Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien: Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts 3110452944, 9783110452945, 9783110459432

Dieser Band bietet eine aktuelle Bestandsaufnahme der Forschung zu den frühmittelalterlichen Lebenswelten in der Alamann

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Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien: Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts
 3110452944, 9783110452945, 9783110459432

Table of contents :
Inhalt v
Sebastian Brather, Einführung: Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien 1
I ARCHÄOLOGIE UND GESCHICHTE
Heiko Steuer, Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus Sicht der Archäologie 9
Dieter Geuenich, Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen im 7. und frühen 8. Jahrhundert 61
II RECHT UND SPRACHE
Eva Schumann, Die "Leges" aus rechtshistorischer Sicht 89
Clausdieter Schott, Die Entstehung und Überlieferung von "Pactus" und "Lex Alamannorum" 139
Steffen Patzold, Die "Lex Alamannorum" – eine Fälschung von Mönchen der Reichenau? 153
Wolfgang Haubrichs, "Quod Alamanni dicunt". Volkssprachliche Wörter in der "Lex Alamannorum" 169
III HABITUS UND BESTATTUNGEN
Sebastian Brather, Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber. Alemannisches Recht und merowingerzeitliche Bestattungen im Vergleich 213
Stephanie Zintl, Grabraub? Graböffnungen und ihre Erklärung 239
IV SIEDLUNG UND WIRTSCHAFT
Thomas Zotz, Siedlungsformen in der schriftlichen Überlieferung: "domus", "casa", "curtis" – Haus, Hof und Herrensitz 259
Valerie Schoenenberg, Haus und Hof im archäologischen Befund in Süddeutschland 275
V KIRCHE UND GLAUBE
Wilfried Hartmann, Glaube und Kirche im Spiegel der "Leges" 309
Sebastian Ristow, Frühes Christentum bei den Alamannen. Strukturelle Betrachtungen und methodische Fragen 333
Sebastian Brather, Zusammenfassung: Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts 347
Register
Namen 369
Orte 370

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Sebastian Brather (Hrsg.) Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien

Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde

Herausgegeben von Sebastian Brather, Wilhelm Heizmann und Steffen Patzold

Band 102

Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts Herausgegeben von Sebastian Brather

ISBN 978-3-11-045294-5 e-ISBN (PDF) 978-3-11-045943-2 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-045863-3 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data A CIP catalog record for this book has been applied for at the Library of Congress. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

Inhalt Sebastian Brather Einführung: Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien 

 1

I Archäologie und Geschichte Heiko Steuer Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus Sicht der Archäologie 

 9

Dieter Geuenich Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen im 7. und frühen 8. Jahrhundert   61

II Recht und Sprache Eva Schumann Die Leges aus rechtshistorischer Sicht 

 89

Clausdieter Schott Die Entstehung und Überlieferung von Pactus und Lex Alamannorum 

 139

Steffen Patzold Die ‚Lex Alamannorum‘ – eine Fälschung von Mönchen der Reichenau?  Wolfgang Haubrichs Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

III Habitus und Bestattungen Sebastian Brather Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber. Alemannisches Recht und merowingerzeitliche Bestattungen im Vergleich   213 Stephanie Zintl Grabraub? Graböffnungen und ihre Erklärung 

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 153

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VI 

 Inhalt

IV Siedlung und Wirtschaft Thomas Zotz Siedlungsformen in der schriftlichen Überlieferung: domus, casa, curtis – Haus, Hof und Herrensitz   259 Valerie Schoenenberg Haus und Hof im archäologischen Befund in Süddeutschland 

 275

V Kirche und Glaube Wilfried Hartmann Glaube und Kirche im Spiegel der Leges 

 309

Sebastian Ristow Frühes Christentum bei den Alamannen. Strukturelle Betrachtungen und methodische Fragen   333 Sebastian Brather Zusammenfassung: Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts   347 Register Namen   369 Orte   370

Sebastian Brather

Einführung: Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien I. Vom 11. bis 13. Juli 2013 fand in Freiburg die Tagung „Alemannisches Recht und alltägliches Leben. Das frühe Mittelalter im interdisziplinären Gespräch“ statt. Veranstaltet wurde sie vom Forschungsverbund „Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland“. Im Jahre 1984 und damit vor inzwischen mehr als 30 Jahren gegründet, sind in ihm heute die Urgeschichtliche, die Provinzialrömische, die Frühgeschichtliche und Mittelalterliche Archäologie sowie die Mittelalterliche Geschichte und Landesgeschichte an der Universität Freiburg verbunden. Ziel des Forschungsverbunds sind interdisziplinäre Forschungsansätze zum genannten zeitlichen und räumlichen Rahmen. Weshalb dieses Thema? Die alemannischen Rechtstexte – Pactus Alamannorum und Lex Alamannorum – aus dem frühen 7. bzw. frühen 8. Jahrhundert sind bereits seit langem und häufig Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen gewesen. Von rechtsgeschichtlichen bis hin zu kulturgeschichtlichen Fragen reichen die einander mitunter widersprechenden Interpretationen. In jüngster Zeit sind in verschiedenen Disziplinen, von denen Rechts-, Sprach- und Kirchengeschichte, Geschichtswissenschaft und Archäologie zu nennen sind, beachtliche Fortschritte erreicht und wichtige Perspektivenwechsel vollzogen worden. Den Archäologien gelang es durch Neuentdeckungen und Ausgrabungen außerdem, umfangreiche neue Quellenbestände zu erschließen. Eine aktuelle Bestandsaufnahme schien deshalb an der Zeit. Sie sollte, anhand von Text- und Sprachzeugnissen sowie archäologischer Befunde, ein möglichst komplexes Bild frühmittelalterlicher Lebenswelten in der Alamannia zeichnen. Rechtliche und religiöse Normvorstellungen sowie gesellschaftliche Ordnungsmuster einerseits und tatsächliche Lebensbedingungen vom Hausbau über das Wirtschaften bis zur Bestattung der Toten andererseits sollten im Mittelpunkt stehen und aufeinander bezogen werden. Dabei war auch danach zu fragen, welche reale Bedeutung die Rechtsaufzeichnungen überhaupt besaßen. II. Der Freiburger Tagung ging anderthalb Jahre zuvor eine Frühjahrstagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte voraus, die sich mit „Recht und Konsens im frühen Mittelalter“ befasste.1 Dort fand die Archäologie keinen Platz, kann sie doch weder zu Recht noch zu Konsens Substantielles beitragen. Beides lässt sich allerdings erst verstehen, wenn die zugrundeliegenden Bedingungen von Gesellschaft, Siedlung und Wirtschaft in die Betrachtung einbezogen werden. Denn jenseits

1 http://www.konstanzer-arbeitskreis.de/information/tagungsberichte/KAReichenau2012Frueh jahr_Bericht.pdf, 5.5.2016.

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 Sebastian Brather

konsensualer? Übereinkünfte entscheiden reale Besitz- und Machtverhältnisse über Durchsetzungsfähigkeiten. Angeregt durch Heiko Steuer, der erste Überlegungen mit Dieter Geuenich und Thomas Zotz diskutierte und sie auch dem Alemannischen Institut Freiburg präsentierte, sah der Forschungsverbund die Zeit als reif für eine Konferenz, die schriftliche und archäologische Quellen miteinander konfrontieren sollte. Das Konzept nahm rasch Gestalt an, sodass präzise Vorbereitungen und weit gestreute Einladungen bereits Ende 2012 erfolgen konnten. Zwei zentrale Ziele standen im Mittelpunkt der Tagung: 1. Es galt, die zahlreichen neuen Ergebnisse und Thesen, die in verschiedenen Disziplinen in jüngerer Zeit erzielt worden sind, zusammenzutragen und sich gegenseitig über den aktuellen Stand sowie offene Fragen und strittige Aspekte unmittelbar zu informieren. Auf dieser Grundlage war eine lebhafte inter-, multi- oder transdisziplinäre Diskussion darüber möglich und erwünscht, wie spezifische Quellen einzuordnen und zu interpretieren sind. 2. Es sollten rechtliche Normen und deren „Gültigkeit“ einerseits und soziale, kulturelle und religiöse Praktiken andererseits einander gegenübergestellt werden. Was waren eher formale, abstrakte „juristische“ Übertragungen aus anderen Kontexten und was „gelebte“ gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse? Welche Veränderungen lassen sich darüber hinaus vom 7. zum 8.  Jahrhundert erkennen und betrafen sie gegebenenfalls beide Aspekte gleichermaßen? Diese Bilanz konnte erwartungsgemäß nicht erschöpfend ausfallen; sie griff wichtig erscheinende Aspekte exemplarisch heraus. Zu Tage traten neben einer Vielfalt frühmittelalterlicher Lebensformen ebenso zahlreiche Probleme der Quelleninterpretation und die Folgen wissenschaftsgeschichtlichen Ballasts. Auf einigen Feldern scheinen sich, so der festzuhaltende Eindruck, Rechtstexte und archäologische Befunde gut zu entsprechen und zu ergänzen, etwa zu Sozialstrukturen und Siedlungsformen – in anderen dagegen kaum, denkt man etwa an Grabraub einerseits und häufige Graböffnungen andererseits. Von entscheidender Bedeutung bleibt die Frage nach Zweck und Relevanz der alemannischen und anderer Rechtstexte. III. Die Beiträge des vorliegenden Bandes sind – geringfügig abweichend von ihrer Reihenfolge auf der Tagung selbst2 – fünf etwa gleich langen Abschnitten zugeordnet. Zunächst stecken zwei Aufsätze den Rahmen ab, indem sie Archäologie und Geschichte der Merowinger- und frühen Karolingerzeit in der Alamannia erläutern.

2 Die Vorträge von Hubert Fehr über „Agrarwirtschaft und Handel in der Alamannia“, von Heinz Krieg über „Sozialstruktur und Habitus anhand der Schriftüberlieferung“ sowie von Niklot Krohn über „Frühe Kirchen und christliches Symbolgut in Gräbern“ konnten leider nicht in diesen Band aufgenommen werden.



Einführung: Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien 

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Heiko Steuer befasst sich mit Alemannien aus archäologischer Perspektive, während Dieter Geuenich die wenigen und oft vagen Aussagen der Textquellen zu „Geschichte, Sprache und räumlicher Ausdehnung der Alemannen“ zusammenträgt. Im zweiten Abschnitt geht es um Recht und Sprache. In einem grundsätzlichen Überblick charakterisiert Eva Schumann die gegenwärtige rechtshistorische Sicht auf die frühmittelalterlichen leges und ihre Interpretation. Wie Pactus Alamannorum und Lex Alamannorum, also die Rechtstexte der Alemannen, überliefert wurden und was sich rechtsgeschichtlich daraus ableiten lässt, thematisiert Clausdieter Schott. Wolfgang Haubrichs beschäftigt sich mit den volkssprachlichen Wörtern in der Lex Alamannorum und ihrem sprachgeschichtlichen Aussagewert. Steffen Patzolds Beitrag zur Frage, ob sich die Lex als „Fälschung“ ansehen lässt, wurde ursprünglich anderenorts gehalten und in diesen Band wegen seines unmittelbaren thematischen Zusammenhangs mit dem Tagungsthema aufgenommen. Sozialstruktur, Habitus und Bestattungen sind Gegenstand des dritten Abschnitts. Ich selbst stütze mich auf die merowingerzeitlichen Grabfunde, um ihre Interpretation jener der alemannischen Rechtstexte gegenüberzustellen. Was es mit sekundären Graböffnungen, die archäologisch häufig nachgewiesen sind, auf sich hat und ob sie dem rechtlich sanktionierten „Grabraub“ entsprechen, untersucht Stephanie Zintl. Die zwei Vorträge des vierten Abschnitts befassen sich mit Siedlung und Wirtschaft. Zunächst trägt Thomas Zotz zusammen, was die schriftliche Überlieferung über Haus, Hof und Herrensitz bei sorgfältiger Analyse von Begriffen und Aussehen ergibt. Der folgende Beitrag Valerie Schoenenbergs demonstriert, was dazu seitens der Archäologie gegenwärtig beizutragen ist, gestützt auf die Auswertung der großflächigen Ausgrabung einer früh- und hochmittelalterlichen Siedlung in Lauchheim. Der fünfte Abschnitt gilt Kirche und Glauben. Was davon die leges reflektieren, was in ihnen formal und inhaltlich christliche Gedanken sind, ist Gegenstand des Beitrags von Wilfried Hartmann. Sebastian Ristow unternimmt eine grundlegende strukturelle und vergleichende Betrachtung zur Etablierung christlicher Glaubensvorstellungen und kirchlicher Strukturen bei den Alemannen; sie entstand aus seinem Kommentar auf der Tagung. IV. Zwei Institutionen ermöglichten die Finanzierung der Tagung, wofür wir besonders dankbar sind. Zum einen unterstützte das Historische Institut der Universität Duisburg-Essen unser Vorhaben, wofür sich Dieter Geuenich von Beginn an besonders engagierte und bereitwillig die Kostenübernahme anbot. Zum anderen trug das Alemannische Institut Freiburg unter seinem seinerzeitigen, inzwischen verstorbenen Vorsitzenden Hans Ulrich Nuber, zugleich Gründungsmitglied des Freiburger Forschungsverbunds, wesentlich dazu bei. Zu danken ist ebenso den zahlreichen Helfern, durch deren Organisation die Tagung gelingen konnte: an erster Stelle Hubert Fehr sowie den studentischen Hilfskräften. Im Vorfeld erledigte unsere langjährige Sekretärin Regina Kirsten den Löwenanteil der technischen Vorbereitungen; sie trat zwei Wochen vor Konferenzbe-

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 Sebastian Brather

Abb. 1: Referentinnen und Referenten sowie Moderatoren vor dem Tagungsort. Von links nach rechts – hintere Reihe: Hubert Fehr, Thomas Zotz, Karl Ubl, Jochen Haberstroh, Wilfried Hartmann, Jürgen Dendorfer, Valerie Schoenenberg, Heiko Steuer, Stephanie Zintl, Sebastian Ristow – vordere Reihe: Wolfgang Haubrichs, Dieter Geuenich, Sebastian Brather, Clausdieter Schott, Niklot Krohn (Foto: Christoph Augenstein).

ginn in den wohlverdienten Ruhestand. Barbara Fath ist die sorgfältige Redaktion der Beiträge zu verdanken. In besonderer Weise trugen Referenten und Moderatoren beiderlei Geschlechts zum Gelingen der Tagung bei. Die Referenten präsentierten in ihren Vorträgen bekannte wie neue Quellen und boten dabei interessante neue Forschungsansätze und -perspektiven. An den von den Moderatoren Karl Ubl, Jochen Haberstroh und Sebastian Ristow geleiteten Debatten, für die hinreichend Zeit eingeplant worden war, beteiligten sich zahlreiche Zuhörer; auch ihnen danken wir für ihre engagierte Teilnahme.3 Eine abendliche Weinprobe bot willkommene Gelegenheit, die Diskus­

3 Tagungsbericht in: H-Soz-u-Kult, 5.  10. 2013, .



Einführung: Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien 

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sionen in lockerem Rahmen fortzuführen und Dieter Geuenich an seinem 70. Geburtstag zu würdigen. Dass dieser Band nicht in einer der beiden seit langem etablierten Reihen des Freiburger Forschungsverbunds erscheint, hat einen pragmatischen Grund. Das Thema der Tagung und die hier vorgelegten Beiträge gehen weit über die Interessen des Freiburger Forschungsverbunds hinaus und betreffen nicht allein die Alemannia, sondern die Frühmittelalterforschung und ihre Perspektiven insgesamt. Deshalb haben wir uns zur Veröffentlichung in der renommierten Reihe der Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde entschlossen, zu dessen Herausgebern mit Dieter Geuenich, Heiko Steuer und mir selbst drei an dieser Tagung direkt Beteiligte gehören.

Heiko Steuer

Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie 1 Vorbemerkungen1 Im Rahmen der Diskussion um „Alemannisches Recht und alltägliches Leben – das frühe Mittelalter im interdisziplinären Gespräch“ ist die Schilderung der Verhältnisse in der Alamannia aus archäologischer Sicht durchaus einseitig. Über rechtliche Verhältnisse geben archäologische Quellen in der Regel keine Auskünfte, dafür aber ausführlicher über alltägliches Leben. Das ist die Aufgabe dieses Beitrags. Dabei ist zuvor zu erläutern, was unter Alamannia verstanden werden soll. Alamannia ist vom Begriff her eine Raumbezeichnung; somit ist zu erklären, welcher Raum gemeint ist. Außerdem enthält der Begriff den Hinweis auf die dort siedelnden Menschen, die durch ihn Alamanni genannt werden. Ob die archäologischen Quellen, Funde und Befunde, innerhalb dieses Raumes aber alle oder nur einige als „alemannisch“ zu charakterisieren sind, ist zu diskutieren, d.  h. gibt es zwischen der Gruppen- oder Stammesbezeichnung Alamanni, also der Benennung einer Bevölkerungsgruppe, und den Sachgütern in ihrem Siedlungsgebiet eine direkte „innere“ Beziehung oder werden davon mehr oder weniger unabhängige Lebens- und Seinsbereiche fassbar. Ersteres würde nur dann näherungsweise zutreffen, wenn die Grenzen des Siedlungsgebietes von Alamanni und die Verbreitung von Sachgütern oder der Niederschlag bestimmter Verhaltensmuster nur innerhalb dieses Gebietes und dann überall vorkommen; schon nur eine Teilverbreitung innerhalb des Areals würde die Frage aufwerfen, warum die anderen Bewohner diese Sachen nicht hatten, und was die eingeschränkte Verbreitung dann bedeuten würde. Schon zu Anfang ist zu sagen, dass diese Überlegungen nur theoretisch sind; denn es gibt im archäologischen Quellenmaterial tatsächlich keine Übereinstimmung, wie sie gefordert werden müsste. Stattdessen erlauben jedoch Funde und Befunde durchaus Blicke auf das alltägliche Leben der Alamanni, aber nicht nur dieser Gruppe, sondern zugleich auch aller Nachbarstämme. Das prächtig geschmückte Kreuz aus einem Grab am Zaun eines Gehöftes der Zeit gegen 700 in der Siedlung Lauchheim2 nahe Aalen ist ein christliches Symbol. Ist es

1 Vgl. dazu Heiko Steuer, Die Formierung der „Alemannen“ in der Spätantike, in: Räume, Grenzen und Identitäten. Der Oberrhein und seine Nachbarräume von der Antike bis zum Hochmittelalter, hg. von Sebastian Brather und Jürgen Dendorfer. (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 22), Ostfildern 2017, 241–288). 2 Ingo Stork, Fürst und Bauer, Heide und Christ. 10  Jahre archäologische Forschungen in Lauchheim/Ostalbkreis. (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 29), Stuttgart 1995,

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 Heiko Steuer

typisch „alemannisch“, weil es hier als Grabbeigabe verwendet wurde? Ist es gar in der Siedlung hergestellt worden, oder handelt es sich um ein Importstück, das über Handel oder auf einem anderen Weg der Kommunikation nach Lauchheim gelangt ist? Sagt das kostbare Schmuckstück, bedeckt mit Almandinen und mit einer antiken römischen Gemme, etwas über die Alamannia und über Alamanni als Alemannen aus, oder stattdessen vielmehr mancherlei über Fernbeziehungen und religiöse Vorstellungen der bestatteten Person und ihrer Familie, über Kunsthandwerk hier oder anderswo, über Reichtum und Wertvorstellungen? Sagt demgegenüber ein Keramikgefäß, wohl tatsächlich am Ort oder in naher Nachbarschaft hergestellt, als Grabbeigabe etwas über eine Alemannin als Alemannin aus, oder vielmehr nur etwas über Alltagsgerätschaften im Haushalt, wie es in diesem Gebiet herzustellen üblich war? Ist ein prächtiges Bügelfibelpaar auffälliger Formgestaltung von der Kleidung einer bestatteten Frau in Lauchheim nun Beleg für eine typisch alemannische „Tracht“, was bedeuten würde, dass die alemannischen Frauen tatsächlich genormte Kleidung trugen und die Metall-Accessoires an der Kleidung bewusst deshalb ausgewählt wurden? Es ist hier nicht der Raum, das Problem von „Tracht“ und „Kleidung“ weiter zu diskutieren; aber ich gehe davon aus, dass es in den Jahrhunderten, um die es hier geht, keine Kleiderordnung als Gruppenkennzeichnung wie eine Uniform gegeben hat. Meine Anfangsfrage als Archäologe lautet also: Was soll mit „alemannisch“ und Alamannia gemeint werden? Ist ein Objekt oder ein Grabungsbefund einfach nur deshalb „alemannisch“, weil in der Alamannia gefunden, auch wenn die Sachgüter und Bräuche ebenso andernorts überall vorkommen? Die farbigen Bildtafeln in den zahlreichen Büchern seit der großen Alamannen-Ausstellung von 1997 (meist zu den „Alamannen“3, selten zur Alamannia) sind beeindruckend. Sie bringen überwiegend Ergebnisse der archäologischen Forschung.4 Was ist typisch „alemannisch“ im archäologischen Fund- und Befundstoff einerseits, und was ist andererseits z.  B. in den beiden Leges5 „alemannisch“ und könnte auch in den archäologischen Quellen,

und gleichlautend: Schriften des Alamannenmuseums Ellwangen 1, Ellwangen 2001: Fibel als Titelbild der beiden Hefte; Ingo Stork, Friedhof und Dorf – Der exemplarische Fall Lauchheim, in: Die Alamannen auf der Ostalb. Frühe Siedler im Raum zwischen Lauchheim und Niederstotzingen, hg. von Andreas Gut. (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 60), Esslingen 2010, S. 92–105. 3 Rainer Christlein, Die Alamannen. Archäologie eines lebendigen Volkes, Stuttgart und Aalen 1978; Die Alamannen, Ausstellungskatalog, Stuttgart 1997; Karin Knapp, Die Alamannen. Krieger, Siedler, frühe Christen, Stuttgart 2007; Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau, hg. von Dorothee Ade, Bernhard Rüth und Andreas Zekorn, Stuttgart 2008; Die Alamannen auf der Ostalb (wie Anm. 2); Franks and Alamanni in the Merovingian Period. An Ethnographic Perspective, hg. von Ian Wood (Studies in Historical Archaeology, Vol. 3), Woodbridge 1998. 4 Zum Historischen, weniger zum Archäologischen: Dieter Geuenich, Geschichte der Alemannen, Stuttgart ²2005. 5 Clausdieter Schott, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der



Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie 

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und nur hier in der Alamannia, zu fassen sein? Ein zweites Problem ist, wie diese Alamannia begrenzt wird, und ob die möglichen Grenzverläufe dann über Jahrhunderte gleich sind oder sich verschieben.6 Die hier interessierende Epoche ist die Zeit der beiden Gesetzestexte, des Pactus Alamannorum aus dem frühen 7. Jahrhundert und der Lex Alamannorum aus der Zeit des Herzogs Lantfrid (709–730), die im Mittelpunkt unserer Tagung steht. Über diese Zeitspanne – wenn man etwas früher anfängt, nämlich mit der Konstituierung oder Formierung der Alemannen als einer Gruppe, einem Stamm oder Verband von Kriegern im 3./4. Jahrhundert – von 300 bis 400 Jahren gilt es als Archäologe zu berichten. Dabei ist zu beachten, dass die Masse der Funde als Beigaben aus Gräbern stammt, und dass die Reihengräbersitte mit diesen Ausstattungsbräuchen vom späten 5. Jahrhundert spätestens bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts üblich war,7 d.  h. der Pactus fällt noch in diese Zeit, aber die Lex ist jünger. Die andere Quellengattung, nämlich die Siedlungen mit ihren Hausbefunden, ist da eher aussagefähig, auch wenn der Forschungsstand noch begrenzt ist.8 Ausgewählt werden einige Sachbereiche, die nicht von anderen Beiträgen in diesem Tagungsband behandelt werden. Die Tagung geht zwar von den beiden alemannischen Leges aus; aber wir wissen, dass alle Leges der verschiedenen „Stämme“ dieser Epoche miteinander zusammenhängen, dass abgeschrieben wurde, dass vergleichbare kulturelle Verhältnisse, alltägliches Leben, nicht zuletzt auch in Strafbestimmungen gespiegelt werden, so dass das Thema durchaus Blicke auf die anderen Leges erlaubt.

Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br. Reihe 5b), Augsburg 1993. 6 Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4) und in diesem Band S. 61  ff. zur räumlichen Ausdehnung der Alemannen. 7 Sebastian Brather, Anfang und Ende der Reihengräberfelder. Der Wandel der Bestattungsformen zwischen Antike und Mittelalter, in: Antike im Mittelalter. Fortleben, Nachwirken, Wahrnehmung. 25  Jahre Forschungsverbund „Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland“, hg. von Sebastian Brather, Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 21), Ostfildern 2014, S. 217–234. 8 Zum Siedlungswesen in Süddeutschland: Michael Hoeper, Alamannische Siedlungsgeschichte im Breisgau. Zur Entwicklung von Besiedlungsstrukturen im frühen Mittelalter (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 6), Rahden/Westf. 2001; Rainer Schreg, Dorfgenese in Südwestdeutschland. Das Renninger Becken im Mittelalter (Materialhefte zur Archäologie 76) Stuttgart 2006; Janine Fries-Knoblach, Hausbau und Siedlungen der Bajuwaren bis zur Urbanisierung, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 71 (2006), S. 339–430; dies., Hinweise auf so­ziale Unterschiede in frühmittelalterlichen Siedlungen in Altbayern, in: Lebenswelten im ländlichen Raum. Siedlung, Infrastruktur und Wirtschaft, in: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 25 (2009), S. 11–34; Heiko Steuer, Herrensitze im merowingerzeitlichen Süddeutschland. Herrenhöfe und reich ausgestattete Gräber, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittealters 38 (2010 [2011]), S. 1–41.

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 Heiko Steuer

2 Wo liegt die Alamannia?9 Es wird bis heute diskutiert, ob zuerst von der Alamannia oder von den Alamanni gesprochen wurde; oder sind beide Bezeichnungen gleichzeitig aufgekommen? Wo erstreckte sich die Alamannia, in welchen Landschaften, und hatte sie definierbare Grenzen, und zwar zu welcher Zeit? Der Name der Alemannen ist erstmals 289 in einer Lobrede des Mamertinus auf Kaiser Maximian (286–305, 306–310) nachgewiesen,10 und in der Historia Augusta heißt es: Alamannos, qui tunc adhuc Germani decebantur.11 Der Begriff Alamannia ist ebenfalls zuerst Ende des 3. Jahrhunderts überliefert, 297/98 in einem Panegyricus auf Constantius I. Chlorus (Kaiser 305/306), der seit 293 als Caesar unter Maximian Britannien, Gallien und Spanien verwaltete, und darin wird von der Verwüstung der Alamannia berichtet.12 Somit kommen die Bezeichnungen für den Personenverband und für das Gebiet mehr oder weniger gleichzeitig auf. Auf einer anderen Quellengattung, nämlich auf Münzen des Kaisers Konstantin (306–337) der Jahre 324/325 für seinen ältesten Sohn Crispus, der erfolgreich gegen Alemannen gekämpft hatte, ist Alamannia devicta eingeprägt, und das Münzbild zeigt die Allegorie der personifizierten und nun besiegten Alamannia. Auf der Tabula Peutingeriana, der im 12./13.  Jahrhundert aufgezeichneten Itinerarkarte aus dem 4./5. Jahrhundert, ist der Landschaftsname Alamannia eingetragen. Die Benennung aus römischer Sicht meint ein Territorium, ein Gebiet, dessen Bewohner dann wohl deshalb Alamanni hießen, und nicht mehr, wie bisher, Germanen, gegen die zuvor ständig Kriege geführt worden waren.13 Die Leges Alamannorum sind vom Titel her für eine Bevölkerungsgruppe aufgeschrieben worden. Nach der Lex Alamannorum waren dabei die Großen aus dem Volke der Alamanni sowie das übrige versammelte Volk (populus) beteiligt. Der ältere Pactus nennt zu Beginn 33 (oder 34) Herzöge, 33 Bischöfe und 45 (oder 82) Grafen. Es handelt sich um die Elite, Angehörige der ranghohen Familien.14 Betrafen die Leges

9 Dieter Geuenich, in diesem Band. 10 Camilla Dirlmeier und Gunther Gottlieb, Quellen zur Geschichte der Alamannen von Cassius Dio bis Ammianus Marcellinus. Quellen zur Geschichte der Alamannen  I (Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Kommission für Alamannische Altertumskunde Schriften 1), Sigmaringen 1976, S. 22: cum omnes barbariae nationes excidium uniuersae Galliae minarentur neque solum Burgundiones et Alamanni, sed etiam. 11 Geuenich, Geschichte (wie Anm.  4), S.  19 und 159  f. zu den Jahren 269 und 280. Die Historia Augusta aber ist eine „Fälschung“ erst des späten 4. Jahrhunderts. 12 Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 160. 13 Die frühen Nennungen zum Jahr 213 und 233 sprechen von Germanen, noch nicht von Alamannen. Doch wird dieser Name oftmals zurückprojiziert. 14 Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 52  f.; Eva Schumann, Entstehung und Fortwirkung der Lex Baiuvariorum, in: Gerhard Dilcher und Eva-Marie Dilcher (Hrsg.), Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalter­ lichen Rechtskultur, Berlin 2006, S. 291–319, hier S. 310.



Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie 

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also tatsächlich Personen oder indirekt doch zugleich auch ein Territorium, nämlich die Bewohner des alemannischen Herzogtums? Es ist überliefert, dass „straffällig“ gewordene Alemannen südlich der Alpen, also im Gebiet des langobardischen Königreichs nach alemannischem Gesetz gerichtet werden sollten. Es war also ein personengebundenes Recht, aber indirekt ebenfalls territorial gedacht, weil diese alemannischen Anführer bzw. ranghohen Familien eben aus dem alemannischen Herzogtum kamen. Raymund Kottje15 z.  B. hat „Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum“ Stellung genommen und „die Frage nach Personalität oder Territorialität der Rechtsbindungen“ thematisiert, also die Frage gestellt, ob an den Grenzen der provincia Alamannorum der Geltungsbereich der Lex Alamannorum endete. Meist liege die Vorstellung zugrunde, der Geltungsbereich des Alamannenrechts sei der Herrschaftsbereich des Alemannenherzogs, später des Herzogs von Schwaben.16 Auch Helmut Maurer hat für die karolingische Zeit erläutert, dass „eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen südlich der Alpen beheimatet war, die sich aus der gens Alamannorum entstammend und nach der lex Alamannorum lebend bezeichneten“.17 Am Königshof oder beim Pfalzgericht herrschte ebenfalls das Personalitätsprinzip, d.  h. es wurde nach verschiedenem Stammesrecht geurteilt.18 Dem Gesagten ist zu entnehmen, dass Personenverband und Territorium zwar eine Einheit bildeten, dass aber Alamanni auch außerhalb lebten und handelten. Bildeten sie dort einen Teil einer Alamannia in einer ganz anderen Landschaft, und was sagen ihre Wohnweise und ihre Sachgüter über das alltägliche Leben aus? Diese Wortabwägungen scheinen mir deshalb notwendig, wenn ich – wie der Titel des Beitrags lautet – über die Alamannia aus archäologischer Sicht spreche. Wer sind die Alamanni? Ein in sich geschlossener ethnischer Verband und/oder die Bewohner eines rechtlich umgrenzten Gebietes? Wie also lässt sich – als erster Schritt in dieser Argumentationskette  – eine Begrenzung der Alamannia und dann für welche Zeit beschreiben? – War mit Alamannia das ehemalige Decumatland im Vorfeld des spätrömischen Limes gemeint, und wie weit reichte sie – das ist ganz wichtig – dann nach Nordosten und Osten? – War sie das Gebiet der bis ins 5. Jahrhundert zurückprojizierten Ortsnamen mit der Endung -ingen gegenüber den Namen mit -heim, die man auch fränkischen Siedlungen zuweist?

15 Raymund Kottje, Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum, in: Die transalpinen Verbindungen der Bayern, Alemannen und Franken bis zum 10. Jahrhundert, hg. von Helmut Beumann und Werner Schröder (Nationes 6), Sigmaringen 1987, S. 359–377. 16 Kottje, Geltungsbereich (wie Anm. 15), S. 361  f. 17 Helmut Maurer, Der Herzog von Schwaben. Grundlagen, Wirkungen und Wesen seiner Herrschaft in ottonischer, salischer und staufischer Zeit, Sigmaringen 1978, S. 194. 18 Kottje, Geltungsbereich (wie Anm. 15), S. 363.

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– War es das Gebiet des erst 537 gebildeten Herzogtums Alamannia, dessen Grenzen man in die Vergangenheit zurückprojizierte, oder des um 600 gegründeten Bistums? War oder ist es möglich, anhand der archäologischen Überlieferung des Sachgutes als Grabbeigaben ein alemannischen Gebiet zu umschreiben? Die Fragen einer ethnischen Zuordnung derartigen Materials werden noch angesprochen, werden aber heute eigentlich nicht mehr für möglich bzw. schon die Fragestellungen nicht mehr als sinnvoll erachtet.19 Da stößt man auf das zusätzliche Problem, dass sich alemannische bzw. vielleicht schon alemannisch (eher voralthochdeutsch) sprechende Bevölkerung im 6. und 7. Jahrhundert nach Westen ins Elsass und nach Süden in heutiges schweizerisches Gebiet siedelnd vorgeschoben haben soll – sofern es sich nicht nur um eine Akkulturation ohne Bevölkerungsveränderung handelt. D. h. die Frage nach den Grenzen der Alamannia ist, je nach dem Jahrhundert, das man meint, verschieden zu beantworten. Oder wurden mögliche Grenzen des frühen alemannischen Siedlungsgebietes nur aus jüngerer Überlieferung zurückprojiziert, z.  B. von den späteren Grenzen des Bistums Konstanz in die Gründungszeit des Bistums gegen 600, und dienten dann diese Grenzen den Archäologen als Grundlage für die Interpretation und Zuordnung des Fundstoffs? Oder wie wurden die Grenzen des alemannischen Herzogtums aufgrund archäologischer Befunde fixiert und ist das ebenfalls nur eine Rückprojektion? Wurde die aus wesentlich jüngerer Zeit überlieferte Sprache des Alemannischen oder Schwäbischen und ihre in frühere Jahrhunderte zurückgedachte Verbreitung in Süddeutschland, im Elsass und in der Schweiz von Archäologen aufgegriffen und mit dem Fundstoff parallelisiert und somit Grenzen der Alamannia festgelegt?20 Diese wurde dann von anderen Wissenschaften als bewiesen akzeptiert und übernommen. Man könnte diese Überlegungen weitertreiben und erkennen, dass man immer wieder in einer Kreisargumentation verhaftet ist und kaum weiß, wo man denn eigentlich anfangen soll, die Alamannia für das 6. bis 8. Jahrhundert zu beschreiben. Der Blick in verschiedene Geschichts-Atlanten macht das Problem deutlich; denn Einheitlichkeit bei der „Einfärbung“ eines Gebietes Alamannia gibt es nicht. Innerhalb der Grenzen siedelten dann eben Alemannen. Die Archäologie kann dann versuchen, vom Inneren dieses Gebietes her die archäologischen Befunde zu beschreiben und zu schauen, ob sich da nur für dieses Areal Kennzeichnendes fassen lässt, was dann

19 Gerard Jentgens, Die Alamannen. Methoden und Begriffe der ethnischen Deutung archäologischer Funde und Befunde (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 4), Rahden/Westf. 2001. 20 Dieter Geuenich, Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen. Ein kritischer Rückblick, in: Grenzüberschreitungen. Der alemannische Raum – Einheit trotz Grenzen, hg. von Wolfgang Homburger, Wolfgang Kramer, R. Johanna Regnath und Jörg Stadelbauer (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 80), Ostfildern 2012, S. 39–50.



Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie 

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wiederum rückwirkend zur Grenzziehung einer Alamannia führen könnte, was aber – wie anfangs schon betont – nicht gelingen kann. Wie verquickt die Kreisargumentationen eigentlich waren und sind, zeigte schon der Titel des Buches von Rainer Christlein aus dem Jahr 1978: „Die Alamannen  – Archäologie eines lebendigen Volkes“, womit Projektionen aus der Neuzeit zurück in das 5./6.  Jahrhundert gedacht wurden.21 Christlein hat denn auch Karten beigesteuert, auf denen die sich ändernden Grenzen der Alamannia (als Gesamtgebiet schraffiert) je nach Jahrhundert eingetragen sind. Bewusst greife ich auf diese frühe Publikation zurück, weil sich im Grundlegenden nicht viel geändert hat. Christlein postulierte, dass die Grenzen einer Alamannia im Süden und Westen feststanden, nämlich mit dem spätrömischen Limesverlauf an Rhein, Iller und Donau zusammenfielen, während die Grenzen Alemanniens nach Norden und Nordosten variabel waren und nur vermutet werden können.22 Dabei vergaß er, dass Germanen schon vorher innerhalb der römischen Reichsgrenzen angesiedelt waren, nicht zuletzt die sog. Neckar-Sueben!23 Nach dem Sieg des Merowingerkönigs Chlodwig über ein alemannisches Heer 49724 sei der Nordteil der Alamannia, also ein größeres Gebiet, an die Franken gefallen, so heißt es, was eine Änderung des Ethnikums von Alemannen zu Franken bedeuten würde oder könnte; oder aber ein Teilgebiet der Alamannia wäre in das Merowingerreich eingefügt worden. Die angenommene neue Nordgrenze sei noch an der Bistumsgrenze zu erkennen (was aber in der Forschung nicht unumstritten sei), weil hier zudem eine naturräumliche Linie bzw. eine Fernverkehrsgrenze entlang lief. Im archäologischen Fundbild änderte sich nach Christlein aber aufgrund der militärischen Niederlage nichts. Nach 500 würde stattdessen erstmals ein Ausgreifen der alemannischen Siedlungen fassbar, einerseits über die Iller bis zum Lech und andererseits ins Elsass und schließlich in die Nordschweiz. Das wird archäologisch und durch allgemeine Überlegungen zur historischen Ereignisgeschichte begründet, ein Denken, das wohl lange Tradition hat. Zugleich wird von der Durchdringung alemannischen Altsiedellandes durch fränkische „Staatskolonisten“ und „Beamtengehöfte“ gesprochen.25 Das spiegele sich einerseits in den Ortsnamen auf -heim, andererseits in kleinen „militärisch“ ausgestatteten Gräberfeldern an wichtigen Straßenkreuzungen (und so fort). Im Süden würden bis um 700 – eben solange es archäologisch erforschte Gräberfelder mit Beigabenausstattungen gibt – das Aaretal, der Züricher, Vierwaldstätter und Thuner See erreicht. Selbstverständlich geht Christlein in tra-

21 Christlein, Alamannen (wie Anm. 3), S. 23 Abb. 8 Kartenbilder. 22 Christlein, Alamannen (wie Anm. 3), S. 25. 23 Steuer, Formierung (wie Anm. 1), S. 253, 254. 24 Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ 496/97, hg. von Dieter Geuenich (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 19), Berlin, New York 1998. 25 Christlein, Alamannen (wie Anm. 3), S. 26.

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ditionellem Denken von der Expansion einer Bevölkerung aus. Da es sich bei den archäologischen Quellen aber ausschließlich um Gräberfelder handelt, muss man erst einmal daran denken, dass es sich um die Ausbreitung eines Bestattungsbrauchtums gehandelt haben könnte, nicht um Bevölkerungsverschiebungen. Entscheidende Ausgangslage ist also, dass die Siedlungsgebiete der Alamannia anfangs im Wesentlichen außerhalb der ehemaligen Provinzen des spätrömischen Reichs lagen, was auch für Bajuwaren, Thüringer und für weite Bereiche der Franken gilt. Nach einem Privileg des Kaisers Friedrich Barbarossa aus dem Jahre 1155 soll König Dagobert  I. (623–639) die Grenzen des Bistums festgelegt haben. Aber diese Grenzbeschreibung  – so Dieter Geuenich  – darf nicht einfach zurückprojiziert werden.26 „Es ist des Öfteren versucht worden, die Grenzen des ‚Alemannen-Bistums‘ als ethnische Begrenzung des ursprünglichen ‚Stammesgebietes‘ der Alemannen zu interpretieren. Dagegen spricht jedoch schon der Grenzverlauf im Westen, wo die Diözese Straßburg über den Rhein hinübergreift und die gesamte Ortenau umfasst, während dem Basler Bischof mit Sitz am Rheinknie ebenfalls ‚alemannische‘ Gebiete westlich des Ober- und südlich des Hochrheins unterstanden. Die Abtrennung des Herrschaftsbereichs im Elsaß und in der Nordschweiz […] dürfte erst in der 2. Hälfte des 7. Jh. erfolgt sein […]. Die Ausdehnung des Bistums Konstanz […] dürfte in etwa der Reichweite des alemannischen Herzogtums nach 700 entsprechen“.27 Es gibt also keinen Grund, die Bistumsgrenzen als Stammes- oder Siedlungsgrenzen anzunehmen, so Dieter Geuenich: „Auch der teilweise bis heute feststellbare Befund der Sprachwissenschaft, daß die Dialektgrenzen mit den Diözesangrenzen korrespondieren, kann nicht ohne weiteres mit alten Siedlungsgrenzen in vorkarolingischer Zeit in Verbindung gebracht oder ethnisch durch alemannisch-fränkisch oder alemannischbayerische Stammesgrenzen erklärt werden.“ Vielmehr entwickelten sich allmählich kirchliche Grenzen zu Mundartgrenzen.28 Die Summe aus dem bisher Erörterten ist: Die Grenzen einer Alamannia für das 6. bis 8. Jahrhundert sind anhand der Schriftüberlieferung nicht sicher auszumachen, zumindest waren sie sehr variabel; und die Archäologie kann da – so meine Grundthese – auch nicht weiterhelfen, was noch zu erläutern sein wird.

26 Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 100. 27 Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 102. 28 Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 103.



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3 Wer sind die Alamanni? Hans Kuhn hat im 1. Band des neuen Reallexikons der Germanischen Altertumskunde (1970/1973), also vor 40 Jahren, zum Namen der Alemannen geschrieben: Der Historiker Agathias (530/32–582) hat einem verlorenen Werk des 3. Jahrhunderts. entnommen (Asinius Quadratus), dass die Alemannen deshalb so heißen, weil sie zusammengelaufen und gemischt waren; was nach seiner Meinung bedeutet: „Es führt […] darauf, dass der Kern des Stammes Heerhaufen waren, die sich aus den verschiedensten Stämmen rekrutierten, selbst im Anfang kein Stamm, sondern ein Kampf- oder Wanderverband“ waren. Den Grundstock werden aber Scharen aus den vielen Gliedern der großen swebischen Gruppe gebildet haben, so dass auch der neue Stamm als swebisch gelten durfte und der Sweben-/Schwaben-Name in bleibender Konkurrenz zum Namen Alemannen getreten ist“.29 Gregor von Tours (II, 2) schreibt bei den spanischen Sueben „Suebi id est Alamanni“. Hans Jänichen sagte damals im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, dass von den Ermittlungen der Archäologen abgesehen (eine sehr optimistische Sicht), über Kultur und Verfassung des Stammes vor 500 wenig bekannt sei.30 Unabhängig davon, dass der Name aus römischer Sichtweise abschätzig bewertet wird, im Sinne von „Räuberbanden“, kann er in der germanischen Sprache als positiv konnotiert verstanden werden und meint etwa „Männer insgesamt“ und auch „die eigentlichen, wahren richtigen Männer und Krieger“.31 Die Bezeichnung „vermengt“ entspricht durchaus tatsächlich dem archäologischen Befund. Einwandernde und sesshaft werdende Gruppen kamen aus allen Teilen der germanischen Welt, aus dem Gebiet der Elbgermanen, aus Thüringen, Mecklenburg und Böhmen in die Alamannia.32 Es gibt zahlreiche Kartenbilder zu archäologischen Fundsachen, die diese Fernbeziehungen sichtbar machen, wie hier im Bild durch die Verteilung bestimmter Fibelformen (Abb. 1). Sie sind zwar als statisches Bild anzusehen, d.  h. die Fundplätze mit denselben Fundtypen sind ungefähr zeitgleich und markieren Strecken oder Fernwege, aber die Erklärung, darin eine Wanderung von Norden oder Osten in den

29 Hans Kuhn, s. v. Alemannen  I. Sprachliches.§  1, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 1, Berlin, New York 1973, S. 137  f. 30 Hans Jänichen, s.  v. Alemannen  II. Geschichtliches. §  3–10. in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 1, Berlin, New York 1973, S. 139. 31 Kuhn, Alemannen (wie Anm. 29), S. 137; Ludwig Rübekeil, Was verrät der Name der Alamannen über ihr Ethnos?, in: Alemannien und der Norden, hg. von Hans-Peter Naumann (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 43), Berlin, New York 2004, S. 114–131; anderer Ansicht Wolfgang Haubrichs, Nomen gentis. Die Volksbezeichnung der Alemannen, in: Röllwagenbüchlein. Festschrift für Walter Röll zum 65. Geburtstag, hg. von Jürgen Jaehrling, Uwe Mewes und Erika Timm, Tübingen 2002, S. 19–42; Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 20. 32 Heiko Steuer, Theorien zur Herkunft und Entstehung der Alemannen. Archäologische Forschungsansätze, in: Die Franken und die Alemannen (wie Anm. 24), S. 270–324.

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Abb. 1: Verteilungskarte der Elbefibeln vom Nordwesten bis in den Südosten, ein statisches Kartenbild (verändert nach Steuer, Theorien [wie Anm. 32], S. 294 Abb. 3).



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Südwesten zu sehen, ist schon eine Interpretation. Man könnte die Einflussrichtung theoretisch auch umkehren. Helga Schach-Dörges33 hat versucht, derartige Punkte auf den Kartenbildern tatsächlich in ein Nacheinander aufzulösen und damit die Einwanderungen zu belegen. Zuletzt hat sie gezeigt, dass auch Aspekte der Bestattung von Pferden und Reitzeug nicht nur aus dem heutigen Norddeutschland (von den Sachsen und den Thüringern) nach Südwestdeutschland gewirkt haben, sondern auch aus dem Osten.34 Wie ist das mit dem Sachgut, das zumeist aus Gräbern stammt? Ist – wie oben gesagt – alemannisch, was in der Alamannia gefunden wird, auch wenn es überall sonst auch vorkommt? Es scheint noch über Jahrhunderte weiterhin ständige Einwanderungen nach Südwesten in das Gebiet der Alamannia gegeben zu haben, nicht nur im 3. bis 5.  Jahrhundert, zum Beispiel aus dem Nordosten, aus dem Thüringischen. Werden aus „Thüringern“ in der Alamannia, wie man sie in Gräberfeldern wie Schretzheim35 beobachten zu können meint, Alemannen, oder blieben sie Thüringer? Was wird aus der nicht geringen Einwanderung der „Langobarden“ bzw. von Leuten, die sogenanntes „langobardisches“ Fundmaterial ins Grab mitbekommen haben, in der Alamannia?36 Die Mehrheit der kartierten S-Fibeln kommt allgemein im süddeutschen, schwerpunktmäßig im „alemannischen“ Raum vor, einige markieren jedoch auch den Weg der Langobarden von Pannonien östlich um die Alpen nach Italien, ein statisches Kartenbild. Was bedeutet das dann für die Bewertung des Sachguts

33 Helga Schach-Dörges, Zu süddeutschen Grabfunden frühalamannischer Zeit. Versuch einer Bestandsaufnahme, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 22/1 (1998), S. 627–654, hier S. 641  ff. mit den Karten Abb. 10–12. 34 Helga Schach-Dörges, Zur Pferdegrabsitte in der Alamannia während der frühen Merowingerzeit, in: Germania 86 (2008), S. 701–727, hier mit den Karten S. 711 Abb. 10, S. 713 Abb. 11, S. 717 Abb. 15; auch dies., Zum frühmerowingerzeitlichen Begräbnisplatz bei Stetten auf den Fildern, Lkr. Esslingen, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 29 (2007), S. 603–642, hier Karten S. 629 Abb. 23 (Knebelund Ringtrensen), S. 633 Abb. 25 (donauländisch beeinflusste Keramik), S. 635 Abb. 26 (Gräber mit Goldgriffspathen). 35 Ursula Koch, Das Reihengräberfeld bei Schretzheim, Berlin 1977, Taf. 268; Sebastian Brather, Ethnic Identities as Constructions of Archaeology. The case of the Alamanni, in: On Barbarian Identity. Critical Approaches to Ethniticy in the Early Middle Ages, hg. von Andrew Gillett (Studies in the Early Middle Ages 4), Turnhout 2002, S.  149–175, hier S.  165 Fig. 7; nun Max Martin, Ethnic Identities as Constructions of Archaeology? The Case of the Thuringi, in: The Baiuvarii and Thuringi. An Ethnographic Perspective, hg. von Janine Fries-Knoblach, Heiko Steuer und John Hines (Studies in Historical Archaeoethnology 9), Woodbridge 2014, S. 243–270, hier S. 258  ff. und Abb. 21. 36 Volker Bierbrauer, Die Landnahme der Langobarden in Italien aus archäologischer Sicht, in: Ausgewählte Probleme europäischer Landnahmen des Früh- und Hochmittelalters I, hg. von Michael Müller-Wille und Reinhard Schneider (Vorträge und Forschungen XLI), Sigmaringen 1993, S. 103–172, hier S. 130 Abb. 6 S-Fibeln vom Typ Schwechat/Pallersdorf und vom Typ Várpalota, S. 131 Abb.  7 S-Fibeln vom Typ Sarching.  – Vgl. dazu Brather-Walter, S-förmige Kleinfibeln (wie unten Anm. 92), S. 107 Karte 4 zum Typ Schwechat-Pallersdorf, S. 106 Karte 2 zum Typ Várpalota, S. 108 Karte 5 zum Typ Sarching.

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in Gräbern? Steht das territoriale Prinzip im Vordergrund oder eine Zuordnung der „Eingewanderten“ zu großen Familien am neuen Ort, zu alemannischen genealogiae, wie sie für das bajuwarische Gebiet überliefert sind? Was macht den Alemannen bzw. die Alemannin aus? Weil viele Archäologen anscheinend wissen, was alemannisch ist, kann man nach der Niederlage von 497 gegen die Merowinger auch geflüchtete, vertriebene Alemannen rundum in anderen Landschaften archäologisch anhand von Fibeln der Frauenkleidung nachweisen.37 Man betrachtet geflüchtete Alemannen auch als beteiligt an der Konstituierung der Bajuwaren.38 Wurden aus Alemannen nun Bajuwaren, und wie verhält sich das zur Sachkultur ihrer Lebenswelt?

4 Zum Inhalt der alemannischen Leges Die alemannischen Rechte allein ermöglichen nur eingeschränkte Blicke auf das alltägliche Leben. Die Zusammenschau der Hinweise aus anderen Stammesrechten, die – wie betont – sämtlich auch miteinander zusammenhängen, auf den Alltag ergibt ein konturiertes Bild, ist jedoch an dieser Stelle nicht beabsichtigt, weil auch nicht Thema der Tagung. Was wird in den beiden alemannischen Leges aber näher beschrieben und kann hier erwähnt werden? Nur einige ausgewählte Fakten und Sachen seien hier aufgeführt:39 Im Pactus A) Fakten, die archäologisch nicht zu fassen sind: – Herzöge, Grafen und Bischöfe (S. 53) – Freie (S. 59) – Eigentum: „fremde“ Zäune (S. 65), „fremdes“ Getreide (S. 67), also Rechtsverhältnisse B) Fakten, die auch archäologisch direkt oder indirekt erkennbar sein können: – Wergeld (wiregildum) (S. 53, 63), Zweikampf, Fehde und Totschlag bzw. Verletzungen unterschiedlichen Grades, Wegelagerei (wegalaugen) (S. 61) – Waffen, Spatha (S. 59)

37 Ursula Koch, Besiegt, beraubt, vertrieben. Die Folgen der Niederlagen von 496/97 und 506, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm. 3), S. 191–201 mit z.  B. den Karten S. 195 Abb. 203 „Asyl im Osten, Asyl im Westen“, S. 196 Abb. 206: Anhand bestimmter Bügelfibeln der Frauenkleidung spiegeln sich Niederlassungen alemannischer Familien rund um die Alamannia. 38 Wolfgang Hartung, Süddeutschland in der frühen Merowingerzeit. Studien zu Gesellschaft, Herrschaft, Stammesbildung bei den Alamannen und Bajuwaren (Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 73), Wiesbaden 1983. 39 Schott, Lex (wie Anm. 5). In der nachfolgenden Liste gebe ich wegen der Kürze nur die Seitenzahlen der Übersetzung an.



Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie 

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– Grabbeigaben (S. 61) und Graböffnung (S. 61) – Gehöft (S.  59), Türen und Verriegelung (S.  63), Zaun40 (S.  65), Hürde (S.  59), Arbeitsraum (genicium) (S. 65) – Textilien:41 Bettsachen (lectuaria), Nestel (S. 63) – Tiere: Pferde (S. 63), Stier (S. 65), Eber (S. 63), Hunde (S. 63), Habicht (S. 63) – Handwerker: faber ferrarius, aurifex (S. 65) – Münzgeld, Tremissis (S. 61) – Kirche (S. 61) In der Lex Alamannorum: Fakten, die archäologisch nicht zu fassen sind: – Gesellschaftliche Ränge: Freie (S.  71) (marioribus nato populo) (S.  79), Sklave (servus, mancipium) (S.  89, 95, 113, 123, 151), Kirchensklaven (servi ecclesiae) (S.  97), Sklavin (S.  95) (ancilla, ancilla verstiaria  – Türmagd S.  143, pullicula de genicio – Obermagd im Arbeitsgemach S. 143), Kirchensklaven (servi ecclesiae), Kolonen des Königs (colonis regis) – Siegel des Herzogs (S. 75, 101), des Königs (S. 99), Schriftstücke bzw. Urkunden (scriptura) (S. 85, 95, 115), der Schreiber Wandalgar (S. 165) – Versammlung (conventus) (S. 109), Hundertschaft (centene, centenarius) (S. 109), öffentliche Gerichtsstätte (in mallo publico) (S. 109) – Hof (curtis) des Herzogs (S. 77), des Königs (S. 77), des Bischofs (S. 91), Hof eines Bauern (mancipium)

40 Die wichtige Rolle der Zäune, deren Verläufe in den archäologisch erfassten Siedlungsplänen erkennbar sind, gilt es zu würdigen: Heinrich Beck, Roland Schuhmann, Ruth Schmidt-Wiegand und Dieter Strauch, s. v. Zaun § 1. Philologisch, § 2 Sprachlich, § 3 Rechtshistorisch, § 4 Rechtsrituell und volkskundlich, § 5 Rechtshistorisch Norden, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 34, Berlin, New York 2007, S. 446–458, und in diesem Fall a.a.O. Heiko Steuer, s. v. Zaun § 6 Archäologisch, S. 458–476, mit Einbeziehung der Siedlungsformen. 41 Zum Beispiel zu Textilien: Christina Peek, Die komplette und systematische Erfassung organischer Materialien als wesentlicher Bestandteil der umfassenden Auswertung des Gräberfeldes von Lauchheim „Wasserfurche“, in: Fundmassen. Innovative Strategien zur Auswertung frühmittelalterlicher Quellenbestände, hg. von Sebastian Brather und Dirk L. Krausse (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 97), Darmstadt 2013, S. 183–198 mit Literatur; zu Goldtextilien z.  B. Stephan Möslein, „… longissimae illae corrigiae …“ Ein einzigartiger Goldtextil-Befund zur männlichen Beinbekleidung der späten Merowingerzeit aus Straubing-Alburg (Niederbayern), in: Jahresberichte des Historischen Vereins Straubing 105 (2003 [2005]), S. 79–118; Anja Bartel, Martin Nadler und Kerstin Kreutz, Der Prachtmantel des Fürsten von Höbing. Textilarchäologische Untersuchungen zum Fürstengrab 143 von Großhöbing, in: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 43/44 (2002/2003), S.  229–249; Stephan Möslein, Ein einzigartiger Goldtextil-Befund der späten Merowingerzeit aus Straubing-Alburg (Niederbayern). Vorbericht, ebd., S.  251–259; Anja Bartel, Die Goldbänder des Herrn von Straubing-Alburg. Untersuchungen einer Beinkleidung aus dem frühen Mittelalter, ebd., S. 261–272.

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– Morgengabe (morginaghepha) (S. 123) – Fremder Zaun (S. 161), fremdes Gut (S. 163), also Rechtsverhältnisse B) Fakten, die auch archäologisch direkt oder indirekt erkennbar sein können: – Kampf (pugna) (S. 105), Fehde (S. 105, 115), Zweikampf (in platea aut in campo, pugna duorum) (S. 115, 123, 153, 155), Grenzstreit (inter duas genealogias) (S. 147, 149), Verletzungen (S. 127), Mord (mortaudo) (S. 119), Todfeind (humicida in curte aut in casa) (S. 157), Friedensgeld (fredo) (S. 73, 105), Wergeld (S. 117); ein Beispiel sei genannt: wenn der Schenkel eines freien Mannes abgehauen wird, Taustreifer (tautragilli) (S. 135, 153) – Waffen (S. 101), Heer (exercitus) (S. 101, 153, 155), Schwert, Spatha (spada) (S. 115, 123, 149) – Grabberaubung (S. 119), Diebstahl (S. 119) – Kirchen (S. 71), Kirchentür (S. 73, 87, 89), Altar (S. 89) – Kloster (S. 93) – Ringfinger (S. 133) – Textilien: geistlicher Ornat (S. 93), Kleidung (S. 119), Nestel (S. 125) (vgl. Anm. 41) – Lebensmittel: Bier (S. 97), Brot (S. 97), Eier (S. 97) – Hof (curtis) (S. 103), Hof (villa) (S. 125), Haus mit First und vier Wänden (S. 153/155), Gehöft mit Badstube (S.  81), Schafstall (S.  81), Scheuer (S.  81), Räume und Gebäude (genicium, domo infra curte) (S. 145), Hütte im Wald für Kleinvieh (S. 83, 157) – Zaun (S. 161) (vgl. Anm. 40) – Handwerker: aurifex aut spatario (S. 143) – Wagen, Radnabe (medulla) (S.  83, 157), Räder (rodas) (S.  157), Karre (caruga) (S. 157), Pflug (S. 97) – Mühlen und Wehr (S. 81, 147), Mühleisen (S. 161) – Tiere: Kühe, Rinder (S.  89), Pferde (S.  89, 123, 151) (Hengst, Mähre, Zugpferd) (S. 137) (Pferdeknecht) (S. 143), Schweine (S. 97) (Schweinehirt) (S. 143), Schafe (Schafhirt) (S.  143), verschiedene Viehhirten (S.  157), Hühner (S.  97), Zugtier (S. 139), Hunde (S. 161), Jagdhunde (S. 145), Lockhirsch (S. 159), Habicht (S. 83, 159), Rotwild und Schwarzwild etc. (S. 159), Vögel aller Art (S. 159); Kuhherde – über 12 Tiere (S. 79, 141) (1 Kuh – 4 Tremissen, Ochse – 5 Tremissen) (S. 143) – Handel: Tausch (concanium) (S. 97) – Geld: Tremisses (S. 97), Solidi (als Schillinge übersetzt) in Gold oder Silber (S. 123, 151, 153) Einige Themen werden in diesem Band in anderen Beiträgen aufgegriffen und näher diskutiert: – Über Siedlungsformen sowie Haus und Hofformen berichten Thomas Zotz und Valerie Schoenenberg. – Sozialstruktur und Habitus anhand der archäologischen Quellensind Themen



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von Sebastian Brather, mit dem speziellen auch in den Leges behandelten Problem der Grabberaubung Stephanie Zintl. – Den Aspekt der Christianisierung im Spiegel der Leges erläutert Wilfried Hartmann und aufgrund der archäologischen Quellen wie frühe Kirchen und Symbolgut als Grabbeigabe Sebastian Ristow. – Die volksprachigen Wörter analysiert Wolfgang Haubrichs. – Schmuck und Kleidung oder die Bewaffnung sowie Sachgüter wie Keramik, Glasgefäße oder Werkzeug werden als Einzelheiten nicht genannt, aber von der Archäologie als größere Quellengruppe mit Blick auf das Alltagsleben durchaus umfassend ausgewertet. In diesem Beitrag werden daher nur zusätzlich ausgewählte Aspekte wie Tausch und Handel, Münzgeldwirtschaft, Schriften und Symbole sowie das Fehdewesen als kriegerischer Aspekt des Lebens näher erörtert.

5 Siedlungen und Landesausbau Siedlungsplätze sind zwar zahlreich bekannt, aber großflächig und vollständig ausgegraben sind erst wenige Dörfer mit Haus und Hof (Abb. 2),42 Werkstätten und Wassermühlen.43 Immerhin sind damit Dörfer mit bis zu zwanzig Gehöften nachgewiesen, mit zwei- und dreischiffigen Hallenhäusern sowie Nebengebäuden. Zur besonderen Siedlungsform der Höhensiedlungen des 4. und 5. Jahrhunderts wird unten Stellung genommen, wobei sich zentral die Frage erhebt, welche von ihnen oder ob (vielleicht) alle alemannisch sind (Abb. 3)?44

42 Fries-Knoblach, Hausbau (wie Anm. 8); dies., Hinweise (wie Anm. 8); dies., Dwellings and Settlements of the Baiuvarii before Urbanisation, in: The Baiuvarii and Thuringi (wie Anm. 35), S. 149–241. 43 Zu Wassermühlen Dietrich Lohrmann, Horst Wolfgang Böhme, Volkmar Schön und Horst Kranz, s. v. Mühle, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 20, Berlin, New York 2002, S. 281–296 (§ 3. Germanische Volksrechte); Torsten Rünger, Zwei Wassermühlen der Karolingerzeit im Rotbachtal bei Niederberg, in: Bonner Jahrbücher 212 (2012 [2013]), S.  167–217; Fries-Knoblach, Dwellings (wie Anm. 42), S. 192–196. 44 Heiko Steuer, Die Formierung der „Alemannen“ (wie Anm. 1); Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria, hg. von Heiko Steuer und Volker Bierbrauer (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 58), Berlin, New York 2008; darin: Heiko Steuer und Michael Hoeper, Völkerwanderungszeitliche Höhenstationen am Schwarzwaldrand. Eine Zusammenfassung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, S.  213–260; Dieter Quast, Der Runde Berg bei Urach. Die alamannische Besiedlung im 4. und 5.  Jahrhundert, S.  261–322; Jochen Haberstroh, Aspekte völkerwanderungszeitlicher Sieldungsmodelle in Süddeutschland, S. 323–339; weiterhin Heiko Steuer, s. v. Zähringer Burgberg, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 34, Berlin, New York 2007, S. 398–417 (auch zu den anderen Höhensiedlungen).

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Abb. 2: Karte frühmittelalterlicher Siedlungen mit größeren untersuchten Arealen (verändert nach Michael Hoeper, Alamannische Besiedlungsgeschichte nach archäologischen Quellen. Ein kurzer Abriß der Besiedlungsgeschichte des frühen Mittelalters in Südwestdeutschland, in: Die Alemannen und das Christentum [Anm. 107], S. 26 Abb. 9).

Die Menschen der großen Stammesverbände (um das Wort zu wählen, um einfacher schreiben zu können), wie Franken, Alemannen, Bajuwaren oder Thüringer, lebten alle in derselben Weise fast ausschließlich in ländlichen Siedlungen, wozu oben Literatur genannt wurde. Als Beispiel sei hier die Rekonstruktion der großflächig ausgegrabenen Siedlung von Lauchheim mit „Herrenhof“ genannt.45 Landwirtschaft war neben Kriegertum  – dazu später mehr  – die Basis des Daseins, und zwar für alle. Daher waren Gehöfte und Häuser in gleicher Weise gebaut. Nur weiträumig, abhängig von der Geographie der Landschaft, unterschieden sich die Bauweisen von Haus

45 Vgl. zu Lauchheim Anm. 2, 88 und 128.



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Abb. 3: Verbreitung der Höhensiedlungen des 4./5. Jahrhunderts in Südwestdeutschland.  Höhenstation;  spätrömisches Kastell (verändert nach Steuer, Zähringer Burgberg [wie Anm. 44], S. 399 Abb. 52).

und Hof.46 In Mittel- und Süddeutschland jedoch gab es da kaum Unterschiede, d.  h. anhand ausgegrabener Siedlungen wird sich eine Alamannia auch nicht abgrenzen lassen. Archäologisch erfasst wird ein Lebensstil,der auch bei den Nachbarstämmen

46 Auch in den erschlossenen Herkunftsgebieten der Gruppen, die nachfolgend zu den Alamannen zählten, sind die Dorf- und Hausformen, sofern schon archäologisch erschlossen, anders organisiert

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Abb. 4: Der Breisgau mit neuzeitlichen Gemarkungsgrenzen und Gräberfeldern der Merowingerzeit (verändert nach Hoeper, Breisgau [wie Anm. 8], S. 13 Abb. 1; S. 80 Abb. 22).



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nicht anders ist; eine bäuerliche Gesellschaft mit ständiger Bereitschaft zu kriegerischem Einsatz. Immerhin lässt sich anhand der Hausgrößen, Gehöftstrukturen und der bisher erst wenigen komplett ergrabenen Dorfpläne eine gewisse Rangabfolge erschließen, was Reichtum und wirtschaftliche Kraft eines Anwesens betrifft, was wiederum der Staffelung auf den Friedhöfen von beigabenlosen bis reich mit Beigaben ausgestatteten Gräbern und schlichten Grabgruben bis großen Kammern entspricht.47 Gräberfelder der damaligen Bevölkerung des 6. bis 8. Jahrhunderts sind fast in jeder Gemarkung der noch heute existierenden Dörfer nachgewiesen, viele sind teilweise und einige mehr oder weniger auch komplett ausgegraben. Zusammen bilden sie vollständig das Besiedlungsnetz ab, das seit dem 5.  Jahrhundert entstanden ist und im Prinzip kontinuierlich bis in die moderne Zeit existiert, fassbar auch über die Namen der Dörfer. Die Karten zum Breisgau machen dies deutlich (Abb. 4). Trotz aller Dynamik in der einzelnen Siedlungskammer, der Gemarkung, blieben deren Grenzen selbst zumeist erhalten. Nicht alle Siedlungen wurden gleichzeitig im 5. Jahrhundert gegründet. Ein gewisser Landesausbau ist anhand der Namenformen der Siedlungen und im Vergleich zum Beginn der Belegung der Gräberfelder fassbar. Die Abfolge der Namen auf -ingen (um 500 bis 6.  Jahrhundert) und bald auch auf -heim, dann vor allem -heim (Anfang 7. Jahrhundert und vor allem 8. Jahrhundert) und weiter Namen mit Kirch-, Nord-, Sont-(heim), sowie -stetten, -weiler, -hausen, -hofen (zweite Hälfte 7. Jahrhundert)48 spiegelt die Ausbreitung der Besiedlung in der Landschaft, ausgehend von den alten Wegen und Überlandstraßen, von den Flusstälern hin zu den Randgebieten, verbunden mit einer allgemeinen Bevölkerungszunahme in allen Ansiedlungen. Der innere Landesausbau führte auch dazu, dass von einem alten Ort, z.  B. von einem Dorf mit Namen Lauchheim, neue Siedlungen im Umkreis gegründet wurden, die Nord- und Südheim sowie Mittelhofen zwischen beiden heißen können, während der alte Name bei der ursprünglichen Siedlung blieb.49 In der Regel ist der räumliche Bezug der großen Gräberfelder zu den Siedlungen gegeben. Doch ist die innere Struktur der Gemarkungen sehr variabel. Oftmals sind mehrere

und gebaut, d.  h. anhand der Wohnformen lassen sich die Herkunftsräume der Gruppen, die später Alamannen wurden, nach meiner Ansicht nicht erschließen. Dazu betrachte man die Karte bei Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 173 Abb. 64 zu den dreischiffigen Langhäusern (nach Johanna Brabandt), die eine Fülle in Norddeutschland und Jütland zeigt, nur einige und von Rainer Schreg noch weiter gekürzte im Süden. 47 Steuer, Herrensitze (wie Anm. 8). 48 Dieter Geuenich, Der historische Zeugniswert der Ortsnamen(-typen), und: Diskussionsvotum von Wolfgang Haubrichs, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 13), Ostfildern 2004, S. 63–76 (Votum S. 72–74); Geuenich, Geschichte (wie Anm. 4), S. 88  f. 49 Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 8), S. 60  f. mit den Karten 16 und 17.

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unterschiedlich große Gräbergruppen in einer solchen Gemarkung nachzuweisen, ebenso mehrere besiedelte Areale. Dafür bieten sich verschiedene Erklärungsmodelle an.50 Die Siedlungen waren noch nicht ortsfest wie die heutigen Dörfer, sondern die Gehöfte wurden in Generationsfolge, also nach 30 bis 60 Jahren, immer neu errichtet, was u.  a. an der Bauweise der Häuser mit eingegrabenen Pfosten liegt, die leichter verwittern. Manchmal wurde dabei die Siedlung als Gesamtheit mehrfach verschoben, in anderen Fällen wurden die Häuser eines Gehöftes auf der Hofparzelle erneuert, drei- bis viermal an fast derselben Stelle.51 Bei Siedlungs- und Gehöftverschiebungen bestattete die Gemeinschaft weiter auf dem alten größeren Gräberfeld oder begründete neue Friedhöfe. Der Name des „Dorfes“ hängt an der Gemarkung, nicht an einem der fluktuierenden Siedlungsareale.

6 Reihengräberfelder und „Kulturmodelle“ Die Masse der archäologischen Sachgüter stammt aus Gräbern, ist also von einem Totenbrauchtum übergeblieben.52 Was die Beigabenausstattung bedeutet hat, gedacht fürs Jenseits oder sicherlich erst einmal zur Repräsentation in der eigenen Gemeinschaft während des Beerdigungsvorganges, soll heute nicht weiter thematisiert werden. Die beherrschende Bestattungssitte, die Reihengräber mit komplexer, nach Rang und Reichtum, gesellschaftlicher Position, Alter und Geschlecht (und weiteren Faktoren) gestaffelter Beigabenausstattung durch Waffen und Schmuck, ist ebenfalls im Wesentlichen bei den verschiedenen Stämmen wie Franken, Alemannen, Bajuwaren und Thüringer gleichartig. Zwar hat Joachim Werner53 seinerzeit einen westlichen und einen östlichen Kreis der Reihengräberzivilisation unterschieden, wobei die Alemannen und Bajuwaren zum westlichen, Thüringer und Langobarden eher zum östlichen zählten sollten. Aber es zeigt sich, wie eng die Vernetzungen zwischen allen diesen Gebieten innerhalb der Reihengräberzivilisation im

50 Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm.  8), S.  40 Abb.  9 und S.  122  f. Abb.  42–43; Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 41 Abb. 9 (Modell 1), S. 68 Abb. 12 (Modell 2), S. 281 Abb. 142 (Lagemodelle Gräberfeld – Siedlung), S. 319 Abb. 161 (Modell 3). 51 Stork, Lauchheim, in: Die Alamannen auf der Ostalb (wie Anm. 2), S. 94  f. Abb. 76, S. 96  f. Abb. 77, mit deutlich mehrfachen Überschneidungen von Hausgrundrissen am selben Platz in einem Gehöft. 52 Was der weitverbreitete und manchmal mehr als 50 % aller Gräber eines Friedhofs betreffende „Grabraub“ zurückgelassen hat, dazu Stephanie Zintl in diesem Band. 53 Joachim Werner, Herkunft der Bajuwaren und der „östlich-merowingische“ Reihengräberkreis, in: Aus Bayerns Frühzeit. Festschrift für Friedrich Wagner (Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte 62), München 1962, S. 231–250; Berthold Schmidt, Die Thüringer, in: Die Germanen Band II. Die Stämme und Stammesverbände in der Zeit vom 3. Jahrhundert bis zur Herausbildung der politischen Vorherrschaft der Franken, hg. von Bruno Krüger, Berlin 1983, S. 502–569, hier S. 524 Abb. 160: Fundplätze des östlichen und westlichen Reihengräberkreises zwischen 450 und 568.



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Spiegel der Grabbeigaben gewesen sind.54 Auffällig ist nur, dass die Reihengräbersitte tatsächlich eigentlich auf dem Boden der römischen Provinzen entstanden und verbreitet ist und sich die Nordgrenze noch im früheren Limesverlauf spiegelt. Erst später greift die Sitte darüber hinaus, zum Beispiel nach Thüringen. Löst man die Grabzurichtung und die Beigaben der Männer und Frauen von den Bestattungen und betrachtet sie doch als Lebensbilder, dann fällt auf, dass zum einen gleichartige Waffenausrüstungen weiträumiger verbreitet sind als die Schmuckbeigaben der Frauen. Daher hat man am Frauenschmuck (und weiteren Aspekten der Beigaben) Alemanninnen und Fränkinnen unterscheiden wollen, was aber nicht überzeugend gelingt, und schon vor Jahren (z.  B. 1997) wurde festgestellt, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen den Stammesgruppen gibt.55 Der Blick auf Verbreitungskarten von ethnisch bezeichneten Fibeltypen zeigt, dass „alemannische“ Fibelformen über alle denkbaren Grenzen des Gebiets einer Alamannia hinaus vorkommen, und man sucht vergeblich nach einer Begründung, warum man die Bezeichnung seinerzeit gewählt hat (Abb. 5).56 Frank Siegmund hat nun um das Jahr 2000 versucht, durch komplizierte statistische Erhebungen sogenannte Kulturmodelle57 herauszuarbeiten, die sich unterscheiden und dann mit Franken oder Alemannen gleichgesetzt werden könnten (Abb. 6–7). Ausgangspunkt der Analysen war gewissermaßen die schon zuvor anscheinend klare Zuweisung der Gräberfelder des Reihengräberkreises zu ethnischen Gruppen, wie direkt dem Titel der Publikationen zu entnehmen war.58 Bei der Analyse geht es um

54 Heiko Steuer, Thuringians and Bavarians. Location in space and time and social relations, in: The Baiuvarii and Thuringi (wie Anm. 35), S. 111–147. 55 Vgl. Anm. 84 (Renata Windler) und Anm. 85 (Max Martin). 56 Dazu unten S. 39 und Alexander Koch, Bügelfibeln der Merowingerzeit im westlichen Frankenreich (Monographien des RGZM 41), Mainz 1998, Abb. 9–10 Verbreitungskarten. – Vgl. dazu Anm. 79, 80, 85, 86, 97. Zu den „thüringischen“ Fibeln Max Martin, Ethnic Identities as Constructions of Archae­ology (?). The Case of the Thuringi, in: Baiuvarii and Thuringi (wie Anm. 42), S. 248  ff. mit Abb. 5–9, S. 252 Abb.  11 Verbreitungskarten; Claudia Theune, Signs and Symbols in Archaeological Material Finds, in: Baiuvarii et Thuringi (wie Anm. 42), S. 271–288; auch Claudia Theune, Methodik der ethnischen Deutung. Überlegungen zur Interpretation der Grabfunde aus dem thüringischen Siedlungsgebiet, in: Zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts in Westen, hg. von Sebastian Brather (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 57), Berlin, New York 2008, S. 211–233 und zur Verbreitung der „thüringischen“ Vogelkopffibeln (S. 222 Abb. 3) und Zangenfibeln (S. 223 Abb. 4); und zu den Fibeln vom „ostgotischen“ Typ Manfred Menke, Alemannisch-italische Beziehungen vom späten fünften bis zum siebten Jahrhundert aufgrund archäologischer Quellen, in: Die transalpinen Verbindungen (wie Anm. 15), S. 125–345, hier S. 220 mit Abb. 4. 57 Zum Begriff „Kulturmodell“ Volker Bierbrauer, Romanen im fränkischen Siedelgebiet, in: Die Franken. Wegbereiter Europas 1, Mainz 1996, S. 110–120. 58 Frank Siegmund, Als Franke sterben. Ethnizität und Siedlungsraum der südlichen Nachbarn der Sachsen nach archäologischen Quellen, in: Studien zur Sachsenforschung 12 (1999), S. 209–222; Frank Siegmund, Alemannen und Franken (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 23), Berlin, New York 2000, S. 4 Abb.1: Gefüllte Kreise „Franken“, gefüllte Dreiecke „Ale-

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Abb. 5: Bügelfibeln einer „alemannischen“ Grundform des frühen 6. Jahrhunderts (verändert nach Koch, Bügelfibeln [wie Anm. 56], Abb. 9–10; wieder abgedruckt bei Martin, Ethnic Identities [wie Anm. 56], S. 252 Abb. 11).

die Zusammenschau von Grabausstattungen und Bestattungsbräuchen, und Kultur wird als „Bedeutungsgewebe“ verstanden, wobei Beigabenausstattung und ethnische Identität zueinander in Beziehung gesetzt werden.59 Bei genauer Betrachtung seiner zahlreichen sorgfältig erarbeiteten Kartenbilder, in denen die Kombination von Beigabenarten nach Zeitschichten getrennt erfasst werden, zeigt sich aber, wie

mannen“, Kreuze „Bajuwaren“, offene Quadrate ethnisch neutrale Titel; mehrfach abgebildet, so bei Sebastian Brather, Ethnische Identität und frühgeschichtliche Archäologie. Das Beispiel der Franken, in: Auf der Suche nach Identitäten. Volk, Stamm, Kultur, Ethnos, hg. von Sabine Rieckhoff und Ulrike Sommer (BAR International Series 1705), Oxford 2007, S. 120–134, hier S. 126 Abb.3 und S. 129 Abb. 7. 59 Sebastian Brather, s. v. Kulturgruppe und Kulturkreis, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 17, Berlin, New York 2001, S. 442–452, hier S. 451.



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Abb. 6: „Kulturmodelle“ im 6. Jahrhundert auf der Grundlage der Häufigkeit von Waffen- und Gefäßbeigaben pro Friedhof.  „Alemannen“;  „Franken“;  „Thüringer“ (verändert nach Brather, Ethnische Identität [wie Anm. 58], S. 129 Abb. 7 auf der Basis von Karten nach Siegmund, Alemannen [Anm. 58]).

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Abb. 7: Kulturmodelle und Gürtel im 7. Jahrhundert. Dunkle Symbole stehen für Gräberfelder, die der Mode der vielteiligen Gürtel folgen;  „Kulturmodell West“;  „Kulturmodell Süd“ (verändert nach Siegmund, Alemannen [wie Anm. 58], S. 281 Abb. 158).



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deutlich doch Übergangszonen sind, die als Ergebnis der speziellen Statistik herauskommen müssen und nur eine mathematische Realität, keine kulturelle sind. Andere statistische Auswertungsverfahren, die Hans-Peter Wotzka und Sebastian Brather angewendet haben, lösen die Kartenbilder weiter auf,60 ein eher nördliches Kulturmodell (Franken?) setzt sich gegenüber einem südlichen und südöstlichen Kulturmodell (Alemannen und Bajuwaren?) ab, mit deutlichen Übergangszonen. Der Vergleich der Kartenbilder von Frank Siegmund mit der geographischen Verbreitung von Sprachständen sei erlaubt: Elmar Seebold61 hat mehrfach gezeigt, dass sprachliche Zustände im Vergleich bei einem großen geographischen Abstand durchaus verschieden sind und so kartiert werden könnten. Blickt man jedoch auf einzelne Sprach- und Wortformen Schritt für Schritt und von Nachbar zu Nachbar, dann haben wir gleitende Übergänge, leichte Verschiebungen, die auf kurzen Entfernungen kaum auffallen und erst in größerem Abstand wie etwas Neues erscheinen. Vergleichbares trifft für die Grabsitten zu. Das Phänomen der Reihengräberfelder als auffällige Grabsitte für fast 300 Jahre in weiten Teilen Mitteleuropas ist einerseits Erscheinung einer Übergangsgesellschaft zwischen Antike und Mittelalter, andererseits ablesbar an der Dauer auch Ausdruck einer Gesellschaft, die sich neu formiert hatte.62 Denn einerseits handelt es sich um einen sehr auffälligen, „wertintensiven“ Bestattungsbrauch wegen der Sachgüter, die dem Wirtschaftskreislauf bzw. dem Familienvermögen ständig entzogen werden und für die nächste Generation erneut beschafft werden mussten, und andererseits ist die Dauer dieses Totenkults von rund zehn Generationen recht selten in den ur- und frühgeschichtlichen Epochen, in denen gerade der ständige Wandel auffällt. Bestattungssitten spiegeln seit jeher neben religiösen Vorstellungen nicht zuletzt auch die Selbsteinschätzung der Familien, die gegenüber ihrer Siedlungsgemeinschaft Rang und Reichtum zeigen wollen (d.  h. Gräber und ihre Ausstattung dienen bewusst der Repräsentation), charakterisiert eine „offene Ranggesellschaft“, in der Reichtum und Besitz auch von der Position des Wohnplatzes im alemannischen Großraum abhin-

60 Sebastian Brather und Hans-Peter Wotzka, Alemannen und Franken? Bestattungsmodi, ethnische Identitäten und wirtschaftliche Verhältnisse zur Merowingerzeit, in: Soziale Gruppen, kulturelle Grenzen. Die Interpretation sozialer Identitäten in der Prähistorischen Archäologie, hg. von Stefan Burmeister und Nils Müller-Scheeßel (Tübinger Archäologische Taschenbücher 5), Münster u.  a. 2006, S. 139–224, hier z.  B. S. 169 Abb. 8: Anhand einer Korrespondenzanalyse von 98 Gräberfeldern hebt sich zwischen einer Westgruppe (Franken?) und einer Südgruppe (Alemannen und Bajuwaren) eine zahlenmäßig fast gleich starke Gruppe von „Übergangsinventaren“ heraus. 61 Elmar Seebold, Wann hat eine Sprache begonnen?, in: Theoretical Linguistics and Grammatical Description. Papers in honour of Hans-Heinrich Lieb, hg. von Robin Sackmann, in: Current Issues in Linguistic Theory 138, 1996, S. 287–296; ders., Die Sprache(n) der Germanen in der Zeit der Völkerwanderung, in: Suevos – Schwaben. Das Königreich der Sueben auf der Iberischen Halbinsel (411–585), hg. von Erwin Koller und Hugo Laitenberger, Tübingen 1998, S. 11–20, hier S. 11  ff. 62 Brather, Anfang und Ende der Reihengräberfelder (wie Anm. 7), S.  217–234 mit Graphik S.  223, Abb.: Spätantike Entwicklungen zu den frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern.

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Abb. 8: Merowingerzeitliche offene Ranggesellschaft. Abhängigkeit des Ranges von Personenverbänden, auch von der Nähe zur Elite, zum Herzog oder König (verändert nach Steuer, Alamannen [wie Anm. 66], S. 74 Abb. 57).

gen (Abb. 8). Die Eigenständigkeit der Gesellschaft zwischen spätem 5. und frühem 8. Jahrhundert prägt sich in der sogenannten Reihengräbersitte aus, aber auffälliger Weise nicht im gesamten Merowingerreich, sondern nur in den stark von Germanen überschichteten ehemaligen Provinzen des Römischen Reichs im Osten. Als Übergangserscheinung zwischen Antike und Mittelalter spiegelt dieser Brauch aufgrund der oftmals reichen Beigaben an Waffen und Schmuck tatsächlich eine Lebensauffassung und einen Lebensstil, die sich von den Epochen zuvor und später deutlich abheben.63 In dieser neuen Gesellschaft spielten Rang und Reichtum, an Sachgütern und Grundbesitz, eine entscheidende Rolle. Beides erwarb man sich über Kampf und Krieg, weshalb die Waffenausstattung und ihr materieller Wert von hoher Bedeutung waren und noch bei der Bestattung gezeigt werden sollten. Die Position in der Gesellschaft wurde erkämpft und musste noch ständig neu gesichert werden, denn

63 Hubert Fehr, Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? Zu den Anfängen des Reihengräberhorizontes, in: Zwischen Spätantike und Frühmittelalter (wie Anm. 56), S. 67–102; ähnlich Frans Theuws, Grave goods, ethnicity, and the rhetoric of burial rites in Late Antique Northern Gaul, in: Ethnic Constructs in Antiquity. The Role of Power and Tradition, hg. von Ton Derks und Nico Roymans (Amsterdam Archaeological Studies 13), Amsterdam 2009, S. 283–319; anderer Ansicht: Michael Schmauder, Transformation oder Bruch? Überlegungen zum Übergang von der Antike zum Frühen Mittelalter im Rheinland, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 76 (2012), S. 34–52.



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Rang konnte einerseits verloren gehen, doch andererseits winkten alle Möglichkeiten des Aufstiegs. Nur aufgrund dieser scheinbaren Ähnlichkeit wurde der Begriff Reihengräberzivilisation geprägt. Seit der Spätantike war auch in diesen Jahrhunderten der kriegerische Aspekt ein wesentlicher Anteil des alltäglichen Lebens, die Männer waren Waffenträger und stolz darauf, wie an den Beigaben abzulesen ist.64 Aufschlussreicher aber ist gewissermaßen die Sicht von innen, von der Siedlungsgemeinschaft selbst aus. Damit ist gemeint, dass die Bestattungen und ihre Beigaben offenbaren, wie die Bewohner einer Siedlung sich selbst sahen und welche Sicht sie auf die Welt hatten. Grabsitten sind örtlich bestimmt und unterscheiden sich von denen in anderen Siedlungen durchaus in vielen Einzelheiten. Es ist wie bei der oben geschilderten Sprachverbreitung. Kleinräumige, nachbarschaftliche Gemeinsamkeiten sind zu analysieren, statt immer wieder eine Großsummenbildung vorzunehmen, um Alemannen gegenüber Franken oder Bajuwaren abgrenzen zu können.65

7 Tausch, Handel und Mobilität Auffällig sind demgegenüber aber trotzdem die weiten gleichartigen Streuungen von Verhaltensmustern, von Sitten und Sachen. Denn daran ist auch abzulesen, über welchen weiten „Horizont“ die Bewohner einst außerdem verfügt haben müssen. Krieg, Handel und andere Fernbeziehungen zeigen die Weltoffenheit. Wenn man die Beigabenausstattung der Gräberfelder in ganzer Breite analysiert, dann scheinen zum Beispiel die Gruppen auf der Ostalb von allen Alemannen die „alemannischsten“ zu sein.66 Zu den Kennzeichen örtlicher Traditionsgemeinschaften gehört, dass die meisten Schwerter im gesamten Reihengräberbereich in Gräbern auf der Ostalb liegen.67 Beim großen Überblick zeichnet sich zudem ab, dass in Kriegergräbern der

64 Dazu unten S. 56. 65 Claudia Theune, Germanen und Romanen in der Alamannia. Strukturveränderungen aufgrund der archäologischen Quellen vom 3. bis zum 7.  Jahrhundert (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 45), Berlin, New York 2004. 66 Heiko Steuer, Die Alamannen in der Merowingerzeit, in: Die Alamannen auf der Ostalb (wie Anm. 2), S. 68–79, hier S. 72. 67 Frank Siegmund, Kleidung und Bewaffnung der Männer im östlichen Frankenreich, in: Die Franken, Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren. König Chlodwig und seine Erben, Mainz 1996, S. 691–706, hier S. 705 Abb. 477: als Kreisdiagramm unterschiedliche prozentuale Verteilung der Waffen (Überwiegen der Schwerter und Saxe im 6. und 7.  Jh. in Gräbern der Alamannen gegenüber denen der Franken); in Stabdiagramm übersetzt bei Sebastian Brather, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie, in: Germania 78 (2000), S. 139–177, hier S. 170 Abb. 4; für das nördliche Gallien Frans Theuws und Monica Alkemade, A kind of mirror of men: sword depositions in Late Antique northern Gaule, in: Rituals of Power. From Late Antiquity to the Early Middle Ages, hg.

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Abb. 9: Die Leier aus Grab 58 von Trossingen, Ldkr. Tuttlingen, 580 n. Chr. (verändert nach TheuneGroßkopf, Leier [wie Anm. 68], S. 114 Abb. 18).

Alemannen deutlich häufiger Schwerter und Saxe liegen als zeitgleich im fränkischen Gebiet, was aber nun nicht gleich als „ethnisches“ Unterscheidungskriterium betrachtet werden dürfte, sondern als geographische Besonderheit, die auch begründet werden sollte. Die einstige Herkunft aus einem Kriegerverband spiegelt sich wahrscheinlich weiterhin darin, dass die Männer Waffenträger waren und diese Waffen als Beigabe mit ins Grab bekamen, im Kampf von Jugend auf geübt waren und häufig an Kriegszügen teilnahmen. Die Ritzzeichnungen auf der Leier aus Grab 58 eines etwa 30- bis 40jährigen, 580 n. Chr. gestorbenen Mannes von Trossingen zeigen derartige Kriegerverbände, vielleicht bei einem gemeinsamen Schwur (Abb.  9).68 Woher die Waffen kamen, wer sie wo herstellte und von wem der einzelne Bauern-Krieger sie erhalten hatte, wissen wir immer noch nicht, da Werkstätten dafür bisher nicht entdeckt und ausgegraben worden sind. Auch Sachgüter aus fernen Ländern erreichen jeden

von Frans Theuws und Janet L. Nelson (The Transformation of the Roman World 9), Leiden, Boston, Köln 2000, S. 401–476 hier S. 462 mit Abb. 10 (Karte) (unterschiedliche Verbreitung von Schwertern in Gräbern des 5./6. Jh.). 68 Barbara Theune-Großkopf, Die vollständig erhaltene Leier des 6. Jahrhunderts aus Grab 58 von Trossingen, Ldkr. Tuttlingen, Baden-Württemberg, in: Germania 84 (2006), S.  93–142; dies., s. v. Trossingen, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 31, Berlin, New York 2006, S.  277– 281; dies., Mit Leier und Schwert. Das frühmittelalterliche „Sängergrab“ von Trossingen, Friedberg 2010.



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Winkel im Südwesten.69 Kriegsdienst führte nach allen Seiten und auch in größere Ferne, d.  h. wir müssen uns eine relativ offene, mobile Gesellschaft vorstellen. In der Alamannia finden wir als Grabbeigaben immer wieder Schmuck, Waffen und andere Sachgüter, die in der Forschung bisher beispielsweise als fränkisch, thüringisch, langobardisch oder gotisch bezeichnet werden. Der Grabzusammenhang wird dann personalisiert und als Nachweis für einen Fremden, für ein Mitglied aus einer anderen Stammeseinheit, für ein anderes Ethnikum angesehen: Sachgüter als Stammesabzeichen. Doch wenn man sich von dieser einlinigen und bisher nirgends belegbaren Deutung löst, bieten sich viele andere, näherliegende Erklärungen an.70 Die Alemannen waren also Bauern und Krieger zugleich,71 die kriegerische Facette des Lebens spiegeln die Grabbeigaben; das tatsächlich Alltägliche, wie Landwirtschaft und Handwerk, wurde dagegen nicht gezeigt. Alle Männer waren einerseits Krieger und andererseits in der Landwirtschaft tätig. Aber warum wurde das eine im Beigabenkult gezeigt, das andere aber nicht? Die Sachgüter sind Produkte aus Werkstätten, deren Lage wir bisher nicht kennen.72 Als Erklärung dient das Modell der Grundherrschaft,73 deren Wurzeln von mir in die Merowingerzeit zurückprojiziert werden, mit ranghohen Familien, Streubesitz und Netzwerken von Abhängigkeiten, beispielweise von Kriegergefolgschaften (Abb. 10).74 Da es städtische Zentren und Märkte noch nicht gegeben hat, auch kein marktgängiges Geldwesen, stelle ich mir vor, dass die Verteilung bzw. Verbreitung der Sachgüter in diesen Netzwerken der ranghohen Familienverbände von oben nach unten erfolgte, als Lohn für Leistung. Auch in Nachbarschaften wurden wahrscheinlich allerlei Sachgüter über Heiratsverbindungen verbreitet. Leider haben wir  – im Gegensatz zu den belgischen Befunden in Huy oder in skandinavischen Beispielen

69 Vgl. die Karten bei Jörg Drauschke, Zwischen Handel und Geschenk. Studien zur Distribution von Objekten aus dem Orient, aus Byzanz und aus Mitteleuropa im östlichen Merowingerreich (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 14), Rahden/Westf. 2011. 70 Vgl. unten S. 48. 71 Heiko Steuer, Krieger und Bauern – Bauernkrieger. Die gesellschaftliche Ordnung der Alamannen, in: Die Alamannen 1997 (wie Anm. 3), S. 275–287. 72 Zu den wenigen Hinweisen auf Werkstätten, Werkzeuge und z.  B. Gussformen bei Helmut Roth, Kunst und Kunsthandwerk im frühen Mittelalter. Archäologische Zeugnisse von Childerich I. bis zu Karl dem Großen, Stuttgart 1986, S. 40  ff. für das gesamte Gebiet des Merowingerreiches. Zu Hinweisen auf ältere Werkstätten Heiko Steuer, Handwerk auf spätantiken Höhensiedlungen des 4./5. Jahrhunderts in Südwestdeutschland, in: The Archaeology of Gudme and Lundeborg, hg. von P. O. Nielsen, Klavs Randsborg und Henrik Thrane (Arkaeologiske Studier 10), København 1994, S. 128–144. 73 Heiko Steuer, Archäologie und Geschichte. Die Suche nach gemeinsam geltenden Benennungen für gesellschaftliche Strukturen im Frühmittelalter, in: Adel und Königtum im mittelalterlichen Schwaben. Festschrift für Thomas Zotz zum 65. Geburtstag, hg. von Andreas Bihrer, Mathias Kälble und Heinz Krieg, Stuttgart 2009, S. 3–27, hier S. 12  ff. 74 Heiko Steuer, Handel und Fernbeziehungen. Tausch, Raub und Geschenk, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm. 3) S. 392 Abb. 444: Schema zur Güterverteilung in der Alamannia.

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Abb. 10: Ein Modell der hierarchisch begründeten Güterverteilung in der Alamannia (verändert nach Steuer, Handel [wie Anm. 74], S. 392 Abb. 444).

wie Helgö in Mittelschweden – kaum solche Werkstätten an zentralen Hofkom­plexen gefunden,75 mit Ausnahme vielleicht auf Höhenstationen des 4. und 5. Jahrhunderts wie auf dem Zähringer Burgberg oder auf dem Runden Berg bei Urach. Aber von außen kann man sich das Modell einer Struktur borgen, das zu den Verbreitungsbildern führt, die von der Archäologie erarbeitet werden. Denn es gibt keinerlei Verbreitungsbilder, die das postulierte Gebiet einer Alamannia oder den Siedlungsraum der Alemannen abdecken, sondern entweder auch Gebiete deutlich über die angenommenen Grenzen hinaus erfassen oder nur kleinere Teilbereiche spiegeln. Vor dem Hintergrund des archäologischen Fundbestandes sind Bestattungsbräuche eine Erscheinung des Nahbereichs, der Nachbarschaften, Spiegel von Heiratskreisen, von Familienverbänden (genealogiae). Es gab eine Mobilität in den Familienverbänden, in den frühen Grundherrschaften. Aus den Zentren derartiger ranghoher Familien kamen die Sachgüter – dort produziert oder über Fernhandel und Beute gewonnen – an die nachgeordneten Familien. Die Verbreitungsbilder von Fundtypen spiegeln nur abstrakt sog. Werkstattkreise, real aber nach meiner Auffassung solche Nahverbindungsnetze von Großfamilien.76 Auffällig ist die räumliche, soziale und geistige Mobilität der damaligen alemannischen Bevölkerung in ihren mehr oder weniger gleichartigen dörflichen Siedlungen.

75 Zu Werkstätten auch Fries-Knoblach, Dwellings (wie Anm. 42), S. 184–192. 76 Die Fülle der von der archäologischen Forschung erstellten Verbreitungskarten in fast jeder Publikation bestätigt dies, vgl. dazu S. 43  ff.



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Doch das Siedlungsnetz war dicht, und der Abstand zwischen den Dörfern betrug immer nur wenige Kilometer. Man hatte Kontakte. Naheliegend ist, dass die Bauernkrieger durch ihre Teilnahme an Feldzügen in die Ferne, bis nach Italien, nicht nur fremde Luxusgüter als Beute bekamen, sondern dass auf diese Weise auch das Interesse geweckt wurde, Derartiges zu besitzen. Exotische Sach- und Luxusgüter haben alle Siedlungsgebiete erreicht, ob an der Fernstraße oder im Bergland.77 Es gibt jedoch eine Abstufung zwischen den ranghöchsten Familien, der Elite bzw. dem Adel, und den zugehörigen Bauernfamilien, was den Wert und die Anzahl fremder Güter angeht. Noch gab es wohl keine Adelsgesellschaft mit erblicher Position ihres Ranges. In der „offenen“ Ranggesellschaft gehörten Auf- und Abstieg zur gesellschaftlichen Mobilität.78 Der Rang hing von Reichtum an Grundbesitz und Sachgütern und dieser vom Kriegsglück ab. Die auf den meisten Gräberfeldern bestatteten „Fremden“, Leute mit Migrationshintergrund, sind anhand anscheinend ortsfremder Grabsitten und auffällig anderer Sachgüter fassbar, was eine beachtliche Mobilität spiegelt, nicht nur von Frauen über Heiratsbeziehungen, sondern von größeren Familiengruppen. Einige Befunde werden als Niederschlag von Krieg und Verdrängung oder auch als militärisch begründete Besatzung im fränkisch-merowingischen Auftrag interpretiert, werden aber  – was die zunehmende Zahl der Befunde zeigt  – eher auf einen normalen Zuzug zurückzuführen sein. Ranghohe Familienzweige waren mobil und erwarben Land andernorts; und die Bauernkrieger waren ebenso mobil, erhielten von ihren „adligen“ Herren – so eine Erklärung, falls man die Entstehung der Grundherrschaft mit Streubesitz schon in der Merowingerzeit annehmen darf – für Dienste Land an einem neuen Ort. Besondere Herrichtungen der Bestattungen wie Hügel über den Gräbern, Kreisgräben als Einfassung der Bestattung, Pferde als Beigaben, fremder Schmuck wie mehrfach erwähnt „skandinavische“, „fränkische“, „thüringische“ und „ostgotische“ Fibeln oder „langobardische“ mehrteilige Gürtel regen zu derartigen Interpretationen an. Das geschilderte Problem wird anhand von Fibelverbreitungen offensichtlich: Die Namengebung beruht auf einem alten Forschungsstand, als zum Beispiel der Schwerpunkt der Thüringer Fibeln eben in Thüringen lag79 und der von sog. ostgotischen Fibeln südlich der Alpen.80 Die Stücke sind im Übrigen immer nur

77 Drauschke, Zwischen Handel und Geschenk (wie Anm. 69): Verbreitungskarten. 78 Steuer, Krieger und Bauern (wie Anm.  71), S.  275–287, hier S.  276 Abb.  296: Die alamannische Gesellschaft  – Graphik (geändert werden sollte der Begriff „Standesbezeichnungen“ durch „Rangbezeichnungen“); geändert von Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschicht­ lichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 42), Berlin, New York 2004, S. 488 Abb. 76. 79 Claudia Theune, Signs and Symbols in Archaeological Material Finds, in: The Baiuvarii and Thuringi (wie Anm. 35), S. 271–288, hier S. 278 Abb. 3 „So-called Thuringian bow brooches“; Martin, Ethnic Identities, ebd., S. 243–270, hier S. 253–257 mit den Verbreitungskarten der Fibeln in Abb. 15–16. 80 Menke, Alemannisch-italische Beziehungen (wie Anm. 15) S. 221 Abb. 4: Verbreitungsbefund zu

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ähnlich, es sind keine gussgleichen Objekte. Die Werkstätten befanden sich bei Großgehöften, den Zentren der „Grundherrschaften“, und die Verteilung der Produkte zeigt die Ausstrahlung. Je größer der Quellenzuwachs ist, je mehr Gräberfelder vollständig untersucht und ausgewertet sind, desto überraschender ist der Befund, nämlich das Vorkommen von „fremden“ Sachgütern und Bestattungssitten in allen, auch fernab gelegenen dörflichen Gemeinschaften, die Mobilität von Familienverbänden scheint also verblüffend groß gewesen zu sein. Die Bajuwaren waren vielleicht auch Alemannen bzw. Alemannen haben zur Genese der Bajuwaren beigetragen.81 Wie sich im Elsass alemannisches Fundgut nicht vom fränkischen trennen lässt, so gelingt es auch nicht, zwischen alemannischem und bajuwarischem Fundmaterial und Grabsitten zu unterscheiden.82 Max Martin stellte übrigens ebenfalls fest, dass es zwischen der alemannischen und der fränkischen oder bajuwarischen Frauentracht der jüngeren Merowingerzeit kaum tiefgreifende Unterschiede gab, „soweit man das anhand der erhaltenen Überreste beurteilen kann“ und differenziert: „Es sind lediglich die einzelnen Typen der Fibeln, Nadeln oder Armringe, die aufgrund ihrer Verbreitung als ‚alamannisch‘, das heißt, in der Alamannia hergestellt und dort getragen, bezeichnet werden können“.83 Aber zu einem Befund des 6. Jahrhunderts in Zürich meinte Renata Windler unterscheiden zu können, „die Tracht entspricht eher fränkischem als alemannischem Brauch“.84 Ursula Kochs Thesen zu den Verbindungen der Leute des „fränkischen“ Gräberfeldes von Klepsau beispielsweise – wobei nicht diskutiert werden soll, warum das ein fränkisches Gräberfeld ist – stützen sich auf die Münzen und Münzanhänger anfangs aus dem ostgotischen Italien, später aus dem Langobardenreich.85

Fibeln vom ostgotischen Typ. Die meisten Fibeln fanden sich aber schon 1987 im bayerischen und alemannischen Gebiet. 81 Geuenich, Geschichte (wie Anm.4), S. 90  f.; „Die Baiern, eine alemannische Stammesgruppe?“; Wolfgang Hartung, Süddeutschland in der frühen Merowingerzeit. Studien zu Gesellschaft, Herrschaft, Stammesbildung bei den Alamannen und Bajuwaren (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beiheft 73), Wiesbaden 1973; Kurt Reindel, Die Bajuwaren. Quellen, Hypothesen, Tatsachen, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 37 (1981), S. 451–473. 82 Geuenich, Geschichte (wie Anm.  4), S.  90; auch die Kartenbilder von Frank Siegmund (wie Anm. 58) zeigen keine Trennung zwischen alemannischen und bajuwarischen Grabsitten oder Fundkombinationen. 83 Max Martin, Kleider machen Leute. Tracht und Bewaffnung in fränkischer Zeit, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm. 3) S. 349–358, hier S. 355. 84 Renata Windler, Franken und Alamannen in einem romanischen Land. Besiedlung und Bevölkerung der Nordschweiz im 6. und 7. Jahrhundert, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm. 3) S. 261–268, hier S. 263 zu Abb. 279. 85 Martin, Ethnic Identities (wie Anm. 42), S. 258  ff. zu Ursula Kochs Thesen eines „thüringischen Einflusses“ im Gräberfeld von Schretzheim; Ursula Koch, Das fränkische Gräberfeld von Klepsau im Hohenlohekreis (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 38), Stuttgart 1990, S. 249  f. „Die Herren von Klepsau und die Italienpolitik der Merowinger“.



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Abb. 11: Die Häufigkeit des Vorkommens der Wurfaxt Franziska im Reihengräberkreis (verändert nach Hübener, Waffenformen [wie Anm. 89], S. 519 Karte 2).

Die engen Fernbeziehungen nach Westen ins Frankenreich sind nicht überraschend  – bei der Dominanz des Merowingerreiches waren die Verbindungen über die Alpen nach Italien zum langobardischen Raum aber nicht weniger intensiv.86 Wenige Münzen, zahlreiche Ausstattungen der Männerkleidung wie vielteilige Gürtel und auch der Brauch, den Toten Kreuze aus Gold beizulegen, kamen von dort. Diese Goldblattkreuze,87 seit dem Ende des 6. Jahrhunderts bis um 700 nördlich der Alpen belegt, haben ihre Vorbilder in Italien, wurden bei den Alemannen aber durchaus vielfältig neu gestaltet. Die hohe Zahl der Kreuze, bis zu fünf Exemplare wie im Grab 25 in Lauchheim „Mittelhofen“ am Gehöftzaun, wird als eine andere Form der Übernahme des Christentums gedeutet, als die Bestattung in und bei einem Sakralgebäude.88

86 Menke, Alemannisch-italische Beziehungen 1987 (wie Anm. 15). 87 Horst Wolfgang Böhme, s. v. Goldblattkeuze, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 12, Berlin, New York 1998, S.  312–318 mit quantifizierender Verbreitungskarte S.  315 Abb.  41; Ellen Riemer, Zu Vorkommen und Herkunft italischer Folienkreuze, in: Germania 77 (1999), S. 609–636. 88 Stork, Fürst und Bauer (wie Anm. 2), S. 53 Abb. 59: Grab 25 am Zaun des Herrenhofes, S. 56 Abb. 62 Goldblattkeuze; Barbara Theune-Grosskopf, Vom Umgang mit den Toten. Bestattungsformen im

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Abb. 12a: S-förmige Fibeln der Typen Armentières-Andernach und Sarching mit Varianten des 6. Jahrhunderts (verändert nach Brather-Walter, Schlange [wie Anm. 92], S. 108 Karte 5).

Die Verbreitung der Franziska als Waffe des 5. und 6. Jahrhunderts mit Dichtezentrum in Gräbern Nordfrankreichs zeigt aber deutliche Ausstrahlungen ins alemannische und bajuwarische Gebiet (Abb. 11).89 Eine andere allgemeine weite Verbreitung, nun aber mit Schwerpunkt im Gebiet der Sachsen, aber ebenso im alemannischen und bajuwarischen Gebiet, erfasst die Sitte der Pferdebestattungen auf den Gräberfeldern der Bevölkerung.90 Während diese Beispiele weit über die Alamannia hinaus­

Wandel, in: Die Alamannen auf der Ostalb (wie Anm. 2), S. 106–119, hier S. 117 Abb. 101: Lauchheim „Mittelhofen“ Grab 25: Fünf Goldblattkreuze (in Farbe). 89 Wolfgang Hübener, Waffenformen und Bewaffnungstypen der frühen Merowingerzeit, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 3 (1977), S. 510–527, hier S. 519 Karte 2, wieder abgebildet auch bei Steuer, Thuringians (wie Anm. 54), S. 123 Abb. 8. 90 Heiko Steuer, s. v. Pferdegräber, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 23, Berlin, New York 2003, S. 50–96, hier S. 75 Abb. 17 (nach Michael Müller-Wille und Judith Oexle mit Ergänzungen), auch wieder abgebildet bei Steuer, Thuringians (wie Anm. 54), S. 118 Abb. 4.



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Abb. 12b: S-förmige Fibeln des Typs Várpalota mit Varianten des 6. Jahrhunderts (verändert nach Brather-Walter, Schlange [wie Anm. 92], S. 108 Karte 6).

greifen, gibt es auch die gegenteilige Verbreitung, nämlich kleinräumig verteilte Sachgüter, wohl aus grundherrschaftlicher Zentralwerkstatt und an den Anhang der Elite verteilt. Rainer Christlein bietet schon 1978 Beispiele zur engräumigen Verteilung von verschiedenen Wadenbindengarnituren und anderem Frauenschmuck.91 Eine detaillierte Analyse der verschiedenen Typen der S-förmigen Kleinfibeln der Jahrzehnte von 480 bis 600 hat Susanne Brather-Walter im Jahr 2010 vorgelegt.92 Deutlich wird, wie sich aufgrund der Formen- oder Typendefinition die Verbreitungsmuster ergeben. Darunter sind durchaus sowohl weiträumig, als auch eng verteilte Fundorte zu verzeichnen (Abb.  12a–b). Aber es zeigen sich doch mögliche Beziehungen

91 Christlein, Alamannen (wie Anm. 3), S. 101 Abb.75. 92 Susanne Brather-Walter, Schlange – Seewesen – Raubvogel? Die S-förmigen Kleinfibeln der älteren Merowingerzeit, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 37 (2009 [2010]), S. 47–110 mit den S. 106  ff. Karten 1–9. Vgl. dazu Bierbrauer, Landnahme (wie Anm. 36), S. 130  f. mit Abb. 6–7.

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Abb. 13: S-förmige Fibeln bestimmter, nur regional verbreiteter Typen des 6. Jahrhunderts (verändert nach Brather-Walter, Schlange [wie Anm. 92], S. 110 Karte 9).

zwischen einem Nordwestgebiet (fränkisch?) und einem Südgebiet (alemannisch?) und bei anderen Typen mögliche Beziehungen eines Südgebietes (alemannisch und bajuwarisch?) mit der ungarischen Tiefebene (langobardisch). Wirklich kleinräumig sind nur manche Regionalvarianten verbreitet (Abb. 13). Wie sind nun gerade diese „modischen“ Details in begrenzten Verbreitungen zustande gekommen? Könnten das die Reichweiten von Familienverbänden sein, Nachbarschaftsbeziehungen oder doch Handelskontakte? Alexander Koch hatte bei der Kartierung der merowingerzeitlichen Bügelfibeln ebenfalls aufgrund seiner Typenansprache Verbreitungsbilder erarbeitet, die sowohl kleinräumig als auch weit verbreitete Muster wiedergeben. Die Beigaben eines Gräberfeldes wie Mengen im Breisgau zeigen beispielhaft die weiträumigen Verbindungen anhand gleichartiger Sachgüter,93 wie einerseits der Platz Mengen von

93 Susanne Walter, Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Mengen (Kr. Breisgau-Hochschwarzwald) (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 82), Stuttgart 2008, S. 102 Abb. 11: Verbreitung



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Abb. 14a: Stilistische Varianten von Scheibenfibeln des späten 6. Jahrhunderts mit Filigranverzierung aus mehrfach gelegten Drähten.  Verzierung in Rankenform;  Verzierung im Tierstil (verändert nach Brather, Kleidung [wie Anm. 94], S. 245 Abb. 1).

einer Mitte ausgreift und andererseits aus einem weiten Umfeld von hunderten von Kilometern Schmuck erhalten hat. Die Verteilung einer Schmuckform in der Landschaft scheint einerseits lokale Moden erkennen zu geben, andererseits abhängig zu sein von der Definition einer Schmuckform. Betrachtet man beispielsweise die Verbreitung von Scheibenfibeln des späten 6. Jahrhunderts, so fällt die Konzentration von Fibeln mit Tierstilverzierung nur im östlichen „alemannischen“ Gebiet auf, kartiert man nach Materialgrundlage des Fibelgehäuses wie Eisen oder Gold, so gibt es einen deutlichen Gegensatz zwischen

vergleichbarer Bügelfibeln bis England und Thüringen mit einem kleinen Schwerpunkt auf der Schwäbischen Alb; S. 107 Abb. 13: Verbreitung S-förmiger Fibeln des Typs Mohacs ebenfalls weiträumig in Mitteleuropa; S. 135 Abb. 17: Verbreitung von Sandsteinwirteln nur in Thüringen und in Baden-Württemberg und Bayern, S. 155 Abb. 23: Verbreitung der Schnallen des Typs Gondorf mit Schwerpunkt im Mosel/Rhein-Gebiet und schließlich im Vergleich S. 157 Abb. 24: Verbreitung der Gürtelgarnituren des Typs Offenburg mit gewisser Konzentration im „alemannischen“ Gebiet und im Gegensatz dazu S. 159 Abb. 25: Verbreitung der Gürtelgarnituren des Typs Mölsheim-Schwangau in Nordfrankreich, Mittelrheingebiet, Burgund bis Bayern, also weiträumig rund um Mengen.

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Abb. 14b: Technische Varianten von Scheibenfibeln des 6. Jahrhunderts mit Granatverzierung.  Gehäuse aus Eisen;  Gehäuse aus Gold (verändert nach Brather, Kleidung [wie Anm. 94], S. 247 Abb. 2).

Nordfrankreich und dem Süden von Mittelrhein und Main bis ins „alemannische“ Gebiet (Abb.  14a–b).94 Demgegenüber ist die geographische Verteilung von vielteiligen Gürtelgarnituren gleichartig, auch wenn es sich einerseits um Spathagurte vom bis zum neunteiligen Typ „Civezzano“ handelt und zum anderen um eine spiraltauschierte Form (Abb.  15). Es fällt zugleich auf, dass diese Gürtelformen im Wesentlichen nur östlich des Schwarzwaldes im „alemannischen“ und weiter im „bajuwarischen“ Gebiet vorkommen.95 Blickt man auf die Verbreitung vielteiliger Gürtelgarnituren des 7.  Jahrhunderts insgesamt, so ist hier wiederum ein Materialunterschied zu registrieren: In diesem Falle kommen Garnituren aus Bronze nur im Norden bis zum Rhein-Main-Gebiet vor und aus Eisen in Süddeutschland, nur östlich

94 Sebastian Brather, Kleidung, Bestattung, Identität. Die Präsentation sozialer Rollen im frühen Mittelalter, in: Zwischen Spätantike und Frühmittelalter (wie Anm. 56), S. 237– 273, hier S. 245 Abb. 1: Scheibenfibeln mit Filigranverzierung in Rankenform oder im Tierstil; S. 247 Abb. 2 Scheibenfibeln mit Almandinschmuck und Gehäuse aus Eisen oder Gold. 95 Brather, Kleidung (wie Anm. 94), S. 248 Abb. 3.



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Abb. 15: Gleichartige Verbreitung von vielteiligen Gürtelgarnituren und Spathagurten des 7. Jahrhunderts.  Spathagurt vom „Typ Civezzano“;  spiraltauschierte Garnituren (verändert nach Brather, Kleidung [wie Anm. 94], S. 248 Abb. 3).

des Schwarzwaldes, wobei Gürtel mit Tauschierung im Tierstil und solche mit Wabenplatten-Tauschierung gleichmäßig verteilt sind.96 Das Problem einer Kennzeichnung zum Beispiel von Fibeln „alemannischer Grundform“ wird an den Kartierungen deutlich, die dazu Max Martin vorgelegt hat.97

96 Sebastian Brather, Symbole und Identitäten: Spätantike und frühmittelalterliche „Rangabzeichen“ als Widerspiegelung von Gruppenzugehörigkeiten und -abgrenzungen?, in: Die Dinge als Zeichen. Kulturelles Wissen und materielle Kultur, hg. von Tobias L. Kienlin (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 127), Bonn 2005, S. 433–450, hier S. 441 Abb. 3. 97 Martin, Ethnic Identities (wie Anm. 42), S. 248–253 zu den Fibeln der alemannischen Grundform mit Abb. 5–10 und den Karten dazu S. 252 Abb. 11; Vergleichbares wird hier für langobardische und thüringische Fibeln demonstriert.

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Ausgangspunkte sind die gleichartigen Bügelfibeln von Gräberfeldern, die im „alemannischen“ Gebiet liegen. Seit der Mitte des 5.  Jahrhunderts entwickelt sich eine Grundform mit halbkreisförmiger Kopfplatte und drei bis fünf, später bis zu sieben Knöpfen, angesetzt an dieser Kopfplatte, und einem Fibelfuß mit parallelen Seiten sowie einem nur flach gewölbten Bügel. Die Verteilung dieser Fibeln deckt jedoch den gesamten Bereich der Reihengräbersitte ab, was nun nur bedeuten kann, dass die Benennung „alemannische Grundform“ nur ein Hilfsmittel zur Verständigung unter den Wissenschaftlern über das Aussehen ist, keineswegs etwas mit Alemannen als Alemannen zu tun hat. Nun fällt außerdem noch auf, dass gerade diese Fibeln mit halbrunder Kopfplatte, fünf Knöpfen und parallelen Seiten des Fußes von anderen als „fränkische“ Bügelfibeln des 6.  Jahrhunderts bezeichnet werden, bei gleichem Kartenbild.98 Aus den Kartenbildern der Metallsachgüter  – zumeist Schmuck und Kleidungs­ accessoires – folgt, dass diese für die Merowingerzeit vom 5. bis 7. Jahrhundert sowohl eine weiträumige Kommunikation als auch engräumige Beziehungsmuster bezeugen, keinesfalls aber irgendwelche Gleichsetzungen mit den Siedelgebieten von Bevölkerungsgruppen mit Namen wie Franken, Alemannen, Bajuwaren oder Thüringer. Wie diese Verteilungsmuster zustandekommen, sollte abgelöst von der ethnischen Fragestellung neu untersucht werden, in erster Linie sollten zahlreichere kleinräumige Streuungen gefunden werden. Jede Siedlung im alemannischen Raum ist  – soweit es die Funde und Befunde aus den Reihengräberfeldern betrifft  – weiträumig eingebunden vom heutigen Nordfrankreich bis ins östliche Bayern, mit Thüringen und den Landschaften südlich der Alpen. Andererseits gibt es immer erkennbare nachbarschaftliche Nahbeziehungen in begrenzten Landschaften. Erst ein neues intensives Studium zum Kunsthandwerk im „alemannischen“ Raum wird Aufschluss geben über Produktionsorte und Verteilung der Sachgüter.

8 Münzwesen Es ist beachtenswert, dass es rechts des Rheins keinerlei Münzprägung während der Merowingerzeit gab, doch bis unmittelbar an den Rhein, der alten Grenze des römischen Reichs. Aber in den Leges Alamannorum werden Bußen in Solidi und Trienten gerechnet, den regelhaften Münzsorten in den Germanenreichen bzw. römischen Provinzen. Doch ein Solidus von 4,55 g Gold bzw. ein Trient von 1,5 g waren für einen

98 Koch, Bügelfibeln (wie Anm.  56), S.  574  f. mit Abb.  20 und 21; wieder abgebildet bei Sebastian Brather, Von der „Tracht“ zur „Kleidung“ Neue Fragestellungen und Konzepte in der Archäologie des Mittelalters, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 35 (2007), S. 185–206, hier S. 188 Abb. 2.



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Marktbetrieb viel zu wertvoll und für normalen Kaufhandel nicht verwendbar. Auch sind in der Schriftüberlieferung eigentlich keine Märkte überliefert. Die hohen Wergeldsätze in den Leges überstiegen in der Regel den Münzgeldbesitz der Leute, auch von Familien, und werden eher als Rechnungseinheiten zu verstehen sein. Aber der Zugang zu Gold und anderem Edelmetall war in der Alamannia trotzdem relativ allgemein verbreitet. Das beweisen kleine Feinwaagen und Gewichte sowie Probiersteine, die manchen Toten mit ins Grab gegeben worden sind.99 Die Gewichtsstücke kamen aus dem spätantik-byzantinischen Kulturkreis und sind ein weiterer Beweis für die überregionale Anbindung auch des Alemannengebiets.100 Die nicht wenigen Funde an Goldmünzen, die im Umlauf waren, dienten eher als Schmuck oder Wertanlage, wurden jedenfalls nicht bei Kauf und Verkauf genutzt.101 Es gab tatsächlich in ganz Alemannien also keine Münzprägung; doch jenseits des Rheins in allen ehemaligen römischen Provinzgebieten sind mehr als 800 Münzprägeorte inschriftlich auf den Münzen (weniger auf Solidi, häufiger auf Trienten oder Tremisses, Drittelstücken) nachgewiesen, zugleich mit den Münzmeistern, den Monetaren, von denen rund 2000 Namen überliefert sind.102 Hier spiegeln sich spätantike Verhältnisse, das Fortleben von Strukturen aus der Zeit des römischen Reichs bis ins 7. Jahrhundert, wider. Alle Münzen im alemannischen Gebiet  – das ist entscheidend  – waren also Importe bzw. wurden von Aufenthalten in der Ferne mitgebracht. Die Verteilung der Münzen selbst erlaubt keine Charakterisierung des alemannischen Gebiets, vielmehr ist diese Verbreitung im gesamten Reihengräberbereich (die Münzen stammen fast ausschließlich aus Gräbern) ungefähr gleichartig; nur manchmal heben sich Verdich-

99 Heiko Steuer, Münzen und Geldwaagen? Zur Praxis des Zahlungsvorganges während der Merowingerzeit, in: Die Merowingischen Monetarmünzen als Quelle zum Verständnis des 7. Jahrhunderts in Gallien, hg. von Jörg Jarnut und Jürgen Strothmann (MittelalterStudien 27), Paderborn 2013, S. 293– 322, hier S. 319 Abb. 11 (Karte) Verdichtung von Gräber(feldern) mit Feinwaagen in Südwestdeutschland; Steuer, Handel und Fernbeziehungen (wie Anm. 74), S. 389–402. 100 Heiko Steuer, Spätrömische und byzantinische Gewichte in Südwestdeutschland, in: Archäologische Nachrichten aus Baden 43 (1990), S. 43–59. Außerdem scheinen alte römische Buntmetallmünzen die Rolle von Gewichten übernommen zu haben; denn man findet sie recht häufig unter den Grabbeigaben in einer Tasche: Guido Krause, Zur Münzbeigabe in merowingerzeitlichen Reihengräbern, in: Regio Archaeologica. Archäologie und Geschichte an Ober- und Hochrhein. Festschrift für Gerhard Fingerlin zum 65.  Geburtstag, hg. von Christel Bücker, Michael Hoeper, Niklot Krohn und Jürgen Trumm (Studia honoraria 18), Rahden/Westf. 2002, S. 287–300. 101 Josef F. Fischer, Der Münzumlauf und Münzvorrat im Merowingerreich. Eine Untersuchung der zeitgenössischen Münzfunde auf dem Gebiet des Reihengräberkreises, phil. Diss., Freiburg 2001; speziell auch ders., „Nicht alles, was glänzt, ist Gold“. Gefälschte und nachgeahmte Goldmünzen in der Merowingerzeit. Ein Überblick zur Verbreitung und Funktion subaerater Münzen in der „Alamannia“, in: Archäologie als Sozialgeschichte. Studien zu Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im frühgeschichtlichen Mitteleuropa. Festschrift für Heiko Steuer zum 60. Geburtstag, hg. von Sebastian Brather, Christel Bücker und Michael Hoeper (Studia honoraria 9), Rahden/Westf.1999, S. 173–178 mit Karte S. 175 Abb. 2. 102 Allgemein dazu Monetarmünzen (wie Anm. 99).

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tungen und wirtschaftliche Kernzonen etwas stärker heraus. Aber  – um das noch einmal zu betonen – Münzprägestätten gibt es nicht im rechtsrheinischen, von Alemannen besiedelten Gebiet, aber durchaus östlich des Rheins in dem Teil der Alamannia, auf dem Boden der ehemaligen römischen Provinz. Waagen als Grabbeigabe, auch Probiersteine zum Prüfen des Goldgehalts und fremde Münzen selbst sind relativ zahlreich und flächendeckend überall verbreitet.103 Ihre gesellschaftliche Funktion gilt es weiter zu erforschen. Nur nebenher seien Wertangaben für Waffen erwähnt. Nach der Lex Ribuaria hatte ein gutes Schwert mit Scheide 7 Solidi Wert, Schild und Lanze 2 Solidi und ein Helm 6 Solidi. Parallel (etwas später überliefert) hatte ein Pferd 7 Solidi, dabei ein Hengst 12 Solidi, eine Stute 3 Solidi, eine Kuh 1–3 Solidi und ein gezähmter Falke aber immerhin 12 Solidi Wert. Nach der Lex Alamannorum hatte eine Kuh 4 Tremissen Wert, ein Ochse 5 Tremissen. So mögen fremde, importierte Goldmünzen und die Waagen samt Probiersteinen doch im Leben an ranghohen Gehöften ihre Rolle gespielt haben. Dass die Wergeldsätze, die Bußen für Verletzungen, wesentlich höher lagen und Tötungen mit mehreren Dutzend Solidi bestraft wurden, was den gesamten Besitz eines Mannes oder einer Familie überstiegen hat und diese damit in Abhängigkeit gerieten, zeigt zudem, dass es sich zumeist um Verrechnungseinheiten handelte, nicht um Münzgeld, das von einer Hand in die andere wechseln konnte.

9 Schriften und Symbole In der kurzen Phase eines Jahrhunderts von etwa 530 bis 620 wurde die einst um 200  n. Chr. in Südskandinavien erfundene Runenschrift auch von Alemannen verwendet, wohl in bewusstem Gegensatz zur lateinischen Schrift; man findet Inschriften auf Waffen und Schmuck, meist als persönliche Widmungen, auch auf Holzteilen eines Webstuhls, und nicht selten sind die Inschriften von bzw. für Frauen am Ort eingeschnitten worden.104 Zwar gibt es eine Verdichtung der „südgermanischen“

103 Steuer, Handel und Fernbeziehungen (wie Anm. 74), S. 390 Abb. 441 Karte: Aus der Zeitspanne vom 5. bis 8. Jahrhundert sind mehr als 600 Münzen als Grabbeigaben nachgewiesen (nach Fischer, Der Münzumlauf [wie Anm. 101]). 104 Michelle Waldispühl, Schreibpraktiken und Schriftwissen in südgermanischen Runeninschriften. Zur Funktionalität epigraphischer Schriftverwendung. (Medienwandel, Medienwechsel, Medienwissen Bd. 26), Zürich 2013; Klaus Düwel, Runenritzende Frauen, in: Studia Onomastica. Festskrift till Thorsten Andersson 23. Februari 1989, Lund 1989, S. 44–50; ders., Runenkundige Frauen im Frühmittelalter, in: Lektüren der Differenz. Studien zur Mediävistik und Geschlechtergeschichte, hg. von Ingrid Bennewitz und Ingvild Birkhan, Bern 2002, S. 23–35.



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Runeninschriften im „alemannischen“ Südwesten, aber auch eine Reihe von Funden außerhalb in Bayern und Thüringen bis Niedersachsen.105 Parallel dazu wurde jedoch auch die lateinische Schrift verwendet, oft gehören die Texte in ein christliches Umfeld. Die vielteilige Gürtelgarnitur von Donzdorf bringt mehrfach wiederholt einen Psalmentext. Die in der Regel sichtbaren lateinischen Inschriften – mit Ausnahme der gravierten Inschrift auf der Rückseite der Prunkfibel von Wittislingen – sind im Bereich der Werkstätten entstanden, in denen die Objekte auch hergestellt worden sind, während die Runeninschriften meist sekundär auf den Rückseiten der Schmuckobjekte, also gewöhnlich nicht sichtbar, eingeritzt worden sind. Zur vorchristlichen Religion in der Alamannia kann man nur spekulieren; nur wenige Befunde können dazu herangezogen werden. Schon Rainer Christlein hat seinerzeit formuliert, dass es höchst schwierig ist, nicht- bzw. vorchristliche Elemente in den Reihengräbern nachzuweisen.106 Das Christliche demgegenüber, was den Bau von Kirchen angeht107 und z.  B. den Brauch, Goldkreuze den Toten im Grab auf den Körper zu legen, ist nicht kennzeichnend allein für die Alemannen: Es kommt natürlich dort vor, aber auch anderswo in derselben Erscheinungsweise. Die beachtliche Bedeutung des Kriegertums für die gesamte alemannische Männerwelt bietet die Bildüberlieferung; die Stücke sind selten und weit verteilt, was dem Zufall der Überlieferung zuzuschreiben ist: Die Schwertscheide von Gutenstein,

105 Max Martin, Kontinentalgermanische Runeninschriften und „alamannische Runenprovinz“ aus archäologischer Sicht, in: Alemannien und der Norden (wie Anm. 31), S. 165–212 und Karten. 106 Christlein, Die Alamannen (wie Anm. 3), S. 112  ff. „Glaube und Aberglaube“; Amulette in Bestattungen sprechen nicht gegen Christentum; Frank Behrens, Spuren vorchristlicher Religion im archäologischen Fundmaterial der Merowingerzeit in Süddeutschland, in: Wechsel der Religionen – Religion des Wechsels, hg. von Niklot Krohn und Sebastian Ristow (Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 4), Hamburg 2012, S. 193–222. 107 Horst Wolfgang Böhme, Adel und Kirche bei den Alamannen der Merowingerzeit, in: Germania 74 (1996), S. 477–507; ders., Neue archäologische Aspekte zur Christianisierung Südwestdeutschlands während der jüngeren Merowingerzeit, in: Mission und Christianisierung am Hoch- und Oberrhein, hg. von Walter Berschin, Dieter Geuenich und Heiko Steuer (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 10), Stuttgart 2000, S. 75–109; Barbara Scholkmann, Kultbau und Glaube. Die frühen Kirchen, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm.  3), S.  455–464; dies., Frühmittelalterliche Kirchen im alemannischen Raum. Verbreitung, Bauformen und Funktion, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 48, Quart 2 = Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 71), Leinfelden-Echterdingen 2003, S.  125–152; dies., Christianisierung und Kirchenbau. Überlegungen zu Topographie, Chronologie und Typologie der frühmittelalterlichen Kirchen im alemannischen Raum, in: Mission und Christianisierung 2000 (wie oben), S. 111–138; dies., Christliche Glaubenswelt und frühe Kirchen. Die Alamannen und das Christentum, in: Die Alamannen auf der Ostalb (wie Anm. 2), S. 162–171. – Zu Glaube und Kirche vgl. die Beiträge von Wilfried Hartmann und Sebastian Ristow in diesem Band.

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Stadt Sigmaringen, um 700, ist mit Bildblechen aus Silber besetzt, herausgeschnitten aus einer größeren Szene; deutlich sichtbar ist jedoch ein Krieger in Wolfsmaske, der ein Schwert vor sich hochhält.108 Bei diesem Schwert ist am Knauf betont ein Ring angesetzt. In der gesamten germanischen Welt bis nach Skandinavien und Italien waren manche Krieger verbunden durch den Austausch von Ringpaaren (aus Gold oder Silber), die nachträglich am Schwertknauf befestigt wurden, Zeichen einer Schwurgemeinschaft zwischen Kriegern und Anführern, die über große Entfernung zusammenhing.109 Die Silberblechauflagen auf der Schwertscheide bestehen aus verschiedenen Teilen eines zerschnittenen Gesamtbildes; es wird diskutiert, ob der Wolfskrieger mit Ringschwert nicht auch Odin sein kann, obgleich auf dem unteren Blechstück der Scheide ein Vierwirbel eingeprägt ist, der wie ein christliches (?) Kreuz erscheint. In Schretzheim Grab 79 trägt ein solches Ringschwert zudem ein Runenkreuz.110 Auf einem goldenen Pressblech einer Scheibenfibel von Pliezhausen, Kr. Reutlingen, erste Hälfte 7. Jahrhundert, ist eine Kampfszene dargestellt.111 Ein Krie-

108 Kurt Böhner, Die frühmittelalterlichen Silberphaleren aus Eschwege (Hessen) und die nordischen Preßblechbilder, in: Jahrbuch des RGZM 38 (1991), S.  681–743, hier S.  718 und Taf.  67; zum Schicksal des Objekts Heiko Steuer, Seit 1945 verschollen, erst jüngst wieder aufgetaucht. Die Schwertscheide von Gutenstein an der oberen Donau, in: Archäologische Nachrichten aus Baden 76/77 (2008), S.  74–75 und S.  98 mit Literaturhinweisen.  – Zur Verbindung zwischen Wolfsgestalt bzw. Wolfskleidung und Odin jetzt Alexandra Pesch, Odin mit Wolfspelzmütze? Neufund eines Goldbrakteaten bei Weltzin, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, in: Bodendenkmalpflege in MecklenburgVorpommern, Jahrbuch 60 (2012 [2013]), S. 83–98. 109 Heiko Steuer, Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger. Eine Übersicht, in: Studien zur Sachsenforschung 6 (1987), S.  189–236 mit Karten; ders., s. v. Ringschwert, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 25, Berlin, New York 2003, S. 22–24; neue Funde zu Ringschwertern: Marie-Cécile Truc, Probable Frankish burials of the sixth century AD at Saint-Dizier (Haute-Marne, Champagne-Ardenne, France), in: ACE Conference Brussels. The very beginning of Europe? Early Medieval Migration and Colonisation, Brussels 2012, S. 51–66; Cécile Varéon, Nos ancêtres les Barbares. Voyage autour de trois tombes de chefs Francs, Paris, Saint-Dizier 2008, mit Ringschwertern und Runeninschrift; Svante Fischer, Jean Soulat und Teodora Linton Fischer, Sword parts and their depositional context. Symbols in Migration and Merovingian Period martial society, in: Fornvännen 108 (2013), S.  109–122; neue Literatur zu Spangenhelmen: Alain Testart, Atour du casque de Vézeronce, in: Les armes dans les eaux, hg. von Alain Testart. Collection archéologie aujourd’hui, Paris, Arles 2012, S. 227  ff., S. 230 Abb. 4 Karte; Drauschke, Handel und Geschenk (wie Anm. 69), S. 167–170 zur Herkunft der Spangenhelme. 110 Waldispühl, Schreibpraktiken (wie Anm. 104), S. 304 mit Abb. 101 (vom Gräberfeld Schretzheim sind immerhin vier Runeninschriften bekannt). 111 Dieter Quast, Kriegerdarstellungen der Merowingerzeit aus der Alamannia, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 32 (2002), S. 267–280; S. 268 Abb. 2: 1 Scheibenfibel von Pliezhausen, 3 Wolfskrieger auf der Schwertscheide von Gutenstein; Egon Wamers, Von Bären und Männern. Berserker, Bärenkämpfer und Bärenführer im frühen Mittelalter, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 37 (2009 [2010]), S. 1–46, hier S. 25  ff. mit Abb. 18.1 Gutenstein (Wolfskrieger). – Zu römischen Grabsteinen mit diesem Motiv als Vorbild zum Beispiel Ralph Häussler, s. v. Worms § 3, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 34, Berlin, New York 2007, S. 227 mit Taf. a,b.



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ger überreitet einen niedergestreckten Kämpfer, der das Pferd von unten ersticht, und ein „Sieghelfer“ auf der Kruppe des Pferdes unterstützt den Wurf der Lanze des Reiters, alles Bildsymbole, die bis nach England und Mittelschweden bekannt waren und dort auch zum Schmuck der Pressblechauflagen der Helme gehört haben. Das Vorbild mit dem niedergerittenen Feind findet sich auf römischen Grabsteinen. In Trossingen, Ldkr. Tuttlingen, lag in einem Kriegergrab des 6. Jahrhunderts eine Leier, Instrument eines Sängers, der am Herrenhof Heldenlieder vorgetragen hat, womit die adelige Kriegergesellschaft sich selbst und ihre Vorfahren verherrlichte (Abb. 9). Auf dem Schallkörper ist eine Szene eingeschnitten: Zwei Gruppen von je 12 Kriegern in zwei Reihen, ausgerüstet mit Helm, Lanze und Schild, schreiten auf eine Fahnenlanze zu, die vorderen Krieger umfassen den Lanzenschaft und scheinen wiederum eine Schwurgemeinschaft zu bilden. Auch wenn das Grundmuster mittelmeerisch-spätantiken Motiven entlehnt sein könnte, hat das Bild einen germanischalemannischen Inhalt bekommen.112 Die Kriegerprozession hin zu einer Lanze kann man durchaus vergleichen mit den Kriegerprozessionen auf Helmblechen in Gräbern aus Mittelschweden. Der Anführer, dem zahlreiche mit Schwert oder mit der Lanze bewaffnete Krieger folgen, trägt dort ein Ringschwert.113 Auf einer Gürtelschnalle von Pforzen, Kr. Ostallgäu, ist wohl mit Runen der Anfang eines germanischen Heldenepos eingeritzt; lesbar sind zwei Kriegernamen und Hinweise auf einen Kampf.114 In der ranghohen Führungsebene bestand unter den Familien anscheinend ein europaweiter Kontakt, und die Bildinhalte sind keineswegs nur „alemannisch“, sondern zeittypisch.115 Diese weite Verbindung der Elite mit anderen Regionen der alten Welt zeigen drei Scheiben, Phaleren vom Pferdegeschirr, aus einem Reitergrab der Zeit um 606 in Hüfingen auf der Baar, die jetzt – wieder vollständig, nachdem die dritte Scheibe aus Privatbesitz wieder aufgetaucht ist – zu interessanten Diskussionen über den Inhalt geführt hat. Die beiden Reiter, die ein Thronbild der Theotokos mit Kind einfassen, wurden als siegreicher Christus, als Kämpfer und Triumphator oder als Kriegerheilige interpretiert; die aus dünnem Silberblech getriebenen Scheiben sind irgendwo unter byzantinischem Einfluss im Mittelmeergebiet, vielleicht Italien, gefertigt worden und gehörten schließlich zur Ausstattung eines ranghohen Alemannen.116

112 Verschiedene Beiträge von Theune-Großkopf (wie Anm. 68). 113 Kurt Böhner, Die frühmittelalterlichen Spangenhelme und die nordischen Helme der Vendelzeit, in: Jahrbuch des RGZM 41 (1994), S. 471–549. 114 Volker Babucke und Klaus Düwel, s. v. Pforzen, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 23, Berlin, New York 2003, S. 114–118; Robert Nedoma, Noch einmal zur Runeninschrift von Pforzen, in: Alemannien und der Norden (wie Anm. 31), S. 340–370. 115 Solveig Möllenberg, Tradition und Transfer in spätgermanischer Zeit. Süddeutsches, englisches und skandinavisches Fundgut des 6. Jahrhunderts (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 76), Berlin, New York 2011. 116 Zuletzt jetzt Rainer Warland, Byzanz und die Alamannia. Zu den frühbyzantinischen Vorlagen der Hüfinger Scheiben, in: Jahrbuch für Antike und Christentum 55 (2012), S. 132–139; Gerhard Finger-

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10 Fehdewesen Die Gesellschaft der Merowingerzeit, auch im „Alemannischen“, war eine Kriegergesellschaft, neben dem alltäglichen Bauerntum, gespiegelt nicht zuletzt in der Waffenbeigabe der Gräber.117 Die Leges bringen eine Fülle von nachbarschaftlichen Kämpfen und Totschlag und entsprechende Regelungen der Buße. Die Besonderheiten des alemannischen Rechts liegen in den Wergeldsätzen, deren Höhe sich nach dem sozialen Stand des Opfers richtet und eine stärkere Differenzierung als in den anderen Rechten aufweist. Eine große Rolle spielen in den Leges auch Zweikämpfe, die einen Rechtsstreit entscheiden sollen.118 „Auf den Fortbestand von Siedlungen im Familienverband neben den Formen der Grundherrschaft wie auf eine entsprechende Gliederung des Heeres lassen Bestimmungen über einen Grenzstreit zwischen duas genealogicas […] schließen“.119 Und weiter heißt es in der Lex Alamannorum: Si quis contencio orta fuerit inter duas geneallogias de termino terre eorum, ubi nundicunt: „hic est noster terminus“, ubi de praesente sit comis de plebe illa („Wenn ein Streit entsteht zwischen zwei Sippen über die Grenze ihres Landes, wobei die einen erklären: „‚Dies ist unsere Grenze‘, so soll dort ein Graf von jenem Volk anwesend sein“) und der Zweikampf entscheidet später.120 Mehr oder weniger nachbarschaftliche Kämpfe mit tödlichem Ausgang oder schweren Verletzungen scheinen ebenfalls häufig vorgekommen zu sein, weshalb das über Bußstrafen geregelt werden sollte, um eine ständige Fortdauer von Rache zu begrenzen. Die Wergeldsätze differenzieren sorgfältig zwischen den Graden der Verletzungen, bis hin zu abgeschlagenen Beinen. Auch die Archäologie kann Stellung nehmen zu den Themen Zweikampf, Blutrache bzw. Fehde. Befunde im gesamten Bereich der südlichen Reihengräberzone, nicht nur bei den Alemannen, beschreiben Mord und Totschlag. In den Gräbern weisen zahlreiche Männer schwere Hiebverletzungen auf – an den Skeletten erkennbar –, an denen sie gestorben sind, wenn auch manche frühere Verletzungen überlebt hatten und erst nach neuem Kampf getötet wurden. Diese Spuren von Kämpfen gehen nun kaum auf Kriegszüge in der Ferne zurück, da man die Toten nicht über weite Strecken wieder in die Heimat zurückbringen konnte, um auf dem Familienfriedhof bestattet zu werden, sondern diese Kämpfe fanden nachbarschaftlich statt. In den letzten Jahrzehnten hat man zudem

lin, Die ältesten christlichen Bilder der Alamannia, in: Die Baar als Königslandschaft, hg. von Volkhard Huth und R. Johanna Regnath (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 77), Ostfildern 2010, S. 25–46. 117 Steuer, Krieger und Bauern (wie Anm. 71), S. 275–287. 118 Vgl. oben Hinweise auf die Stellen in den Leges, S. 20  f. 119 Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Leges Alamannorum, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 201–205, hier S. 204. 120 Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 146  f. (LA 81).



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bei vollständigen Ausgrabungen von Friedhöfen immer wieder größere Grabstätten mit einst hölzernen Kammern entdeckt, in denen mehrere Krieger unterschiedlichen Alters und Ranges lagen, die sichtlich gleichzeitig im Kampf gestorben sind und dann zusammen bestattet wurden, ebenfalls meist auf dem Ortsfriedhof.121 Sie sind das Abbild von Kämpfen zwischen kleinen Gruppen mit tödlichen Folgen. Zur Deutung bietet sich das Phänomen „Fehde“ an, ein kriegerisches Element der Rache, Vergeltung und der Machtauseinandersetzung, das auch in den Schriftquellen jener Epoche vielfältig überliefert ist.122 Im archäologischen Befund sind es die sogenannten „Mehrfachkriegerbestattungen“, die Beleg für Fehden sind. Wie das Wort besagt, wurden mehrere – bis zu sechs und mehr – bewaffnete Männer in einem Grab gemeinsam, also zur selben Zeit bestattet, und alle weisen an den Skeletten schwere Hiebverletzungen auf, die zum Tode geführt hatten. Bei den gemeinsamen Bestattungen von Kriegern mit schwerer Bewaffnung aus Spatha, Sax und Schild in einer Grabkammer fällt außerdem auf, dass sich die Toten oft gegenseitig umarmen, an den Händen halten oder Arm in Arm liegen, sodass der persönliche Bezug eindeutig ist. Datiert werden diese „Krieger-Mehrfachbestattungen“ vor allem in das Jahrhundert von der ersten Hälfte des 7. bis ins beginnende 8. Jahrhundert. Von gleichzeitiger Bestattung ist auszugehen und somit auch von einem gleichzeitigen Tod. Da bei modernen Grabungen häufig am Skelett die schwerwiegenden Verletzungen erkannt werden, ist vom Tod im Kampf, also von Erschlagenen auszugehen. Ausführlich sprechen auch der Pactus und die Lex Alamannorum von derartigen Fehden und führen in Bußgeld- oder Wergeldsätzen auf, wie man über materiellen Ausgleich aus dem Kreislauf von Kampf und Tod herauskommen konnte. Im Pactus Alamannorum aus dem 7.  Jahrhundert heißt es: „Wenn jemand einem anderen den Schädel bricht, sodass das Gehirn erscheint, zahle er 12  Schillinge“.123 In der jüngeren Lex Alamannorum (8. Jahrhundert) steht: „Wenn ein Freier einen Freien tötet, büße er ihn mit zweimal 80 Schillingen seinen Söhnen […] Wenn er aber keine Söhne hinterlässt und auch keine Erben hat, zahle man für ihn 200 sol.“124 Aus der Lex Alamannorum sei weiterhin zitiert: „Über das, was oft im Volke (in populo) vorzukommen pflegt. Wenn ein Streit entsteht zwischen zwei Männern entweder auf der Straße oder

121 Tobias Schneider, Mehrfachbestattungen von Männern in der Merowingerzeit, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 36 (2008 [2009]), S. 1–32. 122 Heiko Steuer, Fehde und Blutrache bei den Alamannen, in: Archäologie in Deutschland 2012, Heft 3, S. 20–25; ders., Archäologische Belege für das Fehdewesen in der Merowingerzeit, in: Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich zum 65.  Geburtstag, hg. von Uwe Ludwig und Thomas Schilp (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 62), Berlin, New York 2008, S.  343–362; ders., s. v. Totenfolge, §  5. Mehrfachbestattungen während der Merowinger- und Wikingerzeit, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 35, Berlin, New York 2007, S. 196– 208. 123 Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 52  f. Satz 1. 124 Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 134  f. (LVIII./LX.).

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im Feld und der eine den anderen tötet und danach derjenige flieht, der getötet hat, und jenes Genossen ihn verfolgen bis in sein Haus hinein mit Waffen und innerhalb des Hauses den Totschläger tötet, zahle man für ihn ein Wergeld“.125 Je nach Grad der Verletzung, vom Abschlagen eines Fingers bis zum Totschlag, werden in Solidus- oder Schilling-Angaben als Wertmaß diese Bußgeldsätze genannt, die auch in Vieh, Land oder sonstigen Gütern beglichen werden konnten, da Münzen – wie erläutert – selbst nicht ausreichend vorhanden waren. Gewalt war alltäglich; auch zum Schutz von Frauen wurden derartige Bußsätze aufgeführt, woraus zu schließen ist, was alles anscheinend damals vorkam, vom Raub über Vergewaltigung bis zur Tötung. Und in den Gräbern mit mehreren Kriegern sind auch schwer bewaffnete Frauen dabei, wofür es ebenfalls in der Schriftüberlieferung Belege gibt.126 Mit klarer Zielsetzung heißt der Titel einer Publikation von J.P. Bodmer aus dem Jahr 1957:127„Der Krieger der Merowingerzeit und seine Welt. Eine Studie über Kriegertum als Form der menschlichen Existenz im Frühmittelalter“. Den Stellenwert des Kriegertums schildern Bildüberlieferungen, die ich genannt habe. Allein die weit verbreitete Beigabe von Waffen in den Gräbern betont die Wertschätzung des Kriegerischen, die noch bei der Beerdigung öffentlich gezeigt wurde und damit anhand der Ausstattung zugleich auch Rang ausdrücken wollte. Höchst qualitätvolle Hiebwaffen, die nicht vom Dorfschmied gefertigt wurden, gelangten auch in kleinen, anscheinend abgelegenen Dörfern in den Besitz der Bauernkrieger. Sie wurden sicherlich nicht „gekauft“, sondern vom Kriegsherrn verliehen, der sie in zentralen Werkstätten herstellen ließ. Die gesamte Gesellschaft war kriegerisch ausgerichtet. Im frühen Mittelalter konnten nur Freie eine Fehde führen. Untaten von Unfreien, also Abhängigen, wurden dem jeweiligen Herrn zugerechnet, und dieser hatte das Problem zu lösen. Keine Obrigkeit wollte und konnte jedoch auf die Dauer zulassen, dass die Gefolgsleute und Krieger eigenmächtig Kleinkriege führten. Durch die Leges versuchte man, das Problem zu lösen. Fehden entwickelten sich aus familiären Streitigkeiten um Besitz und Ehre und wandelten sich dann zur Blutrache, die zu ständigen Kämpfen mit Toten und Verletzten führte und sich über Jahre hinziehen konnte. An Fehde und Rache waren alle Familienangehörigen beteiligt, Männer, Knaben und auch Frauen. Die Vielzahl der Paragraphen bestätigt, dass im 6. bis 9. Jahrhundert Mord und Totschlag, also auch Fehde und Blutrache, regelhaft vorkamen, was empfindlichen Schaden für die Gemeinschaft bedeutete. Kinder und auch Frauen waren im Kampf geübt. In Lauchheim Grab 450 der Zeit um 600 lag ein 6 bis 8-jähriger Knabe mit Spatha und Sax, Lanze und Schild sowie

125 Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 114–117 (XLIII/XLIV,1). 126 Vgl. Anm. 132–133 sowie Nachtrag S. 59. 127 Jean-Pierre Bodmer, Der Krieger der Merowingerzeit und seine Welt. Eine Studie über Kriegertum als Form der menschlichen Existenz im Frühmittealter, Zürich 1957.



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kostbarem mehrteiligem Gürtel  – übrigens mit christlicher Kreuz-Zier.128 In einem Grab bei Inzighofen, Kreis Sigmaringen, wurden um 700 drei männliche Tote gemeinsam bestattet, fernab der Siedlungen auf einer einsamen Felskuppe über der Donau, die in älterer Zeit als Kultplatz diente. Jeweils mehrere schwere Hieb- und Stichverletzungen mit verschiedenen Waffen zeigen, dass alle drei Reiter im Kampf zu Tode gekommen waren, vielleicht ein Vater mit seinen beiden Söhnen, einer davon nur acht bis neun Jahre alt.129 Auf dem kleinen Gräberfeld von Inningen, Stadt Augsburg, wurde ein Vierergrab (Grab 2) entdeckt, es datiert in die erste Hälfte bis Mitte des 7. Jahrhunderts. Die vier Krieger hatte man gemeinsam in einer großen Holzkammer beigesetzt. Drei waren mit Sax und Spatha bewaffnet. Der vierte, nördlich am Rand liegende Mann trug nur einen Sax, doch außerdem zwei Lanzen.130 Er war kleiner und jünger als die anderen drei. Alle waren im Kampf erschlagen, bei einem war ein Bein durchgehackt.131 Überliefert ist in anderen Leges, also nicht in den alemannischen Gesetzen, dass auch Frauen an Fehden beteiligt waren. Doch wird das auch für die Alamannia gelten, wie es eben auch archäologische Funde belegen.132 In der Lex Baiuvariorum heißt es: „Wenn bei ihren Frauen aber sich etwas von diesen Geschehnissen ereignet, werde alles doppelt gebüßt. Weil eine Frau sich mit der Waffe nicht verteidigen kann, erhalte sie doppelte Buße. Wenn sie aber aus der Kühnheit ihres Herzens heraus wie ein Mann kämpfen will, soll ihre Buße nicht doppelt sein“ (c. 29). Im Edictus Rothari (643 unter dem Langobardenkönig Rothari aufgeschrieben) ist ausführlicher zu lesen: „Läuft eine freie Frau bei Händeln, wo sich Männer streiten, hinzu und holt sich (dort) eine Wunde oder einen Hieb, oder wird sie (zur Erde) gestoßen oder (gar) getötet, so schätzt man sie nach ihrem Rang und büßt es so, wie wenn’s des Weibes Bruder widerfahren wäre. Denn jene andere Buße, die für ihre Schmach (verfiele)  – wofür man (ihr) 900 Solidi/Schillinge zusprechen würde – kann man nicht einklagen, dieweil sie selbst zum Streit hinzugelaufen ist; für Frauen ein unehrbares Tun“ (c. 378). Jüngste aDNA-Analysen haben nun tatsächlich gezeigt, dass unter den Kriegern in Mehrfachbestattungen auch Frauen zu finden sind und dass es tatsächlich im Grab Frauen mit

128 Ingo Stork, Friedhof und Dorf, Herrenhof und Adelsgrab. Der einmalige Befund Lauchheim, in: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (wie Anm. 3), S. 290–310, hier S. 294 Abb. 313 a,b. 129 Steuer, Archäologische Belege (wie Anm. 122), S. 349  ff. mit Abb. 2 a,b (Inzighofen). 130 Steuer, Archäologische Belege (wie Anm. 122), S. 351  ff. mit Abb. 3 (Inningen) 131 Zum Beispiel Schott, Lex (wie Anm. 5), S. 134  f. (LV./LVII.68) „Wenn er aber oben am Schenkel abgeschlagen wird und er bleibt am Leben, büße man mit 80 Schillingen, solidis“; S. 152  f. (LXXXVII,1) „Wenn der Schenkel bei einem freien Mann abgehauen wird, büße man mit 80 Schillingen, solidis“. 132 Eva Schumann, Göttingen, hat mich dankenswerterweise darauf hingewiesen: Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911. II. Alemannen und Bayern, hg. von Karl August Eckhardt, Weimar 1934, S. 108  f. Lex Baiuvariorum (c. 29); Die Gesetze der Langobarden, übertr. und bearb. von Franz Beyerle, Weimar 1947, S. 152  f. Editus Rothari, c. 378.

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Waffen gibt.133 Eine Fehde ist nicht Sache des Einzelnen, sondern der gesamten Verwandtschaft und ihrer Freunde; die Buße konnte wegen ihrer Höhe meist ein einzelner freier Mann auch gar nicht aufbringen, sondern war auf Haftung der Verwandten zugeschnitten. Die Quellen der Merowingerzeit lassen erkennen, dass es sich bei den Fehdeführenden immer um die „besseren Leute“, um homines potentes, handelt. Die Fehde gehörte zum Lebensstil der Elite, des ranghohen freien Kriegers, der von freien Gefolgsleuten und Knechten begleitet sein konnte, entsprechend dem kriegerischen Charakter jener Epoche; und sie lebten in den Dörfern.

11 Abschließende These(n) Die Gesellschaft und der Alltag der Merowingerzeit, die sich in einem Ausschnitt, nämlich der Verbreitung der Reihengräbersitte einer Übergangsgesellschaft, im archäologischen Fundspektrum recht ausführlich spiegeln, und auch inzwischen in den häufiger großflächig ausgegrabenen Siedlungen, kann sonst nur aus der kargen Schriftüberlieferung erschlossen werden; denn auch die Leges bringen nur Tatbestände, die bei Unstimmigkeiten geregelt werden mussten. Fixiert auf das anscheinend klar zu umreißende Gebiet eines Großstammes wie die Alamanni kann man beschreiben, was dort an Siedlungen und Gräberfeldern erforscht worden ist und findet anscheinend auch Übereinstimmungen mit der historischen Überlieferung, nicht zuletzt in den Leges Alamannorum. Das ist aber nur als Scheinergebnis zu beschreiben, weil man von einer anscheinend bekannten Alamannia mit klaren Grenzen ausgeht. Blickt man auf das Sachgut und die Kartierungen aller dieser verschiedenen Objekte, auch auf die Grabsitten selbst, mit Besonderheiten wie Kreisgräben, Grabhügeln oder Kammergräbern, dann könnte man die unterschiedlichsten Räume umschreiben, verschiedene Verdichtungen der Funde (und damit andere Zentren), die sichtlich nichts mit einem der Stammesverbände, auch nicht mit den Alamanni zu tun haben, sondern eher engere Nachbarschaften innerhalb einer Alamannia erkennen lassen, frühe Grundherrschaften, den Zusammenschluss von Familienverbänden, die genealogiae, von denen auch die Verteilung der Sachgüter, wie Waffen und Schmuck ausgeht, in einer Gesellschaft noch ohne Märkte und frühstädtische Plätze. Eine erstaunliche Mobilität, Weltoffenheit sowie Kampf und Krieg sind Eigenschaften dieser Epoche zwischen Antike und Mittelalter, und wir verstehen die damaligen Lebensumstände erst, wenn wir sie nicht nur mit der ländlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts vergleichen. Deren Söhne mussten

133 Monika Zeller, Molekularbiologische Geschlechts- und Verwandtschafts-Bestimmung in historischen Skeletten, rer. nat. Diss., Tübingen 2000, S. 39 (Internet-Veröffentlichung). Der Befund von Niederstotzingen konnte aber nicht bestätigt werden.



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zwar auch immer wieder in den Krieg ziehen. Aber die Bewohner der Bauernhöfe der Neuzeit waren meist wesentlich weltferner als die der Merowingerzeit, was auch als „Geschichtslosigkeit des Bauerntums“ bezeichnet wird. Das richtige Verständnis gewinnt man also erst dann, wenn man sich von der verbreiteten Ansicht der Historiker löst, dass Adel, Grundherrschaft und Eigenkirche sowie auch das Dorf erst Realität werden, wenn sie in der schriftlichen Überlieferung erscheinen, und sich vom archäologischen Befund belehren lässt, dass diese gesellschaftlichen Strukturen durchaus deutlich frühere Wurzeln gehabt haben.134 Die Archäologie kann nach meiner Auffassung also nur einen weit verbreiteten Lebensstil und das allgemeine Verhalten der damaligen Bevölkerung beschreiben, aber keine Grenzen der Alamannia und keine speziellen Sitten und Gebräuche nur der Alemannen, was u.  U. eher anhand der Leges möglich ist. Das heißt auch: aus der Sicht der Archäologie ist die Alamannia nur eine Konstruktion, die ihre scheinbaren Grenzen aus anderen Wissenschaften übernommen hat, die sich dann aber wiederum auf die Archäologie gestützt haben. Aber die Beschreibung des alltäglichen Lebens gelingt ebenfalls nur, wenn man die Aussagen sämtlicher Leges zusammensieht; auch dabei kann man kaum eindeutig etwas nur für eine Alamannia Gültiges herausfinden. Damit wird wieder deutlich, dass beide Quellengruppen, Leges wie Archäologisches, einen weiträumig gleichartigen Lebensstil einer Epoche, des 6. bis 8. Jahrhunderts, beschreiben. Das typische „Alemannische“ in einer Alamannia ist nur auf anderen Ebenen zu fassen, auf der territorial- und machtpolitischen Ebene und auf der Ebene der hierarchisch strukturierten Personenverbände, die durch Zuordnung entstanden, völlig unabhängig von der Ausstattung mit Sachgütern oder der Siedlungsform.

12 Nachtrag (zu S. 56 ff. mit Anm. 126 und 133) Wieder einmal hat sich gezeigt, dass die Archäologie doch sehr vorsichtig bei der Interpretation ihrer Befunde sein sollte, wenn sie neue Methoden, Ergebnisse und Daten der Naturwissenschaften zur Deutung heranziehen will.135 Vor einigen Jahren hat die aDNA-Analyse einiger Toter, die eine schwere Waffenausrüstung als Grabbeigaben mitbekommen hatten, aber vom Körperbau durch Anthropologen als möglicherweise weiblich bestimmt worden sind, diese auch als Frauen bestätigt. Dazu gehört z. B. von den Bestattungen in Grab 3a–c von Niederstotzingen das Skelett 3c.136

134 Dazu Steuer, Archäologie und Geschichte (wie Anm. 73). 135 Stefanie Samida und Manfred K. H. Eggert, Archäologie als Naturwissenschaft? Eine Streitschrift. Pamphletliteratur 5 (Berlin ²2013). 136 Rotraud Wolf, Das alamannische Adelsgräberfeld von Niederstotzingen, Kreis Heidenheim, in: Meilensteine der Archäologie in Baden-Württemberg. Ausgrabungen aus 50 Jahren, hg. von Dieter

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 Heiko Steuer

Dass Frauen bei Fehden beteiligt waren, ist den im Beitrag zitierten Schriftquellen zu entnehmen, und das bleibt als Aussage bestehen. Aber inzwischen wurden die zuvor analysierten Skelette und zusätzlich weitere, die trotz der Waffenbeigabe weiblich sein könnten, erneut eine aDNA-Analyse unterzogen. Das Ergebnis ist nun anscheinend eindeutig: es gibt kein einziges Grab, in der eine bewaffnete Frau bestattet worden war.137

Planck, Dirk Krausse und Rotraut Wolf, Darmstadt 2013, 53–55, mit dem erstmaligen Hinweis auf die neuen aDNA-Ergebnisse. 137 Tobias Gärtner, Female warriors and ‚cross-dressing’ in early medieval Bavaria? Kriegerinnen und ‘Cross-dressing’ im frühmittelalterlichen Bayern, in: Archeologické Rozhledy 69, 2017, 109–120; ders. et al., Frühmittelalterliche Frauen in Waffen? Divergenzen zwischen der archäologischen und anthropologischen Geschlechtsansprache. Bayerische Vorgeschichtsblätter 79, 2014, 219–240.

Dieter Geuenich

Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen im 7. und frühen 8. Jahrhundert Jörg Jarnut zum 75. Geburtstag am 1. März 2017 gewidmet

Gemäß dem Untertitel der Tagung „Das frühe Mittelalter im interdisziplinären Gespräch“ wird in dieser Einführung nicht nur die Geschichte der Alamannia im 7. und frühen 8.  Jahrhundert in den Blick genommen, sondern auch die Sprache und die räumliche Ausdehnung der Alemannen, soweit dazu Aussagen möglich sind. Während die Schriftquellen kaum verwertbare Aussagen zur Bestimmung der Grenzen des alemannischen Territoriums bieten, sind von der Sprachwissenschaft und der Dialektgeografie, die sich mit der Verbreitung und den Isoglossen der „alemannischen“ Sprache, mit ihren Binnen- und Außengrenzen also, befassen, und von der Archäologie, die den Anspruch erhebt – oder jedenfalls lange Zeit erhoben hat1 –, auf Grund der Ausstattung und der Beigaben alemannische Gräber von nicht-alemannischen unterscheiden zu können, grundsätzlich eher Hinweise auf den Raum und auch entsprechende Verbreitungskarten zu erwarten als von den Historikern. Denn die Schriftquellen, die von den Alemannen aus der Zeit des 7. und frühen 8. Jahrhundert überliefert sind – also konkret von Herzog Uncelenus um 600 bis zur Vertreibung des letzten Alemannenherzogs Theudebald nach dem Gerichtstag zu Cannstatt 746 –, erlauben, wie gesagt, kaum Aussagen über den Raum und die Eingrenzung der Alamannia. Die Grenzen des alemannischen Territoriums sind aber, da sie zugleich die Grenzen des Geltungsbereiches des alemannischen Rechts gewesen sein dürften, für unser Thema „Alemannisches Recht und alltägliches Leben“ von zentraler Bedeutung. Allerdings wird im Folgenden nicht mehr möglich sein, als den bisherigen Forschungsstand zur Geschichte, zur Sprache und zum Raum der Alemannen in dieser quellenarmen Zeit vor dem Einsetzen einer breiteren Überlieferung von Urkunden, Annalen und Chroniken zu skizzieren und kritisch zu beleuchten. Dementsprechend geht es vor allem um die kritische Analyse der Methoden, – also um die Fragen, wie man den Stamm (gens) oder das Volk (populus) der Alemannen2 bestimmen und von anderen Stämmen oder Völkern abgrenzen kann, wie gesicherte Aussagen über

1 Dazu unten S. 62–64. 2 Vgl. dazu Dieter Geuenich, Geschichte der Alemannen, 2. Auflage Stuttgart 2005, S. 10  f. Allgemein: Bernd Schneidmüller, Völker – Stämme – Herzogtümer? Von der Vielfalt der Ethnogenesen im ostfränkischen Reich, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 108 (2000), S. 31–47.

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 Dieter Geuenich

deren Sprache und räumliche Ausdehnung im 7. und frühen 8. Jahrhundert getroffen werden können.

1 Zum Problem der kartografischen Erfassung der Alamannia Nahezu alle Karten, die den alemannischen Raum darstellen und auch von den Historikern benutzt werden, sind sprachgeografisch beziehungsweise dialektgeografisch begründet3 oder beruhen auf einer Kartierung der Ortsnamentypen.4 Die Versuche der Historiker, auf Grund der spärlichen Schriftquellen, die allesamt keine gesicherten Aussagen zur geografischen Verbreitung der Alemannen und zum durch das alemannische Herzogtum erfassten Territorium erlauben, müssen als gescheitert angesehen werden.5 Deshalb soll auch der Beitrag, den – nach Meinung vieler Historiker6 – die Ortsnamenkunde und Sprachwissenschaft erbringen kann, in den Blick genommen werden.

3 Vgl. etwa die Karten 1 „Einteilung der deutschen Dialektlandschaften“ und 10, 11, 12 „Einteilung des Alemannischen nach Maurer 1942, Bohnenberger 1924, Steger Jakob 1983“, in: Hubert Klausmann, Konrad Kunze und Renate Schrambke, Kleiner Dialektatlas. Alemannisch und Schwäbisch (Themen der Landeskunde. Veröffentlichungsreihe aus dem Alemannischen Institut Freiburg im Breisgau 6), 3. durchgesehene und ergänzte Auflage, Bühl/Baden 1997, S. 16 und 30. 4 Vgl. Michael Gockel, Die Siedlungsnamentypen  I und II. Erläuterungen zu Karte 28, a–b des Geschichtlichen Atlas von Hessen, bearbeitet von Friedhelm Debus und Barbara Haarberg, Lieferung 5, Marburg 1962: „Die von Arnold vertretene Auffassung, aus der Verbreitung bestimmter Ortsnamengruppen könne die Siedlung und Bewegung germanischer Stämme unmittelbar abgelesen werden, hat sich zwar als unhaltbar herausgestellt. Die dieser These zugrundeliegende Erkenntnis, daß einzelne Siedlungsnamentypen in bestimmten Epochen gehäuft auftreten und sich demnach im Ortsnamenbild einer Landschaft verschiedene Siedlungsschichten erkennen lassen, gilt inzwischen jedoch als gesichert“. 5 Zwangsläufig unbefriedigend musste der Versuch namhafter Historiker bleiben, „das merowingische Herzogtum Alemannien (Ducatus Alemanniae)“ für die Zeit des 6. bis 8. Jahrhunderts in einer Karte darzustellen: Historischer Atlas von Baden-Württemberg, Karte 5, 1, hg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Redaktion Joseph Kerkhoff aufgrund von Vorarbeiten von Gerd Friedrich Nüske in Verbindung mit Karl Ferdinand Werner, mit einem Beiwort von Meinrad Schaab und Karl Ferdinand Werner, mit einem Beitrag von Otto P. Clavadetscher, Stuttgart 1988. Denn im Beiwort konstatiert Schaab selbst, dass die kartierten Räume „in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlichen Zeitstufen alemannisch wurden. Überdies war der alemannisch besiedelte Raum politisch nie eine Einheit“ (Beiwort, S. 1). Zudem ist der Terminus ducatus Alamanniae für die Merowingerzeit noch nicht bezeugt, sondern erst für die Karolingerzeit: Vgl. Thomas Zotz, Ethnogenese und Herzogtum in Alemannien (9.–11. Jahrhundert), in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 108 (2000) S. 48–66, hier, S. 54. 6 So ist nach Auffassung von Schaab im Beiwort (wie Anm. 5), S. 2 „die schriftliche Überlieferung so spärlich, daß die Grundlagen in Siedlung, Besitz- und Kirchengeschichte, auf denen auch die poli-



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Den Beitrag, den die Archäologie zum Thema der räumlichen Ausdehnung der Alamannia zu leisten vermag, hat Heiko Steuer im vorangehenden Beitrag kritisch beleuchtet.7 Grundsätzlich wäre die Kartierung der Gräber mit „alemannischen“ Beigaben  – und die Grenzziehung zu den umliegenden Regionen mit nicht-alemannischen Grabbeigaben, also: Grabstätten mit bayrischen, fränkischen, romanischen usw. Beigaben oder Bestattungssitten – der sicherste Weg, den Raum der Alamannia zu bestimmen, wenn man verlässlich sagen könnte, was alemannische Beigaben oder Bestattungsformen sind und worin sie sich von nicht-alemannischen Beigaben oder Bestattungsformen unterscheiden. Ähnliches gilt für archäologisch ermittelte, ethnisch signifikante Siedlungsreste, Haus- und Hofformen usw. Allerdings scheint die Grenzziehung, wie sie beispielsweise in der Karte des Archäologen Rainer Christlein „Alamannia um 600“ vorgenommen ist (Abb. 1),8 eher auf historischen und sprachgeografischen Kriterien zu beruhen als auf Grabfunden, wie schon der Archäologe Frank Siegmund kritisch angemerkt hat.9 Dieses Bild der Ausdehnung der Alamannia vom Elsass bis an den Lech und vom Flusslauf der Oos bis zur Nordschweiz mit erstaunlich klaren Grenzlinien wird von Archäologen, Sprachwissenschaftlern und Historikern in zahlreichen Publikationen oft stillschweigend übernommen,10 wobei man offensichtlich davon ausgeht, dass es von den jeweils anderen Disziplinen erarbeitet worden sei: von der Sprachwissenschaft auf Grund alter Sprachgrenzen, von den Historikern etwa auf Grund der Beschreibung der Diözesan­grenzen des Bistums Konstanz aus dem 12. Jahrhundert11 und von den Archäologen auf Grund der Auswertung von Grabfunden und Grabbeigaben. Dementsprechend hat der Archäologe Siegmund die Karte „Alamannia um 600“ von Christ-

tische Erfassung des Raumes aufbaute, nur mit Hilfe der Archäologie und der Ortsnamenkunde (vgl. Karten III, 6 bis IV, 3) darstellbar sind.“ 7 Der (Abend-)Vortrag von Heiko Steuer, Die Alamannia vom 6. bis 8. Jahrhundert aus der Sicht der Archäologie (in diesem Band, S. 9–60) folgte während der Tagung dem Vortrag des Verf. 8 Rainer Christlein, Die Alamannen. Archäologie eines lebendigen Volkes, 2. Auflage Stuttgart, Aalen 1978, S. 23, Abb. 8, e. 9 Frank Siegmund, Alemannen und Franken (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 23), Berlin, New York 2000, S.  5, Anm.  6: „[Christleins] Abb.  8e („Alamannia um 600“) spiegelt die vermuteten Grenzen des Bistums Konstanz wider“. 10 Zuletzt: Hans-Georg Wehling, Zur Geschichte von Baden-Württemberg, in: Baden-Württemberg. Zwischen Rhein und Iller, Stuttgart [2012], S. 7–91, S. 8: „Die Mundartgrenze zwischen fränkischem und alemannischem Dialekt entlang einer von West nach Ost verlaufenden Linie vom Oos-, Murgund Nagoldtal bis zum Neckar südlich von Heilbronn […] bewahrte ungefähr die alten Stammesgrenzen. […] Von besonderer Bedeutung war die Neugründung des Bistums Konstanz um 600: […] Von der Innerschweiz bis nördlich von Stuttgart, von Breisach bis nach Ulm umfasste es einen Großteil des heutigen Baden-Württemberg“. 11 Vgl. die Karte 4 „Grenzen des Bistums Konstanz“, in: Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm.  2) S.  101, übernommen aus: Südbaden, hg. von Alexander Schweickert (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs 19), Stuttgart 1992, S. 51. – Zur Kritik an der Interpretation der Bistumsgrenzen als alte „Stammesgrenzen“ ebd., S. 100–103.

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Abb. 1: Karte der „Alamannia um 600“, aus: Christlein, Die Alamannen (wie Anm. 8) S. 23, Abb. 8e.

lein als nicht auf archäologischen Zeugnissen basierend kritisiert und dieser eine eigene Karte entgegengestellt, in der die ethnischen Zuweisungen im Titel archäologischer Publikationen maßgeblich sind.12 Wenn in diesen Publikationen allerdings „Kriterien zur archäologischen Unterscheidung etwa von Alemannen und Franken“ fehlen, und Angaben über deren Siedlungsgebiete der schriftlichen Überlieferung entnommen werden, ist der Zirkelschluss offenkundig. Dennoch scheint die archäologische Methode der Erfassung und Abgrenzung von Räumen, wenn sie sich auf Unterscheidungsmerkmale in den Sachzeugnissen stützt, objektiver zu sein als die Auswertung historiografischer Quellen, dialektgeografischer Befunde oder der Verbreitung bestimmter Ortsnamentypen. Wenn sich auch archäologische Hinterlassenschaften entgegen der früheren Forschungsmeinung

12 Siegmund (wie Anm. 9), S. 4, Abb. 1. – Nach Siegmund (S. 4  f.) „sucht man allerdings häufig vergeblich nach der Begründung für eine vorgenommene ethnische Zuweisung“, und man findet „nur wenige und ungenaue Angabe über Versuche bzw. Kriterien zur Unterscheidung etwa von Alemannen und Franken; ihre Siedlungsgebiete werden, wenn überhaupt, offenbar aufgrund der schriftlichen Überlieferung umrissen“.



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nicht ethnisch zuordnen lassen,13 so könnten sich doch Regionen mit bestimmten Grabbeigaben (Kleidung, Waffen, Schmuck, Keramik), mit spezifischen Siedlungs-, Haus- oder Hofformen zu erkennen geben und von anderen abgrenzen, was zumindest auf Verkehrs- und Handelsgemeinschaften hinweisen würde.14 Die Frage, welchen Beitrag die Sprachwissenschaft zur Bestimmung und Abgrenzung des alemannischen (Sprach-)Raums leisten kann, wird am Ende des Beitrags noch angesprochen werden. Zunächst sollen die wenigen Schriftquellen in den Blick genommen werden, um zu erfahren, was von den Schriftstellern über die Alemannen und ihr „Stammesgebiet“ im 7. und frühen 8. Jahrhundert berichtet wird. Allerdings erfahren wir in der schriftlichen Überlieferung meist nur dann etwas über die Alemannen, wenn sie an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt sind: so beispielsweise 610 in der Schlacht bei Wangas15 (in der Nähe von Bern?) und beim Einfall in den Gau von Avenches,16 631 beim Feldzug Dagoberts  I. gegen den Slawenfürsten Samo,17 725, als Karl Martell den Rhein überquerte und die Alemannen besiegte,18 744, als Pippin der Jüngere den Alemannenherzog Theudebald aus einer Festung in den „Alpen“ (ab obsidione Alpium) vertrieb und dadurch „den Dukat

13 Vgl. etwa Gustaf Kossinna, Die Herkunft der Germanen. Zur Methode der Siedlungsarchäologie (Mannus-Bibliothek 6), Würzburg 1911, S.  3: „Scharf umgrenzte archäologische Kulturprovinzen decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen“. 14 So betont Sebastian Brather, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie, in: Germania 78 (2000), S. 139–177, S. 176, dass „nach alternativen Erklärungen anstelle einseitig ‚ethnisch‘ fixierter Interpretationen zu fragen“ sei. Vgl. ders., Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 42), Berlin, New York 2004, besonders S.  630  f., und bereits Heiko Steuer, Theorien zur Herkunft und Entstehung der Alemannen. Archäologische Forschungsansätze, in: Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97), hg. von Dieter Geuenich (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 19), Berlin, New York 1998, S. 270–324, S. 289: „Die Kartierung von Typen des Schmucks oder der Waffen allein gibt kaum sichere Hinweise auf geschlossene Bevölkerungsgruppierungen, auch wenn sie zusammenhängende Wirtschafts- und Verkehrsräume umschreiben hilft. […] auch Bestattungssitten erlauben keinen direkten Schluß auf ethnische Einheiten“. 15 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scholasatici Libri IV cum Continuationibus, hg. von Bruno Krusch, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Merovingicarum 2, Hannover 1888, IV, 37. S. 138 (Zeile 17  f. mit Anm. 6): falange Wangas iungunt ad prelium. Alamanni Transioranus superant. Zum Schlachtort: Édouard Tièche, Fredegars Notiz über die Schlacht bei Wangen, in: Museum Helveticum 6, 1949, S. 12 mit Anm. 39. 16 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 37: Alamanni in pago Aneticense Ultra­ iurano hostiliter ingressi sunt. 17 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 68, S. 155 (Zeile 5  f.) Alamannorum exercitus cum Crodoberto duci […] victuriam optenuit. 18 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), Continuationes 12, S. 175 (Zeile 4  f.): [Carlus princeps] Renum fluvium transit Alamannosque et Suavos lustrat, usque ad Danubium peraccessit.

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dieser Gegend zurückeroberte“.19 Zur Ermittlung des Territoriums und der Grenzen der Alamannia trägt die Kartierung dieser Schlachtorte (Bern, Avenches, Mähren, Rhein, Alpen/Vogesen) nichts bei. Die Auffassung, dass die Schlachten, an denen Heeresaufgebote der Alemannen beteiligt waren, etwas über den von ihnen beanspruchten oder beherrschten Raum aussagen, ist ein Trugschluss, auf dem die meisten kartografischen Darstellungen der Alamannia des 5. bis 8. Jahrhunderts aufbauen. Denn in kriegerische Auseinandersetzungen waren die Alemannen oder als Alamanni bezeichnete Heereskontingente auf Beutezügen auch fernab ihrer vermuteten Siedlungsgebiete und Wohnsitze verwickelt. So hat es eine Alamannia, die sich von Passau im Osten bis Troyes (an der Seine) im Westen erstreckte, wie sie beispielsweise in der Wikipedia-Karte „Zentraleuropa Ende des 5. Jahrhunderts“ dargestellt ist,20 nie gegeben. Grundlage der Darstellung eines alemannischen Territoriums von dieser gewaltigen Ausdehnung ist offensichtlich die Erwähnung eines rex Alamannorum Gibuldus in der Vita des Abtes Severin († 482) und eines rex Alamannorum Gebavultus in der Vita des Bischofs Lupus von Troyes († 478).21 Auf Grund der Annahme, dass die Namen Gibuld und Gebavult ein und dieselbe Person bezeichnen,22 nämlich einen Alemannenkönig, der in den siebziger Jahren des 5. Jahrhunderts einerseits mit Severin von Noricum und andererseits mit Lupus von Troyes verhandelt habe, erstreckt sich die Alamannia im erwähnten Kartenbild von Bayern bis zur Champagne. Es ist hier nicht erforderlich, die oft diskutierte Frage zu erörtern, ob es sich bei Gibuld und Gebavult um ein und dieselbe Person handelt oder ob sie vielleicht „der gleichen Königssippe angehört[en], aber

19 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), Continuationes 27, S. 180  f.: rebellante Theudebaldo […] Pippinus cum virtute exercitus sui ab obsidione Alpium turpiter expulit fugientem; revocatoque sibi eiusdem loci ducato, victor ad propria remeavit. Zur Lokalisierung der Alpes (Vogesen?) Dieter Geuenich, „… noluerunt obtemperare ducibus Franchorum“. Zur bayerisch–alemannischen Opposition gegen die karolingischen Hausmeier, in: Der Dynastiewechsel von 751, hg. von Matthias Becher und Jörg Jarnut, Paderborn 2003, 129–143, hier S. 140–143. 20 Karte: Central Europe End 5th Century German, in: Wikipedia Commons (4. 6. 2013). 21 Eugippius, Vita S. Severini, hg. von Theodor Mommsen, in: Monumenta Germaniae Historica. Auctores antiquissimi, I, 2, XIX, S. 17, 32–18,1; Vita Lupi episcopi Trecensis, hg. von Bruno Krusch, in: Monumenta Germaniae Historica rerum Merovingicarum 7, Hannover, Leipzig 1920, cap. 10, S. 300  f. 22 So Karl Ferdinand Werner, Alemannien und die fränkische Zentralgewalt (5.–8. Jahrhundert), in: Beiwort zu Karte V, 1 (wie Anm. 5) S. 5; Helmut Castritius, Von politischer Vielfalt zur Einheit. Zu den Ethnogenesen der Alemannen, in: Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern, Teil 1, hg. von Herwig Wolfram und Walter Pohl (Österreichische Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse, Denkschriften 201), Wien 1990, S. 71–84, hier S. 83  f.; Dietrich Claude, Zu Fragen des alemannischen Königtums an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 45 (1995) S. 1–16, hier S. 10. Vgl. auch Hagen Keller, Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt, in: Die Franken und die Alemannen (wie Anm. 14), S.  590  f., und zuletzt: Dieter Geuenich, s. v. Gibuld (Gebavult), in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 12, Berlin, New York 1998, S. 69–71.



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trotz gleichen Namens verschiedene Personen“ waren.23 Denn selbst die Annahme eines identischen Alemannenkönigs Gebavult=Gibuld, der in den siebziger Jahren des 5. Jahrhunderts einmal vor den Toren von Passau und ein andermal in der Nähe von Troyes bezeugt ist, muss nicht zwingend dahingehend interpretiert werden, dass er als alemannischer Großkönig vom Zusammenfluss der Donau, Inn und Ilz bis zur Seine geherrscht habe. Raub- und Beutezüge führten die reges genannten Heerführer alemannischer Verbände oftmals in weit entfernte Gegenden, ohne dass man diese Operationen als Grenz- oder Expansionskämpfe eines alemannischen Gesamtkönigs an den Grenzen der Alamannia verstehen muss.24 Auch für die späteren Jahrhunderte ergeben sich aus den Schriftquellen keine verwertbaren Hinweise auf das Territorium, das die Alemannen für sich beanspruchten, beziehungsweise ihnen von den Merowingern zugestanden wurde. Mit dem Blick auf die schriftliche Überlieferung zum 6. bis 8. Jahrhundert hat Meinrad Schaab festgestellt: „Nur für den Bereich der Zuständigkeit des alemannischen dux hat sich der Alemannenname erhalten.“25 Dementsprechend enthält der Historische Atlas von Baden-Württemberg keine Karte der Alamannia, sondern stattdessen „eine kartographische Zusammenschau wesentlicher Faktoren des ‚Herzogtums Alemannien‘“, in der „die bis 750 (spätestens bis 850) belegten Elemente staatlicher und kirchlicher Organisation sichtbar“ gemacht sind.26 Folglich wird in der Karte (V, 1) „Das merowingische Herzogtum Alemannien (Ducatus Alemanniae)“ auf die Wiedergabe politischer Grenzen bewusst verzichtet; eingetragen sind lediglich Kirchenprovinz- und Diözesangrenzen. Da die Schriftquellen nichts über die Wohnsitze der Alemannen, über den Raum und die Grenzen der Alamannia berichten, bleibt dem Historiker nichts Anderes übrig, als nach den wenigen, in der schriftlichen Überlieferung bezeugten duces Alamannorum, nach ihren Sitzen und ihren Herrschaftsbereichen zu fragen. Wenn derjenige als Alemanne galt, der „nach alemannischem Recht lebte“, und die Geltung des alemannischen Rechts „auf die Bewohner des merowingischen Dukats Alemannien begrenzt“ war,27 dann muss die Suche nach dem Wirkungs- und Geltungsbereich des dux Alamannorum ein zentrales Anliegen der Tagung über „Alemannisches Recht und alltägliches Leben“ sein.

23 Eugen Ewig, Bemerkungen zur Vita des Bischofs Lupus von Troyes, in: Geschichtsschreibung und geistiges Leben im Mittelalter. Festschrift für Heinz Löwe zum 65. Geburtstag, hg. von Karl Hauck und Hubert Mordek, Köln, Wien 1978, S. 14–26, hier S. 22. 24 Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm.  2), S.  75; ders., s. v. Gibuld (Gebavult) (wie Anm. 22), S. 70. 25 Schaab, Beiwort zu V,1 (wie Anm. 5), S. 8. 26 Schaab, Beiwort zu V, 1 (wie Anm. 5), S. 1. 27 Werner, Beiwort zu V, 1 (wie Anm. 5), S. 4.

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2 Die Geschichte der Alemannen/Alamannia unter den Herzögen 600–746 Anhaltspunkte für die politischen Strukturen, die Herrschaftsverhältnisse und das alltägliche Leben im sogenannten „Inneralemannien“ gewähren uns die Schriftquellen für das 7. Jahrhundert nicht. Wir wissen nicht, ob und inwieweit die Bestimmungen des Pactus oder der Lex Alamannorum dort in der Zeit vor Herzog Gotfried und seinen Söhnen Geltung erlangt haben. Da der inneralemannische Raum bis 700 frei von Klostergründungen geblieben ist,28 fehlen weitgehend schriftliche Aufzeichnungen. Den später verfassten Viten (Vita Landelini, Passio Trudperti, Vita Fridolini) sind kaum Informationen über die Situation im alemannischen „Kernraum“29 im 7. Jahrhundert zu entnehmen.30 Nur fernab des „inneralemannischen“ Gebietes begegnen in dieser Zeit die Namen von duces Alamannorum, über deren Herrschaftskompetenz im rechtsrheinischen Raum wir aber keine Auskunft erhalten und dementsprechend auch keine Aussagen machen können. Die beiden wichtigsten und entscheidenden Fragen zum ducatus Alamanniae im 6. und 7. Jahrhundert, zu den alemannischen Herzögen, die nach der Unterwerfung der Alemannen durch den Frankenkönig Chlodwig in der schriftlichen Überlieferung als solche begegnen, sind (1.) die Frage nach dem Herrschaftsbereich der in dieser Zeit bezeugten duces Alamannorum und (2.) die Frage nach ihrer Autonomie beziehungsweise ihrer Abhängigkeit vom Frankenkönig, also die Frage: „Amtsherzogtum oder Stammesherzogtum?“31 Mit beiden Fragen, besonders aber mit ersterer, hängt die Fragestellung zusammen, ob es zeitgleich stets nur einen Alemannenherzog gegeben hat, ob also die in

28 Schaab, Beiwort zu Karte V, 1 (wie Anm. 5), S. 12, spricht in Bezug auf die Verbreitung der Klöster von einer „‘Verspätung‘ des inneralemannischen Raumes“. Für Alfons Zettler, Mission und Klostergründungen im südwestdeutschen Raum, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 13), Ostfildern 2004, S. 233–252, S. 238: „gibt sich Alemannien an der Schwelle des 8. Jahrhunderts […] als ein ‚klosterleeres‘ Land zu erkennen“ (auch a.a.O. S. 249). 29 Schaab, Beiwort zu Karte V,1 (wie Anm. 5), S. 12. 30 Die früheste Aufzeichnung der Vita sancti Landelini Martyris entstammt dem 10. Jahrhundert; die Passio sancti Thrudperti martyris wurde im 9. oder 10. Jahrhundert aufgezeichnet; die Vita Fridolini confessoris Seckingensis auctore Balthero ist ein Werk des ausgehenden 10. Jahrhunderts. 31 Dazu Hagen Keller, Fränkische Herrschaft und alemannisches Herzogtum im 6. und 7. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 124 (1976), S. 1–30, hier S. 11: „die Führer der Alemannen waren keineswegs alemannische ‚Stammesherzöge‘. Sie waren fränkische Amtsträger“; Schaab, Beiwort zur Karte V, 1 (wie Anm. 5), S. 4: „der Herzog Alemanniens [war] ein von den Franken eingesetzter regionaler Befehlshaber“; zuletzt Alfons Zettler, Geschichte des Herzogtums Schwaben, Stuttgart 2003: „Die ‚alemannischen‘ Herzöge der Frühzeit – Volksführer oder fränkische Sachwalter?“, S. 41–44.



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den Schriftquellen bezeugten duces Alamannorum als duces totius Alamanniae angesehen werden können oder ob sie nur in einem Teilbereich der Alamannia ihre Herrschaft ausübten. Mit Herzog Gotfried und seinen Söhnen Lantfrid und Theudebald im 8. Jahrhundert scheint diese Frage dahingehend geklärt zu sein, dass sie – zumindest vom Anspruch her – die Herrschaft über die gesamte Alamannia ausübten. In dieser Zeit, im 8. Jahrhundert also, sahen die alemannischen Herzöge – ebenso wie die Etichonen im Elsass und die Agilolfinger in Bayern – die Herzogswürde zudem als erblich an, wie dies aus cap. 34, 2 der Lex Alamannorum hervorgeht.32 Aber wie stellt sich die Situation in Alemannien im 7. Jahrhundert dar?33 Im Jahr 587 setzte der austrasische König Childebert  II. den dux Alamannorum Leudefridus ab und bestimmte an seiner Stelle Uncelinus zu seinem Nachfolger.34 Die Zuständigkeit Childeberts ergab sich daraus, dass das Gebiet der Nordschweiz und des Elsass zu seinem Reichsteil gehörte. Wieweit sich Leudefrids Befugnisse erstreckten und ob sie etwa ins rechtsrheinische Inneralemannien hineinreichten, entzieht sich unserer Kenntnis. Als der Thurgau, der Kembsgau und das Elsass im Jahr 595 dem burgundischen Teilreich einverleibt wurden, gehörte der „Alemannenherzog“ Uncelin zum Gefolge des Burgunderkönigs Theuderich II.35 Entsprechend finden wir ihn 605 im Heer Theuderichs, als dieser gegen seinen Bruder Theudebert II. zu Felde zog. Seine einflussreiche Stellung beim König und beim Heer, aber auch sein Handlungsspielraum werden deutlich, wenn Fredegar berichtet, Theuderich habe Uncelin zum Heer geschickt, um dieses von einer Meuterei gegen den Hausmeier Protadius, einen Günstling der Königin Brunichilde, abzuhalten. Stattdessen ließ Uncelin den Protadius töten, wofür er zwei Jahre später von Brunichilde mit dem Abschlagen eines Fußes bestraft wurde:36 eine Verstümmelung, die ihn als Herzog amtsunfähig machte. Denn nach

32 Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731, hg. von Clausdieter Schott (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br. 5b, Rechtsquellen 3), Augsburg 1993, S.  106: fratres [=filii ducis] inter se per volumtate regi inter se devidant hereditatem patrem eorum. 33 Die Nachweise zum folgenden bei Dieter Geuenich und Hagen Keller, Alamannen, Alamannien, alamannisch im frühen Mittelalter. Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Historikers beim Versuch der Eingrenzung, in: Die Bayern und ihre Nachbarn, Teil  1, hg. von Herwig Wolfram und Andreas Schwarcz, Wien 1985, S.  135–157, besonders S.  151; zuvor bereits Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 1–30. 34 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 8, S. 125. Vgl. Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 9. 35 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 27, S. 131  f. Vgl. Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 9. 36 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 2, S. 131  f. Vgl. Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 13.

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cap. 34,1 der Lex Alamannorum ist ein Herzog nur solange amtsfähig, wie er ein Pferd besteigen kann.37 Mehr als zwei Jahrzehnte hören wir dann nichts mehr von einem Alemannenherzog. Erst 631/32 ist von einem Alemannenheer mit einem Herzog Chrodobert (Alamannorum exercitus cum Crodoberto duci)38 die Rede, das mit Dagobert  I., seit 623 Herrscher in Austrasien und 629–639 König im Gesamtreich, gegen Samo zog. Und wieder mehr als ein Jahrzehnt später berichtet Fredegar von der Ermordung Ottos, des Erziehers Sigiberts III., im austrasischen Metz a Leuthario duci Alamannorum.39 Aus dem spärlichen Kontext der Fredegar-Angaben zu Uncelin (und dessen Vorgänger Leudefrid), zu Chrodobert und Leuthari, also zu allen im 7. Jahrhundert bezeugten duces Alamannorum, ergeben sich folgende Antworten auf unsere beiden Fragen: 1. Es gibt keinen Hinweis auf eine Herrschaft dieser Herzöge im rechtsrheinischen Alemannien, die Schriftquellen erlauben nicht einmal einen Hinweis auf die Existenz einer Alamannia. Die Genannten sind als duces Alamannorum, das heißt wohl, als Anführer alemannischer Heeresabteilungen, bezeugt und als solche in Hofintrigen am austrasischen beziehungsweise am burgundischen Königshof verstrickt. Als dux Alamanniae – als Herzog eines alemannischen Territoriums – ist keiner von ihnen bezeugt und wohl auch keiner von ihnen anzusehen. 2. Es gibt kein Indiz für ein alemannisches Stammesherzogtum. Die vier genannten duces Alamannorum sind vom König eingesetzt beziehungsweise werden von ihm abgesetzt. Auch Hinweise auf eine Verwandtschaft der erwähnten Herzöge, also auf eine Erblichkeit des Amtes, sind nicht vorhanden. Da im Jahre 607, nach der Verstümmelung des Uncelin, offenbar kein Nachfolger eingesetzt wurde und für die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts kein dux Alamannorum bezeugt ist, ist nicht auszuschließen, dass es auch Zeiträume ohne einen dux Alamannorum gegeben hat. Allerdings ist zu beachten, dass Alemannenherzöge in der schriftlichen Überlieferung nur erwähnt werden, wenn sie am Königshof aktiv waren oder ein Heeresaufgebot anführten.40

37 Gemäß Lex Alamannorum (wie Anm. 32), cap. 34, 1 ist der Herzog amtsfähig, dum adhuc potens est et utilitatem regis potest facire et exercitum gubernare, equum ascindere, utilitatem regis implire. – Im Pactus Alamannorum (25, a. a. O S. 58) ist das Abschlagen eines Fußes (si quis pedem truncaverit) unter Strafe gestellt. 38 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 88, S. 155. Vgl. Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 25. 39 Chronicarum quae dicuntur Fredegarii (wie Anm. 15), IV, 88, S. 165. Vgl. Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 25. Zu Otto: Horst Ebling, Prosopographie der Amtsträger des Merowingerreiches. Von Chlothar II. (613) bis Karl Martell (741), München 1974, S. 66  f. (Nr. LIII). 40 Vgl. dazu die Überlegungen von Bruno Behr, Das alemannische Herzogtum bis 750 (Geist und Werk der Zeiten 41), Bern, Frankfurt/Main 1975, S. 114, 117  f.



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Wir wissen nicht, wie die Situation im 7. Jahrhundert rechts des Rheins aussah, ob sich der Herrschaftsbereich des am austrasischen Hof bezeugten dux Alamannorum bis dorthin erstreckte, oder ob es dort zeitgleich womöglich einen weiteren dux gab,41 der auf Grund des Fehlens schriftlicher Zeugnisse nur nicht in den Quellen bezeugt ist, oder ob dieser Raum im 7. Jahrhundert noch gar nicht vom merowingischen Königtum und durch Amtsherzöge erfasst war. Den drei beziehungsweise vier bezeugten duces Alamannorum kam, wie wir sahen, eine maßgebliche Rolle in der fränkischen Politik zu; nach Meinrad Schaab gehörten sie zur fränkischen Aristokratie.42 Jedenfalls lag die Basis ihrer Herzogsgewalt ganz offensichtlich im alemannisch-romanischen Grenzgebiet. Eine völlig andere Stellung scheint jener Herzog Gunzo inne gehabt zu haben, der allerdings in keiner zeitgenössischen Quelle erwähnt ist. Bei Fredegar kommt er nicht vor –, sondern nur in der im 9. Jahrhundert aufgezeichneten Gallusvita. Demnach hatte der dux Cunzo/Conzo seinen Sitz in villa Iburningae, in Überlingen am Bodensee;43 die Bewohner von Bregenz wenden sich an ihn als „den Herzog jener Gegend“ (Cunzonem ducem partiarum ipsarum)44. Nach dem Tod des Konstanzer Bischofs Gaudentius beruft er eine Versammlung (conventus, synodus, concilium) nach Konstanz ein, um den von Gallus vorgeschlagenen Diakon Johannes zum Bischof wählen zu lassen. Dazu lädt der Herzog die Bischöfe von Augst und Speyer, die Priester, Diakone und Kleriker aus ganz Alemannien (totius Alamanniae presbyteros, diaconos universasque clericorum copias) ein.45Auch er selbst nimmt mit seinen Fürsten und Begleitern (cum principibus et comitibus suis) an der Versammlung teil. Vom König in Metz, der Gallus einen Schutzbrief (epistola concessionis)46 ausstellt, ist Gunzo abhängig, steht aber offenbar nicht im Gegensatz zu ihm. Alle Versuche, diesen Gunzo mit einem in anderen, zeitgenössischen Überlieferungen bezeugten dux Alamannorum zu identifizieren, haben bisher nicht überzeugen können. Die unter anderem von Franz Beyerle, Otto Feger, Kurt-Ulrich Jäschke und Ulrich May erwogene Gleichsetzung des Gunzo, der am Bodensee residierte, mit Uncelin (*Ch-unzilin), der am burgundischen Königshof in Intrigen verstrickt war,47

41 Dies hält Eugen Ewig, Die Merowinger und das Frankenreich, 4. Auflage Stuttgart 2001, S. 101, für möglich. 42 Schaab, Beiwort zu Karte V,1 (wie Anm. 5), S. 4. 43 Vita Galli auctore Walahfrido, hg. von Bruno Krusch, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Merovingicarum 4, Hannover 1902, Nachdruck 1997, S. 280–337, hier cap. I, 15, S. 295. Zu den verschiedenen Überlieferungen der Gallusvita vgl. Walter Berschin, Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter 3, Stuttgart 1991, S. 286  ff. 44 Vita Galli (wie Anm. 43), cap. 8, S. 290. 45 Vita Galli (wie Anm. 43), cap. 24, S. 302. 46 Vita Galli (wie Anm. 43), cap. 21, S. 300. 47 Franz Beyerle, Zur Gründungsgeschichte der Abtei Reichenau und des Bistums Konstanz, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 15 (1926), S. 512–531, hier S. 523  f.; Otto Feger,

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ist weder namenkundlich noch vom zeitlichen Abstand (607–635/650) her überzeugend.48 Der von Hagen Keller mit guten Gründen vorgeschlagenen Gleichsetzung des Gunzo mit Gundoin, dem Gründer von Moutier-Grandval (südlich von Basel), die namenkundlich weniger Bedenken hervorruft, ist von Michael Borgolte widersprochen worden.49 Denn als der in Überlingen am Bodensee residierende Herzog Gunzo seine Tochter – nach dem Bericht der Gallusvita – dem König Sigibert zuführte, geleitete er sie „mit großem Gefolge seiner Leute bis zum Rhein“, wo königliche Begleiter sie übernahmen und an den Königshof nach Metz brachten.50 Die Amtsgewalt des Herzogs Gunzo scheint demnach am Rhein geendet zu haben. Der Herrschaftsbereich Gundoins, des Gründers von Moutier-Grandval,51 den die Forschung als den Ahnherrn der elsässischen Herzogsreihe in Anspruch nimmt, erstreckte sich dagegen von Straßburg bis in den Sornegau und darüber hinaus bis an den Thuner See. Gundoin und seine Nachfolger, Bonifatius und Eticho, gelten nach dem Ausweis der Quellen nicht als duces Alamannorum, sondern werden in der Regel für die elsässische Herzogsreihe in Anspruch genommen.52 In der ältesten Gallusvita aus dem 8.  Jahrhundert, nach den Forschungen von Walter Berschin aus dem späten 7. Jahrhundert, die nur fragmentarisch erhalten ist,

Zur Geschichte des alemannischen Herzogtums, in: Zur Geschichte der Alemannen, hg. von Wolfgang Müller, Darmstadt 1975, S. 151–222, hier S. 162  f.; Kurt-Ulrich Jäschke, Kolumban von Luxeuil und sein Wirken im alamannischen Raum, in: Mönchtum, Episkopat und Adel zur Gründungszeit des Klosters Reichenau, hg. von Arno Borst (Vorträge und Forschungen 20), Sigmaringen 1974, S. 77–130, hier S.  119; Ulrich May, Untersuchungen zur frühmittelalterlichen Siedlungs-, Personen- und Besitzgeschichte anhand der St. Galler Urkunden (Geist und Werk der Zeiten 46), Frankfurt/Main 1976, S. 34. 48 Behr (wie Anm. 40), S. 154–156; Keller, Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 25 mit Anm. 105; Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm. 2), S. 98. 49 Michael Borgolte, Die Geschichte der Grafengewalt im Elsaß von Dagobert I. bis Otto dem Großen, in Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 131, Neue Folge 92 (1983), S. 83–95, S. 8 mit Anm. 34. 50 Vita Galli (wie Anm. 43), cap. 21, S. 299: cum magno suorum comitatu duxit eam usque ad Rhenum indeque per comites ad regem transmisit. 51 Vita Germani Abbatis Grandivallensis auctore Boboleno, hg. von Bruno Krusch, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Merovingicarum 5, Hannover 1910, S. 25–40, S. 36: Inluster vir Cundoinus dabat ei [Abt Waldebert von Luxeuil (629–670)] loca oportuna. Dazu Hagen Keller, Mönchtum und Adel in den vitae patrum Jurensium und in der Vita Germani abbatis Grandivallensis. Beobachtungen zum frühmittelalterlichen Kulturwandel im alemannisch-burgundischen Grenzraum, in: Geistesgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Otto Herding zum 65.  Geburtstag, hg. von Kaspar Elm, Eberhard Gönner und Eugen Hillenbrand, Stuttgart 1977, S. 1–23, besonders S. 8  ff.; ders., Fränkische Herrschaft (wie Anm. 31), S. 27  ff. 52 Borgolte, Die Geschichte der Grafengewalt (wie Anm. 49), S. 8 vermutet, dass Gundoin als „der erste nachgewiesene Herzog des Elsaß von Dagobert eingesetzt war und den Dukat überhaupt erst begründet hat“. Heinrich Büttner, Geschichte des Elsass I. Politische Geschichte des Landes von der Landnahmezeit bis zum Tode Ottos III. (Neue Deutsche Forschungen 242, Abteilung Mittelalterliche Geschichte 8), Berlin 1939, S. 47 (Neudruck, hg. von Traute Endemann, Sigmaringen 1991, S. 61): „Herzog Gundoin, der erste uns bekannte Herzog im Elsaß“. Vgl. Geuenich und Keller (wie Anm. 33), S. 149–151.



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fehlen die erwähnten für den historischen Hintergrund und die Datierung wichtigen Angaben.53 Es muss deshalb mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Vorstellung eines über die gesamte rechtsrheinische Alamannia  – vom Bodensee bis zum Oberrhein – herrschenden Herzogs von den Verfassern der Gallusvita, von den Reichenauer Mönchen Wetti und Walahfrid, aus dem 9. in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts zurückprojiziert worden ist. In der gesamten zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts hören wir nichts von den Alemannen, von einer Alamannia oder von einem Alemannenherzog. Erst mit jenem um die Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert bezeugten Godafredus/Godefridus dux Alamannorum ändert sich die Überlieferungslage.54 Für die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts lässt sich dann eine lückenlose Sukzession von Alemannenherzögen, ja eine weitverzweigte Herzogsfamilie rekonstruieren, die zwischen Bodensee und Cannstatt, zwischen Oberrhein und Lech ihre Herrschaft über die rechtsrheinische Alamannia behauptete.55 Von Herzog Gotfrid wissen wir, dass er in Cannstatt, also im Norden der Alamannia, begütert war.56 Wenn die Datierung der St. Galler Schenkungs-Urkunde, die nur in einer Abschrift des Schweizer Humanisten Vadian (vor 1530) und im Druck des St. Galler Codex Traditionum (1645) überliefert ist, zutrifft, dann hat Gotfrid sein Herzogsamt nach der Schlacht bei Tertry57 (687) angetreten und 22 Jahre bis zu seinem

53 Vita sancti Galli vetustissima. Die älteste Lebensbeschreibung der Heiligen Gallus, Lateinisch/ Deutsch, hg. von der Stiftsbibliothek St. Gallen, St. Gallen 2012; Iso Müller, Die älteste Gallus-Vita, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 66 (1972) S. 209–249. Zur Datierung: Walter Berschin, Gallus abbas vindicatus, in: Historisches Jahrbuch 95 (1975) S.  257–277; Walter Berschin, Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter Bd. 2. Merowingische Biographie. Italien, Spanien und die Inseln im frühen Mittelalter, Stuttgart 1988, S. 94  ff.; ferner ders., Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter Bd. 3. Karolingische Biographie 750–920 n. Chr., Stuttgart 1991, S. 286  ff., bes. S. 293. 54 Continuator Fredegarii (wie Anm. 15), 27, S. 180  f.: rebellante Theudebaldo, filium Godafredo duce; Annales Mettenses priores, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Germanicarum in usum scholraum separatim editi, hg. von Bernhard von Simson, Hannover – Leipzig 1906 (Neudruck 2003) S. 36  f. (zum Jahr 744): Theodebald rebellante, filio Godefridi ducis Alamannorum. Weitere Quellen und Literatur bei Dieter Geuenich, s. v. Gotefrid (Godafrid, Cotefred), in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 12, Berlin, New York 1998, S. 401  f. 55 Vgl. Behr (wie Anm. 40), S. 174–177; Jörg Jarnut, Genealogie und politische Bedeutung der agilolfingischen Herzöge, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 99 (1991) S. 1.22; Geuenich, s. v. Gotefrid (wie Anm. 54), S. 401. 56 Chartularium Sangallense Bd. 1 (700–840), bearbeitet von Peter Erhart, St. Gallen 2013, Nr. 1, S. 1: Gotefridus Alemanniae dux tradit Biberburgum vicum ad Neccarum (Diese Überschrift fehlt bei Joachim von Watt) – Godofridus dux, vir inluster. Vgl. Thomas Zotz, Der Südwesten im 8. Jahrhundert. Zur Raumordnung und Geschichte einer Randzone des Frankenreiches, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm. 28), S. 13–30, hier S. 19  f. Zur Bedeutung und Lage Cannstatts am Neckar Zettler (wie Anm. 31), S. 49  f. 57 Zur Bedeutung dieser Schlacht „als geschichtl. Wende“: Ulrich Nonn, s. v. Tertry, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 30, Berlin, New York 2005, S. 356  f. (mit Quellen und Literatur).

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Tod im Jahre 709 behauptet.58 Denn die heute verlorene Urkunde soll „im 20. Jahre der Herrschaft des Alemannenherzogs Gotfrid“ (anno vicesimo, Godofrido duce) von diesem ausgestellt worden sein. Gemäß der Erblichkeit der Herzogswürde, die aus cap. 34 der Lex Alamannorum ableitbar ist, übernahmen nach Gotfrids Tod dessen Söhne Lantfrid und Theudebald die Herrschaft über die Alamannia.59 Ob die beiden Herzogssöhne gemeinsam, nacheinander oder in territorialer Aufteilung herrschten,60 ist allerdings ebenso umstritten wie die Frage, ob der in der Ortenau 709–712 nachweisbare dux Willicharius,61 der bei Thegan erwähnte Huochingus62 und auch der Bayernherzog Odilo63 als Söhne Gotfrids und damit als Brüder Lantfrids und Theudebalds anzusehen sind. Erich Zöllner, Herwig Wolfram und andere rechnen als weiteren Bruder der Genannten und sechsten Sohn Gotfrids noch einen Liutfrid hinzu.64 Ohne weiter auf die immer wieder diskutierte Stammtafel der

58 Annales Laureshamenses, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores 1, Hannover 1826, S. 22 (ad. a. 709): Gotafridus mortuus. 59 Zu diesen und möglichen weiteren Söhnen: Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm. 2), S. 104–108; ders., s. v. Lantfrid, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S.  103  f.; ders., s. v. Theudebald, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 35, Berlin, New York 2007, S. 103  f. (jeweils mit Quellen und Literatur). 60 Beyerle (wie Anm. 47), S. 516 nimmt ebenso wie Feger (wie Anm. 47), S. 168 an, dass es – auch bereits vor Lantfrid und Theudebald – „Teilherzogtümer“ gegeben habe. 61 Passio Desiderii episcopi et Reginfridi diaconi martyrum Alsegaudensium, hg. von Wilhelm Levison, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Merovingicarum 6, Hannover, Leipzig 1913, S. 51–63, cap. 3, S. 57: Venit in fines Alamannorum ad locum, cuius vocabulum est Mortunaugia, ubi dux preerat nomine Willicharius. Vgl. Heinrich Büttner, Das Elsaß zur Karolingerzeit, in: Geschichte des Elsaß I. Neudruck (wie Anm. 52), S. 106: Behr (wie Anm. 40), S. 177–179; Jarnut (wie Anm. 55), S. 6; Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm. 2), S. 105; Zotz, Der Südwesten (wie Anm. 55), S. 20  f. 62 Dieter Geuenich, s. v. Huochingus, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 15, Berlin, New York 2000, S. 271  f. 63 Herwig Wolfram, s. v. Odilo, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 21, Berlin, New York 2002, S. 559–561. 64 Erich Zöllner, Die Herkunft der Agilolfinger, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 59 (1951), wiederabgedruckt in: Zur Geschichte der Bayern, hg. von Karl Bosl, Darmstadt 1976, S. 107–134, hier S. 128  ff.; Jarnut (wie Anm. 55), S. 4; ders., Untersuchungen zu den fränkisch-alemannischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 8.  Jahrhunderts, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 30 (1980), S.  7–28, S.  10: „Mit Sicherheit hat Gotfrid mehr als zwei, wahrscheinlich hat er sechs Söhne gehabt“; Wolfram (wie Anm.  63), S.  560.  – Alfons Zettler, Politische Geschichte Alemanniens im Karolingerreich, in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte  I, 1: Von der Urzeit bis zum Ende der Staufer, hg. von Meinrad Schaab und Hansmartin Schwarzmaier (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in BadenWürttemberg), Stuttgart 2001, S.  299–356, bezeichnet S.  312  – allerdings ohne Begründung  – die elsässischen Etichonen als Verwandte des Alemannenherzogs Theudebald. Vgl. zuletzt Geuenich, … noluerunt (wie Anm. 19), S. 133  f., 138 und 143. – Liutfrid ist auf pag. 115 des Reichenauer Verbrüderungsbuches nach Lantfrid und Theudebald und vor Odilo, also vermutlich in der Reihe seiner Brüder, eingetragen: vgl. dazu unten Anm. 77–78.



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Agilolfinger und den verwandtschaftlichen Zusammenhang der bayrischen und der alemannischen Herzogsfamilie einzugehen,65 ist darauf hinzuweisen, dass der Aufstieg der Arnulfinger/Pippiniden einerseits und der Agilolfinger in Bayern und in Alemannien andererseits in etwa zeitgleich verlief und der Ausgang des Wettstreits der duces Francorum mit den mit ihnen rivalisierenden duces Alamannorum und den duces Baiuvariorum – unter der gemeinsamen Oberherrschaft der merowingischen Könige – um 700 noch keineswegs entschieden war. Diese Situation wird durch die bekannte und oft zitierte Aussage des Breviarium Erchanberti beschrieben, dass „der dux Alamannorum Gotfrid und die übrigen duces ringsum nicht den duces Franchorum gehorchen“ wollten, „weil sie nicht den Merowingerkönigen dienen konnten, wie sie es zuvor gewohnt waren“.66 Es ist bemerkenswert, dass diese legitimistisch-konservative Begründung des alemannischen Widerstandes, die Gotfrid, dem Großvater der Königin Hildegard, in den Mund gelegt wird, im Jahre 826, also auf dem Höhepunkt der inzwischen siegreich zur Königs- und Kaiserherrschaft aufgestiegenen Karolinger, niedergeschrieben werden konnte.67

3 Herzog Lantfrid und die Lantfridana Unter Lantfrid, dem Sohn Herzog Gotfrids und Bruder des letzten Alemannenherzogs Theudebald, wurde gemäß der Überschrift das alemannische Rechtsbuch erneuert: Lex Allamannorum, qui temporibus Lanfrido filio Godofrido renovata est.68 Nimmt man die Überschrift und den einleitenden Hinweis ernst, dass sich „die Großen aus dem Volke der Alemannen zusammen mit ihrem Herzog Lantfrid sowie dem übrigen versammelten Volk“ auf den Gesetzestext geeinigt haben, dann ist dieser in den Jahren zwischen 709 (Tod Gotfrids) und 730 (Tod Lantfrids) entstanden.

65 Vgl. Reinhard Wenskus, s. v. Agilolfinger, in Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 1, Berlin, New York 1973, S. 96–98, S. 97: „Stammtafel der Agilolfinger (nach Eckhardt)“; Jörg Jarnut, Agilolfingerstudien. Untersuchungen zur Geschichte einer adligen Familie im 6. und 7. Jahrhundert (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 32), Stuttgart 1986. 66 Breviarium regum Francorum, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores 2 (Hannover 1929), S. 328: Illis namque temporibus ac deinceps Cotefredus dux Alamannorum caeterique circumquaque duces noluerunt obtemperare ducibus Franchorum, eo quod non potuerint regibus Meroveis servire, sicuti antea soliti erant. Dazu Behr (wie Anm. 40), S. 174–177; Geuenich, … noluerunt (wie Anm. 19), S. 129–132 (mit der vorgängigen Literatur). 67 Geuenich, … noluerunt (wie Anm. 19), S. 132. 68 Lex Alamannorum (wie Anm. 32), S. 70. Der Text beginnt mit dem Hinweis: Convenit enim maioribus nato populo allamannorum una cum duci eorum lanfrido vel citerorum populo adunato, ut si quis. Zur Deutung des „Renovata“-Vermerks siehe die Bemerkungen des Herausgebers zur „Entstehung und Datierung“ a.a.O., S. 12–17.

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Clausdieter Schott vermutet mit guten Gründen die Entstehung der LantfridanaFassung der Lex Alamannorum im Kloster Reichenau (gegründet 724) und möchte sie „nach vorsichtiger Schätzung in die Zeit zwischen 735 und 740 datieren“.69 Nicht nur, weil sie damit nach dem Tod des in der Überschrift genannten Herzogs entstanden wäre, folgert Schott, „dass die Lex Alamannorum als eine im Kloster Reichenau entstandene Fälschung zu betrachten ist“.70 Das Ergebnis seiner detaillierten Beweisführung, die auf vielen unterschiedlichen Indizien beruht, erscheint insgesamt überzeugend. Wo sonst in der Alamannia wären in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts die Voraussetzungen – und die Vorlagen – für die Abfassung und Niederschrift eines solchen Textes vorhanden gewesen als bei den Mönchen des Inselklosters?71 Bei ihnen dürfte man auch ein Interesse an der Sicherung des klösterlichen Vermögenserwerbs und der Verfügungen zugunsten der Kirche vermuten.72 Ob allerdings die Reichenau als herzoglich-alemannische Klostergründung bezeichnet werden kann, ob also Lantfrid „an der Gründung des Klosters aktiv beteiligt war“ und „an der Gründungsausstattung des Klosters maßgebenden Anteil hatte“,73wie schon Friedrich Prinz und Ingrid Heidrich vermutet haben,74 erscheint fraglich und bleibt angesichts

69 Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium. Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrift­ tradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und EvaMarie Distler, Berlin 2006, S. 257–290, Zitat S. 282. Vgl. auch Schotts Beitrag über „Die Entstehung und Überlieferung von Pactus und Lex Alamannorum“ in diesem Band, S. 139–152. 70 Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 69), S. 277. Eine Reichenauer Fälschung vermutete bereits Wilhelm Schneider, Arbeiten zum Alamannischen Stammesrecht (Arbeiten zur Alamannischen Frühgeschichte 2), Tübingen 1975, S. 106. 71 Vgl. Clausdieter Schott, Der Codex Sangallensis 731. Bemerkungen zur Leges-Handschrift des Wandalgarius, in: Überlieferung, Bewahrung und Gestaltung in der rechtgeschichtlichen Forschung, hg. von Stephan Buchholz, Paul Mikat, Dieter Werkmüller (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, Neue Folge, 69), Paderborn 1993, S. 297–319, S. 305: „Hier und nirgends anders in Alemannien stand ein Apparat und ein intellektuelles Substrat zur Verfügung, dessen es zur Abfassung einer solchen Lex bedurfte“. 72 Clausdieter Schott, Pactus, Lex und Recht, in: Die Alamannen in der Frühzeit, hg. von Wolfgang Hübener (Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 34) Bühl/Baden 1974, S. 135– 168, hier S. 143  ff.; ders., Lex Alamannorum (wie Anm. 32), S. 18  f. Vgl. auch Wilfried Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm. 28), S. 313–333, besonders S. 328  ff.: „Die Lex Alamannorum und die Kirche“. 73 Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 69), S. 266. 74 Friedrich Prinz, Reichenau. Reichenauer Festvortrag, gehalten am 5. Mai 1974 zum 1250. Jubiläum der Klostergründung, in: Badische Heimat 54 (1974), S.  249–263, etwa S.  254: „Liegt es [angesichts der Erwähnung der alemannischen Herzöge unter den Wohltätern im Reichenauer Verbrüderungsbuch] nicht nahe, daß das Kloster eine Stiftung der später von den Karolingern verfemten Herzöge war?“; ähnlich ders., Frühes Mönchtum in Südwestdeutschland und die Anfänge der Reichenau, in: Mönchtum, Episkopat und Adel zur Gründungszeit des Klosters Reichenau, hg. von Arno Borst (Vorträge und Forschungen 20), Sigmaringen 1974, S. 37–76, S. 71  f.; Ingrid Heidrich, Die urkundliche Grundausstattung der elsässischen Klöster, St. Gallens und der Reichenau in der ersten Hälfte des



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der bekanntlich dürftigen Quellenlage zur Gründung der Reichenau unsicher.75 Als Begründung für Lantfrids aktive Rolle bei der Gründung und Ausstattung des Inselklosters weisen die genannten Autoren wie auch Clausdieter Schott unter anderem auf den Eintrag des Lantfridus dux unter den Namen der Verstorbenen im Reichenauer Verbrüderungsbuch hin (Abb. 2a–b), die das Kloster einst „durch ihre Freigiebigkeit ausgestattet haben“ (qui presens coenobium sua largitate fundaverunt).76 Es genügt aber nicht, den Blick allein auf den Eintrag Lantfridus dux (pag, B1 115 ) in der sechsten Kolumne dieser mit Namen übersäten Doppelseite zu richten, obgleich Lantfrids Name dort zweifellos eine Reihe von Herzögen anführt. Ebenso führt aber Gerolt, der Schwager Karls des Großen, die Reihe der Grafen an (114D1: Cerolt comis), die von derselben 824 schreibenden Hand HA1 in der vierten Kolumne eingetragen ist. Graf Gerold ist 799, also fast sieben Jahrzehnte später als Lantfrid, gestorben und kann ebenso wie alle weiteren vom selben Schreiber eingetragenen weiteren Personen nicht an der Gründung der Reichenau beteiligt gewesen sein. In der ersten Kolumne (pag. 114A1–3) ist die gesamte Familie der Karolinger, beginnend mit Karl Martell (Karolus maior domus), wiederum von derselben Anlagehand notiert. Die mehr als hundert Eintragungen von der anlegenden Hand sind also offenkundig nach ordines geordnet eingetragen worden. Dass Lantfrid an der Spitze der Herzöge aufgeführt ist, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass er als erster dieser Reihe von Herzögen nach der Gründung des Klosters im Jahre 730 gestorben ist. Ihm folgen unter derselben Überschrift der verstorbenen Wohltäter seine nach ihm gestorbenen Brüder Theudebald (Deotpold), Liutfrid, der Baiernherzog Odilo (Uatalo), dessen Frau Hiltrud sowie deren gemeinsamer Sohn und Nachfolger im Herzogsamt Tassilo (Tessilo).77 Von diesen und den weiteren zeitgleich eingetragenen Personen wird man sicher nicht annehmen wollen, dass sie das Kloster Reichenau ausgestattet, unterstützt oder gar gegründet haben. Ähnlich verhält es sich mit den Namen der Verstorbenen in den anderen Kolumnen. Die bereits erwähnte Reihe der Karolinger (pag. 114A1–3), die der Herzogs- und Grafenreihe vorangestellt ist, beginnt mit Karl Martell, gefolgt von Pippin, Karlmann, Karl dem Großen usw.: Einen Reflex des Gründungsvorganges oder den Nachweis

8.  Jahrhunderts, in: Die Gründungsurkunden der Reichenau, hg. von Peter Claassen, Sigmaringen 1977, S. 31–62, besonders S. 58. 75 Vgl. zuletzt Michael Richter, Neues zu den Anfängen des Klosters Reichenau, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 144, Neue Folge 105 (1996), S. 1–18, der S. 15 „Sintlaz“ als „Stifter“ hervorhebt. 76 Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau, hg. von Johanne Autenrieth, Dieter Geuenich und Karl Schmid, in: Monumenta Germaniae Historica. Libri memoriales et necrologia, Nova series 1, Hannover 1979, pag. 114  f. 77 Diese Namen sind vom ebenfalls zur Anlagezeit tätigen Schreiber HA2 eingetragen: Johanne Autenrieth, Beschreibung des Codex, in: Das Verbrüderungsbuch (wie Anm. 76), S. XXXI. Zur Unsicherheit der paläographischen Zuweisung des Eintrags Lantfridus dux zur Hand HA1 a.a.O., S. XXIX.

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Abb. 2a: Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (wie Anm. 76) pag. 114: Nomina defunctorum qui … (fortgesetzt auf pag. 115 [Abb. 2b]). In der ersten Kolumne (unter Nomina) sind die Namen der bis zum Jahr 824 verstorbenen Mitglieder des karolingischen Herrscherhauses eingetragen: Karolus maior domus, Pippinus rex, Karlomannus maior domus, Karolus imperator, Karlomannus, Karolus rex, Pippinus rex, Bernardus rex; es folgen 14 Frauennamen (von Ruadtrud bis Hata – dazwischen ein Lantfrid). In der vierten Kolumne hat derselbe Schreiber die Namen der Grafen Cerolt comis, Odalrich comis, Bertolt comis, Pirihtilo comi[s] eingetragen.



Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen 

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Abb. 2b: Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (wie Anm. 76) pag. 115, Fortsetzung der Überschrift von pag. 114 (Abb. 2a) […] presens coenobium sua largitate fundaverunt. In der zweiten Kolumne (unter Coenobium): Lantfridus dux.

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einer besonderen Begünstigung des Klosters wird man aus diesen Namenreihen, in denen die seit der Gründung der Abtei verstorbenen Herrscher, Grafen und Herzöge um 824 aus heute verlorenen Vorlagen abgeschrieben wurden, nicht ohne Weiteres ablesen dürfen. Besonderes Interesse verdient eine Liste verstorbener Könige (Nomina defunctorum) an anderer Stelle des Codex, die mit dem Eintrag eines Cotafridus rex endet.78 Damit ist zweifellos unser Alemannenherzog bezeichnet, dessen Stellung hier als die eines rex charakterisiert ist. Auf diesen ungewöhnlichen rex-Titel Gotfrids in einer Liste von reges, die alle offenbar einen besonderen Bezug zur Alamannia hatten, kann aber im vorliegenden Zusammenhang nicht weiter eingegangen werden.79 Theudebald, dessen Name auf pag. 115 des Reichenauer Verbrüderungsbuches unmittelbar unter dem seines 730 verstorbenen Bruders Lantfrid verzeichnet ist, soll nach dem späteren Bericht Hermanns des Lahmen im Jahre 727 ob odium Karoli den ersten Abt Pirmin und fünf Jahre später aus demselben Grund auch dessen Nachfolger Eddo von der Reichenau vertrieben haben.80 Im selben Jahr 732 habe Karl Martell aber Theudebald vertrieben und Eddo wieder als Abt eingesetzt.81 Zu den Jahren 742 und 744 wird von Heereszügen der Söhne Karls, Pippin und Karlmann, gegen Theudebald berichtet, und 746 kommt es dann zum sogenannten Gerichtstag zu Cannstatt und damit zum „Ende des von den Merowingern eingerichteten alem[annischen] Dukats“.82

4 Der Beitrag der Sprachwissenschaft Nachdem deutlich geworden ist, dass weder die archäologisch fassbaren Hinterlassenschaften noch die Schriftquellen, die der Geschichtswissenschaft zur Verfügung stehen, sichere Anhaltspunkte für die Bestimmung des Raumes und der Grenzen der

78 Das Verbrüderungsbuch (wie Anm. 76), pag. 83C1. 79 Vgl. dazu Karl Schmid, Bemerkungen zum Konstanzer Klerus der Karolingerzeit. Mit einem Hinweis auf religiöse Bruderschaften in seinem Umkreis, in: Kirche am Oberrhein. Festschrift für Wolfgang Müller (Freiburger Diözesan-Archiv 100, 3. Folge 32, 1980), S. 26–58; S. 28–30; eine andere Deutung gibt Zettler (wie Anm. 31), S. 70–72. 80 Herimanni Augiensis Chronicon, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores 5, Hannover 1844, Neudruck 1985, S. 67–133, hier S. 98. Dazu Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm. 2), S. 105–108. 81 Herimanni Augiensis Chronicon (wie Anm. 80), S. 98. 82 Thomas Zotz, s. v. Cannstatt, Gerichtstag v., in Lexikon des Mittelalters Bd. 2, München, Zürich 1983, Sp. 1436. Vgl. auch Heinrich Büttner, Franken und Alamannen in Breisgau und Ortenau. Ein Beitrag zur Geschichte des Oberrheins im 8. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins NF 52 (1939), S. 323–359; Geuenich, Geschichte Alemannen (wie Anm. 2), S. 107  f.; ders., s. v. Theudebald (wie Anm. 59), S. 114–116 (jeweils mit Quellen und Literatur).



Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen 

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Alamannia im 7. und frühen 8. Jahrhundert gewähren, soll abschließend noch kurz nach dem Beitrag gefragt werden, den die Sprachwissenschaft dazu zu leisten vermag. Bekannt ist der Beitrag, den die Ortsnamenforschung zur Siedlungsgeschichte liefern kann. Grundsätzlich kann beispielsweise davon ausgegangen werden, dass die Schicht früher Ortsnamen, zu denen die Namen auf -ingen und -heim gehören, älter ist als die später entstandenen Ortsnamen auf -hausen, -hofen, – stetten usw.83 Die früher vertretene These einer ethnischen Zuordnung dieser oder anderer Ortsnamenschichten  – etwa des -ingen-Typs zu den Alemannen und des -heim-Typs zu den Franken – wird dagegen heute nicht mehr aufrechterhalten.84 Insofern kann die Toponymastik zwar Anhaltspunkte für eine relative Chronologie des Besiedlungsvorganges bieten, nicht aber Siedlungen auf Grund der Ortsnamen als alemannisch oder nicht-alemannisch bestimmen. Der Beitrag der historischen Sprachwissenschaft und der Dialektologie zur Rekonstruktion des alemannischen „Stammesgebietes“ erscheint, wie einleitend hervorgehoben wurde, dagegen zunächst vielversprechend. Zeigen doch die kartografischen Darstellungen des „Alemannischen“ in der germanistischen Fachliteratur erstaunlich klar abgegrenzte Sprachräume und exakt beschriebene Sprachgrenzen. Schon die stammeshistorisch motivierte Nomenklatur weist auf die „stammessprachlichen Grundlagen“ des alemannischen Dialekts.85 Nach Friedrich Maurer haben die Alemannen „das Erbgut in Sprache und Brauchtum […], so wie sie es von der Elbe und aus dem Norden mitgebracht hatten, […] so lange bewahrt, daß die letzten Spuren noch heute sichtbar sind.“86 Gemäß dieser bis heute vertretenen Auffassung hat sich „das Alemannische […] aus der Sprache eines Stammesverbandes entwickelt“; und

83 Vgl. Dieter Geuenich, Der Landesausbau und seine Träger (8.–11. Jahrhundert) (Archäologie und Geschichte 1), Sigmaringen 1990, S. 207–218; ders., Der historische Zeugniswert der Ortsnamen(typen), in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm. 28), S. 63–76 (jeweils mit weiterer Literatur). Die Fallstudie von Michael Hoeper, Die Ortsnamen im Breisgau, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm. 28), S. 77–99 bestätigt die skizzierte zeitliche Abfolge (S. 83). 84 Geuenich, Der historische Zeugniswert (wie Anm.  83), S.  68–70; dazu zustimmend das Diskus­ sionsvotum von Wolfgang Haubrichs (a.a.O.), S. 72: „im Grunde nimmt keiner die ethnische Deutung mehr sehr ernst“. 85 Vgl. Peter Wiesinger, VIII. Ergebnisse dialektologischer Beschreibungen: areale Bereiche deutscher Dialekte im Überblick. 47. Die Einteilung der deutschen Dialekte, in: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunika­ tionswissenschaft 1/2, 2. Halbband), Berlin, New York 1983, S. 807–900, besonders S. 809. 86 Friedrich Maurer, Nordgermanen und Alemannen. Studien zur germanischen und frühdeutschen Sprachgeschichte, Stammes- und Volkskunde (Biblioteca Germanica. Handbücher, Texte und Monographien aus dem Gebiete der germanischen Philologie 3), Bern, München 1952, S. 174. Kritisch dazu: Geuenich, Geschichte der Alemannen (wie Anm. 2), S. 15  f.; ders., Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen. Ein kritischer Rückblick, in: Grenzüberschreitungen. Der alemannische Raum – Einheit trotz der Grenzen, hg. von Wolfgang Homburger, Wolfgang Kramer, R. Johanna Regnath und Jörg Stadelbauer (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 80), Ostfildern 2012, S. 39–50, hier S. 42 und 49.

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wenn die heutigen deutschen Dialekte, die „Schwäbisch, Niederalemannisch und Hochalemannisch genannt werden, die man alle drei unter dem Oberbegriff Alemannisch zusammenfaßt“, aus der Sprache dieses Stammesverbandes der Alemannen entstanden sind,87 dann müsste es methodisch möglich sein, von den heutigen Dialektgrenzen auf die alten Stammesgrenzen zurückzuschließen. Dass dem nicht so ist, habe ich jüngst in einem kritischen Beitrag zur Historizität der „Alemannischen Sprach- und Stammesgrenzen“ dargelegt, dessen Ergebnisse deshalb hier nur kurz zusammengefasst sind.88 Die abgebildete Karte „Der gesamtalemannische Sprachraum“ ist in dieser oder ähnlicher Form in zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten, im Internet und auch auf der Homepage des Freiburger Alemannischen Instituts zu finden.89 Dabei handelt es sich meist um Kopien oder Umzeichnungen der Karte, die Hugo Steger und seine Schüler 1983 in einem Begleitband zum Historischen Atlas von Baden-Württemberg und dann im Alemannenkatalog von 1997 vorgelegt haben.90 In diesen Beiträgen haben Steger und andere Dialektologen91 „alemannisch“ und „gesamtalemannisch“ durch „westoberdeutsch“ zu ersetzen versucht oder, wenn sie den irreführenden Begriff „alemannisch“ benutzten, ihn zumindest in Anführungszeichen gesetzt. Der unverfänglichere Begriff „westoberdeutsch“ hat sich in der Sprachwissenschaft und in der Dialektologie aber offenbar nicht durchgesetzt. Schon der Titel „Der aleman-

87 Konrad Kunze, Herkunft des Alemannischen, in: Klausmann, Kunze und Schrambke (wie Anm. 3), S. 17. Ähnlich Hans-Georg Wehling (wie Anm. 10), S. 8. Vgl. dazu die in Anm. 93 zitierten Aussagen in der Alemannischen Grammatik von Karl Weinhold. 88 Geuenich, Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen (wie Anm. 86). 89 Geuenich, Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen (wie Anm. 86), S. 45; ders., Die Sprache und die Namen der frühen Alemannen als Indizien eines alemannischen Gemeinschaftsbewusstseins, in: Sprache und Identität im frühen Mittelalter, hg. von Walter Pohl und Bernhard Zeller (Österreichische Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse. Denkschriften 426 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 20), Wien 2012, S.  161–170, hier S.  163 (Abb.  1), jeweils übernommen von Renate Schrambke, Der alemannische Sprachraum: Ältere Gliederung und ein neuer Versuch, in: Alemannisches Jahrbuch 2001/2002, S. 161–189, Karte 1, S. 170. Die in Abb. 3 wiedergegebene Version dieser Karte ist entnommen: Renate Schrambke, Alemannisch zwischen Vogesen und Schwarzwald, in: Grenzüberschreitungen (wie Anm. 86), S. 131–157, hier S. 133 (Karte 2). Sie findet sich auch auf der Homepage des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br.: http://www. alemannisches-institut.de//cms/website.php?id=deralemannischeraum.htm. 90 Hugo Steger und Karlheinz Jakob, Raumgliederung der Mundarten. Vorstudien zur Sprachkontinuität im deutschen Südwesten (Arbeiten zum Historischen Atlas von Baden-Württemberg 7), Stuttgart 1983; Harald Bassler und Hugo Steger, Auf den Spuren der Sprache. „Alemannisch“ als Teil des Althochdeutschen, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S.  505. Vgl. auch die Karten in: Klausmann, Kunze und Schrambke (wie Anm. 3), S. 30. 91 Vgl. bereits Wolfgang Kleiber, Westoberdeutsch, in: Lexikon der Germanistischen Linguistik, hg. von Hans Peter Althaus, Helmut Henne und Herbert Ernst Wiegand, Tübingen 1973, S. 355–363 (in der 2. vollständig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage, Tübingen 1980, S. 482–486).



Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen 

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Abb. 3: Der alemannische Sprachraum (aus Schrambke, Alemannisch [wie Anm. 89], S. 133).

nisch-schwäbische Sprach- und Siedlungsraum“92 suggeriert, es handle sich um den „Sprach- und Siedlungsraum“ der „alten“ Alemannen, der sich durch eine Rückpro-

92 So auf der Homepage des Alemannischen Instituts (wie Anm. 89). Auch die zur Erläuterung des alemannischen Siedlungsraumes hinzugefügte Karte „Alemannische Reihengräber als Zeugnis früher Siedlung“ bei Hugo Steger, Zur Frage der sprachlichen Beziehungen zwischen Alemannia und Ostfranken und ihrer historischen Bedeutung, in: Alemannien und Ostfranken im Frühmittelalter, hg. von Franz Quarthal, Bühl/Baden 1984, S. 61–96, Karte 15, und Kunze (wie Anm. 87), S. 18 (Karte 2) verdeutlicht die Gleichsetzung von „Sprachraum“ und „Siedlungsraum“. In ähnlicher Weise ist dem Beitrag von Werner Wegstein, Die sprachgeographische Gliederung des Deutschen in historischer Sicht, in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung Band 3, hg. von Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger, Berlin, New York 2003, S. 2234 die Karte (158.2) des Archäologen Horst Wolfgang Böhme „Ungefähre Wohnsitze

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jektion der mittelalterlichen93 oder gar der heutigen Dialektgrenzen rekonstruieren lasse.94 Wäre dieser Weg gangbar, so wäre damit die methodische Möglichkeit zur Bestimmung des Siedlungsraumes der Alemannen gefunden, die, wie wir gesehen haben, weder den Historikern auf Grund der Schriftquellen noch den Archäologen durch eine ethnische Deutung ihrer Grab- und Siedlungsfunde zu Gebote steht. „Die sprachlichen Indikatoren reichen aber nicht aus, um die räumliche Untergliederung mit stammesverbandlichen oder anderen ethnischen Gliederungen (Sueben/Alemannen) gleichzusetzen“,95 haben Harald Bassler und Hugo Steger eingeräumt. Wenn schon die „räumliche Untergliederung“ und die Binnengrenzen des sogenannten „Alemannischen“, das den größten Teil des heutigen Baden-Württemberg, das Elsass und die Nordschweiz umfasst, nicht auf „stammesverbandliche oder andere ethnische Gliederungen“ zurückgeführt werden können, so ist zu fragen, ob dann wenigstens die Außengrenzen des „Gesamtalemannischen“ identisch sind mit den alten Stammesgrenzen der Alamannia? Aber auch die Annahme, dass es eine umfassende Alamannia in den Dimensionen der Karte des „gesamtalemannischen Sprachraums“ jemals gegeben hat, lässt sich nicht bestätigen.96 Im Westen und im Süden grenzt das „Alemannische“ (Westoberdeutsche) an die romanischen Sprachlandschaften: an das Französische und Frankoprovenzalische im Westen und an das Italienische beziehungsweise das Rätoromanische im Süden, so dass für diese Sprachgrenzen der allgemeingerma-

germanischer Stammesgruppen nördlich der Donau und östlich des Rheins um die Mitte des 5. Jahrhunderts“ beigefügt. 93 Karl Weinhold, Alemannische Grammatik, Berlin 1863, Neudruck Amsterdam 1967, erfasst die frühesten Sprachdenkmäler des Alemannischen und schreibt im Vorwort, S. VII: „Ich will die Dialecte der deutschen Stämme, der Alemannen [usw.] grammatisch bearbeiten“. Vgl. dazu a.a.O., S. 4, § 4: „Der Umfang des alten Alemannien ist noch heute durch die Mundart kenntlich, deren Grenzen fast durchaus mit denen des alten Herzogthums zusammenfallen“. 94 Vgl. etwa Karl Bohnenberger, Zur Gliederung des Alemannischen, in: Zeitschrift für deutsche Mundarten 19 (1924), S. 87–90; ders., Die alemannische Mundart. Umgrenzung, Innengliederung und Kennzeichnung, Tübingen 1953; Ernst Ochs, Die Gliederung des Alemannischen, in: GermanischRomanische Monatsschrift 9 (1921); Leo Jutz, Die alemannischen Mundarten. Abriß der Lautverhältnisse, Halle 1931; Friedrich Maurer, Zur Sprachgeschichte des deutschen Südwestens, in: Oberrheiner, Schwaben, Südalemannen, hg. von Friedrich Maurer, Straßburg 1942; Arno Ruoff, Die fränkisch-alemannische Sprachgrenze. Statik und Dynamik eines Übergangsgebietes (Idiomatica 17), Tübingen 1992; Rudolf Hotzenknöcherle, Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz, Aarau 1984. 95 Bassler und Steger, Auf den Spuren (wie Anm. 90), S. 506. Zu den „wenig[e]n […] darin kartierten Grenzen“, die „mit Sicherheit auf die Zeit [der Alemannen] zurück[gehen]“, werden dort „die k/chGrenze und p/pf-Grenze“ genannt. Vgl. Geuenich, Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen (wie Anm. 86), S. 44 mit Anm. 33. 96 Die Wörter (z.  B. ‚Leutpriester‘) und Lautungen (z.  B. /ou/ statt /au/), die von Kunze, Alemannisch (wie Anm. 87), S. 51  f, als „gesamtalemannische Kennzeichen“ angeführt werden, sind der spätmittelalterlichen Schriftlichkeit entnommen, so dass ihnen keinerlei Beweiskraft für die „alemannische Zeit“ tausend Jahre zuvor beigemessen werden kann.



Geschichte, Sprache und räumliche Ausdehnung der Alemannen 

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nisch-romanische Gegensatz maßgeblich ist. Im Osten gilt der Lech als Sprachgrenze zu den bairischen (ostoberdeutschen) Dialekten. Bekanntlich weist das Ostoberdeutsche/Bairische so viele Gemeinsamkeiten mit dem Alemannischen/Westoberdeutschen auf, dass man auf eine enge Verwandtschaft, mitunter sogar auf ursprüng­liche Identität von Alemannen und Baiern geschlossen hat.97 Insofern findet sich dort keine schroffe Sprachgrenze, sondern „eine Übergangszone“, die sich „von der Iller bis zum Lech erstreckt“.98 Ähnliche „Schwierigkeiten bereitet die Abgrenzung des Alemannischen im Norden von den westmitteldeutschen bzw. nordoberdeutschen Dialekten“.99 Eine alte „Stammesgrenze“ lässt sich jedenfalls weder im Osten, noch im Norden nachweisen, auch wenn dies immer wieder behauptet wurde und wird.100 Damit soll nicht bestritten werden, dass sich im 6./7. Jahrhundert eine Süd-NordDifferenzierung des sogenannten „Althochdeutschen“ gemäß den Gliederungskriterien der 2. Lautverschiebung entwickelt hat. Die Isoglossen dieser 2. Lautverschiebung, die das Alemannische vom Südrheinfränkischen oder vom Rheinfränkischen trennen, lassen sich aber ebenso wenig durch alte „Stammesgrenzen“ erklären wie die Binnengrenzen des sogenannten „Alemannischen“. Näherliegend und methodisch weiterführend erscheint es dagegen, die Binnen- und Außengrenzen auf mittelalterliche Bistumsgrenzen oder frühneuzeitliche Konfessionsgrenzen zurückzuführen,101

97 Wolfgang Hartung, Süddeutschland in der frühen Merowingerzeit. Studien zu Gesellschaft, Herrschaft, Stammesbildung bei Alamannen und Bajuwaren, Wiesbaden 1983 (21998); Ingo Reiffenstein, Stammesbildung und Sprachgeschichte. Das Beispiel der bairischen Ethnogenese, in: Althochdeutsch, hg. von Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach und Lothar Voetz, Bd. 2, Heidelberg 1987, S. 1333–1341, hier S. 1339; zuletzt Manfred Renn und Werner König, Kleiner Bayerischer Sprachatlas, 3. korrigierte und überarbeitete Auflage München 2009, S. 14: „Die frühen altbairischen Sprachzeugnisse des 8./9. Jhs. zeigen fast keine Unterschiede zu denen der Alemannen“. 98 Bassler und Steger, Auf den Spuren (wie Anm. 90), S. 505. Dazu Renn und König (wie Anm. 97) S. 15  f.: „Die scharfe Dialektgrenze z.  B. zwischen dem Schwäbischen und dem Bairischen am (unteren) Lech ist Zeugnis nicht einer alten Stammesgrenze, sondern Ergebnis von mittelalterlichen Sprachbewegungen“. 99 Bei Bassler und Steger, Auf den Spuren (wie Anm.  90), S.  505 wird dies „auf ältere historische Vorgänge“, die nicht näher konkretisiert werden, „aber auch auf mangelnde dialektologische Erforschung dieses Gebietes“ zurückgeführt. 100 Der „ungef[ähre] Verlauf d[er] Stammesgrenze“, den Bohnenberger, Die alemannische Mundart (wie Anm. 94), in seine „Karte des alem[annischen] Mundartgebietes“ eingetragen hat, wird von Kunze, Herkunft des Alemannischen (wie Anm. 87), S. 26 und in Karte 7 zitiert. 101 Vgl. etwa die Karte „Die Diözese Konstanz im Rahmen der Erzdiözese Mainz“, in: Norbert Ohler, Von Grenzen und Herrschaften. Grundzüge territorialer Entwicklung im deutschen Südwesten, Bühl/ Baden 1989, S. 23, oder die Karte „Die Aussprache von Fest als Beispiel für den Zusammenfall von Dialekt- und Konfessionsgrenzen“ von Hubert Klausmann, Die Breisgauer Mundarten 1.2 (Deutsche Dialektgeographie 85), Marburg 1985, S.  43. Beide Karten sind wieder abgedruckt bei Kunze, Alemannisch (wie Anm.  87), S.  26 (Karte 7a) und S.  38 (Karte 18). Vgl. auch Hubert Klausmann, Ale­mannisch in einzelnen Regionen Baden-Württembergs, in: Klausmann, Kunze und Schrambke (wie Anm. 3), S. 59–117, S. 110 (Karte 56) mit den Grenzen der Bistümer Würzburg, Augsburg, Konstanz und

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 Dieter Geuenich

zumal die Sprachzeugnisse aus der Zeit vor 750 viel zu spärlich und zudem kaum sicher lokalisierbar sind,102 um einen alemannischen Sprachraum mit konkreten Grenzen zu rekonstruieren. Eine ursprüngliche alemannische „Stammessprache“ sowie Sprachraum und Grenzen des „Alemannischen“ der Zeit des 3. bis 8. Jahrhunderts lassen sich weder durch eine Rückprojektion der heutigen Dialektgrenzen noch durch eine ausreichende Zahl und Dichte direkter Sprachzeugnisse aus dieser frühen Zeit ermitteln. Insofern verfügt auch die Sprachwissenschaft über keine gesicherte Methode, den Raum der Alamannia vor dem Ende des sogenannten „älteren alemannischen Herzogtums“ im Jahre 746 zu bestimmen.

Speyer, die jedoch auf S. 111 nach Bohnenbergers überholten Annahmen auf die „Grenze zwischen den Herzogtümern Alemannien und Ostfranken“ zurückgeführt werden. Vgl. oben das Zitat von Renn und König in Anm. 97. 102 Dazu Geuenich, Die Sprache und die Namen (wie Anm. 89), S. 166–169.

Eva Schumann

Die Leges aus rechtshistorischer Sicht 1 Einführung Einen Überblick über die Leges aus rechtshistorischer Perspektive zu geben, ist keine dankbare Aufgabe: Denn bei Überblicken lassen sich Vereinfachungen und Verallgemeinerungen nicht vermeiden, sodass man zwar Tendenzen anhand des Gesamtbestands aufzeigen (s.  u. Ziff. 2), gleichzeitig aber den einzelnen Leges kaum gerecht werden kann. Hinzu kommt, dass der Forschungsstand an vielen Punkten unbefriedigend ist: Es gibt kaum neuere rechtshistorische Arbeiten zum Stand der Leges-Forschung1 und moderne Editionen2 fehlen ebenso wie kommentierte Ausgaben.3

Article note: Ich danke meinem Mitarbeiter Timo Pietsch für vielfache Hilfe. Der Beitrag wurde 2014 fertiggestellt; die angegebenen URL-Adressen wurden zuletzt am 15. August 2014 abgerufen.

1 Die Überblicke von Clausdieter Schott, Der Stand der Leges-Forschung, in: Frühmittelalterliche Studien 13 (1979), S. 29–55 und Wolfgang Sellert, Aufzeichnung des Rechts und Gesetz, in: Das Gesetz in Spätantike und frühem Mittelalter. 4. Symposion der Kommission „Die Funktion des Gesetzes in Geschichte und Gegenwart“, hg. von Wolfgang Sellert (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-Hist. Klasse, Dritte Folge 196), Göttingen 1992, S. 67–102 sind bereits in die Jahre gekommen. Zahlreiche Einzelfragen behandelt der Sammelband „Leges, Gentes, Regna, Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur“, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie Distler, Berlin 2006. Seit 2014 liegen mit der 19. und 20. Lfg. der zweiten Auflage des Handwörterbuchs zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG) auch zu sämtlichen Leges neue Artikel vor. Schließlich dienen zwei neue Online-Datenbankprojekte als Hilfsmittel zur Leges-Forschung: So sind erstens sämtliche LegesHandschriften im Datenbankprojekt „Bibliotheca Legum. Eine Handschriftendatenbank zum weltlichen Recht im Frankenreich“ aufgelistet; Bibliotheca legum regni Francorum manuscripta, hg. von Karl Ubl unter Mitarbeit von Dominik Trump und Daniela Schulz, Köln 2012 (http://www.leges.unikoeln.de). Zweitens ist das Bamberger DFG-Projekt „LegIT – Der volkssprachige Wortschatz der Leges barbarorum“ unter der Leitung von Stefanie Stricker zu nennen, das die vollständige „digitale Erfassung und Erschließung des volkssprachigen Wortschatzes der kontinental-westgermanischen Leges barbarorum in einer Datenbank“ zum Ziel hat (http://legit.ahd-portal.germ-ling.uni-bamberg.de). 2 Eine Liste der für diesen Beitrag herangezogenen Editionen der Leges findet sich am Ende des Beitrags. 3 Kritisch hierzu (bezogen auf das alemannische Recht) Wilfried Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz, Ostfildern 2004, S. 313–333 (313, 323).

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Die ersten Schwierigkeiten beginnen mit der Bezeichnung des Quellenbestandes, für den die Begriffe „Leges“, „Leges barbarorum“, „Stammesrechte“, „Volksrechte“ oder „Germanenrechte“ verwendet werden. In der ersten Auflage des Handwörterbuchs zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG) finden sich gleich drei Einträge für diese Quellengattung auf drei verschiedene Bände (1978–1998) verteilt: „Leges barbarorum“ von Adalbert Erler, „Stammesrecht“ von Ruth Schmidt-Wiegand und „Volksrechte“ von Ekkehard Kaufmann.4 Im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde schreibt Schmidt-Wiegand die einschlägigen Beiträge unter zwei verschiedenen Lemmata, nämlich einerseits unter „Leges“ und andererseits unter „Volksrechte“.5 Lediglich das Lexikon des Mittelalters begnügt sich mit einem Eintrag, nämlich mit dem Lemma „Leges“ von Clausdieter Schott.6 Ein ähnlich disparates Bild bieten die aktuellen Lehrbücher zur (Deutschen) Rechtsgeschichte, die ganz überwiegend von „Volksrechten“ (Ulrich Eisenhardt, Rudolf Gmür/Andreas Roth, Gerhard Köbler und Thomas Olechowski)7 oder von (germanischen) „Stammesrechten“ (Karl Kroeschell und Marcel Senn)8 sprechen, oder

4 Nach Adalbert Erler, s. v. Leges barbarorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, Berlin 1978, Sp. 1672–1673 (1672) handelt es sich bei dem Begriff „Leges barbarorum“ um „eine heute überholte Bezeichnung für die vorwiegend germanistischen Volksrechte (Stammesrechte) des FrühMA“. Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Stammesrecht, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 4, Berlin 1990, Sp. 1892–1894 (1892) beginnt ihren Artikel mit folgender Definition: „Der Begriff S. bezieht sich auf die ältesten Rechtsaufzeichnungen der Germanen, die auf dem Kontinent siedelten, angefangen von den Bruchstücken des westgotischen Codex Euricianus (Lex Visigothorum) (ca. 475) bis zu der Lex Salica emendata aus der Zeit Karls des Großen (Anf. 9. Jh.), die auch als Germanenrechte, Volksrechte, Leges barbarorum und Leges bezeichnet werden.“ Schließlich werden nach Ekkehard Kaufmann, s. v. Volksrecht, Volksrechte, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 5, Berlin 1998, Sp. 1004–1006 (1005) die „leges barbarorum […] seit Beginn des 19. Jh. entsprechend der geschilderten romantischen Auffassung als Volksrechte im Sinne einer besonderen frühma. Quellengruppe bezeichnet.“ Kritisch zu sämtlichen Begriffen Gabriele von Olberg-Haverkate, s. v. Leges barbarorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 690–692 (690  f.). 5 Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Leges, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 195–201; dies., s. v. Volksrechte, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 32, Berlin, New York 2006, S.  585–589. Zusätzlich werden die Leges noch bei Karl Kroeschell, s. v. Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 11, Berlin, New York 1998, S. 395–405 behandelt („Leges“ auf S. 400  f.). 6 Clausdieter Schott, s. v. Leges, in: Lexikon des Mittelalters 5, München 1991, Sp. 1802  f. 7 Ulrich Eisenhardt, Deutsche Rechtsgeschichte, 6. Aufl., München 2013, Rn. 174; Rudolf Gmür und Andreas Roth, Grundriss der deutschen Rechtsgeschichte, 14. Aufl., München 2014, Rn. 32–35; Gerhard Köbler, Deutsche Rechtsgeschichte. Ein systematischer Grundriss der geschichtlichen Grund­lagen des deutschen Rechts von den Indogermanen bis zur Gegenwart, 6.  Aufl., München 2005, S.  80  f.; Thomas Olechowski, Rechtsgeschichte. Einführung in die historischen Grundlagen des Rechts, 3. Aufl., Wien 2010, Rn. 1406–1408. 8 Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd.  1, 13.  Aufl., Köln 2008, S.  21–23; Marcel Senn, Rechtsgeschichte – ein kulturhistorischer Grundriss, 4. Aufl., Zürich 2007, S. 32–45.



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keine abschließende Entscheidung über die Begrifflichkeit treffen (Hans Hattenhauer, Stephan Meder und Hans Schlosser).9 Trotz unterschiedlicher Bezeichnungen besteht immerhin weitgehende Einigkeit, welche Rechte gemeint sind: Es handelt sich um die zwischen dem Ende des 5. und dem frühen 9.  Jahrhundert in Latein aufgezeichneten Rechte der kontinentaleuropäischen germanischsprachigen Gentes für die eigene (nichtromanische) Bevölkerung.10 Von der Rechtsquellengattung der Leges,11 die häufig schon im Titel die Verbindung zwischen gens und lex ausdrücken und ihre Inhalte als überwiegend tradiertes (mündlich überliefertes) Gewohnheitsrecht ausgeben, werden zwei andere Gattungen frühmittelalterlicher Rechte abgegrenzt, nämlich die sog. Leges Romanae der Goten und Burgunder sowie die Kapitularien der fränkischen Könige, wenngleich diese Differenzierung nicht unproblematisch ist, weil es formale und inhaltliche Überschneidungen gibt. Zudem sind Rechtstexte aus allen drei Gattungen häufig in Sammelhandschriften überliefert; Forschungen zu diesen Sammelhandschriften fehlen allerdings bislang fast ganz.12 Im Gegensatz zu den Leges der einzelnen Gentes versteht die Forschung unter den Kapitularien die Rechtsetzungsakte der fränkischen Könige für das Frankenreich.13

9 Hans Hattenhauer, Europäische Rechtsgeschichte, 4.  Aufl., Heidelberg 2004, Rn.  342, 350, 369; Stephan Meder, Rechtsgeschichte. Eine Einführung, 5. Aufl., Köln 2014, S. 128–138; Hans Schlosser, Grundzüge der Neueren Privatrechtsgeschichte, 10.  Aufl., Heidelberg 2005, S.  10–14; ders., Neuere europäische Rechtsgeschichte. Privat- und Strafrecht vom Mittelalter bis zur Moderne, 3. Aufl., München 2017, Kap. 2, Rn. 9–15. 10 Statt vieler Schmidt-Wiegand, s. v. Volksrechte (wie Anm. 5), S.  585; Schott, s. v. Leges (wie Anm. 6), Sp. 1802. Vgl. auch Christoph H. F. Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber. Raum und Zeit in den Leges Langobardorum, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 2007, München 2008, S. 141–187 (144): „Diese Rechtsaufzeichnungen, die zwischen dem ausgehenden 5. und dem frühen 9. Jahrhundert entstanden sind, enthalten das Recht nichtrömischer Gentes“. 11 Zur Einordung der Leges als eigene Rechtsquellengattung auch Clausdieter Schott, Das Siedlungsbild der germanischen Leges, in: Città e Campagna nei Secoli Altomedievali 1, Spoleto 2009, S. 219–244 (244): „Die germanischen Leges bilden bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen insgesamt eine eigene Rechtsquellengattung. Diese Zuordnung ist nicht erst das Produkt einer späteren wissenschaftlichen Systematisierung, sondern entspricht bereits der Sicht zur Zeit der Abfassung der Leges selbst. Dies ergibt sich allein schon daraus, dass alle diese Gesetze in mehr oder weniger starker formeller und materieller Abhängigkeit zueinander stehen.“ 12 Arbeiten zu einzelnen Sammelhandschriften, wie etwa die Arbeit von Oliver Münsch, Der Liber legum des Lupus von Ferrières (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte 14), Frankfurt am Main 2001, sind nach wie vor die Ausnahme. Weiter sind noch zu nennen: Stefan Esders, Römische Rechtstradition und merowingisches Königtum. Zum Rechtscharakter politischer Herrschaft in Burgund im 6. und 7. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 134), Göttingen 1997, S. 56  ff.; Walter Pohl, Werkstätte der Erinnerung. Montecassino und die Gestaltung der langobardischen Vergangenheit (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 39), Wien 2001, S. 108  ff. 13 Allgemein anerkannt ist die Definition von Hubert Mordek, Leges und Kapitularien, in: ders., Studien zur fränkischen Herrschergesetzgebung. Aufsätze über Kapitularien und Kapitulariensammlun-

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Idealtypisch gelten sie für das gesamte Reich, d.  h. für die Angehörigen sämtlicher unter fränkischer Herrschaft stehender Gentes und folgen damit dem Territorialitätsprinzip.14 Es gibt aber auch Kapitularien, die zur Reform bzw. Ergänzung einzelner Leges erlassen wurden15 (diese werden auch als Capitularia legibus addenda oder als Capitularia legibus addita bezeichnet).16 Aufgrund der inhaltlichen Bezüge zwischen diesen Kapitularien und den jeweiligen Leges sollten diese (trotz der formalen Unterschiede) als Einheit betrachtet werden.17

gen ausgewählt zum 60. Geburtstag, Frankfurt am Main 2000, S. 341–352 (341), wonach die Kapitularien „königliche, das heißt von den fränkischen Herrschern ausgehende, meist in Kapitel gegliederte Satzungen und Verlautbarungen gesetzgeberischen, administrativen, auch religiös-belehrenden Charakters [sind], bei deren Abfassung bzw. Erlaß oft die Großen des Reiches mitwirkten“. Zustimmend etwa Steffen Patzold, Normen im Buch. Überlegungen zu Geltungsansprüchen sogenannter ‚Kapitularien‘, in: Frühmittelalterliche Studien 41 (2007), S. 331–350 (332  f.) mit weiteren Nachweisen. Der seit karolingischer Zeit verwendete Begriff capitulare bezieht sich auf ein rein formales Kriterium, nämlich auf die Einteilung dieser Rechtsquellen in einzelne Kapitel. Vor allem in merowingischer Zeit finden sich für entsprechende Satzungen noch andere Bezeichnungen wie etwa edictum oder decretum. Dazu Gerhard Schmitz, s. v. Kapitularien, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, 2. Aufl. Berlin 2012, Sp. 1604–1612 (1604  f.). Trotz der verdienstvollen Arbeiten Mordeks zu den Kapitularien ist auch hier der Forschungsstand nicht befriedigend; dazu ausführlich Britta Mischke, Kapitularienrecht und Urkundenpraxis unter Kaiser Ludwig dem Frommen (814–840), phil. Diss., Bonn 2013, S. 4  ff. (S. 21  f. zur Definition Mordeks). 14 So auch Hans-Werner Goetz, GENTES, Zur zeitgenössischen Terminologie und Wahrnehmung ostfränkischer Ethnogenese im 9.  Jahrhundert, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 108 (2000), S. 85–116 (102) mit weiteren Nachweisen. 15 Zu nennen sind insbesondere die von Karl dem Großen zwischen 801–813 erlassenen Kapitularien zur Ergänzung der Lex Baiuvariorum (Capitula ad legem Baiwariorum addita und Capitulare Baiwaricum) und der Lex Ribuaria (Capitulare legi Ribuariae additum); Capitularia Regum Francorum, hg. von Alfred Boretius, Monumenta Germaniae Historica, Capit. 1, Hannover 1883, Nr. 41, S. 117  f. und Nr.  68  f., S.  157–159. Weitere Nachweise bei Steffen Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts im Spiegel der ‚Leges‘-Reformen Karls des Großen und Ludwigs des Frommen, in: Rechtsveränderung im politischen und sozialen Kontext mittelalterlicher Rechtsvielfalt, hg. von Stefan Esders und Christine Reinle (Neue Aspekte der europäischen Mittelalterforschung 5), Münster 2005, S. 63–99 (68  ff.). Schließlich gehören in diese Gruppe auch die beiden für Sachsen Ende des 8. Jahrhunderts erlassenen Kapitularien; dazu Lutz E. v. Padberg, s. v. Capitulare Saxonicum und Capitulatio de partibus Saxoniae, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte 1, 2.  Aufl., Berlin 2008, Sp. 812  f. und Sp. 813–815; Heiner Lück, s. v. Lex Saxonum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 940–944 (941). 16 Dazu Rudolf Buchner, Die Rechtsquellen. Beiheft zu Wattenbach-Levison, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit und Karolinger, Weimar 1953, S. 45  f. Zur Problematik einer Unterteilung des Quellenbestandes der Kapitularien Schmitz, s. v. Kapitularien (wie Anm.  13), Sp. 1604, 1605  f.; Mischke, Kapitularienrecht (wie Anm. 13), S. 6  f. 17 So auch Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 67 („capitula, die die ‚Leges‘ reformieren wollten“). Nach Karl R. Giesriegl, Autorität, Chronologie und Gesetzgebung. Königskataloge in fränkischen Leges-Handschriften, in: Texts and Identities in the Early Middle Ages, hg. von Richard Corradini, Rob Meens, Christina Pössel und Philip Shaw (Österreichische Aka-



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Die sog. Leges Romanae, insbesondere die Lex Romana Visigothorum und die Lex Romana Burgundionum, beinhalten Auszüge aus dem römischen Recht und wurden für die romanische Bevölkerung im Westgotenreich und in Burgund erlassen.18 Beide Rechte schöpfen aus dem Codex Theodosianus von 438,19 weiteren kaiserlichen Konstitutionen und einzelnen Schriften römischer Juristen.20 Die Differenzierung zwischen den Leges Romanae und den Leges darf nicht so verstanden werden, dass letztere nur „germanisches“ Recht abbilden, denn auch die Leges sind in unterschiedlich starkem Umfang „romanisiert“, enthalten also Elemente römischen Rechts.21 Allerdings gibt es auch deutliche Unterschiede zum römi-

demie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 344 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 12), Wien 2006, S. 205–218 (216) sind die additiones zur Lex Salica „ein Versuch, die Leges up to date zu halten“. Da diese Kapitularien den Text meist nur ergänzen und es kaum Streichungen gibt, begreift Giesriegl (S. 217) sie als erläuternde Kommentare zur Lex Salica. 18 So weist die Lex Burgundionum in der Prima Constitutio (c. 8) den Richter an, dass Rechtssachen unter Romanen  – entsprechend der Tradition der Vorfahren  – nach den römischen Gesetzen entschieden werden sollen (Inter Romanos vero […] Romanis legibus praecipimus iudicari). Um Rechtssicherheit zu erhalten, sei das römische Recht in einem eigenen Buch aufzuzeichnen (qui formam et expositionem legum conscriptam, qualiter iudicent, se noverint accepturos, ut per ignorantiam se nullus excuset). Der Umstand, dass die Lex Romana Burgundionum (trotz ihres römisch-rechtlichen Inhalts) in der Titelfolge in weiten Teilen der Lex Burgundionum folgt, dürfte dem Richter die Rechtsanwendung, d.  h. das Auffinden der einschlägigen Regelungen, erheblich erleichtert haben. Denn die Regelungen der Prima Constitutio legen nahe, dass Richter, die barbari oder Romani sein konnten, Recht für beide Bevölkerungsgruppen zu sprechen und damit burgundisches wie römisches Recht anzuwenden hatten. Dafür spricht jedenfalls die Regelung zur versehentlich falschen Rechtsanwendung (c. 11: Si quis sane iudicum, tam barbarus quam Romanus, per simplicitatem aut neglegentiam praeventus, forsitan non ea quae leges continent iudicabit et a corruptione alienus est, XXX solidos se noverit solviturum, causa denuo discussis partibus iudicanda.). Eine ähnliche Regelung enthält auch das langobardische Recht (Liut. 91), nach der Schreiber (Notare) Urkunden nach langobardischem Recht oder nach römischem Recht verfassen sollen (zu Liut. 91 siehe Anm. 166). 19 Beim Codex Theodosianus handelt es sich um eine Gesetzessammlung kaiserlicher Konstitutionen seit 312, die von dem oströmischen Kaiser Theodosius II. (408–450) veranlasst wurde. Dazu Detlef Liebs, s. v. Codex Theodosianus, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, 2. Aufl., Berlin 2008, Sp. 868–870 (868  f.). 20 Die Bedeutung der Leges Romanae liegt vor allem darin, dass sie bis zum Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem römischen Recht Justinians im Hochmittelalter zum Fortleben des römischen Rechts in Westeuropa beitrugen. Dazu insgesamt Martin Schermaier, s. v. Leges Romanae, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 213–215; Detlef Liebs, s. v. Lex Romana Burgundionum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2.  Aufl., Berlin 2016, Sp. 908–912; ders., s. v. Lex Romana Visigothorum, ebd., Sp. 918–924. 21 Ein besonders anschauliches Beispiel bietet LBurg. XVIII 1: Dort wird die alte Regelung zur Haftung des Tierhalters für einen von seinem Tier angerichteten Schaden aufgegeben (Si quodcumque animal quolibet casu aut morsus canis homini mortem intulerit, iubemus etiam inter Burgundiones antiquam exinde calumniam removeri […]) und stattdessen angeordnet, dass die (römischrechtliche) Noxalhaftung gelten und das schädigende Tier dem Geschädigten übergeben werden soll ([…] ipsum animal aut canem, per quem damnum videtur admissum, tradat illi, qui damnum pertulit). Vgl. weiter

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schen Recht;22 dies gilt insbesondere für das Hauptregelungsanliegen der Leges, für die Konfliktbewältigung und die Eindämmung von Selbsthilfehandlungen in einer kriegerisch ausgerichteten, aus verwandtschaftlich und gefolgschaftlich organisierten Kleinverbänden bestehenden Gesellschaft.23 Auf die Leges übertragbar ist auch die Einschätzung von Walter Pohl, dass „vieles, was in den regna der Goten, Langobarden oder Franken nichtrömisch erscheint, deswegen nicht einfach germanisch, sondern eben nachrömisch“ ist.24 Für einen Teilbestand der Leges dürfte sich tatsächlich erst im Zuge der Errichtung neuer regna ein Regelungsbedarf ergeben haben.25 Aber auch das, was weder römisch noch nachrömisch ist, muss nicht „germanisch“ sein und zwar auch dann nicht, wenn sich inhaltliche Übereinstimmungen in mehreren Leges finden. Solche Übereinstimmungen können zwar auf gemeinsamen Rechtstraditionen beruhen, die in die Völkerwanderungszeit oder noch weiter zurückreichen, sie müssen es aber nicht. Denkbar sind auch Parallelentwicklungen, die direkte Nutzung einer anderen Lex als Vorlage bei

zur Übernahme römischen Rechts in das westgotische Recht und zur weiteren Verarbeitung im alemannischen und bayerischen Recht Karl Kroeschell, Wahrheit und Recht im frühen Mittelalter, in: ders., Studien zum frühen und mittelalterlichen deutschen Recht, Berlin 1995, S. 399–416 (402  ff.). Weitere Beispiele nennen Detlef Liebs, Römische Jurisprudenz in Gallien (2. bis 8. Jahrhundert) (Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen NF 38), Berlin 2002, 157  ff., 163  ff. und Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 394–415. 22 In diesem Sinne auch Verena Epp, Gesetzgebung und Integration in der Zeit der sogenannten Völkerwanderung. Zu den Leges der Burgunder und Franken, Langobarden und Westgoten, in: Mi­gration als soziale Herausforderung. Historische Formen solidarischen Handelns von der Antike bis zum 20.  Jahrhundert, hg. von Joachim Bahlcke, Rainer Leng und Peter Scholz (Stuttgarter Beiträge zur Historischen Migrationsforschung 8), Stuttgart 2011, S. 77–99 (80  f.); Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 145, 149. 23 So auch Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 219, 220  f. („Damit ist der wesentliche Regelungsinhalt der germanischen Leges angesprochen. Deren vordringliches Anliegen besteht gerade darin, die blutige Vergeltung durch eine materielle Abgeltung zu ersetzen. Technisch wird dies dadurch bewerkstelligt, dass die ganze Gesellschaft, Männer, Frauen, Kinder, Freie, Sklaven, Hab und Gut durchtaxiert wird.“). Ähnlich Elmar Wadle, Frieden, Zwang, Recht. Ein Versuch, Zusammenhänge der Zeit der leges zu deuten, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 549–560 (551  f.) und bezogen auf das alemannische Recht Clausdieter Schott, Pactus, Lex und Recht, in: Die Alemannen in der Frühzeit, hg. von Wolfgang Hübener (Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg/Br. 34), Bühl 1974, S.  135–168 (153  ff.). Vgl. weiter zum „System“ des Unrechtsausgleichs im Frühmittelalter Eva Schumann, s. v. Kompositionensystem, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, 2. Aufl., Berlin 2012, Sp. 2003–2011 (2003  ff.). 24 Walter Pohl, Vom Nutzen des Germanenbegriffes zwischen Antike und Mittelalter. Eine forschungsgeschichtliche Perspektive, in: Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter, hg. von Dieter Hägermann, Wolfgang Haubrichs und Jörg Jarnut (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 24), Berlin, New York 2004, S. 18–34 (27). 25 Dazu auch Hannes Obermair, Das Recht der tirolisch-trientinischen „Regio“ zwischen Spätantike und Frühmittelalter, in: Concilium medii aevi 9 (2006), S. 141–158 (143  f.).



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der Aufzeichnung des eigenen Schriftrechts oder eine unabhängige Rezeption aus einer gemeinsamen schriftlichen Vorlage, etwa aus dem kanonischen Recht.26 Angesichts dessen drängt sich die Frage auf, ob die Suche nach dem spezifisch „Germanischen“ in den Leges überhaupt sinnvoll ist und ob man sich nicht von der Vorstellung eines „germanischen Rechts“ ganz verabschieden sollte. Während die anderen historischen Disziplinen schon länger die Verwendung des „Germanenbegriffs“ kritisch diskutieren und als Folge dieser Debatte den Begriff zum Teil auch ganz ablehnen27 oder ihn in den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich definieren,28 zeigt sich die Rechtsgeschichte von dieser Diskussion erstaunlich unbeeindruckt.29 So wird der Gegenstand des Handwörterbuchs zur deut-

26 Zur Problematik auch Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm.  10), S.  141, 152  f. (am Beispiel der Regelung zu Manipulationen an Grenzsteinen). 27 Etwa Jörg Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung, in: Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters, hg. von Walter Pohl (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 322 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8), Wien 2004, S. 107–113. 28 Dazu Heiko Steuer, s. v. Germanen, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, 2.  Aufl., Berlin 2012, Sp. 225–230 (225  ff.); Stefanie Dick, Langobardi per annos decem regem non habentes, sub ducibus fuerunt. Formen und Entwicklung der Herrschaftsorganisation bei den Langobarden, Eine Skizze, in: Die Langobarden. Herrschaft und Identität, hg. von Walter Pohl und Peter Erhart (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 329 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 9), Wien 2005, S. 335–343 (335–337); Walter Pohl, Der Germanenbegriff vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. Identifikationen und Abgrenzungen, in: Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen, hg. von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer und Dietrich Hakelberg (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 34), Berlin, New York 2004, S. 163–183; ders., Vom Nutzen des Germanenbegriffes (wie Anm. 24), S. 18  ff.; Herwig Wolfram, Wie schreibt man heute ein Germanenbuch und warum immer noch eins?, in: Völker, Reiche und Namen im frühen Mittelalter, hg. von Matthias Becher und Stefanie Dick (MittelalterStudien 22), München 2010, S. 15–43; Hubert Fehr, Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 68), Berlin, New York 2010, S. 23  ff., 29  ff.; Armin Volkmann, Die Germanen. Mythos und Forschungsrealität, 2012 (http:// nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:bvb:20-opus-66789) jeweils mit weiteren Nachweisen. 29 Zur Problematik Bernd Kannowski, Germanisches Recht heute, in: Juristenzeitung 2012, S. 321– 327; Adrian Schmidt-Recla, Kalte oder warme Hand? Verfügungen von Todes wegen in mittelalterlichen Referenzrechtsquellen (Forschungen zur Deutschen Rechtsgeschichte 29), Köln 2011, S. 6  ff.; Harald Siems, Zum Weiterwirken römischen Rechts in der kulturellen Vielfalt des Frühmittelalters, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 231–255 (232  ff.). Auch die Rechtsdogmatik führt ganz selbstverständlich „germanische“ Rechtstraditionen an, um einzelne Institute des geltenden Rechts zu stützen. So hat sich das Bundesverfassungsgericht in zwei Entscheidungen aus den Jahren 2005 und 2008 ausdrücklich auf Traditionen des „germanischen“ Rechts berufen. Nach BVerfGE 112, S. 332–363 (349  f.) gehört das Pflichtteilsrecht der Kinder als „tragendes Strukturprinzip“ zu den „tradierte[n] Kernelemente[n] des deutschen Erbrechts“ und ist daher durch die Erbrechtsgarantie des Art.  14 Abs. 1 S. 1 GG geschützt. Die Teilhabe der Kinder am Nachlass wird dabei auf eine lange Tradition gestützt, wobei ausdrücklich auch die „germanischen Rechte“ erwähnt werden. In der Entscheidung

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schen Rechtsgeschichte in der ersten Auflage, nämlich die Darstellung der Entwicklung des Rechts in Deutschland sowie der „germanistischen Elemente“ des Rechts,30 von den Herausgebern der zweiten Auflage ausdrücklich übernommen.31 Während aber die erste Auflage keine einschlägigen Lemmata zum „Germanenbegriff“ enthält,32 finden sich in der zweiten Auflage immerhin drei neue Begriffe: „Germanisches Recht“ von Gerhard Dilcher,33 „Germanen“ von Heiko Steuer34 und „Germanische Sprachen“ von Ruth Schmidt-Wiegand.35 Die zentrale Frage, was unter „germanischem Recht“ zu verstehen ist und ob die Inhalte der Leges oder wenigstens Teile davon als „germanisches Recht“ zu betrachten sind, wird jedoch nicht beantwortet. Andererseits besteht angesichts der ablehnenden Haltung anderer historischer Disziplinen gegenüber einer Einteilung des Rechts in „römisch“ und „germanisch“36 die Gefahr, dass der Differenzierung zwischen unterschiedlichen Rechtstraditionen in Europa von vornherein jede Relevanz abgesprochen wird. Dabei wird aber übersehen, dass ein zentrales Merkmal der europäischen Rechtskultur seit fast zwei Jahrtausenden permanente Transferprozesse zwischen verschiedenen Rechtsmassen (d.  h. die Übernahme von Rechtsideen und ihre produktive Umdeutung) sind und dass diese Vorgänge über Jahrhunderte immer wieder neue Dynamiken auslösten und

BVerfGE 120, S. 224–273 (224  f.) heißt es, dass sich Ausprägungen des Inzestverbots nicht nur in den antiken Rechten und im islamischen Recht, sondern auch „im germanischen Recht“ finden, wobei als Nachweis das veraltete Werk von Wilhelm Eduard Wilda, Das Strafrecht der Germanen, Halle 1842, S. 855  ff. genannt wird (das freilich nur christlich beeinflusste Belege aus den Leges und den Kapitularien anführt). Zu neueren Deutungen der Entstehung des Inzestverbots Karl Ubl, Inzestverbot und Gesetzgebung. Die Konstruktion eines Verbrechens (300–1100) (Milliennium-Studien zu Kultur und Geschichte des ersten Jahrtausends n. Chr. 20), Berlin 2008. 30 Im Vorwort zur ersten Auflage von 1971 heißt es mit Bezug auf den Inhalt des Handwörterbuchs, dass der Begriff der deutschen Rechtsgeschichte doppeldeutig sei: „Im engeren Sinne umfaßt er nur die germanistischen Elemente in der Rechtsgeschichte Deutschlands, im weiteren Sinne jedoch die gesamte Rechtsgeschichte, die sich in Deutschland entfaltet hat, mithin auch diejenige der Romanisierung unseres Rechts.“ So Adalbert Erler und Ekkehard Kaufmann, Vorwort, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, Berlin 1971. Auch die Kanonistik werde einbezogen, soweit sie „in unmittelbarer Beziehung zu Deutschland steht“. 31 Albrecht Cordes, Heiner Lück und Dieter Werkmüller, Vorwort, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, 2. Aufl., Berlin 2008, S. I f. Das Konzept wird lediglich um die Wissenschaftsgeschichte und um einzelne Aspekte einer vergleichenden europäischen Rechtsgeschichte erweitert. 32 Die erste Auflage enthält lediglich einen Eintrag zur Germania des Tacitus; Adalbert Erler, s. v. Germania, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, Berlin 1971, Sp. 1580–1582. 33 Gerhard Dilcher, s. v. Germanisches Recht, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, 2. Aufl., Berlin 2012, Sp. 241–252. 34 Steuer, s. v. Germanen (wie Anm. 28), Sp. 225–230. 35 Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Germanische Sprachen, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, 2. Aufl., Berlin 2012, Sp. 234–241. 36 Etwa Manuel Koch, Ethnische Identität im Entstehungsprozess des spanischen Westgotenreiches (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 75), Berlin 2012, S. 59  ff.



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neue „Mischrechte“ schufen. Eine Analyse dieser Transfer- bzw. Transformationsprozesse setzt jedoch die Akzeptanz verschiedener Rechtstraditionen voraus. Zudem wird ignoriert, dass die Rechtsmassen des römischen Rechts und des kanonischen Rechts in ganz Europa immer Bezugsgrößen waren, von denen andere Rechte abgegrenzt wurden.37 Betrachtet man als Rechtshistorikerin die neueren Forschungen der anderen historischen Disziplinen, so entsteht fast der Eindruck, dass in übersteigerter Ablehnung der älteren rechtshistorischen Literatur, die alles oder jedenfalls vieles in den Leges als „germanisch“ begriff, nun umgekehrt alles oder jedenfalls vieles als „nichtgermanisch“ eingeordnet wird und zudem alle Aussagen der Leges zum Personalitätsprinzip so interpretiert bzw. „umgedeutet“ werden, dass die Rechtsregeln der Leges als territorial geltendes Recht erscheinen.38 Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Frage, welche konkreten Vorstellungen über die Jahrhunderte mit den unterschiedlichen Rechtsmassen verbunden waren und wie diese sich gegenseitig befruchteten, aber auch immer wieder gegeneinander instrumentalisiert wurden, aus dem Blickfeld gerät. Mit dem Festhalten an der Differenzierung zwischen unterschiedlichen Rechts­ traditionen ist freilich noch keine Aussage zu den Inhalten bzw. zur Einordnung der Inhalte der Leges als „germanisch“ verbunden. Da sich – wie schon erwähnt – in den Leges in unterschiedlichem Maße Elemente römischen Rechts nachweisen lassen, wäre es lohnend, zu untersuchen, warum die Einflüsse in den einzelnen Rechten so unterschiedlich ausfallen. In diesem Überblick soll jedoch einer anderen Frage nachgegangen werden, nämlich welche Bedeutung den gentilen bzw. ethnischen Bezügen in den Leges zukommt, wobei in diesem Zusammenhang auch auf die Unterscheidung zwischen der „eigenen“ gens (bzw. den barbari) und den

37 Seit dem Frühmittelalter unterscheiden die Rechtsquellen zwischen römischem Recht, kanonischem Recht und anderen Rechten, die jeweils abgrenzbaren sozialen Gruppen (etwa einzelnen frühmittelalterlichen Gentes oder später den Einwohnern einer Stadt oder eines Territoriums) zugeordnet werden; seit dem Hochmittelalter wird diese Differenzierung an den europäischen Universitäten durch die getrennte wissenschaftliche Bearbeitung des römischen Rechts und des kanonischen Rechts sowie ergänzend dazu seit der Frühen Neuzeit auch der partikularen Rechte und später der nationalen Rechte verstärkt. Zur Abgrenzung der verschiedenen Rechtsmassen im Mittelalter, aber auch zur „wechselseitigen Durchdringung“ Siems, Zum Weiterwirken römischen Rechts (wie Anm. 29), S. 231, 247  ff., insb. 249  ff. 38 Zum Forschungsstand zu dieser Frage Koch, Ethnische Identität (wie Anm. 36), S. 60  ff. Vgl. weiter Bernd Schneidmüller, Völker, Stämme, Herzogtümer? Von der Vielfalt der Ethnogenesen im ost­ fränkischen Reich, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 108 (2000), S. 31–47 (34  ff.) zur Abkehr der Mediävistik von einer personenverbandsbezogenen Forschung und zur Hinwendung zu raumbezogenen Herrschaftskonzepten, mit denen sich ein Wechsel vom Personalitätsprinzip hin zum Territorialitätsprinzip besser vereinbaren ließe als das Festhalten der Rechtsgeschichte am Personalitätsprinzip.

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Romani39 einerseits sowie zwischen dem „eigenen“ Recht und dem römischen Recht andererseits einzugehen sein wird (dazu unten Ziff. 3).

2 Ein Überblick über die Leges: Gemeinsamkeiten und Unterschiede Auf der beigegebenen Übersicht (Abb. 1) sind die Aufzeichnungszeiträume für sämtliche den Quellengattungen Leges und Leges Romanae zugeordneten Rechte schematisch eingetragen; die Kästchen markieren den Zeitraum der Aufzeichnung der Rechte bzw. der Novellen oder überarbeiteten Fassungen.40

2.1 Aufzeichnungszeiträume Die um das Jahr 500 erstmals aufgezeichneten Rechte der Westgoten, Burgunder und Franken stehen im Zusammenhang mit den jeweiligen Reichsgründungen dieser Gentes in Gebieten mit einer romanischen Mehrheitsbevölkerung. Die Rechte dieser ersten Aufzeichnungswelle weisen deutliche Unterschiede auf, die hier nur angedeutet werden können: Der nur fragmentarisch überlieferte älteste westgotische Codex Euricianus (um 475) enthält vor allem schuld-, familien- und erbrechtliche Regelungen, während die sonst üblichen Normen zum Unrechtsausgleich durch Sühneleistung fehlen bzw. nicht überliefert sind. Zudem ist der Einfluss römischer Juristen, die an der Abfassung beteiligt gewesen sein dürften, spürbar.41 Im Pactus legis Salicae (um 507)42 dominieren hingegen die Regelungen zum Unrechtsausgleich und mit den sog. malbergischen Glossen enthält er zahlreiche Wörter der fränkischen Rechts-

39 Zur Frage, wer mit der Bezeichnung Romani in den frühmittelalterlichen Quellen gemeint sein könnte, ausführlich Fehr, Germanen und Romanen (wie Anm.  28), S.  21  f., 34  ff. (insb. S.  38  ff. zur modernen Differenzierung zwischen „Römern“ und „Romanen“ im deutschen Sprachraum), S. 161  ff. Vgl. aber auch Volker Bierbrauer, s. v. Romanen, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 25, Berlin, New York 2003, S. 210–242 (213). 40 Einzelne Datierungen sind freilich höchst umstritten, vgl. zur Lex Salica etwa Ubl, Inzestverbot und Gesetzgebung (wie Anm. 29), S. 176  ff. 41 Zum Codex Euricianus Hermann Nehlsen, s. v. Codex Euricianus, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 5, Berlin, New York 1984, S. 42–47 (insb. 42  f., 45  f.). 42 Die Differenzierung zwischen Pactus legis Salicae und Lex Salica wird von der neueren Forschung stark kritisiert, weil sich der Titel Pactus legis Salicae nur in zwei Handschriften findet. Zur Kritik Ubl, Inzestverbot und Gesetzgebung (wie Anm. 29), S. 178  f. Da jedoch die hier benutzten Editionen auf dieser Differenzierung beruhen, wird aus pragmatischen Gründen daran festgehalten. Zum Charakter des Pactus legis Salicae Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Lex Salica, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 326–332 (insb. 327) und zu den einzelnen Fassungen



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Abb. 1: Die Leges und ihre Aufzeichnung in drei zeitlichen Wellen (Entwurf Verf.).

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sprache. Auch in der Lex Burgundionum (um 500–517) ist der Unrechtsausgleich ausführlich geregelt, ein weiteres Regelungsanliegen des Gesetzgebers ist aber auch eine geordnete Rechtspflege; volkssprachige Wörter werden nur sparsam eingesetzt.43 Insgesamt überwiegt bei diesen drei Rechten der Eindruck eines jeweils eigenständigen Charakters. Die zweite Aufzeichnungswelle setzt ein gutes Jahrhundert später mit dem Pactus legis Alamannorum ein und endet Mitte des 8. Jahrhunderts mit der Aufzeichnung der Lex Baiuvariorum. In diesem Zeitraum werden die Rechte der Alemannen, Langobarden und Bayern (teilweise in mehreren Schritten) aufgezeichnet.44 Die Forschung stellt bislang das langobardische Recht, das rund 150 Jahre nach den Rechten der Westgoten, Franken und Burgunder aufgezeichnet wurde, mit diesen auf eine Stufe. Alle vier Leges seien der ältesten Stufe der Rechtsaufzeichnungen zuzuordnen; gemeinsam sei ihnen, dass sie sich mit der Aufzeichnung ihrer eigenen Rechte von der romanischen Bevölkerung und dem römischen Recht abgrenzen wollten. Einer zweiten Stufe gehörten das alemannische und das bayerische Recht an, bei denen kirchliche Interessen hinter der Aufzeichnung ständen. Zur dritten Stufe seien schließlich diejenigen Leges zu rechnen, die auf Initiative Karls des Großen um das Jahr 800 erstmals aufgezeichnet wurden.45 In Abweichung von dieser Dreiteilung werden vor allem von Hermann Nehlsen und seinen Schülern die zweite und dritte Stufe zusammengefasst, sodass eine Zweiteilung (Leges aus den Gebieten mit einer romanischen Mehrheitsbevölkerung einerseits und nordalpine Rechte andererseits) übrig bleibt.46

der Lex Salica Heiner Lück, s. v. Lex Salica, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 924–940 (925). 43 Dazu insgesamt Hermann Nehlsen, s. v. Lex Burgundionum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, Berlin 1978, Sp. 1901–1915 (insb. 1902  f., 1907  ff., 1910  f.); Clausdieter Schott, s. v. Lex Burgundionum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 878–884 (insb. 880, 882  f.); Gerd Kampers, s. v. Lex Burgundionum, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 315–317; Schott, Stand der Leges-Forschung (wie Anm. 1), S. 29, 35  f. 44 Ob zu dieser Gruppe auch die Lex Ribuaria zu rechnen ist, muss angesichts des Streites um ihre Datierung und ihren Charakter (Lex Salica revisa) offenbleiben; dazu Heiner Lück, s. v. Lex Ribuaria, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 902–908 (902  f.). Zur Einteilung der Franken in „salische“ und „ribuarische“ Franken Fehr, Germanen und Romanen (wie Anm. 28), S. 32  f.; Walter Pohl, Die Germanen (Enzyklopädie deutscher Geschichte 57), 2. Aufl., München 2004, S. 110  ff. 45 So insbesondere Schmidt-Wiegand, s. v. Leges (wie Anm. 5), S. 195, 196  f. 46 Hermann Nehlsen, Sklavenrecht zwischen Antike und Mittelalter. Germanisches und römisches Recht in den germanischen Rechtsaufzeichnungen, I. Ostgoten, Westgoten, Franken, Langobarden (Göttinger Studien zur Rechtsgeschichte 7), Göttingen 1972, S. 61; Harald Siems, Handel und Wucher im Spiegel frühmittelalterlicher Rechtsquellen (Monumenta Germaniae Historica Schriften 35), Hannover 1992, S. 11; Isabella Fastrich-Sutty, Die Rezeption des westgotischen Rechts in der Lex Baiuvariorum (Erlanger Juristische Abhandlungen 51), Köln 2001, S. 5.



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Man kann darüber streiten, ob eine Gruppenbildung innerhalb der Leges überhaupt sinnvoll ist. In jedem Fall überzeugt aber die Zuordnung der Leges Langobardorum, deren Aufzeichnungszeitraum mehr als 200 Jahre erfasst (d.  h. von der Mitte des 7. bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts reicht),47 zur ersten Gruppe um das Jahr 500 nicht.48 Bei dieser Zuordnung gerät die zeitliche Nähe der Aufzeichnung des Pactus legis Alamannorum und des Edikts des Langobardenkönigs Rothari einerseits sowie der Novellen Liutprands und der beiden süddeutschen Leges andererseits von vornherein aus dem Blick. Daher fehlen auch in der neueren Forschung vergleichende Untersuchungen sowohl zu den ältesten (deutlich weniger christlich beeinflussten) Rechtsaufzeichnungen der Alemannen49 und Langobarden als auch zu den Novellen Liutprands und zu den fast zeitgleich aufgezeichneten süddeutschen Leges (Lex Alamannorum und Lex Baiuvariorum), obwohl diese drei in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts aufgezeichneten Rechte in starkem Maße von christlichen Wertvorstellungen und kirchlichen Interessen geprägt sind. Alle drei Rechte heben zudem die Zustimmung des gesamten Volkes zur lex scripta in besonderem Maße hervor.50 Des Weiteren beginnt das Edikt König Rotharis als erstes Recht innerhalb der Gruppe der Leges mit einem Abschnitt zu „Königssachen“, der wiederum als Vorbild für die Herzogssachen der beiden süddeutschen Leges gedient haben könnte.51 Schließlich enthalten alle drei Rechte zahlreiche volkssprachige Wörter sowie inhaltliche Übereinstimmungen.52

47 Zur Aufzeichnung des langobardischen Rechts seit der Mitte des 7. Jahrhunderts vgl. nur Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 147  f. mit weiteren Nachweisen. Die Novellengesetzgebung endet nach der Eroberung des Langobardenreiches durch Karl den Großen im Jahr 774; lediglich acht weitere Einzelregelungen werden 866 durch Adelchis noch hinzugefügt. 48 Gerhard Dilcher, Die Stellung des langobardischen Rechts in einer Typologie der Leges, in: ders., Normen zwischen Oralität und Schriftkultur. Studien zum mittelalterlichen Rechtsbegriff und zum langobardischen Recht, hg. von Bernd Kannowski, Susanne Lepsius und Reiner Schulze, Köln 2008, S. 225–263 (240  f., 262  f.) betont hingegen die Eigenständigkeit des langobardischen Rechts und will dieses weder der ersten noch der zweiten Gruppe eindeutig zuordnen, wenngleich er eine stärkere Nähe zur ersten Gruppe sieht. 49 Auf den fehlenden Einfluss der Kirche weist etwa Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 317  f. kurz hin. 50 Sie verwenden dabei – im Gegensatz zu sämtlichen anderen Rechten – Formeln wie cum cuncto populo; so Liutprand im Jahre 713 und entsprechend die Incipit-Formeln der Lex Baiuvariorum (apud cunctum populum christianum) und der Lex Alamannorum (cum cetero populo). Im alemannischen Recht wird auch bei einzelnen wichtigen Regelungen betont, dass diese durch den Herzog und das gesamte „Volk“ beschlossen worden seien. So muss nach LAlam. XLI 1 jeder Richter durch den Herzog mit Zustimmung des „Volkes“ eingesetzt werden; die ergänzenden Regelungen enden mit dem Satz in LAlam. XLI 2: quia sic convenit duci et omni populo in publico consilio. Im Zusammenhang mit dem Verbot des Verkaufs eines Unfreien außerhalb der Provinz wird explizit die Zustimmung sämtlicher Alemannen (quod conplacuit cunctis Alamannis) erwähnt. 51 So auch Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm. 23), S. 135, 149 (für die Lex Alamannorum). 52 In der älteren Forschung findet sich eine vergleichende Übersicht zum alemannischen, bayerischen und langobardischen Recht bei Ernst Mayer, Die oberdeutschen Volksrechte, Leipzig 1929,

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Auch ist die (rechts-)historische Forschung bislang nicht der Frage nachgegangen, ob die über das Geschlecht der Agilolfinger vermittelten engen verwandtschaftlichen Verbindungen der Herrscherhäuser der Langobarden, Alemannen und Bayern im 7. und 8. Jahrhundert53 mit den formalen und inhaltlichen Übereinstimmungen der drei Rechte in Zusammenhang stehen könnten.54 Schließlich erfolgt der dritte und letzte Aufzeichnungsvorgang um das Jahr 800, als auf Initiative Karls des Großen einerseits die schon schriftlich aufgezeichneten „Stammesrechte“ des fränkischen Großreiches überarbeitet und zum Teil durch Kapitularien ergänzt werden (dies betrifft die Rechte der Franken und Bayern) und andererseits die bis dahin nur mündlich tradierten Rechte der Sachsen, Thüringer, Friesen und der im Hamaland siedelnden Franken erstmals aufgezeichnet werden.55

S. 6  ff.; eine Übersicht zu den Parallelstellen im alemannischen, bayerischen, langobardischen und westgotischen Recht bietet Franz Beyerle, Die süddeutschen Leges und die merowingische Gesetzgebung. Volksrechtliche Studien II, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 49 (1929), S. 264–432 (282  ff.). Aus der neueren Forschung verweisen Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141, 148  ff. und Harald Siems, s. v. Lex Baiuvariorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 869–878 (873) – wenn auch eher knapp – auf die Verbindung zwischen den drei Rechten. 53 Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Agilolfinger, deren Geschlecht in der Lex Baiuvariorum hervorgehoben wird (LBai. III), stellen sich vermutlich folgendermaßen dar: Rothari war mit Gundeperga verheiratet, einer Tochter der Langobardenkönigin Theodolinde, die aus dem bayerischen Geschlecht der Agilolfinger stammte. Weitere Könige der Langobarden aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts sind Abkömmlinge von Theodolindes Bruder Gundoald. Auch der alemannische Herzog Gotfrid (gest. 709) stammte aus dem Geschlecht der Agilolfinger und war mit einer Tochter oder Schwester des Bayernherzogs Theodo II. verheiratet. Während der Herrschaft seiner Söhne Lantfrid (alemannischer Herzog bis 730) und Odilo (bayerischer Herzog bis 748) wurden sehr wahrscheinlich die Lex Alamannorum und die Lex Baiuvariorum aufgezeichnet. Der Langobarde Liutprand schließlich verbrachte in seiner Jugend fast zehn Jahre im bayerischen Exil am Hof Herzog Theudeberts (einem Sohn Theodos), bevor er mit dessen Unterstützung 712 in Italien einfiel und sich zum neuen König der Langobarden krönen ließ. Verheiratet war Liutprand mit Guntrud, einer Tochter Theudeberts. Dazu insgesamt Wolfgang Haubrichs, Amalgamierung und Identität. Langobardische Personennamen in Mythos und Herrschaft, in: Die Langobarden (wie Anm.  28), S.  67–99 (87  ff.); Stefan Krautschick, Die Familie der Könige in Spätantike und Frühmittelalter, in: Das Reich und die Barbaren, hg. von Evangelos K. Chrysos und Andreas Schwarcz (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 29), Wien 1989, S. 109–142 (123, 130  ff.); Walther Pohl, s. v. Liutprand, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 530–533 (530  f.); Dieter Geuenich, s. v. Lantfrid, ebd., S. 103  f.; Herwig Wolfram, s. v. Odilo, ebd., 21, Berlin, New York 2002, S. 559–561 (559  f.). 54 Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 324  ff. verweist für die engen Beziehungen zwischen dem alemannischen und bayerischen Recht lediglich auf politische und kirchliche Hintergründe. 55 Annales Laureshamenses, a. 802 (Annales et chronica aevi Carolini, hg. von Georg Heinrich Pertz [Monumenta Germaniae Historica, Scriptores (in Folio) 1], Hannover 1826, S. 22, 39): Sed et ipse imperator, interim quod ipsum synodum factum est, congregavit duces, comites et reliquo christiano populo cum legislatoribus, et fecit omnes leges in regno suo legi, et tradi unicuique homini legem suam, et emen-



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Drei dieser unter Karl dem Großen erstmals aufgezeichneten Leges beschränken sich auf die Regelung einzelner Rechtsfragen. So enthalten die Rechte der Sachsen, Thüringer und chamavischen Franken nur rund 50 Einzelregelungen (im Gegensatz zu den Rechten der Westgoten und Langobarden mit jeweils ca. 600 Einzelregelungen). Stark vereinfacht lässt sich festhalten, dass die Aufzeichnung von Süden nach Norden in drei Wellen bzw. Stufen verläuft und dieser Vorgang auch weitgehend parallel mit der Christianisierung der einzelnen Stämme bzw. der fortschreitenden Stabilisierung des Christentums einhergeht,56 wobei insbesondere in den Rechten der zweiten und dritten Aufzeichnungswelle die Festigung des christlichen Glaubens und die Etablierung kirchlicher Institutionen eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

2.2 Überarbeitungsvorgänge und Rechtsetzungstechniken Auf der Übersicht (Abb. 1) ist zu erkennen, dass einzelne Rechte über Jahrhunderte überarbeitet und ergänzt werden, während andere lediglich den Rechtszustand zum Zeitpunkt der Aufzeichnung abbilden (so etwa die Rechte der Sachsen, Thüringer und Friesen). Aber auch innerhalb der Gruppe der mehrfach überarbeiteten Rechte gibt es Unterschiede: Das westgotische Recht präsentiert sich als eine über 250 Jahre mehrfach ergänzte Sammlung mit Gesetzen von fünf westgotischen Königen,57 während die Lex Salica über einen Zeitraum von rund 300 Jahren nur leicht überarbeitet und ergänzt wird, sodass der Anteil echter Reformen hier gering ausfällt.58

dare ubicumque necesse fuit, et emendatum legem scribere. Zu diesem umfassenden gesetzgeberischen Reformprogramm unter Karl dem Großen auch Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 69  f., 72  ff., 81  ff. („Idee der emendata“ S. 74). Patzold, S. 84 geht bezüglich der die Leges reformierenden Kapitularien von einem planvoll organisierten Verfahren aus: „Beratung durch legislatores, Stellungnahme und gegebenenfalls Entscheidung des Kaisers, dann Diskussionen auf Reichsversammlungen, schließlich Verschriftlichung der Beschlüsse in Form von capitula und deren Verbreitung und Verkündung durch Königsboten, die den consensus aller Schöffen auf öffentlichen Versammlungen einholten.“ Vgl. auch Schott, Stand der Leges-Forschung (wie Anm. 1), S. 29, 41  f. 56 Zur Christianisierung der einzelnen Stämme Stefan Sonderegger, Sprachgeschichtliche Aspekte der europäischen Christianisierung, in: Sprachgeschichte, Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, hg. von Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger, 2.  Teilbd., 2.  Aufl., Berlin 2000, S.  1030–1061 (1030  ff., 1042  f.). Zur Bedeutung des Christentums bei der Stabilisierung der frühmittelalterlichen Regna Walter Pohl, Regnum und gens, in: Der frühmittelalterliche Staat – europäische Perspektiven, hg. von Walter Pohl und Veronika Wieser (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 386 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 16), Wien 2009, S. 435–450 (446  ff.). 57 Dazu Hermann Nehlsen, s. v. Lex Visigothorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, Berlin 1978, Sp. 1966–1979. 58 Daher spricht die Forschung auch nur von verschiedenen Fassungen bzw. Textklassen der Lex Salica; so etwa Lück, s. v. Lex Salica (wie Anm. 42), Sp. 924, 925. Wir müssen uns daher die Frage

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Wieder anders gestaltet sich das Verhältnis des nur fragmentarisch überlieferten Pactus legis Alamannorum zu der ein Jahrhundert später aufgezeichneten Lex Alamannorum: Die Bezeichnung der Lex Alamannorum als Lex renovata (in zwei Handschriften)59 und die Tatsache, dass etwa die Hälfte der überlieferten Regelungen des Pactus inhaltlich in die Lex übernommen wurde, während sich die andere Hälfte nicht oder nur mit inhaltlichen Änderungen in der Lex wiederfindet,60 sprechen zum einen dafür, dass der Pactus nicht als eine erste Stufe des alemannischen Rechts vollständig weitergelten sollte, und zeugen zum anderen von starken Veränderungen im Recht der Alemannen vom 7. zum 8. Jahrhundert (vermutlich unter dem Einfluss der Kirche).61 Das langobardische Recht schließlich beeindruckt durch eine rechtstechnisch hochstehende Überarbeitungskultur mit planvollen Ergänzungen, Korrekturen und Reformen im Wege der Novellengesetzgebung. Zwar wollte König Rothari, der erstmals das tradierte Gewohnheitsrecht der Langobarden mit dem Edikt vom 22. November 643 aufzeichnen ließ, dieses für künftige Ergänzungen offen halten (EdRoth. 386), jedoch ergänzten Rotharis Nachfolger nicht nur Lücken und beseitigten einzelne Widersprüche, vielmehr reagierten sie mit den Novellen auch auf soziale Veränderungen über einen Zeitraum von rund 200  Jahren (bis 866) und reformierten auf diese Weise beständig das ältere Recht. Dies gilt vor allem für die Novellen von König Liutprand aus den Jahren 713–735 (153 Novellen), die zusammen mit dem Edikt (388 Kapitel) etwa 80 % des Gesamtbestandes der Leges Langobardorum ausmachen. Besonders hervorzuheben ist, dass es sich bei den langobardischen Novellen häufig

stellen, wie die von den fränkischen Herrschern veranlassten Neusystematisierungen zu deuten sind: Da die fränkischen Könige an den wesentlichen Inhalten des alten Rechts über drei Jahrhunderte festhielten und sie offenbar keine Notwendigkeit für umfangreiche Reformen sahen, könnte mit den Überarbeitungen lediglich der Zweck verfolgt worden sein, das Schriftrecht in der Praxis einfacher anwendbar zu machen. 59 Dazu Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm. 23), S. 135, 137. Zur Textüberlieferung der beiden alemannischen Rechte auch ders., s. v. Leges Alamannorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 862–869 (863  ff.). 60 Etwas mehr als die Hälfte der Regeln des Pactus wurde wörtlich oder jedenfalls inhaltlich unverändert in die Lex übernommen; rund ein Drittel der Regeln des Pactus ist aber eigenständig, d.  h. die Lex enthält keinen vergleichbaren Regelungsgegenstand. Bei den verbleibenden ca. 10 % der Regeln des Pactus findet sich der Regelungsgegenstand zwar in der Lex wieder, jedoch mit inhaltlichen Abweichungen beim Tatbestand oder bei der Rechtsfolge. 61 Dies deutet auch Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 317  f. an. Zu einzelnen Veränderungen Ruth Schmidt-Wiegand, Christentum und pagane Religiosität in Pactus und Lex Alamannorum, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 48/2, Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 71), Leinfelden-Echterdingen 2003, S. 113–124.



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um Fallrecht mit ausführlichen Begründungen handelt, sodass hier der Praxisbezug besonders deutlich wird.62 Zahlreiche Details zeugen zudem von der hohen Gesetzgebungskunst der Langobarden. Einzelne Novellen schließen passgenau vorhandene Lücken und weisen darauf hin, dass, von der Modifikation in der Neuregelung abgesehen, die einschlägige Regelung des älteren Edikts noch Bestand habe (so etwa Liut. 141). Weiterhin ordnen sorgfältig durchdachte Übergangsregelungen an, für welche Fallgestaltungen noch das alte Recht und für welche bereits das neue Recht gelten soll (beispielsweise im Anschluss an Liut. 6, 14, 28). Auch Bezugnahmen auf das mündlich tradierte Gewohnheitsrecht (cawarfida) finden sich mehrfach,63 wobei auch akzeptiert wird, dass die lex scripta nicht alle Rechtsgewohnheiten abändern kann.64 Schließlich werden echte Reformen, d.  h. inhaltliche Änderungen oder Ergänzungen, unter Bezugnahme auf das ältere Recht ausführlich begründet.65 Insgesamt werden im langobardischen Recht Begründungen meist dann eingesetzt, wenn der Normadressat von einer neuen Rechtsregel bzw. einer Abänderung des älteren Rechts überzeugt werden soll.66 Mit einer Übertragung dieses Befundes auf andere Leges muss man zwar vorsichtig sein, dennoch gibt es Indizien dafür, dass Regeln ohne Begründung eher auf eine ältere Rechtstradition zurückzuführen sind (also eine Aufzeichnung von Gewohnheitsrecht darstellen), während Regeln mit ausführlichen Begründungen Reformen beinhalten dürften, deren Akzeptanz durch eine überzeugende Begründung herbeigeführt werden sollte.67

62 Dazu insgesamt Gerhard Dilcher, s. v. Langobardisches Recht, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 624–637 (627  ff.); Walter Pohl, s. v. Leges Langobardorum, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S.  208–213 (208  ff.); Schott, Stand der Leges-Forschung (wie Anm. 1), S. 29, 39. 63 Etwa Liut. 133 am Ende: Hoc autem ideo nunc adfiximus, quia tantumodo causa ista in hoc modo semper et antecessorum nostrorum tempore et nostro per cawarfida sic iudicatam est; nam in edicto scripta non fuit. Ähnlich Liut. 77. 64 So insbesondere Liut. 118 (am Ende) zum Gottesurteil durch Zweikampf: Quia incerti sumus de iudicio Dei, et multos audivimus per pugnam sine iustitia causam suam perdere; sed propter consuitutinem gentis nostrae Langobardorum legem ipsam vetare non possumus. 65 Etwa Liut. 128, 134, 141. Dazu auch Gerhard Dilcher, Gesetzgebung als Rechtserneuerung, Eine Studie zum Selbstverständnis der mittelalterlichen Leges, in: Rechtsgeschichte als Kulturgeschichte, Festschrift für Adalbert Erler zum 70. Geburtstag, hg. von Hans-Jürgen Becker, Gerhard Dilcher, Gunter Gudian, Ekkehard Kaufmann und Wolfgang Sellert, Aalen 1976, S. 13–35 (14  ff.), erneut veröffentlicht in: Gerhard Dilcher, Normen zwischen Oralität und Schriftkultur, Studien zum mittelalterlichen Rechtsbegriff und zum langobardischen Recht, hg. von Bernd Kannowski, Susanne Lepsius und Reiner Schulze, Köln 2008, S. 265–287. 66 Vgl. etwa das Beispiel bei Eva Schumann, Kriegerinnen in den Leges?, in: Recht im Wandel – Wandel des Rechts. Festschrift für Jürgen Weitzel zum 70. Geburtstag, hg. von Ignacio Czeguhn, Köln 2014, S. 27–68 (49  ff.). 67 Vgl. etwa auch die Reformen in LBurg. 45, 51, 60, 77 (jeweils mit Begründung).

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Diese These lässt sich besonders gut am Beispiel der Lex Baiuvariorum veranschaulichen. Bei der vermutlich um 740 aufgezeichneten bayerischen Lex handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Privatarbeit aus dem Umfeld der Kirche,68 die in weiten Teilen eine Kompilation darstellt.69 Etwa zwei Drittel der rund 270 Kapitel basieren auf Versatzstücken oder vollständigen Regelungen anderer Rechte: So lassen sich (nach der Edition Ernst von Schwinds) 101 Kapitel auf alemannisches Recht, 56 Kapitel auf westgotisches Recht, 42 Kapitel auf fränkisches Recht und zwölf Kapitel auf langobardisches Recht zurückführen.70 Die im Umgang mit den Vorlagen eingesetzte Arbeitstechnik ist durchaus beeindruckend: So sonderten die Kompilatoren beispielsweise aus zusammenhängenden Abschnitten des westgotischen Rechts diejenigen Regelungen aus, die auf die bayerischen Verhältnisse in der Mitte des 8. Jahrhunderts nicht passten oder die sie nicht nachvollziehen konnten. Dies betraf etwa Regelungen über Rechtsbeziehungen zwischen Goten und Romanen oder Regelungen, die auf älteres, vermutlich nicht zugängliches westgotisches Recht Bezug nahmen.71 Diese Beispiele zeigen – wie Harald Siems zu Recht feststellt –, „daß die Vorlagen nicht nur stumpfsinnig abgeschrieben […], sondern mit inhaltlichem Interesse und Praxisbezug“72 zu einem neuen Recht verarbeitet wurden. Bei der baye-

68 Neben der Datierung der Lex Baiuvariorum (Aufzeichnung um das Jahr 740 oder stufenweise Entstehung zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert) sind auch die sonstigen Umstände der Entstehung (Volksrecht, Privatarbeit, Auftragsarbeit) noch immer umstritten. Vgl. zum Forschungsstand Thomas Holzner, Die Decreta Tassilonis. Regelungsgehalt, Verhältnis zur Lex Baiuvariorum und politische Implikationen (Schriften zur Rechtsgeschichte 145), Berlin 2010, S. 27–33; Eva Schumann, Entstehung und Fortwirkung der Lex Baiuvariorum, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm.  1), S.  291–319 (293  ff., 303  ff., 307  ff.); Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium. Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, ebd., S. 257–290 (284  ff.); Peter Landau, Die Lex Baiuvariorum, Entstehungszeit, Entstehungsort und Charakter von Bayerns ältester Rechts- und Geschichtsquelle (Bayerische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Sitzungsberichte 2004/3), München 2004, S.  5  ff.; FastrichSutty, Rezeption des westgotischen Rechts (wie Anm. 46), S. 17  ff.; Siems, s. v. Lex Baiuvariorum (wie Anm. 52), Sp. 869, 870  ff.; ders., s. v. Lex Baiuvariorum, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 18, Berlin, New York 2001, S. 305–315 (305  ff.). 69 So schon Konrad Beyerle, Vorwort, in: Die Lex Baiuvariorum, Lichtdruckwiedergabe der Ingolstädter Handschrift des Bayerischen Volksrechts mit Transkription, Textnoten, Übersetzung, Einführung, Literaturübersicht und Glossar, hg. von Konrad Beyerle, München 1926, S. XXXVIII: „Die Lb. ist eine Rechtskompilation für den Bayernstamm und als solche ein seltsames Mischrecht“. 70 Eine Übersicht zu den Parallelstellen (in Anlehnung an die Edition von Schwinds) findet sich bei Fastrich-Sutty, Rezeption westgotischen Rechts (wie Anm.  46), S.  41–48. Zu beachten ist, dass von Schwind (und ihm folgend auch Fastrich-Sutty) nicht alle inhaltlichen Parallelen aufführte, vgl. etwa Schumann, Kriegerinnen in den Leges? (wie Anm. 66), S. 27, 40  f., 47  f.; dies., Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 293 (Fn. 8). 71 Dazu insgesamt Fastrich-Sutty, Rezeption westgotischen Rechts (wie Anm. 46), S. 141  ff. 72 Siems, Handel und Wucher (wie Anm. 46), S. 108.



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rischen Lex führte dies im Ergebnis dazu, dass das Endprodukt durch Systematik, Widerspruchsfreiheit und überzeugende Begründungen besticht.73 Hervorzuheben ist dabei, dass durch die kompilatorische Arbeitsweise Rechtsregeln entstanden, die bis dahin in Bayern nicht galten. Dies geschah zum einen durch die vollständige Übernahme „fremder“, d.  h. aus einer anderen Region und Zeit stammender Rechtsregeln und zum anderen durch die Schöpfung neuen Rechts, indem Versatzstücke aus mehreren Rechten zu einer neuen Rechtsregel zusammengefügt wurden. Diese rezipierten oder neu geschaffenen Regeln enthalten teilweise ausführliche Begründungen, wobei die Intention deutlich erkennbar ist: Die Heranziehung von Bibelzitaten oder rechtspolitischen Erwägungen sollte ebenso wie die Berufung auf praktische Erfahrung, Vernunft und Logik die Akzeptanz für eine neu eingeführte Regelung erhöhen.74 Auffällig ist zudem, dass ausführliche Begründungen regelmäßig dann fehlen, wenn die Regelungen Erläuterungen in der Volkssprache enthalten (quod Baiuuarii […] dicunt).75 Bei diesen Bestimmungen dürfte es sich vermutlich um tradierte Rechtsgewohnheiten handeln, die keiner legitimierenden Begründung bedurften.76

2.3 Effektivität, Überlieferung und Fortwirkung Auf die inzwischen schon etwas ältere „Effektivitätsdebatte“77 soll hier nur kurz eingegangen werden, denn für etliche Regelungsbereiche des frühmittelalterlichen Rechts

73 Dazu Fastrich-Sutty, Rezeption westgotischen Rechts (wie Anm.  46), S.  141  ff., 290; Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 293  ff., 300  ff. (insbesondere zur Arbeitstechnik der Kompilatoren); Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 68), S. 257, 284. 74 Dazu ausführlich Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm. 68), S. 483  ff. mit weiteren Nachweisen. 75 Nachweise dazu bei Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm. 68), S. 458  f., 464  ff., 474  f. 76 Dazu insgesamt Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 297  ff. mit zahlreichen Beispielen. Volkssprachige Begriffe finden sich vor allem in den Regeln zum Unrechtsausgleich und zum Familienrecht. Bei Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm.  68), S.  483  ff. ist der Forschungsstand dahingehend zusammengefasst, dass sich „Begründungen und Glossen gegenseitig [zu] meiden“ scheinen (S. 483) und eine Funktion der Begründungen darin liegen dürfte, „neue oder umstrittene Regelungen zu etablieren und deren Befolgung und Akzeptanz sicherzustellen“ (S. 487). Vgl. weiter für das langobardische Recht Dilcher, Die Stellung des langobardischen Rechts (wie Anm. 48), S. 225, 243  ff. 77 Dazu Franz Wieacker, Zur Effektivität des Gesetzesrechts in der späten Antike, in: Festschrift für Hermann Heimpel zum 70.  Geburtstag, Bd.  3 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 36/III), Göttingen 1972, S. 546–566 (546  f.); Hermann Nehlsen, Zur Aktualität und Effektivität germanischer Rechtsaufzeichnungen, in: Recht und Schrift im Mittelalter, hg. von Peter Classen (Vorträge und Forschungen 23), Sigmaringen 1977, S.  449–502 (449  ff.); Clausdieter Schott, Zur Geltung der Lex Alamannorum, in: Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen, Forschungen und Fragen zur gesamtalemannischen Geschichte, hg. von Pankraz Fried und Wolf-Dieter

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lässt sich weder die Effektivität noch die Ineffektivität der lex scripta sicher nachweisen.78 Allerdings dient die (erstmalige) Aufzeichnung von Recht typischerweise dazu, entweder das Gewohnheitsrecht durch Verschriftlichung zu sichern, wobei dieses dann regelmäßig in der Praxis (unabhängig von der lex scripta) weiter angewandt wird, weil es auch mündlich tradiert ist,79 oder den tradierten Rechtsgewohnheiten entgegenzuwirken, wobei dann das Anliegen des Gesetzgebers darin besteht, diese

Sick (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 59 = Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für Bayerische Landesgeschichte, Reihe 1. Studien zur Geschichte des Bayerischen Schwabens 17), Augsburg 1988, S. 75–105 (87  ff.). Der vor allem von Nehlsen und Schott vertretenen These der Ineffektivität der Leges sind insbesondere entgegengetreten: Raymund Kottje, Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum, in: Die transalpinen Verbindungen der Bayern, Alemannen und Franken bis zum 10. Jahrhundert, hg. von Helmut Beumann und Werner Schröder (Nationes. Historische und philologische Untersuchungen zur Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter 6), Sigmaringen 1987, S. 359–377 (359  ff.); Sellert, Aufzeichnung des Rechts (wie Anm. 1), S. 67, 72  ff., 76  ff. Kritisch auch Schmitz, s. v. Kapitularien (wie Anm. 13), Sp. 1604, 1610  f. Dass die Debatte keineswegs beendet ist, zeigt sich etwa bei Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 92  ff. Zur Debatte jetzt auch Daniela Fruscione, Im Spannungsfeld zwischen deutscher Rechtsgeschichte und italienischem Frühmittelalter: Gerhard Dilcher und die ‚Leges Langobardorum‘, in: Recht, Geschichte, Geschichtsschreibung. Rechts- und Verfassungsgeschichte im deutsch-italienischen Diskurs, hg. von Susanne Lepsius, Reiner Schulze und Bernd Kannowski (Abhandlungen zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung 95), Berlin 2014, S. 17–31 (26  f.). 78 Lediglich für einzelne Bereiche ist die Effektivität der Leges bzw. die Wechselwirkung zwischen lex scripta und Rechtspraxis nachgewiesen; dazu etwa Brigitte Pohl-Resl, „Quod me legibus contanget auere“. Rechtsfähigkeit und Landbesitz langobardischer Frauen, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 101 (1993), S. 201–227 (208  ff.); dies., Legal Practice and Ethnic Identity in Lombard Italy, in: Strategies of Distinction, The Construction of Ethnic Communities, 300– 800, hg. von Walter Pohl und Helmut Reimitz (The Transformation of the Roman World 2), Leiden 1998, S. 205–219 (216); Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 311  ff. Allgemein zur Problematik Schmidt-Recla, Kalte oder warme Hand? (wie Anm. 29), S. 12  ff. 79 So auch Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm.  10), S.  141, 148  f. für das langobardische Recht. Selbst Nehlsen, Zur Aktualität und Effektivität (wie Anm. 77), S. 449, 467 geht für die Lex Salica davon aus, dass trotz Ineffektivität der lex scripta kaum Abweichungen zwischen dieser und der Rechtspraxis bestanden: „Die wichtigen Rechtssätze sind nicht deshalb wohlbekannt, weil man die Lex Salica scripta studierte, sondern weil sie fest in der mündlichen Tradition verankert waren.“ Geht man davon aus, dass die Leges in weiten Teilen verschriftlichtes Gewohnheitsrecht darstellen, dann überrascht es auch nicht, dass in den Capitularia legibus addenda nicht immer explizit auf die einschlägige Norm im Schriftrecht verwiesen wird, sondern vorausgesetzt wurde, dass diese allgemein bekannt ist. Dies übersieht Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 88  ff., wenn er aus dem Umstand, dass sich „lediglich zwei der überlieferten Texte […] um eine Zuordnung der Neuerungen zu einzelnen Titeln der ‚Leges scriptae‘“ bemühten, folgert, dass der Bezug der Kapitularien „zu den schriftlich tradierten ‚Leges‘ und damit letztlich ihre Chance, die Volksrechte zu verändern, […] aus moderner Perspektive merkwürdig unklar“ blieben (S. 90  f.).



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Reformen auch durchzusetzen.80 Beide Motive zur Aufzeichnung von Recht gewähren wertvolle Einblicke in die Rechtsvorstellungen der Zeit. Zudem lassen gerade auch Schwierigkeiten mit der Durchsetzung des Rechts Rückschlüsse auf die Rechtspraxis zu. So können wiederholte Anläufe zur Präzisierung einer Rechtsregel für eine gegenläufige Rechtspraxis sprechen und besonders intensive Steuerungsversuche deuten darauf hin, dass der Gesetzgeber von starken gesellschaft­lichen Gegentendenzen ausging.81 Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Wesentlicher Inhalt der Leges ist die Konfliktlösung durch Bußzahlung und die Eindämmung von Selbsthilfemaßnahmen und Fehden. Auch wenn sich dieses Regelungsanliegen nur schleppend durchsetzen ließ, sollte man es als Anliegen dennoch ernst nehmen.82 Des Weiteren sprechen auch einzelne Verstöße gegen das Recht83 nicht dafür, dass das Recht insgesamt ineffektiv war, vielmehr belegen sie nur, dass Handlungen, die durch Rechtsetzungsakte verhindert werden sollten, in der Rechtspraxis vorkamen, sich also einzelne Normadressaten (wie dies auch heute noch der Fall ist) nicht immer normkonform verhielten.84 In diesem Zusammenhang weist Jürgen Weitzel zu Recht darauf hin, dass „Recht […] auch dann Recht [bleibt], wenn es Durchsetzungsdefizite aufweist“.85 Schließlich ist davon auszugehen, dass einzelne Leges „effektiver“ waren als andere86 und die „Effektivität“ einzelner Rechtsregeln innerhalb längerer Zeiträume stark variierte (insofern ist hier auch die Frage der „Aktualität“ berührt). Von besonderem Interesse sind schließlich Reformen des Rechts, die sich für nahezu alle Leges (mit Ausnahme der erst um 800 erstmals aufgezeichneten Rechte) finden, und die – sofern sie auf

80 So schon Wieacker, Zur Effektivität (wie Anm.  77), S.  546  f.: „Für ein Überlieferungsrecht, das wesentlich zusammenfiele mit den Verhaltensgewohnheiten (Brauch, Verkehrsübung und Observanz) und Überzeugungen der Rechtsgenossen, wäre sie [die Effektivität, d.  h. die Befolgung der lex scripta; Anm. Verf.] fast bedeutungslos. Wo dagegen Recht Gebotsrecht ist, d.  h. Willensschöpfung einer mit den Rechtsgenossen nicht identischen Herrschaft, welche die Befolgung erwartet und gegebenenfalls erzwingt, ist die Durchsetzungschance des gebotenen Rechts das vornehmste Charakteristikum seiner historischen Realität.“ 81 So auch Pohl-Resl, „Quod me legibus contanget auere“ (wie Anm. 78), S. 201  f. 82 Auch nach Schott, Zur Geltung der Lex Alamannorum (wie Anm.  77), S.  75, 102  f. schließt die In­effektivität der lex scripta nicht den „Programmcharakter“ ihres Inhaltes aus. 83 Vgl. etwa das Beispiel der Heirat eines Unfreien bei Pohl-Resl, „Quod me legibus contanget auere“ (wie Anm. 78), S. 201, 206  f. 84 In diesem Sinne auch Mischke, Kapitularienrecht (wie Anm. 13), S. 19 (Fn. 111). 85 Jürgen Weitzel, Vorverständnisse und Eckpunkte in der Diskussion um ein frühmittelalterlichfränkisches Strafrecht, in: Festschrift für Gerd Kleinheyer zum 70.  Geburtstag, hg. von Franz Dorn und Jan Schröder, Heidelberg 2001, S. 539–567 (561). 86 Dazu Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 146 mit weiteren Nachweisen. Vgl. weiter Schott, Stand der Leges-Forschung (wie Anm. 1), S. 29, 48  f. Selbst Nehlsen, Zur Aktualität und Effektivität (wie Anm. 77), S. 449, 483  ff. differenziert zwischen einzelnen Leges und bejaht etwa die Effektivität der westgotischen Lex scripta.

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älteres Schriftrecht Bezug nehmen und dieses ändern87 – dessen „Effektivität“ gerade voraussetzen.88 Auch in Bezug auf die Anzahl der überlieferten Handschriften und die Fortwirkung der Leges bestehen erhebliche Unterschiede: Insbesondere bei den um 800 auf Initiative Karls des Großen erstmals aufgezeichneten Rechten ist die Überlieferungslage schlecht. So ist die Lex Frisionum handschriftlich überhaupt nicht erhalten, sondern nur durch einen Druck aus der Mitte des 16.  Jahrhunderts überliefert (Edition des Basler Humanisten Johannes Herold von 1557).89 Von der Lex Thuringorum ist eine Handschrift und von der Lex Saxonum sind zwei Handschriften überliefert. Demgegenüber sind von der Lex Salica rund 90 Handschriften und von der Lex Alamannorum mehr als 50 Handschriften erhalten.90 Bei einzelnen Rechten, etwa der Lex Burgundionum, liegen zwischen dem Zeitpunkt der Aufzeichnung des Rechts und der ältesten erhaltenen Handschrift mehr als 300 Jahre;91 auch die älteste erhaltene Handschrift des um 507 aufgezeichneten Pactus legis Salicae stammt aus der zweiten Hälfte des 8.  Jahrhunderts. Hingegen wurden die ältesten erhaltenen Handschriften des langobardischen Rechts ca. 30 Jahre nach Aufzeichnung des Edikts bzw. der Novellen geschrieben; beim alemannischen und bayerischen Recht beträgt der Abstand zwischen dem Aufzeichnungsvorgang und der ältesten Handschrift jeweils gut 60 Jahre.92

87 Neben einer Änderung des älteren Schriftrechts konnte auch das mündlich tradierte Gewohnheitsrecht Gegenstand von Reformen sein; dazu Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 85  f. 88 So heißt es beispielsweise in den um 819 erlassenen Capitula legi Salicae addita (Capitularia Regum Francorum, hg. von Alfred Boretius, Monumenta Germaniae Historica, Capit. 1, Hannover 1883, Nr. 142, S. 293), dass in Zukunft nicht mehr so gehandelt werden solle, wie es in der lex Salica scripta geschrieben stehe (c. 8: De XLVI. capitulo, id est qui viduam in coniugium accipere vult, iudicaverunt omnes, ut non ita sicut in lege Salica scriptum est eam accipiat, sed […]). Auch in den anderen Kapiteln wird zu Beginn jeweils auf die einschlägigen Titel der Lex Salica Karolina Bezug genommen. Dazu auch Patzold, Die Veränderung frühmittelalterlichen Rechts (wie Anm. 15), S. 63, 77  ff. 89 Zu dieser Edition Harald Siems, Studien zur Lex Frisionum (Abhandlungen zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung 42), Ebelsbach 1980, S. 44  ff., 73  ff. 90 Sämtliche Leges-Handschriften sind im Datenbankprojekt Bibliotheca Legum (wie Anm. 1) unter http://www.leges.uni-koeln.de/mss/leges/ aufgelistet. 91 Schott, s. v. Lex Burgundionum (wie Anm. 43), Sp. 878, 879. 92 Bei den ältesten erhaltenen Handschriften des langobardischen Rechts handelt es sich um die Handschriften St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. Sang. 730 (Edictum Rothari, zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts, Lombardei; http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0730) und Vercelli, Biblioteca Capitolare Eusebiana CLXXXVIII (Leges Langobardorum, Mitte des 8.  Jahrhunderts, wahrscheinlich Norditalien). Bei der ältesten erhaltenen Handschrift der Lex Alamannorum handelt es sich um die Handschrift St. Gallen, Stiftsbiliothek Cod. Sang. 731 (aus dem Jahr 793, wahrscheinlich Westschweiz oder Lyon; http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0731); die Handschrift liegt der von Clausdieter Schott hg. Ausgabe der Lex Alamannorum, Das Gesetz der Alemannen, Text – Übersetzung – Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen



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Insgesamt sind rund 300 Handschriften der Leges erhalten,93 die zwar überwiegend aus dem 9. bis 10. Jahrhundert stammen, der Überlieferungszeitraum umfasst jedoch das gesamte Mittelalter.94 Die meisten Rechte sind in Sammelhandschriften mit mehreren Leges überliefert,95 wobei diese Rechtssammlungen häufig auch Kapitularien sowie römisches und kanonisches Recht enthalten (beim römischen Recht handelt es sich meist um die Lex Romana Visigothorum oder um Auszüge aus dieser).96 Dass viele Handschriften schmucklos sind und handliche Formate („Taschenbuch“Größe) haben,97 spricht im Übrigen auch dafür, dass diese als Gebrauchshandschriften (d.  h. für eine Nutzung in der Rechtspraxis) hergestellt wurden und nicht in erster Linie Repräsentationszwecken dienten. Zudem gibt es neben einfachen Abschriften auch Bemühungen um eine Bearbeitung der Rechtstexte, die auf einen unmittelbaren Praxisbezug hindeuten. So ist beispielsweise ein Fragment einer althochdeutschen Übersetzung der Lex Salica aus dem 9. Jahrhundert erhalten.98 Ebenfalls in diese Zeit

Institut Freiburg i. Br., Reihe 5b: Rechtsquellen in Verbindung mit dem Lehrstuhl für bayerische und schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg 3), Augsburg 1993 zugrunde. Bei der ältesten erhaltenen Handschrift der Lex Baiuvariorum handelt es sich um die Handschrift München, Universitätsbibliothek Cim. 7 (= 8° Cod. MS. 132; um 800, wahrscheinlich Umgebung von Regensburg oder südöstliches Bayern; http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=nbn:de:bvb:19-epub-10923–5); die Handschrift liegt der von Beyerle herausgegebenen Ausgabe der Lex Baiuvariorum von 1926 (wie Anm. 69) zugrunde. Weitere Angaben zu diesen Handschriften finden sich unter Bibliotheca Legum (wie Anm.  1), http://www.leges.uni-koeln.de/mss/handschrift/st-gallen-sb-730/; http://www.leges. uni-koeln.de/mss/handschrift/vercelli-bce-clxxxviii/; http://www.leges.uni-koeln.de/mss/hand schrift/st-gallen-sb-731/; http://www.leges.uni-koeln.de/mss/handschrift/muenchen-ub-8-132/. 93 Diese verteilen sich auf die einzelnen Leges wie folgt (die Anzahl der Handschriften findet sich in Klammern): Lex Salica (89), Lex Alamannorum (52), Lex Baiuvariorum (47), Leges Visigothorum (39), Lex Ribuaria (35), Leges Langobardorum (23), Lex Burgundionum (17), Lex Saxonum (2), Lex Thuringorum (1); Bibliotheca Legum (wie Anm. 1), http://www.leges.uni-koeln.de/mss/leges/. 94 Zur Datierung der einzelnen Handschriften Bibliotheca Legum (wie Anm.  1), http://www.leges. uni-koeln.de/mss/datierung/. 95 Auch hier leistet das Datenbankprojekt Bibliotheca Legum (wie Anm. 1) wertvolle Hilfe, weil dort bei der Beschreibung jeder Leges-Handschrift der gesamte Inhalt der (Sammel-)Handschrift angegeben ist. 96 Beispielhaft sei auf die eben genannte Handschrift St. Gallen, Stiftsbiliothek Cod. Sang. 731 verwiesen, die etwas verkürzt folgenden Inhalt hat: Lex Romana Visigothorum, Genealogie Jesu Christi, Bild eines Gesetzgebers, Lex Salica (mit langem Prolog Gens Francorum inclita), Reiche und Zeiten (mit fränkischer Königsliste), Lex Alamannorum, Schlussformel des Schreibers. Dazu Schott, Lex Alamannorum (wie Anm.  92), S.  29  ff., der in dieser Komposition der Texte sowohl den Übergang der „Rechts- und Gesetzesidee des römischen Reiches auf das Frankenreich“ als auch die Verpflichtung auf den „christlichen Glauben und dessen Gerechtigkeitsethik“ verwirklicht sieht (S. 30). 97 Dazu auch Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 320  ff. 98 Trier, Stadtbibliothek Mappe X Frag. 1 (zweites Viertel des 9. Jahrhunderts), http://www.triererhandschriften.de/salica.html. Weitere Angaben finden sich im Paderborner Repertorium der deutschsprachigen Textüberlieferung des 8. bis 12. Jahrhunderts, bearbeitet von Elke Krotz unter http://www. paderborner-repertorium.de/8737.

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fallen Versuche einer systematischen Neuordnung der Lex Salica und der Leges Langobardorum (Liber legum des Lupus von Ferrières).99 Schließlich verdient auch die Zusammenstellung von Rechtstexten in Sammelhandschriften (zu verschiedenen Zeiten) unsere Aufmerksamkeit: So wurden die Handschriften der Lex Baiuvariorum nach der Jahrtausendwende nahezu durchgängig mit weiteren bayerischen Rechtstexten (insbesondere mit Kapitularien für Bayern und bayerischen Synoden) kombiniert, während für die Zeit davor eine Kombination mit anderen Leges des Frankenreichs typisch ist.100 Dass Rechtskundige auch noch im Spätmittelalter die Leges zur Kenntnis nahmen, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass zwanzig Regelungen der Lex Baiuvariorum nahezu wörtlich in den Schwabenspiegel (um 1275) übernommen wurden; von dort fanden sie ihren Weg in weitere Rechtsbücher (etwa in das Eisenacher Rechtsbuch aus dem Ende des 14. Jahrhunderts). Die Kompilatoren der spätmittelalterlichen Rechtsbücher bedienten sich somit nicht nur aus zeitgenössischen Rechtsquellen, sondern auch aus älteren Rechtstexten, zu denen neben dem römischen Recht auch die frühmittelalterlichen Leges gehörten (so wurde im Schwabenspiegel nicht nur die Lex Baiuvariorum verarbeitet, sondern es wurden auch einzelne Regelungen aus der Lex Alamannorum übernommen).101 Eine echte Fortentwicklung erfuhren jedoch nur die Leges Langobardorum, die in Form der Lombarda bis ins Spätmittelalter in der Praxis zur Anwendung kamen.102

99 Dazu Münsch, Der Liber legum (wie Anm. 12), S. 108, 281  ff. 100 Dazu Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 314  f. mit weiteren Nachweisen; Raymund Kottje, Die Lex Baiuvariorum – das Recht der Baiern, in: Überlieferung und Geltung normativer Texte des frühen und hohen Mittelalters, hg. von Hubert Mordek (Quellen und Forschungen zum Recht im Mittelalter 4), Sigmaringen 1986, S. 9–23 (11  ff.). Vgl. weiter Schott, Zur Geltung der Lex Alamannorum (wie Anm. 77), S. 75, 100  f. 101 Dazu insgesamt Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm.  68), S.  291, 314  ff.; dies., Zur Rezeption frühmittelalterlichen Rechts im Spätmittelalter, in: HUMANIORA, Medizin, Recht, Geschichte. Festschrift für Adolf Laufs zum 70. Geburtstag, hg. von Bernd-Rüdiger Kern, Elmar Wadle, Klaus-Peter Schröder und Christian Katzenmeier, Berlin 2006, S. 337–386 (338  ff., 345  ff., 350  ff., 353  ff., 374  ff.). 102 Dazu (und zum Einfluss der Lombarda nördlich der Alpen) Christoph H. F. Meyer, Langobardisches Recht nördlich der Alpen, Unbeachtete Wanderungen gelehrten Rechts im 12.–14. Jahrhundert, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 71 (2003), S.  387–408 (388  ff.); ders., Maßstäbe frühmittel­ alterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 148; Dilcher, s. v. Langobardisches Recht (wie Anm. 62), Sp. 624, 634  ff.



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3 Die Verbindung von gens und lex Nach diesem Überblick über den Gesamtbestand soll auf ein besonders charakteristisches Merkmal der Leges eingegangen werden, nämlich auf die Verbindung von gens und lex.

3.1 Gentile Bezüge in Titeln und Prologen Der gentile Bezug wird in den meisten Leges bereits durch die Titel103 hergestellt;104 er spiegelt sich aber auch in etlichen Prologen wider. Dort tritt der Herrscher typischerweise als Bewahrer des tradierten Gewohnheitsrechts sowie als Initiator notwendiger Reformen auf.105 Des Weiteren wird nach Aussage der Prologe das mündlich überlieferte Recht durch Befragung Rechtskundiger (Pactus legis Salicae, Lex Baiuvariorum)106 oder durch die Einbeziehung von Richtern (Leges Langobardo-

103 Nur wenige Leges sind in den Titeln einzelnen Herrschern zugeordnet, wie etwa das Edictum Rothari (Incipit Edictum, quem renovavit dominus Rothari, vir excellentissimo, rex genti Langobardorum) und alle späteren Novellen der langobardischen Herrscher, die sich allerdings jeweils im Prolog als rex/princeps (gentis) Langobardorum ausweisen. Entsprechendes gilt für die Lex Gundobada, die mit dem Vorspruch beginnt: Vir gloriosissimus Gundobadus rex Burgundionum. Roland Steinacher, Zur Identitätsbildung frühmittelalterlicher Gemeinschaften, Überblick über den historischen Forschungsstand, in: Die Anfänge Bayerns, Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria, hg. von Hubert Fehr und Irmtraut Heitmeier, St. Ottlien 2012, S. 73–123 (104) weist darauf hin, dass sich die Langobardenkönige nur in den Leges als rex gentis Langobardorum bezeichnen, nicht aber in Urkunden. Zur Bedeutung gentiler Herrschaftsbezeichnungen Pohl, Regnum und gens (wie Anm. 56), S. 435, 436, 440  ff. Bei der Lex Salica ist umstritten, ob mit dem Adjektiv „Salicus“ ein Volksname (im Sinne von „salfränkisch“) zum Ausdruck gebracht werden soll. Dies verneint etwa Matthias Springer, Gab es ein Volk der Salier?, in: Nomen et gens, Zur historischen Ausagekraft frühmittelalterlicher Personennamen, hg. von Dieter Geuenich, Wolfgang Haubrichs und Jörg Jarnut (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 16), Berlin 1997, S. 58–83 (insb. S. 73  ff.); ders., Salier und Salisches Recht. Beobachtungen zu den Wörtern Salii und Salicus, in: Die Franken. Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren: König Chlodwig und seine Erben, Mainz 1996, S. 485–487. Vgl. weiter Rudolf Schieffer, Der Name der Salier, in: Von Sacerdotium und Regnum, Geistliche und weltliche Gewalt im frühen und hohen Mittelalter. Festschrft für Egon Boshof zum 65. Geburtstag, hg. von Franz-Reiner Erkens und Hartmut Wolff, Köln 2002, S. 349–360. 104 Den gentilen Bezügen in den Titeln der Leges entnimmt Gerhard Dilcher, Leges, Gentes, Regna, Zur Rolle normativer Traditionen germanischer Völkerschaften bei der Ausbildung der mittelalter­ lichen Rechtskultur: Fragen und Probleme, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 15–42 (19), dass „das neue, ethnosoziologisch begründete Verständnis des Volks- oder Stammesbegriffs einen wichtigen Ausgangspunkt bzw. einen hermeneutischen Fluchtpunkt“ bilden müsse. 105 Dazu Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 296  ff. mit mehreren Beispielen. 106 Pactus legis Salicae, Prolog (Extiterunt igitur inter eos electi de pluribus viri quattuor his nominibus: Wisogastus, Arogastus, Salegastus et Widogastus in villas quae ultra Rhenum sunt: in Bothem,

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rum)107 erschlossen. Verbindlich werden die Inhalte der lex scripta durch die Zustimmung der Großen des Reiches und/oder auch des gesamten „Volkes“ (so insbesondere Lex Burgundionum, Pactus legis Salicae, Leges Langobardorum, Lex Alamannorum, Lex Baiuvariorum).108 König Rothari lässt die erste schriftliche Aufzeichung der Langobarden per gairethinx secundum ritus gentis nostrae bestätigen (EdRoth. 386).109 Somit wurde eine breite Beteiligung der Angehörigen der gens oder jedenfalls die Einbindung der Eliten für die Legitimation, Akzeptanz und Durchsetzung des Rechts als notwendig erachtet (sog. Konsensgesetzgebung).110 Diese Form der Gesetzgebung wird im Prolog des Pactus legis Salicae neben der militärischen Stärke der Franken als

Salehem, Widohem, qui per tres mallos convenientes omnes causarum origines sollicite discutientes de singulis iudicium decreverunt); Lex Baiuvariorum, Prolog (Theuderichus rex Francorum, cum esset Catalaunis, elegit viros sapientes qui in regno suo legibus antiquis eruditi erant). 107 So heißt es zu Beginn des Edikts: In nomine Domini incipit edictum, quem renovavit dominus Rothari, vir excellentissimo, rex genti Langobardorum cum primatos iudices suos. Aber auch spätere Könige setzten Recht unter Einbeziehung der langobardischen Richter; vgl. nur Ratchis Leges aus dem Jahr 746: cum gentis nostrae, id est Langobardorum, iudicibus. 108 Lex Burgundionum, Beginn der Prima Constitutio (Amore iustitiae […] ea primum habito consilio comitum et procerum nostrorum studuimus ordinare, ut […]); Beginn der Lex Baiuvariorum im Anschluss an den Prolog (Hoc decretum est apud regem et principes eius et apud cunctum populum christianum […] consistunt); zum Pactus legis Salicae und zu den Leges Langobardorum siehe die folgenden Anmerkungen und zur Lex Alamannorum und zur Lex Baiuvariorum siehe Anm. 50 und 118. 109 EdRoth. 386: Praesentem vero dispositionis nostrae edictum, quem Deo propitio cum summo studio et summis vigiliis a celestem faborem praestitis, inquirentes et rememorantes antiquas legis patrum nostrorum quae scriptae non erant, condedimus, et, quod pro commune omnium gentis nostrae utilitatibus expediunt, pari consilio parique consensum cum primatos iudices, cunctosque felicissimum exercitum nostrum augentes constituimus – in hoc membranum scribere iussimus, pertractantes et sub hoc tamen capitulo reservantes, ut quod adhuc, annuentem divinam clementiam, per subtilem inquisitionem de antiquas legis Langobardorum, tam per nosmetipsos quam per antiquos homines memorare potuerimus, in hoc edictum subiungere debeamus; addentes, quin etiam et per gairethinx secundum ritus gentis nostrae confirmantes, ut sit haec lex firma et stabelis: quatinus nostris felicissimis et futuris temporibus firmiter et inviolabiliter ab omnibus nostris subiectis costodiatur. [Hervorhebungen durch Verf.]. Die Zustimmung des „Volkes“ wird aber auch in den Novellen betont, etwa zu Beginn der Novellen von König Liutprand (cum omnibus iudicibus […] vel cum reliquis fedelibus meis Langobardis et cuncto populo adsistente) und von König Ahistulf (cum cunctis iudicibus et Langobardis universarum provinciarum nostrarum). Zum Rechtsritual des gairethinx siehe die Nachweise in Anm. 198. 110 Eindrucksvoll ist etwa auch die Liste mit den Unterschriften von 31 Grafen in der Lex Burgundionum, die im Anschluss an das letzte Kapitel der Prima Constitutio (c. 14: Constitutiones vero nostras placuit, etiam adiecta comitum subscriptione firmari, ut definitio, quae ex tractatu nostro et communi omnium voluntate conscripta est, etiam per posteros custodita perpetuae pactionis teneat firmitatem.) folgt und mit den Worten eingeleitet wird: Nomina eorum, qui leges vel sequentia constituta et illa tamen, quae in priori pagina continentur, signaturi sunt vel in posterum cum prole Deo auspice servaturi [es folgen die Handzeichen der Grafen]. Vgl. dazu auch Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 289  f.; Schott, s. v. Lex Burgundionum (wie Anm. 43), Sp. 878, 880  f.



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ein weiteres Merkmal der Überlegenheit gegenüber anderen Gentes besonders hervorgehoben.111 Die Langobarden zeichnen ihr Recht – wie es im Edikt Rotharis im ersten Satz des Prologs heißt – im 76. Jahr nach Ankunft der Langobarden in der Provinz Italien auf (post adventum in provincia italiae Langobardorum). Rothari bezeichnet sich selbst als siebzehnter rex gentis Langobardorum, wobei er seine sechzehn Vorgänger namentlich auflisten lässt.112 Aber auch in den späteren Novellen finden sich über einen Zeitraum von zweihundert Jahren immer wieder gentile Bezüge, insbesondere durch Bezugnahme auf die Geschichte der Langobarden und die Einbeziehung der Langobarden in den Rechtsetzungsvorgang (Prolog des Edikts, Prolog zu den Novellen Liutprands aus dem Jahr 713 am Ende, Prologe zu den Novellen Aistulfs und Adelchis in der zweiten Hälfte des 8. und des 9. Jahrhunderts).113 Die im 7. Jahrhundert aufgezeichnete Origo Gentis Langobardorum ist zudem handschriftlich nur mit den Leges Langobardorum überliefert.114 Ende des 8. Jahrhunderts wird die Origo in der Historia Langobardorum (I, 21) des Paulus Diaconus sogar als prologum edicti, quem rex Rothari de Langobardorum legibus conposuit bezeichnet.115 Die Bedeutung von

111 Incipit Pactus legis Salicae. Placuit auxiliante Domino atque convenit inter Francos atque eorum proceribus, ut […] et quia ceteris gentibus iuxta se positis fortitudinis brachio prominebant, ita etiam eos legali auctoritate praecellerent, ut iuxta qualitate causarum sumerent criminalis actio terminum. Dazu insgesamt auch Lück, s. v. Lex Salica (wie Anm. 42), Sp. 924, 926  f.; Epp, Gesetzgebung und Integration (wie Anm. 22), S. 77, 81  ff., insb. S. 85  f. Vgl. weiter Walter Pohl, Christian and Barbarian Identities in the Early Medieval West: Introduction, in: Post-Roman Transitions, Christian and Barbarian Identities in the Early Medieval West, hg. von Walter Pohl und Gerda Heydemann (Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages 14), Turnhout 2013, S. 1–46 (12  ff., insb. 14  f.). 112 Dazu auch Haubrichs, Amalgamierung und Identität (wie Anm.  53), S.  67, 93  ff. Auch an den Pactus legis Salicae schließen sich mehrere Sonderüberlieferungen und Nachträge an, die mit einem (später hinzugefügten) Nachwort und einer Königsliste enden. Im Nachwort (Explicit lex salega qui vero cunlacio infra hae libros IV continere videtur) wird der Pactus als ein in zwei Schritten von Chlodwig veranlasstes Werk ausgewiesen, das noch zweimal durch dessen Söhne Childebert und Chlothar ergänzt wurde; es folgt eine Königsliste (Incipit de regnorum vel temporum), die von Dagobert bis Pippin reicht (hier nach der Ausgabe von Eckhardt, Die Gesetze des Merowingerreiches, 1935 zitiert). Zum kontextuellen Zusammenhang zwischen Königslisten und der Lex Salica Giesriegl, Autorität, Chronologie und Gesetzgebung (wie Anm. 17), S. 205  ff., 211  ff. Nach Giesriegl, S. 213 erhalten die Könige durch die Kataloge Autorität und gleichzeitig legitimieren sie den Gesetzestext; die Liste steht damit für die Korrelation von Gesetzgebung und königlicher Autorität (S. 218). 113 Vgl. dazu insgesamt auch Walter Pohl, Memory, identity and power in Lombard Italy, in: The Uses of the Past in the Early Middle Ages, hg. von Yitzhak Hen und Matthew Innes, Cambridge 2000, S. 9–28 (14  ff.). 114 Walter Pohl, s. v. Origo gentis, § 3 Langobarden, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 22, Berlin, New York 2003, S. 183–189 (183  f., 185  f.). Dazu auch Haubrichs, Amalgamierung und Identität (wie Anm. 53), S. 67, 72  ff. 115 Pauli Historia Langobardorum, in usum scholarum ex Monumentis Germaniae Historicis recusa, hg. von Georg Waitz, Nachdruck der Ausgabe von 1878, Hannover 1978, S. 68 (Lib. I 21). Dazu auch Pohl, s. v. Origo gentis (wie Anm. 114), S. 183, 184. Zum Verhältnis der Historia Langobardorum zur

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Volksname, Geschichte und Recht für das Identitätsbewusstsein der Langobarden wird hier greifbar.116 Die Lex Alamannorum ist vermutlich – ebenso wie die Lex Baiuvariorum – eine von Seiten der Kirche veranlasste private Rechtsaufzeichnung, die von Clausdieter Schott „als eine im Kloster Reichenau entstandene Fälschung“ eingeordnet wird.117 Folgt man dieser These, so stellt sich die Frage, welche Gestalt der alemannischen Lex gegeben wurde, damit sie als „Volksrecht“ Anerkennung finden konnte. Denn gerade wenn es sich um eine Privatarbeit handeln sollte, muss es das Ziel des Verfassers gewesen sein, die Lex möglichst authentisch wirken zu lassen. Die Einleitungsformel, nach der die Lex mit der Zustimmung von 33 Bischöfen, 34 Herzögen, 72 Grafen und dem übrigen „Volk“ beschlossen worden sei,118 könnte dann diesem Zweck gedient haben. Auch Schott geht davon aus, dass der Verfasser der Lex darum bemüht war, nicht den Eindruck zu erwecken, dass „das Gesetz einseitig zugunsten der Kirche erlassen sein könnte“.119 Die Beschreibung der Inkraftsetzung der Lex und ihre Gestalt wären daher besonders ernst zu nehmen: Ebenso wie andere Leges wird auch die Lex Alamannorum als ein auf Initiative des Herrschers mit Zustimmung der Großen und in

Origo gentis Langobardorum Alheydis Plassmann, Origo gentis, Identitäts- und Legitimitätsstiftung in früh- und hochmittelalterlichen Herkunftserzählungen (Orbis mediaevalis, Vorstellungswelten des Mittelalters 7), Berlin 2006, S. 204  ff. 116 Nach der Origo gentis Langobardorum (Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX, hg. von Georg Waitz, Monumenta Germaniae Historica, Hannover 1878, S.  1–6) leitet der Stamm seinen Namen von einer Kriegslist seiner Frauen ab, die sich vor Beginn einer Schlacht gegen die Vandalen neben ihren Männern aufstellten, sich als Krieger ausgaben, indem sie mit ihren Haaren „lange Bärte“ vortäuschten, und auf diese Weise die Schlachtreihen so eindrucksvoll verstärkten, dass sie ihren Stamm vor einer Niederlage retteten. Zu Recht weist Pohl darauf hin, dass es sich bei dieser Sage nicht nur um einen Mythos über den Ursprung der Langobarden aus fernen Zeiten, sondern um einen im 7. Jahrhundert präsenten Bestandteil des Identitätsbewusstseins der Langobarden handelt. Er wird in einer Zeit verschriftlicht, in der sich die Langobarden nach der Landnahme in Italien in Abgrenzung zur romanisch-katholischen Mehrheitsbevölkerung nicht nur ihrer eigenen Geschichte vergewisserten, sondern auch das Recht ihrer Väter (antiquas legis patrum nostrorum) aufzeichneten (EdRoth. 386). Dazu insgesamt Walter Pohl, Probleme einer Sinngeschichte ethnischer Gemeinschaften, Identität und Tradition, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 51–67 (61); ders., Memory, identity and power (wie Anm. 113), S. 9, 10  ff. (insb. S. 15  ff.); ders., Vom Nutzen des Germanenbegriffes (wie Anm. 24), S. 18, 30 („Die Leges ebenso wie die Historiographie der Regna antworteten auf die Herausforderung, unter der Herrschaft einer kriegerischen Elite außerrömischer Herkunft eine Gesellschaft zu integrieren, die schon unter der Herrschaft der spätantiken Kaiser kaum mehr hatte befriedet werden können.“). 117 Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 68), S. 257, 277. 118 Beginn der Lex Alamannorum: Incipit Lex Alamannorum, quae temporibus Hlodharii regis una cum principibus suis, id sunt 33 episcopis et 34 ducibus et 72 comitibus, vel cetero populo constituta est. Die Zahlenangaben zu den Personengruppen variieren in den Handschriften; in zwei Handschriften wird an Stelle von König Chlotar der alemannische Herzog Lantfrid genannt. Dazu Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 68), S. 257, 259  f.; ders., Lex Alamannorum (wie Anm. 92), S. 10  f. 119 Schott, Lex und Skriptorium (wie Anm. 68), S. 257, 279.



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Gegenwart des gesamten „Volkes“ erlassenes Gesetz ausgegeben. Folgt man der Fälschungsthese, so diente gerade das Gewand eines „Stammesrechts“ dazu, den Text besonders glaubwürdig zu machen. Wichtiger erscheinen aber zwei andere Aspekte: Zum einen besteht Einigkeit, dass von den drei Teilen der Lex, den Kirchensachen,120 Herzogssachen und „Volkssachen“,121 jedenfalls die „Volkssachen“ authentisch sind, denn diese decken sich in Teilen mit dem Pactus und dürften daher eine Fortentwicklung des älteren Schriftrechts darstellen.122 Zum anderen wurde die Lex Alamannorum entweder durch eine von Karl dem Großen veranlasste Neuredaktion123 oder jedenfalls durch die Aufnahme in zahlreiche Leges-Sammlungen des fränkischen Hofes124 autorisiert. Falls die Lex Alamannorum tatsächlich nur eine als „Stammesrecht“ ausgegebene, jedoch von der Kirche veranlasste Privatarbeit sein sollte, so wurde sie spätestens seit dem frühen 9. Jahrhundert mit allen anderen Leges auf eine Stufe gestellt. Da die Akzeptanz von Privatarbeiten und deren Gleichstellung mit Gesetzen ein Vorgang ist,

120 Zu den Kirchensachen Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm. 23), S. 135, 143  ff. 121 LAlam. XLIV: De causis, qui saepe solent contingere in populo. Zu den „Volkssachen“ Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm.  23), S.  135, 149  ff. Zur Dreiteilung der Lex Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 314  ff., 328  ff.; Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 92), S. 18  ff. 122 So auch Schott, Siedlungsbild (wie Anm.  11), S.  219, 241 („Auch als Fälschung kann aber das Gesetz gerade für die nicht-kirchlichen Bereiche als zuverlässige Informationsquelle gelten.“); ders., Wie alemannisch sind Pactus und Lex Alamannorum?, in: Antike im Mittelalter, Fortleben, Nachwirken, Wahrnehmung, 25 Jahre Forschungsverbund „Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland“, hg. von Sebastian Brather, Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte 21), Ostfildern 2014, S. 167–178 (177). 123 Nach Karl August Eckhardt, Einleitung, in: Leges Alamannorum I. Recensio Lantfridana (Lex), Germanenrechte Neue Folge: Westgermanisches Recht, hg. von Karl August Eckhardt, Witzenhausen 1962, S. 9  f. gab es den Entwurf einer Lex Alamannorum Karolina im Zusammenhang mit der Rechtsreform auf dem Aachener Reichstag von 802/803. Zustimmend Clausdieter Schott, s. v. Lex Alamannorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 2, Berlin 1978, Sp. 1879–1886 (1879). 124 Zu nennen sind beispielhaft zwei im frühen 9.  Jahrhundert am fränkischen Hof entstandene Handschriften: Paris, Bibliothèque Nationale Lat. 4404 und St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. Sang. 729. Dazu Hubert Mordek, Bibliotheca capitularium regum Francorum manuscripta, Überlieferung und Traditionszusammenhang der fränkischen Herrschererlasse (Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel 15), München 1995, S. 456–463 zu Paris Lat. 4404 (die Mordek nach 804 datiert, als „die vielleicht eindrucksvollste frühmittelalterliche Hs. des weltlichen Rechts“ bezeichnet und die von der Forschung „mit dem Hofe des alternden Kaisers in Verbindung gebracht“ wird) und S. 668–670 zu St. Gallen 729 (die die Forschung „einem hofabhängigen Skriptorium unter Ludwig dem Frommen zuschreibt“). Beide Handschriften enthalten neben Auszügen der Lex Romana Visigothorum die Lex Salica und die Lex Alamannorum sowie jeweils weitere Rechtstexte. Digitalisate der Handschriften finden sich unter http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8426042t und http://www.e-codices.unifr.ch/ de/list/one/csg/0729. Vgl. auch Bibliotheca Legum (wie Anm. 1), http://www.leges.uni-koeln.de/mss/ handschrift/st-gallen-sb-729/ und http://www.leges.uni-koeln.de/mss/handschrift/paris-bnlat-4404/.

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den wir das gesamte Mittelalter hindurch (etwa auch noch bei den Rechtsbüchern) beobachten können, sollte auf die wenig sachgerechte Einordnung dieser Privatarbeiten als „Fälschung“ verzichtet werden. Schließlich enthält der Prolog der Lex Baiuvariorum einen eigenen Abschnitt zur Gesetzgebungsgeschichte sämtlicher Leges des fränkischen Großreichs.125 Danach hat der Frankenkönig Theuderich I. (511–533) rechtskundige Männer beauftragt, das mündlich überlieferte Recht der einzelnen Gentes aufzuzeichnen. Diese im frühen 6. Jahrhundert aufgezeichneten Rechte der Franken, Alemannen und Bayern sowie aller anderen Gentes, die unter Theuderichs Herrschaft standen, seien unter späteren fränkischen Königen mehrfach überarbeitet worden.126 Wieder begegnen uns die Herrscher, in diesem Fall die fränkischen Könige, als Bewahrer des tradierten „Stammesrechts“ und als Initiatoren notwendiger Reformen. Durch die Kombination eines Rückgriffs auf die alten Rechtsgewohnheiten der Gentes und die Beteiligung der fränkischen Könige wird den einzelnen Rechten gleichermaßen Authentizität und Autorität verliehen. Es überrascht daher nicht, dass die Gesetzgebungsgeschichte des Prologs der bayerischen Lex in mehreren Sammelhandschriften sämtlichen Leges vorangestellt wird.127

3.2 Die Bedeutung von gens und populus in den Rechtstexten Sämtliche südlich der Alpen aufgezeichneten Leges unterscheiden zwischen den Rechten der „eigenen“ (häufig mit dem jeweiligen Volksnamen bezeichneten) Bevölkerung und der romanischen Bevölkerung. Hierzu einige Beispiele: Die Lex Visigotho-

125 Zu den im Prolog verarbeiteten Auszügen aus der Enzyklopädie Origines seu Etymologiae (V. De legibus et temporibus) des hispano-romanischen Bischofs Isidor von Sevilla Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 296  ff. (auch zum Prolog als Legitimationslegende). 126 Lex Baiuvariorum, Prolog: Theuderichus rex Francorum, cum esset Catalaunis, elegit viros sapientes qui in regno suo legibus antiquis eruditi erant. Ipso autem dictante iussit conscribere legem Francorum et Alamannorum et Baioariorum unicuique genti quae in eius potestate erat, secundum consuetudinem suam, addidit quae addenda erant et inprovisa et inconposita resecavit. Et quae erant secundum consuetudinem paganorum mutavit secundum legem christianorum. Et quicquid Theuderichus rex propter vetustissimam paganorum consuetudinem emendare non potuit, post haec Hildibertus rex inchoavit, sed Chlotarius rex perfecit. Haec omnia Dagobertus rex gloriosissimus per viros inlustros Claudio, Chadoindo, Magno et Agilulfo renovavit et omnia vetera legum in melius transtulit et unicuique genti scriptam tradidit, quae usque hodie perseverant. Ebenso wie in dem längeren Prolog der frühkarolingischen Lex Salica aus der Zeit um 760 (Lex Salica, 100 Titel-Text, hg. von Karl August Eckhardt, Germanenrechte Neue Folge, Abt. Westgermanisches Recht, Weimar 1953, S. 82–91) und in den Prologen der Novellen des Langobardenkönigs Liutprand wird auch im Prolog der Lex Baiuvariorum die Bedeutung der Christianisierung für Reformen der Leges hervorgehoben, wobei in der Lex Baiuvariorum die Überarbeitung des älteren Rechts secundum legem christianorum in besonderem Maße betont wird. 127 Dazu Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 311 (Fn. 66).



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rum enthält in den ersten zwei von zwölf Büchern allgemeine Regeln zu Gesetzgebung und Rechtsprechung. Ab dem dritten Buch werden Rechtsbeziehungen innerhalb der Bevölkerung geregelt und zwar zunächst Familien- und Erbrecht, wobei die erste Regelung die Eheschließung zwischen Goten und Romanen betrifft.128 Auf die umstrittene Frage, wie diese Regelung zu interpretieren ist,129 kann hier nicht eingegangen werden, entscheidend ist vielmehr die Differenzierung zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, die voraussetzt, dass zum Zeitpunkt der Aufzeichnung der Norm eine Zuordnung einzelner Personen zur Gruppe der Goten bzw. zu der der Romanen möglich war. Das unter König Sigismund 517 reformierte Recht der Burgunder enthält in der Prima Constitutio Regeln zu den Aufgaben und zur Stellung des Richters. Ausdrücklich wird hier bestimmt, dass Rechtsstreitigkeiten innerhalb der romanischen Bevölkerung nach römischem Recht zu entscheiden sind (Prima Constitutio, c. 8: Inter Romanos vero […] Romanis legibus praecipimus iudicari.).130 Des Weiteren wird in der Prima Constitutio (c. 5, 13) zwischen burgundischen und romanischen Amtsträgern differenziert, aber auch darüber hinaus finden sich in zahlreichen Regelungen die Gegensatzpaare Burgundio aut Romanus oder barbarus aut Romanus. Mit dem Oberbegriff barbari scheint die Lex (wie noch zu zeigen sein wird) sowohl Burgunder als auch solche Nichtburgunder erfassen zu wollen, die keine Romanen sind, aber im Geltungsbereich der Lex Burgundionum leben.

128 Aufhebung eines älteren Eheschließungsverbots zwischen Goten und Romanen nach LVis. III 1. 1 (Antiqua): Ut tam Goto Romana, quam Romano Gotam matrimonio liceat sociari. […] nec parum exultare debet libertas ingenita, cum fractas vires habuerit prisce legis abolita sententia, que incongrue dividere maluit personas in coniuges, quas dignitas conpares exequabit in genere. Ob hoc meliori proposito salubriter censentes, prisce legis remota sententia, hac in perpetuum valitura lege sanccimus: ut tam Gotus Romanam, quam etiam Gotam Romanus si coniugem habere voluerit, premissa petitione dignissimam, facultas eis nubendi subiaceat, liberumque sit libero liberam, quam voluerit, honesta coniunctione, consultum perquirendo, prosapie sollemniter consensu comite, percipere coniugem. 129 Dazu Koch, Ethnische Identität (wie Anm.  36), S.  389  ff. mit weiteren Nachweisen (vgl. auch S. 405  f. zur Bedeutungsbreite des Begriffs „Romanus“ in den Quellen des Westgotenreichs). 130 König Sigismund bestätigt diese Regel im Jahr 516 (Extravag. 20): statuentes, sicut nostra lex loquitur: ut inter Romanos etiam de hoc negotio legis Romanorum ordo servatur […]. Auch die Praeceptio Chlotharii, die vermutlich Chlothar II. im Jahr 616 für Burgund erlassen hat, wiederholt in Titel 4 nahezu wörtlich diese Regelung der Prima Constitutio (Inter Romanus negutia causarum romanis legebus praecepemus terminari.); dazu und weiterführend zur Geltung römischen Rechts in Burgund Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 82, 89  ff., 95  ff., 107  f., 129  ff., 134  f., insb. S. 157–169, 269  ff. (zur Wirkung und Fortgeltung dieser Regelung bis ins 9. Jahrhundert). Des Weiteren dürfen sich Burgunder nicht an einem Rechtsstreit zwischen Romanen beteiligen; LBurg. XXII (Quicumque Romanus causam suam, quam cum alio Romano habet, Burgundioni agendam tradiderit, causam perdat, et is, qui suscipit, inferat multae nomine solidos XII.) und ausführlich LBurg. LV unter der Überschrift De removendis barbarorum personis, quotiens inter duos Romanos de agrorum finibus fuerit exorta contentio. Dazu Esders, S. 291  f.

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Die klare Trennung zwischen dem eigenen Recht und dem römischen Recht kommt nicht nur in der Feststellung, dass die Romanen nach römischem Recht leben, zum Ausdruck, sondern zeigt sich auch anhand einzelner kollisionsrechtlicher Regelungen.131 Diese Regelungen bestimmen, welches Recht Anwendung findet, wenn die am Rechtsverhältnis beteiligten Personen unterschiedlichen Rechten unterstellt sind, wobei diese Frage sowohl privatautonom begründete als auch durch schädigende Handlung herbeigeführte Rechtsbeziehungen zwischen Romanen und Angehörigen der eigenen gens betreffen kann. So wird beispielsweise nach einer Novelle des Langobardenkönigs Liutprand aus dem Jahr 731 (Liut. 127) eine Langobardin, die einen Romanen heiratet, im rechtlichen Sinne zur Romanin; für sie gilt ab der Eheschließung römisches Recht (ebenso wie für die Söhne aus dieser Verbindung).132 Nur vereinzelt werden Regelungen auf die romanische Bevölkerung erstreckt. So ist in der Lex Burgundionum für bestimmte Delikte (wie etwa Diebstahl oder Raub) eine Gleichbehandlung von Burgundern und Romanen vorgesehen (LBurg. IV, IX, X, XV, XCIV, XCVII).133 Diese Regelungen werden häufig mit Formulierungen wie „Si quis Burgundio aut Romanus …“ eingeleitet (LBurg. IX, XIII, XXVIII). Auch für das

131 Da sich in den Leges nur wenige kollisionsrechtliche Regelungen finden, geht Jörg Jarnut, Wer waren die Langobarden im Edictus Rothari?, in: Sprache und Identität im frühen Mittelalter, hg. von Walter Pohl und Bernhard Zeller (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 426 = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 20), Wien 2012, S. 93–97 (insb. S. 95) für das langobardische Recht davon aus, dass dieses auch für die romanische Bevölkerung galt. Diese These ist nicht haltbar: Zum einen betrifft das Kollisionsrecht typischerweise nur diejenigen Rechtsbereiche, bei denen es zu vertraglichen oder deliktischen Kontakten zwischen den Angehörigen verschiedener Rechte kommt (etwa EdRoth. 194, Liut. 127), zum anderen wird das langobardische Recht klar vom römischem Recht abgegrenzt (etwa Liut. 91, 127). 132 Liut. 127: Si quis Romanus homo mulierem Langobardam tolerit, et mundium ex ea fecerit, et post eius decessum ad alium ambolaverit maritum sine volontatem heredum prioris mariti, faida et anagrip non requiratur; quia, posteûs Romanum maritum se copolavit, et ipse ex ea mundio fecit, Romana effecta est, et filii, qui de eo matrimonio nascuntur, secundum legem patris Romani fiunt et legem patris vivunt; ideo faida et anagrip menime conponere devit qui eam postea tolit, sicut nec de alia Romana. Dazu Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 219, 237. Vgl. weiter zur Eheschließung LBurg. XII 5. Zu intergentilen Eheschließungen auch Goetz, GENTES (wie Anm. 14), S. 85, 103  f. mit weiteren Nachweisen. 133 Ausdrücklich wird dabei hervorgehoben, dass die jeweilige Regelung nicht nur für Burgunder (bzw. barbari), sondern auch für Romanen gilt; vgl. etwa bei der Tötung eines Unfreien LBurg. X 1 (De interfectione servorum Burgundio et Romanus una conditione teneantur), beim Betreten eines fremden Hauses mit böser Absicht LBurg. XV ([…] Quod tamen inter Burgundiones et Romanos aequali conditione volumus custodiri), beim Geschlechtsverkehr eines Mannes mit einer Jungfrau LBurg. XLIV (Si qua Burgundionis ingenui filia, priusquam marito tradatur, cuicumque, seu barbaro seu Romano, occulte adulterii se foeditate coniuncxerit […]) oder beim Diebstahl von Pferden und Rindern LBurg. XLVII ([…] ut quicumque ingenuus, tam barbarus quam Romanus, vel cuiuslibet nationis persona intra regni nostri provincias constituta caballos aut boves furto abstulerit […]). Auf weitere Regelungen, die (auch) für die romanische Bevölkerung gelten, sei hingewiesen: LBurg. XIII, XVII 5, XXVIII; Const. Extravag. B (18).



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gemeinsame Roden eines Waldes oder die gemeinsame Bewirtschaftung von Land sind einheitliche Regelungen für beide Bevölkerungsgruppen vorgesehen (LBurg. XIII, XXXI).134 Diese rechtliche Gleichbehandlung in Einzelfragen ändert freilich nichts am grundsätzlich geltenden Personalitätsprinzip,135 denn die Anordnung einer Gleichbehandlung beider Gruppen in Ausnahmefällen ist nur dann nötig, wenn nicht das Territorialitäts-, sondern das Personalitätsprinzip als Grundsatz gilt. Klar voneinander abgegrenzt werden auch Angehörige verschiedener Gentes bei der Festsetzung unterschiedlich hoher Wergelder der Franken, Burgunder, Alemannen, Friesen, Bayern und Sachsen in der Lex Ribuaria.136 Dieses Prinzip gilt nach fränkischem Recht auch für den Fall der Tötung eines Romanen durch einen Franken, wobei das Wergeld eines Romanen die Hälfte des Wertes eines Frankenwergeldes beträgt (PSal. XLI 8–10; LSal. LXIX 6–8; LRib. XL 3).137 Da sich die Höhe des Wergeldes nach Stand und Herkunft des Getöteten bestimmt, stellt die Regelung zur Tötung eines Romanen durch einen Franken keine Durchbrechung des Personalitätsprinzips dar, vielmehr muss sie als ein konsequentes Fortschreiben der Sühneausgleichsregelungen innerhalb des Kompositionensystems angesehen werden.138

134 Dazu Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 219, 224  ff. Dennoch wird bei der Landverteilung klar zwischen beiden Bevölkerungsgruppen differenziert, wobei dies auch für das westgotische Recht gilt; dazu Schott, S. 234. 135 So auch Nehlsen, s. v. Lex Burgundionum (wie Anm. 43), Sp. 1901, 1912  f. 136 LRib. XL (bzw. XXXVI): De diversis interfectionibus. 1. Si quis Ribvarius advenam Francum interfecerit, ducentos solidos culpabilis iudicetur. 2. Si quis Ribvarius advenam Burgundionem interfecerit, bis octoginta solid. multetur. 3. Si quis Ribvarius advenam Romanum interfecerit, bis quinquagenos solid. multetur. 4. Si quis Ribvarius advenam Alamannum seu Fresionem vel Bogium, Saxonem interempserit [vel occiderit], bis octogenos solid. culpabilis iudicetur. Dass das Personalitätsprinzip auch für die Angehörigen der Kirche galt (dazu mehr bei Anm.  156–158), belegen die anschließenden Regelungen in LRib. XL 5–9 (bzw. XXXVI 5–9), die unterschiedlich hohe Wergelder für Angehörige der Kirche festlegen. Erhöhte Bußen für höhergestellte Geistliche sieht auch die Lex Alamannorum vor, wobei Bezugsgröße die entsprechenden Bußen der freien Alemannen sind (etwa LAlam. X: […] sicut solit aliis liberis Alamannis conponere, ita presbytero curte tripliciter conponat.), während für ein Unrecht gegenüber einem einfachen Geistlichen in der Regel wie für ein Unrecht an einem Alemannen gebüßt wird (etwa LAlam. VIII: […] sicut alii Alamanni, ita conponant.); ähnlich (wenngleich mit anderer Abstufung der Bußen) auch LBai. I 8: Si quis ministros ecclesiae, id est subdiaconum […], de istis aliquem iniuriaverit aut percusserit vel plagaverit vel occiderit, conponat hoc dupliciter, sicut solent conponi parentes eius. Illi qui sunt ministri altaris Dei, duplicem conposicionem accipiant. Alii autem clerici conponantur, sicut parentes eorum. Monachi autem qui secundum regulam in monasterio vivunt, et illi dupliciter conponantur secundum genealogiam suam […]. 137 Zu LRib. XL 3 siehe die vorstehende Anm.; zu PSal. XLI 8–10 ≈ LSal. LXIX 6–8 siehe Anm. 144. Vgl. auch Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 119, 231 mit weiteren Beispielen zu Straftaten unter Beteiligung eines Romanen auf Opfer- oder Täterseite. Nur vereinzelt treten Regelungen auf, die auf vertragliche Beziehungen zwischen den Gentes hindeuten, wie etwa in LBurg. LVI (Rückkauf eines Unfreien aus der Alamannia). 138 Vgl. weiter EdRoth. 194: Dort wird die Buße für den Geschlechtsverkehr mit einer ancilla gentilis auf 20 Schillinge und für den Geschlechtsverkehr mit einer ancilla romana auf zwölf Schillinge fest-

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Die Lex Ribuaria (LRib. XXXV 3–4) legt zudem fest, dass innerhalb des Geltungsbereichs der Lex Ribuaria jeder vor Gericht nach dem Recht seines Geburtsortes (lex loci contenet, ubi natus fuerit) ein Urteil erhält.139 Erwähnt werden hier Franken, Burgunder und Alemannen sowie die Angehörigen weiterer (nicht näher bestimmter) nationes, die sich im Gebiet der Ribuarier (infra pago Ribvario) aufhalten.140 Des Weiteren wird innerhalb einzelner Leges zwischen Rechtsgewohnheiten von Teilverbänden bzw. zwischen lokalen Rechtsgewohnheiten differenziert: So werden in LSax. 47, 48 die Regelungen zum Eherecht der Ostfalen und Engern von denjenigen

gesetzt. Entscheidend ist hier nicht, ob sich die Regelung auf eine unfreie Langobardin oder Romanin oder auf die Unfreie eines Langobarden oder Romanen bezieht, sondern dass die Buße (die an den Herrn der Unfreien zu bezahlen war) wie auch an vielen anderen Stellen der Leges bei einem Unrecht gegenüber Romanen niedriger ausfällt. Zur Interpretation von EdRoth. 194 vgl. auch Brigitte PohlResl, Ethnische Bezeichnungen und Rechtsbekenntnisse in langobardischen Urkunden, in: Ethnogenese und Überlieferung, Angewandte Methoden der Frühmittelalterforschung, hg. von Karl Brunner und Brigitte Merta (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 31), Wien 1994, S. 163–171 (165); Jarnut, Wer waren die Langobarden (wie Anm. 131), S. 93, 94. 139 Eine ähnliche Regelung findet sich in einem Kapitular König Pippins aus dem Jahre 768. Dort heißt es, dass Romanen und Franken ihr eigenes Recht hätten, wenn aber jemand aus einer anderen Provinz komme, so solle er nach dem Recht seiner Heimat (secundum legem patriae) leben. Pippini capitulare Aquitanicum, a. 768, c. 10 (Capitularia regum Francorum, hg. von Alfred Boretius, Monumenta Germaniae Historica, Capit. 1, Hannover 1883, Nr.  18, S.  43): Ut omnes homines eorum legis habeant, tam Romani quam et Salici, et si de alia provincia advenerit, secundum legem ipsius patriae vivat. Dazu insgesamt Stefan Esders, Eliten und Raum nach frühmittelalterlichen Rechtstexten, Überlegungen zu einem Spannungsverhältnis, in: Les élites et leurs espaces. Mobilité, Rayonnement, Domination (du VIe au XIe siècle), hg. von Philippe Depreux, François Bougard und Régine Le Jan (Collection Haute Moyen Age 5), Turnhout 2007, S. 11–29 (14  ff.) mit Hinweis darauf, dass die „frühmittelalterliche Unterscheidung zwischen Einheimischen und advenae […] auf die römische Provinzialverwaltung zurück[gehe]“ (S. 16). Esders, S. 20  f. verweist noch auf eine weitere einschlägige Quelle aus den Formulae Marculfi I, 40 (7. Jahrhundert), wo Einwanderer in das Gebiet Austrasien ebenfalls als Angehörige anderer nationes bezeichnet werden (tam Francos, Romanos vel reliqua natione). 140 LRib. XXXV (bzw. XXXI): 3. Hoc autem constituimus, ut infra pago Ribvario tam Franci, Burgundiones, Alamanni seu de quacumque natione commoratus fuerit, in iudicio interpellatus sicut lex loci contenet, ubi natus fuerit, sic respondeat. 4. Quod si damnatus fuerit, secundum legem propriam, non secundum Ribvariam damnum sustineat. Somit lebten die Ribvarii zum Zeitpunkt der Aufzeichnung der Lex in einem abgrenzbaren Rechtsbezirk des Frankenreiches nach eigenem Recht, das sich zwar in weiten Teilen an die Lex Salica anlehnte, sich aber als eigener Rechtstext dennoch klar von dieser absetzte. Nach der abgedruckten Textstelle sahen sich die Ribuarier auch nicht als „Teilstamm“ der Franken, sondern grenzten sich von diesen ebenso wie von den Burgundern und Alemannen ab (wie sich auch aus der in Anm. 136 zitierten Textstelle zu den Wergeldern der Angehörigen verschiedener nationes in LRib. XL ergibt). Dazu auch Lück, s. v. Lex Ribuaria (wie Anm. 44), Sp. 902, 904. Allerdings betont die neuere Forschung auch, dass sich aus der Existenz der Lex Ribuaria nicht ableiten lasse, dass es vor dem 7. Jahrhundert zwei fränkische „Teilstämme“ gab. Dazu Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 42), Berlin 2004, S. 145 mit weiteren Nachweisen.



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der Westfalen abgegrenzt141 und die Lex Frisionum weist an etlichen Stellen auf lokale Rechtsgewohnheiten hin (etwa LFris. I 10 und 21, VI 3 und 7, VII, VIII, IX 13–17, XIV 2  f.142 und XVI). Schließlich richtet sich die Lex Salica an einer prominenten Stelle sowohl an den freien Franken als auch an den „barbarum, qui lege Salica vivit“ (PSal. XLI 1, LSal. LXIX 1).143 Es handelt sich um die zentrale Regelung zur Tötung eines freien Mannes, in der nicht nur verschiedene Tötungsdelikte aufgeführt werden, sondern auch hinsichtlich der Höhe des Wergeldes zwischen der Tötung eines freien Franken oder eines anderen nach der Lex Salica lebenden „Barbaren“ und der Tötung von Romanen unterschiedlichen Ranges  – eines Tischgenossen des Königs (Romanus homo conviva regis), eines Grundbesitzers (Romanus homo possessor) und eines Zinspflichtigen (Romanus tributarius)144 – differenziert wird.145 Der Begriff barbarus dient

141 Im Capitulare Saxonicum von 797 (dazu oben Anm. 15) werden noch weitere Bevölkerungsgruppen, nämlich Brukterer und Septentrionales (also Nordleute), erwähnt (c. 11) und mehrfach wird betont, dass Rechtsregeln der Franken von den Sachsen übernommen wurden (so etwa die 60-Schillingsbuße der Franken; siehe aber auch c. 2, 3, 9). 142 So heißt es etwa in LFris. XIV 2  f.: 2. […] Haec lex inter Laubachi ac Flehum custoditur. Ceterum inter Flehum et Sincfalam fluvium pro huiusmodi causa talis est consuetudo: 3. […] De eadam re inter Laubachi et Wisaram fluvium talis consuetudo est. In der Lex Francorum Chamavorum wird beim Diebstahl einerseits danach differenziert, ob dieser im Maasgau oder im Hamaland geschieht, und andererseits auf Täterseite zwischen Sachsen und Friesen unterschieden, wenngleich die Rechtsfolgen nicht oder kaum voneinander abweichen (LFraCham. XXVI–XXIX). Dazu auch Heiner Lück, s. v. Lex Francorum Chamavorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 884–886 (885); ders., s. v. Lex Frisionum, ebd., Sp. 886–890 (887). 143 PSal. XLI: De homicidiis ingenuorum. 1. Si quis vero ingenuum Francum aut barbarum, qui lege Salica vivit, occiderit, cui fuerit adprobatum, mallobergo leodi sunt, VIIIM denarios qui faciunt solidos CC culpabilis iudicetur. [≈ LSal. LXIX 1 (D) ≈ LSal. LXVIII 1 (E)]. Die auf Guy Halsall zurückgehende, von Brather, Ethnische Interpretationen (wie Anm. 140), S. 144 aufgegriffene These, dass im 6. Jahrhundert „in Gallien mit francus ein ingenuus gemeint [war], der für das Heer verfügbar war und keine Steuern zahlte“, während „ein romanus dagegen ein steuerzahlender Grundbesitzer“ war, ist mit dieser Textstelle, insbesondere der Formulierung ingenuus Francus, aber auch mit der Differenzierung zwischen Romanen unterschiedlichen Ranges in LSal. LXIX 6–8 (dazu die folgende Anm.) nur schwer vereinbar. 144 LSal. LXIX 6–8. Die Buße für die Tötung eines Romanen beträgt jeweils die Hälfte der für die Tötung eines Franken festgesetzten Totschlagsbuße und zwar beim Romanus homo possessor im Verhältnis zur Totschlagsbuße für einen freien Franken (zu LSal. LXIX 1 (D) siehe die vorstehende Anm.) bzw. beim Romanus homo conviva regis im Verhältnis zur Totschlagsbuße für einen Grafen, LSal. VII 1 (S). Vgl. dazu auch Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 219, 231; Lück, s. v. Lex Salica (wie Anm. 42), Sp. 924, 932; Patrick Wormald, The Leges Barbarorum, Law and Ethnicity in the Post-Roman West, in: Regna and Gentes. The Relationship between Late Antique and Early Medieval Peoples and Kingdoms in the Transformation of the Roman World, hg. von Hans-Werner Goetz, Jörg Jarnut und Walter Pohl (The Transformation of the Roman World 13), Leiden 2003, S. 21–53 (31). 145 Aufgrund dieser Differenzierung zwischen Romanen unterschiedlichen Ranges überzeugt auch die in der Literatur vertretene Auffassung, in den fränkischen Rechtsquellen bedeute Romanus „gemeiner Mann“ bzw. „Bauer“, nicht. Zu dieser Auffassung Fehr, Germanen und Romanen (wie Anm. 28), S. 171  f. mit weiteren Nachweisen.

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dabei der Abgrenzung zu den Romanen und wird gleichzeitig als Oberbegriff für die Angehörgen aller nichtromanischen Gentes verwandt, zu denen auch die Franken selbst gehören (PSal. XIV 2).146 Eine inhaltlich PSal. XLI 1 (LSal. LXIX 1) entsprechende Bestimmung enthält auch die Lex Burgundionum (LBurg. II 1). Dort geht es um die Tötung eines Freien ex populo nostro, worunter – wie sich im Folgenden ergibt – sämtliche Reichsangehörige unabhängig von ihrer Herkunft (natio) fallen, solange es barbari (also keine Romanen) sind.147 Zum populus gehören somit nicht nur Burgunder, sondern auch andere barbari, die sich im Burgunderreich niedergelassen haben.148 Auch das langobardische Recht lässt sich in diesem Sinne interpretieren. So wird zum einen noch in den Novellen des Jahres 750 klar zwischen gens Langobardorum und populus Romanus unterschieden.149 Zum anderen enthält auch das langobardische Recht eine Regelung zur Einbeziehung von Mitgliedern anderer Gentes in die Rechtsgemeinschaft der Langobarden. Gemeint ist die Regelung in EdRoth. 367 zu sog. Fremdgängern (langobardisch: waregang), d.  h. Personen, die von außerhalb der Grenzen in das Langobardenreich kommen und sich der Herrschaft des Langobardenkönigs unterstellen. Als Rechtsfolge wird angeordnet, dass diese nach langobardischem Recht leben und ihre Söhne ebenso wie die Söhne von Langobarden erben.150 Zugezogene Fremde werden somit (jedenfalls in der ersten Generation) zwar noch von Langobarden unterschieden, unter den genannten Voraussetzungen werden sie jedoch rechtlich den Langobarden gleichgestellt. Möglicherweise besteht ein Zusam-

146 PSal. XIV 2 (hier zitiert nach der Ausgabe von Eckhardt, Germanenrechte, 1935): Si vero Romanus barbarum Salico expoliaverit, legem superiorem conpraehensa convenit observare. 147 LBurg. II 1: Si quis hominem ingenuum ex populo nostro cuiuslibet nationis aut servum regis, na­tione duntaxat barbarum, occidere. Dazu auch Epp, Gesetzgebung und Integration (wie Anm. 22), S. 77, 86. 148 Eine entsprechende Differenzierung zwischen Burgundern, dem Reich angehörigen Romanen und sonstigen „Barbaren“ enthält auch die Regelung zur Bestrafung des Diebstahls von Pferden oder Rindern; LBurg. XLVII 1: ut quicumque ingenuus, tam barbarus quam Romanus, vel cuiuslibet nationis persona intra regni nostri provincias). Vgl. weiter LBurg. LXXIX. 149 Im Prolog zum ersten Gesetz Aistulfs wird zwar betont, dass der populus Romanus unter der politischen Herrschaft des Langobardenkönigs steht, gleichzeitig werden aber das tradierte Recht der Langobarden und die gens Langobardorum besonders hervorgehoben, vor allem aber enthält mehr als ein Drittel der neu erlassenen Regelungen die Formel „si quis Langobardus“ (Aist. 10–12, 14, 16, 18  f.). Diese Formel findet sich auch zu Beginn anderer Novellen, so insbesondere bei den im Jahre 713 einsetzenden Novellen König Liutprands (Liut. 1–4, 6, 7) und vereinzelt auch bei Ratchis (Rat. 7). Vgl. zum Geltungsbereich der Leges Langobardorum auch Dilcher, s. v. Langobardisches Recht (wie Anm. 62), Sp. 624, 632  f. 150 EdRoth. 367: De waregang. Omnes waregang, qui de exteras fines in regni nostri finibus advenerint, seque sub scuto potestatis nostrae subdederint, legibus nostris Langobardorum vivere debeant, nisi si aliam legem ad pietatem nostram meruerint. Si filius legetimus habuerint, heredes eorum existant, sicut et filii Langobardorum; si filius legetimus non habuerint, non sit illis potestas absque iussionem regis res suas cuicumque thingare, aut per quolibet titulo alienare.



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menhang zwischen dieser Rechtsregel aus dem Jahre 643 und einer Stelle in der Historia Langobardorum (Lib. III 6) aus dem Ende des 8. Jahrhunderts. Dort wird berichtet, dass eine Gruppe von Sachsen, die sich mit Frauen und Kindern im Langobardenreich angesiedelt hatten, das Reich wieder verließ, weil sie nicht nach eigenem Recht leben durfte.151 Auch an einer anderen Stelle sind Bemühungen erkennbar, die im Langobardenreich lebende (nicht romanische) Bevölkerung dem langobardischen Recht zu unterstellen. So soll nach dem Edikt der von einem Langobarden Freigelassene nach langobardischem Recht leben (EdRoth. 226).152 Ebenso wird die von einem Langobarden zwecks Eheschließung Freigelassene zur freien Langobardin und die gemeinsamen Kinder sind nach langobardischem Recht voll erbberechtigt (EdRoth. 222). Diese rechtliche Gleichstellung der Kindergeneration von Freigelassenen und von Einwanderern bewirkte somit, dass die Kinder vollwertige Mitglieder der gens Langobardorum waren.153 Hinter der unterschiedlichen Behandlung von Romanen (Garantie des eigenen Rechts) einerseits und der im regnum dauerhaft lebenden Angehörigen anderer Stämme (rechtliche Einbindung) andererseits könnte die politische Strategie stehen, die eigenen Reihen zu stärken und Einwanderer so einzubinden, dass die nichtromanische Bevölkerung eine geschlossene Gruppe bildete (vielleicht auch, um sich

151 Pauli Historia Langobardorum (wie Anm. 115), S. 114 (Lib. III 6): Igitur regressi Saxones in Italiam, adsumptis secum uxoribus atque parvulis suis vel omni supellectili, rursum ad Gallias deliberant redire, scilicet ut a Sigisperto rege suscepti, eius possint adiutorio ad patriam remeare. Certum est autem, hos Saxones ideo ad Italiam cum uxoribus et parvulis advenisse, ut in ea habitare deberent; sed quantum datur intellegi, noluerunt Langobardorum imperiis subiacere. Sed neque eis a Langobardis permissum est in proprio iure subsistere, ideoque aestimantur ad suam patriam repedasse. Walter Pohl, Die langobardische Reichsbildung zwischen Imperium Romanum und Frankenreich, in: Völker, Reiche und Namen im frühen Mittelalter (wie Anm.  28), S.  223–243 (238  f.) interpretiert die Stelle so, dass den Sachsen ein eigener Herrschaftsbereich innerhalb Italiens verweigert wurde. Demgegenüber wird die Textstelle im Sinne von EdRoth. 367 interpretiert von: Gerhard Dilcher, Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der mittelalterlichen Rechtskultur, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 603– 637 (622  ff., 626  ff.); Nicholas Everett, How territorial was Lombard law?, in: Die Langobarden (wie Anm. 28), S. 345–360 (347); Daniela Fruscione, Zur Frage eines germanischen Rechtswortschatzes, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 122 (2005), S. 1–41 (1  f.). 152 EdRoth. 226: Omnes liberti qui a dominis suis Langobardis libertatem meruerint, legibus dominorum et benefacturibus suis vivere debeant, secundum qualiter a dominis suis propriis eis concessum fuerit. 153 Dazu auch Esders, Eliten und Raum (wie Anm. 139), S. 11, 19  f. Vgl. weiter Walter Pohl, Spuren, Texte, Identitäten, Methodische Überlegungen zur interdisziplinären Erforschung frühmittelalter­ licher Identitätsbildung, in: Zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen, hg. von Sebastian Brather (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 57), Berlin 2008, S. 13–26 (26), der davon ausgeht, dass Menschen, „die in gesteigertem Sinn Franken […] oder Langobarden waren, ‚mehr‘ dazugehörten als andere, die sich ebenfalls als zugehörig empfanden“.

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gegenüber der romanischen Mehrheitsbevölkerung besser behaupten zu können). Denn die Gefahren, die mit der Duldung von weiteren Unterverbänden mit eigenen Rechten und eigener Gerichtsbarkeit (d.  h. eigener Herrschaft) einhergehen, liegen auf der Hand.154 Es überrascht daher nicht, dass die Langobarden den Sachsen dieses Recht nicht zugestehen wollten und stattdessen darum bemüht waren, ihr Reich durch die Erzeugung eines Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen Langobarden und Immigranten zu stabilisieren.155 Dies erklärt aber noch nicht, warum das römische Recht als Recht der romanischen Mehrheitsbevölkerung akzeptiert wurde und die Romanen nur politisch, aber nicht rechtlich voll integriert waren. Zugespitzt lautet die Frage, warum gerade das römische Recht als einzige andere Rechtsmasse toleriert wurde, wenn man von dem in erster Linie auf kirchliche Belange beschränkten kanonischen Recht absieht – denn die Formel Ecclesia vivit lege Romana156 (LRib. LXI 1)157 steht auch für die Zusiche-

154 Daher gibt es auch Berührungspunkte zwischen den Ansichten von Pohl und Dilcher (siehe Anm. 151), denn das Privileg, nach eigenem Recht zu leben, beinhaltet in der Regel auch das Privileg einer eigenen Gerichtsbarkeit (d.  h. Herrschaft). 155 Ähnlich auch Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, 2. Aufl., Köln 1977, S. 43. 156 Innerhalb der Kirche galt das römische Recht als subsidiäre Rechtsquelle, d.  h. immer dann, wenn keine eigenen spezielleren Regeln aufgestellt waren. Andreas Thier, s. v. Ecclesia vivit lege Romana, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, 2. Aufl., Berlin 2008, Sp. 1176–1177 (1177) schränkt die Bedeutung des römischen Rechts noch stärker ein: „Zwar ist die kirchl. Normbildung von Anfang an durch die röm. Rechtskultur beeinflusst worden […]. Doch stand das röm. Recht dabei stets im Horizont theol. Konzeptionen u. diente eher als Material.“ Vgl. weiter Hans Erich Feine, Vom Fortleben des römischen Rechts in der Kirche, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 42 (1956), S. 1–24 (8  ff., 14  ff.). Urkunden aus dem 8. bis 10. Jahrhundert belegen aber auch, dass sich etliche Klöster, Kirchen und Kleriker ausdrücklich dem fränkischen oder langobardischen Recht unterstellten. Dabei handelte es sich überwiegend um Eigenkirchen bzw. -klöster oder um Kirchen und Klöster, die unter besonderem Schutz des Königs standen. Dazu Carl Gerold Fürst, Ecclesia vivit lege Romana?, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 61 (1975), S. 17–36 (27  ff., insb. 28); Adalbert Erler, s. v. Ecclesia vivit lege Romana, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1, Berlin 1971, Sp. 798–799 (799). 157 LRib. LXI 1 (bzw. LVIII 1) steht im Zusammenhang mit der Freilassung eines Hörigen zum eigenen Seelenheil unter Beteiligung der Kirche, wobei die Freilassung in diesem Fall secundum legem Romanam erfolgt (Hoc etiam iubemus, ut qualiscumque francus Ribvarius seu tabularius servum suum pro animae suae remedium seu pro pretium secundum legem Romanam liberare voluerit, ut eum in ecclesia coram presbyteris et diaconibus seu cuncto clero et plebe in manu episcopi servo cum tabulas tradat, et episcopus archidiacono iubeat, ut ei tabulas secundum legem Romanam, quam ecclesia vivit, conscribere faciat). Nach LRib. LXIV 1–2 (bzw. LXI 1–2) leben die nach römischem Recht Freigelassenen auch nach römischem Recht (De libertis secundum legem Romanam. 1. Si quis servum suum libertum fecerit et civem Romanum portasque apertas conscribserit, si sine liberis discesserit, non alium quam fiscum habeat heredem. 2. Quod si aliquid criminis admiserit, secundum legem Romanam iudicetur.). Die Regelung LRib. LXI 1 fand später Eingang in das 906 entstandene Sendhandbuch des Regino von Prüm (Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis, Lib. 1, c. 417); Das Sendhandbuch



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rung an die Kirche und ihre Angehörigen, nach kanonischem Recht leben zu dürfen (sodass auch für diese Gruppe das Personalitätsprinzip galt).158 Doch kommen wir zur Akzeptanz des römischen Rechts zurück: Hier liegt es nahe, dass die Leges nicht nur bei der Verwendung der Dichotomie Romani und barbari die Sichtweise des römischen Imperiums und seiner Schriftquellen übernahmen,159 sondern dass die neuen Herrscher auch das von Seiten des Imperiums den ehemaligen Föderaten zugestandene Recht, nach eigenem Recht zu leben,160 nunmehr umgekehrt auch der romanischen Bevölkerung zubilligten. Diese Übernahme der ehemals römischen Perspektive bedeutete zwar im Ergebnis eine (dauerhafte) Abgrenzung von den Romanen und dem römischen Recht, aber auch damit könnte eine Strategie verbunden gewesen sein. Denn die Anerkennung des römischen Rechts dürfte das politische Zugehörigkeitsgefühl der Romanen zum regnum gestärkt haben161 (ähnlich wie dies heute für die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen wird) und zudem bedeutete diese Garantie keineswegs eine strikte Trennung der Bevölkerungsgruppen in der Rechtspraxis,162 denn bei Rechtsgeschäften mit Romanen dürfte es in der Praxis (wie gleich noch zu zeigen sein wird) in vielen Fällen zu einer freien Rechtswahl gekommen sein.

des Regino von Prüm, hg. von Wilfried Hartmann (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe 42), Darmstadt 2004, S. 212  f. 158 So garantiert beispielsweise LBai. I 12 (am Ende) die Anwendung kanonischen Rechts für kirchliche Angelegenheiten: De ceteris causis praesbiteri diaconi vel clerici ab episcopis secundum illorum canones iudicentur. Zur rechtlichen Abgrenzung des Klerikerstandes auch Esders, Römische Rechts­ tradition (wie Anm. 12), S. 299–316. Vereinzelt (etwa bei Verstößen eines Laien gegen religiöse Gebote) wird auch im weltlichen Recht darauf verwiesen, dass eine Kirchenbuße zu leisten sei; so etwa Liut. 84 (et insuper agat penitentiam secundum canonum instituta). Insofern ist die Aussage von Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 330, dass die in LAlam. XL vorgesehene Sanktion einer Vermögensstrafe und Buße nach kanonischem Recht (penitentiam autem secundum canones agat) als Strafe für den Verwandtenmord, „innerhalb der Leges nicht nur ungewöhnlich, sondern vollkommen singulär“ sei, nicht richtig. 159 Zu dieser Frage auch Fehr, Germanen und Romanen (wie Anm. 28), S. 31  f. 160 Dazu Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 11), S. 219: „Die westliche Romania wird zur Gothia, Burgundia, Francia, Alemannia, Langobardia usw. Verfassungsrechtlich bilden diese zugewanderten Völker zunächst meist als Föderaten einen Teil des römischen Heeres, des exercitus Romanus. Deren regna gelten als reguläre Institutionen des Reiches mit der Konsequenz, dass ihre Könige gleichzeitig als römische Statthalter fungieren. Der besondere Status der Föderaten besteht darin, dass ihnen gestattet ist, nach eigenem Recht zu leben: suis legibus uti. Das dürfte ursprünglich auch der Anlass gewesen sein, ein solches Recht aufzuzeichnen, um so ein gewisses Äquivalent zum römischen Schriftrecht herzustellen.“ 161 In diesem Sinne wohl auch Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 295, 462 bezogen auf Burgund. 162 So auch Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 290  ff. (u.  a. mit Beispielen für eine Annäherung des römischen und burgundischen Rechts).

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Die jüngst von Verena Epp vertretenen These zur Integrationswirkung der Leges, die sie auf die Formel bringt, dass „nicht die ethnische, sondern die politische Zugehörigkeit zum regnum […] entscheidend“ gewesen sei,163 überzeugt daher hinsichtlich der romanischen Mehrheitsbevölkerung nicht, denn für die Romani galten die Leges nur insoweit, als sie diesen die Anwendung des eigenen, d.  h. des römischen Rechts garantierten oder in Ausnahmefällen einzelne Regelungen für beide Bevölkerungsgruppen für anwendbar erklärten. Daraus folgt aber nicht, dass bereits im Frühmittelalter „eine Vermischung von Personalitätsprinzip und Territorialitätsprinzip stattgefunden“ hat.164 Die für diese These herangezogenen Beispiele beziehen sich nämlich regelmäßig auf das Privatrecht,165 sodass hier die Dispositivität des Privatrechts als Argument für die Geltung des Territorialitätsprinzips herangezogen wird. Worum geht es: Das Privatrecht ist – soweit es nicht als zwingendes Recht (ius cogens) ausdrücklich gekennzeichnet ist  – grundsätzlich ein ius dispositivum, d.  h. ein vertraglich abdingbares Recht. Dies bedeutet, dass die Vertragsparteien von der Rechtsordnung durch Vereinbarung abweichen können, sofern nicht ausnahmsweise zwingendes Recht zu beachten ist. Dieser Grundsatz findet sich explizit in den Rechten der Langobarden und Burgunder. So heißt es in einer Novelle König Liutprands aus dem Jahr 727 (Liut. 91), dass ein Schreiber Urkunden gemäß den Gesetzen abfassen solle und zwar entweder nach dem langobardischen oder nach dem römischen Recht. Den Parteien des Rechtsgeschäfts wird dabei ausdrücklich zugestanden, im Konsens von den gesetzlichen Regelungen (ausgenommen denjenigen des Erbrechts) abzuweichen.166 Da zur Vertragsfreiheit auch die freie Rechtswahl gehört,

163 Epp, Gesetzgebung und Integration (wie Anm. 22), S. 77, 87. 164 Pohl-Resl, „Quod me legibus contanget auere“ (wie Anm.  78), S.  201, 220; wohl auch Goetz, GENTES (wie Anm. 14), S. 85, 110  f. Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S.  141, 164 geht von einer Relativierung der „moderne[n] Unterscheidung in eine territoriale und eine personale Geltung“ des langobardischen Rechts aus. Jarnut, Wer waren die Langobarden (wie Anm. 131), S. 93, 95  f. geht für das regnum Langobardorum sogar von der Geltung des Territorialitätsprinzips aus. 165 Bei den Beispielen, die Pohl-Resl, „Quod me legibus contanget auere“ (wie Anm.  78), S.  201, 218  ff. für ihre These nennt, handelt es sich teilweise um Rechtsgeschäfte von Langobardinnen, die einen Romanen geheiratet hatten, sodass für diese ohnehin römisches Recht galt. Zwei weitere Beispiele betreffen geistliche Frauen (davon behandelt ein Beispiel die Äbtissin Anselperga, eine Tochter von König Desiderius, die ohne Zustimmung ihrer Verwandten Schenkungen zugunsten der Kirche vornahm). Ob für geistliche Frauen aufgrund der Regel „ecclesia vivit lege Romana“ die Möglichkeit bestand, zwischen langobardischem und römischem Recht zu wählen, muss hier offenbleiben. In jedem Fall sprechen auch diese Beispiele (Rechtsgeschäfte geistlicher Frauen) gerade nicht für eine Vermischung von Personalitäts- und Territorialitätsprinzip, sondern allenfalls für eine freie Rechtswahl in besonderen Fällen. 166 Liut. 91: De scrivis hoc prospeximus, ut qui cartolas scribent sive ad legem Langobardorum, quoniam apertissima et pene omnibus nota est, sive ad Romanorum, non aliter faciat, nisi quomodo in ipsis legibus contenetur; nam contra legem Langobardorum aut Romanorum non scribant. Quod si non sciunt, interrogent alteros, et si non potuerent ipsas legis pleniter scire, non scribant ipsas cartolas. Et qui



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können sich die Parteien frei für das eine oder das andere Recht entscheiden.167 Die Tatsache, dass Langobarden und Romanen bei Rechtsgeschäften nicht an ihr jeweils eigenes Recht gebunden waren, ist jedoch völlig unabhängig von der Frage, ob im Langobardenreich das Personalitäts- oder das Territorialitätsprinzip galt. Eine Vermischung der beiden Prinzipien findet durch die freie Rechtswahl gerade nicht statt, denn den Romanen wird dadurch nicht das Recht genommen, nach ihrem eigenen Recht zu leben, sondern lediglich die Freiheit eingeräumt, sich bei Rechtsgeschäften mit Langobarden für die Anwendung des langobardischen Rechts zu ent­scheiden.168 Ähnliches gilt für eine Regelung der Lex Burgundionum (LBurg. LX 2), die vorsieht, dass Schenkungen und Verfügungen von Todes wegen entweder nach römischer oder „barbarischer“ Sitte vorzunehmen sind (aut Romanam consuetudinem aut barbaricam). Nach römischer Sitte war die Wirksamkeit einer Schenkung davon abhängig, dass fünf Zeugen die Urkunde handschriftlich bestätigten;169 bei einer letztwilligen Verfügung waren sogar bis zu sieben Zeugen erforderlich (LBurg. XLIII 1 in Anlehnung an LRomBurg. XLV 2). Die Sitte der „Barbaren“ (secundum consuetudinem barbarorum) sah hingegen vor, dass die Zeugen anlässlich der Vornahme des Rechtsgeschäfts am Ohr gezogen wurden (LBurg. LX 3). Der sonst unübliche Hinweis auf eine „Sitte der Barbaren“ deutet darauf hin, dass es sich nicht nur um einen Rechtsritus der Burgunder handelte. Tatsächlich findet sich der Ritus des Ohrenziehens auch in der Lex Ribuaria (LRib. LXIII 1 bzw. LX 1) und der Lex Baiuvariorum (LBai. XVI 2; XVII

aliter facere presumpserit, conponat wirgild suum, excepto si aliquid inter conlibertus convenerit. Et si quiscumque de lege sua subdiscendere voluerit et pactionis aut convenentias inter se fecerent, et ambe partis consenserent, isto non inpotetur contra legem, quia ambe partis volontariae faciunt: et illi qui tales cartolas scribent, culpavelis non inveniantur esse. Nam quod ad hereditandum pertinet, per legem scribant. Et quia de cartola falsa in anteriore edictum adfixum est, sic permaneat. Zur Interpretation von Liut. 91 vgl. auch Pohl-Resl, Ethnische Bezeichnungen (wie Anm.  138), S.  163, 166  ff.; Everett, How territorial was Lombard law? (wie Anm.  151), S.  345, 351  f.; Fruscione, Im Spannungsfeld (wie Anm. 77), S. 17, 28  ff. 167 Dass Aist. 4 im Jahre 750 Geschäfte zwischen einem Langobarden und einem Romanus unter den Vorbehalt königlicher Bewilligung stellt, lässt sich mit dem Krieg um Ravenna, das bis 751 von Byzanz besetzt war, erklären: Gemeint sind hier Geschäfte mit dem Feind, d.  h. mit Byzantinern in Ravenna. So auch Everett, How territorial was Lombard law? (wie Anm. 151), S. 345, 349; Pohl-Resl, Legal practice (wie Anm. 78), S. 205, 206  f. 168 Zum Nebeneinander von römischem und langobardischem Recht im frühen 11. Jahrhundert auch Pohl, Werkstätte der Erinnerung (wie Anm. 12), S. 149. Noch um 1150 wird in einem Brief des Mailänder Konsuls Ubertus ab Orto an seinen Sohn Anselm zwischen römischem Recht und den langobardischen Gesetzen differenziert; dort heißt es u.  a.: Causarum […] aliae dirimuntur quidem jure Romano, aliae vero legibus Langobardorum, aliae autem secundum regionis consuetudinem. […] Legum autem Romanarum non est vilis auctoritas, sed non adeo vim suam extendunt, ut usum vincant aut mores. Der Text ist bei Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte (wie Anm. 8), S. 294 abgedruckt. 169 LBai. I 1 sieht hingegen für eine Schenkung an die Kirche vor, dass mindestens sechs Zeugen die Urkunde handschriftlich bestätigen.

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3, 6)170 im Zusammenhang mit dem Abschluss von Kaufverträgen. In der Lex Baiuvariorum wird dieses Beweismittel dadurch als „Stammesrecht“ gekennzeichnet, dass der geistliche Verfasser der Lex diesen Ritus als lex vestra bezeichnet (LBai. XVI 2: Ille testes per aurem debet esse tractus, quia sic habet lex vestra; duos vel tres vel amplius debent esse testes).171 Das Ohrenziehen als Merkmal eines qualifizierten Zeugenbeweises muss zwar kein „gemeingermanischer“ Rechtsritus sein,172 die Formulierung in der Lex Burgundionum, dass es sich um eine „barbarische Sitte“ und nicht um einen burgundischen Brauch handle, spricht jedoch dafür, dass man sich darüber bewusst war, dass dieser Rechtsritus auch bei anderen Gentes zur Anwendung kam.173 Insgesamt ist festzuhalten, dass die Leges den Romanen, den Angehörigen anderer Gentes (sofern es sich nicht um Einwanderer handelte)174 sowie den Angehörigen der Kirche garantierten, nach eigenem Recht zu leben. Damit ist aber auch an der Geltung des Personalitätsprinzips als charakteristisches Merkmal der Leges festzuhalten.175 Die Erstreckung einzelner Regelungen der Leges auf die Romanen und die

170 Andeutungsweise auch in LAlam. XCI (post testes tractos). Dazu auch Reinhard Selinger, Das Ohrläppchenziehen als Rechtsgeste, Licet antestari? im römischen Recht und testes per aures tracti in den germanischen Rechten, in: Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde 18 (2000), S.  201–226 (206  ff.); insbesondere zur Frage, ob das Rechtsritual des Ohrenziehens aus dem römischen Recht übernommen wurde (S. 208  ff.). 171 Für den bayerischen Raum ist das Ohrenziehen in der Rechtspraxis durch zahlreiche Urkunden aus dem 8. bis 12. Jahrhundert bezeugt. Dazu Schumann, Entstehung und Fortwirkung (wie Anm. 68), S. 291, 293 (Fn. 8) mit weiteren Nachweisen; Jacob Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, Bd. 1, 4. Aufl., Leipzig 1899 (Nachdruck Hildesheim 1992), S. 198–201. 172 So aber Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141, 149  f. 173 Ein weiteres Beispiel für einen in mehreren Leges bezeugten Rechtsritus ist der sog. Knochenklang (als Grundlage der Bemessung der Höhe der Buße, wenn das Werfen des herausgeschlagenen Knochens auf einen zwölf Fuß entfernten Schild einen Klang verursacht), der sich in EdRoth. 47, LRib. LXXI 1 (bzw. LXVIII 1), LAlam. LVII 4 und LFris. XXII 71 findet. Dazu Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 149; Schott, Wie alemannisch sind Pactus und Lex Alamannorum? (wie Anm. 122), S. 167, 173  f. 174 Für andere barbari galt das Personalitätsprinzip somit nur dann, wenn diese sich nur vorübergehend außerhalb des Geltungsgebiets des eigenen Rechts aufhielten, während Immigranten rechtlich eingebunden wurden und auf diese Weise als Rechtsgenossen anerkannt waren. Nicht beantwortet ist damit aber die Frage, ab welcher Generation sich Abkömmlinge von Einwanderern im Frühmittelalter als Franken, Burgunder, Langobarden usw. fühlten. Vgl. in diesem Zusammenhang auch Everett, How territorial was Lombard law? (wie Anm. 151), S. 345, 347  ff. sowie Jarnut, Wer waren die Langobarden (wie Anm. 131), S. 93  ff. 175 So auch Schott, Lex Alamannorum (wie Anm.  92), S.  5 („Zweck der germanischen Gesetzgebung war es daher auch, die germanische Gens als Rechts- und Gesetzesvolk auszuweisen und dem römischen Volksteil an die Seite zu stellen.“); Dilcher, Die Stellung des langobardischen Rechts (wie Anm. 48), S. 225, 257  ff.; Karol Modzelewski, Das barbarische Europa. Zur sozialen Ordnung von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter, aus dem Polnischen von Heidemarie Petersen (Deutsches Historisches Institut Warschau, Klio in Polen 13), Osnabrück 2011, S.  85–102; Lück, s. v. Lex Salica (wie Anm. 42), Sp. 924, 932. Auch der Umstand, dass sich der Raum der politischen Herrschaft einer



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Anwendung römischen Rechts in der Rechtspraxis bei einzelnen Rechtsgeschäften mit Romanen stehen dieser Annahme ebensowenig entgegen wie der Umstand, dass die Leges in Teilbereichen bereits romanisiert waren.176

3.3 Die Leges als Ausdruck ethnischer Identität? Abschließend soll noch kurz auf die Frage eingegangen werden, welche Funktionen und Strategien mit den in den Leges enthaltenen Identitätskonzepten verbunden waren.177 Dabei kann auf die kontrovers geführte Debatte zur ethnischen Identität im Frühmittelalter178 nicht eingegangen werden, vielmehr soll lediglich auf einige auffällige, den Identifikationsprozess stützende Merkmale der Leges hingewiesen werden.179 In mittelalterlichen Quellen werden als Merkmale der Ethnizität bzw. der Abgrenzung der Gentes untereinander meist folgende Kriterien genannt: Abstammung (genus), Sitten (mores), Sprache (lingua) und Recht (lex).180 Die südlich der Alpen sie-

gens mit dem Geltungsbereich der lex deckt, d.  h. sich die Leges auf ein regnum, eine provincia oder allgemein auf die patria beziehen, steht der Geltung des Personalitätsprinzips nicht entgegen, wie Verena Epp, Zur Kategorie des Raumes in frühmittelalterlichen Rechtstexten, in: Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter, hg. von Jan A. Aertsen und Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 25), Berlin 1998, S. 575–590 meint. Denn die Leges galten gerade nicht für die romanische Bevölkerung und für Angehörige der Kirche, während das Recht der Angehörigen einer gens auch in anderen Herrschaftsräumen zur Anwendung kam. 176 Vgl. etwa Everett, How territorial was Lombard law? (wie Anm.  151), S.  345, 356  ff. Vgl. weiter Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141, 150  f., 155  ff. 177 Die ältere Forschung ist dieser Frage nicht nachgegangen, sondern sah die Funktion der Leges (neben der Verschriftlichung von Recht) vor allem in der Festigung der Herrschaft in den neuen regna; vgl. nur Wenskus, Stammesbildung und Verfassung (wie Anm. 155), S. 38  ff. Dazu auch Epp, Gesetzgebung und Integration (wie Anm. 22), S. 77, 79  ff. 178 Zum Forschungsstand Koch, Ethnische Identität (wie Anm. 36), S. 2  ff., 9  ff., insb. S. 21  ff.; Steinacher, Zur Identitätsbildung (wie Anm. 103), S. 73, 98  ff.; Brather, Ethnische Interpretationen (wie Anm. 140), S. 97  ff. 179 In diesem Sinne auch Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141, 147: „Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die ‚Volksrechte‘ natürlich auch von sich aus eine bewusste Identitätsstiftung betrieben, indem sie soziale Merkmale verstärkten und […] danach trachteten, klar unterscheidbare Distinktionen einzuführen.“ Vgl. aber auch Pohl, Probleme einer Sinngeschichte (wie Anm.  116), S. 51–67 (57  ff.). 180 So insbesondere Regino von Prüm, Epistula Regionis ad Hathonem archiepiscopum missa, in: Reginonis abbatis Prumiensis Chronicon cum continuatione Treverensi, hg. von Friedrich Kurze, Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 50, Hannover 1890, S. XX (diversae nationes populorum inter se discrepant genere moribus lingua legibus). Zu den Merkmalen einer gens und den zeitgenössischen Termini Goetz, GENTES (wie Anm.  14), S.  85, 87  f., 92  ff., 96  ff. mit weiteren Nachweisen. Vgl. weiter Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141  ff.; Koch, Ethnische Identität (wie Anm. 36), S. 5; Walter Pohl, Geschichte und Identität im Langobardenreich, in: Die Langobarden (wie Anm. 28), S. 555–566 (561).

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delnden Gentes näherten sich zwar kulturell der romanischen Bevölkerung an und gaben allmählich ihre Sprachen auf;181 trotz dieses Romanisierungsprozesses hielten sie aber an zwei Merkmalen hartnäckig fest, die auf den ersten Blick für das Identitätsbewusstsein weniger bedeutsam erscheinen, nämlich an ihren Ethnonymen182 und ihren Rechten: Die einen prägten ganze Landschaften (Norditalien wird zur Lombardei und aus Gallien gehen Burgund und Frankreich hervor),183 die anderen sind durchwoben mit Symbolen ethnischer Identität (Bezüge zur gens in den Titeln und Prologen, Verweise auf gentile Rechtsrituale und tradiertes Gewohnheitsrecht, Einsatz volkssprachiger Wörter usw.).184 Name und Recht sind somit die entscheidenden Abgrenzungsmerkmale zwischen den einzelnen Gentes,185 aber auch im Verhältnis zur romanischen Bevölkerung. Wie bereits erwähnt fungierten die Ethnonyme gleichsam als „Label“ für die Leges.186 Darüber hinaus wurden aber auch sämtliche anderen Merkmale ethnischer Identität (Abstammung, Sitten und Sprache) in die Rechtstexte eingearbeitet bzw. mit diesen verbunden:

181 Dazu Epp, Gesetzgebung und Integration (wie Anm. 22), S. 77  ff.; Esders, Römische Rechtstradition (wie Anm. 12), S. 294 (für Burgund). Vgl. weiter Pohl, Vom Nutzen des Germanenbegriffes (wie Anm. 24), S. 18, 28; ders., Spuren, Texte, Identitäten (wie Anm. 153), S. 13, 18  ff., 22; ders., Geschichte und Identität (wie Anm. 180), S. 555, 562  f.; Koch, Ethnische Identität (wie Anm. 36), S. 18. 182 Bei den Namen handelt es sich häufig um übernommene Fremdbezeichnungen; dazu Pohl, Die Germanen (wie Anm. 44), S. 102  ff.; ders., Die Namen der Barbaren, Fremdbezeichnungen und Identität in Spätantike und Frühmittelalter, in: Zentrum und Peripherie. Gesellschaftliche Phänomene in der Frühgeschichte, hg. von Herwig Friesinger und Alois Stuppner, Wien 2004, S. 95–104 (96  ff.); Steinacher, Zur Identitätsbildung (wie Anm. 103), S. 73, 78  f.; Ludwig Rübekeil, s. v. Völker- und Stammesnamen, §  1 Sprachlich-philologisch, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 32, Berlin, New York 2006, S. 487–500 (490  ff., 494  ff.). Zur Bezeichnung „Franken“ vgl. weiter Fehr, Germanen und Romanen (wie Anm. 28), S. 30  f. 183 Vgl. zur einheitlichen Verwendung von Gentil- und Gebietsnamen in der Geschichtsschreibung des 9. Jahrhunderts Goetz, GENTES (wie Anm. 14), S. 85, 105  f., 113  ff. mit weiteren Nachweisen. 184 So auch Modzelewski, Das barbarische Europa (wie Anm. 175), S. 109. 185 Vgl. weiter Goetz, GENTES (wie Anm. 14), S. 85, 108  ff. mit weiteren Nachweisen (zur politischen Rolle der Gentes im Frankenreich). 186 Zur Bedeutung der Verbindung zwischen Volksname und lex bei den Langobarden Pohl, Geschichte und Identität (wie Anm. 180), S. 555, 564  f. Auch die Verbindung zwischen gens und lex wirkte über Jahrhunderte fort: So sind im Widmungsgedicht des Lupus von Ferrières zum Liber legum (um 830) die Leges den einzelnen Gentes (den Franken, Ribuariern, Langobarden, Alemannen und Bayern) zugeordnet. Das Gedicht ist abgedruckt bei Schott, Zur Geltung der Lex Alammanorum (wie Anm. 77), S. 75, 102. Graf Ulrich von Ebersberg berichtet zu Beginn des 11. Jahrhunderts, dass er und seine Zeitgenossen die Gesetze der Frankenkönige noch gekannt hätten, während es der Adel inzwischen unterlasse, seine Söhne diese Gesetze zu lehren: Postquam vero Germanum regnum a Romanis recesserat, Sigipertus et Theodericus ac deinde Carolus iura dictabant, quae si quis potens ac nobilis legere nesciret, ignominiosus videbatur, sicut in me coevisque meis, qui iura didicimus, apparet. Moderni vero filios suos neglegunt iura docere. Chronicon Eberspergense, hg. von Wilhelm Arndt, in: Supplementa tomorum I, V, VI, XII. Chronica aevi Suevici, hg. von Georg Heinrich Pertz, Monumenta Germaniae Historica, Scriptores (in Folio) 20, Hannover 1868, S. 9–16 (14, Zeile 25–28).



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Als Erstes sind hier die Herkunftssagen und Herrschergenealogien zu nennen: Auffällig ist zunächst, dass das Bedürfnis nach der „Konstruktion“ einer Herkunftssage bzw. eines Schöpfungsmythos nur bei den Gentes bestand, die mit einer romanischen Mehrheitsbevölkerung zusammenlebten.187 Dies gilt für die Goten, die Franken und die Langobarden,188 wobei nur bei der Origo Gentis Langobardorum die Besonderheit besteht, dass sie ausschließlich mit dem langobardischen Recht überliefert ist.189 Die Burgunder haben zwar keine Herkunftssage hinterlassen, jedoch ist der Lex Burgundionum – ebenso wie der Lex Salica und dem langobardischen Edikt von 643 – eine Königsliste beigefügt,190 welche die Herrschergenealogie dokumentiert.191 Die Herrscher und ihre Familie dienen hier als Identifikationsfiguren der gens. Die zweite Besonderheit liegt in der Verwendung volkssprachiger Begriffe, die in nahezu allen Leges in den lateinischen Text eingeschoben werden. Dabei fällt auf, dass etliche volkssprachige Begriffe in mehreren Leges vorkommen (etwa Munt, Morgengabe, Wergeld, Mord).192 Für alle Begriffe gibt es auch lateinische Übersetzungen oder jedenfalls Umschreibungen, aber dennoch wird an diesen Einschüben festge-

187 Auch wenn die Herkunftssagen „fiktive literarische Texte“ sind, die „in erster Linie Informa­ tionen über die Entstehungszeit der Texte und nicht über die in ihnen geschilderte Vergangenheit“ beinhalten, so ist doch anzuerkennen, dass in ihnen „ethnisch identifizierbare Gruppen […] eine zentrale Rolle spielen und dass sie eine legitimierende und Identität stiftende Funktion hatten“; so Koch, Ethnische Identität (wie Anm. 36), S. 14  f.; ähnlich Plassmann, Origo gentis (wie Anm. 115), S. 18  ff., 22  ff. Vgl. weiter Steinacher, Zur Identitätsbildung (wie Anm. 103), S. 73, 88  ff. 188 Zur unterschiedlichen Geschichtsschreibung der Langobarden und Franken vgl. Hans-Werner Goetz, Antike Tradition, römische Kontinuität und Wandel in den frühmittelalterlichen Reichen in der Wahrnehmung frühmittelalterlicher Geschichtsschreibung: Gregor von Tours und Paulus Diaconus im Vergleich, in: Völker, Reiche und Namen im frühen Mittelalter (wie Anm. 28), S. 255–277 (259  ff., 266  ff.) mit weiteren Nachweisen. 189 Zum Edikt Rotharis als „Ausdruck langobardischer Volksidentität“ Dilcher, Die Stellung des langobardischen Rechts (wie Anm. 48), S. 225, 250  ff., 256  f. Nach Dilcher (S. 256) ist „die umfassende Verbindung von Legitimation der Gesetzgebung mit der Geschichte der gens“ eine Besonderheit des langobardischen Rechts, die sich so ausgeprägt in den anderen Rechten nicht findet. 190 Zur Bedeutung der Königsliste in der Lex Salica siehe Anm. 112. 191 Dazu insgesamt Herwig Wolfram, s. v. Origo gentis, §  1 Allgemeines, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 22, Berlin, New York 2003, S. 174–178; ders., s. v. Origo gentis, § 2 Goten, ebd., S. 178–183; Pohl, s. v. Origo gentis, § 3 Langobarden, ebd., S. 183  ff.; Hans Hubert Anton, s. v. Origo gentis, § 4 Franken, ebd., S. 189–195 (S. 189  ff.); Ian Nicholas Wood, s. v. Origo gentis, § 5 Burgunden, ebd., S. 195–199. Die Herkunftssagen beginnen zum Teil mit einem Ursprung der Gentes in der „Völkerwerkstatt“ Skandinaviens (Goten, Langobarden) und die Origo gentis der Langobarden nimmt Bezug auf Wotan und Freya und damit auf eine heidnisch-germanische Tradition. Zu Ersterem auch Roland Steinacher, Transformation und Integration oder Untergang und Eroberung? Gedanken zu politischen, staatlichen und ethnischen Identitäten im postimperialen Europa, in: Das Ereignis. Geschichtsschreibung zwischen Vorfall und Befund, hg. von Martin Fritzenreiter, London 2009, S. 265– 281 (268). 192 Zu diesen und weiteren Begriffen Fruscione, Zur Frage eines germanischen Rechtswortschatzes (wie Anm. 151), S. 1, 11  ff.

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halten, sodass die Annahme, dass diese Schlüsselbegriffe der Rechtssprache auch Ausdruck eigener Identität waren, nicht fern liegt.193 Immerhin blieben die langobardischen Rechtsbegriffe in den Handschriften der Leges Langobardorum auch noch erhalten, als die langobardische Bevölkerung sprachlich längst romanisiert war.194 Statt die Begriffe im Text einfach zu übersetzen, wurden sie im Anschluss an den Text aufwändig glossiert.195 In besonderem Maße hervorgehoben wird die Verbindung zwischen Rechtssprache und gens auch in den Rechten der Alemannen und Bayern, wenn die volkssprachigen Begriffe in die Formel quod Alamanni bzw. Baiuvarii  … dicunt eingebettet werden.196 Mit diesen volkssprachigen Begriffen werden zum einen ganze Tatbestände umschrieben: Beispiele sind das bayerische marachfalli (LBai. IV 18) oder das langobardische marahworfin (EdRoth. 30) für das Herunterstoßen eines anderen vom Pferde oder bayerisch inunwan für das mit Lebensgefahr verbundene Stoßen eines anderen in einen Fluss (LBai. IV 17). Zum anderen stehen die volkssprachigen Begriffe für Rechtsrituale wie z.  B. den alemannischen nasthait (LAlam. LIV 3, Nesteleid).197 Dass Rechtsriten als Elemente der eigenen Kultur besonders hervorgehoben werden, bezeugt nachdrücklich auch das langobardische Recht, wenn König Rothari sein Edikt per gairethinx secundum ritus gentis nostrae bestätigen lässt (EdRoth. 386)198 – die ritualisierte Bekräftigung der Lex erzeugt hier eine kollektive gentile Identität der Rechtsgemeinschaft.

193 Ähnlich auch Fruscione, Zur Frage eines germanischen Rechtswortschatzes (wie Anm. 151), S. 1, 37  ff. Vgl. aber auch zur Deutung der volkssprachigen Begriffe Wolfgang Haubrichs, Sprache und Schriftlichkeit im langobardischen Italien. Das Zeugnis von Namen, Wörtern und Entlehnungen, Ein Kommentar zu Nicholas Everett, Literacy in Lombard Italy, in: Filologia Germanica 2 (2010), S. 133– 201 (144–155). 194 Dazu Pohl, Werkstätte der Erinnerung (wie Anm. 12), S. 109, 115, 134  ff. Die sprachlich romanisierten Langobarden grenzten sich bereits seit dem Ende des 9. Jahrhunderts von den Teutisci ab, womit vermutlich zu dieser Zeit nordalpine Deutschsprachige, die als Vasallen im regnum Langobardorum lebten, gemeint sind. Dazu Giuseppe Albertoni, Tam Teutisci quam et Langobardi. Sprache und Identität im frühmittelalterlichen Alpenraum am Beispiel von Trient, in: Sprache und Identität im frühen Mittelalter (wie Anm. 131), S. 185–203 (191  ff., 196  f.); Obermair, Das Recht (wie Anm. 25), S. 141, 155  f. Vgl. weiter Haubrichs, Amalgamierung und Identität (wie Anm. 53), S. 67, 71, der ebenfalls davon ausgeht, dass sich im 9. Jahrhundert der Sprachwechsel vollzog. 195 Dazu Pohl, Werkstätte der Erinnerung (wie Anm. 12), S. 134  ff. 196 Zu Umfang, Bedeutung und Funktion der volkssprachigen Begriffe in der Lex Baiuvariorum ausführlich (und mit gelegentlichen Hinweisen auf das alemannische Recht) Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm. 68), S. 456  ff., 462  ff., 474  ff., 479  ff. (nach Holzner, S. 501, handelt es sich bei dieser Form der Glossierung um eine besondere oberdeutsche Gesetzestechnik). 197 Weitere Beispiele aus der Lex Ribuaria nennt Lück, s. v. Lex Ribuaria (wie Anm. 44), Sp. 902, 906. 198 Zum langobardischen Rechtsritual gairethinx Gerhard Dilcher, „per gairethinx secundum ritus gentis nostrae confirmationes“. Zu Recht und Ritual im Langobardenrecht, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 419–448 (mit sämtlichen Nachweisen zu diesem Rechtsritual); ders., Dinggenossenschaft und Recht im langobardischen Italien, in: Recht im Wandel (wie Anm. 66), S. 69–92 (76  ff.).



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Somit besteht eine wichtige Funktion der Leges darin, die gens als ethnisch abgeschlossene Rechtsgemeinschaft mit einer eigenen Rechtstradition, eigener Rechtssprache und eigenen Rechtsritualen auszuweisen und von anderen abzugrenzen. Ob und inwieweit dies bei der breiten Bevölkerung ein Bewusstsein ethnischer Zugehörigkeit zur gens bzw. politisch-sozialer Zugehörigkeit zum regnum erzeugt oder gestärkt hat, muss hier offenbleiben, jedoch dürften die Leges diese identitätsstiftende Funktion jedenfalls bei den an der Rechtsetzung und Rechtsprechung beteiligten sowie in die Verwaltung der regna einbezogenen Eliten erfüllt haben.

4 Ausblick Statt einer Zusammenfassung soll hier zum einen ein Ausblick auf neue Forschungsperspektiven für das alemannische Recht gegeben werden. Bislang hat sich die Forschung stark auf die Parallelen zwischen dem alemannischen und dem bayerischen Recht konzentriert und dabei die Veränderungen innerhalb der Alamannia vom frühen 7. Jahrhundert bis zum Ende des 8. Jahrhunderts auf der Grundlage der beiden alemannischen Rechtstexte vernachlässigt. Auch die Parallelen zu den ebenfalls im 7. und 8. Jahrhundert aufgezeichneten Leges Langobardorum fanden bislang zu wenig Beachtung. Vergleiche zwischen den beiden alemannischen Rechtstexten sowie zu den fast zeitgleich aufgezeichneten langobardischen Leges versprechen daher neue Erkenntnisgewinne. Aber auch die Forschungen zur Rolle der Kirche richten ihren Fokus bislang zu stark auf die „Kirchensachen“ der beiden süddeutschen Leges und die damit verbundene Durchsetzung kirchlicher Interessen in der Rechtspraxis. Dabei dürften auch weitere Gemeinsamkeiten zwischen den Rechten der Alemannen, Langobarden und Bayern durch die Kirche vermittelt sein,199 etwa die Stellung des iudex. In allen drei Rechten wird nicht nur dessen Bindung an die lex scripta besonders hervorgehoben, vielmehr zeichnen sie auch in auffälliger Übereinstimmung ein weitgehend einheit­ liches Bild von einem gerechten, unbestechlichen, gottesfürchtigen Richter, der ohne Ansehen der Person urteilen soll (Liut. 28; LAlam. XLI; LBai. II 16–18).200 In diesem

199 Zum kirchlichen Einfluss auf die Einleitungsformel vgl. Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm. 23), S. 135, 141  f. (sowie allgemein zum Einfluss der Kirche auf das frühmittelalterliche Rechtsbewusstsein, S. 168). Vgl. weiter zum kirchlichen Einfluss auf das westgotische Recht Mitte des 7. Jahrhunderts (Liber Iudiciorum = Lex Visigothorum Reccesvindiana) Carlos Petit, s. v. Leges Visigothorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 3, 2. Aufl., Berlin 2016, Sp. 697–704 (698  ff.). 200 Dazu Schott, Pactus, Lex und Recht (wie Anm. 23), S. 135, 157  ff., 161 (zum iudex im alemannischen Recht); Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 3), S. 313, 331  f. (zum Einfluss der Kirche auf das Bild des Richters); Kroeschell, Wahrheit und Recht (wie Anm.  21), S.  399, 407  ff. (zum christlichen Richterbild im bayerischen und langobardischen Recht); Harald Siems, Bestechliche und ungerechte Richter in frühmittelalterlichen Rechtsquellen, in: La giustizia nell’Alto

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Bereich und bei etlichen weiteren Rechtsfragen (insbesondere Tötungs- und Eigentumsdelikte, Ehe- und Prozessrecht) bestehen nach einer neuen rechtshistorischen Arbeit zu den Regelungsgegenständen bayerischer Synoden aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts enge formale, inhaltliche und sprachliche Beziehungen zwischen kirchlichem und weltlichem Recht.201 Zum anderen ist nochmals auf die Verbindung von gens und lex als ein bereits bekanntes Charakteristikum der frühmittelalterlichen Leges zurückzukommen: Auch hier harren noch viele Fragen einer systematischen Sichtung der Quellen, denn die Forschung bezieht sich bislang häufig nur auf einzelne prominente Stellen. Dabei wird übersehen, dass sich klare Unterscheidungen, etwa die von Patrick J. Geary angeregte Differenzierung zwischen gens als Abstammungsgemeinschaft und populus als politischer Gemeinschaft,202 zwar an einzelnen Stellen festmachen, sich daraus aber keineswegs allgemeingültige Aussagen zur Bedeutung dieser Begriffe folgern lassen. Solche Begriffe werden in den Leges nicht systematisch eingesetzt, vielmehr ist neben der zeitlichen und räumlichen Dimension auch der jeweilige Kontext zu beachten. So wird der Begriff populus sowohl zur Beschreibung aller Reichsangehörigen als auch für einzelne Bevölkerungsgruppen im regnum verwendet und der Begriff gens findet ebenfalls sowohl für große Einheiten (etwa gens Langobardorum) als auch für kleinere Verbände oder sogar einzelne Geschlechter (etwa gens Agilolfingorum)203 Verwendung. Ähnliches gilt auch für die auf „Räume“ bezogenen Begriffe wie regnum, patria oder provincia, die sowohl im rein geographischen als

Medioevo (secoli V–VIII) (Settimane di studio del Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo 42/1), Spoleto 1995, S. 509–567 (516  ff., 532  ff., 551  ff. zum Richterbild in den Leges und Leges Romanae und den damit verbundenen Gerechtigkeitspostulaten). Vgl. weiter Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm. 68), S. 165  ff., 176  f. 201 Holzner, Die Decreta Tassilonis (wie Anm. 68), insb. S. 451  ff. (zu inhaltlichen Bezügen), S. 457  ff. (zum Normstil wie dem Einsatz von Glossen, Begründungen und Formeln), S. 503  ff. (zur Anordnung der Regelungsgegenstände) sowie S. 519  ff. (Zusammenfassung). Da die Synoden von Dingolfing und Neuching handschriftlich zusammen mit der Lex Baiuvariorum überliefert sind, werden sie auch als Novellen zur Lex Baiuvariorum angesehen, dazu Holzner, S. 46  f., 58  ff. 202 Patrick J. Geary, The Myth of Nations, The Medieval Origins of Europe, Princeton 2002, S. 55  f., 60  ff. Dazu auch Steinacher, Zur Identitätsbildung (wie Anm.  103), S.  73, 81, 105  f.; ders., Wiener Anmerkungen zu ethnischen Bezeichnungen als Kategorien der römischen und europäischen Geschichte, in: Fluchtpunkt Geschichte. Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, hg. von Stefan Burmeister und Nils Müller-Scheeßel, Münster 2011, S. 183–206 (193, 198  f.). 203 So werden in LBai. III 1 die bayerischen Adelsgeschlechter der Hosi, Drazza, Fagana, Hahilinga und Anniona als genealogiae, das Herzogsgeschlecht der Agilolfinger als gens und die Bayern insgesamt als populus bezeichnet.



Die Leges aus rechtshistorischer Sicht 

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auch im politisch-administrativen Sinne, aber auch im politisch-geographischen Sinne204 eingesetzt werden.205 Trotz dieser Schwierigkeiten sollte die Forschung entgegen neuerer Tendenzen in der Mediävistik (Abkehr von der personenverbandsbezogenen Forschung und Hinwendung zu raumbezogenen Herrschaftskonzepten) nicht vom Personalitäts- auf das Territorialitätsprinzip umsteigen, denn dies geben die Quellen schlicht nicht her (stattdessen könnte man der Frage nachgehen, warum die Leges an einem scheinbar gegenläufigen Konzept festhielten).

Anhang: Quellen Die Leges werden (sofern nicht in den Anmerkungen anders angegeben) nach folgenden Editionen zitiert (die in eckigen Klammern angegebenen Editionen mit Übersetzungen haben teilweise eine andere Titelzählung): Edictum Rothari, 643 (EdRoth.), Liutprandi Leges, 713–735 (Liut.), Ratchis Leges, 745/6 (Rat.), Aistulfi Leges, 750–755 (Aist.), Adelchis Principis Capitula, 866: Leges Langobardorum, hg. von Friedrich Bluhme und Alfred Boretius, Monumenta Germaniae Historica, Leges (in Folio) 4, Hannover 1868 [Franz Beyerle, Die Gesetze der Langobarden, Weimar 1947]. Leges Burgundionum (LBurg.): Leges Burgundionum, hg. von Ludwig Rudolf von Salis, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 2,1, Hannover 1892 [Franz Beyerle, Gesetze der Burgunden, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 10, Weimar 1936].

204 Auch hierfür nur ein Beispiel: König Ratchis, der das langobardische Recht Mitte des 8.  Jahrhunderts um nur wenige Novellen ergänzt, versucht mit drei Regelungen die Grenzen zu sichern und den Austausch von Informationen mit dem Ausland zu verhindern. Rat. 9 untersagt den Richtern unter Androhung der Todes- und Vermögensstrafe, Botschaften ins Ausland zu schicken (nach Rom, Ravenna, Spoleto, Benevent, aber auch in die Francia, Baioaria, Alamannia, Ritias aut in Avaria); dieselbe Strafe trifft nach Rat. 12 diejenigen, die am Hof Geheimnisse ausspähen und ins Ausland (in extranea provincia) weitergeben. Nach Rat. 13 sollen schließlich die Grenzen des Reiches (marcae nostrae) bewacht werden, damit diese nicht unbemerkt von den Feinden oder von Personen der eigenen Bevölkerung (gentes nostrae) in die eine oder andere Richtung überschritten werden, denn der Grenzübergang war nur mit Brief und Siegel des Königs erlaubt (wobei dies selbst für Rompilger galt). Dazu auch Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 181  ff. 205 Zur Problematik auch Goetz, GENTES (wie Anm. 14), S. 85, 110  ff. Vgl. weiter Hans Hubert Anton, Antike Großländer, politische-kirchliche Traditionen und mittelalterliche Reichsbildung, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 86 (2000), S. 33–85 (35  f., 70  ff.); Meyer, Maßstäbe frühmittelalterlicher Gesetzgeber (wie Anm. 10), S. 141, 158  ff. Zur Vermischung ethnischer, geographischer und politischer Begriffe Brather, Ethnische Interpretationen (wie Anm. 140), S. 150  f. Zum Nebeneinander dieser Begriffe in den Quellen sei nur beispielhaft auf die Beschreibung der Eroberung des Langobardenreichs durch Karl den Großen im Prolog von Adelchis aus dem Jahr 866 verwiesen: Karl habe das regnum Italiae und die gens Langobardorum unterworfen und seinem imperium einverleibt. Karl wird zwar als rex Francorum bezeichnet, gleichzeitig wird aber der gens Langobardorum die gens Gallorum gegenübergestellt.

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Leges Visigothorum (LVis.): Leges Visigothorum, hg. von Karl Zeumer, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 1, Hannover/Leipzig 1902 [Eugen Wohlhaupter, Gesetze der Westgoten, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 11, Weimar 1936]. Lex Alamannorum (LAlam.): Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann, neu aufgelegt von Karl August Eckhardt, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 5,1, Hannover 1966 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 2: Alemannen und Bayern, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Baiuvariorum (LBai.): Lex Baiwariorum, hg. von Ernst von Schwind, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 5,2, Hannover 1926 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 2: Alemannen und Bayern, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Francorum Chamavorum (LFraCham.): Lex Ribuaria et Lex Francorum Chamavorum, hg. von Rudolph Sohm, Monumenta Germaniae Historica, Leges (in Folio) 5, Hannover 1883 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 3: Sachsen, Thüringer, Chamaven und Friesen, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Frisionum (LFris.): Lex Frisionum, hg. von Karl August Eckhardt und Albrecht Eckhardt, Monumenta Germaniae Historica, Fontes iuris Germanici antiqui in usum scholarum separatim editi 12, Hannover 1982 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 3: Sachsen, Thüringer, Chamaven und Friesen, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Ribuaria (LRib.): Lex Ribuaria, hg. von Franz Beyerle und Rudolf Buchner, Monumenta Germaniae Historia, Leges nationum Germanicarum 3,2, Hannover 1954 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 1: Salische und ribuarische Franken, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Salica (LSal.): Lex Salica, hg. von Karl August Eckhardt, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 4,2, Hannover 1969 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 1: Salische und ribuarische Franken, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Lex Saxonum (LSax.): Leges Saxonum, hg. von Karl von Richthofen und Karl Friedrich von Richthofen, Monumenta Germaniae Historica, Leges (in Folio) 5, Hannover 1889 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 3: Sachsen, Thüringer, Chamaven und Friesen, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 2, Weimar 1934]. Pactus legis Salicae (PSal.): Pactus legis Salicae, hg. von Karl August Eckhardt, Monumenta Germaniae Historica, Leges nationum Germanicarum 4,1, Hannover 1962 [Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Merowingerreiches 481–714, Germanenrechte, Texte und Übersetzungen, Bd. 1, Weimar 1935].

Clausdieter Schott

Die Entstehung und Überlieferung von Pactus und Lex Alamannorum 1 Leges Die Leges der germanischen Reiche und Stämme, auch als Stammesrechte, Volksrechte oder Leges barbarorum bezeichnet, bilden eine spezifische und zusammenhängende Rechtsquellengattung. Es ist dies nicht erst eine Einordnung späterer historischer Klassifikation, sondern ergibt sich bereits daraus, dass die unterschiedlichen Leges in der Mehrzahl nicht als einzelne Texte, sondern in Sammelhandschriften überliefert sind. So erscheint etwa die Lex Alamannorum handschriftlich vielfach in Verbindung mit den fränkischen, bayrischen, burgundischen, langobardischen und anderen Gesetzestexten sowie häufig mit der westgotischen Lex Romana.1 Inhaltlich rechtfertigt sich die Zusammenschau aber auch dadurch, dass die Leges trotz verschiedenem kulturellem Umfeld materiell mehr oder weniger das gleiche Regelungsziel verfolgen und daher formell einem ähnlichen Stil verpflichtet sind, nicht zuletzt aber weil deren Textgut infolge von Rezeptionen sachliche wie wörtliche Kongruenzen und Zusammenhänge, selbst über weite Räume hinweg, aufweist. Als zeitlicher Rahmen lässt sich für die Textsorte ziemlich genau die Spanne vom Ende des 5. bis zum Anfang des 9. Jahrhunderts bestimmen. Dabei können fünf teilweise übereinander greifende Phasen unterschieden werden. Den Beginn macht die westgotische Gesetzgebung, die sich von den letzten Jahrzehnten des 5. bis ins 7. Jahrhundert erstreckt und die auch die nachmals weit verbreitete Lex Romana Visigothorum einschließt. Eine zweite gleichsam fortgesetzte Phase bilden zu Beginn des 6.  Jahrhunderts die fränkische Lex Salica und die burgundische Lex Burgundionum, letztere mit einer parallelen römischrechtlichen Kompilation. Einer dritten Etappe sind die Kodifikationen des 7. Jahrhunderts zuzuordnen, wozu die fränkische Lex Ribuaria, das langobardische Edictum Rothari und der alemannische Pactus zu rechnen sind. Zur vierten Phase des 8. Jahrhunderts gehören die Lex Alamannorum

1 Überblicke bei Raymund Kottje, in: Die transalpinen Verbindungen der Bayern, Alemannen und Franken bis zum 10. Jahrhundert (Nationes 6), hg. von Helmut Beumann und Werner Schröder, Sigmaringen 1987, S. 372  ff.; Clausdieter Schott, Zur Geltung der Lex Alamannorum, in: Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen. Forschungen und Fragen zur gesamtalemannischen Geschichte, hg. von Pankraz Fried und Wolf-Dieter Sick (Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg i.  Br. 59 = Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für Bayerische Landesgeschichte, Reihe 1: Studien zur Geschichte des Bayerischen Schwabens 17), Augsburg 1988, S. 105.

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und die Lex Baiuvariorum. Abgeschlossen wird das Legesprogramm durch letzte Projekte Karls des Großen auf dem Aachener Reichstag von 802 mit der Lex Saxonum, der Lex Thuringorum, der Lex Frisionum und wohl auch der Lex Francorum Chamavorum. Die meisten Leges sind in vulgärlateinischer Sprache abgefasst und werden erst in der Karolingerzeit in klassisches Latein umgeformt. Daneben enthalten einige Gesetze volkssprachige Glossen und Wörter, die allerdings in den Handschriften teilweise wiederum stark entstellt erscheinen. Die germanische Gesetzgebung nimmt ihren Anfang bei jenen Völkern, die als Konföderaten in den römischen Reichsverband integriert waren und die als römische Heeresformationen nach dem Quartiersystem innerhalb der romanischen Bevölkerung angesiedelt wurden. Der ihnen zugebilligte Sonderstatus gestand ihnen auch zu, nach eigenem Recht – suo iure – zu leben. Damit war der Anstoß gegeben, gleichlaufend zum römischen Recht das eigene Recht aufzuzeichnen und weiter zu entwickeln. Dieses „eigene Recht“ bestand zunächst aber hauptsächlich in dem Bemühen, die blutigen Sippenfehden und Vergeltungsmechanismen in unblutige d.  h. materiell abzugeltende Konfliktlösungen umzuwandeln. Rachevermeidung und Friedensstiftung bleiben auch in Zukunft das Kernstück der germanischen Gesetzgebung. Die vom Schädiger zu erbringende Ausgleichsleistung wird lateinisch als compositio, zu Deutsch als „Buße“ bezeichnet, wobei dieser Ausdruck nicht dazu verleiten soll, ihn mit „Strafe“ zu verwechseln. Strafe setzt eine sie einfordernde zentrale Institution voraus, während compositio/Buße eine Genugtuungsleistung an den Verletzten und Geschädigten darstellt. Das Phänomen der Strafe gehört entwicklungsgeschichtlich einer Stufe verdichteter Staatlichkeit an. Typischerweise bleibt in den Königreichen der Föderaten für die römische Bevölkerung das Strafsystem etabliert, während in der germanischen Lebenswelt der RacheSühne-Mechanismus bestimmend ist. Die Leges sind die mitteilsamsten und anschaulichsten Rechtsquellen des Frühmittelalters. Dies resultiert nicht nur aus der geringen Abstraktionsfähigkeit der Gesetzgebungstechnik, sondern auch aus dem Zweck situativer Friedenswahrung, welche eine Kasuistik der Verletzungstatbestände bedingt. Eine solche soll prinzipiell die gesamte Gesellschaftsordnung und deren Vermögensstand erfassen. Damit eröffnet sich hinwiederum ein Blickfeld alltäglicher Befindlichkeiten oder wie es die Überschrift zum umfangreichsten Teil der Lex Alamannorum umschreibt: De causis quae saepe solent contingere in populo (Von Streitsachen, wie sie oft im Volke vorkommen). Andererseits ist gerade die Gesprächigkeit der Texte verführerisch, indem sie einen unverstellten Zugang verspricht. Auch hier ist kritische Einlassung angebracht und eine Information über Entstehung und Überlieferung der Leges unerlässlich. Das Recht der Alemannen ist in zwei Redaktionen, einer früheren und einer späteren, überliefert. Beide Gesetze bezeichnen sich in der Titelüberschrift als Lex Alamannorum. Da die ältere Lex sich überdies noch Pactus nennt, wurde für sie die Bezeichnung Pactus Alamannorum gebräuchlich, während man den Ausdruck Lex Alamannorum auf das jüngere Gesetz beschränkte. Was die Entstehung und Überlie-



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ferung beider Leges angeht, so ergibt sich eine Reihe von Problemen, die man nach dem gegenwärtigen Forschungsstand je nach Einstellung als gelöst oder weiter offen betrachten kann.

2 Der Pactus Alamannorum 2.1 Fragmentarische Überlieferung Der Pactus Alamannorum ist nicht als selbständiger, zusammenhängender Text erhalten, sondern muss aus Fragmenten, die in eine Pariser Handschrift der Lex Alamannorum des 9.  Jahrhunderts (Bibl. Nat. Paris Lat. 10753) beziehungslos eingestreut sind, erschlossen werden. Die Überlieferung ist nur einem – glücklichen – doppelten Missgeschick zu verdanken: Wahrscheinlich sind beim Heften beziehungsweise Ordnen eines früheren, nicht mehr vorhandenen Exemplars die Blätter des Pactus und der Lex durcheinander geraten und der nachmalige Abschreiber hat diese verwirrte Vorlage gedankenlos und ohne Rücksicht auf den fehlenden Zusammenhang kopiert. Eine weitere Verwirrung ist nochmals durch späteres falsches Binden entstanden. Es lassen sich so nach der Lehmannschen Edition2 vier äußerlich getrennte Fragmente ausmachen, wobei Fragment  I nochmals zerstückelt ist, indem dessen erster Teil durch falsches Heften in die Lex Ribuaria der gleichen Handschrift geraten ist. Auch Fragment  III und IV schließen sachlich aneinander, sind also eigentlich keine getrennten Stücke. Das damit gewonnene Textvolumen kann zusätzlich durch ein sog. Fragment V angereichert werden. Bei diesem handelt es sich um eine Textstrecke (Tit. 92  ff.), die in die meisten Handschriften der Lex Alamannorum gleichsam als Anhang aufgenommen wurde und die nach Sprachstil und teilweiser Kongruenz mit den anderen Fragmenten erkennbar zum Textgut des Pactus gehört.

2.2 Der Gesetzgeber Als weiterer Glücksfall erweist sich das Faktum, dass Fragment I den allerdings wiederum verstümmelten Eingangstext des Gesetzes enthält. Dieser besteht in einem abrupt einsetzenden Anwesenheitsvermerk, woran sich das Incipit und der Anfangstext der Lex anschließen. Die ganze Textpassage lautet: Ubi fuerunt XXXIII duces et XXXIII episcopi et XLV comites. Incipit pactus lex alamannorum. Et sic convenit: si quis  … Bei der hier erwähnten Versammlung, welche von 33 Herzögen, 33 Bischöfen und 45 Grafen besucht war, handelt es sich offensichtlich um einen großen fränkischen

2 Dazu unten Anm. 5 und 7.

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Reichstag, wobei just der Königsname ausgefallen ist. Da Gesetzesstil und Sprache eindeutig dem 7. Jahrhundert zuzuweisen sind, grenzt sich auch die Suche nach dem Gesetzgeber ein. Zielführend ist indessen ein weiteres Indiz: Die große Mehrzahl der Handschriften der späteren Lex Alamannorum weist als Gesetzgeber dieser Lex einen fränkischen König Chlothar aus. Da es sich bei dieser Zuschreibung, wie noch zu zeigen ist, nicht um die ursprüngliche Fassung handelt und da sich die Lex Alamannorum ausdrücklich als Reformgesetz des Pactus versteht, ist anzunehmen, dass der Name eines gesetzgebenden Königs Chlothar dem Pactus entstammt und später auf die Lex übertragen wurde. Indessen gibt es vier Könige dieses Namens, unter denen jedoch nur Chlothar II. (584–629) in der Lage war, einen derart gewaltigen Aufmarsch zustande zu bringen. Von ihm ist auch bekannt, dass er 613/14 im elsässischen Marles­ heim zu Gericht saß. Als Eckdaten für den Erlass des Pactus bieten sich 613 der Anfall Austrasiens an Chlothar und 623 dessen Wiederverselbständigung unter Dagobert an. Es wäre möglich, dass der Pactus Alemannorum auf dem 613/14 bei Sens abgehaltenen Reichstag erlassen wurde. Plausibel ist jedenfalls eine Datierung in die Jahre 613–623. Der Pactus Alamannorum ist also ein fränkisches Gesetz für Alemannien mit dem Zweck, den Dukat in das von Neuster aus regierte Gesamtreich einzugliedern. Diktion und Sprache entsprechen dem fränkischen Gesetzgebungsstil. Inhaltlich ist der Pactus ausschließlich ein sogenannter Bußenkatalog, d.  h. eine Aufzählung von Verletzungstatbeständen und den entsprechenden, an die Geschädigten zu leistenden Sühnegelder. Eine andere Frage ist, ob an der Redaktion alemannische Rechtskundige beteiligt waren und wieweit überhaupt hier alemannische Lebenswelt abgebildet wird.3

2.3 Die Editionen Ediert wurden die Fragmente des Pactus erstmals 1863 von Johannes Merkel in der Abteilung „Leges“ (Folio-Ausgabe) der Monumenta Germaniae Historica.4 Merkel hat die Bruchstücke des Pariser Codex korrekt in drei Fragmenten zusammengefasst und in einer vom ihm gewählten Reihenfolge herausgegeben. Eine Neuedition erfolgte 1888 durch Karl Lehmann in der Abteilung „Leges“ (Quart-Ausgabe) der Monumenta.5 Lehmann hat sich in seiner Ausgabe der von Merkel vorgegebenen Reihenfolge

3 Vgl. Clausdieter Schott, Wie alemannisch sind Pactus und Lex Alamannorum?, in: Antike im Mittelalter. Fortleben, Nachwirken, Wahrnehmung. 25  Jahre Forschungsverbund „Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland“, hg. von Sebastian Brather, Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 21), Ostfildern 2014, S. 167–178. 4 Lex Alamannorum, hg. von Johannes Merkel (MGH Leges III), Hannover 1863, S. 34–40. 5 Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann (Leges Nationum Germanicarum V, 1), Hannover 1888, S. 21–32.



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angeschlossen, hat jedoch nicht ganz konsequent das dritte Fragment Merkels nochmals aufgeteilt, so dass ein selbständiges, kurzes Fragment IV gebildet wurde. Er hat außerdem die aus den Handschriften der Lex erschlossenen Pactus-Teile als Fragment V seiner Edition angefügt. Lehmanns Ausgabe hat sich trotz einiger kritischer Stimmen inzwischen durchgesetzt. Zu einer alternativen Editionsmethode hat sich Karl August Eckhardt in seiner Reihe „Germanenrechte“ entschlossen, indem er versuchte, den Pactus in seinem ursprünglichen Bestand zu rekonstruieren. Daraus resultierte eine andere, vermutete sachliche Reihenfolge der Artikel.6 Eckhardt hat auch als Bearbeiter der zweiten Monumenta-Auflage die Lehmannsche Anordnung durch seine eigene Version ersetzt.7 Der Versuch mag geglückt sein, jedoch lässt er den Quellenbefund nur noch durch Marginalnoten erkennen, wie überhaupt die ganze Edition durch ihre Akribie sehr kompliziert geworden ist. Die ältere Ausgabe ist daher nicht entbehrlich geworden. Eckhard bezeichnet übrigens in Erkenntnis der oben beschriebenen Entstehungsgeschichte des Pactus diesen als Recensio Chlothariana. Der Lehmannschen Ausgabe folgt wiederum die neueste Schwarz-Weiß-Wiedergabe der acht einschlägigen Handschriftenblätter (Fragm. I–IV), die in der Transkription zugleich die erratische Natur der Bruchstücke erkennen lässt.8

3 Die Lex Alamannorum 3.1 Überlieferung und Zuschreibung Während der Pactus nur mangelhaft der Nachwelt erhalten ist, stellt sich die Situation bei der Lex als günstig dar. Mit 50 Textzeugen und rund einem Dutzend erschlossenen Verlusten ist die Lex Alamannorum nach der Lex Salica das bestüberlieferte Gesetz der ganzen Quellengattung. Die ältesten Handschriften stammen aus dem Ende des 8. Jahrhunderts, der weitaus überwiegende Teil datiert ins 9. Jahrhundert, ein gutes Dutzend ins 10. Jahrhundert, vereinzelte noch danach. Der Text ist, abgesehen von eher geringfügigen Abweichungen im Einzelnen, in allen Handschriften materiell identisch. Unterschiede bestehen in der sprachlichen Fassung, indem sich von einer älteren eine karolingisch überarbeitete Version abhebt.

6 Leges Alamannorum, hg. von Karl August Eckhardt (Germanenrechte Neue Folge: Westgermanisches Recht), Göttingen, Berlin, Frankfurt 1958, I: Einführung und Recensio Chlothariana (Pactus). 7 Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann, 2. Auflage besorgt von Karl August Eckhardt (Leges Nationum Germanicarum V, 1), Hannover 1966, S. 21–34. 8 Clausdieter Schott, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen, Text, Übersetzung, Kommentar, Augsburg 1993, S. 41–67.

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Trotz reicher Überlieferung gibt jedoch gerade diese zur Entstehung der Lex einige Rätsel auf, die aus abweichendem Wortlaut der Gesetzeseingänge herrühren. Die Masse der Handschriften nennt als Gesetzgeber König Chlothar und wie der Pactus eine Versammlung von Bischöfen, Herzögen, Grafen und zusätzlich von sonstigem Volk. Ganz anders geben jedoch zwei Handschriften, eine St. Galler (Cod. Sang. 731) und eine Münchner (Clm 4115), den Gesetzgebungsvorgang in der Weise wieder, dass Herzog Lantfrid zusammen mit den alemannischen Großen und dem versammelten Volk eine erneuerte Lex Alamannorum erlassen habe. In der Literatur wird daher üblicherweise von einer Chlothariana und einer Lantfridana gesprochen, wenn auch der Gesetzestext im Übrigen keine sachlichen Unterschiede aufweist. Mehrdeutig ist die Terminologie überdies, nachdem Eckhardt den Pactus ebenfalls, wenn auch berechtigt, als Recensio Chlothariana bezeichnet hat. Inhaltlich widersprechen sich die Aussagen der beiden Gesetzeseingänge, formell bestehen jedoch unübersehbare Konvergenzen. Ein Vergleich der beiden Incipit-Formeln zusammen mit dem Eingang des Pactus zeigt deutlich die Zusammenhänge: Pactus: [Chlothario rege …] ubi fuerunt XXXIII duces et XXXIII episcopi et XLV comites. Incipit pactus lex Alamannorum. Et sic convenit: si quis alteri … Lex (Lantfridana): In Christi nomine incipit textus lex Allamannorum, qui temporibus Lanfrido filio Godofrido renovata est. Incipit textus eiusdem. Convenit enim maioribus nato populo Allamannorum una cum duci eorum Lanfrido vel citerorum populo adunato, ut si quis … Lex (Chlothariana): Incipit lex Alamannorum, qui temporibus Hlotharii regis una cum proceribus suis, id sunt XXXIII episcopi et XXXIIII duces et LXV comitibus vel cetero populo adunatu, ut si quis … Der fett gedruckte Text zeigt die Übereinstimmung von Pactus und Lex (Chlothariana), wobei Chlothario rege im Pactus, wie bereits dargelegt, auf Konjektur beruht. Unterschiede bestehen hinsichtlich der Zahl der Bischöfe und Grafen, was offenkundig aus Schreibversehen herrührt. Der Kopist scheint etwa bei den Grafen die römische Buchstabenfolge verwechselt zu haben, so dass aus 45 eine 65 wurde. Der Variantenreichtum setzt sich übrigens in den anderen Handschriften fort.9 Vorliegend wurde als Vergleichstext der Wortlaut der Pariser Handschrift gewählt, in welcher auch die Pactus-Fragmente enthalten sind.10 Da der Pactus zweifellos der ältere Textzeuge ist, muss er der Formulierung in der Lex (Chlothariana) als Vorlage gedient haben.

9 Aufgelistet bei Lehmann und Eckhardt (wie Anm. 7), S. 62  f. 10 Ebd., S. 63 (A 12).



Die Entstehung und Überlieferung von Pactus und Lex Alamannorum 

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Damit nicht genug. Im – ausgefallenen – Gesetzingress des Pactus hat sich mit Sicherheit Chlothar ostentativ als Gesetzgeber herausgestellt, ein chronikalisches temporibus Chlotharii regis kann daher geradezu ausgeschlossen werden. Die Formulierung findet sich aber, abgewandelt auf den alemannischen Herzog, im Ingress der Lex (Lantfridana), der dem Codex Sangallensis 731 entstammt. Diese Handschrift ist vom Schreiber Wandalgar auf 793 datiert und ist wahrscheinlich überhaupt der älteste erhaltene Textzeuge der Lex Alamannorum.11 Es besteht kein Zweifel, dass die Formulierung temporibus von einer Handschrift im Wortlaut des Wandalgar-Codex – vielleicht sogar von diesem selbst  – entlehnt wurde. Die unterstrichenen Textpassagen zeigen überdies, dass der Text auf weiteren Anleihen aus der Lex (Lantfrid) beruht. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass der Pactus ein Gesetzgebungsakt König Chlothars II. ist, dass sich die Herzog Lantfrid (Regierungszeit 709–730) zugeschriebene Lex als „Lex renovata“ versteht und dass der Ingress der Lex mit der Zuschreibung auf Chlothar eine Kontamination der Eingangstexte von Pactus und Lex (Lantfrid) ist und daher die letzte Phase der Textentstehung der Lex Alamannorum darstellt.

3.2 Interpretationen Bevor aus dem dargelegten Befund weitere Schlüsse gezogen werden, ist noch auf eine andere Quelle einzugehen, die sich anheischig macht, über die Entstehung der fränkischen, alemannischen und bayrischen Leges Aufschluss zu geben. Es handelt sich um einen Bericht, der sich hauptsächlich im Prolog der mit der alemannischen Lex eng verwandten Lex Baiuvariorum findet. Darin wird eine Geschichte der Gesetzgebung abgehandelt, die einen Bogen von Moses über Solon, die römischen Zwölftafelgesetze und die Kodifikationen der Kaiser bis zu den fränkischen Königen Theuderich, Childebert, Chlothar und Dagobert spannt.12 Danach habe Theuderich die Gesetze der Franken, Alemannen und Bayern gemäß ihren Stammesgewohnheiten aufzeichnen lassen, die er jedoch vermehrt und in christlichem Sinne korrigiert habe. Theuderichs Werk habe Childebert fortgesetzt, jedoch Chlothar habe es vollendet. Schließlich habe der ruhmreiche König Dagobert mit Hilfe von vier namentlich genannten, kundigen Männern alles Veraltete der Gesetze in Besseres übertragen und habe so jedem Stamm Schriftrecht gegeben, das diese bis heute befolgen (Haec omnia

11 Dazu Clausdieter Schott, Der Codex Sangallensis 731. Bemerkungen zur Leges-Handschrift des Wandalgarius, in: Überlieferung, Bewahrung und Gestaltung in der rechtsgeschichtlichen Forschung, hg. von Stephan Buchholz, Paul Mikat und Dieter Werkmüller (Rechts- u. Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, Neue Folge 69), Paderborn, München, Wien, Zürich 1993, S. 297–319. 12 Lex Baiwariorum, hg. von Ernst von Schwind (Leges Nationum Germanicarum V, 2), Hannover 1926, S. 197–203.

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Dagobertus rex gloriosissimus per viros inlustros Claudio, Chadoindo, Magno et Agilulfo renovavit et omnia vetera legum in melius transtulit et unicuique genti scriptam tradidit, quae usque hodie perseverant). Angesichts der Dürftigkeit der frühmittelalterlichen Quellen ist es verlockend, den Gesetzgebungsbericht der Bayernlex in die Überlegungen zur Entstehung der Lex Alamannorum einzubeziehen. Angesehene Leges-Forscher wie Heinrich Brunner und Franz Beyerle haben die Historizität des Berichts nicht in Zweifel gezogen und haben den Befund der Gesetzeseingänge in den Prolog hineinprojiziert. Dies hat freilich zu überzogenen Spekulationen geführt, die letztlich keinen Beifall gefunden haben.13 Zustimmung hat indessen das Erklärungsmodell von Karl August Eckhardt gefunden, der Bruno Krusch folgend14 dem Bayernprolog jeglichen Informationswert abspricht, da es sich bei diesem lediglich um ein gelehrtes Elaborat handle. Tatsächlich besteht der Prolog in der Hauptsache aus einer wörtlichen Übernahme aus den Etymologien Isidors von Sevilla (um 623)15, in welche eine germanische Gesetzgebungsgeschichte eingearbeitet ist. Eckhardt verlässt sich daher allein auf die handschriftlich gesicherten Gesetzeseingänge von Pactus und Lex Alamannorum.16 Daraus ergibt sich folgende Entwicklungsgeschichte der Lex: Der Pactus ist ein Gesetzeswerk Chlothars II. Die Lex ist eine auf diesem gründende, jedoch stark angereicherte „Lex renovata“, die Herzog Lantfrid auf einem alemannischen Landtag erlassen hat. Da in der Lex die Oberherrschaft des fränkischen Königs gewahrt ist, wäre das Gesetz in die Zeit der Loyalität Lantfrids der Jahre nach 719 zu datieren, die mit der provokativen Gründung des Klosters Reichenau durch Karl Martell 724/25 endet. Nach der Niederlage Lantfrids und dessen Tod (um 730) wurde der auf Lantfrid lautende Gesetzesingress der Lex auf Grund der veränderten politischen Lage getilgt und die Lex entsprechend dem Ingress des Pactus auf Chlothar umfirmiert.

3.3 Die Rolle der Reichenau Mit Eckhardts Entwurf wurde die bis dahin allzu spekulativ geratene Diskussion wieder in festere Bahnen gelenkt, womit allerdings noch nicht alle Probleme ausgeräumt waren. Schon seit längerem gab es Stimmen, welche die Entstehung der Lex mit dem Skriptorium des Bodenseeklosters Reichenau in Verbindung brachten, zumal

13 Zur Diskussion vgl. Clausdieter Schott, Pactus, Lex und Recht, in: Die Alemannen in der Frühzeit, hg. von Wolfgang Hübener (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg/Br. 34), Bühl/ Baden 1974, S. 137  ff. 14 Bruno Krusch, Die Lex Bajuvariorum. Textgeschichte, Handschriftenkritik und Entstehung, Berlin 1924, S. 259  ff.; ders., Neue Forschungen über die drei oberdeutschen Leges. Bajuvariorum, Alemannorum, Ribuariorum, Berlin 1927, S. 84  f. 15 In der MGH-Ausgabe (wie Anm.12) durch Kleindruck ausgewiesen. 16 Eingehend in: Leges Alamannorum (wie Anm. 6).



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dieses in Alemannien der einzig in Frage kommende Ort war, der die entsprechende Schreibkompetenz und das bibliothekarische Rüstzeug aufzubringen vermochte. Auch Eckhardt hat sich dem nicht verschlossen, wenn er in seiner MGH-Ausgabe bemerkt, dass manches dafür spreche, dass die Lex „in der fränkisch-alemannischen Abtei Reichenau zu lokalisieren und folgerichtig in das Jahr 724/25 zu setzen sei.“17 Damit sah man sich jedoch in Widerspruch gesetzt zu der Annahme, dass das Inselkloster von Karl Martell als Bollwerk gegen den alemannischen Herzog gegründet worden sei. Dazu ist zunächst festzustellen, dass die durch spätere Fälschungen verdunkelte Gründungsgeschichte der Abtei nach wie vor nicht genügend aufgehellt ist. Als gesichert darf inzwischen aber gelten, dass Lantfrid an der Gründung des Klosters entscheidenden Anteil hatte.18 Dem entspricht auch das Gebetsgedenken des Lantfridus dux im Reichenauer Verbrüderungsbuch, das diesen an prominenter Stelle unter den Defuncti qui cenobium sua largitate fundaverunt anführt.19 Dass danach auch die Karolinger in die Liste aufgenommen wurden, ist dem nicht abträglich, sondern widerspiegelt nur die weitere Klosterpolitik. Damit können nun die Hindernisse als ausgeräumt gelten, die einer Beziehung der Reichenau zur Entstehung der Lex im Wege stehen könnten. Auf die Reichenau dürfte aber auch die frühe handschriftliche Überlieferung der Lex hinweisen. Sowohl die Münchner wie die St. Galler Handschrift gehen auf eine gemeinsame Vorlage zurück. Für den Münchner Codex steht fest, dass dieser dem süddeutschen Gebiet entstammt, und es ist anzunehmen, dass dies auch für die Vorlage zu gelten hat. Die St. Galler Sammelhandschrift ist zwar im burgundischen Raum entstanden, muss aber für den Textteil der Lex Alamannorum in einer Beziehung zur süddeutschen Vorlage stehen. Die Handschrift ist einer der seltenen Fälle, in denen der Schreiber sein Werk datiert und sich überdies noch als scriptor Wandalgarius zu erkennen gibt. Wiederum könnte das Reichenauer Verbrüderungsbuch einen entscheidenden Hinweis geben, indem sich dort etwa zeitgleich in einer Liste der Kanoniker von St. Paul zu Lyon just der Name „Uuandalgarius“ findet.20 Überhaupt scheint die Kommunikation der Reichenau mit Lyon besonders rege gewesen zu sein, da von dort gleich sechs geistliche Institutionen ihren Eintrag im Verbrüderungsbuch gefunden haben. Hinzu kommt, dass gerade Lyon ein Mittelpunkt in der Herstellung karolingischer Handschriften, vor allem auch von Rechtstexten, war. Ob es sich bei der Namensgleichheit um einen Zufall oder einen Glücksfall handelt, steht

17 Eckhardt (wie Anm. 7), S. 3. 18 Dazu Ingrid Heidrich, Die urkundliche Grundausstattung der elsässischen Klöster St. Gallens und der Reichenau in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, in: Die Gründungsurkunden der Reichenau, hg. von Peter CLASSEN, Sigmaringen 1977, S. 59. 19 Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (Einleitung, Register, Faksimile), hg. von Johanne Autenrieth, Dieter Geuenich und Karl Schmid (MGH Libri Memoriales Necrologia, Nova Series 1), Hannover 1979, S. 226, Faksimile S. 94. 20 Vgl. Schott (wie Anm. 11), S. 305.

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dahin, ein starkes Indiz bleibt es allemal. Jedenfalls besteht Grund zu der Vermutung, dass in der Reichenau in den letzten Jahrzehnten des 8. Jahrhunderts noch eine Lantfridana-Version der Lex Alamannorum vorhanden war, die über das geistliche Kommunikationsnetz in ein burgundisches Skriptorium gelangen konnte.

3.4 Aufbau der Lex und Varianten Die besagten St. Galler und Münchner Lantfridana-Handschriften sind noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Während alle Chlothariana-Handschriften nach dem Ingress – teilweise mit dazwischen geschobenem Titelverzeichnis – einen durchgezählten Gesetzestext bieten, ist in beiden Codices die sonst als Art. 1 gezählte Vorschrift („Convenit“-Artikel) vom übrigen Text abgesetzt und von der Kapitelzählung ausgenommen. Dieser Variante hat vormals nur Franz Beyerle Bedeutung beigemessen, indem er sich darin bestätigt sah, dass die Novellierung Lantfrids sich nur auf diesen und vielleicht noch den nachfolgenden Titel erstreckt.21 In einem gewissen, noch zu erörternden Sinne mochte er damit nicht ganz falsch liegen. Jedenfalls zeigt diese Anordnung einen früheren, erst später eingeebneten Zustand der Lex, der nicht achtlos beiseite geschoben werden darf, handelt es sich bei diesem Text doch um das Herzstück der Lex überhaupt. Bevor dies näher dargelegt wird, soll auf die Gesamtkonzeption des Gesetzes eingegangen werden. Die Lex besteht aus drei Teilen. Im ersten, relativ kurzen Teil (21 bzw. 22 Kapitel) werden ohne besondere Rubrizierung Kirchensachen abgehandelt. Der zweite, ebenfalls kürzere Teil (23 Kapitel) ist Herzogssachen unter der Rubrizierung De causis quae ad ducem pertinent gewidmet.22 Den umfangreichsten, dritten Teil (je nach Zählung etwa 52–56 Kapitel) nehmen Volkssachen ein, auch diese in einer eigenen Rubrik angezeigt mit De causis quae saepe solent in populo contingere. Dieser Volksteil stellt einen Bußenkatalog dar und entspricht insoweit inhaltlich dem Pactus, aus welchem auch die oben als Fragment V bezeichneten Bestimmungen übernommen wurden.

3.5 Bemerkungen zur Authentizität Schon immer hat man verwundert oder befremdet festgestellt, dass im ersten Teil der Kirche eine über das sonstige Maß hinausgehende Sonderstellung hinsichtlich ihres

21 Franz Beyerle, Die beiden süddeutschen Stammesrechte, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 73 (1956), S. 106  ff. 22 Zur Zählung und zu den Varianten der Überschrift siehe Ausgabe Lehmann und Eckhardt, S. 84. In Cod. Sang. 731 fehlt diese Überschrift.



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Personals, Vermögens und Gütererwerbs eingeräumt wird.23 Kernstück dieser Privilegierung ist der in den beiden Lantfridana-Handschriften separat an den Anfang gestellte Convenit-Artikel, der ein unbeschränktes Recht auf freie Vermögensverfügung zugunsten der Kirche zum Inhalt hat und der jedem Widersprechenden schwerste göttliche und kirchliche Strafen androht. Der Artikel ist offensichtlich realen Verfügungsurkunden nachgeformt, abstrahiert jedoch deren Voraussetzungen. Grundsätzlich ist das Vermögen – es handelt sich regelmäßig um Grundeigentum – familiengebunden. Individuelle Verfügungen sind nur möglich beim Fehlen von Erben bzw. bei deren Zustimmung oder bei vorheriger Abschichtung. Buchstäblich genommen bedeutet der dies vernachlässigende Convenit-Artikel daher einen schweren Einbruch in die Gesellschaftsordnung, dessen Sanktionierung auf einem Landtag als äußerst fragwürdig erscheinen muss. Wohl in Erkenntnis dessen relativiert der dem alemannischen Convenit-Artikel nachgebildete Artikel der Lex Baiuvariorum daher die freie Verfügungsbefugnis, indem er diese auf den Anteil des Verfügenden reduziert, der diesem nach Auseinandersetzung mit den Kindern verbleibt. Gelegentlich wurde versucht, die alemannische Regelung im Sinne der Bayernlex restriktiv zu interpretieren. Es ist dies jedoch eine aus der Verblüffung geborene Hilfskonstruktion, die dem Wortlaut der alemannischen Lex Zwang antut. Der Wirklichkeit näher kommt man, wenn man den Convenit-Artikel als kühnen Schritt der Jahrhunderte dauernden Strategie sieht, die traditionelle Eigentumsordnung zugunsten frommer Stiftungen aufzubrechen. Nimmt man Franz Beyerles Bemerkung wieder auf, so liegt der Gedanke nicht fern, dass dem Verfasser der Lex eine Dotationsurkunde Lantfrids vorgelegen habe, die er unter Auslassung der konkreten Verfügungen generalisiert hat. Die dargelegten Unstimmigkeiten, die außergewöhnliche Privilegierung der Kirche sowie eine Reihe weiterer einschlägiger Indizien, die hier nicht wiederholt werden sollen, lassen es angezeigt erscheinen, an der Authentizität der Lex Alamannorum zu zweifeln und ihren Entstehungsort in einer klösterlichen Fälscherwerkstatt zu suchen. Dass es sich dabei um die Reichenau handelt, dürfte ebenso gewiss sein. Die Erkenntnis ist weder neu noch angesichts der Masse gefälschten frühmittelalterlichen Schriftguts überraschend.24 Berechtigt ist der Ausdruck „Fälschung“ schon wegen der unzutreffenden Zuschreibung der Lex auf Herzog Lantfrid und den ominösen Landtag, aber auch wegen der manipulierten Bestimmungen zugunsten der Kirche. Abmildernd wurde und wird verschiedentlich auch der Begriff „Rechtsbuch“ bemüht. Eine solche Bezeichnung ist freilich unzutreffend, da das Rechtsbuch eine

23 Zum Folgenden Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium. Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie Distler, Berlin 2006, S. 257–290. 24 Auch Franz Beyerle (wie Anm. 21), S. 106  f., war nahe daran, den Fälschungscharakter zu erkennen, hatte sich jedoch durch sein beharrlich verfolgtes Entwicklungsmodell den Weg verstellt.

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Wirklichkeit wiedergeben d.  h. spiegeln, allenfalls idealisieren, aber keinesfalls verfälschen will. Der Begriff „Rechtsbuch“ wurde in die Leges-Diskussion durch Konrad Beyerle eingeführt. Beyerle hatte eigentlich bereits nachgewiesen, dass die von der Lex Alamannorum weitenteils abgeleitete Lex Baiuvariorum eine kirchliche Fälschung darstellt.25 Seinem katholisch-politischen Engagement scheint es jedoch angemessener gewesen zu sein, provokatorisch-kulturkämpferisches Vokabular zu vermeiden. Gleichwohl hielt er nicht mit dem Urteil zurück, dass die bayrische Lex „in erster Linie“ im Interesse der Kirche geschaffen worden sei. Eine Fälschung erreicht am ehesten ihren Zweck, wenn sie mit Echtem verwoben ist. So ist es selbst beim Kirchenteil schwierig, eine Aussage darüber zu machen, was Anspruch und was tatsächliche Übung ist. Auch beim Herzogsteil wird man sich fragen müssen, ob hier nicht weitgehend fränkisches Herzogsrecht schlechthin dargestellt ist, wenn auch gelegentlich auf einen alemannischen Beschluss hingewiesen wird (37: quod placuit cunctis Alemannis). Mit den Bestimmungen über die Sonntagsheiligung (38) und über Eheverbote (39) bringt sich auch hier die kirchliche Handschrift wieder zur Geltung. Bei den Volkssachen wird man am ehesten ältere Überlieferung, sei es praktizierte oder nur literarische, annehmen dürfen, da in diesem Teil kirchliche Interessen am wenigsten berührt sind. In diesem Abschnitt gibt sich die Lex auch augenfällig alemannisch, indem die Tatbestände wiederholt mit volkssprachigen Begriffen kommentiert werden (quod Alemanni dicunt). Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, dass die Lex nicht als eigentlicher Gesetzgebungsakt überliefert wird, sondern dass sie in einen chronikalischen Bericht eingekleidet ist. Mit der Formulierung, dass das Gesetz temporibus Lanfrido … renovata est wird der Erlass in eine schemenhafte Ferne gerückt. Dem Verfasser lag offensichtlich daran, diesbezüglich keine gewisse Erinnerung aufkommen zu lassen. Das lässt Schlüsse auf die Datierung zu. Die Zeit nach Lantfrids Tod mit den darauf folgenden Turbulenzen war geradezu günstig, um unter Berufung auf „frühere Zeiten“ ein Konstrukt der vorliegenden Machart herzustellen. Da man das Derivat der Lex Baiuvariorum auf die Anfänge der Vierzigerjahre des 8. Jahrhunderts datiert, könnte auch die Lex Alamannorum frühestens noch gegen Ende der Dreißigerjahre entstanden sein.

25 Lex Baiuvariorum. Lichtwiedergabe der Ingolstädter Handschrift des Bayerischen Volksrechts, hg. von Konrad Beyerle, München 1926, S. LXIV f.: „Die Lb. ist kein Volksrecht im landläufigen Sinn; in ihrem ganzen Wesen volksfremd, ist sie niemals durch irgendwelche Volksbeschlüsse als Gesetzbuch der Bayern angenommen worden. Die Lb. ist auch kein bayerisches Herzogsgesetz, das seinen Ursprung in den einheimischen Kräften des bayerischen Stammesherzogtums gehabt hätte; wohl begünstigt sie den Herzog und den Adel Bayerns, aber sie ist nicht unmittelbar von ihnen ausgegangen. Die Lb. ist aber auch kein fränkisches Königsgesetz, ist überhaupt nicht im Westreich entstanden, so sehr sie auch den politischen Interessen des Frankenreichs dienen will. So ist sie denn jenes von kirchlichen Kräften in Bayern geschaffene Rechtsbuch, das sich selbst durch Prolog und Textgestalt mit der Autorität eines fränkischen Königsgesetzes umgibt“.



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Geben zwar die beiden Lantfridana-Handschriften die ursprünglichere Fassung der Lex wieder, so bleibt doch noch zu beachten, dass die Masse der Handschriften den Erlass des Gesetzes Chlothar zuweist. Dass es sich bei dieser Tilgung des Namens Lantfrid und der Umfirmierung auf den fränkischen König um eine Kontamination aus Pactus und Lantfridana-Ingress handelt, wurde oben dargelegt. Es liegt nahe, diese Umgestaltung mit den politischen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Nachdem sich die Hausmeier durchgesetzt hatten und die Reichenau sich den Karolingern endgültig zugewendet hatte, konnte es angezeigt sein, den originalen Ingress durch eine unverdächtigere Formulierung zu ersetzen. Zu erwägen bleibt allerdings auch, ob die Unfirmierung nicht im Westen erfolgte, indem man den dort unbekannten, alemannischen Herzog durch den fränkischen Königsnamen ersetzte und damit dem provinziellen Gesetz einen universelleren Anstrich gab.

3.6 Die Editionen Die Lex Alamannorum ist bereits seit dem 16. Jahrhundert mehrfach ediert worden.26 Die Reihe moderner kritischer Editionen beginnt mit der MGH-Folio-Ausgabe Merkels, die heute zwar noch herangezogen wird, jedoch als überholt gilt. Sie ist dadurch bemerkenswert, dass sie die Lex sowohl als Chlothariana wie als Lantfridana publiziert.27 Als maßgebend gilt immer noch die MGH-Ausgabe von Lehmann28, nach der die Handschriften in eine A-Klasse mit älteren Sprachformen und eine B-Klasse mit karolingisch gebessertem Latein unterteilt sind.29 Eine neuere kritische Ausgabe, als „Recensio Lantfridana“ bezeichnet, ist diejenige von Eckhardt.30 Sie orientiert sich zwar an der Klassifizierung Lehmanns, kann jedoch als deren Weiterführung betrachtet werden. Als Faksimile ediert ist schließlich der Text der St. Galler Wandalgar-Handschrift, der mit dem auf Lantfrid lautenden Ingress als Schlüsseltext für die Entstehung und Überlieferung der Lex Alamannorum zu gelten hat.31

26 Nachweise bei Lehmann und Eckhardt (wie Anm. 7), S. 18  ff. 27 Merkel (wie Anm. 4), S. 41  ff., 84  ff. 28 Lehmann und Eckhardt (wie Anm. 7), S. 35  ff. 29 Die beiden Lantfridana-Handschriften sind als A 1 (Cod. Sang. 731) und A 2 (Clm 4115) an die Spitze gestellt. Den Abschluss der A-Klasse bildet mit A 12 der Pariser Codex (Bibl- Nat. Lat. 19753), in welchem auch die vier Pactus-Fragmente enthalten sind. 30 Eckhardt, Leges Alamannorum (wie Anm. 6), II: Recensio Lantfridana (Lex), Witzenhausen 1962. 31 Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br., Reihe 5 b: Rechtsquellen Bd. 3), I: Faksimile, II; Clausdieter Schott, Text, Übersetzung, Kommentar, Augsburg 1993.

Steffen Patzold

Die ‚Lex Alamannorum‘ – eine Fälschung von Mönchen der Reichenau? Clausdieter Schott hat 2006 eine bemerkenswerte These vorgetragen. Sie lautet kurz: Die Lex Alamannorum sei eine Fälschung, fabriziert – in zwei Etappen – im 8. Jahrhundert von Mönchen der Reichenau, und zwar ohne jede Beteiligung des Herzogs oder gar einer Versammlung von laikalen Großen. Das Ziel der monastischen Fälscher sei es gewesen, die Kirche in ihren materiellen Interessen zu begünstigen. Insbesondere trachteten die Fälscher danach, Schenkungen an die Kirche in unbegrenztem Umfang für zulässig zu erklären und Geistliche wie Kirchengut in besonderer Weise unter Schutz zu stellen.1 Im Einzelnen rekonstruiert Schott das Geschehen wie folgt: Um 735/740 entsteht auf der Reichenau eine erste Fassung der Lex Alamannorum.2 Dafür benutzen die Mönche wahrscheinlich den Text einer heute verlorenen Stiftungsurkunde des Herzogs Lantfrid für die Reichenau.3 Die Fälscher lassen die Lex zur Zeit dieses Herzogs auf einer großen Versammlung entstanden sein; diese sogenannte „Lantfridana“-Fassung kennen wir heute nur noch aus zwei Handschriften des späten 8. Jahrhunderts

1 Clausdieter Schott, Lex und Skriptorum ‒ Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges ‒ Gentes ‒ Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und EvaMarie Distler, Berlin 2005, S. 257–290; die These ist auf den Punkt gebracht ebd., S. 276: „Letztlich wird man sich also der Einsicht nicht verschließen können, dass die Lex Alamannorum als eine im Kloster Reichenau entstandene Fälschung zu betrachten ist und dass es nicht Lantfrid war, der da ‚in königlicher Weise Gesetz gab‘“.  – Vgl. jetzt außerdem ders., Wie alemannisch sind Pactus und Lex Alamannorum?, in: Antike im Mittelalter. Fortleben, Nachwirken, Wahrnehmung. 25 Jahre Forschungsverbund „Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland“, hg. von Sebastian Brather, Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte 21), Ostfildern 2014, S. 167–178, hier S. 175: „Die Lex Alamannorum ist jedoch eine im Inselkloster Reichenau entstandene Fälschung und die Datierung sowie der Bezug auf Lantfrid gehören gerade zum Fälschungsbestand. Tatsächlich dürfte die Lex in den Vierzigerjahren des 8.  Jahrhunderts unter Ausnutzung der turbulenten politischen Verhältnisse entstanden sein.“ Darüber hinaus hat Schott seine These auch in seinem einschlägigen Artikel zur Lex Alamannorum, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte  3, Berlin 2014, Sp. 862–869, noch einmal wiederholt: „Diese und eine Reihe weiterer Indizien lassen darauf schließen, dass es sich bei der L[ex Alamannorum] um eine Reichenauer Fälschung handelt.“ – In einem früheren Beitrag (ders., Der Codex Sangallensis 731. Bemerkungen zur Leges-Handschrift des Wandalgarius, in: Thesaurus historiae iuris. Clausdieter Schott zum 75. Geburtstag, hg. von Heiner Lück, Michele Luminati, Marcel Senn und Andreas Thier, Halle a.d. Saale 2011 [zuerst 1993], S. 297–319, hier S. 305 mit Anm. 58), hatte Schott nur en passant auf den Fälschungsverdacht in früherer Literatur hingewiesen. 2 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 281 f. 3 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 276.

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(St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731 und München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4115). Nach dem Aufstieg Pippins zum Königtum im Jahr 751 haben die Mönche auf der Reichenau dann allerdings ein Interesse daran, ihre Fälschung anders zu legitimieren. Sie wollen sie nun nicht mehr regional und herzoglich eng, sondern königlich weit ansiedeln: So schaffen sie in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts eine zweite Fassung, die nicht mehr die Zeiten Lantfrids und eine alemannische Versammlung als Entstehungsrahmen nennt, sondern den fränkischen König Chlothar (mit dem wohl Chlothar II. gemeint ist) und eine eindrucksvolle Versammlung von dessen Großen.4 In dieser Fassung ist der Fälschung dann ein beachtlicher Erfolg beschieden: Noch heute existieren rund 50 Textzeugen der Lex Alamannorum in dieser ChlotharianaFassung.5 Die These ist von hoher Bedeutung. Trifft sie zu, so müssen wir eine Schlüsselquelle zur Geschichte Alemanniens im 8. Jahrhundert deutlich anders interpretieren als bisher. Schotts These hat zudem Konsequenzen für einen weiteren Rechtstext: Bekanntlich weisen die Lex Baiwariorum und die Lex Alamannorum große Parallelen im Text auf. Clausdieter Schott nimmt deshalb an, dass auch die Lex Baiwariorum eine Fälschung sei; die Textgrundlage auch hierfür habe um 750 die Reichenau nach Bayern geliefert.6 Bemerkenswert ist die These aber nicht zuletzt auch mit Blick auf unseren quellenkritischen Umgang mit den Leges insgesamt: Wenn ich recht sehe, kannte man bisher zwar zahllose gefälschte Urkunden, auch falsche Canones, Dekretalen und Kapitularien des Frühmittelalters7 – aber keine einzige in dieser Zeit gefälschte Lex. Angesichts der hohen Bedeutung und Reichweite der These sei es erlaubt, dass im Folgenden nicht ein Rechtshistoriker, sondern ein Allgemeinhistoriker zu den Argumenten Stellung nimmt, die Clausdieter Schott vorgetragen hat. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich halte die These bisher noch für zu schwach belegt, als dass die weitere Forschung darauf aufbauen könnte. Bei aller Differenzierung des Fälschungsbegriffs im Einzelnen,8 gilt doch weiterhin: Das discrimen veri ac falsi ist ein wichtiger Bestandteil unserer Quellenkritik; aber es sind handfeste Argumente notwendig, um ein Dokument zur Fälschung zu erklären.9 Für die Pseudoisidorischen

4 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 283. 5 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 259. 6 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 286. 7 Hier sei nur verwiesen auf die Decretales Pseudo-Isidorianae et Capitula Angilramni, ed. Paul Hinschius, Leipzig 1863; und auf die Kapitulariensammlung des Benedictus Levita (dazu: http://www. benedictus.mgh.de/haupt.htm, zuletzt eingesehen am 8. 1. 2016). 8 Grundlegend hierfür war der Kongreß der MGH, der dokumentiert ist in den Bänden: Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica München, 16.–19. September 1986, 2 Bde. (MGH Schriften 33/I–II), Hannover 1988. 9 Wichtige Grundgedanken zum Nachweis gefälschter Rechtstexte bietet Gerhard Schmitz, Echte Quellen – falsche Quellen. Müssen zentrale Quellen aus der Zeit Ludwigs des Frommen neu bewertet



Die ‚Lex Alamannorum‘ – eine Fälschung von Mönchen der Reichenau? 

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Dekretalen beispielsweise gibt es gleich mehrere solcher handfesten Argumente. Ein so einfaches wie durchschlagendes lautet: Schon in den frühen Papstbriefen der Sammlung wird die Bibel nach einer lateinischen Übersetzung zitiert, die Hieronymus erst ein paar Jahrhunderte später angefertigt hat.10 Ähnlich können wir eine Urkunde bekanntlich dann als Fälschung erweisen, wenn sie Begriffe, Formeln oder Rechtsfiguren enthält, die erst später entstanden sind – oder wenn wir bei einer Originalüberlieferung am Material selbst, in der Schrift, im Layout, im Siegel usw. offenkundige Unstimmigkeiten feststellen. Wir dürfen nun zunächst einmal festhalten: Ein solches handfestes Argument – sei es der inneren, sei es der äußeren Quellenkritik  – hat Clausdieter Schott nicht vorgetragen. Stattdessen hat er eine Art Indizienbeweis geführt. Ich möchte angesichts dessen in meiner Stellungnahme zu der These drei Fragen trennen: 1) Welche Indizien sprechen dafür, die Lex Alamannorum mit der Reichenau in Zusammenhang zu bringen, die Schott für den Ort der Fälschung hält? 2) Welche Indizien sprechen überhaupt dafür, dass wir es mit einer Fälschung zu tun haben? Und schließlich: 3) Welche neuen Schwierigkeiten generiert die Fälschungsthese?

1 Der Weg zur Reichenau Für Schotts Argument ist es zentral, dass er den Text der Lex Alamannorum mit der Reichenau in Zusammenhang bringt. Denn die dortigen Mönche sollen ja, aus kirchlichem Interesse heraus, den Text fabriziert haben. Schon diese Lokalisierung in das Inselkloster freilich bedarf einigen argumentativen Aufwands: Die wohl ältere der beiden Handschriften der Lantfridana-Fassung ist überliefert in einem Codex der Klosterbibliothek nicht der Reichenau, sondern St.  Gallens (Cod. Sang. 73111). Das

werden?, in: Von sacerdotium und regnum. Geistliche und weltliche Gewalt im frühen und hohen Mittelalter. Festschrift für Egon Boshof zum 65. Geburtstag, hg. von Franz-Reiner Erkens und Hartmut Wolff, Köln u.  a. 2002, S. 275–300 (hier in Auseinandersetzung mit jenen weitgehenden Fälschungsthesen, die Elisabeth Magnou-Nortier, La tentative de subversion de l’État sous Louis le Pieux et l’œuvre des falsificateurs, in: Le Moyen Âge 105 (1999), S. 331–365 und S. 615–641, geäußert hat). 10 Vgl. statt anderer nur: Klaus Zechiel-Eckes, Auf Pseudoisidors Spur. Oder: Versuch, einen dichten Schleier zu lüften, in: Fortschritt durch Fälschungen? Ursprung, Gestalt und Wirkungen der pseudoisidorischen Fälschungen. Beiträge zum gleichnamigen Symposium an der Universität Tübingen vom 27. und 28. Juli 2001, hg. von Wilfried Hartmann und Gerhard Schmitz (MGH Studien und Texte 31), Hannover 2002, S. 1–28, hier S. 9, Anm. 30 und S. 10, Anm. 32; der neueste Stand zu den pseudoisidorischen Fälschungen ist repräsentiert in dem Band: Fälschung als Mittel der Politik? Pseudoisidor im Licht der neuen Forschung. Gedenkschrift für Klaus Zechiel-Eckes, hg. von Karl Ubl und Daniel Ziemann (MGH Studien und Texte 57), Wiesbaden 2015. 11 Die Lex Alamannorum ist als Faksimile von Clausdieter Schott nach dieser Handschrift herausgegeben worden: Lex Alamannorum. Faksimile-Ausgabe aus der Wandalgarius-Handschrift von 793.

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andere Manuskript, der Monacensis Latinus 4115, ist paläographisch in ein süddeutsches Skriptorium verortet worden, jedoch ebenfalls nicht auf die Reichenau.12 Der Sangallensis 731 enthält nun gleich drei große Rechtstexte: Die Lex Romana Visigothorum, die Lex Salica und unsere Lex Alamannorum. Zudem kennen wir den Namen des Schreibers: Ein gewisser Wandalgarius nennt sich in einem Schreibervermerk selbst als Kopist des Buches und datiert die Fertigstellung seiner Abschrift auf den Tag genau, nämlich auf den 1. November des Jahres 793;13 außerdem findet sich sogar ein Bild von ihm in dem Buch.14 Bernhard Bischoff hat den Codex paläographisch „in burgundischem Gebiet, möglicherweise in der Westschweiz“ verortet, jedenfalls aber nicht auf der Reichenau.15 Die Sprachkenntnisse erweisen den Schreiber als jemanden, der Romanisch, nicht Germanisch sprach.16 Eine Verbindung zwischen diesem – in St. Gallen überlieferten – Buch und der Reichenau stellt Clausdieter Schott nun auf folgende Weise her:17 Im Reichenauer Verbrüderungsbuch erscheint unter den Namen der Geistlichen des Kanonikerstifts St. Paul in Lyon auch der Name „Wandalgarius“. Der Schreiber Wandalgar, der den Cod. Sang. 731 gefertigt hat, könnte mit diesem Kanoniker aus St. Paul identisch gewesen sein. Wenn die Reichenauer Mönche mit den Kanonikern von St. Paul in Lyon verbrüdert waren, dann zeichnet sich gerade in der Verbrüderung außerdem auch der Weg ab, auf dem Wandalgars Vorlage für die Lex Alamannorum aus Alemannien nach Lyon gekommen sein dürfte. Auf diese Weise hat Schott nicht nur eine Beziehung des Wandalgar-Codex selbst zur Reichenau hergestellt; zugleich hat er auch Wandalgars Vorlage zu einem auf der Reichenau entstandenen Text erklärt!18 Das Szenario, mit dem Schott rechnet, ist nun zwar denkbar; aber es beruht doch gleich auf mehreren unbewiesenen Annahmen. Zunächst einmal: Der Weg, auf dem der Cod. 731 nach St. Gallen kam (nicht auf die Reichenau!), liegt für uns tatsächlich

Cod. sangallensis 731 der Stiftsbibliothek St. Gallen mit Kommentar, Transkription und Übersetzung, 2 Bde. (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft 5b / 3), Augsburg 1993 (mit einer zweiten Auflage 2006); auf Scans des gesamten Codex kann man mühelos zugreifen unter: www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0731/1 (zuletzt eingesehen am 5. 1. 2016). 12 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 259 f., S. 262 f. und S. 264. 13 Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731, p. 342. 14 Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731, p. 234 – mit Beischrift: Wandalgarius fecit hec. 15 Bernhard Bischoff, Panorama der Handschriftenüberlieferung aus der Zeit Karls des Großen, in: ders., Mittelalterliche Studien. Ausgewählte Aufsätze zur Schriftkunde und Literaturgeschichte, Bd. 3, Stuttgart 1981, S. 5–38, hier S. 19; zu dieser Lokalisierung auch Schott, Der Codex (wie Anm. 1), S. 302–304; ders., Lex (wie Anm. 1), S. 263. 16 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 263. 17 Seine Argumente hierfür sind freilich nicht neu, er hatte sie schon 1993 vorgetragen: Vgl. Schott, Der Codex (wie Anm. 1), S. 305 f. 18 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 264.



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leider ganz im Dunkeln.19 Derjenige Wandalgar, der sich als Schreiber unserer Handschrift nennt, muss mitnichten mit dem gleichnamigen Kanoniker identisch sein, der erst eine Generation später, nämlich in den 820er Jahren,20 in das Reichenauer Verbrüderungsbuch eingetragen worden ist. Man sollte zudem beachten, dass dieser Wandalgar in der Reichenauer Liste der Lyoner Kanoniker als vorletzter firmiert.21 Wahrscheinlich ist die Reihung der Namen kein Zufall, sondern spiegelt Wandalgars Rang in der Gemeinschaft wider – ein Rang, der etwa durch das Eintrittsalter definiert gewesen sein könnte. Wenn dem so wäre, dürfte man wohl besonders skeptisch nachfragen: Spricht der vorletzte Platz Wandalgars in der Reichenauer Liste wirklich für eine Identität mit einem Schreiber, der schon rund dreißig Jahre zuvor eine Rechtshandschrift produziert hat und schon damals wohl mindestens das Erwachsenenalter erreicht haben dürfte? Und im Übrigen ist ja ganz grundsätzlich zu fragen: Warum hätten die Reichenauer Mönche, die ja doch ein eigenes Skriptorium betrieben, eine Vorlage eines in dem Inselkloster selbst gefälschten Textes erst mühselig nach Burgund liefern sollen, um sie dort für sich kopieren zu lassen? Warum haben sie sie nicht selbst abgeschrieben – sondern damit einen Mann beauftragt, der ausgerechnet mit der Wiedergabe deutscher Rechtswörter die allergrößten Schwierigkeiten hatte? Und wie soll Wandalgars reichlich fehlerhafte Kopie eigentlich später von Lyon nach St. Gallen gelangt sein? Wichtig ist für uns: Durchaus nicht alle Experten teilen die Auffassung, der Schreiber Wandalgar sei mit dem Kanoniker Wandalgar aus Lyon identisch. Rosamond McKitterick beispielsweise hat die Hypothese geäußert, der Schreiber der Lex könne der Notar eines Grafen gewesen sein,22 der in einer Region lebte, in der Leute nach alemannischem, fränkischem und römischem Recht zusammenlebten; als solcher könnte er den Rechtscodex für einen Grafen geschaffen haben.23 Auch dieses

19 Tatsächlich können wir nicht einmal sicher sagen, ob der Codex vor dem 17. Jahrhundert überhaupt schon in St. Gallen war: Schott, Der Codex (wie Anm. 1), S. 302 f. 20 Im Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau, hg. von Johanne Autenrieth, Dieter Geuenich und Karl Schmid (MGH Necrologia n.s. 1), Hannover 1979, sind auf p. 94 drei Listen mit Namen von Geistlichen aus Lyon verzeichnet: 1) die nomina kanonicorum domus sancti Stephani protomartyris; 2) die nomina kanonicorum ecclesię sancti Iusti; und 3) die hier einschlägigen nomina kanonicorum ecclesię sancti Pauli. Die Seite gehört zur Lage VII, die schon nicht mehr Teil der Anlageschicht des Verbrüderungsbuchs ist, also erst nach 823/24 entstand: Vgl. die Einleitung ebd., S. XXI und die Übersichtstabelle nach S. XL. Da Agobard als Erzbischof die Liste der Geistlichen an der Kathedrale anführt, dürfte die Liste in die Zeit vor seine politisch bedingte Flucht nach Italien im Jahr 834 zu datieren sein. Jedenfalls ist sie aber erst mehr als 30 Jahre nach Wandalgars Kopie der Lex Alamannorum entstanden! 21 Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (wie Anm. 20), p. 94 (C5). 22 Wandalgar nannte sich selbst notarius: Vgl. dazu Schott, Der Codex (wie Anm. 1), S. 307. 23 Rosamond McKitterick, The Carolingians and the Written Word, Cambridge 1989, S. 46; und dies., Some Carolingian Law-Books and Their Function, in: Studies on Medieval Law and Government Presented to Walter Ullmann on His Seventieth Birthday, hg. von Brian Tierney und Peter Linehan, London u.  a. 1980, S. 13–28, hier S. 15  f.

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Szenario ist nicht zu beweisen; aber es ist eben auch keineswegs weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass der Schreiber Wandalgar identisch sei mit einem erst eine Generation später bezeugten Kanoniker in Lyon und seine Vorlage von der Reichenau erhalten habe. Schon um den Codex Sangallensis 731 mit der Reichenau in Verbindung zu bringen, muss Clausdieter Schott demnach dreierlei postulieren: 1) die Identität des Wandalgar von Lyon mit dem Schreiber der Handschrift; 2) einen Auftrag von der Reichenau nach Lyon, der einhergegangen wäre mit der Übersendung einer Textvorlage für die Lex Alamannorum; 3) eine irgendwann später erfolgte Reise des Wandalgar-Codex nach St. Gallen. Die weiteren Indizien aber, die Schott stützend zugunsten einer Verbindung zwischen der Lex Alamannorum und der Reichenau vorträgt, sind wenig belastbar: Der Text der Lex Alamannorum in der Wandalgar-Kopie weise enge Bezüge zu einem anderen Textzeugen aus Süddeutschland auf 24 (das ist nun angesichts des Inhalts wenig erstaunlich – und besagt für sich genommen über einen Bezug der Lex konkret zur Reichenau schlechterdings nichts). Und wenn man sich frage, wo man einen solchen Text habe schaffen können, dann komme die Reichenau mit ihrem Skriptorium gut in Frage25 (das stimmt, schließt aber einen anderen Entstehungsort natürlich keineswegs aus). So dürfen wir als Zwischenfazit festhalten: Ein Bezug des Codex Sangallensis 731 und seiner Vorlage zur Reichenau ist zwar möglich, aber bisher nicht bewiesen. In einem weiteren Schritt hat Clausdieter Schott Indizien zusammengestellt, warum Reichenauer Mönche auf die Idee verfallen sein könnten, die Lex Alamannorum in einer ersten Fassung dem Herzog Lantfrid zuzuschreiben. Hierzu zeigt Schott zunächst, dass der Herzog mitnichten ein Gegner der Reichenau gewesen sei (wie es Teile der früheren Forschung angenommen hatten)26; vielmehr sei Lantfrid selbst an der Gründung des Klosters 724 beteiligt gewesen. Schott vermutet sogar eine „Stiftungsurkunde“ des Herzogs für die Reichenau – eine Urkunde, die allerdings verloren sei. Die Grundlage für diese Annahme, die auch für seine weitere Argumentation noch eine Rolle spielt, ist zweierlei: 1. ein Eintrag im Reichenauer Verbrüderungsbuch, der Lantfrid als einen der Schenker und Gründer des Klosters unter den nomina defunctorum qui presens coenobium sua largitate fundaverunt aufführt;27 2. drei Fälschungen des 12.  Jahrhunderts, nämlich drei vermeintliche Urkunden Karl Martells, die das frisch gegründete Kloster und den Bischof Pirmin unter Karls Schutz stellen und mit Land und Leuten ausstatten  – und dann den dux

24 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 264 f. 25 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 264. 26 Vgl. dazu: Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 265. 27 Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (wie Anm. 21), p. 115.



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Lantfrid und den comes Bertoald mit der Ausführung all dessen beauftragen.28 Diese späten Fälschungen könnten auf einem echten Stück des 8. Jahrhunderts beruhen; und die Nennung Lantfrids und Bertoalds könnte daraus übernommen worden sein.29 Sicher beweisbar ist dies jedoch nicht.30 Nun mag es sein, dass diese (wiederum späten) Indizien ausreichen, um eine gewisse Beteiligung Lantfrids an der Gründung der Reichenau anzunehmen. Die konkrete Existenz einer Stiftungsurkunde Lantfrids aber bleibt auch dann noch Postulat. Wir haben keinerlei textkritische Indizien für dieses Stück. Es mag die Urkunde gegeben haben oder auch nicht; wie sie im Einzelnen aussah, darüber können wir schlicht und einfach nichts Gesichertes sagen. Schon die bisher resümierten Indizien führt Clausdieter Schott nun allerdings zu dem Zwischenfazit zusammen: „Insgesamt dürfte es also kaum noch Zufall sein, dass sich alle hypothetischen Versuchslinien gerade auf der Reichenau kreuzen“;31 und diese Lokalisierung ist dann die Basis, auf der die gesamte weitere Argumentation aufruht. Mir scheint die These einer Verortung der Lex Alamannorum auf der Reichenau zwar möglich, aber weder bewiesen noch auch nur wahrscheinlich gemacht. Wer möchte, der mag glauben an eine Entstehung eines ersten, heute verlorenen Exemplars der Lex Alamannorum Lantfridana auf der Reichenau, das dann in Lyon durch Wandalgar 793 getreu kopiert worden wäre. Wer es nicht möchte, darf aber ohne weiteres auch etwas anderes annehmen. Dies gilt übrigens noch umso mehr, als letztlich gar nicht sicher ist, ob der Wandalgar-Codex aus St. Gallen wirklich die älteste Abschrift der Lex Alamannorum ist: Paläographisch gehört auch der aus Oberitalien stammende Codex Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, 513 Helmst.32 noch ins späte 8. Jahrhundert; er könnte sogar

28 Die drei Urkunden – Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 266, spricht nur von zweien, vgl. aber jetzt den Fund von Rudolf Pokorny, Augiensia. Ein neuaufgefundenes Konvolut von Urkundenabschriften aus dem Handarchiv der Reichenauer Fälscher des 12. Jahrhunderts (MGH Studien und Texte 48), Hannover 2010, bes. S. 23 f. – sind mittlerweile ediert als MGH DD Arnulf. †33–35, hg. von Ingrid Heidrich, Die Urkunden der Arnulfinger, Hannover 2011, S. 72–81. 29 Alles Voranstehende bei Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 266, der hier rekurriert auf die Beiträge in dem Band: Die Gründungsurkunden der Reichenau, hg. von Peter Classen (Vorträge und Forschungen 24), Sigmaringen 1977 (hier besonders Ingrid Heidrich, Der Text der Reichenauer „Gründungsurkunden“, ebd., S. 81–88). 30 Vgl. dazu Heidrich, MGH DD Arnulf (wie Anm. 28), S. 73, die eine „Übernahme aus merowingerzeitlichen Urkunden (Karl Martells vielleicht Theuderichs IV.) für möglich“ hält. Mehr wird man auch nicht sagen dürfen! 31 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 267. 32 Von Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 262  f. u. ö., wegen der Heinemann’schen Nummer als „Wolfenbütteler Codex 560“ zitiert.

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noch vor 793 entstanden sein.33 Wie sich dieser – mit der Reichenau offenkundig gar nicht verbundene, dafür aber vielleicht sogar ältere – Codex mit dem Fälschungsszenario in Einklang bringen lässt, bleibt in Schotts Beitrag offen.34

2 Der Weg zur Fälschung Gestehen wir einmal zu, dass unsere heutige Textüberlieferung der Lex Alamannorum Lantfridana tatsächlich ihren Ursprung auf der Reichenau hatte. Das allein wäre noch kein Argument für eine Fälschung; denn es wäre ja ohne weiteres möglich, dass Mönche der Reichenau früh schon eine Kopie eines Textes hergestellt haben, der – geradeso wie in der Vorrede der Lex beschrieben – zur Zeit des Herzogs Lantfrid von einer Versammlung erlassen worden war. Schott selbst räumt diese Möglichkeit übrigens ganz unumwunden ein.35 Das heißt: Die mühsame Sammlung von Indizien für einen Ursprung unserer heutigen Textüberlieferung auf der Reichenau (in Form der verlorenen Vorlage Wandalgars) besagt über den Entstehungsort des Textes selbst zunächst einmal gar nichts. Sie trägt deshalb auch für sich genommen gar nicht zum discrimen veri ac falsi bei. Tatsächlich führt Schott für die Fälschungsthese denn auch etwas ganz anderes ins Feld. Sein Argument lautet hier nämlich: Der gesamte erste Teil der Lex Alamannorum, der den „Kirchensachen“ gewidmet ist, begünstigt die Kirche in auffälliger Weise. Zumal der erste Titel der Lex sei ungewöhnlich: Danach hat jeder Freie, unbehindert durch ein Beispruchs- oder Widerspruchsrecht, nicht einmal des Herzogs oder Grafen, ein freies und umfängliches Dispositionsrecht über seine Person und sein Vermögen. Programmatisch wird dies damit begründet, dass dem Christen die Erwirkung des ewigen Seelenheils nicht verwehrt werden darf. Zur Beweissicherung wird dem Verfügenden aufgegeben, seine Übereignung durch Urkunde und Zeugenstellung zu bestätigen. Sodann wird jedes Widerrufs- und Rückforderungsrecht sowohl des Verfügenden selbst wie seiner Erben oder auch Dritter ausgeschlossen, und ihnen wird darüber hinaus als Sanktion das Strafgericht Gottes und die Exkommunikation der Kirche angedroht. Außerdem ist das in der jeweiligen Urkunde genannte Strafgeld zu zahlen sowie an die öffentliche Hand das Friedensgeld.36

33 Vgl. die aktuelle Beschreibung von Bertram Lesser unter: http://diglib.hab.de/?db=mss&list= ms&id=513-helmst&catalog=Lesser (zuletzt eingesehen am 10. 1. 2016), wo die Handschrift datiert wird auf „8. Jh., Ende“. 34 Für Schotts weitere Argumentation ist es durchaus wichtig, dass er in dem Wandalgar-Codex die „älteste Textüberlieferung“ greift: vgl. Schott, Lex (wie Anm. 1), S.  268; gerade dies ist aber nicht gesichert. 35 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 275: „Man kann die Möglichkeit nicht ausschließen, daß Herzog Lantfrid mit Zustimmung der alemannischen maiores und einer Volksversammlung tatsächlich ein Gesetz erlassen hat, wie dies im Convenit-Artikel beschrieben ist.“ 36 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 274.



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Wie wichtig und grundlegend dieser erste Titel ist, zeigt sich nach Schott nun gerade auch in der Wandalgar-Handschrift: Denn hier bildet diese wichtige Bestimmung nicht einfach nur den ersten Titulus des Textes der Lex; vielmehr wird die Bestimmung in einem eigenen Abschnitt noch vor dem Verzeichnis der einzelnen Tituli der Lex präsentiert – und auf diese Weise hervorgehoben, ja geradezu hineingezogen in den Bericht über die Entstehung der gesamten Lex. Schott betont: Dies sei keine Entscheidung des Kopisten Wandalgar. Der habe nämlich sehr zügig gearbeitet und lasse auch sonst keinerlei eigene Kreativität im Umgang mit dem Text erkennen. Wandalgar habe folglich nur wiedergegeben, was seine (heute verlorene) Vorlage (die laut Schott ja von der Reichenau kam) ihm schon geboten habe.37 Der zweite Titel führt die Bestimmung des ersten dann eigentlich nur noch prozessual näher aus; und die folgenden 20 Titel handeln im Kern von der „Vermögenserhaltung und [dem] Schutz kirchlicher Personen und Lokalitäten, wobei exorbitante Bußbeträge in Ansatz gebracht werden und auch die Gleichsetzung mit Herzog und König nicht gescheut wird“.38 Es sind der erste, bei Wandalgar noch zudem prominent hervorgehobene Titel und die Gesamttendenz dieses ersten Teils der Lex, die Schotts Fälschungsverdacht nähren: „ein in sich geschlossenes Grundsatzprogramm, das in einer existenziellen Zeitfrage völlig einseitig den Interessen der Kirche Rechnung trägt“.39 Das wiederum hält Schott für einen „gravierenden Einbruch in das Sozialgefüge“ – und deshalb für dringend „erklärungsbedürftig“.40 Und seine Erklärung lautet dann: Ein Text, der so massiv und einseitig „die“ Interessen „der“ Kirche widerspiegelt, kann nur eine Fälschung „der“ Kirche sein. Erst an diesem Punkt kommt endlich auch die zuvor breit diskutierte Herkunft des Textes aus einem Kloster, eben von der Reichenau, zum Tragen. Mit Schotts Worten: „Sollte diesem Text wirklich ein die Kirche privilegierender Beschluss zugrunde liegen, so muss dieser deswegen nicht auch schon im hier formulierten Umfang ergangen sein, das heißt es kann sich auch um einen die Tatsachen verfälschenden Bericht handeln.“41 Wenn ich recht sehe, hat Schott über dieses Argument hinaus, nur noch drei Nebenargumente genannt, die für eine Fälschung sprechen könnten. Sie lauten: 1. Es ist eine frühe Sankt Galler Urkunde schon von 717/718 überliefert, die in ihrer Sanctio textuelle Parallelen zu dem verdächtigen ersten Titulus der Lex aufweist. Auch in weiteren alemannischen Urkunden des 8.  Jahrhunderts finden sich solche Anklänge. Die Chronologie beweise: Diese Urkunden beruhen eben nicht auf der Lex (die ja frühestens 724 entstanden sein kann), sondern: „das Verhält-

37 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 268. 38 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 275. 39 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 274. 40 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 275. 41 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 275.

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nis [ist] ein umgekehrtes, das heißt, die Lex beschreibt lediglich die Beurkundungspraxis“  – und verbindet damit geschickt ihr weitreichendes „Programm der freien Verfügungsbefugnis“.42 2. Es könnte sein, dass die Reichenauer Mönche konkret die Stiftungsurkunde des Herzogs Lantfrid als Grundlage für ihre Fälschung der Lex (und insbesondere des ersten Titels) verwendet haben.43 3. Für bedenklich hält Schott die Formulierung des Incipits: Incipit textus lex Allamanorum qui temporibus Lanfrido filio Godofrido renovata.44 Das „entspricht in keiner Weise einem amtlichen Gesetzesingress“;45 der Text sehe eher aus wie „die Einleitung eines chronikalischen Berichts über ein länger zurückliegendes Ereignis“.46 Hier zeigt sich der Fälscher also selbst in seiner Plumpheit: Ihm gelingt es nicht ganz, in seine eigene Fiktion einzutauchen – und einen „echten“ „Gesetzesingress“ zu schaffen. Schauen wir uns diese Argumente für eine Fälschung näher an. Zum Kernargument wird man konstatieren müssen: Es ist letztlich ein rein inhaltliches. Schott findet es „erklärungsbedürftig“, wie rückhaltlos die Lex den Besitz von Kirchen schützt und wie vorbehaltlos sie Schenkungen an Kirchen ermöglicht. Dahinter steht unausgesprochen der Gedanke: Eine Versammlung alemannischer Laien oder gar der Herzog selbst könnte niemals eine Bestimmung erlassen haben, die so einseitig „die“ Kirche begünstigt. „Frömmigkeit und Kirchenfreundlichkeit“, so behauptet Schott apodiktisch, könnten „als Motive kaum überzeugen“.47 Eine solche Einschätzung ist allerdings ein Relikt des 19.  Jahrhunderts; sie atmet den Geist des Kulturkampfs! „Die“ Kirche (als eine Organisation, die kollektiv bestimmte Interessen hätte und durchzusetzen suchte) ist für das 8. Jahrhundert schlichtweg ein Anachronismus: „Die“ Kirche in diesem Sinne hat es als Akteur in Alemannien in den Jahren um 740 nicht gegeben. Bestenfalls gab es einzelne Kirchen, die ihre je eigenen Interessen vertraten. Und das Gegenüber dieser Kirchen waren keineswegs „die“ Laien, der Herzog, die „weltliche Herrschaft“ oder gar „der Staat“; die Kirchen standen vielmehr auch untereinander in Konkurrenz, und sie kooperierten im Zuge dessen jeweils mit Gruppen von Laien, die sie förderten, beschenkten, verteidigten (und zumindest in manchen Fällen auch selbst besaßen).48 Kurzum: Dem Grundverdacht, den Schott äußert, liegt die alte

42 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 276. 43 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 276. 44 St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod 731, p. 295. 45 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 281. 46 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 276. 47 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 275. – Vgl. im Übrigen zu dieser Perspektive auch ders., Wie alemannisch (wie Anm. 1), S. 175  f., wo die Kirche sogar als „beherrschender Akteur“ bezeichnet wird. 48 Zuletzt auf breitester Materialbasis: Susan Wood, The proprietary church in the medieval West, Oxford 2006; speziell zu Alemannien, hier allzu weitreichende Annahmen korrigierend: Wilfried



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und irreführende Dichotomie von „Staat“ und „Kirche“ zugrunde, die wir heute nicht mehr den Zeitgenossen des 8. und 9. Jahrhunderts unterstellen sollten.49 Denn nach allem, was wir über die Mentalität der Zeit wissen, waren Frömmigkeit, Förderung bestimmter Kirchen, Sorge ums Seelenheil (und um die eigenen Verwandten in einer geistlichen Institution) durchaus Motive für Schenkungen, und zwar gerade auch von Laien. Die Fälschung eines Rechtstextes muss man dafür nicht postulieren; es reicht schon, die immer und immer wiederholten Begründungen ernst zu nehmen, die wir für Schenkungen in Urkunden des 8. Jahrhunderts finden, und zwar gerade auch in Alemannien.50 Schauen wir uns vor diesem Hintergrund schließlich noch die drei Nebenargumente an, die Schott vorgetragen hat: a) In der Tat bestehen gewisse Parallelen zwischen der Poenformel in einem Formular, das mehreren in St. Gallen überlieferten Urkunden zugrunde liegt, einerseits und dem ersten Titulus der Lex Alamannorum andererseits. Das ist aber nicht ganz überraschend; denn in dem Titel wird ja ausdrücklich die Übertragung per carta[m]51 geregelt: Es wird bestimmt, dass in der betreffenden Urkunde die Namen der Zeugen verzeichnet werden sollen  – und die Urkunde selbst in Gegenwart des Priesters der beschenkten Kirche auf den Altar zu legen ist. In Wandalgars Text heißt es dann weiter: et se aliqua persona . aut ipse qui dedit uel aliquis de heredibus eius post hec ipsas res de ipsa ecclesia abstragire uoluerit uel qualiscumque persona hoc praesumpserit facire incurrat in dei iudicio et excomuni-

Hartmann, Die Eigenkirche: Grundelement der Kirchenstruktur bei den Alemannen?, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz et al. (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde, 48 = Quart, 2; Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 71), Leinfelden 2003, S. 1–11. 49 An Grundsätzlichem seien hier stellvertretend für anderes nur die wichtigsten Arbeiten von Mayke de Jong genannt: dies., Sacrum palatium et ecclesia. L’autorité religieuse royale sous les Carolingiens (790–840), in: Annales HSS 58 (2003), S. 1243–1269; dies., Ecclesia and the Early Medieval Polity, in: Staat im frühen Mittelalter, hg. von Stuart Airlie, Walter Pohl und Helmut Reimitz (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse, Denkschriften, 334 / Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 11), Wien 2006, S. 113–132; dies., The Penitential State. Authority and Atonement in the Age of Louis the Pious, 814–840, Cambridge u.  a. 2009; dies., The state of the church. Ecclesia and early medieval State formation, in: Der frühmittelalterliche Staat – europäische Perspektiven, hg. von Walter Pohl und Veronika Wieser (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 386 / Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 16), Wien 2009, S. 241–254. – Vgl. außerdem noch den älteren Beitrag von Johannes Fried, Der karolingische Herrschaftsverband im 9. Jh. zwischen „Kirche“ und „Königshaus“, in: Historische Zeitschrift 245 (1982), S. 1–43. 50 Schon in der zwischen 716 und 721 entstandenen Urkunde Erfoins für St. Gallen heißt es: Ego Erfoinus et filii mei Teotarius atque Rotarius cogitavimus Dei intuitum vel divinam retributionem vel peccatis nostris veniam promereri (ChS Nr. 2); und mit dieser oder einer ähnlichen Begründung wurden im 8. Jahrhundert wieder und wieder Güter an St. Gallen (wie übrigens auch an andere Klöster) tradiert. 51 St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731, p. 296.

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cacionem . sancte ecclesiae et effectum quod incubet non obteniat et multa . illa qui carta contenit persoluat et res illa ex integro redat et fredo in puplico soluat sicut lex habit.52 Unmittelbare wörtliche Parallelen zu dieser Passage gibt es in den von Schott angeführten Urkunden, wenn ich recht sehe, nicht; und die eher inhalt­ lichen als textuellen Anklänge reichen nicht aus, um eine direkte Abhängigkeit in irgendeine Richtung zu beweisen.53 Entscheidend ist aber wohl auch ein ganz anderer Punkt: Wer immer den ersten Titulus der Lex Alamannorum formuliert hat, kannte offenkundig Schenkungsurkunden mit ihren üblichen Bestandteilen, eben Zeugenlisten und Poenformeln; und er war der Meinung, dass eine Schenkung an eine Kirche in schriftlicher Form, mittels einer carta dokumentiert werden sollte. Ein Indiz für eine Fälschung wird man daraus nicht gewinnen können. Der Befund belegt lediglich, dass diejenigen, die die Lex schufen, entsprechende Geschäfte auch aus der Rechtspraxis kannten. Sollten wir damit aber nicht von vornherein rechnen? b) Hier wird für Schott die Stiftungsurkunde Lantfrids für die Reichenau wichtig, deren Existenz er vermutet hat.54 Nur bleibt zu betonen: Diese Urkunde ist nicht überliefert. Es ist methodisch wenig sinnvoll, über mögliche textuelle Abhängig-

52 St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731, p. 296. 53 Ich liste hier der Vollständigkeit halber sämtliche von Schott angeführten Beispiele auf, die zeitlich nach Schotts eigenem Szenario als Vorlage für die Lex Alamannorum in Frage kämen (also aus der Zeit in den Jahren um 735/740 datieren, in denen Schott die Entstehung der Fälschung vermutet hat): ChS Nr.  2 (= UBSG I, Nr.  3): Et si quis, quod non credimus, aliquis de heredibus nostris contra hunc factum nostrum ire vel irrumpere voluerit, inprimis incurrat iudicium dei et solvat auri libras II, et hunc factum nostrum inlesum permaneat stipulatione subnixa; ChS Nr. 3 (= UBSG I, Nr. 2): Si quis vero, quod fieri non credo, si ego ipse aut ullus de heredis meos aut ulla opposita persona, qui contra hanc donationem istam agerit aut infrangere voluerit, inprimis iram dei incurrat et tublum componat, et hec donatio omni tempore firma permaneat; ChS Nr. 4 (= UBSG I, Nr. 5): Si quis vero, quod fieri non credo, si ego ipse aut ullus de heredis meos vel ulla opposita persona, qui contra hanc donationem venire aut agere temptaverit, in primis dei iram incorrat et a communione corporis vel sacerdotum extranius sit et in fisco solvat auri libras duas et argenti pondera quinque et quod petit vendicare non valeat, sed praesens haec carta omni tempore firma permaneat cum extipulatione subnixa; ChS Nr. 5 (= UBSG I, Nr. 40): Si quis autem, quod fudurum ese non gredo, si ego epse aut ullus de eredes meus vel aliquid suposita persona, qui contra anc donationem veneret aut vere temtaveret, inprimis dei ira ingorat, et a comunionis corpuris Christi extranius sit, et solvat in fesco aurum libras duas et argentum pondera quinque, et quod pedit vendicare non valiat, sed presens ec gartola homni tempore ferma et inlisa permaniat cum extibulationem supnixxa; ChS Nr. 6 (= UBSG I, Nr. 4): Si quis vero, quod fieri non credo, si ego ipse aut ullus de heredibus meis, qui contra hanc donationem venire aut agere conaverit, in primis dei ira concurrat, et a communione corporis vel sacerdotum extranios sit et una cum fisco auri libras duas et argenti tres et quod petit vindecare non valiat, sed presens hęc donatio omnem tempore firma permaneat cum estipulationem subnixa. – Die übrigen von Schott genannten Beispiele sind: ChS Nr. 25 (= UBSG I, Nr. 22); ChS Nr. 27 (= UBSG I, Nr. 26); ChS Nr. 116 (= UBSG Nr. 107); ChS Nr. 150 (= UBSG I, Nr. 152); sie stammen allesamt erst aus der Zeit, in der die Lex Alamannorum auch nach Schotts Auffassung bereits existierte. 54 Vgl. oben, bei Anm. 29.



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keiten der Lex von einer Urkunde zu spekulieren, deren Text wir nicht kennen – ja deren schierer Existenz wir uns nicht sicher sein können. c) Dort, wo Schott die Fälscher in ihrer Plumpheit ertappen möchte, kann man zunächst die Gegenfrage stellen: Warum sollten die Fälscher so dumm gewesen sein, nicht einen korrekten „amtlichen Gesetzesingress“ zu produzieren – wo sie doch sonst so raffiniert waren? Wichtiger aber ist ein anderer Punkt: Was genau soll eigentlich ein solcher „amtlicher Gesetzesingress“ für einen Text des 8. Jahrhunderts sein? Das Incipit von Rechtstexten ist in der Überlieferung der Karolingerzeit alles andere als stabil. Die Incipits und Inscriptiones von Kapitularien und Leges können in den verschiedenen Textzeugen recht stark schwanken.55 Auch Wandalgar war übrigens bereit, das Incipit eines Textes selbst und sehr persönlich zu gestalten. Zum eigentlichen Text der Lex Salica beispielsweise lautet sein Incipit: Incipiunt capitula legis salice diae mercoris proximo ante kalendas nouembris . in anno xxvi regni domno nostro gloriosissimo carolo rege.56 Niemand wird behaupten, diese tagesscharfe Datierung in den Oktober 793 habe schon in Wandalgars Textvorlage gestanden; und niemand wird sagen, so könne in einem Textzeugen nicht der Anfang eines dann folgenden zweifellos echten Gesetzestextes aussehen. Um es also überscharf zu formulieren: Wenn wir die Gestaltung des Incipits bzw. der Inscriptiones einerseits und die Präsentation oder Nummerierung des ersten Kapitels eines Rechtstextes in einer Handschrift andererseits als Argumente zugunsten einer Fälschung akzeptieren, dann müssen wir die Echtheit einer sehr hohen Zahl von Kapitularien und anderer Rechtstexte noch einmal überdenken; denn deren Inskriptionen und Kapitelzählungen schwanken in der Überlieferung ebenfalls kräftig.

55 Um nur ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel zu nennen: Ludwigs des Frommen Kapitular von 818/19, das die Leges ergänzt (hg. von Alfred Boretius [MGH Capitularia 1], Hannover 1883, Nr. 139, S. 281–285, hat in der Überlieferung zumeist folgende Inskription: INCIPIUNT CAPITULA QUAE LEGIBUS ADDENDA SUNT, QUAE ET MISSI ET COMITES HABERE ET CETERIS NOTA FACERE DEBENT; in Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 4632, fol. 32v, heißt es statt dessen: HOC EST LEX SALICA QUAE LEGIBUS ADDENDA SUNT, QUAE ET MISSI ET COMITES HABERE ET CETERIS NOTA FACERE DEBENT; in Paris, Bibliothèque Nationale, nouv. acq. Lat. 204, fol. 20v, heißt die Inskription: INCIPIUNT CAPITULA QUAE DOMNUS HLUDOVVICUS SERENISSIMUS IMPERATOR IMPERII SUI [ergänze: ANNO] QUINTO CUM UNIUERSO COETU POPULI A DEO SIBI CONMISSI, ID EST CUM VENERABILIBUS EPISCOPIS ET ABBATIBUS ATQUE COMITIBUS VEL CUM RELIQUO POPULO, IN AQUISGRANI PALATIO PROMULGAVIT ATQUE LEGIS SALIGAE ADDERE ET UNIVERSIS ORDINIBUS SUPERIORIS VIDELICET INFERIORISQUE GRADUS POPULI IMPERII SUI FIRMITER TENERE PRAECEPIT IPSAQUE POSTEA, CUM IN THEODONE VILLA GENERALE CONVENTUM HABUISSET, ULTERIUS CAPITULA APPELLANDA ESSE PROHIBUIT, SED TAMATUM [korrigiert aus amatum, richtig: tantum] LEX DICENDA IMMOQUE EA FIRMISSI ME AB OMNIBUS PRO LEGE TENENDA CUM TOTIUS OPTIMATUM SUORUM CONSILIO PRAECEPIT. – In keinem Falle kann man aus der Bearbeitung der Inskription aber auf die Echtheit des nachfolgenden Textes schließen! 56 Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 731, p. 235.

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 Steffen Patzold

3 Welche neuen Probleme generiert die Fälschungsthese? In einem dritten Schritt bleibt nun noch zu prüfen, inwiefern Schotts Fälschungsthese neue Fragen und Probleme generiert. Hierzu sind zumindest zwei Punkte anzumerken. Zum einen gehen wir in aller Regel methodisch davon aus, dass eine Fälschung einen konkreten Anlass braucht:57 zum Beispiel einen Konflikt um Land oder Rechte, vielleicht auch nur einen Brand, der ältere Urkunden vernichtet hat. In aller Regel jedenfalls reagiert ein Fälscher auf irgendein handfestes, aktuelles Problem, das er eben mit Hilfe der Fälschung zu beseitigen sucht. In Schotts Argumentation fehlt ein solcher konkreter Anlass: Es ist nur sehr allgemein „das“ Interesse „der“ Kirche an Besitz und Sicherheit, das die Fälschung veranlasst haben soll. Warum aber gerade die Reichenau, warum gerade in den Jahren 735/740? Wie und warum also konnte das stets diffus vorhandene Kollektivinteresse der Besitzsicherung und Bereicherung ganz konkret zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt gerade in dem Inselkloster in eine Fälschung münden? Diese Frage erörtert Schott in seinem Beitrag gar nicht näher. Er argumentiert lediglich, dass damals eine Gelegenheit bestanden habe; er argumentiert nicht, welche Not die Mönche damals hätte zur Fälschung treiben sollen. (Und dasselbe Problem wiederholt sich im Übrigen noch einmal in schärferer Form für die zweite angebliche Fälschung, die Lex Baiwariorum.) Die anachronistische Rede von „der“ Kirche und ihren kollektiven Interessen hat für Schotts These demnach noch eine zweite Funktion: Sie verschleiert die Notwendigkeit, konkret orts- und zeitspezifisch zu begründen, welche Probleme die Fälschung denn speziell für die Reichenau in der zweiten Hälfte der 730er Jahre hätte lösen sollen. Schwierigkeiten bereitet zum anderen aber auch das weitere Szenario, das Schott annehmen muss, um seine Fälschungsthese halten zu können: Die Reichenauer müssen nämlich, soll sie These stimmen, gleich auch noch für die Chlothariana-Fassung des Textes verantwortlich sein; und diese Fassung wiederum soll zu tun haben mit der Durchsetzung der Karolinger als Könige. Die Chlothariana-Fassung habe bald nach 751 die hauseigene, ältere Fälschung mit einer neuen, nun königlich-fränkischreichsweiten Legitimität versehen sollen  – und dazu hätten die Reichenauer eben eine Mischung aus Lantfridana-Introitus und Pactus-Introitus hergestellt.58 Nun datieren aber unsere einzigen beiden Textzeugen der Lantfridana-Fassung erst aus den Jahren nach jenem Zeitpunkt der Entstehung der Chlothariana-Fassung, den Schott selbst angesetzt hat. Warum, so muss man daher fragen, sollten ausgerechnet die Reichenauer selbst denn damals überhaupt noch ihre alte, mittlerweile

57 Vgl. Zechiel-Eckes, Auf Pseudoisidors Spur (wie Anm. 10), S. 11. 58 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 283



Die ‚Lex Alamannorum‘ – eine Fälschung von Mönchen der Reichenau? 

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obsolete Fassung als Kopiervorlage nach Lyon und in irgendein süddeutsches Skriptorium geschickt haben? Schott hat dieses Problem selbst gesehen – und es wie folgt zu lösen versucht: Die gleichzeitige Existenz zweier Lantfridana-Handschriften scheint darauf hinzudeuten, dass man auf der Reichenau die ältere Fassung archivierte und später nicht immer mit der nötigen Sorgfalt unter Verschluss hielt. Wahrscheinlich war die Erinnerung an den Werdegang des Gesetzes selbst bereits verblasst.59

Hier wird also Folgendes vorausgesetzt: Die Reichenauer Mönche fälschen um 735/40 eine erste Fassung der Lex Alamannorum und in den 750er Jahren eine weitere Fassung; doch schon eine Generation später weiß niemand in dem Kloster mehr so recht, was damals passiert ist – und man schickt deshalb versehentlich die erste, mittlerweile obsolete Fassung der Fälschung zum Kopieren nach Lyon. Ich muss bekennen: Die Geschichte kennt seltsame Wege, möglich ist vieles; aber als ein unbewiesenes Szenario, das notwendig wird, um ein anderes, ebenfalls unbewiesenes Szenario überhaupt erst möglich zu machen, scheint mir diese Geschichte allzu unwahrscheinlich.

4 Zusammenfassung Am Ende seien die wichtigsten Punkte noch einmal knapp zusammengefasst: 1. Der Bezug einer frühen Fassung des Lex Alamannorum-Textes zur Reichenau, gar die Provenienz des Textes selbst aus diesem Kloster ist nicht bewiesen. Die Hypothese eines Bezugs zwischen der Lex und der Reichenau beruht auf zwei Annahmen, die beide nicht zwingend, ja nicht einmal wahrscheinlich sind: nämlich a) dass der Schreiber Wandalgar des Cod. Sang. 731 identisch sei mit dem gut 30  Jahre später im Reichenauer Verbrüderungsbuch genannten Kanoniker von St. Paul in Lyon; und b) dass dieser Wandalgar dann – mehr als drei Jahrzehnte, bevor er dort ins Verbrüderungsbuch eingetragen wurde – eben von der Reichenau eine ältere Textvorlage erhalten habe. 2. Die Hypothese einer Fälschung ruht nicht auf einem starken Argument der äußeren Quellenkritik, auch nicht auf einer Beobachtung eines handfesten textuellen Anachronismus – sondern allein auf einem weichen, inhaltlichen Argument: „Die“ Kirche werde in der Lex Alamannorum ungewöhnlich stark bevorteilt. Dieses Argument setzt implizit in anachronistischer Weise die Dichotomie von Staat und Kirche ebenso voraus wie ein Kollektivinteresse „der“ Kirche. Dagegen macht Schott kein konkretes Fälschungsinteresse speziell des Klosters Reichenau in den späteren 730er oder frühen 740er Jahren namhaft, das die Fälschungstat

59 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 283.

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 Steffen Patzold

überhaupt erst plausibilisieren könnte. Dabei hält Schott in einem normativen Text etwas für nur durch eine Fälschung erklärlich, was in der Rechtspraxis derselben Zeit nach Ausweis etlicher Schenkungsurkunden durchaus möglich war. 3. Das von ihm vorgeschlagene Szenario ist zwar möglich, aber nicht bewiesen  – und ruht auf der Annahme gleich zweier Dokumente, deren Existenz nicht belegt ist (der Stiftungsurkunde Lantfrids für die Reichenau und einer ersten Reichenauer „Urfassung“ der Lex Alamannorum). Zugleich generiert dieses Szenario neue Schwierigkeiten: Auch die Lex Baiwariorum müsste dann eine Fälschung sein (ohne dass die dahinterstehenden Interessen konkreter erkennbar würden); und die Reichenauer Gemeinschaft müsste ihre eigene Fälschung schon im Laufe nur einer Generation wieder vergessen und versehentlich die falsche Fassung zum Kopieren nach Lyon versandt haben. So bleibt als Fazit: Clausdieter Schott hat keine zwingenden quellenkritischen Gründe vorgetragen, die Lex Alamannorum (und in der Folge auch die Lex Baiwariorum) als Fälschungen einzuordnen. Solange wir hierfür keine zwingenden Gründe haben, sollten wir von der Echtheit der Texte ausgehen – geradeso wie auch schon all jene Zeitgenossen des 8. und 9. Jahrhunderts, die den Text kopierten und verwendeten.

Wolfgang Haubrichs

Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 1 Die Überlieferung und ihre Variation Das „Volksrecht“ der Alamannen (oder ist es ein „Herzogsrecht“?), irgendwo im alemannischen Bereich im früheren 8. Jahrhundert entstanden – die näheren Umstände sind umstritten  –, die Lex Alamannorum (LA) also, ist mit ältesten Handschriften erst seit dem ausgehenden 8.  Jahrhundert vertreten.1 Es klafft somit eine erheb-

1 Vgl. zur ‚Lex Alamannorum‘ Karl Lehmann, Zur Textkritik und Entstehungsgeschichte des alamannischen Volksrechtes, in: Neues Archiv 10 (1885), S. 467–505; Bruno Krusch, Die Lex Bajuvariorum, Berlin 1924, S. 305–333; ders., Neue Forschungen über die drei oberdeutschen Leges: Bajuvariorum, Alamannorum, Ribuariorum, Berlin 1927, S. 107–142; Franz Beyerle, Rezension Bruno Krusch (1924), in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 45 (1925), S. 416–457; ders., Die süddeutschen Leges und die merowingische Gesetzgebung, in: ebd. 49 (1929), S. 264–432, besonders S.  268  ff.; ders., Die beiden süddeutschen Stammesrechte, in: ebd. 73 (1956), S.  84–140; ders., Das Kulturportrait der beiden alamannischen Rechtstexte: Pactus und Lex Alamannorum (1956), in: Zur Geschichte der Alemannen, hg. von Wolfgang Müller, Darmstadt 1975, S. 126–150; Georg Baesecke, Die deutschen Worte der germanischen Gesetze, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB) 59 (1935), S. 1–101, hier S. 18  f., 26–33; Hans-Kurt Claussen, Die Beziehungen der Lex Salica zu den Volksrechten der Alemannen, Bayern und Ribuarier, in: Zeitschrift der SavignyStiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 56 (1936), S. 352–359; KarlWeller, Geschichte des schwäbischen Stammes bis zum Untergang der Staufer, München/Berlin 1944, S. 88  f.; Karl August Eckhardt, in: Leges Alamannorum, Bd.  I: Einführung und Recensio Chlothariana (Pactus), Göttingen 1958; ders., in: Leges Alamannorum, Bd.  II: Recensio Lantfridana, Witzenhausen 1962; Rudolf Buchner, Die Rechtsquellen (= Wattenbach-Levison, Deutschlands Geschichtsquellen in Mittelalter ‒ Vorzeit und Karolinger, Beiheft), Weimar 1953, S. 29–33; Ruth Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch in Pactus und Lex Alamannorum, in: Beiträge zum frühalemannischen Recht, hg. von Clausdieter Schott, Bühl/Baden 1978, S. 9–37; dies., Christentum und pagane Religiosität in Pactus und Lex Alamannorum, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. Von Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann, Leinfelden-Echterdingen 2003, S. 113–124; Clausdieter Schott, Pactus, Lex und Recht, in: Die Alemannen in der Frühzeit, hg. von Wolfgang Hübener, Freiburg i. Br. 1974, S. 135–168; ders., Zur Geltung der Lex Alamannorum, in: Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen. Forschungen und Fragen zur gesamtalemannischen Geschichte, hg. von Pankraz Fried und Wolf-Dieter Sick, Augsburg 1988, S. 75–105; ders., Lex Alamannorum, in: Handwörterbuch zur Rechtsgeschichte, Bd. II (1978), Sp. 1879–1886; ders., Lex Alamannorum, in: Lexikon des Mittelalters 5 (1991), Sp. 1927  f.; ders., Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text ‒ Übersetzung ‒ Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift (Codex Sangallensis 731), Augsburg 1993; ders., Lex und Skriptorum ‒ Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie

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 Wolfgang Haubrichs

liche Lücke zwischen der präsumtiven Entstehungszeit und der frühesten Überlieferung.2 Es gab im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica zwei Editionen der LA: 1. Johannes Merkel 1863 (Neudruck 1965),3 2. Karl Lehmann 1888 (Neudruck 1966, besorgt von Karl August Eckhardt).4 Dazu kam ‒ nach seiner Studienausgabe von 1934 ‒ die Ausgabe der ‚Lex Alamannorum‘, Bd. II (Recensio Lantfridana) durch Karl August Eckhardt von 1962, die freilich nur eine sehr begrenzte Auswahl von Varianten der Überlieferung gibt.5 Ausgaben haben sich in quasi Lachmann’scher Manier bemüht, einen ‚Urtext‘ der LA herzustellen (bei dem aber unsicher ist, ob es ihn denn je gegeben hat). Obwohl die textkritischen Beobachtungen und Variantenangaben von Merkel immer noch wertvoll sind, ist man in der Forschung doch im Wesentlichen der Einteilung von Lehmann gefolgt, der eine Anzahl von Handschriften als ‚original‘-nähere A-Klasse abtrennte, und eine B-Klasse konstituierte,6 die Versionen umfasst, welche das ältere Latein, gewissermaßen das „latin parlé“ der A-Klasse im Sinne der Latinitätsvorstellungen der karolingischen Reformer überarbeiteten.7 Diese Einteilung ist später nur geringfügig (etwa bei der Handschrift B8) revidiert worden. Die B-Klasse freilich bedürfte noch genauerer stemmatologischer Untersuchungen. Sie ist nicht einheitlich. Die A-Klasse enthält folgende dreizehn Handschriften8:

Distler, Berlin 2005, S. 257–290; Raymond Kottje, Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum, in: Die transalpinen Verbindungen der Bayern, Alemannen und Franken bis zum 10. Jahrhundert, hg. von Helmut Beumann und Werner Schröder, Sigmaringen 1987, S. 359–377; Harald Siems, Zu Problemen der Bewertung frühmittelalterlicher Rechtstexte, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 106 (1989), S. 291–305; Raffaele de Rosa, Quod Alamanni dicunt I. Lo studio dei termini antico alto tedeschi della Lex Alamannorum (VIII secolo), Padova 1999; ders., Quod Alamanni dicunt II. I manoscritti della Lex Alamannorum e il loro lessico antico alto tedesco, Padova 2001; Wilfried Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten im 8.  Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. Von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz, Ostfildern 2004, S. 313–333. 2 Vgl. die Aufsätze von Clausdieter Schott und Steffen Patzold in diesem Band. 3 Leges Alamannorum, hg. von Johannes Merkel (MGH, Leges III), Hannover 1863 [Neudruck: Stuttgart 1965], S. 1–182. 4 Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann (MGH, Legum Sectio I: Leges Nationum Germanicarum V, 1), Hannover 1888 [2. Aufl. besorgt von Karl August Eckhardt, Hannover 1966]. 5 Leges Alamannorum, hg. von Karl August Eckhardt (Germanenrechte: Neue Folge, Westgermanisches Recht), Bd. II. Recensio Lantfridana (Lex), Witzenhausen 1962. 6 Lehmann, in: Leges Alamannorum (wie Anm. 4), S. 11  f. 7 Vgl. zum gesprochenen Latein der Spätantike und der Merowingerzeit Michel Banniard, „Viva voce“ Communication écrite et communication orale du IVe au IXe siècle en Occident latin, Paris 1992. 8 Allgemein zu den Handschriften der A-Klasse. Lehmann, in: Leges Alamannorum (wie Anm.  4), S. 12–14; Eckhardt, in: Leges Alamannorum I (wie Anm. 1), S. 9–12; Kottje, Zum Geltungsbereich (wie Anm. 1), S. 371–375; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 16–24.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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A1 St. Gallen 731, geschrieben 793 vom Schreiber Wandalgarius, vermutlich im burgundischen Reichsteil des Frankenreichs, evtl. (nach Bernhard Bischoff) in der Suisse Romande,9 jedenfalls stark (z.  T. bis zur Unverständlichkeit) romanisch überformt, was sich auch auf die volkssprachlichen Wörter auswirkte. A2 München S.B. lat. 4115, 9. Jh. erstes Viertel, Süddeutschland (später Augsburg)10 A3 Wien N.B. 502, 10. Jh., Süddeutschland (mit alem. Glosse, Reichenau?)11

9 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 316; Bernhard Bischoff, Panorama der Handschriftenüberlieferung aus der Zeit Karls des Großen, in: Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben, Bd. II. Das geistige Leben, hg. Von Bernhard Bischoff, Bd. II, Düsseldorf 1965, S. 233–254, hier S. 242, 250; Kottje, Zum Geltungsbereich (wie Anm. 1), S. 371–377; Codices Latini Antiquiores, hg. von E. A. Lowe, Oxford 1934  ff., Bd. VII, Nr. 950; Kurt Holter, Der Buchschmuck in Süddeutschland und Oberitalien, in: Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben, Bd. III, hg. von Wolfgang Braunfels und Hermann Schnitzler, Düsseldorf 31966, S. 74–114, hier S. 80; Rosamund McKitterick, The Carolingians and the Written Word, Cambridge 1989, S.  46; Schott, Lex Alamannorum (wie Anm.  1), S.  25–33; ders., Der Codex Sangallensis 731. Bemerkungen zur Leges-Handschrift des Wandalgarius, in: Überlieferung, Bewahrung und Gestaltung in der rechtsgeschichtlichen Forschung, hg. Von Stephan Buchholz, Paul Mikat und Dieter Werkmüller, Paderborn 1993, S. 297–319; ders., Lex und Skriptorium (wie Anm. 1), S. 263  f., 268  f.; Hubert Mordek, Bibliotheca capitularium regum Francorum manuscripta. Überlieferung und Traditionszusammenhang der fränkischen Herrschererlasse, München 1995, S.  670–676; Karl Schmuki, Die Wandalgarius-Handschrift mit der ‚Lex romana Visigothorum‘, der ‚Lex Salica‘ und der ‚Lex Alamannorum‘, in: Cimelia Sangallensia. Hundert Kostbarkeiten aus der Stiftsbibliothek St. Gallen, hg. von K. Schmuki, Peter Ochsenbein und Cornel Dora, St. Gallen 1998, Nr. 13, S. 36  f. und 215; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 68–70; Detlef Liebs, Legis Romanae Visigothorum Epitomen Sangallensem traditam in codice 731 bibliothecae dictae Stiftsbibliothek descriptio …, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Romanistische Abteilung 129 (2012), S.  1–112, hier S.  1–9. Die in der Forschung vertretene Identifizierung mit einem in der Reichenauer Memorialüberlieferung als Kanoniker von St. Paul in Lyon auftretenden Homonymen lässt sich nicht beweisen; vgl. Pierre Ganivet, L’épitomé de Lyon, in: Le Bréviaire d’Alaric, Paris 2008, S.  279–328, hier S. 282  f. 10 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 316  f.; Rudolf Buchner, Textkritische Untersuchungen zur Lex Ribvaria, Stuttgart 1940, S. 56–59; Bernhard Bischoff, Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, Teil II. Die vorwiegend österreichischen Diözesen. Wiesbaden 1980, S.  15–17; ders., Katalog festländischer Handschriften des 9.  Jahrhunderts, Teil  II, Wiesbaden 2004, S.  226 Nr.  2961; McKitterick, The Carolingians (wie Anm.  9), S.  48; Mordek, Bibliotheca (wie Anm.  9), S.  305–307; Schott, Lex und Scriptorium (wie Anm.  1), S.  264  f.; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 19–22. Auf Fol. 1r wurde im 9. Jahrhundert eine wohl memorialen Zwecken dienende Liste mit rhein- oder mittelfränkischen Namen eingetragen; vgl. dazu Rudolf Schützeichel, Die Personennamen der Münchener Leges-Handschrift Cl. 4115, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 32 (1968), S. 50–85. Zu vermerken ist, dass bei Nr. 4 purislac in pulislac korrigiert wurde. 11 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm.  1), S.  314  f.; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 62  f.; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 907  f.; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 39–41.

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 Wolfgang Haubrichs

A4 Vaticanus Reg. lat. 520, Fol. 111–120, 9. Jh. Mitte, vermutlich Frankreich (später Fleury)12 A5 Paris B.N. Lat. 4759B, 9.Jh. zweites Viertel, westliches Rheinland oder Ostfrankreich13 A6 Modena, Biblioteca Capitolare O.I.2, 9.  Jh. zweite Hälfte, Oberitalien (wohl Modena), mit A7 ein Abkömmling der Leges-Redaktion, die Lupus von Ferrières in den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts wohl in Fulda erstellte14 A7 Gotha, Forschungsbibl. Memb. I 84, Teil II, 10./11. Jh. Mainz15 A11 Wolfenbüttel Gudianus 327, 9. Jh. Beginn, Nord-Ost-Frankreich16

12 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 315, 323; McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 53; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 827–830; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 86  f. 13 McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 49; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 65–67. 14 Adolf Hofmeister, Marken und Markgrafschaften im italischen Königreich in der Zeit von Karl dem Grossen bis auf Otto den Grossen (774–962) (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsbd. 7), Innsbruck 1907, S. 316–328, besonders S. 318; Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 110–113; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 63–65; Massimo Fornasari, Collectio canonum Mutinensium, in: Studia Gratiana 9 (1966), S.  245–356, hier S.  251; Giuseppe Russo, Leggi longobarde nel’codice O. I. 2 della Biblioteca Capitolare di Modena, in: Atti del VIe Congresso Internazionale di Studi sull’Alto Medioevo, Bd.  2, Spoleto 1980, S.  607–621, hier S. 608  f., 615  f.; McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 55, 246–250, 260; François Bougard, La justice dans le royaume d’Italie de la fin du VIIIe siècle au début du XIe siècle, Rome 1995, S. 30  f.; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 256–268 [Lit.]; Harald Siems, Textbearbeitung und Umgang mit Rechtstexten im Frühmittelalter. Zur Umgestaltung der Leges im Liber legum des Lupus, in: Recht im frühmittelalterlichen Gallien, hg. von Harald Siems, Karin Nehlsen-von Stryk und Dieter Strauch, Köln, Weimar, Wien 1995, S. 29–72, hier S. 50–72 [skeptisch zur Identität des Lupus des ‚Liber legum‘ mit Lupus von Ferrières]; Annalisa Bracciotti, Origo gentis Langobardorum (Bibliotheca di cultura romanobarbarica 2), Roma 1998, S.  57–64; de Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm.  1), S.  81  f. [keine Autopsie]; Walter Pohl, Werkstätte der Erinnerung. Montecassino und die Gestaltung der langobardischen Vergangenheit, Wien, München 2001, S. 122–129 [mit der Korrektur der in der Forschung üblichen Datierung auf a. 991]. Ohne überzeugende Gründe kehrt dagegen zurück zur alten Datierung in das Ende des 10. Jahrhunderts Oliver Münsch, Der Liber legum des Lupus von Ferrières (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte 14), Frankfurt a.M. 2001, S. 71–76. 15 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm.  1), S.  113–119; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 65–67; McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 55; Bougard, La justice (wie Anm. 14), S. 31; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 131–149, besonders S. 136; Siems, Textbearbeitung (wie Anm.  14), S.  50; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm.  1), S.  83  f.; Münsch, Liber legum (wie Anm. 14), S. 76–80; Bischoff, Katalog (wie Anm. 10), S. 297. In Gotha Memb. I 84, einer „der bedeutendsten Rechtskompilationen des Frühmittelalters“ (H. Mordek), findet sich über den Liber legum des Lupus hinaus (Teil III und partiell Teil IV) Kapitularien (vor allem Teil I) und die ‚Lex Romana Visigothorum‘ (Teil III). 16 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 314; Eckhardt, in: Leges Alamannorum (wie Anm. 1), S. 8  f. [weithin B-Text]; Bischoff, Panorama (wie Anm. 9), S. 238; McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 50; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 56  f. Vgl. Anm. 22.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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A8 Wolfenbüttel 560 (Helmstedt 513), um 800, nur LA, aus „dem besonders ansehnlichen oberitalienischen Skriptorium, das wohl in Verbindung mit der Residenz König Pippins (781–810) gesehen werden muss“ (B. Bischoff).17 A9 Paris BN lat. 4404, 9. Jh. Anfang (nach 804), hofnah entstanden, wohl Tours18 A10 St. Gallen 729, 9.  Jh. erstes Viertel, Frankreich (wohl Leges-Skriptorium in Hofnähe)19 A12 Paris BN lat. 10753, 9. Jh. Mitte bis zweite Hälfte, Frankreich (Burgund; Provenienz Saint-Lomer zu Blois 12. Jh.), fragmentarisch20 Nach dem Erscheinen der Ausgabe von Lehmann wurde noch eine Handschrift der B-Gruppe als zugehörig zu A entdeckt: B8a Trier Stadtbibl. 843/120, 9. Jh. Echternach, nur LA (teilweise A)21

17 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm.  1), S.  313, 320; Eckhardt, in: Leges Alamannorum  I (wie Anm. 1), S. 9; Bischoff, Panorama (wie Anm. 9), S. 250; Schott, Lex und Scriptorium (wie Anm. 1), S. 262, 283; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 75  f. 18 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm.  1), S.  313  f., 320; ders., Neue Forschungen (wie Anm.  1), S.  180–188, besonders S.  183–186; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm.  10), S.  61  f.; McKitterick, The Carolingians (wie Anm.  9), S.  36, 45 [„possibly belonging to a magnate or court official“], 57; Detlef Liebs, Römische Rechtstexte im spätantiken Gallien, in: Recht im frühmittelalterlichen Gallien (wie Anm. 14), S. 18  f. Anm. 105; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 456–463, besonders S. 459  f. [mit Betonung der Verwandtschaft zu der LA-Einzelhandschrift A8]; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 43–45. Ferner Rosamund McKitterick, Some Carolingian law-books and their function, in: Authority and Power. Studies on Medieval Law and Government presented to Walter Ullman, hg. von Brian Tierney und Peter A. Linehan, Cambridge 1980, S. 13–27, hier S. 16. 19 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 314; ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 177–180; McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 43, 49, 57; Schott, Lex und Scriptorium (wie Anm. 1), S. 272; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 668–670; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 45–47. Vgl. zum Leges-Scriptorium Bernhard Bischoff, Die Hofbibliothek unter Ludwig dem Frommen, in: ders., Mittelalterliche Studien, Bd. 3, Stuttgart 1981, S. 170–186, hier S. 280; ferner Rosamund McKitterick, Zur Herstellung von Kapitularien: Die Arbeit des Leges-Skriptoriums, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 101 (1993), S. 3–16, hier S. 10  f. 20 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 311–313, 323  f.; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 59  f.; Eckhardt, Leges Alamannorum I (wie Anm. 1), S. 11, 43  ff.; McKitterick, The Carolingians (wie Anm.  9), S.  50, 55; dies., Zur Herstellung von Kapitularien (wie Anm.  19), S.  12; Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 9), S. 6–10; Mordek, Bibliotheca (wie Anm. 9), S. 581–585, besonders S. 584  f.; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 70–72. Die Hs. ist am Schluss defekt. 21 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 315  f.; Eckhardt, Leges Alamannorum II (wie Anm. 5), S. 9; Rainer Nolden, Epternacensia in Stadtarchiv und Stadtbibliothek Trier, in: Hémecht 37 (1985), S. 87–129, hier S. 117  f.; De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), S. 22–24. Die Hs. B8 gehörte ursprünglich zur A-Klasse und wurde erst durch Überarbeitung zu einer B-Handschrift. In untenstehender Matrix werden für B8 nur die Varianten des A-Textes berücksichtigt (im Gegensatz zu De Rosa). Zur B-Klasse vgl. auch McKitterick, Some Carolingians Law-Books (wie Anm. 18), S. 17–19, 25–26.

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Die eindringlichste textkritische Untersuchung hat der A-Klasse 1924 und nochmals 1927 Bruno Krusch gewidmet, gewiss in dem ihm eigentümlichen polemischen Impetus, aber doch wohl im Wesentlichen richtig gesehen (wenn ich mir auch eine gewisse ‚reservatio mentalis‘ im Hinblick auf die Stellung der Handschrift A11 erlaube).22 Er hat diese Untersuchungen in einem Stemma-Versuch wie folgt wiedergegeben23 (Abb. 1). Ohne dass ich sehr umfassende Nachprüfungen des lateinischen Textes vorgenommen habe, scheint mir doch Kruschs Schema weitgehend korrekt, auch im Hinblick auf die volkssprachlichen Wörter. Einige Beispiele: Die Y-Gruppe Kruschs scheidet sich von *X durch die Aufnahme des Titels XXXIII, der in allen *X-Hss. (einschließlich der B-Klasse) fehlt. Dieses capitulum, das inhaltlich von Schlägereien am herzoglichen Hofe handelt, ist eine Novelle, die in die wohl leicht spätere Y-Redaktion einging.24 Die Einteilung in die Zweige *X und *Y ist auch durch die rasch einsetzende Einzelkritik von Franz Beyerle und Rudolf Buchner nicht grundsätzlich betroffen worden. Kleinere Beobachtungen, die zum Teil auch schon Krusch gemacht hatte, kommen hinzu: In Titel XXII,1 (Zinszahlungen von liberi ecclesiastici) lässt die *Y-Version, um den Text verständlicher zu machen, die Formel per iussionem weg.25 Eine offenbare Lücke hat die Y-Überlieferung in LXXVII, 1 (Brandstiftung), wo ihre sämtlichen Vertreter eine größere Wortgruppe überspringen, was einige Handschriften, die eine eigene Untergruppe bilden, dann an falscher Stelle zu bessern suchen.26 In

22 Vgl. zur Stellung der Hs. A11 Lehmann, in: Lex Alamannorum (wie Anm. 4), S. 13, 15. Der Text der LA ist hier von zwei Schreibern geschrieben worden, einmal nach einer A-Vorlage, zum andern nach einer B-Vorlage (von Lehmann als B11 geführt). Von den volkssprachlichen Wörtern ist für A nur Nr. 1 haist hendi relevant. 23 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 323; ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 122  ff. Die Kritik von Franz Beyerle (vgl. wie Anm. 1) ist nicht überzeugend. Allerdings muss man auch Kruschs Hochschätzung der fragmentarischen Handschrift A12 mit der Reserve versehen, dass diese im Wortlaut von manchen Romanismen durchsetzt ist (von denen mit Krusch freilich einige, durch weitere Lesarten gestützte in den Archetyp gehören können). Eckhardt, Leges Alamannorum II (wie Anm. 5), S. 9 will sich im Wesentlichen für die Textherstellung auf 6 Handschriften beschränken: aus *X eben A12 (der „der erste Platz gebührt“), „die Schwesterhandschriften A8 und A9“ (mit „sehr beachtlichem Text“), aus *Y A1 mit A2 und schließlich A3 („interessante Lesarten“). Diese Reduktion scheint mir textgenetisch nicht geboten. Vgl. zur Bewertung der Forschungsgeschichte Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 15  f. 24 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 317; ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 133. 25 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 83: Textvergleich *X: Si quis legitime tributum antesteterit per iussionem iudicis sui wird zu *Y Si quis legitimum tributum antesteterit iudice/i suo. A5 rekomponiert (wohl aus anderer Quelle): per iussione iudici. 26 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 141: Textvergleich führt z.  B. zu einem schwer verständlichen Text: Si quis stuba, ovilem, porcaritia domum aliquis concremaverit, unicuique [fehlt in *Y cum 3 solidis componat et similem restituat. Servi] domum si incenderit, cum 12 solidis componat. Die Auslassung führt in A3, A4 und A6/7 zu unterschiedlichen Reparaturen.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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Abb. 1: Stemma der Handschriften (nach Krusch, Lex Bajuwariorum [wie Anm. 1], S. 323).

der *X-Version wiederum fehlt z.  B. in Titel LXXXI (Grenzstreit) vor der ersten rituell zu sprechenden Formel charakteristischerweise dicit; in der Untergruppe A8/9 [= Krusch *a] fehlt die Wortgruppe et ubi alii voluerint.27 Letztere Handschriften lassen auch, was noch schwerer wiegt, Titel  VII (Tötung eines servus ecclesiae) aus.28 Bei den volkssprachlichen Wörtern zeichnet sich die *X-Version dadurch aus, dass sie lith-scardi ‚Gliedverletzung‘ in Titel LVII, 10 (Typen der Ohrverletzung) zu scardi ‚Verletzung, Scharte‘ verallgemeinert, was dann A9 singulär falsch zu scard-lithdi neu zusammenbastelt, während B8a (und weitere B-Handschriften) kontextgemäß zu orscardi ‚Ohr-Verletzung‘ repariert.29 A8/A9 gehen auch hier mehrfach zusammen, z.  B. in Titel IX (bewaffneter Überfall auf den Hof des Bischofs) haixtera mit Graphie ; oder in Titel LVII, 35 (Armverletzung ohne äußerlich sichtbare Zeichen am palc, an der Haut) palhcprust. Die ‚königliche‘ Handschrift A10 = Sang. 729 aus einer westfränkischen hofnahen Leges-Werkstatt (1. Viertel 9. Jh.) qualifiziert sich durch allerlei Romanismen wie den Vokalvorschlag vor [sk] in eschardi (Titel LVII, 10: Ohrverletzung) bzw. Hinzufügung von sinnentleertem, in der Romania nicht mehr verstandenem (LVII, 62),30 Addition von funktionslosem , etwa in zanh (Titel LVII, 22: Zahnverletzung), und offenbart ihr Unverständnis gegenüber den theodisken Wörtern durch Verwandlung von tau-tragil ‚Tau-Schleifer‘ zu sinnlosem thautsagil (Titel LVII, 62) und Verstümme-

27 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 145: es handelt sich um die Hss. A8/9 und A10, wobei die Schwesterhss. A8/9 in den Einsparungen noch weiter gehen. 28 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 74. 29 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 118. 30 Falsch erklärt als „Abschwächung von orscardi“ bei Annette Niederhellmann, Arzt und Heilkunde in den frühmittelalterlichen Leges. Eine wort- und sachkundliche Untersuchung, Berlin, New York 1983, S. 281; ebenso falsch als Rest eines Präfixes ahd. e(n)-, in- bei De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 76; II (wie Anm. 1), S. 45. Betroffen ist bei z.  B. thau in A10 < germ. *dawwa‘Tau‘, vorahd. oberdt. tau: Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 127.

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lung von laidi-hunt ‚Leit-hund‘ zu laidi (Titel LXXVIII, 3). Auch die von der Textkritik hochgeschätzte Handschrift A12, aus Frankreich stammend, weist im volkssprach­ lichen Wortschatz manche Korruptelen (haverterecante < haisterahante, mors- < morth-, puri- < puli-) auf. Die Y-Version hat dagegen alte Romanismen korrigiert, z.  B. romanisch quare (Titel LXXXX, 3) zu quia.31 Innerhalb der Y-Überlieferung hat Krusch zu Recht den beiden Handschriften A1/A2, die alleine den Lantfrid-Prolog überliefern, eine Sonderstellung zugewiesen und sie zu einer Version L verbunden,32 die allerdings mit A3 in enger Verwandtschaft steht, mit der zusammen sie die beiden Paragraphen XCVII, 3–4 aus dem Pactus importiert.33 In Titel LXIII (Augenverletzung des Pferdes) schreiben sie alle drei in problematischem Latein: Si equum [Akk.] … oculum excusserit) („Wenn er das Pferd ein Auge ausschlägt“) statt sonst (wohl gebessert) equo (Dativ).34 Eine Sonderstellung, die zu berücksichtigen ist, hat trotz vieler ‚guter‘ Lesarten A1 = Sang. 731.35 Nahezu unendlich ist die Zahl der Romanismen, die dem Schreiber Wandalgarius in die Feder flossen: z.  B. neben anderen Sonorisierungen auch Anlautsonorisierung barrocia statt parochia mit [p] (Titel X),36 Verwechslung von [i] und [e], [u] und [o] in facire statt facere (Titel XXXV),37 rus statt ros (Titel LVII, 62),38 pastur statt

31 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 144. Vgl. Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 169; ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 137; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 14–16. 32 Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 316  ff.; ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 137. Zur Datierung vgl. Eckhardt, Leges Alamannorum II (wie Anm. 5), S. 7–10. 33 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 156. Vgl. Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1), S. 320. Titel XCVIII (wohl eine Novelle) haben dagegen A1/2 (mit B15) alleine. 34 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 132. 35 Zu den Romanismen in A1 vgl. auch bereits Lehmann, in: Leges Alamannorum (wie Anm. 4), S. 12: „Sermo valde corruptus est“ (mit vielen Beispielen) und „Verba vernacula propriam suam formam habent“. Ferner: McKitterick, The Carolingians (wie Anm. 9), S. 43 („Sometimes such variations can be attrituted to unintelligent copying, but the results on occasion are so hair-raisingly misleading, as in Wandalgarius‘ confusion of hereburgii and rachinburgii in St. Gall 731“, wobei hier eher Unverständnis und der Wille zur Verbesserung die Hand geführt haben dürften); Schott, Codex Sangallensis 731 (wie Anm. 9), S. 303 („vulgärromanischer Duktus des Textes“ mit Beispiel p. 294 tutti insemul sunt anni mit seinem quasi italienisch anmutenden tutti statt klassisch *toti insimul sunt anni); dazu die Bemerkungen des Herausgebers im Apparat. 36 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 90. Vgl. dazu in der Capitulatio von A1 bei cap. VIIII barrociano statt parrociano; ferner Titel  XXVII sagramentum (S.  100), Titel LVII, 33 fogus < focus (S. 130); auch artigulus ‚Zehe‘ statt articulus in Titel LVII, 64 (ebd. S. 74, 134); Titel XLII gam für iam (S. 114), Titel LVII, 60 gecto statt ictu (S. 132); Titel LXVII in prado statt prato (S. 140); Titel XXXV u. ö. revellavit für rebellavit (S. 106). 37 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm.  1), S.  106; ferner Titel XLII in plibe aus plebe (S.  114), Titel XXXVI provencia. Vgl. oben Anm. 35 semul statt simul; ferner in der Capitulatio c. XLIII vindederet statt vend-, c. XLV vindita statt vendita, c. LIII duas sororis statt sorores und fratris statt fratres usw. 38 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm.  1), S.  134; ferner Titel  XCVI ustium statt ostium (S.  160), Titel XXXII conpotum für conputum (S. 104).



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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pastor (Titel XI),39 sprechlateinisch corfo statt zurfo (Titel LXXX); die galloromanische Velarisierung von [kw] ist bezeugt mit -Schreibung quoram statt coram (vgl. frz. qui mit Aussprache [k] < lat. qui) (Titel XIII),40 Aphaerese des romanisch funktionslosen [h] in den theodisken Wörtern aisstera anti statt haistera hanti ‚mit heftiger Hand‘ (Titel IX), laytia-unt statt -hunt (Titel LXXVIII, 3), mara oder gar mar statt marah ‚Ross‘ (Titel LXI, 2; LXIII, 55), genau wie in Titel XXV oste statt hoste; der ominöse tautragil wird als -tragilli (Titel LVII, 62) sprechbar gemacht. Drastische Verschreibungen bezeugen das Unverständnis des Schreibers gegenüber den Alamannen-Wörtern: nast-heit ‚Nestel-eid‘ wird zu nostahet (Titel LIV, 2); puli-slac ‚Beulen-Schlag‘ zu pluris iac (Titel LVII, 1); zurfo dicunt ‚Zurf = Torf sagen sie‘ zu cor fodicunt (Titel LXXXI), was immer fodicare bedeuten mag. Aber auch lateinische Formulierungen werden oft ‒ trotz guter Vorlage ‒ nicht verstanden: Ein deutliches Zeichen dafür findet sich bei Titel LVII (p. 325, 3. Zeile), wo ein falscher Satzanfang mit Majuskel markiert ist und den Text unverständlich werden lässt41 (Abb. 2). Auf p. 296 im Kapitelverzeichnis bei Titel V42 (Abb. 3) wird mittels sinnentstellender Trennungen kreiert statt (durchaus in Sprechlatein) De res ecclesiae furatis („Von gestohlenen Kirchensachen“). In Titel 54, 2 (p. 322, 2. Zeile)43 erscheint (Abb. 4) [o] entstand im Standardtext das auf den Leithund der Jagd gemünzte illo doctore, qui hominem ducit „mit jenem Gelehrten, der den Menschen führt“; Lupus korrigiert: illum ductorem, qui hominem sequitur „jenen Führer, d.i. Leithund, der dem Menschen folgt“. Damit ist der Hund wieder auf Linie gebracht.61 über das Augenausschlagen beim Pferde: von Lupus völlig neu redigiert.62 Besserung im Genus: ramos de ipsis arboribus „Zweige von diesen Bäumen“ statt vlat. rama63 Besserung im Kasus: ambae ripae suae sunt statt ambas ripas suas64

Auch im theodisken Wortschatz hat Lupus Änderungen und Neuerungen vorgenommen, z.  B. Titel LVII, 55 reva-vunt ‚leibwund‘ zum a-Stamm hreva- statt sonst hrevo-; LVII,62 tau dragil mit fränkischem [dr] statt oberdeutsch [tr]; IX heistera henti (A6 aus Modena romanisiert ohne eistra-) mit ahd. [ai] > [ei] und Umlaut [a] > [e]; LXXVIII,3, leiti[h]unt ebenfalls mit [ai] > [ei]; XLVIII mordtoto statt -taudo ‚tot‘ mit [au] > [ō], alles althochdeutsche Prozesse des späteren 8. Jahrhunderts und gut zu Fulda passend.65 Es gibt aber auch Unverständnis signalisierende gemeinsame Fehler in diesem volkssprachlichen Bereich: Titel LVII,10 A7 liderarti, A6 verschrieben lidcrarti (wohl aus A5 unverständlich -saart) statt lith-scarti ‚Glied-Verletzung‘; LVII,22 marachanz statt -zand; LVII,35 plalc-prust aus palc-prust.

2 „Quod Alamanni dicunt“: Die volkssprachlichen Wörter der Alamannen In dieser Analyse wird keineswegs das gesamte volkssprachliche Material der LA behandelt. Ausgeschieden werden aus methodischen Gründen alle Rechtslehnwörter, d.  h. mittellateinische, längst integrierte Wörter ursprünglich germanischer Etymologie wie z.  B. (lat. flektiert) in revo ‚in corpore‘ im ‚Pactus Alamannorum‘ (c. VIII, 1)66

61 Ebd., S. 142. 62 Ebd., S. 132. 63 Ebd., S. 145. 64 Ebd., S. 145. 65 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm. 50), § 43  f., 45  f. 66 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 22.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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oder weregeldos solvat ‚zahlt Wergelder‘ (LA, Titel XLIX)67 oder mariscalco, -us ‚Pferdeknecht, Verwalter von 12 Pferden‘ (Titel LXXIV) etc.68 Ausgeschlossen werden auch intergentile Rechtswörter wie z.  B. morganagheba ‚Morgengabe‘ (Titel LIV,2), die auch in anderen Volksrechten vorkommen.69 Ebenso ein offensichtlich völlig in den lateinischen Text, in eine lateinische Formel integriertes Wort wie in Titel VI (Klasse B) secundum ewa zu ahd. êwa ‚Gesetz‘ (vgl. Ewaquae se ad [H]Amorem habet, das Volksrecht der (C)Hamaven).70 Hier werden nur die dreizehn Wörter der LA untersucht, die unflektiert mit der Formel Quod Alamanni dicunt („wie die Alemannen sagen“) oder ihren Varianten in den Text eingebracht wurden.71 Diese Formel hatte übrigens Erfolg: Die auch in anderer Hinsicht von LA abhängige ‚Lex Baiuvariorum‘ imitiert sie mit Quod Baiuvarii dicunt und ergänzt sie um 29 anscheinend spezifisch bairische Wörter, während sie aus der LA nur 7 Begriffe übernimmt.72

67 Ebd., S. 108. 68 Ebd., S. 139. Vgl. dazu Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 24. 69 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 113. Vgl. W. Ogris, s. v. Morgengabe, in: Lexikon des Mittelalters 6 (1992), Sp. 837  f.; Th. Mayer-Maly, s. v. Morgengabe, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte III (1984), Sp. 678–683. 70 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 72. Vgl. Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Lex Chamavorum, in: Lexikon des Mittelalters 5 (1991), Sp. 1929. 71 Zu den germ. Wörtern der ‚Lex Alamannorum‘ vgl. die schon ältere, methodisch oft bedenkliche und spekulative Arbeit von Georg Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 18  f., 26–33. Die recht haltlose These, dass auch bei den Wörtern, die von der Lex als Wortschatz der Alamanni ausgewiesen werden, in Wahrheit keine alemannische Herkunft vorliegt, resultiert aus Baeseckes irriger Annahme großflächiger Übernahme gotischen oder fränkischen Rechtswortschatzes, während doch nur in Einzelfällen an intergentilen Wortschatz, vor allem bei den integrierten Lehnwörtern zu denken ist. 72 Damit soll nicht Stellung genommen werden zu dem offenbar unentschiedenen Streit, ob die bairische Lex unmittelbar aus LA entnahm, oder beide oberdeutschen Leges auf eine gemeinsame verlorene Vorlage zurückgehen. Vgl. zum Verhältnis der ‚Lex Baiuvariorum‘ zur LA; Konrad Beyerle, in: Lex Baiuvariorum. Lichtdruckwiedergabe der Ingolstädter Handschrift des Bayerischen Volksrechts mit Transkription, Textnoten, Übersetzung, Einführung, Literaturübersicht und Glossar, hg. von Konrad Beyerle, München 1926, S. XXVIII-LIII; Krusch, Lex Bajuvariorum (wie Anm. 1); ders., Neue Forschungen (wie Anm. 1), S. 59–107; Buchner, Textkritische Untersuchungen (wie Anm. 10), S. 18–34; Eckhardt, in: Leges Alamannorum (wie Anm. 5) S. 35  ff.; Raimund Kottje, Die Lex Baiuvariorum ‒ das Recht der Baiern, in: Überlieferung und Geltung normativer Texte des frühen und hohen Mittelalters, hg. von Hubert Mordek, Sigmaringen 1986, S. 9–23; Eva Schumann, Entstehung und Fortwirkung der Lex Baiuvariorum, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 291–320, besonders S. 293–301. Zum volkssprachlichen Wortschatz: Dietrich von Kralik, Die deutschen Bestandteile der Lex Baiuvariorum, in: Neues Archiv 38 (1913), S. 13–55, 401–449, 581–624; Heinrich Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt ‒ Das altbairische Wortmaterial der Lex Baiovariorum, in: Die bairische Sprache. Studien zu ihrer Geographie, Grammatik, Lexik und Pragmatik. Festschrift Ludwig Zehetner, hg. von Albrecht Greule, Rupert Hochholzer und Alfred Wildfeuer, Regensburg 2004, S. 263–290; Wolfgang Haubrichs, Baiern, Romanen und Andere. Sprachen, Namen, Gruppen südlich der Donau und in den östlichen Alpen während des frühen Mittelalters, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 69 (2006), S. 395–465, hier S. 401–404.

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 Wolfgang Haubrichs

3 Die Rekonstruktion der ‚ursprünglichen‘ Formen der theodisken LA-Wörter Der Rekonstruktion der Formen des Archetyps der LA dient erstens eine Matrix, die nach den in den Tituli enthaltenen Wörtern (Horizontale) und nach den einzelnen Handschriften und den von ihnen gebotenen Varianten (Vertikale) gegliedert ist (Tab. 1). Die Variantenanalyse mündet in einen eigenen Rekonstruktionsversuch *R. Zum Vergleich werden die Rekonstruktionen von Lehmann und Eckhardt beigegeben, ferner die Rekonstruktion für die B-Klasse von Lehmann samt ihren wichtigeren Varianten, ebenso B8, und – wo vorhanden – die Form der ‚Lex Baiuvariorum‘ = LB (samt Varianten).73 Der Rekonstruktion dienen zweitens in einem Katalog (Nr. 1–12) zusammengefasste sprachwissenschaftliche und etymologische Überlegungen, die zugleich im Kontext des Titulus die Klärung der Semantik der einzelnen Begriffe vorbereiten sollen. In die Rekonstruktion müssen natürlich drittens entschieden auch stemmatologische Überlegungen eingehen, wie sie vorhin schon angestellt wurden.

3.1 Katalog 1. LA IX: Si quis in curte episcopi armatus contra legem intraverit, quod Alamanni „haistera handi“ dicunt, 18 solidos conponat.74

73 Für die Überprüfung von Varianten an Kopien aus den Beständen der MGH und die großzügige Bereitstellung von Digitalisaten danke ich sehr Wilfried Hartmann (Tübingen), Stefanie Stricker (Bamberg) und Vinzenz Schwab (Bamberg), der eine Dissertation über das Wortgut germanischer Herkunft in den Leges Alamannorum vorbereitet. So konnten überprüft werden die Hss. A1 (Faksimile), A2, A3, A5, A6, A7, A8, A9, A12. Weitere Angaben macht De Rosa, Quod Alamanni dicunt II (wie Anm. 1), der (außer A6) nach seinen Angaben alle A-Handschriften eingesehen hat. Für A8 stimmt er mit heixtera- und litscardi wohl irrtümlich nicht mit der Überprüfung überein. Bei A4 gibt er gegen Lehmanns ausdrückliche Variantenangabe mordtoto statt mortoto. Ich folge Lehmann. De Rosa hat sich zudem in seiner verdienstvollen Arbeit den Weg zu einer adäquaten Bewertung und Auswertung der Varianten durch das Arrangement der Handschriften nach landschaftlichen Provenienzen unter Hintanstellung der Resultate der Textkritik verbaut. 74 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 76. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S.  44–50. Dieser weist S.  50 auf eine in der Forschung übersehene Parallele in einer Konstitution Friedrichs I. von 1152 (MGH Constitutiones, Bd. 1, hg. von Ludwig Weiland, Hannover 1893, Nr. 140, 4, S. 196): Si vero temerarius absque percussione eum invadat, quod vulgo dicitur asteros hant, calida manu, verbis contumalisque male tractaverit.Die Form asteros hant zeigt Romanismen: Aphaerese des initialen [h] und Lautersatz [ai] durch [a]. Es handelt sich also wohl um eine erstarrte Rechtsformel, die zudem ‒ durch Verwechslung mit ahd. (langobardisch?) haiz, *haiss mhd. heiz ‚heiß‘ ‒ missverstanden wurde.

aisstera ∙ anti ∕ haistara handi haistera handi haistherabandi eis trahenti heistera henti haixterahandi haixterachandi haistera hanti haist henti havertere[c]ante aisstera anti haistarahandi haistera handi < haistera handi > (haister-, hastera-, hasteri-, lastera-, heistra-, histera-, haustera-, austera-; -hanni, -anni, -bandi, -chandi, -henti) haistarehenti ∕

A1 (C1) A2 (C2) A3 (C4) A4 (D1) A5 (D6) A6 (D2) = Lupus A7 (D3) = Lupus A8 (B1) A9 (B2) A10 (B3) A11 (D5) A12 (A) Ed. Lehmann Ed. Eckhardt *R B (Lehmann)

B8 (D4) LB

IX

Tituli

morttodo ∕

mortaudo marttaudo mortu ado mortoto mortoto mordtoto mordtoto mordtototo mortoto morthtaudo ∕ morstaudo mortaudo ˮ morth-taudo < morttodo > (mortot, mortodo, mord-; -dodo, -toto)

XLVIII

∕ ∕

nosta het nastait nasthaid nastahit nasthait nasthait nasthait nasthait nasthait nasthait ∕ nas.thait nasthait ˮ ? nast-haid/t < nasthait > (-aid/t, -hat,-ahit)

LIV, 2

∕ ∕

plu ri ∙ slac purislac [pulislac] bulis lac pulislac pulis lac pulislac pulislac pulislac pulisalca pulislac ∕ puri slac pulislac ˮ puli-slac < pulislac > (pulli-, pul-; -slach, -salac)

LVII, 1

Tab. 1: Matrix der in den Tituli enthaltenen Wörter nach Handschriften und den von ihnen gebotenen Varianten.

orscardi < lidiscarti > (lide-, lid-, lit-, -scharti, -scarti)

lit ∙ scardi litscardi lithscart lidiscarch lit hsaart lid crarti lid erarti scardi scardlithdi eschardi ∕ scardi scardi ˮ lith-scardi < orscardi > (litiscardi; litercardi, litdissart)

LVII, 10

marchzan < marchzand > (marc-, marh-, mar-; -zant, -zan)

marchā markzand marc zan marczand marczan marachanz marachanz marczandi marozan marczanh ∕ marczan marczan ˮ marc-zand < marczan > (marcha-, march-; marchzandi, marccant, -zand)

LVII, 22

 Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum   183

balc brust balcbrust

blacbrust

palcprust < palcprust > (palch-, balch-, balc-, -brust)

A1 (C1) A2 (C2)

A3 (C4)

B8 (D4) LB

∕ ∕

LVII, 55

revun < hrevavunt(i) >

hre uouunt [goruaunt] A4 (D1) palhcprust reuo uunt A5 (D6) balcprust reuo uunt A6 (D2) = Lupus plalc prust reuauunt A7 (D3) = Lupus plalcprust reuauunt A8 (B1) palhcprust reue unt A9 (B2) palhcprust ref uunt A10 (B3) balcbrust ∕ A11 (D5) ∕ ∕ A12 (A) balcbrust [r]eiouundo Ed. Lehmann balcbrust hrevovunt Ed. Eckhardt ˮ ˮ *R b/palc(h)-b/prust hr/revo-vunt B (Lehmann) < palcprust > < refvunt > (palhc-, palch-, (refa-, revo-, href-, plach-; -brust) hreva-, heref-)

LVII, 35

Tituli →

marahc marah marach marach marach marcha marach ∕ march marach ˮ marach < marach > (marah, marahc, march, marac, marhe) marahc ∕

tautragil tautra gil taudragil taudragil taudragil taudragil thautsagil ∕ tautragil tautragil ˮ tau-d/tragil < taudragil > (tou-; -tragil-, -dregil, -tregil) taudregil < tautragil > 2x (táu-, tou-, thau-; -dragil, -dregil, -thegil)

marach

∙ mara ∙ marach

LXI, 2

tautragil

tau tragilli tautragil

LVII, 62

< marach > (march)

marah marach marach marahc marach marath marach ∕ march marach ˮ marach < marach > (marah, march, marahc, marcha, marac)

march

mar marach

LXIII, 55

LXXXI

< leithund > < leitihunt > (leithi-, leite-, letti-, leti-, leist-)

laidihunc lati diunt lectihunt leitiunt laitihunt laitihunt laidi ∕ ∕ laitihunt ˮ laid/ti-hunt < laitihunt > (laidi-, laite-, lait-; -unt, -hunc)



curf [dicunt] curf [dicunt] zurufd zurufd curffodi surfo zuruft ∕ ∕ corfo curfo c/zurf-odi (?) < zurf, zurft > (curffo, curffodi 8x, carffod, zurfodi, zurb, zturf 5x, zuruft)

lay tiaunt cor fodicunt laitihunt curffo dicunt [marg. Laidthundt] leidihunt zurft

LXXVIII, 3

Tab. 1 (Forts.): Matrix der in den Tituli enthaltenen Wörter nach Handschriften und den von ihnen gebotenen Varianten.

184   Wolfgang Haubrichs



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

 185

haistera handi (D. Sg.) ‚mit heftiger, gewalttätiger Hand‘ (stabende Rechtsformel) < Adj. *germ. *haifsta- ‚heftig, violens‘ (vgl. ahd. heisti, heistiro ‚heftig, gewaltsam‘, afries. hāst ‚gewaltsam‘, ae. haest ‚heftig, gewaltsam‘; Adverb ahd. (Otfrid) heistîgo ‚heftig‘; Subst. germ. *haifsti- ‚Streit, Anstrengung‘, ahd. heifti ‚heftig, brennend‘, mhd. heifte ‚heftig, bewegt‘, dazu Ableitung Adj. mhd. heft-ec75; vgl. auch PN wie Haist-(w)ulf ‚Streit-Wolf‘, langobardischer König 749–756 und andere mit *haifsta- komponierte PN bei Langobarden, Alamannen, Baiern und partiell im fränkischen und westfränkischen Bereich76 + germ. *handu ‚Hand‘ f., as. hand, ahd.

75 Vladimir Orel, A Handbook of Germanic Etymology, Leiden, Boston 2003, S. 151; Frank Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin/New York 1993, S. 266  f.; Althochdeutsches Wörterbuch, hg. von Elisabeth Karg-Gasterstädt und Theodor Frings u.  a., Bd. 1  ff., Berlin 1968  ff., hier Bd. 4, Sp. 809, 856; Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, hg. von Wolfgang Pfeiffer, Berlin 1989, Bd. 2, S. 654; Jochen Splett, Althochdeutsches Wörterbuch, Berlin/New York 1933, I, 1, S. 373; Friedrich Kluge und Elmar Seebold, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin/Boston 252011, S. 398 [Hast], 402 [heftig]; Albert L. Lloyd und Rosemarie Lühr, Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen (EWA), Bd. IV, Göttingen 2009, Sp. 894  f, 912. 76 Vgl. Ernst Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 1. Personennamen, Bonn 21900 (Neudruck München/Hildesheim 1966, Sp. 736  f.; ders., Altdeutsches Namenbuch, Bd. 2. Ortsnamen, 3. Aufl., hg. von H. Jellinghaus, Bonn 1913 (Neudruck München/Hildesheim 1967), Sp. 1196–1198. Namen mit Erstelement *haifsta- finden sich (vgl. Christa Jochum-Godglück, Germ. *Haifsti-z in Personennamen, in: Atti del XXII Congresso Internazionale di Scienze Onomastiche Pisa 2005, Bd.  4, Pisa 2010, S. 201–213): 1. Langobardia (fast nur gebildet mit -wulfa‘Streit-Wolf‘): (H)Aist-ulf- a. 750 Chiusi, a. 750, 752, 755 Lucca; a. 752 Sovana; a. 762 Pavia; a. 736 Tuscania; a. 754 Asti; a. 771 Brescia; Aist-ulfus, Brescia Mon. Faustini (Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau, hg. von Johanne Autenrieth, Dieter Geuenich und Karl Schmid, MGH Libri Memoriales et Necrologia, Nova Series 1, Hannover 1979, Fol. 105 D1); lgb. Eidliste Anfang 9. Jh. aus St. Paul im Lavanttal: [ah]istulfo< *Haistulfo; dazu a. 771 Farfa Astisius< *Haist-iki (Francovich Onesti, Vestigia longobarde in Italia, Roma 1999, S.  199  f.); a. 866 Bschf. Astulfus v. Verona (VittorioFainelli, Codice diplomatico veronese dalla caduta dell’impero romano alla fine del periodo carolingio. Monumenti storici pubblicati dalla deputazione di storia patria per le Venezie, nova serie 1, 1940, Nr. 234); a. 959 Aistolfus, Sovere bei Bergamo (Mariarosa Cortesi, Hg., Le pergamene degli archivi di Bergamo a. 740–1000, 2 Bde., Bergamo 1988, Nr. 103). 2. Alamannischer Raum: Heist-aldus, Mönch in Gengenbach 9. Jh. Liber confrat. St. Gallen (MGH LC I, 14, 235), 9.Jh. Liber confrat. Reichenau: Heist-rich (MGH Libri Mem. N.S. I, Fol. 100 C1); dazu Toponyme wie der Heistergau bei Waldsee (Kr. Ravensburg), a. 805 Heistilin-gauve zum PN *Haist-ilo mit Zentralort Haisterkirch, ± a. 925 Heistini-kirchen zum PN *Haist-ino (Weißenburg, Liber possessionum Wizenburgensis, hg. und komm. v. Christoph Dette, Mainz 1987, Nr. 256, 280). 3. Bairischer Raum: Heist-olf a. 828 bei Schäftlarn a.d. Isar (Oberbayern) (Die Urkunden und Urbare des Klosters Schäftlarn, hg. von Alois Weisthanner, Bd. I, München 1957, Nr. 26); a. 807 und a. 841 3x Heistolf in Holzen a.d. Atter; a. 847 Heistolf in Rott am Inn (Die Traditionen des Hochstifts Freising, hg. von Theodor Bitterkauf, Bd. I, München 1905, Nr. 260, 639  f., 691). 4. Fränkisch-hessischer Raum: Heist-olf 8./9. Jh. Weißenburg (MGH Libri Mem. N.S. I, Fol. 43 B1); Haist-ulfus, Heist-olf, Erzbischof v. Mainz 814–847; Heist-olt 8./9. Jh. Fulda (MGH Libri Mem. N.S. I, Fol. 36 D4); Heist-hilt fem. a. 817 Fulda; 10.Jh. Heistingen-heim (Heskem, Kr. Marburg) zum PN *Haist-ing; a. 1016 † Heistolvoseigan (am Vogelsberg, Hessen). 5. Westfränkischer Bereich Heist-aldus, Mönch in Tours (MGH LC I, 14); Haistolfus a. 893 in Malbonpré a.d. Ourthe, Belgien (Heinrich Beyer, Hg., Urkundenbuch zur Geschichte der … mittel-

186 

 Wolfgang Haubrichs

Hant.77 Zur Prägung der Formel vgl. analoges an. heiptugri hendi, afries. haesta hand, mnl. met haestiger hand. Das Adj. haist- zeigt noch nicht die ahd. Hebung des Diphthongs [ai] > [ei]. Die Dativform handi zeigt noch nicht den Umlaut [a] > [e] vor [i]. Vgl. die späte und missverstandene Parallele asteroshant vel calida manu in einer Konstitution Friedrichs I. (a. 1152) sowie bereits langobardisch ER 277: De haistan (id est furorem). Si quis in curtem alienam „haistan“, id est, irato animo, ingressus fuerit78

Es handelt sich hier um die Behandlung eines unrechtmäßigen bewaffneten Überfalls auf den Hof des Bischofs, den die Alamannen mit haistera handi (Dat. Sg.) bezeichnen, was man leicht mit „mit heftiger, gewalttätiger Hand“ übersetzen kann. Zu beachten ist der Stabreim der Formel (h-h), der wohl auf eine ältere Rechtsformel weist: Sie hat eine Parallele im langobardischen Recht, nämlich a. 643 Edictus Rothari, Titel 277, wo haistan (Adverb) mit irato animo glossiert wird. Bemerkenswert ist ferner, dass die Zwei-Wort-Formel im lateinischen Kontext volkssprachlich dekliniert wurde. Das zugrundeliegende Etymon germ. *haifsta- (das in anderer lautlicher Entwicklung auch zu dt. heft-ig geführt hat) ist vorwiegend in den westgermanischen Sprachen (Altenglisch, Altfriesisch, Althochdeutsch, Langobardisch) belegt, wobei es früh, freilich in schmalem Rahmen, auch für die Namengebung (vor allem bei Alamannen, Baiern, Langobarden und Franken) genutzt wurde. Man kann z.  B. an den ‚Streit-Wolf‘ bedeutenden Krieger-Namen des langobardischen Königs Haistolf/Aistolf erinnern. Lassen wir einmal die Romanismen wie h-Aphaerese und z.  T. starke Korruptelen wie in A12 havertere cante außer Acht, so fällt die Rekonstruktion haistera handi nicht schwer, da die älteren Sprachformen mit [ai] statt [ei] und ohne Umlaut, also handi, die auch in allen Überlieferungsgruppen vorkommen, vorzuziehen sind. Der Missgriff von Lehmann mit aisstera anti, wobei er blind A1, also einer stark romanisch gefärbten Handschrift, folgte, ist kaum erklärlich.79

rheinischen Territorien, Bd. 1, Coblenz 1860, Nr. 135, XLVI); ± a. 868 Haistrudis villa (Lobbes), d.i Hestrud (F, Nord, Arr. Avesnes) zum PN *Haist-þrud-; Haistulphus a. 1075 (Reimser Nekrolog); a. 747 kop. Haismedis villa a.d. unteren Seine (Gesta abb. Fontanellensium, MGH SS II, S. 287) zum PN *Haist-mōd-; a. 861 Haistulfus (Tardif, MH, No. 180); a. 823/29 Pariser Raum 2x Aistulfus (Pol. S. Germain-des-Prés). 77 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  159; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 391. 78 Zur Konstitution Friedrichs  I. vgl. Anm.  74; ferner Edictus Rothari, hg. von Friedrich Bluhme (MGH, Leges  IV: Leges Langobardorum, I: Edictus Langobardorum), Hannover 1868, S.  1–90, hier S. 67. Vgl. Florus van der Rhee, Die germanischen Wörter in den langobardischen Gesetzen, Rotterdam 1970, S. 79  f.; Wolfgang Haubrichs, Sprache und Schriftlichkeit im langobardischen Italien. Das Zeugnis von Namen, Wörtern und Entlehnungen, in: Filologia Germanica ‒ Germanic Philology 2 (2010), S. 133–201, hier S. 149. 79 Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (41898), Neudruck Darmstadt 1955, Bd. I, S. 5; Hans Haider Munske, Der germanische Rechtswortschatz im Bereich der Missetaten. Philologische und



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

 187

2. LA XLVIII:Si quis hominem occiderit, quod Alamanni „morthtaudo“ dicunt, novemwirigildis eum solvat80. morth-taudo (substantiviertes Adj. sw. N.Sg.) ‚durch Mord [heimliche, heimtückische Tat] tot‘ < germ. *murþa- (ae. morþ, afries. morth, as. morđ, ahd. mord ‚Mord‘)81 + germ. *dauþa-, *daudam. ‚tot, gestorben‘ (as. dōd, ahd. tōt, ae. dēad, afries. dād; got. dauþs; vgl. germ. *dauþu- m. ‚Tod‘, got. dauþus, ae. deaþ, as. dōth, ahd. tōd)82. Das Subst. morth- zeigt noch die germ. Dentalfrikative [þ] (geschrieben ); das Adj. -taudo zeigt noch nicht die ahd. Monophthongierung [au] > [ō], aber die Medienverschiebung [d] > [t].

Hier handelt es sich um die Tötung eines Mannes. Das alemannische Wort morthtaudo ist der Form nach ein Adjektiv (oder substantiviertes Adjektiv), und zwar ein Adjektivkompositum: „durch Mord tot“, spezifiziert also das occidere des lateinischen Textes im Sinne der „heimlichen, heimtückischen Tat“, die hoch, durch neunfaches Wergeld, vergolten werden muss. Auch in Titel LXVIII der LA steht das latinisierte Adjektiv: si quis mortaudus baro aut femina; die B-Fassung der LA hat, freilich ebenfalls in sprachlich modernisierter Form: eum morttodum fecerit; danach wohl modelliert ‚Lex Saxonum‘ (c. 19): si morddotum quis fecerit. Die Bamberger und Wessobrunner Beichte (11. Jahrhundert, nach alemannischer Vorlage) haben: ih han gesuntit […] in manslahte […] in manigemo mortode: ebenso noch Substantiv (mit archaischer Graphie) als Bezeichnung der Mordtat im Breisgauer Endinger Judenspiegel (16. Jahrhundert): den morthdodt, den sy begangen. Die Rekonstruktion der Form des Archetyps ist hier nicht ganz leicht. Fangen wir mit dem zweiten Bestandteil an, germ. *dauþa-, *dauda- ‚tot‘. Alle Varianten

sprachgeographische Untersuchungen, Bd. 1, Berlin, New York 1973, § 320; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 16  f., rechnet wegen der Parallelen an. heiptugrihendi, afries. haestahand, mnl. met haestiger hand, lgb. haistan etc. die Formel „zu der ältesten Schicht des alemannischen Rechtswortschatzes“. Sie sei nicht nur ein Interpretament zum armatus (,bewaffnet‘) des Kontextes, sondern der Sache nach „als eine gezielte Fehdehandlung zu verstehen“, ja als „eine vom Ansatz her feindliche Handlung“. Die ‚Vita Landiberti episcopi Traiectensis vetustissima‘, in: MGH, SS rer. Mer. VI, Hannover 1913, S. 299–429, hier S. 366–370, bietet einen solchen Angriff auf den befestigten Hof eines Bischofs, der als Krieger und Heiliger zugleich geschildert wird. Vgl. dazu Wolfgang Haubrichs, Emotionen vor dem Tode und ihre Ritualisierung, in: Codierungen von Emotionen im Mittelalter, hg. von C. Stephan Jaeger und Ingrid Kasten, Berlin/New York 2003, S. 70–97, hier S. 83–86. 80 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 107; ferner Titel LXVIII, S. 136. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 63–67. 81 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  159; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 634; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 1126  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), II, 2, S. 632. 82 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 69  f.; Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 149; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 922. Vgl. Deutsches Rechtswörterbuch IX (1992/96), Sp. 887; Ruth Schmidt-Wiegand, s. v. Mord (sprachlich), in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Bd. III (1984), Sp. 673–675; Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, hg. Von Elias von Steinmeyer, Berlin 1916, Nr. XXVIII, S. 145.

188 

 Wolfgang Haubrichs

zeigen im Anlaut bereits die Medienverschiebung des späten 7./frühen 8.  Jahrhunderts [d] > [t];83 die ältere Schreibung mit dem Diphthong [au] findet sich in allen Gruppen. Erläuterungsbedürftig ist das Bestimmungswort germ. *murþa- ‚Mord‘. Das [þ] (zumeist geschrieben ) ist in den meisten, vor allem den romanisch beeinflussten Handschriften vor folgendem Konsonant regelgerecht geschwunden, z.  B. A1 mortaudo, A4/A5/A9 mortoto mit dem späteren Monophthongen [ō] im Grundwort. Daran hat Lehmann seine Rekonstruktion mortaudo orientiert. Andererseits ist eine solche romanisierte Form für den Archetypus eher unwahrscheinlich. Zwei Handschriften, über die Gruppen *X und *Y hinweg verteilt, nämlich A6/A7 und A8 (korrupt A9), kennen bereits die jüngere Form mord mit der Entwicklung von [þ] > [d].84 Man könnte also stemmatologisch durchaus für den Ansatz dieser Form argumentieren. Ich votiere dagegen für die Form von A10 (x-Handschrift aus dem LegesSkriptorium) morth-taudo, der dem etymologischen Ansatz am besten entspricht und im Rahmen der Überlieferung klar die ‚lectio difficilior‘ darstellt, aus der sich die jüngeren Formen herleiten lassen, nicht aber umgekehrt. Der in romanischer Umgebung geschriebene Codex hat die archaische Sprachform bewahrt. Ferner wird diese Form gestützt durch A12 mors-taudo mit dem seltenen (aber hier durch lat. mors volksetymologisch gestützten) romanischen Lautersatz der Dentalfrikative [þ] durch [s] und ‒ in der Y-Gruppe ‒ durch A2 marttaudo mit dem häufigen Lautersatz von [þ] durch den Verschlusslaut [t], präsent auch in der Mehrzahl der B-Handschriften.85 3. LA LIV, 2: Si autem ipsa femina dixerit: ‚Maritus meus dedit mihi morganagheba‘, conputat, quantum valet aut in auro aut in argento aut in mancipia aut in equo aut pecunia 12 solidos valente; Tunc liceat ad illa muliere iurare per pectus suum et dicat: ‚Quod maritus meus mihi dedit in potestate et ego possedere debo‘. Hoc dicunt Alamanni „nast haid“.86 nast-haid/t(Subst. N. Sg.) ‚Nest- bzw. Zopf-Eid (zur Erzwingung der Herausgabe der Morgengabe)‘ < germ. *nasta- ‚Nest, Knoten‘ (vgl. altgutnisch nast ‚Nestel‘; as. ahd. nestila ‚Band‘; daraus Lehnwort Bergamo, Brescia, Cremona nestola, nistola; ältere Entlehnung it. nastro, Veltlin nastola, Pavia nastol ‚Nestel, Schnur‘; Pactus Alem. III, 4: a nastula sua „von ihrer Nestel bzw.

83 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), § 84, 88, 90, 162  f. 84 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), § 165–167. 85 Wohl unter dem Einfluss des ‚Pactus‘ mortuatus ‚ermordet‘ hat A3 mortuado (wie im Kapitelverzeichnis zu Titel XLVIII). Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (wie Anm. 9), II, S. 179  f.; Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 30; Munske, Der germanische Rechtswortschatz (wie Anm. 79), § 56  f., 183–186, 341; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 17  f.; dies., Christentum und pagane Religiosität (wie Anm. 1), S. 115  f. Die Überlegungen von Baesecke über gotische Herkunft sind ebenso wenig zu beweisen wie an anderer Stelle die ‒ an sich nicht unwahrschein­ lichen ‒ Annahmen über „merowingische Einfuhr“. 86 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 113  f. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 68–73.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

 189

Zopf an“ im Zusammenhang des Eigentums, das einer verstoßenen Frau seitens ihres Gatten zusteht; regional nest ‚Haarknoten der verheirateten Frau‘; dt. nesteln ‚knüpfen, aufknüpfen‘; im Ablaut dazu ae. nostle ‚Band‘)87 + germ. *aiþa- m. ‚Eid‘ (vgl. got. aiþs, ae. āþ, afries. as. ēth, ahd. eid).88 Das Subst. -aid zeigt noch nicht die ahd. Hebung des Diphthongs [ai] > [ei], aber bereits die Entwicklung der germ. Frikative [þ] > ahd. [d] im Auslaut des Grundworts. Eine Schwierigkeit besteht in dem in den meisten Textzeugen der A-Klasse zwischen nast und aid stehenden , das man in einem oberdt. Text nicht als hyperkorrekte Schreibung statt , wie sie im romanischen Bereich vorkommt, werten kann. Ebenso ist ein prothetisches vor aid hier sehr unwahrscheinlich. Eine sinnvolle Möglichkeit zur Erklärung wäre, eine Uminterpretation des zweiten Elements unter Einfluss von germ. *haidu- (got. haidus ‚Art und Weise‘, an. heiđr ‚Ehre, Würde‘, ae. hād ‚Stand, Person, Geschlecht‘, mhd. heit ‚Wesen, Beschaffenheit, Rang, Würde‘)89 anzunehmen. Nast-haid wäre dann sekundär etwa als ‚Zopf-Stand‘ im Sinne der Bezeichnung der Würde einer verheirateten Frau aufgefasst worden.

Hier handelt es sich um das Ritual, mittels dessen die Witwe die Herausgabe der Morgengabe des verstorbenen Gatten erzwingen kann. Sie nennt den Wert der Morgengabe, beschwört dies bei ihrer Brust, nach Kluge/Seebold (Anm. 87) „mit der linken Hand auf der rechten Brust und darüber hängendem linkem Zopf (in Salzburg ‚mit fliegendem Haar und den bedeckten Brüsten‘)“. Dieses Ritual nennen die Alamannen den nast-aid, zu germ. *nasta ‚Nest, Knoten bzw. Haarknoten‘ und germ. *aiþa ‚Eid‘. Man darf wohl annehmen, dass hier ein archaisches Rechtswort, auf einen Trachtbestandteil der verheirateten Frau bezüglich, vorliegt, in dem zeichenhaft die spezifische Haartracht pars pro toto für den Ehestand eintritt.90 Die Rekonstruktion ist nicht einfach zu begründen, auch wenn ursprünglich, dem Kontext nach, das Wort Eid als Grundwort des Kompositums gestanden haben muss, so wie es nur A2 zeigt. Aber war das auch die Form des Archetyps? Das in dem in den meisten Textzeugen zwischen den Bestandteilen des Kompositum nast und aid

87 Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 1164; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 659; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S.  653 [Nestel]; Wilhelm Meyer-Lübke, Romanisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg 1992, Nr.  5840. Vgl. Gabriele von Olberg, Nasteid, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Bd. III (1984), Sp. 860–862: Von ihren beiden etymologischen Ansätzen scheint mir der mit *nasta-, Diminutiv nast-ula ‚Nestel‘, von dem ein Weg zu ‚Knoten‘ führt, der wahrscheinlichere, der mit dem spät belegten alem.-bair. Nast ‚Zweig‘ abgeleitet mit Agglutation aus Ast, aber weniger brauchbar. 88 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  10; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 231; Albert L. Lloyd, Rosemarie Lühr und Otto Springer, Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, Bd. II, Göttingen/Zürich 1998, Sp. 976–978. 89 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  151; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 408. 90 Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (wie Anm. 79), II, S. 560  f.; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm.  1), S.  11  f.; dies., Stammesrecht und Volkssprache in karolingischer Zeit (1978), in: dies., Stammesrecht und Volkssprache. Ausgewählte Aufsätze zu den Leges Barbaronum, Weinheim 1991, S. 148–180, hier S. 151  f.; von Olberg, Nasteid (wie Anm. 87), S. 860  f. mit Erwähnungen des Ritus bis ins Hochmittelalter.

190 

 Wolfgang Haubrichs

stehende muss stemmatologisch-textkritisch dazu führen ‒ wie oben gezeigt  ‒ nast-haid/t als Ausgangsform anzusetzen. 4. LA LVII, 1: Si quis alium per iram percusserit, quod Alamanni „pulislac“ dicunt, cum uno solido conponat.91 puli-slac (Subst. N. Sg.) ‚Beulenschlag‘< westgerm. *būljō(n) ‚Beule‘ (vgl. as. būla, ae. byl[e], ahd. būla)92 + ahd. slag, -c ‚Schlag‘, abgeleitet aus germ. slah-a- (Verb st.) ‚schlagen‘.93 Vgl. analog pulislac in der ‚Lex Baiwariorum‘ (IV, 1; V, 1) und langobardisch pul-slahi ‚ferita‘ (ER 125: una ferita – id est pulslahi – si vulnus aut libor [„rotblaue Flecken, Quetschung“] apparuerit).94 Vgl. ahd. Glosse buli-sgleg- (rheinfrk. 12. Jh.), mhd. bûl-slac ‚Schlag, der eine Beule bewirkt‘ (‚König Rother‘, 12.  Jahrhundert, bair.), mnl. boelslach. Das Bestimmungswort puli- zeigt bereits die oberdt. Medienverschiebung [b] > [p], worin nur der vielleicht aus anderer Sprachlandschaft stammende Codex A3 nicht folgt.

Es handelt sich hier im Rahmen der Körperverletzungsvergehen des Titel LVII um einen Schlag im Affekt, der volkssprachlich durch das auch später vorwiegend oberdeutsch überlieferte Kompositum puli-slac ‚Beulenschlag‘, d.  h. ein Schlag, der eine Beule hinterlässt, spezifiert wird, so wie es mhd. bûl-slac, aber auch langobardisch pul-slahi (mit anderem Grundwort) in ER Titel 125, tit. signalisieren.95

91 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 116. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 84–87. 92 Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), Bd. 1, Sp. 1485; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), I, S. 162; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 115; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 117; EWA (wie Anm. 88), II, S. 88–90, 138  f. 93 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  348; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 807. 94 Edictus Rothari (wie Anm.  78), Nr.  125; van der Rhee, Die germanischen Wörter (wie Anm.  78), Rotterdam 1970, S.  41–43; Haubrichs, Sprache und Schriftlichkeit (wie Anm.  78), S.  150. Vgl. auch Ruth Schmidt-Wiegand, Die volkssprachigen Wörter der Leges barbarorum als Ausdruck sprachlicher Interferenz, in: Frühmittelalterliche Studien 13 (1979), S. 56–87, hier S. 82. Dass es sich bei den alemannischen und bairischen Wörtern, darunter puli-slac „um mehr oder weniger freie Nachbildungen langobardischer Vorbilder“ handle ‒ so dies., Sprache und Geschichte im Spiegel historischer Bezeichnungen (1985), in: Stammesrecht und Volkssprache (wie Anm.  90), S.  213–229, hier S.  225, scheint mir angesichts des verschiedenen Grundwortes wenig wahrscheinlich. Eher handelt es sich um unabhängige, aber parallele Bildungen nah verwandter Sprachen. 95 Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (wie Anm.  79), II, S.  186; von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 589  f.; Theodor von Grienberger, Rezension von Kralik, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 35 (1914), S. 154–164, hier S. 158; Ingrid Kelling, Die althochdeutschen Aratorglossen, phil. Diss. (Masch.), Jena 1964, S. 36  ff., 118  f.; Munske, Der germanische Rechtswortschatz (wie Anm. 79), § 351  f.; Annette Niederhellmann, Arzt und Heilkunde in den frühmittelalterlichen Leges. Eine wort- und sachkundliche Untersuchung, Berlin, New York 1983, S. 218–221 [Lit.]; Jörg Riecke, Die Frühgeschichte der mittelalterlichen medizinischen Fachsprache im Deutschen, 2 Bde., Berlin, New York 2004, hier S. 383, 426; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 285, 287; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 26  f. ‒ Eine ahd.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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Jenseits einiger Korruptelen ist die Herstellung der Ausgangsform puli-slac mit oberdeutscher Medienverschiebung [b] > [p] nicht problematisch. 5. LA LVII, 10: Si … medietatem aurem absciderit, quod „lith-, lidiscardi“ Alamanni dicunt, cum sex solidis componat96. lith-, lidi-scardi f. (Subst. N. Sg.) ‚Glied-, Körperteil-Verletzung, -Scharte‘ < germ. *liþu- m. ‚Glied‘ (vgl. got. liþus, ae. liþ, afries. lith, ahd. lid, as. liđ; dazu Kollektivbildung ahd. gi-lid)97 + vorahd. *skardif. ‚Scharte‘ (vgl. mhd. scharte, mndl. scaerde), Substantivierung zu *skar-da- ‚zerhauen, schartig‘ (ahd. -scart, as. skard, ae. sceard).98 Vgl. mhd. lidescharte ‚Verletzung eines Gliedes‘; Adj. ahd. liduscart ‚murcus‘ bzw. ‚clinicus‘ (Glossen), mhd. lideschart, lide-schertig ‚an den Gliedern zerhauen, verstümmelt‘. Das Wort ist ahd. und mhd. nahezu ausschließlich im oberdeutschen Raum bezeugt.99 Die Überlieferung hält z.  T. mit dem Graphem das germ. [þ] fest. Eine

Arator-Glosse aus rheinfrk. Hs. (12. Jh.) hat suppliciis : bulisglego (Elias Steinmeyer und Eduard Sievers, Die althochdeutschen Glossen, Bd. 1–5, Berlin 1879–1922, Neudruck: Dublin, Zürich 1969, Bd. II, S. 35, 27; vgl. Rudolf Schützeichel, Althochdeutscher und altsächsischer Glossenwortschatz, Tübingen 2004, Bd. II, S. 84); Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), Bd. 1, Sp. 1486. Weitere Belege nach Deutsches Rechtswörterbuch II (1932/35), Sp. 238, für peulschlag sind weitgehend oberdeutsch (Burghausen, Pettau, Passau, Brünn, ebenso der mhd. Beleg aus ‚König Rother‘; ferner Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, hg. von Ulrich Goebel u.  a., Bd. 3, Berlin, New York 2003, Sp. 2181 (nordobd. Quelle 14. Jh.). Die ‚Lex Ribuaria‘, Titel 20, 1, in: MGH Leges nationum Germanicarum III, 2: Lex Ribuaria, hg. von Franz Beyerle und Rudolf Buchner, Hannover 1954, S. 82, 141, 196, kennt analog, freilich im Zusammenhang mit einer Aggression eines Freien gegen einen servus den Ausdruck: quod nos dicimus bunislege. Dazu vgl. Eberhard Frhr. von Künßberg, Dunschlag, Beulschlag und ihre Verwandten, in: Zeitschrift für Mundartforschung 13 (1937), S. 213–215. 96 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 118. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 73–79 [mit falscher Einordnung unter dem in der B-Klasse eingetretenen Lemma orscardi ‚Ohrverletzung‘]. 97 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 246  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 578  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 533; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 363 [Glied]. 98 Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 1497; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 843; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S.  796. Vgl. Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  335; Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 485  f. 99 Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 486; Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), Bd. 5, Sp. 917; Rudolf Schützeichel, Althochdeutsches Wörterbuch, Tübingen 62006, S. 212; ders., Althochdeutscher und altsächsischer Glossenwortschatz, Tübingen 2004, Bd. VI, S. 74  f.; Rosemarie Lühr, Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, Bd. V. Göttingen 2014, Sp. 1254. Das Wort kommt in biblischen Glossen auch in der negativen Formel ne lidescart sin : lucidus esse („nicht versehrt sein“) vor. Die Glossen sind in den meisten Fällen oberdt., in einem Fall mittelfrk. (lithe scart), was aber auch dort auf oberdt. Glossentradition zurückgehen dürfte. Vgl. ferner Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, Bd. I, 1872, Nachdruck Stuttgart 1992, Sp. 1901; Kurt Gärtner, Christoph Gerhardt u.  a., Findebuch zum mittelhochdeutschen Wortschatz, Stuttgart 1992, S. 223. Die mhd. Belege stammen sämtlich aus dem oberdeutschen Bereich (Ulrich von Zatzikhoven, Ulrich von Türheim, Rudolf von Ems, Minneburg, Rotenburger Willkürbuch etc.) und bestätigen

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 Wolfgang Haubrichs

Verknüpfung mit as. wliti ‚Antlitz‘,100 Lex Saxonum und Lex Thuringorum wliti-wam ‚Gesichtsverletzung‘101 ist oberdt. wegen fehlender Lautverschiebung nicht möglich, wie auch das entsprechende ahd. ant-lizzi ‚Antlitz‘ mit Lautverschiebung [t] > [ts] (geschrieben ) zeigt.102

In der zur *X-Klasse gehörigen Handschrift A9 wird zu scard-lithdi ergänzt, was Notker Labeos (11.  Jh.) scart-lidi ‚Beschnittenheit‘ entspricht.103 Beachtenswert ist die z.  T. in Handschriften der B-Gruppe eingetretene Präzisierung zu or-scardi ‚OhrWunde‘; ebenso die in A8–12 (*X-Klasse) eingetretene Verallgemeinerung zu scardi. Diese Ersatzmaßnahmen könnten darauf hindeuten, dass lid-scardi in jüngerer Zeit nur noch für die Verletzung anderer Körperteile (Gliedmaßen) gebraucht wurde. Es handelt sich hier um das Abschneiden einer Ohrhälfte, dass volkssprachlich mit dem allgemeinen, sicherlich nicht nur für das Ohr gebrauchten Begriff lith-scardi ‚Körperteil-Verletzung oder -Scharte‘ kommentiert wird.104 Die Überlieferung zeigt, dass die *X-Gruppe mit scardi ‚Verletzung, Scharte‘ (in A10 romanisiert eschardi) eine weitere Verallgemeinerung vorgenommen hat, so wie ein Teil der komplexen B-Klasse den umgekehrten Weg, nämlich die Präzisierung zu or-scardi ‚Ohr-Wunde‘, gegangen ist. Keinesfalls darf mit Lehmann und Eckhardt scardi als Ausgangsform angesetzt werden.105

damit den süddeutschen Charakter des alemannisch-bairischen Rechtswortes. Vgl. auch Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, hg. von Ulrich Goebel u.  a., Bd. 9, 1, Berlin, Boston 2013, Sp. 1193  f. 100 Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 27, spricht sich für Anschluss an as. wliti aus und übersetzt dementsprechend unentschlossen mit „Glied- oder Gesichtsverletzung“. Vgl. dazu auch Niederhellmann, Arzt (wie Anm. 30), S. 284; ablehnend De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 78  f. 101 Vgl. dazu Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 66  f., 79 nach Lex Saxonum; Lex Thuringorum, hg. von Claudius von Schwerin (MGH Fontes Iuris Germanici Antiqui), Hannover/Leipzig 1918, S. 18, 60. 102 Albert L. Lloyd und Otto Springer, Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, Bd. I, Göttingen/Zürich 1988, Sp. 280–282. 103 Schützeichel, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 99), S. 305. Da A9 am Anfang des 9. Jahrhunderts im westfränkischen Bereich, vermutlich in Tours, entstand, wo die Neukomposition eines ahd. Kompositums unwahrscheinlich ist, dürfte scard-lithdi (mit fränkisch-oberdeutscher Doppelgraphie und ) schon der östlichen Vorlage (Hof?) angehört haben. 104 Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 449; Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 19; Munske, Der germanische Rechtswortschatz (wie Anm. 79), § 62, S. 355; SchmidtWiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm.  1), S.  27; Niederhellmann, Arzt (wie Anm.  30), S. 281–285 [Lit.]; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 278, 281, 289. 105 Dies tun ohne weitere Begründung auch Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm.  1), S.  19; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 19. Zu De Rosas Ansatz orscardi vgl. Anm.  96. Bei Munske, Missetaten (wie Anm.  79), §  355 und Niederhellmann, Arzt (wie Anm.  30), S. 283, wird scardi wohl zu Recht als Relikt „einer älteren Terminologie für die Verstümmelung“, also eines allgemeinen Tatbestandes, angesehen.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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5a. LA LVII, 13: Si enim visus tactus fuerit de oculo, ita ut quasi vitro remaneat [quod Alamanni „glasaugi“ dicunt], cum XX solidis conponat. Der Zusatz findet sich nur in A3, ist aber nach der ursprünglichen Formel geprägt.106 glas-augi (Subst. N. Sg.) ‚weißer Fleck im Auge, grauer oder grüner Star‘ < westgerm. *glas- n. (ahd. glas ‚Glas‘)107 + germ. *augōn n. (ahd. ouga, as. ōga, afries. āge, ae. ēage) ‚Auge‘;108 vgl. Glosse *glasa-ougi, Cod. Karlsruhe Aug. 91, Reichenau 9. Jh. clasaugi : albugo; Codex Wien ÖNB Vind. 949, bair. Salzburg 9./10. Jh.; Codex S. Floriani III, 222 B, 9./10. Jh. bairisch klasaugi : albuginem; Cod. Edinburg NL Adv. Ms. 18.5.10, 12. Jh. 1. H. ‚claseovce : glaucoma‘.109 Die Glossen sind süddeutsch. Das Subst. -augi zeigt noch nicht die ahd. Hebung des Diphthongs [au] > [ou] ‒ wie es in zwei der Glossen zu Lev. 21, 20 der Fall ist ‒, dürfte also zu einer frühen Schicht gehören.

Glasaugi findet sich nur in A3; das Fachwort steht in süddeutscher (wohl Reichenauer) Glossentradition für eine Verletzung, die eine milchig-trübe Einfärbung der Linse zur Folge hat. 6. LA LVII, 22: Si autem dentem absciderit, quod „marczand“ dicunt Alamanni, cum 3 solidis conponat.110 marc-zand m. (Subst. A. Sg.) ‚Mark-, Backen-Zahn‘ < westgerm. *marga ‚Mark, Knochenmark, Knochengewebe‘ (vgl. as. marg, ae. mearh, afries. merch, merg, ahd. marg, -c, mhd. marc-zan ‚Backenzahn‘)111 + germ. *tanþ- m. ‚Zahn‘ (as. tand, ahd. zand, -t, zan).112 Das Grundwort zeigt die

106 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 119.Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 42–44. Der Tatbestand darf freilich nicht mit dem des folgenden cap. LVII, 14 (Augenverletzung mit folgender Blindheit) vermischt werden. 107 Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm.  75), I, S.  574  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 308  f.; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 361. 108 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  29; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 74. 109 Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm.  75), Bd.  4, Sp. 301; Schützeichel, Althochdeutscher und altsächsischer Glossenwortschatz (wie Anm.  99), III, S.  472; ferner: Erica Langbroek, Die ahd. Glossen des Cod. Adv. Ms. 18.5.10, der National Library of Scotland, Edinburg  II, in: Amsterdamer Beiträge zur Älteren Germanistik 19 (1983), S. 79–104, hier S. 100 Nr. 99. Auch hier spricht die Notation mit , wie bei den beiden anderen Glossenhandschriften und zusätzlich [g] > [k] in -ovce für süddeutsche Abkunft. Vgl. Max Höfler, Deutsches Krankheitsnamen-Buch, München 1899, Nachdruck Hildesheim 1970, S. 21; Niederhellmann, Arzt (wie Anm. 30), S. 294–297 (mit Hinweis auf oberdt. Dialekt-Kontinuanten); Riecke, Frühgeschichte (wie Anm. 95), II, S. 338. 110 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 120. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 59–63. 111 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 264; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 1064; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 598; Kluge / Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 602. 112 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  401  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 2003  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 1171; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 1002.

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Tenuesverschiebung (6. Jh.).113 Einige Codices haben die ältere und originäre Form zand durch vereinfachtes, jüngeres zan ersetzt. Das Bestimmungswort marc zeigt die zu erwartende oberdeutsche Form mit [rk],114 ebenso wie die ‚Lex Baiuwariorum‘ (IV, 16; VI, 10) mit ihrer Gleichung dens maxillaris : marchzand.

Hier handelt es sich um das Ausschlagen eines Zahnes, der volkssprachlich als marczand ‚Mark-, Backen-Zahn‘, mhd. marczan spezifiziert wird. Das Wort ist mittelhochdeutsch nur in alemannischen Textzeugen überliefert und lebt auch in oberdeutschen Dialekten weiter.115 In der Überlieferung weisen beide Gruppen *Y und *X (jenseits mancher Korruptelen) ‒ wie auch die ‚Lex Baiuwariorum‘ ‒ für das Grundwort die ältere Form des Zahn-Wortes mit auslautendem Dental (wie in lat. dente) auf, also zand, das also für die Ausgangsform (im Gegensatz zu Lehmann und Eckhardt) im Grundwort angesetzt werden muss. 7. LA LVII, 35: Si enim brachium fregerit, ita ut pellem non rumpit, quod Alamanni „palch prust“ ante cubitum dicunt, cum 3 solidis componat.116 palch-prust, balc-brust (N. Sg.) ‚Haut-Verletzung, -Gebrest‘ < germ. *balgim. ‚Balg, Tierhaut, -fell, metaphorisch auch für den menschlichen Leib‘ (vgl. as. ahd. balg, -c)117 + vorahd. *brusti- f./m. ‚Bruch, Riss ‚scissura, Gebrest‘ (vgl. ahd. mhd. brust, mnd. mndl. borst), Ableitung zu germ. *brest-a-, mangeln, brechen, bersten‘ (vgl. ahd. gi-brestan, ūz-brestan usw., as. brestan, ahd. bresta ‚Mangel‘),118 wohin auch nhd. (obd.) brust m. ‚Mangel, Schade‘ ge-

113 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm.  50), I, §  86  f., 90. Vgl. zur Begründung Wolfgang Haubrichs, Lautverschiebung in Lothringen. Zur ahd. Integration vorgermanischer Toponyme der historischen Sprachlandschaft zwischen Saar und Mosel, in: Althochdeutsch, hg. Von Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach und Lothar Voetz, Heidelberg 1987, S. 1350–1391 [Lit.]. 114 Vgl. Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm. 50), I, § 149 Anm. 4. 115 Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 584; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm.  1), S.  25; Niederhellmann, Arzt (wie Anm.  30), S.  164–167; Riecke, Frühgeschichte (wie Anm. 95), S. 181; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 272, 278, 283, 289; Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch (wie Anm.  99), I, Sp. 2044 (,Schwabenspiegel‘ und das ‚Glossarium Germanicum medii aevi potissimum dialecti Suevicae‘, 1781/84, des Johann Georg Scherz). 116 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 123; vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 80–84. 117 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 33  f.; Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), Bd. 1, Sp. 974  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), I, S. 114  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 40  f.; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 85; Ewa (wie Anm. 102), I, Sp. 438–440. 118 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  56; Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm.  75), Bd.  1, Sp. 1456; Etymologisches Wörterbuch, hg. Von Pfeifer (wie Anm.  75), I, S.  154  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 101  f.; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 112 [bersten], 338 [Ge-bresten]; EWA II (wie Anm. 88), Sp. 320–323; Schützeichel, Althochdeutscher und altsächsischer Glossenwortschatz (wie Anm. 99), Bd. II, S. 25–28.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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hört.119 Das Wort findet sich als palcprust in gleicher Funktion auch in der ‚Lex Baiuvariorum‘ (IV, 4).

Es handelt sich um den inneren Bruch des Unterarms, ohne äußere Hautverletzung, welche volkssprachlich palch-prust genannt wird, zu balg ‚Haut, Balg‘ und brust ‚Riss, Gebrechen‘.120 Die Verdeutlichung besteht also, wie D. v. Kralik formuliert, in der Spezifizierung des „negierten Begleitumstandes beim Knochenbruch des Armes“ ‒ wie bei hraopant in der ‚Lex Baiuvariorum‘ (IV, 8). Ohne dies für die Rekonstruktion zweifelsfrei sichern zu können, scheint die Ausgangsform bereits die oberdeutsche Medienverschiebung [b] > [p] (7./8. Jh.) gezeigt zu haben,121 worin jedoch nicht alle Handschriften folgen, vor allem nicht die Gruppe A1–3 (mit der Lantfridana). Man wird also vielleicht mit einer Varianz bereits im Archetyp rechnen müssen. Die althochdeutschen, mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen Belege für brust und seine Zusammensetzungen stammen zumeist aus oberdeutschen und rheinfränkischen Quellen (z.  B. alem. ‚Tochter Sion‘, Reinbot von Durne, Stricker,

119 Vgl. Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, hg. von Ulrich Goebel u.  a., Bd.  4, Berlin, New York 2001, Sp. 1287 (mit Belegen u.  a. von Sebastian Brant aus Zürich und aus der Pfalz); Deutsches Wörterbuch, Bd. II (1860), Sp. 447 (mit Belegen des Elsässers Jörg Wickram und des Schwaben Ludwig Uhland). Drei wohl letzten Endes aus der gleichen alemannischen Quelle fließende Glossen brust/ prust : scissura (zu Matth. 9, 16): Steinmeyer und Sievers Ahd. Glossen (wie Anm. 95), Bd. I, S. 711, 55; V, S.  13, 22. Vgl. EWA  II (wie Anm.  88), Sp. 402. Mehrfach aus vorwiegend süddt. Glossenhss. zu Prudentius erd-prust, Erdspalte, Graben‘: ebd. II, 468  f. Vgl. dazu Schützeichel, Althochdeutscher und altsächsischer Glossenwortschatz (wie Anm. 99), II, S. 69, aber auch einmal (wohl nach oberdt. Vorlage) as. erthbrust: Heinrich Tiefenbach, Altsächsisches Handwörterbuch, Berlin, New York 2010, S. 75 (Prudentius). Ferner finden sich ‒ erneut vorwiegend in oberdeutschen Handschriften ‒ im ahd. Glossenwortschatz noch die Komposita untar-brust ‚Unterbrechnung‘, wolkan-brust ‚Wolkenbruch‘ und himil-brust ‚Wolkenbruch‘: Schützeichel, Glossenwortschatz, X, S. 262; XI, S. 277; IV, S. 317. Vgl. EWA II (wie Anm. 88), Sp. 1120  f. Auch die oberdeutschen Mundartwörterbücher zeigen ‒ im Gegensatz zu mitteldeutschen Lexika ‒ brust und erd-brust im obigen Sinne häufig: J. Andrea Schmeller, Bayerisches Wörterbuch 21872–1877, Neudruck Aalen 1961, Bd.  I, S.  367; Wörterbuch der Bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ), Bd. III (1983), S. 1197; Schwäbisches Wörterbuch, bearbeitet von Hermann Fischer, Bd. I, Tübingen 1904, 1478; Badisches Wörterbuch, Bd. I, bearbeitet von Ernst Ochs, Lahr 1925/1940, S. 700; Schweizerisches Idiotikon, Bd. V, Frauenfeld 1905, S. 858–861. 120 Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 584–587; von Grienberger, Rezension (wie Anm. 95), S. 158  f.; Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 31  f.; Munske, Der germanische Rechtswortschatz (wie Anm.  79), §  346; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 27  f.; Niederhellmann, Arzt (wie Anm. 30), S. 213–217; Riecke, Frühgeschichte (wie Anm.  95), S.  290; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm.  72), S.  285, 287. Die von von Kralik angeregte Ableitung von einem angeblichen got. *balgbrust, die sich auf den vergleichbaren Tatbestand pro cute rupta (Lex Visigot. VI, 4, 1) beruft, durch Baesecke verdankt sich ungerechtfertigter Spekulation. Sachliche Parallelen in anderen Volksrechten sagen nichts über die Herkunft der volkssprachlichen Bezeichnung aus. 121 Vgl. oben Anm. 83.

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Lohengrin, Frauenlob, Ottokars ‚Österreichische Reimchronik‘, Weistum aus Birgel zwischen Offenbach und Hanau a. 1419, weitere Rechtsquellen aus Schwyz, Basel, Schlettstadt, Hagenau, überhaupt vom Oberrhein, aber auch aus Trier, Mainz, Hessen und Mosbach), so dass das Wort der LA (und auch der bairischen Schwester-Lex) wohl als einheimisch gebucht werden darf.122 8. LA LVII, 55: Si autem interiora membra vulneratus fuerit, quod „hrevovunt“ [Alamanni] dicunt, cum 12 solidis conponat.123 hr/revo-vunt (Adj.), ‚leib-wund, -verletzt‘ < germ. *hrefa- ‚Leib, Bauch‘ (vgl. ae. hrif, afries. hrif, href, ahd. href, ref ‚Bauch, Mutterschoß‘)124 + germ. *wunda- ‚verwundet, wund‘ (vgl. got. wunds, ae. as. wund, ahd. wunt); dazu vgl. analoges ae. Hrifvund.125

Es handelt sich um innere Verletzungen, die volkssprachlich mit hrevo-vunt ‚leibwund‘ (Adjektiv) spezifiziert werden. Das Kompositum, das auch in der ‚Lex Baiuvariorum‘ vorkommt (I, 6; V, 5; VI, 5; VI, 6; X, 6) besteht aus germ. *hrefa- ‚Leib, Bauch‘ und germ. *wunda- ‚wund, verwundet‘.126 Das anzusetzende Fugen-o des Kompositums im Archetyp der LA erklärt sich wohl aus Anlehnung an ahd. hrēo, rēo < germ. *hraiwa- n. ‚Körper, Leiche‘ und den ‚Pactus Alamannorum‘ (Titel VIII, 1), wo es unter Benutzung des gleichbedeutenden mittellateinischen Lehnworts revum heißt: si quis in revo placatus fuerit in pectus aut in latus…127 Angesichts des entsprechenden angelsächsischen Rechtswortes hrifvunt dürfte es sich um eine ältere Prägung handeln.

122 Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch (wie Anm.  99), I, Sp. 371; Gärtner und Gerhardt u.  a., Findebuch (wie Anm. 99), S. 58; Deutsches Rechtswörterbuch II (1932/35), Sp. 490. 123 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 126. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 88–94. 124 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 185. 125 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 474; Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 696  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 1994; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 1156; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm.  75), S.  996. Vgl. für das altenglische Wort Felix Liebermann, Die Gesetze der Angelsachsen, Bd. 1, 1903, Neudruck Aalen 1960, S. 6, Aethelbert § 61. 126 Die ‚Lex Baiuvariorum‘ (hg. von Ernst von Schwind, MGH Leges nationum germanicarum V, 2, Hannover 1926, Titel VI, 5, S. 343  f.) hat den Ausdruck einmal als Adjektiv analog zur LA: hrevavunt; dann aber als Substantiv mit Bedeutung ‚Leibwunde‘ (I, 6, S. 275): quanti homines ibi intus fuerint et inlaesi de incendio evaderunt, unicuique cum sua hrevauunti conponat. Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 1), S. 445  f.; Munske, Der germanische Rechtswortschatz (wie Anm. 79), § 63, 346; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 27  f.; Niederhellmann, Arzt (wie Anm. 30), S. 170–172; Riecke, Frühgeschichte (wie Anm. 95), S. 405; Deutsches Rechtswörterbuch XI (2003/07), Sp. 982  f.; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 264, 268, 274, 278, 281, 289. 127 Vgl. bereits von Kralik und Schmidt-Wiegand (wie Anm. 126); zu ahd. hrēo: Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 183  f.; Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm. 50), I, § 204.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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Die Überlieferung zeigt sowohl in zahlreichen Handschriften der B-Klasse und in *Y (A3, A1/2 haben hier eine Lücke) als auch im Abkömmling der ‚Lex Baiuvariorum‘ die initiale Lautgruppe [hr], die im späteren 8. Jahrhundert zu [r] vereinfacht wird (so dann die meisten jüngeren Handschriften),128 so dass die Ausgangsform wahrscheinlich, aber nicht ganz sicher mit präkonsonantischem [h] zu rekonstruieren ist. 9. LA LVII, 62: Si quis autem alium in genuculo placaverit, ita ut claudus permaneat, ut pes eius ros tangat, quod Alamanni „taud[t]ragil“ dicunt, cum 12 solidisconponat.129 tau-d/tragil (Subst. N. Sg) ‚Tau-streifer‘ (metaphorisch für lahm, hinkend, wie es auch der lat. Text umschreibt)‘ < germ. *dawwa- n. ‚Tau‘ (vgl. ae. dēaw, afries. dāw, as. -dou, ahd. tou)130 + ahd. dragil (vgl. an. dregill ‚Streifen‘; ferner PN Dragilo etc.), Nomen Agentis zu germ. *drag-a- (Verb st.) ‚schleppen, ziehen, schleifen‘ (vgl. as. dragan, ae. drāgan, ahd. tragan)131. Das Substantiv tau zeigt noch nicht die ahd. Hebung des Diphthongs [au] > [ou], aber durchaus die oberdt. Medienverschiebung [d] > [t]. Das Grundwort dragil hat noch nicht den ahd. Umlaut von germ. [a] > [e] vor [i]. Die ‚Lex Baiuvariorum‘ hat im gleichen Zusammenhang der Lahmheit tautragil (IV, 27) und taudregil (VI, 11).

Es handelt sich um eine Knieverletzung, die zur Lahmheit führt, so dass des Betroffenen Fuß „den Tau [in der Wiese] berührt“, wozu die Alamannen tau-tragil ‚Tau-streifer‘ (metaphorisch für ‚lahm, hinkend‘) sagen. Das Kompositum, das schon im Text

128 Vgl. dazu Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm.  50), I, §  153; zum Beispiel der ‚Lex Baiuvariorum‘ Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 274, der aus dem Auftreten von Formen mit [hr] schließt, „dass die Aufnahme dieses Wortes in den Text nicht später als in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts erfolgt sein kann“. 129 Leges Alamannorum, hg. Von Lehmann (wie Anm. 4), S. 127. Vgl. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 94–99. 130 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 70; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 1786  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 1003  f.; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 908. 131 Orel, Handbook (wie Anm.  75), S.  73  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 1823  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 1007–1009; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 923  f. Die von Eckhard Meineke trikil, in: Addenda und Corrigenda zu Steinmeyers Glossensammlung, hg. von Rudolf Schützeichel (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, phil. hist. Klasse 1982), S. 242–260 (oberdeutscher Rechtsausdruck des 7./8. Jahrhunderts), und Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 272, auf der Grundlage der ‚Lex Baiuvariorum‘-Überlieferung favorisierte Ableitung von got. þragjan ‚laufen‘ lässt sich wohl angesichts der überwiegend setzenden LA-Überlieferung nicht aufrechterhalten. Vgl. auch von Grienberger, Rezension (wie Anm. 95), S. 156; De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 96  f.; Elmar Seebold, Chronologisches Wörterbuch des deutschen Wortschatzes des 8.  Jahrhunderts und früherer Quellen, Berlin, New York 2001, S.  376. Die zu þragjan zu stellenden Namen auf -dregil, -drigil müssen außer Betracht bleiben.

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lateinisch erläutert wird, ist aus voralthochdeutsch *tau- und dem Nomen Agentis *dragil (zu germ. *dragan ‚schleppen, ziehen, schleifen‘)132 zusammengesetzt. Alle Handschriften bewahren das alte [au], haben die oberdeutsche Medienverschiebung [d] > [t] im Anlaut, so dass die Rekonstruktion leicht fällt. Die gesamte A-Klasse zeigt mit einigen Handschriften der ‚Lex Baiuvariorum‘ im Grundwort dragil, tragil im Gegensatz zur B-Klasse noch nicht den Umlaut des späteren 8. Jahrhunderts, so dass die umlautlose Form anzusetzen ist. Da sowohl (auch gut althochdeutsche) Handschriften der Y-Gruppe, z.  B. A1–3 und A4–5, als auch der X-Gruppe (A12 z.  B., ursprünglich wohl auch A10) schreiben, ist dieses herzustellen. Fränkische (Lupus-Version) bzw. westliche Handschriften schreiben dagegen . 10. LA LXI, 2: Et si ille talem involaverit equum, quod Alamanni „marach“ dicunt, sic eum solvat sicut et illo admissario.133 LA LXIII, 1: Si equo, quod „marach“ dicunt, oculum excusserit aut excurtaverit, cum 3 solidis conponat.134 marach (Subst. N. Sg.), (wertvolles) Pferd, Streitross’ < germ. *marha- (vgl. an. marr, ae. mearh ‚Ross‘; ahd. marah-stal ‚Pferde-Stall‘, ahd. marah-scalc ‚Pferde-Knecht‘, mhd. marc(h) ‚Streitross‘).135 Der Sprossvokal in der Lautgruppe [rχ] ist typisch für die ahd. Formen. Der alemannische Begriff hält hier eine archaische Bedeutung fest.

Es handelt sich hier um Verletzungen von Pferden, wobei das neutrale lat. equus durch das oberdeutsche Fachwort marah für ein wertvolles Pferd („Streitross“) spezifiziert wird. Man vergleiche, dass die ‚Lex Baiuvariorum‘ (Titel XIV, 11) mit marah < germ. *marh- das höherwertige Ross gegenüber dem minderwertigen angargnago (dem ‚Anger‘- oder ‚Wiesen-Nager‘) und dem Wilz (wörtlich ‚Slawen-Pferd‘) absetzt.136 Der Ansatz einer Ausgangsform marach ist deutlich. Einige Handschriften bieten die Variante march mit Synkope des Finalvokals.

132 Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (wie Anm. 79), I, S. 131, II, S. 187; von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm.  72), S.  601  f.; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 26; dies., Christentum und pagane Religiosität (wie Anm. 1), S. 119 [mit Hinweis auf die magische Wirkung des Taus]; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 272, 274, 290. 133 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 131. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 55–58. 134 Ebd., S. 132. 135 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 261; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 1046 [Mähre]; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 2, S. 598; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 593  f. Das Wort darf nicht mit dem etymologisch verwandten fem. ahd. mer(i)ha < germ. *marhī/jō ‚Mähre‘, ursprünglich ‚Stute‘, verwechselt werden. 136 Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 583; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 289.



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11. LA LXXVIII, 3:  … Illo doctore, qui hominem ducit, quod [Alamanni]„laitihunt“ dicunt, furaverit, cum 12 solidis conponat.137 laid/ti-hunt (Subst. N. Sg.) ‚Leithund‘ < germ. *laid-eja (Verb sw.) ‚leiten‘ (vgl. an. leida, ae. laedan, afries. lēda, as. lēdian, ahd. leiten)138 + germ. *hunda- m. ‚Hund‘ (got. hunds, an. hundr, ae. afries. as. hund, ahd. hunt).139 Vgl. mhd. leithunt ‚Jagdhund, der am Seile geführt die Spur des Wildes aufsucht‘.140 Das Erstelement des Kompositums zeigt noch nicht die ahd. Hebung von germ. [ai] > [ei].

Hier wird vom Diebstahl von Jagdhunden (siusibus), speziell von einem „Führerhund, der einen Menschen führt“ gehandelt, wobei der ductor, im ‚Sprechlatein‘ doctor, durch das alemannische, auch mittelhochdeutsch belegte laid/ti-hunt ‚Leit-Hund‘ spezifiziert wird.141 Jenseits einiger Korruptelen und Romanismen wie h-Aphärese (unt statt hunt in A1, A5 und A7) lassen sich sowohl in *X als auch in *Y Formen mit dem älteren germanischen Diphthongen [ai] finden (auch noch in der B-Klasse), der für die Ausgangsform zu veranschlagen ist, während einige Handschriften mit dem jüngeren althochdeutschen [ei] modernisieren, darunter A3 und Lupus (A6/7). Ob das Bestimmungswort mit [d] oder verschobenem [t] angesetzt werden muss, lässt sich dagegen nicht eindeutig klären. 12. LA LXXXI: Si quis contentio orta fuerit inter duas genealogias de termino terrae eorum, unus dicit: ‚Hic est noster terminus, alius revadit in alium locum et dicit: ‚Hic est noster terminus, ibi de praesente sit comis de plebe illa, ponat signum, ubi isti voluerint, et ubi alii voluerint terminos, et girent [„umgehen“] ipsam conten­ tionem. Postquam girata fuerit, veniant in medium et de praesenti comite tollant de ipsa terra, quod Alamanni „zurfodi“ dicunt, et rama de ipsis arboribus infigant in ipsa terra, quod* tollunt, et illas genealogias, qui contendunt, levent illa terra praesente comite et comendent in sua manu. Ille involvat in fanone et ponat sigil-

137 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 142. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 51–54. 138 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 232; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 1003  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 535; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 571. 139 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 193; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), II, S. 716  f.; Splett, Althochdeutsches Wörterbuch (wie Anm. 75), I, 1, S. 411  f.; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 430; EWA (wie Anm. 75), IV, Sp. 1232–1237. 140 Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch (wie Anm. 99), I, Sp. 1874  f. 141 Vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 449; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 12–14; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 279  f., 289. Im Frühnhd. hat das Jagd-Fachwort, neben zahlreichen oberdeutschen Belegen, eine weitere Verbreitung: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, hg. von Ulrich Goebel u.  a., Bd. 9, 1, Berlin 2013, Sp. 948  f. Vgl. analog fem. leit-zôha (um 1000, mfrk.) ‚Leithündin‘: Lühr, EWA (wie Anm. 99), V, Sp. 1160.

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lum et comendet in manu fidele usque ad constituto placito. Tunc spondeant inter se pugna duorum. Quando parati sunt ad pugnam, tunc ponat ipsa terra in medio et tangant ipsa terra cum spatas suas, quos pugnare habebunt, et testificent Deum creatorem, ut, cui sit iustitia, illi donet Deus victoriam, et pugnent. Qualis de ipsis vicerit, ipse possedeat illa contentione, et illi alii praesumptione, quare proprietate contradixerunt, cum 12 solidis conponant.142 *A5 wiederholt hier: quod Alamanni curf dicunt et rama de ipsis arboribus infigant in ipsa terra quod … c/zurf-ōdi (Subst. N. Sg.) ‚Rasenstück, Wiesengrund‘ < germ. *turƀa- n.m. ‚Rasen, Torf‘ (vgl. afries. ae. as turf, an. torf, ahd. (obd.) zurft ‚Scholle‘143 + germ. Suffix -ōdja, ahd. -ōdi. Die ags. Stabreimformel ne torf ne toft aus einem Gesetz des 11. Jahrhunderts rekurriert mit der Bedeutung „weder Erde noch Zweig“ auf einen analogen Zusammenhang.144 Das Wort hat die Tenuesverschiebung von germ. [t] > [ts] (geschrieben ).145 Hss. der A- und der B-Gruppe zeigen sowohl Weiterentwicklungen der Suffigalbildung (zurufd, zurft etc.) als auch die Reduktion auf das Simplex (zurf, curf).

Hier wird das Ritual geschildert, das den Zweikampf zwischen Vertretern zweier Familien um von beiden beanspruchtes Land einleitet.146 In der (leicht abgewandel-

142 Leges Alamannorum, hg. von Lehmann (wie Anm. 4), S. 145  f. De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 35–42. 143 Orel, Handbook (wie Anm. 75), S. 412  f.; Günther Drosdowski, Zur etymologischen Forschung, in: Forschungen und Fortschritte 31 (1957), S. 339–343, hier S. 341  f.; Etymologisches Wörterbuch, hg. von Pfeifer (wie Anm. 75), III, S. 1815  f. [Torf]; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 921 [Torf, niederdt. Form]. Zur Glosse ahd. zurft vgl. vonKralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm.  72), S.  582. DWB XI (1931), Nachdruck 1984, Bd.  21, bearb. v. Mathias Lexer und Dietrich von Kralik, gibt an, dass die sog. ahd. Glosse Resultat einer unrichtigen Lesung. Schützeichel, Althochdeutscher und altsächsischer Wortschatz (wie Anm. 99), XI, S. 471 bucht aber aus den Tegernseer Vergilglossen des Clm. 18059 die Marginalglosse terga : zurft mit der Bedeutungsangabe ‚Scholle‘. Im DWB wird die Wortform der LA ebenfalls abqualifiziert; die angeblich korrupten Formen der Überlieferung ließen erkennen, „dasz den copisten die hochdeutsche wortform nicht vertraut war“. Die -Schreibungen stammten aus einer niederdeutschen Form, die -Graphien gingen auf eine Verwechslung mit einer niederdeutschen Vorlage zurück. Diese Vermutungen für den Archetyp werden den textgenetischen Verhältnissen nicht gerecht. 144 Felix Liebermann, Die Gesetze der Angelsachsen, Halle 1903, Nachdruck Aalen 1960, I, S. 400. 145 Vgl. oben Anm. 113. 146 Heinrich Brunner, Zur Rechtsgeschichte der romanischen und germanischen Urkunden, 1880, S. 276  f.: „Ursprünglich wurde genau darauf gesehen, dass die Erdscholle oder der Rasen usw. dem Grundstücke selbst entnommen wurden, welches übereignet werden sollte. Nicht nur wird in zahlreichen Urkunden die Tradition per cespites ipsius terrae, ex eadem terra ausdrücklich hervorgehoben, sondern wir haben zudem im Titel 84 [heute 81] der Lex Alamannorum ein sprechendes Zeugnis für die peinliche Vorsicht, mit welcher man in einem verwandten Falle die Zugehörigkeit der Scholle zu dem durch sie repräsentierten Grundstück außer Zweifel setzte. Nach dem Volksrechte der Alamannen wird bei dem streitigen Gebiete Torf und Zweig ausgehoben […]. Torf und Zweig werden dem



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ten) Übersetzung von C. Schott:147 „Wenn ein Streit entsteht zwischen zwei Sippen [genealogiae] über die Grenze ihres Landes, wobei einer erklärt ‚Dies ist unsere Grenze‘, und der andere zu einem anderen Ort geht und sagt: ‚Dies ist unsere Grenze‘, so soll dort ein comes, ein Graf von jenem Volke anwesend sein; der setze ein Zeichen, wo die eine Partei und die andere Partei die Grenzen haben wollen, und sie sollen das Streitstück durch Umgang eingrenzen. Nachdem es eingegrenzt ist, sollen sie in die Mitte kommen und in Anwesenheit des Grafen etwas von dieser Erde ausheben, was die Alamannen zurf (oder zurf-odi) nennen, und sie sollen Zweige von den Bäumen in die Erdscholle, die sie ausgehoben haben, stecken, und die Sippen, die sich streiten, sollen jene Erdscholle vor dem Grafen aufheben und in seine Hand geben. Dieser hülle sie in ein Tuch [fanone], bringe ein Siegel an und vertraue sie einem Treuhänder an bis zum festgesetzten placitum. Dann sollen sie sich den Zweikampf geloben; wenn sie zum Zweikampf bereit sind, dann lege man diese Erdscholle in die Mitte. Und sie sollen diese Erde mit ihren Schwertern berühren, die sie zum Kampfe bereithalten, und sollen Gott den Schöpfer zum Zeugen anrufen, dass Gott dem, welcher im Recht ist, den Sieg gebe, und sie sollen kämpfen. Wer von ihnen siegt, der sei im Besitz des Streitstücks“ etc. Es ist klar, dass es sich bei dem zurf oder zurfodi um ein Realsymbol für das strittige Land handelt, das in anderem Zusammenhang, z.  B. Besitzübertragung, zusammen mit dem Zweig auch im fränkischen Recht und in italienischen Urkunden vorkommt.148 Die Bezeichnung ist zweifellos zu germanisch *turƀa- ‚Rasen‘, altfriesisch,

Grafen übergeben, von ihm in ein Tuch gewickelt, eingesiegelt und aufbewahrt. Am Tage des gerichtlichen Zweikampfs, der den Streit entscheiden soll, wird die Scholle zwischen die Gegner gelegt, welche sie bei Beginn des Kampfes mit den Spitzen der Schwerter berühren sollen“. 147 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 9), S. 146–149. 148 Vgl. zum Rechtssymbol der Erde bereits Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (wie Anm.  79), I, S.  154–168. Ferner siehe italienische Urkunden ‒ meistens mit dem eher fränkischen Begriff des „Wasen“ (ahd. as. waso, frz. gazon) operierend: z.  B. Pietro Torelli, Le carte degli archivi Reggiani fino al 1050, Reggio (Emilia) 1921, Nr. 104 a. 1009: uuasonem terre atque ramos arboris für einen nach der Lex Ribuariorum lebenden Grundbesitzer; Nr. 133a a. 1032 or.; so auch a. 809 in Verona (per glebam et ramum arboris […] iuxta morem et consuetudinem legis nostre), a. 884 in Asti (per wasonem de terra et ramum de arboribus) etc., jeweils für Alemannen, schon mit der LA verglichen von Renato Bordone, Un’ attiva minoranza etnica nell’ alto medioevo: Gli Alamanni del comitato di Asti, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 54 (1974), S. 1–57, hier S. 19–22. Bordone führt auch die ‚Additio tertia‘ des ‚Cartularium‘ im ‚Liber legis Langobardorum Papiensis‘ an, wo es unter der Überschrift Traditio venditionis cum defensione heißt (Leges Langobardorum, hg. von Friedrich Bluhme und Alfred Boretius, MGH Leges IV, Hannover 1868, S. 595 Nr. L: Si est Romanus, similiter dic; sed si est Salichus, si est Roboarius [< *Riboarius], si est Francus, si est Gothus vel Alamannus venditor, pone cartulam in terram et super cartam mitte cultellum, festucam notatam, wantonem et wasonem terrae et ramum arboris et atramentarium ‒ et in Alamanna wandilanc ‒ et levet de terra … in Baioaria et Gundebada [d.i. die ‚Lex Burgundionum‘] non oponitur insuper cultellum. Vgl. dazu auch Brunner, Zur Rechtsgeschichte (wie Anm. 146), S. 109  f.; Adalbert Erler, s. v. Erde, in: Handwörterbuch zur Rechtsgeschichte, Bd. I (1971), Sp. 987–989; Ruth Schmidt-Wiegand, Chrenecruda. Rechtswort

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altsächsisch, altenglisch turf, altnordisch torf zu stellen (verwandt mit engl. turf und dem aus dem Niederdeutschen entlehnten deutschen Wort Torf, das aber eine Bedeutungsveränderung erfahren hat). Schwach ist es im Althochdeutschen noch durch eine aus oberdeutscher (Tegernseer) Überlieferung stammende Glosse zurft ‚Scholle‘ bezeugt.149 Die Varianten der Handschriften bieten nun ein merkwürdiges Bild. Wir haben einerseits die anscheinend einfache Form curf (A4/5), zurf und 5x zurb, zturf (B), dann aber ‒ und dies sowohl in *X wie in *Y ‒ curffo (A2), mit rom. Senkung [u] > [o] auch corfo (A1) bzw. wiederum surfo in A9. Das nah verwandte A8 hat dagegen curffodi (ebenso teilweise B), das man leicht als Ableitung mit dem Suffix *-ōdi auffassen kann: im Deutschen etwa analog der Prägung Kleinod, mhd. kleinōt bzw. Einöde, ahd. einōti, as. ēnōdi oder Armut, as. armōdi, ahd. armuoti oder Heimat, ahd. heimōti, -ōdi bekannt.150 Dazu kommen als Entwicklungsprodukte mit abgeschwächter Endsilbe die Formen zurufd in der Lupus-Gruppe (A6/7) und zuruft (A10) mit Vokalentfaltung, sowie zurft in A3, B und der zitierten ahd. Glosse, alles verteilt über *X und *Y. Das sonst kaum erklärliche z/curfo mit finalem -o lässt sich aber als Zerfallsprodukt des Formelschlusses *zurfodi dicunt durch haplologische Fehllesung interpretieren, welche die Lautgruppe di/di kürzte. So ist es möglich, tentativ als Ausgangsform c/ zurf-ōdi anzusetzen.151 Auch die als frühe Variante anzusetzende Graphie vor velarem [u] statt ist nur dort möglich, wo vor velaren Vokalen nicht einen [k]-Wert ausdrückte, wo man also nicht auf die romanische, frikative Aussprache von vor palatalen Vokalen wie [e, i] Rücksicht nehmen musste.

und Formalakt der Merowingerzeit (1980), in: dies., Stammesrecht und Volkssprache (wie Anm. 90), S.  481–502, hier S.  500  f. (zum Symbol der Erde); Schott, Zur Geltung der Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 96  f. 149 Vgl. Heinrich Brunner, Zur Rechtsgeschichte der romanischen und germanischen Urkunden, 1880, Neudruck Berlin 1961, S. 276  f.; Hans Fehr, Der Geist der alemannischen Volksrechte, in: Schweizer Beiträge zur Allgemeinen Geschichte, Bd. 1, Aarau 1943, S. 34–54, hier S. 46; Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 29  f. [„Lehnwort aus fränkischer Gesetzgebung, obgleich es dort nicht belegt ist und trotz des quod Alemanni dicunt“]; Beyerle, Kulturportrait (wie Anm. 1), S. 141  f.; SchmidtWiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 18  f., 31; dies., Christentum und pagane Religiosität (wie Anm. 1), S. 117  f. [zu magischen Elementen]. 150 Vgl. Walter Henzen, Deutsche Wortbildung, Tübingen 21957, S. 175 § 112; Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch (wie Anm. 75), S. 61, 236, 405, 498. 151 Vgl. bereits Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer (wie Anm. 79), I, S. 159. Auch De Rosa, Quod Alamanni dicunt I (wie Anm. 1), S. 39–41, erwägt diese Möglichkeiten Seine beiden anderen Möglichkeiten ‒ Zusammensetzung mit germ. *auᵭa-, ahd. ōd, ōt ‚Besitz, Reichtum‘ bzw. mit germ. *auþja ahd. ōdi ‚Einöde, Wüste‘ ‒ scheitern an der unpassenden Semantik, aber auch daran, dass im Gegensatz zu anderen Alamanni-Wörter (Nr. 2, 5a, 9) keine Varianten mit altem [au] auftauchen.



Quod Alamanni dicunt. Volkssprachliche Wörter in der Lex Alamannorum 

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4 Semantik und Funktion Die Bedeutung der Alamanni-Wörter konnte im vorhergehenden Abschnitt weitgehend ‒ mit Unklarheiten bei nast-heit (Nr. 3) ‒ etymologisch und kontextuell geklärt werden. Aber erst im Zusammenspiel von Bedeutung und Verwendung im Kontext lässt sich die pragmatische Funktion der volkssprachlichen Wörter erfassen ‒ quod Alamanni dicunt.152 Für die 12–13 Wörter der LA lassen sich eine Hauptfunkton und drei weitere, jeweils nur einmal vorkommende Funktionen ausmachen. Die Hauptfunktion besteht in der Spezifizierung des lateinischen Textes durch einheimische Alltags- oder Fachbegriffe, geschöpft aus verschiedenen Lebenswelten.153 So spezifiziert morth-taudo (Nr. 2) das Tötungsdelikt im Sinne von ‚Mord‘; palchprust (Nr. 7) ‚Haut-Verletzung‘ spezifiziert im negativen, ausschließenden Sinne den nur inneren Knochenbruch.154 Dagegen gibt hrevo-vunt (Nr.  8) ‚leib-‘ oder ‚bauchwund‘ das Fachwort für innere Verletzungen an. Einen echten funktionalen Mehrwert erzielt auch der Begriff puli-slac ‚Beulenschlag‘, der den im lateinischen Text präsentierten Schlag im Affekt, im Zorn hinsichtlich seiner Folgen (übrigens wie im langobardischen ER) ‚Beule‘ spezifiziert. Dagegen verdeutlichen andere Alamanni-Wörter als Rechtsfachwörter ganze Rituale, die z.  T. gentile Spezifika gewesen sein mögen: So fasst der archaische, halbmetonymische, wohl kaum noch ganz verstandene Begriff nast-(h)aid (Nr. 3) den Eid der Witwe zur Erzwingung der Herausgabe der Morgengabe nach dem Tod des Gatten als eine Art „Kennwort“ ‒ so Ruth Schmidt-Wiegand155 ‒ zusammen. Deshalb steht der Satz Hoc dicunt Alamanni nast haid dann auch zusammenfassend, spezifizierend am Ende des Paragraphen, der das Ritual lateinisch schildert. Nur ein Detail, aber ein zentrales Detail wird mit zurf/*zurf-ōdi (Nr. 12) aus den Bestimmungen zum gericht­ lichen Zweikampf um strittiges Land verdeutlicht, nämlich das Dingsymbol der ‚pars pro toto‘ ausgehobenen Erde, das seine Parallelen in anderen Rechten hat.

152 Es handelt sich bei dieser Formel um eine metakommunikative Auszeichnung der AlamannenWörter, die im Kontext einer regional verankerten Lex ernst zu nehmen ist. Ohne hier Terminologien oder Typologien der Rechtswörter vor einer funktionalen Beschreibung erörtern zu wollen, sind Bezeichnungen wie „Einsprengsel“ etc., die in der Forschung vorkommen, kaum adäquat. 153 Dies sah auch z.  B. schon Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 12. 154 Zu dieser Terminologie ex negativo vgl. von Kralik, Die deutschen Bestandteile (wie Anm. 72), S. 584  ff.; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 27  f. 155 Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 10; Tiefenbach, Quod Paiuvarii dicunt (wie Anm. 72), S. 271, spricht davon, „dass der volkssprachige Begriff nicht in allen Fällen ein direktes Äquivalent des unmittelbaren Kontextes bietet, sondern bisweilen nach Art eines Schlagwortes den Gesamtvorgang kennzeichnet, von dem in dem Abschnitt die Rede ist“. Vgl. auch bereits Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 21; Meineke trikil (wie Anm. 131), S. 249.

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Beim Zahnausschlagen (Nr. 6) wird der Zahn tarifrelevant durch den volkssprachlichen Ausdruck marc-zand ‚Backenzahn‘ aus lebensweltlichem Wortschatz spezifiziert. Bei einer Augenverletzung (Nr. 5a, nur in A3 präsent) wird das halbmetaphorische medizinische Fachwort glas-augi ‚weißer, milchiger Fleck im Auge‘ eingesetzt und sogar lateinisch kommentiert (ut quasi vitro remaneat). Zwei Mal hippologisches marach (Nr. 10) bestimmt das neutrale lat. equus als ‚wertvolles Pferd‘, vielleicht als ‚Streitross‘. Aus dem Wortschatz der Jagdsprache stammt der laiti-hunt (Nr. 11), der die umständliche lateinische Formulierung ductor, qui hominem ducit (die z.  B. Lupus von Ferrières nicht mehr verstanden hat), prägnant mit dem theodisken Fachbegriff spezifiziert. Nah verwandt ist der zweite Funktionstypus, die bildhafte Verdeutlichung durch einen metaphorischen Ausdruck. Nicht mit dem ahd. lamo ‚lahm‘ wird der lat. claudus belegt, sondern interpretiert durch das wohl euphemistischem alltagsweltlichem Wortschatz entstammende tau-/tragil (Nr. 9) ‚Tau-streifer‘.156 Es zeigt die Abgestimmtheit des LA-Textes, wenn das theodiske Wort im lateinischen Text vorweg erläutert wird ‒ ut pes eius ros tangat ‒ was natürlich nur erklärbar ist, wenn dem Verfasser von vornherein das vor Augen stand, quod Alamanni dicunt. In einem Fall ‒ und das ist der dritte Funktionstyp ‒ wird die lateinische Formulierung durch einen unspezifischen Ausdruck erläutert. Wenn (Nr. 5) das Abschneiden eines halben Ohres behandelt, so bietet das Alamanni-Wort lith-scardi ‚Glied-, Körperteil-Verletzung‘, was ja nicht nur auf das Ohr passt. Hier ist die Funktion wohl, das Detail der Ohrverletzung in die sonstigen Körperteil-Delikte einzuordnen. Die LA-Überlieferung hat das freilich nicht allgemein hingenommen, die *X-Gruppe hat offensichtlich lith- im Sinne von ‚Glied, Körperteil‘ nicht mehr auf ‚Ohr‘ beziehen wollen und noch weiter zu scardi ‚Verletzung‘ generalisiert, während die B-Klasse der Lex sinnvollerweise präzisiert zu or-scardi ‚Ohr-Verletzung‘. In den meisten Fällen ‒ nast-eid, puli-slac, lith-scardi, palch-prust, laiti-hunt usw. ‒ sind, wie leicht verständlich, die Sachverhalte oder Objekte der LA-Paragraphen durch volkssprachliche Substantive ausgedrückt, in einigen Fällen aber nicht. Zweimal ‒ es handelt sich um morth-taudo ‚der durch Mord tote‘ und hrevo-vunt ‚bauch-wund‘ ‒ Allerdings wird ein Adjektiv gebraucht: man darf sich das so erklären, dass damit elliptisch der durch die kriminelle Handlung erreichte Zustand einer Person, ihr So-Sein („tot“ bzw. „wund“) ausgedrückt werden soll.157

156 Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 26, redet 1978 noch davon, dass damit „der Tatbestand in höchst anschaulicher Weise in einem Begriff zusammengefasst ist“. Doch 2003 stellt dies., Christentum und pagane Religiosität (wie Anm. 1), S. 119 den ‚Taustreifer‘ ‒ vielleicht etwas forciert ‒ in einen magischen Zusammenhang. 157 Es handelt sich um Fachwörter: Mit Schmidt-Wiegand, Christentum und pagane Religiosität (wie Anm. 1), S. 116 ‒ dort bezogen auf morth-taudo ‒ lässt sich formulieren, dass es sich „um eine Terminologie handelte, die im Gericht […] gebraucht wurde und die bei Urteilsspruch und Reinigungseid zu erscheinen hatte. Es handelte sich um Begriffe, die bei den Gerichtsgenossen als bekannt vorausgesetzt werden konnten“.



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In einem dritten Fall (Nr.  1) wird in der Volkssprache eine adverbiale Fügung, nämlich haistera handi „mit heftiger, gewalttätiger Hand“ eingesetzt, was im lat. Text armatus contra legem, also „bewaffnet und unrechtmäßig“ interpretiert, aber weder übersetzt noch spezifiziert oder erläutert.158 Eine Übersetzung liegt etwa im langobardischen ER 277 vor, wo der ingressus, und zwar haiston unternommen, mit id est, irato animo „d.  h. im Zorn“ glossiert wird. Im Grunde ist das Alamanni-Wort in LA, Titel IX, überflüssig, denn es fügt der lateinischen Formulierung keine weitere Information hinzu. Nun war schon zu bemerken, dass haistera handi, in schönem althochdeutschem Dativ gehalten, etwas Besonderes ist, nämlich eine Stabreim-Formel (wie etwa „Kind und Kegel“, „Haus und Hof“ oder wider gift sol man gâbe geben [„Gabe soll man mit Gegengabe vergelten“], oder langobardisch im Freilassungsritual per gaida [unde] gisil („Spitze und Stab eines Pfeiles“) bzw. die Formel des Erblass-Rituals lid in laib („geh ins Erbe“), oder endlich in einem angelsächsischen Gesetz des 11. Jahrhunderts ne torf ne toft („Weder Erde noch Zweig“) ‒ ganz verwandt mit dem zurf(odi)- Ritual der LA.159 Es handelt sich also wohl um eine alte Rechtsformel, wie auch durch altnordisch heiptugri hendi und friesisch haesta hand zu belegen. Warum wurde sie hier zitiert? Vielleicht war ihre Funktion schlicht, zu signalisieren, dass es sich an dieser Stelle, wo es um den Schutz gerade des bischöflichen Hofes ging, um ‚altes‘ und ‚gutes‘ Recht handelte, um ritualisiertes Recht der Alamanni zudem, eine Funktion, die in gewisser Weise zusätzlich wohl allen mit der Formel quod Alamanni dicunt eingeleiteten volkssprachlichen Wörtern zugemessen werden darf.160

158 Vgl. Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 16  f. 159 Vgl. nach den ersten Sammlungen von Jacob Grimm in seinen ‚Rechtsalterthümern‘ (wie Anm. 79) vor allem Gerhard Dilcher, Paarformeln in der Rechtssprache des frühen Mittelalters, Diss. Frankfurt a.M. 1961, S. 24  f.; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 19; dies., Sprache, Recht, Rechtssprache bei Franken und Alemannen vom 6. bis zum 8. Jahrhundert, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 141–158, hier S. 142; Maria Vòllono, Sprache und Tradition im Herzogtum Benevent: Identität und Identitätssuche der süditalienischen Langobarden, in: Studien zu Literatur, Sprache und Geschichte in Europa, hg. von Albrecht Greule, Hans-Walter Herrmann u.  a., St. Ingbert 2008, S. 555–561, hier S. 560. 160 Eine weitere Frage der Pragmatik von Leges ist die Nutzung von Handschriften in der Rechtspraxis der Zeit. Eher symbolisch-repräsentative Funktion nimmt an Clausdieter Schott, Pactus, Lex und Recht, in: Die Alemannen in der Frühzeit, hg. von Wolfgang Hübener, Bühl/Baden 1974, S. 135–168, hier S. 161–167; ders., Zur Geltung der Lex Alamannorum (wie Anm.  1), S.  89  ff. Für Benutzung vor Gericht und im Zusammenhang der Pfalzenadministration plädieren Kottje, Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 362  f., 366  f.; Kottje, Die Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 9  ff.; Wilfried Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm.  2), S.  313  ff. Für gerichtliche Relevanz spricht auch das reichhaltige Angebot alemannischen Rechts bei immigrierten Alemannen, etwa in Italien: Vgl. Gianluigi Barni, Alamanni nel territorio lombardo, in: Archivio Storico Lombardo N.S. 3 (1938), S. 137–162; Bordone, Un’ attiva minoranza (wie Anm. 147), S. 19–22; Kottje, Die Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 13; ders., Zum Geltungsbereich (wie Anm. 1), S. 361  f.; Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 160), S. 322  f.

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5 Sprachliche Datierung und Lokalisierung Schon im lexikalischen Bereich zeigen sich Wörter, die ihren Verbreitungsschwerpunkt im süddeutschen Bereich hatten. Das gilt für puli-slac ‚Beulenschlag‘, lithscardi ‚Gliedverletzung‘, marc-zand ‚Backenzahn‘, prust, palc-prust ‚Riss, Gebresten, Verletzung‘, wohl auch zurf-odi ‚Rasenstück‘ und nast-hait ‚Zopf-Stand‘.161 Die rekonstruierten Ursprungsformen zeigen ferner folgende zu Lokalisierung und Datierung der LA verwendbare phonetische Eigenheiten: 1. Gegenüber der oberdeutschen Verschiebung der germanischen stimmhaften Verschlusslaute [b, d, g] > [p, t, k], der Mediae also, bleibt LA in einem etwas unentschiedenen Zustand. Bei den rekonstruierten Formen gibt es gute Argumente für den Ansatz von bereits verschobenen Formen mit anlautendem [p] in puli ‚Beule‘, palch ‚Haut, Balg‘, prust ‚Brust‘ und anlautendem [t] in tau, inlautendem [t] in laiti-hunt, aber daneben existierende Formen mit alten [b] und [d] ‒ wie balc, laidi-hunt ‒ lassen sich nicht sicher ausschließen. Die Verschiebung dieser sog. Mediae ist im Ganzen eine oberdeutsche Erscheinung. Im Elsass gibt es Frühbelege ab 711/15, 725; bei [b] > [p] wird die neue Graphie dichter ab ca. 737.162 In St. Gallen erscheint anlautendes [t] ab ca. 754 stärker;163 die Vorakte des 8. Jahrhunderts haben [t] gegen die konservativen Urkunden, also etwa Tuto, urkundlich wieder Duto.164 Das Gleiche gilt für den Wandel [b] > [p] (z.  B. Pusilo gegenüber urkundlich Busilo).165 Insgesamt zeigen die St. Galler Urkunden schon im ersten Drittel des 8.  Jahrhunderts Fälle mit

, andererseits halten sich die traditionellen Schreibungen, die auch die fränkischen sind, in hoher Anzahl bis in den Anfang des 9. Jahrhunderts.166 2. Eine ähnliche Unentschiedenheit zeigt sich beim Wandel des germanischen Reibelauts [þ] > [d]:167 Es handelt sich ausschließlich um Auslautfälle, wir haben morth-, lith- mit alter th-Schreibung, dagegen var. lidi- und -(h)aid. Wieder ist die Umsetzung des zu im Oberdeutschen früher durchgesetzt als im Norden;

161 Keinesfalls kann für die metasprachlich als Alamanni-Wörter gekennzeichneten Termini von einer „fränkisch-oberdeutschen Mischsprache“ im Sinne von Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 32, die Rede sein. 162 Adolf Socin, Die althochdeutsche Sprache im Elsass vor Otfrid von Weissenburg. Nach Namen in Urkunden dargestellt, Straßburg 1882, S. 237  f., 242  f. 247, 261  f., 268–272; Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), § 88, 136, 149, 163. 163 Rudolf Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler bis zum Tode Karls des Großen, Straßburg, London 1874, S. 125–127. 164 Stefan Sonderegger, Das Althochdeutsche der Vorakte der älteren St. Galler Urkunden, in: Zeitschrift für Mundartforschung 28 (1961), S. 251–268, hier S. 274–278. 165 Sonderegger, Das Althochdeutsche der Vorakte (wie Anm. 164), S. 274  ff. 166 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 129–133. 167 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 167.

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sie vollzieht sich im Alemannischen in der zweiten Hälfte des 8.  Jahrhunderts; die Vorakte der St. Galler Urkunden zeigen fast nur ;168 in den Urkunden überwiegt konservatives bis 779, obwohl mit einem Drittel ebenfalls deutlich präsent ist und im Auslaut ab der Jahrhundertmitte die Mehrheitsschreibung ist.169 3. Auffällig ist die (für den Archetyp wahrscheinliche) Erhaltung von [h] in der germanischen Lautgruppe [hr], das normalerweise „zu Ende des 8.  Jahrhunderts geschwunden“ ist (J. Schatz).170 Im Elsass lässt sich der Schwund seit den 30er/40er Jahren belegen;171 St. Galler Urkunden zeigen ihn ebenfalls schon ab der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts; daneben aber auch konservative Schreibungen.172 4. Deutlich wird LA dadurch charakterisiert, dass die Alamanni-Wörter in ihrer ursprünglichen Form nicht die althochdeutsche Monophthongierung von [ai] > [ē] vor Dental bzw. die Hebung zu [ei] und die Monophthongierung des Diphthongs [au] > [ō] bzw. die Hebung zu [ou] kennen, also:

a) b) c) d) e)

haistera aid laiti- -taudo -augi

statt statt statt statt statt

*hēstera*eid *leiti-hunt *tōdo *ougi

Alle diese althochdeutschen Lautprozesse sind auch Bewegungen, die früher im Fränkischen als im Oberdeutschen (Bairischen, Alemannischen) vor sich gehen. Im Elsass werden die Belege für [ei] ‒ ab ca. 712 präsent ‒ seit etwa 737 dichter, obwohl bis ca. 773 [ai] überwiegt.173 Dagegen findet sich in den St. Galler Urkunden bis 762 ‒ ganz ähnlich den Urkunden aus dem südlichen Elsass (Murbach, Münster) ‒ nur [ai], erst ab 793 herrscht [ei].174 Im bairischen Freising findet sich analog neben ab 750/65 die Schreibung .175

168 Sonderegger, Das Althochdeutsche der Vorakte (wie Anm. 164), S. 278  f. 169 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 127  f. 170 Josef Schatz, Althochdeutsche Grammatik, Göttingen 1927, § 153 (nur noch in den ältesten oberdt. Quellen). 171 Socin, Althochdeutsche Sprache im Elsass (wie Anm. 162), S. 240  f., wobei aber für die Weissenburger elsässischen Urkunden zu berücksichtigen wäre, dass sie nicht original, sondern in Kopie des 9. Jahrhunderts überliefert sind. 172 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 141  f. 173 Socin, Althochdeutsche Sprache im Elsass (wie Anm. 162), S. 225–227, 260, 267  f.; Vgl. Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 44 mit Anm. 23. 174 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 117  f. 175 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 44 Anm. 2.

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Die Monophthongierung von [au] > [ō] bzw. die Hebung zu [ou] findet sich im Elsass und Weißenburg seit 725,176 in Freising seit 747 [ō],177 [ou] bairisch aber erst seit 793.178 Die St. Galler Urkunden beginnen mit monophthongiertem [ō] erst in den sechziger Jahres des 8. Jahrhunderts, mit [ou] in einem Einzelfall 778, breiter aber erst viel später.179 5. Die Alamanni-Wörter sind auch durch das Fehlen des Primär-Umlauts [a] > [e] vor folgendem [i] gekennzeichnet:

a) handi b) -dragil

statt statt

henti tregil

Der Umlaut lässt sich im Elsass und in Weißenburg dichter ab 739/40 belegen;180 in den St. Galler Urkunden erscheint der Umlaut ab 757 und ist ab 785 die Regel;181 die St. Galler Vorakte haben ihn dagegen schon ab 764 fast immer;182 im Bairischen dringt er ab dem zweiten Viertel bis Mitte des 8. Jahrhunderts vor.183 Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen dialektgeographischen und lautchronologischen Analysen für Lokalisierung und Datierung der LA ziehen?184

176 Socin, Althochdeutsche Sprache im Elsass (wie Anm. 162), S. 227–229, 260, 268. Vgl. Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 45. 177 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik  I (wie Anm.  50), I, §  45 Anm.  2. Vgl. Schatz, Althochdeutsche Grammatik (wie Anm. 170), § 31. 178 Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 46 Anm. 1. 179 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 118  f.; Vgl. Sonderegger, Das Althochdeutsche der Vorakte (wie Anm. 164), S. 270  f. 180 Socin, Althochdeutsche Sprache im Elsass (wie Anm. 162), S. 217–222, 260, 266  f. Vgl. Braune und Reiffenstein, Althochdeutsche Grammatik I (wie Anm. 50), I, § 26  f., 51. 181 Henning, Über die Sanctgallischen Sprachdenkmäler (wie Anm. 163), S. 110–113. 182 Sonderegger, Das Althochdeutsche der Vorakte (wie Anm. 164), S. 267. 183 Vgl. dazu Adolf Gütter, Zur Chronologie des Primärumlauts von /a/ im Altoberdeutschen, vor allem im Altbairischen, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 125 (2003), S. 1–23. 184 Ich gehe dabei durchaus von einem historisch-sprachlichen Begriff einer Alamannia aus, auch wenn er für die Frühzeit in Manchem diffus bleiben muss. So recht Dieter Geuenich, Alemannische Sprach- und Stammesgrenzen. Ein kritischer Rückblick, in: Grenzüberschreitungen. Der alemannische Raum – Einheit trotz der Grenzen?, hg. von Wolfgang Homburger u.  a., Ostfildern 2012, S. 39–50, mit seiner Demonstration der unscharfen und verschwommenen Ränder und Grenzen des frühen Alemannischen hat, so ist es jedoch „beyond reasonable doubt“, dass wir das, was im Kerngebiet der Alamanni seit dem 8./9. Jahrhundert noch relativ schwach ausgeprägt, dann aber im Hoch- und Spätmittelalter in Texten und Namen deutlich als Sprachraum zu Tage tritt, mit der Sprache der Alemannen in genetische Verbindung bringen dürfen. Es geht auch nicht an (Geuenich, S. 48  f.), die lexikalisch-onomastischen Eigenschaften der frühalemannischen Personennamen (vgl. wie Anm.  185) gegen deren phonetisch-graphische Auswertung in Stellung zu bringen. Hier handelt es sich um zwei verschiedene, auch analytisch distinkt zu haltende Sprachebenen.



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Dass der Charakter der Alamanni-Wörter ganz allgemein oberdeutsch ist, zeigt sich schon durch die beiden lexikalischen Parallelen aus der Langobardia (Nr. 1, 4),185 zum andern darin, dass die ‚Lex Baiuwariorum‘ immerhin 7 Wörter auch für die Baiern reklamieren konnte, schließlich darin, dass mehrere Wörter dialektale Fortsetzer vorwiegend im Oberdeutschen haben. Lautlich weist vor allem die Mediae-Verschiebung [b] > [p], [d] > [t] auf oberdeutsches Gebiet. Keinesfalls reichen die phonetisch-graphischen Indizien aus, um die Redaktion der LA einer bestimmten Institution der Alamannia, etwa der Reichenau, zuzuweisen.186 Freilich lässt sich eine solche These mit sprachwissenschaftlichen Mitteln auch nicht widerlegen. Für die Datierung ist die Stellung zur Entwicklung der germanischen Diphthonge [ai] und [au] und zum Umlaut maßgebend. Beide weisen auf eine Entstehung in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts; diese Datierung wird gestützt durch das Vorkommen archaischer th-Schreibungen für germ. [þ] und auf der morphologischen Ebene durch die archaische Form -zand mit auslautendem Dental statt jüngerem -zan. Mit einer Datierung in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts stimmt auch das eigentümliche Schwanken zwischen verschobenen [p] und [t] und konservativ erhaltenen Mediae, d.  h. den stimmhaften Verschlusslauten [b] und [d], überein. Aber das ist im Rahmen der Gesamtdiskussion um die Datierung der ‚Lex Alamannorum‘187 wohl keine große Überraschung mehr. Dennoch: Es ist allerdings nicht ganz gering einzuschätzen, dass die sprachwissenschaftliche Analyse den historischen Befund, dass die verlorenen Frühformen der ja erst seit dem späten 8.  Jahrhundert überlieferten Lex in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts gehören, bestätigen kann. Und dass kein Grund besteht, die Verwurzelung der mit quod Alamanni dicunt bezeichneten Wörter in der Alamannia zu bezweifeln.

185 Vgl. zu Parallelen im onomastischen Bereich Wolfgang Haubrichs, Frühe alemannische Personennamen (4.–8. Jahrhundert). Eine komparatistische Studie, in: Alemannien und der Norden, hg. von Hans-Peter Naumann, Berlin, New York 2004, S. 57–113, hier S. 69–76. 186 Die These einer Entstehung der LA auf der Reichenau ist wohl zuerst 1935 von Georg Baesecke in völlig unzureichender Argumentation aufgebracht worden und hat seitdem eine unberechtigte Karriere in sprachwissenschaflicher und historischer Forschung gemacht: Vgl. Baesecke, Die deutschen Worte (wie Anm. 1), S. 30  f.; Eckhardt, Leges Alamannorum (wie Anm. 5), II, S. 7; Stefan Sonderegger, Althochdeutsch auf der Reichenau. Neuere Forschungen zur ältesten Volkssprache im Inselkloster, in: Die Abtei Reichenau. Neue Beiträge zur Geschichte und Kultur des Inselklosters, hg. von Helmut Maurer, Sigmaringen 1974, S. 69–82, hier S. 75; Schmidt-Wiegand, Alemannisch und Fränkisch (wie Anm. 1), S. 25 (speziell für die Alamanni-Wörter); dies., Sprache, Recht, Rechtssprache (wie Anm. 159), S.  149 („Glossen in einem althochdeutschen Klosterdialekt“); Schott, Codex Sangallensis 731 (wie Anm. 9), S. 305  f. [Lit.]. 187 Zu den Kontroversen um die Datierung von LA vgl. z.  B. Eckhardt, Leges Alamannorum (wie Anm. 5), II, S. 7  f.; Kottje, Zum Geltungsbereich der Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 360 [mit Lit.]; Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 317  f.

Sebastian Brather

Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber. Alemannisches Recht und merowingerzeitliche Bestattungen im Vergleich Fragt man nach frühmittelalterlichen Sozialstrukturen, so lassen sich dem Pactus Legis Alamannorum und der Lex Alamannorum viele interessante Anhaltspunkte entnehmen (Tab. 1).1 Soweit ich sehe, handelt es sich aus archäologischer Perspektive im Wesentlichen um vier Aspekte: 1. Hierarchie und Status; 2. Geschlechterverhältnisse; 3. Lebensalter; 4. besonderer Schutz für Kirchenleute und Herzogsumgebung. Sie seien im Folgenden nacheinander inhaltlich knapp skizziert und erläutert, wobei Hinweise auf die ungefähr zeitgleichen Rechte der „benachbarten“ Bayern und Langobarden2 angefügt werden, sowie anschließend archäologisch und anthropologisch analysierten Grabfunden gegenübergestellt. Auf diese Weise lassen sich zwei Blickwinkel miteinander kombinieren: normative Aspekte im Spiegel der Rechtstexte einerseits und „alltägliches Leben“ im Spiegel der Gräber andererseits.

1 Bestattung und Grab Einige allgemeine Bemerkungen zu Vorgehen und Konzepten der Archäologie frühmittelalterlicher Gräber seien vorweggeschickt, um die nachfolgende Argumentation zu entlasten und ihr Verständnis zu erleichtern. Gräber bieten keinen „Spiegel des Lebens“, sondern bestenfalls einen Zerrspiegel.3 Das hat verschiedene Gründe. Zunächst stellen Gräber lediglich das dar, was von komplexen Bestattungsritualen übrigblieb (Abb. 1). Für sie kann man in Übereinstimmung mit antiken und mittelalterlichen Vorstellungen fünf Phasen unterscheiden: 1. Aufbahrung und Totenklage, 2. Leichenprozession, 3. Beisetzung, 4. Grabanlage und 5. Gedenken.4 Die beiden

1 Clausdieter Schott, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br. 5b/3), Augsburg 1993. 2 Den Hinweis darauf verdanke ich Eva Schumann während der Tagung. 3 Barbara Sasse, Ein merowingerzeitlicher Friedhof. Zerrspiegel einer Lebensgemeinschaft, in: Zweiundvierzig. Festschrift Michael Gebühr, hg. von Stefan Burmeister, Heidrun Derks und Jasper von Richthofen (Studia honoraria 25), Rahden 2007, S. 47–62. 4 Josef Engels, Funerum sepulcrorumque magnificentia. Begräbnis- und Grabluxusgesetze in der griechisch-römischen Welt. Mit einigen Ausblicken auf Einschränkungen des funeralen und sepulkralen Luxus im Mittelalter und in der Neuzeit (Hermes-Einzelschriften 78), Stuttgart 1998, S. 15, 24–26, 49, 156–157.

medi(an)us

primus Frau

Kind

litus

servus

Abhauen des großen Zehs 6

4

3

PA II 26–28

[160] 200 240 2fach: 320 / 400 80 ♂: 15; Königsbesitz PA II, 36–40; (ohne Erben / 480 ♂: 45 LA VI; LVIII 200) Kirchenfreie ebenso Kirchenbesitz ♂: 45 LA VI Tötung durch Hund oder Sklaven 0,5fach LA XCIII,3 (4) (bei Pferd, Rind, Schwein volles Wergeld): [80] 100 120 160 / 200 / 240 am Hof des Herzogs, seine Leute, auf dem Weg zum Grafen LA XXVII–XXVIII; 3fach: XXXI [480] 600 720 960 / 1200 / 1440 Tötung des Bischofs 3fach: 600 LA X Tötung des Pfarrpriesters 3fach: 600 LA XI Tötung des Diakons/Mönchs: LA XII–XIII 300 [Kränkung 2fach: 400] Mord 9faches Wergeld: 18faches Wergeld: PA II 41; [1440] 1800 2160 2880 / 3600 / LA LXVII 4320 Verursachung einer (Verursacher: 40) ♂: 12; ♀: 24; PA II, 30; Fehlgeburt sonst: 20 LA LXXXV Beraubung des 9facher Wert + 40 80 ♂: 13 + 1 Tremisse; ♂: 12; ♀: 12 (!) PA II 43–48; Grabes ♀: 26 + 2 Tremissen LA XLVIII Toten in fremde 12; ohne Erlaubnis 40 40 3 / 6 / 12 ♀: 12 PA III, 20–21; Erde legen LA XCIV

Totschlag

ingenuus

Tab. 1: Übersicht über sozial differenzierte Bußen und Strafen in Pactus Legis Alamannorum und Lex Alamannorum. Alle Angaben in Schilling (zusammengestellt nach Schott, Lex Alamannorum [wie Anm. 1]).

214   Sebastian Brather

Abhauen des 6 großen Zehs Schlagen ohne 1 Blutung Wegelagerei 6 Eindringen in Hof / 18 / 36 Haus des Bischofs Diebstahl von 3mal 9facher Wert Kirchengut Diebstahl von 3mal 9facher Wert Herzogsgut Diebstahl am Hof 2facher Wert + 40 des Königs Diebstahl im Heer 9mal 9facher Wert des Königs Verkauf eines Freien 40 bei Zurückholen – alternativ: 80 mit Erben / 200 ohne Erben

   ingenuus      medi(an)us      primus

80 bei Zurückholen – alternativ: 400

♂: 4

12

4

litus

♀: 1 + 1 Tremisse

Kind

2

Frau

♂: 3; ♀: 4

♀: 1; ♂: 0,5

3

servus

LA XLIV–XLV

LA XXV

LA XXIX

LA XXX

LA V

PA II, 50–53 LA VIII

LA LXXXIX

PA II 26–28

Tab. 1 (Forts.): Übersicht über sozial differenzierte Bußen und Strafen in Pactus Legis Alamannorum und Lex Alamannorum. Alle Angaben in Schilling (zusammengestellt nach Schott, Lex Alamannorum [wie Anm. 1]).

 Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber   215

216 

 Sebastian Brather

Abb. 1: Phasen des Bestattungsrituals im frühen Mittelalter. Schema der jeweiligen Orte, an denen bestimmte Handlungen vorgenommen wurden. Einige Rituale wurden weitab vom Grab vollzogen, und bei anderen bleibt unsicher, ob Spuren am bzw. im Grab auf sie zurückgehen oder als Grab­ beigaben zu interpretieren sind (nach Brather-Walter und Brather, Repräsentation oder Religion? [wie Anm. 13], S. 138 Abb. 3).

ersten Schritte entziehen sich der materiellen Überlieferung. Vor allem das Grab selbst lässt sich archäologisch fassen, während vom Begräbnis und vom Gedenken mehr oder weniger deutliche Spuren bleiben können.5 Nur dann, wenn Gesellschaften das Grab aufwändig gestalteten, können der Archäologie detaillierte Einblicke

5 Sebastian Brather, Bestattungsrituale zur Merowingerzeit. Frühmittelalterliche Reihengräber und der Umgang mit dem Tod, in: Körperinszenierung, Objektsammlung, Monumentalisierung. Totenritual und Grabkult in frühen Gesellschaften. Archäologische Quellen in kulturwissenschaftlicher



Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber 

 217

gelingen; konzentrierten die Beteiligten den Aufwand etwa auf die Leichenprozession oder gar nicht auf Beerdigungen, dann fehlen uns heute entscheidende Quellen. Des Weiteren reflektieren Bestattungen Aushandlungsprozesse in Lokalgesellschaften. Die Hinterbliebenen bemühen sich um eine angemessene Behandlung ihres gestorbenen Angehörigen. Da damit zugleich eine „Selbstdarstellung“ der Familie verbunden ist, fließen deren Absichten ein. Daraus resultierende idealisierende Präsentationen müssen allerdings die Akzeptanz der Nachbarschaft finden, die das „Publikum“ während der Bestattung bildet. Aus dieser Perspektive sind es letztlich drei „Beteiligte“ an einer Bestattung: Verstorbener, Familie und Nachbarschaft. Ihre jeweiligen Absichten bewirken, dass nicht soziale Strukturen unmittelbar zu rekonstruieren sind, sondern dass zunächst die zeitgenössischen Vorstellungen davon sichtbar werden. Das sei hier mit dem Bourdieu’schen Habitusbegriff angedeutet.6 Zwischen dem späten 5. und frühen 8. Jahrhundert erstaunlich umfangreiche Grabausstattungen spiegeln das verbreitete Bedürfnis wider, soziale Zugehörigkeiten und Unterschiede während der Bestattung vorzuführen. Beginn und Ende der Reihengräberfelder gehen daher auf einen Wandel sozialer Repräsentation zurück7, hinter dem sich zugleich soziale Wandlungen verbergen.8 Schließlich fragt sich, welche eventuell religiöse Bedeutung Grabausstattungen besaßen. Gemeinhin gelten Bestattungen als religiös geprägt, was oft zum unmittelbaren Schluss verleitet, Grabbeigaben seien für den Weg ins Jenseits bzw. für dieses selbst bestimmt. Ebenso unreflektiert gelten sie dann rasch als „heidnisch“.9 Mustert

Perspektive, hg. von Christoph Kümmel, Beat Schweizer und Ulrich Veit (Tübinger archäologische Taschenbücher 6), Münster u.  a. 2008, S. 151–177. 6 Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982, S. 278–283. 7 Sebastian Brather, Anfang und Ende der Reihengräberfelder. Der Wandel von Bestattungsformen zwischen Antike und Mittelalter, in: Antike im Mittelalter  – Fortleben, Nachwirken, Wahrnehmung. Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland, hg. von Sebastian Brather, Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 21), Ostfildern 2014, S. 217–234; Hubert Fehr, Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 68), Berlin, New York 2010, S. 725–783; Niklot Krohn, Christianisierung oder Institutionalisierung? Neue Überlegungen zur Entwicklung des Christentums in der Alemannia, in: Villes et campagnes en Austrasie du IVe au Xe siècle. Société, économies, territoires, christianisation (Bulletin de liaison de L’Association française d’archéologie mérovingienne 29), Paris 2005, S. 65–67; Gerhard Fingerlin, Das Ende der Reihengräberzeit in Südwestdeutschland, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte 13. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland), Ostfildern 2004, S. 31–61. 8 Heiko Steuer, Adelsgräber, Hofgrablegen und Grabraub um 700 im östlichen Merowingerreich. Widerspiegelung eines gesellschaftlichen Umbruchs, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 193–217. 9 Volker Bierbrauer, Christliche Jenseitsvorstellungen und romanische Beigabensitten vom 5. bis zum 6./7.  Jahrhundert, in: Grosso Modo. Quellen und Funde aus Spätantike und Mittelalter. Festschrift

218 

 Sebastian Brather

man spätantike und frühmittelalterliche Textzeugnisse, stellt sich die Situation anders dar. Bereits spätantike Theologen hielten zwar aufwändige Gräber tatsächlich für unnütz und demzufolge für eine Verschwendung irdischer Reichtümer; sie übten – an der verbreiteten Praxis, wie sie selbst feststellten! – jedoch keine religiöse Kritik oder verdammten sie gar als unchristlich.10 Grabbeigaben galten ihnen schlicht als überflüssig, allein ein weltlicher Trost für die Hinterbliebenen.11 Im frühen Mittelalter finden sich Hinweise dann darauf, dass man Christen im Grab bekleidete, damit sie „dem Herrn entgegengehen“ konnten, wie gelegentlich erklärt wurde.12 Auch frühmittelalterliche Christen kannten also Grabausstattungen für das Jenseits. Grabbeigaben sind damit religiös indifferent und reflektieren primär sozialen Status.13 Für die Alamannia lassen sich aus ihnen keine unmittelbaren Hinweise auf die „Christianisierung“ entnehmen. Das Aufkommen christlicher Symbolik  – etwa der goldenen Folienkreuze des späten 6. bis frühen 8.  Jahrhunderts14 – bedeutete zunächst das Bedürfnis, das Christsein im Grab zu zeigen (Kirchen als Bestattungsorte gab es noch kaum). Dass sie zugleich in „reich“ ausgestatteten Gräbern zu finden sind, deutet nicht auf alte heidnische Traditionen hin, sondern auf das Bedürfnis nach sozialer Repräsentation. „Amulette“ oder Phylakteria bildeten nicht ein „heid-

Gerhard Fingerlin, hg. von Niklot Krohn und Ursula Koch (Forschungen zu Spätantike und Mittelalter 1 = Mannheimer Geschichtsblätter, Sonderveröffentlichung 6), Weinstadt 2012, S. 39–50; Michael Müller-Wille, Zwei religiöse Welten. Bestattungen der fränkischen Könige Childerich und Chlodwig (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse 1998/1), Stuttgart 1998. 10 Vgl. die bei Bierbrauer, Christliche Jenseitsvorstellungen (wie Anm. 9), angeführten Schriften: Augustinus, De cura pro mortuis gerenda ad Paulinum episcopum 4; 6; Augustinus, Ennarationes in psalmos 48; Basilius, Homilia in Divites 9; Johannes Chrysostomus, Homeliae LXXXV in Joannem 5–6; Hieronymus, Vita sancti Pauli 17. 11 Z. B. Augustinus, De cura pro mortuis gerenda 4: Proinde ista omnia, id est curatio funeris, conditio sepulturae, pompa exequiarum, magis sunt vivorum solacia quam subsidia mortuorum. Si aliquid prodest impio sepultura pretiosa, oberit pio vilis aut nulla. 12 Vgl. die Angaben bei Sebastian Brather, Pagan or Christian? Early medieval grave furnishings in Central Europe, in: Rome, Constantinople and newly-converted Europe. Archaeological and historical evidence 1, hg. von Maciej Salamon, Marcin Wołoszyn, Perica Špehar, Matthias Hardt, Mirosław P. Kruk und Aleksandra Sulikowska-Gąska (U źródeł Europy środkowo-wschodniej 1/1), Kraków, Leipzig, Rzeszów, Warszawa 2012, S. 333–349. 13 Susanne Brather-Walter und Sebastian Brather, Repräsentation oder Religion? Grabbeigaben und Bestattungsrituale im frühen Mittelalter, in: Wechsel der Religionen – Religion des Wechsels, hg. von Niklot Krohn und Sebastian Ristow (Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 4), Hamburg 2012, S. 121–143. 14 Zur Verbreitung Ellen Riemer, Zu Vorkommen und Herkunft italischer Folienkreuze, in: Germania 77 (1999), S.  609–636.  – Die „Goldblattkreuze finden sich gerade dort, wohin der Einfluß der Bistümer erst spät vorgedrungen ist“; Hagen Keller, Germanische Landnahme und Frühmittelalter, in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte 1. Allgemeine Geschichte 1. Von der Urzeit bis zum Ende der Staufer, hg. von Meinrad Schaab (†) und Hansmartin Schwarzmeier, Stuttgart 2001, S. 191–296, hier S. 256.



Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber 

 219

nisches“ Pendant zu christlichen Kreuzen, weil ihre magische Wirkung wiederum religionsunabhängig ist. Wenn „das Amt des Alemannenherzogs auch in der Mitte des 7. Jahrhunderts noch linksrheinisch orientiert und begründet war“,15 dann ist (ungeachtet der formalen Zugehörigkeit zum Frankenreich seit dem frühen 6. Jahrhundert) weder von einer administrativen Erfassung durch fränkische Herrschaft noch von einer frühen Übernahme des christlichen Glaubens in den rechtsrheinischen Gebieten auszugehen. Dies mag dort tatsächlich erst mit dem 7. Jahrhundert durchgreifend eingesetzt haben. Agathias‘ Beschreibung heidnischer Praktiken bei den Alemannen in der Mitte des 6. Jahrhunderts muss deshalb nicht aus der Luft gegriffen sein.16

2 Hierarchie und Rang Zunächst unterscheiden Pactus und Lex zwischen Freien (liberi), Freigelassenen (liti) und Sklaven (servi).17 Damit ist ein jeweils eigener Rechtsstatus dreier Gruppen gemeint, die sich hierarchisch zueinander verhalten.18 Eine weitere Differenzierung betrifft die Freien, die weiter unterschieden werden. Wiederum wird eine hierarchische Dreiteilung genannt, indem „erster“ (meliorissimus/primus), „zweiter“ (medius/medianus) und „dritter“ Rang (ingenuus/liber) vorkommen.19 Diese Dreiteilung erstreckt sich, wenngleich sie weniger systematisch dargestellt ist, ebenso auf Frauen20 sowie Kinder.21 Die in Pactus und Lex genannten Wergelder stellten Unrechtsausgleichszahlungen dar, wobei die offenkundig schematisierenden Tarife den jeweils Betroffenen Unterscheidungsangebote machten. Dass die aufgeführten Summen exorbitant hoch erscheinen und daher wohl nicht immer tatsächlich gezahlt worden sein dürften22, ist

15 Dieter Geuenich, Geschichte der Alemannen, Stuttgart, Berlin, Köln 1997, S. 99. 16 Agathias, Historiae A (I) 7,1: „Sie verehren irgendwelche Bäume und Flüsse, Hügel und Klüfte, und für diese schneiden sie, als wären es heilige Handlungen, Pferden und Rindern und Mengen anderer Tiere die Köpfe ab und verehren sie wie Götter“; Quellen zur Geschichte der Alamannen von Libanios bis Gregor von Tours, übers. von Camilla Dirlmeier, durchges. von Gunther Gottlieb (Quellen zur Geschichte der Alamannen II. Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Kommission für Alamannische Altertumskunde, Schriften 3), Heidelberg 1978, S. 80. 17 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 20. 18 Vgl. Gabriele von Olberg, Die Bezeichnungen für soziale Stände, Schichten und Gruppen in den Leges barbarorum (Die volkssprachigen Wörter der Leges barbarorum 2 = Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 11), Berlin, New York 1991, S. 48–60, 97–105, 141–152, 155–158, 161–180, 216–227, 231–234. 19 Pactus Alamannorum (im Folgenden PA) II, 36–38. 20 PA II, 39–40. 21 PA III, 21. 22 Stefan Esders, Wergeld und soziale Netzwerke im Frankenreich, in: Verwandtschaft, Name und soziale Ordnung (300–1000), hg. von Steffen Patzold und Karl Ubl (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 90), Berlin, Boston 2014, S. 141–159, hier S. 143–147, zeigt, dass sich die hohen Summen als „Aktivierung sozialer Netzwerke“ verstehen lassen.

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 Sebastian Brather

hier nicht entscheidend. Denn die jeweiligen Unterschiede lassen sich als Wertrelationen verstehen. Insgesamt ergibt sich damit aus diesen Rechtstexten eine Fünfergliederung. Anhand des Wergelds ergibt sich folgendes Verhältnis zueinander: primi 6 – mediani 5  – ingenui 4  – liti 2. Damit setzen sich die Ranghöchsten durch ein um die Hälfte höheres Wergeld vom untersten Rang der Freien ab; diese sind noch das Doppelte dessen „wert“, das für einen Freigelassenen zu zahlen ist. Allein Sklaven sind mit entsprechenden 0,375 noch deutlicher und systematisch abgesetzt; die Summe beträgt lediglich ein knappes Fünftel desjenigen im niedrigsten Freienrang, und es handelt sich um einen „Schadenersatz“ entsprechend ihrer Arbeitskraft.23 Wundbußen werden nur für Freie abgehandelt.24 Diesen grundsätzlichen Unterschied zwischen Sklaven und Freien machen auch das bayerische und langobardische Recht. In der Lex Baiuvariorum werden für die Tötung eines Freien 160 Schillinge angesetzt, während auf einen Sklaven lediglich 20 entfallen.25 In Italien galt für den Totschlag an einem Freien ein Wergeld von 150 Schillingen im untersten Rang und von 300 Schillingen im höchsten.26 Auf einen Freigelassenen entfielen 60 Schillinge27, auf einen Sklaven zwischen 16 und 60 Schillingen.28 Bei Streithändeln verhielten sich Sklaven zu Freien wie 1 zu 2.29 Bei Vergewaltigungen erscheint die Differenz besonders groß: so galt für freie Frauen eine Buße von 900 Schillingen, während es bei einer Sklavin lediglich 20 Schillinge waren, und bei Freigelassenen schwankte der Betrag zwischen 20 (in der ersten Generation) und 40 Schillingen (in der zweiten Generation).30 Für das Verständnis der Bußgeldfestsetzungen ist es wichtig, ihren Charakter als compositio ernst zu nehmen, als „Einigung zwischen Täter- und Opferseite“.31 Sie sollten die Selbsthilfe zurückdrängen und entstandenes Unrecht friedlich ausgleichen. Gezahlt wurde von der Familie des Täters an die Familie des Opfers (innerfamiliäre Gewalt ließ sich auf diese Weise nicht wiedergutmachen); daneben spielten jedoch „Patronats- und Vormundschaftsbeziehungen“ eine zentrale Rolle, was weit-

23 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 20. 24 Wilfried Hartmann, Einige Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 313– 333, hier S. 325. 25 Lex Baiuvariorum 3,28; 6,12. – Vgl. Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. II. Alemannen und Bayern, hg. von Karl August Eckhardt (Germanenrechte 2), Weimar 1934, S. 108; 114. 26 Liutprand 62. – Vgl. Leges Langobardorum 643–866, hg. von Franz Beyerle (Germanenrechte NF 9), Göttingen 1962, S. 128. 27 Edictum Rothari 376. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 91. 28 Edictum Rothari 129–134. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 34–35. 29 Edictum Rothari 37–38, mit 6 oder 12 bzw. 12 oder 24 Schillingen. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 23–24. 30 Edictum Rothari 186; 191. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 49; 51. 31 Eva Schumann, s. v. Kompositionssystem, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte² 16, Berlin 2013, Sp. 2003–2011, hier Sp. 2003.



Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber 

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reichende und komplexe Beziehungen widerspiegelt.32 Bei den Langobarden konnte ein Teil der Buße an den König gehen, und in bestimmten Fällen treten Zahlungen hinzu, die an Fiskus oder Kirche zu entrichten waren. Archäologisch sind rechtliche Verhältnisse prinzipiell kaum zu ermitteln.33 Voraussetzung wäre ja, dass sich Übereinstimmungen mit Umfang und Qualität von Grabausstattungen erkennen ließen. Die zahlreich von der älteren Forschung unternommenen Versuche haben zu keinem belastbaren Ergebnis geführt: zu komplex erscheinen die Grabbeigaben, als dass sie primär mit rechtlich unterschiedenen Rängen erklärt werden könnten.34 Dass dieses Resultat nicht überraschend ist, lässt sich in zweierlei Hinsicht begründen. Erstens machen bereits die Rechtstexte deutlich, dass sich Rang im herzoglichen (bzw. im königlichen) Umfeld rasch und erheblich steigern lässt; damit ist er kontextabhängig und nicht starr fixiert. Zweitens dürfte grundsätzlich soziale Konkurrenz rechtlich festgesetzte Rangunterschiede verwischen. Soziale Mobilität wird darin sichtbar, die zugleich gesellschaftliche Dynamik reflektiert. Das spiegeln auch die Grabausstattungen wider. Anhand vieler tausend ausgegrabener und archäologisch ausgewerteter Bestattungen der Merowingerzeit lässt sich heute ein verlässlicher Überblick gewinnen, wenngleich es zunächst die lokalen Verhältnisse zu berücksichtigen gilt. Doch ist das entstehende Bild komplexer, als man zunächst denken mag. Vielfältige Abstufungen sind zu erkennen, die mit verschiedenen sozialen Zuordnungen zusammenhängen und beileibe nicht allein hierarchische Differenzen anzeigen. Dass es deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, ist nicht ganz überflüssig zu erwähnen – darauf ist zurückzukommen. Ebenso spielte das Alter eine wichtige Rolle; erst bei ähnlichem Lebensalter lassen sich Vergleiche sinnvoll anstellen, denn dieses ging sozialer Differenz offenbar voraus, wie jüngere Studien zeigen konnten.35 Allein innerhalb bestimmter, anthropologisch unterscheidbarer Altersklassen lässt sich soziale Differenz untersuchen. Ältere Arbeiten haben dies noch nicht berücksichtigt, so etwa die vielzitierte Arbeit Rainer Christleins zu „Besitzabstufungen“ bzw. „Qualitätsgruppen“. Die

32 Esders (wie Anm. 22), S. 152. 33 Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Analyse der Auswertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften Göttingen, phil.-hist. Kl., 3. Folge 128), Göttingen 1982, S. 494. 34 Vgl. Heiko Steuer, Zur Bewaffnung und Sozialstruktur der Merowingerzeit, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 37 (1968), S. 18–87. 35 Guy Halsall, Settlement and social organization. The Merovingian region of Metz, Cambridge 1995, S. 92 Abb. 3,12; Klaus Georg Kokkotidis, Von der Wiege bis zur Bahre. Untersuchungen zur Paläodemographie der Alamannen, phil. Diss., Köln 1999. http://kups.ub.uni-koeln.de/1200/ (1. 5. 2015); Irene Barbiera, Changing lands in changing memories. Migration and identity during the Lombard invasions (Biblioteca di Archeologia medievale 19), Firenze 2005; dies., Memorie sepolte. Tombe e identità nell’alto medioevo (secoli V–VIII), Roma 2012, S. 145–147.

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 Sebastian Brather

zweite Charakterisierung trifft zu, während die erste einen unzulässigen direkten Rückschluss darstellt. Christlein nahm anhand der Grabbeigaben eine Unterteilung in zunächst drei und später vier „Qualitätsgruppen“ vor.36 Bereits er sah, dass die Chronologie eine wichtige Rolle spielt, sich also die Grabausstattungen vom 6. zum 7. Jahrhundert deutlich veränderten. Seine Kategorisierung gilt daher in unterschiedlicher Weise für die frühe und die späte Merowingerzeit. Außerdem wurde deutlich, dass es auch eine räumliche Beschränkung gibt: die Abstufungen treffen allenfalls auf Süddeutschland, aber etwa nicht auf das Rheinland zu. „Qualitätsgruppen“ sind heute daher kein analytisches Hilfsmittel mehr37, sondern dienen lediglich zur pragmatischen ersten Übersicht. Wenn Grabbeigaben ihre Wirkung dadurch entfalteten, dass sie während der Bestattungsrituale zu sehen waren, dann sind die jeweiligen Lokalgesellschaften entscheidend. Es kam darauf an, Zugehörigkeiten und Differenzen – mithin Identitäten – innerhalb der Nachbarschaft vorzuführen und zu bekräftigen. Soziale Differenz ist deshalb besonders gut an Lokalgesellschaften zu analysieren. Regionale und überregionale Vergleiche verwischen die Konturen und lassen nur allgemeine Trends erkennen. Fast überall lassen sich einerseits anscheinend „beigabenlose“ Gräber von solchen unterscheiden, die mit relativ vielen und qualitätvollen Gegenständen ausgestattet worden waren. Beides korreliert mit dem Aufwand des Grabbaus. Konkrete Bezüge sind jedoch lokal besser einzuordnen, denn das jeweilige Spektrum an Grabbeigaben variiert beträchtlich. Für die grundsätzliche Diskussion gilt es also zu bedenken, dass auf fast allen Reihengräberfeldern nicht das gesamte soziale Spektrum begraben liegt. Dessen Spitze markiert das Grab des Childerich, der um 481 in Tournai bestattet wurde. Seinem Sohn Chlodwig dürfte daran gelegen gewesen sein, durch ein aufwändiges, königliches Begräbnis die eigenen Machtansprüche zu demonstrieren.38 Ebenfalls als erstrangig erscheint das Grab der Arnegundis in St.-Denis; sie starb etwa 100  Jahre nach Childerich. Unabhängig von der offenen Identifikationsdebatte – handelt es sich um die gleichnamige Frau Chlothars I.? – bleibt die soziale

36 Rainer Christlein, Besitzabstufungen zur Merowingerzeit im Spiegel reicher Grabfunde aus Westund Süddeutschland, in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 20, 1973 (1975), S. 147–180; ders., Die Alemannen. Archäologie eines lebendigen Volkes, Stuttgart 1978, S. 20. 37 Vgl. aber den ambitionierten, aber auf die reine – fragestellungslose – Klassifikation beschränkten Versuch bei Constanze Döhrer, Komplexe Identitäten. Studien zur Gesellschaft des frühen Mittelalters in Südwestdeutschland. Eine weitergehende Analyse zu Christleins Besitzabstufungen A und B, phil. Diss., Wien 2012. http://othes.univie.ac.at/17316/ (1. 5. 2015). 38 Guy Halsall, Childeric’s grave, Clovis’ succession and the origins of the Merovingian kingdom, in: Society and Culture in Late Roman Gaul. Revisiting the Sources, hg. von Danuta Shanzer und Ralph Mathisen, Aldershot 2001, S. 116–133.



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Einordnung in königliches Umfeld.39 Darüber hinaus gibt es nicht viele archäologisch bekannte und untersuchte „königliche“ Gräber.40 Am anderen Ende der Skala befinden sich wie erwähnt beigabenlose Bestattungen – und dazwischen ein ausgedehntes Ausstattungskontinuum. Eine sekundäre Rangebene lässt sich mit herausragenden Schwertern verbinden. Goldgriffspathas (mit goldblechbedecktem Griff), von denen eine im Childerichgrab entdeckt wurde, stammen sonst aus lokal bzw. regional „reich“ ausgestatteten Gräbern mit einer Häufung am mittleren Neckar. Mit bislang etwa 20 bekanntgewordenen Exemplaren und einer Datierung in das späte 5. Jahrhundert bis um 500 repräsentieren sie regionale Chefs im nördlichen Merowingerreich. In das 6. und 7.  Jahrhundert gehören Ringschwerter (mit zwei Ringen am Knauf), wiederum weit verbreitet, aber mit ca. 80 Vertretern häufiger. Die Anzahl relativiert sich jedoch aufgrund des längeren Zeitraums, wenngleich dieser auch durch die Weitergabe der Schwerter von Generation zu Generation sekundär zustande gekommen sein kann.41 Für das 7. Jahrhundert ist die Grabbeigabe von Spathas noch häufig, doch lässt eine Kartierung der Anteile erkennen, dass im nördlichen Gallien kaum noch Schwerter in die Gräber gelangten (Abb. 2). In der späten Merowingerzeit gab es keine überregionalen Rangsymbole mehr, doch lassen sich für das rechtsrheinische Alemannien einige charakteristische Grabbeigaben nennen, zu denen etwa wabenplattierte vielteilige Gürtelgarnituren gehören.42 Auch für das 8.  Jahrhundert liegen auffällige Schwerter und weitere Waffen aus Gräbern vor43, doch kamen in dieser Zeit Grabbeigaben zugleich aus der „Mode“.

39 Zuletzt Patrick Périn u.  a., Die Bestattung in Sarkophag 49 unter der Basilika von Saint-Denis, in: Königinnen der Merowinger. Adelsgräber aus den Kirchen von Köln, Saint-Denis, Chelles und Frankfurt am Main, hg. von Egon Wamers und Patrick Périn, Regensburg 2012, S. 100–121. – Zur Kritik an der Identifizierung vgl. Helmut Roth, Zweifel an Aregunde, in: Gedenkschrift für Gero von Merhart zum 100. Geburtstag (Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 7), Marburg 1986, S. 267–276; dagegen bereits Patrick Périn, Pour une révision de la datation de la tombe d’Arégonde, épouse de Clotaire Ier, découverte en 1959 dans la Basilique de Saint-Denis, in: Archéologie médiévale 21 (1991), S. 22–50. 40 Vgl. Königinnen der Merowinger (wie Anm. 39). 41 Heiko Steuer, Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger. Eine Übersicht, in: Studien zur Sachsenforschung 6 (1987), S. 189–236. 42 Gerhard Fingerlin, Das Ende der Reihengräberzeit in Südwestdeutschland, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 31–61, hier S. 38–48. 43 Frauke Stein, Adelsgräber des achten Jahrhunderts in Deutschland (Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit A 9), Berlin 1967, S. 9–32, 54–58, 75–92; Taf. 98–108, 115–116.

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Abb. 2: Verbreitung der Grabbeigabe zweischneidiger Schwerter (Spathas) im 7. Jahrhundert. Erfasst ist der jeweilige Prozentsatz an der Gesamtzahl der in diese Zeitspanne zu datierenden Gräber. Da dadurch Gräber ohne Grabbeigaben unberücksichtigt bleiben, liegt der tatsächliche Anteil stets darunter. Hervorgehoben sind Gräberfelder mit mindestens 40 in das 7. Jahrhundert zu datierenden Gräbern (verändert nach Frank Siegmund, Alemannen und Franken (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 23], Berlin, New York 2000, S. 201 Abb. 95).



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Lokale „reiche“ Gräber, die nicht selten „Luxusgüter“ enthalten44, werden in der Archäologie oft mit dem frühen „Adel“ in Verbindung gebracht.45 Da sich über den Rechtsstatus archäologisch nicht urteilen lässt, muss es bei einer Interpretation als Elite bleiben. Nicht allein Grabausstattung und -bau, sondern auch ein separierter Bestattungsplatz, die Errichtung eines Grabhügels, die Bestattung auf dem eigenen Hofareal oder in einer Kirche gelten als entsprechende Indizien. Allerdings gab man in der späten Merowingerzeit die Reihengräberfelder auf, so dass grundsätzlich mehrere, „komplementäre“ Bestattungsorte gleichzeitig bestanden.46 Sie müssen daher nicht immer mit „Oberschicht“ und „Adel“ verbunden werden. Da wir über die Höfe von Adligen in Süddeutschland bislang archäologisch nichts wissen,47 sondern nur die Gräber kennen, entfällt eine denkbare kontextuelle Analyse.

3 Geschlechterverhältnisse Das Recht der Alemannen „bevorzugt“ Frauen. Werden sie getötet, beläuft sich das zu zahlende Wergeld grundsätzlich auf das Doppelte dessen, was für einen Mann gleicher sozialer Stellung zu zahlen wäre.48 Dies gilt über den unterschiedlichen Rechtsstatus hinweg für alle Freien und wohl auch für die Freigelassenen. Bei den Sklaven scheint die Situation weniger klar: es liegt eine parallele Regelung (Schlagen ohne Blutung) ebenso vor wie eine weniger deutliche Bevorzugung der Sklavin (Wegelagerei), während bei der Beraubung des Grabes kein Unterschied zwischen Sklave und Sklavin gemacht wird. Weshalb Frauen besonders geschützt wurden, bedarf der Erklärung  – gerade angesichts männerdominierter frühmittelalterlicher Gesellschaften. An zwei Stellen lässt sich ansetzen. Zum Einen hat man an die biologische Bedeutung des weiblichen Geschlechts gedacht, an die Rolle von Ehefrauen für den Fortbestand der Fami-

44 Vgl. Jörg Drauschke, Zwischen Handel und Geschenk. Studien zur Distribution von Objekten aus dem Orient, aus Byzanz und aus Mitteleuropa im östlichen Merowingerreich (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 14), Rahden 2011. 45 Horst Wolfgang Böhme, Adelsgräber im Frankenreich. Archäologische Zeugnisse zur Herausbildung einer Herrenschicht unter den merowingischen Königen, in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 40 (1993 [1995]), S.  397–534; Anke Burzler, Archäologische Beiträge zum Nobilifizierungsprozeß in der jüngeren Merowingerzeit (Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte A 77), Kallmünz/Opf. 2000. 46 Frans Theuws, Changing settlement patterns, burial grounds and the symbolic construction of ancestors and communities in the late Merovingian southern Netherlands, in: Settlement and landscape, hg. von Charlotte Fabech und Jytte Ringtved, Højbjerg 1999, S. 337–349, hier S. 345 Abb. 6. 47 Heiko Steuer, Herrensitze im merowingerzeitlichen Süddeutschland. Herrenhöfe und reich ausgestattete Gräber, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 38 (2010 [2011]), S. 1–41. 48 PA II, 39–40.

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lie.49 Frauen zu schützen, bedeutete in dieser Sicht zugleich den Schutz von Familie und Verwandtschaft. Zum Anderen lässt sich viel direkter vermuten, dass es um den Schutz einer besonders gefährdeten Gruppe ging. Sie deshalb auch besonders zu schützen, ist ein naheliegender Gedanke. Und er wird in der etwa zeitgleichen Lex Baiuvariorum direkt ausgesprochen: Dum femina cum arma defendere nequieverit, duplicem conpositionem accipiat. Verhält sich eine Frau jedoch wie ein Mann, dann gilt die besondere Schutzregelung mit doppelter Buße nicht: Si autem pugnare voluerit per audatiam cordis sui sicut vir, non erit duplex conpositio eius.50 Das langobardische Recht argumentiert ähnlich. Nur dann, wenn eine Frau sich nicht „unziemlicherweise“ wie ein Mann benimmt und sich nicht in deren Händel einmischt, ist das Wergeld für Frauen zu zahlen: Si mulier libera in scandalum cocurrit, ubi viri litigant, si plagam auf feritam factam habuerit aut fossitan inpincta fuerit aut occisa, adpretietur secundum nobilitatem suam et sic conponatur, tamquam si in fratrem ipsius muliebri perpetratum fuisset; nam alia culpa pro iniuria sua, unde nongenti solidi indicantur, non requiatur, eo quod ipsa ad litem cocurrit, quod inhonestum est mulieribus facere.51 Schaut man auf die Bußen für Kränkung, Entführung oder Vergewaltigung einer Frau sowie für die Tötung der Ehefrau, so spiegeln sie in ihrer besonderen Höhe – 900 bzw. 1200 Schillinge – den beabsichtigten Schutz wider.52 Auch die Verstoßung der Ehefrau ist mit 500 Schillingen Buße abschreckend hoch sanktioniert.53 Abweichende Regelungen gab es anderswo. Dem älteren fränkischen Recht zufolge wurden schwangere Frauen mit einem Wergeld von 700 Schillingen besonders geschützt.54 Der Lex Visigothorum zufolge galt für Mädchen und Frauen eine deutlich geringere Totschlagbuße als für Jungen und Männer. Bei Kindern (und knapp über 60jährigen) musste dort für das männliche Geschlecht das Doppelte gezahlt werden; bei den Erwachsenen fällt die Differenz mit 15 % bis 40 % relativ geringer aus, und im hohen Alter von über 65 Jahren gab es keinen Unterschied.55 Frauen und Männer

49 Halsall, Settlement (wie Anm. 35), S. 72–73; Sebastian Brather, Alter und Geschlecht zur Merowingerzeit. Soziale Strukturen und frühmittelalterliche Reihengräberfelder, in: Alter und Geschlecht in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften, hg. von Johannes Müller (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 126), Bonn 2005, S. 157–178, hier S. 167, mit weiterer Literatur. 50 Lex Baiuvariorum 3.29. – Vgl. Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911 (wie Anm. 25), S. 108. 51 Edictum Rothari 378. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 91. 52 Edictum Rothari 26; 186; 200; Liutprand 31. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 22; 49; 54–55; 117. 53 Grimwald 6. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 97. 54 Lex Salica 24,3. Gemeint sind damit wohl 600 Schillinge für die Frau und 100 für den Fötus. – Vgl. Pactus Legis Salicae, hg. von Karl August Eckhardt (Monumenta Germaniae Historica, Leges nat. Germ. IV/1), Hannover 1962. 55 Lex Visigothorum  VIII,4,16.  – Vgl. Gesetze der Westgoten, hg. von Eugen Wohlhaupter (Germanenrechte 11), Weimar 1936, S. 228, 230. – Sebastian Brather, Von der „Tracht“ zur „Kleidung“. Neue Fragestellungen und Konzepte in der Archäologie des Mittelalters, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 35 (2007), S. 185–206, hier S. 200 Abb. 9.



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unterschieden sich außerdem darin, dass für das „schwache“ Geschlecht die Altersreduktion früher einsetzte – es also rascher zu altern schien. Blickt man auf die Grabausstattungen, so fallen zunächst deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf (Tab. 2). In Frauengräbern finden sich vor allem Kleidungsbestandteile – Fibeln, Gürtel, Gehänge mit Alltagsgegenständen und Wadenbinden  – sowie Schmuck in Form von Perlen, Anhängern und Armringen. Bei Männern kommen zwar auch Kleidungsbestandteile vor, bei denen es sich meist um Gürtel(teile) handelt; für ihre Gräber sind jedoch Waffen charakteristisch: Sax und Spatha, Lanze, Axt, Pfeil und Bogen, Schild. Diese Grabbeigaben können als geschlechtsspezifisch gelten, indem sie entweder bei Frauen oder bei Männern zu finden sind. Nicht alle erhielten solche Grabausstattungen, doch ein erheblicher Teil. Tab. 2: Häufige Grabausstattungen und ihre Abhängigkeit vom Geschlecht zur Merowingerzeit. In der Anlage des Grabes selbst lassen sich dagegen keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern feststellen. Frauen Kleidung und Perlenketten und -besatz Schmuck Bügel-, Scheiben- und Kleinfibeln Nadeln Ohrringe Gürtel- (und Brust-) Gehänge Wadenbinden-/Schuhgarnituren Gürtel Gürtelschnallen Waffen und Reitzubehör

Geräte und Werkzeuge

Gefäße

Weiteres

Spinnwirtel Webschwerter Flachsbrechen

beide Geschlechter

Männer

Armringe Fingerringe

Gürtelschnallen drei- und vielteilige Gürtelgarnituren Spathas, Saxe Lanzen Pfeile (und Bögen) Äxte und Beile Schilde Helme Sporen, Trensen Messer Schmiedewerkzeug Scheren landwirtschaftliche Geräte Pinzetten Äxte und Beile Feuerstähle Keramikgefäße Glasbecher Bronzegefäße Holzgefäße Münzen Phylakteria

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Lassen sich Kleidungsbestandteile, Schmuck und Waffen gut untereinander vergleichen, so fällt es doch schwer, die Geschlechter zueinander in Beziehung zu setzen. Wie sollte man z.  B. Fibeln gegen Schwerter aufwiegen? Man kann dazu zwar viele intelligente Überlegungen anstellen, doch bleibt jeder Vergleich am Ende hypothetisch; er ist stets von der subjektiven Gewichtung einzelner Grabbeigaben abhängig. Über das Verhältnis der Geschlechter zueinander lässt sich deshalb kaum verlässlich urteilen. Insgesamt machen die Grabausstattungen aber nicht den Eindruck, als ob große Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestanden hätten.56 Doch ist dies realistisch? Die Gräber reflektieren wohl neben individuellen Rollen auch familiären Status. Hinzu kommen Hinweise auf den Geschlechtern zugeschriebene Tätigkeiten. So finden sich in Frauengräbern Flachsbrechen, Spinnwirtel und Webschwerter, die auf die Herstellung von Textilien verweisen.57 Das erwartete man wohl von einer Frau. In Männergräbern kommen u.  a. Schmiedewerkzeuge vor, so dass man die Bestatteten als Schmiede betrachtet. Da jedoch Grabbeigaben von Pflugbestandteilen noch seltener sind und die meisten Männer Ackerland bewirtschaftet haben dürften, könnte mehr hinter der Grabbeigabe stecken. Es ließe sich etwa daran denken, dass nicht die Tätigkeit selbst im Vordergrund stand, sondern damit symbolisch ausgedrückte Besitzansprüche über Land und Leute.58 Auch Äxte – dann nicht als Waffe, sondern als Rodungswerkzeug – kann man in diesen Kontext stellen.59 So gesehen ginge es wiederum nicht um den Rang von Einzelnen, sondern um den Familienbesitz. Eine vergleichende Einschätzung lässt sich jedoch mittelbar erreichen, wenn man die „neutralen“ Grabbeigaben und den Grabbau untersucht. Erstere sind zahl-

56 Vgl. Sebastian Brather, Sven Gütermann, Melanie Künzie, Jens Reinecke, Christiane Schmid, Katharina Streit, Dmytro Tolkach, Nina Wächtler und Vera Zadow, Grabausstattung und Lebensalter im frühen Mittelalter. Soziale Rollen im Spiegel der Bestattungen, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 30 (2007 [2009]), S. 273–378, hier S. 296 Abb. 14. 57 Vollkommen fiktiv ist Ursula Kochs Vorstellung „weiblicher Hierarchien“; Ursula Koch, Hierarchie der Frauen merowingerzeitlicher Hofgesellschaften, in: Weibliche Eliten in der Frühgeschichte, hg. von Dieter Quast (RGZM Tagungen 10), Mainz 2011, S. 15–31. 58 Gerhard Fingerlin, Bräunlingen, ein frühmerowingischer Adelssitz an der Römerstraße durch den südlichen Schwarzwald, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1997 (1998), S.  146–148.  – J. Henning hat die Pflugscharbeigabe jüngst damit erklärt, sie bezeugten die bestandene gerichtliche Probe mit glühendem Eisen; Joachim Henning, ‚Heiße Eisen‘ der frühen Rechtsgeschichte. Pflugschare als Grabbeigaben in der Merowinger- und Karolingerzeit, in: Die Herrschaften von Asseln. Ein frühmittelalterliches Gräberfeld am Dortmunder Hellweg, hg. von Henriette BrinkKloke und Karl Heinrich Deutmann, München, Berlin 2007, S. 109–114. Die Überlieferung dieser Wahrheitsprobe setzt jedoch deutlich später ein; Robert R. Bartlett, Trial by fire and water. The medieval judicial ordeal, Oxford 1986, S. 10. 59 Frans Theuws, Grave goods, ethnicity, and the rhetoric of burial rites in Late Antique Northern Gaul, in: Ethnic constructs in antiquity. The role of power and tradition, hg. von Ton Derks und Nico Roymans (Amsterdam Archaeological Studies 13), Amsterdam 2009, S. 283–319.



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reich und umfassen vor allem Gefäße aus Keramik, Glas oder Buntmetall, in denen Speis und Trank aufbewahrt worden sein mag.60 Hinzu tritt Mobiliar wie Tisch, Stuhl oder Bett, das sich jedoch nur selten und dann unter besonderen (feuchten) Bodenbedingungen erhalten hat. Außerdem gibt es recht Individuelles wie apotropäische Phylakteria oder Amulette. Insgesamt lassen sich bei den geschlechtsneutralen Grabbeigaben keine Auffälligkeiten hinsichtlich der Geschlechter bemerken, und das gilt auch für die Anlage der Gräber. Einfache hölzerne Särge oder Sarkophage aus Stein oder Gips, aufwändige gezimmerte Kammern oder Steinsetzungen kommen sowohl bei Frauen als auch bei Männern vor.

4 Alter Das Alter spielt in den alemannischen Rechtstexten keine besondere oder gar herausgehobene Rolle. Es kommt lediglich indirekt zur Sprache, sofern Kinder überhaupt genannt werden. Das betrifft die Auslösung einer Fehlgeburt, wobei es dann um das Geschlecht des Fötus geht, um die Bußhöhe festzulegen; für Mädchen gilt wiederum das Doppelte wie für Jungen. Des Weiteren werden Bußen für das Begraben von Toten in fremder Erde aufgeführt: bei Kindern sind je nach Stand drei, sechs oder zwölf Schillinge fällig. Ein Unterschied zu Erwachsenen ist nur teilweise zu erkennen, denn einerseits sind für einen Mann grundsätzlich ebenfalls zwölf Schillinge genannt, doch sind bei fehlender Erlaubnis 40 Schillinge zu zahlen, ebenso viele wie für eine Frau. Auffälligerweise folgt die Abstufung bei den Kindern nicht dem sonst üblichen Verhältnis zwischen den Rangstufen, sondern bedeutet jeweils eine Verdopplung bzw. Halbierung. In den bayerischen und langobardischen Rechtstexten wird das Alter ebenfalls nicht ausführlich thematisiert. Die Lex Baiuvariorum macht bei Fehlgeburten einen Unterschied zwischen einem nicht lebensfähigen (40 Schillinge) und einem lebensfähigen Fötus (volles Wergeld).61 Dem Edictum Rothari zufolge richtete sich die Buße für den Tod eines Hirtenkinds nach seinem Alter bzw. Arbeitskraft.62 Altersabhängige Wergelder finden sich in fränkischen und westgotischen Rechtstexten, die großenteils älter sind und geographisch entferntere Regionen betreffen. Aus Lex Salica und Lex Ripuaria sowie späteren Regelungen ergibt sich eine interpolierte Altersstaffelung: besonders hohe Summen für (gefährdete) Kleinkinder, geringe Bußen für Kinder und Alte sowie mittelgroße Zahlungen für Erwach-

60 Susanne Brather-Walter, Trink- und Speisebeigaben in merowingerzeitlichen. Gräbern  – ein „gefundenes Fressen“? In: Küche und Keller. Produktion, Vorratshaltung und Konsum in Antike und Frühmittelalter, hg. von Jörg Drauschke, Roland Prien und Alexander Reis (Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 6). Hamburg 2014, S. 341–363. 61 Lex Baiuvariorum 8.19. – Vgl. Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911 (wie Anm. 25), S. 122. 62 Edictum Rothari 137. – Vgl. Leges Langobardorum (wie Anm. 26), S. 35–36.

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sene beiderlei Geschlechts.63 Kleine Kinder und schwangere Frauen sollten besonders geschützt werden. Bei den Westgoten galt eine weitaus kompliziertere, in der Praxis kaum einzuhaltende Festsetzung: danach steigt das Wergeld mit jedem Lebensjahr an, bevor es sich ab 15 Jahren auf das Maximum erhöhte; danach ging es – bei Frauen eher – in zwei Stufen wieder zurück. Alte fielen damit wieder auf ein Niveau, das auch für Kinder galt.64 In dieser kaum praktikablen Festlegung spiegelt sich kein Schutzbedürfnis, sondern sozialer Rang wider. Spielte das Alter im alemannischen Recht also keine große Rolle, so ergeben die Gräber ein differenzierteres Bild.65 Einen Zugang dazu konnte die Archäologie erst gewinnen, als genügend anthropologische Altersbestimmungen vorlagen; erst dann ließ sich diesem Zusammenhang systematisch nachgehen. Denn es geht dabei nicht allein um die Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen, die sich mitunter auch, wenngleich unsicher und höchstens tendenziell, an der Größe der Grabgrube treffen (und eine bestimmte Altersgrenze vermissen) lässt.66 Gerade unter den Erwachsenen zeichnen sich Differenzen ab, die zuvor unerkannt blieben. Dass es sie gab, ist nicht überraschend, denkt man etwa an die unterschiedlichen Positionen unverheirateter junger Erwachsener, von Müttern und Vätern oder von Großeltern, ganz abgesehen von verschiedenen rechtlichen Abhängigkeiten.67 Betrachtet man Grabausstattungen vom Kleinkind über Jugendliche und jüngere sowie ältere Erwachsene bis hin zu Alten, fällt folgendes auf (Abb. 3). Zunächst nehmen Anzahl und Qualität der Grabbeigaben allmählich zu68, erreichen in der „Mitte“ des Lebens ein Maximum, um anschließend wieder zurückzugehen. Das gilt vor allem für geschlechtsspezifische Gegenstände: Kleidungsbestandteile und Schmuck bei Frauen, Waffen bei Männern. Allerdings gibt es auch Grabausstattungen, die diesem Trend nicht folgen. So sind Glasperlen in Kleinkindergräbern mitunter so häufig, dass damit nicht allein Mädchen bestattet worden sein können. Es scheint sich dann um

63 Halsall, Settlement (wie Anm. 35), S. 72–73; Katherine Fischer Drew, The laws of the Salian Franks, Philadelphia 1991, S. 45–46; Brather, Alter und Geschlecht (wie Anm. 49), S. 166–167. 64 Lex Visigothorum VIII,4,16. – Vgl. Gesetze der Westgoten (wie Anm. 55), S. 228, 230. 65 Vgl. Brather u.  a., Grabausstattung und Lebensalter (wie Anm. 56); Klaus Georg Kokkotidis, Von der Wiege bis zur Bahre. Untersuchungen zur Paläodemographie der Alamannen des frühen Mittelalters, phil. Diss., Köln 1999. 66 Klaus-Dieter Dollhopf, Kindergräber im Frühen Mittelalter. Versuch einer archäologischen Definition, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 31 (2001), S. 133–140. 67 Michael Mitterauer, Mittelalter, in: Andreas Gestichl, Jens-Uwe Krause und Michael Mitterauer, Geschichte der Familie (Europäische Kulturgeschichte 1), Stuttgart 2003, S.  160–363, hier S.  283 Abb. 23. 68 Brigitte Lohrke, Kinder in der Merowingerzeit. Gräber von Mädchen und Jungen in der Alemannia (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 9), Rahden 2004. Marion Sorg, Fibelausstattung und Lebensalter. Überlegungen zu den Besitzverhältnissen frühmittelalterlicher Fibeln anhand deren Abnutzung, phil. Diss., Freiburg 2016, weist allerdings darauf hin, dass sich in ihrer Stichprobe keine altersspezifischen Häufungen der Fibelausstattung erkennen lassen.



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Abb. 3: Relative Häufigkeit von Grabausstattungen je Altersstufe anhand südwestdeutscher Gräberfelder der Merowingerzeit. Oben: Grabbeigabe von Bügel- (Balken) und Kleinfibeln (Linien) in Mädchen- und Frauengräbern. Alte Frauen sind für Weingarten aufgrund der geringen Gräberanzahl überbewertet. – Unten: Grabbeigabe von Spatha (Balken) und Sax (Linien) in Jungen- und Männergräbern (Datengrundlage nach Brather u.  a., Grabausstattung und Lebensalter [wie Anm. 56]).

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eine primär alterstypische Grabbeigabe gehandelt zu haben. Bei Jungen finden sich gelegentlich viele Pfeile im Grab, die wohl die spätere Waffenausstattung symbolisch vorwegnehmen. Gilt der grundsätzliche Alterstrend für beide Geschlechter, so offenbaren sich bei genauerem Hinsehen kleine Unterschiede. So ließ sich für Pleidelsheim am mittleren Neckar zeigen, dass Grabausstattungen von Fibeln, Nadeln, Ohrringen und Perlen überwiegend bei Frauen zwischen 15 und 50 Jahren vorkommen. Männer bekamen Spatha, Sax, Axt, Schild, Pfeile und Lanze meist zwischen 20 und 60 Jahren ins Grab. Sie waren also jeweils etwas älter als die Frauen, was sich wohl mit den jeweiligen Rollen innerhalb von Familie und Lokalgesellschaft erklären lässt. Entscheidende Positionen erlangte man im Erwachsenenalter und gab sie im hohen Alter an die Kinder ab; nicht davon betroffen war wohl die individuelle, nicht an Rollen geknüpfte Wertschätzung. Zwischen verschiedenen lokalen Gesellschaften gab es dabei Unterschiede. Genau diesen „biographischen“ Verlauf, auf den das alemannische Recht keine erkennbare Rücksicht nimmt, spiegeln die altersabhängigen und auf Sozialstatus bezogenen Wergelder der Lex Visigothorum wider. Das fränkische Recht zeigt ebenfalls einen, wenngleich weniger elaborierten Altersbezug der Wergelder. Auffällig ist dort der besonders hohe Satz für Neugeborene und kleine Kinder. Er steht im direkten Widerspruch zu allgemein nahezu beigabenlosen Gräbern dieser Altersstufe. Wahrscheinlich ist dieser Widerspruch jedoch nur ein scheinbarer: die hohe Säuglingsund Kleinkindersterblichkeit bedeutete eine erhebliche Gefahr, so dass man mit der strengen Regelung wohl einem besonders großen Schutzbedürfnis nachkam. Dass die Gräber dann nicht aufwändig angelegt waren, hat letztlich denselben Grund – kleine Kinder starben oft und nahmen außerdem noch keine wichtige soziale Rolle ein.

5 Kirchenleute und Herzogsumgebung Als Besonderheit der alemannischen Rechtstexte gilt allgemein die Hervorhebung von Kirche und Herzog.69 Die üblicherweise zu zahlenden Bußen werden, wenn sie Priester, Mönche oder Bischöfe bzw. die Herzogsumgebung oder das Heer betreffen, gegenüber dem „Normalfall“ vervielfacht: meist ist das Dreifache zu zahlen, doch kommen ebenso Verdopplungen oder aber das Neunfache vor. Amtsträgern und ihren Beauftragten wird offensichtlich ein besonderer Schutz zu teil. Der Grund für die Androhung besonders hoher Strafen scheint in der Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher wie politischer Disziplin und Ordnung (Frieden und Recht) zu liegen. Sie

69 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 18–19; Hartmann, Einige Fragen (wie Anm. 24), S. 328– 333.



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infrage zu stellen, wird hart sanktioniert und der Grund deutlich genannt: ut sine ira Dei sit defensa patria.70 Oder für kirchliche Amtsträger abgewandelt in der Lex Baiuvariorum: ut reverentia sit Dei et pax eius qui illi deserviunt.71 Allgemeiner wird für Diebstahl in Kirche, herrschaftlichem Hof, Schmiede und Mühle eine 27fache Buße festgesetzt, quia istas IV domus casas publice sunt et semper patentes.72 Politische Verhältnisse sind archäologisch nicht leicht zu erfassen, da es sich oft um situative Kontexte handelt. Doch bieten sich drei mögliche Zugänge, um dem strukturellen Kontext näher zu kommen: 1. eine Gegenüberstellung von zentralen und peripheren Regionen; 2. der Blick auf weltliche und geistliche Amtsträger; und 3. eine Untersuchung früher Kirchen. Zu allen drei Aspekten gibt es archäologische Anhaltspunkte, wo – d.  h. an welchen Orten bzw. in welchen Regionen – man entsprechende Situationen erwarten kann. Zentren sind rechtsrheinisch bislang kaum auszumachen. Das liegt zunächst am Fehlen städtischer Strukturen, wie sie sich westlich und südlich des Flusses finden (Straßburg, Basel, Konstanz), und seien sie funktional auch erheblich reduziert gewesen. Archäologisch können sich „königsnahe“, zentrale Regionen auch indirekt bzw. „negativ“ zu erkennen geben: für die Zeit um 500 liegen um die Zentren Tournai und Metz gerade keine „reichen“ Waffenbeigaben aus Gräbern vor; die Demonstration sozialen Rangs erfolgte dort nicht auf eine Weise, die zu umfänglichen Grabausstattungen geführt hätte, sondern in anderen Situationen.73 Das gilt ebenso für das mittlere und südliche Frankenreich, wo im frühen Mittelalter Grabbeigaben unüblich waren. Pactus und Lex scheinen jedoch gar keine „städtischen“ Verhältnisse zu reflektieren, sondern auf eine ländliche Lebenswelt zu zielen. Aber auch diese wird auf geringerer Ebene Zentralisierungsprozesse erfahren haben74, wobei die Ausbildung kirchlicher (Abb. 4) und grundherrschaftlicher Strukturen75 eine wichtige Rolle gespielt haben dürften. Archäologische Befunde dafür sind bislang spärlich doku-

70 Lex Alamannorum (im Folgenden LA) XXXVI, 3. 71 Lex Baiuvariorum 1.8. – Vgl. Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911 (wie Anm. 25), S. 84. 72 Lex Baiuvariorum 9.2. – Vgl. Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911 (wie Anm. 25), S. 122, 124. 73 Frans Theuws und Monica Alkemade, A kind of mirror for men. Sword depositions in late antique northern Gaul, in: Rituals of power. From late antiquity to the early middle ages, hg. von Frans Theuws und Janet L. Nelson (The Transformation of the Roman world 8), Leiden, Boston, Köln 2000, S. 401– 476, hier S. 462 Abb. 10. 74 Christel Bücker und Michael Hoeper, Dispersed and nucleated settlements in Southwest Germany in Merowingian times, in: Ruralia III, hg. von Jan Fridrich, Jan Klápště, Zdeněk Smetánka und Petr Sommer (Památky archeologické, Suppl. 14), Praha 2000, S. 217–231; Frans Theuws, Settlement research and the process of manorialization in Northern Austrasia, in: 774. Ipotesi su una transizione, hg. von Stefano Gasparri, Turnhout 2008, S. 199–220. 75 Werner Rösener, Südwestdeutsche Grundherrschaftsverhältnisse im 8. Jahrhundert, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 101–118; Thomas Zotz, Die Entwicklung der Grundherrschaft bei den Alemannen, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz, Barbara Scholkmann und Dieter R. Bauer (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 48/

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mentiert und eher modellhaft beschrieben worden.76 Politische Ereignisse deuten an, dass die Herzöge des frühen 8. Jahrhunderts in Cannstatt ihren „Sitz“ hatten. Amtsträger  – englisch officials, wie man sie parallel zu den warlords der Spät­ antike bezeichnen könnte – lassen sich dort vermuten, wo die Archäologie traditionell nach dem Adel sucht. Das Verschwinden der Grabbeigaben im 8. Jahrhundert setzt der Untersuchung allerdings auch hier eine zeitliche Obergrenze. In auffällig „reichen“ Gräbern des 8.  Jahrhunderts muss man nicht hohen Adel erkennen,77 sondern kann offener und auf einer niedrigeren Rangstufe nach „Amtsträgern“ weltlicher und geistlicher Großer fragen. Sich verfestigende Sozial-, Siedlungs- und Herrschaftsstrukturen dürften sich auf sie gestützt haben.78 „Reiche“ Gräber, die in diese Richtung deuten, finden sich noch auf separaten Bestattungsplätzen oder auf dem eigenen Hofareal, dann häufig in oder bei Kirchen.79 Doch nicht alle lokalen oder kleinregionalen Chefs waren Amtsträger, d.  h. hierarchisch eingebunden; mancher dürfte kraft eigener autonomer Macht seine Stellung behauptet haben. Leider fehlt es in Süddeutschland an herausragenden Siedlungsbefunden, die man als „Herrenhof“ bezeichnen könnte.80 Es wäre interessant, in geeigneten Mikroregionen die Urkundenüberlieferung mit archäologischen Befunden zu parallelisieren. Seit dem 7. Jahrhundert lassen sich im südwestdeutschen Raum Gebäude nachweisen, die man für Kirchen hält.81 Tatsächlich waren es wohl zunächst Memorialbauten oder „Grabsäle“, und Kirchen im Sinne von liturgisch genutzten Gebäuden einer Gemeinde gab es wohl nicht vor dem 8.  Jahrhundert. Deutlich später als im

Quart 2 = Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 71), Leinfelden-Echterdingen 2003, S. 153– 166. 76 Vgl. den komplexen Versuch bei Claus Kropp und Thomas Meier, Entwurf einer Archäologie der Grundherrschaft im älteren Mittelalter, in: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 26 (2010), S. 97–124. 77 Vgl. Stein, Adelsgräber (wie Anm. 43).  – Vgl. die Kritik bei: Martin Last und Heiko Steuer, Zur Interpretation der beigabenführenden Gräber des achten Jahrhunderts im Gebiet rechts des Rheins, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 38 (1969), S. 25–88. 78 Vgl. Thomas Zotz, Der Südwesten im 8.  Jahrhundert. Zur Raumordnung und Geschichte einer Randzone des Frankenreiches, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 13–30. – Zur zunächst örtlich und nicht flächig gestützten Herrschaft vgl. Michael Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens in fränkischer Zeit (Vorträge und Forschungen, Sonderband 31), Sigmaringen 1984. 79 Eyla Hassenpflug, Das Laienbegräbnis in der Kirche. Historisch-archäologische Studien zu Alemannien im frühen Mittelalter (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 1), Rahden 1999. 80 Steuer, Herrensitze (wie Anm. 47). 81 Horst Wolfgang Böhme, Adel und Kirche bei den Alamannen der Merowingerzeit, in: Germania 74 (1996), S. 477–507, hier S. 483 Abb. 2; S. 485 Abb. 3; S. 487 Abb. 4; Josef Semmler, Bischofskirche und ländliche Seelsorgezentren im Einzugsbereich des Oberrheins (5.–8. Jahrhundert), in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 335–354; Wilfried Hartmann, Die Eigenkirche. Grundelement der Kirchenstruktur bei den Alemannen?, in: Die Alemannen und das Christentum (wie Anm. 75), S. 1–11; Sönke Lorenz, Die Alemannen auf dem Weg zum Christentum, ebd., S. 65–111.



Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber 

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Abb. 4: Frühmittelalterliche Kirchen in Pfostenkonstruktion. Erfasst sind in das 7. bis 9. Jahrhundert datierte Befunde (verändert nach Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter [wie Anm. 83], S. 161 Abb. 90).

nördlichen Gallien ging man dazu über, seinen Toten bei oder in Kirchen zu begraben. Reihengräberfelder, separate Bestattungsplätze oder das Begräbnis auf dem eigenen Hofareal wurden damit aufgegeben; mit den Kirchen blieben die Toten nun unter den Lebenden. Doch verlief dieser Übergang mitunter recht allmählich, denn es gibt noch für das 10. Jahrhundert Belege für abseits gelegene Gräber.82 Häufig sind die ältesten Kirchen83 lediglich mittelbar – anhand anscheinend auf sie bezugnehmender

82 Rolf Dehn, Merowingerzeitliche Grabhügel bei Überauchen, Gde. Brigachtal, Schwarzwald-BaarKreis, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1982 (1983), S. 173–176. Zur Datierung vgl. jetzt Jutta Klug-Treppe, Ein frühmittelalterlicher Bestattungsplatz im römischen Gutshof von Brigachtal-Überauchen, in: Das Brigachtal im frühen Mittelalter, hg. von Niklot Krohn (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 67), Esslingen 2013, S. 35–40, hier S. 38. 83 Barbara Scholkmann, Frühmittelalterliche Kirchen im alemannischen Raum. Verbreitung, Bauformen und Funktion, in: Die Alemannen und das Christentum (wie Anm. 75), S. 125–152; Reto Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der Nordwestschweiz (4.–10. Jahrhundert) (Archäologie und Museum 41), Liestal 2000, S. 146–201.

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Gräber – zu datieren84, oder es fehlen überhaupt direkte archäologische Belege für ihre Existenz bzw. Funktion.85 Auch Klöster blieben zunächst vergleichsweise selten,86 was auf die erst zu etablierende kirchliche Infrastruktur verweist. In den Kirchen des 8. Jahrhunderts wurden offenbar auch weltliche Dinge gelagert, die man entwenden konnte  – dies sanktioniert die Lex mit einer zusätzlichen Buße.87 Ein solches oder anderes Vergehen in der Kirche selbst als zunehmend „heiligem Ort“ bedeuteten der Lex Alamannorum zufolge eine Gefährdung der Beziehung zu Gott und zugleich eine Verletzung des Gebäudes.88 Insgesamt dürfte deutlich geworden sein, dass die alemannischen Rechtstexte spezifische politische Situationen beschreiben und die archäologischen Befunde jene Strukturen erfassen, in denen es um den besonderen Schutz von Kirche und Herzog ging bzw. gehen sollte. Insofern ergänzen sich beide auf willkommene Weise.

6 Ergebnis Stellt man im Hinblick auf Habitus und Sozialstrukturen Rechtstexte und archäologische Befunde gegenüber, so „passen“ sie durchaus zueinander. Beide vermitteln eine je eigene Perspektive, und beide erhellen unterschiedliche Aspekte. Dabei stehen die beiden Quellengattungen nicht im Widerspruch zueinander, jedenfalls dann nicht, wenn man sie im Kontext betrachtet. Vielmehr ergänzen sie sich und zeigen damit, dass die merowingerzeitlichen Sozialstrukturen in der Alamannia durchaus ihren Widerhall in normativen Texten fanden. Die hier betrachteten vier Aspekte lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

84 Burzler, Archäologische Beiträge (wie Anm. 45), Taf. 6; Scholkmann, Frühmittelalterliche Kirchen (wie Anm. 83), S. 131 Abb. 5. 85 Vgl. Niklot Krohn, Memoria, fanum und Friedhofskapelle. Zur archäologischen und religionsgeschichtlichen Interpretation von Holzpfostenstrukturen auf frühmittelalterlichen Bestattungsplätzen, in: Regio archaeologica. Archäologie und Geschichte an Ober- und Hochrhein. Festschrift Gerhard Fingerlin, hg. von Christel Bücker, Michael Hoeper, Niklot Krohn und Jürgen Trumm (Studia honoraria 18), Rahden 2002, S. 311–335; Sebastian Ristow, Frühes Christentum im Rheinland. Die Zeugnisse der archäologischen und historischen Quellen an Rhein, Maas und Mosel, Münster 2007. 86 Knapp: Alfons Zettler, Einzug der Mönche. Kultur durch Klöster, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S. 481–490, hier S. 481 Abb. 556; ders., Mission und Klostergründungen im südwestdeutschen Raum, in: Der Südwesten (wie Anm. 7), S. 233–252. 87 Vgl. Miriam Czock, Gottes Haus. Untersuchungen zur Kirche als heiligem Raum von der Spätantike bis ins Frühmittelalter (Millenium-Studien 38), Berlin, Boston 2012, S. 138–143, unter Verweis auf Lex Alamannorum IV. 88 Czock, Haus Gottes (wie Anm. 87), S. 301.



Sozialstruktur und Habitus anhand der Gräber 

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1. Sowohl Pactus und Lex einerseits sowie Grabfunde andererseits reflektieren soziale Hierarchien. Während jedoch die Rechtstexte schematisierende Trennungen kennen, spiegeln Grabausstattungen ein kontinuierliches Spektrum von „arm“ zu „reich“ wider. 2. Den Rechtstexten zufolge sollen freie Frauen besonders geschützt werden, indem ihnen ein doppeltes Wergeld gilt; Grabausstattungen von Frauen und Männern erscheinen dagegen ausgeglichen. Dafür wird verantwortlich sein, dass sozialer Rang sich wesentlich auf die Familie bezog. 3. Erwähnen Pactus Legis Alamannorum und Lex Alamannorum das Lebensalter so gut wie gar nicht, besaß es für die Grabbeigaben einige Bedeutung. Offenbar drückten sich darin altersabhängige soziale Rollen aus, die im Laufe eines Lebens wechselten. 4. Der in den alemannischen und bayerischen Rechtstexten besonders betonte Schutz von Herzog und Kirche lässt sich archäologisch kaum fassen. Denn es handelt sich um vor allem situative Kontexte, während in Bestattungsplätzen und Siedlungen primär strukturelle Verhältnisse zu erkennen sind. Archäologisch lässt sich nichts erkennen, was als spezifisch für die Alemannen oder die Alamannia gelten könnte. Vielmehr fügt sich dieser Raum, auch wenn er sich gar nicht präzise abgrenzen lässt, in Verhältnisse ein, wie sie ähnlich in den Nachbarregionen bestanden.

Stephanie Zintl

Grabraub? Graböffnungen und ihre Erklärung Viele Gräber der Merowingerzeit bieten bei der Ausgrabung kein ‚unberührtes‘, ‚unverfälschtes‘ Bild, sondern wurden seit dem Abschluss der Bestattungsfeierlichkeiten vor ca. 1400 Jahren schon einmal oder vielleicht sogar mehrfach geöffnet. Grab, Skelett und Beigaben wurden hierbei gestört, teils großflächig verlagert und/oder entnommen. Seit Beginn der Erforschung merowingerzeitlicher Gräberfelder wurde dies oft vor allem als Ärgernis gesehen und als hinderlich bei der weiteren Auswertung der Gräber1; schließlich war der ‚ursprüngliche‘ Grabzusammenhang gestört, Grabbau und Ausstattung teils zerstört, und die unter anderem für die Datierung so aussagekräftigen Kleinfunde fehlten oder lagen nur noch unvollständig vor. Bereits frühzeitig2 war daher für viele Ausgräber, oft unausgesprochen, klar: Hier war ihnen jemand zuvorgekommen, dem man wissenschaftliches Interesse jedoch absprechen konnte – die Gräber waren anscheinend vor bereits längerer Zeit beraubt worden. Dies schienen auch die frühmittelalterlichen Gesetzestexte zu bestätigen, die Grabraub als Delikt nennen. Die Höhe der hierfür angesetzten Strafen variiert etwas, in manchen Fällen sind sie zudem ebenso wie bei anderen Vergehen (an Lebenden) gestaffelt nach sozialem Stand und Geschlecht der Betroffenen (Toten), und manchmal wird das Delikt Grabraub direkt neben der Beraubung noch unbestatteter Toter genannt.3 Ungeachtet dieser Feinheiten, und auch vorerst ungeachtet der Frage, inwiefern derartige Gesetze im 6. und 7. Jahrhundert weiträumig bekannt waren und tatsächlich für die Rechtssprechung herangezogen wurden, schien durch die leges

1 Dies allerdings nur selten so direkt auf den Punkt gebracht wie von Hermann Ament: „so daß gerade ein Dutzend Gräber so überliefert ist, wie der Archäologe es sich wünscht: ungestört und beigabenführend“ (Hermann Ament, Das alamannische Gräberfeld von Eschborn [Main-Taunus-Kreis] [Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen 14], Wiesbaden 1992, S. 6). – Weitere Beispiele zusammengestellt bei Christoph Kümmel, Ur- und frühgeschichtlicher Grabraub. Archäologische Interpretation und kulturanthropologische Erklärung (Tübinger Schriften zur Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie 9), Münster, New York, München, Berlin 2009, S. 20  f. Anm. 7. 2 Helmut Roth führt als früheste Nennungen von Grabraub Abbé Cochet (1854) und Ludwig Lindenschmitt (1880–1889) an (Helmut Roth, Archäologische Beobachtungen zum Grabfrevel im Merowingerreich, in: Zum Grabfrevel in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Untersuchungen zu Grabraub und „haugbrot“ in Mittel- und Nordeuropa. Bericht über ein Kolloquium der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas vom 14. bis 16. Februar 1977, hg. von Herbert Jankuhn, Hermann Nehlsen und Helmuth Roth, Göttingen 1978, S. 53–84, hier S. 54). 3 Hermann Nehlsen, Der Grabfrevel in den germanischen Rechtsaufzeichnungen. Zugleich ein Beitrag zur Diskussion um Todesstrafe und Friedlosigkeit bei den Germanen, in: Zum Grabfrevel (wie Anm. 2), S. 107–168.

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doch eines erwiesen: Grabraub war damals, ebenso wie in unserem heutigen Rechtsverständnis, unrechtmäßig und strafbar. Andere Nennungen in zeitgenössischen Schriftquellen, etwa die häufig zitierte Episode der Beraubung einer mit reichen Beigaben in einer Kirche bestatteten Verwandten Gunthram Bosos bei Gregor von Tours4 oder die dem hl. Severin in den Mund gelegte Prophezeiung, nach der Abwanderung aus dem norischen Donauraum würden Barbaren auf der Suche nach Gold die Gräber plündern5, deuten an, dass auch die moralische Beurteilung solcher Taten im großen und ganzen der Sicht moderner Europäer entsprach: es handelt sich um verwerfliche Untaten, deren Beschreibung – etwa im Fall des Gunthram Boso – auch dazu diente, die genannten Übeltäter als solche zu diskreditieren. Die Ansprache und auch Wertung der bei Grabungen aufgefundenen wiedergeöffneten Gräber erschien – mit diesem aus Schriftquellen erlesenen Wissen im Hintergrund – bereits frühzeitig weitgehend geklärt; und dies paradoxerweise oft bevor überhaupt genauer untersucht wurde, wann die betroffenen Gräber geöffnet und wie sie hierbei im Detail behandelt wurden. Eine Frage wird in diesem Zusammenhang jedoch immer wieder aufgeworfen: Wie konnte etwas anscheinend Verbotenes, Strafbares und zudem moralisch Verwerfliches dennoch so häufig vorkommen? Geht man davon aus, dass die in den leges genannten Strafen bereits in der Merowingerzeit weiträumig in dieser oder ähnlicher Form bekannt waren, so war ihre Androhung offenbar in keinster Weise effektiv: Der Anteil geöffneter Gräber variiert zwar von Gräberfeld zu Gräberfeld sehr stark; insgesamt ist jedoch ein auffallend großer Teil der Gräber betroffen. Diesen kursorischen Eindruck bei der Durchsicht von Gräberfeldpublikationen6 bestätigen auch die wenigen großräumig erhobenen Zahlen: Laut

4 Zwei Diener des dux Gunthram Bosos öffnen das Grab einer kinderlos verstorbenen Verwandten seiner Frau, die mit reichen Beigaben versehen in einer Kirche in Metz bestattet worden war (Gregor von Tours, Historia Francorum VIII, 21, nach der Übersetzung von Wilhelm von Giesebrecht, neu bearbeitet von Manfred Gebauer, Essen, Stuttgart 1988; vgl. hierzu Karl Heinrich Krüger, Grabraub in den erzählenden Quellen des frühen Mittelalters, in: Zum Grabfrevel (wie Anm. 2), S.  169–187, hier: S.  173  f.).  – Diskutiert u.  a. bei Krüger, Grabraub, bes. 173  f.; Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen. Eine Analyse der Auswertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials, Göttingen 1982, S. 499  f.; Bonnie Effros, From grave goods to Christian epitaphs. Evolution of burial tradition and the expression of social status in Merovingian society, Los Angeles 1994, S. 176  f.; 182  f.; Edeltraud Aspöck, Graböffnungen im Frühmittelalter und das Fallbeispiel der langobardenzeitlichen Gräber von Brunn am Gebirge, Flur Wolfholz, Niederösterreich, in: Archaeologia Austriaca 87 (2003), S. 225–264, hier: S. 232; Guy Halsall, Cemeteries and society in Merovingian Gaul. Selected studies in history and archaeology, 1992–2010, Leiden 2010, S. 289  f. (erstmals publiziert 1996). 5 Eugippius, Vita Sancti Severini 40, 5, übersetzt und hg. von Theodor Nüsslein, Stuttgart 1986, S. 106–109; vgl. hierzu ausführlicher Stephanie Zintl, Frühmittelalterliche Grabräuber? Wiedergeöffnete Gräber der Merowingerzeit, phil. Diss., Freiburg i. Br. 2012 (in Druckvorb.), S. 367  f. 6 Vgl. z.  B. die Zusammenstellung des Anteils „beraubter Bestattungen“ in merowingerzeitlichen Gräberfeldern aus Bayern bei Hans Losert, Altenerding in Oberbayern, Struktur des frühmittelalterlichen Gräberfeldes und „Ethnogenese“ der Bajuwaren, Bd. 1, Berlin, Bamberg, Ljubljana 2003, S. 477.



Grabraub? Graböffnungen und ihre Erklärung  

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Helmut Roths (1978) Untersuchung zum „Grabfrevel im Merowingerreich“ wurden im Durchschnitt etwa 39 % der Gräber dieser Zeit geöffnet7; einen ähnlich hohen Anteil von etwa 37 % der Gräber ermittelte auch Frank Siegmund (2000) für sein räumlich ebenfalls nahezu das gesamte Gebiet der sog. Reihengräberfelder umfassendes Arbeitsgebiet8. Ein Grundproblem bei der Bearbeitung sekundär geöffneter Gräber ist methodischer Natur: Die in der Forschung als terminus technicus eingeführte Bezeichnung „Grabraub“ nimmt bereits die geläufigste Interpretation der in den Gräberfeldern beobachteten Handlungen vorweg. Grabraub im engeren Sinne impliziert, dass die Gräber widerrechtlich geöffnet wurden, um Beigaben zu entnehmen, und dass das Ziel der Graböffnungen materielle Bereicherung war. Jeder einzelne Teilbereich dieser im Begriff „Grabraub“ beinhalteten Schlüsse kann angezweifelt werden und wurde auch bereits in der Forschung angezweifelt:9 Neben Grabraub im engeren Sinne wurden zahlreiche weitere Interpretationen10 vorgeschlagen, teils ergänzend zu dieser, teils alternativ,11 teils auch nur für bestimmte Gräber.12 Die Bezeichnung

7 Roth, Grabfrevel (wie Anm. 2), S. 61. 8 Frank Siegmund, Alemannen und Franken (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 23), Berlin, New York 2000, bes. S. 115  f. mit Anm. 52. 9 So auch Heiko Steuer: „Die Bezeichnung [Grabraub] wird daher kaum der ganzen Breite möglicher Eingriffe gerecht“ (Heiko Steuer, s. v. Grabraub. §  1 Archäologisches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 12, Berlin, New York 1998, S. 516–523). 10 Zusammenfassend: Steuer, Grabraub (wie Anm. 9), bes. S. 516–518; Aspöck, Graböffnungen (wie Anm. 4), S. 226–240; Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), S. 41–107; Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), bes. S. 21–44. 11 So schlug z.  B. Silvia Codreanu-Windauer für die Gräber der späten Merowingerzeit vor, sie wären im Zuge lokaler Auseinandersetzung weniger zur materiellen Bereicherung als zur Machtdemonstration oder vielleicht „zur Schmälerung der Macht und des Ansehens der Toten“ geöffnet worden (Silvia Codreanu-Windauer, Pliening im frühen Mittelalter. Bajuwarisches Gräberfeld, Siedlung und Kirche. Mit einem Beitrag von Hans-Jürgen Hundt [Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 74], Kallmünz/Opf. 1997, bes. S. 32–34); Johannes Schneider interpretierte den Beigabenraub in Deersheim als „legitimierte Fundentnahme“ (Johannes Schneider, Grabformen und Beigabensitte auf den völkerwanderungszeitlichen Friedhöfen Deersheim und Weimar-Nord. Ein Beitrag zu Besitzabstufung und sozialer Gliederung im Thüringerreich, in: Bestattungswesen und Totenkult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, hg. von Fritz Horst und Horst Keiling, Berlin 1991, S. 209–238, hier: S. 216); und Martine van Haperen setzte die Graböffnungen in Zusammenhang mit Ahnenverehrung und schlug vor, die Beigabenentnahme als eine Form des Geschenkaustauschs zwischen Lebenden und Toten zu sehen (Martine van Haperen, Rest in pieces. An interpretative model of early medieval ‚grave robbery‘, in: Medieval and Modern Matters 1 [2010], 1–36). 12 Z. B. Graböffnung zur Umbettung bestimmter, bedeutender Personen etwa in Niederstotzingen (Peter Paulsen, Alamannische Adelsgräber von Niederstotzingen [Kreis Heidenheim], Stuttgart 1967, S. 17  f.), Kirchheim b. München (Wilhelm Charlier, Rainer Christlein und Erwin Keller, Bajuwarische Adelsgräber des 7. Jahrhunderts von Hausen, Gemeinde Kirchheim bei München, Landkreis München, Oberbayern, in: Das archäologische Jahr in Bayern 1982, S. 127  f.) und Aesch-Steinäcker (Reto Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der

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„Grabraub“ wird daher  – zumindest von manchen Autoren  – bewusst neutral verstanden verwendet.13 Nichtsdestotrotz lenkt die bereits interpretierende Benennung den Blick der Forschung. Beispielsweise rückt die Bezeichnung als Raub die Beigaben bzw. deren Entnahme in den Vordergrund; so wird in Gräberfeldpublikationen oft ausgiebig diskutiert, welche Dinge entnommen wurden und ob – und gegebenenfalls warum  – bestimmte Gegenstände eventuell absichtlich zurückgelassen wurden.14 Ebenso nimmt die oben bereits angeschnittene Frage nach der (Un-)Rechtmäßigkeit der Taten in der Forschung einen recht großen Raum ein, obwohl sie mit archäologischen Quellen allein kaum zu beantworten ist. Daher wird vor allem in den letzten Jahren zunehmend versucht, ‚neutralere‘, weniger wertende und vor allem interpretationsoffene Benennungen zur Beschreibung des Phänomens zu verwenden: Edeltraud Aspöck (2003) bezeichnet es  – mit den eben genannten Argumenten  – als Graböffnung bzw. sekundäre Öffnung,15

Nordschweiz [4.–10.Jh.] [Archäologie und Museum 41], Liestal/Schweiz 2000, S. 44  f.); oder Öffnung und Sonderbehandlung bestimmter Gräber als Maßnahme gegen Wiedergänger (z.  B. Christoph Grünewald, Das alamannische Gräberfeld von Unterthürheim, Bayerisch-Schwaben [Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 59], Kallmünz/Opf. 1988, S.  42  f.; zahlreiche weitere Bsp. zusammengestellt bei Kümmel, Grabraub [Anm. 1], S. 85 Anm. 289). 13 Diese explizit kritische Haltung gegenüber der Benennung „Grabraub“ ist häufiger in Arbeiten zu vorgeschichtlichen Gräbern zu beobachten; in Arbeiten zum Frühmittelalter ist sie verhältnismäßig selten (möglicherweise wegen des Einflusses der Schriftquellen?). Beispielsweise betont Karl-Friedrich Rittershofer, er verwende den Begriff Grabraub nur der Kürze halber, meine damit aber „wertungsfrei einen Eingriff ins Grab, verbunden mit der Entnahme von Beigaben, jedoch vorerst ohne Kenntnis des Anlasses“ (Karl-Friedrich Rittershofer, Grabraub in der Bronzezeit. Vortrag zur Jahressitzung 1987 der Römisch-Germanischen Kommision, in: Berichte der RGK 68 [1987], S.  5–23, hier: S. 5). Ähnlich auch Johannes-Wolfgang Neugebauer: „Die – vorerst wertfrei zu betrachtende – Wiederöffnung“; „Grabraub (hier noch als undifferenzierter Terminus verstanden)“ (Johannes-Wolfgang Neugebauer, Die Nekropole F von Gemeinlebarn, Niederösterreich. Untersuchungen zu den Bestattungssitten und zum Grabraub in der ausgehenden Frühbronzezeit in Niederösterreich südlich der Donau zwischen Enns und Wienerwald, Mainz am Rhein 1991, S.  113; 125). Für die Frühgeschichte z.  B. Johannes Schneider mit einer alternativen Interpretation und Benennung: „das Verständnis der Beraubung als offenbar legitimierte Fundentnahme“ (Schneider, Grabformen [Anm.  11], S.  210).  – Zusammenfassend: Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), S. 110–113. 14 Anstoß hierfür gaben vor allem die Beobachtung Ursula Kochs zu zurückgelassenen Brakteatenfibeln in Berghausen (Ursula Koch, Grabräuber als Zeugen frühen Christentums, in: Archäologische Nachrichten aus Baden 11 [1973], 22–26; dies., Beobachtungen zum frühen Christentum an den fränkischen Gräberfeldern von Bargen und Berghausen in Nordbaden, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 4 [1974], 259–266) und die (auch hierdurch inspirierten) Aussagen Helmut Roths zu seiner Ansicht nach wegen eines Tabus absichtlich zurückgelassenen Dingen (Roth, Grabfrevel [Anm.  2], S. 67–74); vgl. hierzu Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 31  f. 15 Aspöck, Graböffnungen (wie Anm. 4), S. 225  f. – Zustimmend Uta von Freeden: „Es wäre erfreulich, wenn sich die von ihr [E. Aspöck] vorgeschlagene wertneutrale Terminologie durchsetzen würde“ (Uta von Freeden, Wer stört Gräber? Grabstörungen ohne Graböffnungen, in: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 59/2 [2008], S.  247–255, hier: S.  247)  – Zu den Aus-



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Christoph Kümmel (2009) als Grabmanipulation.16 Dies geht einher mit einem verstärkten Interesse am Thema, das in den letzten Jahren im Zentrum mehrerer universitärer Abschlussarbeiten17 stand. Die zusammenfassende Betrachtung der verschiedenen möglichen Interpretationen von Graböffnung in diesen Arbeiten18 führte zu einer Ausweitung des Interpretationsspektrums; so ist beispielsweise eine zunehmende Beliebtheit der unter anderem durch ethnologische Quellen und die englischsprachige Forschung19 inspirierten Konzepte von Ahnenverehrung und allgemeiner Totenmemoria zu beobachten,20 während in einer gegenläufigen Entwicklung in der britischen Forschung das Konzept der – im deutschsprachigen Raum schon seit Jahrzehnten fast selbstverständlich durch die Interpretationen geisternden21 – Wiedergänger in jüngerer Zeit erneut an Beliebtheit zu gewinnen scheint.22

wirkungen der Bezeichnung als Graböffnung auch Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm.  5), S. 1  f.; 124  f. 16 Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), bes. S. 19–22; 24  f. – Vgl. Stephanie Zintl, Rezension zu Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 38 (2010), S. 225–232. 17 Aspöck, Graböffnungen (wie Anm. 4) [Diplomarbeit Wien 2001/2002]; Silvia Müller und Karina Grömer, Das awarische Gräberfeld in Zwölfaxing, Burstyn-Kaserne. Archäologische Forschungen in Niederösterreich 14 (St. Pölten 2015) [Diplomarbeit Wien 2004]; Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1) [Dissertation Tübingen 2007]; van Haperen, Rest in pieces (wie Anm.  11) [Masterarbeit Amsterdam 2009]; Alison Klevnäs, Whodunnit? Grave-robbery in early medieval northern and western Europe, Dissertation Cambridge 2010 [Dissertation Cambridge 2010, im Internet verfügbar seit 2011]; Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5) [Dissertation Freiburg 2012]. 18 Vgl. Aspöck, Graböffnungen (wie Anm. 4), S. 226–240; Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), S. 41–107; Klevnäs, Whodunnit? (wie Anm. 17), S. 11–62; Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 21–44. 19 Vgl. James Whitley, Too many ancestors, in: Antiquity 76 (2002), S. 119–126. – Edeltraud Aspöck stellte diesbezüglich fest: „While the British archaeologists venerate their ancestors […], Continental, German-language archaeologists fear their dead“ (Edeltraud Aspöck, What actually is a ‚deviant burial’? Comparing German-language and anglophone research on ‚deviant burials’, in: Deviant burial in the archaeological record, hg. von Eileen Murphy, Oxford 2008, S. 17–34, hier: S. 28); diese Tendenz scheint sich in jüngerer Zeit teilweise umzukehren. 20 van Haperen, Rest in pieces (wie Anm. 11); Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), passim, vgl. hierzu die Zintl, Rezension (wie Anm. 16). 21 Vgl. z.  B. Grünewald, Unterthürheim (wie Anm. 12), S. 42  f.; zahlreiche Bsp. genannt bei Kümmel, Grabraub (wie Anm.  1), S.  85 Anm.  298; zusammenfassend Aspöck, Deviant burial (wie Anm.  19), bes. S. 21; kritisch zur Wiedergängerthese u.  a. Sebastian Brather, Wiedergänger und Vampire? Bauchund Seitenlage bei westslawischen Bestattungen des 9. bis 12.  Jh., in: Aedificatio Terrae. Beiträge zur Umwelt und Siedlungsarchäologie Mitteleuropas. Festschrift für Eike Gringmuth-Dallmer zum 65. Geburtstag, hg. von Gerson Jeute, Jens Schneeweiß und Claudia Theune (Studia honoraria 26), Rahden/Westf. 2007, S. 109–117, hier bes. S. 114–116; Aspöck, Deviant burial (wie Anm. 19); Kümmel, Grabraub (wie Anm. 1), S. 45–50; 82–89; Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 29. 22 Vgl. z.  B. Nancy Caciola, Wraiths, revenants and ritual in medieval culture, in: Past and Present 152 (1996), S.  3–45; John Blair, The dangerous dead in early medieval England, in: Early medieval studies in memory of Patrick Wormwald, hg. von Stephen Baxter, Catherine Karkov, Janet Nelson und David Pelteret, Aldershot 2009, S. 539–559; Andrew Reynolds, Anglo-Saxon deviant burial rites, Oxford 2009, S. 89–94; Klevnäs, Whodunnit? (wie Anm. 17), S. 171–174.

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Eine im Zuge meiner Dissertation23 durchgeführte Kleinraumstudie bestätigte in manchem das, was schon in früheren Arbeiten und z.  B. Gräberfeldpublikationen festgestellt oder zumindest angenommen worden war. Andere, in der Literatur häufig wiederkehrende Aussagen (oder topoi?) zu frühmittelalterlichem „Grabraub“ ließen sich hingegen nicht belegen, und in manchen Teilbereichen machen die Ergebnisse der Untersuchung andere Interpretationen wahrscheinlicher als die, die in der bisherigen Literatur zu merowingerzeitlichen Gräbern am geläufigsten sind. Untersucht wurden insgesamt etwa 600 Bestattungen der Merowingerzeit, wobei sich die Auswertung in allen Fällen auf die Grabungsdokumentation stützt. Die Gräber verteilen sich auf 12 Bestattungsplätze unterschiedlicher Größe:24 Gräberfelder mit ca. 100 bzw. 150 Bestattungen,25 einige kleinere Grabgruppen26 und zwei Einzelgräber,27 die als jeweils einzige Bestattung in einer größeren Grabungsfläche gefunden wurden. Mit Ausnahme des ca. 8 bis 9  km weiter südlich befindlichen Einzelgrabs in Thalmassing und des ca. 12 km weiter östlich gelegenen Gräberfelds von Geisling liegen sie in direkter Nachbarschaft im Gebiet der Orte Burgweinting und Harting,28 maximal 4 km voneinander entfernt und nur 4 bis 7 km südöstlich des ehemaligen römischen Legionslagers und heutigen Zentrums von Regensburg (Abb. 1). In chronologischer Hinsicht decken die Friedhöfe gemeinsam die gesamte Merowingerzeit ab, vom späten 5. bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts. Allerdings sind Gräber der jüngeren und

23 Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5). 24 Details zu den einzelnen Bestattungsplätzen und zur dortigen Graböffnung in Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), bes. S. 127–299; eine zusammenfassende Vorstellung der Bestattungsplätze auch in Stephanie Zintl, Frühmittelalterliche Grabräuber? Wiedergeöffnete Gräber der Merowingerzeit im Raum Regensburg, in: Fines Transire. 21. Treffen der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft Ostbayern/West- und Südböhmen/Oberösterreich, hg. von Miroslav Chytráček, Heinz Gruber, Jan Michálek, Ruth Sandner und Karl Schmotz, Rahden/Westf. 2012, S. 189–197. 25 Gräberfelder Harting-Ost, Harting-Katzenbühl und Geisling; sowie vermutlich ehemals in der gleichen Größenordnung auch Burgweinting-Schule (nur teilweise ergraben). 26 Burgweinting-Nordwest  II (15 Gräber), Burgweinting-Kirchfeld West- und Ostgruppe (19 bzw. 11 Gräber), Burgweinting-Villa (47 Gräber), Burgweinting-Ost (23 Gräber) und Harting-Römerbad (10 Gräber). 27 Obertraubling-Köstlmeierfeld (Silvia Codreanu-Windauer, Die geheimnisvolle Dame von Obertraubling, „Köstlmeierfeld“, in: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 41/42 [2000/2001], S.  203–224), Thalmassing-Scherfeld (Eleonore Wintergerst, Bemerkungen über ein merowingerzeitliches Männergrab aus Thalmassing, Lkr. Regensburg, in: Beiträge zur Archäologie in der Oberpfalz und in Regensburg 1 [1997], S. 283–294); zur sekundären Öffnung dieser beiden Gräber s. Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 292–299. 28 Das Einzelgrab in Obertraubling-Köstlmeierfeld liegt im Gebiet des südlich an Burgweinting und Harting angrenzenden Ortes Obertraubling, nur ca. 1 bis 3  km südlich der anderen Bestattungsplätze.  – In der Studie wurden alle Bestattungsplätze erfasst, die aus Burgweinting und Harting bekannt sind; das Bild dürfte wegen der ausgedehnten Grabungen in den Ortsgebieten weitgehend repräsentativ sein. – Zum Kleinraum Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 101–108.



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Abb. 1: Merowingerzeitliche Gräber und Siedlungen im Südosten von Regensburg (1 BurgweintingNordwest II; 2 Burgweinting-Kirchfeld, West- und Ostgruppe; 3 Burgweinting-Schule; 4 Burgweinting-Villa; 5 Burgweinting-Ost; 6 Harting-Ost; 7 Harting-Katzenbühl; 8 Harting-Römerbad; 9 Obertraubling-Köstlmeierfeld). Leicht verändert und ergänzt auf Grundlage von Udo Osterhaus, Die Ausgrabungen bei St. Emmeram in Regensburg. Armin Stroh zum 80. Geburtstag, in: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 34/35, 1993, S. 202–223, hier: S. 220 Abb. 13. (Die Breite des Kartenausschnitts entspricht knapp 9 km.)

späten Merowingerzeit überrepräsentiert, da im Untersuchungsgebiet die Bestattungszahlen ab der Zeit um 600 erkennbar zunehmen.29 Graböffnung ist in diesem Gebiet sehr häufig; insgesamt sind etwa 54 % der Bestattungen intentionell geöffnet worden, nur knapp ein Drittel ist sicher ungestört.30 Geöffnet wurden Gräber des späten 5.  Jahrhunderts ebenso wie diejenigen des 6., des 7. und des frühen 8. Jahrhunderts – eine Verschonung von Bestattungen bestimmter Zeiten war also nicht zu beobachten. In allen Fällen, bei denen der Zeit-

29 Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 302–304. 30 325 von 597 Bestattungen sind intentionell geöffnet, 187 Bestattungen sind nicht geöffnet, ferner 87 unklare Fälle.

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punkt der Graböffnung näher eingegrenzt werden kann, handelte es sich um zeitgenössische Taten: Eine Verlagerung des Leichnams noch im Sehnenverband kam zwar vergleichsweise selten vor,31 dies jedoch in nahezu allen untersuchten Bestattungsplätzen und bei Gräbern unterschiedlicher Zeitstellung. Eine Verlagerung von Skelett und Beigaben innerhalb eines noch intakten Hohlraums, also zu einem Zeitpunkt als der Sarg oder andere hölzerne Grabeinbauten dem Erddruck noch nicht nachgegeben hatten, war sogar überraschend häufig festzustellen: In denjenigen Bestattungsplätzen, bei denen die Qualität der Grabungsdokumentation für die Beurteilung dieser Frage ausreichte, lagen im Schnitt bei etwa einem Drittel der geöffneten Gräber Hinweise auf eine Verlagerung innerhalb eines Hohlraums vor. Hierbei handelt es sich um eine Mindestzahl, da beispielsweise bei Bestattungen, bei denen kaum oder gar keine Knochen oder Funde mehr vorhanden sind, natürlich auch nicht zu erkennen ist, ob diese ehemals in einem Hohlraum verlagert wurden. Verlagerungen innerhalb eines Hohlraums kommen ebenfalls bei Bestattungen von der frühen bis in die späte Merowingerzeit und in nahezu allen untersuchten Bestattungsplätzen vor (wobei der limitierende Faktor hier in erster Linie die Feststellbarkeit ist, d.  h. die Qualität der jeweils vorliegenden Grabungsdokumentation). Auch weitere Indizien, wie die vor allem in der späten Merowingerzeit auftretenden Graböffnungen im Zuge von Nachbestattungen, verweisen darauf, dass die Gräber während der Belegungszeit des jeweiligen Friedhofs geöffnet wurden. Hinweise für den umgekehrten Fall, also dafür, dass ein längerer Zeitraum zwischen der Bestattung und dem erneuten Öffnen eines Grabes verstrich, ließen sich hingegen nicht ermitteln. Im Untersuchungsgebiet wurden Gräber überwiegend oder vielleicht sogar ausschließlich innerhalb weniger Jahre bis maximal Jahrzehnte nach der Bestattung geöffnet, die gesamte Merowingerzeit hindurch, und in allen Fällen geschah dies bereits während der Belegungszeit des jeweiligen Friedhofs.32 Mindestens bei einigen der untersuchten Friedhöfe ist sehr wahrscheinlich, dass die Bestattungsgemeinschaft die Gräber selbst öffnete. Die eben genannten Graböffnungen im Zuge von Nachbestattungen zeigen, dass die betroffenen Gräber von Menschen geöffnet wurden, die hier auch ihre Toten beerdigten – was, wenn man es eng sieht, allerdings nicht zwingend bedeuten muss, dass sie die dabei geöffneten älteren Gräber auch als Gräber der eigenen Gruppe sahen; es können auch verschiedene Gruppen denselben Bestattungsplatz nutzen33. Im Fall der Hofgrablegen von

31 Von 325 geöffneten Bestattungen wurden 27 sicher oder sehr wahrscheinlich, weitere 18 vermutlich im Sehnenverband verlagert; bei über 200 der geöffneten Bestattungen kann dies hingegen sicher ausgeschlossen werden (vgl. Zintl, Wiedergeöffnete Gräber [wie Anm. 5], S. 326  f.). 32 Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), bes. S. 324–331. 33 Für diese Möglichkeit sprechen eventuell die teils deutlichen Unterschiede in Grabbau und Beigabenausstattung zwischen den (in beiderlei Hinsicht aufwändigen) älteren Bestattungen und den in der Regel beigabenlosen, nur in einfachen Gruben angelegten Nachbestattungen; vgl. hierzu ausführlicher Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 335  f.; 373  f.



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Burgweinting-Ost34 sprechen noch weitere Beobachtungen für ein Öffnen durch die Bestattungsgemeinschaft: Hier wurden 23 Gräber mit sehr spärlicher Ausstattung35 direkt neben einem (?) frühmittelalterlichen Gehöft angelegt. Die Graböffnungen fanden (mindestens teilweise) während der Belegungszeit statt, gelegentlich auch beim Anlegen von Nachbestattungen. Die Bestattungen liegen nur 15 bis 20  Meter vom Hof entfernt, weshalb ein heimliches, von den Anwohnern unbemerktes Öffnen hier mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann; die Gräber lagen in direkter Sichtund auch Hörweite des Hofes und damit auch von postulierbaren Wachhunden. Dass sie mit Wissen, aber gegen den Willen der Bestattungsgemeinschaft von (mächtigeren) Anderen geöffnet wurden, wirkt recht unwahrscheinlich: Gegen diese Annahme sprechen zum einen die Graböffnungen beim Anlegen von Nachbestattungen. Zum anderen würde sich angesichts der Ärmlichkeit von Grabbau und Grabausstattung in Burgweinting-Ost die Frage stellen, weshalb Fremde diese Gräber hätten öffnen sollen. Materielle Bereicherung kann ausgeschlossen werden und die Absicht, die Gräber anderer zu (zer-)stören, wirkt hier wenig wahrscheinlich: Repräsentative Grabbauten oder prestigeträchtige Ausstattung waren nicht vorhanden, eine Konkurrenzsituation mit anderen Gruppen ist daher – zumindest was die Bestattungen angeht – in diesem Fall kaum anzunehmen. Die im Vergleich zu anderen zeitgleichen Friedhöfen sehr unspektakulären Gräber in Burgweinting-Ost dürften lediglich für die hier bestattende Bevölkerung von Bedeutung gewesen sein; dass sie von anderen Gruppen überhaupt beachtet wurden, wirkt hingegen eher unwahrscheinlich. Auch bei einer Öffnung der Gräber durch die Bestattungsgemeinschaft stellt sich allerdings die Frage nach den Gründen: Reichtümer waren hier nicht zu holen (und das war der hier bestattenden Bevölkerung sicher auch bekannt). Die Gräber müssen also aus anderen als rein materiellen Gründen geöffnet worden sein. Auch andernorts erscheint der Arbeitsaufwand in Relation zum vermutbaren materiellen Gewinn oft sehr hoch: In Harting-Ost zielten die Graböffnungen zwar anscheinend auf die ehemals reicher ausgestatteten Bestattungen des Gräberfelds, doch sind die Gräber insgesamt, verglichen mit anderen Friedhöfen des 7.  Jahrhunderts, nur recht spärlich ausgestattet  – was andernorts als Gräber ärmerer Bevölkerungs-

34 Vorgelegt in der (bislang nur als Mikrofiche zugänglichen) Dissertation von Eleonore Wintergerst, Neue reihengräberzeitliche Funde aus der Umgebung von Regensburg, phil. Diss., Bamberg 1995. – Zu Graböffnung in Burgweinting-Ost Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 204–215. 35 In den 23 Gräbern wurden insgesamt (!) gefunden: zwei Kämme, ein Messer, ein vermutliches Klappmesser, zwei eiserne Schnallen, eine eiserne Nadel, ein aufgebogener bronzener Polyederohrring (bzw. Polyedernadel) sowie vereinzelte Eisenfragmente. Die Fundarmut kann nicht auf die Graböffnung zurückgeführt werden; auch ungestörte Gräber sind auffallend spärlich (wenn überhaupt) ausgestattet, und auch in geöffneten Gräbern wären gegebenenfalls Reste reicherer Ausstattung (z.  B. einzelne Perlen, Fragmente der Ausstattung) zu erwarten.

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gruppen gelten würde, ist hier die Regel.36 Im benachbarten Harting-Katzenbühl37 zielten die Graböffnungen ebenfalls auf diejenigen Gräber mit überdurchschnittlicher Ausstattung, während beigabenlose Gräber nicht geöffnet wurden; und in diesem Fall sind die geöffneten Gräber nicht nur innerhalb des Friedhofs, sondern auch im Vergleich zu gleichzeitigen Gräbern andernorts überdurchschnittlich reich ausgestattet. Kreisgräben verweisen bei einigen zudem darauf, dass sie ehemals überhügelt waren, und einige dieser Grabhügel müssen  – nach den Maßen der Kreisgräben zu schätzen  – beeindruckend groß gewesen sein: Der zweitgrößte Kreisgraben 2 mit einem Innendurchmesser von etwa 12 Metern war bei der Grabung (nach Abschub des Oberbodens) im Schnitt noch gut 3,5 m breit und etwa 2 m tief erhalten. Um das Grab in seinem Zentrum zu öffnen – die Grabsohle lag, zusätzlich zum postulierbaren Hügel, etwa 1,6 m unter der Grabungsoberfläche – waren also größere Erdbewegungen und die Mitarbeit von mindestens zwei,38 vermutlich aber mehr Personen notwendig. Beigabenlose Gräber wurden in Harting-Katzenbühl und ebenso im – ebenfalls in der jüngeren und späten Merowingerzeit belegten – Gräberfeld Burgweinting-Villa39 nicht geöffnet; sie waren diesbezüglich anscheinend nicht von Interesse. Die Graböffnungen zielten auf Gräber mit Ausstattung, doch zeigen die oben genannten Beispiele Burgweinting-Ost und Harting-Ost, dass Umfang und Qualität dieser Ausstattung nicht immer ausschlaggebend waren. Gegen materielle Bereicherung als Haupt- oder gar einziges Motiv, die Gräber zu öffnen, spricht auch die Tatsache, dass in allen untersuchten Bestattungsplätzen zahlreiche Gegenstände oder Fragmente davon in geöffneten Gräbern zurückblieben; und zwar auch in Bereichen der Gräber, die beim Öffnen einsehbar und zugänglich gewesen sein müssen. Die Menge an Funden, die auch in leicht erreichbaren Teilen der Gräber verblieben, lässt eine Ansprache als bloß versehentlich zurückgelassene, übersehene Dinge nicht zu. Dies mag für einzelne Gegenstände zutreffen, als Erklärung für die Funde in geöffneten Gräbern insgesamt reicht Achtlosigkeit jedoch nicht aus. Die unsystematische Beigabenent-

36 Zu Harting-Ost: Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 216–233; Vorlage der Gräber ebd., Bd. 2 (Kommentierter Katalog), 131–183 und Taf. 51–76; 79. 37 Vorgelegt bei Wintergerst, Neue reihengräberzeitliche Funde (wie Anm. 34). – Zu Graböffnung in Harting-Katzenbühl Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 234–260. 38 Ab einer gewissen Tiefe ist zusätzlich zu demjenigen, der gräbt, mindestens eine zweite Person notwendig, die an der Oberfläche den Abraum entgegen nimmt (dieser Hinweis bei Nelo Lohwasser, Das frühmittelalterliche Reihengräberfeld von Pfakofen [Materialhefte zur Bayerischen Archäologie 98] Kallmünz/Opf. 2013, S. 41; bzw. klarer formuliert in der Abgabeversion der genannten Dissertation, S. 47). 39 Zu Burgweinting-Villa: Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 179–203; Vorlage der Gräber ebd., Bd.  2 (Kommentierter Katalog), S.  83–130 und Taf. 27–50; 79.  – Zur Datierung der Gräber in Burgweinting-Villa auch Stephanie Zintl, Die Datierung der Gräber von Burgweinting-Villa (Stadt Regensburg). Implikationen für archäologische Modelle von Chronologie und Grabausstattung in der jüngeren und späten Merowingerzeit, in: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 54 (2013), S. 389–395.



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nahme steht zudem in deutlichem Kontrast zur in nahezu allen Fällen gut gezielt und effizient wirkenden Vorgehensweise beim Öffnen der Gräber. Hinweise, dass (bestimmte) Dinge absichtlich zurückgelassen wurden, ließen sich nicht feststellen: es konnten offenbar alle Arten von Gegenständen entnommen werden und sie wurden auch entnommen, nur eben nicht konsequent. Gewisse Unterschiede bezüglich der Häufigkeit, mit der verschiedene Teile der Ausstattung in geöffneten Gräbern zurückblieben, können gut mit ihrer Lage im Grab erklärt werden. Beispielsweise blieben Dinge, die im Fußbereich deponiert wurden, überdurchschnittlich häufig zurück, da dieser beim Öffnen vergleichsweise selten erfasst wurde. Vergleichbares ließ sich auch für Gegenstände feststellen, die in der Regel an den Rändern der Grabgrube und gegebenenfalls außerhalb des Sarges deponiert wurden. Dies erklärt auch, warum beispielsweise Lanzenspitzen recht häufig in geöffneten Gräbern zurückblieben; eine „Tabuisierung“ ist hier ebenso wenig wie für andere Gegenstandsgruppen festzustellen.40 Vielmehr gehören Lanzenspitzen – ebenso wie alle anderen Arten von Bewaffnung, mit Ausnahme von Pfeilspitzen – zu den Gegenständen, die anscheinend immer, wenn sie bei der Graböffnung zugänglich waren, auch entnommen wurden: Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen blieben Teile der Bewaffnung in geöffneten Gräbern lediglich in den Bereichen zurück, die bei der Graböffnung nicht zugänglich waren. Gleiches ließ sich für Fibeln und eventuell auch Arm- und Ohrringe feststellen. Alle anderen Teile der Grabausstattung wurden hingegen auch aus bei der Graböffnung zugänglichen Bereichen der Gräber in der Regel nur unvollständig entnommen.41

40 Dies wurde in der Literatur häufig und kontrovers diskutiert, seit Helmuth Roth (Roth, Grabfrevel [Anm. 2], bes. S. 67–74) eine derartige Tabuisierung für Lanzen und auch einige andere Gegenstandsgruppen vorschlug; so z.  B. von Johannes Schneider, Deersheim. Ein völkerwanderungszeitliches Gräberfeld im Nordharzvorland, in: Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte 66 (1983), S.  75–358, hier bes. S.  126; Grünewald, Unterthürheim (wie Anm.  12), S.  36–38 (ohne direkte Nennung von Roths Arbeiten); Annette Schabel, Das bajuwarische Gräberfeld von Weiding, Gde. Polling, Lkr. Mühldorf, Mühldorf a. Inn 1992, S.  15  f.; Matthias Knaut, Die alamannischen Gräberfelder von Neresheim und Kösingen, Ostalbkreis (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 48), Stuttgart 1993, S. 30–37, bes. S. 33; 36  f.; Robert Reiß, Der merowingerzeitliche Reihengräberfriedhof von Westheim (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) (Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 10), Nürnberg 1994, S.  40–42; Brigitte Haas-Gebhard, Ein frühmittelalterliches Gräberfeld bei Dittenheim (D) (Europe médiévale 1), Montagnac 1998, S.  96; Anke Burzler, Archäologische Beiträge zum Nobilifizierungsprozess in der jüngeren Merowingerzeit (Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte 77), Kallmünz/Opf. 2000, S.  28  f.; Michael Schäfer, Ein Gräberfeld der Merowingerzeit bei Bad Mingolsheim (Gemeinde Bad Schönborn, Landkreis Karlsruhe), in: Fundberichte Baden-Württemberg 28/1 (2005), S. 319–546, hier: S. 332  f.; Anne Sibylle Hannibal-Deraniyagala, Das bajuwarische Gräberfeld von Künzing-Bruck, Lkr. Deggendorf, Bonn 2007, S.  9  f.; Benjamin Höke, Der spätmerowingerzeitliche Bestattungsplatz von Neuburg a.d. Donau, St. Wolfgang (Materialhefte zur Bayerischen Archäologie 97), Kallmünz/Opf. 2013, S. 40  f. 41 Hierzu ausführlich: Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 342–352.

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Es wurden also nur diejenigen Dinge konsequent entnommen, wann immer sie bei der Graböffnung greifbar waren, denen gleichermaßen der größte materielle Wert und die größte immaterielle Bedeutung zugeschrieben werden kann: Waffen und Fibeln. Jedoch spricht die inkonsequente Entnahme aller anderen Gegenstandsgruppen, wie z.  B. Gürtelbeschläge in Männer- und Teile von Perlenketten in Frauengräbern, gegen materielle Bereicherung als Hauptmotiv für die Graböffnungen: Wäre es in erster Linie um den Materialwert gegangen, wäre zumindest der Versuch zu erwarten, alle bei der Graböffnung bequem erreichbaren Gegenstände aus wieder verwendbaren Materialien mitzunehmen. Eine Optimierung des Gewinns in unserem heutigen Verständnis ist nicht zu beobachten; Gegenstandsraub im heutigen Sinne, wie wir ihn auch in den leges zu lesen meinen, scheidet als Erklärung für die Masse der Graböffnungen aus – was nicht heißen soll, dass nicht in Einzelfällen durchaus auch einmal ein Grab im heutigen Verständnis schlicht beraubt worden sein dürfte; für die Masse der Graböffnungen muss jedoch eine andere Erklärung gefunden werden. Im Untersuchungsgebiet wurden die gesamte Merowingerzeit hindurch Gräber geöffnet, vom frühen 6. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts. Die Graböffnungen erstrecken sich damit über gut zwei Jahrhunderte und sie fallen (nicht nur chronologisch) mit der für diese Zeit typischen Bestattungsweise – Körpergräber mit Ausstattung – zusammen. Die Auswahl geöffneter Gräber in den beiden jüngerund spätmerowingerzeitlichen Gräberfeldern Harting-Katzenbühl und BurgweintingVilla zeigt, dass Gräber ohne Ausstattung nicht geöffnet wurden. Während diese Verschonung der beigabenlosen Gräber im Fall von Harting-Katzenbühl auch an ihrer überwiegend randlichen Lage im Gräberfeld und ihrer – durch die Belegungsrichtung nahe gelegten – späten Datierung liegen könnte, scheidet diese Erklärung für Burgweinting-Villa aus. Hier belegen 14C-Analysen von Skelettknochen, dass die Toten in diesem Friedhof im mittleren 7.  Jahrhundert ohne die in dieser Zeit normalerweise übliche Ausstattung, etwa mit vielteiligen Gürtelgarnituren, beerdigt wurden. Erst in der jüngsten Belegungsphase, ab der Zeit um 700 n. Chr., wurden in BurgweintingVilla manche Tote mit reicherer Ausstattung  – wie z.  B. Langsaxen und Sporen  – bestattet.42 Dass Gräber ohne Ausstattung nicht geöffnet wurden, muss also andere als bloß chronologische Gründe haben; und eine Erklärung mit materieller Bereichung allein dürfte, wie oben dargelegt, ebenfalls ausscheiden. Die Graböffnungen fallen also mit der charakteristischen Bestattungsweise der Merowingerzeit zusammen. Sie sind auffallend häufig und sie erfolgten während der Belegungszeit der Friedhöfe. Eine Reaktion auf diese zeitgenössischen Graböffnungen ist nicht zu erkennen: es finden sich weder Hinweise auf Versuche, sie zu unterbinden, noch hatte diese weit verbreitete Praxis (archäologisch feststellbare) Aus-

42 Zur Datierung der Gräber in Burgweinting-Villa Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), bes. S. 189–197; Abb. 140–151; sowie Zintl, Burgweinting-Villa (wie Anm. 39).



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wirkungen auf die Bestattungsweise oder die Wahl des Bestattungsplatzes. Obwohl damaligen Menschen bei einer Beerdigung klar gewesen sein muss, dass das Grab mit recht hoher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit wieder geöffnet werden würde, war dies offenbar kein Grund, etwas zu ändern. Die Graböffnungen scheinen mindestens akzeptiert oder aber bereits als Option eingeplant worden zu sein. Im Untersuchungsgebiet erscheinen zudem gerade die über längere Zeit belegten Friedhöfe besonders stark von Graböffnung betroffen.43 Am auffälligsten ist dies beim Gräberfeld Burgweinting-Schule, wo mit einer einzigen Ausnahme alle untersuchten Gräber geöffnet wurden (ergraben sind 57 Gräber eines größeren Friedhofs).44 In den beiden nur knapp 200 m entfernt liegenden Grabgruppen in Burgweinting-Kirchfeld wurde hingegen von insgesamt 30 Bestattungen nur eine einzige geöffnet (Bef. 3697 in der Ostgruppe), während alle anderen Gräber ungestört blieben.45 Offenkundige Gründe für diese so unterschiedliche Behandlung der unmittelbar benachbarten Friedhöfe ließen sich nicht finden: Die Grabgruppen im Kirchfeld und das Gräberfeld Burgweinting-Schule wurden gleichzeitig belegt, ab der Zeit um 500 bzw. dem frühen 6.  Jahrhundert; allerdings wurde in Burgweinting-Schule bis in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts hinein bestattet, während die Belegung in BurgweintingKirchfeld bereits in der Zeit um 600 endete. Unterschiede in Grabbau und Ausstattung ließen sich nicht feststellen: Die Gräber in Burgweinting-Schule wirken wegen ihrer Öffnung und teils starken Störung samt Beigabenentnahme zwar heute deutlich ärmer als die auffallend reich ausgestatteten Gräber in Burgweinting-Kirchfeld. Einzelne in den geöffneten Gräbern von Burgweinting-Schule verbliebene Gegenstände, wie beispielsweise das Stengelglas in Grab 7, zeigen jedoch, dass mindestens ein Teil der dortigen Bestattungen ehemals ebenso reich ausgestattet gewesen sein muss wie diejenigen in Burgweinting-Kirchfeld. Manche der Graböffnungen in Burgweinting-Schule erfolgten bereits im 6.  Jahrhundert  – und damit zur gleichen Zeit als auch die Gräber in Burgweinting-Kirchfeld angelegt wurden, die jedoch ungestört blieben. Somit geben weder die Datierung der Gräber, noch die der Graböffnungen, noch Grabbau oder Ausstattung der Gräber einen Hinweis, warum im einen Fall (nahezu) alle Gräber geöffnet wurden, im anderen (nahezu) alle ungestört blieben. Die einzigen archäologisch erkennbaren Unterschiede stellen die verschieden lange

43 Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 305  f. 44 Zu Burgweinting-Schule: Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 141–178; Vorlage der Gräber ebd., Bd. 2 (Kommentierter Katalog), S. 6–82 und Taf. 1–26; 77  f. 45 Eine umfassende Auswertung und Publikation der Gräber steht noch aus, bislang gibt es lediglich Vorberichte: Silvia Codreanu-Windauer, Zwei neue frühmittelalterliche Grabgruppen in Burgweinting, Stadt Regensburg, Oberpfalz, in: Das archäologische Jahr in Bayern 2003, S. 93–96; dies., Auf den Spuren der Bajuwaren in Burgweinting, in: Von der Steinzeit bis zum Mittelalter. 10 Jahre Flächengrabung in Regensburg-Burgweinting, hg. von Andreas Boos, Regensburg 2004, S. 70–79, hier bes. S. 71–79 mit Abb. 2–10. – Zur Graböffnung in Burgweinting-Kirchfeld: Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 134–140.

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Belegungsdauer und die Größe der Bestattungsplätze dar: Mindestens 100 Gräber im leider unvollständig ergrabenen Friedhof Burgweinting-Schule, lediglich 19 bzw. 11 Gräber in der West- bzw. Ostgruppe von Burgweinting-Kirchfeld (vgl. Tab. 1). Eine Erklärung für die unterschiedliche Intensität von Graböffnung schien sich daher geradezu aufzudrängen: Graböffnung betraf nur das Gräberfeld, während die kleineren, separiert erscheinenden Grabgruppen hiervon verschont blieben. Diese Erklärung musste jedoch verworfen werden: Betrachtet man nur die Gräber des 6. Jahrhunderts, so handelte es sich auch bei Burgweinting-Schule mit hoher Wahrscheinlichkeit nur um eine kleine, locker belegte Grabgruppe; zu einem größeren Gräberfeld dürfte der Friedhof erst durch seine Weiterbelegung im 7. Jahrhundert geworden sein. Der nicht ausgegrabene östliche Teil des Bestattungsplatzes ist zwar nicht mit letzter Sicherheit zu beurteilen, doch sprechen sowohl die Belegungsrichtung im ergrabenen Teil wie auch die Belegungsstruktur46 dafür, dass hier erst in der jüngeren Merowingerzeit Gräber angelegt wurden. Burgweinting-Schule und die benachbarten Grabgruppen in Burgweinting-Kirchfeld dürften sich also im 6. Jahrhundert auch hinsichtlich der Größe nicht gravierend unterschieden haben – und es ist nicht anzunehmen, dass in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, als in Burgweinting-Schule die ersten Gräber geöffnet wurden, bereits abzusehen war, dass hier noch bis in die zweite Hälfte des 7.  Jahrhunderts bestattet werden würde, während die Belegung in BurgweintingKirchfeld schon früher, in der Zeit um 600 enden würde. Somit verbleiben lediglich zwei Unterschiede: die so unterschiedliche Häufigkeit von Graböffnung und die Tatsache, dass in Burgweinting-Schule über einen deutlich längeren Zeitraum Tote beerdigt wurden. Dies überrascht insofern, als es der weit verbreiteten, wenn auch oft nicht explizit genannten Prämisse widerspricht, es hätte sich beim Öffnen der Gräber um die Überschreitung einer Norm gehandelt, die nur in Ausnahmesituationen und/oder unsicheren Zeiten, bei wenig ausgeprägter sozialer Kontrolle, möglich war.47 So bringen diejenigen Erklärungen von Graböffnung, die über die (zu) simple Interpretation als bloßen Raub aus materiellen Gründen hinausdenken, diese häufig (und durchaus schlüssig) mit instabilen bzw. im Umbruch befindlichen Verhältnissen und lokalen Auseinandersetzungen in Verbindung.48

46 Dichte Belegung mit Grabüberschneidungen nur im Nordosten des ergrabenen Teils des Friedhofs, wo die spätesten Gräber gefunden wurden, sowie – nur auf Planum 1 dokumentiert – im östlich anschließenden, nicht ausgegrabenen Bereich. 47 Vgl. z.  B. den Tenor des langjährigen Standardwerks zum Thema, das die Bezeichnung „Grabfrevel“ bereits im Titel trägt (Zum Grabfrevel [Anm. 2]), sowie den dortigen Beitrag von Helmuth Roth (Roth, Grabfrevel [Anm.  2]), der in der deutschsprachigen Frühmittelalterforschung  – durchaus zu Recht – bis heute einen nahezu unumgänglichen Referenzpunkt zum Thema bildet. 48 Z. B. Hermann Friedrich Müller, Das alamannische Gräberfeld von Hemmingen (Kreis Ludwigsburg) (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 7), Stuttgart 1976, S. 125; Codreanu-Windauer, Pliening (wie Anm. 11), S. 33  f.; Heiko Steuer, Krieger und Bauern – Bauernkrieger, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S.  275–287, hier: S.  284–286; ders., Adelsgräber,



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Tab. 1: Burgweinting-Kirchfeld und Burgweinting-Schule im Vergleich. Durch Fettdruck hervorgehoben sind die archäologisch erkennbaren Unterschiede zwischen den Bestattungsplätzen. Burgweinting-Kirchfeld (West- und Ostgruppe)

Burgweinting-Schule

19 und 11 Gräber 3 % der Bestattungen geöffnet (einzige Graböffnung wohl „um 600“)

über 80 Gräber (nicht vollständig ausgegraben) 98 % der Bestattungen geöffnet (Graböffnungen erste Hälfte des 6. bis zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts) Belegung „um 500“/frühes 6. Jahrhundert (West- Belegung „um 500“/frühes 6. Jahrhundert bis gruppe) und zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts bis „um 600“ (Ostgruppe) überdurchschnittlich reich ausgestattete Gräber (mindestens einige) ehemals überdurchschnittlich reich ausgestattete Gräber zwei kleine Grabgruppen des 6. Jahrhunderts im 6. Jahrhundert wahrscheinlich ebenfalls noch eine kleine Grabgruppe

Wäre dies auch in Burgweinting der Fall, so wäre jedoch davon auszugehen, dass in den beiden kleinen (bzw. klein gebliebenen), nur relativ kurze Zeit belegten Grabgruppen eher Gräber geöffnet werden konnten als in Burgweinting-Schule, wo fast zwei Jahrhunderte lang bestattet wurde. Das Öffnen der Gräber hatte hier offenbar keine Auswirkung auf die weitere Belegung des Friedhofs  – oder zumindest keine negative: es wurde anscheinend nicht als störend für den weiteren Friedhofsbetrieb empfunden. Möglicherweise trugen die Graböffnungen in Burgweinting-Schule sogar etwas zur Stabilisierung der (Bestattungs-) Verhältnisse bei und waren ein Grund für die so lange kontinuierliche Belegung des Friedhofs. Während bei den ungestörten Grabgruppen in Burgweinting-Kirchfeld archäologisch nicht zu erkennen ist, ob diese weiterhin aufgesucht wurden oder aber nach Abbruch der Belegung rasch in Vergessenheit gerieten, ist diese Frage für Burgweinting-Schule klar zu beantworten: der Friedhof wurde über fast zweihundert Jahre hinweg immer wieder aufgesucht, hier wurden Tote beerdigt und Gräber geöffnet. Und was auch immer mit dem Öffnen der Gräber konkret bezweckt wurde: es funktionierte anscheinend, denn die bewährte Praxis wurde beibehalten. Die lange Kontinuität von Belegung und Graböffnungen in Burgweinting-Schule macht auch hier wahrscheinlich, dass die Bestattungsgemeinschaft ihre Gräber selbst öffnete – was auch einen eleganten Ausweg bieten würde, wie diese weitverbreitete

Hofgrablegen und Grabraub um 700 im östlichen Merowingerreich. Wiederspiegelung eines gesellschaftlichen Umbruchs, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans-Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 13), Ostfildern 2004, S. 193–217, bes. S. 204  f.; Klevnäs, Whodunnit? (wie Anm. 17), S. 208–212.

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Praxis mit den Aussagen der leges in Einklang gebracht werden könnte: Da die dort verhängten Straf- oder besser gesagt Entschädigungszahlungen für Gesetzesübertretungen in der Regel an die Familie des Geschädigten zu zahlen sind, würde ein Öffnen der eigenen Gräber nicht in den ahndungswürdigen Bereich fallen, denn: wo kein Kläger, da kein Richter.49 Gut möglich erscheint jedoch, dass die Aussagen der leges oder – allgemeiner – das auch in der Merowingerzeit sicher geläufige Konzept „Grabraub“ (im engeren Sinne) von damaligen Menschen gar nicht mit den Graböffnungen in Verbindung gebracht wurde, deren Spuren wir in den Gräberfeldern finden. Möglicherweise handelte es sich bei den (meisten) Graböffnungen um derart selbstverständliche Taten, dass sie nicht als strafwürdige Normüberschreitung wahrgenommen wurden; vielleicht war es also nicht einmal nötig, die Ausrede „wir dürfen das, denn es sind unsere eigenen Gräber“ überhaupt zu formulieren. Die Graböffnungen stehen jedenfalls nicht im Widerspruch zur typischen Bestattungsweise der Merowingerzeit, sondern fallen vielmehr genau damit zusammen; Graböffnung bildet „die andere Seite“ der so aufwändigen Bestattungsweise dieser Zeit. Inwiefern man dies nun als positive Bezugnahme auf die betroffenen Gräber interpretieren will, etwa als Zeichen der fortwährenden Erinnerung an die in ihnen beerdigten Personen, oder doch eher als Versuch, hier nach der Bestattung nötigenfalls verändernd einzugreifen und etwas im wahrsten Sinne des Wortes zurechtzurücken, hängt stark davon ab, welche Sichtweise man bevorzugt. In den Befunden lassen sich jedenfalls gute Argumente für beide Perspektiven finden, die einander auch keineswegs ausschließen; und auch die frühmittelalterlichen Schriftquellen veranschaulichen bei genauerer Betrachtung in erster Linie, wie ambivalent der Bezug damaliger Menschen zu (ihren) Gräbern und den Toten darin sein konnte50: Die Beispiele reichen vom pragmatischen, materiell orientierten Bergen von Dingen aus Gräbern51, über das Öffnen bedeutsamer Gräber zur Mehrung des eigenen Anse-

49 Dieser Vorschlag bereits z.  B. bei Margarete Dohrn-Ihmig, Das fränkische Gräberfeld von NiederErlenbach, Stadt Frankfurt am Main (Beiträge zum Denkmalschutz in Frankfurt am Main 11), Frankfurt am Main 1999, S. 45 Anm. 36; Ursula Koch, Die Frankenzeit: der archäologische Befund, in: Mannheim vor der Stadtgründung, Teil I, Band 2, hg. von Hansjörg Probst, Mannheim 2007, S. 10–421, hier: S. 399; van Haperen, Rest in pieces (wie Anm. 11), S. 18; ähnlich argumentiert auch Effros, From grave goods (wie Anm. 4), bes. S. 173–177; 182  f. 50 Vgl. zum zwiespältigen Verhältnis der Kirche zu Graböffnung z.  B. Uta Kleine, Res sacra oder sacrilegium? Graböffnungen, Gebeintransfer und Körperzerteilung in normativen und hagiographischen Zeugnissen des früheren Mittelalters, in: Inszenierungen des Todes. Hinrichtung, Martyrium, Schändung, hg. von Linda-Marie Günther und Michael Oberweis, Bochum 2006, S. 83–116. 51 Z. B. Theoderichs Anweisung an den Saio Duda, Gold aus Gräbern zugunsten der Staatskasse zu bergen (hier aber explizit ohne die Knochen zu berühren!), oder die Bergung von Gold aus „Höhlungen […] bei Knochen der Alten“ in Regensburg, die Notker in seinen Gesta Karoli Magni nennt. In beiden Beispielen bezieht sich die Aussage anscheinend auf alte, nicht zeitgenössische Gräber; Notker vermeidet sogar (absichtlich?) die Benennung der Fundstelle als Grab. – Zu Duda: Nehlsen,



Grabraub? Graböffnungen und ihre Erklärung  

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hens52 und die Verehrung bestimmter, außergewöhnlicher Toter53, bis hin zur deutlichen Verurteilung illegitimer Graböffnungen54 – wobei letztere vor allem aus zwei Gründen so gewertet werden: Die Täter werden als unbefugt und ihre Absichten als verwerflich gesehen; auch hier ist also weniger die Tat an sich entscheidend, als vielmehr wer sie durchführte und warum. Während die hinter den Graböffnungen stehenden, konkreten Absichten schwer zu ermitteln sind (und offenbar bereits damals kontrovers beurteilt werden konnten), belegen die archäologischen Befunde doch eines sehr deutlich: Den Toten wurde in der Merowingerzeit nicht nur vor und bei der Bestattung große Aufmerksamkeit und bemerkenswerter Aufwand zuteil, wobei der Leichnam und seine materielle Ausstattung einen Schwerpunkt bildeten, sondern sie hatten auch danach für Zeitgenossen weiterhin eine Bedeutung, auf die in auffallend vielen Fällen durch die Graböffnungen im wahrsten Sinne des Wortes „zurückgegriffen“ wurde.

Grabfrevel (wie Anm.  3), S.  112  f.; Krüger, Grabraub (wie Anm.  4), S.  176; Aspöck, Graböffnungen (wie Anm. 4), S. 232; zu Notker: Zitat bei Arno Rettner, Historisch-archäologische Überlegungen zur Bedeutung Regensburgs im 6. und 7. Jahrhundert, in: Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria, hg. von Hubert Fehr und Irmtraud Heitmeier, St. Ottilien 2012, S. 640–653, hier: S. 646 Anm. 25; vgl. hierzu ausführlicher Zintl, Wiedergeöffnete Gräber (wie Anm. 5), S. 367  f. 52 Z. B. die Öffnung des Grabs von Langobardenkönig Alboin durch Giselpert von Verona (Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 2, Kap.  28; s. hierzu Krüger, Grabraub [Anm.  4], bes. S.  176  f.; Aspöck, Graböffnungen [Anm. 4], S. 233). 53 Vor allem im Zuge der im frühen Mittelalter aufkommenden Verehrung der Heiligen(-leiber!). Patrick Geary wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die sehr stark auf den Leib des Heiligen oder damit in Berührung gekommene Dinge fixierte Heiligenverehrung in einem strukturellen Zusammenhang mit der sehr auf den Leichnam und die Ausstattung fixierten Bestattungsweise in der Merowingerzeit stehen könnte (Patrick Geary, Living with the dead in the middle ages, Ithaca, London 1994, bes. S. 41–44; s. hierzu etwas ausführlicher Zintl, Wiedergeöffnete Gräber [Anm. 5], S. 366). 54 Z. B. die oben bereits genannten Episode bei Gregor von Tours und die dem hl. Severin zugeschriebene Prophezeiung grabplündernder Barbaren (vgl. oben mit Anm. 4 und 5).

Thomas Zotz

Siedlungsformen in der schriftlichen Überlieferung des frühen Mittelalters: domus, casa, curtis – Haus, Hof, Herrensitz Für den Bereich des Siedlungswesens ist bis heute die Wendung ‚Haus und Hof‘ als Paarformel der deutschen Rechtssprache geläufig,1 und vor diesem Hintergrund hat auch die Frühmittelalterforschung mit interdisziplinären Impulsen bereits mehrfach dieser Konstellation Aufmerksamkeit geschenkt, so die Historikerin Hildegard Dölling in ihrer Münsteraner Dissertation von 1956 über „Haus und Hof in westgermanischen Volksrechten“, die zu diesem Thema vom Archäologen Wilhelm Winkelmann angeregt worden war,2 und, etwa vier Jahrzehnte später, die von Herbert Jankuhn ins Leben gerufene Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas, als sie zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts zwei noch von Jankuhn angeregte Kolloquien über „Haus und Hof in ur- und frühgeschichtlicher Zeit“ zu dessen Gedenken veranstaltete.3 In der daraus entstandenen, von Heinrich Beck und Heiko Steuer herausgegebenen Publikation von 1997 sind aus historischer bzw. germanistischer und rechtshistorischer Sicht die Beiträge von Dietrich Claude „Haus und Hof im Merowingerreich nach den erzählenden und urkundlichen Quellen“4 und vor allem von Ruth Schmidt-Wiegand „Haus und Hof in den Leges barbarorum“5 von Interesse. Hier wie auch im eingangs genannten Beitrag von Dölling von 1958 geht es nicht zuletzt um die Lex Alamannorum des 8. Jahrhunderts, den zentralen Referenzpunkt im interdisziplinären Gespräch der Freiburger Tagung über alemannisches Recht und alltägliches Leben im frühen Mittelalter. Auch der jüngere Beitrag von Clausdieter Schott über das Siedlungsbild der germanischen Leges ist für den hier interessierenden Zusammenhang maßgeblich.6

1 Vgl. z.  B. Ruth Schmidt-Wiegand, Haus und Hof in den Leges barbarorum, in: Haus und Hof in urund frühgeschichtlicher Zeit, hg. von Heinrich Beck und Heiko Steuer (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Phil.-Hist. Klasse, Folge 3, 218), Göttingen 1997, S. 335–351, hier 335. 2 Hildegard Dölling, Haus und Hof in westgermanischen Volksrechten, Münster 1958. Vgl. Vorwort. 3 Vgl. Nachweis in Anm. 1. 4 Dietrich Claude, Haus und Hof im Merowingerreich nach den erzählenden und urkundlichen Quellen, in: Haus und Hof (wie Anm. 1), S. 321–334. 5 Wie Anm. 1. 6 Clausdieter Schott, Das Siedlungsbild der germanischen Leges, in: Città e campagna nei secoli altomedievali (Settimane di studio della Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo 56), Spoleto 2009, S. 219–244, zu den Alemannen 240–244.

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Wenn im Folgenden Siedlungsformen wie domus, casa, curtis in der schriftlichen Überlieferung des frühen Mittelalters zur Sprache kommen, so geht es darum, die einschlägigen schriftlichen Belege vornehmlich der Lex Alamannorum, aber auch anderer Zeugnisse des 8. und frühen 9. Jahrhunderts genauer zu betrachten und nach ihrer Aussagekraft für das alltägliche Leben im Alemannien jener Zeit zu fragen; die archäologischen Befunde dieses Raumes zu Haus und Hof und zum Siedlungswesen in der Alamannia sind Gegenstand des Beitrags von Valerie Schoenenberg in diesem Band. Bevor auf das Quellenmaterial einzugehen ist, seien ein paar Bemerkungen methodischer und begriffsgeschichtlicher Art vorausgeschickt und die Vorgehensweise kurz erläutert. Mit domus, casa, curtis wurden drei lateinische Begriffe gewählt, die Haus und Hof umschreiben; es ließe sich noch villa hinzunehmen, allerdings ist dieser Begriff etwas schillernd, da er sowohl ein Gehöft als auch ein Ansammlung solcher Gehöfte, also ein Dorf, bezeichnen konnte, wie in der Forschung immer wieder betont wird.7 Methodisch wäre es eigentlich wichtig, worauf Ruth Schmidt-Wiegand in ihrer Kritik an Hildegard Dölling hinwies, auch die volkssprachigen Elemente zu berücksichtigen, aber mit Blick auf den germanistischen Beitrag Wolfgang Haubrichs’ in diesem Band gilt die Aufmerksamkeit hier den lateinischen Begriffen. Neben der Lex Alamannorum8 wird da und dort ergänzend auch die von dieser abhängige Lex Baiuvariorum9 heranzuziehen sein. Dabei ist für die hier verfolgte Fragestellung von nachrangiger Bedeutung, ob es sich, wie derzeit in der Forschung diskutiert wird, bei

7 Claude, Haus und Hof (wie Anm. 4), S. 322; Schmidt-Wiegand, Haus und Hof (wie Anm. 1), S. 349. 8 Lex Alamannorum, in: Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann (MGH Leges nationum Germanicarum Bd. 5, 1), Hannover 1888, 2. Aufl. hg. von Karl August Eckhardt, Hannover 1966, S. 35–157 [im Folgenden: Lehmann-Eckhardt]; Clausdieter Schott, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen. Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg in Verbindung mit dem Alemannischen Institut Freiburg i. Br. Reihe B, 3), Augsburg 1993, S. 69–165 [im Folgenden: Schott]. Hierzu neuerdings Wilfried Hartmann, Fragen zur Lex Alamannorum, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 13), Ostfildern 2004, S. 313–333; Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium. Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie Distler), Berlin 2006, S. 257–290. 9 Lex Baiwariorum, hg. von Ernst von Schwind (MGH Leges nationum Germanicarum Bd. 5, 2), Hannover 1926. Vgl. neuerdings Peter Landau, Die Lex Baiuvariorum. Entstehungszeit, Entstehungsort und Charakter von Bayerns ältester Rechts- und Geschichtsquelle (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 2004, 3), München 2004; Eva Schumann, Entstehung und Fortwirkung der Lex Baiuvariorum, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 8), S. 291–319; Harald Siems, Das Lebensbild der Lex Baiuvariorum, in: Rechtssetzung und Rechtswirklichkeit in der bayerischen Geschichte, hg. von Hans-Joachim Hecker, Reinhard Heydenreuter und Hans Schlosser (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte Beiheft 30, Reihe B), München 2006, S. 29–73.



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der Aufzeichnung des Rechts der Alemannen um eine in der Abtei Reichenau noch im 8. Jahrhundert angefertigte „Fälschung“ handelt.10 Hierauf kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, doch bleibt festzuhalten, dass die Aussagen des Textes in jedem Fall als Ausdruck zeitgenössischer Wahrnehmung und Willensbildung gelten können. Wie nahe diese den tatsächlichen Zuständen in der Alamannia des 8. Jahrhunderts sind, entzieht sich allerdings ohnehin unserer Erkenntnis, gleich ob die überlieferten rechtlichen Bestimmungen letztlich auf einen konsensual gefundenen Willen einer größeren politischen Öffentlichkeit zurückgehen oder von spezifischen Interessen einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe verformt wurden.11 Im Übrigen dürften Angaben zu Haus und Hof wohl kaum von einer wie auch immer gearteten Fälschungsabsicht tangiert worden sein. Neben den beiden süddeutschen Leges bietet das urkundliche Material aus dem Kloster St. Gallen des 8. und frühen 9. Jahrhunderts reichhaltigen Einblick in die Siedlungsformen des alemannischen Raumes,12 und schließlich können auch die sog. Brevium Exempla ad describendas res ecclesiasticas et fiscales von ca. 810 mit ihrer Beschreibung von Königshöfen einiges zu den hier interessierenden Fragen beitragen.13 Damit wird zwar gewissermaßen der Boden der Alamannia verlassen, aber um das Bild vom alltäglichen Leben des frühen Mittelalters im Spiegel der Siedlungsformen und der damit verbundenen Regelungen abzurunden, dürfte dieser Blick nach draußen wohl gerechtfertigt sein. Wenn im volkssprachigen Äquivalent der Titelbegriffe neben Haus und Hof auch noch Herrensitz genannt ist, so geschieht dies aus der Absicht heraus, die eingangs erwähnte Paarformel zu ergänzen, um die Aufmerksamkeit über die siedlungsgeschichtliche Formation hinaus auch auf sozial- und herrschaftsgeschichtliche Zusammenhänge zu lenken. Da hierfür das Zeitfenster etwas weiter geöffnet wird, ergeben sich vielleicht für das Belegmaterial in der Lex Alamannorum und in anderen mehr oder weniger gleichzeitigen Quellen neue Deutungsmöglichkeiten. Ein Blick auf die begriffsgeschichtliche Entwicklung von domus, casa und curtis führt bereits in diese Richtung: Zwei dieser Wörter, domus und casa, stammen aus der römischen Antike als Bezeichnungen für Haus, das dritte, curtis, ist hingegen eine Weiterentwicklung aus cohors „eingezäunter Hofraum, Viehgehege“, metonymisch die Schar, insbesondere militärisch die Kohorte, erstmals um 500 in den

10 Schott, Lex und Scriptorium (wie Anm. 8), S. 277  ff. 11 Vgl. grundsätzlich zur Problematik ‚Privatarbeit oder Auftragsarbeit‘ Schumann, Entstehung (wie Anm. 9), S. 307  ff. 12 Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen Bd. 1 (700–840), hg. von Hermann Wartmann, Zürich 1863; Chartularium Sangallense Bd. 1 (700–840), hg. von Peter Erhart unter Mitwirkung von Karl Heidecker und Bernhard Zeller, St. Gallen 2013. 13 Brevium exempla ad describendas res ecclesiasticas et fiscales, in: MGH Capitularia regum Francorum Bd. 1, hg. von Alfred Boretius, Hannover 1883, S. 250–256, Nr. 128.

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Leges barbarorum in der Bedeutung von Hofareal belegt.14 Was die aus dem klassischen Latein stammenden Wörter für Haus angeht, so war hier domus gewiss die hochwertigere Bezeichnung gegenüber casa, womit eher ein einfaches Gebäude, eine Hütte in Abgrenzung zur ländlichen villa, dem Herrenhaus, gemeint war.15 Für die Antike sei nur an die Kaiserpaläste (domus Augustana, domus aurea), aber auch an die Wendung domi – militiae (Friede und Krieg) erinnert, zur Bedeutung ‚zuhause‘ findet sich bei Alcuin vergleichsweise das Gegenüber sive domo sive in itenere;16 im frühen Mittelalter begegnet uns domus (regalis) für das Haupthaus eines Königshofs: König Childebert  II. betrat 590 nach dem Bericht Gregors von Tours das oratorium domus Mariligensis (Marlenheim im Elsass),17 und domus bezeichnete bis in die Stauferzeit Herrschaftsarchitektur, ob bei Pfalzen oder Burgen, wofür das Beispiel der als domus regalis bezeichneten Pfalz Kaiserslautern genügen mag.18 Der in der Antike schon belegte metonymische Gebrauch von domus im Sinne von Hausgenossenschaft dauerte in der Merowingerzeit (maior domus regiae), Karolingerzeit und auch später fort: Die Synode von Paris 829 formulierte gegenüber Ludwig dem Frommen: Ut sacra domus vestra cunctis spectabilis appareat;19 Hincmar von Reims schilderte in seinem Mahnschreiben von 882 ‚De ordine palatii‘ dispositionem domus regiae.20 Nur kurz sei noch die seit dem hohen Mittelalter gebräuchliche Konnotation von domus als ‚Geschlecht, Dynastie‘ erwähnt.21 Ohne dass man sich von solchen begriffsgeschichtlichen Höhenflügen blenden lassen sollte, wird durchaus darauf zu

14 Mittellateinisches Wörterbuch Bd. 2 C, München 1999, S. 1952  ff. s. v. 1. *cortis. Vgl. Leges Burgundionum, hg. von Ludwig Rudolf von Salis (MGH Leges nationum Germanicarum Bd. 2, 1), Hannover 1892, Index rerum et verborum, S. 176 s. v. curtis; Pactus legis Salicae, hg. von Karl August Eckhardt (MGH Leges nationum Germanicarum Bd. 4, 1), Hannover 1962, Wortregister, S. 298 s. v. curtis. 15 Vgl. Karl Ernst Georges, Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch Bd.  1, Hannover 11 1962, Sp. 1013 s. v. casa; Sp. 2285  f. s. v. domus. 16 Alcuini epistolae Nr. 193, in: MGH Epistolae Karolini aevi Bd. 2, hg. von Ernst Dümmler, Berlin 1895, S. 320. 17 Gregor von Tours, Historiae, hg. von Bruno Krusch und Wilhelm Levison (MGH Scriptores rerum Merovingicarum I, 1), Hannover 21952, S. X/18 509. 18 Ottonis et Rahewini Gesta Friderici  I. imperatoris, hg. von Georg Waitz (MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum [46]), Hannover, Leipzig 31912, III/15a, S. 184. Für weitere Belege vgl. Mittellateinisches Wörterbuch Bd. 3 D–E, München 2007, S. 972. 19 Concilium Parisiense (91), in: MGH Concilia aevi Karolini I, 2, hg. von Albert Werminghoff, Hannover, Leipzig 1908, S. 678. 20 Hinkmar von Reims, De ordine palatii, hg. und übers. von Thomas Gross und Rudolf Schieffer (MGH Fontes iuris Germanici antiqui 3), Hannover 1980, S. 34. 21 Vgl. z.  B. Historia Welforum, hg. und übers. von Erich König (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 1), Stuttgart 1938, ND Sigmaringen 1978, S. 2. Thematisch grundlegend Karl Schmid, Zur Problematik von Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie beim mittelalterlichen Adel. Vorfragen zum Thema „Adel und Herrschaft im Mittelalter“, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 105 (1957), S. 1–61. Wieder in: ders., Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge, Sigmaringen 1983, S. 183–244.



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achten sein, mit welcher Valenz das Wort domus in der Lex Alamannorum und verwandten Texten benutzt wird und wie sich dazu der Gebrauch von casa verhält. Das aus cohortis, cortis weitergebildete Wort curtis konnte über die ursprüngliche Bedeutung ‚gehegter Hofraum‘ hinaus ein Hofgut, aber auch ein herrschaftliches Zentrum, den Hof, meinen, so auf der Königsebene in Nachbarschaft zu palatium.22 Beide Bedeutungen finden sich bereits in der langobardischen Gesetzgebung aus der Mitte des 7.  Jahrhunderts, dem Edictus Rothari, wenn hier von der Entführung einer Geraubten an eine curtis regis oder von der curtis regia als Empfangsstelle einer Vermögensabgabe bzw. vom palatium regis, wohin eine Schuldsumme zu entrichten ist, die Rede ist.23 Die Quellensprache der Karolingerzeit bietet das gleiche Bild, wobei die Bedeutung von curtis regia, institutionell als Königshof im Sinne von palatium verstanden, erst ab dem 9. Jahrhundert gebräuchlich zu werden begann.24 Ein früher Beleg für die institutionelle Bedeutung findet sich in einem Kapitular Karls des Großen von 808: ut in nullo loco moneta percutiatur nisi ad curtem25 Auch dieses weite Bedeutungsspektrum gilt es zu berücksichtigen, wenn nun das Belegmaterial der Lex Alamannorum zu domus, casa und curtis zu sichten ist. Vorweg sei allgemein angemerkt, dass in diesem Text von Siedlungselementen wie Haus und Hof weitaus häufiger als in dem allerdings nur fragmentarisch überlieferten älteren Pactus legis Alamannorum aus dem frühen 7. Jahrhundert die Rede ist. So erwähnt der Pactus an einer Stelle eine Situation foris villam in campo, also außerhalb einer Siedlung auf dem Feld,26 an einer anderen wird der Eintritt in eine fremde curtis, hier im Sinne von Hofstatt, mit sechs solidi gebüßt, der in eine scura, Scheuer, mit 12.27 An derselben Stelle werden curtis und casa gegenübergestellt, an einer anderen geht es um Frauenraub de genicio, aus dem Frauenarbeitshaus,28 wie es bei Gregor von Tours für den Königshof Marlenheim im Elsass belegt ist.29 Die Belege für curtis und casa sind also dünn gesät; die Bezeichnung domus kommt im Pactus überhaupt nicht vor. Welches Bild bietet nun demgegenüber die Lex Alamannorum? Statistisch fällt zunächst auf, dass hier curtis neunmal und domus achtmal belegt ist, casa hingegen nur einmal in dem zusätzlichen Kapitel 99 in der Erfurter Handschrift B 17 aus

22 Vgl. Lexikonnachweis in Anm. 14. 23 Edictus Rothari cap. 158, 210, 251, in: Die Gesetze der Langobarden, hg. und übers. von Franz Beyerle, Weimar 1947, S. 52, 82, 102. Vgl. Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 6) S. 239  f. 24 Vgl. Thomas Zotz, Aspects de la terminologie palatiale au moyen âge. In: Palais royaux et princiers au moyen âge, hg. von Annie Renoux, Le Mans 1996, S. 7–15. 25 Capitula cum primis constituta cap. 7, in: MGH Capitularia (wie Anm. 13), S. 140. 26 Pactus Alamannorum (XI, 3), in: Lehmann-Eckhardt, S. 23; Schott, S. 58. 27 Pactus Alamannorum (XXI), in: Lehmann-Eckhardt, S. 27. 28 Pactus Alamannorum (XXXII), in: Lehmann-Eckhardt, S. 33; Schott, S. 64. 29 Gregor von Tours, Historiae (wie Anm. 17), S. IX/38, S. 459.

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dem 10. Jahrhundert.30 Der angesprochene graduelle Unterschied zwischen curtis als Hofstatt und Haus begegnet auch hier, wie aus einem Kapitel der „Kirchensachen“ deutlich wird: Wenn jemand bewaffnet in eine curtis episcopi rechtswidrig eindringt, wozu die Alemannen aisstera anti (bewaffnete Hand) sagen, beträgt die Buße 18 Schillinge; si infra domum intraverit, 36 Schillinge.31 Es gilt also die doppelte Buße für den Hausfriedensbruch im Vergleich zum Hoffriedensbruch, wie dies auch im Pactus zu beobachten ist; daneben fällt auf, dass von einer spezifischen curtis, eben einer bischöflichen, die Rede ist und dass für Haus das Wort domus benutzt wird. Außer diesem Rechtsverstoß in einer curtis episcopi regelt die Lex gleich im Anschluss auch die Buße beim Eindringen in eine curtis presbiteri.32 An mehreren Stellen der Lex Alamannorum ist von curtis ducis die Rede; es gilt, hierauf einen genaueren Blick zu werfen. So heißt es im Kapitel XXVIII (XXVII): De his qui in curte duci hominem occiderit aut ibi ambulantem aut inde revertentem. „Wer im Hof des Herzogs einen Mann tötet, sei es bei dessen Ankunft oder Weggang.“33 Dieser zahle für ihn ein dreifaches Wergeld dafür, dass er die Weisung (praeceptum) des Herzogs übertreten hat, wonach jeder Mann Frieden habe ad dominum suum veniendo aut de illum revertendo, „wenn er zu seinem Herrn kommt oder von diesem zurückkehrt“. Hier bietet sich das Bild eines Herrschaftszentrums des Herzogs, eines Herrensitzes, der von Leuten aufgesucht wird, die vom Herzog gerufen wurden oder aus eigener Initiative mit ihm etwas zu besprechen hatten. Nach der Weisung des Herzogs genießt eine solche Person Frieden. Die Fortsetzung des Kapitels unterstreicht dies noch einmal: Ut nullus praesumat hominem de duci venientem aut ad illum ambulantem in itinere inquietare, sivis culpabilis sit; et si praesumpserit, quidquid ei fecerit aut occiderit, aut ille vivens evaserit et placatus fuerit, semper tripliciter eum componat. „Niemand unterstehe sich, einen Mann, der vom Herzog kommt oder zu diesem geht, auf dem Weg zu belästigen, mag er auch schuldig sein; und wenn er sich untersteht, was immer er ihm antut, eventuell sogar tötet oder jener kommt lebend davon, ist aber verwundet, in jedem Fall büße er jenem, dem er das antut, alles dreifach.“34

30 Vgl. Index rerum et verborum, in: Lehmann-Eckhardt, S. 161  f. 31 Lex Alamannorum VIII (IX), in: Lehmann-Eckhardt, S. 76; Schott, S. 90. Notabene (auch im Folgenden): Die geklammerte Zahl bezieht sich auf die Edition von Schott. Die Textwiedergabe aus der Lex folgt zumeist der sprachlich bereinigten Version von Lehmann-Eckhardt. 32 Lex Alamannorum VIIII (X), in: Lehmann-Eckhardt, S. 76; Schott, S. 90. 33 Lex Alamannorum XXVIII (XXVII). In. Lehmann-Eckhardt, S. 87; Schott, S 102. Die Übersetzung weicht hier von Schott, S. 103 ab, der ambulantem und revertentem als Substantive auffasst und so mehrere Personen daraus macht. 34 Vgl. Franz Beyerle, Das Kulturporträt der beiden alamannischen Rechtstexte: Pactus und Lex Alamannorum, in: Hegau 1 (1956), S. 93–108, hier 96. Wieder in: Zur Geschichte der Alemannen, hg. von Wolfgang Müller (Wege der Forschung 100), Darmstadt 1975, S. 126–150, hier 131.



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In dieser Textpassage steht curtis nicht im Konnex mit domus oder casa, meint also nicht den umfriedeten Hofraum als Umgebung des Hauses, sondern es wird der oder ein Herzogshof als Ort der Herrschaft, als place of power,35 angesprochen; Gegenstand der Regelung sind die Rahmenbedingungen der direkten Kommunikation mit dem Herzog, sowohl am herrschaftlichen Ort selbst als auch auf dem Hin- und Rückweg. Wenn man einen Blick auf die schriftliche Überlieferung zur Geschichte Alemanniens in der späten Merowingerzeit wirft, so wäre hier an einen Ort wie Cannstatt nahe der alemannisch-fränkischen Grenze zu denken, wo Godafridus dux, vir inluster, um 700 seine Schenkung des vicus Biberburg an die Kirche des hl. Gallus, das spätere Kloster St. Gallen, urkundlich bekräftigte: Actum Canstat ad Neccarum.36 Sollte sich, wie zu vermuten ist, der Sitz Herzog Gotfrieds zu Cannstatt im Bereich des früheren römischen Kastells befunden haben,37 so hätte die dortige curtis ducis durchaus einen befestigten Charakter gehabt. Damit soll nun nicht der älteren, vor allem von Carl Schuchhardt vertretenen Lehre von der befestigten curtis das Wort geredet werden; hierzu hat die Forschung bereits die nötige Kritik geäußert.38 Aber im Einzelfall mag es eine solche Struktur sicher gegeben haben, und aus dem 10. Jahrhundert sind durch den archäologischen Befund erwiesene Befestigungsanlagen, die in der schriftlichen Überlieferung mit dem Begriff curtis bezeichnet werden, bekannt, etwa die Pfalz Tilleda.39 Es ist festzuhalten: Mit curtis wurde allgemein das umfriedete Areal auf den Begriff gebracht; welcher Art die Umfriedung war, bleibt dabei offen, anders als beim eindeutig eine Befestigung anzeigenden Wort und Begriff castrum.40 Von der curtis ducis ist noch an anderen Stellen der Lex Alamannorum die Rede. Im Kap. XXXIII heißt es: Si quis in curte duci pugna comiserit et ibi clamor orta fuerit et concursio populi facta fuerit per eius commissum, quidquid ibi factum fuerit per concursum eius, qualiscumque homo neglexerit et aliquid contra legem fecerit, tripliciter componat. Ille autem, per cuius voce vel opera haec contentio orta fuerit, 60 solidos

35 Deutsche Königspfalzen Bd. 8: Places of power = Orte der Herrschaft, hg. von Caspar Ehlers (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 11, 8), Göttingen 2007. 36 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd.  1 (wie Anm.  12) 1 Nr.  1; Chartularium Sangallense Bd.  1 (wie Anm.  12) 1 Nr.  1; Alfons Zettler, Karolingerzeit, in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte Bd. 1, 1, hg. von Meinrad Schaab (†) und Hansmartin Schwarzmaier, Stuttgart 2001, S. 297– 380, hier 306  ff.; Thomas Zotz, Der Südwesten im 8. Jahrhundert. Zur Raumordnung und Geschichte einer Randzone des Frankenreiches, in: Der Südwesten im 8.  Jahrhundert (wie Anm.  8), S.  13–30, hier 19. 37 Vgl. Philipp Filtzinger, Die Römer in Baden-Württemberg, in: Die Römer in Baden-Württemberg, hg. von Dieter Planck, Stuttgart 2005, S. 327–331. 38 Zusammenfassend Adolf Gauert, s. v. Curtis, in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde 5, Berlin, New York 1984, S. 105–112. 39 Michael Gockel, Tilleda, in: Die deutschen Königspfalzen. Repertorium der Pfalzen, Königshöfe und übrigen Aufenthaltsorte der Könige im deutschen Reich des Mittelalters Bd. 2: Thüringen, bearb. von Michael Gockel, Göttingen 2000, S. 549–631. 40 Mittellateinisches Wörterbuch Bd. 2 C (wie Anm. 14) 347  ff. s. v. castrum I.

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in publico componat.41 „Wenn jemand im Hof des Herzogs einen Kampf beginnt und sich dort Geschrei erhebt und infolge seiner Tat ein Volksauflauf entsteht, der büße dreifach, was durch den Auflauf angerichtet wird. Jener aber, durch dessen Wort oder Tat dieser Streit entstand, büße 60 Schillinge an die öffentliche Hand.“ Die Regelung geht offensichtlich davon aus, dass am Herzogshof eine größere Zahl an Menschen anwesend ist. Der Ausbruch eines möglicherweise unabsehbare Folgen verursachenden Streits durch Wortwechsel oder Tätlichkeiten soll verhindert werden, wobei interessanterweise alle am Streit Beteiligten eine Buße zu entrichten haben. Diese erscheint allerdings sehr gemäßigt im Vergleich zu der Bestimmung im Edictus Rothari, dass jemand, der im palatium regis in Anwesenheit des Königs Händel auszutragen sich erdreistet, Gefahr läuft, sein Leben zu verwirken.42 Schließlich werden im Kapitel  XXX curtis regis und curtis ducis einander zugeordnet: Wenn jemand im Hof des Königs einen Diebstahl begeht, büße er dem, den er bestohlen hat, doppelt und zahle 40 Schillinge öffentliches Friedensgeld (in fredo publico). Wenn ein fremder servus dies im Hof des Herzogs tut, löse sein Herr ihn mit dem, was er wert ist, aus oder er gebe ihn selbst hin.43 An dieser Stelle sei ein vergleichender Blick auf die Lex Baiuvariorum geworfen, von der jüngeren Forschung in die Jahre 737 bis 743 datiert, als Herzog Odilo in Opposition zu den karolingischen Hausmeiern in Bayern regierte.44 Auch in ihr ist mehrfach von der curtis ducis die Rede. So hat Kapitel  II, 12 ebenfalls den Diebstahl im Hof des Herzogs zum Gegenstand. Wer hier etwas stiehlt, triniungeldo componat, hoc est ter novem donet liber homo, servus vero niungeldo solvat aut manus perdat.45 Ein Freier hat das Siebenundzwanzigfache zu zahlen, ein Unfreier das Neunfache, oder er verliert seine Hände. Von Interesse ist die beigegebene Begründung: quia domus ducis domus publica est: Domus variiert hier curtis, Haus und Hof stehen nicht einander gegenüber wie vielfach, sondern sind zwei Seiten einer Medaille. Domus ducis domus publica: Zeitgenössisch wäre das palatium publicum als Ausstellort der Urkunden karolingischer Hausmeier und der frühen karolingischen Könige anzuführen,46 und aus dem Hochmittelalter die vielzitierte Passage aus Wipos Gesta Chuonradi imperatoris über die Zerstörung der Königspfalz durch die Pavesen 1024 und die

41 Lex Alamannorum XXXIII (XXXII), in: Lehmann-Eckhardt, S. 90  f.; Schott, S. 104. 42 Edictus Rothari cap. 23 (wie Anm. 23), S. 16. Vgl. Schott, Siedlungsbild (wie Anm. 6), S. 240. 43 Lex Alamannorum XXX (XXVIIII), in: Lehmann-Eckhardt, S. 89; Schott, S. 102. 44 Landau, Die Lex Baiuvariorum (wie Anm. 9), S. 36. 45 Lex Baiwariorum II, 12 (wie Anm. 9), S. 306. 46 Vgl. Thomas Zotz, Palatium publicum, nostrum, regium. Bemerkungen zur Königspfalz in der Karolingerzeit, in: Die Pfalz. Probleme einer Begriffsgeschichte vom Kaiserpalast auf dem Palatin bis zum heutigen Regierungsbezirk, hg. von Franz Staab (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 81), Speyer 1990, S. 71–99, hier 82  f.



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Ansprache der Pfalz als aedes publicae durch König Konrad  II. auf dem Hoftag in Konstanz 1025.47 Die Friedensverletzung durch Streit und Kampf am Herzogshof ist auch Gegenstand zweier anderer Kapitel (II, 10  f.).48 Wer in curte ducis Ärgernis mit Kampfesfolge erregt, sei es aus Übermut oder durch Trunkenheit (per superbiam suam vel per ebrietatem), der soll, was immer geschehen ist, alles rechtmäßig büßen und propter stultitiam suam öffentlich 40 Schillinge zahlen. Es bedarf keiner großen Phantasie sich auszumalen, was hier gemeint ist: Ein Trinkgelage beim Herzog artet zur Schlägerei aus. Auch die andere Textstelle ist aufschlussreich: Wenn jemand am Herzogshof oder wo immer ein Zweikampf stattfindet (ubicumque pugnaverint campiones) die Hand erhebt, bevor derjenige, welcher damit beauftragt ist, den Befehl gegeben hat, so soll er, falls ein Freier, 40 Schillinge in publico zahlen; ein servus verliere seine rechte Hand oder sein Herr löse ihn mit 20 Schillingen aus. Schließlich wird die curtis ducis in einer Reihe mit der Kirche, der fabrica (Werkstatt, Schmiede?) und Mühle genannt:49 Wer an einem dieser Orte etwas stiehlt, büße siebenundzwanzigfach, quia iste IIII domus casae publicae sunt et semper patentes. Hier werden erneut curtis und domus überblendet, überdies kommt die Hochwertigkeit aller vier Örtlichkeiten zum Ausdruck, die insgesamt als domus und als casae publicae bezeichnet werden. Wenn hier das Wort casa benutzt wird, so mag dies stilistisch-sprachliche Gründe der Varianz haben. Damit ist wieder auf die begriffsgeschichtlichen Aspekte zurückzugreifen, die bereits zu Beginn des Beitrags zur Sprache kamen. Das Wort casa begegnet in den beiden süddeutschen Leges des 8.  Jahrhunderts insgesamt weitaus seltener als domus; in der Lex Alamannorum bis auf einen Zusatz am Ende einer späteren Handschrift überhaupt nicht. In der Lex Baiuvariorum ist casa wenige Male belegt, dabei, abgesehen von der oben zitierten Passage, als Bezeichnung für wohl eher einfachere Gebäude. So spricht Kapitel XVI, 15 im Zusammenhang mit der Beglaubigung von jedweden Verkäufen in einer Reihe de mancipiis, terra, casis vel silvis, also in summarischer Form,50 und in dem für Aspekte der Grundherrschaft bedeutsamen Abschnitt I, 13 De colonis vel servis ecclesiasticis, qualiter serviant vel qualia tributa reddant heißt es über die coloni, dass ihnen seitens der Herrschaft angemessene Baudienste (rationabiles pedituras) mit Blick auf die Instandhaltung der casae dominicae (zum Fronhof gehörende Häuser), des fenile (Heustadel), der granica (glossiert chornstadel) und des

47 Wipo, Gesta Chuonradi imperatoris cap. 7, in: Wiponis opera, hg. von Harry Breßlau (MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum [61]), Hannover, Leipzig 31915, S. 30. Dazu Helmut Beumann, Zur Entwicklung transpersonaler Staatsvorstellungen, in: Das Königtum. Seine geistigen und rechtlichen Grundlagen (Vorträge und Forschungen 3), Konstanz 1956, S. 185–224, hier 194  ff. Wieder in: ders., Wissenschaft vom Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze, Köln, Wien 1972, S. 135–174, hier 144  ff. 48 Lex Baiwariorum II, 10  f. (wie Anm. 9), S. 304  f. 49 Lex Baiwariorum IX, 2 (wie Anm. 9), S. 367. 50 Lex Baiwariorum XVI, 15 (wie Anm. 9), S. 441.

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tuninum (glossiert hovezun) zugeteilt werden sollen.51 Wenn es in den Abschnitten über Fehlverhalten beim Heeresdienst um Plünderung und Brandstiftung geht, so gehören die in einem Atemzug mit scuriae genannten casae gewiss zur einfacheren Kategorie von Häusern.52 Im selben Abschnitt geht es schließlich um den Kalktransport ad civitatem vel ad villam, ubi necesse fuerit, und dies ist eine der wenigen Stellen in der Lex Baiuvariorum, an denen uns das Wort villa begegnet.53 Wahrscheinlich bedeutet es hier Fronhof (wie später im berühmten Capitulare de villis Karls des Großen vom Ende des 8.  Jahrhunderts54) und nicht Dorf. Gemeint ist offensichtlich, dass von dem näher oder weiter entfernten Kalkofen (calcefurnum, ubi prope fuerit bzw. ubi longe fuerit) der Kalk zur Stadt (zum Verkauf) oder zum Fronhof (für den Eigenbedarf der Herrschaft) zu transportieren ist. Auch in einer Bestimmung der Lex Alemannorum, in der villa vorkommt, ist Fronhof und nicht Dorfverband gemeint. Hier geht es darum, dass die Tötung eines Hirtenhundes, der einen Wolf fasst und mit seinem Gebell zur nächsten oder übernächsten villa läuft, gebüßt wird.55 Die Bewohner mehrerer Dörfer durch Gebell zu warnen, übersteigt wohl die Kräfte des stärksten Hirtenhundes. Andererseits brachten Dietrich Claude wie Ruth Schmidt-Wiegand Hinweise für den Wortgebrauch ‚Dorf‘,56 und aus dem alemannischen Raum bieten die St. Galler Urkunden eindeutige Belege hierfür, wenn, wie so häufig, davon die Rede ist, dass jemand seinen Besitz in dieser oder jener villa an das Kloster schenkt. Ein Beispiel möge genügen: Ein Wachar übertrug laut einer undatierten Urkunde (ca.773–782) seine res in villa, qui dicitur Boasinheim in der Bertholdsbaar hoc est casa cum casalibus, curte clausa cum onmis officinis ejus, cum servis et ancillis, vernaculis (Hausgesinde), mancipiis (die einzelnen unfreien Familien werden namentlich aufgezählt!), cum campis et pratis, silvis, ortiferis (Gärten), pumiferis (Apfelbäumen), pascuis etc. Es bietet sich das Bild einer ausgeprägten Grundherrschaft mit einer casa als Mittelpunkt und einer curtis clausa: Haus und Hof.57 Im Folgenden sei der Blick noch auf die Struktur der ländlichen Gehöfte, wie sie sich aus der Lex Alamannorum und der Lex Baiuvariorum ergibt, gerichtet. Im Para-

51 Lex Baiwariorum  I, 13 (wie Anm.  9), S.  288  f. Zu diesem Paragraphen vgl. neuerdings Siems, Lebensbild (wie Anm. 9), S. 64  ff. mit der zahlreichen älteren Literatur. 52 Lex Baiwariorum II, 4  f. (wie Anm. 9), S. 296  f. 53 Lex Baiwariorum (wie Anm. 9), Index rerum et verborum, S. 484. An den anderen beiden Stellen werden villae pauschal in einer Aufzählung genannt. 54 MGH Capitularia (wie Anm. 13), S. 82–91, Nr. 32. 55 Lex Alamannorum LXXVIII (LXXVI), in: Lehmann-Eckhardt, S. 143; Schott, S. 146. 56 Nachweise in Anm. 7. 57 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 28  f. Nr. 25 (759/60).; Chartularium Sangallense Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 85  f. Nr. 96 (um 773–782).



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graph LXXVI der alemannischen Rechtsaufzeichnung58 ist von der Brandstiftung an der domus und sala, also wohl dem Hauptraum des Herrenhauses, die Rede; der Täter hat alles, was verbrannt ist, zu ersetzen und obendrein mit 40 Schillingen zu büßen. Dann heißt es weiter: Si domo infra curte incenderit, entweder eine scura (Scheuer) oder eine granica (Kornspeicher) bzw. eine celaria (Vorratshaus), so hat er alles zu ersetzen und mit zwölf Schillingen zu büßen. Es sei nebenbei angemerkt, dass hier das Wort domus auch für einfachere Häuser benutzt wird. Über das Aussehen des Wohnhauses informiert, worauf zuletzt Schmidt-Wiegand hingewiesen hat,59 am ausführlichsten das Kapitel X, 5 der Lex Baiuvariorum De dissipatione domus (über die Zerstörung des Hauses) innerhalb des Gesamtitels X De incendio domorum et eorum compositione.60 Vorweg ist von der Zerstörung einer scuria liberi und von minora aedificia die Rede; dann folgt der die domus selbst betreffende Paragraph. Er beginnt mit einer redaktionellen Bemerkung, die den Stellenwert des Folgenden unterstreicht: Modo quia de domorum incensione sermo perfinitur, censemus incongruum non esse, ut de dissipatione domus aedificiorum compositione edisseremus. „Da die Ausführung zum Schluss das Anzünden der Häuser behandelt, halten wir es für nicht unangebracht, dass wir hinsichtlich der Zerstörung eines Hauses die Gebäudestruktur erörtern.“ Es ist die Rede von der columna, a qua culmen sustentatur, also der Firstsäule, welche den Firstbaum, das waagrechte Längsholz des Daches, trägt. Weiter kommen die angularis columna interior, der Eckpfosten, die trabes, Balken, und die spangae quae parietes continent, Rahmenhölzer der Wände, zur Sprache. Diese Beschreibung eines einräumigen Pfostenhauses wird in der Lex Alemannorum im Rahmen einer erbrechtlichen Bestimmung auf willkommene Weise ergänzt:61 (1) Si quis mulier, qui hereditatem suam paternicam habet post nuptum, et prignans peperit puerum et ipsa in ipsa hora mortua fuerit, et infans vivus remanserit tantum spatium, vel unius horae ut possit aperire oculos et videre culmen domus et quatuor parietes, et postea defunctus fuerit, hereditas materna ad patrem eius perteneat. (2) Tamen si testes habet pater eius, qui vidissent illum infantem oculos aperire, et potuisset culmen domus videre et quatuor parietes, tunc pater eius habeat licentiam, cum lege ipsas res defendere. Cui est proprietas, ipse conquirat. „(1) Wenn eine Frau, die eine nach der Heirat angefallene väterliche Erbschaft hat, schwanger wird und einen Knaben gebiert und sie in der Geburtsstunde stirbt, und wenn das Kind eine Zeitlang etwa eine Stunde am Leben bleibt, die Augen öffnen, den First des Hauses und die vier Wände sehen kann und dann stirbt, soll das mütterliche Erbe an seinen Vater fallen. (2) Wenn noch sein Vater Zeugen hat, die jenes Kind gesehen haben, wie es die

58 Lex Alamannorum LXXVI (LXXIIII), in: Lehmann-Eckhardt, S. 140; Schott, S. 144. 59 Schmidt-Wiegand, Haus und Hof in den Leges barbarorum (wie Anm. 1), S. 345  f. 60 Lex Baiwariorum X, 5–14 (wie Anm. 9), S. 388–391. 61 Lex Alamannorum LXXXIX (LXXXVI), in: Lehmann-Eckhardt, S. 151; Schott, S. 152  ff.

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Augen öffnen und den First und die vier Wände sehen konnte, dann habe sein Vater die Befugnis, rechtmäßig diese Güter zu verteidigen. Wem das Eigentum zusteht, der fordere es.“ Mit dieser allgemeinen Maxime schließt die Bestimmung. So lässt sich, die Aussagen der beiden Leges zusammenfassend, sagen, dass die domus aus einem Raum mit Firstsäule und Firstbalken bestand, viereckig und ohne Decke. Die domus war der Hauptbestandteil eines vielgliedrigen Komplexes mit Scheuer und minora aedificia, alles gelegen auf einer umzäunten curtis. Welchen Stellenwert der Zaun dabei hatte, zeigt die anschließende Bestimmung De dissipatione curtis; denn damit ist ganz offensichtlich die Umzäunung der curtis gemeint. Wer sie zerstört, muss den Schaden ersetzen und drei Schillinge bezahlen.62 Zum Schluss hat die Aufmerksamkeit noch einmal den St. Galler Urkunden und deren Aussagekraft für die hier interessierende Fragestellung zu gelten, bevor ein bereits öfters von der Forschung benutztes Quellenmaterial außerhalb des Raumes der Alamannia, die Brevium Exempla vom Beginn des 9. Jahrhunderts, herangezogen wird, womit sich das Bild von den Siedlungsformen in der schriftlichen Überlieferung des 8. Jahrhunderts abrunden lässt. Blickt man in das Sachregister zu den ersten beiden Bänden des St. Galler Urkundenbuches, so kommen alle drei Bezeichnungen domus, casa, curtis sehr häufig vor; das erstaunt nicht angesichts des hauptsächlichen Gegenstands der Urkunden, der Übertragung von ländlichem Besitz.63 Mit Blick auf die oben gemachten Beobachtungen zum Sprachgebrauch der beiden süddeutschen Leges fällt auf, dass das St. Galler Skriptorium das Wort casa im Wechsel mit domus mitunter auch zur Bezeichnung eines hochwertigen Hauses, des Klosters, benutzte: casa Dei, casa sancti Galli oder Gallonis. Beispielhaft sei der Schenkungskomplex der Beata-Sippe aus den Jahren 741–747 angesprochen:64 Beata, die Tochter Reginberts und Atas, schenkte im November 743–746 aus Gottesfurcht und zu ihrem und ihrer Eltern Seelenheil Besitz an zahlreichen Orten des Thurgaus an St. Gallen cum domibus, aedificiis, casis, casalibus, mancipiis, servis, ancillis, acolabis, campis, pratis, pascuis, silvis, pecoribus, ortiferis, pumiferis etc., also mit der geläufigen Aufzählung an Gebäuden (domus an vorrangiger Stelle!), Leuten und Land.65 Ganz ähnlich schenkte damals Lantbert, der Sohn

62 Lex Baiwariorum X, 15 (wie Anm. 9), S. 392. 63 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd. 2, hg. von Hermann Wartmann, Zürich 1866, Sachregister S. 496 s. v. casa, S. 500 s. v. curtis, S. 501 s. v. domus. 64 Vgl. hierzu Werner Rösener, Strukturformen der adligen Grundherrschaft in der Karolingerzeit, in: Die Strukturen der Grundherrschaft im frühen Mittelalter, hg. von Werner Rösener (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 92), Göttingen 1989, S. 126–180, hier 146  ff.; Thomas Zotz, Die Entwicklung der Grundherrschaft bei den Alamannen, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz und Barbara Scholkmann (Schriften zur südwestdeutschdeutschen Landeskunde 48), Leinfelden-Echterdingen 2003, S.  153–166, hier 159  f. 65 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 11  f. Nr. 10; Chartularium Sangallense Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 9  f. Nr. 10.



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Landolds und der Beata, für lebenslangen Unterhalt gleichfalls zahlreiche Besitzungen an das Kloster con (sic!) servis et ancillis peculiaribus, cum domibus, aedificiis et mancipiis domesticis, cum curtis clausis, cum ortiferis, pumiferis vel officinis, qui ibidem esse videntur.66 Hier begegnen uns geschlossene, umfriedete Hofbereiche, wie sie auch in zahlreichen anderen St. Galler Urkunden genannt sind. Ein besonderer Wortgebrauch von curtis in den St. Galler Urkunden verdient noch Erwähnung, da er an die mitunter fassbare hochkarätige Bedeutung des Begriffs in den süddeutschen Leges des 8.  Jahrhunderts erinnert: Im Jahre 820 übertrug eine Hildeburg ihren Besitz zu Buggingen, Zitzingen, Laufen und Eggenen an St. Gallen und erhielt dafür Besitz des Klosters zu Schliengen, Warmbach, Herten und Haslach zu Lehen (beneficium vestrum).67 Im Falle der erstgenannten und sprachlich hervorgehobenen (inprimis) villa Buggingen und derselben marcha ist von terris, domibus desuper positis, campis, pratis, vineis u.  a. die Rede, schließlich erwähnt die Urkunde hobas vestitas cum mancipiis ad aulam nostram vel curtem pertinentibus. Es geht hier um bekleidete, also mit Unfreien besetzte bäuerliche Hufen, die zur aula vel curtis Hildiburgs gehören. Aula ist hier nicht als Hofareal zu verstehen, wozu bäuerliche Hufen rechtlich gar nicht gehören konnten, sondern in der Bedeutung von Hof, Palast in Nachbarschaft zu palatium, im Althochdeutschen mit salihus glossiert.68 So dürfte die im St. Galler Urkundenfundus singuläre Wendung aula nostra vel curtis pleonastisch den Herrenhof, den herrschaftlichen Sitz der Hildeburg in Buggingen meinen. Eine anspruchsvolle Formulierung in einer karolingerzeitlichen Privaturkunde! Mit dem Jahr 820 der Urkunde Hildeburgs ist bereits das frühe 9.  Jahrhundert berührt; aus dieser Zeit stammt auch das letzte hier noch zu behandelnde Quellenzeugnis zu Siedlungsformen in der schriftlichen Überlieferung der frühen Karolingerzeit, das allerdings weit weg von der Alamannia führt: die Brevium Exempla von ca. 810, die zusammen mit dem Capitulare de villis Karls des Großen und Briefen Papst Leos  III. an Karl den Großen in der Wolfenbüttler Handschrift Helmstedt 254 überliefert sind.69 Die Brevium Exempla enthalten eine Sammlung administrativer Texte aus dem Bereich kirchlicher und königlicher Grundherrschaft. Dabei ist mit Blick auf das Thema Siedlungsformen die detaillierte Beschreibung des fiscus dominicus, der

66 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 14  f. Nr. 12; Chartularium Sangallense Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 14  f. Nr. 13. 67 Urkundenbuch Sanct Gallen Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 245  f. Nr. 257; Chartularium Sangallense Bd. 1 (wie Anm. 12), S. 263  f. Nr. 276. 68 Mittellateinisches Wörterbuch Bd. 1 A, München 1967, S. 1238 mit irriger Einordnung des Belegs unter die Bedeutung ‚Hof, Hofstatt‘. 69 Nachweis in Anm. 13; Capitulare de villis: Cod. Guelf. 254 Helmst. Der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, hg. und eingel. von Carlrichard Brühl, Stuttgart 1971. Das Facsimile gibt die ganze Handschrift wieder (Brevium Exempla fol. 9r–12r). Zum Inhalt Wolfgang Metz, Die Königshöfe der Brevium Exempla, in: Deutsches Archiv 22 (1966), S. 598–617.

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Domäne Annappes im Nordwesten des Frankenreichs, ergiebig, insbesondere die Aussagen zu den dortigen Baulichkeiten.70 Es werden drei Typen einer sala oder domus regalis unterschieden. Zuerst führt die Aufzeichnung eine salam regalem ex lapide factam optime, mithin ein vollständig aus Stein gebautes Königshaus, auf, das in drei camerae unterteilt ist. Ferner gehört zu dem ganzen Komplex ein rundum von Galerien (solaria) umgebenes Haus (casa), mit elf pisilia (Webstuben); innerhalb des Hofareals (infra curtem) befinden sich 17 andere casae mit ebenso vielen Kammern, weiter ein Stall, ein Küchenhaus, ein Backhaus, zwei Speicher, drei Scheuern. Die curtis ist durch einen Zaun gut befestigt (bene munita), versehen mit einer porta lapidea, et desuper solarium ad dispensandum. Hierunter hat man sich eine über dem Tor befindliche Galerie, einen Söller, vorzustellen, von dem aus Anordnungen zur Verwaltung ergehen. Eine curticula, ein kleinerer Hof, ist gleichfalls durch einen Zaun abgeschlossen. Nach Aufzählung der dort vorhandenen Geräte, Vorräte und des Tierbestands nennt das Inventar die mansionilia, die Bauernstellen, die zu dem zuvor genannten mansus, also dem königlichen Fronhof, gehören. Es bietet sich das geläufige Bild einer Villikation, des bipartiten Systems von Fronhof und abhängigen Bauernhufen.71 Im Kleinformat war dies auch in den Betriebseinheiten zu greifen, wie sie in den Quellen zur Alamannia, den Leges und in den St. Galler Urkunden, genannt werden; doch zeichnet sich das Inventar von Annappes außer durch die Größe des Objekts durch die besonders genaue Beschreibung der Anlage aus. Der Vollständigkeit halber sei noch auf die zwei anderen Typen von Königshöfen hingewiesen, die zu dem ministerium, dem Amtsbereich, des maior, des Meiers, der den fiscus dominicus Annappes im Auftrag des Königs verwaltete, gehörten: zum einen eine domus regalis, exterius ex lapide et interius ex ligno bene constructa, also ein Haus teils aus Stein, teils aus Holz durchaus gut gebaut. Schließlich kommt im Verzeichnis noch ein dritter Typ vor, die domus regalis ex ligno ordinabiliter constructa, ein ordentlich gefertigter reiner Holzbau. Beim zweiten wie gerade angesprochenen dritten Typ von Königshof wird übrigens jeweils die curtis tunimo circumdata erwähnt; beim zweiten noch ergänzt, dass der Zaun zusätzlich mit Stacheln (spinae) verstärkt ist. Das „Kontrastbild“ von Haus und Hof auf hohem königlichen Niveau mit vielteiligen Bauelementen dürfte deutlich gemacht haben, mit welcher Ausdifferenzierung der ländlichen Siedlungsformen jener Zeit grundsätzlich zu rechnen ist, gewiss nicht überall und auch nur eher selten in der Alamannia des 8. Jahrhunderts, dem hier vordringlich interessierenden Beobachtungsfeld, war doch hier weder das merowingi-

70 Brevium Exempla (wie Anm. 13), S. 254  ff. 71 Übersichtlich s. v. Grundherrschaft, in: Lexikon des Mittelalters Bd. 4, München, Zürich 1989, Sp. 1739–1752; Werner Rösener, Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter (Enzyklopädie deutscher Geschichte 13), München 1992, S. 7–13.



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sche noch das karolingische Königtum herrschaftlich und ökonomisch derart präsent wie in den Kernlandschaften der Francia.72 Allerdings gab es in Alemannien gewiss kirchliche und klösterliche und wohl auch adlige Villikationen größeren Umfangs, die mit königlichen Grundherrschaften konkurrieren konnten; Inventare und detaillierte Beschreibungen sind allerdings nicht überliefert.73 Domus, casa, curtis: Es ging in diesem Beitrag darum, vor einem zeitlich weiter gespannten begriffsgeschichtlichen Hintergrund die für die frühmittelalterlichen Siedlungsformen Haus und Hof gebräuchlichen Bezeichnungen in normativen, urkundlichen und administrativen Quellen des 8. Jahrhunderts vornehmlich der Alamannia in ihrer Bedeutung und in ihrem Kontext zu analysieren. Dabei zeigte sich, allerdings nicht durchgängig, eine höhere Valenz des Wortes domus als Bezeichnung für das Haupthaus oder Salhaus einer Siedlungseinheit gegenüber casa, womit im grundherrschaftlichen Kontext eher die Häuser der abhängigen Leute gemeint sind. Aufzählungen in St. Galler Urkunden bestätigen diesen Eindruck. Die Lex Alamannorum, ergänzt durch die von ihr abhängige Lex Baiuvariorum, ließ – und darauf kam es besonders an – erkennen, dass es geboten erscheint, mit dem Wortgebrauch von curtis differenzierter umzugehen. Die geläufige Paarformel ‚Haus und Hof‘ genügt nicht, da curtis, wie hoffentlich deutlich geworden ist, über die selbstverständlich häufig belegte Bedeutung von Hofstatt, Hofareal als umfriedeter Raum rund um das Haupthaus (domus) und die kleineren Gebäude (minora aedificia) hinaus den herrschaftlichen Sitz des Königs, Bischofs oder Herzogs meinen konnte; die bayerische Lex spricht in ihrer letzten Bestimmung (XXI, 6 De avibus) auch von den curtes nobilium, an denen die durch menschlichen Fleiß gezähmten Waldvögel zu fliegen und zu singen gewohnt seien (per curtes nobilium mansuescunt volitare atque cantare).74 Ein hübsches Bild von Wohnkultur und Lebensqualität an den Höfen von Adligen im Spiegel normativer Bestimmungen des 8. Jahrhunderts!

72 Vgl. Thomas Zotz, Beobachtungen zur königlichen Grundherrschaft entlang und östlich des Rheins vornehmlich im 9. Jahrhundert, in: Strukturen der Grundherrschaft (wie Anm. 64), S. 74–125. 73 Werner Rösener, Südwestdeutsche Grundherrschaftsverhältnisse, in: Der Südwesten im 8. Jahrhundert (wie Anm. 10), S: 101–118; ders., Strukturformen (wie Anm. 64); Hans-Werner Goetz, Beobachtungen zur Grundherrschaftsentwicklung der Abtei St. Gallen vom 8. zum 10.  Jahrhundert, in: Strukturen der Grundherrschaft (wie Anm. 64), S. 197–246. 74 Lex Baiwariorum XXI, 6 (wie Anm. 9), S. 466  f. Vgl. Siems, Lebensbild der Lex Baiuariorum (wie Anm. 9), S. 56.

Valerie Schoenenberg

Haus und Hof im archäologischen Befund in Südwestdeutschland 1 Von den Leges zu den archäologischen Quellen: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick Die süddeutschen Leges, namentlich die Lex sowie der ältere Pactus Alammanorum und die Lex Baiuvariorum, bergen mehrere Paragraphen, die Aspekte des Gebäudebestandes und Siedlungswesens beschreiben oder zumindest nennen.1 Da bis in die 1950er Jahre archäologische Befunde zu frühmittelalterlichen Siedlungen und Gebäuden für den Südwesten Deutschlands dürftig überliefert waren und die meisten Aussagen analog der ausgegrabenen Wurten- und Geestsiedlungen Norddeutschlands abgeleitet werden mussten, verwundert es nicht, dass sich das grundlegende Werk der Nachkriegszeit zum Siedlungsbild der Alemannen von Hildegard Dölling an der schriftlichen Überlieferung orientierte.2 Die behandelten Themen rund um das Begriffspaar „Haus und Hof“ wurden dabei fast ausschließlich aus den frühmittelalterlichen Gesetzestexten entnommen. Für den bayerischen Raum hatte bereits Torsten Gebhard wenige Jahre zuvor anhand der Lex Baiuvariorum zeichnerische Rekonstruktionsvorschläge verschiedener Gebäudetypen erstellt, die bis heute immer wieder zitiert und diskutiert werden.3 Die Methodik, anhand der Schriftquellen Aussehen und Struktur von Gebäuden und Siedlungen abzuleiten, war keineswegs neu, vielmehr befand sich Gebhard damit innerhalb einer Forschungstradition, die sei-

1 Zitiert wird die Lex Alamannorum nach Clausdieter Schott, Lex Alamannorum, Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandalgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731 (Veröffentlichungen der schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg Reihe 5b, Band 3), Augsburg 1993. Die Zählung der Paragraphen folgt dieser Ausgabe, wobei ergänzend dazu in eckiger Klammer […] die Zählung nach Lehmann bzw. Eckhardt wiedergegeben wird, da sich die älteren Publikationen (etwa Dölling s.  u.) auf Lehmann bzw. Eckhardt beziehen, vgl. Karl August Eckhardt, Leges Alamannorum I. Einführung und Recensio Chlothariana (Pactus) (Germanenrechte Neue Folge 5,1), Göttingen 1958; ders., Leges Alamannorum II. Recensio Lantfridana (Lex) (Germanenrechte Neue Folge 6), Witzenhausen 1962; Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann. Monumenta Germaniae Historica. Legum Sectio I. Leges Nationem Germanicarum V, I (Quart-Ausgabe). Hannover 1888; 2. Auflage hg. von Karl August Eckhardt, Hannover 1966. – Das Fragment V des Pactus wird von Schott in den Titeln 89–95 aufgeführt.  – Die Lex Baiuvariorum wird zitiert nach Konrad Beyerle, Lex Baiuvariorum, München 1926. 2 Hildegard Dölling, Haus und Hof in westgermanischen Volksrechten, Münster 1958. 3 Torsten Gebhard, Zu den Hausangaben der Lex Bajuvariorum, in: Germania 29 (1951), S. 230–235.

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nerzeit bereits seit 100 Jahren diesen an Schriftquellen orientierten Ansatz verfolgte.4 Lediglich vereinzelte archäologische Befunde aus Bayern, wie etwa aus Burgheim (Lkr. Neuburg-Schrobenhausen), aber auch aus dem Breisgau, wie Merdingen und Breisach-Hochstetten (beide Lkr. Breisgau-Hochschwarzwald), konnten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts archäologische Anhaltspunkte zu Konstruktionsmöglichkeiten von Gebäuden und Gestalt von Siedlungsausschnitten liefern.5 Einen ersten überregionalen Überblick auf Basis der zunehmenden archäologischen Dokumentationen von Siedlungsresten seit den 1970er-Jahren wurde von Peter Donat als Grundlagenarbeit im Jahre 1980 publiziert.6 Ein Blick in den zugehörigen Fundstellenkatalog offenbart die seinerzeit immer noch übersichtliche Quellenlage für den Südwesten, etwa im Vergleich zu Norddeutschland. Nennenswerte Hausbefunde lieferten Fundstellen bei Epolding-Mühltal und Kirchheim (beide Lkr. München), Zolling (Lkr. Freising), Geislingen an der Steige (Lkr. Göppingen), Stebbach (Lkr. Heilbronn) oder die Wüstung Wülfingen bei Forchtenberg (Lkr. Hohenlohe).7

4 Andreas Willmy, Trübe Quellen? Anmerkungen zu Lex Alamannorum und Lex Baiuvariorum als Hilfsmittel für die Rekonstruktion ländlicher Bauten der Alemannen und Baiuvaren, in: Experimentelle Archäologie 1997 (1998), S. 7–20, hier S. 7. Otto Gruber, Deutsche Bauern- und Ackerbürgerhäuser, Karlsruhe 1926, leitete Gebäuderekonstruktionen anhand von Informationen aus den Leges und volkskundlichen Betrachtungen ab. Seine Überlegungen dürften den Anstoß für Gebhard gegeben haben. Josef Becker-Dillingen, Quellen und Urkunden zur Geschichte des deutschen Bauern, Berlin 1935, ist als Vorläufer der Arbeit Döllings zu sehen. 5 Zu Burgheim Werner Krämer, Die frühmittelalterliche Siedlung von Burgheim in Schwaben, in: Bayrische Vorgeschichtsblätter 18/19 (1951/52), S. 200–207; zu Merdingen Friedrich Garscha, Karl Hammel, Wolfgang Kimmig, Georg Kraft und Elisabeth Schmid, Eine Dorfanlage des frühen Mittelalters bei Merdingen, in: Badische Fundberichte 18 (1948–50), S. 137  ff.; zu Breisach-Hochstetten Badische Fundberichte 15, 1939, S.  32. Zusammenfassend zu den Breisgauer Fundstellen mit weiterer Literatur vgl. auch Michael Hoeper, Alamannische Besiedlungsgeschichte im Breisgau, Reihengräberfelder und Gemarkungsgrenzen, in: Römer und Alamannen im Breisgau. Studien zur Besiedlungsgeschichte in Spätantike und frühem Mittelalter (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland 6), Sigmaringen 1994, S. 69 und S. 90  f. 6 Peter Donat, Haus, Hof und Dorf in Mitteleuropa vom 7. bis 12. Jahrhundert (Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 33), Berlin 1980. 7 Zu Epolding-Mühltal Hermann Dannheimer, Epolding-Mühltal. Siedlung, Friedhöfe und Kirche des frühen Mittelalters (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 13), München 1968. Zu Kirchheim bei München ders., Die frühmittelalterliche Siedlung bei Kirchheim (Lkr. München, Oberbayern). Vorberichte über die Untersuchungen im Jahre 1970, in: Germania 51 (1973), S. 152–169. Zu Zolling ders., Aus der Siedlungsarchäologie des frühen Mittelalters in Bayern, in: Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag, München 1974, S. 629–657. Zu Wülfingen bei Forchtenberg Günter P. Fehring, Grabungen in Siedlungsbereichen des 3. bis 13. Jahrhunderts sowie an Töpferöfen der Wüstung Wülfingen am Kocher, in: Château Gaillard 3 (1969), S. 48–60 sowie ders., Mittelalterliche Dorfsiedlungen in Südwestdeutschland, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 21 (1973), S. 1–35. Zu Geislingen an der Steige Hartwig Zürn, Eine frühmittelalterliche Siedlung bei Geislingen an der Steige-Altenstadt (Kr. Göppingen), in: Fundberichte aus Schwaben NF 14 (1957), S.  145–148. Zu Stebbach Günter P. Fehring und Dietrich Lutz,



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Die intensivierte Dokumentation von Seiten der Denkmalpflege innerhalb der letzten 40  Jahre lieferte inzwischen ein deutliches Anwachsen von Siedlungsnachweisen. Allerdings sind die aufgedeckten Flächen oft zu klein, um Aussagen zur Bauweise von Langhäusern oder gar dem Siedlungsgefüge treffen zu können. Der aktuelle Forschungsstand hat daher immer noch mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass nur wenige umfangreichere Grabungen publiziert vorliegen.8 Seit Ende der 1980er Jahre wurden aus den vermuteten frühmittelalterlich-alemannischen Siedlungsgebieten Baden-Württembergs die Fundplätze in Ulm-Eggingen9 und HeidenheimSchnaitheim10 publiziert. Jüngst abgeschlossen wurde die Bearbeitung des Siedlungsplatzes westlich von Lauchheim und das unweit gelegene Gräberfeld „Wasserfurche“.11 Die Situation in den Nachbarländern ist vergleichbar mager: Aus der Nordschweiz konnten größere Siedlungsausschnitte aus Berslingen12 und Schleitheim13 sowie die beidseits eines kleinen Flusses gelegene Siedlung bei Develier-Courtételle im Jura14

Archäologische Grabungen im Bereich der Dorfwüstung Zimmern, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins 117 (1969), S. 357–366; Dietrich Lutz, Archäologische Grabungen im Bereich der Dorfwüstung Zimmern auf Gemarkung Stebbach, Kr. Sinsheim. Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins 118, S. 57–65. 8 Rainer Schreg, Dorfgenese in Südwestdeutschland. Das Renninger Becken im Mittelalter. (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 76), Stuttgart 2006, S. 67, Abbildung 11 liefert einen Überblick zu Siedlungsgrabungen in Südwestdeutschland bis ins Jahr 2000: Kartiert wurde im Sinne eines Qualitätskriteriums, wobei bloße Siedlungsnachweise aufgrund von Fundmaterial von einzelnen Befunden oder gar Siedlungsausschnitten oder größeren Siedlungsgrabungen unterschieden wurden. Eine Kartierung großflächigerer Siedlungsgrabungen auch bei Christel Bücker, Der Breisacher Münsterberg. Ein Zentralort im frühen Mittelalter (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 11), Rahden 2007, 15, Abb. 2. 9 Claus-Joachim Kind, Ulm-Eggingen (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 34), Stuttgart 1989. 10 Beate Leinthaler, Eine ländliche Siedlung des frühen Mittelalters bei Schnaitheim, Lkr. Heidenheim (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 70), Stuttgart 2003. 11 Dissertation zu den Siedlungsstrukturen (Valerie Schoenenberg, Die frühmittelalterliche Siedlung bei Lauchheim, Gewann „Mittelhofen“, phil. Diss., Freiburg 2014). Das Gräberfeld wird im Rahmen eines DFG-Projektes ausgewertet von Dr. Benjamin Höke; vgl. Benjamin Höke, Das Gräberfeld Lauchheim „Wasserfurche“ im Gesamtbild, in: Reihengräber des frühen Mittelalters. Nutzen wir doch die Quellenfülle, hg. von Ursula Koch (Mannheimer Geschichtsblätter, Sonderveröffentlichung 8), Remshalden 2016, S. 55–60. Vera Dröber, Florian Gauss, Christina Peek und Jörg Stelzner, Zwischenergebnisse der Dokumentation und Auswertung des Gräberfeldes von Lauchheim „Wasserfurche“, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2012 (2013), S. 62–67. 12 Kurt Bänteli, Markus Höneisen und Kurt Zubler, Berslingen – ein verschwundenes Dorf bei Schaffhausen. Mittelalterliche Besiedlung und Eisenverhüttung im Durachtal (Schaffhauser Archäologie 3), Schaffhausen 2000. 13 Anke Burzler, Markus Höneisen, Jakob Leicht und Beatrice Ruckstuhl, Das frühmittelalterliche Schleitheim. Siedlung, Gräberfeld und Kirche (Schaffhauser Archäologie 5), Schaffhausen 2002. 14 Maruska Federici-Schenardi und Robert Fellner, Develier-Coutételle, un habitat rural mérovingien. Structures et matériaux de construction (Cahier d’archéologie jurassienne 13), Porrentruy 2004.

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vorgelegt werden. Aus dem Elsass waren die Fundstelle „Leibersheim“ bei Riedisheim und Ensisheim „Les Octrois“ lange Zeit die einzig bekannten frühmittelalterlichen Siedlungen. Mittlerweile sind dort etwa 20 Siedlungsplätze dokumentiert worden.15 Aus dem östlich an die Alemannia angrenzenden baiuvarischen Gebiet stechen Kelheim und Befunde aus der Münchner Schotterebene hervor.16 Die genannten frühmittelalterlichen Fundplätze eint, dass es sich um spätestens im Spätmittelalter wüst gefallene Siedlungen handelt. Die Möglichkeiten des Erkenntniszuwachses für die Siedlungsarchäologie sind in Süddeutschland stark von äußeren Bedingungen, etwa dem Flächenverbrauch, abhängig. Gelegenheiten, ehemalige Siedlungsplätze aufzudecken, ergeben sich in der Regel im Rahmen von denkmalpflegerischen Maßnahmen, meist bei Grabungen im Vorfeld von geplanten Baumaßnahmen für Gewerbe- oder Neubaugebiete. Diese bieten die Chance, wüst gefallene Siedlungsplätze zu dokumentieren, deren Gelände seit Abbruch der Siedlungstätigkeit ackerbaulich genutzt worden war. Innerorts wurden dagegen bestenfalls parzellengroße Einblicke möglich, die zwar Befunde liefern, allerdings oft zu kleinflächig sind, um zusammenhängende Strukturen wie Langhäuser oder gar ein Siedlungsgefüge erkennen zu lassen.17 Diese ungleiche Verteilung der Fundstellendichte hat Auswirkungen auf siedlungsgenetische Fragestellungen. Vielerorts liegen die tatsächlichen Anfänge und

15 Madelaine Châtelet, Fouilles et découvertes en Alsace, Rennes 2009, S.  98; Joël Schweitzer, L’habitat rural en alsace au Haut Moyen Age, Riedisheim 1984; Agnieszka Koziol, Nordheim, BasRhin, construction d’un lotissement par l’AFUL „Am Neuen Berg“, Sélestat 2009; dies., Roeschwoog, Bas-Rhin, Lotissement Am Wasserturm, Sélestat 2010; Michaël Landolt, Entzheim-Geispolsheim, BasRhin. Lotissement d’activités du quadrant 4, Entzheim „In der Klamm“ et Geispolsheim „Schwobenfeld“. Des habitats et une nécropole néolithiques, des habitats protohistorique, un habitat antique, un habitat et une aire funéraire mérovingiens, une position fortifiée allemande de la Première Guerre Mondiale, Sélestat 2013; Thierry Logel, Ostheim, Bas Rhin, Birgelsgaerten, RD 416, rue de Strasbourg, Le Haut Moyen Age et la période moderne. Bd.  2, Sélestat 2013. Einen allgemeinen forschungsgeschichtlichen Überblick bietet Édith Peytremann, L’archéologie de l’habitat rural du haut Moyen Âge dans le nord de la France: Trente ans d’apprentissage, in: Jean Chapelot, Trente ans d’archéologie médiévale en France. Un Bilan pour un avenir, Caen 2010, S. 105–117. 16 Zu Kirchheim: Dannheimer, Kirchheim (wie Anm. 7); Rainer Christlein, Kirchheim bei München, Oberbayern. Das Dorf des frühen Mittelalters, in: Das archäologische Jahr in Bayern 1980 (1981), 162– 163; Hans Geisler, Studien zur Archäologie frühmittelalterlicher Siedlungen in Altbayern, Straubing 1993. Zu Kelheim: Bernd Engelhardt, Archäologisches zur früh- und hochmittelalterlichen Geschichte Kelheims. Ein Vorbericht, in: Vorzeit zwischen Main und Donau. Neue archäologische Forschungen und Funde aus Franken und Altbayern, hg. von Konrad Spindler (Erlanger Forschungen A 26), Erlangen 1980, S.  273–298; Thomas Meier, Sozialstruktur und Wirtschaftsweise im frühmittelalterlichen Südbayern. Das Beispiel der Siedlungen Kelheim-Kanal I und Unterigling-Loibachanger, phil. Habil., Kiel 2007. Zur Münchner Schotterebene: Monika Eule, Frühmittelalterliche Siedlungen und Hofgrablegen der Münchner Schotterebene, phil. Diss., München 2009, Mikrofiche 2012. 17 Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 65 mit Abb. 10; sowie Rainer Schreg, Die Archäologie des mittelalterlichen Dorfes in Süddeutschland. Probleme -Paradigmen-Desiderate, in: Siedlungsforschung 23 (2006), S. 141–162, hier S. 242 mit Abb. 1.



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der Verlauf der Besiedlungsgeschichte heutiger Ortskerne im Dunkeln.18 Über Ausmaß und Gestalt der Siedlungsgefüge vor dem Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit sind kaum Informationen zu erlangen. Im Weiteren sind davon auch regionale siedlungsgenetische Fragestellungen betroffen, da aufgrund dieser Divergenz Besiedlungsabläufe ganzer Siedlungskammern oder Regionen nur ungefähr abgeleitet werden können. Um überhaupt Aussagen treffen zu können, wurden Prämissen zugrunde gelegt. Eine grundlegende These ist dabei die, dass heutigen Ortskernen eine kontinuierliche Besiedlung seit dem Mittelalter innewohnen soll, was aufgrund des Vorkommens merowingerzeitlicher Gräberfelder im Umfeld heutiger Orte abgeleitet wurde. Nun ist jedoch mit dem Fund merowingerzeitlicher Gräber noch immer nicht der Nachweis für den konkreten Siedlungsbeginn fassbar.19 Darüber hinaus ist die Prämisse der Ortskonstanz verbunden mit der Annahme, dass die merowingerzeitlichen Gräberfelder mit aktuellen Orten in Verbindung stehen, ohne dass dafür konkrete Beweise erbracht werden können.20 Dabei sieht sich die siedlungsarchäologische Forschung mit einem weiteren Ungleichgewicht konfrontiert, denn den wenigen tatsächlichen Siedlungsnachweisen stehen hunderte aufgedeckte merowingerzeitliche Bestattungsplätze gegenüber.21 Die Gründe für die schlechteren Auffindungschancen von Siedlungen dürften neben dem oben Genannten auch in der frühmittelalterlichen Holzbauweise und den kleinteiligen Siedlungsabfällen liegen, welche weit unscheinbarere Spuren hinterlassen als etwa Skelette und vollständige metallene oder keramische Beigaben aus den Gräbern. Aussagen zur Besiedlungsge-

18 Als Ankerpunkte werden die schriftlichen Erstnennungen herangezogen, auch wenn mittlerweile Konsens besteht, dass diese selten mit dem tatsächlichen Besiedlungsbeginn übereinstimmen und viele Plätze älter sein dürften. Lutz, Dorfwüstung Zimmern (wie Anm. 7). 19 Heiko Steuer, Standortverschiebungen früher Siedlungen. Von der vorrömischen Eisenzeit bis zum frühen Mittelalter, in: Person und Gemeinschaft im Mittelalter. Karl Schmid zum fünfundsechzigsten Geburtstag, hg. von Gerd Althoff, Dieter Geuenich, Otto Gerhard Oexle und Joachim Wollasch, Sigmaringen 1988, 25–59, hier 26  ff. Zur ideologischen Komponente, die lange zum Festhalten der Altdorftheorie führte vgl. Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 57. 20 Walther Veeck, Die Alemannen in Württemberg (Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit A 1), Berlin 1931, S. 114. 21 Matthias Knaut, Die alamannischen Gräberfelder von Neresheim und Kösingen, Ostalbkreis (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 48), Stuttgart 1993, S. 220, Abb. 134 mit Fundstellenliste für die Ostalb und angrenzende Gebiete; Florian Gauß, Wieder nur ein weiteres Reihengräberfeld? Wissenschaftliche Perspektiven des DFG-Projektes „Lauchheim“, in: Fundmassen: Innovative Strategien zur Auswertung frühmittelalterlicher Quellenbestände, hg. von Sebastian Brather und Dirk Krausse (Materialhefte zur Archäologie des Mittelalters 97), Stuttgart 2013, S.  157–182, hier S.  157  ff.; Antje Cathérine Faustmann, Besiedlungswandel im südlichen Oberrheingebiet von der Römerzeit bis zum Mittelalter (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 10), Rahden 2007, hier S. 98  ff.; Michael Hoeper, Alamannische Siedlungsgeschichte im Breisgau (Freiburger Beiträge zu Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausend 6), Rahden 2001, S. 57  ff.; Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau, hg. von Dorothee Ade und Bernhard Rüth, Stuttgart 2008, Vorsatzblatt.

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schichte können sich somit in vielen Regionen lediglich auf die Verteilung von Gräberfeldern stützen und nicht auf konkrete Nachweise der Siedlungsplätze an sich.22 Wie Schreg bereits darstellte, zeigt die Dichte dokumentierter Gräberfelder im überregionalen Vergleich allerdings große Forschungslücken, etwa im Oberrheingebiet zwischen Breisgau und Kraichgau, im Hegau oder dem Département Bas-Rhin.23 Bei all diesen Prämissen und dem lückenhaften Forschungsstand verwundert nicht, dass bislang Studien zu Besiedlungsabläufen des Frühmittelalters rar sind, umfassendere Arbeiten nur für gut dokumentierte Regionen vorliegen, etwa Rainer Schregs Fundstellenanalyse innerhalb des Renninger Beckens24 oder Michael Hoepers25 Untersuchungen zum Breisgau, und die Autoren lediglich mögliche Modelle für die Siedlungsgenese entwerfen konnten.26 Die bislang dokumentierten Befunde zeigen deutlich, dass für die Merowingerzeit aus dem ländlichen Milieu Südwestdeutschlands nicht mit Aufgehendem zu rechnen ist.27 Vielfach konnte sich nicht einmal das ehemalige Gehniveau erhalten, denn durch die intensiv betriebene Landwirtschaft und Erosionserscheinungen wurden diese Schichten zerstört.28 Fundmaterial kann innerhalb der Humusdecke vorhanden sein, ist aber meist sekundär verlagert und hat deshalb nur bedingt Aussagekraft. Dennoch sind Funde, die vom Pflug an die Oberfläche befördert wurden, meist die ersten Indizien und haben vielerorts erst zur Entdeckung der wüst gefallenen ländlichen Siedlungsplätze geführt. Systematische Geländebegehungen liegen bislang nicht flächendeckend vor. Die bekannten Fundstellen werden zwar aus denkmalpflegerischen Gesichtspunkten inventarisiert, Auswertungen erfolgen allerdings zumeist

22 Dorothee Ade, Funde aus frühmittelalterlichen Gräbern und Gräberfeldern auf der Gemarkung Sindelfingen und aus dem nördlichen oberen Gäu, phil. Diss., Tübingen 1991 (online 2010: http:// nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-49403); Dieter Quast, Die frühalamannische und merowingerzeitliche Besiedlung im Umfeld des Runden Berges bei Urach (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 84), Stuttgart 2006; Folke Damminger, Die Merowingerzeit im südlichen Kraichgau und in den angrenzenden Landschaften. Untersuchungen zur Siedlungsgeschichte des 5.–8.  Jahrhunderts im Gebiet zwischen Oberrhein, Stromberg und Nordschwarzwald (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 61), Stuttgart 2002; Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 21). 23 Schreg Dorfgenese (wie Anm. 8), 54 mit Abb. 3. 24 Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8). 25 Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 21). 26 Faustmann, Besiedlungswandel (wie Anm. 21), 99  ff. stützt sich auf Hoepers Modell. 27 Befunde wie die Torhalle des 8. Jahrhunderts auf Frauenchiemsee gehören wohl in herzogliches Umfeld, dazu Janine Fries-Knoblach, Hausbau und Siedlungen der Bajuwaren bis zur Urbanisierung, in: Bayrische Vorgeschichtsblätter 71 (2006), S. 339–430, hier S. 394. 28 Positiver Ausreißer Schalkstetten vgl. Rainer Schreg und Sonja Behrendt, Phosphatanalysen in einem frühmittelalterlichen Haus in Schalkstetten (Gde. Amstetten Alb-Donau-Kreis), in: Archäologisches Korrespondenzblatt 41/2 (2011), S. 263–272, hier S. 265  f.



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nur im Rahmen von Untersuchungen innerhalb einer Gemarkung für Ortschroniken und innerhalb von Regionalstudien.29

2 Archäologischer Nachweis zum Baubestand alemannischer Siedlungen: Das Beispiel Lauchheim, Ostalbkreis, Gewann „Mittelhofen“ Die Auffindungsgeschichte und Grabungssituation der frühmittelalterlichen Siedlung bei Lauchheim (Ostalbkreis) ist ein charakteristisches Beispiel für das oben Dargestellte. Nachdem 1985 im Zuge von Baumaßnahmen westlich vor der Stadt im Gewann „Wasserfurche“ Skelette eines Reihengräberfeldes aufgedeckt wurden, stellte sich bald die Frage nach einer etwaigen zugehörigen Siedlung. Sie wurde im unweit gelegenen Gewann „Mittelhofen“ vermutet. Weitere Bebauungspläne für ein umfangreiches Gewerbegebiet und einen Straßenneubau boten die Chance, das betreffende Gelände im Vorfeld untersuchen zu können. Insgesamt wurden zwischen 1989 und 2005 mehr als 12 ha freigelegt und über 22.000 Befunde einer wüst gefallenen Siedlung dokumentiert.30 Das aufgedeckte Siedlungsareal erstreckt sich etwa 300 m in Nord-Süd-Ausdehnung sowie 500 m in West-Ostrichtung (Abb. 1). Die Nutzung erfolgte, zumindest in Teilbereichen über 600 Jahre hinweg, von der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts

29 Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8); ders., Grabungen in einer früh- bis hochmittelalterlichen Siedlung am Ortsrand von Schalkstetten (Gde. Amstetten, Alb-Donau-Kreis), in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2005 (2006), S. 181–183; Faustmann und Hoeper nutzten die bei der Denkmalpflege vorliegenden Fundstellen, um Regionalstudien für den Breisgau und den südlichen Oberrhein zu erstellen, dabei ist die Begehungsquote und die Qualität einzelner Finder stark unterschiedlich, wie Faustmann zeigen konnte, vgl. Faustmann, Besiedlungswandel (wie Anm. 21), S. 35  f. 30 Ingo Stork, Die frühmittelalterliche Siedlung zum Gräberfeld bei Lauchheim, Ostalbkreis, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1989 (1990), S. 212–217; ders., Fürst und Bauer, Heide und Christ. 10 Jahre archäologische Forschungen in Lauchheim/Ostalbkreis (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg, Heft  29), Stuttgart 1995; ders., Friedhof und Dorf, Herrenhof und Adelsgrab. Der einmalige Befund Lauchheim, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S. 290–310; ders., Lauchheim im frühen Mittelalter. In: Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland, hg. von Wilfried Menghin, Stuttgart 2002, S. 321–330; ders., Wer bestattete beim Hof? Soziale Aspekte von Siedlungsbestattungen in Lauchheim „Mittelhofen“, in: Der Südwesten im 8.  Jahrhundert aus historischer und archäologischer Sicht, hg. von Hans Ulrich Nuber, Heiko Steuer und Thomas Zotz (Archäologie und Geschichte 13), Ostfildern 2004, S. 219–232; ders., Goldener Abschied – zum Ende der Grabungen in der Dorfwüstung Mittelhofen, Stadt Lauchheim, Ostalbkreis, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2005 (2006), S. 174–177; ders., Friedhof und Dorf – der exemplarische Fall Lauchheim. in: Die Alamannen auf der Ostalb. Frühe Siedler im Raum zwischen Lauchheim und Niederstotzingen, hg. von Andreas Gut (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 60), Stuttgart 2010, S. 92–105.

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bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Insgesamt konnten 150 ebenerdige Gebäudegrundrisse und 100 eingetiefte Gebäude herausgearbeitet werden, was derzeit die umfänglichste Zusammenstellung an einem Siedlungsplatz für Südwestdeutschland darstellt. Die Varianz ist dabei sehr groß und nicht selten sind mehrere Möglichkeiten hinsichtlich der Grundriss-Rekonstruktion denkbar. Mehrere Bereiche im Siedlungsgefüge fallen für die Ansprache einzelner Bauten komplett aus, da Gebäude, die sich überlagerten, ein dichtes Gewirr an Befunden hinterlassen haben, was die Herausarbeitung plausibler Grundriss-Rekonstruktionen nicht erlaubt.31 Hinzu kommen erhaltungsbedingte Einschränkungen, denn auch an diesem Fundplatz waren nur noch die letzten Reste ehemaliger Bauteile im archäologischen Befund erhalten. Etwaige Strukturen innerhalb der Humusschicht waren zum einen durch Erosion und Ackerbau gestört und zum anderen farblich kaum abgrenzbar. Aus der erkennbaren Befundlage können bestenfalls Informationen über den ehemaligen Umfang des Gebäudes abgeleitet werden, also die horizontale Grundstruktur eines Gebäudes. Aussagen zur Rekonstruktion von Aufgehendem bleiben vage. Auch die Datierung der Grundrisse mit ehemals ebenerdigem Nutzungsniveau gestaltet sich problematisch. Das Bauholz hat sich nicht erhalten und fällt damit für Radiokarbon- oder gar dendrochronologische Datierungen aus. Fundmaterial aus den Pfostengruben ist nicht zweifelsfrei dem Bau beziehungsweise der Bauzeit zuweisbar. Abgerundete Kanten an Keramikfragmenten aus den Pfostengruben verweisen vielmehr darauf, dass es sich um verlagertes Material vorausgegangener Siedlungsphasen handelt und beim Wiederbefüllen der Setzgruben in den Befund gelangten. Nicht zuletzt haben sich sowohl in Lauchheim als auch an den anderen bislang aufgedeckten Siedlungsplätzen Südwestdeutschlands die Nutzungshorizonte nicht erhalten, sodass die Gebäude keiner Feinstratigraphie zugeordnet werden können, wie es etwa in Siedlungen des Küstengebietes möglich ist.32 Die rekonstruierten Gebäude aus sich heraus zu datieren ist nahezu unmöglich. Auch die Methode, Fundmaterial aus der Umgebung der Grundrisse zu kartieren und aus Konzentrationen an Funden einer bestimmten Zeitphase zu einer Annäherung zu gelangen33, ist für weite Teile des Fundplatzes Lauchheim, Gewann Mittelhofen, nicht anwendbar, da sich meist mehrere Gebäude

31 Vgl. dazu auch grundsätzlich Jens Berthold, Pfostenbauten am Himmelszelt, Zur Rekonstruktion von Pfostenbaugrundrissen, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 22 (2010), S. 59–66. 32 Bei einer Ausgrabung in Schalkstetten wurde eine schwarze Kulturschicht aufgedeckt, in die ein Gebäudebefund eingetieft worden war. Damit liegt eines der wenigen positiven Beispiele für gut erhaltene Nutzungshorizonte in Süddeutschland vor. Feinstratigraphische Beobachtungen konnten allerdings auch hier nicht erfolgen, da sich keine Farbunterschiede in der dunklen Schicht abzeichneten. Ein Datierungsansatz gelingt somit nur anhand der Gesamtheit des Fundmaterials aus der Kulturschicht. Schreg, Schalkstetten (wie Anm. 29), S. 16  f. 33 Jess Tipper, The Grubenhaus in Anglo-Saxon England (Landscape Research Centre Archaeological Monograph Series Number 2, Volume 1), Colchester 2004, S. 56  ff.



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Abb. 1: Luftbild der Stadt Lauchheim und Umgebung mit hineinprojizierten Ausgrabungsflächen im Gewann „Mittelhofen/Breite“. Luftbild L 7126/086–06_4645–17 Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: O. Braasch, Landshut; Bearbeitung: St. Krauth

an derselben Stelle überlagern. Die etwaigen Fundkonzentrationen sind keinem speziellen Grundriss mehr zuzuweisen und liefern damit nur grobe Anhaltspunkte für die Datierung.34

34 Gerade deshalb liegt der Vorteil des Siedlungsausschnitts in Heidenheim-Schnaitheim, Gewann „Seewiesen“, in der schwerpunktmäßigen Nutzungszeit des Siedlungsplatzes im 7./8.  Jahrhundert. Die im Vergleich mit Lauchheim kurze Inanspruchnahme des Areals zu Siedlungszwecken führt dazu, dass es kaum Überlagerungen von Gebäuden gab und somit die Hausgrundrisse des 7./8. Jahrhundert relativ klar hervortreten. Die rekonstruierbaren Grundrisse umfassen dort vorwiegend langschmale Pfostenbauten, deren Außenwandpfosten „paarweise auf etwa derselben Höhe im rechten Winkel zur Längsachse des Hauses“ platziert standen (Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S. 56, Schnaitheim Typ 1). Daneben konnten Grundrisse dieses Bauprinzips, jedoch kleineren Umfangs und mit mächtigeren Pfosten erfasst werden, die als Speicherbauten interpretiert wurden (Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S.  56  f. Die Konstruktion variiert dahingehend, dass an manchen Bauten doppelt gesetzte Pfosten dokumentiert wurden (Schnaitheim Typ 3), oder auch vereinzelt Wandgräbchen (Schnaitheim Typ 4). Des Weiteren wurden an vier Gebäuden dem Hauptbau seitlich vorangestellte Pfosten zugerechnet, die als „Laubengang“ gewertet wurden (Schnaitheim Typ 2).

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2.1 Eingetiefte Gebäude Das Gros an Fundmaterial entstammt einer Befundgattung, die typisch ist für frühmittelalterliche Siedlungsplätze, den sogenannten Grubenhäusern. Die Grubenverfüllungen sind allerdings nicht als geschlossene Befunde zu werten, da Verlauf und Dauer des Verfüllprozesses nie abschließend geklärt werden können. Aussagewerte des daraus geborgenen Fundmaterials müssen deshalb einer intensiven Quellenkritik unterzogen werden.35 Die Ansprache von Gruben als Grubenhäuser erfolgt aufgrund einer bestimmten Größe und Form. Es handelt sich um rechteckige oder quadratische, selten ovale, kastenförmig in den Boden eingetiefte Gruben, die auf Sohlniveau meist mehrere Pfostenstellungen aufweisen. Anzahl und Stellung dieser Pfosten wurden als Merkmale für eine Typologie genutzt, weil sie als konstruktive Elemente der Bauform gelten.36 Nach der der heutigen Forschung immer noch zugrundeliegenden Typologie von Claus Ahrens aus den 1960er-Jahren beginnt die Einteilung mit den pfostenlosen Grubenhäusern, genauer gesagt sind dabei keine Pfostenspuren auf Sohlniveau erkennbar. Der zweite Typ besitzt mittig an den Schmalseiten je einen Pfosten, denen in der Regel eine firsttragende Funktion zugeschrieben wird, weshalb dieser Typ als Giebelpfostenhaus oder Firstpfostenkonstruktion benannt wird.37 Zusätzlich kann im Zentrum der Gruben ein weiterer Pfosten stützende Funktionen übernommen haben, sodass sich im Befund eine Reihe von drei entlang der Längsachse liegenden Pfosten zeigt.38 Eine Erweiterung des Bauprinzips mit Firstpfosten ist gegeben, wenn zusätzlich in den vier Grubenecken Pfosten platziert wurden (Sechspfostenkonstruktion/Sechspfostenbauten). Die Eckpfosten dienen als Stabilisierung der Wandkonstruktion.39 Eine alternative Bauweise kommt ohne Firstpfosten aus, die sogenannte Eckpfostenkonstruktion oder auch Vierpfostenbauten genannt. Der First kann dabei durch abgefangene Firstpfosten gestützt worden sein, denkbar ist aber auch ein Sparrendach, wobei mangels aufgehender Befunde die Überlegungen zur Dachkonstruktion reine Theorie bleiben. Ahrens definierte zudem eine Konstruktionsweise, die drei Pfosten an den Längsseiten und einen mittig an der Schmalseite platzierten Pfosten aufwies. Er nahm diese Pfosten für eine aufgehende Wandkonstruktion in Anspruch und sprach deshalb auch vom sogenannten „Wandpfostenhaus“.40 Ein

35 Zur Quellenkritik Datierungen aus Grubenhausverfüllungen betreffend vgl. Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S. 52  f. So auch Tipper, The Grubenhaus (wie Anm. 33), S. 99  ff. 36 Claus Ahrens, Vorgeschichte des Kreises Pinneberg und der Insel Helgoland (Die vor- und frühgeschichtlichen Denkmäler und Funde in Schleswig-Holstein 7), Neumünster 1966, S. 207  ff. 37 Ahrens, Vorgeschichte (wie Anm. 36), S. 211  f.; Reto Marti, Grubenhaus bis Wohnturm. Siedlungsbefunde im ländlichen Raum der Nordwestschweiz, in: Siedlungsbefunde und Fundkomplexe der Zeit zwischen 800 und 1350, Basel 2011, S. 11–22, hier S. 13 Abb. 3 Rekonstruktionszeichnung. 38 Beispielsweise Kind, Ulm-Eggingen (wie Anm. 9), S. 326, Abb. 219. 39 Ahrens, Vorgeschichte (wie Anm. 36), S. 213  ff. 40 Ahrens, Vorgeschichte (wie Anm. 36), S. 216.



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weiterer besonderer Typ liegt mit den sogenannten Grubenhäusern mit sechseckiger Pfostenstellung vor. Die Ecken wurden nicht direkt besetzt, sondern je zwei Pfosten waren leicht von der Ecke eingerückt an den Längsseiten sowie zwei Firstpfosten an den Schmalseiten platziert worden.41 Bis auf die beiden letztgenannten Typen sind die Konstruktionsvarianten auch am Fundplatz Lauchheim dokumentiert. Zusätzlich gibt es Gruben, die außer einer Mittelstütze keine weiteren Pfostenbefunde aufwiesen. Der aussagekräftigste Befund innerhalb dieser Kategorie ist in Lauchheim am ehesten als Keller unter einem ebenerdigen Gebäude zu interpretieren und somit nicht als Grubenhaus. Die gängige Vorstellung der kontinentalen Forschung sieht die Gruben als das Grundelement der Gebäude. Der Umriss der Grube beschreibt den Grundriss und je nach Pfostenstellung wird eine einfache Satteldachkonstruktion über zwei Firstpfosten rekonstruiert oder die in den Grubenecken platzierten Pfosten werden als tragende Elemente eines kleinen, teilweise eingetieften Pfostenbaues in Anspruch genommen.42 Damit werden die Gruben als eigenständiger Baukörper betrachtet. Datierungsansätze43, die aufgrund der Funde in den Verfüllungen erstellt wurden, lassen annehmen, dass sich die Grundfläche und die Pfostenanzahl vom Frühzum Hochmittelalter tendenziell verringert.44 Eine parallele Nutzung verschiedener Formen scheint aber nicht ausgeschlossen.45 Die britische Forschung entwarf eine abweichende Interpretation, vor allem in Bezug auf die Sechspfostenbauten. Seitdem Stanley West anhand zweier brandzerstörter Gebäude aus West Stow eine Rekonstruktion gelang, die nicht von einem eingetieften Gebäude ausgeht, sondern ein ebenerdiges Gebäude vorsieht, unter dem ein Keller liegt, wurde die britische Archäologie sensibilisiert und diskutiert seither beide Rekonstruktionsvarianten. Im Detail lieferte der Befund der „Grubenhäuser“ 3 und 15 aus West Stow Holzbohlen, die offenbar bei einem Brandereignis in die Grube gefallen waren, was aus feinstratigraphischen Beobachtungen abgeleitet werden

41 Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 160  ff. mit Abbildungen 58, 59 und 60. 42 Matthias Baumhauer, Archäologische Studie zu ausgewählten Aspekten der mittelalterlichen Handwerkstopographie im deutschsprachigen Raum. Bestandsaufnahme der Handwerksbefunde vom 6.–14. Jahrhundert und vergleichende Analyse, phil. Diss., Tübingen 2003, S. 245 (online: http:// nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21–opus-12458); Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), 159  ff.; ders., Farmsteads in early medieval Germany. Architecture and organisation, in: Arqueologia de la Arquitectura 9 (2012), S. 247–265, hier S. 258  ff. 43 Generell zur Datierungsproblematik von Grubenhausverfüllungen s.  o. und Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S. 52  f.; Tipper, The Grubenhaus (wie Anm. 33), S. 99  ff. 44 Kind, Ulm-Eggingen (wie Anm. 9), S. 327; Bänteli, Höneisen und Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 59  ff.; Marti, Grubenhaus bis Wohnturm (wie Anm. 37), S. 11  ff. mit Abb. 2. 45 Marti, Grubenhaus bis Wohnturm (wie Anm. 37); Georges Descoeudres, Befunde aus städtischen und ländlichen Siedlungen (800–1350). Eine erste Synthese, in: Siedlungsbefunde und Fundkomplexe der Zeit zwischen 800 und 1350, Basel 2011, S. 467–474, hier S. 467.

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konnte.46 Diese Holzbohlen wurden als Teile der Wandkonstruktion eines ebenerdigen Gebäudes beziehungsweise als ehemalige Fußbodenplanken interpretiert.47 Die Grube befand sich demnach unter einem Holzfußboden und war mutmaßlich nur durch eine Luke oder Öffnung erreichbar. Laut der Vorstellung von West gehörte die Grube zu einem ebenerdigen Gebäude, dessen Grundriss über den der Grube hinaus reicht und in Schwellbalkentechnik errichtet wurde. Aufgrund des erodierten ehemaligen Gehniveaus sind die ehemals darauf aufliegenden Schwellbalken des ebenerdigen Gebäudes jedoch nicht mehr nachweisbar. Vergleichbare Befunde, die das britische Modell bestätigen könnten, sind aus Südwestdeutschland bislang nicht bekannt, im Elsass dagegen wurde jüngst ein Befund in diese Richtung interpretiert.48 Da die ehemaligen Nutzungshorizonte auf den Mineralböden durch Ackerbau zerstört sind, ist es selten möglich einen eindeutigen Befund für ein unterkellertes Schwellbalkengebäude zu erfassen. In Lauchheim könnte der bereits angesprochene Befund des Kellers mit Mittelstütze eine entwickeltere Ausprägung dieser Bauweise darstellen, allerdings ist aufgrund möglicher weiterer Überlagerungen anderer Gebäude die Zugehörigkeit nicht eindeutig. Insgesamt ist das Phänomen der Grubenhäuser, wenn auch weit verbreitet dokumentiert und als wesentlicher Bestandteil des frühmittelalterlichen Gebäudebestandes betrachtet, nicht ausreichend erforscht. Die stark differierende Erscheinungsform der Gruben und ihrer Einbauten könnte darauf hinweisen, dass mehrere Nutzungen und damit auch Bauformen nebeneinander möglich sind.

2.2 Ebenerdige ein- und zweischiffige Pfostengebäude Ehemalige ebenerdige Gebäude sind, wie bereits angedeutet, weitaus schlechter zu erfassen, als eingetiefte Grubenhäuser. Am besten gelingt ein Nachweis noch für Pfostenkonstruktionen, da die tragenden Pfosten hier ebenfalls im Boden verankert werden mussten und sich ihre Spuren trotz Erosion der alten Oberflächen im archäologischen Befund abzeichnen können.49 Für die Merowingerzeit überwiegen in den größeren, in jüngerer Zeit gegrabenen Siedlungsausschnitten wie Heiden-

46 Stanley West, West Stow. The Anglo-Saxon Village (East Anglian Archaeology 24), Ipswich 1985. Es handelt sich um die Gruben „sunken featured buildings“ 3 und 15. 47 Tipper, The Grubenhaus (wie Anm. 33); Stanley West, The Anglo-Saxon village of West Stow (Suffolk). An interim report or the excavations 1965–8, in: Medieval Archaeology 13 (1969), S. 1–20; ders., West Stow (wie Anm. 46); Jess Tipper, Experimental Archaeology and Fire: the investigation of a burnt reconstruction at West Stow Anglo-Saxon Village (East Anglian Archaeology Report 146), Bury St Edmunds 2012, S. 160  ff. 48 Logel, Ostheim (wie Anm. 15), 18  f. 49 Grundsätzlich zur Terminologieabgrenzung von Pfosten- und Ständerbauten vgl. W. Haio Zimmermann, Pfosten, Ständer und Schwelle und der Übergang vom Pfosten- zum Ständerbau. Eine Studie



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heim-Schnaitheim Gewann „Seewiesen“ oder Lauchheim Gewann „Mittelhofen“ Grundrisse, die mit zwei oder drei parallelen Pfostenreihen rekonstruiert werden.50 Die Pfosten an sich können sowohl tragende Gebäudeteile darstellen als auch für die Wandkonstruktion genutzt worden sein. Indizien dazu werden aus der Pfostengröße und deren Anordnung abgeleitet. Die Pfostengröße ist jedoch nicht immer zweifelsfrei zu ermitteln, da sich vielfach nur die gesamte ausgehobene Setzgrube erkennen lässt, nicht der darin eingestellte Pfosten. Rekonstruktionsmöglichkeiten ergeben sich aufgrund der Befundlage lediglich für die groben Grundrisse. Das Aussehen der Wände, Positionen von Fenstern oder gar Aussagen zur Binneneinteilung sind nur mittels interpretativer Überlegungen ableitbar, eindeutige Befunde sind rar.51 Aufgrund von Unregelmäßigkeiten innerhalb der Pfostenstellung kann in einzelnen Fällen auf Zugangssituationen geschlossen werden.52 Die Größen der Gebäude variieren: Es zeichnen sich kleinere Gebäude mit Grundrissgrößen zwischen 10 und 60 m², aber auch langrechteckige Großbauten mit 100 bis 150 m² ab. Die Seitenlängen variieren zwischen 7 und 18 m, die Breiten zwischen 5 und 8 m.53

2.3 Ebenerdige dreischiffige bzw. vierschiffige Pfostengebäude Eine Ausprägung der Pfostenbauten ist mit mehrschiffigen Gebäuden gegeben, deren Zugehörigkeit in das 7. und 8. Jahrhundert nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Es handelt sich um ein Erscheinungsbild, bei dem vier bis sechs parallele Pfostenreihen einen in Längsrichtung stark gegliederten Baukörper beschreiben. Bereits in der Einleitung wurde die Arbeit aus den 1950er-Jahren von Torsten Gebhard erwähnt, der abgeleitet

zu Innovation und Beharrung im Hausbau, in: Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 25 (1998), S. 9–241, hier S. 19  ff. 50 Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S. 55  ff.; Schoenenberg, Lauchheim (wie Anm. 11). 51 Pfosten geringeren Durchmessers innerhalb von zwei Grundrissen des Typs Renningen/Heidenheim nach Scholz und Schreg (Heidenheim Alenkastell und Heidenheim-Schnaitheim, „Fürsamen“) veranlassten die Bearbeiter zur Interpretation als Binneneinteilung. Die Gebäude wurden dem 4./5. Jh. zugerechnet und die reihigen Pfostensetzungen als Boxeneinteilungen angesprochen. Monika Eule zeigt ebenfalls aufgrund von Pfostenreihen innerhalb von Gebäudebefunden der Münchner Schotterebene Möglichkeiten für Innengliederungen auf, etwa Querriegel oder Zwei- bzw. Dreiteilung von Gebäuden; Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S. 54. 52 Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S. 64; Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S. 62; Bänteli, Höneisen und Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 67. 53 Diese metrischen Angaben decken sich mit anderen Siedlungsplätzen: Wülfingen vgl. Mechthild Schulze, Die Wüstung Wülfingen am Kocher, in: Jahrbuch des RGZM 23/24 (1976/77 [1982]), S. 154–211, hier S. 165  f.; Berslingen vgl. Bänteli, Höneisen und Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 65; Schnaitheim vgl. Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10), S.  57, Abb.  39; Mühlhausen-Ehingen vgl. Christel Bücker, Michael Hoeper, Markus Höneisen und Michael Schmaedecke, Hof, Weiler, Dorf, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S. 311–322, hier S. 314  f.

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von den Angaben in Titel 10 der Lex Baiuvariorum zeichnerisch Gebäude rekonstruierte.54 Das Augenmerk soll im Folgenden dem von Gebhard als Haupthaus dargestellten Gebäude gelten, welches er dreischiffig mit einem massiven, geschlossenen inneren Baukörper und leichter gebauten äußeren Wänden darstellte. Die aus dem baiuvarischen Rechtstext entnommenen Merkmale waren: ein inneres Gebäude (LB X.8: interiores aedificii) mit der sogenannten Winkelsäule (LB X.8: illam columnam eicerit, qum „winchilsul“ vocant), weitere Pfosten/Säulen in dieser Reihe (LB X.9: ceteras vero huius ordinis compenantur), des Weiteren eine äußere Säulenreihe mit Eckpfosten (LB X.10: exteriores vero ordinis columna angularis), First (LB X.6) und die zugehörige Firstsäule (LB X.7: columnam qua culmen sustentatur, qum „firstsul“ vocant). Seine archäologische Bestätigung scheint die Darstellung Gebhards im sogenannten Typ Irlbach, abgeleitet vom bayerischen Fundplatz, zu finden, bei dem die Pfostenstellungen eines dreischiffigen Gebäudes eine Rekonstruktion mit innerem „Gebäude“ und äußeren Säulenreihen widerzuspiegeln scheinen.55 Aus Baden-Württemberg wird ein Grundriss, Haus K aus Ulm-Eggingen, mit in die Forschungsbetrachtung einbezogen. Wandgräbchen im Innern des Grundrisses machen ebenfalls eine geschlossene Wand plausibel. Auf einmal schien der Nachweis erbracht, dass die „richtigen Haupthäuser“, wie es Gebhard formuliert hatte, nicht nur auf Bayern beschränkt waren und damit auch als alemannische Bauform auftreten. Allerdings ist die Datierung des Egginger Hauses nicht einwandfrei geklärt und auch nicht, ob sich im Innern ein geschlossener Raum befand, oder ob die Schmalseiten nicht etwa offen gestaltet waren. Diese Problematik steht generell im Raum, verbunden mit der Frage, was die Lex Baiuvariorum mit dem inneren Gebäude, interiores aedificii, meint. Aus den archäologischen Befunden sind über die Binneneinteilung der Gebäude nur sehr oberflächliche Aussagen ableitbar. Obwohl mittlerweile mehrere Gebäuderekonstruktionen mit breitem Mittelschiff und schmaleren Seitenschiffen publiziert und den oben genannten Befunden zur Seite gestellt wurden,56 ist zu konstatieren, dass sich

54 Gebhardt, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3). 55 Damals waren noch keine außerbairischen Gebäude dieses Typs bekannt. Gebhard hatte trotzdem spekuliert, dass die alemannischen Hauptgebäude ebenfalls derart gebaut sein müssen, allein deshalb weil er Informationen aus der Lex Baiuvariorum und der Lex Alamannorum miteinander kombinierte. Alle anderen Gebäudetypen mussten seiner Argumentation zufolge also Nebengebäude darstellen, vgl. Gebhard, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3), S. 234. Zu Irlbach: Karl Böhm, „Elirespach“ wiederentdeckt – ein neuer bajuwarischer Haustyp aus Irlbach. Das archäologische Jahr in Bayern 1992, 138–140; Fries-Knoblach (wie Anm. 27), 360  f. 56 Lauchheim „Mittelhofen“ Haus 88, 91 stehen allerdings im Verdacht, frühestens der Karolingerzeit anzugehören vgl. Schoenenberg, Lauchheim (wie Anm. 11). Am Fundplatz Schaffhausen-Berslingen wurden vier- bis sechsschiffige Grundrisse rekonstruiert, die dem Grundschema des quadratischen oder rechteckigen, mehrschiffigen Gebäudes folgen, aufgrund von zusätzlichen Mittelpfosten allerdings einen noch stärker untergliederten Raumeindruck hinterlassen vgl. Bänteli, Höneisen und



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insgesamt betrachtet kein homogenes Bild eröffnet57 und eine detaillierte Ausdifferenzierung bislang nur ansatzweise stattgefunden hat.58 Gerne wurden solch mehrschiffige Gebäude als Haupthaus in Anspruch genommen, sicher nicht ohne den Rückgriff auf die Schriftquellen und Gebhards Rekonstruktion, zumal sich darin ein herausragender Charakter zu offenbaren schien und damit ein Pendant zu den aus dem Norden bekannten Hallenbauten bei der Hand war.59 Ob sich die These vom Haupthaus als generelle Funktionszuweisung bestätigt, muss noch dahingestellt bleiben. Es scheint vielmehr, dass sich hinter den differierenden Bauformen wiederum mehrere Funktionen oder gar eine zeitliche Tiefe verbergen könnte.

2.4 Ebenerdige Wandgräbchenbauten Neben den Pfostenbauten finden sich in großer Zahl auch Gebäude, deren Wandkonstruktion schmale gräbchenartige Verfärbungen im Boden hinterließen, das sogenannte Wandgräbchen, weshalb diese im Gegensatz zu den Pfostengebäuden leichter als Grundriss erkannt werden (Abb. 2). Der Begriff „Wandgräbchen“ ist irreführend, denn darunter werden verschiedene Konstruktionsprinzipien zusammengefasst. Eine Unterscheidung gelingt nur bei guter Befunderhaltung und durch eine umfassende Dokumentation der Gräbchenprofile. Im hellen Kalkschotterboden am Fundplatz Lauchheim konnten sich die dunkel verfüllten Wandgräbchen sehr gut abzeichnen, wenn auch die Unterschei-

Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 65  f. Einen ähnlichen, aber nur teilweise dokumentierten Befund lieferten Ausgrabungen in Schleitheim, „Im Brüel“ mit Haus A vgl. Markus Höneisen, Alamannen in Schleitheim: Von den Friedhöfen zu den Siedlungen, in: Archäologie der Schweiz 22 (1999), S. 145– 152, hier S. 146 Haus A, Schleitheim „im Brüel“. Davon sind langschmale Gebäude mit schmalen Seitenschiffen abzugrenzen, die von Schreg und Scholz als Typ Renningen/Heidenheim definiert wurden und wohl eher dem 4./5. Jahrhundert angehören; vgl. Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 170  ff., und Markus Scholz, Das römische Reiterkastell Aquileia/Heidenheim. Die Ergebnisse der Ausgrabungen 2000–2004 (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 110), Stuttgart 2009, S. 455, Abb. 6. 57 Beim Befund aus Irlbach stehen die inneren und äußeren Pfostenreihen nicht parallel zueinander. Beispielsweise befinden sich nun an anderen Gebäuden die inneren Pfostenreihen über die gesamte Länge verteilt. Ein inneres Quadrat, welches von vier Pfostenreihen umrandet wird, scheint demnach nicht immer plausibel. Auch die Pfostenstellungen zwischen inneren und äußeren Pfostenreihen können differieren und deuten verschiedene Bauprinzipien an, denn mal stehen sie alle exakt parallel (Hinweis auf Gebindebau) und mal leicht versetzt zueinander. 58 Fries-Knoblach, Hausbau und Siedlungen (wie Anm. 27), S. 360  ff.; Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S. 48  ff. Davon abgegrenzt mittlerweile Typ Renningen/Heidenheim vgl. Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 170  ff., und Scholz, Aquileia/Heidenheim (wie Anm. 56), S. 455. 59 Bänteli, Höneisen und Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 66.

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Abb. 2: Im hellen Juraboden der Ostalb bei Lauchheim haben sich Wandgräbchen soweit sie erhalten waren sehr gut abgezeichnet. Luftbild L 7126–086–02_832–20 Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: O. Braasch, Landshut.

dung von Befunden innerhalb der Gräbchenverfüllung selbst selten möglich war. Die hohe Anzahl an beobachteten Gebäuden bietet dennoch die Chance, die Bauprinzipien genauer untersuchen zu können. Demnach können die sogenannten Wandgräbchen ein tatsächlich gezogenes Gräbchen widerspiegeln, in das die Pfosten gestellt wurden.60 Die Sohle solcher Gräbchen ist unregelmäßig flach und von wannenförmigem Querschnitt (Abb. 3a). Ähnlich im Erscheinungsbild zeigt sich die Pfosten-Riegel-Bauweise, bei der das tragende Gerüst ebenfalls aus Pfosten gebildet wird, zwischen die horizontal liegende Bohlen oder ein Riegel zur Aussteifung eines Gefaches eingelassen werden (Abb. 3b). Im Befundbild dieser Bauweise reichen die Pfosten damit tiefer in den Boden als das Gräbchen der horizontalen Bohlen.61 Davon abzugrenzen ist die Schwellenkonstruktion: Auf einen horizontal verlegten Schwellbalken wird sowohl die Wand aufgebaut als auch die tragenden Pfosten, in dem Falle Ständer genannt, eingezapft (Abb.  3c). Die Sohle des Gräbchens ist hierbei horizontal und im Querschnitt quadratisch bis rechteckig. Im Unterschied zur Pfosten-Riegel-Bauweise werden keine Pfostenspuren beobachtet, die unter die Gräbchensohle reichen.

60 Marcus Scholz konnte an Baracken des römischen Kastells Heidenheim „Aquileia“ das Prinzip des linear ausgehobenen Wandgräbchens wahrscheinlich machen, in das die Pfosten der Wandkonstruktion eingestellt wurden. Auffallende Merkmale sind die Sohle, die zwar flach horizontal, allerdings mit leichten Unebenheiten erscheint, des Weiteren dass die Pfosten nur selten unter die Gräbchensohle reichen, dass die Gräbchen in der Regel linear verlaufen und dass im Querprofil das Gräbchen mehr oder weniger flach muldenförmig erscheint. In der Regel sind solche Gräbchen 30 bis 40 cm breit und Pfosten haben einen Umfang von etwa 15 bis 20 cm. Scholz spricht von einer Art Systembauweise, bei der Fertigbauteile für die Wände hintereinander weg in die Gräbchen platziert wurden. Vgl. Scholz, Aquileia/Heidenheim (wie Anm. 56). 61 Die Pfosten der Längsseiten müssen nicht zwingend jochweise parallel stehen. Sie können aber auch Teil eines Gebindes sein.

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Abb. 3a: Schematische Darstellung der Erscheinungsbilder von Wandgräbchen im Befund (jeweils im Längs- und Querprofil) samt Rekonstruktion eines möglichen Bauprinzips. Schema 1, Gräbchen mit eingestellten Pfosten. Zeichnung V. Schoenenberg.

Abb. 3b: Schematische Darstellung der Erscheinungsbilder von Wandgräbchen im Befund (jeweils im Längs- und Querprofil) samt Rekonstruktion eines möglichen Bauprinzips. Schema 2, Pfosten mit dazwischen eingelassenen Riegel. Zeichnung V. Schoenenberg.

Abb. 3c: Schematische Darstellung der Erscheinungsbilder von Wandgräbchen im Befund (jeweils im Längs- und Querprofil) samt Rekonstruktion eines möglichen Bauprinzips. Schema 3, Schwelle mit eingezapften Ständern. Zeichnung V. Schoenenberg, Rekonstruktion St. Krauth.

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Ohne Quer- und Längsprofile der Gräbchen sind die Unterschiede in der Ausgestaltung der linearen Gräbchenstrukturen nicht auszumachen.62 Zukünftige Grabungen sollten deshalb sensibel mit dieser Befundgattung umgehen und so genau als möglich dokumentieren.

2.5 Zeitliche Tiefe der Konstruktionsvarianten und Funktionsanalyse Bisher konnte anhand der dreischiffigen Gebäudeerscheinungen gezeigt werden, dass sich eine zeitliche Tiefe der Varianten abzuzeichnen scheint. Relativchronologische Analysen am Fundplatz Lauchheim konnten nun darlegen, dass verschiedenste Gebäudeformen offenbar gleichzeitig genutzt wurden. Da die Gebäude an sich nicht direkt datiert werden können, bleibt nur die Chance über relativ-stratigraphische Abfolgen herauszufinden, welche Konstruktionsvarianten sich in welcher Reihenfolge ablösen, um damit auch eine Abfolge der Gebäudetypen ableiten zu können. Insgesamt konnten an fünf Siedlungsstellen innerhalb des gesamten Areals im Gewann „Mittelhofen“ sichere relative Abfolgen von Befunden offen gelegt werden. Die gewonnenen Daten verknüpft mit den wenigen Hinweisen absoluter Datierungen deuten an, dass das Prinzip der Schwellenkonstruktion seit der späten Merowingerzeit angewandt wurde, regelhaft offenbar ab der Karolingerzeit. Die Pfosten-RiegelBauweise scheint im Vergleich dazu eher eine etwas jüngere Konstruktionsvariante darzustellen, da sie in Lauchheim immer am Ende der relativen Abfolgen steht.63 Die parallele Nutzung verschiedenster Gebäudeformen macht auch die Lage der rekonstruierten Grundrisse zueinander plausibel, wenngleich derartige Betrachtungen aufgrund mangelnder feinchronologischer Datierungsansätze nicht belastbar sind, denn die Bauten an sich sind ja kaum datierbar. In Lauchheim legen Ausrichtung und Verteilung der Wandgräbchenbauten nahe, dass dieses Konstruktionsprinzip innerhalb eines begrenzten Zeitraumes im Früh- bzw. Hochmittelalter angewandt wurde.

62 In Heidenheim, Schnaitheim-Seewiesen kommen Wandgräbchenhäuser vor, in die Pfosten eingestellt waren. Eine Unterscheidung nach der Tiefe der eingestellten Pfosten ist nicht aus der Publikation ablesbar, da keine Profilbeschreibungen dargelegt werden. In einem Fall wird ein Wandgräbchenhaus von einem Pfostenbau geschnitten, ist also älter vgl. Leinthaler, Schnaitheim (wie Anm. 10). Burgheim in Bayern sowie Aschheim-Saturnstraße lieferten auch ein Wandgräbchenhaus, dort reichten die Pfosten nicht unter die Gabensohle und wiesen eine nach unten abgerundete Form auf, vgl. Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), 46  f. 63 Schoenenberg, Lauchheim in Vorbereitung (wie Anm. 11). Ein absoluter Zeitansatz war nicht zu ermitteln.



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Als Fazit der Betrachtung zur Bauweise im frühmittelalterlichen alemannischen Raum bleibt festzuhalten, dass sich eine große Vielfalt an Konstruktionsvarianten aufzeigen lässt. Dies wird bestätigt durch Untersuchungen aus dem baiuvarischen Gebiet.64 Funktionszuweisungen für bestimmte Gebäudetypen sind schwerlich zu gewinnen.65 Dazu kommt, dass die lediglich auf Grundrissebene fassbare Konstruktionsvariante zwar differieren kann, funktional aber keine Unterschiede bestehen müssen. Langschmale Gebäude stehen im Verdacht als Wohn-Stallhäuser genutzt worden zu sein, was Phosphatanalysen nahelegen. Phosphate werden beispielsweise durch Exkremente von Mensch und Tier ausgeschieden und dauerhaft im Boden gebunden. Erhöhte Phosphatwerte können demnach spezielle Aktivitätszonen wie beispielsweise Ställe, aber auch Feuerstellen oder Misthaufen widerspiegeln.66 Für den Siedlungsplatz bei Lauchheim konnte für vier Gebäude eine zweigeteilte Nutzung aufgrund unterschiedlich hoher Phosphatkonzentrationen abgeleitet werden.67 Die höheren Werte wurden dabei im westlichen Gebäudebereich gemessen, weshalb dieser als Viehstall interpretiert wurde.68 Ebenso konnten die Gebäude auch spiegelverkehrt genutzt worden sein, was wiederum erhöhte Phosphatwerte in östlichen Gebäudeteilen andeuten.69 Eine weitere funktionale Ansprache ist für kleine Bauten von rechteckiger oder quadratischer Form mit vier bis neun vergleichsweise mächtigen Pfosten möglich. Sie werden als Speicherbauten angesprochen, die, leicht vom Boden erhöht, große Lasten tragen konnten.70

64 Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S.  66; Fries-Knoblach, Hausbau und Siedlungen (wie Anm. 27). 65 So auch Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S. 66. 66 Schreg und Behrendt, Phosphatanalysen (wie Anm. 28), S. 267  f., Abb. 4. 67 Lauchheim Haus 34 (Haus A/1991), Haus 33 (Haus B/1991), Haus 35 (Haus C/1991), Haus 90. Abbildungen zu den Häuser A, B, C vgl. Stork, Friedhof und Dorf (wie Anm. 30), S. 304, Abb. 325. 68 Die Untersuchungen wurden durchgeführt von der Firma Arbola. Analyseergebnisse in den Ortsakten des RP Stuttgart. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Eule für Bau 1 aus Eching-Schleißheimerstraße, vgl. Eule, Münchner Schotterebene (wie Anm. 16), S. 61  f. Bau 2 aus Eching-Schleißheimerstraße wies die höchsten Phosphatwerte im mittleren Hausteil auf, der Wohnbereich könnte den Werten zufolge demnach am ehesten ebenfalls im Osten gelegen haben. 69 Haus 103 (C/2002) mit erhöhten Phosphatwerten im östlichen Hausteil, vgl. Bericht Linnemann 2002, Ortsakten RP Stuttgart. Ein weiteres Beispiel mit möglichem Stallteil im Osten liegt zwischenzeitlich auch aus Schalkstetten (Gde. Amstetten, Alb-Donau-Kreis) vor vgl. Schreg und Behrendt, Phosphatanalysen (wie Anm. 28), S. 267  f. 70 Michael Schmaedecke, Getreidespeicher auf Stützen. Beobachtungen zu einem Bautyp von der Antike bis zur Gegenwart, in: Regio Archaeologica, Archäologie und Geschichte an Ober- und Hochrhein. Festschrift für Gerhard Fingerlin, hg. von Christel Bücker, Michael Hoeper, Niklot Krohn und Jürgen Trumm, Rahden 2002, S. 423–437, hier S. 429  f.; Schulze (wie Anm. 53), S. 164  f.

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3 Leges versus Archäologie: ein Vergleich beim aktuellen Stand der Forschung 3.1 Gebäudevarianz in Konstruktion und Funktion Die quellenkritischen Anmerkungen und den Überblick zur Grundrissgestalt vorausgeschickt, sollen im Folgenden einige Hinweise aus den süddeutschen Leges hinsichtlich ihres Aussagewerts im Vergleich mit den archäologischen Befunden überprüft werden. Tatsächlich spiegeln die Informationen aus den Leges die archäologisch beobachtete breite Varianz der Bauten wider.71 Beispielsweise nennt die Lex Alamannorum der Wandalgariushandschrift im Codex Sangallensis allein unter Paragraph LXXIIII [Eckhardt/Lehmann: LXXVI] neben dem domus infra curte und einer sala auch Nebengebäude wie die scuria (Scheuern), granica (in manchen Handschriften mit der Glosse „chornhus“ versehen), spicaria oder cellaria (mit der Glosse „chelari“).72 Der darauffolgende Abschnitt LXXV [Eckhardt: LXXVII] nennt des Weiteren den Schafstall, ovile, und einen Stall für Schweine, domus porcaria, sowie ein Badhaus, die stuba.73 Der Abschnitt LXXIII [Eckhardt: LXXXV] nennt die Bußhöhe bezüglich der Schändung und Entführung einer Magd aus dem Arbeitshaus, dem genitium.74 Im Falle einer Zerstörung unterscheiden sich die Bußgelder bezüglich der verschiedenen Gebäudeformen. Der Versuchung, über die Höhen der Bußgelder Rückschlüsse zur Größe der Bauten ableiten zu wollen und damit in den Leges genannte Funktionen an archäologisch aufgedeckte Grundrissgrößen zu binden, sollte die Forschung allerdings nicht erliegen. Andreas Willmy hat bereits darauf hingewiesen, dass sich die Bußhöhen auch am Rang des Besitzers orientieren und zusätzlich noch Schadensersatz für das zerstörte Gut gezahlt werden musste, weshalb die Bußhöhen also nicht zwingend dem Gebäudewert oder gar einer Größe entsprochen haben müssen.75 Die Funktionen des in der Lex Alammanorum genannten Gebäudebestandes ergeben sich in den meisten Fällen aus den lateinischen Benennungen und der Übernahme des bekannten Bedeutungsinhaltes dazu oder aus volkssprachlichen Glossen. Aussagen über Größe, Aussehen und Bauweise fehlen jedoch. Die Lex Baiuvariorum, Abschnitt X, 2 bzw. X, 3 ergänzend hinzugezogen, nennt ähnlich der Lex Alamannorum verschiedene Nebengebäude, verwendet allerdings teils andere Benennungen und Glossen als in der Lex Alamannorum, wie balnea statt stuba als Badhaus, „scof“

71 Ruth Schmidt-Wiegand, Haus und Hof in den Leges barbarorum, in: Haus und Hof in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, hg. von Heinrich Beck und Heiko Steuer (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, phil.-hist. Kl., dritte Folge, Nr. 218), Göttingen 1997, S. 335–351, hier S. 340. 72 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 144/145; Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2) 30. 73 Schott, Lex ALamannorum (wie Anm. 1), S. 144/145. 74 Schott, Lex ALamannorum (wie Anm. 1), S. 142/143  f. 75 Willmy, Trübe Quellen (wie Anm. 4), S. 12.



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als Spezialform einer scuria oder „parch“ als Glosse für granario. Zusätzlich nennt die Lex Baiuvariorum gar weitere Gebäude, so die Rübenmiete mita, den Schober scopar oder das Küchengebäude coquina. Darüber hinaus werden aber auch im Abschnitt X, 6 bis X, 14 der Lex Baiuvariorum einzelne Bauelemente, deren Funktion und deren Bezug zu anderen Bauteilen aufgeführt. Gleichermaßen werden in den Lex Alamannorum und Lex Baiuvariorum die scuria (Scheuern) und granica (Getreidebehälter) erwähnt. Die Lex Alamannorum nennt zudem die spicaria, für die weniger Bußgeld veranschlagt wird als für die granica.76 Eine konkrete Funktionszuweisung bleibt uns der Gesetzestext schuldig. Hildegard Dölling spekulierte, ob es sich bei den spicaria um Lager für bereits gedroschenes Getreide handelt, bei granica dagegen um das Lager für das noch ungedroschene Getreide, mit Tenne und Dreschplatz, also einem größeren Gebäude, was deshalb auch ein höheres Bußgeld im Falle einer Zerstörung mit sich brachte.77 Die Archäologie liefert dafür keinen direkten Hinweis, wobei die britische Forschung eine Funktion von Grubenhäusern im Sinne eines Lagerplatzes für Getreide oder Saatgut als Erdkeller unter ebenerdigen Gebäuden diskutiert.78 Nicht vernachlässigt werden darf, dass auch verschiedene Ausprägungen für einen Funktionsbau möglich sind. Für die scuria liefert die Lex Baiuvariorum im Abschnitt X, 2 mehrere mögliche Erscheinungsformen, etwa wird sie beschrieben als Gebäude mit oder ohne Wände (letzteres glossiert mit scof, LB X, 2), abschließbar oder offen. Die Gründe für die verschiedenen Spielarten von Bauten wie der scuria dürften in unterschiedlichen Nutzungen und Bedürfnissen liegen. Weitgehend unstandardisiert und nicht zuletzt deshalb schwerer fassbar erweisen sich gerade die kleineren Bauten auch im archäologischen Befund. Dieser Variantenreichtum spiegelt sich zum einen in den Rechtsquellen und deren Übertragung auf die archäologischen Befunde, andererseits somit auch in den Vorstellungen zu Scheuern bei verschiedenen Bearbeitern wider.79 Bereits Ende der 1960er-Jahre stellte Bendix Trier klar heraus, dass die Verfasser der Rechtstexte keine detaillierte Hausbeschreibung oder gar lückenlose Aufzählung ihres Gebäudebestandes beabsichtigten. Vielmehr sind die Informationen zu Häusern oder Gebäudeteilen eher zufällig niedergeschrieben worden, weshalb es nicht zulässig ist, die Informationen aus den Leges als eine „Art Check-

76 Döllling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 30. 77 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2). 78 Vgl. Tipper, The Grubenhaus (wie Anm. 33), S. 185. 79 Beispielweise stellt sich Becker-Dillingen, Geschichte des deutschen Bauern (wie Anm. 4), S. 691, die scuria als Stall für Rinder vor und den scof als einfachen Viehunterstand. Gebhard, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3), Abb. 1, rekonstruiert einen freistehenden Schuppen mit bis zum Boden reichendem Dach. Des Weiteren kann die Rekonstruktion ans Haus angebaute Schöpfe umfassen, letzterer kann auch schlichtweg durch das heruntergezogene Hausdach gebildet worden sein; vgl. Stork, Fürst und Bauer (wie Anm. 30), S. 44  f; Gruber, Bauern- und Ackerbürgerhäuser (wie Anm. 4), S. 24, Abb. 13.

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liste“ zu verwenden, wie Willmy treffend bemerkte.80 Die im Streiflicht der süddeutschen Rechtstexte beleuchteten Gebäude und Gebäudeteile betreffen wie gesehen Einrichtungen für Vorräte, Badhäuser, Küchengebäude, Schober sowie, explizit in der Lex Alamannorum genannt, Ställe für Schafe und Schweine, Mühlen81 und das sogenannte genitium82. Abgesehen von Mühlenbefunden im bayerischen Dasing83 und den als Speicherbauten interpretierten gestelzten Pfostenkonstruktionen sind diese speziellen Nebengebäude bislang keinem archäologischen Befund zuweisbar. Im Diskurs der Funktionszuweisung findet sich dennoch auch das genitium, dessen Verwendungszweck sich aus der Textpassage in der Lex Alamannorum nicht erschließt. Über den Rückgriff auf eine Passage in der Lex Salica wurde es als „für die Frauenarbeit bestimmtes Haus“ erklärt.84 Die Lex Salica nennt allerdings neben dem genitium auch die screona, welche abgeleitet aus dem Textkontext offenbar Aufenthaltsort von Frauen gewesen sein konnten und die etymologisch mit einem „Erdhaus“ in Verbindung gebracht wurden.85 Daraufhin stellte sich in der Forschung die Frage, ob damit nicht die Grubenhäuser gemeint sein könnten, für die aus den Aufzählungen ansonsten keine sinnvollen Zuweisungen abgeleitet werden konnten und in denen oft Webgewichte und Spinnwirtel geborgen werden. Diese Fundgattungen gehören in den Bereich der Textilherstellung, die vielfach als Frauenarbeit vorausgesetzt wurde und womit sich dann wiederum eine Erklärung ergab, in Grubenhäusern das genitium sehen zu wollen.86 Diese, die Quellenaussagen überstrapazierende Kausalkette kann bereits durchtrennt und jeglicher Grundlage entbehrt werden, wenn der Tatsache Rechnung getragen wird, dass Funde von Webgewichten, Spinnwirteln und anderen Objekten der Textilherstellung zumeist aus den Verfüllungen der Gruben stammen und nur sehr selten eine Nutzung von Webstühlen direkt innerhalb der Grube nachweisbar ist. Die in der Vergangenheit mehrmals formulierte monofunktionale Interpretation der Grubenhäuser als Webhütten wird mittlerweile kritischer gesehen. Das Spektrum möglicher Nutzungen erweiterte sich hinsichtlich einer Vorratshaltung, als Stallung für Kleintiere oder allgemein als Werkplatz, was anhand unterschied-

80 Bendix Trier, Das Haus im Nordwesten der Germania Libera (Veröffentlichungen der Altertumskommission im Provinzialinstitut für Westfälische Landes- und Volkskunde 4), Münster 1969, S. 62; Willmy, Trübe Quellen (wie Anm. 4), S. 13. 81 LA LXXVIII [Eckhardt: LXXX]; Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 147. 82 LA LXXIII [Eckhardt: LXXV]; Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), 143  f. 83 Wolfgang Czysz, Die ältesten Wassermühlen. Archäologische Entdeckungen im Paartal bei Dasing, Thierhaupten 1998; ders., Eine bajuwarische Wassermühle im Paartal bei Dasing, in: Das archäologische Jahr in Bayern 1993 (1994), S. 124–128. 84 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 31. 85 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 12; Schmidt-Wiegand, Haus und Hof (wie Anm. 71), S. 343. 86 Bänteli, Höneisen und Zubler, Berslingen (wie Anm. 12), S. 61.



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lichster Erscheinungsformen der Grubenhäuser plausibel sein dürfte.87 Ein Haus in dem Frauen arbeiten kann zudem genauso gut ebenerdig erbaut worden sein und sich aufgrund der Konstruktionsweise nicht von anderen unterscheiden. Es wäre fatal zu glauben, dass jedwede Nutzung auch einen eigenen archäologisch definierten Bautyp voraussetzt.88 Stellen die Gruben der vermeintlichen Grubenhäuser sogar nur Erdkeller unter ebenerdigen Gebäuden dar, dürfte es nicht weiter verwundern, wenn diese dann zum schlichten Bauelement zu degradierende Befundgattung nicht in den Rechtstexten eigens Erwähnung findet. Auch in diesem Zusammenhang bleibt es also ein Desiderat der Forschung, die Funktion der vermeintlichen Grubenhäuser genauer zu bestimmen.

3.2 Zum curte aliena und dem archäologischen Nachweis von Zäunen Mehrfach nennen die Leges auch Zäune oder Umgrenzungen, weil sie Teil der rechtlichen Regelungen darstellen oder gar Rechtsräume begrenzen.89 Die Lex Baiuvariorum führt konkret die Glosse essiscgun/ezziszun für sepes/saepes (LB X, 16) auf. Aus der Lex Alamannorum werden Begrenzungen mit rechtlicher Konnotation nur indirekt erfahrbar, etwa über Beschreibungen wie domus infra curte (LA LXXIIII, 2 [Eckhardt: LXXVI, 2]) oder in curte aliena (LA bzw. Eckhardt: Pact. V, 3)90. Direkt kommen Zäune etwa im Pactus in Verbindung mit Sachbeschädigungen zur Sprache, etwa wenn die Rede vom Zerstören eines Zaunes ist, si quis sepem alienam capulaverit (XCVI91, bzw. Eckhardt: Pact. V, 14) oder wenn ein Pferd einen Zaun überspringt und sich dabei verletzt, si cuiuscumque caballus super sepe aliena sallierrit (Schott XCIII, 5 [alt: Pact. III, 18]).92

87 Tipper, The Grubenhaus (wie Anm. 33); Federici-Schenardi und Fellner, Develier-Coutételle (wie Anm. 14), S. 264  ff. 88 Vgl. in diesem Zusammenhang die Einhaus-Vielhaus-Diskussion, bei der sich die Debatte um die Anzahl der Gebäude eines Hofes drehte. Hierbei wurde ebenfalls deutlich, dass es nicht statthaft sein kann, Informationen aus Schriftquellen unreflektiert auf archäologische Befunde anwenden zu wollen. Die Lex Frisiorum nennt nämlich nur Hauptgebäude, der archäologische Befund liefert darüber hinaus aber auch Speicher, Ställe und Grubenhäuser; zusammenfassend Willmy, Trübe Quellen (wie Anm. 4), S. 13. 89 Beispielsweise Lex Baiuvariorum XII, 9–10, vgl. Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 20; oder Lex Salica LVIII, 1, vgl. Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 8; Schmidt-Wiegand, Haus und Hof (wie Anm. 71), S. 347. 90 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 28. 91 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 160/161. 92 Schott, Lex Alamannorum (wie Anm. 1), S. 160/161; Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 28.

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Bis in die 1990er-Jahre konnten Zäune nur aufgrund dieser schriftlichen Beschreibung angenommen werden, mittlerweile liegen jedoch mehrere Beispiele für Umgrenzungen verschiedenster Rechtsbereiche vor: Zum einen scheinen einzelne Hofstellen umschlossen von langschmalen, humos verfüllten Gräbchen. In einigen Fällen knicken diese rechtwinklig oder abgerundet ab. Bei genauerer Untersuchung konnten darin eingesetzte, schmale Pfostenstellungen nachgewiesen werden, weshalb sie am ehesten als Zaungräbchen interpretiert werden können.93 Die zueinander versetzte Stellung dieser Pfosten könnte die Bauweise als Geflechtzaun belegen, was Hildegard Dölling bereits aufgrund der Verwendung des Verbes capulare im Sinne von „Zerhauen von Geflecht und Ruten“ im bereits zitierten Satz des Pactus Alamannorum vorgeschlagen hatte.94 Aber auch andere Ausformungen sind denkbar, wie Rekonstruktionen anhand von Befunden vom Runden Berg bei Bad Urach zeigen. Alternativ könnte das Geflecht auch durch beidseitig an die Pfosten genagelte Bretter ersetzt werden. Pfosten, die in derselben Flucht liegen, können mittels horizontal angenagelter Bretter verbunden worden sein.95 Bestehen also zum Aussehen der Zäune konkrete Vorstellungen, sind dagegen von keinem Siedlungsplatz Südwestdeutschlands vollständig geschlossene Zaunverläufe um ein Hofareal herum überliefert. Da demnach keine gesicherten Daten zur Länge eines Umgrenzungszaunes existieren, sind auch die Größen von Hofarealen nicht exakt zu ermitteln. Dasselbe gilt, und zwar noch in verstärktem Maße, für den Rechtsbereich „Dorf“. Ein Dorf- oder Siedlungsetter wurde unter anderem am Beispiel Lauchheim plausibel: Die Siedlungsfläche wird im Süden durch einen auf 300  m dokumentierten, linear verlaufenden Graben tangiert, für den eine Funktion als Dorfetter postuliert wurde.96 Allerdings kann dieser nicht genauer zeitlich eingegrenzt werden. Eine weitere mögliche Interpretation ist mit einer Nutzung im Zuge der Hangentwässerung gegeben, allerdings schließen sich die beiden Funktionen auch nicht zwingend aus. Auf der nördlichen Seite wurde die besiedelte Fläche auf natürliche Weise vom Fluss Jagst begrenzt. Fluss und Graben zusammen als rechtliche Begrenzung der Siedlungsfläche wohnt damit eine gewisse Plausibilität inne. Die Begrenzungen nach Westen und Osten sind nicht zu eruieren. Das Fehlen eines Grabens oder Zaunverlaufs im Westen kann allerdings mit der hangaufwärts zunehmenden Erosion und damit schlechteren Nachweisbedingungen erklärt werden. Im Osten wurde die Siedlungsfläche offenbar durch ein Naturereignis, eventuell ein Hochwasser oder ein durch Starkregen ausgelöster Erdrutsch, gestört und danach nicht wieder bebaut. Eine etwaige Begrenzung

93 Straßengräbchen dagegen werden ohne Pfostenspuren aufgefunden. 94 Pact. III, 18; Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 28. 95 Siegfried Kurz, Die Baubefunde vom Runden Berg bei Bad Urach (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 89), Stuttgart 2009, S. 136  f. mit Abb. 129, Rekonstruktion der Zäune anhand von Befunden am Runden Berg bei Urach. 96 Stork, Friedhof und Dorf (wie Anm. 30), 38.



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Abb. 4a: Lauchheim, Gewann „Mittelhofen/Breite“, Südostareal, Detailausschnitt Grabungsplan, in schwarz: Zaunphase I. Zeichnung V. Schoenenberg.

könnte in diesem Zuge zerstört worden sein oder befand sich außerhalb der Grabungsschnitte. Hildegart Dölling verwies aber auch auf Hecken als Begrenzungen, was sie aus der Lex Salica ableitete.97 Hecken bergen für die Archäologie den Nachteil, dass sie kaum mehr direkt erfasst werden können. Im besten Fall ist eine Interpretation hinsichtlich einer Begrenzungshecke nur über lineare Anordnungen von Befunden entlang einer erkennbar selben Flucht ableitbar. Am besten gelingt eine Rekonstruktion der Zaungräbchen deshalb auch für das Areal im Südosten der Grabungsfläche, da dieses Gelände dem Fundmaterial zufolge offenbar maximal über 200  Jahre hinweg genutzt wurde und sich damit die Überlagerungen in Grenzen halten.98 Über relativstratigraphische Anhaltspunkte kann

97 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 8. 98 Allerdings wurde auch dieses Areal bereits in vorgeschichtlicher Zeit genutzt (belegt über Urnenfunde) und somit kann nicht ausgeschlossen werden, dass manche Grabenstrukturen durchaus auch der Bronzezeit angehören. Vermutet werden kann dies für Grabenfragmente ohne erkennbare Anbindung.

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Abb. 4b: Lauchheim, Gewann „Mittelhofen/Breite“, Südostareal, Detailausschnitt Grabungsplan, in schwarz: Zaunphase II. Zeichnung V. Schoenenberg.

eine Reihenfolge dieser Zaungräbchen abgeleitet werden, die in der ersten Phase ein Areal umschreibt, welches noch keine Gräber einschließt (Abb. 4a). Die zweite Phase dagegen bezieht nunmehr vier Bestattungen ein, von denen zwei Gräber (Grab 24 und Grab 25) dendrochronologisch ins dritte Drittel des 7.  Jahrhunderts datiert werden konnten (Abb. 4b).99

99 Ingo Stork, Zum Fortgang der Untersuchungen im frühmittelalterlichen Gräberfeld, Adelshof und Hofgrablege bei Lauchheim, Ostalbkreis, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden Württemberg 1992 (1993), S.  231–239; Joachim Wahl und Ingo Stork, Außergewöhnliche Gräber beim Herrenhof. Merowingerzeitliche Siedlungsbestattungen aus Lauchheim „Mittelhofen“, in: Landesarchäologie. Festschrift für Dieter Planck zum 65. Geburtstag, hg. von Jörg Biel, Jörg Heiligmann und Dirk Krausse (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 100), Stuttgart 2009, S. 531–556. hier S. 534; André Billamboz und Bernd Becker, Die frühmittelalterlichen Grabkammern von Lauchheim im dendrochronologischen Datennetz Südwestdeutschlands, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 25 (2001), S. 831–870.



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Abb. 4c: Lauchheim, Gewann „Mittelhofen/Breite“, Südostareal, Detailausschnitt Grabungsplan, in schwarz: Zaunphase III. Zeichnung V. Schoenenberg.

Die dritte Phase leitet sich aus der Überlegung ab, dass der Zaunverlauf der zweiten Phase die beiden östlichsten Gräber überlagern würde. Der dritte Graben muss daher älter oder jünger sein. Da eines dieser Gräber allerdings das jüngste Dendrodatum liefert, dürfte es sich also beim dritten Zaunverlauf um die letzte Phase handeln, die dann auch alle Gräber in das Areal involviert, indem das Gelände weiter nach Süden erschlossen wird (Abb. 4c). Die Flächen, die von den verschiedenen Zaunverläufen jeweils umschrieben werden, variieren in ihrer räumlichen Ausrichtung. Zwischen der ersten und der zweiten Phase zeichnet sich eine Vergrößerung ab (Abb. 4a und Abb. 4b). Im Folgenden findet eine Verlagerung statt, etwa innerhalb eines Abstandes von 10 bis 15 m, soweit die Grenzen erkennbar und rekonstruierbar sind (Abb.  4c). Das Südostareal wurde im Gegensatz zum Rest der Siedlung nur während eines kurzen Zeitraumes vom 6. bis 8. Jahrhundert genutzt, weshalb mit diesem Befund einer der wenigen gesicherten Parallelitäten zwischen der Nennung von Zäunen in den Gesetzestexten und dem archäologischen Befund aufgezeigt werden konnten.

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3.3 Vom Zaun zum Hof? Die Problematik von Erhaltung und Zuweisbarkeit Das Gelände, welches die Zäune umschließen, wird landläufig als Hofareal interpretiert, wie es auch aus den Rechtstexten ableitbar ist, wenn etwa indirekt der umgrenzte Hof, curte aliena (Pact. V, 3),100 genannt wird oder die Glosse hovezun in der Lex Baiuvaria (LB I, 13)101. Wie gesehen, fällt aus archäologischen Gesichtspunkten eine Gliederung der Siedlung allein anhand der unvollständigen Zaungräbchen schwer, zumal diese in den wenigsten Fällen datiert werden können. Wie das Beispiel des Südostareals im Gewann „Mittelhofen“ aber zeigt, wurden um 700 vermehrt Bestattungen innerhalb oder bei den Siedlungsplätzen angelegt. Insgesamt liegen für die gesamte aufgedeckte Fläche weitere fünf Grabgruppen sowie weitere Einzelgrabfunde vor, sodass insgesamt 78 Bestattungen siedlungsintern dokumentiert werden konnten.102 Für einige Gräber wurden bereits Datierungsansätze publiziert, die in die späte Merowingerzeit weisen.103 Siedlungsbestattungen ohne Beigaben lassen Raum für Spekulationen über die Dauer dieser Praktik. Der Befund, innerhalb der Siedlung Gräber anzulegen, steht hier keineswegs singulär, vielmehr scheint dieses Phänomen in weiten Teilen Europas verbreitet. Die dennoch im Vergleich zu den Gräberfeldern bislang geringe Zahl aufgedeckter Siedlungsbestattungen veranlasst die Forschung, von einer Verlagerung der Masse der Bestattungen vom Reihengräberfeld zum Kirchhof hin auszugehen. Die Bestattung beim Hof wird als Übergangsphase oder zusätzliche Erscheinung betrachtet. Großräumig angelegte Studien, wie die Untersuchung der Siedlungskammer um Renningen oder jene zum Breisgau konnten zeigen, dass einzelne Grabfunde beziehungsweise kleinere Grabgruppen über die gesamten heutigen Gemarkungen streuen können. Ein Zusammenhang mit den Siedlungsplätzen war allerdings in vielen Fällen nicht ableitbar, weil dafür die freigelegten Flächen schlichtweg zu klein waren und keine gut interpretierbaren Siedlungsbefunde erkennbar wurden.104 Diskutiert wird seither über das Erscheinungsbild solcher Siedlungskammern hinsichtlich der Dichte, Struktur sowie der Größe der Siedlungen. Die lockere Verteilung der Einzelgräber oder Grabgruppen im Raum veranlasste unter anderem zur Vorstellung, es handele sich um mehrere weilerartige Siedlungsplätze, ohne dass diese zur Gänze erfasst werden

100 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 28. 101 Dölling, Haus und Hof (wie Anm. 2), S. 20. 102 Stork, Der exemplarische Fall Lauchheim (wie Anm. 30), S. 104. 103 Wahl und Stork, Außergewöhnliche Gräber (wie Anm. 99). Nur einzelne Funde aus diesen Bestattungen wurden bislang publiziert, sodass eine umfassende Beurteilung noch nicht möglich ist. Die Anzahl der Gräber pro Grabgruppe schwankt beträchtlich zwischen 4 bis 25. Aktuell harren die siedlungsinternen Gräber noch einer ausführlichen Bearbeitung. 104 Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 21), S. 71  f.; Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 98  ff.



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Abb. 5: In Luftbild Abb. 1 projizierte Grabungsflächen im Gewann „Mittelhofen/Breite“, Stadt Lauchheim mit Verteilung der Grabgruppen (G1–G6). Luftbild L 7126/086–06_4645–17 Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: O. Braasch, Landshut; Grafik St. Krauth.

konnten.105 Augenfällig zeigt sich nun der Vorteil der großflächigen Ausgrabung bei Lauchheim, denn nun wird die Einbettung mehrerer Gräber und Grabgruppen in die Siedlungsfläche veranschaulicht. Grundsätzlich gewinnt aufgrund der Befunde aus Lauchheim mit den Gräbern am Südostareal und der erarbeiteten Zaunabfolge die Interpretation der Gräber als Hofgrablegen weiter an Plausibilität. In Analogie lassen sich aus dem Vorhandensein der anderen Grabgruppen weitere Hofstellen postulieren. Insgesamt kann demnach von mindestens sechs einzelnen Wirtschaftseinheiten ausgegangen werden, die sich locker über das gesamte Siedlungsareal verteilen (Abb. 5). Es wird erkennbar, dass bei punktuellen Einblicken in diese große Fläche und damit nur partiell erfassten Befunden auch hier leicht der Eindruck von weiter auseinandergezogenen, vereinzelt platzierten Hofstellen hätte entstehen können. Größen und Baubestand solcher Einheiten sind schwer zu benennen, da die Zaungräbchen zum einen nie vollständig und zum anderen kaum datierbar sind. Das Beispiel des Südostareals liefert wenigstens ungefähre Angaben: So dürfte die umgrenzte Fläche zu Beginn der Zaunabfolgen etwa 1200 m² erreichen, die im Folgenden etwa auf das Doppelte erweitert wird. Außerdem wird ersichtlich, dass größere und kleinere Gebäude offenbar zeitlich parallel nebeneinander bestehen. Die Hofstellen scheinen tatsächlich verschiedenste Gebäudetypen umfasst zu haben, wie es

105 Hoeper, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 21), S. 72; Schreg, Dorfgenese (wie Anm. 8), S. 294  f.

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auch aus den Leges ableitbar wäre. Allerdings muss nicht immer das gesamte Spektrum an Nebengebäuden an einem Platz auftreten, denn beispielsweise fehlen im Südostareal die sogenannten Grubenhäuser gänzlich, wohingegen sie im restlichen Siedlungsareal in weiten Teilen auftreten. Diese Feststellung entzieht sich im Weiteren einer Bewertung, etwa hinsichtlich eines etwaigen sozialen Status, solange zur Funktion der eingetieften Gebäude keine klare Aussage getroffen werden kann.106 Insgesamt bleibt auch eine Bewertung dieser Hofstellen nach ihrem Status unklar. Heiko Steuer und Janine Fries-Knoblach haben die Problematik des archäologischen Nachweises eines Herrenhofes jüngst ausführlich dargelegt und kommen beide zu dem Schluss, dass eine Zuweisung zu den in den Texten genannten verschiedenen Hofkategorien wie jenen des Königs, Herzogs oder dem curtis nobilis im Gegensatz zum einfachen curtis demnach bislang nicht direkt zu erbringen ist.107

4 Schriftquellen und archäologischer Befund. Parallelen und Divergenzen Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Siedlungen kein starres Konstrukt darstellen, welches auf das schriftlich überlieferte Bild übertragen werden kann. Sowohl die Siedlungs- als auch die Bauweise werden von verschiedensten Faktoren beeinflusst, sind speziellen Anforderungen unterworfen und passen sich diesen an. Die Archäologie kann diese nur im begrenzten Rahmen auf der Ebene des überlieferten Grundrisses beurteilen. Zusammenfassend ist von archäologischer Seite her festzuhalten, dass sich durch die verstärkte Forschung der letzten 40 Jahre das Bild zu Haus und Hof zunehmend differenziert statt vereinheitlicht. Viele unterschiedliche Grundrissformen können plausibel dargestellt werden, allerdings bleibt die zeitliche Ansprache meist sehr vage, sodass Aussagen über mögliche parallel auftretende oder sich entwickelnde Bauweisen noch immer unsicher sind. Der Vergleich zu den publizierten Fundstellen aus Bayern, der Nordschweiz und dem Elsass zeigt, dass sich die Grundzüge der Gebäudeformen wie das Vorherrschen langrechteckiger ein- und zweischiffiger Pfostenbauten oder etwa die möglichen Erscheinungsformen der sogenannten Grubenhäuser, aber auch die große Varianz innerhalb der Gebäudegrößen und möglichen

106 Ingo Stork sieht im Fehlen der Grubenhäuser ein Indiz für eine sozial gehobene Stellung des Areals bzw. seiner Bewohner, vgl. Stork, Fürst und Bauer (wie Anm. 30), S. 53  f. Heiko Steuer kehrt diese Argumentation um und wirft die Frage auf, ob nicht gerade das Fehlen von Handwerksgebäuden die Erwartung hinsichtlich eines Herrenhofs schmälern sollte, vgl. Heiko Steuer, Herrensitze im merowingerzeitlichen Süddeutschland. Herrenhöfe und reich ausgestattete Gräber, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 38 (2010), S. 1–41, hier besonders, S. 16. 107 Steuer, Herrensitze (wie Anm. 106), S. 3.



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Konstruktionsvarianten bestätigt. Eine explizit alemannische Bauweise ist für die Merowingerzeit nicht nachweisbar. In Bezug auf die übergeordnete Themenstellung der Tagung zeigt das Fallbeispiel Siedlungswesen, dass im bearbeiteten Themenfeld Archäologie und schriftliche Überlieferung nicht auf durchweg kongruente Ergebnisse verweisen können, was letztlich in der stark differierenden Natur der Quellengattungen begründet liegt. Schriftquellen beschreiben das ehemals Sichtbare, also Merkmale im Aufgehenden. Die Archäologie fasst Grundrisse und das in Bereichen, die dem damals Lebenden verschlossen blieben oder nur indirekt erfahrbar waren. Dabei besitzen natürlich beide Quellengattungen ihre Legitimität und bei entsprechend deutlich abgegrenzter Korrelation und vollzogener Quellenkritik können sie durchaus ergänzend wirken. Denn wie gesehen, kann die Siedlungsarchäologie für Südwestdeutschland beim derzeitigen Forschungsstand wenig zum Aufgehenden von Gebäuden beitragen und lediglich Grundrisse von Gebäuden erfassen. Die herangezogenen Textquellen dagegen beschreiben gerade Merkmale des Aufgehenden. Die Übertragung der aus Schriftquellen gewonnen Informationen auf archäologische Befunde ist allerdings nicht statthaft, da die Benennungen einzelner Gebäudeteile oder Gebäudenutzungen in den Rechtstexten zufallsbedingt überliefert und auf „Präzedenzfälle“ innerhalb der Rechtspraktik zurückzuführen sind und nicht auf eine gezielte objektive Beschreibung des Baubestandes. Da auch die Archäologie von einem Verlust im Befundbestand ausgehen muss, können beide Quellengattungen jeweils nur unvollständige Vorstellungen prägen. Parallelen zwischen archäologischer und schriftlicher Überlieferung ergeben sich in erster Linie auf einer sehr allgemeinen Ebene, wie der in beiden erkennbaren Varianz im Baubestand oder dem Vorhandensein von Zäunen oder Bauelementen wie dem Pfosten als konstruktivem Element oder dem First. Detailliertere Angaben aus den Leges, etwa innere und äußere Wände oder ein offener Blick zum First, sind nicht mehr auf den archäologischen Befund anwendbar. Die schriftlich überlieferten Merkmale dürfen keinen Anspruch auf Ausschließlichkeit erheben und die archäologischen Befunde lassen zu viel Spielraum für Rekonstruktionen. Ergänzenden Charakter haben die Quellengattungen etwa für die Herleitung einzelner Höfe, deren schriftlich genannte Existenz über Zaunverläufe oder das Vorhandensein von Grabgruppen belegbar ist und die sich offenbar aus mehreren Gebäuden zusammensetzten. Phosphatanalysen zeigen, dass Wohn- und Stallbereich unter einem Dach vorhanden sein konnten, was der Vielfalt an Nebengebäuden jedoch offenbar nicht abträglich war. Diesen Befund können indirekt die Rechtstexte stützen, da sie nie von Ställen für das Großvieh sprechen, sondern höchstens Schafoder Schweineställe benennen. Wie eingangs gezeigt, steht die Siedlungsarchäologie für die Zeit des Frühmittelalters noch am Anfang eines Erkenntnisprozesses, wobei sich Grundzüge abzeichnen, gerade Details zur Bauweise allerdings noch viel Raum für Spekulationen erkennen lassen. Zunehmend verschiebt sich die Gewichtung der Quellengattungen und

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 Valerie Schoenenberg

die Fragen zu Haus und Hof werden nicht mehr von der schriftlichen Überlieferung geprägt, sondern vom archäologischen Befund. Die Forschungsgeschichte kehrt sich demnach zugunsten der Archäologie um und wendet sich damit einer Quellengattung zu, die noch Potential in sich birgt, weil die Chance besteht, bessere Befunderhaltungen vorzufinden und dadurch neue Kenntnisse erlangen zu können. Eine Korrelation mit der schriftlichen Überlieferung muss trotzdem oder gerade wegen des sich stetig verändernden Erkenntniszuwachses stattfinden.

Wilfried Hartmann

Glaube und Kirche im Spiegel der Leges 1 Charakter der oberdeutschen Leges Ist es überhaupt möglich, dem Alltag von Glaube und Kirche durch eine Betrachtung der Leges nahe zu kommen? Diese Frage müssen wir am Anfang unseres Vortrags vor allem deshalb stellen, weil die beiden oberdeutschen Leges, die Lex Alamannorum (künftig: LAl) und die Lex Baiuvariorum (LBai), also die beiden Leges, in denen kirchliche Fragen am ausführlichsten behandelt werden, im Verdacht stehen, sogenannte „Privatarbeiten“, vielleicht sogar „Fälschungen“ zu sein. Zuletzt hat diesen Verdacht Clausdieter Schott geäußert, der die Echtheit der Lex Alamannorum grundsätzlich in Frage gestellt und sie als „Fälschung“ bezeichnet hat. Schotts Fälschungsthese bezieht sich einerseits darauf, dass „der im Introitus und im Convenit-Artikel beschriebene Gesetzgebungsakt nicht den Tatsachen entspricht“1 und dass „andererseits die (in LAl 1) dargestellte Privilegierung der Kirche weitgehend auf manipulierten Tatbeständen beruht“.2 Schon früher (1926) hatte Konrad Beyerle die LBai als „Privatarbeit“ bezeichnet und dabei die Vorstellung abgelehnt, dass dieses Rechtsbuch ein „Volksrecht“, ein „bayerisches Herzogsgesetz“ oder ein „fränkisches Königsgesetz“ sei.3 Er stellte fest: „Nur ein kirchlicher Kopf kommt als Urheber der Lb. in Frage“.4 Die LBai sei „ein kirchlich inauguriertes Rechtsbuch in der äußeren Form eines vom Frankenkönig für den Bayernstamm erlassenen Gesetzbuchs“.5 In der Sache ist Beyerle nicht sehr weit von Schott entfernt; er vermeidet nur den hart klingenden Begriff „Fälschung“. Nach Beyerle soll die LBai im Kloster Niederaltaich entstanden sein.6 Dieses Ergebnis wurde 2004 durch Peter Landau etwas modifiziert: Die LBai sei im Kloster St. Emmeram in Regensburg verfasst worden, in der Nähe des bairischen Herzogshofs. Aber ansons-

1 Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium. Eine Studie zu den süddeutschen Volksrechten, in: Leges, Gentes, Regna. Zur Rolle der germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie Distler, Berlin 2006, S. 257–290, hier S. 278. 2 Ebd. 3 Lex Baiuvariorum. Lichtdruckwiedergabe der Ingolstädter Handschrift des bayerischen Volksrechts mit Transskription, Textnoten, Übersetzung, Einführung, Literaturübersicht und Glossar, hg. von Konrad Beyerle, München 1926, S. LXIV. 4 Ebd., S. LXVI. 5 Ebd., S. LXIV. 6 Vgl. ebd., S. LXV–LXX.

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ten hielt auch er daran fest, dass diese Lex „ein geistiges Produkt juristisch gebildeter bayerischer Kleriker“ sei.7 1975 hat Wilhelm Schneider, ein pensionierter Richter aus Tübingen, der zahlreiche Schriften über die alemannische Frühgeschichte verfasst und publiziert hat, formuliert, „dass die Alemannen-Lex eine im Kloster Reichenau entstandene Fälschung ist“.8 Schneider störte sich vor allem daran, „dass die Verfasser der LA recht einseitig die kirchlichen Interessen im Auge haben und nicht, wie man bei einem Stammesrecht erwarten sollte, an eine allgemeine, nicht nur die Kirche interessierende Regelung denken“.9 Zusammenfassend meint Schneider: „die beiden oberdeutschen Leges“ sind „keine von einem König oder Herzog erlassenen oder von einer Stammesversammlung beschlossene Gesetze“, „sondern Rechtsbücher, also literarische Erzeugnisse, in die man stark kirchenfreundliche Bestimmungen eingeschmuggelt und denen man, um diesen Bestimmungen zur Geltung zu verhelfen, den Anschein einer echten Lex verliehen hat, dass es sich also bei ihnen, grob gesprochen, um Fälschungen handelt“.10 Da LAl und LBai „in Konzept und Methode eine auffallende Übereinstimmung mit den großen Fälschungen aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, mit Benedictus Levita und den pseudoisidorischen Dekretalen“ zeigen11, wird dieser Verwandtschaft im Einzelnen nachgegangen.12 Wenn aber die LAl eine Fälschung ist und kein vom Alemannenherzog Lantfrid oder vom Merowingerkönig Chlothar (II. oder IV.) in Kraft gesetztes Gesetz, dann kann doch sehr daran gezweifelt werden, dass wir aus dieser Lex glaubwürdige und realistische Aussagen über den Alltag der Menschen der späten Merowinger- oder der frühen Karolingerzeit gewinnen können. Ich möchte hier nur zwei Argumente gegen die Fälschungsthese anführen, nämlich 1. wer sollte eigentlich im 8. Jahrhundert in Alemannien ein schriftliches Recht formulieren wenn nicht ein Kleriker oder Mönch. Diese Auffassung hat auch schon Hermann Nehlsen geäußert, wenn er schreibt: „Bibelkundigen Geistlichen […] kam eine ganz wesentliche, zum Teil zentrale Rolle bei der schriftlichen Fixierung der Leges zu“.13

7 Peter Landau, Die Lex Baiuvariorum. Entstehungszeit, Entstehungsort und Charakter von Bayerns ältester Rechts- und Geschichtsquelle (Bayerische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Sitzungsberichte, Jahrgang 2004, Heft 3), München 2004. Das Zitat auf S. 51. 8 Wilhelm Schneider, Arbeiten zur alamannischen Frühgeschichte, Heft 2. Arbeiten zum Alamannischen Stammesrecht, Tübingen 1975, S. 106. 9 Ebd., S. 139. 10 Ebd., S. 143. 11 Ebd. 12 Ebd., S. 143–149. 13 Vgl. Hermann Nehlsen, Der Einfluss des Alten und Neuen Testaments auf die Rechtsentwicklung



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2. Bei einer Abfassung der LAl im Reichenau-Kloster würde man erwarten, dass auch im Abschnitt über die Herzogsachen (LAl 24–35) christliche Vorstellungen eine Rolle spielen. 3. Außerdem wäre zu erwarten, dass Pirmins Scarapsus den Text des Rechtsbuchs erkennbar beeinflusst hätte.14 4. Warum sollte Herzog Lantfrid nicht ein Gesetz erlassen, das der Kirche Sonderrechte beim Erwerb von Grundbesitz zuschreibt? Ich möchte diese Streitfrage hier jedoch nicht weiter behandeln und mich meinem eigentlichen Thema zuwenden, indem ich zuerst in einem kleinen Überblick die Frage beantworte: Wie viele Kapitel sind in den wichtigsten Leges dem Thema Glaube und Kirche gewidmet? Von den 91 Titeln der LAl sind 27 und damit fast ein Drittel „kirchlichen oder gemischten Inhalts“ (Schneider), und zwar Titel 1–23 sowie 37–40.15 In der LBai ist der Anteil kirchlicher Bestimmungen „wesentlich geringer“ (Schneider)16. Von den 22 Titeln der LBai befassen sich nämlich nur drei entweder ausschließlich oder teilweise mit kirchlichen Fragen. Insgesamt sind es lediglich 16 der ca. 270 Kapitel, also knapp 7 %, die solchen Fragen gelten. In der Lex Salica beschäftigt sich nur ein einziges Kapitel in einem der 70 Titel mit kirchlichen Dingen. Bei der Lex Ribvaria sind es 6 von 89 Titeln, die Kapitel über kirchliche Probleme enthalten. Im langobardischen Edictus Rothari finden sich nur zwei von 388 Kapiteln, die auf christliche Einflüsse schließen lassen. In der Lex Saxonum ist ein von 66 Kapiteln christlich bestimmt. Anders sieht es dann in der wohl kurz nach 800 niedergeschriebenen Lex Frisionum aus. Da finden sich solche Kapitel in 9 von 22 Titeln. Demnach ist in dieser Lex der Anteil christlich bestimmter Kapitel eher noch höher als in der LAl. Zusammengefasst heißt das, dass außer den Leges der Alemannen und der Baiern vor allem die Lex Ribvaria und die Lex Frisionum eine nähere Betrachtung unter unserer Fragestellung lohnen.

in der Spätantike und im frühen Mittelalter bei den germanischen Stämmen, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 218. 14 Vgl. dazu die neue Ausgabe dieses Werks: Pirmin, Scarapsus, hg. von Eckhard Hauswald (MGH Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 25, Hannover 2010), wo auf S. XCIX der Einleitung auch die Rezeption behandelt ist. 15 Nach Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 139 soll auch Titel 55 zu diesen kirchlich bestimmten Titeln gehören. Eva Schumann hat auf der Tagung die Meinung vertreten, dass nur 10–12 % der Titel der LAl kirchlich bestimmt seien. Dies trifft aber nicht zu. 16 Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 139.

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2 Formale Einflüsse des Christentums Unsere Untersuchung soll nun zunächst eher formalen Einflüssen des Christentums nachgehen und sich danach den wichtigsten inhaltlichen Fragen widmen.

2.1 Bibelzitate Wenn wir nach sprachlichen Gemeinsamkeiten zwischen den Leges und christlichen Texten suchen, können wir vor allem eine Reihe von Bibelzitaten nachweisen.

2.1.1 Zitate oder Anspielungen auf die Bibel In der LBai finden sich Begründungen für einzelne Bestimmungen, in einigen Fällen sind das wörtlich angeführte Bibelzitate. Zu den von Gerhard Köbler17 1982 angeführten fünf Stellen – die allesamt bereits in der 1926 erschienenen Lex-BaivariorumAusgabe von Schwinds kenntlich gemacht sind  –, kommt mindestens noch eine weitere hinzu. In LBai I,7 ist Matth. 6,14, in VII,4 Exod. 20,10 und in IX,19 1. Thess. 5,21 zitiert.18 Zum Bibelzitat in LBai XV,9 ist zu sagen, dass nach dem Text der Lex das Alte Testament zitiert sein soll (es heißt dort: quia in vetere lege scriptum est), das Vorbild für den Text steht denn auch in Gen. 21,10.19 Zitiert wird aber in Wahrheit eine Stelle aus dem Neuen Testament, nämlich Gal. 4,30. Nach von Schwind und Köbler soll in LBai XIX,7 auf Sirach 38,16 angespielt sein.20 Bei der verwerteten Bibelstelle könnte es sich aber auch um Matth. 6,2, 5 und 16 oder um Matth. 8,22 handeln. Nicht verzeichnet hat Köbler, dass es auch in LBai VIII,20 eine Anspielung auf die Bibel gibt in der Formulierung „bis ins 7. Glied“; in den Büchern Exodus (20,5 und 34,7), Numeri (14,18) und Deuteronomium (5,9) heißt es zwar in tertiam et quartam generationem, aber der Ausdruck „bis ins 7. Glied“ ist heute geradezu sprichwörtlich geworden. Anspielungen auf die Bibel gibt es auch in der LAl: Wenn es in LAl 4 heißt: se contra deum iniuste fecisse et ecclesiam dei pollui („dass er gegen Gott Unrecht getan

17 Gerhard Köbler, Die Begründungen der Lex Baiwariorum, in: Studien zu den germanischen Volksrechten. Gedächtnisschrift für Wilhelm Ebel, hg. von Götz Landwehr, Frankfurt am Main/Bern 1982, S. 72  f. 18 Vgl. Lex Baiwariorum, hg. von Ernst von Schwind (MGH Leges nat. Germ. 5,2), Hannover 1926, S. 277, 350  f. und 382. 19 Vgl. ebd., S. 428 mit Anm. 2. 20 Vgl. ebd., S. 458 Anm. 1 und Köbler, Begründungen (wie Anm. 14), S. 73.



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hat und die Kirche Gottes befleckt sei“)21, könnte u.  a. auf Gen. 39,9 angespielt worden sein, wo es heißt: peccare in deum meum. Die Passage in LAl 36,2: de malis se abstineant, et qui boni sunt, pacem possedeant („sich von Übeltaten fernhalten und die, die gut sind, sollen Frieden haben“)22 könnte auf 1. Thess. 5,22 verweisen, wo es heißt: ab omni specie mala abstinete vos. Und auf Ps. 118,165: pax multa diligentibus legem tuam. In Kapitel  40 wird von der iussio dei, dem „Befehl Gottes“ gesprochen, und es heißt weiter, dass ein Vater- oder Brudermörder „gegen Gott gehandelt hat“ (in deum graviter deliquisse)23; dies ist eine Anspielung auf Levit. 5, 19. In Kapitel 41,1, das sich mit der Rolle der Richter befasst, ist von „gottesfürchtig“ (timens deum) die Rede24, ein Ausdruck, der sich häufig in der Bibel findet, z.  B. in Gen. 22, 12. Weiterhin kommt in diesem Kapitel  41,1 der Ausdruck acceptio personarum vor, der sich auch in Act. 10,34 findet, und mercedem recipere, wie in Matth. 6, 2.5.16 und Matth. 10,41. All diese Anspielungen finden sich auch in der Collectio Hibernensis XXI,12, wo kirchliche Richter behandelt werden.25 Diese Sammlung entstand um 700, aber bei der großen Nähe irischer Mönche zu alemannischen Klöstern des 8. Jahrhunderts, wäre es nicht verwunderlich, wenn schon bald nach der Entstehungszeit dieser Sammlung eines ihrer Kapitel in der LAl rezipiert worden wäre. In anderen Leges gibt es solche Bibelzitate oder Anspielungen auf Bibelworte anscheinend nicht.

2.1.2 Religiöse Begründungen Außer den wenigen eben erwähnten Anspielungen auf die Bibel liefert die LAl religiöse Begründungen für einzelne ihrer Bestimmungen.26 So wird bereits im allerersten Kapitel, LAl 1,1 besonders betont: spontanea voluntate liceat christiano homine deo servire (also: „es sei einem Christen erlaubt, nach freiem Willen Gott zu dienen“).27 In Kapitel 3,1 heißt es zur Begründung des Kirchenasyls: ex timore dei honorem ecclesiae impendat („aus Gottesfurcht erweise er der Kirche Ehre“).28 Und in 3,3, also im letzten Teilkapitel zum Thema Asyl steht der Satz: quia […] ecclesiis honorem non inpendit et dei reverentiam non habuit („weil er der Kirche nicht Ehre erwies und vor

21 Leges Alamannorum, hg. von Karl Lehmann, 2. Ausgabe hg. von Karl August Eckhardt (MGH Leges nat. Germ. 5,1), Hannover 1966, S. 70. 22 Ebd., S. 95. 23 Ebd., S. 100. 24 Ebd., S. 101. 25 Die irische Kanonensammlung, hg. von Hermann Wasserschleben, 2. Aufl. Leipzig 1885, S. 65  f. 26 Vgl., Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 141  f. 27 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 64. 28 Ebd., S. 68.

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Gott keine Achtung hatte“).29 In Kapitel 38, in dem es um das Verbot der Sonntagsarbeit geht, heißt es: sacra scriptura in omnibus testavit („die Heilige Schrift bezeugt das in allem“).30 Und schließlich in 42,1: qui volunt deo esse („die Gott gehören wollen“).31 Weder in der LBai noch in anderen Leges lassen sich vergleichbare Begründungen finden.

2.1.3 Christianisierung vor Gericht gebräuchlicher Rituale 1. Nach LRib 62,5 soll bei Verkäufen die Urkunde auf den Altar einer Kirche gelegt werden (cartam super altario positam)32, und in LRib 62,4 ist davon die Rede, dass „dem Schreiber die Hand vom Altar“ weggezogen wird (manum cancellarii de altario traxerit).33 2. Losordal: In LFris  XIV,1 ist ein genaues Verfahren beschrieben, wie ein Totschläger, der aus einer Menge heraus seine Tat begangen hat, gefunden werden kann. Unter anderem heißt es dort: „Dann sind sie (= die Verdächtigen) zur Basilika zu führen und Lose auf den Altar zu legen oder, wenn es nicht bei einer Kirche geschehen kann, auf die Reliquien der Heiligen. Diese Lose müssen so sein: zwei vom Zweig geschnittenen Stäbchen, die sie Reiser nennen, von denen eines mit dem Zeichen des Kreuzes gekennzeichnet, das andere leer gelassen wird, und sie werden mit sauberer Wolle umwickelt auf den Altar oder auf die Reliquien gelegt; und der Priester, wenn er dabei ist, oder, wenn der Priester fort ist, irgendein unschuldiger Knabe muss eines von diesen Losen vom Altar wegnehmen; und inzwischen werde Gott angefleht, er möge durch ein offensichtliches Zeichen zeigen, ob jene sieben, die wegen des begangenen Totschlags schworen, wahr geschworen haben (usw.)“.34 Dieser Bestimmung dürfte doch wohl ein altes Ritual zugrunde liegen, das auf christliche Gebäude und auf christliche Symbole und Amtsträger umgeschrieben wurde. 3. Eid: Dass ein Eid in der Kirche auf den Altar geschworen werden muss, wird in LAl 6,4 verfügt, wobei es um eine Art von Reinigungseid geht: „Wenn einer leugnet, so schwöre er gemäß dem Wert des Gutes mit seinen Eidhelfern auf diesem Altar, dem er

29 Ebd., S. 70. 30 Ebd., S. 98. 31 Ebd., S. 103. 32 Lex Ribvaria, hg. von Franz Beyerle und Rudolf Buchner (MGH Leges nat. Germ. 3,2), Hannover 1951, S. 115. 33 Lex Ribvaria, hg. von Franz Beyerle und Rudolf Buchner (MGH Leges nat. Germ. 3,2), Hannover 1951, S. 115. 34 Lex Frisionum, hg. und übersetzt von Karl August Eckhardt und Albrecht Eckhardt (MGH Fontes iuris Germanici antiqui 12), Hannover 1982, S. 57.



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das Diebesgut wegnahm, vor dem Priester (coram sacerdote) oder vor dessen Diener, dem der Pastor der Kirche befiehlt, den Eid zu hören“.35 In einem erst im 9. Jahrhundert eingefügten Zusatz zur LAl, der erst in spätkarolingischen Hss. auftaucht, z.  B. St. Gallen 338,36 wird die Eidesleistung noch näher beschrieben: „Diese Eide sollen so geschworen werden, dass jene Eidhelfer ihre Hände auf den Schrein (capsa) legen sollen, und jener, gegen den die Klage verfolgt wird, allein nur die Worte sagt und auf aller Hände seine Hand legt, dass ihm Gott helfe oder jene Reliquien unter ihren Händen (ut sic illi deus adiuvet vel illae reliquiae), die er umfasst hält, dass er wegen dieser Klage, mit der er verklagt ist, nicht schuldig sei“.37 Die Formel te deus adiuvet et istae sanctorum reliquiae findet sich auch in einer Eidesformel, die im Sendgericht seit dem ausgehenden 9. Jahrhunderts verwendet wurde.38 LAl 42,1 beschäftigt sich mit Angeklagten, die wegen eines Delikts durch drei oder vier gut beleumundete Zeugen überführt sind; solche Beklagten sollen zu ihrer Entlastung keine Eideshelfer heranziehen dürfen, „damit nicht seiner Untat wegen andere […] einen Meineid schwören“.39 Wer zu seinem Schutz falsche Zeugen oder Meineidige auftreten ließ, wurde auch schon vom Konzil von Mâcon 581/83 (c. 18) mit lebenslanger Exkommunikation bedroht.40 LBai  I,6 beschreibt einen Eid so: cum XXIIII sacramentalibus nominatis iuret in altare evangelio superposito coram defensore ecclesiae: „er schwöre mit 24 benannten Eidhelfern auf dem Altar auf das darauf gelegte Evangelienbuch vor dem Vogt der Kirche“.41 Die Lex Frisionum verlangt mehrfach einen Eid, etwa in III,6: „Wenn die Sache hochwertig war, schwöre der Herr auf die Reliquien oder man prüfe den Knecht beim Gottesurteil (iudicium dei) in siedendem Wasser“.42 In LFris X ist davon die Rede,

35 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 72. Die deutsche Übersetzung folgt Karl August Eckhardt, Die Gesetze des Karolingerreiches 714–911, Bd. 2: Alemannen und Bayern (Germanenrechte, Bd. 2), Weimar 1934, S. 71. 36 Vgl. Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 15, wo die Hs. in das 10. Jahrhundert datiert wird. 37 Ebd., S. 73 (aus einigen Hss. der Klasse B). 38 Vgl. Regino von Prüm, Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis II,3, hg. von Friedrich Wilhelm Hermann Wasserschleben, Leipzig 1840, S.  208.  – Zum Sendgericht vor allem Albert M. Königer, Die Sendgerichte in Deutschland, München 1907, sowie Wilfried Hartmann, Kirche und Kirchenrecht um 900. Die Bedeutung der spätkarolingischen Zeit für Tradition und Innovation im kirchlichen Recht (Schriften der MGH 58), Hannover 2008, S. 245–260. 39 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 102  f. 40 MGH Conc. 1 S. 159. Vgl. Odette Pontal, Die Synoden im Merowingerreich, Paderborn u.  a. 1986, S.  158 und die Zusammenstellung von Belegen über den Meineid bei Paul Hinschius, System des katholischen Kirchenrechts mit besonderer Rücksicht auf Deutschland, Bd. 5, Berlin 1895, S. 184  f. 41 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 275. 42 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 45.

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dass jemand „auf die Reliquien der Heiligen einen falschen Eid schwört“.43 Und in LFris  XII,1 muss der Herr eines beschuldigten Knechts „auf die Reliquien der Heiligen […] schwören“.44 LFris XIV,3 schließlich beschreibt das Vorgehen gegen einen Ankläger wegen Totschlags, der „auf die Reliquien der Heiligen“ schwören muss. Der Eid der Beschuldigten muss durch ein Gottesurteil des siedenden Wassers befestigt werden.45 In der Lex Ribvaria 69,5 heißt es dagegen: ein in der Kirche malo ordine und mit 6 Eidhelfern geleisteter Eid ist ungültig; es gilt nur, wenn einer mit 12 Eidhelfern im königlichen Gerichtshügel (ad stafflo regis in circulo et in hasla, hoc est in ramo) schwört.46 Soll das bedeuten, dass nicht der unter geistlicher Aufsicht, sondern nur ein in der für eine weltliche Gerichtsversammlung typischen Umgebung geschworener Eid Gültigkeit besitzt? Dass gerade beim vor Gericht so zentral wichtigen Eid zum Teil genaue Anweisungen gegeben werden, wie ein gültiger Eid abgelegt werden soll, zeigt das Bemühen – vor allem in der LAl und der Lex Frisionum, aber auch in der LBai – diese christliche Form der Eidesleistung genau zu beschreiben.

3 Inhaltliche Einflüsse des Christentums Nun aber zu Einflüssen des Christentums auf den Inhalt der Rechtsvorschriften und damit zu der Frage: Greifen die Leges reale Verstöße gegen kirchliches Recht oder gegen kirchliche Moralvorstellungen auf? Und: Kann überhaupt eine Brücke zwischen dem Text dieser „Leges“ und der Realität geschaffen werden? Folgende Inhalte sollen im Einzelnen untersucht werden: 1. Kirchengut und Kirchensklaven; 2. Angriffe auf kirchliche Amtsträger; 3. Verkauf von christlichen Sklaven an Heiden; 4. Sonntagsheiligung; 5. rein geistliche Themen (hier: Zölibat); 6. Asylrecht; 7. Inzestverbot; 8. Verwandtenmord; 9. Abtreibung oder Fehlgeburt; 10. Ehebruch; 11. Bestattung.

3.1 Kirchengut und Kirchensklaven Der Schutz des Kirchenguts ist in den merowingischen und frühkarolingischen Konzilien ein häufig behandeltes Thema; in den älteren Leges spielt es dagegen keine Rolle.

43 Ebd., S. 53. 44 Ebd., S. 55. 45 Ebd., S. 59. 46 Lex Ribvaria (wie Anm. 32), S. 122 mit Variante *.



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Allerdings kennt das römische Recht die freie Vergabung an die Kirche, wenn es im Codex Theodosianus (XVI,2,4) heißt: Habeat unusquisque licentiam sanctissimo catholicae venerabilique concilio decedens bonorum quod optavit relinquere47, also: „Ein jeder soll bei seinem Ableben die Erlaubnis haben, der allerheiligsten katholischen (Kirche) und dem verehrten Konzil von seinem Besitz, das, was er wünscht, hinterlassen dürfen“. Von den 27 auf die Kirche bezüglichen Kapiteln der LAl betreffen sechs die Mehrung und Sicherung des kirchlichen Besitzes (1–2, 5–6, 19–20). LAl 1,1 behandelt die Stiftungen an die Kirche. Hier wird festgelegt, dass niemand einen Freien daran hindern darf, „sein Vermögen und sich selbst der Kirche zu übergeben“, „weder der Herzog noch der Graf noch irgendeine Person“.48 Clausdieter Schott hat festgestellt, dass eine solche Bestimmung „nahezu beispiellos“ ist.49 Das entsprechende Kapitel der LBai (I,1) verlangt wenigstens, dass der Schenker sich zuvor mit seinen Kindern auseinandergesetzt hat (postquam cum filiis suis partivit).50 Aber im bairischen Konzil von Dingolfing (770) c.6 heißt es ganz ähnlich wie in der LAl: si quis … de hereditate sua voluisset dare ad sanctuarium dei, in sua potestate esset, nemo prohibuisset nec mutaret in perpetuum.51 Allerdings bezieht sich diese Bestimmung auf Geber de nobili genere! Nach LAl 1,2 soll derjenige, der das der Kirche übergebene Vermögen dieser wieder entziehen will, „dem Urteil Gottes und dem Bann (excommunicatio) der heiligen Kirche“ verfallen; außerdem muss er der Kirche eine Strafe zahlen und „dem Staat“ (in publico) das Friedensgeld (fredus) entrichten.52 In den verschiedenen handschriftlichen Varianten der LAl finden sich Textveränderungen zugunsten der Kirche, die Eva Schumann folgendermaßen kommentiert: „Ganz offensichtlich wurden diese Veränderungen im Text gerade deshalb vorgenommen, um sie in der Praxis einzusetzen“.53 Wenn man versucht, diese These anhand von LAl 1,2 zu überprüfen, stellt man folgendes fest: In fünf Handschriften der Klasse A (4, 8, 9, 11 und 12) und in 4 Codices von Klasse B (4, 9, 13 und 14) fehlt in der Strafandrohung der Passus: incurrat in dei iudicio et

47 Theodosiani Libri XVI cum constitutionibus Sirmondianis, hg. von Theodor Mommsen und Paul M. Meyer, Bd. 1,2, Berlin 1905, S. 836. Auf diese Stelle hat bereits Johannes Merkel in seiner Edition der Leges Alamannorum in: MGH Leges 3, Hannover 1863, S. 45 Anm. 2 hingewiesen. 48 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 63. 49 Schott, Lex (wie Anm. 1), S. 267. 50 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 268. 51 Concilia aevi Karolini, hg. von Albert Werminghoff (MGH Concilia 2,1), Hannover, Leipzig 1906, S. 95. 52 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 65. 53 Vgl. Eva Schumann, Entstehung und Fortwirkung der Lex Baiuvariorum, in: Leges, Gentes, Regna (wie Anm. 1), S. 291–319, hier S. 313 mit Anm. 76.

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excommunicationem sanctae ecclesiae, also: „er verfalle dem Urteil Gottes und dem Bann der heiligen Kirche“.54 Hat also ein Teil der Codices der Klassen A und B diesen eher kirchenrechtlichen Passus weggelassen oder wurde er in den anderen Hss. hinzugefügt? Eine vergleichbare Formulierung findet sich in zwei merowingischen Konzilskanones (Orléans 549 c. 16 und Clichy 626/27 c. 12), die von der Wegnahme von Kirchengut handeln: nach beiden Kanones wird der Räuber von Kirchengut mit der Exkommunikation bedroht.55 In B 19–37 (= Karolina) ist LAl 1,2 überhaupt umformuliert: Der Schenker und seine Erben werden überhaupt nicht erwähnt.56 In Kapitel I,2 der LBai, das eng mit LAl 1,2 verwandt ist, heißt es – in allen erhaltenen Codices – „er verfalle dem Urteil Gottes und der Strafe der heiligen Kirche“ (incurrat dei iudicium et offensionem sanctae ecclesiae).57 D.h. in der nach der LAl verfassten LBai hat man keinen Anstoß daran genommen, dass auch mit einer kirchlichen Strafe gedroht wurde. Das dürfte ein Hinweis darauf sein, dass diejenigen Codices der LAl, die diese kirchliche Strafandrohung enthalten, die ursprüngliche Fassung der LAl vertreten. Was die weltliche Strafe angeht, heißt es in LAl I,2 (in allen Varianten), dass der Täter jene Strafe auf sich nehmen müsse, quae carta contenit oder quae in carta commemorata fuerit58. Wenn man nach einer genauen Strafsumme sucht, dann muss man die noch vorhandenen Schenkungsurkunden aus dem 8. Jahrhunderts einsehen. Und tatsächlich, in den Urkunden des 8.  Jahrhunderts aus St. Gallen und aus Freising finden sich klare Strafen: in St. Gallen lauten diese oft auf 2 Pfund Gold und 5 Pfund Silber, gelegentlich auch auf 1 Unze (oder 2 oder 6 Unzen) Gold und 2 (oder 5 oder 12) Pfund Silber59; in Freising werden 3 (bzw. 12) Pfund (nur einmal 12 Unzen) Gold und 5 (12) Pfund Silber angedroht.60

54 Vgl. Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 65 mit Variante *. 55 Concilia aevi Merovingici, hg. von Friedrich Maassen (MGH Concilia 1), Hannover 1893, S. 106 und 199. 56 Vgl. Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 64  f., jeweils rechte Spalte. 57 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 270. 58 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 65. 59 Vgl. Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen, hg. von Hermann Wartmann, Bd. 1, St. Gallen 1863, S. 6, Nr. 6 vom 22. Nov. 731/736. Vgl. auch Nr. 10 vom 9. Nov. 744, S. 12; Nr. 12, S. 15 u. ö. In Nr. 20 (757) auf S. 24: 1 Unze Gold und 2 Pfd. Silber; Nr. 25 (759/60), S. 29: 6 Unzen Gold und 12 Pfd. Silber; Nr. 28 (761), S. 32: 2 Unzen Gold + 5 Pfd. Silber. 60 Vgl. Die Traditionen des Hochstifts Freising, Bd.  1 (744–926), hg. von Theodor Bitterauf (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte, N.F. 4, München 1905) Nr. 2 vom 12. Februar 748, S. 28  f.; vgl. Nr. 6, S. 32 u. ö. In Nr. 7 und 10 wird sogar von 12 Pfund Gold uns 12 Pfund Silber gesprochen (ebd. S. 33 und 37) In Nr. 22 ist von 12 Unzen Gold die Rede (S. 50).



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Die LBai I,2 verlangt, dass derjenige, der Kirchengut entziehen will, „dem weltlichen Richter drei Unzen Gold zahlen“ müsse.61 Nun sind drei Unzen Gold etwas anderes als drei Pfund, denn 1 Unze ist nur ein Zwölftel Pfund! Oder sind die drei Pfund Gold der Sanctiones in den Urkunden lediglich als Drohung, die die Schwere des Vergehens deutlich machen soll, und nicht als tatsächliche Strafe aufzufassen? Jedenfalls sind auch diese Unterschiede zwischen den beiden oberdeutschen Leges klare Belege für die Posteriorität der LBai gegenüber der LAl. Nach LAl 5 muss ein Raub in der Kirche auch als „Beleidigung der Kirche“ (iniuria ecclesiae) durch die Zahlung von 18 Schillingen gebüßt werden.62 In LAl 5,1 und 2 geht es um Diebstahl von kirchlichem Besitz.63 LAl 18 und 19 befassen sich mit dem Schutz des Kirchenguts, wobei es in c. 19 heißt, dass auch kein Priester oder „Hirt der Kirche“ (pastor ecclesiae) dazu berechtigt sei, Kirchenland zu verkaufen; er darf höchstens einen Tausch durchführen.64 Weitere sieben Kapitel beschäftigen sich mit den der Kirche gehörigen Unfreien: LAl 7–8 und 17 behandeln Angriffe auf unfreie und freie Kirchenleute, LAl 21 die Flucht von Kirchensklaven und LAl 22 und 23 die Abgaben der unfreien und freien Kirchenleute (servi bzw. coloni).65 Entscheidend ist dabei, dass Kirchenhörige den Hörigen des Königs gleichgestellt werden. LAl 9 und 10 behandeln das bewaffnete Eindringen in den Hof oder das Haus eines Bischofs oder Priesters. Ein solcher Angriff wird durch eine mehrfache Buße im Vergleich zu einer derartigen Handlung gegen einen freien Alemannen bedroht.66 In der LBai ist der ganze erste Titel diesen Themen gewidmet. I,1: Bei Stiftungen an die Kirche muss der Donator sich zuerst mit seinen Kindern einigen, was in LAl 1,1 nicht ausdrücklich gefordert wurde.67 I,2: wer eine solche Stiftung wieder zurückziehen will, verfällt dem Urteil Gottes (iudicium dei et offensionem sanctae ecclesiae) und zahle an den weltlichen Richter 3 Unzen Gold und gebe das Gut zurück.68 I, 3: Raub von Kirchengut (vgl. LAl 6) wird mit der neunfachen Buße bedroht.69 I,6: Verbrennen der Kirche oder von Kirchengut.70 Weitere drei Kapitel dieses Titels gelten dem Schutz der Kirchensklaven, und zwar:

61 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 270. 62 Vgl. Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 132  f. 63 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 70  f. 64 Ebd., S. 81. 65 Ebd., S. 83  f. 66 Ebd., S. 76. 67 Siehe oben bei Anm. 48. 68 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 270. 69 Ebd., S. 270  f. 70 Ebd., S. 274–276.

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I, 4 und 5 behandeln die Flucht und die Tötung von Kirchensklaven (vgl. LAl 7–9 und 21)71; LBai I, 13 befasst sich mit der Arbeit der kirchlichen Hörigen und Sklaven.72 Einige dieser Themen werden auch schon in den fränkischen Rechtsbüchern behandelt. In der Lex Salica (Titel 58) allerdings lediglich das Ausplündern oder Anzünden einer Kirche, das mit einer Strafe von 200 Schilling belegt wird.73 In der Lex Ribvaria sind vier Kapitel einschlägig, von denen ich nur hervorheben will, dass LRib 10 die Tötung eines Kirchensklaven behandelt und dieses Delikt mit einer Buße von 100 Schilling bedroht.74 LRib 11,3 befasst sich mit der gewaltsamen Wegnahme einer Sache, was bei einem Königs- oder Kirchenunfreien dreifach wie bei einem anderen Ribuarier gebüßt werden soll.75 In LRib 14 geht es um die Tötung einer gebärfähigen Königs- oder Kirchenunfreien: dieses Delikt wird mit 300 Schilling Bußgeld bedroht.76 LRib 61 (58) befasst sich mit den Kirchenhörigen.77

3.2 Angriffe auf kirchliche Amtsträger oder deren Besitz LAl 9–16, also acht Kapitel gelten diesem Thema.78 In Kapitel  9 und 10 wird ein Angriff auf den Hof eines Bischofs oder Priesters behandelt. In c. 11 geht es um einen Angriff auf den Bischof selbst, erwähnt sind Beleidigung, Verwundung, Verprügeln oder Verstümmelung. Bei der Tötung eines Bischofs (11,2) wird die Höhe der Buße nicht genannt; sie soll dem Wergeld für einen getöteten dux entsprechen. In c.12, wenn es um Angriff auf einen Priester oder seine Tötung geht, wird als Totschlagbuße ein Wergeld von 600 Schillingen fällig. In c.13 wird ein Angriff auf einen Diakon behandelt; im Todesfall ist ein Wergeld von 300 Schilling (einige B-Hss.: 400) fällig.79 Nach c.14 soll ein Mönch wie ein Diakon gebüßt werden. In c.15 heißt es, dass ein einfacher Kleriker wie ein freier Alemanne gebüßt wird, also mit 160 Schilling. In c.16 geht es um die Buße für einen Kleriker, der in der Kirche beleidigt wird. In der LBai wird dieses Thema in drei Kapiteln von Titel  I, nämlich cc. 8–1080, behandelt. In I,8 wird ein Angriff auf einen einfachen Kleriker (Subdiakon, Lektor,

71 Ebd., S. 272–274. 72 Ebd., S. 286–290. 73 Pactus legis Salicae, hg. von Karl August Eckhardt (MGH Leges nat. Germ. 4,1), Hannover 1962, S. 209. 74 Lex Ribvaria (wie Anm. 32), S. 77. 75 Ebd., S. 78, 5  f. 76 Ebd., S. 79, 9  f. 77 Ebd., S. 108  f. 78 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 75–79. 79 Ebd., S. 77  f. 80 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 278–283.



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Exorzist, Akolyth oder Ostiarius) behandelt; ein Totschlag an einem solchen Kleriker wird mit dem Wergeld eines freien Bajuwaren (das sind 160 Schillinge) gebüßt; diejenigen, die am Altar dienen, sollen das doppelte Wergeld erhalten. Diese Bußgelder sind also ungefähr so hoch wie in der LAl. Nach LBai I,9 werden Priester oder Diakon bei Totschlag mit 300 bzw. 200 Schillingen gebüßt; dazu kommt ein Fredus (Friedensgeld) von 40 Schilling. In der LAl waren die Bußen höher. Besonders berühmt ist endlich das Kapitel LBai I,10, in dem die exorbitant hohe Buße für den Mord an einem Bischof genau beschrieben wird: ein Gewand aus Blei in der Größe des Getöteten soll angefertigt und sein Gewicht soll in Gold aufgewogen und als Buße bezahlt werden.81 Bruno Krusch hat ausgerechnet, dass das die ungeheure Summe von mindestens ca. 30.000 Schillingen wäre.82 Erst in den jüngeren Fassungen der Lex Salica (D, E und K-Klasse) kommt ein Klerikerwergeld überhaupt vor. Nach Tit. 78 bzw. 58 soll die Tötung eines Diakons (58,2) mit 300 und die eines Priesters (58,3) mit 600 Schillingen gebüßt werden.83 Damit erreicht das Klerikerwergeld dieselbe Höhe wie in der LAl. Ein Blick in die Lex Ribvaria macht deutlich, woher diese Bußhöhen kommen: In LRib 40 (36), 5–9 werden die Bußen für Totschlag an einem Geistlichen genannt: Nach 40,5 sind für einen einfachen Geistlichen 100 Schilling zu entrichten (ebenso viel wie für einen fremden Römer), nach 40,6 kostet ein Subdiakon 200 Schilling (wie ein fremder Franke); nach 40,7 ein Diakon: 300 Schilling und ein Priester (40,8): 600 Schilling. Ein Bischof schließlich 900 Schilling (40,9).84 Zum Vergleich (36,10): wer eine schwangere Mutter mit ihrem Baby tötet, muss 700 Schilling bezahlen! In den Leges der Sachsen, Friesen, Thüringer und Chamaven werden keine besonderen Wergelder für Kleriker genannt.85 Harald Siems hat das damit erklärt, dass in einem Kapitular Karls des Großen von 803 solche Wergelder für den Totschlag an Klerikern bestimmt sind;86 sie sind etwas höher als die in den Leges der Franken und Alemannen genannten: für einen Diakon sind 400, für einen Priester 600 und für einen Bischof 900 Schilling fällig; ein Mönch „kostet“ 400 Schilling.

81 Ebd. S. 281–283. 82 Vgl. Bruno Krusch, Die Lex Bajuvariorum. Textgeschichte, Handschriftenkritik und Entstehung. Mit zwei Anhängen: Lex Alamannorum und Lex Ribuaria, Berlin 1924, S. 263. 83 Pactus legis Salicae (wie Anm. 71), S. 209. 84 Lex Ribvaria (wie Anm. 31), S. 93  f. 85 Harald Siems, Studien zur Lex Frisionum, Ebelsbach 1980, S. 306. 86 Ebd. S. 307 mit Hinweis auf das Kapitular in MGH Capit. 1 Nr. 39, S. 113 (in über 40 Hss. verbreitet).

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3.3 Verkauf christlicher Sklaven an Heiden In LAl 37,1 wird der Verkauf von Unfreien foris provincia nec in paganos nec in christianos verboten.87 Als Strafe geht der erzielte Kaufpreis verloren und es soll ein Friedensgeld entrichtet werden. In zwei merowingischen Synoden des 7.  Jahrhunderts (Reims 637, c.11 und vor allem Chalon 639/54, c.988) gibt es Parallelen zu dieser Bestimmung; allerdings wird dort keine Strafe angedroht. Auch in Kapitel 49 der Novellen des Langobardenkönigs Liutprand aus dem Jahr 723 geht es um einen Verkauf foris provincia, also außerhalb des Reiches; als Strafe muss der vierfache Kaufpreis entrichtet werden.89 In der LBai kommt eine solche Bestimmung nicht vor, im bairischen Konzil von Neuching (772) wird aber in c. 1 der Verkauf jenseits der Grenze der provincia verboten. Als Strafe soll das Wergeld des Verkäufers entrichtet werden.90 Auch Lex Frisionum XVII, 5 verbietet den Verkauf eines Unfreien „in heidnische Gaue“ (in paganas gentes) bei Strafe des Wergelds.91 Bereits 732 hatte Papst Gregor III. in einem Brief an Bonifatius verlangt, dass diejenigen, die ihre Unfreien an die Heiden verkaufen, von denen sie geopfert werden sollen, wie Totschläger büßen sollen.92

3.4 Sonntagsheiligung Schon in einigen merowingischen Synoden war die Sonntagsheiligung eingeschärft worden, allerdings ohne eine Strafe anzudrohen.93 Nach LAl 38 soll ein Bruch der Sonntagsruhe an Knechten mit der Prügelstrafe geahndet werden. Ein freier Alemanne soll nach der dritten Verwarnung ein Drittel seines Besitzes verlieren. Wenn er danach immer noch nicht die Sonntagsruhe einhält, soll er auf Dauer verknechtet werden.94 Das Vorbild für die strenge Bestrafung für Sonntagsschändung in der LAl könnten die Bußbücher Cummeans (XII § 5) bzw. Theodors von Canterbury (II,8 § 1) aus dem 7. Jahrhundert sein:95 Dort wird

87 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 97. 88 Vgl., Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 138. 89 Vgl. Die Gesetze der Langobarden, übertragen und bearbeitet von Franz Beyerle, Weimar 1947, S. 215. 90 MGH Concilia 2,1 (wie Anm. 51), S. 99. 91 Lex Frisionum (wie Anm. 34, S. 63. 92 Die Briefe des heiligen Bonifatius und Lullus, hg. von Michael Tangl (MGH Epistolae selectae 1), Berlin 1916, S. 51, 18–23. 93 Vgl. Pontal, Synoden (wie Anm. 40), S. 271. 94 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 98. 95 Vgl. Karl Lehmann, Zur Textkritik und Entstehungsgeschichte des alamannischen Volksrechtes, in: Neues Archiv 10 (1885), S. 469–506, hier S. 500 und Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8) S. 131  f.



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beim dritten Mal der Verlust von einem Drittel des Vermögens angedroht oder eine Prügelstrafe. Eine dauernde Verknechtung wird aber nicht erwähnt. Der entsprechende Abschnitt in der LBai VII,4 ist sehr ausführlich, wurde aber wahrscheinlich erst in einer späteren Fassung eingefügt: Wenn ein Freier am Sonntag seine Ochsen einspannt, soll er den rechten Ochsen verlieren. Wenn einer Knechtsarbeit (opus servile) tut, soll er ein- oder zweimal verwarnt werden und dann eine Prügelstrafe von 50 Schlägen erleiden; danach verliert er ein Drittel seines Vermögens. Ignoriert er die Sonntagsruhe weiterhin, soll er auf Dauer verknechtet werden. Ein Unfreier wird geprügelt und soll im Wiederholungsfall die rechte Hand verlieren.96 Die Sonntagsheiligung wird auch von der Synode von Dingolfing (770) c.1 eingeschärft; dabei wird ausdrücklich auf die LBai verwiesen.97 Von den übrigen Leges äußert sich nur die Lex Frisionum über das Sonntagsgebot: Nach LFris 18 soll derjenige, der am Sonntag das opus servile leistet, 12 bzw. 4 Schilling Buße zahlen. Ein Unfreier soll die Prügelstrafe erleiden.98

3.5 Rein geistliche Themen, hier der Zölibat Als einzige Lex verlangt die LBai (I, 12) die Einhaltung des Zölibats: Priestern und Diakonen ist es verboten, eine femina extranea (= fremde Frau) bei sich zu Hause zu haben. Eine Strafandrohung enthält das Kapitel allerdings nicht.99 Da das Thema im frühmittelalterlichen Kirchenrecht häufig behandelt ist, konnte bereits Merkel zu diesem Kapitel zahlreiche Parallelstellen aus merowingischen und spanischen Synoden des 6. und 7. Jahrhunderts anführen.100

3.6 Asyl in der Kirche101 Mit dem Asyl befasst sich LAl 3,1–3102. In LAl 3,1 heißt es: Niemand darf einen in eine Kirche Geflüchteten aus dieser herausholen oder ihn in der Kirche töten. Für Asylbruch wird eine hohe Buße angedroht: 36 + 40 Schilling müssen an den Fiskus

96 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 349–351. 97 MGH Concilia 2,1 (wie Anm. 51), S. 94. 98 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 62  f. 99 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 284  f. 100 MGH Leges 3, S. 277 Anm. 57. 101 Vgl. Harald Siems, Zur Entwicklung des Kirchenasyls zwischen Spätantike und Mittelalter, in: Libertas. Grundrechtliche und rechtsstaatliche Gewährungen in Antike und Gegenwart. Symposion aus Anlaß des 80. Geburtstages von Franz Wieacker, hg. von Okko Behrends und Malte Diesselhorst, Ebelsbach 1991, S. 139–186. 102 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 68–70.

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bezahlt werden. Der Priester soll einen Knecht erst dann seinem Herrn ausliefern, wenn dieser ein Pfand dafür gegeben hat, dass er ihm seine Tat wirklich verziehen hat. Das Pfandgeben (3,1) ist neu und das gibt es nur in der LAl. In der karolingischen Überarbeitung der LAl (Hss.-gruppe B, Codex 19–37) ist diese Pfandregelung weggefallen.103 Auch LBai I, 7 befasst sich mit dem Asylrecht und verlangt, dass die Strafe für den Asylanten cum consilio sacerdotis festgelegt werden soll104; eine solche Regelung gab es bisher nicht. Die Buße für Asylbruch ist etwas höher als in der LAl; sie beträgt 40 + 40 Schilling an den Fiskus. Nach Siems erhält die Kirche in der LBai im Asylrecht „eine stärkere Position als in allen bisherigen Regelungen“.105 Lex Salica und Lex Ribvaria enthalten keine Bestimmungen zum Asyl106, dafür aber eine Reihe von merowingischen Synoden des 6. Jahrhunderts, nämlich Orléans 511, cc. 1 und 3; Orléans 541 cc. 21 und 24; Orléans 549 c. 22; Mâcon 585 c. 8 und Clichy 626/27 c. 9. Außerdem die Decretio Childeberti von 596, c. 4.107 Auch in Edictus Rothari 272 wird das Asylrecht erwähnt.108

3.7 Verwandtenmord Dieses Delikt wird in den Kanones der merowingischen und frühkarolingischen Konzilien überhaupt nicht behandelt; es gibt aber eine Passage in einem Brief Papst Gregors III. an Bonifatius.109 Das römische Recht kennt jedoch die strenge Bestrafung dieses Delikts.110 Auch in einer Reihe von Germanenrechten wird die Tötung von Verwandten nicht erwähnt, nämlich in der Lex Salica, der Lex Burgundionum, der Lex Saxonum, der Lex Thuringorum, der Lex Chamavorum und in den frühen angelsächsischen Rechten.111 Wenn es in LAl 40 heißt, dass man nach einem Verwandtenmord „gemäß den Kanones Buße tun“ muss (poenitentiam secundum canones agat)112, dann fragt man sich, welche Kanones da gemeint sind. Wenn wir uns im frühmittelalterlichen Kirchenrecht umsehen, dann gibt es zwar in den Konzilien keine Bestimmung über

103 Ebd., S. 68. 104 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 276, 8. 105 Siems, Entwicklung (wie Anm. 101), S. 174  f. 106 Ebd., S. 167  ff. 107 MGH Concilia 1 (wie Anm. 55), S. 2–4; 92; 107  f.; 168 und 198. Vgl. Pontal, Synoden (wie Anm. 40), S. 323 (Index s.v. Asyl und Asylrecht). 108 Beyerle, Gesetze der Langobarden (wie Anm. 89), S. 112  f. 109 Gregor III. an Bonifatius (732), in: Briefe des Bonifatius (wie Anm. 92), S. 51, 12–17. 110 Vgl. Siems, Lex Frisionum (wie Anm. 85) S. 327  ff. 111 Ebd., S. 327 mit Anm. 296. 112 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 100.



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Verwandtenmörder, wohl aber in den Bußbüchern. Diese verhängen zwischen 5 und 14 Jahren Buße und dazu Exil. Die Canones Hibernenses (I,1) verhängen 14 Jahre Buße113, der Excarpsus Egberti (c.3) verlangt 7 bzw. 14 Jahre oder 7 Jahre und Exil114, das Paenitentiale Bigotianum (IV,1,1) 14 Jahre115, das Paenitentiale Vallicellianum I (c.13) 15 Jahre, davon 5 im Exil oder im Kloster116 und im Doppelpaenitentiale Beda-Egberts heißt es: manche sagen 7 Jahre, andere 14 Jahre, und andere Buße bis zum Lebensende wie es Kain auferlegt war.117 Strenger war Papst Gregor III., der die Verwandtenmörder bis zum Lebensende exkommunizieren möchte und dazu ein lebenslanges Verbot des Essens von Fleisch und des Weintrinkens verhängt. Außerdem fordert er ein Fasten an jedem 2., 4. und 6. Wochentag.118 Die LAl 40 verlangt außerdem, dass das Vermögen des Täters coram omnes parentes eius eingezogen werden soll.119 Ob das bedeutet, dass die Gemeinschaft der Verwandten das Vermögen erhält? Wie sieht es in den anderen Leges aus? In Lex Frisionum 19, 1 und 2 wird der Vater- und der Brudermord behandelt. Der Vatermörder verliert seine Erbschaft und der Brudermörder muss dem nächsten Erben das Wergeld bezahlen.120 Nach Lex Ribvaria 72,2 (69,2) muss der, der seinen Blutsverwandten (proximum sanguinis) tötet, ins Exil gehen und er verliert sein Vermögen an den Fiskus.121 Nach Edictus Rothari 163 kann der König entscheiden, ob die Todesstrafe für einen Verwandtenmörder angewandt wird.122 In Liutprand 17 geht es vor allem um das Erbe eines Verwandtenmörders. Was dessen Bestrafung angeht, so soll die Bestimmung des Edictus Rothari gelten.123 Die Todesstrafe für Verwandtenmörder kennt vor allem das römische Recht (CTh  IX,15,1 = LRomVis  IX,12,1)124; dort wird verlangt, den parricida zur Strafe des Säckens zu verurteilen.

113 Ludwig Bieler (Hg.), The Irish Penitentials (Scriptores Latini Hiberniae 5), Dublin 1963, S. 160. 114 Hermann Josef Schmitz, Die Bußbücher und die Bußdisciplin der Kirche nach handschriftlichen Quellen dargestellt, Bd. 1, Mainz 1883, S. 576. 115 Friedrich Wilhelm Hermann Wasserschleben, Die Bußordnungen der abendländischen Kirche nebst einer rechtsgeschichtlichen Einleitung, Halle 1851, S. 453. 116 Schmitz, Bußbücher 1 (wie Anm. 114), S. 351. 117 Hermann Josef Schmitz, Die Bußbücher und das kanonische Bußverfahren, Bd. 2, Mainz 1898, S. 691. 118 Vgl. Briefe des Bonifatius (wie Anm. 92), S. 51, 12–17. 119 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 100. 120 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 63 und 65. 121 Lex Ribvaria (wie Anm. 32) S. 122; vgl. Leges Visigothorum VI,5,18 (Ant.). 122 Beyerle, Gesetze der Langobarden (wie Anm. 89), S. 55. 123 Ebd., S. 187. 124 Codex Theodosianus 1,2 (wie Anm. 47), S. 458  f.

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Dabei wurde der Verurteilte in einen Sack gesteckt und ins Wasser geworfen. Mit ihm zusammen befand sich ein Tier in dem Sack: eine Schlange, ein Skorpion, ein Affe, ein Hahn oder ein Hund.

3.8 Inzestverbot Der Inzest, also das Eheverbot zwischen nahen Verwandten, ist ein in den Synoden der Merowingerzeit so häufig behandeltes Thema, dass Karl Ubl geradezu von einer „Obsession“ gesprochen hat.125 Daher kann es nicht verwundern, wenn vor allem in den beiden oberdeutschen Leges dieses Delikt auch thematisiert wird. Nach LAl 39 ist die Ehe mit der Schwiegermutter, der Schwiegertochter, der Stieftochter, der Stiefmutter, der Tochter des Bruders oder der Schwester, der Frau des Bruders, der Schwester der Ehefrau untersagt. Verboten sind auch Ehen zwischen Bruderkindern oder Schwesterkindern.126 Ähnliche Bestimmungen über Eheverbote finden sich in den merowingischen Synoden von Auxerre (573–603) cc. 27–32 und Paris (614) c.16.127 Sie entsprechen weitgehend den im Codex Theodosianus enthaltenen Gesetzen der Kaiser Constantius II. (von 342 und 355) und Theodosius I. (von 387).128 Damit bleibt die LAl jedoch hinter den am Beginn des 8.  Jahrhunderts von Rom eingeschärften Grenzen zurück; denn vor allem die Ehehindernisse der geistlichen Verwandtschaft sind nicht genannt. Und Papst Gregor III. hatte sogar 732 den 7. Grad der Verwandtschaft als Grenze des Inzests vorgeschrieben.129 Warum haben sich die Verfasser der LAl hier so zurückgehalten, wenn sie eine kirchlich bestimmte Fälschung anfertigen wollten?130 Als Strafe wird Vermögensverlust (39,2) bzw. Verlust der Freiheit (39,3) angedroht.131 In LBai  VII, 1 sind als verbotene Verbindungen genau dieselben Verwandten genannt wie in der LAl. Und auch die Strafandrohung, der Verlust des gesam-

125 Vgl. Karl Ubl, Inzestverbot und Gesetzgebung. Die Konstruktion eines Verbrechens (300–1100), Berlin, New York 2008, S. 137. 126 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 98  f. 127 MGH Concilia 1 (wie Anm. 55), S. 182 und 190. 128 Das Gesetz Constantius’ II. von 342 findet sich im Codex Theodosianus (wie Anm. 47) als Kapitel III,12,1 (S. 150), das Gesetz von 355 ist Cod. Theod. III,12,2 (ebd. S. 150  f.). Das Gesetz Theodosius’ I. von 387 ist nicht in den Cod. Theod. aufgenommen, sondern findet sich erst im Codex Iustinianus V,5,5. Vgl. Ubl, Inzestverbot (wie Anm. 125), S. 49–51 und 57. 129 Briefe des Bonifatius (wie Anm. 92), S. 51, 8  f. Vgl. dazu Ubl, Inzestverbot (wie Anm. 125), S. 244. 130 Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 134 begründet das damit, dass es den Verfassern der LAl wichtiger gewesen sei, den Schutz des Erwerbs von Kirchengütern durchzusetzen als die Inzestverordnung so weit auszudehnen, wie das die kirchlichen Gesetze des beginnenden 8.  Jahrhunderts eigentlich verlangt hätten. 131 Vgl. Ubl, Inzestverbot (wie Anm. 125), S. 274 Anm. 271.



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ten Vermögens (VII,2) bzw. der Verlust der Freiheit (VII,3) sind exakt so wie in der LAl!132 Wenn sich der langobardische König Liutprand in zwei Novellen (Nr. 32 und 33) aus dem Jahr 723 mit „verbotenen Ehen“ (matrimonia illicita) beschäftigt, nennt er am Ende solche Ehen, die mit der Witwe des Vetters (consobrinus) oder des Sohns des Vetters (insobrinus) eingegangen wurden, die der Papst von Rom in einem Schreiben an den König verboten hatte.133 Nach Add. III (a) 77 u. 78 der Lex Frisionum soll eine unerlaubte Ehe (nuptiae illicitae) aufgelöst werden; wer nach der Trennung wieder zusammenlebt, muss eine Buße in Höhe seines Wergelds entrichten.134 Was aber nuptiae illicitae sind, wird nicht näher ausgeführt. Nach Lex Ribvaria 72,2 (69,2) soll jemand, der Blutschande begeht (incestum committere), mit Exil bestraft werden und sein Vermögen an den Fiskus verlieren.135 Was aber ein incestus ist, wird nicht gesagt; allerdings haben zahlreiche merowingische Konzilien recht genaue Aussagen über den Inzest gemacht, wie oben schon bemerkt. Auch in der Lex Salica (13,16) gibt es ein Verbot von bestimmten Eheverbindungen, die als nuptiae sceleratae („verbrecherische Ehen“) bezeichnet werden. Ausdrücklich genannt sind nur Verbindungen mit den Töchtern der Schwester oder des Bruders sowie mit der Ehefrau des Bruders oder des Onkels.136

3.9 Abtreibung und Fehlgeburt Ein weiteres Delikt, das mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt, ist in der LBai in eigenartiger Weise behandelt, nämlich Abtreibung und Fehlgeburt. Die LBai widmet diesem Delikt die Teilkapitel 18–23 von Titel VIII.137 Nach VIII,18 soll bei einer Fehlgeburt durch einen Trank (potio) eine Magd 200 Geißelhiebe erhalten, eine Freie verknechtet werden. In VIII,19 wird eine Fehlgeburt durch Stoß geregelt: wenn die Frau stirbt, war es Totschlag; wenn das Ungeborene noch nicht lebensfähig war, ist eine Buße von 40 Schilling fällig, wenn es lebensfähig war, muss das Wergeld entrichtet werden. Diese Strafen sind dem westgotischen Recht entnommen und enthalten keinerlei Hinweise auf christlichen Einfluss.

132 Anders Schneider, Arbeiten (wie Anm. 8), S. 134. 133 Beyerle, Gesetze der Langobarden (wie Anm.  89), S.  206: Hoc autem ideo adfiximus, quia deo teste papa urbis Romae […] per suam epistolam nos adortavit, ut tale coniugium fieri nullatinus permitteremus. – Welcher Papstbrief damit gemeint ist, wurde bisher noch nicht aufgedeckt. 134 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 96  f. 135 Lex Ribvaria (wie Anm. 32), S. 124, 1  f. 136 Pactus legis Salicae (wie Anm. 73), S. 63. 137 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 361–365.

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Anders sieht es dann mit VIII,20 und 21 aus: diese Kapitel haben nirgends eine Parallele: Darin geht es um das Verursachen einer Fehlgeburt, wofür eine ewige Buße bezahlt werden muss. Diese Zahlung soll „bis ins 7. Glied“ gelten; in jedem Herbst ist ein Schilling fällig. Die alttestamentlichen Bücher Exodus, Numeri und Deuteronomium sprechen von in tertiam et quartam generationem.138 In Kapitel  VIII,21 wird eine Begründung für diese ewige Strafe gegeben: Nach Auffassung des Christentums muss die Seele eines Ungeborenen eine ewige Strafe erdulden, „da sie ohne das Sakrament der Wiedergeburt durch einen abortus der Hölle übergeben wurde“. Konrad Beyerle sieht in diesen Kapiteln „einen besonders starken Beweis des kirchlichen Charakters der Lb.“139 In den beiden folgenden Kapiteln, LBai VIII,22 und 23 geht es um die Fehlgeburt einer Magd: da müssen 4 bzw. 20 Schilling entrichtet werden; 20 Schilling, wenn das Ungeborene schon lebensfähig war. Bei der Fehlgeburt einer Magd ist also keine „ewige“, sondern eine eher geringe Buße fällig. Das Delikt „Verursachen einer Fehlgeburt“ gibt es auch in den anderen Leges, vor allem in der LAl: 88,1 und 2 (Hss.-Klasse A): hier werden 12 Schilling (bei männlichen) bzw. 24 Schilling (bei weiblichen Föten) fällig.140 Diese geringen Bußen sind also mit denjenigen vergleichbar, die in der LBai für Fehlgeburten bei unfreien Frauen verlangt werden. In Lex Ribvaria 40,10 (36,10) und in Lex Salica 24,5 wird die hohe Buße von jeweils 100 Schilling verlangt.141 Aber eine christliche Begründung für diese Bußen gibt es nicht.

3.10 Ehebruch In ihren Bestimmungen zum Ehebruch lassen auch die LAl und die LBai keine Nähe zu christlichen Vorstellungen erkennen. Das gilt für LBai VIII,1, wenn es heißt, dass ein im Bett der fremden Ehefrau getöteter Mann ohne Buße bleibt.142 In LAl 50,1 wird der Raub der Ehefrau eines andern mit 80 Schilling Buße belegt.143 Ähnlich lautet die Buße in einem Zusatz zur Lex Frisionum (Add. III (a) 76): hier kostet der Raub einer Ehefrau drei mal 53 Schilling.144

138 Siehe oben Anm. 20. 139 Beyerle, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3), S. LV zu LBai VIII,20  f. 140 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 150. 141 Vgl. Lex Ribvaria (wie Anm. 32), S. 94 und Pactus legis Salicae (wie Anm. 71), S. 91. 142 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 353  f. 143 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 100. 144 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 94–97.



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Vor allem die beiden zentralen Punkte, in denen sich das christliche Eherecht vom älteren römischen, germanischen oder auch alttestamentarischen Eherecht unterscheidet, sind nirgends thematisiert, nämlich die Unauflöslichkeit der Ehe145 und die Gleichheit der Ehepartner, etwa bei Ehebruch.

3.11 Umgang mit Leichen Die LBai hat diesem Thema einen eigenen umfangreichen Titel gewidmet, nämlich Titel XIX „Von Toten und ihrer Buße“.146 In XIX,1 geht es um das Ausgraben der Leiche eines Freien aus einem Grabhügel, was mit einer Buße von 40 Schilling belegt wird. In LBai  XIX,2 geht es um die Verletzung von Leichen. Eine Leiche wird ins Wasser geworfen und so den digna obsequia entzogen; nach Beyerle ist das „christlich und kirchlich gedacht“.147 In LBai XIX,7 wird die Bestattung einer unbekannten Leiche behandelt: „Wenn von jemandem ein Toter gefunden wird und er ihn aus Menschlichkeit begräbt, damit er weder von Schweinen verunreinigt noch von Raubtieren oder Hunden zerfleischt wird […] sollen ihm dessen Verwandte einen Schilling zahlen […] Wenn sie das nicht tun, empfange er den Lohn von Gott, weil geschrieben steht, dass die Toten begraben werden müssen“.148 Wie oben schon bemerkt, wird hier auf einen Vers im Matthäusevangelium angespielt. Dies wird als Werk der Nächstenliebe (humanitatis causa) bezeichnet. Ein himmlischer Lohn wird mit biblischer Begründung in Aussicht gestellt. In XIX,8 wird die Gewohnheit behandelt, dass „der Herr des Leichnams“ als erster Erde auf das auf die Leiche gelegte Brett im Grab werfen soll, „damit die übrigen Bestattenden nicht schuldig werden“: diese Vorstellung sei nicht „in der Wahrheit des alten Gesetzes“ gefunden worden. Was ist mit lex vetus gemeint, von der die Rede ist?149 Nach Beyerle soll dieses „alte Gesetz“ die alte Baiernlex aus der Zeit König Dagoberts I. sein.150 Vielleicht ist jedoch das Alte Testament gemeint? Auch in LAl 49,1 bzw. 50,1 wird das Ausgraben von Leichen behandelt und mit einer Buße von 40 Schillingen bedroht; wenn es sich um eine Frau handelt, sind 80 Schilling zu bezahlen.151 Und schon die fränkischen Rechtsbücher Lex Salica (17 und

145 Zu diesem Thema vgl. Korbinian Ritzer, Formen, Riten und religiöses Brauchtum der Eheschließung in den christlichen Kirchen des ersten Jahrtausends, Münster 1962. 146 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 454–458. Vgl. Beyerle, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3), S. LVI. 147 Ebd., S. LVI. 148 Lex Baiuvariorum (wie Anm. 18), S. 457  f. 149 Vgl. ebd. S. 458, wo es im Obertext verae legis veritate heißt, obwohl in einer Reihe von alten Hss. vetere bzw. veteri steht. 150 Beyerle, Lex Baiuvariorum (wie Anm. 3), S. LXXV. 151 Leges Alamannorum (wie Anm. 21), S. 108.

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55) oder Lex Ribvaria (55, 88,1 und 2) hatten sich mit dem Umgang mit Leichen und Gräbern befasst152, aber in diesen Leges ist bei der Beschreibung des Delikts keinerlei christlicher Einfluss erkennbar. Das gilt auch für Lex Frisionum Add. 17.153

4 Fazit Welches Fazit können wir aus den vielleicht etwas verwirrenden Ergebnissen unserer Untersuchung ziehen? Die LAl und die LBai bestehen in weiten Teilen aus älterem Gewohnheitsrecht und sie haben Elemente einbezogen, die aus anderen germanischen Rechtsbüchern stammen. Daneben gibt es in der sprachlichen Gestalt und auch in einer Reihe von inhaltlichen Punkten eine Nähe zu christlichen Vorstellungen, die sie teilweise aus schriftlichen Quellen entnommen haben, die wir benennen können. Ob die geistlichen Verfasser aus eigenem Antrieb – als Privatleute oder gar als „Fälscher“ gearbeitet haben, ist wohl nicht mehr zu entscheiden, aber sie glaubten nicht nur im Namen der Kirche, sondern auch im Namen der weltlichen Herrschaft zu wirken. Was die enge Verwandtschaft  – nicht bezüglich wörtlicher Übernahmen, aber wegen an vielen Stellen erkennbarer Einflüsse des Christentums und der Kirche  – zwischen der LAl und der Lex Frisionum angeht, so hat bereits Harald Siems darauf hingewiesen, dass die Lex Frisionum an verschiedenen Stellen durch die LAl beeinflusst ist.154 Die LAl wurde wahrscheinlich in der Zeit Karls des Großen deshalb so begeistert abgeschrieben und so weit verbreitet, weil sie dem Ideal eines christlich und kirchlich bestimmten Gesetzbuches entsprach. Karl akzeptierte dabei sogar das Eingangskapitel über die freien Schenkungen, obwohl er sonst den Schenkungen von Freien an die Kirche und vor allem an Klöster äußerst kritisch gegenüber stand.155 Ein solches Gesetzbuch ist unter Karl dem Großen für die Friesen geschaffen worden; unter Verwendung von friesischen Traditionen des Gewohnheitsrechts, aber mit starken Einsprengseln christlich-kirchlichen Ursprungs. Die Friesen selbst haben dieses Rechtsbuch aber anscheinend nicht rezipiert, denn seine Überlieferung ist mehr als spärlich: nur eine einzige Handschrift hat es in der frühen Neuzeit noch gegeben,

152 Pactus legis Salicae (wie Anm. 73), S. 69, 205–208 und Lex Ribvaria (wie Anm. 32), S. 103  f. und 132. 153 Lex Frisionum (wie Anm. 34), S. 119. 154 Siems, Lex Frisionum (wie Anm. 85), S. 322–325 zu LFris XVII,1–3. 155 Vgl. vor allem c. 15 und 16 des Kapitulars von Diedenhofen (Ende 805; MGH Capit. 1 S.  125), wonach die Übergabe eines Freien an die Kirche nur mit Zustimmung des Kaisers möglich sein sollte. Außerdem sollten die Eltern ihre Kinder nicht zugunsten der Kirche enterben, die dann Bettler oder Räuber werden müssen, um sich zu ernähren.



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die Johannes Herold für seinen Druck verwendet hat. Anders bei der LAl: unabhängig von der Frage, ob sie auch vor Gericht verwendet wurde, ist aus den zahlreichen Handschriften ganz klar zu erkennen, dass sie den abschreibenden Mönchen sehr gut in ihre Vorstellung von einem christlich bestimmtem Leben in ihrer Zeit passte.

Sebastian Ristow

Frühes Christentum bei den Alamannen. Strukturelle Betrachtung und methodische Fragen In den Bereich apologetischer Rhetorik fällt die Angabe des christlichen Schriftstellers Arnobius von Sicca, der um das Jahr 300 behauptet, dass es bei den Alamannen auch Christen gäbe.1 Zur Mitte des 5. Jahrhunderts waren weder Franken noch Alamannen vom Christentum erreicht. Für letztere berichtet dies aus historisch naher Perspektive implizit und im Zusammenhang mit den Thüringern Eugippius2, Abt eines Klosters bei Neapel und Erzähler der Geschichte des Severin von Noricum. Der älteste vielleicht vor christlichem Hintergrund entstandene Gegenstand aus einem alemannischen Grab der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts ist ein Silberlöffel mit der Zueignungsinschrift „Posenna vivas“ aus Heilbronn.3 Und ganz selbstverständlich wird man aus heutiger Sicht darauf verweisen, dass zum einen solche Löffel nicht in kultisch-religiösem Zusammenhang gedeutet werden müssen, zum anderen, dass das Vorhandensein eines solchen Inventarbestandteils in einem Grab keine Aussage darüber erlaubt, ob die Bestattenden oder die Verstorbenen verstanden hätten, was diese Inschrift bedeuten kann. Gleiches gilt auch für das Beinkästchen aus demselben Grab.4 Quellen zu christlichem Glauben vor dem 6.  Jahrhundert bei den Alamannen gibt es also nicht. Dies ist auch für die Situation der nördlich benachbarten Franken festzuhalten. Erst mit der sicherlich in erster Linie politisch motivierten Taufe Chlodwigs und dem Übertritt von weiten Teilen der fränkischen Elite zum neuen Glauben ändern sich die Verhältnisse dort.5 Die Alamannen waren aber wohl noch länger nicht in nennenswertem Maß christlich geworden. Zu 553 berichtet der byzantini-

1 Arnob. nat. 1,16,1. 2 Eugipp. vit. Sev. 31. 3 CIL 13,3,2, 10026, 66; vgl. Wolfgang Müller und Matthias Knaut, Heiden und Christen. Archäologische Funde zum frühen Christentum in Südwestdeutschland (Kleine Schriften zur Vor- und Frühgeschichte Südwestdeutschlands 2), Stuttgart 1987, S. 12 f. 4 Peter Gössler, Das frühchristliche Beinkästchen von Heilbronn, in: Germania 16, 1932, S. 294–299. – Dazu zusammenfassend: Knut Schäferdiek, s. v. Germanenmission, in: Reallexikon für Antike und Christentum X, Stuttgart 1978, Sp. 492–548, bes. 532  f. – Zu den Löffeln zuletzt inhaltlich Stefan Hauser, s. v. Löffel, in: Reallexikon für Antike und Christentum XXIII, Stuttgart 2010, Sp. 244–256. 5 Mit allen Belegen: Sebastian Ristow, Frühes Christentum im Rheinland. Die Zeugnisse der archäologischen und historischen Quellen an Rhein, Maas und Mosel, Münster 2007; und zuletzt mit Ergänzungen: ders., Forschungsstand und Forschungsstandpunkte zu den Anfängen der christlichen Religion im Rheinland, in: Rheinische Vierteljahresblätter 77, 2013, S. 1–24.

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 Sebastian Ristow

sche Geschichtsschreiber Agathias aus Myrina in seiner Erzählung über den Krieg der Franken und Goten gegen die Byzantiner, dass sich die alamannischen Heeresteile auf Seiten des Frankenkönigs Theudebald in Hinsicht auf ihre Religion von den Franken unterscheiden, da sie – sinngemäß – Bäume und Flüsse, Hügel und Schluchten wie Götter verehren, indem sie, als wären es heilige Handlungen, Pferden und Rindern und unzähligen anderen Tieren die Köpfe abschlagen. Ebenso würden sie christliche Heiligtümer verwüsten und Kirchenschätze plündern. Die ‚rechtbürtigen‘ (ιθαγενείς) Franken hingegen würden den Heiligtümern Rücksicht erweisen. Agathias wünschte zum damaligen Zeitpunkt den Alamannen, dass sie sich unter fränkischem Einfluss bessern mögen.6 Ab dem 7. Jahrhundert und mit den Missionsbestrebungen von Columban und Gallus werden Christianisierung und dann auch die christliche Institutionalisierung bei den Alamannen unzweifelhaft greifbar.7

1 Archäologische Fragestellungen zur Christianisierung Nähert man sich dem Zeitpunkt an, an dem erste christliche Einflüsse bei den Alamannen erwartet werden können und archäologisch feststellbar sind, im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts – vordergründig eindeutig nachgewiesen an dem Beginn der Verwendung vor allem goldener Folienkreuze in Bestattungen – sind methodisch zunächst drei Fragen zu stellen: 1. In welcher Region sind die Indizien für Christentum bei welchem Teil der Bevölkerung zu suchen? 2. Wie bemisst sich – bei weitgehendem Fehlen von Schriftquellen – der Aussagewert bei den Sachquellen? Welche Aussagen können Inventarbestandteile von Grabausstattungen über den Bestatteten oder die Bestattenden ermöglichen und wie ist ihr Stellenwert in Hinsicht auf den Nachweis persönlichen Christentums zu beurteilen? Damit verbunden: Was lässt sich über die Feststellung eines christ-

6 Agath. 2,1,6 f (Corp. Font. Hist. Byz. 2, 40 f.). 7 Niklot Krohn, Das Vermächtnis des Columban. Frühe Glaubensboten in der Peripherie des Frankenreiches, in: Macht des Wortes. Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas, hg. von Gerfried M. Sitar und Martin Kroker, Regensburg 2009, S. 63–71; zur Terminologie ders., Christianisierung und Institutionalisierung? Zur Brauchbarkeit theologisch-kirchengeschichtlicher Begriffe für die Interpretation archäologischer Befunde, in: Wechsel der Religionen – Religionen des Wechsels, hg. von Niklot Krohn und Sebastian Ristow (Tagungsbeiträge der AG Spätantike und Frühmittelalter 5. Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 4), Hamburg 2012, S. 69–76. – Die Unterscheidung zwischen Christianisierung und Institutionalisierung in Hinsicht auf die Baubefunde z. B. schon betont bei Barbara Scholkmann, Kultbau und Glaube. Die frühen Kirchen, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S. 455–464, hier 455.



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lichen Hintergrundes beim Einzelnen hinaus für die Christianisierung der Bevölkerung ableiten? 3. Wie sind die überlieferten Baubefunde zu beurteilen? Welche Funktion ist mit einer Architektur verknüpft? Sind archäologisch erfasste Gebäude mit christlichen Nutzungen unterlegt gewesen? Zur ersten Frage hat neben anderen im hier interessierenden Zusammenhang Sönke Lorenz Antworten formuliert.8 Bezieht man vor allem die in der heutigen Schweiz liegenden Gebiete der ehemaligen römischen Provinz Sequania und die Bereiche der Germania superior im Linksrheinischen mit ein, standen die Alamannen dort im Kontakt und vermutlich auch im Austausch mit einem provinzialromanischen Bevölkerungsgemisch. In der Spätantike dürfte dieses teilweise – ohne, dass die Feststellung genauer zu quantifizieren wäre – vom Christentum durchdrungen gewesen sein. Von der Warte der Sachzeugnisse aus betrachtet, kann das jedoch nur anhand verschiedener Kleinfunde und noch kritisch zu bewertender Baubefunde belegt werden. Von Nord nach Süd betrachtet bieten Worms und Speyer erst ab dem 7. Jahrhundert gesicherten Anlass, eine nennenswerte Verbreitung des Christentums in der Bevölkerung anzunehmen. Vor dem Beginn der in dieser Zeit – konkret mit dem Konzil von Paris im Jahr 614 – einsetzenden Bischofslisten liegen einige Kleinfunde und Grabinschriften vor.9 Dass spätantikes Christentum auch auf Germanen wirkte, zeigen die Inschriften mit christlichen Symbolen aus Worms, die fundgestützt in das 5. Jahrhundert verwiesen werden.10 Eine ethnische Zuweisung kann indes nicht erfolgen. Außer in Straßburg und Kaiseraugst, beide nicht unbedingt im Kernland des alamannischen Siedlungsgebietes gelegen, gibt es in Orten mit nennenswerter Zentralität keinerlei Spuren von – wenn auch nur unter Vorbehalten – als Kirchenbauten in Frage kommenden Gebäuden, die vielleicht spätantike Ursprünge besitzen könnten. Genau wie für Worms und Speyer, muss auch für Straßburg und Kaiseraugst die Überlieferung zu angeblich aus dem Jahr 346 aus einem Konzil von Köln bekannten Bischöfen als spätere Erfindung Trierer Kompilatoren der Karolingerzeit als für die Spätantike gültige historische Quelle ausgeschieden werden.11 Somit verbleiben

8 Sönke Lorenz, Die Alemannen auf dem Weg zum Christentum, in: Die Alemannen und das Christentum. Zeugnisse eines kulturellen Umbruchs, hg. von Sönke Lorenz, Barbara Scholkmann und Dieter R. Bauer (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 48, Quart 2 = Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 71), Leinfelden-Echterdingen 2003, S. 65–124. 9 Ristow, Frühes Christentum (wie Anm. 5), S. 252–261. 10 Walburg Boppert und Alfried Wieczorek, Die Gräber des Ludino und der Pauta aus Worms, in: Die Franken. Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren: König Chlodwig und seine Erben, Mainz 1996, S. 870–872. 11 Sebastian Ristow, s. v. Euphrates, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XX, Nordhausen 2002, Sp. 472–475; Michael Durst, Euphrates, die gefälschten Akten der angeblichen Kölner Synode von 346 und die frühen Bischofssitze am Rhein, in: Rheinisch – Kölnisch – Katholisch. Bei-

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 Sebastian Ristow

neben vereinzelten frühchristlichen Funden, die keine detaillierten Aussagen über Frequenz und Bevölkerungszugehörigkeiten ehemals christlicher Besitzer ermöglichen, nur die Baubefunde: Steinbauten aus Straßburg, Kaiseraugst, Zurzach und Schaan werden mit mehr oder weniger guten Gründen als mögliche frühchristliche Kirchen angeführt. 20  km westsüdwestlich von Straßburg belegt der burgus Dachstein mit seinem Spolienmauerwerk und Funden bis in das frühe 5. Jahrhundert, vor allem Argonnensigillata, die kontinuierliche Nutzung.12 Es gibt keinen Grund, für Straßburg selbst an der römischen Präsenz bis in diese Zeit zu zweifeln. Ein Schliffglasbecher mit Bibelszenen aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, gefunden in einem Grab der Nekropole Porte Blanche zeigt als wahrscheinlich an, was nach der Bedeutung des antiken Argentorate auch erwartet werden darf. Schon seit der Spätantike gab es Christen am Ort. Aus den Gräbern an der Porte Blanche stammen auch Inventare aus dem letzten Drittel des 5. Jahrhunderts, die das Fortleben römisch geprägter Kultur anzeigen.13 Aus dem vicus Koenigshoffen und aus der spätantiken Befestigung von Argentorate selbst sind spätantike Ziegelstempel der 8. Legion bekannt. Ziegelmarkierungen mit einem gleicharmigen Kreuzornament im Kreis müssen nicht christlich gedeutet werden. Frühchristlich dürften aber die Christogrammstempel aus der ruelle SaintMédard sein.14 Der für Straßburg im 4.  Jahrhundert in der älteren Forschung in Anspruch genommene Bischof Amandus erleidet quellenkritisch betrachtet das gleiche Schicksal wie seine Kollegen in Worms, Speyer und Kaiseraugst.15 Der erste Bischofsname,

träge zur Kirchen- und Landesgeschichte sowie zur Geschichte des Buch- und Bibliothekswesens der Rheinlande. Festschrift für Heinz Finger zum 60. Geburtstag, hg. von Siegfried Schmidt (Libelli Rhenani 25), Köln 2008, S. 21–62. – Zu den genannten Orten: Ristow, Frühes Christentum (wie Anm. 5); zu Straßburg: Gertrud Kuhnle in Zusammenarbeit mit Sebastian Ristow, Kontinuität in Straßburg von der Spätantike zum Frühmittelalter, in: Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen. Nuclei spätantik-frühmittelalterlichen Lebens?, hg. von Michaela  Konrad und Christian  Witschel (Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 138), München 2011, S. 287–306, bes. 301 f. – Zu Kaiseraugst zusammenfassend: Guido Faccani, Die Dorfkirche St. Gallus in Kaiseraugst/AG. Die bauliche Entwicklung vom römischen Profangebäude zur heutigen christkatholischen Gemeindekirche (Forschungen in Augst 42), Augst 2012, S. 141–143. 12 Gertrud Kuhnle, Juliette Baudoux, Marie-Dominique Waton mit Beitr. v. Jens Dolata, La mutation et le rôle du camp légionnaire de Strasbourg dans l’Antiquité tardive, in: L’Antiquité Tardive dans l’Est de la Gaule, 1. La vallée du Rhin supérieur et les provinces gauloises limitrophes. Actualité de la recherche (Revue Archéologique de l’Est, Suppl. 30), Dijon 2011, S. 83–108; zu den Ziegelstempeln aus Dachstein und Koenigshoffen ebd. 100–102.  – Zuletzt ist aus den Altfunden aus dem Bereich der Kathedrale eine nordafrikanische Lampe des 5. Jahrhunderts bekannt geworden, dazu Gertrud Kuhnle und Verf. in Vorbereitung. 13 Marie-Dominique Waton und Bernadette Schnitzler, Le monde funéraire, in: Juliette Baudoux u. a., Carte Archéologique de la Gaule 67,2. Strasbourg, Paris 2002, S. 188–230. 14 Kuhnle u. a., La mutation (wie Anm. 12), S. 101 Abb. 14,12–14. 15 Wie oben, zu Straßburg: Kuhnle und Ristow, Kontinuität (wie Anm. 11), bes. S. 301–304.



Frühes Christentum bei den Alamannen 

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der in Verbindung mit Argentorate gesichert werden kann, ist der des Arbogast. Nach verschiedenen Überlieferungen ist er wohl zwischen 471 und 614 einzuordnen. Verschiedene gestempelte Ziegel aus den Grabungen der Stadt werden ihm zugeschrieben, unter anderem sind auch drei entsprechende Ziegelfragmente bei und unter der Kathedrale gefunden worden. Die Stempeltexte sind eindeutig und lauten: ARBOASTIS EPS FICET. Für Straßburg beginnt die nachweisliche Bischofsliste dann mit Ansoaldus, der 614 das schon bekannte Pariser Konzil unterzeichnete, die früheste Quelle für viele Bischöfe der Rheinregion.16 In kirchenarchäologischem Zusammenhang sind bisher lediglich geringe Reste einer Apsis von einem vorromanischen Vorgängerbau der Kirche St. Stephan in der östlichen Ecke des ehemaligen Legionslagers zu nennen.17 Jean-Jaques Hatt, der die Fragmente 1956 ausgrub, datierte sie in das 4. oder 5.  Jahrhundert. Gründe dafür wurden allerdings nicht genannt. Die Funde dieser Ausgrabung blieben unbearbeitet und sind heute teils verschollen. Die Stephanskirche ist erstmals um 700 genannt, sodass diese Reste wahrscheinlich der spätmerowingischen Zeit zugeschlagen werden müssen. Um zu einer genaueren Einordnung des Baubefundes zu gelangen, müssten aber neue Bodenuntersuchungen stattfinden. Gleiches gilt für den Standort der Kathedrale mit seinen durchaus vielversprechenden aber nicht bewertbar dokumentierten Altbefunden spätantik-frühmittelalterlicher Zeit.18 Bis dahin bleiben die Belege zum spätantik-frühmittelalterlichen Christentum in Straßburg zwar dünn, sind aber vorhanden. Im weiteren Sinn kann auch in alamannischer Zeit mit einer Gemeinde und möglicherweise im 5./6.  Jahrhundert auch einem Bischof gerechnet werden. Weiter rheinaufwärts wird in der Forschung seit Jahrzehnten um die Entwicklung der Bischofssitze von Kaiseraugst und Basel gestritten. Setzt man voraus, dass der Bischof Justinian für 346 genauso wenig nachweisbar ist, wie die übrigen im 9.  Jahrhundert kompilierten Namen eines angeblichen Konzils von Köln, kann die Interpretation der Sachquellen von Augst und Kaiseraugst zum frühen Christentum frei erfolgen. Neben wenigen spätantiken Kleinfunden19 stehen die Baubefunde. Der Apsidensaal Phase IIIa nach Faccani im castrum am Rheinufer von Kaiseraugst besitzt einen terminus post quem in der Mitte des 4. Jahrhunderts.20 Funde aus dem 5. Jahrhundert und dem Frühmittelalter fehlen. Demnach dürfte der Saal vermutlich noch aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts stammen. „Der ursprüngliche Ver-

16 Conc. Parisiense A. 614 (CCL 148A, 282; vgl. SC 354, 524). 17 Mit Angaben: Kuhnle und Ristow, Kontinuität (wie Anm. 11), S. 300 f. 18 Robert Forrer, Strasbourg – Argentorate. Préhistoire, gallo-romain et mérovingien, Bd. 2, Straßburg 1927, bes. S. 697–705; Jean-Jacques Hatt, Fouilles gallo-romaines sous la cathédrale, in: Cahiers Alsaciens Archéologiques 14 (1970), S. 75–84 bes. 78–80. 19 Faccani, Die Dorfkirche (wie Anm. 11), S. 141–143. 20 Zu allem ebd.

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wendungszweck des Apsissaals kann mit den archäologischen Hinterlassenschaften nicht geklärt werden“.21 In den jetzt folgenden Phasen IIIb–c bleibt der Bau funktional unspezifisch. Zwischen dieser Phase und dem 10./11. Jahrhundert, in dem der Bau in Phase IV einen noch nachweisbaren Altar erhielt, ist mit Phase IIId schon eine möglicherweise kirchlich genutzte Bauausstattung mit Schranken vorhanden gewesen. Es gab also einen spätantiken Apsidensaal in Kaiseraugst und damit möglicherweise eine spätantike Steinkirche sowie wahrscheinlich eine frühmittelalterliche Nutzung des spätantiken Bestandes, ablesbar an einer eingerichteten Schrankenanlage. Für die möglichen Auswirkungen auf die Fragen nach dem frühen Christentum der Alamannen erscheint dieser Befund zu dünn, um überhaupt etwas ableiten zu wollen. In Zurzach, Kirchlibuck und Schaan sind jeweils Forschungsstand und/oder Quellenlage derzeit zu schlecht, um nähere Aussagen zu formulieren. An beiden Orten hängt die Interpretation als Kirche und mögliche kastellzeitliche, also spätantike Anlage an der Definition der Ein- und Umbauphasen der als Taufbecken gedeuteten Becken.22 In Zurzach wohl nicht mehr zu klären, bleibt in Schaan die Aufarbeitung der Grabung abzuwarten. Lediglich das Verenamünster in Zurzach verbleibt nach der bisherigen Forschungslage als spätantik-frühmittelalterliche Kirche mit einer kontinuierlichen Bauentwicklung in der Region.23 Ob die Datierung der frühen Phase und des Altareinbaus aber gehalten werden können, muss eine Revision der Dokumentation zeigen. Aus der heute nur noch geringen Kenntnis germanischer Religionsausübung lässt sich doch eine auch für die Alamannen gültige charakteristische Information extrahieren. Kult und Religion waren selten architektonisch gefasst und spielten sich oft in der Natur ab. Aus der späteren als „christlich“ einzustufenden Periode alamannischer Kultur ist die vergleichsweise große Zahl an Holzbauten auffällig. Beides könnten Gründe für das Fehlen archäologischer Belege auch frühester alamannenzeitlicher Kirchenbauten sein. Wir können nicht aussagen, ob es sie gegeben hat oder nicht.24

21 Ebd., S. 148. 22 Schaan: Hans Rudolf Sennhauser, Schaan, in: Friedrich Oswald, Leo Schaefer und Hans Rudolf Sennhauser, Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München 3,1), München 1966, Nachdruck 1990, S.  303  f.; und mit Resümee und Ausblick auf die fällige Aufarbeitung: Guido Faccani, Kirchen des ersten Jahrtausends im Fürstentum Liechtenstein – ein archäologischer Überblick, in:. Denkmalpflege und Archäologie im Fürstentum Liechtenstein. Fund- und Forschungsberichte 2012 (2014), S. 84–101; Zurzach, Kirchlibuck: ebd., S. 396  f. 23 Hans Ruldof Sennhauser, Zurzach, St. Verena, in: Werner Jacobsen, Leo Schaefer und Hans Rudolf Sennhauser, Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München 3,2), München 1991, S.  471– 473. 24 Zur Problematik der Quellenlage in Bezug auf die Holzbauten: Gerhard Fingerlin, Kirchen und Kirchengräber in der frühmittelalterlichen Alamannia Südwestdeutschlands, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 26, 1997, H. 2, S. 44–53, hier 48–50.



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Der älteste archäologisch datierbare Kirchenbau mit Altar aus der alamannischen Zeit ist bezeichnenderweise die erste Holzbauphase des kleinen Saalbaus von Burg bei Stein am Rhein aus der Mitte des 6. Jahrhunderts im ehemaligen spätantiken Kastell.25 Ihm folgte wohl noch in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts eine Steinbauphase mit Apsis und Altarfundament.26 Vorstellbar wäre nach diesem Befund vielleicht ein Einwirken aus etwa noch vorhandenen Strukturen frühchristlich-römischer Prägung auf die alamannischen Gebiete, zu einem Zeitpunkt vor der insularen und einer eventuellen südalpinen Mission des 7. Jahrhunderts.27 Zur zweiten oben formulierten Frage nach der Qualität frühchristlicher Funde ist generell und aus der Kenntnis verwandter Sachverhalte, etwa bei den Franken, zu sagen, dass immer wieder der Einzelfall zu prüfen ist. Grundsätzlich sind Verzierungen, die vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens angebracht wurden, auf Schmuck und kunsthandwerklichen Erzeugnissen in der frühchristlichen Spätantike oft eindeutig erkennbar, insofern Bibelszenen Verwendung fanden oder christliche Symbole und Beschriftungen keinen Zweifel offen lassen. Demgegenüber war das frühmittelalterliche Dekor etwas weniger eindeutig in der Aussage. Oft lassen sich nur vage deutbare Szenen oder ornamental aufgefasste Zeichen finden. In Hinsicht auf die Funde mit christlichen Bezügen und ihre Aussagekraft müssen stets die Fragen gestellt werden, mit welcher Intention christliche Bildinhalte, Symbole oder Beschriftungen angebracht wurden, wie eindeutig oder allgemeinverständlich sie sind, wie fundortgebunden und an den Zeitkontext geknüpft die archäologische Interpretation eines christlichen Fundes ist und ob er in persönlichem Einzelbezug steht oder allgemeinere Aussagen erlaubt.28

25 Frühgeschichte der Region Stein am Rhein. Archäologische Forschungen am Ausfluß des Untersees, hg. von Markus Höneisen (Schaffhauser Archäologie 1), Basel 1993. – Es handelt sich eindeutig nicht um eine „Kastellkirche“, wie sie gelegentlich benannt wird, etwa Guido Faccani, Verbreitung und Etablierung des Christentums im Bodenseeraum, in: Römer, Alamannen, Christen. Frühmittelalter am Bodensee, Frauenfeld 2013, S. 82–91, hier 90, Abb. 74. – Sieht man vom möglichen Beispiel von Zurzach und vielleicht auch von Schaan ab, dessen Einrichtung in die letzte (nach?)kastellzeitliche Phase fallen dürfte, scheint es gar keine Kastellkirchen gegeben zu haben, vgl. zuletzt: Roland Prien, Spätantikes Christentum in den Nordwestprovinzen. Eine kritische Bestandsaufnahme, in: Wechsel der Religionen – Religionen des Wechsels, hg. von Niklot Krohn und Sebastian Ristow (Tagungsbeiträge der AG Spätantike und Frühmittelalter 5 = Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 4), Hamburg 2012, S. 27–67; Faccani, Kirchen (wie Anm. 19), S. 86–88. 26 Werner Jacobsen, Burg, in: Oswald, Schaefer und Sennhauser, Vorromanische Kirchenbauten (wie Anm. 22), S. 74 f. 27 Zuletzt aus vergleichbaren Gründen mit ähnlicher Schlussfolgerung: Faccani, Verbreitung (wie Anm. 25), S. 86. 28 Grundlegend zur Forschungsgeschichte und mit Literatur: Almut Schülke, Zeugnisse der „Christianisierung“ im Grabbefund? Eine Forschungsgeschichte mit Ausblick, in: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 38 (1997), S. 457–468, und dies., Die „Christianisierung“ als Forschungsproblem der südwestdeutschen Gräberarchäologie, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 27/28 (1999/2000), S. 85–117; generell: Sebastian Ristow, Persönliche Glaubenshaltungen in der Archäolo-

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Selbstverständlich sind schwer zu bewegende Fragmente christlichen Baudekors, wie z.  B. das vermutlich aus einer Kirche stammende merowingerzeitliche Kapitell und weiterer frühmittelalterlicher Baudekor aus Windisch29 oder Ausstattungsfragmente von Schranken30 etc. diejenigen archäologischen Funde mit der höchsten Aussagequalität in Hinsicht auf die Bedeutung für die Kenntnis der Ausbreitung des Christentums einer Region. Personengebundene Grabfunde mit klarem christlichem Bezug, wie die Phaleren aus Hüfingen31, sind hingegen nur dann von größerer Bedeutung für entsprechende Fragestellungen, wenn sie im Kontext zahlreicher entsprechender Gräber auf einem Friedhof auftreten oder in architektonischem Zusammenhang stehen, wie z. B. Grab 19 aus Lahr-Burgheim mit der silbernen Pressblechfibel mit einem christlichen Kreuz.32 In der Alamannia kommen als Besonderheit des ausgehenden 6. bis frühen 8. Jahrhunderts die Folienkreuze hinzu. Aufgrund des Charakters und oft auch des Dekors wohl eher als christliche denn als magische Zeichen aufzufassen33, überziehen sie in der Verbreitung die gesamte hier behandelte Region. Die meist so genannten Goldblattkreuze, hinter denen natürlich eine beträchtliche Dunkelziffer an nicht überlieferten, rein textilen Befunden aus Gräbern auch höherer Ausstattungskategorien stehen kann, bleiben neben den Baubefunden der beste Beleg für die umfassende Christianisierung der Alamannen.34 Das gemeinsame Vorkommen mit Speise- und Getränkebeigaben oder Amuletten in einem Grab vermag die Goldblattkreuze auf eine magische, in der Archäologie gerne ‚synkretistisch‘ genannte Ebene zu ziehen. Diese verbleibt als archäologisches Konstrukt eine abstrakte Vorstellung. In der Wirklichkeit gab es ja keine ‚Synkretisten‘ sondern nur

gie. Problemfälle aus Spätantike und Frühmittelalter, in: Hephaistos – Kritische Zeitschrift zu Theorie und Praxis der Archäologie und angrenzender Gebiete 28 (2011), S. 167–183. 29 Rudolf Moosbrugger-Leu, Frühmittelalterliche Architekturfragmente von Windisch-Oberburg, in: Jahresbericht der Gesellschaft pro Vindonissa 1958/59, S. 5–25; vgl. Fingerlin, Kirchen (wie Anm. 24), S. 46 Abb. 4. 30 Faccani, Dorfkirche (wie Anm. 11), S. 174–177. 31 Gerhard Fingerlin, Die ältesten christlichen Bilder aus der Alamannia. Zu Herkunft und Ikonographie der drei silbernen Phalerae aus dem Kammergrab von der „Gierhalde“ in Hüfungen, dem Hauptort der frühmittelalterlichen Baar, in: Die Baar als Königslandschaft, hg. von Volkhard Huth und R. Johanna Regnath (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 77), Ostfildern 2010, S. 25–46. 32 Niklot Krohn und Gabriele Bohnert mit Beitr. v. Ralf Burgmaier und Verena Nübling, Lahr-Burgheim. 50  Jahre Kirchenarchäologie (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 74), Remshalden 2006, S. 112–119. 33 Der mögliche magische Charakter wird in jüngerer Zeit gelegentlich genannt und betont, etwa vorsichtig abwägend: Stefan Eismann, Frühe Kirchen über römischen Grundmauern. Untersuchungen zu ihren Erscheinungsformen in Südwestdeutschland, Südbayern und der Schweiz (Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 8), Rahden/Westf. 2004, S. 18–20; Faccani, Verbreitung (wie Anm. 25), S. 86. 34 Mit Literatur: Matthias Knaut, Die Goldblattkreuze als Zeichen der Christianisierung, in: Die Alemannen und das Christentum (wie Anm. 8), S. 55–64.



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Verstorbene und vor allem Bestattende, die sich geläufiger und oft magisch oder religiös aufgeladener Bilder, Symbole, Zeichen und Beschriftungen bedienten. Ein geläufiges Bild ist auch das Gut-besiegt-Böse-Schema des Lanzenreiters. Ohne entsprechende ergänzende Symbole und Beschriftungen wie z. B. auf der Gürtelschnalle von Ladoix-Serrigny können Lanzenreiterdarstellung jedoch nicht gesichert christlich konnotiert werden.35 Ebenso wenig wird es gesichert gelingen, Reiterdarstellungen interpretatorisch direkt an Christus zu binden oder neutrale Maskenzierden ohne Beigabe eines Christogramms etc. entsprechend zu deuten.36 Letztlich bleibt die Interpretation von Bestandteilen solcher Grabinventarbestandteile Auffassungssache, stets gespeist aus moderner Sicht, und kann die Qualität christlicher Baubefunde hinsichtlich der Aussagen zum Christentum in der Bevölkerung nicht ersetzen. Katalogisierungen und Versuche von Kartierungen werden vor diesem Hintergrund nicht zum Ziel führen, insofern nicht kritisch die Qualität der gelisteten Aussagen geprüft ist und mit bewertet ist, sodass nachvollziehbar wird, welche Grundlagen in Tabellen und auf Karten visualisiert sind. Dazu müssen die Funde in Hinsicht auf ihre Zuordnungsmöglichkeiten klar eingeordnet werden, in: christlich  – vielleicht christlich – vermutlich nicht christlich. Neben der Chronologie spielt die Frage nach dem Import eine Rolle. Es sind also die Fragen nach der Bewegung eines Fundes in Zeit und Raum zu stellen. Auffällig ist, dass neben den o.  g. spätantiken Funden zu den ältesten als mit christlicher Motivik eingestuften Gegenständen solche zählen, die aus nicht sicher vor alamannischem Hintergrund zu interpretierenden Gräbern stammen. Schmuck wie die fränkische Goldscheibenfibel mit zentralem Kreuz im Frauengrab aus Schwenningen „Auf der Lehr“ Grab 4 belegen lediglich Importgut und nicht unbedingt christliches Verständnis eines Ornaments.37 Die almandinverzierte Goldscheibenfibel aus einem Frauengrab des späten 6.  Jahrhunderts in Zofingen besitzt ein kreuzförmig aufgeteiltes Zentrum. Carola Jäggi spricht treffend von den beiden Möglichkeiten „hierin ein Bekenntnis der Trägerin zum Christentum zu sehen, oder ergab sich diese Anordnung mehr oder weniger zufällig unter den Händen des entwerfenden Goldschmieds?“38 Unglücklich sind dementsprechend tendenziöse Bezeichnungen bei der Beschreibung reiner Ornamente, so bei der Gewandnadel aus Lahr-

35 Ristow, Persönliche Glaubenshaltungen (wie Anm.  28) mit Nachweis, Deutungsmöglichkeiten und Übersetzung der Inschrift. 36 Fingerlin, Die ältesten christlichen Bilder (wie Anm. 31). 37 Gaetano Oehmichen und Gabriele Weber-Jenisch, Die Alamannen an der Neckarquelle. Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Schwenningen „Auf der Lehr“ (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 35), Stuttgart 1997, S. 29 Abb. 12. 38 Carola Jäggi, Vom römischen Pantheon zur christlichen Kirche, in: Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter. Archäologie und Geschichte des 4. bis. 9. Jahrhunderts, Zürich 1996, S. 61–126, hier 104 Abb. 99.

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Burgheim, Grab 1 als „mit kreuzverzierter Oberseite“.39 Es handelt sich eben nicht um eine Verzierung mit einem Kreuz, sondern um eine technisch durch den Goldschmied kreuzförmig aufgeteilte Oberseite. Die Zier im Sinn eines christlichen Kreuzes müsste dieses erkennbar machen, etwa anhand ausschwingender Arme, Endrundeln oder -hasten o.  ä. Während die Inventarbestandteile der Frauengräber aus Lahr-Burgheim keine klar erkennbaren christlichen Zeichen aufweisen, aber dennoch aus einer Zeit stammen, in der die Bestatteten Christinnen gewesen sein dürften40, besitzt Männergrab 19 aus der Zeit um 700 mit der silbernen Pressblechscheibenfibel eine wohl symbolisch aufzufassende Verzierung eines Kreuzes mit sich verbreiternden Armen. Entsprechend zu diesen Befunden kann der Rechtecksaal mit abgeschranktem Ostteil von Lahr-Burgheim I am ehesten als – aufgrund der zeitlichen und sozialen Stellung der hier Beigesetzten – vor christlichem Hintergrund errichteter Sepulkralbau angesehen werden, welcher, wie z.  B. der bekannte merowingerzeitliche Grabsaal aus Bonn, der Erinnerung an die vermutliche Gründergeneration diente.41 Ab wann die kirchlich-eucharistische Nutzung in das Gebäude Einzug hielt, ist einstweilen nicht bestimmbar. In die karolingerzeitliche Bauphase setzte man erst in ottonischer Zeit einen Blockaltar ein, womit archäologisch eindeutig der Terminus „Kirche“ verwendet werden kann. Die frühmittelalterliche Ausgangsarchitektur zählt jedenfalls zur Gruppe der Grab- und Memorialbauten, wie sie in der fränkischen und alamannischen Sepulkralkultur üblich und in erster Linie ein Zeichen sozialer Separierung sind. Erst in der weiteren Entwicklung können solche Bauten als messbares Kriterium für eine auch das Land erreichende Flächenchristianisierung dienen und noch etwas später als Punkt auf der Verbreitungskarte zur christlichen Institutionalisierung beitragen. Zur dritten oben gestellten Frage: Mit der gleichen kritischen Herangehensweise wie zuvor für die Funde vorgeschlagen, müssen auch die Analysen und Kartierungen von Baubefunden betrachtet werden. Zu fragen ist, was etwa unter einer „Kirche“ verstanden wird. In den Kartierungen von Horst Wolfgang Böhme geht z.  B.  – das fränkische Rheinland betreffend – die St. Martinskirche von Morken als Bau zu den fränkischen Gräbern ein, obwohl dieser später ist und eine „Holzkirche“ nur aus allgemeinen Erwägungen, retrogressiv erschlossen wird.42 Der merowingerzeitliche

39 Krohn und Bohnert u. a., Kirchenarchäologie (wie Anm. 32), S. 95 f. Abb. 90. 40 Diese Beobachtung ist nur vordergründig ein Widerspruch und deckt sich mit den Beobachtungen bei Inventaren, besonders hinsichtlich Kleidungsbestandteilen reich ausgestatteter Frankengräber: Ristow, Frühes Christentum (wie Anm. 5), S. 265–289. 41 Krohn und Bohnert u. a., Kirchenarchäologie (wie Anm. 32), S. 68 Abb. 51. 42 Horst Wolfgang Böhme, Adelsgräber im Frankenreich. Archäologische Zeugnisse zur Herausbildung einer Herrenschicht unter den merowingischen Königen, in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 40 (1993), S. 397–534, hier bes. 434–436 und 455 Abb. 42. – Vgl. ders., Adel und Kirche bei den Alamannen der Merowingerzeit, in: Germania 74 (1996), S. 477–507. – Zu den Memorialbauten auf alamannischen Gräberfeldern: Niklot Krohn, Memoria, fanum und Friedhofska-



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Grabsaal von Bonn ohne jede Spuren einer liturgischen Nutzung unter dem Chor des Münsters wird in Bezug gesetzt zu einer erst spätmerowingerzeitlich bekannten Martyrerverehrung und als Kirche mit Bestattungen ad sanctos klassifiziert.43 Wie solche frühmittelalterliche Architektur auch in größerem Maßstab, wie etwa bei den ältesten Bauphasen des 7.  Jahrhunderts von St. Pantaleon in Köln oder ähnlich in Zofingen funktional zu bewerten ist, ist noch eine offene Frage.44 Handelt es sich um weitgehend private Bestattungssäle in der Tradition spätantiker Coemeterien wie sie nicht nur in Rom, sondern auch nordalpin bekannt sind, liegt eine „Grabkirche“ vor? Und wenn dieser Begriff verwandt wird, was ist damit verknüpft? Für die Beurteilung der Flächenwirkung, die man einem solchen Befund zuschreiben darf, wäre eine Bestimmung des Charakters hinsichtlich eines geregelten eucharistischen Betriebes oder eben nur gelegentlicher gottesdienstlicher Handlungen von Bedeutung, primär vorgesehen zur Pflege der memoria. Dass es zwischen Grab, aufwändig ausgestaltetem Grab, Grab in einer basilica (= Grabkirche?) und einer durch Reliquien ausgezeichneten Kirche im herkömmlichen Sinn Unterschiede gab, belegen die germanischen Volksrechte, besonders die lex Salica.45 Erst nach der zumindest versuchsweisen Bestimmung der Baubefunde ergibt die Frage nach Gründer- oder Stiftergräbern46 einen Sinn im Zusammenhang mit der Bedeutung der Gebäude für Verlauf und Wirkung der Christianisierung. Solange Memorialarchitektur im familiären Rahmen bleibt und noch nicht „Eigenkirche“ mit zunächst eigenem, später unabhängigem Kleriker ist,47 wirkt sie nicht flächig auf die Bevölkerung. Bedeutend ist also in dieser Hinsicht die Frage nach dem Zeitpunkt eines etwaigen Funktionswandels, denn gerade dieser belegt ja den Bedarf nach einem kirchlichen Kultraum.

pelle. Zur archäologischen und religionsgeschichtlichen Interpretation von Holzpfostenstrukturen auf frühmittelalterlichen Bestattungsplätzen, in: Regio Archaeologica. Archäologie und Geschichte an Ober- und Hochrhein, Festschrift für Gerhard Fingerlin zum 65.  Geburtstag, hg. von Christel Bücker, Michael Hoeper, Niklot Krohn und Jürgen Trumm (Studia honoraria 18), Rahden/Westf. 2002, S. 311–335. 43 Böhme, Adelsgräber (wie Anm.  40), S.  436  f.  – Zu Bonn vgl. Sebastian Ristow, Liturgie wo und wann? Zur Deutung der frühen Architekturbefunde unter dem Bonner Münster, in: Märtyrergrab – Kirchenraum – Gottesdienst II. Interdisziplinäre Studien zum Bonner Cassiusstift, hg. von Andreas Odenthal und Albert Gerhards (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 36), Siegburg 2008, S. 13–31. 44 Sebastian Ristow, Ausgrabungen von St. Pantaleon in Köln. Archäologie und Geschichte von römischer bis in karolingisch-ottonische Zeit (Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 21), Bonn 2009; Niklot Krohn, s. v. Zofingen, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 34, Berlin, New York 2007, S. 575–579. 45 Zum fränkischen Recht in diesem Zusammenhang: Sebastian Ristow, Grab und Kirche. Zur funktionalen Bestimmung archäologischer Baubefunde im östlichen Frankenreich, in: Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde 101 (2006), S. 214–239. 46 Zusammenfassend mit Literatur: Niklot Krohn, s. v. Stiftergrab, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 35, Berlin, New York 2007, S. 6–19. 47 Wilfried Hartmann, Die Eigenkirche. Grundelement der Kirchenstruktur bei den Alemannen?, in: Die Alemannen und das Christentum (wie Anm. 8), S. 1–11.

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2 Fazit Die Vermischung von ungeprüften Kriterien aus dem Bereich der Befunde und der Funde führt ebenfalls gelegentlich zu missverstandenen Ableitungen, wie der zu einem Frauengrab aus Crailsheim, Gräberfeld unter der späteren Johanneskirche. Die Frauenbestattung mit einer Fibel mit doppelköpfiger Schlange sei „ein […] Beispiel für das Festhalten an heidnischen Motiven […] in der Crailsheimer Johanneskirche. Die Wahl dieses Bestattungsplatzes zeugt von christlichem Glauben“. Neben dem Zweifel an der inhaltlichen „heidnischen“ Deutung des Motivs der doppelköpfigen Schlange ist archäologisch eindeutig, dass in Crailsheim zwischen dem Gräberfeld und der ersten steinernen Saalkirche keinerlei Verbindung besteht. Eine dazwischen liegende „Humusschicht“ enthält Keramik des 10./11. Jahrhunderts.48 Dennoch wird die Fibel auf die Kirchenarchitektur bezogen. Dies ist nur ein beliebiges Beispiel für retrogressive Schlüsse aus dem Vorhandensein späterer Kirchen, auf frühchristliche Anlagen seitens der Archäologie. Die Übersicht von Stefan Eismann für die Region zeigt, dass frühe Kirchen in der Alamannia nicht direkt auf die Nutzung älterer Gebäude fußen, sondern deren Orte und Ruinen nutzen.49 So wird man auch für die Annahme von Holzkirchenvorgängern eine befundgestützte Argumentation erwarten dürfen und nicht aus dem Vorhandensein von Gräbern guter Ausstattungsqualität schon solche Anlagen ableiten. Auch zu einer bekannten Kartierung von Barbara Scholkmann ist die Definition ihres Verständnisses von „Kirche“ nicht erläutert. Die gut gestuft referenzierte Karte zu den „archäologisch nachgewiesenen Kirchenbauten“ in der Alamannia von 1997 kommt ohne Ortsnamen bzw. Nummerierung aus50 und ist insofern nicht leicht zu beurteilen. Eine nummerierte und durch eine Ortsliste erschlossene, aber nicht so deutlich und abgestuft referenzierte Version der Karte findet sich im Alemannenband von 2003.51 Wesentlich ist aber, dass schon die weiterhin in den beiden Beiträgen beigegebenen Grundrisszeichnungen zur Bautypologie auch Gebäude zeigen, die nicht als Kirche gedeutet werden müssen, jedenfalls keine Altäre, charakteristische Schranken o. ä. enthalten und auch nicht deutlich wird, welchen Bauphasen sie zugehören. Es ist im Einzelfall unter Sichtung der Grabungsdokumentation zu prüfen, ob und wann in etwaige Memorialbauten etc. ein Altar eingesetzt worden ist und somit eine kirchliche Nutzung am Befund wahrscheinlich gemacht werden kann. Diese

48 Zitat zum Grab aus: Dieter Quast, Opferplätze und heidnische Götter. Vorchristlicher Kult, in: Die Alamannen, Stuttgart 1997, S. 433–440, hier 438. – Zur Kirche: Werner Jacobsen, Crailsheim, in: Jacobsen, Schaefer und Sennhauser, Vorromanische Kirchenbauten (wie Anm. 22), S. 85  f. 49 Eismann, Frühe Kirchen (wie Anm. 33). 50 Scholkmann, Kultbau (wie Anm. 7), S. 456, Abb. 521. 51 Barbara Scholkmann, Frühmittelalterliche Kirchen im alemannischen Raum. Verbreitung, Bauform und Funktion, in: Die Alemannen und das Christentum (wie Anm.  8), S.  125–152, hier S.  131 Abb. 5 mit Liste S. 149–151.



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Grundsatzarbeit ist für Südwestdeutschland noch zu leisten, auch wenn das Gros der Bauten erfasst ist und etwa in den ersten beiden Bänden der Vorromanischen Kirchenbauten eingesehen werden kann. Ein entscheidender Schritt kann hier von dem künftigen internationalen Projekt zum Corpus Architecturae Religiosae (CARE) erwartet werden.52 Neben einer präzisen und neutralen A