Rassismus (Einsichten. Themen der Soziologie) [1., Aufl.] 3899423100, 9783899423105

Dass die Rassismusanalyse sich nicht mit 'dem Rassismus', sondern mit unterschiedlichen 'Rassismen'

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Rassismus (Einsichten. Themen der Soziologie) [1., Aufl.]
 3899423100, 9783899423105

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WULF

D.

HUND

Rassismus

Die Beiträge der Reihe Einsichten werden durch Materialien im Internet ergänzt, die Sie unter www.transcript-verlag.deabrufen können. Das zu den einzelnen Titeln bereitgestellte Leserforum bietet die Möglichkeit, Kommentare und Anregungen zu veröffentlichen. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

BibliografischeInformationder Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2007 transcript Verlag, Bielefeld Lektorat: Kai Reinhardt, Bielefeld Herstellung: Justine Haida, Bielefeld Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar ISBN 978-3-89942-3ro-5 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff.

Inhalt

1. Einleitung 5 II. Grundlagen 9 r. Rasse, Kultur, Herrschaft ro 2. Geschlecht, Klasse, Nation r5 3. Konstruktion, Inklusion, Exklusion 20 4. Rassismus als soziales Verhältnis 27 III. Formen 34 r. Kultivierteund Barbaren 36 2. Reine und Unreine 43 3. Erwählte und Teufel 53 4. Zivilisierte und Wilde 6r 5. Weiße und Farbige 68 6. Wertvolleund Minderwertige 74 IV. Methoden 82 r. Desozialisation, Entfremdung 83 2. Differenzierung, Inferiorisierung 9r 3. Stigmatisierung, Verkörperung 99 4. Assimilation, Segregation ro9 V. Einsichten 120 Anmerkungen 127 Literatur 146

1. Einleitung

»Todayracismoperatesin societiesand institutionsthat explicitlycondemn prejudiceand discrimination.« Howard Winant (2001:307) Rassismus ist weltweit verrufen und dauert überall an. Dabei dürfte es ihn - zumindest, wenn man die offiziellen Zeichen seines institutionellen Niedergangs deutet - eigentlich kaum mehr geben. Als wissenschaftliches System befand er sich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Rückzug (Barkan 1992). Als politisches System wurde er durch den Nationalsozialismus völlig diskreditiert (Burleigh/Wippermann 1991) und verlor nach dem Ende der Apartheid seine letzte staatliche Bastion (Maylam 2001). Als soziales System erschütterte der offizielle Übergang von der weißen Vorherrschaft zur Rassendemokratie in Brasilien (Telles 2004), zum Multikulturalismus in Australien (Lopez 2000) oder zur positiven Diskriminierung in den USA (Wise 2005) nachhaltig seine Geltung. Trotzdem fiel die Bilanz der Weltkonferenz gegen Rassismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts pessimistisch aus. Sie stellte fest, dass wesentliche Ziele bei der Bekämpfung des Rassismus durch die internationale Gemeinschaft bislang nicht verwirklicht wurden (Weltkonferenz 2001: 1). Ein Grund dafür liegt in der komplexen Struktur und den vielfältigen Erscheinungsformen des Rassismus. Darauf deutete bereits die kategoriale Fassung von »racial discrimination« durch die Vereinten Nationen aus dem Jahr 1965 hin. Sie umfasste »any distinction, exclusion, restriction or preference based on race, colour, descent, or national or ethnic origin«, durch die jemand bei der Ausübung der Menschenrechte eingeschränkt werden könnte (Banton 2002: 47). In Form eines diplomatischen Kompromisses waren hier Bezeichnungen kumuliert, die von »Rasse« bis »Ethnizität« reichen und dadurch auf einen Zusammenhang verwiesen, der biologische, soziale, politische und kulturelle Elemente umfasst. Diese haben sich auch in der wissenschaftlichen Diskussion niedergeschlagen: »Rassismus« wird unterschiedlich definiert.

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In jedem Fall ist die Bezeichnung jünger als das Bezeichnete und der Rassismus älter als die seine Namensgebung bestimmenden Rassen. In Deutschland ließ sich der »Brockhaus« bis 1972 Zeit, um den Begriff anzuführen. Der »Duden« nahm ihn 1966 zunächst nur ins Fremdwörterbuch auf und wies ihn erst ab 1973 im Rechtschreibwörterbuch der deutschen Sprache nach. Das hatte seinen Grund nicht zuletzt in der engen Verbindung des Wortes mit der deutschen Geschichte. In Frankreich erklärte der »Larousse« 1932 Rassismus zur Doktrin der Nationalsozialisten (Taguieff 2000: ro4). Auch im englischen Sprachbereich diente der Begriff in den 3oer Jahren des 20. Jahrhunderts der Kritik deutscher Zustände (Fredrickson 2002: 5). Als Ruth Benedict 1940 eine der ersten Definitionen formulierte, zählte sie Rassismus ebenfalls zu den »Hauptgrundlagen der deutschen Politik« (1947: 132). Gleichzeitig verdeutlichte bereits ihre Version zentrale Probleme, die sich bis heute in den unterschiedlichsten Begriffsbestimmungen finden. Benedict setzte Rassismus in Beziehung zur Rasse. Während diese als natürliche Gegebenheit und legitimes »wissenschaftliches Forschungsgebiet« gesehen wurde, galt jener als »Aberglaube« und »Dogma« von der »Minderwertigkeit« und »Überlegenheit« der Rassen (ebd.: 131f.). Gleichzeitig räumte Benedict verschiedene Entstehungsetappen des Rassismus ein, der im Zusammenhang des europäischen Kolonialismus begonnen und sich anschließend in innereuropäischen Klassenkonflikten und schließlich in nationalen Auseinandersetzungen entfaltet hätte (ebd.: 149). Außerdem war ihr klar, dass insbesondere der deutsche Rassismus auf Konzepte setzte, die Rasse voluntaristisch verstehen und ihre naturwissenschaftlichen Dimensionen für »völlig irrelevant« (ebd.: 177)halten. Schon zum Zeitpunkt ihrer ersten Fixierung enthielt die Definition des Rassismus eine Reihe ungelöster begrifflicher Probleme. Er sollte sich zunächst auf distinkte natürliche Einheiten beziehen, die sich anthropometrisch und genetisch unterscheiden ließen (wie das der in den Wissenschaften damals noch sehr viel massiver als heute verteidigte Rassenbegriff unterstellte). Gleichwohl herrschte Rassismus ersichtlich nicht nur zwischen den Rassen, sondern äußerte sich auch innerhalb zu solchen erklärter Gruppen (wie die rassistische Diskriminierung unterer 6

Klassen und anderer Nationen zeigte). Der Rassismusbegriff sollte ferner die ideologische Herabminderung anderer Rassen bezeichnen (wie sie Mitte des 20. Jahrhunderts noch allgemein gegenüber sogenannten Farbigen betrieben wurde). Trotzdem diente der Rassismus offensichtlich auch dazu, andere selbst gegen den Augenschein zu Rassen zu erklären (wie es die deutschen Faschisten und ihre antisemitischen Vordenker mit den Juden gemacht hatten).' Von Anfang an kombinierte der Begriff des Rassismus natürliche und kulturelle Faktoren. Hinsichtlich ihres Legitimationszusammenhanges sind erstere als Grundlage letzterer gedacht- die angeblich verschiedene Natur der Rassen wird für ihr unterschiedliches Kulturniveau verantwortlich gemacht. Doch ist der Begründungszusammenhang dieser Argumentation tatsächlich genau umgekehrt aufgebaut - essentialistisch konzipierte kulturelle Differenzen sollen sich tendenziell in körperlichen Merkmalen ausdrücken. Deshalb tut es der rassistischen Argumentation keinen Abbruch, wenn sich die körperlichen Zeichen ihrer angeblich rassischen Andersartigkeit an einzelnen oder ganzen Gruppen nicht nachweisen lassen. Die Geschichte des Rassismus belegt zur Genüge, dass dessen Beweisführung sein phänomenologisches Glacis im Zweifelsfall ohne Zögern räumt und sich in die ontologische Bastion kulturalistischer Gewissheit zurückzieht. Das gilt auch für den Rassenrassismus. Auch er betreibt die biologistische Verhüllung seines herrschaftlich geprägten kulturellen Kerns. Zwar versucht er, im Begriff der Rasse die Geschichte rassistischer Gewalt und Unterdrückung wie die Verteidigung daraus erwachsener Vorteile hinter Hautfarben, Schädelgrößen und schließlich Genen verschwinden zu lassen. Doch zeigen seine Diskriminierungsmaßnahmen von der one-drop-rule bis zum Judenstern, dass auch er sich nicht auf die Kumpanei der Natur verlassen kann, sondern den Mystizismus des Blutes mit dem Dezisionismus der Macht durchsetzen muss. Die Verbreitung des modernen Rassismus durch den europäischen Kolonialismus und Imperialismus sowie seine Legitimation durch die sozialphilosophische Fortschrittstheorie und die biologische Evolutionstheorie haben freilich dazu geführt, dass seine Bezugskategorie Rasse heute nicht nur häufig als zentrales 7

Definitionskriterium des Rassismus angeführt, sondern auch zur Grundlage weiter reichender analytischer Perspektiven gemacht wird. Sowohl die grundlegende Studie zum Rassismus der Antike von Benjamin Isaac (2004) als auch die Perspektive eines globalen Vergleiches bei Yasuko Takezawa (2005) versuchen, die Kategorie Rasse nutzbar zu machen, indem sie sie über ihren semantischen Horizont hinaus ausdehnen. Ihre Überlegungen gehen davon aus, dass die zentralen Elemente der Rassenidee auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten zur Begründung rassistischer Diskriminierung herangezogen worden sind. Auch wenn das zweifellos für unterschiedliche Bestandteile des Rassenkonzeptes gilt, ist das keine hinreichende Begründung für dessen Ausweitung. Dadurch wird nicht nur der Blick auf andere Begründungszusammenhänge des Rassismus verstellt, sondern auch die notwendige Dekonstruktion des Begriffs Rasse erschwert. Die Erfindung der Rassen zeigt, dass es sich bei ihnen um eine soziale Kategorie handelt, welche unter spezifischen Umständen zur Grundlage einer Politik rassistischer Herabminderung entwickelt worden ist, die sich unter verschiedenen Bedingungen verschiedener Legitimationsmuster bedient hat. Die Grundlagendieser Vorgehens werden in Kapitel II behandelt. Kapitel III untersucht die verschiedenen Formen,die rassistische Diskriminierung entsprechend der Vielfalt herrschaftlicher Verhältnisse und kultureller Traditionen angenommen hat. Kapitel IV beschäftigt sich mit den dabei entwickelten Methoden. Kapitel V fasst die im Verlauf der Argumentation gewonnenen Einsichtenzusammen. Dabei werden systematische Überlegungen am historischen Material entwickelt, das deswegen häufiger aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird und sich erst im Verlauf der Lektüre zu eigenen Themenblöcken zusammenfügen lässt. Die entsprechenden zusammenhänge werden durch Querverweise deutlich gemacht. Da ferner in der Rassismusforschung nach wie vor keine Einigkeit über zahlreiche elementare Fragen besteht, kann eine vorgezogene Lektüre des Schlusskapitels »Einsichten« sowohl als Vorbereitung auf den Gang der Argumentation dienen, als auch zu deren kritischer Überprüfung beitragen.

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II. Grundlagen

»[AJsociologyof racism[...] has everythingto gainfrom jettisoningthe notion of raceas a categoryof analysis.But it has much to loseby movingawayfrom the study of relations.« Michel Wieviorka(1995:25) »Racial Theories« gehört zu den Standardwerken zum Thema Rasse und Rassismus. Es ist vielfach aufgelegt und nach gut zehn Jahren in der zweiten Auflage um ein neues Kapitel erweitert worden (Banton 1998 [19871).Unter der Überschrift »Race as social construct« würdigt es eine rasante theoretische Entwicklung. Galt Rasse zuvor als ein Produkt der Natur und Rassismus als dessen interessierte und vorurteilsbeladene Verfälschung und illegitime ideologische und politische Verwendung, so setzte sich schließlich die Vorstellung durch, »Rasse« wäre eine soziale Konstruktion und deswegen nicht Grundlage, sondern »Produkt des Rassismus« (Solomos 2002: 160). 2 Schon deswegen ist Rassismus als interessierte Herabminderung von Rassen unzureichend gefasst. Deren herrschaftlichen Elemente sind in die Kategorie Rasse selbst eingeflossen. Der Umstand, dass es vor ihrer Entwicklung und nach ihrer Diskreditierung Rassismus ohne Rassen gab und gibt, verweist darauf, dass dessen Diskriminierungspotenzial einen kulturellen Kern hat, der sich auch im Rassenbegriff wiederfindet (vgl. Kap. Il/1). Dessen konkreten Filiationen machen deutlich, dass der mit ihm operierende Rassismus sich nie mit dem Entwurf einer Rassenhierarchie begnügte, sondern das darin enthaltene Element des Mangels und der Unvollkommenheit auch auf die Beziehungen der Geschlechter, Klassen und Nationen bezog. Der Vergleich der als niedrig eingestuften Rassen mit Frauen und Unterklassen ist nicht allein symbolisch zu verstehen. Er zeugt von der Komplexität des Rassismus und der vielfältigen Umsetzung seiner Strategien der Benachteiligung und Unterdrückung wie von seiner Bedeutung für die Stabilisierung herrschaftlich geprägter sozialer Verhältnisse (vgl. Kap. Il/2), deren Konstitution durch ein

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kompliziertes Geflecht von Einschließungen und Ausschließungen vermittelt wird. Der in diesem Zusammenhang in der Rassismusdiskussion benutzte Begriff der Rassenkonstruktion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um einen gesellschaftlichen Prozess handelt, der nicht nur strukturelle und ideologische Dimensionen hat, sondern durch soziales Handeln immer wieder neu hergestellt werden muss (vgl. Kap. II/3). Seine Bedingungen sind den rassistisch diskriminierten Anderen zwar in der Regel gewaltsam vorgeschrieben und in seinem Verlauf sind ihre Handlungsmöglichkeiten häufig extrem eingeschränkt. Trotzdem sind sie nicht nur passive Opfer rassistischer Zuschreibungen und Misshandlungen, sondern entwickeln im Umgang damit unterschiedliche Strategien der Verweigerung, des Ertragens und des Widerstands. Schon deswegen muss Rassismus als soziales Verhältnis begriffen und diskutiert werden. Das ist aber auch nicht zuletzt deswegen unerlässlich, weil sich letztlich nur so der von allem Rassismus verbreitete Schein zerstören lässt, er richte sich auf und gegen von Natur aus Andere (vgl.Kap.II/4).

1. RASSE,

KULTUR,

HERRSCHAFT

»Racisms appeal ex hypothesi to the concept of race as the basis for discriminations«, schreibt David Theo Goldberg (1993: 122) und drückt damit eine weit verbreitete Auffassung aus, die häufig apodiktisch erklärt: »Discussion of racism implies a definition of race« (Tuplin 1999: 47). Dies führt aber zu zwei elementaren Erklärungsnotständen. Der eine resultiert aus der historischen Entwicklung des Rassenbegriffs, der andere aus der Diagnose eines Rassismus ohne Rassen. Die Geschichtedes Rassenbegriffs zeigt, dass er aus Anstrengungen zur Legitimation sozialer Ungleichheit erwuchs. Bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verwandte ihn Alfonso Martinez de Toledo ganz im Sinne der modernen »nature/nurture«-Debatte und schlug vor, die Söhne eines Bauern und eines Ritters fernab der Zivilisation gemeinsam aufziehen zu lassen. Er prophezeite, dass der eine sich trotzdem für Ackerbau und 10

Viehzucht, der andere für Reiterspiele und Waffengänge interessieren würde - denn es läge in der Absicht der Natur, dass sich die gute und die gemeine Abkunft (»buena rra~a«, »vil rra~a«) in ihren Trägem durchsetzte (Hering-Torres 2003: 28). Im 16. Jahrhundert diente die Kategorie Rasse der Bezeichnung biologisch-kulturell begriffener Klassenzugehörigkeit, sodass sie umstandslos bei der Übersetzung von Torquato Tassos Überlegungen zur Herkunft des Adels (»la noblesse est une vertu de Hgnage ou de race«) benutzt werden konnte (Conze/Sommer 1984: 138).Im 17. Jahrhunderts wandte Richard Rowlands den Rassenbegriff schließlich auf die Herkunft und Verwandtschaft von Völkern an (»Englishmen are decended of German race«) und leitete damit seinen modernen Gebrauch ein, wie er sich 1684 bei der anthropologischen Differenzierung der Menschheit in distinkte natürliche Gruppen (»especes ou races«) durch Fran~ois Bemier zeigte (Hannaford 1996: 180, 203). Der »Rassismus ohne Rassen« (Balibar/Wallerstein 1990: 28) meint einen »differentialistischen Rassismus mit kulturalistischer Grundlage« (Taguieff 2000: 21). Er wird als Versuch interpretiert, die Diskreditierung des Rassenbegriffs dadurch zu unterlaufen, dass er durch Vorstellungen von Kultur ersetzt wird (vgl. Kap. IV/2), die deren Bedeutung verballhornen, indem sie Entwicklung, Lernen und Verständigung als wichtige ihrer Charakteristika ignorieren. Doch auch wenn Kultur auf diese Weise gleichsam naturalisiert und zu einem dem biologischen Gefängnis des Rassenkörpers vergleichbaren Raum vorsozialer Unmittelbarkeit gemacht wird, aus dem es kein Entrinnen geben soll, verzichtet diese Spielart des Rassismus nicht nur stillschweigend auf den Rassenbegriff, sondern erklärt ihn sogar offensiv für obsolet. Die »Encydopedia of Race and Ethnic Studies« folgert daraus zu Recht: »Racism [...] does not necessarily involve the concept of race« (Cashmore 2004: 96). Sie vergisst allerdings zu klären, was das für eine allgemeine Definition des Rassismus bedeutet. Wenn der Begriff der Rasse keine conditio sine qua non rassistischer Diskriminierung ist und sich außerdem aus soziokulturellen Anfängen heraus zu einer biologisch-anthropologischen Kategorie entwickelt hat, dann muss gefragt werden, ob es nicht II

auch vor deren Verwendung einen kulturalistischen Rassismus gegeben hat und inwieweit sie nicht auch selbst immer kulturalistisch unterlegt war. Einer der Schauplätze, auf dem diese Frage konkret debattiert wird, ist die Antike. Der häufig geäußerten Überzeugung, dass es dort keinen Rassismus gegeben haben kann, weil das Altertum keinen Rassenbegriff gekannt hat, widersprechen Auffassungen, die auf den kulturalistischen Rassismus hinweisen, der sich am Gegensatz zwischen hellenischen und barbarischen Verhältnissen orientierte (vgl. Kap. IIl/1). Sie verdeutlichen, dass der antike Rassismus weit reichende Parallelen mit dem der Modeme aufwies (Isaac 2004), in der aristotelischen Konzeption des Barbaren eine theoretische Grundlegung fand (Delacampagne 2005) und dabei das Argument mangelhaften Menschseins ins Zentrum rückte (Hund 2006). Die elementare Verbindung von Rassismus und Kultur zeigt sich auch bei der Untersuchung außereuropäischer Verhältnisse. Noch ehe sich etwa entsprechende Diskriminierungen in Indien, China oder Japan ab dem 19. Jahrhundert des Rassenbegriffs bedienten, waren dort eigenständige Ideologien und Strategien rassistischer Diskriminierung entwickelt worden. Wie in Europa nutzten sie einerseits kulturelle Muster, die auf Barbarisierung ausgerichtet und in China (Dikötter 1992) oder Japan (Siddle 1996) gegen äußere Andere gerichtet waren. Andererseits zielten sie in Japan (Neary 1997) oder Indien (Oomen 2004) auch auf innere Andere, die sie für unrein erklärten und im Extrem zu Unberührbaren machten (vgl. Kap. IIl/2). Schon lange ehe er mit dem Rassenbegriff operierte, hatte Rassismus das ihm zugrunde liegende ideologische Konzept entwickelt. Es postuliert unterschiedliche Grade des Menschseins, die sich an einer verabsolutierten kulturellen Skala ablesen lassen sollen und für die natürliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen verantwortlich gemacht werden. Diese müssen deswegen einerseits ihr minderes Menschsein verkörpern, was sich andererseits ihren Körpern in der Regel nicht ohne Weiteres ansehen lässt (vgl.Kap. IV/3). Von der Antike bis in die Modeme versuchte rassistische Diskriminierung, dieses Dilemma dadurch zu umgehen, dass sie 12

gegenüber Äußerlichkeiten mentale und verhaltensbezogene Faktoren betonte. Diese Tradition reichte von der antiken Unterstellung, allen Barbaren mangelte es an Vernunft, bis zu selbst heute noch kompilierten Vorurteilen über das Verhältnis von Sexualität, Hirnvolumen und Intelligenz der Schwarzen. Mit dem Begriff der Rasse behauptete der europäische Rassismus, solcher Kalamitäten Herr geworden zu sein und ein valides Konzept zum Nachweis der natürlichen Ungleichheit körperlich unterscheidbarer Menschengruppen gefunden zu haben. 3 Die Entwicklung dieses Konzepts ist in die Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus eingelassen. In ihr wurden die sozialen Grundlagen für die Begriffssysteme des Rassenrassismus gelegt. Auch ohne seine zentrale Kategorie entstand dabei die Vorstellung eines hierarchischen Gegensatzes von Europäern und Afrikanern. James H. Sweet (1997: 165)schließt daraus, dass »the treatment ofblack Africans from the Middle Ages to the early modern period appears to be racism without race«. Hintergrund dieser Entwicklung war die schnell nach Süden fortschreitende Erschließung der afrikanischen Küste und die Eroberung der Kanarischen Inseln durch die iberischen Staaten. Weil zur selben Zeit der Handel mit europäischen Sklaven nach der Eroberung Konstantinopels und durch die Schließung der Dardanellen durch die Türken weitgehend zum Erliegen kam, trat an seine Stelle die verstärkte Nachfrage nach afrikanischen Sklaven. Zu ihrer Legitimation wurden nicht nur religiöse Argumente wie der Mythos von Harn (vgl. Kap. III/3), sondern auch ästhetische und kulturelle Vorurteile eingesetzt und schließlich mit der Hautfarbe der Sklaven amalgamiert (ebd.: 158ff.). Die Geschichte des Rassenbegriffs (Banton 1998; Conze/ Sommer 1984; Hannaford 1996) lässt sich in zwei Phasen einteilen. In der ersten Phase diente er nach der Krise des Feudalismus und der Ausbreitung der Geldwirtschaft und des sie repräsentierenden Bürgertums der klassistischen Abgrenzung des Adels als erblich bedingter, höhergestellter Gesellschaftsschicht. Er gab aus Besitz und Macht erwachsene Positionen als naturbedingte Folge edleren Blutes aus. In der zweiten Phase wurde er nach den Erfolgen des europäischen Kolonialismus und seiner globalen Ausdehnung anthropologisiert und zur Einteilung der 13

Weltbevölkerung in unterschiedlich entwickelte Gruppierungen benutzt (vgl. Kap. III/4 und 5). Er erklärte aus Eroberung und Gewalt entspringende Verhältnisse zum Ausdruck natürlicher Ungleichwertigkeit. Der anthropologische Rassenbegriff durchlief selbst wiederum drei Etappen. In der ersten Etappe entwarf die Aufklärung das auf Hautfarben setzende Schema unterschiedlich zum Fortschritt begabter Rassen (Valls 2005). Dabei nahm sie einerseits an, dass Teile der niederen Rassen den Anforderungen der Zivilisation nicht gewachsen sein und untergehen könnten, hielt es andererseits aber auch nicht für ausgeschlossen, dass andere Teile mit Hilfe der Weißen den Weg zum vollwertigen Menschsein vielleicht doch noch zurückzulegen vermöchten. In der zweiten Etappe schrieb der Sozialdarwinismus die postulierten Entwicklungsunterschiede in Schädeln und Knochen fest (Gondermann 2007). Zwar galt jetzt die Menschheit insgesamt als Produkt eines naturgeschichtlichen Prozesses, doch ihre verschiedenen Rassen waren durch gewaltige evolutionsgeschichtliche Zeitspannen so voneinander getrennt worden, dass ihre primitiven Vertreter mit den Vorfahren der entwickelten weißen Rasse gleichgestellt und damit nachgerade zu lebenden Fossilen erklärt wurden. Organ der Entwicklung solcher Differenz sollte das Gehirn sein, dessen Volumen sich zum Maßstab von Kultur erhoben fand. In der dritten Etappe wurden die Rassenunterschiede in die Gene verlegt (Alland 2002). Dabei wehrten sich noch Mitte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Genetiker gegen den Versuch der UNESCO, den Rassenbegriff international zu diskreditieren - mit der Behauptung, ihn wissenschaftlich zu benötigen. Obwohl bis zum Ende des Jahrhunderts immer mehr Naturwissenschaftler die Rassenkategorie als wissenschaftlich unergiebig und unseriös einschätzten, verteidigt sie ein Teil der Profession noch immer und popularisiert sie in Bereichen wie der Ethnomedizin durch sogenannte rassenspezifische Medikamente. Kern ihres rassistischen Diskriminierungspotenzials ist der Intelligenzquotient, eine Größe, die von Kultur und Bildung der Probanden ebenso abhängig ist wie vom Testverfahren, von ultrakonservativen Wissenschaftlern aber zu interkulturellen Pseudoverglei-

chen benutzt wird, bei denen sie von ihnen unverdrossen Negride genannte Menschen durchweg erheblich schlechter abschneiden lassen als Weiße (Brace 2005: 24off.; Jackson, Jr./Weidrnan 2006: 219ff.). Alle Entwicklungsstufen des Rassenbegriffs belegen, dass er versucht, natürliche Elemente wie Blut, Hautfarbe, Haar, Knochenmaße, Gene etc. zur ideologischen Verhüllung seines herrschaftlich geprägten kulturellen Kerns zu benutzen. Er amalgamiert soziale mit natürlichen Elementen. Dabei sind erstere dauerhaft und präzise bestimmbar, letztere veränderlich und unklar. Sozial drückt Rasse den weißen Anspruch aus, die am weitesten entwickelten Möglichkeiten des Menschseins zu verkörpern und begründet damit den Herrschaftsanspruch der Europäer (Kaukasier, Weißen) über den Rest der Menschheit. Biologisch gesehen scheiterten freilich sämtliche Versuche, verlässliche Einteilungskriterien zu finden, weil diese insgesamt umstritten blieben, häufig korrigiert und ersetzt werden mussten und sich trotz aller Bemühungen nicht exakt festlegen ließen. Wie Rassismus überhaupt, argumentiert auch der Rassenrassismus kulturalistisch. Sein zentrales Argument besteht nicht darin, dass Menschen sich aufgrund körperlicher Merkmale in Rassen einteilen ließen. Vielmehr behauptet er, in den Rassen endlich den sichtbaren Beweis für die Verbindung klassifizierbarer erblicher biologischer Besonderheiten mit Unterschieden des kulturellen Vermögens gefunden zu haben. Kulturell neutrale Rassentheorien gibt es nicht. Der Rassenbegriff dient bis heute der Legitimation von Herrschaft.

2. GESCHLECHT,

KLASSE,

NATION

Rassistische Ideologie begnügt sich nicht mit der Konstruktion kultureller Hierarchien und diese angeblich repräsentierenden Rassen. Sie operiert auch mit anderen Kategorien gesellschaftlicher Einschließung und Ausschließung. Dass dabei »the Big Three of race, dass, and gender« (Cashmore 2004: 307) eng miteinander verbunden sind, gehört ebenso zum Inventar der Ras-

sismusforschung wie der Zusammenhang von »Rasse, Klasse, Nation« (Balibar/Wallerstein 1990) oder »Race, Nation, Gender« (Anthias/Yuval-Davis1992). Ihr Verhältnis ist nicht summativ, sondern durch vielfache Überlagerungen und Vermischungen gekennzeichnet. Deren Entstehungszusammenhang macht deutlich, dass die geschlechtsspezifische und die klassenzentrierte der rassenbezogenen und nationalistischen rassistischen Diskriminierung historisch vorangegangen sind. Tatsächlich hat der Begriff Rasse selbst eine klassenspezifische Wurzel. Und die Behauptung, dass Afrikaner emotional wären, Chinesen einen Zopf trügen und Indianer keinen Bartwuchs hätten, gehörte im 19. Jahrhundert ins Repertoire des alltäglichen wie des wissenschaftlichen Rassismus. Beiden schien es auch selbstverständlich, den Rassenbegriff zu nationalisieren und die Einheit von Rasse und Nation zu propagieren. Die Kategorien Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse sind vielfach verknüpft und die Logik ihrer Verbindung funktioniert jeweils in beide Richtungen. Die Feminisierung von Rassen soll deren Unterlegenheit unterstreichen. Die Rassisierung von Frauen dient als Drohmittel und Ausgrenzungsstrategie. Die Klassisierung von Rassen unterstützt die imperialistische Konzeption einer globalen sozialen Hierarchie. Die Rassisierung von Klassen differenziert die Unterschichten und schafft mit dem angeblichen Residuum der Asozialen und Degenerierten einen ideologischen Ort zur Abschiebung sozial unerwünschter oder politisch gefährlicher Teile der Bevölkerung. Die Rassisierung von Nationen bietet den respektablen Teilen der Unterschichten eine ideologische Heimat. Die Nationalisierung der Rassen erlaubt deren innere Differenzierung und eine damit einhergehende völkische Identitätsbildung. Der »Klassenrassismus«(Bourdieu 1982: 292) hat historisch unterschiedliche Formen angenommen. Sein soziales Drohpotenzial entspringt aber jeweils aus einer in die Klassenbeziehungen eingezogenen Sollbruchstelle, die es erlaubt, sich sozial missliebiger Individuen und Gruppen ideologisch, politisch oder physisch zu entledigen. Zu diesem Zweck schaffen Gesellschaften extrasoziale Orte, an denen klassenbedingte Besonderungen ungültig und gesellschaftliche Rollen entwertet werden. Diese

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Desozialisierung (vgl. Kap. IV/1) kann mental oder physisch Kranke treffen, die in Irrenhäuser oder Leprakolonien abgeschoben werden. Sie kann gegenüber Straffälligen eingesetzt werden, die man im Zweifelsfall als heimische Wilde zu den fremden Wilden in den Strafkolonien verschifft. Sie kann Opfer von Ausbeutung und Klassenherrschaft als degeneriert einstufen und über ihre eugenische Behandlung nachsinnen. Sie kann schließlich auch Theorien wie das Malthus'sche Bevölkerungsgesetz entwickeln, dem gemäß große Teile der Unterklassen in regelmäßigen Abständen verhungern müssten (vgl. Kap. III/6). Der Tod der angeblich überschüssigen Teile der Unterschichten ist die letzte Konsequenz des Übergangs von der klassistischen zur rassistischen Diskriminierung. Die Argumentation, mit der ihn Malthus begründete, folgte der Logik des Rassismus. Sie erklärte die Unterklassen für dumm, faul und geil, sah sie nur unter dem Zwang unmittelbarer Not arbeiten, gleichzeitig aber zahlreiche Kinder zeugen, ohne ökonomische Vorsorge zu treffen oder Familienplanung zu betreiben. Hungersnöte müssten deshalb diese minderwertige Menschenklasse in regelmäßigen Abständen dezimieren (Bowler1976). Ein Jahrhundert später modifizierte die Eugenik diese pauschale Rassisierung durch die Differenzierung in einen respektablen, fleißigen Teil der Arbeiterklasse und in ein asoziales, lumpenproletarisches Residuum. Dabei wurden »the poor at home« denselben ideologischen Operationen unterworfen wie die »natives around the globe« und in Kategorien der Rassenforschung beschrieben (Barkan 1992: 22). Während man die äußeren Wilden im Kampf ums Dasein unterliegen sah, betrachtete man die inneren Wilden als reale Gefahr, weil sie der Gesellschaft auf der Tasche lägen, ihre schlechten Erbanlagen zügellos vermehrten und so die Volksgesundheit gefährdeten. Um die Degeneration der eigenen Gesellschaft zu verhindern, müssten deren angeblich minderwertigen Elemente deswegen an der Fortpflanzung gehindert und minderwertige Erbanlagen insgesamt ausgemerzt werden (Kevles1995: 96ff.). In diesem Programm wurde Frauen eine besondere Bedeutung beigemessen. Selbst Theoretiker mit sozialistischem Selbstverständnis erklärten Mutterschaft zum Beruf im Staatsdienst

und forderten, dass sie im Interesse der Rassenwohlfahrt ausgeübt werden müsste (Niemann-Findeisen 2004: 152ff.). Der Rassenrassismus zeigt sich mit Klassenrassismus, Geschlechterrassismus und Nationalrassismus eng verknüpft. Der Geschlechterrassismus, in dem sich Rassisierung der Geschlechter und Sexualisierung der Rassen überlagern (Nagel 2003: 55),hat eine weit zurück reichende Tradition der Kontrolle und Unterdrückung von Frauen. In der Antike erklärte sie die große Philosophie zu Missgeburten (Delacampagne 2005: 48ff.). Im Mittelalter stützte sich der patriarchalische Sexismus auf eine von den Kirchenvätern sanktionierte rassistische Verachtung der Frauen. In der frühen Neuzeit entwickelte sich daraus die Jahrhunderte lang diskutierte Frage, »[o]bdie Weiber Menschen seyn, oder nicht?« - und in der Renaissance richtete sich die Hexenverfolgung überwiegend gegen Frauen (Hund 2006: 96f.). In der Modeme verbanden sich Rassenrassismus und Geschlechterrassismus zu einem Phantasma, das Schwarze zu »Frauen der Rassen« und Frauen zu Wesen erklärte, die energetisch mehr vom Uterus als vom Gehirn gesteuert würden (Becker 2005: 346, 306). Alle diese Operationen liefen unter anderem darauf hinaus, die Frauen zu Mängelwesen zu erklären. Unter diesen Umständen sollten die sozialen Zumutungen weiblicher Rollenzuweisungen als erstrebenswertes Ziel erscheinen. Es ließ sich schon klassenspezifisch verfehlen, weil zahlreiche Elemente des Frauseins an einen gehobenen sozialen Status gebunden und demgegenüber Sklavinnen oder Frauen aus Unterschichten desozialisiert wurden. Geschlechtsspezifisch demonstrierten zahlreiche Gesellschaften durch martialische Rituale, die von der Beschneidung über die klösterliche Wegsperrung bis zur Steinigung für Ehebruch und Witwenverbrennung reichten, den in ihnen lebenden Frauen die Fragilität ihre sozialen Akzeptanz. Nicht selten war diese schon vor jeder Sozialisation aufgekündigt, wie das Aussetzen neugeborener Mädchen zeigte. In der Antike hatte es unmittelbar rassistische Folgen, weil sie entweder starben oder zu Sklavinnen und häufig zu Prostituierten gemacht wurden (Keuls 1993: 146f.). Zwar unterlag auch die Prostitution einem historischen Formwandel und es wird heute dafür

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plädiert, bei ihr Gewerbe und Sklaverei zu unterscheiden (Mitrovic 2006). Der mit ihr häufig verbundene offene Zwangscharakter ist gleichwohl unumstritten. Während sich Deutschland unter dem Motto »Die Welt zu Gast bei Freunden« auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 vorbereitete, protestierte die Coalition Against Trafficking in Women gegen den in diesem Zusammenhang erwarteten Anstieg der Zwangsprostitution und kritisierte den sexuellen Sklavenmarkt (Emma 4, 2006). Rassistische Frauendiskriminierung kulminiert im Gynozid, der gewaltsamen Zerstörung weiblicher Rollen und Leben durch genozidale Tötung weiblicher Föten und Kinder sowie massenhafte Vergewaltigungen und Sexualmorde (Jones 2002). Die selbst sexistisch bestimmten sozialen Möglichkeiten des Frauseins werden hier außer Kraft gesetzt oder überhaupt nicht erst zugelassen. Die lange historische Tradition dieser Form des Rassismus (Warren 1985) ist bis heute nicht abgerissen. Am 21.7. 2005 erwähnte die »Frankfurter Allgemeine« die Untersuchungen zweier Bevölkerungsforscher zur chinesischen Ein-Kind-Politik, die prognostiziert haben, dass ab etwa 2015 auf Grund der selektiven Abtreibungspraxis rund 25 Millionen Chinesen keine Frauen finden werden. Am 9.1.2006 berichtete »BBC-News« über Ergebnisse einer Studie in Indien, denen zufolge seit langer Zeit jedes Jahr aufgrund pränataler Selektion und selektiver Abtreibung 500.000 Mädchen nicht geboren werden. Der Nationalrassismusdient sowohl ethnischer Homogenisierung wie rassischer Differenzierung. Beide können, wie eine Reihe von Beispielen aus der Zeit um 1900 zeigt, als der moderne Rassismus nicht nur das europäische Denken dominierte, sondern auch zu einem erfolgreichen Exportartikel geworden war, gleichzeitig zur Abgrenzung nach außen wie zur inneren Konsolidierung genutzt werden. In China diente die Erfindung der Han-Rasse der ideologischen Koordination des Kampfes gegen Kaisertum und Imperialismus. In der Türkei sollte die Schaffung einer Staatsrasse die nationale Identität stärken, aber auch die Zugehörigkeit zur weißen Rasse dokumentieren (vgl. Kap. II/3). In Australien wurde der Rassismus zum Ferment der Staatsgründung, diente der Mobilisierung weißer Solidarität ge-

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genüber der gelben Gefahr sowie der Unterscheidung erwünschter und unerwünschter Einwanderer (vgl. Kap. III/5). Die Propagierung der Han-Rasse in China verfolgte ein doppeltes Ziel. Sie differenzierte die gelbe Rasse, der man sich so einerseits zurechnen, von deren anderen Bestandteilen man sich aber auch abgrenzen konnte. Die Zurechnung unterstützte die Agitation gegen die Weißen und ihre annexionistische Kolonialpolitik. Deren weltweiter Erfolg zwang zwar zu ihrer Anerkennung als intelligenter Rasse. Die europäische Rassennomenklatur wurde aber dadurch unterlaufen, dass man die Weißen den Gelben gegenüber als unkultiviert einstufte. Außerdem ließ sich auf diese Weise ein historischer Bogen von den Eroberungszügen Dschingis Khans bis zum Sieg der Japaner über Russland bei Tsushima spannen, der vergangene Überlegenheit mit der Perspektive zukünftiger Größe verband. Die Abgrenzung erlaubte nicht nur die Kritik und den Vorranganspruch Chinas gegenüber dem gelehrigen Schüler Japan, sondern vor allem auch die Unterstützung des inneren Kampfes gegen die Mandschu-Dynastie. Sun Yatsen und andere erklärten die Chinesen zu Angehörigen einer eigenen chinesischen Rasse, die auf den legendären ,Gelben KaiserweißeschwarzeUnsihnenZivilisation< gegen die >Barbarei«schwarzen Todesracial< virtue. All peoplescanfall into Whiteness[...], we couldhave had a yellow,red, brown,or black Whiteness:Whitenessis not reallya colorat all, but a set of powerrelations.« CharlesW. Mills (1997:128f.,127)

Der Rassismus ist älter als die Rassen. Trotzdem wird er definitorisch häufig immer noch an deren Kategorie gebunden. Wie problematisch das ist, verdeutlicht die Analyse von Rassen als sozialen Konstruktionen und die Auseinandersetzung mit neuen Formen kulturalistischer Rassismen. Wenn Rassen soziale Konstruktionen sind, dann sind sie Produkt, nicht Voraussetzung des Rassismus. Und wenn Rassismus sich kulturalistisch äußern kann, muss das für die Zeit vor der Etablierung des Rassenbegriffs ebenso untersucht werden wie für die Entwicklung nach seiner Diskreditierung. Selbst der moderne Rassismus bediente sich keineswegs überall der gleichen Version des Rassenparadigmas und kam in keiner seiner Varianten ohne kulturalistische Argumente aus. Außerdem war er von Elementen anderer Formen rassistischer Diskriminierung durchsetzt, die nicht selten die zentralen ideologischen Muster lieferten. Um sie zu erfassen, muss sich Rassismusforschung von der Fixierung auf die Kategorie Rasse lösen und sich damit auseinandersetzen, dass es unterschiedliche Muster rassistischer Diskriminierung gegeben hat und gibt. Ihnen ist ihre Funktion im Prozess klassenspezifischer Vergesellschaftung gemeinsam. Rassismus stiftet auf der einen Seite illusorische Gemeinschaftlichkeit und erzeugt auf der anderen Seite amorphe Identität. Die eigene Gemeinschaftlichkeit ist illusionär, weil sie auf keine reale Teilung von Ansehen und Macht abstellt, sondern die bestehenden sozialen Ungleichheitsrelationen nicht nur unangetastet lässt, sondern auch zusätzlich stabilisiert. Die Identität der Anderen bleibt notwendig amorph, weil sie eine Vielzahl unterschiedlicher sozialer Charaktere vereint 120

und gleichmacherisch einebnet. Sie werden einem Prozess der Entmenschlichung unterworfen, der am Beispiel der Sklaverei als ,sozialer Tod< beschrieben wurde, sich aber auf rassistische Diskriminierung überhaupt beziehen lässt. Deren Formen bezeichnen keine geschlossenen Epochen, sondern werden durch die Vorherrschaft verschiedener Legitimationsstrategien gekennzeichnet. Diese sind flexibel kombinierbar und häufig miteinander verknüpft. Trotzdem lassen sie sich gemäß der dabei aufgetretenen historischen Schwerpunkte in charakteristische Gegensatzpaare gliedern. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Gegenüberstellungen von Kultivierten und Barbaren, Reinen und Unreinen, Erwählten und Teufeln, Zivilisierten und Wilden, Weißen und Farbigen, Vollwertigen und Minderwertigen. Sie haben im Verlauf der Geschichte des Rassismus zur Entwicklung unterschiedlicher Stereotype der Entmenschlichung geführt. Das Barbarenstereotyperlaubt sozial geschichteten Gruppen die Vorstellung der Höherwertigkeit und Zusammengehörigkeit. Durch den externen Vergleich wird die herrschaftliche Differenzierung des Zugangs zu ethnisch charakterisierten Gemeinsamkeiten entschärft. Sie können nach außen hin verallgemeinert und zum Maßstab von Kultur überhaupt werden. Diese wird so ideologisch auch für jene verfügbar gemacht, die materiell nicht oder nur bedingt an ihr teilhaben. Die Skalierung der dabei entwickelten Differenz zwischen Zivilisation und Barbarei reicht von der Verkindlichung bis zur Vertierung und versetzt die anderen in das Stadium unentwickelter oder fehlender Menschlichkeit. Das Unreinheitsstereotyp greift auf Verdächte zurück, die von Formen vorübergehender Kontamination bis zu entsozialisierender Unreinheit reichen, die als dauerhaft oder sogar als vererbbar gilt. Sein Ausgrenzungspotenzial ist deswegen nicht etwa geringer, sondern die Einübung alltäglicher Rituale der Reinigung verstärkt die Zuweisung nicht behebbarer Unreinheit eher noch. Außerdem trägt die Körperbezogenheit von Unreinheit dazu bei, dass sie als Gefährdung eines organisch begriffenen Gemeinwesens ausgegeben werden kann, der gegenüber rigide Grenzen gezogen werden müssen. 121

Das Teufelsstereotypreicht vom armen Sünder über den auf ewig Verdammten bis zum Erzfeind. Indem es den Gegensatz von Erwählten und Verdammten an metaphysische Vorstellungen bindet, muss seine Konstruktion auf keinerlei Fakten Rücksicht nehmen. Seine Anwendung ist deswegen flexibel und kann Menschen der unterschiedlichsten sozialen Kategorien betreffen. Seine Überzeugungskraft zehrt von der Glaubwürdigkeit zahlreicher dualistischer religiöser Systeme. Seine Argumentation lässt sich problemlos an die zwischen Gut und Böse gespannten moralischen Überzeugungen vieler Zeitalter und Kulturen anpassen. Seine Ausübung darf daher als gute Tat verbucht werden, stärkt das Erwähltheitsbewusstsein und wirkt gemeinschaftsbildend. Das Wildenstereotypsiedelt Wilde und Zivilisierte auf derselben Zeitachse an. Dadurch gewinnt es einen Maßstab zur Bestimmung von Rückständigkeit und zur Prognose von Entwicklungsfähigkeit. Die Wilden sollen gegenüber den Zivilisierten zurückgeblieben sein. Wenn sie sich zur Übernahme ihrer Verhältnisse als unfähig oder unwillig erweisen, gilt das als Zeichen ihrer Primitivität und verurteilt sie zum Aussterben. Gleichzeitig eignet sich die ihnen unterstellte Ursprünglichkeit zur Konstruktion eines zwar rohen, aber noch unverdorbenen Gegenbildes der Zivilisation. Die dadurch ermöglichten Projektionen aus eigenen Versagungen entspringender Sehnsüchte machen diese Variante des Rassismus ebenso ambivalent wie aggressiv. Das Rassenstereotypunterstellt der Natur, die Menschen gleichzeitig unterschiedlich befähigt und entsprechend gekennzeichnet zu haben. Das gilt nicht nur für die ihnen zugeschriebenen Hautfarben, sondern auch für die ihren Knochen und der Größe oder Kapazität ihres Gehirns angeblich innewohnende Entwicklungslosigkeit. Die sich daraus für den europäischen Kolonialismus und Imperialismus ergebende ideologische Funktionalität bestand darin, dass sich seine gewaltsame Expansion als natürlicher Prozess interpretieren ließ. Unterstützt durch die Kampfmetaphern und Selektionsszenarien der Evolutionstheorie, konnte die Vervollkommnung des Menschen als Ausleseprozess begriffen werden, dem unentwickelte Exemplare der Gattung naturnotwendig zum Oper fallen müssten. 122

Das Minderwertigkeitsstereotyp verbindet Klassenvorurteile und rassistische Diskriminierung mit eugenischen Phantasien. Es bringt den in allen Klassengesellschaften vorhandenen, nach innen gerichteten Rassismus zum Ausdruck, der es erlaubt, die Unterklassen ideologisch unter sozialen Bewährungsdruck zu setzen und gegebenenfalls als für das soziale Ganze belastende, untaugliche oder gefährliche Elemente abzusondern oder auszumerzen. Das macht es auch gegenüber angeblich Asozialen, Erbkranken oder Perversen aus anderen sozialen Schichten einsetzbar. So kann es für unterschiedliche eugenische Utopien und Politiken genutzt werden. In all diesen Varianten der Ausgrenzung zeigt sich das Grundmuster rassistischer Diskriminierung. Herrschaftlich organisierte Gesellschaften werden dadurch zusammengehalten, dass ihren benachteiligten oder unterdrückten Gruppen Angebote zur Imagination von Gemeinschaft gemacht werden. Elemente positiver Zugehörigkeit reichen dazu nicht aus, weil sie in der Regel selbst geschichtet und nur bedingt oder schwer zugänglich sind. Negative Vergesellschaftung hingegen erlaubt die Zusammenfassung der Ungleichen durch die Degradierung Anderer. Die Anderen müssen sich nicht unbedingt außerhalb, sondern können sich (als Unberührbare, Ungläubige, Sklaven oder ursprüngliche Bevölkerung) auch innerhalb der rassistischen Gesellschaft befinden. Deren Überlegenheitsanspruch muss nicht notwendigerweise auf realer Herrschaft beruhen und kann selbst von Bedrohungsszenarien (durch islamische Glaubenskrieger, die gelbe Gefahr oder die jüdische Weltherrschaft) begleitet werden. Die verschiedenen Formen des Rassismus haben eine große Zahl unterschiedlich strukturierter und legitimierter Verhältnisse ausgebildet. Ihnen gemeinsam ist die Umwandlung sozialen Konfliktpotenzials in rassistische Verachtung. Die rassistische Gesellschaft beschwört ihren Zusammenhalt nicht einfach durch die Ausgrenzung der Anderen, sondern dadurch, dass sie deren vollwertiges Menschsein bestreitet. Tendenzen zu solcher Herabrninderung existieren auch in ihrem Inneren. Dort können ihnen die Beherrschten nur dadurch entgehen, dass sie gute Miene zur ihnen zugewiesenen untergeordneten Rolle machen und sich dafür an jenen schadlos halten, die 123

durch gewaltsame Unterdrückung, strukturelle Benachteiligung, tradierte Vorurteile, ideologische Herabminderung und politische Propaganda zur allgemeinen Entwürdigung und Verfolgung freigegeben sind. Die Möglichkeit der Verwandlung sozialer in rassistische Diskriminierung bleibt trotzdem bestehen. Sie kann sich mit deren zentralen Kategorien Geschlecht, Klasse, Nation und Kultur verbinden. Der Geschlechterrassismus entspringt an der ideologischen Sollbruchstelle zwischen sozialer Diskriminierung und rassistischer Desozialisierung. Während Sexismus Frauen in ausgewählte soziale Räume einweist und ihnen andere vorenthält, droht Geschlechterrassismus mit ihrem Ausschluss aus der Gesellschaft. Für den Fall der weiblichen Insubordination und Rollenverweigerung wird dadurch ein erhebliches ideologisches und politisches Drohpotenzial bereitgestellt. Bis heute macht es sich in sexueller Gewalt gegen Frauen, der Zerstörung weiblicher Identität und gynozidalen Reproduktionsstrategien geltend. Der Klassenrassismuserlaubt es, die Unterklassen insgesamt zu diskreditieren oder aufsässige und unproduktive Teile als gefährlich, krank oder nutzlos vom Gesellschaftskörper abzutrennen und aus der Volksgemeinschaft zu verweisen. Dabei handelt es sich nicht um bloße ideologische Drohungen. Bevölkerungspolitische wie eugenische Programme haben vielmehr gezeigt, dass Gesellschaften bereit und in der Lage sind, ihre angeblich überflüssigen Armen verhungern zu lassen oder zu deportieren und ihre als degeneriert eingestuften Unterschichten als sozialhygienisches Risiko einzustufen und Maßnahmen zu unterwerfen, die von der Sterilisation bis zur Vernichtung reichen. Der Nationalrassismuszeigte sich zwar dem Wortsinn von >AbstammungVolkarische< Sprache, >weißeeuropäischeRasseSonstige KommentareÜberarbeitentypesVorurteilenStrukturenIdeologieStereotypeRassenschandepostmoderner< Sicht«. In: Christian Flatz/Michael Kröll/ Sylvia Riedmann (Hg.): Rassismusim virtuellen Raum. Berlin u.a.O.: Argument, S. 82-120. Reddy, Deepa S. (2005): »The Ethnicity ofCaste«. In: Anthropological QuarterlY78/3,S. 543-584. Reverby, Susan M. (Hg.) (2000): Tuskegee'sTruth. Rethinking the TuskegeeSyphilis Study. Chapel Hill: The University of North Carolina Press. Reynolds, Henry (2001): An IndelibleStain? The Questionof Genocidein Australia's History.Ringwood u.a.O.: Viking. Rex, John (1999): »Racism, Institutionalized and Otherwise«. In: Leonard Harris (Hg.): Racism. Key Conceptsin CriticalTheory. Arnherst: Humanity Books, S. 141-160.

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