Protestantismus in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle des 18. Jahrhunderts [1 ed.] 9783205214007, 9783205213987

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Protestantismus in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle des 18. Jahrhunderts [1 ed.]
 9783205214007, 9783205213987

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SIEGFRIED KRÖPFEL

PROTESTANTISMUS IN WIEN AM BEISPIEL DER TOTENBESCHAUPROTOKOLLE DES 18. JAHRHUNDERTS

Schriftenreihe der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts Band 21 Herausgegeben von Thomas Wallnig in Verbindung mit Franz M. Eybl und Wolfgang Schmale (Bd. 1– 8 hg. von Moritz Csáky)

Siegfried Kröpfel

Protestantismus in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle des 18. Jahrhunderts

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN

Gedruckt mit der freundlichen Unterstützung durch MA 7, Kulturabteilung der Stadt Wien, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, Land Niederösterreich – Abteilung Wissenschaft und Forschung

Hochschulstiftung der Erzdiözese Wien, Evangelische Kirche A. B. in Österreich, Evangelische Superintendentur A.B. Wien, Evangelische Superintendentur A. B. Oberösterreich, Evangelisches Bildungswerk Oberösterreich, Lutherische Stadtkirche Wien

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar. © 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich) Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Umschlagabbildung: WStLA, B1–Totenbeschauprotokolle, Bd. 42, , fol. 462v Umschlaggestaltung: Michael Haderer, Wien Satz: büro mn, Bielefeld Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com ISBN 978-3-205-21400-7

Für Veronika

Inhalt Vorwort  ..

............................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1. Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Gegenstand der Untersuchung und Forschungsansatz  .. . . . . . . . . . . . . . . 1.1.1 Einordnung und Stellenwert des Untersuchungsgegenstandes  . . . . 1.1.2 Der prosopographische Ansatz als Quellenzugriff  . . . . . . . . . . . . . . 1.1.2.1 Der Prosopographiebegriff und die Anwendung des Ansatzes  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.2.2 Die Umsetzung einer prosopographischen Forschungsarbeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.2.3 Das evangelische Personenkollektiv in den Totenbeschauprotokollen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.3 Konfessionalisierung als Bezugspunkt  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.3.1 Das Konfessionalisierungsparadigma im Kontext des Gegenstandes  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.3.2 Katholische Konfessionalisierung und evangelischer Quellenbefund  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 Forschungsstand  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.1 Forschungsstand der Quelle  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2 Forschungsstand der gegenständlichen thematischen Bezüge  . . . . . 1.3 Forschungsinteresse und konzeptuelle Anknüpfung  . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.1 Annäherung Kapitel 2: Quellenanalyse und Quelleninterpretation  . . 1.3.2 Annäherung Kapitel 3: Evangelische Konfessionskultur in Wien  . . . 1.3.3 Annäherung Kapitel 4: Das Herrschaftszentrum Wien  . . . . . . . . . . . 1.4 Aufbau der Untersuchung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung  . . 2.1 Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1 Quellenbeschreibung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1.1 Gestalt, Bestand und Zugänglichkeit der Quelle  . . . . . 2.1.1.2 Das Unschärfeproblem der Quelle  . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.2 Äußere Quellenkritik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.3 Innere Quellenkritik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.3.1 Sprachliche Aufschlüsselung des Textes  .. . . . . . . . . . . . 2.1.3.2 Sachliche Aufschlüsselung des Textes  . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

2.2 Quelleninterpretation: Die Totenbeschauprotokolle im Kontext

des Gesundheitswesens 

.............. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

2.2.1 Forschungstheoretische Einordnung  . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2 Diskurstheorie und ‚Bio-Macht‘ bei Michel Foucault  . . 2.2.3 Frühneuzeitliche Isolierungspolitik und ‚Bio-Macht‘  . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

2.3 Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge  .. 2.4 Die Beschauinformationen in den evangelischen Einträgen  . . . . . . . . . 2.4.1 Die Sterbeverhältnisse in den evangelischen Einträgen  . . . . . . . . 2.4.2 Die Beschaubefunde in den evangelischen Einträgen  . . . . . . . . . 2.4.3 Die Beschauorte und die Relevanz der Pflege- und Heilstätten  . . 2.5 Zusammenfassung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.1 Das Konfessionalisierungsparadigma  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.1.1 Konfessionalisierung als Epochenbegriff  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.1.2 Konfessionalisierung als Forschungsparadigma  . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.1.3 Konfessionalisierung als Variante der Sozialdisziplinierung  . . . . . . . .  3.2 Aspekte katholischer Konfessionalisierung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.2.1 Das Konzil von Trient und die katholische Konfessionalisierung  . . .  3.2.2 Die Pietas Austriaca als Antriebskraft der Konfessionalisierung  .. . . .  3.3 Spuren konfessionsbildender Prozesse und Freiräume evangelischer Konfessionskultur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.1 Von der Reformation bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts  .. . . . . . . . .  3.3.1.1 Der Versuch des Ausbaus des evangelischen Kirchenwesens  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.1.2 Der Landhausgottesdienst  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.1.3 Der Evangelische Gottesdienst auf den Besitzungen des Landadels  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.2 Die Wiener Gesandtschaftskapellen im 17. und 18. Jahrhundert  . . . .  3.3.2.1 Die Stellung und die Bedeutung der Gesandtschaftskapellen in Wien  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.2.2 Der Gesandtschaftsgottesdienst  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.2.3 Die dänische Gesandtschaftsschule  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.2.4 Das Ende der Gesandtschaftskapellen und die Toleranzzeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3.3.3 Evangelisches Begräbnis in Wien im 17. und 18. Jahrhundert  . . . . . .  3.3.3.1 Der kaiserliche Gottesacker vor dem Schottentor  . . . . . . . . .  3.3.3.2 Begräbnisse als Beispiel sichtbaren evangelischen Lebens  . . .  3.4 Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 

54 55 59 62 64 66 67 68 69 70 73 74 74 77 78 80 80 82 87 88 89 92 94 98 99 104 108 109 111 112 113 114

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Inhalt

3.4.1 Die Konfessionalisierungsdebatte

in ihren wesentlichen Kritikpunkten  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.1.1 Kritik an der makrohistorischen Perspektive  .. . . . . . . 3.4.1.2 Kritik an der etatistischen Tendenz  .. . . . . . . . . . . . . . 3.4.1.3 Kritik an der zeitlichen und räumlichen Eingrenzung  3.4.1.4 Kritik an der Äquivalenzthese und Stellenwert der theologischen Wahrheitsfrage  . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2 Einordnung der Forschungsergebnisse in die Konfessionalisierungsdebatte  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.1 Zum Umgang der Quelle mit der evangelischen Konfession  . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.2 Zur räumlichen Konzentration evangelischen Lebens in Wien  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.3 Zur sozialen Gliederung der evangelischen Bevölkerungsgruppe  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5 Zusammenfassung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4. Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien  . . 4.1 Die Evangelischen im Kontext des interterritorialen Beziehungsgeflechts  .. 4.1.1 Evangelische Zuwanderung nach Wien auf Basis des Befunds  . . . . 4.1.2 Parteienverkehr  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.3 Evangelisches Dienstpersonal: Die Anstellungsverhältnisse  . . . . . . . 4.2 Die Evangelischen im sozioökonomischen Kontext  .. . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Ausgangslage der Wiener Wirtschaftsentwicklung  . . . . . . . . . . . . . 4.2.1.1 Die Wiener Wirtschaftslage im österreichischen Kontext  . . 4.2.1.2 Das Zunftwesen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1.3 Arbeitermigration  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2 Privilegiertes und außerzünftiges evangelisches Handwerksgewerbe  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.1 Hofbefreite Gewerbetreibende  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.2 Dekretisten oder Schutzverwandte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.3 Störer  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.4 Militärhandwerker  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.5 Manufaktur- und Arbeitshäuser  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.6 Fabriksprivilegierte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund  . . . 4.2.3 Privilegiertes evangelisches Handelsgewerbe  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.3.1 Niederlagsverwandte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.3.2 Die Niederleger im Kontext der kaufmännischen Berufe im Quellenbefund  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

4.2.4 Evangelische Erwerbstätigkeit im Kontext

eines verfeinerten Bedarfs  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.4.1 Bemerkungen zur ‚material culture‘-Perspektive  . . . . . 4.2.4.2 Kleidung und soziale Distinktion  . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.4.3 Der Aufschwung im Textil- und Bekleidungssektor  . . 4.3 Zusammenfassung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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5. Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781: Statistische Auswertung des Befundes  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.1 Historische Ausgangslage und ­Einbettung der Auswertung  . . . . . . . . . . . . .  5.1.1 Die Reformation gelangt nach Wien  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.1.2 Der umkämpfte Versuch der Konsolidierung der evangelischen Religion  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.1.3 Der Höhepunkt des Wiener Protestantismus und seine Zerschlagung  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.1.4 Zusammenfassung  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.2 Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials  .. . . . . .  5.2.1 Zum Untersuchungsgegenstand  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.2.2 Zur statistischen Verarbeitung der Datensätze  .. . . . . . . . . . . . . . . . .  5.2.3 Zum Umgang mit ‚missing data‘  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3 Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen  . . . . . . .  5.3.1 Die Sterbeverhältnisse der Evangelischen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.1.1 Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum  . . .  5.3.1.2 Verteilung der Sterbeeinträge über die Monate und Quartale eines Kalenderjahres  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.1.3 Sexualproportion der Sterbefälle  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.1.4 Durchschnittliches Sterbealter der Verstorbenen  . . . . . . . . .  5.3.1.5 Geschlechterproportion der Sterbefälle im Stadt-Vorstädte-Vergleich  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.1.6 Pflege- und Heilstätten  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.2 Die Beschaubefunde der Evangelischen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.2.1 Die Verteilung der festgestellten Todesursachen im Geschlechtervergleich  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.3.2.2 Der Umgang mit frühneuzeitlichen Beschaubefunden  . . . . .  5.3.2.3 Die Kategorien der Beschaubefunde im Vergleich mit dem Sterbealter in Klassen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.4 Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5.4.1 Wohn- und Beschauortangaben im Stadt-Vorstädte-Vergleich  . . . . .  5.4.2 Auswertung der städtischen Wohn- und Beschauortangaben  . . . . . . 

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181 181 182 184 188 193 194 194 199 201 202 203 203 205 207 211 215 217 219 219 222 226 227 228 228

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Inhalt

5.4.3 Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben

in den Vorstädten 

............ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

5.4.4 Aufschlüsselung der Ortsbezeichnungen und Hausnamen  . . . . . 5.4.5 Angaben zum Herkunfts- und Geburtsort der Evangelischen  . . . 5.4.6 Anstellungs- und Beauftragungsverhältnisse der Evangelischen  ..

. . . . . . . . .

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5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen

in den evangelischen Sterbeeinträgen 

... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

5.5.1 Zur Taxonomie der Berufsbezeichnungen  . . . . . . . . . . . . . . 5.5.1.1 Die Kategorie der Dienstleistungsberufe  . . . . . . . . 5.5.1.2 Die Kategorie der kaufmännischen Berufe  . . . . . . . 5.5.1.3 Die Kategorie der Handwerker  .. . . . . . . . . . . . . . . 5.5.1.4 Die Kategorie der Wehrbediensteten  . . . . . . . . . . . 5.5.1.5 Die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten  5.5.1.6 Die Kategorie der Einträge ohne spezifische

Berufsbezeichnung 

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 

5.5.2 Übersicht der Berufsgruppen im Stadt-Vorstädte-Vergleich 

. . . . . . .

240 241 244 247 250 258 261 265 267

5.6 Auswertung der Daten zur Sozialstruktur

in den evangelischen Sterbeeinträgen 

. . . . . .

269 269 272 279 281 284

.......................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

5.6.1 Titulationen und Anreden  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6.2 Die soziale Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals  . . 5.6.3 Zur Frage der sozialen Ungleichheit vor dem Tod  . . . . . . . . . . . . . . 5.7 Auswertung der Vornamen in den evangelischen Sterbeeinträgen  . . 5.8 Zusammenfassung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

6. Resümee  . . Anhang 

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Anhang 1: Die evangelischen Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang 2: Verzeichnisse  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenverzeichnis  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Archivbestände  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internetquellen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gedruckte Quellen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sekundärliteratur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Vorwort Wo ein Wille – da ein Weg, so heißt es in einem bekannten Sprichwort. Als leidenschaftlicher Bergsteiger liegt mir Viktor Frankls Ausspruch näher: Wo ein Ziel – dort ist auch ein Wille. Dass das Erklimmen eines hohen Berges und die Fertigstellung des vorliegenden Bandes für mich vieles gemeinsam haben, wurde mit der Lektüre des Buches Berg und Sinn – im Nachstieg von Viktor Frankl in besonderer Weise deutlich. Beides braucht Zeit, beides erfordert eine ungeteilte Aufmerksamkeit und beides ist äußeren Einflüssen ausgesetzt, die nicht immer planbar sind und mit denen trotzdem umgegangen werden muss. Indem sowohl Berg als auch Buch den Menschen als Ganzes beanspruchen, stellen sie die Trotzmacht des Geistes vor eine große Herausforderung. Im Sinne Frankls gelingt es mit dieser inneren Kraft, im Weg stehende Ängste und Zweifel auszuräumen. Nun haben mich die Berge aber auch gelehrt, dass der Wille allein nur selten zum Ziel führt. Oft gelangt man in unwegsames Gelände, wo man lediglich durch eine Sicherung vor dem Absturz bewahrt bleibt und auf Weggefährten angewiesen ist. Vor dem Hintergrund dieser Metapher schätze ich mich glücklich, dass ich den Weg bis zur Veröffentlichung meiner Dissertation weder ungesichert noch im Alleingang beschreiten musste. Ich hatte nicht nur Menschen in meiner Nähe, die es verstanden, mich auf ihre Art und Weise zum Weitergehen zu ermutigen, sondern bekam auch Werkzeuge in die Hand, mit denen es leichter fiel, voranzukommen. Manche Begleiter gingen ein Stück des Weges mit, zwei waren vom Anfang bis zum Schluss an meiner Seite. Martin Scheutz, der mir im Anschluss an seine exzellente Betreuung auch die Begleitung durch das Buchprojekt hindurch anbot, und Patrick Todjeras, der mir als langjährige Freund seinen scharfsinnigen Blick auf Zusammenhänge in vielen Stunden seiner wertvollen Zeit zur Verfügung stellte. Zu einem großen Teil ist es ihnen zu verdanken, dass das Buch heute in dieser Form vorliegt. Dank gebührt auch Andreas Weigl und Thomas Winkelbauer, die sich als Gutachter der Dissertation intensiv mit meiner Untersuchung auseinandersetzten und wertvolle Anregungen im Blick auf die Publikation einbrachten. Zum Weitergehen motiviert wurde ich auch von Rudolf Leeb, der als zusätzlicher Betreuer ebenfalls wichtige Gedanken streute und mir die Möglichkeit bot, Teilergebnisse meiner Forschung für die Ausstellung Brennen für den Glauben fruchtbar zu machen. Die Veröffentlichung über die Schriftenreihe der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts verdanke ich Thomas Wallnig, der mich freundlich und kompetent durch die notwendigen Schritte bis zur Drucklegung führte. Es freut mich zudem, dass ich mit dem Germanisten Franz Doppelbauer und dem Mathematiker Alexander Lacher auf die Expertise von Kollegen aus meinem Betätigungsfeld als Lehrer zurückgreifen durfte. Eine übergeordnete Stellung in ­diesem ganzen Prozess nahm meine Frau Veronika ein, die mir innerfamiliär stets den Rücken zum Arbeiten freihielt und meine jeweilige emotionale Verfasstheit mittrug. Ihr gebührt große Anerkennung und ich bin gesegnet, mit ihr und unseren Kindern mein Leben teilen zu dürfen. Abschließend aber nicht zuletzt möchte ich mich summarisch bei den Förderern der Publikation bedanken, w ­ elche die notwendigen

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Vorwort

finanziellen Mittel zur Umsetzung des Projekts beisteuerten: Kultur­abteilung der Stadt Wien, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Stadt Wien, Abteilung Wissenschaft und Forschung des Landes Niederösterreich, Hochschulstiftung der Erzdiözese Wien, Evangelische ­Kirche A. B. in Österreich, Evangelische Superintendentur A. B. Wien, Evangelische Superintendentur A. B. Oberösterreich, Evangelisches Bildungswerk Oberösterreich und die Lutherische Stadtkirche Wien. Vöcklabruck, am 26. März 2021

1. Einleitung 1.1 Gegenstand der Untersuchung und Forschungsansatz 1.1.1 Einordnung und Stellenwert des Untersuchungsgegenstandes Der vorliegende Band ist an der Schnittstelle der Wiener Stadtgeschichtsforschung und der österreichischen Protestantengeschichtsforschung verortet. Er fragt nach einer sichtbaren evangelischen Population in Wien zur Zeit der Gegenreformation und des Geheim- oder ‚Kryptoprotestantismus‘.1 Die konkrete konfessionsgeschichtliche Themenstellung erfordert eine empirische Längsschnitterhebung aller evangelischen Sterbeeinträge, die in den Totenbeschauprotokollen des Wiener Stadt- und Landesarchivs (WStLA) bis zur Toleranzgesetzgebung 1781 enthalten sind. Die im Titel angeführte zeitliche Eingrenzung auf das 18. Jahrhundert ist der Datierung dieser Einträge geschuldet, die zugleich das zugrundeliegende Analysekorpus der Untersuchung bilden. Für ihre Kontextualisierung gilt es jedoch, den Blick über einen viel größeren Zeithorizont zu weiten und inhaltliche Bezüge ins 17. und zuweilen auch ins 16. Jahrhundert herzustellen. Die Vollerhebung und Auswertung der gegenständlichen empirischen Daten ist eine Grundlagenarbeit, w ­ elche die einschlägige Forschung in vielfacher Hinsicht bereichert. Für die Wiener Stadtgeschichtsforschung sind zunächst die neuen demographischen Erkenntnisse von Belang, die mit den empirischen Daten gewonnen werden. Sodann erscheinen jene forschungstheoretischen Bezüge bedeutend, die erstmals vor dem Hintergrund des Unter­ suchungsgegenstandes im Blick auf die Machtmechanismen in der Haupt- und Residenzstadt Wien hergestellt werden. Schließlich erfolgt im Rahmen dieser Arbeit eine Neuanalyse und Neudarstellung der Quelle, die auch ihren Forschungswert, der bisher vor allem im genealogischen Zugriff gesehen wurde, neu bestimmt.

1 Der Terminus ‚Kryptoprotestantismus‘ gilt als historiographischer Schlüsselbegriff zur Charakterisierung der religiösen Situation der protestantischen Minderheit in den habsburgischen Erblanden im 17. und 18. Jahrhundert. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 182 – 184. Breite Verwendung findet zudem der Ausdruck ‚Geheimprotestantismus‘, dessen Spuren sich in der Forschungsliteratur mit der von Gustav Trautenberger gewählten Bezeichnung „geheime Protestanten“ bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Trautenberger 1881, 54. Zum Begriff ‚Geheimprotestantismus‘ vgl. Leeb/ Scheutz/Weikl 2009, 7 – 24. Mit dem Terminus ‚Untergrundprotestantismus‘  führte Stephan Steiner ein weiteres Synonym für das zu bezeichnende Phänomen ein. Vgl. Steiner 2003. Die ursprünglich polemische Fremdbezeichnung ‚Protestanten‘ geht auf den 2. Reichstag zu Speyer (1529) zurück. Da der Begriff im 18. Jahrhundert als Selbstbezeichnung der Evangelischen an Bedeutung gewann, wird in der Verwendung der beiden Begriffe in der vorliegenden Untersuchung kein Unterschied gemacht. Vgl. Mecenseffy 1974, 231.

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Einleitung

Der besondere Wert dieser Quelle für die Protestantengeschichtsforschung ist durch ihren spezifischen Zweck begründet. Alle dort eingetragenen Personen sind gleichermaßen Gegenstand behördlicher Erfassungsstrategien zur Eindämmung und Kontrolle von übertrag­baren Krankheiten und Gegenstand der Machtausübung zur Durchsetzung von Herrschaft.2 Ein evangelischer Konfessionsvermerk sticht darin insofern hervor, als der habsburgische Herrschaftsanspruch eine Einheit im katholischen Glauben notwendig impliziert und die evangelischen Sterbeeinträge offizielle Zeugnisse sichtbaren evangelischen Lebens in Wien darstellen. An eben ­diesem widersprüchlichen Umstand gewinnt die Untersuchung ihre Bedeutung. Anhand des gegenständlichen Befundes lassen sich die Stellung und die Rolle der Evangelischen in Wien um weitere Erkenntnisse ergänzen sowie die sozialen, beruf­lichen und räumlichen Verhältnisse d ­ ieses konkreten Bevölkerungsanteils darstellen. Auf Basis der Datenlage ist es weiter möglich, Spuren konfessionsbildender Prozesse nachzuzeichnen, Aspekte kollektiver konfessioneller Identität zu benennen und auf Formen sowie Freiräume gelebter evangelischer Konfessionskultur hinzuweisen, mit denen begründete Positionen innerhalb der Konfessionalisierungsdebatte bezogen werden können. Mit dem ‚Konfessionalisierungsparadigma‘, das dem konfessionellen Kräftemessen infolge der Reformation einen größeren Deutungsrahmen gibt, ist diesbezüglich nicht nur ein wichtiger Gesprächspartner benannt, sondern auch der Anschluss an eine konkrete Forschungstradition gewährleistet.3 Der dazu gewählte Quellenzugriff der ‚Prosopographie‘ bzw. ‚Kollektivbiographie‘ ermöglicht die Erfassung eines Personenkollektivs unter dem Kriterium eines gemeinsamen Merkmals wie etwa das Religionsbekenntnis.4 Auf der Grundlage einer quantitativen Auswertung der Sterbeeinträge wird ein offiziell evangelischer Bevölkerungsanteil sichtbar gemacht und nach den Zusammenhängen gefragt, die seinen Eingang in die Wiener

2 Die Machtausübung durch entsprechende Instrumente verweist im Rahmen dieser Untersuchung auf den Begriff der Herrschaft. Max Weber knüpft den Herrschaftsbegriff im Unterschied zum Machtbegriff an die von den Beherrschten anerkannte Legitimität sowie an ein bestimmtes Maß an Dauerhaftigkeit. „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eignen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen […]. Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; […] Der Begriff ‚Macht‘ ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der ‚Herrschaft‘ muß daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten: für einen Befehl Fügsamkeit zu finden.“ Weber 2019 [1922], 70 – 71. Für diese Fügsamkeit nennt er drei Motive: „Sie kann rein durch Interessenlage, also durch zweckrationale Erwägungen von Vorteilen und Nachteilen seitens des Gehorchenden, bedingt sein [legale Herrschaft]. Oder andererseits durch bloße ‚Sitte‘, die dumpfe Gewöhnung an das eingelebte Handeln [traditionale Herrschaft]; oder sie kann rein affek­ tuell, durch bloße persönliche Neigung des Beherrschten, begründet sein [charismatische Herrschaft].“ Weber 2011 [1956], 107. 3 Vgl. Kapitel 3.1 Das Konfessionalisierungsparadigma. Für das Konfessionalisierungsparadigma sind die Arbeiten von Wolfang Reinhard und Heinz Schilling maßgebend. Vgl. Reinhard 1977; vgl. ­Schilling 1981. 4 Vgl. Schröder 2011, 120; vgl. Stone 1971.

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Totenbeschauprotokolle plausibilisieren. Insbesondere wird die Hypothese geprüft, dass die Anwerbung und Zulassung exterritorialer Professionisten maßgeblich durch den Ausbau des habsburgischen Herrschaftszentrums angeregt wird und das konfessionelle Hindernis gegenüber dem Bedürfnis nach Herrschaftssicherung und Machtrepräsentation in den Hintergrund tritt. Exempla­rische Vertiefung erfährt dieser mögliche Zusammenhang in der Auseinandersetzung mit der gesteigerten Nachfrage in der Bekleidungsbranche und dem Spektrum der Erwerbstätigkeit im Befund.

1.1.2 Der prosopographische Ansatz als Quellenzugriff 1.1.2.1 Der Prosopographiebegriff und die Anwendung des Ansatzes Die miteinander verwandten aber unterschiedlichen Disziplinen der Biographie, Genealogie, Prosopographie 5 und Soziographie stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander. Allesamt beschreiben Lebensläufe und untersuchen damit historische Prozesse in einem sozialen Kontext. Unterschiede treten allein in Bezug auf das Forschungssubjekt (Biographie – Person/Familie, Stammbaum – Genealogie, Prosopographie – Gruppe/Kategorie, Soziographie – Teil der Gesellschaft/gesamte Gesellschaft) und seinem Grad an Individualität auf (am höchsten in der Biographie durch interne und externe Merkmale, am niedrigsten in der Soziographie).6 Obwohl die Biographie für die Prosopographie und umgekehrt die Prosopographie für die Biographie eine große Rolle spielt, stellen die beiden Disziplinen doch unterschiedliche Fragen. Gilt das Interesse der Biographie dem Einzelnen, so nimmt die Prosopographie die Gesamtheit in den Blick, wobei jedoch der Einzelne stets in Bezug zur Gesamtheit steht. Die Prosopographie ist eben nicht auf lückenlose Biographien angewiesen, sondern kann sich auf bestimmte Merkmale, die durch den Charakter der Gesamtheit definiert werden, beschränken.7 Damit erweist sich der prosopographische Ansatz auch für den Zugriff auf die vorliegende Quelle anschlussfähig: Anhand der evangelischen Einträge in den Totenbeschauprotokollen ist es möglich, Einzelpersonen zu erfassen, die durch ein gemeinsames konfessionelles Merkmal als Gruppe kenntlich werden. Mit dem Ziel, historische Prozesse in einem sozialen Kontext zu erforschen, berührt die gegenständliche Untersuchung das zentrale Anliegen ­dieses sozialgeschichtlichen Frageansatzes.8 Das methodische Verhältnis z­ wischen dem prosopographischen und kollektivbiographischen Ansatz wurde innerhalb der Geschichtsforschung breit diskutiert. In der deutsch-

5 Den etymologischen Hintergrund zum Prosopographie-Begriff bilden die beiden griechischen Wörter ‚προσώπων‘ (Antlitz, Person) und ‚γραφία‘ (Beschreibung). Der Ausdruck verweist auf die Beschreibung externer materieller individueller Charakteristika. Vgl. Verboven/Carlier/Dumolyn 2011, 36 – 37. 6 Vgl. Schröder 2011, 116 – 117. 7 Vgl. Bulst 1986, 6. 8 Vgl. ebd., 8.

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sprachigen Geschichtswissenschaft und hier vor allem in der Altertumsgeschichte wird mit Prosopographie primär die Erstellung eines Personenverzeichnisses eines nach Raum und Zeit abgesteckten Lebenskreises verstanden.9 Die Auswertung dieser Verzeichnisse nach den unterschiedlichen Gesichtspunkten der historischen Interpretation übernimmt in zweiter Instanz das Arbeitsfeld der historischen Personenforschung.10 Viel breiter gefasst ist dagegen der Begriff der Kollektivbiographie als „theoretisch und methodisch reflektierte, empirische, besonders auch quantitativ gestützte Erforschung eines historischen Personenkollektivs in seinem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext anhand einer vergleichenden Analyse der individuellen Lebensläufe der Kollektivmitglieder.“ 11 Im Rahmen dieser Definition ist die Kollektivbiographie von einer Wechselseitigkeit gekennzeichnet: Sie untersucht den gesellschaftlichen Wandel in seiner Manifestation im individuellen und kollektiven Lebenslauf und den individuellen Wandel im Kontext der Gesellschaft.12 Wie bei dem viel zitierten Aufsatz von Lawrence Stone mit dem Titel ‚prosopography‘ (1971) deutlich wird, kann der Prosopographie-­ Begriff aber auch so breit gefasst sein, dass er synonym zur Kollektivbiographie steht: Prosopography is the investigation of the common background characteristics of a group of actors in history by means of a collective study of their lives. […] The various types of information about the individuals in the universe are then juxtaposed and combined, and are examined for significant variables. They are tested both for internal correlations and for correlations with other forms of behavior or action.13

Prosopographie, wie sie Lawrence Stone festlegt, subsumiert den Prosopographie-Begriff der Althistoriker, die Kollektivbiographie der Neuhistoriker und die ‚multiple career line analysis‘ bzw. die ‚collective life histories‘ der Sozialwissenschaftler.14 Im letzten Drittel des 9 Exemplarisch wird die Definition von Konrad Fuchs und Heribert Raab angeführt. Innerhalb der Altertumswissenschaft verstehen sie unter Prosopographie ein „aus den Quellen […] erarbeitetes Verzeichnis sämtl. bekannter Personen innerhalb eines Zeitabschnitts.“ Fuchs/Raab 1996 [1972], Bd. 2, 643; vgl. Schröder 2011, 127; vgl. Bulst 1986, 3. 10 So unterteilt erscheint Prosopographie lediglich als der Personenforschung vor- und untergeordnete Hilfswissenschaft. Die Datensammlung und die Datenauswertung sind aber insofern untrennbar miteinander verbunden, als die geplante Auswertung unweigerlich die Datensammlung festlegt und umgekehrt die Datensammlung nur eine bestimmte Auswertung zulässt oder ausschließt. Vgl. Bulst 1986, 4. 11 Schröder 2011, 82. Wilhelm Schröder führt weiter aus: „(1) Kollektive Biographie lässt einerseits Rückschlüsse auf das Typische, das Allgemeine zu, d. h. auf allgemeinere gesellschaftliche Aggregate oder auf die Gesamtgesellschaft – und dies ist zweifellos die eindeutig dominierende Erkenntnisrichtung in der Forschungspraxis. (2) Andererseits lässt kollektive Biographie auch den Rekurs auf das Untypische, das Abweichende, das Individuelle zu, d. h. auf kleinere gesellschaftliche Aggregate oder auf den individuellen Lebenslauf selbst.“ Schröder 2011, 131. 12 Vgl. ebd., 131. 13 Stone 1971, 46. 14 Vgl. Bulst 1986, 3.

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20. Jahrhunderts entwickelte sich auf d ­ iesem Weg ein neues Verständnis von Prosopographie, welches – angeregt von einer modernen interdisziplinären Historiographie – im Gegensatz zu den großen und bedeutenden Personen verstärkt die Randgruppen, Unterschichten und das alltägliche Leben in den Blick nimmt.15 Auch hierin liegt ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die gegenständliche Untersuchung. Trotz der Vielfalt an Definitionen, die in ­diesem Prozess entstanden sind, besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass es um die Erforschung des Einzelnen in Hinblick auf eine Gesamtheit geht, der dieser zuzurechnen ist. Die Zugehörigkeit zu dieser wird durch ein besonders Merkmal  festgelegt. Auf diese Weise vermag die Prosopographie Fragen zu den Beweggründen politischen Handelns, zur Sozialstruktur und der sozialen Mobilität sowie zu religiösen Bewegungen und deren soziale, berufliche und geographische Faktoren zu beantworten. Der prosopographische Zugriff kann auf unterschiedliche Forschungsfelder wie etwa die Religionsgeschichte, politische Geschichte, Verwaltungsgeschichte, Geschichte von bestimmten sozialen Gruppen, finanzielle und ökonomische Geschichte und vieles mehr angewandt werden.16 Mit ihm lassen sich politische und soziale Strukturen von ­Gruppen, sozialer Wandel, Kontinuität und Diskontinuität, Aufstieg und Niedergang von Institution und Systemen u. a. m. analysieren.17 An diese Beispiele schließt die vorliegende Untersuchung an. Obwohl ein Vergleich der individuellen Lebensläufe auf Basis der Totenbeschauprotokolle (wenn überhaupt) nur in Ansätzen geleistet werden kann, ist die Erforschung eines historischen Personenkollektivs im gesellschaftlichen Kontext mit den vorliegenden Daten möglich. Das für die prosopographische Arbeit charakteristische wechselseitig in Beziehung setzen von gesellschaftlichem und kollektivem wie auch individuellem Wandel ist durch die Themenstellung der Arbeit immanent vorgegeben. Wenn also die Totenbeschauprotokolle auch keine Lebensläufe im eigentlichen Sinn nachzeichnen, erscheint der kollektivbiographische Zugang vor dem Hintergrund der Forschungsfragen dennoch naheliegend. Mit Neithard Bulst ist Prosopographie daher 15 Vgl. ebd., 11. Ursprünglich eröffnete die Prosopographie einen neuen Zugang zur politischen Geschichte. Auf Basis gemeinsamer biographischer Daten wurden politische Gruppen als Gesamtheit porträtiert und analysiert. Innerhalb der Soziologie stellte man hingegen eine statistisch basierte Gruppenbiographie an. Auf Grundlage dieser beiden Ansätze entwickelten sich zwei unterschiedliche prosopographische Schulen. Vgl. Verboven/Carlier/Dumolyn 2011, 42. Die Eliten-Schule nahm einflussreiche Kleingruppen in den Blick, die statistisch orientierte Massen-Schule hingegen beschäftigte sich mit großen Volksgruppen. Während die Eliten-Schule davon ausging, dass der historische Wandel mit seinen Veränderungen dem Diktat der oberen Gesellschaftsschichten ‚top-down‘ erfolgte, schlug die Massen-Schule den Weg über die ‚bottom-up‘-Bewegung der Historiographie mit einem Schwerpunkt auf soziale Zusammenhänge ein. Vgl. Stone 1971, 47. Für Neithard Bulst erscheint diese Klassifizierung nicht sinnvoll, da sich Gruppen auch über diese Grenzen hinweg konstituieren können. Vgl. Bulst 1986, 5. Die Unterscheidung einer Geschichte ‚von oben‘ und einer Geschichte ‚von unten‘ ist aber insofern erwähnenswert, als in der Auseinandersetzung mit dem Konfessionalisierungsparadigma gerade in der Bezugnahme darauf Kritik geübt wurde. 16 Vgl. Schröder 2011, 120. 17 Vgl. Bulst 1986, 9.

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auch im Rahmen der gegenständlichen Untersuchung besser als „sozialgeschichtlicher Frageansatz“ 18 zu verstehen.

1.1.2.2 Die Umsetzung einer prosopographischen Forschungsarbeit Die Umsetzung einer prosopographischen Forschungsarbeit vollzieht sich in mehreren Schritten. Zunächst müssen das allgemeine Forschungsziel bestimmt und Arbeitshypothesen formuliert werden. Darauf folgt die Auswertung des Quellenmaterials sowie der theoretischen und historischen Literatur. Für die Auswertungen müssen Überlegungen zu den Arbeitsmethoden (Softwareauswahl, Vollerhebung oder Stichproben, quantitative oder qualitative Methoden) angestellt und entsprechende Entscheidungen getroffen werden. Für eine prosopographische Untersuchung liegt eine Forschungsstrategie mit sechs Schritten vor:19 Anhand festgelegter Kriterien gilt es, eine möglichst homogene Grundgesamtheit zu definieren, deren geographische, chronologische und thematische Grenzen genau bestimmt sein müssen. Die zu erhebenden Merkmale dieser Gesamtheit müssen mit den formulierten Arbeitshypothesen und Fragestellungen abgeglichen werden. Die Einrichtung einer systematisch strukturierten Datenbank auf Basis der Quelle ist für eine gediegene Auswertung und Analyse des Datenmaterials unerlässlich. Die Synthese der Ergebnisse kombiniert und interpretiert diese Daten und stellt sie in den historischen Kontext. Am Ende steht die Präsentation der Ergebnisse durch die Publikation.20 Die Verwendung von nur einer Quelle kann ein Nachteil aber auch ein Vorteil für das Ergebnis sein. Einerseits besteht dadurch die Gefahr einer einseitigen Interpretation der Geschichte, andererseits besteht die Möglichkeit, an einem homogenen Datenbestand zu arbeiten. Ein zuverlässiges Ergebnis ist jedenfalls von der Datendichte abhängig.21 Im Allgemeinen gilt die Regel, dass die Quellen bei Personen mit schlechter sozialer Stellung zaghafter fließen. Zudem bewegen sich Individuen in unterschiedlichen Lebensbezügen und nehmen mehrere Rollen innerhalb der Gesellschaft ein. Ein damit einhergehendes Problem 18 Ebd., 8. Die Begriffe ‚Zugriff‘ oder ‚Forschungsansatz‘ erscheinen neben ‚sozialgeschichtlicher Frage­ ansatz‘ ebenso brauchbar. „Falls man nicht die Summe historischer und sozialwissenschaftlicher Methoden, einschliesslich der in ihnen angewandten Techniken, des Einsatzes von Datenverarbeitungssystemen und der anschliessenden statistischen Auswertung, deren Verwendung jedoch je nach Quellenlage und Fragestellung sehr variieren kann, als Methode ansehen will, erscheint es schwierig, von Prosopographie als neuer historischer Methode zu sprechen.“ ebd., 7 – 8. 19 Vgl. Verboven/Carlier/Dumolyn 2011, 47 – 48. 20 Vgl. ebd., 47 – 48. 21 „Studien, die aufgrund der schlechten Quellenlage nur für 10 % oder 20 % der Mitglieder einer Gruppe über ausreichende Informationen verfügen, erhalten keine zuverlässigen repräsentativen Ergebnisse – repräsentativ im statistischen Sinne wären sie nur dann, wenn die untersuchte Teilmenge der Gruppe eine tatsächliche Zufallsauswahl aus der Gesamtmenge darstellt, was in der Regel aber nicht der Fall ist. […] In einem nicht abschätzbaren Ausmaß tendieren Studien, basierend auf solch fragmentarischer Quellenlage, dazu, den Status, die Bildung, die Aufstiegsmobilität usw. der untersuchten Gruppe übertrieben zu beurteilen und eventuell stark zu verzerren.“ Schröder 2011, 105.

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betrifft die Überschneidungen, zu denen es hier notgedrungen kommt und die damit verbundene Erschwernis, gesellschaftliche Grenzen für die Gesamtheit zu ziehen oder Personen zu vereinnahmen.22 Ein praktisches Problem betrifft die Zugänglichkeit der Quelle, bei der rechtliche und administrative Kriterien eine Rolle spielen.

1.1.2.3 Das evangelische Personenkollektiv in den Totenbeschauprotokollen Das evangelische Personenkollektiv in den Wiener Totenbeschauprotokollen (1648 – 1781) ist in seiner Zusammenstellung in geographischer, chronologischer und thematischer Hinsicht genau bestimmt und abgegrenzt. Vor dem Hintergrund der religionspolitischen Umstände verleiht der gemeinsame konfessionelle ‚Makel‘23 dieser Gruppe trotz der sozialen Heterogenität ein beachtliches Maß an Bindung.24 Die zu erhebenden Merkmale dieser Grundgesamtheit sind mit den Fragestellungen und Arbeitshypothesen, die der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegen, abgeglichen. Für die Aufbereitung des Datenmaterials eignet sich das Programm ‚Microsoft Excel‘ mit seinen Sortierfunktionen, die auch Merkmalkombinationen zulassen. In der Synthese werden die Daten kombiniert, interpretiert und in ihrem historischen Kontext sowie in Bezugnahme auf unterschiedliche Forschungsperspektiven bewertet. Die Verwendung von nur einer Quelle gewährleistet das Forschen an einem homogenen Datenbestand und fügt sich dem Anspruch dieser Arbeit, evangelisches Leben in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle empirisch abzubilden. Der inhaltliche Aufbau der Totenbeschauprotokolle und die damit einhergehenden Unregelmäßigkeiten legen es nahe, den Fokus der Erhebung weniger auf evangelische Verstorbene als – formal zutreffender – auf evangelische Sterbeeinträge zu legen.25 Als Kriterium für einen evangelischen Eintrag gelten der Konfessionsvermerk im Sterbeeintrag oder im Index (meist) am Beginn des jeweiligen Totenbuches sowie individuell zuordenbare Beschauinformationen zu den im Protokoll erfassten Personen. Die entsprechenden Konfessionsbezeichnungen, die in den evangelischen Sterbeeinträgen notiert sind, lauten ‚AB Evangelische Religion‘, ‚Lutherisch(e) (Religion)‘, ‚Reformiert(e) (Religion)‘ und ‚Calvinisch(e)

22 Eben hier kommen die Grenzen des historischen Verständnisses und die Kluft ­zwischen einer ‚bottomup‘-Geschichte und ‚top-down‘-Geschichte zum Vorschein. Vgl. ebd., 107 – 108. 23 Im katholisch habsburgischen Wien ist eine abweichende Konfessionszugehörigkeit nicht nur für die eigene Karriere hinderlich, sondern auch unvereinbar mit dem Herrschaftsanspruch, dessen Legitimation die konfessionelle Einheit voraussetzt. Der konfessionelle Unterschied wird von den habsburgischen Herrschern daher als ein die Ordnung störender Makel wahrgenommen. Vgl. Kapitel 3.2.2 Die Pietas Austriaca als Antriebskraft der Konfessionalisierung. 24 Das gemeinsame Bekenntnis zum evangelischen Glauben erfüllt eine verbindende Funktion. Beispiele hierfür sind die unterschiedlichen Formen der Vergemeinschaftung unter besonderen Vorzeichen, die Solidarität gegenüber Glaubensgeschwistern, der Umstand, eine mit einem Makel behaftete Minderheit in mehr oder weniger großer Bedrängnis zu sein, der gemeinsame Kampf um das fundamentale Gut der freien Religionsausübung u. a. m. 25 Für eine ausführliche Begründung dieser Entscheidung vgl. Kapitel 5.2.1 Zum Untersuchungsgegenstand.

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(Religion)‘.26 Die in Abb. 5 (siehe Kapitel 5.2.1) als ‚mangelhaft‘ oder ‚fehlend‘ bezeichneten Vermerke verweisen auf evangelische Sterbeeinträge, bei denen die Konfession über die Indices am Beginn der Totenbücher ersichtlich ist. Die Zahl der evangelischen Sterbeeinträge in den Totenbeschauprotokollen bis zum Jahr der Toleranzgesetzgebung beläuft sich auf 1.352. Jeder dieser Sterbeeinträge entspricht einem Datensatz, der in einem Bündel an bestimmten Merkmalen individuelle biographische Informationen festhält.

1.1.3 Konfessionalisierung als Bezugspunkt 1.1.3.1 Das Konfessionalisierungsparadigma im Kontext des Gegenstandes Gemäß dem Konfessionalisierungsparadigma steht die Bildung des frühmodernen Staates in engem Zusammenhang mit einer Sozialdisziplinierung, die durch bestimmte Kontrollund Verwaltungsinstrumente durchgesetzt wird. Neben dem Totenbeschreibamt selbst erfüllt hierbei auch die ­Kirche eine wichtige Funktion für den Staat, etwa durch die Kirchenzucht. Der Begriff ‚Konfessionalisierung‘ ist dabei nicht nur eng an das Konzept der Sozialdisziplinierung gebunden, sondern verweist auf eine Variante derselben.27 ‚Konfessionalisierung‘ meint einen gesellschaftlichen Fundamentalvorgang, der das öffentliche und private Leben in Europa tiefgreifend umpflügte, und zwar in meist gleichlaufender, bisweilen auch gegenläufiger Verzahnung mit der Herausbildung des frühmodernen Staates und mit der Formierung einer neuzeitlich disziplinierten Untertanengesellschaft, die anders als die mittelalterliche Gesellschaft nicht personal und fragmentiert, sondern institutionell und flächen­mäßig organisiert war. Auch mit der zeitlich parallel verlaufenden Entstehung moderner kapitalistischer Wirtschaftssysteme ergaben sich gewisse Wechselwirkungen.28

Im Gegensatz zur ‚Konfessionsbildung‘ ist der Prozess der ‚Konfessionalisierung‘ kein ausschließlich kirchengeschichtlicher mehr, sondern ein universal sozialgeschichtlicher.29 Über den Herausbildungsprozess von Konfessionskirchen hinaus werden darin religiöse, politische und gesellschaftliche Entwicklungen gleichermaßen beschrieben. Die Grundlage dazu bildet 26 Außerhalb des Untersuchungszeitraumes wird im Sterbeeintrag vereinzelt auch ‚Protestantische Religion‘ vermerkt. Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 83, lit BP, fol. 31r. Der Quellenbefund legt die Vermutung nahe, dass Einträge, die ‚Evangelisch(e) (Religion)‘ lauten, auf Vertreter des Augsburgischen Bekenntnisses verweisen. Wenn im Folgenden von den evangelischen Einträgen und den evangelisch Verstorbenen die Rede ist, so gilt dies für das lutherische und reformierte Bekenntnis gleichermaßen und deshalb für die Gesamtheit der erfassten Einträge. Vgl. Kapitel 5.2.1 Zum Untersuchungsgegenstand. 27 Vgl. Reinhard 1995b, 421. 28 Schilling 1988, 5 – 6. 29 Vgl. Klueting 2003, 325.

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die Prämisse einer unauflöslichen Verzahnung von Staat und ­Kirche sowie die Interdependenz von ­Kirche, Staat und Gesellschaft. Das Deutungsschema der Konfessionalisierung setzt damit eine Einheit von politischem und religiösem Raum voraus.30 Ausdruck findet diese Union von frühmodernem Staat und K ­ irche etwa in der habsburgischen Herrschertugend der ‚Pietas Austriaca‘31, mit der gleichzeitig ein einheitlich katholischer Glaube gewahrt und der Herrschaftsanspruch legitimiert werden soll. Mit der Entwicklung d ­ ieses Forschungsparadigmas geht auch die Frage der Epochenbezeichnung einher. So wurde dadurch eine Neuausrichtung des Forschungszuganges für jene Zeitspanne veranlasst, die zuvor noch mit der Dichotomie Reformation/Gegenreformation (bzw. katholische Reform) und dem Begriff der Konfessionsbildung beschrieben worden war. Erst seit den 1980er Jahren wird als übergeordnete Epochenbezeichnung vorrangig der Ausdruck ‚Zeitalter der Konfessionalisierung‘ verwendet. Dass sich der Konfessionalisierungsansatz bis in die Gegenwart als maßgebendes Paradigma behaupten konnte, stellt seinen Wert gegenüber den in der vorliegenden Untersuchung thematisierten Schwächen weit in den Vordergrund.32

1.1.3.2 Katholische Konfessionalisierung und evangelischer Quellenbefund Noch vor der Einberufung des Tridentinums (1545 – 1563) und nicht erst mit der Umsetzung seiner Ergebnisse setzte in den habsburgischen Erbländern der Konfessionalisierungsprozess mit seinen Bestrebungen zur Festigung und Vereinheitlichung eines klaren katholischen Bekenntnisses in Abgrenzung zu anderen Strömungen ein.33 Im Zuge der katholischen Reform ging es demnach nicht allein um das Zurückdrängen jeglicher evangelischer Glaubensgesinnung, 30 Waren politisches und kirchliches Handeln vor der Reformation in Europa noch annähernd deckungsgleich und Religion als Subsystem der Gesellschaft gar nicht erst denkbar, so führte der im jeweiligen Absolutheitsanspruch gründende Konkurrenzkampf und die damit einhergehende Ausdifferenzierung der Konfessionen zur Entstehung von Territorial- und Nationalstaaten. Vgl. Ehrenpreis/Lotz-­ Heumann 2002, 64. 31 Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 185 – 239; vgl. Kapitel 3.2.2 Die Pietas Austriaca als Antriebskraft der Konfessionalisierung. 32 Die Koppelung der Konfessions- und Bekenntnisbildung mit dem Konzept der Sozialdisziplinierung, der Bildung eines frühmodernen Staates und der damit einhergehenden Modernisierung ist zweifellos anfällig für Verallgemeinerungen und Überladungen, die in zahlreichen Fällen nicht mit den historischen Entwicklungen übereinstimmen. Die vorliegende Untersuchung kann mit ihren Erkenntnissen zum ‚evangelischen Leben‘ in Wien daran anknüpfen. Wenngleich das Konfessionalisierungsparadigma nicht kritiklos rezipiert wurde und im Zuge der Konfessionalisierungsdebatte einige Modifikationen erfuhr, wurde die historische Forschung dennoch insgesamt neu mit dem Thema Religion angeregt und darauf sensibilisiert. 33 Infolge der flächendeckenden Ausbreitung der reformatorischen Lehre und des Protestantismus, zu dem sich in den habsburgischen Erbländern um 1600 bereits 75 – 90 % der Bevölkerung bekannten, wird diese Maßnahme verständlich. Vgl. Vocelka 2005 [2001], 43. Bereits wenige Jahrzehnte ­später aber erlag das evangelische Bekenntnis dem monokonfessionell katholischen Machtanspruch. Zur Rezeption der reformatorischen Lehre in Wien und zum Wiener Protestantismus vgl. Kapitel 5.1 Histo­rische Ausgangslage und Einbettung der Auswertung.

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Einleitung

sondern auch um die Inszenierung und Förderung einer barocken katholischen Frömmigkeit.34 Die zahlreichen Ordens- und Kongregationsgründungen, insbesondere der Jesuiten und Kapuziner, dienten der Umsetzung dieser tridentinischen Konfessionalisierung. Dennoch stellte die konfessionelle Lage ein ernstzunehmendes Hindernis zur Reformumsetzung innerhalb des habsburgischen Herrschaftsbereiches dar. Die erfolgreich abgeschlossene Gegenreformation lässt (so der Befund) eine beachtliche, gesellschaftlich breit aufgestellte und offiziell erfasste evangelische Bevölkerungsgruppe in Wien zurück, anhand derer Aspekte von religiöser ‚Vergemeinschaftung‘35 und Formen einer lebendigen Konfessionskultur empirisch greifbar werden. Der einseitigen, mit dem Staat verzahnten katholischen Konfessionalisierung ‚von oben‘ muss demnach mit Aspekten einer kollektiven evangelischen Identität, die sich bis in die Zeit der Toleranzgesetzgebung nachweisen lässt, entgegengehalten werden.36 Angesichts des Quellenbefundes für die Haupt- und Residenzstadt Wien steht empirisch fest, dass die katholische Konfessionalisierung mit ihrem Anspruch zur konfessionellen Einheit nicht lückenlos zu Ende geführt werden konnte. Als wichtiges Ergebnis hält Abb. 7 (siehe Kapitel 5.3.1.1) zunächst fest, dass vom Beginn des erhaltenen Bestandes 1648 bis einschließlich 1735 keine evangelischen Einträge in den Totenbeschauprotokollen zu finden sind. Zur Sicherung d ­ ieses Befundes war eine Überprüfung sämtlicher Sterbeeinträge hinsichtlich eines evangelischen Konfessionsvermerks notwendig. Erstmals scheint der besagte Vermerk im Sterbejahr 1736 auf, wobei es zur plötzlichen Aufnahme ­dieses Konfessionsmerkmals weder eine Notiz gibt noch ein Schreiberwechsel dafür verantwortlich gemacht werden kann. Eine auffällige zeitliche Nähe zur Einführung des Konfessionsvermerks weist allerdings ein Gravamen des Fürstbischof Sigismund Kollonitsch an den ­Kaiser auf, in welchem das Problem der illegalen evangelischen Religionsausübung hinsichtlich der wiederherzustellenden Ordnung deutlich benannt wird. Es ist denkbar, dass ­dieses Gravamen für die Erfassung des evangelischen Konfessionsmerkmals ausschlaggebend (oder zumindest mitverantwortlich) war.37 Unter Berücksichtigung ihres Anteils an der Summe der jährlichen Sterbeeinträge, die nicht immer vermerkt wird, verteilen sich die 1.352 erhobenen evangelischen Sterbeeinträge relativ gleichmäßig über den Zeitraum 1736 – 1781. Auch in den darauffolgenden Sterbejahren ist kein nennenswerter Anstieg zu verzeichnen. Dies spricht deutlich gegen eine Konversionswelle im 34 Vgl. Tropper 2003, 281. 35 Max Weber verwendet den Begriff der Vergemeinschaftung in Abgrenzung zum Begriff der Vergesellschaftung und meint damit soziale Beziehungen, die „auf jeder Art von affektueller oder emotionaler oder aber traditionaler Grundlage ruhen: eine pneumatische Brüdergemeinde, eine erotische Beziehung, ein Pietätsverhältnis, eine ‚nationale‘ Gemeinschaft, eine kameradschaftlich zusammenhaltende Truppe.“ Weber 2019 [1922], 55. 36 Die vorliegende Untersuchung macht hier nicht nur auf die Gefahr der Nivellierung aufmerksam, die mit dem Konfessionalisierungsparadigma einhergeht, sondern auch auf die Kräfte, die sich für diesen als „Fundamentalvorgang“ bezeichneten Prozess hemmend auswirkten. Schilling 1988, 5. 37 Vgl. Kollonitsch 1736. Als weitere mögliche Faktoren können ferner die Gewerbezählung 1736 und die Einflüsse des pietistischen Netzwerkes genannt werden. Vgl. Thiel 1911, 432 – 437; vgl. Csepregi 2005.

Forschungsstand

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Anschluss an die Toleranzgesetzgebung und ist ein Indiz dafür, dass die in der Haupt- und Residenzstadt weilenden Protestanten keine autochthone Bevölkerungsgruppe darstellen und deshalb auch der Anteil an Kryptoprotestanten in Wien im 18. Jahrhundert verhältnismäßig gering einzuschätzen ist.38

1.2 Forschungsstand 1.2.1 Forschungsstand der Quelle Gustav Otruba bezeichnet die Totenbeschauprotokolle als „Fundgrube für jegliche genealogische und biographische, aber auch heimatkundliche Forschung.“ 39 Abgesehen von genealogischen Forschungszwecken, wie beispielsweise die Untersuchung zu den bürgerlichen Bierwirten Wiens von Hans Puhrer,40 wurden die Totenbeschauprotokolle bislang aber nur vereinzelt einer systematischen quantitativen Auswertung unterzogen.41 Die unternommenen Erhebungen nahmen dabei unterschiedliche Aspekte der Stadtgeschichte ins Visier. Rudolf Till und Gustav Otruba befragten die Quelle nach den Herkunftsorten der im 19. Jahrhundert in Wien Verstorbenen hinsichtlich der Sozialstruktur der Zuwanderung nach Wien und setzten damit einen migrationsgeschichtlichen Schwerpunkt.42 Gustav Otruba war es auch, der anhand der quantitativen Auswertung der Sterbedaten mortalitätsgeschicht­liche Fragestellungen beantwortet wissen wollte.43 Ähnlich auch Leopold Steiner, der sich in s­ einer Auswertung allein auf das Sterbealter der Teilpopulation der Leopoldstadt stützte.44 Mit einem kulturgeschichtlichen Motiv sammelte Gustav Gugitz die Fälle von Mord und Totschlag in den Totenbeschauprotokollen des 17. und 18. Jahrhunderts.45 Ein medizinhistorisches Interesse an den Totenbeschauprotokollen verfolgte der Wiener Arzt Sigismund Peller im Jahr 1920.46 Zur Untersuchung der Mortalitätsverhältnisse zur Mitte des 18. Jahrhunderts berücksichtigte er, abgesehen von Beruf und Stand, alle statistischen 38 Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine Protestanten in Wien gab, deren Bekenntnis entweder nicht offenkundig war oder auch aus anderen Gründen nicht vermerkt wurde. 39 Otruba 1959/60, 210. 40 Vgl. Puhrer 1938. 41 Beispiele nennt etwa Andreas Weigl in einer k­ urzen und übersichtlichen Darstellung, die hier als Anlehnung dient. Vgl. Weigl 1997, 23 – 24. 42 Vgl. Till 1941; vgl. Otruba/Rutschka 1957. 43 Vgl. Otruba 1959/60. Eine umfassende tabellarische Dokumentation der Auswertung bleibt Gustav Otruba jedoch schuldig. Zudem muss darauf hingewiesen werden, dass sich seine Auswertung vorrangig auf Todesursachen stützt, die im 19. Jahrhundert noch unpräzise diagnostiziert wurden. Vgl. Weigl 1997, 23. Dass sie auch medizinisch schwer einzuordnen waren, wurde schon im 18. Jahrhundert beanstandet. Vgl. Süssmilch 1765 [1741], 424 – 425; vgl. Trawnicek 2003, 115. 44 Vgl. Steiner 1977. 45 Vgl. Gugitz 1959. 46 Vgl. Peller 1920.

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Einleitung

Merkmale in seiner Studie. Auch Ferdinand Olbort sieht in seiner Untersuchung zu den Pestjahren um die Mitte des 17. Jahrhunderts von einer Kombination zu Merkmalen der Berufsstatistik ab.47 Als sehr brauchbares Hilfsmittel für den Umgang gerade mit den in der Quelle enthaltenen Berufsbezeichnungen erweist sich das ‚Wörterbuch von Berufsbezeichnungen aus dem siebzehnten Jahrhundert‘ von Gerlinde Sanford, welches u. a. auf Basis der Totenbeschauprotokolle der Jahre 1648 – 1668 erstellt wurde.48 Andreas Weigl verwertet die Totenbeschauprotokolle als Quelle zur Sozialgeschichte der Medizin mit einem Fokus auf das Stichjahr 1650.49 Darüber hinaus stellt er auch die Frage nach der sozialen Ungleichheit vor dem Tod.50 Mit seinem, wie er selbst schreibt, „punktuellen Einblick“ in das Sterbejahr 1716 will Peter Trawnicek vor allem die „Vielfalt der Frage­ stellungen zeigen, auf die die Totenbeschauprotokolle Antwort geben.“ 51 Auf Basis seiner Erhebung von 1.221 Datensätzen unternimmt er Auswertungen zur jahreszeitlichen Verteilung der Sterbefälle, ihrer Sexualproportion, zu den Todesursachen und der Lebenserwartung sowie zu Stand, Beruf und räumlicher Verteilung.52 Eine Längsschnitterhebung und Auswertung der evangelischen Sterbeeinträge in den Totenbeschauprotokollen 1648 – 1781 ist bis heute nicht unternommen worden. Der Beitrag von Hanns Jäger-Sunstenau erfasst lediglich die 1752 – 1785 in den Indices der Totenbücher vermerkten Evangelischen mit ihrem Beruf, alle übrigen in Datensätzen enthaltenen Informationen bleiben unberücksichtigt. Sein genealogisches Interesse an der Quelle war mit keiner Intention zur quantitativen Auswertung der Daten verbunden.53 Diese Forschungslücke wird mit der vorliegenden Untersuchung geschlossen.

1.2.2 Forschungsstand der gegenständlichen thematischen Bezüge Zur Geschichte des österreichischen Protestantismus sei neben dem umfassenden Werk von Bernhard Raupach auf einen Aufsatz von Rudolf Leeb verwiesen, der das Erbe der Protestantengeschichtsforschung in Österreich zum Gegenstand erhebt.54 Über die Wiener Protestantengeschichte im Besonderen schreibt Karl Mayr eine ausführliche Abhandlung der Ereignisse des 16. und 17. Jahrhunderts.55 Zur Reformation und Gegenreformation in Wien 47 Vgl. Olbort 1973. 48 Vgl. Sanford 1975. 49 Vgl. Weigl 1997. 50 Vgl. Weigl 1998. 51 Trawnicek 2003, 104. 52 Vgl. ebd., 104. Seine Auswertungen liefern anschauliche Beispiele für mögliche Merkmalkombinationen. 53 Vgl. Jäger-Sunstenau 1988. 54 Vgl. Raupach 1732 – 1744; vgl. Leeb 1999. 55 Vgl. Mayr 1954. Das Jahrbuch der Geschichte des Protestantismus in Österreich, in dem dieser Beitrag veröffentlicht wurde, erweist sich insgesamt als Fundgrube für Themenschwerpunkte in d ­ iesem Forschungsbereich.

Forschungsstand

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sind vor allem auch die Arbeiten von Arthur Stögmann heranzuziehen.56 Aus der jüngeren Zeit ist der Begleitband zur Sonderausstellung ‚Brennen für den Glauben‘ anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums (oder Reformationsgedenkens) im Wien Museum zu nennen, der das evangelische Wien im Spannungsfeld von Duldung und Zerschlagung zu zeichnen sucht.57 Zur Wiener Stadtgeschichte sei für einen Überblick exemplarisch auf das immer noch aktuelle Sammelwerk ‚Wien, Geschichte einer Stadt‘ verwiesen.58 Mit den dieser Arbeit zugrunde liegenden Schwerpunkten sind zudem die folgenden Forschungsbeiträge von Bedeutung: Mit dem Blick auf das evangelische Kirchenwesen unternimmt Victor Bibl bereits 1899 eine umfassende Darstellung der Zusammenhänge um die Religionskonzession in Niederösterreich mit ihren Auswirkungen auch auf die Wiener Bevölkerung.59 Zum protestantischen Adel in Niederösterreich sind neben den Arbeiten von Thomas Winkelbauer auch die Dissertationen von Gustav Reingrabner und Arndt Schreiber nennenswert.60 Unter dem Titel ‚Konversionen im Umkreis des Wiener Hofes um 1700‘ beschäftigt sich Ines Peper mit den religionspolitischen Mechanismen in den oberen Rängen der Gesellschaft.61 Zum Stichwort Konfessionalisierung auf katholischer Seite sowie zur Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter muss Peter Hersches Monographie ‚Muße und Verschwendung‘ beachtet werden.62 Zum Thema Migration, Mobilität und Bevölkerungsfluktuation in Bezug auf das Wiener Handwerk erscheint der Titel ‚Auf nach Wien‘ von Annemarie Steidl unerlässlich.63 Veronika Hyden-Hanscho setzt sich in ihrer Untersuchung ‚Reisende, Migranten, Kulturmanager‘ hier schwerpunktmäßig mit den Zusammenhängen ­zwischen Textilgewerbe und verfeinertem Bedarf auseinander.64 Zum Handwerk und Gewerbe sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung Wiens sind die Arbeiten von Herbert Haupt, Heinz Zatschek, Günther Chaloupek und vor allem Karl Přibram richtungsweisend.65 In der vorliegenden Untersuchung wird das in den Wiener Totenbeschauprotokollen enthaltene Personenkollektiv erstmals in den religionspolitischen und sozioökonomischen Bezügen verortet, ­welche die genannten Arbeiten berühren.

56 Vgl. Stögmann 1995; vgl. Stögmann 2001; vgl. Stögmann 2007. Für Niederösterreich ist das fünfbändige Werk von Theodor Wiedemann zu nennen. Vgl. Wiedemann 1879 – 1886. 57 ‚Brennen für den Glauben. Wien nach Luther‘ ist der Titel der 413. Sonderausstellung des Wien Museums vom 16. Februar bis. 14. Mai 2017. Vgl. Leeb/Öhlinger/Vocelka 2017. 58 Vgl. Csendes/Opll/Vocelka/Traninger 2001 – 2005. 59 Vgl. Bibl 1899. 60 Vgl. Winkelbauer 2003; vgl. Reingrabner 1973; vgl. Schreiber 2011. 61 Vgl. Peper 2010. 62 Vgl. Hersche 2006. 63 Vgl. Steidl 2003. 64 Vgl. Hyden-Hanscho 2013. 65 Vgl. Haupt 1990; vgl. Haupt 2002; vgl. Haupt 2007; vgl. Zatschek 1949; vgl. Chaloupek/Eigner/ Wagner 1991; vgl. Přibram 1907.

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Einleitung

1.3 Forschungsinteresse und konzeptuelle Anknüpfung Anhand der Wiener Totenbeschauprotokolle kann eine behördlich und damit offiziell als evangelisch gekennzeichnete Population extrahiert werden, die aufgrund eines monokonfessionellen Machtanspruches streng genommen gar nicht erst in Erscheinung treten dürfte. Unter d ­ iesem Vorzeichen beläuft sich das Forschungsinteresse zuvorderst auf die Darstellung des nach außen hin sichtbaren ‚evangelischen Lebens‘ in Wien im religionspolitischen Spannungsfeld der Zeit im Spiegel des erhobenen Personenkollektivs. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf jenen Mechanismen und Prozessen, auf deren Grundlagen ein mehr oder weniger offenes evangelisches Bekenntnis in Wien möglich wurde. Aufschlussreich sind hierbei die Sterbeeinträge selbst, indem sie Informationen weit über die für Totenbeschauprotokolle charakteristischen Mortalitätsdaten hinaus bereitstellen. Neben den quantitativen Erträgen der statistischen Auswertung werden zudem unterschiedliche Theorieansätze bzw. Forschungsperspektiven für diese Arbeit fruchtbar gemacht. Für die Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung (siehe Kapitel 2) kommt etwa das ‚Bio-Macht‘-Konzept (Michel Foucault) zum Tragen, das in engem Zusammenhang mit Ansätzen der Diskurstheorie steht. Für die Auseinandersetzung mit der konfessionsgeschichtlichen Bedeutung der Quelle (siehe Kapitel 3) werden hingegen enge Bezüge zum Konfessionalisierungsparadigma hergestellt. Um die evangelischen Sterbeeinträge exemplarisch im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien (siehe Kapitel 4) verorten und erklären zu können, eignet sich der Zugriff auf Ansätze zu Konsum und Lebensstil aus der ‚material culture‘-Perspektive. Mit der Implementierung dieser Ansätze lassen sich schließlich die Mechanismen jenes Machtgefüges skizzieren, in welchem sich nicht nur die Quelle selbst, sondern (so die These) auch die evangelische Population in Wien konstituiert. Die drei genannten Schwerpunkte werden im Folgenden kurz umrissen.

1.3.1 Annäherung Kapitel 2: Quellenanalyse und Quelleninterpretation Peter Borowsky, Barbara Vogel und Heide Wunder schlagen im Anschluss an die Quellenkritik eine Quelleninterpretation vor, deren Ziel darin besteht, die Entstehungszusammenhänge und die kontextuelle Einbettung der Quelle sowie den Zweck ihrer Produktion tiefergehend herauszuarbeiten.66 Da die Entstehung des Wiener Totenbeschreibamtes in engem Zusammenhang mit dem städtischen Seuchenproblem und entsprechenden Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen steht, sind die Totenbeschauprotokolle unweigerlich an gesundheitspolitische Bezüge geknüpft. Seine Einrichtung diente aber nicht nur dem Katastrophenmanagement in den von Seuchen geplagten Krisenzeiten (im Sinne einer Schadensbegrenzung), sondern vielmehr einer andauernden aktiven Kontrolle der Bevölkerung, ­welche zunehmend als Ressource erkannt wird, die es aus ökonomischen Gründen zu bewirtschaften gilt. 66 Vgl. Borowsky/Vogel/Wunder 1989 [1975], 160 – 174.

Forschungsinteresse und konzeptuelle Anknüpfung

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Mit der Einrichtung eines Totenbeschreibamtes rückt daher auch das Gesundheitswesen aus dem Privatbereich ins öffentliche bzw. staatliche Interesse. Als Gesprächspartner dieser Entwicklungen dient Michel Foucaults Konzept der ‚Bio-Macht‘, das eine Entprivatisierung und Vergesellschaftung von Gesundheit und Krankheit sowie eine politische Bearbeitung und Verwaltung der Biologie des Menschen thematisiert.67 Da die hierzu notwendige straffe Organisation Machtansprüche voraussetzt, die bei Foucault über Diskurse ausgehandelt werden, liegen dem ‚Bio-Macht‘-Konzept die poststrukturalistischen Überlegungen zur Diskurstheorie zugrunde. Auf dieser Grundlage wird der Hypothese nachgegangen, dass die Totenbeschauprotokolle innerhalb eines Seuchenpräventionsdiskurses zu verorten sind. Dieser birgt Aspekte des ‚Bio-Macht‘-Konzeptes und weist bereits in Richtung eines modernen Gesundheitswesens, wenngleich Foucault selbst seine ­Theorie erst für eine Untersuchung zum 18. Jahrhundert geltend macht. Der Wert dieser theoretischen Anbindung ist durch die im ‚Bio-Macht‘-Konzept verankerten Machtmechanismen begründet, w ­ elche auch die weiterführenden konfessionsgeschichtlichen Fragestellungen dieser Arbeit berühren. Die Betonung einer straffen Organisation durch Verwaltungs- und Kontrollinstrumente wie das Totenbeschreibamt spricht sowohl für das hohe staatliche Interesse an den darin erfassten Daten als auch für die mittels Machtausübung allgemein angestrebte gesellschaftliche Ordnung. Abschließend werden die in d ­ iesem Kapitel behandelten Aspekte mit relevanten Ergebnissen der Auswertung ins Verhältnis gesetzt. Es gilt zu prüfen, wo sich die staatliche Kontrolle und das Interesse an der Verwaltung der Biologie des Menschen an der Quelle selbst ablesen lassen. Ohne unmittelbarem Zusammenhang mit der konfessionsgeschichtlichen Fragestellung belaufen sich die für diese Argumentation relevanten Auswertungsschwerpunkte demnach auf die Möglichkeiten zur Gesundheitsregulierung, die durch die Erfassung der Sterbeverhältnisse und Beschaubefunde gegeben sind. Bezugnehmend auf den Aspekt der Isolierungspolitik wird im Rahmen ­dieses Kapitels zudem die Rolle der Quarantäne bzw. das Sterben in öffentlichen Einrichtungen auf Basis des gegenständlichen Befundes thematisiert. Das Thema Krankheit berührt auch die Forschungsperspektive der ‚Disability Studies‘: In einem Exkurs wird am Beispiel der jüdischen Sterbeeinträge auf die in der Quelle angelegte religiöse Stigmatisierung aufmerksam gemacht, die strukturelle Entsprechungen zur Isolierungspolitik aufweist. Mit dem Exkurs lässt sich damit auch ein Brückenschlag zur konfessionsgeschichtlichen Fragestellung der Untersuchung bewerkstelligen.

1.3.2 Annäherung Kapitel 3: Evangelische Konfessionskultur in Wien Nach einer ausführlichen Quellenbeschreibung und der Grundlegung ihres für die gegenständliche Untersuchung zentralen Charakters eines Kontrollinstruments erfolgt im dritten Teil der Arbeit schließlich die Hinwendung zu den konfessionsgeschichtlichen Fragestellungen. 67 Michel Foucault führt den ‚Bio-Macht‘ Begriff in seinem Werk ‚Der Wille zum Wissen‘ ein, um neue, im 18. Jahrhundert aufkeimende, Machtmechanismen zu beschreiben. Vgl. Foucault 1977 [1976].

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Einleitung

Geht es im vorangehenden Teil noch allgemein um Sterbeverhältnisse und Beschaubefunde, so tritt im Folgenden die Frage nach dem evangelischen Leben in Wien und den evangelischen Sterbeeinträgen in den Vordergrund. Dass der in den Totenbeschauprotokollen erfasste Bevölkerungsanteil dabei als Gruppe angesehen und behandelt wird, muss methodisch begründet werden. Der ‚prosopographische Ansatz‘68 liefert diese Begründung und stützt die Ergebnisse der Auswertung im Kontakt mit dem (bereits eingeführten) Konfessionalisierungsparadigma, dessen Inhalte und Implikationen in besagtem Kapitel durchbuchstabiert werden müssen. Den Ansprüchen der katholischen Konfessionalisierung ‚von oben‘ werden im Zuge ­dieses Kapitels Formen evangelischer Vergemeinschaftung sowie Aspekte kollektiver konfessioneller Identität und Spuren konfessionsbildender Prozesse gegenübergestellt und damit Grenzen der katholischen Konfessionalisierung aufgezeigt. Dabei werden unter dem Kriterium der sichtbaren Religionsausübung jene Stationen expliziert, in denen in Wien ein evangelisches Glaubensexerzitium möglich und deshalb evangelische Konfessionskultur präsent war. Dabei kann am Beispiel Wien Rudolf Leebs Frage aufgegriffen werden, ob nicht „auch nach 1628 in Österreich die Umrisse einer eigenen ‚Kirche‘ zu erkennen sind.“ 69 Ausgehend von dem am Ende gescheiterten Versuch des Ausbaus eines evangelischen Kirchenwesens, über den Landhausgottesdienst und das sogenannte ‚Auslaufen‘ zu den Gottes­diensten in den Patronatskirchen des Landadels, bis hin zu den Gottesdiensten in den Gesandtschaftskapellen, konnten die Wiener Evangelischen zwar nicht unbedingt legal einen evangelischen Gottesdienst, aber immerhin einen legalen evangelischen Gottesdienst besuchen. Als Brennpunkte evangelischer Glaubensausübung sind über das Glaubensexerzitium in den Gottesdiensten hinaus die Begräbnisse mit ihren Leichenzügen sowie die Grabdenkmäler für das sichtbare evangelische Leben zentral. Zeugen desselben sind auch die in den Totenbeschauprotokollen enthaltenen evangelischen Einträge selbst, die mit den Aspekten evangelischer Konfessionskultur und dem Konfessionalisierungsparadigma in Zusammenhang gestellt und diskutiert werden müssen. Neben dem quellenimmanenten Umgang mit dem Konfessionsvermerk sind hier auch die Informationen zu den Wohn- bzw. Beschauorten hinsichtlich der räumlichen Konzentration evangelischen Lebens in Wien aufschlussreich.

1.3.3 Annäherung Kapitel 4: Das Herrschaftszentrum Wien Mit einem besonderen Fokus auf die in den Sterbeeinträgen enthaltenen Berufs- und Standesbezeichnungen wird im Rahmen ­dieses Kapitels nach den Zusammenhängen von ‚evangelischen‘ Betätigungsfeldern und herrschaftlichen Machtansprüchen gefragt. Dabei 68 Mit dem Ansatz der Prosopographie bzw. Kollektivbiographie ist es möglich, ein historisches Personenkollektiv, das durch ein gemeinsames Merkmal miteinander in Beziehung steht, theoretisch und methodisch reflektiert zu erforschen. Vgl. Kapitel 1.1.2 Der prosopographische Ansatz als Quellenzugriff. 69 Leeb 1999, 719.

Forschungsinteresse und konzeptuelle Anknüpfung

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werden im Rückgriff auf wesentliche Aspekte der Machtkonzentration – exemplarisch Verwaltung (Machtbündelung, Wien als Residenzstadt), Wirtschaft (Machtrepräsentation, Wien als Konsumptionsstadt) und Verteidigung (Machtsicherung, Wien als Festungsstadt)70 – Schneisen in das Erwerbsspektrum des Befundes geschlagen, die das Zustandekommen des Großteils der evangelischen Sterbeeinträge trotz der widrigen religionspolitischen Umstände erklären können. Vor dem Hintergrund der Residenzstadt Wien wird der Untersuchungsgegenstand zunächst unter dem Verwaltungsaspekt mit jenem Beziehungsgeflecht in Verbindung gebracht, in das auch evangelische Räte und Interessensvertreter samt ihren Belegschaften verwoben sind. Der Aspekt der Verteidigung wird im Rahmen dieser Arbeit nicht ausführlich behandelt, sondern lediglich für den gegenständlichen Zweck berührt. Schwerpunktmäßig werden hingegen die sozioökonomischen Faktoren vor dem Hintergrund der Konsumptionsstadt Wien beleuchtet, die mit dem evangelischen Personenkollektiv und ihrem Aufenthalt in Wien im Zusammenhang stehen. Dazu gelangen Ansätze der ‚material culture studies‘ zum Einsatz, die den wechselseitigen Zusammenhang von ‚Dingen‘ und Menschen im Rahmen soziokultureller Konstruktionsprozesse betonen. Mit der ‚material culture‘-Perspektive lässt sich eine Verbindung z­ wischen den ökonomischen Entwicklungen in Wien und den Evangelischen in Wien herstellen. Der steigende Bedarf an besonderen Konsumgütern im Umkreis des Wiener Hofes schlägt sich besonders in der regen Nachfrage in der Textil- und Bekleidungsbranche (und damit im Umgang mit konkreten ‚Dingen‘) nieder. Andreas Weigl skizziert diese Entwicklungen wie folgt: Schon um 1620 wiesen Schneider und Schuster die mit Abstand höchste Zahl an bürgerlichen Meistern auf. […] Nach einer Gewerbezählung für das Jahr 1736, die alle, oder zumindest den größten Teil der unbürgerlichen Gewerbetreibenden erfasste, versorgten nicht weniger als 1.874 Schuster und 1.646 Schneider die rasch zunehmende Wiener Bevölkerung. […] Um 1784 hatten die Bekleidungsgewerbe einen Anteil von rund 40 % an allen Gewerbebetrieben und ‚Fabriken‘, deutlich mehr als etwa im 17. Jahrhundert.71

Diese rege Nachfrage konnte (und sollte) von den in Wien ansässigen Handwerkszünften nicht allein gedeckt werden. Nicht nur in der Textilbranche war daher die Kompetenz und das ‚Know-how‘ vor allem auswärtiger Handwerker gefragt, die zuweilen aus evangelischen Regionen kamen. Zur Deckung vor allem eines ‚verfeinerten‘ Bedarfs durften sie vielfach auf Basis von Sonderprivilegien außerhalb der Zünfte ihrer Tätigkeit nachgehen. In Bezug auf die Auswertungsergebnisse gilt es in ­diesem Kapitel exemplarisch zu prüfen, ob sich diese Zusammenhänge mit dem Befund der evangelischen Sterbeeinträge in den Totenbeschauprotokollen bestätigen lassen. Die Auswertung des Berufs- und Standesmerkmals vermag dabei nicht nur einen Einblick in das Spektrum der Erwerbstätigkeit zu geben, 70 Vgl. Scheutz 2018, 112; vgl. Weigl 2001, 35. 71 Weigl 2003b, 169.

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Einleitung

sondern ermöglicht weiterführend eine soziale Gliederung des evangelischen Bevölkerungsanteils. Mit den damit gewonnen Erkenntnissen ist es möglich, zuverlässige Aussagen über die Bedeutung und Rolle der Evangelischen in diesen Entwicklungen zu treffen.

1.4 Aufbau der Untersuchung Die vorliegende Untersuchung wird in sechs Kapitel unterteilt. Auf der Grundlage der vorliegenden Einleitung, in welcher der Untersuchungsgegenstand umrissen und seine inhaltliche wie auch methodische Einbettung klargestellt wird, schließt in Kapitel 2 eine Analyse der Quelle an. Kapitel 2 übernimmt eine doppelte Funktion in Hinblick auf den Aufbau und die Stringenz der Arbeit: Die tiefgehende und kritische Auseinandersetzung mit der Quelle zeigt hier nicht nur die Stärken, Schwächen und Möglichkeiten im Umgang mit ihr auf, sondern vermag über ihre kontextuelle Einbettung auch den Forschungsertrag und Erkenntniswert insgesamt zu untermauern. Gleichsam verweist sie damit auf übergeordnete inhaltliche Zusammenhänge mit den dieser Arbeit zugrundeliegenden ­Themen und Fragestellungen. Auf diese Weise übernimmt das Analysekapitel auch eine Brückenfunktion: Die konfessionelle Bedeutung der Quelle misst sich an eben jenen Machtmechanismen, die mit ihrer kontextuellen Einbettung schon vorgezeichnet werden. Dieser Entsprechung wird mit einem Exkurs zur Isolation religiöser Fremdkörper am Beispiel der jüdischen Einträge Nachdruck verliehen. Das daran anschließende Kapitel zur Konfessionsgeschichte (Kapitel 3) behandelt schließlich das zentrale Forschungsinteresse der gegenständlichen Untersuchung. Die bereits in Kapitel 2 thematisierten Machtmechanismen entwerfen den Rahmen, in welchem sich evangelisches Leben in Wien konstituiert und in der Quelle sichtbar wird. Der in ihr enthaltene Untersuchungsgegenstand wird schließlich dem Konfessionalisierungsparadigma gegenübergestellt, das als sozialgeschichtliches Deutungsschema u. a. konfessionelle Stabilisierungsprozesse ins Programm aufnimmt. In Kapitel 4 wird exemplarisch gezeigt, wie der Befund für die Wiener Protestanten- und Stadtgeschichtsforschung fruchtbar gemacht werden kann. Ausgangspunkt bilden die mit dem Herrschaftszentrum einhergehenden Funktionen Wiens als Residenzstadt, Konsumptionsstadt und Festungsstadt, die den Rahmen für die Beantwortung der Frage nach den Gründen des Eingangs des evangelischen Personenkollektivs in die Quelle vorgeben. Mit Ansätzen der ‚material culture studies‘ wird die Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen schwerpunktmäßig mit Aspekten der Wiener Wirtschaftsentwicklung in Zusammenhang gestellt und gefragt, warum genau dieser Quellenbefund und kein anderer in den Totenbeschauprotokollen aufscheint. Außerhalb dieser aufeinander aufbauenden Abfolge liefert Kapitel 5 eine in sich geschlossene und umfassende Auswertung des Befundes. Die Interpretation der darin aufbereiteten empirischen Daten erfolgt durch deren Einarbeitung in die jeweilige Argumentation in den

Aufbau der Untersuchung

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Abb. 1: Aufbau der vorliegenden Untersuchung

vorangehenden Kapiteln. Dieser Modus wird auf dreifache Weise begründet: Erstens können die verwertbaren Daten so weiteren Forschungen gesammelt und kompakt bereitgestellt werden. Zweitens werden daran anschließend Redundanzen vermieden und der Lesefluss erleichtert. Drittens ist die unternommene Aufteilung in Auswertung und Interpretation sinnvoll, weil Interpretationen empirischer Daten immer interessensgeleitet sind. In einem Resümee (Kapitel 6) werden abschließend die wesentlichen Erträge der Untersuchung noch einmal gebündelt dargestellt. Abb. 1 stellt den Aufbau der vorliegenden Untersuchung graphisch dar.

2. Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

2.1 Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung Um den Erkenntniswert historischer Zeugnisse hinsichtlich bestimmter Fragestellungen ermitteln zu können, ist am Beginn jeder historischen Arbeit eine Quellenanalyse notwendig. Dabei wird grundsätzlich z­ wischen dem Quellenbefund und dessen Deutung unterschieden. Peter Borowsky, Barbara Vogel und Heide Wunder bieten hierbei eine bewährte methodische Gliederung an, w ­ elche die Quellenbeschreibung, die Textsicherung durch äußere und innere Quellenkritik und eine Quelleninterpretation beinhaltet.1 Während die Quellenbeschreibung hier auf formale und physische Gesichtspunkte wie etwa ihre Gestalt, ihre Überlieferung und ihren Erhaltungszustand Bezug nimmt, fragt die äußere Quellenkritik nach Textgestalt, Provenienz, Entstehungszeit, Verfasserschaft sowie Echtheit und Originalität der Quelle. Die innere Quellenkritik widmet sich der Quellenaussage und fragt nach dem Stil, der Sprache und dem sachlichen Gehalt des Quelleninhalts samt seinen Bezügen. Die auf der Quellenkritik aufbauende Quelleninterpretation schließt (nach Borowsky, Vogel und Wunder) die Quellenanalyse ab und setzt sich mit Überschneidungen zur inneren Quellenkritik noch einmal tiefergehend mit der historischen Bedeutsamkeit der Quelle auseinander. Eben ­dieses Verfahren wird im vorliegenden Kapitel zur Anwendung gebracht.

2.1.1 Quellenbeschreibung 2.1.1.1 Gestalt, Bestand und Zugänglichkeit der Quelle Die Totenbeschauprotokolle des WStLA in der Guglgasse 14 (Gasometer D) im 11. Wiener Gemeindebezirk bilden das Analysekorpus der vorliegenden Untersuchung. Die in ­diesem Sterberegister aufgenommenen Personendaten sind in Kurrentschrift mit brauner bis schwarze Tinte auf Folioblättern (recto und verso) verschriftlicht und in sehr gutem Zustand zu ­Codices unterschiedlichen Umfangs im Folioformat gebunden archiviert. Der erhaltene Bestand der Totenbeschauprotokolle setzt mit dem 22. August 1648 ein und erstreckt sich im Umfang von 1.090 Bänden bis zum 31. August 1920.2 1 Vgl. Borowsky/Vogel/Wunder 1989 [1975], 160 – 174. 2 Daran anschließend wurden bis 1938 ‚Totenbefunde‘ ausgestellt. Für die Jahre 1920 – 1927 ist das fortan als ‚Totenbeschau Index‘ bezeichnete Sterberegister als Kartei angelegt, ehe der gesamte Bestand im

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Mit Ausnahme zweier größerer Lücken, die sich durch die fehlenden Zeitabschnitte vom 1. November 1656 bis 31. Dezember 1658 und 1. Juli 1676 bis 31. Dezember 1677 ergeben sowie einer kleineren Lücke vom 11. Oktober 1663 bis 31. Dezember 1663, liegt mit den Totenbeschauprotokollen eine annähernd geschlossene Reihe vor. Weitgehend vollständig ist der Bestand jedoch erst mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts. Der erste erhaltene und nach einer alten Nummerierung mit der Zahl 34 versehene Band lässt darauf schließen, dass weitere 33 vorangehende Bände (vermutlich im Zuge des Dreißigjährigen Krieges) verlorengegangen sind.3 Stephan Sedlaczek und Wilhelm Löwy gehen deshalb in ihrem statistischen Bericht über die demographischen Verhältnisse Wiens davon aus, dass die Totenbeschauprotokolle weitere 70 – 100 Jahre zurückgereicht haben müssen.4 Mit ihrer Erwägung sei gleichsam darauf hingewiesen, dass der Umfang der einzelnen Bände variiert und sich zunächst noch über mehrere Jahre erstreckt, ehe er sich (aber auch hier nur vorüber­gehend) mit konkreten Sterbejahrgängen deckt. Aufgrund des Bevölkerungszuwachses und im Zuge der Ausdehnung des Einzugsgebietes nimmt ein einzelnes Sterbejahr schließlich mehrere Bände in Anspruch.5 Bis zum 30. April 1752 werden die Totenbeschauprotokolle fortlaufend chronologisch geführt und die Sterbefälle tageweise nach Beschaudatum zusammengefasst.6 Die entsprechenden Namens-Indices, die den einzelnen Totenbüchern zu Nachschlagezwecken zuweilen mit Griffregistern beigebunden sind, weichen von dieser Ordnung ab und sind 1648 – 1663 sowie 1667 – 1679 nach Vornamen (im ersten Zeitraum weitgehend ohne Zusammenlegung harter und weicher Konsonanten), 1664 – 1666 und 1679 – 1752 nach Nachnamen und mit der Zusammenlegung lautähnlicher Konsonanten (BP, CKG, DT, FVU mitunter auch die Vokale AE) alphabetisch sortiert.7

Zeitraum 1928 – 1938 abermals in Buchform zu seinem Ende gelangt. Laut dem Wiener Archivinformationsystem (WAIS) umfasst das im WStLA archivierte Material der Provenienzstelle Totenbeschreibamt 81,7 Regallaufmeter an Bänden, 715 Schachteln und 23,3 Laufmeter Sonderformate. Seit 1939 wird das Sterberegister als Totenbeschaubefund weitergeführt. Vgl. WAIS 2005, Totenbeschreibamt, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 3 Vgl. Weigl 1997, 24. 4 Vgl. Sedlaczek/Löwy 1887, 7. 5 1759 – 1776 liegt für jedes Jahr ein eigener Band vor, ab 1777 auch Doppel- und Mehrfachbände. Ab 1892 beansprucht annähernd jeder Buchstabe einen eigenen Band. Vgl. Uhl 1938, 53. 6 Bis ins späte 18. Jahrhundert sind die Einträge chronologisch nach dem Beschaudatum geordnet, erst danach nach dem Sterbedatum. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der Beschautag in der Regel einen Tag nach dem Sterbedatum anzusetzen. Im direkten Vergleich mit den entsprechenden Sterbeeinträgen in Pfarrmatriken kann es deshalb zu Abweichungen kommen. Gelegentlich werden auch zwei aufeinanderfolgende Kalendertage gebündelt abgebildet. Vgl. Trawnicek 2003, 105. Exemplarisch sei hier der Eintrag von Johann Knipfer (25/26. 12. 1747 [Nr. 304]) angeführt. Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 46, fol. 512v. Die Nummernangaben zu den verstorbenen Personen (siehe eckige Klammer) verweisen jeweils auf den Listeneintrag in Anhang 1, der via Internet-Link online zugänglich ist. 7 Vgl. Uhl 1938, 53 – 54.

Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung

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Ab 1. Mai 1752 folgen die Totenbeschauprotokolle mit dem Beginn von Band 49 einem neuen Ordnungsprinzip, welches die fortlaufend chronologische Abfolge aller im Band festgehaltenen Einträge durch eine alphabetische Reihung der Nachnamen ablöst. Die Einträge sind nun nicht mehr in alphabetischen Indices am Beginn der Totenbücher angeführt, sondern werden, unter Berücksichtigung der Zusammenlegung von harten und weichen Konsonanten, alphabetisch sortiert dem Totenbeschauprotokoll zugeordnet. Die Buchstaben weisen jeweils eine eigene chronologischen Abfolge und Foliierung auf. Diese Struktur wird bis zum Sterbejahr 1891 beibehalten. Danach wird innerhalb jeden Monats auch eine räumliche Unterscheidung eingeführt, bei der zuerst die Verstorbenen der inneren zehn Bezirke und anschließend alle weiteren aufgelistet werden.8 Beginnend mit Band 49 (Mai 1752) werden bis zum Band 85 (1785) anstelle der zuvor eingebundenen alphabetischen Indices Sonderverzeichnisse über ‚unkatholische‘ Verstorbene 9, Juden 10, uneheliche Kinder, vom Stadtgericht beschaute und unbekannte Personen 11 geführt, deren Reihung in den Totenbüchern variiert. In den Jahren 1760 – 1769 finden sich separate Indices über Personen, die in St. Marx (Krankenhaus) verstorben sind. Für das Jahr 1779 gibt es eine Liste über jene 36 Personen, die bei der Pulverturm-Explosion am 26. Juni

8 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 431. 9 In der Regel sind dies Verstorbene evangelischen und orthodoxen Bekenntnisses (‚griechische Religion‘, ‚russische Religion‘, ‚altgläubische Religion‘, ‚räzische [oder ratzische] Religion‘), vereinzelt auch altorientalische Christen ‚armenischer Religion‘, von 1752 – 1759 auch Juden (durch einfache oder doppelte Trennlinien vor und/oder nach dem Eintrag kenntlich gemacht). Vgl. Kapitel 2.3 Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge. Für die selteneren Vermerke der ‚russischen‘, ‚altgläubischen‘, ‚räzischen‘ und ‚armenischen‘ Religionszugehörigkeit vgl. exemplarisch der Reihe nach WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. A, fol. 22r; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. S, fol. 82r; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. BP, fol. 6v; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. S, fol. 21v. Ein Sonderfall liegt mit dem ‚unkatholischen‘ Indexeintrag eines türkischen Dieners mit Namen Memed vor, der ermordet aufgefunden wurde. Es ist zwar naheliegend, dass es sich in seinem Fall um einen Vertreter des muslimischen Glaubens handelt, verifizieren lässt sich dies aber weder mit dem Index- noch mit dem Protokolleintrag. Überdies ist seine Aufnahme ins Sterberegister ein Beispiel dafür, dass die Folioangabe im Index nicht immer mit dem tatsächlichen Folioblatt des Eintrages übereinstimmt. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 76, lit. M, fol. 21r. Vereinzelt stimmt auch die Namensschreibung im Index nicht mit jener im fortlaufenden Protokoll überein. Zudem sind fallweise evangelische Verstorbene im fortlaufenden Protokoll verzeichnet, die im Index der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen unauffindbar sind. Dieser Fall trifft beispielsweise auf den Kaufmann Ami Aatran (15. 06. 1772 [Nr. 1026]) zu. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. A, fol. 10r; Vgl. Kapitel 2.1.1.2 Das Unschärfeproblem der Quelle. Abgesehen von Bd. 49 und Bd. 63 sind die Indices der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen am Beginn des Bandes zu finden. 10 Vom Beginn des erhaltenen Bestandes bis zum Jahr 1662 sowie in den Jahren 1667 – 1669 werden jüdische Verstorbene in separaten Verzeichnissen geführt, so auch ab 1760. 11 Dieses Verzeichnis findet sich in Bd. 50 allerdings erst am Ende. Die Indices der ‚unbekannten‘ Personen werden von 1754 – 1761 geführt.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Abb. 2: Index der nicht katholisch Verstorbenen des Jahres 1766. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 60

umgekommen sind,12 1786 – 1795 über verstorbene Kinder im Findelhaus. Abb. 2 zeigt den Index der verstorbenen ‚unkatholischen Personen‘ des Jahres 1766. Während sich Tages- und Monatsbilanzen der Sterbefälle schon am Beginn des erhaltenen Bestandes finden, wird die Jahresübersicht erst 1695 eingeführt.13 Ein repräsentatives Beispiel 12 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 75; vgl. Uhl 1938, 55. 13 Die erste Jahresbilanz von 1695 unterscheidet lediglich ­zwischen Erwachsenen bzw. „alten Persohnen“ und „verstorbnen Kinder[n]“. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 18, fol. 264v. Im darauffolgenden Jahr 1696 wird der Zahl der in ­diesem Jahr Verstorbenen bereits die Zahl der in ­diesem Jahr geborenen und getauften Kinder gegenübergestellt (nicht so im Sterbejahr 1702). Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 18, fol. 340v. Ab dem Jahr 1712 gestaltet sich diese Bilanz bereits differenzierter: Der Totenbeschreiber liefert Zahlen für Männer, Frauen, Knaben und Mädchen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 23, fol. 314r. Ab 1715 werden die in Wien geborenen und getauften Kinder den jeweiligen Orten nach aufgeschlüsselt (St. Stephan, St. Michael, „bey unser Lieben Frauen zum Schotten“, Bürger Spital, Leopoldstadt, St. Ulrich, Armenhaus vor dem Schottentor, „Spitaler Kindlbeth-Haus“, Lichtental und Thury sowie Gumpendorf ). WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 24, fol. 400r. Eine Rückkehr zu vereinfachten Zusammenfassungen stellt sich mit der Einführung des

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Abb. 3: Jahresbilanz des Sterbejahres 1755. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50

hierfür zeigt Abb. 3. Die Berücksichtigung der Unterscheidungen nach Geschlecht und Alter und die Bereitstellung von Vergleichszahlen (z. B. Geburtenzahlen) lassen auf ein hohes demographisches Interesse an der Erfassung der Sterbefälle schließen. Dies ändert allerdings nichts daran, dass die gegenständliche Quelle (wie bereits aus den Ausführungen oben hervorgeht) eine gewisse Diskontinuität in ihrer Form aufweist und dass die Qualität der Daten kaum mit dem gegenwärtigen Standard vergleichbar ist.14 Roman Uhl empfiehlt daher dringend den Abgleich mit entsprechenden Eintragungen in den Pfarrmatriken.15 neuen Ordnungsprinzips ein. Für die Sterbejahre 1749, 1752 – 1754, 1763 und 1771 liegen keine Jahresbilanzen vor. Vgl. Abb. 7: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum. 14 Vgl. Weigl 1997, 25. 15 Vgl. Uhl 1938, 56. Der Vergleich mit den Pfarrmatriken erscheint vor allem für genealogische Forschungszwecke hilfreich. Für die gegenständliche Untersuchung wird er nicht unternommen, da die Themenstellung notwendig an den Befund gebunden ist, den die Quelle selbst liefert. Mit der Berücksichtigung der Pfarrmatriken sind Ergänzungen, Richtigstellungen und Korrekturen absehbar, die den Befund und schließlich die Forschungsergebnisse verfälschen.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Die Zugangsmöglichkeiten zum Quellenbestand sind benutzerfreundlich und einfach. Bis zum Jahr 1700 sind die erhaltenen Bände bereits online und kostenfrei über das Wiener Archivinformationssystem digitalisiert zugänglich.16 Über diesen Zeitraum hinaus stehen vonseiten des WStLA dem Nutzer mit Verweis auf das Wiener Archivgesetz §9(3)1 aus konservatorischen Gründen nur Mikrofilme im Benutzersaal zur Verfügung.17 Die Arbeit der Mikroverfilmung der Wiener Totenbeschauprotokolle wurde von der genealogischen Gesellschaft von Utah geleistet, die heute den Namen ‚Family Search‘ trägt und 1894 von der ‚Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints‘ gegründet wurde. ‚Family Search‘ selbst verwertet die in den Totenbeschauprotokollen erfassten Daten zum Zweck religiöser Praktiken, insbesondere der Ahnentaufe.18 Unter Voraussetzung einer Registrierung stellt die Institution die verfilmten Totenbeschauprotokolle 1648 – 1920 als Digitalisat ebenso kostenfrei zur Verfügung.19

2.1.1.2 Das Unschärfeproblem der Quelle Mit der Arbeit an den Totenbeschauprotokollen ist ein Unschärfeproblem verbunden und daher ein nicht zu vernachlässigendes Fehlerpotential gegeben. Augenfällig wird dies im Text etwa durch schwer lesbare oder gänzlich unlesbare Wörter, fehlende Wortendungen am Zeilenende aufgrund einer engen Buchbindung, Wortwiederholungen, Tintenflecken oder verblasste Tinte, überschriebene Wörter und nachträgliche Korrekturen sowie Einfügungen 16 Vgl. WAIS, zugegriffen, am 09. 02. 2021. Mit seinem erstmaligen Internetauftritt im Jahr 1996 auf der Wiener Magistrats-Homepage nimmt das WS tLA eine Vorreiterrolle unter den deutschsprachigen Archiven im öffentlichen Raum ein. Neben der Bereitstellung von Digitalisaten und Informationen zu Archivbeständen, deren Benutzung und Bestellung gibt das WStLA auch online Auskunft über Arbeitsbereiche, Ausstellungen, Veranstaltungen u. a. m. Vgl. Opll 2004, 90. 17 Das Sterberegister von 1928 – 1938 ist mittels Mikrofiches einsehbar. Da die Archivalien der Jahre 1920 – 1927 nicht zugänglich sind, bleibt dem Nutzer hier nur die persönliche Anfrage unter Angabe von konkreten Namen und Sterbedaten. In Ausnahmefällen besteht diese Möglichkeit auch für das verfilmte Quellenmaterial, sollten einzelne Passagen aufgrund von unzureichender Belichtung oder Beschädigung schwer oder gar nicht mehr lesbar sein. Zu Ausstellungszwecken fungieren einzelne Bände gelegentlich als Exponate wie etwa bei der Sonderausstellung ‚Brennen für den Glauben‘ anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017. Vgl. Leeb/Öhlinger/Vocelka 2017; vgl. Rechtsinformationssystem des Bundes, Wr.ArchG §9(1)3, zugegriffen, am 31. 12. 2019. 18 Zu den religiösen Pflichten der Mormonen zählt, den eigenen Vorfahren durch stellvertretende Handlungen Anteil am Glauben und damit am Heil zu gewähren. Von ­diesem religiösen Motiv angestoßen erwuchs in Salt Lake City eines der größten genealogischen Zentren der Welt mit rund 1.900 Besuchern täglich. Um den allgemeinen Zugang zu diesen Informationen zu erleichtern, wurden seit 1964 weltweit zahlreiche Zweigstellen errichtet. Gerade in den 1980er Jahren wurden von ‚Family Search‘ viele Sicherungsverfilmungen von genealogischen Quellen vorgenommen. Die Mikroverfilmung der Totenbeschauprotokolle im WStLA wurde allerdings schon in den Jahren 1969 und 1970 unternommen. Der Quellenbestand (1648 – 1920) wurde in d ­ iesem konkreten Fall auf 829 Mikrofilmrollen zu 35 mm festgehalten. Vgl. Egger 2016, 52 – 54; vgl. Family Search, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 19 ‚Family Search‘ gilt als weltweit größtes genealogisches Datenbank-Portal und umfasst etwa drei Milliar­ den Personendaten.

Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung

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bzw. Ergänzungen.20 Die Totenbeschauprotokolle enthalten zudem Irrtümer, Auslassungen, Doppeleintragungen, Zusammenziehungen, Abkürzungen und andere Mängel, die nicht immer als s­ olche nachweisbar, geschweige denn korrigierbar, sind. Die Unschärfe der Totenbeschauprotokolle ist auch ihrer phonetischen Verschriftlichung geschuldet. Besonders die Schreibweise von Eigennamen und Ortsbezeichnungen folgen hier dem akustischen Verständnis.21 Aber schon die sogenannten Totenzettel selbst, die den späteren Einträgen ins Totenbeschauprotokoll als Vorlage dienten, waren vielfach nur mangelhaft und unleserlich ausgestellt worden.22 Für die Verwertung dieser seriellen Quelle in der Geschichtsforschung muss weiters auf die Grenzen jener biographischen Informationen hingewiesen werden, die sie bereitstellt: Die in den Totenbeschauprotokollen erfassten Daten bieten Momentaufnahmen am jeweiligen Sterbe- oder Beschautag und sind aufgrund individueller biographischer, aber 20 Vgl. der Reihe nach WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. CGK, fol. 62v; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 51, lit. BP, fol. 40v; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll, Bd. 64, lit. A, fol. 6v; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll, Bd. 46, fol. 512v. Im Sterbeeintrag von Schwerdtfeger Christoph (26. 04. 1738 [Nr. 69]) wurde der Konfessionsvermerk am linken Rand des Datensatzes nachträglich ergänzt. Daran wird deutlich, dass die Aufnahme des Merkmals durchaus genau genommen wurde. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokolle, Bd. 40, fol. 226v. 21 Im gegenständlichen Befund tritt z. B. der Familienname Saphier auch in der phonetischen Schreibung Xavier oder Savier auf. Das ­gleiche Problem liegt mit folgenden unterschiedlichen Schreibweisen vor: Degelmann, Dögelmann, Deggelmann; Reder, Retter, Röder; Teuerlein, Deyerlein, Deirlein; Ortsbezeichnungen weichen in ihrer unterschiedlichen Schreibweise ähnlich voneinander ab. (z. B.: Getreidemarkt, Traydmarckt; Blahe Turm, Blecher Turm; Goldenes Fassel, Goldenes Vässel; Fischtrügl Haus, Fisch Drögl Haus, Fischtrühel Haus; Fogonettisches Haus, Fanconettisches Haus, Fauconetisches Haus;) Eine weitere Erschwernis stellen Verballhornungen von Namen und Bezeichnungen dar (z. B. Hartschierer [=Arcierer]). Vgl. Jäger-Sunstenau 1988, 208. Zum Problem von Protokollaufnahmen nach akustischem Verständnis bzw. in phonetischer Schreibung auf Basis von mündlichen Angaben vgl. Staudacher 2002/2005. 22 So forderte die niederösterreichische Regierung am 11. Dezember 1614 einen sorgfältigeren Umgang mit den Totenzetteln und erlaubte sich dem „alhieigen Burgermaister Veits Reschen anzuzaigen, Es khombt für, daß bey dem Heylligthumbstuell alhie mit beschau: und einschreibung der verstorben personen allerlay unordnung und nachlassigkhait bishero gebraucht worden, indem daß man nit alezeit die todten mit fleiß beschauen, oder an waß krankheit ein jeder gestorben in die todtenzettel einschreiben thuet, sondern vilmalß verhaltten und die anzahl nit angezaigt werden.“ WStLA, Hauptarchiv – Akten, A1 – Akten und Verträge: 17/1614. Ähnlich beanstandet der Regierungsexpeditor Johann Jacob Oberbauer in einem behördlichen Schreiben über 100 Jahre s­ päter, am 26. April 1727, die mangelhaft ausgestellten und nahezu unlesbaren Totenzettel: „Von der N: Ö: Regierung wegen, denen von Wienn anzuzaigen; Demnach vorkhommen, daß der allhiesige burgerliche Todten beschauer seine bißhero eingeraichte Todten-Zetl mit so schlechter Handtschrifft schreiben lasset, daß man fast ­solche kaum leßen kann, auch darinnen weder Stand noch condition deren Verstorbenen benennen thuet, also und damit nun solches künfttighin besßer in acht genohmmen werden möge;“ WStLA, Alte Regis­ tratur, A1 – Zusammengelegte Akten: 29/1727. Wenn auch die Erfassung der Daten im Laufe der Zeit genauer wurde, so verweist ihre Bemängelung durch die oberen Instanzen deutlich auf ein Problem in den unteren, ausführenden Behördenrängen. Vgl. Pils 2001, 360.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

auch sozialgeschichtlicher Umstände und Entwicklungen mit Sorgfalt zu behandeln und zu bewerten. Die Quelle lässt sich beispielsweise nicht hinsichtlich einer andauernden oder vorübergehenden Wohnsituation der verstorbenen Personen befragen. Als Haupt- und Residenzstadt ist Wien aber von einer erheblichen Bevölkerungsfluktuation geprägt, die es zu berücksichtigen gilt. Auch in Hinblick auf das Konfessionsmerkmal muss betont werden, dass gerade am Kranken- oder Sterbebett zahlreiche Rückführungen zum katholischen Glauben unternommen wurden und es gewiss Fälle gibt, in denen ein evangelischer Konfessionsvermerk im Sterbeeintrag durch eine Konversion im letzten Augenblick verhindert werden konnte. Anschaulich bezeugt dies ein für die gegenständliche Untersuchung erhobener Eintrag: Philipp von Schade (11. 01. 1759 [Nr. 620])23 ist vor seinem Tod „willens gewest catholisch zu werden, hat aber die Glaubensbekantnus noch nicht abgelegt, die Herren Patres Jesuiter seynd bey seinen Todt gewest“ 24. Dieser Vermerk legt nahe, dass allein der Wille zur Konversion nicht ausreichte und die konkreten Formen wie die Ablegung des katholischen (tridentinischen) Glaubensbekenntnisses für den Glaubensübertritt und einen entsprechenden Eintrag ins Totenbeschauprotokoll ohne ‚Konfessionsmakel‘ unabdingbar waren.25 Ein weiteres Pro­ blem stellen konfessionelle Mischehen dar, die auch in der damaligen Zeit als gängige Form der Partnerschaft gelten und ebenfalls ein mögliches Fehlerpotential für die Auswertung des Datenmaterials bergen. Vereinzelt lassen aber Einträge darauf schließen, dass dieser Umstand in den Totenbeschauprotokollen sehr wohl berücksichtigt wurde. Die als katholisch vermerkten Frauen Henrietta Schell (10. 12. 1777 [Nr. 1261])26 und Susanna Hickmann (23. 11. 1776 [Nr. 1223])27 wurden über ihre evangelischen Ehemänner in die Totenbeschauprotokolle aufgenommen. Ihre Einträge werden auch in den Registern der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen am Beginn der jeweiligen Bände geführt. Mit Barbara Querckfellner (22. 07. 1772 [Nr. 1034])28, die als katholisch verheiratet deklariert wird, liegt der umgekehrte Fall vor.29 23 Die Nummernangaben zu den verstorbenen Personen verweisen jeweils auf den Listeneintrag in Anhang 1, der via Internet-Link online zugänglich ist. 24 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. S, fol. 2r. Dieser Vermerk ist ein bemerkenswerter Einzelfall im gegenständlichen Befund. 25 Für die Entscheidung zur Konversion spielt das soziale Umfeld eine maßgebliche Rolle. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind bei Fürsten und Adeligen hier nicht zuletzt berechnende Absichten ausschlaggebend. Insgesamt ist in den elitären Reihen aber auch eine Individualisierung religiöser Belange und Akzentuierung des religiösen Gewissens erkennbar. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 252. Mit ihrer in der Regel feierlichen Inszenierung im kirchlich-zeremoniellen Rahmen sind Konversionen daher auch als „Missions- und Propagandaarbeit der römisch-katholischen ­Kirche“ anzusehen. ebd., 254. 26 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 72, lit. S, fol. 105r. 27 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 70, lit. H, fol. 66r. 28 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. Q, fol. 1r. 29 Daneben gibt es auch außerhalb der für diese Untersuchung erhobenen Sterbeeinträge Beispiele, die explizit ein katholisches Bekenntnis vermerken. Allerdings lassen sich anhand der Quelle keine Gründe für diese Kennzeichnungen festmachen. Ausschlaggebend dafür kann eine konfessionelle Mischehe oder

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Dass die Totenbeschreiber in den Sterbeeinträgen ihre persönliche Handschrift auch im übertragenen Sinn hinterlassen und das Gerüst der Datensätze nicht gänzlich starr ausfällt, mindert nicht die Qualität der Quelle, sondern unterstreicht diese vielmehr. Punktuell wird hier ein Einblick in das (vor allem) religiöse Bewusstsein der damaligen Zeit bzw. der Totenbeschreiber gegeben. Die thematische Nähe zu Tod und Vergänglichkeit begünstigt die in den Bänden enthaltenen Bezugnahmen auf Gott, seine Allmacht, sein Gericht und seine Vergebung.30 Je nach sozialem Rang, der Menge an Informationen zur verstorbenen Person und der Art und Weise, wie diese zu Tode kam, variieren auch die einzelnen Einträge in ihrem (Zeilen-)Umfang.31 Bei besonders angesehenen Persönlichkeiten bemühen sich die Totenbeschreiber um eine Auszeichnungsschrift mit aufwendigen Initialen und Verzierungen sowie um eine oftmals sehr umfangreiche Titulation. Hierbei geht es weniger um einen Ausdruck der Ehrerbietung seitens des Totenbeschreibers, sondern mehr um Verhaltenscodes, die es im gesellschaftlichen Umgang gerade mit sozial hoch gestellten Personen über den Tod hinaus noch zu berücksichtigen gilt.32 Diese ständische Unterscheidung eröffnet gleichsam Einsichten in das soziale Gefüge und seine Schichtung.33 Ergebnisse ließen sich mit der gegenständlichen Quelle demnach nicht nur mittels quantifizierenden Methoden, sondern auch mit qualitativen Ansätzen erzielen. Als große Stärke der Quelle muss abschließend der geringe Anteil an ‚missing data‘ im erhobenen Datenmaterial hervorgehoben werden, der – wie in Kapitel 5.2.3 begründet wird – den Verzicht auf Methoden der Imputation für die statistische Auswertung rechtfertigt. Positiv

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eine Konversion am Sterbebett sein. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 47, fol. 424r. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 45, fol. 202v. Als weiterer Grund für die ausdrückliche Kennzeichnung des katholischen Bekenntnisses könnte, wie im Fall des armenischen Handelsmannes Jacob Minas, auch eine bestimmte ausländische Herkunft geltend gemacht werden. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 45, fol. 202v. Hierzu folgende ausgewählte Beispiele: „Gott hört alles Gott sieht alles Gott weiß alles Gott strafft alles zu seiner Zeit.“ WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 6, fol. 32r. „Dieses Jahr mit Gott geendet“ WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 10, fol. 227r. „Was hiermit nicht die Obrigkheit, das mues Gott Straffen seiner Zeit, darumb o Mensch wehr du auch bist, hiet dich vor dem was unrecht ist, Hodie Mihi Gott im Himmel, die Justinie auf Erdten, soll alle Zeit von miehr geliebet werden, Cras Tibi Alles in der welt mich Tormentiert, allein Gott mein Herz Contendiert“ WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 9, fol. 2r. Mit der Möglichkeit, die Totenbeschauprotokolle auch unter ­diesem Gesichtspunkt auswerten zu können, ist ein Forschungsdesiderat angezeigt. Erst ab 1853 wird eine vorgedruckte Tabelle verwendet. Darin einzusetzen sind der Reihe nach „Sterbe­tag und Monat“, „Tauf- und Zuname“, „Persönliche Eigenschaft“, „Alter“, „Stand“, „Religion“, „Geburtsund Wohnort“, „Haus Nr.“, „Todesart“, „Sterbeort“, „Haus Nr.“, „Beschaut von“; WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 212. Im Rahmen einer paläographischen Analyse wäre es möglich, kalligraphisch durchgeformte Textpassagen auf sozialgeschichtliche Aspekte hin zu befragen. Damit ist gleichsam ein weiteres Forschungs­ desiderat in der Bearbeitung dieser Quelle benannt. Zur Bedeutung und Verwendung von Titulationen vgl. Kucharska 2000; vgl. Krabs 2014; vgl. Prokosch 2019, 253 – 254. Vgl. Kapitel 5.6.1 Titulationen und Anreden.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

zu würdigen ist in Hinblick auf das erhobene Datenmaterial auch, dass die Totenbeschauprotokolle des 18. Jahrhunderts die Sterbefälle in den Vorstädten mitberücksichtigen und auch hier nahezu alle Verstorbenen erfasst wurden.34

2.1.2 Äußere Quellenkritik Aufgabe des Wiener Totenbeschreibamtes war die Buchführung der Todesfälle in der Stadt Wien in Form eines Sterberegisters, welches biographische Einzelinformationen zu den verstorbenen Personen enthält. Der Textgattung nach handelt es sich bei den Totenbeschauprotokollen also um eine Liste bzw. ein Verzeichnis, das in der Regel einer sequentiellen Struktur folgt, ­welche die Erfassung von Namen, Beruf- und/oder Standesbezeichnung, Beschauort (gelegentlich auch Wohnort), Todesursache, Alter und Sterbedatum der in Wien verstorbenen Personen vorsieht.35 Im Fall der Totenbeschauprotokolle verweist die Gattungsbezeichnung aber nicht nur auf einen bestimmten Texttypus, sondern auch auf eine spezifische Form der Textproduktion, -distribution und -konsumtion, die unterschiedliche Akteure und Handlungen voraussetzt. Vordergründig ist in d ­ iesem Erfassungsprozess das Amt des Totenbeschreibers, das vermutlich seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts existiert. Als Amtssitz fungierte bis mindestens 1607 zunächst der Heiltumstuhl zu St. Stephan.36 Spätestens ab dem Jahr 1630 befand sich das Totenbeschreibamt laut der Infektionsordnung vom 14. Juni desselben Jahres im Tiefen Graben.37 Folgender Inhalt wird darin überliefert:

34 Zur Reichweite der Totenbeschauprotokolle vgl. Kapitel 2.1.2 Äußere Quellenkritik. 35 Zu den weiteren Angaben zählen die Konskriptionsnummern anstelle des Hausnamens ab 1772, der Name des Totenbeschauers ab 1789 (bereits ab 1761 die Initialen), die Angabe des Geburtsortes durchgehend erst ab 1804, des Familienstandes ab 1811, die Angabe des Religionsbekenntnisses (konsequent erst) ab 1841, die Heimatzuständigkeit ab 1867, der Friedhof ab 1897, die Sterbematrik ab 1900 und das Geburtsdatum ab 1901. Vgl. WAIS 2005, Totenbeschauprotokoll, zugegriffen, am 09. 02. 2021. Eine komparatistische Auseinandersetzung mit ­diesem Quellentypus ist auf europäischer Ebene bis jetzt nicht angestellt worden. Ein wichtiges Kriterium hierfür wäre, dass bei den Vergleichsquellen die Erfassung der Sterbefälle von Behörden bewerkstelligt wird und nicht von den Pfarrgemeinden mittels Matrikenbüchern. Möglich ist hier etwa der Vergleich mit den Totenbüchern der freien Stadt Frankfurt 1565 – 1850 und mit dem Pariser Sterberegister ‚Reconstitution chronologique des actes de décès‘ 1630 – 1859, die ebenfalls digital und kostenfrei zugänglich sind. Vgl. Family Search, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 36 Dies wird belegt in den Oberkammeramtsrechnungen aus dem Jahr 1575 und in einer Urkunde des Wiener Stadtarchivs vom 23. November 1607, die auch ein Totenbuch nennt. Der erste geschworene und nachweislich bekannte Totenbeschreiber, der hier logierte, war Wolf Kaltenhauser. Vgl. WStLA, HA – Urkunden, U4/1: 7442; vgl. WStLA, Oberkammeramt, B1/1. Reihe – Oberkammeramtsrechnung: 1575, fol. 225r; vgl. Uhl 1938, 53; vgl. Fajkmajer 1914, Bd. 5/2, 127. 37 Das Haus, in dem das Amt spätestens seit 1679 untergebracht war, entspricht der heutigen Adresse Börsegasse 1 oder Tiefer Graben 25.

Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung

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Ordnung. Alle Todte zu Beschawen. Wie es biszhero mit der Beschaw allerley verstorbener Persohnen gehalten worden / also soll es nochmahlen darbey verbleiben / daß nemblich der Bschaumaister die Inficirten bey hoher Straff nicht verscheweige / aller Ihrer Tauff: und zuenahmen / bey dem Todtenschreiber im tieffen Graben fleissig auffschreiben lasse / und ausser eines von dannen auß gebräuchigen Zetels keiner / weder in: noch vo der Statt begraben / die Todtenzetel oder verzaichnuß aber / so wol vom Todtenschreiber / alß auß dem Lazareth / Täglich dem Burger­ maister zugeschickt werdn / der alßdann Abschrifften an die gehörigen Orth ubergeben solle.38

Gemäß der Infektionsordnung ist der Totenbeschreiber für die Registrierung der Toten zuständig und zudem Anlaufstelle für die Meldung von Patienten mit Infektionskrankheiten. Da die evangelischen Sterbeeinträge erst im 18. Jahrhundert einsetzen, liegt das Augenmerk auf den Totenbeschreibern aus dieser Zeit. Der Wiener Staats- und Standeskalender 1722 gibt folgende Auskunft über den Totenbeschreiber und seinen Amtssitz: „Hr. Johann Benedict Raidt/Toden-Beschreiber/log. samt seinen zwey Schreibern und einem Jung im Amt/oder Grünwaldischen Haus/am Salzgries.“ 39 Im Totenbeschauprotokoll unterzeichnet er erstmals im Jahr 1705 die Jahresbilanz mit „Johann Benedict Raidt, Todten Beschreiber“ 40. Ein letztes Mal findet sich seine Signatur unter der Jahresbilanz von 1740. Nachdem dessen Nachfolger Franz Joseph Johann Raidt am 17. April 1758 verstorben war, wird Johann Michael Anckerl mit dem Amt des Totenbeschreibers betraut.41 In den Totenbeschauprotokollen wird dieser Schreiberwechsel festgehalten: „Dieses Prottocoll hat herr Franz Joseph Raidt Angefangen, ist aber den 17t April 1758 mit Todt abegegangen der Nachfolger welchers ausgeschriben hat wahr Johann Michael Anckherl.“ 42 Johann Michael Anckerl, „des ausseren Raths und gemeiner Stadt Todenbeschreiber, log. Nächst dem unteren Arsenal, in dem Stadthaus“ 43, fungierte bis zum Ende des gegenständlichen Untersuchungszeitraumes als amtlicher Totenbeschreiber.44 38 WStLA, Patente, A1/1 – Patente: 316 – Patent. 39 K. K. Staats- und Standeskalender 1722, 160. 40 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 21, fol. 135r. Bemerkenswert ist, wie sich Johann Benedict Raidt im Anschluss an die Jahresbilanz 1710 (am Ende von Bd. 22) verewigt: „Johann Benedict Raidt, Burger und gemainer Statt Wienn geschworner Todten-Beschreiber gebürttig von Ober Ensdorff in der Obern Pfalz hat dises Protocoll Im Neunten-Jahr seiner Ambts-Vertrettung, mit aigner Handschrifft vollendet, und wünschet allen Hierin Begriffenen Christlichen Seelen die Ewige Ruche Amen.“ WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll, Bd. 22, fol. 440v. 41 Der Staats- und Standeskalender 1754 führt für Franz Joseph Johann Raidt ebenfalls ein Grünwaldisches Haus an, lokalisiert d ­ ieses aber „nächst dem Arsenal“. K. K. Staats- und Standeskalender 1754, 207. 42 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. Z, fol. 12v. Sein Sterbeeintrag findet sich im selben Band: „Reith h: franz Joseph der gemeiner Stadt Wienn Todten Beschreiber, ist in Tieffengraben in Todt Beschreiber Ambt an der Brust Apostem früh um 5 Uhr b: alt 43 Jahr“. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. R, fol. 17r. 43 K. K. Staats- und Standeskalender 1775, 217. 44 Die Totenbeschreiber des frühen 19. Jahrhunderts logierten kostenfrei und erhielten zudem ein Jahresgehalt von 800 Gulden sowie 150 Gulden für die Entschädigung von Kanzleirequisiten. Die Auslagen, die mit den anzufertigenden Totenlisten verbunden waren, mussten sie selbst bestreiten. Vor 1849 fand

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Dass die Textproduktion der Totenbeschauprotokolle dennoch nicht dem jeweils dazu eingesetzten Totenbeschreiber allein obliegt, sondern ein kollektives Unterfangen darstellt, wird mit der Totenbeschau deutlich, die jeder Sterbeeintrag notwendig voraussetzt. Die Totenbeschau war eine Angelegenheit des Stadtmagistrats und die Totenbeschauer selbst waren Funktionäre des Totenbeschreibamtes. Die Aufgabe der Totenbeschauer bestand darin, den Leichnam zu begutachten und die Todesursache festzustellen. Die von ihnen ausgestellten Totenscheine wurden von städtischen Amtsgehilfen, den sogenannten Skardienern (städtische Polizeidiener) ins Totenbeschreibamt gebracht, wo die Eintragung ins Totenbeschauprotokoll erfolgte.45 Die Totenbeschauprotokolle sind somit Abschriften dieser Totenzettel.46 Den Begräbniszettel, der anschließend im Totenbeschreibamt ausgestellt wurde, brachten die Skardiener den Angehörigen der verstorbenen Person. Ab dem 18. Jahrhundert war dieser eine notwendige Voraussetzung für die Bestattung eines Toten.47 In einem Hofkanzleidekret vom 30. März 1770 ordnete Kaiserin Maria Theresia ausdrücklich an, dass „in allen Hauptstädten Dero gesammten deutschen Erbländern Niemand von der Todtenbeschau ausgenommen, noch vor derselben Erfolge zur Erden bestattet [werden darf und] […] die Todtenbeschau durch beeidigte Beschauer vorgenommen“ 48 werden muss. Kraft d ­ ieses Dekrets sollten künftig nur Totenbeschauer angestellt werden, deren entsprechende Fachkenntnis zuvor von der Fakultät geprüft wurde und deren Bestellung auf Vorschlag der Fakultät erfolgte.49 Im Zuge ihrer Regierungszeit wurden neben dem Totenbeschreiber zwei weitere Schreiber, vier ordentliche Beschauer, ein Infektionsbeschauer, ein ‚Sollicitator Aerarii Sanitatis‘50, zwei Infektionssperrer sich das Totenbeschreibamt im Rathaus in der Wipplingerstraße. Vgl. Pils 2001, 359. Nach 1847 war das Totenbeschreibamt in der Abteilung für Beerdigungswesen an das Konskriptionsamt angebunden bzw. wurden die beiden Ämter zusammengelegt. Die Aufsicht und die Dienstbesetzung fielen 1902 der Magistratsabteilung XVI zu. Allerdings galt dies nur für die Führung der Totenbeschauprotokolle, denn die Totenbeschau selbst ging im selben Jahr an die Magistratsabteilung X. Im Dezember 1922 wurde das Konskriptionsamt aufgelöst und der größte Teil seiner Tätigkeit der Magistratsabteilung 50 einverleibt. Das Totenbeschreibamt und Invalidenangelegenheiten gingen an die Magistratsabteilung 13a. Der Zuständigkeitsbereich des Amtes wurde noch um die Führung eines Totenkatasters, eines Gräberprotokolls und um Verstorbenen-Verzeichnisse erweitert, bevor es 1942 aufgelöst wurde. Vgl. WAIS 2005, Totenbeschreibamt, zugegriffen, am 09. 02. 2021; vgl. Konskriptionsamt, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 45 Vgl. Totenbeschreibamt, in Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 46 In einer Notiz aus den niederösterreichischen Kammerprotokollen des Hofkammerarchivs vom 2. September 1570 wird den Wienern der Auftrag erteilt, Christoph Prunner die täglichen Totenzettel zu übergeben. Vgl. Uhl 1938, 53. Trotz intensiver Suche konnte diese Notiz weder im Einschreibbuch noch im Expeditbuch gefunden werden. Vgl. OeStA, FHKA AHK, NÖK Bücher 85; vgl. OeStA, FHKA AHK, NÖK Bücher 087. 47 Vgl. Pauser 2003, 71. 48 Codex Austriacus VI 1777, 1330. Von dieser Regelung ausgenommen waren allein die Frauenklöster. Vgl. ebd., 1330. 49 Vgl. ebd., 1330. 50 Das ‚Aerar sanitatis‘ war vermutlich „eine Art Fundus der Stände zur Unterstützung der Spitäler“. Sanford 1975, 1.

Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung

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und 1781 ein Infektionschirurg hinzubestellt.51 Um 1800 waren vier geprüfte Wundärzte als ordentliche Beschauer eingesetzt. Daneben waren weiter ein Infektionssperrer, vier Siechenknechte und ein Adjunkt beschäftigt.52 Als Wohnort der Beschauer wird vielfach das Beschauhaus genannt.53 Ab Februar 1761 werden in den Bänden der Totenbeschauprotokolle auch die Namen der Totenbeschauer und ihre in den Einträgen vermerkten Initialen ausgewiesen.54 In den Zuständigkeitsbereich der Totenbeschau des Wiener Magistrats fallen nahezu alle in Wien verstorbenen Personen. Unberücksichtigt bleiben in der Regel nur die Mitglieder des Herrscherhauses, in den frühen erhaltenen Bänden auch hohe Adelige sowie auswärtige Geschäftsträger, die Ordensgeistlichkeit, die ihre Verstorbenen in eigenen Anlagen bestatteten, hingerichtete Personen und in gewissen Zeitabschnitten auch Kinder unter einem Jahr.55 Eine wichtige Ausdehnung seines Erfassungsgebietes erfuhr das Totenbeschreibamt am Beginn des 18. Jahrhunderts: Erstmals seit dem Spätmittelalter entstand in Wien im Jahr 1704 in Reaktion auf die Beutezüge der ungarischen Kuruzzen mit dem Linienwall eine Vorstadtbefestigung.56 Wenngleich sich der Linienwall dem Verlauf nach nicht mit der Burgfriedsgrenze deckte,57 wurde diese nach strategischen Gesichtspunkten gezogene 51 Vgl. Till 1957, 18. 52 Die vier ordentlichen Beschauer und der Infektionssperrer logierten kostenfrei und bezogen 15 Kreuzer für jeden beschauten Toten am Beschauort. Den drei ältesten Beschauern wurden zusätzlich 30 Gulden im Jahr vom Oberkammeramt ausbezahlt. Die Siechenknechte erhielten 100 Gulden aus dem Sanitätsfonds und wohnten ebenso kostenfrei, so auch der Adjunkt. Vgl. Sheriff 1977, 125. 53 Vgl. K. K. Staats- und Standeskalender 1754, 211. Im Eintrag von Friedrich Sartori (12. 12. 1737 [Nr. 49]) wird festgehalten, dass er tot ins Beschauhaus überbracht wurde. Dies ist allerdings der einzige Eintrag im Befund, aus dem hervorgeht, dass die Totenbeschau im Beschauhaus vorgenommen wurde. Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 92v. 54 Als Totenbeschauer werden im selben Jahr Franz Anton Schmidt, Mathias Rauscher (auch Raischer), Peter Riedl, Anton Hochmayr und Johann Christian Baldamus genannt. Bis zum Ende des gegenständlichen Untersuchungszeitraums werden neben den genannten Personen zudem Joseph Lock (Adjunkt), Lorenz Zeiner (Adjunkt) und Christoph Reitter angeführt. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 55. 55 Vgl. Uhl 1938, 54. Peter Trawnicek vermutet zudem eine Unterrepräsentation von Personen mit rechtlicher Sonderstellung durch die Art und Weise ihrer Eintragung. So werden in seiner Erhebung aus dem Sterbejahr 1716 ein jüdisches Kind und ein im Kindesalter verstorbener Erzherzog nicht in die Tagessummen miteingerechnet. Vgl. Trawnicek 2003, 104. 56 Angeregt wurde diese zweite Befestigungslinie vor der Stadt von Prinz Eugen zur Abwehr der Kuruzzen. Für die Umsetzung dieser Pläne wurde im Dezember 1703 eine allgemeine Schanzsteuer eingeführt. Sämtlichen Einwohnern Wiens ­zwischen 18 und 60 Jahren wurde eine verpflichtende Schanzarbeit auferlegt, wodurch die Arbeiten am Wall bereits nach einem Monat beendet werden konnten. Der Linienwall, der nicht nur als Verteidigungslinie, sondern auch als Mautlinie diente, wurde 1738 mit Ziegeln gemauert. Vgl. Vocelka 2003, 40 – 41. 57 Die ursprüngliche mittelalterliche Bedeutung verweist auf den zur Burgsiedlung gehörenden Bezirk und das darin auch geltende städtische Friedensrecht. Mit dem ‚Burgfriedsdiplom‘ aus dem Jahr 1698 bestätigte ­Kaiser Leopold I. offiziell jenen Verlauf der Wiener Jurisdiktionsgrenze, der bis zum Ende des Bestehens des Burgfriedes beibehalten werden sollte. Das sogenannte ‚Leopoldinum‘, das den Burgfried juridisch und territorial bestimmte, darf als eigentliche Verfassungsurkunde für den

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Grenzlinie zunehmend als Vorstadtbereich der Stadt Wien angesehen und mit entsprechenden jurisdiktionellen Auflagen seitens der Stadt belegt. Auch die Instruktion für die Wiener Totenbeschauer vom 11. Mai 1705 legte diesen ausgedehnten Zuständigkeitsbereich für die Vorstädte und Dorfschaften innerhalb des Linienwalls fest.58 Ferdinand Opll meint dazu: „Diese Anordnung darf als erstes Indiz dafür gewertet werden, daß die Stadt bestrebt war, den von den Linien umschlossenen Bereich unter ihre Kontrolle zu bringen.“ 59 Bis 1705 erstreckte sich die Erfassung der Verstorbenen auf die Stadt selbst, Leopoldstadt (unterer Werd, Judenstadt, Unter den Felbern, Am Tabor), Jägerzeile, Weißgärber, Landstraße (Ungargasse, Rennweg), Wieden (Starhember­gisches Freigut, Schleifmühle), Laimgrube (Kotgasse, An der Wien, Bettlergassl), Windmühle, Mariahilf (Im Scheff), Spitalberg (Kroatendörfl), Josefstadt (außer roten Hof ), Alsergrund (Alserstraße, Währingergasse), und Rossau. Im Zusammenhang mit dem kaiserlichen Infektionspatent von Oktober 1649 wurde auch St. Ulrich (Neubau, Neustift, Wendlstatt) fortwährend jedoch erst seit dem Pestjahr 1679 berücksichtigt. Ab 1705 wurden innerhalb des Linienwalls noch die Vorstädte Erdberg, Hundsturm, Reinprechtsdorf, Margarethen, Matzleinsdorf, Gumpendorf, Nikolsdorf sowie die adeligen Landgüter Thury, Konradswörth und Mühlfeld miteinbezogen. Mit der Einverleibung von Lichtental ab 1707 waren in den Totenbeschauprotokollen nun weitgehend alle Sterbefälle der Stadt Wien und ihrer Vorstädte verzeichnet.60 In den 1890er Jahren wurde die Totenbeschau auf die Vororte Gürtel auswärts sowie Floridsdorf und Strebers­dorf (1906 und 1909) ausgeweitet.61

2.1.3 Innere Quellenkritik 2.1.3.1 Sprachliche Aufschlüsselung des Textes Die Totenbeschauprotokolle unterliegen amtlich-offiziellen Anforderungen und sind daher weithin deskriptiv gehalten. Die einzelnen Datensätze weisen ein überwiegend zuverlässiges Grundmuster auf, welches das Beispiel in Abb. 6 (siehe Kapitel 5.2.2) abbildet. Neben dem Beschaudatum, das sich meist aus der Kopfzeile des Folioblattes und dem Beginn der Einträge des jeweiligen Tages erschließt, sind in der Regel sechs weitere Merkmale erfasst, die über die verstorbene Person Auskunft geben. Wiener Burgfried angesehen werden. Am Beginn des 18. Jahrhunderts errichtete die Stadt Grenzsteine zur Markierung ­dieses Grenzverlaufs. Zur Aufsicht der städtischen Jurisdiktionsgrenze wurde ein Burgfriedsinspektor bestellt, der seinen Dienst von 1718 bis etwa 1755 versah. Vgl. Opll 1985, 21 – 25; vgl. Burgfried, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 02. 2021; vgl. Opll 1985, 58. 58 Vgl. WStLA, Hauptarchiv–Akten, A1 – Akten und Verträge: 3/1705; vgl. Fajkmajer 1914, 127; vgl. Opll 1985, 27. 59 Ebd., 27; vgl. Uhl 1938, 54. 60 Vgl. Sedlaczek/Löwy 1887, 9. 61 Vgl. WAIS 2005, Totenbeschauprotokoll, zugegriffen, am 09. 02. 2021.

Quellenkritik: Die Totenbeschauprotokolle als Quelle historischer Forschung

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Vorname und Zuname: Soziale Unterschiede werden in den Totenbeschauprotokollen vielfach durch die Verwendung einer Titulation angezeigt.62 Die einem Hausvorstand zugehörige Ehefrau und seine Kinder werden bis 1852 auch über dessen Namen in den Einträgen erfasst (so auch in Abb. 6: „Praag Joh Georg […] sein Kind Wilhelm Friedrich“ 63).64 Dies lässt im Untersuchungszeitraum vielfach die Rekonstruktion von Verwandtschaftsverhältnissen zu.65 Beruf und Stand: Das Berufsmerkmal erscheint für die gegenständliche Untersuchung überaus gewinnbringend. Mit d ­ iesem Merkmal werden nicht nur einzelne Berufsbezeichnungen kenntlich, sondern auch Anstellungsverhältnisse und Haushaltsstrukturen erschließbar.66 Die Merkmalsausprägungen stellen implizit und zeitweilig auch explizit Informationen zum sozialen Stand der in den Sterbeeinträgen erfassten Personen bereit. Bis 1861 findet sich neben der Berufsangabe gelegentlich auch eine etwaige Zugehörigkeit zur Bürgerschaft. Das Merkmal den Familienstand betreffend, findet sich durchgehend erst ab 1811 in den Einträgen, bei Frauen durchaus schon seit 1648 durch die Bezeichnungen Witwe, Jungfrau und ‚ledigs Mensch‘. Verstorbene uneheliche Kinder sind – neben der Bündelung in Sonderverzeichnissen (1752 – 1785) – im fortlaufenden Protokoll ohne Nennung des Vaters als s­olche gekennzeichnet. Religion: Ein allgemeines Religionsmerkmal findet sich erst ab 1841 in den Datensätzen. Während Nichtchristen schon ab 1648 als s­ olche gekennzeichnet werden,67 wird die konfessionelle Unterscheidung mit den evangelischen Einträgen erst ab 1736 in den Totenbeschauprotokollen berücksichtigt.68 Der evangelische Konfessionsvermerk findet sich anfangs noch konsequent am Ende, nach Einführung des alphabetischen Ordnungsprinzips in Band 49 (1752) zunehmend auch mitten im Datensatz.

62 Z. B.: Wohledelgeborener Herr, Hochedelgeborener Herr, Edelgestrenger Herr. Im Gegensatz dazu werden die Sterbeeinträge bei verstorbenen Juden stets mit der Anrede ‚der Jude‘ über das religiöse Stigma eingeleitet. Zum Umgang mit jüdischen Einträgen vgl. Kapitel 2.3 Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge. 63 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. BP, fol. 23r. 64 Verstorbene Kinder von Witwen werden über ihre Mütter erfasst, Stiefkinder meist mit Angabe des richtigen Zunamens, Ziehkinder meist nur mit dem Vornamen. 65 Vgl. die in Anhang 1 via Internet-Link zugänglichen Mindmaps zu den Familienstrukturen. Außerhalb des erhobenen Befundes werden in den älteren Totenbeschauprotokollen zuweilen auch Dienstpersonen über ihren Dienstgeber erfasst. 66 Vgl. Kapitel 5.4.6 Anstellungs- und Beauftragungsverhältnisse der Evangelischen. 67 Dies betrifft vorrangig Angehörige der jüdischen Religion, deren Sterbeeinträge auch strukturell mittels Trennlinien von den übrigen Einträgen abgegrenzt sind. In sehr seltenen Fällen wird ein muslimisches Religionsbekenntnis mit dem Ausdruck ‚mohammedanische Religion‘ vermerkt. Die Auswertung der jüdischen und muslimischen Sterbeeinträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen sind weitere Forschungsdesiderate. 68 Neben dem evangelischen Konfessionsvermerk finden sich auch andere konfessionelle Unterscheidungen noch vor der Einführung der ‚unkatholischen‘ Sonderverzeichnisse. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 43, fol. 247v.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Wohnort/Beschauort: Der Wohn- bzw. Beschauort wird im Untersuchungszeitraum in der Regel mittels Angabe des Hausnamens oder der Bezeichnung der Einrichtung ausgewiesen. Bei in der Stadt verstorbenen Personen wird zudem der entsprechende Gassenname, Platz oder Markt angegeben. Außerhalb der Stadt wird der Beschauort meist durch einen Verweis auf die jeweilige Vorstadt ergänzt. Vielfach entfallen bei staatlichen und kirchlichen Einrichtungen nähere Ortsangaben. Ab Dezember 1772 werden die Gebäude infolge der Seelenkonskription 1770 zunehmend mit ihren Konskriptionsnummern kenntlich gemacht, ehe sich ab Oktober 1862 schließlich auch in den Totenbeschauprotokollen die gassenweise Nummerierung durchsetzt. Eine zusätzliche Angabe des Wohnortes bei in Pflege- und Heilstätten beschauten Verstorbenen kann erst ab 1852 vorausgesetzt werden. Im Untersuchungszeitraum sind diese Zusatzinformationen den Einträgen nur sporadisch zu entnehmen. Ähnlich steht es mit den Angaben zum Geburtsort, die erst ab 1804 durchgängig in den Totenbeschauprotokollen zu finden sind.69 Weitere Daten zu Heimatzuständigkeit (ab 1867) sowie Friedhofs- und Pfarrzuständigkeit (um 1900) werden im Untersuchungszeitraum ebenso nicht berücksichtigt. Tab. 15 (siehe Kapitel 5.4.4) listet die Häufigkeiten der in den Sterbeeinträgen vermerkten Wohn- bzw. Beschauortsbezeichnungen auf. Etwa ein Drittel entfällt dabei auf Häuser, die durch Personennamen gekennzeichnet sind (z. B. Hartmannisches Haus), ein weiteres Drittel der Gebäude trägt Hausschilder (z. B. Zum goldenen Hirsch).70 Beschaubefund und Sterbealter: Die Beschaubefunde in den Totenbeschauprotokollen belaufen sich weniger auf Krankheiten als auf Krankheitserscheinungen.71 Unkonventionelle oder gewaltsame Umstände erforderten eine gerichtliche Totenbeschau, die im Sterbeeintrag – zuweilen mit einer genauen Schilderung des Hergangs – festgehalten wird. Bei Todesfällen von Gesandten fremder Potentaten war das Obersthofmarschallamt für die Totenbeschau zuständig. Für diese Fälle konnte ein hofbefreiter Chirurg eingesetzt werden.72 Die standardisierte Formel ‚ist beschaut worden‘ wird nur selten durch die Formel ‚ist gestorben‘ oder ‚ist verschieden‘ ersetzt. Letztere ist meist sozial höher gestellten Personen vorbehalten.73 Eine Angabe zum Todeszeitpunkt setzt sich erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch. Die Altersangaben belaufen sich in den älteren Sterbeeinträgen oft auf dekadisch gerundete Schätzungen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts gehen diese merklich zurück. Bei verstorbenen Kindern erfolgt die Altersangabe in den erhobenen Einträgen mit genaueren Annäherungen 69 Eine detaillierte Rekonstruktion der evangelischen Wanderbewegungen im Untersuchungszeitraum ist auf Basis der Wiener Totenbeschauprotokolle deshalb kaum möglich. Vgl. Kapitel 4.1.1 Evangelische Zuwanderung nach Wien auf Basis des Befundes. 70 Vgl. Kapitel 5.4.4 Aufschlüsselung der Ortsbezeichnungen und Hausnamen. 71 Vgl. Otruba 1959/60, 211; vgl. Trawnicek 2003, 115. 72 Vgl. Rescher 2016, 208. 1721 verletzte der Obersthofmarschall den Kompetenzbereich des Wiener Stadt- und Landesgerichts, indem er die von ihrem Mann (Kutscher des Grafen Blanches, der kein auswärtiger Minister ist) totgeschlagene Frau durch einen Chirurgen beschauen hat lassen (Hofresolution 31. März 1721). Vgl. Codex Austriacus IV 1752, 7. 73 Vgl. Trawnicek 2003, 105.

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in Form von Brüchen (z. B. ‚4 ¾ Jahre‘)74, bei Säuglingen mittels Angabe von Monaten, Wochen, Tagen und sogar Stunden.75 Bei perinatalen Todesfällen wird vielfach der Zeitpunkt der Geburt angegeben (z. B. „Nachmittag um 3 Uhr geboren“ 76).

2.1.3.2 Sachliche Aufschlüsselung des Textes Die sachliche Aufschlüsselung nimmt die Aufklärung von Sachverhalten zum Gegenstand, auf die der Text anspielt. Sie kann „als eine zweite mehr inhaltliche Stufe des Textverständnisses angesehen werden“ 77 und fragt nach sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen und ­anderen kontextuellen Bezügen. Da das Totenbeschreibamt auch wesentlich mit der Früherkennung von Seuchen betraut war, kann es als städtisches Instrument zur Infektionsbekämpfung begriffen werden.78 Damit wird in Bezug auf Krankheit und Tod auch der Übergang vom privaten zum öffentlichen Interesse deutlich: Die systematische Erfassung der Toten weist in Richtung eines sich wandelnden Zugangs zu Krankheit und Tod. Die Erkrankung an einer Infektionskrankheit wurde zunehmend nicht nur als Problem des einzelnen, sondern und vor allem als Gefährdung aller städtischen Bewohner wahrgenommen.79

Das Wiener Gesundheitswesen war traditionell an der Schnittstelle von Universität, niederösterreichischer Regierung und der Stadt Wien verortet.80 Nachdem im Jahr 1540 die erste Infektionsordnung 81 erlassen wurde, setzte die Fakultät einen Stadtphysikus (‚magister sanitatis‘) ein, dessen Bezahlung bis zur Magistratseinverleibung 1870 von der niederösterreichischen Regierung übernommen wurde. In seinen Aufgabenbereich fielen Totenbeschau, Rezeptüberwachung der Pestkranken und Untersuchungen bei entsprechendem Infektionsverdacht. 74 Vgl. den Sterbeeintrag von Anna Katharina Ballard (11. 12. 1743 [Nr. 226]) WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 284v. 75 Noch im auslaufenden Mittelalter haben nur wenige Menschen ihr genaues Lebensalter gewusst. Erst mit dem neuzeitlichen Humanismus beginnt sich dies zu ändern. Auf sicherem Boden stehen diese Angaben aber erst ab dem 20. Jahrhundert. Vgl. Otruba 1959/60, 209. 76 WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. BP, fol. 12v. 77 Borowsky/Vogel/Wunder 1989 [1975], 166. 78 Vgl. Mattl-Wurm 1999, 86. 79 Pils 2001, 359. 80 Vgl. Pils 2003, 276. 81 „Bürgermeister-Richter-Rat-Wien, Anordnung über die Ausbreitung von Seuchen zu vermeiden, besonders über die Sauberhaltung der Stadt.“ NÖLA, Regierungsarchiv, 05.04. Patente der NÖ Reg – NÖ Reg, Pat, Zirk u. Telegramme, Serie 01, 1540 Jänner 2. „Die Bestimmungen der ersten Infektionsordnungen wiederholten sich, wurden jedoch im Lauf der Zeit immer weiter ausgeweitet und detaillierter. Entweder vollinhaltlich oder auszugsweise auf Folioblättern wurden sie in sämtliche Wiener Häuser […] geschickt und auch auf dem Land verbreitet, die Inhalte der Bevölkerung durch öffentliches Verlesen auf den Plätzen und in den ­Kirchen bekanntgemacht.“ Pils 2001, 361.

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Daneben wurde weiter auch die Stelle eines Infektionschirurgen (‚chirurgus sanitatis‘) und die eines Totenbeschauers (‚inspector mortuorum‘) geschaffen. Da die Totenbeschau der städtischen Verwaltung oblag, entwickelte sich daraus ein eigenes Totenbeschreibamt.82 Es gilt also die Annahme, dass auch das Totenbeschreibamt im Zuge der im 16. Jahrhundert erlassenen Infektionsordnungen eingerichtet wurde und eng an das Seuchenproblem gebunden war.83 Die Infektionsordnung von 1562 verfügte, dass das Totenbeschreibamt auch in der seuchenfreien Zeit seiner Aufgabe nachkommen muss und dem Bürgermeister die Infiziertenund Totenverzeichnisse täglich zu übermitteln hat.84 Durch den Bürgermeister sollte eine Abschrift auch zur Regierung gelangen.85 Durch die in jedem einzelnen Todesfall ausgestellten und bei der Sanitätsbehörde deponierten Totenzettel war es möglich, eine Kontrolle über die Angehörigen der Verstorbenen auszuüben, die sich einer Quarantäne unterziehen mussten, sofern sie im Umkreis des Pestkranken gelebt hatten. Außerdem gewährten die Beschauzettel der Behörde einen Einblick in den jeweiligen Stand einer Epidemie.86 Für eine Beschreibung der Isolierungspolitik und der Beweggründe zur institutionellen Seuchenbekämpfung sind die für den Isolierungsgedanken wichtigen Seuchenkonzepte von Belang. Hier gab es neben der Annahme einer göttlichen Züchtigung zwei unterschied­ liche (aber einander nicht ausschließende) Erklärungsmodelle, die für die Installierung des Lazarett- und Quarantänewesens maßgeblich waren: Bei der Miasmentheorie auf der einen Seite liegt der Ursprung der Seuche (vordergründig der Pest) in der verdorbenen Luft bzw. in schlechten Ausdünstungen. Für diese pestilenzialische Verunreinigung machen Verfasser von Pesttraktaten und Infektionsordnungen alle übelriechenden Emissionen (durch Abfall, Verwesung, u. a. m.), aber auch eine unheilvolle Konstellation der Gestirne verantwortlich. Die Miasmen selbst gelangen über die Atemwege oder die Poren der Haut in den menschlichen Körper und leiten einen gleichmäßigen Fäulnisprozess von Galle und Blut ein, der wiederum die Krankheitserscheinungen auslöst.87 Eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen die Miasmen konnte durch die Stabilisation der Körperflüssigkeiten, durch eine entsprechende Diät, durch Purgation, Aderlass und andere Prozeduren erzielt werden.88 Außerhalb 82 Vgl. Pauser 2003, 71. Die Einrichtung des Totenbeschreibamtes soll mit der Infektionsordnung des Jahres 1551 im Zusammenhang stehen. Die Infektionsordnung selbst gibt darüber aber keine Auskunft. Vgl. Fajkmajer 1914, Bd. 5/2, 127; vgl. Starzer 1906, 107 – 110. 83 Vgl. Pils 2003, 276. Die Pest ist dabei weniger als Auslöser zur Schaffung eines medizinischen Behördenapparats zu werten, sondern vielmehr als „Schrittmacher kommunaler Gesundheitspolitik.“ ­Kinzelbach 1995, 225. 84 „Wie die wiederholten Urgenzen der Regierung darlegen, scheint man dieser Verpflichtung nicht immer ordnungsgemäß nachgekommen zu sein.“ Fajkmajer 1914, Bd. 5/2, 127; vgl. WStLA, Patente, A1/1 – Patente: 316 – Patent. 85 Vgl. Pils 2001, 459; vgl. Mattl-Wurm 1999, 86. 86 Vgl. Werfring 1999, 352. 87 Vgl. ebd., 5 – 6. 88 In der Tradition der Säftelehre des Hippokrates (ca. 460 – 377 v.Chr.) wurden Krankheiten im Rahmen der Humoralpathologie (die auf den römischen Arzt Galen zurückgeht [120 – 199 n.Chr.]) auf ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zurückgeführt. Im

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des eigenen Körpers waren das Räuchern der Luft, das Einsetzen von Duftstoffen oder der Ortswechsel gängige Maßnahmen, um gefährlichen Miasmen entweder entgegenzuwirken oder zu entkommen. Auf der anderen Seite kursierte bereits zur Mitte des 14. Jahrhunderts aber auch die Vorstellung, dass es sich bei der Pest um eine ansteckende Krankheit handelt. Die Erfindung der Quarantäne und anderer Isolationsvorkehrungen ist letztlich auf diese Annahme zurückzuführen.89 Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde diese Contagionstheorie immer weiter ausgebaut und zunehmend bestimmender. Der Entwickler der Contagionslehre, der italienische Arzt Girolamo Fracastoro (1484 – 1553), führte mit dieser ­Theorie, die er in seinem Werk ‚de contagione‘90 formulierte, Infektionskrankheiten unterschiedlicher Art auf unsichtbare Krankheitssamen (seminaria) zurück, die durch die Luft oder durch Berührung übertragen wurden und an Gegenständen wie etwa der Kleidung haften blieben.91 Die Contagionstheorie wurde in der Praxis vor allem von obrigkeitlichen Vertretern in den Pestbehörden vertreten.92 Mit den Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung, die sich an der Miasmentheorie und besonders an der Contagionstheorie orientierten, ist der sachliche Kontext benannt, auf den der Text anspielt. Die Seuchenkonzepte erklären, warum die Einrichtung eines Kontroll­ instruments (wie es die Totenbeschauprotokolle sind) als notwendig erachtet wurde, und machen deutlich, warum auch im gesundheitspolitischen Kontext zunehmend ‚policeyliche‘93 Maßnahmen ergriffen wurden. Damit ist gleichsam die Basis für den größeren Zusammenhang gelegt, in dem die Quelle ihre maßgebliche Bedeutung erlangt. Im Rahmen der nun folgenden Quelleninterpretation wird diese in Bezugnahme auf das Konzept der ‚Bio-Macht‘ expliziert.

Rahmen d ­ ieses Viererschemas wurden Analogien zu anderen Viererschemata hergestellt (z. B. Trockenheit, Feuchtigkeit, Kälte und Hitze oder Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker) und darauf basierend die Anfälligkeit für Krankheiten bewertet. Vgl. ebd., 7 – 8. 89 Allerdings wurde die Erklärung dieser Contagion vorerst über das galenische Denkmodell unternommen, welches auch der Miasmentheorie als Grundlage diente. Miasmen setzten sich hier noch an der betroffenen Person selbst fest und verpesteten so die nähere Umgebung. 90 Vgl. Fracastoro 1550. 91 Vgl. Lang 2004, 151 – 152. Die Formulierung der Contagionstheorie (Fracastoro gilt nicht als ihr Erfinder) wirkte sich zwar stimulierend auf den Isolierungsgedanken aus, hat diesen aber nicht eingeführt. Vgl. Werfring 1999, 15. 92 Wenngleich der Contagionsgedanke eine Eindämmung der Seuche bewirkte, stieß die Seuchenbekämpfung dennoch an ihre Grenzen, nicht zuletzt, weil die tatsächliche Übertragung vorwiegend durch Rattenflöhe geschah. Vgl. Pils 2001, 356. 93 Das Konzept der ‚guten Policey‘ handelt von der Ordnung des Gemeinwesens. „Gute Policey fungierte als zentraler politischer und gesellschaftlicher Leitbegriff und sollte vor allem mittels obrigkeitlicher Ordnungsgesetze – Policeyordnungen bzw. Policeygesetze – realisiert werden; […] Da die Policey­ gesetzgebung zahlreiche soziale, religiöse und wirtschaftliche Bereiche der frühneuzeitlichen Gesellschaft reglementierte und im Prinzip alle Stände und gesellschaftlichen Gruppen adressierte, konnten Normen und Maßnahmen auch das Leben im Alltag und damit alltägliche Vorstellungen und Praktiken von Sicherheit betreffen.“ Härter 2016, 29 – 30.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

2.2 Quelleninterpretation: Die Totenbeschauprotokolle im Kontext des Gesundheitswesens Gemäß der Vorgehensweise von Peter Borowsky, Barbara Vogel und Heide Wunder geht die Quelleninterpretation auf Basis der Ergebnisse der inneren Quellenkritik nun tiefergehend auf die kontextuelle Einbettung der Quelle ein und kehrt ihren Erkenntniswert für die gegenständlichen Fragestellungen hervor. Sie unternehmen hierzu eine Dreiteilung in Inhaltsangabe, Eingrenzung des Aussagebereichs und Bestimmung des Erkenntniswertes für die eigenen Fragestellungen. Da eine Inhaltsangabe (im Sinne der Zusammenschau der textimmanenten Angaben) im Fall der gegenständlichen Quelle an dieser Stelle nicht ergiebig ist, setzt die Darstellung bei der zweiten Stufe der inhaltlichen Auswertung, der Interpretation im engeren Sinne, an.94 Der Schritt der Eingrenzung des Aussagebereichs stellt Fragen zu den Absichten der Verfasser des Textes, zur „Lage von Verfasser und Adressat zum Zeitpunkt der Abfassung“ 95 und den „größeren historischen Zusammenhang“ 96 des Textes. Zudem wird hier auch nach anderen zeitgenössischen Äußerungen zu ­diesem Thema gefragt. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Textes, bei der grundsätzlich die biographischen, sozialen, rechtlichen, politischen, kulturellen und ideologischen Dimensionen berücksichtigt werden müssen. Die vorliegende Quelleninterpretation nimmt eine wichtige Brückenfunktion im Aufbau der Untersuchung ein. Ihr Anspruch, einen offiziell als evangelisch markierten Bevölkerungsanteil aus der Quelle herauszufiltern, hängt unauflöslich an jenen Mechanismen, w ­ elche 97 die Einrichtung des Totenbeschreibamtes veranlassen. Der Umgang mit übertragbaren Krankheiten und der Kampf um ihre Eindämmung bestimmen die frühneuzeitliche Isolierungspolitik, die sich im Fall von Wien in der Institutionalisierung der Totenbeschau und der Führung eines amtlichen, seriellen Sterberegisters niederschlägt. Die Zusammenhänge um diese staatlichen Verwaltungs- und Kontrollmaßnahmen, die letztlich ein Katastrophenmanagement erlauben, sollen dabei mit einem konkreten forschungstheoretischen Konzept, der ‚Bio-Macht‘ von Michel Foucault, erhellt werden.98 Daran anschließend wird in einem Exkurs zu Ansätzen der ‚Disability Studies‘ die Frage der Isolierungspolitik und der Religionspolitik miteinander verknüpft.99 Der innerhalb dieser Forschungsrichtung postulierte soziokulturelle Konstruktionscharakter der Differenzkategorien ‚Normalität‘ und ‚Abweichung‘ erweist sich hierfür als geeignetes Interpretament.

94 Vgl. Borowsky/Vogel/Wunder 1989 [1975], 167 – 174. 95 Ebd., 168. 96 Ebd., 168. 97 Die Ausführungen in d ­ iesem Kapitel kehren den Erkenntniswert der Erträge dieser Untersuchung hervor, die ausdrücklich auch als Ergebnisse der Auseinandersetzung mit der Quelle formuliert werden müssen, gerade weil sie eng mit ihrem besonderen Charakter zusammenhängen. Vgl. ebd., 173. 98 Vgl. Foucault 1977 [1976]. 99 Zur Einführung in die ‚Disabilty History‘ vgl. Bösl/Klein/Waldschmidt 2010.

Quelleninterpretation: Die Totenbeschauprotokolle im Kontext des Gesundheitswesens

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In Bezugnahme auf die Auswertungsergebnisse der Quelle gilt es abschließend zu zeigen, an ­welchen Punkten sich die in ­diesem Kapitel explizierten gesundheitspolitischen Mechanismen bzw. das ‚Bio-Macht‘-Konzept festmachen lassen. Dabei wird auf jene Merkmale in den Sterbeeinträgen verwiesen, die mit Krankheit und Tod in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Dies trifft für das Sterbealter und den Beschaubefund zu. Weiters können auch Erkenntnisse zur Bedeutung von Pflege- und Heilstätten mit der Auswertung des Datenmaterials gewonnen werden.100

2.2.1 Forschungstheoretische Einordnung Behördliche Verwaltungs- und Kontrollinstanzen sind Ausdruck staatlicher Machtansprüche. Die Führung von Totenbeschauprotokollen dient damit nicht nur der Seuchenprävention, sondern der gesellschaftlichen Disziplinierung insgesamt. Wenn das Gesundheitswesen zu einer Angelegenheit des Staates wird, braucht es Instrumente, die Kontrolle und Versorgung garantieren. Wie andere Th ­ emen der Medizingeschichte ist damit auch die frühneuzeitliche Seuchenpräventions- bzw. Isolierungspolitik anschlussfähig an das Konzept der ‚Bio-Macht‘ bei Michel Foucault. Der Rückgriff auf diesen Ansatz ermöglicht nicht nur eine theoretische Einordnung jener Machtmechanismen, die im Zusammenhang mit einem neu entstandenen Verwaltungsapparat stehen, sondern erlaubt wegen des engen Bezugs zu ‚policeylichen‘ Maßnahmen auch eine inhaltliche Verknüpfung mit der konfessionsgeschichtlichen Fragestellung, die über ihre Anbindung an das Konfessionalisierungsparadigma in engem Zusammenhang mit dem Ansatz der ‚Sozialdisziplinierung‘ steht.101 Das Konzept der ‚Bio-Macht‘ verweist auf politische Herrschaftsmechanismen, die sowohl auf die Gesundheit des Einzelkörpers als auch auf jene der gesellschaftlichen biologischen Gesamtmasse (Regulierung der Bevölkerung) abzielen.102 Es gilt zu fragen, inwieweit sich auch die Totenbeschauprotokolle selbst als Ausdruck der in einem entsprechenden Diskurs 100 Diese Erträge stehen in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der gegenständlichen Forschungsfrage. Sie tragen jedoch dazu bei, den besonderen Charakter eines Verwaltungsinstruments an der Quelle selbst deutlich zu machen und dem Anspruch einer umfassenden Auswertung des Datenmaterials gerecht zu werden. Vgl. Kapitel 5.3.2 Die Beschaubefunde der Evangelischen. 101 Zur Konstituierung und Anwendung der inhaltlich verwandten Begriffe ‚Policey‘ und ‚Sozialdisziplinierung‘ vgl. Blickle 1996. Anders als der Begriff der Sozialdisziplinierung, der einer strengen ‚topdown‘ Richtung folgt, begegnet der Begriff der ‚Policey‘ „auch auf der Ebene der Institutionen und der Gesetzgebung und greift durch seine semantische Nähe zu Politik weiter in das gesellschaftliche und staatliche Leben aus.“ Blickle 1996, 105. Als „kommunikativer Prozess z­ wischen Landesregierung und lokaler Gesellschaft“ entspricht ‚gute Policey‘ einem dynamischen Aushandlungsbegriff. Iseli 2009, 132. „Das Wort [Policey] kodiert die Verwaltungstätigkeit der Obrigkeit aufgrund eigens geschaffener Gesetze und wurde von den Zeitgenossen positiv konnotiert. Diesem Umstand ist der Quellenbegriff gute Policey zu verdanken. Er hat heute in dieser Schreibweise seinen festen Platz in der Wissenschaftssprache.“ Blickle 2003. 549. 102 Vgl. Lemke 1997, 134.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

herrschenden Machtmechanismen in ­dieses Konzept einordnen lassen und inwiefern sie selbst an der Konstituierung von Wissen und Wirklichkeit beteiligt sind. Im Folgenden wird argumentiert, dass die aus Gründen der Pestbedrohung durch die Verwaltung forcierte Isolierungspolitik mit ihren Quarantänemaßnahmen schon im 16. Jahrhundert bestimmte Aspekte des ‚Bio-Macht‘-Konzeptes birgt und damit zumindest in Ansätzen bereits in ­Richtung eines modernen Gesundheitssystems weist. Es wird deutlich, dass die Totenbeschauprotokolle ein im Verwaltungskontext eingesetztes Werkzeug (letztendlich) zur Machtausübung darstellen, welches einen Einfluss auf das soziale Gefüge insgesamt nimmt. Damit soll vor allem die Qualität dieser Quelle, ihr innovativer Charakter sowie ihre behördliche Relevanz hervorgekehrt werden.103 Dem Konzept der ‚Bio-Macht‘ liegen die poststrukturalistischen Überlegungen zur Diskurstheorie zugrunde. Als Möglichkeit zum methodischen Umgang mit der Quelle gewährt die Diskursperspektive nicht nur einen breiteren Blick auf ihre kontextuelle Einbettung, sondern unterstreicht auch ihr eigenes performatives Potential. Eine zusammenfassende Darstellung ­dieses Ansatzes erscheint daher unumgänglich. Die Analyseschwerpunkte, die mit der Diskursperspektive einhergehen, beziehen sich grob auf die Eigenheiten von Texten, ihre Produktion, Distribution und Konsumtion sowie die damit verbundenen soziokognitiven Prozesse und sozialen Praktiken von Institutionen mit ihren zugrundeliegenden Machtmechanismen. Gerade wegen seiner sozialen Qualität und seinem normativen Charakter kann der Diskursansatz hier eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Quellenkritik darstellen.104 Dazu ist es notwendig, die Totenbeschauprotokolle in einem hypothetisch unterstellten Seuchenpräventionsdiskurs zu verorten.105 Die Fragestellungen, mit denen das Terrain der Diskursperspektive beschritten wird, setzen bei der Einrichtung eines straff organisierten Verwaltungsapparates in Wien im Jahr 1540 an, innerhalb dessen sich auch das Totenbeschreibamt und somit die Totenbeschauprotokolle etablierten. Anlass dieser plötzlich notwendigen und straffen Verwaltungsstruktur war die Pest, die es im Interesse der gesamten Wiener Bevölkerung zu bekämpfen galt. Zuweilen auftretende Seuchenzüge bedrohten dabei nicht nur die Gesundheit der städtischen Bewohner, sondern das soziale Gefüge insgesamt. Die Quarantänevorkehrungen, die ganze Familien betreffen konnten und viele soziale Implikationen evozierten, machen Seuchen nicht nur als medizinhistorisches oder bevölkerungsgeschichtliches Phänomen interessant, sondern 103 Diese Kontextualisierung stellt den Anspruch dieser Untersuchung, eine offiziell erfasste und daher öffentlich wahrgenommene evangelische Bevölkerungsgruppe aus den Totenbeschauprotokollen extrahieren zu können, auf eine solide Grundlage. Erst unter dieser Voraussetzung ist es sinnvoll, die Zusammenhänge ihres Aufenthalts in Wien bzw. ihrer Duldung zu ergründen. 104 So schlagen dies die namhaften Vertreter der historischen Diskursanalyse Philipp Sarasin und Achim Landwehr vor. Während Philipp Sarasin in der Diskursanalyse eine Forschungshaltung sieht, weist sie Achim Landwehr als Methode aus. Vgl. Haslinger 2005, 34. 105 Die Diskursperspektive bietet eine weitere Möglichkeit, die Quelle in eine qualitative Untersuchung miteinzubeziehen. Für den gegenständlichen Zweck reicht es, die soziokulturellen Mechanismen aufzuzeigen, die im Licht ­dieses Ansatzes mit der Quelle im Zusammenhang stehen.

Quelleninterpretation: Die Totenbeschauprotokolle im Kontext des Gesundheitswesens

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auch als ein in die Alltags- und Kulturgeschichte der Zeit einfließendes Integral relevant.106 Die ‚diskursive Praxis‘107 um die Seuche und ihre Prävention ist im Licht des Diskursansatzes, der von einer wechselseitigen Abhängigkeit von Diskurs und Wirklichkeit ausgeht, eng an die Schaffung behördlicher Kontrollapparate und damit einhergehenden sozialen Handlungen gebunden.108 Als hypothetisch unterstellter Strukturierungszusammenhang vermag der Diskurs das in ­diesem Zusammenhang Denkbare, Sagbare und Machbare zu regeln und (damit) Wissen und Wirklichkeit nicht nur abzubilden und zu organisieren, sondern auch zu produzieren.109 Die Frage danach, wie Diskurse die jeweilige Wirklichkeit konstituieren, verweist auf den Begriff der Macht. „Wenn etwas mit dem Status ausgestattet wird, Wissen und Wirklichkeit zu sein, dann ist es zwangsläufig mit Machtwirkungen versehen. Zugleich konstituiert Macht immer Wissensformen.“ 110 Im Rahmen dieser Argumentation ist auch die Isolierungspolitik mit ihren konkreten Maßnahmen für die Konstituierung einer bestimmten Wirklichkeit und Sozialstruktur mitverantwortlich. In der Praxis der Institutionen gewinnen ­solche ideologischen Mechanismen schließlich Materialität. In der Gestalt von sogenannten Dispositiven werden Diskurse institutionalisiert, materialisiert und reproduziert und entfalten ihre Machtwirkungen.111 Michel Foucault versteht unter dem Begriff des Dispositivs: [E]in entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetzte, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt. […] Das Dispositiv selbst ist das Netz, das ­zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann.112

Diesen Netzen, die einem „Spiel von Positionswechseln und Funktionsveränderungen“ unterliegen, ist die machtstrategische Funktion zu eigen „auf einen Notstand (urgence) zu 106 Gerade in Pestzeiten werden drastische Maßnahmen ergriffen, psychische Krisen durchlaufen sowie wirtschaftliche und andere Herausforderung bewältigt. 107 Gemeint sind hierbei geregelte und geordnete Produktionsprozesse von Aussagesystemen hinsichtlich einer gesellschaftlichen Herstellung und Sicherung von Wahrheit als gültiges Wissen über die Wirklichkeit. In gewisser Weise ist die diskursive Praxis damit ein „Wahr-Sprechen“. Bührmann/Schneider 2008, 109. 108 Vgl. Ulbricht 2004, 16; vgl. Fairclough 1998 [1992], 65. 109 Der in der Wissenssoziologie diskutierte Aspekt des sozialen Konstruktionscharakters von Wirklichkeit wurde innerhalb der Geschichtswissenschaft vor allem im Bereich der Wissenschaftsgeschichte aufgegriffen. 110 Landwehr 2008, 92. 111 Diskurse werden über Dispositive aktualisiert und stabilisiert. Als institutionalisierte Momente oder Maßnahmen (wie etwa formale Vorgehensweisen, Zuständigkeitsbereiche und Objekte) tragen sie zur Produktion und Reproduktion von Diskursen bei und ermöglichen die Realisierung seiner Macht­ effekte. Vgl. Keller 2004, 63. 112 Foucault 1978, 119 – 120.

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antworten“.113 Dispositive erscheinen daher weder zufällig noch willkürlich, sie selbst produzieren gesellschaftlichen Wandel und reagieren auf diesen.114 Dispositive schaffen Möglichkeitsräume für gültiges Wissen und sind immer schon selbst Ergebnisse von Machtbeziehungen. Ihre wesentliche Funktion besteht darin, dass sie als Operatoren zu einem bestimmten Zeitpunkt gesellschaftliche Problemlagen und Transformationsprozesse einer Lösung zuführen.115 Mit dem Dispositivbegriff geht nun eine Änderung der Analyserichtung einher, die der Auseinandersetzung mit einer institutionalisierten Seuchenprävention und entsprechenden Isolierungspolitik noch mehr gerecht zu werden scheint. Die Dispositivanalyse setzt nun nicht mehr bei der Ordnung des Diskurses an, um von dort aus auch zu den nicht-diskursiven Praktiken vorzudringen, sondern betrachtet Diskurse, Praktiken und Institutionen gleichermaßen als Elemente von Machtstrategien. „Im Verfahren der Dispositivanalyse treten also demnach neben die Analyse diskursiver Beziehungen eine Analyse der Machtbeziehungen sowie eine Analyse ihres Zusammenspiels in Form von Diskurs- und Machtformationen.“ 116 Entgegen dem Diskursbegriff wird auf diese Weise das Analysespektrum sowohl in Hinblick auf das nicht-diskursive Wissen (das nicht, noch nicht oder nicht mehr Gegenstand der diskursiven Praxis ist) als auch in Richtung symbolischer und materialer Objektivierungen nicht-diskursiver Praktiken sowie akteurspezifische Subjektivierungen (Transformierungen) erweitert.117 Die Dispositivanalyse richtet sich nach der Frage, „was aus diskursiv vermittelten Wissensordnungen ‚wirkliche‘ (und insofern ‚machtvolle‘!) Effekte zeitigt, insofern es in seiner kollektiven wie individuellen Vermittlung im Selbst- wie Weltbezug handlungswirksam wird und dadurch (erst) auf jene Wissensordnungen rückwirken kann.“ 118 Dispositivanalysen fragen nach dem Verhältnis ­zwischen Diskurs und nicht-diskursiven Praktiken, Diskurs und Subjektivierung, Diskurs und alltagsweltlicher Wissensordnung und Praxis sowie Diskurs und institutionalisierter Praxis wie auch materialisierten Vergegenständlichungen. Das Dispositivkonzept ermöglicht damit eine Vermittlung von Makro- und Mikroebene: [G]esellschaftlicher Wandel, Machtbeziehungen und Herrschaftsstrukturen auf der einen Seite, Konstitution von Subjektivität durch Diskurs und institutionalisierte Praktiken, Strukturierung des Alltags durch Wissensordnungen auf der anderen Seite. Beides gelangt in seiner wechselseitigen Vermitteltheit in analytische Reichweite.119

Es wäre möglich die Totenbeschauprotokolle und das Totenbeschreibamt in eine Dispositivanalyse zur frühneuzeitlichen Seuchenthematik miteinzubeziehen. Ein solches Unternehmen 113 Ebd., 120. 114 Vgl. Bührmann/Schneider 2008, 127. 115 Vgl. ebd., 118 – 119. 116 Ebd., 122. 117 Vgl. ebd., 119 – 120. 118 Ebd., 129. 119 Ebd., 129.

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würde für den gegenständlichen Zweck aber viel zu weit ausgreifen. Für die in dieser Arbeit verfolgte Argumentation reicht der forschungstheoretische Brückenschlag, der mit dem Rekurs auf das ‚Bio-Macht‘-Konzept von Michel Foucault und dessen diskurstheoretische Voraussetzungen bewerkstelligt wird.

2.2.2 Diskurstheorie und ‚Bio-Macht‘ bei Michel Foucault Michel Foucault liefert im Blick auf die Diskurstheorie die wichtigsten Anknüpfungspunkte für die Geschichtswissenschaften. Er führt den Diskurs ein, um zu zeigen, dass Raum-Zeit situiertes empirisches Wissen einer festgelegten Regelmäßigkeit unterliegt. Dabei schreibt er den wissenschaftlichen Entwicklungsprozess nicht länger Zufällen oder genialen Einfällen zu, sondern postuliert ein „positives Unbewußtes des Wissens“ 120 auf Basis von Gesetzen, die ein bestimmter Code vorgibt.121 Der Diskurs ist jene Ordnung, die den am Diskurs teilnehmenden Subjekten ein gemeinsames Denken, Sprechen und Handeln erlaubt. Foucaults viel zitiertem Diktum zufolge sind Diskurse als „Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ 122. Mit Diskursen sind institutionalisierte Redeweisen (Praktiken) gemeint, von denen die Art und Weise, wie sie funktionieren (die Formationsregeln) positiv zu ermitteln sind.123 Ihm geht es um die Existenz von Aussagen und warum bestimmte Aussagen und keine anderen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort auftauchen. Dabei fragt er nicht hermeneutisch danach, was mit dem Geäußerten tatsächlich gemeint war. Vielmehr nimmt die Analyse von Diskursen die Aussagen als Funktionen des Diskurses in ihrer Raum-Zeit Gebundenheit in den Blick.124 Erst durch die zur Verfügung gestellten Elemente ‚Formationsregeln‘ und ‚Aussagen‘ kommt Foucault zur Definition von Diskurs: „Diskurs wird man eine Menge von Aussagen nennen, insoweit sie zur selben diskursiven Formation gehören. […] Er wird durch eine begrenzte Zahl von Aussagen konstituiert, für die man eine Menge von Existenzbedingungen definieren kann.“ 125 In der weiterführenden Verknüpfung von Diskurs und Macht verweist Foucault schließlich auf die soziale Einbettung von Diskursen (sie sind nicht länger etwas der Gesellschaft 1 20 Foucault 1997 [1966], 11. 121 Foucault betont die Positivität des Diskurses außerhalb der Mentalität und des Bewusstseins der Individuen. 122 Foucault 1989 [1969], 74. In der ‚Archäologie des Wissens‘, w ­ elche die Analyse historischer Wissensfelder als Beschreibung des Archivs (Gesamtheit der tatsächlich geäußerten Diskurse) anvisiert, widmet sich Foucault dem Konzept des Diskurses ausführlich. 123 Vgl. Landwehr 2008, 66 – 68. 124 Vgl. Foucault 2001 – 2005, Bd. 1, 868 – 869. Den Ausgangspunkt bildet die Kritik am Anspruch der Geschichtswissenschaften, aus der Quelle eine (objektive) Vergangenheit rekonstruieren zu können. Richtigerweise müsste die Quelle in Relation zu jenem überlieferten historischen Material gestellt werden, in dem sie selbst auftaucht. Vgl. Foucault 1989 [1969], 42 – 43. 125 Foucault 1989 [1969], 170.

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Äußerliches), wodurch diesen selbst Ort und Geschichte zugeeignet wird.126 Diese Verwicklungen von Macht und Wissen in der Abfolge gesellschaftlicher Wahrheitsspiele verarbeitet er unter dem Stichwort der ‚Genealogie‘. Er erweitert damit seinen Ansatz um soziale und politische Aspekte und macht ihn für die historische Arbeit nutzbar. Diskurs und Macht sind insofern untrennbar miteinander verbunden, als man sich immer nur dann in der Wahrheit befindet, wenn man den Regeln des Diskurses gehorcht. Indem Diskurse Wahrheit festlegen, üben sie auch eine Macht aus, die der Bändigung und Organisation der Gefahr des Unkontrollierbaren dient. Um seine Aussagen zu kanalisieren, arbeitet ein Diskurs mit Schranken und Verboten. Die Produktion eines Diskurses unterliegt somit einer disziplinierenden Kontrolle, in der die Regeln fortwährend aktualisiert werden.127 Die Verknappung der sprechenden Subjekte, interne Kontrollmechanismen und externe Ausschließungsmaßnahmen sind dieser Ordnung des Diskurses förderlich.128 In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Machttechnologien kommt Foucault in seinen Werken auf das Konzept der ‚Bio-Macht‘ zu sprechen, welches das Biologische im Politischen reflektiert. Im Kern geht es hier um die Entprivatisierung und Vergesellschaftung von Gesundheit und Krankheit hin zu einem modernen Gesundheitswesen und um die politische Bearbeitung sowie Verwaltung der Biologie des Menschen. Der menschliche Körper erscheint zunehmend im Licht seines steigerungsfähigen Potentials und als Gegenstand von Bewirtschaftungs- und Instrumentalisierungsbemühungen. Gesundheit wird Ausdruck beherrschter Körperlichkeit, Krankheit ist im Gegenzug nurmehr ein technisches Problem.129 „[D]iese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen [zu] lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“ 130 Geht es Foucault zufolge bei der ‚Souveränitätsmacht‘ noch darum, die Macht in Form von Abschöpfung durchzusetzen und im äußersten Fall über das Leben der Untertanen zu verfügen, so sieht die Bio-Macht ihr Ziel in der Verwaltung und Sicherung sowie in der Entwicklung und Bewirtschaftung des Lebens.131 „Im Gegensatz zur Souveränitätsmacht, die sterben macht oder leben lässt, lässt die neue Macht sterben und macht leben. Aus der Macht über den Tod wird eine Macht über das Leben, eine Bio-Macht, die es weniger mit Rechtssubjekten als mit Lebewesen zu tun hat.“ 132 Für das Verständnis der ‚Bio-Macht‘ ist eine Differenzierung zweier Bereiche grundlegend: Die Disziplinierung/Unterwerfung des Einzelkörpers hin zu einer steuer- und kalkulierbaren Ressource und die Regulierung (Kontrolle, Überwachung aber auch Wartung) der

126 Diskurs und Macht sind weder ident noch einseitig kausal. Da der Diskurs Macht voraussetzt und zugleich Macht produziert, bedingen sie einander wechselseitig. 127 Vgl. Bublitz 1999, 25. 128 Vgl. Landwehr 2008, 73. 129 Vgl. Barthel 1989, 9. 130 Foucault 1977 [1976], 163. 131 Vgl. Lemke 1997, 134 – 135. 132 Ebd., 135.

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Bevölkerung.133 „Disziplinierung und Regulierung unterscheiden sich in dem Zeitpunkt ihres Auftretens, in den Zielen ihres Handelns sowie den Mitteln, die sie einsetzen und schließlich in ihrer Lokalisierung.“ 134 Disziplinierung und Regulierung sind zwei ineinander verwobene Pole, die hier lediglich zum besseren Verständnis getrennt behandelt werden.135 Die Disziplinierung verweist auf Machttechniken, ­welche die „Maschinale Zurichtung“ 136 des Körpers zum Gegenstand nehmen: „Seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische Kontrollsysteme […].“ 137 Das Individuum wird zum Objekt von Macht- und Wissensprozeduren im Rahmen einer disziplinarischen Ordnung und Überwachung mit dem Ziel eines transparenten Handlungsrepertoires. Derartige Machtfigurationen finden sich auch in den Verwaltungsstrukturen frühneuzeitlicher Städte. Die Regulierung entdeckt im Rahmen einer Biopolitik die Bevölkerung als aggregierten Massenkörper, einer Gesamtheit mit konkreten Problemen und Variablen wie etwa Geburtenrate, Sterblichkeit, Krankheit und Gesundheit, Fertilität, Wohnverhältnisse u. a. m. Wenn die biologische Substanz des Lebens Bedingung des gesellschaftlichen Reichtums ist, wird auch das Maß an kollektivem Arbeitsvermögen zum Objekt politischer Strategien. Hierzu bedarf es der systematischen Erfassung ­dieses Investitionsobjektes. Zur Operationalisierung braucht es Verfahren, die den Umgang mit dieser Menschenakkumulation möglich machen. Dies wird durch demographische Erkenntnispraktiken und statistische Methoden bzw. empirische Erkenntnispraktiken, die historische, demographische, geographische und klimatische Einflüsse auf die leiblich moralische Verfasstheit der Bevölkerung ausmachen, bewerkstelligt. Akteure dieser Bestandsaufnahme sind Pfarrer/Seelsorger, Lehrer, Ärzte und Bedienstete im ‚Policey‘-Bereich. Sie bringen Erfassungstechniken hervor, deren sich der Staat oder die Obrigkeit bedient. Der Staat besteht also in der Vernetzung dieser Disziplinarien und biopolitischen Techniken, deren Ergebnis ein moderner Mensch in einer verwaltbaren Gesellschaft ist. Die Bevölkerung erscheint als Ressource, in die investiert wird. Die Belanglosigkeiten des alltäglichen Lebens werden im Code des Politischen archiviert und das normale Leben wird „ans Licht verwaltungsamtlicher Wissensgier und Manipulationsstrategien gezogen: Geburt, Krankheit, Kinderzahl, Altersstruktur, Sterbeziffern, sexuelle Konstitution und generatives Verhalten – werden zu Parametern obrigkeitlicher Macht.“ 138 133 Vgl. ebd., 135. 134 Ebd., 135. Disziplinierung: 17. Jahrhundert, Disziplinartechnologie mit Fokus auf den individuellen Körper in Armee, Schule, Hospital; Regulierung: 18. Jahrhundert, Sicherheitstechnologie mit Fokus auf die Gesamtheit der Bevölkerung durch die Zentralinstanz des Staates. Individuum und Masse sind zwei Seiten einer politischen Rationalität, die zugleich auf die Kontrolle des individuellen Lebens und der gesamten Bevölkerung zielt. Vgl. ebd., 135. 135 Auch aus historischen Gründen ist eine derart scharfe Trennung nicht aufrecht zu erhalten. 136 Foucault 1977 [1976], 166. 137 Ebd., 166. 138 Barthel 1989, 21.

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2.2.3 Frühneuzeitliche Isolierungspolitik und ‚Bio-Macht‘ Zuerst in Italien und ­später europaweit wurde ein sanitäres Instrumentarium installiert, welches das bestehende Gesundheitssystem entscheidend verändern sollte. Kennzeichnend ist dabei der Übergang der weitgehend privaten Zuständigkeit von Gesundheit und Krankheit hin zu einer öffentlichen.139 Ein wesentlicher Motor für diesen Wandel war die ‚Contagionstheorie‘140, die im 16. Jahrhundert zu ihrer vollen Entfaltung gelangte. Für Wien markiert das Jahr 1540 den Beginn einer systematischen Seuchenbekämpfung nach venezianischem Vorbild. Hier wurden sämtliche für ein funktionierendes Quarantänewesen notwendigen Neuerungen gleichzeitig eingeführt und installiert: Die Einrichtung eines Lazaretts in der Siechenals, die Schaffung der Amtsstelle des Infektionsarztes sowie die Regelung der Quarantänebestimmungen und seuchenhygienischen Belange durch die Infektionsordnungen.141 In eben ­diesem Zusammenhang entstanden in weiterer Folge auch das Totenbeschreibamt und die Totenbeschauprotokolle. Mit den Maßnahmen, die um den Begriff der Quarantäne kreisen, wird gleichsam das ‚policey­ liche‘ Modell eines streng kontrollierten und reglementierten transparenten Sozialraums exemplarisch vorgebildet.

1 39 Vgl. Werfring 1999, 256. 140 Vgl. Fracastoro 1550. 141 Vgl. Werfring 1999, 102 – 103. Im Falle einer Krise oder Katastrophe war es Aufgabe des Staates bzw. der Obrigkeit, schnelle und effiziente Hilfe zu leisten und die Lage durch bestimmte Maßnahmen wieder unter Kontrolle zu bringen. Dabei entstand durch die notwendige Koordination des Handelns ein „Kommunikationsbedarf“, der gedeckt werden musste. Gaul 2004, 258. Wurde die Stadt von einer Seuche bedroht, so folgten unter Berücksichtigung des Gutachtens der Fakultät sowie der Stände und der Stadt Wien eine Anzahl von Erlässen in Form der Infektionsordnungen, die entweder ganz oder zumindest auszugsweise auf Folioblättern in alle Häuser Wiens und durch einen ‚HofEinspanier‘ oder Kammerboten auch auf dem Land verbreitet wurden. Infektionsordnungen dieser Art erschienen in den Jahren 1540, 1541, 1552, 1558, 1562, 1562, 1568, 1582, 1585, 1597, 1598, 1601, 1617, 1630, 1644, 1645, 1653, 1654, 1656, 1679 und 1680. Im Vergleich dieser Erlässe wird das zunehmende Verständnis der Akteure für die öffentliche Gesundheitspflege deutlich. Vgl. Senfelder 1899, 12. Diese Form der Massenkommunikation richtete sich an ein gegenseitig anonymes unstrukturiertes und großes Publikum, das sich aus unterschiedlichen sozialen Schichten speiste. Ihre Funktion lag in der Verbreitung von Handlungsempfehlungen auf Basis der kommunizierten Informationen. Sie war öffentlich, schnell und kurzlebig und ließ keinen Raum für direkte Interaktion. Vgl. Merten 1994, 145. Ähnlich argumentiert auch Luhmann, der die Interaktion ­zwischen Sender und Empfänger durch eine technische Zwischenschaltung für ausgeschlossen hält. Vgl. Luhmann 1996, 11. Massenkommunikation ist demnach auch keine Kommunikation im eigentlichen Sinn. Wenn der Kommunikator aber sein Ziel erreichen will, ist er dennoch auf Rückmeldungen angewiesen, allerdings zeigt sich diese notwendige Interaktion zeitverzögert im Verhalten der Rezipienten. Obwohl Massenkommunikation öffentlich, indirekt und einseitig verläuft, bedarf sie der Rückmeldung, da sie letztlich ja auf die Kontrolle menschlichen Verhaltens abzielt. Im Fall der Kommunikation in Pestzeiten liegt deutlich politische Kommunikation vor, die jedenfalls Akzeptanz erfordert. Vgl. Gaul 2004, 268.

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Die Stadt wird zur Festungsmaschine – nach innen vollkommen homogen und kontrollierbar – nach außen wird aller Verkehr, jede unkontrollierte Bewegung und potentieller Störfaktor abgewehrt. Ermöglicht wird so […] eine ununterbrochene Überwachungs-, Registrier- und Schreibarbeit des administrativen Zentrums, das auf einer quasi-militärischen Sicherung des kontrollierten Raumes aufruht.142

Inmitten dieser Isolierungspolitik lassen sich demnach Ansätze der oben besprochenen Disziplinierung und Regulierung deutlich erkennen. Dem analytischen Raster der Quarantäne sind folgende Elemente zu eigen: Mit der Residenzpflicht wurden betroffene Personen an einem bestimmten Ort oder in der eigenen Wohnung festgehalten. Behausungen, in denen sich infizierte Personen befanden, mussten speziell gekennzeichnet werden. Die Meldepflicht hinsichtlich Sterbe- und Erkrankungsfälle betraf alle Bewohner. Die Erhebung beim täglichen Appell des Gesundheitsoffiziers umfasste die Angabe von Namen, Alter und Geschlecht aller Bewohner des Hauses. Die Ausweispflicht ordnete Gesundheitsnachweise für die Einwohner von Pestregionen in Form von Pässen an, die Identität, Herkunft und Gesundheit von Personen sowie die Keimfreiheit von importierten Waren bescheinigen mussten. Neben den Kontrollmaßnahmen wurde auch die Versorgung durch Nahrungsrationen pro Person und Behausung bewerkstelligt. All diese Beispiele unterstreichen den zentralen Paradigmenwechsel von der Macht über den Tod zur Macht über das Leben. Die Stadtverwaltung war sichtlich darum bemüht, aktiv an der Gesundheit der Stadtbewohner zu arbeiten und diese vor schlimmen Krankheiten zu bewahren. Diese Idealstruktur der Quarantäne sah aber keineswegs einen Bewegungsstillstand des sozialen Feldes vor, sondern vielmehr eine vollständig dechiffrierte und transparente Zirkulation identifizierter Körper.143 Die Bedeutung der Pestabwehr lag im 16. und 17. Jahrhundert in einer erkennbaren Tendenz zur Etablierung sozialdisziplinierender Überwachungsformen. In ‚Überwachen und Strafen‘ macht Foucault das Phänomen der Pest als Modell für die Disziplinierung sogar dezidiert verantwortlich: Wenn es wahr ist, daß die Ausschließungsrituale, mit denen man auf die Lepra antwortete, bis zu einem gewissen Grad das Modell für die große Einsperrung im 17. Jahrhundert abgegeben haben, so hat die Pest das Modell der Disziplinierungen hervorgerufen. Anstelle einer massiven und zweiteilenden Grenzziehung ­zwischen den einen und den andern verlangt die Pest nach vielfältigen Trennungen, nach individualisierenden Aufteilungen, nach einer in die Tiefe gehenden Organisation der Überwachung und der Kontrolle, nach einer Intensivierung und Verzweigung der Macht.144

Die in Pestphasen eingerichteten Quarantänemaßnahmen geben ein idealtypisches Beispiel für eine andauernde ‚policeyliche‘ Durchdringung des Sozialraumes zur störungsfreien 142 Barthel 1989, 61. 143 Vgl. ebd., 61 – 62. 144 Foucault 2015 [1975], 254.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Organisation des kollektiven Lebens. Sie sind die Vorlage eines umfassenden Reformationswerkes der Sozialgestaltung. In der hier angelegten Form der Seuchenpräventionspolitik und den in ihr enthaltenen ‚policeylichen‘ Maßnahmen keimt schließlich die Gesundheitspolitik der nächsten Jahrhunderte.145 Es wäre allerdings noch zu früh, hier von einer ausgebildeten Gesundheitspolitik und einer hygienisch-medizinisch motivierten Für- und Vorsorge durch die Obrigkeit zu sprechen, ­welche die gesellschaftliche Körpermasse vorrangig als zu bewirtschaftende Ressource in den Blick nimmt.146 Vielmehr ging es vordergründig darum, potentielle politische und soziale Störungen unter Kontrolle zu bringen. Nicht der gemeine Nutzen war hier die Triebfeder, sondern eine berechnende Herrschaftspraxis. Allerdings wird mit dem Typus der Quarantäne bereits „jene Keimform politischer Technologie vorgezeichnet, die die polizeyliche Sozialgestaltung und Biopolitk im 18. Jahrhundert programmatisch entfaltet.“ 147

2.3 Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge Das politische Interesse an der Krankheitsbekämpfung und die damit verbundenen Maßnahmen weisen nun Ähnlichkeiten zum Umgang mit Religion als möglichen sozialen Störfaktor auf. Mit dem sogenannten ‚sozialen Modell‘ wird innerhalb der ‚Disability History‘ Behinderung nicht länger als individuell körperliches Defizit aufgefasst, sondern als gesellschaftliches Konstrukt und damit als soziale Kategorie wie etwa Geschlecht oder Ethnizität.148 ‚Behinderung‘ ist damit auch ein Symptom sozialer Ungleichheit und kollektiver Identitätsbildung als Ergebnis sozialer Unterdrückung und Diskriminierung.149 Diese Überlegungen resultieren in einem in der Literatur sehr unterschiedlich gefassten ‚Disability‘-Begriff. Meint man damit „das Verhältnis von Menschen, die einander allesamt, jedoch in unterschied­ lichem Ausmaß und zu unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens, als bedürftig, unzulänglich oder andersartig erscheinen“ 150, dann eröffnet dies einen so breiten Raum, dass mitunter auch religiöse Differenzkategorien darin Platz finden oder für eine eigene spezielle Form von ‚Disability‘ ausschlaggebend sind. 145 Vgl. Pils 2001, 378. 146 Vgl. Barthel 1989, 62 – 63. 147 Ebd., 70. 148 Vgl. Longmore/Umansky 2014, 15. 149 Dieser Ansatz hat nun auch zur Folge, dass körpertheoretische Überlegungen in Bezug auf Behinderung zurücktreten. Michael Oliver äußert hierzu: „Ironically that is precisely what the social model insists, disablement is nothing to do with the body.“ Oliver 1996, 35. Durch die Ergänzung einer kulturwissenschaftlichen Perspektive sollte dieser Schwachpunkt ausgemerzt werden. Die jeweilige Identität ist kulturell geprägt und sowohl von eigenen als auch fremden Deutungsmustern bestimmt. Damit rückt das Körperliche wieder mehr in den Vordergrund. Vgl. Waldschmidt 2005, 25. 150 Frohne 2014, 14.

Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge

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Abb. 4: Datensatzbeispiel eines jüdischen Sterbeeintrags in den Wiener Totenbeschauprotokollen. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 46, fol. 256r

Insgesamt hatten im 17. und 18. Jahrhundert von allen drei zahlenmäßig relevanten akatho­ lischen Gruppen (evangelische Christen, orthodoxe Christen, Juden) die Protestanten (als größte unter ihnen) die wenigsten Rechte.151 Die Differenzierung von Normalität und Abweichung wird in der Quelle selbst im Blick auf die Religion aber besonders an den jüdischen Einträgen deutlich. Selbst über den Tod hinaus wird hier noch eine Unterscheidung getroffen, die Juden nicht nur merklich von den anderen (normalen) Sterbefällen abgrenzt, sondern unterschwellig auch als defizitär wertet und sozusagen ‚post mortem‘ stigmatisiert. Deutlich wird dies bereits bei der Einleitung des Eintrags mit ‚der Jud‘ oder ‚die Jüdin‘, durch die deutlich wird, dass hier nicht wie bei allen anderen Einträgen der jeweilige Name bzw. die Person, sondern der religiöse Makel im Vordergrund steht und die verstorbene Person identitär bestimmt. Jüdische Einträge finden sich im fortlaufenden Sterberegister zumeist am jeweiligen Tagesende, was den Charakter eines Nachtrages evoziert. Kennzeichen für die abwertende Differenzierung sind auch die Trennlinien, die jeden jüdischen Eintrag sichtbar hervorheben und von den übrigen demographischen Bewegungen ab- und ausgrenzen. Wie aus Abb. 4 hervorgeht, wird sogar im Sterbeeintrag des kaiserlichen ‚Hof-Factors‘ Samuel Oppenheimer hier kein Unterschied gemacht.152 Im Rahmen der ‚Disability Studies‘ ließe sich dieser Befund mit der ­Theorie der ‚fremden Körper‘ bzw. der Körpergeschichte fruchtbar machen. Gemeint sind damit Abweichungen vom normalen Körper in einem jeweiligen kulturellen Kontext. Mit dieser Th ­ eorie werden nicht nur körperliche Missbildungen oder Deformierungen, sondern auch das körperbezogene gesellschaftliche Bild vom ‚Fremden‘ thematisiert, wie bereits am Beispiel der ‚Zigeuner‘, ‚Schwarzafrikaner‘, Juden, Christen u. a. m. unternommen wurde.153 Gerade auch Blut konnte als materielles Körpermerkmal den ‚Fremden‘ markieren, Ausgrenzungsprozesse legitimieren und wie etwa bei den Juden sogar zur Massenvernichtung führen.154

151 Vgl. Leeb 2017c, 261. 152 „Der Jud Samuel Oppenhaimer, Kayl: Hoff Factor, ist in St: Juliansch: Hauß in der untern Breinerstras an hiz: Fieber und Rißl beschaut, alt 40 Jahr.“ WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 46, fol. 256r. 153 Vgl. dazu exemplarisch Gebke 2020. 154 Vgl. Eckart/Jütte 2014 [2006], 231.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

Zur städtischen Raumgewinnung wurden die Juden im Jahr 1624 im Unteren Werd (heute Leopoldstadt) angesiedelt und durften lediglich ihre Verkaufsgewölbe in der Stadt halten. Durch einen eigenen Schutzwall sollte d ­ ieses Ghetto bis zur Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich 1669 von den umliegenden Siedlungsgebieten abgegrenzt werden.155 Im Untersuchungszeitraum war auf Basis eines kaiserlichen Privilegs allein den ‚Hofjuden‘ der dauerhafte Aufenthalt in der Stadt Wien gewährt. Mit Samuel Oppenheimer (Abb. 4) begegnet uns einer von ihnen. Beschäftigt als Financiers und Militärlieferanten waren Vertreter dieser Gruppe von der Judenmaut und anderen Steuerleistungen weitgehend befreit. Für die übrigen Juden, vielfach kleine Händler, waren weder der Aufenthalt noch ihre Erwerbstätigkeit oder ihr Vermögen gesichert. Mit dem Jahr der Toleranzgesetzgebung 1781 veränderte sich auch die Stellung der rund 550 jüdischen Bewohner Wiens. Zwar wurde im entsprechenden Patent festgehalten, dass ihre Zahl nicht größer werden durfte und ihnen weiterhin die Anerkennung als Gemeinde verwehrt blieb, allerdings durften sie fortan Großhandel treiben und ein Handwerk oder Gewerbe auch bei einem christlichen Meister erlernen, jedoch ohne dabei selbst das Meisterrecht erlangen zu können.156 Im Rückgriff auf die ‚Disability‘-Perspektive ist es damit möglich, eine inhaltliche und strukturelle Verbindung z­ wischen den Differenzkategorien Gesundheit/Krankheit und katholisch/unkatholisch herzustellen. Beide können im Rahmen sozial konstruierter Vorstellungen von Normalität und Abweichung interpretiert werden, die mittels ‚policeylicher‘ Instrumente, wie es das Totenbeschreibamt selbst darstellt, aktualisiert und normiert werden. Die Maßnahmen, die in Wien im Umgang mit der jüdischen Bevölkerung ergriffen wurden, dokumentieren auffällige Parallelen zu den Quarantänemaßnahmen im Kontext der Seuchen­ bekämpfung. Die Entstehungszusammenhänge der Quelle selbst weisen somit bereits deutlich in Richtung der konfessionsgeschichtlichen und religionspolitischen Bezüge, ­welche die vorliegende Untersuchung zum Gegenstand nimmt.

2.4 Die Beschauinformationen in den evangelischen Einträgen Im Folgenden werden jene Auswertungsergebnisse verwertet, die im direkten Zusammenhang mit den thematisierten Inhalten des vorliegenden Kapitels stehen (Epidemien und Quarantäne, Pflege- und Heilstätten, Disziplinierung und Regulierung).157 Insgesamt wird 155 Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 349 – 350. 156 Vgl. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991, 1015 – 1016. 157 Wie bereits festgehalten wurde, stehen das in den Sterbeeinträgen vermerkte Sterbealter und der Beschaubefund in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Forschungsfrage, wenngleich die damit gewonnenen Erkenntnisse über das gegenständliche Personenkollektiv nicht unerheblich sind. Aufgrund der besonderen sozialen Zusammenstellung des evangelischen Bevölkerungsanteils sind diese aber nicht in Hinblick auf die Gesamtpopulation in Wien samt den umliegenden Vorstädten verallgemeinerbar.

Die Beschauinformationen in den evangelischen Einträgen

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mit den entsprechenden Merkmalsausprägungen deutlich, dass die Totenbeschauer und Totenbeschreiber – dies gilt zumindest für den vorliegenden Befund – um eine genaue und möglichst vollständige Erfassung der Daten bemüht waren.158

2.4.1 Die Sterbeverhältnisse in den evangelischen Einträgen Das durchschnittliche Sterbealter der in den evangelischen Einträgen verzeichneten Personen liegt bei 35,49 Jahren. Liest man die Daten, wie in Tab. 5 (siehe Kapitel 5.3.1.4) dargestellt wird, geschlechterspezifisch aus, so liegt der Wert bei den männlichen Verstorbenen bei 36,95 Jahren und bei den weiblichen Verstorbenen bei 33,24 Jahren. Dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit diesen Wert stark nach unten drückt, wird mit den steigenden Lebenschancen deutlich, die sich nach den ersten beiden vollendeten Lebensjahren in den Berechnungen einstellen. Im Vergleich zu den Angaben im 17. Jahrhundert fällt die Erfassung des Sterbealters in den Totenbeschauprotokollen des 18. Jahrhunderts wesentlich genauer aus. Dies lässt sich an den schwindenden Zehnerschritten ablesen, in denen das Sterbealter von verstorbenen Erwachsenen vielfach noch im 17. Jahrhundert angegeben wird. So kann auch mit Abb. 8 (siehe Kapitel 5.3.1.4) nicht bestätigt werden, dass vor allem ein rundes Sterbealter eine im Vergleich höhere Häufigkeit aufweist. Der höchste Wert etwa wird mit 30 Sterbefällen im Sterbealter von 56 Jahren erreicht (ungeachtet der insgesamt 248 Sterbefälle der mit null Jahren und einem Jahr Verstorbenen). Aber auch die übrigen aus dem Diagramm ersichtlichen Spitzenwerte fallen abgesehen von den 70-jährig Verstorbenen nicht auf runde Zehnerschritte. Diese Beobachtung spricht für ein zunehmendes Interesse an einer möglichst genauen Bestandsaufnahme und untermauert die weiter oben explizierten Zusammenhänge mit der Biopolitik. Dass sich die Verwaltungsstrategien und damit das Erfassungsinteresse aber nicht nur auf die Gesundheit und damit auf medizinische Belange beschränkte, verdeutlichen die religiösen Bezugspunkte, die in den Sterbeeinträgen enthalten sind. Abgesehen vom Religions- bzw. Konfessionsvermerk spielt gerade bei den Säuglingssterbefällen die Nottaufe (eine religiöse Handlung) eine zentrale Rolle. In mehreren Einträgen ist von sogenannten ‚fraugetauften‘ Kindern die Rede.159 An anderen Stellen werden gemischtkonfessionelle Ehen in den Sterbeeinträgen vermerkt.160 Damit lässt bereits die Quelle selbst auf einen übergeordneten Zusammenhang von Gesundheitspolitik und Religionspolitik schließen, der in der gegenständlichen Untersuchung noch explizit hervorgekehrt wird.

158 Entgegen den Belegen in Kapitel 2.1.1.2 Das Unschärfeproblem der Quelle, die an einer sorgfältigen Aufnahme der Daten zweifeln lassen, spricht hier besonders der geringe Anteil an ‚missing data‘ für eine gewissenhaft verrichtete Verwaltungsarbeit. 159 Damit wird auf eine perinatale Taufpraxis verwiesen, die von Hebammen und Wehmüttern ausgeübt wird. Vgl. Seelhammer 1838, 159. 160 Vgl. Kapitel 2.1.1.2 Das Unschärfeproblem der Quelle.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

In Hinblick auf das gegenständliche Merkmal liefert Tab. 3 (siehe Kapitel 5.3.1.3) eine geschlechterspezifische Übersicht des Sterbealters in Altersklassen auf Basis der erhobenen Sterbeeinträge. Hier zeigt sich in den ersten beiden Zeilen und der Spalte der Sterbefälle unbestimmten Geschlechts, dass bei neugeborenen und totgeborenen Kindern eben diese Information bedingt durch die oft fehlenden Vornamen in diesen Altersklassen fehlt. Die aufgeschlüsselte Sexualproportion gibt dabei nicht nur Einblicke in die Sterbeverhältnisse im Geschlechtervergleich, sondern auch in den Altersaufbau des evangelischen ­Personenkollektivs in den Totenbeschauprotokollen. Auf Basis der in den Einträgen bereitgestellten Daten zum Sterbealter können gravierende Änderungen und Fehlentwicklungen in der Verteilung der Todesfälle erkannt und notwendige Maßnahmen ergriffen werden. Anhand von Tab. 3 wird damit exemplarisch gezeigt, w ­ elche Auswertungsmöglichkeiten dem Totenbeschreibamt selbst als staatlichem Kontrollorgan zur Verfügung standen. Wenn auch von einem statistischen Zeitalter im Allgemeinen erst ab dem 19. Jahrhundert die Rede ist, so wurden, wenn schon nicht unbedingt im vorstatistischen, dann aber zumindest im frühstatistischen Zeitalter und demnach auch im Untersuchungszeitraum, statistische Auswertungen in einfacher Form angestellt.161

2.4.2 Die Beschaubefunde in den evangelischen Einträgen Die bis auf wenige Ausnahmen zuverlässige Abfolge der in den Datensätzen enthaltenen Merkmale begünstigt einen zügigen Auswertungsprozess und ermöglicht ein Reagieren in Notsituationen mit schnellem Handlungsbedarf. Mit den Indices und den Griffregistern sind die Bände der Totenbücher deutlich als Nachschlagewerke und Informationsbeschaffungsinstrumente konzipiert. Das Spektrum an den im erhobenen Datenmaterial enthaltenen Beschaubefunden zeugt zudem von einer Nomenklatur, die eine statistische Auswertung der gestellten Diagnosen zum Zweck der Früherkennung von Seuchen bzw. Epidemien durchaus erlaubt. Mit den 83 unterschiedlichen Todesursachen, die in den evangelischen Sterbeeinträgen vermerkt sind, werden überwiegend Krankheitserscheinungen beschrieben, bei denen sich die Totenbeschreiber sichtlich um einheitliche Bezeichnungen bemühten. Dass die verwendete Nomenklatur in vielerlei Hinsicht unzulänglich war und auch Verwirrung stiftete, ändert nichts an der transparenten Verwendung der Bezeichnungen selbst.162 Im Rahmen der Auswertung wurden diese Beschaubefunde in Abb. 10 (siehe Kapitel 5.3.2.2) unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien kategorisiert. Jene Beschaubefunde, die deutlich auf Infektionskrankheiten schließen lassen oder diese selbst benennen, weisen eine absolute Häufigkeit von nur 89 Zählungen auf. Dies lässt 161 Vgl. Sachse 1991, 4 – 6. Wie bereits festgehalten wurde, waren in Zeiten von Epidemien bereits in der früheren Phase des Totenbeschreibamtes die Beschauzettel ein wichtiges Instrument, um einen Einblick in den Stand der Epidemie zu bekommen. Vgl. Werfring 1999, 352. 162 Vgl. Süssmilch 1765 [1741], 424 – 425.

Die Beschauinformationen in den evangelischen Einträgen

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angesichts der Quellenlage und der nur begrenzten Möglichkeiten der Diagnostik am Beschauort zumindest den Schluss zu, dass der Quellenbefund und der damit gezogene zeitliche Rahmen auf keine schwerwiegenden Epidemien für Wien schließen lassen. Aus den Auswertungen geht hervor, dass die Infektionskrankheiten (soweit dies auf Basis der gestellten Diagnosen ausgesagt werden kann) keine übergeordnete Rolle einnehmen und ein möglicher Verweis auf die Pest nur zweimal mit dem Ausdruck ‚Petetsche‘163 vorkommt (vorausgesetzt, dass dieser hier tatsächlich auf Pestflecken verweist). Die letzte Pestepidemie im Jahr 1713 liegt jedenfalls außerhalb der Zeit, in der sich evangelische Sterbeeinträge in den Totenbeschauprotokollen finden.164 Exemplarisch wird hier noch auf die quellenimmanenten Möglichkeiten zur Merkmalkombination mit dem Beschaubefund verwiesen, aus denen weitere Erkenntnisse hinsichtlich konkreter Präventionsmaßnahmen geschlossen werden konnten: In Tab. 12 (siehe Kapitel 5.3.2.3) werden dazu die Kategorien der Beschaubefunde in den evangelischen Einträgen den Altersklassen der Verstorbenen gegenübergestellt. Damit kann abschließend ausgesagt werden, dass die Arbeitsweise des Wiener Totenbeschreibamtes in Kongruenz mit den Ansprüchen eines Kontrollapparates steht, wie er im Rahmen seiner forschungstheoretischen Einbettung in das ‚Bio-Macht‘-Konzept beschrieben wird.

2.4.3 Die Beschauorte und die Relevanz der Pflege- und Heilstätten Mit dem im Jahr 1704 begonnen Bau des Linienwalls um das Wiener Vorstadtgebiet wurde nicht nur eine Verteidigungsanlage und topographische Grenze errichtet, sondern auch der Zuständigkeitsbereich des Totenbeschreibamtes neu und genau definiert. Bei der Frage nach den Anforderungen eines funktionierenden Kontrollapparates reiht sich diese Vorkehrung in die Reihe notwendiger Maßnahmen zur Bewerkstelligung der Machtdurchsetzung hinsichtlich der Herrschaftssicherung ein. Die Errichtung einer Begrenzungslinie dieser Art gleicht der Schaffung eines kontrollierbaren Raumes und ermöglicht die Abwehr potenzieller Störfaktoren von außen.165 Im Zusammenhang mit der Infektionsbekämpfung und den Quarantänemaßnahmen sind die Informationen zum lokalen Auftreten von ansteckenden Krankheiten nicht unerheblich. Hierzu bieten die evangelischen Sterbeeinträge mit nur wenigen Ausnahmen Informationen zum Wohn- bzw. Beschauort, die für den städtischen Raum eine Eingrenzung auf konkrete Häuser und für die Vorstädte zumindest auf bestimmte Gassen oder Straßen erlauben. Für die Durchsetzung der Quarantänebestimmungen, wie sie in Kapitel 2.2.3 dargestellt wurde, 1 63 Vgl. Grimm/Grimm 1854 – 1961, Bd. 13 [Bd. 7], 1579. 164 Ungeachtet dessen wird der Ausdruck Pest im besagten Sterbejahr in den Totenbeschauprotokollen an keiner Stelle verwendet. Vgl. Pestepidemie 1713, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 02. 2021. 165 Vgl. Barthel 1989, 61.

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Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung

erweisen sich diese Informationen als unverzichtbar. Damit wird einmal mehr auch die Funktionalität ­dieses Instruments für die im ‚Bio-Macht‘-Konzept enthaltenen Aspekte zur kontrollierten Steuerung der Gesundheit sichtbar. Tab. 7 (siehe Kapitel 5.3.1.5) ist zu entnehmen, dass diese Informationen in nur zwölf ‚männlichen‘ Einträgen fehlen. Im Vergleich mit dem seuchenfreien Stichjahr 1716166 wird mit Tab. 10 (siehe Kapitel 5.3.1.6) deutlich, dass auch innerhalb des erhobenen Materials Pflege- und Heilstätten nur eine geringe Rolle einnehmen. Nur 10 % der erfassten Verstorbenen sind in entsprechenden Einrichtungen beschaut worden und für etwa die Hälfte musste hierfür das Militärspital in Gumpendorf aufgesucht werden. Die Quarantäneeinrichtungen ‚Kontumazhof‘, ‚Bäckenhäusel‘ und ‚Johannes in der Siechenals‘, die sich allesamt in der ‚Alservorstadt‘ befanden, finden zwar immer noch mehr Nennungen als in der Stichprobe von 1716, fallen aber nicht sonderlich ins Gewicht. Anders steht es um die Einrichtung der ‚Barmherzigen Brüder‘, die vor allem aus konfessioneller Perspektive interessant erscheint. Ob diese Häufung in einem Zusammenhang mit Rückführungsversuchen zum katholischen Glauben steht, lässt sich an dieser Stelle jedoch nicht beantworten. Die in Tab. 10 gelisteten Einrichtungen sind jedenfalls ein Ausdruck des im Konzept der ‚Bio-Macht‘ verankerten Aspektes der politischen Bearbeitung und Verwaltung der Biologie des Menschen.

2.5 Zusammenfassung Der im Wiener Stadt- und Landesarchiv erhaltene Bestand der Totenbeschauprotokolle reicht bis 1648 zurück und umfasst 1.090 Bände, mit denen bis auf zwei größere Lücken eine geschlossene Reihe vorliegt. Die in den Totenbüchern enthaltenen Sterbeeinträge sind bis in das Jahr 1752 fortlaufend chronologisch sortiert und folgen danach einem neuen, alphabetischen Ordnungsprinzip. Insgesamt weist die Quelle nicht nur eine gewisse Diskontinuität in ihrer Form auf, sondern ist auch mit einem Unschärfeproblem behaftet, was den Umgang mit ihr erschwert. Für die Auswertung der darin enthaltenen Daten kommt hinzu, dass die Sterbeeinträge jeweils Momentaufnahmen der Personen abbilden, die sie erfassen. Der Textgattung nach handelt es sich bei den Totenbeschauprotokollen um eine Liste bzw. ein Verzeichnis mit sequenzieller Struktur. Auch wenn in den einzelnen Datensätzen ein wiederkehrendes Set an Merkmalen (Name, Beruf und/oder Stand, Wohn- bzw. Beschauort, Beschaubefund, Sterbealter, Sterbedatum) festgehalten wird, bedeutet dies nicht, dass die Sterbeeinträge in ihrem Aufbau einem starren Gerüst unterliegen. Die Analysemöglichkeiten der Totenbeschauprotokolle gehen damit über die quantitative Auswertung der Daten hinaus. Im Fall der Totenbeschauprotokolle verweist die Gattungsbezeichnung überdies auf eine spezifische Form der Textproduktion, -distribution, und -konsumtion 166 Die Zahlen des Stichjahres 1716 gehen auf eine Untersuchung von Peter Trawnicek zurück. Vgl. ­Trawnicek 2003, 129.

Zusammenfassung

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mit unterschiedlichen Akteuren und Handlungen. Nachdem der Totenbeschauer noch am Beschauort selbst den Totenzettel ausgestellt hat, bringen ihn die Skardiener ins Totenbeschreibamt, wo der Eintrag ins Sterberegister durch den Totenbeschreiber erfolgt. Der dort ausgestellte Begräbniszettel, den die Skardiener den Angehörigen zu überbringen haben, ist eine notwendige Voraussetzung für die Bestattung. Vom Totenbeschreibamt aus ergehen die Infektions- und Totenverzeichnisse (auch in der seuchenfreien Zeit) täglich an den Bürgermeister und infolge auch an die Regierung. Ebenso orientieren sich die Quarantänemaßnahmen an den Informationen, die im Totenbeschreibamt eingehen. In den Zuständigkeitsbereich der behördlichen Totenbeschau fallen nahezu alle in Wien und den umliegenden Vorstädten verstorbenen Personen. Dieses Erfassungsgebiet konstituiert sich mit der Fertigstellung des Linienwalls im Jahr 1705. Die Einrichtung des Totenbeschreibamtes steht mit den im 16. Jahrhundert erlassenen Infektionsordnungen und damit mit der Früherkennung von Seuchen im Zusammenhang. Die Totenbeschauprotokolle sind integraler Bestandteil eines Verwaltungsapparates, der die Durchsetzung einer Isolierungspolitik und somit auch ein Katastrophenmanagement ermöglicht. Die Quarantäne- und Disziplinierungsmaßnahmen sowie das Wissen um die Seuchenbekämpfung und die soziale Wirklichkeit werden dabei implizit und explizit in einem Diskurs produziert, prozessiert und stabilisiert, der durch entsprechende gesundheitsund quarantänebezogene Aussagen gebildet wird und in welchem die statistische Erfassung von Krankheits- und Sterbefällen (wie sie auch in den Totenbeschauprotokollen vorgenommen wird) ebenso integriert sein muss. Diese in Pestzeiten angestrebte straffe Organisation, ­welche durch die Probleme mit Gesundheit und Krankheit plötzlich notwendig wird, kann in Ansätzen als Vorläufer jener Machttechnologie gesehen werden, die Michel Foucault mit dem Konzept der ‚Bio-Macht‘ in einer Untersuchung zum 18. Jahrhundert postuliert. Dass die Quelle dem eben beschriebenen Zweck dienstbar ist, lässt sich anhand von unterschiedlichen Auswertungsbeispielen am Befund selbst bestätigen. Der Aufbau der Sterbeeinträge, ihre Struktur sowie die darin erfassten Daten zu den Sterbeverhältnissen und Beschaubefunden erlauben nicht nur einen schnellen Zugriff im Falle eines unverzüglichen Handlungsbedarfs, sondern begünstigen durch die verwendete Nomenklatur und die Möglichkeiten an Merkmalkombinationen auch etwaige Auswertungsverfahren. Die Maßnahmen zur Umsetzung der Gesundheits- und Isolierungspolitik weisen schließlich eine Nähe zum Umgang mit dem möglichen sozialen Störfaktor Religion auf, der (wie der Beschaubefund selbst) neben weiteren Informationen im Sterbeeintrag vermerkt wird. Der Umgang vor allem mit jüdischen Sterbeeinträgen verweist im Kontext der ‚Disability Studies‘ auf die Differenzkategorien ‚Normalität‘ und ‚Abweichung‘ und die damit einhergehende Stigmatisierung von religiösen Gruppen, die gerade im Fall des jüdischen Bevölkerungsanteils den gesundheitspolitischen Quarantänestrategien nicht unähnlich zu sein scheint. Dass auch das evangelische Konfessionsmerkmal im Rahmen dieser Untersuchung schon vielfach als ‚Makel‘ bezeichnet wurde, erfährt hier eine inhaltliche Rechtfertigung. Damit ist nun strukturell und inhaltlich ein Anschluss an die konfessionsgeschichtliche Frage­stellung gegeben, die im folgenden Kapitel behandelt wird.

3. Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle Im vorangehenden Kapitel wurde die Quelle analysiert und in ihrem gesundheitspolitischen Kontext verortet. Dabei wurde betont, dass die Einrichtung eines Totenbeschreibamtes in engem Zusammenhang mit der Schaffung eines umfassenden staatlichen Kontroll- und Verwaltungsapparates steht, dessen Ziele weit über die Eindämmung von Infektionskrankheiten hinausgehen. Mit der Perspektive des ‚Bio-Macht‘-Konzeptes konnte dargestellt werden, dass die Erfassung von Sterbefällen letztlich als ‚policeyliche‘ Maßnahme zu verstehen ist. Der sich wandelnde Zugang zu Gesundheit und Krankheit steht damit nicht nur im Dienst der Durchsetzung eines übergeordneten staatlichen Machtanspruches, sondern ist auch Ausdruck desselben. Diese Zusammenhänge weisen nun Parallelen zu den religionspolitischen Bezügen im vorliegenden Kapitel auf. Das Konfessionalisierungsparadigma beschreibt die Herausbildung von Konfessionskirchen im größeren Kontext einer vom Staat in der Union mit der K ­ irche vorangetriebenen ‚Sozialdisziplinierung‘. Eine transparente unter einem einzigen Bekenntnis geeinte Gesellschaft wird als notwendige Voraussetzung für den staatlichen Machtanspruch angesehen. Am Beispiel Wien kann allerdings gezeigt werden, dass Bestrebungen zur Konsolidierung des Kirchenwesens nicht nur auf katholischer Seite bestanden, sondern gleichzeitig auch auf evangelischer. Mit den Auswertungsergebnissen ist es nun möglich, die protestantische Konfessionskultur mit einer konkreten und sichtbaren Personengruppe empirisch zu untermauern, Aspekte (kollektiver) konfessioneller Identität inmitten des nach außen hin monokonfessionell katholischen Wiens hervorzukehren und auf Spuren konfessionsbildender Prozesse aufmerksam zu machen. Die Untersuchung verweist damit auf die Grenzen der katholischen ‚Konfessionalisierung‘ und argumentiert zugunsten eines differenzierteren Zugangs zu d ­ iesem Thema. Um den Befund mit dem Konfessionalisierungsansatz ins Gespräch bringen zu können, werden zunächst die zentralen Inhalte und Ansprüche des Paradigmas dargestellt. Daran anschließend werden anhand der Bestimmungen des Konzils von Trient und der ‚Pietas Austriaca‘ zentrale Kräfte der katholischen Konfessionalisierung umrissen, in deren Rahmen sich schließlich evangelische Gemeinschaft konstituiert und konfessionelle Freiräume zu behaupten versuchen. In der Auseinandersetzung mit den Spuren konfessionsbildender Prozesse muss der Blick über den Untersuchungszeitraum hinaus ausgeweitet werden. Die Teilerfolge, ­welche die Evangelischen in Wien bei der Festigung ihres Bekenntnisses nicht zuletzt durch das entschlossene Auftreten des niederösterreichischen Landadels verbuchen konnten, legen schließlich die Basis für die Konfessionskultur im Untersuchungszeitraum und die Datenlage im Befund. Vor d ­ iesem Hintergrund werden die Th ­ emen der Konfessionalisierungsdebatte verständlich, an ­welche die Forschungsergebnisse anknüpfen können. Die Auseinandersetzung mit der Religionsfrage am Beispiel Wien gewährt einen weiteren Einblick in die mit ihr verbundenen Mechanismen und fordert die Konsistenz und Stringenz des Konfessionalisierungsparadigmas heraus.

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Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle

3.1 Das Konfessionalisierungsparadigma Der Begriff ‚Konfessionalisierung‘ veranlasste in der deutschsprachigen Geschichtsforschung eine lebhafte Auseinandersetzung, die den Forschungszugang zu einer ganzen Epoche grundlegend veränderte. Mit dem ‚Konfessionalisierungsansatz‘ von Heinz Schilling und Wolfgang Reinhard wurde ein makrohistorischer Zugriff auf die europäische Geschichte unternommen, der um die Jahrhundertwende den Forschungsdiskurs zur Frühen Neuzeit wie kein anderer zu prägen vermochte. Im Kern geht es dabei um ein übergreifendes Deutungsschema, welches über den Herausbildungsprozess von Konfessionskirchen hinaus neben den religiösen Entwicklungen auch die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Zeit zu erfassen vermag.1 Im Folgenden wird das Konfessionalisierungsparadigma im Blick auf den Epochenbegriff, den Forschungsansatz und den umfassenden sozialgeschichtlichen Deutungsrahmen umrissen.

3.1.1 Konfessionalisierung als Epochenbegriff Der durch die Quellenlage vorgegebene Untersuchungszeitraum der vorliegenden Arbeit schließt unmittelbar an eine Periode an, deren Epochenbegriff in der Historiographie vielfach umkämpft und umstritten war.2 Mit Leopold von Ranke wurde im Jahr 1843 das 16. Jahrhundert in eine erste Hälfte der ‚Reformation‘ und eine zweite Hälfte der ‚Gegenreformation‘ unterteilt.3 In weiterer Folge machte Moriz Ritter 1889 die Bezeichnung ‚Gegenreformation‘ durch seine ‚Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges, 1555 – 1648‘4 als Epochenbegriff bekannt und ebnete damit auch den Weg für die Aufnahme der Begriffe ‚counter-Reformation‘ und ‚contre-réforme‘ in der europäischen Historiographie. Die Kontroverse um den Begriff der ‚Gegenreformation‘ setzte bereits im 19. Jahrhundert ein. Da dem Begriff ein pejorativer Zug anhaftet und mit ihm die katholischen Reformbestrebungen nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht werden, ist diese Terminologie vor allem von katholischen Historikern kritisiert worden. Richtungsweisend aber war hier schon früh das Werk ‚Geschichte der katholischen 1 Da der Begriff ‚Konfessionalisierung‘ auf ein umfassendes und übergeordnetes Deutungsschema verweist, kann im Fall der Wiener Protestanten in Wien höchstens und hier auch nur punktuell von konfessionsbildenden Prozessen gesprochen werden. Es wäre terminologisch und historisch falsch, hier von einer Konfessionalisierung ‚von unten‘ auszugehen. 2 Das Problem des Epochenbegriffs betrifft auch die Zeitspanne, die für diese Epoche gezogen wird. Aus protestantischer Sicht wird diese meist mit dem Augsburger Religionsfrieden (1555) auf der einen und dem Dreißigjährigen Krieg auf der anderen Seite begrenzt. Vgl. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002, 77. 3 Von Ranke berücksichtigt dabei allerdings auch die katholischen Reformbewegungen. Vgl. Ranke 1843. 4 Vgl. Ritter 1889 – 1908.

Das Konfessionalisierungsparadigma

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Reformation‘5 des evangelischen Historikers Wilhelm Maurenbrecher aus dem Jahr 1880. Sein Fokus auf vorreformatorische Kirchenreformen in Spanien trug den katholischen Reformbestrebungen, die im Begriff der ‚Gegenreformation‘ nicht enthalten sind, Rechnung. Damit fand er vor allem in katholischen Fachkreisen Zustimmung, weniger aber in evangelischen. Hubert Jedin nahm nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage nach dem Epochenbegriff wieder auf und prägte 1946 den Terminus ‚Katholische Reform und Gegenreformation‘6, der in der Forschung allgemeine Anerkennung fand. Mit Ernst Walter Zeeden bekam die Frage nach dem Epochenbegriff im Jahr 1958 eine völlig neue Wendung. Anstelle der ‚Reformation/Gegenreformation‘-Dichotomie legte Zeeden den Fokus des Epochenbegriffs auf die Bildung von Konfessionskirchen, die er sowohl im Katholizismus als auch im Calvinismus und im Luthertum als parallele Entwicklung beobachtete. Den Prozess der Herausbildung von klar definierten und voneinander abgegrenzten Konfessionskirchen bezeichnete er als ‚Konfessionsbildung‘, ein Begriff, der in erster Linie durch seine Neutralität und seine Anwendbarkeit auf alle drei Konfessionen zu überzeugen vermochte.7 Der Ausdruck beschreibt bei Zeeden: [D]ie geistige und organisatorische Verfestigung der seit der Glaubensspaltung auseinanderstrebenden christlichen Bekenntnisse zu einem halbwegs stabilen Kirchentum nach Dogma, Verfassung und religiös sittlicher Lebensform. Zugleich ihr Ausgreifen in die christliche Welt des frühneuzeitlichen Europa; ihre Abschirmung gegen Einbrüche und Gefährdungen und ihre Mitgestaltung durch außerkirchliche Kräfte, insonderheit durch die Staatsgewalt.8

In Anlehnung an diesen Begriff der ‚Konfessionsbildung‘ sprachen Heinz Schilling und ­ olfgang Reinhard in den späten 1970er bzw. frühen 1980er Jahren im Zusammenhang mit W dem Entwurf ihres ‚Konfessionalisierungsparadigmas‘ vom ‚Zeitalter der Konfessionalisierung‘ und prägten damit einen Terminus, der nicht nur auf die Neutralität und die Anwendbarkeit auf alle drei Konfessionen Rücksicht nimmt, sondern darüber hinaus auch allgemein gesellschaftliche, säkulare Entwicklungen beschreibt.9 Reinhard und Schilling entwickelten ihren Konfessionalisierungsbegriff zwar zeitgleich, jedoch voneinander unabhängig und auf unterschiedlichen Wegen:10 Schilling erarbeitete 5 Vgl. Maurenbrecher 1880. 6 Vgl. Jedin 1946. 7 Vgl. Zeeden 1958; vgl. Zeeden 1965; vgl. Lotz-Heumann 2001, 94 – 95. 8 Zeeden 1965, 9 – 10. 9 Anders als bei der ‚Konfessionsbildung‘ geht es bei der ‚Konfessionalisierung‘ nicht länger um einen ausschließlich kirchengeschichtlichen, sondern um einen universalen sozialgeschichtlichen Prozess. Vgl. Klueting 2003, 325. Zeeden verwendete zwar den Ausdruck ‚Zeitalter der Konfessionalisierung‘, jedoch nicht mit dem Inhalt, der seit der Konfessionalisierungsthese an die Bezeichnung gebunden ist. 10 Weder Schilling noch Reinhard konnte einen alleinigen Anspruch auf die These geltend machen, da sie zur gleichen Zeit (1981) die Verbindung z­ wischen Konfessionalisierung und Territorialstaatenbildung herstellten. Vgl. Reinhard 1981; vgl. Schilling 1981; vgl. Reinhard 1997, 39. Während Schilling

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seinen Konfessionalisierungsbegriff entlang einer Untersuchung von dem Verhältnis ­zwischen Calvinisten und Lutheranern im Nordwesten Deutschlands und betonte die jeweiligen Konfessionalisierungsprozesse als parallel verlaufende Entwicklungen.11 Mit dieser Parallelität war aber gleichzeitig ein methodischer Zugriff vorgegeben, der die funktionale und entwicklungsgeschichtliche Parität der Konfessionen sowie die abzuleitenden Konsequenzen für Gesellschaft und Politik in den Blick nimmt und einer Nivellierung konfessioneller Eigentümlichkeiten Vorschub leistet.12 Im Gegensatz zu Schilling entwickelte Reinhard sein Konzept aus katholischer Sicht in Abgrenzung zu den negativen und regressiven Implikationen der Termini ‚Gegenreformation‘ und ‚Katholische Reform und Gegenreformation‘.13 Als Epochenbegriff schlug er hier noch den bereits gängigen Ausdruck ‚Konfessionelles Zeitalter‘ in Abgrenzung zum Begriff ‚Zeitalter der Gegenreformation‘ vor.14 Da die mit dem Paradigma postulierte Interdependenz von K ­ irche, Staat und Gesellschaft in manchen Punkten allerdings nicht vorbehaltlos geteilt wurde, war auch die Frage nach dem Epochenbegriff nicht letztgültig geklärt.15 Kritisch wird angemerkt: Ist es nicht ein Rückschritt, die sorgsam erarbeiteten Begriffsdifferenzierungen der neuzeitlichen Reformationsgeschichte, auch wenn sie nicht alles abdeckten und nicht voll befriedigten, durch einen Einheitsbegriff zu beseitigen? Bei ­diesem kann jeder denken, was er will, oder er muß, wie die Vertreter der These dies tun, sich mit der Bürde vieler Prämissen belasten […], die weniger aus dem Quellenbefund als aus Postulaten zeitgenössischen Verständnisses abgeleitet sind.16

seine These als reformierte Besonderheit geltend machte, ging Reinhard von einer Konfessionalisierung von Reformierten, Lutheranern und Katholiken aus. Vgl. Klueting 2003, 322 – 323. 11 Vgl. Schilling 1981. Ihm zufolge ergibt sich daraus auch eine terminologische Konsequenz: Anstatt von ‚Gegenreformation‘, ‚Lutherischer Orthodoxie‘ und ‚Zweiter Reformation‘ zu sprechen, schlägt er eine begriffliche Parallelität vor und spricht von der katholischen, lutherischen und reformierten Konfessionalisierung, die einen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel impliziert. Vgl. Schilling 1988, 6. 12 Vgl. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002, 64. 13 Er betont dabei, dass nicht alle historischen Vorgänge aus der Kirchengeschichte ableitbar sind, die Gegenüberstellung einer progressiven Reformation und einer ausschließlich reaktionären Gegenreformation historisch nicht haltbar ist, die Bewegung der Gegenreformation parallel und in Konkurrenz zur Reformation an der Modernisierung der Gesellschaft beteiligt ist und daher die Epochenbezeichnung ‚konfessionelles Zeitalter‘ vorzuziehen ist. Vgl. Reinhard 1977, 251. 14 Die Termini ‚Konfessionelles Zeitalter‘ und ‚Zeitalter der Konfessionalisierung‘ sind nicht austauschbar. Mit den Begriffen geht ein je eigener Traditions- und Bedeutungszusammenhang einher, der in unterschiedlichen Begriffsinhalten resultiert. Der Terminus ‚Konfessionelles Zeitalter‘ ist ein Ausdruck, den Ernst Troeltsch bereits 1906 programmatisch verwendet. In den 1950er Jahren trat der Begriff bei Karl Eder und Otto Brunner als Epochenbegriff z­ wischen 1555 und 1648 auf. Vgl. Troeltsch 2004 [1906], 322; vgl. Stögmann 2001, 484. 15 Vgl. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002, 71. 16 Ziegler 1999, 53.

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Walter Ziegler spricht hier ein grundsätzliches Problem der ‚Konfessionalisierungsthese‘ an, denn mit einer Vereinheitlichung geht immer auch die Gefahr einer Nivellierung und damit Verfälschung historischer Wahrheit einher. Was den Epochenbegriff anbelangt, kann hier abschließend festgehalten werden, dass der Ausdruck ‚Zeitalter der Konfessionalisierung‘ trotz mancher Schwächen in der Geschichtsforschung bis heute dominiert und deshalb an ihm festgehalten wird.

3.1.2 Konfessionalisierung als Forschungsparadigma Dass der Terminus ‚Konfessionalisierung‘ als Epochenbegriff für die Zeitspanne ­zwischen dem Augsburger Religionsfrieden und dem Dreißigjährigen Krieg fungieren kann, ist für Heinz Schilling und Wolfgang Reinhard zweitrangig.17 Beide wollen den Terminus in erster Linie als umfassendes Forschungsparadigma der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte verstanden wissen.18 ‚Konfessionalisierung‘ meint einen gesellschaftlichen Fundamentalvorgang, der das ­öffentliche und private Leben in Europa tiefgreifend umpflügte, und zwar in meist gleichlaufender, bisweilen auch gegenläufiger Verzahnung mit der Herausbildung des frühmodernen Staates und mit der Formierung einer neuzeitlich disziplinierten Untertanengesellschaft, die anders als die mittelalterliche Gesellschaft nicht personal und fragmentiert, sondern institutionell und flächenmäßig organisiert war.19

Im Anschluss an die Tradition Zeedens bildet das Konfessionalisierungsparadigma eine sozialhistorische Alternative zur kirchen- und politikgeschichtlichen Perspektive der Gegenreformation.20 Anspruch und Ziel der Konfessionalisierungsthese ist die Überwindung der früheren konfessionellen Begrenztheit in der Historiographie sowie die Berücksichtigung von ­Kirche und Konfession innerhalb der Gesellschaftsgeschichte.21 Die Einheit von politischem und religiösem Raum wird dabei als zentrales Merkmal der ‚Konfessionalisierung‘ vorausgesetzt: 22 Das Konzept beruht auf der Prämisse einer strukturellen Verzahnung von Staat und ­Kirche im frühneuzeitlichen Europa und sieht daher ­Kirche und Religion nicht länger als historische Teilphänomene, sondern als zentrale Achsen von Staat und Gesellschaft an.23

17 Abgesehen davon ist die für das Zeitalter der Konfessionalisierung angesetzte Zeitspanne umstritten. Vgl. Kapitel 3.4.1 Die Konfessionalisierungsdebatte in ihren wesentlichen Kritikpunkten. 18 Vgl. Klueting 2003, 325. 19 Schilling 1988, 5 – 6. 20 Vgl. Scheutz 2009b, 26. 21 Vgl. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002, 63 – 64. 22 Vgl. ebd., 64. 23 Vgl. Schilling 1988, 5.

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Der Untersuchungsschwerpunkt liegt bei Reinhard dennoch deutlich auf den Maßnahmen zur Formierung geschlossener konfessioneller Großgruppen.24 Dazu hat er sieben Punkte herausgearbeitet, die für diesen Prozess maßgeblich sind: Der (1) Wiedergewinnung theoretischer Vorstellungen und klarer theologisch-dogmatischer Grundlagen (z. B. auf dem Konzil von Trient) folgt deren (2) Verbreitung und Durchsetzung durch zuverlässige Multiplikatoren der neuen Konfessionskultur (Priester, Lehrer, Beamte, Juristen) unter (3) Propaganda mittels Bücher, Bilder, Predigten, Lieder und dergleichen sowie der Verhinderung von Gegenpropaganda und der (4) Verinnerlichung der neuen Normen durch Bildung und (5) Disziplinierung (Überwachungs- und Verwaltungsapparate, weltliche und geistliche Visitationen) unter (6) Anwendung von Riten und Prozessionen mit verpflichtender Teilnahme zur Demonstration, öffentlichen Repräsentation und Unterscheidung der katholischen Konfessionskultur und (7) der Beeinflussung von Sprache, die vor allem in der Namensgeben deutlich wird.25

3.1.3 Konfessionalisierung als Variante der Sozialdisziplinierung Als gesellschaftlicher „Fundamentalvorgang“ 26 übernimmt ‚Konfessionalisierung‘ eine staatsbildende und modernisierende Funktion. Diese wiederum steht in enger Beziehung zu dem Konzept der ‚Sozialdisziplinierung‘.27 Mit dem Ziel einer geordneten und gesamtheitlichen Verhaltensänderung nimmt ‚Konfessionalisierung‘, anders als ‚Konfessionsbildung‘, die Auswirkungen auf die Politik und vor allem die Staatsbildung in den Blick und kann deshalb „mehr oder weniger als eine Variante von Sozialdisziplinierung“ 28 angesehen werden. Mit dem Begriff ‚Sozialdisziplinierung‘ versteht Gerhard Oestreich die „Bändigung und Zügelung aller Betätigungen auf den Gebieten des öffentlichen, aber auch des privaten Lebens“ 29. Die Aufnahme und Adaption ­dieses Ansatzes verleiht der Konfessionalisierungsthese schließlich den Charakter eines Katalysators für die frühneuzeitliche Staatsbildung:

24 Vgl. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002, 65 – 66. 25 Vgl. Kapitel 5.7 Auswertung der Vornamen in den evangelischen Sterbeeinträgen. Unter den Hofbediensteten treten im 18. Jahrhundert Heiligennamen wie Johann, Josef oder Franz am häufigsten auf. Vgl. Reinhard 1983, 263; vgl. Scheutz 2009b, 26 – 27; vgl. Scheutz 2017, 243. Ähnlich beschreibt auch Heinrich Schmidt die Prozesse der katholischen Konfessionalisierung: „1. Säuberung der Beamtenschaft, der städtischen Räte und Zünfte von Evangelischen; 2. Eid von Beamten, Lehrern und Graduierten auf das Tridentinum; 3. Vertreibung evangelischer Prediger und Lehrer; 4. Zulassung nur von ‚geprüften‘ katholischen Priestern; 5. Sequestration evangelischer Bücher und Verbot der Teilnahme an auswärtigen protestantischen Gottesdiensten; 6. Visitation zur Rekatholisierung der Bevölkerung; 7. Ausweisung notorischer Protestanten.“ Schmidt 1992, 41. 26 Schilling 1988, 5. 27 Vgl. Klueting 2003, 319 – 320. 28 Reinhard 1995b, 421. 29 Oestreich 1969, 179 – 181. Sowohl das Konzept der ‚Sozialdisziplinierung‘ als auch der Begriff des ‚Frühmodernen Staates‘ gehen auf Gerhard Oestreich zurück. Vgl. Stögmann 2001, 482.

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Durch ihre enge Verschränkung mit den zeitlich parallelen Prozessen der Herausbildung des frühmodernen Territorialstaates und der Schaffung eines ‚sozialdisziplinierten‘ Untertanenverbandes griff die Konfessionalisierung so tief in das öffentliche und private Leben der Europäer ein, dass sie zu jenen ‚Antriebselementen‘ gezählt werden müsse, w ­ elche die ständische Ordnung Alteuropas ‚in die moderne demokratische Industriegesellschaft‘ transformierten.30

Bei Reinhard und Schilling ist die Festigung des Kirchentums nur mehr ein Teilprozess der Sozialdisziplinierung und die Kirchenzucht lediglich ihr Instrument.31 Pfarrer wurden zugunsten der Sozialdisziplinierung der Untertanen instrumentalisiert und zu loyalen Beamten der Obrigkeit umfunktioniert. Neben einem seelsorglichen Aspekt der Ohrenbeichte stand der viel bedeutendere Aspekt der Kontrolle des Verhaltens der Bevölkerung. Die Beichtregister, an denen auch die weltliche Obrigkeit Interesse bekundete, gaben genaue Auskunft darüber, wie es um die Sittlichkeit der Untertanen stand.32 Mit einem Vorgriff auf die Kritik am Konfessionalisierungsparadigma kann hier abschließend festgehalten werden, dass dem Sozialdisziplinierungsansatz in der Tradition Oestreichs gerade als Erscheinung des Absolutismus ein Hang zum Etatismus anhaftet, der den absoluten Staat fast schon totalitär in Erscheinung treten lässt: Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens werden im Rahmen eines linearen Disziplinierungsaktes darin reglementiert.33 Die Konfessionalisierungsthese ist in der Frühneuzeitforschung deshalb nicht nur breit rezipiert, sondern bis heute auch vielfach kritisiert worden. Mit ihrem Aufkommen Anfang der 1980er Jahre hat gleichzeitig auch eine Konfessionalisierungsdebatte eingesetzt, die über eine längere Phase der Kritik schließlich zu einer Neuorientierung und Neubestimmung der These führte.34

30 Schilling 1995, 4. 31 Vgl. Schmidt 1997, 641. „Die Obrigkeit verfolgt über einen ihr streng zugeordneten Apparat ­Kirche das Ziel, die Untertanen zu disziplinieren. Glauben ist sekundär, interessant nur als Mittel zum Zweck der Sozialdisziplinierung.“ ebd., 648. 32 Vgl. Leeb 2003, 278. 33 Vor allem für Reinhard stellte die Verbindung von Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung durch den Staat einen Modernisierungsprozess dar, w ­ elchen die Staatsgewalt, als verfassungsgeschichtliche Kategorie ‚von oben‘ auf die Untertanen herab, vorangetrieben hat. Vgl. Scheutz 2009b, 26. Als grundlegendes Element der Modernisierung ist auch die Rationalisierung für die Konfessionalisierungsfrage nicht unerheblich. Hierbei greift Oestreich auf den Rationalisierungsbegriff von Max Weber zurück. Weber erachtet die abendländische Rationalisierung (Entzauberung der Welt) als Fundamentalvorgang der Geschichte und schreibt sie vor allem der protestantischen Geisteshaltung zu. Vgl. Schulze 1991, 105. 34 Dreh- und Angelpunkte der Konfessionalisierungsdebatte bildeten drei Symposien, in denen jeweils die reformierte (1985), die lutherische (1988) und die katholische (1993) Konfessionalisierung zum Gegenstand erhoben wurde. Aus den Symposien gingen drei Sammelbände hervor. Vor allem im dritten Sammelband wurden die kritischen Stimmen zunehmend lauter. Die kritischen Anfragen veranlassten sowohl eine Verteidigung als auch Modifikation der These. Vgl. Reinhard/Schilling 1995; vgl. Rublack 1992; vgl. Schilling 1986.

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3.2 Aspekte katholischer Konfessionalisierung 3.2.1 Das Konzil von Trient und die katholische Konfessionalisierung Das Konfessionalisierungsparadigma beschreibt (neben anderen Aspekten) den Prozess der Herausbildung von Konfessionskirchen unter dem Vorzeichen der Festigung und Vereinheitlichung eines klaren Bekenntnisses in Abgrenzung zu den anderen Konfessionen. Für das gegenständliche Beispiel Wien und darüber hinaus sind hierfür die Bestimmungen und Ergebnisse des Konzils von Trient 35 (1545 – 1563) von großer Bedeutung.36 Von Beginn an war das Konzil von einer Spannung ­zwischen Papst und K ­ aiser bestimmt: Karl V. und auch sein Nachfolger Ferdinand I. strebten einen Ausgleich z­ wischen den beiden Konfessionen an und wollten den Protestanten zumindest formal entgegenkommen. Die klerikale Seite hingegen war deutlich protestantenfeindlich gesinnt, sodass die angestrebte Einigung nicht umgesetzt werden konnte und der Protestantismus am Ende offiziell abgelehnt wurde.37 Der Konfessionalisierungsprozess setzte deshalb nicht etwa erst mit der Umsetzung der Ergebnisse des Konzils ein, vielmehr war er bereits in den Umständen der Einberufung desselben schon angelegt. „Man war von vornherein über die Form und den Inhalt des Konzils derart uneins, daß es als Instrument zur Konfliktlösung ausschied, bevor es begonnen hatte.“ 38 Umso bedeutender ist daher der Gesamtertrag und die Wirkung des Konzils für die Folgezeit, denn „die Entstehung der ­Kirchen der Reformation [hat] dazu gedient, den religiösen Ernst auch in der katholischen ­Kirche zu verstärken.“ 39

35 Das Konzil dauerte drei Sitzungsperioden: Die erste wurde von Papst Paul III . 1542 einberufen und erst 1545 eröffnet. Sie umfasste zehn Sitzungen und war 1549 zu Ende. Während der K ­ aiser eine Kirchen­reform behandelt wissen wollte, lag das päpstliche Augenmerk auf dem Dogma. 1551 wurde unter Papst Julius III . das Konzil erneut nach Trient einberufen. Die zweite Sitzungsperiode endete bereits 1552 und erstreckte sich über sechs Sessionen, in denen u. a. die Eucharistie, die Buße und die letzte Ölung thematisiert wurden. Die letzte Periode unter Papst Pius IV . war eine von den Jesuiten beherrschte Versammlung (1562 – 1563). Mit dem ‚Reformationslibell‘ forderte K ­ aiser Ferdinand I. (allerdings ohne großen Erfolg) die Beseitigung zahlreicher Missstände (Fiskalismus, Kultus, Leben der Kleriker und Mönche) sowie den Laienkelch, Fastenerleichterung und die Priesterehe. Mit insgesamt 25 Sitzungen war die Synode und somit das Konzil von Trient geschlossen. Vgl. Heussi 1930 [1909], 303. Mit dem Konzil von Trient setzte sich insbesondere Hubert Jedin auseinander. Vgl. Jedin 1949 – 1975. 36 Ausgehend von ­diesem Konzil gibt es weitere wichtige Stationen, die für den Konfessionalisierungsprozess zentral sind: „Das Tridentinum als Beginn und das Restitutionsedikt von 1629 bzw. der Westfälische Friede von 1648 scheinen für die österreichischen Erbländer brauchbare, wenn auch keineswegs unumstößliche Wegmarken, an denen Gegenreformation bzw. über diesen verkürzenden Begriff hinwegschreitend katholische Reform und Konfessionalisierung festzumachen sind.“ Scheutz 2009b, 28. 37 Vgl. Heussi 1930 [1909], 302. 38 Holzem 1998, 83. 39 Heussi 1930 [1909], 304.

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Die zentralen ­Themen des Konzils waren die Bekämpfung des Protestantismus und die innere Erneuerung der katholischen ­Kirche durch eine Revision des Dogmas und Korrekturen von Fehlentwicklungen.40 Die in die Irre geführten Anhänger der evangelischen Lehre sollten dadurch möglichst rasch in den Schoß der katholischen K ­ irche zurückgeführt werden.41 Die Reformen des Konzils von Trient zeigten ihre Wirkung demnach nicht nur im Zurückdrängen des evangelischen Glaubens, sondern auch in der kunstvollen Inszenierung katholischer Frömmigkeit im Barockkatholizismus in der Mitte des 17. Jahrhunderts.42 Ein wichtiges Moment katholischer Konfessionalisierung stellten auch die Ordens- und Kongregationsgründungen dar, insbesondere die der Jesuiten und der Kapuziner. Sie traten nicht nur als ausführende Organe der tridentinischen Konfessionalisierung auf, sondern trugen auch sonst zur Förderung des christlichen Glaubens bei. Zu ihren zentralen Aufgaben zählten die Predigt- und Seelsorgearbeit, der Religionsunterricht und das allgemeine Bildungswesen.43 Neben diesen wichtigen Disziplinierungsaspekten stärkte das Tridentinum zudem das Amt der Bischöfe, indem es Rom die Besetzung von Pfründen weitgehend entzog. Der Bischof hatte in seiner Diözese fortan Residenz- und Visitationspflicht. Zweck der Visitationen war, die guten ­Sitten zu ­schützen und die Einheit der Lehre zu wahren. Mit den Diözesansynoden wurde den Bischöfen ein Werkzeug der Leitungsgewalt gegeben.44 Diese und andere Neuerungen erwecken den vermeintlichen Eindruck eines ausgereiften Reformplans. Mit Wolfgang Reinhard muss an dieser Stelle deshalb auch auf die Inkohärenz der Beschlüsse hingewiesen werden: Trient hat […] zwar gewisse Leitvorstellungen wie die Stärkung der ordentlichen Hierarchie und das Seelsorgeprinzip stark gemacht, aber darüber hinaus alles andere als ein kohärentes Corpus von Richtlinien produziert. Seine Beschlüsse nehmen sich eher wie ein Sammelsurium von Improvisationen und Kompromissen aus.45

Der Zugzwang, durch den das Konzil einberufen wurde, plausibilisiert diesen Charakter. Mit der breiten Rezeption der Reformation und angesichts der sich abzeichnenden Glaubensspaltung sahen sich die Entscheidungsträger genötigt, möglichst schnell zu handeln. Improvisation 40 Vgl. ebd., 304. 41 In den habsburgischen Erbländern stießen diese Bemühungen auf großen Widerstand. „Obwohl die Gegenreformation in allen Herzogtümern bereits im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts begann, konnte der protestantische Konfessionalisierungsprozess erst mit der Ausschaffung der nichtkatholischen Prädikanten und Schulmeister aus Inner- (1601), Ober- (1624) und Niederösterreich (1627) endgültig abgebrochen werden.“ Schreiber 2011, 77. 42 Die Ergebnisse des Tridentinums spiegelten sich zudem in der Innen- und Außenarchitektur der K ­ irchen wider. Als Beispiele für die Innenarchitektur sind etwa die Kanzel (als zentraler Ort der Verkündigung) oder der Beichtstuhl mit dem Sichtgitter zu nennen. Vgl. Tropper 2003, 281. 43 Vgl. Kaufmann 1996a, 1008 – 1025. 44 Vgl. Tropper 2003, 340 – 341. 45 Reinhard 2010, 420.

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und der Rückgriff auf bewährte Formen der Frömmigkeitspraxis waren die Konsequenzen. Peter Hersche konstatiert, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht von vornherein immer deckungsgleich sind und gerade bei der Frage nach den Beschlüssen und der Umsetzung von Trient divergieren. Dabei nennt er folgende Fehlerquellen, die auf eine vermeintlich erfolgreiche Durchführung des Tridentinums schließen lassen: Die alleinige Verwendung normativer Quellen (die keine Auskunft über die Vollzugswirklichkeit der Beschlüsse geben können), ein zu kurz gesteckter Zeithorizont (der mögliche gegenläufige Entwicklungen außer Acht lässt), die hagiographisch orientierte Geschichtsschreibung (welche darzustellende Persönlichkeiten ins rechte Licht rückt), die Sicht ‚von oben‘ (die gläubige Untertanen als bloße Adressaten des Tridentinums erscheinen lässt) und die Vernachlässigung der für die Kirchenreform hinderlichen Umstände (wie zum Beispiel der Dreißigjährige Krieg).46 Ein anderes Licht auf die tridentinische Reform werfen (Langzeit-)Studien, die auch die Sicht ‚von unten‘ berücksichtigen und über die normativen Quellen hinaus auch praktischen Problemen der Durchführung des Konzils nicht aus dem Weg gehen. Im Fazit solcher Studien drängt sich die Frage auf, ob die Reform entweder ihr eigentliches Ziel verfehlt oder mit der voranschreitenden Zeit ihre Kraft verloren hat.47

3.2.2 Die Pietas Austriaca als Antriebskraft der Konfessionalisierung Zu den wichtigsten Protagonisten der Konfessionalisierung zählt der nach absoluter Herrschaft strebende Landesfürst. Dies lässt sich sowohl am politischen Schrifttum der Zeit (wie etwa den Fürstenspiegeln) als auch am politischen Handeln ablesen.48 Die habsburgische Religionspolitik in der Frühen Neuzeit weist in Sachen Treue zur katholischen K ­ irche und konfessioneller Einheit eine hohe Kontinuität auf, die sich mitunter durch den weitgehend gleichen Kurs der unterschiedlichen Herrscherpersönlichkeiten begründen lässt. Durch ein vom katholischen Glauben abweichendes Bekenntnis, welches als ‚Krankheit‘ gewertet wurde, sahen die habsburgischen Herrscher sowohl die Einheit der Herrschaft als auch den Frieden bedroht. Damit beides gewahrt bleibt, praktizierten sie eine besondere katholische Frömmigkeit, die es als wichtigste Herrschertugend zu bewahren und zu verinnerlichen galt.49 Im ­Zeichen derselben erfolgten Zugeständnisse an konfessionsfremde 46 Damit sind nun auch grundsätzliche Problemfelder des Konfessionalisierungsparadigmas berührt. Vgl. Hersche 2006, Bd. 1, 152 – 157. 47 Vgl. ebd., 159. Exemplarisch werden hier die Langzeitstudie von Becker und die Arbeit von Jendorff genannt, die laut Hersche diese Ansprüche erfüllen. Vgl. Becker 1989; vgl. Jendorff 2000. 48 Vgl. Stögmann 2001, 486. 49 Allein in Verbindung mit der als wichtigste Herrschertugend begriffenen katholischen Frömmigkeit (Pietas) konnten die beiden weiteren Haupttugenden ‚Gerechtigkeit‘ (Justitia) und ‚Milde‘ (Clementia) richtig aufgefasst und ausgeübt werden. Nach habsburgischem Verständnis erschließt sich das in der Beziehung zu Gott und den Untertanen zu leistende in diesen drei Tugenden. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 185.

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Bevölkerungsgruppen nicht etwa aus Gründen der religiösen Toleranz, sondern zum Nutzen der Herrschaft.50 Die sogenannte ‚Pietas Austriaca‘ gewann vor allem in der Union von ­Kirche und frühmodernem Staat an Bedeutung und wird in der Forschung zumeist für die Zeit nach 1648 angesetzt.51 Entgegen machiavellistischen Anschauungen, die in der Renaissancezeit auftraten und zunehmend um sich griffen, vertraten die katholisch-habsburgischen Staatstheoretiker und Publizisten der Gegenreformation und des Barocks mit Entschiedenheit den Standpunkt, Religiosität und christliche Tugenden ­seien die Grundfesten der Herrschaft. Dies wurde prinzipiell dargelegt und von den Vertretern der Dynastie persönlich unzählige Male bekannt; es war auch das Ziel habsburgischer Publizistik, diesen Glaubensgrundsatz an der Geschichte des Hauses praktisch zu beweisen.52

Anna Coreth, deren Arbeit zur ‚Pietas Austriaca‘ bedeutend ist, greift auf eine Schrift zurück, die mit Ferdinand II . selbst in Verbindung stehen soll. ‚Princeps in compendio‘53, so der Titel ­dieses kleinen Werkes, steht in der Reihe der sogenannten Fürstenspiegel, mit denen junge Herrscher in die Prinzipien des Regierens eingeführt werden sollten. Das Buch bietet eine Richtschnur für das Verhalten gegenüber Gott und eine Anleitung zum Schutz und der Förderung der katholischen Religion auch hinsichtlich der Abwehr von Häresien.54 Das Prinzip der ‚Pietas Austriaca‘ selbst gründet in den Herrschertugenden, die seit Rudolph I. (1218 – 1291) innerhalb der Habsburger Dynastie tradiert wurden. Programmatische Entfaltung erfuhr die ‚Pietas Austriaca‘ aber erst bei Ferdinand II.55 Ferdinand II is at the center of Coreth’s Pietas Austriaca, because he was the first ruler to break almost completely with sixteenth-century forms of religious coexistence in Austrian and Czech core lands of the Habsburg monarchy and to enforce the Catholic religion there. Moreover, according to his confessor Wilhelm Lamormaini, he would have preferred to lose

50 Dieser Anspruch berührt nicht nur wesentliche Inhalte des Konfessionalisierungsparadigmas, sondern greift auch jene Überlegungen auf, die im Rahmen der sozioökonomischen Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand angestellt werden. Vgl. Kapitel 4 Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien; vgl. Tropper 2003, 286. 51 Vgl. Scheutz 2017, 250. Damit ersetzte der Ausdruck ‚Pietas Austriaca‘ das polarisierende Begriffspaar ‚Volks- und Elitenfrömmigkeit‘, das zuvor in der Forschung gebräuchlich war. Zur Verabschiedung ­dieses Begriffes vgl. Holzem 2002. 52 Coreth 1982, 9. 53 Eine Neuedition d ­ ieses Textes liefert Franz Bosbach. Vgl. Bosbach 1991. Neben dem Aufsatz von Oswald Redlich ist hier auch der neuere Beitrag von Hans Sturmberger wichtig. Vgl. Redlich 1906; vgl. Sturmberger 1965. 54 Vgl. Coreth 1982, 9 – 10. 55 Vgl. Ducreux 2011, 277.

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all of his lands, power, wealth, and resources rather than suffer a single heretic living in his duchies and kingdoms.56

Im Hintergrund steht hier die Idee von Gottesgnadentum, die unauflöslich mit der ­‚Pietas Austriaca‘ im Zusammenhang steht.57 Auf diese Weise diente eine intensive Frömmigkeitspraxis nicht nur der Legitimierung der Herrschaft, sondern auch ihrem Erhalt.58 Dies bedeutete aber nicht, dass die katholische Frömmigkeit bloß ein Mittel zum Zweck darstellte. An der konfessionellen Einheit im wahren katholischen Glauben hing auch das Seelenheil der irrgeleiteten Evangelischen, welches Ferdinand II. persönlich am Herzen lag. Um das Jahr 1630 äußerte sich der ­Kaiser nach Auskunft seines jesuitischen Beichtvaters Wilhelm ­Lamormaini  59 dazu wie folgt: Die Uncatholischen […] irren sich weit, wann sie meynen, daß ich ihnen feind seye, indem ich ihnen ihren Irrthum verbeute. Ich hasse sie gar nicht, sondern ich liebe sie treulich: Dann wann ich sie nicht also liebte, so wäre ich ihrenthalben ohne alle Sorg, und liesse sie irren. Gott ist mein Zeug, daß sie mir so lieb seyn, daß ich ihr Heil auch mit Verlust meines Lebens befördern wolte. Wann ich wüste, daß sie mit meinem Tod könten zu dem wahren Glauben wiedergebracht werden, wolte ich diese Stund willig und gern dem Nachrichter meinen Hals herbieten.60

Damit ist nun angedeutet, dass eine Reduktion auf ausschließlich politische Beweggründe in der Religionsfrage viel zu kurz greift und der gegenreformatorische Antrieb auch frommen Absichten und fürsorglichen Motiven entspringt.61 Zur festen Formel wird der Terminus ‚Pietas Austriaca‘ durch die Werke von Diego da Lequile, Johann Ludwig Schönleben und Adalbert Czerwenka. 62 Nach Johann Ludwig ­Schönleben und seinem Werk aus dem Jahr 1680 wird die ‚Pietas Austriaca‘ von drei Aspekten getragen: katholischer Glaubenseifer, Verehrung der Eucharistie und Einsatz für die

56 Ebd., 282. 57 „More than a set of shared beliefs, Pietas Austriaca was a system for sacralizing and sanctifying the legitimacy of the dynasty through representations, as well as paving an early-modern path to Austrian State mystic and raison d’État.“ ebd., 279. 58 Aber nicht nur für die habsburgische Dynastie gilt die Annahme einer göttlichen Präsenz und Intervention auf Erden durch ihr Wirken, denn „ties between religion and politics have been inherent to the power of rulers from antiquity through the Enlightenment and the French Revolution, and in some cases even beyond.“ ebd., 278. 59 Zum Einfluss des Jesuiten Wilhelm Lamormaini (1570 – 1648) auf Ferdinand II. vgl. Bireley 1981. 60 Raupach 1740, Bd. 4, 433. 61 Diese Einsicht berührt bereits einen wesentlichen Kritikpunkt an der Konfessionalisierungsthese, der die Frage nach und das Ringen um die theologische Wahrheit zum Gegenstand nimmt. Vgl. Kapitel 3.4.1.4 Kritik an der Äquivalenzthese und Stellenwert der theologischen Wahrheitsfrage. 62 Vgl. Diego da Lequile 1655; vgl. Schönleben 1680; vgl. Czerwenka 1691.

Aspekte katholischer Konfessionalisierung

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unbefleckte Empfängnis.63 In weiterer Folge fasst der Jesuit Joseph Scalletari in einer Schrift alle zur ‚Pietas Austriaca‘ gehörenden Glaubensinhalte zusammen: Gottesverehrung, Kult des Kreuzes (‚Fiducia in Crucem Christi‘), Eucharistie (‚Pietas Eucharistica‘) und Marienverehrung (‚Pietas Mariana‘).64 Das Kreuz als ­Zeichen der Frömmigkeit des habsburgischen Herrscherhauses Österreich diente in erster Instanz der Vergegenwärtigung der eigenen Leidensbereitschaft. Als genuin christliches Symbol wurde es zudem in Abgrenzung zu anderen Religionen (besonders in Abgrenzung zum Islam) verwendet und betont.65 Zudem trat vor allem durch die Jesuiten und Kapuziner eine Frömmigkeitspraxis in Erscheinung, die sich stark am Leiden Christi als zentrales Motiv orientierte. In ­diesem Zusammenhang trat die Herz-Jesu-Verehrung in den Vordergrund. Kreuzwege und Kalvarienberge, die in der Zeit des Barockkatholizismus errichtet wurden, sind Ausdruck und ­Zeichen dieser Frömmigkeit.66 Ebenso unmittelbar an den Barockkatholizismus der Habsburger gebunden entstand eine eucharistische Frömmigkeit, die demonstrativ vor allem bei Fronleichnams- und Flurprozessionen zur Schau gestellt wurde.67 Die durch einen göttlichen Gnadenakt gegebene Machtposition sollte in einem klaren Missionsbefehl und der absoluten Treue zur Religion sichtbar rückvergütet werden. Da das Anrecht auf diese Macht durch eine nach außen getragene ‚Pietas Eucharistica‘ immer wieder neu verdient werden musste, zeigte sich ein intensivierter und demonstrativer Glaubenseifer besonders am Höhepunkt der Machtausdehnung im Haus Österreich.68 So wird vor allem die tägliche Mitfeier des Meßopfers betont, die im 17. Jahrhundert in der Familie zur Selbstverständlichkeit wurde. Darüber hinaus war es vielfach üblich, mehreren Messen täglich beizuwohnen, wie dies schon im Mittelalter frommer Brauch gewesen war. […] Der öffentliche Kommunionempfang des Kaisers und des Hofes wurde bei feierlichen Anlässen, bei Wallfahrten oder bei den durch Ferdinand III . und Leopold I. abgelegten Gelöbnissen durchaus üblich und kam erst ­später durch den Einfluß von Jansenismus und Aufklärung ab.69

Die Prozessionen bildeten das Herzstück der offiziell zelebrierten ‚Pietas Eucharistica‘ der Habsburger. Als Akte der Huldigung und des Bekenntnisses katholischer Rechtgläubigkeit wie auch als feierlicher Triumph der ­Kirche sind sie in erster Linie als Demonstration des 63 Vgl. Schönleben 1680, 167. 64 Vgl. Coreth 1982, 17. 65 Vgl. Coreth 1982, 38. Anders als die eucharistische Frömmigkeit war auch die hoch gehaltene und nach außen getragene Verehrung der Dreifaltigkeit nicht gegen den Protestantismus, sondern vielmehr gegen den Islam gerichtet. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 188. 66 Vgl. Tropper 2003, 282. 67 Vgl. ebd., 282. 68 Vgl. Coreth 1982, 31. 69 Ebd., 26.

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katholischen Glaubens zu werten.70 Zudem bildet die ‚Pietas Eucharistica‘ eine Plattform der Begegnung von Herrscher und Untertanen und ist daher als verbindendes Element zu betrachten. Die Marienverehrung ist kennzeichnend für die Zeit der katholischen Restauration. Marias Beitrag zum Erlösungswerk wurde auf protestantischer Seite nicht mehr anerkannt, vielmehr wurde Maria auf die Mutterschaft Jesu reduziert. Für Katholiken gilt sie als Siegerin aller Schlachten Gottes, als Patronin der katholischen Heere. In eben dieser Hinsicht kommt Maria in der Zeit der Gegenreformation und der Türkengefahr eine eminente Stellung zu.71 Der Marienkult und die Marienfrömmigkeit manifestierten sich in zahlreichen Mariensäulen in den Städten, der Intensivierung des Loreto Kultes und der Zunahme marianischer Wallfahrtsorte.72 Über die Bedeutung der Marienfrömmigkeit bei Ferdinand II. informiert der aus dem 18. Jahrhundert stammende Historiker Mathias Fuhrmann, der den K ­ aiser in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu jenem Gnadenbild beschreibt, welches in der von dessen Gattin Eleonora von Mantua gestifteten Loretokapelle aufbewahrt wurde.73 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die ‚Pietas Austriaca‘ als Herrschertugend nicht nur verinnerlicht, sondern auch aktiv gelebt und zelebriert werden musste, damit das Fortbestehen der Herrschaft garantiert blieb. Ein großer Wert wurde auf die Eroberung des öffentlichen städtischen Raumes durch eine rituell erfahrbare und sichtbar inszenierte neue katholische Frömmigkeit gelegt. Der Wiener Hof propagierte bis in die 1760er-Jahre hinein die öffentlichen Gottesdienste, den Besuch der Heiligen Gräber zu Ostern, das feierliche Begehen des Fronleichnamsfests, die Ausfahrten des Hofs in die Klöster, die Wallfahrten, die Prozessionen und die in der Nachfolge Christi stehende Fußwaschungen am Gründonnerstag besonders stark.74

Die in der ‚Pietas Austriaca‘ angelegte Förderung einer multisensorisch erfahrbaren und emotional aufgeladenen Gottesnähe weisen sie als Instrument der Sozialdisziplinierung und katholischen Konfessionalisierung aus. 70 Vgl. ebd., 27. 71 Im Jahr 1647 wurde die ‚Muttergottes‘ zur Schutzfrau der habsburgischen Länder erhoben. Vgl. ebd., 45 – 47. 72 Vgl. Tropper 2003, 281 – 282. 73 „Höchst ermelter ­Kaiser Ferdinand truge bey höchst gefährlichen Umständen all sein Vertrauen zu Gott und Maria bey dieser lauretanischen Bildnis, vor welcher er auf den Knien liegende sein gerechte Sache der ­Mutter Gottes anbefahl; sie um Beystand anruffte, und sie zur obristen Befehlshaberin über seine Kriegsheere erwählete. Und nie umsonst.“ Fuhrmann 1766, Teil 2, Bd. 1, 132 – 133. 74 Scheutz 2017, 250. Mit dem aufgeklärten Rationalismus beginnt gegen Ende des Untersuchungszeitraumes die barocke Frömmigkeit zu bröckeln. War die ‚Pietas Austriaca‘ im 17. Jahrhundert noch ein fester Bestandteil des höfischen Zeremoniells, so wird mit Joseph II. ihr Zerfall eingeleitet. Begleitet wird dieser durch die Auflösung des Jesuitenordens und die Ausformung des Spätjansenismus. Strittig ist jedoch, ob das Zerstörte noch im vollen Sinne als ‚Pietas Austriaca‘ zu bezeichnen war. Vgl. Coreth 1982, 32 – 33.

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3.3 Spuren konfessionsbildender Prozesse und Freiräume evangelischer Konfessionskultur Ein grundlegender Unterschied ­zwischen der evangelischen und der katholischen Glaubenspraxis besteht im Öffentlichkeitscharakter. Im Gegensatz zur protestantischen Frömmigkeit, die in Wien im 17. und 18. Jahrhundert fast nur in kontroverstheologischen Situationen (z. B. Streitigkeiten über dogmatische Fragen) und bei Beerdigungen öffentlich in Erscheinung trat, vollzog sich die katholische Frömmigkeit zu einem erheblichen Teil außerhalb der ­Kirche und dem eigenen Haus.75 Mit Prozessionen, Wallfahrten, dem Angelusläuten 76 u. a. m. trug sie als eine Art ‚Straßenreligion‘ maßgeblich zur Sakralisierung des öffentlichen Raumes bei.77 Auch in der interpersonalen Kommunikation (verbal und nonverbal) wurde die katholische Frömmigkeit durch Grußformeln, dem sogenannten ‚Hut lüften‘ (mit einem k­ urzen Gebet auf den Lippen) und dem Kreuzzeichen nach außen getragen.78 Vor ­diesem Hintergrund ist die Überlegung von Ronald Asch, dass sich umgekehrt die Ausübung des katholischen Glaubens in einem protestantischen Land wesentlich schwieriger gestalten ließ, durchaus nachvollziehbar: „Moreover, the Catholics realized that a form of religious freedom which rested primarily on private worship without regular divine services – which was what the Protestants wanted for minorities – was inherently disadvantageous for the Catholic church.“ 79 Schon im Februar 1648 argumentierte der Erzbischof von Mainz: Die der Augspurgischen Confession zugethan, könten wol absque Exercitio unter Catholische leben, aber die Catholischen müsten das Exercitium haben, welches ihre Religion mitbringe, und könten ohne demselben nicht leben: Und also wäre es nichts, daß die der Augspurgischen Confession das Reciprocum in hoc Puncto allegirten.80

Für das Fortbestehen des evangelischen Glaubens stellte demnach das öffentliche Glaubensexerzitium keine Notwendigkeit dar.81 Vielmehr wurde dieser Glaube über Jahrhunderte hinweg überwiegend im Geheimen, hinter verschlossenen Türen und in privaten und familiären Kreisen praktiziert. Im Zentrum des Glaubensexerzitiums stand, allen voran bei den 75 Hausandachten wurden auch deshalb nicht gefördert, weil sie Ausdruck einer (kaum zu kontrollierenden) protestantischen Frömmigkeit waren. 76 Neben dem täglich dreimaligen Angelus-Geläut gab es weitere Aufforderungen zum Gebet wie etwa das Angstläuten am Donnerstag oder das Läuten der Scheidung am Freitag zur Erinnerung an die Passion Christi. 77 Vgl. Hersche 2006, Bd. 1, 432. 78 Vgl. ebd., 432 – 434. 79 Asch 2000, 81 – 82. 80 Meiern 1734 – 1736, Bd.  4, 992 – 993. 81 Das evangelische Verständnis von ­Kirche hängt weniger an ihrer Institutionalisierung als an der rechten Verkündigung des Evangeliums und dem Reichen der Sakramente. Vgl. Leeb 1999, 717. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die evangelischen Stände nicht zu allen Zeiten versucht hätten, Öffentlichkeitsstatus für das evangelische Bekenntnis zu erlangen.

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protestantischen Landleuten, die Hausandacht. Neben der Bibellektüre kamen hier Hauspostillen und andere geistliche Erbauungsliteratur sowie evangelisches Liedgut zum Einsatz.82 Die vorliegende Untersuchung fokussiert nun die nach außen hin sichtbaren und öffentlich wahrgenommenen Beispiele evangelischen Lebens und evangelischer Vergemeinschaftung in Wien. Das Spannungsfeld, in dem sich diese Konfessionskultur zu etablieren versuchte, beschreibt Josef Mayr so: „Das kirchliche Leben paßte sich den Zeitverhältnissen an; ließ man die Protestanten leidlich in Ruhe, begann ihr Kirchenwesen aufzublühen, nahm die Verfolgung zu, starb es bis auf geringfügige Reste ab.“ 83 Die Chancen auf ein evangelisches Kirchenwesen waren durch unterschiedliche politische Gegebenheiten und Kräfte bedingt und standen in engem Zusammenhang mit der jeweiligen Herrscherpersönlichkeit. Das öffentlich evangelische Leben in Wien war daher grundsätzlich von Diskontinuität, von einem Hin und Her und einem Auf und Ab gekennzeichnet.

3.3.1 Von der Reformation bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts Erst seit den 1570er Jahren kann in Wien von einer Glaubensspaltung gesprochen werden, denn zuvor hofften beide Positionen immer noch darauf, die jeweils andere auf die eigene Seite ziehen zu können. Die Menschen nahmen ein einziges religiöses Gefüge wahr, an dem unterschiedliche Kräfte zogen. Rudolf Leeb konstatiert dazu: Bis in die siebziger Jahre hören wir kaum von konfessionell motivierten Konflikten. Wenn es zu Spannungen kam, dann waren radikalere Lutheraner oder kompromißlos katholisch Gesinnte, wie die Jesuiten, daran beteiligt. […] Nicht selten war die konfessionelle Zugehörigkeit ohnehin nicht wirklich klar, vor allem war noch kaum jemand gezwungen, sich ­zwischen zwei ­Kirchen zu entscheiden – rechtlich gab es im Grunde ja ohnehin noch immer nur eine einzige.84

Ein stärkeres konfessionelles Gefühl mit einem Drang nach Öffentlichkeitscharakter und vom Katholizismus abgegrenzter Vereinheitlichung wird erstmals in den Nachwirkungen der von den Ständen errungenen Religionskonzession von 1568 deutlich. Der Versuch des Ausbaus eines öffentlichen evangelischen Gottesdienstes bzw. Kirchenwesens mitsamt einer umfassenden Kirchenordnung stellte einen Meilenstein für den niederösterreichischen Protestantismus dar, bei dem der daraufhin folgende Rückschritt noch nicht voraussehbar war.85 82 Vgl. Schreiber 2011, 107. Trotz widriger Umstände fanden die Geheimprotestanten Mittel und Wege, um am evangelischen Glauben festzuhalten. Entsprechende Zusammenhänge wurden regional bereits vielfach untersucht. Vgl. Leeb/Scheutz/Weikl 2009; vgl. Leeb/Winkelbauer 2007. 83 Mayr 1954, 61. 84 Leeb 2003, 204. 85 „[A]us katholischer Sicht war die K ­ irche in Österreich erst mit der Realisierung eines eigenen evangelischen Kirchenwesens gespalten. Konsequenterweise setzten ab ­diesem Moment die

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An d ­ iesem Scheidepunkt beginnen die nun folgenden Ausführungen zum offenkundigen und sichtbaren Restbestand des evangelischen Glaubenslebens in Wien.

3.3.1.1 Der Versuch des Ausbaus des evangelischen Kirchenwesens Die evangelische Kirchenagende der Stände des Landes unter der Enns, w ­ elche an die kaiserliche Erteilung der ‚Religionsassekuration‘ gebunden war, wurde 1571 in Druck gegeben.86 Die Kirchenordnung sollte, um nicht zuletzt sektiererischen Strömungen entgegenzusteuern, die Form und den Inhalt des lutherischen Gottesdienstes festlegen.87 Die Stände willigten vorbehaltlos in diese Bedingung ein, war doch gerade jene Zeit von dogmatischen Streitigkeiten innerhalb des evangelischen Lagers geprägt und ihr Interesse an der Beilegung dieser Differenzen groß.88 In der Hoffnung des Kaisers, dass die Protestanten zur alten K ­ irche zurückkehren würden und sein Vorgehen entsprechend vor dem Papst gerechtfertigt werden kann, wurde die Ausarbeitung der Agende durch eine zwölfköpfige Kommission beschlossen, für die er selbst sechs Personen nominierte.89 Die von den Ständen vorgeschlagenen Deputierten Landmarschall Hans Wilhelm von Roggendorf, Rüdiger von Starhemberg, Leopold von Grabner, Wolf Christof von Enzersdorf und den evangelischen Pfarrer Christoph Reuter, Prediger von der Rosenburg, ließ er ohne Einwände zu. Bei der Frage des Hauptbeauftragten fiel die Wahl erst nach längeren Beratungen auf David Chyträus, einen Theologen aus Rostock, den der K ­ aiser neben dem Superintendenten Dr. Simon Pauli den Ständen gegenreformatorischen Gegenmaßnahmen ein. […] Evangelischerseits kann wiederum die Frage nach den Grenzen der katholischen Konfessionalisierung in Österreich gestellt werden.“ Leeb 1999, 718. Der Versuch der Festigung des evangelischen Kirchenwesens bildete zugleich auch den Anstoß für seinen Niedergang. „Eben hatte das sturmartige Anwachsen des Luthertums einen Höhe- und Ruhepunkt erreicht, den es nun zu behaupten galt: anderseits sollte die neu erwachsene und noch überall unruhig gärende Glaubensgemeinschaft in den Rahmen eines festgefügten Kirchenwesens eingespannt werden.“ Krimm 1934, 3. 86 Vgl. Chyträus/Reuter 1571. Die religionspolitischen Umstände, w ­ elche die Ausarbeitung dieser Agende veranlassten, werden in der Geschichtsforschung unterschiedlich gedeutet. Vgl. Krimm 1934, 6. 87 Der Vorrede der Agende ist zu entnehmen: „So ist in allweg vonnöten / es erforderts auch die Christliche Zucht / damit s­ olche Ordnungen in der ­Kirchen einträchtig erhalten und gübt werden / auff daß der Gläubigen / ein Herz / Gemüt / Gedancken unnd Wirckung sey. Unnd hierdurch allen andern Rotten und Secten / zu Erkändtlicher Undterscheidt / gewehret unnd gesteuwret werde.“ Chyträus/ Reuter 1571, iii–iv. 88 Vgl. Krimm 1934, 5. Das konfessionelle Bewusstsein auf Basis der ‚Confessio Augustana‘ (1530) setzte im Land unter der Enns s­ päter als in anderen habsburgischen Ländern ein. Dieser Umstand wirkte sich zugunsten der katholischen Restauration aus. Hinzu kommen innertheologische Streitigkeiten und das Eindringen radikaler lutherischer Strömungen, die durch zugewanderte orthodoxe Prediger rasch Verbreitung fanden. Vor allem Anhänger des Istrianers Flacius Illyricus setzten sich in den Erblanden fest und vermochten einen großen Teil der Stände auf ihre Seite zu ziehen. Vgl. Reingrabner 2007, 390 – 391; vgl. Bibl 1899, 23 – 24; vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 252. 89 Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 77.

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selbst vorgeschlagen hatte.90 Mit ihrer theologischen Prägung durch Philipp Melanchthon entstammen beide Theologen einer gemäßigteren Richtung. Als besonders geeignet galt allerdings David C ­ hyträus aufgrund seines Erfahrungsschatzes und seiner Gelehrsamkeit.91 Die Arbeit wurde fast gänzlich in Spitz an der Donau im Schloss des Ritters Leonhard von Kirchberg verrichtet, von wo aus Chyträus Pfarrer Reuter in regelmäßigen Abständen einzelne Abschnitte zur Durchsicht zukommen ließ.92 Nach nicht einmal sechs Wochen war die Arbeit Ende Februar 1569 beendet und der Rostocker Theologe wandte sich weiteren aufgetragenen Schriften zu. Dass die Agende allerdings nicht in der von ihm erarbeiteten Form gedruckt werden würde, wusste Chyträus zu d ­ iesem Zeitpunkt noch nicht.93 Nach einem Aufenthalt von acht Monaten und einem gründlich verhandelten Abkommen über die Kirchenordnung reiste Chyträus am 15. August 1569 zurück nach Rostock.94 Die Agende war überaus umfangreich und beinhaltete nicht nur die ‚Ceremonialia‘, sondern auch das ‚Doctrinal‘ sowie die Instruktionen des Konsistoriums u. a. m. Da der K ­ aiser die Agende aber lediglich als Ceremonial- und nicht auch als Doctrinalbuch vorsah, was eine vollständig getrennte eigenständige protestantische K ­ irche voraussetzt, verwehrte er den Ständen am 13. August noch vor Chyträus’ Abreise eine eigene ­Kirche samt Konsistorium und Superintendenten in Wien.95 Ehe der K ­ aiser die Agende den Ständen übergab und ihre Drucklegung bewilligte, veranlasste er noch ihre Umarbeitung. Mit dieser ‚finalen Version‘96 gestattete er ihnen schließlich auch die Ernennung von Leitungskräften für ihre kirchlichen Angelegenheiten sowie die Bestellung eines Superintendenten.97 90 Die zunächst von den Ständen empfohlenen Vertreter, der Tübinger Kanzler Jakob Andreä und (später) der Magdeburger Superintendent Dr. Johann Wigand wurden vom K ­ aiser nicht approbiert. Dieser schlug im Gegenzug den Theologieprofessor Dr. Paul Eber oder den sächsischen Superintendenten Ambrosius Roth vor. Vgl. Krimm 1934, 7; vgl. Bibl 1899, 24 – 26. 91 Vgl. ebd., 27. 92 Vgl. Krimm 1934, 7 – 15. 93 Als Vorlage für die niederösterreichische Kirchenordnung diente die „Sächsische (1528), Nürnbergische (1530) und Brandenburgische Agende (1540), das Agendenbüchlein von Veit Dietrich, die vom Erzbischof Hermann von Köln sanctionirte Reformation (1543) und die Pfalz-Zweibrücken’sche Kirchen­ordnung (1557)“. Bibl 1899, 33. Insgesamt sollte Chyträus vier Schriften verfassen: Die Agende, eine Instruktion für Superintendent und Konsistorium, eine Erklärung zu den Artikeln der Confessio Augustana und schließlich eine Schrift mit Namen ‚examen ordinandorum‘ als Prüfungsgrundlage für junge Geistliche. Vgl. Krimm 1934, 14 – 15. 94 Vgl. ebd., 20 – 21. 95 Vgl. Bibl 1899, 34 – 35. 96 Die Kirchenordnung, ­welche 214 Blätter und 13 Abschnitte umfasst, behandelt die angeordneten Predigt-, Katechese-, und Beteinheiten an den Sonn- und Feiertagen. Thematisiert werden zudem das Taufritual, der kleine Katechismus, die Konfirmation sowie Beichte und Absolution. Ebenso enthalten ist ein Artikel zur christlichen Kirchenzucht sowie zur Ordnung des Gottesdienstes und der Sakramentsverwaltung. Weitere Abschnitte erheben Feiertage, Gebete und Litaneien über den Ehestand, den Krankenbesuch, das Begräbnis und den Tod zum Gegenstand. Vgl. Tomek 1949, Bd. 2, 343 – 346. 97 Vgl. Weiss 1883 [1872] Bd. 2, 77. Auf Chyträus’ Anliegen, vor dem Druck noch einmal Einblick in die Agende nehmen zu wollen, ist Christoph Reuter nicht eingegangen. Er sandte ihm zwei Jahre s­ päter ein

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Aufgrund der unterschiedlichen Auffassung lutherischer Theologie wurde die Agende ihrem Inhalt nach nicht einhellig begrüßt. Aufgrund der innerprotestantischen Gegensätze, die nun durch die Agende noch deutlicher zum Vorschein kamen, dauerte es schließlich Jahre, bis sie sich durchsetzen konnte.98 Davon abgesehen, gab es noch andere Faktoren, die ihre wirksame Umsetzung verhinderten. Als notwendige Erfordernisse zur Ausübung der evangelischen Religion betonte Chyträus folgende Punkte: Das Evangelium, Personen (Superintendenten, Pastoren, Prediger), ­welche die Lehre ausbreiten und feststehende Kirchenübungen, die in den Agenden vorgeschrieben sind.99 Genannte Anforderungen vermochte der österreichische Protestantismus nicht zur Gänze zu erfüllen. Es fehlte an einer anerkannten Kirchenobrigkeit und tüchtigen Predigern. Die Stände setzten viel daran, einen Superintendenten zu gewinnen, der die Anwärter für das evangelische Predigtamt examinieren und approbieren sollte. David Chyträus, den sie erneut auch für diese Angelegenheit gewinnen wollten, lehnte ab.100 Ein weiteres Mal wurde der Versuch, den fortwährenden Streit um die Lehre in den Reihen der lutherischen Prediger zu bereinigen, mit der Bestellung des Rostocker Theologen Lucas Backmeister unternommen. Er sollte durch eine Visitation der protestantischen niederösterreichischen Pfarren 1580 das Augsburger Bekenntnis festigen.101 In der Beurteilung der Agendenfrage kann abschließend festgehalten werden, dass die evangelischen Glaubensverwandten selbst einen wesentlichen Beitrag zum Scheitern d ­ ieses Unternehmens leisteten. Am Versuch des Ausbaus des evangelischen Kirchenwesens wird deutlich, dass bereits ein gewisser Grundkonsens in der Lehre bestehen muss, ehe eine Verschriftlichung und Konsolidierung derselben in Hinblick auf eine einheitliche Anwendung unternommen werden kann. Wäre die evangelische Glaubensauffassung nicht dieser Heterogenität ausgesetzt gewesen, hätte womöglich auch die Geschichte der Wiener Protestanten hier einen anderen Verlauf nehmen können.102 gedrucktes Exemplar zu und stellte ihn damit vor vollendete Tatsachen. Entsprechend groß war seine Empörung, als er der in der Agende enthaltenen Abweichungen zu seiner Fassung teilhaftig wurde. Vgl. Raupach 1732, Bd. 1, 119 – 120. Zwei Abschnitte waren überhaupt gestrichen und durch neue ersetzt worden, daneben veränderten weitere Kürzungen, Umstellungen und Einschübe ihre Gestalt. Vgl. Krimm 1934, 21 – 64. 98 Durch das Sichtbarmachen der Gegensätze drohte das angefangene Unternehmen, ein eigenständiges und vor allem einheitliches Kirchenwesen aufzubauen, schnell wieder im Sand zu verlaufen. Vgl. Lohn 1949, 9 – 10. Fest steht, dass die Agende katholischerseits nicht begrüßt wurde. Bischof Urban von Passau erhob Einspruch gegen sie und Herzog Albrecht von Bayern initiierte ihre Wider­legung durch die Theologen de Torres und Clenck. Vgl. Bibl 1899, 71. Ernst Tomek meint, dass der Streit um die Agende erst durch die gelungene Gegenreformation beendet wurde. Vgl. Tomek 1949, Bd. 2, 346. 99 Vgl. Bibl 1899, 75. 100 Vgl. Tomek 1949, Bd. 2, 347. 101 Zur Visitation im Waldviertel vgl. Reingrabner 1966. 102 „Hätte die neue Regierung ein innerlich gefestigtes und einheitlich geordnetes Kirchenwesen und eine geeinigte Protestantenpartei angetroffen, die Gegenreformation hätte wahrhaftig einen schwereren Stand gehabt.“ Bibl 1899, 116.

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3.3.1.2 Der Landhausgottesdienst Nachdem die Wiener Bürgerschaft im Anschluss an die Religionskonzession 1568 und die darauffolgende Assekuration 1571 (von der sie als vierter Stand ausdrücklich ausgeschlossen war) offiziell weder in den Stadthäusern der Adeligen noch auf den umliegenden Gütern des Adels evangelische Gottesdienste besuchen durfte, schien eine öffentliche Glaubensausübung für sie unmöglich. Als der ­Kaiser nach der Bewilligung der Religionsassekuration wieder in Wien residierte, musste er allerdings feststellen, dass die Stadthäuser des Landadels auch von den Stadteinwohnern zu Gottesdienstzwecken aufgesucht wurden.103 Unter Ausschluss der Städte und Märkte war das „maximilianische Toleranzwerk […] eine halbe Maßnahme, wo nur eine ganze die Supplikanten hätte zufrieden stellen können.“ 104 Ziel war es, die bereits geltenden Toleranzbestimmungen noch weiter auszubauen und so forderten die Bittsteller von ­Kaiser Maximilian II . eine offene ­Kirche zur Verkündigung der ‚reinen katholischen Religion nach der Augsburger Konfession‘. Der Landmarschall erklärte seiner Majestät, dass – voraus­gesetzt man fasst hierfür den Saal im Landhaus ins Auge – auch der Gottesdienstzulauf eingedämmt werden würde, zumal der Landhaussaal über eine geringere Kapazität verfügt als die vier Häuser zusammen,105 in denen bisher gepredigt wurde. Ferner würde durch die Installation einer derartigen Einrichtung auch die Ordnung wieder hergestellt werden.106 Auf das stetige Bitten der Adeligen hin bewilligte Maximilian II. für die Stände und ihre Hausgenossen in weiterer Folge zuerst das Haus des Landmarschalls zur alleinigen evangelischen Religionsausübung in der Stadt und ­später – im Jahre 1575 und auf mehrfaches Bitten hin – den Landhaussaal in Wien.107 Im Gegenzug untersagte er alle Hauspredigten in der Hauptund Residenzstadt. Der Landhausgottesdienst war wieder nur für die Stände und nicht auch gleichzeitig für die Wiener Bürger bestimmt.108 Mit der Einrichtung des Landhausgottesdienstes waren die Stände, die darin nur ein Provisorium sahen, längst nicht zufriedengestellt. „Viel lieber wäre ihnen ein richtiger Kirchenraum, eine sogenannte ‚offene‘, das heißt öffentliche, allgemein zugängliche K ­ irche gewesen, etwa die benachbarte, damals fast völlig verödete Minoritenkirche.“ 109 Der Schritt, ein derart öffent­liches Exempel gelebten evangelischen Glaubens in der Haupt- und Residenzstadt 103 Da dies nicht durch die Assekuration gedeckt war, wurden die Hauspredigten umgehend eingestellt. Vgl. ebd., 56. 104 Mecenseffy 1974, 236. 105 Neben dem Haus des Landmarschalls wurden auch in den Häusern der Herren von Hofkirchen, E ­ itzing und Enzersdorf evangelische Gottesdienste abgehalten. Auch die Herren Salm, Polheim, Auersperg und Liechtenstein haben in ihren Häusern evangelisch predigen lassen. Vgl. Bibl 1899, 56 – 57. 106 Vgl. ebd., 56 – 57. 107 In der Phase, in der das Landhaus das Zentrum öffentlich gelebten evangelischen Glaubens in Wien darstellte, war darin neben dem Saal, der mit kirchlichen Gerätschaften ausgestattet werden durfte, auch ein evangelischer Buchladen sowie eine Betstube untergebracht. Vgl. Mayr 1955, 11. 108 Vgl. Mecenseffy 1974, 236; vgl. Bibl 1902, 8 – 9; vgl. Stögmann 2001, 497. 109 Mayr 1955, 10.

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zuzulassen, konnte seitens des Kaisers nicht verantwortet werden. Nach dem Ableben ­Maximilians II . sorgte K ­ aiser Rudolf II . alsbald 1578 selbst dafür, die Landhausprediger Josua Opitz 110, Michael Hugo und Johann Tettelbach aus der Stadt auszuweisen und dem Treiben im Landhaus ein Ende zu bereiten. Jene vier Jahre aber, in denen Opitz im Landhaus wirkte, können als „eigentliche goldene Zeit der evangelischen Predigt in Wien“ 111 angesehen werden. Da diese Zugeständnisse einzig und allein durch eine mündliche Zusage gestützt waren, erschienen sie nicht gewichtig genug um von ­Kaiser Rudolf II . erneut bestätigt zu werden.112 So wurde nicht nur die Landhauskapelle wieder geschlossen, sondern auch das sonntägliche Auslaufen nach Hernals untersagt. Damit wurden Herzog Albrechts Vorschläge, der in den hiesigen Religionsangelegenheiten stets mitzumischen pflegte, schrittweise und programmatisch umgesetzt. Die Maßnahmen wurden mit der nicht gestatteten seelsorglichen Tätigkeit der Prädikanten auf die Wiener Bürger begründet. Als Reaktion darauf antworteten die Lutheraner in Wien mit einem massenhaften Auslaufen auf die Güter des Adels im Umland der Stadt. In dieser Phase gewannen vor allem die Güter in Vösendorf und Inzersdorf an Bedeutung.113 Unter der neuen Herrschaft war es nicht mehr möglich, ein evangelisches Kirchenwesen aufzubauen.114 Die Einrichtung einer Landschaftsschule ist während des Bestehens des Landhausgottesdienstes nur bedingt geglückt. Der Versuch selbst wurde bereits 1546 unternommen. Die Schule konnte ihren Betrieb allerdings nur ein knappes Jahrzehnt aufrechterhalten und ging nicht zuletzt aufgrund der spürbaren Konkurrenz der Jesuiten nicht über ihre Anfänge hinaus.115 Als die Herren und Ritter die Errichtung einer Schule im Zuge der Schaffung eines Kirchenwesens im Juni 1575 erneut vorantrieben, war es bereits zu spät.116 Die im März 1576 ohne ausdrückliche Genehmigung sondern lediglich durch eine Anzeige an den Hof eröffnete Schule konnte nur zwei Jahre bestehen. Nach dem Regierungsantritt Rudolfs II. wurde der Rektor der Schule zusammen mit den Landhauspredigern 1578 aus Wien ausgewiesen und damit auch der Fortsetzung des Schulbetriebes ein Riegel vorgeschoben.117 Dennoch gelten diese Jahre als klassische Jahre des protestantischen Schulwesens in Wien.118 110 Der aus Neukirchen bei Zwickau stammende Josua Opitz gilt als der bedeutendste Landhausprediger. Mit kaum 30 Jahren wurde er 1754 von den Herren und Rittern nach Wien berufen und auf die Agende und den Predigtdienst verpflichtet. Vgl. ebd., 11. 111 Böhl 1902, 392. 112 Ein vorgelegtes Schreiben des verstorbenen Kaisers und drei von ihm stammende handgeschriebene Zettel zu dieser Causa vermochten die Zustimmung K ­ aiser Rudolfs II. nicht zu erwirken. Vgl. Bibl 1899, 64. 113 Vgl. Stögmann 2001, 502. 114 Vgl. Mecenseffy 1974, 238. 115 Vgl. ebd., 236. 116 Vgl. Mayr 1954, 79. 117 Vgl. Mecenseffy 1974, 236; vgl. Reingrabner 1966, 318. 118 Zu den besonderen Aufgaben der Landschaftsschule zählte die Unterweisung in der Gottesfurcht bzw. in der evangelischen Glaubenslehre, die Vermittlung von Sprachkenntnissen und den ‚guten Künsten‘ sowie eine Sittenlehre. Die Schulordnung war auf fünf Klassen mit je einem Präzeptor ausgelegt. Ein

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3.3.1.3 Der Evangelische Gottesdienst auf den Besitzungen des Landadels Der Anteil der evangelischen Herren und Ritter belief sich im Land unter der Enns um 1580 auf etwa 90 %.119 Auf Basis des Patronats- bzw. Präsentations- und Besetzungsrechtes, welches die adeligen Grundherren über viele Pfarren hatten, konnten evangelische Prediger legal in ihre Ämter gelangen.120 Solange es die Landhauskirche gab und solange die Prediger der Adeligen in den ‚Freihäusern‘121 Gottesdienste abhielten, hielt sich auch das ‚Auslaufen‘ in Grenzen. Spätestens aber mit der Ausweisung von Josua Opitz setzte es erneut ein. Seit den 1580er Jahren wurden die Schlossprediger auf den Hof zitiert, um einen Revers zu unterschreiben, der sie von der fremden Seelsorge ausschloss. Auf Verweigerung folgte die Inhaftierung und sechs Wochen s­päter der Landesverweis.122 Bis zur Kapitulationsresolution 1609 stieg die Zahl der Ausläufer (allerdings nicht kontinuierlich) dennoch auf etwa 10.000 an.123 Von 1579 bis in das Jahr 1650 hinein wurden immer wieder Erlässe verabschiedet, die unter Strafandrohungen das ‚Auslaufen‘ unterbinden sollten. Bezahlte Kundschafter schlossen sich den auslaufenden Massen an, um so einzelne Personen zur Anzeige bringen zu können.124 Kollaborator, ein Kantor und zwei Gehilfen sollten Tag und Nacht bei den Schülern sein und in der Schule wohnen. Dies übertraf die eigentlichen Kapazitäten der aufgehobenen Landschaftsschule am Minoritenplatz. Vgl. Mayr 1954, 79. 119 Nach 1580 ist dieser Anteil infolge der gegenreformatorischen Maßnahmen im Schwinden begriffen. Vgl. Reingrabner 1973, 7 – 8. 120 Vgl. Leeb 2003, 197. Die niederösterreichischen Herren und Ritter nehmen hier eine Sonderstellung ein, denn „auf Grund der Religionszusage Ferdinands II. [waren sie bis 1627] nie genötigt zum Katholizismus zu konvertieren. Hierdurch hoben sie sich nicht allein vom Rest der Bevölkerung des Erzherzogtums Österreich unter der Enns ab, sondern auch von den meisten ihrer Standesgenossen in anderen europäischen Territorien.“ Schreiber 2011, 78. Da sich auch das kirchliche Leben der Wiener Protestanten nicht nur innerhalb der Stadtmauern abspielt, erweist sich ein Blick in die Peripherie der Stadt als unerlässlich. Bereits Josef Mayr mahnt: „Wer sich mit Wiener Protestantengeschichte beschäftigt, darf an den Toren der Stadt keineswegs haltmachen.“ Mayr 1954, 97. 121 Der Ausdruck ‚Freihäuser‘ verweist auf in der Stadt gelegene Häuser im Besitz von Adeligen. Als Mitglieder der obersten Stände entfielen für sie nicht nur die bürgerlichen Abgaben, sondern auch die ansonsten eingeforderte Quartierbelastung durch den Hof bzw. das obersthofmarschallische Amt. Vgl. Rescher 2016, 102. 122 Vgl. Stögmann 2001, 515 – 516. 123 Aufgrund der Unterstützung der niederösterreichischen Stände in der Auseinandersetzung mit Rudolf II. sah sich Erzherzog Matthias gezwungen Zugeständnisse zu garantieren. Dies bedeutete insofern freie Religionsausübung in den Städten und Märkten, als es zu keiner katholischen Einpfarrung mehr kam, das ‚Auslaufen‘ nicht länger bestraft wurde und eigene protestantische Friedhöfe angelegt werden durften. Die Kapitulationsresolution 1609 stellte für die gegenreformatorischen Maßnahmen eine Zäsur dar. Vgl. ebd., 519. 124 Vgl. Mayr 1954, 98. In der Regel wurden zunächst nur Geldstrafen z­ wischen 50 und 100 Talern über die Ausläufer verhängt. Unter Melchior Khlesl wurden die Strafen Ende 1585 verschärft. Nach einer einmaligen Ermahnung folgten bei erneutem Zuwiderhandeln eine vierzehntägige Gefängnisstrafe und zuletzt der Landesverweis. Vgl. Stögmann 2001, 516.

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Die Absicherung des Konfessionsbestimmungsrechts im Westfälischen Frieden resultierte in eine neue Phase der Gegenreformation. Zuvor wurden von Ferdinand III. frühere landesfürstliche Verordnungen erneuert, um das evangelische Glaubensexerzitium weitestgehend einzuschränken. Eine flächendeckende Wirkung zeigten diese Verbote aber nicht. Dies sollte sich fortan mit einem direkten Zugriff auf die konfessionellen Verhältnisse durch die niederösterreichische Regierung und an den Adeligen vorbei ändern.125 Bis zum Ende der Tätigkeit der Reformationskommissionen 1654 war das Land unter der Enns weitgehend rekatholisiert worden.126 Ausnahmen bildeten die Grenzregionen zu Ungarn, in denen Evangelische immer noch mit Gottesdiensten im Ausland versorgt werden konnten. Nur wenige Adelige blieben in dieser Phase dem evangelischen Glauben treu. In den niederösterreichischen Adelsfamilien waren es häufig Frauen, die das protestantische Erbe wahrten. Männer entschieden sich vielfach aus Karrieregründen zur Konversion.127 In vielen Familien lässt sich daher eine Teilung ­zwischen Emigration und Konversion beobachten.128 Bis in die ersten Dekaden des 18. Jahrhunderts hinein kam es zu einer nahezu vollständigen Zurückdrängung evangelischer Adelsfamilien im Erzherzogtum Österreich. Sie sind zum größten Teil entweder ausgestorben, ausgewandert oder zum katholischen Glauben konvertiert.129 Im Folgenden werden nun drei wichtige Adelsgüter im Umkreis von Wien unter dem Aspekt ihrer Bedeutung für das Fortbestehen des Wiener Protestantismus einer näheren Betrachtung unterzogen. 3.3.1.3.1 Hernals Die Herrschaft Hernals kann zurecht als die „Hochburg evangelischen Glaubens“ 130 bezeichnet werden. Unter Helmhard Jörger VIII., der das Gut 1578 von den Geyer von Osterburg 131 erwarb, wurde das Kirchenwesen in Hernals zu Beginn des 17. Jahrhunderts neu belebt. ­Bernhard Raupach zufolge klagte der Wiener Bischof Melchior Khlesl im Jahr 1612: 125 Vgl. Hengerer 2012, 292. 126 Zur Tätigkeit der Reformationskommissionen vgl. Scheutz 2009a, 186 – 196. 127 Grundsätzlich stand dem landsässigen Adel eine Karriere am Wiener Hof, in den Zentralbehörden, im Landesregiment, in der ständischen Verwaltung und dem kaiserlichen Heer offen. Der systematische Ausschluss unter Rudolf II. führte aber zu einem Konversionsdruck, dem viele evangelische Adelsfamilien nicht standhalten konnten. Vielfach erfolgte nach der Konversion ein unmittelbarer Karriereschub, was einen direkten Zusammenhang offensichtlich macht. Vgl. Hengerer 2012, 297; vgl. Schreiber 2011, 147; vgl. Scheutz 2009c, 214. 128 Vgl. Peper 2010, 52. Im Jahr 1655 stiftete Ferdinand III. Gelder zur katholischen Erziehung von adeligen Waisenkindern. Bei adeligen Halbwaisen oblagen die Vormundschaft und damit auch die Angelegenheiten der Kindererziehung dem Landesfürsten. Vgl. Hengerer 2012, 295. 129 Vgl. Schreiber 2011, 11. 130 Mecenseffy 1974, 237. 131 Das Gut Hernals ging 1515 an Hans Geyer, Herrn zu Osterburg, Hard und Haindorf. Die Geyer von Osterburg verhalfen der evangelischen Religionsausübung in Hernals zu einem ersten Höhepunkt. Ein reger Zulauf aus der Stadt Wien geht aus den Forderungen des Obersthofmeisters und Vizekanzlers

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[D]aß er seit der vom Könige den Evangelischen Ständen erneuerten Conceßions-Verwilligung an seiner geistlichen Jurisdiciton zu Wien allermassen turbiret würde, also daß ihm dieselbe von den Predicanten zu Hernals ganz und gar benommen, bemeldte Predicanten ungescheut in die Stadt kämen […] Kinder tauften, die Sacramenta administrirten […] draussen zu Hernals aber eine ganze geistliche Rempublicam und Jurisdictionem […] anstelleten […].132

Mit Khlesls Klage wird vor allem die Ignoranz der Evangelischen gegenüber den Restriktionen zur Glaubensausübung deutlich. Zugleich bestätigt er den enormen Einfluss, den die evangelischen Adelsgüter, allen voran Hernals, auf die Wiener Bürger ausübten. Seit dem Beginn der Regierungszeit ­Kaiser Ferdinands II. wurde die evangelische Glaubensausübung alsbald wieder massiv zurückgedrängt. Im Zuge der ihm entgegengebrachten Erbhuldigung und den Wirren um den böhmischen Aufstand, der in der Schlacht am Weißen Berg 1620 sein Ende nahm, verlor Helmhard Jörger seine Besitzungen.133 Als es 1625 zur endgültigen Konfiskation derselben kam, bedeutete dies auch das Ende sowohl für das Hernalser Kirchenwesen als auch für das ‚Auslaufen‘ nach Hernals. Das Patronatsrecht wurde infolge dem Wiener Domkapitel einverleibt. Im Allgemeinen konnten die niederösterreichischen Herren und Ritter ihr Patronatsrecht in ihren K ­ irchen und auf ihren Schlössern bis zum 14. September 1627 wahren. Nach der Ausschaffung evangelischer Prädikanten und Lehrer mussten sie jedoch auf lutherische Gottesdienste im Ausland ausweichen. Die meisten adeligen Protestanten begaben sich hierfür nach Ödenburg oder Pressburg, manche auch nach Regensburg oder Ortenburg, eine Grafschaft südlich von Passau.134 3.3.1.3.2 Inzersdorf Als Inhaber des Gutes Inzersdorf wird im Jahr 1559 Hieronymus Beck genannt. Ab 1562 wird das Schloss der Geyer zu Osterburg mit Unterstützung evangelischer Adeliger zu einem evangelischen Zentrum ausgebaut. Um den regen Zustrom aus Wien ab 1578, aber auch aus Brunn, Mödling und Perchtoldsdorf bewältigen zu können, wurde Pfarrer Abraham ­Ströbel ein gewisser Theophylact Sartory als Kollege zur Seite gestellt, der jedoch 1579 wegen hervor, diese Übergriffe abzustellen. 1572 wurde Geyer per Dekret wegen seines Eingreifens in fremde Jurisdiktion gerügt, so auch 1576. Vgl. Bibl 1899, 55 – 56. Unter den Jörgern gelang das Gut Hernals zu seiner zweiten Blüte evangelischen Lebens. Diese fand schließlich im Jahr 1625 ihr Ende. Vgl. ­Westmüller 1965, 151 – 152. 132 Raupach 1740, Bd. 4, 309 – 310. 133 „Der blutige Triumph der Habsburger über die Ständeopposition in den böhmischen und österreichischen Ländern war zugleich ein Sieg des katholischen Adels, der bereit war, Absolutismus und Gegenreformation zu unterstützen und aktiv mitzutragen – soweit sie nicht seinen sozio-ökonomischen Interessen widersprachen.“ Winkelbauer 1992, 352. 134 Vgl. Schreiber 2011, 102 – 103. Von 1627 – 1781 war das evangelische Religionsexerzitium im Erzherzogtum Österreich unter der Enns verboten. Dem protestantischen Adel blieb nur noch das Privatexerzitium auf Basis des Westfälischen Friedens. Vgl. Schnettger 2010, 604. Zu den nächstgelegenen ausländischen protestantischen Gemeinden in Ödenburg und Pressburg vgl. Csepregi 2009, 299 – 330.

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Gehorsamsverweigerung ausgewiesen wurde. Weil das kleine Kirchengebäude den sonntäglichen Ansturm von mindestens 2.000 Menschen (1581 sogar bis zu 4.000) nicht gewachsen war, wurden die Gottesdienste in den Schlosshof und damit ins Freie verlegt. Auch die Geyer von Osterburg wurden in ihrer seelsorglichen Tätigkeit schnell von Erzherzog Ernst auf ihren Zuständigkeitsbereich verwiesen. Die Nachfolge von Sartory und Ströbel traten Leonhard Fehler und Johann Hosius an. Dass das ‚Auslaufen‘ nicht vollständig unterbunden werden konnte, beklagt Reichshofrat Georg Eder noch 1585. Immer wieder wurden Prediger ausgewiesen und nachbesetzt. 1603 erloschen auch für Inzersdorf die Bestimmungen der Religionskonzession und damit die evangelischen Gottesdienste für die nächsten Jahre bis zur Kapitulationsresolution. Die endgültige Schließung der Pfarre in Inzersdorf erfolgte 1627. Zuvor fanden hier die drei exilierten Pfarrer aus Hernals nach 1625 noch Unterschlupf.135 3.3.1.3.3 Vösendorf Mit Johann Behem war in Vösendorf schon 1573 ein lutherischer Prediger tätig. Über den regen Zulauf, der sich wiederum 1578 und ebenfalls mit Anteilen aus Mödling und Perchtoldsdorf einzustellen begann, zeigte sich Melchior Khlesl erbost: [A]lßo daß geen Vesendorf die verschienen heilig zeitt, nemlichen am Palmsontag und am heiligen Ostertag viel über die 100 Wegen gefahren. Ich geschweig der Fußgeher und deren, so geritten sind und was aus solchem besen Exempl für ein Anzal Seelen aus den umliegenden Märkten und Flecken abgewendet, verfürt und eines mit dem andern verderbt wird […].136

Der Landesherr war bemüht, die Verbote zu erneuern und forderte die Unterfertigung eines Reverses, mit dem die unzulässige Seelsorge der Vösendorfer und Inzersdorfer Prediger unterbunden werden sollte. Nach einer Reihe von Inhaftierungen, Ausweisungen und Nachbesetzungen sowie patronatsrechtlichen Streitigkeiten (die Klagen der katholischen Pfarrer wegen finanzieller Einbußen trugen dazu bei) musste auch diese ­Kirche schließlich zurückgegeben werden. Ab 1592 wurden die Gottesdienste nicht mehr in der ­Kirche, sondern im Schloss gefeiert. Da der Gutsherr Georg Andreas von Hofkirchen Ferdinand II. die Huldigung verwehrte, musste er nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 das Gut Vösendorf aufgeben. Trotzdem konnte auch hier in der Folgezeit die evangelische Gesinnung nicht ausgelöscht werden.137 Das Phänomen des (zuweilen massenhaften) ‚Auslaufens‘ ist im Rahmen der gegenständlichen Untersuchung deshalb von Interesse, weil jene Menschenströme, die sich in regelmäßigen Abständen stadtauswärts bewegten, Ausdruck jener kollektiven evangelischen Identität sind, die genährt durch unterschiedliche Einflüsse bis zur Toleranzgesetzgebung überdauert. 135 Vgl. Leeb 2017b, 187 – 189. 136 Zitiert nach Bibl 1909b, 161. 137 Vgl. Leeb 2017b, 191 – 192.

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Ungeachtet dessen, dass diese Gottesdienste außerhalb der Stadt und ihrer Vorstädte gefeiert wurden, sind die immer wieder beschrittenen Wege zu den Gütern der landsässigen Adeligen eine Form von Vergemeinschaftung und ein Sichtbarwerden evangelischer Konfessionskultur in Wien abseits der geltenden Bestimmungen in der Religionsfrage.

3.3.2 Die Wiener Gesandtschaftskapellen im 17. und 18. Jahrhundert Der religionspolitische Kurs der habsburgischen Herrscher, allen voran Ferdinands II., hat das evangelische Glaubensexerzitium weitgehend zum Erliegen gebracht. Aufgrund des dichten Systems der religiösen Kontrolle gab es kaum noch Schlupfwinkel und Ausweichmöglichkeiten für Evangelische. Karl Ritter von Otto verweist auf diesen Einbruch folgendermaßen: Die evangelische ­Kirche hatte seit Mitte des 17. Jahrhunderts in allen k. k. österreichischen Erblanden aufgehört vor dem Staatsgesetze zu existiren. […] Nur in der kaiserlichen Hauptund Residenzstadt blieb es in beschränkter Weise geduldet.138

Mit der im Westfälischen Frieden verankerten grundsätzlichen Parität der Konfessionen war in der Haupt- und Residenzstadt Wien ein gewisses Maß an Duldung notwendig. Einen sichtbaren evangelischen Anteil stellten etwa evangelische Mitglieder der Reichsbehörden und Delegationen protestantischer Mächte dar, die sich teils vorübergehend, teils ständig in Wien aufhielten.139 Neben diesen Vertretern höheren sozialen Ranges war man bei Bedarf auch bereit, bei anderskonfessionellen Vertretern militärischer, künstlerischer und wirtschaftlicher Funktionseliten über das konfessionelle Hindernis hinwegzusehen.140 Zu den um 1650 in Wien noch offenkundig nichtkatholischen unterprivilegierten Beschäftigungsgruppen zählten Dienstboten, Handwerksgesellen, Weinhauerknechte, Brauereiarbeiter u. a. m.141 Nicht nur ihnen, sondern auch hohen Funktionsträgern, selbst den evangelischen Reichshofräten blieb der evangelische Gottesdienst in Wien verwehrt.142 Einzige Ausweichmöglichkeit in 1 38 Otto 1886, 120. 139 Der Westfälische Friedensvertrag bildete die rechtliche Grundlage für die Besetzung protestantischer Reichshofräte in Wien sowie die Anwendbarkeit der Reichskammergerichtsordnung und steht im Zusammenhang mit den Bestrebungen zur konfessionellen Parität im Reich. Neben seiner beratenden Funktion in Reichsangelegenheiten war der Reichshofrat für Privilegien und Gnadenangelegenheiten zuständig. Wirkte sich die Konfession eines Reichshofrates auch nicht auf seinen aktuellen Rang aus, so war sie dennoch ein Hindernis für seine weitere Karriere. Vgl. Schnettger 2010, 600, 604. Zur Bedeutung und Funktion des Reichshofrates sowie einzelnen Vertretern des Reichshofrates vgl. Gschliesser 1970 [1942]. 140 Vgl. Schnettger 2010, 599. 141 Vgl. Stögmann 2007, 288. Die letzten beiden genannten Beschäftigungsgruppen scheinen in den evangelischen Sterbeeinträge, die erst mit dem Jahr 1736 einsetzen, nicht auf. Als weitere unterprivilegierte Bevölkerungsgruppe treten jedoch die in Mannschaften dienenden Soldaten in den Vordergrund. 142 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 58.

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­ ieser Angelegenheit war das ungarische Ödenburg oder Preßburg.143 Vor ­diesem Hinterd grund gewinnen die Kapellen exterritorialer evangelischer Gesandtschaften an Bedeutung.144

3.3.2.1 Die Stellung und die Bedeutung der Gesandtschaftskapellen in Wien Durch die Einrichtung evangelischer Gesandtschaften änderte sich die Lage vor allem für hochrangige Protestanten in der Haupt- und Residenzstadt. Auf Basis des damals geltenden Gesandtschaftsrechts wurden in der dänischen und schwedischen Gesandtschaftskapelle Gottesdienste nach dem augsburgischen Bekenntnis und in der sogenannten ‚holländischen‘ Gesandtschaftskapelle nach dem helvetischen gefeiert.145 Die drei Gesandtschaftskapellen galten nach den Erfolgen der Gegenreformation als letzte Bastion sichtbarer evangelischer Glaubensausübung in Wien. In dieser Position bezeichnet sie Christian Stubbe als „ecclesia pressa“ 146, als bedrängte K ­ irche, deren Existenzrecht allein ihr völkerrechtlicher Schutz garan147 tierte. Für die in den habsburgischen Erbländern verfolgte Religionspolitik kann dieser Umstand nicht weniger als ein notwendiges Übel bedeuten, welches immer wieder auf seine zugewiesenen Grenzen zurückgedrängt werden musste. Die Gesandtschaftskapellen trugen wesentlich dazu bei, dass evangelisches Leben in Wien nicht nur bestehen blieb, sondern sogar wieder zu florieren begann. Den geistlichen Nährboden dieser Entwicklung bildete ein pietistisches Netzwerk hallischer Prägung z­ wischen Wien, Ödenburg und Pressburg, welches in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufzublühen begann. Gerade zu festlichen Anlässen wurden die evangelischen Gottesdienste in diesen freien ungarischen Städten aufgesucht. Der pietistische Durchbruch unter den Evangelischen in Wien gelang vor allem durch das Wirken des schwedischen Gesandtschaftspredigers Christian Lerche (1723 – 1733) und des dänischen Gesandtschaftspredigers Christian Nicolaus 143 In dieser Phase weisen die Wiener Totenbeschauprotokolle noch keine Sterbeeinträge auf, die einen konfessionellen Unterschied berücksichtigen. Bedenkt man allerdings das Sterbealter in den frühen evangelischen Einträgen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, so reichen die Spuren des Evangelischen Lebens in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle in vielen Fällen bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück, vereinzelt sogar bis in die erste Hälfte. Aufgrund des bei Heinrich Bachstramb (12. 12. 1737 [Nr. 50]) erfassten Sterbealters von 97 Jahren fällt sein Geburtsjahr noch in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 92v. Ähnliches gilt für die Hutmacherwitwe Barbara Koflin (31. 05. 1737 [Nr. 26]) mit einem Sterbealter von 89 Jahren. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, fol. 372r. Ob die entsprechenden Personen immer schon in Wien gelebt haben und/oder wie weit das evangelische Bekenntnis in den jeweiligen Biographien zurückreicht, kann die Quelle nicht beantworten. 144 Eine umfassende Darstellung des evangelischen Lebens in Wien im Kontext der Gesandtschaftskapellen zur Zeit Karls VI. liegt mit der neuen Publikation von Stephan Steiner vor. Vgl. Steiner 2021. 145 Vgl. Stögmann 2007, 285; vgl. Reingrabner 1996, 42. 146 Stubbe 1932a, 16. 147 Das Modell der fremdkonfessionellen Gesandtschaftsgottesdienste konnte sich in dieser Weise nur etablieren, weil diese exterritoriale, also außerhalb des Landesterritoriums gelegene, Einrichtungen darstellten. Vgl. Kaplan 2002, 345 – 346.

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Möllenhoff (1728 – 1736).148 Neben dem persönlichen Austausch mit ungarischen Geistlichen hielten in dieser Zeit zudem verstärkt pietistische Literatur und hallische Hauslehrer in Wien Einzug. Mit der sogenannten ‚ungarischen Cassa‘ sollten zudem die Gemeinden, Schulen und Bedürftigen sowie der Buchvertrieb in Westungarn unterstützt werden. Daneben richteten fromme evangelische Adelige auch Stiftungen ein, die in einem breiteren Kreis eingesetzt wurden.149 Zoltán Csepregi hält hierzu fest: „Die Religionspolitik der Botschaften der größeren protestantischen Länder in Wien bedeutete also nicht nur für die Wiener eine wahre Oase, sondern war auch für intellektuelle Kreise in Ungarn wichtig.“ 150 Diese Entwicklungen verliefen gewiss nicht konfliktfrei. Ein wichtiges Zeugnis, welches diesen Aufschwung gleichermaßen dokumentiert und beklagt, liegt mit den im Jahre 1736 an ­Kaiser Karl VI. übergebenen ‚Gravamina Religionis Catholica & in specie Archi-Dioecesos Viennensis contra Haereticos accrescentes‘ des Wiener Erzbischofs Sigismund Graf von Kollonitsch 151 vor.152 Die Gravamina thematisieren „das in der kayserlichen Residenz-Stadt und angränzenden Gegenden überhandnehmende Lutherthum und die dadurch geschwächte Röm. Catholische Religion“ 153 mit großer Sorge. In seinem Schreiben klagt Kollonitsch zunächst über die große Anzahl der evangelischen Handwerker und Fabrikanten in den Vorstädten und dem nahegelegenen Schwechat sowie über das unangemessene Verhalten der evangelischen Handwerksgesellen, die sich über die Zunftordnungen hinwegsetzen, den Quatember-­ Messen fern bleiben und dieselben sogar stören.154 Besonders betroffen zeigt er sich über die 148 Vgl. Csepregi 2005, 689 – 691. 149 Vgl. ebd., 692 – 694. Stefano Saracino ist überzeugt, dass gerade Stiftungen wichtige Einblicke in die wirtschaftliche, konfessionelle und migrationsbedingte Vernetzung geben können und eine zentrale Rolle gerade für die nicht katholischen Bevölkerungsgruppen in Wien vor, aber auch nach der Toleranz­ gesetzgebung spielen. In seiner Untersuchung zu den ‚charitable Endowments‘ nimmt er die beiden lutherischen und die beiden orthodoxen Gemeinden in den Blick. Vgl. Saracino 2017. 150 Csepregi 2005, 697. 151 Sigismund Graf von Kollonitsch (1677 – 1751) wurde von ­Kaiser Karl VI. 1716 zum Wiener Fürstbischof nominiert. Noch im selben Jahr verlieh ihm Papst Clemens XI. das Bistum Wien. 1722 erreichte ­Kollonitsch mit Unterstützung von ­Kaiser Karl VI. die Erhebung Wiens zum Erzbistum. Als geheimer Rat und Vertrauter des kaiserlichen Hofes war er auch an Staatsgeschäften mehrfach beteiligt. Als Diözesanbischof setzte er sich verstärkt für die Verbesserung der Bildung und Disziplin des Klerus ein und nahm regelmäßig Visitationen vor. In Hinblick auf die Frömmigkeitsförderung führte Kollonitsch das 40-stündige Gebet ein. Er vertrat ein streng gegenreformatorisches Programm auf den Bestimmungen des Westfälischen Friedens. Vgl. den Lexikoneintrag von Johann Weissensteiner in Gatz/Janker 1990, 236 – 239. 152 Vgl. Kollonitsch 1736. Ein auf die wesentlichen Punkte reduzierter Abdruck der Gravamina von Kollonitsch findet sich bei Bernhard Raupach. Vgl. Raupach 1740, Bd. 4, Beilage XLVIII, 261 – 268. 153 Raupach 1740, Bd. 4, 489. 154 Dazu weiter, dass sie „sich an die allhiesige Handwercks-Gesetze nicht mehr binden wollen, in denen Lutherisch- und Calvinischen Bett-Häusern wider ausdrückliche hohe Verordnungen frey herum ziehen, an denen Quatember-Sonntagen […], Heil. Meß- und Quatember-Andachten nicht mehr erscheinen, oder wann sie auch Straffe halber dabey zugegen seynd, mehrere Aergernus als Erbauung geben, die anwesende gut Catholische in ihrer Andacht stöhren, aus dem wahren Gottes-Dienst ihr

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­ ermessenheit der Evangelischen, ganz selbstverständlich an den Gesandtschaftsgottesdiensten V teilzunehmen. Dabei verweist er auf die von den Gesandten erteilte Protektion gegenüber Konfessionsverwandten, die nicht einmal zur Gesandtschaft gehören. Schließlich äußert er sich noch zur zunehmend kursierenden evangelischen Literatur sowie zu den Buchhändlern 155 und beklagt den bemerkten Abfall einiger Katholiken von ihrer Religion.156 In den Äußerungen zum evangelischen Gottesdienst und seinen Teilnehmern gibt er an: [A]lles was aus dem Protestantischen Hauffen nur gehen oder kriechen kan, [geht] in die allhiesige Bett-Häuser und Privat-Oratorien der protestantischen Gesandten, ganz ungescheuet und mit aller ersinnlichen Freyheit […], da es doch von Oesterreichischen Landes-Gebotten so hoch verbotten, und denen allhiesigen Gesandschafften in Ansehen ihrer hohen Principalen nur verstattet ist, daß selbe mit ihrer Familie und Dienerschafft in der Stille und geheim ihr gewöhnlichen Andachts-Weesen abwarten; nicht aber daß sie alle in der Stadt befindliche Forestiers, Passagiers, Fremdlinge, Kunst- und Handwercks-Leute, darzu einladen lassen, oder ihnen freyen Zutritt bewilligen können.157

Es liegt nahe, und in ­diesem Punkt ist Kollonitsch zuzustimmen, dass, wenn auch die Teilnahme am Gottesdienst vielen rechtlich verboten war, der Zutritt niemandem verwehrt wurde und sich auch die Gesandtschaftsprediger selbst als Inhaber eines öffentlichen Predigtamtes verstanden.158 Dabei gab es nur wenige privilegierte Kreise, für die der Gottesdienst in der Gesandtschaftskapelle aus rechtlicher Sicht geöffnet war. Zu ihnen zählten neben den Gesandtschaftsmitgliedern die evangelischen Diplomaten, die Reichshofräte und Reichshofratsagenten sowie die privilegierten Niederlagsverwandten, die allerdings nicht mehr derart selbstverständlich zugelassen wurden, wie die anderen genannten Gruppen.159 Daneben gab es noch einzelne Gelächter und Gespött treiben, […] und wann auch die Bürgerliche Meisterschafft darauf dringend selbe mit Bedrohung oder Verpönung zur Handwerck-üblichen Disciplin verhalten will, unverzüglich ihren Abschied nehmen, und bey den Protestantischen Kunst- und Handwercks-Profeßionisten jederzeit ihren freyen und gesicherten Unterstand finden.“ Kollonitsch 1736, 4. 155 Unter den 12 – 13 Wiener Buchhändlern finden sich nur vier katholische. Diese Überzahl an evangelischen Buchhändlern treibt die indizierte Literatur voran. Vgl. Peper 2010, 56. 156 Vgl. Raupach 1740, Bd. 4, 489 – 490. Peter Tropper spricht von einer doppelten Verpflichtung zu religiösen Übungen im katholischen Glauben. „Im 18. Jahrhundert war der Besuch von Gottesdienst und Christenlehren, Verrichtung von Osterbeichte und Empfang der Kommunion nicht nur Pflicht des Katholiken, sondern auch Pflicht des Untertanen. Diese doppelte Verpflichtung herrschte auch beim Besuch der vom Staat angeordneten Glaubensübungen wie etwa bei gewissen Prozessionen, Bitt- oder Dankgottesdiensten für Gesundung oder glückliche Entbindung der allerhöchsten Majestät, Sieg der kaiserlichen Waffen und ähnlichen profanen Angelegenheiten.“ Tropper 2003, 345. 157 Kollonitsch 1736, 4. 158 Vgl. Reingrabner 1979, 49. 159 Der zum Gesandtschaftsgottesdienst zugelassenen Personenkreis unterliegt einem Wandel, der sich jeweils an den aktuellen religionspolitischen Entwicklungen misst. Das Taufbuch der schwedischen

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Personen wie zum Beispiel hoch dekorierte Vertreter des Militärs, denen ebenfalls die Teilnahme am Gesandtschaftsgottesdienst eingeräumt wurde.160 Allen Protestanten, die keine Berechtigung zur Ausübung ihres Glaubens hatten, wurde die Teilnahme an den Gesandtschaftsgottesdiensten sowie der Kontakt mit Gesandtschaftspredigern, etwa im Bereich der Krankenseelsorge, zumindest von offizieller Seite verwehrt.161 Die im Anschluss der Gravamina und auf kaiserlichen Befehl hin zusammengekommene geheime Konferenz unter dem Vorsitz des Obrist-Hofkanzlers Ludwig Philipp Graf Sinzendorff, bei der auch der Erzbischof von Wien teilnahm, hielt die Beschwerdepunkte für begründet. Da die Einrichtung von Gesandtschaftsgottesdiensten aber auf Gegenseitigkeit beruhte und es umgekehrt auch den Katholiken gestattet war, den Gottesdienst der kaiserlichen Gesandten an protestantischen ausländischen Höfen mitzufeiern, konnten aus strategischen Gründen in dieser Hinsicht keine einschränkenden Maßnahmen ergriffen werden.162 Bei Verletzungen d ­ ieses Abkommens wäre mit Repressalien gegen katholische Gesandtschaftsgemeinden in anderen Ländern zu rechnen gewesen.163 Ähnliche Beschwerden wurden auch gegen katholische Gesandtschaftskapellen in protestantischen Städten geäußert (z. B. Hamburg, Stockholm und London).164 Schenkt man aber den Worten des Legationspredigers Chemnitz 165 über die katholische Gesandtschaftskapelle in Kopenhagen glauben, entsteht der Eindruck einer ungleich schlechteren Stellung der evangelischen in Wien: Keiner von diesen zu Kopenhagen befindlichen katholischen Patribus wird aufstehen, und mit Wahrheit sagen können, daß er jemals über die oben benannten besondern Verrichtungen bey Delinquenten, Kranken und Sterbenden beschimpft, beunruhigt, von der Stadtwache aufgegriffen, gefänglich eingezogen, mit den bittersten Vorwürfen gequälet, ja als ein Verwirrer und Verführer des Volkes angesehen und behandelt worden. Dergleichen aber haben die hiesigen königlich Dänischen Legations Prediger schon mehrmalen erlebt, und würden ­solche Prostitution vielleicht wöchentlich erleben, wenn sie nicht unter andern Namen, in gefärbten Kleidern, möglichster Vorsicht, Stille und Heimlichkeit ihre Kranken besuchten. Schon diß wenige ist hinreichend zum Beweise, daß die Catholischen Herrn Patres und Mißionarien Gesandtschaftskapelle gibt einen Einblick in die Reichweite dieser Gemeinde. Vgl. Kühnert 1953. 160 Vgl. Reingrabner 1979, 49. Zur Gesandtschaftsgemeinde im weiteren Sinne können evangelische Landadelige gezählt werden, die gelegentlich am Gottesdienst teilnahmen. 161 Vgl. Peper 2010, 55 – 56. 162 Vgl. Otto 1886, 123. 163 Vgl. Peper 2010, 56. 164 Vgl. Leeb 2017c, 259. In den 1680er Jahren gab es in den meisten Hauptstädten mehrere Gesandtschaftskapellen (acht in London, sieben in Den Haag, vier in Paris). Die Staaten der vereinigten Nieder­lande allein betrieben Gesandtschaftskapellen in zwölf verschiedenen Städten. Auch innerhalb des Heiligen Römischen Reichs beherbergten nicht nur Hauptstädte, sondern auch freie Reichsstädte wie etwa Nürnberg, Regensburg und Hamburg Gesandtschaftskapellen. Vgl. Kaplan 2002, 343. 165 Der gebürtige Magdeburger Johann Hieronymus Chemnitz wirkte 1753 – 1768 als Legationsprediger der dänischen Gesandtschaft in Wien und gilt auch als Gründer der dänischen Gesandtschaftsschule. 1758 führte er dort die Konfirmation ein. Vgl. Völker 1934, 114.

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des kaiserlichen Herrn Abgesandten zu Copenhagen weit mehrere Freyheiten zu allen Zeiten gehabt, als die königl. Dänischen Prediger zu Wien jemals erhalten können.166

Chemnitz macht hier deutlich, dass ­dieses völkerrechtliche Abkommen in der Religionsfrage keineswegs überall gleich gehandhabt wurde und dass sich die in Wien weilenden Evangelischen unermüdlich über die Restriktionen in puncto Gottesdienst hinweggesetzt haben. Ines Peper meint hierzu: „Die Tatsache, dass diese Verbote immer wieder ausgesprochen werden mussten, so etwa 1683 und 1688, deutet darauf hin, dass sie immer wieder übertreten wurden.“ 167 Bestätigung findet der hier gezogene Schluss auch in einer Korrespondenz ­zwischen dem Gesandten Bachoff und dem Reichshofrat von Moser: Es wird zwar auf die contra Evangelicos gegebene Gesetze nicht zu allen Zeiten, sonderlich in den Residenz Städten, auf das strengste gehalten, doch komt es auf dem Gutbefinden der Regierung und der Policey an, ­solche, wann sie wollen, gelten zu machen. Dahero dann öffters Leute, die ganze Jahre ungehindert die Gesandtschaffts Capelle besucht haben, unvermuthet beym Ein oder Ausgehen angehalten und zur gefänglichen Hafft gezogen werden.168

Anstatt die Vorwürfe unerlaubten Gottesdienstbesuches zu dementieren, spielt Bachoff hier auf die undurchsichtige Handhabe des Gesetzes seitens des Staatsapparates an. Es liegt demnach auf der Hand, dass der Einflussbereich der Gesandtschaftskapellen über den ihnen zugemessenen Rahmen hinausging. In seiner Auseinandersetzung mit einer evangelischen Predigt,169 kommt Gustav Reingrabner zu einem ähnlichen Ergebnis. Abgesehen von den theologischen Aussagen kann diese Predigt auch im Blick auf die lebensweltliche Dokumentation der Bewegungen in der Gemeinde gelesen werden. Diese Perspektive lässt dabei den Schluss zu, „daß diesen Gemeinden über die unmittelbaren rechtlichen Gegebenheiten ein relativ hohes Maß an öffentlicher Existenz gegeben war, daß auch ihre Wirksamkeit nicht nur auf wenige Personen beschränkt blieb.“ 170 Die Gesandtschaftskapellen trugen auf diese Weise nicht nur zum Fortbestehen des evangelischen Lebens in Wien bei, sondern vermochten ­dieses auch neu zu erden. Die in den Gesandtschaftsgottesdiensten ermöglichte 166 Zitiert nach Stubbe 1932a, 16. Der dänische Legationsprediger Johann Hieronymus Chemnitz berichtet in seiner Schrift aus dem Jahr 1761 über die Etablierung eines evangelischen Gottesdienstes in Wien vor der Toleranzzeit und dem Übergang zur Evangelischen Gemeinde A. B. auf Basis des Toleranzpatentes. Die Schrift wurde nur wenige Male gedruckt und ist nur schwer zugänglich. Vgl. Chemnitz 1761. 167 Peper 2010, 56. 168 Zitiert nach Stubbe 1932a, 262. 169 Johann Hieronymus Chemnitz hielt diese Predigt am 10 Juli 1763. In seinen Ausführungen zu Lukas 13, 1 – 5 nahm er Bezug auf ein Erdbeben, welches die Stadt Comorn in Ungarn erschütterte. Neben evangelisch geprägter Theologie legt Chemnitz auch Wert auf Wissensvermittlung in Bezug auf das Erdbeben. Den Gedanken der Naturkatastrophe als göttliche Strafe für das protestantische Bekenntnis der Ungarn wirft er zurück. Vgl. Reingrabner 1979, 51. 170 Ebd., 51.

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Vergemeinschaftung unter dem evangelischen Bekenntnis trägt deutliche Züge einer gefestigten Konfessionskultur, die bis in die niederen sozialen Schichten hineinwirkt.171 Diese Qualität geht freilich nicht mit einer quantitativen Vergrößerung der evangelischen Population in Wien einher, ganz im Gegenteil. Lebten zur Zeit Karls VI . bei 100.000 Einwohnern noch etwa 8.000 Protestanten in Wien, so zählt Chemnitz während seiner Amtszeit um 1761 keine 2.000 mehr bei ungefähr doppelter Einwohnerzahl.172 Chemnitz erklärt das Schwinden des protestantischen Bevölkerungsanteiles dadurch, dass erstens nur noch vereinzelt österreichische Familien hohen Ranges zum evangelischen Glauben hielten, zweitens den Evangelischen eine Karriere am kaiserlichen Hof verwehrt blieb und auch evangelische Offiziere bei militärischen Promotionen oftmals übergangen wurden, drittens auch evangelischen Kaufleuten die Aufnahme in die Gesellschaft der kaiserlichen Niederlagsverwandten immer schwieriger und kostspieliger gemacht wurde, viertens das weitgehend evangelische Schlesien vom Hause Österreich abgerissen wurde und damit auch der Zusammenhang mit dem Wiener Hof fehlte und fünftens infolge des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) die preußische, englische, hannoversche und hessisch-kasselsche Gesandtschaft samt ihren Bedienten abzog.173

3.3.2.2 Der Gesandtschaftsgottesdienst Evangelische Gottesdienste waren nur in den drei Gesandtschaftskapellen erlaubt, ­welche die Gesandten Dänemarks, Schwedens und der Niederlande in ihren privaten und geräumigen Stadtwohnungen eingerichtet hatten.174 Die dänische Gesandtschaftskapelle befand sich um 1761 im ‚gräflich gundolaischen Haus‘ in der Stadt in der Nähe der Schottenkirche und dem kaiserlichen Arsenal.175 Weniger Raum bot die zuletzt am Petersplatz gelegene schwedische 171 Der Sozialaufbau der evangelischen Bevölkerungsgruppe in den Totenbeschauprotokollen liefert bemerkenswerte Ergebnisse, die dies bestätigen. Vgl. Kapitel 3.4.2.3 Zur sozialen Gliederung der evangelischen Bevölkerungsgruppe. 172 Vgl. Chemnitz 1761, 12 – 13. Die Schätzungen zum evangelischen Bevölkerungsanteil in Wien liegen weit auseinander, sodass bereits einigermaßen zuverlässige approximative Angaben schwierig erscheinen. Wenn auch die Zahlen von Chemnitz nur mit großem Vorbehalt herangezogen werden können, so lässt sich mit ihnen jedenfalls auf einen Rückgang des evangelischen Anteils auf unter ein Prozent schließen. Zum Vergleich: Gemessen an der Gesamtheit der Verstorbenen jener Sterbejahre, in denen das evangelische Konfessionsmerkmal im Untersuchungszeitraum aufscheint, liegt der Anteil der evangelischen Sterbeeinträge bei rund 0,4 %. 173 Vgl. Stubbe 1932a, 13 – 14. 174 Es erwies sich als schwierig, geeignete Wohnungen zu finden und diese zu halten. Sprach sich herum, dass in der Wohnung evangelische Gottesdienste stattfanden, wurde das Mietverhältnis mitunter aufgekündigt. Vgl. Otto 1886, 121. Für die kurbrandenburgische Gesandtschaft ist ein protestantischer Gottesdienst für das Jahr 1683 bezeugt. Dies geht aus einem Besuchsverbot für die Ständemitglieder durch ­Kaiser Leopold hervor. Vgl. Scheutz 2009c, 228. 175 Das ‚gräflich gundolaische Haus‘ in der Renngasse wird im erhobenen Datenmaterial elf Mal als Beschauort genannt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die dänische Gesandtschaftskapelle

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Gesandtschaftskapelle, die im Gegensatz zur dänischen über keine Orgel verfügte.176 Auch die niederländische Gesandtschaftskapelle befand sich in der Residenz des Gesandten, der seine Wohnung zunächst innerhalb der Stadtmauern gehabt haben muss. Im Oktober 1775 wurden die Gottesdienste in der neuen Residenz vor der Stadt, im ‚gräflich windischgrätzischen Garten Gebäude‘ auf der Wieden gehalten.177 Um 1780 befand sich die Residenz des Gesandten und die Kapelle im ‚gräflich altheimischen Garten Gebäude‘.178 Laut einer Schätzung hielten sich um das Jahr 1760 600 bis 800 Personen zur dänischen Gemeinde.179 Die holländische Gesandtschaftskapelle war die einzige reformierte und zählte um 1780 rund 100 Mitglieder zur Kerngemeinde. Zur mitfeiernden Gemeinde zählten u. a. aus der Schweiz eingewanderte Manufakturbesitzer und Briten.180 In ihrer besonderen Position sind die Gesandtschaftsgemeinden nicht mit Pfarrgemeinden im vollen Sinne vergleichbar. Es mangelt ihnen nicht nur an einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage, sondern auch an einer Kirchenverfassung. Es fehlte zudem an gewählten leitenden Gremien wie etwa einem Presbyterium oder einer Gemeindevertretung. Die Gemeinden waren Institutionen der jeweiligen Gesandtschaften. Für die geistliche Versorgung und Amtswaltung hatte der residierende Gesandte Sorge zu tragen.181 Dies bestätigt das Gesuch von Reichshofrat von Moser vom 30. Juni 1764, in welchem er den dänischen Gesandten Graf Bachoff um gesandtschaftsrechtliche Informationen zu seinem Gesandtschaftsprediger bittet. Über dessen Stellung gibt dieser folgende Auskunft:

noch im ‚traunischen‘ und im ‚dietrichsteinischen‘ Haus in der Herrengasse untergebracht, ehe sie in das ‚gräflich gundolaische Haus‘ übersiedelte. Vgl. K. K. Staats- und Standeskalender 1723, 206; vgl. K. K. Staats- und Standeskalender 1740, 271. Durch den späteren Umzug des dänischen Gesandten in das Haus des Grafen Kinsky verschlechterte sich die räumliche Situation für die gottesdienstlichen Feiern. Vgl. Schnettger 2010, 609. 176 Vgl. Schnettger 2010, 609. Vor d ­ iesem Hintergrund ist ein evangelischer Sterbeeintrag nennenswert, in dem ein gewisser Johann Philipp Geiß (Philippina 21. 05. 1774 [Nr. 1105]) als Organist in der schwedischen Legationskapelle vermerkt wird. Es ist anzunehmen, dass die schwedische Gesandtschaftskapelle vor dieser Übersiedelung sehr wohl über eine Orgel verfügte. Wie die niederländische Gesandtschaftskapelle war auch die schwedische die längste Zeit in den Vorstädten gelegen. Eine gewichtige Rolle spielt hier die Gegend um den Wien Fluss, namentlich ‚auf der Wieden‘ für erstere und ‚an der Wienn‘ für zweitere. Eine auffällige Häufung dieser Ortsbezeichnungen lässt sich auch in den evangelischen Sterbeeinträgen nachweisen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 68, lit. CGK, fol. 44v; vgl. Kapitel 3.4.2 Einordnung der Forschungsergebnisse in die Konfessionalisierungsdebatte. 177 Heute Wiedner Hauptstraße 57 – 61. 178 Vgl. Rippel 1986, 35 – 36. 179 Im gegenständlichen Befund sind 36 Sterbeeinträge enthalten, die ein Anstellungsverhältnis zur dänischen Gesandtschaft belegen. Vgl. Scheutz 2017, 248. 180 Da die protestantischen Reichshofräte durchwegs lutherisch geprägt waren, war die seit den 1760er Jahren bestehende niederländische Gesandtschaftskapelle ‚auf der Wieden‘ für sie auch nicht sonderlich von Bedeutung. Vgl. Schnettger 2010, 609 – 610. 181 Vgl. Rippel 1986, 28.

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Er stehet unter dem Gesandten, wie alle übrige zur Gesandtschafft gehörige königliche oder herrschafftliche Bediente, und muß des Gesandten Veranstaltungen und Befehle, falls sie nicht seinem Ambte und Pflichten zu wieder seyn, folgen. Im Übrigen ist er unmittelbahren der Jurisdiction des Hofes, der ihn gesetzt hatt, unterworfen.182

Graf Bachoff lässt keinen Zweifel daran, dass sich ein Legationsprediger, der den Rechtsbestimmungen seines Hofes unterstellt ist, folgerichtig und primär einer weltlichen Instanz gegenüber verantwortlich zeigt. In der weiterführenden Darstellung liegt das Augenmerk aufgrund der vergleichsweise guten Quellenlage auf der dänischen Gesandtschaftskapelle, die von allen dreien den größten Einfluss auf das evangelische Leben in Wien nahm.183 Dass sich die Informationen hierbei auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beziehen, muss – um keinem Anachronismus Vorschub zu leisten – an dieser Stelle mit Nachdruck betont werden. Außer dem Personal des Gesandten versorgte die dänische Kapelle Mitglieder der kur­ sächsischen Gesandtschaft sowie am Hof anwesende Reichsstände, alle lutherischen Reichshofräte, Reichsagenten, Hofräte fürstlicher Häuser, prozessierende Parteien und kaiserliche Offiziere, Niederleger, Fabrikanten, Künstler, hofbefreite oder mit Schutzdekreten ausgestattete Professionisten, Buchhalter, Handlungsgehilfen, Kammerdiener, Dienstboten und Handwerker. Vor allem die Handwerksburschen mussten aber nach dem Gottesdienstbesuch mit Haft und Geldstrafen rechnen, d. h. nicht alle hier Genannten waren auch befugt, am Gesandtschaftsgottesdienst teilzunehmen.184 Dass es für die unterschiedlichen Berufs- und Standesgruppen eine geregelte räumliche Einteilung in der Gesandtschaftskapelle gab, weiß Johann Hieronymus Chemnitz selbst zu berichten: In dem Saal und Vorsaal sitzen mehrentheils die gemeinen Leute, auf der einen Seite die vom männlichen, auf der andren die vom weiblichen Geschlecht. In dem grösten Nebenzimmer sitzen die Soldate, Handwerksbursche, Laquayen, Kutscher etc. und auf erhöhten Bänken, unsere Schulkinder. Des anderen Nebenzimmers bedienen sich die adelichen Personen, und

1 82 Zitiert nach Stubbe 1932a, 4. 183 Informationen liefert vor allem Johann Hieronymus Chemnitz, der als bedeutendster dänischer Gesandtschaftsprediger gilt. Seine Aufzeichnungen finden sich in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen, die seines Nachfolgers Johann Anton Buchardi im Landeskirchenamt Kiel. Mit dem Sterbeeintrag seines nur drei Tage alten Sohnes Johann Jakob (10. 11. 1762 [Nr. 755]) findet Johann Hieronymus Chemnitz namentlich Eingang in die Totenbeschauprotokolle. Als Beschauort wird das ‚gundolaische Haus‘ in der Nähe der Schottenkirche angegeben. Es beherbergte nicht nur die Gesandtschaftskapelle, sondern auch den Gesandtschaftsprediger. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. CGK, fol. 65v; vgl. Scheutz 2017, 248. „Über die Ordnung des Gottesdienstes, der Feier des Heiligen Abendmahles und den Verlauf der sonstigen Amtshandlungen ist nichts überliefert, ebenso sind keine Kirchenbücher (Agenden) für die gottesdienstlichen Handlungen der damaligen Prediger erhalten geblieben.“ Rippel 1986, 39. 184 Vgl. Otto 1886, 121 – 122.

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in dem dritten befinden sich einige der Herren Niederläger, mit ihren Familien und andern geehrten Leuten. Die K ­ irchen Bibliothek hat in d ­ iesem Zimmer auch ihren Platz gefunden.185

Der Gottesdienst der dänischen Gesandtschaft wurde an Sonn- und Feiertagen und bei den Mittwochsbetstunden von zehn bis zwölf Uhr und wie in allen Gesandtschaftskapellen üblich in deutscher Sprache gehalten.186 Neben dem Legationsprediger führten ein Organist und ein Vorsänger musikalisch durch den Gottesdienst. Ein sogenannter ‚Calcant‘ betätigte den Blasebalg, damit die Orgel gespielt werden konnte. Die Aufgabe zweier ‚Stuhlsetzer‘ bestand darin, Plätze zuzuweisen und für Ordnung zu sorgen.187 Der Nachmittagsgottesdienst von 15 bis 17 Uhr wurde verstärkt von Dienstboten und Handwerksburschen besucht. Zentrale Elemente waren die Auseinandersetzung mit Erbauungsliteratur und die Kinderlehre, in der die Predigt vom Vormittag entsprechend aufbereitet wurde. Der Gottesdienst richtete sich nach der dänischen Ordnung und war von Anfangs- und Schlussgebet umrahmt, das jeweils vom Vorbeter vorgetragen wurde. Ein vorgeschriebenes Kirchengebet nach der Predigt und das Gebet für den König von Dänemark und Norwegen sowie das gesamte königliche Haus waren feste Bestandteile. Bei hohen Feiertagen und besonderen Gelegenheiten gedachte man auch des Kaisers und seiner Familie im Gebet. An jedem ersten Sonntag des Monats wurde von acht bis zehn Uhr das Abendmahl gefeiert, wofür man sich vorher anmelden musste. An die Feier des Abendmahls war die Beichte gebunden. Die Absolution wurde mit der Bekräftigung einer feststehenden Bußformel erteilt. Privatkommunionen fanden nur in Ausnahmefällen bei Sterbenden im Rahmen von Hausbesuchen statt oder für Offiziere, die von ihren Regimentern einberufen wurden.188 Die Taufe in den Gesandtschaftskapellen war jenen Evangelischen vorbehalten, die entweder zur Gesandtschaft oder zum Reichshofrat gehörten oder unter deren Schutz standen. Alle anderen Evangelischen mussten dies unter dem katholischen Vorzeichen vornehmen. Die 185 Chemnitz 1761, 14 – 15. 186 Ähnlich berichtet Hermann Rippel im Blick auf die holländische Gesandtschaftskapelle über die Gottes­ dienstfrequenz: „[Sie] fanden jeden Sonntag, am Neujahrstag, am Himmelfahrtstag, am jährlichen Buß-, Bet- und Danktag, am Karfreitag und auch am zweiten Tag der drei großen christlichen Feste ­zwischen zehn und zwölf Uhr statt.“ Rippel 1986, 38. Benjamin Kaplan macht darauf aufmerksam, dass mit der Abhaltung der Gottesdienste in der oft fremden Landessprache auch ein Streitpotential in der Gemeinde gegeben war. Vgl. Kaplan 2002, 348. 187 Während der Organist einen geregelten Lohn erhielt, wurden die übrigen Kapelldiener aus der Kasse entlohnt. Vgl. Otto 1886, 124. Im erhobenen Datenmaterial scheinen elf Personen auf, die explizit in der dänischen Gesandtschaftskapelle beschäftigt waren und weitere sechs, die in der schwedischen Gesandtschaftskapelle ihrer Erwerbstätigkeit nachgingen. Eine Berufstätigkeit in der niederländischen Gesandtschaftskapelle geht aus dem erhobenen Datenmaterial nicht (oder zumindest nicht explizit) hervor. Innerhalb der Kategorie der Dienstleistungsberufe, die mit einem Anteil von 30 % den Befund der Erwerbstätigkeit dominiert, beläuft sich der Anteil der K ­ irchen- und Kapelldiener, also jener 17 Personen, die nachweislich einen Dienst in einer Gesandtschaftskapelle verrichteten, auf 5 %. Vgl. Kapitel 5.5.1.1 Die Kategorie der Dienstleistungsberufe. 188 Vgl. Otto 1886, 126.

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g­ leiche Regelung galt auch in Hinblick auf Trauungen.189 Wichtige katholische Feste wurden in den Gesandtschaftskapellen als Bußtage begangen, nicht zuletzt, um mit dem konfessionellen Makel nicht unangenehm aufzufallen. Aus demselben Grund wurden aus dem Gesangbuch der dänischen Gesandtschaftsgemeinde gewisse Stellen herausgenommen, die für Katholiken anstößig sein könnten.190

3.3.2.3 Die dänische Gesandtschaftsschule Infolge der Einführung des Konfirmandenunterrichts 1578 gelang der dänischen Gesandtschaft noch im selben Jahr die Einrichtung einer Gesandtschaftsschule, obwohl es ihr an einem Gesandtschaftsbediensteten zur Unterweisung der Jugendlichen fehlte. Die Gesandtschaftsschule, deren Gründung auf Johann Hieronymus Chemnitz zurückgeht, kümmerte sich zuvorderst um ärmere evangelische Jugendliche, deren Eltern die finanziellen Mittel für einen Schulbesuch nicht aufbringen konnten. Der Ausbau zu einer ordentlichen Schule mit einem fachlich vorgebildeten Schulmeister erfolgte erst im Jahr 1763.191 Chemnitz, der auch selbst Unterricht erteilte, hob ihr Niveau bis zum Jahr 1769 stetig an. Mehrere Faktoren waren ausschlaggebend, dass dieser Kurs nach seinem Fortgang nicht mehr gehalten werden konnte: Durch den Umzug des Gesandten Bachoff in das weniger geräumige Domizil des Grafen Kinsky wurde auch der Schulbetrieb in Mitleidenschaft gezogen. Ebenso lähmend wirkte sich der Konflikt ­zwischen Reichsgraf von Bachoff und Johann Buchardi, dem Nachfolger von Chemnitz, aus.192 Hinzu kommt der Eklat mit dem Gesandtschaftslehrer ­Hüttenrauch, der 1777 mit dem Vorwurf entlassen wurde, die Jugendlichen auf gotteslästerliche Weise zu unterrichten.193 Als die Gesandtschaft nach Bachoffs Tod im Jahr 1781 großzügigere Räumlichkeiten am Petersplatz bezog, begann sich die Situation wieder zu beruhigen.194 1 89 Vgl. ebd., 126 – 127. 190 Vgl. Schnettger 2010, 610 – 611. Die Gesandtschaftsprediger äußerten sich zwar kritisch zum Katholizismus und der Unterdrückung der Protestanten in den habsburgischen Ländern, sie hüteten sich aber vor zu viel antikatholischer Polemik. Vgl. ebd., 613 – 614. 191 Vgl. Völker 1934, 114. 192 Vgl. ebd., 115. Johann Anton Buchardi führte das Amt des dänischen Legationspredigers in Wien von 1768 – 1778. Schon bald nach seinem Amtsantritt gab der dänische Gesandte Johann Friedrich Reichsgraf von Bachoff seine bisherige Wohnung im ‚gräflich gundolaischen Palais‘ aus finanziellen Gründen auf und übersiedelte in das ‚gräflich kinskysche Haus‘, in welchem für die Gesandtschaftskapelle nur wenig Platz zur Verfügung stand. Die Beschwerden des amtierenden Legationspredigers vermochten keine Besserung der Räumlichkeiten zu bewirken, vielmehr erzeugten sie ein gespanntes Verhältnis ­zwischen ihm und dem Gesandten. Buchardis Tätigkeit als Legationsprediger war beendet, nachdem sich Graf Kaunitz 1777 über dessen antikatholische Haltung beschwerte. Vgl. Stubbe 1932b, 52. Das Haus des Grafen Kinsky wird in den evangelischen Sterbeeinträgen ab dem Jahr 1768 zehnmal als Wohn- bzw. Beschauort angegeben. 193 Vgl. Völker 1934, 115. 194 Reichsgraf Johann Friedrich Bachoff von Echt (24. 01. 1781 [Nr. 1338)] wird in seinem Sterbeeintrag mit standesgemäßer Adelstitulation und Auszeichnungsschrift gewürdigt. Laut Eintrag verstarb er

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Unter Buchardis Nachfolger Johann Christian Diederich von Eckhof, der 1778 – 1782 als Legationsprediger eingesetzt war, bekam Johannes Miller die Schulmeisterstelle, der durch den Beschluss des Vorsteherkollegiums im Jahr 1783 in den Dienst der ‚Evangelischen Gemeinde A. B.‘ übernommen wurde. „Damit war der Grundstein zum evangelischen Schulwesen in Wien gelegt.“ 195 Als erster Prediger der ‚Evangelischen Gemeinde A. B.‘ Wien wurde der Gesandtschaftsprediger Johann Georg Fock angestellt, der auch in schulischen Belangen bewandert war.196 Für die vorliegende Untersuchung sind die unterschiedlichen Formen des evangelischen Schulwesens bzw. die Versuche seines Ausbaus quer durch den Untersuchungszeitraum Ausdruck einer konfessionellen Selbstregulierung und horizontalen Disziplinierung innerhalb der evangelischen Bevölkerungsgruppe.

3.3.2.4 Das Ende der Gesandtschaftskapellen und die Toleranzzeit Der Schritt zur ‚Toleranz‘ gegenüber den sogenannten ‚Akatholiken‘ war von einer Reihe von nennenswerten Aspekten begleitet: Einen wichtigen Motor stellten dem Staat dienliche und hier vor allem wirtschaftliche Überlegungen dar. Daneben spielte die Adaption einer neuen zeitgenössischen säkular gefärbten Denkweise sowie der reformkatholische Ansatz einer toleranten Mission eine Rolle. Ferner ging damit die Übernahme reichsrechtlicher Bestimmungen einher.197 Dass die Zusage der Toleranz Mittel zum Zweck war, wird mit den Bestimmungen deutlich, die an sie gebunden waren. Die allgemeine öffentliche Religionsausübung blieb – mit Ausnahme von Begräbnissen – auch weiterhin verwehrt, die Stellung der protestantischen Konfession gegenüber der katholischen blieb eine unter­ geordnete. Abgesehen von bestimmten Aufsichtsfunktionen gab es auch ein rechtlich geregeltes Kirchen­wesen erst viel ­später.198 Nach dem Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781 wurden die Gesandtschaftskapellen aufgelassen. Ihr Erbe wird von den evangelischen Gemeinden A. B. und H. B. angetreten.199 Die Gesandtschaftsgemeinden gelten daher als „die unmittelbaren Vorläufer der evangelischen Gemeinden in Wien.“ 200 Der damalige dänische Gesandtschaftsprediger Georg Fock trat in den Dienst der evangelischen Kirchengemeinde A. B., ebenso das übrige Personal. mit 71 Jahren im ‚kinskyschen Haus‘ Nr. 815 in der Wollzeile an Wassersucht. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 78, lit. BP, fol. 5v. 195 Völker 1934, 113. 196 Vgl. ebd., 115 – 116. 197 Vgl. Reingrabner 1996, 51 – 52. 198 Vgl. ebd., 51 – 52; vgl. Stökl 1953, 207. 199 Die Initiative zur Gemeindebildung wurde allen voran von den evangelischen Niederlegern und Manufakturunternehmern ergriffen. „Die evangelische Gemeinde Wiens war zwar keine Gemeinde von Großkaufleuten und Unternehmern, dazu war sie zu groß, aber die Leitungsorgane wurden von ihnen dominiert. Ähnlich stammt es um die Reformierten in Wien. Die Liste ihrer Vorstandsmitglieder liest sich wie das Verzeichnis der reichsten und tatkräftigsten Männer Wiens.“ Mittenzwei 1998, 86 – 87. 200 Stökl 1953, 205.

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Die Glaubensgeschwister aus der schwedischen Kapelle schlossen sich der neuen Gemeinde A. B. an, sodass sich ihre Gesamtzahl nun auf rund 3.000 Gemeindeglieder belief.201 Der erste offizielle Gottesdienst fand am 3. August 1783 in der dänischen Gesandtschaft statt. Am 30. November 1783 wurde die aus der dänischen und schwedischen Gesandtschaft entstandene öffentlich evangelische Gemeinde in der Dorotheergasse 18 eingeweiht.202 Die aus ihren rund 100 Mitgliedern bestehende holländische Gesandtschaftskapelle bildete fortan die Evangelische Gemeinde H. B., ­welche sich erstmals 1784 im eigenen Bethaus versammelte.203 Wenn auch die Zahl des öffentlichen Bekenntnisses zum Protestantismus hoch war, so speist sich doch der rege Gemeindezuwachs der Anfangszeit nicht vornehmlich aus gebürtigen Wienern und Wienerinnen: „Aus den Matriken der evangelischen Gemeinden A. B. und H. B. ist ersichtlich, daß kaum einer von den Protestanten ein geborener Wiener war, das heißt also, daß sich die evangelischen Gemeinden weniger durch Übertritte als durch Zuwanderung mehrten.“ 204 Darüber hinaus spricht der Befund deutlich gegen eine Konversionswelle infolge der Toleranzgesetzgebung.205 Dass es prinzipiell schwierig blieb, als Katholik zum Protestantismus zu konvertieren, lässt Friedrich Nicolai in einem Reisebericht anklingen: „Es werden verschiedene und zum Theil sehr drückende Formalien erfordert, ehe ein Unterthan sich zu einer von den drey dissentirenden christlichen Religionen bekennen darf; und seit 1784 ists beinahe gar nicht mehr erlaubt.“ 206 Die gegenüber Protestanten ablehnende Haltung der katholischen Kleriker wird von der Bevölkerung jedoch nicht geteilt. Abgesehen von Mischehen gab es auch katholische Geldspenden für evangelische Schulen und K ­ irchen sowie anderskonfessionelle Teilnahme am evangelischen Gottesdienst (trotz Verbot), was grundsätzlich auf ein friedliches Neben- und Miteinander schließen lässt.207 Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die evangelische Gemeinde A. B. auf einen Bevölkerungsanteil von rund 2,8 % bei 450.000 – 500.000 Einwohnern an. In Folge des Protestantenpatents von 2 01 Vgl. Otto 1886, 13 – 14. 202 Vgl. Scheutz 2009c, 223 – 224. 203 Vgl. Otto 1886, 130 – 131. 204 Stökl 1953, 207. Eine wichtige Quelle für den Wiener Protestantismus und sein Wachstum sind die Matrikenbücher der evangelischen Gemeinden. Über die Totenbücher, die seit 1800 geführt wurden, erfahren wir, dass Wien ganz selten als Geburtsort genannt wird. Die meisten Evangelischen stammten aus Deutschland, Ungarn, der Schweiz, Dänemark und dem höheren Norden. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wird vermehrt auch Wien als Herkunftsort genannt. Ab dieser Zeit verschwimmt das Bild insofern, als keine konkreten Regionen mehr quantitativ hervorstechen. Ein ähnlicher Trend lässt sich an den Berufen ablesen, die in den Sterbematriken vermerkt werden: Hier nagt der Zahn der Zeit an den Berufsgruppen der Handwerker, Bediensteten und Gewerbetreibenden (vorrangig im Textilbereich), die noch zu Beginn der Toleranzzeit stärker auftreten. Vgl. ebd., 215 – 216. 205 Im Vergleich der Anzahl an evangelischen Sterbeeinträgen in den Sterbejahren um das Jahr der Toleranzgesetzgebung zeichnet sich kein auffälliger Übergang ab. Vgl. Abb. 7: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum. 206 Nicolai 1785, 120. 207 Vgl. Stökl 1953, 210.

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1861, welches schließlich die vollständige Parität der Konfessionen bewirkte, stieg der Anteil bei einer Einwohnerzahl von 615.000 auf 3 – 3,4 % an.208 Man kann ruhig sagen, daß die Protestanten wesentlich zur Vergrößerung Wiens beigetragen haben. Nicht nur durch ihre Zuwanderung, sondern auch dadurch, daß die Fabrikanten durch ihre Fabriksgründungen eine Menge Arbeiter nach Wien gelockt haben, die die Vorstädte stark bevölkerten. Zum Großteil kamen die Handelsleute mit eigenem Kapital nach Wien, um Fabri­ken, Handelshäuser, Niederlassungen und Banken zu gründen.209

Neben dem Bevölkerungswachstum darf der wirtschaftliche Aufschwung nicht außer Acht gelassen werden, mit dem gleichsam ein zentraler Anspruch an die Toleranzgesetzgebung zum Tragen kommt.

3.3.3 Evangelisches Begräbnis in Wien im 17. und 18. Jahrhundert Dass gerade die Sepulkralkultur evangelisches Leben in Wien im Untersuchungszeitraum zum Vorschein bringen soll, erscheint zunächst ebenso widersprüchlich wie der Versuch, über Totenbeschauprotokolle Einblicke in dasselbe gewährt zu bekommen. Gerade aber wenn es um ein öffentlich wahrgenommenes evangelisches Leben geht, sind die religiösen Handlungen in und um den Friedhof von besonders hohem Wert. Neben verschriftlichten Quellen können hier zudem die Grabstätten und -denkmäler aufschlussreiche Spuren aufweisen.210 Noch unter ­Kaiser Maximilian II. waren bürgerliche lutherische Begräbnisse, begleitet von Glockengeläut und deutschem Psalmengesang, keine Seltenheit gewesen. Für die Leichenpredigten wich man auf die Freihäuser der Adeligen oder das Rathaus aus. Mit dem Herrschaftsantritt ­Kaiser Rudolfs II. setzte auch hier eine rückläufige Bewegung ein.211 Evangelisch Verstorbene, denen ein Begräbnis in der Stadt Wien verwehrt blieb, wurden außerhalb der Stadt in der näheren Umgebung auf den Friedhöfen der Patronatskirchen der Adeligen (wie etwa zu Hernals) bestattet.212 Evangelische Adelige fanden ihre letzte Ruhe in der Regel in den Familiengräbern auf ihren eigenen Herrschaftssitzen.213 Zur wichtigsten Begräbnisstätte 2 08 Vgl. Till 1966, 12. 209 Stökl 1953, 217. 210 Vgl. Schweighofer 2017, 202. 211 Vgl. Mayr 1954, 61. 212 „Daher sie sich der Freyheit gebrauchten, ihre Verstorbene ohn allem Gepränge zu Grabe zu bringen; und, als ihnen dergleichen in Wien auf den Kirchhöfen zu thun nicht gestattet werden wollte, so fuhren sie mit ihren Leichen zum Thor hinaus, und begruben sie auf den Gottes-Aeckern derer ­Kirchen auf dem Lande, die den Evangelischen Ständen zugehöreten.“ Raupach 1736, Bd. 2, 209. 213 Vgl. Zajic 2005, 323 – 224, 328 – 329. Mit seiner Beisetzung im Dorotheerkloster bildet Graf Niklas von Salm hier eine Ausnahme. Erzherzog Ernst, der dies bewilligte, forderte allerdings, „dass bei solchen

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der Wiener Lutheraner wurde allerdings der kaiserliche Gottesacker vor dem Schottentor, dessen Friedhofsurbare (im Gegensatz zu allen anderen) in weiten Teilen erhalten blieben.214 Vermutlich wurden auch viele, sofern sie ihr Bekenntnis überhaupt öffentlich machten, auf den katholischen Stadtfriedhöfen beigesetzt.215

3.3.3.1 Der kaiserliche Gottesacker vor dem Schottentor Die Besonderheit des unter K ­ aiser Maximilian II . im Jahr 1570 angelegten ‚kaiserlichen Gottesackers‘ war seine offizielle Nutzung sowohl von Katholiken als auch von Protestanten, denen ein eigener evangelischer Friedhof erst mit der Kapitulationsresolution 1609 zugestanden wurde.216 Neben einem 1576 nach katholischem Ritus geweihten Teil verfügte der Friedhof über ein angrenzendes, jedoch durch eine Mauer getrenntes, flächenmäßig ­kleineres Feld für evangelische Grabmäler, dessen Nutzung bis auf das Ende des 16. Jahrhunderts zurückreicht.217 Mit der Auflassung des Friedhofes 1784 endet schließlich diese konzentrierte Form des konfessionellen ‚Nebeneinanders‘.218 Unter den auf dem evangelischen Grabfeld Bestatteten finden sich zahlreiche Niederleger sowie Gesandte und Reichshofräte. An einer einzigen Stelle wird dieser Gottesacker auch in den evangelischen Einträgen als Beschauort angeführt.219 Conduit inn oder ausser der stat anniche Predig oder Teutsch gesang nit für genomben, noch ainiche Predicanten dabei zu sein gestattet werde.“ Zitiert nach Wiedemann 1879 – 1886, Bd. 2, 214. 214 Vgl. Senfelder 1902, 240. 215 Vgl. Schweighofer 2017, 204. Wird ein Begräbnis nach christlicher Ordnung in geweihter Erde gewünscht, so steht dies in Ablehnung zu einem evangelischen Begräbnisort. Nach 1627 wird testamentarisch dem Wunsch Ausdruck verliehen, nach katholischer Ordnung begraben zu werden. 216 Nach heutigen topographischen Begriffen lag der kaiserliche oder ‚Mariazeller‘ Gottesacker (aufgrund der Nachbildung des Mariazeller Gnadenbildes 1702) im Bereich des alten AKH Hof 8 und 9. Vgl. Mariazeller Gottesacker (9), in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 10. 2019; vgl. ­Schweighofer 2017, 202. Das Anlegen evangelischer Friedhöfe war 1609 gewährt worden, weil die katholischen Pfarrer den aus ihrer Sicht ketzerischen Protestanten ohnehin ein kirchliches Begräbnis verwehrten. Vgl. Stögmann 2001, 529 – 530. 217 Vgl. Senfelder 1902, 240. Trotz dieser Teilung mussten die Evangelischen für jede Beerdigungen eines Angehörigen Gebühren an die katholische Stelle entrichten. Für evangelische Vertreter aus sozial benachteiligten Schichten kam ab 1738 hier fallweise auch die ‚Armenkasse‘ auf. Vgl. Seefeldt 1967, 83. 218 Im Zuge der josephinischen Reformen zum Begräbniswesen wurde 1784 die Schließung aller Friedhöfe innerhalb des Linienwalls angeordnet. Mit der Errichtung der auswärtigen Friedhofsanlagen ließ man den Protestanten die Wahl z­ wischen gemeinsamer Nutzung oder einem eigenen Friedhof. Sie zogen (des guten Willens wegen) die gemeinsame Nutzung vor, die mit vereinzelten Ausnahmen im Großen und Ganzen konfliktfrei vonstattenging. Vgl. Stökl 1953, 208; vgl. Schweighofer 2017, 202; vgl. Binder/Krause 2010, 121. 219 Es handelt sich um den Sterbeeintrag von Bernhard Paul von Moll (26. 09. 1780 [Nr. 1331]), der in Baden verstirbt und anschließend zum „Schwarzspanier Gottesacker“ überbracht und „alda an kaltem Brand“ beschaut wird. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 77, lit. M, fol. 36r.

Spuren konfessionsbildender Prozesse und Freiräume evangelischer Konfessionskultur

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Dass die zweifache Nutzung des Friedhofs auch Konkurrenzdenken förderte, zeichnet sich bereits 1590 mit der Beobachtung des Bischofs Johann Caspar Neubeck ab, dass die Zahl der katholischen Begräbnisse seit dem protestantischen Ausbau des Friedhofs und der Einrichtung eines Kreuzganges rückläufig sei. Er verlieh zudem seiner Sorge Ausdruck, dass die Evangelischen mit ihren Grabdenkmälern „allerlei einführen, was zur Schmach der ­kathol. Religion unleidlich ist.“ 220 In der Zeit seines Bestehens entwickelte sich der kaiserliche Gottesacker zu einem Schauplatz katholischer und evangelischer Bestattungsbelange, die nicht nur am Friedhof selbst, sondern auch bei den Kondukten ineinander verwoben waren. Kennzeichnend für d ­ ieses Ineinandergreifen war auch der umkämpfte Zugang durch das Haupttor, der die evangelischen Leichenzüge notwendig über den katholischen Bereich zur Grabstätte des Verstorbenen führte.221

3.3.3.2 Begräbnisse als Beispiel sichtbaren evangelischen Lebens Evangelische Begräbnisse bildeten die einzige Ausnahme zu den ansonsten auf die Gesandtschaftskapellen beschränkten religiösen Handlungen der Evangelischen in Wien. So war es dem Legationsprediger gestattet, den Leichenzug öffentlich zu begleiten und eine Einsegnung vorzunehmen.222 Den Angehörigen stand es aber auch frei, diese Kasualhandlung auf eine Andacht im Sterbehaus zu beschränken.223 Wenn auch der evangelische Gottesdienst unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, so führten die öffentlichen Begräbnisse der Protestanten dennoch allen Bewohnern der Haupt- und Residenzstadt die Präsenz evangelischen Lebens vor Augen. Für Martin Scheutz sind gerade sie es, die der „Repräsentation der kleinen protestantischen Konfessionskultur in Wien“ 224 dienten. Bestätigung findet diese Einschätzung beispielsweise mit dem aus bis zu sechsspännigen Kutschen bestehenden Leichenzug des im Jahr 1760 verstorbenen Reichshofrats Karl Wilhelm von Gärtner (12. 03. 1760 220 Zitiert nach Wiedemann 1879 – 1886, Bd. 2, 221. Als Beispiele für die bildlichen Darstellungen der evangelischen Epitaphe nennt Leopold Senfelder den ‚Brunn des Lebens‘ sowie ‚Adam und Eva im Paradies‘. Vgl. Senfelder 1902, 238 – 239, 256. Bei der Frage der Unterscheidung von evangelischen und katholischen Darstellungen auf Epitaphen ist im Fall von Wien und anders als in Inner- und Oberösterreich grundsätzlich von einer allgemein gehaltenen christlichen Bildsprache auszugehen. Eine Ausnahme stellt hier das ‚Lackner Epitaph‘ an den Außenmauern des Wiener Stephansdoms aus dem Jahr 1571 dar, das Elemente des ‚Gesetz und Gnade‘ Programms verarbeitet und damit eine deutliche Nähe zum Protestantismus aufweist. Vgl. Leeb 2004; in Ablehnung dazu vgl. Zajic 2004, 296 – 297. 221 Noch vor der Erweiterung des Friedhofes kam es auch vor, dass sich evangelische Grabmäler auf dem katholischen Grabfeld befanden. Vgl. Senfelder 1902, 220 – 222, 231 – 232; vgl. Mayr 1954, 62. 222 Dieser Dienst konnte auch von Predigern anderer Gesandtschaftskapellen übernommen werden. 223 Vgl. Rippel 1986, 43. 224 Scheutz 2009c, 223. Matthias Schnettger ergänzt, dass hierzu auch die prachtvoll gestalteten Gräber einen wesentlichen bleibenden Beitrag leisten und führt als Beispiele jene Grabstätten von F ­ riedrich von Binders, Johann Heinrich von Obernitz und Heinrich Christian von Senckenberg an. Vgl. S­ chnettger 2010, 615.

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[Nr. 666])225, der unter Glockengeläut das Schottentor passierte, vor dem die Wachen ihr Gewehr präsentierten.226 Die Leichenzüge evangelischer Verstorbener verliefen aber nicht immer konfliktfrei, wie den Aufzeichnungen von Johann Chemnitz zu entnehmen ist: [Es] ist nicht zu leugnen, daß bey den Leichen geringer Leute die Leichenbegleiter allerlei Schimpf und Spottreden vom mutwilligen und unverständigen Pöbelvolk mit anhören, ja auch wohl manchmal mit Steinen und Koth sich bewerfen lassen müssen: denn wenn sie sehen, daß der Sarg mit keinen Bildern der Heiligen besezt, noch von einen Catholischen Geistlichen begleitet werde: so ahnen sie es sogleich, es müsse eine Evangelisch Leiche seyn, und alsdann ist diß ihr übereiltes Urtheil, es werde dem Teufel abermals ein Braten zugetragen. Meistentheils werden aber doch ­solche Leichen, in guter Ruhe und Sicherheit zu ihrer Grabstätte gebracht.227

Aus dieser eindrücklichen Schilderung geht hervor, dass der konfessionelle Unterschied auch visuell nach außen hin präsent war und erkannt wurde, dass im Rahmen der sozialen Hierar­ chie – Chemnitz bezieht sich auf die „Leichen geringer Leute“ 228 – bestimmte Verhaltensnormen galten und beachtet wurden und dass Beerdigungen in hohem Maße öffentliche Ereignisse darstellten, die über den Kreis der Angehörigen hinaus und über die Grenzen der Konfession hinweg mitverfolgt wurden. Damit liefern die evangelischen Begräbnisse ein weiteres zentrales Beispiel für das offenkundige und geschlossene Auftreten von Evangelischen in Wien und deren kollektive konfessionelle Identität. Das gemeinsame ‚Auslaufen‘, die Gesandtschaftsgottesdienste und die evangelischen Begräbnisse verweisen auf unterschiedliche Formen von Vergemeinschaftung, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie ineinandergreifen. Sie bringen jenes evangelische Leben sichtbar zum Ausdruck, das sich mit dem gegenständlichen Befund in weiterer Folge empirisch stützen lässt.

3.4 Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes In den vorangehenden Kapiteln wurden erstens der Anspruch des Konfessionalisierungsparadigmas, zweitens katholische Aspekte der Konfessionalisierung ‚von oben‘ und drittens Freiräume evangelischer Konfessionskultur sowie Aspekte kollektiver konfessioneller Identität mit dem Verweis auf Spuren konfessionsbildender Prozesse dargestellt. Die Frage, wie vor ­diesem Hintergrund am Postulat der konsequenten und linearen Bildung einer gefestigten Konfessionskirche ‚von oben‘ festgehalten werden kann, ist bis jetzt offengeblieben und soll 2 25 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 54, lit. CGK, fol. 11r. 226 Vgl. Schnettger 2010, 615. 227 Zitiert nach Stubbe 1932a, 276. 228 Ebd., 276.

Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes

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nun unter besonderer Berücksichtigung der evangelischen Sterbeeinträge behandelt werden. Da sich die dabei gezogenen Schlüsse innerhalb der Konfessionalisierungsdebatte verorten lassen, werden in einem ersten Schritt die zentralen Anfragen und Kritikpunkte skizziert, die in der Auseinandersetzung mit dem Paradigma in Fachkreisen bereits thematisiert wurden und wichtige Modifikationen der Konfessionalisierungsthese veranlassten. In einem zweiten Schritt wird im Rahmen einer Interpretation des Befundes punktuell auf diese Einwände Bezug genommen. Es gilt zu zeigen, dass die katholische Konfessionalisierung am Beispiel Wien an Grenzen stößt, die sich mit dem Befund untermauern ­lassen. Vergleichbar mit Proxydaten aus der Klimaforschung lassen die in den evangelischen Sterbeeinträgen enthaltenen Informationen indirekte aber plausible Schlüsse auf evangelische Vergemeinschaftung und die im vorliegenden Kapitel dargestellten Streiflichter gelebten evangelischen Lebens zu.

3.4.1 Die Konfessionalisierungsdebatte in ihren wesentlichen Kritikpunkten Die vier wesentlichen Kritikpunkte am Konfessionalisierungsparadigma können folgendermaßen zusammengefasst werden:229 Mit dem Postulat eines ‚Fundamentalvorgangs‘ muss für das Konfessionalisierungsparadigma eine makrohistorische Perspektive geltend gemacht werden, die sämtliche Entwicklungen auf der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Ebene zu erfassen vermag. Diese Prämisse erscheint dann problematisch, wenn in der Koppelung der These mit dem Disziplinierungsansatz Oestreichs eine Modernisierung einhergehen muss, die – um ein Beispiel zu nennen – kaum mit dem tridentinischen Rückgriff auf mittelalterliche Frömmigkeitspraxis vereinbart werden kann. Besonders aber entzündete sich die Kritik am Vorwurf des Etatismus und dem damit verbundenen einseitigen Disziplinierungsakt ‚von oben‘. Die Konfessionalisierung unterliegt einem komplexen Wechselwirkungsprozess, bei dem weder angenommen werden kann, dass die Disziplinierungsmaßnahmen ‚von oben‘ immer der tatsächlichen Aneignung in den darunterliegenden sozialen Schichten entsprechen, noch dass es nicht auch Kräfte gibt, die entgegenwirken. Ein weiterer Einwand betrifft den chronologischen und geographischen Geltungsbereich der These. In der Frühneuzeitforschung gibt es keinen Konsens darüber, an welchem Punkt das Zeitalter der Konfessionalisierung beginnt bzw. endet. Die unterschiedlichen Entwicklungen in den jeweiligen Konfessionen lassen so Zweifel an der im Paradigma verankerten Parallelitäts­ these aufkommen. Darüber hinaus postulieren sowohl Reinhard als auch Schilling die Gültig­ keit des Konfessionalisierungsansatzes für den gesamteuropäischen Raum, obwohl sie nur Fallstudien zu deutschen Territorialstaaten durchgeführt haben.

229 Vgl. Lotz-Heumann 2001, 102 – 109; vgl. Scheutz 2009b, 29 – 32.

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Als Schwachpunkt wird zudem die Reduktion der Konfession auf ihre Funktion bzw. die Ignoranz gegenüber der theologischen Wahrheitsfrage angesehen, ­welche doch die Ausdifferenzierung von Konfessionen unweigerlich begleitet und auch lenkt. Eine Nivellierung der konfes­ sionellen Eigentümlichkeiten beruht ferner auf der vermeintlichen Unterstellung, dass die Konfessionen strukturell gleich weit von der Universalkirche entfernt sind (Äquivalenzthese).

3.4.1.1 Kritik an der makrohistorischen Perspektive Da es historische Abläufe auch außerhalb der religiösen Entwicklungen gibt, die entsprechend auch außerhalb des Konfessionalisierungsprozesses beschrieben werden können, kann Konfessionalisierung weder als Fundamentalvorgang noch als Grundkategorie der frühneuzeitlichen Gesellschaft gelten. Winfried Schulze betont hier im Gegenzug vielmehr eine sich allmählich durchsetzende Säkularisation.230 Zudem wird auch der Zwang zur Konfessionalisierung durch Beispiele wie religiöse Toleranz, religiöse Freiheit, Unglaube, aber auch weltliche Friedensideen relativiert. Folgerichtig bedeutet dies dann aber auch, dass die Grenzen des Konfessionalisierungs­paradigmas eben dort erreicht sind, wo Konfessionalisierung keinen Einfluss nimmt.231 Vor dem Hintergrund des Sozialdisziplinierungsbegriffs in der Tradition Oestreichs gilt der Konfessionalisierungsprozess gleichsam als Modernisierungsprozess, in welchem die gläubigen Untertanen zu einem korrekten kirchlichen Christentum geführt werden. Nun wurde jedoch auch in der gegenständlichen Darstellung betont, dass mit dem Tridentinum verstärkt auf mittelalterliche Ideen und Frömmigkeitsformen zurückgegriffen wurde, die nicht in Kongruenz zu einem Modernitätspostulat stehen (können), sofern ­dieses eine gewisse Emanzipation von kirchlicher Autorität impliziert und zumindest die Tendenz zur Säkularisierung voraussetzt.232 Mit dem Zweifel daran, dass das Modernisierungsmodell überhaupt etwas mit den Erkenntnissen des frühneuzeitlichen Katholizismus zu tun haben kann, zieht Peter Hersche folgendes Fazit: „Die Konfessionalisierungsthese in der Reinhardschen Formulierung erweist sich als das größte Hindernis zur adäquaten Erkenntnis des frühneuzeitlichen Katholizismus im Barockzeitalter. […] Warum muss denn eigentlich 2 30 Vgl. Schulze 1991, 51; vgl. Schulze 1999, 15 – 30. 231 Vgl. Schindling 1997, 40. Reinhard und Schilling dementieren nicht, dass es auch nichtkonfessionelle Elemente im konfessionellen Zeitalter gegeben haben mag und neben der Konfessionalisierung auch die Säkularisation zum Tragen kommt. Da aber gerade für Schilling die nichtkonfessionellen Prozesse ineffektiv waren, bleibt für ihn die Konfessionalisierung der Fundamentalvorgang dieser Periode. ­Reinhard unterscheidet z­ wischen intendierten und nicht intendierten Folgen der Konfessionalisierung und spricht von der Säkularisation als nicht intendierten Nebeneffekt der Konfessionalisierung. Diese ­seien langfristig gesehen wichtiger, da vor allem sie mit den Modernisierungsimpulsen verbunden waren. Vgl. Schilling 1995, 22; vgl. Reinhard 1995a, 269; vgl. Reinhard 1999, 80. 232 Vgl. Scheutz 2009b, 29 – 30. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass auch reaktionäre Absichten nicht intendierte modernisierende Wirkungen gehabt haben könnten. Umgekehrt können modernisierende Maßnahmen traditionalistisch umgedeutet werden, wie z. B. das Ritualangebot (Prozessionen, Wallfahrten und dergleichen) der nachtridentinischen ­Kirche und deren Abschaffung.

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der Katholizismus der Frühneuzeit um jeden Preis ‚modern‘ gesehen werden?“ 233 Da die Modernisierungsthese vor ­diesem Hintergrund nicht mehr haltbar erscheint, wurde, um an einer spezifischen Form katholischer Modernität festhalten zu können, der Ansatz der ‚multiple modernities‘ eingeführt.234

3.4.1.2 Kritik an der etatistischen Tendenz Das Konfessionalisierungsparadigma wäre ohne die Koppelung mit dem Sozialdisziplinierungsansatz nicht so breit rezipiert worden, allerdings gewann es dadurch auch nicht an Überzeugungskraft.235 Zu überladen erscheint der Anspruch, dass sich die auf den unterschiedlichen Ebenen (Erziehung, Wirtschaft, Wissenschaft, u. a. m.) durchzusetzenden Disziplinierungsmaßnahmen zu einem ‚Vermachtungsprozess‘ addieren lassen, der nicht nur die Grundstruktur aller Lebensbereiche erfasst und umgestaltet, sondern gleichsam auf den absoluten Staat als Zentralinstanz hin ordnet.236 Mit der Gefahr der etatistischen Engführung droht auch der für die Konfessionsbildung wesentliche Blick auf die Religion verloren zu gehen, deren tragende Rolle innerhalb der Frühneuzeitforschung gerade betont wurde.237 Die Konfessionalisierungsthese hat eine jahrzehntelange komparatistisch angelegte Debatte durchlaufen, bei der gerade dieser Gesichtspunkt in besonderer Weise geltend gemacht werden konnte.238 Dabei wurde hervorgekehrt, dass die Konfessionalisierung nicht zwangsläufig im Dienst der Staatsbildung stehen muss.239 233 Hersche 2006, Bd. 1, 63. Hersche wirft in seinem Werk ‚Muße und Verschwendung‘ das Konfessionalisierungsparadigma letztlich ganz über Bord. Vgl. ebd., 55 – 57. 234 „Es könnte freilich sein, und auch Hersche deutet das mehrfach an […], daß es im Sinne der ‚multiple modernities‘ eine spezifisch katholische Modernität gegeben haben und noch geben könnte.“ ­Reinhard 2010, 427. Unter Berücksichtigung des historiographischen Hintergrunds betont auch Luise Schorn-Schütte anstelle eines stetigen teleologischen Gesellschaftswandels mehrere unterschiedliche Entwicklungsziele und Potentiale innerhalb des Modernisierungspostulats. Vgl. Schorn-Schütte 1999, 66 – 68. 235 Vgl. Hersche 2006, Bd. 1, 60 – 61. 236 Vgl. Breuer 1986, 55. 237 Vgl. Schmidt 1997, 639 – 641. „Konfessionalisierungsforschung, Religions- und Kulturgeschichte haben gezeigt, daß Religion und Konfession eine Schlüsselrolle für unser Verständnis der frühneuzeitlichen Staats- und Lebenswelt spielen.“ Siebenhüner 2007, 247. 238 Thomas Kaufmann hält 1996 fest: „Das aus der Sicht der Kirchengeschichte unabweisbar größte Verdienst der komparatistisch angelegten, makrohistorischen Konfessionalisierungsdebatte, […], dürfte darin bestehen, daß die Formierung der konfessionellen Kirchentümer als ‚Fundamentalprozeß der Frühneuzeit‘ erkannt wurde und Religion und ­Kirche nicht als gesellschaftliche ,Subsysteme unter mehreren anderen‘, sondern als tragende ,Strukturachsen der Gesellschaft insgesamt‘ analysiert werden.“ Kaufmann 1996b, 1112. 239 Dies belegt ein nicht unerheblicher nicht-fürstlicher Anteil der Konfessionalisierung und entsprechende Studien. Vgl. Scheutz 2009b, 26. Andreas Holzem siedelt die katholische Konfessionalisierung in seiner Untersuchung zum Hochstift Münster beispielsweise im Dienst der ‚Verchristlichung‘ anstelle der Verstaatlichung an. Vgl. Holzem 1998.

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Heinrich Richard Schmidt richtet seine Kritik vor allem gegen die Konvergenz von Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung und nimmt dabei Bezug auf den Begriff der Selbstkonfessionalisierung: Konfessionalisierung hat auch in nichtfürstlichen Territorien stattgefunden, dort vielleicht besonders effektiv, wo der Fremdzwang gering und die Selbstkonfessionalisierung dominant war. Weil der Staat gar nicht überall mit der Konfessionalisierung verbunden war, kann diese nicht essentiell ‚staatlich‘ definiert werden. Das etatistische Element ist ein Akzidenz, kein Essentiale, kein Strukturmerkmal – wo es überhaupt zur Konfessionalisierung dazukommt.240

Sein Votum widerspricht dem wesentlichen Charakter der These, dass Konfessionalisierung ein vom Streben nach frühmoderner Staatlichkeit vorangetriebener, linearer, ‚top to bottom‘ Prozess sein muss. Erfolgreiche Sozialdisziplinierung kann durchaus das Ergebnis von ­Selbstregulierung und Selbstdisziplinierung im Rahmen eines kommunalen Prozesses sein. In seiner Studie zu Chorgerichten im reformierten Bern wird dies eindrücklich bestätigt.241 Schmidt bestreitet zwar nicht, dass Vorgaben und Zwänge ‚von oben‘ auferlegt wurden, fügt aber hinzu, dass die entscheidenden Träger der Konfessionalisierung an der Basis der Gesellschaft zu finden sind. Helga Schnabel-Schüle spricht in dieser Beziehung von einer ‚horizontalen Disziplinierung‘, im Rahmen derer sich die Untertanen gegenseitig kontrollierten und disziplinierten.242 Auch Peter Hersche ist der Meinung, dass das Konfessionalisierungsparadigma ein falsches Bild einer elitären Klerikerkirche impliziert, die „unter Inanspruchnahme des brachium saeculare unermüdlich indoktriniert, propagiert, ritualisiert, reglementiert, kommandiert und kontrolliert.“ 243 Dass aber auch Kompromisse ausgehandelt wurden, in denen auch entgegenwirkende Kräfte zum Tragen kamen, bleibt weitgehend unberücksichtigt und verweist auf die einseitige Gewichtung von normativen Quellen, die sich Heinz Schilling schließlich selbst eingestehen musste:244 240 Schmidt 1997, 660. 241 Darin kommt er zum Ergebnis, dass Konfessionalisierung hier einem kommunalen Prozess entspricht, in dem „innerhalb der Gemeinde […] Geschlechter- und Sozialgruppen mit spezifischen Interessen die Konfessionalisierung, deren Vorgaben durch den Pfarrer und die Obrigkeit sie aufgreifen, in die Tat“ umsetzen. ebd., 682. 242 Dies funktioniert vor allem wegen der Glaubensauffassung, dass ungestraftes Fehlverhalten den unvermeidbaren Zorn Gottes über Land und Leute bringt. Vgl. Schnabel-Schüle 1999, 37. Schilling und Reinhard haben die Kritik an der Überbetonung einer Konfessionalisierung ‚von oben‘ akzeptiert, sie verwerfen aber aus denselben Gründen den kompromisslosen Perspektivenwechsel. Vgl. Lotz-­ Heumann 2001, 109 – 111. 243 Hersche 2006, Bd.1, 60. 244 Vgl. ebd., 60. Der gegenreformatorische Katholizismus hatte zwar disziplinierende Absichten, aber die vermeintliche Realisierung des Konzils von Trient zeichnet ein ganz anderes Bild. Normvorschriften und Lebenswirklichkeit können nicht gleichgesetzt werden. Es besteht zum einen die Möglichkeit der Diskrepanz z­ wischen den von der Obrigkeit erlassenen Vorschriften und ihrer Einhaltung und zum anderen die Möglichkeit der Erschwernisse in der Normdurchsetzung durch die Dispenspraxis und die Vollzugsorgane auf der unteren Ebene. Vgl. Hersche 2006, Bd. 2, 668 – 670.

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Funktional handelte es sich um eine Art Zangenbewegung, die sowohl von oben – durch staatliche, kirchliche oder andere Institutionen – gesteuert war als auch von unten, aus der Gesellschaft hervorwuchs und daher wesentlich mitgeprägt wurde durch Familie, Nachbarschaft, Bruderschaften oder andere Korporationen. In gewissem Umfang setzten offensichtlich sogar Mechanismen der Selbstkontrolle und Selbstregulierung ein, so daß die Objekte der Disziplinierung zugleich deren Subjekte waren.245

Der Vollzug d ­ ieses Perspektivenwechsels kann auch für die gegenständliche Untersuchung fruchtbar gemacht werden, denn nur aus der Sicht ‚von unten‘ wird die evangelische Konfessionskultur in den habsburgischen Erbländern im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert greifbar. Martin Scheutz zufolge verlief der protestantische Konfessionsbildungsprozess nicht nur innerhalb des katholischen, sondern auch in Konkurrenz zu ­diesem.246 In den Donauländern wurde der evangelische Glaube zunächst im Verborgenen und innerhalb des bestehenden katholischen kirchlichen Systems gefestigt, an dessen Spitze ein katholischer Bischof als Vorgesetzter stand.247 Weitgehend offen bleiben allerdings die Dimensionen bzw. Auswüchse dieser konfessionsbildenden Prozesse.248

3.4.1.3 Kritik an der zeitlichen und räumlichen Eingrenzung Das Problem der Periodisierung ist bereits durch die Verschiedenheit der Ansätze von ­Reinhard und Schilling vorgezeichnet: Schilling setzt das Zeitalter der Konfessionalisierung von 1570 bis zum Dreißigjährigen Krieg an und entfaltet dazu ein Vier-Phasen-Modell.249 In Bezug auf den Schlusspunkt dieser Konfessionalisierungsphase wird kritisch angemerkt, dass dieser einerseits nur im Lichte des protestantischen und reformierten Bekenntnisses sinnvoll erscheint und andererseits als dogmatisch-theologische Markierung der Definition des Begriffs Konfessionalisierung als gesellschaftlichen Fundamentalvorgang nicht 2 45 Schilling 1997, 6. 246 Vgl. Scheutz 2009b, 33 – 34. 247 Vgl. Leeb 2003, 201. 248 Unklar bleibt auch, was dies für die konfessionelle Identität der Protestanten in Österreich bedeutet. „Für Wien lassen sich bei der Gemeindebildung rund um die Gesandtschaftskapellen jedenfalls auch sozioökonomische Faktoren (Niederleger, Manufakturen im Textilbereich) ausmachen, die in den übrigen österreichischen Erbländern keine Rolle gespielt haben dürften.“ Scheutz 2009b, 33 – 34. Als Indikatoren einer evangelischen Konfessionsbildung führt Scheutz folgende Beispiele an: Ein Kanon von protestantischer Erbauungs- und Gebrauchsliteratur, Hinweise auf geistliche Funktionseliten, die Ausbildung einer spezifischen Frömmigkeitspraxis, protestantische Heiratskreise und Beziehungs­gefüge bzw. Netzwerke, die Ablehnung katholischer Frömmigkeitspraxis. Vgl. ebd., 33 – 34. 249 Eine Phase der Anbahnung der Konfessionalisierung z­ wischen 1540 und 1560, eine Phase der Überleitung zur konfessionellen Konfrontation in den 1570er Jahren, einem Höhepunkt der Konfessionalisierung von 1580 bis 1620 und einem Abschluss der Konfessionalisierung bzw. einer Überwindung konfessioneller Gegensätze auf Basis des Westfälischen Friedens 1648. Vgl. Schilling 1988, 14 – 30.

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gerecht wird. Konstruktiv vorgeschlagen wird eine zeitlich differenziertere und weitreichendere Sichtweise.250 Im Gegensatz zu Schilling verhält sich Reinhard gegenüber der Periodisierungsfrage zurückhaltender und setzt ein ‚Konfessionelles Zeitalter‘ großzügig von 1530 – 1730 an. Dabei nimmt er allerdings die Ergebnisse seiner Untersuchung auch für die Folgezeit als gegeben an. Langzeituntersuchungen, die bis in das 18. Jahrhundert vordringen sowie der Rückblick auf das ‚Konfessionelle Zeitalter‘ von der Aufklärung her lassen große Zweifel an der Gültigkeit dieser Periodisierung aufkommen. Die Kritik an der Periodisierung berührt auch die im Konfessionalisierungsparadigma enthaltene Parallelitätsthese, die in der Tradition Reinhards besagt, dass die katholische, lutherische und calvinistische Konfessionalisierung weitgehend chronologisch parallel verläuft. Diese Prämisse erscheint äußerst fragwürdig, zumal schon allein für die lutherische Konfessionalisierung unklar ist, ob schon die ‚Confessio Augustana‘ (1530) oder doch erst die ‚Konkordienformel‘ (1577) in den Prozess der Konfessionalisierung gehören. Thomas Kaufmann hält der Parallelitäts- und Äquivalenzthese 251 sein Konzept der Konfessionskulturen entgegen, welches sich nicht an den Gemeinsamkeiten, sondern den Eigentümlichkeiten der Konfessionen orientiert.252 Neben den zeitlichen weisen auch die räumlichen Grenzen Probleme auf, denn Schilling und Reinhard machen ihre These für den gesamteuropäischen Raum geltend. Die Konfessionalisierungsthese will zwar universal sein, basiert aber lediglich auf Fallstudien deutscher Territorialstaaten, sodass man ihr ebenso gut eine „Deutschzentriertheit“ 253 vorwerfen kann.254 Wichtige europäische Länder wie Spanien und Italien waren Zeugen einer offensichtlichen Kontinuität zur mittelalterlichen K ­ irche. Folglich lässt sich ihre Entwicklung auch nicht in das Schema der Konfessionalisierung einordnen. Abgesehen davon unterblieb mit wenigen Ausnahmen die Anwendung des Paradigmas auf andere europäische Länder.255

3.4.1.4 Kritik an der Äquivalenzthese und Stellenwert der theologischen Wahrheitsfrage Die These beruht auf der Überzeugung, dass aus der universalen ­Kirche des Mittelalters drei Konfessionskirchen entstanden sind, die mit unterschiedlichen Theologien strukturell gleich weit von der Universalkirche entfernt sind. Diese Behauptung der strukturellen Äquivalenz ist aus historischer Sicht falsch und stellt sich „[g]egenüber der konkreten Realität […], 250 Vgl. Schnabel-Schüle 1999, 24 – 25. Die Unsicherheit der Periodisierung führt sie auf die Marginalisierung der katholischen Konfessionalisierung innerhalb des Diskurses zurück. Vgl. ebd., 28. 251 Vgl. 3.4.1.4 Kritik an der Äquivalenzthese und Stellenwert der theologischen Wahrheitsfrage. 252 Vgl. Kaufmann 1998, 7. 253 Ziegler 1999, 48. 254 Vgl. Scheutz 2009b, 31. 255 Darunter sind besonders folgende Arbeiten zu beachten: Vgl. Kaplan 1995; vgl. Lotz-Heumann 2000; vgl. Mörke 1996.

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völlig irreal dar – nur erklärbar aus dem Systemzwang des Strukturvergleichs, der aufgrund äußerer Merkmale erfolgte.“ 256 Der jeweilige historische Ursprung, das Kirchenverständnis, die Institutionalisierungsform, das Traditionsbewusstsein und das Dogma drohen hier dem systemtheoretischen Parallelisierungszwang des Paradigmas zum Opfer zu fallen.257 Anton Schindling hat deshalb gefordert, mehr Aufmerksamkeit auf die Spezifika der jeweiligen Konfessionskirchen zu lenken, die sich in Theologie, Frömmigkeit und Spiritualität doch stark voneinander unterscheiden. Abgesehen davon, dass christliche Gemeinschaften abseits der Konfessionskirchen von der Konfessionalisierungsthese überhaupt ausgeklammert werden, finden auch Interkonfessionalität, Transkonfessionalität und binnenkonfessionelle Pluralität keine Beachtung.258 Die Konfessionalisierungsthese vernachlässigt zudem die Beschäftigung mit der theologischen Wahrheit, die in den Konfessionen in Abgrenzung zur jeweils anderen beansprucht wird. Mögliche Gründe dafür sind: Die Distanz des Historikers gegenüber der Theologie, die Sorge vor dem Anstiften religiöser Streitigkeiten, eine falsch verstandene ökumenische Gesinnung oder Desinteresse.259 Da die Ausdifferenzierung der Konfessionen aber gerade im Ringen um die Wahrheit geschieht, kann dies als grobes Versäumnis gewertet werden. Für Walter Ziegler bildet die Wahrheitsfrage die entscheidende Grundlage im konfessionellen Zeitalter: Luther und Eck, den Calvinisten wie den Jesuiten ging es nicht zuerst darum, eine festgefügte Konfession oder eine konfessionell disziplinierte Untertanenschaft zu erreichen, sondern darum, das Licht des Glaubens, dessen Wahrheit sie für sich erkannt hatten, pflichtgemäß anderen zu übermitteln. 260

Keineswegs aber erhebt das Konfessionalisierungsparadigma einen derartigen theologischen oder missionarischen Anspruch. Es gilt zu fragen, inwiefern sich die Konfessionalisierungsthese Universalkompetenz zueignen kann, wenn sie wichtige Forschungsperspektiven der Kirchengeschichte entweder außen vor lässt oder nur unzureichend berücksichtigt.261

2 56 Ziegler 1999, 47. 257 Vgl. Kaufmann 2003, 11. Heinz Schilling akzeptiert, dass dadurch Schwachpunkte der These zum Vorschein kommen und fordert die Integration von Perspektiven, die die Unterschiede der Konfessionskirchen darstellen. Reinhard hält dagegen, indem er darauf hinweist, dass auf Basis des methodischen Zugangs des Konfessionalisierungsparadigmas und mit der Absicht wissenschaftlicher Arbeitsteilung konfessionelle Propria ignoriert werden. Er sieht daher keinen Grund für die Integration dieser Perspek­ tive. Vgl. Reinhard 1995b; vgl. Lotz-Heumann 2001, 108 – 109. 258 Interkonfessionalität meint wechselseitige Austauschprozesse von Personen und Gruppen verschiedener konfessioneller Prägungen. Mit Transkonfessionalität wird eine Grenzüberschreitung der eigenen Konfession bezeichnet. Binnenkonfessionelle Pluralität bezeichnet die Vielfalt der regionalen Ausformungen konfessionskultureller Identitäten. Vgl. Kaufmann 2003, 11 – 15. 259 Vgl. Ziegler 1999, 45. 260 Ebd., 45. 261 Vgl. Klueting 2003, 334.

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Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle

3.4.2 Einordnung der Forschungsergebnisse in die Konfessionalisierungsdebatte 3.4.2.1 Zum Umgang der Quelle mit der evangelischen Konfession Dass die konfessionelle Kennzeichnung in den Totenbeschauprotokollen dem ‚EvangelischSein‘ einen gewissen Öffentlichkeitscharakter verleiht, wurde in dieser Arbeit bereits mehrfach betont. Aufgrund der Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen ist davon auszugehen, dass die nach kürzerem oder längerem Aufenthalt in Wien verstorbenen und anschließend ins Sterberegister aufgenommen Evangelischen überwiegend aufgrund einer günstigen Rechtsgrundlage trotz ihres Bekenntnisses geduldet und eben deshalb als Evangelische gekennzeichnet wurden.262 Gewicht verleiht dieser These vor allem, dass die Kehrseite – der Geheim-, Krypto- oder Untergrundprotestantismus – eben nicht erfasst wird. Obwohl diese Form der Glaubenspraxis zweifellos für Wien zutraf, ist insgesamt von einem geringen Anteil an Kryptoprotestanten in Wien im Untersuchungszeitraum auszugehen. Exemplarisch sei hier auf die Fälle von nach Siebenbürgen deportierten Kärntnern verwiesen, die sich von dort aus wieder nach Wien aufgemacht haben, um sich vorüber­ gehend oder auch endgültig in der Haupt- und Residenzstadt (meist als Tagelöhner oder niedere Bedienstete) niederzulassen. Zu diesen widerrechtlich Zurückgekehrten zählte auch der einst gut situierte Landwirt Georg Gegner aus dem Drautal, der bereits zwei Jahre nach seiner Deportation im Jahr 1734 die Flucht nach Wien ergriff, um von dort aus Angelegenheiten in Kärnten zu regeln.263 Gegner wurde in der Vorstadt Spittelberg ansässig, wo seine Frau Maria infolge einer Geburt im Alter von 35 Jahren verstarb. Während nun das Totenbuch der Pfarre St. Ulrich neben den erlassenen Begräbniskosten auch das lutherische Glaubensbekenntnis eines Eintrages würdigt, schweigen die Totenbeschauprotokolle über die vom katholischen Glauben abweichende Konfession.264 Diese exemplarische Beobachtung birgt Hinweise darauf, wie das Totenbeschreibamt mit dem konfessionellen Unterschied umging bzw. auf Basis welcher Kriterien es überhaupt zu einem evangelischen Sterbeeintrag kam. Das Beispiel Maria Gegner lässt darauf schließen, dass sogenannte ‚Geheimprotestanten‘ nicht mit ihrer Konfession erfasst wurden. Die Frage, ob der fehlende Vermerk in ­diesem Fall von der Unwissenheit der konfessionellen Zugehörigkeit herrührt oder der fehlenden rechtlichen Grundlage geschuldet ist, muss an ­dieser Stelle offenbleiben. 262 Dies bedeutet nun nicht, dass die in den Sterbeeinträgen erfassten Evangelischen ihren Glauben öffentlich und ungehindert in Wien ausleben durften. Zur Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen vgl. Kapitel 5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen. 263 Zu Georg Gegner vgl. Steiner 2007. 264 Der Eintrag in die Pfarrmatriken vom 10. 03. 1738 hält fest: „Dem Johann Georg Gegner armen laggey s: Weib Anna Maria luther: Religion in Kolltrager: H: b: alt 35 Jahr […]“ Sterbebuch 07. St. Ulrich 1738 – 1746, 19, zugegriffen, am 18. 01. 2020; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 179v.

Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes

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Noch ohne konkrete Auswertungsergebnisse wird bereits an der Quelle sichtbar, dass ‚Evangelisch-Sein‘ im Untersuchungszeitraum nicht nur eine persönliche und individuelle Angelegenheit darstellt, sondern durch den Eintrag ins Sterberegister den Charakter einer Zuschreibung, wenn nicht sogar den eines Zugeständnisses (keineswegs jedoch im Sinne einer positiven Würdigung), annimmt.265 Die Totenbeschreiber waren zudem gewillt, falsche Konfessionsvermerke zu berichtigen oder fehlende nachträglich zu ergänzen, was einen sorgfältigen Umgang mit dem Konfessionsmerkmal andeutet.266 Die Quelle selbst untermauert demnach, dass die evangelische Konfession als ernstzunehmendes Risiko für die staatliche Einheit wahrgenommen wurde und gelebter evangelischer Glaube in Wien offenbar nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfand. Das staatliche Interesse, den Störfaktor ‚Evangelische Religion‘ dingfest zu machen und das religiöse Gepräge dechiffrieren zu wollen, fügt sich in den Entstehungszusammenhang der Quelle, der das Totenbeschreibamt als Kontrollinstru­ ment ausweist, dessen Zugriff weit über den gesundheitspolitischen Zweck hinausgeht.267 Etwaige Beispiele gelebter evangelischer Konfessionskultur werden vor allem im Zusammenhang mit Konflikten sichtbar. Dies bedeutet aber keineswegs, dass es nicht auch ein friedliches konfessionelles Nebeneinander und sogar Miteinander innerhalb der Wiener Gesellschaft gab, welches bis in die Familienstrukturen hinein mehr oder weniger reibungslos funktionieren konnte. Als stumme Zeugen dieser ‚Interkonfessionalität‘ mit möglichen Momenten von ‚Transkonfessionalität‘ können jene Sterbeeinträge angesehen werden, in denen ausdrücklich auf gemischtkonfessionelle Partnerschaften hingewiesen wird.268 Mit ihnen kann zumindest empirisch belegt werden, dass der konfessionelle Unterschied kein unüberwindbares Hindernis (für eine Partnerschaft) darstellt.269 Diese und andere Beispiele konfessioneller Berührungspunkte, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen finden, wie bereits oben festgehalten wurde, innerhalb des Konfessionalisierungsparadigmas kaum Berücksichtigung, wenngleich sie für Wien (exemplarisch auch durch die doppelte Nutzung des kaiserlichen Gottesackers) geltend zu machen sind.270 265 Diese These wird durch die im Zuge dieser Arbeit gewonnen Erkenntnis gestützt, dass die in den Totenbeschauprotokollen vermerkten Evangelischen überwiegend mit Rechten und Privilegien ausgestattet waren, die ihnen trotzt des konfessionellen Unterschiedes einen Aufenthalt in Wien ermöglichten. Vgl. hier auch den Umgang mit jüdischen Einträgen in Kapitel 2.3 Exkurs: Religiöse Stigmatisierung am Beispiel der jüdischen Einträge. 266 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 226v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. R, fol. 31v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. CGK, fol. 79r. 267 Vgl. Kapitel 2.2.3 Frühneuzeitliche Isolierungspolitik und ‚Bio-Macht‘. 268 Vgl. hier noch einmal die Einträge von Henrietta Schell (10. 12. 1777 [Nr. 1261]) und Susanna H ­ ickmann (23. 11. 1776 [Nr.  1223]). Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 72, lit. S, fol. 105r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 70, lit. H, fol. 66r. 269 Dass bei der Bewahrung des protestantischen Erbes besonders Frauen eine wichtige Rolle einnehmen und sich die Konfession der Eheschließung wie auch die Konfession der Kinder vielfach nach ihnen richtet, ist für die Genderperspektive nicht unerheblich und wurde weiter oben bereits betont. 270 Vgl. Kapitel 3.4.1.4 Kritik an der Äquivalenzthese und Stellenwert der theologischen Wahrheitsfrage.

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Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle

Dass im Blick auf die Sozialdisziplinierung (mit ihrem Hang zum Etatismus) Anspruch und Aneignung bzw. Wirklichkeit nicht kongruent sein müssen, vermag die Quelle ebenfalls noch ohne konkrete Bezugnahme auf die Auswertungsergebnisse zu zeigen.271 Für eine mögliche Divergenz können zum einen ‚von oben‘ ergriffene ‚policeyliche‘ Maßnahmen geltend gemacht werden, die ihre intendierte Wirkung ‚nach unten‘ verfehlten, und zum anderen disziplinierende Kräfte ausschlaggebend sein, die weder die Vereinheitlichung im katholischen Glauben zum Ziel nahmen, noch im Dienst des Staates standen. Ersteres bestätigt die Quelle damit, dass sie einen evangelischen Bevölkerungsanteil sichtbar macht, der sich den Disziplinierungsmaßnahmen offenkundig entweder entzog oder zumindest soweit davon unberührt blieb, dass ein Festhalten an der evangelischen Konfession möglich blieb.272 Daneben sprechen auch die entschlossenen Versuche, unter dem Druck der katholischen Konfessionalisierung zu einem gefestigten evangelischen K ­ irchen- und Gottesdienstwesen vorzudringen (z. B. die evangelische Kirchenagende, der Landhausgottesdienst, das ‚Auslaufen‘ auf die Güter des Landadels),273 gegen die Durchsetzungskraft der eingesetzten Sozialdisziplinierungsinstrumente darunter auch die katholische Kirchenzucht. Besonders eindrücklich wird dies mit der von Melchior Khlesl beklagten Ignoranz der Protestanten gegenüber den religiösen Bestimmungen in Bezug auf das ‚Auslaufen‘ und die unrechtmäßige Einflussnahme der evangelischen Prädikanten auf die Stadtbewohner.274 Wie weiter oben dargestellt wurde, scheiterte eine vollständige katholische Konfessionalisierung auch an den Gesandtschaftskapellen, deren Wirksamkeit auf das evangelische Leben in Wien nicht unterschätzt werden darf. Gestützt durch das mit Pressburg und Ödenburg entstandene Netzwerk fiel vor allem in den 1730er Jahren der hallische Pietismus in Wien auf fruchtbaren Boden.275 In den bekannten Gravamina an den ­Kaiser aus dem Jahr 1736 nahm Fürstbischof Kollonitsch explizit darauf Bezug, dass die Gesandtschaftsgottesdienste von zahlreichen Evangelischen aufgesucht wurden, die gar nicht zur Teilnahme zugelassen waren.276 Ferner verweist auch der Gesandte Graf Bachoff selbst auf die durchlässige Handhabe der mit den religionspolitischen Bestimmungen einhergehenden Restriktionen.277 Dass es keine Frage der Zeit war, bis sich die Evangelischen diesen Maßnahmen schließlich doch noch beugten, belegen die bis zur Toleranzgesetzgebung nun auch empirisch nachweisbaren konfessionellen Freiräume in 271 Auf diese mögliche Divergenz macht Peter Hersche in der Auseinandersetzung mit dem Konzil von Trient aufmerksam. Vgl. Hersche 2006, Bd. 1, 152 – 157. 272 Die vorliegende Untersuchung liefert den empirischen Beleg dafür, dass die gegenständliche evangelische Bevölkerungsgruppe dem Druck ‚von oben‘ zumindest insofern standhalten konnte, als die Vereinheitlichung im katholischen Glauben nicht zur Gänze durchgesetzt werden konnte. 273 Als Beispiele belegen dies die in ­diesem Kapitel umrissenen evangelischen Konfessionalisierungsmomente und Aspekte einer lebendigen evangelischen Konfessionskultur. Vgl. Kapitel 3.3 Spuren konfessionsbildender Prozesse und Freiräume evangelischer Konfessionskultur. 274 Vgl. Raupach 1740, Bd. 4, 309 – 310. 275 Vgl. Csepregi 2005. 276 Vgl. Kollonitsch 1736, 4. 277 Vgl. Stubbe 1932a, 262.

Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes

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Wien, w ­ elche die Evangelischen nicht nur für sich zu ­nutzen wussten, sondern – wie mit den Gravamina deutlich wird – ausreizten und überstrapazierten. Dass diese Grenzen ausgetestet wurden, wird zudem am Beispiel des Friedhofs vor dem Schottentor deutlich. Zweiteres wird am Beispiel Wien vor allem mit dem Versuch der Vereinheitlichung des evangelischen Kirchenwesens deutlich, welches die Stände mit der niederösterreichischen Agende zu erringen suchten. Mit ihr werden zumindest Ansätze des Versuchs einer ‚Selbstkonfessionalisierung‘278 bzw. einer konfessionellen Selbstregulierung greifbar, die darüber hinaus wesentlich von einem Ringen um die theologische Wahrheit begleitet werden. Mit den innerprotestantischen Streitigkeiten um die Agendenfrage wird gleichsam ein Schwachpunkt des Konfessionalisierungsansatzes benannt: Aus dem Scheitern ihrer Durchsetzung geht hervor, dass die theologische Wahrheit der Vereinheitlichung im Glauben letztlich über­ geordnet erscheint. Vor d ­ iesem Hintergrund sind auch weitere Anläufe (z. B. der Landhausgottesdienst) zu verstehen, mit denen dem Wiener Protestantismus Stabilität verliehen werden sollte. Wenn nun das Konfessionalisierungsparadigma diesen Aspekt ausklammert, verfehlt es möglicherweise das eigentliche Ziel und Motiv der Vereinheitlichung zu einer Konfessionskirche und leistet dadurch einem falschen Geschichtsverständnis Vorschub. Der Aspekt der Selbstkonfessionalisierung setzt ein gewisses Maß an Selbstregulierung voraus, die den in der Konfessionalisierungsdebatte eingeführten Bezeichnungen ‚horizontale Disziplinierung‘279 und ‚Selbstdisziplinierung‘ nahekommt. Beispiele entsprechender Disziplinierungsinstrumente finden sich auch in den konfessionsbildenden Ansätzen der Wiener Protestanten etwa mit dem Versuch des Ausbaus eines protestantischen Schulwesens, der Gesandtschaftsschule, dem Konfirmandenunterricht oder der Verbreitung evangelischer Schriften.280

3.4.2.2 Zur räumlichen Konzentration evangelischen Lebens in Wien Das ‚Auslaufen‘, der Landhausgottesdienst, die Gesandtschaftsgottesdienste und auch die Begräbniskultur setzen eine gefestigte und fortwährend sichtbare evangelische Gemeinde auch nach der abgeschlossenen Gegenreformation zur Mitte des 17. Jahrhunderts voraus. Mit den evangelischen Einträgen wird diese nun unter dem Vorzeichen offizieller ­Erfassungsstrategien empirisch greifbar. Zumindest indirekt vermag die Quelle so Einblicke in das evangelische Leben in Wien zu geben. Neben dem besonders ertragreichen Berufs- und Standesmerkmal 281 sind die in den Datensätzen enthaltenen Angaben zum Wohn- bzw. Beschauort hinsichtlich einer räumlichen Annäherung an den Wiener Protestantismus aufschlussreich. Die Auswertung dieser Daten weist den Wiener Protestantismus im Untersuchungszeitraum weder als städtisches noch als vorstädtisches Phänomen aus. Während 52 % der Wohn- bzw. Beschauort­ angaben auf die Vorstädte entfallen, liegt der Anteil der städtischen Merkmalsausprägungen 2 78 Vgl. Schmidt 1997, 660. 279 Vgl. Schnabel-Schüle 1999, 37. 280 Vgl. Kapitel 3.3 Spuren konfessionsbildender Prozesse und Freiräume evangelischer Konfessionskultur. 281 Vgl. Kapitel 4. Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien.

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Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle

bei 47 % (1 % missing data).282 Dies bedeutet aber nicht, dass mit den erfassten Daten keine Aussagen über die räumliche Konzentration evangelischen Lebens (und Sterbens) getroffen werden können. Bedingt werden diese evangelischen Aggregationen nicht zuletzt durch größere Familienverbände, die in den Totenbeschauprotokollen Eingang finden. Ungeachtet dessen sind diese aber immer auch ein Indiz für die Vergemeinschaftung, die Möglichkeiten zur gemeinsamen Glaubenspraxis eröffnet und einen wichtigen Aspekt kollektiver konfessioneller Identität darstellt. Gleiches gilt für auffallende Häufungen im Blick auf die Anstellungsverhältnisse und Haushaltsstrukturen im Befund.283 Bezugnehmend auf Tab. 13 und Abb. 12 (siehe Kapitel 5.4.2) lässt sich im städtischen Raum vor allem im Stubenviertel eine Konzentration evangelischen Lebens festmachen. Zu den Ortsangaben mit der größten Häufigkeit zählen hier ‚am roten Turm‘, die obere und untere ‚Beckenstraße‘, ‚am alten Haarmarkt‘ und ‚am alten Fleischmarkt‘. Die Verteilung der Einträge auf die Stadtviertel fällt dabei mit Ausnahme des prozentuellen Vorsprungs des ‚Stubenviertels‘ recht gleichmäßig aus. Von den insgesamt 637 Einträgen, deren Wohn- bzw. Beschauortangaben auf die Stadt entfallen, verweisen 32 % auf das ‚Stubenviertel‘, 26 % auf das ‚Widmerviertel‘, 22 % auf das ‚Schottenviertel‘ und 20 % auf das ‚Kärntnerviertel‘. Gemessen an der Bevölkerungszählung aus dem Jahr 1783, in der 51.735 Personen in der Stadt erfasst werden, machen die Evangelischen in den Totenbeschauprotokollen 1,23 % der städtischen Gesamtbevölkerung aus.284 Mangels der Vergleichbarkeit der Zahlen kann diese Berechnung jedoch bestenfalls als vorsichtige Schätzung der Größenordnung der evangelischen Bevölkerungsgruppe in der Stadt gelten. Bei den 703 Sterbeeinträgen, in denen die Angaben zum Wohn- bzw. Beschauort auf die Vorstädte Wiens entfallen, lassen sich mit Verweis auf Tab. 14 und Abb. 13 (siehe Kapitel 5.4.3) Häufungen vor allem in der Leopoldstadt, auf der Landstraße, in der Laimgrube, am ‚Spitalberg‘, in der Josephstadt und in der Rossau ablesen. Für die Ergebnisse in Gumpendorf und Alsergrund sind in weiten Teilen Pflege- und Heilstätten ausschlaggebend. Ihrer ungeachtet liefert der Befund auffällig hohe Fallzahlen für die Ortsbezeichnungen ‚auf der Wieden‘, ‚an der Wienn‘ und ‚Währingergasse‘. Unter Berücksichtigung der Volkszählung aus dem Jahr 1783 lässt sich auch hier die Größenordnung der evangelischen Bevölkerungsgruppe in den Vorstädten verhältnismäßig schätzen: Gemessen an der Einwohnerzahl von 156.244 liegt diese bei 0,4 %.285 282 Vgl. Abb. 11: Evangelische Sterbeeinträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Wohn- und Beschauortangaben auf die Stadt und ihre Vorstädte. 283 Vgl. Kapitel 5.4.6 Anstellungs- und Beauftragungsverhältnisse der Evangelischen. Vgl. Kapitel 4.1.3 Evangelisches Dienstpersonal: Die Anstellungsverhältnisse. 284 Vgl. Schimmer 1865, 13. 285 Vgl. ebd., 14. Zur Gesamtübersicht der Häufigkeitsverteilung der Wohn- und Beschauortangaben in der Stadt und den Vorstädten dient Abb. 14 (siehe Kapitel 5.4.3). Die Aufschlüsselung vermag zwar selbst keine Auskunft über die evangelische Konfessionskultur in Wien zu geben, untermauert diese aber, wie sie weiter oben dargestellt wurde, sowohl quantitativ als auch räumlich. Die prozentuellen Anteile stehen jeweils in Relation zur Gesamtheit der evangelischen Sterbeeinträge mit 1.352 an der Zahl.

Das Konfessionalisierungsparadigma im Spiegel des Untersuchungsgegenstandes

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3.4.2.3 Zur sozialen Gliederung der evangelischen Bevölkerungsgruppe Für die evangelische Bevölkerungsgruppe in Wien trifft es keineswegs zu, dass ein elitärer und aufgrund hoher sozialer Stellung zum evangelischen Gottesdienst zugelassener Kreis einer im Verborgenen operierenden, sozial niedriger gestellten evangelischen Gruppe gegenübersteht. Dies bestätigen bereits die oben angeführten Belege, in denen gerade beanstandet wird, dass die Gottesdienste auch illegal von Vertretern unterschiedlichster sozialer Schichten besucht wurden.286 Die Auswertung des Datenmaterials schließt hier an und kann erstmals empirisch in ­diesem Ausmaß belegen, dass durch alle Schichten hindurch offenkundige evangelische Bekenntniszugehörigkeit gegeben war. Während diese konfessionelle Sichtbarkeit allein schon aus der Eigenart der Quelle hervorgeht, lässt sich die soziale Schichtung am besten auf Basis der Berufs- und Standesbezeichnungen rekonstruieren.287 Die in Tab. 21 (siehe Kapitel 5.6.2) unternommene soziale Gliederung der in den evangelischen Sterbeeinträgen aufgenommenen Personen macht unter Berücksichtigung des Stadt-Vorstädte-Verhältnisses nicht nur deutlich, dass offiziell erfasste Evangelische durch alle sozialen Schichten hindurch in Wien weilten, sondern auch, dass diese soziale Gliederung mit einem Stadt-VorstädteGefälle einhergeht. Mit einem deutlichen Schwerpunkt in der sozialen Mittelschicht deckt die evangelische Bevölkerungsgruppe, wie sie in den Wiener Totenbeschauprotokollen in Erscheinung tritt, das gesamte soziale Spektrum gut ab.288 Es gilt allerdings die Annahme, dass die Möglichkeiten zur Aufrechterhaltung einer lebendigen Konfessionskultur vor allem in den Händen der sozial höher gestellten Vertreter des evangelischen Personenkollektivs lagen. Aufgrund ihres sozialen Ansehens, ihres höheren Rechtsstatus und ihres Nutzens war man auch von staatlicher Seite her bereit, über eine gewisse Sichtbarkeit evangelischer Konfessionskultur hinwegzusehen. Durch sie wurde die evangelische Glaubensausübung auch für Vertreter niederen sozialen Ranges insofern möglich, als sie sich den Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sich diesen Vertretern boten, unerlaubter Weise anschlossen. Abgesehen von den durch die Gesandtschaften gegebenen exterritorialen Einflüssen ‚von außen‘ können abschließend vor allem auch die auswärtigen Räte und Diplomaten, die Offiziere und Großhandelskaufleute und viele weitere Vertreter der Oberschicht daher als Träger dieser Konfessionskultur genannt werden.

286 Vgl. Kollonitsch 1736. 287 Eine zusätzliche Möglichkeit besteht über den Weg der Titulationen. Vgl. Kapitel 5.6.1 Titulationen und Anreden. 288 Für eine umfassende Interpretation der sozialen Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals und zur Frage der sozialen Ungleichheit vor dem Tod vgl. Kapitel 5.6 Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen.

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Die konfessionsgeschichtliche Bedeutung der Quelle

3.5 Zusammenfassung Mit dem von Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling eingeführten Konfessionalisierungsparadigma wurde ein makrohistorischer Forschungszugriff auf die Epoche der Frühen Neuzeit unternommen, in dem sämtliche gesellschaftlichen, religiösen und politischen Entwicklungen auf die Bildung und Festigung eines einheitlichen frühmodernen Staates hinauslaufen. Die zugrundeliegende Prämisse bildet die Einheit von Staat und ­Kirche, die sich mittels Sozialdisziplinierungsmaßnahmen ‚top to bottom‘ bis in die untersten Schichten der Gesellschaft fortpflanzen soll. Der missverständliche Begriff ‚Konfessionalisierung‘ weist dabei weit über die Formierung gefestigter Bekenntniskirchen hinaus, zumal diese nur mehr als Mittel zum Zweck einer staatlichen Machtkonzentration dienen. Als Instrumente dieser Sozialdisziplinierung gelten etwa die im Anschluss an das Konzil von Trient etablierten Reformen und Maßnahmen zur Rekatholisierung der irrgeleiteten Protestanten. Neben der von der katholischen ­Kirche durchzusetzenden Kirchenzucht beispielsweise durch Beichtregister, Visitationen und dergleichen wurde im Duktus der ‚Pietas Austriaca‘ seitens der habsburgischen Herrscher eine Frömmigkeit demonstrativ zur Schau gestellt, deren sich die Bevölkerung aufgrund ihres starken Öffentlichkeitscharakters kaum zu entziehen vermochte. Diese und andere Beispiele bilden die Ausgangslage für jene Versuche, die auf protestantischer Seite hinsichtlich der Festigung einer evangelischen Bekenntniskirche in Wien und im Erzherzogtum Österreich unter der Enns unternommen wurden. Mit dem am Ende missglückten Versuch des Ausbaus eines eigenen Kirchenwesens ist der Protestantismus im gesamten Untersuchungszeitraum wohl am weitesten in Richtung Festigung und Stabilisierung vorgedrungen. Seit dem Eindringen der Reformation in die habsburgischen Erbländer bis hin zu den Toleranzpatenten und sogar darüber hinaus kann in Wien aber zu keinem Zeitpunkt von einer allgemeinen öffentlichen evangelischen Religionsausübung gesprochen werden. Wann immer der evangelische Glaube zumindest kurzzeitig nach außen hin sichtbar wurde, waren die entsprechenden Freiheiten immer nur auf eine privilegierte Gruppe beschränkt. So waren sowohl in der Landhauskirche als auch in den Gesandtschaftskapellen bei weitem nicht alle in Wien weilenden Evangelischen zugelassen. In der vorliegenden Darstellung wurde deutlich, dass die in Wien befindlichen Anhänger des evangelischen Glaubens bis zur gewährten Toleranz durchgehend Wege zur gemeinsamen Glaubensausübung fanden. Dabei fällt auf, dass die Glaubensausübung in der Stadt und auf dem umliegenden Land einem Muster folgt: Immer dann, wenn die städtischen Möglichkeiten zur Glaubensausübung zum Erliegen kamen, wichen die Stadtbewohner auf die Besitzungen des landsässigen Adels in den umliegenden Regionen aus. Hier gewannen vornehmlich die Adelsgüter in Hernals, Inzersdorf und Vösendorf an Bedeutung. War die Möglichkeit zum Gottesdienst (ob legal oder illegal) auch in der Stadt gegeben, nahmen die Wiener wieder mehr Abstand vom ‚Auslaufen‘. Mit den genannten Beispielen des 16. und 17. Jahrhunderts sind demnach auch innerhalb der evangelischen Bevölkerungsgruppe in Wien konfessionelle Stabilisierungsversuche greifbar.

Zusammenfassung

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Für eine kürzere Phase in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts blieb den Evangelischen überhaupt nur noch der Gottesdienstbesuch im Ausland, vor allem in Ungarn. Mit den Gesandtschaftskapellen schien sich die Lage für die evangelischen Städter wieder zu bessern. Auch wenn der Gesandtschaftsgottesdienst nicht für das Gros der in Wien weilenden Evangelischen vorgesehen war und streng genommen unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten wurde, nimmt er eine besonders prägende Rolle ein. Vor allem ­zwischen dem Tiefpunkt des österreichischen Protestantismus um die Mitte des 17. Jahrhunderts und der Toleranzgesetzgebung übernehmen die Gesandtschaftskapellen eine wichtige Brückenfunktion. Wichtige Zeugnisse protestantischer Konfessionskultur im öffentlichen Raum liegen vor der gewährten Toleranz 1781 vor allem mit evangelischen Beerdigungen vor. Hier kommt es, wie dargestellt wurde, auch zu konfessionellen Überschneidungen. Evangelische Begräbnisse verweisen deutlich und für jeden sichtbar auf das Vorhandensein evangelischen Lebens in Wien, während die gottesdienstlichen Handlungen ansonsten auf die Räumlichkeiten exterri­ torialer Gesandtschaftskapellen beschränkt blieb. Mit dem durch die evangelischen Sterbeeinträge gewonnenen Befund ist es möglich, die benannten Aspekte evangelischer Konfessionskultur empirisch zu untermauern und die im Rahmen der Konfessionalisierungsdebatte angemeldeten Kritikpunkte mit dem Beispiel Wien zu ergänzen. Noch ohne die Bezugnahme auf konkrete Auswertungsergebnisse gibt die Quelle selbst schon wichtige Einblicke in den offiziellen Umgang mit dem konfessionellen Unterschied und lässt sozialdisziplinierende Absichten durchscheinen. Mit dem Blick auf die Auswertungsergebnisse können schließlich Aussagen über die räumliche Konzentration evangelischen Lebens getroffen werden, die evangelische Vergemeinschaftung zumindest andeuten. Für den städtischen Raum erscheint hier vor allem das Stubenviertel, insbesondere die Gegend um den Roten Turm sowie die obere und untere ‚Beckenstraße‘, der alte Haarmarkt und der alte Fleischmarkt wichtig. In den Vorstädten treten exemplarisch die Leopoldstadt, die Landstraße und die ‚Laimgrube‘ aber auch einzelne Ortsbezeichnungen wie ‚an der Wienn‘, ‚auf der Wieden‘ und ‚Währingergasse‘ in den Vordergrund. Kennzeichnend für die evangelische Konfessionskultur in Wien ist abschließend, dass sie nicht nur von Vertretern höherer sozialer Schichten gelebt und praktiziert wird. Die evangelischen Sterbeeinträge belegen ein sehr breites soziales Spektrum in der evangelischen Bevölkerungsgruppe, das sich auf Basis der vermerkten Berufs- und Standesbezeichnungen deutlich nachzeichnen lässt.

4. Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien

Wurde in Kapitel 3 im Rahmen einer religionspolitischen und konfessionsgeschichtlichen Perspektivierung des Untersuchungsgegenstandes geklärt, dass eine evangelische Bevölkerungsgruppe trotz widriger Umstände mit einer sichtbaren Konfessionskultur in Wien präsent war, so wird nun in Kapitel 4 mit einem besonderen Augenmerk auf die Stadt als Herrschaftsund Machtzentrum der Frage nachgegangen, warum diese evangelische Teilpopulation als ­solche in den Totenbeschauprotokollen aufscheint. In den Fokus rücken hierbei die in den evangelischen Sterbeeinträgen enthaltenen Berufsbezeichnungen. Mit ihnen wird nach den Zusammenhängen von ‚evangelischen‘ Betätigungsfeldern und herrschaftlichen Machtansprüchen gefragt, die für die Stadt Wien im Untersuchungszeitraum charakteristisch sind. Der methodische Zugriff geschieht dabei über die für die Machtkonzentration kennzeichnenden Funktionen Wiens als Residenzstadt, Konsumptionsstadt und Festungsstadt. Mit den darauf basierenden Bezügen zu Verwaltung, Wirtschaft und Verteidigung können drei Schneisen in das Erwerbsspektrum des Befundes geschlagen werden, mit denen der Großteil der evangelischen Sterbeeinträge erschlossen und eine plausible Antwort auf ihr ‚Warum‘ im Kontext des benannten Machtgefüges gegeben wird. Im Blick auf die Residenzfunktion und den Aspekt der Verwaltung wird der Untersuchungsgegenstand zunächst mit dem dynamischen Beziehungsgeflecht in Verbindung gebracht, in das zahlreiche auswärtige Räte, Diplomaten und andere Interessensvertreter verwoben sind, die zum Teil auch der evangelischen Konfession angehören. Viele exterritoriale Interessensvertreter sind dauerhaft in Wien ansässig und erfüllen auf diese Weise eine Schlüsselfunktion für weitere evangelische Bevölkerungsanteile: Die Verwaltungszentrale Wien ist nicht nur Ausdruck einer staatlichen Machtbündelung, sondern auch mitverantwortlich für den hohen Anteil an Evangelischen im herrschaftlichen Dienst. Im Blick auf die Konsumptionsstadt Wien und den Wirtschaftsaspekt wird der Untersuchungsgegenstand sodann mit der Machtrepräsentation höherer sozialer Schichten durch verfeinerte Konsumgüter in Beziehung gesetzt. Dabei wird anhand der ‚material culture‘-Perspektive gezeigt, dass besonders die Konsumgüter der Textil- und Bekleidungsbranche ein performatives Potenzial aufweisen, das nicht nur zu Demonstrationszwecken eingesetzt wird, sondern auch zur Stabilisierung der Macht beiträgt und überdies evangelischen Vertretern des Handwerks und der kaufmännischen Branche Möglichkeiten zur legalen Erwerbstätigkeit in Wien trotz des konfessionellen Hindernisses eröffnet. Die Auseinandersetzung mit dieser Perspektive unter sozioökonomischen Gesichtspunkten bildet den Schwerpunkt des vorliegenden Kapitels. Im Blick auf die Festungsstadt Wien und den Verteidigungsaspekt ist schließlich offensichtlich, dass das Herrschaftszentrum einer Machtsicherung bedarf, die nur durch die Stationierung von zahlreichen militärischen Einheiten gewährleistet werden kann. Gleichzeitig dient d ­ ieses

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Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien

militärische Aufgebot auch der Machtrepräsentation. Der hohe Bedarf an Militärpersonal drängt auch hier das Problem des konfessionellen Unterschiedes in den Hintergrund, sodass sich zahlreiche Evangelische im militärischen Segment des Befundes finden lassen. Da dieser Aspekt die gegenständliche Argumentation mit ihrem Schwerpunkt auf den sozioökonomischen Mechanismen um keine weitere Erkenntnis bereichert, unterbleibt hier eine nähere Darstellung.1

4.1 Die Evangelischen im Kontext des interterritorialen Beziehungsgeflechts Die Wiener Gesellschaft war im 17. und 18. Jahrhundert von einer ständigen Fluktuation geprägt. Obwohl sich die Wanderungsbewegungen nicht nur auf die Zuwanderung beschränkten, sondern einer komplexen und ständigen Mobilitätsdynamik unterlagen, weisen die nie­ drige Lebenserwartung und Fertilität darauf hin, dass der Bevölkerungszuwachs in Wien in hohem Maß auf die Zuwanderung zurückzuführen ist.2 Andreas Weigl zufolge muss „der Wanderungsgewinn der Stadt und der Vorstädte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zumindest rund 25.000 betragen haben.“ 3 Angesichts einer Bevölkerungszahl von geschätzten 50.000 Menschen um die Mitte des 17. Jahrhunderts erscheint diese Zahl für die Stadt und ihre Vorstädte beträchtlich.4

4.1.1 Evangelische Zuwanderung nach Wien auf Basis des Befunds Die erfolgreiche Gegenreformation brachte den Zustrom aus dem protestantischen Norddeutschland nicht nur weitgehend zum Erliegen, sondern veranlasste auch die Ausweisung dieser ökonomisch zum Teil wichtigen Teilpopulation. Zur Mitte des 17. Jahrhunderts hielten 1 Abb. 15 (siehe Kapitel 5.5.1) bietet eine Übersicht der in Kategorien gebündelten Berufsbezeichnungen des Befundes, die mit den eben benannten Schneisen in Zusammenhang gestellt werden. Die Unterscheidung ­zwischen den absoluten und bereinigten Häufigkeiten beläuft sich auf die Berücksichtigung von Familienzusammenhängen, auf deren Basis genauere Aussagen zum evangelischen Berufsspektrum getroffen werden können. Vgl. Kapitel 5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen. Vgl. die in Anhang 1 via Internet-Link zugänglichen Mindmaps zu den Familienstrukturen. 2 Dies gilt sowohl für das 17. als auch für das 18. Jahrhundert. Während sich manche Bevölkerungsanteile nur für kurze Zeit in Wien aufhielten, blieben andere länger oder gar ihr ganzes Leben lang in Wien ansässig. Diese Bewegungen unterliegen aber nicht nur individuellen Entscheidungen, auch die „städtischen Behörden [hatten] die Möglichkeit, mobile Bevölkerungsschichten ohne Wiener Heimatrecht aus der Stadt zu verweisen.“ Steidl 2003, 60. Aus ­diesem Grund ist hier der Begriff der Mobilität sinnvoll, da er sowohl die Zuwanderung als auch Abwanderung sowie den kürzeren und längeren Aufenthalt in den Blick nimmt. 3 Weigl 2001, 89. 4 Vgl. Scheutz 2018, 118; vgl. Bevölkerung, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 09. 02. 2021.

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sich nur noch wenige Protestanten in Wien auf. Aus wirtschaftspolitischen Gründen nahm die protestantische Gemeinde jedoch zur Mitte des 18. Jahrhunderts wieder zu, sodass in der Regierungszeit Josephs II. eine Minderheit von etwa 3.000 Lutheranern und 700 Calvinisten in Wien weilte.5 Zur Herkunft der Wiener Bevölkerung sind in den Quellen des 18. Jahrhunderts nur wenige Informationen enthalten.6 Auch die Totenbeschauprotokolle geben in d ­ iesem Zeitraum nur fallweise Auskunft über die Einzugsgebiete der Evangelischen. Nur 10 % der erhobenen Sterbeeinträge stellen eindeutige und zuordenbare Informationen bereit. In Tab. 16 (siehe Kapitel 5.4.5) werden diese Angaben unter dem Kriterium der Herrschaftsverhältnisse geclustert. Angesichts der Bedeutung der Gesandtschaftskapellen entfallen wider Erwarten nur wenige bis keine Herkunftsangaben auf Schweden, Holland (Niederlande) und Dänemark. Selbst mit den Nennungen der Schweiz und Preußen, ­welche die Niederlande der Häufigkeit nach flankieren, bleibt die Zahl der ausländischen Herkunftsangaben gering. Neben wieder­kehrenden Nennungen bestimmter Territorien bzw. Gebiete aus dem Reich, wie etwa Sachsen und Schlesien, finden immer wieder auch einzelne Reichsstädte (z. B. Nürnberg, Regensburg und Frankfurt) Mehrfachnennungen.7

4.1.2 Parteienverkehr Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts befanden sich eine Vielzahl an Botschaftern, Reichshofratsagenten, Gesandten und anderen Geschäftsträgern in Wien.8 Ausschlaggebend für die hohe Fluktuation an diesen geschäftstreibenden Diplomaten 9 war nicht zuletzt die

5 Bei den Ausweisungen der evangelischen Exulanten 1620 – 1626 sind die Händler, Schneider und Schuster stark vertreten. Vgl. Weigl 2001, 105; vgl. Weigl 2003d, 126. 6 Vgl. Steidl 2003, 62. Annemarie Steidl stellt ihre Untersuchung zur Mobilität der Handwerker auf der Grundlage von Handwerksbüchern verschiedener Handwerksbranchen an. 7 Da es für die Argumentation hier nicht wichtig erscheint, genauer auf die einzelnen Werte in dieser Tabelle einzugehen, wird auch hier auf das Auswertungskapitel verwiesen. Vgl. Kapitel 5.4.5 Angaben zum Herkunfts- und Geburtsort der Evangelischen. 8 Vgl. Pons 2005, 155. Während städtische Abgesandte als Deputierte bezeichnet wurden, lautet bei von fürstlichen und kurfürstlichen Höfen Entsandten die Bezeichnung ‚Resident‘ oder ‚Gesandter‘. Daneben gab es auch königliche Botschafter, die eine längere Zeit in Wien weilten und außerordentliche Botschafter, die (mit der höchsten Würde unter den Gesandten ausgestattet) mit einer ganz bestimmten Aufgabe betraut waren. Entsprechende Unterschiede gehen mit dem Status einher, den diese Diplomaten am Hof genossen. Vgl. Pons 2005, 158. Als offizielle Botschafter mit entsprechend engem Verhältnis zum Hof galten streng genommen nur die Diplomaten Spaniens, Venedigs und Savoyens. Einen viel größeren Anteil stellen aber jene Diplomaten, die diesen herausragenden Status nicht genossen. Vgl. Pons 2005, 157 – 158. Diese strengen Unterscheidungen werden von der Quelle selbst nicht berücksichtigt. 9 Die Berufsbezeichnung ‚Diplomat‘, auf die im Rahmen dieser Arbeit immer wieder Bezug genommen wird, verweist in seiner Verwendung allgemein auf jene Berufsgruppen, die mit der Interessensvertretung

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Institution des Reichshofrates, die bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aufrecht blieb und sich mit einigen Einschränkungen über dessen gesamten Herrschaftsraum erstreckte.10 Zur absoluten Kaisertreue verpflichtet oblag dem Reichshofrat nicht nur die Beratung des Kaisers in seinen Reichsangelegenheiten, sondern auch die Bearbeitung von Rechtsfällen.11 In der Hierarchie waren sie nach 1637 allein den ‚Geheimen Räten‘ nachgeordnet.12 In dieser Position genossen sie nicht nur ein hohes soziales Ansehen, sondern durften auch mit steuerlichen Begünstigungen und anderen Vorteilen rechnen: Die Rhre. hatten nirgends im ganzen Reich, einschließlich Österreich, Zoll, Maut oder Weggeld, ebensowenig bei den Toren in Wien ein Sperrgeld zu zahlen und waren samt ihren Angehörigen von allen landesfürstlichen persönlichen Abgaben, von jedem Abzug der Besoldung und jeder Nachsteuer befreit. Ihre Briefe und die an sie gerichteten wurden unentgeltlich befördert. Nicht nur sie selbst, auch ihre Frauen und ihre unversorgten Kinder wie auch die von ihnen hinterlassenen Kinder und Witwen, diese solange sie sich nicht wieder verheirateten oder an einem anderen Ort niederließen, sowie ihr ganzes Hausgesinde stand im besonderen kais. Schutz […].13

Mit einer Anstellung im Reichshofrat, der neben dem Reichskammergericht eine zweite juristische Instanz darstellte, ist bis ins 18. Jahrhundert die höchste Sprosse der Karriereleiter für Protestanten in Wien erreicht. Wenn sich auch die Habsburger um den katholischen Charakter des Reichshofrates bemühten, so waren, weil es sich dabei um eine Reichseinrichtung handelte, nach der Reichshofratsordnung von 1654 sechs Stellen Protestanten vorbehalten.14 Den rechtlichen Boden dazu bereitete der Westfälische Friedensvertrag (Art. V, §§ 54 und 55 IPO )15, der über eine konfessionelle Parität auch innerhalb des Reichshofrates verfügte und die Anwendbarkeit der Reichskammergerichtsordnung festhielt.16 Auch wenn sie gemeinsam mit ihren Angehörigen und ihrer Belegschaft eine immer noch recht auswärtiger Akteure sowie politischen und rechtlichen Angelegenheiten in der Haupt- und Residenzstadt betraut waren. 10 Zum Reichshofrat, seiner Bedeutung, Verfassung und Besetzung ist die Arbeit von Oswald von G ­ schliesser maßgebend. Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 8. 11 Vgl. Schnettger 2010, 599 – 600. 12 Vgl. Schreiber 2011, 148. 13 Gschliesser 1970 [1942], 81. Die Entlohnung für ihre Dienste belief sich unter Berücksichtigung von Schwankungen in der Regel auf 1.300 Gulden jährlich. 14 Davon saßen gegen Ende des 18. Jahrhunderts üblicherweise vier auf der Gelehrtenbank und zwei auf der Herrenbank. „Dabei sollte die Stimme aller evangelischen Rhre. […] das g­ leiche Gewicht haben wie das Votum aller katholischen Räte, und die Streitsache sollte bei einer solchen Stimmengleichheit dem ­Kaiser vorgelegt werden. Diese Bestimmung wurde jedoch niemals verwirklicht, es wurde, und zwar nur in Religionssachen, lediglich eine sogenannte paritas ficta beobachtet […].“ ebd., 75. Vgl. Schnettger 2010, 599 – 600; vgl. Gschliesser 1970 [1942], 74 – 75. 15 Vgl. APW 1648, zugegriffen, am 28. 08. 2019. 16 Vgl. Schnettger 2010, 601.

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überschaubare Gruppe bildeten, gingen aus den Reihen der protestantischen Reichshofräte wichtige Impulse für den Wiener Protestantismus hervor:17 Die Tatsache, dass auf dem rechtlichen Boden der konfessionellen Parität nicht nur der Reichshofrat, sondern auch die Reichskanzlei evangelische Mitarbeiter beschäftigte, denen wiederum Vertreter (Agenten) geschäftstreibender Parteien und Länder zugeordnet werden mussten, machte auch hier ein gewisses Maß an Duldung notwendig und spielte dem Auf- und Ausbau eines evangelischen Gottesdienstwesens in den Gesandtschaftskapellen in die Hände.18 Dessen ungeachtet ist die ungehinderte Religionsausübung in Form einer ‚privat sacra‘ 19 im Rechtsstatus diplomatischer Vertreter inbegriffen. Die Parteienvertreter gehörten weder dem Reichshofrat noch der Reichskanzlei an. Zum Zweck von Prozessführungen vor dem Reichshofrat oblag es den Reichsständen, Vertreter zu bevollmächtigen. Dazu entsandten sie einen ihrer Räte oder engagierten jemanden, der bereits vor Ort war. Alle Reichsterritorien unterhielten in Wien einen Reichshofratsagenten, in vielen Fällen samt Belegschaft. Es war durchaus möglich, dass die diplomatischen Vertreter bei verschiedenen Landesherren im Dienst standen (eine Untertanenschaft war keine Voraussetzung) und es zu Überschneidungen von Kompetenzen und Aufträgen kam.20 Im Grunde nahmen Reichshofratsagenten eine Vermittlerrolle ­zwischen Reich und Kaiserhof bzw. im kaiserlichen Dienst stehenden Personen, ebenso Privatpersonen ein. Letztere mussten zur Abwicklung ihrer Angelegenheiten einen zugelassenen Reichshofratsagenten in Anspruch nehmen und diesen entsprechend entlohnen. In der Reichshofratsordnung von 1654 ist deren Zahl allerdings mit 24 – 30 gedeckelt (darin finden sich gewöhnlich sechs bis sieben Protestanten).21 Die Reichshofratsagenten betrieben zur Abwicklung ihrer Vermittlungsaufgaben politische Agenturen und ließen sich langfristig in der Residenzstadt nieder.22 Da kaiserliche Audienzen eher die Ausnahme bildeten, war der fortwährende Kontakt und die stetige Präsenz innerhalb der höfischen Strukturen der Durchsetzung der jeweiligen Interessen förderlich. Katholische Vertreter vernetzten sich oft in Bruderschaften, eine Möglichkeit, die für evangelische Vertreter nicht gegeben war.23 Die Gruppe der Diplomaten stand nicht nur im Kontakt zum kaiserlichen Hof, sondern auch zum ihm umgebenden hohen Adel. Damit prägte sie einerseits das gesellschaftliche Leben in Wien mit und verinnerlichte andererseits auch selbst die höfischen Gepflogenheiten.24 Die Reichshofratsagenten und die Gesandten 17 Vgl. Stökl 1953, 206. 18 Vgl. Reingrabner 1996, 42. 19 Im Unterschied zur Hausandacht, die den geringsten Grad der Duldung darstellt, darf im Fall der ‚privat sacra‘, wie sie auch in den Gesandtschaftskapellen gilt, ein Prediger durch den Gottesdienst führen. Vgl. Glafey 1723, Sechstes Buch, 260 – 261. 20 Vgl. Pons 2005, 159 – 160. 21 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 87 – 88. 22 Vgl. Pons 2005, 161. 23 Vgl. ebd., 167. 24 Vgl. ebd., 157.

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waren keineswegs nur Durchreisende. Vielmehr stellten sie einen wichtigen Anteil der Stadtbevölkerung dar und trugen zur Aufwertung der Residenzstadt bei.25 Abb. 20 (siehe Kapitel 5.5.1.5) schlüsselt die Anteile der einzelnen Berufe und Ämter auf, die in die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten fallen. Auf der Grundlage des bereinigten Datenmaterials lassen sich zehn Reichshofräte in den evangelischen Sterbeeinträgen festmachen, die im Auswertungskapitel näher vorgestellt werden. Neben weiteren zehn Reichshofratsagenten sind weitere 15 Personen im Datenmaterial enthalten, die von Berufs wegen vornehmlich mit Rechtsangelegenheiten betraut sind (Juristen und Rechtsberater). Einzelne Beamte, Kriegsräte- und Agenten sowie Hofräte und in den Einträgen nicht näher bestimmte Räte stellen zusammen die drei kleinsten Segmente in Abb. 20, die drei größten hingegen speisen sich mit einem Anteil von insgesamt 63 % aus Gesandten und anderen politischen Interessensvertreter, die samt ihren Sekretären ausdrücklich von auswärtigen Potentaten entsandt wurden. Vor allem die Vertreter dieser drei Subkategorien trugen maßgeblich zum interterritorialen und internationalen Beziehungsnetzwerk bei, welches die Haupt- und Residenzstadt Wien notwendig impliziert.

4.1.3 Evangelisches Dienstpersonal: Die Anstellungsverhältnisse Ergänzend muss hier noch auf die in den evangelischen Sterbeeinträgen vermerkten Anstellungs- und Beauftragungsverhältnisse verwiesen werden, an denen deutlich wird, dass die vielen Diplomaten und Räte eine Schlüsselrolle für den evangelischen Bevölkerungsanteil in Wien einnehmen. So finden sich in Tab. 17 (siehe Kapitel 5.4.6) sowohl in der Spalte der Gesandtschaften und Potentaten, als auch in der Spalte konkreter auftraggebender bzw. anstellender Personen zahlreiche Verbindungen zur Berufskategorie der Diplomaten, Räte und Beamten. Neben den unterschiedlichen Kanzleitätigkeiten, die für Kaufleute, politische Interessensvertreter und Legationen ausgeübt werden, betätigen sich die meisten unter ihnen in der Dienstleistungsbranche und hier vor allem in herrschaftlichen Häusern. Die häufigste Berufsbezeichnung in den evangelischen Sterbeeinträgen ist die des ‚Lakaien‘. Sie wird in insgesamt 74 Datensätzen vermerkt und steht synonym für die Bezeichnung ‚Bedienter‘, die im Datenmaterial 46-mal genannt wird. Während die absolute Häufigkeit dieser Berufsbezeichnungen demnach 120 beträgt, finden sich im bereinigten Datenmaterial immerhin noch 103 Einträge (fast 10 % des bereinigten Datenmaterials)26, in denen eine der beiden Bezeichnungen vermerkt ist. Innerhalb der Kategorie der Dienstleistungsberufe nehmen 25 Vgl. ebd., 161. 26 D. h. unter Berücksichtigung von Familienzusammenhängen und entsprechenden Bündelungen. Vgl. Kapitel 5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen; vgl. Abb. 15: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute und bereinigte Häufigkeiten in den Berufskategorien.

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die Lakaien und Bedienten mit ihrem Anteil damit fast ein Drittel ein. Zu den weiteren ‚herrschaftlichen Bedienten‘ in Abb. 16 (siehe Kapitel 5.5.1.1) zählen die der Gastronomie zugeordneten Evangelischen, Portiere, Kinder- und Stubenmädchen und Kutscher (enthalten im Segment Boten- und Transportdienst) sowie die Kammerdiener und -Jungfern, die Stall-, Keller- und Küchenmeister.27 Die übrigen Segmente sind weniger eng oder zumindest nicht notwendig an den herrschaftlichen Dienst gebunden. Deutlich geht in der Zusammenschau von Tab. 17 und Abb. 16 hervor, dass ein Großteil der evangelischen Bevölkerungsgruppe, wie sie in den Totenbeschauprotokollen sichtbar wird, aufgrund eines interterritorialen und internationalen Beziehungsgeflechts in Wien ansässig ist. Der Personalaufwand jener auswärtigen Geschäftsträger ist auf der Grundlage des Befundes, wie er in Abb. 16 ersichtlich ist, hoch einzustufen.

4.2 Die Evangelischen im sozioökonomischen Kontext Die dauerhafte Residenz des Kaisers ging mit einer Zentralisierung der Macht einher, die wiederum verstärkt Vertreter der höheren und vermögenden sozialen Schichten nach Wien zog. Ihnen ist es zuzuschreiben, dass sich im Untersuchungszeitraum nicht nur das demographische Bild Wiens nachhaltig veränderte, sondern durch den steigenden Bedarf an besonderen Konsumgütern auch die Gewerbelandschaft. Die Bestellung und Indienstnahme auswärtiger Professionisten, darunter auch Evangelische, verdankt sich nicht zuletzt dem Bedürfnis nach einer standesgemäßen Lebensführung zu (machtgeleiteten) Repräsentationszwecken. Vor allem der Umgang mit Kleidung ist hier „ein Spiegelbild gesellschaft­ licher Wertvorstellung und machtpolitischer Konstellationen. […] Je stärker Gesellschaften hierar­chisch strukturiert sind, desto wichtiger ist die soziale Funktion von Kleidung.“ 28 Im Rückgriff auf die ‚material culture‘-Perspektive, die den Objekten bzw. ‚Dingen‘ ein performatives Potential zugesteht, ist es nicht nur möglich, bestimmte Machtansprüche und Repräsentationsbedürfnisse als Motive ­dieses Konsums geltend zu machen, sondern auch den Aufenthalt evangelischer Bevölkerungsanteile (und somit ihr ‚Warum‘) aufgrund von konkreten Konsumartikeln zu interpretieren.29

27 Besonders innerhalb dieser Berufsgruppen wird die ‚herrschaftliche‘ Anstellung explizit betont. 28 Reich 2005, 15. An der Grenze des Untersuchungszeitraumes ist allerdings schon der Übergang einer streng strukturierten und von Kleiderordnungen bestimmten Gesellschaft hin zu zunehmend ausdiffe­ renzierten milieugeleiteten Strukturen erkennbar. 29 Bei der Anwendung dieser interdisziplinären Forschungsperspektive geht es nicht darum, ein bloßes Abbild sozialer Strukturen in materiellen Gütern sichtbar zu machen, sondern vielmehr um die Frage nach dem gesellschaftsverändernden, performativen Potential, welches in den Dingen selbst liegt.

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4.2.1 Ausgangslage der Wiener Wirtschaftsentwicklung 4.2.1.1 Die Wiener Wirtschaftslage im österreichischen Kontext Dem wirtschaftlichen Aufschwung Wiens geht ein Tiefpunkt der österreichischen Wirtschaftslage voraus. Die durch Krieg und Steuerlast verarmte Bevölkerung war zur Mitte des 17. Jahrhunderts dünn im Land verstreut. Der Binnenstaat war durch eine Reihe von Maut- und Zollschranken in einzelne Gebiete zerrissen und im Blick auf die Infrastruktur schlecht aufgestellt.30 Die negative Handelsbilanz ist neben dem bescheidenen Außenhandel mit Rohprodukten, Stahl- und Textilerzeugnissen auch dem schlecht entwickelten inländischen Gewerbe geschuldet, das noch auf der Stufe des Lohnwerks und der Hausarbeit stand.31 Die vorindus­ trielle Wirtschaft orientierte sich vorrangig an der Deckung menschlicher Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Wohnung, weswegen die darauf spezialisierten Handwerksberufe auch begrenzt und manche Gewerbezweige, wie etwa das Schneiderhandwerk, zeitweise überbesetzt waren.32 Noch am Ende des 17. Jahrhunderts waren die Staaten Westeuropas, aber auch einzelne deutsche Städte dem österreichischen Handwerk in Sachen Produktionstechniken weit voraus. Den Exporthandel betreffend, erfolgte ab 1667 die Einrichtung von Handelskompanien, unter denen zunächst die orientalische und ­später auch die okzidentale wichtig wurden.33 Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein vermochte Wien aber kein leistungsstarkes Exportgewerbe zu etablieren. Dazu fehlte es an Impulsen seitens des heimischen Handels und an Kapazitäten des Handwerks.34 Der österreichische Handel wurde daher hauptsächlich vom Ausland aus 30 Vgl. Srbik 1907, XXVII–XXVIII. 31 Da in Wien nur für den örtlichen Bedarf produziert wurde, betrieben viele Handwerker im Nebenerwerb auch Weinbau. Vgl. Adler 1903, 18. Auf Basis des Stadtrechtes von 1526 war die Anlage von Weingärten im Bezirk des Burgfrieds den Bürgern vorbehalten. Dieses Recht wurde jedoch ausgereizt, sodass sich Ferdinand I. 1559 genötigt sah, den Erwerb weiterer neuer Weingärten zu untersagen. Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 445. 32 Vgl. Altfahrt 1996/97, 11. Mit der Unterstützung des nach Wien beorderten Ökonomen Dr. Johann Joachim Becher war erstmals K ­ aiser Leopold I. bemüht, die heimische Wirtschaft voranzubringen. Um das Geld im Land zu behalten, verbot er im Jänner 1659 die Einfuhr bestimmter Waren, darunter mit Gold und Silber verfeinerte Stoffe und Schmuck. Im Jahr 1674 wurden die Einfuhr und der Verkauf von französischen Waren überhaupt unterbunden. Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 438. Diese und ähnliche Einfuhrbestimmungen konnten dennoch den übermäßigen Güterimport, der sich im Lauf des 17. Jahrhunderts zunehmend als wirtschaftliches Problem herausstellte, nicht aufhalten. Vgl. ­Chaloupek 1976, 19 – 20. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts und nach der gebannten ‚Osmanengefahr‘ widmeten sich Adelige, Bürger und die ­Kirche einer intensiveren Bautätigkeit, die das Wiener Handwerk und die Gewerbetätigkeit schließlich insgesamt vorantrieb. 33 Diese für den Überseehandel geschaffenen privilegierten Handelsgesellschaften entwickelten sich auch zu einer wichtigen Einrichtung für die Kolonisation. Vgl. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991, 1006 – 1008; vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 439; vgl. Handelskompagnien, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 34 Dabei hätte es im Umkreis von Wien sehr wohl Rohstoffressourcen gegeben, die für die wirtschaftliche Expansion und den Exporthandel verwertet werden hätten können. Setzt man mit diesen Ressourcen

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bewerkstelligt. Frankreich, Holland, England und einzelne Reichsstädte machten sich das österreichische Konsumbedürfnis zu ­nutzen und führten Waren ein, die zum Großteil mit österreichischen Materialien hergestellt wurden.35 Der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung setzte erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts unter Maria Theresia ein. Die Einheit der Wirtschaft innerhalb des Herrschaftsbereiches und die Vereinheitlichung der mit ihr verbundenen Interessen sind hierfür ein wichtiger Antrieb.36 Die wirtschaftlichen Entwicklungen stehen so in einer wechselseitigen Beziehung mit dem Machtzentrum Wien und dem Interesse an der Stabilisierung und dem Ausbau dieser Macht. Die neue Gewerbepolitik impliziert dabei einen massiven Eingriff in die ‚alte‘, in Zünften organisierte, Erwerbsform und eröffnete gleichzeitig einer Vielzahl von evangelischen Gewerbe­treibenden neue Erwerbsmöglichkeiten in Wien.

4.2.1.2 Das Zunftwesen Für die Umsetzung einer fortschrittlichen Gewerbepolitik wirkte sich nicht zuletzt die Diskrepanz zweier miteinander konkurrierende Wirtschaftssysteme hemmend aus. Das traditionell bürgerliche und in Zünften organisierte Gewerbe stand hier dem Modell der wirtschaft­lichen Großbetriebe entgegen. Der Konflikt bestand dabei weniger in der Marktkonkurrenz, als in den gegenläufigen Funktionsprinzipien, denen die beiden Modelle unterlagen.37 Die mit dem merkantilistischen Modell einhergehende Ansiedelung neuer Manufakturen und Verlage begünstigte in weiterer Folge eine großzügigere Privilegierungspraxis, auf deren Basis es auch evangelischen Gewerbetreibenden möglich wurde, in Wien ansässig zu werden.38 Lange vor der Industrialisierung wurden Rechtsgrundlagen außerhalb der Zunftordnungen geschaffen, mit denen die Erwerbstätigkeit in Wien für Evangelische zulässig wurde. Für die gegenständliche Untersuchung sind sie von besonderem Interesse. Da diese Entwicklungen aber nur im Kontrast zum Zunftwesen verstanden werden können, erscheint es zunächst notwendig diese organisierten Zusammenschlüsse einer näheren Betrachtung zu unterziehen. allerdings auf die Sicherung von Großmachtansprüchen, sind auch sie für die Wirtschaftsentwicklung nicht förderlich. Im Zuge der habsburgischen Herrschaft sind für die Kreditbewilligung europäischer Bankhäuser auch s­ olche wertvollen Einnahmequellen eingesetzt worden. Vgl. Chaloupek/Wagner/ Weigl 1991, 1001 – 1002. 35 Vgl. Adler 1903, 19. 36 Karl Pribram markiert diesen Übergang folgendermaßen: „So galt es denn nach 1750 vielleicht weniger, das Begonnene fortzusetzen, als vielmehr Vernichtetes wiederaufzubauen, neue Grundlagen für Industrie und Handel zu schaffen. Und, was für die Wirtschaftspolitik jener Zeit vielleicht das Bedeutsamste ist: die Bildung eines einheitlichen Wirtschaftskörpers aus all den verschiedenen Teilen der habsburgischen Monarchie, die systematische Verknüpfung der Erbländer durch gemeinsame wirtschaftliche Interessen […], kurz die Verwirklichung jener Ideen, die Hörnigk […] schon zu Ende des 17. Jahrhunderts gelehrt hatte, diese nimmt eigentlich erst unter Maria Theresia um die Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Beginn.“ Přibram 1907, 3. 37 Vgl. Chaloupek 1976, 27. 38 Vgl. Schnettger 2010, 606.

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4.2.1.2.1 Zweck und Funktion der Zünfte Als organisierter Zusammenschluss von Gewerbetreibenden innerhalb einer bestimmten Branche bestand die vorrangige Aufgabe der Zünfte 39 in der Regelung von Produktion und Verkauf, Lohn und Arbeitszeit (der festgelegten Zahl) der Hilfskräfte, der Beschaffung von Arbeitsmaterial und der Bereitstellung von Gerätschaften, die für eine Produktion notwendig waren.40 Wenn auch das Zunftwesen vornehmlich im Dienst der Waren­ erzeugung stand, so darf seine gesellschaftliche und soziale Funktion im städtischen Leben nicht unterschätzt werden. Die Zunftbildung, die in der Regel von den Handwerkern selbst veranlasst wurde, diente im hohen Maß der eigenen Positionierung und Einbettung innerhalb einer ständischen Gesellschaft, die gerade im Wien des 18. Jahrhunderts von einer wirtschaftlichen und sozialen Dynamik geprägt war. Da nach dem Wiener Stadtrecht von 1526 Ämter in der Stadtverwaltung nur für jene behausten Bürger 41 vorgesehen waren, die ausdrücklich kein Handwerk ausübten, traten formale politische Motive für eine Zunftzugehörigkeit in den Hintergrund.42 Margit Altfahrt betont den identitätsstiftenden Charakter, der dem Zunftwesen zu eigen ist: „Die Institution der Handwerkszünfte hatte jahrhundertelang das Fundament des sich herausbildenden bürgerlichen Selbstverständnisses gebildet, indem sie den Bürger als eigenen Stand durch Produktivität und Besitz definierte und gegenüber den anderen Ständen abgrenzte.“ 43 Bei der Bildung von ­Zünften stand die standesbildende Funktion gegenüber marktwirtschaftlichen Erwägungen jedenfalls deutlich im Vordergrund, denn mit ihr ging eine für Zünfte kennzeichnende soziale Absicherung einher.

39 Ab dem 13. Jahrhundert weisen Quellen auf das Bestehen von Zünften in den österreichischen Ländern hin. Vom 14. bis hinein ins 18. Jahrhundert umfassen die insgesamt 401 erfassten Zunftordnungen 205 Zünfte, wobei die meisten davon in das 17. und 18. Jahrhundert fallen. Für Josef Ehmer ist dies ein wichtiger Befund, der für das Zunftwesen nicht allein als mittelalterliches, sondern besonders als neuzeitliches Phänomen spricht. Vgl. Ehmer 2002, 90 – 92. Für den organisierten Zusammenschluss von Gewerbetreibenden bzw. Handwerkern werden neben dem Begriff der Zunft auch synonym die Begriffe Bruderschaft, Zeche, Innung u. a. m. verwendet. Die lateinische Bezeichnung Gremium wird überwiegend in Verbindung mit privilegierten Korporationen verwendet, die abgesehen von der Nähe zum bürgerlichen Stand den Zünften sehr ähnlich sind (z. B. das Großhandelsgremium 1774). Vgl. ebd., 94. 40 Vgl. Adler 1903, 6. 41 Unter den bürgerlichen Handwerkern und Gewerbetreibenden waren die Hausbesitzer auf Basis von Auswertungen zu den Jahren 1563 und 1785 in der Unterzahl. Schätzungen zufolge war im Jahr 1566 fast jedes vierte Haus im Besitz von bürgerlichen Rentiers, die ihrer sozialen Herkunft nach mit städtischen Beamten und der akademischen Elite vergleichbar sind. Vgl. Weigl 2003 f, 154; vgl. Weigl 2003a, 183 – 185. 42 Die Magistratsordnung aus dem Jahr 1783 beinhaltete diesen Ausschluss zwar nicht mehr, dennoch erlangten die Zünfte bis zu ihrer Auflösung 1859 nie formellen politischen Einfluss. Dies bedeutet nicht, dass die Zunftverbände keinen wichtigen politischen Faktor darstellten. Vgl. Ehmer 2000, 204 – 205. 43 Altfahrt 1999, 10.

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Im Gegensatz zu heutigen Gewerkschaften diente der Zunftzusammenschluss nicht der Interessensvertretung einer Berufsgruppe, sondern der Sicherung des Unterhalts. ­Voraussetzung für die Teilhabe an dieser Grundsicherung durch s­ olche Lebensgemeinschaften, wie Zünfte sie darstellen, war die Befolgung von Regeln und Normen, die das Zunftsystem vorgab. Die Missachtung der Zunftordnungen konnte den Verlust der Ehre und des sozialen Ansehens bedeuten sowie einen Ausschluss aus der Zunft und finanziellen Ruin nach sich ziehen.44 Da allein den Meistern eine standesbildende Funktion zukam, waren Gesellen, obwohl sie rechtlich zur Familie des Handwerksmeisters gehörten, sozial niedrig gestellt.45 Eine Aussicht auf die Meisterschaft hatten sie nur dann, wenn sie selbst als Sohn eines Meisters geboren wurden oder durch Heirat eine frei gewordene Stelle nachbesetzten. In vielen Zünften war daher der Handel mit Gewerbeberechtigungen, das sogenannte Realgewerbe, bis ins 18. Jahrhundert hinein ein gängiges und lukratives Geschäft.46 Als staatliches Kontrollorgan übten Zünfte auch eine ‚policeyliche‘ Funktion auf ihre Gesellen aus. Mit der Handwerksordnung von 1731 wurden standardisierte Bescheinigungen (sogenannte Kundschaften) für Gesellen eingeführt, die von den Zunftvorstehern verwaltet wurden.47 Auch für das Steuerwesen wurden die Zünfte dienstbar gemacht. Auf Basis der Vermögenssteuerordnung von 1702 waren Zunftmeister angehalten, die Steuerleistungen ihrer Gesellen für den Staat einzubringen.48 Die Steuerreform von 1748/49 brachte in Ablöse zur Vermögens- und Kopfsteuer eine Einkommenssteuer, die nach Betriebsgröße und Einkommen bemessen wurde.49 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Zünfte eine wichtige Funktion für die Stabilisierung der ständischen Gesellschaft und ihre Ordnung erfüllten. Die ökonomischen Aspekte der straffen Zunftorganisation traten gegenüber dem Disziplinierungszweck deutlich in den Hintergrund. Entgegen dieser Darstellung zehrt gerade der Untersuchungsgegenstand von der Ankurbelung der Wirtschaft und dynamischeren Erwerbsstrukturen. 44 Der frühneuzeitliche Begriff der Ehre ist im Handwerk sehr bedeutend. Er verweist auf das handwerkliche Können, die Zuverlässigkeit, die eheliche Geburt und den tugendhaften Lebenswandel. Bei den Handwerksgesellen wird die Frage der Ehre vor allem in Bezug auf mangelnde Disziplin oder unlauteren Lebenswandel thematisiert. Vgl. ebd., 12. 45 Ein gewisses Maß an sozialer Absicherung bot hier der Zusammenschluss in Gesellenbruderschaften. Vgl. ebd., 13. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden Ordnungen erlassen, w ­ elche die Existenz von Gesellenbruderschaften zwar bestätigten, ihnen aber weder eine eigene Verwaltungs- und Versammlungsautonomie noch die Kommunikation mit auswärtigen Gesellen zugestanden. Vgl. Ehmer 2002, 111; vgl. Bruderschaften, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 46 Wer seinen Betrieb aufgab und nicht an nahestehende Verwandte übertrug, konnte mit seiner Gewerbe­ befugnis wirtschaften. Der abtretende Meister legte dabei die Ablösungssumme selbst fest und hatte freie Hand darüber, wem er die rechtmäßige Befugnis übertrug. Diese Praxis wurde zur wirtschaft­ lichen Basis der Zunftverfassung ausgebaut. Vgl. Přibram 1907, 291; vgl. Ehmer 2002, 99. 47 Vgl. Kundschaft, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 48 Die hierfür geltend gemachten Beträge wurden in weiterer Folge mit dem Lohn der Gesellen gegengerechnet. 49 Vgl. Ehmer 2000, 207.

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4.2.1.2.2 Eingriff in das Zunftwesen Seit ­Kaiser Ferdinand II. bemühten sich die habsburgischen Landesfürsten um die Ausstellung von Zunftordnungen. Da diese wegen ihres Privileg-Charakters im Zuge eines Herrscherwechsels neu bestätigt werden mussten, wurden bis zum Herrschaftsantritt Maria Theresias Modifikationen im Sinne der jeweiligen Gewerbepolitik vorgenommen (z. B. die Erhöhung der Meisterzahlen). Eine maßgebliche Änderung des Verhältnisses ­zwischen Zünften und Staat brachte der Reformabsolutismus im 18. Jahrhundert, der eine Art staatliches ­Zunftwesen im Spannungsfeld von Schutz und Diktat herauszubilden versuchte.50 Im Wesentlichen wurden hierzu drei Maßnahmenbündel ergriffen. Erstens wurden mit dem Ziel eines einheitlichen Wirtschaftsterritoriums die Unterschiede ­zwischen Stadt und Land dahingehend nivelliert, dass ähnliche Zünfte zusammengelegt wurden.51 Zweitens wurde eine Aufteilung in Polizei- und Kommerzialgewerbe unternommen, die eine Trennung der Versorgung des örtlichen Marktes von der Versorgung des nationalen und internationalen Marktes implizierte.52 Damit ging mit der Vereinheitlichung im Zunftwesen auch eine Differenzierung einher. Drittens erforderte die staatliche Instrumentalisierung der Zünfte eine verstärkte Kontrolle derselben, wofür ein vom Stadtrat ernannter und von den Zünften bezahlter Innungs-Kommissar bestellt wurde.53 Mit einer festgelegten Zahl an Meistern und Gehilfen, einer höchstzulässigen Tagesproduktion für den lokalen Bedarf sowie einer Verpflichtung auf bestimmte Technologien oder etwa das Inkrafttreten von Innovationsverboten konnte das Zunftwesen in seiner historisch gewachsenen Form dem wirtschaftlichen Fortschritt nicht dienstbar gemacht werden.54 Die Einrichtung eines Kommerz-Direktoriums in Wien und entsprechenden Institutionen auf dem Land ließen die Zünfte zunehmend als rückständig in Erscheinung treten. „Die bindende und organisatorische Kraft der Zünfte war den gesteigerten Anforderungen der Produktions- und Konsumtionsverhältnisse nicht mehr gewachsen: der Staat nahm einen immer größeren Teil der gewerbepolizeilichen Befugnisse für sich in Anspruch.“ 55 Maria Theresia zog auf Basis einer Rundfrage 1751 sogar ihre Aufhebung in Erwägung. Mit den im 50 Vgl. Ehmer 2002, 116. 51 Den Wiener Seidenzeugmachern wurden 1736 beispielsweise die Vorstadtmeister, 1741 die Schutz­ dekretisten, 1742 die Meister der aufgelassenen Stadtguardia und 1778 die Dünntuchmacher zugewiesen. Vgl. ebd., 120. 52 „Aus einzelnen Kommerzialgewerben entwickelten sich s­ päter auch ‚Manufakturen und Fabriken‘, wenn auch der Umfang ihrer Produktion ursprünglich zumeist nur ein sehr bescheidener war.“ Otruba/ Lang/Steindl 1981, 25. Mit ­diesem deutlichen Trend in Richtung marktwirtschaftliches Denken wurden die Zünfte damit noch mehr zurückgedrängt. Vgl. Altfahrt 1999, 11. 53 Vgl. Ehmer 2000, 208 – 209. 54 Vgl. Chaloupek 1976, 27; vgl. Ehmer 2002, 123. Die daraus resultierende Infragestellung des zünftigen Handwerks und seiner Organisation gipfelte in der Generalhandwerksordnung 1731, w ­ elche die Autonomie der Zünfte in Bezug auf Kontrolle und Gerichtsbarkeit erheblich einschränkte. Vgl. A ­ ltfahrt 1999, 11. 55 Adler 1903, 7.

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Zuge ihrer Regierung erlassenen Handwerkspatenten mussten die Zünfte die Machtbefugnisse gegenüber ihren Angehörigen massiv einbüßen. Mit der Normalverordnung vom 30. März 1776 wird auch die Zahl der Fabrikanten und Manufakturisten zum Leidwesen der Zünfte ohne Deckelung gehoben.56 4.2.1.2.3 Die Konfessionsfrage in den Zünften Für die vorliegende Untersuchung erscheint die Frage nach der Offenheit der Zünfte gegenüber Handwerkern aus dem Ausland und hier vor allem gegenüber fremdkonfessionellen Fachkräften wichtig. Das Wiener Zunftwesen des 17. und 18. Jahrhunderts war, was die Herkunft der Handwerker anbelangt, von einer so großen Vielfalt geprägt, dass die in Wien geborenen Meister in manchen Zünften eine Minderheit darstellten. So waren die herrschenden Anfeindungen von zünftigen Handwerkern gegenüber unzünftigen ausländischen Handwerkern weniger durch die Abstammungsunterschiede als durch ein grundsätzliches Konkurrenzdenken begründet.57 Vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges wurde in den Ordnungen nichts über den Umgang mit Protestanten ausgesagt. Noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde jedoch auf das geforderte katholische Glaubensexerzitium verwiesen. So wurde den Protestanten 1629 bei den Wagnern der Besuch der sonntäglichen Messe angeordnet, ein Jahr ­später sollten alle akatholischen Schneidergesellen ausgewiesen werden. 1643 wurde auch jenen Müllergesellen, die keine Konversion in Betracht zogen, die Gottesdienstteilnahme an Sonn- und Feiertagen verordnet. Darüber hinaus besagte die Ordnung der Steinmetze, dass nur katholische Meister und Gesellen aufgenommen werden durften.58 Die in den Zunftordnungen des 17. Jahrhunderts mit Nachdruck eingeforderte katholische Frömmigkeit ist ein Indiz dafür, dass auch protestantische Handwerker, möglicherweise in gar nicht geringer Zahl, in Zünften vertreten waren. Am Übergang zum 18. Jahrhundert wurde die Zugehörigkeit zur katholischen K ­ irche als Bedingung vehementer eingefordert. So durfte etwa bei den Wundärzten und Badern niemand eintreten oder freigesprochen werden, der sich nicht samt Ehefrau, Kinder, Lehrjungen und Gesellen der katholischen ­Kirche unterstellte. Auch unter den Hafnern durfte 1718 kein Geselle aufgenommen werden, der sich nicht an die religiösen Bestimmungen hielt. Diese Beispiele machen deutlich, dass ausgehend von der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts protestantische Handwerker zunehmend aus den Zünften gedrängt wurden, wenn sie nicht bereit waren, sich den religiösen Bestimmungen unterzuordnen.59 Damit ist nun die These dieser Forschungsarbeit berührt, dass sich ein gewichtiger Anteil der evangelischen Handwerker in den Totenbeschauprotokollen auf Rechtsgrundlagen bewegt, 56 Zu dieser Verordnung vgl. Reschauer 1882, 13 – 15; vgl. Kapitel 4.2.2.6 Fabriksprivilegierte. 57 Vgl. Ehmer 2000, 200 – 201. 58 Vgl. Zatschek 1949, 150. 59 Vgl. ebd., 151.

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die fernab von den Zünften liegen. In der vorangehenden Darstellung des Zunftwesens wurde gezeigt, dass hierfür zwei Faktoren besonders zum Tragen kommen: Die veränderte Bedeutung der Zünfte im Rahmen einer neuen Gewerbepolitik und die in ihnen streng geforderte Einhaltung der Bestimmungen in der Religionsfrage.

4.2.1.3 Arbeitermigration Abgesehen davon, dass sich Wien im 18. Jahrhundert zum Verwaltungsmittelpunkt, Wirtschafts- und Finanzzentrum der Monarchie sowie zu einer bedeutenden Garnisonsstadt 60 erhob, kann die Stadt aufgrund ihrer geographischen Lage zudem als internationaler Verkehrsknotenpunkt angesehen werden. In der zur Mitte des 18. Jahrhunderts mit Abstand größten Stadt Mitteleuropas kreuzten sich die West-Ost Achse in Richtung Konstantinopel und die Nord-Süd Achse in Richtung Mittelmeer. Zweifellos begünstigte dieser besondere Aspekt auch die Möglichkeiten, die sich daraus für die mobilen Bevölkerungsschichten ergaben.61 Die Gewerbepolitik des 18. Jahrhunderts veranlasste bereits unter K ­ aiser Karl VI. eine Intensivierung der Zuwanderung von exterritorialen Arbeitskräften zur Förderung der eigenen Güterproduktion und Deckung des besonderen Konsumbedarfs.62 Eine Handwerkszählung der zünftigen Meister ergab, dass im Jahr 1742 nur 24 % von ihnen in Wien selbst geboren wurden, hingegen 35 % aus dem Ausland zugewandert waren (die verbleibenden 41 % entfallen auf inländische, aber nicht in Wien geborene zünftige Handwerker). In Frage kommen hier vorrangig die nicht habsburgischen Territorien des Reichs (Bayern, Schwaben, Württemberg, Baden und Rheinpfalz). Aufgrund der ausbildungsbedingt hohen Gesellenfluktuation ist der Anteil der aus Wien Gebürtigen hier noch geringer.63 Wenn auch das Zunftwesen durch neue Rechtsgrundlagen für die gewerbliche Erwerbstätigkeit zunehmend verdrängt wurde, hatten doch seine sozialen und kulturellen Traditionen bis ins 19. Jahrhundert hinein Bestand. Bis dahin blieb auch die Gesellenwanderung ein zentraler Aspekt der Arbeitermigration und dies mit bemerkenswertem Anteil.64

60 Die zahlreichen militärischen Anlagen beherbergten einen beträchtlichen Anteil an Evangelischen. Vgl. Kapitel 5.5.1.4 Die Kategorie der Wehrbediensteten. 61 Vgl. Steidl 2003, 51, 53. 62 Vgl. Steidl 2015, 388 – 389. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Nachfrage in Wien besonders dort groß, wo es an einer heimischen gewerblichen Tradition mangelte. Beispiele sind hier der Gold- und Silberdrahtzug und die Herstellung von Perücken. Vgl. Hyden-Hanscho 2013, 177. „Das Interesse an der Anwerbung von Ausländern gehört bekanntlich zum Grundprogramm merkantilistischen Denkens. In Wien führt dies schon in den 1730er Jahren dazu, daß in der staatlichen Handwerkerstatistik der Herkunft große Bedeutung zugemessen und dabei ­zwischen ‚Inländern‘ und ‚Ausländern‘ unterschieden wurde.“ Ehmer 2000, 201. 63 Vgl. Ehmer 2000, 198. In Anleitungen für Handwerksgesellen galt Wien als „Wandermekka“. Steidl 1999, 207. 64 Vgl. Ehmer 2002, 125.

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Mit der zunehmend internationalen Arbeiterschaft bildeten sich auch überregionale Arbeitsmarktstrukturen. Metall- und Galanteriearbeiter 65 sowie Mechaniker kamen vielfach aus England und den Rheinlanden, ebenso aus den nördlichen Regionen (z. B. Würzburg) warb man um Spezialisten für Kupfervergoldung und -versilberung.66 Bei den Uhrmachern lag der Markt in den Händen der Schweizer Handwerker.67 Auch die verfolgten Hugenotten aus Südfrankreich fanden ihren Weg in die Haupt- und Residenzstadt. Wie auch die norditalienischen Migranten betätigten sich diese vornehmlich in der Seiden­ industrie. Die Wiener schätzten zudem das Handwerk der venezianischen Glasbläser und Spiegelschleifer, wie auch die moskowitische Juchtenledererzeugung, um wenige ausgewählte Beispiele zu nennen.

4.2.2 Privilegiertes und außerzünftiges evangelisches Handwerksgewerbe Zu jeder Zeit war in den habsburgischen Ländern ein gewisses Maß an Duldung von Protestanten gegeben. Die Gründe für die landesherrliche Privilegierung einzelner Personen, aber auch ganzer Personengruppen, waren verschieden.68 In zahlreichen Fällen ist ein wirtschaftliches Interesse zu erkennen. Innovative Produktionstechniken, Handwerksgeschick und der Handel mit neuartigen Waren stellten wichtige Kriterien für die Aufnahme von evangelischen Gewerbetreibenden dar. Ausgestattet mit Privilegien zählten sie deswegen zu den wichtigsten 65 Galanterie ist eine alte Bezeichnung für Accessoires bzw. Kleidungszubehör. Der Galanteriearbeiter fertigt unterschiedliche Gegenstände wie Knöpfe, Armbänder und Schnallen mit unterschiedlichen Materialien (darunter auch Edelmetalle) an. Vgl. Galanteriewaren, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 66 „Wie es scheint, rekrutierte sich das Wiener Handwerk des 18. Jahrhunderts bevorzugt aus einem Gebiet, das sich vom Oberrhein über rund 700 km bis Wien erstreckte. Um ­dieses zentrale Migrationsgebiet gruppierte sich eine Reihe von zahlenmäßig weniger bedeutenden Regionen, zu denen Hessen, S­ achsen und die böhmischen Länder zählten. Auch aus dem Norden Deutschlands, sogar aus Dänemark oder Schweden, kam gelegentlich ein Meister oder ein Geselle nach Wien, zahlenmäßig fiel dies aber nicht ins Gewicht.“ Ehmer 2000, 198. 67 Über die Herkunft der Uhrmacher oder ein für die Schweiz naheliegendes reformiertes Bekenntnis geben die entsprechenden Sterbeeinträge keine Auskunft. 68 Ein bevölkerungspolitischer Grund für die Duldung lag beispielsweise mit der Eroberung weiter Teile des Balkans vor. Die Ansiedelungspolitik unterlag dabei merkantilistischen Überlegungen. Vgl. Reingrabner 1996, 41. Auch in der kaiserlichen Armee galt es, fähige Offiziere zu gewinnen und den hohen Bedarf an Mannschaftssoldaten zu decken. Die Religionsfrage erschien hier als eine untergeordnete, wenngleich die ohnedies begrenzten Karrierechancen für katholische Konfessionsverwandte im Vergleich wesentlich höher standen. Vgl. Peper 2010, 86 – 89; vgl. Christ 1973, 371. Dass die kaiserliche Armee bis in die obersten Ränge auch mit protestantischen Vertretern besetzt war, vermag auch der Befund zu bestätigen. Vgl. Kapitel 5.5.1.4 Die Kategorie der Wehrbediensteten. Die vielen Evangelischen, die im herrschaftlichen Dienst standen, verdankten ihren Aufenthalt in der Regel ihren Arbeitgebern, die wiederum vielfach von auswärtigen Potentaten beauftragt und nach Wien entsandt wurden.

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Vertretern einer öffentlich wahrgenommenen evangelischen Bevölkerungsgruppe, weil gerade mit ihnen die religionspolitischen Bestimmungen durch offenbar übergeordnete staatliche Ziele und herrschaftliche Ansprüche durchlässig wurden. Das Wiener Handwerk des 18. Jahrhunderts ging zum größten Teil nicht in organisierten Zünften auf. Die wachsende Bevölkerung […] wäre vom zünftischen Gewerbe bei weitem nicht ausreichend zu versorgen gewesen. Qualitativ traf das mit Sicherheit bereits auf die Regierungszeit ­Kaiser Ferdinands I. zu, in der im größeren Ausmaß außerzünftische Luxushandwerker an den Hof gezogen wurden, quantitativ vor allem auf die Zunahme der in den Versorgungsgewerben Tätigen im Zuge des demographischen Wachstums der Stadt im 17. und 18. Jahrhundert.69

Bereits seit dem späten 16. Jahrhundert gab es eine Reihe von Rechtstitel für die legale handwerkliche Erwerbstätigkeit außerhalb des Zunftzwangs, w ­ elche die Gewerbelandschaft und ihre Organisation in der Folgezeit stark veränderten.70 Eine behördliche Gewerbezählung aus dem Jahr 1736 räumt dem bürgerlichen, in Zünften organisiertem Handwerk, wie aus Tab. 1 hervorgeht, nicht einmal mehr ein Drittel der Gesamtzahl aller Gewerbetreibenden ein.71 Der übrige Anteil speist sich aus teilweise legaler, teilweise illegaler, jedenfalls aber außerzünftiger Handwerksbetätigung.

69 Weigl 2003 f, 149. 70 Vgl. Ehmer 2000, 202; vgl. Otruba 1987, 115 – 116. „Die formale Trennung in bürgerliche Gewerbe und außerzünftische Betriebe suggeriert allerdings eine Dichotomie ­zwischen ‚traditionaler Korporation‘ und ‚moderner Assoziation‘ innerhalb der urbanen Ökonomie, die so nicht bestand. Trotz zahlreicher Konflikte ergänzten sich zünftisches und außerzünftisches Handwerk, überwog die Komplementarität gegenüber der Konkurrenz […].“ Weigl 2003 f, 150. Als fließend werden diese Grenzen bei den gewerbetreibenden Schneidern und Schustern wahrgenommen. Vgl. Weigl 2003b, 169. 71 Diese Gewerbezählung beschränkt sich auf jene Zweige, in denen Störer und Dekretisten erfasst wurden, „weshalb zur Zahl der Bürger ein indes nur unbedeutender Zuschlag zu erfolgen hat.“ Thiel 1911, 430. Viktor Thiel liefert eine detaillierte Aufstellung der Zahlen in den jeweiligen Gewerbezweigen. Vgl. Thiel 1911, 432 – 437. Josef Ehmer merkt an, dass die Originalquelle im Zuge des Justizpalastbrandes 1927 derart beschädigt wurde, dass sie nicht mehr für eine Auswertung herangezogen werden kann. Vgl. Ehmer 2002, 97. Adler fasst die Zahl der Livreebedienten, der Universitätshandwerker und der Stadtguardia mit einer Zahl von 976 zusammen und zählt weiter 105 Arsenalisten und 35 Pikeniere. Vgl. Adler 1903, 83. Allem Anschein nach gab es Unklarheiten zu den Ergebnissen dieser Gewerbezählung bzw. ihrer Kategorisierung. Gustav Otruba führt (wie schon Viktor Thiel) 1.116 Militärhandwerker (976 Stadtguardia, 105 Arsenalisten und 35 Pikeniere) und weitere etwa 1.000 Livreebediente sowie 40 Universitätshandwerker an. Vgl. Otruba 1987, 115. Nach Angabe des Stadtrates fiel die gewerbliche Betätigung der ‚Schutzdekretisten‘ 1728 etwa doppelt so hoch aus wie bei der Gewerbezählung 1736. Die Vermutung, dass auch das bürgerliche Gewerbe in den 1730er Jahren insgesamt nur noch ein Viertel ausmacht, erscheint daher begründet. Vgl. Weigl 2003 f, 149 – 150; vgl. Buchner 2001, 116 – 117.

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Tab. 1: Amtliche Gewerbezählung Wien 1736. Quelle: Viktor Thiel, Gewerbe und Industrie, in: Geschichte der Stadt Wien. Vom Ausgange des Mittelalters bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia, 1740, 6 Bde., hrsg. von Anton Mayer und Heinrich Zimmermann (Bd. 5), Wien 1911, 411 – 523, hier 432 – 437 Amtliche Gewerbezählung Wien 1736

h

Anteil in %

Bürgerliche Handwerker

3.345

28,18 %

Dekretisten

3.126

26,34 %

Störer

2.941

24,78 %

Militärhandwerker (Stadtguardisten 976, Arsenalisten 105, Pikeniere 35)

1.116

9,40 %

Hofbefreite

301

2,54 %

1.000

8,43 %

40

0,34 %

11.869

100 %

Livreebediente (ungefähre Angabe nach früheren amtlichen Berichten) Universitätshandwerker (ungefähre Angabe nach früheren amtlichen Berichten) Gesamt

Im späten 18. Jahrhundert war dieser ohnehin schon geringe Anteil an bürgerlichen Handwerkern durch Manufakturen und unbürgerliche, hausindustrielle Familienbetriebe noch mehr im Schwinden begriffen. Mit seinen unterschiedlichen Rechtsgrundlagen bot das unzünftige Handwerk auch den Evangelischen eine Reihe von Möglichkeiten, sich auf legale Weise in Wien festzusetzen. Für die vorliegende Untersuchung sind daher die unterschied­ lichen Formen dieser Gewerbeausübung und ihre entsprechenden Grundlagen von besonderer Bedeutung. All diese Beispiele verweisen auf ein recht poröses Zunftsystem schon vor der Verleihung der Fabriksprivilegien im frühen 18. Jahrhundert.72 Im Gegensatz zu Frankreich, wo der Zunftzwang auf Basis eines Gesetzgebungsaktes gebrochen wurde, war in Österreich ein jahrhundertelanger Prozess dazu notwendig.73

4.2.2.1 Hofbefreite Gewerbetreibende In den evangelischen Sterbeeinträgen wird vielfach eine ‚hofbefreite‘ Erwerbstätigkeit vermerkt.74 Vermutlich dient der Verweis auf d ­ ieses durch einen kaiserlichen Freibrief ausgestellte Privileg der Rechtfertigung der Aufnahme evangelischer Verstorbener in die 72 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 20 – 21. 73 Vgl. Silberstein 1961, 253 – 255. 74 Vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund; vgl. Kapitel 5.5.1.3 Die Kategorie der Handwerker. Die höfische Besonderheit des ‚Hofbefreiten-Status‘ für Handwerker, Handelsleute und Musiker geht auf das mittelalterliche Reisekönigtum und den darin etablierten Stand der ‚Hofhandwerker‘ zurück. Als Mitglieder des Hofstaates waren Hofhandwerker für die Bedarfsdeckung des Hofes zuständig, wo auch immer sich dieser gerade befand. Auf der Grundlage ­dieses Arbeitsverhältnisses war es ihnen nicht verwehrt, auch offene Läden und Werkstätten einzurichten. Die Vorrechte, die ihnen zudem gegenüber den Zunfthandwerkern bei der Beschaffung von

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Totenbeschauprotokolle vor dem Hintergrund der behördlichen Bürokratie und angesichts der staatlichen Regelungen in der Religionsfrage.75 Da für die Einstellung dieser Professionisten handwerkliche Kriterien gegenüber der konfessionellen oder nationalen Zugehörigkeit deutlich im Vordergrund stehen, blieben diese aus den unterschiedlichsten Ländern und Regionen 76 stammenden Vertreter auch „in ihrer Religionsausübung zumeist unbehelligt“ und waren zudem im Stande, „eine vermittelnde Position für die verfolgten Glaubensbrüder in Wien einzunehmen“.77 Bereits im 16. Jahrhundert wurden aufgrund des steigenden Bedarfs des wachsenden Hofstaates und entsprechend verfeinerten Lebensformen vermehrt ausländische Handwerker in den Dienst des Hofes gestellt, die mit einem guten Ruf, besonderen Fähigkeiten, innovativem Geist und ‚Know-how‘ überzeugen konnten.78 Diese sogenannten ‚hofbefreiten Handwerker‘ wurden ohne Bürgerrecht und außerhalb jedweder zünftigen Organisation zur

Rohstoffen durch die Befreiung von bestimmten Abgaben und die unbegrenzte Zahl an Gesellen eingeräumt wurden, verschafften ihnen einen klaren Vorteil. Darüber hinaus mussten Hofhandwerker weder einen Nachweis der Meisterschaft erbringen noch mit dem Bürgerrecht ausgestattet sein. Vgl. Vocelka 2015, 451. 75 Die erste Ordnung für hofbefreite Handwerker geht auf das Jahr 1572 zurück. Ihr Erlass durch K ­ aiser Maximilian II. legte eine Höchstzahl von 72 ‚Freimeistern‘ fest. Kraft der ausgestellten Freibriefe war es ihnen gestattet, auch ohne Bürger- und Meisterrecht in der Stadt ansässig zu sein und ihrer Erwerbs­ tätigkeit nachzugehen. Vgl. Thiel 1911, 418. Der Freibrief trug wesentliche Merkmale einer Privaturkunde und war an diejenige Person gebunden, an die er ausgestellt wurde. Da er weder weitervererbt noch verkauft werden konnte, war infolge eines Herrschaftswechsels eine Wiederbestätigung der Hoffreiheit unter Kostenaufwand einzubringen bzw. zu erbitten. Dass in der Folgezeit unter Rudolf II. und Erzherzog Matthias die Zahl der hofbefreiten Handwerker auf rund 500 anstieg, deutet darauf hin, dass diese Maßnahme erfolglos blieb. Da die Freibriefe zudem zeitgleich von mehreren Instanzen ausgestellt wurden, stellte sich auch eine gewisse Rechtsunsicherheit ein, die in eine Vielzahl von Prozessen resultierte. Vgl. Haupt 2007, 83. 76 „Oberitalienische und Schweizer Maurer, Stuckateure, Rauchfangkehrer und Lustgärtner finden sich neben französischen Goldschmieden, Sattlern und Köchen. Zu den Schweizer Uhr- und ungarischen Knopf- und Czismenmachern gesellten sich Polen, Niederländer, Spanier, Bayern, Schwaben, Schlesier und Handwerker aus den deutschen Reichsstädten. Armenier versorgten den Hof durch Jahrzehnte mit ­Kaffee und Spirituosen. Aber auch der Zugang aus den habsburgischen Erblanden war groß. Größere ethnische Gruppen behielten ihre Nationaltracht, wohnten in eigenen Vierteln beisammen und bevorzugten Ehepartner der gleichen Nation […].“ Haupt 2007, 85. 77 Ebd., 85; vgl. Vocelka 2015, 450; vgl. Ehmer 2000, 201. Von einer freien öffentlichen Religionsausübung kann aber auch hier keine Rede sein. 78 Vgl. Haupt 2007, 83. Der Hang zur herrschaftlichen Selbstdarstellung fand auch in der Bautätigkeit und im Austragen repräsentativer Feste seinen Ausdruck. Um die in ­diesem Zusammenhang entstehende Nachfrage nach Fachkräften zu decken, wurden immer mehr Freibriefe ausgestellt, sodass Johann Küchelbecker 1730 von einer bereits beachtlichen Gruppe von Hofbefreiten zu berichten wusste: „Uberdiß giebt es allhier sehr viel andere Professions-Verwandte und Handwercks-Leute, w ­ elche, ob sie gleich weder das Bürger- noch Meister-Recht erlanget, dennoch aus specieller kayserlicher Freyheit ihre Professiones und Handwercke wie ordentliche Meister treiben; Diese nun werden Hof-Befreyete genennet, und sollen derselben über 300. allhier anzutreffen seyn.“ Küchelbecker 1730, 716 – 717.

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Verrichtung ihrer Dienste an den Hof bestellt, wenngleich sie im Unterschied zum Hofhandwerk nicht regelmäßig, sondern nach Maßgabe ihrer Leistungen entlohnt wurden.79 Wie die Hofhandwerker genossen auch die hofbefreiten Handwerker gegenüber den bürgerlich zünftigen Gewerbetreibenden eine Vielzahl an Vorteilen: Mit dem Ausstellungsdatum des Freibriefes wurde der Handwerker Mitglied des Hofstaates und war in juristischer Hinsicht dem Obersthofmarschall unterstellt.80 Auf dieser Grundlage durfte er am Ort des Hoflagers einen offenen Laden und eine Werkstätte errichten. Darüber hinaus war auch die Ausbildung von Lehrlingen und die Anstellung von Gesellen gestattet.81 In ihrer gewerblichen Betätigung waren hofbefreite Handwerker ferner von der Mautpflicht und teilweise auch völlig oder in reduzierter Weise von Zöllen und Taxen befreit. Obwohl sie zur Gewährleistung dieser Privilegien jährlich Schutzgeld entrichten mussten, war ihnen der klare Wettbewerbsvorteil gegenüber den zünftigen Handwerkern sicher.82 Mit dem Status der Hoffreiheit ging jedoch nicht notwendig der Aufstieg in eine höhere soziale Schicht einher, auch wenn dies für viele Silber- und Goldschmiede und vereinzelt für Handwerker aus anderen Gewerben zutraf.83

4.2.2.2 Dekretisten oder Schutzverwandte Nach einem kaiserlichen Patent vom 12. April 1725 wurde unter Karl VI. eine neue Kategorie von Gewerbebefugnissen für Handwerker ohne Wiener Bürgerrecht (welches allein Katholiken vorbehalten war) geschaffen. Dabei wurde gegen Entrichtung eines jährlichen Schutzgeldes von sechs Gulden unbefugten Handwerkern und sogenannten ‚Störern‘84, die sich schon länger in Wien aufhielten, bis zur Ausfertigung einer umfassenden Gewerbeordnung 85

79 Vgl. Haupt 2007, 82 – 83. Ihre Tätigkeiten für den Hof wurden zwar mit keinem festgelegten Gehalt entlohnt, dafür stand es ihnen in der Praxis frei, Aufträge anderer Kunden anzunehmen. Mit der Verpflichtung für den Hof billiger und qualitativ hochwertiger zu produzieren, standen sie jedoch primär in dessen Dienst. 80 Unter die obersthofmarschallische Gerichtsbarkeit fielen neben der Gesamtheit des Hofpersonals auch alle Hofbefreiten, die am Hof anwesenden ‚Hofjuden‘ sowie alle Gesandten und Botschafter mit ihrer Angehörigen. Mit sieben bis zehn Personen, die als Angehörige zuzurechnen sind, beläuft sich bei 250 Hofbefreiten die Zahl der in den Jurisdiktionsbereich des Obersthofmarschalls fallenden Personen auf rund 1.750. Vgl. Rescher 2016, 80, 82; vgl. Haupt 2007, 13 – 26. 81 Vgl. ebd., 84. 82 Vgl. ebd., 85. 83 Anders beurteilt Herbert Haupt ihren sozialen Status: Er stuft sie als wohlhabend ein und führt an, dass 11 % unter ihnen sogar Hausbesitzer und damit vermögend waren. Trotz der Möglichkeit zu Nobilitierungen gab es nur wenige adelige Hofbefreite. Vgl. ebd., 91, 153 – 154. 84 Vgl. Kapitel 4.2.2.3 Störer. 85 Noch bevor Schutzdekrete ausgegeben wurden, hat K ­ aiser Karl VI. 1724 den Befehl zur Ausarbeitung einer neuen umfassenden Gewerbe- und Zunftordnung zur Beseitigung der Missstände in den Zünften erteilt. Erst im April 1732 wurde dieser Befehl auch ausgeführt. Seine Wirkung in der Praxis stellt sich aber auch bei späteren Regenten nicht ein. Vgl. Reschauer 1882, 12.

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je auf ein Jahr befristet ein Schutzdekret ausgestellt.86 Dies erfolgte auf Bedarf und unter dem Nachweis der Handwerkslehre, der Volljährigkeit und der ehelichen Geburt. Die Regelung galt auch für Evangelische, wenn sie sich durch ein besonderes künstlerisches Geschick auszeichneten oder Handwerker einer in Wien noch nicht etablierten Profession waren.87 Die freie und öffentliche Religionsausübung blieb dabei weiterhin verboten.88 Nachdem bereits im Einführungsjahr fast 5.000 Schutzdekrete ausgestellt wurden, wurde mit der Möglichkeit zur Verlängerung der bestehenden Schutzbefugnisse die Vergabe von weiteren im Jahr 1732 eingestellt. In der Gewerbezählung des Jahres 1736 ist ihr weitreichender Einfluss auf die Gewerbestruktur mit einem Anteil von fast einem Drittel an der gesamten Erwerbstätigkeit deutlich dokumentiert. Nur eine kleine Anzahl von Zünften, wie etwa die der Apotheker, Fleischhauer, Maurer, Zimmermeister und Schmiede blieb von Schutzbefugnissen unberührt.89 Einen besonderen Aufschwung durch Schutzbefugnisse erfuhr die Band-, Seiden- und Tücherproduktion sowie die Stickerei und Galanteriearbeit.90 Mit der 1754 unternommenen Einteilung aller Gewerbe in Kommerzial- und Polizeigewerbe erfolgte schließlich wieder die Abkehr von ­diesem System.91 Im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand kann abschließend gesagt werden, dass an die Schaffung dieser Erwerbsform eine bestimmte Durchlässigkeit in der Religionspolitik gekoppelt war, die nicht einhellig auf Zustimmung stieß.92 Gerade die konfessionelle Grenzöffnung erwies sich aber als notwendig für die Gewerbepolitik: „Das aufkommende Manufakturzeitalter erforderte Arbeitskräfte und technische Intelligenz, die nur gewonnen werden konnten, wenn der Staat nicht mehr enge Konfessionsgrenzen zog.“ 93

86 Anfangs nur in Wien und Niederösterreich wurden die Schutzbefugnisse ­später auch in Böhmen eingeführt. Neben der Möglichkeit zu unbefristeten Schutzdekreten in einzelnen Fällen finden sich innerhalb dieser Gruppe auch die sogenannten Gratisten, die kein Schutzgeld zahlen konnten. Vgl. Zatschek 1949, 37 – 38. 87 Vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund. 88 Vgl. Adler 1903, 80. 89 Vgl. Reschauer 1882, 10. Von den Zimmerleuten unterschieden sind die Tischler. Mit Otto Heim (01. 11. 1772 [Nr. 1044]) findet sich ein ‚schutzverwandter‘ unter ihnen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. H, fol. 53v. 90 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 20. Zu diesen Berufsgruppen im Befund vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund. 91 Vgl. Schutzverwandte, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 92 Am deutlichsten beklagte wohl Erzbischof Kollonitsch die Privilegien der Wiener Protestanten. Vgl. Winter 1971, 88. Auch den zünftigen Handwerkern war die Erteilung von Schutzdekreten ein Ärgernis, allerdings aus anderen Gründen: Sie fühlten sich in ihrem Ruf bedroht und tadelten daher die Qualität der von den ‚Dekretisten‘ verrichteten Arbeit. Vgl. Buchner 2001, 117 – 118. 93 Herzig 2000, 213. Heinz Zatschek beurteilt die Einführung der Dekrete in einem etwas anderen Licht und erinnert, dass sie nicht durch wirtschaftliche Motive veranlasst wurde, sondern auf einen steuerlichen Rückgang in Klosterneuburg, Langenlois, Perchtoldsdorf, Mödling und Gumpoldskirchen zurückzuführen ist. In d ­ ieses Bild fügen sich die Einnahmen von 30.000 Gulden, die mit der Vergabe von Dekreten lukriert wurde. Vgl. Steidl 2003, 82 – 83. Im Erteilungsjahr 1725 wurden nahezu alle

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4.2.2.3 Störer Ohne Meisterschaft und Bürgerrecht arbeiteten die ‚Störer‘ auf illegale Weise nicht nur außerhalb des Zunftverbandes, sondern auch fernab jeglicher rechtlichen Sicherung. Dies geschah zu einem so großen Anteil, dass ihre Zahl um 1674 die Zahl der bürgerlichen Handwerker übertraf. Gerade auf dem umliegenden Land siedelten sich zahlreiche Handwerkerfamilien an, vor allem, um der Besteuerung und dem Einfluss der städtischen Organisation des Kleingewerbes zu entgehen. Schon wegen der Erhaltung des steuerkräftigen zünftigen Handwerkerstandes war die Bekämpfung der Störer auch ein vordringliches Ziel der Regierung.94 Die illegale Erwerbstätigkeit von Störern wurde in der Regel mit Geldstrafen geahndet und konnte im schlimmsten Fall auch den Stadtverweis nach sich ziehen. Dass die Zahl der Störer noch in der Regierungszeit Karls VI. beträchtlich war, spricht dafür, dass ihre Betätigung kaum unterbunden werden konnte.95 Als Lohnarbeiter und Wanderhandwerker begaben sich die Störer zumeist direkt in das Haus des Kunden und empfingen neben ihrem Tag- oder Stücklohn im Zuge ihrer Arbeit dort auch Kost und Logis.96 Zu ihren potenziellen Kunden zählten Angehörige des Herrscherhauses, Adelige und Klöster.97 Zwischen Störern, bürgerlichen Handwerkern und Schutzdekretisten gab es viele Ähnlichkeiten. So blickten sowohl die Störer als auch die Dekretisten durchwegs auf eine abgeschlossene Lehre zurück und haben als Gesellen bei bürgerlichen Meistern gearbeitet. Der Karrieresprung zur Meisterschaft wird dann entweder aus finanziellen Gründen oder aufgrund der beschränkten Zahl an Meisterstellen nicht geglückt sein.98 In vielen Fällen gingen Gesellen auch durch ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage ihrer Anstellung verlustig. Mit ihrem unrechtmäßigen Lohnerwerb galten Störer als ‚unehrlich‘ und konnten in der Regel nicht (mehr) in den bürgerlichen Nahrungsstand rückgeführt werden. In Ausnahmefällen aber fanden auch Störer den Weg ins bürgerliche Handwerk oder wurden auf Basis eines Schutzdekretes in den geregelten und gesicherten Erwerb eingegliedert.99 Angesichts ihres hohen Anteils unter den Gewerbetreibenden in der Gewerbezählung 1736 ist es wahrscheinlich, dass sich auch evangelische Handwerker in dieser Gruppe fanden. Da Bewerber berücksichtigt. Von den 4.975 Schutzdekreten wurden sogar etwa 1.000 kostenlos an Gratisten ausgegeben. Vgl. Altfahrt 1996/97, 10. 94 Vgl. Adler 1903, 67 – 68. 95 Laut der Gewerbezählung von 1736 waren rund ein Viertel der Gewerbetreibenden ‚Störer‘. In manchen Gewerbezweigen war ihr Anteil besonders hoch: 47 Störer neben 99 bürgerlichen Goldschmieden und Goldarbeitern, 61 Störern neben 50 bürgerlichen Schlossern, 43 Störer auf 20 bürgerliche Weber, 30 Störer auf 43 bürgerliche Fleischhauer, 353 Störer neben 432 bürgerlichen Schustern und 432 Störer neben 457 bürgerlichen Schneidern, 190 Störer arbeiteten neben 19 bürgerlichen Strickern, 118 Störer neben 78 bürgerlichen Tischlern; vgl. Zatschek 1949, 39. 96 Vgl. ebd., 250 – 254. 97 Vgl. Ehmer 2000, 202 – 203. 98 Vgl. Buchner 2001, 128. 99 Vgl. Zatschek 1949, 250 – 254.

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die fehlende Rechtsgrundlage aber auch mit einem Problem in der behördlichen Erfassung einhergeht, kann hier nur eine geringe Dunkelziffer angenommen werden.100

4.2.2.4 Militärhandwerker Die mit der Machtkonzentration einhergehende Funktion Wiens als Festungsstadt wirkte sich auf den erhöhten Bedarf an Militärfunktionären und hier besonders Mannschaftssoldaten aus, der auch Möglichkeiten für Evangelische eröffnete. Etwa ein Zehntel aller Handwerker betätigten sich im Nebenerwerb zum Militärdienst außerhalb des Innungswesens. Auch gegen die Militärhandwerker wurde von Seiten der Zünfte vor allem ­zwischen 1730 und 1740 Kritik laut.101 Den Großteil dieser Gruppe stellten die ‚Stadtguardisten‘102, zu denen sich wenige ‚Arsenalisten‘103 und vereinzelt auch ‚Pikeniere‘104 gesellten.105 Seit Ende des 16. Jahrhunderts fungierte die Stadtguardia als kaiserliche Garnisonstruppe und war als ­solche mit der späteren Polizei vergleichbar. Stadtguardisten bezogen nur einen recht geringen Lohn und sahen sich deshalb genötigt, neben ihrer Wachtätigkeit auch anderen Erwerbstätigkeiten nachzugehen, wozu ihnen auch behördliche Berechtigungen zu Produktion und Verkauf eingeräumt wurden. Militärhandwerker durften allerdings keine Gesellen beschäftigen, wenngleich es auch hier Ausnahmen gab. Wurde zunächst vornehmlich das Bäcker-, Schuster-, Fleischhauer- und Baderhandwerk zum Nebenerwerb genutzt, so dehnte sich diese Art der Betätigung bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1742 unter Maria Theresia auf nahezu alle Gewerbe aus.106

4.2.2.5 Manufaktur- und Arbeitshäuser Mit der Errichtung eines Zucht- und Arbeitshauses im Jahr 1671 wurde nach einem Vorschlag des Wirtschaftsökonomen Johann Becher eine weitere Form der unzünftigen Erwerbstätigkeit geschaffen, die auch innerhalb des Datenmaterials zumindest angedeutet wird.107 Unter ­Kaiser Karl VI. sollte schließlich ein ganzes Netz an Waisen-, Manufaktur- und Arbeitshäusern für den Gemeinnutzen eingerichtet werden.108 Eine gewisse Nähe zu ­diesem besonderen 1 00 Vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund. 101 Vgl. Buchner 2001, 116. 102 Infolge der Wiener Türkenbelagerung wurde 1531 eine dem Stadtrat zugeteilte Tag- und Nachtwache installiert, die seit 1569 als Stadtguardia bezeichnet wurde. Unter Rudolf II. wurde daraus 1582 eine kaiserliche Garnisonstruppe. Vgl. Haupt 2005, 26 – 31; zur Wiener Stadtguardia vgl. Veltzé 1911, 178 – 189. 103 Die Bezeichnung verweist auf Bedienstete im kaiserlichen Arsenal. Vgl. Sanford 1975, 5; vgl. Arsenal, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 104 Der Ausdruck verweist auf mit einer Pike ausgestattete Infanteristen. 105 Vgl. Thiel 1911, 419. 106 Vgl. Steidl 2003, 80. 107 Vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund. 108 Vgl. Codex Austriacus IV 1752, Patent 26. August 1723, 138 – 140.

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wirtschaftsökonomischen Modell wies das Kunst- und Werkhaus am Tabor auf, welches 1676 von Becher gegründet wurde und entsprechend eingerichtet als Lehranstalt für Manufak­ turisten konzipiert war. Nachdem es allerdings im Zuge der Türkenbelagerung 1683 zerstört wurde, blieb seine Wiedererrichtung aus.

4.2.2.6 Fabriksprivilegierte Die im 18. Jahrhundert synonym verwendeten Begriffe Manufaktur und Fabrik verweisen auf eine gewerbliche Produktionseinrichtung, die sich in vielen Punkten vom alten Handwerk unterscheidet:109 So wurde die nunmehr groß angelegte Produktion in viele einzelne Arbeitsschritte zerlegt, die von mehreren Arbeitern mit unterschiedlichen Qualifikationen bewältigt wurden. Da diese Unternehmer keiner Zunft untergeordnet waren, durften sie beliebig viele Mitarbeiter beschäftigen. Ebenso wenig wurde ihnen die in den Zünften vorgesehene ‚Aufdingung‘, ‚Wanderung‘, ‚Lossprechung‘ und Fertigung eines Meisterstückes auferlegt. Die drei wesentlichen Unterschiede bestanden also in der Gewerbeverfassung, in der Betriebsgröße und der Arbeitszerlegung.110 Ein gemeinsames Charakteristikum von Fabriken war zudem, dass die Produktion vor dem Hintergrund kapitalistischer Erwägungen eines kaufmännischen Unternehmers und unter dessen Verantwortung erfolgte.111 Im ­Zeichen des Merkantilismus sollte mittels Fabriksprivilegien die inländische Produktion in die Richtung einer positiven Handelsbilanz geführt werden.112 Schufen Hofhandwerker, Stadtguardisten und Schutzdekretisten ein breiteres Angebot im Kleingewerbe, erwies sich die Vergabe von so genannten privilegia privativa als aktivste und am meisten in die Zukunft weisende Form landesfürstlicher Wirtschaftsförderung. Sie zielte auf die Ansiedlung größerer (Manufaktur-)Unternehmen, und nicht zuletzt auf den Export. Die seit dem frühen 18. Jahrhundert in Wien vergebenen privilegia privativa erlaubten die zeitlich begrenzte Einfuhr von Rohstoffen oder Fertigwaren zum Zweck des Aufbaus einer einheimischen Produktion, für die ein ausschließliches Erzeugungsrecht und völlige Innungsfreiheit gewährt wurden.113 109 Fabriken markieren den Übergang vom handwerklichen Kleingewerbe zum Unternehmen auf der Grundlage merkantilistischer Ideen. Auch wenn sich die hier thematisierten Formen der Erwerbs­ tätigkeit ebenso außerhalb des Innungswesens konstituierten und auch die Produktion von Waren eine Rolle spielte, liegt der Fokus hier doch stärker auf der Handelsbilanz. In der Auswertung der Berufsbezeichnungen kann diese Trennung nicht immer deutlich vollzogen werden, sodass es hier zu Überschneidungen ­zwischen der Handwerks- und der Handelskategorie kommt. Vgl. Kapitel 5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen. 110 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 12. 111 Vgl. Přibram 1907, 16 – 17. 112 Vgl. Rauscher/Serles 2015, 162. 113 Weigl 2003e, 180.

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Die sogenannten ‚privilegia privativa‘ wurden ursprünglich auf einen Zeitraum von 25 bis 30 Jahren erteilt und beinhalteten neben der Monopolstellung auf die Warenerzeugung auch ihren Groß- und Kleinhandel innerhalb eines bestimmten Raumes. Neben der Ausstellung von umfassenden Fabriksprivilegien wurden auch einzelne Fertigungstechniken oder bestimmte Maschinen ausdrücklich durch ‚privativa‘ geschützt.114 Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Monopolisierung von Produktionen zugunsten des Gemeinwohls eingestellt. Bereits der Kameralist Philip Wilhelm von Hörnigk kommentierte während seines Aufenthalts in den österreichischen Landen, dass „ferner auch die vielen Privilegia privativa, die man einigen Particuliers ehehin ertheilet, gar viel Gutes hindern, und andere, die eine Sache, worüber jene gegeben worden, in grösserer Menge und weit ergiebigerm Aufnahm pouffiren könnten, ausschliessen.“ 115 Ein Zirkular aus dem Jahr 1770 beinhaltete die Begünstigungen, die Unternehmern künftig gewährt werden sollten: Erstens die Freiheit von Reallasten und Einquartierungen für Fabriksgebäude, zweitens die Befreiung von der Rekrutierung für den Inhaber, seine Familie und Angestellten, drittens ein besonderer Schutz für fremde Fabrikanten und Künstler, viertens die freie Einfuhr von Materialien und Geräten gegen geringen Zoll, fünftens ein Konkurrenzschutz im Bezirk der Niederlassung, sechstens ein Arbeitnehmerschutz (Schutz gegen Abredung), siebtens die Anstellung, die Kundschaft und der Freibrief auch für zünftige Arbeiter, achtens die Errichtung von Niederlagen und Magazinen.116 Am 17. August 1787 erhält dieser Entwurf unter Josef II. per Hofdekret Gesetzeskraft. Das immer noch so bezeichnete ‚Privilegium‘ erhebt sich damit zur Fabriksbefugnis bzw. zur Konzession.117 ­Kaiser Josef II. erteilt abgesehen von Erfindungen oder innovativen Produktionsmethoden nur noch wenige neue Fabriksprivilegien. Die Einführung der ‚privilegia privativa‘ bedeutete nicht nur einen weiteren massiven Eingriff in die Zunftverfassung, sondern brach auch den ‚katholischen Charakter‘ des Wiener Handwerks.118 In nahezu allen Fabriksprivilegien wurden Akatholiken ausdrücklich thematisiert, sei es in Hinblick auf ihre Zulassung, die bei weitem überwog, oder im Rahmen der Einschränkungen der Anstellungsmöglichkeiten aufgrund ihres konfessionellen Makels. Weitere Neuerungen in der Konfessionsfrage brachte die Toleranzgesetzgebung, denn davor noch mussten Akatholiken vor der Erteilung eines Fabrikprivilegs (im Gegensatz zu Juden) um Dispens ansuchen.119 114 Ging es nur um die Verbesserung der Produktionsweise, fielen auch die Privilegien weniger umfangreich aus. Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 19. 115 Hörnigk 1750 [1684], 321. In der Folgezeit treten steuerliche Begünstigungen und Zollbefreiungen sowie eine Befreiung von der Rekrutierung (auch für die Hilfskräfte) und jedweder zunftbezogenen Beschränkung in den Vordergrund. Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 26. 116 Vgl. Přibram 1907, 206 – 207. 117 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 28 – 30. 118 Vgl. Zatschek 1949, 151 – 152. „Obwohl seitens des Staates immer wieder versucht wurde, gezielt ausländische Spezialisten anzuwerben, kann die Technologiepolitik auch noch im 18. Jahrhundert keines­ wegs als konsistent bezeichnet werden. Vor allem im Kleingewerbe blieb sie – hin und her gerissen ­zwischen Sicherung des ‚bürgerlichen Auskommens‘ und Innovationsförderung – äußerst widersprüchlich.“ Weigl 2003e, 182. 119 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 30.

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Die in den Kapiteln 4.2.2.1 – 4.2.2.6 dargestellten Formen außerzünftigen Handwerksgewerbes werden im Folgenden mit dem Quellenbefund ins Gespräch gebracht. Dieser wird darüber Auskunft geben, in w ­ elchen Handwerksbranchen evangelische Vertreter verstärkt mit ihrem offenkundigen evangelischen Bekenntnis auftraten.

4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund Bezugnehmend auf die weiter oben dargestellten religiösen Auflagen in den Zunftverbänden, war das öffentliche Bekenntnis zum evangelischen Glauben im 18. Jahrhundert kaum mehr möglich und auf Meisterebene undenkbar. Angesichts dessen und vor dem Hintergrund staatlicher Kontrolle, die u. a. mit dem Instrument des Totenbeschreibamtes selbst ausgeübt werden sollte, liegt es daher nahe, dass die gegenständliche Quelle überwiegend evangelische Handwerker erfasst, die im außerzünftigen Erwerb tätig und auf Basis von Sonder­privilegien legal mit ihrem Gewerbe in Wien ansässig waren. In den evangelischen Einträgen der Totenbeschauprotokolle nimmt die Handwerksbranche als drittgrößte Kategorie (von insgesamt sechs) einen Anteil von 16,68 % im bereinigten Datenmaterial ein.120 Innerhalb der Kategorie der Handwerker unterscheidet Abb. 18 (siehe Kapitel 5.5.1.3) die verschiedenen Handwerksberufe nach dem jeweiligen Material, das bearbeitet oder verarbeitet wird. Rund zwei Drittel der evangelischen Erwerbstätigkeit in den Handwerksberufen entfällt auf die Be- und Verarbeitung von Textilien, Metallen und Edelmetallen. Unter den 62 Textil­ handwerkern, die über die evangelischen Sterbeeinträge erfasst werden können, finden sich (ausdrücklich so bezeichnet) zwei Meister, 24 Gesellen sowie zwei ‚schutzverwandte‘, zwei ‚privilegierte‘ und ein ‚hofbefreiter‘ Vertreter. Zu den Berufsbezeichnungen, die in ­diesem Segment aufgenommen sind, zählen ‚Schneider‘, ‚Schnurmacher‘, ‚Bandmacher‘, ‚Posamentierer‘121, ‚Bortenmacher‘, ‚(Lein-)Weber‘, ‚Tuch- oder Zeugmacher‘, ‚Strumpfwirker‘ und ‚Strumpfstricker‘, ‚Hutmacher‘, ‚Seiden- Baumwoll- und Knopffabrikanten‘ sowie ‚Samtmacher‘ und ‚Wattemacher‘. Die Metallbranche wird in Abb. 18 zu annähernd gleichen Anteilen in Metall verarbeitende Gewerbe und Edelmetall verarbeitende Gewerbe unterteilt. Mit einem Anteil von 15 % bilden zweitere mit nur sehr knappem Abstand die drittgrößte Untergruppe innerhalb der Kategorie der Handwerker. Unter ihnen finden sich den verwendeten Bezeichnungen nach ‚Goldschlager‘122, ‚Goldgraveure‘, ‚Vergolder‘, ‚Goldschmiede‘, ‚Goldarbeiter‘, ‚Silberdrahtzieher‘ 120 Zur Übersicht der einzelnen Berufskategorien, der zugrundeliegenden Taxonomie und der unternommenen Bereinigung des Datenmaterials, wird hier neben Abb. 15 auch auf das Auswertungskapitel verwiesen. Vgl. Kapitel 5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen. 121 Posamentierer besetzen Kleidung und andere textile Endprodukte mit Tressen, Borten, Quasten, Stofffransen und anderen Besatzartikel. Vgl. Posamentierer, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 12. 02. 2021. 122 Die Bezeichnung verweist auf die Verarbeitung von Gold zu dünnen Blättchen. Der Beruf des Goldschlagers war in Wien stark verbreitet. Allein im Schottenviertel waren im Jahr 1528 sechs Goldschlager­ meister ansässig. Vgl. Sanford 1975, 38.

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und ‚Galanteriearbeiter‘. Neben acht Gesellen finden sich in ­diesem Segment drei ‚schutzverwandte‘ und drei ‚hofbefreite‘ Vertreter, die ausdrücklich als ­solche bezeichnet werden. Mit dem Fabriksprivileg für eine Gold-, Silberborten- und Drahtfabrik aus dem Jahr 1727 war es für Johann Jacob Isenflam nicht nur möglich, ausländische Hilfskräfte einzustellen, sondern auch Evangelische mit einer rechtlich geregelten Erwerbstätigkeit in Wien auszustatten: Auch sie, fabrickverleger, allein die freyheit und macht haben sollen, sothane draht- und gespinst-manufactur sowohl allhier als durch das ganze land Österreich unter und ob der Enns mit den bedürftigen leuten und fabricanten von denen dreyen im römischen reich tolerierten religionen, von was nation selb seyen mögen, zu besetzen, zu üben und aufzurichten […].123

Viele andere angeworbene Spezialisten aus der Eisen- und Metallerzeugung, der Textilbranche, der Glas- und Spiegelerzeugung, sowie der Bijouterie waren auf dieser Grundlage in Wien ansässig. Viele von ihnen stammten aus England, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz, Italien und Westdeutschland.124 Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde Wien mit der Beteiligung evangelischer Professionisten zum Zentrum der österreichischen Seidenindustrie. Dass sich dies auch in den Totenbeschauprotokollen niederschlägt, zeigt beispielhaft der Eintrag von Johann Heinrich Grab (Maria Anna 17. 07. 1773 [Nr. 1075])125 und jener von Christian Gottlieb Hornbostel (Maria Susanna 05. 10. 1779 [Nr. 1306])126, der nicht nur eine Seidenstoffweberei im Jahr 1768 gründete, sondern auch als Erfinder selbstwebender Webstühle gilt. Ähnlich erfinderisch und erfolgreich betätigte sich Johann Christoph ­Vogtländer (Johann Friedrich 17. 02. 1778 [Nr. 1267])127 im mathematischen Instrumentenbau und durch die Einrichtung einer mechanischen Anstalt 1770.128 Seit dem industriellen Aufschwung erlangte Wien eine zunehmend herausragende Stellung als Industriestadt, mit der eine 123 Codex Austriacus IV 1752, 415 – 417. In den Totenbeschauprotokollen wird Johann Jacob Isenflam (09. 02. 1752 [Nr. 403]) mit einem evangelischen Konfessionsvermerk berücksichtigt und als Niederlagsverwandter ausgewiesen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 48, fol. 619v. 124 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 59. „Neben dem Bergwesen war die Hausindustrie, besonders ihr Textil­sektor, der zweite große Bereich frühkapitalistischer Wirtschaftsweise.“ Rauscher/Serles 2015, 162. 125 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. CGK, fol. 64r. 126 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 75, lit. H, fol. 67r. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beschäftigten die Fabriken von Hebenstein und Hornbostel rund 900 Personen auf etwa 400 Webstühlen. Aber selbst diese Konzentration der Produktion vermochte nicht den Niedergang des Zunftsystems herbeizuführen. Durch Aufnahmegebühren und Taxen wurde vielmehr ursprünglich privilegierten zahlungskräftigen Gewerbetreibenden der Eintritt in die Innung erleichtert. Vgl. Weigl 2003b, 171 – 172. 127 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. FU , fol. 7r. In den Einträgen, in denen Johann Christoph Vogtländer aufscheint, wird ihm zweimal die Berufsbezeichnung ‚Kompassmacher‘ zugeordnet. 128 Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 453 – 458, hier 457.

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Stärkung auch des bürgerlichen Selbstbewusstseins einherging. Wie beispielsweise im Fall von Johann Frieß (Klara 08. 01. 1775 [Nr. 1133])129 sichtbar wird, wurden Unternehmer aufgrund ihrer besonderen Verdienste vereinzelt auch in den Adelsstand gehoben.130 Sowohl für das Textil- als auch für das Metallgewerbe gilt, dass fehlende Vermerke zum Privilegierten-Status nicht notwendig bedeuten, dass die Erwerbstätigkeit nicht auf Basis der bekannten Sonderregelungen ausgeübt wurde, geschweige denn, dass diese Fälle auf einen unrechtmäßigen Aufenthalt in Wien hinweisen. Bezugnehmend auf die Bestimmungen in der Religionsfrage, wie sie in Kapitel 3 dargestellt wurden, plausibilisiert sich die These, dass die in den Totenbeschauprotokollen aufgenommenen evangelischen Erwerbstätigen, unabhängig von der jeweiligen Branche, auch wissentlich als Evangelische in Wien ansässig waren und auf legale Weise ihrer Erwerbstätigkeit nachgingen. An keiner Stelle wird in den evangelischen Sterbeeinträgen jemand als ‚Störer‘ vermerkt. Ein Hinweis auf die Gruppe der Militärhandwerker ist in einem weiteren Sinn durch die Bezeichnung ‚Schwarzpikner Barbier‘ mit der Erfassung der Witwe Elisabeth Wilhelmin (27. 01. 1756 [Nr.  518])131 gegeben. Die Institution der ‚Schwarzen Pike‘, deren Vertreter sich gegen ein jährliches Schutzgeld der eigenständigen Jurisdiktion der Stadtguardia unterstellten, verrichteten ihre Arbeit zwar ebenso außerhalb der Zünfte, aber nicht illegal. Auch die legale außerzünftige Erwerbsform in ‚Arbeitshäusern‘ findet Eingang in die evangelischen Sterbeeinträge. Mit dem Fleischhacker Mathias Fueß (01. 04. 1772 [Nr. 1015])132, dem Schneider Christoph Querckfellner (Barbara 19. 08. 1772 [Nr. 1033])133, dem Tischlergesellen Christian Grill (26. 04. 1772 [Nr. 1019])134 und dem Webergesellen Gottlieb Susman (09. 04. 1773 [Nr. 1053])135 begegnen Erwerbstätige, die ihre Arbeit im Zuchthaus verrichten.

129 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. FU, fol. 1v. In ­diesem Eintrag wird Johann von Frieß als wohlgeborener Herr tituliert, seine im Alter von zwei Jahren verstorbene Tochter als Reichsfreiin von Frieß. Johann von Frieß wird mit den Berufsbezeichnungen ‚Commerzienhofrat‘ und ‚Bergwerksproduktenverschleissdirektor‘ eingetragen. 130 Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 22 – 23. „Der Schweizer Kaufmann und Bankier Johann Fries wurde sogar wegen seiner Verdienste im Siebenjährigen Krieg als erster Protestant 1757 in den erbländischen österreichischen Ritterstand und 1762 in den erbländisch-österreichischen Freiherrnstand erhoben.“ Rippel 1986, 40. Johann Frieß wird in mehreren ‚privilegia privativa‘ berücksichtigt. So wird ihm als Kommerzienrat gemeinsam mit dem Handelsmann Togniola 1751 von Maria Theresia ein Privilegium auf seine Samtfabrik in Oberdöbling gewährt. Noch im selben Jahr ein Privilegium zur Errichtung einer ‚Barchet- und Kotzenfabrik‘ in Friedau und Rabenstein und im darauffolgenden Jahr gewährt die Kaiserin dem Niederlagsverwandten ein Privileg auf eine Messingwarenfabrik in Weissenbach auf 10 Jahre. Vgl. OeStA, Adelsarchiv, Salbuch No. 205, fol. 181 – 183; vgl. OeStA, FHKA NHK , Alter Kommerz Akten 004, Fasz. 5.1, fol. 280 – 281; vgl. OeStA, Adelsarchiv, Salbuch No. 199, fol. 792. 131 Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 51, lit. W, fol. 3r. 132 Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. FU, fol. 12v. 133 Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. Q, fol. 1r. 134 Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. CGK, fol. 30v. 135 Vgl. WStLA: Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. S, fol. 29v.

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Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien

Der Blick auf die prozentuelle Verteilung innerhalb der Handwerkskategorie macht deutlich, dass der Großteil der darin erfassten Personen mit Materialien arbeitete, die in engerem Zusammenhang mit einer besonderen Bedarfsdeckung standen. Dieser Schwerpunkt lässt sich auch mit Schätzungen zur Evangelischen Beteiligung in konkreten Berufssegmenten anhand von Gewerbezählungen bestätigen.136 Der Bekleidungssektor 137, der für die standesgemäße Repräsentation der wachsenden Oberschicht hier wohl die wichtigste Rolle spielte, berührte neben dem Textilgewerbe und der Verarbeitung von Edelmetallen aber auch die Lederverarbeitung, die Arbeit an und mit Haar sowie mit Farben. Addiert man nun die Anteile der entsprechenden Berufsgruppen, so wird deutlich, dass rund 60 % der evangelischen Handwerker der Bekleidungsbranche im weiteren Sinne zuarbeiten. In den übrigen größeren handwerklichen Gewerbezweigen sind in den evangelischen Sterbeeinträgen deutlich weniger Privilegien vermerkt als bei den Textil- und Edelmetallhandwerkern. Im Segment der Holzhandwerker steht lediglich ein ‚schutzverwandter Tischler‘ 14 Gesellen gegenüber, unter den Metallhandwerkern finden sich ein ‚schutzverwandter Schlosser‘, ein ‚schutzverwandter Schnallenmacher‘, ein ‚Kammeruhrmacher‘, ein ‚Kupferstecher‘ der Akademie und insgesamt acht Gesellen. Auffällig sind in der Subkategorie der Metallhandwerker allerdings weitere Überschneidungen mit der Bekleidungsbranche. Im Lebensmittelgewerbe gibt es abgesehen von einem ‚Bäckermeister‘ bei den übrigen Vertretern d ­ ieses Segments keine näheren Bestimmungen zum Rechts- bzw. Privilegiertenstatus. Der Befund hält somit deutlich fest, dass die in einem weiten Sinn gefasste Bekleidungsbranche das zentrale und mit Abstand häufigste Betätigungsfeld der in den evangelischen Sterbeeinträgen vermerkten Handwerker darstellt. Damit liegt weiters nahe, dass neben ökonomischen Erwägungen zu neuen Wirtschaftsformen auch ein engerer Zusammenhang mit dem Repräsentationsbedürfnis besteht, welches eben vorrangig durch besondere Kleidung gedeckt wird. Die starke Nachfrage in d ­ iesem Segment fügt sich zudem in das Bild einer Konsumptionsstadt, wie sie Wien darstellt. Warum gerade dieser Aspekt als gewichtiger ‚Pull-Faktor‘ für die Ansiedelung evangelischer Handwerker veranschlagt werden kann, wird exemplarisch in Kapitel 4.2.4 im Licht der ‚material culture‘-Perspektive begründet. Da aber nicht nur Handwerker, sondern auch Händler und herrschaftliches Dienstpersonal die Bedarfsdeckung verfeinerter Lebensformen bewerkstelligten, muss das in den evangelischen Sterbeeinträgen enthaltene Berufsspektrum noch weiter erschlossen werden, ehe diese vertiefende Darstellung unternommen wird.

136 Vgl. Kapitel 5.5.1.3 Die Kategorie der Handwerker; vgl. Tab. 18: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Gewichtung evangelischer Berufsträger in den Material beund verarbeitenden Gewerbezweigen anhand der Zählungen 1784 und 1790/91. 137 Der Bekleidungssektor umfasst neben der Kleidung im weiteren Sinne auch Schmuck, Haarpracht und Accessoires (z. B. den Fächer).

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4.2.3 Privilegiertes evangelisches Handelsgewerbe 4.2.3.1 Niederlagsverwandte Die Bezeichnung ‚Niederleger‘ verweist auf ausländische, vielfach aus Augsburg, Nürnberg, München, Köln und Regensburg stammende evangelische Großhändler, die Waren aus ihrem Herkunftsland entweder in Wien absetzten oder diese von Wien aus dem Außenhandel zuführten.138 Mit ihrer Erwerbstätigkeit nahmen die Niederleger auch eine verbindende Funktion ein. „Angezogen von den Chancen auf den Märkten im Donauraum, fungierten die Niederleger als zentrales ökonomisches Bindeglied ­zwischen den österreichischen Ländern und dem oberdeutschen sowie italienischen Raum.“ 139 Neben den bürgerlichen und hofbefreiten Kaufleuten waren sie als dritte Gruppe unter den Händlern zur Geschäftstätigkeit berechtigt.140 Mit ihrem wirtschaftlichen Einfluss prägten die ‚Niederlagsverwandten‘ oder ‚Niederlagsdeputierten‘, wie sie in den Totenbeschauprotokollen auch bezeichnet werden, besonders im 18. Jahrhundert das öffentliche Leben in Wien mit, wenngleich sie stets in enger Verbindung zu ihren Herkunftsorten standen. Die evangelischen Niederleger besuchten die evangelischen Gottesdienste der Gesandtschaftskapellen und hielten sich teilweise sogar selbst Prädikanten und Präzeptoren.141 Der Grund für ihre Sonderstellung hinsichtlich ihrer religiösen Gewissensfreiheit ist darauf zurückzuführen, „dass sie im Besitz der Bezugsquellen zahlreicher Handelsartikel waren, ­welche nicht im Lande erzeugt wurden.“ 142 Dies bedeutet allerdings nicht, dass das konfessionelle Problem mit den Niederlegern nicht auch wiederholt thematisiert wurde.143

138 Erst s­ päter wurde die Gruppe der Niederleger um Vertreter aus Italien, aus der Schweiz und aus Savoyen erweitert. Die Wiener Niederleger des 18. Jahrhunderts stammten hauptsächlich aus Süddeutschland und der Schweiz, manche auch aus Frankreich. Gegenüber dem 17. Jahrhundert war die Zahl der Italiener allerdings rückläufig. Vgl. Landsteiner 2003, 214. Der Großteil der erbländischen Exportprodukte, wie etwa Wein aus Niederösterreich und Ungarn, lag in den Händen der Niederleger. Vgl. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991, 1005. 139 Rauscher/Serles 2015, 169. 140 Andere auswärtige Kaufleute durften ihre Waren nur an den zweimal im Jahr stattfindenden Jahrmärkten zum Verkauf anbieten. Vgl. Landau-Gumplowicz 1906, 66; vgl. Rauscher/Serles 2015, 156. „Eine Auswertung des Merkantilprotokolls ergibt für das Jahr 1725 einen Stand von 62 Niederlagen – die Gesamtzahl der fast immer in nahen Familienbeziehungen stehenden Gesellschafter belief sich auf 80 Personen – 49 Hofbefreiungen, 283 bürgerlichen und 14 in einer eigenen Rubrik angeführten jüdischen Händlern.“ Rauscher/Serles 2015, 166 – 167. 141 Vgl. Stökl 1953, 205 – 206. 142 Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 437. Peter Rauscher und Andrea Serles sprechen hierbei von einem „Privileg, das ihrer starken wirtschaftlichen Position geschuldet war.“ Rauscher/Serles 2015, 157; vgl. Scheutz 2009c, 216 – 218. 143 „[D]iese Duldung wurde indirekt immer wieder hinterfragt, etwa als man 1629 allen Wiener Bürgern, die ihrer Konfession wegen das Bürgerrecht verloren hatten, eine Neuansiedlung verbot.“ Scheutz 2009c, 216.

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Die Niederleger behaupteten sich über zweieinhalb Jahrhunderte lang als maßgebliche Großhändlergruppe in Wien.144 Die Privilegien zur Ausübung ihres Gewerbes wurde den oberdeutschen Vertretern erstmals am 22. Jänner 1515 auf der Grundlage eines Freiheitsbriefes unter K ­ aiser Maximilian I. eingeräumt.145 Mit ihrem Handel waren sie dazu angehalten, die Wirtschaft anzukurbeln und der österreichischen Monarchie zum Aufblühen zu verhelfen. Auf Basis einer Niederlagsordnung wurden schließlich die ausländischen Kaufleute mit dem Großhandel von ausländischen Gütern betraut, während den einheimischen Händlern lediglich der Kleinhandel übrig blieb.146 Obwohl es im staatlichen Interesse lag, die Gruppe der Niederleger nicht allzu groß und einflussreich werden zu lassen, wurden ihnen aufgrund ihres wirtschaftlichen Potentials und zum Leidwesen der bürgerlichen Händler immer wieder Privilegien eingeräumt. Anstoß erregten hier vor allem Steuerbefreiungen, wie Peter Dickson festhält: The Vienna merchants (,Bürgerlicher Handelsstand‘), who numbered 270 in 1731, were considered financially too weak to conduct operations on the scale needed. They complained frequently about the privileges of the Warehousers, who paid customs but were exempted from other taxes […].147

Da die Niederlagsverwandten nicht zu den Bürgern Wiens zählten, wurde ihnen (abgesehen von der im Jahr 1619 im Land unter der Enns eingeführten Kopfsteuer) nur die Entrichtung der üblichen Zölle und Mauten auferlegt.148 Die bürgerlichen Handelsleute beklagten diese Begünstigungen und nahmen den Konflikt aus einer Defensivhaltung auf, indem sie Beschwerden und Petitionen einbrachten.149

144 Vgl. Rauscher/Serles 2015, 155. 145 Diese bis ans Ende des 17. Jahrhunderts mehrfach aktualisierte kaiserliche Verordnung gilt als Gründungsurkunde für den Stand der Niederlagsverwandten. Mit der Anordnung, in Bürger- und Gasthäusern Quartier zu beziehen, gewährte ihnen das Statut im Gegenzug die dauerhafte Einrichtung von Verkaufsgewölben. Vgl. Landsteiner 2003, 207 – 208. Als ausländische Kaufleute ohne Wiener Bürgerrecht waren die Niederleger der niederösterreichischen Regierung unterstellt und verfügten über steuerliche Begünstigungen sowie Freiheiten in Hinblick auf ihr abweichendes Religionsbekenntnis. Vgl. ebd., 214. 146 Vgl. Weiss 1883 [1872], Bd. 2, 436. Diese Regelung hinderte die Großhändler aber nicht daran, auch Kleinhandel mit inländischen Waren zu treiben, die sie zuvor von Juden erworben als ausländische ausgaben. Vgl. Adler 1903, 20. 147 Dickson 1987, Bd. 1, 153 – 154. 148 Die Niederleger waren nicht der höfischen oder städtischen Jurisdiktion unterstellt, sondern der nieder­ österreichischen Regierung. Die Loslösung von der städtischen Jurisdiktion erfolgte nach 1620. Vgl. Rauscher/Serles 2015, 157. 149 Vgl. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991, 1005. Trotz ihrer Vereinigung in der ‚Bruderschaft der bürgerlichen Kaufleute‘ 1731 traute die Regierung den Krämern und Kaufleuten die Bewerkstelligung des Großhandels nicht zu und bestätigte damit erneut die unverzichtbare Position des Niederlegerstandes. Neben diesen beiden Gruppen fanden sich unter den Kaufleuten noch die hofbefreiten Kaufleute,

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Motiviert durch ihre konstruktiven merkantilistischen Ideen traten besonders die Ökonomen Johann Becher, Wilhelm von Schröder und Philip Hörnigk als starke Gegner der Niederleger auf, indem sie deren schädigende Wirkung auf die heimische Wirtschaft aufzeigten:150 [D]iese Kaufleut / von ­welchen ehender ein Papagey / Hund oder Pferd / als ein einiger Mensch / oder Unterthan leben kann / ­welche lieber die rohe Waaren auß dem Land führen / in der Frembde verarbeiten lassen / und dann wieder hereinbringen / also lieber den frembden / als den Innländern das Geld gönnen; oder die / welche das gemeinste ist / jährlich viel hundert tausend in frembde Länder ­schicken / frembder Leut Unterthanen reich / und potent, hingegen ihres Lands-Fürsten Unterthanen arm machen / das Geld hinaußschicken / und nichts wertige / oder s­ olche manufacturen darfür herein bringen / die man selber im Land haben / diß seynd die Blut- und Saugigel einer Republick […].151

Durch Zollerhöhungen und Einfuhrverbote, die Karl VI. schließlich im Rahmen seiner Wirtschaftspolitik vorantrieb, sollte primär die heimische Produktion gehoben werden. Diverse Hof- und Regierungsdekrete setzten den Hebel durch Überprüfungen und Zahlenbeschränkungen bei den Kaufleuten an.152 Mit noch stärkerer Vehemenz setzte Maria Theresia diesen wirtschaftlichen Kurs fort. Mit der Vielzahl an Verhandlungen und deren Ergebnissen ist deutlich, dass die herausragende Stellung der Niederleger zunehmend ins Wanken geriet. Zur fortwährenden Bestätigung ihrer Rechte mussten sich die Niederleger dazu bereit erklären, jährlich eine Summe von 3.000 Gulden auf eine Dauer von sechs Jahren zu entrichten.153 Das darunter auch jüdische Firmeninhaber. Alle drei Gruppen waren seit 1717 dem Wiener Merkantil- und Wechselgericht unterstellt. Vgl. Landsteiner 2003, 214. 150 Die Einfuhr auswärtiger Gewerbeprodukte stand dem Kurs der Kameralisten deutlich entgegen, der eine Hebung des einheimischen Gewerbes durch Manufakturgründungen und einer entsprechenden protektionistischen Zollpolitik zum Ziel nahm. Vgl. Rauscher/Serles 2015, 158. 151 Becher 1668 [1665], 18 – 19. Dabei zeigten sich die Kameralisten auch emotional betroffen, wie mit Philip Hörnigk deutlich wird: „[S]chrye etwan einer für die Innländische Commercien, so schryen zehen andere dagegen, sowohl Kaufleute als Herren, für welchem jene nicht aufzukommen vermochten. Die Kaufleute, sage ich, schryen dagegen, weilen sie entweder Ausländer, die sich um das Wohl oder Wehe unsers lieben Vaterlands wenig bekümmern, wann sie nur ihren Beutel machen, und in Zeit der Noth, wie die Miedling davon lauffen können.“ Hörnigk 1750 [1684], 11. ‚Österreich über alles wenn es nur will‘ (1684) ist das Hauptwerk zur Nationalökonomie der Zeit. Hörnigk verweist hierin auf die günstigen Gegebenheiten des österreichischen Wirtschaftsraumes und bietet Vorschläge seiner Nutzung angesichts der bevorstehenden Türkenkriege. Vgl. Otruba/Lang/Steindl 1981, 49. 152 Vgl. Rauscher/Serles 2015, 158 – 159. 153 Der Verlust des wichtigen Industrielandes Schlesien erforderte eine noch dringendere Umsetzung merkantilistischer Ideen, deren Verwirklichung die Niederleger im Weg standen. Im Zuge des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) und dem damit verbundenen Geldbedarf erfolgte daher die Aufforderung an die Niederleger, den Betrag auch in den Folgejahren (allerdings in halbjährlichen Abständen vgl. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991, 1009.) freiwillig zu entrichten. Trotz eigener Geldknappheit und geknüpft an die Bitte auf Bestätigung ihrer Privilegien für weitere drei Jahre, willigten die Niederleger ein. Vgl. Kuraić 1946, 30.

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Geld wurde verwendet, um den Wiener Handel anzukurbeln. Dass der Fokus hierbei auf der Gründung von Fabriken lag, widerstrebte nicht nur den Niederlegern, sondern auch den Handwerkern innerhalb und außerhalb der Zünfte.154 Die weiteren Entwicklungen waren dadurch gekennzeichnet, dass den Fabriken 1774 das Handelsrecht erneut eingeräumt wurde. Nachdem schließlich auch der Hofbefreiten-Stand aufgehoben war, wurden auch die Niederleger dem Handelsstand und damit dem inländischen Handelskorpus einverleibt.155 Neben den noch bestehenden Handlungen durften keine weiteren mehr eröffnet werden.156 Nach dem Ableben des Betreibers einer Niederlagshandlung war die Weiterführung für dessen Witwe und Waisen für ein Jahr gestattet, ehe auch sie dem neu geschaffenen Großhandelsgremium einverleibt wurden.157 Das neu geschaffene Großhandelsgremium zählte zwölf Unternehmer hauptsächlich aus der Textilbranche und dem Bankgeschäft.158 Nachdem bis etwa 1800 die Zahl der Niederleger auf zehn gesunken war, bestand auch ­dieses Gremium nicht mehr lange.159 154 Zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Wiener Handelsleute und die Niederleger angewiesen, besonders die inländische Ware zu vertreiben, deren Reputation bei den Konsumenten verhältnismäßig schlecht war. Die in den Anfängen noch minderwertige Qualität der Produktion, die Produktionsmethoden selbst und der Umgang mit den Gerätschaften musste erst ausreifen. Zudem waren die Kaufleute gezwungen, die Ware sofort zu bezahlen, da auch die Kreditfähigkeit erst wachsen musste. Vgl. ebd., 53. Aufgrund fehlender Bereitschaft zur Kooperation seitens der Handelsleute, durften die Fabriken ihre Waren einstweilen selbst in den Handel bringen, wodurch wiederum die bürgerlichen Handelsleute zu Schaden kamen und ihre Empörung darüber entsprechend groß war. Vgl. ebd., 54 – 55. 1764 wurde zur Förderung der heimischen Produktion ein Kommerzpatent mit Einfuhrbeschränkungen ausländischer Waren erlassen und festgelegt, dass der Fabrikant nicht zugleich als Händler fungieren darf. Dies war der Versuch, die Qualität zu steigern und die Kosten zu senken. Die Einführung eines Warenverzeichnisses aller in Österreich hergestellten Waren sollte der Kontrolle der Einfuhrerlaubnis dienlich sein. Vgl. ebd., 55. 155 Vgl. ebd., 82. 156 Die Zahl der Niederleger unterlag im 18. Jahrhundert großen Schwankungen: Waren es 1740 24, so zählte das Jahr 1748 bereits 29. Ein großer Zuwachs ist bis 1754 mit 46 Niederlegern zu verzeichnen. Die restriktiven Intentionen der Regierung von 1738 scheinen nicht gegriffen zu haben. Im weiteren Verlauf wurden die Zahlen stabiler. 1763 44, 1770 47 und 1774 nur mehr 36. Um 1800 belief sich ihre Zahl auf zehn und spätestens nach 1813 gab es keine mehr. Vgl. Dickson 1987, Bd. 1, 155 – 156; vgl. Scheutz 2009c, 218; vgl. Rauscher/Serles 2015, 159. 157 Im Anschluss an eine zweijährige Frist nach Abgabe der Handlung mussten sie das Land verlassen und zusätzlich Abfahrtsgeld entrichten. Mit Christian Pappe (Ludovica 15. 05. 1778 [Nr. 1270]) begegnet ein privilegierter Großhändler in den evangelischen Sterbeeinträgen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. BP, fol. 36v. 158 Vgl. Scheutz 2009c, 218. 159 Für die Wirtschaft in Wien spielten die Niederleger noch bis in die 1880er Jahre eine Rolle. Vgl. Chaloupek/­ Wagner/Weigl 1991, 1011. Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Niederleger, ihre Funktion im überregionalen, regionalen und lokalen Kontext der Handels- und Finanzbeziehungen, ist bis heute ein Forschungsdesiderat der frühneuzeitlichen Handelsgeschichte. Vgl. Rauscher/Serles 2015, 155 – 156. Abgesehen von Helene Kuraić unternahm noch niemand eine umfassende Darstellung der Geschichte der Wiener Niederleger im 18. Jahrhundert. „Wegen der beschränkten Quellenlage, dem weitestgehend fehlenden wissenschaftlichen Apparat und der Konzentration auf die rechtlichen und wirtschaftstheoretischen Rahmenbedingungen der Tätigkeit der Niederleger kann diese Arbeit ihrem Untersuchungsgegenstand zeitbedingt nicht gerecht werden.“ Rauscher/Serles 2015, 159; vgl. Kuraić 1946.

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Obwohl (nicht zuletzt durch den Merkantilismus) die Stellung und das Ansehen der Nieder­leger in Frage gestellt war, muss abschließend das Engagement positiv bewertet werden, mit dem einzelne Niederleger auch als Gesellschafter von Fabriken auftraten oder sich als Financiers im gewerblichen Sektor beteiligten.160 Die Gruppe der Niederleger erwies sich in der längsten Zeit ihres Bestehens als prägende Kraft und wichtiger Faktor nicht nur für den Protestantismus in Wien, sondern auch für die Wirtschaft.161 Wie noch zu zeigen sein wird, werden die Niederlagsverwandten auch von Seiten des Totenbeschreibamtes durchwegs positiv gewürdigt.

4.2.3.2 Die Niederleger im Kontext der kaufmännischen Berufe im Quellenbefund Abb. 17 (siehe Kapitel 5.5.1.2) liefert eine Aufschlüsselung der Kategorie der kaufmännischen Berufe. Während die in Graustufen unterteilten Segmente mit insgesamt 53 % auf die Angestellten innerhalb dieser Kategorie verweisen, visualisieren die Felder mit Musterfüllung mit insgesamt 47 % den Anteil der weitgehend selbständigen Unternehmer. In den evangelischen Sterbeeinträgen werden die Bezeichnungen ‚Niederlagsverwandter‘, ‚Niederlagsdeputierter‘ oder ‚Niederleger‘ insgesamt 79-mal vermerkt.162 Nahezu alle Sterbeeinträge, in denen Niederleger oder Angehörige von Niederlegern erfasst werden, betonen mit den vorangestellten Adjektiven ‚kaiserlicher‘ oder ‚königlicher‘ oder aber mit der Abkürzung ‚k. k.‘ das Niederlagswesen als privilegierte Institution. Wenn das bereinigte Datenmaterial hier nur mehr 39 Nennungen aufweist, bedeutet dies, dass sich gerade in dieser Berufsgruppe viele Familienzusammenhänge quellenimmanent erschließen lassen.163 Diese empirisch greifbaren Strukturen, die sich bei vielen Familien chronologisch weit über das Datenmaterial erstrecken, belegen nicht nur eine gefestigte evangelische Identität und Prägung im Familienverband, sondern sprechen im Allgemeinen auch für eine Sesshaftigkeit in Wien. Anhand der Familienzusammenhänge wird zudem deutlich, dass es z­ wischen der Gruppe der Niederleger und der Gruppe der Bankiers und Financiers gelegentlich Überschneidungen gibt, die es nahezu unmöglich machen, die beiden Segmente personell scharf voneinander zu trennen. In ihrer Sonderstellung etablierten sich die Niederleger als eine finanzkräftige Gruppe, die in unterschiedlichen Bereichen Geldgeberfunktionen für den Staat zu erfüllen vermochte. Diese Funktionen schlagen sich auch in den Berufsbezeichnungen nieder, die in den Sterbeeinträgen vermerkt sind.164 160 Vgl. Rauscher/Serles 2015, 158. 161 Zur Bedeutung der Niederleger und Manufakturunternehmer bei der Einrichtung der evangelischen Gemeinden infolge der Toleranzgesetzgebung vgl. Mittenzwei 1998, 82 – 88. 162 Mit 65 Nennungen steht der Ausdruck ‚Niederlagsverwandter‘ gegenüber den anderen Bezeichnungen im Vordergrund. 163 Vgl. die in Anhang 1 via Internet-Link zugänglichen Mindmaps zu den Familienstrukturen. 164 Als Beispiel kann hier Johann Heinrich von Palm (14. 02. 1744 [Nr. 233]) angeführt werden, der in Wien ab 1729 als selbständiger Unternehmer und Bankier tätig war und sich darüber hinaus als Administrator der kaiserlichen Kupferbergwerke wesentlich an der Wirtschaftsentwicklung beteiligte. Vgl.

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Jene evangelischen Sterbeeinträge, die Personen erfassen, die innerhalb der gegenständlichen Kategorie den Handels- und Kaufleuten zugeordnet werden, weisen eine auffällige Häufung an Herkunftsangaben auf, die in dieser Konzentration als Indiz für einen kürzeren Aufenthalt in Wien gelten können.165 Darüber hinaus wird in den Sterbeeinträgen, die dieser Subkategorie zugeordnet wurden, 15-mal ausdrücklich festgehalten, dass es sich bei den Verstorbenen um ehemalige bzw. ‚geweste‘ Handels- und Kaufleute handelt, die in Wien möglicherweise gar nicht oder nicht mehr ihrer Erwerbstätigkeit nachgingen und damit auch nicht als privilegierte Erwerbstätige gelten können.166 Nennenswerte Ausnahmen liegen hier lediglich mit dem privilegierten Großhändler Christian Pappe (Ludovica 15. 05. 1778 [Nr. 1270])167 und den Einträgen im Zusammenhang mit Johann Ballard vor, der als hofbefreiter, königlicher Hofjuwelier über seine Angehörigen ausgewiesen wird.168 Auch im Blick auf den gegenständlichen Befund steht damit deutlich fest: Die Niederleger bilden innerhalb der Kategorie der kaufmännischen Berufe nicht nur die zahlenmäßig stärkste evangelische Gruppe in Wien, sondern auch die einzige privilegierte kaufmännische Unternehmergruppe, wenn man von einer scharfen Trennung der Gruppe der Bankiers und Financiers und den eben genannten Ausnahmen unter den Handels- und Kaufleuten absieht. Ihr starkes und geschlossenes Auftreten kann mit dem Befund selbst bestätigt werden: Erstens durch die Dichte an in der Quelle nachweisbaren Familienstrukturen, zweitens durch die nahezu einheitliche Berufsbezeichnung ‚k. k. N ­ iederlagsverwandter‘ und drittens durch ihren hohen sozialen Status, der mit entsprechenden Titulationen 169 konsequent sichergestellt wird. Die in Kapitel 5.6.2 unternommene soziale Gliederung berücksichtigt die Niederlagsverwandten deshalb in der unteren Oberschicht in der Reihe mit Offizieren, Räten und höheren Beamten, die im Rahmen des bereinigten Datenmaterials auf einen Anteil von 15,32 % WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 349r. Zu Johann Heinrich von

Palm und seiner Familie vgl. Kollmer 1983, 60. 165 Von insgesamt 44 Einträgen, in denen Handels- und Kaufleute vermerkt werden, enthalten 24 Einträge eine Angabe zum Herkunfts- oder Geburtsort. 166 Da auch 25-jährig Verstorbene mit dieser Information vermerkt sind, wäre es aber falsch, hier grundsätzlich auf einen altersbedingten Ruhestand zu schließen. 167 Als privilegierten Großhändler kann Christian Pappe allerdings auch eine gewisse Nähe zu den Nieder­ legern unterstellt werden. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. BP, fol. 36v. 168 Es sind hier konkret die Einträge seiner drei verstorbenen Kinder Johann Isac (30. 10. 1743 [Nr. 221]), Anna Katharina (11. 12. 1743 [Nr. 226]) und Johanna (04. 02. 1744 [Nr. 231]). Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 248v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 284v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 338r. 169 Abgesehen von zwei Sterbeeinträgen werden die Niederlagsverwandten in 41 Fällen mit der Anrede ‚Herr‘ bzw. ‚Frau‘ und in 36 Fällen mit der Anrede ‚Wohledle(r)‘ oder ‚Wohledelgeborene(r)‘ berücksichtigt. Damit zählen die Niederleger nahezu vollständig zu jenen 40 % im Datenmaterial, die überhaupt mit einer Anrede gewürdigt werden. Vgl. Kapitel 5.6.1 Titulationen und Anreden.

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kommen.170 Die Auswertung des Datenmaterials verweist im Blick auf die soziale Gliederung auf ein Stadt-Vorstädte-Gefälle. In ­dieses Bild fügt sich auch der Befund der Wohn- bzw. Sterbe­orte bei den Niederlegern, die mit einer einzigen Ausnahme alle auf die Stadt entfallen.171 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in der Auseinandersetzung mit den Kategorien der Handwerker und der kaufmännischen Berufe nun jene Berufsfelder benannt sind, in denen ausdrücklich Privilegien erteilt wurden. Weiters stehen die behandelten Berufsfelder durch Produktion und Vertrieb in einem unauflöslichen Zusammenhang mit Konsumgütern. Mit dieser Grundlegung ist es nun möglich, anhand der ‚material culture‘-Perspektive jene sozioökonomischen Prozesse im Licht besonderer Konsumgüter zu interpretieren, die den evangelischen Bevölkerungsanteil betreffen.

4.2.4 Evangelische Erwerbstätigkeit im Kontext eines verfeinerten Bedarfs Der Befund weist eine auffällige Dichte an evangelischen Gewerbetreibenden auf, die zur Deckung eines verfeinerten Bedarfs vor allem in der Bekleidungsbranche beitragen.172 An der Schnittstelle entsprechender evangelischer Berufsfelder und dem Repräsentationsbedürfnis der oberen sozialen Schichten stehen die zu erzeugenden und zu vertreibenden Waren, also materielle Konsumgüter. Sie selbst, so die Hypothese, erfüllen eine performative Funktion hinsichtlich der Duldung von offiziell evangelischen Bevölkerungsanteilen in Wien. Im Rückgriff auf die ‚material culture‘-Perspektive kann dieser Zusammenhang plausibilisiert werden.

4.2.4.1 Bemerkungen zur ‚material culture‘-Perspektive Die cartesianische Nachordnung des Materiellen gegenüber dem Geistigen wirkte sich für lange Zeit lähmend auf die Beschäftigung mit ‚material culture‘ aus. Eine Kehrtwende setzte erst in den 1970er Jahren durch die gewachsene Bedeutung der Phänomenologie und die Beschäftigung mit den Dingen 173 im sozialen Kontext durch die Soziologie und die Semiotik

1 70 Vgl. Kapitel 5.6.2 Die soziale Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals. 171 Vgl. Tab. 21: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1648 – 1781. Soziale Gliederung der Einträge im Stadt-Vorstädte-Vergleich. 172 Vgl. Kapitel 4.2.2 Privilegiertes und außerzünftiges evangelisches Handwerksgewerbe; vgl. Kapitel 4.2.3 Privilegiertes evangelisches Handelsgewerbe. 173 Der Inhalt des ‚Ding‘ Begriffs, seine Anwendbarkeit und die Frage nach den Grenzen der Materialität wird in der einschlägigen Literatur unterschiedlich beurteilt und beantwortet. So fassen beispielsweise Kalthoff, Cress und Röhl Materialität sehr weit: „Zu den materiellen Dimensionen des Sozialen zählen hier Materialien (u. a. Farbe, Pigmente, Stoffe), ­Zeichen, Schrift und graphische Systeme (u. a. Typographie, Schrift, Landkarten), physikalische Phänomene (etwa Licht und Klang), Organismen (etwa Natur, Tiere), Substanzen (etwa Wasser, Luft) und Artefakte (etwa Bauwerke, Computer, Werkzeuge Apparaturen).“ Kalthoff/Cress/Röhl 2016, 12. Für die gegenständliche Untersuchung genügt der Verweis auf die Schwierigkeit dieser terminologischen Grundsatzfrage. Die verschiedenen in der

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ein.174 Seither avancierten die ‚material culture studies‘ zu einem immer breiter rezipierten interdisziplinären Forschungsthema, dessen Heterogenität geradezu ein bezeichnendes ­Charakteristikum darstellt.175 Studien zur materiellen Kultur beschäftigen sich gegenwärtig mit den wechselseitigen Beziehungen ­zwischen Menschen und Dingen und untersuchen deren Relevanz hinsichtlich der Übermittlung und Erzeugung von Kultur und den Bedeutungen, auf denen diese aufbaut.176 Dabei verweisen sie auf den Eigensinn oder Eigenwillen (‚agency‘177) der Dinge und ihr performatives Potential. Dinge werden verstärkt als ‚Akteure‘ mit sozialem Leben und eigener Biographie begriffen.178 Es sind also die Zugänge, die den neuartigen Charakter des Studiums materieller Kultur ausmachen und nicht das Thema an sich.179 Vor dem sogenannten ‚material turn‘ wurden Dinge vorrangig in den Bedeutungen begriffen, die in sie hineingelegt wurden. Auf diese Weise fungierten sie als Abbild sozialer Strukturen. Erst infolge der eben benannten Wende wurden Dinge auch als Quelle von Bedeutungen untersucht. „Materielle Kultur ist nicht nur ein Niederschlag der zunächst sprachlich vorhandenen Diskurse, sondern sie leistet einen eigenständigen Beitrag zur Entfaltung von Kultur und Gesellschaft.“ 180 Die Dinge sind demnach derart eng an die soziokulturelle Identität des Menschen gebunden, dass eine Subjekt-Objekt Trennung und damit einhergehende Hierarchisierung nicht mehr sinnvoll erscheint. ‚Material culture studies‘ folgen der Prämisse, dass Menschen und Dinge in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen:181 „Material culture studies in various ways inevitably have to emphasize the dialectical and recursive relationship between persons and things: that persons make and use things and that the things make persons.“ 182 Dieser zentrale Aspekt muss in der folgenden Darstellung zum repräsentativen Konsum mitbedacht werden.183 Literatur gebräuchlichen Termini wie etwa ‚Ding‘, ‚Objekt‘, ‚Gegenstand‘ und ‚Artefakt‘, werden hier weitgehend synonym verwendet. 174 Der sogenannte ‚material-cultural turn‘ setzte aber erst in den 1980er Jahren ein. Vgl. Bräunlein 2014, 18. 175 Vgl. Hahn/Eggert/Samida 2014, 5 – 6. 176 Vgl. Woodward 2007, 14. 177 Ein vielfach rezipiertes Konzept liefert hier der französische Soziologe Bruno Latour mit seiner ‚AkteurNetzwerk-Theorie‘. Darin eliminiert er die Subjekt-Objekt Trennung in der Mensch-Ding-Beziehung und verankert die Handlungspotentiale in den Netzwerkkonstellationen selbst. Vgl. Latour 2002. 178 Eine für die ‚material culture studies‘ maßgebliche Arbeit liegt mit ‚The Social Life of Things‘ (1986) vor. Arjun Appadurai verfolgt darin gemeinsam mit anderen Protagonisten den Ansatz, dass Menschen und Dinge keine radikal voneinander getrennten Kategorien bilden. Vgl. Appadurai 1986. Besondere Beachtung verdient der in d ­ iesem Sammelband enthaltene Beitrag von Igor Kopytoff zur ‚Objektbiographie‘. Vgl. Kopytoff 1986. Das Konzept der ‚Affordanz‘ beschreibt den Angebotscharakter, der den Dingen immanent ist. Vgl. Kesseler 2016. 179 Vgl. Domanska 2006, 338 – 339. 180 Hahn/Eggert/Samida 2014, 8. 181 Vgl. Bräunlein 2014, 20. 182 Tilley 2006, 4. 183 Wenn auch hier aufgrund einer gewissen Nähe zum Untersuchungszeitraum besonders auf ältere (aber dennoch für die ‚material culture‘-Perspektive wegweisende) soziologische Ansätze zu modernen

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Ausgangspunkt der hier angestellten Überlegungen ist das Konzept des Lebensstils, das in den vergangenen Dekaden gerade in der Soziologie einen wesentlichen Baustein neuer Theoriebildung darstellte.184 Die Frage nach dem Lebensstil einer sozialen Gruppe verweist auf die Motive des Konsums, die wiederum auf wesentliche Aspekte des Umgangs mit Dingen verweisen. Seine Wurzeln hat das Lebensstil Konzept in einer älteren Tradition, zu der neben Georg Simmel mit seinem Hauptwerk ‚Philosophie des Geldes‘ besonders auch Thorstein Veblen mit seiner ‚Theorie der feinen Leute‘ zu rechnen ist.185 Simmels viel zitiertes Paradigma über die Dualität von sozialer Nachahmung und Abgrenzung in modernen Konsumgesellschaften ähnelt dabei den Ausführungen Veblens zum ‚demonstrativen Konsum‘.186 Beide verdienen im Folgenden gerade deshalb besondere Beachtung, weil sie ihre Überlegungen auf Basis stratifizierter Konsumgesellschaften der Moderne anstellen, die der ständischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, wie wir sie in Wien vorfinden, zumindest in Ansätzen noch nahestehen.187

4.2.4.2 Kleidung und soziale Distinktion Bei der Frage nach dem Zusammenhang z­ wischen dem Untersuchungsgegenstand und den im Herrschaftszentrum Wien gegebenen Konsummechanismen ist die folgende Frage richtungsweisend: „[W]hat are the social processes by which people come to give value to objects, ascribe them status affirming capacity, and come to count them as important in defining the nature of selfhood and social identity?“ 188 Die hohe und besondere Nachfrage in der Textilbranche setzt voraus, dass im Untersuchungszeitraum in Wien gerade der Kleidung ein hoher Stellenwert zuerkannt wurde. Ausschlaggebend dafür sind die gesellschaftlichen Phänomene der Distinktion und Imitation, die an der Kleidung besonders zum Tragen kommen und wiederum mit Machtmechanismen im Zusammenhang stehen.

Konsumgesellschaften Bezug genommen wird, die diese Wechselseitigkeit noch nicht derart implizieren, soll dennoch dem von Christopher Tilley geforderten Anspruch einer ‚dialektischen‘ Mensch-DingBeziehung im Folgenden Rechnung getragen werden. 184 Vgl. Hahn 2005b, 41. Aufgefasst wurde das im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte Konzept dabei als Alternative zu Theorien über soziale Klassen und Schichten. 185 Vgl. Simmel 1989 [1900]; vgl. Veblen 2007 [1899]. 186 Obwohl das Motiv des Konsums neuartiger Güter nicht allein in der Demonstration von sozialen Unterschieden liegt, ist Ian Woodward davon überzeugt, dass auch die gegenwärtige Konsumgesellschaft auf der „materialisation of distinction: the coding of cultural and status difference in objects themselves“ basiert. Woodward 2007, 13. 187 Neuere Rückgriffe auf das Lebensstil Konzept betonen einen Zusammenhang z­ wischen Werten einer Gruppe und einzelnen Personen in Hinblick auf Besitz, Erwerb und Gebrauch von Gütern. In modernen Gesellschaften hängt ein bestimmter Lebensstil nicht mehr vorrangig von der Schichtzugehörigkeit ab, sondern konstituiert sich durch individuelle biographisch begründete Orientierungen. Vgl. Hahn 2005b, 43. 188 Woodward 2007, 116.

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In der frühneuzeitlichen Gesellschaft war Kleidung kein Verbrauchsartikel, sondern ein Wertgegenstand, der oft über Generationen weitervererbt wurde.189 Die Bedeutung der Kleidung lag zuvorderst in ihrem besonderen Vermögen zur sichtbaren Abgrenzung begründet. Das Kleiderverhalten des Adels und des Bürgertums war von standesgeschichtlichen Codes, ‚modischem‘ Wandel und dem Wunsch nach Selbstdarstellung geprägt. Angehörige der Unterschichten folgten in der Regel anderen Wertemustern.190 Das Erlassen von Kleiderordnungen lässt den Rückschluss zu, dass Kleidung notwendig die soziale Ordnung wi(e)derspiegeln und stabilisieren musste.191 Sowohl die Bewahrung der kollektiven Identität nach innen und nach außen als auch die Bewahrung einer individuellen Identität waren eng an die jeweils getragene Kleidung gebunden.192 4.2.4.2.1 Lebensstil im Spannungsfeld von Distinktion und Imitation Konsumentscheidungen lassen nicht nur auf einen bestimmten Lebensstil schließen, sondern sind, weil sie diesen auch prägen, identitätsbildend. Im Umgang mit Dingen entsteht eine soziale Dynamik, innerhalb welcher unterschiedliche Stile hinsichtlich sozialer Unterscheidungen öffentlich ausgehandelt werden. Dabei ist das Auftreten verschiedener Lebensstile nach Georg Simmel das Ergebnis genau zweier gegensätzlicher Konsummotive: Wenn das Motiv des Konsums besonderer Güter der Widerstand eines Menschen gegen die Einheitlichkeit der Gesellschaft und gegen die vorherrschenden Formen von Konsumgütern ist, dann liegt das Bedürfnis nach Abgrenzung vor.193 Georg Simmel charakterisiert den Stil als Hülle und Gewand der Äußerung innerer Vorgänge, die eine Abgrenzung zum anderen bewirkt. 189 Vgl. Reich 2005, 51. Der Begriff Kleidung subsumiert alles, was in den Bereich der Körperbedeckung fällt. Neben Textilien zählen hierzu auch Leder und Pelz sowie Kopfbedeckungen, Schmuck und Accessoires. Vgl. ebd., 51. Die Geschichte der Kleidung verweist zunächst auf bestimmte anthropologische Konstanten, die mit den Funktionen Schutz, Scham und Schmuck in Verbindung stehen. Als Teil der materiellen Kultur wird Kleidung mit ihren unterschiedlichen Stoffen, Schnitten, Farben und Verzierungen in allen Gesellschaften auch Bedeutung zugeordnet und fungiert als komplexes und interpretationsfähiges Zeichensystem. Mit dem Verschwinden der Kleiderordnungen im 18. Jahrhundert sind die Kleidungscodes jedoch nicht obsolet geworden, vielmehr kam es zu gravierenden Akzentverschiebungen. In der gegenwärtigen Konsum- und Massengesellschaft ist die Zeichenfunktion der Kleidung nicht mehr so deutlich wie in vorindustriellen Gesellschaften. Das Vermögen der Kleidung, Identität zu stiften und zu vermitteln, ist heute stärker individueller als kollektiver Natur. Vgl. Bulst/ Jütte 1993, 2 – 3; vgl. Bulst 1993, 37. 190 Vgl. Bulst/Jütte 1993, 5 – 6. 191 Dieses statische Modell ließ sich schon im 18. Jahrhundert nicht mehr als solches aufrechterhalten und wich sukzessive einem dynamischeren Modell. 192 Vgl. Kapitel 4.2.4.2.3 Kleidung als Spiegel sozialer Strukturen. 193 Vgl. Simmel 1989 [1900], 591 – 723. Für Simmel gilt Geld als universelles Mittel, um sich entweder als Mitglied der Gesellschaft anzusehen oder um sich von anderen Mitgliedern der Gesellschaft abzugrenzen Vgl. Hahn 2005a, 56. „Das Wesentliche aber ist […] daß das Geld allenthalben als Zweck empfunden wird und damit außerordentlich viele Dinge, die eigentlich den Charakter des Selbstzwecks haben, zu bloßen Mitteln herabdrückt.“ Simmel 1989 [1900], 593.

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Der Stil in der Äußerung unserer inneren Vorgänge besagt, daß diese nicht mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern in dem Augenblick ihres Offenbarwerdens ein Gewand umtun. Der Stil, als generelle Formung des Individuellen, ist für ­dieses eine Hülle, die eine Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äußerung aufnimmt, errichtet.194

Im menschlichen Hang zur Abgrenzung steckt das Bedürfnis nach Identität und die Tendenz zur Selbstdarstellung als anders, aber auch als ‚besser‘ im Unterschied zu anderen. Umgekehrt kann der Konsum bestimmter Güter von einem Konformitätsdruck innerhalb der Gesellschaft herrühren. In ­diesem Fall führt das Nachahmungsbedürfnis dazu, dass ein neuer Stil auf breitere Resonanz stößt und als gesellschaftliche Kategorie anerkannt wird.195 Auf dieser Grundlage ist der Lebensstil eine differentielle Kategorie, die durch Nachahmungs- und Abgrenzungsmotive bedingt ist.196 In seiner Arbeit zu Lebensstil und Konsummotiven prägt Thorstein Veblen den Begriff des ‚demonstrativen Konsums‘, dem auch ein zeichenhafter Charakter inhärent ist.197 Wichtigster Beweggrund zur Aneignung und Verwendung besonderer Güter ist für ihn die Demonstration von Wohlstand und finanzieller Macht: „Durch den demonstrativen Konsum wertvoller Güter erwirbt der vornehme Herr Prestige.“ 198 Da sich gerade die Kleidung als möglicher Indikator für Wohlstand eignet, wird für prächtige Kleidungsstücke besonders viel Geld aufgewendet.199 Weniger finanzstarke Gesellschaftsschichten imitieren diesen Konsum, um ihren eigenen sozialen Status damit zu heben. In Reaktion darauf findet die obere Schicht neue Formen des Konsums und damit einen neuen Lebensstil.200 An der evolutionistischen Spitze der Gesellschaft stehen die finanzkräftigen Bevölkerungsanteile, die sich durch ihre Verschwendung auszeichnen. Diese ist kennzeichnend für eine Konsumptionsstadt, wie sie im Sinne Sombarts auch Wien darstellt.201 194 Ebd., 659. 195 Vgl. Simmel 1995 [1905], 10 – 11. 196 Vgl. Hahn 2005a, 56. 197 Daneben spricht er auch von ‚demonstrativer Muße‘ und ‚demonstrativer Verschwendung‘. Vgl. Veblen 2007 [1899], 79 – 107. 198 Ebd., 85. 199 „[D]er verschwenderische Aufwand an Kleidern [hat] den Vorteil, daß er eine sofortige und unmittelbare Schätzung der jeweiligen finanziellen Verhältnisse erlaubt; denn wir dürfen nicht vergessen, daß unsere äußere Erscheinung in auffälliger und sichtbarer Weise gegenwärtig und daß sie fast immer fremden Blicken ausgesetzt ist, weshalb im Allgemeinen mehr für Kleidung ausgegeben wird als für irgendwelche anderen Konsumgüter.“ ebd., 164. Veblen reduziert den Verwendungszweck der von ihm angeführten Beispiele auf die Demonstration der Zahlungskraft des Konsumenten. Ein gewichtiger Kritikpunkt an Veblens ­Theorie der feinen Leute ist, dass sich das Handeln des Menschen im demonstrativen Konsum erschließt und individuelle Kontexte sowie die subjektive Sicht außen vor lässt. Vgl. Hahn 2005a, 58. 200 Vgl. ebd., 57. 201 Vgl. Sombart 1919 [1916], Bd. 1/1, 241 – 242. Im Gegensatz zu Simmel verortet Veblen das Bedürfnis zur Abgrenzung nur in den oberen Gesellschaftsschichten. Ihnen allein obliegt es, dass überhaupt neue

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Der Ausbau des Herrschafts- und Machtzentrums Wien ging mit einer Veränderung in der Demographie einher, w ­ elche sich auf eine Dynamik den sozialen Status betreffend auswirkte. Mit der Akkumulation von repräsentativen Konsumgütern kann ein standesgemäßer Lebensstil umgesetzt und dargestellt sowie der soziale Status sichergestellt werden. Nicht zuletzt sind diese Bemühungen in vielen Fällen auch den Karrierechancen zuträglich. Im Wien des 18. Jahrhunderts ist vor allem ein innerständischer Konkurrenzkampf für das sich ständig verändernde Konsumverhalten maßgebend. Einem etwaigen Nachahmungsdruck unterlagen weniger Vertreter eines niederen sozialen Ranges als die im Wettbewerb stehenden Standesgenossen selbst.202 Diese Feststellung fügt sich gut in das Bild des Herrschaftszentrums Wien, das seine Anziehungskraft vor allem auf Vertreter höherer Gesellschaftsschichten ausübte. Die rege Nachfrage nach besonderen Gütern und das starke Auftreten der Textil- und Bekleidungsbranche im Befund ist in weiten Teilen ­diesem innerständischen Konkurrenzkampf geschuldet. 4.2.4.2.2 Die vestimentäre Kommunikation Eine zentrale Eigenschaft von Dingen ist ihr zeichenhafter Charakter. Sie können Bedeutungen nicht nur aufnehmen, sondern auch transportieren und so als Medium nichtsprachlicher Kommunikation fungieren.203 Die Bedeutungen der Dinge, die durch die Betrachtung und den Umgang mit ihnen entstehen, sind erstens sehr individuell, unterliegen zweitens dem Wandel und haben drittens oft ephemeren Charakter.204 Hans Peter Hahn ist daher in folgendem Punkt zuzustimmen: „Es kann keine scharfe, festumrissene Gleichsetzung von einem Objekt und einer Bedeutung, also auch kein unabhängig vom Kontext definiertes Objektzeichen geben.“ 205 Kleidung fungiert in hohem Maß als geeignetes Mittel zur sozialen Abgrenzung, gerade weil sie sich in besonderer Weise als Bedeutungsträger eignet: Die auffallende Bedeutung von Kleidung für Distinktionsstrategien scheint mir darin zu liegen, daß sie in besonders engem Bezug zu ihrem Träger steht: Während jedes andere Lebensstile erschaffen werden. 202 Erst mit dem Ende der Kleiderordnungen ist es auch weniger finanzkräftigen Bevölkerungsgruppen möglich geworden, sich durch Nachahmung an die Wohlhabenden heranzudrängen, wodurch diese wiederum unter Zugzwang gerieten, sich von den unter ihnen stehenden abzuheben Vgl. S­ andgruber 1982, 300. 203 Vgl. Hahn 2005a 113. Hans Peter Hahn weist darauf hin, dass es auch Dinge gibt, die keine besondere Bedeutung haben und Kontexte, in denen eine potentielle Bedeutung unerheblich ist und daher kein handlungsleitendes Kriterium darstellt. Es wäre daher falsch, den Umgang mit Dingen stets in das Licht der Objektbedeutung zu rücken. Vgl. Hahn 2005b, 47. 204 Für die Archäologie wirft dies ein Problem auf, denn das Vorhandensein eines Dinges muss damit nicht notwendig ein Anzeichen für das Vorhandensein einer entsprechenden Kultur sein. Vgl. Schreiber 2013, 67. 205 Hahn 2003, 43.

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Distinktionsobjekt in gewisse räumliche oder zeitliche Distanzen zum Träger tritt, befindet sich Kleidung jederzeit unmittelbar an der Person […].206

Martin Dinges erhebt damit die Kleidung zum Distinktionsobjekt schlechthin, bezeichnet sie sogar als Bedeutungsding, welches von seiner Substanz weitgehend gelöst werden kann und betont mit dem Begriff der Distinktionsstrategie ihren gezielten Einsatz.207 Ähnlich konstatiert auch Anne-Kathrin Reich: „Der gesprochenen Sprache und den Körpersprachen, wie Mimik und Gestik gleichwertig, macht Kleidung eine Aussage über den Einzelnen sowie über die Gesellschaft der jeweiligen Jahrhunderte.“ 208 Bis ins 18. Jahrhundert hinein steht die Kleidung stellvertretend für den Körper selbst. Neben der Kennzeichnung des sozialen Ranges und der Hierarchisierung betont sie auch Unterschiede ­zwischen den Geschlechtern. Zudem prägt und unterstreicht sie das individuelle Verhalten sowie die moralische Qualität von Menschen und kann auf diese Weise auch der Stigmatisierung Vorschub leisten oder dazu gezielt instrumentalisiert werden.209 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die wesentliche Rolle der Kleidung als Bedeutungsträger in einem der ständischen Ordnung entsprechenden Lebensstil manifestiert und besonders in der Aushandlung sozialer Machtansprüche zur Geltung kommt. Kleidung ist damit nicht bloß ein Mittel sozialer Unterscheidung, sondern als ­Zeichen auch ein Werkzeug zur kollektiven Identitätsbildung einer Gruppe.210 Veronika Hyden-Hanscho konstatiert, dass das Sprichwort ‚Kleider machen Leute‘ und seine Bedeutung geradezu „paradigmatisch für die Rolle der Bekleidung und der Mode in der höfischen Welt der Frühen Neuzeit [ist].“ 211 Die Abgrenzungsmechanismen, die sich bereits im 17. Jahrhundert in Gang setzen, verändern auch die Landschaft des Wiener Textilgewerbes merklich. Verfeinerte Waren und neuartige Produktionsmethoden prägen eine neue Gewerbelandschaft, in der auch evangelische Gewerbetreibende eine wichtige Stellung einnehmen.

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Dinges 1992, 51. Vgl. ebd., 51. Reich 2005, 12. In den ‚material culture studies‘ wird betont auf den Eigensinn der Dinge selbst oder ihre eigene Intention hingewiesen. Die Intentionen des Individuums und des Dinges müssen nicht notwendig kongruent sein, sondern können auch divergieren. „Die Dingwelt ist tückisch. Es scheint, als würden die Intentionen der Menschen von Intentionen durchkreuzt, die den Dingen zu eigen sind. […] Wenn Menschen etwas gelingt, dann nur, weil die Dinge es zulassen.“ Haubl 2000, 13. Die Intention des Trägers einer bestimmten Kleidung allein reicht also nicht aus, um den gewünschten Effekt (wie etwa einen Karrieresprung) zu erzielen. Die zu erzielende Wirkung auf die Gesellschaft ist ferner von den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten abhängig. 210 Vgl. Medick 1994, 194. 211 Hyden-Hanscho 2013, 141.

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4.2.4.2.3 Kleidung als Spiegel sozialer Strukturen In der frühmodernen höfischen Welt gab Kleidung Auskunft über soziale Stellung, Herkunft, Standes- und Milieuzugehörigkeit sowie Identität.212 Von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis hin zur Wende des 19. Jahrhunderts war die sichtbare soziale Zuordnung auf Basis von Kleiderordnungen 213 europaweit obligat und das Vortäuschen einer falschen Identität mittels Kleidung unter Strafandrohung verboten.214 Die im mittelalterlichen Europa verabschiedeten Erlässe geben einen Einblick in das mit unrechtmäßig getragener Kleidung einhergehende Problem der Verwirrung den sozialen Stand betreffend. Der allgemeine Konsens lautete, dass Kleidung für eine gewisse Transparenz der sozialen Ordnung Sorge zu tragen habe, was wiederum ihr performatives soziokulturelles Potential untermauert.215 In den Entwicklungen des 16. und 17. Jahrhunderts ist verstärkt ein Fokus auf umfassendere Normsysteme für die Unterscheidung durch Kleidung beobachtbar.216 Neithard Bulst warnt aber davor unter dem Aspekt der Kleiderordnungen die Ständegesellschaft als „statisches Isolat“ 217 anzusehen. Dem Erlassen von Kleider- Aufwands- und Luxusordnungen liegen zu den unterschiedlichen Zeiten ihres Entstehens ganz unterschiedliche Motive zugrunde: Neben moralisch-sittlichen Gründen sind auch standesstrukturierende Intentionen sowie wirtschaftspolitische Erwägungen zu erkennen. In den ältesten mittelalterlichen Kleiderordnungen waren wohl der Erhalt und der Schutz der ständischen Abstufung die Triebfeder der Kleiderordnungspolitik. Wann immer diese ständische Ordnung bedroht war, versuchte man, dem durch eine Normierung der Kleidung entgegenzuwirken. Mit dem Exklusivanspruch 212 Vgl. ebd., 141. 213 Kleiderordnungen beschreiben nicht die Kleidung, sondern regeln ihren sozialen Anwendungsbereich. Sie sind normative Quellen für die soziale Zuordnung des Einzelnen in eine Bezugsgruppe. Vgl. Reich 2005, 16. Sie bilden keine soziale Lebenswirklichkeit ab, sondern geben vielmehr obrigkeitliche Vorstellungen (allerdings auch in Wechselwirkung mit der Gesellschaft) wieder. Auf diese Weise erfüllen sie eine ‚policeyliche‘ Funktion. Vgl. ebd., 56. 214 Vgl. Bulst 1993, 32. „Kleiderordnungen regeln den Aufwand des Einzelnen an Kleidung, Material, Schmuck und Accessoires und bilden im Rahmen der Aufwands- und Luxusordnungen, die zu den städtischen und territorialen Polizeigesetzgebungen gehören, einen wichtigen Bestandteil der Gesetzgebung im Mittelalter und der Frühen Neuzeit.“ Reich 2005, 56. 215 Vgl. Corrigan 1994, 437. Im 16. Jahrhundert beschwerte sich Philip Stubbe darüber, dass es zunehmend schwieriger ist, die unterschiedlichen Klassen innerhalb der Gesellschaft sichtbar auseinander zu halten: „But now there is suche a confuse mingle mangle of appareil in Ailgna, and suche preposterous excesse thereof, as every one is permitted to flaunt it out in what appareil he lusteth himself, or can get by any kinde of meanes. So that it is very hard to know who is noble, who is worshipfull, who is a gentleman, who is not; for you shal haue those which are neither of the nobilitie, gentilitie, nor yeomanrie, no, nor yet any magistrate or officer in the common wealthe, go daiely in silkes, veluettes, satens, damaskes, taffaties, and suche like; notwithstanding that they be bothe base by birthe, meane by estate, and seruile by callyng. And this I compte a greate confusion, and a generali disorder in a Christian common wealthe.“ Stubbes 1836 [1583], 16 – 17. 216 Vgl. Dinges 1992, 61. 217 Bulst 1993, 38.

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der oberen Ränge auf besondere Stoffe ist ihre Verwendung eng an die Bestrebungen zur eigenen Statussicherung gebunden.218 War im 16. Jahrhundert die handelspolitische Komponente noch nebensächlich, so waren Importbeschränkungen in den Kleiderordnungen des 17. Jahrhunderts bereits ein zentraler Punkt. Begründet wurden diese Regelungen damit, dass durch übermäßige Pracht viel Geld zum Leidwesen der Allgemeinheit verschwendet, das gemeine Volk zum Hochmut angeleitet und vielfach in den finanziellen Ruin getrieben werde. Tatsächlich aber ging es in Wien um das Unterbinden der Einfuhr ausländischer und hier vor allem französischer Waren.219 Das ‚leopoldinische Luxuspatent‘ von 1671 verankerte d ­ ieses Ziel in einer Kleiderordnung für die 220 nichtadeligen Stände. Hierbei wurden fünf Klassen unterschieden: Bauern und Inwohnern 221 waren nur Kleider aus gewöhnlichem ‚Inlandstuch‘ erlaubt, bei dem der Preis nicht über eineinhalb Gulden pro Elle liegen durfte. Für Kaufleute, niedere Beamte und Künstler galt das Seidenverbot und Stoffe, deren Preis über vier Gulden pro Elle lag.222 Durch das Hofzeremoniell unterlag auch der Hofadel bei diversen Anlässen einer Reglementierung der Kleidung. Da es aber bei vielen anderen Gelegenheiten (Bällen, Festen, Theaterbesuch, u. a. m.) keine Vorgaben gab, hatten Adelige einen besonderen Freiraum zur Profilierung innerhalb der Gesellschaft.223 218 Vgl. Sandgruber 1982, 294 – 295. 219 Vgl. ebd., 296 – 297. 220 Gemäß ­diesem Luxuspatent wurde den unterschiedlichen sozialen Gruppen ein jeweils standesgemäßer Aufwand an Kleidung, Accessoires, aber auch an Dienstboten zugestanden und ein Rahmen für das standesgemäße Austragen von Feierlichkeiten und den Ablauf von Bestattungen gezogen. Vgl. Gugler 2003, 163. 221 Der Ausdruck verweist auf Stadtbewohner ohne Haus- und Grundeigentum sowie ohne Bürgerrecht. Die Bezeichnung trifft allerdings nicht auf privilegierte Bevölkerungsgruppen zu. Ihnen ist gemeinsam, dass sie aufgrund ihrer besonderen Stellung der städtischen Jurisdiktion entweder gar nicht oder nur eingeschränkt unterstellt sind. Dies gilt etwa für den Landesfürst und seinen Hof, die unter die Jurisdiktion des Hofmarschalls fallen, den Landadel, der hier in den Zuständigkeitsbereich des Landmarschalls fällt, geistliche Amtsträger, die sich gegenüber dem Offizial oder den Orden zu verantworten haben sowie Universitätsangehörige, die dem Rektorat bzw. der Universität unterstehen und die Hofbefreiten, die ebenfalls der Jurisdiktion des Hofmarschalls anheimgestellt sind. Diese Ausnahmen zogen nicht selten Kompetenzstreitigkeiten nach sich. Vgl. Pauser 2003, 62 – 63. 222 Bei Handwerkern, Hofbediensteten und deren Dienstboten betrug der Höchstpreis je Elle zwei Gulden. So war auch qualitativ hochwertigere Inlandsware, wie etwa schlesische Schleier oder feines oberösterreichisches Leinen verboten. Niedere Akademiker und mittlere Beamte mussten sich mit ausländischem Tuch bis höchstens sechs Gulden begnügen. Das Tragen von Samt und Atlas war ihnen verboten. Bei hohen Beamten und Akademikern lag die Grenze bei Brokaten, Pelzen, Spitzen und Schmuck bei 600 Gulden. Vgl. Sandgruber 1982, 297. 223 Vgl. Hyden-Hanscho 2013, 152. Fragt man nach den Formen oder Schnitten der in Wien getragenen Kleider, so muss vor allem auf den französische ‚Justaucorps‘ mit Weste und Hose und aufwendigen Applikationen verwiesen werden, der die Männerbekleidung in Wien am Beginn des 18. Jahrhunderts dominierte. Vgl. ebd., 145 – 146. Typisch für die Frauenbekleidung nach französischem Vorbild war eine ‚Manteau-Jupe-Kombination‘, bestehend aus einem Überrock und einem

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In der Regierungszeit von Maria Theresia ist eine deutliche Distanzierung von den Kleiderordnungen zugunsten der heimischen Wirtschaftsentwicklung zu beobachten.224 Die Kleiderpatente von 1749 und 1754 bezogen sich auf Einfuhrverbote auf fremdländische Erzeugnisse. Im Inland erzeugte Waren wurden ohne Einschränkungen freigegeben. Die Standesunterscheidung mittels Kleidung trat zunehmend in den Hintergrund, was vor allem daran deutlich wurde, dass das Austragen bereits angeschaffter Kleidung ausdrücklich erlaubt war. Zwar strebte Maria Theresia in den Jahren 1762/63 eine Ordnung nach dem Vorbild der leopoldinischen Gesetzgebung an, doch der Kommerzhofrat wusste dem mit einem Verweis auf den wirtschaftlichen Nutzen entgegenzuwirken.225 Die Lesbarkeit der sozialen Welt mit ihren Strukturen wich also in der Regierungszeit Maria Theresias zunehmend der Notwendigkeit ständiger Beobachtung des stetigen Wandels: Aus der stillgestellten Zeit der Kleiderordnungen, die die Sozialordnung stabilisieren sollte, wird am Hof die schnell laufende Zeit des konkurrenzbedingten Modewechsels, die keiner mehr einzufangen hoffen kann. Vielmehr müssen ihr alle hinterherlaufen. Damit wird die Kleidung am Hof vom Symbol sozialer Statik zum Symbol des Wandels.226

In den 1780er Jahren verlor der höfische Maßstab in Sachen Kleidung immer mehr an Bedeutung, wodurch auch der Nachahmungsdruck für die niederen sozialen Schichten sank. Roman Sandgruber postuliert, dass „erst mit ihrer völligen Beseitigung und der damit einhergehenden Lockerung der ständischen Ordnung die Kaufkraft breitere Schichten entsprechend aktiviert und ein stärkeres Übergreifen modischer Bewegung auf die unteren Schichten möglich werden konnte.“ 227

verzierten Unterrock. Der Einsatz von goldenen und silbernen Garnen, die in Brokatstoffen oder Applikationen verarbeitet wurden, war ein besonderes Charakteristikum. Vgl. ebd., 162; vgl. Bönsch 2011 [2001], 151 – 213. 224 Nur vereinzelt wurden Kleiderordnungen durch Erlässe wieder für ungültig erklärt. Vgl. Bulst 1993, 45. 225 Vgl. Sandgruber 1982, 298 – 299. 226 Dinges 1992, 64. 227 Sandgruber 1982, 295. Noch vor d ­ iesem Wendepunkt ist jedoch die Grenze des Untersuchungszeitraumes erreicht. Dass Kleidung gegen Ende des 18. Jahrhunderts zum relativ autonomen Gegenstand des öffentlichen Diskurses wurde, entlastete sie von ihrer semantischen Überforderung als Normierungsinstrument. Vgl. Dinges 1992, 69, 72. Der allgemein steigende Wohlstand und billigere Produktionskosten tragen zu einem veränderten Konsummuster „further from need and closer to fashion and wants“ bei. Woodward 2007, 115. Alsbald begannen auch die äußerlichen sozialen Grenzen durch den allgemeinen Zugang zu besonderer Kleidung zu verschwimmen. Es traten noch im 18. Jahrhundert andere Distinktionsmittel wie etwa Porzellan oder aufwendige Möbel in den Vordergrund, die teurer und exklusiver als Kleidung waren und die Repräsentation ins eigene Haus verlagerten. Vgl. Dinges 1992, 71.

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4.2.4.3 Der Aufschwung im Textil- und Bekleidungssektor Der soziale Wandel, der sich für die Stadt Wien an der Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit einzustellen begann, ist wesentlich vom Übergang der Bürgerstadt hin zu einer Residenzstadt und dem sukzessiven Ausbau des Herrschaftszentrums Wien geprägt.228 Der repräsentative Konsum des Hofes und der Hocharistokratie bildete das Vorbild für das Konsumverhalten der aufstrebenden wirtschafts- und besitzbürgerlichen Mittelschichten und wurde mit bescheidenen Mitteln auch zuweilen von anderen Teilen der städtischen Bevölkerung imitiert. Zumindest beim Nahrungsmittelkonsum, und eingeschränkt auch in der Nach­ ahmung der Kleidermode – mehr oder minder in jenen Grenzen, die die landesfürst­lichen Kleiderordnungen zuließen –, traten diese in bescheidene Konkurrenz zur Oberschicht, suchten höfischen Lebensstil auf die eine oder andere Art zu kopieren.229

Für die wohlhabende Oberschicht nahm der Konsum besonderer Güter eine Mittlerrolle für gesellschaftliche Identität und soziale Gruppenzugehörigkeit ein.230 „Die durchaus volatile Zugehörigkeit zum elitären Kreis der ‚großen Familien‘ wurde um den Preis standesgemäßer Lebensführung erkauft, die sich in Form von demonstrativem und häufig auch exzessivem Luxuskonsum symbolisch und nicht zuletzt ökonomisch manifestierte.“ 231 Die Folge des dadurch entstandenen Marktes mit zahlungskräftiger Klientel war eine Expansion sowohl der Kleinproduzenten und Fabrikanten als auch eine Ausweitung des Dienstleistungsgewerbes.232 Mit den vielen Anstellungsmöglichkeiten, die dadurch geschaffen werden konnten, wuchs auch die Bevölkerung in der Folgezeit rapide an. Andreas Weigl weist darauf hin, dass die Aneignung eines der ständischen Ordnung entsprechenden Lebensstils auch in eine größere Abhängigkeit zum Hof führen kann. Im Rahmen dieser Argumentation dient das Konsumverhalten der adeligen Oberschicht dann auch der Machtsicherung und Machtkonzentration des Staates und gliedert sich wiederum in jenes Machtgefüge ein, das sich wie ein roter Faden durch die Untersuchung zieht.233 228 Vgl. Weigl 2017, 94. Die Phase, in der die Stadt Wien konsequent als kaiserliche Haupt- und Residenzstadt bezeichnet werden kann, beginnt mit der dauerhaften Ansiedelung des in Graz aufgewachsenen Ferdinand II. und findet ihren Abschluss mit dem Ende der habsburgischen Herrschaft in Österreich. Vgl. Vocelka 2003, 23. Stadt und Hof stehen dabei in einem vielschichtigen, wechselseitigen Verhältnis zueinander in dem sowohl Konflikte als auch Zusammenarbeit Platz finden. „Die Stadt und ihre Bevölkerung bildeten auch den Rahmen, das Publikum für den Hof und seine politischen und kulturellen Aktivitäten, ohne allerdings selbst eine politische Rolle spielen zu können. […] Die Einschränkungen städtischer Autonomie, die schon im mittelalterlichen Wien durch die Residenzfunktion spürbar waren, können in der Frühen Neuzeit massiv festgestellt werden.“ Vocelka 2003, 44. 229 Weigl 2003c, 139. 230 Vgl. Steidl 2003, 77. 231 Weigl 2015, 17. 232 Vgl. Weigl 2005, 55. 233 Vgl. Weigl 2015, 17.

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Trotz dieser Entwicklungen kann an ­diesem Punkt noch nicht von einem generellen wirtschaftlichen Aufschwung die Rede sein, denn die finanziellen Mittel, die für die Deckung ­dieses besonderen Bedarfs aufgewendet werden mussten, wurden nicht etwa durch die Arbeitsleistung oder Produktivität einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht bewerkstelligt, sondern allein durch ihren hohen sozialen Rang. „Ökonomisch gesehen entsprang ­dieses Wachstum der räumlichen Konzentration des Konsums von Grundrenten und Steuern. Die Entwicklung Wiens entspricht damit präzise dem Sombartschen Typus der Konsumptionsstadt.“ 234 Dieser Typus zeichnet sich dadurch aus, dass der Lebensunterhalt der Vermögenden nicht mit eigenen Produkten oder eigener Arbeitsleistung, sondern auf Basis eines besonderen Rechtstitels durch Renten und Steuern bestritten wird.235 Die Konsumenten fungieren hier als primäre Formgeber des Stadttypus, erst in zweiter Instanz halten die Produzenten ­dieses Bild der Konsumptionsstadt durch Produktion und Nachschub aufrecht.236 Aus dem Typus der Konsumptionsstadt resultieren auch jene Prozesse, die eine Veränderung der Wiener Gewerbelandschaft vom 16. bis ins 18. Jahrhundert nach sich zogen. Zu ihnen zählen zum einen die Diversifizierung und Spezialisierung in der Produktion, die ohne die quantitative und qualitative Nachfrage einer zahlungskräftigen Population nicht möglich gewesen wäre und zum anderen die Expansion eines protoindustriellen Exports.237 Neben den bereits genannten qualitativen und quantitativen Defiziten der Wiener Gewerbe­treibenden unterlag der Kleiderimport auch den Kleidungstrends bzw. der jeweiligen Mode 238 und deren Herkunft. „Der Adel in Wien lavierte […] in Modeangelegenheiten 2 34 Chaloupek 1976, 15. 235 Bei Veblen kommt die ‚demonstrative Muße‘ bei der Kleidung vor allem dann zur Geltung, wenn sie schon in ihrer Machart die Produktivität des Trägers nahezu ausschließt. Gerade bei der Kleidung von Frauen soll an den Kreationen schon ersichtlich sein, dass die Trägerin nicht mit produktiver Arbeit beschäftigt ist. Vgl. Veblen 2007 [1899], 168 – 169. „Elegante Kleider erfüllen ihren Zweck also nicht nur insofern, als sie teuer, sondern auch insofern, als sie Merkmale der Muße sind. Sie beweisen, daß ihr Träger in der Lage ist, relativ große Werte zu konsumieren, und auch, daß dieser konsumiert, ohne zu produzieren.“ Veblen 2007 [1899], 167. 236 Vgl. Sombart 1919 [1916], Bd. 1/1 142 – 143. „Langfristig am bedeutendsten für den zunehmenden Charakter Wiens als Konsumptionsstadt erwies sich schließlich der Zuzug einer höfischen Oberschicht, die zum Zweck repräsentativen Konsums Luxusgüter und eine breite Palette an persönlichen Dienstleistungen nachfragte. Die Akkumulation von Vermögenseinkünften in der Wiener Oberschicht nahm im Lauf der Frühen Neuzeit geradezu gigantische Dimensionen an.“ Weigl 2003c, 138. 237 Vgl. ebd., 138. 238 Das Phänomen Mode unterliegt verschiedenen Definitionen. Der Ausdruck Mode leitet sich etymologisch von modus (lat., Art und Weise) ab. Im Zedler Universallexikon verweist der Begriff Mode auf eine allgemein übliche Art und Weise in Sachen Kleidung, Einrichtung und Verhalten und die Veränderung dieser Art und Weise. Mode hat einen Anfang und ein Ende und ist im Vergleich zur Gewohnheit kurzlebiger. Vgl. Mode, in: Zedler 1739, 700 – 712, zugegriffen, am 29. 12. 2019. Kleidung fällt nicht mit dem Begriff Mode zusammen, vielmehr ist Kleidung dem Phänomen Mode unterworfen. Mode meint hier einen aktuellen Geschmack und Modewandel bezeichnet einen steten Wandel ­dieses einer bestimmten Zeit entsprechenden Geschmacks. Zum Wesen der Mode gehören drei Prinzipien: Das Zusammenwirken von Abgrenzung und Nachahmung, die Möglichkeit einer selektiven

Die Evangelischen im sozioökonomischen Kontext

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im 17. Jahrhundert stets ­zwischen den Ansprüchen des Kaiserhauses, das dem spanischen Hof­zeremoniell verhaftet war, neuen Modetrends aus ganz Europa und den eigenen Ansprüchen.“ 239 Dabei erfolgte der Austausch über Modeneuheiten nicht nur über persönliche Kontakte, sondern auch über Printmedien (z. B. ‚Mercure Galant‘ oder ‚Gazette‘), die neben politischen ­Themen auch stilbildende Modetrends zum Gegenstand erhoben.240 Durch die so entstandene Breitenwirkung der französischen Kleidung gerieten die Wiener Schneider unter Zugzwang und bemühten sich alsbald darum, dieselbe zu kopieren, wobei es hier auch zu Mischformen kam.241 Das Schritthalten mit ausländischen, fremden Warenerzeugnissen, die in ihrer Neuheit noch dazu preiswert und hochwertig waren, erwies sich für die bürgerlichen Handwerker mehr als schwierig und so hatte die einheimische Produktion in ­diesem Segment mit einer enormen Abwertung zur ringen.242 Unter Karl VI. wurden daher gezielt ausländische (exterritoriale) Manufakturisten zur Etablierung einer eigenen Güterproduktion für besondere Bedürfnisse angeworben. Die im Jahr 1725 eingeführten Schutzdekrete zur Handwerksausübung richteten sich dezidiert an zuwandernde Gewerbe­ treibende, darunter auch vielfach Vertreter der evangelischen Konfession.243 Der Export Übernahme bestimmter Modeinhalte, ihre Verbreitung und darauffolgende Vernichtung, um in einer neuen Form zu entstehen. Vgl. Reich 2005, 23 – 28. „Mode bietet einen Rahmen, der durch moralische und ästhetische Wertvorstellungen der Gesellschaft entsteht, an dem sich der Einzelne orientieren kann. Kleidung stellt für das Individuum eine Möglichkeit dar, sich in einen Rahmen modischer Vorgaben einzuordnen.“ ebd., 14. 239 Hyden-Hanscho 2013, 141. Eine breitere Rezeption der französischen Mode setzt ab den 1670er Jahren ein. Vor allem der medialen Verbreitung ist es zu verdanken, dass die französische Mode in Wien sehr schnell an Popularität gewann und gewissen Gesellschaftsschichten nahegelegt wurde. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts folgt die Mode in Wien schließlich dem englischen Vorbild. „Die Orientierung der Textilerzeugung am Luxuskonsum war jedoch mit einem gesteigerten konjunkturellen Risiko erkauft. Der sich rasch wandelnde Geschmack der modebewussten Konsumenten im späten 18. Jahrhundert – von einer Wiener Mode konnte seit etwa 1770 die Rede sein – sorgte immer wieder für kurzfristige Absatzkrisen.“ Weigl 2003b, 172. 240 Vgl. Hyden-Hanscho 2013, 147 – 148. Die Art und Weise der Rezeption französischer Mode im frühneuzeitlichen höfischen Wien stellt für Veronika Hyden-Hanscho ein Beispiel für den gelungenen Kulturtransfer dar, welcher durch zwei wichtige Parameter bedingt ist: die Präsenz französischer Textilhandwerker in Wien und die Einfuhr französischer Textilwaren. Vgl. ebd., 151. 241 Vgl. ebd., 146 – 147. 242 Der Bedarf an besonderen Gütern wurde zunächst überwiegend durch ausländische Importe gedeckt. Vgl. Steidl 2003, 77. In den hier dargestellten Entwicklungen zeichnet sich bereits ab, dass die althergebrachte Form des bürgerlichen Handwerks im Schwinden begriffen war und bald neueren Produktionsformen und Produktionsmethoden im Rahmen von Großbetrieben weichen musste. Die Zukunft des Zunftwesens war aber nicht nur durch die neuen Großbetriebe bedroht, auch das Ausmaß der außerzünftigen Betätigungen im handwerklichen Bereich macht diese Tendenz sichtbar. Der steigende Bedarf an besonderen Konsumgütern löste insgesamt einen Handwerker-Boom aus, der sich zum Leidwesen bürgerlicher und zünftiger Meister allerdings zu einem großen Teil außerhalb ihrer Strukturen einzustellen begann und auch Evangelischen die Möglichkeit bot, sich in Wien in der Textilbranche zu betätigen. 243 Vgl. ebd., 59 – 60; vgl. Kapitel 4.2.2 Privilegiertes und außerzünftiges evangelisches Handwerksgewerbe.

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von Rohstoffen sollte durch seine Verarbeitung im Inland ersetzt werden, sodass die Einfuhr besonderer Güter obsolet werden sollte. An vorderster Stelle stand der Ausbau der eigenen Seidenindustrie, deren Rohstoffbasis die Seidenzucht in den Provinzen Görz und Gradiska darstellte, die bisher hauptsächlich den venezianischen Markt belieferten.244 Zur Mitte des 18. Jahrhunderts stellte sich unter Maria Theresia ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Weit in ihre Regierungszeit hinein waren Repräsentation des Hofes und ­Prestige zentrale ­Themen des Hoflebens.245 Schon vor dem Regierungsantritt Josephs II., aber vor allem im Zuge seiner Herrschaft, setzte sich das (bürgerliche) Ideal der Sparsamkeit gegenüber der Verschwendungssucht durch, sodass die Repräsentation am Ende der Wohlfahrt wich.246 Der Befund vermag die für die Konsumptionsstadt Wien kennzeichnenden wirtschaftlichen Entwicklungen im Blick auf den evangelischen Bevölkerungsanteil zu untermauern. Die Auswertung räumt der Kategorie der Handwerksberufe und der kaufmännischen Berufe zusammen ein Drittel der in den evangelischen Sterbeeinträgen enthaltenen Erwerbstätigkeit ein. Es wurde nachgezeichnet, dass diese Kategorien einen erhöhten Anteil an Privilegierungen miteinschließen und dass die Kategorie der Handwerker mit einem Anteil von über 60 % (innerhalb dieser Kategorie) zudem enge Verbindungen zur Textil- und Bekleidungsbranche im weiteren Sinne aufweist.247 Die besondere Nachfrage auf ­diesem Sektor, die in engem Zusammenhang mit einem Repräsentationsbedürfnis und damit einhergehenden Machtmechanismen steht, ist dem konfessionellen Makel offensichtlich vorgeordnet. Aus eben ­diesem Grund, so die These, stellt sich der Befund mit dem benannten Schwerpunkt dar.

4.3 Zusammenfassung In Kapitel 4 wird nach jenen Mechanismen gefragt, die den evangelischen Bevölkerungs­ anteil, wie er sich im Befund darstellt, begründen können. Dazu wird das evangelische Berufs­ spektrum (d. h. die Berufsbezeichnungen in den Sterbeeinträgen) mit den Bedürfnissen nach 244 Solange Österreich keine eigene Seidenindustrie hatte, gab es auch keinen Einwand gegen den Export von Rohseide. Vgl. Deutsch 1909, 16. 1730 fällt Johann Basilius Küchelbecker in seinen Aufzeichnungen ein positives Urteil über die in Wien ansässigen und ansässig gewordenen Hersteller entsprechender Güter und vergleicht dabei ihre Arbeit der Qualität nach mit ausländischen Anbietern. „Man hat auch seint nicht gar zu vielen Jahren allhier unterschiedliche Fabriquen angeleget, allwo allerhand ausländische Waaren sehr fein und schön nachgemachet werden, dergestalt, daß man ­zwischen solchen und denen ausländischen fast keinen Unterschied spühret.“ Küchelbecker 1730, 713. 245 Vgl. Přibram 1907, 3. „Über die quantitative Dimension hinaus stand höfischer Konsum an der Wiege der dem kapitalistischen Wirtschaftssystem konstitutiven Verschwendungs- und Wegwerfgesellschaft. Der ‚Hofausgabenmulitplikator‘ förderte letztlich die räumliche Konzentration von Produktionsbetrieben in den Konsumptionsstädten, die schließlich im 19. Jahrhundert zu entwickelten Industriestädten wurden.“ Weigl 2005, 75. 246 Vgl. Vocelka 2003, 30. 247 Vgl. Kapitel 4.2.2.7 Außerzünftiges Handwerksgewerbe im Quellenbefund; vgl. Kapitel 4.2.3 Privilegiertes evangelisches Handelsgewerbe.

Zusammenfassung

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Bündelung, Repräsentation und Sicherung von Macht in Beziehung gestellt, die sich auf Basis des Herrschaftszentrums Wiens mit seinen Funktionen als Residenzstadt, Konsumptionsstadt und Festungsstadt herleiten lassen. Mit der Zentralisierung der Herrschaft etablierte sich die Haupt- und Residenzstadt Wien als Verwaltungsmittelpunkt und politische Schaltstelle des Reiches. Auswärtige Geschäftsträger und Interessensvertreter frequentierten die Reichsbehörden und trugen zur Fluktuation und Mobilität als bezeichnende Charakteristika des Stadtbildes bei. Eine Vielzahl von Räten und Diplomaten waren auch in Wien ansässig und prägten, sofern sie der evangelischen Gruppe angehörten, die gegenständliche Konfessionskultur maßgeblich mit. Darüber hinaus fungierten sie vielfach als Multiplikatoren für weitere evangelische Bevölkerungsanteile niederen sozialen Ranges: Evangelische Diplomaten, Räte und Beamte aus den höheren sozialen Schichten decken mit ihrem Personalaufwand die Zahl der evangelischen Erwerbstätigen in der Dienstleistungsbranche nahezu vollständig ab. Dies lässt sich in vielen Fällen auch über die in den Sterbeeinträgen verzeichneten Anstellungsverhältnisse belegen, auf deren Grundlage Haushaltsstrukturen erschlossen werden können. Die durch die ständige Residenz bedingte Zunahme der Stadtpopulation vor allem in den höheren sozialen Schichten begünstigte eine verstärkte Nachfrage nach Gütern und Konsumartikeln, ­welche die heimische Produktion mangels Kapazitäten und aus Qualitätsgründen nicht zu decken vermochte. Da die damit einhergehende steigende Einfuhr von ausländischen Waren der heimischen Wirtschaft und ihrem von staatlicher Seite her angestrebten Aufschwung nicht förderlich war, bemühte sich die Regierung um attraktive Modelle zur Anwerbung ausländischer Professionisten, darunter auch Evangelische. Die Bestellung evangelischer Arbeitskräfte ist dabei kein strategischer Zug, vielmehr zeigt man sich vor dem Hintergrund ihres wirtschaftlichen Nutzens nachsichtig mit ihnen. Neben den hofbefreiten Handwerkern beteiligten sich mit Schutzdekreten ausgestattete evangelische Fachkräfte nun auf legale Weise und ohne Zunftzwang an der Güter- und Warenproduktion. Die Auswertung des erhobenen Datenmaterials belegt hier eine auffällige Dichte an Gewerbetreibenden, die im weiteren Sinne der Textil- und Bekleidungsbranche zuzuordnen sind. Mit der Schaffung neuer Produktions- und Vertriebsformen im Sinne des Merkantilismus verlor das alte Zunftwesen zunehmend an Bedeutung. Zur Umsetzung merkantilistischer Ideen wurden Fabriksprivilegien (‚privilegia privativa‘) erteilt, mit denen nicht nur evangelische Unternehmer und Arbeiter zugelassen, sondern auch Monopolstellungen bewilligt wurden. Mit dem Ziel, den wirtschaftlichen Aufschwung von innen heraus zu bewerkstelligen, suchten die Kameralisten des 18. Jahrhunderts den Markteinfluss der Wiener Niederleger im Gegenzug zurückzudrängen. Dass sich die k. k. Niederlagsverwandten aber dennoch weit bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus behaupten konnten und bis dahin auch soziales Ansehen genossen, lässt sich anhand der evangelischen Sterbeeinträge bestätigen. Nicht zuletzt sind die Privilegien, mit denen sie ausgestattet wurden, ihrem wirtschaftlichen und finanziellen Potential geschuldet, durch die der Staat in eine gewisse Abhängigkeit ihnen gegenüber geriet. In der Zeit, in der diese ausländischen Großhandelskaufleute ihren Geschäften in Wien nachgingen, prägten sie in einem hohen Ausmaß das evangelische Leben in Wien mit.

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Die evangelischen Sterbeeinträge im Spiegel des Herrschaftszentrums Wien

Warum aber im Rahmen dieser Machtdynamik besondere Konsumgüter eine derart wichtige Funktion erfüllten, dass man bereit war, über den konfessionellen Makel hinwegzusehen, wird am Beispiel der Kleidung im Rückgriff auf die ‚material culture‘-Perspektive exempla­ risch deutlich. Dieses wird gewählt, weil der gegenständliche Befund eben eine auffällige Häufung von Textilhandwerkern verzeichnet. Mit dieser Perspektive lässt sich darstellen, dass die Repräsentation eines der ständischen Ordnung entsprechenden Lebensstiles und die Duldung offenkundigen protestantischen Lebens in Wien einander bedingen und das herrschaftliche Verlangen nach Ausdruck und Präsentation von Wohlstand dem konfessionellen Makel übergeordnet ist. Dies ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass es gerade für die Haupt- und Residenzstadt Wien bedeutend gewesen sein muss, die konfessionelle Homogenität zumindest nach außen hin zu wahren und im Sinne der ‚Pietas Austriaca‘ auch zu repräsentieren. Gerade die habsburgischen Herrscher verfolgten auf ­diesem Gebiet eine rigorose Politik und sahen im Rahmen von Gottesgnadentum ihre Herrschaft stets an die Wahrung der katholischen Konfession gebunden. Es erscheint daher an dieser Stelle gerechtfertigt, das performative Potential der Dinge selbst für das Aufbrechen dieser konfessionellen Homogenität zumindest mitverantwortlich zu machen. Führt man nun abschließend auch die militärische Präsenz auf den Umstand zurück, dass Wien ein Herrschaftszentrum darstellt, dessen Sicherung in seiner Funktion als Festungsstadt zum Tragen kommt (die eben d ­ ieses Aufgebot erfordert), geht annähernd das gesamte evangelische Berufsspektrum in der Dynamik des benannten Machtgefüges auf. Die öffentlich wahrgenommene evangelische Population in Wien, wie sie in den Totenbeschauprotokollen sichtbar wird, verdankt sich somit jenen Mechanismen, die mit der Bündelung, Repräsentation und Sicherung der habsburgischen Herrschaft direkt oder indirekt einhergehen.

5. Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781: Statistische Auswertung des Befundes

Die statistische Auswertung der Quelle mit dem Filter der evangelischen Konfession kann als in sich geschlossene Einheit innerhalb dieser Untersuchung angesehen werden. Die Ergebnisse stehen auf diese Weise benutzerfreundlich und kompakt weiteren Forschungszwecken zur Verfügung. Der Anspruch einer möglichst ertragreichen Auswertung erfordert eine Datenaufbereitung, die über den unmittelbaren Zweck für die gegenständliche Untersuchung hinausreicht. Bezugnehmend auf die Kapitelüberschrift sei abermals angemerkt, dass das Jahr 1648 sowohl den Beginn des erhaltenen Quellenbestandes als auch den Rahmen der Forschungsarbeit an der Quelle markiert, nicht jedoch das Einsetzen der evangelischen Sterbeeinträge, welches erst für das Jahr 1736 veranschlagt werden kann.

5.1 Historische Ausgangslage und E ­ inbettung der Auswertung Eine Besonderheit des Untersuchungsgegenstandes ist, dass die Totenbeschauprotokolle ein offizielles Produkt der städtischen Verwaltung darstellen und das öffentliche Bekenntnis zum evangelischen Glauben innerhalb des festgelegten Untersuchungszeitraumes auf Basis der Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens (1555) reichsrechtlich verboten ist.1 Infolge der Gegenreformation gelangt die evangelische Glaubensausübung in Wien bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts an ihren unüberbietbaren Tiefpunkt. Für das historische Verständnis und die Interpretation des Datenmaterials erscheint deshalb ein kurzer Abriss der religionspolitischen und konfessionsgeschichtlichen Bewegungen bis zu dieser Zäsur unerlässlich. Mit der Rezeption des reformatorischen Gedankenguts setzte in Wien nahezu zeitgleich die Repressionspolitik ein, mit der dieser neue Geist bekämpft werden sollte. Parallel dazu wurde – besonders im Anschluss an das Konzil von Trient (1545 – 1563) ‒ eine katholische Reform eingeleitet, die ein neues katholisches Frömmigkeitsbewusstsein förderte. Mit dem flächendeckenden Einsetzen der Gegenreformation war die evangelische Glaubensausübung in Wien bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts zumindest aus dem öffentlichen Raum weitestgehend verbannt worden. Arthur Stögmann insistiert, dass die Geschichte der Gegenreformation 1 Der Augsburger Religionsfrieden bildet die verfassungsrechtliche Grundlage zur Religionsfrage im Zeitalter der Konfessionalisierung. Vgl. Mansfeld 2008, 45 – 46. Anders als die Religionsbestimmungen im Westfälischen Frieden (1648) wurden die Inhalte des Augsburger Religionsfriedens (1555) auch in den österreichischen Ländern durchgesetzt. Vgl. Zöllner 1990 [1974], 220.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

in Wien unbedingt von den Erfolgen der Reformation ausgehen muss, denn „[a]uf sie ist es zurückzuführen, dass die vom katholischen Landesfürsten und der ­Kirche mit Hilfe einer sich kontinuierlich verbessernden institutionellen und personellen ‚Infrastruktur‘ gesteuerte Gegenbewegung noch in den 1650er-Jahren auf erbitterte Widerstände stieß.“ 2 Im Folgenden werden daher in aller Kürze die wichtigsten Stationen skizziert, die zur Ausgangslage des auszuwertenden Befundes führen. Die Notwendigkeit dieser Ausführungen ist dem Aufbau des vorliegenden Bandes geschuldet, der den Auswertungsteil als in sich geschlossene Arbeit begreift.

5.1.1 Die Reformation gelangt nach Wien Bereits die Frühphase der Reformation in Wien und ihre Rezeption innerhalb der Bevölkerung deutet darauf hin, dass sich die Religionsfrage in der Folgezeit nicht nur als eine hart umkämpfte erweisen wird, sondern bis zur Toleranzgesetzgebung und darüber hinaus brisant bleibt. Schon lange vor dem Auftreten Luthers wurden in Wien Stimmen laut, die k­ irchliche Missstände aufs Schärfste und im Geist der späteren Reformation verurteilten.3 Neben der geistlichen und seelsorglichen Unzufriedenheit trug auch die politische, wirtschaftliche und soziale Lage zur Bereitung des Nährbodens für die Saat der Reformation bei.4 Nachdem 2 Stögmann 2007, 273. 3 Schon Heinrich von Langenstein (1325 – 1397), einer der Begründer der Universität Wien, forderte eine kirchliche Reform in allen Bereichen. Auch sein Fakultätskollege, der Dominikaner Franz von Retz (1343 – 1427) klagte über die Unsittlichkeit in den geistlichen Reihen und in der Gesellschaft. Ähnlich sprach auch der Theologieprofessor Petrus de Pulka (1370 – 1425) vom Verfall der K ­ irche, den er 1416 in einer Predigt am Vergleich mit dem gesegneten Zustand der Urkirche deutlich machte. 1441 äußerte sich ein gewisser Leonhard, Chormeister von St. Stephan, in einer Predigt von der Kanzel abfällig gegen den Ablass und die Bettelorden. Zehn Jahre s­ päter wurde die theologische Fakultät beauftragt, gegen Professoren und Lehrer vorzugehen, die durch ihre verdächtige Lehre auffielen. Drei Jahre vor Luthers Geburt erregte Johann Kaltenmarkter (um 1450 – 1506, Mitglied der Hochschule und Offizial des Bischofs von Passau) mit seinen Äußerungen zum Ablassmissbrauch und dem Verfall der Bettelorden sowie seinen Ansichten zum Konzil Aufsehen. Noch acht Jahre vor Luthers Thesenanschlag zürnte der Komtur des Heiliggeistklosters vor dem Stubentor Dr. Philipp Turrianus in einer Predigt vor dem Kärntnertor ebenfalls gegen den Ablass. Darüber hinaus gab es Vorwürfe des Reliquienschwindels in der Peterskirche von einem Zisterziensermönch mit Namen Jakob sowie weitere Angriffe von diversen Wiener Kanzeln herunter gegen den Ablass, gegen die Redlichkeit der Kleriker und gegen die Sakraments­verwaltung. Vgl. Loesche 1930, 50 – 54. 4 Kennzeichnend für die politischen Spannungen war der Versuch, die Habsburger im Zuge eines Regierungswechsels von der Herrschaft in den Erblanden auszuschließen. Für die ständischen Rädelsführer endete dieser Versuch im Wiener Neustädter Blutgericht 1522. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 1, 36 – 38; vgl. Mecenseffy 1974, 229 – 230; vgl. Tomek 1949, Bd. 2, 221 – 222. Während sich die spanisch-habsburgische Linie mit den Machtansprüchen Frankreichs konfrontiert sah, rang die österreichisch-deutsche zudem mit der Bedrohung durch die Türken (1529). Vgl. Praschinger 1950, 17. Begleitet durch die Pest gingen mit diesen Umständen auch wirtschaftliche und soziale Engpässe einher, w ­ elche den sich anbahnenden Umbruch bereits vorzeichneten.

Historische Ausgangslage und ­Einbettung der Auswertung

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­ aiser Karl V. die fünf niederösterreichischen Länder 5 an seinen Bruder Ferdinand abtreten K musste, stand dieser als Regent auch dem in Wien aufkeimenden Luthertum gegenüber.6 Das Aufkommen der Reformation in Wien war von verschiedenen Faktoren abhängig: Neben reisenden Handelstreibenden, wandernden Handwerksgesellen, Studenten, Auslandsbeziehungen unter Adeligen, auswärtigen Predigern haben nicht zuletzt der Buchdruck und der dadurch möglich gewordene Einsatz von Flugblättern zur schnellen Verbreitung der reformatorischen Anliegen beigetragen.7 Wenn auch der erste dokumentierte Berührungspunkt ­zwischen Martin Luther und der Stadt Wien mit einem Brief an den Stadtanwalt Johannes Cuspinian (1473 – 1529) auf den 17. April 1521 datiert wird, so wurde seine Theologie bereits 1520 in Wien rezipiert.8 Da die theologische Fakultät gegen die Verbreitung lutherischer Schriften vorging und auch die Bannandrohungsbulle in Wien publik machte, bot sie schon bald keinen Anziehungspunkt mehr für Studierende, die der neuen Geisteshaltung nahe standen.9 Als die konfliktträchtige Lehre über eine Kritik am Mönchsgelübde im Zuge einer Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias über Römer 12, 1 – 6 am 12. Jänner 1522 schließlich im Dom zu St. Stephan laut wurde, antwortete die theologische Fakultät, die mit dem Inquisitionsrecht ausgestattet war, umgehend mit der Exkommunikation des reformatorisch gesinnten schwäbischen Geistlichen Dr. Paul Speratus.10 Dieser Schritt machte erst recht auf die lutherischen Schriften aufmerksam und förderte deren Druck und Verbreitung in Wien. Wenn auch der Rezeptionsprozess der frühen Reformation in den unteren Gesellschaftsschichten erfolgte, so wurde die reformatorische Lehre deutlich von den oberen konsolidiert.11 Gerade auf den Landtagen traten evangelisch gesinnte Adelige seit 1526 als Träger der Reformation auf und forderten die freie Religionsausübung.12 Die an der neuen religiösen Idee interessierten Städter wandten sich an die adeligen Herrschaften im Wiener Umland, die für die geistliche Versorgung bis weit ins 17. Jahrhundert hinein wichtig waren. Dass die dort wirkenden Prediger auch in den städtischen Freihäusern 13 der Adeligen zu agieren begannen, 5 Nieder- und Oberösterreich, Steiermark, Kärnten und Krain mit Görz, Istrien Gradiska und Triest sowie Tirol mit Vorarlberg, Elsaß, Schwaben und Württemberg; Vgl. Wallner 1929, 713 – 714. 6 Vgl. Loesche 1930, 50 – 54; vgl. Smets 1969 [1875], 1 – 3; vgl. Praschinger 1950, 16 – 17. 7 Vgl. Schottenloher 1922, 60; vgl. Zimmermann 1982, 106; vgl. Praschinger 1950, 17 – 18. Die deutsche Reformation gilt als erste geistige Bewegung, die das Medium Buchdruck zum Einsatz brachte. Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 1, 341 – 363. 8 Vgl. Loesche 1930, 53. 9 Vgl. Leeb 2017a, 121; vgl. Matt 1938, 5. 10 Vgl. Leeb 2003, 171. Das heute noch bekannte evangelische Kirchenlied ‚Es ist das Heil uns kommen her‘ stammt aus seiner Feder. Vgl. Matt 1938, 6. Johann Eckenberger, der ähnlich wie Speratus und im selben Jahr in der Bürgerspitalkirche im neuen Geiste predigte, entging dem Ketzergericht dank dem Statthalter Graf Dietrichstein. Vgl. Loesche 1930, 56. 11 Vgl. Leeb 2003, 198. 12 Im Jahr 1568 konnte in dieser Angelegenheit unter Maximilian II. tatsächlich auch ein Meilenstein erreicht werden. Vgl. Lohn 1949, 3 – 4. 13 Der Ausdruck ‚Freihäuser‘ verweist auf in der Stadt gelegene Häuser im Besitz der Adeligen. Als Mitglieder der obersten Stände entfielen für sie nicht nur die bürgerlichen Abgaben, sondern auch die

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

verlieh der neuen Lehre zusätzlichen Auftrieb. Nicht einmal das tragische Schicksal Kaspar Taubers (Geburtsjahr unbekannt–1524), eines privilegierten Tuchhändlers und Bürger Wiens, der als erster namentlich bekannte Märtyrer des österreichischen Protestantismus gilt, vermochte die fortwährende Ausbreitung der Reformation einzudämmen.14 Noch 1558 befürchtete der Jesuit Petrus Canisius, dass Wien zu einem zweiten Wittenberg oder Genf werden könnte. Ähnlich klagte der Hofprediger Martin Eisengrein 1569, dass sich kaum mehr eine Spur findet, die darauf hinweist, dass Wien überhaupt einmal katholisch war.15 Im Jahr 1577 lamentierte der Reichshofrat Dr. Georg Eder (1523 – 1587) in einem Brief an den Oberstkämmerer Adam Freiherr von Dietrichstein: Das religionwesen ist alhie in 20 jaren ubler nie gestanden, alls eben jetzo. Ausser des heufflens, so die frummen heylige vatter der Societet Jesu bis anhero auffgehalten, ist es alles gefallen. Die sacramenta werden nicht mer bey den haupt- und pfarrkirchen, sonder alle im landthaus gesuecht und prophaniert, also das bey s. Steffan etwo ain gantz monat uber zway kinder nicht zue tauff gebracht werden.16

Wenn hier auch die objektive Beurteilung der Sachlage einer emotionalen Befangenheit zum Opfer fällt, so bringen diese Stimmen dennoch eine Besorgnis zum Ausdruck, die mit der Stärke des Protestantismus in Wien einhergeht.17

5.1.2 Der umkämpfte Versuch der Konsolidierung der evangelischen Religion Als Reaktion auf die rege Produktion und Rezeption lutherischer Schriften erließ Erzherzog Ferdinand am 12. März 1523 ein erstes Mandat, welches das Verbot jeglichen Umgangs mit denselben (Einführung nach Österreich, Verkauf, Lesen und Abschreiben) zum Gegenstand hatte und die öffentliche Verbrennung entdeckter und konfiszierter Literatur anordnete.18 Nachdem ­dieses Verbot keine entsprechende Wirkung zeigte, wurde auf dem ­Regensburger Konvent 1524 schließlich die strenge Durchführung des Wormser Edikts beschlossen, auf dessen Grundlage nun auch reformatorische Druckbilder aus dem Verkehr gezogen werden ansonsten eingeforderte Quartierbelastung durch den Hof bzw. das obersthofmarschallische Amt. Vgl. Rescher 2016, 102. 14 Zu Kaspar Tauber vgl. Leeb 1994. 15 Vgl. Stögmann 2001, 494; vgl. Mayr 1954, 42. 16 Zitiert nach Schrauf 1904, 93 – 95, hier 95. 17 Zur Beurteilung der Frage, wie ‚evangelisch‘ Wien im 16. Jahrhundert war, vgl. Schweighofer 2017. 18 Vgl. Leeb 2003, 166; vgl. Loesche 1930, 56. Auch wenn es sich hierbei nicht um eine Publikation des Wormser Edikts handelte, nahm ­dieses Mandat insofern darauf Bezug, als es die Ereignisse des Wormser Reichstages von 1521 voraussetzte. Vgl. Zimmermann 1982, 117; vgl. Smets 1969 [1875], 30.

Historische Ausgangslage und ­Einbettung der Auswertung

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sollten.19 Gemäß der Ofener Ordnung vom 20. August 1527 wurde noch einmal auf den unrechtmäßigen Gebrauch der Schriften und Druckwerke hingewiesen und neben wittenbergischen nun auch schweizerisch reformierte Literatur in das Verbot einbezogen.20 In dieser Ordnung wurde auch die Erneuerung der Taufe unter den verführerischen, neuen Lehren genannt. In den Anfängen der Reformation wurden besonders Vertreter der radikalreformatorischen Strömung der Täufer verfolgt.21 Für Wien ist in ­diesem Zusammenhang der Prozess um Balthasar Hubmaier ([nach] 1480 – 1528) nennens­wert, der ähnlich wie im Fall von Tauber mit einer Hinrichtung endete, wie Georg Loesche eindrücklich schildert: Tausende […] fielen der geächteten Lehre zu. Da ließ Ferdinand den Hubmaier auf die […] Burg Kreuzenstein bei Wien schleppen, obwohl er sich zu Bitten und Zugeständnissen bereit gefunden, foltern, wie Kaspar Tauber zu Erdberg verbrennen (10. März 1528), und sein tapferes Weib, das ihm Mut zugesprochen, drei Tage danach in der Donau ersäufen. Im nächsten Jahre heischte ein Mandat (18. Mai 1529) Austilgung der Anabaptisten mit Feuer und Schwert. Streifende Rotten fahndeten auf diese ‚Verbrecher‘, die eingekerkert, auch auf freiem Felde enthauptet oder an Torsäulen aufgeknüpft wurden.22

Die Sorge darüber, dass neue Lehren überhandnehmen und die Ordnung gefährden könnten, war so groß, dass vor allem in der Frühphase der Reformation in Wien der Versuch einer sofortigen Ausrottung sektiererischer Tendenzen unternommen wurde. Dies änderte sich mit der Bedeutung, die der evangelische Glaube unter den adeligen Herren und Ritter zunehmend gewann. In den österreichischen Erblanden begannen sich die Stände sehr früh und gezielt zu formieren, sodass Ferdinand I. am 17. November 1528 ein Mandat erließ, in dem er u. a. die Übergriffe des Adels gegen kirchliche Einrichtungen und die kirchliche Gerichtsbarkeit tadelte.23 Diese und zahlreich folgende Religionsmandate konnten dennoch nicht verhindern, dass in den 1540er Jahren die Städte und der Adel unter und ob der Enns mehrheitlich zur öffentlichen Ausübung des evangelischen Glaubens übergingen.24 Auf ihr Bitten um freie Religionsausübung und das Abendmahl in beiderlei Gestalt mahnte ­Ferdinand I. vorerst keine Neuerungen oder Änderungen vorzunehmen, sondern auf ein 19 Vgl. Smets 1969 [1875], 32; vgl. Zimmermann 1982, 118. Die Hinrichtung von Kaspar Tauber im September 1524 gilt als direkte Folge des Regensburger Konvents. 20 Vgl. Zimmermann 1982, 118. 21 In der Regierungszeit Rudolfs II. war man in Wien auf die täuferischen Ingenieure angewiesen. Zwischen 1594 und 1600 wurden viele Täufer aus Mähren als Wasserbaufachleute zur Regulierung der Donauarme nach Wien bestellt. Vgl. Slezak 1966, 7; vgl. Mecenseffy 1974, 233. Zu den Täufern in Wien im 16. Jahrhundert vgl. auch Rothkegel 2017. Zur rechtlichen Stellung der Täufer im 16. und 17. Jahrhundert am Beispiel der habsburgischen Länder vgl. Winkelbauer 2007. 22 Loesche 1930, 73. 23 Vgl. Leeb 2003, 179. 24 In der Mitte des 16. Jahrhunderts bildeten die Lutheraner fast die Hälfte der Einwohner in der Stadt Wien, auch die Wiedertäufer traten wieder verstärkt auf.

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Konzil zu warten.25 Die Weisung diente weniger der Schadensbegrenzung als dem Zeitgewinn, der die Möglichkeit einräumte, Fehlentwicklungen durch einen Restaurationskurs zu kompensieren. Dieser sollte 1550 durch die Bestellung der Jesuiten nach Wien, die bald darauf eine öffentliche Schule (1554) und ein Seminar zur Ausbildung von Geistlichen (1558) einrichteten, in aller Deutlichkeit eingeschlagen werden.26 Vor ­diesem Hintergrund überraschte der Vorstoß Ferdinands I. auf einem Ausschusslandtag in Wien am 22. Jänner 1556, das Mandat mit dem Verbot des Laienkelches von 1554 außer Kraft zu setzen. Voraussetzung dafür war allerdings nach wie vor, dass die evangelischen Stände bei den Satzungen und Gebräuchen der ­Kirche bis zu einer Entscheidung auf dem Konzil blieben.27 Die Stände reagierten mit noch umfassenderen Forderungen religiöser Zugeständnisse, wie etwa jene der offiziellen Zulassung evangelischer Prediger in den Wiener Freihäusern.28 Mit seinem Ableben im Juli 1564 (sechs Jahre nach seiner Krönung zum K ­ aiser) hinterließ Ferdinand I. eine konflikt­erprobte Gesinnungsbewegung, die den Herrscherwechsel zu ihren Gunsten zu ­nutzen wusste. Durch die unentschiedene Haltung Maximilians II. (Ferdinands ältester Sohn und Nachfolger) in der Religionsfrage gelang es den Ständen, sich vom landesherrlichen ‚ius reformandi‘ weitgehend zu befreien.29 Sein eigener Hang zum Luthertum ‒ der in seiner Begeisterung zu seinem reformatorisch geprägten Hofprediger Johann Pfauser 30 zum Ausdruck kam – musste aber letztlich doch politischen Erwägungen und der Loyalität gegenüber seinem Vater F ­ erdinand weichen: „Der Politiker hat den Protestanten erschlagen, die Politik des Hauses den Sieg davongetragen.“ 31 Mit seinen ersten Verordnungen versuchte Maximilian II. zunächst noch die Kluft z­ wischen den beiden Religionsparteien zu überbrücken.32 Mit Hilfe 25 Vgl. Smets 1969 [1875], 43 – 44. 26 Vgl. ebd., 49. Die Jesuiten gingen in ihrer Arbeit sehr schematisch und überlegt vor. Sie bemächtigten sich des Bildungswesens, indem sie sich an den Universitäten festsetzten und zudem eigene Kollegien einrichteten. Sie bemühten sich ferner um eine prunkvolle Ausstattung der Prozessionen und Wallfahrten durch Fahnen, Musikbegleitung, Blumenschmuck, Fackeln und Bilder. Vgl. Herzig 2000, 85. Durch den sinnlichen Zug einer erfahrbaren Spiritualität (Wallfahrten, Reliquien, Prozessionen, u. a. m.) gelang es ihnen, alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten anzusprechen. Die Jesuiten in Wien (St. Anna und Kollegium) verzeichneten durchschnittlich 100 Bekehrungen pro Jahr (zum größten Teil Lutheraner). Zu Konflikten ­zwischen den Konfessionen kam es hauptsächlich bei Konversionen am Sterbebett. Neben Adeligen und Kranken gab es vermehrt Konversionsberichte über Offiziere, Witwen und junge Reisende (Namenslisten hierzu finden sich im Generalarchiv in Rom). Als besonders einflussreicher und für die katholische Restauration bedeutender Jesuit galt Petrus Canisius. Vgl. Peper 2010, 58 – 60; vgl. Heussi 1930 [1909], 311. 27 Vgl. Loesche 1930, 77 – 78. 28 Vgl. Stögmann 2001, 495. 29 Vgl. Herzig 2000, 9 – 10. 30 Zu Johann Pfauser vgl. Petritsch 2017. 31 Mecenseffy 1976, 46. 32 Im August 1564 ließ er in den ­Kirchen zu St. Stephan, St. Michael und bei den Jesuiten verlautbaren, dass gegen eine Abendmahlsfeier in beiderlei Gestalt keine Bedenken bestehen. Ferner gewährte er die Zulassung von evangelischen Studenten und Professoren an der Universität sowie die Möglichkeit zur Doktorwürde. Vgl. Smets 1969 [1875], 73 – 74. Für die weitere Ausbreitung des Protestantismus wirkten

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des Steuerbewilligungsrechtes und einer Finanzausgleichszahlung von 2,5 Millionen Gulden Staatsschulden gelang es den Ständen, Maximilian II . am 18. August 1568 jene Religionskonzession abzuringen, die ihnen schließlich eine freie Religionsausübung einräumte.33 Mit dem Erfolg, den die niederösterreichischen Stände durch die Konzession verbuchen konnten, ging allerdings eine Einschränkung für die Evangelischen in den Städten und Märkten einher, die von den darin enthaltenen Bestimmungen ausgeschlossen waren.34 Mit der Religionskonzession wurde allein den Herren und Rittern (samt ihrem Gesinde und den zugehörigen Untertanen) der Gebrauch der Augsburger Konfession gewährt, allerdings begrenzt auf ihren eigenen Rechtsbereich, ihre Schlösser, Häuser und Güter.35 Ihrem Wortlaut geschuldet barg die Konzession eine Reihe an unterschiedlichen Auslegungsarten, die gleichsam erprobt und wieder sanktioniert wurden.36 An die Gültigkeit der Konzession war die Herstellung einer Kirchenordnung gebunden, die Form und Inhalt des lutherischen Gottesdienstes festschreiben und auf einen Nenner bringen sollte.37 Ihre endgültige Drucklegung 1571 mündete in die ‚Religionsassekuration‘ vom 14. Jänner 1571, ­welche die ohnehin nur als Provisorium ausgefertigte Religionskonzession ersetzte. Die Wiener Protestanten wohnten nun nicht nur den für sie verbotenen Hauspredigten der Adeligen in Wien bei, sondern wichen trotz Verbot auch auf die Güter der Adeligen auf dem Wiener Umland aus, wo ebenfalls Gottesdienste sich allerdings die durch Maximilian II. vollzogene Trennung der landesfürstlichen Städte und Märkte vom Herren- und Ritterstand und die Gründung des Klosterrats 1568 (mit dem die Kontrolle der Stifte und landesfürstlichen Patronatspfarren gewährleistet werden sollte) hemmend aus. Vgl. ­Reingrabner 1981, 81. 33 Vgl. Winkelbauer 2003, Bd. 2, 57. Die evangelischen Adeligen waren davon überzeugt, dass Gott dem kaiserlichen Heer nur dann zum Sieg verhelfen würde, wenn die lutherische Religion frei ausgeübt wird und auch der ­Kaiser selbst die religiöse Praxis ablegt, die nicht dem Wort Gottes entspricht. Vgl. Zimmermann 1982, 157. 34 Harald Zimmermann betont den damit verbundenen Vertrauensbruch: „Man wird den Adeligen den Vorwurf nicht ersparen können, daß sie vor der Konzession die evangelischen Bürger im Stich gelassen hatten, um vor allem ihre eigenen Interessen zu wahren.“ ebd., 160. 35 Damit wurde ein bereits bestehender Zustand nachträglich legalisiert. In den Städten und Märkten, die unter bestimmten Gesichtspunkten landesfürstliches Kammergut darstellten, trug allein der Landes­ fürst die Entscheidungsgewalt in religiösen Fragen. Daher kamen die Evangelischen in Wien nicht in den Genuss dieser Religionsbestimmungen. Vgl. Lohn 1949, 5 – 6. In der Regierungsnachfolge von Maximilian II. machte K ­ aiser Rudolf II. die landesfürstlichen Städte und Märkte als sein Kammergut geltend und verwies damit auf ein grundherrschaftliches Verhältnis. Dem entgegen betonten die Stände, dass er lediglich über Grund und Boden, nicht aber über die Untertanen, die über ihre Häuser frei verfügen, bestimmen kann. Vgl. Scheutz 2007, 316. 36 Georg Loesche bezeichnete sie deshalb als „verklauseltes Adelsvorrecht“ und Harald Zimmermann sogar als „eines der schlimmsten Machwerke der Rechtsgeschichte“. Loesche 1930, 81; Zimmermann 1982, 171. 37 Mit der Abfassung dieser Ordnung wurden der Rostocker Professor David Chyträus und der einheimische Prädikant Christoph Reuter betraut. Das Unternehmen kam einer Zerreißprobe gleich, w ­ elche die innerprotestantischen Gegensätze erst recht zum Vorschein brachte. Zudem wurde die Agende vielfach revidiert, ehe sie vom ­Kaiser abgesegnet wurde. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Agende stellt Herbert Krimm an. Vgl. Krimm 1934.

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gefeiert wurden. Aus d ­ iesem Grund untersagte Maximilian II. alsbald die Hauspredigten in Wien und stellte den Adeligen zuerst das Haus des Landmarschalls (1574) und s­päter den großen Landhaussaal für die Abhaltung von Gottesdiensten zur Verfügung.38 In der Zeit des Landhausgottesdienstes 1575 – 1578 versuchten die evangelischen Adeligen auch das Schulwesen auszubauen. Die von den Herren und Rittern unterhaltene Landschaftsschule wurde aber zur selben Zeit wie der Landhausgottesdienst wieder aufgelassen.39 Am Ende der Herrschaft Maximilians II., der im Oktober 1576 verstarb, war der Protestantismus in Wien an seinem Zenit angelangt. Neben dem äußeren und dem inneren Rat der Stadt und dem Stadtgericht, die fast zur Gänze evangelisch waren, war auch die Hälfte der Wiener Bürger entweder offenkundig oder im Verborgenen lutherisch gesinnt.40

5.1.3 Der Höhepunkt des Wiener Protestantismus und seine Zerschlagung Da der neu zum ­Kaiser gewählte Rudolf II. seine Residenz nach Prag verlegte, ernannte er seinen Bruder Erzherzog Ernst zum Statthalter für Österreich. Der im Rahmen dieser Regierung eingeschlagene religionspolitische Kurs nach dem Vorbild Erzherzog Albrechts V. von Bayern veranlasste schon bald die Schließung des Landhausgottesdienstes (1578) und die Förderung demonstrativer, katholischer Frömmigkeit. Auf das Einsetzen der Gegenreformation antworteten die Lutheraner in Wien abermals mit einem massenhaften ‚Auslaufen‘ auf die Güter des Adels im Umland der Stadt wie etwa Hernals, Vösendorf und Inzersdorf.41 Die von Erzherzog Ernst umgesetzte „Doppelstrategie“ 42, der Ausschluss des vierten Standes von den Landtagen und die Spaltung der Bürgerschaft durch eine gezielte Vergabe von Ämtern an Katholiken, resultierte schließlich in einer Bürgerbewegung, die mit der Sturmpetition 1579 und dem sogenannten ‚Fußfall der 5000‘ (auch Kniefall) ihren Höhepunkt fand.43 Unbeeindruckt von den Forderungen, die dem Erzherzog im Zuge dessen mittels eines Bürgerlibells überreicht wurden, forderte er die Ordnung zu wahren bis sich der K ­ aiser zu Entscheidungen in der Religionsfrage durchrang. Es folgten Strafen für die Unterzeichner des Bürgerlibells und s­ päter auch gegen die übrige Wiener Bürgerschaft, wenngleich der Großteil der politisch engagierten Protestanten in Wien unbeschadet blieb.44 Als geistlicher Berater von Erzherzog Ernst wirkte der ehemals lutherische Bäckerssohn und durch die 38 Vgl. Mayr 1955, 11. 39 Vgl. Reingrabner 1972, 321. 40 Bemerkenswert ist, dass der für die Jahre 1576 – 1578 gewählte Bürgermeister Christoff Huetstocker ebenfalls evangelisch war. Vgl. Mecenseffy 1976, 51. 41 Vgl. Stögmann 2001, 502 – 503. 42 Mayr 1954, 52. 43 Vgl. Bibl 1909, 90; vgl. Scheutz 2017. Derartige Formen des Widerstandes wurden auch in anderen österreichischen Ländern angewandt. Vgl. Strohmeyer 2005. 44 Vgl. Stögmann 2001, 503 – 511; vgl. Pradel 1972, 146; vgl. Mayr 1954, 86 – 87; vgl. Smets 1969 [1875], 97.

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Schule der Jesuiten zum Katholizismus bekehrte Melchior Khlesl, der als strenger Verfechter der Gegenreformation sämtliche Selbständigkeitsbestrebungen der Städte und Märkte zu unterbinden versuchte.45 Zahlreiche Religionsdekrete entstammen seinem Einfluss oder setzen seine Urheberschaft voraus.46 Eine Galgenfrist räumte den niederösterreichischen Protestanten in weiterer Folge der ‚Bruderzwist im Hause Habsburg‘ ein, bei dem Erzherzog Matthias mit der Unterstützung Khlesls und den anderen Erzherzögen seinen Bruder Rudolf II. letztlich mit dem ‚Vertrag von Lieben‘ (1608), in dem ihm die Herrschaft über Ungarn, Mähren und die beiden österreichischen Erzherzogtümer zufiel, in die Knie zwang. Bei der Frage nach der Erbhuldigung versuchten die österreichischen Herren und Ritter aber wiederum ihre Freiheitsforderungen in der Religionsangelegenheit geltend zu machen und schlossen sich dazu im ‚Horner Bund‘ zusammen, dessen starkes gemeinsames Auftreten schließlich in eine von Matthias mündlich erteilte Kapitulationsresolution im Jahr 1609 mündete. Harald Zimmermann sieht in ihr einen „vorläufige[n] Endpunkt des Kampfes ­zwischen den protestantischen Ständen und dem katholischen Landesfürsten.“ 47 Die Resolution bestätigte nicht nur die Konzession des Jahres 1568, sondern enthielt zudem ihre Ausweitung auf die bäuerlichen Untertanen. Die evangelischen Adeligen waren nun nicht länger gezwungen, Personen von den Gottesdiensten in den Patronatskirchen und Schlosskapellen auszuschließen.48 Darüber hinaus rangen die Stände dem neuen Landesfürsten auch das ‚Auslaufen‘ zu den lutherischen Gottesdiensten, das Anlegen eigener protestantischer Friedhöfe und das Versprechen einer einvernehmlichen Regelung von weiteren strittigen Punkten ab.49 45 Zu Melchior Khlesl vgl. Lohn 1949, 22 – 24; vgl. den Eintrag von Hugo Altmann in Bautz/Bautz 1992, Bd. 4, 42 – 45; vgl. Mecenseffy 1956, 86 – 89; vgl. Loesche 1930, 100 – 101; vgl. Smets 1969 [1875], 215 – 216. 46 So etwa das kaiserliche Dekret von 1585, das an alle landesfürstlichen Städte erging und nur jenen das Bürgerrecht gewähren sollte, die sich bereit erklärten, der weltlichen Obrigkeit in weltlichen und geistlichen Belangen zu gehorchen. Das Dekret brachte zum Ausdruck, dass in der Stadt fortan jedweder vom katholischen Glauben abweichende Gottesdienst verboten war. Jedem, dem das ‚Auslaufen‘ oder die Inanspruchnahme fremder Seelsorge nachgewiesen werden konnte, sollte zunächst verwarnt, sodann mit zweiwöchigem Arrest bestraft und schließlich des Landes verwiesen werden. Die Durchführung ­dieses Dekrets sollte durch die Reformationskommissionen gesichert werden, deren Direktor Khlesl 1590 selbst war. In seiner Funktion als Generalreformator visitierte er in den 1590er Jahren 22 niederösterreichische Städte und Märkte. Er predigte, spendete das Altarssakrament und forderte Reversausstellungen unter Androhung des Landesverweises ein. Solange es die Landhauskirche gab und solange die Prediger der Adeligen in den Freihäusern ihre Gottesdienste abhielten, stellte das ‚Auslaufen‘ kein Problem dar. Spätestens aber mit der Ausweisung des bedeutenden Landhauspredigers Josua Opitz setzte diese Praxis nachweislich wieder ein. Vgl. Stögmann 2001, 515 – 516; vgl. Mecenseffy 1956, 86 – 89; vgl. Lohn 1949, 32. 47 Zimmermann 1982, 197. 48 Die katholischen Stände, ­welche die ‚Kapitulationsresolution‘ nicht anerkannten, weigerten sich, das im Zuge dessen eingesetzte unparteiische Gericht zu beschicken. Vgl. Westmüller 1965, 158. 49 Mit der Kapitulationsresolution trat der Protestantismus erneut in voller Blüte zu Tage. Vor allem das ‚Auslaufen‘ wurde mehr denn je wahrgenommen. Seit dem 1. Mai desselben Jahres waren die

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Mit dem Tod von ­Kaiser Matthias im Jahr 1619 war die Galgenfrist beendet und der Untergang des Wiener Protestantismus besiegelt. Als Antwort auf den Regierungsantritt von Ferdinand II. kam es zur Formierung einer Konföderation ­zwischen den protestantischen österreichischen Ständen und den aufständischen Ständen der böhmischen Länder, w ­ elche die Nachfolge Ferdinands von Steiermark nicht anerkennen wollten und den Kurfürsten ­Friedrich V. von der Pfalz zum König von Böhmen wählten.50 Historische Bedeutung erlangte in ­diesem Zusammenhang der 11. Juni 1619 mit der ‚Sturmpetition‘.51 Die Erbhuldigung, die von den katholischen Ständen kompromisslos geleistet wurde, suchten die evangelischen Stände wiederum an politische und religiöse Forderungen zu knüpfen. Auf das Entgegenkommen in einer Resolution vom 28. Mai 1620 über das Zugeständnis der augsburgischen Glaubensausübung unter der Bedingung der Auflösung der Konföderation ließ sich ein Teil der Adeligen immer noch nicht ein und beschloss nur dann zu huldigen, wenn der K ­ aiser die Konföderation mit den Böhmen bestätigt.52 Die Aufständischen wurden noch vor der Schlacht am Weißen Berg (November 1620), die sich zugunsten der katholischen Vormachtstellung entschied, des Hochverrats schuldig gesprochen, geächtet und ihrer Güter verlustig erklärt.53 Jene Familien, die sich nicht am böhmischen Aufstand beteiligten, behielten nach 1620 das Recht, ihren Glauben im Rahmen von Familienandachten und öffentlichen Gottesdiensten im Ausland auszuüben.54 Das Generalmandat von 1627 aber versetzte der Schlosskapellen von Inzersdorf, Rodaun und vor allem Hernals wieder geöffnet. Vgl. Mayr 1954, 58. 50 Vgl. Eder 1949, 344. 51 Die Geschichten, die sich um d ­ ieses Ereignis ranken, gelten längst als historisch unhaltbar. Die Absicht, den König in ein Kloster zu verfrachten, seine Kinder dem katholischen Glauben zu entziehen und Blutgericht über die geheimen Räte unter den böhmischen Waffen zu halten, lässt sich nicht ausreichend belegen. Überlieferungen zufolge soll Andreas Freiherr von Thonrädl den ­Kaiser selbst am Knopf seines Obergewandes gepackt haben und ‚Gib dich Nandl‘ oder ‚Nandl, willst unterschreiben?‘ gesagt haben. Vgl. Loesche 1930, 113; vgl. Smets 1969 [1875], 179; zur ‚Sturmpetition‘ vgl. Völker 1936; vgl. Kretschmer 1978. 52 Vgl. Loesche 1930, 114 – 115. 53 Vgl. Eder 1949, 344; vgl. Stögmann 2007, 277. Böhmen wurde daraufhin gewaltsam rekatholisiert, ebenso die Oberpfalz (sie kam an Bayern) und die Rheinpfalz. Vgl. Heussi 1930 [1909], 320 – 321. Schon vor 1620 und der maßgeblichen Entscheidung der Schlacht am Weißen Berg war allerdings eine konfessionelle Verschiebung des Adels hin zur katholischen Konfession bemerkbar. Vgl. Peper 2010, 50. 54 Die Grundbestimmung der ‚Devotio Domestica‘, ­welche gleichzeitig die geringste Stufe der Toleranz (neben dem Privatgottesdienst und dem öffentlichen Gottesdienst) im Rahmen des Westfälischen Friedens darstellte, beinhaltete die Erlaubnis zur privaten Hausandacht ohne Teilnahme eines Geistlichen. Damit waren das Singen und das Beten in der eigenen Wohnung und im Kreis der Familie gemeint. Die Möglichkeit der Ausdehnung dieser Grundbestimmung mit weiteren Rechten bestand in Hinblick auf den Besuch eines Geistlichen im Krankheits- bzw. Sterbefall und zu besonderen Anlässen, in Hinblick auf die Gottesdienstfeier gemeinsam mit anderen Familien, aber auch hinsichtlich der Einstellung von gleichkonfessionellen Dienstboten und deren Teilnahme am Hausgottesdienst und in Bezug auf evangelische Literatur. Vgl. Peper 2010, 50 – 51; vgl. Gutkas 1984, 132 – 133. Um 1650 lebten etwa 30 adelige protestantische Familien aus dem Ritterstand und 40 aus dem Herrenstand in Niederösterreich. Auf ihren Besitzungen und an der Grenze zu Ungarn lebten einige Zehntausend evangelische Untertanen. Mark Hengerer folgert daraus: „Die landesfürstlichen Verordnungen zur Gegenreformation prallten

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öffentlichen evangelischen Glaubensausübung letztlich den Todesstoß, indem nicht nur die Abschaffung aller evangelischen Prediger und Lehrer aus Niederösterreich, sondern auch ihre katholische Nachbesetzung binnen sechs Wochen angeordnet wurde.55 Die Niederschlagung des Aufstandes der protestantischen Stände wirkte sich auch auf die Wiener Bürgerschaft aus, denen eine viermonatige Frist zur Konversion eingeräumt wurde, nach deren Ablauf wiederum der Landesverweis drohte.56 Besonders wurde das Schattenkabinett der ‚Sechzehner‘ zur Verantwortung gezogen, welches das Wiener Stadtregiment im Falle des Sieges der protestantischen Adeligen in die Hand nehmen sollte. Sie behielten zwar das Bürgerrecht, wurden aber 1623 aus dem Rat entfernt und mit der Konfiskation ihres halben Vermögens bestraft.57 Die Folge dieser Enteignung war eine konfessionelle Umverteilung der Hausbesitzungen in Wien, die weit über den Kreis der ‚Sechzehner‘ hinausging.58 Die dadurch angestoßene Emigrationswelle ging mit einer gezielten Ansiedlungspolitik von Ordensleuten einher, die gegenreformatorisch geprägt waren (Franziskaner, Jesuiten, Paulaner, Barnabiten).59 Nachdem nun „die Führungsspitze des Wiener Protestantismus […] entweder durch Emigration oder durch Assimilation gekappt [war], [und] Schlupflöcher […] aufgrund der gegenreformatorischen Maßnahmen und des Denunziationsnetzes zunehmend gestopft“ 60 wurden, konnte Ferdinand III. (seit 1637 Landesfürst von Österreich) als Nachfolger seines Vaters die Gegenreformation zu Ende führen. Um 1650 verdichteten sich, bedingt durch den Abzug der schwedischen Besatzungen aus Böhmen und Mähren und der Aufarbeitung der Kriegsschäden, die Maßnahmen zur Rückführung der Protestanten von Seiten der Regierung erneut.61 1652 ordnete Ferdinand III . auf Basis von zwei Generalmandaten die Bildung von Kommissionen für jedes Landesviertel sowie für Wien und seine Vorstädte an. Ihre Aufgabe bestand darin, die vom katholischen Glauben Abgefallenen in den Schoß der ­Kirche zurück zu führen.62 am Rückhalt der Grundherren und der von ihnen gestützten lokalen Autoritäten weitgehend ab.“ Hengerer 2012, 292. 55 Vgl. Smets 1969 [1875], 207. 56 Die genaue Anzahl jener Emigranten ist nicht dokumentiert, allerdings sind rund 250 Personen mit Namen genannt. Vgl. Stögmann 1995, 17. 57 Vgl. Stögmann 2007, 233. 58 Von dem Einstandsprivileg, das dem Magistrat die Erlaubnis einräumte, protestantische und nichtbürgerliche Häuser an Bürger zu verkaufen, die nach neuem Recht das katholische Bekenntnis ablegen mussten, waren besonders auch die Niederleger betroffen. Vgl. Stögmann 2001, 534 – 535. 59 Vgl. Scheutz 2009c, 210. 60 Ebd., 211. 61 Vgl. Mecenseffy 1956, 184. 62 Das erste der beiden Mandate war an die Landesbewohner adressiert und erinnerte daran, dass die Befehlsgewalt in Religionsfragen beim Landesherrn lag und jeglicher Ungehorsam eine Strafe nach sich zog. Ausgenommen war hiervon der einheimische Adel, nicht aber seine lutherischen Bediensteten. Das zweite Mandat kündigte Visitationskommissionen an. Vgl. Schreiber 2011, 32. In Wien ging die Reformationskommission so vor, dass ‚Akatholiken‘ in regelmäßigen Abständen an einen bestimmten Ort zitiert wurden, um über ihren Bekehrungsfortschritt Auskunft zu geben. Hierzu wurden den

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Man wollte die Menschen im Land behalten, freilich als Katholiken. Ziel sollte nicht die Verdrängung und Auswanderung sein […], sondern die Bekehrung. Daher setzte man auf eine länger dauernde Beeinflussung, also auf die Arbeit der Reformationskommissionen, deren erste 1652 eingesetzt und deren letzte noch 1675 bestätigt wurde. Die eigentliche Bekehrungsarbeit war jedoch ‚Missionaren‘ übertragen, die angesichts der Unzulänglichkeiten des Pfarrnetzes die weithin überforderten Pfarrer davon entlasten sollten, wobei ihnen ein gut ausgebautes Spitzelwesen zur Hilfe kommen sollte.63

Die protestantische Minderheit, die sich jetzt noch in der Residenzstadt aufhielt, speiste sich aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten.64 Einer Schätzung des Wiener Bischofs ­Philipp Friedrich Graf Breuner zu Folge sollen sich um 1650 immerhin noch 25.000 Protestanten in Wien aufgehalten haben (bei einer weit überschätzten Einwohnerzahl von 150.000). 1761 spricht man von ca. einem Prozent gemessen an der Gesamtbevölkerung von rund 200.000.65 In der Großstadt Wien war also trotz erfolgreicher Gegenreformation keine katholische Monokonfessionalität möglich. Die katholische Konfessionalisierung fand in der Realität ihre Grenzen. Städtisches Leben in einer wachsenden Metropole war ohne die Angehörigen anderer Konfessionen einfach nicht möglich. Der ständige Zuzug anderskonfessioneller Personen in die prosperierende Stadt konnte in der Praxis nicht kontrolliert werden. Sehr wohl konnte aber die katholische Monokonfessionalität als politischer Anspruch und als Ausdruck des staatlichen Selbstverständnisses nach außen hin demonstriert werden.66

Wenn auch die katholische ‚Konfessionalisierung‘ insgesamt erfolgreich war, bedeutete dies nicht, dass jegliches evangelisches Leben in Wien zur Mitte des 17. Jahrhunderts vollständig von der Bildfläche verschwunden war. Die unterschiedlichen Formen evangelischer Kommissaren in den jeweiligen Vierteln Listen übermittelt. Vgl. Stögmann 2001, 551 – 556. Im März 1652 lag für Wien eine Liste vor, die 537 ‚unkatholische‘ Personen erfasste. Vgl. Mecenseffy 1956, 212. Als die Kommission nach einer dreijährigen Schaffenszeit Bilanz zog, waren 193 Konversionen verzeichnet. 155 weitere Personen haben die Stadt verlassen und in 22 Fällen hielt man noch an einer Konversion fest. Bei 112 Personen war diese Hoffnung bereits erloschen, 22 durften in ihrer protestantischen Gesinnung bleiben und 33 waren verstorben. Für jene, bei denen keine Hoffnung mehr Bestand, ordnete Ferdinand III. die Ausweisung an. Bis zum Jahr 1656 wurde die Tätigkeit der Reformationskommission fortgesetzt und intensiviert. Juden blieben von dieser Religionspolitik weitgehend unbehelligt. Vgl. Hengerer 2012, 296. 63 Reingrabner 2007, 393. 64 Neben Niederlegern residierten auch Handwerker in Wien, die sich aufgrund landesfürstlicher Privilegien zum Teil auch dauerhaft niederließen. Eine nicht zu vernachlässigende Gruppe bildeten ferner Angehörige von Reichsinstitutionen wie etwa dem kaiserlichen Heer und dem Reichshofrat. Weiters zählten auch Diplomaten, Besucher aus dem Ausland, Nachkommen von adeligen Emigranten, Agenten, Künstler, Dienstboten und andere zu dieser Minderheit. 65 Vgl. Peper 2010, 55; vgl. Scheutz 2009c, 211. 66 Leeb 2017c, 261.

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Vergemeinschaftung zeugen von einer immer noch lebendigen Konfessionskultur, die in Wien bis zur Toleranzgesetzgebung nachweisbar ist.67

5.1.4 Zusammenfassung Seit dem Einsetzen der Reformation in Wien waren auch gegenläufige Kräfte am Wirken. Mit dem Ziel, die Bewegung im Keim zu ersticken, erklärt sich auch das harte Strafmaß für die Rezeption der neuen Lehre, gerade in der Anfangszeit. Mit der Verfolgung evangelischer und radikalreformatorischer Strömungen, die besonders durch die Hinrichtung Taubers und Hubmaiers Eingang in die Geschichte fanden, sollte vor allem ein Exempel statuiert und zur allgemeinen Ordnung gemahnt werden. Dass sich die Reformation trotzdem gut in Wien festsetzen konnte, lag hauptsächlich daran, dass sich der niederösterreichische Adel für die neue Lehre begeistern ließ und die habsburgischen Regenten vor allem in Hinblick auf Steuerleistungen und Erbhuldigungen von ihnen abhängig waren. Zurecht galten die Stände als die eigentlichen Träger der Reformation. Ohne ihr entschlossenes Auftreten hätte sich der evangelische Glaube nicht in dieser Weise in Österreich verbreiten können. Vor allem in der Regierungszeit Ferdinands I., mehr aber noch unter Maximilian II., konnte der neue Glaube florieren. Ein Meilenstein des Protestantismus wurde durch den niederösterreichischen Adel mit der Religionskonzession von 1568 und der darauffolgenden Religionsassekuration von 1571 unter Maximilian II . errungen. Die darin begründeten Richtlinien für die Glaubensausübung bildeten gleichsam einen vorläufigen Höhepunkt des niederösterreichischen und Wiener Protestantismus. Wenngleich diese Regelung den Ständen weitgehende Religionsfreiheit einräumte, verursachte sie auch eine scharfe Trennung ­zwischen dem Adel und Bürgern Wiens, da zweitere von den Bestimmungen ausgeschlossen waren. Die Bürger und vielfach auch Stadtbewohner ohne Bürgerrecht ließen sich angesichts der Konzession aber nicht davon beirren, die Gottesdienste des Adels auf den umliegenden Gütern oder den für kurze Zeit eingerichteten Landhausgottesdienst in Wien zu besuchen. Eine besondere Rolle in der Bekämpfung des ‚Auslaufens‘ nahm Melchior Khlesl ein. Gemeinsam mit den Jesuiten, die eine zentrale Rolle in der katholischen Restauration einnahmen, gelang es ihm, das evangelische Glaubensexerzitium zurückzudrängen. Mit Rudolf II. verlor die ‚Religionskonzession‘ bzw. ‚Assekuration‘ sehr bald ihre Gültigkeit. Unter Erzherzog Ernst im Amt des Statthalters formierte sich in weiterer Folge eine 67 Besonders greifbar wird diese Konfessionskultur im 18. Jahrhundert am Beispiel der dänischen, schwedischen und niederländischen Gesandtschaftskapelle. Vgl. Steiner 2021. Zu den Gottesdienstbesuchern zählten neben den Gesandten und ihrer Belegschaft auch die in Wien weilenden Diplomaten, Reichshofräte, Niederleger, sogar Handwerker und Fabrikarbeiter. Die Gesandtschaftsprediger waren pietistisch geprägt und darum bemüht, das evangelische Gemeindeleben in Wien entsprechend umzugestalten. Vgl. Scheutz 2017, 249. In der Öffentlichkeit sichtbar wird das evangelische Leben zudem durch die evangelischen Begräbnisse am Friedhof vor dem Schottentor.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Bürgerbewegung, die vehement aber letztlich vergebens versuchte, Genehmigungen zur Glaubensausübung zu erwirken. Die Frage nach der Erbhuldigung seines Nachfolgers wirkte sich im Nachhall des ‚Bruderzwists im Hause Habsburg‘ für die evangelischen Stände hingegen wieder günstig aus. Es gelang ihnen, ihre schon einmal errungene Religionsfreiheit in der ‚Kapitulationsresolution‘ von 1609 wieder zurückzufordern. Mit der Sicherung dieser Zugeständnisse entstand erneut ein reges evangelisches Leben unter den Wienern, die sich verstärkt wieder im ‚Auslaufen‘ betätigten und die eventuellen Strafen dafür in Kauf nahmen. Ein gewichtiger Schritt in die entgegengesetzte Richtung erfolgte mit dem Herrschaftsantritt Ferdinands II., der mit seiner Treue zum katholischen Glauben allein in der Auseinandersetzung mit der Konföderation der Stände zu Zugeständnissen in der Religionsfrage bereit war. Infolge des Sieges in der Schlacht am Weißen Berg stützte er seine protestantenfeind­ liche Politik mit dem Generalmandat von 1627, mit welchem die evangelische Glaubensausübung offiziell aus der Öffentlichkeit verbannt wurde. Reformationskommissionen sollten diese Bestimmungen einerseits sanktionieren und die Protestanten andererseits zum ‚wahren Glauben‘ zurückführen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war das evangelische Leben in den habsburgischen Erbländern auf die Praxis des Krypto- und Geheimprotestantismus geschrumpft. Die (legale) evangelische Glaubensausübung beschränkte sich in weiterer Folge auf die Gottesdienste in den Gesandtschaftskapellen, die den Gesandtschaften selbst und wenigen privilegierten Personengruppen vorbehalten waren. Abschließend kann festgehalten werden, dass die Zeit vom Einsetzen der Reformation bis hin zur Mitte des 17. Jahrhunderts für den evangelischen Glauben in Wien von einem ständigen Auf und Ab geprägt war. Mit der Abwanderung und Konversion des evangelischen Adels glätteten sich die Wogen in ­diesem Kräftemessen. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts fand die evangelische Glaubensausübung bis in das Jahr der Toleranzgesetzgebung 1781 vorrangig im Geheimen statt. Erst vor dem Hintergrund des religionspolitischen Spannungsfeldes der Zeit gewinnen die evangelischen Sterbeeinträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen besondere Bedeutung. Die darin erfassten Personen entstammen unterschiedlichen sozialen Schichten und weilen kurzfristig oder dauerhaft, jedenfalls aber mit einer offiziell bekannten und als solchen vermerkten evangelischen Konfessionszugehörigkeit, in Wien.

5.2 Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials 5.2.1 Zum Untersuchungsgegenstand Ein wichtiger Forschungsertrag der vorliegenden Untersuchung ist die Neudarstellung einer umfangreichen Quelle unter Berücksichtigung eines besonderen Kriteriums: Erstmals werden die Wiener Totenbeschauprotokolle unter dem Gesichtspunkt der evangelischen Konfession in d ­ iesem Ausmaß ausgewertet. Mit der medialen Übertragung des Datenmaterials

Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials

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in eine ‚Microsoft Excel‘-Tabelle wird eine normierte und systematisierte Aufbereitung der evangelischen Sterbeeinträge unternommen, die weiteren Forschungsarbeiten zur Verfügung steht. Der Untersuchungszeitraum, in dem die Quelle mit eben d ­ iesem Filter betrachtet wird, endet am religionspolitischen Scheidepunkt der Toleranzgesetzgebung, vor dem ein geringer aber in vielerlei Hinsicht wichtiger Bevölkerungsanteil der Stadt Wien durch einen gemeinsamen konfessionellen Makel geeint war. Zu einem wesentlichen Charakteristikum der Quelle zählt, dass sie als amtliches Erfassungsinstrument Vertreter dieser Gruppe offiziell mit ­diesem Makel erfasst.68 Dies stellt insofern eine Besonderheit für den Untersuchungszeitraum dar, als im katholisch habsburgischen Wien das evangelische Glaubensexerzitium mit allen Mitteln unterbunden wurde. Unter diesen Voraussetzungen ist es beachtlich, dass der Anteil der evangelischen Sterbeeinträge in den Sterbejahren, in denen sie im Untersuchungszeitraum aufscheinen, durchschnittlich bei 0,4 % liegt. Unter Berücksichtigung kollektivbiographischer Kriterien erscheint es legitim, die in den Totenbeschauprotokollen erfassten Evangelischen als Gruppe anzusehen und in der gegenständlichen Auswertung als ­solche zu behandeln.69 Als diese Gruppe konstituierend gelten alle Einträge, die ab dem Beginn des erhaltenen Quellenbestandes bis in das Jahr der Toleranzgesetzgebung (1648 – 1781) mit dem Vermerk ‚Evangelisch‘, ‚Evangelische Religion‘, ‚AB Evangelische Religion‘, ‚Lutherisch‘, ‚Lutherische Religion‘, ‚Calvinisch‘, ‚Calvinische Religion‘, ‚Reformiert‘ und ‚Reformierte Religion‘ markiert sind. Unter den insgesamt 1.352 Einträgen, für die dies zutrifft, finden sich 14, deren Aufnahme in die Untersuchung separat begründet werden muss: In den Sterbeeinträgen von Georg Friedrich Freiherr von Steinberg (07. 06. 1765 [Nr. 835])70 und Heinrich von Harttenberg (01. 02. 1766 [Nr. 851])71 sind die Konfessionsvermerke mangelhaft und daher unzureichend. Aus dem Index der verstorbenen ‚unkatholischen Personen‘, der am Beginn des Totenbuches zu finden ist, geht jedoch deutlich hervor, dass beide evangelisch waren. Bei Theodor von Moll (28. 05. 1752 [Nr. 407])72, Hermann Carl Schmidt (02. 09. 1753 [Nr. 450])73, Veit Hagen (26. 07. 1760 [Nr. 679])74, Johann Jakob Christoph Chemnitz (10. 11. 1762 [Nr. 755])75, Philipp Carl Otto von Werthmüller (31. 03. 1770 [Nr. 956])76, Regina Stein (08. 02. 1771 [Nr. 976])77, Johann

68 In Bezug auf eine ausführliche Quellenanalyse vgl. Kapitel 2 Analyse der Quelle im Kontext ihrer gesundheitspolitischen Einbettung. 69 Vgl. Kapitel 1.1.2 Der prosopographische Ansatz als Quellenzugriff. 70 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 59, lit. S, fol. 35r. Die Nummernangaben zu den verstorbenen Personen (siehe eckige Klammer) verweisen jeweils auf den Listeneintrag in Anhang 1, der via Internet-Link online zugänglich ist. 71 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 60, lit. H, fol. 4v. 72 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. M, fol. 2v. 73 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. S, fol. 75v. 74 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 54, lit. H, fol. 21r. 75 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. CGK, fol. 65v. 76 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 64, lit. W, fol. 8v. 77 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. S, fol. 9r.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Wilhelm von Hemeling (17. 04. 1773 [Nr. 1055])78, Klara Hönig (19. 04. 1774 [Nr. 1103])79 und Sigmund von Kerekes (05. 09. 1781 [Nr. 1351])80 fehlen die Konfessionsvermerke in den Sterbeeinträgen gänzlich. Auch ihre Aufnahme in die vorliegende Untersuchung wird durch entsprechende Indexeinträge in das akatholische Verzeichnis am Beginn des Totenbuches gestützt. Derselbe Fall liegt bei Johanna Maria Saphier (31. 07. 1753 [Nr. 445])81 vor, allerdings ist das besagte Verzeichnis hier erst am Ende des Bandes zu finden.82 Ihr Sterbeeintrag verweist zudem dezidiert und mit Angabe der Folio-Nummer auf den Sterbeeintrag von Clara Saphier (04. 09. 1753 [Nr. 451])83, der den Konfessionsvermerk berücksichtigt. Die Konfessionszugehörigkeit von Henrietta Schell (10. 12. 1777 [Nr. 1261])84 und Susanna Hickmann (23. 11. 1776 [Nr. 1223])85 lautet ausdrücklich ‚katholische Religion‘, ein Vermerk, der vor dem Hintergrund der Erfassung über einen ‚evangelischen‘ und einen ‚reformierten‘ Ehemann naheliegend erscheint. Die konfessionelle Kennzeichnung der Ehemänner in den Sterbeeinträgen und deren Berücksichtigung im Verzeichnis der nicht katholisch Verstorbenen rechtfertigt ihre Aufnahme in die Untersuchung.86 Ohne dieselbe gingen auch die biographischen Daten der Ehemänner verloren, die für die Beantwortung der ­Forschungsfragen wichtig sind. Als Hausvorstände sind sie es, die mit ihren Berufen, mit ihrem sozialen Stand und zeitweilig auch mit ihren Wohn- und Anstellungsverhältnissen in den Sterbeeinträgen ihrer Angehörigen miterfasst werden, wenngleich sie selbst nicht zwangsläufig im Untersuchungs­zeitraum verstorben sind oder selbst Eingang in die Wiener Totenbeschauprotokolle finden. Wenn ein wesentliches Ziel dieser Untersuchung in der Auswertung aller evangelisch markierten 78 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. H, fol. 24v. 79 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 68, lit. H, fol. 25r. 80 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 78, lit. CGK, fol. 74v. 81 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. S, fol. 68v. 82 Das Register der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen von Bd. 49 ist im Mikrofilm nicht enthalten. Im Totenbuch selbst findet es sich z­ wischen den Registern der vom Stadtgericht beschauten Verstorbenen und der verstorbenen unehelichen Kinder. Von fehlenden Folioblättern im Mikrofilm sind weitere evangelische Sterbeeinträge betroffen: Die Datensätze von Georg Christoph Preindl (25. 03. 1754 [Nr. 470]), Margarethe Dorothea Schneider (24. 08. 1757 [Nr. 570]) und Bernhard Christoph Krauß (19. 02. 1760 [Nr. 662]) konnten nur über die Originalbände erschlossen werden. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. BP, fol. 7r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 51, lit. S, fol. 21v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 54 lit. CGK, fol. 7v. 83 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. QX, fol. 1r. 84 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 72, lit. S, fol. 105r. 85 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 70, lit. H, fol. 66r. 86 Verstorbene Kinder und Ehefrauen werden in der Regel über die Zugehörigkeit zum Hausvorstand erfasst. Vgl. Abb. 6: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Datensatzbeispiel. Umgekehrt ist damit zu rechnen, dass nicht ausdrücklich als katholisch gekennzeichnete Ehefrauen dem evangelischen Glauben zuzuordnen sind, wenn sie in einem ‚evangelischen‘ Sterbeeintrag aufscheinen. Im Sonderfall der evangelisch Verstorbenen Barbara Querckfellner (22. 07. 1772 [Nr. 1034]) wird ausdrücklich festgehalten, dass sie katholisch verheiratet war. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauporotkoll Bd. 66, lit. Q, fol 1r.

Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials

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Sterbeeinträge besteht, müssen folgerichtig auch im konkreten Fall von Henrietta Schell und Susanna Hickmann sämtliche Daten miteinbezogen werden. Mit der Begründung dieser Entscheidung erscheint es nun ferner legitim, von einer Darstellung evangelischen Lebens am Beispiel der Totenbeschauprotokolle zu sprechen. Wenn damit die Zahl von 1.352 Einträgen begründet feststeht, bedeutet dies dennoch nicht, dass exakt 1.352 verstorbene Personen (namentlich) verzeichnet sind. Johanna ­Christina Gronert (06. 09. 1762 [Nr. 748])87 etwa ist zusammen mit ihrem ‚unschuldigen Kind‘ ins Register aufgenommen worden. Auf diese Wendung greifen die Totenbeschreiber zurück, wenn es sich um perinatale Todesfälle handelt. Da es aber keinerlei Beschauinformationen (Beschaudatum, Sterbealter, Beschaubefund) zu dem Kind gibt, wird nur die ­Mutter in die Untersuchung aufgenommen. Ähnlich gehandhabt werden die drei Sterbeeinträge von bei der Geburt (oder kurz darauf ) verstorbenen Zwillingen, die ebenfalls jeweils nur einmal Beschauinformationen bereitstellen. Dies betrifft die Einträge von Peter und Paul Titel (29. 06. 1751 [Nr. 387])88, Johann Ernst und Johann Christian Geuß (15. 01. 1777 [Nr. 1227])89 und Christina Müller (01. 03. 1775 [Nr. 1145])90. Dass im letztgenannten Fall beide Namen auf Christina lauten, ist vermutlich einer Nottaufe geschuldet, bei der es nicht auf die Namenswahl, sondern nurmehr auf den religiösen Zweck ankam. Inwiefern es zulässig ist, totgeborene Kinder und kurz nach der Geburt verstorbene Säuglinge überhaupt als ‚evangelisch‘ Verstorbene zu titulieren, bleibt strittig. Umso plausibler erscheint es dann aber, dass die vorliegende Untersuchung die evangelischen Einträge und nicht (vorrangig) die evangelisch Verstorbenen in den Blick nimmt. Als Kriterien für einen evangelischen Eintrag gelten demnach der Konfessionsvermerk (vorzugsweise im Sterbeeintrag selbst, zeitweilig nur im Index der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen) und deutlich zuordenbare Beschauinformationen (Beschaudatum und Beschaubefund) zu den im Protokoll erfassten Personen. Die Kombination dieser Kriterien ermöglicht eine vollständige Erfassung evangelischer Spuren in der Quelle, schützt die ursprüngliche Form der Einträge auch bei ihrer medialen Übertragung, beugt der Gefahr einer fälschlichen und unzulässigen Datengenerierung vor und nimmt – weil ein besonderer Wert auf die Beschauinformationen gelegt wird – den Anspruch der Quelle selbst und ihre Bezeichnung ernst. Der 87 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. CGK, fol. 52v. 88 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 48, fol. 451v. 89 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 71, lit. CGK, fol. 5v. 90 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. M, fol. 8v. Wenn auch im Befund noch weitere Zwillings- oder Doppeleinträge aufscheinen, so handelt es sich wie im Eintrag von Samuel Gottlieb und Johann Christoph Vogtländer (18. 10. 1772 [Nr. 1042, Nr. 1043]) bereits um Kleinkinder, die mit voneinander abweichenden Beschauinformationen im Sterbeeintrag vermerkt sind. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. FU, fol. 32r. Ähnlich verhält es sich mit dem Eintrag der Geschwister von Kißlingstein (9. – 11. 10. 1758 [Nr. 611 – 613]), die im Alter von vier, sieben und elf Jahren mit unterschiedlichem Sterbealter wie auch Sterbedatum versehen sind. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. CGK, fol. 62v. Sie alle werden separat mit ihren Daten in die Untersuchung aufgenommen.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 5: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Evangelische, lutherische, reformierte und calvinische Konfessionsvermerke

Nachteil des gewählten Zugangs besteht darin, dass der Zahl nach nicht alle in der Quelle erfassten evangelischen Verstorbenen in die Auswertung gelangen und ein vernachlässigbar geringer Anteil an katholisch Verstorbenen darin enthalten ist. Im Abwägen dieser Vor- und Nachteile kann die hier getroffene methodische Entscheidung verantwortet werden. Über die im Sterberegister nachvollziehbaren Familienzusammenhänge der evangelischen Verstorbenen wird deutlich, dass die Wiedergabe des Konfessionsvermerks (wie oben aufgelistet) sowohl innerhalb der lutherischen als auch innerhalb der reformierten Konfession beliebig variiert.91 Inwiefern es bei einzelnen Verstorbenen überhaupt möglich war, die Zugehörigkeit zu einer der beiden evangelischen Konfessionen genau festzustellen, bleibt ebenso fraglich und weist auf ein Unschärfeproblem im Umgang mit der Quelle hin. Das Diagramm (Abb. 5) beschränkt sich daher auf die gebündelten Bezeichnungen ‚Evangelisch(e) (Religion)‘, ‚AB Evangelische Religion‘, ‚Lutherisch(e) (Religion)‘, ‚Reformiert(e) (Religion) und Calvinisch(e) (Religion)‘.

91 Da es sachlich keinen Unterschied macht, ob jemand mit ‚AB Evangelische Religion‘ oder ‚Lutherisch‘ bzw. mit ‚reformiert‘ oder ‚calvinisch‘ im Protokoll vermerkt wird, muss dieser Umstand nicht näher berücksichtigt werden.

Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials

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In rund 91 % der Einträge gibt der Befund selbst keine Auskunft über die augsburgische oder helvetische Konfessionszugehörigkeit, sondern weist die Verstorbenen allgemein als ‚Evangelische‘ aus. Der Eintrag von Reiterknecht Johann (13. 10. 1772 [Nr. 1039])92, in welchem der Vermerk ‚Evangelisch‘ durchgestrichen und mit ‚Reformierte Religion‘ korrigiert wurde, kann allerdings ein Indiz dafür sein, dass der Ausdruck ‚Evangelisch‘ in den Totenbeschauprotokollen auf das augsburgische Bekenntnis verweist. Dies erklärt dann auch den vorliegenden Befund, dass jenen 5 %, die ausdrücklich als reformiert oder calvinisch geprägt ausgewiesen werden, nur 3 % dezidiert augsburgische bzw. lutherische Einträge gegenüberstehen.93 Darüber hinaus weisen die punktuell in den Einträgen vermerkten Herkunftsangaben darauf hin, dass die lutherische Prägung gegenüber der calvinischen in den Sterbeeinträgen bei weitem überwiegen muss. Entgegen der Begriffsunterscheidung, w ­ elche die Quelle hier vorgibt, werden im Folgenden alle diese Bezeichnungen als die evangelischen Einträge bezeichnet.

5.2.2 Zur statistischen Verarbeitung der Datensätze Die für die gegenständliche Auswertung vorliegende ‚Urliste‘ umfasst 1.352 statistische Einheiten (n=1.352). Sie bildet gleichsam die Rohwerttabelle mit der im Folgenden gearbeitet wird. Weil die aus dem Quellenbestand erhobene Anzahl an evangelischen Einträgen im für diese Untersuchung gezogenen zeitlichen Rahmen den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, liegt mit dem erhobenen Datenmaterial keine Stichprobe, sondern eine Voll- bzw. Totalerhebung vor.94 Damit ist nun auch angedeutet, dass die Anwendung konkreter statistischer Methoden hier vorrangig der Informationsverdichtung dient und deshalb überwiegend Werkzeuge der deskriptiven Statistik zum Einsatz gelangen. Ihr Ziel ist die übersichtliche Aufbereitung von umfangreichem Datenmaterial etwa mittels graphischer Darstellungen und Tabellen oder mittels sogenannter Kenngrößen (Parameter).95 Hinsichtlich der Interpretation des erhobenen Datenbestandes gilt es weiters, unterschiedliche Merkmalkombinationen anzustellen und auf ihren Zusammenhang hin zu prüfen. Mit dem Sterbeeintrag von Wilhelm Friderich Praag zeigt das Datensatzbeispiel in Abb. 6 eine für die Untersuchung typische statistische Beobachtungseinheit, in welcher der 92 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. R, fol. 31v. 93 Der in Abb. 5 verbleibende geringe Anteil von rund 1 % entfällt auf Einträge, bei denen das Konfessionsmerkmal mangelhaft vermerkt wurde oder fehlt, jedoch durch Rückschlüsse quellenimmanent rekonstruiert werden kann. 94 Da ab dem Jahr 1707 von einer annähernd vollständigen Erfassung der Sterbefälle in Wien und den Vorstädten ausgegangen werden kann, wird dies ebenso für die offenkundig evangelische Teilpopulation vorausgesetzt. Vgl. Trawnicek 2003, 104. 95 Vgl. Bosch 1999 [1996], 1. Die induktive Statistik hingegen erstellt Prognosen und Modelle auf der Grundlage von repräsentativen Stichproben in Hinblick auf eine Grundgesamtheit. Bei der Frage nach der Aussagekraft von durch Zufallseinflüssen entstandenem Datenmaterial bedient sich die schließende Statistik Verfahrensweisen aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Vgl. Lehn/Wegmann 2006 [1985], 107.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 6: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Datensatzbeispiel. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. BP, fol. 26r

Hausvorstand (sein Vater Johann Georg) als Merkmalsträger fungiert.96 Für jeden einzelnen ­Merkmalsträger (i=1, 2, …, n) können in der Regel sieben unterschiedliche Merkmale mit je unterschiedlichen Merkmalsausprägungen (Beobachtungsergebnis x i) festgestellt werden.97 Die im Datenmaterial enthaltenen Merkmalsausprägungen, die den einzelnen Merkmalen zugeordnet werden, lassen darüber hinaus Schlüsse beispielsweise auf die Sexualproportion oder das Stadt-Vorstädte-Verhältnis zu. Für die mehrheitlich qualitativen Merkmale wie Name ([„Praag Joh: Georg, […] sein Kind Wilhelm Friderich“), Beruf/Stand („ein Kutscher beym schwedisch Gesandten“), Wohn- und/oder Beschauort („ist in d. Josephstadt in Hofmanischen Haus“), Todesursache („an der Gedärmfrais beschaut worden“) und Konfession („Evangl: Religion“) gilt, dass die Merkmalsausprägungen nur verbal beschrieben und nicht in Maßeinheiten gemessen werden können.98 Es handelt sich hierbei um diskrete Merkmale, da die unterschiedlichen Ausprägungen anders als bei stetigen Merkmalen nicht fließend ineinandergreifen bzw. ineinander übergehen.99 Abhängig vom jeweiligen Merkmalstyp ist auch die Zuordnung der Merkmalsausprägungen in unterschiedliche Werte, die sogenannte ‚Skalierung‘. Sie ist notwendig, damit die einzelnen Ausprägungen auf Basis derselben Kriterien angegeben und gemessen werden können. Da bei den genannten Merkmalen allein die Verschiedenheit der Ausprägungen aber keine Rangordnung ausgedrückt werden können, finden sich diese auf dem niedrigsten Messniveau, der Nominalskala.100 Auf dem nächst höheren Messniveau, der Ordinalskala, 96 Die Begriffe ‚Datensatz‘ und ‚Sterbeeintrag‘ werden im Folgenden synonym verwendet. 97 Weitere Merkmale, die nicht konsequent in den Datensätzen geführt werden, sind Titulation und Anrede, Anstellungsverhältnis und Herkunfts- oder Geburtsort. Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werden auch diese Merkmale bei den jeweiligen Auswertungsschwerpunkten berücksichtigt. 98 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. BP, fol. 26 r. Wenn auch diesen Ausprägungen zumindest formal Zahlen zugeordnet werden können, so bleibt trotz der formalen Quantifizierung das Merkmal selbst qualitativ. Vgl. Bosch 1999 [1996], 3. 99 Vgl. ebd., 4. 100 Die Messniveaus legen die Möglichkeiten der Berechnungen fest und bilden so die Grundlage jeder Statistik.

Vorbemerkungen zur statistischen Auswertung des Datenmaterials

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liegt das Sterbe- bzw. Beschaudatum (ab 1752 auch der Todeszeitpunkt), denn hier können die Merkmalsausprägungen bereits in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden.101 Wenn auch diese Kalenderdaten in Zahlen angegeben werden, so sind sie dennoch nicht quantifizierbar. Es können hier weder sinnvolle Aussagen über die Abstände der einzelnen Merkmalsausprägungen getroffen werden, noch können diese Ausprägungen – wie bei der nächsten Stufe, dem Intervallskalenniveau, vorausgesetzt wird – in einfachen Rechenoperationen addiert oder voneinander subtrahiert werden. Anders aber verhält es sich mit dem Sterbealter der in den Totenbeschauprotokollen verzeichneten Personen. Die Merkmalsausprägungen ­dieses stetigen quantitativen Merkmals liegen auf der Ratioskala, der höchsten Stufe der Messniveaus. Ausschlaggebend hierfür sind die vergleichbaren Abstände ­zwischen den Merkmalsausprägungen und der sinnvolle Nullpunkt, der mit dem Merkmal selbst gegeben ist.

5.2.3 Zum Umgang mit ‚missing data‘ Da nicht jeder Datensatz für jedes Merkmal eine Merkmalsausprägung bzw. einen Wert zur Verfügung stellt, drängt sich bei der statistischen Auswertung des Materials auch die Frage nach dem Umgang mit ‚missing data‘ auf. Dahingehend muss zunächst geklärt werden, um ­welche Art von fehlenden Werten es sich handelt. Dabei geht man dem Prozess auf den Grund, der diese fehlenden Werte verursacht. An ­diesem sogenannten ‚Missingmechanismus‘ orientieren sich in weiterer Folge die Methoden, die zur Kompensation fehlender Werte eingesetzt werden können. Bei der Klassifikation fehlender Werte wird in der Statistik ­zwischen MCAR (missing completely at random), MAR (missing at random) und NMAR (not missing at random) unterschieden.102 Beim Typ MCAR fehlen Werte rein zufällig, also unabhängig von der erhobenen Variable selbst und unabhängig auch von allen anderen Variablen im Datensatz. In ­diesem Fall ist es zulässig, die fehlenden Daten einfach zu ignorieren, da die Ergebnisse der Berechnungen dadurch nicht verzerrt werden. „Der beobachtete Teil der Stichprobe kann, wenn die fehlenden Werte MCAR sind, als eine einfache Zufallsstichprobe aus der ursprünglich vollständigen Stichprobe aufgefasst werden.“ 103 Fehlende Werte nach dem Typ MAR sind unabhängig von der zu erhebenden Variable selbst, aber abhängig von anderen Variablen im Datensatz. Wird ­dieses Fehlen der Werte ignoriert, so verzerrt dies zwar die Ergebnisse der Berechnungen, nicht aber die Beziehungen ­zwischen Parametern (Regressionsanalysen, Korrelationen). Bei der dritten Kategorie NMAR ist das Fehlen von der zu erhebenden Variable selbst und von anderen Variablen im Datensatz abhängig. Das Ignorieren dieser fehlenden Werte verzerrt sowohl die Ergebnisse als auch die Beziehungen z­ wischen Parametern. 101 Das Beschaudatum ist nicht den einzelnen Datensätzen beigefügt. Der entsprechende Tag steht am Beginn der jeweiligen Tagesaufzeichnung. Gemeinsam mit den Folionummern finden sich Monat und Jahr in der Regel in den Kopfzeilen der Folioblätter. 102 Vgl. Spiess 2010, 117 – 120. 103 Ebd., 118.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Für die im vorliegenden Material fehlenden Werte gilt die erste Kategorie MCAR. Die Daten wurden im Rahmen einer sachlichen Bestandsaufnahme von amtlichen Totenbeschauern erfasst und von amtlichen Totenbeschreibern eingetragen. Es ist davon auszugehen, dass alle verfügbaren Daten festgehalten wurden und ein etwaiges Fehlen von Werten allein auf das Nichtvorhandensein von Informationen zurückzuführen ist und eben nicht mit der zu erhebenden Variable selbst oder anderen Variablen im Zusammenhang steht. Das einzige Muster, das sich diesbezüglich im Datenmaterial abzeichnet, ist der Zusammenhang von fehlenden Vornamen und Altersangaben mit der Säuglingssterblichkeit und den Totgeburten. Da dies aber nur etwa 1 % der Datensätze betrifft, wird dieser Umstand die Ergebnisse kaum verzerren.104 Aus d ­ iesem Grund wird im Folgenden von Methoden der Imputation bzw. Kompensation fehlender Werte abgesehen.105 Um die Transparenz und Stringenz der Untersuchung zu gewährleisten, werden die fehlenden Werte nicht einfach ignoriert, sondern als ‚missing data‘ ausgewiesen, sodass die Zahl (n=1.352) durch die Untersuchung hindurch (und soweit dies sinnvoll erscheint) gewahrt bleibt.

5.3 Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen Die in ­diesem Kapitel unternommenen Auswertungsschritte basieren auf jenen Merkmalen, die in ihren Ausprägungen Sterbedaten als Werte enthalten. Dabei geht es zunächst um die Frage der Sterbeverhältnisse, die mit den beiden Merkmalen Beschaudatum und Sterbealter untersucht werden. Ausgehend vom Sterbealter kann mit Hilfe unterschiedlicher Merkmalkombinationen beispielsweise analysiert werden, ob es geschlechterspezifische Unterschiede gibt oder das Stadt-Vorstädte-Verhältnis Asymmetrien aufweist.106 In weiterer Folge werden die Beschaubefunde bzw. die vom Totenbeschauer gestellten Diagnosen einer Auswertung 104 Der umgekehrte Fall, dass einem Item zwei oder mehrere Merkmalsausprägungen zugeordnet werden, findet sich wesentlich öfter in den Datensätzen als das Problem fehlender Werte. Besonders fällt dies bei den Beschaubefunden und Vornamen, aber auch bei den Angaben zum Beruf auf. 105 Auch Andreas Weigl lässt bei seiner Auswertung des Sterbejahres 1650 die fehlenden Daten unberücksichtigt und betont stattdessen eine annähernde Vollerfassung aller Merkmale. Für das Jahr 1650 hat er in seiner Untersuchung 1.668 Sterbefälle erfasst, bei denen die Angabe zum Geschlecht in 29 Fällen, die Berufs- und Standesbezeichnung in 28 Fällen und die Altersangabe in (nur) sechs Fällen fehlt. Vgl. Weigl 1998, 121. 106 Aufgrund der besonderen Zusammenstellung des evangelischen Bevölkerungsanteils und des gezogenen Untersuchungszeitraumes ist eine Auswertung der Sterbedaten nur bis zu einem gewissen Grad möglich und sinnvoll. Vor allem die in vielen Mortalitätsstudien zum Einsatz gelangenden Sterbetafeln erscheinen mit dem vorliegenden Datenmaterial nur wenig kompatibel: Die ‚Generationensterbetafel‘ nimmt eine reale Ausgangskohorte als Bezugspunkt, also die Anzahl der Lebendgeborenen eines konkreten Geburtsjahrganges in einem bestimmten geographisch abgegrenzten Gebiet, bis zu ihrem vollständigen Ableben. Die ‚Periodensterbetafel‘ nimmt eine fiktive Kohorte (in der Regel 100.000 Personen) als Ausgangspunkt und untersucht die Absterbeordnung innerhalb eines ­kurzen Zeitraumes

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

203

unterzogen. Die dabei erstellten Diagramme geben Einblick in die Zusammenhänge ­zwischen Krankheitsbildern und Geschlecht sowie Krankheitsbildern und Sterbealter. Da die Sterbeeinträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen nur Momentaufnahmen abbilden, sind die gewonnenen Daten mit Vorsicht zu behandeln. Gerade die letzte Phase des Lebens, die vielfach von Krankheit bestimmt ist, geht mit veränderten Lebensverhältnissen einher, die für den Lebenslauf einer Person nicht repräsentativ sein müssen. Selten stimmt deshalb das durchschnittliche Sterbealter auch mit der durchschnittlichen Lebenserwartung bei der Geburt überein. Nur bei einer in sich geschlossenen Bevölkerung deckt sich die durchschnittliche Lebenserwartung mit dem durchschnittlichen Sterbealter der sich künftig ereignenden Todesfälle. Aus d ­ iesem Grund wird hier weitestgehend vom Begriff der ‚durchschnittlichen Lebenserwartung‘ Abstand genommen und stattdessen der Terminus ‚durchschnittliches Sterbealter‘ verwendet.107

5.3.1 Die Sterbeverhältnisse der Evangelischen 5.3.1.1 Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum Zugunsten der Übersicht wird in Abb. 7 die Anzahl der Beobachtungswerte, die in den jeweiligen Klassen (K 1 – K 10) enthalten sind, also die absolute Klassenhäufigkeit (h j) abgebildet, die in ihrer Summe die Gesamtheit der Einträge ergibt (n=1.352).108 Das Diagramm gibt zudem jeweils Auskunft über die evangelischen Einträge in den einzelnen Jahren und deutet damit auch einen graphischen Verlauf an. Die erste und die vorletzte Klasse (K 1 und K 10) decken nur vier bzw. zwei Jahre ab und sind daher auch im Diagramm von geringerer Breite.109 Diese Maßnahme ermöglicht Fünfjahresschritte in den Klassen dazwischen und ein deutliches Ablesen von Dekaden. Weil auch die Frage der Häufigkeit der evangelischen Einträge infolge der Toleranzgesetzgebung wichtig ist, werden weitere vier Jahre (K 11) abgebildet.110 Da der Einbruch in den Zahlen der evangelischen Sterbeeinträge um das Jahr der Toleranzgesetzgebung 1781 gerade nicht für eine Konversionswelle spricht (ebenso wenig in den darauffolgenden Jahren), ist davon auszugehen, dass sich die evangelische Bevölkerungsgruppe in der Haupt- und Residenzstadt in der Regel nicht aus autochthonen Wienern speist. Ein deutlicher Anstieg der Einträge ist hingegen in den 1770er Jahren zu verzeichnen. (in der Regel drei Jahre). Sowohl die Generationen- als auch die Periodensterbetafel setzen damit Gegebenheiten voraus, die für das vorliegende Datenmaterial nicht zutreffen. 107 Vgl. Feichtinger 1973, 67; vgl. Weigl 1998, 118 – 119. 108 Die Anzahl der statistischen Einheiten aus n, ­welche die Merkmalsausprägung a j besitzen, ergibt die absolute Häufigkeit von a j und wird mit h j bezeichnet. Für die absolute Häufigkeit gilt somit: h j=h n(a j). 109 Für K 1 gilt, dass die evangelischen Einträge ausgehend vom Beginn des erhaltenen Bestandes 1648 erst im Jahr 1736 einsetzen und für K 10, dass der Untersuchungszeitraum mit dem Jahr 1781 endet. 110 Mit dem Jahr 1785 enden die in den Totenbüchern enthaltenen Indices ‚unkatholisch‘ Verstorbener.

Abb. 7: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum

204 Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

205

Inmitten dieser Dekade (1775) findet sich der Spitzenwert von 60 evangelischen Einträgen in einem einzigen Jahr. Bei den Wiener Protestanten ist das Konfessionsmerkmal erst im Jahr 1736 mit dem ersten Eintrag am 29. November zu finden.111 Allerdings folgen ­diesem Eintrag noch weitere fünf im selben Jahr. Warum die evangelischen Einträge gerade in ­diesem Jahr und an d ­ iesem Punkt einsetzen, kann mit den ‚Gravamina‘ im Zusammenhang stehen, die Fürstbischof Sigismund von Kollonitsch 1736 an den K ­ aiser richtet.112 Wenn auch die ersten Einträge schon (relativ) am Beginn von Band 39 enthalten sind, so gibt es weder eine Notiz über die Einführung d ­ ieses Konfessionsmerkmals, noch kann ein Schreiberwechsel für die Neuerung verantwortlich gemacht werden. Auffällig ist aber, dass die Zahl der Einträge gleich im darauffolgenden Jahr ihren zweithöchsten Wert im Untersuchungszeitraum erreicht. Ihren größten Einbruch hat die Verteilung im Übergang auf das Jahr 1765 mit mehr als um die Hälfte weniger Einträge als im vorangehenden Jahr. Gemessen an der jährlichen Gesamtheit aller Sterbeeinträge bleibt der evangelische Anteil in den Totenbeschauprotokollen mit durchschnittlich 0,4 % zwar beachtlich, aber dennoch verschwindend gering. Damit ist auch seine Verteilung über den Untersuchungszeitraum (zumindest ab 1736) insgesamt als stabil zu bewerten. Der evangelische Konfessionsvermerk hält demnach nicht allmählich Einzug in die Totenbeschauprotokolle, sondern setzt an einem konkreten Punkt ein und wird fortan konsequent berücksichtigt.

5.3.1.2 Verteilung der Sterbeeinträge über die Monate und Quartale eines Kalenderjahres Im Zuge der Auswertung der Sterbeverhältnisse kann auch die relative Verteilung der Einträge auf die Monate und Quartale eines Kalenderjahres aufschlussreich sein. Die jahreszeitliche Verteilung erlaubt Rückschlüsse auf mögliche witterungsbedingte Auswirkungen auf die Sterbeverhältnisse und damit auch auf die Lebensbedingungen in der frühneuzeitlichen Haupt- und Residenzstadt Wien. Zielführend erscheint dies im Allgemeinen bei Stichproben zu einzelnen Sterbejahren, da über einen längeren Zeitraum hinweg mit einer geglätteten Verteilung zu rechnen ist. Für die vorliegenden Daten zur jahreszeitlichen Aufschlüsselung der Sterbeeinträge lohnt daher vor allem der Vergleich mit anderen Untersuchungen, die auf Basis der Totenbeschauprotokolle unternommen wurden.

111 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, fol. 147v. 112 Graf von Kollonitsch verleiht darin seiner Sorge Ausdruck, dass sich der Protestantismus in Wien trotz der klaren Verbote scheinbar ungehindert weiter ausbreitet. Vgl. Kollonitsch 1736. Auf dasselbe Jahr geht auch eine Gewerbezählung zurück, die das Ausmaß der unzünftigen Erwerbstätigkeit dokumentiert, die auf viele evangelische Gewerbetreibende zutrifft. Für das Jahr 1736 ist damit eine erhöhte Präsenz evangelischen Lebens evident, die in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen wird. Zusätzlich beginnt vor allem in den 1730er Jahren der Pietismus in Wien zu florieren. Vgl. ­Csepregi 2005.

206

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Als Vergleichswerte bietet Tab. 2 die Ergebnisse einer Stichprobe von Peter Trawnicek aus dem Sterbejahr 1716.113 Neben den monatlichen absoluten Häufigkeiten stellt die Tabelle Angaben zur prozentuellen Verteilung bereit. Die Division der absoluten Häufigkeit h j durch die Anzahl der Beobachtungseinheiten n wird als relative Häufigkeit bezeichnet. Für die relative Häufigkeit, die über den prozentuellen Anteil der Merkmalsausprägung a j Auskunft gibt, gilt: r! = r" #a! % =

h! n

Tab. 2: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Einträge über die Monate und Quartale eines Kalenderjahres Merkmalsausprägung (aj) in Klassen (Monaten)

Absolute Häufigkeit (hj)

Relative Häufigkeit (rj)

Jänner

89

0,066 (6,6 %)

Februar

99

0,073 (7,3 %)

März

134

0,099 (9,9 %)

April

118

0,087 (8,7 %)

Mai

119

0,088 (8,8 %)

Juni

105

0,078 (7,8 %)

Juli

98

0,072 (7,2 %)

August

101

0,075 (7,5 %)

September

97

0,072 (7,2 %)

Oktober

123

0,091 (9,1 %)

November

117

0,087 (8,7 %)

Dezember Gesamt

152

0,112 (11,2 %)

1.352

1,000 (100 %)

% -Anteil Quartal

Relative Häufigkeit der monatlichen Sterbefälle 1716, P. Trawnicek (Stichprobe n=1.221)

1. Quartal 23,8 %

0,068 (6,8 %)

2. Quartal 25,3 % 3. Quartal 21,9 % 4. Quartal 29 %

0,088 (8,8 %) 0,082 (8,2 %) 0,110 (11 %) 0,120 (12 %) 0,097 (9,7 %) 0,075 (7,5 %) 0,086 (8,6 %) 0,077 (7,7 %) 0,070 (7 %) 0,063 (6,3 %) 0,065 (6,5 %)

% -Anteil Quartal

1. Quartal 23,8 % 2. Quartal 32,7 % 3. Quartal 23,8 % 4. Quartal 19,8 %

~ 1,000 (100 %)

Die Verteilung der Sterbefälle über ein Kalenderjahr fällt über den Längsschnitt des Unter­ suchungszeitraumes insgesamt gleichmäßig aus, verzeichnet allerdings einen leichten Rückgang der Einträge in den Sommermonaten sowie einen daran anschließenden Anstieg derselben im vierten Quartal. Im Vergleich zum zweiten Quartal entfallen auf das vierte Quartal immerhin noch 3,7 % mehr Einträge. Im Monat Dezember ist mit 152 Einträgen die höchste Zahl erreicht. Die absolute Häufigkeit der Einträge im Jänner fällt gegenüber Dezember drastisch ab. Die Vergleichswerte der Stichprobe von Peter Trawnicek aus dem Jahr 1716 liefern einen deckungsgleichen prozentuellen Anteil im ersten Quartal, dafür eine Differenz von 9,2 % im vierten, welches in seiner Auswertung anteilsmäßig gering ausfällt. Dagegen findet sich bei ihm im zweiten Quartal eine auffallende Häufung, die sich auch mit amtlichen Zahlen von 113 Vgl. Trawnicek 2003, 119.

207

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

Todesfällen der Jahre 1883 – 1887 für Wien deckt, bei denen der prozentuelle Anteil im zweiten Quartal z­ wischen 27,9 % und 29,7 %, also ebenso deutlich höher liegt.114 Für die gegenständliche Untersuchung ist im direkten Vergleich des ersten bis dritten Quartals kein derartiger ‚Ausreißer‘115 feststellbar. Die Erhebung der Sterbefälle des Jahres 1650 von Andreas Weigl zeigt zwar ebenso keine vergleichbare Spitze im zweiten Quartal, weist aber insgesamt dennoch eine ungleichmäßige Verteilung der Sterbefälle auf. Nach einem auffälligen Einbruch im Juli steigt hier die Zahl der Sterbefälle bis September wieder auf das Doppelte an, ehe sie bis Dezember wieder abflaut.116

5.3.1.3 Sexualproportion der Sterbefälle Tab. 3: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Sexualproportion und Sterbealter in Klassen MÄNNLICH

Sterbealter

unbest.

WEIBLICH

GESAMT

Absolute Relative Anteil % Absolute Relative Anteil % Absolute Absolute Relative Anteil % Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. Häufigk. kum.

Totgeburt

7

7

0,0052

0,52 %

4

198

0,1465

15,25 %

21,38 %

43

0,0318

18,45 %

0,1344

34,92 %

118

0,0873

27,23 %

6

0,0142

36,35 %

18

0,0133

28,56 %

39,15 %

35

0,0825

44,66 %

172

0,1272

41,36 %

0,1299

52,20 %

43

0,1014

54,87 %

162

0,1198

53,41 %

0,1245

64,70 %

55

0,1297

67,93 %

169

0,125

65,98 %

K1 u. 1 J.

121

0,1321

13,27 %

73

0,1722

17,34 %

K2 1 bis u. 2 J.

26

0,0284

16,12 %

17

0,0401

K3 2 bis u. 15 J.

61

0,0667

22,81 %

57

K4 15 bis u. 20 J.

12

0,0131

24,13 %

K5 20 bis u. 30 J.

137

0,1496

K6 30 bis u. 40 J.

119

K7 40 bis u. 50 J.

114

114 Vgl. Statistisches Jahrbuch Wien 1887, 35. 115 Der Ausdruck verweist im Rahmen dieser Untersuchung lediglich auf Werte, die im Vergleich mit den anderen Werten der Beobachtung in auffälliger Weise abweichen, unabhängig davon, ob dieser Wert über den eineinhalbfachen Interquartilsabstand liegt oder nicht. 116 Vgl. Weigl 1997, 29. Der Vergleich mit den hier zitierten Querschnitt-Stichproben bestätigt, dass ein längerer Untersuchungszeitraum die jahreszeitliche Verteilung glättet.

208

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

MÄNNLICH

Sterbealter

unbest.

WEIBLICH

GESAMT

Absolute Relative Anteil % Absolute Relative Anteil % Absolute Absolute Relative Anteil % Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. Häufigk. kum.

K8 50 bis u. 60 J.

126

0,1376

78,52 %

52

0,1226

80,28 %

178

0,1317

79,22 %

K9 60 bis u. 70 J.

95

0,1037

88,94 %

35

0,0825

88,59 %

130

0,0962

88,89 %

K10 70 J. u. mehr

101

0,1103

~ 100 %

48

0,1132

~ 100 %

149

0,1102

~ 100 %

unbest.

4

0,0044

3

0,0071

1

8

0,0059

Gesamt

916

~ 1,00

424

~ 1,00

12

1.352

~ 1,00

Die evangelischen Einträge weisen mit 67,75 % männlichen und 31,36 % weiblichen Verstorbenen (0,89 % missing data) ein deutliches Ungleichgewicht in der Sexualproportion auf. In Anbetracht des Untersuchungsgegenstandes und der mit ihm einhergehenden (berufsbedingten) Mobilität erscheint ­dieses Ergebnis aber naheliegend. Peter Trawnicek, der in seiner Stichprobe für das Jahr 1716 mit einem Anteil von 55,6 % ebenso knapp mehr männliche Verstorbene erfasst, erklärt: [V]or allem ist daran zu denken, dass unter den Zuwanderern deutlich mehr Männer als Frauen waren, und ein ständiger Zustrom in die Stadt passt nicht nur zum allgemeinen Bild der Residenzstadt im Hochbarock sondern auch zu den hinter den Sterbeziffern zurückbleibenden Geburtenziffern […].117

Im Fall des vorliegenden Quellenbefundes trifft diese Einschätzung ebenfalls zu. Damit ist nun nicht das Ungleichgewicht der Sexualproportion in Bezug auf die Säuglings- und Kindersterblichkeit geklärt, denn gerade hier könnte man annehmen, dass sich das Geschlechterverhältnis zumindest annähernd die Waage hält. Aber auch bei den Einträgen der bis zum 14. Lebensjahr Verstorbenen lässt sich in etwa das Verhältnis 2:1 ablesen. Grundsätzlich muss auch im frühneuzeitlichen Wien mit einer Dunkelziffer von verschwiegenen perinatalen Todesfällen unehelicher Kinder gerechnet werden, die im Befund nicht aufscheinen. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass die im Befund festgehaltenen perinatalen Sterbefälle mit der im Datenmaterial erfassten Zahl der Totgeburten verschwimmen, „da es nach den religiösen Anschauungen besser war, einen toten Fötus auf Verdacht notzutaufen, als ein lebend geborenes Kind ungetauft sterben zu lassen und ihm damit das Himmelreich vorzuenthalten.“ 118 In einer solchen Taufpraxis schlägt sich nicht nur die Frömmigkeitsprägung 117 Trawnicek 2003, 107. 118 Ebd., 109.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

209

der Zeit, sondern möglicherweise erneut auch das konfessionelle Interesse nieder, welches den Totenbeschauprotokollen zu eigen ist. Immerhin zehn evangelische Einträge verweisen ausdrücklich auf eine Nottaufe. Wenn auch das Sterbealter in diesen Fällen keine Erwähnung findet, wird es sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit um neugeborene Kinder, also mit dem Verweis auf Tab. 3 um Kinder unter einem Jahr handeln.119 Da die Totgeburten auch als s­ olche vermerkt wurden, ist nicht davon auszugehen, dass es sich auch in den Fällen notgetaufter Kinder um Totgeburten handelt. Tab. 3 liefert neben den absoluten Häufigkeiten auch die relativen Anteile der männlichen und weiblichen Verstorbenen sowie die kumulierten prozentuellen Werte.120 Die Klassifizierung der Altersgruppen (K 1 – K 10) orientiert sich an einer Einteilung von Peter Trawnicek, die einen differenzierteren Blick vor allem auf die Kinder- und Säuglingssterblichkeit erlaubt.121 Deutlich ist im Vergleich der kumulierten Werte vor allem der um rund 12 % höhere Anteil an Säuglingen und Kindern (K 1 – K 3) bei den weiblichen Verstorbenen gegenüber den männlichen. Diese auffällige Differenz gleicht sich bis zu K 6 allmählich an und bleibt mit 2  –  3 % Unterschied bestehen, ehe sie sich ab K 9 geringfügig ins Gegenteil kehrt. Signifikant ist, dass der relative Anteil der 20-jährig bis unter 30-jährig verstorbenen Männer fast doppelt so hoch ist, wie jener der Frauen in derselben Altersklasse. Diese Klasse (K 5) liefert gleichzeitig den höchsten Wert in der Spalte der absoluten Häufigkeiten unter den männlichen Verstorbenen. Der umgekehrte Fall liegt bei der Gegenüberstellung der relativen Häufigkeiten in K 3 vor.122 Weil die Klassenbreite von K 4 im Vergleich zu den anderen Klassen deutlich geringer ist, sind auch die Werte bei den männlichen und weiblichen Verstorbenen hier entsprechend niedrig. Bei der statistischen Auseinandersetzung mit dem Sterbealter liegt der Vergleich mit den Zahlen von Sigismund Peller für die Jahre 1752 – 1754 nahe, da diese zum einen in den Zeitraum der evangelischen Einträge fallen und zum anderen ebenfalls den Totenbeschauprotokollen entnommen sind.123 Als weitere Vergleichswerte werden außerdem die Zahlen von Peter Trawnicek von 1716 und jene von Andreas Weigl zur Mitte des 17. Jahrhunderts herangezogen, die ebenfalls auf einer Auswertung der Totenbeschauprotokolle basieren.124

119 Als perinatale Praxis lässt dieser Vermerk deutliche Rückschlüsse auf das Sterbealter zu: „Bedingnißweise wird die Taufe insonderheit ertheilet 1. Den im Nothfalle von Layen, gewöhnlich von Wehmüttern oder Hebammen getauften Kindern, ­welche man insgemein auch Fraugetaufte nennt;“ Seelhammer 1838, 159. 120 Einträge, die keine Auskunft zum Sterbealter geben, mussten bei den kumulierten prozentuellen Angaben in Tab. 3 zugunsten der Lesbarkeit und Interpretation des Datenmaterials herausfallen. 121 Vgl. Trawnicek 2003, 123 – 124. 122 Ob dies der sozialen Schichtung geschuldet ist und von einer sozialen Ungleichheit vor dem Tod gesprochen werden kann, muss an ­diesem Punkt ungeklärt bleiben. Vgl. Weigl 1998, 26. Die soziale Schichtung lässt sich vor allem über das Berufsmerkmal rekonstruieren. Vgl. Kapitel 5.6.2 Die soziale Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals. 123 Vgl. Peller 1920, 238. 124 Vgl. Trawnicek 2003; vgl. Weigl 1997.

210

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Tab. 4: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Kumulierte Anteile der Verstorbenen in Altersklassen im Vergleich mit den Werten von S. Peller, P. Trawnicek und A. Weigl Altersklassen

Evangelische Einträge

1752 – 1754

1716

1650/1660

1736 – 1781

(S. Peller)

(P. Trawnicek)

(A. Weigl)

Unter 1 Jahr

15,25 %

40,40 %

41,93 %

31,36 %

Unter 2 Jahren

18,45 %



49,63 %

38,28 %

Unter 15 Jahren

27,23 %

62,90 %

61,05 %

50,43 %

Unter 20 Jahren

28,56 %

64,20 %

62,00 %

52,28 %

Unter 30 Jahren

41,36 %

68,40 %

69,78 %

59,07 %

Unter 40 Jahren

53,41 %

73,00 %

77,72 %

67,59 %

Unter 50 Jahren

65,98 %

78,40 %

84,36 %

78,41 %

Unter 60 Jahren

79,22 %



89,76 %

86,32 %

Unter 70 Jahren

88,89 %



94,59 %

93,08 %

100,00 %

100,00 %

100,00 %

100,00 %

70 Jahre und mehr

Aus Tab. 4 geht hervor, dass der kumulierte prozentuelle Anteil der Sterbefälle im Kindesalter in allen drei Vergleichssamples wesentlich höher liegt als in der gegenständlichen Auswertung. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass aufgrund des medizinischen Fortschrittes die Kinder­sterblichkeit in der Mitte des 17. Jahrhunderts gegenüber jener des 18. Jahrhunderts höher sein müsste, überraschen hier die Zahlen aus den Jahren 1650/1660. Die medizinhistorische Forschung hat allerdings auch gezeigt, dass die akademische Medizin keinen nennenswerten Einfluss auf die Sterbeverhältnisse in d ­ iesem Zeitraum genommen hat. Anders hingegen verhält es sich mit den obrigkeitlichen Eingriffen in die ‚medikale Kultur‘. Hier wurden vor allem dann Maßnahmen ergriffen, wenn hygienische Missstände die Bevölkerung akut bedrohten.125 Im Vergleich mit den Zahlen von Andreas Weigl liegt zudem nahe, dass die Erfassung der Sterbefälle gerade in den jüngeren Altersstufen zur Mitte des 17. Jahrhunderts bei weitem nicht lückenlos funktioniert hat. Obwohl die Stichprobe von Sigismund Peller eine Schneise in den gegenständlichen Untersuchungszeitraum schlägt, liegen die Daten im Vergleich zu den anderen Stichproben hier am weitesten auseinander. Zwar sind Querschnittsuntersuchungen wie diese wesentlich empfindlicher gegenüber Ausreißern als Längsschnittuntersuchungen, die mehrere Jahrzehnte oder Jahrhunderte umfassen, allerdings liegt es näher, den Untersuchungsgegenstand selbst für diese Divergenzen verantwortlich zu machen. Da im Fall der evangelischen Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen der Mobilität eine wesentliche Rolle zukommt, ist davon auszugehen, dass das gegenständliche Datenmaterial hier keine repräsentative Auskunft über die Mortalitätsverhältnisse im Säuglings- und Kindes­alter geben kann. Damit steht allerdings fest, dass sich das Konfessionsmerkmal auf die Sterbeverhältnisse im Fall der Evangelischen in Wien auswirkt.

125 Vgl. Weigl 1998, 116; vgl. Kinzelbach 1995, 238 – 240.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

211

5.3.1.4 Durchschnittliches Sterbealter der Verstorbenen In Abb. 8 werden die absoluten Häufigkeiten der in den Sterbeeinträgen vermerkten Sterbealter ab zwei Jahren graphisch dargestellt. Daraus ersichtlich ist die geringe Anzahl an Todesfällen bei den sieben- bis 19-jährig Verstorbenen. Mit nur wenigen Ausnahmen rangiert die Zahl bei den 20- bis 75-jährig Verstorbenen ­zwischen zehn und 25. Danach flacht die Kurve erwartungsgemäß bis hin zum höchsten im Datenmaterial verzeichneten Sterbealter von 97 Jahren merklich ab. Die auffällige Spitze bei den 80-jährig Verstorbenen könnte mangels genauer Informationen des Totenbeschauers auf Rundungen zurückzuführen sein.

Abb. 8: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbefälle nach Alter (ab 2 Jahren)

Das Boxplot Diagramm in Abb. 9 bietet nun eine graphische Verteilung aller im Daten­ material enthaltenen Angaben zum Sterbealter. Hier ist zu entnehmen, dass 50 % der erfassten Werte ­zwischen dem sechsten und dem 56. Lebensjahr und somit in der ‚Box‘ liegen. Die übrigen 50 % dieser Merkmalsausprägungen verteilen sich zu je 25 % auf den unteren und oberen ‚Whisker‘ bzw. die ‚Antennen‘. Das Diagramm zeigt deutlich, dass in 25 % der Einträge ein Sterbealter z­ wischen null und fünf Jahren vermerkt wird (gerundet auf das jeweilige vollendete Lebensjahr), während weitere 25 % der Werte oberhalb des dritten Quartils ­zwischen 57 und 97 Jahren liegen. Das arithmetische Mittel (x−) der 1.344 Merkmalsträger (missing data in acht Fällen, n=1.352), bei denen das Sterbealter (a j) entweder vermerkt wird, oder wie im Fall von Nottaufen und der Diagnose ‚von Mutterleib an‘ rekonstruiert werden kann, beträgt 35,49.126 Damit ist das durchschnittliche Sterbealter der Evangelischen in den 126 Die im Datenmaterial enthaltenen Totgeburten wurden bei den mit null Jahren Verstorbenen mitberücksichtigt.

212

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Totenbeschauprotokollen mit 35,49 Jahren auch sehr nahe am Median (Zentralwert), der bei 36 Jahren liegt (x~=36). #

1 1 (205 ⋅ 0 + 43 ⋅ 1 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 35,49 x) = + h! ⋅ a! = n 1344 !≡%

Abb. 9: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Graphische Verteilung des Sterbealters im Boxplot Diagramm

Die Lebenschancen von der Geburt an bis hinein ins Erwachsenenalter sind unterschiedlich verteilt. Vor allem bei Säuglingen und Kindern ist im frühneuzeitlichen Wien noch mit einer geringen Lebenserwartung zu rechnen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts lag sie bei Knaben bei der Geburt bei 13 – 18 Jahren, bei Mädchen bei 17 – 22 Jahren. War jedoch ein Alter von 20 Jahren erreicht, konnten Männer mit fast 50, Frauen mit weniger als 60 Lebensjahren rechnen. […] Im Durchschnitt der Jahre 1728/1729 starben von 100 Neugeborenen 55 innerhalb des ersten Lebensjahres, 1716 etwa 49.127

Da auch in der gegenständlichen Auswertung (wenn auch nicht in ­diesem Ausmaß) die Sterbe­fälle von Säuglingen und Kindern die Berechnungen zum durchschnittlichen Sterbealter nach unten drücken, erscheint es sinnvoll, Berechnungen der Durchschnittswerte unter Verzicht auf die jüngeren Altersklassen zumindest hypothetisch anzustellen. Mit Bezugnahme 127 Weigl 2003d, 113.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

213

auf Tab. 3 werden nun der Reihe nach additiv die Sterbefälle der Klassen ‚bis unter zwei Jahren‘, ‚bis unter 15 Jahren‘ sowie jene ‚bis unter 20 Jahren‘ für die Berechnung des arithmetischen Mittels ausgespart. #

1 1 (25 ⋅ 2 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 43,48 x) = + h! ⋅ a! = n 1096 !&%

x) =

#

1 1 (2 ⋅ 15 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 48,10 + h! ⋅ a! = n 978 !&% #

1 1 (10 ⋅ 20 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 48,68 x) = + h! ⋅ a! = n 960 !&%

War das zweite Lebensjahr einmal erreicht, so ist im Rahmen dieser Überlegungen ab d ­ iesem Zeitpunkt mit einem durchschnittlichen Sterbealter von 43,48 Jahren, ab dem 15. Lebensjahr bereits mit 48,10 Jahren zu rechnen. Ab dem 20. Lebensjahr steigt das durchschnittliche Sterbealter nur mehr gering auf 48,68 Jahre an. Wenn zur Mitte des 17. Jahrhunderts das Alter vielfach noch in runden Zehnerschritten auf- bzw. abgerundet wurde, so ist die Alterserfassung ab dem 18. Jahrhundert wesentlich genauer, wenngleich es hier noch zahlreiche Fälle gibt, in denen das Alter nicht eindeutig bekannt war und vom Totenbeschauer nur sehr vage angegeben werden konnte.128 Wesentlich einfacher erscheint hier die Altersangabe von verstorbenen Kindern und Säuglingen, die überwiegend auf den Tag und die # 1 Stunde genau festgehalten wird. Bei kurz nach der Geburt verstorbenen Kindern kommt es s ' = +(x( − x))' n zeitweilig vor, dass anstelle des Todeszeitpunktes der Zeitpunkt der Geburt herangezogen (&% 129 und eingetragen wird. Tab. 5 stellt diese Berechnungen nun geschlechterspezifisch dar und hält fest, dass im Blick auf die Unterschiede im Geschlechtervergleich im Rahmen dieser hypothetischen Überlegung zunächst den männlichen, s­ päter den weiblichen Verstorbenen ein höheres durchschnittliches Sterbealter eingeräumt wird. #

1 s = = +(x( − x))' n (&%

1 28 Vgl. Trawnicek 2003, 111 – 112. 129 Dies ist der Fall bei Christian Thomann (17. 11. 1760 [Nr. 689]), Silip N. (19. 09. 1767 [Nr. 892]), ­Paldinger N. (02. 03. 1771 [Nr. 977]), Auerswald N. (17. 01. 1769 [Nr. 919]), Ertlin N. (28. 08. 1769 [Nr. 939]) und Roth N. (30. 08. 1769 [Nr. 940]); Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 54, lit. DT, fol. 21v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 61, lit. S, fol. 61v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. BP, fol. 12v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 63, lit. A, fol. 1v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 63, lit. E, fol. 10v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 63, lit. R, fol. 21r.

214

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Tab. 5: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Durchschnittliches Sterbealter nach Geschlecht Durchschnittliches Sterbealter männl.

Durchschnittliches Sterbealter weibl.

Durchschnittliches Sterbealter gesamt

~

38 Jahre

35 Jahre

36 Jahre



36,95 Jahre

33,24 Jahre

35,49 Jahre 43,48 Jahre

x (Zentralwert)

x (Mittelwert)



x ab dem 2. Lebensjahr

44,02 Jahre

42,23 Jahre



x ab dem 15. Lebensjahr

47,40 Jahre

49,90 Jahre

48,10 Jahre



47,92 Jahre

50,63 Jahre

48,68 Jahre

x ab dem 20. Lebensjahr

1 (25 ⋅ 2 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 43,48 Die verhältnismäßig höhere Säuglings- und Kindersterblichkeit unter den weiblichen Ver1096 1 den männlichen im direkten Vergleich des durchschnittlichen Sterbealters (25 ⋅ 2 + ⋯storbenen + 1 ⋅ 97) räumt = 43,48 1096 3,7 Lebensjahre mehr ein. Sieht man allerdings von den verstorbenen Säuglingen und Kin1 (2 ⋅ 15 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 48,10 dern ab, gewinnen Frauen nach Erreichen des 15. Lebensjahres gegenüber den Männern 978 1 − (2 ⋅ 15 + ⋯ +durchschnittlich 1 ⋅ 97) = 48,10rund 2,5 Jahre Lebenszeit. Gegenüber dem arithmetischen Mittel (x) liefert ~ 978 1 der Median (x) hier stets einen höheren Wert. Bei den weiblichen Verstorbenen liegt die (10 ⋅ 20 + ⋯ + 1 ⋅ 97) = 48,68 Differenz ­zwischen Zentralwert und Mittelwert bei fast zwei Jahren. Die in d ­ iesem Kapitel 960 1 geben keine Auskunft darüber, wie viele Beobachtungswerte in ihrer (10 ⋅ 20 + ⋯berechneten + 1 ⋅ 97) = Mittelwerte 48,68 960 Nähe oder weiter von ihnen entfernt liegen. Die Abweichungen der Beobachtungseinheiten

von diesen Lageparametern werden in der Statistik durch sogenannte Streuungsparameter beschrieben. Fallen die Streuungsmaße gering aus, so wird auch die Häufigkeitsverteilung durch die Lageparamater gut und genau dargestellt. Hier gelangt vor allem die Varianz (s2) zum Einsatz. Sie gibt die mittlere quadratische Abweichung der Beobachtungseinheiten um den Mittelwert an. Die Standardabweichung gibt schließlich die mittlere Abweichung der Beobachtungseinheiten um den Mittelwert an. Aus Tab. 6 ist ersichtlich, dass auch die mittlere Abweichung um den jeweiligen Mittelwert wesentlich größer ausfällt, wenn die verstorbenen Säuglinge und Kinder hinzugezogen werden. #

Für die1 Varianz gilt: s ' = +(x( − x))' n# 1 (&% ' s = +(x( − x))' n (&%

Für die Standardabweichung gilt: #

1 s = = +(x( − x))' n# 1 (&% s = = +(x( − x))' n (&%

215

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

Tab. 6: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Mittlere Abweichung des Sterbealters bei den männlichen und weiblichen Verstorbenen Mittlere Abweichung Sterbealter männlich

Mittlere Abweichung Sterbealter weiblich 26,95 = 33,24

− x

25,68 = 35,49

25,03 42,23

− x

22,95 = 43,48

− x

24,34 = 49,90

− x

21,87 = 48,10

− x

24,5 = 50,63

− x

21,93 = 48,68

24,86 x = 36,95

− x

21,83 x = 47,02

− x=

20,71 x = 47,40 20,72 x = 47,92

s



s ab dem 2. Lebensjahr



s ab dem 15. Lebensjahr



s ab dem 20. Lebensjahr



Mittlere Abweichung Sterbealter gesamt

5.3.1.5 Geschlechterproportion der Sterbefälle im Stadt-Vorstädte-Vergleich Tab. 7: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Geschlechterproportion der Sterbefälle im Stadt-Vorstädte-Vergleich Einträge männlich

Anteil in %

Einträge weiblich

Anteil in %

unbest.

Einträge gesamt

Anteil in %

Stadt

413

45,09 %

212

50,00 %

4

629

46,52 %

Vorstädte

491

53,60 %

212

50,00 %

8

711

52,59 %

unbest.

12

1,31 %

0

0 %

0

12

0,89 %

Gesamt

916

100 %

424

100 %

12

1.352

100 %

Von den 1.352 erhobenen Einträgen entfallen, wie aus Tab. 7 hervorgeht, 629 Beschauortangaben auf die Stadt. Diesem Anteil von 46,52 % stehen 711 Angaben gegenüber, die den Vorstädten Wiens zuzuordnen sind und damit einen Anteil von 52,59 % im Befund ausmachen. In 0,89 % der Fälle (zwölf Einträge) kann der Beschauort nicht eindeutig zugeordnet werden, weil die Bezeichnung nur allgemein ‚Kaserne‘ oder ‚Krankenhaus‘ lautet. Im geschlechterspezifischen Stadt-Vorstädte-Vergleich fällt auf, dass sich die weiblichen Sterbefälle räumlich exakt aufteilen und die männlichen sich zumindest annähernd die Waage halten. In der Auswertung der Sterbeeinträge zur Mitte des 18. Jahrhunderts hebt Sigismund Peller hervor, dass die Vorstädte wesentlich kinderreicher sind als die Stadt und diese daher einen deutlichen Übergang zum ländlichen Typus darstellen.130 Seine Beobachtung müsste sich folglich auch im Vergleich der Säuglings- und Kindersterbefälle ­zwischen Stadt und Vorstädte bestätigen lassen. Tab. 8 bietet dazu eine in Altersklassen aufgeschlüsselte Übersicht, die Pellers Beobachtung zumindest im konkreten Fall der Evangelischen in Wien nicht untermauern kann.

130 Vgl. Peller 1920, 236.

216

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Tab. 8: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbeeinträge nach Altersklassen im Stadt-Vorstädte-Vergleich STADT

Sterbealter

unbest.

VORSTÄDTE

GESAMT

Absolute Relative Anteil % Absolute Relative Anteil % Absolute Absolute Relative Anteil % Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. kum. Häufigk. Häufigk. Häufigk. kum.

u. 1 Jahr

101

0,1606

16,64 %

97

0,1364

14,29 %

198

0,1465

15,25 %

1 bis u. 2 Jahre

23

0,0366

20,32 %

20

0,0281

17,11 %

43

0,0318

18,45 %

2 bis u. 15 Jahre

67

0,1066

31,04 %

50

0,0703

24,19 %

118

0,0873

27,2 3 %

15 bis u. 20 Jahre

9

0,0143

32,48 %

9

0,0127

25,46 %

18

0,0133

28,46 %

20 bis u. 30 Jahre

69

0,1097

43,52 %

101

0,1421

38,75 %

2

172

0,1272

41,36 %

30 bis u. 40 Jahre

63

0,1002

53,60 %

98

0,1378

53,61 %

1

162

0,1198

53,41 %

40 bis u. 50 Jahre

92

0,1463

68,32 %

75

0,1055

64,21 %

2

169

0,125

65,98 %

50 bis u. 60 Jahre

87

0,1383

82,24 %

88

0,1238

76,66 %

3

178

0,1317

79,22 %

60 bis u. 70 Jahre

56

0,089

91,20 %

72

0,1013

86,85 %

2

130

0,0962

88,89 %

70 Jahre u. mehr

55

0,0874

100,00 %

93

0,1308 100,00 %

1

149

unbest.

4

0,0064

4

0,0056

8

0,0059

Gesamt

626

~ 1,00

707

~ 1,00

12

1.352

~ 1,00

1

0,1102 100,00 %

Bei der Gegenüberstellung der Sterbeverhältnisse in der Stadt und in den Vorstädten (Tab. 8) ist weniger der Anteil der verstorbenen Kinder von Bedeutung als die Häufigkeit der Einträge, die in den Vorstädten ein Sterbealter von 70 Jahren und darüber verzeichnen.131 Abgesehen von einer weiteren nennenswerten Differenz bei den 20- bis unter 30-jährig Verstorbenen entwirft die Aufschlüsselung in Tab. 8 ein gleichmäßiges Bild im Blick auf das Sterbealter im Stadt-Vorstädte-Vergleich. Während sich in der genannten Klasse der höchste absolute Wert in den Vorstädten einstellt (gleichauf mit den unter einem Jahr Verstorbenen, wenn die Totgeburten mitgezählt werden) finden sich die höchsten Werte für die Stadt (abgesehen von den Säuglingen) bei den 40- bis 60-jährig Verstorbenen. Aus den Berechnungen des durchschnittlichen Sterbealters für die Stadt Wien und ihre Vorstädte (Tab. 9) geht hervor, dass in den Vorstädten mit einem durchschnittlich höheren 131 Ob das höhere Sterbealter in den Vorstädten durch ein räumliches soziales Gefälle plausibilisiert werden kann, erschließt sich in der Auseinandersetzung mit der sozialen Schichtung. Vgl. Kapitel 5.6.2 Die soziale Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals.

217

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

Sterbealter zu rechnen ist als in der Stadt. Zieht man alle im Befund enthaltenen Werte heran, liegt die Differenz im Stadt-Vorstädte-Vergleich bei fast vier Jahren. In den Berechnungen bei den Verstorbenen ab dem 2., 15. und 20. Lebensjahr wird dieser Unterschied zunehmend geringer. Tab. 9: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Durchschnittliches Sterbealter im Stadt-Vorstädte-Vergleich



x



x ab dem 2. Lebensjahr −

x ab dem 15. Lebensjahr



x ab dem 20. Lebensjahr

Durchschnittliches Sterbealter Stadt

Durchschnittliches Sterbealter Vorstädte

Durchschnittliches Sterbealter gesamt

33,47 Jahre

37,18 Jahre

35,49 Jahre

41,96 Jahre

44,81 Jahre

43,48 Jahre

47,71 Jahre

48,47 Jahre

48,10 Jahre

48,35 Jahre

49 Jahre

48,68 Jahre

5.3.1.6 Pflege- und Heilstätten Tab. 10: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. In Pflege- und Heilstätten beschaute Verstorbene im Vergleich mit dem Stichjahr 1716 (P. Trawnicek) Einrichtung

Evangelische Einträge 1736 – 1781

Stichprobe Totenbeschauprotokolle 1716 (Peter Trawnicek)

Militärspital Gumpendorf

66



Barmherzige Brüder

17

18

Kontumazhof

11

8

Bäckenhäusel

8



Krankenhaus

8

62 27

St. Marx

7

Heiliges Dreifaltigkeitsspital

6



Spanisches Spital

5



Bürgerspital

4

38

Militärinvalidenhaus

2



Johannes in der Siechenals

1



Armenhaus



23

Gesamt

135

176

(10 % des Datenmaterials)

(14,4 % der Stichprobe, n=1.221)

Mittels der in den Totenbeschauprotokollen enthaltenen Ortsangaben können nicht nur Erkenntnisse über die Stadt-Vorstädte-Verteilung der Sterbefälle, sondern auch über die Bedeutung von Sozialeinrichtungen wie Spitälern, Lazaretten, Kranken- und Armenhäusern

218

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

gewonnen werden, die fallweise als Beschauorte angegeben sind. In Tab. 10 ist bemerkenswert, dass laut Angabe nur 10 % der Evangelischen in den Totenbeschauprotokollen in Pflege- und Heilstätten beschaut wurden bzw. darin verstorben sind. Von diesen 135 Einträgen entfallen fast die Hälfte (66) auf das ‚Militärspital‘ in Gumpendorf, zwei weitere nennen das ‚Militärinvalidenhaus‘ in der ‚Alstergasse‘ als Ort der Totenbeschau. Eine auffällige Konzentration an Pflege- und Heilstätten weist der geographische Raum der Alservorstadt auf. Der ‚Kontumazhof ‘ (11), das ‚Bäckenhäusel‘ (auch ‚Krankenhaus in der Währingergasse‘) (8) und ‚Johannes in der Siechenals‘132 (auch ‚St. Johannes Spital am Thury‘) (1) wurden ursprünglich zur Seuchenbekämpfung eingerichtet. Ebenso in der Alservorstadt befand sich das ‚Spanische Spital‘ (5), in welches 1754 das ‚Heilige Dreifaltigkeitsspital‘ (6), das sich zuvor auf dem Rennweg befand, integriert wurde. Aus dem ‚Heiligen Dreifaltigkeitsspital‘ wurde in weiterer Folge das ‚Hofspital‘, welches sich zuvor noch im ‚Kaiserspital‘ am Ballhausplatz befand.133 Ohne nähere Ortsbestimmung wird als Beschauort achtmal ein ‚Krankenhaus‘ genannt. Welches von den in Frage kommenden hier jeweils gemeint ist, bleibt offen. Die Angabe, dass eine Person zu ‚St. Marx‘ (7) beschaut wurde, verweist im Befund unmissverständlich auf das ‚Spital zu St. Marx‘ (Landstraße), das gemeinsam mit dem ‚Bäckenhäusel‘ dem ‚Bürgerspital‘ unterstellt war. Eine aus konfessioneller Perspektive wichtige Einrichtung wird von den ‚Barmherzigen Brüdern‘ in der Leopoldstadt geführt. Immerhin 17 Sterbeeinträge verweisen auf diese Pflegeanstalt. Als in der Stadt gelegene Einrichtung scheint im Befund nur das ‚Bürgerspital‘ im Kärntnerviertel mit einer viermaligen Nennung auf. In zwei Fällen werden die Verstorbenen erst nach ihrem Ableben dorthin überstellt. Abgesehen von den benannten Pflege- und Heilstäten wird die Totenbeschau am Wohnort, in den Werk- und Arbeitsstätten sowie in anderen staatlichen Einrichtungen wie etwa der Kaserne vorgenommen, in seltenen Fällen auch im Freien. Ausdrücklich in der ‚eigenen Behausung‘ sind nur neun Personen beschaut worden bzw. verstorben.134 Im direkten Vergleich der Längsschnitt- und Querschnitterhebung mit annähernd gleich vielen statistischen Elementen (Tab. 10) fällt auf, dass der Anteil der in Sozialeinrichtungen beschauten oder verstorbenen Personen nicht stark divergiert. Auffällig ist, dass kein evangelischer Sterbeeintrag auf das ‚Armenhaus‘ entfällt, das bei der Stichprobe des Jahres 1716 doch 23-mal genannt wird.135 Dass umgekehrt 132 „Dieses Lazarett entwickelte sich gemeinsam mit anderen Spitälern (Bäckenhäusel aus dem 16. Jahrhundert, 1657 Kontumazhof, Spittelau als Isolierstation) zu einem großen Pestspitalbezirk mit anschließenden Quarantänestationen.“ Scheutz 2018, 137. 133 Vgl. Bäckenhäusel, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 14. 02. 2021; vgl. Johannes in der Siechenals, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 14. 02. 2021; vgl. Kontumazhof, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 14. 02. 2021; vgl. Dreifaltigkeitsspital, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 14. 02. 2021. 134 Auch dieser Umstand wird dem besonderen Gesichtspunkt geschuldet sein, mit dem die Quelle herangezogen wurde. Der Hausbesitz steht in engem Zusammenhang mit dem Bürgerrecht, das den Evangelischen in Wien verwehrt blieb. 135 Die Bezeichnung selbst ist mehrdeutig und kann auf unterschiedliche Einrichtungen verweisen, wie etwa auch das ‚Bäckenhäusel‘ oder das ‚Spital zu St. Marx‘. Vgl. Trawnicek 2003, 129.

219

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

das ‚Militärspital‘ in Gumpendorf keine Rolle in der Stichprobe von 1716 spielt, verwundert nicht, ist doch die Gumpendorfer Kaserne erst 1754 eingerichtet worden. Ähnliches gilt für das ‚Spanische Spital‘, das erst 1718 erbaut wurde und das ‚Heilige Dreifaltigkeitsspital‘ d­ essen Gründung auf das Jahr 1737 zurückgeht.

5.3.2 Die Beschaubefunde der Evangelischen 5.3.2.1 Die Verteilung der festgestellten Todesursachen im Geschlechtervergleich Tab. 11: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute Häufigkeiten der Beschaubefunde im Geschlechtervergleich M

W

unb.

Ges.

M

W

unb.

Abzehrung

44

15



59

Kopf Fieber

1





1

Abzehrungsfieber

13

9



22

Kopf Frais

20

16



36

Altershalber

6

2



8

1





1

Angina

4

1



5

Krebs



1



1

Bauchwassersucht

1





1

Kripsen



1



1

Beinkrebs

1





1

Leberdefekt

1





1

Blattern

6

1



7

Leberentzündung

1





1 3

Blutbrechen

Kopf Wassersucht

Ges.

7

1



8

Leberverhärtung

2

1



26

15

10

51

Lunge

1





1

Brandblattern

2

3



5

Lungenabszess

1





1

Bruch, Beinbruch

2





2

Lungenbrand

85

32



117

Brust Apostem

3





3

Lungendampf

4

1



5

Brand

13

9



22

Lungendefekt

23

14



37

Cachexia

1





1

Lungenentzündung

23

8



31

Colica

1





1

Lungengeschwür

1





1

Dampf



3



3

Lungenkatarrh

9

3



12 72

Brustwassersucht

Därmfrais

41

30



71

60

12



Därmsucht

1





1

Lungensucht Narrheit

1





1

Des Gähen Todes

1





1

Petetsche

1

1



2

Dörrsucht

9

3



12

Ruhr

1





1

Durchbruch

3

1



4

Scharlach Fieber



1



1

Dysenterie

3

2



5

Schlagfluss

76

18



94

Englische Krankheit

1





1

Schlagfrais

2





2

Entzündungsfieber

13

1



14

Schwarze Gallsucht



1



1

Fäulungsfieber

11

1



12

Schwindsucht

3

2



5

Seitenstechen

1





1

Skorbut

1





1

Fieber

4

1



5

Frais

23

10

1

34

220

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781 M

W

unb.

Ges.

Gedärmentzündung

2

Gehirnentzündung



M

W

unb.

Ges.





2

Steckfluss

7

2



9

1



1

Steckfrais

14

12



26

Gelbsucht

3





3

Steckkatarrh

13

9



22

Getötet

2





2

Steinblattern

2

2



4

Gliederfrais



1



1

Suizid

3





3

Hectica (-Fieber)

39

35



74

Totgeburt





Hitziges Fieber

49

19



68

Unfall

4

1



Hitziges Gallfieber

13

3



16

Vergiftet

1





1

Innerliche Fäulung

1





1

29

19



48

Innerlicher Brand

83

56



139

Kalter Brand

44

17



61

Katarrh

Wassersucht Weißer Friesel Windwassersucht

7

7 5

5

1



6

16

6



22

2





2

Zahnfieber

2





2

Kindsblattern

14

10



24

Zahnfrais

22

10



32

Kopf Apostem

10

6



16

Zahnkatarrh

9





9

1





1

948

430

Kopf Entzündung

Gesamt

18

1.397

Tab. 11 liefert eine Auflistung aller im Datenmaterial enthaltenen Beschaubefunde in alphabetischer Reihenfolge und die entsprechenden Häufigkeitsverteilungen nach Geschlechtern. Bei den 1.352 evangelischen Einträgen beläuft sich die Zahl der von den Totenbeschauern gestellten Diagnosen auf 1.397. Über die Beschaubefunde können nicht nur Einblicke in die frühneuzeitliche Diagnostik, sondern auch in das Spektrum der möglichen lebensbedrohlichen Krankheiten gewonnen werden. Mit der Art und Weise, wie die Totenbeschau vorgenommen wurde, lässt sich ferner der soziokulturelle Konstruktionscharakter der zum Tod führenden Krankheitsbilder nachzeichnen.136 Die Institution der Totenbeschau war in ein soziales Netzwerk und entsprechende Kommunikationsprozesse eingebettet. Die im Protokoll vermerkten Todesursachen setzen vielfach ein gewisses Maß an Beratung mit den Angehörigen am Beschauort selbst voraus. Es wäre daher falsch davon auszugehen, dass sich die Diagnosen einzig auf das Urteil von Professionisten stützen. Die gebräuchliche Formel ‚ist beschaut worden‘ wird in den evangelischen Einträgen nur in seltenen Fällen durch ‚ist gestorben‘, ‚ist verstorben‘ oder bei sozial angesehenen Personen durch ‚ist verschieden‘ ersetzt. Es ist denkbar, dass in diesen Fällen keine Totenbeschau vorgenommen wurde.137 In Tab. 11 ist bemerkenswert, dass die 83 gestellten Diagnosen überwiegend auf die Symp­ tome Bezug nehmen, die durch bestimmte (aber oft nicht näher bekannte) Krankheiten 136 Diese Beobachtung ließe sich mit der wissenssoziologischen ­Theorie von der gesellschaftlichen Konstruk­ tion der Wirklichkeit in Verbindung bringen. Vgl. Berger/Luckmann 1977 [1966]. 137 Dass gerade bei gerichtlichen Angelegenheiten die klassische Beschauformel entfällt, kann in der gegenständlichen Untersuchung nicht bestätigt werden. In allen 14 Fällen, in denen das Stadtgericht eingeschalten wurde, sind alle Verstorbenen auch vom Stadtgericht ‚beschaut‘ worden. Bei den entsprechenden Vermerken handelt es sich um Suizidfälle, Unfälle und Kriminalfälle. Vgl. Trawnicek 2003, 105.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

221

hervorgerufen werden. Vielfach bemüht sich der Totenbeschauer um eine Näherbestimmung, indem er das Symptom auf bestimmte Körperregionen hin eingrenzt (z. B. ‚Zahnfrais‘). An anderen Stellen aber sind die Beschaubefunde so unspezifisch (z. B. ‚Frais‘), dass eine Bestimmung der Todesursache unmöglich erscheint. Die Verwendung der immer gleichen Bezeichnungen setzt voraus, dass es geprägte Begriffe in der Diagnostik der Totenbeschau gibt. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Symptome immer richtig erkannt und den Begriffen richtig zugeordnet werden. Mit 139 Eintragungen entfallen fast 10 % aller im erhobenen Material genannten Todesursachen auf die Diagnose ‚Innerlicher Brand‘. Der Ausdruck verweist auf eine innere Wundinfektion und wird daher in ihrer Symptomatik dem Lungenbrand, der mit 117 Treffern der Häufigkeit nach an zweiter Stelle steht, nicht unähnlich sein. Eine ähnlich häufig gestellte Diagnose ist der ‚Schlagfluss‘ mit 94 Eintragungen, mit dem im Allgemeinen ein Schlaganfall oder eine Gehirnblutung bezeichnet wird. Gemeinsam mit der ‚Lungensucht‘ mit 72 und der ‚Därmfrais‘ mit 71 Nennungen machen diese fünf am häufigsten genannten Todesursachen mehr als ein Drittel aller Befunde aus. Mit den zehn am häufigsten genannten Todesursachen – hinzu kommen ‚Hitziges Fieber‘ (68), ‚Kalter Brand‘ (61), ‚Abzehrung‘ (59), ‚Brand‘ (51) und ‚Wassersucht‘ (48) – sind mit rund 56,5 % schließlich mehr als die Hälfte der im Datenmaterial enthaltenen Diagnosen bzw. Merkmalsausprägungen abgedeckt. Unter Berücksichtigung der Sexualproportion 2:1 liefert die Auszählung der Beschaubefunde keine gravierenden Unterschiede bei der Geschlechtergegenüberstellung. Erwähnenswert hingegen sind einzelne Beschaubefunde mit teilweise skurrilen Schilderungen. Sie stehen als Beispiele für die inhaltliche Vielfalt der Einträge und verweisen auf den qualitativen Wert der Quelle. So ist etwa der Lakai Friedrich Rieß (02. 08. 1740 [Nr. 141]) „von einen Jäger gestochen worden, und in den Mäzzingerschen Haus am Graben in der Barbier-Stuben daran gestorben“ 138. Der Handschuhmachergesell Niclas Nemert (25. 07. 1755 [Nr. 505]) verunfallte, weil er „einen Kanarien-Vogl fangen wollen [und] von den Dach sich erfallen“ 139 hat. Der Drahtziehergesell Christoph Schwerdtfeger (26. 04. 1738 [Nr. 69]) ist „am 13. Dis in die Hand gehauen worden ist vorgestern beim goldenen Pelikan am Spittelberg darauf gestorben und alda von kayl. Statt Gericht an Innerlicher Fäulung beschaut worden“ 140. Von den drei im Material enthaltenen Suizidfällen hat sich der Kammerdiener Salomon Gottscheidt (10. 05. 1762 [Nr. 734]) „selbsten entleibt“ 141, der Niederlagsbuchhalter Mathias Thoman (26. 08. 1755 [Nr. 507]) „ohnversehens geschossen“ 142 und Johann ­Friedrich von Stein (28. 11. 1739 [Nr. 117]) „mit einem Degen sich selbst gestochen“ 143 (was freilich auch die Vermutung eines Unfalls zulassen würde). Bemerkenswert ist auch, dass Friedrich Schmidt (23. 03. 1775 [Nr. 1150]) in St. Marx an der „Narheit verschiden“ 144 und Susanne Zeiß 1 38 139 140 141 142 143 144

WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 42, fol. 30r. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. N, fol. 11r. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 226v. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. CGK, fol. 27v. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. DT, fol. 32r. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 41, fol. 268r. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. S, fol. 24v.

222

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

(13. 08. 1753 [Nr. 448]) an der „Schwarzen Gallsucht“ 145 verstorben ist. In ihren Fällen können nur Vermutungen darüber angestellt werden, wie die seelische, psychische oder geistige Verfasstheit zum Tode geführt hat. Etwas rätselhaft bleibt auch der Ausdruck „des Gähen Todes beschaut“ 146, der sich im Eintrag von Johann Jacob Eisenreich (16. 07. 1745 [Nr. 257]) findet. Wahrscheinlich wird hier auf einen plötzlichen und unerwarteten Tod, also auf ein jähes Ende verwiesen, was streng genommen keiner Diagnose entspricht.

5.3.2.2 Der Umgang mit frühneuzeitlichen Beschaubefunden Im Fall der Wiener Totenbeschauprotokolle liegt eine vielfältige Nomenklatur der Todesursachen vor. Dass d ­ ieses breite Spektrum an Bezeichnungen auch die entsprechende medizinische Einordnung erschwert und schon im 18. Jahrhundert für Probleme sorgte, wird mit einer Bemerkung von Johann Peter Suessmilch deutlich: Ich weiß noch bis jetzt nicht, wodurch man in der Wiener Liste Lungenbrand, Lungencatarrh, Lungendampf, Lungenfäulung, Lungendefect, unterscheidet, desgleichen was Glasen und ­Mutter- Darm- Kopf- Nieren-, Steck- und Hinfallenderfrais heissen soll. Durch dergleichen Inexactitude werden die Verzeichnisse der Krankheiten grossen Theils unnütze, sonderlich für Auswärtige. Man kann keine Vergleichung anstellen. Man weiß nicht, ob an einem Orte besondere Arten von Krankheiten herrschen, oder neue entstehen.147

Da viele der in der gegenständlichen Untersuchung erhobenen Befunde auch heute wenig geläufig und zeitweilig missverständlich sind, wirft dies die Frage nach dem Umgang mit historischen Krankheitsbezeichnungen in der Geschichtswissenschaft auf. Beruhen diese körperlichen Erfahrungen von Krankheit und Leid auf humanbiologischen Konstanten oder entspringen sie einer sozial konstruierten Wirklichkeit? Der retrospektiven Diagnostik, die auf den Erkenntnissen der naturwissenschaftlich erschlossenen Körperlichkeit basiert, stehen hier die Konzepte von Historizität und sozialer Konstruktion von Wirklichkeit gegenüber.148 Unter retrospektiver Diagnostik ist nun jene Vorgehensweise zu verstehen, bei der historische Krankheitsbilder gegenwärtigen Krankheitsbegriffen zugeordnet werden. Seit ihrer Distanzierung von der traditionellen Seuchengeschichte, innerhalb derer Bezeichnungen wie z. B. Pest 145 146 147 148

WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. Z, fol. 12r. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 45, fol. 293r.

Süssmilch 1765 [1741], 424 – 425. Wenn die erhobenen Befunde Wirklichkeit erzeugen, dann können diese nicht länger an der Wirklichkeit überprüft werden, was eine objektive Wirklichkeit überhaupt in Frage stellt. Demnach sind im Rahmen ­dieses Ansatzes auch naturwissenschaftliche Befunde nur eine mögliche Form der Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit. Vgl. Ritzmann 2008, 121. Damit tritt aber die Körperlichkeit des Menschen soweit in den Hintergrund, dass er nur noch als kulturelles Wesen in Erscheinung zu treten vermag. Dieser fast schon leibfeindliche Ansatz im sozialkonstruktivistischen Gefolge Foucaults findet sich in der jüngeren Körpergeschichte etwa bei Michael Stolberg. Vgl. Stolberg 2003, 15.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

223

und Lepra unreflektiert mit modernen Begriffen gleichgesetzt wurden, hat sich die moderne Medizingeschichtsforschung aber zunehmend von ­diesem Zugang distanziert. Die ahistorische Gleichsetzung von Krankheitsbezeichnungen unterschiedlicher Nomenklaturen und Nosologien birgt letztlich die Gefahr von Fehlinterpretationen und Missverständnissen. Auch Peter Trawnicek rät in seiner Studie dringend von einer Einordnung in aktuelle Krankheitsbegriffe ab: „Eine sinnvolle Übertragung der meisten der angegebenen Todesursachen in die Sprache der heutigen Medizin ist unmöglich, sie drücken mehr die Wahrnehmung des Krankseins und Sterbens in der Zeit als eine naturwissenschaftlich fundierte Diagnose aus.“ 149 Die historische Erfassung eines Krankheitsbildes hingegen eröffnet einen Zugang zu einer Medizingeschichte, die beim Patienten selbst ansetzt und diesen näher ins Zentrum rückt.150 Iris Ritzmann weist aber zurecht darauf hin, dass auch die konsequente Ablehnung jeglicher humanbiologischer Konstanten innerhalb der Geschichtsforschung nicht durchgehalten werden kann: Ein Verzicht auf jede Art von Quelleninterpretation, die Empfindungen zum Ausdruck bringen, wäre wohl die erste Konsequenz einer Verneinung retrospektiver Diagnostik, bevor noch die Benennung körperlicher Krankheiten mit ihren eher noch objektivierbaren Symptomen ausgeschlossen würde. Diese Themenbereiche unterstehen jedoch keiner entsprechenden ­Tabuisierung. Im Gegenteil: Niemals zuvor beschäftigte sich die Sozialgeschichte so intensiv mit der Geschichte von Emotionen. Der Bezug zur Gefühlswelt der historischen Subjekte wäre ohne die Vorannahme humanbiologischer Konstanten gar nicht erst möglich.151

Da der völlige Verzicht auf humanbiologische Vorannahmen ebenso wenig zielführend ist, wird sich auch im Fall von historischen Krankheitsbezeichnungen wohl eher ein vorsichtiger und reflektierter Umgang mit retrospektiven Diagnosen als der richtige erweisen. Von einer direkten Übertragung in aktuelle Krankheitsbegriffe wird jedenfalls weitestgehend Abstand genommen.152 Diese Einsicht ist wichtig für die Hierarchisierung der Kriterien zur Kategorisierung der Krankheitsbezeichnungen, w ­ elche im Folgenden angestellt wird. Wichtigstes Kriterium zur Bündelung der Bezeichnungen zu historischen Krankheitsbildern sind zunächst die Begriffe und Wortstämme, ­welche die Quelle selbst nennt. Dies bedeutet, dass beispielsweise alle Formen von Wassersucht (z. B. Brustwassersucht, Bauchwassersucht) in einer Kategorie zusammengefasst werden. Sodann lassen sich die gestellten Diagnosen vielfach konkreten Körperregionen zuordnen. So finden sich in der Kategorie der Lungenund Atemwegsbefunde nicht nur Bezeichnungen mit demselben Wortstamm (‚Lungengeschwür‘, ‚Lungendefekt‘), sondern etwa auch der ‚Steckkatarrh‘ oder der ‚Dampf‘, die 1 49 Trawnicek 2003, 115. 150 Vgl. Ritzmann 2008, 123. Einen Mittelweg ­zwischen beiden Ansätzen beschreitet Charles Rosenberg mit seinem ‚framing disease‘ Konzept, bei dem er unterschiedliche Grade von kultureller Abhängigkeit in Bezug auf Krankheiten unterscheidet. Vgl. Rosenberg/Golden 1992. 151 Ritzmann 2008, 123. 152 Wohlgemerkt macht diese Entscheidung das Miteinbeziehen von einschlägigen Lexika zu neuzeitlichen Krankheiten längst nicht obsolet. Vgl. Herrenschwand 1788; vgl. Höfler 1899.

224

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 10: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute Häufigkeiten der Beschaubefunde in Kategorien

beide mit einem Problem der Lunge und der Atmung assoziiert werden und entsprechend lokalisiert werden können. Schließlich wird als letztes Kriterium die Symptomatik ins Auge gefasst. Krankheitsbezeichnungen, die auf Basis ­dieses Kriteriums eine Verwandtschaft aufweisen, werden ebenso in einer Kategorie gebündelt. Der Begriff ‚Kräfteverfall‘ schließt demnach Bezeichnungen mit ein, die diesen symptomatisch implizieren (z. B. ‚Abzehrung‘, ‚Dörrsucht‘ und ‚Schwindsucht‘). Abb. 10 bietet eine Übersicht der Häufigkeitsverteilung der Beschaubefunde in Kategorien. Weiter oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass es sich bei den gestellten Diagnosen weniger um Todesursachen als um Krankheitserscheinungen handelt.153 So subsumiert die Kategorie Kräfteverfall die im Datenmaterial auftretenden Bezeichnungen ‚Abzehrung‘ (59), ‚Abzehrungsfieber‘ (22), ‚Dörrsucht‘ (12), und ‚Schwindsucht‘ (5) ohne damit auf eine konkrete Krankheit zu verweisen. Inwiefern dies auch bei dem Befund ‚Krebs‘ (2) zutrifft, ist unklar. Zudem wurden dieser Kategorie wegen ihres historisch bekannten 153 Vgl. Otruba 1959/60, 211.

Auswertung der Sterbedaten in den evangelischen Sterbeeinträgen

225

Krankheitsverlaufs auch die Einträge von ‚Hectica‘ (74) und einem Fall von ‚Cachexia‘ (1) beigefügt. Ähnlich geartet ist auch die Kategorie Fieber, die sich mit den Einträgen der Symptome (hitziges) ‚Fieber‘ (73), ‚Kopffieber‘ (1), aber auch ‚Entzündungsfieber‘ (14) erschließt. Keine dieser Diagnosen lässt jedoch Rückschlüsse auf die das Fieber auslösende Krankheit zu. Natürlich käme für Letzteres auch die Kategorie der Wundinfektionen in Frage, in der die Bezeichnungen ‚Brand‘ (51), ‚Brandblattern‘ (5), ‚innerlicher Brand‘ (139) und die ‚innerliche Fäulung‘ (1) aufgenommen sind. Weitaus einfacher lassen sich die unterschiedlichen Formen der Wassersucht (48), wie ‚Brustwassersucht‘ (22), ‚Kopf-Wassersucht‘ (1), ‚Bauchwassersucht‘ (1) und ‚Windwassersucht‘ (22) und der Zahnbefunde, darunter ‚Zahnkatarrh‘ (9), ‚Zahnfrais‘ (32) und ‚Zahnfieber‘ (2) clustern. Relativ klar abgrenzen lassen sich auch die offensichtlichen dermatologischen Befunde ‚Brust‘- (3) und ‚Kopf-Apostem‘ (Geschwür) (16) und ‚kalter Brand‘ (61), der ein Gewebeabsterben voraussetzt. Der ‚Schlagfluss‘ (94), die ‚Kopf‘- (36) und ‚Schlagfrais‘ (2), die ‚Gehirn‘- (1) und ‚Kopfentzündung‘ (1) bilden die gemeinsame Kategorie Gehirn- und Kopfbefunde. Im Untersuchungszeitraum wurden auch Totgeburten (7) und Todesfälle aufgrund von Altersschwäche (8) vermerkt. Sie bilden hier eine gemeinsame Kategorie mit der Bezeichnung Totgeburt und Altersschwäche, weil hier weder besondere Todesursachen noch Symptome vermerkt werden. In vielen Einträgen werden konkrete Organe benannt, deren Versagen oder Fehlfunktion laut Angabe zum Tod führte. Fast ein Viertel aller Beschaubefunde bilden gemeinsam die mit Abstand größte Kategorie der Lungen- und Atemwegsbefunde. In ihr aufgenommen sind die Bezeichnungen ‚Lungenbrand‘ (117) ‚Lungendefekt‘ (37), ‚Lungendampf‘ (5), ‚Lungenentzündung‘ (31), ‚Lungengeschwür‘ (1), ‚Lungenabszess‘ (1), ‚Lunge‘ (1), ‚Lungenkatarrh‘ (12) und ‚Lungensucht‘ (72), darüber hinaus ‚Steckfluss‘ (9), ‚Steckfrais‘ (26) und ‚Steckkatarrh‘ (22), aber auch ‚Dampf‘ (3), ‚Katarrh‘ (2) und ‚Durchbruch‘ (4), der im Befund selbst im Zusammenhang mit Atemnot genannt wird. Innerhalb des Datenmaterials werden mit ‚Leberdefekt‘ (1), ‚Leberentzündung‘ (1) und ‚Leberverhärtung‘ (3) auch drei unterschiedliche Symptome von Lebererkrankungen genannt, die in der Kategorie Leberbefunde gebündelt sind. ‚Blutbrechen‘ (8), ‚Därmfrais‘ (71), ‚Därmsucht‘ (1) und ‚Gedärmentzündung‘ (2) werden in einer gemeinsamen Kategorie der Magen- und Darmbefunde subsumiert. Vereinzelt kamen Personen durch äußere Einwirkungen zu Tode, indem sie vergiftet (1) oder getötet (2) wurden, verunfallt sind (5), (Knochen-)Brüchen erlagen (2) oder Suizid begingen (3). Eine weitere unspezifische Bezeichnung für eine Krankheitserscheinung stellt die Frais (35) dar.154 In ihrem Fall wird eine eigene Kategorie für all jene Eintragungen eingeführt, die abgesehen von der wiederholt auftretenden Phrase ‚von Mutterleib an‘ keine konkreten Form der Frais (wie etwa ‚Zahnfrais‘ oder ‚Därmfrais‘) nennen.155 Die Datensätze enthalten auch eine Reihe von Bezeichnungen, die auf Infektionskrankheiten schließen lassen wie etwa ‚Kindsblattern‘ (24), ‚Steinblattern‘ (4), ‚Blattern‘ (7), (hitziges) ‚Gallfieber‘ (16), 154 Der inflationäre Gebrauch der Diagnose trug zu ihrer inhaltlichen Entleerung bei. Vgl. Trawnicek 2003, 115. 155 Der Vollständigkeit halber wird angemerkt, dass sich darin einmal die Bezeichnung ‚Gliederfrais‘ findet.

226

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

‚Dysenterie‘ und ‚Ruhr‘ (6), ‚Colica‘ (1), ‚Fäulungsfieber‘ (12), ‚Gelbsucht‘ (3), ‚Kripsen‘ (Grippe) (1), ‚Petetsche‘ (Pestflecken) (2), ‚Scharlach-Fieber‘ (1), ‚Seitenstechen‘ (1), ‚Weißer Friesel‘ (6) und ‚Angina‘ (5). Innerhalb dieser Kategorie erscheint die Bezugnahme auf moderne Kenntnisse über die Krankheiten notwendig. Die Kategorie Sonstige fasst schließlich die Vitaminmangelerkrankung ‚Skorbut‘ (1), die ‚englische Krankheit‘ (Rachititis) (1) sowie den Eintrag „des Gähen Todes beschaut“ 156 zusammen. In zwei besonderen Fällen wird die ‚schwarze Gallsucht‘ (1) und die ‚Narrheit‘ (1) für das Eintreten des Todes verantwortlich gemacht. Auch sie werden in die Kategorie Sonstige aufgenommen. In nur fünf Datensätzen liegt für das gegenständliche Merkmal keine Merkmalsausprägung vor.

5.3.2.3 Die Kategorien der Beschaubefunde im Vergleich mit dem Sterbealter in Klassen Tab. 12: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorien der Beschaubefunde und ihre Häufigkeiten in den Altersklassen der Verstorbenen unbest. Lungen- und Atemwegsbefunde (343)

u. 1 J.

1 bis u. 2 J.

2 bis u. 15 J.

15 bis 20 bis 30 bis 40 bis 50 bis 60 bis 70 J. u. 20 J. u. 30 J. u. 40 J. u. 50 J. u. 60 J. u. 70 J. u. mehr

32

9

24

3

43

45

50

57

43

37

Wundinfektionen (196)

4

15

3

12

3

26

32

35

30

13

23

Kräfteverfall (175)

1

12

5

24

3

30

27

19

21

13

20

16

5

16

1

5

9

20

18

22

22

2

4

35

21

13

8

1

3

3

1

10

6

19

22

17

14

2

18

16

9

5

3

1

Gehirn- und Kopfbefunde (134) Fieber (88)

1 2

Wassersucht (94) Infektionskrankheiten (89)

1

9

2

23

67

4

2

2

3

2

1

1

Dermatologische Befunde (80)

2

2

11

2

2

3

15

18

Zahnbefunde (43)

28

12

3 1

1

Magen- und Darmbefunde (82)

Fraisen (unbest.) (35) Totgeburt und Altersschwäche (15)

1

27

4

25

1

7

8

Äußere Einwirkungen (13)

6

Lebererbefunde (5)

1

Sonstige (5)

1

2

2

2 1

3

156 WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 45, fol. 293r.

1

1

1

1

1

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

227

Nimmt man nun die in Abb. 10 angelegte Taxonomie als Ausgangsbasis für die Zusammenschau mit den in Tab. 3 (siehe Kapitel 5.3.1.3) gebildeten Altersklassen, so fällt mit Tab. 12 auf, dass die Beschaubefunde, die mit Zahnerkrankungen in Verbindung stehen, nur bei den unter 15-jährig Verstorbenen und hier vor allem bei den im ersten Lebensjahr Verstorbenen auftreten. Umgekehrt setzen die Todesursachen durch äußere Einwirkungen erst bei den Klassen der 20- bis unter 30-jährig Verstorbenen ein. Nennenswert ist, dass die Dia­gnosen ‚Entzündungsfieber‘, ‚Hitziges Fieber‘ und ‚Kopffieber‘, die in der Kategorie Fieber zusammengefasst sind, fast ausschließlich bei Erwachsenen gestellt werden. Auch die Zahl der Wundinfektionen häuft sich deutlich im Erwachsenenalter. Innerhalb der Kategorie der Infektionskrankheiten fällt auf, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene stark betroffen sind und bei den älteren Verstorbenen die Anzahl der Sterbefälle in dieser Kategorie erheblich abnimmt. Dermatologische Erkrankungen werden zwar auch bei Kindern als Todesursache festgestellt, bei Erwachsenen aber dann verstärkt erst ab der Klasse der 50- bis unter 60-jährig Verstorbenen. Eine deutliche Häufung der Magen- und Darmbefunde und hier vor allem der ‚Därmfrais‘, ist bei Säuglingen im ersten Lebensjahr festzustellen. Auch beim unbestimmten Beschaubefund ‚Fraisen‘ entfallen von 35 Eintragungen 27 auf Säuglinge. Mit zwei Ausnahmen tauchen auch Formen der Wassersucht erst in der Klasse der 2- bis unter 15-jährig Verstorbenen und nicht etwa schon bei Säuglingen auf. Die unter dem Begriff Kräfteverfall subsumierten abzehrenden Symptome und auch jene die Rückschlüsse auf Lungen- und Atemwegserkrankungen zulassen, verteilen sich insgesamt gleichmäßig über die hier gebildeten Altersklassen, wie aus Tab. 12 hervorgeht. Wie sich im Geschlechtervergleich in Tab. 11 (und unter Berücksichtigung des ungefähren Geschlechterverhältnisses 2:1) bereits gezeigt hat, gibt es keine Diagnosen, die mit einem deutlichen Unterschied der Häufigkeiten überwiegend entweder bei Frauen oder bei Männern gestellt werden. Wenngleich eine geschlechterspezifische Aufstellung der Beschaubefunde in den Altersklassen für weitere Forschungen zur Sexualproportion hilfreich sein kann, wird sie aufgrund der Datenlage in d ­ iesem Kapitel nicht mehr unternommen. Ebenso wenig aussagekräftig für den gegenständlichen Befund erscheint eine Stadt-Vorstädte-Verteilung der Beschaubefunde.

5.4 Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen Ging es bis jetzt um die Sterbeverhältnisse, so liegt das Augenmerk in den nun folgenden Kapiteln vorrangig auf den Lebensverhältnissen der Evangelischen in den Totenbeschau­protokollen. Die Absicht, ausgerechnet anhand von evangelischen Sterbeeinträgen evangelisches Leben erforschen zu wollen, mag auf Kritik stoßen und muss deshalb begründet werden. Den Ausgangspunkt dieser neuen Perspektivierung bildet ein methodisch veränderter Zugriff auf das Datenmaterial, der zwar quantitativ nicht sonderlich ins Gewicht fällt, jedoch formal notwendig erscheint. Mit dem Fokus auf geographische Gesichtspunkte des Datenmaterials rückt hierbei besonders die Frage nach der räumlichen Konzentration evangelischen Lebens ins Zentrum. Beachtung finden hier neben den Wohn- und Beschauortangaben zudem die

228

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Gebäudenamen und Ortsbezeichnungen sowie die punktuellen Referenzen zum Herkunftsoder Geburtsort der Evangelischen und ihren Anstellungsverhältnissen.

5.4.1 Wohn- und Beschauortangaben im Stadt-Vorstädte-Vergleich Eine Aufschlüsselung des städtischen und vorstädtischen Anteils der Evangelischen in den Totenbeschauprotokollen lässt sich zunächst nur über den Weg der Beschauorte bewerkstelligen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die genannten Beschauorte in den meisten Fällen mit den aktuellen Aufenthaltsorten der Verstorbenen übereinstimmen. Dass in nur 30 Fällen neben dem Beschauort noch eine weitere Ortsbezeichnung für Wien angeführt wird, die meist ausdrücklich als Wohnort ausgewiesen wird, untermauert diese Annahme.157 In diesen Fällen wird nun diese Information anstelle des Beschauortes in die Auswertung aufgenommen. Auf dieser Basis lässt sich aus den evangelischen Einträgen weder ablesen, dass der Protestantismus in Wien im Untersuchungszeitraum ein primär vorstädtisches Phänomen war, noch, dass er sich auf den städtischen Raum konzentrierte. Mit 52 % der Ortsangaben in den Vorstädten und 47 % in der Stadt ist das Verhältnis annähernd ausgewogen. Mit Abb. 11 sei nun zudem auf  Tab. 7 verwiesen, mit der im Vergleich dieser geringe aber methodisch wichtige Unterschied sichtbar wird.

Abb. 11: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Wohn- und Beschauortangaben auf die Stadt und ihre Vorstädte

157 Dies ist besonders dann der Fall, wenn Pflege- und Heilstätten als Beschauorte vermerkt werden. Unter diesen 30 Einträgen finden sich zwei Datensätze, die (weil die verstorbenen Personen noch tot in eine Einrichtung überbracht wurden) den Eintrag um eine dritte geographische Referenz für Wien ergänzen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 68, lit. FU, fol. 28r; vgl.

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

229

5.4.2 Auswertung der städtischen Wohn- und Beschauortangaben In ­diesem Kapitel wird nach den geographischen Punkten gefragt, an denen evangelisches Leben in Wien im Untersuchungszeitraum sichtbar wird. Der von dem Kupferstecher Th ­ omas Meßner und dem Drucker Johannes Baptist Prasser um das Jahr 1730 auf Pergament angefertigte Stadtplan (Abb. 12) berücksichtigt die auf das Mittelalter zurückgehende Viertelteilung der Stadt und beinhaltet zudem eine ausführliche Legende mit den jeweils darin befind­lichen Bezugspunkten. Dies qualifiziert den Plan als Schablone für eine Aufschlüsselung der städtischen Angaben zu den Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen, die in Tab. 13 unternommen wird. Die städtischen Ortsangaben mit der größten Häufigkeit liegen im Stubenviertel. Als Bezeichnungen werden hier u. a. ‚am roten Turm‘ (43), ‚obere‘ und ‚untere Beckenstraße‘ (42), ‚am alten Haarmarkt‘ (30), und ‚am alten Fleischmarkt‘ (28) genannt. Evangelische Spuren finden sich überdies im Kärntnerviertel in der ‚Kärntnerstraße‘ (19) und der ‚Krugerstraße‘ (23). Das ‚Widmerviertel‘ sticht in dieser Hinsicht mit dem ‚Kohlmarkt‘ (27), ‚Tuchlauben‘ (17) und der ‚Dorotheergasse‘ (15) hervor. Im ‚Schottenviertel‘ heben sich vor allem der ‚Salzgries‘ (21) und die ‚Freyung‘ (23) von den übrigen geographischen Referenzpunkten ab. Da in den Sterbeeinträgen sowohl im Fall der ‚Beckenstraße‘ als auch im Fall der ‚Breunerstraße‘ zeitweilig nicht ­zwischen ‚oberer‘ und ‚unterer‘ unterschieden wird, werden diese Straßen in der Auswertung jeweils zusammengefasst. Eine weitere Unschärfe ergibt sich durch die Ortsangaben, die auf die Grenzen der Stadtviertel fallen.158 Folgt man Gustav Adolf Schimmer, der im Jahr 1865 konstatiert, dass „[d]ie innere Stadt Wien […] seit nahezu einem Jahrhundert fast immer die ­gleiche Bewohnerzahl beherbergt“ 159, so lässt sich die von ihm angeführte Zählung aus dem Jahr 1783 als Referenzwert für den vorliegenden Befund heranziehen. Mit dem Hinweis, dass dieser Vergleich nur eine grobe Schätzung zulässt, nimmt die aus den Sterbeeinträgen erhobene evangelische Teilpopulation der Stadt etwa 1,23 % der 51.735 gezählten Stadtbewohner ein.160

WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. BP, fol. 70r. Außer Acht gelassen werden hier die Angaben zur ursprünglichen Herkunft oder dem Geburtsort der verstorbenen Person, die in manchen Einträgen im Zusammenhang mit dem Beruf vermerkt sind. 158 Dies gilt besonders für den Hohen Markt, der alle vier Viertel in sich vereint, wie auch Friedrich N ­ icolai in einem Reisebericht zu schildern weiß: „Der ganze südliche Theil gehört zum Kärntherviertel. Die Ecke ­zwischen den Tuchlauben und der Wiplingerstraße gehört zum Widmerviertel; der übrige Theil auf dieser Seite bis zum Salvatorgassel, und auf der nordlichen Seite bis zum Judengassel gehört zum Schottenviertel, und das übrige der nordlichen Seite nebst der ostlichen Seite zum Stubenviertel.“ Nicolai 1783, 653. 159 Schimmer 1865, 13. 160 Vgl. ebd., 13.

230

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 12: Meßner, Thomas: Grundriß von der kaiserlichen und königlichen Haubtund Residenzstadt Wien mit Anzeig der 4 Vierteln […]. Quelle: WStLA, Kartographische Sammlung, B3 – Allgemeine Reihe, Pläne und Karten, P1.7

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

231

Tab. 13: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Aufschlüsselung der städtischen Wohn- und Beschauortangaben unter Berücksichtigung der Viertelteilung Stubenviertel

h

Legende

Beckenstraße, obere u. untere

42

20/21

Biberbastei

2

A

Bürger (Bauern) Musterung

2

74

Franziskanern, bei den

3

13

Erzbischofhof

1

hh

Grün Anger, am

2

70

28

75

1

L

30

76

Fleischmarkt, am alten Gonzagabastei Haarmarkt, am alten Kienmarkt, am alten

Kärntnerviertel Bauernmarkt, am alten

h

77

5

7

Brandstatt

Himmelpfortgasse

12

36

2

l/19

19

15 O

Juristenschule, Schulerstr. Kärntnerstraße

Legende

13

7

4

Kärntner Tor

8

12

80

Krugerstraße

23

16

1

81

Kumpfgasse

1

48

43

S

Römerstraße

3

17

Rotgasse

3

b. 81/82

Saillerstadt

9

69

Sauwinkel

1

73

Singerstraße

7

18

Schönlaterngasse

1

72

St. Stephan

2

a

St. Ruprecht

1

c

Wasserkunstbastei

4

D

10

N

Weyburg

5

37

2

108

Wintergassl (Landskrongasse)

11

38

18

71

Lubegg/Lugeck Lichtensteg Roten Turm, am

Stubentor Waaghaus Wollzeile (Waldzeile) Gesamt Schottenviertel

205 h

Legende

Arsenal, am unteren

4

101

Berghof

1

b. 54

Elendbastei

1

I

Fischerstiege Freyung

Gesamt

129

Widmerviertel

h

Am Heidenschuss

Legende 1

b. 9

Am Hof

12

9

Annagasse

4

34

2

85

Augustiner, beim

3

w

23

10

Bognergasse (Peilertor)

2

41

Herrengasse

9

30

Bräunerstraße, untere

8

23

Hohe Brücke

11

87

Bräunerstraße, obere

1

24

Hoher Markt

13

5

Burgtor

14

P

Judengasse

4

54

Dorotheergasse (klein, groß)

15

31

Landhaus, hinterm

2

kk

Graben, am

11

8

Maria Stiegen (am Gestade)

2

d

Jesuitenplatz

2

14

Minoriten Kirche

1

t

Judenplatz

9

12

Mölker Bastei

1

H

Kärntner Bastei

1

E

Mönchs Bastei (Elendbastei)

1

I

Kohlmarkt

27

78

Naglergasse

7

42

Krautgasse

1

68

Neuen Tor, am

2

R

Mehlgrube, bürgerl.

1

110

Renngasse

11

43

Neuer Markt

Salvatorgasse

8

58

Pauler Tor (beim gewesten)

12

1

1

94

232

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Salzgries

21

86

Schottenbastei

2

b. Q

Schottentor

1

Q

Peter, am (Petersfreithof )

9

b

Schweinemarkt, am

1

1

Schlossergasse

3

66

Strauch Gasse (Strohgasse)

2

61

Schultergasse

1

b. 12

Teinfaltstraße

3

29

Seitzergasse (Steindlgasse)

2

62

Tiefer Graben

4

88

Stock im Eisen Platz

6

6

Wallerstraße

1

25

Tuchlauben

17

b. 93

2

26

Wildwerckerstr. (Wipplinger) Gesamt

137

Gesamt

166

5.4.3 Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den Vorstädten Der in Abb. 13 bearbeitete Stadtplan von Johannes Weingartner aus dem Jahr 1736 gibt nicht nur einen Überblick über die Vorstädte Wiens zur Mitte des 18. Jahrhunderts, sondern vermittelt gleichsam einen Eindruck über die Reichweite der magistratischen Totenbeschau. Die zeitliche Nähe zum Beginn der evangelischen Spuren in der auszuwertenden Quelle legt seine Verwendung für die vorliegende Untersuchung nahe. Mit den eingetragenen Buchstaben dient der Plan vor allem der Visualisierung der in Tab. 14 angestellten Auswertung. Tab. 14: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Wohn- und Beschauortangaben in den Vorstädten im Vergleich mit der Bevölkerungszählung 1783 (G. A. Schimmer) Vorstädte

Ortsbezeichnungen und Fallzahlen im Befund

(a) Leopoldstadt, ­Jägerzeile;

Leopoldstadt (72), Barmherzige Brüder (14), Zuchthaus (4), Jägerzeile (4), Unter d. Felbern (5);

(b) Weißgerber, Erdberg; Weißgerber (3), Erdberg (3);

Zählung Ev. 18. Jhdt. 1783 % geschätzt 99

17.338

0,6

6

5.704

0,1

(c) Landstraße

Landstraße (38), Heumarkt (1), Rennweg (7), Ungargasse (10), St. Marx (7);

63

10.279

0,6

(d) Wieden, Matzleinsdorf, Hungelbrunn;

Wieden (76), Matzelsdorf (4), Hungelbrunn (2);

82

18.533

0,4

(e) Margarethen, Nikolsdorf;

Margarethen (4), Nikolsdorf (2);

6

4.701

0,1

(f ) Laimgrube, Windmühle;

Getreidem. (11), Kothg. (6), A. d. Wien (56), Laimgrube (4), Windmühle (1);

78

8.254

0,9

(g) Gumpendorf, Magdalenagrund;

Militärspital (66), Magdalenagrund (3), Gumpendorf (8);

77

6.261

1,2

(h) Mariahilf

Mariahilf (30)

30

9.505

0,3

(i) Spitalberg

Spitalberg (29)

29

5.184

0,6

(j) St. Ulrich Neudegger (Platzel)

Neudeggergrund (1), St. Ulrich (24);

25

6.195

0,4

233

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen Vorstädte

Zählung Ev. 18. Jhdt. 1783 % geschätzt

Ortsbezeichnungen und Fallzahlen im Befund

(k) Neubau, Neustift;

Neubau (13), Neustift (23);

(l) Altlerchenfeld, Neulerchenfeld

Altlerchenfeld (1), Neulerchenfeld (1), Lerchenfeld (4)

36

20.049

0,2

6

6.528

0,1

(m) Josephstadt

Josephstadt (45)

45

7.245

0,6

(n) Alsergrund

Alservorst. (2) Alsterg. (17), Währingerg. (47), Kontumaz (5), Bäckenh. (4), Sp. Spital (3), am Alsterb. (2);

80

9.108

0,9

(o) Lichtental, Thury, Himmelpfortgrund;

Lichtental (6), Thury (4), Himmelpfortgrund (2);

12

11.885

0,1

(p) Rossau

Rossau (28)

28

5.056

0,6

Schwechat (1)

1

Reinprechtsdorf, Hundsturm, Strozzen­grund, Althan Gesamt

4.419 703

156.244

0,4

Mit dem Verweis auf das vorangehende Kapitel steht dem geringen Bevölkerungszuwachs der Stadt nun eine schnelle und beträchtliche Zunahme der Population in den Vorstädten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus gegenüber. Während sich die Einwohnerzahl in den Vorstädten 1783 noch auf 156.244 beläuft, wächst sie bis ins Jahr 1864 auf 491.607 an.161 Der in Tab. 14 gezogene Vergleich mit der Momentaufnahme aus dem Jahr 1783 lässt deshalb, aber auch aufgrund der Verschiedenheit von Sterberate und Volkszählung, allenfalls Schätzungen bezüglich der Größenordnung der evangelischen Bevölkerungsgruppe in den jeweiligen Vorstädten im Untersuchungszeitraum zu. Die in Tab. 14 angestellte Berechnung der prozentuellen Beteiligung der Evangelischen in den Vorstädten deckt sich mit jenem Anteil von 0,4 %, den die evangelischen Sterbeeinträge an der Gesamtheit der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum einnehmen. Blickt man nun auf die entsprechenden Ergebnisse in den einzelnen Vorstädten, die aufgrund geringer Fallzahlen zuweilen mit angrenzenden Vorstädten zusammengefasst werden, so reicht die Evangelische Beteiligung von 0,1 % bis 1,2 %, wobei die Obergrenze, die sich mit einem deutlichen Abstand von 0,3 % einstellt, den im Militärspital Gumpendorf verstorbenen Evangelischen geschuldet ist. Sieht man von den Spitälern und Krankenhäusern ab, so lässt sich unter Berücksichtigung der Zählung 1783 ablesen, dass evangelisches Leben und Sterben in den Vorstädten am ehesten in der Leopoldstadt, auf der Landstraße, in der Laimgrube, am ‚Spitalberg‘ in der Josephstadt sowie in der Rossau anzutreffen ist. Die höchsten Fallzahlen im Befund liegen hingegen bei den Vermerken ‚auf der Wieden‘, ‚an der Wienn‘ und ‚Währingergasse‘ vor. Die zweitgenannte Ortsbezeichnung ist als wichtiges Gewerbeviertel bekannt und daher von besonderem Interesse für die gegenständliche Untersuchung. 161 Vgl. ebd., 13.

Abb. 13: Weingartner, Johannes: Neu Accurat und corrigirter Plan von der Kayserl. Haubt und Residenz Stadt Wienn […]. Quelle: WStLA, Kartographische Sammlung, Sammelbestand, P1:222G

234 Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

235

Ähnlich den beiden anderen Orten und entgegen den Erwartungen weist der Befund aber auch hier ein heterogenes Berufsspektrum auf. Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch der Sonderfall Konrad Schumacher (03. 09. 1751 [Nr. 389])162, der trotz seines Ablebens und der anschließenden Beschau in Schwechat ins Wiener Sterberegister aufgenommen wurde.

Abb. 14: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Häufigkeitsverteilung der Wohn- und Beschauortangaben in der Stadt und den Vorstädten.

Abschließend wird mit Abb. 14 eine Gesamtübersicht zur Häufigkeitsverteilung der Wohnund Beschauortangaben in der Stadt und den Vorstädten geboten, die auch die prozentuellen Anteile am gesamten Datenmaterial mitberücksichtigt. Während der Innenkreis die Häufigkeitsverteilung in den Stadtvierteln abbildet, stellt der äußere Ring die Häufigkeitsverteilung der Vorstädte dar.

162 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 48, fol. 502r.

236

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

5.4.4 Aufschlüsselung der Ortsbezeichnungen und Hausnamen In der Zeit vor den Hausnummerierungen, die erst im Rahmen der militärischen und politischen Seelenkonskription im Jahr 1770 als Konskriptionsnummern und hinsichtlich eines neuen Rekrutierungssystems eingeführt wurden, waren Häuser (nicht nur) im städtischen Raum mittels Hausnamen und Hausschildern gekennzeichnet.163 Sie fungierten als zusätzliche geographische Orientierungspunkte zu den Gassen- und Straßennamen. Durch die Hausnamen wurden zudem Besitzverhältnisse und die Zugehörigkeit zur Stadtgemeinde angezeigt. Schildnamen, wie etwa ‚Zum goldenen Hirsch‘, waren gewöhnlich auf Tafeln, Bilder oder Plastiken an den Außenmauern der Gebäude angebracht.164 Eine Änderung der Besitzverhältnisse brachte in der Regel eine Änderung des Hausnamens mit sich, sodass auch hier mit gewissen Unregelmäßigkeiten in der Quelle zu rechnen ist. Das Spektrum der angegebenen Wohn- und Beschauorte reicht von Wohnhäusern über Gaststätten, staatlichen und kirchlichen Einrichtungen, bis hin zu Kasernen und Arbeitsstätten. Der Kategorisierung der Wohn- und Beschauorte liegen im Folgenden unterschiedliche Kriterien zugrunde: Die Wohn- und Miethäuser sowie die Gaststätten und andere Unterkünfte unterscheiden sich durch ihre jeweilige Benennung, die entweder auf Personennamen (z. B. ‚Doktor Bergerisches Haus‘ oder ‚Fürst Kaunitzisches Haus‘), auf bestimmte Berufe (z. B. ‚Schleiferisches Haus‘ oder ‚Perückenmacherisches Haus‘), auf Schildnamen (z. B. ‚Zum goldenen Hirsch‘ oder ‚Zu den zwei Schimmeln‘) lauten oder in den späteren Einträgen nur noch eine Nummer tragen. Daneben gibt es zahlreiche staatliche, kirchliche und militärische Einrichtungen, deren Bezeichnungen sich nach dem Zweck orientieren, den sie erfüllen (z. B. ‚Kaserne‘, ‚Spanisches Spital‘, ‚Zuchthaus‘). Die Zweckbezeichnung gilt auch für die Nennung von Arbeitsstätten. Nicht immer fällt die Bezeichnung des Wohn- bzw. Beschauortes auf ein Gebäude. In nicht wenigen Einträgen findet sich der Verweis auf Gartenanlagen (z. B. ‚Trautsonischer Garten‘). Kirchliche und Militärische Kranken- und Pflegeeinrichtungen werden jeweils den Kategorien der kirchlichen und militärischen Einrichtungen zugeordnet.165 In seltenen Fällen verweisen die Totenbeschauprotokolle mit dem Ausdruck ‚erst bemeltes Haus‘ auf den im vorangehenden Eintrag vermerkten Wohn- bzw. Beschauort.166 163 Das erste Wiener Häuserverzeichnis aus dem Jahr 1701 geht auf den kaiserlichen Briefträger Johann Jordan zurück. Vgl. Jordan 1701; vgl. Huber 2018. 164 Vgl. Wohlrab/Czeike 1972, 340. 165 Bei der Auswertung der Wohn- bzw. Beschauorte wurden auch Recherchen zur geographischen Lage der Objekte angestellt. Dazu gelangten unterschiedliche Häuserschematismen und Verzeichnisse zum Einsatz. Vgl. Häuserverzeichnis 1773; vgl. Häuserschematismus Wien 1776; vgl. Häuserverzeichnis 1779; vgl. Häuserschematismus Wien 1786; vgl. Wiener Schildregister 1795; vgl. Grundherrschaften 1829. 166 Der Ausdruck ‚erst bemeltes Haus‘ wird beispielsweise im Eintrag von Johann Bersche (16. 02. 1737 [Nr. 9]) und im Eintrag von Eberhard von Fischer zu Freuenburg (Juliana 21. 05. 1754 [Nr. 465]) verwendet. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, fol. 231v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. FU, fol. 43v.

237

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

Tab. 15 stellt den Typus des Wohn- oder Beschauortes bzw. der entsprechenden Bezeichnungen in Blöcken gebündelt dar. Während es sich im oberen Block um Wohnhäuser und vereinzelt auch Arbeitsstätten handelt, verweist der mittlere Block auf Höfe und Güter sowie auf andere geographische Orientierungspunkte außerhalb des Hauses. Die im unteren Block gebündelten Zeilen erfassen schließlich die staatlichen und kirchlichen Einrichtungen. Auffällig ist, dass die Verwendung von Personennamen bei der Kennzeichnung von Gebäuden im städtischen Raum überwiegt und typische Hausschildbezeichnungen verstärkt in den Vorstädten auftauchen. Liegen die Güter in der Vorstadt, so sind die Höfe mit Ausnahme des Strudelhofes und Gardehofes alle in der Stadt gelegen. Dass es eine Konzentration der Pflegeeinrichtungen und Heilstätten in der Alservorstadt gibt und das Militärspital in Gumpendorf den weitaus größten Anteil der genannten Militäreinrichtungen ausmacht, wurde bereits in Kapitel 5.3.1.6 festgehalten. Tab. 15: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Ortsbezeichnungen und Hausnamen im Stadt-Vorstädte-Vergleich h Stadt

h Vorstädte

missing data

Personennamen/Besitzer

Häuser- und Beschauortbezeichnungen

333

110



443

Hausschilder/-zeichen

138

288

1

427

Beruf/Arbeitsstätte/Zweck

74

114



188

Hausnummern

10

12



22

1

7



8

Höfe/Güter

41

13



54

Gärten/Lagen

14

31



45

6

86

2

94

Kranken- und Pflegeeinrichtungen

2

19

8

29

Kirchliche Einrichtungen/Gebäude

11

17



28

Staatliche Einrichtungen/Gebäude

6

6



12

missing data

1



1

2

637

703

12

1.352

Eigene Behausung

Militäreinrichtungen

Gesamt

h Gesamt

5.4.5 Angaben zum Herkunfts- und Geburtsort der Evangelischen Informationen zum Herkunfts- und Geburtsort kommen in den evangelischen Einträgen der Totenbeschauprotokolle selten vor. Zwar werden die in Wien weilenden Geschäftsträger und Interessensvertreter auswärtiger Auftraggeber vielfach als ­solche ausgewiesen, allerdings lässt dies nicht den Schluss zu, dass die beauftragten Räte und Agenten auch aus diesen Ländereien und Regionen entsandt wurden, geschweige denn von dort abstammen. In 31 von 1.352 Einträgen wird der Abstammungsort ausdrücklich festgehalten (z. B. ‚aus Pfullingen in Württemberg gebürtig‘). An vielen anderen Stellen verweisen die Präpositionen ‚zu‘, ‚aus‘, ‚in‘, ‚von‘ auf eine Herkunftsangabe. Auf Basis dieser Indizien lassen sich 134 Einträge

238

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

festmachen, w ­ elche die Abstammung bzw. Herkunft der in Wien verstorbenen Evangelischen dezidiert berücksichtigen. Weil dies lediglich einem Anteil von 10 % aller erhobenen Sterbeeinträge entspricht, ist es schwierig, gesicherte Aussagen über die wichtigsten Einzugsgebiete der Evangelischen in den Totenbeschauprotokollen zu treffen. Vor dem Hintergrund des bereinigten Datenmaterials beläuft sich die Zahl der in Tab. 16 nach dem Kriterium der Herrschaftsverhältnisse geclusterten Angaben nur noch auf 127. Tab. 16: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Angaben zum Herkunfts- und Geburtsort in den Einträgen Habsb. Erbländer

h

Reg./Geb. im Reich

h

Reichsstädte

h

Ausland

h

Ungarn

12

Sachsen

19

Nürnberg

8

Schweiz

7 6

Siebenbürgen

2

Schlesien

9

Regensburg

6

Niederlande

Mähren

1

Württemberg

4

Frankfurt

5

Preußen

5

Vorderösterreich

1

Hessen

4

Schweinfurt

2

Frankreich

2

‚aus dem Reich‘

4

Augsburg

1

England

1

Hannover

3

Ulm

1

Schweden

1

Thüringen

2

Lindau

1

Danzig

1

Brandenburg

2

Nordhausen

1

Bayreuth

1

Hamburg

1

Salzburg

1

Köln

1

Pfalz

1

Hall

1

Oettingen

1

Memmingen

1

Hohenlohe

1

Esslingen

1

Heilbronn

1

Mühlhausen

1

Nördlingen

1 Gesamt

23

Windsheim Gesamt

16

Gesamt

52

Gesamt

1 34

Der Verweis auf die Herkunft aus den habsburgischen Erbländern fällt mit Ausnahme Ungarns im Vergleich gering aus. Stärker vertreten sind hingegen die Einträge, die sich auf  Territorien und Städte des Reiches beziehen. Mit dem Verlust der größten Teile Schlesiens im Jahr 1742, wird diese Herkunftsangabe ebenfalls hier rubriziert und nicht etwa in der ersten Spalte. Entgegen der Erwartung, dass sich bei den ausländischen Herkunftsangaben die im Datenmaterial insgesamt stark vertretenen Spuren der dänischen, schwedischen und holländischen Gesandtschaft auch in den vorliegenden Herkunftsangaben niederschlagen müssten, sind hier lediglich die Niederlande nennenswert. Nicht kategorisierbar und daher nicht in der Zählung enthalten sind 23 Einträge, die festhalten, dass es sich bei der verstorbenen Person um eine reisende bzw. ‚vacierende‘ handelte.

Auswertung der Wohn- und Beschauortangaben in den evangelischen Sterbeeinträgen

239

5.4.6 Anstellungs- und Beauftragungsverhältnisse der Evangelischen In Hinblick auf die im nächsten Kapitel unternommene Aufschlüsselung der Berufs- und Standesbezeichnung interessieren hier noch die Anstellungsverhältnisse, aus denen Erkenntnisse darüber gewonnen werden können, wo oder bei wem die Evangelischen erwerbstätig waren oder in wessen Auftrag sie ihrer Arbeit nachgingen. Der Auswertungsschritt wird ­diesem und nicht dem nächsten Kapitel zugeordnet, weil er weitere Einblicke hinsichtlich der räumlichen Verteilung des evangelischen Lebens bereitstellt. Tab. 17: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Anstellungsund Beauftragungsverhältnisse in den Sterbeeinträgen Personen

h

Gesandtschaften

h

Potentaten

h

Mannschaften

h

Hildburghausen, Prinz v.

8

Dänische Ges.

36

Sachsen (Coburg/ Gotha/Weimar)

19

Ried Inf. Reg.

14

Fischer, von

5

Schwedische Ges.

21

Braunschweig (Lüneb./Wolfenb.)

12

Preiß Inf. Reg.

13

Küner, von

5

Holländische Ges.

10

Siebenbürgen

10 Waldeck Inf. Reg.

Matolay, von

4

Russische Ges.

10

Dänemark (und Norwegen)

9

Bender, von (Wechsler)

3

Sächsische Ges.

10

Hessen Darmstadt

9 Wallis Inf. Reg.

4

Kolowrat, Graf von

3

Hannoveran. Ges.

4

Großbritannien

9 Wied Inf. Reg.

4

Lutz (Niederlagsverw.)

3

Englische Ges.

3

Preussen

8

Gyulay, Samuel Reg.

3

Pezolt, Baron von

3

Preussische Ges.

3

Brandenburg (Kulmb./Onolzb.)

5

Löwensteiner Dragoner

3

Gelhay Kürassier Reg.

8 4

Wagner, von (Hofrat)

3

Kursächsische Ges.

3

Ansbach

4

Max Hesch Reg.

3

Hösslin und Falck

2

Ansbachische Ges.

2

Baden Durlach

3

Preysach Inf. Reg.

3

Senckenberg, Freih. von

2

Mecklenburch (Schwerin)

3

Sziskowitz Inf. Reg.

3

Ungarn

3

Anhalt Köthen/Zerbst

2

Böhmen

2

Tab. 17 listet die wichtigsten Dienstgeber und beauftragenden Mächte, die in den Datensätzen den Berufsbezeichnungen an vielen Stellen beigefügt sind. Während in den Spalten der einstellenden Personen, Gesandtschaften und Potentaten bis auf die im Datenmaterial nur einmal genannten alle angeführt sind, werden in der Spalte der Mannschaften auch jene ausgeklammert, die mit einer zweimaligen Nennung aufscheinen. Aus einer konfessionsgeschichtlichen Perspektive verwundert es nicht, dass bei den einstellenden Gesandtschaften die dänische, die schwedische und die holländische Gesandtschaft an oberster Stelle stehen. Mit ihren Gesandtschaftskapellen spielen gerade diese drei eine

240

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

tragende Rolle für das evangelische Leben in Wien im 18. Jahrhundert. Gemäß dem Konzept der Diplomatie vom ‚type ancien‘167, welches auf Basis eines stabilen Kommunikationswesens die Einrichtung von Dauergesandtschaften beinhaltet, versteht ein Diplomat seine Tätigkeit als Fürstendienst, der nicht nur ihm selbst, sondern auch seiner Familie Vorteile einräumt. Als adeliger Repräsentant seines Auftraggebers bewegt er sich ‚standesgemäß‘ an fremden Höfen und vermittelt sowohl Informationen als auch Ressourcen z­ wischen den beiden. Da die räumliche Distanz auch die Kommunikation z­ wischen zwei Mächten erschwert, sind die Gesandten für das Aufrechterhalten internationaler Beziehungen nicht nur unerlässlich, sondern genießen auch ein entsprechend hohes soziales Ansehen. Mit der Entwicklung internationaler Beziehungen kristallisiert sich auch eine Hierarchie unter den Gesandten heraus.168 Als in Wien weilende Interessensvertreter und Lobbyisten werden Evangelische vorwiegend aus Sachsen, Braunschweig und Siebenbürgen beauftragt. Bei geschäftstätigen Einzelpersonen sind es in Wien vorrangig ‚Niederleger‘ (Großhandelskaufleute) und Wechsler, die kaufmännische Stellen an Evangelische Konfessionsverwandte vergeben. Im Fall der Adeligen sind es in erster Linie die ‚herrschaftlichen Bedienten‘ und ‚Lakaien‘ sowie das übrige Hauspersonal, das oft aus den evangelischen Reihen gestellt wird. Stark vertreten im Datenmaterial, wie sich im folgenden Kapitel herausstellen wird, sind die in Mannschaften eingegliederten Soldaten niederen Ranges. Hier treten vor allem die Infanterieregimente von ‚Ried‘, ‚Preiß‘ und ‚Waldeck‘ in den Vordergrund. Ein verstärktes Auftreten von evangelischen Angestellten bei konkreten Arbeitgebern kann als Ausdruck evangelischer Vergemeinschaftung interpretiert werden. Vor dem Hintergrund entsprechender Verdichtungen besteht die Möglichkeit der Festigung einer kollektiven konfessionellen Identität mit gelebter evangelischer Konfessionskultur.

5.5 Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen Mit dem Fokus auf das Merkmal der Berufs- und Standesbezeichnung bietet d ­ ieses Kapitel eine Aufschlüsselung und Kategorisierung der Berufsbezeichnungen sowie eine StadtVorstädte-Verteilung der im Datenmaterial enthaltenen Berufsgruppen. Ein zentrales Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit ist der Zusammenhang von religiöser Duldung und Erwerbstätigkeit. Dass sich in den Wiener Totenbeschauprotokollen vor der Toleranzzeit evangelische Einträge finden, geht in vielen Fällen mit jenen Berufsbezeichnungen einher, 167 Vgl. Thiessen 2010, 478 – 480. 168 Ein Botschafter (‚Ambassador‘) darf auf die Titulation ‚Excellenz‘ bestehen und ist den übrigen Gesandten und Residenten hierarchisch übergeordnet. ‚Außerordentliche‘ Gesandte sind meist mit kurzfristigeren Einsätzen betraut und ‚bevollmächtigte‘ sind dazu angehalten, Verträge für ihren Herrscher auszuhandeln. Zu den Akteuren der internationalen Beziehungen zählen neben den Herrschern und Gesandten auch die Minister, ­welche als Mitglieder der Regierung zu verstehen sind. Vgl. Backerra 2018, 23 – 25; vgl. Kapitel 5.6.1 Titulationen und Anreden.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

241

­ elche die Sterbeeinträge selbst anführen. Da die Merkmalsausprägungen mit wenigen Ausw nahmen hier nahezu ausschließlich auf Männer entfallen, die – wenn mehrere Angehörige derselben Familie im Untersuchungszeitraum verstorben sind – innerhalb des erhobenen Materials durchaus mehrfach namentlich mit Beruf angeführt werden, können für eine fundierte Interpretation des Berufsmerkmals hier nicht einfach die absoluten Häufigkeiten der Berufsbezeichnungen für die Auswertung herangezogen werden. Diese würden die Ergebnisse verzerren und ein falsches Licht auf das evangelische Betätigungsspektrum werfen. Auffällige Häufungen von Berufsbezeichnungen wären dann möglicherweise nicht auf ein konkretes Betätigungsfeld, sondern auf mehrere im Untersuchungszeitraum verstorbene Familienmitglieder zurückzuführen. Im Umgang mit den besagten Daten erscheint an dieser Stelle daher zunächst eine Verdichtung bzw. Bereinigung des Materials nach dem Kriterium der Familienzusammenhänge notwendig.169 Jene Datensätze, die (annähernd) übereinstimmende Personaldaten aufweisen und eine Rekonstruktion der Familienverhältnisse quellenimmanent zulassen, werden für den Zweck der Auswertung d ­ ieses Merkmals zu einer statistischen Einheit zusammengezogen. Dies gewährleistet, dass in Familienverbänden nur die Berufsbezeichnung des Familien- bzw. Hausvorstandes gezählt wird und nicht noch zusätzlich die Merkmalsausprägungen aus den Datensätzen verstorbener Angehöriger hinzugezählt werden, die sich abermals auf den Hausvorstand beziehen. Folgerichtig müssen dann aber auch gebündelte statistische Einheiten berücksichtigt werden, die Bezugspersonen in den Vordergrund stellen, ­welche möglicherweise selbst nicht im Untersuchungszeitraum verstorben sind oder als ­solche gar nicht von der Quelle erfasst werden.170 Damit ist nun einmal mehr deutlich, dass die Totenbeschauprotokolle auch von lebenden Personen zeugen und sehr wohl Einblicke in das evangelische Leben in Wien geben können.

5.5.1 Zur Taxonomie der Berufsbezeichnungen Mit dem Anspruch, durch die Berücksichtigung der Familienzusammenhänge die Unschärfe der Ergebnisse erheblich reduziert zu haben, ist in weiterer Folge eine Taxonomie nötig, die eine klare Einordnung der Berufsbezeichnungen erlaubt und transparente Ergebnisse aufzuzeigen vermag. Dass Berufsbezeichnungen in den Totenbeschauprotokollen nicht einheitlich 1 69 Vgl. die in Anhang 1 via Internet-Link zugänglichen Mindmaps zu den Familienstrukturen. 170 So sind im Fall des Posamentierers Rudolph Heinrich Zweymann, der im Untersuchungszeitraum selbst nicht verstorben ist, Sterbeeinträge seiner drei Töchter und seiner beiden Söhne vorhanden. Da in allen fünf Einträgen dieselbe Merkmalsausprägung beim Berufs- und Standesmerkmal eingetragen ist, wird diese in der zusammengezogenen statistischen Einheit nur einmal gewertet. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. Z, fol. 2r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 48, fol. 148r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. Z, fol. 9v; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 52, lit. Z, fol. 2r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 51, lit. Z, fol. 13v.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

verwendet werden, geschweige denn stets singulär auf eine konkrete Person entfallen, erschwert die Quantifizierung und setzt voraus, dass auch hier fallweise Entscheidungen getroffen werden müssen.171 Den Ausgangspunkt der nunmehr sechs großen Berufskategorien bildet die Bündelung jener Bezeichnungen, die auf ein Material be- und verarbeitendes Handwerk verweisen. Die Betätigungsfelder innerhalb dieser Kategorie sind nach dem jeweiligen be- oder verarbeiteten Werkstoff bzw. Material (z. B. Holz, Metall und Textil) deutlich voneinander unterschieden. Wenn auch im Material be- und verarbeitenden Handwerk implizit enthalten, ist der Warenvertrieb in der Regel ein eigenes Unternehmen und obliegt den Handels- und Kaufleuten. Bis ins 19. Jahrhundert verweist der Begriff des Kaufmanns meist nur auf selbständige Handeltreibende, s­ päter erst auch auf deren Angestellte.172 Nach heutigen Begriffen beschäftigen sich kaufmännische Berufe mit Kalkulation, Transport, Logistik, Lagerung, Marketing u. a. m., nach Maßgabe wirtschaftlicher Kriterien. Die hier eingeführte Kategorie der kaufmännischen Berufe stützt sich auf diese Betätigungsfelder. Neben den Handeltreibenden und deren Angestellten sind hier auch Vertreter aus dem Finanz- und Bankwesen sowie aus dem Bereich der Verwaltung und Organisation angeführt. Mit ihrem eigenen System und einer klaren, über Dienstgrade ersichtlichen, Hierarchie erlaubt die Kategorie der Wehrbediensteten eine deut­ liche Abgrenzung von anderen Kategorien und die Bündelung eines beachtlichen Anteils des Untersuchungsgegenstandes. Die Kategorie der Dienstleistungsberufe speist sich überwiegend aus herrschaftlichen Bediensteten. Ähnlich wie bei den Vertretern im Militärdienst ist hier das Spektrum der sozialen Stellung recht breit. So finden sich innerhalb dieser Kategorie sowohl höher gestellte häusliche Bedienstete (z. B. Kammerdiener) als auch sozial niedrig gestellte ‚Lakaien‘ und ‚Bediente‘ (Dienstboten). Als letzte in sich geschlossene Kategorie zeichnet sich die Riege der Diplomaten, Räte und Beamten vorrangig durch ihren inter- und transterritorialen Charakter aus, der für Wien im 18. Jahrhundert kennzeichnend ist. Sie erfasst Botschafter, Räte, Agenten, Beamte und unterschiedliche Interessensvertreter verschiedenster Parteien und Potentaten. Eine letzte Kategorie ohne besondere Berufsbezeichnungen subsumiert Merkmalsausprägungen, die anstelle des Berufes Auskunft zum sozialen Stand geben. In einzelnen Fällen ist eine soziale Einordnung auch mittels Titulation und Anrede möglich. Für die Auswertung der Berufsbezeichnungen erweist sich das Wörterbuch der Berufsbezeichnungen von Gerlinde ­Sanford als hilfreich, welches in weiten Teilen selbst auf Basis der Totenbeschauprotokolle erstellt wurde.173 Das folgende Diagramm (Abb. 15) liefert eine Bündelung der Berufsbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen entlang der eben dargelegten Taxonomie.174 171 Bei der Auswertung der Beschaubefunde wurden alle im Material vorhandenen Bezeichnungen quantifiziert, um ein möglichst klares Bild zu den Krankheitsbildern, ihren Symptomen und der Diagnostik im 18. Jahrhundert zu erhalten. Dieser methodische Zugriff würde im Blick auf die Berufs- und Standes­ bezeichnungen jedoch die Ergebnisse verfälschen bzw. das Bild der Erwerbstätigkeit verzerren. 172 Vgl. Obst 1928 [1905], 282. 173 Vgl. Sanford 1975. 174 Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass die in dieser Untersuchung angelegte Taxonomie in erster Linie der Transparenz des Befundes dient und dass das aufgeworfene Spektrum an Berufsfeldern auch andere Kombinationen zulässt.

Abb. 15: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute und bereinigte Häufigkeiten in den Berufskategorien

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Unter Berücksichtigung der Familienzusammenhänge und der darauf basierenden Verdichtung beläuft sich die Zahl der zu wertenden statistischen Einheiten auf 1.103. Davon entfallen 28,83 % auf die Kategorie der Dienstleistungsberufe. Da die Vertreter der entsprechenden Branchen selbst nicht mit Sonderprivilegien ausgestattet sind, erklärt sich ihr Eingang in die Wiener Totenbeschauprotokolle vorrangig über das jeweilige Anstellungsverhältnis. Mit großem Abstand bilden die Vertreter der kaufmännischen Berufe mit 16,77 % den zweitgrößten Anteil im Rahmen dieser Erhebung. Unter ihnen finden sich die Niederleger, Vertreter des Geld- und Finanzwesens, Buchhalter, Schreiber u. a. m. Der bereinigte Anteil von Material be- und verarbeitenden Handwerkern liegt mit 16,68 % nur knapp darunter. Dass ein nicht zu vernachlässigender Anteil an überwiegend sozial höher gestellten Evangelischen in Wien weilte, ist gemeinhin bekannt. Der Grund dafür sind in der Regel diplomatische Interessen oder Rechtsangelegenheiten, die einen kürzeren bis längeren Aufenthalt in der Haupt- und Residenzstadt erforderlich machen, der vielfach durch völkerrechtliche Grundlagen gedeckt ist. Die Differenz z­ wischen bereinigter Häufigkeit und absoluter Häufigkeit ist hier am größten. Liegt der Anteil an Diplomaten, Räten und Beamten vor der Bereinigung des Datenmaterials noch bei 15,98 %, fällt er danach auf 13,15 % und veranlasst eine Veränderung in der Häufigkeitsreihung. Dies bedeutet, dass besonders viele Familienzusammenhänge innerhalb dieser Kategorie erschlossen werden können. Dass auch die kaiserliche Armee den Protestanten in Wien eine wichtige Arbeitsoption bot, ist mit einem Anteil von 15,50 % in der Kategorie der Wehrbediensteten bestätigt. Verglichen mit den meisten anderen Betätigungsfeldern wird der konfessionelle Unterschied in dieser Kategorie eine geringere Rolle gespielt haben. Bei den verbleibenden 9,07 % der Kategorie ohne besondere Berufsbezeichnung gibt es mangels Familien­ zusammenhänge im Datenmaterial keinen Unterschied ­zwischen absoluter und bereinigter Häufigkeit. In dieser Gruppe sammeln sich Studenten und Akademiker, Witwen und ledige Frauen sowie Adelige, Mittellose und Arbeitslose. Der Vollständigkeit halber müssen auch sie (trotz der beruflich nicht zuordenbaren Merkmalsausprägungen) in ­diesem Auswertungsschwerpunkt berücksichtigt werden. Im Folgenden werden die einzelnen Kategorien einer näheren Betrachtung unterzogen und vor dem Hintergrund ihrer Relevanz für die gegenständliche Untersuchung exemplarisch vertieft.

5.5.1.1 Die Kategorie der Dienstleistungsberufe Ein knappes Drittel aller in der Kategorie der Dienstleistungsberufe (Abb. 16) zusammengefassten Berufsbezeichnungen fällt auf Lakaien und Bediente.175 Die Bezeichnung ‚Lakai‘ verweist im 18. Jahrhundert auf Livree-Bedienstete, die entweder fest in einem herrschaftlichen Haushalt angestellt sind oder für bestimmte Anlässe engagiert werden.176 Im Gegensatz zu 175 Mit der Rekonstruktion der Familienzusammenhänge (Anhang 1) wird die Austauschbarkeit der beiden Bezeichnungen augenfällig, die in der vorliegenden Untersuchung übernommen wird. 176 Im Falle der in den Totenbeschauprotokollen als ‚vacierende‘ Lakaien bezeichneten Vertreter ist vom zweiten Fall auszugehen. Der Begriff Lakai ist aus dem Französischen in die deutsche Sprache

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

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Abb. 16: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Dienstleistungsberufe

den ‚Lakaien‘ genießen in der Gruppe der Stall-, Keller-, Küchen- und Haushofmeister vor allem die letzteren einen mitunter hohen sozialen Status. Als Oberaufseher über die gesamte Dienerschaft koordinieren sie den gesamten in einem Haus zu verrichtenden Dienst.177 Mit den Kammerdienern und Kammerjungfern, die einen Anteil von 6 % ergeben, verhält es sich ähnlich. Dem sozialen Rang entsprechend nachgeordnet sind die 4 % Kinder- und Stubenmädchen (und -Frauen) sowie die 5 % Dienstmägde und -Knechte, die in der Regel für anfallende Hausarbeiten eingesetzt werden. Im herrschaftlichen Dienst stehen auch die Portiere mit einem Anteil von 5 %, die in der Gastronomie beschäftigten ‚Köche‘, ‚Kellner‘ und ‚Tafeldecker‘ mit 8 % und die mit Boten- und Transportdiensten beschäftigten Angestellten mit 9 %. Diese Untergruppe speist sich aus ‚Boten‘, ‚Läufern‘, ‚Kutschern‘ und acht ‚Matrosen‘, die knapp hintereinander im Krankenhaus verstorben sind. Als Vertreter des Pflege- und

eingedrungen und verweist zunächst auf einen Fußsoldaten. Eingedeutscht verweist der Begriff in der Neuzeit auf einen Diener, der seinem Herrn zu Fuß folgt. Vgl. Grimm/Grimm 1854 – 1961. Bd. 12 [Bd. 6], 79. 177 Zu den sehr ähnlichen Begriffen Hausmeister, Hofmeister und Haushofmeister vgl. ebd., Bd. 10 [Bd. 4], 674, 684, 1693 – 1694. In der Zählung der 15 Hof- oder Haushofmeister sind auch zwei (Schloss-)Verwalter enthalten.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Gesundheitswesens werden ‚Handwerkschirurgen‘, ‚Mediziner‘ und ‚Apotheker‘ mit einem Anteil von 5 % aufgenommen. Daneben finden sich einige evangelische Vertreter aus dem Bereich Musik und Kunst, wie etwa ‚Portraitmaler‘, ‚Schauspieler‘ und ‚Musiker‘, die mit einem Anteil von 6 % eigens berücksichtigt werden. Davon unterschieden werden die sozial hoch gestellten Kammer- und Akademiemaler mit 2 %. Vier weitere Untergruppen, die mit einer Beteiligung von jeweils 2 % ebenso in die Kategorie der Dienstleistungsberufe aufgenommen werden, sind die Kleiderputzer und Wäscher, unterschiedliche Vertreter der Jagd, Forst- und Landwirtschaft sowie die Sprachmeister, Instructoren und Erzieher. Die evangelische Glaubensausübung in Wien war lange Zeit auf die dänische, schwedische und holländische Gesandtschaftskapelle beschränkt. Von besonderem Interesse innerhalb der gegenständlichen Kategorie ist daher die Gruppe der ­Kirchen- und Kapellendiener. Das bereinigte Datenmaterial verzeichnet 17 Personen, die ihrer beruflichen Tätigkeit explizit in den Gesandtschaftskapellen nachgingen. Als ­Kirchen- und Kapelldiener in der dänischen Gesandtschaftskapelle scheinen in den Totenbeschauprotokollen namentlich auf: Erigius Hack (14. 01. 1769 [Nr. 918])178, Jakob Hederich (Zacharias 27. 09. 1773 [Nr. 1085])179, Johann Michael Fettinger (05. 06. 1780 [Nr. 1323])180, Lorenz Doninger (23. 03. 1754 [Nr. 469])181, Heinrich Henschel (07. 07. 1775 [Nr. 1169])182, Christoph Strobel (23. 06. 1778 [Nr. 1273])183; weiters vermerkt sind Johann Gottlieb Hänn (14. 06. 1775 [Nr. 1165])184 als Kapelldiener Adjunkt, Wolfgang Adam Kleemayer (20. 05. 1771 [Nr.987])185 als Vorsinger, Johann Simon Kleemayer (05. 12. 1746 [Nr. 283])186 als Kantor, Andre Enzinger (26. 02. 1761 [Nr. 693])187 als Orgelzieher und schließlich der bedeutende Johann Hieronymus Chemnitz (Johann Jakob 10. 11. 1762 [Nr.755])188 als Gesandtschaftsprediger (Aumonier). Als Kapelldiener der schwedischen Gesandtschaft werden genannt: Johann Halm (12. 09. 1770 [Nr. 963])189, Adam ­Apenzeller (19. 01. 1764 [Nr. 803])190, Johann Stein (Karl Gustav 16. 09. 1776 [Nr. 1216])191, Johann Konrad Kern (23. 05. 1773 [Nr. 1067])192, Friedrich Adolf Damm (19. 01. 1777 [Nr. 1228])193; als Organist in der schwedischen Gesandtschaftskapelle fungierte Johann Philipp Geiß (Philippina 1 78 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 63, lit. H, fol. 2r. 179 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. H, fol. 56v. 180 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 77, lit. FU, fol. 20r. 181 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. DT, fol. 3v. 182 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. H, fol. 39r. 183 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 74, lit. S, fol. 58r. 184 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. H, fol. 35r. 185 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. CGK, fol. 33v. 186 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 46, fol. 208v. 187 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 55, lit. E, fol. 2v. 188 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. CGK, fol. 65v. 189 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 64, lit. H, fol. 31v. 190 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 58, lit. A, fol. 2r. 191 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 70, lit. S, fol. 82r. 192 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 67, lit. CGK, fol. 49r. 193 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 71, lit. DT, fol. 2r.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

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21. 05. 1774 [Nr.1105])194. Eine Dienstverrichtung in der niederländischen Gesandtschaftskapelle geht aus dem erhobenen Datenmaterial nicht explizit hervor. Abschließend sei im Blick auf Abb. 16 exemplarisch auf Berufe innerhalb dieser Kategorie verwiesen, die in der Gewerbezählung 1784 und/oder in der Bevölkerungszählung 1790/91 angeführt werden.195 Der Vergleich dient einer groben Einschätzung der evangelischen Beteiligung an der in Wien vertretenen Gesamtheit in konkreten Berufen. So stehen den 103 Lakaien und Bedienten in der Bevölkerungszählung 1790/91 3.000 Livree-Bedienstete gegenüber. Die im Befund enthaltenen zwölf Kutscher erfüllen einen Boten- und Transportdienst, der 1784 von 678 Personen und 1790/91 von 866 Personen erfüllt wird. Die Zahl der Knechte beläuft sich 1790/91 auf 1.420, während der Befund die entsprechende Berufsbezeichnung lediglich 15-mal enthält. In derselben Zählung steht die Zahl der Chirurgen und Barbiere mit 60 fest. In der Subkategorie ‚Pflege- und Gesundheitswesen‘ enthaltene Vertreter dieser Berufsgruppe kommen immerhin zehnmal vor. Besonders bemerkenswert ist der Beruf des Tafeldeckers, der im Befund zehnmal und in der Bevölkerungszählung 1790/91 nur 20-mal gezählt wird. Der Vergleich der Fallzahlen bei den Malern lässt vermuten, dass im 18. Jahrhundert nahezu jeder siebte evangelisch gewesen sein hätte können. Dass diese Gegenüberstellungen jedoch nur mit großem Vorbehalt Schätzungen solcher Art zulassen, wird spätestens bei den K ­ irchenund Kapelldienern deutlich, von denen im Befund 17 Vertreter genannt und 1790/91 insgesamt nur 21 gezählt werden. Je geringer sich die Fallzahlen darstellen, desto größer erscheint das Potential der Fehleinschätzung zu sein.

5.5.1.2 Die Kategorie der kaufmännischen Berufe Abb. 17 stellt die Verteilung der im bereinigten Datenmaterial enthaltenen kaufmännischen Berufe dar. Mit der sichtbaren Trennung der grauen und mustergefüllten Segmente ist die Unterscheidung ­zwischen kaufmännischen Angestellten und den (mehr oder weniger eigenständigen) Unternehmern angezeigt, mit der zudem eine Unterscheidung des sozialen Standes einhergeht. Das Diagramm zeigt, dass die Unternehmer zusammen 47 % innerhalb dieser Kategorie ausmachen. Die Anstellungsbezeichnungen, deren Anteil 53 % beträgt, folgen in ihrer begrifflichen Differenzierung den in den Totenbeschauprotokollen vorgegebenen Berufsbezeichnungen. Aus der Quelle geht allerdings hervor, dass die Bezeichnungen Handelsbediente, Wechselbediente und Niederlagsbediente einander nahestehen, und die zuerst genannte einem allgemeineren, unspezifischen Begriff entspricht.196 Ein wichtiger Unterschied im Berufsprofil 194 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 68, lit. CGK, fol. 44v. 195 Vgl. Staatsanzeigen 1785, 835 – 843; vgl. Adress u. Reisebuch 1792, 50 – 62. 196 Zu den Aufgabenbereichen der Handelsbedienten zählen u. a. Warenlogistik, Warenverkauf, Warenzustellung sowie Buch- und Kassaführung. Der Wechsel- oder Niederlagsbuchhalter wacht über die finanziellen Auslagen und Umsätze und trägt diese in die Handlungsbücher ein. Dabei ist er auch auf die Arbeit des Kassiers angewiesen, der das Kassabuch führt, welches durch den Buchhalter in die Handlungsbücher Eingang findet. Daneben gibt es noch den Kontoristen für die Geschäftskorrespondenzen, den Warendiener, der allein für den Umgang mit Waren zuständig ist, den Reisediener,

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 17: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der kaufmännischen Berufe

besteht jedoch zu den vorhin in der Kategorie der Dienstleistungsberufe genannten Bedienten (und Lakaien), denn alle drei Berufsbezeichnungen setzen ein erlerntes kaufmännisches Wissen voraus, welches entsprechend entlohnt wird. Zusammen stellen diese Untergruppen immerhin 37 % innerhalb der Kategorie der kaufmännischen Berufe. Die Schreiber, die mit einem Anteil von 16 % auch als kaufmännische Angestellte zu werten sind, bildeten in Wien eine eigene Schreiberzeche. Ab dem 17. Jahrhundert stellt sich unter ihnen eine berufliche Schichtung ein. So verweist die Bezeichnung Schreiber auf Vertreter niederer Berufsränge, die Bezeichnung (Legations-)Sekretär hingegen auf gehobenere Anstellungen, die zuweilen wichtige Beratungstätigkeiten implizieren. Letztere werden – weil sie im Blick auf den Untersuchungsgegenstand vorrangig im Dienst von auswärtigen Gesandten stehen – in die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten aufgenommen.197 Die in Abb. 17 angeführten 2 % der Niederlagsfaktoren und -direktoren nehmen eine Sonderstellung z­ wischen den Angestellten und Unternehmern ein. Sie stehen zwar in einem der wie der Name schon sagt, für geschäftliche Belange ausgeschickt wird u. a. m. Inwieweit ­solche Unterscheidungen für die Totenbeschauer und -beschreiber wichtig waren oder überhaupt wissentlich festgehalten werden konnten, ist unklar. Vgl. Höpfner 1789, 233 – 235. 1 97 Vgl. Sanford 1975, 120, 122; vgl. Schreiber, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

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Anstellungsverhältnis, erledigen die anfallenden Geschäfte jedoch selbständig oder delegieren diese auf Anweisung des Handlungsinhabers an Mitarbeiter weiter. Dass sich die Berufsgruppe der Niederlagsverwandten zu einem erheblichen Teil aus protestantischen Vertretern speist, ist in der Forschung bereits mehrfach betont worden.198 Innerhalb der Kategorie der kaufmännischen Berufe stellen sie einen beachtlichen Anteil von 21 %, der sich auf 38 % ausweiten lässt, wenn man die ‚Niederlagsverwandten‘, ‚Niederlagsfaktoren‘ und ‚Niederlagsbedienten‘ gemeinsam in den Blick nimmt.199 Dies lässt aber keineswegs den Schluss zu, dass der Großhandel die Hauptbeschäftigung der Wiener Protestanten war. Vielmehr gilt, dass der Berufsstand der Niederleger das insgesamt heterogene Bild der evangelischen Erwerbstätigkeit um einen Berufszweig ergänzt, der zum sichtbaren evangelischen Leben in Wien erheblich beiträgt. Aufgrund ihrer Finanzkraft weisen die Niederlagsverwandten auch Überschneidungen zur Untergruppe der Bankiers, Financiers und Commercienräte auf, die den wirtschaftlichen Kurs im 18. Jahrhundert von finanzieller Seite her mittragen. An dieser Schnittstelle finden sich bedeutende Persönlichkeiten wie etwa die ‚Bankiers‘ Johann Caspar von Ochs (22. 07. 1752 [Nr. 413])200 und Carl Wilhelm von Ochs (14. 12. 1753 [Nr. 462])201 aus Basel sowie die zwei Niederlagsverwandten Johann Georg Ely (28. 12. 1761 [Nr. 720])202 und Hermann Friedrich von Domm (04. 09. 1762 [Nr. 747]).203 Daneben scheinen die ebenfalls aus einer Niederlagsfamilie stammenden ‚Bankiers‘ Johann Noe´ Buirette von Öhlefeldt (10. 03. 1754 [Nr. 467])204 und Johann Ehrenfried Hopp (20. 04. 1762 [Nr. 731])205 auf. Ebenfalls in dieser Gruppe enthalten ist Reichsfreiherr Johann von Frieß (Klara 08. 01. 1775 [Nr. 1133])206, der im Sterbeeintrag seiner Tochter Klara als ‚Commercienhofrat‘ bezeichnet wird, aber auch in seiner Funktion als Niederleger und Bankier in die Wiener Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Frühen Neuzeit Eingang findet. Mit Gottfried Joachim von Mayrbach (01. 12. 1765 [Nr. 842])207 und Georg Christoph Müller (18. 07. 1776 [Nr. 1208])208 finden sich ein weiterer ‚Commercienrat‘ und ein ‚Merkantilrat‘ im Datenmaterial. Zusammen stellen sie einen Anteil von 4 % innerhalb dieser Kategorie. 1 98 Vgl. Kuraić 1946; vgl. Rauscher/Serles 2015. 199 Unter Berücksichtigung der Überschneidungen mit dem Segment der Bankiers, Financiers und Commercienräte liegt dieser Anteil sogar bei rund 40 %. Es mag überdies zutreffen, dass sich auch unter den Handelsbedienten Niederlagsbediente finden. Dies geht aus der Berufsbezeichnung selbst jedoch nicht deutlich hervor. 200 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. O, fol. 1v. 201 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. O, fol. 7v. 202 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 55, lit. E, fol. 13v. 203 Um doppelte Zählungen zu vermeiden und das Gesamtergebnis nicht zu verfälschen, wurden sie in der Gruppe der Niederleger nicht mitgezählt. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. DT, fol. 24r. 204 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. BP, fol. 5r. 205 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. H, fol. 16r. 206 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. FU, fol. 1v. 207 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 59, lit. M, fol. 34r. 208 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 70, lit. M, fol. 26r.

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Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Unter den 20 % Handels- und Kaufleuten finden sich neben den so in den Datensätzen bezeichneten auch ‚Juweliere‘, ‚Buchhändler/Buchführer‘, ‚Negotianten‘209 und jeweils ein ‚Viehhändler‘, ‚Eierhändler‘, ‚Branntweinkramer‘, ‚Spitzelkramer‘, ‚Fellhändler‘ sowie ein ‚Tabakinteressent‘ und ein ‚Wechsler‘. Innerhalb der Subkategorie der Handels- und Kaufleute fällt zum einen der häufige aber ansonsten eher unübliche Verweis auf die Herkunft 210 auf und zum anderen, dass im gesamten Zeitraum, abgesehen von einer ‚Buchführerswitwe‘ namens Helena Wolf (16. 12. 1745 [Nr. 263])211, mit Franz Philipp Michaelis (Matthäus 26. 05. 1752 [Nr. 406])212 der einzige Eintrag vorliegt, in dem ein ‚Buchhändler‘ vermerkt wird. Angesichts des hohen Stellenwertes, den die (vor allem geistliche) Literatur in evangelischen Kreisen einnimmt, ist dies zumindest bemerkenswert. Vergleicht man nun die Fallzahlen innerhalb dieser Kategorie mit den Ergebnissen der Gewerbezählung 1784 und der Bevölkerungszählung 1790/91, sind vor allem die Zahlen der Niederleger augenfällig, denn diese schwinden von 39 im Befund zu 27 Niederlegern und Wechslern im Jahr 1784 hin zu 26 Niederlegern und Wechslern 1790/91. Eine zentrale Stellung innerhalb der kaufmännischen Berufe nehmen die evangelischen Juweliere ein, von denen drei im Befund enthalten sind, aber nur fünf bzw. sechs in den Vergleichssamples gezählt werden. Eine keineswegs unbedeutende Rolle nehmen die evangelischen Handels- und Kaufleute ein, deren Beteiligung im Vergleich mit der Gewerbezählung 1784, in der 784 Händler gezählt werden, auf rund 4,7 % in d ­ iesem Gewerbe geschätzt werden kann.213

5.5.1.3 Die Kategorie der Handwerker Die Aufnahme in die Kategorie der Handwerker (Abb. 18) setzt nicht nur ein zu erlernendes oder bereits erlerntes Handwerk, sondern auch die Be- oder Verarbeitung von Material voraus.214 Das Spektrum der in diese Kategorie aufgenommenen Berufsbezeichnungen reicht somit über die klassischen Handwerksberufe hinaus. Da sich in den hier gebündelten Sterbeeinträgen nicht nur viele unterschiedliche Berufsbezeichnungen finden, sondern fallweise auch ­zwischen Gesellen, Meistern und dem Status der Privilegierung unterschieden wird, ist hier eine detailliertere Ausführung notwendig. Unter dem Kriterium der Material Be- und Verarbeitung stellen deshalb drei ‚Zuckerbäcker‘, sechs ‚Bäcker‘ (darunter der bürgerliche Bäckermeister Lorenz Hartung und ein Bäckerknecht), 2 09 Ein Ausdruck der vorrangig auf Weinhändler verweist. 210 Etliche aus deutschen Reichsstädten, aber auch aus der Schweiz, aus Schlesien und Ungarn. Vgl. Kapitel 5.4.5 Angaben zum Herkunfts- und Geburtsort der Evangelischen. 211 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 45, fol. 429v. 212 Allerdings wurde Franz Philipp Michaelis in die Gruppe der Niederleger aufgenommen. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. M, fol. 2v. 213 Vgl. Staatsanzeigen 1785, 835 – 843; vgl. Adress u. Reisebuch 1792, 50 – 62. 214 Die unterschiedlichen Berufsbezeichnungen werden den Materialien Textil, Metall, Holz, Leder, Stein/ Keramik, Farben, Haar und Lebensmittel zugeordnet. Bemerkenswert ist, dass die Be- und Verarbeitung von Glas keinerlei Erwähnung im gesamten Befund findet.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

251

Abb. 18: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Handwerker (Material be- und verarbeitende Gewerbe)

drei ‚Metzger‘, ein ‚Bierbrauer‘ und ein ‚Branntweiner‘ jene 8 % Handwerker, die der Lebens- und Genussmittelverarbeitung zuzurechnen sind. Ebenso kann auch die Be- und Verarbeitung von Haar, wie sie laut Befund von zwei ‚Perückenmachern‘ und vier ‚Friseuren‘ mit einem Anteil von 3 % unternommen wird, als Handwerk gelten. Ein weiteres Betätigungsfeld, das im gegenständlichen Befund 4 % aller Handwerksberufe abdeckt, erschließt sich mit der Verarbeitung von Farben. Wenn Farbe auch an sich nicht stofflich ist und daher nicht als Material bezeichnet werden kann, wird sie in bestimmten Berufszweigen dennoch stofflich gebunden verarbeitet. Es erscheint daher gerechtfertigt, die vier ‚Färber‘ und ‚Lackierer‘ sowie die beiden ‚Buchdrucker­ gesellen‘ und den einzigen in den evangelischen Einträgen vermerkten ‚Waderlmacher‘215 in

215 Die Tätigkeit des Wiener ‚Waderlmachers‘ besteht im Bedrucken von Papierfächern, wertvollere Exemplare wurden aus Seide hergestellt. Im 18. Jahrhundert avanciert der Fächer zum Statussymbol des Bürgertums. Vor allem die französischen Fächer waren beliebte Konsumartikel. Gegenüber dem Handelsschematismus, der einen ‚Waderlmacher‘ erstmals 1778 nachweist, verweisen die Totenbeschauprotokolle mit Johann Christoph Lescher (27. 02. 1764 [Nr. 807]) bereits früher auf einen evangelischen ‚Waderlmacher‘. Bis zum 19. Jahrhundert soll es 25 Erzeuger gegeben haben, unter denen Johann Hieronymus Löschenkohl (1753 – 1807), ein Evangelischer, eine bedeutende Rolle einnahm. Eine Verwandtschaftsverbindung mit dem im Sterberegister verzeichneten und 1755 verstorbenen Regensburger Handelsmann Hieronymus Löschenkohl besteht nicht. Vgl. Waderlmacher, In: Wien

252

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

einer Untergruppe zu bündeln.216 Berufe, in denen Stein, Keramik oder Porzellan bearbeitet oder verarbeitet wird, bilden einen geringen Anteil von nur 2 %. Dieser Gruppe werden neben einem ‚Maurerpolier‘ ein ‚Porzellanmaler‘, ein ‚Arcanist‘ der Porzellanfabrik, der eigentlich mit der Materialherstellung und den damit verbundenen chemischen Prozessen betraut ist, und ein ‚Bergknappe‘, dessen Aufgabe in der Rohstoffförderung besteht, zugeordnet. Die Be- und Verarbeitung von Holz obliegt mit einem Anteil von 12 % in der gegenständlichen Kategorie zwölf ‚Tischlern‘ (darunter sieben Gesellen), zwei ‚Drechslergesellen‘, drei ‚Zimmergesellen‘, einem ‚Wagner‘ und zwei ‚Wagnergesellen‘ sowie jeweils einem ‚Steckenmacher‘, ‚Korbmacher‘ und ‚Formreißer‘ (Holzgraveur). Auch unter den zehn Lederhandwerkern, die einen Anteil von 5 % ausmachen, überwiegt der Gesellenanteil. Hier werden zwei ‚Schuhmacher‘ und ein privilegierter ‚Handschuhmacher‘ durch drei weitere ‚Handschuhmachergesellen‘ sowie einem ‚Weißgerbergesellen‘, ‚Riemergesellen‘, ‚Gürtlergesellen‘ und ‚Buchbindergesellen‘ ergänzt.217 Abb. 18 macht deutlich, dass der Textil- und Bekleidungssektor mit über einem Drittel der gesamten handwerklichen Erwerbstätigkeit das stärkste Segment innerhalb dieser Kategorie bildet.218 Dass gerade in Ballungszentren die Textilnachfrage groß war, untermauert Roman Sandgruber mit drei wichtigen Argumenten: Erstens war der städtische Kleiderverbrauch zur Gänze auf den Markt verwiesen, zweitens waren die städtischen Einkommen beträchtlich höher als die ländlichen, und drittens […] war der Einfluß der Mode in der Stadt wesentlich wichtiger. Die städtischen Verbrauchsmuster und ihre zunehmende Übertragung auf das umliegende Land sind daher als die Hauptfaktoren der steigenden Nachfrage nach Kleidern und Stoffen anzusehen.219

Diese Nachfrage spiegelt sich zweifelsohne in den von Evangelischen ausgeübten Handwerksberufen wider. Die Textilkategorie speist sich hier mit einem Anteil von 34 % aus 13 ‚Schneidern‘ (darunter ein Geselle und ein Meister), zwölf ‚Schnurmachern‘ ­(darunter acht Gesellen), acht ‚Bandmachern‘ (darunter ein Meister und vier Gesellen), sechs

216

217 218

219

Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B – Totenbeschauprotokoll Bd. 58, lit. L, fol. 5v. Dass ihre handwerkliche Tätigkeit in erster Linie in der Verwendung von und Spezialisierung auf ­Farben bestand und in vielen Fällen auch keine genauere Spezifizierung hinsichtlich des Materials aus den entsprechenden Datensätzen hervorgeht, begründet diese Entscheidung. Auch wenn die Tätigkeit eines Buchbindergesellen nur wenig mit der Verarbeitung von Leder im Zusammenhang steht, so gilt Leder dennoch als wichtiger Bezugsstoff für die Buchbinderei. Dass die Bekleidungsbranche nicht im Textilsektor aufgeht, wird über einzelne Berufe in anderen Subkategorien deutlich (Waderlmacher, Perückenmacher, Schuhmacher, Handschuhmacher u. a. m.). Der Begriff ‚Textilien‘ (lat. textilis, texere – weben, flechten, fügen) verweist hier auf gewebte, gestrickte oder gewirkte, aus Faserstoffen hergestellte Waren und wird aus ­diesem Grund von den lederverarbeitenden und -bearbeitenden Berufen unterschieden. Vgl. Loschek 1999, 425 – 436. Sandgruber 1982, 316.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

253

‚Posamentierern‘220 bzw. ‚Bortenmachern‘ (darunter zwei Gesellen), drei ‚(Lein-)Webern‘ (unter ihnen ein Geselle), vier ‚Tuch‘- bzw. ‚Zeugmacher‘ (zwei davon im Gesellenstand), drei ‚Strumpfwirker‘ bzw. ‚Strumpfstricker‘ (darunter zwei Gesellen), drei ‚Leinwanddrucker‘ bzw. ‚Spaliermacher‘ (darunter ein Geselle), zwei ‚Hutmacher‘ (einer davon Geselle), zwei ‚Watta‘- oder ‚Wathomacher‘221 (Wattehersteller), zwei ‚Seidenfabrikanten‘, ein ‚Baumwollfabrikant‘ und ein ‚Samtmachergeselle‘ sowie ein ‚Knopffabrikant‘ und ein ‚Tuchscherergeselle‘222. Einer besonderen Bedarfsdeckung versuchen auch die Edelmetalle be- und verarbeitenden Gewerbezweige nachzukommen. Sie bilden mit 15 % Anteil die drittgrößte Untergruppe innerhalb dieser Kategorie. Unter den 28 Vertretern finden sich ein ‚Goldschlager‘223 und ein ‚Goldschlagergeselle‘, zwei ‚Vergolder‘ und zwei ‚Goldgraveure‘, acht ‚Goldschmiede (­ darunter drei Gesellen), und neun ‚Goldarbeiter‘ (darunter zwei Gesellen) sowie zwei ‚Silberdrahtzieher‘ (einer davon Geselle) und zwei ‚Galanteriearbeiter‘224 (einer davon Geselle). Die verbleibende und gleichzeitig zweitgrößte Gruppe innerhalb dieser Kategorie fasst mit einem Anteil von 16 % die Metallhandwerker zusammen. In ihr finden sich neben drei ‚Schlossern‘ (darunter ein Geselle) sechs ‚Schmiede‘ unterschiedlicher Spezialisierung (darunter zwei Gesellen), zwei ‚Drahtzieher‘, vier ‚Kupferstecher‘, fünf ‚Uhrmachern‘ (darunter zwei Gesellen), und jeweils ein ‚Stahlfabrikant‘, ‚Klingenfabrikant‘, ‚Zinngießer‘, ‚Instrumenten- und Kompassmacher‘, ‚Feuermaler‘, ‚Büchsenmacher‘, ‚Schnallenmacher‘, ‚Plattner‘, ‚Schleifergesell‘ und ‚Nadlergesell‘.225 Vor dem Hintergrund der religionspolitischen Bestimmungen im Untersuchungszeitraum weisen die Totenbeschauprotokolle verstorbene Evangelische vereinzelt, aber dezidiert mit ihrem Privilegierten-Status aus. So werden Georg Ludwig Malvieux (Johann Wilhelm 20. 12. 1778 [Nr. 1285])226, Inhaber einer Leder- und Handschuhfabrik, der ­Seidenzeugfabrikant 220 Posamentierer besetzen Kleidung und andere textile Endprodukte mit Tressen, Borten, Quasten, Stofffransen und anderen Besatzartikel. Vgl. Posamentierer, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021. 221 Vgl. Wattamacher, in: Familia Austria, zugegriffen, am 15. 02. 2021. 222 Zur Tätigkeit des ‚Tuchscherers‘ vgl. Sanford 1975, 140; vgl. Tuchscherer, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021. 223 Die Berufsbezeichnung verweist auf die Herstellung von Blattgold. Vgl. Sanford 1975, 38. 224 Galanterie ist eine alte Bezeichnung für Accessoires bzw. Kleidungszubehör. Der Galanteriearbeiter fertigt unterschiedliche Gegenstände (z. B. Knöpfe, Armbänder, Schnallen) mit unterschiedlichen Materialien (darunter auch Edelmetalle) an. Vgl. Galanteriewaren, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021. 225 Der ‚Feuermaler‘ oder ‚Emaillierer‘ überzieht Trägermaterialien wie Metall, aber auch Glas mit einer aus Silikaten und Oxiden bestehenden Masse, die als Email bezeichnet wird. Zum Beruf des Schleifers zählt das Schärfen von Metallklingen und Scheren. Wie die Bezeichnung ‚Nadler‘ anklingen lässt, widmet sich dieser Beruf vorrangig der Herstellung von Nadeln. Vgl. Schleifer, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021; vgl. Sanford 1975, 116; vgl. Nadler, in: Wien Geschichte Wiki, zugegriffen, am 15. 02. 2021; vgl. Sanford 1975, 93. 226 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 74, lit. M, fol. 50v.

254

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Christian Gottlieb Hornbostel (Maria Susanna 05. 10. 1779 [Nr. 1306])227, der Großhändler Christian Pappe (Ludovica 15. 05. 1778 [Nr. 1270])228, wie auch der Knopffabrikant Georg Collius (Elisabeth 04. 04. 1775 [Nr. 1153])229 in den entsprechenden Datensätzen ausdrücklich als privilegiert gekennzeichnet. Zu den ausdrücklich hofbefreiten in den evangelischen Sterbeeinträgen zählen Johann Götz (29. 06. 1759 [Nr. 634])230, ein hofbefreiter Goldarbeiter und Juwelier sowie Johann Paul Kolb (Regina 03. 11. 1759 [Nr. 646])231, ein hofbefreiter Goldgraveur, der an einer anderen Stelle auch als hofprivilegierter Goldgraveur ausgewiesen wird. Des Weiteren werden Jakob Ruhm (15. 08. 1762 [Nr. 743])232, ein hofbefreiter Goldschmied, Jacob Ballard (Johann Isac 30. 10. 1743 [Nr. 221])233, ein hofbefreiter Juwelier und Rudolph Heinrich Zweyman (Elias 25. 05. 1757 [Nr. 566])234, ein hofbefreiter Posamentierer und Bandmacher im Sterberegister berücksichtigt. Jene mit Schutzdekreten ausgestatteten evangelischen Gewerbetreibenden werden in den Totenbeschauprotokollen als Schutzverwandte bezeichnet. Sie sind auch ohne Bürgerrecht als legitime Mitglieder der Gesellschaft zur Ausübung ihres Gewerbes befugt. Unter ihnen finden sich in den Totenbeschauprotokollen der Goldarbeiter David Kahl (24. 08. 1775 [Nr. 1175])235, der Schnallenmacher Simon Aldinger (Barbara 16. 01. 1768 [Nr. 898])236, der ungarische Schneider Christoph Ringbauer (08. 03. 1761 [Nr. 695])237, die Schneiderswitwe Anna Ropplin (25. 11. 1771 [Nr. 1000])238 sowie der Silberdrechsler Heinrich Krauß (Witwe Susanna 21. 12. 1759 [Nr. 657])239, der Goldschmied Johann Hantsch (30. 08. 1775 [Nr. 1176])240, der Kleiderputzer Johann Kleinschmidt (16. 08. 1761 [Nr. 706])241, der Orgelmacher Theodor Wilhelm Weißmann (24. 03. 1775 [Nr. 1151])242, der Schlosser Andre Hermeß (31. 10. 1759 [Nr. 645])243 und der Tischler Otto Heim (01. 11. 1772 [Nr. 1044])244. Auffällig ist hier wiederum die Nähe zu einer verfeinerten Warenproduktion einerseits und zum Textilwerkstoff andererseits. Gemessen an der Zahl der erhobenen Datensätze fallen die eben angeführten Beispiele zwar nicht ins Gewicht, sie sind jedoch ein 2 27 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 75, lit. H, fol. 67r. 228 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. BP, fol. 36v. 229 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. CGK, fol. 27r. 230 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. CGK, fol. 31v. 231 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. CGK, fol. 55v. 232 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 56, lit. R, fol. 22v. 233 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 44, fol. 248v. 234 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 51, lit. Z, fol. 13v. 235 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. CGK, fol. 73v. 236 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 62, lit. A, fol. 1v. 237 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 55, lit. R, fol. 4r. 238 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 65, lit. R, fol. 30r. 239 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. CGK, fol. 65r. 240 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. H, fol. 52r. 241 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 55, lit. CGK, fol. 33v. 242 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 69, lit. W, fol. 312r. 243 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 53, lit. H, fol. 36v. 244 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. H, fol. 53v.

255

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

Indiz dafür, dass sich die Totenbeschreiber der Relevanz dieser Sonderregelungen im Zusammenhang mit dem abweichenden Konfessionsmerkmal bewusst sind. Ob diese Zusatzbemerkungen in anderen Einträgen mangels eines entsprechenden Privilegs oder aus anderen Gründen fehlen, bleibt offen. Um die Beteiligung der evangelischen Berufsträger im dargestellten Spektrum der Material be- und verarbeitenden Gewerbezweige insgesamt ermitteln zu können, bedürfte es der Auswertung aller Merkmalsausprägungen des Berufsmerkmals im Untersuchungszeitraum, was die gegenständliche Untersuchung freilich nicht leisten kann. Stellt man dem vorliegenden Befund jedoch hypothetisch die Gewerbezählung aus dem Jahr 1784 und die Bevölkerungszählung der Jahre 1790/91 gegenüber, so kann die evangelische Beteiligung in den einzelnen Berufen bzw. Berufsgruppen anhand von Tab. 18 zumindest eingeschätzt werden.245 Aufgrund der unterschiedlichen Stellung, die evangelische Vertreter in den gegenständlichen Berufsgruppen einnehmen, erscheint es notwendig, die den ‚Herren‘ untergeordneten Arbeiter in den Zählungen der Vergleichssamples mit dem Faktor 4 miteinzubeziehen. Diese Schätzung basiert auf der Gewerbezählung von 1784, in der 50.400 untergeordnete Arbeiter 12.600 Herren gegenüberstehen.246 Da die Bevölkerungszählung 1790/91 nur sechs Jahre s­ päter erfolgte, wird hier mit demselben Faktor geschätzt. Tab. 18: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Gewichtung evangelischer Berufsträger in den Material be- und verarbeitenden Gewerbezweigen anhand der Zählungen 1784 und 1790/91 Evang. Berufs­ träger 1736 – 1781 (Totenbeschauprotokolle)

h

Gewerbezählung Bevölkerungszählung r EvangeHerren 1784 (inkl. 1790/91 (inkl. untergelisch im h h untergeordnete ordnete Arbeiter [x4]) 18. Jhdt geschätzt geschätzt Arbeiter [x4]) De Luca, Adress- u. Reisebuch, (hypotheStaatsanzeigen, 1785 1792 tisch)

Arcanist

1 Archan Fabrik

Bäcker/Zuckerbäcker

4

9 Bäcker/Zuckerbäcker

Bergknappe und Fahnenschmied

2

Bierbrauer/ Branntweiner

2

Bierbrauer/Branntweinbrenner

100

Bräuer/Branntweinbrenner

184

0,015

Buchbinder/ Buchdrucker

3

Buchbinder/Buchdrucker

304

Buchbinder/Buchdrucker

464

0,008

Büchsenmacher

1 Büchsenmacher

Drahtzieher (inkl. Gold/Silber)

4

Drechsler Färber/Colorist

600

25,000 Bäcker/Zuckerbäcker

672

0,014 0,000

36

0,014

160

Drahtzieher (inkl. Gold/Silber)

3 Drechsler

136

2 Färber

220

Drahtzieher

68

0,042

Drechsler

172

0,020

Färber (Seiden/Wolle)

112

0,013

245 Vgl. Staatsanzeigen 1785, 835 – 843; vgl. Adress u. Reisebuch 1792, 50 – 62. 246 Vgl. Staatsanzeigen 1785, 843.

256

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Evang. Berufs­ träger 1736 – 1781 (Totenbeschauprotokolle)

h

Gewerbezählung Bevölkerungszählung r EvangeHerren 1784 (inkl. 1790/91 (inkl. untergelisch im h h untergeordnete ordnete Arbeiter [x4]) 18. Jhdt geschätzt geschätzt Arbeiter [x4]) De Luca, Adress- u. Reisebuch, (hypotheStaatsanzeigen, 1785 1792 tisch)

Feuermaler

1 Emailleurs

Fleischhacker/ Metzger

3 Fleischer

24

0,021

264

0,006

Formreißer

1 Formschneider

Friseur

4

Galanteriearbeiter

2

Galanteriearbeiter

120

Kupferblech Galanteriearbeiter

17

Gold- und Silberarbeiter

600

Goldarbeiter

Goldarbeiter/Goldschmied

4

0,125 Friseur

2.200

0,001

84

0,020

384

0,036

Goldgraveur

2

Graveur

20

Graveur

48

0,071

Goldschlager

2

Goldschlager

32

Goldschlager

24

0,073

Gürtler

96

0,009

Gürtler

1

Gürtler

120

Handschuhmacher

4

Handschuhmacher

120

Hutmacher

2 Hutmacher

Instrumenten­ macher (math.)

1

Kattunfabrikant

1 Kattunfabrik

4

0,125

Knopffabrikant

1 Knopffabrik

8

0,063

Korbmacher

1 Korbmacher

56

Kupferschmied

1 Kupferschmiede

48

Kupferstecher

4

Lackierer

2 Lackierer

92

Lackierer

Langmesserschmied

1 Langmesserschmiede

96

Leinwanddrucker/ Spalliermacher

3

56

Instrumentenmacher math.

Leinwanddrucker

Huter/Hutstaffierer

288

0,007

16

Instrumentenmacher math.

28

0,049

Leinweber/Weber

3 Weber

560

Maurerpolier

1 Maurer

60

Nadler

1 Nadler

144

Nagelschmied

1 Nagelschmiede

Perückenmacher

2 Peruqueurs

Plattner

1

Porzellanmaler

1 Porcelainmaler

Posamentierer/ Band- u. Bortenm.

14

Posamentierer

0,017

296

Korbmacher

48

0,019

Kupferschmiede

36

0,024

Kupferstecher

76

0,026

348

0,014

Messerschmiede

40

0,018

Leinwanddrucker

64

0,050

Lein- und Kottunweber

176

0,011

56

0,017

Maurer

0,003

36

Nagelschmiede

28

0,032

772

Paruckenmacher

416

0,004

Plattner

64

0,008

1.200

Porzellanmaler

112

0,005

640

Posamentierer

216

0,043

64

0,023

104

0,010

Reitschmied

2 Hufschmied

Riemer

1 Riemer

88

Riemer

Samtmacher

1

88

Sammetmacher

44

0,017

Schleifer

1

Schleifer

64

0,008

Sammetmacher

128

Schmiede

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen Evang. Berufs­ träger 1736 – 1781 (Totenbeschauprotokolle)

h

257

Gewerbezählung Bevölkerungszählung r EvangeHerren 1784 (inkl. 1790/91 (inkl. untergelisch im h h untergeordnete ordnete Arbeiter [x4]) 18. Jhdt geschätzt geschätzt Arbeiter [x4]) De Luca, Adress- u. Reisebuch, (hypotheStaatsanzeigen, 1785 1792 tisch)

Schlosser

3

Schlosser

360

Schlosser

500

0,007

Schnallenmacher

1

Schnallenmacher

120

Schnallenmacher

112

0,009

Schneider

13

Schneider (inkl. unbürgerl.)

9.888

12.800

0,001

Schnurmacher

12

Schnurmacher

52

0,265

15.436

0,000

40

Schuster/ Schuhmacher

2

Schuster

Seidenfabrikant

2

Seidenzeugfabrik

32

Stahl- u. Klingenfabrikant

2

Stahlfabriken

32

Steckenmacher

1

Strumpfstricker/wirker

3 Zwirnstrumpfstricker

Tischler

12 Tischler

Tuchm./Zeugm./ Dünntuchm.

Tüchelmacher/ 4 Dünntuchmacher

Tuchscherer

1 Tuchscherer

Uhrmacher

5 Uhrmacher

11.920

48 6.160 560 36 232

Vergolder

2 Vergolder

24

Waderlmacher

1 Fächermacher

32

Wagner

3 Wagenmacher

120

Wattamacher

2

Schneider Schnurmacher Schustermeister/ Kinderschuhm.

0,031 Degenschneidmacher

40

0,056

Laist- und Stöckelschneider

96

0,005

600

0,034

6.480

0,002

288

0,011

24

0,035

1.224

0,013

Strumpfwirker (inkl. Seiden/Zwirn) Tischler Zeugm./Seiden- u. Dünntuchm. Tuchscherer Uhrm. (inkl. Gold/ Silber/Holz)

0,042 Wäderlmacher

32

0,031

Wagner

112

0,026

Wattenmacher

40

0,025

Weißgerber

1 Weißgerber

24

Weißgerber

48

0,031

Zimmer Gesellen

3 Zimmerer

60

Zimmerer

48

0,056

Zinngießer Gesamt

1 Zinngießer 184

Gesamt

56 36.996

0,009 Gesamt

44.712

0,005

Den Ausgangspunkt in Tab. 18 bilden die in der Kategorie der Handwerker enthaltenen Berufsbezeichnungen, die mit ihren Fallzahlen eine Summe von insgesamt 184 Berufsträgern ergeben. Sie sind der Filter, mit dem sowohl die Gewerbezählung 1784 als auch die Bevölkerungszählung 1790/91, die beide weit über die hier angeführten Daten hinausreichen, abgebildet wird. Für eine Schätzung auf Basis der hypothetischen Berechnung des relativen Anteils an evangelischen Berufsträgern gilt es, möglichst vergleichbare Berufsbezeichnungen heranzuziehen und von Schätzungen auf der Grundlage von singulären Nennungen im Befund Abstand zu nehmen. Unter Berücksichtigung dieser Kriterien ist im Blick auf Tab. 18 im 18. Jahrhundert mit durchschnittlich etwa 4,7 % an evangelischen Vertretern in jenen Gewerbezweigen zu rechnen,

258

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

die mit der Be- oder Verarbeitung von Edelmetallen befasst sind. Mit dem Beruf des ‚Goldschlagers‘, des ‚Vergolders‘ oder ‚Goldgraveurs‘ ist allerdings deutlich, dass diese Berufsbezeichnungen in den Vergleichssamples auf wenige Gewerbetreibende zutreffen. Aus ­diesem Grund liegt die Beteiligung im Bezug auf die Gesamtheit in ­diesem Segment mit 3,7 % nur wenig darunter. Anders verhält es sich in der Textil- und Bekleidungsbranche aufgrund der hohen Anzahl an Schneidern, ­welche die im Befund enthaltenen 13 evangelischen Schneider quantitativ, nicht jedoch qualitativ, in den Hintergrund rücken.247 Während hier die durchschnittliche evangelische Beteiligung in den einzelnen Gewerbezweigen mit 5,1 % geschätzt werden kann, liegt der Wert im Blick auf die Gesamtheit in ­diesem Segment mit 0,4 % weit darunter. Die der Textil- und Bekleidungsbranche im weiteren Sinne zugehörigen Gewerbezweige der Lederverarbeitung weisen eine besonders hohe Fallzahl an Schustern bzw. Schuhmachern auf, ­welche die relative Beteiligung der Evangelischen in ­diesem Segment in den verschwindend geringen Bereich (unter 0,1 %) drängt. Abseits des Textil- und Bekleidungssektors sind durchschnittlich 3,6 % Evangelische in den einzelnen Berufen mit dem Bezugsmaterial Holz (aufgrund der vielen Tischler insgesamt aber nur 0,3 %), durchschnittlich 2,1 % Evangelische in den Berufen mit dem Bezugsmaterial Metall (insgesamt 1,4 %) und durchschnittlich 1,2 % Evangelische in den Gewerbezweigen der Lebensmittel be- und verarbeitenden Branche anzutreffen. In den Segmenten der Haar-, Farben-, und Steinverarbeitung bzw. -bearbeitung können aufgrund der geringen Fallzahlen kaum noch valide Schätzungen angestellt werden. Im direkten Vergleich der anhand von Tab. 18 dargestellten Bezüge kann abschließend festgehalten werden, dass sich im Rahmen der geringen Beteiligung der Evangelischen dennoch ein Schwerpunkt in jenen Segmenten ablesen lässt, die mit der Deckung eines verfeinerten Konsumbedarfs in Zusammenhang stehen. Insgesamt lässt sich die evangelische Beteiligung in der Kategorie der Material be- und verarbeitenden Gewerbezweige (wie sie in ­diesem Kapitel erschlossen wurde) im Rahmen dieser Berechnungen auf 0,5 % schätzen. Im Vergleich mit anderen Gegenüberstellungen des Befundes mit der Gesamtbevölkerung erscheint dieser Wert plausibel.248

5.5.1.4 Die Kategorie der Wehrbediensteten Die Dienstgrade der ehemaligen kaiserlichen Armee lassen sich grob den Kategorien Offiziere, Unteroffiziere und in Mannschaften dienende Soldaten zuordnen. Die Offiziere können dem Rang nach wiederum in Generäle, Stabsoffiziere und Oberoffiziere unterteilt werden. Wenngleich sich ein Offiziersrangschema schon am Ende des 16. Jahrhunderts herausbildete, 247 Die besonders hohe Beteiligung der evangelischen Schnurmacher ist hingegen den geringen Fallzahlen in den Vergleichssamples geschuldet. 248 Ähnliche Überlegungen zur Beteiligung der Evangelischen in den verschiedenen Gewerbezweigen ließen sich mit weiteren Gewerbezählungen des 18. Jahrhunderts anstellen. Vgl. Klose 1957.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

259

Abb. 19: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Wehrbediensteten

konnte ein Offizierskorps erst ab den 1630er Jahren im Zuge einer ‚Monarchisierung‘ des Heeres entstehen.249 Kein Obrist sollte mehr als ein Regiment ‚besitzen‘. Die Regimentsinhaberschaften wurden nun zu einem auch finanziell überaus einträglichen Privileg, das der ­Kaiser in der Regel verdienten Generälen zuteil werden ließ. Diese Regimentsinhaber konnten dann freilich aufgrund anderweitiger dienstlicher Verpflichtungen ihre Einheit nicht mehr selbst kommandieren und administrieren und mussten sich folglich spätestens seit den 1630er Jahren durch einen Stellvertreter, den Obristleutnant, ab Beginn des 18. Jahrhunderts durch einen zweiten Obristen, den Obrist-Regimentskommandanten […], vertreten lassen, der die eigentliche Seele des Regimentsbetriebs wurde. […] Der soziale und militärische Rang des Oberstinhabers, dessen Namen die Einheit führte, bestimmte auch den Status des Regiments und damit die Stellung in der Schlachtordnung.250

2 49 Vgl. Hochedlinger 2019, 701. 250 Hochedlinger 2019, 702.

260

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Weiter ergänzt wird der Regimentsstab durch den Major, der bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts auch ‚Obristwachtmeister‘ genannt wurde. Einzelne Regimentskompanien wurden von Hauptleuten oder Rittmeistern (Kavallerie) angeführt. Ihr Stellvertreter war der Leutnant, der ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Ober- und Unterleutnant unterschieden wird. Fahne und Standarte wurden von Fähnrich und Kornett (Kavallerie) geführt.251 Abb. 19 zeigt, dass Evangelische bis in die obersten Ränge der kaiserlichen Armee vertreten waren. Dabei reicht der Anteil der Offiziere und Generäle beinahe an den Anteil der in unterschiedlichen Mannschaften dienenden Soldaten heran. Immerhin nehmen sieben evangelische Vertreter einen Generalsrang ein und stellen damit einen Anteil von 4 %. Höhere Offiziere begegnen auch in der Untergruppe der Fortifikationsbeamten und Kriegsbaumeister, die mit ihrem Segment 4 % abdeckt. Sie hatten die Aufgabe, die „Belagerungsarbeiten in technischer Hinsicht zu betreuen und etwa den Batteriebau zu leiten.“ 252 Neben 6 % Stabsoffizieren fällt vor allem der hohe Anteil von Oberoffizieren (bzw. Offizieren) mit 27 % auf. Mehr als die Hälfte unter ihnen nehmen den Rang des ‚Hauptmanns‘ ein, der sich bereits an der Grenze zu den Stabsoffizieren findet. In der Rangordnung darunter finden sich in d ­ iesem Segment auch die Bezeichnungen ‚Oberleutnant‘, ‚Leutnant‘ und ‚Fähnrich‘ im Datenmaterial. Eine Sonderstellung nehmen die Vertreter der Stabsämter des sogenannten ‚kleinen Stabes‘ ein. Zu ihnen zählen der Quartier- und Proviantmeister, der Regimentskaplan, der Regimentsfeldscherer sowie der mit ‚policeylichen‘ Aufgaben betraute ‚Auditor‘ u. a. m.253 Mit der Subkategorie der Proviant Verwalter ist auch diese Gruppe mit einem Anteil von 2 % vertreten. Unter Berücksichtigung, dass mit den höheren Rängen auch die Chancen zur Besetzung dieser Positionen geringer werden, ist der Befund bemerkenswert. Er weist auf den interterritorialen Charakter des Heeres hin, der einem hohen Bedarf geschuldet ist, den die heimischen Adeligen allein nicht decken konnten. „Der kosmopolitische Charakter war in der kaiserlichen Armee bei Generalität und Offizierskorps traditionsgemäß sehr ausgeprägt. Insbesondere das Reich in den kaisernahen Zonen Süddeutschlands bildete einen unerschöpflichen Einzugsbereich.“ 254 Einer Schätzung zufolge waren um 1700 75 % der Infanterieoffiziere deutsche Landsmänner.255 Wie der Befund festhält, finden sich auch Evangelische unter ihnen. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde in der Habsburgermonarchie ein stehendes Heer mit neun Infanterie- und zehn Kavallerieregimentern eingerichtet.256 In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestand ein kaiserliches Regiment zu Fuß aus etwa zwei bis drei Bataillonen zu je vier bis fünf Kompanien mit einer Gesamtstärke von 1.800 Soldaten im Friedensstand und über 2.000 Mann im Kriegsstand. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unterlagen diese Zahlen immer wieder Schwankungen, bis sich im Zuge 251 252 253 254 255 256

Vgl. ebd., 703. Ebd., 719. Vgl. ebd., 702 – 703. Ebd., 707. Vgl. ebd., 707. Die Verwaltung, Verpflegung und Einquartierung d ­ ieses stehenden Heeres mit einer Stärke von etwa 20.000 Mann fiel in die Zuständigkeit des Hofkriegsrates. Vgl. ebd., 664.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

261

der Konskription 1779 ein massiver Sprung auf 3.176 Mann im Friedensstand und 4.476 Mann im Kriegsstand einstellte.257 Die Kavallerieregimenter wurden ebenfalls in fünf bis zehn Kompanien zu etwa 100 Mann gegliedert.258 Je nach Rüstung und Bewaffnung teilen sich die Kavallerieregimenter in weitere Kategorien wie etwa die ‚Kürassiere‘ oder ‚Dragoner‘ auf, die ebenfalls im Datenmaterial aufscheinen.259 Unter den in Infanterie- und Kavallerietruppen bzw. den in Mannschaften dienenden Soldaten führt der Befund die sogenannte ‚Gemeinen‘ (Soldaten), die ‚Grenadiere‘, die ‚Rekru­ ten‘ und die ‚Kürassiere‘ an, die gemeinsam einen Anteil von 42 % ergeben. In der Regel wird hier in den Totenbeschauprotokollen auch die Mannschaftszugehörigkeit vermerkt (z. B. Gemeiner von Preiß, Gemeiner von Ried). Zu den verbleibenden 12 % Unteroffizieren zählen die ‚Fouriere‘, ‚Korporäle‘, ‚Feldwachtmeister‘ und ‚Feldwebel‘. Die Gefreiten bilden in der Hierarchie die unterste Stufe der Chargengrade mit 3 %. Insgesamt sind in den evangelischen Sterbeeinträge 171 Personen vermerkt, die mit bzw. trotz ihres evangelischen Bekenntnisses im Wehrdienst stehen. Gemessen an der Bevölkerungszählung 1790/91, in welcher 12.530 Personen dem Militär zugeordnet werden, entspräche dies einem Anteil von 1,4 %.260 Vor dem Hintergrund der Unvergleichbarkeit dieser Daten kann diese Berechnung jedoch bestenfalls als Schätzung dienen.

5.5.1.5 Die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten Die Totenbeschauprotokolle verweisen im Untersuchungszeitraum auf zehn als evangelisch gekennzeichnete Reichshofräte (Abb. 20). Da diese zehn Vertreter gleichzeitig von der für Protestanten größtmöglichen Karriere in Wien im Untersuchungszeitraum zeugen, erscheint es angemessen, kurz auf ihre Karrieren einzugehen. Ein vor allem konfessionsgeschichtlich interessanter Eintrag im Sterberegister liegt mit dem Reichshofrat Friedrich Karl Freiherr von Danckelmann (22. 12. 1738 [Nr. 964])261 vor, der im Protokoll fälschlicherweise als Lutheraner vermerkt wird, obwohl er dem reformierten Bekenntnis anhing. Dass mit ihm ein Calvinist in den Reichshofrat einzog, ist deshalb von Belang, weil diese konfessionelle Besonderheit einen Streitpunkt hinsichtlich der festgelegten Zahl von sechs evangelischen Reichshofräten darstellte. So urgierte nach Kurfürst 2 57 Vgl. ebd., 687 – 688. 258 Einen Einblick in die Sollstärke der Regimenter ab dem 17. Jahrhundert liefert Peter Dickson mit einer zahlenmäßigen Aufstellung. Vgl. Dickson 1987, Bd. 2, Appendix A. 259 Vgl. Hochedlinger 2019, 689. „Bis Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Infanterie- und Kavallerieregimenter des Stehenden Heeres mehrheitlich ‚deutsche‘ Regimenter, womit man die Tatsache zum Ausdruck bringen wollte, dass die Einheiten überwiegend aus in den böhmisch-österreichischen Erblanden und im Reich geworbenen Söldnern bzw. aus zwangsverpflichteten Untertanen des Kaisers als Erzherzog von Österreich und König von Böhmen bestanden.“ ebd., 691. 260 Vgl. Adress- u. Reisebuch 1792, 57. 261 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 449v.

262

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 20: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten

Friedrich Wilhelm von Brandenburg auch dessen Nachfolger Friedrich III. von Preußen die Ernennung eines Reformierten in den Reichshofrat. Der ­Kaiser beteuerte, dass er durch die Bestellung von sechs evangelischen Vertretern der Reichshofratsordnung bereits nachgekommen sei, aber zukünftig darauf achten wolle, eine frei gewordene Stelle mit einer reformierten Person zu besetzen. Da sich der Kurfürst mit dieser Antwort nicht zufriedengab, machte er die Rückgabe des ‚Schwiebuser Kreises‘ an Österreich von der Aufnahme eines Calvinisten im Reichshofrat abhängig. Die geheime Staatskonferenz empfahl dem K ­ aiser, der Forderung nachzukommen, um diese Rückgabe nicht noch länger hinauszuzögern. Darauf ließ der ­Kaiser dem Minister Friedrichs III. von Preußen, Eberhard von Danckelmann, mitteilen, dass er dessen Sohn Friedrich Karl nach der Rückgabe des ‚Schwiebuser Kreises‘ zum wirklichen Reichshofrat annehmen werde, was mit kaiserlichem Dekret vom 15. September 1694 festgeschrieben wurde. Als sich Danckelmann acht Jahre s­ päter nach Wien begab, konnte er seine Position dennoch nicht einnehmen, da alle evangelischen Stellen besetzt waren. Als er mit 10. Jänner 1704 den Sitzungen schließlich beiwohnte, kam die mühsam erkämpfte Vertretung des reformierten Bekenntnisses im Reichshofrat nur wenig zur Geltung. 1734 setzte er aus gesundheitlichen Gründen seine Emeritierung durch, bis er 1738 verstarb.262

262 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 350 – 353.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

263

Johann Kaspar Reichsfreiherr von Pogarell und Kutscheborwitz sowie Erbherr auf Oberbingerau (21. 05. 1753 [Nr. 436])263 erlangte 1744 eine Stelle im Reichshofrat, wurde im selben Jahr in den Reichsfreiherrnstand erhoben und verstarb am 21. Mai 1753 im Alter von 56 Jahren an ‚Kaltem Brand‘. Zuvor noch stand er als geheimer Hof-, Regierungs- und Oberkonsistorialrat im Dienst von Sachsen-Weimar und Sachsen-Coburg und fungierte als Vertreter auf dem Reichstag zu Regensburg.264 Der 1687 in Wittenberg geborene Rechtsgelehrte Dr. Christoph Heinrich von Berger (15. 07. 1737 [Nr.  31])265 nahm am 23. April 1733 als ältester Sohn seines Vaters Dr. Johann Heinrich von Berger (Maria 06. 05. 1737 [Nr. 23])266, nach dessen Ableben und bis zu seinem Tode am 15. Juli 1737, eine Stelle auf der Gelehrtenbank im Reichshofrat ein.267 Nachdem am 13. September 1745 Franz Stephan von Lothringen die Kaiserwürde erlangte und die Neubildung des Reichshofrates bevorstand, bewarben sich etwa 60 Männer, von denen kaum ein Drittel Österreicher und rund ein Dutzend Evangelische waren. Am Tag der Eröffnungssitzung am 7. Oktober wurde mit von Vorster und von Hugo auch der Protestant Dr. Heinrich Christian von Senckenberg (30. 05. 1768 [Nr. 908])268 auf die Gelehrtenbank bestellt. Schon am 2. Oktober wurde ihm diese Stelle, die er bis zu seinem Tode am 30. Mai 1768 ausfüllte, per Dekret zugesichert. Als Sohn des ersten Frankfurter Stadtphysikus durchlief er ab 1719 die Ausbildung an mehreren deutschen Universitäten, ehe er 1728 in Gießen promoviert wurde, ein Jahr darauf eine Anwaltskanzlei in Frankfurt eröffnete und Rechtsprozesse als hessen-darmstädtischer Regierungs- und Hofrat führte. In der Zeit seiner Anstellung im Reichshofrat wurde er mit kaiserlichem Diplom 1751 in den Reichsfreiherrnstand erhoben.269 Heinrich Christian von Keyserlingk (1727 – 1787) (Erdmuthe 29. 10. 1758 [Nr. 614])270 ist einer von vier Mitgliedern, die 1753 in die Herrenbank bestellt wurden. Keyserlingk erhielt damit per Dekret vom 1. Februar 1753 die sechste evangelische Stelle im Reichshofrat, die bis 1752 noch Reichshofrat von Hugo innehatte. Das Ansehen und die Verdienste seines Vaters, der zur Zeit seiner Ernennung als russischer Botschafter am kaiserlichen Hof diente, waren für die Ernennung ausschlaggebend. Nach seiner Zeit im Reichshofrat, die im April 1762 endete, wurde er zunächst russischer wirklicher geheimer Staatsrat, s­päter allerdings polnischer Generalpostmeister.271 2 63 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. BP, fol. 52r. 264 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 421 – 422. 265 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, fol. 424r. 266 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, fol. 338v. 267 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 407. 268 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 62, lit. S, fol. 35r. 269 Vgl. Gschliesser 1970 [1942] 431 – 434. Sowohl er selbst als auch seine drei Söhne Johann Philipp Eberhard (verstorben am 05. 03. 1757 im Alter von 4 Jahren), Leopold (verstorben am 01. 10. 1761 im ersten Lebensjahr) und Franz Christian (verstorben, am 07. 03. 1748) sind mit einem Eintrag im Sterbe­ register vermerkt. 270 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50, lit. S, fol. 53v. 271 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 451, 453.

264

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Karl Wilhelm von Gärtner (12. 03. 1760 [Nr. 666])272 wurde 1749 auf jene evangelische Stelle im Reichshofrat nachbesetzt, die durch den Austritt des Freiherrn von Beer frei geworden war. Nach seinem Studium erhielt er im Jahr 1727 zunächst eine Professur für Rechtswissenschaft in Leipzig. Im Jahr 1746 folgte die Ernennung zum geheimen Kriegsrat durch August III. und vier Jahre ­später die Erhebung in den Reichsritterstand. Bis zu seinem Tod am 12. März 1760 diente er als Vertreter in der Gelehrtenbank.273 Für die nach dem Ableben von Karl Wilhelm von Gärtner frei gewordene Stelle schlug der Reichsvizekanzler den markgräflich bayreuthischen geheimen Rat und Universitätsprofessor zu Erlangen Karl Adolf Braun (Karl Gottlieb 23. 11. 1769 [Nr. 945])274 vor. Aufgrund der ständigen Abwesenheit des Freiherrn von Jaxtheim wurde zur gleichen Zeit der Sohn des Reichshofrats Karl Wilhelm von Gärtner für dessen Stelle vorgeschlagen. Beide Vorschläge wurden von ­Kaiser Franz I. genehmigt und per Dekret vom 30. Juli 1760 fixiert. Der ältere der beiden neu Besetzten, Dr. Karl Adolf von Braun, wurde 1716 in Jena geboren, wo er 1740 auch promoviert wurde. In seiner weiteren Biographie wirkte er als Hofrat und Rechtsprofessor in Erlangen, bis er 1759 zum wirklichen geheimen Regierungsrat ernannt wurde. Seine Stelle im Reichshofrat besetzte er bis 1792, die letzten beiden Jahre als ältester Rat der Gelehrtenbank. Karl Adolf von Braun verstarb am 18. 09. 1795 in Wien.275 Friedrich Karl von Gärtner (23. 10. 1778 [Nr. 1279])276, der Sohn von Karl Wilhelm von Gärtner, wurde nach seiner akademischen Laufbahn in Leipzig zum wirklichen Hof- und Justizrat der Landesregierung in Dresden berufen, bevor seine Aufnahme in den Reichshofrat erfolgte. Diese Stelle besetzte er 1760 – 1776.277 Von Johann Paul Reichsritter von Vockel erfährt man in den Totenbeschauprotokollen über seine verstorbene Tochter Maria (13. 07. 1770 [Nr. 962])278 und seine verstorbene Witwe Johanna (15. 01. 1772 [Nr. 1007])279. Er selbst findet keinen Eingang ins Sterberegister. Auch Oswald von Gschliesser schreibt von „seinem anscheinend im März 1766 erfolgten Ableben“ 280, ohne genauere Informationen hinzuzufügen. Der ­Kaiser ernannte ihn am 16. Mai 1746 zum Reichshofrat in der Gelehrtenbank, 1749 wurde er in den Reichsfreiherrnstand erhoben.281

2 72 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 54, lit. CGK, fol. 11r. 273 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 446 – 447. 274 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 63, lit. BP, fol. 52v. 275 Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 462 – 463. 276 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit CGK, fol 88v. 277 Wegen seiner Verdienste wurde auch er im Jahr 1771 in den Reichsfreiherrnstand erhoben.Vgl. ­Gschliesser 1970 [1942], 463 – 464. 278 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 64, lit. FU, fol. 15v. 279 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. FU, fol. 2r. 280 Gschliesser 1970 [1942], 441. 281 Von 1733 an war von Vockel bei den meisten Feldzügen in Mitteleuropa in unterschiedlichen Funktionen beteiligt. Vgl. ebd., 440 – 441.

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

265

Der Reichshofrat wurde von einer Reihe von Parteien- und Interessensvertretern bemüht, die in der Haupt- und Residenzstadt Rechtsangelegenheiten abzuwickeln hatten. Zur Führung von Prozessen konnten die Reichsstände Räte von ihrem Regierungssitz aus entsenden oder auf in Wien ansässige Vertreter, wie etwa ihre in der Stadt weilenden Gesandten 282, zurückgreifen. Der Anteil dieser Gesandten (Botschafter) beläuft sich mit 19 % auf rund ein Fünftel innerhalb der gegenständlichen Kategorie. Unter ihnen finden sich Vertreter aus deutschen Reichsstädten aber auch aus Dänemark, den Niederlanden sowie aus Siebenbürgen und aus Großbritannien. Von ihnen wurden in der Auswertung die Räte und Agenten auswärtiger Potentaten unterschieden, die einen Anteil von 22 % ausmachen. Unter ihnen begegnen Hofräte verschiedener Fürsten und Stände sowie Legationsräte, Geheimräte und weitere als Räte oder Agenten bezeichnete Vertreter. Ein drittes großes Segment in dieser Kategorie sind die (Legations-)Sekretäre mit einem weiteren Anteil von 22 %. Sie können als Angestellte der beiden zuvor genannten Gruppen gelten. Zur Abwicklung diverser Angelegenheiten vor dem Reichshofrat konnte auch ein zugelassener und immatrikulierter Reichshofratsagent bestellt werden.283 Die Reichshofratsagenten mussten sich stets am Sitz des Reichshofrates aufhalten und waren, wie auch die Anwälte der Reichsstände, in persönlicher Hinsicht dem Gerichtszwang des Reichshofrates unterstellt. Im Untersuchungszeitraum scheinen mit einem Anteil von 7 % zehn evangelische Reichshofratsagenten auf, vier davon über einen Eintrag verstorbener Angehöriger. Unter den Evangelischen in den Totenbeschauprotokollen finden sich auch eine Reihe von k. k. Räten, die nicht ausdrücklich im Auftrag auswärtiger Potentaten urgieren. Mit ihren 5 %, den verbleibenden 4 % an Beamten (darunter auch Assessoren) und 4 % Hofkriegsräten und Hofkriegsagenten, ist diese Kategorie vollständig erschlossen.284

5.5.1.6 Die Kategorie der Einträge ohne spezifische Berufsbezeichnung Die Kategorie der ohne spezifische Berufsbezeichnung vermerkten Verstorbenen (Abb. 21) nimmt auf Standesbezeichnungen Bezug, weil in diesen Sterbeeinträgen keine Berufsbezeichnungen vermerkt sind. Sie bündelt die Restbestände, um die ursprüngliche Anzahl an statistischen Einheiten (n=1.352) auch in ihrer verdichteten Form zu erhalten. Da dieser Kategorie exakt 100 Sterbeeinträge zugeordnet werden, liefern die Häufigkeiten und die prozentuellen Anteile hier identische Werte. So finden sich in dieser Kategorie nun 34 282 Der Ausdruck ist eine Sammelbezeichnung für ausländische Interessensvertreter unterschiedlichen Ranges mit je unterschiedlichen Privilegien (Ambassadeur, Plenipotentarius, Envoyé, Deputierter, Resident). 283 Die Zahl der Reichshofratsagenten war seit 1654 auf 24 bis 30 (darunter etwa sechs Protestanten) beschränkt. Vgl. Gschliesser 1970 [1942], 87 – 88. 284 Unter ihnen finden sich die Kupferadministratoren Gottfried Christian von Schreyvogel (06. 01. 1737 [Nr. 7]) und Franz Gottlieb von Palm (06. 12. 1749 [Nr. 350]). Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, lit. FU, fol. 185r; vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 47, lit. FU, fol. 643v.

266

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Abb. 21: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Einträge ohne spezifische Berufsbezeichnung

Personen, die (wenn auch nur über die Titulationen und Anreden) als Adelige ausgewiesen werden können oder zu jenen Akademikern gehören, denen keine bestimmte Profession im Datenmaterial nachgewiesen werden kann. Weitere sechs können auf dieselbe Weise dem mittleren bis gehobenen Bürgerstand zugeordnet werden. Mit ihren acht Vertretern aus Theologie, Medizin und Recht ist auch die Untergruppe der Studenten vertreten. Neben den nunmehr neun Witwen wurde die als ‚herrschaftliche Regentenwitwe‘ vermerkte Eva Susanna ­Gartnerin der Gruppe der Adeligen zugeordnet. Neben zehn ledigen Frauen, die in den meisten Einträgen mit ‚ledig(s) Mensch‘ gekennzeichnet sind, finden sich elf Personen, die mit dem Vermerk ohne Condition ins Sterberegister aufgenommen wurden, und sieben, die aufgrund entsprechender Vermerke der Gruppe der Mittellosen zuzuordnen sind. Die Aufnahme der Vertreter der letzten beiden Subkategorien in das Sterberegister ist insofern bemerkenswert, als es keine nachvollziehbaren Gründe gibt, die ihren Aufenthalt in der Haupt- und Residenzstadt rechtfertigen würden.

267

Auswertung der Berufs- und Standesbezeichnungen in den evangelischen Sterbeeinträgen

5.5.2 Übersicht der Berufsgruppen im Stadt-Vorstädte-Vergleich Tab. 19: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Übersicht der Berufsgruppen im Stadt-Vorstädte-Vergleich Stadt

Vorstädte

unbest.

Gesamt

Dienstleistungsbranche: Boten- und Transportdienst

Berufsgruppen

10

12

7

29

Dienstleistungsbranche: Dienstmägde und Knechte

9

6



15

Dienstleistungsbranche: Gastronomie

11

13



24

Dienstleistungsbranche: Pflege und Gesundheitswesen

5

8



13

Dienstleistungsbranche: Jagd, Forst- und Landwirtschaft

1

7



8

Dienstleistungsbranche: Kammer-, und Akademiemaler (k.k.)

3

3



6 19

Dienstleistungsbranche: Kammerdiener/-jungfern

7

12



Dienstleistungsbranche: Kindermädchen

8

5



13

Dienstleistungsbranche: Kirchendiener

5

12



17

Dienstleistungsbranche: Kleiderputzer und Wäscher

1

4



5

Dienstleistungsbranche: Lakaien/Bediente

34

69



103

Dienstleistungsbranche: Musik und Kunst

8

12



20

Dienstleistungsbranche: Portiere

7

8

1

16

Dienstleistungsbranche: Sprachmeister/Instructoren

2

3



5

Dienstleistungsbranche: Stall-,Keller-,Küchen-, Haushofm.

15

10



25

Diplomaten und Räte: Beamte

4

2



6

23

5



28

Diplomaten und Räte: Hofkriegsräte und -Agenten

2

3



5

Diplomaten und Räte: Hofräte/Reichsräte

4

3



7

20

11

1

32

Diplomaten und Räte: Gesandte und Residenten

Diplomaten und Räte: Räte und Agenten ausw. Potentaten Diplomaten und Räte: Juristen und Rechtsberater

10

5



15

Diplomaten und Räte: (Legations-)Sekretäre

26

6



32

Diplomaten und Räte: Reichshofräte

8

2



10

Diplomaten und Räte: Reichshofratsagenten

8

2



10

Handwerksbranche: Haar

3

3



6

Handwerksbranche: Stein/Keramik

1

3



4

Handwerksbranche: Textil

5

57



62

Handwerksbranche: Edelmetall

7

21



28

Handwerksbranche: Farben

1

6



7 23

Handwerksbranche: Holz

2

21



Handwerksbranche: Lebensmittel

2

12



14

Handwerksbranche: Leder

1

9



10

Handwerksbranche: Metall

6

23

1

30

Kaufmännische Branche: Wechselbediente Kaufmännische Branche: Bankiers/Finanziers/Commercienr.

12

5



17

6

2



8

268

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Berufsgruppen

Stadt

Vorstädte

unbest.

Kaufmännische Branche: Handels- und Kaufleute

14

23



37

Kaufmännische Branche: Handelsbediente

18

5



23

Kaufmännische Branche: Niederlagsbediente

22

6



28

4

-



4

Kaufmännische Branche: Niederlagsverwandte

38

1



39

Kaufmännische Branche: Schreiber

11

18



29

Wehrdienst/Militär: Fortifikationsbeamte Kriegsingeneure

4

2



6

Wehrdienst/Militär: Gefreite

-

6



6

Wehrdienst/Militär: Generäle

2

5



7

Kaufmännische Branche: Niederlagsfaktoren, - Direktoren

Wehrdienst/Militär: Oberoffiziere

Gesamt

17

29



46

Wehrdienst/Militär: Ohne Chargengrad in Mannschaften

2

68

1

71

Wehrdienst/Militär: Proviant Verwalter

2

2



4

Wehrdienst/Militär: Stabsoffiziere

6

4



10

Wehrdienst/Militär: Unteroffiziere

4

16

1

21 34

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Adelige

26

8



Ohne spez. Berufsbezeichnung: bürgerlich, mittelständisch

2

4



6

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Ledige Frauen

4

6



10

Ohne spez. Berufsbezeichnung: missing data

6

5



11

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Mittellose

4

7



11

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Ohne Condition

4

7



11

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Studenten

6

2



8

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Witwen

3

6



9

476

615

12

1.103

Gesamt

Nach der Bereinigung des Datenmaterials entfallen 476 Wohn- bzw. Beschauortangaben auf die Stadt und 615 auf die Vorstädte. Zuzüglich der zwölf den Beschauort nach unbestimmten Datensätze beläuft sich die Zahl auf 1.103 Einträge. Tab. 19 zeigt, dass bei etwa zwei Drittel der Lakaien und Bedienten die Wohn- bzw. Beschauortangaben in die Vorstädte fallen. Innerhalb der Dienstleistungsbranche gibt es außer dem umgekehrten Verhältnis bei den Stall-, Keller-, Küchen- und Haushofmeistern ansonsten keine großen Unterschiede im Stadt-Vorstädte-Vergleich. In den militärischen Berufsgruppen der Unteroffiziere und Soldaten ohne Chargengrad liegt das Gewicht noch deutlicher in den Vorstädten. Auch in den oberen Rängen kehrt sich das Verhältnis nicht merklich ins Gegenteil um. Ausschlaggebend hierfür werden die Militäreinrichtungen außerhalb der Stadt sein, die vielfach als Beschauorte in den E ­ inträgen angegeben sind. Auch bei den Vertretern der Textilbranche überwiegt der vorstädtische Anteil bei weitem. Generell fällt bei den Material be- und verarbeitenden Gewerben die Gewichtung auf die Vorstädte bei den Wohn- und Beschauortangaben auf. Städtische Ortsbezeichnungen finden sich hier am ehesten in den Metall und Edelmetall verarbeitenden Gewerben.

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

269

In der Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten lässt sich eine Tendenz zum städtischen Raum ablesen. Neben den Reichshofräten und Reichshofratsagenten sind auch die Berufsgruppen der Gesandten und der Interessensvertreter auswärtiger Potentaten vorrangig in der Stadt anzutreffen. Bei den Berufsgruppen mit geringeren Häufigkeiten fallen auch die Differenzen weniger ins Gewicht. Bei den Niederlagsverwandten verweisen mit einer Ausnahme alle Einträge des bereinigten Datenmaterials auf die Stadt. Dieser Schwerpunkt auf den städtischen Raum kann auch bei den Handelsbedienten, Niederlagsbedienten und Wechselbedienten beobachtet werden. Hingegen fällt das Ungleichgewicht bei den Handels- und Kaufleuten zugunsten der Vorstädte aus. In Hinblick auf die Kategorie der Einträge ohne spezifische Berufsbezeichnungen ist das Stadt-Vorstädte-Verhältnis ausgewogen. Deutlich wird in Tab. 19 auch, dass vom Stadt-Vorstädte-Verhältnis der Berufsgruppen allein nicht auf den sozialen Stand geschlossen werden kann. Dass in der Stadt vor allem Vertreter aus den höheren und in den Vorstädten Vertreter aus den niederen sozialen Schichten anzutreffen sind, lässt sich an ­diesem Punkt noch nicht ausreichend bestätigen. Im folgenden Kapitel wird daher der Frage nach der im Datenmaterial enthaltenen sozialen Gliederung noch einmal eigens nachgegangen.

5.6 Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen Im Rahmen ­dieses Kapitels wird auf Basis des bereinigten Datenmaterials nach der Sozialstruktur der evangelischen Teilpopulation gefragt, die mit den Wiener Totenbeschauprotokollen erhoben wurde. Hierzu dienen zum einen die in vielen Einträgen vorangestellten Titulationen und Anreden, zum anderen erneut die Berufs- und Standesbezeichnungen. Die soziale Schichtung des evangelischen Bevölkerungsanteils eröffnet nicht nur einen weiteren Einblick in das evangelische Leben in Wien, sondern steht auch im Zusammenhang mit den Mechanismen, die für seine Duldung ausschlaggebend sind. Die Ergebnisse des gegenständlichen Auswertungsschrittes können weiterführend mit den Fragen nach einem sozialen Stadt-Vorstadt-Gefälle und der sozialen Ungleichheit vor dem Tod in Beziehung gestellt werden.

5.6.1 Titulationen und Anreden Dass sich der gesellschaftliche Umgang mit Titulationen und Anreden auch in den Totenbeschauprotokollen niederschlägt, ist mit dem quellenimmanenten Spektrum an Titeln und Anreden, die vielen Namen vorangestellt sind, deutlich. Dass die Anrede einer Person zu den wichtigen Verhaltenscodes innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft zählt, wird vielfach betont:

270

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Daß man mit der Wahl der entsprechenden Anredeform den Adressaten erstens sozial einstuft, zweitens die Relation, in der man zu ihm steht, präzise ausdrückt und drittens – von einem anderen Standpunkt aus gesehen – seine gesellschaftliche Stellung anerkennt oder nicht, ist in der linguistischen Literatur bis heute schon mehrmals betont, diskutiert und bewiesen worden. Doch die ausschlaggebende Voraussetzung dafür, daß man diese Wahl wirklich treffen kann, bzw. dafür, daß man mit den Titeln und Anreden in der sprachlichen und sozialen Wirklichkeit bewußt, gezielt und schließlich auch erfolgreich umzugehen weiß, gründet sich auf eine tiefe Weltkenntnis, die es denen, die sie besitzen, erlaubt, sich auf den einzelnen Stufen der hierarchisch aufgebauten sozialen Treppe selbstsicher zu bewegen: ohne die Angst, etwas Falsches begangen zu haben bzw. begehen zu können. Dazu kommt noch, daß die Kenntnisse sozialer Gegebenheiten um so detaillierter sein müssen, je höher die Stufe ist, die man hinaufsteigt.285

Abb. 22: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Titulationen und Anreden

Elzbieta Kucharska konstatiert, dass Anreden und Titulationen nicht nur wichtige Werkzeuge im sozialen Umgang darstellen, sondern auch ein großer Wert auf ihren korrekten Einsatz gelegt wird, der sich in den höheren sozialen Schichten zunehmend komplexer ausnimmt. Unter Berücksichtigung der Familienzusammenhänge fällt allerdings auf, dass den betreffenden Evangelischen die Titulationen weder einheitlich noch konsequent zugeeignet werden. Auch die Auszeichnungs- bzw. Zierschrift, die der Würdigung sozial besonders angesehener 285 Kucharska 2000, 34.

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

271

Personen dient, gelangt bei Verstorbenen höheren sozialen Ranges nur punktuell zum Einsatz.286 Anhand der vermerkten Titulationen und Anreden lässt sich die Sozialstruktur der Evangelischen in Wien daher nur bedingt skizzieren. In Abb. 22 wird auf Basis des bereinigten Datenmaterials bei 23 % der Einträge entweder ein Adelsprädikat (‚von‘) oder eine den höheren Gesellschaftsschichten entsprechende Betitelung wie etwa ‚hochwohlgeboren‘, ‚wohl- und edelgeboren‘, ‚Ihro Excellenz‘, ‚Edler von‘ und ‚Freiherr von‘ vorangestellt. Vertreter d ­ ieses Segments sind zum Großteil dem niederen Adelsstand, jedenfalls aber höheren sozialen Schichten zuzuordnen. Darüber hinaus trugen auch die Vergabe von Hofämtern und die Nobilitierung bürgerlicher Beamter „zur immer umfassenderen und subtileren Hierarchisierung der adeligen Gesellschaft bei.“ 287 In 48 Einträgen lautet die Anrede auf ‚Titel Herr‘ bzw. ‚Titel Frau‘. Da in den meisten Fällen hier zusätzlich das Adelsprädikat ‚von‘ vor den Nachnamen gestellt wird, ist davon auszugehen, dass der Ausdruck ‚Titel‘ hier entweder als Platzhalter für eine Adelstitulation fungiert oder die Anrede ‚Herr‘ explizit als Titel ausgewiesen werden soll. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass dieser Ausdruck auf einen akademischen Titel verweist, dies müsste dann allerdings zumindest gelegentlich auch über die jeweilige Berufsbezeichnung nachvollziehbar sein, was jedoch nicht der Fall ist. Nachdem in zwei dieser 48 Fälle die Anrede nur auf ‚Titel‘ lautet und die meisten Einträge das Adelsprädikat ‚von‘ anführen, ist die erste Erklärung naheliegender. Ungeachtet dessen steht es allein aufgrund des vielfach geführten Adelsprädikates ‚von‘ außer Frage, dass auch diese 48 Einträge dem Segment der Adelstitulationen zuzuordnen sind. 17 % der Datensätze würdigen die verstorbene Person (oder den Hausvorstand) mit der Anrede ‚Herr‘ oder ‚Frau‘. In seiner Edition und Auswertung des Linzer Bürgerbuches (1658 – 1707) bindet Michael Prokosch diese Anrede nicht nur an die bürgerliche Stellung, sondern besonders auch an bestimmte Berufsgruppen.288 In Hinblick auf die Berufsgruppen in ­diesem Segment fallen die Handels- und Kaufleute, die Niederlags-, Wechsel- und Handelsbedienten, die Sekretäre, aber auch die Haushofmeister und Kammerdiener sowie einige Offiziere der kaiserlichen Armee auf. Vertreter dieser Berufsgruppen scheinen zumindest ein höheres soziales Ansehen zu genießen, wenngleich sich unter ihnen auch keine Adeligen finden. In 60 % der Fälle entfällt jede Form der Anrede.289 Im Gebrauch der Anreden ist eine Hierarchie impliziert, die eine soziale Gliederung auf Basis des Datenmaterials zumindest in drei Segmente (Abb. 22) erlaubt, wenngleich angemerkt werden muss, dass eine unterbliebene Anrede nicht notwendig auf eine niedere soziale Stellung verweist. Nur wenige Evangelische werden in den Totenbeschauprotokollen ausdrücklich mit ihrem bürgerlichen Stand hervorgehoben. Die ausschließliche Merkmalsausprägung ‚Bürger‘ beim 286 So zum Beispiel im Eintrag von Johann Friedrich Bachoff von Echt. Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 78, lit. BP, fol. 5v. 287 Hengerer 2000, 26. 288 Vgl. Prokosch 2019, 253. 289 Der Vollständigkeit halber muss hier allerdings darauf hingewiesen werden, dass sich 1736 – 1752 in der Regel die Artikel ‚der‘, die‘ und bei der Erfassung über den Hausvorstand ‚dem‘ in den Sterbeeinträgen finden.

272

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Berufs- und Standesmerkmal findet sich nur im Fall von Jacob Bohler, einem Bürger aus Frankfurt (01. 03. 1737 [Nr. 12])290. Neben drei bürgerlichen Handelsmännern aus Augsburg (Adam Friedrich Grill 18. 12. 1778 [Nr. 1284])291, Nürnberg (Johann Georg Geßner über seine Frau Katharina Magdalena 20. 07. 1763 [Nr. 769])292 und Hermannstadt (Johann H ­ ämelescher 30. 10. 1780 [Nr.  1335])293, findet sich eine bürgerliche Kaufmannswitwe (Anna Christina ­Hueberin 29. 03. 1766 [Nr. 857])294, zwei bürgerliche Bäcker aus Heinsheim in Württemberg (Jacob Ascht über seinen Sohn Jacob 10. 05. 1753 [Nr. 434])295 und Nordhausen am Harz (Lorenz Hartung 11. 03. 1738 [Nr. 64])296, ein ehemaliger bürgerlicher Goldschlager aus ­Nerdlingen (Johann Friedrich Müller 22. 10. 1751 [Nr. 394])297 und ein bürgerlicher Galanteriearbeiter (Andreas Melhorn 12. 02. 1772 [Nr. 1011])298. Da den Evangelischen in Wien das Bürgerrecht verwehrt blieb, gilt die Annahme, dass sich diese Information auf den Herkunftsort bezieht.

5.6.2 Die soziale Gliederung anhand des Berufs- und Standesmerkmals Einen zeitgenössischen Einblick in die frühneuzeitliche Sozialstruktur in Wien gibt die ‚Policey-Ordnung‘299 aus dem Jahr 1671, die eine gesellschaftliche Gliederung dokumentiert, in der die erste Klasse von Adeligen, hohen kaiserlichen und landesfürstlichen Beamten und hohen nicht adeligen Hofbediensteten, Sekretären, Kammerbuchhaltern, Kammerdienern, Medizinern, Juristen, Stadtrichter, Bürgermeister u. a. m. gestellt wird. In die zweite Klasse der ständischen Gesellschaft reihen sich Rechnungsräte der Landesbuchhaltung, Hof-, Stallund Münzmeister sowie Hofmusiker, Oberpfleger und Kammerjungfern ein. In der dritten Klasse finden sich schließlich Buchhaltereibedienstete, Kellermeister, Türhüter, Kammerheizer, Wagenmeister und Trompeter sowie bürgerliche Handelsleute, Besitzbürger und Kunsthandwerker (z. B. Kupferstecher und Bildhauer). Die quantitativ gewichtige vierte Klasse wird von den Jägern und Feldbereitern sowie von „Handwercks auch Burgerliche Innleuth allhier unnd auff dem Land“ 300 gestellt. Zu dieser Gruppe zählen auch Kapelldiener und weitere Bediente bei Vertretern der oberen Klassen. In der fünften Klasse begegnen schließlich Inwohner, Tagwerker, aber auch ‚würdige Arme‘ und Bettler.301 2 90 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 39, 247r. 291 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 73, lit. CGK, fol. 105v. 292 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 57, lit. CGK, fol. 10r. 293 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 77, lit. H, fol. 53r. 294 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 60, lit. H, fol. 12r. 295 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 49, lit. A, fol. 13v. 296 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 40, fol. 180v. 297 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 48, fol. 537r. 298 Vgl. WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 66, lit. M, fol. 5v. 299 Vgl. Policey-Ordnung 1671. 300 Ebd., 14. 301 Vgl. ebd., 4 – 16.

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

273

Dynamische Faktoren dieser Schichtung liegen im Untersuchungszeitraum mit der Ausdifferenzierung der (Hof-)Bürokratie und dem sich im 18. Jahrhundert etablierenden Wirtschaftsbürgertum vor. Auf Basis von Sterbematriken wird die Oberschicht (Adel, hohe Beamte, Offiziere und Akademiker) um die Mitte des 17. Jahrhunderts insgesamt etwa 7 %, Hofbedienstete und städtische Beamte sowie deren Angehörige etwa 10 % der Bevölkerung ausgemacht haben. Über ein Drittel der Bevölkerung sind Handwerker und Händler, 5 – 10 % zählen zum Besitzbürgertum. Rund 12 % verrichteten ihr Tagwerk als häusliche Bedienstete oder zählen zu deren Angehörigen. Nicht weniger als ein Viertel sind den Unterschichten zuzurechnen. Entsprechende Zahlen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die für den Vergleich mit dem gegenständlichen Befund relevant sind, erlauben nur eine sehr grobe Sozialgliederung. Der adelige Anteil am Ende des Untersuchungszeitraumes beträgt in der erwachsenen Bevölkerung nur 1,5 %, jener der Beamten 2 % und jener der Bürger und Professionisten schließlich 4,9 %. Insgesamt nehmen die Unterschichten im Vergleich zum 16. und 17. Jahrhundert anteilsmäßig zu.302 Die städtische Mittelschicht wies in Wien eine größere Heterogenität auf als in anderen Städten. Statistische Zahlen gegen Ende des 18. Jahrhundert veranschlagen 6.000 – 7.000 Bürger und Professionisten, wobei der Begriff des Bürgers hier etwas weiter gefasst zu sein scheint und ein an Bedeutung gewinnender Bevölkerungsanteil miteingerechnet werden muss.303 Ein Zeitgenosse aus der Regierungszeit Josephs II. charakterisiert den mittelständischen Vertreter wie folgt: So nenne ich, nicht den letzten Pöbel, sondern den Bürger, oder, um es eigentlicher auszudrücken, den Professionisten und Handwerksmann, den Hof- und Herrschaftsbedienten von der untern Klasse, den Kleinhändler; kurz, die gewöhnliche Menschengattung ­zwischen Adel und Domestiken.304

Gerade im späten 18. Jahrhundert soll es zu einer Verschmelzung der hier beschriebenen Mittelschicht und den bürgerlichen Handwerkern gekommen sein. Bezieht man die genannten Vertreter in die Berechnungen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit ein, so wird wohl die Hälfte der Verstorbenen aus dieser Mittelschicht kommen. Damit besteht nur ein geringer Unterschied zu jener zeitgenössischen Standesgliederung, die um 1790 46 % für diese bürgerliche Mittelschicht veranschlagt, was gegenüber dem 17. Jahrhundert nur einen geringen Verlust andeutet.305 Um das Jahr 1761 lag der Anteil der in Wien weilenden Protestanten bei etwa einem Prozent der Gesamtbevölkerung von rund 200.000 Einwohnern.306 Die nun folgende A ­ ufschlüsselung der in den evangelischen Sterbeeinträgen enthaltenen sozialen Schichtung ist für die 302 Vgl. Pils/Weigl 2003, 241 – 242. 303 Vgl. Goehlert 1872, 183. 304 Pezzl 1786, Heft 1, 91 – 92. 305 Vgl. Pils/Weigl 2003, 255. 306 Vgl. Peper 2010, 55.

274

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

gegenständliche Untersuchung deshalb wichtig, weil gerade diese Auswertungsergebnisse Einblicke in d ­ ieses Personenkollektiv und seine Zusammenstellung geben können. Hinsichtlich einer entsprechenden Taxonomie der Berufs- und Standesbezeichnungen liegt zur Orientierung neben der ‚Policey-Ordnung‘ aus dem Jahr 1671 auch eine von Josef Ehmer erstellte und s­päter von Andreas Weigl adaptierte Gliederung der Berufsbezeichnungen unter Berücksichtigung der mit ihnen verbundenen sozialen Stellung vor.307 Als Schablone sind allerdings beide Klassifizierungen nicht geeignet, zumal die ‚Policey-Ordnung‘ für den gegenständlichen Befund zu weit zurück liegt und die im Datenmaterial erfassten Berufsgruppen der Evangelischen in vielen Fällen einen ‚Sonderstatus‘ implizieren und insgesamt ein anderes Spektrum abdecken. Für die Interpretation der darauf fußenden Ergebnisse gibt Andreas Weigl zu bedenken, dass die Berufs- und Standesangaben in der Regel für den Familienvorstand vorliegen, eine eigenständige Erwerbstätigkeit bei Frauen (in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Realität) nur selten vorkommt und auch ein etwaiger sozialer Auf- oder Abstieg kaum in Momentaufnahmen erfasst werden kann.308 Für die gegenständliche Aufschlüsselung des sozialen Spektrums liegt es daher nahe, wiederum die bereinigte Liste mit ihren verdichteten Werten heranzuziehen. Im Fall der Berufs- und Standesbezeichnung liegt hier bereits eine Taxonomie vor, ­welche die soziale Stellung mitberücksichtigt. Da die bereinigte Liste in besonderer Weise den Hausvater in den Blick nimmt, gelten auch die Ergebnisse der Auswertung in Bezug auf ihn. Die Bezeichnungen, mit denen die soziale Einordnung der Verstorbenen im Rahmen des Berufsmerkmals vorgenommen wird, bewegen sich auf drei unterschiedlichen Ebenen. So entsprechen die Begriffe Freiherr, Bürger und armer Mann gängigen Standesbezeichnungen. Auf einer anderen Ebene liegen die Berufsbezeichnungen, die vielfach auch über die Stellung innerhalb der Profession (Meister, Junge) oder über die fachliche Spezialisierung Auskunft geben und teilweise auch in ihrer ausführlichen barocken Amtsbezeichnung ausfallen. Auf der dritten Ebene liegen, allerdings nur bei Frauen, Bezeichnungen den Familienstand betreffend.309

307 Vgl. Ehmer 1980, 110; vgl. Weigl 1998, 121. Die Einteilung lautet bei Weigl wie folgt: „1.1. Adel, Grundbesitzer, hohe Geistlichkeit, 1.2. hohe Beamte, Akademiker, hohe Hofbedienstete, 1.3. Offiziere, 1.4. Geistliche, Künstler, 1.5. Hofbedienstete, 2.1. Handel, 2.2. niedere Beamte, 2.3. Dienstleistungen, 2.4. Verkehr, Nachrichten, 2.5. Juden, 3.1. metallverarbeitendes Gewerbe, 3.2. Lebensmittelgewerbe, Gastgewerbe, 3.3. Textil-, Leder-, Bekleidungsgewerbe, 3.4. Baugewerbe, 3.5. holzverarbeitendes Gewerbe, 3.6. sonstige Gewerbe, 4.1. höheres Hauspersonal, 4.2. niederes Hauspersonal, 5.1. Landwirtschaft, 6.1. Taglöhner u. ä., 6.2. Soldaten, 6.3. Bettler, 7.1. Standesbezeichnungen (Witwe, ‚lediges Mensch‘ etc.), 8.0. Unbekannt.“ Weigl 1998, 121 – 122. Eine detaillierte Aufschlüsselung dieser Gruppen liefert Weigl im Anhang seines Beitrags. Vgl. Weigl 1998, 132 – 135. 308 Vgl. Weigl 1998, 122. 309 Vgl. Trawnicek 2003, 112.

275

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

Tab. 20: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Soziale Gliederung nach Berufsgruppen h 34

Diplomaten und Räte: Reichshofräte

10

Diplomaten und Räte: Gesandte und Residenten

28

Wehrdienst/Militär: Generäle

Oberschicht

46

Wehrdienst/Militär: Stabsoffiziere

10

Wehrdienst/Militär: Fortifikationsbeamte, Kriegsingeneure

6

Wehrdienst/Militär: Proviant Verwalter

4

Kaufmännische Branche: Niederlagsverwandte Diplomaten und Räte: Hofräte/Reichsräte Diplomaten und Räte: Räte und Agenten ausw. Potentaten

8 39 7 5

Diplomaten und Räte: Beamte

6

Diplomaten und Räte: (Legations-)Sekretäre

6 32

Kaufmännische Branche: Niederlagsfaktoren, -direktoren

4

Kaufmännische Branche: Handels- und Kaufleute

37

Diplomaten und Räte: Reichshofratsagenten

10

Diplomaten und Räte: Juristen und Rechtsberater

15

Ohne spez. Berufsbezeichnung: bürgerlich, mittelständisch

6

Handwerksbranche: Edelmetall

28

Dienstleistungsbranche: Musik und Kunst

20

Dienstleistungsbranche: Stall-, Keller-, Küchen-, Haushofmeister

25

Dienstleistungsbranche: Kammerdiener/-jungfern

19

Dienstleistungsbranche: Sprachmeister/Instructoren

5

Handwerksbranche: Farben

7

Handwerksbranche: Lebensmittel Handwerksbranche: Stein/Keramik

169 15,32 %

32

Diplomaten und Räte: Hofkriegsräte und -agenten Dienstleistungbranche: Kammer- und Akademiemaler (k.k.)

79 7,16 %

7

Wehrdienst/Militär: Oberoffiziere

Kaufmännische Branche: Bankiers/Finanziers/Commercienräte

Mittelschicht

Anteil

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Adelige und Akademiker

201 18,22 %

14 4

Handwerksbranche: Leder

10

Handwerksbranche: Holz

23

Handwerksbranche: Haar

6

Handwerksbranche: Metall

30

Handwerksbranche: Textil

62

Kaufmännische Branche: Schreiber

29

Kaufmännische Branche: Niederlagsbediente

28

Kaufmännische Branche: Wechselbediente

17

Kaufmännische Branche: Handelsbediente

23

319 28,92 %

276

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781 h Ohne spez. Berufsbezeichnung: Studenten

Mittelschicht

Unterschicht

Anteil 8

Wehrdienst/Militär: Unteroffiziere

21

Dienstleistungsbranche: Pflege- und Gesundheitswesen

13

Dienstleistungsbranche: Gastronomie

24

Dienstleistungsbranche: Kirchendiener

17

Dienstleistungsbranche: Portiere

16

Dienstleistungsbranche: Kleiderputzer und Wäscher

5

Dienstleistungsbranche: Boten- und Transportdienst

29

Dienstleistungsbranche: Jagd, Forst- und Landwirtschaft

8

Dienstleistungsbranche: Dienstmägde und Knechte

15

Dienstleistungsbranche: Kindermädchen

13

Dienstleistungsbranche: Lakaien/Bediente

103

Wehrdienst/Militär: Ohne Chargengrad in Mannschaften Wehrdienst/Militär: Gefreite Ohne spez. Berufsbezeichnung: Witwen

6 9 10

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Ohne Condition

11

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Mittellose

11

Gesamt

283 25,66 %

71

Ohne spez. Berufsbezeichnung: Ledige Frauen

Ohne spez. Berufsbezeichnung: missing data

319 28,92 %

11 1.103

41 3,72 % 11 1 %

Tab. 20 ist so konzipiert, dass die soziale Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht wiederum je einmal unterteilt und nach Branchen geordnet ist. Mit einem Anteil von 22,48 % wird die Oberschicht allen voran von den Adeligen und Akademikern gestellt sowie von der Berufsgruppe der Reichshofräte und von Vertretern der oberen Ränge des Militärs. Zur Oberschicht zählen weiters die Gesandten und Räte sowie die Finanziers und Bankiers, bei denen es nachweisliche quellenimmanente Überschneidungen mit den Niederlegern gibt und höhere Beamte. Innerhalb der Dienstleistungsbranche wurden aufgrund ihres hohen sozialen Ansehens die Akademie- und Kammermaler dieser Schicht hinzugezählt. Der größte Anteil (47,14 %) entfällt auf die Mittelschicht. Hierin finden sich verstärkt Vertreter aus der kaufmännischen Branche. Zur oberen Mittelschicht zählen ferner Reichshofratsagenten, Kammerdiener und -jungfern, Haushofmeister, die (Legations-)Sekretäre, die Rechtsberater, Sprachmeister und ‚Instructoren‘ sowie Vertreter von Edelmetall verarbeitenden Gewerbezweigen und weitere bürgerliche, mittelständische Personen. Im mittleren bis unteren Anteil der Mittelschicht begegnet der Großteil der Handwerker sowie die Handels-, Niederlags-, und Wechselbedienten. Aus der Kategorie der Wehrbediensteten sind in ­diesem Segment die Unteroffiziere anzusiedeln. Ein weiterer Anteil von 29,38 % des bereinigten Datenmaterials entfällt auf die Unterschicht. Hier fällt vor allem die im Datenmaterial dem Anteil nach größte Berufsgruppe der

277

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

Lakaien und Bedienten ins Gewicht. Generell finden sich hierin die meisten Vertreter aus der Dienstleistungsbranche. Ein weiterer gewichtiger Faktor dieser sozialen Gruppe sind die vielen in Mannschaften dienenden Soldaten ohne Chargengrad. Ganz unten auf der sozialen Leiter stehen schließlich die Mittellosen, die Witwen, die ledigen Frauen und die ‚ohne Condition‘ gekennzeichneten Personen. Im Vergleich zu den Ausführungen oben reicht der Anteil der Mittelschicht mit 47,14 % sehr nahe an den Anteil der zeitgenössischen Standesgliederung aus dem Jahr 1790 mit 46 % für die Mittelschicht heran.310 Der Anteil der Adeligen und damit auch der Oberschicht ist im gegenständlichen Befund wesentlich höher als es der gesamtgesellschaftliche Blick auf Wien am Ende des Untersuchungszeitraum mit einem Anteil von 1,5 % nahelegt. Folglich fällt nun der verbleibende Anteil der Unterschicht geringer aus, der ja gesamtgesellschaftlich zur Mitte des 17. Jahrhunderts nicht unter einem Viertel liegen und bis in das 18. Jahrhundert im Wachsen begriffen sein soll.311 Damit ist weiter deutlich, dass die besondere Zusammenstellung der evangelischen Bevölkerungsgruppe in Wien in Relation zur Gesamtbevölkerung mit einer Umschichtung der oberen und unteren Stufe in der sozialen Gliederung einhergeht, von der die mittlere Stufe anteilsmäßig annähernd unberührt bleibt. Tab. 21 fragt nun nach dem Stadt-Vorstädte-Verhältnis dieser sozialen Gliederung. Tab. 21: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Soziale Gliederung der Einträge im Stadt-Vorstädte-Vergleich Stadt Berufs­gruppen

h Stadt

Anteil % Stadt

Vorstädte Anteil Anteil h % % Vorstädte gesamt Vorstädte

Gesamt Anteil missing h data % Gesamt gesamt

Oberschicht

Adelige, Reichshofräte, Akademiker, Gesandte, Generäle;

59

12,39 %

5,35 %

20

3,25 %

1,81 %

Untere Oberschicht

Offiziere, Finanziers, Niederlagsverwandte, Räte und Agenten, Beamte, Kammermaler;

106

22,27 %

9,61 %

62

10,08 %

5,62 %

Handels- und Kaufleute, Edelmetallhandwerker, Musiker und KünstObere ler, Kammerdiener, Mittelschicht Haushofmeister, Reichshofratsagenten, (Legations-) Sekretäre, Rechtsberater;

103

21,63 %

9,34 %

98

15,93 %

8,88 %

3 10 Vgl. Pils/Weigl 2003, 241 – 242. 311 Vgl. ebd., 241 – 242.

1

Anteil %

79

7,16 %

169

15,32 %

201

18,22 %

278

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781 Stadt

Berufs­gruppen

Handwerker, Schreiber, Untere Handelsbediente, Mittelschicht Pfleger, Unteroffiziere, Gastronome, Studenten;

Unterschicht

Herrschaftliche Bediente niederen Ranges, Militärbedienstete ohne Chargengrad, Botenu. Transportbedienstete, Wäscher;

Arbeitslose, MittelArmutsgrenze lose, Witwen, ledige Frauen; missing data Gesamt

Vorstädte

Gesamt

h Stadt

Anteil % Stadt

Anteil Anteil h % % Vorstädte gesamt Vorstädte

Anteil missing h data % Gesamt gesamt

Anteil %

110

23,11 %

9,97 %

207

33,66 %

18,77 %

2

319

28,92 %

77

16,18 %

6,98 %

197

32,03 %

17,86 %

9

283

25,66 %

15

3,15 %

1,36 %

26

4,23 %

2,36 %

41

3,72 %

6

1,26 %

0,54 %

5

0,81 %

0,45 %

100 % 43,15 %

615

100 %

55,75 %

476

12

11

1 %

1.103

100 %

Bezugnehmend auf Tab. 21 kann festgehalten werden, dass trotz des leicht unausgewogenen Verhältnisses ­zwischen Stadt und Vorstädten (auf Basis des bereinigten Materials fallen auf die Stadt etwa 43 % und die Vorstädte 56 % [1 % missing data]) Vertreter der Oberschicht dennoch dem Wohn- bzw. Beschauort nach eher in der Stadt anzutreffen sind als in den Vorstädten. Von den insgesamt rund 22,5 % Vertretern der Oberschicht finden sich bei fast 15 % städtische Ortsangaben. In der Mittelschicht stehen einander die Anteile von 19,31 % für die Stadt und 27,65 % für die Vorstädte gegenüber. Berücksichtigt man allerdings die Unterscheidung ­zwischen einer oberen und unteren Mittelschicht, so fällt auf, dass in der unteren etwa doppelt so viele Einträge auf die Vorstädte entfallen. Hier zeichnet sich ab, dass ein niedriger sozialer Stand tatsächlich eine vorstädtische Tendenz aufweist. So entfallen von den insgesamt fast 30 % aus der Unterschicht 20 % an die Vorstädte. Im Vergleich mit den Ergebnissen in der sozialen Oberschicht liegen hier daher die umgekehrten Verhältnisse in der Stadt-Vorstädte-Verteilung vor. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die protestantische Minderheit in Wien ein sehr breites soziales Spektrum abbildet. Den höchsten für Protestanten möglichen sozialen Rang nehmen die evangelischen Mitglieder des Reichshofrates ein, deren Zahl in der Regel auf sechs festgelegt war. Daneben finden sich Diplomaten, Akademiker und Nachkommen von adeligen Emigranten sowie Offiziere höherer Ränge. Insgesamt nimmt die Oberschicht einen Anteil von rund 23 % ein. Die Mittelschicht, die sich aus Kaufleuten, Handwerkern, Schreibern, Sekretären und weiteren Angestellten speist, vermag annähernd die Hälfte des bereinigten Datenmaterials abzudecken. Der verbleibende Anteil von fast 30 % entfällt auf Dienstboten, Wehrbedienstete niederen sozialen Ranges, Mittel- und Arbeitslose sowie

279

Auswertung der Daten zur Sozialstruktur in den evangelischen Sterbeeinträgen

ledige Frauen und Witwen, die der Unterschicht zugeordnet werden. Mit der sozialen Schichtung geht ferner ein Stadt-Vorstädte-Gefälle einher, das sich über die Wohn- bzw. Beschauortangaben rekonstruieren lässt. So verweist ein niedriger sozialer Stand tendenziell auf die Vorstädte, während Vertreter der höheren sozialen Schichten vorrangig in der Stadt anzutreffen sind.

5.6.3 Zur Frage der sozialen Ungleichheit vor dem Tod Tab. 22: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Häufigkeitsverteilung der Sterbefälle in Altersklassen unter Berücksichtigung der sozialen Gliederung

u. 1 Jahr

missing data

Armutsgrenze

Unterschicht

Untere Mittelschicht

1

5

46

58

Obere Untere OberMittelschicht Oberschicht schicht 41

34

20

1 bis u. 2 Jahre

1

1

11

16

7

6

1

2 bis u. 15 Jahre

0

1

23

37

19

31

7

15 bis u. 20 Jahre

2

0

6

4

1

3

2

20 bis u. 30 Jahre

0

3

58

60

25

19

7

30 bis u. 40 Jahre

0

5

57

45

32

14

9

40 bis u. 50 Jahre

2

10

37

41

33

33

13

50 bis u. 60 Jahre

1

6

35

41

32

47

16

60 bis u. 70 Jahre

3

3

28

31

29

29

7

70 Jahre u. mehr

1

7

23

43

26

32

17

missing data

0

0

3

2

1

2

0

Gesamt

11

41

327

378

246

250

99

Zur Annäherung an die Frage nach der sozialen Ungleichheit vor dem Tod werden in Tab. 22 alle 1.352 evangelischen Sterbeeinträge berücksichtigt. Obwohl die Merkmalsausprägungen zum sozialen Stand individuellen Zuschreibungen entsprechen, sind doch die Familienmitglieder potenzielle Nutznießer des Wohlstandes des Hausvaters oder Hausvorstandes. Vor ­diesem Hintergrund macht es Sinn, das gesamte Datenmaterial auf einen möglichen Zusammenhang ­zwischen Wohlstand und Lebenschancen zu befragen. Unter Berücksichtigung der in Tab. 20 (siehe Kapitel 5.6.2) unternommenen sozialen Gliederung kann dazu die absolute Häufigkeit des Sterbealters (in Altersklassen) in den jeweiligen Gesellschaftsschichten ermittelt werden. Ein Interpretationshindernis stellen dabei die unterschiedlichen Anteile der Sterbeeinträge dar, die auf die einzelnen sozialen Schichten entfallen. In der vereinfachten Klassifikation von Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht sind die Anteile der Unterschicht (27 %) und der Oberschicht (26 %) zumindest annähernd miteinander vergleichbar. Dabei lässt sich ablesen, dass die Einträge, die ein Sterbealter von 50 Jahren und darüber vermerken, verstärkt auf die Oberschicht entfallen, während ­zwischen 20- und 49-jährig Verstorbene zahlenmäßig stärker in der Unterschicht anzutreffen sind.

280

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

Dass sich dieser Trend im Kindes- und Jugendalter nicht fortsetzt, wird daran liegen, dass gerade innerhalb der Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten, aber auch unter den Niederlagsverwandten viele Vertreter verzeichnet sind, die mit ihren oft größeren Familien in Wien ansässig waren. Für die niederen Dienstleistungsberufe sowie für Arme und Arbeitslose, die allesamt der Unterschicht zugeordnet wurden, gilt dies gerade nicht. Tab. 22 lässt also durchaus den Schluss zu, dass mit dem Wohlstand auch ein vergleichsweise höheres Sterbealter einhergeht und es damit auch um die Lebenschancen in der Oberschicht besser bestellt ist als in der Unterschicht. Mit der Berechnung des durchschnittlichen Sterbealters in den einzelnen sozialen Schichten werden auch diese schließlich miteinander vergleichbar. Tab. 23 liefert dazu nicht nur das arithmetische Mittel des Sterbealters in den sechs Stufen der sozialen Leiter, sondern stellt auch jene Zahlen bereit, in denen die verstorbenen Säuglinge unberücksichtigt bleiben. Tab. 23: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Mittleres Sterbealter in den sozialen Schichten

Mittleres Sterbealter −x −

Mittleres Sterbealter x ab dem 2. Lebensjahr

Armutsgrenze

Unterschicht

Untere Obere Untere Mittelschicht Mittelschicht Oberschicht

Oberschicht

42,98

33,24

33,61

36,12

38,27

37,76

50,31

40,3

41,79

44,88

45,6

47,92

Im Vergleich der sozialen Schichten steigt das mittlere Sterbealter der in den evangelischen Sterbeeinträgen verzeichneten Personen von der Unterschicht bis zur unteren Oberschicht kontinuierlich an. Als Ausreißer sticht das mittlere Sterbealter der Armutsgrenze hervor, welches mit fast 43 Jahren den höchsten Wert in dieser Zeile liefert. Sieht man hier von den verstorbenen Säuglingen und Kleinkindern ab, liegt das Sterbealter an der Armutsgrenze sogar über 50 Jahren. Dass hier derart hohe Werte erzielt werden, wird der geringen Häufigkeit der Sterbefälle in dieser Schicht geschuldet sein, im Rahmen derer die Vertreter (zufällig) ein höheres Sterbealter erreicht haben. Abgesehen von der Armutsgrenze ist der kontinuierliche Anstieg des mittleren Sterbealters ab dem 2. Lebensjahr bis hin zur Oberschicht noch deutlicher. Sieht man also von dem Wert der Armutsgrenze ab oder qualifiziert ihn als ‚Ausreißer‘, sind auch mit Tab. 23 Tendenzen einer sozialen Ungleichheit vor dem Tod erkennbar.

281

Auswertung der Vornamen in den evangelischen Sterbeeinträgen

5.7 Auswertung der Vornamen in den evangelischen Sterbeeinträgen Tab. 24: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Namen der verstorbenen Personen Männliche Vornamen

Weibliche Vornamen

Johann

305 Niclas/Niklas

6

Ulrich

2

Maria

85

Ursula

3

Friedrich

100 Elias

5

Abraham

1

Anna

64

Aloysia

2

Christian

70

5

Adalbert

1

Katharina/ Catharina

59

Augusta

2

Hermann

Christoph

70

Hieronymus

5

Alexius

1

Elisabeth/a

56

Christiana

2

Georg

66

Johannes

5

Aschran

1

Susanna

33

Ester

2

Carl/Karl

53

Otto

5

Barthold

1

Johanna

33

Euphrosyne

2

Heinrich

52

Rudolph/f

5

Benedikt

1

Magdalena

22

Renata

2

Jacob/Jakob

47

Zacharias

5

Carolus

1

Dorothea

21

Adelgunda

1

Gottlieb

37

Bartholomae/us

4

Clemens

1

Christina

20

Aimè

1

Wilhelm

31

Eberhard

4

Dominicus

1

Rosina

19

Ami

1

Andre/ Andreas

22

Emanuel

4

Douwe

1

Sophia

19

Antonia

1

Gottfried

20

Gabriel

4

Emil

1

Barbara

17

Benedicta

1

Philipp

20

Gottlob

4

Erdmann

1

Margareth/a/e

17

Cäcilia

1

Josef/Joseph

19

Leonhard

4

Erhard

1

Regina

13

Christine

1

Daniel

16

Lorenz

4

Erigius

1

Eva

11

Christophora

1

Konrad/ Conrad

15

Simon

4

Ernest

1

Juliana/e

11

Claudia

1

David

14

Theodor

4

Felix

1

Carolina/Karolina

9

Cordula

1

Michael

14

Baptist

3

Franziscus

1

Theresia

9

Dove

1

Adam

12

Benjamin

3

Gebhard

1

Helena

8

Eberhardina

1

Ernst

12

Dietrich

3

Gerhard

1

Eleonora

7

Edmunda

1

Ludwig

12

Ehrenreich

3

Guillaume

1

Jakobina/Jakobe

7

Erdmuthe

1

Paul

12

Isac/Isaac

3

Hannibal

1

Charlotta/ Charlota

6

Ernestine

1

Caspar/ Kaspar

11

Tobias

3

Hartman

1

Clara/Klara

5

Gertraud

1

Franz

11

Valentin

3

Henrich

1

Friderica

5

Hedwig

1

Martin

11

Alexander

2

Jonas

1

Ludovica

5

Julia

1

Peter

10

Corneli/us

2

Lambert

1

Sabina

5

Kunigunda

1

August/ in/us

9

Ehrenfrid

2

Levin

1

Henrieta/e Henrichetta

4

Lucia

1

Bernhard

9

Gregory

2

Magnus

1

Josepha/Josefa

5

Ludmilla

1

Samuel

9

Gustav

2

Marcus

1

Sibylla/Sibilla

4

Oriana

1

282

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781 Männliche Vornamen

Weibliche Vornamen

Ferdinand

8

Ignaz

2

Mauritius

1

Wilhelmina

4

Philippina

Michl

8

Jeremias

2

Maximilian

1

Amalia

3

Piapa

1

Albrecht

7

Joachim

2

Pius

1

Franziska/ Franciska

3

Rachel

1

Balthasar

7

Juli/Julius

2

Noé

1

Louise/a

3

Reimunda

1

Mathias

7

Kylian/Kilian

2

Reymund

1

Rebecca

3

Roswita

1

Matthäus

7

Leb(e)recht

2

Theophilus

1

Nikolaus

7

Leopold

2

Thomas

1 1

Sigmund

7

Reichard

2

Veit

Wolfgang

7

Reinhard

2

Volmar

1

Adolf/ Adolph

6

Salomon

2

Wenzel

1

Anton

6

Stefan/Stephan

2

Wolff

1

1

Aus onomatologischer Perspektive ist aufgrund des konkreten Befundes vor allem die Frage nach dem Einfluss des konfessionellen Merkmals auf die Namensgebung von Belang.312 Bei den evangelischen Verstorbenen treten – wie in Tab. 24 festgehalten wird – 120 männliche und 68 weibliche Vornamen auf.313 Die absolute Häufigkeit an Vornamen von Verstorbenen beläuft sich auf 1.974, davon entfallen 1.337 auf den männlichen und 637 auf den weiblichen Anteil.314 In 19 Datensätzen fehlt der Name der verstorbenen Person. Von den 188 unterschiedlichen Namen werden 66 nur ein einziges Mal und weitere 23 nur zweimal genannt. Damit ist angedeutet, dass sich die Namensverteilung auf sehr wenige populäre Namen konzentriert. In seiner Auflistung der wesentlichen Schritte im Prozess der ‚Konfessionalisierung‘ nimmt Wolfgang Reinhard u. a. Bezug auf die Beeinflussung von Sprache, die sich auch auf die Taufnamensgebung auswirkt. Demzufolge treten gerade unter den Hofbediensteten im 18. Jahrhundert Heiligennamen besonders stark auf, darunter Johann, Josef oder Franz.315 Als gängiger Heiligenname unter den weiblichen Vornamen können Maria und Anna gelten. Der mit Abstand häufigste Vorname Johann nimmt 22,8 % aller männlichen Taufnamen unter den Verstorbenen im Datenmaterial ein. Unter den weiblichen Namen beträgt der Anteil des populärsten Namens Maria nur 13,3 %. Angesichts d ­ ieses Befundes lässt sich bezugnehmend auf den Aspekt der konfessionellen Beeinflussung der Taufnamensgebung unter den Evangelischen keine gegenläufige Tendenz festmachen.

312 Zu den Interessensschwerpunkten der Onomastik vgl. Koss 2002; vgl. Nübling/Fahlbusch/Heuser 2015 [2012], 12 – 14. 313 Die Auswertung beläuft sich hier ausschließlich auf die Vornamen der verstorbenen Personen und nicht noch zusätzlich auf die Bezugspersonen wie etwa den Hausvorstand oder den Arbeitgeber. 314 Ausschlaggebend für diese Zahl sind die vielen zweiten und auch dritten Vornamen vieler Verstorbener. 315 Vgl. Reinhard 1983, 263; vgl. Scheutz 2009b, 26 – 27.

Auswertung der Vornamen in den evangelischen Sterbeeinträgen

283

In seiner Untersuchung zu den Ruf-, Vor- bzw. Taufnamen in Bruck an der Mur (1615 – 1627) qualifiziert Franz Pichler im Jahr 1987 dieselben als „sensible Indikatoren kultureller und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse.“ 316 Vor ­diesem Hintergrund erarbeitet Hans ­Krawarik eine Methode zur Analyse konfessioneller Strukturen und unterscheidet drei Kategorien, die für die Taufnamengebung relevant sein können: Mit geringem religiösen Bezug richtet sich die Namensgebung in der ersten Kategorie nach den Eltern, Verwandten oder Nachbarn. In der zweiten Kategorie liegen aufgrund der Namensgleichheit mit dem Taufpaten bereits religiöse Vorstellungen im Blick auf die Erziehung zugrunde. Innerhalb der dritten Kategorie ist bei der Namensgebung ein unmittelbarer Bezug zu Kalenderheiligen festzumachen.317 Die jeweiligen Motive hinter der Taufnamenpraxis akzentuieren gegebenenfalls konfessionelle Haltungen, die Rückschlüsse auf den Erfolg und die Auswirkungen der Rekatholisierung oder das Fortbestehen protestantischer Geisteshaltung in konkreten Regionen zulassen.318 In seiner Untersuchung, in die er Stichproben, Längsschnitte und regionale Vergleiche einfließen lässt, kommt Krawarik zu dem Ergebnis, dass diese modellhaften Zuschreibungen der kulturellen Diversität in den katholischen Gebieten nicht ausreichend Rechnung tragen. Als entscheidendes Kriterium für die Taufnamenpraxis nennt er schließlich nicht eine von der K ­ irche geforderte Unterordnung unter das Kalendarium, sondern die Eltern selbst mit ihren individuellen inneren und traditionellen Haltungen: „Ob also Kinder nach Eltern, Paten, Verwandten oder Heiligen des Kalenders benannt wurden, bestimmen offenbar die Eltern des Täuflings. […] Erst sekundär spielten pfarrübliches Taufnamengut, der Einfluß des Pfarrers oder die Verwandtschaft eine Rolle.“ 319 Im Blick auf den gegenständlichen Befund erscheint die Einsicht relevant, dass die Praxis der Taufnamensgebung nicht vorrangig Einflüssen von außen unterliegt, sondern sich nach individuellen Haltungen orientiert. Da die evangelischen Sterbeeinträge keine derartigen Hinweise zur Taufnamenpraxis bereitstellen und eine Zuordnung in die benannten Kategorien unmöglich erscheint, kann die Methode von Krawarik auch nicht für den vorliegenden Befund fruchtbar gemacht werden. Ein dazu notwendiger Abgleich mit Taufmatriken scheitert an dem Umstand, dass die evangelische Bevölkerungsgruppe in Wien, wie sie sich anhand der Totenbeschauprotokolle darstellt, eben keine autochthone ist. 316 Pichler 1987, 151. 317 Vgl. Krawarik 1988, 379. Bereits 1955 verwies Sylvia Sterner-Rainer auf die Namensgebung nach Tagesbzw. Kalenderheiligen. Diese Praxis sah Franz Pichler ­später mit seiner Analyse der Pfarrmatriken von Bruck mit einem Anteil von 70 % bestätigt. Vgl. Sterner-Rainer 1955. Auch die von Hans Krawarik vorgenommene Auswertung der Matriken aus Mönichkirchen bestätigt zunächst den hohen Anteil an sogenannten ‚Kalendertaufen‘: „In Mönichkirchen wurden 1659 – 1671 67,5 % nach dem Kalendarium getauft, 11 % haben die Namen der Taufpaten, 2,5 % sind nach den Eltern benannt und bei 26 % lassen sich keine Motive für die Taufnamenwahl angeben […]. Es entsteht der Eindruck, daß die Organe der katholischen ­Kirche im 17. Jahrhundert bestehenden Vorschriften durch persönlichen Einsatz Geltung verschafft haben.“ Krawarik 1988, 377 – 378. 318 Vgl. ebd., 393. 319 Ebd., 401 – 402.

284

Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781

5.8 Zusammenfassung Den Ausgangspunkt der Untersuchung bilden die religionspolitischen Umstände, vor deren Hintergrund der Untersuchungsgegenstand selbst an Bedeutung gewinnt. Im Anschluss an ein ungleiches konfessionelles Kräftemessen, das zur Mitte des 17. Jahrhunderts zu Ende gegangen war, waren das evangelische Bekenntnis und die evangelische Glaubensausübung in Wien nahezu vollständig von der Bildfläche verschwunden. Umso bedeutender ist daher der Aspekt, dass mit den Wiener Totenbeschauprotokollen, die ein städtisches Verwaltungsinstrument darstellen, ein evangelischer Bevölkerungsanteil sichtbar wird, dessen Vertreter ausdrücklich als Evangelische gekennzeichnet sind. Die vollständige Erhebung und statistische Auswertung der entsprechenden Sterbeeinträge galt bislang als Forschungsdesiderat nicht nur der Protestantengeschichtsforschung, sondern auch der Stadtgeschichtsforschung. Die vorliegende Arbeit erhebt den Anspruch, diese Lücke zu schließen. Die Auswertungsergebnisse in den Kapiteln 5.2 – 5.7 basieren auf den evangelischen Sterbeeinträgen der Jahre 1736 – 1781. Als Kriterien für die 1.352 erhobenen Sterbeeinträge gelten der Konfessionsvermerk im Datensatz oder im Index der ‚unkatholisch‘ Verstorbenen und deutlich zuordenbare Beschauinformationen. Dass die evangelischen Sterbeeinträge erst im Jahr 1736 einsetzen, hängt vermutlich mit einem Gravamen an den K ­ aiser zusammen, welches im gleichen Jahr und vor dem Einsetzen der evangelischen Sterbeeinträge die starke Ver- und Ausbreitung der evangelischen Gesinnung trotz Verbote beklagte. Ausgehend von ­diesem Jahr verteilen sich die evangelischen Einträge insgesamt gleichmäßig bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes und darüber hinaus. Der Befund spricht damit gegen eine Konversionswelle im Anschluss an die Toleranzgesetzgebung und birgt zugleich den ­Hinweis, dass die in der Stadt und den Vorstädten weilenden Evangelischen überwiegend nicht als autochthone Wiener bezeichnet werden können. Die einzelnen Datensätze enthalten in der Regel sieben unterschiedliche Merkmale (Name, Beruf- und Standesbezeichnung, Wohn- bzw. Beschauort, Beschaubefund, Sterbe­ alter, Beschaudatum und – im Fall der erhobenen Sterbeeinträge – Konfessionsvermerk) deren jeweilige Auswertung vielfach auch in Kombination mit anderen Merkmalen ertragreich ist. In ­diesem Zusammenhang kann etwa der Altersaufbau oder das Stadt-Vorstädte-Verhältnis (46,52 % Stadt und 52,59 % Vorstädte) einen wichtigen Anknüpfungspunkt darstellen. Vor allem im Blick auf den Altersaufbau und die Sexualproportion lässt sich im Vergleich mit anderen Auswertungen die besondere Zusammenstellung der evangelischen Bevölkerungsgruppe verdeutlichen, die sich im Spannungsfeld von beruflicher Expertise, Mobilität, Duldung und entsprechenden Familien- und Dienstverhältnissen konstituiert. Dabei fällt besonders der verhältnismäßig geringe Anteil an verstorbenen Kleinkindern und Säuglingen (18,45 %) und das Ungleichgewicht in der Sexualproportion im Verhältnis 2:1 auf (67,75 % männlich, 31,36 % weiblich). Auffällig ist zudem, dass unter den Beschauorten die Pflege- und Heilstätten kaum eine Rolle spielen und bei einem Anteil von insgesamt rund 10 % vor allem das Militärspital in Gumpendorf hervorsticht. Bei der Auswertung der Beschaubefunde gibt die zugrundeliegende

Zusammenfassung

285

Nomenklatur nicht nur einen Einblick in die Diagnostik der Zeit, sondern auch in die inhaltliche Vielfalt der Sterbeeinträge, die in kein starres Gerüst gezwungen werden, sondern auch Paratext aufweisen. Mit der Aufnahme von Beschaubefunden ist auch der ursprüngliche Zweck der Einrichtung eines Totenbeschreibamtes benannt. Als Instrument des Verwaltungs- und Kontrollapparates diente es der Prävention und Eindämmung von Infektionskrankheiten. Der Übergang von den Sterbedaten und Sterbeverhältnissen hin zu den Lebensverhältnissen der Evangelischen in Wien wird von einem methodisch veränderten Zugriff begleitet, der die Untersuchung des evangelischen Lebens am Beispiel der Totenbeschauprotokolle nicht zuletzt legitimieren soll. Vor ­diesem Hintergrund kann nach der räumlichen Konzentration evangelischen Lebens in der Stadt und den Vorstädten gefragt werden. Auffällige Häufungen können hierbei im Stubenviertel (‚am roten Turm‘, obere und untere ‚Beckenstraße‘, ‚am alten Haarmarkt‘, ‚am alten Fleischmarkt‘) sowie in der Leopoldstadt, am ‚Spitalberg‘, ‚auf der Wieden‘, ‚an der Wienn‘, aber auch in der ‚Josephstadt‘ ausgemacht werden. Mit einer Verdichtung des Datenmaterials unter Berücksichtigung der familiären Zusammenhänge werden zuverlässige Einblicke in das Berufsspektrum und darauf basierend auch in die soziale Schichtung der Evangelischen in Wien gewährt. Auf Basis der zugrunde gelegten Kategorisierung können die im Befund enthaltenen Berufsbezeichnungen in Dienstleistungsberufe (28,83 %), kaufmännische Berufe (16,77 %), Handwerksberufe (16,68 %), Wehrbedienstete (15,50 %), Diplomaten, Räte und Beamte (13,15 %) und Personen ohne besondere Berufsbezeichnungen (9,07 %) eingeteilt werden. Eine soziale Gliederung kann anhand des Befundes einerseits über die unterschiedlichen Titulationen und andererseits über die Berufsund Standesbezeichnungen angestellt werden. Ein wichtiges Ergebnis der Auswertung betrifft dabei das sehr breite soziale Spektrum, welches die evangelische Bevölkerungsgruppe in Wien kennzeichnet. Im Stadt-Vorstädte-Vergleich wird deutlich, dass die Oberschicht eine deutliche Tendenz zu städtischen Wohn- und Beschauorten aufweist, während die Vertreter der Unterschichten vorrangig in den Vorstädten anzutreffen sind. Bei der Frage nach der sozialen Ungleichheit vor dem Tod lässt sich am Befund der evangelischen Einträge festhalten, dass mit dem Wohlstand auch die Lebenschancen kontinuierlich steigen.

6. Resümee I. Unter dem Titel ‚Protestantismus in Wien am Beispiel der Totenbeschauprotokolle des 18. Jahrhunderts‘ wurde eine quantitative Längsschnittuntersuchung an der Schnittstelle ­zwischen Protestantengeschichtsforschung und Stadtgeschichtsforschung angestellt, die einen offiziell erfassten und öffentlich wahrgenommenen evangelischen Bevölkerungsanteil zum Gegenstand hat. Vor dem Hintergrund des ‚Zeitalters der Konfessionalisierung‘, das in gegenreformatorischen Maßnahmen und der ‚katholischen Reform‘ im Anschluss an das Konzil von Trient seinen Ausdruck findet sowie angesichts des habsburgischen Herrschaftsanspruches, der die Einheit im katholischen Glauben notwendig voraussetzt (Pietas Austriaca), ist dem vorliegenden Quellenbefund eine besondere Bedeutung beizumessen. In Anlehnung an den sozialgeschichtlichen Frageansatz der Prosopographie (Neithard Bulst) können 1.352 evangelische Sterbeeinträgen erfasst werden. Die darin aufgenommenen Personen werden aufgrund der ausdrücklichen Kennzeichnung ihres gemeinsamen religiösen ‚Makels‘ als Gruppe bezeichnet. Ein grundlegendes Ergebnis dieser Arbeit liegt mit der Vollerhebung ­dieses Personenkollektivs vor und der anschließenden Auswertung des gesamten Datenmaterials unter Verwendung von Methoden der beschreibenden Statistik. Mit den Möglichkeiten, die sich aufgrund von ‚Paratext‘ zur qualitativen Auseinandersetzung mit der Quelle anbieten, wurde auf ein Forschungsdesiderat verwiesen. Da die erhobenen Sterbeeinträge neben dem Namen der verstorbenen Person und dem konfessionellen Unterschied auch Informationen zu Beruf und Stand, Wohn- und Beschauort, Todesursache und Sterbealter sowie fallweise auch zum Herkunfts- und Geburtsort sowie zu Anstellungsverhältnissen liefern, fällt die Datenaufbereitung umfassender und differenzierter aus als für das gegenständliche Interesse notwendig. Damit die weitere Forschung von ­diesem Ertrag profitiert und dabei möglichst effizient auf die Ergebnisse zugegriffen werden kann, bildet die Auswertung des Datenmaterials einen eigenständigen, in sich geschlossenen Teil dieser Arbeit. Die erste an der Quelle gewonnene Erkenntnis zur Frage nach dem ‚evangelischen Leben‘ in Wien vor der Toleranzzeit ist, dass im Zeitraum vom Beginn des erhaltenen Quellenbestandes im August 1648 bis einschließlich Oktober 1736 keine evangelischen Sterbeeinträge vom Totenbeschreibamt erfasst wurden. Ab der ersten Kennzeichnung des konfessionellen Unterschiedes am 29. November 1736 bis zum Ende des Jahres 1781 verteilen sich die evangelischen Sterbeeinträge mit einem Anteil von rund 0,4 % gemessen an der Gesamtheit der Einträge in den jeweiligen Sterbejahren relativ gleichmäßig. Folgende wichtige Erkenntnisse lassen sich an den Rändern dieser Zeitspanne gewinnen: Die Aufnahme des Konfessionsmerkmals am Ende des Jahres 1736 wird in der Quelle selbst nicht begründet. Darüber hinaus kann weder ein Schreiberwechsel noch der Beginn eines neuen Totenbuches für diese Neuerung verantwortlich gemacht werden. In eine auffällige zeitliche Nähe rücken allerdings die gesellschaftlichen Entwicklungen, in denen das

288

Resümee

evangelische Leben in Wien nicht zuletzt durch den Einfluss der in ein pietistisches Netzwerk eingebundenen Gesandtschaftskapellen aufblüht. Als Anlass für das plötzliche Interesse am Vermerk des religiösen Störfaktors in den Totenbeschauprotokollen kann ein bekanntes Gravamen von Erzbischof Sigismund Kollonitsch angenommen werden, welches in Reaktion auf die benannten Entwicklungen an den ­Kaiser erging. Neben der fortwährenden und unbeirrten evangelischen Glaubensausübung trotz des klaren Verbotes beklagte Kollonitsch in seinem Gravamen die große Anzahl der evangelischen Handwerker sowie deren unangemessenes Verhalten innerhalb der Zunftordnungen. Aus einer Gewerbezählung im Jahr 1736 geht hervor, dass jedoch ein Großteil der Wiener Gewerbetreibenden bereits außerhalb der Zunftordnungen auf Basis von Sonderregelungen und Privilegien gewerblich tätig war. Diese Erwerbsformen eröffneten auch Evangelischen Möglichkeiten zu einer legalen Gewerbsausübung. Die mit der Gewerbezählung aufgezeigten Umstände können letztlich ein weiterer möglicher Faktor für die Aufnahme des Konfessionsmerkmals in den Totenbeschauprotokollen sein. Signifikant ist, dass am Übergang zur gewährten Toleranz und in den darauffolgenden Jahren keine erhöhte Aufnahme von evangelischen Sterbeeinträgen vorliegt. Dies bedeutet zum einen, dass die Größe der evangelischen Bevölkerungsgruppe von den religionspolitischen Veränderungen zunächst unberührt blieb und die Toleranzgesetzgebung keine unmittelbar darauffolgende Konversionswelle auslöste. Zum anderen birgt diese Beobachtung den Hinweis, dass wohl der Anteil an Kryptoprotestanten zur Mitte des 18. Jahrhunderts gering war und die in der Haupt- und Residenzstadt weilenden Evangelischen in der Regel keine autochthonen Wiener waren. II. Zwischen den beiden genannten Jahren 1736 und 1781 bewegt sich die in den Totenbeschauprotokollen erfasste, offenkundig evangelische Gruppe im Spannungsfeld eines Machtgefüges, das die religionspolitischen Entwicklungen im Untersuchungszeitraum und die Entstehungszusammenhänge der Quelle gleichermaßen berührt und miteinander verbindet. Die Plausibilisierung d ­ ieses Zusammenhanges anhand von zwei theoretischen Ansätzen und die Neudarstellung der Quelle unter d ­ iesem Gesichtspunkt sind weitere Ergebnisse dieser Untersuchung. Ursprünglich eingerichtet zur Seuchenbekämpfung und zur Umsetzung der daran gekoppelten Quarantänebestimmungen, verweist die Schaffung des Totenbeschreibamtes auf eine planvolle Herrschaftspraxis, die einen transparenten, streng kontrollierten und reglementierten Sozialraum zum Ziel hat. Im Rückgriff auf das ‚Bio-Macht‘-Konzept (Michel Foucault) wurde ein umfassendes und grundsätzliches Interesse an der ‚policeylichen‘ Durchdringung der Gesellschaft zur störungsfreien Organisation des kollektiven Lebens als wichtiges Ergebnis deutlich gemacht. Die Totenbeschauprotokolle zeugen von einer gewissenhaft verrichteten Verwaltungsaufgabe vor allem durch den geringen Anteil an missing data, der sich im Befund auf etwa 1 % beläuft. Die bis auf wenige Ausnahmen zuverlässige Abfolge der in den Datensätzen erfassten Merkmalsausprägungen, das übersichtliche Schriftbild und die Griffregister lassen überdies den Schluss zu, dass die Totenbücher im Dienst der Informationsbeschaffung standen und

Resümee

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zu Nachschlagezwecken herangezogen wurden. Am Beispiel der Beschaubefunde (Sterbealter, Todesursache) wurde zudem veranschaulicht, w ­ elche Auswertungsmöglichkeiten dem Totenbeschreibamt selbst zur Verfügung standen, um auf gesundheitliche Bedrohungen wie etwa Seuchen reagieren zu können. Hier tritt die einheitlich verwendete und gleichzeitig begrenzte Nomenklatur der Beschaubefunde in den Vordergrund, die allerdings Schwierigkeiten bei den Rückschlüssen auf konkrete Todesursachen bereitet. Daneben ist die verhältnismäßig geringe Säuglings- und Kindersterblichkeit auffällig. Obwohl die Bedeutung von Pflegeund Heilstätten sowie Quarantäneeinrichtungen in den evangelischen Sterbeeinträgen insgesamt eine geringe Rolle spielt, sind sie Ausdruck der im ‚Bio-Macht‘-Konzept postulierten Bewirtschaftung des menschlichen Körpers. Die Totenbeschauprotokolle an sich – so die These – sind damit Teil eines übergeordneten staatlichen Kontroll- und Verwaltungsapparates, dessen Ziele weit über die Eindämmung von Infektionskrankheiten hinausgehen und den Untersuchungsgegenstand selbst in hohem Maß betreffen. Diese Einsicht wurde am Beispiel der jüdischen Sterbeeinträge im Rahmen einer Perspektivierung durch den ‚Disability‘-Ansatz um zusätzliche Argumente ergänzt. Vor dem Hintergrund der sozial konstruierten Differenzkategorien ‚Normalität‘ und ‚Abweichung‘, die in den ‚Disability Studies‘ zur Anwendung kommen, rückt die in der Quelle selbst schon angelegte religiöse Stigmatisierung in die Nähe der gesundheitspolitischen Th ­ emen und ihren Bezügen zur Quarantäne. Auf diese Weise werden inhaltliche Entsprechungen ­zwischen der Isolierungspolitik und der Religionspolitik sichtbar, w ­ elche die gemeinsame Einbettung in ein übergeordnetes Machtgefüge untermauern und einen Brückenschlag ­zwischen der Quellenanalyse und dem konfessionsgeschichtlichen Schwerpunkt dieser Arbeit bewerkstelligen. III. Vor dem Hintergrund des Konfessionalisierungsparadigmas, welches der Untersuchung die Anknüpfung an eine konkrete Forschungstradition erlaubt und als wichtiger Gesprächspartner für den gewonnenen Befund dient, wird die Auseinandersetzung mit den Machtmechanismen schließlich in Bezug auf den konfessionellen Schwerpunkt dieser Arbeit fortgesetzt. ‚Konfessionalisierung‘ beschreibt die Herausbildung gefestigter Konfessionskirchen durch eine in der Union von Staat und K ­ irche vorangetriebene Sozialdisziplinierung zum Zweck der staatlichen Machtkonzentration und Herrschaftssicherung. Eine transparente und unter einem Bekenntnis geeinte Gesellschaft wird dabei als notwendige Voraussetzung angesehen. Am Beispiel Wien wurde erstmals empirisch anhand der Totenbeschauprotokolle gezeigt, dass die katholische ‚Konfessionalisierung‘ nicht konsequent und lückenlos durchgeführt werden konnte und bei der offenkundig evangelischen Bevölkerungsgruppe, wie sie sich im Befund konstituiert, an ihre Grenzen stieß. Für die Konfessionalisierungsdebatte wurden damit auf Basis der gewonnen Ergebnisse und Erkenntnisse folgende Argumente und Überlegungen eingebracht: Neben dem noch im 16. Jahrhundert unternommenen Versuch der Konsolidierung eines einheitlichen evangelischen Kirchenwesens und den darin zum Tragen kommenden konfessionsbildenden Prozessen wird eine kollektive evangelische Identität noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dem massenhaften ‚Auslaufen‘ zu den Patronatskirchen der Landadeligen greifbar (selbst wenn die Gottesdienste außerhalb von Wien und den Vorstädten

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stattfinden). Darüber hinaus lassen sich Freiräume evangelischer Konfessionskultur noch im 18. Jahrhundert festmachen. Als Beispiele können hier besonders der exterritorial verantwortete Gesandtschaftsgottesdienst und die evangelischen Begräbnisse auf dem Friedhof vor dem Schottentor genannt werden, mit denen zweifelsfrei ein gewisses Maß an Öffentlichkeit und Sichtbarkeit ‚evangelischen Lebens‘ in der Stadt gegeben war. Gestützt durch den empirischen Befund in den Totenbeschauprotokollen fordern die Tiefenbohrungen an diesen Beispielen das Konfessionalisierungsparadigma in seiner Durchgängigkeit und Universalität heraus. Mit dem Einfluss der in ein starkes pietistisches Netzwerk eingebunden Gesandtschaftsgemeinden, ihrem Konfirmandenunterricht und der kurzzeitig eingerichteten Gesandtschaftsschule sowie der Verbreitung pietistisch geprägter Literatur werden für das 18. Jahrhundert zudem Aspekte einer horizontalen Disziplinierung und konfessionellen Selbstregulierung plausibel, die nicht im Dienst der Disziplinierungsmaßnahmen ‚von oben‘ stehen, die für die katholische Konfessionalisierung konstitutiv sind und durch Instrumente wie etwa die Kirchenzucht durchgesetzt werden. Die vorliegende Untersuchung argumentiert damit, dass der Anspruch der Konfessionalisierung (oben) und ihre tatsächliche Durchsetzung (unten) nicht vollends übereinstimmen. Zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Konfessionen gab es auch konfessionelle Schnittmengen und Grenzüberschreitungen, die eine differenziertere Sicht auf das Thema ‚Konfessionalisierung‘ nahelegen und auf ihre Grenzen aufmerksam machen. Als repräsentative Beispiele können hier wiederum die Begräbnisse mit ihren Leichenzügen oder etwa konfessionelle Mischehen genannt werden, die sich im Befund nachweisen lassen. In Bezug auf die evangelische Vergemeinschaftung und ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Raum sind die mit der Auswertung gewonnen Informationen mit Proxydaten der Klimaforschung vergleichbar. Die Rekonstruktionen von Familienzusammenhängen und Anstellungsverhältnissen fördern quantitative Anhäufungen von Evangelischen Vertretern zutage, auf deren Basis (vereinzelt) indirekte Rückschlüsse auf eine gelebte Kultur gezogen werden können. Bei den Anstellungsverhältnissen treten neben der dänischen, schwedischen und holländischen Gesandtschaft auch die russische und die sächsische in den Vordergrund. Daneben nehmen einzelne Adelige und angesehene Unternehmer verstärkt Evangelische in den Dienst. Unter den in der kaiserlichen Armee dienenden Mannschaften fallen besonders die Infanterieregimenter ‚Ried‘ und ‚Preiß‘ mit ihren Nennungen in den evangelischen Sterbeeinträgen auf. Spuren evangelischer Vergemeinschaftung lassen sich indirekt auch auf Basis der räumlichen Konzentration der in den Sterbeeinträgen verzeichneten Wohn- und Beschauortangaben nachzeichnen. Für den städtischen Raum erscheinen hier vor allem das ‚Stubenviertel‘, insbesondere die Gegend um den ‚Roten Turm‘ sowie die obere und untere ‚Beckenstraße‘, der ‚alte Haarmarkt‘ und der ‚alte Fleischmarkt‘ wichtig. In den Vorstädten ist eine Akkumulation von Evangelischen in der ‚Leopoldstadt‘, ‚auf der Wieden‘, ‚an der Wienn‘, aber auch in der ‚Währingergasse‘, der ‚Landstraße‘ und der ‚Josephstadt‘ erkennbar. Dass auf dieser Basis kein Gesamtbild der evangelischen Konfessionskultur für Wien entworfen werden kann und die vorliegende Untersuchung vielmehr exemplarische Streiflichter ermöglicht, muss dabei ebenfalls betont werden.

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Als wichtiger Aspekt d ­ ieses Gesamtbildes gilt jedenfalls der Sozialaufbau des Wiener Personenkollektivs, der sich anhand der in den Sterbeeinträgen aufgenommenen Berufs- und Standesbezeichnungen gewinnbringend aufschlüsseln lässt. Nachdem die Vertreter der oberen sozialen Schichten einen verhältnismäßig hohen Anteil von 22,5 % und die Vertreter der sozialen Unterschichten einen geringen Anteil von 29,4 % einnehmen, sind die Vertreter des Mittelstandes mit einem Anteil von 47,1 % erwartungsgemäß breit aufgestellt (etwa 1 % missing data). Zusätzlichen Einblick gewähren die in den Sterbeeinträgen verwendeten Titulationen und Anreden. Die vorliegenden Ergebnisse sprechen keineswegs dafür, dass ein elitärer und aufgrund hoher sozialer Stellung zum evangelischen Gottesdienst zugelassener Kreis einer im Verborgenen operierenden, sozial niedriger gestellten evangelischen Gruppe gegenübersteht. Kennzeichnend für die evangelische Konfessionskultur in Wien im Untersuchungszeitraum ist vielmehr, dass sie durch alle sozialen Schichten hindurch gelebt und praktiziert wurde. Die Informationen, die etwa über den Besuch der Gesandtschaftsgottesdienste oder zu evangelischen Begräbnissen überliefert sind und im Rahmen der Untersuchung dargestellt wurden, werden deutlich mit dem breiten sozialen Spektrum untermauert, das der Befund liefert. Die Möglichkeiten zur Aufrechterhaltung einer lebendigen Konfessionskultur liegen allerdings in den Händen der sozial höher gestellten evangelischen Vertreter. Abgesehen von den durch die Gesandtschaften gegebenen exterritorialen Einflüssen ‚von außen‘ können hier weitere auswärtige Räte und Diplomaten sowie Offiziere und Großhandelskaufleute als Träger dieser Konfessionskultur genannt werden. Die Auswertung der im Datenmaterial enthaltenen Informationen zum sozialen Stand lässt im Hinblick auf die soziale Schichtung zudem ein Stadt-Vorstädte-Gefälle und eine soziale Ungleichheit vor dem Tod im Blick auf die Unterschiede im durchschnittlichen Sterbealter erkennen. IV. In der Interpretation des gegenständlichen Befundes, der eine sichtbare evangelische Bevölkerungsgruppe empirisch greifbar macht und eine lebendige Konfessionskultur plausibilisiert, wurden zudem jene Prozesse und Entwicklungen benannt, die den Eingang dieser konkreten Teilpopulation in diese konkrete Quelle rechtfertigen bzw. erklären. Den Ausgangspunkt dazu bildete das Herrschaftszentrum Wien mit seinen Funktionen als Residenzstadt, Konsumptionsstadt und Festungsstadt und die damit im Zusammenhang stehenden Bedürfnisse nach Bündelung, Repräsentation und Sicherung von Macht, die exemplarisch im Bereich der Verwaltung, Wirtschaft und Verteidigung für die gegenständliche Untersuchung fruchtbar gemacht wurden. Deutliche Berührungspunkte sind bereits an der zugrunde gelegten Kategorisierung ablesbar. Unter den Erwerbstätigen finden sich 28,83 % in der Dienstleistungsbranche und 16,68 % in der Handwerksbranche. Weitere 16,77 % üben einen kaufmännischen Beruf aus und 15,50 % dienen in Militärberufen. 13,15 % sind als Diplomaten, Räte oder Beamte in das interterritoriale Beziehungsgeflecht des Herrschaftszentrums eingebunden und bei weiteren 9,07 % fehlt die konkrete Berufsbezeichnung. In der Zusammenschau des evangelischen Berufsspektrums mit dieser Trias wurde deutlich, dass sich die evangelischen Sterbeeinträge zum größten Teil nicht nur im Kontext dieser Machtmechanismen verorten lassen, sondern in einer direkten oder indirekten Abhängigkeit

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zu ihnen stehen. Die evangelischen Sterbeeinträge verdanken sich somit jenem Machtgefüge, das die konfessionelle Pluralität programmatisch zu unterbinden sucht. Exemplarisch wird dies in den sozioökonomischen Zusammenhängen im Rückgriff auf die ‚material culture‘-Perspektive und Ansätzen zu Konsum und Lebensstil vertieft. Die durch die ständige Residenz bedingte Zunahme der Stadtpopulation, vor allem in den höheren sozialen Schichten, begünstigte eine verstärkte Nachfrage nach Gütern und Konsumartikeln, ­welche die heimische Produktion mangels Kapazitäten und aus Qualitätsgründen nicht zu decken vermochte. Für die Anwerbung ausländischer Professionisten, darunter auch Evangelische, wurden Rechtsgrundlagen geschaffen, die das erhobene Datenmaterial belegen kann. Neben ‚hofbefreiten‘ Handwerkern und ‚Schutzdekretisten‘ beteiligten sich auch mit ‚privilegia privativa‘ ausgestattete evangelische Unternehmer an der Güter- und Warenproduktion. Einen besonderen Aufschwung erfährt dabei die Textil- und Bekleidungsbranche. Anhand der auffälligen Häufung in ­diesem Segment (über 60 % in der Kategorie der Handwerker weisen eine Nähe zur Textil- und Bekleidungsbranche auf ) lässt sich darstellen, dass die Repräsentation eines der ständischen Ordnung entsprechenden Lebensstiles und die Duldung sichtbaren evangelischen Lebens in Wien einander bedingen und das Bedürfnis nach sozialer Distinktion im Umkreis des Wiener Hofes dem konfessionellen Makel übergeordnet scheint. Mit der ‚material culture‘-Perspektive erscheint es damit gerechtfertigt, das performative Potential der Dinge selbst für das Aufbrechen der konfessionellen Homogenität in Teilen mitverantwortlich zu machen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Wiener Totenbeschauprotokolle ein zu ‚policeylichen‘ Zwecken eingesetztes Verwaltungs- und Kontrollinstrument darstellen, das evangelische Konfessionsvermerke angesichts des monokonfessionellen Anspruches als Besonderheit in Erscheinung treten lässt. Das erhobene Datenmaterial macht dabei Formen evangelischer Vergemeinschaftung deutlich und plausibilisiert eine sichtbar gelebte Konfessionskultur in Wien. Der Befund selbst bestätigt, dass die Duldung der in den Sterbeeinträgen aufgenommenen Evangelischen letztlich machtpolitischen Erwägungen unterliegt, die über dem monokonfessionellen Anspruch stehen.

Anhang Anhang 1: Die evangelischen Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781 Aus Darstellungsgründen sind die Liste der evangelischen Sterbeeinträge und die Aufschlüsselung des Befundes anhand des Berufsmerkmals unter Berücksichtigung der Familienzusammenhänge online zugänglich: https://vdn.hk/Protestantismus-in-Wien.

Anhang 2: Verzeichnisse Quellenverzeichnis Archivbestände WStLA (Wiener Stadt- und Landesarchiv) Bestand Stadtarchiv, B1.1 – Städtische Ämter Historische Registraturen 1509 – 21. Jh., B1 Alte Registratur 1700 – 1783 A1 – Zusammengelegte Akten 1700 – 1759: 29/1727 Oberkammeramt, B1/1. Reihe – Oberkammeramtsrechnung 1424 – 1768 Totenbeschreibamt, B1  – Totenbeschauprotokoll 22. 8. 1648 – 31. 8. 1920 Bestand Sammlungen 1208 – 21. Jh. Hauptarchiv, B3 – Akten A1 – Akten und Verträge: 17/1614 A1 – Akten und Verträge: 3/1705 Hauptarchiv, B3 – Patente A1/1 – Patente: 316 – Patent Kartographische Sammlung, B3 – Pläne und Karten: Sammelbestand 16. Jh.–21.Jh. P1 – Pläne und Karten NÖLA (Niederösterreichisches Landesarchiv) Bestand 02. Landesfürstliche und staatliche Verwaltung bis 1945 Bestand 05. Sammlungen Nachlässe, Ksl Pat – Patente der NÖ Landstände NÖ Reg, Pat – Patente der NÖ Regierung NÖ Reg, Pat, Zirk u. Telegramme, Serie 01

OeStA (Österreichisches Staatsarchiv)

Allgemeines Verwaltungsarchiv, Adelsarchiv (1500 (ca.) – 1918 (ca.)), Salbücher 1497 – 1918, 205 Salbuch, privilegia omnis generis (Niederösterreich) (1753.03.10 – 1759.10.01) 199 Salbuch, privilegia omnis generis (Innerösterreich) (1750.01.17 – 1752.12.23) Finanz- und Hofkammerarchiv (FHKA)

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Neue Hofkammer (NHK), Alter Kommerz Akten 004, Fasz. 5.1 Alte Hofkammer (AHK), NÖ. Kammer Bücher 85, 87

Internetquellen APW 1648 Die Westfälischen Friedensverträge vom 24. Oktober 1648, Supplementa Electronica 1. http:// www.pax-westphalica.de/ Family Search Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, Family Search. https://www.familysearch.org/de/ Rechtsinformationssystem des Bundes Wr.ArchG, LGBl Nr. 55/2000. https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=LrW&​ Gesetzes​nummer=20000162

Gedruckte Quellen Adress- u. Reisebuch 1792 Nützliches Adreß- u. Reisebuch oder Archiv der nöthigsten Kenntnisse von Wien für reisende Fremde und Inländer, Wien 1792. Becher 1668 [1665] Johann Joachim Becher, Politischer Discurs von den eigentlichen Ursachen deß Auf- und Abnehmens der Städte, Laender und Republiken, Frankfurt 1668 [1665]. Chemnitz 1761 Johann Hieronymus Chemnitz, Vollständige Nachrichten von dem Zustande der Evangelischen und insonderheit von ihrem Gottesdienste bey der Königl. Dänischen Gesandschafts Capelle in der ­Kayserl. Haupt und Residenzstadt Wien, Wien 1761. Chyträus/Reuter 1571 David Chyträus und Christoph Reuter, Christliche K ­ irchen Agenda: Wie die bey den zweyen S­ tänden der Herrn vnd Ritterschafft, im Ertzhertzogthumb Oesterreich vnter der Enns, gebraucht wirdt, Rosenburg 1571. Codex Austriacus IV 1752 Supplementum codicis Austriaci, Pars II . Sammlung Oesterreichischer Gesetze und Ordnungen, wie ­solche von Zeit zu Zeit ergangen und publiciert worden, so viel deren vom Jahr 1721 bis auf Höchst=traurigen Tod=Fall Der Römisch=Kayserlichen Majestät Caroli VI . aufzubringen waren. Gesammlet, und in diese Ordnung gebracht, von Sebastian Gottlieb Herrenleben, Wien 1752. Codex Austriacus VI 1777 Supplementum codicis Austriaci. Chronologische Sammlung, aller vom 1ten Jänner 1759. bis zum letzten Dezember 1770. als der fürwährend=weiteren angetretenen glorreichsten Regierung der Allerdurchleuchtigst=Großmächtigsten Römischen Kaiserinn zu Hungarn und Böheim Königinn, Erzherzoginn zu Oesterreich Mar. Theresiae, In Publicis, Politicis, & Commercialibus, und zum Theile auch Justitialibus, dann Kameral= und Militärwesen erlassenen Generalien, Patenten, Satz=Ordnungen, Rescripten, Resolutionen, dann Landesobrigkeitlichen Edikten, Mandaten

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und Dekreten, Soviel ­solche das Erzherzogtum Oesterreich unter, und ob der Enns betreffen, zur allgemeinen Wissenschaft und Nutzen mit besonderm Fleiße auf allerhöchsten Befehl zusammengetragen undter beständiger Leitung Ihrer Kaiserl. Königl. Apostol. Majestät wirklichen Hofraths u. N. Oe. Regierungskanzlers, dann des Heiligen Stephansordens Ritter Thomas Ignaz Freyherrn von Pöck. Sechster Theil, Wien 1777. Czerwenka 1691 Wenceslaus Adalbert Czerwenka, Annales et acta pietatis augustissimæ ac serenissimæ domus Habs­ purgo-Austriacæ. In quibus ortus et progressus Habspurgicæ gentis, imperialis dignitas, reges, duces … proponuntur : accedunt notæ & additamenta sacro-prophana historica, Vetero-Pragæ 1691. Diego da Lequile 1655 Diego da Lequile, Pietas Austriaca septies sibi fortuna, ac totidem suae fortunata posteritati juxta VII. ejus gentilitia, quae sunt (Collectanea P. Lequilis de omnibus Austriis rebus), Oeniponti 1655. Fracastoro 1550 Girolamo Fracastoro, De sympathia et antipathia rerum. De contagione, et contagiosis morbis, et eorum curatione, libri tres, Leiden 1550. Fuhrmann 1766 Historische Beschreibung und kurz gefasste Nachricht von der Römisch.-Kaiserl. und Königlichen Residenz-Stadt Wien und ihren Vorstädten. Zweyten Theils, Erster Band. Von denen ­Kirchen, geistlichen Collegien und Clöstern in der Stadt, mit derselben in Kupffer gestochenen Prospecten, hrsg. von Matthias Fuhrmann, Wien 1766. Glafey 1723 Adam Friedrich Glafey, D. Adam Friederich Glafeys Vernunfft- Und Völcker-Recht. Worinnen Die Lehren dieser Wissenschaft auf demonstrative Gründe gesetzet, und nach selbigen die unter souverainen Völckern, wie auch denen Gelehrten diß daher vorgefallene Strittigkeiten erörtert werden; Nebst einer Historie des vernünfftigen Rechts, worinnen nicht nur die Lehren eines jeden Scribenten in Jure Naturæ angezeigt und examinirt werden, sondern auch eine vollständige Bibliotheca Juris Naturæ & Gentium zu befinden ist, w ­ elche die biß anhero in dieser disciplin heraus gekommene Bücher, Dissertationes, Deductiones und andere pieçes volantes nach ihren Materien in Alphabetischer Ordnung darlegt ; Samt einen vollständigen Real-Register, Frankfurt a. M./Leipzig/Nürnberg 1723. Grundherrschaften 1829 Karl Ponschab, Darstellung der bei den Häusern in der Stadt und in den sämmtlichen Vorstädten Wiens einschreitenden Grundherrlichkeiten. Nebst besonderen Verzeichnissen über die sowohl ganz, als auch nur theilweise dem n. ö. ständischen Cataster und der n. ö. Landtafel einverleibten, dann der Fideicommiß-Häuser und der bei der inneren Stadt und bei jedem einzelnen Vorstadtgrunde bestehenden Grundherrschaften, Wien 1829. Häuserschematismus Wien 1776 Verzeichniß der in der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien befindlichen Gassen, numerirten Häuser, Inhaber, und ihre Schilde, sammt einer neuen verbesserten und zum sichersten Gebrauch bequem eingerichten Rechnungstabelle, worinn die Dukaten und Souveraind’ors, dann Niederländer Kronthaler, und Gulden, wie auch Siebenzehner und Siebner, zu fünf auf einen Wurf, alles von 1 bis 1000 enthalten sind, Wien 1776. Häuserschematismus Wien 1786 Häuser in der Stadt Wien. December 1786, Wien 1786. Häuserverzeichnis 1773

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Josef Anton Edlen von Trattnern, Verzeichnis der in der k. k. Haupt und Residenz-Stadt Wien befindlichen Gassen Hausinnhabern deren Schildern und numerirten Häusern, Wien 1773. Häuserverzeichnis 1779 Franz de Ponty, Verzeichnis der in der Kaiserl. Königl. Haupt- und Residenzstadt Wien, sammt dazu gehörigen Vorstädten, und Gründen, befindlichen numerirten Häusern derselben Eigenthümern, und deren Conditionen, Schildern, Gassen, Grund-Obrigkeiten, Pfarreyen, und derzeit Bezirksaufsehern auf das genaueste nach denen Grundbüchern entworfen, Wien 1779. Herrenschwand 1788 Johann Friedrich Herrenschwand, Abhandlung von den vornehmsten und gemeinsten innerlichen und äusserlichen Krankheiten, zum Gebrauch junger Ärzte und Wundärzte, und solcher aufgeklärter und wohlthätiger Menschenfreunde, ­welche auf dem Land die Arzneykunst ausüben, oder die wegen Entfernung medicinischer Hülfe ihre eignen Ärzte seyn müssen, Bern 1788. Hörnigk 1750 [1684] Philipp Wilhelm von Hörnigk, Österreich über alles, wann es nur will. Das ist: wohlmeynender Fürschlag, wie mittelst einer wohlbestellten Landes-Öconomie die Kayserl. Königl. Erb-Lande in kurtzem über alle andere Staaten von Europa zu erheben und mehr als einige derselben von denen andern independent zu machen; zu welchem noch ein Anhang … beygefügt worden, Frankfurt/ Leipzig 1750 [1684]. Jordan 1701 Johann Jordan, Schatz, Schutz und Schantz deß Ertz Herzogtumbs Oesterreich. Das ist ein sehr genaue und ordentliche Beschreibung aller Gassen, Plätze, Palläst, Häuser und ­Kirchen der berühmten Haubt- ud Kayserl. Residenz-Statt Wienn, Wien 1701. K. K. Staats- und Standeskalender 1722 Kaiserlicher und Koeniglicher, Wie auch Erz-herzoglicher und dero Residenz-Stadt Wien Staats- und Stands Calender auf das Jahr MDCCXXII . Mit einem Schematismo gezieret. Cum Privilegiis Caesareis, Wien 1722. K. K. Staats- und Standeskalender 1723 Kaiserlicher Und Königlicher/ Wie auch Erz=Herzoglicher Und Dero Residenz=Stadt/ Wien/ Staats= und Stands Calender/ Auf das Jahr MDCCXXIII. Mit einem Schematismo gezieret. Cum Privilegio Caesareo, Wien 1723. K. K. Staats- und Standeskalender 1740 Kayserlich= und Königlicher, Wie auch Ertz=Herzoglicher, Dann Dero Haupt= und Residenz-Stadt Wien Staats= und Standes=Calender, Auf das Gnaden=reiche Jahr Jesu Christi M. DCC . XL . Mit einem Schematismo Gezieret. Cum speciali Gratia & Privilegio S. C. R. Majest, Wien 1740. K. K. Staats- und Standeskalender 1754 Kayserlich- und Königlicher, wie auch Erz-herzoglicher, dann dero Haupt- und Residenz-Stadt Wien Staats- und Standes-Calender, Auf das Gnaden-reiche Jahr Jesu Christi M. DCC. XLVI. mit einem Schematismo Gezieret, Wien 1754. K. K. Staats- und Standeskalender 1775 Schematismus der Kaiserlich-Königlich- Wie auch Erzherzoglichen Instanzien, Aemtern, Banco, Kammer, Buchhaltereyen, Kanzleyen (etc.) (Kayserlicher Und Königlicher Wie auch Ertz-Hertzog­ licher Und dero Residentz-Stadt Wienn Staats-und Stands-Calender. 1775), Wien 1775. Kollonitsch 1736

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Sigismund von Kollonitsch, Gravamina Religionis Catholicae & in specie Archi-Dioeceseos Viennensis Contra Haereticos accrescentes, &c. Ab Eminentissimo Cardinali & Archi-Episcopo Viennensi Sigismundo a Kollonitsch Augustissimo Imperatori Carolo VI. Praesentata A. 1736, Wien 1736. Küchelbecker 1730 Johann Basilius Küchelbecker, Allerneueste Nachricht vom Römisch Kaiserlichen Hofe. Nebst einer ausführlichen historischen Beschreibung der kais. Residenzstadt Wien und der umliegenden Orte, Hannover 1730. Meiern 1734 – 1736 Johann Gottfried von Meiern, Acta pacis westphalicae publica, oder, Westphälische Friedenshandlungen und Geschichte, 6 Bde., Hannover 1734 – 1736. Nicolai 1783 Friedrich Nicolai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und ­Sitten, 12 Bde. (Bd. 2), Berlin/ Stettin 1783. Nicolai 1785 Friedrich Nicolai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion u. ­Sitten, 12 Bde. (Bd. 5), Berlin/Stettin 1785. Otruba/Lang/Steindl 1981 Österreichische Fabriksprivilegien vom 16. bis ins 18. Jahrhundert und ausgewählte verwandte Quellen zur Frühgeschichte der Industrialisierung, hrsg. von Gustav Otruba, Manfred Lang und Harald Steindl (Fontes rerum Austriacarum 3. Abteilung, Fontes iuris, Bd. 7), Wien 1981. Pezzl 1786 – 1790 Johann Pezzl, Skizze von Wien, 6 Hefte, Wien 1786 – 1790. Policey-Ordnung 1671 Leopoldus Johann Paul Hocher und Johann Leopold von Lewenthurn, Der Röm: Kayserl. auch zu Hungarn und Böhaimb [et]c. Königl: Mayest: Herrn/ Herrn Leopoldi Ertzhertzogens zu Oester­ reich … Policey-Ordnung/ In Oesterreich Unter: und Ob der Ennß. Geben auff Unserm Schloß Eberstorff den Acht- und Zwaintzigsten Septembris, im Sechzehenhundert Ain- und Sibentzigisten … Jahr, Wien 1671. Prokosch 2019 Michael Prokosch, Das älteste Bürgerbuch der Stadt Linz (1658 – 1707). Edition und Auswertung (Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung), Wien/Köln/Weimar 2019. Raupach 1732 – 1744 Bernhard Raupach, Evangelisches Oesterreich, das ist Historische Nachricht von den vornehmsten Schicksahlen der Evangelisch-Lutherischen ­Kirchen in dem Ertz-Hertzogthum Oesterreich, 5 Bde., Hamburg 1732 – 1744. Schönleben 1680 Johann Ludwig Schönleben, Dissertatio polemica de prima origine augustissimae domus HabspurgoAustriacae. In qua 20 diversae opiniones authorum ventilantur, Labaci 1680. Schrauf 1904 Der Reichshofrath Dr. Georg Eder. Eine Briefsammlung; als Beitrag zur Geschichte der Gegenreformation in Niederösterreich, hrsg. von Karl Schrauf, Wien 1904. Seelhammer 1838 Anton Seelhammer, Liturgik zunächst für angehende, aber auch für wirkliche Priester, Wien 1838.

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Anhang

Staatsanzeigen 1785 Ignaz de Luca, Staatsanzeigen von den k. k. Staaten, 12 Hefte, hrsg. von Ignaz de Luca, Wien 1785. Starzer 1906 Quellen zur Geschichte der Stadt Wien: Abt. 1, Regesten aus in- und ausländischen Archiven, mit Ausnahme des Archivs der Stadt Wien, Bd. 5: Regesten No 4732 – 6274, hrsg. von Albert Starzer, Wien 1906. Statistisches Jahrbuch Wien 1887 Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien, hrsg. von Magistrat der Stadt Wien, Wien 1887. Stögmann 1995 Arthur Stögmann, Die „Reformationskommission“ im Wiener Kärntnerviertel (1652 – 1654). Edition, Regesten Kommentar, Wien 1995. Süssmilch 1765 [1741] Johann Peter Süssmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen, 3 Bde. (Bd. 2), Berlin 1765 [1741]. Wiener Schildregister 1795 Wiener Schildregister, oder Anweisung, wie man sich auf der Stelle helfen kann, wenn man in Wien den Schild eines Hauses oder eines Kaufmannsgewölbes in und vor der Stadt suchen, und ihn fi­ nden will, Wien 1795.

Sekundärliteratur Adler 1903 Max Adler, Die Anfänge der merkantilistischen Gewerbepolitik in Österreich (Wiener staatswissenschaftliche Studien, Bd. IV/3), Wien/Leipzig 1903. Altfahrt 1996/97 Margit Altfahrt, „Den Professionisten ist wider ihre Störer alle Assistenz zu leisten. Unbefugte Schneider im Wien des späten 18. Jahrhunderts“, in: JbVGStW 52/53 (1996/97), S. 9 – 33. Altfahrt 1999 Margit Altfahrt, „Dieser wider alle Vernunft lauffende Mißbrauch. Disziplinierung und der Kampf um die Handwerksbräuche im 18. Jahrhundert“, in: JbVGStW 55 (1999), S. 5 – 30. Appadurai 1986 The Social life of things. Commodities in cultural perspective, hrsg. von Arjun Appadurai, Cambridge/New York 1986. Asch 2000 Ronald Asch, „Religious toleration, the Peace of Westphalia and the German territorial estates“, in: Parliaments, Estates and Representation 20 (2000), S. 75 – 89. Backerra 2018 Charlotte Backerra, Wien und London 1727 – 1735. Internationale Beziehungen im frühen 18. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 253), Göttingen 2018. Bahlcke 1999

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Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur, hrsg. von Joachim Bahlcke (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 7), Stuttgart 1999. Barthel 1989 Christian Barthel, Medizinische Polizey und medizinische Aufklärung. Aspekte des öffentlichen Gesundheitsdiskurses im 18. Jahrhundert (Campus Forschung, Bd. 603), Frankfurt a. M./New York 1989. Barton/Karner 1986 Die evangelische Gemeinde HB in Wien, hrsg. von Peter F. Barton und Peter Karner (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 16), Wien 1986. Bautz/Bautz 1975 Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, 14 Bde. u. Ergänzungsbände, hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz und Traugott Bautz (Bd. 4), Herzberg 1992. Becker 1989 Thomas Paul Becker, Konfessionalisierung in Kurköln. Untersuchungen zur Durchsetzung der katholischen Reform in den Dekanaten Ahrgau und Bonn anhand von Visitationsprotokollen 1583 – 1761 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Bd. 43), Bonn 1989. Berger/Luckmann 1977 [1966] Peter L. Berger und Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine ­Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1977 [1966]. Bibl 1899 Viktor Bibl, Die Organisation des evangelischen Kirchenwesens im Erzherzogthum Österreich u. d. Enns von der Erteilung der Religions-Concession bis zu K ­ aiser Maximilians II. (1568 – 1576) (Archiv für österreichische Geschichte, 85/1), Wien 1899. Bibl 1902 Viktor Bibl, „Das österreichische Reformationsedikt vom Jahre 1578“, in: JBGPÖ XXIII (1902), S.  1 – 22. Bibl 1909 Viktor Bibl, „Die Berichte des Reichshofrates Dr. Georg Eder an die Herzoge Albrecht und ­Wilhelm von Bayern über die Religionskrise in Niederösterreich (1579 – 1587)“, in: JbLKNÖ 8 (1909), S.  67 – 154. Bibl 1909b Viktor Bibl, „Eine Denkschrift Melchior Khlesls über die Gegenreformation in Niederösterreich (c. 1590)“, in: JbLKNÖ 8 (1909), S. 155 – 171. Binder/Krause 2010 Michaela Binder und Heike Krause, „Der ehemalige Friedhof zu St. Ulrich in Wien-Neubau. Ausgrabung Zollergasse 32“, in: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 13 (2010), S. 114 – 144. Bireley 1981 Robert Bireley, Religion and politics in the age of counterreformation. Emperor Ferdinand II, William Lamormaini, S. J., and the Formation of Imperial Policy, Chapel Hill, NC 1981. Blickle 1996 Peter Blickle, „Gute Polizei oder Sozialdisziplinierung“, in: Politik – Bildung – Religion. Hans Maier zum 65. Geburtstag, hrsg. von Theo Stammen, Heinrich Oberreuter und Paul Mikat, Paderborn 1996, S. 97 – 107. Blickle 2003

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Anhang

Peter Blickle, „Beschwerden und Polizeien. Die Legitimation des modernen Staates durch Verfahren und Normen“, in: Gute Policey als Politik im 16. Jahrhundert. Die Entstehung des öffentlichen Raums in Oberdeutschland, hrsg. von Peter Blickle, Peter Kissling und Heinrich Richard Schmidt, Frankfurt a. M. 2003, S. 549 – 568. Böhl 1902 Eduard Böhl, Beiträge zur Geschichte der Reformation in Österreich. Hauptsächlich nach bisher unbenutzten Aktenstücken des Regensburger Stadtarchivs, Jena 1902. Bönsch 2011 [2001] Annemarie Bönsch, Formengeschichte europäischer Kleidung, Wien/Köln/Weimar 2011 [2001]. Bösl/Klein/Waldschmidt 2010 Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung, hrsg. von Elsbeth Bösl, Anne Klein, Anne Waldschmidt, Bielefeld 2010. Borowsky/Vogel/Wunder 1989 [1975] Peter Borowsky, Barbara Vogel und Heide Wunder, Einführung in die Geschichtswissenschaft I. Grundprobleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel (Studienbücher Moderne Geschichte, Bd. 1), Wiesbaden 1989 [1975]. Bosbach 1991 Franz Bosbach, „Princeps in compendio“, in: Das Herrscherbild im 17. Jahrhundert, hrsg. von Konrad Repgen, Münster 1991, S. 79 – 114. Bosch 1999 [1996] Karl Bosch, Grundzüge der Statistik. Einführung mit Übungen, München u. a. 1999 [1996]. Boškovska 1997 Die frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge, hrsg. von Nada Boškovska, Paderborn 1997. Bräunlein 2014 Peter J. Bräunlein, Material Turn. http://www.academia.edu/2256664/Material_Turn Breuer 1986 Stefan Breuer, „Sozialdisziplinierung. Probleme und Problemverlagerungen eines Konzepts bei Max Weber, Gerhard Oestreich und Michel Foucault“, in: Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen ­Theorie der Sozialpolitik, hrsg. von Christoph Sachße und Florian Tennstedt (Edition Suhrkamp, 1323 NF, Bd. 323), Frankfurt a. M. 1986, S. 45 – 69. Bublitz 1999 Hannelore Bublitz, „Diskursanalyse als Gesellschafts-Theorie. Diagnostik historischer Praktiken am Beispiel der Kulturkrisen-Semantik und der Geschlechterordnung um die Jahrhundertwende“, in: Das Wuchern der Diskurse. Perspektiven der Diskursanalyse Foucaults, hrsg. von Hannelore Bublitz, Frankfurt u. a. 1999, S. 22 – 48. Buchner 2001 Thomas Buchner, „Störer, Schutzdekretisten, Meister. Zünftige und nichtzünftige Arbeit im Wien des 18. Jahrhunderts“, in: WG 56 (2001), S. 113 – 129. Bührmann/Schneider 2008 Andrea D. Bührmann und Werner Schneider, „Mehr als nur diskursive Praxis? Konzeptionelle Grundlagen und methodische Aspekte der Dispositivanalyse“, in: Historical Social Research 33 (2008), S. 108 – 141. Bünker 2007

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Protestantismus & Literatur. Ein kulturwissenschaftlicher Dialog, hrsg. von Michael Bünker (Protes­ tantische Beiträge zu Kultur und Gesellschaft, Bd. 1), Wien 2007. Bulst 1986 Neithard Bulst, „Zum Gegenstand und zur Methode von Prosopographie“, in: Medieval lives and the historian. Studies in Medieval prosopography, hrsg. von Neithard Bulst und Jean-Philippe Genet, Kalamazoo 1986, S. 1 – 16. Bulst 1993 Neithard Bulst, „Kleidung als sozialer Konfliktstoff. Probleme kleidergesetzlicher Normierung im sozialen Gefüge“, in: Zwischen Sein und Schein. Kleidung und Identität in der ständischen Gesellschaft, hrsg. von Neithard Bulst und Robert Jütte (Saeculum, Bd. 44/1), Freiburg/München 1993, S. 32 – 46. Bulst/Jütte 1993 Neithard Bulst und Robert Jütte, „Einleitung“, in: Zwischen Sein und Schein. Kleidung und Identität in der ständischen Gesellschaft, hrsg. von Neithard Bulst und Robert Jütte (Saeculum, Bd. 44/1), Freiburg/München 1993, S. 2 – 7. Chaloupek 1976 Günther Chaloupek, „Wirtschaftsentwicklung, merkantilistische Wirtschaftspolitik und die ­Wiener Wirtschaft bis Joseph II. (1790)“, in: WG 31 (1976), S. 14 – 31. Chaloupek/Eigner/Wagner 1991 Wien. Wirtschaftsgeschichte 1740 – 1938, 2 Bde., hrsg. von Günther Chaloupek, Peter Eigner und Michael Wagner (Geschichte der Stadt Wien, Bd. 5), Wien 1991. Chaloupek/Wagner/Weigl 1991 Günther Chaloupek, Michael Wagner und Andreas Weigl, „Handel im Vorindustriellen Zeitalter: Der kanalisierte Güterstrom“, in: Wien. Wirtschaftsgeschichte 1740 – 1938, 2 Bde., hrsg. von Günther Chaloupek, Peter Eigner und Michael Wagner (Bd. 2) (Geschichte der Stadt Wien, Bd. 5), Wien 1991. S. 999 – 1036. Christ 1973 Günter Christ, „Fürst, Dynastie, Territorium und Konfession. Beobachtungen zu Fürstenkonversionen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts“, in: Saeculum 24 (1973), S.  367 – 387. Coreth 1982 Anna Coreth, Pietas Austriaca. Österreichische Frömmigkeit im Barock. Wien 1982. Corrigan 1994 Peter Corrigan, „Interpreted, Circulating Interpreting: The Three Dimensions of the Clothing Object“, in: The socialness of things. Essays on the socio-semiotics of objects, hrsg. von Stephen Harold Riggins (Approaches to semiotics, Bd. 115), Berlin/New York 1994, S. 435 – 450. Csendes/Opll/Vocelka/Traninger 2001 – 2005 Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger, Wien 2001 – 2005. Csepregi 2005 Zoltán Csepregi, „Prediger hallischer Prägung im Dreieck Wien-Pressburg-Ödenburg“, in: Interdisziplinäre Pietismusforschung. Beiträge zum E ­ rsten internationalen Kongress für Pietismusforschung 2001, hrsg. von Udo Sträter (Bd. 2), Halle/Tübingen 2005, S. 689 – 699. Csepregi 2009

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Zoltán Csepregi, „Das königliche Ungarn im Jahrhundert vor der Toleranz (1681 – 1781)“, in: Geheimprotestantismus und evangelische ­Kirchen in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl, Wien 2009, S. 299 – 330. Deutsch 1909 Helene Deutsch, Die Entwicklung der Seidenindustrie in Österreich 1660 – 1840, Wien 1909. Dickson 1987 Peter George Muir Dickson, Finance and government under Maria Theresia 1740 – 1780, 2 Bde., Oxford u. a. 1987. Dietz/Ehrenpreis 1999 Drei Konfessionen in einer Region. Beiträge zur Geschichte der Konfessionalisierung im Herzogtum Berg vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, hrsg. von Burkhard Dietz und Stefan Ehrenpreis (Schriften­ reihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 136), Köln 1999. Dinges 1992 Martin Dinges, „Der feine Unterschied. Die soziale Funktion der Kleidung in der höfischen Gesellschaft“, in: ZHF 19 (1992), S. 49 – 76. Domanska 2006 Ewa Domanska, „The Material Presence of the Past“, in: History and Theory 45 (2006), S. 337 – 348. Ducreux 2011 Marie-Elisabeth Ducreux, „Emperors, Kingdoms, Territories: Multiple Versions of the Pietas Austriaca?“, in: The Catholic Historical Review 97 (2011), S. 276 – 304. Eckart/Jütte 2014 [2006] Wolfgang Eckart und Robert Jütte, Medizingeschichte. Eine Einführung, Wien/Köln/Weimar 2014 [2006]. Eder 1949 Karl Eder, Die Geschichte der K ­ irche im Zeitalter des konfessionellen Absolutismus (1555 – 1648), Wien 1949. Egger 2016 Magdalena Egger, Genealogische Forschung in Archiven an der Schnittstelle zum Internet mit besonderer Betrachtung der österreichischen Archivlandschaft, Masterarbeit. Universität Wien 2016. Ehmer 1980 Josef Ehmer, „Volkszählungslisten als Quelle der Sozialgeschichte“, in: WG 35 (1980), S. 106 – 123. Ehmer 2000 Josef Ehmer, „Wien und seine Handwerker im 18. Jahrhundert“, in: Stadt und Handwerk in Mittelalter und früher Neuzeit, hrsg. von Karl Heinrich Kaufhold und Wilfried Reininghaus (Städteforschung Reihe A, Darstellungen, Bd. 54), Köln 2000, S. 195 – 210. Ehmer 2002 Josef Ehmer, „Zünfte in Österreich in der frühen Neuzeit“, in: Das Ende der Zünfte. Ein europä­ ischer Vergleich, hrsg. von Heinz-Gerhard Haupt (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 151), Göttingen 2002, S. 87 – 126. Ehrenpreis/Lotz-Heumann 2002 Stefan Ehrenpreis und Ute Lotz-Heumann, Reformation und konfessionelles Zeitalter, Darmstadt 2002. Fairclough 1998 [1992] Norman Fairclough, Discourse and Social Change, Cambridge 1998 [1992].

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Fajkmajer 1914 Karl Fajkmajer, „Verfassung und Verwaltung der Stadt Wien (1526 – 1740)“, in: Geschichte der Stadt Wien. Vom Ausgange des Mittelalters bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia, 1740., 6 Bde., hrsg. von Anton Mayer und Heinrich Zimmermann (Bd. 5), Wien 1914, S. 100 – 159. Familia Austria Wiener Berufe-Lexikon. https://familia-austria.at/ Feichtinger 1973 Gustav Feichtinger, Bevölkerungsstatistik (De Gruyter Lehrbuch), Berlin 1973. Feltzé 1911 Alois Feltzé, „Das Kriegswesen“, in: Geschichte der Stadt Wien. Vom Ausgange des Mittelalters bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia, 1740, 6 Bde., hrsg. von Anton Mayer und Heinrich Zimmermann (Bd. 4), Wien 1914, S. 159 – 217. Foucault 1977 [1976] Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit (Der Wille zum Wissen, Bd. 1), Frankfurt a. M. 1977 [1976]. Foucault 1978 Michel Foucault, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit (Merve-Titel, Bd. 77), Berlin 1978. Foucault 1989 [1969] Michel Foucault, Archäologie des Wissens (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 356), Frankfurt a. M 1989 [1969]. Foucault 1997 [1966] Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften (SuhrkampTaschenbuch Wissenschaft, Bd. 96), Frankfurt am Main 1997 [1966]. Foucault 2001 – 2005 Michel Foucault, Schriften in vier Bänden. Dits et écrits, 4 Bde., Frankfurt a. M. 2001 – 2005. Foucault 2015 [1975] Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp-Taschenbuch, Bd. 2271), Frankfurt a. M. 2015 [1975]. Friess/Kiessling 1999 Konfessionalisierung und Region, hrsg. von Peer Frieß und Rolf Kießling (Forum Suevicum, Bd. 3), Konstanz 1999. Frohne 2014 Bianca Frohne, Leben mit „kranckhait“. Der gebrechliche Körper in der häuslichen Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts. Überlegungen zu einer Disability History der Vormoderne (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters, Bd. 9), Affalterbach 2014. Fuchs/Raab 1996 [1972] Konrad Fuchs und Heribert Raab, Wörterbuch zur Geschichte, 2 Bde., München 1996 [1972]. Gatz/Janker 1990 Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1648 bis 1803. Ein biographisches Lexikon, hrsg. von Erwin Gatz und Stephan M. Janker, Berlin 1990. Gaul 2004

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Anhang

Volker Gaul, „Kommunikation zur Zeit der Pest. Das Herzogtum Holstein-Gottorf in den Jahren 1709 – 1713“, in: Die leidige Seuche. Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Otto Ulbricht, Köln 2004, S. 258 – 294. Gebke 2020 Julia Gebke, (Fremd)Körper. Die Stigmatisierung der Neuchristen in Spanien der Frühen Neuzeit, Wien 2020. Goehlert 1872 J. V. Goehlert, „Historisch-statistische Notizen über Nieder-Oesterreich. Bevölkerungsverhältnisse Wiens von 1780 – 1799“, in: Blätter des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich NF 6 (1872), S. 182 – 184. Grimm/Grimm 1854 – 1961 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde., hrsg. von Jacob Grimm und ­Wilhelm Grimm, Leipzig 1854 – 1961. Gschliesser 1970 [1942] Oswald von Gschliesser, Der Reichshofrat. Bedeutung u. Verfassung, Schicksal u. Besetzung e. obersten Reichsbehörde von 1559 bis 1806 (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte des Ehemaligen Österreich, Bd. 33), Nendeln/Liechtenstein 1970 [1942]. Gugitz 1959 Gustav Gugitz, „Mord und Totschlag in Alt-Wien“, in: JbVGStW 14 (1959), S. 141 – 155. Gugler 2003 Andreas Gugler, „Der Tisch der Wiener – ein kulturgeschichtlicher Exkurs“, in: Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger (Bd. 2), Wien 2003, S. 162 – 169. Gutkas 1984 Karl Gutkas, Geschichte Niederösterreichs (Geschichte der österreichischen Bundesländer), München 1984. Härter 2016 Karl Härter, „Sicherheit und gute Policey im frühneuzeitlichen Alten Reich. Konzepte, Gesetze und Instrumente“, in: Sicherer Alltag? Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag, hrsg. von Bernd Dollinger und Henning Schmidt-Semisch, Wiesbaden 2016, S. 29 – 55. Hahn 2003 Hans Peter Hahn, „Dinge als ­Zeichen – eine unscharfe Beziehung“, in: Spuren und Botschaften. Interpretationen materieller Kultur, hrsg. von Ulrich Veit (Tübinger archäologische Taschenbücher, Bd. 4), Münster 2003, S. 29 – 51. Hahn 2005 Hans Peter Hahn, Materielle Kultur. Eine Einführung, Berlin 2005. Hahn 2005b Hans Peter Hahn, „Stil und Lebensstil als Konzeptualisierungen der Bedeutungen materieller Kultur“, in: Die Dinge als ­Zeichen. Kulturelles Wissen und materielle Kultur; internationale Fachtagung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, 3. – 5. April 2003, hrsg. von Tobias L. Kienlin (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Bd. 127), Bonn 2005, S. 41 – 52. Hahn/Eggert/Samida 2014

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Hans Peter Hahn, Manfred K. H. Eggert und Stefanie Samida, „Einleitung“, in: Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen – Konzepte – Disziplinen, hrsg. von Stefanie Samida, Manfred K. H. Eggert und Hans Peter Hahn, Stuttgart u. a. 2014, S. 1 – 12. Haslinger 2005 Peter Haslinger, „Diskurs, Sprache, Zeit, Identität. Plädoyer für eine erweiterte Diskursgeschichte“, in: Das Gerede vom Diskurs – Diskursanalyse und Geschichte, hrsg. von Franz X. Eder (Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Bd. 16/4), Innsbruck/Wien u. a. 2005, S. 33 – 59. Haubl 2000 Rolf Haubl, „Be-dingte Emotionen. Funktion und Bedeutung materieller Kultur“, in: Von Dingen und Menschen. Funktion und Bedeutung materieller Kultur, hrsg. von Hans Albrecht ­Hartmann, Wiesbaden 2000, S. 13 – 36. Haupt 1990 Herbert Haupt, „Literatur zur Geschichte des Wiener Handwerks und Handels bis zur Gewerbefreiheit 1859“, in: JbVGStW 46 (1990), S. 67 – 105. Haupt 2002 Das Ende der Zünfte. Ein europäischer Vergleich, hrsg. von Heinz-Gerhard Haupt (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 151), Göttingen 2002. Haupt 2005 Herbert Haupt, „Das Hof- und das hofbefreite Handwerk. Inhaltliche Abgrenzung zweier Sonderformen des außerzünftigen Handwerks in der frühen Neuzeit“, in: Ein zweigeteilter Ort? Hof und Stadt in der frühen Neuzeit, hrsg. von Susanne Claudine Pils (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 44), Innsbruck/Wien/Bozen 2005, S. 81 – 86. Haupt 2007 Herbert Haupt, Das Hof- und hofbefreite Handwerk im barocken Wien 1620 bis 1770. Ein Handbuch (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 46), Innsbruck 2007. Hengerer 2000 Mark Hengerer, „Adelsintegration am Kaiserhof 1620 – 1665“, in: Mitteilungen der ResidenzenKommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 10/1 (2000), 21 – 32. Hengerer 2012 Mark Hengerer, ­Kaiser Ferdinand III. (1608 – 1657), Wien 2012. Hersche 2006 Peter Hersche, Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter, 2 Bde., Freiburg/Wien u. a. 2006. Herzig 2000 Arno Herzig, Der Zwang zum wahren Glauben. Rekatholisierung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Sammlung Vandenhoeck), Göttingen 2000. Heussi 1930 [1909] Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, Tübingen 1930 [1909]. Hochedlinger 2019 Michael Hochedlinger, „Das Kriegswesen“, in: Verwaltungsgeschichte der Habsburgermonarchie in der Frühen Neuzeit, 2 Bde., hrsg. von Michael Hochedlinger, Petr Maťa und Thomas ­Winkelbauer (Bd. 1/2), Wien 2019, S. 627 – 763. Höfler 1899 Max Höfler, Deutsches Krankheitsnamen-Buch, München 1899.

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Höpfner 1789 Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften, 23 Bde., hrsg. von Ludwig Höpfner (Bd. 14 Hae – Heid), Frankfurt a. M. 1789. Holzem 1998 Andreas Holzem, Der Konfessionsstaat (1555 – 1802) (Geschichte des Bistums Münster, Bd. 4), Münster 1998. Holzem 2002 Andreas Holzem, „Volksfrömmigkeit. Zur Verabschiedung eines Begriffs“, in: Theologische Quartal­ schrift 182 (2002), S. 258 – 270. Huber 2018 Caroline Huber, Analyse der Topographie einer frühneuzeitlichen Residenz. Der Briefträger Johann Jordan (1665 – 1738) und das erste gedruckte Adressbuch der Stadt Wien aus dem Jahr 1701. Mit einem Register des „Postbuchs“ im Anhang, Diplomarbeit. Universität Wien 2018. Hyden-Hanscho 2013 Veronika Hyden-Hanscho, Reisende, Migranten, Kulturmanager. Mittlerpersönlichkeiten ­zwischen Frankreich und dem Wiener Hof 1630 – 1730 (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte, Bd. 221), Stuttgart 2013. Iseli 2009 Andrea Iseli, Gute Policey. Öffentliche Ordnung in der Frühen Neuzeit, Stuttgart 2009. Jäger-Sunstenau 1988 Hanns Jäger-Sunstenau, „Genealogie 1752 – 1785“, in: Genealogie 37/7 – 9 (1988), S.  207 – 217, S.  237 – 251, S.  295 – 300. Jedin 1946 Hubert Jedin, Katholische Reformation oder Gegenreformation? Ein Versuch zur Klärung der Begriffe nebst einer Jubiläumsbetrachtung über das Trienter Konzil, Luzern 1946. Jedin 1949 – 1975 Hubert Jedin, Geschichte des Konzils von Trient, 4 Bde., Freiburg im Breisgau 1949 – 1975. Jendorff 2000 Alexander Jendorff, Reformatio Catholica. Gesellschaftliche Handlungsspielräume kirchlichen Wandels im Erzstift Mainz, 1514 – 1630 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, Bd. 142), Münster 2000. Kalthoff/Cress/Röhl 2016 Herbert Kalthoff, Torsten Cress und Tobias Röhl, „Einleitung: Materialität in Kultur und Gesellschaft“, in: Materialität. Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften, hrsg. von Herbert Kalthoff, Torsten Cress und Tobias Röhl, Paderborn 2016, S. 11 – 41. Kaplan 1995 Benjamin J. Kaplan, Calvinists and Libertines. Confession and community in Utrecht 1578 – 1620, Oxford 1995. Kaplan 2002 Benjamin J. Kaplan, „Diplomacy and domestic devotion: Embassy chapels and the toleration of religious dissent in Early Modern Europe“, in: Journal of Early Modern History 6 (2002), S.  341 – 361. Kaufmann 1996a

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Thomas Kaufmann, „Die Konfessionalisierung von ­Kirche und Gesellschaft. Sammelbericht über eine Forschungsdebatte (Teil 1)“, in: Theologische Literaturzeitung 121 (1996), Sp. 1008 – 1025. Kaufmann 1996b Thomas Kaufmann, „Die Konfessionalisierung von ­Kirche und Gesellschaft. Sammelbericht über eine Forschungsdebatte (Teil 2)“, in: Theologische Literaturzeitung 121 (1996), Sp. 1112 – 1121. Kaufmann 1998 Thomas Kaufmann, Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Kirchengeschichtliche Studien zur lutherischen Konfessionskultur (Beiträge zur historischen Theologie, Bd. 104), Tübingen 1998. Kaufmann 2003 Thomas Kaufmann, „Einleitung: Transkonfessionalität, Interkonfessionalität, binnen-konfessionelle Pluralität – Neue Forschungen zur Konfessionalisierungsthese“, in: Interkonfessionalität – Transkonfessionalität – binnenkonfessionelle Pluralität. Neue Forschungen zur Konfessionalisierungsthese, hrsg. von Kaspar von Greyerz, Manfred Jakubowski-Tiessen, Thomas Kaufmann und Hartmut Lehmann (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 201), Gütersloh 2003, S. 9 – 15. Keller 2004 Reiner Keller, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (Qualitative Sozialforschung, Bd. 14), Wiesbaden 2004. Kesseler 2016 Arnica Keßeler, „Affordanz, oder was Dinge können!“, in: Massendinghaltung in der Archäologie. Der Material Turn und die Ur- und Frühgeschichte, hrsg. von Kerstin P. Hofmann, Thomas Meier, Doreen Mölders und Stefan Schreiber, Leiden 2016, S. 343 – 363. Kinzelbach 1995 Annemarie Kinzelbach, Gesundbleiben, Krankwerden, Armsein in der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Gesunde und Kranke in den Reichsstädten Überlingen und Ulm 1500 – 1700 (Medizin, Gesellschaft und Geschichte – Beihefte, Bd. 8), Stuttgart 1995. Klose 1957 Alfred Klose, Die wirtschaftliche Lage der bürgerlichen Gewerbe in Wien von 1749 bis 1775, Dissertation. Universität Wien 1957. Klueting 2003 Harm Klueting, „Zweite Reformation – Konfessionsbildung – Konfessionalisierung. Zwanzig Jahre Kontroversen und Ergebnisse nach zwanzig Jahren“, in: HZ 277 (2003), S. 309 – 341. Kollmer 1983 Gert Kollmer, Die Familie Palm. Soziale Mobilität in ständischer Gesellschaft (Beiträge zur südwestdeutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 1), Ostfildern 1983. Kopytoff 1986 Igor Kopytoff, „The cultural biography of things: commoditization as process“, in: The Social life of things. Commodities in cultural perspective, hrsg. von Arjun Appadurai, Cambridge/New York 1986, S. 64 – 91. Koss 2002 Gerhard Koß, Namenforschung. Eine Einführung in die Onomastik (Germanistische Arbeitshefte, Bd. 34), Berlin 2002. Krabs 2014 Otto Krabs, Von Erlaucht bis Spektabilis. Kleines Lexikon der Titel und Anreden, München 2014. Krawarik 1988

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Anhang

Hans Krawarik, „Neue Methoden zur Erforschung konfessioneller Strukturen in der Frühen Neuzeit“, in: AKG 70/2 (1988), S. 375 – 410. Kretschmer 1978 Helmut Kretschmer, Sturmpetition und Blockade Wiens im Jahre 1619 (Militärhistorische Schriftenreihe 38), Wien 1978. Krimm 1934 Herbert Krimm, „Die Agende der niederösterreichischen Stände vom Jahre 1571“, in: JBGPÖ 55 (1934), S.  3 – 64. Kucharska 2000 Elżbieta Kucharska, Anreden des Adels in der deutschen und der polnischen Briefkultur vom 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine vergleichende sprachwissenschaftliche Untersuchung; mit einer Auswahlbibliographie, Neustadt an der Aisch 2000. Kühnert 1953 Wilhelm Kühnert, „Das Taufbuch der schwedischen Gesandtschaftskapelle in Wien“, in: JBGPÖ 68/69 (1953), S. 99 – 111. Kuraić 1946 Helene Kuraić, Die Wiener Niederleger im 18. Jahrhundert, Dissertation. Universität Wien 1946. Landau-Gumplowicz 1906 Helene Landau-Gumplowicz, Die Entwicklung des Warenhandels in Österreich. Ein Beitrag zur Wirtschaftspolitik des Absolutismus, Dissertation. Universität Wien 1906. Landsteiner 2003 Erich Landsteiner, „Die Kaufleute“, in: Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger (Bd. 2), Wien 2003, S. 205 – 215. Landwehr 2008 Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse (Historische Einführungen Bd. 4), Frankfurt a. M. 2008. Lang 2004 Matthias Lang, „Der Vrsprung aber der Pestilentz ist nicht natürlich, sondern übernatürlich … Medizinische und theologische Erklärung der Seuche im Spiegel protestantischer Pestschriften 1527 – 1650“, in: Die leidige Seuche. Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Otto Ulbricht, Köln 2004, S. 133 – 180. Latour 2002 Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 1595), Frankfurt a. M. 2002. Leeb 1994 Rudolf Leeb, „Beobachtungen zu Caspar Tauber: Zur Rezeption reformatorischen Gedankengutes beim ersten Märtyrer der österreichischen Reformation“, in: JBGPÖ 110/111 (1994), S. 21 – 46. Leeb 1999 Rudolf Leeb, „Das Erbe der Protestantengeschichtsforschung in Österreich – Die Fragestellungen der Vergangenheit und die Perspektiven für die künftige Forschung“, in: Carinthia I 189 (1999), S.  711 – 723. Leeb 2003

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Rudolf Leeb, „Der Streit um den wahren Glauben – Reformation und Gegenreformation in Österreich“, in: Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, hrsg. von Rudolf Leeb, Maximilian Liebmann u. a. 2003, S. 145 – 278. Leeb 2004 Rudolf Leeb, „Adam – Ein Gesetz und Gnade-Bild am Stephansdom?“, in: Amt und Gemeinde 55 (2004), S. 218 – 223. Leeb 2017a Rudolf Leeb, „Eine Stadt im Aufruhr. Wien und die frühe Reformation“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonder­ ausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S. 118 – 127. Leeb 2017b Rudolf Leeb, „Europa niemals kannte ein größere Kommun … Die evangelischen Pfarrzentren für Wien außerhalb der Stadtmauern in der Reformationszeit“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S. 182 – 197. Leeb 2017c Rudolf Leeb, „Wien nach der Gegenreformation. Was blieb von der Reformation“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S. 254 – 263. Leeb/Öhlinger/Vocelka 2017 Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017. Leeb/Scheutz/Weikl 2009 Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl, „Mühsam erkämpfte Legalität und widerstrebende Duldung. Der Protestantismus in der Habsburgermonarchie im 17. Und 18. Jahrhundert“ in: Geheimprotestantismus und evangelische K ­ irchen in der Habsburgermonarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 51), Wien 2009. S. 7 – 24. Leeb/Scheutz/Weikl 2009 Geheimprotestantismus und evangelische ­Kirchen in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 51), Wien 2009. Leeb/Winkelbauer 2007 Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation und Geheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie, hrsg. von Rudolf Leeb und Thomas Winkelbauer (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 47), Wien u. a. 2007. Lehn/Wegmann 2006 [1985] Jürgen Lehn und Helmut Wegmann, Einführung in die Statistik, Wiesbaden 2006 [1985]. Lemke 1997 Thomas Lemke, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität (Argument-Sonderband NF, Bd. 251), Berlin 1997. Loesche 1930 Georg Loesche, Geschichte des Protestantismus im vormaligen und im neuen Österreich, Wien 1930.

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Lohn 1949 Magdalena Lohn, Melchior Khlesl und die Gegenreformation in Niederösterreich, Dissertation. Universität Wien 1949. Longmore/Umansky 2014 Paul K. Longmore und Lauri Umansky, The new disability history. American perspectives (The history of disability series), Toronto 2014. Loschek 1999 Ingrid Loschek, Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart 1999. Lotz-Heumann 2000 Ute Lotz-Heumann, Die doppelte Konfessionalisierung in Irland. Konflikt und Koexistenz im 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Spätmittelalter und Reformation, neue Reihe, Bd. 13), Tübingen 2000. Lotz-Heumann 2001 Ute Lotz-Heumann, „The Concept of Confessionalization: a Historiographical Paradigm in Dispute“, in: Memoria y Civilización (2001), S. 93 – 114. Luhmann 1996 Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996. Mansfeld 2008 Elisabeth Mansfeld, Juristische Aspekte der Ketzerverfolgung im Erzherzogtum Österreich in der Regierungszeit Karls VI., Dissertation. Universität Wien 2008. Matt 1938 Richard Matt, „Die Wiener Protestantischen Bürgertestamente von 1578 – 1627. Eine reformationsgeschichtliche Studie“, in: MVGStW 17 (1938), S. 1 – 51. Mattl-Wurm 1999 Sylvia Mattl-Wurm, Wien vom Barock bis zur Aufklärung (Geschichte Wiens, Bd. 4), Wien 1999. Maurenbrecher 1880 Wilhelm Maurenbrecher, Geschichte der katholischen Reformation, Nördlingen 1880. Mayr 1954 Josef Karl Mayr, „Wiener Protestantengeschichte im 16. und 17. Jahrhundert“, in: JBGPÖ 70 (1954), S.  41 – 127. Mayr 1955 Josef Karl Mayr, „Vom Geist des Hauses: der lutherische Landhausprediger Josua Opitz“, in: JBGPÖ 71 (1955), S. 9 – 13. Mecenseffy 1956 Grete Mecenseffy, Geschichte des Protestantismus in Österreich, Graz u. a. 1956. Mecenseffy 1974 Grete Mecenseffy, „Wien im Zeitalter der Reformation des 16. Jahrhunderts“, in: WG 29 (1974), S.  228 – 239. Mecenseffy 1976 Grete Mecenseffy, „Maximilian II. in neuer Sicht“, in: JBGPÖ 92 (1976), S. 42 – 54. Medick 1994 Hans Medick, „Eine Kultur des Ansehens. Kleidung und Kleiderfarben in Laichingen 1750 – 1820“, in: Historische Anthropologie 22 (1994), S. 193 – 214. Merten 1994

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Klaus Merten, „Evolution der Kommunikation“, in: Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, hrsg. von Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt und Siegfried Weischenberg, Opladen 1994, S. 141 – 162. Mittenzwei 1998 Ingrid Mittenzwei, Zwischen gestern und morgen. Wiens frühe Bourgeoisie an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Wien u. a. 1998. Mörke 1996 Olaf Mörke, „Die politische Bedeutung des Konfessionellen im Deutschen Reich und in der Republik der Vereinigten Niederlande. Oder: war die Konfessionalisierung ein Fundamentalvorgang?“, in: Der Absolutismus – ein Mythos? Strukturwandel monarchischer Herrschaft in Westund Mitteleuropa (ca. 1550 – 1700), hrsg. von Ronald Asch, Köln u. a. 1996, S. 125 – 164. Nübling/Fahlbusch/Heuser 2015 [2012] Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch und Rita Heuser, Namen. Eine Einführung in die Onomastik (narr studienbücher), Tübingen 2015 [2012]. Obst 1928 [1905] Das Buch des Kaufmanns. Ein Hand- und Lehrbuch der gesamten Handelswissenschaften in gemeinverständlicher Darstellung, hrsg. von Georg Obst, Stuttgart 1928 [1905]. Oestreich 1969 Gerhard Oestreich, „Strukturprobleme des europäischen Absolutismus“, in: Geist und Gestalt des frühmodernen Staates. Ausgewählte Aufsätze, hrsg. von Gerhard Oestreich, Berlin 1969, 179 – 197. Olbort 1973 Ferdinand Olbort, „Vergessene Pestjahre. Die Seuche von 1653 bis 1656 in Wien“, in: WG 28 (1973), S.  10 – 14. Oliver 1996 Michael Oliver, Understanding disability. From theory to practice, Houndmills u. a. 1996. Opll 1985 Ferdinand Opll, Der Burgfried der Stadt Wien. Studien zum Kompetenzbereich des Magistrats vor und nach der Türkenbelagerung von 1683 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 15), Wien 1985. Opll 2004 Ferdinand Opll, „Öffentlichkeitsarbeit in Kommunalarchiven. Überlegungen am Beispiel des Wiener Stadt- und Landesarchivs“, in: Stadtarchiv und Stadtgeschichte. Forschungen und Innovationen; Festschrift für Fritz Mayrhofer zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, hrsg. von Walter Schuster, Maximilian Schimböck und Anneliese Schweiger (Historisches Jahrbuch der Stadt Linz, 2003/4), Linz 2004, S. 73 – 93. Otruba 1959/60 Gustav Otruba, „Lebenserwartung und Todesursachen der Wiener. Untersuchungen auf Grund der Totenbeschauprotokolle des Archivs der Stadt Wien“, in: JbVGStW 15/16 (1959/60), S. 209 – 222. Otruba 1987 Gustav Otruba, „Wiens Gewerbe, Zünfte und Manufakturen an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert“, in: WG 42 (1987), S. 113 – 150. Otruba/Rutschka 1957 Gustav Otruba und L. S. Rutschka, „Die Herkunft der Wiener Bevölkerung in den letzten hundertfünfzig Jahren“, in: JbVGStW 13 (1957), S. 227 – 274.

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Otto 1886 Karl Ritter von Otto, „Evangelischer Gottesdienst in Wien vor der Toleranzzeit“, in: JBGPÖ 7 (1886), S.  120 – 131. Pauser 2003 Josef Pauser, „Verfassung und Verwaltung der Stadt“, in: Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger (Bd. 2), Wien 2003, S.  47 – 107. Peller 1920 Sigismund Peller, „Zur Kenntnis der städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Säuglings- und Tuberkulosesterblichkeit“, in: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten 90 (1920), S. 227 – 262. Peper 2010 Ines Peper, Konversionen im Umkreis des Wiener Hofes um 1700 (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 55), Wien u. a. 2010. Petritsch 2017 Angelika Petritsch, „Johann Sebastian Pfauser und Maximilian II . Wird der Protestantismus hoffähig?“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S. 164 – 171. Pichler 1987 Franz Pichler, „Zur Praxis der Taufnamengebung im frühen 17. Jahrhundert“, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Steiermark 78 (1987), S. 151 – 179. Pils 2001 Susanne Claudine Pils, „Stadt, Pest und Obrigkeit“, in: Wien im Dreißigjährigen Krieg. Bevölkerung – Gesellschaft – Kultur – Konfession, hrsg. von Andreas Weigl (Kulturstudien, Bd. 32), Köln/Wien 2001, S. 353 – 378. Pils 2003 Susanne Claudine Pils, „Umgang mit Krankheit und Tod“, in: Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger (Bd. 2), Wien 2003, S. 271 – 276. Pils/Weigl 2003 Susanne Claudine Pils und Andreas Weigl, „Die frühneuzeitliche Sozialstruktur“, in: Wien. Geschichte einer Stadt, 3 Bde., hrsg. von Peter Csendes, Ferdinand Opll, Karl Vocelka und Anita Traninger (Bd. 2), Wien 2003, S. 241 – 310. Pons 2005 Rouven Pons, „Gesandte in Wien. Diplomatischer Alltag um 1700“, in: Ein zweigeteilter Ort? Hof und Stadt in der frühen Neuzeit, hrsg. von Susanne Claudine Pils (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 44), Innsbruck/Wien/Bozen 2005, S. 155 – 187. Pradel 1972 Johanne Pradel, Die Wiener Ratsbürger im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts, Dissertation. Universität Wien 1972. Praschinger 1950 Ingeborg Praschinger, Beiträge zur Flugschriftenliteratur der Reformation und Gegenreformation in Wien und dem Lande Österreich unter der Enns, Dissertation. Universität Wien 1950. Přibram 1907

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Karl Přibram, Geschichte der österreichischen Gewerbepolitik von 1740 bis 1860, Leipzig 1907. Puhrer 1938 Hans K. Puhrer, „Die Wiener bürgerlichen Bierwirte des 18. Jahrhunderts“, in: Die Sippe. Blätter für südostdeutsche Sippenforschung 1 (1938), S. 133 – 155, S. 171 – 177. Ranke 1843 Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, Berlin 1843. Rauscher/Serles 2015 Peter Rauscher und Andrea Serles, „Die Wiener Niederleger um 1700. Eine kaufmännische Elite ­zwischen Handel, Staatsfinanzen und Gewerbe“, in: OeZG 26 (2015), S. 154 – 182. Redlich 1906 Oswald Redlich, „Princeps in compendio. Ein Fürstenspiegel vom Wiener Hofe aus dem XVII. Jahrhundert“, in: Monatsblatt des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich 5 (1906), S. 105 – 124. Reich 2005 Anne-Kathrin Reich, Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung. Städtische Kleiderordnungen vom 14. bis zum 17. Jahrhundert am Beispiel der Altstadt Hannover (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 125), Hannover 2005. Reingrabner 1966 Gustav Reingrabner, „Von der evangelischen Kirchenvisitation des Jahres 1580 im niederösterreichischen Waldviertel“, in: JBGPÖ 82 (1966), S. 30 – 65. Reingrabner 1972 Gustav Reingrabner, „Zur Geschichte der protestantischen Landschaftsschule in Wien“, in: WG 27 (1972), S. 314 – 322. Reingrabner 1973 Gustav Reingrabner, Der protestantische Adel in Niederösterreich: seine Zusammensetzung und sein Beitrag zur Reformationsgeschichte des Landes, Dissertation. Universität Wien 1973. Reingrabner 1979 Gustav Reingrabner, „Eine evangelische Predigt aus der Zeit vor dem Toleranzpatent, gehalten in der dänischen Gesandtschaftskapelle in Wien“, in: JBGPÖ 95 (1979), S. 49 – 52. Reingrabner 1981 Gustav Reingrabner, Protestanten in Österreich. Geschichte und Dokumentation, Wien 1981. Reingrabner 1996 Gustav Reingrabner, „Häresie und Ketzer als Problem für die österreichischen Regenten im 18. Jahrhundert“, in: JBGPÖ 112 (1996), S. 35 – 55. Reingrabner 2007 Gustav Reingrabner, „Besonderheiten von Reformation und katholischer Konfessionalisierung im Land unter der Enns“, in: Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation und Geheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie, hrsg. von Rudolf Leeb und Thomas Winkelbauer (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 47), Wien u. a. 2007, S. 386 – 395. Reinhard 1977 Wolfgang Reinhard, „Gegenreformation als Modernisierung? Prolegomena zu einer Th ­ eorie des konfessionellen Zeitalters“, in: ARG 68 (1977), S. 226 – 252. Reinhard 1981

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Wolfgang Reinhard, „Konfession und Konfessionalisierung in Europa“, in: Bekenntnis und Geschichte. Die Confessio Augustana im historischen Zusammenhang; Ringvorlesung der Universität Augsburg im Jubiläumsjahr 1980, hrsg. von Wolfgang Reinhard (Schriften der Philoso­ phischen Fakultäten der Universität Augsburg, Bd. 20), München 1981, S. 165 – 189. Reinhard 1983 Wolfgang Reinhard, „Zwang zur Konfessionalisierung? Prolegomena zu einer Th ­ eorie des konfessionellen Zeitalters“, in: ZHF (1983), S. 257 – 276. Reinhard 1995a Wolfgang Reinhard, „Rezension: Heinrich Richard Schmidt, Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert, München, Oldenbourg, 1992“, in: ZHF (1995), S. 267 – 269. Reinhard 1995b Wolfgang Reinhard, „Was ist katholische Konfessionalisierung?“, in: Die katholische Konfessionalisierung. Wissenschaftliches Symposion der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum und des Vereins für Reformationsgeschichte 1993, hrsg. von Wolfgang Reinhard und Heinz S­ chilling (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 198), Gütersloh 1995, S. 419 – 452. Reinhard 1997 Wolfgang Reinhard, „Sozialdisziplinierung – Konfessionalisierung – Modernisierung. Ein historiographischer Diskurs“, in: Die frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge, hrsg. von Nada Boškovska, Paderborn 1997, 39 – 55. Reinhard 1999 Wolfgang Reinhard, „Konfessionalisierung auf dem Prüfstand“, in: Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur, hrsg. von Joachim Bahlcke (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 7), Stuttgart 1999, S. 79 – 103. Reinhard 2010 Wolfgang Reinhard, „Barockkatholizismus statt Konfessionalisierung?“, in: HZ 291 (2010), S.  419 – 429. Reinhard/Schilling 1995 Die katholische Konfessionalisierung. Wissenschaftliches Symposion der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum und des Vereins für Reformationsgeschichte 1993, hrsg. von Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 198), Gütersloh 1995. Reschauer 1882 Heinrich Reschauer, Geschichte des Kampfes der Handwerkerzünfte und der Kaufmannsgremien mit der österreichischen Bureaukratie. Vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zum Jahre 1860, Wien 1882. Rescher 2016 Yasmin-Sybille Rescher, Herrschaftssicherung und Ressourcenverteilung am Wiener Hof. Das Obersthofmarschallamt im 17. und 18. Jahrhundert, Dissertation. Universität Wien 2016. Rippel 1986 Hermann Rippel, „Die holländische Gesandtschaftskapelle als Vorgängerin der reformierten Gemeinde in Wien“, in: Die evangelische Gemeinde HB in Wien, hrsg. von Peter F. Barton und Peter Karner (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd. 16), Wien 1986, S.  27 – 45. Ritter 1889 – 1908

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Moriz Ritter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreissigjährigen Krieges (1555 – 1648) (Bibliothek deutscher Geschichte), Stuttgart/Berlin 1889 – 1908. Ritzmann 2008 Iris Ritzmann, Sorgenkinder. Kranke und behinderte Mädchen und Jungen im 18. Jahrhundert, Köln 2008. Rosenberg/Golden 1992 Framing disease. Studies in cultural history, hrsg. von Charles E. Rosenberg und Janet Lynne ­Golden (Health and medicine in American society), New Brunswick 1992. Rothkegel 2017 Martin Rothkegel, „Frühreformatorische Radikalität und Kultur des Martyriums. Täufer in Wien im 16. Jahrhundert“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, ­Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S.  150 – 161. Rublack 1992 Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland. Wissenschaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte 1988, hrsg. von Hans-Christoph Rublack (Wissenschaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 6), Gütersloh 1992. Sachse 1991 Wieland Sachse, „Die publizierte Statistik bis um 1860. Grundzüge und Entwicklungstendenzen“, in: Grundlagen der historischen Statistik von Deutschland. Quellen, Methoden, Forschungsziele, hrsg. von Wolfram Fischer und Andreas Kunz (Schriften des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, Bd. 65), Opladen 1991. S. 3 – 14. Sandgruber 1982 Roman Sandgruber, Die Anfänge der Konsumgesellschaft. Konsumgüterverbrauch, Lebensstandard und Alltagskultur in Österreich im 18. und 19. Jahrhundert (Sozial- und wirtschaftshistorische Studien, Bd. 15), München 1982. Sanford 1975 Gerlinde Sanford, Wörterbuch von Berufsbezeichnungen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Gesammelt aus den Wiener Totenprotokollen der Jahre 1648 – 1668 und einigen weiteren Quellen (Europäische Hochschulschriften Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 136), Bern u. a. 1975. Saracino 2017 Stefano Saracino, „Acatholic Foundations: The Emergence of Charitable Endowments in the Greek Orthodox and Protestant Communities of Vienna (18th Century)“, in: Endowment Studies 1/2 (2017), S. 223 – 256. Scheutz 2007 Martin Scheutz, „Kammergut und/oder eigener Stand? Landesfürstliche Städte und Märkte und der Zugriff der Gegenreformation“, in: Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation und Geheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie, hrsg. von Rudolf Leeb und Thomas ­Winkelbauer (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 47), Wien u. a. 2007, S. 311 – 339. Scheutz 2009a Martin Scheutz, „Eine fast vollständige Tilgung des Protestantismus und ein handfester Neubeginn. (Geheim-)Protestantismus in Niederösterreich im 17. und 18. Jahrhundert“, in: Geheimprotestantismus und evangelische K ­ irchen in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg

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(17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl, Wien 2009, S.  185 – 207. Scheutz 2009b Martin Scheutz, „Konfessionalisierung von unten und oben sowie der administrative Umgang mit Geheimprotestantismus in den österreichischen Erbländern“, in: Geheimprotestantismus und evangelische K ­ irchen in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl, Wien 2009, S. 25 – 39. Scheutz 2009c Martin Scheutz, „Legalität und unterdrückte Religionsausübung. Niederleger, Reichshofräte, Gesandte und Legationsprediger. Protestantisches Leben in der Haupt- und Residenzstadt Wien im 17. und 18. Jahrhundert“, in: Geheimprotestantismus und evangelische K ­ irchen in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), hrsg. von Rudolf Leeb, Martin Scheutz und Dietmar Weikl, Wien 2009, S. 209 – 236. Scheutz 2017 Martin Scheutz, „Der Kniefall der 5.000 im Jahr 1579 und die Strategien der Rekatholisierung. Die Residenzstadt Wien und der Beginn der barocken Konfessionskultur“, in: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther, hrsg. von Rudolf Leeb, Walter Öhlinger und Karl Vocelka (Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2017, S. 240 – 253. Scheutz 2018 Martin Scheutz, „Goldener Apfel, höfische Residenz und eine der Hauptstädte des Heiligen Römischen Reichs – die Metropole Wien der Frühen Neuzeit“, in: Weltstädte, Metropolen, Megastädte. Dynamiken von Stadt und Raum von der Antike bis zur Gegenwart. 54. Arbeitstagung in Zürich, 27. – 29.  November 2015, hrsg. von Stephan Karl Sander-Faes und Clemens Zimmermann (Stadt in der Geschichte, Bd. 43), Ostfildern 2018, S. 111 – 144. Schilling 1981 Heinz Schilling, Konfessionskonflikt und Staatsbildung. Eine Fallstudie über das Verhältnis von religiösem und sozialem Wandel in der Frühneuzeit am Beispiel der Grafschaft Lippe (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 48), Gütersloh 1981. Schilling 1986 Die reformierte Konfessionalisierung in Deutschland – das Problem der „Zweiten Reformation“. Wissen­ schaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte 1985, hrsg. von Heinz Schilling (Wissenschaftliches Symposion des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 5), Gütersloh 1986. Schilling 1988 Heinz Schilling, „Die Konfessionalisierung im Reich. Religiöser und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland ­zwischen 1555 und 1620“, in: HZ 246 (1988), S. 1 – 45. Schilling 1995 Heinz Schilling, „Die Konfessionalisierung von ­Kirche, Staat und Gesellschaft – Profil, Leistung, Defizite und Perspektiven eines geschichtswissenschaftlichen Paradigmas“, in: Die katholische Konfessionalisierung. Wissenschaftliches Symposion der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum und des Vereins für Reformationsgeschichte 1993, hrsg. von Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 198), Gütersloh 1995. S.  1 – 49. Schilling 1997

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Anhang

Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Aufbau der vorliegenden Untersuchung: S. 33 Abb. 2: Index der nicht katholisch Verstorbenen des Jahres 1766. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 60: S. 38 Abb. 3: Jahresbilanz des Sterbejahres 1755. Quelle: WS tLA , Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 50: S. 39 Abb. 4: Datensatzbeispiel eines jüdischen Sterbeeintrags in den Wiener Totenbeschauprotokollen. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll Bd. 46, fol. 256r: S. 65 Abb. 5: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Evangelische, lutherische, reformierte und calvinische Konfessionsvermerke: S. 198 Abb. 6: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen. Datensatzbeispiel. Quelle: WStLA, Totenbeschreibamt, B1 – Totenbeschauprotokoll, Bd. 53, lit. BP, fol. 26 r: S. 200 Abb. 7: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbeeinträge im Untersuchungszeitraum: S. 204 Abb. 8: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Sterbefälle nach Alter (ab 2 Jahren): S. 211 Abb. 9: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Graphische Verteilung des Sterbealters im Boxplot Diagramm: S. 212 Abb. 10: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute Häufigkeiten der Beschaubefunde in Kategorien: S. 224 Abb. 11: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Verteilung der Wohn- und Beschauortangaben auf die Stadt und ihre Vorstädte: S. 228 Abb. 12: Meßner, Thomas: Grundriß von der kaiserlichen und königlichen Haubt- und Residenzstadt Wien mit Anzeig der 4 Vierteln […]. Quelle: WStLA, Kartographische Sammlung, B3 – Allgemeine Reihe, Pläne und Karten, P1.7: S. 230 Abb. 13: Weingartner, Johannes: Neu Accurat und corrigirter Plan von der Kayserl. Haubt und Residenz Stadt Wienn […]. Quelle: WStLA, Kartographische Sammlung, Sammelbestand, P1:222G: S. 234 Abb. 14: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Häufigkeitsverteilung der Wohn- und Beschauortangaben in der Stadt und den Vorstädten: S. 235 Abb. 15: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Absolute und bereinigte Häufigkeiten in den Berufskategorien: S. 243 Abb. 16: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Dienstleistungsberufe: S. 245 Abb. 17: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der kaufmännischen Berufe: S. 248 Abb. 18: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Handwerker (Material be- und verarbeitende Gewerbe): S. 251 Abb. 19: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Wehrbediensteten: S. 259 Abb. 20: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Diplomaten, Räte und Beamten: S. 262

Verzeichnisse

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Abb. 21: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Die Kategorie der Einträge ohne spezifische Berufsbezeichnung: S. 266 Abb. 22: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbeschauprotokollen 1736 – 1781. Titulationen und Anreden: S. 270

Tabellenverzeichnis Tab. 1: Amtliche Gewerbezählung Wien 1736. Quelle: Viktor Thiel, Gewerbe und Industrie, in: Geschichte der Stadt Wien. Vom Ausgange des Mittelalters bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia, 1740, 6 Bde., hrsg. von Anton Mayer und Heinrich Zimmermann (Bd. 5), Wien 1911, 411 – 523, hier 432 – 437: S. 147 Tab. 2: Evangelische Einträge in den Wiener Totenbes