frischs, S. 14-17. Gemeint ist Georg Henisch, Teutsche Sprach vnd Weißheit. [...] Augustae Vindelicorum [...] M. D. C. XVI. - Henisch ist der im Umkreis der Fruchtbringenden Gesellschaft mit der größten Hochachtung genannte Vorgänger. Pictorius ist Latinisierung von (Josua) Maaler. Krause, Ertzschrein a.a.O., S. 388. Alle folgenden Zitate aus Harsdörffers Entwurf a.a.O., S. 388. Μ. H. Jellinek, 1. Halbbd., a.a.O., S. 115f.

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Semantik und Lexikographie

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Deutsche Lexikographie und Sprachnorm

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Semantik und Lexikographie

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Deutsche Lexikographie und Sprachnorm

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27

Dieses Beispiel nach Eberhard (1795) 37; der Abdruck der vollständigen semantischen Paraphrase Eberhards bei Henne (1972) 82; die hier gegebene Darstellung stellt eine Interpretation Eberhards dar; die diakritischen Symbole (Kursive, > , , im ersten Semester< ergibt: Crasser Fuchs) markiert, wobei die lexikalischen Teil strukturen ihrerseits spezifisch geprägt sind: Es gibt Polysemie (,Mehrdeutigkeit') (z.B. Kümmeltürke) und echte Synonymie (,Bedeutungsgleichheit') (z.B. Brander, Brandfuchs), darüber hinaus das Nebeneinander von Wortzusammensetzung (z.B. Jungbarsch) und Nominalphrase (z.B. junger Bursch). Doch nicht solche Spezialfragen einer strukturellen Lexikologie sollen hier diskutiert werden, sondern die historische Dimension dieses „Studentenfeldes". Das Wörterbuch von 1825 bietet eine historische Momentaufnahme der Rangordnung der Hauptakteure im Studententheater. B e v o r der Student dieses betritt, hält die Studentensprache (von 1825) weitere Bezeichnungen bereit: 43

Vgl. Henne, Helmut und Helmut Rehbock: Sprachzeichenkonstitution. In: LGL (s. Anm. 10), 151—159; Wiegand, Herbert Emst und Werner Wolski: Lexikalische Semantik. In: LGL (s. Anm. 10), 199-211.

Historische Studenten- und Schülersprache - heute

213

„Schulfuchs, Pennal ist jeder Schüler einer hohen Schule [= Gymnasium], In der Zwischenzeit seiner Schul- und Universitätsjahre wird er Maulesel genannt." 46 Und wenn der Akteur das Theater zu verlassen im Begriffe steht, wird er gleichfalls von den Namen der Studentensprache aufgefangen: „Ein Student, der sein Triennium [,Zeitraum von drei Jahren'] absolvirt hat, aber noch länger auf der Universität bleibt, kann sich als Philister erklären, d.h. er kann erklären, daß er sich nicht mehr an den Comment binden werde, nach dem sich sämmtliche Studenten richten." 47 Nach den Regeln der Studenten von 1825 und ihrer Sprache sind heute (1982) mehr als die Hälfte aller Studenten in der Bundesrepublik Deutschland Philister: Diese unhistorische Bemerkung zeigt, wie notwendig es ist, Herkunft und Weiterentwicklung dieser Standesterminologie auf der Grundlage unserer „Bibliothek" (als Forschungsinstrument) nachzuzeichnen, die punktuelle historische Lexikologie also zu einer sprachlichen Entwicklungsgeschichte auszuweiten. Dazu lädt unsere Bibliothek ein! Wie schon die Bezeichnungen Philister, Schulfuchs und Pennal lehren, ist der Student umgeben von auf ihn bezogenen Wesen, die er in s e i n e Sprache aufnimmt - vielfach abwertend, oft witzig, zuweilen in diskriminierender Weise. Eine Mischung dieser Prädikate stellt z.B. der Artikel Besen im Wörterbuch von 1825 dar:48 „Jedes Mädchen. 2. vorzugsweise Dienstmädchen, Aufwärterin. Man vergleiche damit die Stelle in Goethe's Faust: ,Die Hand, die Samstags ihren Besen führt, [/] wird Sonntags dich am besten caressiren.'" Vielleicht gibt sie nähern Aufschluß über die Ableitung dieses Wortes. - „Eine besondere Gattung sind 3. die Florbesen, d. s. Mädchen von vornehmer Abkunft. Beisp. ,Waren hübsche Besen in X?' - ,Viel Florbesen, aber gemeine Physiognomien.'" Würden wir nach einem exemplarischen Wörterbuchartikel gefragt, also einem solchen, der wesentliche Charakteristika studentensprachlicher Lexikographie vereint - wir würden den zitierten „Besen-Artikel" anführen: Er übersteigt die strenge Ordnung eines alphabetischen Wörterbuchs (indem er Florbesen miteinbegreift); er ist literarisch durchsetzt und dialogisch gestützt. Zugleich ist er ein „Zentralartikel" für das lexikalische Bedeutungssystem (oder Wortfeld) ,weibliche Wesen im Blickfeld der Studenten':

46 47 48

Leipzig 1825,42. Leipzig 1825,60. Leipzig 1825, 16.

214

Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

Bakfisch ,16-18 J a h r e ' Abb. 3 Die Struktur des Wortfeldes ,weibliche Wesen im Blickfeld der Studenten"

Schon die Paraphrase jedes Mädchen' läßt erkennen, daß Besen das „Grundwort" oder Archilexem ist, das semantisch neutral ist, während die „abgeleiteten" Wörter durch zusätzliche semantische Merkmale oder Wortbildungselemente (Florbesen) markiert sind. Das Wörterbuch von 1825 führt nur das Grundwort und die lexikalischen Bezeichnungen der sozialen Dimension: Besen2 (als ,Dienstmädchen' bzw. .Aufwärterin') und Florbesen (als ,Mädchen vornehmer Abkunft'). Bakfisch als eine Bezeichnung, die auf einer AltersAchse liegt, und Schnalle, Nymphe und Zobel, die (aus der Sicht der Studenten) die Verfuhrbar- und Käuflichkeit von Besen in Wörter fassen, entnehmen wir dem Wörterbuch von Vollmann von 1846.49 Vollmann ist ein wahrer Erotomane und stellt insofern eine Fundgrube für diese Bezeichnungsstruktur dar. Z.B. teilt er die Besen u.a. in famose, flotte und patente ein und legt u.a. Besenattribute fest: „die Eigenschaften, die ein Besen sensu bursch. haben soll: 1. gute Bims, Vorgebirge, Vorlagen; 2. famose Arschbaken; 3. gehörige Waden; 4. eine gute und tiefe Auslage [...]". Was oben u.a. unter den Begriff „Diskriminierung" gefaßt wurde, erfüllt Vollmann in besonderer Weise. So bieten unsere Wörterbücher die Möglichkeit, die historische Welt aus studentischer Sicht zu rekonstruieren. Doch eine solche Rekonstruktion führt nicht nur über „lexikalische Bedeutungssysteme"; sie kann ihren Ausgangspunkt auch von einem Einzelwort, etwa keilen oder pauken nehmen und aufzeigen, in welchem Zusammenhang studentensprachliche Teilbedeutungen mit allgemeinsprachlichen stehen und wie über Wortbildungen der studentensprachliche Wortschatz erweitert wird. Im historischen Maßstab sind z.B. acht Teilbe-

49

Vollmann 1846, 41, 341, 518.

Historische Studenten- und Schülersprache - heute

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deutungen von pauken auszumachen, wobei vier studentensprachlich sind (im folgenden in Versalien): paukent ,die Pauke, Trommel schlagen' pauken2 , schlagen, wodurch ein Schall entsteht' pauken3 ,jmdn. schlagen, ihn derb schlagen' pauken4 ,mit dumpfem Ton reden, schwatzen' (sich) PAUKEN, ,fechten' ,(sich) duellieren' PAUKEN 6 ,Unterricht geben' PAUKENy ,lernen, büffeln' PAUKEN« ,predigen' Die studentensprachlichen Teilbedeutungen werden nun ihrerseits einem Wortbildungsprozeß unterworfen und dienen somit als Basis zur Erweiterung des studentensprachlichen Wortschatzes: PAUKENj -> PAUK-ANT; PAUK-APPARAT; PAUK-ARZT; PAUK-BINDE; PAUK-BODEN; PAUK-COMMENT usf. (siehe dazu Register S. 21 lf.) PAUKEN 6 -> PAUK-ER PAUKER PAUKER-EY; PAUKER-HÖHLE; PAUKER-KONVENT usf. (s. dazu Register S. 212) Die fortlaufende Indizierung der Teilbedeutungen unterschlägt, daß die studentensprachlichen Teilbedeutungen Varianten der standardsprachlichen sind und somit der Zusammenhang von standardsprachlicher und studentensprachlicher Semantik nicht aufgezeigt wird. Dabei ist nicht zu übersehen, daß z.B. PAUKEN 5 eine Variante von pauken3. PAUKENg eine Variante von pauken4 ist. Das heißt: spezifische Veränderungen, z.B. eine Einengung u n d Spezialisierung, werden vorgenommen, wodurch (sich) PAUKEN 5 aus pauken3 hervorgeht. Aber auch die „unterrichtlichen" Wörter PAUKENg und PAUKENy leiten sich von pauken3 her: Im „handgreiflichen" Unterricht früherer Jahrhunderte war die körperliche Bestrafung (leider) ein Teil des Unterrichts. Für das folgende Verb {keilen) versuchen wir, den standard- und studentensprachlichen Zusammenhang in der Indizierung zu berücksichtigen. Für keilen ergibt sich folgendes lexikalisches „Bild": 30 keilen\ ,mit Keilen spalten oder befestigen' keilen2 , schlagen, prügeln' keilen3 ,kaufen' („mit einem üblen Nebenbegriffe") KEILEN 2a ,Mitglieder für eine Verbindung werben' KEILEN 3 a ,kaufen' KEILEN 3b ,im Spiel bieten oder setzen'

30

Nur selektiv bieten wir Verweise. Für die Zeitspanne von 1750 bis 1900 wurden (wie auch für pauken) die Wörterbücher von Adelung, Campe, J. u. W. Grimm, Sanders, Heyne, Weigand/Hirt sowie die studentensprachlichen Wörterbücher benutzt.

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

Das Verbum keilen, selbst eine Ableitung von Keil (ahd. mhd. kll), durchläuft einen Metaphorisierungsprozeß, der seinerseits neue Teilbedeutungen schafft: keilen2 geht auf rotwelschen Sprachgebrauch zurück, wird aber schon von Adelung 177651 gebucht: „und selbst im gemeinen Leben der Hochdeutschen gebraucht man keilen oft für schlagen, prügeln". Dieses keilen2 wird zu einem Studentenwort mit ähnlicher Bedeutung; hierauf ist KEILEN 2a bezogen: Der Konkurrenzkampf der Verbindungen untereinander um Neulinge machte die Werbung zu einem rauhen Geschäft: „Dies geschah vor Zeiten [...] mitunter wohl auch dadurch, daß die Keilenden den zu Keilenden molum [,betrunken'] machten und sich dann in seiner Knillität [,Betrunkenheit'] das Versprechen geben ließen, der Verbindung beizutreten" (Leipzig 1875, 60). Unter die „Wörter des gemeinen Lebens" rechnet Campe 180852 die Teilbedeutung keilen> KEILEN^ ist als Studentenwort hierauf bezogen: Augustin 1795 bringt das Beispiel: „Ich habe das Buch gekeilt." Derselbe fuhrt auch die Teilbedeutung KEILEN 3l , ein: „im Spiele heißt es mehr bieten, oder nachbieten [...]." In folgender Weise wird nun der studentensprachliche Wortschatz auf der Basis der Teilbedeutungen von keilen u.a. erweitert: keilen 2 KEILEN 3a:3b

keilen,

—• KEILE besehen ,Schläge bekommen'; AN - KEILEN .ankaufen': VER - KEILEN verkaufen': „Dieser Studentenausdruck enthält einen Nebenbegriff mehr als der gewöhnliche ,verkaufen'. Der ,Keil', der darin steckt, bezeichnet treffend die Nothwendigkeit des Verkaufens" (Schuchardt 1825, 70); NACH - KEILEN ,im Spiel mehr bieten'; AB - KETLEN abschreiben' (in Unterricht und Prüfung); VER - KEIL - BAR verkäuflich'; KETL - HAUS ,Leihhaus' SICH VER - KEILEN ,sich verlieben' [Schuchardt 1825, 53, der die „Grade der Studentenliebe erläutert" („1. verplempern; 2. verschießen; 3. verlieben und 4. lieben") erwähnt VERKEILEN nicht.]

Man kann sich vorstellen, warum Teilbedeutung 3 ,kaufen' („mit einem üblen Nebenbegriffe") so wichtig für den studentensprachlichen Wortschatz wurde: Die Mehrzahl der Studenten war, ob der Diskrepanz von Einnahmen und Ausgaben, häufig in finanziellen Schwulitäten: Kartenspiel, Leihhaus u.ä. waren da gute Gelegenheiten, ein zusätzliches Glück zu versuchen. Die (aus studentischer Sicht) unsichere Welt des Gebens und Nehmens wurde durch einen eigenen Wortschatz gesichert. „Der Papa der schreibt posttäglich: / „Lieber Sohn, bist fertig Du?" / Fertig? ja, und das ist kläglich, / Fertig mit dem Geld im Nu" schreibt der reimende Wörterbuchverfasser (Bonn 1841) in „Des Burschen Abschiedswort".

31

52

J. Chi'. Adelung: Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. Zweyter Theil. Leipzig 1796, 1537. J. H. Campe: Wörterbuch der deutschen Sprache. Braunschweig 1808, 909.

Historische Studenten- und Schülersprache - heute

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Man sieht: auch über sog. Einzelwörter, die j a in Wahrheit jeweils in einer „Wörterfamilie" aufgehoben sind (und darüber hinaus in hier nicht aufgezeigten Wortfeldbeziehungen stehen), dringt man zu studentischen Lebensformen vor. Die sprachlich reich dokumentierte historische Studentensprache eröffnet somit die Möglichkeit, nicht nur punktuell zu arbeiten, also z.B. die Historizität bestimmter (ausgesuchter) Sprechakte (wie die des Grüßens, Taufens, Wettern, Beglückwünschens) zu beschreiben; vielmehr bietet sich hier die Gelegenheit, Lebensform und sprachlichen Ausdruck einer standes- und altersmäßig, geschlechts- und berufsspezifisch bestimmten Gruppe i n s g e s a m t zu bestimmen. Uns scheint das eine Möglichkeit zu sein, historische und sprachwissenschaftliche Arbeit in einen Rahmen zu bringen, der jeglichem linguistischen Eklektizismus abhold ist; denn der Forscher hat seinen Beitrag zum G e s a m t t h e m a „Historische deutsche Studentensprache" zu kalkulieren und zu rechtfertigen und kann nicht der Beliebigkeit und liebevollen Detailkunst frönen. Dabei ist es eine Sache des Geschmacks, ob man eher soziolektale Probleme an den Anfang stellt und von daher einen sprachpragmatischen Zugang sucht, oder ob man über einen sprachpragmatischen Zugriff zu soziolektalen Problemen vorstößt. Wir versuchen im folgenden, den Rahmen sprachpragmatischer und soziolektaler Forschung zur historischen Studentensprache zu skizzieren, um damit einige Anregungen fur die Forschung zu geben. Das Triennium - der Zeitraum von drei Jahren! Innerhalb dieser kurzen Frist, die man „absolvirte", 53 spielte sich alles (oder zumindest doch das Wesentliche) ab. Zuvor war man Pennal ,Schüler einer gelehrten Schule', wurde „in der Zwischenzeit seiner Schul- und Universitätsjahre" Maulesel34 und immatriculiertevoller Stolz: „Nach Ablegung des Handschlags", vorgenommen „vom Rector, oder Prorector", wodurch der Student bekräftigt, daß er die „academischen Gesetze" befolgt, wird der Name in das Verzeichnis der Studierenden eingetragen, und der Student „bekommt ein mit dem Siegel der Universität und der Unterschrift des Rectors versehenes Zeugniß, daß er Student ist". 56 Wie verlief nun die Entwicklung eines Studenten im Widerstreit von Fachstudium und Burschenkarriere ab? Kann man die Rolle eines flotten Kerls, „der sich (mit einem Worte) über die philiströse und finköse Prosa erhebt" 57 , vereinen mit derjenigen eines Burschen, der pünktlich die Collegia besucht und „die Worte des Professors mehr oder weniger genau aufzeichnet" - in Heften: „Eine Reihe [...] gutgeschriebener und sauber gebundener, und wohl conservirter Hefte ist der Stolz und die Freude des Burschen; ihre Repetition Pflicht." 58 Triennium, immatriculieren, Collegium, Hefte (die in einer Mappe mitgefuhrt werden, worin sich Feder, Papier und Dinte befindet) - das ist die fachsprachliche Schicht der Studentensprache, die abzuheben ist von den burschikosen Redensarten, 53 54 55 56 57 58

Schuchardt 1825, 69. a.a.O. 42. a.a.O. 46. a.a.O. a.a.O. [Wallis] 1813, 159.

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

derer sich der honette Bursch59 bedient. Diese „Redensarten" sind zu einem wesentlichen Teil pragmatisch besetzt, soll heißen: Sie steuern Verhalten und Handlungen der Burschen. Ihnen liegt u.a. der Comment zugrunde, „der Inbegriff aller Bestimmungen der Studenten, wie sie nach und nach auf und festgestellt worden sind". 60 Und der Wörterbuchschreiber von 1825, der diese Definition des (studentischen) Comment gibt, versucht zu detaillieren: „namentlich gehören die Regeln hinsichtlich der Avantage, des Coramirens, der Paukereien, der Commerse hierher". 61 Gegen den Comment setzt der Verfasser selbst das Studium z.B. der Dogmatik und Pandekten, also das theologischer Lehrmeinungen und juristischer Kodices. Da haben wir den Zwiespalt, in den der junge Student gerät: Zwischen Comment und Dogmatik wird er hin- und hergerissen, die Burschenkarriere vom Crassen Fuchs zum bemoosten Haupt steht dem ordentlichen Studium mit erfolgreichem Examen im Wege. Was wir brauchen, ist eine sprachliche Rekonstruktion des „commentgemäßen" u n d „dogmatischen" Lebens der Studenten, und zwar sowohl in der Version des flotten Burschen wie des arbeitsamen Finken. Das können nur Annäherungen sein - aber doch historisch beglaubigte. Und vor die Rekonstruktion des Trienniums gehört die eines üblichen Tageslaufs, die Rekonstruktion also der Lebenswelt in authentischer Sprache: „Zöpfe und Perücken sind glücklich aus der Mode, und haben durch ihren Untergang allen Friseurs Herzeleid zugefügt. Die Eitelkeit der Studenten ist ihnen einigermaßen dafür Entschädigung, denn gekräuseltes Haar, einen hübschen Tituskopf oder zierlichen Hahnenkamm mag Jeder gern leiden und nimmt deshalb den Friseur zu Hülfe", schreibt Wallis im Jahre 1813.62 Wir haben Zeugnisse genug, um eine solche Rekonstruktion zu beginnen, die den Zusammenhang von Alltagssprache, Burschen- und Fachsprache darstellen muß. 62a Und in diesem Zusammenhang ist darauf zu achten, daß die Universitäten je unterschiedliche Voraussetzungen für das Leben der Studenten boten. Das heißt: das „Milieu" der Universitäten und deren Einfluß auf studentische Lebensformen ist zu kalkulieren. So stellt H. G. Gerth eindrucksvoll die Sonderstellung Göttingens um 1800 heraus: „Göttingen hatte durch die Verbindung mit England eine Ausnahmestellung. Bürgerliches Gelehrtenprestige konnte sich gegenüber junkerlichem Stolz durchsetzen, das geringe Gewicht der Studentenarmut und vor allem der Zuzug englischen Adels machten die Universität zur Hochschule des adeligen Berufspolitikers, zum Beispiel studierten dort die Brüder von Humboldt, der Freiherr von Liebenstein (der liberale badische Deputierte), der Freiherr vom Stein; Hans Christian E. von Gagern las dort Ri-

59 60 61

62 62a

Schuchardt 1825, 45. a.a.O. 29. a.a.O. - Der geneigte Leser, der dieser Comment-Wörter nicht kundig ist, schlage sie bitte über das Register im Wörterbuch, z.B. von 1825, nach. S.90. Hinweise zum Zusammenhang von juristischer Fachsprache und institutionell orientierter Burschensprache bei Norbert Schräder, Sprache der Wissenschaft im universitären Bereich um 1800. Am Beispiel der juristischen Fachsprache. Staatsexamensarbeit Braunschweig 1982.

Historische Studenten- und Schülersprache - heute

219

chardson und Fielding, Hume und Montesquieu, Freiherr von Knigge studierte dort Jura ebenso wie von Hardenberg [...]. Die Verschmelzung der verschiedenen Adelstypen mit bürgerlich patrizischem Rentner- und Beamtentum und der Gelehrtenschaft bei Zuzug besonders auch russischen Adels und der Vorbildlichkeit des demokratisierbaren Gentlemanideals förderte einen Vornehmheitstypus, der ebenso jenseits von kontinentaler Hofetikette stand wie von plebejischer Formlosigkeit." 63 Wenn zuvor vom Widerstreit von Comment und Dogmatik gesprochen wurde, so ist der natürlich auch von der zeitgenössischen Literatur notiert worden zum Beispiel in Form der Typenlehre der Studenten (s.o. S. 211). So entwirft ein Goldfuchs (der seine „academische Laufbahn" von neuem beginnt) 64 im Jahre 1832 folgende Typologie: „A. Verbündete oder Corpsburschen, a) Aus Solchen, welche die freye Ausbildung und Entwicklung ihres Geistes als ihren, d.h. e i n z i g e n Universitätszweck ansehen, sich daher ein gründliches Studium der Natur, der philosophischen, historischen, nebst der vorzüglich in ihr Fach einschlagenden Wissenschaften ernstlich angelegen sein lassen: und dies ist der „flotte Bursch", welcher an Geist und Körper „forsch", kein Obscurant oder Kopfhänger ist, der sich auf eine sehr „honorige" Weise aus jeder Lage „herausbeißt" und doch dabei nie vergißt, was er seinem Vaterlande, seinen Aeltern und sich selber schuldig ist. b) Aus Solchen, die sich auf Universitäten befinden, um so viel Theologie, Jurisprudenz oder Medizin auswendig zu lernen, als grade erfordert wird, um das Examen passiren, oder auf eine Anstellung Anspruch machen zu können; großen Männern nachzuplaudern, darin besteht ihre Fertigkeit. Sie sind solche, die Farben tragen und unter dem Deckmantel des Corps ihre „Manschetten" verbergen, wohl oft den ganzen Tag „Poussagen bekneipen", „lederne und philiströse" Ansichten einsaugen und außer den Sätzen, aus welchen ihre Brodwissenschaft besteht, Schmeicheleien auswendig lernen, Speichel lecken und sans fa?on ihr Ehrenwort „verwichsen", c) Aus Solchen, die handfeste lustige Brüder sind, die „Coller, Collet und Canonen" tragen, kunstgewandt den Schläger führen, brav Schulden machen, mit Bier und Taback ihr bemoostes Burschenhaupt von Innen und Außen benebeln, damit j a kein Funke des göttlichen Lichts vor der Beendigung des „flotten" Burschenlebens in das „alte Haus" dringt, und damit er nie das Leben in seiner magern „philiströsen" trocknen Wirklichkeit, sondern in der idealen, d.h. „burschikosen" Bedeutung erschauen möge. Dies sind die „Renomisten", die „forschen Häuser", die einen „ordentlichen braven Stiefel ziehen" (viel saufen), auf der „Mensur eine patente Klinge führen", die „Philister anpumpen" und die Vorübergehenden auf der Straße „rempeln". B. Nichtverbündete oder „Finken", a) Solche, die sich ausschließlich dem Studium widmen, „Ochser". Sie ziehen sich theils aus finanziellen Rücksichten, theils aus Liebe zu ihren Brodwissenschaften, theils aber auch aus Blödigkeit von a l l e m Umgang mit Andern zurück. Doch was kann ein solches Studium

63 64

Gerth, Hans H.: Bürgerliche Intelligenz um 1800. Göttingen 1976, 40. Studenten und Studententum. [...] von einem Goldfuchs, J. G. A. S. o.O. 1832.

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für Früchte haben, wo das Studium des Lebens und der menschlichen Natur, wo der Austausch der Ideen und die zurechtweisende Critik fehlen? b) Solche, die sich in Tanz=Spiel und Trink =Gesellschaften jeder Art herumtreiben, alle Concerte, Bälle und Theater besuchen, um guten Geschmack zu bekommen und neue Moden kennen zu lernen, ihr duftendes Haar und ihr neues, modisches Kleid bewundern zu lassen, [...] Diese Herren bekommen dadurch Tournüre, Routine, Bonton, werden elegant und geschnigelt von Außen, aber abgeschmackt und leer im Innern. Diese heißen bei den braven Studenten: „Schnipel, Pflastertreter, Cameele". c) Solche, die die Hefe der Universität bilden, „Winkelschlüpfer, Nachteulen etc. etc." Wie die Eulen ziehen sie nur bei Nacht umher, liegen den Tag über in gemeinen und abgelegenen Häusern, suchen in der Gemeinschaft mit elenden Subjekten weiblicher Gesellschaft Erholung i-i···" Sicherlich gibt der „Goldfuchs" ein subjektives Bild, wenn er „flotte Burschen", „Obscuranten" und „Renomisten" einerseits, und „Ochser", „Schnipel" bzw. „Cameele" bzw. „Pflastertreter" und „Winkelschlüpfer" bzw. „Nachteulen" andererseits unterscheidet. Seine Sympathie gehört, wie könnte es anders sein, den „Corpsburschen", und innerhalb dieser „Gattung" dem „flotten Burschen". Aber man erkennt den Zwiespalt, in den sich der Goldfuchs gestellt sieht, wenn er sowohl die erste Version des „Corpsburschen" wie die dritte Version mit dem Prädikat „flott" kennzeichnet: Zwischen dem an Körper und Geist „flotten Burschen" und dem „Renomisten" liegt ein schmaler Grat. Und sowohl „Obscurant" wie „Ochser" sind für den Goldfuchs keine akzeptablen Versionen. Wie sind aber dann „Brodstudium" und „Comment" zu verbinden? Und wovon der Verfasser nicht spricht, das sind die politischen Ambitionen vieler Studenten. So wurden die, die sich (ab ca. 1816) burschenschaftlich betätigten (s. dazu 5.), in ein zusätzliches Feuer gestellt. Die schwere Aufgabe, Comment, Dogmatik und Politik zu tragen, einen Ausgleich herzustellen und doch eindeutige Akzente zu setzen, ist den Studenten bis heute geblieben. Wenn Kirsten Nabrings im Jahre 1981 schreibt: 66 „Die Sprache der heutigen Studenten scheint noch weniger mit der in früheren Untersuchungen behandelten Studentensprache gemeinsam zu haben als die Sprache der Schüler", so zeigt das nur den desolaten Zustand an, in dem sich die Forschungen zur historischen und gegenwärtigen Studentensprache befinden. Die historische Studentensprache des 18. und 19. Jahrhunderts steht f ü r d i e S p r a c h e d e r J u g e n d der Zeit, ja sie ist das von der (akademischen) Jugend selbst entworfene Medium der Abgrenzung und Kommunikation. Seit dem 20. Jahrhundert, seit Wandervogel und „bündischer Zeit", haben wir eine allgemeine, wenn auch reich differenzierte Jugendkultur und -spräche. Studenten sind seit dieser Zeit nur ein Teil der Jugend und ihrer Kultur. Hieraus resultiert die unterschiedliche Stellung historischer und gegenwärtiger „Studenten"-Sprache.

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a.a.O. 7f.; 33f. Nabrings, Kirsten: Sprachliche Varietäten. Tübingen 1981, 128.

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5. Nachgeholte Informationen und Hinweise für ein konkretes Forschungsprojekt: Das Wartburgfest 1817 Wir haben bisher vieles, vielleicht zu vieles vorausgesetzt, zum Beispiel die Kenntnis der Zahl der Universitäten und Studenten in Deutschland in dem hier behandelten Zeitraum. Im folgenden stützen wir uns auf eine instruktive chronologische Übersicht über die Universitäten von Adolf Pernwerth von Bärnstein.67 Wenn man Prag, Wien, Straßburg (wo Goethe studierte) und Innsbruck hinzurechnet (und „Grätz" als „Jesuitenanstalt" außer acht läßt), existieren im Veröffentlichungsjahr dieser Tabelle (außer den Schweizer Universitäten Basel, Bern, Zürich) 23 Universitäten (in Klammern das Gründungsjahr): Prag (1348); Wien (1365); Heidelberg (1386); Würzburg (1403); Leipzig (1409); Rostock (1419); Greifswald (1456); Freiburg i. B. (1457); Tübingen (1477); Marburg (1527); Königsberg (1544); Jena (1558); Glessen (1607); Straßburg (1621); Kiel (1665); Innsbruck (1672); Halle (1694); Breslau (1702); Göttingen (1734); Erlangen (1743); Bonn (1786); Berlin (1809); München (1826). Diese Übersicht läßt unberücksichtigt, daß 1882 einige Universitäten schon aufgehoben waren, die am „Burschenton" aber noch beteiligt sind, so (in Klammern das Jahr der Aufhebung): Frankfurt/Oder (1811); Helmstedt (1809); Rinteln (1809); Altdorf (1809); Duisburg (1804). Die norddeutsch-protestantischen Universitäten (solche nördlich des Mains) sind die eigentlichen Zentren der Studentensprache. Als Protagonisten - wenn dieses anthropomorphe Bild erlaubt ist muß man die mitteldeutschen Universitäten Jena, Halle, Leipzig und Gießen und Göttingen bezeichnen: Vergleichsweise hohe Frequenz u n d starke Präsenz der Landsmannschaften, Orden, Burschenschaften und Corps scheinen die notwendige Voraussetzung für eine führende Rolle im Studentenleben zu sein. Dabei darf man nicht heutige Studentenzahlen an das 18. und 19. Jahrhundert herantragen. Man rechnet „um 1800" mit 6000 bis 7000 Studenten, 68 wobei z.B. Göttingen mit 800 und Halle mit 729 Studenten belegt sind, während z.B. für Erlangen nur 203 und für Duisburg gar nur 38 Studenten angegeben werden. 69 A. Pernwerth von Bärnstein bemerkt sarkastisch zu Duisburg: „Ging wegen Mangels an Frequenz thatsächlich ein." 70 Das Alter der Studiosi lag zwischen 16 und 22 Jahren, das Durchschnittsalter bei der Immatrikulation muß mit 17 bis 18 Jahren angenommen werden: „Georg Wilhelm Frid. Hegel alt 18 Jahr von Stutgard", „Christianus Johannes Fridericus Hoelderlin Nurtingensis", „Fridericus Guilielmus Josephus Schelling nat. d. 27. ian 1775 Leomontanus" -

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m 70

Beiträge zur Geschichte und Literatur des dt. Studententums. Würzburg 1882, 83-87. Schulze, Friedrich u. Paul Ssymank: Das dt. Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Leipzig 1910, 152 sprechen von 7000; Mitgau, Hermann: Soziale Herkunft der dt. Studenten bis 1900. In: Universität und Gelehrtenstand. Limburg 1970, 234 von 6000; Magister und Scholaren, Professoren und Studenten. Leipzig 1981, 75 (für 1795) von 6000 Studenten. Schulze/Ssymank (vgl. Anm. 68) a.a.O. A. Pernwerth von Bärnstein 1882, 85 (vgl. Anm. 67); vgl. auch F. Eulenburg, Die Frequenz der dt. Universitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Leipzig 1904.

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so lauten drei herausragende Matrikeln der Universität Tübingen am Ende des 18. Jahrhunderts. 71 Für Hegel ist das Alter mit 18 Jahren explizit angegeben, für Hölderlin und Schelling läßt es sich leicht errechnen: Hölderlin wird 1788 immatrikuliert, ist also (geb. 1770) 18 Jahre alt, und Schelling ist der Frühstarter, der er auch später bleibt: Er wird 1790 immatrikuliert, ist also 15 Jahre alt, und wird 1798, also mit 23 Jahren, Professor für Philosophie in Jena. Alle drei studieren Theologie in Tübingen - die Universitäten sind erst einmal „Schulen für Kirchen- und Staatsbeamte." 72 Dreiviertel der Studenten um 1800 sind (angehende) Theologen und Juristen, den Rest teilen sich medizinische und philosophische Fakultät, die u.a. als „allgemein-wissenschaftliche Vorschule" aufzufassen sind. 7 ' Durch Tradition und, zum Teil, Erlaß ist das Triennium, also das Studium innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren, die Regel; Ausnahmen sind belegt und werden gemacht. 74 Der „Goldfuchs" von 1832 z.B. dehnt die „Zeit der Anwesenheit auf der Universität" (s.o. S. 219) auf die Studenten des 7. und 8. Semesters aus: Nicht mehr der Student des 6. Semesters wird - wie noch bei Schuchardt von 1825 - zum bemoosten Haupt, vielmehr sind bei ihm Studenten des 5. u n d 6. Semesters Altburschen und die des 7. und 8. Semesters bemooste Häupter, der Clou ist, daß damit der Reigen von neuem einsetzt: „Mit dem 9ten Sem. wird der bemooste Bursche wieder „Fuchs" und verjüngt steigt der Genius der bemoosten Herren in der holdseligen beglückten und beglückenden Gestalt eines Goldfuchses auf die Kneipe; die academische Laufbahn wird von Neuem begonnen [...]."75 So unsicher nun einzelne Angaben zu den Universitäten im 18. und 19. Jahrhundert sein mögen, über die Teilnehmer am „Wartburgfest" von 1817, das am 18. und 19. Oktober auf der Wartburg und in Eisenach in Thüringen zur Erinnerung an die Reformation (vor 300 Jahren) und den Sieg (von 1813) über Napoleon gefeiert wurde, sind wir durch eine „Präsenzliste des Wartburgfestes von 1817" genauestens informiert. 76 In diese Liste haben sich 366 Teilnehmer eingetragen: „Von den Ausstellern der Liste waren als Angaben offenbar Familienname, Vornamen, Universität, Studium und Heimat- bzw. Geburtsort ge-

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Die Matrikeln der Universität Tübingen. Bd. 3. 1710-1817. Tübingen 1953, 341, 342, 350. F. Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts. 2 Bd. 3. Aufl. Berlin und Leipzig 1921, 129. Paulsen 1921, 129; dabei werden „Studenten der Mathematik, der klassischen Philologie und der Kamerai- bzw. Forstwissenschaften" der Philosophischen Fakultät, Chemiker und Pharmazeuten der Medizinischen Fakultät zugerechnet; vgl. Steiger, Günter: Die Teilnehmerliste des Wartburgfestes von 1817. Erste kritische Ausgabe der sog. „Präsenzliste". In: K. Stephenson, A. Scharff, W. Klötzer (Hrsg.), Darstellungen und Quellen zur Geschichte der dt. Einheitsbewegung im 19. und 20. Jh. Heidelberg 1963, Bd. 4, 92. Paulsen 1921, 130. Goldfuchs J. G. A. S. 1832, 14 (vgl. Anm. 64). G.Steiger 1963, 65-133 (vgl. Anm. 73); die Zahl 366 ist eine „Mindestzahl" (Steiger 1963, 80); Steiger, Günter: Aufbruch. Urburschenschaft und Wartburgfest. Leipzig [usw.] 1967, 89 spricht von 450; Magister und Scholaren, Professoren und Studenten, 1981, 76 (vgl. Anm. 68) von rund 500 Studenten, „das waren etwa 5,9% der damals im deutschen Bundesgebiet studierenden jungen Menschen (8500)".

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wünscht." 77 Mit seiner Unterschrift verpflichtete sich jeder der Teilnehmer auf folgenden Text: „Die ordentliche Begehung des Festes, zu dessen Feier wir uns hier versammelt haben, macht durchaus nöthig, daß Jeder, der an dem Feste Theil nehmen will, durch seines Namens Unterschrift sein Ehrenwort auf die Befolgung folgender zwei Punkte gebe: 1. einem Ausschuße, der aus je drei Mitgliedern Jeder Universität besteht, und den die Stimmenmehrheit sämmtlicher Anwesenden bestimmt, in Rücksicht auf die Anordnung und Leitung des Festes Folge zu leisten; 2. durchaus vom 17.' bis 19. incl. keine Händel anzufangen. (Beleidigungen in d. Trunkenheit ausgestoßen, werden natürlich nicht als Bruch des Ehrenworts angesehen.) In dieser Hinsicht bildet der Ausschuß ein Ehrengericht, vor welchem die Beleidigungen zurückgenommen werden müssen. Eisenach d. 16. October 1817." 78

Die so verpflichteten Teilnehmer waren folgendermaßen eingeladen worden: „Einladungsschreiben der Jenaer Burschenschaft zum Wartburgfest am 18. 10. 1817 An die Hochschulen zu Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen, Göttingen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, Rostock und Tübingen

Jena, den I l t e n Aug. 1817. Gruß zuvor! Lieben Freunde! Da in diesem Jahre das Reformationsjubiläum gefeiert wird, so wünschen wir, gewiß mit allen braven deutschen Burschen, indem man überall dieses Fest festlich zu begehen gedenkt, es auch in unserer Art zu feiern." I m weiteren Brieftext wird dann v o n „drei schönen B e z i e h u n g e n " gesprochen, i n d e n e n d a s F e s t s t e h e : „nähmlich der Reformation, des Sieges bei Leipzig und der ersten freudigen und freundschaftlichen Zusammenkunft deutscher Burschen von den meisten vaterländischen Hochschulen [...]". D a r ü b e r h i n a u s e r g e h t f o l g e n d e r H i n w e i s : „Ferner bitten wir, jeden unter Euch aufzufordern, diesen Tag in einem Gesänge nach einer bekannten Weise zu verherrlichen, und selbigen uns wenigstens 14 Tage vorher einzusenden, damit wir gehörig den Druck besorgen können."

Der Brief schließt mit dem Gruß: „Gehabt Euch wohl. Im Namen der Burschenschaft zu Jena Robert Wesselhöft Stud, jur." 7 9

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Steiger 1963,90. Steiger 1963,93. Steiger 1967, nach Seite 96 (vgl. Anm. 76).

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Es kann nun im folgenden nicht darum gehen, die kulturelle, politische, universitäts- und studentenhistorische Bedeutung dieses Festes auszuloten; 80 vielmehr soll die Gelegenheit benutzt werden, auf historische studentische Verkehrsformen wenigstens hinzuweisen und insofern Studentensprache in das Gesamt standardsprachlicher Kommunikation einzufügen. Im Kontext dieses Festes werden Briefe geschrieben - Einladungsschreiben (wie das zitierte) und Freundesbriefe, die z.B. so beginnen: „Recht sehr leid gethan, bester Henning, hat es mir, Dich am 18. Oktober nicht hier gesehn zu haben [...]"81 Welchen Stellenwert haben „Studentenbriefe" im Umfeld dieses Festes, und gibt es einen Studententon, der auch in Briefen auffindbar ist? Im Kontext dieses Festes werden Reden gehalten, die u.a. solche Passagen enthalten: „Darum muß ich von euch fordern, und ich bin gewiß, meine Bitte wird Eingang bei euch finden, daß ihr nicht künstlich gearbeitete Reden erwartet, sondern die Sprache eines Herzens, das erfüllt ist von dem Gedanken an Freiheit und Vaterland, die herzlichen Worte eines eurer Brüder, der mit euch allen nach einem und demselben Ziele strebt." 82 „Sprache des Herzens" - wie sehr ist diese rhetorisch gebändigt? Und wie haben die wirklich „freien" Reden gelautet, die im schon zitierten Brief folgendermaßen erwähnt sind: „Von vielen wurden Reden gehalten auf der Wartburg und bei den Feuern, viele sprachen aus dem Stegreife, aber alle so wahr, so frei und so gut, wie ich es nie hätte erwarten mögen". 83 Im Kontext dieses Festes werden Gespräche geführt: Ein Student beschwert sich über die „Beschränkung seiner Burschenfreiheit", die durch das selbst auferlegte Duellverbot gegeben sei. Der Initiator dieser Regelung und der Präsenzliste antwortet ihm hierauf: „sich (siehe) Bugenhagen [ein Spitzname], wist Du nicht ünnerschrieben, so nimm dienen Tornister und gah hen, wo Du herkamen büst, un mak, dat Du wegkümmst, denn so kannst Du nich mitfiern. In Jena wille wi mehr mit veranner spreken. - Er [Bugenhagen] wiederholte sanftmüthig: Riemann, Du büst'n Despot. Die übrigen lachten und sämmtlich gingen sie hin und unterschrieben." 84 Dies ist ein e r i n n e r t e s Gespräch, das Pastor Riemann 1867 niedergeschrieben hat. Der Ratzeburger Riemann und der Pommer „Bugenhagen", zwei Niederdeutsche also an einer mitteldeutschen Universität, sprachen platt miteinander - das zumindest ist authentisch an diesem Gespräch. Ist niederdeutsch zu dieser Zeit die normale gesprochene Verkehrsform zwischen Niederdeutschen im Mitteldeutschen, oder ist es die durch die Ausnahmesituation bedingte Verkehrsform, oder erwächst dieser Sprachstil

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Auch die reiche Sekundärliteratur kann hier nicht verzeichnet werden; vgl. u.a. Steiger 1967, 232ff. und Magister und Scholaren Professoren und Studenten 1981, 288ff. H. Henne, G. Objartel, Histor. dt. Studentensprache. Berlin, New York o.J., 22-29. Steiger 1967, nach Seite 96. Steiger 1967, nach Seite 96; dieser nach [Maßmann, Hans Ferdinand:] Das Wartburgfest am 18. Oktober 1817. Leipzig 1917, 37. Steiger 1967, nach Seite 96. Keil, Robert und Richard Keil: Die burschenschaftlichen Wartburgfeste von 1817 und 1867. Jena 1868, 45f.

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aus der besonderen personellen Konstellation? (Bugenhagen wird von Riemann folgendermaßen charakterisiert: „ein guthmüthiges, aber sehr beschränktes Haus, dessen Dummheit mir im Winter zuvor viel Verdruß und Aerger bereitet hatte [,..]")85 „Sein [des Studenten] Lied ist eine Äußerung seines Gemeinschaftslebens." 86 Was hat es für das Gemeinschaftsleben der Studenten zu bedeuten, wenn 1817 auf der Wartburg u.a. folgende Texte gesungen wurden: „Stoßt an! Freies Wort lebe! Hurrah hoch! Wer die Wahrheit kennet, und sagt sie nicht, Der bleibt fuhrwahr ein knecht'scher Wicht. Frei ist der Bursch! Stoßt an! Kühne Tat lebe! Hurrah hoch! Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt, Der beugt sich, wo die Gewalt sich regt; Frei ist der Bursch!"

Diese Liedverse stammen von August Daniel von Binzer, der in der „Präsenzliste" das adelige „von" demonstrativ fortließ und unterzeichnete: „August Binzer. Kiel - stud. jur. in Kiel." 87 Solche Liedtexte bereiteten den Boden für „Die Grundsätze und Beschlüsse des achtzehnten Oktobers, gemeinsam beraten, reiflich erwogen, einmütig bekannt und den studierenden Brüdern auf andern Hochschulen zur Annahme, dem gesamten Vaterlande aber zur Würdigung vorgelegt von den Studierenden zu Jena." 88 In den „Grundsätzen" heißt es u.a.: 16. „Der Wille des Fürsten ist nicht das Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll der Wille des Fürsten sein [...]. 31. Das Recht in freier Rede und Schrift seine Meinung über öffentliche Angelegenheiten zu äußern, ist ein unveräußerliches Recht jedes Staatsbürgers, das ihm unter allen Umständen zustehen muß." Und unter den „Beschlüssen" heißt es: 12. „[...] Aber k e i n e r von uns wird j e ein A m t annehmen, w e l c h e s e i n e r g e h e i m e n P o l i z e i d i e n t o d e r e i n e S t e l l e bei e i n e r a u ß e r o r d e n t l i c h e n g e s e t z w i d r i g e n r i c h t e r l i c h e n K o m m i s s i o n und ebensowenig d a s A m t e i n e s B ü cherzensors! Damit griffen die burschenschaftlichen Studenten in das politische Leben ein - und wurden selbst zum Politikum. Auch die Allgemeinsprache versuchten sie, ihren fortschrittlichen Ideen zu unterwerfen: 10. „[...] K e i n e e h r b a r e F r a u wollen wir M a d a m e , kein ehrbares M ä d c h e n Mamsell nennen; jene soll die Frau bleiben, und diese soll Fräulein oder Jungfrau heißen, je nachdem sie mehr

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R. u. R. Keil 1868, 45. Stephenson, Kurt: Das Lied der studentischen Erneuerungsbewegung. 1814-1819. Frankfurt/M. 1958, 42. Nr. 169 der Präsenzliste; vgl. Steiger 1963, 107 (vgl. Anm. 76). Ehrentreich, Hans: Heinrich Luden und sein Einfluß auf die Burschenschaft. [Darin enthalten: Die Grundsätze und Beschlüsse des achtzehnten Oktobers]. In: H. Haupt (Hrsg.), Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der dt. Einheitsbewegung. 2. Aufl. Heidelberg 1966, Bd. 4, 113. Ehrentreich 1966, 121, 124, 129.

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oder minder gebildet ist. Auch der wunderlichen Benennungen: E d e l g e b o r e n , Hochedelgeboren, Wohlgeboren, Hochwohlgeboren, Hochgebor e n wollen wir u n s enthalten, weil sie oft lügenhaft, oft sinnlos, immer o h n e Z w e c k sind und an Vorzüge erinnern, welche mit der Gerechtigkeit nicht bestehen können." 90 Die Studenten des Wartburgfestes hatten eine Sternstunde. Aus den engeren Grenzen der Burschensprache waren s i e längst herausgetreten.

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Ehrentreich 1966, 128.

Nachwort [zu: Friedrich Kluge: Rotwelsch]

Erst posthum wurden sie gemeinsam ein Begriff: Kluge/Götze. So steht es auf dem Titelblatt der 15. Auflage von 1951. Da war Friedrich Kluge (1856-1926) schon seit 25 Jahren, Alfred Götze (1876-1946) seit 5 Jahren verstorben. Seit der 11. Auflage von 1934 fährte Götze das „Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache" weiter, als „Bearbeiter". Ihre Zusammenarbeit beginnt allerdings früher. Im Jahre 1901 veröffentlicht Kluge sein „Rotwelsches Quellenbuch", und im gleichen Jahre publiziert Götze eine Rezension dieses Werkes. So früh beginnt also die Arbeit am gemeinsamen Gegenstand. „Kluge/Götze" erscheinen hier in einem neuen Licht - und das neu vorzulegende Werk zum Rotwelschen soll in neues Licht gerückt werden, ist es doch bis heute die textliche Grundlage unserer Kenntnis dieser „Sondersprache".

1. Spuren, Ziele, Muster Die Spur führt zurück in das Jahr 1895. „Im Bann des Rotwelsch" heißt ein Kapitel in Friedrich Kluges „Deutscher Studentensprache". „Neben dem Latein und der Theologie ist das Rotwelsch eine Quelle der Studentensprache. Wir kennen diese Gaunersprache seit dem 14.-15. Jahrhundert aus reichhaltigeren und vielseitigeren Aufzeichnungen als die Burschensprache; für jedes Jahrhundert stehen uns rotwelsche Wortmaterialien zu Gebote, und wir sehen überrascht, daß manche später als studentisch verzeichnete Worte [wie z.B. blechen ,(be)zahlen', pumpen ,leihen, borgen', foppen ,necken, narren'] zuerst Gaunerworte des Rotwelsch gewesen sind" (a.a.O. 59). Was lag näher, als die reichhaltigen und vielseitigen Texte des Rotwelschen in einer „Bibliothek" (Vorwort S. VII), die ein „Quellenwerk" (418) ist, zu versammeln. Eine andere Spur führt weiter zurück: „Seit mich im Jahre 1885 der verstorbene Semitist A. Socin [...] für das Studium des Rotwelsch zu bestimmen versuchte, hat mich der Gegenstand immer beschäftigt", formuliert Kluge in seinem knappen Vorwort (X). Im Jahre 1909 faßt er im Vorwort zur 7. Auflage seines „Etymologischen Wörterbuches der deutschen Sprache" (1910, IX f.) die Motive und Ziele seiner Forschung zu den Fach- und Gruppensprachen (wie wir heute sagen) so zusammen: „Ich suchte in den Standes- und Berufssprachen die Quellen des deutschen Wortschatzes, und so entstanden meine Werke „Deutsche Studentensprache" [...], „Rotwelsch" (I. Band [...]), „Seemannssprache" [...]". Im weiteren spricht Kluge davon, daß diese Untersuchungen (wie auch seine Beiträge in Fachzeitschriften) die „Methode exakter Wortforschung" befestigt hätten. Neben dem Sachinteresse („Quellen"), das sich der Herkunft unseres täglichen

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

Wortschatzes aus den Fach- und Gruppensprachen zuwendet, gibt es also ein methodisches Interesse, das so zu bestimmen ist: Das „Verständnis des deutschen Wortschatzes" (a.a.O. X) sichern Fach- und Gruppensprachen deshalb, weil hier die Bestimmung der Wortbedeutung im Kontext des „Faches" und der Gruppe eine sichere Grundlage hat. Damit steht Kluge, wie auch Alfred Götze in seiner Rezension (585) bemerkt, in Übereinstimmung mit Überlegungen seines Vorgängers auf dem Freiburger Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur, Hermann Paul; dieser hatte von „Verkehrskreisen" gesprochen, die u.a. durch die „Verschiedenheit des Berufes" erzeugt würden (Sitzungsber. der K. bayerisch. Akad. d. Wiss. München 1894, 55). Insofern leiten Kluge erst einmal „sprachgeschichtliche Gesichtspunkte" (XI), (wenn er auch hofft, daß sein Quellenwerk auch Kriminalisten und Kulturhistorikern nützlich sein werde). Es gibt also um die Jahrhundertwende eine von Paul und Kluge getragene neue Methodologie historischer Wortforschung, die einhergeht mit dem neuen Sachinteresse an Sondersprache. Kluges „Rotwelsches Quellenbuch" fiigt sich hier ein und macht insofern Rotwelsch „salonfähig". Im Jahre 1905 wird in einem Prospekt des Verlages Karl J. Trübner (im Anhang zu Heft 1/1905 der von Kluge hrsg. Zeitschrift für deutsche Wortforschung) das „Werk" zu „14,- M." angeboten; zugleich wird mit folgendem (sicher von dem Verfasser selbst formulierten) Text der II. Band angekündigt: „Seit Ave-Lallemants großem Werk über das deutsche Gaunertum hat die Erforschung des Rotwelsch beinahe völlig geruht. Und doch verlangt die Gaunersprache endlich einmal nach einer sprachwissenschaftlichen und philologischen Durcharbeitung, die sie bei Ave-Lallemant nicht völlig finden konnte [...]. Eine Einleitung zum II. Bande behandelt Bau und Geschichte der deutschen Geheimsprachen. [...] (Dieser Band) wird in dem rotwelschen Wörterbuch sich der Hilfe von Prof. Euting in Straßburg und Prof. Pischel in Berlin erfreuen, die den judendeutschen und den zigeunerischen Bestandteilen der Gaunersprache ihre Aufmerksamkeit widmen werden". (Der Text folgt, leicht revidiert, der Ankündigung, die dem 1. Heft der Zeitschrift 1900 beigegeben war.) Da erkennt man das Muster, nach dem Kluges Forschungen zum Rotwelschen angelegt sind: Dem I. Teil, der bei der Studentensprache Darstellung und Quellen mischt, soll, wie bei der Studentensprache, ein Wörterbuch folgen, dem nun aber im II. Teil eine Darstellung vorausgehen soll. Das „studentensprachliche Muster" wird also abgewandelt. Dies umso mehr, als der Verfasser beim Erstellen eines rotwelschen Wörterbuchs fremder Hilfe bedarf. Man darf ziemlich sicher sein, daß hier der Grund dafür liegt, daß der II. Band nicht erscheint. Die Helfer in Straßburg und Berlin haben nicht geholfen. Kluges einsetzende Erblindung - im Jahre 1908 schreibt er, daß er „nun schon mehrere Jahre die Feder nicht habe selber fuhren können" (Vorwort zu: Bunte Blätter. Freiburg 1908) - kann der Grund deshalb nicht sein, weil er zwischen 1900 und 1911 das große „wortgeschichtliche Handbuch" „Seemannssprache" fertigstellt (erschienen Halle 1911) und zugleich die „Zeitschrift für deutsche Wortforschung" gründet und herausgibt (1.1900 bis 15.1914). Aber wer den Fach- und Gruppensprachen Modellcharakter zuschreibt, darf nicht wanken, wenn er, der Hilfe bedürftig, diese nicht er-

Nachwort

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hält. Er muß dann verzichten. Die unzureichende Darstellung, semantisch und etymologisch, verriete das Modell.

2. Kluges Rotwelsch und Götzes Rezension Es ist nicht ganz verständlich, warum der erfahrene Lexikograph Kluge bei den Terminvorgaben zum (nicht erschienenen) rotwelschen Wörterbuch sich selbst so unter Druck setzte. „Tch hoffe, den II. Band dieses Werkes noch im Lauf dieses Jahres zu veröffentlichen" (X), schreibt er im Vorwort des T. Bandes. Dieser, eine Quellensammlung, ist allerdings zu einem Standardwerk geworden. Und die Rezension Götzes läßt das schon anklingen. Die wenigen Titel, die Kluge als wissenschaftliche Beiträge zur Erforschung des Rotwelschen akzeptiert (sie stehen auf Seite XII), gewinnen in der Rezension Götzes Leben: Die Forschung läßt er mit Hoffmann v. Fallersleben beginnen (1854, zuerst 1829) den Götze nicht mag. Er behandelt ihn, „der sich selbst zum fahrenden Volk zählte" (was sicherlich so nicht stimmt), eher despektierlich und wirft ihm vor, eigene „Poesie in rotwelscher Mundart" verfaßt zu haben. Frühzeiten der Forschung haben den ihnen eigenen Charme. Die erste Strophe dieser rotwelschen Poesie ä la Hoffmann, der als Verfasser des Deutschlandliedes wohl bekannter ist, lautet so: Funkert her! hier laßt uns hocken Hol der Ganhart das Geschwenz! Auf dem Terich ist's j a trocken, Wie am Glatthart in der Schrenz.

Dazu, als Übersetzungshilfe, ein kleines rotwelsches Lexikon: Funkert ,Feuer'; hocken ,liegen', ,bleiben'; Ganhart ,Teufel'; schwenzen ,gehen, reiten, reisen'; Terich ,Land'; Glatthart,Tisch'; Schrenz ,Stube'. Zwischen Hoffmann und Kluge liegen die Forschungen des Lübecker Juristen und Kriminalisten Fr. Chr. B. Ave-Lallemant und des Wiener Bibliothekars Josef M. Wagner. Kluge ist eigentlich der erste philologisch zuverlässig arbeitende Germanist, der in das Zentrum dieser Gruppensprache vorstößt. Götze verknüpft Kluges Quellenarbeit eng mit dem neuen methodologischen Interesse, lexikalisch-semantische Forschung eng an die Berufssprachen zu binden. Rotwelsch ist für ihn eine Berufssprache. Und da Kluges II. Band noch aussteht, erläutert er die Struktur des Rotwelschen als „Variolekt", als einer aus unterschiedlichen Quellen bereicherten Mischsprache (vor allem aus dem Jiddischen und der Sprache der Zigeuner), und seine Funktion als Berufs- u n d Geheimsprache. Dieser Funktion wird sie gerecht durch Entlehnung aus fremden Sprachen, „gewaltsamen Bedeutungswechsel" und „Bildung neuer Worte". Alfred Götze ist der getreue Eckart, der ahnen mag, daß der II. Band nie erscheinen wird, und der insofern den prinzipiellen Kommentar formuliert. Das Zentrum ist für Götze der „Liber vagatorum" von 1510 - der SprachMstoriker verweilt lie-

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bevoll bei diesem Text. Gar nicht geht er ein auf die „Anhänge", die mit „Sprache der Handwerksburschen", „Krämersprachen" und „Lebendes Rotwelsch" überschrieben sind. Hier macht Kluge deutlich, daß er auch Feldforscher ist und „eigene Erkundigungen [...] an Ort und Stelle" (434) gemacht hat. Götze gibt gleichfalls keine Hinweise auf das von Kluge mitgeteilte Bildmaterial: Auf den Seiten 97 bis 110 präsentiert er „Mordbrennerzeichen" des 16. Jahrhunderts. Diese „gefährliche Zeichenschrift" (96) markiert diejenigen Gebäude, die in Brand gesteckt werden sollen. „Aus den Bettlerorden entstehen Mordbrennerorden" (96), die brandschatzend durch die Lande ziehen. Kluge selbst bezeichnet sie a.a.O. als die „ältesten Gaunerzinken", von denen er weitere auf S. 945 abbildet. Das sind Bildzeichen, mit denen sich die Gruppenmitglieder untereinander verständigen - die den Treffpunkt anzeigen, Warnungen aussprechen, gute Gelegenheiten verraten. Auf der Seite 126 sind zudem drei (eher seltene) Gaunerwappen (aus dem Jahre 1606) verzeichnet. Götze kritisiert, daß Kluge die Prinzipien seiner Herausgeberarbeit nicht offengelegt hat. Er verweist auf Widersprüche der Editionen und gibt abschließend Hinweise für weitere Quellen, die der II. Band (das Wörterbuch) berücksichtigen möge. Götze selbst ist darüber hinaus in zweifacher Hinsicht zu kritisieren: daß er die Komplexität der Sprachbezeichnung „rotwelsch" nicht erläutert und allzu einfach die „Gaunersprache" auf den lexikalischen Aspekt reduziert („sie fällt in lautlicher, formeller und syntaktischer Beziehung mit dem Deutschen zusammen" (585)). Dieser Topos des Rotwelschen als „lexikalische" Varietät begegnet schon bei Hoffmann („Diese Sprache ist ein wunderliches Gemisch von Wörtern aus allerlei Sprachen, zumal aus der hebräischen und den romanischen, zu denen noch viele neue selbstgeschaffene deutsche Wörter hinzugekommen sind so wie alte, mit denen neue Begriffe verbunden werden". Weimarisches Jb. 1.1854,328). In einem „Kluges Rotwelsch" überschriebenen Kapitel dürfen Hinweise auf weitere Publikationen in der von Kluge 1901 begründeten „Zeitschrift fur deutsche Wortforschung" nicht fehlen. Folgende Titel sind zu vermerken: F. Kluge: Rotwelsche Zahlworte. 2.1902, 49-51; A. Rollier: Berner Mattenenglisch. 2.1902, 51-57; E.F.Hirsch: Wiener Kundensprache (1860). 9.1907, 64-66; R. Kapff: Nachträge zu Kluges Rotwelsch I. 10.1908/09, 212-216; H. Schulz: Foppen. 10.1908/09, 242-253. Nicht berücksichtigt sind dabei Kurzanzeigen und Rezensionen, wie die von Alfred Götze zu Ludwig Günther, Das Rotwelsch des deutschen Gauners. 7.1905/06, 366f. Man sieht, so richtig ist die germanistische Forschung zum Rotwelschen nicht in Schwung gekommen. Kluge selbst hat seine Publikationen und Vorträge zum Rotwelschen (vor allem: Deutsche Geheimsprachen. In: Zs. des Allgem. Dt. Sprachvereins 16.1901, 6-12; 35-38) in seine Monographien zur deutschen Sprachgeschichte eingearbeitet und auch in seine Sammelbände eingefügt. Die Monographie „Unser Deutsch. Einführung in die Muttersprache" von 1907, 6. Auflage 1958, enthält ein Kapitel „Unsere Geheimsprachen" (mit Anmerkungen zur Literatur); der Sammelband „Bunte Blätter. Kulturgeschichtliche Vorträge und Aufsätze" von 1908, 2. Auflage 1910, enthält „Rotwelsche Zahlworte" (139-141); „Zur Geschichte des

Nachwort

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Wortes Schwindler" (142-144). Insgesamt ist, auch für weitere Literatur, auf das „Verzeichnis der Schriften Friedrich Kluges. 1879-1926" von O. Dammann, in: Festschrift F. Kluge zum 70. Geburtstage am 21. Juni 1926. Tübingen 1926, 5-20 zu verweisen.

3. Rotwelsch nach Kluge An dieser Stelle kann es nur darum gehen, die groben Linien der Forschung nachzuzeichnen. In den braunen Jahren war eine objektive Erforschung des Rotwelschen kaum möglich: Der Gegenstand wurde mehr denunziert als erforscht. Nach 1945 faßt Siegmund A. Wolf die Forschungen zum Rotwelschen zusammen: In Jahre 1956 erscheint sein „Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache", das in einer 2. durchgesehenen Auflage 1985 herauskommt. Ein Vorwort (5-8) weist auf die gescheiterten Pläne hin (auch die von Kluge), ein großes rotwelsches Wörterbuch zu erstellen, und legt die Grundsätze der eigenen Sammelarbeit dar, welche zunächst die vorhandenen Glossare, Wörterbücher und Verzeichnisse auswertet. Deshalb wird, nach einem Kapitel „Aus der Geschichte des Rotwelschen und seiner Erforschung" (9-14), ein „Verzeichnis des Schrifttums" (15-28) geboten, welches das Material ordnet nach „Rotwelsch und verwandte Geheimsprachen", „Jiddisch", „Zigeunersprache" und „Sonstiges" („Berufs- und Standessprachen" und „Volkssprache (Umgangssprache)"). Innerhalb des ersten dominierenden Teils wird nach „Bibliographien", „Quellen" und „Literatur" unterschieden. Den einzelnen Titeln, z.B. „Augsburger Achtbuch 1342-1343", wird ein kurzer Kommentar: „Bietet 9 rw [rotwelsche] Bezeichnungen für betrügerische Bettler" und eine Sigle Κ 2 zugeordnet, die unter dem betreffenden Stichwort (z.B. granten [1897] ,betteln' [...] 1342 aber Grentzier „die man fueret und sprechent, sie sien siech": Κ 2) auf die Quelle verweist. Die überwiegende Mehrzahl der 81 Siglen, nämlich 59, führt die Sigle Κ für Kluge (und jeweils eine fortlaufende Ziffer) oder Ku für „Kundensprache" bei Kluge oder Hä für Händlersprache bei Kluge oder hd LV = Liber vagatorum hochdeutsch oder nd LV = (dasselbe) niederdeutsch bei Kluge. Man sieht: Zu einem sehr wesentlichen Teil ist Kluges Quellenwerk die Grundlage für den historischen Teil von Wolfs Wörterbuch. Wesentliche Arbeiten nach Kluge führt Wolf an, so das Werk von Erich Bischoff: Wörterbuch der wichtigsten Geheim- und Berufssprachen. Leipzig 1916 und von L. Günther: Die deutsche Gaunersprache und verwandte Geheimund Berufssprachen. Leipzig 1919. Kennzeichnend, daß der eine Semitist und der zweite Jurist war - die Germanisten überlassen das Thema Rotwelsch anderen. Nach 1945 nehmen sie das Thema (wieder) auf, indem sie Reliktzonen rotwelschen Sprechens (im weitesten Sinn) untersuchen. Dazu zählen Edith Nierhaus-Knaus: Geheimsprache in Franken - Das Schillingsfiürster Jenisch. Rothenburg o. d. T. 1973; Josef Veldtrup: Bargunsch oder Humpisch. Die Ge-

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heimsprache der westfälischen Tiötten. 2. Auflage Münster 1981; Robert Jütte: Sprachsoziologische und lexikologische Untersuchungen einer Sondersprache. Die Sensenhändler im Hochsauerland und die Reste ihrer Geheimsprache. Wiesbaden 1978; Hans-Günter Lerch: „Tschü lowi ..." Das Manische in Glessen. Die Geheimsprache einer gesellschaftlichen Randgruppe. 2. Auflage Glessen 1981. Zu dieser aktuellen Forschung, die verlöschenden Händlersprachen (als Geheimsprachen) gilt, sind auch populärwissenschaftliche Schriften wie die von J. M. Burnadz, Die Gaunersprache der Wiener Galerie. 2. Auflage Lübeck 1970 und Günter Puchner, Kundenschall das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter. Übersetzungen ins Rotwelsch. München 1974 zu rechnen. Diese Hinweise abschließend, sei verwiesen auf die zusammenfassenden Artikel von Dieter Möhn: Sondersprachen. In: Lexikon der germanistischen Linguistik. 2. Auflage Tübingen 1980, 384-390 und: Sondersprachen in historischer Entwicklung, In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der dt. Sprache und ihrer Erforschung. Berlin, New York 1985, 2009-2017 (jeweils mit weiterer Literatur). Daß die Forschung zum Rotwelschen, auch die sprachhistorische, nicht abgeschlossen ist, zeigt die Publikation von Karl Spangenberg: Baumhauers Stromergespräche in Rotwelsch. Mit soziologischen und sprachlichen Erläuterungen. Halle 1970. Der Verfasser kann rotwelsche Quellen aus erster Hand (vornehmlich aus dem Jahre 1843) präsentieren - „ein Stromer (hat) selbst die Feder geführt und in Anmerkungen kundgetan [...], was er für Rotwelsch und demzufolge erklärenswert hält" (23). Dabei sind „etwa 800 Rotwelsch-Wörter" (7) zu verzeichnen, von denen Spangenberg 45% dem Jiddischen zurechnet. „Mit Sicherheit auf das Zigeunerische sind 22 Wörter, auf das Französische 7 [...], auf das Englische 5 [...], auf slawische Sprachen 2 Wörter zurückzuführen" (24). „Der Gegenstandsbereich des täglichen Bedarfs", „der Polizei- und Behördenapparat" und „die zur Orientierung nötigen geographischen Gegebenheiten (einschließlich Orts- und Ländernamen)" sind dabei vor allem rotwelsch besetzt. Aber der Verfasser argumentiert nicht nur lexikalisch, er fragt auch nach den Bedingungen, die den Stromer (also „Landstreicher") bzw. Kunden („Kunde ist man, wenn man zum zweiten Male in dem selben Striche reist und in denselben Herbergen einkehrt" Kluge 1901, 431) schufen. Denn Kunden sind von den ehrlichen Handwerksburschen „auf der Walz" zu unterscheiden, die aber das Rotwelsche wenigstens zum Teil beherrschten. Spangenberg übt zudem Kritik an einer nur historischen (den Entwicklungsgang nachzeichnenden) und etymologischen Forschung. Sondersprache sei als ein „Spiegelbild sozialen Verhaltens und als ein weitgehend von diesem Verhalten determiniertes semantisches und strukturelles Bezugssystem" zu begreifen. „Semantisches und strukturelles Bezugssystem" - das läßt aufhorchen und die Einschätzung Hoffmanns von Fallersleben und Götzes, Rotwelsch sei eine nur lexikalische Varietät, als fragwürdig erscheinen. Etwas differenzierter urteilt Wolf im Vorwort zu seinem Wörterbuch: „Grammatische Besonderheiten hat das Rotwelsche nicht entwikkelt. Es folgt den Formen und Beugungen des Hochdeutschen derart, wie sie dem Bildungsgrad des Rotwelschsprechers gemäß sind" (7). Hier wird, im Hin-

Nachwort

233

blick auf die Morphologie, eine Art (nach unten) gleitender Grammatik konzediert. Eine sprachliche Existenzform („Varietät"), die rigoros sprechsprachlich ist, kann kaum der schriftsprachlichen Grammatik der zugeordneten Standardsprache nachkommen. Möhn (a.a.O. 1985, 2009) spricht dann auch von „besonderer Auswahl, Frequenz und Verwendung sprachlicher Mittel". Hoffmanns rotwelsche Poesie, welche die einfache Syntax des Volksliedes einholt, ist nicht rotwelscher Sprachgebrauch. S. A. Wolf fährt a.a.O. fort: „Umstands- und Verhältniswort werden nicht selten in der Bedeutung eines Eigenschaftsworts gebraucht. Dem Zweck der Verständigung, des Verständlichmach ens fallt gegebenenfalls jede grammatische Regel zum Opfer." Besser sollte man hier von abweichenden Regeln bzw. regelhaften Regelverletzungen sprechen. Und was meint eigentlich der Sammelbegriff „Rotwelsch"? Rot ist im Rotwelschen der ,(gewohnheitsmäßige) Bettler' (Wolf a.a.O. belegt es noch für 1939), und welsch bezog sich ursprünglich auf keltische, dann vor allem auf romanische Sprachen und bekam allmählich die Bedeutung unverständliche Sprache'. Die Fastsynonyme Jenisch (vor allem in Süddeutschland üblich) und Kochemer Loschen weisen die Sondersprache als Sprache der „Wissenden" aus, die sich von den anderen absetzen und unterscheiden: Jenisch leitet sich von der zigeunersprachlichen Wurzel dsan , Wissen' her, und chochem bedeutet jiddisch ,weise, klug', loschen ,Sprache, Zunge'. Rotwelsch bzw. die Dialekte des Rotwelschen isolieren also die Gruppe nach außen und integrieren sie nach innen. Die zudem erwünschte Geheimhaltung wird von der isolativen Funktion getragen. Aber Rotwelsch ist natürlich nicht nur die Sprache der Rotter ,Bettler' (Wolf 270). Hoffmann v. Fallersleben beginnt seinen Beitrag so: „Rotwelsch ist die Sprache der Räuber, Diebe, Gauner, Landstreicher und Bettler." Kluge spricht im Titel seines Werkes von der „Gaunersprache" und „verwandten Geheimsprachen". Sicher ist: Rotwelsch ist ein Sammelbegriff und ein sprachliches Sekundärgefüge (Schottelius, Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache 1663, 1262 spricht von „Nebensprecherei"), das z w i s c h e n Beisprache und Zusatzvokabular liegt. Es ist allemal eine Zweitsprache. „Die Merkmale von Geheim-, Berufs- und Klassensprache" ließen sich nicht dividieren, meint Siegmund A. Wolf in einem neueren Beitrag (Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 16/1980, 75). Wohl aber läßt sich der Sammelbegriff dividieren. Es lassen sich unterschiedliche Rotwelsch-Dialekte (bei fließenden Übergängen) ausmachen. H.Arnold (Hess. Bll. für Volkskde 59.1968, 93) nimmt (erst einmal) folgende Zweiteilung vor: „Während Händlergruppen jiddisches Wortgut bevorzugen, benutzen die den Zigeunern nahestehenden, im Familienverband „reisenden" Gruppen lieber zigeunerische Sprachelemente." Diese Typisierung ist, wie Lerch („Tschü lowi ..." 1981, 126f.) anmerkt, nicht unproblematisch. Die Großgruppensprache der „ambulanten Gewerbetreibenden im weiteren Sinne" (Lerch, 125) ist in dauernder Bewegung. Und „Gewerbe" kann ein sehr weiter Begriff sein. Von den Landstraßen, der ursprünglichen Heimat des Rotwelschen, ist es in die großen Städte gewandert und hat sich dort, scheinbar, verloren - zumindest scheint es der Forschung unzugänglich.

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

4. Fazit Friedrich Kluge hat die grundlegende Textsammlung des Rotwelschen ediert. Alfred Götze merkt dazu an, daß diese Arbeit prinzipielles („Bestimmung des Wortgebrauchs") und stoffliches Interesse verdiene. Kluges Quellenwerk ist bis heute für jegliche Forschung zum Rotwelschen unentbehrlich. Dieses Buch ist ein klassisches Werk geworden, das wir hiermit im Neudruck vorlegen.

Jugend, Sprache und Innovation

1. Jugend, Jugendliche und ihre Altersrolle Das deutsche Substantiv Jugend ist abgeleitet von dem Adjektiv jung. Diese Konstellation ist gemeingermanisch, sie ist also in den germanischen Sprachen verbreitet, wie etwa englisch young und youth belegen. Von Jugend, dessen Antonym Alter ist, wird dann das Adjektiv jugendlich abgeleitet, und die Substantivierung des Adjektivs ergibt maskulin Jugendlicher bzw. feminin Jugendliche, so auch der Plural. Während jung und Jugend schon im Althochdeutschen belegt sind, ist die Substantivierung Jugendlicher erst seit dem 19. Jahrhundert im Sprachgebrauch, ein früher Beleg ist für 1875 nachzuweisen, in einer Zeitschrift für Gefängniskunde: „Wir zählen zu den sogenannten Jugendlichen unter unseren Gefangenen all diejenigen, welche bei ihrer Einlieferung das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben", 1 - ein erster Hinweis darauf, daß dem Kreis der Jugendlichen eine Altersgrenze - natürlich - gesetzt ist. Rund 50 Jahre später, im Jahre 1923, sind die Jugendlichen schon ganz und gar etabliert und melden sich selbst kritisch zu Wort, z.B. in dem Blatt „Junge Menschen. Blatt der deutschen Jugend": „Jeder Jugendliche ist weise. Jeder Jugendliche erkennt, daß die Welt schlecht ist. Jeder Jugendliche will sie bessern. Der eine will die Verhältnisse bessern, der andere will die Menschen bessern. Jeder vergißt aber, sich selber zu bessern" 2 . Erst seit der Moderne zu Beginn des 20. Jhs. gibt es „Jugend" in einem emphatischen, d.h. nachdrücklichen Sinne des Wortes. Jugend ist nämlich nicht nur eine bestimmte Altersphase im Lebenslauf eines Menschen, sondern „Jugend" ist zudem eine Altersrolle, die gesellschaftlich bestimmt ist und eine industrielle und arbeitsteilige Gesellschaft voraussetzt, die den Jugendlichen Freiraum gibt. Eine solche Altersrolle kommt der Jugend erst im 20. Jahrhundert zu, sprachliches Indiz dafür sind u.a. die Komposita Jugendbewegung, das seit 1912 belegt ist, und Jugendkultur, belegt seit 1913.3 Wichtigste Voraussetzung •fur die Entstehung der Altersrolle „Jugend" ist die „institutionalisierte Entgrenzung" der Jugendlichen aus lokalen Gruppen: Sie werden aus dem Umkreis von Familie und Gemeinde herausgelöst und auf Sekundärgruppen verwiesen - auf Schulen, Vereine und, vor allem, auf gleichaltrige Gruppen, auf Peer-Groups, um im Jargon der Soziologen zu sprechen. Darüber hinaus sind die Kommunikationskanäle in Rechnung zu stellen, also Fernsehen, Radio, Kino, Comics und

2

3

Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch. 9., vollständig neu bearbeitete Auflage von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämper-Jensen. Tübingen 1992, 441. Helmut Henne, Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin, New York 1986, IX. H. Paul 1992, 441 (s. Anm. 1).

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Zeitschriften, die die Jugendlichen verbinden und sie zusammenhalten - und diese Gruppe natürlich längst als Wirtschaftsfaktor entdeckt haben und sie entsprechend bedienen. Mit der Bildung jugendlicher Gruppen ist, im Vergleich mit früheren Epochen, eine Verlängerung der Jugendphase verbunden. Moderne Jugend ist das Ergebnis einer verzögerten Eingliederung in Erwachsenenrollen. Damit verbunden ist der Versuch der Entwicklung einer jugendlichen Teilkultur, einer Jugendkultur, die sich von der Welt der Erwachsenen und ihren Maßstäben abzugrenzen trachtet. Eine Folge dieser Separierung sind eigene Formen des Umgangs, der Mode, der Musik und eben auch der Sprache. Diesen soziologischen Bestimmungen moderner Jugend entspricht eine psychologische: Die Phase der Jugend liegt für den einzelnen zwischen biologischer Geschlechtsreife, also zwischen 12 bis 13 Jahren, und sozialer Reife, die vielfach mit der oben angegebenen Zahl 25 noch nicht erreicht ist. Jugendlicher ist also, wer die biologische Reife erlangt hat, aber noch nicht die soziale Reife. Innerhalb dieser Phase des Nicht-mehr, also des Nicht-mehr-Kindseins, und des Noch-nicht, also des Noch-nicht-Erwachsen-Seins, versucht der einzelne, eine Ich-Identität auszubilden, die normalerweise über Krisen führt. Die jugendliche Gruppe wiederum hilft, diese Krisen zu bewältigen: Der Jugendliche identifiziert sich mit der Gruppe und grenzt sich über die Gruppe nach außen ab, die ihm somit hilft, eine Ich-Identität zu entwickeln - daß ich „ich" sagen kann und ich weiß, daß der andere weiß, was das ist.4 Wenn ich zuvor sagte, Jugendliche entwickeln, indem sie auf sich selbst verwiesen werden, eigene Formen des Umgangs und somit auch der Sprache, so bedarf der Begriff der Jugendsprache gewiß einer näheren Bestimmung.

2. Jugendliche Gruppensprachen im Kontext der inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen Das Wort Sprache kann, sehr grob sortiert, zumindest drei Bedeutungen haben: eine allgemeine Bedeutung, wenn ich etwa sage: Sprache ist dem Menschen angeboren und unterscheidet ihn als solchen von allen anderen Lebewesen. Sprache wird zudem im Sinne von ,Einzelsprache' gebraucht, wenn ich etwa sage: Japanisch ist eine agglutinierende und Deutsch eine flektierende Sprache; und schließlich bedeutet Sprache ,aktuelles Sprechen' etwa in dem Satz: Deine Sprache verrät dich. Mit Begriffen F. de Saussures könnte man von faculte de langage, dem allgemeinen Vermögen zu sprechen, von langue, der ,Einzelsprache' und von parole, dem ,aktuellen Sprechen' reden. In diesem Zusammenhang geht es mir um den Begriff „Einzelsprache". Eine Einzelsprache wie Japa-

4

Die vorstehenden Passagen in Anlehnung an H. Henne 1986, 201 f. (s. Anm. 2), die u.a. auf der Jugendtheorie von Friedrich H. Tenbruck, Jugend und Gesellschaft. 2. Aufl. Freiburg 1964 aufruhen.

Jugend, Sprache und Innovation

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nisch oder Deutsch - und ich spreche im Folgenden vom Deutschen, weil ich mich da besser auskenne die deutsche Einzelsprache also ist kein homogenes Sprachsystem, sondern gekennzeichnet durch innere Mehrsprachigkeit. Um diese Struktur einer Einzelsprache (wie das Deutsche) darzustellen, habe ich ein Schaubild entworfen, das innere Mehrsprachigkeit anschaulich machen soll

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Abb.: Innere Mehrsprachigkeit des Deutschen und Sprachvielfalt der deutschen Standardsprache

Im Zentrum dieses Modells steht die deutsche Standardsprache, die orthographisch genormt, grammatisch kodifiziert und semantisch reguliert, aber nicht festgeschrieben ist. Die Beweglichkeit der Standardsprache, die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Politik trägt und prägt, zeigt sich in ihrer Vielfalt der Vielfalt ihrer Funktionalstile. Über diese legt sich die Sprache der Medien als Teil der Standardsprache, als Sprache der Rundfunk-, Fernseh- und Printmedien. Um dieses Zentrum „Standardsprache" lagern sich „Sprachkreise": Literatursprache, Fach- und Wissenschaftssprachen, Gruppensprachen, regiona-

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H . H e n n e 1986, 220 (s.Anm. 2).

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le Umgangssprachen und Mundarten, also raumgebundene Dialekte. Diese Sprachen, deren Benennung insgesamt in der Mehrzahl steht (die auch „Literatursprache" verdient hätte), existieren nur, weil es die Standardsprache gibt. In je unterschiedlicher Weise sind die Sprachen des zweiten und dritten Kreises der Standardsprache zugeordnet. Die eigenständigste Existenzform, die Mundarten, haben heute Geltung nur als Zweitsprache; Gruppensprachen, Fachsprachen und regionale Umgangssprachen (ich lasse die Literatursprache hier aus das ist ein Kapitel für sich) sind jeweils defizitär, bedienen sich also z.B. der vorgegebenen Syntax der Standardsprache oder aber treffen eine spezifische Auswahl aus syntaktischen Mitteln. Im Kontext der inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen und der Sprachvielfalt der Standardsprache hat nun auch die Sprache der Jugend als Gruppensprache ihren Stellenwert. Die Kreise, die umeinander laufen, müßten eigentlich ineinander laufen: Jugendsprache bedient sich u.a. der Standardsprache, nimmt aus ihr und deutet um, gibt zurück und stößt ab. Aber das ist nun, endlich, am Beispiel zu konkretisieren und zu erläutern.

3. Historische Studentensprache (als Vorläufer) und Geber- und Nehmersprachen Wenn ich zuvor moderne Jugend im 20. Jahrhundert habe beginnen lassen, so muß ich an dieser Stelle eine Ergänzung machen: Es gibt in der deutschen Sprachgeschichte Vorläufer moderner Jugend, und das sind die Studenten des 18. und 19. Jahrhunderts. Tn seinem 1895 veröffentlichten Buch „Deutsche Studentensprache" schreibt Friedrich Kluge: „Was der Studentensprache einen besonderen Anspruch auf wissenschaftliche Betrachtung sichert, ist der Einfluß auf unsere Gemeinsprache [...]". Alfred Götze differenziert den Beitrag der Studentensprache zur Gemeinsprache in dreifacher Hinsicht 6 : Es gäbe eine Schicht von Wörtern, denen man den „studentischen Ursprung" noch anhöre, dazu rechnet er u.a. abgebrannt i.S.v. ,ohne Geld': „Ich bin völlig abgebrannt!" schrieb der Student im 19. Jh. und schreibt, vielleicht eine Studentin, im Jahre 1995 nach Hause. Diese Nachricht vertraut sie einem Brandbrief an, der in studentischer Sprache die Bedeutung ,Bitt- und Mahnbrief hatte und so in die Gemeinsprache übernommen wurde, schon von Goethe: „habe ich heute Abend [...] nicht Antwort auf diesen Brandbrief, so bin ich selbst da" 7 . Die Ursache für die finanzielle Misere des Studenten war möglicherweise zu häufiger Besuch einer Kneipe·. Dieses Wort stammt gleichfalls aus der Studentensprache, die es aus dem Rotwelschen, der deutschen Gauner- und Bettlersprache, übernommen

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F. Kluges und A. Götzes Beitrag in H. Henne u. G. Objartel (Hrsg.), Bibliothek zur historischen deutschen Studenten- und Schülersprache. Bd. 1-6, Berlin, New York 1984, insbes. Bd. 5, 421; Bd. 6, 105. H. Paul 1992, 142 (s. Anm. 1).

Jugend, Sprache und Innovation

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hat, wo es ursprünglich die Bedeutung ,Diebeswirtshaus' hatte, in der Gemeinsprache aber die Bedeutung ,kleines gemütliches Lokal' angenommen hat, eine Bedeutung, die über die Studentensprache vermittelt wurde. Kneipe, Brandbrief, abgebrannt - das sind Wörter aus der Lebenswelt der Studenten und als solche (möglicherweise) in der Standardsprache heute noch kenntlich. Es gibt eine zweite Schicht studentensprachlichen Wortguts in der Standardsprache, von der Alfred Götze meinte, das Gefühl, sie als Wörter studentischer Herkunft zu identifizieren, sei schon unsicher (Götze schrieb das im Jahr 1928). Dazu rechnete er ausstechen, flott und Pech - um jeweils ein Beispiel aus den Hauptwortarten Verb, Adjektiv und Substantiv zu zitieren. Der Bursch (so die Eigenbenennung der Studenten im 18. und 19. Jh.) stach seinen Freund bei einem Frauenzimmer aus, d.h., daß er ihm den Rang in der Gunst des Frauenzimmers abgewann - seinen Ursprung hat die übertragene Bedeutung von ausstechen wohl im mittelalterlichen Ritterturnier, wo der Ritter seinen Gegner durch Stechen mit einer Lanze aus dem Sattel zu heben versuchte. Das Adjektiv flott, das sich etymologisch von fließen herleitet, bezieht sich einerseits auf die muntere und (lebens)lustige Form der studentischen Existenz, zum anderen auf das hübsche und schicke Äußere (zumeist einer weiblichen Person), so daß man von einem flotten Burschen (i.S.v. ,lebenslustig') und vom flotten Mädchen (i.S.v. ,hübsch') in der Studentensprache hörte. Wenn es bei Botho Strauß 1981 heißt: „Sie nennt sich selbst den flottesten Kittel vom ganzen [...] Labor" 8 , so fließen in diesem literatursprachlichen Beleg wohl beide Bedeutungen zusammen. Pech, studentensprachlich i.S.v. ,Unglück' (die eigentliche Bedeutung ist ,Harz' bzw. ,Teer') ist ein Wort, das sich Goethe in dieser studentensprachlichen Bedeutung und in seiner superlativischen Form Sau Pech notiert. 9 Und damit wird schon eine Eigenart der Semantik jugendlicher Gruppensprachen deutlich: ihre hyperbolische, also vergrößernde und vergröbernde Sprachform und Semantik. Eine dritte Schicht von Wörtern der Studentensprache nennt Götze, der man ihre studentensprachliche Herkunft nicht mehr ansehe: duzen (jemanden mit du anreden'), Ständchen (,Musik, die jemandem zu Ehren veranstaltet wird' und die im Stehen dargebracht wird) und trist (i.S.v. ,traurig, niedergedrückt', von frz. triste) sind Studentenwörter in der Standardsprache, die jeglichen studentischen „Geruch" abgelegt haben. Das historische Beispiel der deutschen Studentensprache zeigt, daß Gruppensprachen „Nehmersprachen" sind: Sie nehmen ihren Wortschatz aus der Gemeinsprache (wie flott und ausstechen) oder aus anderen Gruppensprachen (wie Kneipe aus dem Rotwelschen) und formen die Semantik um, besser: verwandeln sie ihren Zwecken an; Gruppensprachen sind überdies „Gebersprachen": Sie geben ihren Wortschatz, wie Pech und abgebrannt an die Gemeinsprache weiter, wenn sie ihn z.T. auch nur weiter vermitteln (wie Kneipe).

8 9

H. Paul 1992,281 (s. Anm. 1). H. Henne, G. Obj artel 1984, Bd. 2, 313 (s. Anm. 6).

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

Und die deutsche Jugendsprache nach 1945 steht in vergleichbaren Beziehungen zur Gemeinsprache, die, im 20. Jahrhundert, den Terminus Standardsprache erhält und die ich in den Entwurf der inneren Mehrsprachigkeit eingefügt habe. Was die Jugendsprache nach 1945 von der Studentensprache im 18. und 19. Jahrhundert unterscheidet, ist der politische und kulturelle Kontext der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

4. Zur deutschen Jugendsprache nach 1945 Die deutsche Jugend nach 1945 steht in einem Traditionsbruch insofern, als sie nicht mehr an die Jugendbewegung zwischen 1900 und 1933 anknüpft. Der Einbruch des Hitlerfaschismus zwischen 1933 und 1945 löscht den Zusammenhang. Nach 1945 erfolgt eine Neuorientierung jugendlicher Gruppen: Jugend in den 50er Jahren erwacht nur langsam, „skeptische Generation" wird sie zunächst genannt. Am Ende der 50er Jahre fliegt sie auf den amerikanischen Rock'n'Roll, entdeckt im Beat und Rock ihre Musik. Politische Jugendgruppen, Fangruppen, jugendliche „Stil"-Gruppen (Punks, Rollers, Teds, Skinheads), Klassen-Cliquen an Schulen und sonstige Gruppen bilden eine unübersichtliche Jugendlandschaft. Die jugendlichen Gruppen sind zum Teil auf sich selbst verwiesen und suchen ihresgleichen. Daß in diesem Gruppenleben ein Sonderwortschatz, ja ein eigener Tonfall, ein Jugendton sich ausbildet, wen mag es wundern? Man spricht von Jugendsprache, welche Jugendliche „auszeichnet" - sagen die einen; „kenntlich macht" - sagen die anderen. Was sind jugendliche Gruppensprachen nach 1945? Sie sind ein fortwährendes Ausweich- und Überholmanöver. Sie setzen die Standardsprache voraus, wandeln sie schöpferisch und spielerisch ab und pflegen zugleich der Standardsprache entnommene floskelhafte Formen. Jugendsprachen sind also spielerische Sekundärgefüge, die folgende Sprechformen c





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tavonsieren: -

eigenwillige Grüße, Anreden und Partnerbenennungen: Die Jugendlichen rufen sich Hallo! zu und weichen, sofern die Erwachsenen das übernehmen, auf Hallöchen, auch auf Grüß Göttlei Lebsch noch? und Na, du Eimer! (Fisch usw.) aus. Ihre Partnerinnen heißen Flamme, Keule, Puppe, Schnalle und Tussi (die sich etymologisch von Thusnelda herleitet - aber das ist den meisten nicht gewärtig); ihre Partner Macker, Typ, Boy, Scheich, Alti - aber das wechselt alles schnell und ist sehr vergänglich;

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griffige Namen und Spruchwelten: Jugendliche bevorzugen Spitz- und Übernamen, weil sie u.a. bedeuten, was sie benennen: Susi Sorglos ist so viel bedeutungsvoller als etwa Katrin, Feuerlocke kann man nicht verwechseln, Kreidefuzzi ist eine „Berufsbezeichnung" als Name, und Miss Piggy

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Vgl. H. Henne 1986, 208f. (s. Anm. 2).

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stammt aus der Muppetshow und ist eine ziemlich mitleidlose Namengebung. Sprüche wiederum sind jugendliche Erkennungszeichen, die der Selbstdarstellung und Spannungsabfuhr dienen und in ein kunstvolles Spiel mit negativer und positiver Anmache einbezogen sind. Mit dem Spruch: Sollte uns das nicht zu denken geben. Ich glaube nein. (Nach Bedarf: Ich glaube ja.) Guten Abend! kann man jede Unterhaltung beenden. Mit der Frage: Soll ich dir 50 Pfennig geben? und der Nachfrage: Wieso? und der Antwort: Dann kannste das deiner Parkuhr erzählen! kann man ziemlich mühelos einen unmäßigen oder unglaubwürdigen Erzähler im Gespräch stoppen. Sprüche haben also auch eine gesprächsstrategische Funktion und artikulieren eigene Befindlichkeit in Fällen wie: Ich bin fix und foxi! (statt fertig), Laß den Joke raus! und - das am häufigsten variierte Muster - : Ich glaub, mein Hamster bohnert! („wenn ich etwas verrückt oder doof finde"), wohl nach dem „Urspruch": Ich glaub, mich knutscht ein Elch („Verwunderung, Überraschung, Erschrecken"); -

metaphorische (,übertragene'), zumeist hyperbolische (,vergrößernde') und zugleich ,vergröbernde' Wortbildungen und Redensarten. Das Lehrerzimmer in der Schule ist ein Löwenkäfig oder ein Erpresserzimmer, der Typ fährt auf eine Tussi echt ab oder versucht, sie echt tierisch anzumachen, wie auch die Sponti-Demo echt tierisch sein kann; solche Präfixbildungen wie auf etwas abfahren oder jemanden anmachen werden also bevorzugt;

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Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern: Die Welt der Jugendlichen ist instabil, heute Hui und bald danach schon Pfui - doch das sind „erwachsenensprachliche" Vorgaben. Jugendliche haben eigene Benennungen ihrer Entzückung (derb, herb, sauber, spitzenmäßig, geil, saugut, astrein, vielfach das auch schon abgenutzte super) und eigene Benennungen ihrer Verdammung (ätzend, uncool, ungeil). Diese von mir so benannten Entzückungs- und Verdammungswörter kann man natürlich steigern - das ist dann v.a. ein Spiel der Medien, die von superaffengeil u.a. sprechen;

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Lautwörterkommunikation: Jugendliche benutzen lautnachahmende Interjektionen (wie knacks und peng) oder lautcharakterisierende (wie ächz und würg), die - wie Adelung es im 18. Jahrhundert formuliert - „Ausdrücke der inneren Empfindungen" sind. Letztere sind Rückbildungen der entsprechenden Verben ächzen (das wiederum von der Interjektion ach abgeleitet ist) und würgen: Ächz, spei und würg wäre ein Trias, eine Serie von „Einwortkommentaren", mit denen Jugendliche ihre Befindlichkeit und eindeutige Meinung zu artikulieren suchen. Lautwörter - und es gibt deren unendlich viele - sind über die Comics in die Sprache der Jugendlichen gekommen, in der sie einen markanten Stellenwert haben;

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partikel- und phrasenreiches Sprechen; z.B. Gliederungspartikeln, die zugleich Aufmerksamkeit erheischen und Nachdruck verleihen (wie: Mach die Mücke, ej!), Dehnungspartikel, die Unsicherheit anzeigen, aber zugleich

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

dem Partner Spielraum gewähren, den er selbst ausfüllen kann (wie: mehr so Mißstände und so), Dehnungsphrasen wie irgendwie, irgendwo, oder wie.

5. Sprachwandel und Innovation Man kann auf einen Blick sehen, daß ein solches Sprechpotential - denn es handelt sich erst einmal um Sprechsprache - einen Antrieb zum Wandel der gesprochenen Version der Standardsprache gibt. Sprachwandel wiederum ist für jede Sprache konstitutiv, grundlegend. Erst der Wandel gibt einer Sprache Halt - paradoxerweise. Ohne Wandel wäre ihr Ende vorgezeichnet. Die Kommunikation der Generationen miteinander ist nun eine wesentliche Voraussetzung für den Wandel. In unserem Fall nehmen die alt gewordenen Jugendlichen u.a. ihre Jugendvokabeln mit in die Erwachsenenwelt und erneuern, „innovieren" den Sprachschatz der Standardsprache. Nehmen wir als Beispiele Präfixverben. Präfixverben sind im Deutschen literatursprachlich akzentuiert - Klopstock benutzt sie u.a. zur Innovation der Dichtersprache, so wenn er Verben der Gemütsbewegung wie weinen, beben, seufzen, lächeln durch Präfigierung dynamisiert und mit einer Semantik versieht, die religiöse und weltliche Gefühle intensiviert: aufweinen, durchbeben, hinseufzen, weglächeln 1. In ähnlicher Weise erzeugen Jugendliche neue Bedeutungsaspekte, indem sie Verben präfigieren. Die wohl bekanntesten Beispiele sind: jemanden anmachen und auf etwas abfahren, die inzwischen längst Bestandteil der umgangssprachlichen Semantik der Standardsprache sind. Wenn man jemanden anmacht, dann zeigt man sein zumeist erotisches Interesse und versucht, den anderen/die andere entsprechend zu provozieren: „Hey, mach mich nicht an ..." ist dann auch der Anfang eines deutschen Schlagertextes. Die Jugendlichen, ihrer spezifischen Semantik durch (Selbst)beraubung verlustig gegangen, schaffen sich präfigierte Synonyme, die die Semantik nochmals intensivieren: anbaggern (eine Schnecke anbaggern) und angraben (we Tussi angraben) sind Beispiele für eine solche Ersatzarbeit. Die Herkunft dieser Ersatzsynonyme aus der Welt der Bauarbeiter und ihre hyperbolisierende, also vergrößernde und vergröbernde Semantik halten diese Verben nur für eine kurze Zeit der Standardsprache fern. Immerhin sind sie schon als Synonyme im Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (Bd. 1.1993, 169, 187) verzeichnet. Das Verb anmachen wird dann auch wortbildnerisch ausgebeutet: Anmache-Musik ist ein Ausdruck der Jugendsprache für Musik, die (auf Anhieb) gut gefallt, in der Erwachsenensprache finden sich dann Belege wie die harte Anmache, eine nominale Form und Semantik des verbalen Ausdrucks. Auf etwas abfahren ist eine phraseologische Wendung, die die jugendliche Begeisterungsfahigkeit in Sprache faßt (Goethe formulierte: „Jugend ist Trunkenheit ohne Wein"); sie bedeutet ,νοη etwas begeistert sein

11

A u g u s t Langen, Deutsche Sprachgeschichte v o m Barock bis zur Gegenwart. W. S t a m m l e r (Hrsg.), D e u t s c h e Philologie im A u f r i ß . 2. A u f l . Berlin 1957, 1071 f.

In:

Jugend, Sprache und Innovation

243

und entsprechend reagieren'. Sehr typisch die jugendsprachliche Wendung: „Auf diese Mucke (,Musik') fahre ich voll ab!" Auch diese Präfixbildung hat die Standardsprache längst erreicht. Die Jugendsprache also als Jungborn der deutschen Standardsprache? Wenn es so einfach wäre! Nehmen Sie die Entzükkungswörter der Jugend aus den 80er Jahren. Sie lauten derb, herb, sauber, spitzenmäßig, geil (mit entsprechenden Steigerungen: sau-, äffen-, schweine-, mega-, ultrageil, astrein, saugut). Sie werden in solch einfachen Sätzen wie: „Das gibt ein echt geiles Feeling!" oder: „Das ist echt spitzenmäßig!" gebraucht. Das Gegenstück sind die Verdammungswörter: ätzend, uncool, ungeil. Nicht nur die Jugend hat Bedarf für solche „spitzenmäßigen" Prädikate; demgemäß findet sich z.B. auch spitzenmäßig in der umgangssprachlichen Schicht der Standardsprache. „Die Band hat spitzenmäßig gespielt!", steht in dem schon zitierten Wörterbuch (Bd. 7, 1995, 3180). Als Verdammungswort hat sich ätzend eingeschlichen - „Hausaufgaben sind ätzend", heißt es am selben Ort. Dieses Verdammungswort hat es in sich insofern, als es sich zuweilen in ein Entzückungswort verwandelt: „Der Film ist echt ätzend!" (a.a.O., Bd. 1, 1993, 273), und das ist ganz sicher ein positives Prädikat. Die Dehn- und Wandelbarkeit der Semantik jugendsprachlicher Lexeme macht dieses Beispiel besonders deutlich. In der jugendlichen Gruppe setzen eben, intensiver als z.B. im Alltagsverkehr der Erwachsenen, Situation und Kontext die Maßstäbe und sichern die Verständigung. Entzückung und Verdammung vergrößern, so oder so, heben heraus, superlativieren aus der Sicht des Sprechers. So werden der Standardsprache emotionale Bedeutungskomponenten untergeschoben, fast subversiv, durch Einschleusung. Die Standardsprache wird dadurch jünger, aber zugleich auch vulgärer. Man muß die innovative Ausstrahlung der Jugendsprache auf die Standardsprache, die Geberqualität der Jugendsprache, eindimensional nennen. Intellektuelle Sprachgeschenke, solche eines nachdenklichen Lebens, fehlen. Jugendliche Gruppen folgen zumeist anderen Bestimmungen.

6. Epilog: Jugendsprache in der D D R In der DDR stand (ich kann hier das Präteritum benutzen) jugendsprachliches Sprechen in einer besonderen Spannung zu den Offiziellen des Staates - die in einer Diktatur ja gewichtiger und v.a. zahlreicher sind als in demokratisch verfaßten Staaten. Jugendsprachliches Sprechen hat per se etwas Aufmüpfiges und ist insofern autoritätsschwächend. Erst seit 1979 nahm die sprachgermanistische Forschung in der DDR zur Kenntnis, daß es so etwas wie einen Jugendjargon gab, der dann auch energisch erforscht wurde. Die strukturelle Nähe der Jugendsprache Ost zu der im Westen ergab sich aus dem Abstoß der Gruppensprachen von der gemeinsamen Sprache; die Differenz war durch den unterschiedlichen politischen Kontext und die unterschiedlichen Regionen gegeben. Die Medien (Rundfunk und Fernsehen) und die Rockmusik schlangen ein gemeinsames Band um die deutsche Jugend in Ost und West. Das Erkennungs-

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Gruppensprachen - gestern, heute, morgen

wort jugendlichen Sprechens in der DDR war urst, im Westen war es nahezu unbekannt. „Die Antwort ist doch urst logo!" war ein typischer Ausruf Jugendlicher in der DDR 12 . Urst, wohl Superlativ zu ur- (vgl. dazu urig i.S.v. urtümlich') ist ein Steigerungs- und Entzückungswort. „Das wird 'n urster Hammer, wenn wir zusammen zelten" 13 - Jugendliche sehnen sich nach dem Un- und Außergewöhnlichen und versuchen, das in Sprache zu fassen. Als im Jahre 1989 die Bewohner der DDR sich von ihrem Staat verabschiedeten, kam es über den Herbst des Jahres zu einer Reihe von Demonstrationen, bei denen die Teilnehmer ihren Sprach- und Mutterwitz bewiesen. Man hat in diesem Zusammenhang von einer „Sprachrevolte" gesprochen 14 , die sich in einem spielerischen, j a kreativen Umgang mit der Sprache und ihrer Funktionalisierung für die Zwecke der friedlichen Revolution zeigte, so wenn die Demonstranten per Alliteration höhnten „Good bye, Gefolgskammer!" oder dem Diadochen Egon Krenz zuriefen: „Prima, Egon, wende gehst!" Im letzten Beispiel wird einerseits auf die politische Wende angespielt (die bevorsteht bzw. schon im Gange ist), andererseits wird durch Kontamination und Vokalabschwächung von wenn und du zu wende die Volksnähe der Sprache („Wir sind das Volk!") betont. Man darf rätseln, ob diese Fähigkeit zum regimekritischen und spielerischen Umgang mit Sprache nicht auch in der „Schule der Jugendsprache" entwickelt wurde. Das wäre dann eine neue Dimension, in die Jugendsprache, im Osten Deutschlands, hineingewachsen wäre.

12 13 14

Margot Heinemann, Kleines Wörterbuch der Jugendsprache. Leipzig 1989, 101. M. Heinemann 1989, 91 (s. Anm. 12). Peter v. Polenz, Die Sprachrevolte in der DDR. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 21. 1993, 127-149.

III.

Linguistik des Gesprächs

Gesprächsanalyse Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft

1. Zur Bestimmung des Gegenstandes: Die Kategorie „Gespräch" und ihr gesellschaftlich relevanter U m f a n g Wenn von einem Gespräch als kommunikativer Einheit die Rede ist, dann muß, zunächst heuristisch, einerseits die Kategorie Gespräch eingeführt und andererseits deren gesellschaftlich relevanter Umfang bestimmt werden. Ersteres (einerseits) erfolgt in Anlehnung an G. Ungeheuer, indem für die Kategorie Gespräch prinzipiell die Möglichkeit: des Sprecher-Hörer-Rollenwechsels (turntaking); „des Wechsels von Themeninitiierung und Themenakzeptierung"; des gegenseitigen Akzeptierens jeweiligen Rechtfertigungsverlangens in bezug auf Gesprächsstücke gilt (Ungeheuer 1974, S. 4). Eine weniger restriktive Bestimmung der Kategorie Gespräch geben Fuchs und Schänk, indem sie Gespräche als „,zentrierte Interaktion' (Goffman 1971, S. 84f.) zwischen wenigstens zwei Kommunikationspartnern mit freiem Wechsel der Sprecher-/Hörerrolle" (Fuchs & Schänk 1975, S. 7) bestimmen. Letzteres (andererseits) ist deshalb notwendig, um sich des Gegenstandes in seiner Breite zu versichern, also Verkürzungen des Gegenstandes zu vermeiden (und somit schlechten Beispielen bisheriger Pragmatik nicht zu folgen). Diese Umfangsbenennung erfolgt in typisierender Manier und wird als ganz vorläufig angesehen. Gesellschaftliche Praxis begründet unterschiedliche Ausprägungen von Gesprächen, für die der Terminus Gesprächsbereich stehen soll. Gesprächsbereiche erfüllen für die Mitglieder der Gesellschaft je spezifische Funktionen (Zwecke) und sind demnach finalistisch begründet. Man kann sagen: In der Handlungsgrammatik einer Gesellschaft sind Gesprächsbereiche als fnteraktionstypisierungen festgelegt. Den hier vorgeschlagenen Begriff „Gesprächsbereich" kann man mit dem von A. Schütz eingeführten Begriff „domain of relevance" (vgl. Berens, 1976, S. 21) und Fishmans „Domäne" vergleichen: „Alle umfassenden Regularitäten, die zwischen Varietäten und gesellschaftlich anerkannten Funktionen herrschen, werden zusammen mithilfe des Konstrukts, das man Domäne nennt, untersucht" (Fishman 1975, S. 50).

Da gesellschaftliches Leben und gesellschaftlicher Verkehr durch Sprache mitbegründet wird, kann man entsprechend von Gesprächsdomänen, oder, wie oben, von Gesprächsbereichen sprechen. Die einzelnen Gesprächsbereiche zeichnen sich dadurch aus, daß sie innerhalb einer Sprachvarietät (oder einer Einzelsprache) durch jeweils spezifische Regularitäten bestimmt sind. Wenn gesellschaftliche Praxis durch instrumentelles Handeln und kommunikatives Handeln begründet wird, dann sind diese Kategorien zugleich Rieht-

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Linguistik des Gesprächs

punkte zur Bestimmung von Gesprächsbereichen: Einerseits sind diese im wesentlichen instrumenteil orientiert, andererseits im wesentlichen instrumenteil entlastet und somit nur kommunikativ orientiert (vgl. Pitcher 1964, S. 240: „impure language games", „pure language games"). Andere fundamentale Richtpunkte zur Bestimmung von Gesprächsbereichen sind deren Öffentlichkeits- bzw. Privatheitsgrad, wobei Öffentlichkeit notwendig eine Form von Institutionalisierung impliziert, Privatheit aber nicht notwendig institutionsungebunden heißt. Das Ziel, soziologisch relevante Typisierungen zu erhalten, ergibt sich nun dadurch, daß konkrete Gespräche zu Gesprächsbereichen zusammengefaßt werden. Diese Zusammenfassung wird geleitet von den angegebenen Kriterien (wesentlich instrumentell orientiert [oder arbeitsorientiert] versus wesentlich kommunikativ orientiert [oder arbeitsentlastet]; privat versus öffentlich) und der integrativen Intuition des Forschers, wobei in diesen Typisierungsprozeß zugleich Erfahrungen des Wissenschaftlers als Gesprächsteilnehmer eingehen. Gesprächsbereiche des Deutschen sind unter anderem: (1) Persönliche Unterhaltung (2) Feier-, Biertisch-, Thekengespräche (3) Spielgespräche (4) Werkstatt-, Labor-, Feldgespräche (5) Kauf- und Verkaufsgespräche (6) Kolloquien, Konferenzen, Diskussionen (7) Mediengespräche, Interviews (8) Unterrichtsgespräche (9) Beratungsgespräche (10) Amtsgespräche (11) Gerichtsgespräche

Man kann nun z.B. die oben angegebenen Kriterien jeweils spezifischen Gesprächsbereichen als Prädikate zuordnen: (1) bis (3): arbeitsentlastet; (4) bis (11): arbeitsorientiert; (1) bis z.T. (3) privat; z.T. (3) bis (11): öffentlich. Wenn man das Prädikat arbeitsorientiert noch in hand-arbeitsorientiert und kopf-arbeitsorientiert subspezifiziert, kommt man darüber hinaus zu folgender Kennzeichnung: (4) und z.T. (5) hand-arbeitsorientiert; z.T. (5) bis (11): kopf-arbeitsorientiert. Die hier skizzierten 11 Gesprächsbereiche genügen in abnehmender Linie nur noch sehr bedingt oder gar nicht mehr den eingangs zitierten Definitionsstücken der Kategorie Gespräch. Doch geht es hier nicht um Reinheit einer Kategorie, sondern um deren Vielfalt. Insgesamt ist festzuhalten, daß an dieser Stelle Gesprächsbereiche der Kategorie „natürliches Gespräch" diskutiert werden. Dieser Kategorie ist zumindest die des „fiktiven/fiktionalen Gesprächs" zu konfrontieren. Natürliche Gespräche

Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft

249

sind solche, die real in gesellschaftliche Funktionsabläufe eingelassen sind, während fiktive Gespräche zu bestimmten, z.B. Unterrichtszwecken entworfen werden und mit fiktionalen Gesprächen die in Philosophie und Literatur gemeint sind. Letztere zeichnen sich dadurch aus, daß sie, aus unmittelbaren Handlungszusammenhängen entlassen, ein spezifisches Mittel ästhetischer Kommunikation darstellen und in einer Theorie der (Dialog-)Literatur, also einer Poetik des Dialogs, zu erklären sind (vgl. u.a. Bauer, 1969). Diese Vorbemerkungen zu einer Soziologie des Gesprächs sind dahingehend auszuarbeiten, daß die oben angegebenen soziologischen Prädikate im Rahmen einer Theorie der Gesellschaft zu erweitern und aufeinander zu beziehen sind. Eine solche Diskussion hätte sich mit vorliegenden Gesprächstypologien auseinanderzusetzen, die, wie unvollständig auch immer, z.B. von Bollnow (1966, S. 29-54) und Brinkmann (1971, S. 868-880) entworfen wurden. Im Zusammenhang einer Soziologie des Gesprächs muß die Frage gestellt werden, wie eine präzisere Bestimmung der einzelnen Gesprächsbereiche durch kommunikativ-pragmatische Prädikate zu erreichen ist. Diese Diskussion kann im Rahmen der von der Gruppe um Steger erarbeiteten Redekonstellationstypik geführt werden (vgl. u.a. Jäger 1976, S. 55) wie auch im Rahmen des von mir entworfenen, zu erweiternden und zu präzisierenden Kategorieninventars, das auf konstitutive Faktoren eines Kommunikationsmodells bezogen ist. Ein konkretes Gespräch ist dann dadurch gekennzeichnet, daß es durch jeweils eine Subkategorie der kommunikativ-pragmatischen Kategorien zu belegen und d a m i t einem spezifischen Gesprächstyp zuzuweisen ist (vgl. Henne 1975, S. 6ff.). Dadurch bestünde die Aussicht, die e i n z e l n e n Gesprächsbereiche übersichtlicher darzustellen und den inneren Zusammenhang angemessener herzustellen. Zu fragen ist auch, wie die Ansätze einer situationstheoretischen Pragmatik von Bayer (1977) in diese Diskussion einzubeziehen sind. Das alles kann an dieser Stelle (u.a. aus Platzgründen) nicht geleistet werden. Die vorstehenden Ausführungen sollen im wesentlichen als Anregung verstanden werden, auch in der Sprachwissenschaft eine Debatte über die Kategorie Gespräch hinsichtlich seiner Funktion im gesellschaftlichen Leben zu führen. Das aber heißt, auch die funktionell bedingte Vielfalt der Erscheinungsformen zu konstatieren und damit der Einheit u n d Vielfalt gewahr zu werden. Sprachwissenschaftler am Schreibtisch neigen dazu, die theoretisch als notwendig akzeptierte Basis ihrer Wissenschaft dergestalt zu akademisieren, daß nur ihre eigenen Erfahrungsbereiche als Empirie akzeptiert werden. Dem ist entgegenzuwirken, weil die Theorie der Gebrauchssprache fortwährend der Tendenz unterliegt, eine Theorie der idealisierten Gebrauchssprache zu werden.

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Linguistik des Gesprächs

2. Sprechakttheorie und Gesprächsanalyse: A u f dem W e g zu einer pragmatischen Sprachwissenschaft Auch die verfiihrbare wissenschaftliche Vorstellungskraft ruht einigermaßen sicher im Begriff des Gesprächs. Von vornherein unterstellt dieser Begriff, daß das sprachliche Handeln von mindestens zwei Gesprächspartnern Gegenstand sprachwissenschaftlicher Bemühung ist. Gesprächsanalyse kann deshalb als ein Beitrag zur „Paradigmapräzisierung" (Kuhn 1973, S. 59) begriffen werden. Das ist zu erläutern. Es kann unterstellt werden, daß das pragmatische Paradigma das herrschende gegenwärtiger Linguistik ist: Unterschiedliche pragmatische (bzw. kommunikationssemantische) Ansätze konvergieren darin, den Sprachbegriff an den Handlungsbegriff zu binden und damit die Sprachwissenschaft von hypostasierten Begriffen und Objektbereichen zu erlösen. Mit der Pragmatisierung sprachwissenschaftlicher Fragestellungen ist zugleich eine Überprüfung methodologischer Aspekte verbunden (oder sollte es zumindest sein). Abgelehnt wird im Zuge pragmatischer Forschung die szientistische Trennung von beobachtetem Objekt und beobachtendem Subjekt; problematisch wird ein introspektiv und mentalistisch orientierter Solipsismus, der sprachliche Wirklichkeit allein aus der Vorstellungskraft eines Linguistensubjekts erschafft (das zugleich Linguistenobjekt ist). An die Stelle eines methodischen Szientismus und Solipsismus sollte eine empirisch fundierte sprachanalytisch-hermeneutische Methode treten, im Rahmen deren der Wissenschaftler durch T e i l n a h m e den S i n n sprachlicher Handlungen in ihrer Verflechtung mit der alltäglichen Lebenswelt zu beschreiben sucht. Das aber heißt in einem an dieser Stelle nicht weiter zu präzisierenden Sinn: Corpusorientierung als spezifische Form sprachwissenschaftlich-empirischer Fundierung. Dadurch wird der alleinige Rückgriff auf fiktive Gesprächsfragmente in einer empirisch fundierten Methode aufgehoben. In anderem Zusammenhang habe ich, dem pragmatischen Paradigma auch begrifflich-terminologisch folgend, sprachwissenschaftliche Tätigkeit als metakommunikativ-deskriptives Handeln bestimmt und unterschiedliche Möglichkeiten sprachwissenschaftlicher Methodik herausgearbeitet: metakommunikativ-deskriptives Handeln in hypothetischer Perspektive; in registrierender Perspektive; in teilnehmender Perspektive (Henne 1975, S. 53f.). Die Entfaltung der letzteren entspräche einer pragmatisch orientierten Sprachwissenschaft. Versucht man nun, die durch Austin und Searle inaugurierte Sprechakttheorie als eine gewichtige Erfüllung sprachpragmatischer Programmatik zu begreifen, so ist in diesem Zusammenhang nicht der beachtenswerte Beitrag der Sprechakttheorie zu einer fortschreitenden Pragmatisierung anzugeben (vgl. Henne 1975, S. 55-81); vielmehr ist zumindest auf die Gefahr einer spezifischen Fehlentwicklung hinzuweisen. Diesen Hinweis möchte ich entwickeln, indem ich auf Einsichten von Philipp Wegener, Karl Bühler und Hans Lipps rekurriere - damit auch einen Beitrag zur Traditionalität des Themas leistend. „Die Sprache ist Verkehr der Menschen untereinander und nur die sprachlichen Vorgänge, welche wir als Hörende verstanden haben, können uns beim Sprechen als Sprachmittel

Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft

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dienen. Daher muß die Frage nach dem Sprachverstehen im Vordergrund der sprachwissenschaftlichen Untersuchung stehen" (Wegener 1885, S. 182).

Diese Sätze Wegeners stehen in dem resümierenden Kapitel seines Buches, in dem er u.a. sprachliche Kommunikation als Willensbeeinflussung u n d als das Verständnis (das Verstehen) dieser Willensbeeinflussung zu charakterisieren versucht. Die Kategorie „Willensbeeinflussung" ist noch relativ mühelos Austins „illocutionary force" zuzuordnen (und dessen „take up"); aber: Sprachverstehen als zentraler Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchung dazu hätte es neben einer Sprechakttheorie einer Hörverstehensakttheorie u n d einer Theorie des Zusammenhangs von Sprechen und Hörverstehen bedurft. Letzteres vor allem hat Bühler betont: „Wo immer ein echtes Gemeinschaftsleben besteht, muß es eine gegenseitige Steuerung des sinnvollen Benehmens der Gemeinschaftsmitglieder geben [...]. Soll der Eigenbedarf und die Eigenbestimmung der an einem Gemeinschaftsakt beteiligten Individuen bei der gegenseitigen Steuerung zur Geltung gelangen, so müssen sie zur Kundgabe u n d Kundnahme gelangen" (Bühler 1929, S. 50f.; vgl. Ungeheuer 1972, S. 171-190. Zitat S. 175)

Gerade weil der Entwurf einer Kommunikations Semantik durch G. Ungeheuer u.a. K. Bühler verpflichtet ist, sei auf eine spezifische Differenz hingewiesen. Ungeheuer differenziert zwischen „äußeren" und „inneren" Handlungen und erklärt innere Handlungen, „welche von menschlichen individuen zum zwecke gegenseitiger Verständigung ausgeführt werden" (1974, S.l)

und „im prinzip nur dem handelnden Individuum selbst erfahrbar sind" (1974, S.16),

zum Gegenstand seiner Kommunikationssemantik. Bühler hingegen bezweifelt, ob es sinnvoll sei, die Handlung „in Äußeres und Inneres zerschnitten", zum Gegenstand wissenschaftlicher Analyse zu machen (1969, S. 66). In diesem Zusammenhang ist darauf verwiesen worden (Klimaschka 1976), daß die analytische Trennung zwischen äußerer („als direkt erfahrbarer") und innerer Handlung („als im Prinzip nur dem Individuum selbst erfahrbarer") (vgl. Ungeheuer 1974, S. 16) zurückfalle „hinter die erkenntnistheoretische Aufhebung von behavioristischer und mentalistischer Methode in teilnehmender Beobachtung, in der interaktionistischer und hermeneutischer Ansatz konvergieren" (Klimaschka 1976, S. 48).

Tn seiner Philosophie der Sprache hat Hans Lipps das zu erklären versucht, was er die Verbindlichkeit (das, was verbindet) der Sprache nennt: daß nämlich Rede als gesprochenes Wort immer auf andere bezogen ist und insofern die Beteiligten in praktische Entscheidungszusammenhänge führt. In diesem Zusammenhang hat Lipps einerseits die Situationsbezüglichkeit des gesprochenen Worts betont, daß also sprachliches Verstehen immer durch die Spezifik der Situation bestimmt ist - und insofern nur eine Theorie der Situation den Prozeß des Verstehens erklären kann - (Lipps 1968, S. 21 f.); andererseits hat er das

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Linguistik des Gesprächs

Gespräch als die Kommunikationsform bezeichnet, in der Redeverbundenheit ihre intensivste Ausprägung findet: Jch und Du sind aber, was sie sind, nur in ihrer Redeverbundenheit" (S. 29).

Im Gespräch gibt es ein korreflexives Sichverhalten dergestalt, daß im Gesprächsverlauf jeder dem anderen entspricht, der „daraufhin schon dem anderen wieder vorentspricht" (S. 89; vgl. Geißner 1955). Wenn: „Sprachverstehen" (Wegener), „gegenseitige Steuerung" als „Kundgabe und Kundnahme" (Bühler) und „Redeverbundenheit" (Lipps) Schlaglichter auf dem Weg zu einer pragmatischen Sprachwissenschaft sind, dann ist die Sprechakttheorie ihren Weg im Dämmerlicht gegangen. Denn eine Theorie der Illokution ist eine einseitige Theorie des Sprechers, wobei dieser Begriff zudem keine situationsspezifische Bestimmung erfährt (s.u.). Einseitig ist diese Theorie insofern, als fortwährend nur der Perspektive des Sprechers Rechnung getragen wird und der Hörer nur als Reagierender in den Blick kommt. Diese Defekte kann man insofern aufheben, als man der Sprechakttheorie eine Hörverstehensakttheorie zuordnet und in dieser Sprech- u n d Hörverstehensakttheorie (als Teile eines Kommunikationsaktes) das g e g e n s e i t i g e Entsprechen und Vorentsprechen z.B. im Begriff des prälokutiven und präauditiven Aktes formuliert (vgl. Henne 1975, S. 71-73). Für diejenigen, die sprechakttheoretisch inspirierte Begriffe nicht missen möchten, kann man den Begriff einer Theorie der Kollokution (Klimaschka 1976) prägen, deren Gegenstand kollokutive Akte sind: Diese „werden mit solchen ,elementaren Metakommunikativa' bezeichnet, deren Struktur zweiseitige Beziehungen enthalten: sich-verständigen - mit jemandem - über etwas" (Klimaschka 1976, S. 61).

In einer Theorie der Kollokution ist somit Sprecherwechsel per definitionem vorgesehen: Nicht Sprecher und Hörer (im landläufigen Verständnis, s.u.) sind somit relevante Kategorien, sondern der eine Kollokutor und der andere Kollokutor, die in reflexiver Koorientiertheit aufeinander bezogen sind (Klimaschka 1970, S. 52); „reflexive Koorientiertheit" nach Siegrist (1970, S.47); Klimaschka selbst verweist auf Bühlers Kovarianz des Benehmens (Bühler 1929, S. 87): Erst im Rahmen einer Theorie der Kollokution könnte der Anschluß gefunden werden an eine Gesprächsanalyse, die einerseits in der Version eines kommunikationssemantischen Entwurfs (Ungeheuer), andererseits in der Version der soziopsychologischen Kleingruppenforschung (Argyle) und der amerikanischen Ethonographie der Interaktion vorliegt. (Als „Ethonographie der Interaktion" faßt die Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (1973, S. 10) den Symbolischen Interaktionismus, die Ethnomethodologie und Ethnotheorie sowie die Ethnographie des Sprechens zusammen). Zumindest innerhalb einer Ethnographie der Interaktion sind die g e n u i n sprachwissenschaftlichen Probleme und Problemlösungen zu diskutieren. Dabei kann u.a. auf Ergebnisse der sich vor allem innerhalb der Ethnomethodologie entwickelnden conversational

Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft

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analysis (vgl. Kallmeyer & Schütze 1976, S. 5f.; Weingarten u.a. [Hrsg.] 1976, S.422f.) zurückgegriffen werden.

3. Sprachwissenschaftliche Aspekte der Gesprächsanalyse „Jede Technik der quantitativen Analyse, die den Satz oder selbst den Gesprächsschritt als Einheit wählt, wird für einige der signifikanten Realitäten der Interaktion blind sein." Erving Goffmann

„Hier ist noch vieles offen."

Gerd Schänk

Zu bestimmen ist das, was Goffman signifikante Realitäten der Interaktion nennt - ich beeile mich hinzuzufügen: aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Eine signifikante Realität eines Dialogs ist für Goffman (1974, S. 202f.) u.a., daß e i n Gesprächsschritt („das, was in der Linguistik manchmal ohne einleuchtende Rechtfertigung als Äußerung' bezeichnet wird" [S. 201]) zwei rituelle Schritte (wie ,Bitte', ,Frage', Entgegenkommen' usf.) beinhalten kann. Eines seiner Beispiele (S. 203): A 1 : „Wo bist du gewesen?" B /B 2 : „In der Buchhandlung. Hast du den Wasserhahn repariert?" A 2 : „Nein."

Die hochgestellten Indizes zeigen an, daß innerhalb von drei Gesprächsschritten vier rituelle Schritte vollzogen werden (zwei von Α und zwei von B). (Die Errechnung der möglichen Beziehungen von Gesprächsschritt zu rituellem Schritt - von Eins-zu-Eins-Relationen über die hier vorgeführte Möglichkeit bis zu weitaus komplexeren Konstellationen - möge dem geneigten Leser selbst überlassen bleiben.) Auf eine andere signifikante Realität weisen Schegloff & Sacks (1973, S. 313) im Rahmen ihrer Untersuchungen zur Beendigung von Gesprächen hin. Sie machen das an einem Telefondialog klar, den ich (sehr frei) ins Deutsche übersetze: (B hat angerufen, um C einzuladen, hat aber die Nachricht erhalten, daß C zu einem Diner eingeladen ist:) B: Tjah. Na nun zieh dich an und geh los und schlag dir den Bauch kostenlos voll und wir treffen uns dann ein ander Mal, Judy. C: Gut, Jack. B: Tschüs! C: Tschüs!

Schegloff und Sacks betonen, daß jegliche - ob grammatische, semantische oder pragmatische - Interpretation in die Irre gehe, die nicht die Sequenzstruktur dieses Dialogs beachte. Eine solche Interpretation könne B's erste Äußerung als Befehl in der Form eines Imperativsatzes mißdeuten und C's sprachliche Reaktion als Unterwerfung bzw. Akzeptierung. Dabei liege hier eine Beendi-

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Linguistik des Gesprächs

gungsinitiative (closing initiation) durch Β vor - an anderer Stelle sprechen sie von Vor-Beendigung (pre-closing) und B's Zustimmung zu dieser Initiative (gut), wodurch die Beendigung des Gesprächs eingeleitet werde. (Was Schegloff und Sacks nicht erwähnen, ist, daß die Beendigungsinitiative seitens Β polyfunktional insofern ist, als sie Β z u g l e i c h erlaubt, seine leichte Verärgerung oder auch nur Enttäuschung durch eine sarkastische Redewendung (im Englischen „and collect some of that free food") abzureagieren. Die vorstehenden Ausführungen sollten am G e s p r ä c h s b e i s p i e l einsichtig machen, was man unter signifikanten Realitäten (nach Goffman) verstehen kann. Nun wird sich selbst eine so junge Wissenschaft wie die Gesprächsanalyse nicht mit Beispiel-Sammlungen zufrieden geben, sondern einen systematischen Zugang im Rahmen eines Theorieentwurfs suchen. „Aus sprachwissenschaftlicher Sicht" wäre dann zu bestimmen: wo Schwerpunkte zu setzen sind und demgemäß eine theoretische und/oder empirische Vertiefung zu erfolgen habe; wo sprachwissenschaftliche Forschungstraditionen angesprochen sind und der Anschluß an eine pragmatisch orientierte Sprachwissenschaft zu suchen ist. Ich werde versuchen, zunächst Probleme (nicht: die Probleme) zu benennen, die innerhalb eines gesprächsanalytischen Entwurfs zu behandeln sind. Daß diese Problemnennungen selbst wieder auf Theoriestücken der Gesprächsanalyse basieren und insofern Vorarbeiten für ein theoretisches Konzept sind, umschreibt nur die Tatsache, daß es keinem freigestellt ist, den Anfang einer Wissenschaft zu bestimmen (Problem des Prozeßobligats). Denjenigen Teilbereich einer gesprächsanalytischen Problematik, der im folgenden zur Debatte stehen soll, umschreibt Ungeheuer innerhalb seines kommunikationssemantischen Konzepts folgendermaßen: „Wie ist kommunikative interaktion als Sozialhandlung spezifischer struktur aufgebaut und nach welchen regularitäten ändert sich ihre abhängigkeit von gesellschaftlichen bedingungen?" (Ungeheuer 1974, S. 13).

Was hier „gesellschaftliche bedingungen" genannt wird, möchte ich z u n ä c h s t als kommunikativ-pragmatische Bedingungen begreifen, die ihrerseits auf gesellschaftliche Bedingungen - Wegener (1885, S. 27) spricht von der Cultursituation - zurückzuführen sind. Im weiteren möchte ich auf der Basis folgender Systematik argumentieren, die dann zunächst, sofern erklärungsbedürftig, zu kommentieren ist. Daran anschließend wird die besondere sprachwissenschaftliche Interessenlage zu formulieren sein. 1. „Gespräch als kommunikative Einheit" (kategoriale Bestimmung und Umfangsproblematik): Soziologie des Gesprächs (s.Kap. 1) 2. Organisationsstruktur des Gesprächs 2.1.Makrostrukturelle Elemente: Gesprächsteile (-stücke, -phasen) 2.1.1. Gesprächseröffnung 2.1.2. Gesprächsbeendigung 2.1.3. Gesprächs-„Mitte" (: Entfaltung des Hauptthemas und dessen Themateilen [Subthemen]) 2.1.4. Gesprächs-„Ränder" (: Nebenthemen, Episoden)

Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft

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2.2.Mediostrukturelle Elemente 2.2.1. Gesprächsschritt (turn) 2.2.2. Sprecher-Wechsel (turn-taking): Regeln der Gesprächsfolge (1) Selbstselektion (2) Gegenwärtiger wählt Nächsten (3) Gesprächsleiter wählt Nächsten 2.2.3. Gesprächsequenz(en) 2.2.4. Sprechakt/Hörverstehensakt 2.2.5. Gliederungssignale 2.2.6. Back-Channel-Behaviour 2.3.Mikrostrukturelle Elemente Sprechaktinterne Elemente: Satz, lexikalische, Laut- und prosodische Struktur 3. Handlungsplan und Motivstruktur 3.1. Sprecher, Hörer, Kollokutor: Bestimmung und Konstellationen 3.2.Interpunktion (Segmentierung) der Gesprächsabfolge seitens der Gesprächsteilnehmer (jeweils) 3.3.Gegenseitige Interpretation (partnertypische und situationsspezifische) der Gesprächsteilnehmer 3.4.Gesprächssteuerung: Aspekte der Handlungsplanung (Gesprächsstrategien) und -ausfuhrungen seitens der Gesprächsteilnehmer: Präsentation, Position, Argument

Der Verweis auf Kapitel 1 in Bezug auf Punkt 1 der vorstehenden Systematik erlaubt, sogleich den Punkt 2 zu kommentieren und zu problematisieren. Da Gesprächseröffnung und Gesprächsbeendigung relativ übersichtliche Strukturelemente des Gesprächs sind, haben sie - nach dem Prinzip: vom Einfachen zum Komplexeren (denk an Wittgensteins Reigenspiele als Sprachspiele) - eine eingehendere Untersuchung erfahren als die Gesprächsmitte und die -ränder. Schegloffs (1972) Untersuchung zur Telefon-Gesprächseröffnung und die von Schegloff & Sacks (1973) zur Gesprächsbeendigung stellen Leitstudien zu diesen Themen dar. Darüber hinaus ist auf Goffman (1974, S. 97-138) zu verweisen, der unter dem Begriff des Rituals diese Gesprächsstrukturen spezifischer erfaßt. Im deutschen Sprachbereich referieren neuerdings Berens (1976 „Dialogkonstituierung") und K.-H. Jäger (1976 „Beendigung von Dialogen") die Ergebnisse der Forschung, die sie durch Interpretation des eigenen Dialogcorpus zu erweitern und zu präzisieren suchen. Einsichtig wird auf der Basis der bisherigen Forschung, daß die Gesprächseröffnung und -beendigung s p e z i e l l e n Regeln der Sequenzierung folgt: So wird z.B. die abab etc. BasisRegel dialogischen Sprechens von Schegloff (1972) hinsichtlich einer Telefongesprächseröffnung dahingehend spezifiziert, daß von einer Aufforderung-Antwort-Sequenz (sequence of summons and answer) und demgemäß von einer Aufforderung-Antwort-Regel zu sprechen sei, die sich durch Unabgeschlossenheit (non-terminality) und NichtWiederholbarkeit (non repeatability) auszeichne, woraus spezifische Obligationen der Gesprächsteilnehmer für den weiteren Gesprächsverlauf resultieren. Wesentlich unübersichtlicher ist die Forschungslage hinsichtlich der Gesprächsmitte und -ränder. Hier ist u.a. auf Ungeheuer (1974a) zu verweisen, der die Ablaufstruktur (wiederum) eines Telefongesprächs darzustellen versucht und u.a. die Begriffe Paraphrase, Handlungszug, Phasen des Gesprächs (erste, zweite, dritte), Initiant und Akzeptant einführt. Die Analyse dieses Telefon-Beratungsgesprächs wird aufgenommen und weiterge-

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Linguistik des Gesprächs

führt von Schänk & Schoenthal (1976, S. 66-98. vgl. u.a.: „Zur Makrostruktur des Beratungsgesprächs", S. 30). Die im vorstehenden mehr hinsichtlich der Forschungslage referierten als problematisierten makrostrukturellen Gesprächsteile können eine zureichende Behandlung nur erfahren, sofern eine theoretisch abgesicherte Bestimmung mediostruktureller Elemente des Gesprächs vorliegt, deren Kommentierung und Erläuterung ich mich nunmehr zuwende. In schöner, die Erfahrung von Gesprächsteilnehmern einbeziehender Rede hat Goffman (1974) einen Gesprächsschritt bestimmt als „das, was ein Individuum tut und sagt, während es jeweils an der Reihe ist" (S. 201),

und er hat einen solchermaßen bestimmten Gesprächsschritt abgegrenzt von dem, was er einen rituellen Schritt nennt (den ich unter dem Begriff des Sprechakts mit behandeln werde). Für jedermann einsichtig ist, daß die Initiierung u n d Akzeptierung des Gesprächswechsels oder einfacher: des Sprecherwechsels zu den grundlegenden Obligationen derjenigen gehört, die sich in ein Gespräch einlassen. In diesem Bereich ist ein gewisser Schwerpunkt der Forschung zu konstatieren (z.B. Sacks/Schegloff/Jefferson 1974; Sacks 1971; Duncan Jr. 1974; Duncan Jr. 1972; Duncan/Niederehe 1974). Nur eine Bemerkung dazu an dieser Stelle: Jede gesprächsanalytische Konzeption greift zu kurz, die nicht prosodische und parasprachliche Mittel (verstanden als Gestik, Mimik, Blickkontakt usw.) in ihre Untersuchungen miteinbezieht (vgl. Argyle 1972, S. 104ff.). Unter dem Begriff Gesprächssequenz werden Gesprächsschritte mehrerer Gesprächspartner zu funktionellen Einheiten zusammengefaßt, für die die Eigenschaft der konditionalen Relevanz gelten soll: „When one utterance (A) is conditionally relevant on another (S), then the occurrence of S provides for the relevance of the occurrence of A " (Schegloff 1972a, S. 76).

So spricht Schegloff von der „SA sequence" („sequence of summons and answer") (s.o.), die konstitutiver Bestandteil einer Telefongesprächseröffnung ist und mit ihr identisch sein kann (aber nicht muß). Andere Gesprächssequenzen sind Äußerungspaare (Gesprächsschrittpaare) wie A: Tschüs! B: Tschüs!

innerhalb einer Gesprächsbeendigung, oder Frage-Antwort-Paare. Schegloff (1972a) arbeitet u.a. die Einfügungssequenz (insertion sequence) heraus, die innerhalb einer Frage-Antwort-Sequenz operiert: A: Β: A: B:

Are you coming tonight? Can I bring a guest? Sure. I'll be there. (Schegloff 1972a, S. 78)

Wie eingebettete Relativsatzkonstruktionen können also Frage (F)-Antwort (A)Paare (FA) zu Frage-Antwort-Paaren mit Einfügungssequenz erweitert werden:

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FFAA. Es liegt also eine Verkettung zweier Sequenzen vor. Diese sind im Prinzip beliebig zu erweitern, wobei die Beliebigkeit ihre Grenze im Verstehensvermögen (Gedächtniskapazität) der Gesprächspartner findet. (Den Zusammenhang von Einfugungssequenz und probeweisem Akzeptieren behandelt Wunderlich 1972, S. 27f.). (Zu einem weiteren Sequenztyp vgl. Jefferson, 1972.) Da Gesprächsschritte mit Sprechakten nicht notwendig zusammenfallen (s.o.), bedürfen letztere einer besonderen Erläuterung: Sprechakte bestimmen die Modalität der Gesprächskommunikation und sind Teile von Gesprächsschritten oder mit diesen identisch. Die jeweilige Modalität des kommunikativen Aktes a l s Gesprächsschritts oder i n n e r h a l b eines Gesprächsschritts resultiert aus der Bedeutung der aktualisierten und durch Situation und parasprachliche Mittel modifizierten Sprachzeichen. Die Sprachzeichenkette eines Sprechakts läßt sich im allgemeinen (s.u.) in Proposition (das Behauptete) und illokutiven Indikator differenzieren, der die kommunikative Kraft (und damit Funktion) des Sprechakts ausdrückt. Auf der Hörerseite entspricht dem Sprechakt ein Hörverstehensakt, in dessen inauditiver Kraft das aktualisierte Verstehensvermögen des Hörers sich ausdrückt (vgl. Henne 1975, S. 71-73). Die Spezifik der Illokution und Inaudition grenzt die Sprechakte in ihrer Typik gegeneinander ab. Goffmans Konzept des rituellen Schritts ( a l s Gesprächsschritt oder i n n e r h a l b eines Gesprächsschritts) ist Teil seiner Ritual-Theorie. „Interpersonelle Rituale" (Goffman 1974, S. 98) sind Handlungen, mit denen Personen z.B. Dankbarkeit, Respekt etc. bezeugen. Positive Rituale führen zu einem bestätigenden Austausch, negative Rituale zu einem korrektiven Austausch (Goffman 1974, S. 99). Rituelle Schritte sind Züge innerhalb interpersoneller Rituale. Ein ritueller Schritt fällt nicht notwendig mit einem Sprechakt zusammen, vielmehr kann ein ritueller Schritt aus mehreren Sprechakten bestehen. Am Beispiel (in leichter Abänderung eines Beispiels Goffmans, S. 200): A: Kann ich mal eben Ihr Telefon benutzen? Mein Vater ist sehr krank. B: Natürlich, bedienen Sie sich. A: Sehr freundlich. B: Schon gut.

Der erste rituelle Schritt von Α besteht aus zwei Sprechakten, dem einer Frage u n d einer Begründung. Während die folgenden rituellen Schritte mit jeweils einem Sprechakt zusammenfallen. Hinsichtlich der Gliederungssignale ist auf Beiträge deutscher Forschung zum Französischen (Gülich 1970) und zum Deutschen (Stellmacher 1972; Wackernagel-Jolles 1973) zu verweisen. Die Typik und Funktion dieser Gesprächselemente bzw. „Kontaktwörter" (z.B. nich,ja, na, wa, und so) muß vor allem auch auf den Sprecherwechsel u n d dessen Vorbereitung, Durchführung und Akzeptierung wie auch auf die Entwicklung der Thematik, der sozialen Beziehung der Gesprächspartner wie der Interpretation der medialen Komponente bezogen werden. In ähnlicher Weise dienen die Elemente des back-channel-behavior der Stabilisierung und Akzentuierung des Gesprächs. Duncan (1974) grenzt fünf Typen des back channel-behavior aus:

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Linguistik des Gesprächs

„(1) mhm, right, yes, exactly, I see etc.;(2) sentence completions; (3) request for clarification; (4) brief restatement; (5) head nods and shakes" (S. 166).

Diese Formen des back-channel-behavior sind Aktivitäten des (jeweiligen) Hörers. Sie sichern den Kontakt und stützen den Gesprächsverlauf. Innerhalb des back-channel-behavior werden kontaktbestätigende und den Gesprächsverlauf stützende Sprechakte seitens des Hörers ausgeführt (der somit per definitionem den Gesprächsschritt [turn] n i c h t hat). Es sind Sprechakte außerhalb des turn, bei denen eine Differenzierung in Proposition und illokutiven Indikator nicht ohne weiteres möglich ist. Somit ist aber eine Klasse von Sprechakten in dem Blick gekommen, deren Existenz die klassische Sprechakttheorie gänzlich unerwähnt ließ. Ich möchte sie gesprächsstrukturierende, d.h. den Gesprächsverlauf organisierende Sprechakte nennen. Sie sind e i n e r s e i t s als Aktivitäten des Sprechers auszuweisen: als gesprächsschritt-gliedernde Sprechakte („nun gut"; „das ist das eine"); als gesprächsschritt-behauptende Sprechakte („ich spreche jetzt"); (Intonation [Heben der Stimme]); als gesprächsschritt-übergebende oder anbietende Sprechakte (Namensnennung, „Bitte".); a n d e r e r s e i t s als Aktivitäten des Hörers: back-channel-behavior (s.o.); gesprächsschritt-beanspruchende Sprechakte des Hörers („ja aber ..."), die durch den Sprecher unterdrückt werden (vgl. Duncan 1972, 1973, 1974). Spezifisch für gesprächsstrukturierende Sprechakte ist, daß sie von parasprachlichen Mitteln begleitet (und damit gestützt) werden oder außersprachliche Mittel (z.B. Fingerzeig bei gesprächsschrittübergebendem ,,Sprech"-Akt) an deren Stelle treten können. Das, was man mikrostrukturelle Elemente eines Gesprächs nennen könnte, werde ich in den abschließenden Bemerkungen thematisieren. Unter Punkt 3 der Systematik werden die kommunikator- (kollokutor-) spezifischen Aspekte eines Gesprächs angesprochen, also solche, die in einer subjektspezifischen Interpretation der Kommunikationssituation ihre Basis haben. Gerade hinsichtlich der Schwierigkeiten, die die Sprechakttheorie mit dem Begriff des Sprechers hatte, halte ich eine der Kategorie Gespräch adäquate Bestimmung von Sprecher und Hörer einerseits und von Kommunikator bzw. Kollokutor (als Sprecher u n d Hörer) andererseits für bedeutsam. „A speaker is a participant who claims the speaking turn at any given moment. An auditor [...] is a participant who does not claim the speaking turn at any given moment" (Duncan, 1973, S. 23).

Daraus leitet Duncan für die Struktur eines Zweierdialogs vier mögliche Stadien der Interaktion ab, nämlich: (1) Sprecher - Hörer; (2) Hörer - Sprecher; (3) Sprecher - Sprecher; (4) Hörer - Hörer. Das zweite Stadium stellt lediglich eine Umkehrung des ersten dar, d.h. es ist die Transformation von Stadium (1) in (2) durch einen Sprecherwechsel. Stadium (3) resultiert daraus, daß beide Partner die Sprecherrolle beanspruchen. Die Aufrechterhaltung dieses Stadiums führt zu einem Zusammenbruch des Dialogs, gleichermaßen wie die Aufrechterhaltung des Stadiums (4), in dem die Partner sich weigern, die Sprecherrolle zu übernehmen. Diese Bestimmung von Sprecher und Hörer unterscheidet sich von der landläufigen insofern, als der Hörer (listener) „out of turn" (Yngve

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1970, S. 568) gleichfalls sprechen kann, nämlich im Rahmen dessen, was oben u.a. Back-Channel-Kommunikation genannt wurde. In einem Gespräch ist per definitionem (s. Kap. 1) Sprecherwechsel vorhergesehen. Das heißt: Sprecher und Hörer sind aufeinander bezogene (reflexiv koorientierte) Rollen in einem Gespräch, in dem es als Sprachsubjekte nur Kollokutoren als Gesprächspartner gibt. Die Redeweise vom aktuellen Sprecher (s. Berens u.a. 1976, passim) ist zumindest problematisch, da es keinen anderen als eben den aktuellen Sprecher (in einem Gespräch) gibt. Ich lasse Punkt 3.2 bis 3.4 unkommentiert. In der Entfaltung dieser Aspekte wäre das partner- und situationstaktische Programm und dessen Ausführung seitens der Gesprächspartner zu formulieren. Hier wäre die subjektive Komponente jedes Gesprächs aus der Sicht der Interaktionspartner einzubringen (vgl. insgesamt Bayer 1977; Schänk 1976, S. 44-68 und Schwitalla 1976, S. 78-98). Diskussionswürdig scheinen mir in diesem Zusammenhang die Begriffe „Argument", „Position", und „Präsentation", die Scheflen (1976) im Zusammenhang mit der Organisation der Körperhaltung in Kommunikationssystemen erläutert hat: „Argument" (point) sei die Einheit innerhalb einer Kommunikationssituation (wie therapeutische oder Seminarsitzung), die „ungefähr dem Vorbringen eines Arguments in einer Diskussion entspricht" (S. 231); eine Sequenz mehrerer „Argumente" bildet die Kommunikationseinheit „Position" (wie z.B. Frager oder Zuhörer oder Kritiker oder Schweiger in einer Seminarsitzung) (S. 233); die Gesamtheit der „Position" ergibt die „Präsentation", die u.a. durch vollständigen Ortswechsel abgegrenzt ist (S. 234). Scheflen geht es in erster Linie darum, die Bedeutung der Körperhaltung für Kommunikationssituationen zu erarbeiten. Mir scheinen seine in diesem Zusammenhang entwickelten Begriffe Argument, Position und Präsentation entwicklungsfähig, um den subjektiven Entwurf der Gesprächspartner ihrem objektiven Gesprächsbeitrag zu konfrontieren. Wenn man z.B. mit Yngve (1970) der Meinung ist, „that linguistics is the scientific study of h o w people use language to c o m m u n i c a t e " (S. 567),

dann erübrigt sich offensichtlich eine besondere „sprachwissenschaftliche Sicht", sofern man nur die Gewißheit hat, daß kein reduktiver Kommunikationsbegriff vorliegt (der z.B. die kognitive Funktion von Sprache negiert). Dennoch sei der Versuch gewagt, mit einigen wenigen abschließenden Bemerkungen eine sprachwissenschaftliche Sicht zu a k z e n t u i e r e n . (1) Die einzelsprachliche Linguistik ist aufgerufen, die spezifischen Bedingungen der Gesprächskommunikation darzustellen. „Spezifisch" ist hier in einem zweifachen Sinn verwendet insofern, als a) der e i n z e 1 sprachliche Aufbau von Gesprächen zur Debatte steht; b) die soziokulturelle Komplexität der Gesprächsführung herausgearbeitet werden muß. Welche speziellen Strategien des Sprecherwechsels gibt es im Deutschen verglichen mit anderen europäischen und nichtindoeuropäischen Sprachen? Wie unterscheidet sich der Sprecherwechsel im funktionsspezifisch und schichtenspezifisch differenten Gesprä-

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Linguistik des Gesprächs

chen bzw. Gesprächsbereichen (vgl. Kap. 1)? Diese Fragen können für alle Unterpunkte des Punktes 2 der vorstehenden Systematik: „Organisationsstruktur des Gesprächs" durchgespielt werden. Zu erarbeiten ist eine Hierachie dieser Probleme hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit für das Sprachenlernen und das Erlernen der Fähigkeit, funktionell bestimmte Gespräche zu fuhren. (2) Die einzelsprachliche Linguistik ist aufgerufen, sich des Register- und Repertoire-Problems unter gesprächsanalytischem Aspekt anzunehmen (wobei Repertoire der individuelle Aspekt von Register sein soll). Welche Konstitution haben (situativ und inhaltlich bestimmte) Gesprächsregister und -repertoires in der deutschen Standardsprache? Zumindest erstaunlich ist es z.B., daß in der Germanistik das Register und Repertoire standardsprachlicher Back-ChannelKommunikation zwar nicht unbekannt, aber doch in seiner Vielfalt nicht präsent ist. Man versuche einmal, ein deutsches Wörterbuch aufzuschlagen, um insgesamt Aufschluß über diese Fragen zu bekommen. Doch nicht nur deutsche Wörterbücher sind hinsichtlich dieser Fragen relativ unergiebig, auch ein deutsches „Gesprächsbuch für Ausländer" (Barsch 1969) führt Dialoge vor, in denen ohne Back-Channel-Elemente kommuniziert wird mit einem Minimum an Gliederungssignalen. Der Repertoire-Aspekt begreift auch ein eine Analyse der Gesprächstypen und Gesprächsstrategien hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Beherrschung durch Gesprächsteilnehmer. (3) Die einzelsprachliche Linguistik ist aufgerufen, die interne Struktur von Sprechakten (und Hörverstehensakten) wie von Gesprächsschritten, also die Satz-, lexikalische und prosodische Struktur wiederum hinsichtlich der soziokulturell bedingten Vielfalt der Gespräche darzustellen. Wenn Sacks (1971) hinsichtlich des Sprecherwechsels im Rahmen von Selbstselektion von einer Satzbildungsregel spricht, „nach der, grob gesprochen, jedes Ende eines nächsten Satzes als Gelegenheit zum Übergang auf einen anderen Sprecher dienen kann" (S. 308), dann erlangt das altehrwürdige Problem der Linguistik: „Was ist ein Satz?" (Seidel 1935) eine neue pragmatische Dimension. Offensichtlich ist der Begriff des Satzes a u c h unter pragmatischen Gesichtspunkten unentbehrlich. Aber auch in bezug auf den Wortschatz ist eine gesprächsspezifische Betrachtung notwendig, die zu untersuchen hat, inwieweit das lexikalische Inventar kommunikationsschematisch - und das heißt auch: gesprächsstrategisch gestuft ist (vgl. Blume 1976). Die Ausarbeitung (anspruchsvoller: die theoretische Entfaltung) dieser Aspekte halte ich für einen Beitrag zur mikrostrukturellen Organisation des Gesprächs. (4) Die einzelsprachliche Linguistik ist aufgerufen, die Varianz der Ges p r ä c h s t e x t e in Abhängigkeit von den sozialen und Situationellen Bedingungen ihrer Produktion u n d Rezeption aufzuzeigen. Dieses bedeutet, daß die einzelsprachliche Linguistik Gesprächstextstrukturen herausarbeitet; diese aber gerade nicht von den Handlungszusammenhängen löst, die doch erst durch Sprache gestiftet werden. Das soll heißen: Wenn der Ausgangspunkt auch der Gesprächstext ist und dessen kohärentielle, referentielle und konsequentielle Aspekte, so ist das Ziel der Beschreibung doch die Verbindlichkeit der Sprache:

Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft „Der Begriff der Sprache l i e g t S. 193).

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im Begriff der Verständigung" (Wittgenstein 1973,

(5) Die einzelsprachliche Linguistik ist aufgerufen, im Zuge einer Pragmatisierung sprachwissenschaftlicher Probleme der Sprachgeschichte, hier der deutschen, neue Einsichten zu vermitteln: „Und diese Mannigfaltigkeit (der Sprachspiele) ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andere veralten und werden vergessen" (Wittgenstein 1971, S. 24).

Nicht Wörter und Wendungen als solche wandeln sich, sondern der Gebrauch, den Menschen in Gesprächen davon machen, die sich wandelnden und damit unterschiedlichen gesellschaftlichen und kommunikativ-pragmatischen Bedingungen unterliegen. In Stichworten: einzelsprachliche und varietätenspezifische Gesprächsstrukturen; Register- und Repertoirekonstitution von Gesprächen; lexikalische, prosodische und satzsyntaktische Organisation von Gesprächen; strukturelle Gesprächstextanalyse unter Produktions- u n d Rezeptionsbedingungen; Rekonstruktion und Interpretation historischer Gesprächstexte - der Fragen sind (zu) viele. Sie sollen Antworten (oder auch wiederum nur Fragen) provozieren.

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Gesprächswörter Für eine Erweiterung der Wortarten

In Wörterbüchern werden Wörter gesammelt und erklärt. Die Sammlung der Wörter erfolgt aufgrund von Kriterien, die sich aus einer spezifischen lexikographischen Konzeption und Thematik herleiten. Im Normalfall schließt eine solche Konzeption - z.B. die eines interdisziplinären Wörterbuchs - nicht Wörter deshalb aus, weil sie besonderen Wortarten angehören. Im Gegenteil: Die Lexikographen sind zumeist bemüht, möglichst vollständig die jeweilige Wortart und deren Extension zu erfassen. Eine Wortart wird im folgenden als eine (einzelsprachliche) Klasse von Wortzeichen aufgefaßt, die sich jeweils durch spezifische Form- und Funktionsmerkmale auszeichnen. Das Thema „Klassifikation der deutschen Wortarten" (W. Schmidt 1973, 57-81) ist unerschöpflich. Wenn ich im folgenden von dieser Unerschöpflichkeit profitiere, so doch nicht in einem traditionellen Sinne, der lediglich darauf aus ist, eine Umsortierung der Wortarten vorzunehmen; vielmehr werde ich mich bemühen, eine - im Sinne meines Themas - Artenerweiterung vorzunehmen. Zu diesem Zweck scheint es mir empfehlenswert zu sein, sich an vorhandene Klassifizierungen anzulehnen, z.B. an folgende: „Eine Unterscheidung allein auf Grund von morphologischen Merkmalen erlaubt eine Gliederung des Wortbestandes in folgende Gruppen: Flektierbare, nämlich Konjugierbare (Wörter mit Tempusformen) und Deklinierbare (Wörter mit Kasusformen), und Unflektierbare. Die Gruppe der Konjugierbaren bildet eine selbständige Wortart: die V e r b e n . Die Deklinierbaren gliedert man auf Grund weiterer Merkmale in drei Wortarten: S u b s t a n t i v e können einen Artikel zu sich nehmen, A d j e k t i v e können Komparationsformen bilden, und die restlichen Wörter mit Kasusformen werden als P r o n o m e n zusammengefaßt. Die Unflektierbaren (= Partikeln) lassen sich nach morphologischen Merkmalen nicht weiter aufgliedern. Sie unterscheiden sich nach syntaktischen Merkmalen: Partikeln mit Satzgliedwert (oder Gliedteilwert) erfaßt man als A d v e r b e n , Partikeln ohne Satzgliedwert (oder Gliedteilwert), jedoch mit Kasusforderung nennt man P r ä p o s i t i o n e n , solche ohne Satzgliedwert (oder Gliedteilwert) und ohne Kasusforderung bestimmt man als K o n j unktionen. Die I n t e r j e k t i o n e n sind formal unbestimmt; sie bilden keine Wortart im eigentlichen Sinne. Man erfaßt unter dieser Bezeichnung Ausruf- und Empfindungswörter, die als relativ selbständige satzwertige Elemente nicht unmittelbar zum Satz gehören." (Flämig in: Die deutsche Sprache 1970, 834fi).

Dieser Entwurf einer Wortarten-Klassifikation ist im wesentlichen identisch mit dem Entwurf einer „Subklassifizierung in Wortklassen" in der „Skizze der deutschen Grammatik" von 1972. Ich werde im folgenden nicht die Konsequenzen diskutieren, die sich daraus ergeben, daß im Rahmen der zitierten Konzeption u.a. die Artikel den Pronomina (als „Begleiter" anderer Wortarten) (Flämig 1970, 890) und die Numeralia den Adjektiven (Flämig 1970, 884) zugeordnet

Gesprächswörter

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werden. Vielmehr werde ich lediglich die Sub-Klassifizierung der P a r t i k e l n und die Bestimmung der Wortart I n t e r j e k t i o n zur Diskussion stellen. Partikeln im Sinne des hier zitierten Entwurfs sind eher eine „Sammelwortart" (Flämig 1970, 897), die nach syntaktischen Kriterien in weitere „Funktionsgruppen" (ebd.) oder Funktionsklassen zu unterteilen ist. Unproblematisch, weil nach Anzahl und Funktion relativ gut überschaubar, sind die Funktionsklasse Präposition und die Funktionsklasse Konjunktion, die von Erben (1972, 189) und Schmidt (1973, 76) unter dem Begriff „Fügewort" zusammengefaßt werden. Problematisch ist hingegen die Funktionsklasse Adverb. Die Problematik ergibt sich schon aus der Vielzahl der Versuche, diese Funktionsklasse weiter zu differenzieren. Ich erwähne nur den Entwurf Admonis (1966), der aus der Funktionsklasse Adverb u.a. die Wortart „Modalwort" und „Partikel" (im engeren Sinn) aussondert und verweise auf Schmidt (1973, 57-81), der über Admonis Klassifikationsentwürfe hinaus auch die Entwürfe der antiken Grammatik, sowie die von L. Sütterlin, H. Glinz, J. Erben, M. Regula darstellt (und anschließend seinen eigenen Entwurf präsentiert). Referieren möchte ich hingegen die Forschungen von H. Weydt (1969) und (1977), weil dessen Arbeiten am weitesten in eine kommunikativ-pragmatische Richtung weisen, in die ich, im Rahmen meines Erweiterungsvorschlages, weitergehen werde. Weydt sondert aus der Funktionsklasse Adverb die Funktionsklasse „Abtönungspartikeln" heraus, die folgendermaßen bestimmt ist: „Abtönungspartikeln a) sind unflektierbar, b) dienen dazu, die Stellung des Sprechers zum Gesagten zu kennzeichnen, c) können nicht in gleicher Bedeutung eine Antwort auf eine Frage bilden, d) können nicht die erste Stelle im Satz einnehmen, e) beziehen sich auf den ganzen Satz, f) sind unbetont [...], g) sind im Satz integriert, h) dieselben Lautkörper haben, anders akzentuiert oder in anderer syntaktischer Stellung, mindestens noch eine andere Bedeutung und gehören dann anderen Funktionsklassen an." (Weydt 1977, 218)

Beispiele Weydts sind etwa: „Das war aber ein Fest! Das war vielleicht ein Fest! Das war ja ein Fest!" (1969, 30), wobei im ersten Fall die Überraschung des Sprechers, im zweiten Fall der Überzeugungswille des Sprechers, im dritten Fall die vom Sprecher mit dem Hörer vorausgesetzte Einmütigkeit jeweils akzentuiert ist (ebd., 31). Daß Abtönungspartikeln in anderen Teilbedeutungen anderen Funktionsklassen zuzurechnen sind, macht folgende Gegenüberstellung deutlich: „In abtönender Funktion

In nicht-abtönender Funktion:

Er kommt schon, (zuversichtlich). Ich habe vielleicht Hunger!

Schon kommt er. Vielleicht habe ich Hunger." (Weydt 1969, 60)

Nimmt man Weydts Abtönungspartikeln als eigene Funktionsklasse an (ein konkurrierender Entwurf, der aber in die gleiche Richtung weist, stammt von Krivonosow [1977], der von Modalpartikeln spricht), so ergäbe sich folgende Ordnung der Funktionsklassen der Sammelwortart Partikel: K o n j u n k t i o n , P r ä p o s i t i o n , A d v e r b , A b t ö n u n g s p a r t i k e l . Es ist meiner Ansicht nach einleuchtend, daß die Restklasse Adverb innerhalb dieser Ordnung weiterhin

266

Linguistik des Gesprächs

diffus ist. Heibig (1977, 31) unterscheidet deshalb Adverbien (Er hat gut gespielt), Modalwörter (Sie gehen besser gleich nach Hause) und „Partikeln im engeren Sinne" [= Abtönungspartikeln] (Er schnarcht vielleicht), wobei Heibig, angezeigt schon durch seinen Terminus „Partikeln im engeren Sinne", die Konzeption: Sammelwortart Partikel und Unterteilung in spezifische Funktionsklassen insgesamt ablehnt. Ich werde das an dieser Stelle deshalb nicht diskutieren, weil es mir - wie oben betont - nicht um Neuordnung, sondern um Erweiterung geht. Aus der vorstehenden Ordnung fallen die I n t e r j e k t i o n e n (Beispiele: ei, hopsa, o, oweh, ach, ih, peng) deshalb heraus, weil sie nicht in den grammatischen Zusammenhang eines Satzes eingeordnet sind, und deshalb zuweilen Zweifel an dem Status der Interjektionen als Wortart angemeldet werden. So z.B. von Flämig (1970, 907) wie auch von Erben (1968, 44), der Interjektionen als „satzwertig, doch keineswegs satzfähig" charakterisiert und darüber hinaus bemerkt: „Sie (Interjektionen) kommen in Fachtexten fast nicht vor, im Gespräch dagegen sind sie von beträchtlicher Frequenz" (Erben 1972, 61). In gleicher Weise charakterisiert die Duden-Grammatik (1973, 339) Interjektionen als „Wörter des Gesprächs". Wenn also Interjektionen als gesprächsspezifisch bezeichnet und als satzzusammenhang-unabhängig und zugleich satzwertig (oder satzassoziiert) dem Ensemble der übrigen Wortarten zugerechnet werden, dann ist es an der Zeit, der Interjektion diejenigen Wortarten oder auch nur Funktionsklassen zuzugesellen, die gleichfalls gesprächsspezifisch und hinsichtlich der Satzzusammenhangunabhängigkeit und Satzwertigkeit ähnliche Eigenschaften wie die Interjektion aufweisen. Ich möchte in diesem Fall von R ü c k m e l d u n g s p a r t i k e l n und G l i e d e r u n g s p a r t i k e l n sprechen. Zunächst zu den Rückmeldungspartikeln. Als Rückmeldungspartikel sollen jene lexikalisch relevanten Rückmeldungssignale gelten, die im Gespräch als Aktivitäten desjenigen ausgewiesen sind, der nicht der jeweilige Sprecher, vielmehr der Angesprochene und Zuhörer ist. Die „conversational analysis" (u.a. Duncan 1974, vgl. Henne 1978) spricht hier von „back-channel-behavior", das ich mit „Rückmeldungsverhalten" übersetzen möchte. Mit z.B. hm, richtig, genau, ja, bitte bekundet der Angesprochene und Zuhörer seine Gesprächsbereitschaft. Er stabilisiert das Gespräch, indem er durch diese Rückmeldung seine Aufmerksamkeit, Skepsis oder Zustimmung (oder was dazwischen liegt) signalisiert. (Daß es noch andere Formen des Rückmeldungsverhaltens, wie z.B. Satzvollendung und Kopfnicken gibt, soll hier nur erwähnt werden.) Per defmitionem stehen die Rückmeldungspartikel außerhalb eines internen Satzzusammenhanges, wobei sie zugleich im Sinne Erbens als satzwertig zu bezeichnen sind. In einem mir im Tonbandmitschnitt vorliegenden 8-minütigen Verkaufsgespräch zwischen einer Studentin als Kundin (K) und der Verkäuferin (V) in einem Porzellanfachgeschäft werden in der ersten Minute des Gesprächs folgende Rückmeldungspartikel aktualisiert: fa-a' (K); ja-a' (K); ja-a' (K); ja-a' (K );jA:' (V); ja(V); '(V).

jA" (V); ja' (V); mm" jawoll

Gesprächswörter

267

(Die Notationssymbole sind folgendermaßen zu lesen: - zweigipfelig; ' hoch und leicht steigend; " hoch und stark steigend; : Dehnung; Großbuchstabe (A) einfache Betonung.)

Insgesamt kann man hier zwei rollenspezifische Jas als Rückmeldungspartikeln unterscheiden: Das der Kundin (Studentin), das eine gemäßigte Aufmerksamkeit und Zustimmung signalisiert, und das der Verkäuferin, das eine gespannte Aufmerksamkeit und erhöhte Zustimmung ausdrücken soll, die einen vorläufigen Höhepunkt in dem ungewöhnlichen mm" jawoll findet: Die Rolle einer Verkäuferin und einer Kundin hat jeweils auch sprachliche Konsequenzen, die selbst in Rückmeldungspartikeln ihren Niederschlag finden. Als Gliederungspartikeln sollen jene lexikalisch relevanten Gliederungssignale gelten, mit denen Sprecher ihre Gesprächsschritte gliedern und z u g l e i c h Kontakt, Aufmerksamkeit und Zustimmung erheischen (Wackernagel-Jolles 1973, Stellmacher 1972). Im Rahmen eines Beitrages, der wortarten-problematisch orientiert ist, macht Heibig (1977, 35) zumindest auf diese Funktionsklasse aufmerksam, schließt sie aber aus seiner weiteren Betrachtung ausdrücklich aus. Die Funktion dieser Gliederungspartikeln (z.B. nich, nicht, net, ja, wa, gell, woll) muß im Zusammenhang mit der Vorbereitung, Durchführung und gegenseitigen Akzeptierung der Thematik, der sozialen Beziehung der Gesprächspartner und der Vorbereitung des Sprecherwechsels gesehen werden. Gliederungspartikeln stehen außerhalb (und zwar am Anfang oder Ende) des jeweiligen Satzzusammenhangs, den sie in den angegebenen Funktionen einoder ausleiten und dem sie assoziiert sind. In dem mir vorliegenden und oben erwähnten Verkaufsgespräch werden als Gliederungssignale ja (in verschiedenen Versionen), ne, nich und nech aktualisiert. Die Kotexte sind etwa: (1) V. [...] das is eineporzellA:n' service auf kerAmikgespritzt' jA'. [...] (2) V. [...] grAde weil sies auch zum frühstück erwähnt—η n e " isses doch etwas helEh-nd [...]

lUstiges

Τη (1) setzt die Verkäuferin mit der Gliederungspartikel jA' einen gliedernden Akzent, mit dem sie Aufmerksamkeit erbittet für ihre an dieser Stelle relativ fachsprachlich formulierten Ausführungen. In (2) bezieht sich die Verkäuferin auf vorige Äußerungen der Kundin. Die Gliederungspartikel ne" hat hier die Funktion, die Erwähnung als Erwähnung zu unterstreichen und damit auch die Bereitschaft, auf die Wünsche und Vorstellungen der Kundin einzugehen. In dem ganzen Gespräch kommt nur eine Interjektion vor, die die Verkäuferin als Ausdruck des Erstaunens äußert: [...] Oh nEIn schon geÄndert [...]. Mit diesem Hinweis kann die Bedeutung der Gliederungs- und Rückmeldungspartikeln relativ zu Interjektionen unterstrichen werden. Ich möchte nun vorschlagen, Gliederungspartikeln, Rückmeldungspartikeln und Interjektionen j e w e i 1 s als Funktionsklassen der Wortart G e s p r ä c h s w o r t aufzufassen. D.h.: Die einerseits ähnlichen Eigenschaften in syntaktischer Hinsicht (Rückmeldungspartikel: satzwertig und satzzusammenhang-unabhängig; Gliederungspartikel: satzzusammenhang-unabhängig und satz-assoziiert; Interjektion: satzzusammenhang-unabhängig und satzwertig o d e r satzassoziiert) rechtfertigen es, von einer Wortart: G e s p r ä c h s w o r t zu sprechen; die

268

Linguistik des Gesprächs

andererseits klar unterschiedenen Funktionen im Gespräch (s.o. S. 45) legen es nahe, von drei Funktionsklassen: G l i e d e r u n g s p a r t i k e l , R ü c k m e l d u n g s p a r t i k e l , I n t e r j e k t i o n zu sprechen. Damit sind den Lexikographen, zumindest denjenigen, die gegenwartsbezogene Wörterbücher schreiben, neue und zusätzliche Aufgaben aufgegeben (die sie z.T. schon in Angriff genommen haben: vgl. z.B. Das große Wörterbuch der dt. Sprache. Bd. 3. 1977, 1371f. und das Wörterbuch der dt. Gegenwartssprache. Bd. 3. 1970, 1982 [Lemma ja]). Wenn man bedenkt, daß z.B. ja den Funktionsklassen Adverb, Abtönungspartikel, Gliederungspartikel und Rückmeldungspartikel zuzurechnen ist, wird man die besondere Schwierigkeit dieser Aufgabe ermessen. Erfahrene Lexikographen wußten seit je um die Schwierigkeiten der Partikel-Lexikographie. Einer von ihnen schreibt unter dem Lemma nur. „[...] denn wer kann alle Bedeutungen der Partikeln einer lebendigen Sprache mit allen ihren Schattirungen und Nebenbegriffen aufzählen und mit andern gleichbedeutenden Ausdrücken erschöpfen"?

Literatur H. Blume, D. Cherubim, G. Objartel, H. Rehbock danke ich für kritische Lektüre und Hinweise. Admoni, Wladimir: Der deutsche Sprachbau. 2. Aufl. Moskau 1966. Duden, Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Bearbeitet von P. Grebe unter Mitwirkung von H. Gipper, M. Mangold, W. Mentrup und Ch. Winkler. 3. Aufl. Mannheim [usw.] 1973 (= Duden Bd. 4). Duncan, Starkey Jr.: On the structure of speaker-auditor interaction during speaking turns. In: Language in Society 3. 1974, 161-180. Erben, Johannes: Deutsche Grammatik, Ein Abriß. München 1972. Erben, Johannes: Deutsche Grammatik. Ein Leitfaden. Frankfurt/M. 1968. [Flämig, Walter]: Grundzüge der neuhochdeutschen Grammatik. In: Die deutsche Sprache. Bd. 2. Leipzig 1970, 834-907 (= Kleine Enzyklopädie). Heibig, Gerhard: Partikeln als illokutive Indikatoren im Dialog. In: Deutsch als Fremdsprache 14.1977 (H.1), 30-44. Henne, Helmut: Gesprächsanalyse - Aspekte einer pragmatischen Sprachwissenschaft. In: D. Wegner (Hrsg.), Gesprächsanalysen. Hamburg 1978, 66-91 (= Forschungsberichte des IKP. 65-1). Krivonosow, Α.: Die modalen Partikeln in der deutschen Gegenwartssprache. Göppingen 1977 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 214). Schmidt, Wilhelm: Grundfragen der deutschen Grammatik. Eine Einführung in die funktionale Sprachlehre. Berlin 1973. Skizze der deutschen Grammatik. Leitung: W. Flämig. Berlin 1972. Stellmacher, Dieter: Gliederungssignale in der gesprochenen Sprache. In: Germanistische Linguistik 4/1972, 518-530. Weydt, Harald: Abtönungspartikel. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen. Bad Homburg [usw.] 1969 (= Linguistica et Litteraria. 4). Weydt, Harald: Nachwort. Ungelöst und strittig. In: H. Weydt (Hrsg.), Aspekte der Modalpartikeln. Studien zur deutschen Abtönung. Tübingen 1977 (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, 23).

Gesprächswörter

269

Wackernagel-Jolles, Β.: Nee, also, Mensch, weißt du ... Zur Funktion der Gliederungssignale in der gesprochenen Sprache. In: B. Wackemagel-Jolles (Hrsg.), Aspekte der gesprochenen Sprache. Deskriptions- und Quantifizierungsprobleme. Göppingen 1973, 159-182 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. 92).

Die Rolle des Hörers im Gespräch1 1. Zur Entwicklung der Linguistik und der Kategorie „Hörer" Die Hörer befinden sich im Auf- und die Leser im Abwind - zumindest bei der Deutschen Bundespost; denn die Gelegenheit, dem erwünschten oder unerwünschten Gesprächspartner am Telefon zu lauschen und seine fernmündlichen Äußerungen mit hm, ja, genau, mir auch zu stützen oder durch Schweigen zu unterbrechen, wird immer wohlfeiler. Tmmer teurer hingegen wird der Transport einer schriftlichen Mitteilung und somit die Möglichkeit, Briefe des gleichfalls erwünschten oder unerwünschten Partners in Ruhe lesen und zur Kenntnis nehmen zu können. Es ist, als ob die Post den Uralt-Topos erst jetzt zu würdigen beginnt, daß nämlich ein Brief die Stelle eines Gesprächs nur vertrete. 2 Wie dem auch sei: Der Hörer hat Konjunktur. Er ist, so scheint mir, eine umworbene Gestalt. Ich setze dieses Werben fort und mache den Hörer, etwas lieblos vielleicht, zur wissenschaftlichen Kategorie. Auch diese ist nicht ganz so neu, wie einige meinen könnten. Selbst in der modernen Linguistik ist sie von Anfang an präsent, z.B. bei Ferdinand de Saussure. Hier heißt der Hörer „die andere Person" (frz.: „Γautre sujet"). de Saussure führt „die andere Person" ein im Zusammenhang mit seinem „Kreislauf des Sprechens", einem Modell, das der Identifizierung des Gegenstandes der Sprachwissenschaft dient und zugleich die Plausibilität der Kategorien langage, langue und parole sichern soll. Der Kreislauf des Sprechens läßt sich nach de Saussure u.a. in einen „aktiven und einen passiven Teil" differenzieren: „aktiv ist alles, was vom Assoziationszentrum der einen [Person] zum Ohr der andern Person geht, und passiv alles, was vom Ohr der letzteren zu ihrem Assoziationszentrum geht". 3 Tullio de Mauro beeilt sich, in einer Anmerkung innerhalb der von ihm veranstalteten kritischen Ausgabe 1972 hinzuzufügen, daß heutzutage weithin bekannt sei, daß das Hören weit mehr als ein einfacher rezeptiver Mechanismus sei („un simple mecanisme receptif'). 4 Die aktive Rolle des Hörers hatte sehr frühzeitig, nämlich 1927, Karl Bühler beschrieben, der „Kundgabe und Kundnahme" als „korrelative Begriffe" einführte und konsequenterweise von „gegenseitiger Steuerung" von Zeichengeber und Zeichenempfänger innerhalb eines „Gemeinschaftsakts"

Aus meiner Vorlage zum Symposium („Probleme einer Gesprächstheorie"), die z.T. in die „Einführung in die Gesprächsanalyse" (von Henne/Rehbock) übernommen wurde, habe ich ein spezifisches Problem herausgegriffen und eingehender behandelt. Den Teilnehmern des Lunder Symposiums danke ich für viele Anregungen, den Mitgliedern des Germanistischen Seminars in Heidelberg, wo ich diesen Text im Februar 1979 vorgetragen habe, für weiterführende Fragen und Beiträge. Wichtige Hinweise verdanke ich einer engagierten Diskussion mit H. Rehbock. 2

J 4

Vgl. Brüggemann (1971, 145), der Geliert zitiert: „Ein Brief ist kein ordentliches Gespräch; es wird also in einem Briefe nicht alles erlaubt seyn, was im Umgange erlaubt ist." de Saussure (1967, 15). de Mauro (1972, 419).

Die Rolle des Hörers im Gespräch

271

sprach; darüber hinaus für flüchtige Leser eindeutig hinzufügte: „Der Verstehende ist aktiv, er streckt seine Fühler aus und die Fühler begegnen einer fremden Aktivität". 5 Doch die sprachlichen Konsequenzen dieser „Fühler des Hörers", die sprachlichen Konsequenzen dieser Höreraktivitäten kamen erst in der amerikanischen Interaktionsforschung an das wissenschaftliche Tageslicht. Der aktive Hörer fand erst Eingang in die Linguistik, als seine Aktivität auf den wissenschaftlichen Begriff gebracht wurde. Dieser heißt back-channel-behavior und wurde von Yngve 1970 in die Diskussion eingebracht. 6 Doch back-channelbehavior, das man mit Rückmeldungsverhalten übersetzen kann, ist nur derjenige Terminus, der sich durchgesetzt hat. Vor Yngve hat C. C. Fries im Jahre 1952 auf der Basis der Analyse eines Corpus von Telefongesprächen von Signalen des Hörers gesprochen, z.B. yes, yeah', I see', good', oh', yes, I know, that's right, fine, mit denen dieser dem Sprecher seine Aufmerksamkeit bezeugt. Er nannte sie „signals of continued attention". 7 Darüber hinaus sind „accompaniment signals" und „listener's response" Termini anderer Forscher, die die Aktivitäten des Hörers auf den Begriff und - variierenden - Terminus zu bringen suchten.8 Einzuholen und differenziert zu beschreiben war die Rolle des Hörers nur auf der Basis einer empirischen und corpusfundierten Sprachwissenschaft das zumindest lehrt die Geschichte der wissenschaftlichen Entfaltung der Kategorie Hörer.

2. Neubestimmung des Hörers in der Gesprächsanalyse Tn der gegenwärtigen Situation bezieht man sich zumeist auf die Forschungsergebnisse von Starkey Duncan jr., die dieser in den Jahren 1972 bis 1977 zum back-channel-behavior veröffentlicht hat. 9 Seine Ergebnisse basieren auf der Analyse von Zwei-Personen-Gesprächen, die Duncan mit einer Videokamera aufgenommen hat. 10 Zu gewissen Teilen setze ich seine Ergebnisse voraus und verweise außerdem auf inzwischen erschienene Literatur.11

5 6 7 8

' 10

"

Bühler (1978, 50, 96) (die erste Auflage erschien 1927). Yngve (1970). Fries (1952, 49). Kendon (1967) („accompaniment signals"); Dittmann und Llewellyn (1967) („listener's response"); cf. Duncan jr. and Fiske (1977, 201); Schank/Schoenthal (1976, 89f.) sprechen von „Hörersignal". Duncan (1972; 1973; 1974); Duncan and Fiske (1977). Vgl. Duncan (1973, 30). Henne/Rehbock (1979, 26ff.; 176-181); Kallmeyer/Schütze (1976, Iff.).

272 2.1.

Linguistik des Gesprächs Das Sprechen außerhalb des

Gesprächsschritts

Schon Harvey Sacks (1972) korrigierte die Regel: „One speaker at a time" 12 dahingehend, daß es sehr wohl nicht-krisenhafte Gesprächsteile gibt, in denen simultan gesprochen wird. Dieses simultane Sprechen ist von simultanen turns, also simultanen Gesprächsschritten, zu unterscheiden, bei denen beide Gesprächspartner den Gesprächsschritt beanspruchen. 13 Es gibt in der empirischen Gesprächsforschung eine opinio communis, daß es intermittierende sprachliche Aktivitäten, eben back-channel-behavior desjenigen gibt, der den Gesprächsschritt nicht hat. Diese Aktivitäten sind „out of turn", außerhalb des Gesprächsschritts und als Rück-Meldung deshalb zu bezeichnen, weil sich der Rückmelder auf die Meldung des Gesprächsschrittinhabers bezieht. 14 Sofern beide Gesprächspartner - wenn auch mit unterschiedlicher Dauer und Intensität - simultan sprechen, müßte die traditionelle Bezeichnung Sprecher hie und Hörer da aufgegeben werden zugunsten der sicherlich zu umständlichen Turn-lnhaber und Turn-Nicht-Inhaber (bzw. deren deutschen Entsprechungen). Ich belasse es vorläufig bei dem eingeführten Sprecher- und Hörer-Begriff, muß aber darauf insistieren, daß künftig mit dem Begriff des Hörers im Gespräch sprachliches und nichtsprachliches Rückmeldungsverhalten verbunden wird. Dabei erweist sich, daß Sprecher und Hörer jeweils Rollen sind, die den „interaktiven" Aspekt des Gesprächs betreffen. 13 Die wechselseitige Aufgabenverteilung in bezug auf die Sprecher- und Hörerrolle ist Teil der speziellen Situationsdefinition durch die Gesprächspartner. Aufgabe des Sprechers ist es, das Gespräch zu fuhren, d.h. aktiv durch sprachliche Aktionen auf- und abzubauen durch Bestimmung der Beziehungsstrukturen und Entwicklung der thematischen und Verlaufsaspekte des Gesprächs. Aufgabe des Hörers ist es, die Führung des Gesprächs aktiv durch sprachliche und nichtsprachliche Re-Aktionen, eben durch Rückmeldungsverhalten, zu begleiten und damit zu kontrollieren. Erst das Zusammenspiel von sprachlicher Handlung (als sprachlicher Aktion) und sprachlicher und/oder nichtsprachlicher" Begleit-Handlung (als Re-Aktion) garantieren das, was Bühler „gegenseitige Steuerung" und „Gemeinschaftsakt" der Zeichengeber und Zeichenempfänger nennt.

12 13 14

15

Sacks (1972, 13). Vgl. Henne/Rehbock (1979, 177f.). Henne/Rehbock (1979, 26); Jost (1979, 54f.); dieser arbeitet a.a.O., 44f., die dreifache Form der - systemtheoretisch und kybernetisch gesehenen - Rückkoppelung heraus: „1: die interne Rückkoppelung als systeminterner Nachrichtenfluß, entscheidend für die Steuerung motorischer Abläufe; 2: die äußere Rückkoppelung über den partiellen Empfang der eigenen effektorischen Leistung, entscheidend für die Selbstwahrnehmung; 3: die äußere Rückkoppelung über ,Antwort-' bzw. ,Kommentarverhalten' des bzw. der Interaktionspartner(s), entscheidend für die Realisierung und Feinabstimmung interaktiver Verhaltenspläne und damit für die soziale Anpassung". Jost (1979, 52).

Die Rolle des Hörers im Gespräch

2.2.

273

Die unterschiedlichen Leistungen des Hörers: Zur Differenzierung der Kategorie

Bisher habe ich eine Hörerrolle entworfen, die sich, selbst in der Neubestimmung, der Position eines idealen Hörers deshalb bedenklich nähert, weil suggeriert wird, es gäbe nur die Rolle des aktiven Hörers. In der Tat: die zur Verfugung stehenden aufgezeichneten Gespräche zeigen zumeist den Hörer in seiner aktiven Rolle als Zuhörer. Gegen diese defizitäre Corpus-Empirie möchte ich meine Gesprächserfahrung setzen: Es gibt darüber hinaus den passiven Hörer, der nicht zuhört und der zumeist dafür garantiert, daß das Gespräch ein schnelles Ende findet - zumindest, wenn es ein Zweiergespräch ist. In Kleingruppengesprächen, z.B. auch in einem Unterrichtsgespräch, vermag sich der passive Hörer leicht zu verstecken. Daneben gibt es noch den simulierenden Hörer. Dieser gibt mit ja und hm nur" scheinbar seine Aufmerksamkeit zu erkennen und wird bei einem Rollenwechsel nur unzureichend vorbereitet sein, das Gespräch als Sprecher zu führen. Wenn das Gespräch mit dem passiven Hörer schnell beendet ist, so steht das Gespräch mit dem simulierenden Hörer in der permanenten Gefahr zu versanden. Da es hier um den Aspektreichtum der Rolle des Hörers geht, sei noch eine Anmerkung zu dem passiven Hörer erlaubt: Dieser findet seine Erfüllung in der Rolle des Nichtsprechers. In einem Zweiergespräch garantiert der Nichtsprecher für das jähe Ende oder den Nichtbeginn des Gesprächs. Das demonstrierte der sich Prinz von Homburg nennende (inzwischen ehemalige) Boxer Norbert Grupe erfolgreich, der sich zwar zu einem Fernsehinterview bereit erklärte, aber keine Frage des Reporters beantwortete, sondern schieres Schweigen vorführte. Nunmehr ist einsichtig gemacht, daß die Kategorie Hörer in der Gesprächswirklichkeit in mehreren Subkategorien vorkommt: aktiver Hörer, simulierender Hörer und passiver Hörer. Die Vierstadientheorie Duncans fur ein Zweiergespräch, 16 nämlich 1. Sprecher - Hörer; 2. Hörer - Sprecher; 3. Sprecher Sprecher; 4. Hörer - Hörer ist deshalb zu erweitern, weil Duncan einseitig den aktiven Hörer im Blick hat und damit der Vielfalt der Hörerrolle nicht gerecht wird. In einem Kleingruppengespräch, also in einem solchen mit mindestens drei Personen, komplizieren sich die Hörerverhältnisse noch insofern, als sowohl der aktive Hörer wie der passive Hörer wie auch der simulierende Hörer zum Adressaten avancieren können. Der Adressat bzw. die Adressaten sind die vom Sprecher unmittelbar Angesprochenen, die somit aus der Gruppe der Hörer, z.B. durch Blickzuwendung und entsprechende Gestik, herausgehoben sind. Die Adressaten-Selektion kann allerdings auch indirekt erfolgen, also ohne gestischmimische Ansprache: z.B. mithilfe eines speziellen oder Lieblingsthemas, das eine sachliche Herausforderung für einen Hörer darstellt. Diese Trennung zwischen Adressat und Hörer - in seinen vielfältigen Formen - ist nicht obligatorisch, wohl aber fakultativ für ein Kleingruppengespräch. Der Adressat ist der 16

Henne (1977, 84).

274

Linguistik des Gesprächs

den Sprecher (und damit das Gespräch) in erster Linie Kontrollierende, was ihn zu intensiviertem Rückmeldungsverhalten verpflichtet. Kommt er dieser Adressatenrolle nicht nach, wird der Sprecher entweder einen anderen Adressaten wählen oder seinen Gesprächsschritt übergeben. Man sieht: Die Zurückweisung einer spezifischen Hörerrolle in einem Kleingruppengespräch hat nicht jene radikalen Folgen - nämlich die des Abbruchs - , die ein Zweiergespräch jederzeit gewärtigen muß. An dieser Stelle wird deutlich, warum Sitzungen - Kommissions-, Fachbereichs-, Fakultäts- und sonstige Sitzungen - so unendlich dauerhaft sein können.

2.3.

Die unterschiedlichen Formen und Funktionen der Höreraktivitäten

Hörer arbeiten, um ihrer Hörerrolle gerecht zu werden, mit je unterschiedlichen Zeichen und Zeichenkombinationen, die je unterschiedliche Funktionen erfüllen. Zunächst möchte ich das Inventar der Zeichen und Zeichenkombinationen der Höreraktivitäten darstellen, geordnet nach zeichenstrukturellen Eigenschaften. Folgende Klassen hörerspezifischer Kommunikationsmittel können z.B. unterschieden werden: 1) visuelle Zeichen und Zeichenkombinationen: Gestik, Mimik, Körpersprache: Nicken, Kopfschütteln, Körperhaltung verändern; 2) hörbare, aber nicht sprachliche Zeichen und Zeichenkombinationen: pfeifen, tief atmen, stöhnen, lachen; 3) tonale Zeichen und Zeichenkombinationen: hm, ts, ks, aha; 4) lexikalische Zeichen und Zeichenkombinationen: ja, genau, richtig, ok, nein, jawohl, natürlich, d'accord, akzeptiert, Donnerwetter, wirklich; 5) idiomatische Zeichenkombinationen: ach du meine Güte; ich verstehe; das denk ich mir; alles klar; kaum zu glauben; was Sie nicht sagen; wer hätte das gedacht; 6) komplettierende Zeichen und Zeichenkombinationen: Satzvollendung (... gestern, abgefahren. ... heute angekommen. ... morgen ahreisen.), Nachformulierung, (kurze) Bitte um Klärung; 7) Satz-Zeichen als wertende Kommentarschritte: Da haben Sie recht! Das ist ja auch reizend! Das glaub' ich nicht.

Von diesen sieben Klassen hörerspezifischer Kommunikationsmittel sind gesprächsschrittbeanspruchende Aktivitäten des Hörers zu unterscheiden. Mit diesen sprachlichen Aktivitäten (klassisches Beispiel: ja, aber ...) will sich der Hörer seiner Rolle als Hörer gerade entledigen und zum Sprecher werden, wenn es ihm auch im Fall der Gesprächsschrittbeanspruchung - per definitionem nicht gelingt. Die Ordnung der sieben Klassen ist eine zeichenstrukturelle, womit noch nichts - zumindest Eindeutiges - über die gemeinsame und differente Funktion dieser Kommunikationsmittel ausgesagt ist; auch nichts darüber, ob innerhalb einer Klasse gemeinsame oder auch nur ähnliche Funktionen zusammengefaßt sind. Problematisch ist vor allem, ob die unter (7) verzeichneten Kommentarschritte jeweils noch als Höreraktivitäten anzusehen oder schon der Rolle des

Die Rolle des Hörers im Gespräch

275

Sprechers zuzurechnen sind. 17 Sofern der Sprecher als Inhaber des Gesprächsschritts („turn") „as if uninterrupted" fortfährt und der Kommentarschritt zugleich simultan oder partiell simultan geäußert wird, sollte man von Höreraktivitäten sprechen. Goethe spricht in bezug auf die Reaktion des Hörers von dessen „Zu- oder Abstimmen" 18 ( „wie denn jeder Mensch hierin etwas Eignes hat": Darüber ist jetzt nicht zu sprechen). Abstimmen heißt hier verschiedener Meinung sein'. Damit hat Goethe polare Möglichkeiten der Einflußnahme des Hörers auf die sprachlichen Handlungen des Sprechers benannt. Doch vor dem Zustimmen, also dem Konsens, und dem Abstimmen, also dem Dissens, liegen Verstehen und Nichtverstehen der Sprecheräußerungen seitens des Hörers. Ich habe zuvor, in Übereinstimmung mit vorhandener Literatur, pauschal von der Aufmerksamkeit gesprochen, die der Hörer mit seinen Rückmeldungen bezeuge. Diese pauschale Kategorie Aufmerksamkeit ist nunmehr zu differenzieren: in die polaren Kategorien Verstehen und Nichtverstehen einerseits und Zustimmung (Konsens) und Ablehnung (Dissens) andererseits. 19 Diese Kategorien ergeben sich aus der spezifischen Rolle des Hörers: Einerseits ist ihm auferlegt, dem Sprecher und seinen Äußerungen zu folgen, und diese sprachlich zu verstehen, was heißt: das Ziel des Sprechers, das dieser mithilfe sprachlicher Handlungen zu erreichen sucht, aufgrund der Rekonstruktion der propositionalen und illokutiven Struktur dieser Handlungen zu erkennen; zum anderen muß er als Hörer seine künftige Rolle als Sprecher vorbereiten, in der er Stellung beziehen und eine Meinung äußern muß (und selbst keine Stellungnahme wäre auch eine). Insofern ihm aber die Rolle des Hörers übertragen ist, muß er Verstehen bzw. Nichtverstehen und Zustimmung bzw. Ablehnung angemessen vortragen, d.h. mit den zuvor skizzierten Mitteln sprachlicher oder nichtsprachlicher Rückmeldung. Was in der Beschreibung analytisch zu trennen ist, fallt zudem sprachlich oft zusammen. Ein entsprechendes h®!. kann Verstehen und Zustimmung, ein anderes (hm!) Verstehen und Ablehnung signalisieren. 20 Oder ein entsprechendes prima! kann Verstehen und Zustimmung, ein entsprechend artikuliertes ahä! Verstehen und Ablehnung bedeuten. Dies wären die „rationalen" Möglichkeiten des Hörers: Seine Aufmerksamkeit teilt sich in Nichtverstehen und Verstehen, und mit der Äußerung des Verstehens kann er zugleich Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck bringen; aber auch die Äußerung des Nichtverstehens kann, da

17 18

"

20

Vgl. Schwitalla (1976, 86f.); Henne/Rehbock (1979, 179f.); Kneip (1979) (demnächst). Henne/Rehbock (1979, 237); Goethe in: Dichtung und Wahrheit. Werke. Bd. 9. Hamburg (1955, 576). Ehlich (1979) beschreibt die „unterschiedlichen Funktionen" von hm mit den Kategorien Konsens und Dissens (und was dazwischenliegt). Daß auch hier die Kategorien Verstehen und Nichtverstehen eine Rolle spielen, zeigt sich bei der Paraphrase der „einfachen Form" von h®, die mit ,(ein)verstanden' angegeben wird. - Zu vergleichen sind diese „Ebenen" der Hörertätigkeit mit dem, was in der Sprechakttheorie u.a. mit „Verstehen" und „Akzeptieren" (des Hörers) diskutiert wird. Vgl. u.a. Henne (1975, 72f.); Wiegand (1979) (in diesem Band). Vgl. Ehlich (1979).

276

Linguistik des Gesprächs

der Hörer zugleich auch emotional beteiligt ist, eine Ablehnung, nicht jedoch eine Zustimmung implizieren: Ein entsprechend artikuliertes liebe Zeit!, mit dem z.B. der didaktisch ungeschickte Gesprächsschritt eines Lehrers bedacht wird, kann diese Funktion haben. Die Struktur läßt sich in Form eines Stammbaums darstellen: Aufmerksamkeit

Ein Hörer kombiniert also, indem er auf einzelsprachliche oder nichtsprachliche Mittel zurückgreift und damit seiner Hörerrolle nachkommt, unterschiedliche Knoten des Baumes von oben nach unten: Er signalisiert z.B. Aufmerksamkeit oder Aufmerksamkeit und Verstehen oder Aufmerksamkeit und Verstehen und Zustimmung usw. Erwähnt werden muß noch, daß die Interpretationen des Hörers und Sprechers hinsichtlich der Funktion der Rückmeldungen divergieren können; daß der passive Hörer sich weigert, dem Kombinationsspiel zu folgen; daß der simulierende Hörer ein Falschspieler ist: Er gibt z.B. Aufmerksamkeit und Verstehen, dies als die bequemste Version, nur vor. Empirisch arbeitende Untersuchungen haben nicht nur die spezifische Artikulationsstruktur, sondern auch die Lautstärke der Rückmeldungen zu berücksichtigen. Bei einem Corpus von fünf Gesprächen in englischer Sprache mit insgesamt 5000 Wörtern waren von 409 „supports", also zustimmenden Verstehensäußerungen (yes, m) 248, also 60,6 % „pianissimo" oder „piano", 160 oder 39,1 % „normal" und 1 oder 0,3 % „forte". Dieses Verhältnis kehrt sich um, wenn man die entsprechenden „exclamations" prüft, also intensive Formen der Ablehnung oder Zustimmung. Hier sind 1 oder 1,1 % „pianissimo" oder „piano", 81 oder 87,1 % „normal" und 11 oder 11,8 % „forte". 21 Sicher ist, daß Verstehen und Nichtverstehen, Zustimmung und Ablehnung des Hörers Konsequenzen für den Gesprächsschritt und die folgenden Gesprächsschritte desselben Sprechers haben. Im extrem negativen Fall kann die Rückmeldung zum Abbruch des Gesprächsschritts und evtl. des Gesprächs führen, im extrem positiven Fall zur beflügelten und sich überstürzenden Fortführung. Zum Abbruch des Gesprächsschritts z.B. dann, wenn der Hörer mit ja, ja dem Sprecher zu erkennen gibt, daß er den „illokutiven Punkt" vor dem Spre-

21

Oreström (1977, 7).

Die Rolle des Hörers im Gespräch

277

eher erreicht hat. 22 Auf jeden Fall wird der Sprecher die Rückmeldung zur Kenntnis nehmen, er wird modifizieren, unterdrücken, nicht Vorhergesehenes hinzufügen: Eine Rück-Meldung ist eine Meldung für den Sprecher, die er in seinen Gesprächsplan einzukalkulieren hat. Mit diesen Bestimmungen ist ein Rahmen entworfen, innerhalb dessen die Semantik der Rückmeldungen beschrieben werden kann. Daß ein solches Wörterbuch der Hörerrückmeldungen corpusgestützt sein muß, ist offensichtlich.

2.4.

Handlungsaspekte

der

Höreräußerungen

In dem philosophischen Dialog, den Piaton mit „Kratylos" überschrieben hat und in dem Hermogenes, Kratylos und Sokrates über die Richtigkeit oder Konventionalität der sprachlichen Benennungen bzw. Bezeichnungen diskutieren, fragt Sokrates den Hermogenes: „Ist nun nicht auch das Reden eine Handlung?" Hermogenes bejaht diese Frage, wie er auch im weiteren Verlauf der Diskussion die Ausführungen des Sokrates mit freilich, so ist es, offenbar, gewiß, also Verstehen und Zustimmung zugleich äußernd, begleitet. 23 Daß „reden" eine Handlung darstelle, ist also eine Uralt-Einsicht, die am Beginn der abendländischen Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft steht. Sicher in Übereinstimmung mit Sokrates - es ist immer günstig, sich des Zuspruchs der Weisen zu versichern - möchte ich auch die zitierten Äußerungen des Hermogenes den sprachkommunikativen Handlungen zurechnen. J. Rehbein nennt solche Höreräußerungen „Exothesen des Hörerplans" und an anderer Stelle: „Exothesen der Hörerplanbildung". 24 Exothese wird definiert als „das unmittelbare direkte Nach-Außen-Setzen von Prozessen und/oder Resultaten mentaler Vorgänge". 25 Die Stadien der Hörerplanbildung sind nach Rehbein: „Perzeption, Planbildungs- und Zielrekonstruktion in verkürzter Zeit, während S spricht", wobei eine „funktionale Spannweite" der Exothesen bis hin zur „direkten Intervention" angenommen wird. 26 Bei Rehbein zeichnet sich eine realistische Einschätzung der „Tätigkeit des Hörers" ab. Mit diesem Begriff umgeht Rehbein die Frage nach dem Handlungscharakter der Höreräußerungen. In bezug hierauf ist festzuhalten, daß wesentliche Bestimmungsstücke einer sprachlichen Handlung erfüllt sind: Der aktive Hörer hat a) ein Ziel, nämlich dem Sprecher die Grade des sprachlichen Verstehens und Nichtverstehens, zusammen mit Aspekten der Ablehnung und Zustimmung, zur Kenntnis zu geben und somit Einfluß auf das Gespräch zu nehmen; er hat b) die Absicht (Intention), dieses Ziel zu erreichen (sofern es sich um einen aktiven Hörer handelt), und er führt c) zu diesem Zweck Handlungen aus, bei denen er konventionalisierte sprachliche (oder

22 23 24 25 26

Rehbein (1977, 190, 192). Piaton (1957, 130f.). Rehbein (1977, 190, 192). Rehbein (1977, 346). Rehbein (1977, 191).

278

Linguistik des Gesprächs

nichtsprachliche) Mittel einsetzt, 27 die ich zuvor in sieben Klassen eingeteilt habe. Insofern er also sinnorientierte Bedeutungsproduktionen ausführt und diese am Verhalten anderer ausrichtet, vollführt er sprachliche Handlungen, die abhängig von denen des Sprechers sind, wie dessen Sprechhandlungen durch die Hörerhandlungen modifiziert werden. In einem jeweils zu präzisierenden Sinne kann man von aufeinander bezogenen, wechselseitig abhängigen sprachlichen Handlungen sprechen, die im Fall des Sprechers den Terminus Gesprächsakt und im Fall des Hörers den Termin Rückmeldungsakt erhalten. Die Frage nach dem Nutzen, den die Bestimmung der „Aktivitäten" des Hörers als sprachkommunikative Handlungen bringt, läßt sich nunmehr beantworten: Zum einen wird die interaktive Rolle des Hörers hinsichtlich ihrer kommunikativen Funktion zureichend bestimmt; zum anderen wird deutlich, daß auch den Analysen der Höreräußerungen interpretative Kategorien zugrundeliegen, die ihrerseits Sprache als jeweils durch die Gesprächspartner interpretierte und durch den Sprachwissenschaftler als zu interpretierende erfassen. Dazu sei eine letzte Bemerkung erlaubt: Nicht nur Intentionalität (Ziel, Absicht, Verwirklichung) und Konventionalität (Mittel, Bezug [auf einen anderen], Regelhaftigkeit) kennzeichnen sprachliche Handlungen, sondern auch Reflexivität: 28 Der Handelnde ist sich als Handelnder seiner selbst bewußt. In bezug darauf ist von unterschiedlichen Reflexionsgraden der Rückmeldungsakte auszugehen, wobei die Klassen eins bis sieben eine aufsteigende Linie bilden (könnten). In gleicher Weise sind auch unterschiedliche Grade der Intentionalität und Konventionalität zu unterscheiden, z.B. hinsichtlich deren Intensität.

3. Zur Textsyntax von Höreräußerungen Die bisher erfolgten Form- und Funktionsbeschreibungen der Höreräußerungen bzw. nunmehr: Rückmeldungsakte hatten eine eher paradigmatische Richtung: Mögliches sprachliches und nichtsprachliches Inventar als Mittel spezifischer Rückmeldungsakte wurde vorgeführt und relativ zu möglichen Verwendungsweisen bestimmt. Durch eine solche Methodik kommt nicht in den Blick, daß eine zumindest genauso wichtige Frage die nach der Kombination und gesprächstextspezifischen Anwendung der Höreräußerungen ist. Der Hörer hat demnach nicht nur einen Hörerplan, mithilfe dessen er den Sprecherplan rekonstruiert und „exothetisch" kommentiert; er hat oft auch einen Hörerentwicklungsplan, der sich parallel zu den Gesprächsakten des Sprechers herausbildet. Dieser Hörerentwicklungsplan ist eine variable Größe insofern, als ein solcher Plan aufgrund unerwarteter thematischer oder beziehungsstruktureller Aspekte des Sprecherbeitrags fortwährend geändert werden kann.

27

Vgl. Harras (1977, 36ff.).

28

Henne (1975, 41f.); Harras a.a.O.

Die Rolle des Hörers im Gespräch

279

Ein einfaches Beispiel möge zeigen, was ich unter einem Hörerentwicklungsplan verstehe: Zu Beginn eines Verkaufsgesprächs präsentiert die Verkäuferin ihre Kaffeeservice. 29 Nach ca. 45 Sekunden übernimmt die Kundin den Gesprächsschritt nach einem glatten Wechsel, wobei sie die Satzbildungsregel beachtet, 30 d.h. die Verkäuferin den Satz aussprechen läßt. Verkäuferin: ... das is: noch etwas dER:ber in der art'. Hier setzt die Kundin ein mit: das hab-n bekAnnte von mir. An dieser Stelle versucht die Verkäuferin, gleichfalls die Satzbildungsregel beachtend, den Gesprächsschritt zurückzuerobern, indem sie jA:'+das= formuliert. Sie wird aber von der Kundin zurückgewiesen, die lachend ihren Gesprächsschritt behält. Seit diesem erfolglosen Versuch der Zurückeroberung des Gesprächsschritts steht die Verkäuferin auf dem Sprung: Sie begleitet den weiteren Gesprächsschritt der Kundin mit drei Verstehen und Zustimmung, aber auch Hörerungeduld signalisierenden Jas, zweimal leicht steigend und einmal stark steigend, die in einem zu mm" jawoll ihre Erfüllung zu finden scheinen. Dieser letztere Rückmeldungsakt, der partiell simultan zu dem Gesprächsschritt der Kundin gesprochen wird, ist eine Kombination aus komplettierenden (zw), tonalen {mm") und lexikalischen Zeichen {jawoll). Zu ist der Versuch einer Satzvollendung (die Kundin beendet ihren Satz mit zu dick). Diese Form der Rückmeldung bricht die Verkäuferin selbst ab und fügt dieser abgebrochenen Satzvollendung eine Kombination von Zustimmungspartikeln hinzu. Doch die Kundin, die ja nach den Lehrbüchern der Verkaufs Strategen schonend zu behandeln ist, kann durch eine Bestätigung ihrerseits ihren Gesprächsschritt fortführen. Sie wird im weiteren Verlauf durch ein weiteres ja' der Verkäuferin bestätigt, bis diese durch einen komplettierenden Rückmeldungsakt, in diesem Fall durch simultanes geschmAckssache ne" der Kundin den Gesprächsschritt abnimmt, indem sie weiterspricht: dann wäre hIEr' noch eins [...]. Nach der ersten Zurückweisung aktualisiert die Verkäuferin sechs Rückmeldungsakte: Die ersten drei bereiten in ihrer drängenden Ungeduld den vierten vor, der die Bastion des Sprechers erobern soll. Der Versuch schlägt fehl. Nach einer weiteren Vorbereitung gelingt es ihr, mit dem sechsten Rückmeldungsakt den Gesprächsschritt zu erobern. In diesem nun folgenden Gesprächsschritt führt sie ihre Präsentationshandlung der Service fort, ohne auf die vorhergehenden Bemerkungen der Kundin einzugehen - ein Indiz für die Plausibilität meiner Interpretation. Ich möchte eine solche textsyntaktische Rückmeldungsstruktur eine Rückmeldungsklimax nennen, die in diesem Fall hyperbolische Elemente beinhaltet. Und an dieser Stelle wird eine Funktion der Rückmeldungsakte sichtbar, die schon einmal zur Sprache gekommen ist: Rückmeldungsakte können Vorreiter auf dem Weg zur Sprecherrolle sein. Weniger metaphorisch ausgedrückt: Über Rückmeldungsakte kann man den Status der Hörerrolle mit dem der Sprecherrolle tauschen. Rückmeldungsakte sind auch transitorische Elemente.

29 30

Vgl. Henne/Rehbock (1979, 92ff.). Henne/Rehbock (1979, 23).

280

Linguistik des Gesprächs

Der Rückmeldungsklimax entgegengesetzt ist die Rückmeldungsrepetition: Gleichmäßig äußert der Hörer sein (zumeist) zustimmendes Verstehen und signalisiert so seine Aufmerksamkeit. Zu Beginn des als Beispiel genommenen Gesprächs begleitet die Kundin die Präsentationshandlung der Service seitens der Verkäuferin durch vier nahezu gleichförmige, leicht steigende und gedehnte, bis auf eins simultan gesprochene ja-d. Diese Rückmeldungspartikeln signalisieren eine nach der anderen Aufmerksamkeit und Verstehen. Ich nenne deshalb diese textsyntaktische Struktur Rückmeldungsrepetition: Nicht variative Steigerung, sondern, gesehen auf die Elemente im Vergleich: wiederholendes Nacheinander kennzeichnet diese Struktur. Eine solche Rückmeldungsrepetition kann leicht in eine Rückmeldungsflaute übergehen, die das Versanden des Gesprächs oder den Wechsel der Sprecherrolle zur Folge hat. Rückmeldungsklimax, Rückmeldungsrepetition, Rückmeldungsflaute: Mit der Präsentation dieser Trias textsyntaktischer Rückmeldungsstrukturen breche ich den Versuch des Aufbaus einer Hörertextsyntax ab. Damit ist nur ein Anfang gesetzt. Darüber hinaus müßte nicht nur eine gesprächsschrittbezogene, sondern auch eine gesprächsphasenbezogene Hörersyntax entworfen werden. Zudem ist, relativ zu bestimmten Gesprächsbereichen und Gesprächstypen, das Hörerverhalten in Gesprächstexten insgesamt darzustellen. In einer solchen Untersuchung müßten paradigmatische und syntagmatische Methodik kombiniert werden deshalb, weil einerseits das vorhandene Inventar der Rückmeldungen, sortiert nach types und tokens (nach Zeichentypen und deren wiederholter Anwendung), andererseits deren spezifische Distribution aufgezeigt werden müßte.

4. V o m N u t z e n einer Linguistik der Höreräußerungen Der deutsche Volksmund weiß zu berichten: Man habe zwei Ohren, aber nur einen Mund. Der Volksmund weiß noch mehr. Er sagt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ich vermute hinter dem Schweiger den aktiven Zuhörer, der, in einem Klein- oder Großgruppengespräch, die Sprecherrolle den anderen überläßt. Aber auch der lateinische Volksmund weiß es: „Si tacuisses, philosophus mansisses." Das „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" hat noch mehr Redensarten für die Macht des Hörers parat. Der Verfasser dieses Lexikons konstatiert auf jeden Fall: „Das Ohr spielt in Sprichwörtern und Redensarten eine größere Rolle als das Auge". 3 1 Gegen das „Volk" und die Volkskunde muß man feststellen, daß in der Sprachwissenschaft das Ohr bislang nur in der auditiven Phonetik eine wesentliche Rolle gespielt hat. Das soll jetzt anders werden: Eine Linguistik der Rückmeldungen ist zunächst für den Unterricht für Ausländer von unschätzbarem Wert. Nach einer Untersuchung eines amerikanischen Kommunikations31

Röhlich (1977, 695).

Die Rolle des Hörers im Gespräch

281

Wissenschaftlers von 1953 ist die kommunikative Tätigkeit amerikanischer College-Studenten folgendermaßen verteilt: Zuhören 42 %; Sprechen 25 %; Lesen 15 %; Schreiben 18 %, wobei hier allerdings auch Hörertätigkeit in „vermittelter Kommunikation" (monologische Formen der Darbietung) einbegriffen ist. 32 Wenn man sagt: Sprachenlernen ist viererlei, so ist das Zuhören der kommunikative Bereich, der quantitativ den größten Anteil hat. Wer ein kompetenter Sprecher einer Sprache sein will, muß auch ein kompetenter Hörer sein, und das heißt nunmehr auch: ein kompetenter Rückmelder. Derjenige, der eine fremde Sprache schlecht und recht beherrscht, merkt erst am Telefon, wie schlecht er sie beherrscht - dann nämlich, wenn fortwährend kompetente Rückmeldungsakte von ihm gefordert sind. Darüber hinaus geht es nicht nur um das Inventar der Rückmeldungen, es geht auch um die von Einzelsprache zu Einzelsprache unterschiedliche Art des Einsatzes von Rückmeldungen. Zum Beispiel werden (wahrscheinlich) Gespräche im Schwedischen viel defensiver gefuhrt als im Deutschen. Eine kontrastive Gesprächsanalyse könnte bei den Hörerrückmeldungen beginnen, um den unterschiedlichen Stellenwert der Rückmeldungen in Gesprächen unterschiedlicher Sprachen aufzuzeigen; denn Schweden, wenn sie Deutsch lernen, müssen lernen, daß simultanes Sprechen keine Krise des Gesprächs darstellt, während Deutsche - wahrscheinlich - Zurückhaltung üben müßten. Schließlich ist eine Linguistik der Höreräußerungen auch - zumindest zu einem Teil - der augenblicklich sich entwickelnden Partikel-Linguistik zuzurechnen. Nicht nur Abtönungspartikeln sind ein wichtiges Thema einer pragmatisch fundierten Sprachwissenschaft; auch Rückmeldungspartikeln sind ein diffiziles Forschungsobjekt. Hier könnte einer - aus dem Publikum - rufen: „Genau!" und ich würde antworten: „Fürwahr!" und „Vielen Dank!"

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32

Zitiert nach Urban (1975, 195).

282

Linguistik des Gesprächs

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Probleme einer historischen Gesprächsanalyse Zur Rekonstruktion gesprochener Sprache im 18. Jahrhundert

1. V o m Sinn der Sprachgeschichte und Sprachgeschichtsschreibung Die konstatierte Krisis gegenwärtiger Sprachgeschichtsschreibung 1 möchte ich als eine Möglichkeit produktiver Unruhe begreifen und nutzen. Diese Krise wenn es eine ist - hat uns zumindest gelehrt, daß historische Erkenntnis nicht als solche verfugbar, sondern den wissenschaftlichen Interessen derer unterworfen ist, die als Geschichtsschreiber im theoretisch zu rechtfertigenden Rahmen Vergangenheit, und das heißt hier sprachgeschichtliche Vergangenheit, rekonstruieren. Es kann unterstellt werden, daß in jüngster Zeit ein pragmatisches Interesse an Sprache vorherrscht 2 ; das bedeutet: Sprache wird an die Menschen als Sprachsubjekte rückgebunden, woraus folgt, daß deren sprachliche Handlungen und Handlungsmuster im sozialen Kontext institutioneller und privater Dimension zu beschreiben und zu erklären sind. Dementsprechend wird sich auch ein sprachhistorisches Interesse auf spezifisch pragmatische Gegenstände richten. Sprachliche Vergangenheit, z.B. die des 18. Jahrhunderts, wird dann nicht mehr nur als eine Geschichte der Laute, Formen, Wörter, Satz- und evtl. Textstrukturen verstanden, sondern auch als eine Darstellung des sich wandelnden Gebrauchs von Sprache durch die Sprachsubjekte: Sprache im Vollzug kommunikativen Handelns soll Gegenstand sprachhistorischer Forschung werden. Damit aber wird Sprache als historische Lebensform in den Mittelpunkt des Interesses treten und die Bedingung ihrer Aneignung, Ausbildung und Nutzung deutlich werden. Die hier angesprochene Perspektivität historischer Erkenntnis und Wahrheit hat Wilhelm von Humboldt im Bild der Wolken zu fassen gesucht, „die erst in der Ferne vor den Augen Gestalt erhalten" 3 : Ein eindrucksvolles Bild, das die Notwendigkeit des Abstandes wie die konturierende Kraft des Wissenschaftlers gleichermaßen hervorhebt. Sprachwissenschaftliche Rekonstruktion und Darstellung soll nun heißen, daß diese erfolgt auf der Basis sprachtheoretischer und methodologischer Kategorien, die als solche ausgewiesen und der kritischen Nachprüfung unterworfen sind. Dabei ist einsichtig, daß einem pragmatischen Interesse nur solche sprachwissenschaftlichen Kategorien genügen können, von denen anzunehmen ist, daß sie sprachwissenschaftliche Gegenstände als pragmatische auch erfassen können.

1 2 3

Jäger (1976) 332. Cherubim (in diesem Band); Henne (1975) 16; Oksaar (1976) 98. v.Humboldt (1960) 586.

284

Linguistik des Gesprächs

2. Historische Sprachpragmatik am Beispiel: Gesprochene Sprache in Gesprächen des 18. Jhs. Sprachwissenschaftliche Gegenstände als pragmatische sind, zum Beispiel, Gespräche, die Menschen miteinander führen. Wie wird das sprachlich bewerkstelligt: Das Aufeinander-Zugehen, das Sich-Einlassen auf einander und die gemeinsame Organisation eines Gesprächs? Das sind notwendige Fragen, die möglicherweise noch im Vorfeld einer Gesprächsanalyse stehen, die zugleich die Themen solcher Gespräche und deren sprachliche Bewältigung und gesellschaftliche Bedeutung darzustellen hat. Als sprachhistorisches Thema ist der Komplex „gesprochene Sprache" nicht neu. Sowohl monologische gesprochene Sprache, z.B. Predigten, als auch, seltener, dialogische Kommunikationsformen sind dabei, sofern die Quellenlage solche Rekonstruktionsversuche erlaubte, zum Gegenstand der Forschung gemacht worden. Zumeist aber wurde abgehoben auf unterschiedlich Laut-, Wortund Satz strukturen gesprochener Sprache im Unterschied zur geschriebenen Sprache und, im Sinne einer sprachhistorischen Analyse, auf den Wandel sprachlicher Strukturen im Laufe der Jahrhunderte. Zu einem genuin sprachpragmatischen Thema wird die Beschäftigung mit gesprochener Sprache im historischen Kontext jedoch erst dann, wenn aufgezeigt werden kann, was Menschen tun, wenn sie sprechen, welchen Gebrauch sie in unterschiedlichen Situationen von unterschiedlichen Mitteln der gesprochenen Sprache machen. Genuin pragmatisch und sprachhistorisch zugleich ist demnach das Thema: Gesprochene Sprache in Gesprächen des 18. Jahrhunderts. Die Frage, die sich sogleich erhebt, ist die nach dem quasi utopischen Charakter eines solchen Unternehmens. Denn als bekannt kann vorausgesetzt werden, daß Sprache fur das 18. Jahrhundert im Medium des tönenden Lautes nicht überliefert ist. Insofern die Schrift allein Bewahrerin der sprachlichen Vergangenheit wurde, ist in sprachhistorischer Forschung auch zwangsläufig die schriftliche Kommunikationsform zum bestimmenden Thema geworden. Dementsprechend haben sich die Forschungen zur gesprochenen Sprache jeweils auf das Gegenwartsdeutsch konzentriert. 4 Wenn dennoch der Versuch einer Rekonstruktion gesprochener Sprache in Gesprächen des 18. Jahrhunderts gewagt werden soll, so muß die „Rekonstruktion" dreifach „gestützt" werden 5 : 1) durch gesprächsanalytische Kategorien; 2) durch sprachhistorische Kategorien; 3) durch die Erkenntnis, daß Sprache im Gespräch und speziell historische Sprache im Gespräch nur als interpretierte Sprache zugänglich ist (und in diesem Fall eine Interpretationsvarianz und -differenz jederzeit zu unterstellen ist).

4

5

Vgl. Betten (1977) und (1978); schon das erste Definitionsstück gesprochener Sprache von Steger (1967) 262: „Was gesprochen wird, ohne vorher aufgezeichnet worden zu sein" schließt eine auf Dramentexten basierende historische Forschung zur gesprochenen Sprache (im Sinne Stegers) aus. „Grenzphänomene", z.B. „schriftlich konzipierte gesprochene Sprache" (in Dialogen) (652) läßt hingegen S. Grosse (1972) als Gegenstand der Forschungen zur gesprochenen Sprache gelten. Vgl. Henne/Rehbock (1979) 235.

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

285

3. Dialoge in Dramen des Sturm und Drang als Musterfalle gesprochener Sprache Daß gesprochene Sprache kein ganz neues Thema für die Sprachgeschichte ist, lehren uns die Handbücher zur deutschen Sprachgeschichte. Ich möchte das mit dem Ende 1977 erschienen vierten Band von Hans Eggers' ,,Deutsche[r] Sprachgeschichte" belegen. Dort heißt es S. 104: „Die Sprache der Geniezeit ist durchaus gesprochene Sprache. Deshalb ist nächst der Lyrik das Drama die beliebteste poetische Ausdrucksform [...]. In der Syntax erlaubte man sich jegliche Freiheit der Wortstellung ([.. .]), locker gereihte Sätze statt hypotaktischer Fügung, Anakoluth (nicht folgerechte Satzfugung), unvollendete und abgerissene Sätze, Auslassung von Wörtern und Wortverkürzungen."

Hier wird gesprochene Sprache zu einem syntaktischen Abweichungsfall von der Schriftsyntax, schon die negativen Prädikate „unvollendet", „abgerissen" und „auslassen" weisen daraufhin. Gesprochene Sprache im Gespräch, hier: im Drama des Sturm und Drang, ist aber kein Abweichungsfall, sondern ein literarischer Musterfall gesprochener Sprache im Gespräch. Ich möchte das an zwei Dramen des Sturm und Drang aufweisen. Ihre Verfasser und Titel sind: „Die Soldaten. Eine Komödie" von Jakob Michael Reinhold Lenz, und: „Die Kindermörderinn. Ein Trauerspiel" von Heinrich Leopold Wagner. „Die Soldaten" und „Die Kindermörderinn" sind beide 1776 erschienen. Wenn ich von Musterfall gesprochener Sprache im literarischen Dialog spreche, so soll damit gemeint sein, daß die literarische Theorie des Sturm und Drang alltags- und umgangssprachliche Gesprächskommunikation als literarisches Kunstmittel einsetzt. Literarische Dialoge als fiktionale und ästhetische Dialoge werden somit nicht als selbstgenügsam angesehen, sondern als Kunstform zur Erfüllung einer literarischen Konzeption. In diesem Kunstcharakter, der mimetisch und ästhetisch fundiert ist, reflektieren sie aber die gesellschaftliche und sprachliche Wirklichkeit. Die Dramen des Sturm und Drang reflektieren diese Wirklichkeit in besonderer Weise deshalb, weil zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Dramas alltags- und umgangssprachliche Anrede und Erwiderung die dramatische Szene b e h e r r s c h t und somit A n n ä h e r u n g e n an das natürliche und spontane Gespräch erzielt werden. Im weiteren Verlauf meiner Argumentation ist somit zunächst die sprach- und literaturtheoretische Reflexion des Sturm und Drang, insbesondere die von Lenz, nachzuzeichnen. Diese Nachzeichnung liefert eine sprachhistorische Fundierung und Rechtfertigung meiner Ausführungen zur historischen gesprochenen Sprache im Gespräch.

4. Zur Sprach- und Literaturtheorie des Sturm und Drang In einem Straßburger Vortrag zu Anfang der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts, der den Titel „Ueber die Bearbeitung der deutschen Sprache im Elsaß, Breisgau

286

Linguistik des Gesprächs

und den benachbarten Gegenden" trägt 6 , nennt Lenz „unsere Sprache [...] s e h r a r m und doch u n a u s s p r e c h l i c h r e i c h 7 . " Der Reichtum resultiere aus dem „übermäßigen Vorrat", der noch nicht bearbeitet sei, und nur deshalb erwecke die hochdeutsche Sprache den Anschein der Armut. Sein Vorschlag zur Bearbeitung der deutschen Sprache läuft nun darauf hinaus, aus den verschiedensten Ständen, Landschaften und Städten, also aus bestimmten sozialen und regionalen Bereichen die Sprache so lexikalisch, phraseologisch und stilistisch zu bereichern, daß „eine v e r s t ä n d l i c h e S p r a c h e f ü r a l l e " und ein insgesamt „ r e p u b l i k a n i s c h e r S p r a c h g e b r a u c h " das Ergebnis seien 8 . So voluntaristisch die Sprachkritik Lenzens sich auch ausnimmt, so eindeutig ist die Richtung seiner Kritik: Sie zielt auf Bereicherung des armen „Hochdeutsch" durch die reiche Sprache landschaftlicher Regionen und unterer Schichten: „Wenn wir in die Häuser unserer sogenannten gemeinen Leute gingen, auf ihr Interesse, ihre Leidenschaften acht gäben, und da lernten, wie sich die Natur bei gewissen erheischenden Anlässen ausdrückt, die weder in der Grammatik noch im Wörterbuch stehen: wie unendlich könnten wir unsere gebildete Sprache bereichern, unsere gesellschaftlichen Vergnügungen vervielfältigen!" 9

Insgesamt verweist Lenz am Schluß seiner Rede auf die Bedeutung der Sprache und ihre herausragende Stellung im Leben der Menschen, als Mittel nämlich, „andern seine Gedanken und Wünsche auszudrücken" und damit zugleich sich dieses „innigen Bandes aller Gesellschaft und Menschenliebe" zu bedienen 10 . Diese Aversion gegen gekünstelte Sprache und ein Plädoyer für die Sprache der einfachen Bürger ist auch aus vielen Teilen von Louis-Sebastien Merciers „Du Theatre ou Nouvel Essai sur Γ Art Dramatique" ( 1773) herauszulesen, ein Werk, das H. L. Wagner 1776 unter dem Titel: „Neuer Versuch über die Schauspielkunst" übersetzte. „Laßt also den klassischen Pöbel schreien und schafft euch eine Mundart, die euch eigen ist!" heißt es unter anderem bei Wagner/Mercier 11 . Diesen s p r a c h k r i t i s c h e n Reflexionen entspricht eine Dramenkonzeption, die zum Teil wiederum Dramen- und Theaterkritik darstellt. Insbesondere trifft die Kritik Lenzens die sogenannten drei Einheiten der Aristoteliker, die den Primat der Handlung vor dem der Charaktere behaupten; sie trifft zudem die zeitgenössischen Aristoteliker, die dort, wo die Griechen das Schicksal regieren ließen, „Leidenschaften ohne Charakteren malen" 12 . Zwar geht auch Lenz von der traditionellen Formel von der „Nachahmung der Natur" als Quelle der Poesie und des Dramas aus; aber innerhalb dieser Nachahmung sucht er das Charakteristische und Individuelle: „Den Gegenstand zurückspiegeln, das ist

6 7 8 9 10 11 12

Lenz (1966) 449. Lenz (1966) 450. Lenz (1966) 451; 454. Lenz (1966) 455. Lenz (1966) 456. Wagner/Mercier (1972) 760. Lenz (1966) 341.

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

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der Knoten, die nota diacritica des p o e t i s c h e n G e n i e s " 1 3 . Allerdings: Der Prozeß dieses Rückspiegeins ist den Absichten, dem „Standpunkt" des Dichters unterworfen: „Der wahre Dichter verbindet nicht in seiner Einbildungskraft, wie es ihm gefällt, was die Herren die schöne Natur zu nennen belieben, was aber mit ihrer Erlaubnis nichts als die verfehlte Natur ist. Er nimmt Standpunkt - und dann m u ß e r s o v e r b i n d e n . Man könnte sein Gemälde mit der Sache verwechseln f...]" 14

Der „Standpunkt" Lenzens ist ein moralischer und engagierter, der auch die gemeinen Leute und ihre Sprache ins dichterische Visier nimmt: „Literatur als Einmischung". 15 Seine Einbildungskraft richtet sich auf deren Sache, und das Ergebnis des literarischen Prozesses sollte ein zum Verwechseln ähnliches Gemälde sein: Trotz des kalkulierten Abweichungsniveaus kunsttheoretisch fundierter und literarisch inszenierter Dialoge scheint die Chance, über die Dramen Lenzens und Wagners zu A n n ä h e r u n g e n an das natürliche Gespräch zu kommen, nicht gering zu sein.

5. Dramen als Gegenstände der Gesprächsanalyse: Methodologisches Fazit Das Drama als ftktionale „Nachahmung einer Handlung" (Aristoteles), als Entwurf des Möglichen auf der Basis des Wirklichen, wird vom Dramatiker selbst gegliedert, von Lenz und Wagner jeweils in „Akte". Ich möchte hier von einer M a k r o e b e n e sprechen, auf der durch situative und thematische Variablen Akte ausgegliedert werden, die man unter gesprächsanalytischem Aspekt als Phasen einordnen kann. Unterhalb dieser Makroebene liegt eine m i t t l e r e E b e n e , auf der sich durch Variation des Interaktionsverhaltens Gesprächshandlungen und -teilhandlungen ausgrenzen lassen. Diese Ausgliederung wird zuweilen vom Dramatiker selbst vorgenommen, insofern er, wie z.B. Lenz, die Akte in „Szenen" unterteilt. Der Dramatiker verteilt darüber hinaus die Gesprächsschritte der handelnden Personen, indem er im schriftlichen Text deren Gesprächsbeiträge durch Namensnennung sichtbar und Kommentare seinerseits als Szenenanweisungen lesbar macht. Auf einer M i k r o e b e n e schließlich sind die von der Linguistik traditionell behandelten Einheiten wie Laut, Wort und Satz zu piazieren. Mein Interesse gilt nun der mittleren Ebene, also der der Gesprächshandlungen und -teilhandlungen innerhalb von Akten deshalb, weil hier nur eine implizite Strukturierung seitens der Dramatiker vorgenommen wird. Die explizite Freilegung dieser Dialogstrukturen bedeutet, die Dialogizität des

13 14

15

Lenz (1966) 336. Lenz (1966) 337; zur Literaturtheorie Lenz' vgl. Oehlenschläger (1977), Mclnnes (1977), Kreutzer (1978), Martini (1970) - Zur „Sprache" von Lenz vgl. u.a. Pfütze (1890) („Formenbildung", „Syntax", „Stilistik", „Wortschatz"). So der Titel von Kreutzer (1978).

288

Linguistik des Gesprächs

Sprechens, mit Lipps zu formulieren: die „Redeverbundenheit" 16 der kommunikativ interagierenden Dramenpersonen aufzuzeigen. Das Sprechsprachliche, die gesprochene Sprache im Gespräch, hat hier - so lautet die These - ihren Ort. Mit diesen Bemerkungen, die überleiten sollen zu einer kurzen Skizzierung der für die weitere Darstellung notwendigen gesprächsanalytischen Kategorien, sollen zwei notwendige Hinweise verbunden werden: 1. Der Dramatiker ist, sofern er Dialoge innerhalb der Handlungseinheit Drama entwirft, selbst Gesprächsanalytiker. Er ist ein literarischer Gesprächsanalytiker, der in einer literarischen Gesprächs- bzw. Dialogtradition steht; diese sucht er zu modifizieren bzw. weiterzuführen im Zusammenhang seines durch die gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmten literarischen Programms. 2. Die Nachzeichnung historischer literarischer Dialoge in einem Drama mithilfe wissenschaftlicher gesprächsanalytischer Kategorien ist ein Akt mehrfacher Interpretation: Rekonstruktion historischer gesprochener Sprache ist also der Prozeß einer kategoriell, also durch wissenschaftliche Analysekategorien gestützten, Interpretation.

6. Erläuterung ausgewählter gesprächsanalytischer Kategorien am Beispiel 1 7 Als oberste Interaktionseinheit der mittleren Analyseebene soll die Kategorie Gesprächshandlung bestimmt werden. Gesprächshandlungen im Sinne z.B. des Dramatikers Lenz sind die aus den „Akten" ausgegliederten Szenen in den „Soldaten". Eine Gesprächshandlung ist ein situativ und thematisch bestimmtes ko-operatives Handlungsgefüge, das jeweils eine spezifische Station des Gesprächsverlaufs darstellt. Der Gefugecharakter einer Gesprächshandlung läßt sich auf zwei Ebenen näher spezifizieren: auf der Ebene von Äußerungseinheiten und auf der Ebene handlungssemantischer Einheiten. Diese beiden Ebenen, die der Äußerungseinheiten und die der handlungssemantischen Einheiten, sind nunmehr zu erläutern. Äußerungseinheiten als Sprecheräußerungen sind Gesprächsschritte. Ein Gesprächsschritt ist ausgefüllt durch die kommunikative Aktivität des Gesprächsteilnehmers, während er an der Reihe ist. Äußerungseinheiten als Höreräußerungen sind Rückmeldungen bzw. Hörerkommentare. Mit diesen Mitteln stützt der Hörer das Gespräch in zustimmender, ablehnender oder skeptischer Manier. Dieser ersten Ebene der Äußerungseinheiten läßt sich eine zweite der handlungssemantischen Einheiten gegenüberstellen. I n n e r h a l b der Gespräch sschritte oder m i t den Gesprächsschritten formuliert der Sprecher Gesprächsakte, die situativ und gesprächsstrategisch bestimmte, mit gestischen und/oder mimischen Akten verbundene Sprechakte darstellen. Gesprächsakte

16 17

Lipps (1968) 29. In bezug auf die gesprächsanalytischen Kategorien sei insgesamt auf Henne/Rehbock (1979) 172-186 verwiesen.

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

289

sind minimalkommunikative Sinn-Einheiten, in denen Gesprächsteilnehmer ihre Anliegen in das Gespräch einbringen. Den Gesprächsakten entsprechen auf der Hörerseite Rückmeldungsakte (als Rückmeldungen bzw. Kommentare). Gesprächsakte sind hinsichtlich ihrer Funktion in erster Linie zweifach zu differenzieren: in solche, die die Gesprächsstruktur bestimmen; in solche, in denen das eigentliche Thema verhandelt wird. Ich möchte im ersten Fall von strukturierenden und im zweiten Fall von thematischen Gesprächsakten sprechen. Strukturierende Gesprächsakte kann man dreifach unterteilen: (1) In solche Gesprächsakte, in denen die Beziehungen der Gesprächsteilnehmer bestimmt werden. Diese stehen vor allem am Anfang und Ende eines Gesprächs. Dazu gehören u.a. Grüße, Aufmerksamkeitsbezeugungen, Höflichkeitsfloskeln und direkte Anreden. Diese strukturierenden Gesprächsakte sollen beziehungsstrukturell genannt werden. (2) In solche Gesprächsakte, die die Gesprächsschritte und damit die Gesprächshandlung gliedern. Diese machen u.a. den spezifisch sprechsprachlichen Charakter von Gesprächen aus. Sie sollen gesprächsschrittgliedernde Akte genannt werden. (3) In solche Gesprächsakte, die die Modalitäten des Sprecherwechsels regeln. In diesem Fall soll von sprecherwechsel-regulierenden Gesprächsakten die Rede sein. Innerhalb einer Skizze könnte die Sortierung der Gesprächsakte folgendermaßen veranschaulicht werden (wobei die Kanten eine Teil-Ganzes-Beziehung ausdrücken): Gesprächsakte

thematische

strukturierende

strukturelle

gliedernde

regulierende (gesprächsschrittbehauptend bzw. -übergebend)

An einem Beispiel möchte ich diese Ordnung erläutern und zugleich demonstrieren, daß die jeweiligen Gesprächsakte z.T. mehrfache Funktionen haben. Die Komödie „Die Soldaten" von Lenz 18 setzt ein mit einer Frage der Mariane (mit untergestütztem Kopf einen Brief schreibend): Schwester weißt du nicht, wie schreibt man Madam, Μ a ma, t a r n m, tamm, m e, me

18

Diesen Dramentext zitiere ich nach der Handschrift von Lenz, die mir in Form eines Mikrofilms von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, freundlich zur Verfügung gestellt wurde (Nachlaß J. M. R. Lenz, 3, I [„Die Soldaten"]). Die Edition der „Werke und Schriften" von Titel und Haug fußt auf dieser Handschrift, „doch sind die Zeichen am Ende der einzelnen Sprechparts fast durchweg hinzugefügt [...]" (Lenz 1967) 735; s. auch Anm. 20 unten.

Linguistik des Gesprächs

290

Man muß sich hier die Handschrift Lenzens ansehen, um die Schwierigkeiten zu begreifen, die g e d r u c k t e Editionen mit der Darstellung der Buchstabierund Silbeniesemethode haben, die Lenz durch gesperrte Druckschrift einerseits und Kurrentschrift andererseits zum Ausdruck bringt 19 . Schon in der Eröffnung dieser Komödie holt Lenz also die gesellschaftliche Wirklichkeit, in diesem Fall: die der Buchstabier-Lesemethode der damaligen Pädagogik, ein und zeigt zudem, daß sich Mariane in schulischer Hinsicht noch auf dem Niveau des Buchstabierens und der unsicheren Orthographie bewegt. Gesprochene Sprache als Buchstabiersprache - dieses Anliegen hat der Bearbeiter des Stückes, Heinar Kipphardt, nicht begriffen, bei dem dieser realistische Anfang verkommt zu der Frage: „Schreibt man Madame mit e?" Bei Lenz hingegen wird der Gesprächsschritt mit einem beziehungsstrukturellen Gesprächsakt: „Schwester" eröffnet, dem ein thematischer Gesprächsakt, die Frage nach der Schreibweise von „Madam" (M a, ma, t a m m, tamm, m e, me) folgt; aber schon an dieser Stelle zeigt sich die Polyfunktionalität auch eines thematischen Gesprächsaktes: Insofern er eine Frage impliziert, hat er z u g 1 e i c h sprecherwechselregulierende Funktion, indem die „Schwester" eindeutig aufgefordert wird, den Gesprächsschritt zu übernehmen. Diese reagiert mit einem zunächst Interesselosigkeit signalisierenden: So 'st recht. Erst als Charlotte eine inhaltliche Korrektur anbringen will, verweigert ihr Mariane den Gesprächsschritt mit einem sprecherwechsel-regulierenden Gesprächsakt: Laß doch seyn, was fällst du mir in die Rede

Nachdem Charlotte auf ihrem Korrekturbegehren beharrt, weist Mariane sie erneut zurück: Ey was redst du doch Papa schreibt ja auch so [...] Charlotte Nu, so les' sie doch aus

In diesen zwei Gesprächsschritten liegt jeweils ein gesprächsschrittgliedernder Gesprächsakt vor, nämlich einerseits das ey der Mariane 20 und andererseits das nu der Charlotte, dem jeweils thematische Gesprächsakte folgen. Diese gesprächsschrittgliedernden Gesprächsakte haben hier gesprächsschritteinleitende Funktion: Mit ihrer Hilfe werden einerseits die Abwehr und der Unwillen der Mariane: „Ey was redst du doch, der Papa schreibt ja auch so", und andererseits die vermittelnde und zugleich auffordernde Haltung der Charlotte: „Nu, so les' sie doch aus" ausgedrückt. Nu, so bestimmt Adelung, sei „im gemeinen Leben" die Entsprechung der Partikel nun, die u.a. dazu diene, den „Unwillen" oder

19

20

In ihrem zweiten Gesprächsschritt fragt Mariane u.a. nach der Orthographie von „arriviert" und macht einen Vorschlag (der wiederum ihre partielle Unkenntnis der Orthographie verrät). Hier schreibt Lenz die Buchstabiersilben versehentlich in Kurrentschrift, die er durch senkrechte Striche trennt: a|r ar, r|i|e|w| wiert (sie!). Die Gliederungspartikel ey wird von Titel und Haug gegen die Handschrift mit ei notiert, obwohl sie in Lenz (1967) 735 versichern, der Handschrift zu folgen. In ähnlicher Weise schreiben sie (innerhalb der ersten Szene, die ich kontrolliert habe) falsch: sein (183) statt richtig seyn, hält (184) statt richtig hältdaß du 's (184) statt richtig das dus.

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

291

einen „Verweis" zu artikulieren 21 . In dieser Bestimmung folgt ihm Campe, der auch von vertraulicher Sprechart spricht und u.a. herausstellt, nu könne „einen Andern in seinem Reden und Handeln [...] mäßigen" 22 . Ey wird von Adelung als „der natürliche Ausdruck verschiedener [...] Gemüthsbewegungen" bestimmt, u.a. für „Ungeduld" und „Unwillen" 23 ; darin folgt ihm Campe gleichfalls. Dieser spricht von einem „Empfmdungslaut, verschiedene Empfindungen und Gemüthsbewegungen anzudeuten" 24 .

7. Gliederungspartikeln und Rückmeldungspartikeln in den Dramen von Lenz und Wagner Wenn ich im folgenden anstelle der Termini gesprächsschrittgliedernder Gesprächsakt (des Sprechers) und Rückmeldungsakt (des Hörers) die Termini Gliederungspartikel und Rückmeldungspartikel verwende, so möchte ich damit zweierlei bezwecken: Zum einen eine terminologische Vereinfachung und zum anderen die Aufhebung der für philologisch und sprachhistorisch interessierte Zuhörer doch sehr verfremdeten (oder gar befremdlichen) Terminologie. Diese didaktische Maßnahme kann ich allerdings erst nach dem Entwurf einer gesprächsanalytischen Konzeption vornehmen: Die Aufdeckung der sprachpragmatischen Funktion dieser Partikeln ist nur innerhalb der Gesprächsanalyse zu leisten. Darüber hinaus ist mit dieser Maßnahme angezeigt, welchem Gegenstand ich im folgenden meine Aufmerksamkeit widmen will: Es sind jene Gesprächsakte des Sprechers, die seine thematischen Gesprächsakte vorbereiten, einleiten, begleiten und abschließen, einerseits und die Rückmeldungsakte des Hörers, mit denen er das Gespräch stabilisiert, andererseits. Sofern diese Sprecher- bzw. Höreraktivitäten jeweils lexikalisiert sind, spreche ich, wie erläutert, von Gliederungspartikeln bzw. Rückmeldungspartikeln, ansonsten von Gliederungsphrasen bzw. Rückmeldungsphrasen. Ich meine, daß diese sprachlichen Mittel gesprächsspezifisch deshalb sind, weil sie die Gelenkstellen am Gesprächskörper darstellen. Diese „Gesprächswörter" 25 signalisieren das Aufeinander-Beziehen und Aufeinander-Eingehen im Gespräch. Sofern von Gliederungspartikeln die Rede ist, wird mit dieser Benennung nur auf einen Aspekt ihrer Funktion abgehoben; daß diese Partikeln darüber hinaus die Funk-

21 22 23 24

25

Adelung (1798) 535, 539. Campe (1809) 521, 523. Adelung (1793) 1989. Campe (1807) 825. - Die wortartentheoretische Einordnung dieser Partikeln (ey, nu) durch Adelung und Campe ist unsicher. Adelung nennt nu eine „Partikel" und ey eine „Interjection" (dessen Verdeutschung ,Empfindungswort' ist); vgl. Adelung (1785) 3. Campe bezeichnet ei (er kodifiziert diese Version) als „Empfmdungslaut". Ich spreche von Gliederungspartikeln. S. dazu Anm. 25 und Burger (in diesem Band). Henne (1978) passim. Hier werden Gliederungspartikeln, Rückmeldungspartikeln und Interjektionen jeweils als Funktionsklassen der Wortart Gesprächswort aufgefaßt.

292

Linguistik des Gesprächs

tion haben, in den Gesprächsschritt die Emotion und Stellungnahme der Sprecher zu legen, ist offensichtlich. Die Darstellung dieser Partikeln in Dramen des Sturm und Drang, hier derjenigen von Lenz und Wagner, könnte Aufschluß geben darüber, ob Lenz und Wagner bei den „gemeinen Leuten" gelernt haben, „wie sich die Natur bei gewissen erheischenden Anlässen ausdrückt [...]"26. Zugleich sind diese Gesprächs Wörter Mittel, die im wesentlichen gesprochener Sprache zur Verfügung stehen. Mit ihrer Darstellung und Funktionsbeschreibung wird gesprochene Sprache im 18. Jahrhundert rekonstruiert. Im ersten Akt von Lenz' „Soldaten" gibt es unter anderen folgende Gliederungspartikeln: apropos, ey, ey was, ja, na, nu, kurz und gut, o. Diese acht Typen (im Sinne von „types") werden 25mal aktualisiert, kommen also 25mal als „tokens" vor. Zum Beispiel steht nu in folgenden Kontexten: Charlotte: „Nu, so les' sie doch aus". Charlotte: „Nu seht doch, bin ich denn schon schalu darüber gewesen?" Mutter (von Stolzius): „Nu, ich glaube ihm steckt das verzweifelte Mädel im Kopf, [...]". Mutter: „Nu, wenn du mir gute Worte giebst, so will ich dir das Herz wohl leichter machen". Wesener (der Vater von Mariane): „Nu ich will dir schon sagen, wie du den Brief an ihn einzurichten hast". Die gesprächsschrittgliedernde Funktion dieser Partikeln kann folgendermaßen differenziert werden: Die Partikeln und Partikelphrasen haben zum einen gesprächsschritteröffnende Funktion, wobei zugleich in spezifischer Weise auf den vorherigen Gesprächsschritt Bezug genommen wird. Dies trifft für apropos, ey, ey was, ja, na, nu, ο zu. Sie haben zum anderen gesprächsschrittsegmentierende Funktion, wobei in spezifischer Weise auf den früheren T e i l des Gespräch sschritts Bezug genommen und der folgende Teil angekündigt wird; dies trifft auf die Gliederungsphrase kurz und gut zu. Im ersten Akt der „Soldaten" fehlen diejenigen Gliederungspartikeln, deren Funktion man u.a. als zustimmungsheischend und verstärkend bestimmen kann. Sie finden sich z.B. im ersten Akt von Wagners „Kindermörderinn". Wagner verwendet nit wahr bzw. gelt insgesamt dreimal. 27 Rückmeldungspartikeln bzw. Rückmeldungsphrasen fehlen in den untersuchten Dramen. Die im natürlichen Dialog sich gehäuft findenden Rückmeldungsakte (wie hm, ja, genau) werden auch von den Sturm und Drang-Dramatikern ausgespart und der Aufführungspraxis bzw. den Dramaturgen und ihrer Arbeit anvertraut. Die Durchsicht etwa erhaltener Theaterbücher müßte das erweisen. Die vorstehende Form einer typisierenden Beschreibung der Gliederungspartikeln ergibt noch kein hinreichendes Bild der pragmatischen Funktion dieser Gelenkstellen. Zwei Beschreibungsansätze, die den Vergleich als methodisches Mittel einsetzen, sollen etwas konkretere Bestimmungen geben.

26 27

S. Anm. 9. Wagner (1776). - Ich benutze die Edition von J. U. Fechner. Stuttgart 1969: „Der hier vorgelegte Neudruck folgt für die drei Fassungen der Kindennörderin den Originalausgaben [...]" (S. 154).

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

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Der Text von Wagners „Kindermörderinn" wurde 1777 von Karl Lessing, dem Bruder G. E. Lessings, für die Bühne bearbeitet. Besonders der erste Akt erfuhr dabei eine tiefgreifende Revision. In einer Vorrede zu seiner Bearbeitung rechtfertigt sich Lessing, indem er u.a. bemerkt: „Dafür beobachtet er [Wagner] die Lokalität so sklavisch, daß jedes unrichtige Wort, jede falsche Redensart, jede kahle Wendung des Ausdrucks an dem Orte, wo die Kindermörderinn spielt, von ihm so begierig angenommen wird, als was jede Provinz charakteristisch gutes eigen hat. Und das tut er nicht allein in Ansehung der Sprache, sondern auch der Sitten und Charaktere" 28 . Diese von Karl Lessing beklagte angeblich provinzielle Verwilderung der Sprache und der Sitten bezieht sich auch auf die Gliederungspartikeln. In der Lessing'schen Bearbeitung des ersten Aktes nämlich fehlen die Gliederungspartikeln ey, na, ja völlig, die bei Wagner selbst mehrfach vorkommen. Offensichtlich evozieren diese Partikeln auch jene provinzielle Authentizität, die Karl Lessing fur unerträglich hielt. Damit könnten die Forschungen zur Rekonstruktion gesprochener Sprache auch fiir ein literaturwissenschaftliches Interesse bedeutsam werden. Die Ergebnisse des Vergleiches zwischen dem Originaltext Wagners und dem der Bearbeitung durch K. Lessing sind mit den Ergebnissen zu vergleichen, die Bernd Passier im Rahmen eines Braunschweiger Seminarreferats erarbeitet hat 29 : Danach gibt es auch innerhalb der Dramen des Sturm und Drang ein erhebliches Gefalle der Verwendung von Gliederungspartikeln: Während die absolute Häufigkeit dieser Gliederungspartikeln im „Hofmeister" und in den „Soldaten" von Lenz und in der „Kindermörderinn" von Wagner sich je Drama jeweils im Bereich zweistelliger Zahlen bewegt, ist das Sturm und Drang-Drama „Julius von Tarent" von Leisewitz fast als gliederungspartikellos zu bezeichnen: Die absolute Häufigkeit liegt unterhalb des Bereichs einer zweistelligen Ziffer. Doch solche Vergleiche und der Nachweis spezifischer sprechsprachlicher Tendenzen in unterschiedlichen Dramen des Sturm und Drang bleiben immer noch im Bereich des Generellen. Wenn der Vorsatz: aufzuzeigen, was Menschen tun, wenn sie sprechen, eingeholt werden soll, dann muß die Bedeutung der Gliederungspartikeln aus dem Text entwickelt werden, der wiederum in situativen und sozialen Bezügen steht: In der ersten Szene in Lenz' „Soldaten" unterhalten sich, wie schon dargelegt, die Schwestern Mariane und Charlotte, eine Unterhaltung, die im Streit endet. Dabei werden die Gliederungspartikeln ey von Mariane und nu von Charlotte im Zuge des sich zuspitzenden Dissenses eingesetzt. Die gesprächsschritteröffnende Partikel ey in: „Ey was redst du doch, der Papa schreibt j a auch so" verrät den Unwillen und die Abwehr der Mariane. Die diesem Gesprächsschritt folgende Replik Charlottes: „Nu, so les' sie doch aus" enthält einen Verweis, der u.a. durch die Gliederungspartikel nu artikuliert wird J °. Dieser ««-Gebrauch wird in der zweiten Szene des Dramas im

28 29 30

Wagner (1776) 93. Passier (1977) 16. S.o.S. 98.

Linguistik des Gesprächs

294

Gespräch zwischen Stolzius und seiner Mutter fortgesetzt 31 . In der dritten Szene, die ein Gespräch zwischen Mariane und dem Offizier Desportes bringt, wird dieser „vertrauliche Sprechart" und „gemeines Leben" anzeigende nu- und ey-Gebrauch verlassen. An seine Stelle tritt eine o-Manier in den Gesprächsschritten der Mariane: Desportes Mariane

Desportes Mariane Desportes Mariane

Was machen Sie denn da meine göttliche Mademoiselle? (die ein Buch weiß Pappier vor sich liegen hat, auf dem sie krützelte, steckt schnell die Feder hinter's Ohr.) Ο nichts, nichts, gnädiger Herr - (lächelnd) Tch schreib' gar zu gern Wenn ich nur so glücklich wäre, einen von Ihren Briefen, nur eine Zeile von Ihrer schönen Hand zu sehen Ο verzeyhen Sie mir, ich schreibe gar nicht schön, ich schäme mich von meiner Schrift zu weisen Alles was von einer solchen Hand kommt muß schön seyn Ο Herr Baron hören Sie auf, ich weiß doch daß das alles nur Komplimenten seyn

Adelung und Campe sprechen hier gemeinsam von einem „Empfindungslaut" als Ausdruck der Verwunderung und „lebhaften Gemüthsbewegung". 32 Die innere Bewegung der Mariane drückt sich auch in dieser Partikel aus. Neben der Verwunderung steht die Bewunderung: „O Herr Baron, hören Sie auf, ich weiß doch, daß das alles nur Komplimenten seyn ..." Dieser Satz, mit ey eingeleitet, hätte eher Wahrheit für sich beanspruchen können. Offensichtlich haben Partikeln auch eine regionale Basis und sind von daher stilistisch bewertet. Ihre pragmatische Funktion resultiert somit aus ihrer regionalen und sozialen Einbettung. Auch dies hat eine historische Sprachpragmatik ins Kalkül zu ziehen.

Literatur Adelung, J. C., Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Bd. 1. 1793; Bd. 3.1798. Neudruck hrsg. von H. Henne. Hildesheim, New York 1970. Adelung, J. C., Ueber den Deutschen Styl. Bd. 1.2. Berlin 1785. Betten, Α., Erforschung gesprochener deutscher Standardsprache. (Teil 1; Teil II. In: Deutsche Sprache 5.1977, 335-361; 6. 1978,21^14. Burger, H., Interjektionen. (In diesem Band S. 53-69). Campe, J. H., Wörterbuch der Deutschen Sprache. Bd. 1. 1808; Bd. 3. 1809. Neudruck hrsg. von H. Henne. Hildesheim, New York 1969. Cherubim, D., Zum Programm einer historischen Sprachpragmatik. (In diesem Band, S. 3-21). Eggers, H., Deutsche Sprachgeschichte, IV. Das Neuhochdeutsche. Reinbek 1977 Grosse, S., Literarischer Dialog und gesprochene Sprache. In: PBB (West) 94. 1972. (Sonderheft: Festschrift f. H. Eggers), 649-668. Henne, H., Gesprächswörter. Für eine Erweiterung der Wortarten. In: Interdisziplinäres deutsches Wörterbuch in der Diskussion. Düsseldorf 1978, 42-47. Henne, H., Sprachpragmatik, Nachschrift einer Vorlesung. Tübingen 1975.

31 32

S.o. Campe (1809) 529, Adelung (1798) 553.

Probleme einer historischen

Gesprächsanalyse

295

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Gegensprechanlagen Literarische Dialoge (Botho Strauß) und linguistische Gesprächsanalyse 1

1. Das Dialogische von Sprache In der modernen Sprachtheorie gibt es ein dialogisches Defizit. Wenn man nach grundlegenden Begriffen f r a g t und die A n t w o r t (etwa) lautet: langue und parole', System, Norm und Rede; Sprachkompetenz und -performanz; oder: zweifache Gliederung (double articulation) der Sprache', Phonem, Monem\ und: Wort, Satz und Text - so erkennt man auf Anhieb, daß diese Begriffe nicht dialogisch geprägt oder gefärbt sind. 2 Das soll heißen: sprachwissenschaftliche Theoriebildung hat zumeist nicht hinreichend berücksichtigt, daß „Anrede" und „Erwiderung" konstitutiv für Sprache überhaupt und damit für jede Einzelsprache sind. 3 Indem ich die Begriffe „Anrede" und „Erwiderung" benutze, beziehe ich mich auf Wilhelm von Humboldt, der einen dialogischen Sprachbegriff entwickelt hat. Dieser Sprachbegriff Humboldts ist deshalb vielfach unbekannt, weil „Linguisten und Philosophen" das „ganze Werk Humboldts" nicht immer „vertraut" ist.3a Dieser (also Humboldt) hat unter dem Begriff des „Typus" dasjenige zu fassen versucht, was a l l e n Sprachen gemeinsam ist. Hingegen hat er unter dem Begriff des „Organismus" gefaßt, was die einzelnen Sprachen in ihrer „Weltansicht" als je spezifisch ausweist. 4 Die g r u n d s ä t z l i c h e und typisierende Bestimmung von Sprache übersteigt jede empirische, etwa durch Sprachvergleich gewonnene Beschreibung. Die sprachphilosophische Aussage lautet so: „ A l l e s Sprechen ruht auf der Wechselrede, in der, auch unter Mehreren, der Redende die Angeredeten immer sich als Einheit gegenüberstellt." 3 Diese „Wechselrede" als Grundlage allen Sprechens wird dann näher bestimmt: „Es liegt aber in dem ursprünglichen Wesen der Sprache ein unabänderlicher Dualismus, und die Möglichkeit des Sprechens

1

2

J

3a 4 5

Text eines Vortrages, den ich 1981 in Darmstadt, Groningen und Amsterdam und, überarbeitet, 1984 in Trier gehalten habe. Der Überarbeitung habe ich zugleich Anmerkungen hinzugefügt. Den Zuhörern und Diskutanten möchte ich für ihre Aufinerksamkeit und Anregungen danken. Bayerdörfer (1967, 55ff.) versucht, „Langue und Parole in dialogischer' Sicht" darzustellen. Er spricht von einem „dialogischen Impuls" „als treibendem Moment des Sprachgeschehens": „Seine (des dialogischen Impuls) Bedeutung als inneres Prinzip der Sprache überhaupt steht im Mittelpunkt der sprachphilosophischen Erwägungen Martin Bubers" (55); vgl. auch Ungeheuer (1974, insbes. 4f.). Wittgenstein 1971, §§23, 241, 256ff.; vgl. insgesamt Theunissen (1965), insbes. den 2. Teil: „Die Philosophie des Dialogs als Gegenentwurf zur Transzendentalphilosophie"; Bauer (1969, 1-11). Heeschen (1972, 3). Vgl. Heeschen (1972, 70f.) v. Humboldt (1963 [1827] 137).

Gegensprechanlagen

297

selbst wird durch Anrede und Erwiederung bedingt." Und Humboldt fährt fort: „[...] die Sprache kann auch nicht vom Einzelnen [...] zur Wirklichkeit gebracht werden. [...] die Sprache muß Erweiterung in einem Hörenden u n d Erwiedernden finden." 6 „Hörender" u n d „Erwidernder" ist derjenige, der dem Sprecher, besser: dem Gesprächspartner gegenübergestellt ist. Damit ist auf das „Gespräch" als ursprünglichste und reichste Form menschlicher Verständigung verwiesen. Wenn man gattungspoetologisch argumentierte, könnte man aus dieser Sicht zu der Auffassung kommen, daß das Drama (als „Fixierung der Gesprächssituation") 7 Grundmuster aller Literatur und der literarische Dialog derjenige Teil ist, der die reinste Ausprägung des Verständigungscharakters von Sprache ist. Wobei schon an dieser Stelle deutlich werden soll, daß Verständigung auch und gerade immer g e f ä h r d e t e Verständigung sein kann. Sucht man nach einem letzten, d.h. nicht hintergehbaren Begriff, der sprachlicher Verständigung zugrunde liegt, kann man den von Wittgenstein geprägten Begriff „Lebensform" anführen: 8 Lebensform meint u.a., daß Menschen eine gemeinsame Lebensgeschichte und damit einen gemeinsamen Verstehenshorizont haben und deshalb ein Gespräch, als ein gemeinsames, fuhren können.

2. Alltagsdialog und literarischer Dialog Der dialogische Charakter ist jedoch nicht nur ein a l l g e m e i n e s und g r u n d l e g e n d e s Merkmal von Sprache überhaupt; der dialogische Charakter ist auch in den Einzelsprachen je spezifisch ausgeprägt und empirisch überprüfbar: Das System der Personalpronomen ich und du im Singular, wir und ihr im Plural gibt die Möglichkeit des Ansprechens und Anredens; ich spreche dich an, oder ich rede mit dir, die Möglichkeit des Besprechens bzw Beredens hingegen wird durch die dritte Person (er, sie, es im Singular bzw. sie im Plural) gewährt: Wir sprechen mit euch über sie. Anreden (und Vernehmen) und Bereden sind nach Humboldt „Urdimensionen" der Rede. 9 Der Dualis, also eine Form der Personalpronomina, in der zwei Personen zusammengefaßt sind, ist uns leider verlorengegangen. Wir müssen die Zweiheit periphrastisch bilden, wenn wir das meinen, was der Dualis ausdrückt: ihr zwei bzw. wir beide. Auffallig ist dabei, daß ein Zahlwort wie beide erhalten bleibt, das diese Zweiheit enthält. „30 beide" sagt man im Tennis, das mit „30 all" ins Englische zu übersetzen ist (obwohl hier mit both gleichfalls eine lexikalisierte Einheit zum Ausdruck der Zweiheit zur Verfügung steht).10

6 7 8 9 10

v. Humboldt (1963 [1827] 139). Priesemann (1965, 239). Vgl. dazu Anm. 3. Theunissen (1965,283). Beim Doppel kann dann endlich auf das englische Vorbild („thirty all", ,dreißig alle') zurückgegriffen werden; von hier aus greift der Anglizismus dann auch auf das Einzelspiel über.

Linguistik des Gesprächs

298

Andere dialogische Merkmale von Sprache, auf die Humboldt nicht näher verweist, sind z.B. Gesprächswörter. Das sind z.B. Rückmeldungspartikeln (wie ja, hm, genau) und Gliederungspartikeln (wie also, gell, nich), mit denen Gesprächspartner das Gespräch aufbauen und gegenseitiges Verständnis sichern. Weiter zählen dazu die in einer Einzelsprache vorhandenen Frage- und Antwortmöglichkeiten, darüber hinaus spezielle Formen des Anredens, im weiteren Sinne auch das, was in der Gesprächsanalyse als initiierende und respondierende Strukturen dargestellt wurde. 11 Wie „Anreden" und „Bereden" Urdimensionen von Sprache sind, so stellen die Begriffe „Alltagsdialog" und „literarischer Dialog" polare Möglichkeiten gemeinsamen Sprechens dar. In bezug auf diese Grundmuster kann man auch von „Gesprächsgattungen" sprechen und folgende Systematik entwerfen: 12 1. 1.1 1.2 1.3 2. 2.1 2.2 3. 3.1 3.2

natürliches Gespräch („Alltagsdialog") natürliches spontanes Gespräch natürliches arrangiertes Gespräch natürliches institutionell bedingtes Gespräch fiktives/fiktionales Gespräch fiktives Gespräch fiktionales Gespräch („literarischer Dialog") inszeniertes Gespräch zu wissenschaftlichen Zwecken zu künstlerischen Zwecken („szenische Realisierung")

Natürliche Gespräche sind solche, die r e a l in gesellschaftliche Funktionsabläufe eingelassen sind bzw. diese begründen. Zu unterscheiden sind solche Gespräche, die unvorbereitet und somit „spontan" gefuhrt werden, und solche, die einer längerfristigen Vorbereitung ihre Existenz verdanken und somit als „arrangiert" zu bezeichnen und solche, die institutionell bedingt sind. Fiktive Gespräche sind solche, die zu bestimmten Zwecken, z.B. denen des Unterrichts, entworfen werden, fiktionale Gespräche sind solche der (schönen) Literatur. Inszenierte Gespräche können zu wissenschaftlichen Zwecken „in Szene" gesetzt werden oder in der Absicht, eine zweite Wirklichkeit mithilfe des künstlerischen Worts zu schaffen. Fiktionale Gespräche, also literarische Dialoge (und ihre szenische Realisierung) sind von anderen Gesprächsgattungen (und Untergattungen) unterschieden dadurch, daß sie scheinbar zwecklos sind, daß sie auf jeden Fall den Bedingungen alltäglicher Zwecke nicht unterworfen und aus unmittelbaren Handlungszusammenhängen entlassen sind. Literarische Dialoge, die zudem durch den künstlerischen Willen eines Autors zur Einheit eines Dramas verbunden sind, stellen Kunst-Stücke dar, die mimetisch und ästhetisch fundiert sind. Damit aber sind sie künstlerische Entwürfe des Möglichen auf der Grundlage des Wirklichen. Ihre scheinbare Zwecklosigkeit enthüllt sich nicht als Mangel, sondern als Fülle: Literarische Kunst-Stücke, und als solche auch literarische

" 12

Henne/Rehbock (1982, 201-221); Schwitalla (1979, 95-102). Die vorstehende Systematik entwickelt die in Henne/Rehbock (1982, 32) entworfene weiter.

Gegensprechanlagen

299

Dialoge, sind Produkte gezielter Einbildungskraft. Insofern sind sie einerseits an der Wirklichkeit entlang geschrieben und überragen sie andererseits doch in je spezifischer Weise, entfalten somit innovative Kraft. Aus dieser Perspektive dienen literarische Dialoge einem „höheren" Zweck (und sind daher nicht „zwecklos"): Sie entfalten in der Interpretation einen möglichen Textsinn, der die Wirklichkeitsauffassung des Lesers (und/oder Zuschauers), im günstigsten Fall, zu verändern vermag: Die Literatur greift in das Leben ein.' 3 Der schöne Schein wird nun verdoppelt, die entworfene Welt wird zum zweitenmal entworfen, wenn das frktionale Gespräch, in diesem Fall der dramatische Text, szenisch realisiert wird. Damit sind zwei „Textschichten" greifbar: 14 der schriftlich fixierte Text und die j e w e i l i g e Bühnenrealisierung. Beide Textschichten haben zuweilen ihre eigene Geschichte. Der Text der Bühnenrealisierung ist zudem überschüssig gegenüber dem schriftlichen Text: Er enthält, zwangsläufig, die „Zutaten" von Dramaturg und Regisseur. 15 Literarische Dialoge stellen nun, gerade wegen ihres Kunstcharakters, eine Herausforderung für die linguistische Gesprächsanalyse dar; wird sie doch möglicherweise auf dialogische Strukturen gestoßen, die in alltäglicher Wirklichkeit verborgen oder vereinzelt (aber doch nicht untypisch), insgesamt nur zufällig auffindbar sind. Zudem mag andererseits eine gesprächsanalytische Beschreibung, und zwar b e i d e r Textschichten, „Stilisierungsgrade" herausarbeiten und somit Einsichten gewähren, die philologischer Textinterpretation nicht zugänglich sind.16

Ij

14 15 16

An dieser Stelle miißte man sehr viel „Literatur" anfuhren oder - eigene. Vgl. Henne (1980, 91-94); daß „Alltagsdialog" und „literarischer Dialog" vermittelt sind dergestalt, daß dieser auf jenem aufbaut; daß zugleich die „ästhetische Kommunikation", also u.a. die „Rezeption" der Texte durch die alltägliche Erfahrung der Leser und/oder Zuschauer geprägt ist, betonen Beiersdorf7Schöttker (1978, 517f.) zu Recht. - Anregend, auch zur Kritik, sind Posner (1980) und Säße (1980). Pfister (1977, 25). Pfister (1977, 25). Beiersdorf/Schöttker (1978, 518) bemerken: „Das am Alltagsgespräch gewonnene Inventar schafft die Möglichkeit, Stilisierungssprache literarisierter Gespräche [...] exakter zu beschreiben." - Ungeheuer (1980, 46) bemerkt, bezogen auf „kommunikatives Gebaren" in literarischen Dialogen: „Sie sind freilich (oder können es sein) unrealistisch in ihrer Konzentration, aber gerade dieses Merkmal macht sie für eine Analyse zum Zwecke kommunikationswissenschaftlicher Begriffsbildung interessant." Zu widersprechen ist der These Ungeheuers, auch der schlechteste Dialog eines literarischen Produkts verstoße nicht gegen Kommunikationsregeln, weil die „kommunikative Gesamterfahrung" des Autors sich in den Dialogen niederschlage. Ich meine, daß Trivialliteratur sich u.a. dadurch auszeichnet, daß „falsche" und „uneigentliche" Erfahrungen, auch solche kommunikativer Art, in diese Literatur eingehen.

300

Linguistik des Gesprächs

3. Sprechanlagen-Dialoge: Zeichen unserer Zeit Es ist bekannt, daß das Beispielmaterial in Grammatiken etwas aussagt über den Geist der Zeit, aus dem heraus die jeweilige Grammatik geschrieben wurde. Das unbewußte, aber sichere Wissen der Grammatiker drängt hier an die Oberfläche. In gleicher Weise ist die Empirie der neuen Sprachpragmatik darauf zu prüfen, welche wiederkehrenden Text- und Dialogmuster sie untersucht - und damit Zeichen setzt in Bezug auf diejenigen Texte, die symptomatisch für unsere Zeit sind. Wenn Jürgen Habermas in unterschiedlichen Zusammenhängen das „Gespräch über den Gartenzaun" thematisiert hat, so hat er ein beschönigendes und archaisierendes Gesprächsmuster gewählt. Nicht, als ob wir solche Gespräche von Haustür zu Haustür, von Gärtchen zu Gärtchen, eben über den (trennenden) Zaun h i n a u s , nicht mehr anträfen; aber kennzeichnend für unsere Zeit, für die geistige Situation unserer Zeit, sind andere Gesprächsmuster. Zum Beispiel Sprechanlagen-Dialoge, z.B. in Hochhäusern. Sie sind Gesprächszeichen unserer Zeit, wenn Sie einen kräftigeren Begriff wünschen; Sprechanlagen-Dialoge sind Menetekel unserer Zeit. (Das sind Warn-Zeichen; der Begriff stammt aus dem Alten Testament [Daniel 5, 25]: Belsazar erscheint die Schrift an der Wand: „Mene, mene, tekel, upharsin". Dies wird von dem Propheten Daniel gedeutet als: ,gezählt, gezählt, gewogen und zerteilt'.) Dialoge über Gegensprechanlagen also als Menetekel unserer Zeit. Sie zeigen den Verlust an persönlicher Zuwendung an, den notwendigen technischen Schutz, der gekoppelt ist mit einer Erleichterung: Der Besucher des Hauses wird ferngehalten und ist doch nah, er braucht keine Treppen zu steigen und steht „draußen vor der Tür". Der Besucher wird, mit einem Wort, einer Prüfung unterzogen. Dabei sind, paradoxerweise, Gegensprechanlagen technisch fortgeschrittene Geräte, fortgeschritten im Vergleich zu ihren Vorgängern, den Wechselsprechanlagen. Diese erlaubten nur, daß jeweils wechselweise gesprochen wurde, also immer nur eine Partei sprach, während wir bei Gegensprechanlagen gleichzeitig miteinander sprechen und hören können, technisch gesprochen also ein „Duplexkanal" vorliegt, der gleichzeitige Übertragung in beide Richtungen erlaubt. Mit anderen Worten: Man kann fortwährend dazwischenreden - solange der Hausbewohner nicht die Anlage abschaltet. Andererseits kann er sich jederzeit wieder einschalten - ein Musterstück asymmetrischer Kommunikation. Gegensprechanlagen sind technische Instrumente, die Gesprächskommunikation erleichtern und zugleich überprüfen. Gegensprechanlagen stellen ein Gesprächsangebot dar und beinhalten zugleich die Verweigerung. Eine Gegensprechanlage ist ein kommunikativer Januskopf und als solcher Zeichen der kommunikativen Gefährdung unserer Zeit. Was Wunder, daß ein so sensibler Dramatiker wie Botho Strauß sich die Gelegenheit nicht entgehen läßt, Gegensprechanlagen, und damit einen Teil unserer vergeblichen Kommunikation, ins dramatische Bild zu setzen.

Gegensprechanlagen

301

4. „Groß und klein" von B. Strauß: Staffelstruktur der Sprechanlagen-Dialoge als Ausdruck der Gesprächskrise Das Theaterstück „Groß und klein. Szenen" von Botho Strauß wurde 1978 veröffentlicht (München: Hanser) und im gleichen Jahr an der Schaubühne in Berlin in der Regie von Peter Stein uraufgeführt. Der Autor läßt die Heldin ohne Nachnamen, Lotte „aus dem Rheinischen", Remscheid-Lennep, in zehn Szenen die bundesdeutsche Wirklichkeit durchstreifen, immer auf der Suche nach Heimat, Wärme, Versöhnung - die sie nicht findet. Was begegnet ihr: „ K l e i n e Verhältnisse, verzweifelt geregelt, geordnet so sehr, daß diese Ordnung fast schon irrwitzig erscheint, kalte Wirklichkeiten, in welchen die Zeit vergeht, ,aber nicht richtig'. Und die g r o ß e n , sehnsüchtigen Empfindungen finden keinen, der antwortet." 17 In diesem Zitat finden sich zwei Passagen, die den Titel erklären können: „ k l e i n e Verhältnisse" und „ g r o ß e Empfindungen". Die Mitte dieses Stückes bildet die vierte Szene, die den Titel „Groß und klein" trägt und somit dem gesamten Drama den Titel gegeben hat. Diese Szene besteht ihrerseits zu wesentlichen Teilen aus Dialogen, die über Gegensprechanlagen geführt werden. Botho Strauß, Groß und klein. Szenen. München: Hanser 1978, S. 71-74. 18 Vor der Glastür eines Mietshauses. Eine Sprechanlage über der Klingeltabelle. Lotte im Regenmantel mit der Zeichenmappe unter dem Arm. LOTTE sucht nach einem Namen aiifder

Klingeltabelle.

Niedschläger...

Steht gar nicht drauf. Muß aber draufstehen. Virchowstraße 85. Stimmt. Tillmann, Karnap, Kutnewski, von Roel ... Von Roel! ... Könnte sein, von Roel. Der Sohn vom Kinopächter. Umstrittenes Kind. Niedschläger wird von Roel durch späte Heirat erster Liebe. Die hat ja für nur einmal Quo vadis umsonst Zungenkuß gemacht mit dem und der hatte weißgott einen wäßrigen Mund ... Victor Mature hat auch einen wäßrigen Mund! ... Ach, Meggy, du kannst mir viel erzählen ... Sie drückt einen Klingelknopf Ein Knacken im Lautsprecher der Sprechanlage. LOTTE spricht in die Anlage. Ja, hier die Lotte-Kotte aus Lennep ... Keine Antwort Erneutes Knacken in der Anlage. Hallo? Trrtum.

Irrtum sagte der Igel und sprang von der Kleiderbürste. Sie drückt einen anderen Klingelknopf. ANLAGE männliche Stimme. Wer spricht? LOTTE L o t t e .

ANLAGE freudig. Lotti?! LOTTE Nein. Lotte. ANLAGE Lotti? Ja, gibt's dich noch?

17 18

Iden (1979, 226); die Sperrung ist von mir. Ich zitiere nach der 4. unveränderte Auflage 1980.

302

Linguistik des Gesprächs

L O H E Nein, nein. Ich bin jemand anderes. Sie verwechseln mich. Ich suche die Mechthild Niedschläger ... ANLAGE A c h . . .

Knacken in der Anlage. Lotte drückt einen anderen Klingelknopf. Sie drückt den nächsten ... ANLAGE Stimme einer alten Frau. Ja? LOTTE Entschuldigen Sie bitte, ich suche ein Fräulein Niedschläger ANLAGE Nein. LOTTE Oder Frau - , Frau! ANLAGE Nein. Wie heißt die? L O H E Ich weiß nicht genau, es könnte sein falls inzwischen verheiratet. ANLAGE Wissen Sie, mein M a n n und ich, wir kommen von drüben. Wir kennen hier praktisch kaum jemanden. Unsere Tochter ist Amtsgerichtsrätin, aber sie ist leider gerade nicht da. Fragen Sie mal bei Hein. Die wissen allgemein gut Bescheid. L O H E Danke ... Hein, danke.

Niemand

antwortet.

Sie sucht den Namen und drückt die Klingel. ANLAGE Frauenstimme. Bitte! LOTTE Frau Hein? ANLAGE Ja. Welche? LOTTE Bitte entschuldigen Sie die Störung kennen Sie Niedschläger, Meggy? Mechthild. ANLAGE die Frau ruft in der Wohnung nach ihrer Schwester. Gunilla! Zu Lotte. Warten Sie. LOTTE Danke. ANLAGE andere Frauenstimme. JA? L O H E Bitte... hier muß eine Frau wohnen im Haus mit dem Mädchennamen Niedschläger. Aber es scheint, vielleicht hat sie plötzlich doch geheiratet und ich kann sie nicht finden. Weiß aber, daß sie hier wohnt, durch Brief des Vaters! Sie hält das Ohr an die Anlagen. Man sagte mir bei Brauns, Sie wüßten gut Bescheid. ANLAGE Einen kleinen Augenblick, bitte. Sie ruft in die Wohnung. Lore! Lore! Nach einer Weile. Haben wir richtig verstanden: Tannsieder, j a ? L O H E Nied-schläger. Nied wie niedlich. ANLAGE Oh, das ist ein ganz anderer Name. Warten Sie bitte. Nach einer Weile die Stimme der ersten Frau. Hören Sie? L O H E Ja...

ANLAGE Wir wissen es nicht. Wir wissen es beim besten Willen nicht. Wenn wir auch fast alle Frauen im Haus gut kennen, so kennen wir doch die allerwenigsten bei ihrem Mädchennamen. Glauben sie uns! LOTTE Ja. Ich danke Ihnen. Vielen Dank. Ich versuche es auf gut Glück.

Gegensprechanlagen Sie drückt einen Klingelknopf, liest den zugehörigen ANLAGE aufgeräumte Männerstimme. Jabitte? LOTTE Herr Schröder?

303

Namen.

ANLAGE H m m .

LOTTE Entschuldigen Sie die Störung ... Ich bin Lotti, äh, Lotte ANLAGE Macht nichts, macht nichts. LO H E Wissen Sie zufällig etwas von einer geborenen Niedschläger in diesem Haus? ANLAGE Na, w o brennt's denn, M ä d c h e n ? Wollen Sie nicht einen Sprung r a u f k o m m e n ? Der Türöffner surrt mehrmals. Lotte öffnet zögernd die Tür Sie tritt ein, kommt aber gleich wieder heraus. Die Tür fällt hinter ihr zu. Sie drückt auf einen anderen Klingelknopf. ANLAGE Stimme eines kleinen Mädchens. Wer ist da? LOTTE schreit Meggy! Pause. Meggy? ANLAGE W e n möchten Sie sprechen? LOTTE Bist du nicht die Meggy? ANLAGE NÖ. Kichern. Lotte wartet mit dem Rücken an die Tür gelehnt. ANLAGE Stimme des aufgeräumten Mannes. Hallo, Lotte! LOTTE geht zur Anlage. Ja? ANLAGE N u n kommen Sie doch rauf! Beißt Sie j a keiner. Mein P u m a hat eben sein Schappi gefressen. Der Türöffner surrt. LOTTE Sie waren ... wer waren Sie gleich? ANLAGE Schröder. LOTTE Ach, Herr Schröder. Nein, Herr Schröder. ANLAGE Jetzt seien Sie aber mal kein Frosch, Mädchen. Mehrmaliges Surren des Tür Öffners. LOTTE drückt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen KlingelknopfMe'ml

Auf ihrer Reise durch die Bundesrepublik Deutschland, die eine Reise auch durch die soziale Wirklichkeit dieses Landes darstellt, ist Lotte in Essen angekommen. Hier möchte sie eine ehemalige Schulfreundin besuchen, von der sie „durch den Brief des Vaters" 19 nur weiß, daß sie in einem bestimmten Hochhaus wohnt; sie kennt aber nur den Mädchennamen der jetzt verheirateten Schulfreundin, muß es also „auf gut Glück" 20 versuchen, d.h. sie muß Klingeln drücken und nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum den Erfolg suchen. Bis Lotte ihre ehemalige Schulfreundin Meggy oder Mechthild findet, fuhrt sie insgesamt sieben Gespräche. Die Szene beginnt mit einem Selbstgespräch: Lotte sucht nach einem Namen auf der Klingeltabelle. „Niedschläger ... steht gar nicht drauf." usw. Das Selbstgespräch endet mit: „Ach Meggy, du kannst mir viel erzählen ..." Die Vorfreude der Lotte auf das Gespräch mit Meggy, in dem gemeinsames Jugendglück zur Sprache kommen soll, teilt sich dem Leser bzw. Zuschauer mit.

19 20

Strauß (1980, 73). Strauß (1980, 73).

304

Linguistik des Gesprächs

Danach führt Lotte ein Gespräch ohne Sprecherwechsel, also ein Nicht-Gespräch. Sie drückt einen Klingelknopf, erhält, durch „ein Knacken im Lautsprecher der Sprechanlage", den Hinweis, daß der Kontakt zu dem Gesprächspartner hergestellt ist, der sich aber sprachlich nicht meldet. Dieser verhält sich also anders als alle folgenden Gesprächspartner, die, nach der Aufforderung durch Lotte, also durch das Drücken des Klingelknopfes das Gespräch eröffnen. Der erste Gesprächspartner ist also gar keiner. Nachdem Lotte mit: „Ja, hier die Lotte-Kotte aus Lennep" das Gespräch eröffnet hat, folgt lediglich ein erneutes Knacken in der Leitung. Der Gesprächspartner, der keiner ist, hat den Kontakt wieder unterbrochen. Lotte: „Hallo? Trrtum. Irrtum sagte der Tgel und sprang von der Kleiderbürste". Das ist natürlich höchst bedeutsam für den weiteren Verlauf der Gesprächskette. Das e r s t e Gespräch nach dem Selbstgespräch findet nicht statt: Das Scheitern am Anfang wirft seinen Schatten auf die folgenden Gespräche. In der Literatur ist nichts ohne Bedeutung: Die S t r u k t u r der Gesprächskette sagt auch etwas über den I n h a l t der Gespräche. Das geht so weiter. Das dritte Gespräch ist ein einziges Mißverständnis deshalb, weil der Gesprächspartner eine „Lotti" erwartet und mit einem enttäuschten „Ach" das Gespräch abbricht, als er erfährt, daß Lotte aus Lennep vor der Tür steht. Selbstgespräch, Nichtgespräch, abgebrochenes Gespräch: der Anfang verheißt nichts Gutes. Danach drückt Lotte „einen anderen Klingelknopf. Niemand antwortet". Die Reihe wird immer unheilvoller. Man spürt: Das wird böse enden. Am Ende wird Lotte Meggy zwar finden; aber diese wird sich weigern, Lotte zu empfangen. Nach dem nicht stattgefundenen Gespräch folgt nun das erste „normale" Gespräch. Danach folgt ein Mehrpersonengespräch mit den Schwestern Hein, das ich hier deshalb übergehe, weil ich in Kapitel 5 darauf zurückkomme. Es folgt das sechste Gespräch, das ein zweiteiliges Rahmengespräch ist, in welches Gespräch das siebente kunstvoll eingefügt ist. Solche Rahmengespräche gibt es auch außerhalb von Sprechanlagen-Dialogen, etwa wenn ein Gespräch unter vier Augen durch ein Telefongespräch unterbrochen wird und anschließend das Gespräch unter vier Augen wieder aufgenommen wird. In unserem Fall, dem des Sprechanlagen-Dialogs, wird das erste Rahmengespräch durch einen Teilnehmer dieses Gesprächs, also Lotte, vorläufig beendet, während im zweiten, von uns als Beispiel angeführten Fall die Rahmenstruktur durch einen Gesprächspartner von außen, eben den Telefon-Anrufer, entsteht. Rahmengespräche und deren strukturelle und inhaltliche Vielfalt sind in der Gesprächsanalyse noch zu entdecken! Somit haben wir „in der Literatur" eine siebenteilige Dialogstruktur vorliegen: Selbstgespräch, Nicht-Gespräch, abgebrochenes Gespräch, Zweiergespräch, Kleingruppengespräch, Rahmengespräch mit eingefügtem Zweiergespräch. Im Fall dieser Gesprächskette, die durch die Protagonistin eben zu einer Kette wird, möchte ich von einer „unheilverkündenden Staffelstruktur" sprechen. „ S t a f f e l s t r u k t u r " soll das k u n s t v o l l G e s t u f t e der Gesprächskette

Gegensprechanlagen

305

zum Ausdruck bringen und „unheilverkündend" die durch die Struktur gestützte inhaltliche Tendenz. Eine graphische Darstellung dieser Staffelstruktur hat folgendes Aussehen:

Β,ιξ,Ι-

L

LntoMSiy

K o m m e n t a r : L ist Lotte, Α bis Η sind die wechselnden Gesprächspartner. Der Doppelpfeil symbolisiert den Gesprächskontakt. Das hoch gestellte Rechteck (1) zeigt das Selbstgespräch an, das halb schraffierte Rechteck (2) das NichtGespräch, an das sich eine monologische Passage („Hallo? Irrtum ...") anschließt; durch die Figur (3) wird das abgebrochene Gespräch symbolisiert. Das nicht gezählte, hochgestellte und schraffierte Rechteck symbolisiert das nicht zustandegekommene Gespräch, das Rechteck (4) das Zweiergespräch, das Quadrat (5) Lottes Gespräch mit einem Geschwistertrio, das hier durch D, Ε und F bezeichnet ist. Auf dieses Gespräch gehe ich im nächsten Kapitel näher ein. Die durch eine Schraffur offenen Rechtecke 6a und 6b sollen das Rahniengespräch symbolisieren. In diesen Gesprächsrahmen ist das siebente Gespräch eingebettet. Die inhaltliche Tendenz der Gesprächskette kann man noch deutlicher darstellen, wenn man die einzelnen Gespräche schlagwortartig charakterisiert, ihnen also „Titel" gibt und somit die Gespräche kenntlich macht: Dem Selbstgespräch als „Erinnerungsgespräch" (1), das glückliche Jugendtage beschwört, folgt das „verweigerte Gespräch" (2) und diesem das große „Mißverständnis" (3); daran schließen sich zwei Gespräche an, in denen Lotte an die Nachbarn „verwiesen" (4) bzw. innerhalb einer Wohngemeinschaft „weitergereicht" (5) wird; es folgt das zweiteilige Rahmengespräch mit dem lüsternen Herrn Schröder, der das Gespräch „umzufunktionieren" (6a, b) versucht, und der darin eingeschlossene „Fehlversuch", Meggy zu identifizieren (7). Die Gespräche dieser bösen Kette, die verheißungsvoll beginnt (als Lotte auf sich selbst setzt, ist sie noch „groß"), spiegeln in ihrer Struktur die inhaltliche Abweisung und Vergeblichkeit („klein") wider. Das kann man noch deutlicher machen, wenn man zugleich die interne Struktur dieser „Dialoge" gesprächsanalytisch herausarbeitet. Im folgenden notiere ich die Handlungsschemata der Gespräche (2) und (3): Das verweigerte Gespräch: Lotte 1. Tnteraktionsaufforderung („klingeln") 2. 3.

Gesprächseröffnung („ja") und Selbstidentifikation („hier die Lotte-Kotte aus Lennep ...")

„Anlage"

Interaktionsbereitschaft („knacken" )

306

Linguistik des Gesprächs

4.

5.

6.

Wird unterbrochen durch Beendigung der Interaktionsbereitschaft (Erneutes Knacken") Erneuter sprachlicher Versuch der Kontaktaufhahme (Hallo?") und Selbstgespräch („Irrtum. Irrtum sagte der Igel und sprang von der Kleiderbürste.")

Die Tnteraktionszüge sind zum Teil außersprachlich (1, 2, 4) und zum Teil sprachlich (3, 5, 6); zum Teil bestehen sie aus e i n e r Handlung (1, 2, 4, 5, 6), zum Teil sind sie komplex (3). Ein solches Muster der Verweigerung fehlt - so weit ich sehe - in der Literatur zu Telefondialogen 21 mit denen Dialoge über Gegensprechanlagen nicht gleichzusetzen sind). Für die Telefonkommunikation bedeutete dies, daß der Angerufene (der keine „Interaktionsbereitschaftsäußer u n g " 2 2 von sich gibt) nach Vorstellung des Anrufers den Hörer (des Telefons) wieder auflegt. Sind solche Dialoge nur literarisch? (Das große) Mißverständnis Lotte 1.

„Anlage" Interaktionsaufforderung („klingeln") Interaktionsbereitschaft und Aufforderung zur Identifizierung („Wer spricht?")

2.

3.

Selbstidentifikation („Lotte") Bestätigungsfrage mittels variierter Wiederholung („Lotti?!")

4. 5.

Korrektur und Wiederholung der Identifizierung („Nein. Lotte.") Wiederholung der falschen Annahme und Äußerung einer phraseologischen Wendung, die Freude ausdrückt („Lotti? Ja, gibt's dich noch?")

6.

Erneuter Versuch der Korrektur mit zusätzlichen erläuternden Hinweisen („Nein, nein. Ich bin jemand anderes. Sie verwechseln mich. Ich suche Mechthild Niedschläger ...") Enttäuschte Zurkenntnisnahme der Erläuterung („Ach ...") und Beendigung der Interaktionsbereitschaft („Knacken")

22

Soweit ich sehe, ist in 41 Telefondialogen (des Freiburger Corpus), die Berens untersucht, eine Verweigerung nicht verzeichnet. Vgl. Berens (1981, 402-417). Berens (1981, 405).

Gegensprechanlagen

307

Wiederum ist ein Ineinander von außersprachlichen und sprachlichen Interaktionszügen zu verzeichnen, wiederum gibt es komplexe und einfache Handlungen. Deutlicher als die Interaktionsnotation zum „verweigerten Gespräch" zeigt die vorliegende an, daß „Notation" zugleich eine Charakterisierung der Interaktionen und Gesprächsakte (als sprachlichen Teil der Interaktionen) bedeutet. Dabei verkürzt der Dramatiker s e i n e Notation, wenn MißVerständnisse ausgeschlossen sind. Im Gesprächsschritt 2 läßt er die Notation der Interaktionsbereitschaft („Knacken") aus, weil die notierte Aufforderung zur Identifikation die Tnteraktionsbereitschafit notwendig voraussetzt. Liegt im Gespräch zuvor keine Gesprächsbeendigung vor (weil es keinen Anfang gibt), so liegt hier eine abrupte und einseitige Beendigung vor. Es fehlen wesentliche Züge - z.B. die Gesprächsbeendigungsinitiative und die paarige Grußsequenz die bisher in der Gesprächsanalyse erarbeitet wurden. 23 Überhaupt fehlen Grußsequenzen in allen vorliegenden Sprechanlagen-Dialogen. Was soll man auch sagen? „Aufwiedersehn" ist offensichtlich widersinnig, und „Wiederhören" scheint der Telefonkommunikation vorbehalten. Statt dessen muß man das „Danke" (viertes Gespräch) bzw. „Vielen Dank" (fünftes Gespräch) als Ersatz für einen Gruß nehmen, Ersatz auch deshalb, weil es einseitig und nicht „paarig" (wie eine Grußsequenz) ist. Auch der Anfang der vorliegenden Dialoge weicht von der Struktur von Telefondialogen erheblich ab. 24 Es gibt keine Selbstidentifizierung der „Anlagen" - weil vorausgesetzt wird, daß der „Angeklingelte" durch das Namensschild identifiziert ist. Auch die Selbstidentifizierung der (Be-)Sucherin ist nicht durchgängig: Nachdem die Identifizierung im dritten Gespräch Anlaß zur Verwechslung gab, verzichtet Lotte zunächst darauf, begünstigt durch die indirekten Formen („Ja?", „Bitte!") der Äußerungen der Interaktionsbereitschaft seitens der Bewohner. Im übrigen nimmt sich die Form der Identifizierung („Lotte-Kotte" im zweiten und „Lotte" im dritten Gespräch) für einen beliebigen Miethausbewohner, den sie ja „auf gut Glück" anklingelt, überaus merkwürdig aus. Vor allem das „Lotte-Kotte" des zweiten Gesprächs zeigt das Vertrauensselige der Protagonistin; ist das doch eine spezielle Form der Identifizierung, die eigentlich nur Meggy anspricht. Im ersten Versuch schon ein Volltreffer? Da der Dramenautor seiner Heldin einen Nachnamen verweigert, muß sie gewissermaßen zwangsweise eine merkwürdige „Vorstellung" geben. Diese detailliertere Darstellung der Struktur von zwei Sprechanlagen-Dialogen hat, so meine ich, den „Merkwürdigkeiten" einiges hinzugefügt. Nicht nur die „Kette", auch die Dialoge selbst haben eine kunstvolle Struktur, die einen Teil unserer kommunikativen Wirklichkeit widerspiegelt. Dabei ist darauf zu verweisen, daß hier ein ganz spezifischer Gesprächstyp vorliegt: ein „fiktionales Gespräch", „zeitlich simultan und räumlich getrennt", „dyadisch", „privat", „asymmetrisch", „direktiv", „unbekannte" und „nicht vorbereitete" Gesprächs-

23 24

Vgl. Berens, Jäger, Schänk, Schwitalla (1976); Schänk (1981); H e n n e / R e h b o c k (1982). Berens (1981, 4 0 8 - 4 1 6 ) .

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Linguistik des Gesprächs

partner, „speziell themafixiert", „empraktisch". 23 Schon die Änderung der Variable „unbekannt" in z.B. „vertraut" (bezogen auf den Bekanntschaftsgrad der Gesprächspartner) ergäbe eine gänzlich andere Dialogstruktur. Diese Variable ist konstitutiv fur die vorliegenden Dialoge; sie garantiert die Fremdheit - die allerdings auch dann nicht weicht, als Lotte Meggy gefunden hat. Man kann nun die unheilvolle Gesprächskette auch interpretieren als s y s t e m a t i s c h e Verletzung der Konversationsmaximen von Grice. 26 Nachdem Lotte im Selbstgespräch auf erfüllte Konversation geradezu pocht („Ach, Meggy, du kannst mir viel erzählen ..."), wird im darauf folgenden Gespräch das Kooperationsprinzip prinzipiell („keine Antwort") und im dritten Gespräch speziell („Ach ...") aufgehoben. Im vierten Gespräch wird die aus dem grundlegenden Kooperationsprinzip folgende Maxime der Quantität („Mache deinen Beitrag nicht informativer als erforderlich") suspendiert („Unsere Tochter ist Amtsgerichtsrätin"), im Gespräch mit den drei Schwestern die Maxime der Art und Weise: Umständlich (statt kurz und präzis) tauschen sich die Schwestern untereinander aus, um dann doch ihre Unwissenheit zu bekennen. Der lüsterne Herr Schröder wiederum suspendiert die Maxime der Qualität: Statt Wahres zu sprechen („Mache deinen Beitrag wahr!"), formuliert er Unwahres („Wollen Sie nicht einen Sprung raufkommen? ... Beißt Sie ja keiner") und versucht, Lotte in eine Falle zu locken - das macht zumindest der Ton seiner Rede wahrscheinlich. Lediglich das Kind (im siebenten Gespräch) folgt allen Maximen von Grice - und zerstört doch durch sein anschließendes „Kichern" die Kommunikation. Erst die systematische und variative Suspendierung einer Reihe von Konversationsmaximen gibt der Gesprächskette eine innere Logik, die die Gespräche als Teil einer „wirklicheren Wirklichkeit" erkennen läßt, die man gemeinhin Kunst nennt. 27 Man hat Botho Strauß einem „sensiblen Realismus" zugerechnet. 28 Da Kunst auch und gerade der Kritik unterliegt, soll zumindest ein Aspekt seiner Sprechanlagen-Gespräche unter dem Stichwort „Realitätsdefizit" kritisiert werden: In zwölf nachgestellten Sprechanlagen-Gesprächen (mit dem vorgegebenen Thema: Suche einer Bekannten, von der man nur den „Mädchennamen" kennt) 29 wurde fünfmal auf den Hausmeister verwiesen, der sicher Auskunft geben könne: Der Hausmeister als Orientierungsgröße im mit Sprechanlagen bestückten Mietshaus. Manchmal hat die Wirklichkeit Eigenschaften, die ent25 26 27

28

29

Vgl. Henne/Rehbock (1982, 32f.). Grice (1975, 45). Trabant (1982, 45) geht in einer Besprechung von Hess-Lüttich (1980) auf systematische Normverletzung in Kunstwerken ein. Becher (1978, 626): „[...] so schreibt Helmut Schödel in „Theater heute": [...] wir sollten in Botho Strauß den sensiblen Realisten erkennen lernen." Betten (1983, 59) spricht zu Recht von „Pauschaletikettierungen" und setzt auf „linguistische Dialoganalysen, die nuanciertere Aussagen zu liefern vermöchten". Vgl. auch Betten (1984, Kap. 6.1) „Realismus-Etiketten". Inzwischen ist auf Heft 81 von „Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur", München 1984 hinzuweisen, das Botho Strauß gewidmet ist. Diese Gespräche hat dankenswerterweise Andreas Winnecken getuhrt, (damals: 1981) wiss. Hilfskraft am Lehrstuhl.

Gegensprechanlagen

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weder nicht in das Konzept eines sensiblen Realismus passen oder diesem verborgen bleiben.

5. Zur szenischen Realisierung: V o m Nacheinander zum Mit- und Gegeneinander Die deutsche Standardsprache hat als Literatur- und Wissenschaftssprache eine vor allem schriftsprachliche Basis. Die Notationskonventionen schriftlich konzipierter und mündlich realisierter (also gesprochener) literarischer Sprache orientieren sich deshalb erst einmal an den Normen geschriebener Sprache, sind also Schreibkonventionen. Der Dramatiker folgt im Normalfall diesen Konventionen, d.h. er gibt Strukturmerkmalen gesprochener Sprache wie: simultanem Sprechen, Rückmeldungsverhalten, Satzbruch und Satzabbruch nicht oder nur ausnahmsweise Raum. Selbst bei einem „sensiblen Realisten" wie Botho Strauß besteht eine bemerkenswerte Differenz zwischen literarischem Text und szenischer Realisierung. Um das darzustellen, greife ich auf den Schluß des Sprechanlagengesprächs zurück, das Lotte mit dem Schwestern-Trio Helga, Gunilla und Lore Hein fuhrt. Zugrunde liegt eine Fernsehinszenierung, die im dritten Programm der „Nordkette" am 2. Weihnachtstag 1980 gesendet wurde und die ich auf Tonband aufgenommen habe. Das Mehrpersonengespräch (oder: „Lotte wird weitergereicht") in der Druckfassung und unter Hinzufügung der Vornamen der Geschwister: 1 .orte

I lelgii Mein

1. klingeln 2. —„Bitte!" 3. „Frau Hein'.'" " 4. „Ja. Welche?"1 5. „Bitte entschuldigen Sie die Störung - kennen Sie Niedschlä^ei1, Meggy? Mechthild " > 6. „Utinilla!" — „Warten Sic.·' 7. „Da nke.li > < 8. 9. „Bitte ... hier muß eine Knni wohnen im Haus mit dein Mädchen na men Niedschläger. - Aber es scheint, vielleicht bat sie plötzlich doch geheiratet und ich kann sie nicht finden. Weiß aber, daß sie hier

Gunilla Hein

;=*• „Ja?"

Lore Hein

310

Linguistik des Gesprächs

wohnt, durch Brief des Vaters, Man sagte mir hei Brauns, Sie wüßten gut Bescheid. 11 10.

—..Einen kleinen Augenblick, bitte. Lure! I.ore! Haben wir richtig verstanden: Tannsieder, ja?"

1.1. „Nied-Schläger. Nied wie niedlich.'* 12.

13. 14. J a . . . -

^ — „Oh, das ist ein ganz anderer Name. Warten Sie bitte," „Hören Sie.'" >

Die vorstehende Notation hebt die Gesprächsschritte der Gesprächsteilnehmer und den jeweiligen Ansprechpartner (durch Pfeil gekennzeichnet) hervor. Bis zum 5. Gesprächsschritt („Gesprächs"schritt 1 ist lediglich ein Interaktionsschritt) spielt sich das Gespräch zwischen Helga H. und Lotte ab. Im 6. Gesprächsschritt wird Gunilla H. eingeschaltet, die ab dem 8. Gesprächsschritt das Gespräch mit Lotte führt, unterbrochen lediglich durch eine Hinwendung (im 10. Schritt) zu Lore, deren Gesprächsbeitrag aber nicht an die Oberfläche kommt. Ab dem 13. Gesprächsschritt übernimmt Helga H., die sich als die eigentliche Schaltfigur erweist, wieder die Gesprächsführung; sie hat somit die Aufgabe, das Gespräch zu beenden. Ab dem 12. Gesprächsschritt weicht das Gespräch in der Fernsehinszenierung wesentlich von dem Text der Druckfassung ab: Es gibt Anzeichen dafür, daß das Gespräch hektisch wird - wohl weil Lotte die Vergeblichkeit auch dieses Gesprächs ahnt. Anschließend an den 12. Gesprächsschritt von Gunilla („Oh, das ist ein ganz anderer Name.") kommentiert Lotte sarkastisch: „Kann man wohl sagen!" Und im Anschluß an das „Warten Sie bitte" von Gunilla H. hört man Fetzen eines Gesprächs zwischen Helga und Gunilla: „Niedschläger, geborene weiß ich Niedschläg." Der Bühnenanweisung: „Nach einer W e i l e (Sperrung von mir) die Stimme der ersten Frau" wird also durch Hintergrundgespräche nachgekommen. Bis hierher kann man die Abweichung der szenischen Realisierung vom gedruckten Text einigermaßen übersichtlich darstellen. Was aber als szenische Realisierung des Gesprächsendes dann folgt, ist nur zu rekonstruieren mithilfe einer speziellen gesprächsanalytischen Notation. Das Ende des Gesprächs in der Fernsehinszenierung vom 26.12.1980 in gesprächsanalytischer Notation:

Gegensprechanlagen

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Helga H. Lotte

ne' wis wiss-n es beim hÖr-n sie, + wis wiss-n es nich, JA" wenn wia auch fast alle fraun bEst-n will-η nich, + + vIEl-n dank= danka ijs

Helga H. Lotte

im haus gut kenn= so kenn wis doch die allerwEnigsten vIEhn ja' dAnke schön ja' schön ja,

Helga H. Lotte

bei ihr-n mÄdchennam= + wirklich vIElcn dank' j

Lotte

auf gut glück'

Gunilla H. Helga H. Lotte

Glaub-n sie uns ja' danks danke schön' Versuchs

Zunächst zu den Schreibkonventionen: 30 Die sog. Partiturnotation bildet den Zeitverlauf des Gesprächs analog ab. Die Äußerungen der Gesprächsteilnehmer werden entlang einer von links nach rechts verlaufenden Zeitachse eingetragen, simultane Äußerungen stehen übereinander. Wie in einer Orchesterpartitur bekommen stumme Mitspieler keine Zeile. Die absolute Dauer ist durch Taktstriche bezeichnet, die alle drei Sekunden eingefügt werden. Die Vokale deutlich betonter Silben werden als Großbuchstaben notiert. An die Stelle der Satzzeichen, die geschriebene Sprache gliedern, treten Kadenzzeichen: "stark steigend; ' leicht steigend; = schwebend;, leicht fallend;. stark fallend. Zum Gesprächsausschnitt: Eine Überraschung ist, daß es eine dritte Teilnehmerin gibt: Gunilla. Diese, zuvor aktive Teilnehmerin am Dialog, schaltet sich mit einer bestätigenden Rückmeldungspartikel, nämlich mit ne', ein. Zuvor hatte Lotte schon ein gespanntes zweigipfeliges jA " (als Rückmeldungspartikel) geäußert, das ihre drängende Aufmerksamkeit signalisiert. Nachdem sie die Auskunft „Wir wissen es nicht" erhalten hat, drängt sie aus dem Dialog heraus. Durch zweimaliges ja bereitet sie ihren Gesprächsschritt vor, der dann mit „vielen Dank" einsetzt und, vielfach durch ja gegliedert, simultan und g e g e n den Gesprächsschritt von Helga Hein gesprochen ist und erst in der Passage „Versuchs auf gut Glück" sein nicht-simultanes Zentrum findet. Was kann man daraus lernen: Gesprochene Sprache im Dialog, auch und vor allem im literarischen, ist nicht immer ein Nacheinander, sondern zuweilen ein durch Partikeln vielfach gegliedertes Miteinander, manchmal auch, wie hier, ein simultanes Gegeneinander. Wir können lernen, daß Ein- und Widersprüche durch simultanes Sprechen formuliert werden; daß Rückmeldungspartikeln, also Signale des Hörers (hier: das Ja der Lotte) den eigenen Gesprächsschritt vorbereiten; daß diese Rückmeldungspartikeln mit Gesprächsschritt-Beanspruchungen und Einsprüchen gekoppelt sind und eine spezifische syntaktische Struktur, hier die eines kumulativ akzentuierten Einspruchs aufweisen; daß somit die Grenze zwischen Rückmeldungspartikeln des Hörers und Gliedemngspartikeln des Sprechers wie insgesamt die Grenze zwischen Sprecheraktivität und Hörer-

30

Nach Henne/Rehbock (1982, 72-82).

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aktivität fließend sein kann; daß geschriebene literarische Sprache, sofern sie umgangssprachlich „besetzt" ist, in der Aufführung zur Sprechsprache (mit Ellipse und Elision) wird. Paradigmatisch: Aus „Ich versuche es auf gut Glück" wird: „Versuchs auf gut Glück". Um das alles zu rekonstruieren und zu interpretieren, bedarf es, auch und gerade fur literarische Dialoge, eines gesprächsanalytischen Konzepts.

6. Resümee 1. Szenische Realisierungen literarischer Dialoge sind, sofern sie dem Typus „offenes Drama" zuzurechnen sind, sprechsprachlich akzentuiert. Diese sprechsprachliche Akzentuierung, die auch sinnkonstitutive Elemente des Dramas trägt, kann zureichend nur mithilfe eines gesprächsanalytischen Konzepts rekonstruiert werden. Die Dramentheorie und -praxis bedarf der Gesprächsanalyse und Dialogforschung. 2. Dramen sind Entwürfe des Möglichen auf der Basis des Wirklichen. Der Begriff „Staffelstruktur" kennzeichnet die kunstvolle Form, die entworfen werden kann, weil der Text aus unmittelbaren Handlungszusammenhängen entlassen ist. Der Text, hier das Drama, schafft somit eine „zweite Wirklichkeit", die für viele, sofern sie den Textsinn auf ihr Weltbild beziehen, eine „wirklichere Wirklichkeit" darstellt. Am Beispiel der Literatur-Lotte haben wir das kenntlich zu machen versucht: Wer - außer unserer Lotte - hat das Glück, in sieben Gesprächen soviel - vielleicht verkehrte - Welt einzufangen? Wenn aber die literarischen Dialoge die Empirie deshalb übersteigen, weil literarische Dialoge schon analytisch zugerichtet und kommunikativ pointiert sind, dann bedarf die Gesprächsforschung auch der Dramentheorie und -praxis. Gesprächsforschung und Dramentheorie und -praxis sind wechselweise aufeinander angewiesen.

7. Literaturverzeichnis Bauer, Gerhard (1969): Zur Poetik des Dialogs. Leistung und Formen der Gesprächsfuhrung in der neueren deutschen Literatur. Darmstadt. Bayerdöffer, Hans-Peter (1967): Poetik als sprachtheoretisches Problem Tübingen. Beiersdorf, Günter und Detlef Schöttker (1978): Alltagsgespräch, literarischer Dialog, ästhetische Kommunikation. Zur neueren Diskussion in Literaturwissenschaft und Linguistik. In: Diskussion Deutsch 9, 501-519. Becher, Martin Roda (1978): Poesie der Unglücksfalle. Ober die Schriften von Botho Strauß. In; Merkur 32, 625-628. Berens, Franz-Josef (1981): Dialogeröffnung in Telefongesprächen. In: P. Schröder u. H. Steger (Hrsg.), Dialogforschung. Jb. 1980 des Instituts für deutsche Sprache. Düsseldorf, 402^17. Berens, Franz-Josef u. Karl-Heinz Jäger, Gerd Schänk, Johannes Schwitalla (1976): Projekt Dialogstrukturen. München.

Gegensprechanlagen

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Zur historischen und literarischen Dimension der Gesprächsforschung

Vorbemerkung Die Gesprächsforschung vermag ob ihres d i a l o g i s c h e n Gegenstandes der Linguistik jene Faszination zu verleihen, die sie zu Zeiten immer wieder ausgeübt hat. Sie hat überdies eine zureichende s p r a c h t h e o r e t i s c h e Grundlage und gibt insofern Gewißheit. Beginnen wir mit der sprachtheoretischen Grundlage. Sie ist im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt worden. Heutige Gesprächsforschung, die das übersieht oder verkennt, greift zu kurz.

1. V o m „unabänderlichen Dualismus" der Sprache und vom „Gespräch" In seiner Abhandlung „Über den Ursprung der Sprache" von 1771 beschreibt Johann Gottfried Herder, wie der Mensch zum Sprachzeichen findet, indem er, mittels „Besonnenheit", also Reflexion, z.B. den „Schall des Blöckens" als „Kennzeichen des Schaafs" wahrnimmt. Der Schall wird zum Erinnerungszeichen, Schall und Schaf finden zu einer Einheit, das Wort - das „Blöckende" ist geboren. Das Wort ist „Merk wort" u n d „Mittel lungs wort" zugleich: „Ich kann [...] nicht das Erste besonnene Urtheil reihen, ohne daß ich in meiner Seele dialogue [...]; der erste Menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit andern dialogiren zu können! Das erste Merkmal, was ich erfaße, ist Merkwort für mich, und Mittheilungswort für Andere!" 1

Im Rahmen seiner Spekulation über den Ursprung der Sprache legt Herder das dialogische Fundament seiner Sprachtheorie. Eine Sprachtheorie als Ursprungstheorie der Sprache verwirft nun einige Jahrzehnte später Wilhelm v. Humboldt, nicht aber deren „dialogische" Komponente. Die Wende, die Humboldt in der Sprachursprungstheorie herbeiführt, formuliert Heymann Steinthal 1851 in seinem Buch „Der Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen allen Wissens" so: „Er (Humboldt) hat also den Ursprung mit dem Wesen identifiziert und das Woher in das Was verwandelt." 2 Was ist darunter zu verstehen? In seiner ersten Akademieabhandlung von 1820 formuliert Humboldt: „Es kann auch die Sprache nicht anders, als auf einmal entstehen, oder um es genauer auszudrücken, sie muss in jedem

'

2

Abhandlung über den Ursprung der Sprache [...] von Herrn Herder. (1771). In: W Proß, J. G. Herder. Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Text, Materialien, Kommentar. München o.J., S. 41. A.a.O., S. 69.

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Augenblick ihres Daseyns dasjenige besitzen, was sie zu einem Ganzen macht"/' Einerseits führt also jedes Sprechen das Wunder des Sprachursprungs vor Augen; andererseits ist dieses Wunder, als zeitliches, deshalb nicht einzuholen, weil es nicht „historisch" und das heißt bei Humboldt: ,empirisch' verfügbar ist. „Jenseits der Gränzlinie" 4 gibt es kein vergleichendes Sprachstudium als wissenschaftliches, weil es keine sprachlichen Quellen gibt. „Das ,historische' oder Erfahrungsstudium der Sprachen kann sich nur auf das beziehen, was Humboldt die ,Ausbildungsperiode' der Sprachen nennt", 3 die eben diesseits der „Gränzlinie" liegt. Über die „prähistorische ,Organisationsmethode'" 6 , also diejenige, die jenseits der „Gränzlinie" liegt, sind wissenschaftliche Aussagen unmöglich. Die Frage nach dem Ursprung „jenseits der Gränzlinie" wird also aus guten Gründen umformuliert in eine Frage nach dem W e s e n der Sprache: „Besonders entscheidend für die Sprache ist, dass die Zweiheit in ihr eine wichtigere Stelle, als irgendwo sonst, einnimmt. Alles Sprechen ruht auf der Wechselrede, in der, auch unter Mehreren, der Redende die Angeredeten immer sich als Einheit gegenüberstellt. Der Mensch spricht, sogar in Gedanken, nur mit einem Andren, oder mit sich, wie mit einem Andren [,..]" 7

Hier ist noch der Einfluß Herders spürbar, der j a davon gesprochen hatte, daß der erste menschliche Gedanke notwendig schon ein „Dialogiren" sei. Doch die bisherige Darstellung der „Zweiheit" sei eine „äusserlich erscheinende" und könne „in innigerer Durchdringung" aufgefaßt werden dergestalt, daß der Geschlechtsunterschied die allgemeine Einseitigkeit „durch alle Beziehungen des menschlichen Denkens und Empfindens" zeige, die nur durch „gegenseitige Ergänzung" zu heilen sei.8 Tiefer kann man das Fundament des Dialogischen nicht legen. Die dialogische Struktur der Sprache resultiert aus der Ergänzungsbedürftigkeit des Menschen, die sich auch und gerade in seiner Geschlechtlichkeit zeigt. Und Humboldt fahrt fort: „Es liegt aber in dem ursprünglichen Wesen der Sprache ein unabänderlicher Dualismus, und die Möglichkeit des Sprechens selbst wird durch Anrede und Erwiederung bedingt." 9 Mit anderen Worten, „die Sprache (muss) Erweiterung in einem Hörenden und Erwiedernden gewinnen" 10 : Die Kategorie des Hörers und des zum Sprecher werdenden Hörers ist also in der Sprachtheorie Humboldts präsent. Diesen

3

4

5 6 7 8 9 ,0

Wilhelm v. Humboldt, Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. In: W. v. H., Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1963, S. 2. A.a.O. Vgl dazu J. Trabant, W. v. Humboldt, Jenseits der Gränzlinie. In: J. Gessinger u. W. v. Rahden (Hrsg.), Theorien vom Ursprung der Sprache. Bd. 1. Berlin, New York 1989, S. 498-522. J. Trabant a.a.O., S. 507. A.a.O., S. 516. W. v. Humboldt, Über den Dualis. In: (s. Anm. 3), S. 137f. A.a.O., S. 138. A.a.O. A.a.O.

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dialogischen Charakter als „Urtypus aller Sprachen" findet Humboldt in den Pronomina ausgedrückt. Es gebe ein Ich und ein Nicht-ich. Letzteres teile sich in Du und Er. Das Du sei dem Ich „gegenübergestellt", Du und Ich lägen in der „Einwirkung gemeinsamen Handelns". Das Er sei aber ein Nicht-ich und ein Nicht-du zugleich, Er (bzw. Sie, Es) seien dem Ich und Du z u g l e i c h entgegengesetzt. In dem Du liege „Spontaneität der Wahl", Er hingegen liege „in der Sphäre aller Wesen". 11 Man kann es auch so fassen: Ich und Du sind die sprachliche Konkretisierung von „Anrede und Erwiederung", sie sind grammatisch-lexikalisch geronnene Einheiten der Sprache. Ich und Du reden miteinander, indem sie über Ihn (Sie, Es) reden, sie bereden bzw. besprechen etwas, miteinander redend. Somit deckt das System der Personalpronomina das dialogische Wesen der Sprache auf. Den Ursprung der Sprache verstehen, heißt u.a., das dialogische Wesen der Sprache darzustellen. 12 Im Begriff des Gesprächs zeigt sich das Dialogische im engeren Sinne. Die Kollektivbildung Gespräch zeigt in der Wortbildung das dialogische Moment, also, das, was die Partner verbindet. Das Dialogische ist das gemeinsame Sprechen im Wechsel. Gespräch ist somit von Vortrag, Predigt, Gebet, lautem Denken, überdies als sprechsprachliches Ereignis vom Briefwechsel unterschieden; zudem ist Gespräch eine thematisch zentrierte Aktion, wodurch es z.B vom Austausch bloßer Grußformeln geschieden ist. Daß die Kategorie „Gespräch" auch „emphatisch" besetzt sein kann, folglich ein Gespräch einem bedeutenden Thema gewidmet oder symmetrisch und „partnerschaftlich" ausgerichtet ist, sind zusätzliche Bestimmungsstücke, welche die konstitutiven Definientia ergänzen, vielleicht bereichern. lj

2. „... aus diesen Maschinen wieder Menschen zu machen": Der natürliche Dialog im 18. Jahrhundert Das Lessing-Zitat (der Überschrift) aus der „Hamburgischen Dramaturgie" von 1767 wird so fortgesetzt: „Die wahren Königinnen mögen so gesucht und affektirt sprechen, als sie wollen: seine (des Dichters) Königinnen müssen natürlich sprechen". 14

Lessing insistiert, daß „ein Dichter die Natur studiren" müsse - und dann verflögen „Pomp und Etiquette" und es erschiene der Mensch in seiner natürlichen

11 12

13 14

A.a.O., S. 139. Hierzu vgl. Helmut Henne/Helmut Rehbock, Einführung in die Gesprächsanalyse. 2. Aufl. Berlin, New York 1980, S. 12f.; Armin Burkhardt, Der Dialogbegriff bei W. v. Humboldt. In: Rudolf Hoberg (Hrsg.), Sprache und Bildung. Beiträge zum 150. Todestag W. v. Humboldts. Darmstadt 1987, S. 141-173. Vgl. dazu H.Henne/H. Rehbock ( s . A n m . 12), S. 261 f. Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. 59. Stück, S. 32. In: G. E. Lessings sämtliche Schriften. Hrsg. v. K. Lachmann u. F. Muncker. Bd. 10. Stuttgart 1894.

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Sprache. 13 „Wer fragt nach der Wohlanständigkeit, wenn der Affect der Personen es erfodert, daß sie unterbrechen, oder sich unterbrechen lassen?" 16 Man sieht, die „Natürlichkeit" hat dialogspezifische Konsequenzen. In den Dramen Lessings wird die dialogische Sprache „natürlich" entfaltet, und seine „Minna von Barnhelm", „verfertiget im Jahre 1763", ist das dialogische Paradestück. 17 Nehmen wir die erste Begegnung zwischen Minna und Teilheim, die in dialogspezifischer Hinsicht einige Berühmtheit erlangt hat: ACHTER AUFRITT, v. Teilheim. Der Wirt. Die Vorigen. V. TELLHEIM tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zw. Ah! meine Minna. DAS FRÄULEIN ihm entgegen fliehend'. Ah! mein Tellheim! V. TELLHEIM stutzt auf einmal, und tritt wieder zurück'. Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, - das Fräulein von Barnhelm hier zu finden DAS FRÄULEIN Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein? - indem sie ihm näher tritt, und er mehr zurück weicht. Ich soll Ihnen verzeihen, daß ich noch Ihre Minna bin? Verzeih Ihnen der Himmel, daß ich noch das Fräulein von Barnhelm bin! —18

In dieser Szene wird nachdrücklich ein Zusammenhang von verbaler, also wortbezogener, und nichtverbaler, also gestischer und mimischer, insgesamt leibgebundener Expression hergestellt: Tellheim, i n d e m er Minna erblickt, „flieht auf sie zu" - es wird also eine Gleichzeitigkeit hergestellt, die wiederum von dem Ausruf „Ah! meine Minna. - " begleitet wird. Das Fräulein, „ihm entgegen fliehend" - das Partizip Präsens drückt hier das Gleichzeitige der Bewegung aus antwortet in paralleler Formulierung: „Ah! mein Tellheim"! - Tellheim flieht auf das Fräulein zu, Adelung erklärt in seinem Wörterbuch die Semantik des Präfixverbs treffend: „Durch Empfindung, durch Leidenschaft getrieben den Ort schnell verändern", 19 und Minna flieht ihrem Tellheim entgegen. Somit entsteht eine heftige Bewegung aufeinander zu, die durch den Gleichklang der Rede; Empfindungswort ah und jeweilige Namensöwrede mit Possessivpronomen, in eine nicht steigerungsfahige Übereinstimmung geführt wird. Leibgebundene Expression und wechselseitige Anreden stützen sich dabei gegenseitig und treiben ein Höchstmaß an Konsonanz hervor. Genauso abrupt wird diese Form des Miteinanders beendet, angekündigt durch das gestisch-mimische Beschreibungsverb stutzen'. „V. Tellheim stutzt auf einmal, und tritt wieder zurück": Die

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A.a.O. Unterbrechung im Dialog. In: G. E. Lessing, (Allgemeine Bemerkungen.). In: (s. Anm. 14), Bd. 15. Stuttgart 1900, S. 59. Vgl. dazu Anne Betten, Sprachrealismus im deutschen Drama der siebziger Jahre. Heidelberg 1985, S. 150-158. Aus: Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Verfertiget im Jahre 1763. In: Gotthold Ephraim Lessing. Werke 1767-1769. Hrsg. von Klaus Bohnen. Frankfurt/M. 1985, S. 42. Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. [...] Zweyter Teil. Leipzig 1796, Sp. 208 — Diese Semantik müßte sicher in einem „Stellenkommentar" erläutert werden. Diese Erläuterung fehlt in der kritischen Ausgabe des „Deutschen Klassiker Verlags" (1985).

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räumliche Entfernung ist auch eine Form innerer Entfernung, die durch eine floskelhafte Wendung und formliche Anrede („Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein") und eine gedankenverlorene Formulierung („das Fräulein von Barnhelm hier zu finden") gestützt wird. Die Schnelligkeit des Umschlags wird durch das Verbum stutzen entschieden betont - wiederum leiten Mimik und Gestik die Worte. Minna tritt nunmehr in eine gegenläufige Bewegung ein: Indem sie den unvollendeten Satz T e l l h e i m s zu Ende fuhrt und in eine Frage überführt, betont sie entschieden im Wechsel das Gemeinsame, was auch durch ihre körperliche Bewegung zum Ausdruck gebracht wird: „indem sie ihm nähertritt", was Tellheim durch Zurückweichen ausgleicht und insofern die Distanz wiederherstellt. Gespräche sind an unsere Körper gebunden, und deren Bewegung wie auch Gestik und Mimik sind Teil des Gesprächs. Den Gleichklang von leibgebundenen Expressionen mit den Gesprächsschritten führt Lessing hier vor, an anderer Stelle zeigt er deren Widerstreit. 20 Die Analyse von Gesprächen muß die beiden Ebenen in Rechnung stellen und ihr Zusammen- und Widerspiel kalkulieren. Doch das Gespräch zwischen Tellheim und Minna ist gesprächsanalytisch noch nicht erschöpft. Es zeigt eine spezifische Form der Gesprächsverknüpfung, die Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie unter das Stichwort „geschmeidig" faßt 21 : Minna führt nicht nur einen Satz Tellheims fort, füllt ihn gewissermaßen mit einem Prädikat auf, sondern sie nimmt auch einen Teil des früheren Gesprächsschritts Tellheims auf, um ihn in ihrem Sinn inhaltlich zu verwandeln. Das Verbum „verzeihen" in der floskelhaften Bemerkung Tellheims resemantisiert Minna - sie gibt dem Verb seinen vollen Sinn zurück („Ich soll Thnen verzeihen, daß ich noch Thre Minna bin?") und führt so Teliheim in die Enge. Partielle Gesprächsschrittaufnahme bedeutet bei Lessing folglich: Fortführung des Gesprächs (fortführen hier im emphatischen Sinn). Es ist - im Humboldtschen Verständnis - eine „Erwiederung", die im Miteinander den anderen, das Du gegen das Ich der „Anrede" setzt. Personen unterbrechen im Gespräch, im „Affect" - und so auch in der zitierten Passage. Lessing benutzt dazu, gewissermaßen zur gesprächsanalytischen Notation, den „Hemmstrich"; so nennt Adelung in seiner „Vollständigen Anweisung zu Deutschen Orthographie [...]"22 den Gedankenstrich in dieser Funktion. Adelung stellt unter der Überschrift „Gedankenstrich" die mehrfache Funktion dieses Interpunktionszeichens dar. Es zeige u.a. eine „unterbrochene Rede" an, und Adelung gibt, sicher nicht zufallig, Beispiele aus Lessings „Miß

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Im 15. Auftritt des 5. Autzuges macht Francisca ernst: Sie verbindet sich dem Wachtmeister. „Francisco vor sich: Ja gewiß, es ist ein gar zu guter Mann! - So einer kömmt mir nicht wieder vor. - Es muß heraus! schüchtern und verschämt sich Wernern nähernd'. Herr Wachtmeister - " Die Angaben zu Gestik und Mimik stehen im Widerspruch zu Franciscas Worten und ihrer burschikosen Art. Gestik und Mimik zeigen an, daß Francisca bewußt ist, daß sie nun eine bestimmte Rolle spielen muß. Hamburgische Dramaturgie a.a.O. (s. Anm. 14). Zweyte [...] Auflage Leipzig 1790, S. 388.

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Sara Sampson". In gleicher Weise zeige der Gedankenstrich eine „abgebrochene Rede" an, und wiederum rekuriert Adelung auf Lessings Dramen. Lessing modelliert seine Dramentexte nach dem Vorbild natürlicher Gespräche und löst somit den dramatis personae die Zungen. Vor Herders Dialogiren des Urmenschen und vor W. v. Humboldts dialogischer Sprachtheorie dialogiren die dramatis personae in Lessings „Meisterdramen" - entsprechend seinem Konzept von Literatur, das diese als ein „Modell der Natur, einen ,Schattenriß' der Schöpfung" 23 begreift und somit den gemischten Charakter bevorzugt. Lessings Dialoge folgen seinem ästhetischen Konzept und sind insofern den Regeln seiner Dramaturgie bzw. Poetik gemäß. Dergestalt sind sie fiktionale Gespräche und geben einen Entwurf von dem, was Gespräche als Anrede und Erwiderung sein können.

3. Das Gespräch in der Krise - anekdotisch und literarisch Seit die Rede von einer „Moderne" ist, gibt es eine Krise der Sprache und des Gesprächs. Ich möchte das hier nicht entfalten, weil es abführte in eine praxisferne Diskussion. Stattdessen möchte ich zeigen, daß das mißlingende Gespräch eine nahezu universale Erscheinung ist. Mein historisches Beispiel, das ich dafür anführe, mag Überraschung auslösen. Es ist mit dem Namen Goethe verbunden. Ich nehme dabei Gelegenheit, auf eine literarische Kategorie hinzuweisen, die mir für die Erarbeitung einer h i s t o r i s c h e n Gesprächsanalyse besonders fruchtbar zu sein scheint. Es ist die Anekdote, eine epische Kleinform, die auf eine Pointe drängt und diese häufig dialogisch vorbereitet. Anekdoten hängen sich u.a. an große Gestalten, in diesem Fall an Goethe. „In den letzten lahren seines Lebens fühlte sich Göthe durch die Menge der ihn besuchenden Fremden sehr belästigt und er begann oft die Unterhaltung mit ihnen auf eine seltsame Weise. Einst ließ sich ein Engländer bei ihm anmelden. Die Engländer fürchtete er am meisten, weil er sicher sein konnte, daß jedes Wort, das er spreche, aufgezeichnet und in einem Journale gedruckt erscheinen würde. Er nahm sich also vor, so wenig als möglich zu sprechen, und besonders nur von ganz gleichgültigen Dingen zu reden. Der Engländer erschien und G. grüßte ihn, ohne ein Wort zu sagen; der Engländer verbeugte sich und schwieg. G. zeigte mit der Hand auf einen Stuhl und der Engländer setzte sich, ohne den Mund zu öffnen, indem er ohne Zweifel erwartete, Göthe würde das Gespräch anfangen. So vergingen 5 Minuten in dem tiefsten Schweigen und G. deutete, indem er aufstand, seinem stummen Gaste das Ende dieses seltsamen Besuches an. Als er indeß den Engländer durch das Vorzimmer hinaus begleitete, fühlte G. einigermaßen Reue, er zeigte dem Engländer eine Marmorbüste, welche da stand und sagte: , W a l t e r S c o t t . ' ,Ist t o d t , ' antwortete der Engländer, und so endigte der Besuch." 24

2j

24

Wilfried Barner [u.a.], Lessing. Epoche - Werk - Wirkung. 3. Aufl. München 1977, S. 165. Aus: Anekdoten Lexikon. Erfurt (1824-1844), S. 111.

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Linguistik des Gesprächs

Wiederum erweist sich, daß Gespräche, hier wird von einer „Unterhaltung" gesprochen, in Mimik, Gestik und Bewegung der Körper eingelassen sind. Zudem wird deutlich, daß die Gefährdung der schöpferischen Person durch eine mediale Öffentlichkeit nicht erst eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts ist. Die Strategien, die Goethe entwickelt, um dieser Gefahrdung zu entkommen, töten ihrerseits das Gespräch. Der Verlust des Gesprächs in den öffentlichen Medien ist hier schon vorgezeichnet: Goethe immunisiert sich gegen die Zumutungen der Öffentlichkeit, indem er sich skurril gebärdet („er begann oft die Unterhaltung [...] auf eine seltsame Weise"); indem er möglichst wortkarg erscheint („so wenig als möglich zu sprechen") und möglichst Belangloses spricht („nur von ganz gleichgültigen Dingen zu reden"). Insgesamt steht dahinter auch die Verweigerung der Rolle des Unterhalters. Im Folgenden verweigert nun der Besucher - ein „gefürchteter" Engländer - seinerseits die Rolle des devoten und gesprächigen Besuchers. Er erwartet, daß Goethe seiner Rolle als Gastgeber gerecht werde und demgemäß das Gespräch eröffne. Da Goethe das verweigert, kommt es zu einem dialogischen Desaster, das umso gespenstischer erscheint, als die nichtsprachliche Kommunikation, zumindest an den Eckpunkten, funktioniert, aber gerade dadurch fortwährend auf die dialogische Leere des NichtGesprächs verweist. Nachdem das „Gespräch" gestisch zu Ende geführt ist, wagt Goethe - der „einigermaßen Reue fühlte", wie es im Text heißt - einen Reparaturversuch, der das beschädigte Image des Besuchers wieder herstellen soll. Mit einer Zeigehandlung bestimmt er eine seiner ausgestellten Büsten als die Walter Scotts - die Geste des Zeigens ersetzt dabei die volle Formulierung. Der Romanautor Walter Scott wird gewählt, um dem Besucher und der britischen Kultur Reverenz zu erweisen. Der Engländer nun nimmt das von Goethe geäußerte Prädikativum „Walter Scott" in seine Gegenäußerung auf und funktioniert es zum Subjekt um, dem er das Prädikat „ist todt" beilegt. In einer Kombination aus hinweisender („[Das ist] Walter Scott") u n d konstatierender (Walter Scott „ist tot") Sprechhandlung, verteilt auf z w e i Sprecher in e i n e m sich ergänzenden Gesprächsschritt wird das Ende eines Gesprächs besiegelt, das gar nicht begonnen hat. Nicht nur Walter Scott ist tot, auch das Gespräch. Auf Kosten der Wahrheit (Scott starb am 21. September 1832, also sechs Monate n a c h Goethe) weist der Engländer Goethes Reparaturversuch zurück. In der modernen Literatur hat die Krise des Gesprächs viele Namen. Einer ist das „schwierige" Gespräch, das die Teilnehmer eher gegeneinander als zusammen führt. Aus Botho Strauß' „Schlußchor" aus dem Jahre 1991 stammt folgende Szene: URSULA und ANITA treffen sich vor dem mittleren Tisch der mittleren Reihe. DIE MUTTER setzt sich wieder an den Tisch dahinter. ANITA zupft sich verlegen an der Nasenspitze Ja. Na ja. Endlich. URSULA Setzen Sie sich. Oder setzen wir uns. Wo wollen Sie sitzen?

Zur historischen und literarischen Dimension der Gesprächsforschung

321

ΑΝΊΤΑ Wen wollen Sie sehen? URSULA Sitzen Sie hier, setz' ich mich dorthin.

ΑΝΊΤΑ Mir egal. URSULA Ich hätte gern den Blick ANITA Den Blick ins Freie? URSULA Nein, andersherum. So. Ja. Sie setzen sich. Sie kennen also Feuerland? 25

Zwei Frauen, Ursula („eine kleine, wendige Person, [...] um die Mitte dreißig") und Anita ( „eine schöne, doch auf Anhieb sonderbar wirkende Frau in ihren späten Vierzigern") 27 werden von der Mutter Anitas zusammengeführt, um ein Gespräch über Feuerland zu fuhren, das beide Frauen aus eigener Anschauung kennen. Schon das Unterfangen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen (an den „mittleren Tisch der mittleren Reihe") 28 , bereitet Schwierigkeiten. Eine Verlegenheitsgeste Anitas eröffnet das Gespräch. Sie weist wohl auf die Distanz der beiden Frauen hin, der kleinen und wendigen und der schönen und sonderbaren. Der folgende Gesprächsschritt besteht aus einer dreifach gestuften Partikelfolge: Der Partikel ja, die den Beginn des Gesprächs indiziert, die GESPRÄCHSBEREITSCHAFT also anzeigt, folgt die Partikelkombination na ja, die ZÖGERLICHKEIT ausdrückt und darauf verweist, daß das Gespräch wohl geführt werden müsse, und dem sich das Adverb endlich anschließt, das das Ende einer langen ERWARTUNG ausdrückt. Der erste Gesprächsschritt hat eine triadische Handlungsstruktur, die eine unruhige und widersprüchliche Bewegung nachzeichnet: Von der Bereitschaft zu sprechen (ja) zur zögerlichen Hinwendung (na ja) zur emphatischen Markierung, daß die Zeit des Wartens vorbei sei (endlich). Der sich anschließende Gesprächsschritt Ursulas ist gleichfalls triadisch, strukturell demnach ein Echo des ersten. Inhaltlich führt er weiter: Drei Sprechhandlungen füllen den Gesprächsschritt aus: eine AUFFORDERUNG (Setzen Sie sich), ein VORSCHLAG (Oder setzen wir uns.) und eine FRAGE (Wo wollen Sie sitzen!). Auch die Bewegung dieser Handlungen ist bemerkenswert. Die Einflußnahme Ursulas auf Anita wird fortschreitend merklich reduziert. Der eher harschen Aufforderung (Sie sich) folgt ein Vorschlag zur gemeinsamen Handlung (wir uns). Am Ende dieser Folge steht eine eher höfliche Frage. Anita jedoch verweigert die Antwort, d.h. beantwortet

25 26 27 28

Aus: Botho Strauß, Schluchor. Drei Akte. München 1991. A.a.O., S. 71. A.a.O. A.a.O., S. 74.

322

Linguistik des Gesprächs

„teilresponsiv" die Frage mit einer GEGENFRAGE (Wen wollen Sie sehen?). Das kann man als eine Form der Höflichkeit auslegen, muß man aber auch als Versuch werten, die Dominanz (Anita hat das Gespräch eröffnet) zu behalten. Ursula verweigert sich „nicht responsiv" der Gegenfrage Anitas und übernimmt weiter die Initiative, indem sie mit einer AUFFORDERUNG (Sitzen Sie hier) und einer FESTSTELLUNG (setz ich mich dorthin) die „Sitzordnung" aktiv gestaltet. Diese Initiative wird von Anita mit einem elliptischen Mir egal quittiert, das ZUSTIMMUNG UND MARGINALISIERUNG zugleich ausdrücken soll. Im nächsten Gesprächsschritt gibt Ursula eine BEGRÜNDUNG für ihre Platzwahl, wird aber von Anita unterbrochen - der „Hemmstrich" wird auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch als Notationszeichen für die Unterbrechung verwendet. Indem Anita einen Teil des Gesprächsschritts Ursulas aufnimmt (den Blick) und ihrerseits ergänzt (ins Freie) und zu einer FRAGE formt, reißt sie die Initiative wieder an sich. Ursula handelt im folgenden zwar responsiv, BEANTWORTET aber die Frage nicht im Sinne Anitas. Ihr Nein, andersherum läuft der Erwartung Anitas zuwider. Im übrigen schließt dieser Gesprächsschritt Ursulas, der parallel zum ersten Gesprächsschritt Anitas wiederum dreifach strukturiert ist, die Gesprächseröffnung ab (zusammen mit der Regieanweisung Sie setzen sich): Die Gesprächspartner haben eine wechselseitig akzeptierte Sitzordnung erreicht. Mit dem inhaltlichen Teil der Frage Sie kennen also Feuerland? beginnt die Gesprächsmitte. Die Differenzierung dieser beiden Gesprächsphasen erfolgt also i n n e r h a l b eines Gesprächsschritts. Diese Interpretation, welche die Handlungs- und Bedeutungskonstitution nachzeichnet und Hinweise gibt zur Konstitution sozialer Identität und zur Gesprächsorganisation, 29 müßte nun noch einmal durchlaufen werden, wenn man begründet annehmen kann, daß Feuerland für Deutschland steht. Zwei deutsche „Schwestern" als Repräsentanten der beiden Deutschlands (Ursula, die Bärin aus dem Osten; Anita, die Begnadete aus dem Westen) suchen einen Platz „am mittleren Tisch der mittleren Reihe" (im Land in der Mitte), um über das nun gemeinsame Feuerland-Deutschland zu sprechen und zu verhandeln. Jeder Gesprächsschritt, ja jede Sprechhandlung erhielte im Kontext dieser Annahme eine tiefere Bedeutung, die sich auch aus der Geschichte der beiden Staaten herleitet: Ja. Na ja. Endlich.

Fazit Gesprächsforschung ohne historische Dimension kann nur darstellen, nicht erklären. Schon die Entwicklung einer dialogischen Sprachtheorie ist nur im

29

Zu diesen drei Ebenen der Interaktionskonstitution vgl. Henne/Rehbock (vgl. Anm. 12), S. 279f. - Zur literarischen Gesprächsforschung insgesamt vgl. den Überblick und Forschungsbericht von Anne Betten, Analyse literarischer Dialoge. In: G. Fritz u. F. Hundsnurscher (Hrsg.), Handbuch der Dialoganalyse, S. 519-544.

Zur historischen und literarischen Dimension der Gesprächsforschung

323

historischen Kontext möglich. Gegenwärtige Gespräche ruhen auf der Gesprächserfahrung der Vergangenheit auf. Die Analyse muß das kalkulieren und die Gesprächspraxis der Gegenwart als eine historisch gewordene begreifen und erklären. Der Gesprächsforschung ohne historische Dimension droht Blindheit. Literarische Dialoge sind entworfen und als solche aus unmittelbaren Handlungszusammenhängen entlassen. Sie sind Ausdruck „verdichteter" Kommunikationserfahrung und weisen insofern über sich hinaus, haben mithin einen doppelten Boden. Der Gesprächsforschung, welche die Erfahrung literarischer Dialoge negiert, droht Leere.

IV. Sprachgeschichte und literarische Linguistik

Das Problem des Meißnischen Deutsch oder „Was ist Hochdeutsch" im 18. Jahrhundert

1. Stand der Forschung

1.1. Wissenschaftshistorische

Prämissen

Die erste Hälfte des Titels weckt ganz bestimmte Assoziationen und Vorstellungen, die nicht unbedingt in das 18. Jh. führen. Man denkt an das Problem der „Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache", an Begriffe wie „koloniale Ausgleichssprache" und „ostmitteldeutsche Verkehrs- und Geschäftssprache", die mit der meißnischen Sprachlandschaft untrennbar verknüpft sind und deren Erforschung sich vor allem die Leipziger Schule angenommen hat. Daß dieses von der Forschung intensiv bearbeitete Problem nicht gemeint ist, soll durch den 2. Teil des Titels betont werden. Durch das letzte Drittel des 18. Jhs. hallt die Frage: Was ist Hochdeutsch? Ist das der Sprachgebrauch der „obern Classen" der „südlichen Chursächsischen Lande" 1 oder ist das eine „allgemeine Deutsche Sprache, welche etwa aus dem besten Sprachgebrauche aller Provinzen zusammen gesetzt ist"? 2 Adelung, Wieland und Campe, die Essays unter dem Titel „Was ist Hochdeutsch" schreiben 3 , aber auch Goethe, Schiller und Bürger sowie viele andere große und kleine Geister versuchen in essayistischer und poetischer Form eine Antwort zu geben. Ein „Sprachenstreit" erster Ordnung, hervorgerufen durch Johann Christoph Adelung, den pommerschen Pfarrerssohn, Redakteur in Leipzig, Oberbibliothekar in Dresden und einflußreichen

1

2 3

Johann Christoph Adelung, Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen. Erster Band, Leipzig 1782, S. LX. So faßt Adelung a.a.O., S. LVIII den Standpunkt seiner Gegner zusammen. J. Ch. Adelung: Was ist Hochdeutsch! In: Magazin für die Deutsche Sprache. Ersten Jahrgangs erstes Stück. Leipzig 1782, S. 1-31. Ders.: Über die Frage: Was ist Hochdeutsch? Gegen den Deutschen Merkur. a.a.O., 1. Jgs., 4. Stück. Leipzig 1783, S. 79-111. Ders.: Fernere Geschichte der Frage: Was ist Hochdeutsch. a.a.O., 2. Bandes Viertes Stück. Leipzig 1784, S. 138-163. - Philomusos [d.i. Christoph Martin Wieland]: Ueber die Frage: Was ist Hochteutsch? und einige damit verwandten Gegenstände. An den Herausgeber des T.M. In: Der Teutsche Merkur. Weimar 1782, Viertes Vierteljahr, S. 145-170. Musophilus [d.i. C. M. Wieland ]: Beschluß des Versuchs über die Frage: Was ist Hochteutsch? An den H. des Τ. M., a.a.O., S. 193-216. Musophili [d.i. Wielands] Nachtrag zu seinem Versuche über die Frage: was ist Hochteutsch? An den H. des T. Merkurs. a.a.O., 1783, Zweytes Vierteljahr, S. 307-320 sowie 17 und 18 [recte 3-18], Zusatz des Herausgebers [d.i. Wieland ] a.a.O., S. 19-30. - Joachim Heinrich Campe: Was ist Hochdeutsch? In wiefern und von wem darf und muß es weiter ausgebildet werden? In: Beiträge zur weitern Ausbildung der Deutschen Sprache. Erster Band. Erstes Stück. Braunschweig 1795, S. 145-184. Ders.: Was ist Hochdeutsch? In wiefern und von wem darf und muß es weiter ausgebildet werden? a.a.O. Erster Band. Zweites Stück., S. 99-126.

328

Sprachgeschichte und literarische Linguistik

Lexikographen und Grammatiker im letzten Drittel des 18. Jhs., bewegt die Gemüter. Wie hat die spätere Forschung diese Kontroverse beurteilt und entschieden? Hat sie diesem meißnischen Problem auch nur annähernd die Bedeutung geschenkt, die das des 13. bis 16. Jhs. für sie hatte? Diese Fragen stellen heißt sie verneinen. Hat die Forschung zumindest dann dieses sprachliche Problem als Scheinproblem entlarvt? Weitere rhetorische Fragen sind hier sicher überflüssig. Die Linguistik des 19. und 20. Jhs. hat sich für d i e s e s Problem nicht sonderlich interessiert. Allenfalls hat sie eine historisch-deskriptive Darstellung dieses Streites versucht 4 - so auch die jüngst erschienene Untersuchung von Ingrid Eichler und Gunter Bergmann: „Zum Meißnischen Deutsch. Die Beurteilung des Obersächsischen vom 16. bis zum 19. Jh." 3 - , ohne die linguistischen Prämissen und Konsequenzen für die neuere Forschung zu erörtern. Das hängt natürlich mit dem für die Sprachgeschichte insgesamt dunklen 17. und 18. Jh. zusammen. Nachdem Adelungs These - und die der Aufklärung - , daß die Sprache mit dem Fortschritt der Kultur auch einer dauernden Verfeinerung zustrebe, nicht mehr galt, seit im Gegenteil für Jacob Grimm „alt" und „vollkommen" Synonyma wurden 6 , hat die Wissenschaft im Gefolge der Grimms sich auch in erster Linie den alten Sprachperioden zugewandt. Zwar war die Entstehung, die Genese einer neuen Sprachform, z.B. die des Neuhochdeutschen, für die historisch-genetische Methode von besonderem Interesse, zumal sich hier Gelegenheit bot, die inzwischen erarbeiteten linguistischen Methoden in einer Kombination zu erproben. Aber die Weiterentwicklung dieses im wesentlichen nur lautlich-morphologischen Ausgleichs vor allem in lexikalischer und syntaktischer Hinsicht interessierte nur mäßig. Ja, so möchte man formulieren, die Forschung ließ die folgenden Jahrhunderte das verstärkte Interesse für das 13. bis 16. Jh. entgelten. 6a In jüngster Zeit ist ganz allmählich eine intensivere Beschäftigung der Linguistik mit den neueren Jahrhunderten zu vermerken. Das kann hier nur summa-

4

5

6 6a

Vgl. Μ. H. Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 1. Halbbd. Heidelberg 1913, S. 3 6 0 385; Karl Ernst Sickel, Johann Christoph Adelung. Diss. Leipzig 1933, S. 67-80; Dieter Nerius, Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der Literatursprache im 18. Jh. Halle 1967, S. 63-79. In: PBB (Halle) 89, 1968, S. 3-57. Hierzu ist noch zu nennen Rudolf Hildebrand, Sachsens Antheil an der Ausbildung der nhd. Sprache. In: Gesammelte Aufsätze u. Vorträge zur dt. Philologie u. zum dt. Unterricht. Leipzig 1890, S. 315-335, eine Sammlung von literarischen Zeugnissen des 16.-18. Jhs., die für die Identität der Hoch- und Schriftsprache und der obersächsischen Sprache eintreten. Der Vollständigkeit halber noch folgender „Aufsatz": Johannes Pöschel, Die Meißner Lande und der Allgemeine Deutsche Sprachverein. In: Zs. d. Allg. Dt. Sprachvereins 26, 1911, Sp. 33-39. Vgl. G. Ginschel, Der junge Jacob Grimm. 1805-1819. Berlin 1967, S. 351f. Die Konzentration auch der älteren Forschung auf das Problem der Entstehung der nhd. Schriftsprache im Frühneuhochdeutschen ist zu ersehen aus dem Forschungsbericht zur deutschen Sprachgeschichte (bis 1934) von Μ. H. Jellinek, Schriftsprache, Gemeinsprache, Kunstsprache. In: Die Erforschung der idg. Sprachen. II. Germanisch. Berlin und Leipzig 1936, S. 221-259.

Das Problem des Meißnischen Deutsch im 18. Jahrhundert

329

risch vermerkt werden, da ein Forschungsbericht nicht beabsichtigt ist. Dieses Faktum intensiveren Studiums steht in Übereinstimmung mit der Neueinschätzung der linguistischen Erkenntnisse des 17. und 18. Jhs., in denen synchronisch-strukturelle Fragestellungen die Linguistik beherrschten und in deren Lösungsversuchen Probleme der heutigen strukturalen Sprachwissenschaft zumindest angedeutet sind. Zudem wird der Grund für die lexikalische und syntaktische Sprachwirklichkeit der Moderne in den rationalen sprachlichen Zugriffen und Ausformungen dieser Jahrhunderte gelegt, auch hinsichtlich des fachsprachlichen und insbesondere des sprachlichen Instrumentariums für den technologischen Bereich.

1.2. Die literatursprachliche Forschung Mit diesen Bemerkungen soll nun nicht suggeriert werden, es gäbe nur sporadische Detailforschung zur Sprachgeschichte des 18. Jhs. Im Gegenteil: es existiert eine ausgedehnte Forschung zur Literatursprache dieses Zeitraums. Die Ergebnisse dieser Forschung sind zusammengestellt in den Sprachgeschichten von Otto Behaghel, Adolf Bach und August Langen, in dem Buch von Eric A. Blackall, „Die Entwicklung des Deutschen zur Literatursprache" 7 und - soweit sie Probleme des sprachlichen Pietismus betreffen - in der nunmehr 2. Auflage des Pietismusbuches von August Langen 8 . Doch wie z.B. schon der Titel von Blackall andeutet, bewegen sich diese Untersuchungen weitgehend im Bereich der Literatursprache, es sind Forschungen zur literatursprachlichen Tradition und Neuschöpfung des 18. Jhs. Dabei wird der komplexe Prozeß der „endgültigen Einigung" der deutschen Schrift- und Hochsprache, den die Forschung s u m m a r i s c h konstatiert, so Otto Behaghel, Max Hermann Jellinek, Theodor Frings, Adolf Bach, Hugo Moser 9 , über Gebühr vereinfacht: Er wird zumeist, so auch in dem Buch von Blackall, dargestellt als ein Vorgang, der nahezu ausschließlich als eine stilistische Leistung maßgebender Literaten des 18. Jhs. anzusehen ist. Ausgeklammert werden die Bereiche nichtdichterischer (nichtliterarischer) Hoch- und Schriftsprache, die doch vor allem in lautlichmorphologischer und syntaktischer Hinsicht an diesem endgültigen Prozeß der Einigung maßgeblich beteiligt sein müssen, die doch, um linguistisch zu reden, das Substrat der Sprache der schönen Literatur bilden. Der komplexe Prozeß der Herausbildung endgültiger hoch- und schriftsprachlicher Formen und verbindlicher Normen ist ohne Berücksichtigung dieser Quellenschicht nicht greifbar. Am entschiedensten hat das Langen in seinen Forschungen gespürt. In seinem Buch über den Wortschatz des deutschen Pietismus vermerkt er: „Noch dürfti-

7 8

'

Stuttgart 1966. Der Wortschatz des deutschen Pietismus. Tübingen 1968. Vgl. Dieter Nerius, Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der dt. Literatursprache im 18. Jh. Halle 1967, S. 77, der jeweils die summarischen Urteile aus den Sprachgeschichten und Monographien zitiert.

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Sprachgeschichte und literarische Linguistik

ger ist das Bild der Forschung auf dem Felde der Sprachgeschichte. Das gilt zunächst für den allgemeinen Stand der Sprachforschung." 10 Zwar führt Langen im weiteren nur die ungenügende lexikographische Aufarbeitung des Neuhochdeutschen an, aber die Erforschung des von uns oben skizzierten Quellenbereichs fällt sicher unter diesen „allgemeinen Stand". Entschieden hat ferner Gottfried F. Merkel auf die Vernachlässigung der Erforschung nichtliterarischer Quellenbereiche im 18. Jh. hingewiesen und betont, daß die „Gleichsetzung von Sprache der Poesie mit deutscher Sprache schlechthin" in den Sprachgeschichten, und zwar auch für das 18. Jh., unzutreffend sei11. So ist zu konstatieren, daß bislang kein konkretes Forschungsprogramm existiert, das die Erforschung der endgültigen Einigung der deutschen Hoch- und Schriftsprache im 18. Jh. im Detail und konkret umreißt, das vor allem auch die verschiedenen Raum- und Sozialdialekte dieses Zeitraums in Beziehung setzt und den möglichen Anteil dieser verschiedenen Sprachbereiche an der Ausbildung der Hoch- und Schriftsprache zu bestimmen sucht. Es fehlt also ein Programm ähnlich dem zur Erforschung der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache im ostmitteldeutschen und südostdeutschen Sprachraum. Und ein weiteres ist hier zu bemerken speziell zur Erforschung der Literatursprache: Ohne die Kenntnis der Schriftund Hochsprache, ihrer verbindlichen Normen und erlaubten Varianten sind die Kategorien stilisierter Literatursprache historisch nur sehr unsicher faßbar. Darauf hat schon Karl Vietor 1928 hingewiesen 12 , und das haben vor Vietor die russischen Formalisten zum Programm erhoben, die forderten, daß das literarische Dokument im Zusammenhang mit der „gewöhnlichen" Sprache gesehen werden müsse; erst durch den Vergleich mit anderen Sprachsystemen werde die Eigenart und besondere Struktur literarischer Sprache faßbar 13 . So liegt die Einbeziehung von nichtliterarischen Sprachschichten, von „Gesellschaftssprache", wie der Adelungsche Terminus lautet, in den Aufgabenbereich der Sprachgeschichte des 18. Jhs. nicht nur im Interesse der historischen Linguistik und ihrer Fragestellungen, sondern auch in dem literatursprachlicher und sprachstilistischer Forschung. In diesem Zusammenhang zu nennen ist neuerdings die Arbeit von Dieter Nerius, Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache im 18. Jh. 14 , die nicht, wie üblich, nur sprachstilistisch ausgerichtet ist und den Beitrag von ausgewählten Texten zum Ausbau einer Literatursprache verfolgt. Nerius beschreibt im ersten Teil die Normentwicklung des Deutschen im 18. Jh. als „sprachgeschichtlich-theoretisches Problem"

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2. Aufl. Tübingen 1968, S. 4. Für die ältere Forschung vgl. Ludwig Sütterlin, Neuhochdt. Grammatik mit besonderer Berücksichtigung der Mundarten. München 1924, S. 20: „So gibt es [für das 18. Jh.] vor allem Abhandlungen über die Sprache und sprachliche Stellung einzelner Schriftsteller oder bedeutender Schriftwerke." GeHerts Stellung in der dt. Sprachgeschichte. Τη: PBB (Halle) 82 (Sonderband), 1961, S. 395f. In: Zs. f. Deutschkunde 42, 1928, S. 386. Vgl. Victor Erlich, Russischer Formalismus. München 1964, S. 256-264. S. Anm. 9.

Das Problem des Meißnischen Deutsch im 18. Jahrhundert

331

und im zweiten Teil die „sprachliche Realisierung der Norm an einem als Beispiel herausgegriffenen Teilbereich", nämlich am Beispiel des Geschlechts der Substantive.

1.3. Terminologischer Exkurs Bevor nun im Hauptteil darlegt wird, wie die unter dem Schlagwort „Was ist Hochdeutsch" geführte Diskussion zwischen Lexikographen, Grammatikern und Literaten die hier betonten Forschungsaspekte schon impliziert, sei noch ein kurzer terminologischer Exkurs erlaubt. Ich halte an dem Terminus Literatursprache als Bezeichnung der Sprache der sogenannten schönen Literatur fest und bezeichne mit Hochsprache die Einheitsform der obersten Sprachschicht in ihrer gesprochenen und mit Schriftsprache in ihrer geschriebenen Form. Die Verwendung des russischen Terminus Literatursprache für diese Sprachschicht, wie sie von russischen (Μ. M. Guchmann 15 ) und ostdeutschen Germanisten (Nerius) praktiziert wird, halte ich nicht für glücklich, denn die Sprache der (schönen) Literatur kann mundartliche, umgangssprachliche und archaische Elemente aufnehmen, die in der Hoch- oder Schriftsprache nicht erlaubt sind. Mit dieser Differenzierung befinde ich mich in Übereinstimmung mit der bisherigen deutschen Forschung. Wenn Nerius meint: „Diese Verwendung des Begriffes Literatursprache kann jedoch heute in der internationalen Sprachwissenschaft als überholt gelten" 16 , so muß man dem entgegenhalten, daß man die Forschung nicht dadurch internationalisiert, daß man unbedachtsam Begriffe lehnübersetzt. Auf die dadurch entstehende terminologische Verwirrung hat K. Günther hingewiesen 17 , indem er darlegt, daß der nach dem Muster von französisch langue litteraire gebildete russische Terminus literaturnyj jazyk ursprünglich motiviert war, d.h. Sprache der Literatur bzw. des Schrifttums überhaupt meinte, diese Motivation im Laufe der Zeit aber verlor und deshalb innerhalb der russischen Terminologie diese Verallgemeinerung sinnvoll und möglich wurde. Dieses läßt sich nun für den deutschen Terminus Literatursprache nicht sagen; hier verhindern die die höhere Sprachschicht deckenden Termini Hoch- und Schriftsprache eine solche Entmotivierung und damit Verallgemeinerung des Begriffs. - Unter gehobener Umgangssprache wird im folgenden die täglich realisierte Form der Hoch- und Schriftsprache verstanden, also die Sprache des täglichen und öffentlichen Verkehrs, sofern sie die Normen der Hochund Schriftsprache zu erfüllen sucht.

Μ. M. Guchmann, Der Weg zur deutschen Nationalsprache. Teil 1. Berlin 1964, Kapitel I: Über die Begriffe „Nationalsprache", „Nationalitätssprache" und „Literatursprache". A.a.O. (s.o. Anm. 9), S. 16. In: Zs. f. Slawistik 8, 1963, S. 77-79.

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Sprachgeschichte und literarische Linguistik

2. Die „Gesellschaftssprache" Johann Christoph Adelungs

2.1. „ Meißnisches Deutsch " im 18. Jahrhundert Durchmustert man die Forschungen zum Meißnischen, so findet man - z.B. bei Frings und Große - eine dreifache „Abfolge" „überlandschaftlicher Verkehrssprache": 1. die ostmitteldeutsche koloniale Ausgleichssprache, 2. die spätmittelalterliche (schriftliche) Geschäfts- und (mündliche) Verkehrssprache und 3. die (moderne) obersächsische Umgangssprache, die nach Festigung der neuhochdeutschen Schriftsprache aufkommt 18 . Zwischen spätmittelalterlicher Geschäfts· und Verkehrssprache und obersächsischer Umgangssprache liegt also eine Schriftsprache, die in der historischen Abfolge bei Frings und Große nicht explizit genannt, aber doch vorausgesetzt wird, da ihre Existenz die Bedingung für das Vorhandensein der Umgangssprache ist, wie Theodor Frings an mehreren Stellen betont 19 . Wir fragen nun für das 18. Jh.: Ist die besondere historische Erscheinungsform dieser Schriftsprache im obersächsischen Sprachraum, also eine umgangssprachliche schriftliche Variante, greifbar? Wie sieht ihr Pendant, die Hochsprache im Munde der Gebildeten Obersachsens aus, also eine bestimmte soziologisch fixierte Form mündlicher obersächsischer Umgangssprache? Muß diesen Sprachschichten nicht gleichfalls das Prädikat einer „Verkehrssprache" zuerkannt werden? Jüngst haben Ingrid Eichler und Gunter Bergmann ihrer schon genannten Abhandlung eine tabellarische „terminologische Grundlage" vorangestellt, die zugleich „im Telegrammstil eine sprachliche Entwicklung nachzeichnen (soll), die im meißnisch-obersächsischen Raum vor sich gegangen ist", 20 wohlgemerkt nur im Bereich der übermundartlichen, gehobenen Form der Sprache. Der Trias Ausgleichssprache, Verkehrssprache und Umgangssprache fügen sie - in der historischen Abfolge zwischen Verkehrssprache und Umgangssprache - zwei neue Termini hinzu: „Sprache Luthers" und „Meißnisches Deutsch", das sie als die „von Luther übernommene und entwickelte spätmittelalterliche Verkehrsund Geschäftssprache" definieren 21 . Dieser aus der Literatur des 17. und 18. Jhs. übernommene Terminus „Meißnisches Deutsch" ist natürlich nur eine vage terminologische Bezeichnung und eigentlich kein Pendant zu den anderen mehr oder weniger sprachsoziologisch ausgerichteten Termini. Konkrete Hinweise für die Existenz der obersächsischen Umgangssprache in ihrer schriftlichen Form im 18. Jh. hat - neben einigen Bemerkungen Rudolf Großes in seiner Abhandlung „Die obersächsischen Mundarten und die deutsche Schriftsprache" 22 - zuerst Horst Becker in seiner „Sächsischen Mundarten18

19 20 21 22

Vgl. z.B. R u d o l f Große, D i e m e i ß n i s c h e Sprachlandschaft. Halle 1955 (Mitteldeutsche Studien. 15.), S. 162. So z.B. Sprache und Geschichte. TU. Halle 1956 ( M i t t e i d t . Studien. 18.), S. 5. A.a.O. ( A n m . 5), S. 3. A.a.O., S. 2. In: H o c h s p r a c h e und M u n d a r t in Gebieten mit f r e m d s p r a c h i g e n Bevölkerungsteilen. Berlin 1961, S. 2 9 - 3 2 .

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künde" in dem Kapitel „Sächsische Mundart und deutsche Hochsprache"2"' gegeben, gestützt auf zwei bekannte Dokumente der Zeit, und zwar auf einen Brief, den Gottsched in den „Vernünftigen Tadlerinnen" abdruckt, und gestützt auf die Kritik des Herausgebers der „Berlinischen Monatsschrift", J. E. Biester, der in seiner Zeitschrift 1783 Adelungs Theorie des Hochdeutschen kritisiert und abgelehnt unter dem Titel: „Ist Kursachsen das Tribunal der Sprache und Litteratur für die übrigen Provinzen Deutschlands? 24 " Schon diese Polemik Biesters läßt vermuten, daß der Streit um das Hochdeutsche in die von uns aufgeworfenen Probleme direkt einführt.

2.2. Adelungs Theorie der hochdeutschen Mundart Die Genese von Adelungs Ansichten und Deduktionen zu der Frage: Was ist Hochdeutsch? ist bisher in vier Arbeiten ausführlicher dargelegt worden, jeweils in anderem Zusammenhang und ohne direkten Bezug aufeinander: in Max Hermann Jellineks „Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik" von 1913, in Karl Ernst Sickels Dissertation über „Johann Christoph Adelung" von 1933, in Dieter Nerius' „Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache im 18. Jh." von 1967 und in der schon erwähnten Arbeit von Ingrid Eichler und Gunter Bergmann 23 . Deshalb mag es im folgenden genügen, wenn eine thesenhaft zugespitzte Darstellung von Adelungs Ansichten gegeben wird. Im Anschluß daran sollen vor allem seine linguistischen Grundpositionen freigelegt werden - was, wie ich meine, in der Forschung bisher versäumt wurde - , ohne die durch Weiterentwicklung und Polemik bedingten Widersprüche Adelungs zu berücksichtigen. Hierdurch neue Aspekte und Möglichkeiten linguistischer Erforschung des 18. Jhs. zu eröffnen, ist zugleich Absicht und Ziel. Die Publikationen, in denen Adelung seine prinzipiellen Ansichten dargelegt hat, sind im wesentlichen: 1. seine „Vorrede" zur 1. Auflage seines Wörterbuchs von 1774; 2. die zwei Bände seines „Umständlichen Lehrgebäudes der Deutschen Sprache" von 1782; 3. das von ihm bis auf eine Ausnahme allein bestrittene „Magazin für die Deutsche Sprache" von 1782-84 und 4. seine dreiteilige Monographie „Ueber den Deutschen Styl" von 1785. An mehreren Stellen dieser Publikationen gibt er selbst eine thesenhafte Zusammenfassung seiner Ansichten, am klarsten wohl im 1. Band des „Umständlichen Lehrgebäudes" 26 , aus dem das Wesentliche zitiert wird: 1. „Es gibt keine allgemeine Deutsche Sprache, welche etwa aus dem besten Sprachgebrauche aller Provinzen zusammengesetzt ist, und zu deren Berichti-

23 24 25 26

Dresdeno.J. (1939), S. 116-131. In: Berlinische Monatsschrift. Erster Band. Januar bis Junius. Berlin 1783, S.189-199. S. dazu Anm. 4 und 5. l . B d . 1782, S.LV11-LX.

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gung jede Provinz, und jedes Deutsches Individuum das ihrige beytragen könnten [...]. 2. Diejenige, welche in einem jeden großen Lande die Stelle einer solchen allgemeinen Sprache vertritt, ist allemahl nur die Mundart einer Provinz, aber der blühendsten, cultiviertesten und durch Geschmack und Wohlstand am meisten ausgebildeten Provinz [...]. 3. In Deutschland ist es seit der Reformation die Mundart der südlichem Chursächsischen Lande [...]. Diese unter dem Nahmen des Hochdeutschen bekannte Mundart wird in den südlichen Chursächsischen Provinzen am allgemeinsten und zugleich am reinsten gesprochen, und hat sich aus ihrer Mitte durch Geschmack, Künste und Wissenschaften über einen großen Theil des übrigen Deutschlandes verbreitet, wo sie die Schrift- und Gesellschafts-Sprache des gesittetsten Theiles der Nation geworden ist, nur daß sich immer mehr gemeine Landessprache mit ihr vermengt, je weiter sie sich von ihrer Quelle entfernet [...]. 4. So wenig es nun eine allgemeine Sprache gibt und geben kann, so wenig gibt es auch allgemeine Regeln und Grundsätze, so wenig für mehrere Sprachen, als für mehrere Mundarten einer und eben derselben Sprache [...]. 5. Was also in jeder Sprache, und in jeder Mundart gut und richtig ist, läßt sich weder aus allgemeinen Grundsätzen, noch aus anderen Sprachen und Mundarten bestimmen, sondern muß aus dem Sprachgebrauch jeder Mundart entschieden werden, weil nur der die Analogie bestimmt, welcher ich folgen muß [...]. 6. Was also gut und richtig Hochdeutsch ist, kann so wenig aus allgemeinen Grundsätzen, als aus den befolgten Analogien einer andern Mundart bestimmt werden, weil sonst aller Unterschied unter Sprachen und Mundarten aufhören müßte; sondern allein aus dem Hochdeutschen Sprachgebrauche, d. i. aus dem Sprachgebrauche der südlichen Chursächsischen Lande, welche das Vaterland der Hochdeutschen Mundart sind, wo sie (verstehet sich von selbst den obern Classen) noch so rein gesprochen wird, als sie von den besten Schriftstellern nur geschrieben werden kann. [...]" Diese sechs Punkte enthüllen Licht und Schatten eines linguistischen Programms im 18. Jh. Sie sind akzeptabel, sofern sie linguistisch orientiert sind; sie sind vorwissenschaftlich, sofern sie einfache linguistische Gesetze und Differenzierungen verkennen und zudem unter dem Mantel der Linguistik Sprachpolitik betreiben. Ich versuche zu kommentieren. These Nr. 1 formuliert Adelungs Grundansicht, daß Sprache nur in einem gesellschaftlichen Verbände existiert, daß sie ein Kommunikations system innerhalb einer festgefügten sozialen Gemeinschaft darstellt. Außerhalb einer solchen festgefügten sozialen Ordnung gibt es für ihn nur eine „todte Sprache": „Ihr Gegensatz ist eine lebendige Sprache, welche nicht allein in Schriften lebt, sondern so, wie sie in Schriften lebt, noch in dem gesellschaftlichen Umgange einer beträchtlichen Menge Menschen gebraucht wird" 27 . Sprachphilosophische 27

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Voraussetzungen, die hier unerörtert bleiben müssen 28 , und vor allem empirisch-historische Studien zur Entwicklung der Sprache haben ihn zu dieser Einsicht gebracht, die in Übereinstimmung mit der Auffassung der Aufklärung von der Sprache als einem Produkt der Vergesellschaftung des Menschen steht. In immer neuen Formulierungen umkreist er dieses Problem: „Die Sprache ist ganz das Werk des engern gesellschaftlichen Lebens" 29 . Zu diesen Ausführungen zu Adelungs These Nr. 1 möchte ich ein Zitat aus de Saussures „Cours" stellen, um Adelungs linguistische Orientierung zu dokumentieren: „Sie [la langue] ist der soziale Teil der menschlichen Rede und ist unabhängig vom Einzelnen, welcher für sich allein sie weder schaffen noch umgestalten kann; sie besteht nur kraft einer Art Kontrakt zwischen den Gliedern der Sprachgemeinschaft" 30 . An die Stelle des Hochdeutschen, das nach der Meinung von Adelungs Gegnern „aus dem Besten aller Mundarten ausgehoben und zusammengesetzt" sein sollte, tritt nun für Adelung (These 2) die Mundart einer Provinz, die unter den von ihm geschilderten Voraussetzungen der kulturellen und wirtschaftlichen Blüte die Bedingungen erfüllt, „die Schrift- und höhere Gesellschaftssprache" zu werden, „da die Sprache mit der Cultur eines jeden Volkes in dem genauesten Verhältnisse stehet" 31 . Wiederum untermauert er seine Einsicht mit Beobachtungen zur Entwicklung der Schriftsprache in den europäischen Nachbarvölkern. Hierzu, schon mehr der Kuriosität halber und nicht etwa, weil mit de Saussures Buch alles zu belegen sei, ein weiteres Zitat aus dem „Cours": „Wenn die Sprache sich selbst überlassen bleibt, kennt sie nur Dialekte, von denen keiner die Oberhand über die anderen gewinnt [...]. Tndem jedoch mit fortschreitender Zivilisation Verkehr und Austausch zunehmen, wird wie durch eine schweigende Übereinkunft einer der vorhandenen Dialekte zum Träger und Vermittler bestimmt für alles, was die Nation als Ganzes angeht" 32 . Diesen „Träger und Vermittler" bestimmt Adelung nun geographisch: „Obersächsisch oder Meißnische Mundart" und soziologisch: „obern Classen" (These 3). Außer dem Verweis auf das Beweismaterial, das schon seine Vorläufer im 17. und frühen 18. Jh. anführten, bringt er noch weitere Gründe, die angesichts des Verweises auf die Forschungen zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache und zum meißnischen Deutsch hier einer besonderen Erwähnung wert sind. Adelung konstatiert, daß das Obersächsisch-Meißnische

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Vgl. dazu Μ. H. Jetlinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 1. Halbbd. Heidelberg 1913, S. 336ff. Magazin für die Deutsche Sprache. 2. Bd. 3. Stück. 1784, S. 140. Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967, S. 17. Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache. 1. Bd. 1782, S. 14. Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 234. - Eine ähnliche Theorie der Entstehung einer Schriftsprache verficht Jacob Grimm in der Vorrede zur deutschen Grammatik von 1822, S. XII. Vgl. Μ. H. Jellinek, Schriftsprache, Gemeinsprache, Kunstsprache. In: Die Erforschung der idg. Sprachen. II. Germanisch. Berlin und Leipzig 1936, S. 194. Später modifizierte er diese Theorie.

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aufgrund von Geschichte und Geographie eine Misch- und „Mittelsprache" sei, die durch die günstigen Bedingungen der kulturellen und politischen Entwicklung im 15., 16., und 17. Jh. zu einer „künftigen Schrift- und Nationalsprache" prädestiniert gewesen sei. Diese „Zusammenschmelzung" sei „von dem 13ten Jahrhunderte an geschehen'" 3 , und da die Mundarten der „Colonisten aus Nieder-Sachsen, Franken und Oberdeutschen [...] hier gewisser Maßen zusammen flössen [...] so entstand dadurch schon sehr frühe eine gewisse Mittelsprache, welche am wenigsten von den rauhen Eigenheiten der übrigen Mundarten an sich hatte" 34 . Die Hypothese der Mischung und des Ausgleichs der nieder-, mittel- und oberdeutschen Siedlerdialekte im Ostmitteldeutschen wird also von Adelung bereits geliefert. These 4 und 5 sind zusammenzufassen: Adelung besteht auf der „unumschränkten Gewalt des Sprachgebrauchs", er sei „oberster Gesetzgeber in jeder Sprache"' 3 . „Die übereinstimmige Gewohnheit eines Volkes nun, in jeder Art ähnlicher Fälle einer Analogie mit Ausschließung aller übrigen Fälle zu folgen, macht dessen Sprachgebrauch aus" 36 . Man sieht auch hier, daß Adelung Sprache ausschließlich als soziale Institution begreift und nur diese Aspekte der Sprache beschreibt und gelten lassen will. Nur wo der Sprachgebrauch nicht alle möglichen Fälle entscheidet, wo er schwankt, tritt die „Analogie oder Sprachähnlichkeit in ihre Rechte", danach die „Etymologie oder Abstammung" und schließlich muß „der Wohllaut in Betracht gezogen werden" 37 . Man sieht, daß dieses Vier-Punkte-Programm dem normativen Grammatiker und Lexikographen noch Spielraum läßt, das z.B. als Sprachfehler zu deklarieren und eine andere „analoge" oder „etymologische" Lösung vorzuschlagen, was in Wirklichkeit Sprachgebrauch ist. Hat man nun akzeptiert: daß es keine allgemeine deutsche Sprache gibt und geben kann, weil Sprache nur in einem gesellschaftlichen Verbände existiert; daß eine bestimmte Provinz, die eben ein solcher gesellschaftlicher Verband ist, diese allgemeine Sprache vertritt; daß diese Sprache die Mundart der oberen Klassen des Obersächsisch-Meißnischen ist; daß der Sprachgebrauch, die „übereinstimmige Gewohnheit eines Volkes", in erster Linie die Entwicklung der Sprache bestimmt: so wird man These 6 akzeptieren müssen, daß das gute und richtige Hochdeutsch allein durch den Sprachgebrauch der „obern Classen" der „südlichem Chursächsischen Lande" bestimmt wird. Muß man das wirklich?

j3 34 35 36 37

Magazin für die Deutsche Sprache. 1. Jgs. 2. Stück. 1782, S. 83. Ueber den Deutschen Styl. 3. Aufl. 1789, 1. Bd., S. 48f. Magazin für die Deutsche Sprache. 1. Jgs. 2. Stück. 1782, S. 83. A.a.O., S. 86. Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache. 1. Bd. 1782, S. 1 lOf.

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2.3. Differenzierungen oder: „Hätte Herr Adelung unterschieden " Die Einwände, die ich im folgenden anführe, ohne das weitläufige Material der Kontroversliteratur in extenso auszubreiten, enthüllen unhaltbare linguistische Positionen Adelungs. Dabei sind seine linguistischen Verfehlungen nicht zahlreich, aber elementar. Diese linguistischen Fehlentscheidungen, die sicher nicht nur eine Folge mangelnder linguistischer Kenntnisse sind, sondern auch auf ideologischer Grundlage ruhen, konkret: dem Streben nach Einheit ihre Entstehung verdanken, werden in der von Wieland, Campe, Voss, R a d l o f 8 u.a. geführten Kontroversliteratur teils richtig erkannt, teils mehr erahnt als gesehen; zudem wird die Argumentation mit vielfältigen kulturellen, historischen und ästhetischen Versatzstücken geliefert. Tch versuche, die Argumentation auf das Linguistische zu reduzieren: Fehler Nr. 1: Adelung unterscheidet nicht scharf zwischen geschriebener und gesprochener Sprache, zwischen Sprechsprache und Schreibsprache. Fehler Nr. 2: Er differenziert deshalb auch nicht zwischen gehobener Umgangssprache in gesprochener und geschriebener Form, „Gesellschaftssprache" in seiner Terminologie, und Schriftsprache als der idealen Norm. Fehler Nr. 3: Er unterscheidet außerdem nicht zwischen der Sprache der Dichtung, also der Literatursprache, und der Schrift- und Hochsprache. Fehler Nr. 4: Er unterscheidet nicht - was die Kontroversliteratur im wesentlichen bemängelt - zwischen der gehobenen Umgangssprache und der Literatursprache. Er erkennt also nicht, daß die durch die verschiedenen Termini benannten Sprachbereiche zum System der Existenzformen der Sprache gehören und - das ist das Entscheidende - hinsichtlich ihrer strukturellen Ausformung und funktionalen Bestimmung beträchtliche Unterschiede aufweisen. Tndem er dies alles in eins nimmt, muß er jeweils diejenigen gegen sich aufbringen, die sich auf einem der Teilgebiete zu Hause fühlen. Am meisten zahlen es ihm die heim, die sich auf dem weiten Felde der Literatur und damit der Literatursprache auskennen. Die durch diese unterbliebenen Differenzierungen bedingten Hypostasierungen sind eindeutig an seiner Terminologie abzulesen: Hochdeutsch, ursprünglich ein geographisch motivierter Terminus, wird - „im engeren Verstände" - gleichgesetzt mit der obersächsisch-meißnischen Mundart im Munde und

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Wielands und Campes Beiträge s. Anm. 3. Johann Heinrich Voss, [Rezension von] Grammatische Gespräche von Klopstock. Eingeschlossen ein Urteil über Adelungs Wörterbuch. In: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung 1804, Sp. 186 bis 208; Sp. 306-344. J. G. Radlof, Ueber Hrn. Adelungs Schutzrede gegen Hrn. Voßens Beurtheilung seines Wörterbuches. In: Der Neue Teutsche Merkur 3. 1804, S. 246-282.

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in den Schriften der oberen Klassen: Fehler Nr. Γ . Diese Mundart wird als „Gesellschaftssprache" bezeichnet, die wiederum mit einer allgemeinen Schriftsprache identifiziert wird. Er spricht jeweils in einem Atemzuge von der „Schrift- und feineren Gesellschaftssprache": Fehler Nr. 2 40 . Über diese Schriftsprache nun, die ja auf einer Umgangssprache ruht, darf die Sprache der schönen Literatur nicht hinausgehen: Fehler Nr. 3 und 4 41 . Mit einem Wort: er setzt Hochsprache, Schriftsprache, Umgangssprache und Literatursprache mit dem Terminus „Schrift- und Gesellschaftssprache" gleich, die Gesellschaftssprache Obersachsens wird zur Basis der deutschen Hoch- und Schriftsprache. Adelung ist, wie Johann Heinrich Voss in seiner Rezension des Wörterbuchs gehässig rezensiert, „immer mit der Wortwage des neu-meissnischen Verkehrs in der Hand . Oder ein anderes Zitat, das die Vermischung verschiedener Sprachbereiche energisch anprangert: „Obersachsens Sprecherei ist die Schriftsprache 43 ". Wir sagten oben, daß diese Hypostasierung auf ideologischen, nämlich den auf Einheit gerichteten normativen Bestrebungen und auf falschen linguistischen Prämissen ruht. Lassen wir die metalinguistischen Fragen des Antriebs zur Spracheinigung und Sprachnormung außer acht 44 , so ist dennoch zu fragen: Wie unterlaufen einem Fachmann wie Adelung, der im Streit mit seinen Gegnern deren mangelnde linguistische Kompetenz beklagen muß, selbst derartige linguistische Verzerrungen? In diesem Zusammenhang wäre es aufschlußreich, *9

Zur ursprünglich geographischen Motivation des Terminus Hochdeutsch vgl. Vorrede zur 1. Aufl. des Wörterbuchs, 1. Bd. 1774, S. 6: „Erklärung des Wortes Hochdeutsch". Dieses im Mittelalter im südöstlichen Deutschland lokalisierbare ,Hochdeutsch" (gleich oberdeutsch) habe damals schon den Anstrich des „höheren und verfeinerten Deutschen" bekommen (Magazin 1. Jgs. 1. Stück. 1782, S. 23). Von diesem sei das „neuere Hochdeutsch" zu unterscheiden, was „so viel bedeutet als höheres, d. i. ausgebildetes Deutsch, Deutsch der obern Classen. [...] Das neuere Hochdeutsch dürfte sich des ihm zuweilen auch beygelegten Nahmens Obersächsisch eben so wenig schämen, als sich die ehemalige verfeinerte Griechische Mundart des Nahmens der Attischen schämen durfte [...]" (Magazin a.a.O., S. 24).

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S. dazu Punkt 2 und 6 von Adelungs Zusammenfassung, oben S. 334. Auch Magazin a.a.O., S. 25: „Wem noch einige Zweifel übrigbleiben sollten, daß unsere Schrift- und Gesellschaftssprache in dem südlichen Chursachsen einheimisch ist, der komme und überzeuge sich durch den Augenschein". Vgl. Magazin 1. Jgs. 4. Stück. 1783, S. 83: „Ich habe zu behaupten gesucht: unser gegenwärtiges Hochdeutsch, d. i. diejenige deutsche Mundart, deren sich alle Deutsche Schriftsteller v o n G e s c h m a c k (Sperrung von mir. Η. H.) bedienen, ist nicht anders, als die gewöhnliche Gesellschaftssprache Obersachsens in den obern Classen, welche von hier zu den Schriftstellern ausgegangen ist, und sich von der Schriftsprache in nichts unterscheidet [...]" (Im folgenden wird der schriftlichen Äußerung mehr Sorgfalt abgefordert: Ansätze zu einer Nuancierung und Differenzierung.) In: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung 1. Bd. 1804, S. 314. J. G. Radlof in: Der Neue Teutsche Merkur 1804, S. 281. - Ähnlich sprach Campe empört von der „Einerleiheit der O. Sächsischen Sprechart und der Hochdeutschen Schriftsprache". (Beiträge zur weitern Ausbildung der Deutschen Sprache. 1. Bd. 2. Stück. Braunschweig 1795, S. 121). Vgl. Verf., Deutsche Lexikographie und Sprachnorm im 17. und 18. Jh. in: Wortgeographie und Gesellschaft. Hrsg. von W. Mitzka. Festgabe für L. E. Schmitt. Berlin 1968, S. 87ff.

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Adelungs Leitvorstellung von der Sprache, also seine linguistische Modellbildung im einzelnen zu analysieren, wobei nach Peter Hartmanns terminologischer Differenzierung nur von einem „Modellmotiv" Adelungs gesprochen werden sollte 45 . Pauschal kann man sagen, daß für Adelung die Existenz einer intakten, begrenzten und überschaubaren Gesellschaft Voraussetzung für das Vorhandensein von Sprache überhaupt ist, daß sich also Sprache nur unter den Bedingungen einer bestimmten Gesellschaft denken läßt, die nur als Ganzes z.B. durch die „Verfeinerung von Sitten und Cultur" - imstande ist, die Sprache zu verändern und weiterzuentwickeln 46 . Diese Sprache in einem gesellschaftlich und geographisch fixierten Verbände nennt er „Dialecte oder Mundarten" und bezogen auf die Sprache der gehobenen Gesellschaft innerhalb dieses Verbandes - „Gesellschaftssprache" oder auch „höhere Gesellschaftssprache" 47 . Sprache als gesellschaftliches Kommunikationssystem in einer homogenen sozialen Gemeinschaft wäre eine annähernd präzise Beschreibung von Adelungs externem - weil auf die Sprecher bezogenen - Modellmotiv. Nochmals mit seinen eigenen Worten: „Sprache entstehet nur im gesellschaftlichen Leben und ihre Ausbildung geschiehet nur in den engern Graden desselben" 48 . Nicht zufällig wird in dieser Passage wie auch in anderen auf die „engere" Gesellschaft verwiesen; hierdurch soll angezeigt werden, daß eine dauernde Kommunikation innerhalb dieser von ihm gedachten Gesellschaft vorausgesetzt wird, wobei die gesellschaftliche Interaktion im Falle der gehobenen Schichten Obersachsens natürlich auch unter der Bedingung schriftlicher Tradition und Kommunikation gesehen wird. Die Verabsolutierung nun dieses sprachlichen Modellmotivs, von dem Adelung annahm, daß es „den meisten Eindruck machen würde" 49 , brachte ihn zu seinen Fehlschlüssen. Tndem dieses sprachliche Teilmodell auch die Bedingungen erfüllen sollte, die an eine Hochsprache, Schriftsprache, Literatursprache zu stellen sind, die ja jeweils eigene und besondere Normensysteme darstellen und andere strukturelle Ausformungen und funktionelle Bestimmungen haben, war es überfordert. So spielen bei der Bildung einer Hoch- und Schriftsprache Fragen der bewußten Auswahl und Festlegung sprachlicher Normen eine besondere Rolle. Die Selektion und Durchsetzung dieser hochund schriftsprachlichen Normen ist zum Teil unabhängig von der großen Zahl

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Modellbildungen in der Sprachwissenschaft. In: Studium Generale 18. 1965, S. 364-379. Vgl. Umständliches Lehrgebäude. 1. Bd. 1782, S. 89: „Der gute Geschmack hat die hochdeutsche Mundart aus allen übrigen heraus gehoben, und muß sie daher auch vor der Vermischung mit denselben bewahren." Das ist die Sprache des täglichen und öffentlichen (wenn auch gehobenen) mündlichen und schriftlichen Umgangs; entsprechend der heutige Terminus; zu „Dialect" und „Mundart" vgl. Umständliches Lehrgebäude. 1. Bd. 1782, S. 9f. und 72ff. Vgl. auch Wörterbuch, 2. Aufl. 3. Bd. 1798, Sp. 311: „Die Mundart [...] die besondere Art zu reden, wodurch sich die Einwohner einer Gegend von den Einwohnern anderer Gegenden unterscheiden, die Abweichungen einzelner Gegenden in der gemeinschaftlichen Sprache [...]". reden zeigt hier an, daß in erster Linie bei „Mundart" an mündliche Sprache gedacht ist; sie kann dennoch - im Falle der „obern Classen" Obersachsens - die Basis der Schriftsprache werden. Magazin für die Deutsche Sprache. 1. Jgs. 3. Stück, 1782, S. 47. A.a.O., 2. Bd. 4. Stück, S. 147.

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der Sprechenden und Schreibenden; sie orientiert sich z.B. an leitbildbezogenen idealen Sprachnormen. Nichtdestoweniger bleibt die Hoch- und Schriftsprache ein „Gebilde mit mehreren Stilschichten" 50 , das in erster Linie funktionell und strukturell zur Umgangssprache hin abgrenzbar ist, aber in dauerndem Wechselbezug mit ihr bleibt. Die Literatursprache hingegen weist eine viel größere Varianzbreite auf und öffnet sich, unabhängig von dem „engern gesellschaftlichen Leben", dialektalen und historischen Sprachschichten. Nach de Saussureschen Begriffen klassifizierend, wäre sie eher der „parole" zuzuordnen. Sie hat zudem in erster Linie eine ästhetische Funktion, wodurch sie über die Hochund Schriftsprache mit ihren vorwiegend praktischen weil kommunikativen Funktionen herausgehoben wird, ein Faktum, welches Adelung ganz verkannte. Adelungs linguistisches Modellmotiv ist also in Wirklichkeit nur ein Teilmodell der Sprache, das den Bereich der „Gesellschaftssprache" deckt. Als solches erinnert es an das de Saussuresche Modell von der Sprache als eines in sich ausgewogenen Zeichensystems. Adelung betont an verschiedenen Stellen, „daß man immer Ganzes gegen Ganzes nehmen müsse" bei dem Vergleich von verschiedenen Mundarten 51 . indem er aber nun dieses Teilmodell zum linguistischen Dogma erhebt, holt er die so weit von sich gewiesene Sprachnormung durch die Hintertür wieder herein. Er kann so: 1. den Anteil anderer Sprachlandschaften an der Ausformung einer deutschen Hoch- und Schriftsprache bestreiten. Hoch- und Schriftsprache werden so - wie die Titel seiner Wörterbücher anzeigen - zu einer „Mundart"; 2. die Literatursprache in sein Prokrustesbett der obersächsischen „Gesellschaftssprache" zwängen - denn die Mehrzahl der Literaten lebt j a nicht in dem engeren gesellschaftlichen Verbände Obersachsens - und so die ihm unsympathische, weil seiner Meinung nach die Einheit bedrohende Entwicklung der Literatursprache im letzten Drittel des 18. Jhs. zu hemmen versuchen. Das zum Dogma erhobene Teilmodell der Sprache lieferte die linguistische Exkulpation für seine normativen, auf Einheit gerichteten sprachlichen Bemühungen.

3. Folgerungen für die Forschung

3.1. Theorie und Praxis Auf dem oben skizzierten theoretischen Hintergrund muß nun Adelungs Praxis als Grammatiker und Lexikograph beurteilt werden, eine Praxis, die j a ganz anders sein könnte als seine Theorie. Darüber urteilte ein zeitgenössischer Kritiker: „Ueberhaupt ist er in der Ausübung richtig und fehlt nur ein wenig in der

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Alois Jedlicka, Zur Prager Theorie der Schriftsprache. In: Travaux Linguistiques de Prague. 1. Prague 1964, S. 49. Magazin für die Deutsche Sprache. 1. Jgs. 1. Stück 1782, S. 105.

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feinen Theorie, die auf jene nur selten Einfluß hat" 52 . Daran ist zumindest so viel richtig, daß Adelung auch und erst einmal als Praktiker eingeschätzt werden muß: er schrieb das maßgebliche Wörterbuch des letzten Drittels des 18. Jhs. (1774-86) , das zu seinen Lebzeiten eine zweite Auflage (1793-1801) und einen Auszug (1793-1802) erlebte; er schrieb die maßgebliche Schulgrammatik seiner Zeit, die zu seinen Lebzeiten fünf Auflagen (1781-1806) 36 fand, begleitet wurde von einem Auszug mit drei Auflagen (1781-1800) 37 und einer zweibändigen wissenschaftlichen Grammatik (1782) 58 ; er schrieb eine Stilistik, die vier Auflagen hatte (1785-1800) 59 und einen Auszug (1800) 60 ; er schrieb zudem eine Orthographie, die drei Auflagen (1788-1807) 61 erlebte. Hierbei sind die Auflagen nach seinem Tode sowie die zahlreichen Nachdrucke, vor allem in Österreich, nicht gerechnet; nicht gerechnet sind auch die Übersetzungen seiner Grammatik ins Ungarische 62 , Französische 63 und Lateinische 64 , sowie zweisprachige Wörterbücher, die im deutschen Teil die Lemmatisierung ausdrücklich nach dem Adelungschen Wörterbuch vornehmen. Adelungs Werk böte nun, ginge seine Praxis mit der Theorie konform, ein immenses lexikalisches und grammatikalisches gebrauchssprachliches Material, das von der Forschung bisher ungenutzt gelassen wurde. Dieses Material wäre, da es eben die umgangssprachliche Realität der „obern Classen" Obersachsens einfinge, sowohl zur Beurteilung des selektiven Prozesses der Ausbildung und „endgültigen Einigung" der deutschen Hoch- und Schriftsprache im 18. Jh. unentbehrlich wie auch wertvoll als Folie für die semantische und stilistische Be-

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J. C. C. Rüdiger, Über das Verhältnis der hochdeutschen Sprache und obersächsischen Mundart. In: Neuester Zuwachs der teutschen, fremden und allgemeinen Sprachenkunde [...] 2. Stück. Leipzig 1783, S. 52. J. E. Biester sprach beziehungsreich von „des nicht obersächsischen Herrn Adelungs Sprachlehre [...]" a.a.O. (s. Anm. 24), S. 198. Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches Der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. 5 Bde. Leipzig 1774-86. Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, [...] Zweyte vermehrte und verbesserte Ausgabe. 4 Bde. Leipzig 1793-1801. Auszug aus dem grammatisch-kritischen Wörterbuche der Hochdeutschen Mundart. 4 Bde. Leipzig 1793-1802. 1. Aufl.: Deutsche Sprachlehre. Zum Gebrauche der Schulen in den Königl. Preuß. Landen. Berlin 1781. 1. Aufl.: Auszug aus der Deutschen Sprachlehre für Schulen. Berlin 1781. Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen. 2 Bde. Leipzig 1782. 1. Aufl.: Ueber den Deutschen Styl. 3 Theile. Berlin 1785. J. C. Adelung über den Deutschen Styl, im Auszug von Theodor Heinsius. Berlin 1800. 1. Aufl.: Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie, nebst einem kleinen Wörterbuche für die Aussprache, Orthographie, Biegung und Ableitung. Leipzig 1788. Nemet Grammatika, Adelung szerint egy Olvaso Könyvel eygütt. [...] Lotsen [...] 1804. Le Nouveau Maitre de la Langue Allemande ou Abrege de la Grammaire Allemande de M. Adelung [...]. Leipzig 1794. Der in Kaysers Bücherverzeichnis aufgeführte Titel: Adelung, Johann Christoph, Grammatica Theodisca scholis consecratis lat. versa, a. G. F. Born. Leipzig 1798 ist in den wissenschaftlichen Bibliotheken der Bundesrepublik und Westberlins nicht nachweisbar.

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Wertung der Literatursprache. Wenn Μ. M. Guchmann betont, daß bei den Arbeiten zur Entstehung und weiteren Ausbildung der deutschen Hochsprache „der Einfluß der schriftlichen literatursprachlichen [lies: schriftsprachlichen] Tradition" zu wenig berücksichtigt sei, und weiter fordert, „eine Geschichte der Literatursprache [lies: Hoch- und Schriftsprache] dieses [meißnischen] Gebiets zu verfassen, das bei der Herausbildung der modernen deutschen Literatursprache [s.o.] eine entscheidende Rolle gespielt hat" 63 , so scheint Adelung nur für solche Zwecke gearbeitet zu haben. Verbal hat er zumindest in seinen Vorreden die Tauglichkeit seines Materials für solche Zwecke bestätigt: „Dieses Wörterbuch ist hauptsächlich der Hochdeutschen Mundart gewidmet" 66 ; Wörterbuch und Grammatik sind geschrieben von einem, der für sich in Anspruch nimmt: „Die erste und vornehmste Pflicht eines Sprachlehrers ist, alle oder die meisten Fälle einer Art zu sammeln, und aus diesen Regeln zu entwerfen und nach diesen zu entscheiden. Er muß sich dabey genau an diejenige Mundart halten, deren Regeln er entwerfen will" 67 .

3.2. Aspekte der Forschung 3.2.1. Im Detail wäre zu untersuchen die durch Entwicklung und polemische Auseinandersetzung bedingte unterschiedliche Akzentuierung der sprachtheoretischen Äußerungen Adelungs und deren mögliche Folgen für seine praktische Arbeit als Lexikograph und Grammatiker, auch hinsichtlich der verschiedenen Auflagen seiner Handbücher. 3.2.2. Hieraus ergäbe sich die Aufgabe, Adelungs Praxis im Vergleich mit seinem Anspruch prinzipiell zu überprüfen. Hierbei müßte nach den Kapiteln der Grammatik differenziert werden, und zwar in Orthographie und Lautlehre, Morphologie und Syntax, Lexik und Stilistik. Es müßten in einem synchronen Schnitt zumindest die geschlossenen Systeme herausgearbeitet werden; also aufgrund seiner grammatischen und lexikalischen Arbeiten die präskriptive graphematische, phonematische, morphematische und syntagmatische Struktur der Sprache, wie sie Adelung in seinen Werken darbietet. 3.2.3. Der gleiche synchrone Schnitt müßte nun durch Quellen der Sprachschicht gelegt werden, die Adelung vorgibt zu bearbeiten, oder die er durch Selbstbefragung schriftlich zu fixieren meint; nämlich obersächsisch-meißnische Quellen, die die gehobene Umgangssprache widerspiegeln, also Briefe und Briefsteller, Anweisungen, Protokolle, Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur und ähnliches. Dieser Vergleich würde einerseits die Realität obersächsischmeißnischer „Gesellschaftssprache" und andererseits Adelungs normatives Bild von ihr vermitteln. Die Konzessionen Adelungs, die über das ObersächsischMeißnische hinausführen u n d sein etwaiger Versuch der Durchsetzung speziell

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Der Weg zur deutschen Nationalsprache. Teil 1. Berlin 1964, S. 22. Vorrede zur 1. Aufl. des Wörterbuchs. 1. Bd. 1774, S. 12. A.a.O.

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obersächsischer Normen ergäben wichtige Hinweise für die endgültige Kodifizierung der deutschen Schriftsprache. Ansätze zu solcher Überprüfung sind schon in der Kontroversliteratur der Zeit vorhanden, so wenn seine Gegner behaupten: „Daher wird es den Obersachsen so schwer, ja oft unmöglich harte und weiche Mitlauter [...] zu unterscheiden" 68 , was Adelung für die Aussprache der höheren Gesellschaftsschicht strikt bestreitet. Hier erhebt der Pommer in Obersachsen seine eigene „niederhochdeutsche" Aussprache zur Norm und verweist damit auf jene Sprachlandschaften, die zumindest hinsichtlich der Aussprache die Führung übernehmen sollten. Andererseits wird Adelung vorgeworfen, speziell obersächsische Aussprache zur hochdeutschen Regel zu machen, so wenn er vorschreibe, die (alveolare) Spirans s in den Fremdwörtern Sclave, Skelet, Skalde und in Durst, Bürste, Gerste als (palato-alveolare) Spirans sch zu sprechen, also Schklave etc. und Durscht etc. Seine Gegner meinen, daß ihn nur „seine Meinung von der hochteutschen oder obersächsischen Mundart dazu verleitet" habe 69 . 3.2.4. In diesem Zusammenhang wäre zu fragen, welche regionale Norm innerhalb der obersächsisch-meißnischen Umgangssprache Adelung für verbindlich erklärt. J. G. Radlof wies in seiner Polemik 70 darauf hin, daß Adelung meißnisch und obersächsisch oft gleichsetze. Das sei falsch, da Adelung die „Oberlausitz-Dresdner Mundart" als Norm ansetze, so z.B. vorschreibe, das (geschlossene) e in beben, Beere, dehnen wie ein (offenes) e auszusprechen, also bäben, Bäre, dähnen, was in Leipzig z.B. nicht üblich sei. Radlof fragt entrüstet, ob ganz Deutschland diese „Dresdnerei" mitmachen müsse und „äh und bäh mitsagen soll"71. Damit entlarvte schon Radlof den einigermaßen diffusen Begriff der „obern Classen" Obersachsens als Fiktion, zumindest als sprachliches Ideal, dem die Realität nicht gewachsen war. Es wäre also eine weitere Aufgabe, durch die oben skizzierte Methode des Quellenvergleichs Regionalsprachen und Stadtsprachen innerhalb des Bereichs der obersächsischen Umgangssprache gehobener Provenienz zu differenzieren und die lokale Norm Adelungs zu bestimmen. 3.2.5. Im Bereich der Lexik und Stilistik müßte wiederum die Methode kritischen Vergleichs mit obersächsischen Quellen (für den Bereich der Lexik) und obersächsischer Literatur (für den Bereich der Stilistik) angewandt werden, gleichfalls um zu ermitteln, ob die Praxis seinem Anspruch genügt und woher er konkret seine sprachsoziologischen und stilistischen Kriterien bezieht. Da der Wortschatz sich immer als offenes System präsentiert, müßte in diesem Bereich paradigmatisch gearbeitet werden, d.h. es müßten geeignete lexikalische Solidaritäten und Wortfelder erarbeitet werden, die einen aufschlußreichen Vergleich 68

ω

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J. C. C. Rüdiger, Ueber das Verhältnis der hochteutschen Sprache und obersächsischen Mundart (s. Anm. 52), S. 135. Rüdiger a.a.O., S. 137. Vgl. dazu Campe a.a.O. (s. Anm. 3), S. 158f., der dieselben und ähnliche Beispiele aufführt. Ueber Hrn. Adelungs Schutzrede gegen Hrn. Voßens Beurtheilung seines Wörterbuchs (s. Anm. 38), S. 276-282. A.a.O., S. 279.

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Sprachgeschichte und literarische Linguistik

zuließen. Hierbei würde Adelungs lexikographische Arbeitsweise diesen Objektbereich besonders begünstigen, da er sein Wörterbuch erst einmal als Bedeutungswörterbuch verstanden hat und auf die semantischen Paraphrase größtes Gewicht legte. Er schrieb das erste klar gegliederte Bedeutungswörterbuch der deutschen Sprache. Wenn die Forschung in jüngster Zeit kritisch anmerkte, daß bei Untersuchungen zu sprachlichen Feldverschiebungen zu unbedenklich Quellen der a l l g e m e i n e n Literatursprache des 18. und 19. Jhs. mit der mündlichen Gegenwartssprache verknüpft würden 72 , so böte nunmehr das solchermaßen kritisch aufgearbeitete umgangssprachliche Material nach Adelung einen viel besseren Bezugspunkt. 3.2.6. Schließlich müßte der Wirkungsgeschichte von Adelungs normativen sprachlichen Bemühungen nachgegangen werden, wie es ansatzweise Max Müller in seiner Monographie „Wortkritik und Sprachbereicherung in Adelungs Wörterbuch" 73 versucht hat; es müßte also sein potentieller Einfluß auf die Literatursprache der Zeit untersucht werden. Es ist bekannt und in den Quellen bezeugt, daß auch die „Klassiker" des 18. Jhs. Adelungs lexikographisches Werk zu Rate zogen. Vor allem Wieland, der doch - unter den Decknamen Philomusos und Musophilus - zu den entschiedenen Kritikern von Adelungs Theorien gehörte - sprach von dem „vortreflichen Wörterbuche" 74 , und seine Anmerkungen zu seinen Übersetzungen der „Horazischen Satiren" zeigen eine intensive Benutzung von Adelungs Wörterbuch. Da Wieland innerhalb der verschiedenen Auflagen seiner Werke unaufhörlich veränderte und korrigierte - Goethe empfahl das Studium der „stufenweisen Correkturen dieses unermüdet zum Bessern arbeitenden Schriftstellers" 75 - , wäre durch einen eingehenden Vergleich der verschiedenen Auflagen mit Adelungs Wörterbuch und Grammatik der Einfluß seiner Normen auf die Literatursprache - wiederum paradigmatisch - faßbar. Das hier konzipierte Forschungsprogramm zum Thema: Was ist Hochdeutsch im 18. Jh. ist zwar fragmentarisch, weil auf Adelung und Obersachsen konzentriert; aber es enthält doch einige konkrete Vorschläge zur Weiterarbeit, denen ich selbst in einigen Punkten nachzugehen versuche. Eine Definition dessen, was Hochdeutsch im 18. Jh. ist, kann auch hier nicht gegeben werden. Wohl aber sind durch Beschreibung und kritische Eingrenzung die Umrisse sichtbar geworden, die zugleich Perspektiven zukünftiger Forschung sind. Dazu sei es erlaubt, noch ein letztes Zitat aus der Feder Adelungs zu borgen, das sich an die vorliegenden Ausführungen sehr genau anschließt: „Es ist bisher in der

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73 74

75

Hugo Steger, Gruppensprachen. In: ZMF 31. 1964, S. 127; Peter von Polenz, Sprachkritik und sprachwissenschaftliche Methodik. Tn: Sprachnorm, Sprachpflege, Sprachkritik. Düsseldorf 1968. (Sprache der Gegenwart. Schriften des Instituts für dt. Sprache. 2.), S. 181f. Berlin 1903 (Palaestra. 14.). Der Horazischen Satiren. 1. Buch, 2. Buch. In: Wielands Obersetzungen. 4. Bd. Plinius, Horaz, Lukrez. Hrsg. von Paul Stachel. Berlin 1913. (Wielands Gesammelte Schriften. 2. Abt.: Obersetzungen. 4. Bd.), S. 655. Literarischer Sansculottismus (1795). In: Weimarer Ausgabe. I. Abth. 40. Bd., S. 201.

Das Problem des Meißnischen Deutsch im 18. Jahrhundert

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deutschen Sprache [sc. des 18. Jhs. ] nur zu viel entschieden worden; es ist Zeit, daß man einmal anfange, zu prüfen und zu untersuchen" 76 .

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Vorrede zur 1. Aufl. seines Wörterbuchs. 1. Bd. 1774, S. 13.

Innere Mehrsprachigkeit im späten 18. Jahrhundert Argumente für eine pragmatische Sprachgeschichte

für Theodor Bernd, „Ausarbeiter" des von J. H. Campe „veranstalteten und herausgegebenen" Wörterbuchs

0. Vorbemerkung über die Verbeugung und den Bückling In dem Wörterbuch des Braunschweiger Lexikographen und Pädagogen Joachim Heinrich Campe heißt es unter dem Lemma grüßen im Jahre 1808: „Er grüßte die Versammlung mit einer tiefen Verbeugung." Und unter dem Stichwort verbeugen heißt es dann im Jahre 1811 weiter: „[...] und er bekam kaum einen Nick zum Dank." Indem ich eine Verbeugung gemacht habe und sie auch so bezeichne, habe ich mich zu den feineren Sitten bekannt und Sie, geehrtes Publikum, in Begriffen des 18. Jahrhunderts der besseren Gesellschaft zugerechnet. Denn bei Campe heißt es weiter: „Verbeugung und Bückling sind eben so verschieden wie sich verbeugen und sich bücken. Der Hofmann macht vor seinem Fürsten eine Verbeugung, der Bauer vor seinem Herrn einen Bückling [...] das letzte (ist) niedrig." Hofmann und Bauer sind unterschiedliche Stände. Der eine Stand ist „niedrig", wie wir gehört haben. Beide Stände werden, so darf man vermuten, auch unterschiedliche „Sprachen" sprechen. Und damit bin ich bei Kapitel 1 angelangt:

1. „Gebildete Sprache" und „gemeine Leute" „Herder schreibt, wie er spricht, Lessing schreibt, als ob er spräche": Das ist eine feinsinnige Bemerkung von Bruno Markwardt.1 Tch frage: Wie hat Lessing wirklich gesprochen? Mit Korrekturen, Ausklammerungen, gefüllten Pausen, Anakoluthen und Wiederaufnahmen - zum Beispiel? Und wenn man, gegen solche Fragen, meint zu wissen, wie Lessing gesprochen hat, weil man ja seine Schriften hat, in denen er schreibt, als ob er spräche - wie haben Zeitgenossen Lessings gesprochen? Zum Beispiel seine Domestiquen2 und Handwerker? Domestiquen sind ,Hausleute' oder ,Hausbediente', wofür regional, vor allem oberdt., auch „Brödlinge" oder „Ehehalten" im Gebrauch war/ Diese sind „Per-

1 2 3

Zitiert nach Lerchner 1980, S. 351. Vgl. v. Heinemann 1870. Campe 1813, S. 272.

Innere Mehrsprachigkeit im späten 18. Jahrhundert

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sonen geringen Standes" 4 , also Menschen, „die sich für Brot und Lohn zu niedrigen häuslichen Diensten verpflichten." 3 Als Kollektivsingular führt Campe, dem ich die Zitate entnehme, hierfür Gesinde, „ein Sammelwort, diejenigen Personen in einem Hauswesen zu bezeichnen, die um Lohn und Brot die niedern Dienste verrichten, dergleichen die Mägde, Knechte, Bedienten, Kutscher etc." 6 Und schon als gängige Redensart des 18. Jhs. fuhrt Campe auf: „Gutes, treues Gesinde wird immer seltner." 7 Sind wir mit Domestiquen und Gesinde zu tief in den Alltag des 18. Jahrhunderts hinabgestiegen? Dabei sei daran erinnert, daß es unterhalb der „ständischen Gruppe" der Domestiquen noch die sozial Deklassierten gab 8 , zu denen z.B. die Bettler zu rechnen sind. Campe führt in seinem Wörterbuch 69 Lemmata mit betteln, Bettel und Bettler an, unter ihnen auch das Stichwort Bettlersprache, „die eigene Sprache, welche die Bettler unter sich zu haben pflegten". 9 Wer belehrt uns über diesen Alltag - auch und vor allem sprachlich? Im „Verzeichniß der dem verstorbenen Hofrath Leßing zugehörigen Meublen etc."10 finden sich u.a. auch vier Pikeschen, zwei „graue Pikeschen", „1 Pikesch nebst Weste", „1 kottunen Pikesche nebst Kamisol". Pikeschen sind nach Campe „eine Art Überkleider, welche an den Leib anschließen und gewöhnlich an den Näthen mit Schnüren, und vorn wie hinten im Kniffe mit Quasten versehen sind"." Dieser mit Schnüren und Quasten verzierte Oberrock, dessen Bezeichnung aus dem polnischen bekiesa entlehnt ist, war ein „modisches Kleidungsstück" 12 des späten 18. Jhs. und wird von Kindleben in seinem Studenten-Lexikon von 1781 (dem Todesjahr Lessings) folgendermaßen charakterisiert: „Jetzt sind die gangbarsten Kleidungsstücke der Musensöhne [...] Pikeschen, Oberkleider [...] nach polnischer Art gemacht." lj Waren die Wolfenbütteler oder Braunschweiger Schneider in der Lage, solche modischen Überkleider herzustellen? Und wer waren Lessings Schneider? Wie sprach er mit ihnen? Wie insgesamt mit seinen Handwerkern - um eine „ständische Gruppe" zu nennen, die eine Stufe höher stand als die „Bedienten". Auffällig ist, daß der die h o c h d e u t s c h e Sprache kodifizierende Campe für Schneider auch das niederdeutsche Snider verzeichnet, darüber hinaus auch auf Schräder als eine weitere niederdeutsche Bezeichnung verweist 14 (die sich von mhd. schröt, Schnitt, Hieb, Wunde' herleitet und die ostfälische Variante zu Schröder ist).15 Doch nicht nur regionale Varianten verzeichnet Campe (wie übrigens

4 I 6 7 8 9 10 II 12 13 14 15

Campe 1808, S. 580. Campe 1807, S. 718 unter dem Stichwort Dienstbothe. Campe 1808, S. 344. Campe, a.a.O. Vgl. Barner u.a. 1977, S. 52f. Campe 1807, S. 510. v. Heinemann 1870. Campe 1809, S. 596; dieser hat Pekesche. Basler 1942, S. 439. Kindleben 1781, S. 237. Campe 1810, S. 237, 264. Bahlow 1980, S. 468f.

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Sprachgeschichte und literarische Linguistik

auch von anderen Handwerkerbezeichnungen, z.B. für Schuster), auch die Spottnamen der Schneider werden in seinem Wörterbuch gebucht: „Daher, daß diese Handwerker, vermuthlich wegen des vielen und krummen Sitzens schwächlich und dünn zu sein pflegen, kömmt es, daß sie bei den übrigen stärkern Deutschen schon früh verächtlich waren, woher sich noch einige verächtliche Redensarten schreiben, z.B. dünn, leicht wie ein Schneider. Dahin gehört auch die spöttische Benennung der Schneider, da man sie Böcke nennt, wogegen sie sich selbst lieber Kleidermacher nennen [...]"16 Ironisch könnte man fortfahren: Was wäre die deutsche Sprache ohne die Schneider? Campe notiert den Beutelschneider und den Aufschneider, aber auch, daß man in manchen Spielen Schneider werde, „wenn man nicht nur das Spiel verliert, sondern auch nicht einmahl eine gewisse geringe Anzahl Augen hat". 17 Ich füge folgende sprichwörtliche Redensarten hinzu, die uns der Schneider beschert hat: frieren wie ein Schneider, essen wie ein Schneider, laufen wie ein Schneider, den Schneider im Hause haben. Eines ist auffällig: Es gibt sehr viele Redensarten, die die Schwierigkeiten des Schneiders belegen, seine Rechnungen zu kassieren: Die bekannteste ist: Herein, wenn's kein Schneider ist!, was eine Umbildung der redensartlichen Wendung: Herein, wenn's ein Schneider ist! darstellt: Zu den Sitzungen der Schneidergesellen hatte nur Zutritt, wer zur Zunft gehörte. „Herein, wenn's kein Schneider ist!": Der die Rechnung eintreibende Kleidermacher war offensichtlich ein Schreckensbild für viele.18 Wir hoffen, daß er den kaufmännisch wenig begabten Lessing verschont hat. In seinem Lustspiel Die alte Jungfer von 1749 treffen „der Herr Schneider und der Herr Poete" aufeinander, indem sie, einem Dritten vorgestellt, verwechselt werden, wogegen sie sich wechselseitig heftig wehren: Der Poet Herr Kräusel - nomen est omen sagt: „Einen Mann, der Tag und Nacht mit den göttlichen Musen umgeht, einen Schneider heißen? Das ist unerträglich! Lassen Sie mich fort." Und der Schneider antwortet: „Einen Mann, der wohl fürstliche Personen gekleidet hat, soll sich einen Poeten schimpfen lassen? Ich versteh meine Profession. Es wird mir niemand was Übels nachzusagen haben. Und ich will den Schimpf [ich ergänze: ein Poete zu sein!] gewiß auch nicht leiden [...]"" Meine Damen und Herren, ich habe einen eher erzählenden Duktus als Anfang meines Referats gewählt; damit wollte ich der Gefahr entkommen, der Sie möglicherweise tapfer ins Auge gesehen hatten: am Anfang mit linguistischer Terminologie gequält zu werden. Z u g l e i c h wollte ich, eher spielerisch, drei „ständische Gruppen" in einen sprachwissenschaftlichen und sprachhistorischen Kontext einführen, in dem sie gemeinhin unbekannt sind. Ich habe s o z i a l D e k l a s s i e r t e , also Bettler, Landstreicher, Vagabunden; B e d i e n t e , also Knechte, Mägde, Diener, Kutscher; H a n d w e r k e r , also Schneider, Schuster, Schmie16 17

18 19

Campe 1810, S. 237. Campe 1810, S. 237; hier wie insgesamt ist Campe der Wörterbucharbeit von J. Chr. Adelung verpflichtet; vgl. dazu Henne (Hrsg.) 1975, S. 1-37; 109-164; Henne 1972, S. 5 3 109. Röhrich 1977, S. 874. Lessings Schriften Bd. 3. 1887, S. 218.

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de, Tischler, Weber in den Zusammenhang der deutschen Sprachgeschichte gebracht. Auf wen, außer auf mich selbst und meine entfaltenden Argumente, könnte ich mich berufen? Sicher auf Jakob Michael Reinhold Lenz, der zu Anfang der 70er Jahre des 18. Jhs. in einem Straßburger Vortrag ausführte, daß das arme „Hochdeutsch" durch die Sprache landschaftlicher Regionen u n d unterer Schichten zu bereichern sei: „Wenn wir in die Häuser unserer sogenannten gemeinen Leute gingen, auf ihr Interesse, ihre Leidenschaften, acht gäben, und da lernten, wie sich die Natur bei gewissen erheischenden Anlässen ausdrückt, die weder in der Grammatik noch im Wörterbuch stehen: wie unendlich könnten wir unsere gebildete Sprache bereichern, unsere gesellschaftlichen Vergnügungen vervielfältigen." 20 Lenz fordert also für seine literaturtheoretischen und -praktischen Zwecke Wörterbücher und Grammatiken der „gemeinen Leute". Ich versuche im folgenden darzulegen, daß die Sprachgeschichte nicht blindlings der Vereinheitlichungsideologie der Sprachtheoretiker, Lexikographen und Grammatiker im 18. Jh. folgen darf; daß die Sprachgeschichte vielmehr die ganze Sprachwirklichkeit darstellen muß, um z.B. den Zusammenhang von standardsprachlicher Einheit, sprachprovinzieller Vielfalt und literatursprachlicher Akzentuierung zu begreifen.

2. Von der Sprachlichkeit des Alltags und der Notwendigkeit der Rekonstruktion der historischen Alltagswelt U n s e r Alltag wie der im späten 18. Jh. ist sprachlich konstituiert. Das heißt: Die von Menschen „proklamierten" Gegenständlichkeiten (Berger/Luckmann sprechen von „Objektivationen"), z.B. der Zornesausbruch eines Gegenübers oder eine weiße Fahne einer Gruppe als Zeichen ihrer Friedfertigkeit, „behaupten sich im wesentlichen durch ihre Versprachlichung. Vor allem anderen ist die Alltagswelt Leben mit und mittels Sprache, die ich mit den Mitmenschen gemein habe. Das Verständnis des Phänomens Sprache ist also entscheidend für das Verständnis der Wirklichkeit der Alltagswelt." 21 In anderer aber vergleichbarer Weise hat Wittgenstein den Begriff des S p r a c h s p i e l s eingeführt, das den Zusammenhang von sprachlicher und nichtsprachlicher Tätigkeit anzeigen soll. Wittgenstein betont, daß -spiel darauf verweisen solle, „daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform". 22 Durch und mit Sprache begreift der Mensch seine Welt und erzeugt sie sogleich. 23 Jedes sportliche Spiel von Menschen, z.B. das Tennis- oder Fußballspiel, ist sprachlich konstituiert, beruht also auf sprachlich formulierten Regeln, und wird über diese Regeln erlernt u n d interpretiert. Campe führt z.B. „Glücksspiele, Karten-

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Lenz 1966, S. 455; vgl. Henne 1980, S. 92. Berger/Luckmann 1980, S. 39. Wittgenstein 1971, 24; vgl. Henne 1975, S. 34f. Vgl. Berger/Luckmann 1980, S. 164.

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spiele, Brettspiele, Würfelspiele. Das Schachspiel, Damenspiel, Mühlenspiel, Kegelspiel. Das Ehespiel, Pfänderspiel etc." auf. 24 Das Ehespiel z.B. ist nur „ein gewisses Kartenspiel, welches von zweien gespielt wird, bei welchem der König und die Dame, gleichsam ein Ehepaar, wenn sie sich zusammen in einer Hand befinden, einen besonderen Werth haben (Mariage)". 25 Insofern nun Geschichte seit dem 18. Jh. zum einen Ereignis, Handlung, Geschehen ist, und zum anderen sprachlich berichtetes und interpretiertes Geschehen und Ereignis 26 , tritt Sprache in eine n e u e Doppelrolle ein: Sie ist Mittel zum Begreifen und Erzeugen von Wirklichkeit einerseits u n d sie ist Mittel der historischen Darstellung dieser Wirklichkeit andererseits. Die Rekonstruktion historischer Wirklichkeit in einer „anderen Sprache" ist, eben weil sie anders ist, d.h. auf anderen Erfahrungen beruht, immer nur partiell möglich. Um so wichtiger scheint mir zu sein, die sprachliche Alltagswelt unverkürzt, d.h. in der Dimension sprachlicher Handlung zu rekonstruieren. Laute, Wörter und Sätze als zu rekonstruierende Gegenstände erhalten in diesem Forschungskontext den Rang von, wenn auch notwendigen, Vorstufen sprachhistorischer Tätigkeit. Sie sind Vorstufen auf dem Weg, historische Sprachspiele als Funktionseinheiten zu rekonstruieren. Das sind - nach Wittgenstein - zum Beispiel: „Befehlen und nach Befehlen handeln [...] Eine Hypothese aufstellen und prüfen [...] Theater spielen - Reigen singen - [...] Aus einer Sprache in die andere übersetzen Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten." 27 Der historische Prozeß des Begreifens und Erzeugens von Alltagswelt wird seinerseits erst begreiflich, wenn er als gesellschaftlich und kommunikativ situierte sprachliche und nichtsprachliche Handlung rekonstruiert wird. Eine „historische Semantik" 28 , also eine politisch-gesellschaftliche Benriffsgeschichte im Sinne Kosellecks, wird bei solcher Interessen läge notwendig zu einer historischen Sprachpragmatik, die alltagssprachliche T e x t e zum Gegenstand historischer Rekonstruktion erhebt. „Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten" hatte Wittgenstein als Beispiele für Sprachspiele genannt. Wie grüßt man im 18. Jh., besser und konkreter: wie grüßen sich die Handwerker untereinander? Campe führt das Lemma Handwerksgruß: Dies ist „die Formel, womit die Gesellen bei ihrer Ankunft an einem Ort das Handwerk oder dessen Glieder zu begrüßen pflegen, welche bei jedem Handwerk anders lautet". 29 Darüber hinaus: Wie begrüßt der wandernde Geselle den Meister und hält um Arbeit an? Gibt es Zusammenhänge zwischen den „zeremoniösen Redensarten der Studenten" 30 und der „zünftigen" Sprechweise der Handwerker? Man muß nur die Wortfamilie

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Campe 1810, S. 518. Campe 1807, S. 819. Vgl. Koselleck 1975, S. 647ff. und 1979, S. 47-66. Wittgenstein 1971, S.24f. Zur „historischen Semantik" als einer politisch-gesellschaftlichen Begriffsgeschichte vgl. die Arbeiten v o n R . Koselleck 1979, S. 107-129. Campe 1808, S. 540. Lahnstein 1979, S. 235.

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Zunft in Campes Wörterbuch nachschlagen"'1 - u.a. mit dem Stichwort Zunftbuch „in welches eine Zunft das Merkwürdige, was sie betrifft, einzeichnet" um zu erkennen, daß Wörter und deren historische Semantik die Vorstufe und den Einstieg in eine historische Sprachpragmatik darstellen.

3. Innere Mehrsprachigkeit: Standard und Provinz Eine historische Sprachpragmatik rekonstruiert also nicht Texte als solche, sondern vergewissert sich ihrer gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen. Angestrebt wird somit eine historische Sprachpragmatik auf dem Hintergrund einer historischen Sprachsoziologie. Ein T e i l einer solchen historischen Sprachsoziologie ist die kritische Rekonstruktion der zeitgenössischen Konzepte dessen, was moderne Sprachwissenschaft als „innere Mehrsprachigkeit des Deutschen" oder, in anderer Terminologie, das Neben-, Über- und Miteinander unterschiedlicher Existenzformen innerhalb einer Nationalsprache nennt.32 Wie nun ist die lexikographische Praxis der Zeit, z.B. die Campes, in bezug auf diese Frage zu beurteilen? Wenn Sie das Stichwort Pferd im Wörterbuch von Campe nachschlagen 33 , erleben Sie eine Überraschung: Hier ist in 112 Druckzeilen eine sprachliche Pferdewelt gezeichnet, die einsichtig werden läßt, daß dieses Haustier für die Fortbewegung von Menschen und Sachen im 18. Jh. konstitutiv war und einen Stellenwert hatte, der heute dem Automobil zuerkannt wird. Welcher Kenner der literarischen Sprache des 18. Jhs. kennte einen Stöter oder Klopfhengst, einen Rune, Reuß, Meiden oder Heilerl Wer eine Gurre, Zorre, Kobel, Motsche, Strenz, Struke, Töte? Wer ein Hankerle, Motschele, Watte, Kudel, Wuschel, Bickartlein, Heinsei, Heißerle, Hiißchen, Hutschela, Statte? Wer einen Nickel, Knuter, Schnak, Grämlein? Wohlgemerkt: diese Wörter stehen in einem Wörterbuch der hochdeutschen Sprache. Die maskuline und feminine Form der Substantive sowie die Verkleinerungssilbe lassen Sie möglicherweise ahnen, daß es sich um Hengste und Wallache, Stuten und Fohlen handelt - und zwar als wertvolle und „geringe" Exemplare in landschaftlich je spezifischer Bezeichnung. Wer weiß denn, daß eine Strietze „ein noch nicht abgerichtetes aber zahmes Pferd" ist, ein Mengeling „ein von verschiedenen Arten abstammendes Pferd"? Doch nicht nur landschaftliche Synonyme und spezifische Charakteristika bezeichnende partielle Synonyme - von denen wir nur einen Teil zitierten - führt Campe in seinem Wörterbuch auf; auch die das Pferd und seine Bedeutung anzeigenden Redensarten und Sprichwörter bildet der Lexikograph ab: „Sich vom Pferd auf den Esel setzen"; „die Pferde hinter den Wagen spannen"; „Pferde, die den Hafer verdienen, bekommen ihn nicht". „Trauwohl

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Campe 1811, S.907f. Wandruszka 1975, S. 319-342; Serebrennikow 1973, S. 417ff. Campe 1809, S. 623; vgl. dazu Kühn/Püschel 1983, 3.4.3., die Adelung als den „Wortspender" ausmachen; vgl. Anm. 17.

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ritt das Pferd weg, sagt man, wenn man von einem, dem man zu viel traute, betrogen wird" usw. Es fehlt nur noch, daß der Wb.-Verfasser auf den 10. Jg. des Journals des Luxus und der Moden aus dem Jahre 1795 verweist, wo auf den Seiten 443 ff. Über Sicherung der Wagen beim Durchgehen der Pferde gehandelt wird. Das heißt: eine gründlichere Analyse, als ich sie hier leisten kann, ergäbe, daß ein solcher für die Alltagswelt des späten 18. Jhs. zentraler Wörterbuchartikel paradigmatisch die „innere Mehrsprachigkeit des Deutschen" im späten 18. Jh. einfängt. Campe führt standardsprachliche Bezeichnungen: „Das Wort Pferd [...] ist das allgemeine Wort"; landschaftliche Bezeichnungen: „N. D. Peerd, [...] wofür man daselbst auch Page sagt"; dichterische Bezeichnungen: „Roß, ehemals Ors"; fachsprachliche Bezeichnungen: man nennt ein Pferd, „wenn es zur Fortpflanzung bestimmt ist, Beschäler, Schellhengst, Zuchthengst, Springhengst, Stuthengst"; umgangssprachliche Bezeichnungen: ein Pferd kann ein „Krippenbeißer, Krippenfetzer, Barngrolzer, Kopper, Kollerer etc." sein. Vielfalt von Sprache - die Sprachwissenschaft hat sich zu allen Zeiten schwer damit getan. Wie schwer, erkennt man dann, wenn man die spezifischen Immunisierungsstrategien, z.B. strukturalistischer Semantik aufdeckt, in der das Wortfeld Pferd, Schimmel, Wallach, Rappen, Hengst, Stute usw. als Analysebeispiel eine besondere Rolle spielt.34 Doch statt Wissenschaftsgeschichte zu treiben, ziehe ich es an dieser Stelle vor, sprachhistorisch zu arbeiten. Wie hat das 18. Jh., z.B. der Lexikograph Joachim Heinrich Campe, sich der Vielfalt von Sprache z.B. in seinem Wörterbuch gestellt? Campe pocht auf die Existenz einer - wie er es nennt - „ a l l g e m e i n e n Deutschen Umgangs- und Schriftsprache"/ 5 Umgangssprache steht dabei für gesprochene Sprache. In seinem Verdeutschungswörterbuch übersetzt er Conversationssprache mit ,Umgangssprache'."' 6 Allgemeine - Campe sperrt dieses Prädikat - Sprache des Umgangs und der Schrift setzt er gegen „Landschaftssprachen" oder „Mundarten" ab.37 Er unterscheidet die „Oberdeutsche, Mitteldeutsche und Niederdeutsche Mundart". 38 Die Landschaft ist im Sinne Campes die Provinz, die „Theil eines größeren Landes oder Reiches" ist.39 Landschaftssprachen oder Mundarten zerfallen ihrerseits wieder in „Sprecharten", diese verstanden als „Abweichung in einer Mundart". 40 Diese grundlegende Dichotomie Campes wollen wir auf die Begriffe „Standard" und „Provinz" bringen. Standard: das ist die Sprache der „gebildeteren Menschen" und der „Schriftsteller". Der Standard reflektiert die „feinere Geistesbildung", in ihm finden sich die „höhern uneigentlichen Bedeutungen", welche die Dichter, „vornehmlich

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40

Vgl. Wiegand 1973, S. 40ff.; Henne 1973, S. 592f. Campe 1807, S. Vitt. Campe 1813, S. 226. Campe 1807, S. IX. Campe 1809, S. 363. Campe 1809, S. 22. Campe 1810, S. 546; 1809, S. 363.

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die der erhabenen Gattungen", gebrauchen. 41 Dieser Standard ist entstanden durch „Aushub aus a l l e n Landschaften". 42 Diese sind die Provinz, die „gemeine oder niedrige Sprechart" scheint sich nur hier zu finden, zumindest sollte sich der Sprecher der allgemeinen Umgangssprache einer solchen Sprechart enthalten. Quer zu Standard und Provinz stehen diejenigen „Sprachen", die man heute als „Fachsprachen" bezeichnet. Zum Teil neigen sie den „Landschaftssprachen" zu, sofern z.B. die Sprache in den „Gewerken" („Schiffer, Jäger, Handwerker") 43 , zum Teil dem Standard, sofern z.B. die „Kunstsprache, Rechtssprache, Kanzleisprache" gemeint ist.44 Darüber hinaus scheint es sozial stigmatisierte Gruppensprachen wie z.B. die der Bettler zu geben, die aber kaum ins Blickfeld des sprachpädagogisch arbeitenden Forschers geraten. Überdies Gruppensprachen wie die „Soldatensprache", die zum einen jargonal, zum anderen sachlich, von ihren sachlichen Anforderungen her, bedingt ist.45 So hätten wir denn, im Sinne Campes, ein Konzept innerer Mehrsprachigkeit, dessen Übersichtlichkeit den Ansprüchen des Pädagogen und Jugendschriftstellers sicherlich entspricht: hie Standard, dort Provinz, hie „Geistesbildung", dort „Bedürfnis" und Zweckmäßigkeit. Und „dazwischen" die Fach- und Gruppensprachen, jene in ihren kulturell bedeutenden Teilen dem Standard zugeordnet, diese (die Gruppensprachen) eher im Diffusen. Doch diese übersichtliche Version ist zu einfach, als daß sie der Sprachwirklichkeit am Ende des 18. Jhs. entspräche. Vorgestellt von Campe sind „Varianten" des Deutschen, wobei Campe keinen Zweifel läßt, welche Variante er als die herausgehobene begreift. Aber gerade die herausgehobene Variante, das Hochdeutsche, hat unterschiedliche Schreib- und Sprecharten, Funktionalstile würde man heute sagen. 46 Und an dieser Stelle kommt uns Wieland zu Hilfe, der in unnachahmlicher Eleganz, man findet sie selten in den Sprachwissenschaften, die, wie er es nennt, „Sprach-Districte" des S t a n d a r d s aufzeichnet: „Die guten Schriftsteller in jeder Schreibart entscheiden alsdann was Hochdeutsch in der h ö h e r n R e d n e r - u n d D i c h t e r s p r a c h e , was Hochdeutsch in der k o m i s c h e n S p r a c h e (die sich wieder in die e d l e r e , l a u n e n h a f t e , und b ü r l e s k e abtheilt), was Hochdeutsch in der S p r a c h e d e r W i s s e n s c h a f t e n u n d K ü n s t e , und was Hochdeutsch in der täglichen G e s e l l s c h a f t s s p r a c h e d e r o b e r e n C l a s s e n ist. Jeder dieser Sprachdistricte [(...)] hat wieder sein eignes Gebiet, seine eigne Verfassung, Gesetze und Gerechtsame, sowie seine eignen Grenzen: und nur aus ihnen allen zusammengenommen besteht die Schriftsprache einer durch Künste und Wissenschaften gebildeten Nazion." 47

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Campe 1807, S. X. Campe 1807, S. VIII. Campe 1808, S. 362. Campe 1810, S. 542. Campe 1810, S. 468 unterscheidet: „1) Die Kunstsprache des Soldaten, welche die im Soldatenwesen vorkommenden besondern oder Kunstwörter enthält. 2) Die unter den gemeinen Soldaten gewöhnliche pöbelhafte Sprache." Vgl. z.B. Püschel 1980, S. 306. Wieland 1782 (1954), S. 419f.

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Das schrieb Wieland im Jahre 1782. Seine literarisch, wissenschaftlich und konversationell differenzierte Charakteristik des „Standards" vermittelt den Eindruck großen Reichtums; denselben Standard hatte Lenz 10 Jahre zuvor als „arm" bezeichnet. Auf jeden Fall müssen wir nunmehr von einer inneren Mehrsprachigkeit des Hochdeutschen, des Standards also, u n d des Deutschen i n s g e s a m t sprechen. Statt von den Puppen in d e r Puppe müssen wir also nunmehr von den Puppen in d e n Puppen sprechen. Will man den Gang bisheriger Sprachgeschichtsforschung kennzeichnen, so kann man sagen, daß sie bisher einseitig der Erforschung des Standards verpflichtet ist. Gerade der Begriff der inneren Mehrsprachigkeit verweist aber, vor allem in seiner doppelten Akzentuierung, auf ein Defizit germanistischer Forschung. Zum Beispiel: Bewegen sich die eingangs zitierten Domestiquen sprachlich innerhalb des Standards, oder sprechen sie durchgehend niederdeutsch, oder sind sie, situationeil bedingt, zweisprachig? Wie sprechen die Handwerker in Braunschweig untereinander? Sind sie, im alltäglichen Verkehr untereinander, der „Provinz" verpflichtet, und wechseln sie die Sprache wie den Rock, wenn die Zünfte sich versammeln? Und wie sprechen sie mit Höhergestellten, z.B. dem Hofrath Lessing? Als „in den zwanziger Jahren" die Streitfrage aufkam, ob Lessing geraucht habe oder nicht, entsann man sich der Magd Lessings, Clara Guntelwerner, die inzwischen uralt war. Sie wurde gerufen und antwortete: „Ne, dat weet ick nich, aver sauveel weet ick: he harre nist, he wüste nist, he dochte nist." 48 Die Muttersprache - im Wortsinn - der unteren ständischen Gruppen war sicherlich Bronswiger Platt. Wie interferierte das in der Schule zu erlernende Hochdeutsch mit dem Plattdeutsch? „Mehrsprachigkeit bedeutet unablässige Sprachmischung". Welche Spuren hat die Zweisprachigkeit einer nieder- und hochdeutschen Stadt im 18. Jh. hinterlassen?

4. Vom Grüßen und Fluchen „Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten" hatte Wittgenstein als Beispiele für Sprachspiele genannt - demgemäß als Beispiele für sprachliche Funktionseinheiten, in denen Sprache als Lebensform, als gesellschaftlich konstituierte und individuell oder solidarisch ausgestaltete Wirklichkeit also, zum Ausdruck kommt. Im Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke49, das Campe auch als V e r f a s s e r hat, schwingt sich dieser u.a. zu einer Kurzmonographie über Grüße und Komplimente auf, und zwar unter dem Stichwort Compliment.50 Nimmt man die Stichwörter Gruß, grüßen, sich verbeugen, sich bücken u.a. in den vorhergehenden

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Daunicht 1971, S. 607f. 2. Auflage Braunschweig 1813; Neudruck Hildesheim, New York 1970. Campe 1813, S. 208f.

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Bänden hinzu51, so hat man erste Hinweise auf den Stellenwert des Grüßens im 18. Jahrhundert. Man erkennt, daß drei Problembereiche das Grußverhalten und dessen Versprachlichung bestimmen: 1. wie grüßt wer wen; 2. wie „bestellt" man Grüße eines Dritten und 3. wie benennt man Grüße. Schaut man sich moderne Funktionsbestimmungen des Grußes und des Grüßens an, so fehlen eigentlich dort die Problembereiche zwei und drei (wie bestellt man Grüße eines Dritten, und wie benennt man Grüße gegenüber anderen). Der amerikanische Interaktionsforscher Erving Goffman etwa unterscheidet „Grüße im Vorbeigehen" einerseits und „Verabredungsbegrüßungen" und „Überraschungsbegrüßungen" andererseits, die ein Gespräch eröffnen und beschließen. Goffman bestimmt Begrüßungen als „Zugänglichkeitsrituale" 52 : Tndem man durch einen Gruß sich als „zugänglich" erweist, beschwichtigt man sein Gegenüber und erweist ihm Achtung. C a m p e s Ausführungen erweisen, daß die Kategorie „zugänglich" zu simpel ist: Grüße sind immer auch eine F o r m der Verbeugung, also des Compliments, und haben demzufolge auch eine außerverbale, in diesem Fall motorische Komponente, also Mimik, Gestik, Blickkontakt, Körperbewegung und -haltung. Nur: „Verbeugung" kann, wie eingangs erwähnt: ein Bückling (des Bauern) oder ein Knicks (so schreibt Campe) (des jungen Mädchens) sein, und insofern Unterwerfung 53 ; sie kann aber auch Achtung, Hochachtung, Ehrerbietung und Ehrfurcht ausdrücken, „die man bezeigt oder bezeigen läßt". 54 Und wenn man der Dame die Hände küßt, bekommt die „Verbeugung" zusätzlich eine erotische Komponente. Mit dieser motorischen Komponente geht einher die ständisch gestufte s p r a c h l i c h e Form des Grußes. Guten Morgen, guten Tag, guten Abend, Gott grüße dich, willkommen sind „Grußformeln des gemeinen Lebens"; „einem seinen Gruß entbieten" oder „jemanden ehrerbietigst grüßen" solche des gehobenen Geschmacks. 35 Im 18. Jahrhundert spielt darüber hinaus, eben wegen der intensiven Schichtung der Gesellschaft und der damit einhergehenden Abhängigkeit von großen Teilen der Gesellschaft der Gruß als Compliment, das man „bezeigen l ä ß t " , eine große Rolle. Man macht jemandem das Compliment eines Dritten, indem man sagt: „Mein Bruder grüßt ehrerbietig" 56 , oder indem man formuliert: „Macht ihr meinen Empfehl" 57 , wobei Campe in diesem Fall ausdrücklich auf Lessings Sprachgebrauch verweist. Und zum dritten ist die sprachliche Bezeichnung des jeweiligen direkten und/oder indirekten Grußes von besonderer Bedeutung. Indern die sprachlichen Grüße und ihre entsprechende motorische Komponente jeweils spezifisch benannt werden, also indem es einen Knicks, einen Bückling, einen Kratzfuß, eine Verbeugung, Grüße, Compliments, Empfehlungen und Empfehls gibt, ist die 51 52 53 54 55 56 57

1. 1807, S. 644; 2. 1808, S. 478; 5. 1811, S. 266. Goffman 1974, S. 118. Campe 1. 1807, S. 644; 2. 1808, S. 979. Campe 1813, S. 208. Campe 2. 1808, S. 478. Campe 1813, S. 208. Campe 1. 1807, S. 901.

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differenzierte Grußwelt als Entsprechung der ständischen Gesellschaft sichergestellt. Der Weg von dort zum heutigen Einheitsgruß mit Hallo und Tschüs ist noch weit. Unter dem Stichwort fluchen, das Campe in einer spezifischen Teilbedeutung mit „Verwünschungen ausstoßen und dadurch seinen Unwillen, seinen Zorn etc. zu erkennen geben" paraphrasiert 38 , verweist er auf die Gewohnheit von Soldaten: „wie ein Landsknecht fluchen". In einem anonym erschienenen Buch aus dem Jahre 1772, das Natürliche Dialogen betitelt ist und das den Untertitel trägt: Laut geplaudert, heimlich aufgeschrieben und öffentlich bekannt gemacht, unterhält sich u.a. ein ehemaliger Offizier, ein Hauptmann, mit einem aktiven Offizier, einem Leutnant. Dieser frönt u.a. der Unsitte des Fluchens und flicht häufig Flüche, z.B. „wie Henker geht das zu?", „Sapperment/" „Potzwetter/" „[...] beym Teufel/" in seine Gesprächsbeiträge. 39 Daraufhin wird der Leutnant von dem ehemaligen Offizier gerügt mit der Bemerkung: „Die Sprache wird in Ihrer Schule, wie ich höre, auch ziemlich verabsäumet." Der Leutnant: „Ey die Sprache! wozu brauchten wir auch eben schön oder zierlich zu reden?" Der ehemalige Offizier: „Ich meyne die Sprache, welche den Offizier vom Gemeinen unterscheiden sollte [...] Das Fluchen zum Beyspiel, und die harten Ausdrücke." 60 Mögen die Gemeinen fluchen und harte Ausdrücke benutzen - der Offizier im Aufklärungszeitalter hat sich der Flüche zu enthalten. Er sollte, nach der Meinung des ehemaligen Offiziers, räsonniren nicht „nach dem Wörterbuch der Soldaten" benutzen, sondern es sollte so viel bedeuten als „vernünftige Betrachtungen anstellen". 61 Nicht nur die Grüße zeigen den Stand an, auch die Enthaltsamkeit im Fluchen unterscheidet den vorbildlichen Offizier vom schlechten Offizier und Gemeinen. Das war nach dem Geschmack des Verfassers dieses Dialogs, des e h e m a l i g e n Offiziers Ernst August Anton von Göchhausen, der erst, nachdem er seinen Abschied genommen hatte, Gelegenheit fand, das Idealbild eines Offiziers zu entwerfen. Und in diesem Zusammenhang sei noch eine Bemerkung erlaubt: fluchen ist natürlich im 18. Jahrhundert nicht nur „starkdeutsch", also „harte Ausdrücke" benutzen, etwas für ein Fluchmauf2. Fluchen hat im 18. Jahrhundert auch noch einen religiösen Hintergrund. „Auch fluche nicht der alte Muhme", zitiert Campe seinen Gewährsmann Lessing, und er paraphrasiert es mit „in der Leidenschaft Böses, Unglück anwünschen". 63

58 39 60 61 62 63

Campe 2. 1808, S. 115f. II. Dialog. Etwas vom Kriegsstand. S. 43ff. A.a.O., S. 60. A.a.O., S. 51. Campe 2. 1808, S. 116. Campe 2. 1808, S. 115.

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5. Resümee Meine Damen und Herren: Es gibt nicht den idealen, allwissenden und über alle sprachlichen Mittel verfügenden Sprachteilnehmer. In der scholastischen Topik wurde eine berühmte Suchformel entwickelt: quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando. Das ist ein Fragenkatalog, der moderner, in diesem Fall pragmatischer Sprachgeschichte zugrundegelegt werden kann. 64 Sprache und ihr sprachlichen Regeln unterworfener Gebrauch ist an Gruppen und Situationen gebunden. Situationen unterliegen kulturellen, politisch-sozialen, individualund sozialpsychischen Bedingungen; Gruppen sind in Normen und Regeln eingebunden und die Themen, über die sie sprechen, nicht frei verfügbar. Die Begriffe „sprachliches Handeln" und „Text" verweisen darauf, daß der Kommunikationsspielraum, z.B. der des Alltags, jeweils begrenzt und spezifisch ist. Sprachhistorische Forschung ist, im Gegensatz zu gegenwartsbezogener Forschung, mit einer Empirie-Not konfrontiert: historische Daten sind fragmentarisch, einseitig oder nicht überliefert und unzulänglich erschlossen. Notwendig wäre ein Sprach-Repertorium, das Daten und Quellen sammelte, die die innere Mehrsprachigkeit des 18. Jhs. dokumentieren. Denn das sollte deutlich geworden sein: „Innere Mehrsprachigkeit" ist ein Begriff, der notwendig hinführt zu einer historischen Sprachpragmatik, zu Texten und ihren kulturellen, politisch-sozialen und individual- wie sozialpsychischen Bedingungen. Als Ausgangspunkt meiner Exemplifikationen habe ich das von Joachim Heinrich Campe „veranstaltete und herausgegebene" Wörterbuch genommen: Dessen pragmatisches Potential ist bis heute nicht erschlossen. Indem ich mich auf Campe berufen habe, wollte ich vermeiden, daß man sagt, solche Quellen, wie ich sie forderte, gäbe es nicht. Es gibt eine „opinio communis" deutscher Sprachgeschichtsschreibung: daß am Ende des 18. Jhs. die Einheit der deutschen Schrift- und Hochsprache lautlich-orthographisch, grammatisch und lexikalisch hergestellt sei. Dies ist, wie ich zu zeigen versuchte, eine Einheit in der Vielfalt. 63 Und da ich nun von Sprachgeschichte gesprochen habe, muß ich zum Schluß bekennen, daß ich mich nur im Rahmen einer historischen Sprachpragmatik bewegt habe, die Einzelthemen als pragmatische zu benennen versuchte. Eine historische Sprachpragmatik ist Voraussetzung für eine pragmatische Sprachgeschichte. Diese aber ist mehr: Sie stellt sprachpragmatische Daten und Ergebnisse in einen historischen und prozessualen Zusammenhang und versucht, wesentliche Erscheinungen pragmatischen Sprachwandels darzustellen und zu erklären. 66 Und zu allerletzt: Was habe ich alles versäumt? Zum Beispiel die „fremden Sprachen" zu erwähnen und in einen gemäßen Zusammenhang mit dem Begriff

64 fo 66

Vgl. Wolf 1981, S. 104. Vgl. dazu Dieter Kimpel (in diesem Band). Vgl. dazu Cherubim/Objartel 1981, S. 1 Of.; zu vergleichbaren Ansätzen vgl. Besch 1979 und Mattheier 1979, dieser Anm. 61 mit Verweis auf weitere Literatur.

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der inneren Mehrsprachigkeit zu bringen. Wir werden dazu auf dieser Tagung noch viel und sicher Kompetentes hören. Deshalb erlauben Sie mir, daß ich dazu zum Abschluß den Freiherrn von Knigge aus seinem Buch Über den Umgang mit Menschen 7 zitiere: „Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten [der großen Welt] halb und unvollständig copiert, wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Bürger, der grade, teutsche Biedermann den französischen petit Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen will, wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwig des Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe aus dem vorigen Jahrhundert im Jahre 1788 nur auf dem comischen Theater Würkung thut." [...] „Rede nicht zuviel und nie von Dingen, wovon Du nichts weisst, noch in einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern Der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht!"

Christoph Pereis (damals Braunschweig, inzwischen Frankfürt/Main) sowie Rolf Hagen (Braunschweig) danke ich für Hinweise. - Dieser Text wurde im November 1981 vorgetragen und im März 1982 zum Druck eingereicht. Die Verzögerung der Drucklegung habe ich nicht zu verantworten.

Literatur Bahlow, Hans: Deutsches Namenlexikon. Frankfurt/M. 1980. Barner, Wilfried [u.a.]: Lessing. Epoche — Werk - Wirkung. 3. Aufl. München 1977. Basler, Otto: Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. 2. L bis P. Berlin 1942. Berger, Peter und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/Main 1970. Besch, Werner: Schriftsprache und Landschaftssprachen im Deutschen. Zur Geschichte ihres Verhältnisses vom 16.-19. Jh., in: Rheinische Vierteljahresblätter 43. 1979, S. 323-343. (Campe, Joachim Heinrich:) Wörterbuch der Deutschen Sprache. Veranstaltet und herausgegeben von Joachim Heinrich Campe. Bd. 1. Α bis E, Braunschweig 1807. Bd. 2. F bis K, Braunschweig 1808. Bd. 3. L bis R, Braunschweig 1809. Bd. 4. S bis T, Braunschweig 1810. Bd. 5. U bis Z, Braunschweig 1811. Neudruck mit einer Einführung und Bibliographie von H. Henne. Hildesheim, New York 1969. Campe, Joachim Heinrich: Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. Ein Ergänzungsband zu Adelung's und Campe's Wörterbüchern. Neue stark vermehrte und durchgängig verbesserte Ausgabe. Braunschweig 1813. Neudruck Hildesheim, New York 1970.

67

Hannover 1788, S. 47f.

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Cherubim, Dieter und Georg Objartel: Historische Sprachwissenschaft; in: Studium Linguistik 10/1981, S. 1-19. Daunicht, Richard: Lessing im Gespräch. Berichte und Urteile von Freunden und Zeitgenossen. München 1971. [Göchhausen, Ernst August Anton von]: Natürliche Dialogen. Laut geplaudert, heimlich aufgeschrieben und öffentlich bekannt gemacht. o.O. 1772. Heinemann, Otto von (Hrsg.): Zur Erinnerung an Gotthold Ephraim Lessing. Briefe und Aktenstücke. Leipzig 1870. Henne, Helmut: Semantik und Lexikographie. Untersuchungen zur lexikalischen Kodifikation der deutschen Sprache. Berlin, New York 1972. Henne, Helmut: Lexikographie; in: Η. P. Althaus, Η. E. Wiegand, H. Henne (Hrsg.), Lexikon der Germanistischen Linguistik. 1. Aufl. Tübingen 1973, S. 590-601. Henne, Helmut: Sprachpragmatik. Nachschrift einer Vorlesung. Tübingen 1975. Henne, Helmut (Hrsg.): Deutsche Wörterbücher des 17. und 18. Jhs. Einfuhrung und Bibliographie. Hildesheim, New York 1975. Henne, Helmut: Probleme einer historischen Gesprächsanalyse. Zur Rekonstruktion gesprochener Sprache im 18. Jh.; in: H. Sitta (Hrsg.), Ansätze zu einer pragmatischen Sprachgeschichte. Tübingen 1980; S. 89-102. Kindleben, Christian W.: Studenten-Lexicon. Halle 1781. Knigge, A. Freiherr von: Über den Umgang mit Menschen. In zwei Theilen. Hannover 1788. Koselleck, Reinhart: Die Herausbildung des modernen Geschichtsbegriffs, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 647ff. Koselleck, Reinhart: Historia Magistra Vitae, in: R. Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M. 1979, S. 38-66. Koselleck, Reinhart: Begiffsgeschichte und Sozialgeschichte; in: R. Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M. 1979, S. 107-129. Kühn, Peter und Ulrich Püschel: Die Rolle des mundartlichen Wortschatzes in den standardsprachlichen Wörterbüchern des 17. bis 20. Jhs.; in: W. Besch [u.a] (Hrsg.), Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Berlin, New York 1983, S. 1367-1398. Lahnstein, Peter: Report einer „guten alten Zeit". Zeugnisse und Berichte 1750-1805. Mit einem Vorwort von Golo Mann. 2. Aufl. München 1979. Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Schriften. Bd. 1. Hrsg. von B. Titel und H. Haug. Stuttgart 1966. Lerchner, Gotthard: Zu Lessings Stellung in der sprachgeschichtlichen Entwicklung des 18. Jhs.; in: Zs. für Phonetik Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 33. 1980, S. 345-352. Lessing, Gotthold Ephraim: Sämtliche Schriften. Hrsg. von K. Lachmann. 3. Aufl. besorgt durch F. Muncker, Bd. 3. Stuttgart 1887. Mattheier, Klaus: Alltagssprache im 19. Jh. Überlegungen zur Sprache der Autobiographie von Franz Haniel (1779-1868); in: B.Herzog u. K. Mattheier (Hrsgg.), Franz Haniel. 1779-1868. Bonn 1979. Püschel, Ulrich: Linguistische Stilistik; in: Η. P. Althaus, H. Henne, Η. E. Wiegand (Hrsg.), Lexikon der Germanistischen Linguistik. 2. Aufl. Tübingen 1980, S. 304—313. Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 3: Maul bis sitzen. Freiburg [usw.] 1977. Serebrennikow, Β. A. (Hrsg.): Allgemeine Sprachwissenschaft. Bd. 1. Existenzformen, Funktionen und Geschichte der Sprache. München 1973. Wandruszka, Mario: Über die Natur natürlicher Sprachen; in: B. Schlieben-Lange (Hrsg.), Sprachtheorie. Hamburg 1975, S. 319-342. Wiegand, Herbert E.: Lexikalische Strukturen I; in: Funk-Kolleg Sprache. Eine Einfuhrung in die moderne Linguistik. Bd. 2. Frankfurt/M. 1973, S. 40-54.

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Wieland, Christoph Martin: Über die Frage Was ist Hochdeutsch? und einige damit verwandte Gegenstände. 1782; in: Wielands Werke. Bd. 22. Hrsg. von W. Kurrelmeyer. Berlin 1954, S. 395M28. Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M. 1971. Wolf, Dieter: Kolloquium ,Deutsche Sprachgeschichte'. Heidelberg 23. bis 26. Sept. 1980; in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 9. 1981, S. 104ff.

Literatursprache - Normen wider die Norm A r n o Schmidts „ S t ü r e n b u r g - G e s c h i c h t e n " in der Zeitung

„Also alles doppelsinnig zu lesen?" „: nicht, wie Herr Duden [...] es vorschreibt!"

1. Zahlreich sind die Versuche, die darstellen, was Literatur und Literatursprache seien. Literatur sei der Entwurf des Möglichen auf der Grundlage des Wirklichen, heißt es etwa; und: Literatursprache sei eine vagabundierende Sprachform. Sie stehe in Beziehung zu allen Sprachen in der Sprache und sei doch nirgends zu Hause. Diesem Duktus, Literatur und Literatursprache allgemein zu bestimmen, wollen wir uns hier versagen; statt dessen auf das Konkrete, also den literarischen Text setzen, auf das also, von dem wir wissen, daß es Literatur ist. Nun wissen wir auch, daß es unterschiedliche Fassungen des literarischen Textes gibt. Der kritische Text sei der authentische - sagen die kritischen Herausgeber und lassen uns, zuweilen, im Ungewissen darüber, ob nicht unterschiedliche Fassungen des Textes unterschiedliche Entwürfe des Autors widerspiegeln. Immer aber „autorisiert" der Autor - zu Lebzeiten - „seinen" Text. Der autorisierte Text ist der vom Autor verbürgte, also authentische. „Jeder Lektor oder Setzer wagt es, den selbstdenkenden Autor zu berichtigen" (Berechnungen III, 6) - die Empörung, die aus diesem Satz Arno Schmidts spricht, hängt auch damit zusammen, daß der nicht authentische Text an Literarizität verliert, möglicherweise seinen Kunstcharakter einbüßt. Die Gegenüberstellung nun von autorisiertem, also authentischem, und nicht autorisiertem Text verschafft Einsicht in den Prozeß literarischer Sprachgebung. Diese Gegenüberstellung ist konkret und kritisch und vermag somit das eingangs formulierte Versprechen (auf den literarischen Text zu setzen) einzulösen.

2. Bevor nun der Prozeß eröffnet wird, soll an des Autors „Vermächtnis" erinnert werden. In drei Beiträgen, die jeweils den Titel „Berechnungen" tragen und durch die römischen Ziffern I, II und III als aufeinander bezogen ausgewiesen sind, hat Arno Schmidt u.a. seine Poetik formuliert, die auch die sprachliche Gestalt seiner Werke einbegreift. Dabei versuchen Berechnungen I und II, Mo-

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dellformen der Prosa zu entwerfen: das „Fotoalbum", das „Musivisehe Dasein", das „Längere Gedankenspiel" und den „Traum". Diese Prosaformen stehen gegen traditionelle, die Handlung und den „epischen Fluß" betonende Erzählmuster und sollen den „Prozeß des ,Sich-Erinnerns"' (Fotoalben), die „poröse Struktur unserer Gegenwartsempfindung" (Musivisches Dasein) und die konjunktivische Welt des Möglichen (Längeres Gedankenspiel) einfangen. „Versuchsreihe IV (Traum) bleibt einer künftigen Fortsetzung dieser Berechnungen' vorbehalten" (II, 102). Den Entwurf dieser Prosaformen publizierte Arno Schmidt 1955 (Berechnungen I) und 1956 (Berechnungen TI) in der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift „Texte und Zeichen". Der Entwurf diente dem Zweck, „einer konformen Abbildung unserer Welt durch Worte näher zu kommen" (II, 95); aber ausdrücklich handelte er n i c h t „vom sprachlichen und rhythmischen Feinbau" der Prosaelemente (I, 113). Hierfür müssen „Berechnungen III" einstehen, die Alice Schmidt und J Ρ Reemtsma 1980 in der „Neuen Rundschau" posthum publizierten: „Das neunseitige, maschinenschriftliche DIN A 4Manuskript Berechnungen III, von Arno Schmidt selbst so überschrieben, stellt einen Entwurf zu einer Fortsetzung seiner prosatheoretischen Arbeiten Berechnungen I und Berechnungen II dar. - Es trägt den Vermerk: ,21. 9. 1956 1. Entwurf 9 h 30 m ' und den handschriftlichen Zusatz: ,durchgesehen 21. 11. 1957, 5 h - 7 h ' " (5). Eingangs (§ 1) beklagt Arno Schmidt, „wie eisern bei uns Duden die Stunde regiert" (III, 6). Ihm gehe es (§ 2) „um die Weiterentwicklung, die notwendige Verfeinerung, des schriftstellerischen Handwerkszeugs" (ITT, 7). Der normative Eingriff standardsprachlicher Regeln in die literatursprachliche Praxis soll - an bestimmten Stellen - zurückgewiesen werden. Damit stellt sich zugleich die Frage nach der Berechtigung dieser standardsprachlichen Normen: Der Autor ist auf dem Wege, Normen wider d i e Norm zu etablieren. Es folgen 9 §§ (3 bis 11) und „Ergänzungen" (knapp 4 Druckseiten). Arno Schmidt handelt hier von: der Besonderheit seiner Interpunktion; seiner Gewohnheit, Ziffern für Zahlen (statt Buchstabenwörter) zu setzen; den Klammern mit und ohne Punkt; musikalischen Zeichen, „Kartenzeichen" und typographischen Experimenten; orthographischen Abwandlungen sowie seiner Ablehnung der „Kleinschreibung" und der typographischen Struktur der Anfangszeilen seiner Kleinkapitel. Diese sachlichen Bemerkungen sind versetzt mit Anwürfen gegen vermutete Gegner („Eine Änderung ist mitnichten gleichbedeutend mit einer Verschlechterung, Verelendung: Verfeinerung wollen wir! Die herrlich=exakte Abbildung auch unserer akustischen Realität: Gegen die Herren, die immer stolz ihre linguistischen Zirbeldrüsen und Blinddärme vorweisen müssen, damit man ja nicht übersehe, daß sie vom lieben Vieh abstammen!" (III, 13)) und Klagen und Rechtfertigungen („Ich schließe gleich ein Beispiel aus dem ,Steinernen Herzen' an, obwohl es mir blutsauer fällt: ich habe das Buch vor nun drei (oder besser »3«; denn es waren drei magere Jahre!) Jahren geschrieben [...]" (III, 9)).

Literatursprache - Normen wider die Norm

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Diese Angaben folgen den inhaltlichen Vorgaben Arno Schmidts; in systematischer Hinsicht ist folgendermaßen zu gliedern: Dargestellt wird die besondere Bedeutung - traditioneller Interpunktionszeichen (einschließlich des Absatzes): u.a. werden die Pausen, welche diese Zeichen anzeigen, so bestimmt: „erst das Komma; dann das Semikolon; dann der Punkt; schließlich der Gedankenstrich (evtl. die ... striche); auch ein Schrägstrich; zum Schluß der Absatz" (III, 12). Arno Schmidt insistiert darauf, mit den Satzzeichen die Periode zu „instrumentieren" - n o t f a l l s auch gegen „Heir(n) Duden" (1 lf.). - zusätzlicher Hilfszeichen (wie Klammer und Anführungszeichen), Sonderzeichen und sonstiger typographischer Mittel: Die Klammer sei eine „stilisierte Hohlhand" (III, 9), ein Crescendo etwa der Konversation könne durch das musikalische (Sonder-)Zeichen $ angezeigt werden (III, 11); 2 Truhen (am besten II Truhen) zeigten die Truhen „hochkant" stehend an (statt der flachen zwei Truhen) (III, 9); die Stadtbahn, „ sei so richtig gezeichnet, „gelb/rot" zeige fälschlich ein Nacheinander statt ein Zugleich an (11); - der Syntax von Interpunktions- und Hilfszeichen : „[...] auch die strähnige Stimme; aber so kriegt man's noch nich raus. - : Friseure? - Gastwirte?? ) Halt!!: Der Laden des Eisverkäufers! [...]" Arno Schmidt erläutert, daß in dieser Passage (aus dem Anfang) seines Romans „Das steinerne Herz" hinter der runden Klammer „mit Absicht" kein Punkt gesetzt sei, denn der Eisverkäufer hänge „organisch" (in der Vorstellung des „Helden") mit den anderen Berufen (Friseur und Gastwirt) zusammen; der fehlende Punkt zeige also die Verbindung der Kleinstkapitel an (ITT, 10); - orthographischer Abwandlungen: Arno Schmidt drängt („um einer konformen Abbildung unserer Welt durch Worte näher zu kommen" (II, 95)) auf die Verlautlichung der konventionellen, historisch verwachsenen Schreibung. So schreibt er „verlautlicht", also schprechschprachlich (sie), faselt von „Mondfasen", möchte gar das „Pf=Geknalle abschaffen", ist aber doch, Dr. MeyerGroß zumtrost, ein „Gegner der Kleinschreibung". Die Großschreibung ermögliche eine „rasche glückliche Orientierung im Satz" (III, 12-15). Zur Verlautlichung der Schreibung gehört auch, daß er dem natürlichen Duktus des Schprechens folgt, Fräsen also nicht segmentiert, sondern wie ein Wort notiert: „ja-h-: ichweißjanich : aber dürfen wir das denn " (III, 12) Berechnungen III ist der Entwurf einer Sprach- und Zeichenwelt, welche die Annäherung an die innere und äußere Realität der darzustellenden Welt sichern soll. Nichts ist zufällig, alles vom Kunstverstand diktiert. Die Zeichenkomplexe sind selbst „kleine Gedankenspiele" (Neue Rundschau 1980, 2); sie sichern die künstlerische Spur des literarischen Textes und stehen nicht zur Disposition: „Tn ständigen schweren Abwehrkämpfen begriffen: mit Verlegern, Lektoren, Setzern, Lesern [...]" (ITT, 17)...

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Sprachgeschichte und literarische Linguistik 3.

... hat Arno Schmidt im Kampf mit den Redakteuren, die zwischen 1955 und 1965 acht seiner Stürenburg-Geschichten publizierten, eindeutige Niederlagen kassieren müssen - zu einer Zeit also, als er „Berechnungen III" schrieb. In dieser Reihenfolge wurden die acht Geschichten in folgenden Zeitungen bzw. Zeitschriften publiziert: Das heulende Haus (1) In: Hannoversche Presse vom 3. September 1955, zugleich in Braunschweiger Presse vom 3. September 1955 Die lange Grete (2) In: Kölner Stadt-Anzeiger vom 15. Mai 1956 Ein Leben im voraus (3) In: Hannoversche Presse vom 9. Juni 1956, zugleich in Braunschweiger Presse vom 9. Juni 1956 Schwarze Haare (4) In: Hannoversche Presse vom 15. September 1956, zugleich in Braunschweiger Presse vom 15. September 1956 Bericht vom kleinen Krieg (5) In: Hannoversche Presse vom 27. Oktober 1956, zugleich in Braunschweiger Presse vom 27. Oktober 1956 Große Herren wissen manches nicht (6) In: Tagesspiegel, Berlin 19. Dezember 1956 Das Kind mit der Wasserlilie (7) In: Hannoversche Presse vom 23. März 1957, zugleich in Braunschweiger Presse vom 23. März 1957 Zu ähnlich (8) In: Twen 11/65 Acht der neun Stürenburg-Geschichten wurden also zuerst in einer Tageszeitung bzw. Zeitschrift veröffentlicht (eine 9., „Sommermeteor", erschien in dem von Rolf Schroers herausgegebenen Sammelband „Auf den Spuren der Zeit. Junge deutsche Prosa". München 1959). In zwei Fällen haben Redakteure den Titel verändert: Die 5. Geschichte hat den Titel „Kleiner Krieg", die 6. den Titel „Kleine graue Maus" - nach Ausweis der mir von der Arno Schmidt Stiftung freundlich zur Verfügung gestellten Fotokopien der Typoskripte Arno Schmidts, nach Ausweis auch der von Arno Schmidt autorisierten Buchausgabe von acht Geschichten („Kleine graue Maus" fehlt hier) in dem Sammelband „Trommler beim Zaren" 1966, 95-131. Die Reihenfolge der Geschichten ist hier: 3, 1, 9, 5, 7, 8, 4, 2; 6 fehlt. Die Geschichten 1, 3, 4, 5, 7 und 8 sind, nach

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Ausweis der Typoskripte, in (22b) Kastel über Saarburg, Nr. 63 verfaßt, also vor dem 24. September 1955 (an diesem Tag erfolgt der Umzug nach Darmstadt). Die Geschichten 2, 6 und 9 sind in (16) Darmstadt/Inselstraße 42 verfaßt. Zur Geschichte 8 gibt es zwei Versionen: Eine ältere, die im „Trommler" abgedruckt ist mit dem Titel „Er war ihm zu ähnlich"; und eine jüngere, die Arno Schmidt offensichtlich für den Abdruck in „Twen" hergestellt hat. Die Stürenburg-Geschichten sind ein Zyklus mit feststehenden Figuren: Apotheker Dettmer, Hauptmann [a. D.] v. Dieskau, Frau verw. Dr. Waring mit ihrer Nichte Emmeline, einem Teenager (ein Jahr vor dem Abitur), und der Erzähler treffen sich im Anwesen von Vermessungsrat a. D. Stürenburg, zumeist umgeben von dem „Knecht" (auch: Faktotum) Hagemann. Nachdem man sich jeweils arrangiert hat, ergreift Vermessungsrat a. D. Stürenburg die Gelegenheit und erzählt eine Geschichte, die zumeist mit seiner beruflichen Praxis als Vermessungsrat, aber auch mit seinem Studium und seiner Herkunft zusammenhängt. „Schnurren am Kamin" oder „Münchhauseniaden" hat man die erzählten Geschichten genannt. Eigentlich sind sie mehr - eben Geschichten. In gewisser Weise weichen „Kleine graue Maus" und „Die lange Grete" von dem vorgegebenen Muster ab: In der ersten Geschichte fehlen die bekannten Figuren; statt dessen erzählt „der Uralte" dem Erzähler („45 Jahre alt") von der langen Grete. In der anderen Geschichte (die Arno Schmidt in die Buchpublikation nicht aufnahm) erzählt Faktotum Hagemann eine unglaubliche Geschichte vom „großen Herrn" (s. Titel) Vermessungsrat a. D. Stürenburg.

4. Nehmen wir die erste in der Zeitung publizierte Geschichte als Beispiel. „Das Heulende Haus" ist ein „halb verfallenes" Haus am Wald, in dem Landmesser und Forstleute übernachten (um ihr knappes Geld nicht in Wirtshäuser tragen zu müssen). „In der Gegend", bei den Bauern, ist das Haus „verrufen". Man hat „schreckliche Stimmen" im Haus und um das Haus herum (in den Bäumen) gehört. Als man Holz schlägt, findet man in einem „mächtigen Stamm" ein „menschliches Skelett", einen französischen Marodeur (aus der Zeit der Befreiungskriege), der sich in den Baum flüchtete, im Holzmoder versank, sich nicht befreien konnte und tagelang schrie. - Diese Geschichte erzählt Vermessungsrat a. D. Stürenburg der Runde. Er selbst war in jungen Jahren Bewohner des Hauses. Diese Geschichte ist kunstvoll aufgebaut. Eine Strukturdarstellung, welche die Absätze (als §§) zugrundelegt, soll dafür Hinweise geben: § 1 Prolog 1: E i n l e i t u n g : Die Runde (kataphorisch als „wir" eingeführt) trifft sich und ist gleichzeitig auf der Flucht (wie später der Marodeur): Wind und Regen treiben sie zu Kamin und Blasebalg. § 2 Prolog 2: V o r g e p l ä n k e l : Der unwirtliche Mai. Frau Dr. Warings Erklärung des schlechten Wetters („die Erde muß sich gedreht haben") und die

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Zurückweisung dieser laienhaften Erklärung durch den Fachmann Vermessungsrat a. D. Stürenburg. § 3 Prolog 3: V o r b e r e i t u n g : Der Erzähler setzt sich in Position. Der Wind „berennt" das Haus. § 4 B e g i n n : Die Geschichte 2 in der Geschichtei beginnt. § 5 R e t a r d a t i o n ! : Der Erzähler unterbricht sich zum Zwecke der Spannungssteigerung und prüft die Nerven seiner Zuhörer. § 6 F o r t s e t z u n g i der Geschichte 2 : Das unheimliche Haus als Herberge. § 7 R e t a r d a t i o n 2 : Das Echo wird überprüft. § 8 F o r t s e t z u n g 2 der Geschichte^ Das Unheimliche als Lautspur: das heulende Haus ist verrufen, schreckliche Stimmen, klagende Schreie, zorniges Gestöhn. 8 a. Hiergegen setzt der Erzähler Stürenburg die Lautlosigkeit des Rauchens („Er rauchte geduldig ...") § 9 F o r t s e t z u n g 3 der Geschichte^ Flucht und Untergang („versinken") des französischen Marodeurs im Holzmoder. § 10 E p i l o g : Die Starken schützen die Schwachen: „An diesem Abend wurde es nötig, Frau Doktor nach Hause zu begleiten." Vier §§ dienen der Vor- und Nachbereitung der Geschichte; vier §§ sind der Geschichte selbst gewidmet; zwei §§ intervenieren: Sie unterbrechen den Erzählvorgang. Die Überschrift „Das Heulende Haus" hält die Vor- und Nachbereitung und die Geschichte zusammen: Stürenburgs Haus (im regnerischen und windigen Mai) und das „halb verfallene Haus" sind beides Heulende Häuser und Marodeure sind überall. In diesen Text von 108 Schreibmaschinenzeilen (einschließlich Überschrift) greift ein Redakteur 37mal ein. Die „Korrekturen" liegen auf unterschiedlichen Ebenen: 1. Die Interpunktion wird nach „Herrfn] Duden" (Berechnungen III, 12) korrigiert. Z.B.: „,Die armen Seeleute' fiel der Witwe ein" wird zu „,Die armen Seeleute', fiel der Witwe ein": Das atemlose Sprechen, das die kommalose Periode suggerieren soll, verfällt der Norm. „Ja aber meine Gnädigste" wendet sich Stürenburg gegen Frau Doktor. In der Zeitung wird daraus: „Ja, aber meine Gnädigste". Wiederum geht das Stakkato der Rede in der geregelten Zeichensetzung unter: „Auch mit den herkömmlichen Satzzeichen instrumentiere ich die Periode - nicht ,nach Belieben': sondern wie der Betreffende gesprochen hat Γ (Berechnungen III, 11) 2. Orthographie und Grammatik werden den Duden-Regeln angepaßt: „ichs" wird zu „ich's"; „gibts" wird zu „gibt's"; „beiseitelegen" wird zu „beiseite legen" („um die besagten 5 Mark beiseitelegen zu können"); „Niemand" („daß Niemand mehr in dem ,Heulenden Haus' wohnen mochte") wird zu „niemand". Erst „beiseitelegen" in einem Wort bildet eine Seite, hinter die man etwas legen kann. Und auch im Falle von „Niemand" wird dem Autor seine charakteristische Schreibung („Stilographie") verweigert: Der klein geschriebene niemand ist etwas weniger niemand als Niemand.

Literatursprache - Normen wider die Norm

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3. Orthographische Essentials werden zerstört: „Das Heulende Haus" wird „Das heulende Haus" (zweimal): Ein mehrteiliger geographischer Name (der Bayerische Wald) wird nach Duden groß geschrieben; aber als solcher wird er von den Zeitungsleuten nicht akzeptiert - obwohl doch das Heulende Haus im Bewußtsein der Bauern und Forst- und Vermessungsleute eine besondere räumlich-landschaftliche Position einnimmt. In ähnlicher Weise interpretiert der Autor die Anredeform „Junger Mann", die auf die Altersrolle abhebt, als Namen („bekam als ausgesprochen >Junger Mann< natürlich den entlegensten Bezirk") - was ihm natürlich in der Zeitung verweigert wird. Ein böser Eingriff der Zeitungsredaktion ist die Veränderung von „EK Erster" („Der Hauptmann Hess nur verächtlich sein EK Erster funkeln") zu ΕΚ I: Die Ironisierung wird durch die Korrektur aufgehoben. 4. Die Wortwahl wird korrigiert. Es erfolgt lexikalische Normalisierung: „manchesmal" wird zu „manchmal" (der Duden läßt eben nur „manchmal" oder „manches Mal" zu); lexikalische Verbesserung (nach Dr. Reiners): „niedlich" („saßen auf niedlichen Hockern zwei Männer") wird zu „niedrig", und lexikalische Tilgung: „womöglich" („abends womöglich in schlechten Unterkünften") wird gestrichen. Der Entwurf des Autors, der auf das Mögliche setzt, wird auf immer dieselbe Wirklichkeit festgelegt. 5. Die Streichung ganzer Textpassagen und die Veränderung der §§Struktur nehmen der Geschichte ihren unverwechselbaren Duktus und kunstvollen Aufbau. Indem 14 Typoskriptzeilen gestrichen werden, in denen Vermessungsrat a. D. Stürenburg der Witwe Dr. Waring seine geodätischen (die Erdvermessung betreffenden) Belehrungen erteilt, treibt der Redakteur dem Text die geodätische Obsession aus (recte: die geodätische Obsession des Vermessungsrats Stürenburg). Darüber hinaus zerstört die Streichung interne Verweise und Parallelen. Es entfallen der „süße Sud" im Mund der Frau Dr. Waring (während sie zuhört) und der „hoch unglaubwürdig" dreinschauende Dieskau - Anspielungen auf ein kleines Pfingstwunder (im Mai!) in ungläubiger Zeit. Der „süße Rauch", den später Vermessungsrat a. D. Stürenburg „ausstoßen" wird, bleibt so ohne Bezug. Ich redigiere, also bin ich (siehe S. 368, 369). Aber bedenken die Redakteure, daß literarische Texte Normen folgen, die nicht notwendig die der Standardsprache sind? Eben weil diese Texte eine Welt entwerfen, die „Wo-Mögliches" (siehe S. 369, Zeile 9) darstellt und also dem kruden Zwang des Wirklichen enthoben ist.

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Das Heulende Haus

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Der Wind pfiff lauter; zuweilen schraffierte Regen blitzschnell die großen Glastüren des Eckraumes, wohin wir uns heute geflüchtet hatten; und wir alle betrachteten nicht ohne Vergnügen die Glut, die Hagemann mit einem mächtigen Blasebalg hinten im Kamin heller anfachte. »Das ist recht, Herr Rat«[sagte Frau Dr. Waring befriedigt; und dann seufzend: »tjas will nun ein Mai sein! - Ich glaube, die Erde muß sich gedreht haben.« Der Hausherr, Vermessungsrat a. D. Stürenburg, hob leicht befremdet die Hand: »Ja^aber meine Gnädigste: die Erde dreht sich doch beständig!« »Ach, Sie wissen doch genau, wie i c f j meine