Polemik und Argumentation in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Eine pragmalinguistische Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen Carl Vogt und Rudolph Wagner um die ’Seele’ 978-3-11-022995-0

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Polemik und Argumentation in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Eine pragmalinguistische Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen Carl Vogt und Rudolph Wagner um die ’Seele’
 978-3-11-022995-0

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REIHE GERMANISTISCHE LINGUISTIK

291

Herausgegeben von Armin Burkhardt, Heiko Hausendorf, Damaris Nübling und Sigurd Wichter

Steffen Haßlauer

Polemik und Argumentation in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts Eine pragmalinguistische Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen Carl Vogt und Rudolph Wagner um die ‚Seele‘

De Gruyter

Reihe Germanistische Linguistik Begründet und fortgeführt von Helmut Henne, Horst Sitta und Herbert Ernst Wiegand

Der Druck der vorliegenden Arbeit wurde gefördert durch einen großzügigen Zuschuss der Stiftungs- und Förderungsgesellschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg.

Meiner Familie

ISBN 978-3-11-022994-3 e-ISBN 978-3-11-022995-0 ISSN 1867-8203 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York Gesamtherstellung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

Vorwort

Die vorliegende Untersuchung ist die in einigen Punkten aktualisierte Fassung meiner Dissertation, die im Dezember 2007 an der Universität Würzburg eingereicht und im Mai 2008 angenommen wurde. Die Beschäftigung mit dem Thema des Materialismusstreits und mit der Analyse des Streitverhaltens der an ihm beteiligten Forscher ergab sich dabei aus einer Reihe von Lehrveranstaltungen bei bzw. aus einer Reihe von Gesprächen mit Prof. Dr. Johannes Schwitalla (Würzburg), der mein Interesse an der linguistischen Pragmatik und an der Textlinguistik nicht nur geweckt, sondern bis heute auch hellwach gehalten hat. Danken möchte ich daher v.a. ihm: für den Anstoß zur Untersuchung und für deren geduldige Betreuung mit unzähligen unschätzbaren Ratschlägen bei Fragen zu allen günstigen und ungünstigen Tageszeiten. Mein Dank gilt ferner Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Norbert Richard Wolf (Würzburg) als Zweitbetreuer für nicht weniger Geduld und für ebenfalls zahlreiche wertvolle Hinweise und Anregungen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutschen Literaturarchivs (Marbach) bzw. des dortigen Cotta-Archivs danke ich für ihre unkomplizierte und zuvorkommende Hilfe bei allen Problemen und Fragen während mehrerer Rechercheaufenthalte vor Ort ebenso wie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fernleihstelle der Universitätsbibliothek Würzburg für die Tolerierung zahlreicher Extrawünsche. Nicht zuletzt gilt mein Dank auch vielen Freunden, v.a. Christiane und Simone, für den bereitwillig gewährten Zugriff auf private Buchbestände, und Michael, für den effektiven technischen Support – sowie v.a. meiner Familie, ohne deren Unterstützung die vorliegende Untersuchung keinesfalls möglich gewesen wäre. Abschließend danke ich dem Herausgeberkollegium der RGL für die Aufnahme der Arbeit in diese Reihe sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags, die mit Rat und Tat die Drucklegung betreuten.

Salzburg, im Juli 2010

Steffen Haßlauer

Inhalt Verzeichnis der analysierten Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIII Eine kurze Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1

1

Argumentation, Kontroversen und Polemik . . . . . . . . . . . . . . . . .

3

1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 1.6

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . Argumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Argumentation als Teil des Meinungs- und Überzeugungswissens Arten wissenschaftlicher Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . Streitmittel jenseits der Kontroverse: Kunstgriffe . . . . . . . . . . . . Polemik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3 4 7 11 14 16

2

Der Hintergrund des Streits zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

22

2.1 Die Entwicklung von moderner Naturwissenschaft und Materialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1 Die wissenschaftliche Revolution . . . . . . . . . . . . . 2.1.2 Die Wiederbelebung des antiken Materialismus . . . 2.1.3 Materialismus und Naturwissenschaften im 18. und frühen 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.4 Philosophie und Naturforschung in Deutschland bis um 1850 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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22 22 27

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29

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32

2.2 Das Leib/Seele-Problem und die materialistische Ethik . . . . . . . . . 2.2.1 Der psychophysische Dualismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.1 Antike und Frühchristentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.2 Thomas von Aquin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.3 Die Wechselwirkungstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2 Der psychophysische Monismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2.1 Antike und Frühe Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2.2 La Mettrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2.3 Die psychischen Fähigkeiten und der Wille bei Holbach 2.2.2.4 Unsterblichkeit und Moral bei Holbach . . . . . . . . . . . . 2.2.2.5 Materialistische Ethik und Gesellschaft bei Epikur, Demokrit und Holbach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2.6 Die Ursachen der herrschenden Verhältnisse bei Holbach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

37 38 38 40 40 42 42 43 44 45 45 47

VIII 2.3 Carl Vogt und Rudolph Wagner: ihre Positionen, ihr Leben, ihre Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1 Carl Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.1 Vogts monistischer Materialismus zur Zeit der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.1.1 Die Aufgabe der Wissenschaft und ihr Gegenstand . . . . 2.3.1.1.2 Wirken der Naturgesetze in anorganischer, organischer und ,seelischer‘ Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.2 Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts . . . . 2.3.1.2.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.2.2 Deutschland um 1830 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.3 Vogts persönliche und wissenschaftliche Entwicklung bis zur Revolution von 1848/49 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.3.1 Vogts Familie und Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.3.2 Vogts akademische Ausbildung und frühe Forscherzeit . 2.3.1.3.3 Vogts Zeit in Paris und der Ruf nach Gießen . . . . . . . . . 2.3.1.4 Vogt und die Revolution von 1848/49 . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.4.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.4.2 Der Abgeordnete Carl Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.4.3 Die Ereignisse in der Nationalversammlung . . . . . . . . . 2.3.1.4.4 Das Ende der Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.4.5 Nach der Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1.4.6 Vogt bis zum Beginn seiner Auseinandersetzung mit Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2 Rudolph Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2.1 Wagners Leben und Karriere bis zur Auseinandersetzung mit Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2.1.1 Wagners Familie und seine akademische Ausbildung . . 2.3.2.1.2 Wagners Forschungs- und Publikationstätigkeit . . . . . . 2.3.2.1.3 Wagner zu Beginn des Streits mit Vogt . . . . . . . . . . . . 2.3.2.2 Wagners Positionen: Politik, Wissenschaft und Religion 2.3.2.2.1 Wagners politische Haltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2.2.2 Wagners Religiosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2.2.3 Wagners Leib/Seele-Dualismus zur Zeit der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.2.2.4 Wagners ,doppelte Buchführung‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

50 50 51 51 52 56 56 58 59 59 60 63 66 66 68 69 71 72 73 75 76 76 77 79 81 81 82 83 85

Die Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3.0 Ein kurzer Abriss der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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IX 3.1 Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich in seinen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände . . . . . . . . . . 3.1.1 Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.1.1 Die Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände 3.1.1.2 Vogts zwölfter Physiologischer Brief . . . . . . . . . . . . 3.1.2 Die Analyse des Vergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2.1 Vogts materialistische Seelensicht . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2.2 Die Stellung des Textes als Auslöser der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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90 90 90 91 92 92

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3.2 Wagners Angriff auf den Materialismus in seinen Physiologischen Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1.1 Die Physiologischen Briefe Wagners . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1.2 Wagners sechster Physiologischer Brief . . . . . . . . . . . . 3.2.2 Die Analyse des Angriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.1 Die Macht des Wortes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.2 Der gute Materialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.3 Der ,frivole‘ Materialismus und der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.4 Vogt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.5 Die physiologische Kritik am Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.6 Maßnahmen gegen gefährliche Lehren . . . . . . . . . . . . . 3.3 Vogts Beschäftigung mit Wagner in den Bildern aus dem Thierleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.1 Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.2 Vorbemerkung zu Vogts Auseinandersetzung mit Wagner in den Bildern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.1 Das erste ,Gleis‘: Wagner und dessen Physiologischen Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.1.1 Gespräch mit einem Freund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.1.2 Vier weitere Stellen zu Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.1.3 Das erste ,Gleis‘: ein Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.2 Das zweite ,Gleis‘: Vogt und Burmeister . . . . . . . . . . . 3.3.3.2.1 Burmeister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.2.2 Die Bekräftigung des Monismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.2.3 Das zweite ,Gleis‘: ein Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.3 Das dritte ,Gleis‘: Vogt und Wagners ,teilbare‘ Seele . . 3.3.3.3.1 Wagners dreizehnter Physiologischer Brief . . . . . . . . . .

98 98 98 101 104 105 111 115 116 121 125 132 132 135 137 137 137 144 154 156 156 159 164 166 166

X 3.3.3.3.2 Ein weiteres Mal die Physiologischen Briefe und Wagner als Forscher . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.3.3 Gegen die teilbare Seele . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.3.4 Wagner als Ketzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3.3.5 Ein abschließendes Fazit . . . . . . . . . . . . . . .

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3.4 Wagners Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.1 Der Beitrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.1 Die Charakterisierung Vogts und seines Auftretens 3.4.2.2 Wagners Erwiderung auf Vogts Kritik . . . . . . . . . 3.4.2.3 Vogts ,Grimm‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.4 Das erste polemische Verfahren: ein argumentum ex concessis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.5 Das zweite polemische Verfahren: die Selbstdarstellung Wagners . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.6 Eine abschließende Anspielung . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.7 Die Funktion von Wagners Fußnote . . . . . . . . . . . 3.4.2.8 Noch einmal der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich . 3.4.2.9 Die Unfreiheit des Willens . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2.10 Das ,Ende‘ der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . .

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170 176 178 180

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181 181 182 182 184 190

. . . . 192 . . . . . .

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194 200 201 203 207 215

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224 224 226 227 232 234 237 240

3.6 Die zweite Auflage von Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6.1 Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6.2.1 Der beibehaltene Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6.2.2 Drei Belege gegen die Materialismuskritiker . . . . . . . . . 3.6.2.3 Ein persönlicher Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

244 244 248 248 251 254

3.7 Wagners Menschenschöpfung und Seelensubstanz . . . . . . 3.7.1 Der Beitrag und sein Rahmen . . . . . . . . . . . . . 3.7.2 Die Analyse der Beitrags . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.7.2.1 Menschenschöpfung: Der erste Teil des Beitrags 3.7.2.2 Seelensubstanz: Der zweite Teil des Beitrags . .

255 255 257 257 260

3.5 Vogts Erwiderung an Hrn. R. Wagner in Göttingen . . . . 3.5.1 Der Beitrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.2.1 Ein allgemeiner Einstieg . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.2.2 Die Teilbarkeit der Seele . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.2.3 Das noch offene Ende der Auseinandersetzung 3.5.2.4 Radowitz, Heine und die Berner Oberländer . . 3.5.2.5 Ein Fazit und ein persönlicher Nachtrag . . . . .

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XI 3.7.2.3 3.7.2.4 3.7.2.5 3.7.2.6

Das materialistische Schicksal des Menschen Die Gemeinschaft der Forscher . . . . . . . . . . . Ein letzter (impliziter) Appell . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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264 271 276 280

3.8 Vogts Erklärung In Sachen C. Vogts und R. Wagners contra R. Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 3.8.1 Die Erklärung, ihr Auslöser und ihre Veröffentlichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 3.8.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288 3.9 Wagners Ueber Wissen und Glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.9.1 Der Beitrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.9.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.9.2.1 Die ehrlosen Gegner . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.9.2.2 Die Personalisierung des Beitrags . . . . . . . . . 3.9.2.3 Eine weitere (polemische) Fußnote . . . . . . . . 3.9.2.4 Erkenntnis in Glaube und Wissenschaft . . . . . 3.9.2.5 Der Kontext des zweiten Selbstgeständnisses . 3.9.2.6 Eine einzelne polemische Stelle mit ,nachträglicher‘ Relevanz . . . . . . . . . . . .

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292 292 293 293 297 299 303 305

. . . . . 310

3.10 Vogts Köhlerglaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.1 Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2 Die Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1 Der historische und persönliche Teil von Köhlerglaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.1 Wagners Ruf als Forscher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.2 Wagner als Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.3 Wagner als Dozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.4 Der eigentliche Streit mit Wagner . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.5 Die Verantwortung des Forschers . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.6 Wagners letzte Beiträge zum Streit und sein Auftritt in Göttingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.7 Die Ereignisse von 1848 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.8 Die Funktion der Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.9 Das Verbalverhalten des Gegners . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.1.10 Der Abschluss des ersten Teils von Köhlerglaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.2 Der wissenschaftliche Teil von Köhlerglaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . 3.10.2.2.1 Die Abstammung des Menschen von einem Paar . . . 3.10.2.2.1.1 Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.10.2.2.1.2 Bibelglaube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

312 312 313 313 314 315 317 319 320 323 331 340 346 347 349 350 350 353

XII 3.10.2.2.2 3.10.2.2.2.1 3.10.2.2.2.2 3.10.2.2.2.3 3.10.2.2.2.4 3.10.2.2.2.5 3.10.2.2.2.6 3.10.2.2.3

Die Seele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seele und Seelenorgan . . . . . . . . . . . . Der Lichtäther-Vergleich . . . . . . . . . . Weiteres zum Lichtäther . . . . . . . . . . Das Schicksal der dualistischen Seele . Die Teilbarkeit der Seele . . . . . . . . . . Abschließendes zur dualistischen Seele Abschließendes zu Wagner . . . . . . . .

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355 355 357 362 363 367 368 372

3.11 Das Ende der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 3.11.1 Zwei letzte Beiträge: Wagners Erklärung und Vogts Vorwort zur zweiten Auflage von Köhlerglaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . 376 3.11.2 Nach der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 4.

Der Streit zwischen Vogt und Wagner als Auseinandersetzung jenseits der Kontroverse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382

4.1 4.2 4.3 4.4 4.5

Die Ausgangsgrundlagen der Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . Argumentativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die eigentlichen Ansatzpunkte der Kontrahenten . . . . . . . . . . . . . Der Verlauf der Auseinandersetzung auf der persönlichen Ebene . . Es stellt sich am Ende die Frage: Was bleibt in der Sache? . . . . . .

382 383 386 390 393

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

Verzeichnis der analysierten Texte Abkürzungen im Folgenden: AZ – Allgemeine Zeitung (Augsburg), BS – Der Beobachter (Stuttgart) Carl Vogt (1847a): Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände Text 1 (Vogt 1847a: 205f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Rudolph Wagner (1851/52): Physiologische Briefe Text 2a (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Text 2b (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 315) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Text 2c (Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Carl Vogt (1852a): Bilder aus dem Thierleben Text 3a (Vogt 1852a: 164f.) . . . . . . . . . . . . . Text 3b (Vogt 1852a: 317) . . . . . . . . . . . . . . Text 3c (Vogt 1852a: 367) . . . . . . . . . . . . . . Text 3d (Vogt 1852a: 173) . . . . . . . . . . . . . . Text 3e (Vogt 1852a: 423) . . . . . . . . . . . . . . Text 3f (Vogt 1852a: 442ff.) . . . . . . . . . . . . . Text 3g (Vogt 1852a: 451f.) . . . . . . . . . . . . .

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Rudolph Wagner (1852): Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie Text 4a (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Text 4b (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Text 4c (Vogt, zitiert nach Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226) . . . . . 192 Text 4d (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Text 4e (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Text 4f (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Text 4g (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Text 4h (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5242) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Carl Vogt (1852b): Erwiderung an Hrn. R. Wagner in Göttingen Text 5a (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1191f.; ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Text 5b (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 Text 5c (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235

XIV Text 5d (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 Text 5e (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Carl Vogt (21854a): Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände Text 6 (Vogt 21854a: 323ff.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Rudolph Wagner (1854a): Menschenschöpfung und Seelensubstanz Text 7a (Wagner 1854a: 23ff.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 Text 7b (Wagner 1854a: 25f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Text 7c (Wagner 1854a: 29f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Carl Vogt (1854b): In Sachen C. Vogts und R. Wagners contra R. Wagner Text 8 (Vogt 1854b, in BS 226/1854: 903) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Rudolph Wagner (1854b): Ueber Wissen und Glauben Text 9a (Wagner 1854b: iv) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 9b (Wagner 1854b: 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 9c (Wagner 1854b: 22) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 9d (Wagner 1854b: 21f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Carl Vogt (11855a): Köhlerglaube und Wissenschaft Text 10a (Vogt 11855a: 22f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 10b (Vogt 11855a: 37f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 10c (Vogt 11855a: 10ff.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 10d (Vogt 11855a: 48) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 10e (Vogt 11855a: 92ff.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text 10f (Vogt 11855a: 98f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Eine kurze Einleitung

Zwischen September 1854 und Anfang 1855, genauer gesagt zwischen der 31. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Göttingen und der Veröffentlichung eines kleinen, aber in nachdrücklicher Weise polemischen Werkes mit dem Titel Köhlerglaube und Wissenschaft, erreichte eine teils in scharfer Form persönlich geführte und nicht zuletzt daher einiges an öffentlichem Interesse erregende Auseinandersetzung um eine im Kern wissenschaftliche Frage ihren Höhepunkt – und kurz darauf auch bereits ihr Ende (wenn auch nicht ihre Lösung): Die Auseinandersetzung zwischen dem prominenten, christlich geprägten Physiologen und Anatomen Rudolph Wagner und dem ebenso prominenten materialistischen und atheistischen Physiologen, Zoologen und Geologen Carl Vogt. Es handelte sich dabei um eine Auseinandersetzung um die Natur der ,Seele‘ und ihr Verhältnis zum Körper, die sich bereits seit Anfang 1852 durch verschiedene Zeitungs- und Buchbeiträge beider Beteiligter gezogen hatte. Strittig war dabei – im Kern der Sache – die Frage, ob die Seele als eine separate geistige Wesenheit neben dem materiellen Körper zu betrachten sei (psychophysischer Dualismus) oder lediglich als ein Produkt der Funktionen des materiellen Körpers selbst, also des Gehirns (psychophysischer Monismus). Dieser eigentliche Kern des Problems stand jedoch von Beginn an neben sehr viel weiter reichenden Unstimmigkeiten über die richtige Auffassung von Wissenschaft, über die moralischen, gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen und Aufgaben der Forschung und letztlich auch über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion. Zudem bestand bereits vom Anfang der Auseinandersetzung an eine mehr als deutlich spürbare persönliche Abneigung der Streitenden gegeneinander, die neben viel Spott und Hohn immer wieder auch zu offenen, teils drastischen verbalen Feindseligkeiten führte. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist diese besagte Auseinandersetzung zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt um die Seele, wobei das argumentative und polemische Streitverhalten beider Beteiligter einer detaillierten textnahen pragmalinguistischen Analyse unterzogen wird, für die alle Streitbeiträge in ihren wesentlichsten Stellen (41 Exzerpte aus zwölf Publikationen) Berücksichtigung finden werden. Aufgezeigt werden soll dabei das Verhältnis zwischen gegenstandsbezogener sachlicher Argumentation (ad rem) und ,gegnerbezogener‘ unsachlicher Polemik (ad personam), die argumentativen und polemischen, die ,strategischen‘, allgemein die sprachlichen Mittel im Zuge des Vorgehens beider Seiten und natürlich Wagners und Vogts gegenseitige Beeinflussung im Verlauf der Auseinandersetzung. Die Untersuchung wird sich dabei vor allem an den Arbeiten von Stephen Toul-

2 min/Richard Rieke/Allan Janik, Chaim Perelman/Lucie Olbrechts-Tyteca, Josef Kopperschmidt und Manfred Kienpointner zur Argumentation sowie von Jürgen Stenzel, Walther Dieckmann und Marcelo Dascal zu Polemik und Kontroversen orientieren. Als sprachwissenschaftliche Untersuchung von Streit und Argumentation wird sie dabei, etwa hinsichtlich der Frage nach einem ,Sieg‘ einer der beiden Seiten, unter Umständen auch zu anderen Ergebnissen kommen als unter v.a. (natur)wissenschaftlichen bzw. philosophischen (oder auch theologischen) Gesichtspunkten (vgl. unten, Kap. 4), da es in der Streit- und/oder Argumentationsanalyse nicht allein auf die ,faktische Lage in der Sache‘ ankommen kann, sondern auch auf die Wirkung der Streitzüge und Argumente beider Seiten vor der Öffentlichkeit der Leser ankommen muss (vgl. unten, Kap. 1); dies v.a. dann, wenn es sich bei dieser Öffentlichkeit, wie im vorliegenden Fall, um eine Öffentlichkeit von vorwiegend wissenschaftlich interessierten Laien handelt – und nicht vorrangig um Fachleute. Gegenüber eher philosophie- und wissenschaftsgeschichtlich ausgerichteten Veröffentlichungen bietet die vorliegende Untersuchung dabei erstmals überhaupt eine detaillierte und eingehende linguistische Beschäftigung sowohl mit Carl Vogt als auch mit Rudolph Wagner, was v.a. hinsichtlich des ersteren, der als Polemiker z.T. mit Heinrich Heine verglichen wird, eine äußerst interessante Lücke schließt. Den eigentlichen Analysen (Kap. 3), in deren Verlauf auch die Einzelheiten der die Auseinandersetzung begleitenden Ereignisse selbst behandelt werden, geht dabei in einem Orientierungskapitel (Kap. 2) zunächst ein Abriss der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft voraus (Kap. 2.1), als deren Speerspitze sich Materialisten wie Carl Vogt in der Mitte des 19. Jahrhunderts betrachteten. Im Anschluss daran soll dann das eigentliche wissenschaftliche Kernproblem der Auseinandersetzung, die Leib/Seele-Frage, in den wesentlichsten Zügen dargestellt werden (Kap. 2.2), wobei Wagner den psychophysischen Dualismus vertrat, Vogt dagegen den psychophysischen Monismus. Und da die Auseinandersetzung, wie gesagt, mitunter in scharfer Form persönlich geführt wurde, muss sich an die Darstellung der Leib/SeeleFrage auch eine ausführliche Darstellung der Lebenswege und Positionen Wagners und Vogts anschließen (Kap. 2.3), in der auch die wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Erwähnung finden werden, da v.a. Vogts Lebensweg und in der Folge davon auch seine Positionen, wie er sie im Streit mit Wagner vertrat, nicht unwesentlich von diesen Entwicklungen beeinflusst waren. Den Beginn der folgenden Ausführungen werden jedoch zunächst (Kap. 1) einleitende Bemerkungen zu den sprachwissenschaftlichen Grundlagen der beabsichtigten Untersuchung, zu Argumentation, Kontroversen und Polemik, bilden.

1

Argumentation, Kontroversen und Polemik

1.1

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung

Die Auseinandersetzung und der Streit gelten heute fast allgemein als wesentliche Bestandteile des Wissenschaftsbetriebs: als unabdingbare Voraussetzung für die Wahrheitsfindung und damit den wissenschaftlichen Fortschritt als solchen (vgl. z.B. McMullin 1987: 49ff.; Mendelsohn 1987: 93ff.; Dascal 1995: 103; Oesterle 1986: 107; Gil 1985: 353). Obwohl die Auseinandersetzung der abendländischen Philosophie von Anfang an inhärent war und von verschiedenen Philosophen zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich bewertet wurde (vgl. Dascal 1995: 101f.), ist diese Einschätzung im Wesentlichen eine neuere, die v.a. in Zweifeln an der klassischen (v.a. rationalistischen) Position gründet, dass Philosophie und Wissenschaft, ausgehend von unzweifelhaften Anfangssätzen, allein durch logische Verfahren die Lösung eines Problems zweifelsfrei bestimmen könnten (vgl. McMullin 1987: 50); als wesentlich für den Umschwung darf Karl Poppers Ansatz des kritischen Rationalismus gelten, der von der Notwendigkeit zur permanenten Fehlerkorrektur ausgeht und dabei den Konflikt zwischen Forschern in den Vordergrund stellt,1 sowie Thomas Kuhn mit seinem bahnbrechenden Werk The structure of scientific revolutions von 1965, aber auch Stephen Toulmin mit seinem Ansatz einer Evolution des Wissens durch miteinander konkurrierende Erklärungsmodelle. Ähnlich wie Kuhn geht Toulmin aber (anders als Popper) vom Konsens als dem letztlichen Ziel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung aus: In the long run, the collective pursuit of ,truth‘ – or, at least, of better science – may be to the shared benefit of all scientists alike; but the shorter-term improvement of scientific ideas is most effectively promoted if individual scientists temporarily ,take sides‘, act as ,advocates‘ or ,attorneys‘ for and against novel ideas or hypotheses, and argue out their merits and defects in a personally committed manner. (Toulmin/Rieke/Janik 21984: 318; Hervorh. i. Orig.)

In a personally committed manner heißt dabei nicht bereits: ,in einer (in polemischer Absicht) persönlich werdenden Art und Weise‘, sondern verweist 1

Vgl. dazu recht prägnant McMullin (1987: 51): „[T]he clash between rival theories is a permanent part of the scientific landscape and [...] a successful theory must never be allowed to attain the unchallenged status that would prevent it from making further progress“. Zur Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis, z.T. unter Bezug auf Popper und Kuhn, vgl. z.B. auch Hacken (2007: v.a. Kap. 1).

4 auf persönliche Involviertheit in Bezug auf das, was man überzeugtermaßen für wahr oder falsch hält. Nicht im grundsätzlichen Gegensatz zu Toulmin, aber in ausdrücklicher Anlehnung an Popper, verweist zudem auch Dascal (1995: 101) darauf, dass die Wissenschaftstheorie (philosophie des sciences) erkannt habe, „que le ,moteur‘ du progrès en science n’est pas la poursuite de la confirmation, mais plutôt l’activité critique, qui essaye de réfuter les théories établies“; und der ,Ort‘ (lieu), wo diese activité critique sich abspiele, sei eben die Kontroverse (controverse; vgl. ebd.: 103).

1.2

Argumentation

Auch wenn die Auseinandersetzung somit als wichtiger Teil des Wissenschaftsbetriebs betrachtet werden darf, wird für Kopperschmidt (1989), der sich dabei eng an Habermas anlehnt, das kommunikative Handeln durch eine Unstimmigkeit oder einen Gegensatz (Dissens) zunächst einmal unterbrochen:2 wenn nämlich die Äußerung (Proposition) eines Proponenten in ihrem Geltungsanspruch3 von einem Opponenten bestritten und damit problematisiert wird; wenn sich also zeigt, dass eine Position nicht allgemein akzeptiert ist (zur Strittigkeit bzw. dem Problematisieren von Propositionen und verschiedenen Arten von Geltungsansprüchen, vgl. Kopperschmidt 1989: Kap. 1.1ff.; was dabei für das kommunikative Handeln allgemein gilt, trifft natürlich auch auf die Wissenschaft als gesellschaftlichen Teilbereich zu). Sofern die strittige Angelegenheit relevant genug ist, um die „kommunikativen Existenzbedingungen kooperationsbedürftiger Subjekte“ zu stören (Kopperschmidt 1989: 57), also z.B. den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt zu behindern, müssen Mittel angewandt werden, die Problemlage zu überwinden, wobei die Argumentation, als Form sprachlicher Kommunikation zur 2

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Kopperschmidts Argumentationsverständnis (bzw. die wesentlichen Punkte daraus), wie es im Folgenden dargestellt wird, findet sich u.a. auch in: Kopperschmidt (22005), ders. (2000: 669ff.), ders. (1995) sowie ders. (1977: v.a. 221ff.). Unter Geltungsansprüchen von Äußerungen ist im vorliegenden Zusammenhang zum einen der Wahrheitsanspruch konstativer Äußerungen (wie der Behauptung) von Bedeutung, d.h. der implizite Anspruch auf Verlässlichkeit der in ihnen enthaltenen Informationen, und zum anderen der Richtigkeitsanspruch regulativer Äußerungen (wie des Vorschlags oder der Empfehlung), d.h. der implizite Anspruch auf Verbindlichkeit der in ihnen ausgesprochenen Handlungsorientierungen; vgl. dazu Kap. 1.1f. in Kopperschmidt (1989). Kienpointner (1992: 16f.) unterscheidet ganz ähnlich deskriptive und normative Propositionen, wobei er den ersteren einen Wahrheits- oder Wahrscheinlichkeitswert beimisst (vgl. dazu auch unten).

5 „Herstellung eines rational motivierten Einverständnisses (Konsens)“, immer dann nötig ist, wenn „monologische Machtansprüche“ nicht durchgesetzt werden können oder „traditionell verbürgte Sinnressourcen“ (religiös, ideologisch, erfahrungsmäßig etc.) nicht zur Verfügung stehen (Kopperschmidt 1989: 5; vgl. ebd.: Kap. 1.3, v.a. 1.32-1.34, sowie ders. 1995: 51f. und Toulmin/Rieke/Janik 21984: 4ff. und 103ff.).4 Argumentation ist so das Mittel, Gegensätze zwischen Individuen, die zur Unterbrechung des kommunikativen Handelns führen, aufzulösen und zum kommunikativen Handeln zurückzuführen;5 das Mittel, das tendenziell zum „einzig legitimierbaren Verfahren gesellschaftlicher Konfliktaustragung“ geworden ist (Kopperschmidt 1995: 54; Hervorh. i. Orig.). Das Bestreiten (bzw. Problematisieren) einer Äußerung fordert den Proponenten nun also zur argumentativen Rechtfertigung heraus, zum Vorbringen vernünftiger Geltungsgründe (Argumente), die den Geltungsanspruch der ursprünglichen Äußerung stützen, d.h. in rationaler Weise akzeptabel machen (vgl. Kopperschmidt 1989: 24 und ebd.: Kap. 1.35; vgl. Toulmin/Rieke/Janik 2 1984: 6f., 29ff. und 37ff.; Kienpointner 1992: 15ff.; J. Klein 1993: 79ff.); strittige Propositionen sollen dabei auf unstrittige, möglichst allgemein akzeptierte zurückgeführt bzw. aus ihnen hergeleitet werden.6 Die Bedingungen dafür, dass diese Stützung gelingt, soll im Folgenden ein Beispiel verdeutlichen: In einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung könnte ein Proponent A die Äußerung p machen: Die Freisetzung von gentechnisch manipulierten Pflanzen sollte verboten sein. Ein Opponent B könnte dem widersprechen und A damit zur Rechtfertigung von p herausfordern, die dieser durch das Argument q leisten könnte: Die Langzeitfolgen von Freisetzungen sind unabsehbar. Nach Kopperschmidt (1989: 111ff.; vgl. ebd.: Kap. 2.21–2.24)7 könnte q nun als überzeugungskräftig betrachtet werden, da das Argument 4

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Möglich ist Argumentation natürlich nur, sofern bei den Beteiligten die entsprechenden persönlichen Fähigkeiten und die Bereitschaft dazu bestehen (darunter aufrichtiges Verständigungsinteresse und ernsthafter Wahrheitswille); vgl. Kopperschmidt (1989: 14f.), ders. (1995: 52ff.) und ders. (1977: 225). Bzw. zum eigentlichen kommunikativen Handeln, denn die argumentative Erörterung des unterbrechenden Dissenses ist für Kopperschmidt (1989: Kap. 1.13 sowie ebd., S. 55, 82ff. und 98) in gewisser Weise selbst die Fortsetzung des kommunikativen Handelns auf einer anderen Ebene. Argumentation soll dazu bringen, „to rely on facts we already agree about, in order to show us that we should accept other claims or assertions as well“ (Toulmin/Rieke/Janik 21984: 6). „Argumente können problematisierte GAe [Geltungsansprüche] nur mithilfe anderer GAe einlösen, deren Berechtigung unstrittig ist“ (Kopperschmidt 1989: 92); vgl. Ueding (2000: xif.) und Kienpointner (1992: 15f.). Zur Stärke und Relevanz bzw. zur Plausibilität von Argumenten und Argumentation, vgl. auch Toulmin/Rieke/Janik (21984: v.a. Kap. 2, 12 und 23) sowie Kienpointner (1992: 17ff.) und J. Klein (1993: 80ff.).

6 drei wesentliche Bedingungen erfüllt: Zum ersten (Gültigkeit des Arguments) kann sein eigener Geltungsanspruch als unstrittig betrachtet werden; zum zweiten (Eignung des Arguments) besteht für den konkreten Fall eine plausible Beziehung zwischen q und p, die sich in der folgenden Übergangsbzw. Schlussregel8 formulieren läßt: Was unabsehbare Langzeitfolgen birgt, sollte (sicherheitshalber) verboten sein; und zum dritten (Relevanz des Arguments) kann q als einem kategorialen Bereich zugehörig betrachtet werden, der im gegebenen Fall des wissenschaftlichen Rahmens einen angemessenen Problemzugang ermöglicht. Der letzte Punkt wird deutlicher, wenn anstelle von q ein Argument q' eingesetzt wird, für das dies nicht ohne Weiteres gilt, wie z.B.: Die Freisetzung gentechnisch manipulierter Pflanzen ist ein schwer wiegender Eingriff in Gottes Schöpfung (wobei dasselbe Argument in einer Argumentation innerhalb eines rein religiösen Rahmens durchaus als gültig, geeignet und relevant betrachtet werden könnte – dies im Vorgriff auf die wagner-vogtsche Auseinandersetzung um die Seele). Während die erste Bedingung für Argumente (Gültigkeit) unzweifelhaft sein dürfte (etwas Strittiges kann nicht durch etwas Strittiges abgesichert werden), ist zur dritten Bedingung (Relevanz) anzumerken, dass eine Auseinandersetzung nicht immer Teil nur eines kategorialen Bereichs sein muss; bei Erörterung der Gentechnik können neben wissenschaftlichen auch wirtschaftliche oder ethische Faktoren (und damit entsprechende Argumente) eine relevante Rolle spielen; klar sein muss zwischen den Gegnern aber von Beginn an, was kategorial als relevant gelten soll (eine Frage, die selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung werden kann), da die erfolgreiche Klärung des Problems ohne eine gemeinsame Ausgangsgrundlage schwierig oder gar unmöglich ist (vgl. Toulmin/Rieke/Janik 21984: 38f. und 238ff.; Kopperschmidt 1989: 105ff. und 153ff.; Schopenhauer 1985: 678 und 695) – ein Problem, das sich auch im Streit zwischen Vogt und Wagner zeigt. In Anlehnung an McMullin (1987: 59ff.) sollen nun Faktoren, die zur Klärung einer strittigen Angelegenheit in der Sache herangezogen werden, als ,epistemisch‘ bezeichnet werden: Sofern sie den Kern der Auseinandersetzung berühren, wären sie ,standardepistemisch‘ (im Streit zwischen Wagner und Vogt um die Seele v.a. Faktoren und Argumente aus dem Bereich der Physiologie); sofern sie die Sache in einem weiteren Sinn, z.B. aufgrund ihrer relevanten Auswirkungen auf andere Bereiche, betreffen, wären sie ,nichtstandardepistemisch‘ (wie die Konsequenzen einer materialistischen Seelenvorstellung auf das Verständnis von Ethik, Moral oder Recht, insofern der Materialismus 8

Zu den Übergangs- oder Schlussregeln und ihrer Funktion, vgl. auch Kienpointner (1992: 17ff. und 30ff.) sowie Toulmin/Rieke/Janik (21984: 45ff.), wobei letztere sie als warrants aber in einem weiter gefassten Sinn verstehen, der die kopperschmidtschen und kienpointnerschen ,Regeln‘ lediglich mitumfasst.

7 z.B. die Freiheit des Willens leugnet).9 Ebenso wie die Frage nach der Relevanz eines Arguments kann auch die Frage nach der Klassifizierung solcher Faktoren einer Auseinandersetzung als standard- oder nichtstandardepistemisch selbst zum Teil der Auseinandersetzung werden, wobei McMullin (vgl. ebd.: 64 und 75ff.) zufolge im nichtstandardepistemischen (bzw. wohl eigentlich: im nicht von allen Beteiligten als standardepistemisch anerkannten) Bereich eine Verständigung häufig, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu erreichen ist und Differenzen dort nicht selten auch negative Auswirkungen auf die Klärung(sbereitschaft in) der eigentlichen wissenschaftlichen Frage haben. Ganz ähnlich gehen Giere (1987: 136f.) und Mendelsohn (1987: 102) davon aus, dass Wertfragen (value issues) und Fragen von öffentlicher Relevanz (public policy issues) in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle spielen, da von ihnen nicht selten die Einschätzung der Richtigkeit einer Theorie abhängig gemacht wird und so unter Beteiligung entsprechender Fragen eine Klärung in der Sache i.d.R. unmöglich ist.

1.3

Argumentation als Teil des Meinungs- und Überzeugungswissens

Nach der Relevanz des rationale Nachvollziehbarkeit beanspruchenden Arguments soll nun v.a. dessen Verknüpfung mit der strittigen Äußerung durch Übergangs- bzw. Schlussregeln im Vordergrund stehen (vgl. oben, Kopperschmidts Eignung des Arguments). Für Kienpointner (1992: 7, 17ff. und 43ff.) erfolgt die Verknüpfung unter Rückgriff auf gängige Relationen, die auch den Topoi (bzw. lat. Loci) der Rhetorik und argumentativen Dialektik (v.a. bei Aristoteles) zugrunde liegen, so dass er Schlussregel und Topos synonym verwendet (vgl. ebd.: 178).10 Beispiele wären die Gleichheitsrelati-

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Völlig nichtepistemische Faktoren, die nicht zur inhaltlichen Klärung beitragen, aber dennoch von Bedeutung für den Verlauf einer Auseinandersetzung sind, wären z.B. persönliche Charakterzüge der Beteiligten (Hang zum Streit, Konsensorientiertheit etc.), Fragen der Presse- und Äußerungsfreiheit (Zensur, redaktionelle Eingriffe in Auseinandersetzungsbeiträge) usw.; vgl. dazu McMullin (1987: 60). In der vorliegenden Untersuchung soll Topos ausschließlich in diesem argumentationstheoretischen Sinn als Übergangs- oder Schlussregel verwendet werden; zur Entwicklung der aristotelischen Topik für die Argumentation in Rhetorik und dialektischem Streitgespräch, vgl. Bornscheuer (1976: Kap. I,1). Zu einem weiter gefassten Toposverständnis (und teilweise auch der Kritik daran), vgl. ders. (Kap. I,2 sowie Kap. III und IV), des Weiteren die Einzelbeiträge in Schirren/Ueding

8 on, auf deren Grundlage die folgende Schlussregel, der so genannte Gerechtigkeits-Topos, beruht: Wenn zwei Dinge in quantitativer oder qualitativer Hinsicht gleich sind, sind sie diesbezüglich auch gleich zu behandeln oder zu bewerten,11 oder die Teil/Ganzes-Relation, auf deren Grundlage die Schlussregel: Das Ganze ist für die Bewertung einer Sache wichtiger als die Teile12 formuliert werden kann. Die Anwendbarkeit einer Schlussregel sichert für Kienpointner die Schlüssigkeit des Arguments hinsichtlich der zu stützenden Behauptung und legitimiert den Übergang vom einen zum anderen (vgl. Kienpointner 1992: 21f.; vgl. auch Eggs 2000: 587f.). Die Schlüssigkeit entspricht dabei im Wesentlichen sowohl Kopperschmidts Eignung als auch dessen Relevanz, nämlich dem Zusammenhang zwischen Argument und These in „inhaltlich [...] passender Weise“ (Kienpointner 1992: 17); zusammen mit Kienpointners Haltbarkeit des Arguments (Kopperschmidts Gültigkeit) ergibt sich schließlich dessen Plausibilität (was wiederum Kopperschmidts Überzeugungskraft entspricht). Aus Kienpointners und Kopperschmidts Ausführungen ergeben sich damit (in grundlegender Übereinstimmung mit Toulmin)13 also These/Behauptung (die durch die Stützung zur Konklusion werden), Argument und Schlussregel in ihrer expliziten Form

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(2000), einschließlich Bornscheuer (2000). Vgl. auch die Einträge Topik und Topos in Glück (22000: 740 bzw. 741). Vgl. die Gleichheits- bzw. Gerechtigkeitsregel bei Kienpointner (1992: 286, Argumentationsschema 22), mit seinem konkreten Beispiel: „Wenn Frauen und Männer in bestimmten Bereichen der Gesellschaft gleichwertige Arbeit leisten, sind sie gleich zu entlohnen“. Eggs (2000: 587ff., 590ff. und 594ff.) unterscheidet dabei strikt zwischen einer solchen kontextspezifischen Ausformulierung (die er generische Prämisse bzw. – in Anlehnung an Aristoteles – spezifischen Topos nennt) und der eigentlichen, wie oben wiedergegeben, kontextabstrakten Schlussregel (dem gemeinsamen bzw. allgemeinen Topos). Vgl. Argumentationsschema 16 bei Kienpointner (1992: 276). In Toulmins bekanntem Strukturschema der Argumentation (vgl. Toulmin/Rieke/Janik 21984) sind neben diesen drei Elementen, die dort als claims (Behauptungen; vgl. ebd.: 29ff.), grounds (Geltungsgründe/Argumente; vgl. ebd.: 37ff.) und warrants/rules (Übergangs-/Schlussregeln; vgl. ebd.: 45ff.) erscheinen, noch drei weitere vorgesehen: das backing (Absicherung, Stützung) der Schlussregel (vgl. ebd.: 61ff.), das erläutern soll, woher diese ihren Anspruch auf Verlässlichkeit nimmt, des Weiteren qualifiers (ebd.: 85ff.), die den Grad der Sicherheit des claims markieren, mit dem sich dieser aus Sicht des Argumentierenden aus der vollzogenen Argumentation ergibt (Kopperschmidt 1989: 129 bezeichnet sie entsprechend als Modaloperatoren), und schließlich die Angabe von rebuttals/exceptions (Gegengründe/Ausnahmebedingungen; vgl. Toulmin/Rieke/Janik 21984: 95ff.), bei deren ausnahmsweisem Vorliegen oder Eintreten die vollzogene Argumentation trotz plausibler Ausführung den erhobenen claim nicht stützen kann.

9 oder problemlosen Rekonstruierbarkeit14 als die drei wichtigsten Strukturelemente (und damit Grundvoraussetzungen) jeder plausiblen bzw. überzeugungskräftigen Argumentation. Was nun die argumentativen Schlussregeln selbst betrifft, sind sie für Kienpointner (1992: 46, Hervorh. i. Orig.) „Teil des gemeinsamen Weltwissens in einer Sprechgemeinschaft“, wobei „natürlich nur für einen Teil des Weltwissens [gilt], daß es von allen Mitgliedern [...] in gleicher Weise akzeptiert bzw. für sie verbindlich ist“15 (was v.a. im Zusammenhang des unredlichen Argumentierens von Bedeutung ist, wo es darum geht, mangelnde Akzeptabilität zu verschleiern). Auch für Aristoteles gründete das (dialogisch-) dialektische und das (monologisch-)rhetorische Argumentieren auf dem, was er als endoxa (,herrschende Meinungen‘) bezeichnete. Bornscheuer (1976: 95; vgl. ebd.: 44ff.) erschließt diesen Begriff aus den Topik- und RhetorikSchriften Aristoteles‘ und Ciceros als den Bereich, der „sämtliche mündlichen und schriftlichen, bewußt oder unbewußt internalisierten Geltungsansprüche der Tradition und Konvention“ umfasst, „vom idealen gesamtgesellschaftlichen consensus omnium [...] bis hin zu den dezidierten ,Lehrmeinungen‘ einzelner Autoritäten“; mit „dem Sententiösen, Sprichwörtlichen und Zitathaften“ gehöre dazu „der Bereich aller gesellschaftsgeschichtlichen Erfahrungen und Erinnerungen“.16 Dabei gelten solche „Meinungsnormen“ nun aber nicht nur (bspw.) im Bereich der Ethik, sondern auch im Bereich der „für den dialektisch-rhetorischen Disputationshabitus des griechischlateinischen (später gesamteuropäischen) Bildungssystems charakteristischen sprachlich-logischen Argumentationsformen“ (ebd.: 96). Mit den Topoi bzw. 14

15

16

Zum Status von Schlussregeln als „hochgradig konventionalisierte[n] Implikationen“, die daher implizit bleiben können, vgl. Kienpointner (1992: 30ff.; in Anlehnung an Öhlschläger 1979, van Eemeren/Grootendorst 1984 und Grice 1975 bzw. 1978). Dies kann sich zwar auch auf kontextabstrakte Schlussregeln beziehen (wie bspw.: Was die Mehrheit tut, soll man selbst auch tun, vgl. Kienpointner 1992: 276, Argumentationsschema 17), was wahrscheinlich kaum einen allgemeinen Anspruch auf Akzeptanz erheben kann), v.a. aber auf die kontextspezifischen Ausformulierungen von Schlussregeln, also ihre konkreten Anwendungen. So dürfte die Gerechtigkeitsregel an sich wohl allgemein akzeptabel sein; die Frage, unter welchen Bedingungen und in welcher Hinsicht z.B. verschiedene Menschen als gleich zu betrachten (oder auch nur miteinander zu vergleichen) sind, würde in einer emanzipierten und/oder egalitären Gesellschaft aber sicher anders beantwortet werden als in einer patriarchalischen und/oder ständisch organisierten. Zu diesem Problem, vgl. Kienpointner (1992: 252f., 254f., 265f. und 277f.), sowie z.B. Gast (1991: 333) und teilweise Kopperschmidt (1995: 65ff., v.a. 67ff., mit Bezug auf die Beispiele ebd.: 63f.); zu weiteren Beispielen bei kontextabstrakten Schlussregeln, vgl. auch Kienpointner (2000: 610f., Bsp. 1 und 7). Vgl. in diesem Sinne auch: Ueding (1991b: 2); Knoblauch (2000: 652f. und 663); Knape (2000, 752f.).

10 Schlussregeln als Teil der gesellschaftlichen Meinungen und Überzeugungen gehört die Argumentation letztlich dem Bereich des Wahrscheinlichen (und nicht der absoluten, zweifelsfreien, logischen Wahrheiten) an, da sich Plausibilität und Überzeugungskraft nur dann einstellen, wenn die Schlussregeln und die durch sie aus den Argumenten hergeleiteten Konklusionen für den Adressaten der Argumentation wahr (er)scheinen: Wenn sie also wahrscheinlich (im wörtlichen Sinn) sind. Es geht in der Argumentation damit um den dialektischen – im Gegensatz zum (formal)logischen – Beweis nach Aristoteles (vgl. Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004: 6; vgl. auch Bornscheuer 1976: 27), wie er in der Antike eben dialogisch im Streitgespräch zur Anwendung kam (Dialektik) sowie monologisch in den verschiedenen Formen der Rede (Rhetorik) und dessen Ziel letztlich darin besteht, die „Zustimmungsbereitschaft von Menschen zu ihnen vorgelegten Thesen zu wecken oder zu steigern“ (Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004: 5; vgl. auch Gast 1991: 334); dies alles in Bereichen, deren Probleme „jenseits kalkulierbarer Gewißheiten liegen“ (Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004: 1; vgl. auch Ueding 2000: xi), wie etwa in Politik oder Ethik, aber auch in der Wissenschaft in den Feldern, wo der Erkenntnisstand zwar (noch) unvollständig ist,17 aber doch im Interesse des weiteren Fortschritts Hypothesen aufgestellt (und diskutiert) werden müssen. Die Frage, wie Argumentation angesichts unterschiedlicher Teilhabe und Zustimmung(sbereitschaft) hinsichtlich gesellschaftlicher Meinungen und Überzeugungen plausibel und überzeugungskräftig sein, wie sie die von ihr vertretenen Thesen wahrscheinlich und akzeptabel machen kann, lösen Perelman/Olbrechts-Tyteca (2004) gerade durch das Anknüpfen an die antike Rhetorik, da deren Ziel (wie gesagt: die Zustimmung von Menschen) „identisch ist mit dem Ziel jeglicher Argumentation“ (Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004: 8)18 und da die Rhetorik durch ihre Ausrichtung auf eine Zuhörerschaft das Mittel an die Hand gebe, Plausibilität und Überzeugungskraft zu bewerten (vgl. ebd.: 6f. und 9). Der Erfolg der Argumentation ergibt sich, wie angedeutet, nämlich auch bei korrekter Ausführung nicht mit Notwendigkeit 17 18

Vgl. etwa die Beispielfälle für entsprechende Auseinandersetzungen in Gil (1985). Vgl. auch die Definition von Rhetorik in Glück (22000: 581): „Fähigkeit, durch öffentl[iche] Rede einen Standpunkt überzeugend zu vertreten und so Denken und Handeln anderer überzeugend zu beeinflussen“, wobei auch Perelman/OlbrechtsTyteca (2004: 7) darauf verweisen, dass die Zustimmung durch Überzeugung erfolgt. Vgl. auch Kopperschmidt (1977) sowie die Ausführungen zum „rhetorischen Grundmuster“ bei Gast (1991: 334ff.), mit Rhetor, Adressat, These, Prämisse und Subsumtion, die sich im Wesentlichen mit Proponent, Opponent, These, Argument und (Anwendung einer) Schlussregel bei Kopperschmidt (1989) decken (wobei ein wesentlicher Unterschied natürlich darin liegt, dass die These in der Rede nicht erst durch den Widerspruch eines aktiven Opponenten strittig wird, sondern von Anfang an durch den Rhetor selbst als stützungsbedürftig angenommen wird).

11 ,von selbst‘, sondern erst dann, wenn tatsächlich ein Konsens erzielt wird, also der Adressat zustimmt (vgl. v.a. Kopperschmidt 1977: 221 und ders. 2000: 669). Den rationalen Erfolg von Argumentation (vor dem rein faktischen) machen Perelman und Olbrechts-Tyteca nun aber nicht von der Zustimmung eines beliebigen Adressaten (des oder der konkret Angesprochenen) abhängig, sondern von der Überzeugungskraft bzw. Akzeptabilität für eine Hörerschaft, „die sich aus der ganzen Menschheit oder wenigstens aus allen erwachsenen und normalen Menschen zusammensetzt“ und die sie die ,universelle Hörerschaft‘ (auditoire universel) nennen (Perelman/OlbrechtsTyteca 2004: 40). Sie betonen natürlich, dass es sich bei deren Zustimmung nicht um eine wirklich ermittelbare Tatsache handelt, sondern um ein Einverständnis, dass der Redner (in seiner Vorstellung) bei einer solcher Hörerschaft voraussetzen könnte, so sie existierte und anwesend wäre (vgl. ebd.: 42).19 Kopperschmidt (1989: 118) formuliert Perelmans und Olbrechts-Tytecas Anforderungen an die Argumentation für die universelle Hörerschaft entsprechend dahingehend, dass ein vernünftiger Konsens nur dann vorliegen kann, wenn die Teilnahmechancen daran durch den Argumentierenden nicht restringiert werden, d.h. wenn er in seiner Argumentation nicht von vornherein nur auf eine bestimmte, partikulare Hörerschaft20 (und ihren Vernunftmaßstab) abzielt. Letztlich ergibt sich hier eine Unterscheidung zwischen einer rational universalisierbaren, konsensorientierten und insofern allgemein überzeugungsmächtigen Argumentation einerseits und einer partikularinteressen- und rein wirkungsorientierten und insofern auch nur hinsichtlich bestimmter Hörerschaften überredungsmächtigen Argumentation andererseits.

1.4

Arten wissenschaftlicher Auseinandersetzung

Mit Blick auf die Rolle der konkreten Hörerschaft dabei, einen Argumentationspartner zu überzeugen oder zu überreden (oder mitsamt seiner Position zu vernichten), sowie als Vorgriff auf die Polemik (dem letzten Punkt dieser einleitenden Bemerkungen), lohnt sich hier ein Blick auf die Klassifikation wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, wie sie Marcelo Dascal (1998; vgl. auch ders. 1995: 104ff. und 115ff.) vorgeschlagen hat.21 Er unterscheidet 19

20 21

Die universelle Hörerschaft ist dabei selbst ein Konstrukt des Redenden, das er sich in Abhängigkeit von seinen Vorstellungen (und von denen seiner Zeit und Kultur) bildet; vgl. Perelman/Olbrechts-Tyteca (2004: 44f.). Der Begriff auditoire particulier stammt ebenfalls von Perelman/Olbrechts-Tyteca. Dascal (1998; vgl. auch ders. 1995) spricht von polemical exchanges (etwa ,polemische Wechselreden‘), verwendet polemisch dabei aber in einem deutlich

12 drei ideale Typen von Auseinandersetzungen:22 die Diskussion, die Kontroverse und den Disput (discussion, controversy und dispute), die er als termini technici neu definiert. Gegenstand der Diskussion (vgl. Dascal 1998: 21) ist eine Unstimmigkeit, die von allen Beteiligten in einem wissenschaftlichen Begriffs- oder Verfahrensfehler vermutet wird, der durch allseitig anerkannte Verfahren (wie erneute Berechnung, Messung oder Experiment) zweifelsfrei ausgeräumt werden kann; in der Diskussion soll die objektive Wahrheit festgestellt werden (vgl. ebd.: 22), das dazu typischerweise angewandte Mittel ist der Beweis (proof)23 (vgl. ebd.: 25 und 26). In der Kontroverse (vgl. ebd.: 22) geht es dagegen um Unstimmigkeiten im Hinblick auf Haltungen und Einstellungen (attitudes) (Meinungswissen!), wobei die Beteiligten versuchen, ihrem Standpunkt durch das Mittel des vernünftigen Arguments (argument, reason) das Übergewicht über den des Gegners zu geben, also rational zu überzeugen (vgl. ebd.: 22, 25 und 27f.). Auch im Disput (vgl. ebd.: 21f.) liegen dann zwar Unstimmigkeiten im Hinblick auf Haltungen und Einstellungen vor; hier geht es aber nicht mehr ums rationale Überzeugen wie in der Kontroverse (in der man selbst u.U. bereit ist, den Vernunftgründen des Gegners nachzugeben, sich mit ihm auf eine modifizierte dritte Position zu einigen oder im Bewusstsein der Unmöglichkeit einer Verständigung auseinanderzugehen), sondern Ziel ist hier von vornherein der Sieg über den Gegner (egal ob man die eigene Position für wahr hält oder nicht) und als typisches Mittel dient nun der Kunstgriff (stratagem), der argumentativ sein kann, es aber nicht unbedingt sein muss, und der, wenn er es ist, nur überzeugungskräftig zu scheinen, d.h. nur wirkungsvoll zu sein braucht (vgl. ebd.: 25 und 26). Dabei sollte hier bereits darauf hingewiesen werden, dass der Sieg einer Seite sich in Auseinandersetzungen jenseits der Kontroverse häufig v.a. aus der Niederlage der Gegenseite ergibt, wobei (Kunstgriff!) der Sieger unterstellt, dass es keine dritte Alternative gibt und der Niederlage des Gegners ein Sieg der eigenen Position entsprechen muss. Kunstgriffe sind insofern häufig

22

23

anderem Sinn als Dieckmann (2005) und Stenzel (1986), an denen sich die Verwendung des Begriffs polemisch in der vorliegenden Arbeit orientiert; vgl. unten. Zu einer ähnlichen Einteilung nach wissenschaftlichem (bzw. apodiktischem), dialektischem und eristischem ,Beweis‘- bzw. Schlussverfahren bei Aristoteles, vgl. Veit (2000: 451) sowie Bornscheuer (1976: 27) und Dascals eigene diesbezügliche Bemerkungen (1998: 29). Hinsichtlich Dascals Kontroverse und Disput, vgl. zudem auch Perelman/Olbrechts-Tyteca (2004: 50ff., v.a. 53), die an ihrer Stelle von ,Klärungsgespräch‘ (dialogue heuristique) und ,Streitgespräch‘ (dialogue éristique) sprechen. Dascal (1998: 25) spricht auch hier von der Anwendung einer Schlussregel (inference rule) zur Verbindung von Proposition und Beweis; diese Art von Schlussregel muss ebenso wie der Beweis selbst unzweifelhaft sein. Es handelt sich damit also nicht um einen Topos im obigen Sinn (vgl. aber das weiter gefasste Verständnis von warrant bei Toulmin/Rieke/Janik 21984: 45ff.).

13 nicht dazu gedacht, etwas direkt zu belegen (nämlich die eigene Position), sondern vielmehr etwas zu widerlegen (nämlich die Position des Gegners). Im Zusammenhang mit der Diskussion erwähnt Dascal nun noch kein einziges Mal eine Zuhörerschaft; erst in der Kontroverse sind es „the adversary and/or a competent audience“, die man von der eigenen Position überzeugen will, und die Entscheidung über den Ausgang dieser Auseinandersetzungsart ergibt sich aus der Anerkennung einer der Positionen durch die „contenders or [...] their community of reference“ (Dascal 1998: 22; eig. Hervorh.). Im Disput schließlich soll der Kunstgriff dann v.a. wirkungsvoll sein, und zwar „vis-a-vis the intended addressee and audience“, und es geht bei seiner Anwendung vorrangig darum, „to let its user ,win the day‘ [...] in the eyes of the relevant audience (which may or may not include the interlocutor)“ (Dascal 1998: 25; eig. Hervorh.). Auch wenn Dascal es nicht ausdrücklich sagt, ist in der Kontroverse die Hörerschaft notfalls das Druckmittel, um den Gegner daran zu hindern, sich einer rational konsensorientierten, überzeugungskräftigen Argumentation zu entziehen, denn ist die Hörerschaft überzeugt, kann der Gegner dieses Votum nur noch durch bessere Argumente aushebeln oder muss nachgeben; die in einer Kontroverse typischerweise adressierte Hörerschaft dürfte dementsprechend die universelle sein, als deren Verkörperung die anwesenden Hörer betrachtet und behandelt werden. Im Disput zählt hinsichtlich des Ziels dann nicht mehr unbedingt der Gegner, sondern v.a. (bzw. fast nur noch) die Hörerschaft, denn ob der Gegner den Sieg, den man selbst reklamiert, anerkennt, ist unwesentlich, solange man die Zuhörer dazu gebracht hat, es zu tun; dabei verweist Dascals Ausdruck r e l e v a n t audience (vgl. ebd.: 25) wohl auf eine Hörerschaft, die partikular sein darf. Auch für McMullin (1987: 51ff.; eig. Hervorh.) spielt das Publikum in der Form der Auseinandersetzung, die er ähnlich wie Dascal den Disput definiert, die entscheidende Rolle, und es heißt dort noch etwas deutlicher als bei Dascal, dass „[t]he protagonists appeal to others as though to judges“, wobei auch Gil (1985: v.a. 361ff.) Überschneidungen zwischen (im dascalschen Sinne) disputähnlichen Auseinandersetzungen und Gerichtsverhandlungen sieht. Aus all dem wird klar, was weiter unten noch eine Rolle spielen wird: dass nämlich spätestens im Disput die Zuhörerschaft – als entscheidungsmächtige Instanz – der primäre Adressat der Äußerungen beider Seiten sein dürfte, selbst wenn der Gegner noch direkt angesprochen werden sollte. Im Zusammenhang mit der Hörerschaft ist es nun auch wichtig, dass Dascal (1998) mit den Unterscheidungen seiner Klassifikation Idealtypen erfasst, die sich in der Realität vermischen, v.a. weil sich Kunstgriffe häufig als Argumente oder Beweise ,tarnen‘ (vgl. ebd.: 28). An früherer Stelle (1989:

14 156f.)24 betrachtet er es für die siegorientierte, auf das Publikum ausgerichtete Auseinandersetzung ausdrücklich als nötig, sich zumindest äußerlich eine schlüssig-argumentative Struktur und den Eindruck der fairness, also der Konsensorientiertheit, zu geben. Wohlgemerkt: Dieser Eindruck ist (zumindest) der Hörerschaft zu geben, in deren Augen, nicht notwendigerweise denen des Gegners, die eigene Position ja als konsensfähig, wahrscheinlich und siegreich erscheinen muss (vgl. auch Kopperschmidt 1989: 117).

1.5

Streitmittel jenseits der Kontroverse: Kunstgriffe

Was Dascal als Disput beschreibt, ist für Schopenhauer (1985: 667ff. und 675ff.), wenn auch mit deutlich negativerer Einstellung, die ,eristische Dialektik‘, wobei es für ihn eine gewöhnliche Dialektik (d.h. vernünftiges, konsensorientiertes Argumentieren im Sinne von Dascals Kontroverse) de facto gar nicht gibt, denn im Streit gehe es dem Menschen in aller Regel ums Gewinnen, da er „von Natur r e c h t h a b e r i s c h“ sei (ebd.: 667) und die „angeborne Eitelkeit“ es „nicht haben [will], daß [das,] was wir zuerst aufgestellt[,] sich als falsch und das des Gegners als Recht ergebe“ (ebd.: 668). Die negative Bewertung wird am deutlichsten, wenn es quasi ohne Relativierung heißt, dass das Rechthaben für den Dialektiker ebenso wenig nötig sei, um Recht zu bekommen, wie es für denjenigen, der Recht hat, sicher ist, es im Streit zu behalten. Auch der im Recht Befindliche brauche daher die Dialektik, um seinem Recht (v.a. in „den Augen der Beisteher“; ebd.) überhaupt zur Anerkennung verhelfen zu können, und auch er müsse „die unredlichen Kunstgriffe kennen, um ihnen zu begegnen: ja oft selbst welche brauchen, um den Gegner mit gleichen Waffen zu schlagen“ (ebd.: 675). Die Mittel der (eristischen!) Dialektik sind für Schopenhauer also angesichts unredlicher Gegner nötig und legitim, wobei die Unredlichkeit des Gegners als Regelfall gilt. Ganz ähnlich beklagt auch Erdmann (71969: 37f.), dass „im Wortkampf nicht der Wille zur Wahrheit, sondern der Wille zur Macht wirksam“ sei und „oft [...] der Feinsinnige, Ehrliche, Bedenkliche durch den brutalen und skrupellosen Schreier dialektisch vergewaltigt“ werde.25 24

25

Wo Dascal, nebenbei bemerkt, controversy und dispute noch synonym nebeneinander verwendet. In der Tat heißt es in einer neueren Anleitung zum Argumentieren mit List und Tücke, dass (eben in einer listigen und tückischen Welt) Sachlichkeit oft unterliege und man daher mit Lüge, Bluff, Schikane und Intrige in der Regel besser fahre; vgl. dazu Anton (22001: 39f. und 45f.), der (ebd.: 16) die Eristik zudem vielsagend als eine „Hochleistungstechnik kommunikativer Vernebelung“ bezeichnet.

15 Zu den Mitteln eristischen Vorgehens (und des dascalschen Disputs) gehört es damit, Argumente und Schlussregeln (etwa durch Verfälschung der Verhältnisse oder durch Berufung auf angebliche Autorität oder Mehrheitsmeinung) als akzeptabel auszugeben, die es in Wirklichkeit nicht sind, oder sich beim Argumentieren an Standards zu halten, die nur bei der adressierten Instanz (als partikularer Hörerschaft) akzeptabel, aber nicht universalisierbar sind. Als Beispiele für entsprechende Kunstgriffe26 mögen die folgenden dienen: In der Erweiterung (vgl. Schopenhauer 1985: 678f., Kunstgriff 1) wird die Äußerung des Gegners über ihre ursprüngliche Formulierung hinaus ausgeweitet, bis sie bessere (oder bis sie überhaupt) Angriffsmöglichkeiten bietet, und erst dann bekämpft oder widerlegt; ein anderes Vorgehen, das argumentum ad hominem (vgl. ebd.: 682, Kunstgriff 5), besteht darin, den Gegner mit Argumenten anzugehen, die zwar er, nicht aber man selbst, für wahr und überzeugungskräftig betrachtet, bspw. wenn man religiösen Gegnern gegenüber mit religiösen Argumenten die eigene Sache durchsetzen zu können glaubt.27 Effektiv kann auch die Verschiebung der Bewertungskategorien in einer erörterten Frage sein (vgl. Erdmann 71969: 51), indem man zeigt, dass eine Sache zwar machbar, aber nicht wünschenswert ist (ebd.), und als einen „schäbige[n] Debattierkniff“ bezeichnet Erdmann (ebd.: 69) den Schrei nach dem Beweis (d.h. nach dem zweifelsfreien Beweis), der in dem Wissen ergeht, dass eigentliche Beweise im Bereich des Meinungs- und Überzeugungswissens nicht möglich sind, und der die gegnerischen Ausführungen im Ermangeln eines solchen Beweises als aus der Luft gegriffen erscheinen lässt. Toulmin/Rieke/Janik (21984: 147f. und 151ff.) führen des Weiteren das appeal to passion an, durch das Gegner und/oder Zuhörer mittels emotionaler Rührung (sob stories) zu einer Haltung oder Handlung bewegt oder davon abgebracht werden sollen, sowie den Fall der hasty generalisation, die aus untypischen oder zu wenigen (aber wirkungsvollen) Beispielen absichtlich falsche oder zu weit gehende Schlüsse zieht.

26

27

Listen mit und Erläuterungen zu argumentativen und eristischen Kunstgriffen und fallacies, die in die vorliegende Untersuchung einfließen, ohne dass in allgemeinen Fällen jedesmal explizit auf die Quelle Bezug genommen wird, finden sich z.B. in Schopenhauer (1985: 678ff.), Erdmann (71969: 37ff.), Toulmin/Rieke/Janik (21984: 129ff.), van Eemeren/Grootendorst (1992: Abschnitt II, S. 93ff.) sowie auch in Rother (31988) und Anton (22001). Zu den beiden Kunstgriffen Schopenhauers als Zeichen unintegren Argumentierens, vgl. auch Groeben/Schreier/Christmann (1993: 377, Punkte II.5 und III.6).

16

1.6

Polemik

Die soeben aufgeführten Kunstgriffe und fallacies sind solche, die sich, wenn auch in problematischer Weise, nun doch auf die Streitsache beziehen, so wie es im Disput zu erwarten ist, wenn er sich als Kontroverse tarnen und mit dem Schein der Vernünftigkeit umgeben will. In quasi allen Listen zu Kunstgriffen findet sich aber früher oder später auch das argumentum ad personam,28 das den Gegner in seinen Charaktereigenschaften, Gewohnheiten und Handlungen, aufgrund seiner Vergangenheit oder teils auch seiner körperlicher Eigenarten attackiert, um dadurch auch der von ihm vertretenen Position zu schaden. Schopenhauer (1985: 694f.) zufolge liegt die Beliebtheit dieses Kunstgriffs darin, dass „[j]eder zur Ausführung tauglich ist“, da man nur „kränkend, hämisch, beleidigend, grob“ zu werden braucht, in einer „Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Thierheit“. Neben Dascals Diskussion, Kontroverse und Disput schließt sich jenseits des letzteren damit als viertes das weite Feld der offenen Polemik an, zu der nach Schopenhauers und Erdmanns Einschätzung jeder Meinungsstreit tendiert, und deren Ziel nicht mehr nur der eigene Sieg und die bloße Niederlage des Gegners ist, sondern nun zusätzlich dessen viel weiter gehende persönliche Vernichtung. Das argumentum ad personam bzw. das Persönlichwerden ganz allgemein ist dabei eines der charakteristischen Merkmale der Polemik, wie sie z.B. Stenzel (1986) und Dieckmann (2005)29 definieren: nämlich als öffentlich ausgetragene, im Stil unsachliche, aber doch einen (zumindest äußerlich) argumentativen Grundgestus wahrende Form der aggressiven Rede, die (gesprochen- oder geschriebensprachlich) auch als Wechselpolemik, also als polemische Auseinandersetzung vorkommen kann.30 28

29

30

Vgl. z.B. Schopenhauer (1985: 694f.), Erdmann (71969: 45ff.), Toulmin/Rieke/Janik (21984: 144f.), van Eemeren/Grootendorst (1992: 110ff.). Zu einer ausführlichen Behandlung (einschließlich des Persönlichwerdens allgemein), vgl. auch Dieckmann (2005: Kap. 3.3, S. 63ff.). V.a. Dieckmann greift dabei umfangreich auf die Polemikforschung bis in die neueste Zeit hinein zurück, auch wenn er sich in der Definition von polemisch/Polemik letztlich eng an Stenzel anlehnt. Zu anderen, weiter reichenden Auffassungen von Polemik bzw. polemisch, vgl. z.B. Dascal (1998: 20f.), der unter einer „polemischen Wechselrede“ (polemical exchange) jede sprachlich ausgetragene „confrontation of attitudes, opinions, arguments, theories, and so forth“ betrachtet, in der sich mindestens zwei Personen mündlich oder schriftlich direkt gegeneinander wenden; vgl. des Weiteren Stati (1995: 363), wo „polemic“ definiert wird als „a kind of non cooperative behaviour“ und als „a reaction showing a critical attitude (destructive or constructive [...]) against a partner’s claim“, wobei dieser claim destruktiv nur zurückgewiesen bzw. konstruktiv durch einen eigenen erwidert wird.

17 Wesentlich ist nun zunächst das Merkmal der verbalen Aggression: Polemik nutzt die Sprache als „Instrument zur Aktivierung von Aversionen“ gegen einen Gegner, weswegen sie diffamieren müsse, was der Kritiker nur beanstande (Pehlke 1968: 134; vgl. ebd.: 142); sie lebe dabei „aus der Spannung extremer Gegensätze: von Affekt und Besonnenheit, von Argument und Bluff, [...] von rigorosem ethischem Prinzip31 und brutalem Vernichtungswillen“ (Oesterle 1986: 107), wobei ihr letztes Ziel eben „die intellektuelle oder moralische Vernichtung der angegriffenen Theorie oder Person“ ist (Pehlke 1968: 134; vgl. v.a. auch Stenzel 1986: 6 sowie Rohner 1987: 26). Sich in den Augen einer Hörerschaft erfolgreich (d.h. wirkungsvoll) im Recht zu präsentieren, reicht dem Polemiker nicht aus, vielleicht weil – wie Gloy (1996: 367) für den gesprochensprachlichen Streit feststellt – in der falschen Ansicht des Gegners auch etwas Vorwerfbares gesehen werden kann; also nicht nur ein Irrtum, sondern etwas, für das er sich, wenn er es (etwa wider besseres Wissen, entgegen der Vernunft etc.) öffentlich vertritt, auch zu verantworten hat (vgl. auch Schwitalla 1986: 45, Anm. 7) und wofür er dann auch zur Rechenschaft gezogen und beim Beharren auf seiner vorwerfbaren Position verurteilt, gebrandmarkt oder ausgegrenzt werden soll. So wie auch Dascal (1998: 21f.; Hervorh. im Orig.) feststellt, dass „[s]ome contenders see in the position held by their opponents and in their ,stubborn imperviousness to rational argument‘ symptoms of an illness against which the only reasonable action to take is punishment32, or therapy, or disregard“. Die polemische Situation33 ist bei all dem der argumentativen (dialektisch oder rhetorisch) sehr ähnlich: mit mindestens zwei Beteiligten – polemischem Subjekt (Polemiker, Angreifer) und polemischem Objekt (Angegriffener), die in einer Wechselpolemik die Rollen tauschen – und einer polemischen Instanz, also dem Publikum (vgl. jeweils Stenzel 1986: 5ff.). Die Unterschiede zu den früher genannten Auseinandersetzungsformen liegen nun (abgesehen 31

32

33

Dies kann auf den angeblichen Kampf des Polemikers für die Wahrheit oder auf seine Einforderung der Einhaltung von Streitnormen bezogen werden; vgl. unten. Angesichts v.a. von punishment dürfte illness wohl für ein Fehlverhalten stehen, wie es zur Steigerung der Negativbewertung häufig als ,krank(haft)‘ bezeichnet wird und das man dennoch nicht nur für vorwerfbar hält, sondern dessen Vorwerfbarkeit gerade durch diese Bewertung noch unterstrichen wird. Die von Stenzel (1986: 5, Anm. 11) angedeutete und von Dieckmann (2005: 37f.) weiter ausgeführte Unterscheidung zwischen dem Autor einer Polemik und seiner Rolle als Polemiker wird hier terminologisch nicht aufgegriffen, da sie m.E. keinem (potenziell völligen) Identitätsunterschied entspricht, wie im Fall des Vorbildes, der Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler/lyrischem Ich in Epik/Lyrik. Im eigentlichen Sinn der Unterscheidung wird aber gegebenenfalls klarzustellen sein, wo und inwiefern es Hinweise darauf gibt, dass der Polemiker sich zweckorientiert verstellt bzw. sein kommunikatives Verhalten für verdeckte Ziele instrumentalisiert.

18 vom bereits erwähnten Ziel) zum ersten im strittigen Gegenstand, der zwar auch hier aus dem Bereich der Meinungen/Überzeugungen kommt, dabei aber (wohl für Polemiker und Publikum) sehr viel stärker „eine ausgiebige Energiequelle für Aggressionen“ sein und (nun v.a. beim Publikum) „intensive Wertgefühle aktivieren können“ muss (ebd.: 6). Zum zweiten (und eng mit dem ersten zusammenhängend) ist zwar auch die polemische Auseinandersetzung (wie bereits der Disput) ein „imaginäres Plebiszit“ (Pehlke 1968: 134; vgl. ebd.: 136) und die polemische Instanz darin „nach dem Muster der Rechtssprache“ das „als entscheidungsmächtig vorgestellte Publikum“ (vgl. Stenzel 1986: 5f.), dies zudem auch hier, wie im dascalschen Disput, i.d.R. als primärer Adressat der Beteiligten (vgl. Dieckmann 2005: 40ff.); der idealtypische, d.h. der schlimmstmögliche Fall des Polemikers wird darüber hinaus nun aber „zum Einpeitscher einer aggressiven Horde“, zu deren „Aggressionsobjekt“ er den zu vernichtenden Gegner macht (vgl. Stenzel 1986: 7). Immerhin hat Hassenstein (1968: 2) zufolge die „verbal geäußerte Aggression [...] als solche einen emotionalen Werbewert“, so dass mit ihrer Hilfe (neben Überreden und Überzeugen) Menschen beeinflusst, gelenkt und dazu gebracht werden können, sich mit dem Angreifer zu solidarisieren34 (vgl. ebd.: 6f. und 9). Der Polemiker nimmt es dabei sicher gern in Kauf, wenn das Publikum nach dem Ende einer polemischen Auseinandersetzung noch nicht mit dem Gegner ,fertig‘ ist, sondern sich seine Aversionen und/oder Aggressionen bewahrt und die Auseinandersetzung vielleicht sogar (und sei es nur durch die Wiederholung und Weiterverbreitung der siegreichen ,Argumente‘) fortsetzt; wenn die Zuhörer also von Unbeteiligten oder passiven Sympathisanten zu aktiven Verbündeten des Polemikers im Kampf gegen die Position und Person des Gegners werden. Das grundsätzliche Problem ist bei all dem nun, dass das wesentliche Mittel der Polemik, anders als im Disput, das Persönlichwerden ist. Der persönliche Angriff (vgl. Apeltauer 1977: 231ff.) dringt dabei in den unmittelbaren Persönlichkeitsraum des Gegners ein und greift ihn in seiner Identität und seinem Selbstwertgefühl an, um ihn angesichts der Gefahr noch weiter gehender Verletzungen, Bloßstellungen oder Anprangerungen35, also angesichts der Gefahr des völligen Gesichtsverlustes, zum Rückzug und zur Aufgabe zu bewegen.36 Das aggressive Persönlichwerden ist so nachvollziehbar als ern34

35 36

Auch wenn Hassenstein sich auf die (ohne jeden Zweifel sehr viel wirksamere) gesprochene, an anwesende Hörer gerichtete verbale Aggression bezieht, dürfen entsprechende Mechanismen ohne Zweifel auch in der geschriebenen Auseinandersetzung angenommen werden; auch Stenzel (1986: 7; wie oben soeben zitiert) geht erkennbar davon aus. Zum Bloßstellen und Anprangern, vgl. z.B. Kiener (1983: 44ff.). Was in der gesprochensprachlichen Auseinandersetzung, auf die sich Apeltauer eigentlich bezieht, sehr viel leichter und effektiver möglich sein dürfte, angesichts

19 ster Verstoß gegen Normen stigmatisiert, deren Einhaltung auch im Rahmen von Auseinandersetzungen, v.a. von schriftlich geführten, erwartet wird (vgl. Dieckmann 2005: 63ff., 155ff. und 192ff.); zu diesen Normen gehören ferner etwa die Befolgung der Regeln des korrekten (d.h. rationalen und konsensorientierten) Argumentierens, das Vermeiden eines emotional erregten Auftretens oder gar des Schimpfens sowie das Unterlassen von Äußerungen, die wissentlich Falsches enthalten (vgl. Dieckmann 2005: 161ff., 185ff., 207ff., 209ff.). Während der Disput seine Verstöße gegen das rationale Argumentieren zu verschleiern versucht, operiert die Polemik nun aber gerade mit recht offenen Verstößen gegen Normen wie die obigen, wofür sie in aller Regel entweder (entschuldigend) mildernde Umstände oder (rechtfertigend) höherwertige, vorrangige Normen ins Feld führt (vgl. im Folgenden v.a. Dieckmann 2005: 107f., sowie ebd.: Kap. 5.6, S. 223ff.): Dazu gehören häufig die (angebliche) Notwendigkeit zur (u.U. auch drastischen) Reaktion auf nicht tolerierbare oder gefährliche Verhaltensweisen und Positionen des Gegners oder auch die Verteidigung gegen dessen vorausgehende Angriffe; d.h. also, dass die Abwendung von Gefahr für das Gemeinwesen andere Normen außer Kraft setzt und dass auch die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem sowie allgemein die Verteidigung gegen persönliche Angriffe (unter gewissen Bedingungen, in gewissen Grenzen) zu entschuldigen bzw. zu rechtfertigen sind. Ebenso wie die Gültigkeit, Eignung und Relevanz von Argumenten oder der Status der die Auseinandersetzung betreffenden Faktoren als standard- oder nichtstandardepistemisch (vgl. jew. oben), kann damit nun aber auch das Streitverhalten der Beteiligten zum Gegenstand des Streites werden – und wird dies eher häufiger als seltener (vgl. v.a. Dieckmann 2005: 78ff.). Was bei all dem nun aber noch einmal das Persönlichwerden bzw. das argumentum ad personam betrifft, so verweist u.a. Dascal (1998: 28) darauf, dass die Charaktereigenschaften einer Person, wenn es bspw. um die Eignung für eine bestimmte Aufgabe oder ein Amt geht, durchaus relevant sein können, falls es etwa Belege für Unehrlichkeit oder Qualifikationsdefizite gibt. Die Person kann also durchaus Gegenstand einer Auseinandersetzung und das argumentum ad personam damit auch tatsächlich als Argument (im Gegensatz zu Kunstgriff) rational überzeugungskräftig und statthaft sein (vgl. auch Kienpointner 1983: 152);37 da sich die Polemik wie der Disput und die Kontroverse im Bereich der Überzeugungen und Meinungen bewegt, ist es im Zweifelsfall aber auch nicht allzu schwer, Ansichten und Handlungen des Gegners als Ergebnis ideologischer Voreingenommenheit oder partikularer Interessen zu diskreditieren, wenn man ihm Verbindungen (oder auch nur Sympathien) hinsichtlich der entsprechenden ideologischen oder partikularen

37

der viel unmittelbareren Wirkung des Wortes in dieser Situation und der viel größeren Gefahr, am Druck zur schnellen Reaktion zu scheitern. Zur ausführlicheren Diskussion, vgl. Dieckmann (2005: 63ff.).

20 Gruppen ,nachweisen‘ (oder ihn dessen vielleicht auch nur verdächtigen38) kann. Da das Persönlichwerden aber auch unter den Umständen, unter denen es zulässig ist, den Gegner immer noch persönlich diskreditiert und insofern (vor dem Hintergrund christlich-abendländischer Tradition39) noch immer als normwidrig gelten kann, wird es nicht selten (so auch im Streit zwischen Vogt und Wagner) mit der Absicht des Polemikers nach der Erhellung der ,vollen Wahrheit‘ als notwendig begründet, also wiederum durch Berufung auf ein höheres Interesse gerechtfertigt. Dieckmann (2005: 190ff. und 269f.) sieht das Aussprechen der Wahrheit auf der Grundlage seiner umfangreichen Textuntersuchungen zwar nicht als allgemeinen Rechtfertigungs- und auch nur sehr zurückhaltend als Entschuldigungsgrund für Verstöße gegen Streitnormen belegt, betrachtet aber immerhin „Verbreitung der Wahrheit“, „Beseitigung von Unwahrheit durch Widerlegung des Gegners“ und „Aufklärung des Publikums“ als klassische Selbstzuschreibungen des Polemikers (ebd.: 42). Es kann bei all dem also kaum verwundern, dass ausgerechnet die Polemik deutlicher und lauter als andere Auseinandersetzungsformen für sich beansprucht, im Dienste von Wahrheit und Vernunft zu stehen und insofern als Kontroverse zu gelten, deren Auswüchse (auch die eigenen!) im Zweifel allein der Gegner zu verantworten hat, den man für seine Verstöße in die Schranken weisen muss – ,notfalls‘ eben auch drastisch und ad personam. Was als letzter Punkt noch zu erwähnen bleibt, ist die Frage, warum Polemik, die selbst die Normen verletzt, deren Einhaltung durch den Gegner sie fordert bzw. deren Nichteinhaltung durch ihn sie zum Gegenstand des Angriffs macht, warum Polemik nicht auf stärkeren Widerstand seitens des Publikums stößt; die Erklärung liegt v.a. für Dieckmann (vgl. im Folgenden v.a. 2005: 275ff.) in dem Deckmantel der Rechtschaffenheit und Normkonformität, mit dem sie sich, wie soeben ausgeführt, wenn auch noch so fadenscheinig, umgibt: ihre zumindest vorgebliche rücksichtslose Wahrheitsliebe, die Entschuldigung/Rechtfertigung eigener Normverstöße durch Verweis auf das Verhalten des Gegners oder höhere Güter sowie ganz allgemein ihr (zumindest äußerlich) „argumentierender Grundgestus“ (Stenzel 1986: 5) als Zeichen der eigenen Bereitschaft zur gesellschaftlich akzeptierten Form des Meinungsstreits (vgl. oben). Der Grund, weshalb das Publikum über die Fadenscheinigkeit all dessen hinwegsieht, liegt Dieckmann zufolge wiederum im Unterhaltungswert der Polemik: in der Lust und dem intellektuellen und ästhetischen Vergnügen, das sie im Gegenzug für Nachsicht gewährt. Immerhin eröffnen „Angriff und Verteidigung mit den Mitteln der Sprache [...] die Gelegenheit, geistige Brillanz und Schlagfertigkeit zu entfalten“ (Kiener 1983: 13), und Stenzel (1986: 3) fasst den Unterhaltungswert der Polemik 38 39

Zum Verdächtigen, vgl. z.B. Kiener (1983: 38ff.). Vgl. Dieckmann (2005: 255ff.).

21 kurz und bündig in die bekannte Formel: „[W]enn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“. Wichtig ist in diesem Zusammenhang sicher v.a. die „Komik in all ihren aggressiven Spielarten“ (Lamping 1986: 37), das „intellektuelle Vergnügen, das ein gelungener Witz bereiten kann, auch wenn er auf Kosten eines anderen geht“ (Dieckmann 2005: 276). Dabei ist Humor aber nicht nur ein Mittel, den Zuhörer in eine augenzwinkernde Komplizenschaft, in das Hinwegsehen über Normverstöße des Polemikers zu ködern, sondern kann selbst auch als Kunstgriff zum Erreichen der polemischen Ziele gelten. In diesem Sinn bemerkt Stenzel (1986: 7; eig. Hervorh.): „Ist jemandem [...] ein aggressiver Witz gelungen, so konstatiert der Volksmund, er habe die Lacher40 auf seiner Seite“, und so hebt auch Lamping (1986: 37) die Komik als ein weiteres Mittel der affektiven Leserbeeinflussung hervor, insofern als das, was lächerlich ist, u.U. nicht mehr mitleidswürdig erscheint. Nach allem Vorausgehenden zeichnet sich der Bereich, in dem sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung als Meinungs- und Überzeugungsstreit, wie im Fall der Auseinandersetzung zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt um die Seele, bewegt, ab als das Feld zwischen den Idealtypen der Kontroverse (als rational konsensorientierter Auseinandersetzung mit Argumenten vor dem, was man vielleicht als Zeugeninstanz bezeichnen könnte), des Disputs (als scheinbar konsens-, tatsächlich aber nur siegorientierter Auseinandersetzung mit mehr oder weniger ,sachbezogenen‘ Kunstgriffen vor einer Richterinstanz) und der offenen polemischen Auseinandersetzung (mit der nur schwach verhohlenen Absicht zur Vernichtung des Gegners und seiner Position durch im Wesentlichen persönliche Kunstgriffe und den ,Werbewert‘ sowohl der verbalen Aggression als auch des aggressiven Humors; dies alles nun ebenfalls vor einer öffentlichen Richterinstanz, die aber möglicherweise zur eigenen aktiven – verbalen – Teilnahme am Kampf bewegt werden soll und wohl v.a. dadurch dann im Extremfall auch zu der ,aggressiven Horde‘ tendieren kann, von der Stenzel 1986: 7 spricht).

40

Lacher als Nomen agentis: ,die Lachenden‘ (nicht als Nomen acti).

2

Der Hintergrund des Streits zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt

2.1

Die Entwicklung von moderner Naturwissenschaft und Materialismus

2.1.1

Die wissenschaftliche Revolution

Um das wissenschaftliche Selbstverständnis des deutschen Materialismus des 19. Jahrhunderts in seiner Konfrontation mit einer christlichen Wissenschaftstradition zu verstehen und um seine Entstehung aufzuzeigen, lohnt sich ein kurzer Abriss wesentlicher Züge der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften, deren Ansätze in die frühe Neuzeit zurückreichen.1 Denn nachdem wissenschaftliche Gelehrsamkeit im Mittelalter v.a. Beschäftigung mit antiken Autoritäten2 war, setzte mit der Renaissance das Interesse an der Weiterentwicklung wissenschaftlicher Fragen wieder ein. Die so genannte wissenschaftliche Revolution beruht dabei nach Kuhn (31988) zum einen auf der Entwicklung einer radikal neuen, empirisch-experimentellen Methode (in deren Tradition sich die Materialisten sahen) und zum anderen auf einem Umbruch in den eher mathematisch orientierten klassischen Naturwissenschaften, wie sie seit der Antike betrieben und überliefert wurden.3 Die empirisch-experimentelle Methode ist v.a. mit dem Namen von Francis Bacon (1561–1626) verbunden (vgl. Kuhn 31988: 92ff.; Mason 1997: 169ff.; Hirschberger 111981b: 48ff.; Röd 1994/96, Bd. 1: 451ff.), der den Fortschritt um des Wohls und des Nutzens der Menschheit willen durch Vereinigung der gelehrten wissenschaftlichen mit der praktisch-handwerklichen Tradition vorantreiben wollte. Ausgangspunkt seines Ansatzes war die 1

2

3

Zur Wissenschaftsgeschichte oder einzelnen ihrer Aspekte, vgl. allgemein Mason (1997), Kuhn (31988), Schlote (2002), Hirschberger (111981b), Röd (1994/96), Nipperdey (1998), Vitzthum (1995), Schnädelbach (61999), Lange (1974). Dabei sind z.B. die von der Scholastik christianisierten Lehren des Aristoteles zu nennen (nicht nur seine Metaphysik, einschließlich der Lehre von Leib und Seele, sondern auch seine im engeren Sinn des Wortes naturphilosophischen Schriften; vgl. z.B. Mason 1997: 55ff.), sowie das geozentrische aristotelisch-ptolemäische Weltbild (vgl. ebd.: 69f.) oder die medizinischen Lehren Galens (vgl. ebd.: 72ff.). Zu diesen klassischen Naturwissenschaften zählt Kuhn (31988: 88) die Astronomie, die Optik und die Statik, die im engen Zusammenhang mit der Harmonielehre und der Mathematik betrieben wurden.

23 Sammlung umfangreichen Beobachtungsmaterials, aus dem durch experimentelles Testen von Hypothesen qualitativ neue Erkenntnisse gewonnen werden sollten, um auf ihrer Grundlage in immer weiteren Durchgängen immer weiter führende Hypothesen zu prüfen; gegenüber dem Mittelalter betrieb Bacon damit die Abwendung von der Überlieferung, hin zu den Dingen selbst, gegenüber der Antike die Lösung vom bloßen Gedankenexperiment bzw. von Versuchen, die anderweitig gewonnene Annahmen nur demonstrieren sollten (vgl. Kuhn 31988: 92ff.). Bacon stand mit seiner Betonung des Experiments aber auch der etwa zeitgleichen Entwicklung in den erwähnten, eher mathematisch arbeitenden klassischen Naturwissenschaften gegenüber, wie sie z.B. von Galileo Galilei (1564–1642), René Descartes (1596–1650) und später auch Isaac Newton (1642–1727) vertreten wurden (vgl. Kuhn 31988; Mason 1997: 153ff., 178ff. und 229ff.; Hirschberger 111981b: 40ff.; Röd 1994/96, Bd. 1: 439ff.; ders., Bd. 2: 17ff.). Ausgangsgrundlage waren zwar bspw. auch für Galilei überwiegend Beobachtungsdaten; aus ihnen wurden dann aber v.a. theoretischsystematisch (d.h. vorwiegend durch mathematische Deduktion) Erklärungen, Hypothesen und Gesetze abgeleitet und erst dann gegebenenfalls experimentell verifiziert. Auch Descartes, der die Methode des logischen, mathematisch-deduktiven Schließens zum Höhepunkt führte, griff in Detailfragen zwar auf das Experiment zurück, wo das theoretische Vorgehen keine klaren Antworten lieferte (vgl. Mason 1997: 200ff.); anders als Galilei und Newton hielt er es (als einer der wichtigsten Vertreter der rationalistischen Philosophie) jedoch für falsch, von Beobachtungsdaten auszugehen und zog stattdessen allgemeine Prinzipien heran, deren Richtigkeit durch die Intuition (nicht sinnlich-empirisch, sondern rational) verbürgt und aus denen alle Hauptmerkmale der Natur eben logisch-mathematisch deduzierbar sein sollten. Auch wenn dieser Ansatz weniger stark auf die Empirie zurückgriff als bspw. von Bacon gefordert, war er deshalb aber natürlich nicht unwissenschaftlich, da die Mathematik gerade für die im heutigen Sinne physikalischen Bereiche (wie Astronomie oder Mechanik) von grundlegender Bedeutung ist; einer der wesentlichen Fortschritte dieses Ansatzes war immerhin der Übergang vom geozentrischen, aristotelisch-ptolemäischen Weltbild, mit um die Erde rotierenden festen Sphären, über Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton zum heliozentrischen Kosmos mit Planeten, die durch mechanische Bewegungsgesetze und die Gesetze der Gravitation auf ihren Bahnen gehalten werden. Dabei erfolgte im Zuge der angerissenen Entwicklung aber nicht nur eine Mechanisierung des Himmels, sondern der ganzen physischen Welt, und neben den i.e.S. naturwissenschaftlichen Beiträgen Galileis und Newtons zur Entwicklung der modernen Mechanik gehört hierher auch die mechanistische Philosophie Descartes, die er auf seiner Form des mathematisch-deduktiven Ansatzes errichtete und die – im Hinblick auf den Materialismus – v.a. wegen

24 ihrer strikten dualistischen Trennung der Welt in einen materiellen und einen geistigen Teil von Bedeutung ist (vgl. im Folgenden: Mason 1997: 205ff.; Hirschberger 111981b: 102ff., v.a. 108ff.; Röd 1994/96, Bd. 2: 28f.). Für Descartes stand vor und über der Welt zunächst Gott als Schöpfer, den er sich als unerschaffenes und unendliches geistiges Wesen vorstellte. Die von Gott erschaffene Welt bestand dann zum einen aus einer Substanz, deren Eigenschaft die Ausdehnung war (die res extensa, die die unbelebte ebenso wie die belebte physische Natur ausmachte, also die materiellen Körper, einschließlich der Leiber der Lebewesen), sowie zum anderen aus einer Substanz, deren Eigenschaft das Denken war (die res cogitans, aus der die erschaffene geistige Seele des Menschen bestand); dabei betrachtete Descartes Ausdehnung und Denken als so grundverschieden, dass sie getrennten Substanzen angehören mussten. Allein im Menschen kam es nun aufgrund von materiellem Körper und geistiger Seele zu einer Überschneidung beider Bereiche, denn Tiere und Pflanzen sah Descartes als rein materielle, seelenlose Wesen. Die Materie stellte er sich dabei als völlig träge vor; sie konnte sich nicht selbst bewegen, sondern nur bewegt werden, indem ihr von außen etwas von der Bewegung mitgeteilt wurde, die ebenfalls von Gott in einer bestimmten und immer gleichbleibenden ,Menge‘ erschaffenen worden war. Die gesamte materielle Welt sollte dabei allein aufgrund der mechanischen Wirkung von Druck und Stoß, nach den streng deterministischen Gesetzen von Ursache und Wirkung funktionieren. Und während auch die unbeseelten Pflanzen und Tiere wie bloße Maschinen dieser (wiederum von Gott festgesetzten) naturgesetzlichen Kausalität völlig unterworfen waren, indem sie nur auf Außenreize reagierten, kam dem Menschen aufgrund seiner Seele die Möglichkeit zu, auf die Wirkung der grundsätzlich auch ihn betreffenden äußeren Ursachen Einfluss zu nehmen und die mechanische Notwendigkeit durch seinen freien Willen zu durchbrechen (vgl. unten, Kap. 2.2.1.3). Kritik erfuhr Descartes‘ dualistische Position u.a. von erkenntnistheoretischer Seite. Zu Beginn der Entwicklung seines Systems hatte er sich gefragt, inwiefern Erkenntnis überhaupt möglich war: Wie man sicher sein konnte, dass das Wahrgenommene, v.a. die materielle Außenwelt, nicht nur Illusion war (vgl. im Folgenden Weischedel 231993: 118ff.; Störig 1992: 316f.; Hirschberger 111981b: 104ff.; Russell 62003, 572ff.). Ohne auf die Beweisführung näher eingehen zu wollen, war für ihn nur die Existenz der res cogitans unmittelbar und damit sicher gegeben: nämlich aus der Tatsache des Denkens selbst, gemäß Descartes‘ berühmtem cogito ergo sum. Die Existenz Gottes ergab sich nur indirekt, u.a. aus der Überlegung, dass die Vorstellung eines höchsten vollkommenen Wesens weder von der unvollkommenen res cogitans erdacht, noch durch die sinnliche Wahrnehmung aus der materiellen Natur entnommen sein konnte, wo (egal ob Illusion oder nicht) nichts Vollkommenes existierte. Die Gottesvorstellung konnte für Descartes daher nur

25 auf Gott selbst zurückgehen, der sie dem Menschen eingab und damit existieren musste. Zur Vollkommenheit Gottes gehörte es nun aber auch, dass er den Menschen nicht über die Existenz der materiellen Außenwelt täuschte, die damit ebenfalls als tatsächlich gegeben betrachtet werden durfte. Die Kritik daran kam nun u.a. von Thomas Hobbes (1588–1679; vgl. Hirschberger 111981b: 189ff.; Röd 1994/96, Bd. 2: 34ff.; Lange 1974, Bd.1: 247ff., v.a. 257ff.): Auch für ihn war das Denken zwar sicher aus der Erfahrung gegeben, daraus folgerte er jedoch nur, dass es etwas gab, das dachte, nicht aber, dass es sich dabei um eine geistige Substanz handelte. Er hielt es vielmehr für möglich, dass das Denken auf Vorgängen im menschlichen Organismus beruhte, dass also die res extensa selbst denkfähig war, und dies ist, wie sich zeigen wird, bereits die Formulierung der wohl wesentlichsten Position des Materialismus. Der Außenwelt trat Hobbes zudem ohne das Misstrauen Descartes‘ gegenüber: Zwar glaubte er, dass sie für den Menschen ihrem wahren Wesen nach unzugänglich und nur in Gestalt von Vorstellungen gegeben war (die den alleinigen Inhalt des Denkens bildeten); diese Vorstellungen konnten für ihn aber nur auf die Erfahrung, d.h. auf die Wahrnehmung von Reizen zurückgehen, die materielle Dinge auf die materiellen Sinnesorgane ausübten. Da für Hobbes nur Materielles überhaupt wahrgenommen werden konnte, war Gott, der der christlichen Tradition zufolge ein rein geistiges Wesen sein musste, von jeglicher Erkenntnis durch den Menschen ausgeschlossen; aus der Existenz der Welt und der Notwendigkeit eines Anfangs von Ursache und Wirkung konnte zwar auf ihn geschlossen werden, Vorstellungen und damit Wissen von ihm konnte es aber mangels einer Erfahrungsgrundlage nicht geben. Gott und alles Übernatürliche waren für Hobbes allenfalls Gegenstand des religiösen Glaubens,4 nicht aber der Philosophie. Auch wenn Hobbes, trotz zweifelsfreier Tendenzen, nicht einhellig dem Materialismus zugeschlagen wird (z.B. nicht von Röd 1994/96), ist es doch für die weitere Entwicklung von Bedeutung, dass Philosophie bei ihm zur positiven, d.h. auf die bloßen empirischen Fakten bezogenen Naturwissenschaft wurde; dies durchaus im anwendungs- und nutzenorientierten Sinne Bacons, mit dessen Methodenlehre er vertraut war (vgl. v.a. Lange 1974, Bd. 1: 250f.). Die positive Naturwissenschaft wurde in der Folgezeit dann auch zu einem bedeutenden Faktor in England bzw. Großbritannien. Noch während des 17. Jahrhunderts griff dort ein allgemeines gesellschaftliches Interesse für die Naturwissenschaft und das Experimentieren um sich, das in der eigentlichen 4

Dabei ist anzumerken, dass Hobbes die Religion zwar nicht aus innerer Überzeugung, aber doch im Interesse der Aufrechterhaltung politischer und gesellschaftlicher Ordnung befürwortete, da die philosophische Einsicht in die entsprechenden Notwendigkeiten nicht von allen Menschen erwartet werden konnte (vgl. Hirschberger 111981b: 194f.; Lange 1974, Bd. 1: 236f. und 254ff.).

26 Forschung mit den Namen Robert Boyle (1627–1691) und dem schon erwähnten Isaac Newton verbunden ist (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 262ff., v.a. 269ff. und 272ff., sowie Mason 1997: 237ff. und 284ff.). Boyle wies, wenn auch noch nicht schulbildend, auf die Entwicklung der modernen Chemie voraus (im Gegensatz zur alten, mit magischen und mystischen Vorstellungen durchdrungenen Alchimie), die er als Anhänger Bacons auf ein Fundament experimenteller Beobachtung stellen wollte. Und auch Newton, selbst wenn er vorwiegend mathematisch-deduktiv arbeitete, gründete seine Arbeiten doch letztlich wie Galilei auf positive Beobachtungsdaten und ist von entscheidender Bedeutung für die Weiterentwicklung der nachgalileischen Mechanik zu einem wissenschaftlich fundierten, „universalen System“ (Hirschberger 111981b: 220); von Bedeutung zumal, da die Mechanik dann für lange Zeit zur Leitwissenschaft des Materialismus wurde. V.a. aber lieferte Newton mit der Einführung der Gravitationslehre in die Himmelsabläufe den für lange Zeit wichtigsten Beitrag zur Astronomie. Während sowohl er als auch Boyle dabei hinsichtlich des ,normalen‘ Ablaufs der Naturvorgänge zu physikalisch-mechanischen Auffassungen neigten und in dieser Hinsicht dazu beitrugen, den positiven Ansatz Hobbes‘ in der englischen bzw. britischen Naturforschung „heimisch“ zu machen (Lange 1974, Bd. 1: 268), glaubten sie anders als Hobbes aber aufrichtig an Gott,5 dem sie zumindest am Rande der physischen Welt eine Aufgabe zugestanden. Boyle verglich das Weltall mit der Uhr des Straßburger Münsters und hielt für beide einen intelligenten Konstrukteur für erforderlich (vgl. ebd.: 270); und Newton betrachtete Gott nicht nur als ersten Beweger der Welt, sondern auch als ihren Regulator, da sich die Planeten in ihrem Lauf gegenseitig störten und das Universum ohne Gott, wenn auch erst über sehr lange Zeiträume, in Unordnung geraten müsse (vgl. Mason 1997: 246f.). Die Trennung zwischen einem religiösen Glauben einerseits (auch wenn Gott in den Alltag des Menschen nicht mehr eingriff) und der Betrachtung der Welt unter physikalischmechanischen, rein naturgesetzlichen Vorzeichen andererseits kennzeichnet dabei eine Position, die – wie Lange wiederholt hervorhebt – charakteristisch für die britische Forschung dieser Zeit war; und auch Rudolph Wagner berief sich in seiner eigenen (angeblichen) Trennung von Religion und Wissenschaft später u.a. ausdrücklich auf das Vorbild Newtons.6 Ein interessanter und sehr weiter Vorgriff Boyles auf die zukünftige Entwicklung der Chemie, der hier noch Erwähnung finden soll, war seine Auseinandersetzung mit der antiken Atomtheorie, die er zur Erklärung physikalischer Eigenschaften von Gasen heranzog (vgl. Mason 1997: 285) und von der er aus den Schriften von Pierre Gassendi (1592–1655) erfahren hatte, der – 5 6

Vgl. die vorausgehende Anmerkung. Vgl. Wagner (1851/52, in AZ 20/1852: 314).

27 nach einigen anderen Vorläufern seit der Renaissance – als der eigentliche Wiederbegründer des griechischen Materialismus aus antiken Quellen gilt (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 270 und 188ff., sowie Vitzthum 1995: 61ff. und Hirschberger 111981b: 21 und 43). Die Wiederbelebung dieser Lehre durch Gassendi ist für den Hintergrund der vorliegenden Untersuchung nun natürlich von einiger Bedeutung.

2.1.2

Die Wiederbelebung des antiken Materialismus7

Der überlieferte antike Materialismus, der stets mit der Atomlehre verbunden war, geht zurück auf den Griechen Demokrit (5./4. Jhd. v. Chr.), wurde von Epikur (3./2. Jhd. v. Chr.) weitergeführt und am umfassendsten durch den Römer Lukrez (1. Jhd. v. Chr.) in Form eines Lehrgedichts überliefert, das erst im 15. Jahrhundert wiederentdeckt wurde (vgl. Vitzthum 1995: 61). Zentral war dabei stets die Lehre einer rein materiellen Welt, hinter oder über der nichts anderes stand, auch kein Reich platonischer Ideen (vgl. im Folgenden Lange 1974, Bd. 1: 15ff. und 78ff.; Vitzthum 1995: 26f. und 27ff., sowie Hirschberger 121981a: 42ff. und 279ff.). Die Welt bestand demnach aus Atomen, aus kleinsten, nicht weiter teilbaren Materieteilchen, die sich in ständiger Bewegung befanden; während sie stofflich alle gleich sein sollten, stellte man sie sich als in Größe, Form und Gewicht voneinander verschieden vor. Aus ihnen war alles Existierende, einschließlich der Lebewesen (und ihrer Seelen, sowie auch der Götter), zusammengesetzt, wobei die Eigenschaften der zusammengesetzten Dinge aus der charakteristischen Anordnung und den charakteristischen Eigenschaften der jeweils in ihnen enthaltenen Atome folgten. Dabei waren diese Atomverbindungen zwar vergänglich (sie entstanden und vergingen im Zuge der ständigen Bewegung der Teilchen), die Atome selbst wurden aber, ebenso wie ihre Bewegung, als ewig gedacht, da sie ansonsten aus dem Nichts hätten erschaffen worden oder daraus von selbst hätten entstanden sein müssen; dies galt aber als ebenso unmöglich wie ihre erneute Zerstörung oder Auflösung zu nichts. Die einzige Wirkungsweise der Atome aufeinander, woraus auch alle Vorgänge der makroskopischen Welt resultierten, waren der mechanische Druck und Stoß, die nach ewigen, streng kausal determinierten Gesetzen verlaufen sollten.8

7

8

Zur Kontinuität der materialistischen Lehre(n) seit der Antike, bzw. zur Kritik an der zu unreflektierten Konstatierung einer solchen Kontinuität, vgl. Mensching (2007). Zum Wirken des Zufalls bei Epikur und Lukrez (der in kein späteres materialistisches System übernommen wurde), vgl. Lange (1974, Bd. 1: 112f.), Hirschberger (121981a: 280f.), Vitzthum (1995: 37f.).

28 Es handelt sich bis hierher nun um das Grundlegende zur Natur der Welt, das sich später auch bei den französischen Materialisten des 18. und den deutschen des 19. Jahrhunderts wiederfindet. Unterschiede zwischen Antike und Neuzeit zeigen sich v.a. im Bereich der Ethik (vgl. dazu Kapitel 2.2) und bei der Rolle, die der Religion zugewiesen wird (vgl. v.a. Lange 1974, Bd. 1: 79ff. und 105f.; Hirschberger 121981a: 282f.). Für Epikur und Lukrez gab es Götter; ihre Atome waren jedoch (Lukrez zufolge) so fein, dass es ihnen unmöglich war, mit der Menschenwelt zu interagieren, was die Götter (v.a. Epikur zufolge) aber auch nicht wollten, da ihre Glückseligkeit als höchste und vollkommene Wesen die Sorge für oder um die restliche Welt ausschließe. Epikur betrachtete die Sicht entrückter, indifferenter Götter, die nicht in die von selbst, nach mechanischen Gesetzen funktionierende Welt eingriffen, als Befreiung vom religiösen Aberglauben einer erfundenen Mythologie, die mit ihrer Vorstellung von Gottheiten, deren Zorn und Willkür dem Einzelnen im Leben und sogar noch danach drohte, nur Angst und Unruhe verursachte. Der epikureischen Haltung einer Verehrung der Götter um ihrer Vollkommenheit willen (obwohl von ihnen nichts zu erhoffen und nichts zu befürchten war) stand bei Lukrez dann offene Ablehnung gegenüber, in der die Religion die Quelle der größten Gräuel war, gegen die es die Lehre der rein materiellen Wahrheit gerade auch angesichts der Ansprüche und Interessen der Priesterschaft zu befördern galt (was ein Licht auf den französischen Materialisten Holbach, aber auch auf Carl Vogt vorauswirft). Als nun Pierre Gassendi den antiken Materialismus im 17. Jahrhundert, wie gesagt, wieder aufgriff, hielt er beim Atomismus zwar weitgehend an Epikurs Lehre, wie bei Lukrez überliefert, fest und betrachtete die Abläufe der Natur grundsätzlich mechanistisch; als der katholische Geistliche, der er in einer christlich geprägten Zeit war, passte er sie aber doch – Lange (1974, Bd. 1: 244) zufolge nur äußerlich – den Erfordernissen seiner Zeit an: Die Materie samt ihrer Bewegung war bei ihm von (einem aktiv gedachten) Gott erschaffen, und der Mensch verfügte zudem über eine Seele, von der zumindest ein Teil immateriell und unsterblich war (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 235ff. und 241ff.; Vitzthum 1995: 63f.; Hirschberger 121981a: 43f. und 45). Die Entwicklung zu der offen und aggressiv atheistischen Haltung, die mit dem Materialismus für gewöhnlich verbunden und in der die Existenz von Gott und Seele endgültig ausgeschlossen wird, zeigte sich in Frankreich erst rund ein Jahrhundert später. Dabei hatte es dort schon seit längerem eine starke skeptizistische Tendenz der Kritik an Metaphysik und Religion gegeben (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 315ff.). Diese Kritik, die nicht immer völlig antireligiös sein musste, setzte sich in der französischen Aufklärung verstärkt fort; hier sei nur François-Marie Voltaire (1694–1778) genannt, der sich entschieden gegen die herkömmliche Theologie und den Kirchenglauben wandte, dabei nicht zuletzt (wie auch die französischen Materialisten) gegen

29 die auf den Glauben gegründete Machtstellung der Kirche, der aber dennoch kein Atheist war, sondern für eine aufgeklärte Vernunftreligion eintrat, die aus Überzeugung am Gottesglauben festhielt (vgl. ebd.: 317ff.; Hirschberger 11 1981b: 250f.; Röd 1994/96, Bd. 2: 101f.). Das Interesse der Franzosen an der Philosophie und Wissenschaft Großbritanniens, das im Laufe des 18. Jahrhunderts eingesetzt und zur Vertrautheit mit den materialistischen Tendenzen und der positiven Naturforschung Hobbes‘, Bacons und Newtons geführt hatte, resultierte dann aber nicht nur in einer allgemeinen Wiederbelebung von Philosophie und Wissenschaft, sondern (in Verbindung mit dem erwähnten Skeptizismus) eben zunächst einmal in einem entschieden atheistischen Materialismus. Für dessen Entwicklung ist nun wesentlich, dass er die positive Naturforschung (durch die Gott ja bereits aus dem normalen ,Tagesgeschäft‘ der Welt verdrängt worden war) aufgriff und radikalisierte – dies im immer schärfer werdenden aufklärerischen Kampf gegen die Offenbarung und damit v.a. zur Delegitimierung derjenigen, die sich zur Sicherung eigener Vorteile oder Macht (und gegen die Interessen der Mehrheit) auf diese Offenbarung stützten (vgl. unten).

2.1.3

Materialismus und Naturwissenschaften im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Wichtige Vertreter des französischen Materialismus im 18. Jahrhundert waren zum einen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751), der als erster Aufklärer klar materialistische Ansichten vertrat und zudem der erste war, der sich selbst ausdrücklich als Materialist bezeichnete (vgl. Röd 1994/96, Bd. 2: 106; Mensching 2007: 27), und zum anderen Paul Henri Thiry d’Holbach (1723– 1789), der mit seinem Système de la nature (1770) die „Bibel des gesamten Materialismus“ zusammenstellte (Lange 1974, Bd. 1: 378). Da sich La Mettrie in seinem bekannten Werk L’homme machine von 1748 fast nur mit dem Menschen (v.a. mit dem Leib/Seele-Problem) befasste, soll er erst im folgenden Kapitel 2.2 ausführlicher behandelt werden; hier sei nur gesagt, dass er (ähnlich wie Bacon und Hobbes) Erfahrung und Beobachtung, im für den Materialismus charakteristischen, streng empirischen Anspruch als die alleinigen Erkenntnisquellen hinsichtlich der Natur betrachtete, wobei er sich nicht nur gegen Spekulation, Metaphysik und wissenschaftliche oder religiöse Vorurteile wandte, sondern ausdrücklich betonte, dass man die Wahrheit nicht nur erforschen, sondern auch aussprechen müsse (vgl. La Mettrie 1990: 21ff. und 27). Bei Holbach9 ist dies dann hinsichtlich der atheistischen 9

Vgl. zu Holbach allgemein: Lange (1974, Bd. 1: 377ff.), Vitzthum (1995: 67ff.), Naumann (1960).

30 Kampfrichtung, die später auch für den deutschen Materialismus charakteristisch ist, sehr viel deutlicher formuliert (vgl. im Folgenden Holbach 1960: z.B. 5ff., 11ff., 41f., 55ff., 273ff. und 291ff.): Der Mensch stecke in einer zunächst selbstverschuldeten Unwissenheit über die Natur und über sich selbst (als einem Teil dieser Natur), da er seine Sinne, seine Vernunft und seine Erfahrung aus Faulheit oder aus Furcht vor dem scheinbar Unerklärlichen in der Natur hinter den Glauben an das Übernatürliche und an Götter zurück- und die Sorge für das Jenseits dem Glück im Diesseits vorangestellt habe. Die Gottesvorstellung sei entstanden, wo man bei der Erklärung der Dinge ansonsten nicht mehr weiter gewusst oder aus scheinbar zweckmäßigen Verhältnissen in der Natur irrtümlich auf eine dahinter stehende intelligente Absicht geschlossen habe. So aber, wie „die Unkenntnis der Natur Anlaß zur Erschaffung von Göttern war, so ist die Kenntnis der Natur dazu angetan, diese wieder zu zerstören“ (ebd.: 289f.); in der Natur selbst seien die Mittel für das menschliche Glück mit Hilfe der Erfahrung zu suchen und zu finden. Dabei stellt sich für Holbach nun aber eben das Problem, dass die Unwissenheit (und das daraus resultierende Unglück) der Menschheit durch die Mächtigen in Gestalt herrschaftlicher und religiöser Autoritäten gefördert (vgl. auch ebd.: 398f., Anm. 44) und zur Verfolgung von deren jeweils eigenen Interessen ausgenutzt werde; der Staat in seiner bestehenden Form und die Kirche ganz allgemein sind für ihn damit die Haupthindernisse des natürlichen Fortschritts zu einer glücklicheren und freieren Existenz, in wissenschaftlich-technischer ebenso wie in gesellschaftlich-politischer Hinsicht (vgl. ebd.: 273ff., 291ff., 446 und 469). Die Reduktion Gottes zur Phantasievorstellung einerseits und andererseits die Beschränkung des Weltganzen auf die Gesamtheit der materiellen Dinge (einschließlich des Menschen), samt der in ihnen veranlagten Bewegung und der daraus resultierenden Ereignisse (einschließlich der menschlichen Handlungen), die sich alle nach absolut notwendigen Naturgesetzen in eine ununterbrochene Kette aus Ursache und Wirkung einreihen (vgl. ebd.: v.a. 19ff., 31, 33ff. und 40ff.): All das ist damit gegen die christliche Offenbarung gerichtet, um sowohl der darauf gegründeten Kirche als auch der weltlichen Herrschaft von Gottes Gnaden die Legitimation zu nehmen. Diese Delegitimierung ist dabei einerseits Voraussetzung, andererseits aber auch schon Teil von Holbachs erklärtem Ziel einer besseren Zukunft für die Menschheit (vgl. dazu auch unten, Kap. 2.2.2.3ff.). Während Lange (1974, Bd. 1: 314) in Holbachs Système insofern nicht ganz zu Unrecht den „Eifer für den Atheismus entschieden das Übergewicht [...] über die materialistische Theorie“ haben sieht, erfolgte im Frankreich der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aber wie gesagt auch eine Wiederbelebung der ,gewöhlichen‘ positiven Naturforschung, die das Land neben Großbritannien zu einem Zentrum der Wissenschaft machte. Zunächst ist hier das gewaltige Projekt der französische Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste

31 und Gewerbe zwischen 1751 und 1780 als eine Art Bestandsaufnahme zu nennen (vgl. Störig 1992: 373f.). Ihr ambitioniertes Ziel war es, das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammenzutragen und zu ordnen, und auch sie wollte damit, ohne die radikalen Konsequenzen des Materialismus, ein neues freieres und glücklicheres Zeitalter heraufführen. Ihre Herausgabe besorgte u.a. der spätere erklärte Materialist Denis Diderot (1713–1784), zu ihren Beiträgern gehörten u.a. Holbach und Voltaire. Letzterer war darüber hinaus auch maßgeblich dabei, die Physik Newtons in Frankreich einzuführen, die hier von Joseph Louis de Lagrange (1736–1813) in der Mechanik und von Pierre Simon de Laplace (1749–1827) in der Astronomie weitergeführt wurde (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 317f.; Mason 1997: 347ff., 351ff.); dabei ist aus materialistischer Sicht hervorzuheben, dass Laplace nachwies, dass die Störungen, die die Planeten auf ihrem Weg um die Sonne aufeinander ausübten (und die Newton noch durch den göttlichen Himmelsregulator beheben ließ), sich von selbst wieder ausglichen und dass Gottes Eingreifen damit nach der Schöpfung überhaupt nicht mehr nötig war. Weitere große Fortschritte gab es seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankreich und Großbritannien durch Antoine Lavoisier (1743–1794) und Joseph Priestley (1733–1804), aber auch in Schweden durch Carl Scheele (1742–1786), jeweils im Bereich der Chemie, die sich nun zur modernen Wissenschaft entwickelte, indem bspw. die alte Vier-Elemente-Lehre endgültig aufgegeben wurde (vgl. Mason 1997: 360ff.; vgl. auch Schlote 2002). Man erkannte, dass weder Wasser noch Luft Elemente, sondern Verbindungen bzw. Mischungen aus Bestandteilen waren; Scheele und Priestley entdeckten dabei unabhängig voneinander den Sauerstoff, Lavoisier erkannte und untersuchte seine Bedeutung bei Verbrennungs- und Oxidationsprozessen. Lavoisiers Untersuchungen zu stofflichen Umsetzungen bestätigten dabei endgültig das Prinzip der Massenerhaltung bei chemischen Reaktionen (d.h. dass in deren Verlauf Materie weder neu erzeugt noch zerstört, sondern lediglich umgewandelt wurde; vgl. Mason 1997: v.a. 368ff. und 530, vgl. aber auch Schlote 2002: 182 und 273), was von den Materialisten als Beweis der Ewigkeit des Stoffs und seines Kreislaufs gefeiert wurde. Im Bereich der Biologie kam es um die Wende zum 19. Jahrhundert ebenfalls zu bedeutenden Veränderungen, so hinsichtlich der Vorstellung der Arten (vgl. Mason 1997: 374ff., 385ff. und 394ff.). Die lange Zeit gängigste Annahme, gerade im mechanistischen Weltbild, ging von der Konstanz der Arten aus; in Frankreich gewann mit der Aufklärung (und umso mehr mit der Revolution von 1789) nun aber der Gedanke der Möglichkeit eines grundsätzlich unbegrenzten Fortschritts von Gesellschaft und Wissenschaft an Boden, der schließlich auch auf die Natur übertragen wurde. 1809 veröffentlichte Jean Baptiste Lamarck (1744–1829) seine Evolutionstheorie, derzufolge einerseits aufgrund einer den Lebewesen selbst innewohnenden Kraft eine Höherentwicklung erfolgen und andererseits durch äußere Um-

32 weltveränderungen auch Verhaltens- und schließlich organische Strukturveränderungen ausgelöst – und all diese dann auch an die folgenden Generationen weitervererbt – werden sollten. Als vehementer Gegner der Evolutionsund erklärter Anhänger der so genannten Katastrophentheorie ging Georges Cuvier (1769–1832) dagegen davon aus, dass die Erdoberfläche wiederholt von globalen Katastrophen heimgesucht und überformt worden sei, in deren Verlauf auch die an sich konstanten Arten und deren Lebensräume mehr oder weniger vollständig vernichtet und anschließend durch jeweils höher stehende Schöpfungsstufen ersetzt worden seien; diese Theorie fand über Louis Agassiz (1803–1873) interessanterweise Eingang in die Positionen Carl Vogts, der als Materialist jedoch von Neu-,Schöpfungen‘ auf der Grundlage reiner Naturgesetze ausging (vgl. Vogt 1852a: 367ff.).

2.1.4

Philosophie und Naturforschung in Deutschland bis um 1850

In Deutschland wurde währenddessen die Entstehung materialistischer Ansätze und die Entwicklung einer positiven Naturwissenschaft zunächst unterbunden bzw. gehemmt. Grund waren die hier dominierenden philosophischen Systeme. Dabei ist zuerst die kritische Philosophie Kants (1724–1804) zu nennen, infolge derer der Materialismus in Deutschland für mehrere Jahrzehnte keine Rolle mehr spielte. Kant vertritt (vereinfacht dargestellt) zwar einerseits einen empirischen Ansatz (vgl. Lange 1974, Bd. 2: 453ff.; Hirschberger 111981b: 275ff.; Weischedel 231993: 183ff.): Sichere Erkenntnis folgte für ihn nur aus der Erfahrung (wobei die Wahrnehmung durch verschiedene Vermögen der Sinnlichkeit und des Verstandes erst geordnet und strukturiert wurde), und diese sichere Erkenntnis in Philosophie und Wissenschaft reichte damit auch nur genau so weit wie die empirische Erfahrung. Andererseits drängte für Kant die menschliche Vernunft (als ein Vermögen über der Sinnlichkeit und dem Verstand) doch auch natürlicherweise zur Beschäftigung mit empirisch nicht fassbaren, metaphysischen Dingen, wie den Ideen Seele oder Gott. Während er nun zwar betonte, dass eine diesen Ideen zugrunde liegende Realität von der reinen (denkenden) Vernunft auf theoretischem Wege nicht bewiesen werden konnte, hielt er sie doch auch für (durch die selbe Vernunft) nicht widerlegbar, so dass sie denk- und glaubbar waren; erst als Postulate der praktischen Vernunft sah er sie dann auch als gesichert an, da sie als Grundlage der Sittlichkeit unerlässlich und daher notwendigerweise zu veranschlagen seien.10 Wagner begründete seinen Gottes- und Seelenglauben später interessanterweise recht ähnlich (vgl. unten, Kap. 3.9). 10

Kurz gesagt heißt das z.B. (eben vom Standpunkt der praktischen Vernunft aus, die sich mit dem Menschen als einem handelnden Wesen befasst), dass das dem

33 Es muss hier nun für das Weitere noch einmal betont werden, dass Metaphysisches für Kant zwar durchaus gegeben war, aber eben nicht als Gegenstand sicherer philosophischer oder wissenschaftlicher Erkenntnis, die immer nur empirisch sein konnte und zu der die reine, denkende Vernunft nicht fähig war (vgl. Störig 1992: 405f.; Lange 1974, Bd. 2: 461). Denn trotz dieser Kritik Kants am Erkenntnisvermögen der reinen Vernunft erfolgte bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Deutschen Idealismus bei Fichte, Schelling und Hegel gerade die Rückkehr zu reiner Vernunftphilosophie und Spekulation (wobei Letzteres hier als wertneutraler Gegensatz zu Empirie zu verstehen ist). Für den Idealismus war die der Welt zugrunde liegende Wirklichkeit geistig;11 Weltwerdung und Weltgeschehen waren für Hegel (1770– 1831; vgl. im Folgenden: Röd 1994/96, Bd. 2: 245ff.; Hirschberger 111981b: 407ff.; Störig 1992: 459ff.) nichts anderes als die Selbstentfaltung und Entwicklung des Absoluten (bzw. des unendlichen Geistes bzw. des absoluten Weltgeistes bzw. Gottes12). Wiederum vereinfacht ausgedrückt: Alles Sein ist Sein oder Schöpfung des Geistes (vgl. Hirschberger 111981b: 407). Dabei heißt ,Geistschöpfung‘, dass sich ein Teil des Absoluten von diesem abspaltet und ihm (scheinbar) als etwas vollkommen Anderes gegenübertritt; dies ist für Hegel die Selbstentäußerung Gottes in Gestalt der an Raum und Zeit gebundenen Natur (einschließlich des Menschen). In ihr wiederum manifestiert sich somit die Entwicklung des Geistes und läuft dabei auf die Hervorbringung eines endlichen Geistes (nämlich den des Menschen) hin, der sich seiner selbst bewusst wird und schließlich in der philosophischen Vernunfterkenntnis der angerissenen Verhältnisse die Rückkehr Gottes zu sich selbst ermöglicht. Wesentlich ist hier nun zum einen, dass Geist (auch der endliche des Menschen) und Welt wesensgleich, nämlich geistig sind, so dass für Hegel wahre Erkenntnis überhaupt nur aus der reinen Vernunft des menschlichen Geistes heraus möglich ist, der die ganze Wirklichkeit, so wie sie tatsächlich (an sich) ist, vernünftig-denkend erschließen kann, ohne dafür auf die Empirie der Sinnlichkeit oder des Verstandes zurückgreifen zu müssen; für Hegel ist

11

12

Menschen angeborene Sittlichkeitsgesetz (der kategorische Imperativ) eine ausgleichende Gerechtigkeit in einem nächsten Leben erfordere, da praktisch keinem Menschen im diesseitigen Leben ein seiner Sittlichkeit gemäßes Glück zuteil werde. Für die ausgleichende Gerechtigkeit könne dabei nur Gott sorgen und für das jenseitige Leben müsse es eine Seele geben, die den Tod überdauere (vgl. z.B. Störig 1992: 414ff.; Hirschberger 111981b: 349ff.). Nach Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) z.B. war es sinngemäß begreiflicher, dass die materielle Welt Vorstellung des Geistes ist (von ihm denkend hervorgebracht wird), als umgekehrt anzunehmen, dass die Materie Bewusstsein haben könnte (vgl. Röd 1994/96, Bd. 2: 213ff.). Kant hatte nebenbei bemerkt das Wesen des hinter der Erscheinungswelt stehenden ,Dinges an sich‘ letztlich offen gelassen. Letzteres nicht im christlichen Sinn.

34 vernünftiges Wissen geradezu die Offenbarung des (geistigen) Absoluten im endlichen menschlichen (Geist-)Bewusstsein (vgl. Röd 1994/96, Bd. 2: 245, 252 und 259). Wesentlich ist zum anderen, dass die Folgen dieses Vernunfterkenntnisanspruchs sehr unvorteilhaft für die (Natur-)Wissenschaften ausfielen: Die spekulative Vernunft sollte das Gesamt der Wirklichkeit erfassen, während sich das empirische Sinnes- und Verstandeswissen immer nur mit Einzeldingen und -sachverhalten auseinandersetzte; die empirischen Einzelwissenschaften waren Hegels Auffassung zufolge der spekulativen Philosophie daher untergeordnet und arbeiteten ihr allenfalls Material zu, das jedoch aus dem Gesamtzusammenhang gerissen blieb, solange es nicht in das philosophische System eingefügt war (vgl. ebd.: 249, sowie Hirschberger 111981b: 417f.; vgl. auch Schnädelbach 61999: 20f. und 108ff.). Die Naturforschung, die in Deutschland zur Zeit der idealistischen Philosophie dominierte, war dementsprechend die idealistische Naturphilosophie (vgl. im Folgenden: Schnädelbach 61999: 100ff.; Mason 1997: 415ff., v.a. 422ff.; Nipperdey 1998: 485ff.). Sie geht als integraler Bestandteil des Idealismus ursprünglich auf Schelling (1775–1854) zurück und ist von Hegel weiter ausgearbeitet worden; unter den eigentlichen Naturforschern, die sie vertraten, ist Lorenz Oken (1779–1851) zu nennen. Auch die Methode der Naturphilosophie war v.a. spekulativ; da die Natur ja Manifestation des Weltgeistes war, sollten auch ihre Verhältnisse, Vorgänge und Entwicklungen durch die reine Vernunft erschließbar sein. Dabei wurde, wie sich z.B. bei Oken zeigt (vgl. Schlote 2002: 365), zwar nicht völlig auf Empirie verzichtet,13 aber doch oft weit über sie hinaus gegangen, zu umfassenden spekulativen Gesamtsystemen, bspw. im Hinblick auf angenommene, den verschiedenen Tier- oder Pflanzenarten zugrunde liegende gemeinsame ,Baupläne‘ oder im Hinblick auf die Vorgänge im Organismus, für die eine organische, neben den physikalischen und chemischen Kräften der übrigen Natur stehende ,Lebenskraft‘ als unerlässliche Voraussetzung angenommen wurde. Seit den 1820er bzw. 1830er Jahren, in denen Wagner und Vogt ihre wissenschaftliche Ausbildung erhielten, wurde jedoch zunehmend eine Abkehr von der Naturphilosophie erkennbar. Der Grund dafür war nicht nur der Tod Hegels (1831), sondern auch, dass Deutschland wegen der grundsätzlichen Internationalität der Wissenschaft nie völlig von den im Ausland vorherrschenden Methoden und ihren Fortschritten isoliert gewesen war und eine junge Forschergeneration nun deren Vorbild folgte und damit begann, sich dem Anspruch der Philosophie auf Unterordnung zu widersetzen (vgl. 13

Zudem konnten einzelne Bereiche der Naturphilosophie mehr oder weniger nahtlos in die moderne Forschung ,übernommen‘ werden: Die spekulative Theorie Okens z.B., dass Tiere auf ihrer untersten Organisationsebene aus Schleimbläschen aufgebaut seien, fand ihre empirische ,Bestätigung‘ und Fortführung in der Zelllehre seit den späten 1820er Jahren (vgl. Mason 1997: 427f. und 459ff.).

35 Schnädelbach 61999: 15; Lange 1974, Bd. 2: 517ff.; Nipperdey 1998: 488).14 Mit deutlich a- bzw. sogar antiphilosophischen Tendenzen entwickelte sich der Empirismus auch in Deutschland zur „dominierenden Ideologie der Naturwissenschaften“ (Schnädelbach 61999: 111; vgl. ebd.: 88ff. und 108ff.), die sich jetzt endgültig als eigenständiger, ernst zu nehmender Faktor neben der Philosophie (und der Religion) etablierten und „diese im Bewußtsein zahlreicher Zeitgenossen sogar überflügelte[n]“ (Bayertz/Gerhard/Jaeschke 2007b: 7). Das empirische Selbstbewusstsein der deutschen Naturforschung wurde bei all dem wesentlich gestärkt durch die eigenen wichtigen Entdeckungen und Fortschritte, durch die sie bis um 1850 sowohl Frankreich als auch Großbritannien überflügelte (und durch die sich gerade der seit den späten 1840er Jahren aufkommende deutsche Materialismus bestätigt sah). Vorreiter der Empirisierung in Deutschland waren v.a. die Physiologie und die Chemie. Die moderne Physiologie als Lehre von den Funktionen im lebenden Organismus wurde hier mit ihren Zweigen (Atmung, Stoffwechsel, Sinnesorgane, Nerven etc.) überhaupt erst von Johannes Müller (1801–1858) und seinen Schülern (darunter Rudolph Virchow) begründet (vgl. Nipperdey 1998: 488) und entwickelte sich zu einer wesentlichen Grundlage der modernen Medizin. In der Chemie (vgl. Nipperdey 1998: 490f.; Mason 1997: 530ff.) wurde in den 1830er Jahren Justus Liebig (1803–1873) – der seine Ausbildung in Frankreich erhalten hatte, der ein scharfer Gegner der Naturphilosophie war15 und zu dessen Schülern Carl Vogt gehörte – mit seinem praxisorientierten Gießener Labor schulbildend für ganz Europa. Er und Friedrich Wöhler (1800–1892) waren maßgeblich bei der Entwicklung der organischen Chemie, wobei Wöhler bereits 1828 die Synthese des organischen Harnstoffs aus einer anorganischen Verbindung gelungen war, nachdem man bis dahin geglaubt hatte, dass organische Stoffe nur in Lebewesen erzeugt würden; sein Erfolg wurde zu einem der Lieblingsargumente des Materialismus gegen die Annahme einer eigenen organischen Lebenskraft. Und als schließlich Robert Mayer (1814–1878), James Prescott Joule (1818– 1889) und Hermann Helmholtz (1821–1894) in den 1840er Jahren erkannten, dass die verschiedenen Energieformen (kinetisch, thermisch oder elektrisch) nicht eigentlich erzeugbar oder verbrauchbar, sondern lediglich ineinander überführbar waren (vgl. Mason 1997: 575ff.; Nipperdey 1998: 491), trat damit – um 1850 – neben das Prinzip der Erhaltung der Masse (das ja bereits durch Lavoisiers Forschungen bestätigt war, vgl. oben) allmählich auch die Vorstellung von der Erhaltung der Energie (bzw. aus Sicht der Materialisten: die Bestätigung der Vorstellung von der Ewigkeit der an die Materie gebun14

15

Zur philosophischen Kritik an der hegelschen Philosophie, v.a. durch Ludwig Feuerbach, vgl. in aller Kürze Mensching (2007: v.a. 31ff. und 34ff.). Vgl. Nipperdey (1998: 488).

36 denen Kraft); zudem begann sich etwa zur selben Zeit auch endgültig die Vorstellung von Wärme als einer kinetischen Erscheinung durchzusetzen, nämlich als Bewegung kleinster Materieteilchen (klassischer Materialismus!), gegenüber der Vorstellung eines unwägbaren Wärmestoffs. Unter diesen Umständen ist es nun vielleicht verständlich, dass sich der naturwissenschaftliche Materialismus in Deutschland, als er sich Ende der 1840er Jahre mit Carl Vogt Bahn zu brechen begann, nicht als Fortsetzung der älteren französischen oder gar antiken Tradition betrachteten wollte, sondern als Neubegründung auf der Grundlage der modernen Naturforschung und als natürliche Konsequenz aus ihren Erkenntnissen, die man jetzt erst als gesichert betrachten zu können glaubte (vgl. v.a. Lange 1974, Bd. 2: 516; Wittich 1971b: ixff.; Bayertz 2007c: 56; Mensching 2007). Während nicht wenige Wissenschaftler materialistische Grundsätze dabei häufig v.a. im rein wissenschaftlichen Forschungsbetrieb zur Anwendung brachten, zogen Vogt, Jacob Moleschott und Ludwig Büchner den Materialismus auch als Grundlage für weiter reichende weltanschauliche und gesellschaftlich-politische Konsequenzen heran, die sie ebenfalls als natürliche Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts betrachteten (vgl. unten). So wurden bspw. seine atheistischen Konsequenzen, wie sich v.a. bei Vogt und Büchner zeigt, aus den Ergebnissen der Forschung hergeleitet, bspw. aus der zentralen, auf die empirische Erfahrung gestützten Position, dass ein Stoff ohne eine ihm angehörende Kraft und umgekehrt eine Kraft ohne einen ihr zugrunde liegenden Stoff undenkbar seien, und daraus gefolgert, dass letzteres auch für ein angebliches immaterielles göttliches Wesen gelten müsse. Demgegenüber spielen die historisch-philologische Bibel- und Religionskritik eines David Friedrich Strauß seit den 1830er Jahren bzw. auch der anthropologisch begründete Atheismus eines Ludwig Feuerbach seit den 1840er Jahren als Quellen bestenfalls eine untergeordnete Rolle.16 Gerade Vogt, wie seine Veröffentlichungen aus der Zeit des Streits mit Wagner belegen, verzichtet auf die Anführung von Philosophie oder kritischer Theologie und zitiert am liebsten die zeitgenössische, moderne Naturforschung. Er, wie im Laufe der weiteren Zeit auch andere Autoren, waren allgemein zu der Ansicht gelangt, dass Philosophie (und Religion) keine Basis für die individuelle und gesellschaftliche Orientierung in der Welt mehr sein konnten und dass die Naturwissenschaft diese Lücke füllen musste;17 der Streit zwischen Vogt und Wagner, der ein erster Meilenstein bei der Popularisierung des Materialismus war und als ein 16

17

Vgl. in einem weiteren Kontext aber Mensching (2007: v.a. 35ff.), sowie Mocek (2007: 177ff., v.a. 179ff.). Außerdem gilt sicher auch hier das Diktum Langes (1974, Bd. 2: 516) zur „Wirkung eines Schriftstellers – und besonders des Philosophen“; vgl. unten, S. 49 dieser Untersuchung. Vgl. oben zu Holbach, der sich auf die natürliche Vernunft und auf die Einsicht in die Notwendigkeiten der Natur als Grundlagen der humanen Gesellschaft berief.

37 solcher auch bei der Popularisierung der Naturwissenschaft im Allgemeinen betrachtet werden kann, ist damit ebenso ein erster Ausdruck eines „im Namen der Naturwissenschaft erhobene[n] Reformanspruch[s]“ (Bayertz/Gerhard/Jaeschke 2007b: 11; vgl. ebd.: 9ff.).

2.2

Das Leib/Seele-Problem und die materialistische Ethik

Eine der großen Fragen der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Klärung man sich auf materialistischer Seite v.a. von den Fortschritten in der Physiologie erhoffte, war diejenige nach der Natur der menschlichen Seele und ihrem Verhältnis zum Körper; dieses Leib/Seele-Problem stand wie bereits gesagt auch im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt, weshalb im Folgenden etwas ausführlicher auf seine Geschichte eingegangen werden soll. Die Frage nach der Seele beschäftigte die Philosophie dabei seit ihren Anfängen und hat bis in die Gegenwart hinein keine abschließende Klärung gefunden.18 Vorschläge zu ihrer Lösung waren zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Formen entweder des psychophysischen Dualismus,19 dem zufolge die geistige Seele und der materielle Körper verschiedenen Wirklichkeitsbereichen zuzurechnen sind (wie auch Rudolph Wagner glaubte), oder aber des psychophysischen Monismus,20 dem zufolge das Körperliche und das Geistige demselben Bereich angehören (wie Carl Vogt unter materialistischen Vorzeichen annahm).

18

19

20

„Alles, was wir sagen können, ist, daß wir zwischen körperlichen und seelischen Phänomenen unterscheiden, und daß es uns bis heute nicht gelungen ist, diese Unterscheidung aufzuheben. Ob sich hinter dieser Unterscheidung aber zwei entsprechende Seinsarten verbergen und sie sich daher gründsätzlich nicht aufheben läßt, ist ungewiß“ (Meyer 2005: 9, Hervorhebung im Original; vgl. insgesamt z.B. ders.: 9ff.; Brüntrup 1996: v.a. 313ff.; Goller 2003: 72ff.; Bunge 1984: 37ff. sowie Hagner 2007: 204 und 221f.). Vgl. allg. Brüntrup (1996: 23ff. und 44ff.), Meyer (2005: 9ff.), Bunge (1984: 9ff.), Goller (2003: 72ff . und 90ff.). Vgl. allg. Brüntrup (1996: 64ff.), Meyer (2005: 13ff.), Bunge (1984: 11ff.), Goller (2003: 110ff.).

38 2.2.1

Der psychophysische Dualismus

2.2.1.1 Antike und Frühchristentum Nach allem, was die Ethnologie über die Vorstellungen von Naturvölkern weiß, darf der psychophysische Dualismus als die ältere der beiden Deutungen des Leib/Seele-Verhältnisses gelten. Bunge (1984: 37) bezeichnet ihn als die wohl „älteste Philosophie des Geistes [...], von der die Geschichte weiß“. Seine Wurzeln dürften dagegen vorphilosophisch sein. Der Vorstellung einer Seele und ihrer Verschiedenheit vom Körper liegt sicherlich die triviale Beobachtung zugrunde, dass dem Menschen beim Eintritt des Todes die Fähigkeit der Bewegung, der Reaktion auf äußere Reize oder der Äußerung von inneren Zuständen verloren geht (vgl. Goller 2003: 72). Eine dualistische Sicht, in der die Seele nicht allein Denken und Bewusstsein ausmacht, sondern die tote Materie des Körpers überhaupt erst belebt, bezeichnet Bunge (1984: 8) als Animismus und rechnet ihr von den Philosophen des griechischen Altertums zumindest Platon (5./4. Jhd. v. Chr.) ausdrücklich zu.21 Für Platon (vgl. im Folgenden Hirschberger 121981a: 116–129; Goller 2003: 72ff.; Röd 1994/96, Bd. 1: 119ff.; Störig 1992: 164f.) war die Seele eine unsichtbare, geistige, überirdische und unsterbliche Wesenheit. Sie war so wie auch die Materie göttlich erschaffen und existierte bereits vor ihrer irdischen Existenz, in der sie eine vorübergehende Verbindung mit dem von ihr grundsätzlich verschiedenen, stofflichen und vergänglichen Körper einging, den sie wie ein Werkzeug beherrschte. In der Seele allein lag dabei die Individualität des Menschen. Nach dem Tod des Körpers trennte die Seele sich von ihm und existierte zumindest für eine Zeit lang ohne stoffliche Grundlage weiter, bevor sie erneut einen vergänglichen Körper beseelte. Dies alles galt nach Platon nun aber nur für die menschliche Vernunft- oder Geistseele (als der Seele im engeren Sinn) mit ihrer Tätigkeit des reinen, nichtsinnlichen Denkens, das grundsätzlich nicht auf den Körper angewiesen war; zu ihr traten im irdischen Leben zwei weitere untergeordnete Seelen(teile), die für die körperlichen Tätigkeiten (wie sinnliche Wahrnehmung, Begehren oder Bewegung) verantwortlich waren. Die Seelenteile bildeten im Menschen zwar eine Einheit (die Seele im weiteren Sinn); da die niederen Teile aufgrund ihrer Aufgaben selbst dem Bereich des Körpers zugerechnet wurden, gingen sie mit dessen Tod aber auch wieder zugrunde, so dass allein der Geistseele Unsterblichkeit zukam. Auf Platons Seelenlehre gründete auch diejenige seines Schülers Aristoteles (4. Jhd. v. Chr.; vgl. im Folgenden Hirschberger 121981a: 209–226; Röd 1994/96, Bd. 1: 168ff.; Russell 62003: 186–194; Störig 1992: 181ff.; Goller 21

Vgl. dazu auch Hirschberger (121981a: 121).

39 2003: 76–80; Uslar 2005: 47ff.). Seine Lehre kannte ebenfalls mehrere Seelenvermögen und begründete die bis weit in die Neuzeit hinein geltende Dreiteilung mit dem vegetativen Seelenteil (der für Ernährung, Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung zuständig ist und bereits bei den Pflanzen vorkommt), dem sensitiven Seelenteil (den die Tiere zusätzlich für Sinnesempfindungen, niedere Willensakte und die Ortsbewegung besitzen) sowie der rationalen Geistseele (mit den Vermögen des Verstandes und der Vernunft sowie dem Bewusstsein, über die zusätzlich zu den beiden anderen nur der Mensch verfügt).22 Die vom Körper grundsätzlich verschiedene, nichtmaterielle Seele war also auch hier die Erklärung für die Gesamtheit aller biologischen und kognitiven Prozesse. Die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele ist bei Aristoteles nun aber schwieriger zu beantworten. Seine späten Schriften deuten jedoch darauf hin, dass für ihn (anders als für Platon) die Individualität des Menschen nicht bereits von vornherein in der Seele lag, sondern in deren Vereinigung mit dem Körper erst zustande kam und mit der erneuten Trennung der beiden im Tod auch wieder verloren ging (vgl. v.a. Röd 1994/96, Bd.1: 169ff.; Hirschberger 121981a: 214f.; Goller 2003: 80; Russell 62003: 190ff.). Der entsprechenden Interpretation im Sinne einer nichtindividuellen Fortdauer allein der immateriellen Geistseele ohne ihre im irdischen Leben gesammelten Bewusstseinsinhalte, wie sie im Mittelalter, in Anlehnung an arabische Aristotelesauslegungen, teils auch im christlichen Westen vertreten wurde, trat v.a. (und wohl am einflussreichsten; vgl. Russell 62003: 462f.) Thomas von Aquin entgegen, der Aristoteles gerade im Sinne einer persönlichen Unsterblichkeit deutete. Diese konnte (und durfte) im Christentum natürlich nicht fraglich sein (vgl. Uslar 2005: 73); die neutestamentliche Wiederauferstehungslehre sieht die Verantwortlichkeit des Einzelnen vor Gott nach dem Tod unmissverständlich vor, und wenn auch unter den frühen Kirchenvätern bspw. Tertullian (2./3. Jhd. n. Chr.) hinsichtlich der Seele „noch Schwierigkeiten [hatte], sie sich anders denn als Körper zu denken, wenn auch von besonders feiner Qualität“ (Hirschberger 121981a: 341; vgl. ebd.: 341ff.), so setzte sich doch sehr schnell und dauerhaft die Vorstellung der immateriellen, also geistigen (da Gott verwandten) Seele durch, die im Menschen nun aber immer mehr als eine einzige Vernunftseele betrachtet wurde, die die vegetativen und sensitiven Potenzen mitumfasste. Ihre Herkunft im einzelnen Menschen wurde dabei unterschiedlich erklärt; neben dem Kreatianismus stand dabei der Traduzianismus (oder auch Generatianismus): Im ersten Fall ging man davon aus, dass die Seele eines jeden Menschen eigens von Gott für ihn geschaffen und ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt vor oder nach der Geburt 22

Auch für Aristoteles ist die Geistseele dabei göttlichen Ursprungs, während die niederen Seelen(teile) ausdrücklich bei der Zeugung vom Vater auf das Kind übertragen werden (vgl. Hirschberger 121981a: 214).

40 beigegeben werde; im anderen Fall nahm man an, dass Gott die Seele nur einmal erschaffen habe, nämlich bei der ursprünglichen Schöpfung des Menschen, und dass sie seitdem als Ableger der elterlichen Seelen bei der Zeugung weitervermittelt würde (vgl. Hirschberger 121981a: 343). Für seine traduzianistische Haltung setzt sich später übrigens Rudolph Wagner in seiner Auseinandersetzung mit Carl Vogt dessen Spott aus (vgl. unten). 2.2.1.2 Thomas von Aquin Ihre bedeutendste Formulierung fand die mittelalterliche christliche Seelenlehre bei Thomas von Aquin (1225–1274) in der Bestimmung des „Verhältnisses von Leib und Seele in der Einheit des Menschen als Person“ (Goller 2003: 83; vgl. im Folgenden Hirschberger 121981a: 507ff.; Röd 1994/96, Bd. 1: 345ff.; Russell 62003: 468 und Goller 2003: 80ff.). Thomas stützte sich, wie angedeutet, v.a. auf Aristoteles, den er mit der persönlichen Unsterblichkeitsvorstellung des Christentums in Einklang bringen wollte. Er veranschlagte dabei wie die Kirchenväter nur eine einzige einheitliche Vernunftseele einschließlich der für die eigentlichen Lebensvorgänge zuständigen niedrigeren Vermögen. Der Mensch wurde, wie bei Aristoteles, nun aber auch selbst wieder viel stärker als eine Einheit aus dieser Seele und dem Körper aufgefasst: Beide gehörten zwar auch bei Thomas verschiedenen Bereichen an, den individuellen Menschen bildeten sie aber zunächst einmal, wie eben bei Aristoteles, nur in ihrer Einheit. Je höher eine Seele in der Hierarchie der Seelen stand, desto unabhängiger wurde sie jedoch von ihrer stofflichen Grundlage, um sich nur beim Menschen dann nach dem Tod des Körpers auch völlig von diesem lösen und getrennt von ihm weiterexistieren zu können (vgl. v.a. Goller 2003: 81ff.; vgl. auch Röd 1994/96, Bd. 1: 349f.). Was dabei die Individualität betraf, so kam diese zwar, wie gesagt, in der Einheit aus Körper und Seele erst zustande, wurde der rationalen Menschenseele aber auch für sich genommen mitgeteilt, so dass sie, im Sinne der persönlichen seelischen Unsterblichkeit des Christentums, nach dem Tod des Körpers erhalten blieb (vgl. Hirschberger 121981a: 509). 2.2.1.3 Die Wechselwirkungstheorie Nachdem die bisherigen Ansätze des Leib/Seele-Problems dem animistischen Dualismus zugerechnet werden können,23 kam es in der frühen Neuzeit mit Descartes zu einem einflussreichen neuen Ansatz (vgl. im Folgenden Hirschberger 111981b: 102ff., v.a. 108ff.; Röd 1994/96, Bd. 2: 21ff., v.a. 28ff.; Gol23

Vgl. Bunge (1984: 8). Die aristotelische Seelenlehre wird dort zwar nicht ausdrücklich genannt, gehört als Weiterentwicklung der platonischen und als Grundlage der thomasischen aber ohne Zweifel hierher.

41 ler 2003: 84ff. und 90f.; Brüntrup 1996: 24ff.; Mayer 2005: 12f.). Auch Descartes war ja Dualist und auch für ihn bestand die Welt aus zwei getrennten Bereichen: der materiellen res extensa und der geistigen res cogitans; beide waren von Gott erschaffen, der als dritte unerschaffene Substanz über allem stand. Was Descartes‘ Trennung zwischen Körper und Seele betrifft, war sie nun aber eine sehr viel striktere als im Animismus. Zwar hatten beide auch dort verschiedenen Bereichen angehört, aber die Seele war doch das eine und einzige Lebensprinzip im Körper gewesen, das sich v.a. in dessen Eigenbewegung zeigte, über die die unbelebten Körper ja nicht verfügten, die nur durch Anstoß von außen bewegt wurden.24 Für Descartes war die Seele als res cogitans nun nur noch Trägerin des rein Psychischen, in deren unmittelbare Zuständigkeit keine anderen Funktionen mehr fielen; Tiere stellte er sich, wie oben angerissen, als seelenlose Maschinen vor, deren Verhalten nur unbewusste Reaktion auf äußere Reize war und deren Bewegung ihnen, wie allen materiellen Dinge, nach rein mechanischen Gesetzmäßigkeiten von außen, durch Druck und Stoß, vermittelt wurde. Auch der Mensch war diesen Gesetzen grundsätzlich unterworfen, seine Seele konnte den Körper z.B. nicht aus eigener Kraft bewegen; sie konnte jedoch willentlich auf den Körper wirken, indem sie auf die Richtung seiner von außen empfangenen Bewegung (oder auf die Bewegung seiner Teile, Glieder) Einfluss nahm. Beim Menschen allein trat damit zu den rein mechanischen äußeren Ursachen seines Verhaltens noch der Faktor des freien Willens als innere Ursache hinzu. Descartes‘ dualistische Position wird dabei als psychophysischer Interaktionismus oder auch als Wechselwirkungstheorie bezeichnet (vgl. Bunge 1984: 8), da die Seele hier natürlich nicht nur auf den Körper wirkt, sondern umgekehrt (bspw. in der sinnlichen Wahrnehmung) auch der Körper auf die Seele. Während damit trotz eines grundsätzlich mechanistischen Weltbildes in Übereinstimmung mit christlichen Vorstellungen an der individuellen Seele und ihrem freiem Willen festgehalten wurde, stellte sich nun aber, angesichts der scharfen, wesensmäßigen Trennung der Welt in res cogitans und res extensa, die Frage, wie die rein geistige Seele auf den rein materiellen Körper überhaupt wirken konnte, wo doch Bewegung, wie gesagt, mechanisch durch Druck oder Stoß, und damit nur von einem materiellen Körper auf einen anderen übertragen werden sollte. Descartes sah die Wechselwirkung als gegeben an, auch wenn er das genaue Wie letztlich nicht befriedigend erklären konnte (vgl. v.a. Röd 1994/96, Bd. 1: 29f.). Und obwohl es in seiner unmittelbaren Nachfolge mit dem Okkasionalismus25 einen Lösungsvor24

25

Zur Seele als Lebens- und Bewegungsprinzip bei Platon, Aristoteles und Thomas, vgl. Hirschberger (121981a: 121, 209 und 507); vgl. auch Uslar (2005: 37f. und 52f.). Der Okkasionalismus (vgl. Röd 1994/96, Bd. 2: 44ff.; Hirschberger 111981b: 123ff.) verneinte die direkte Wechselwirkung zwischen res cogitans und res exten-

42 schlag gab, der am Dualismus festhielt, kann man Descartes‘ Zurückdrängung der Seele auf das Psychische und die grundsätzlich mechanistische Erklärung des Funktionierens des Körpers in gewisser Weise als die Vorgaben betrachten, in deren Richtung dann der Materialismus weiterging, um das Wechselwirkungsproblem durch seine eigene monistische Interpretation des Leib/Seele-Verhältnisses zu lösen (bzw. genauer gesagt: zu beseitigen). Im monistischen Ansatz des Materialismus, wie ihn auch Carl Vogt vertrat, ist der letzte Schritt zu einem vollständig mechanistischen Welt- und v.a. Menschenbild getan, indem das Psychische als ein Phänomen der materiellen Welt aufgefasst und damit vollständig in diese integriert wird.

2.2.2

Der psychophysische Monismus

2.2.2.1 Antike und Frühe Neuzeit26 Der antike Materialismus bei Demokrit, Epikur und Lukrez (vgl. oben) hatte noch eine substanzielle, den ganzen Körper des Menschen erfüllende oder durchdringende Seele gekannt, die als materieller Teil des materiellen Körpers lediglich aus feineren Atomen bestand als der Rest. Denken und Bewusstsein waren für sie nichts anderes als die Bewegung der Atome der Seele, die als etwas Materielles auch ohne Widerspruch auf den Rest des Körpers einwirken konnte und ebenso wie dieser (so wie alle materiellen Zusammensetzungen) der Veränderung und der Vergänglichkeit unterworfen war (vgl. Vitzthum 1995: 40ff.; Hirschberger 121981a: 46 und 279; Lange 1974, Bd. 1: 22f., 84 und 116f.). Nachdem Thomas Hobbes (vgl. oben) die Denkfähigkeit der res extensa zumindest für möglich gehalten und Pierre Gassendi als Wiederbegründer des antiken Materialismus wohl nur um der offiziellen Religion willen doch eine (zumindest teilweise) geistige und unsterbliche Seele im Menschen veranschlagt hatte (vgl. oben), wurden ausdrücklich monistische Positionen in der Leib/Seele-Frage erst wieder von den Materialisten der französischen

26

sa und schaltete statt dessen Gott als Vermittler ein, der bestimmten Ereignissen im einen Bereich von vornherein bestimmte Entsprechungen im anderen fest zugeordnet habe. In einem anderen Ansatz (der bereits nicht mehr ohne Weiteres als dualistisch betrachtet werden kann) nahm Benedictus de Spinoza (1632–1677) an, dass Geist und Materie nur erscheinungsweltliche Manifestationen ein und derselben neutralen Substanz seien – und die problematische Beziehung zwischen beiden damit auch nur ein Erscheinungsphänomen (vgl. Störig 1992: 325ff.; Röd 1994/96, Bd. 2: 52ff.). Zur Kontinuität der materialistischen Lehre(n) seit der Antike bzw. zur Kritik an ihrer unreflektierten Konstatierung, vgl. Mensching (2007).

43 Aufklärung des 18. Jahrhunderts vertreten. Der oben bereits kurz erwähnte Julien Offray de La Mettrie lieferte dabei, wie schon der Titel seines aufsehenerregendsten Werks L’homme machine von 1748 vorwegnimmt, eine konsequente Mechanisierung des ganzen Menschen und damit „eine radikalisierte Weiterführung mechanischer Grundgedanken Descartes‘“ (Becker 1990, xii). 2.2.2.2 La Mettrie La Mettries Auffassung (vgl. allgemein Vitzthum 1995: 64ff.; Röd 1994/96, Bd. 2: 106f.; Lange 1974, Bd. 1: 344ff., v.a. 354ff.; Becker 1990: viiff.; Laska 1985: viiff.) stand der antiken Vorstellung der Seele als etwas Substanziellem auf den ersten Blick noch sehr nahe. Zentral ist für ihn, was er als imagination bezeichnet (vgl. La Mettrie 1990: 58): Obwohl der Begriff z.T. auch als Bezeichnung einer Fähigkeit verwendet zu werden scheint (im Sinne von ,Vorstellungs‘- oder ,Einbildungskraft‘27; ebd.: 65ff.), überwiegt doch der Eindruck, dass La Mettrie darunter eine Art von Organ des Gehirns selbst versteht; denn auf die imagination führt er alle Fähigkeiten der Seele (wie Urteilskraft und Gedächtnis) zurück (vgl. ebd.: 58f.), setzt sie wenig später sogar ausdrücklich mit der Seele gleich (vgl. ebd.: 60f.) und paraphrasiert sie dann ebenso ausdrücklich als „dieser unglaubliche Teil des Gehirns“ (ebd.). Die daraus folgende Materialität der ,Seele‘ wird an zahlreichen Stellen des Werkes aber auch direkt angesprochen: In dem Einfluss, den die Beschaffenheit und Zusammensetzung des Gehirns auf Denken und Bewusstsein habe und der sich z.B. unter Einwirkung von Alkohol, Kaffee und Opium, in verschiedenen Lebensaltern oder bei Hirnveränderungen in Rahmen von Geisteserkrankungen zeige (vgl. ebd.: 33, 39 und 45), sieht La Mettrie genug empirische Belege für die gegenseitige Abhängigkeit von Körper und Psyche, um schließlich zu konstatieren, dass „alle Fähigkeiten der Seele so sehr von dem eigentümlichen Bau des Gehirns [...] abhängen, daß sie offensichtlich nur dieser organische Bau selbst sind“ (ebd.: 95, eig. Hervorh.; vgl. ebd.: 111). Als Seele dürfe man daher nur „den Teil [...] bezeichnen, der in uns denkt“ (ebd.: 97; vgl. ebd.: 59, 107, 111 und 125). Was La Mettrie damit sagen will, ist letztlich nichts anderes, als dass die Fähigkeiten dessen, was man gängigerweise Seele nennt, in Wirklichkeit die Fähigkeiten der organisierten Materie des Gehirns sind.

27

So die durchgängige Übersetzung von C. Becker in La Mettrie (1990); B.A. Laska behält in seiner Übersetzung (La Mettrie 1985) den Begriff Imagination bei.

44 2.2.2.3 Die psychischen Fähigkeiten und der Wille bei Holbach Obwohl La Mettrie mit L’homme machine zeigen wollte, dass der Mensch sich nicht von Descartes‘ Tiermaschine unterscheidet, blieb es doch v.a. Holbach (vgl. oben) vorbehalten, die Konsequenzen daraus klar zu benennen (vgl. im Folgenden allg. Vitzthum 1995: 66–90 und Lange 1974, Bd. 1: 377ff., v.a. 381ff.). Holbach hebt in seinem Système de la Nature von 1770, wie oben angerissen, Kausalität und Notwendigkeit in der physischen Welt mit Nachdruck hervor; das Universum sei „nur eine ungeheure und ununterbrochene Kette von miteinander verbundenen Ursachen [...], die auf Grund notwendiger und unveränderlicher Gesetze wirken und zurückwirken“ (Holbach 1960: 124). Er wird nicht müde zu betonen, dass der Mensch in jeder Hinsicht Teil dieser physischen Welt ist (vgl. ebd.: 11ff. sowie ebd.: Kap. 6). Und nachdem La Mettrie v.a. die Materialität der ,Seele‘ der Maschine Mensch belegen wollte, geht es Holbach nun v.a. um das ,Wie‘ und ,Warum‘ der Handlungen des Menschen angesichts dessen. Auch er geht dabei davon aus, dass die Seele „zu unserem Körper gehört [...], daß sie nur der Körper selbst ist, betrachtet im Hinblick auf einige seiner Funktionen“ (ebd.: 76). Konkret ist es auch hier das Gehirn, mit dessen Hilfe „alle Vorgänge zuwege gebracht [werden], die man der Seele zuschreibt“ (ebd.: 80). Was Holbach nun aber sehr viel stärker betont als La Mettrie, ist v.a., dass aufgrund dieser Materialität der ,Seele‘ nun zwangsläufig die in der physischen Welt wirkende Notwendigkeit auch für den Menschen als psychisches Wesen gilt. Die psychischen Fähigkeiten gründen Holbach zufolge (in enger Anlehnung an Hobbes; vgl. Hirschberger 111981b: 191ff.) in der körperlichen Sinnlichkeit (vgl. im Folgenden Holbach 1960: 82ff., v.a. ab 86): Gegenstände wirken mechanisch auf die Sinne(sorgane), indem sie im Körper Bewegung in Form von Erschütterungen auslösen, was zu Modifikationen des Gehirns und dadurch zu Gedanken, Vorstellungen, Urteilen und Willen führt. Richtschnur des Willens und der daraus resultierenden Handlungen ist der Trieb des Menschen, sich selbst zu erhalten und glücklich zu werden (vgl. im Folgenden ebd.: 90 und 140ff.; vgl. auch ebd.: 229ff.). Dabei spielt nun die Erfahrung die wesentliche Rolle, denn auch der Selbsterhaltungs- und Glückstrieb beeinflusst Holbach zufolge die von außen verursachten Modifikationen des Gehirns, je nach den Erfahrung des Einzelnen damit, was ihm angenehm ist und ihn glücklich macht. Daher lösen bestimmte Eindrücke stärkere bzw. schwächere positive oder negative Wirkungen in Gehirn und Nerven aus, die dann auch in stärkeren oder schwächeren Reaktionen resultieren, die wiederum ihren Ausdruck in Bewegung finden: nämlich als Wille (Bewegung im Gehirn) und willentliche Handlung (Bewegung des Körpers). Obwohl damit von einem Willen gesprochen werden kann, ist dieser nicht frei, sondern stets durch innere und äußere Antriebe aufgrund mechanischer Gesetzmäßigkeiten notwendig bedingt (vgl. ebd.: 163 und 182ff.). Die Materialität der Seele,

45 also die Hervorbringung der ihr zugeschriebenen Fähigkeiten durch ein körperliches Organ, beseitigt damit wie bei La Mettrie das geistig-materielle Wechselwirkungsproblem des Dualismus. 2.2.2.4 Unsterblichkeit und Moral bei Holbach Die Bindung der ,Seelenfunktionen‘ an das Gehirn schließt für den Materialismus nun aber nicht nur den freien Willen aus, sondern auch die persönliche seelische Unsterblichkeit; auch dies betont Holbach sehr viel stärker als La Mettrie. Mit dem Tod des Körpers enden dessen Funktionen, einschließlich derjenigen des Gehirns, unwiderruflich; eine irgendwie geartete Fortdauer des Menschen über den körperlichen Tod hinaus war damit nicht vorstellbar (vgl. ebd.: 188ff.). Die Leugnung des freien Willens und der Unsterblichkeit der Seele konnte von einer traditionell christlichen Gesellschaftsvorstellung aus betrachtet nun aber nur beängstigend oder sogar umstürzlerisch wirken, und an genau diesem Punkten kristallisierte sich der Widerstand gegen den Materialismus dann auch am stärksten. Ihm wurde vorgeworfen, dass er alles Handeln entschuldbar und jede persönliche Verantwortung (auch für Lasterhaftigkeit und Verbrechen) unmöglich mache und dass er damit nur der Genusssucht und dem rücksichtslosen Eigennutz Tür und Tor öffnen wolle. Kurzum, dass er jegliche gesellschaftliche Ordnung gefährde, die nur bestehen kann, wenn ihre Regeln nicht hinterfragbar, weil in der einen oder anderen Weise auf Gott zurückzuführen sind.28 Solche Vorwürfe spielen, soviel sei bereits vorweggenommen, auch in Wagners Eröffnung der Auseinandersetzung mit Vogt die zentrale Rolle (vgl. unten, Text 2a). 2.2.2.5 Materialistische Ethik und Gesellschaft bei Epikur, Demokrit und Holbach Der schlechte Ruf des Materialismus hinsichtlich Moral und Sittlichkeit stützt sich zum Großteil auf ein falsches Verständnis (oder auch die Verfälschung) seiner antiken, v.a. epikureischen Tradition (vgl. Lange 1974, Bd.1: 235; vgl. im Folgenden auch ebd.: 81f. sowie Hirschberger 121981a: 284ff., Vitzthum 1995: 28ff. und Bayertz 2007c: 53). Epikur vertrat zwar tatsächlich eine lebensbejahende Lehre, derzufolge Lust gut und Unlust schlecht waren; dies entsprach jedoch keinem hemmungslosen Hedonismus, wie er teils darin gesehen wurde, denn der Mensch durfte nicht nur seinen unmittelbaren Bedürfnissen und Abneigungen folgen, sondern musste auch deren Folgen im Auge behalten, so dass nicht jeder Lust nachzugeben und nicht jeder Unlust 28

Vgl. z.B. Holbach (1960: 168ff. und 204ff.), der die gegnerischen Vorwürfe selbst zur Sprache bringt.

46 auszuweichen war. Zudem bewertete Epikur die intellektuelle Lust, zu der die Erkenntnis der Natur gehörte, höher als die körperliche, und Lust und Tugend galten ihm als unzertrennlich, da man nur glücklich sein könne, wenn man weise, edel, gerecht sei. Und ganz ähnlich war auch für Demokrit die Gerechtigkeit eine hohe Tugend, und er sah die höchste Glückseligkeit in der Gemütsruhe, die sich gerade mit der Herrschaft über die Begierden einstellen sollte und zu der wiederum Mäßigkeit, Reinheit des Herzens und die Bildung des Geistes die Mittel lieferten (vgl. Lange 1974, Bd. 1: 24ff.; Hirschberger 11 1981b: 46). Holbach hält den Materialismusgegnern nun seinerseits eine materialistische Ethik entgegen, die nicht nur zeigen soll, dass eine menschliche Gesellschaft auf ihrer Grundlage möglich, sondern dass sie sogar besser wäre, als die bestehende (vgl. im Folgenden allgemein Holbach 1960: 93ff., 140ff., 167ff. und 229ff.): Eben weil es Ziel des Menschen sei, sich zu erhalten und glücklich zu werden, dürfe er dieses Ziel nicht ohne Rücksicht auf Andere verfolgen; jeder Einzelne sei auf seine Mitmenschen und deren Fähigkeiten angewiesen, die sich mit den seinen ergänzten, und am besten gehe es ihm in der Gesellschaft, in der man sich zu gegenseitiger Hilfe verbinde und in der alle darauf bedacht seien, das Wohlergehen der Gesamtheit zu fördern, selbst wenn der Einzelne so seine unumschränkte Freiheit (die Holbach als Zügellosigkeit abwertet) aufgeben müsse (vgl. ebd.: 94f., 103ff., 108ff. und 233f.). Was für die Gesellschaft gut und schlecht ist, erschließe sich aus dem, was von einem selbst und von den Mitmenschen als gut und schlecht empfunden werde, und daraus wiederum ergäben sich (mit Notwendigkeit wie Holbach betont) die moralischen Pflichten, denen der Einzelne nachzukommen habe: „Tugendhaft“ sei nur der, „dessen Handlungen beständig das Wohlergehen von seinesgleichen befördern wollen“ (ebd.: 104, Hervorh. i. Orig.; vgl. ebd.: 176 und 234). Dabei ist er sich durchaus im klaren, dass der Einzelne allzu leicht (und unvernünftig) dazu neigt, eigene Interessen über das Wohl der Gemeinschaft zu stellen und mehr zu wollen, als ihm zusteht, so dass Holbach auch in der naturgemäßen Gesellschaft Gesetze und Regierung für unerlässlich hält. Durch Gesetze (vgl. ebd.: 108f. und v.a. 167ff.) seien Aufgaben und Verhalten des Einzelnen im Sinn der naturgemäß gemeinschaftlichen Ziele zu regeln und denjenigen mit Strafe zu drohen, die sich anders nicht von unsozialem Verhalten abhalten ließen. Eine Bestrafung für menschliches Handeln, das Holbach zufolge ja völlig der Notwendigkeit unterworfen ist, gilt dabei nicht als Widerspruch, im Gegenteil: Gesetze und Strafen seien notwendiger Ausdruck des Bedürfnisses der gesellschaftlich lebenden Menschen nach Sicherheit, und gerade weil der Mensch in seinem Handeln durch äußere Einflüsse notwendig bestimmt und auf das eigene Wohlergehen aus sei, könne er durch die Aussicht auf Unglück (in Form von Strafe) in seinem

47 Verhalten dahin beeinflusst werden, etwas zu unterlassen, dessen negative Folgen den möglichen unmittelbaren Nutzen überwiegen. Die Gesetze, die das Verhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft regeln, sind nun bereits Teil der Politik, deren Aufgabe Holbach darin sieht, „die Leidenschaften der Menschen […] zum Wohle der Gesellschaft zu lenken“ (ebd.: 108, vgl. ebd.: 108ff.). Die natürliche Gesellschaft, v.a. wenn sie zahlenmäßig sehr groß sei, betraue mit dieser Aufgabe ausgewählte Mitglieder, denen sie ihr Vertrauen schenke. Holbach betrachtet diese Regierenden als Diener, denen die Macht, den Gemeinwillen durchzusetzen, nur stellvertretend übertragen sei, und über die die Gemeinschaft stets die volle Autorität behalte; dies ist aus seiner Sicht erneut notwendiger Ausdruck des Gemeininteresses, da der zu Mächtige dazu neige, seine Macht zu missbrauchen (vgl. ebd.: 111f.) und die Gemeinschaft dies gar nicht erst ermöglichen darf. 2.2.2.6 Die Ursachen der herrschenden Verhältnisse bei Holbach Während die natürliche Gesellschaft für Holbach notwendigerweise die Gerechtigkeit und das Glück ihrer Mitglieder sichern würde, erklärt er die Diskrepanz zu den Verhältnissen seiner Zeit aus der Unwissenheit um die Grundlagen dieser Gesellschaft; denn nur infolge von „Unklugheit“ sowie durch die „List und Gewalt derer, denen sie [d.h. die Menschen] die Macht verliehen hatten, Gesetze zu machen und sie auszuführen, wurden die Herrscher unumschränkte Herren“ (ebd.: 111), und die Politik sei v.a. „deshalb so verderblich, weil sie sich nicht auf die Natur, […] auf den allgemeinen Nutzen gründet, sondern auf die Leidenschaften […] und auf den besonderen Nutzen derer, die die Gesellschaft regieren“ (ebd.: 108). Dieser Machtmissbrauch zieht für Holbach die Verschlechterung der Gesellschaft unvermeidlich nach sich: Denn zum einen fänden sich stets Menschen, die sich um ihres eigenen Vorteils willen den Mächtigen andienten, um dafür ihrerseits an immer weiter gehender Ausbeutung und Unterdrückung beteiligt zu werden (vgl. ebd.: 111), und zum anderen würden diejenigen, die von einer korrumpierten Gesellschaft nicht nur im Stich gelassen, sondern in Armut und Elend gestoßen würden, notwendig dazu getrieben, sich zu rächen, indem sie nun ebenfalls versuchten, auf Kosten der Gesellschaft zu leben (etwa durch Diebstahl), wobei die unmittelbare Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nun alles andere überwöge, selbst die Angst vor dem Galgen (vgl. ebd.: 172ff.). Menschliches Fehlverhalten und Unglück sind für Holbach nun aber nicht nur Resultat mangelnder Kenntnis, sondern auch falscher Vorstellungen. Zu den Einflüssen, aufgrund derer der Mensch handelt, zählt er nämlich auch Erziehung (durch Eltern und Lehrer), Vorbild anderer sowie Wissen um das, was gesellschaftlich akzeptiert oder gefordert ist (vgl. ebd.: 105ff., 112, 114f.). Und menschliches Handeln könne nun durch falsche und unvernünfti-

48 ge Vorstellungen, die aus diesen Quellen erworben werden, ebenso notwendig bedingt werden wie durch richtige und vernünftige. Äußerst schlecht kommt die Religion als Vermittlerin falscher Vorstellungen weg, denn sie (dies ist Grundtenor im Système, v.a. im zweiten Teil) verdränge die natürliche Vernunft durch das Vorurteil und habe „nur das Ziel, den Menschen die höchste Glückseligkeit in Illusionen zu zeigen“ (ebd.: 116; vgl. ebd.: 236f., 250ff., 259ff.), ihn dazu zu bringen, auf ein besseres Schicksal in einem nächsten Leben zu hoffen und seine Bedürfnisse im Hier und Jetzt zu vernachlässigen; da der Mensch aber das, was notwendig und natürlicherweise sein Wohlergehen sichert, nur durch vernünftige Einsicht in seine tatsächlichen Verhältnisse im Hier und Jetzt erkennen kann, hindere ihn v.a. die Religion an seinem Glück. Das achte Kapitel im zweiten Teil des Système (vgl. ebd.: 432ff.) ist dann auch eine scharfe Anklage der Religion und der mit ihr verbündeten oder von ihr kontrollierten weltlichen Obrigkeit: Da über die Trugbilder der Religion keine Einigkeit herrsche (Holbach spielt hier auf verschiedene Religionen und Konfessionen an), führe sie nur dazu, dass die Menschen um ihrer eingebildeten religiösen Glückseligkeit willen oft glaubten, „richtig zu handeln, wenn sie, um ihre Ansichten [gegen andere] zu verfechten, Verbrechen“ begingen (vgl. ebd: 116, 435, 436f.). Obwohl Holbach dabei Kritik an der Gottesvorstellung überhaupt übt, wird v.a. der biblische Gott sehr negativ dargestellt (vgl. ebd.: 434ff.): Er liebe oder hasse, erwähle oder verwerfe absolut willkürlich; sei despotisch, eifersüchtig, rachgierig; finde Gefallen an Blutbädern, stelle den Menschen Fallen und untersage ihnen strengstens, gerade ihre Vernunft zu gebrauchen. Die Geistlichkeit, die Gott diene, schildert Holbach nicht weniger negativ (vgl. ebd.: u.a. 204f. und v.a. 437ff.): Sie spiele nach ihren eigenen Interessen Herrscher gegen das Volk oder Völker gegen ihre Herrscher aus; hinge dem Stolz, der Rachsucht und der Unmäßigkeit nach, ohne Furcht vor den angeblichen Strafen Gottes, die sie dem Volk für dasselbe Verhalten androhe; bestrafe aus Sorge um ihre Autorität Vergehen gegen die eingebildete Gottheit am schwersten und verkaufe den Menschen ihr Unglück nicht zuletzt als den Willen Gottes. Aber auch die weltliche Obrigkeit (vgl. ebd.: 438ff. und 454), die Legitimation und Macht entgegen den wahren Verhältnissen von Gott zu haben beansprucht und von den Priestern darin bestärkt wird, missbrauche die Religion v.a. zur Sicherung der eigenen Position und für eigene Interessen. Unantastbar durch die Gesellschaft führten die Herrschenden v.a. Kriege gegeneinander, stürzten ihre Völker ins Unglück, gäben sich auf deren Kosten dem Luxus, der Wollust und dem Laster hin – und verließen sich darauf, dass die Religion, dass Gott selbst (vermittelt durch die Geistlichkeit), ihnen für Andachts- und Bußübungen Vergebung ihrer (Un-)Taten gewähre, so dass sie sich überhaupt nicht dazu bewegt sähen, ihr Verhalten zu ändern. So seien unter dem ,Vorbild‘ und „dem Einfluß verderbter Höfe und betrügerischer oder fanati-

49 scher Priester [...] nur lasterhafte Menschen“ zu sehen, „die sich durch vorübergehende Interessen oder schändliche Vergnügen hinreißen lassen und nicht an ihren Gott denken“ (ebd.: 447, eig. Hervorh.; vgl. ebd.: 441, 447f.). Das Fazit von Holbachs Anklage ist dabei die wiederholt betonte Überzeugung, dass die Religion zur Genüge bewiesen habe, dass sie keine wirksame Grundlage einer menschenwürdigen Moral und des Glücks der Menschheit sein kann, sondern geradewegs zum Gegenteil führe, denn wer glaube, nur Gott fürchten zu müssen, mache vor nichts Halt (vgl. ebd.: u.a. 204ff., 434ff., 444ff., sowie Kap. II,9). Was der Mensch dem gegenüber brauche, sei eine menschliche, auf die (bzw. auf seine) Natur gegründete Moral, für die gerade die geschmähte Notwendigkeitslehre des Materialismus „eine unerschütterliche Basis“ liefere (ebd.: 177; vgl. ebd.: 175ff., 449ff. und Kap. II,9): Die Wahrheit über die notwendige Bedingtheit des individuellen und gesellschaftlichen Handelns müsse verbreitet und der Aberglaube überwunden werden, um im Rückgriff auf Vernunft, Erfahrung und Natur das Wohlergehen des Menschen in der naturgemäßen Gesellschaft herbeizuführen, denn Aufklärung zur Wahrheit und Erziehung zur Tugend im Sinn der naturgemäßen Gesellschaft (vgl. ebd.: v.a. 213ff.) sind für Holbach die unabdingbaren, aber auch bereits die ausreichenden Voraussetzungen menschlichen Glücks. Festzuhalten bleibt hier nun abschließend, dass die Existenz Gottes, der unsterblichen Seele und des freien Willens (als Voraussetzung persönlicher Verantwortlichkeit des Einzelnen vor Gott) aus traditionell christlicher Perspektive im Zentrum jeglicher Überlegungen zu Sittlichkeit und Moral stehen und die Leugnung bzw. der Ersatz dieser Dinge daher auch zu heftigen Reaktionen führen musste; festzuhalten bleibt aber auch, dass die Vorwürfe, die Rudolph Wagner in der Eröffnung seiner Auseinandersetzung mit Carl Vogt gegen den Materialismus auffuhr, keine neuen waren,29 sondern schon früher erhoben und z.B. von Holbach bereits ausführlich (und zudem mit einem Gegenangriff) erwidert worden waren. Obwohl sich dabei weder Vogt noch Wagner ausdrücklich auf das holbachsche Système beziehen, ist kaum anzunehmen, dass sie nicht zumindest indirekt mit seinen Grundzügen vertraut waren; Lange (1974, Bd. 2: 516) geht immerhin davon aus, dass sich zumindest „die Wirkung eines Schriftstellers – und besonders des Philosophen – in das Bewußtsein der Menge“ verliert, und dass „aus diesem Bewußtsein heraus [...] die zersplitterten Sätze und Anschauungen“ durchaus ihren Einfluss ausüben. Wie sich zeigen wird, unterscheidet sich Vogt (nach der Revolution von 1848/49) von Holbach dennoch ganz wesentlich in seiner Vorstellung 29

Zur Kritik am Materialismus, auch über die von Wagner angeführten Punkte und den Streit um die Seele hinaus, vgl. Gerhard (2007), aber auch Kühne-Bertram (2007). Zur Kritik konkret am Materialismus Vogts, vgl. Wittkau-Horgby (1998) sowie die Ausführungen dazu in Kap. 4.5 dieser Untersuchung.

50 davon, wie die materialistische Gesellschaft zu kontrollieren und zu ordnen sei (vgl. unten), während er letztlich zeitlebens im holbachschen Sinne für Volkssouveränität und Republik eintrat. Dass Vogts Auftreten gegen Staat und Geistlichkeit dabei insgesamt weitaus weniger drastisch (wenn auch nicht weniger entschieden) ausfällt, erklärt sich daraus, dass Holbachs Système unter den absolutistischen Gesellschaftsverhältnissen vor der Französischen Revolution entstanden war, während Vogt in einer Zeit wirkte, in der sich zumindest der konstitutionelle Gedanke bereits fest etabliert hatte, hinter den auch nach 1848/49 nicht zurückgegangen werden konnte; die Dinge hatten sich bereits – zumindest in bestimmten Bereichen – geändert. Dennoch sahen sich auch Mitte des 19. Jahrhunderts Materialismus und Naturwissenschaften (noch oder wieder) einem Bündnis philosophischer und theologischer sowie sozialer und politischer Kräfte gegenüber, die in einer rein immanenten Weltanschauung eine Gefahr für Glaube, Moral, Kultur, Gesellschaft und Staat sahen (vgl. Bayertz 2007c: 56).

2.3

Carl Vogt und Rudolph Wagner: ihre Positionen, ihr Leben, ihre Zeit

2.3.1

Carl Vogt

Der Physiologe und Zoologe Carl Vogt (geboren am 5. Juli 1817 in Gießen, gestorben am 5. Mai 1895 in Genf) war der früheste der drei großen Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland für Aufsehen sorgten. Bei den anderen beiden handelte es sich um den niederländischstämmigen Physiologen Jacob Moleschott (1822– 1893), der von 1847 bis 1854 an der Universität Heidelberg wirkte und v.a. durch seine Werke Die Lehre der Nahrungsmittel (1850) und Der Kreislauf des Lebens (1852) bekannt wurde, sowie um den Darmstädter Arzt Ludwig Büchner (1824–1899), den Autor von Kraft und Stoff (11855), einer der bekanntesten populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen des 19. Jahrhunderts in Deutschland überhaupt. Als einziger von ihnen zeigte Vogt in seinen Arbeiten schon vor der Revolution von 1848/49 materialistische Tendenzen, selbst wenn sie sich erst nach der Revolution voll entfalteten (vgl. z.B. Gregory 1977: 51 und Wittich 1971b: xv). Die Behandlung Vogts ist dabei im Folgenden etwas umfangreicher gehalten als die seines Gegners Wagner im Anschluss. Dies liegt daran, dass Vogts Biographie sehr viel stärker mit den Ereignissen seiner Zeit verwoben ist und daher auch zusammen mit ihnen dargestellt werden soll, nicht zuletzt weil sich aus seinen unmittelbaren Er-

51 fahrungen, die v.a. hinsichtlich der 1848/49er Revolution sehr bitter waren, auch zu einem guten Teil sein Auftreten im Streit gegen Wagner erklären dürfte, den er in Köhlerglaube und Wissenschaft wiederholt den ,Gothaern‘ (bzw. ,Gothanern‘) zurechnet, die er für das Scheitern der Revolution wesentlich (mit)verantwortlich machte (vgl. unten). 2.3.1.1 Vogts monistischer Materialismus zur Zeit der Auseinandersetzung 2.3.1.1.1 Die Aufgabe der Wissenschaft und ihr Gegenstand Vogt vertritt einen allumfassenden monistischen Materialismus (vgl. im Folgenden v.a. Vogt 1847a: 201ff., v.a. 205f.; ders. 1852a: 419-451; ders. 2 1854a: 312ff.; ders. 11855a: 84ff., 102ff. und 116f.; vgl. auch Bröker 1972: Kap. 3.11 und 3.12; Wittich 1971b: xxivff.; Gregory 1977: 145ff., 164ff. und 189ff. sowie Misteli 1938: 49ff.). Aufgabe der Naturwissenschaft ist es für ihn, die Materie, in ihrer elementaren Form wie auch in der Kombination zu komplexeren Stoffen und Dingen, zu untersuchen, und mit dem Wissen um diese Materie und ihre Eigenschaften ist für ihn auch bereits das positive Wissen in seiner Gesamtheit gegeben (vgl. Vogt 1847b: 17ff.; vgl. aber auch ders. 1847a: 478), denn nur die Materie mit ihren Eigenschaften ist wissenschaftlich (mit Hilfe der natürlichen Sinne oder wissenschaftlicher Instrumente) überhaupt zu erfassen, nur über sie kann etwas Objektiv(ierbar)es gesagt werden und nur sie erweist sich dem Naturforscher damit als Baustoff der Wirklichkeit. Vogts Bekenntnis zur Empirie ist nachdrücklich: Er wolle „wissen und nicht glauben“ (Vogt 1847a: 208); alles, was über die empirisch ermittelbaren, auf Erfahrung und Versuch gegründeten Tatsachen der materiellen Wirklichkeit hinausgeht ohne unmittelbar, annähernd zwingend, aus diesen Tatsachen zu folgen, lehnt er als willkürliche Spekulation entschieden ab, denn allein „die Thatsache ist unumschränkte Herrscherin im Gebiete der Naturwissenschaften, sie reißt alles nieder, was ihr entgegen steht“ (Vogt 1852a: 358; vgl. auch ders. 1847a: 205 und ders. 21854a: 323). Bereits beim Aufstellen wissenschaftlicher Hypothesen mahnt er daher zur Zurückhaltung: Hypothesen, die nichts erklärten oder anschaulicher machten, die nicht aus der inneren Notwendigkeit eines Problems hergeleitet würden und folglich unnötig seien, betrachtet er als unzulässig, auch dann, wenn sie ideologisch wünschenswert wären (vgl. Vogt 11855a: 121; ders. 41855a: lxv; ders. 1852a: 346 sowie ders. 21854a: 12ff.). Man darf dies sowohl gegen die ältere idealistische, spekulative Naturphilosophie gerichtet sehen als auch gegen eine christlich gefärbte zeitgenössische Forschung, wie Vogt sie ebenso spekulativ in Rudolph Wagner verkörpert sah. Hinsichtlich der Überzeugungen der letzteren heißt es dann auch recht deutlich, dass „in der Naturwissenschaft

52 [...] die thatsächliche Wahrheit, die der Einzelne verkündet, mehr als der Irrthum von Millionen“ gelte (Vogt 41855a: lxiv; eig. Hervorh.).30 Die Materie selbst ist für Vogt mit ihr immanenten Kräften31 ausgestattet, wobei Materie ohne eine ihr innewohnende Kraft ebenso unvorstellbar sei wie umgekehrt eine Kraft ohne eine materielle Grundlage, der sie angehört (Vogt 21854a: 635f., sowie ders. 1852a: 450 und 423f.); wie oben in Kap. 2.1.4 angedeutet, betrachtet er schon daher die Existenz immaterieller, rein geistiger Wesenheiten wie Gott oder Seele (im dualistischen Sinn) als unvorstellbar. Wie im antiken Materialismus ist die Materie nun aber nicht nur kraftbegabt, sondern – in ihrer elementaren Form: als Atom (nicht als Verbindung) – auch ewig; sie sei „das einzig Unvergängliche, was wir kennen“ (Vogt 1847a: 459 bzw. ders. 21854a: 635) und man müsse zudem, ebenfalls wie im antiken Materialismus, stets „den Grundsatz festhalten, daß aus dem Nichts auch Nichts werden kann, daß die Materie, eben so wie sie unzerstörbar ist, auch unerschaffbar ist und daß Schöpfung von Materie also ein palpabler Unsinn ist“ (Vogt 1852a: 355); angesichts einer solchen unerschaffenen und unerschaffbaren Materie ist die Existenz eines Gottes (als Schöpfer) dann aber nicht mehr nur unvorstellbar, sondern v.a. auch unnötig. 2.3.1.1.2 Wirken der Naturgesetze in anorganischer, organischer und ,seelischer‘ Welt Alle Erscheinungen der physischen Welt aus Stoff und Kraft ergeben sich nun auch für Vogt (wie für die antiken und französischen Materialisten) nach notwendigen Naturgesetzen aus dem Zusammenspiel der elementaren und komplexen materiellen Dinge. Da sowohl Vogt als auch Moleschott aus dem Bereich der Lebenswissenschaften kamen (Physiologie, Zoologie) und die Physiologie als Wissenschaft von den Vorgängen im lebenden Organismus auch für den Arzt Büchner von großer Bedeutung war, kann es nicht verwundern, dass sich der deutsche Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts v.a. mit der organischen Welt, mit den Lebewesen und ihren Funktionen befasste, die man endgültig in den Bereich der herkömmlichen physischen Welt integrieren wollte; dies wie gesagt nicht, indem man die ältere Materialismustradi30

31

Zu Vorwürfen auch der neueren Forschung, dass der Materialismus selbst häufig über die Grenzen der Empirie hinausging, vgl. z.B. Gerhard (2007: v.a. 133ff.), Mensching (2007: v.a. 42ff.) und die Analyse zu Text 1 (unten, Kap. 3.1.2 dieser Untersuchung). Zu Vogt, vgl. Wittkau-Horgby (1998: v.a. 81ff. und 84ff.), aber auch die Ausführungen dazu, unten in Kap. 4.5 dieser Untersuchung. ,Kraft‘ ist hier und im Folgenden am besten zu verstehen als eine Eigenschaft, Fähigkeit oder Funktion des Stoffs (vgl. in diesem Sinn Vogt 1847a: 459), so wie (Atom-)Bewegung, Magnetismus, Elektrizität – oder wie im Materialismus eben auch Denken und Bewusstsein.

53 tion wiederbelebte, sondern indem man entsprechende Positionen auf der Grundlage der Fortschritte der modernen Naturwissenschaften neu etablierte (vgl. Lange 1974, Bd. 2: 516). Die Physiologie musste Vogts Ansicht zufolge dabei im engen Zusammenhang mit Physik und Chemie betrieben werden, da im lebendigen Organismus grundsätzlich die gleichen Kräfte wirkten wie in der anorganischen Welt (vgl. Vogt 1848, Bd. 1: 23f. und 132ff., sowie ders. 1847a: 112). Die Vorstellung einer nur für die belebte Natur zuständigen Lebenskraft wurde v.a. unter Berufung auf Wöhler32 vehement zurückgewiesen: etwa als „der Zufluchtsort müssiger Geister [...], welche sich die Mühe nicht nehmen mögen, etwas ihnen Unbegreifliches zu erforschen, sondern sich begnügen das scheinbare Wunder anzustaunen“, oder auch als jenes „unbekannte X, [...] das stets ausweicht, wo man es fassen will, und dessen Reich um so weiter zurückgedrängt wird, je weiter voran die Wissenschaft ihre Fackel trägt“ (Vogt 1847a: 143 bzw. ders. 21854a: 221). Für Vogt ist das Leben nur Ausdruck der Wechselwirkungen im Organismus, wie sie sich aufgrund seiner stofflichen Zusammensetzung ergeben (vgl. Vogt 41855a: lviiif., sowie ders. 21854a: 325 und 645). Allgemein gilt dabei, dass die Funktionen der Stoffverbindungen gegenüber denen der Einzelstoffe differenzierter sind (vgl. Vogt 1847a: 459 und ders. 21854a: 635), so dass auf einem bestimmten Niveau das Leben, auf einem höheren auch das Denken und das Bewusstsein notwendig entstehen. Innerhalb der organischen Welt unterscheidet Vogt daher auch nicht grundsätzlich zwischen Mensch und Tier; v.a. geistige Fähigkeiten wie Verstand und Vernunft seien bei beiden qualitativ dieselben und unterschieden sich nur dem Grad der Ausbildung nach (vgl. dazu Vogt 1852a: 422ff., v.a. 424ff., sowie ders. 21854a: 418f.). Was nun diese geistigen Fähigkeiten – die Vogt auch regelmäßig als Seelenthätigkeiten bezeichnet – betrifft, so sagt er streng genommen gerade nicht, dass eine separate, immaterielle Seele als deren Trägerin nicht existiere, sondern er betont immer wieder, dass sie für die (Natur-)Wissenschaft nicht existiert: „Die Wissenschaft [...] kann die Seele nicht finden“ (Vogt 11855a: 120). Praktisch läuft das bei ihm aber auf das Gleiche hinaus, da die eigenständige Seele als etwas wissenschaftlich nicht Erfassbares, für das keine empirischen Tatsachen sprechen, ebenso klar zurückzuweisen ist wie jede andere spekulative Hypothese (vgl. Vogt 41855a: lxv, sowie ders. 11855a: 109 und 116). Die eigenständige Seele ist für ihn und „[f]ür die Naturforschung [...] nur ein Collectivname für verschiedene Funktionen, die dem Nervensysteme und zwar [...] dem Centralnervensysteme, dem Gehirne, ausschließlich zukommen“ (Vogt 1852a: 443; vgl. auch ders. 1847a: 206 und ders. 11855a: 107ff.), wobei die höher entwickelten Fähigkeiten des Menschen eben nur aus seiner komplexeren Organisation resultierten (vgl. Vogt 1852a: 450f.; vgl. auch 32

Vgl. oben, Kap. 2.1.4.

54 ders. 1847a: 268f. sowie 21854a: 418f.). Für den ,Nachweis‘ des Zusammenhangs zwischen Körper und Seele(ntätigkeiten) in materialistisch-monistischer Hinsicht (dafür, dass letztere von ersterem erst erzeugt werde), stützte man sich, neben Erkenntnissen zu Hirnverletzungen beim Menschen, v.a. auf die vivisektorischen Tierversuche der französischen Physiologen Jean Pierre Flourens (1794–1867) und François Magendie (1783–1855), die u.a. am Beispiel von Tauben und Hühnern gezeigt hatten, dass mit der schrittweisen Schädigung bzw. Entfernung des Großhirns die Fähigkeiten u.a. zu Empfindung und zum Ausdruck von Willens- und anderen inneren Regungen schrittweise verloren gingen, während wesentliche Vitalfunktionen erhalten blieben (vgl. Vogt 1852a: 443f.).33 Anders als im antiken Materialismus und deutlicher als auch bei Holbach wird die Seele damit nicht mehr als materieller Teil des Körpers betrachtet, sondern als Produkt bzw. Begleiterscheinung der Tätigkeit des lebenden Organismus.34 Die Konsequenzen daraus sind aber dieselben wie bei Holbach: nämlich dass die Seele (als Funktion eines Teils der kausal determinierten materiellen Welt) nicht unsterblich35 und der Wille (als Teil der Funktion) nicht frei sein kann.36 Vogt sagt dies in den Bildern aus dem Thierleben (1852a: vgl. 445ff. und 450f.; vgl. aber auch ders. 11855a: 84f.) nun zwar, nachdem er sich kurz zuvor noch dahingehend geäußert hatte, dass das Tier „innerhalb des Kreises seiner Intelligenz“ ebenso „frei“ sei, „als der Mensch innerhalb des seinigen“ (Vogt 1852a: 433); er hatte damit aber weniger auf eine tatsächliche Willens-, als vielmehr auf ein gewisses Maß von Handlungs- oder Verhaltensfreiheit angespielt (vgl. ebd.: v.a. 435f.), denn auch wenn der Mensch ebenso wenig wie das Tier nur einem blinden Instinkt folgt, sondern aufgrund von Verstand und Vernunft in verschiedenen Situationen auf ein und denselben Reiz sehr unterschiedlich reagieren kann, so wäre sein Verhalten immer noch durch die Gesamtsituation sowie durch „seinen bestimmten Charakter“ (ebd.: 449) bedingt, wobei letzterer wiederum durch den „Typus des Gehirnbaues“ festgelegt sei (ebd.).37 Insofern sitzt 33 34

35

36

37

Vgl. auch Ludwig Büchner (in Wittich 1971a: 428). Dies gilt Lange (1974, Bd. 2: 518) zufolge für rein wissenschaftlich-physiologische Betrachtungen (die sich auf das Beobachtbare beschränken, ohne metaphysische Konsequenzen daraus ziehen zu wollen) schon seit den zweibändigen Rapports du physique et du morale de l’homme (1795 bzw. 1802) von Pierre Cabanis (1757– 1808); vgl. dazu auch Misteli (1938: 54f.). Wiederum: „Die Naturforschung kennt keine individuelle Fortdauer der Seele nach dem Tode des Körpers“ (Vogt 1852a: 443; eig. Hervorh.). „[...] so muß auch die Gehirnsubstanz eines Individuums diesen oder jenen Gedanken produciren, je nachdem sie so oder anders erregt wird […]“ (Vogt 1852a: 445). Die zuletzt angeführten Zitate beziehen sich streng genommen nur auf den Menschen, wobei Vogt davor und danach aber mehrfach ausdrücklich betont, dass dieser sich vom Tier (letztlich) nicht unterscheide.

55 Vogt in der Sache keinem Widerspruch auf, wenn er etwas rigoros formuliert, dass wir „in keinem Augenblicke Herren über uns selbst, über unsere Vernunft, über unsere geistigen Kräfte“ sind (ebd.: 445; vgl. ebd: 445f.).38 Die gesellschaftlichen und moralischen Konsequenzen, die er aus der Unfreiheit des Willens zieht, weichen nun aber, wie angedeutet, stark von Holbach ab; für Vogt erübrigt sich mit der kausal determinierten Notwendigkeit des menschlichen Handelns und Denkens „eine Verantwortlichkeit und eine Zurechnungsfähigkeit, wie sie die Moral und die Strafrechtspflege und Gott weiß wer noch uns auferlegen wollen“ (ebd.: 445), und er spricht sehr klar aus, dass sich Strafe angesichts der Unfreiheit des Willens nicht begründen lasse (ebd.: 446). Einen Ersatz, eine Erklärung, wie die menschliche Gesellschaft dennoch funktionieren könne, liefert er dann aber erst später, in Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a: 118ff.): Auch Vogt sieht den Menschen dort zwar als „ein geselliges Wesen [...], das [...] nur in und mit der Gesellschaft existiren kann“ (ebd.: 122), er ist ähnlich wie Holbach (ohne auf ihn Bezug zu nehmen) davon überzeugt, dass „kein Mensch einen Anspruch für sich erheben dürfe, den er nicht seinem Mitmenschen in vollstem Maße gestatten will“ (ebd.: 122f.), und dass es eine gesellschaftliche Ordnung zu erreichen gelte, „die sich auf die Gleichberechtigung aller Menschen, [...] auf die Herstellung des möglichst großen zeitlichen Glückes für Alle gründen soll“ (ebd.: 123); das Mittel zum Erreichen und Sichern dieses Zustandes ist für ihn nun aber die Wissenschaft selbst, genauer gesagt die Medizin und die Ernährungswissenschaft, da Vogt davon überzeugt ist, dass es v.a. körperlich „fehlerhafte Organisation, krankhafte Ausbildung, mangelhafte Ernährung und Hirn-Metamorphose“ sind, die die Menschen zu unvernünftigen Handlungen führen – körperliche Erscheinungen also, „die wir als Krankheitssymptome betrachten und denen wir Abhülfe und Heilung zu bringen suchen“ (ebd.). Auch wenn mit dieser radikal materialistischen Ansicht, dass die geistigen Fähigkeiten und das Denken unmittelbar von der stofflichen Zusammensetzung des Körpers abhängen und sich über die Ernährung ebenso modifizieren lassen wie in der Folge davon die gesellschaftlichen Verhältnisse als Ausdruck des Denkens, auch wenn also mit dieser Ansicht an der entsprechenden Stelle (ebd.: 118ff.) v.a. ein Gegensatz zwischen dem nachsichtigen, dem Einzelnen helfen wollenden Materialismus einerseits und der strafenden, unbarmherzigen christlichen Moral- und Gesellschaftsordnung andererseits aufgebaut wird, so darf doch nicht daran gezweifelt werden, dass es Vogt ernst ist mit der Bedeutung, die er der Medizin und der Ernährung zuweist. Zumindest den Einfluss der letzteren auf das Denken und auf die 38

Den subjektiven Eindruck der Willensfreiheit bestreitet Vogt nicht und erklärt ihn daraus, dass man die Grenzen der Freiheit nur bei anderen Wesen erkennen könne, und dies auch nur dann, wenn die eigenen geistigen Fähigkeiten über deren Fähigkeiten hinausgingen (vgl. Vogt 1852a: 435f.).

56 geistigen Anlagen hatte er bereits früher mehrfach vertreten (vgl. Vogt 1852a: 446f., aber auch ders. 1848, Bd. 1: 271ff. und ders. 1851a: 5, 21ff. und 31),39 wenn auch hier ebenfalls z.T. im Zusammenhang mit Kritik am christlichen Obrigkeitsstaat, zu dem er nicht erst mit der gescheiterten Revolution von 1848/49 in dauerhafte und entschiedene Opposition geraten war. Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts 2.3.1.2 2.3.1.2.1 Grundlagen Was nun den gesellschaftlich-politischen Rahmen betrifft, in dem sich Vogts Positionen entwickelten, so wurden er und Rudolph Wagner in bewegte Zeiten geboren, die vom Spannungsverhältnis zwischen Neuerung auf der einen und Bewahrung bzw. Wiederherstellung des Alten auf der anderen Seite geprägt waren. Während der napoleonischen Herrschaft über Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die ständisch-feudale Gesellschafts- und absolutistische Herrschaftsordnung in den vielen deutschen Einzelterritorien erstmals aufgebrochen und in Richtung von Reformen, hin zu moderner Staatlichkeit nach französischem Vorbild gedrängt worden (vgl. Nipperdey 1998: 31ff. und 272 sowie Braubach 1970: 50ff. und 65ff.); und im Widerstand gegen Napoleon seit 1812/13 hatten die deutschen Fürsten die nationalen und liberalen Hoffnungen v.a. der bürgerlichen Kreise, die auf den verfassten deutschen Gesamtstaat (und auf parlamentarische Mitsprache in ihm) gerichtet waren, zunächst auch selbst geschürt und für die Begeisterung der Befreiungskriege (aus)genutzt. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 (vgl. im Folgenden Nipperdey 1998: 355ff.; Braubach 1970: 91ff. und 99ff.; Sautter 2004, Bd. 2: 1ff.) war dann aber weder das Einheits- noch das Verfassungsversprechen eingelöst, sondern Deutschland gemäß den konservativen Interessen der Fürsten erneut in einer losen Union, dem Deutschen Bund, organisiert worden, der die Souveränität der Einzelstaaten weitgehend unangetastet ließ (vgl. v.a. §§1f. und 11 der Deutschen Bundesakte)40 und dessen einzige Institution ein Gesandtenkongress (also kein gewähltes Parlament) war (§§4ff.). Hinsichtlich der Verfassungsfrage gab es die Bestimmung, dass in allen Mitgliedsstaaten eine „Landständische Verfassung statt finden“ sollte (§13), was aber nicht weiter konkretisiert wurde, zumal nicht im Sinn moderner parlamentarischer Vertretung. Während gerade die großen Staaten Österreich und Preußen aufgrund des Fehlens oder Abbrechens ernsthafter Reformbemühungen keine Verfassungen erhielten (vgl. Nipperdey 1998: 33ff., 80ff., 331ff. und 337ff.; Brandt 2002: 180ff. und 189ff. sowie Schieder 1970: 101ff.), kamen die in den kleineren und mittleren Staaten Süd- und Mittel39

40

Ganz ähnliche Überlegungen finden sich aber auch bei Moleschott (vgl. Mensching 2007: 41). In Sautter (2004, Bd. 2: 1ff.).

57 deutschlands erlassenen (u.a. in Bayern und Baden jeweils 1818) den liberalen Vorstellungen von Grund-, Menschen- und Bürgerrechten, der Beteiligung (der besitzenden Klassen!) an Gesetzgebung und Staatshaushalt sowie der Kontrolle der vom Monarchen eingesetzten Regierung recht weit entgegen (vgl. Nipperdey 1998: 272ff., 287ff.; Brandt 2002: 78ff., v.a. 84ff.; Sautter 2004, Bd. 2: 11ff.; Hardtwig/Hinze 1997: 81ff.); mit dieser ersten Verfassungswelle bis 1820 (von der als einer der letzten Staaten auch Vogts Heimat, das Großherzogtum Hessen, erfasst wurde) kamen die Dinge aber bereits wieder zum Erliegen, denn v.a. Österreich, in Gestalt seines führenden Staatsmanns Metternich, begann gegenzusteuern, da man in Wien kein Interesse an einer sich ausbreitenden Beschränkung fürstlicher Souveränität hatte. Den Anlass für Maßnahmen gegen die liberalen und nationalen Bewegungen lieferten v.a. die Aktivitäten der Studenten, die seit den Befreiungskriegen und seit ihrer Organisation in der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft zu einem der aktivsten politischen Elemente im Deutschen Bund geworden waren (vgl. im Folgenden Nipperdey 1998: 278ff.; Schieder 1970: 108ff.; Braubach 1970: 80f.; Hardtwig/Hinze 1997: 63ff.). Die Gründung der Burschenschaft, die bewusst dem angestrebten, aber vorerst verhinderten Nationalstaat vorgreifen sollte, war 1817 auf dem Wartburgfest beschlossen worden, das die ,nationalen‘ Ereignisse der Reformation (1517) und der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) feierte und wo sich die Enttäuschung der Studenten über die Verhältnisse nach 1815 u.a. in der Verbrennung von Schriften ausdrückte, die die rückwärts gewandte Bundespolitik stützten. Während letzteres von Metternich bereits als revolutionäre Aktion betrachtet wurde und Österreich zusammen mit Russland auf einem europäischen Kongress für eine Beschränkung der Freiheit der Universitäten eintrat, wurde die Lage durch die Ermordung des Dichters August von Kotzebue (1819), der der russischen Regierung Berichte über die deutschen Universitäten geliefert hatte, dramatisch verschärft (vgl. Nipperdey 1998: 281f.; Schieder 1970: 109f.). Karl Sand, der Attentäter, stammte aus dem Umfeld des radikalen Burschenschaftlers Karl Follen (wo auch gewaltsame Aktionen gegen die bestehenden Verhältnisse propagiert wurden, Tyrannenmord eingeschlossen), und Metternich erwirkte unter Ausnutzung dieser Situation in den so genannten Karlsbader Beschlüssen von 1819 (vgl. in: Sautter 2004, Bd. 3: 7ff.) nun das Verbot der Burschenschaften, die Überwachung der Universitäten, die Entlassung politisch unliebsamer Professoren sowie die Verschärfung der Zensur. Hinzu kam 1820 eine Ergänzung zur Bundesverfassung, die so genannte Wiener Schlussakte (vgl. in Sautter 2004, Bd. 2: 34ff.), die v.a., gegen die Landtage der deutschen Einzelstaaten gerichtet, die unmissverständliche Festschreibung der obersten Staatsgewalt in der Hand des Landesfürsten mit sich brachte (§§57f.) und zudem für Gefahrenfälle, wie Umsturz etc., Interventionsrechte (bzw. -pflichten) des Bundes in den Einzelstaaten formulierte

58 (§§25f.). Auch wenn die verschiedenen deutschen Regierungen die Beschlüsse unterschiedlich streng umsetzten, wurde die konstitutionelle Weiterentwicklung in der Folgezeit doch wesentlich gehemmt und den oppositionellen Kräften klar gezeigt, wie die herrschenden Gewalten zu ihnen standen. 2.3.1.2.2 Deutschland um 1830 Bewegung ergab sich in größerem Umfang erst wieder, als die Revolution von 1830 in Frankreich den liberalen und nationalen Kräften auch in Deutschland neues Selbstbewusstsein verlieh (vgl. Schieder 1970: 117ff.; Nipperdey 1998: 367ff.): In den Verfassungsstaaten gewann die Opposition wieder an Fahrt, in Staaten wie Kurhessen (1831), Braunschweig (1832) und Hannover (1833) wurden in einer zweiten Verfassungswelle erstmals überhaupt konstitutionelle Formen der Monarchie eingeführt. Zudem hatte die radikal demokratische Bewegung, die sich damals vom Liberalismus zu differenzieren begann und der später auch Carl Vogt angehörte, auf dem Hambacher Fest (1832) ihren ersten großen Auftritt: Von dem klassischen liberalen Programm, mit dem eigentlichen liberalen Prinzip (Befreiung des Einzelnen von der Übermacht des Staates) und dem zu ihm hinzutretenden demokratischen Prinzip (politische Beteiligung der besitzenden Klassen am Staat), die beide in geordneter Entwicklung zusammen mit dem bestehenden Staat verwirklicht werden sollten, von diesem klassischen Programm grenzten sich die radikalen Demokraten durch ihre Opposition gegen jede Form der Fürstenherrschaft und durch die Radikalisierung des demokratischen Prinzips ab, das bei ihnen zur Forderung nach einer nationalen parlamentarischen Republik erweitert wurde, an der alle Klassen des Volkes beteiligt sein sollten und zu deren Erreichung nötigenfalls auch revolutionäre Mittel in Frage kamen (vgl. Nipperdey 1998: 287ff. und 369ff.; Brandt 2002: 78ff., v.a. 84ff.; Schieder 1970: 123; Sautter 2004, Bd. 3: 13ff.). Wie schon mehr als zehn Jahre zuvor die Ermordung Kotzebues, war es auch jetzt wieder v.a. ein einzelner Zwischenfall, der den konservativen Kräften die Gelegenheit zu Gegenmaßnahmen lieferte: Eine „kleine Gruppe von Revolutionären“ (Nipperdey 1998: 372) unternahm 1833 die erfolgreiche Besetzung der Frankfurter Polizeiwachen, der die Besetzung der Bundesversammlung (dem Symbol der Ordnung von 1815) und die Errichtung einer „zentrale[n] revolutionäre[n] Gewalt“ (ebd.) folgen sollte. Die letzteren Ziele scheiterten zwar, aber das Ereignis – zusammen mit dem Hambacher und ähnlichen kleineren Festen, einer immer deutlicher werdenden Zunahme der inner- und außerparlamentarischen Opposition sowie nicht zuletzt einer zu-

59 nehmenden Politisierung von Literatur und Publizistik41 – lieferte Metternich und dem Bund erneut Anlass für ein Vorgehen gegen die oppositionellen Bewegungen. Zu den Maßnahmen der Jahre ab 1832 (in den sogenannten 6 Artikeln und den wenig späteren 10 Artikeln) gehörten v.a. eine Kommission zur Kontrolle der Landtage (deren Spielräume eingeschränkt wurden), das generelle Verbot politischer Vereinigungen und Versammlungen, die ausdrückliche Erneuerung des Verbots der Burschenschaften sowie die weitere Verschärfung der Zensur und schließlich die erneute ausdrückliche Verpflichtung der Einzelstaaten zu gegenseitiger Hilfe im Vorgehen gegen innere Unruhen; hinsichtlich der Frankfurter Ereignisse wurde mit einer Zentralbehörde für politische Untersuchungen, auch zur Verfolgung weiterer revolutionärer Aktivitäten, reagiert, die (wenn auch bei späterer Abmilderung der Urteile) 39 Todes- und 165 Haftstrafen verhängte (vgl. Nipperdey 1998: 371ff.; Schieder 1970: 123f.; Sautter 2004, Bd. 3: 17f.; Hardtwig/Hinze 1997: 99ff. und 103ff.). Hambach und die Frankfurter Ereignisse zogen nun eine große Flucht- und Emigrationswelle nach sich, gerade unter denen, die (von Metternich aus gesehen) jenseits, also links der Liberalen standen (vgl. Nipperdey 1998: 374f.). Vor allem im schweizer und Pariser Exil entstanden nun wichtige Zentren der sich jetzt erst richtig festigenden demokratischen Bewegung, die publizistisch auf Deutschland zurückwirkten. Und genau an diesem Punkt, der Emigrationswelle der 1830er Jahre, erfassten die Ereignisse in Deutschland nun zum ersten Mal auch Carl Vogt unmittelbar, nachdem er indirekt bereits sehr viel länger von ihnen beeinflusst worden war. Vogts persönliche und wissenschaftliche Entwicklung bis zur Revolution von 1848/49 2.3.1.3.1 Vogts Familie und Kindheit 2.3.1.3

Die politische Prägung Carl Vogts dürfte schon in seinem Elternhaus begonnen haben, in dem ein entschieden oppositioneller Geist geherrscht haben soll und zu dem er zeitlebens in engem Kontakt stand (vgl. Bröker 1972: 172ff.; Gregory 1977: 51ff.; Wittich 1971b: xvff.). Sein Vater Phillip Friedrich Wilhelm Vogt (1786–1861), Professor für Medizin an der Universität in Gießen, wird dabei beschrieben als ein „politisch Liberaler [...], der aus seinem Liberalismus keinen Hehl“ machte (Bröker 1972: 174) und der in Gießen als „das anerkannte Haupt der freisinnigen Partei“ gegolten habe (Vogt 1896: 115), deren Anhänger bei ihm ein- und ausgingen. In seinem Engagement für die liberale Opposition scheinen ihm von den Behörden immer wieder Steine in den Weg gelegt worden zu sein, so v.a. als er ein Mandat im großherzoglich 41

Es ist dabei vor allem an Heinrich Heine in Paris zu denken, sowie in Deutschland selbst etwa an Georg Büchner oder, bis zum Verbot ihrer Schriften (1835), an die Autoren des „Jungen Deutschland“ (vgl. Nipperdey 1998: 373f.).

60 hessischen Landtag offenbar nicht antreten konnte, da ihm die nötige Beurlaubung aus dem Staatsdienst verweigert wurde; zumindest scheint es Vogts Vater 1835 nicht schwer gefallen zu sein, Gießen den Rücken zu kehren und einem Ruf an die Universität Bern zu folgen (vgl. ebd.: 30 sowie William Vogt 1896: 16). Interessant ist im Zusammenhang mit Vogts früher Prägung aber auch die mütterliche Seite seiner Familie (vgl. Bröker 1972: 175ff.; Misteli 1938: 7ff.): Luise Vogt, von der es ebenfalls heißt, dass sie auf der Seite der Freiheitlichen gestanden und sich an den politischen Diskussionen in ihrem Haus lebhaft beteiligt habe, war die Schwester der Follen-Brüder, von denen der bekannteste, der oben erwähnte Karl Follen, Anführer eines radikalen Flügels der Burschenschaften gewesen war und der Familientradition zufolge42 in das Attentat auf Kotzebue (vgl. oben) verwickelt gewesen sein soll; aber auch Paul und Adolf Ludwig Follen hatten sich politisch betätigt, wobei letzterer für die Teilnahme an der Bücherverbrennung auf der Wartburg (vgl. oben) nach mehrjähriger Kerkerhaft ins Exil in die Schweiz ging. Die Geschichten um die oppositionell-revolutionären Aktivitäten seiner Onkel dürften auf Vogt dabei „unleugbar [...] großen Einfluß geübt haben“ (Misteli 1938: 8; vgl. ebd.: 10 sowie Bröker 1972: 176). Neben der Bedeutung, die der Politik im Hause Vogt zukam, scheint die Religion (die Familie war nominell protestantisch) keine große bis kaum eine Rolle gespielt zu haben, obwohl der Bruder des Vaters selbst Pfarrer und mehrere seiner Schwestern mit Pfarrern verheiratet waren und obwohl Kontakt zu den Verwandten bestand (vgl. Vogt 1896: 3ff.; Bröker 1972: 180ff.); der spätere entschiedene Atheist Vogt selbst zumindest will das Beten zu Tisch aus seinem Elternhaus nicht gekannt und seit seiner Konfirmation auch keine Kirche mehr besucht haben (vgl. Vogt 1896: 16 und 196). Gregory (1977) und Wittich (1971b) weisen bei all dem zwar allgemein auf die religiöse Toleranz bzw. sogar Indifferenz hin, die im damaligen Gießen unter der protestantischen Bevölkerung weit verbreitet gewesen sei; der Versuch Brökers (vgl. 1972: 169-184), die völlige A- bzw. Antireligiosität der Familie, v.a. des Vaters, wahrscheinlich zu machen, wird von ihnen, und auch von Vogt (1896) selbst, aber nicht gestützt. 2.3.1.3.2 Vogts akademische Ausbildung und frühe Forscherzeit Vogts Universitätszeit in Gießen begann 1833 (also während der erneut anziehenden Reaktion) mit dem Studium der Medizin, die damals noch stark von der spekulativen Naturphilosophie geprägt war (vgl. Bröker 1972: 189; 42

Vgl. Bröker (1972: 177f.); vgl. dazu auch Nipperdey (1998: 281f.) und Misteli (1938: 8, v.a. Anm. 6). Vgl. auch William Vogt (1896: 5f. und 8).

61 vgl. auch Hoffmann 1964: 1ff.) und in dieser Form in Gießen v.a. von Johann Bernhard Wilbrand (1779–1846) vertreten wurde. In den Bildern aus dem Thierleben (Vogt 1852a: 54f.) heißt es von ihm, dass er sich geweigert habe, die Dinge, die er mit dem „geistigen Auge“ geschaut habe, zu revidieren, selbst wenn ihm das „körperliche Auge“ (z.B. beim Blick durchs Mikroskop) etwas anderes zeigte. Vogt hatte jedoch das Glück, bereits zur selben Zeit auch einem der wichtigsten Vertreter der modernen Naturwissenschaft in Deutschland zu begegnen, nämlich Justus Liebig (vgl. oben), der die fortschrittlicheren wissenschaftlichen Methoden, mit denen er während seiner Ausbildung bei dem bedeutenden französischen Chemiker Louis Joseph GayLussac (1778–1850) vertraut geworden war, auch in Gießen einführte und bei dem Vogt schon früh experimentelle Chemie belegte (vgl. hier und im Folgenden v.a. Vogt 1896: 122ff. und 131ff., sowie William Vogt 1896: 13ff. und Bröker 1972: 189ff.). Vor allem bei Liebig erhielt Vogt so seine erste fundierte Einführung in die modernen, nichtnaturphilosophischen Methoden der Forschung, mit genauer Beobachtung, Analyse und Experiment. Seine Erfahrungen müssen äußerst positiv gewesen sein, denn er fasste schnell den Entschluss, Chemiker zu werden und setzte auch nach dem Umzug seiner Familie nach Bern (vgl. oben) seine Ausbildung bei Liebig in Gießen fort. Das Ende seiner Studien dort stand dann, wie oben kurz angedeutet, im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen und Ereignissen in Deutschland (vgl. Vogt 1896: 115f., 133ff. und 141ff.; William Vogt 1896: 16f.; Misteli 1938: 17ff.): Viele Mitglieder der seit 1819/32 verbotenen Burschenschaften hatten sich an den Universitäten unter dem Deckmantel anderer Vereinigungen z.T. wieder organisiert, so auch im Gießener Corps Palatia, dem Vogt bereits zu Beginn seines Studiums beigetreten war, in dem er aber seit seiner Tätigkeit in Liebigs Labor kaum noch aktiv gewesen sein will; als er während einer Verhaftungswelle, die sich gegen verdeckte Burschenschaftler richtete, einem politisch engagierteren Kommilitonen Unterschlupf gewährte und dessen Flucht aus Gießen mitorganisierte, geriet er selbst ins Visier der Behörden und sah sich 1835 gezwungen, zum ersten Mal zu seiner Familie nach Bern zu fliehen, deren Haus sich auch dort zu einer politischen Adresse und einer ersten Anlaufstelle für Flüchtlinge aus Deutschland entwickelt hatte. Bröker (1972: 191) sieht in Vogts erster Flucht den entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben, der ihn gegen alles eingenommen habe, was persönliche Freiheit und Entfaltung unterdrückte. Die Flucht war letztlich aber auch für die Änderung von Vogts beruflichem Werdegang verantwortlich, denn da es in Bern keinen Chemiker von Liebigs Format gab, kehrte er hier wieder zur Medizin zurück (vgl. im Folgenden Vogt 1896: 164ff.) und erhielt bei Gabriel Gustav Valentin (1810–1883) seine Einführung in die moderne (d.h. wieder nichtnaturphilosophische) Physiologie und vergleichende Anatomie – und dabei offensichtlich auch persön-

62 lichen Unterricht in der „mikroskopischen Technik“ (ebd.: 167) an Valentins eigenem Mikroskop, dem „vielleicht [...] einzige[n], welches damals in Bern existierte“ (ebd.: 166). Über die vergleichende Anatomie erfolgte zudem Vogts praktische Einführung in die Zoologie, auf deren Grundlage er seine ersten größeren Abhandlungen zum Nervensystem von Reptilien veröffentlichte,43 deren gewissenhafte Ausführung ihm – William Vogt (1896: 21) zufolge – die Aufmerksamkeit u.a. von Alexander von Humboldt einbrachte. Mit Vogts Zeit in Bern sind damit fast alle Fächer vertreten, in denen er sich in seinen späteren Veröffentlichungen bewegte, jedoch noch nicht die Geologie und die Paläontologie; auch hier kamen, nach dem medizinischen Examen und der Promotion (beides 1839), wiederum äußere Umstände zu Hilfe (vgl. im Folgenden Vogt 1896: 186f. und 194ff.; William Vogt 1896: 24ff.; Gregory 1977: 55ff.; Bröker 1972: 198f.; Misteli 1938: 22f.): Als der angesehene schweizer Naturforscher Louis Agassiz (1807–1873) während eines Besuches bei Vogts Vater über seine Forschungen zu Gletschern und fossilen Fischen berichtete, für die er die Hilfe jüngerer Forscher suchte, ergriff Vogt die Gelegenheit und arbeitete bis 1844 an der Akademie im schweizerischen Neuenburg (Neuchâtel) mit an Agassiz‘ Veröffentlichungen (v.a. den Recherches sur les poisson fossiles, erschienen 1833–44) sowie an dessen Forschungen (u.a. auf mehreren Gletscherexpeditionen). Agassiz stand zwar insgesamt der Naturphilosophie nahe, forschte aber auch „mit dem ,leiblichen‘ Auge, nicht nur wie Wilbrand mit dem ,vorzüglicheren geistigen‘“ (Bröker 1972: 199). Während der Neuenburger Zeit wurde Vogt nun nicht nur mit dem neuesten Strand in Geologie und Paläontologie vertraut, sondern vertrat für Agassiz auf den Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte in Erlangen und Mainz (1840 bzw. 1842) auch dessen Theorie einer europäischen Eiszeit und konnte so erstmals vor einer großen Fachöffentlichkeit auf sich aufmerksam machen. Außerdem kam Vogt durch Agassiz mit George Cuviers geologischer Katastrophen- und Kataklysmentheorie in Berührung, deren entschiedener Anhänger er wurde und die er später auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten übertrug (vgl. unten). Das Verhältnis zwischen Vogt und Agassiz scheint dabei nicht völlig spannungsfrei gewesen zu sein. Vogt klagt später (1896: 200ff.; vgl. auch William Vogt 1896: 34ff.) z.B. darüber, dass Agassiz seine Mitarbeiter mehr und mehr dazu benutzt habe, die eigene nachlassende Arbeitskraft zu kompensieren, indem er ihre Untersuchungen ganz oder z.T. für sich beanspruchte;44 als Agassiz 1844 einem Ruf nach Harvard folgte, beschloss Vogt zumindest, ihn 43 44

Vgl. die Bibliographie seiner Werke bei Jung (1915). Zur Problematik des Verhältnisses zwischen Agassiz und Vogt, v.a. zur rückblickenden Bewertung durch Vogt, vgl. Gregory (1977: 56–58) und Misteli (1938: 36, Anm. 30). Gregory zufolge scheinen Vogts Vorwürfe durch ähnliche Probleme zwischen Agassiz und anderen von dessen Mitarbeitern aber gestützt zu werden.

63 nicht zu begleiten, und ging stattdessen nach Paris, wo er endlich „auf eigenen Füßen stehen“ wollte (Vogt 1896: 201). 2.3.1.3.3 Vogts Zeit in Paris und der Ruf nach Gießen Seine Zeit in Paris bis 1847 sah Vogt selbst als die interessanteste seines Lebens (vgl. Vogt 1896: 202), nicht zuletzt wegen den Bekanntschaften, die er machte. Bereits in Bern, vor seinen Neuenburger Jahren, hatte er zwei Persönlichkeiten kennengelernt, die in politisch-weltanschaulicher Hinsicht von einigem Einfluss auf ihn gewesen zu sein scheinen (vgl. Bröker 1972: 192ff.): Dies war zum einen der Verleger Fritz Jenni, der als „erbitterter Feind der Fürsten, Pfaffen und Aristokraten“ vieles publizierte, was in Deutschland verboten war, und durch sein Engagement dazu beitragen wollte, „die auf Freiheit und Gleichheit gegründete Republik“ herbeizuführen (ebd.: 193);45 zum anderen ist Vogts schon genannter Onkel Adolph Ludwig Follen zu erwähnen, Teilhaber eines weiteren einschlägigen Verlags, des Literarischen Comptoirs Zürich und Winterthur, das sich zu „einer Hochburg des radikalen, politischen und antiklerikalen Schrifttums“ entwickelte, mit [...] Autoren wie David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach (ebd.: 194). In Paris erfuhr Vogt danach nun (und nach den unmittelbaren Erfahrungen, die er selbst und seine Familie mit den Verhältnissen in Deutschland gemacht hatten) weitere Impulse, die ihn letztlich zu dem naturwissenschaftlichen und weltanschaulichen Materialisten mit politischer Agenda machten, als der er seit unmittelbar vor der Revolution von 1848 an die Öffentlichkeit trat (vgl. im Folgenden v.a. Gregory 1977: 58ff. und 68f.; Misteli 1938: 65ff.; Bröker 1972: 200ff. und Wittich 1971b: xvi). Unter Vogts Pariser Kontakten befanden sich als engere Freunde v.a. der Dichter Georg Herwegh (1817–1875), der im Dienste des Freiheitsgedankens zum „Herold der radikalpolitischen deutschen Bewegung“ geworden war (Bröker 1972: 195), und zumindest für einige Zeit auch der russische Anarchist Michail Bakunin (1814–1876), der später zum Gegenspieler von Marx wurde; des Weiteren gehört hierher auch der französische Astronom und Oppositionsführer François Arago (1786– 1853). Möglicherweise46 befanden sich unter Vogts damaligen Bekannten sogar Heinrich Heine (1797–1856), „genialisch, scharfsichtig, [...] emanzipatorisch-republikanisch gegen Monarchie, Adel, Kirchen [...], Liberale und Großbourgeoisie, Kleinbürger und Philister“ (Nipperdey 1998: 374), und Arnold Ruge (1803–1880), vormaliger Herausgeber der oppositionellen Hallischen bzw. Deutschen Jahrbücher für Literatur und Kunst und später (wie Vogt) demokratischer Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversamm45

46

Dieses und das unmittelbar vorausgehende Zitat stammen aus unveröffentlichten Aufzeichnungen Vogts aus der Berner Zeit (zitiert nach Bröker 1972). Vgl. Misteli (1938: 69, v.a. Anm. 13).

64 lung. 1845 und 1846 unternahm Vogt von Paris aus zwei Reisen (an den Ärmelkanal und das Mittelmeer), um Forschungen an niederen Meeresorganismen durchzuführen, wobei er beide Male von Herwegh und einmal auch von Bakunin begleitet wurde; Misteli (1938: 67ff, v.a. 75ff.) geht davon aus, dass er gerade während dieser Forschungsaufenthalte wichtige Impulse von seinen beiden Begleitern erhielt. Die erwähnten Meeresforschungen auf eigene Faust standen im Zusammenhang mit der Fortsetzung von Vogts naturwissenschaftlichen Studien in Paris (vgl. Gregory 1977: 58ff.; Bröker 1972: 202ff.; Misteli 1938: 32f.), die sich v.a. auf Geologie und Paläontologie, aber auch auf Zoologie und Botanik erstreckten. Neben den Vorlesungen, die er bei großen Namen dort hörte (darunter Jean Baptiste Élie de Beaumont, einer der Hauptvertreter der cuvierschen Katastrophentheorie), berichtete er als Wissenschaftskorrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung zudem von den Sitzungen der Pariser Académie des Sciences. Während sich Vogts politische Positionen also im Umgang mit zahlreichen anderen Flüchtlingen herauszukristallisieren begannen, festigte sich im Umgang mit den Großen der französischen Forschung so auch seine Hochschätzung für die exakte empirische Wissenschaft weiter, wobei es als sicher gelten darf, dass er dabei auch mit der französischen atheistisch-materialistischen Tradition in Berührung gekommen ist (vgl. dazu z.B. Bröker 1972: 203f.). Auf diesen Grundlagen begannen sich in Vogts Veröffentlichungen zunächst seine materialistischen Ansichten in naturwissenschaftlicher Hinsicht zu entwickeln, bevor sich nicht sehr viel später auch die ersten politischgesellschaftlichen Konsequenzen aus ihnen zu zeigen begannen47 (vgl. dazu allgemein Gregory 1977: 61ff. und Misteli 1938: 49ff., 77ff. und 103). In seinem Lehrbuch der Geologie und Petrefactenkunde (1846), das auf der Grundlage der Pariser Vorlesungen Élie de Beaumonts entstand, spricht Vogt sich erstmals klar gegen die Annahme eines Schöpfergottes aus und erklärt die Entstehung der geologischen Erscheinungen und des Lebens aus rein natürlichen Gesetzen und Kräften, da z.B. gerade die Abfolge der fossilen Überreste von Tieren unterschiedlich komplexer (nämlich nur nach und nach immer höher stehender) Organisationsniveaus gegen die Annahme eines einmaligen Schöpfungsaktes durch ein vollkommenes höchstes Wesen spreche (vgl. Vogt 1846, Bd. 2: 370). In den populärwissenschaftlichen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (1847a), entstanden zwischen 1845 und 1847, findet sich dann erstmals die Ablehnung eines grundsätzlichen Unterschiedes zwischen den Gesetzen der anorganisch-physischen und der organisch-belebten Natur (vgl. Vogt 1847a: 112 und 143), was auf Ab47

Zu dieser Entwicklung in den frühen Werken, vgl. Gregory (1977: 61ff.) und Misteli (1938: 49ff. sowie 65ff.; dabei v.a. 74ff.).

65 lehnung der Lebenskraft hinausläuft, und im zwölften Brief äußert er sich mit seinem berühmten Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich (der den Streit mit Wagner auslöste) zur materialistischen Vorstellung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele (vgl. ebd.: 205f. [= Text 1]). In Ocean und Mittelmeer (1848), das ebenfalls zwischen 1845 und 1847 entstand, finden sich dann mehrfach politische Anspielungen in der Übertragung von Verhältnissen des Tierreichs auf den Menschen,48 dies v.a. bei einer äußerst bitter-sarkastischen Schilderung, wie der Not der schlesischen Weber abzuhelfen gewesen wäre49 (vgl. Vogt 1848, Bd. 1: 128ff.). Im zeitlich zuletzt entstandenen Vorwort dieses Buches finden sich dann Hinweise auf die Naturwissenschaft als einem relevanten (Kampf-)Faktor in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht, wenn es heißt, dass jedes neue Naturgesetz, das durch die Forschung erschlossen werde, den Sätzen des Katechismus und des bürgerlichen Gesetzbuches vernichtend gegenüber trete (vgl. Vogt 1848, Bd. 1: 20; vgl. dazu Misteli 1938: 90ff.). Dies war jedoch nicht der erste Hinweis auf Politisches bei Vogt, denn nachdem er 1847 gegen konservativen Widerstand, aber unter Fürsprache u.a. durch Agassiz, Humboldt und Liebig einen Ruf auf den zoologischen Lehrstuhl in Gießen erhalten hatte (vgl. Bröker 1972: 208; Wittich 1971b: xvif., einschließlich Anm. 30), hatte er in seiner dortigen Antrittsvorlesung im Mai 1847, im Rückgriff auf die von ihm atheistisch ausgelegte Katastrophentheorie Cuviers bzw. Agassiz‘, betont, dass in der anorganischen und organischen Natur (d.h. in der geologischen Erdgeschichte und in der Geschichte der Lebewesen) Veränderung und Fortschritt nie „ohne gewaltsame Umwälzung des Bestehenden, ohne Zerstörung des Vorhandenen, ohne durchgreifende Revolution“ vor sich gehe (Vogt 1847b: 39; vgl. auch ders. 1846: 374), und er hatte dabei ironisch (wie Wittich 1971b: lxxiii, Anm. 33, betont) hinzugefügt, dass die Menschheitsgeschichte den „ruhigen Fortschritt“ vielleicht kennen möge, dass es aber nicht seine Aufgabe sei, dies zu beurteilen. Gerade in der emphatischen Wirkung dieser verhaltenen Formulierung sieht Wit-

48 49

Vgl. dazu v.a. die Zusammenstellung bei Misteli (1938: 78ff.). Infolge der wirtschaftlichen Not aufgrund von Import- und Industriekonkurrenz kam es 1844 in Schlesien zu Unruhen unter den dortigen heimgewerblichen Webern, die vom Militär blutig niedergeschlagen wurden (vgl. Nipperdey 1998: 221ff.). Vogt bedauert nun, wie gesagt bitter-sarkastisch, dass die Weber nicht wie bestimmte niedere Wasserorganismen Teile ihres Körpers, die sie nicht benötigten, in schweren Zeiten abwerfen könnten, um sie nicht mehr ernähren zu müssen: z.B. „diese lästigen Beine, die ihnen bei dem Sitzen hinter dem Webstuhle doch nichts nützen können, [...] diesen Magen, der sie beständig anknurrt, dieses Herz, welches [sie] ihr Elend empfinden, und diesen Kopf, der sie über die Mittel, ihm abzuhelfen, brüten lässt“, denn schließlich brauchten sie doch nur „die Arme, mit denen sie weben, und den Hintern, auf dem sie sitzen [...], um als Unterthan zu existiren“ (Vogt 1848, Bd. 1: 130).

66 tich eine deutliche Sympathieerklärung auch für die politische Revolution (vgl. auch Misteli 1938: 47 und 103). Als die Revolution 1848 dann tatsächlich kam, scheint Vogt zunächst aber, was eine eigene Beteiligung betraf, eher zurückhaltend gewesen zu sein, um seine neu gewonnene Stelle nicht aufs Spiel zu setzen (vgl. Misteli 1938: 103f.; Bröker 1972: 209f.); aber immerhin: Wenn er, wie oben angedeutet, die (materialistische) Naturwissenschaft als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft sah, dann musste ihm ihre Verbreitung wichtig sein, und dies war aus der angesehenen Position einer Universitätsprofessur heraus besser möglich, als aus der eines freien Autors (noch dazu im Exil). Angesichts der allgemeinen Aufbruchsstimmung und der Hoffnung auf wirklichen gesellschaftlichen und politischen Wandel hielt Vogt aber letztlich nicht lange zurück und griff nicht nur als Anführer der Gießener Bürgerwehr, sondern auch als Abgeordneter der Frankfurter Paulskirche (des Vorparlaments und der eigentlichen Nationalversammlung) unmittelbar in die Ereignisse ein. 2.3.1.4 Vogt und die Revolution von 1848/49 2.3.1.4.1 Grundlagen Die Revolution von 1848/49 war der Ausbruch einer Unzufriedenheit, die sich über rund drei Jahrzehnte der Restriktion und Repression in Deutschland angestaut hatte (vgl. Nipperdey 1998: 397ff.; Schieder 1970: 132ff.) – nicht nur in Preußen und Österreich, wo es nach wie vor keine Verfassungen gab, sondern auch in konstitutionellen Staaten wie Kurhessen oder Hannover, wo es in den 1830/40er Jahren zu ernsten Verfassungskonflikten kam. Daneben zeichneten sich aber auch im sozialen und wirtschaftlichen Bereich zunehmend Probleme ab (vgl. Nipperdey 1998: 102ff. und 600ff.; Kocka 2001: 61ff. und 69ff.; Schieder 1970: 132ff.). Deutschland war vor 1850 weitgehend agrarisch und handwerklich geprägt. Industrielle Produktion gab es zwar auch schon vor der Jahrhundertmitte, die Industrialisierung in großem Umfang, mit wachsender Nachfrage nach Arbeitskräften, setzte aber erst danach ein; gerade auch deshalb führte der Bevölkerungszuwachs von durchschnittlich 60 und regional bis zu 120 Prozent, wie ihn das Gebiet des Deutschen Bundes zwischen 1800 und 1865 erlebte, zu erheblichen Problemen, mit Stellenmangel im handwerklichen und Lohnverfall im industriellen Bereich. Hinzu kam die Zuspitzung der Ernährungslage, da auch die Landwirtschaft noch nicht in der Lage war, die wachsende Bevölkerung dauerhaft zu versorgen, während Kartoffelfäule und Missernten die Situation v.a. der unteren Bevölkerungsschichten in den Jahren unmittelbar vor 1848 noch zusätzlich verschärften. Als dann im Februar 1848 in Frankreich erneut eine Revolution ausbrach, sprang der Funke schon im März auf Deutschland über (vgl. im Folgenden Nipperdey 1998: 595ff.; Brandt 2002: 193ff.; Schieder 1970:

67 140ff.; Hardtwig/Hinze 1997: 258ff.). Da man nun auch in den unteren Schichten den herrschenden politischen und sozialen Verhältnissen die Schuld an der eigenen Not gab, sammelte sich die Masse der Unzufriedenen hinter den liberal-demokratischen Forderungen des Bürgertums nach Emanzipation, Verfassung und Mitbestimmung. Die so genannten ,Märzforderungen‘, die nun laut wurden, zielten auf Meinungs- und Pressefreiheit sowie auf das Ende des Verbots politischer Versammlungen und Vereinigungen (also auf die Rücknahme der Bundesbeschlüsse von 1819/20 und 1832/33, die formal immer noch galten) und nicht zuletzt eben auf die Einrichtung eines gesamtdeutschen Parlaments und Nationalstaats. Angesichts der Überstürzung der Ereignisse und von z.T. gewaltsamen Straßenkämpfen (v.a. in Berlin, aber auch in Wien, wo sich Metternich noch im März zum Rücktritt gezwungen sah), gaben die meisten Fürsten den Forderungen, nicht zuletzt aus Furcht vor dem völligen Verlust ihrer Macht, recht schnell nach, indem so genannte ,Märzregierungen‘ berufen wurden, an denen die Opposition zumindest beteiligt war. Auch dem geforderten Parlament wurde rasch nachgegeben (vgl. Nipperdey 1998: 606f.; Schieder 1970: 144ff.; Hardtwig/Hinze 1997: 258ff. und 272ff.): Noch im März beriet ein Vorparlament aus Abgeordneten deutscher Landtage in der Frankfurter Paulskirche über die Wahl und die Aufgaben einer Nationalversammlung, die (nachdem der Deutsche Bund die Beratungsergebnisse billigte) nach zügigen und v.a. relativ freien und allgemeinen Wahlen bereits im Mai an gleicher Stelle erstmals zusammentrat. Ziel der Nationalversammlung war es zunächst, eine Verfassung für den zu gründenden deutschen Nationalstaat auszuarbeiten, sie übernahm parallel dazu aber auch schon die Aufgabe eines provisorischen Parlaments, an das der Deutsche Bund seine Kompetenzen abtrat und dem in dieser Funktion seit Juli 1848 eine provisorische Reichsregierung im modernen parlamentarischen Sinn verantwortlich war (vgl. Nipperdey 1998: 613f.; Schieder 1970: 145f.; Brandt 2002: 196f.; Hardtwig/Hinze 1997: 292ff.). Die stärkste Fraktion der Nationalversammlung war der rechte Flügel der Liberalen, der – im Gegensatz zum klassischen liberalen Programm des linken Flügels – stärker die Bedürfnisse und Interessen des Staates im Auge hatte sowie die Pflichten (nicht nur die Rechte) des Einzelnen ihm gegenüber (vgl. Nipperdey 1998: 385ff. und 611 sowie Hardtwig/Hinze 1997: 284ff. und 288); linke und rechte Liberale bildeten das ,Zentrum‘ der Versammlung. Rechts des Zentrums befanden sich die relativ schwach vertretenen Konservativen: Sie traten für den Staat als christlichen Staat ein, waren insofern stark kirchlich ausgerichtet und betonten neben den christlichen Tugenden die traditionellen Bindungen des Einzelnen an die Gemeinschaft als wesentli-

68 che Garantie für dauerhafte Ordnung und Stabilität,50 gegenüber liberalem Individualitäts- und Emanzipationsdenken. Auch wenn dabei nach wie vor das Prinzip der starken monarchischen Autorität, mit der Legitimität von Herrschaft durch alte Herkunft, Dauer und nicht zuletzt auch von Gottes Gnaden vertreten wurde, stand der Konservativismus um die Jahrhundertmitte dem modernen Staat doch nicht mehr völlig ablehnend gegenüber und hatte eigene konstitutionelle Vorstellungen entwickelt, in denen aber bspw. die Rolle des Parlaments eine wesentlich schwächere war (vgl. Nipperdey 1998: 313ff., 379f. und 611 sowie Brandt 2002: 98ff. und Hardtwig/Hinze 1997: 289ff.). Links des Zentrums schließlich saßen als dritte Kraft der Nationalversammlung die Demokraten mit ihren Forderungen nach voller Volkssouveränität und Republik (vgl. Nipperdey, 1998: 632f., Hardtwig/Hinze 1997: 280f.) – und unter ihren gemäßigteren Mitgliedern befand sich nun auch der Abgeordnete Carl Vogt. 2.3.1.4.2 Der Abgeordnete Carl Vogt Vogt war offensichtlich eine der aktivsten und „aufsehenerregendsten Persönlichkeiten“ der Paulskirche (Bröker 1972: 210; vgl. im Folgenden ebd.: 209ff.; Gregory 1977: 69f.; Wittich 1971b: xviiiff.; Misteli 1938: Kap. 6 und 7; William Vogt 1896: 61ff.); als einer der „führenden Köpfe der Linken“ (Bröker 1972: 210), trat auch er für die Einheit Deutschlands auf republikanischer Grundlage ein, für die klassischen liberalen (und eben auch demokratischen) Forderungen nach Rede-, Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit (was bei Vogt die Anerkennung des Atheismus einschloss)51 sowie für Gleichheit vor dem Gesetz und für ein allgemeines Staatsbürgerrecht. Mit am meisten Aufsehen erregte er mit seiner so genannten Kirchenrede im August 1848, in der er vehement für eine strikte Trennung von Staat und Kirche eintrat:52 Jede Kirche war ihm „ein Hemmschuh der Civilisation“, denn sie stehe, „weil sie Glaubenssätze, weil sie überhaupt einen Glauben will, [...] der freien Entwicklung des Menschengeistes entgegen“ (Vogt, zit. nach Misteli 1938: 224f.); auch das Argument, dass die Kirche als „Anstalt der Sitt50

51 52

Zur Zielgruppe der Rechten (vgl. Nipperdey 1998: 319) gehörten nicht nur Bevölkerungsschichten, die sich durch den politisch-gesellschaftlichen Wandel allein bedroht fühlten, sondern auch solche, die eine liberale Umformung der Religion fürchteten; zur konservativen Rechten tendierten somit z.B. auch die Anhänger der protestantischen Orthodoxie, was im Hinblick auf den gläubigen Protestanten Rudolph Wagner von Bedeutung ist. Vgl. dazu konkret Misteli (1938: 226). Vgl. Misteli (1938: 224ff.) und William Vogt (1896, 65f.; einschließlich der Anmerkung, ebd.: 66), wo der Redetext jeweils in umfangreichen Auszügen wiedergegeben wird. Vgl. auch Bröker (1972, 122ff.).

69 lichkeit“ (ebd.: 225) nötig sei, ließ er nicht gelten und wollte die wahre Sittlichkeit eben gerade auf die angesprochene „Entwicklung des freien Menschengeistes, auf das Bewußtsein der freien Menschenwürde“ und auf dem „freien Bewußtsein vom Guten und Wahren“ gegründet sehen (ebd.) – dies ausdrücklich gegenüber einer falschen Sittlichkeit aus Zwang oder aus Furcht vor drohender Strafe (wie in der religiösen Tradition).53 Vogt forderte die „volle unbedingte Freiheit“ und die „volle unbedingte Entwicklung der Demokratie in allen Richtungen“ (ebd.: 226), die für ihn eben nur in der Freiheit des Staates und der Gesellschaft von der Einflussnahme durch die Kirche und ihre hemmenden Glaubenssätze möglich war; dies bedeutete für ihn v.a. auch Lehr- und Forschungsfreiheit.54 Vogt gehörte in der Versammlung zudem zu den vehementesten Gegnern jeder Form der Monarchie: Er warnte vor der ,Constitution‘ als einem bloßen Täuschungsmittel der Fürsten, mit dem diese nur ihre eigenen Zecke verfolgten, er trat nachdrücklich für die Unabhängigkeit der Nationalversammlung von den Interessen und Forderungen der Einzelstaaten (d.h. v.a. wiederum: von den Interessen der Fürsten) ein und war entschieden gegen die Wahl des österreichischen Erzherzogs Johann, also eines Fürsten, zum provisorischen Staatsoberhaupt (Reichsverweser) (vgl. Misteli 1938: Kap. 7, z.B. S. 115ff., 126f. und 131). 2.3.1.4.3 Die Ereignisse in der Nationalversammlung Was nun die Verfassungsgebung betrifft (vgl. Nipperdey 1998: 652ff.; Schieder 1970: 149ff.), so hatten sich die Beratungen über die Grundrechte, die Ausgangspunkt alles Weiteren sein sollten, bis in den Dezember 1848 hingezogen,55 was zu Spannungen zwischen der liberal-konservativen Mehrheit und den vorwärtsdrängenden Demokraten führte, die die Gunst der Stunde für Entscheidungen in der eigentlichen Verfassungsfrage, hinsichtlich Institutionen und Kompetenzen des künftigen Staates, genutzt sehen wollten. 53

54 55

Die Ablehnung religiöser Sittlichkeit ist also hier bereits vorhanden. Die Entwicklung der wahren Sittlichkeit aus dem ,freien Menschengeist‘ ist nun aber die Position Vogts während der Revolution (vgl. v.a. auch Misteli 1938: 230); erst nach deren Scheitern tritt bei ihm der Determinismus, wie er oben dargestellt wurde, offen zu Tage: also die Unfreiheit des Willens sowie die Möglichkeit seiner Beeinflussung durch Medizin und Ernährung – und dadurch die Möglichkeit seiner Steuerung in gesellschaftlich relevanter Hinsicht (vgl. oben). Vgl. Misteli (1938: 227) und Bröker (1972: 123). Die Grundrechte waren nach der Einigung auf einen umfassenden und weitreichenden Katalog bereits am 27. Dezember 1848 (exakt drei Monate vor der Verabschiedung der Gesamtverfassung) durch ein Gesetz der Nationalversammlung in Kraft gesetzt worden; Preußen, Österreich, Bayern und Hannover lehnten ihre Bekanntmachung jedoch ab (vgl. Sautter 2004, Bd. 2: 68; Willoweit 1990: 230).

70 In der Tat fiel der Beginn der Beratungen über diese Punkte (letztlich erst seit Oktober 1848) dann in eine Zeit, in der die wichtigeren deutschen Staaten ihre Lähmung angesichts der Revolution bereits wieder überwunden hatten. Auch in Preußen und Österreich (vgl. Nipperdey 1998: 595ff., 637ff. und 647ff.; Schieder 1970: 141ff.) waren nach den Märzunruhen zwar verfassungsgebende Versammlungen eingerichtet worden (Mai bzw. Juli 1848); in beiden Staaten war es aber auch danach noch zu Unruhen und zum Einsatz von Militär gekommen. Im Zuge dessen fanden sowohl Preußen als auch Österreich zum Handeln gegen die revolutionäre Bewegung zurück; in beiden Staaten wurden die Versammlungen schließlich vor Abschluss der Beratungen wieder aufgelöst und Verfassungen stattdessen von oben oktroyiert (Dezember 1848 bzw. März 1849). Berlin und Wien gewannen damit auch in gesamtdeutscher Hinsicht an Entschlossenheit zurück und schränkten den Spielraum der Nationalversammlung und ihrer provisorischen Exekutive so merklich ein. Erste ernsthafte Risse in der ohnehin von Anfang an eher schwachen Autorität der Nationalversammlung als Parlament hatten sich bereits im Sommer 1848 gezeigt, in der Auseinandersetzung um das Herzogtum Schleswig (vgl. Nipperdey 1998: 624ff. und 634; Schieder 1970: 146f.): Nach der dänischen Annexion des Gebiets war Preußen vom Deutschen Bund bzw. von der Nationalversammlung mit einer militärischen Intervention betraut worden, hatte auf britisch-russischen Druck hin aber einen Waffenstillstand mit Dänemark geschlossen; die in dieser Entscheidung übergangene Nationalversammlung, die den preußisch-dänischen Vertrag zunächst abgelehnt hatte, musste ihn in Anbetracht mangelnder realer Machtmittel dann aber (gegen v.a. demokratischen Widerstand) doch billigen. Daraufhin kam es (im September) vor der Paulskirche zu gewaltsamen Protesten gegen diese Entscheidung, zu deren Niederschlagung (zum Schutz der Versammlung wohlgemerkt!) ausgerechnet preußische und österreichische Truppen anrücken mussten. Die Ereignisse in Frankfurt, ein anschließender erfolgloser radikaldemokratischer Aufstand in Baden (ebenfalls noch im September) sowie die erwähnten Entwicklungen in Berlin und Wien schürten nun in weiten Kreisen die Angst vor einem erneuten allgemeinen Aufflammen der Revolution und spielten damit der Gegenrevolution zu. Die Mehrheit der Nationalversammlung (Konservative und Liberale), die ohnehin für Verständigung und Ausgleich mit den Regierungen war, drängte jetzt noch stärker in diese Richtung (vgl. Nipperdey 1998: 631 und 634f.), dies wiederum gegen den anhaltenden Widerstand der Demokraten, die nun ihrerseits in den so genannten ,Märzvereinen‘, und offensichtlich auf maßgebliche Initiative Vogts hin, den Kampf für ihre Sache auch verstärkt außerhalb der Versammlung aufnahmen (vgl. Misteli 1938: 144f., einschließlich Anm. 30; vgl. auch Nipperdey 1998: 633ff. und Hardtwig/Hinze 1997: 282f.). Dennoch sah gerade Vogt um den

71 Jahreswechsel 1848/49, angesichts der erwähnten Verhandlungsverzögerungen und dem Anlaufen der Gegenrevolution in Berlin und Wien, die verbliebenen Chancen der Nationalversammlung auf eine wirkliche Veränderung äußerst pessimistisch und verlieh seiner Enttäuschung darüber auch in der Versammlung selbst Ausdruck (vgl. Misteli 1938: 125ff.). Der deutsche Staat, dessen Verfassung dann am 27. März 1849 durch die liberal-konservative Mehrheit der Nationalversammlung doch verabschiedet wurde (vgl. Nipperdey 1998: 652ff.; Schieder 1970: 150f.; Willoweit 1990: 231f.; Verfassungstext in Sautter 2004, Bd. 2: 48ff.), stellte sich als föderal organisierte, konstitutionelle Monarchie dar, mit einmalig gewähltem, dann erblichem Kaiser an der Spitze (§§5ff. und 68ff.) und mit einem Zweikammerparlament (§§85ff.), das zwar mit weitreichenden Gesetzgebungskompetenzen ausgestattet war, dessen genaue Beziehung zur vom Kaiser einzusetzenden Regierung (hinsichtlich parlamentarischer Verantwortlichkeit) aber offen gelassen, genauer gesagt: der ausdrücklichen Regelung durch ein Reichsgesetz vorbehalten worden war (§73f. und 192; vgl. auch Schieder 1970: 151; Willoweit 1990: 232). Aus Sicht der Demokraten war dies natürlich unbefriedigend, selbst wenn sie sich (als einziger ihrer zentralen Forderungen) mit der allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl für die künftigen Reichstage hatten durchsetzen können (vgl. Sautter 2004, Bd. 2: 61f.; Misteli 1938: 138f.). 2.3.1.4.4 Das Ende der Revolution Obwohl die Verfassung im April von fast 30 deutschen Einzelstaaten angenommen worden war (jedoch nicht von Österreich, Preußen, Bayern, Hannover und Sachsen), wurde sie doch nie wirksam, da der preußische König seine schon erfolgte Wahl zum Kaiser am 28. April 1849 endgültig ablehnte und die weiteren Ereignisse sich von nun an überstürzten (vgl. im Folgenden Nipperdey 1998: 661ff.; Schieder 1970: 151ff.; Hardtwig/Hinze 1997: 335ff.; Brandt 2002: 207; Willoweit 1990: 233):56 Die Nationalversammlung versuchte nach diesem Schlag das komplette Scheitern der Verfassung zu verhindern, indem sie am 4. Mai einen Aufruf an die Regierungen, Parlamente und an das deutsche Volk erließ, der Verfassung zu ihrer rechtmäßigen Geltung zu verhelfen. Vor allem die Demokraten machten dabei mit Hilfe der schon erwähnten Märzvereine mobil; „zuerst mit Demonstrationen und Adressen [...], aber je schlechter die Aussichten wurden, desto fließender wurden die Grenzen zwischen Demonstration, Widerstand und aktivem Kampf“ (Nipperdey 1998: 662). Auch Carl Vogt, der ja vor 1848 die gewaltsame Revolution als die letztlich einzige Fortschrittsmöglichkeit betrachtet hatte, 56

Zu den genauen Daten, vgl. Conze/Hentschel (51991: 178f.)

72 dann aber als Gießener Bürgergardist und als Frankfurter Abgeordneter zunächst doch immer wieder für Ruhe und Besonnenheit eingetreten war,57 wurde sich seit dem Einsetzten der Gegenrevolution immer deutlicher der Notwendigkeit bewusst, die Märzerrungenschaften (einschließlich der zwar ungeliebten, aber doch legitimen Verfassung) auch durch die Aktion, nötigenfalls durch Gewalt, zu verteidigen (vgl. Misteli 1938: 122; Nipperdey 1998: 661ff.; Brandt 2002: 207; Hardtwig/Hinze 1997: 335ff.). So forderte er die Versammlung nachdrücklich zur Stützung der seit Anfang Mai ausbrechenden Verfassungsaufstände in Bayern (konkret in der linksrheinischen Pfalz) und in Sachsen auf (vgl. Misteli 1938: 144ff., v.a. 147, mit Anm. 42). Währenddessen zeigte die Nationalversammlung selbst Auflösungserscheinungen. Österreich hatte seine Abgeordneten bereits am 5. April zurückberufen; und nachdem die Versammlung am 10. Mai das militärische Vorgehen Preußens gegen die Aufstände in Sachsen verurteilt hatte, erklärte auch Berlin das Mandat seiner Abgeordneten für beendet und gab damit das Beispiel u.a. für Hannover und für Sachsen selbst. Am 26. Mai rief die restliche Versammlung (aufgrund der Abberufungen und Austritte inzwischen mit einer demokratischen Mehrheit) erneut zur notfalls bewaffneten Verteidigung der Verfassung auf und beschloss am 30. Mai ihre eigene Verlegung nach Stuttgart (wohl v.a. weg aus der Nähe Preußens58), wo Vogt am 6. Juni in eine neue fünfköpfige Reichsregentschaft gewählt wurde. Ziel von Versammlung und Regentschaft war es nach wie vor, der Frankfurter Verfassung Geltung zu verschaffen; als man zur Unterstützung der noch andauernden Erhebungen in der Pfalz und mittlerweile auch in Baden württembergische Truppen aufbieten wollte, forderte die Stuttgarter Regierung ohne Erfolg das Ende der Sitzungen oder die erneute Verlegung außer Landes und ließ die Versammlung daraufhin am 18. Juni von eigenen Truppen auflösen. Nach diesem Ende der Nationalversammlung endete die Revolution als Ganzes schließlich mit den pfälzischen und badischen Aufständen, die im Juni bzw. Juli von preußischem Militär blutig niedergeschlagen wurden; ihren endgültigen Abschluss markierte dabei die Kapitulation der Aufständischen in der badischen Festung Rastatt am 23. Juli 1849. 2.3.1.4.5 Nach der Revolution Was dem Scheitern von Revolution, Nationalversammlung, Verfassung und Nationalstaat folgte, war (seit Mai 1849) der ebenfalls erfolglose Versuch Preußens, einen kleindeutschen Bundesstaat unter seiner Führung einzurichten, auf der Grundlage einer von liberal-demokratischen Inhalten gereinigten 57

58

Zahlreiche Belege ziehen sich bei Misteli (1938) durch das Kapitel 6 sowie durch Kapitel 7, Abschnitt A. Frankfurt/M. grenzte unmittelbar an die preußische Provinz Hessen-Nassau.

73 Paulskirchen-Verfassung (vgl. Nipperdey 1998: 670ff.; Schieder 1970: 152f.); führender Kopf dieser Pläne war der frühere konservative Paulskirchen-Abgeordnete und zeitweilige preußische Minister Joseph Maria von Radowitz (1797–1853), den Wagner in der Auseinandersetzung mehrfach zitieren wird. Angesichts der letzten Aufstände der Revolution hatten sich mehr als zwanzig deutsche Staaten diesen Plänen angeschlossen, die angesichts des Scheiterns der Nationalversammlung auch von großen Teilen des ehemaligen rechtsliberalen Flügels der Paulskirche, den so genannten Gotha(n)ern59 (denen Vogt später ja auch seinen Gegner Wagner zurechnete)60 unterstützt wurden. Nachdem es über die preußischen Pläne aber fast zum Krieg mit Österreich gekommen war, erfolgte im Mai 1851 dann doch endgültig die Wiedererrichtung des Deutschen Bundes: in der alten Form, als Staatenbund ohne gewähltes Parlament. Die Politik der auf die Revolution folgenden Reaktionszeit, bis in die späten 1850er Jahre (vgl. im Folgenden Nipperdey 1998: 674ff.; Schieder 1970: 160ff.), brachte nun in wichtigen Punkten die Rückkehr zu vorrevolutionären Rechts- und Verfassungsverhältnissen. Die Regel war zwar nicht die Aufhebung von Verfassungen, aber doch z.B. die Rücknahme der seit 1848 erweiterten Kompetenzen der Landtage; im Interesse der Sicherheit des Staates wurde erneut gegen Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit vorgegangen und über die Stärkung von Regierungen und Polizei, die Säuberung der Beamtenschaft und nicht zuletzt die Überwachung, teils Verfolgung der Opposition (allen voran der nicht emigrierten Linken) konsequent der Weg zurück zum konservativen Obrigkeitsstaat eingeschlagen. Wichtig, gerade im Hinblick auf die Auseinandersetzung zwischen Wagner und Vogt, ist, dass es im Zuge der konservativen Reaktion nun auch erneut zur Intensivierung der Beziehung zwischen Staat und Kirche kam (während die Frankfurter Verfassung versucht hatte, beide zu entflechten); dies galt auch für das frühere Vorzeigeland des Liberalismus, Baden, wo an den Universitäten nichts mehr gelehrt werden durfte, das mit der kirchlichen Lehre unvereinbar war, aber auch für Vogts Heimat, das Großherzogtum Hessen (vgl. Nipperdey 1998: 676). 2.3.1.4.6 Vogt bis zum Beginn seiner Auseinandersetzung mit Wagner Nach dem Ende von Nationalversammlung und Revolution blieb vielen Demokraten, auch Abgeordneten, nicht zuletzt wegen ihrer Unterstützung der niedergeschlagenen Aufstände, ein weiteres Mal nur die Flucht ins Ausland; die Reichsregenten gingen in die Schweiz, unter ihnen ein zweites Mal Carl Vogt mit dem Ziel Bern, wo das Haus seiner Familie erneut zur Anlaufstelle 59 60

Da die Verhandlungen über die Union in Gotha stattfanden. Vgl. z.B. Vogt (11855a, 10 und 106f.).

74 für Flüchtlinge wurde (vgl. Bröker 1972: 213f.; William Vogt 1896: 77ff.). In Gießen war vom großherzoglich-hessischen Innenminister Heinrich Karl Jaup (1781–1860) (auch er wird in der Auseinandersetzung mit Wagner Erwähnung finden) inzwischen Vogts Absetzung als Universitätsprofessor eingeleitet worden: wegen der „Frivolität [seiner] Gesinnung und Grundsätze“ und da er in der Nationalversammlung, v.a. in der oben erwähnten Kirchenrede, „eine solche Mißachtung des Bestehenden in Staat und Kirche zur Schau getragen, Religiosität, Moral, Sitte, und Schicklichkeit dergestalt mit Füßen getreten“ habe, dass sich das Ministerium wenigstens zur Amtsenthebung gezwungen sehe, um die weitere Gefährdung der Jugend zu unterbinden (vgl. Vogt, in privaten Aufzeichnungen,61 zitiert nach Bröker 1972: 218). Wenig später wurde daraus die Anklage des Hochverrats, die Vogt eine Rückkehr nach Deutschland dauerhaft unmöglich machen sollte; da er seit 1846 auch die schweizer Staatsbürgerschaft besaß, bestand für ihn aber andererseits auch keine Gefahr der Auslieferung nach Deutschland, während sich andere Flüchtlinge, angesichts des Drucks, den deutsche Regierungen auf die Schweiz ausübten, durchaus zur weiteren Emigration, etwa nach Übersee, gezwungen sahen (vgl. Jansen 2007: 230 und 246). In der unbefriedigenden Situation von erneutem Exil und erneuter Anstellungslosigkeit ging Vogt von 1850 bis 1852 ein weiteres Mal für Forschungen an niederen Wasserlebewesen ans Mittelmeer, in der Hoffnung, von seinen eigenen Veröffentlichungen leben zu können (vgl. Bröker 1972: 214; Gregory 1977: 70). Seine wissenschaftlichen Forschungen schlugen sich dabei v.a. in den Bildern aus dem Thierleben (1852a) nieder, aber auch seine stärker politischen Untersuchungen über Thierstaaten (1851a) entstanden in dieser Zeit. In beiden Werken findet einerseits die persönliche Enttäuschung und Verbitterung über den Ausgang der Revolution ihren Ausdruck: So beklagt Vogt bspw. die „Zeit, wo die blinden Bajonette wieder die Meinung Andersdenkender niederwerfen“ und wo das „Princip der Autorität“, diese „Negation alles Selbstdenkens, offen anerkannt [wird] als die Säule, auf welcher alle gesellschaftliche Ordnung“ ruhe – „in Kirche oder Staat, in Wissenschaft oder Kunst“ (Vogt 1852a: 421; vgl. ebd.: vf.); andererseits führt er v.a. in den Thierstaaten aber auch scharfe Angriffe auf die Kirche und die An-

61

Vogt bezieht sich hier (im Jahr 1849) auf den Bericht von Freunden, die Einblick in die Begründung der Amtsenthebung nehmen konnten, während er selbst sie (in der Schweiz) nie zu Gesicht bekam. Der genaue Wortlaut ist damit nicht sicher verbürgt, es ist aber interessant, dass Rudolph Wagner 1852 Vorwürfe gegen Vogt erhebt (vgl. Texte 2a und 2b dieser Untersuchung), die in Inhalt und Formulierung sehr ähnlich klingen.

75 hänger konstitutionell-monarchischer Vorstellungen,62 v.a. auf die erwähnten rechtsliberalen Gotha(n)er, die mit ihrem Verhalten, den Fürsten gegenüber, der Reaktion Vorschub geleistet und das Scheitern der Revolution wesentlich mitverursacht hätten (vgl. Vogt 1851a: vff., 88f. und 140).63 Was den dabei angeschlagenen Ton angeht, sagt Vogt in privaten Aufzeichnungen (zitiert nach Bröker 1972: 216f.), dass ein Vorgehen gegen Pfaffen und Konstitutionelle mit Verstand, Ernst und Ruhe nicht mehr möglich sei, sondern nur noch mit der Waffe des Spotts, des Hohnes und der Ironie; man könne sich „nichts retten, als den Ruhm, sie geärgert, gequält, verfolgt, gepeinigt zu haben“. Dies könnten, wie sich zeigen wird, auch die Leitlinien für sein späteres Vorgehen gegen Wagner sein. Was Vogt (vgl. z.B. 1851a: 28) bei all dem für eine nachhaltige Veränderung der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse auch jetzt noch für nötig hielt, war (für die Zukunft) die Vereinigung von politischer Revolution und wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt. Er veröffentlichte daher auch nach seiner zweiten Flucht weiterhin Wissenschaftliches, wie die umfangreichen Zoologischen Briefe (1851b), und seine Reputation als Forscher brachte ihm schließlich noch während des Aufenthalts am Mittelmeer den Ruf auf den Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie an der Universität in Genf ein (vgl. Gregory 1977: 73). Das Vorwort der weitestgehend wissenschaftlich gehaltenen Bilder aus dem Thierleben (Vogt 1852a), die wie gesagt in dieser Zeit entstanden und z.T. bereits zu Vogts Auseinandersetzung mit Wagner gehören, wurde im September 1852 nach der Rückkehr vom Mittelmeer noch in Bern verfasst; Vogts nächster Streitbeitrag (1852b bzw. 1852c) aus dem November desselben Jahres dann bereits in Genf gezeichnet.

2.3.2

Rudolph Wagner

Der Göttinger Physiologe Rudolph Wagner (geboren am 30. Juni 1805 in Bayreuth, gestorben am 13. Mai 1864 in Göttingen) darf als ambivalente Persönlichkeit betrachtet werden. Einerseits ist er mit Arbeiten in verschiedenen wichtigen Bereichen der Physiologie von großer Bedeutung für die Geschichte und die Entwicklung seines Fachs, auch was die Durchsetzung neuer Ansätze und Methoden betrifft; andererseits erwarb er sich, v.a. seit den 1850er Jahren, mit der zunehmenden Betonung seiner religiösen Grundüber62

63

Degen (1954: 272), der keine Voreingenommenheit gegen Vogt erkennen lässt, spricht von „allerlei boshafte[n] Vergleiche[n] zwischen tierischen und menschlichen Staatenbildungen“. Zur Haltung der Exilanten denjenigen politisch Aktiven gegenüber, die in Deutschland zurückgeblieben waren und nun – im Rahmen einer ,Realpolitik‘ den Ausgleich mit den (wieder) Herrschenden suchten, vgl. Jansen (2007: z.B. 237f.).

76 zeugungen und mit seinen Ansichten zum Verhältnis zwischen christlicher Offenbarung und wissenschaftlicher Forschung (,doppelte Buchführung‘) auch zahlreiche Kritiker. Unter ihnen befanden sich der Arzt Rudolf Virchow (1821–1902), der Philosoph und Physiologe Rudolf Hermann Lotze (1817– 1881) und – als sein mit Abstand schärfster Gegner – Carl Vogt. 2.3.2.1 Wagners Leben und Karriere bis zur Auseinandersetzung mit Vogt 2.3.2.1.1 Wagners Familie und seine akademische Ausbildung Über Rudolph Wagners Familie und über seine Kindheit ist im Vergleich zu Vogt nur wenig zu erfahren. Sein Vater Lorenz Heinrich Wagner (gest. 1841), nach theologisch-philosophisch-humanistischem Studium in Halle zunächst ,Gymnasial-Professor‘ in Bayreuth, wurde um 1820 Direktor des Gymnasiums in Augsburg, das auch Rudolph bis 1821 besuchte (vgl. Adolph Wagner 1864: 376 und Hoffmann 1964: 4f.). Über eine politische Orientierung der protestantischen Familie ist nichts bekannt, erwähnenswert ist in religiöser Hinsicht allenfalls, dass Wagners Vater 1803 „ein Lehrbuch der Religion und Moral für die mittleren Klassen der Schulen und für die gebildete Jugend“ herausgebracht hatte (Hoffmann 1964: 4). Rudolph Wagners akademische Laufbahn kann nur als ausgesprochen zügig und erfolgreich bezeichnet werden (vgl. dazu im Folgenden Hagner 2005; Klatt 1997; Hoffmann 1964: 4ff.; Pagel 1901 bzw. 1896; Adolph Wagner 1864: 375ff.). Er studierte ab 1822 in Erlangen, ab 1824 in Würzburg Medizin, befasste sich dabei neben der allgemeinen Anatomie auch bereits mit der Enzephalotomie (dem Bau des Gehirns) und promovierte 1826 über Die weltgeschichtliche Entwickelung der epidemischen und contagiösen Krankheiten und die Gesetze ihrer Verbreitung. Während weiterführender Studien bei dem Anatomen und Physiologen Ignaz Döllinger (1770–1841) in München erhielt Wagner, auf dessen Einsatz hin, ein Stipendium für einen Aufenthalt in Paris (1827), wo er von Cuvier „an die vergleichende Anatomie“ herangeführt wurde (Hoffmann 1964: 7; vgl. auch Adolph Wagner 1864: 377) und von wo auch er erste Forschungsreisen zur Untersuchung niederer Wasserlebewesen an den Ärmelkanal und ans Mittelmeer unternahm. Nach der Rückkehr nach Deutschland und einer kurzen Tätigkeit als Arzt in Augsburg wurde Wagner 1829 in Erlangen habilitiert und erhielt dort zunächst eine Stelle als anatomischer Prosektor und Privatdozent für vergleichende Anatomie und Zoologie, bevor er 1832 zum außerordentlichen und bereits 1833 zum ordentlichen Professor für Zoologie und zum Direktor der zoologischen Sammlung der Universität aufstieg. In einem universitätsinternen Schreiben mit Bezug auf Wagner wurden dabei schon 1832 „die Kenntnisse, die Talente und [der] Eifer desselben [...] rühmend“ anerkannt, jedoch auch sein Drängen nach einer ordentlichen Professur verhalten kritisiert, da er „gerade nicht unge-

77 wöhnlich lange [...] Privatdozent gewesen“ sei und „ihm in besonderer Beziehung auf die Zoologie Namhafteres zu leisten, denn doch eigentlich erst Gelegenheit werden soll“ (zit. nach Hoffmann 1964: 9 und 10). 2.3.2.1.2 Wagners Forschungs- und Publikationstätigkeit Wagners erste eigene Forschungen galten entsprechend seiner Lehrfächer der vergleichenden Anatomie und der Zoologie, wobei er sich auch schon in seiner Erlanger Zeit mit physiologischen Fragen befasste (vgl. Hagner 2005; Hoffmann 1964: 22ff.; Adolph Wagner 1864: 379f.); neben einer Arbeit mit neuen Erkenntnissen zur Physiologie des Blutes beschäftigte er sich in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre in zahlreichen Veröffentlichungen v.a. mit dem Bereich der Zeugung und Fortpflanzung.64 Wagner konnte dabei z.B. die Spermatozoen, in ihrer Formverschiedenheit bei verschiedenen Tierklassen, als den wesentlichen Bestandteil des tierischen Samens nachweisen (vgl. Hoffmann 1964: 23f.), betrachtete es rückblickend aber als seine wesentlichste Entdeckung in diesem Bereich, dass „die niedersten wirbellosen Thiere ein ganz aus den selben primitiven Elementen gebildetes Ei besitzen“, wie es andere Forscher bereits für die Wirbeltiere nachgewiesen hatten, wodurch die „morphologische Identität der Eibildung durch die ganze Thierreihe“ hindurch nachgewiesen war (vgl. Wagner 1842–53, Bd. 4: 360). In seinen Forschungen machte Wagner in entscheidender Weise Gebrauch von dem damals noch nicht allzu weit verbreiteten Hilfsmittel des Mikroskops. Nachdem auch er bereits in seiner frühesten Studienzeit, v.a. durch seinen Würzburger Lehrer Johann Lukas Schönlein (1793–1864), dem Einfluss der Naturphilosophie entzogen wurde (vgl. Adolph Wagner 1864: 376), zählte Wagner zu „den Vertretern des Fachs der Physiologie, welche sich der mikroskopischen, physikalischen und chemischen Untersuchungsmethoden und des Experimentes in der Forschung bedienten“ und „die philosophisch verwurzelte Medizin allmählich zu einer naturwissenschaftlich orientierten Heilkunde führten“ (Hoffmann 1964: 2f.; vgl. ebd.: 1ff. und 26f.). Nicht zuletzt wohl deshalb hatte selbst Carl Vogt seinen späteren Gegner vor dem Beginn der Auseinandersetzung unter die Koryphäen der modernen Forschung gezählt.65

64

65

Vgl. die Bibliographie zu Wagner in Hoffmann (1964: 80ff.), dabei v.a. die Einträge ab 1833 (vgl. ebd.: 81f.). Im Vorwort von Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (Vogt 1847a: 8f.; eig. Hervorh.) hatte es geheißen: „Von Bär, Ch. Bell, Burdach, Edwards, Henle, Kürschner, Liebig, J. Müller, Magendie, Purkinjé [sic], Tiedemann, Valentin, R . Wagner – alle diese Namen klingen überall in der Wissenschaft mit, wo man auch anklopfen möge; es sind die treuen Bergleute, welche mit Mühe und

78 Überhaupt hatten Wagner seine Arbeiten (so bereits 1834/35 ein Lehrbuch der vergleichenden Anatomie auf der Grundlage eigener Studien) bekannt genug gemacht, dass ihn 1840 durch Einsatz von Eduard von Siebold (1801– 1861) und Jacob Grimm (1785–1863) ein Ruf nach Göttingen auf den Lehrstuhl für Physiologie, vergleichende Anatomie und Zoologie erreichte, als Nachfolger von Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840). In der Göttinger Zeit (vgl. im Folgenden Hoffmann 1964: 11ff. und 27ff. sowie Adolph Wagner 1864: 383ff.) führte Wagner zunächst sein bereits seit 1839 in mehreren Teilen erscheinendes Lehrbuch der Physiologie zu Ende, in dem er seine zeugungs- und entwicklungsphysiologischen Forschungen abschließend verarbeitete (und das bis 1854 vier Auflagen erfuhr), und leitete danach von 1842 bis 1853 die Herausgabe seines großen Handwörterbuchs der Physiologie mit Rücksicht auf physiologische Pathologie (vgl. Adolph Wagner 1864: 384f.; Hoffmann 1964: 27ff.). Dieses vierbändige Werk, für das eine große Zahl namhafter Wissenschaftler (wie die Physiologen Rudolf Hermann Lotze, Johannes Purkinje und Gabriel Gustav Valentin, letzterer Vogts früherer Lehrer in Bern) als Autoren gewonnen wurde, wird als wichtiger Beitrag für die Aufarbeitung und Systematisierung des physiologischen Wissens gewertet, das damals bereits zu großem Umfang angewachsenen war. Mit der Herausgabe dieses Handbuchs ist Wagners Name „[i]n der Geschichte seines Faches [...] vor allem [...] verbunden“ (Klatt 1997: 9; vgl. auch Degen 1954: 272), selbst wenn von ihm „[n]ur ein grösserer Artikel, über den sympathischen Nerven, Ganglienstructur und Nervenendigung“ stammte, sowie mehrere Nachträge und Zusätze (Adolph Wagner 1864: 385). Die weitgehende Beschränkung auf die Herausgebertätigkeit bei dem Handbuch und die Abtretung eines großen Teils der Überarbeitung seines Anatomielehrbuchs für die Zweitauflage (1843) an mehrere seiner Schüler (worauf sich später scharfe Angriffe Vogts beziehen), führt Adolph Wagner (1864: 380 und 384f.; vgl. insgesamt ebd.: 378ff.) auf die zunehmende Arbeitsbelastung in Göttingen und die daraus resultierende Verschlimmerung der gesundheitlichen Probleme Rudolph Wagners zurück, der spätestens in den frühen 1830er Jahren von einem nicht weiter konkretisierten Brustleiden mit Blutstürzen und Blutspucken befallen worden war, das von da an immer wieder aufflammte. In der Tat klingt Wagners Gesundheit auch in amtlichen Schreiben an, beispielsweise anlässlich einer universitätsinternen Bewerbung in Göttingen, wo es 1851 u.a. heißt, dass Wagner „vermöge seiner schwachen Gesundheit in den vergangenen Jahren schon das ihm übertragene Fach nicht zusammenhängend [hat] ausfüllen können“ (zit. nach Hoffmann 1964: 33). Diese Bemerkung bezieht sich wahrscheinlich auf die Zeit seiner Tätigkeit Schweiß, ja mit Hintansetzung ihrer Gesundheit das reine Gold aus den Schachten der Bergwerke hervorgeholt haben“.

79 als Prorektor der Universität in den Jahren 1844 und 1845, während der sich sein Zustand durch einen schweren Blutsturz stark verschlechtert hatte. Wagner hatte sich im Anschluss daran zur Erholung längere Zeit (bis 1847) in Italien (v.a. in der Gegend von Triest) aufgehalten, wobei dieser ursprünglich krankheitsbedingte Aufenthalt ihm aber doch auch das Anknüpfen an seine früheren Forschungen zu Meereslebewesen ermöglichte (vgl. im Folgenden Klatt 1997: 9f.; Adolph Wagner 1864: 387ff. sowie Hoffmann 1964: 13f. und 29f.). Bereits in den 1830er Jahren hatte einer seiner Forschungsschwerpunkte auf elektrischen Fischen (Zitterrochen und Zitteraal) gelegen, an denen er nun, ebenso wie während eines weiteren Italienaufenthalts im Sommer 1851, Untersuchungen zur Nervenphysiologie vornahm. Diese Untersuchungen bildeten die Grundlage seiner zunehmenden Beschäftigung mit der Anatomie und Physiologie der Nerven und v.a. auch des Gehirns, die die Forschungen Wagners dann bis an sein Lebensende prägte. Er konzentrierte sich dabei v.a. auf anthropologische Fragen sowie auf den Zusammenhang von Hirnstruktur und geistiger Entwicklung (vgl. Hagner 2005) und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Neurophysiologie im 19. Jahrhundert, der ihm „einen ehrenvollen Platz“ in der Wissenschaftsgeschichte einbrachte (Klatt 1997: 9; vgl. Hoffmann 1964: 29 und Adolph Wagner 1864: 388f.). Wagners Forschungen fanden dabei z.T. Eingang in sein Handwörterbuch der Physiologie und wurden gesammelt auch in seinen Neurologischen Untersuchungen (1854c) herausgegeben; aus ihrem Zusammenhang ergab sich letztlich auch seine Beschäftigung mit dem Leib/Seele-Problem, das die Auseinandersetzung mit Carl Vogt beherrschen sollte. 2.3.2.1.3 Wagner zu Beginn des Streits mit Vogt Anfang der 1850er Jahre, befand sich Wagner auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere, wie nicht nur sein Sohn Adolph Wagner (1864) wiederholt betont, sondern wie auch aus universitätsinternen Schreiben hervorgeht, wo es Anfang 1851 in einer Bewertung heißt, dass Wagner „als Physiolog in ganz Deutschland eine der ersten Stellen einnimmt“ (zit. nach Hoffmann 1964: 33; vgl. auch ebd.: 43). Neben seinen fachlichen Erfolgen und Leistungen, gab es aber gerade in dieser Zeit zwei Gelegenheiten, bei denen in einer größeren Öffentlichkeit bereits ein ungünstiges Licht auf ihn fiel: zum einen durch die Ereignisse um die vorübergehende, „unselige Vereinigung der Lehrstühle für Anatomie und Physiologie“ (1851/52) in seiner Person (Klatt 1997: 9) sowie durch „seinen kontrovers beurteilten Anteil an der Entdeckung der Tastkörperchen“ der Haut (ebd.), samt dem diesbezüglichen Streit mit seinem ehemaligen Schüler Georg Meißner (ab 1852).66 Da v.a. die 66

Vgl. zu diesem letzten Punkt unten, Kap. 3.10.2.1.4.

80 Lehrstuhlvereinigung später zum Gegenstand der Auseinandersetzung mit Vogt wurde, soll sie im Folgenden kurz näher beleuchtet werden. Nach den Tod des Inhabers des Göttinger Lehrstuhls für Anatomie und Chirurgie, Conrad Johann Martin Langenbeck, im Jahr 1851, hatte sich Wagner auf die freie Stelle beworben, die er mit seinem physiologischen Lehrstuhl vereinigen wollte; obwohl er einen Großteil der anatomischen Veranstaltungen provisorisch übertragen bekam, herrschten universitätsintern Unstimmigkeiten über eine dauernde Vereinigung beider Fächer, zumal in der Hand des gesundheitlich angeschlagenen Wagner (vgl. Hoffmann 1964: 31ff., sowie mehrere universitätsinterne Schreiben, zit. ebd.: 32ff. und 42ff.). In mehreren Briefen an universitäre und amtliche Stellen widersprach dieser jedoch den Befürchtungen und hob Anatomie und Physiologie als „zwei innig verbundene Fächer“ hervor, aus deren tatsächlicher Vereinigung er sich wichtige Impulse für seine physiologischen Veranstaltungen erhoffe (zit. ebd.: 37f.; vgl. auch ebd.: 36f. und 40); er ging dabei so weit, mit dem Gedanken zu spielen, die Physiologie notfalls ganz zugunsten der Anatomie aufzugeben, da er sich, wie er einräumte, ihr besser gewachsen fühle als der zukünftig zu erwartenden „streng mathematisch-physikalisch-chemischen Ausbildung der Physiologie“ (Brief Wagners, zit. ebd.: 37). Jedoch scheint sich gerade über Wagners anatomische Lehrtätigkeit eine gewisse Unzufriedenheit eingestellt zu haben; wiederum in universitätsinternen Schreiben ist von „nachteiligen Urteile[n] über Hofrat Wagners [anatomische] Vorlesungen“ die Rede, auch wenn man sie „nicht so hoch anschlagen [dürfe]: unter den Studierenden scheinen darin zwei Parteien sich gebildet zu haben“ (zit. nach Hoffmann 1964: 42). In einem weiteren Schreiben (zit. ebd.: 44) heißt es, dass Wagners Veranstaltungen zwar „nicht allen Erwartungen entsprochen haben“, dass man aber doch „zuversichtlich“ hoffe, „daß er sich bald wieder in dem von früher [aus der Erlanger Zeit] her vertrauten Fache vollkommen frei bewegen und dann bei seinem anerkannten Lehrtalent ein eben so guter Professor der Anatomie als der Physiologie sein werde.“ Als um den Jahreswechsel 1851/52 dann auch öffentliche Stimmen laut wurden, die Wagners anatomische Lehrfähigkeit in Frage stellten, verteidigte dieser sich in einer Erklärung (zit. in Hoffmann 1964: 47ff.) einerseits gegen die entsprechenden Vorwürfe, da aus seinen ablehnenden Äußerungen gegen bloß auswendig gelerntes anatomisches Wissen in bestimmten Bereichen, unzulässigerweise auf seine Unkenntnis dort geschlossen worden sei; er räumte andererseits aber auch ein, über elf Jahre hinweg von der Benutzung der anatomischen Einrichtungen der Universität ausgeschlossen gewesen zu sein und sich daher nicht so, wie es wünschenswert gewesen wäre, fortbilden haben zu können. Die endgültige Besetzung der Göttinger Anatomie mit Jakob Henle im Jahr 1852, nach dem fast anderthalbjährigen Provisorium, bringt Klatt (1997: 11) dann mit Aktivitäten „von interessierter Seite“ nach dem Tod des

81 hannoveranischen Königs in Verbindung, „der Wagner immer mit Wohlwollen begegnet war“. Wagner hatte Henles Wahl dabei am Ende offenbar auch selbst unterstützt – ob er dies letztlich aus eigenem Antrieb oder infolge (begründeten oder unbegründeten) äußeren Drucks tat, ist schwer zu sagen. Zu diesem Zeitpunkt im Sommer des Jahres 1852 hatte Wagner nun aber zumindest bereits seinen Angriff auf Carl Vogts materialistische Seelensicht geführt (wenn auch noch nicht erwidert bekommen), die zu seiner eigenen in einem unvereinbaren Gegensatz stand. 2.3.2.2 Wagners Positionen: Politik, Wissenschaft und Religion 2.3.2.2.1 Wagners politische Haltung Über Wagners politische Haltung weiß die insgesamt spärliche Literatur nur wenig zu sagen, wobei z.T. jedoch seine eigenen Äußerungen aus der Zeit der Auseinandersetzung weiterhelfen können. Zunächst: Während seiner Erlanger Studienzeit war Wagner Mitglied einer studentischen Verbindung, deren Sprecher er 1824 wurde, wobei er etwa zur selben Zeit das consilium abeundi erhalten haben (also der Universität verwiesen worden sein) soll – dies „wahrscheinlich aus politischen Gründen“ (Hoffmann 1964: 5, nach mündlichen Informationen der Verbindung); nach seinem Wechsel nach Würzburg trat er dort zwar der Verbindung Germania bei, wurde aber zumindest politisch offenbar nicht mehr aktiv (ebd.: 6). Von einer Beteiligung Wagners an der Revolution von 1848/49 ist ebenfalls nichts bekannt (Hagner 2005, Klatt 1997, Hoffmann 1964, Pagel 1896 und 1901 sowie Adolph Wagner 1864 schweigen sich über diesen Punkt aus), in seinen Veröffentlichungen finden sich jedoch mitunter Äußerungen des Bedauerns über deren Ausgang, so bspw. 1851, als es heißt: „Nachdem der Born politischer Weisheit unserm Volke so mannichfach getrübt worden und häufig dem Versiegen nahe gewesen ist, mag es doppelt gerathen seyn zu jener ewig frischen Quelle des Denkens und Wissens zurückzukehren, aus der die Völker des Abendlandes, und vor andern unser Volk, sich immer wieder zu erquicken, ja zu stärken, oder doch über ein krankes und unbehagliches Daseyn sich hinwegzusetzen vermochten“ (Wagner 1851/52, in AZ 264/1851: 4217). Wagner spricht sich hier für die Beschäftigung mit der Wissenschaft und gegen weitere Bemühungen um politisch-gesellschaftlichen Wandel aus, denn obwohl der Versuch, die (wie es etwas später heißt) „an sich schöne und großartige Idee einer deutschen Einheit“ zu verwirklichen, eines Tages wieder unternommen werden möge (ebd., in AZ 183/1852: 2924), hält er ihn aufgrund der ,ursprünglichen Stammesverschiedenheiten‘ der Deutschen doch erneut für zum Scheitern verurteilt, während er dieselbe Vielfalt für den Fortschritt der Wissenschaften als Chance betrachtet (vgl. ebd.: 2923f.). Während Wagner also empfiehlt, der Politik den Rücken zu kehren, ergreift er in der laufenden

82 Auseinandersetzung mit Vogt aber immerhin mehrfach Partei für die betont religiös-konservativen Gesellschaftsvorstellungen Josef Maria von Radowitz‘ (dem führenden Kopf der preußischen Unionspläne nach der gescheiterten Revolution; vgl. oben);67 Wagner teilt mit diesem die Ansicht, dass die Religion wieder zur wesentlichen Grundlage der Gesellschaft („der entchristeten Massen“) erhoben werden müsse (vgl. Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241 und ders. 1854a: 26f.),68 und er hatte gegen den Materialismus, dessen Positionen (v.a. in der Leib/Seele-Frage und den Konsequenzen ihrer materialistischen Beantwortung) die Grundlagen von Staat und Kirche bedrohten, bereits zuvor Maßnahmen von staatlicher und kirchlicher Seite eingefordert (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 315 [= Text 2b]).69 Nicht zuletzt wohl aufgrund dieser Stellen aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit Vogt bezeichnen Hagner (2007: 208) und Jansen (2007: 237) Wagner als „antidemokratische[n], konservative[n] und erzprotestantische[n] [...] Gelehrte[n]“ bzw. als „politische[n] Reaktionär“, der ein Exponent „der an den Universitäten vorherrschenden, religiös geprägten Naturwissenschaft“ gewesen sei.70 2.3.2.2.2 Wagners Religiosität Die Religion spielte für Wagner überhaupt, auch in persönlicher Hinsicht, eine große Rolle, und was sie betrifft, sind bereits die Hinweise in der Literatur ergiebiger; Adolph Wagner (1864: 391) zufolge habe er „von jeher [einen] streng gläubige[n] christliche[n] Standpunkt“ vertreten. In seiner Dozentenzeit in Erlangen war er etwa Mitherausgeber der Zeitschrift Protestantismus und Kirche (vgl. Hoffmann 1964: 22), und dass seine christliche Haltung zur Zeit der Berufung nach Göttingen (1840) nicht unbekannt war, zeigt sich z.B. darin, dass der Historiker und spätere Paulskirchen-Politiker Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), einer der 1837 aus Hannover vertriebenen ,Göttinger Sieben‘, damals mit den Worten zitiert wird, dass Wagner „ein Haupt-Glaubensmann“ sei, der „den Finger Gottes in seinem Rufe nach Göttingen“ sehe (zit. nach Hoffmann 1964: 12). Wagner selbst übrigens knüpft in der Angelegenheit der endgültigen Besetzung des Anatomielehrstuhls in Göttingen die Entscheidung ausdrücklich (in einem amtlichen Schreiben!) an den Willen Gottes,71 und auch in seinen populärwissenschaftlichen Physiolo67 68

69 70

71

V.a. deshalb wohl bezeichnet Vogt seinen Gegner später auch als Gotha(n)er. Die entsprechende Stelle wird unten, als Teil der Auseinandersetzung, eingehender behandelt und referiert; vgl. Kap. 3.4.2.9 und 3.7.2.5. Auch diese Stelle ist unten (Kap. 3.2.2.6) Gegenstand einer eingehenden Analyse. Für den Inhalt ihrer beiden vorausgehenden Zitate liefern die Autoren selbst jeweils keine eigenen Belege. „Ich hoffe, daß es mir Gott nicht an Ernst und Treue wird fehlen lassen, das gottgeschaffene Kunstwerk des menschlichen Leibes meinen Zuhörern [...] würdig

83 gischen Briefen finden sich zahlreiche Hinweise auf den Stellenwert, den die Religion in seinem Denken einnimmt; es sei in diesem Zusammenhang auf die Texte 2a, 2b und 2c dieser Untersuchung verwiesen. Und auch wenn sich der sechste Physiologische Brief, aus dem die ersten beiden dieser Texte entnommen sind, von einem erklärtermaßen christlichen Standpunkt aus gegen den Materialismus richtet und insofern nicht als repräsentativ für Wagners fachwissenschaftliche Veröffentlichungen im Allgemeinen gelten kann, so ist er doch symptomatisch für seine Streitbeiträge und so finden Wagners religiöse Ansichten zur Zeit der Auseinandersetzung mit Vogt doch immerhin auch Eingang in seine wissenschaftlichen Positionen, wie etwa in den Neurologischen Untersuchungen von 1854. 2.3.2.2.3 Wagners Leib/Seele-Dualismus zur Zeit der Auseinandersetzung Für Wagners Seelensicht zur Zeit des Streits mit Vogt sind v.a. seine Äußerungen in eben diesen Neurologischen Untersuchungen (1854c) wichtig, die (in ihren hier wesentlichen Teilen)72 zwar aus der Zeit der Auseinandersetzung stammen, selbst aber nicht Teil von ihr sind. Für Wagner ist die Seele dort eine „eigenthümliche immaterielle Substanz“ (Wagner 1854c: 199, i.d. Anm.; vgl. ebd.: 200, i.d. Anm.). Dabei ist nicht ganz klar, ob für ihn die Individualität des Menschen von Anfang an in der Seele allein begründet liegt, denn es heißt zwar, dass die (materielle) Hirnsubstanz der (immateriellen) Seele(nsubstanz) „zugewiesen“ sei (vgl. ebd.: 201f.) und dass „wir“ zeitlich an die „ponderablen Massen73 des Nervensystems [...] gebunden sind“ (ebd.: 202; vgl. ebd.: 200, i.d. Anm.), womit gesagt wäre, dass der Mensch als Individuum identisch mit seiner Seele ist; im zeitlich etwas späteren (und stark religiös gefärbten) Ueber Wissen und Glauben (1854b: 18) aber bezeichnet Wagner dann die „menschliche Seele als ein Produkt der Combination des göttlichen Geistes mit der Materie zu einem individuell selbstständigen Wesen“, was (wie oben, Kap. 2.2.1.2, gezeigt) an Thomas von Aquin erinnert, insofern die Individualität erst durch die Einheit der beteiligten ,Substanzen‘ Geist und Stoff zustande käme. Unabhängig davon aber ist für Wagner (wieder in den Neurologischen Untersuchungen) in jedem Fall „das Gehirn der materielle Träger der Seele“ und

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darzustellen. [...] Sollte sich [...] zeigen, daß meine Kräfte nicht ausreichen [...], so werde ich [...] gerne zurücktreten [...], in der Überzeugung, daß es Gottes Wille nicht ist“ (Brief Wagners, zit. nach Hoffmann 1964: 38). Insgesamt handelt es sich um eine Sammlung von zeitlich auch weiter zurückreichenden Aufsätzen Wagners. D.h. an die ,wägbaren‘, im herkömmlichen Sinne stofflichen Massen, im Gegensatz zu den im 19. Jahrhundert z.T. noch angenommenen ,unwägbaren‘ Stoffen wie z.B. dem Licht(äther).

84 die „Seelenthätigkeiten der Individuen [sind] an die Integrität des Gehirns gebunden“ (Wagner 1854c: 199, i.d. Anm.; eig. Hervorh.), so dass Hirnerkrankungen und -verletzungen Auswirkungen auf die geistigen Fähigkeiten haben (können). Das Gehirn sei dabei eine Ansammlung von „Glieder[n] mechanischer Apparate für die Nervenfunktionen“ (ebd., 197: i. d. Anm.), wobei die Nerven „die vom Gehirn und Rückenmark und von der Seele ausgehenden Impulse“ in den Körper weiterleiteten (Wagner 1851/52, in AZ 35/1852: 553; eig. Hervorh.). Wagner geht dabei im klassisch dualistischen Sinn von einer Wechselwirkung zwischen Leib und Seele aus: Man wisse, „dass die centralen Nervenenden mit der Seele in Verbindung stehen“ (Wagner 1854c: 204), die „Innervationserscheinungen“ seien „die Instrumentation74 der Seele“ und diese „Seele wird für nichts empfänglich sein, das ihr nicht durch Wechselwirkung der Fasern und Zellen [des Gehirns] zukommt, und sie wird keine Erscheinungen ihrer Thätigkeit ohne Mitwirkung jener Zellen und Fasern entfalten können“ (ebd., 201: i.d. Anm.). Die Wahrnehmung der Welt und ein Wirken auf sie ist für die immaterielle Seele damit ausschließlich über ihr Werkzeug, den materiellen Körper, möglich; Wagner merkt zwar an, dass bei der Umwandlung der physischen, auf die Sinnesorgane wirkenden Reize in psychische, von der Seele wahrgenommene Eindrücke bestimmte Hirnzellen „eine spezifische Rolle spielen“ (ebd.: 208), er betrachtet die Umwandlung im Einzelnen aber als eine „Thätigkeit, deren innere Natur uns unbekannt ist“ (ebd.: 207), was umgekehrt auch für die Umwandlung von Willensakten in Nervenimpulse zum Zwecke der Willensausführung gilt (vgl. ebd.: 207f., sowie auch ebd.: 204). Dabei ist nun zentral, dass die Seele selbst für Wagner nicht direkt erfassbar ist; sie sei „für die Forschung unzugänglich und unangreifbar und auf ihre Natur [lasse sich] nur sehr unvollkommen durch ihre Wirkungen auf das Material der Verbindungswege75“ schließen (Wagner 1854c: 204; eig. Hervorh.), also indirekt über ihren Ausdruck in der Tätigkeit von Gehirn und Nerven. In diesem Zitat klingt an, was Wagner im Gegensatz zu Vogt immer wieder zum zentralen Punkt seiner dualistischen Seelenlehre erklärt (und woraus sich gewisse Anklänge an Kant ergeben): dass die Existenz der Seele sich wissenschaftlich zwar nicht beweisen lasse (sie ist eben unzugänglich), dass sie sich aber auch wissenschaftlich nicht widerlegen lasse (sie ist eben auch unangreifbar). Ihre Existenz ist für Wagner damit immerhin glaubbar, und es lässt sich aus seinen Äußerungen recht deutlich ermitteln, dass er an sie glaubt, weil „nach Hinwegnahme aller physikalischen Erscheinungen aus dem Cyklus der Seelenthätigkeiten immer ein Rest bleiben [würde], welcher durchaus niemals physikalisch erklärt werden kann“ (Wagner 1854b: 9; vgl. 74 75

D.h. ihre ,Wirksamwerdung‘ in der physischen Welt. Auf das Material der ,Verbindungswege‘ zwischen ihr (also der Seele) und der Außenwelt: also auf Gehirn und Nerven; vgl. Wagner (1854c: 204).

85 ebd.: 7), und weil gleichzeitig „die Annahme einer eigenthümlichen Seelensubstanz keinem Lehrsatz der Physiologie widerspricht“ (ebd.: 7); ferner glaubt er natürlich an sie, weil sie durch die biblische Offenbarung verbürgt ist (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313 [= Text 2a, Z. 1ff.] und ebd., in AZ 61/1852: 969 [= Text 2c]), v.a. aber, weil er an eine gottgewollte (gesellschaftliche, moralische) Ordnung glaubt, die ohne unsterbliche und Gott verantwortliche Seele nicht denkbar sei (vgl. Wagner 1854c: 198 und ebd.: 200, i.d. Anm.; vgl. auch allgemein 1854b). Die Seelenlehre (die er auch als Psychologie bezeichnet) hat für Wagner damit zwei Seiten (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313 und ders. 1854c: 201, i. d. Anm.): die physiologische, die sich mit der materiellen Grundlage der Seele befasst (mit Gehirnund Nervenfunktion), und eine zweite, rein seelische, die aber auch für ihn nicht Teil der Naturforschung, sondern des Glaubens sei. 2.3.2.2.4 Wagners ,doppelte Buchführung‘ Die unzugängliche, unangreifbare, unbeweisbare, aber glaubbare Seele steht nun schon im Zentrum dessen, wofür Wagner von verschiedener Seite (von Vogt interessanterweise erst spät)76 entschiedene Kritik erfuhr: seine ,doppelte Buchführung‘ im getrennten Umgang mit Wissenschaft und Glauben. In einem seiner ersten Physiologischen Briefe bezeichnet Wagner (1851/52, in AZ 20/1852: 314) die Wissenschaft und den Glauben als zwei verschiedene Welten und vergleicht sie mit einem „System von concentrischen Kreisen“, die sich „in gewissen Punkten berühren und schneiden, daher auf einander wirken, deren Curven aber niemals [völlig; Anm. d. Verf.] ineinander, sondern in sich selbst verlaufen“ (ebd.). Manchen Menschen stünde nun eine dieser beiden Welten offen, anderen beide; manche Forscher der letzteren Gruppe seien der Ansicht, dass es möglich sei, beide Welten miteinander zur Deckung zu bringen (also etwa alle Punkte der Offenbarung wissenschaftlich zu stützen), während andere sie nebeneinander ablaufen ließen. Wagner rechnet sich selbst – u.a. nach dem Vorbild Keplers und Newtons – zur letzteren Gruppe und vertritt damit ,offiziell‘ die Position, dass weder die Wissenschaft durch den Glauben noch der Glaube durch die Wissenschaft beeinträchtigt werden dürften; im Glauben liebe er so etwa „den schlichten einfachen Köhlerglauben am meisten“, während er sich in der Wissenschaft zu denen rechne, „welche gerne die größte Skepsis üben“ (ebd.). In Ueber Wissen und Glauben (1854b: 18) wird Wagner dann etwas konkreter: Überschneidungen zwischen Wissenschaft und Offenbarung ergäben sich nur in wenigen Bereichen, zu denen etwa „gewisse letzte Bedingungen der natürlichen Dinge oder gewisse geschichtliche Wahrheiten [gehören], deren die 76

In Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a: 102ff.).

86 Offenbarung [...] gedenkt, also z.B. die Schöpfungstage77, die Schaffung der ersten Menschen, die Sündfluth u.s.w.“; bei der Auseinandersetzung mit diesen Punkten verlangt Wagner vom Wissenschaftler, dass er „ganz voraussetzungslos seine Forschungen auf dem Wege der sinnlichen Erfahrung“ ausführe, „die Resultate daraus ziehe“ und dann „entschieden“ ausspreche, dass er „in diesem Punkte [...] Uebereinstimmung mit einer Angabe der Schrift [finde], in anderen nicht“ (ebd.: 19; eig. Hervorh.). Während Wagner hier nachdrücklich der Freiheit der Forschung das Wort redet, verweist er gleichzeitig (ebd.: 19f.) aber darauf, dass die Erfahrung gezeigt habe, dass die Forschung in ein und derselben Frage zeitweilig diese, zeitweilig jene Position vertrete (also unsicher sei, im Gegensatz zur feststehenden Offenbarung); aufgrund dieser Erfahrung – und das ist es nun, worauf Wagner eigentlich abzielt – müsse die doppelte Buchführung (also das Festhalten an Glaubenssätzen, auch wenn die Wissenschaft zu anderen Ergebnissen kommt) erlaubt sein. Gerade der schroffe Gegensatz zwischen einfachem Köhlerglauben und größter Skepsis, den Wagner in sich vereinigen zu können glaubt, impliziert nun aber, dass er keine unlösbaren Widersprüche zwischen Offenbarung und Forschung erwartet. Deutlicher zeigt sich dies wieder in Ueber Wissen und Glauben (Wagner 1854b: 20), denn wenn niemand dafür zu tadeln sei, dass er einen „Dissensus [zwischen der Wissenschaft und der Offenbarung; Anm. d. Verf.] jetzt für unausgeglichen hält und nun ruhig in seinem Gewissen warten will, bis diese Ausgleichung oder ob sie überhaupt bei seinen Lebzeiten erfolge“ (ebd.: 20; eig. Hervorh.), so besagt diese Formulierung nichts anderes, als dass Wagner in jedem Fall mit Ausgleichung rechnet, wenn nicht zu Lebzeiten, dann danach;78 in Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Unlösbarkeit der Frage nach der Natur der Seele sagt er in den fachwissenschaftlichen Neurologischen Untersuchungen (1854c: 202; eig. Hervorh.) immerhin auch ausdrücklich, dass die „ponderablen Massen des Nervensystems, an welche wir zeitlich gebunden sind, die Hauptschranken“ für gewisse Arten von Erkenntnis seien und betrachtet die (vorübergehende) körperliche Existenz damit letztlich als Einschränkung der grundsätzlichen menschlichen (rein seelischen) Erkenntnisfähigkeit – und die sinnliche Empirie dementsprechend als defizitär. Es zeichnet sich also ab, dass Wagner von der Existenz nur einer Wahrheit ausgeht (die sich u.U. erst im Jenseits erschließt) und dass diese für ihn, als bekennender Christ (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313 [= Text 2a, Z. 77

78

Dabei gibt es Hinweise darauf, dass Wagner die ,Schöpfungstage‘ als Metapher für lang (Jahrtausende oder Jahrmillionen) andauernde Schöpfungperioden sieht, die einander unter wiederholtem göttlichem Eingreifen folgten (vgl. Wagner 1854c: 200, i. d. Anm.). Zur Lösung von Widersprüchen und Unausgeglichenheiten im Jenseits sowie zu jenseitiger Erkenntnis, vgl. auch unten, Kap. 3.9.

87 9]), nur in dem liegen kann, was die Offenbarung verbürgt, wenn auch z.T. verklausuliert und allegorisch; auch die Wissenschaft, sofern sie wirklich die Wahrheit sucht, könnte damit in offenbarungsrelevanten Punkten nur zu solchen Ergebnissen kommen, die sich mit der Offenbarung decken. Angesichts von Forschungen, wie den materialistischen, die ihr widersprechen, erscheint die doppelte Buchführung nun aber v.a. als eine Möglichkeit, den (geoffenbarten und daher eben wahren) Glauben von der (nur eingeschränkt erkenntnisfähigen und daher fehlbaren) Wissenschaft unabhängig zu machen bzw. ihn gegen deren Angriffe zu ,immunisieren‘: Wenn die Wissenschaft einen Glaubenssatz nicht positiv beweisen kann (wie z.B. den der eigenständigen Seele), so gibt es eben Dinge, die sich wissenschaftlich nicht beweisen lassen, aber dennoch (Glaubens-)Wahrheit sind; und sollte die Wissenschaft der Offenbarung widersprechen (wie im Fall des Leib/Seele-Monismus), dann irrt sich die Wissenschaft infolge mangelnder Kenntnisse entweder – oder aber sie verfolgt überhaupt nicht die Wahrheit und lügt.79 Und in diesem Sinne, und entgegen seinem soeben wiedergegebenen, vordergründigen Plädoyer für das freie Forschen, hatte Wagner an anderer Stelle (1854a: 25ff.; vgl. unten, Texte 7b und 7c) sogar wenig verhohlen die Zurückhaltung im Umgang mit (bzw. eigentlich die Zurückhaltung von) ,problematischen‘, offenbarungswidrigen und damit gesellschaftsgefährdenden Forschungsresultaten zur Pflicht des verantwortungsbewussten Wissenschaftlers erhoben. Bereits an diesem Punkt dürfte sich in aller Deutlichkeit zeigen, dass es ein ausgesprochen großes Potenzial für Streit zwischen Wagner und Vogt gibt und dass sich dies nicht nur auf Unstimmigkeiten in einem konkreten physiologischen Problem, nämlich auf die Natur der Geistestätigkeiten bzw. der ,Seele‘, erstreckt, sondern darüber hinaus auch auf verschiedene Vorstellungen vom Stellenwert von Empirie und Hypothese80, in der Folge davon auch auf verschiedene Vorstellungen von Wissenschaft als solcher, sowie zudem auf sehr unterschiedliche Vorstellungen von erstrebenswerten gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich in beiden Fällen eng an die jeweiligen wissenschaftlichen und/oder religiösen Vorstellungen knüpfen.

79

80

Diese Vermutung des Versuchs einer ,Immunisierung‘ des Glaubens entspricht nun zwar zugegebenermaßen in ihrem Kern einer ganz ähnlichen Einschätzung Vogts (vgl. 11855a: 103ff.), es wird sich in Kapitel 3 jedoch zeigen, dass sie sich tatsächlich aus Wagners Beiträgen herleiten lässt (vgl. v.a. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 314; ders. 1851/52, in AZ 61/1852: 969; ders. 1852, in AZ 328/1852: 5242; ders. 1854a: 17 sowie v.a. ders. 1854b: 14–20). Wagner nimmt die Seele ja u.a. an, weil ihr wissenschaftlich nichts widerspreche und stellt damit aus Vogts Sicht eben eine empirisch unbegründete Hypothese auf.

3

Die Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt

3.0

Ein kurzer Abriss der Auseinandersetzung

Ausgangspunkt des Streits zwischen Wagner und Vogt ist, wie schon gesagt, die unterschiedliche Haltung der beiden zur Natur des menschlichen Geistes bzw. der Seele. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass der christliche Forscher Wagner den Begriff ,Seele‘ zwar mitunter im religiösen Sinn, aber ebenso wie der Materialist Vogt auch in rein physiologischen Zusammenhängen verwendet, so dass der Begriff für beide – als Synonym zu Geist(esfunktionen) – für das Mentale überhaupt steht; nur dass dieses Mentale für Wagner göttlichen Ursprungs und unsterblich ist, während für Vogt weder das eine noch das andere gilt. Das Verhältnis zwischen beiden Forschern, so von einem solchen gesprochen werden kann, scheint vor 1852 unbelastet gewesen zu sein. Weder in Wagners noch in Vogts Veröffentlichungen finden sich Hinweise auf einen Zusammenstoß vor diesem Jahr. Im Gegenteil: Vogt rechnet Wagner noch vor der Revolution von 1848/49 – neben so großen Namen wie J. Liebig (seinem hochgeschätzten Lehrer) oder dem berühmten Physiologen Joh. Müller – unter „die treuen Bergleute, welche mit Mühe und Schweiß [...] das reine Gold aus den Schachten der Bergwerke hervorgeholt haben“ und die als „Koryphäen“ in „dem goldenen Buche der Wissenschaft mit unauslöschlichen Zügen“ verzeichnet stehen (Vogt 1847a: 9). Die Eröffnung der Auseinandersetzung geht erst auf einen Beitrag Wagners (20. Januar 1852) aus der Fortsetzungsreihe seiner Physiologischen Briefe in der Augsburger Allgemeinen Zeitung zurück (Wagner 1851/52), wo er einen offenen Angriff auf Vogts materialistische Seelensicht und auf deren (aus seiner eigenen Sicht) unerhörte Verbildlichung im Vergleich des Gehirns mit der Leber und den Nieren (bzw. der Gedanken mit der Galle und dem Urin) führt; es handelte sich um einen Angriff auf Äußerungen Vogts, die dieser mehrere Jahre zuvor in der Erstauflage seiner eigenen (!) Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (Vogt 1847a) gemacht hatte. Eine direkte Antwort auf Wagners Angriff lässt Vogt zwar erst Anfang 1854 in der zweiten Auflage dieses Werkes (Vogt 21854a) ergehen, doch schon in seinen Bildern aus dem Thierleben (Vogt 1852a) geht er im Herbst 1852 (durchaus als – wenn auch nicht eingestandene – Reaktion) gegen die wagnerschen Physiologischen Briefe vor: dies sowohl ganz allgemein, als auch indem er nun seinerseits einen

89 ihrer Beiträge, wenn auch eben nicht den eigentlichen Angriff, konkret ins Visier nimmt. Wagner antwortet noch im November mit einer direkten Verteidigung und einem erneuten Angriff auf die materialistische Seele (Wagner 1852), veröffentlicht wiederum in der Allgemeinen Zeitung, in der im Dezember dann auch eine (gekürzte) Erwiderung seines Gegners (Vogt 1852c) erscheint, die im September bereits (vollständig) im Stuttgarter Beobachter abgedruckt worden war (Vogt 1852b). Nach einer Pause von über einem Jahr, in der Wagner v.a. seine Neurologischen Untersuchungen (Wagner 1854c) zusammenstellt und veröffentlicht, die in Teilen erst nachträglich Gegenstand der Auseinandersetzung werden, ist es dann Vogt, der den Streit wieder anstößt, wobei sich die Verhältnisse hinsichtlich der Abfolge der Beiträge nun etwas verkomplizierten: Zunächst ergreift also Anfang 1854 Vogt in der Zweitauflage seiner Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (Vogt 21854a) erneut das Wort gegen Wagner (wie gesagt erst jetzt mit der direkten Replik auf den ursprünglichen Angriff), der dies zunächst aber nicht erwidert, sondern sich erst Mitte September in seinem Vortrag Menschenschöpfung und Seelensubstanz auf einer Versammlung von Naturforschern und Ärzten in Göttingen erneut zur Auseinandersetzung mit Vogt um die Seele äußert und diesen Vortrag noch im selben Jahr (mit Vorwort vom 25. September) im Druck erscheinen lässt (Wagner 1854a). Eine ,Erklärung‘ Vogts (Vogt 1854b), die dieser eigenen Angaben zufolge dem Göttinger Auftritt seines Gegners unmittelbar vorausschicken wollte, erscheint dann verspätet erst am Ende des Monats (27. September, also nach Wagners Vortrag, aber sicher vor dessen Druckveröffentlichung) und erfährt noch vor Ende des Jahres ihre Erwiderung in Wagners Aufsatz Ueber Wissen und Glauben (Wagner 1854b; Vorwort vom 31. Oktober), einer Fortsetzung seines Göttinger Vortrags. Der letzte große Beitrag und gleichzeitig Höhepunkt der Auseinandersetzung ist bereits im Januar 1855 (vgl. Gregory 1977: 74) die Erstauflage von Vogts umfangreicher Monographie Köhlerglaube und Wissenschaft. Eine Streitschrift gegen Hofrath Wagner in Göttingen (Vogt 1 1855a), zu der Wagner dann (29. März 1855) nur noch eine sehr kurze Stellungnahme abgibt (Wagner 1855), auf die Vogt im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Streitschrift ebenso kurz eingeht (5. April), bevor die Auseinandersetzung als beendet betrachtet werden darf; bereits die letzten beiden Beiträge finden in der Literatur zu Wagner und Vogt in aller Regel keine Erwähnung mehr und sie befassen sich auch nicht mehr mit den ursprünglichen Ausgangspunkten des Streits. Im Folgenden soll nun Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich als Anstoß der Auseinandersetzung auch den Ausgangspunkt der Untersuchung bilden.

90

3.1

Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich in seinen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände

3.1.1

Das Werk

3.1.1.1 Die Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände Carl Vogts Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände entstanden (vgl. Kap. 2.3.1.3.3) während seiner Zeit in Paris (1844–1847). Ursprünglich war geplant, sie als eine der damals sehr beliebten populärwissenschaftlichen Aufsatzserien1 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung des Cotta-Verlags erscheinen zu lassen, mit dem Vogt auch einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hatte (vgl. Misteli 1938: 61; Gregory 1977: 60ff.); aufgrund des sehr schnell sehr großen Umfangs der Beiträge veröffentlichte der Verlag sie dann aber nur in Buchform.2 Zunächst erschienen die drei inhaltlichen Hauptabteilungen in den Jahren 1845, 1846 und 1847 separat, im Jahr 1847 dann auch die Erstauflage der Gesamtausgabe;3 eine inhaltlich erweiterte und um Abbildungen ergänzte zweite Gesamtauflage folgte 1854. Es handelt sich bei dem Werk um eine Sammlung von 29 (in der Zweitauflage dann von 31) Aufsätzen zur Physiologie v.a. des Menschen. Die drei Abteilungen befassen sich (entsprechend ihrer Titel seit der Zweitauflage) zunächst mit dem vegetativen Leben (wie dem Blutkreislauf oder den Organfunktionen), mit dem animalischen Leben (dem Nervensystem, der Sinneswahrnehmung und der Bewegung) und abschließend mit der Zeugung und Entwickelung, v.a. wiederum derjenigen des Menschen. In ihrer Sprache sind die Briefe zum überwiegenden Teil sehr sachlich, nüchtern und klar gehalten, und obwohl es Vogts Ziel ist, naturwissenschaftliche Kenntnisse (als Voraussetzung des gesellschaftlichen Fortschritts) zu popularisieren (vgl. Vogt 1847a: 8), ist doch nicht zu übersehen, dass er sich darum bemüht, Beiträge zu liefern, die nicht allzu populär wirken. Denn selbst wenn er sich nicht an ein Fachpublikum wendet, sind seine Zielgruppe dem Buchtitel zufolge doch die Gebildeten aller Stände, und seine sehr detaillierten Schilderungen der 1 2 3

Man denke nur an die Chemischen Briefe Justus Liebigs. So Vogt selbst im Vorwort der Zweitauflage des Werks (21854a: 12). Die Titelblätter der einzelnen Abteilungen tragen auch in der einbändigen Gesamtausgabe die entsprechenden Jahreszahlen, und auch wenn in der Literatur Unklarheit über ihre separate Vorveröffentlichung zu herrschen scheint (vgl. Misteli 1938: 61, einschließlich Anm. 49, gegenüber Gregory 1977: 60 und 64), wurden für die vorliegende Untersuchung auch einzeln gebundene Exemplare verwendet. Da in ihnen eine durchgehende, mit der Gesamtausgabe identische Seitenzählung erfolgt, wird im Weiteren ausschließlich aus der letzteren (Vogt 1847a) zitiert.

91 physiologischen Gegebenheiten und Prozesse sowie der Experimente und Überlegungen, die sie untermauern sollen, setzen durchaus einiges an Allgemeinwissen und an Bereitschaft voraus, sich mit den entsprechenden Themen auseinanderzusetzen. Vogts eigenem empirischen Anspruch zufolge durften in den Briefen dabei nur „die fester begründeten Resultate, nur die, so viel wir bis jetzt beurtheilen können, wahren Thatsachen [...] eine Stätte finden“, und „subjektive Ansichten mußten so viel möglich in den Hintergrund gestellt werden“ (ebd.: 7). 3.1.1.2 Vogts zwölfter Physiologischer Brief Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich findet sich im zwölften Brief mit dem Titel Nervenkraft und Seelenthätigkeit (ebd.: 201ff.).4 Es handelt sich um den vierten Brief der zweiten Abteilung (Animalisches Leben) von 1846, der in dieser Abteilung nach den allgemeinen Beiträgen zu Bau und Funktion von Nerven, Rückenmark und Gehirn und vor der Behandlung von Sinneswahrnehmung und Bewegung steht. Er befasst sich zunächst sowohl mit der Natur der Nervenreize als auch mit der Geschwindigkeit ihrer Weiterleitung sowie mit ihrer Wahrnehmung. In der Hinleitung auf den im Folgenden behandelten Text 1 bestimmt Vogt die Nervenkraft dabei, was für diesen Text von wesentlicher Bedeutung ist, „als eine eigenthümliche, dem [Nerven-]Gewebe [...] ebenso zustehende Funktion [...], wie die Sekretion einer bestimmten Flüssigkeit Funktion des eigenthümlichen Lebergewebes ist“ (ebd.: 205). Er führt weiter aus, dass die Gesetze der Nervenfunktion durch Versuche ermittelbar seien, während die Bestimmung des Verhältnisses zwischen ihr und derjenigen Funktion des Gehirns5, „die man mit dem Namen der Seelenthätigkeit zu bezeichnen gewohnt ist“ (ebd.), viel schwieriger sei. Für Vogt ist es zwar nicht zu leugnen, „daß der Sitz des Bewußtseyns, des Willens, des Denkens endlich einzig und allein in dem Gehirne gesucht werden muß“; die genauen Vorgänge aber zu bestimmen, durch die die Seelen- oder Geistestätigkeiten hervorgebracht und etwa der Wille in der „Vollziehung dieser oder jener Bewegung“ ausgeführt werde, „ist uns vor der Hand unmöglich gewesen“ (ebd.). Hinsichtlich der Beziehung zwischen Gehirn- und Nervenfunktion sei es daher „besser, […] unsere Unwissenheit zu gestehen und nicht weiter zu gehen, als die Erfahrung und der Versuch uns geführt haben“ (ebd.). Unmittelbar nach diesen Äußerungen und mit Bezug auf sie fährt Vogt nun mit der für diese Untersuchung entscheidenden Stelle fort: 4

5

In Vogt (21854a: 312ff.) erscheint er aufgrund der Erweiterung der ersten Abteilung dann als dreizehnter Brief. Vogt spricht konkret von den „Centraltheile[n]“ des Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark, beschränkt sich im Folgenden dann jedoch auf Ausführungen zum Gehirn.

92 TEXT 1 (Vogt 1847a: 205f.; Orig. in Fraktur)

5

10

Noch viel weniger können wir von der Beziehung der Geistesthätigkeiten zu dem Gehirne sagen; wenn auch Gall’sche Phrenologiea und Carus’sche Cranioskopieb die Räthsel gelöst zu haben sich brüsten. Ein jeder Naturforscher wird wohl, denke ich, bei einigermaßen folgerechtem Denken auf die Ansicht kommen, daß alle jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen der Seelenthätigkeiten begreifen, nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältniß etwa zu dem Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren. Eine Seele anzunehmen, die sich des Gehirnes wie eines Instrumentes bedient, mit dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefällt, ist ein reiner Unsinn; man müßte dann gezwungen seyn, auch eine besondere Seele für eine jede Funktion des Körpers anzunehmen und käme so vor lauter körperlosen Seelen, die über die einzelnen Theile regierten, zu keiner Anschauung des Gesammtlebens. Gestalt und Stoff bedingen im Körper überall die Funktion und jeder Theil, der eine eigenthümliche Zusammensetzung hat, muß auch nothwendig eine eigenthümliche Funktion haben. a

Eine von dem Arzt Franz Joseph Gall (1758–1828) begründete Lehre, die die individuellen geistigen Fähigkeiten und Anlagen des Menschen mit der Form seines Schädels in Zusammenhang brachte, die wiederum durch die Form des darunterliegenden Gehirns bestimmt sei. Im unmittelbaren Anschluss an Text 1 wird die Phrenologie von Vogt kritisiert. b Eine andere, von dem Arzt und Philosophen Carl Gustav Carus (1789–1869) begründete und von Vogt ebenfalls kritisierte Schädellehre.

3.1.2

Die Analyse des Vergleichs

3.1.2.1 Vogts materialistische Seelensicht Vogt gibt in Text 1 die Veranschaulichung seines materialistischen Leib/Seele-Monismus. Wie oben gesehen, hatte er dabei unmittelbar vor der zitierten Textstelle alle Aussagen zur Beziehung zwischen Gehirn- und Nervenfunktion in die strikten Grenzen der Empirie verwiesen, und diese Mahnung zu Vorsicht und Zurückhaltung (gegenüber unfundierter Spekulation) wird nun im Hinblick auf die „Beziehung der Geistesthätigkeiten zu dem Gehirne“ (Text 1, Z. 1f.), also hinsichtlich der Beziehung zwischen einer Funktion und ihrem Organ, noch verstärkt: Wenn über diese Beziehung „[n]och viel weniger“ (Z. 1) gesagt werden könne, dann argumentiert Vogt hier auf der Grundlage eines a minore-Schemas6 für eine entsprechend noch größere Zurückhaltung. Der Betonung dieses Punktes dient letztlich auch die kritische Abgrenzung von der „Gall’sche[n] Phrenologie und Carus’sche[n] Cranioskopie“, 6

In Anlehnung an Kienpointner (1992: 287, Schema 25): Wenn für X (= Art der Beziehung zwischen Gehirn- und Nervenfunktion) aufgrund der Bewertung Y (= ,schwierig zu bestimmen‘/,wenig darüber aussagbar‘) bereits das Verhalten Z (= ,bei Aussagen über X ist Vorsicht geboten‘) angebracht ist, dann gilt dies für X ' (= Art der Beziehung zwischen Geistestätigkeit und Gehirn) bei stärkerem Gewicht von Y erst recht (bzw. umso mehr).

93 deren Auftreten mit „sich brüsten“ wiedergegeben (Z. 2f.) und damit in klaren Kontrast zur geforderten Zurückhaltung gesetzt wird. Wenn Vogt sich dann im Folgenden (aber) dahingehend äußert, dass die geistigen Fähigkeiten des Menschen „nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältniß etwa zu dem Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren“ (Z. 5ff.), dann versteht man nun nicht nur, warum diese Stelle auf Widerspruch und Ablehnung gestoßen ist, sondern man gewinnt auch den Eindruck, dass Vogt hier mit seiner eigenen Forderung nach Zurückhaltung, bereits unmittelbar nachdem er sie aufgestellt hat, selbst in Konflikt gerät. Zunächst zum ersten Punkt: Vogt illustriert in seinem Vergleich zwischen Gedanken und Galle bzw. Urin seine vorausgehend (Z. 3ff.) im Klartext formulierte Ansicht vom Status des Mentalen als etwas rein körperlich, nämlich organisch Verursachtem. Es steht außer Frage, dass ein solcher Vergleich des menschlichen Geistes, des Inbegriffs des menschlichen Selbstverständnisses, mit Ekel erregenden Verdauungs- und Ausscheidungsprodukten geradezu zur Kritik herausfordert und dass der Vergleich insofern zumindest als riskant zu betrachten ist; es gibt aber dennoch keinen Grund, anzunehmen, dass Vogt hier in offen vulgärer oder dysphemistischer Weise die geistigen Fähigkeiten des Menschen herabwürdigen will, da dies ja v.a. seinen eigenen materialistischen Ansatz in ein negatives Licht rücken würde. Der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Stelle liegt darin, dass Vogt sich ausdrücklich „einigermaßen grob“ (Z. 6) ausdrückt, was nicht im Sinn von ,drastisch‘ zu verstehen ist, sondern in der Bedeutung von ,oberflächlich‘ und ,nicht bis ins Detail gehend‘7. In diesem Sinn wäre der Vergleich des Gehirns mit Sekretionsorganen (und der Gedanken mit ihren Produkten) lediglich dazu gedacht, ein Prinzip auf sehr allgemeine, eben grobe Weise zu verbildlichen: das Prinzip, dass Körperfunktionen bzw. ihren Produkten stets ein körperliches Organ zugrunde liegt, das sie erst hervorbringt – der Absonderung des Urins die Nieren, der Absonderung der Galle die Leber und der ,Absonderung‘ der Gedanken eben das Gehirn. Für die Absicht einer ernsthaften Illustration spricht auch, dass Vogt sie auf diejenige Ansicht anwendet, zu der „jeder Naturforscher [...], bei einigermaßen folgerechtem Denken“ kommen werde (Z. 3f.). Folgerechtes Denken ist dabei als eine positive Eigenschaft des wahren Naturforschers zu verstehen, an dem (und an dessen Haltung) sich auch das Laienpublikum der Leser orientieren soll, denen damit die Zustimmung(sbereitschaft) eines auditoire du savant8 als Argument 7

8

Vgl. dazu auch den Materialisten Ludwig Büchner in Kraft und Stoff (in Wittich 1971a: 442ff.), trotz seiner inhaltlichen Kritik (!) des Vergleichs. Der auditoire du savant ist Perelmans und Olbrechts-Tytecas (2004: 46) „fachlich besonders ausgewiesene Hörerschaft“, die mitunter mit der universellen Hörerschaft gleichgesetzt wird, da man davon ausgeht, dass alle Menschen „mit dersel-

94 für die eigene Zustimmung in einer Frage vorgelegt wird, die sie selbst nicht kompetent beantworten können (zur Problematik dieses letztlichen Autoritätsarguments, vgl. unten); dass Vogt diejenige Haltung, für die er seine Leser hier also gewinnen will, absichtlich vulgarisieren sollte, kann nun aber ausgeschlossen werden. Der Grund dafür, dass er selbst in seinem Vergleich wohl tatsächlich kein Problem sieht, liegt bei all dem sicher darin, dass der Materialismus, der nicht nur den Leib keiner Seele und den Stoff keinem Geist unterordnet, auch keinen Grund haben kann, bei der Materie zwischen Wertvollerem und Unwerterem zu unterscheiden, da für ihn letztlich alles Zusammengesetzte nach denselben Gesetzen aus derselben Grundmaterie aufgebaut ist; Urin und Galle haben damit den gleichen Wert wie alles andere Stoffliche und können insofern nicht in abwertender Funktion verwendet werden. Unabhängig davon lehnt sich Vogt mit seinem Vergleich, aufgrund der sicher auch seinerzeit vorherrschenden anderen Sicht dieser Dinge, aber doch sehr weit aus dem Fenster. Abgesehen davon aber, dass eine absichtliche Vulgarisierung seitens Vogts als ausgeschlossen gelten kann, ist im Hinblick auf Wagners späteren Angriff als weiterer wesentlicher Punkt festzuhalten, dass Vogt seinen Vergleich nicht zur Stützung des Leib/Seele-Monismus, also nicht argumentativ verwendet, sondern zu dessen bloßer Illustration und Veranschaulichung (Wagner scheint das später anders zu sehen). Eine argumentative Stützung des Monismus erfolgt aber bereits vor und dann v.a. auch nach dem Vergleich, und beide Stützungen stehen dabei im Zusammenhang mit dem zweiten oben angerissenen Punkt, nämlich mit dem Eindruck des Widerspruchs zwischen Vogts relativ sicher klingender Formulierung des Leib/Seele-Verhältnisses (Z. 3ff.) und seiner gleichzeitigen impliziten Argumentation für Vorsicht bei Aussagen in genau diesem Bereich. Zum Eindruck dieses Widerspruchs gehört nun zunächst, dass Vogts Sicht der Dinge eben auch als Position des oben erwähnten auditoire du savant dargestellt wird: Dass „jeder Naturforscher [...] bei einigermaßen folgerechtem Denken“ (Z. 3f.) zum materialistischen Leib/Seele-Monismus kommen werde, erscheint dabei zunächst zwar durchaus zu einer vorsichtigen Vermutung abgeschwächt, was dann auch auf die Gültigkeit des Monismus selbst abfärbt; die regelrechte Häufung der entsprechenden Vermutungsindikatoren (die Modalpartikel „wohl“ und die ebenfalls abschwächende Parenthese „denke ich“, die beide zudem den modalen Charakter des an dieser Stelle verwendeten Futur I unterstreichen; vgl. ebd.) wirkt dann aber gerade als Verstärkung der Proposition, also als Emphase9, so dass auf der pragmatischen Ebene10 des Textes

9

ben Bildung, dem gleichen fachkundigen Vermögen und dem gleichen Wissensstand zu den gleichen Schlüssen kämen“. Vgl. Göttert (21994: 51).

95 letztlich der Eindruck eines feststehenden Faktums entsteht: Der Monismus ist die Position des auditoire du savant und damit auch in seiner Gültigkeit (eben durch die ,Autorität‘ des auditoire du savant) gestützt. In Wirklichkeit wird natürlich kein einziger tatsächlicher Forscher angeführt, sondern lediglich die Zustimmungsbereitschaft all derjenigen, die folgerecht denken, als wahrscheinliche Möglichkeit behauptet – womit die Gültigkeit des Monismus an diesem Punkt des Textes dann ebenfalls nur auf dieser Behauptung ruht. Der jeder unfundierten Hypothese abgeneigte Vogt, der die Einhaltung der Grenzen der Empirie anmahnt, belässt es im Folgenden aber nicht bei dieser bloßen Behauptung, sondern erläutert, warum der Monismus das Resultat folgerechten Denkens sein müsse und stützt ihn dabei mit einer impliziten Argumentation, durch die der Monismus letztendlich gerade als der äußerste Punkt dessen erscheint, was empirisch zu etablieren ist – so dass dann auch der oben angerissene Widerspruch hinfällig wäre. Vogts Vorgehen ist dabei zunächst das Folgende: Er betrachtet die dualistische Sicht einer separaten Seele, „die sich des Gehirnes wie eines Instrumentes bedient, mit dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefällt“, wenig zurückhaltend als „reine[n] Unsinn“ (Z. 8f.). Die Begründung erfolgt – unter der scheinbar stillschweigenden Voraussetzung, dass für alle Organe des Menschen (einschließlich des Gehirns) die gleichen Verhältnisse gelten – durch eine Vergleichsargumentation:11 Wenn das Gehirn die geistigen Fähigkeiten nicht selbst erzeugt, sondern die Seele (als ein separates Geistespotenzial) es nur benutzt, um ihre Fähigkeiten mit seiner Hilfe zu realisieren, „dann müßte man gezwungen seyn, auch eine besondere Seele für eine jede Funktion des Körpers anzunehmen“ (Z. 10f.). Vogt muss hier gar nicht mehr explizit machen, dass man sich unter einer solchen ,Seele‘ bspw. ein separates Absonderungspotenzial vorzustellen hätte, das die Nieren benutzt, um das Absondern an ihnen zu realisieren, denn die Sache ist auch so bereits lächerlich genug; und zudem nimmt er gerade durch das Unterlassen der entsprechenden Ausführung wohl auch bereitwillig in Kauf, dass zumindest einzelne Leser die Organseelen als denk-, bewusstseins- und willensfähige Wesenheiten, entsprechend der Gehirnseele, (miss-) verstehen, was die Sache natürlich noch lächerlicher erscheinen lässt. Das 10

11

In Anlehnung an Dascal (1992), der hier letztlich Austins Überlegungen zu sekundären illokutionären Sprechakten verallgemeinert und von den herkömmlichen Ebenen der Satzbedeutung (die sich aus dem Wissen um Semantik, Syntax und Sprechakte ergibt) und der Äußerungsbedeutung (die u.U. erst aus dem Kontext des Satzes erschlossen werden kann) die Sprecherbedeutung unterscheidet (als das, was der eigentlichen Kommunikationsabsicht des Sprechers entspricht und sich erst aus einer pragmatischen Analyse der Äußerung – u.U. über Konversationsimplikaturen – ergibt), soll von hier an im Folgenden vereinfachend zwischen einer Äußerungsebene (Satz und Äußerung) und einer pragmatischen Ebene (Sprecherabsicht) unterschieden werden. Vgl. Kienpointner (1992: 284, Schema 18).

96 Lächerlichmachen der dualistischen Gegenposition ist es wohl auch, worauf es ihm hier zunächst einmal vor allem ankommt; er führt sie letztlich ad absurdum, indem er ihren zentralen Punkt über seine eigentlichen Grenzen hinaus (angeblich ja nur folgerecht)12 zu einem Ende denkt, an dem sie sich dann eben als „reiner Unsinn“ (Z. 9) vom Tisch wischen lässt,13 denn was auf absurde Konsequenzen hinausläuft, soll in den Augen der Leser letztlich auch selbst als absurd erscheinen. Diesen Eindruck zu erwecken, gelingt Vogt auch zweifelsfrei; widerlegt ist die kritisierte Position damit aber natürlich noch nicht. Vogt diskreditiert den Dualismus nun aber nicht nur, indem er ihn lächerlich macht, sondern unter der Oberfläche der offenen ad absurdum-Führung liegt eine auch in der eigentlichen Sache rational nachvollziehbare Argumentation für den Monismus. Im Einzelnen: Dass man bei Annahme einer Seele des Gehirns „gezwungen“ wäre (Z. 10), auch andere Organseelen anzunehmen, impliziert, dass diese letzte Vorstellung nur schwer zu akzeptieren ist; Vogt kann sich darauf verlassen, dass niemand für sie eintreten würde, eben weil empirisch nichts darauf hindeutet und die bloße unbegründete Hypothese eben absurd erscheinen muss. Wenn es entsprechend im Fall der anderen Körperorgane daher nun aber die akzeptierte Position ist, dass ihre Funktionen jeweils als an das Organ gebunden betrachtet werden, und wenn dies weiter zu der naheliegenden Haltung führt, die Funktionen auch allein den Organen zuzuschreiben (da umgekehrt eben nichts die bloße Benutzung der Nieren durch ein separates ,Absonderungspotenzial‘ nötig oder auch nur wahrscheinlich macht), dann wirft Vogt mit der absurden Vorstellung von Seelen bei ihnen die implizite Frage auf, warum man bei den an das Gehirn gebundenen Geistestätigkeiten eine Ausnahme machen und das Denken und das Bewusstsein hier einer Seele zuschreiben sollte, deren Annahme empirisch ebenfalls durch nichts begründet ist.14 Auf der Grundlage dessen, nämlich dem Gebundensein der Funktionen an die Organe als der Regel, und der darauf gegründeten Anerkennung des ,Monismus‘ (also der Zusammengehörigkeit von Funktion und Organ) ebenfalls als der Regel, argumentiert er umgekehrt aber eben auch implizit für den Monismus bei Geistestätigkeiten und Gehirn. Es lässt sich für Text 1 dabei insgesamt eine implizite Genus/Spezies-Argumentation in Verbindung mit einer illustrativen Beispielar-

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Man beachte die Nachdrücklichkeit in Z. 10: „man müßte dann gezwungen seyn“. Vgl. zu dieser Strategie den 24. Kunstgriff (fallacia non causae ut causae) bei Schopenhauer (1985: 686). Vgl. auch die strawman fallacy bei Toulmin/Rieke/Janik (21984: 141f.). Vgl. auch Vogt (11855a: 109ff., v.a. 111.)

97 gumentation rekonstruieren:15 Was für das Genus (für die Organe im Allgemeinen) gilt, gilt auch für die Spezies (für die Einzelorgane), wobei der Verweis auf mehrere Spezies-Beispiele (in Vogts Vergleich: Gehirn, Leber und Nieren) diese Regel v.a. hinsichtlich des strittigen Einzelfalls (also des Gehirns) durch Bezug auf die unstrittigen Fälle (also auf Leber und Nieren) illustrativ bekräftigen soll. Der Prüfstein für die Überzeugungskraft dieses letztlich quantitativen Arguments ist aber natürlich die qualitative Vergleichbarkeit der beiden akzeptierten Beispiele mit dem einen strittigen Fall. Hier könnte der Dualist nun aber einwenden, dass im Gehirn als einzigem Organ ein Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten angesiedelt und es daher von den anderen Organen zu unterscheiden ist. Wogegen der Materialist erwidern könnte, dass der qualitative Unterschied zwischen der Bewusstseinsfähigkeit des Gehirns und der Verdauungsfähigkeit des Magens nicht grundlegender ist, als der zwischen der Verdauungsfähigkeit des Magens und der Kontraktionsfähigkeit des Herzens – und dass man Magen und Herz hinsichtlich ihrer Fähigkeiten dennoch beide ,monistisch‘ betrachte. Wogegen wiederum der Dualist sich darauf berufen könnte, dass sich zwar empirisch beobachten lasse, dass Verdauung und Kontraktion nur in bzw. an den jeweiligen Organen ablaufen, während man umgekehrt aber nicht bestätigen könne, dass im Falle des Gehirns das Denken und das Bewusstsein ebenfalls tatsächlich nur im materiellen Organ lägen. Und so weiter. Was mit diesen über den Text hinausgehenden Ausführungen gezeigt werden soll, ist lediglich, dass im strittigen Leib/Seele-Problem zwar rational argumentiert werden kann, dass die jeweiligen Positionen aber nur sehr schwer (wenn überhaupt) auf wirklich universalisierbare Überzeugungspotenziale zurückgeführt werden können und dass sich Vogt im Fazit des Textes 1 (damit, dass unterschiedliche materielle Organisationen eben auch so unterschiedliche Funktionen wie Bewusstsein und Absonderung hervorbringen müssten; vgl. Z. 12ff.) zumindest apodiktischer gibt, als er es aufrichtigerweise (d.h. unabhängig von seiner subjektiven Überzeugungen von der Richtigkeit des Monismus) eigentlich sein dürfte. Er gibt letztlich eine Position an die Leser weiter, die zwar für diejenigen von ihnen, die unter die Oberfläche des Textes blicken, rational überzeugend wirken kann16 (da Vogt tatsächlich rational argumentiert); wirklich zweifelsfrei überzeugungskräftig (oder gar bewiesen) ist sie jedoch, wie gesagt, nicht.

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Zur Genus/Spezies-Argumentation, vgl. Kienpointner (1992: 264ff.), zur illustrativen Beispielargumentation, vgl. ders. (ebd.: 373ff.); zur Kompatibilität der Beispielargumentation mit anderen Argumentationsarten, vgl. ders. (ebd.: 375ff.). Während sie für die anderen zumindest über den Umweg der bloßen Absurdität des Gegenteils (als angeblich einziger Alternative) akzeptabel erscheinen soll.

98 3.1.2.2 Die Stellung des Textes als Auslöser der Auseinandersetzung Festzuhalten bleibt neben dieser Inhaltskritik nun, dass der vorliegende Text mit seiner Ablehnung des Leib/Seele-Dualismus und seiner anstößigen Formulierung des Monismus zwar zum Auslöser der persönlichen Auseinandersetzung zwischen Wagner und Vogt wird, dass er selbst aber noch nicht Teil davon ist. Wagner wird im gesamten zwölften Brief, aus dem der Text entnommen ist, nirgendwo direkt erwähnt und es finden sich auch keine erkennbaren Anspielungen auf ihn, die über den Dualismus im Allgemeinen hinausgingen. Da Wagner seine leib/seele-dualistischen Überzeugungen aber überhaupt erst seit der Auseinandersetzung mit Nachdruck in seine Veröffentlichungen einfließen ließ, mag es sein, dass Vogt 1846 noch nicht einmal an seinen späteren Gegner dachte. Zudem sind es ja gerade Vogts Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände (genauer gesagt das in ihrer ersten Abteilung von 1845 enthalte Vorwort), in denen Wagner (neben anderen) überschwängliche Anerkennung zuteil geworden war (vgl. oben). Unabhängig davon kann aber natürlich nicht übersehen werden, dass das Lächerlichmachen und die Diskreditierung einer Position auch ein indirekter Angriff auf deren Vertreter ist; die Leib/Seele-Dualisten werden hier immerhin zu Anhängern eines „reine[n] Unsinn[s]“ (Z. 9) erklärt, und wenn Vogt allein den Monismus als Position der folgerichtig denkenden Naturforscher betrachtet, grenzt er alle Andersdenkenden einschließlich der Dualisten aus dieser positiv bewerteten Gruppe aus und disqualifiziert sie als inkompetent. Da hier also ein Angriff auf den Dualismus und die Dualisten insgesamt erfolgt, hatte Wagner zumindest Grund, sich mitangegriffen zu fühlen, so dass sich (nicht nur für Vogt selbst, vgl. Text 6(1)) die Frage stellt, warum er sich erst mehrere Jahre später dazu äußerte.

3.2

Wagners Angriff auf den Materialismus in seinen Physiologischen Briefen

3.2.1

Das Werk

3.2.1.1 Die Physiologischen Briefe Wagners Wagners Angriff auf Vogts Seelensicht, so wie sie in Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände gefasst worden war, erfolgte am 20. Januar 1852, also rund fünf Jahre später. Wagner hatte dabei bereits Ende 1851 selbst damit begonnen, eine Fortsetzungsreihe populärwissenschaftlicher

99 Physiologischer Briefe (Wagner 1851/52) in der Augsburger Allgemeinen Zeitung zu veröffentlichen, die in insgesamt 21 Folgen zwischen dem 21. September 1851 und dem 1. Juli 1852 jeweils in der Beilage erschienen. Die Reihe, in der sich Wagner nie vollnamentlich identifizierte, sondern lediglich die Beiträge 1 und 6–8 mit „R.W.“ zeichnete, ging wohl auf die Anregung des Hauptredakteurs der Zeitung, Gustav Eduard Kolb, zurück (vgl. Klatt 1997: 10). Wagners erklärtes Ziel war es, „einige Skizzen aus meinem Fache“, der Physiologie, zu zeichnen (Wagner 1851/52, in AZ 264/1851: 4217)17, wobei die Auflistung der inhaltlichen Fragen, die er behandeln wollte, als eine Art thematischer Vorschau immerhin ein gutes Viertel des zweiten Beitrags einnahm (vgl. ebd., in AZ 265/1851: 4233)18, darunter nicht nur allgemeine Fragen zur Physiologie der Sinnesnerven und -organe, v.a. in ihrem Verhältnis zum Gehirn, sondern gerade auch solche, die im Streit mit Vogt um die Natur der Seele von Bedeutung sind, z.B.: „Wie hängt die Seele mit dem Körper zusammen? Ist das Gehirn der ausschließliche Sitz der Seele? Sind, wenn dieß bejaht wird, die einzelnen Abtheilungen des Gehirns Träger einzelner Seelenthätigkeiten? [...]“ (ebd.). Als Leser seiner Briefe visierte Wagner „ein Publikum von Männern [...] allgemeine[r] Bildung und Einsicht“ an, aber auch „Fachgenossen [...], welche oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ (privater Brief Wagners, zit. nach Klatt 1997: 14). Formal beabsichtigte er, eine mehr oder weniger lose Reihe von Beiträgen zu liefern, „[n]icht in systematischer Ordnung [...], sondern in der Folge, wie Lust und Stimmung sie hervorbringen“ (Wagner 1851/52, in AZ 264/1851: 4217)19. Ihr Inhalt sollte „kein fertiger, sondern ein werdender [sein], der mit meinen eigenen fortschreitenden Studien in innigem Zusammenhang steht“ (ebd., in AZ 35/1852: 553, Anm. *), linke Spalte)20, und es sollte dabei erklärtermaßen Raum bleiben für persönliche Gedanken, über die bloßen wissenschaftlichen Fakten hinaus, da „doch unser Wissen immer ein Product der Begegnung objectiver Thatsachen mit der erkennenden Thätigkeit subjectiver Geister“ sei (ebd., in AZ 280/1851: 4473;21 vgl. auch Klatt 1997: 13f.). Als Abhilfe für den nach Wagners Ansicht unglücklichen Umstand, dass „von allen wissenschaftlichen Briefen, die in neuerer Zeit geschrieben wurden, keine die Hauptaufgabe der gewählten Briefform löste [sic], eine ,reizende‘ Lektüre zu seyn, die man gerne liest, ohne angestrengt zu werden“ (privater Brief Wagners, zit. nach Klatt 1997: 14), unterschied sich der Stil seiner Beiträge, in denen sogar „etwas Poëtisches“ liegen sollte (ebd.), zunächst auch sehr vom schon erwähnten nüchter17 18 19 20 21

Auch in: Wagner (1997: 20f.). Auch in: Wagner (1997: 24). Auch in: Wagner (1997: 21). Auch in: Wagner (1997: 61f.). Auch in: Wagner (1997: 26).

100 nen Ton Vogts. Wagners Briefe könnten aber durchaus auch inhaltlich als Gegenentwurf zu denen des Gegners konzipiert gewesen sein, wie Wittich (1971b: xliv) vermutet, um damit „dem wachsenden Einfluß des Materialismus inner- und außerhalb der Naturwissenschaft Einhalt zu gebieten“. Auch die oben zitierten Themen mit Bezug zur Seele, mit denen Wagner die lange Liste seines Programms immerhin eröffnet, sprechen vielleicht für diese Vermutung. Die Themen, die Wagner dann wirklich behandelte, waren jedoch zunächst die elektrischen ,Organe‘ im Gehirn des Zitterrochens (2. und 3. Brief), die die Grundlage aller weiterer Ausführungen bilden sollten; es folgte die Nervenphysiologie im Allgemeinen (3.–5. Brief), nach dem Einschub eines sechsten Briefs (der auf Einwände gegen die bisherigen Beiträge reagiert und auch den Angriff auf Vogt enthält) dann der menschliche Bewegungsapparat (7. Brief) und danach – aus Anlass ihrer Entdeckung – die Besprechung der oben bereits kurz erwähnten Tastkörperchen in der Haut (8.–12. Brief). Mit dem 13. Brief (vom 1. März 1852) erfolgte dann eine Art von Neuansatz. Bis zum Ende der Reihe gab Wagner nun – wohl nicht zuletzt als Reaktion auf die verschiedentliche Kritik an ihrer bis dahin doch sehr unsystematischen Ausführung (vgl. Klatt 1997: 7) – „eine Uebersicht über den Stand des propädeutischen Theils der Physiologie“ (Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969)22, die die „Naturgeschichte des Menschengeschlechts“ und die „einzelnen Hauptcapitel der Physiologie selbst“ umfassen sollte (ebd.) und im 14. bzw. 15.–21. Brief 23 auch tatsächlich umfasste. Obwohl ein weiterer geplanter Punkt – die „Gränzgebiete unserer Wissenschaft [...], wo sich Physiologie und Psychologie24 berühren“ (ebd.), nicht mehr verwirklicht wurde, entwickelte sich Wagners Vorhaben ansonsten zu einer zwar kurz gefassten, aber nun doch sehr systematischen Geschichte der Medizin, die v.a. Physiologie und Anatomie in den Mittelpunkt stellte (vgl. dazu Klatt 1997: 7) und auch im Stil nun sehr viel mehr in Richtung einer sachlich-wissenschaftlichen, nach wie vor aber allgemeinverständlichen Darstellung ging. Bei all dem bescherte Wagner seine Reihe, wie angedeutet, „mannichfache Ermunterungen, Angriffe, Aeußerungen des Tadels“, wie er im 21. und gleichzeitig letzten Brief vom 1. Juli 1852 bemerkte (Wagner 1851/52, in AZ 183/1852: 2924)25; er selbst hielt immerhin den Vorwurf für „am meisten

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Auch in: Wagner (1997: 81f.). Der eigentliche XIV. Brief wurde im Druck versehentlich als XV. bezeichnet, die nachfolgende Zählung aber unverändert beibehalten, so dass es also zwei XV. Briefe gibt. In Wagners Terminologie ist dies die eigentliche Seelenlehre. Auch in: Wagner (1997: 159).

101 berechtigt“, dass seine Beiträge „zu desultorisch26 gehalten sind, daß sie bald da, bald dort anknüpfen, Fragen aufstellen, deren Beantwortung der Leser vergeblich erwartet, [...] daß sie oft von allem Möglichen und allem Persönlichen, nur gerade nicht von dem sprechen, was man wünschte und erwartete“ (ebd.).27 Und in der Tat enthalten die ersten zwölf Beiträge28 teils umfangreiche Abschweifungen, thematische Sprünge und Einschübe (wie Wagner es ja aber in gewisser Weise beabsichtigt hatte), aber eben auch viele Ankündigungen und Verweise auf später, die nicht eingelöst wurden: Erwähnt sei nur, dass von einer versprochenen Betrachtung des Weges, auf dem die Wissenschaft ihre Erkenntnisse von Nerven, Rückenmark und Gehirn erworben habe, im selben und im folgenden Brief im Wesentlichen nur die Nerven behandelt wurden (4. und 5. Brief) und dass die Behandlung der so genannten Innervation29 sogar zweimal angekündigt wurde, ohne zu folgen (5. und 12. Brief). Zwar schwächte Wagner seine Anerkennung der zitierten Vorwürfe dadurch wieder ab, dass alle bisherigen einundzwanzig Briefe nur als Beiträge einer „ersten Serie“ zu verstehen seien, die die Spannung der Leser wecken sollte, und kündigte ihre baldige Fortsetzung an, um „in systematischer Ordnung [!] die Fragen zu beantworten [...] mit denen ich bisher so viele meiner Leser oft mit Willen geärgert habe“ (Wagner 1851/52, in AZ 183/1852: 2924f.30); jedoch unterblieb diese Fortsetzung dann gerade, zu der nicht einmal Manuskripte bekannt sind (vgl. Klatt 1997: 17).31 3.2.1.2 Wagners sechster Physiologischer Brief Um auf den Materialismus-Streit zurückzukommen: Der Inhalt von Wagners sechstem Physiologischen Brief (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313ff.), in dem der Angriff auf Vogt erfolgt, wird durch die Erwiderung auf zwei Einwände bestimmt, von denen nur der erste für unsere Betrachtungen von Bedeutung ist, da Wagner aus einer allgemeinen Erwiderung auf diesen Punkt heraus auch seinen konkreten Angriff gegen Vogt entwickelt. Wie oben kurz 26

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Nach Duden (21993), Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, 8 Bde.: ,sprunghaft‘, ,unbeständig‘, ,ohne Ausdauer‘. In Wagners privater Korrespondenz gab es schon früher Belege für deutliche Selbstzweifel an der Ausführung der Physiologischen Briefe; vgl. in Klatt (1997: 11 und 17). Also die Briefe vor dem Übergang zum systematischen Abriss der Medizingeschichte, dessen Ankündigung im 13. Brief erfolgte. D.h. die Übertragung „der Erregungszustände des Gehirns und Rückenmarks [...] auf die Muskeln und Gliedmaßen des Körpers“ (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 282/1851: 4505; auch in: ders. 1997: 37). Auch in: Wagner (1997: 159 und 161). Obwohl Wagner 1853 davon spricht, die Fortsetzung begonnen, jedoch noch keine „Lust, Zeit und Kraft zur Vollendung gewonnen“ zu haben (Wagner 1853: 700f.).

102 dargestellt, hatte Wagner im zweiten Brief die Fragen umrissen, die er in seinen Beiträgen behandeln wollte. In wesentlichen Bereichen sollte ihm dabei v.a. der elektrische Zitterrochen behilflich sein, da dieser „eine ferne Durchsicht [...] zur Lösung [...] des Zusammenhangs der Seele mit dem Leibe“ eröffne (Wagner 1851/52, in AZ 280/1851: 4473)32: Aufgrund von Erkenntnissen über die Physiologie bestimmter Hirnregionen dieses Fisches einerseits und angeblich analogen Entdeckungen hinsichtlich des menschlichen Gehirns andererseits erklärte er sehr weit vorausblickend (und wohl etwas gewagt)33, dass sich auf die Forschungen am Zitterrochen „mit sehr großer Sicherheit die wichtigsten Schlüsse für die Mechanik der Nervenfunctionen gründen lassen“34 sowie auch „in der That für gewisse physiologische Theile der Psychologie, die daraus ein sicheres Fundament erhalten“ (ebd.)35. Diese Verknüpfung der Psychologie, als der Wissenschaft vom menschlichen Geist, mit der bloßen Betrachtung der Gehirn- und Nervenphysiologie (und damit das scheinbare oder tatsächliche Abhängigmachen der ersteren von der letzteren) hatte nun aber ausgerechnet Wagner den Vorwurf des Materialismus von Seiten eines anonymen Kritikers36 eingetragen, auf den zu antworten er als seine Pflicht betrachtet (vgl. ebd., in AZ 20/1852: 313)37. Um also zunächst einmal dieser Pflicht zu genügen, grenzt Wagner zwei entgegengesetzte Arten von Materialismus voneinander ab, von denen er nur die eine als kritikwürdig erachtet, während er sich der anderen in der Tat selbst zurechnet. Die unten wiedergegebene Passage (Text 2a) schließt dabei im Gesamttext des sechsten Briefs an eine Einleitung an, die die lange Pause seit dem letzten Beitrag erklärt,38 und stellt unmittelbar nach der Erwähnung des besagten Materialismusvorwurfs den Beginn von etwas dar, das Wagner als sein „Glaubensbekenntniß“ bezeichnet (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 32 33

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Auch in: Wagner (1997: 26). Vogt bezeichnet dies wenig später als marktschreierische Anpreisungen; vgl. Vogt (1852a: 448). Vgl. auch (ausführlicher und nachvollziehbarer, zudem in einem fachwissenschaftlichen Kontext) Wagner (1854c: 204ff., v.a. 206f.). Auch in: Wagner (1997: 28). Weder Klatt (in seinen Anmerkungen in Wagner 1997) noch Wagner selbst geben Aufschluss über den Urheber des Vorwurfs. Auch in: Wagner (1997: 39) Es handelte sich dabei um eine fast dreieinhalbmonatige Pause, die Wagner selbst durch äußere Umstände entschuldigt: darunter v.a. der Tod des hannoveranischen Königs (am 18. November 1851) und das hundertjährige Jubiläum der Göttinger Königlichen Sozietät der Wissenschaften, zu dem Wagner (am 29. November 1851) die Festrede hielt (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313; auch in: ders. 1997: 38; vgl. ebd.: 171 auch Klatts Anmerkungen Nr. 76–78). Es sei zudem daran erinnert, dass auch der Höhepunkt der Unstimmigkeiten um die Besetzung des Göttinger Lehrstuhls für Anatomie in die Zeit Ende 1851/Anfang 1852 fiel.

103 313)39 und das ihm wichtig genug ist, den eigentlichen Inhalt seiner Reihe für die Dauer eines ganzen Beitrags aufzuschieben. Im Zusammenhang mit dem insgesamt sehr starken christlichen Einschlag des Textes sollte hier zudem darauf hingewiesen werden, dass der sechste Brief als einziger der Reihe einen separaten Titel trägt: „Physiologie, Psychologie und christliche Weltanschauung“ (eig. Hervorh.). TEXT 2a (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313f.40; Orig. in Fraktur)

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Es gibt einen Materialismus zu welchem ich mich entschieden bekenne, und zwar im vollsten Bewußtseyn und in gänzlicher Uebereinstimmung mit meiner christlichen Weltanschauung. Es ist jener Materialismus den ich im ältesten Buch der Bibel, im Buch Hiob, zuerst ausgesprochen und im ganzen neuen Testament begründet finde. Es ist der von einer ewigen Verbindung der Materie mit dem Geiste, von der unlöslichen Beziehung jeder einzelnen Menschenseele zu ihrem Leibe. Ich glaube an eine Auferstehung des Fleisches. Hiob 19, V. 25–27. Es gibt und geschieht auf dieser Erde nichts, nicht das Kleinste, das nicht eine Bedeutung für die Ewigkeit hätte. Als Christ glaube ich daß ich werde Rechenschaft geben müssen von jedem unnützen Worte; daher glaube ich weiter daß auch jedes gute und nützliche Wort nie ohne einige Wirkung und Bedeutung gesprochen werde. Beides mögen diejenigen bedenken welche ihre Dienste der Presse und der öffentlichen Rede berufsmäßig widmen. Wie ich als Naturforscher weiß, und als Wissender glaube, daß jedes Atom mit lebendiger Kraft (im physikalischen Sinne) begabt ist, daß ferner kein Atom eines Körpers verloren gehen kann, sondern bald diese, bald jene Verbindung mit andern Atomen eingeht und neue Kräfte entfaltet, so ist jedes geschriebene und gesprochene Wort, auch im Dienste der Wissenschaft, des Vaterlandes und jeglicher guten und bösen Sache ein Scherflein, ein Pfennig, das nie wirkungslos, nie gering geachtet werden darf, das mit seines Gleichen zum Thaler oder zur falschen Münze wird, und zur größten Summe anschwellen und zur größten Kraftentwicklung kommen kann, aus der bald die Künste des Friedens und glückliche Zeiten fröhlich emporblühen, bald die verderblichsten, welterschütterndsten Ereignisse hervorgehen können. Ein Materialismus der sich auf diese Grundlage stützt, an dem kann kein schriftgläubiger Mensch Anstoß nehmen. Ich führe die Worte eines neuern Theologen an, gegen dessen Orthodoxie man nichts einzuwenden haben wird. Adolf Harleßa sagt in der vierten Auflage seiner christlichen Ethik, wo er in der Vorrede von der Belehrung spricht die er aus neuern psychologisch-physiologischen Schriften empfangen habe, wörtlich folgendes: „Auf die Erwähnung dieser Leistungen komme ich vor allem darum, weil ich bekennen muß gar nichts von dem sogenannten Materialismus exacter Forschung auf diesem Gebiete zu fürchten, vielmehr dagegen von dem Idealismus und Spiritualismus, auf dessen nebelhaftem Grund oder Ungrund man so und so lange gesunde Psychologie hat aufbauen wollen. Ich glaube unsere Theologen thäten sehr gut sich nicht wenig um dieß Gebiet leiblicher Forschung zu kümmern, welches nur von unberechtigter Abstraction aus hat als etwas angesehen werden können was nichts mit dem Geiste gemein habe.“ b Ich gestehe offen, ich bin der Ueberzeugung in gewisser Hinsicht kann die Psychologie gar nicht materialistisch genug werden; als Zweig der Naturforschung, was freilich nur ihre eine Seite ist, wird sie auf streng physiologischer Grundlage allein weiter fortschreiten können. Es gibt zwei Richtungenc auf diesem Gebieted, welche ich, meiner innern Natur nach, stets auf das entschiedenste bekämpfen werde. Die eine ist jener frivole Materialismus

Auch in: Wagner (1997: 39). Auch in: Wagner (1997: 39ff.).

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einzelner Naturforscher, der sich jetzt oft so breit und so häufig offenen Chorus macht, und zu dessen Hauptpublicum ein nicht unbeträchtlicher Theil der sogenannten Gebildeten gehört. Dieser Materialismus ist es den ein bekannter Naturforscher predigt, und dessen ganze psychologische Weisheit in einem physiologischen Werke sich in folgendem Satz ausspricht: [es folgt ein Vogt-Exzerpt, das Text 1, Z. 3–14 entspricht; siehe oben]e. Nach diesen Worten sieht es aus als könnte man die Erscheinungen der Seelenthätigkeit bald in eine sehr einfache Formel fassen. Wenn der Verfasser dieser gedankenreichen Exposition des so verwickelten und mannichfaltig gegliederten Processes der Gedankenbildung sich darauf beschränkt hätte: zu erklären daß die geistigen Producte mancher Individuen in Bezug auf den wahren Werth derselben keine höhere Dignität hätten als die Galle und der Urin, so hätte man ihm vielleicht, im Hinblick auf den politischen Unsinn den einzelne hirnverbrannte Köpfe in diesen letzten Jahren zu Tage förderten, Recht geben können. Aber auch dieß möchte nur bedingt angehen; denn aus den Zersetzungsproducten des Urins ist doch wenigstens ein guter Dünger für nutzbare Pflanzen zu gewinnen, während jene erwähnten Geistesproducte nur als Fermente der Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung und nationalen Bildung dienen. Aber auch wenn wir den physiologischen Vergleich zwischen Nieren und Gehirn einen Augenblick wollten gelten lassen, so müßten wir im nächsten Augenblick das Unpassende desselben sogleich bei näherer Betrachtung einsehen. Die Nieren schaffen keine neuen chemischen Körper, sondern diese werden ihnen alle fertig von dem zu ihnen strömenden Blute geliefert; was als Urin abläuft sind Bestandtheile des Bluts, welche aus dem Organismus entfernt werden sollen – eine Thatsache wofür wir alle exacten Beweise zur Hand haben. Schwerlich werden dieselben Physiologen sich zu beweisen getrauen daß das Gehirn ein Filtrum sey, in welchem die demselben mit dem Blute zugeführten Bestandtheile als psychische Thätigkeiten abfiltrirt oder in Gedanken metamorphosirt [sic] werden. Dieser Vergleich war um so gedankenloser, da er auf die moderne Physiologie gegründet werden sollte. Man darf jenen Herren nicht die Ehre erweisen daß sie ein historisches Bewußtseyn gehabt und an die Weisheit der Pythagoräer gedacht haben, nach deren Lehren die Seele aus dem Blute bereitet werde, womit dieses das Gehirn ernähre. a

Adolf Harleß (1806–1879): lutherischer Theologe, ehemaliger Exegetik- und DogmatikProfessor in Erlangen und Leipzig, zur Zeit des sechsten Physiologischen Briefs Vizepräsident des sächsischen Landeskonsistoriums, Vortragender Rat im sächsischen Kultusministerium und Oberhofprediger; seit 1838 Herausgeber der von ihm gegründeten Zeitschrift für Protestantismus und Kirche, zu deren Mitherausgebern auch Rudolph Wagner während seiner Erlanger Dozentenzeit gehört hatte (vgl. Killy/Vierhaus 1995ff., Bd. 4: 384). b Zitat aus: Adolph Harleß (41849): Christliche Ethik, Stuttgart, S. xiiif. c Wagner erwähnt im Folgenden zunächst nur den frivolen Materialismus; die Nennung und Behandlung der zweiten kritisierten Richtung, des Spiritualismus, folgt erst im unmittelbaren Anschluss an Text 2a und ist für die vorliegende Untersuchung nicht von Belang. d D.h. in der Psychologie. e Bis auf geringfügige Unterschiede in Orthographie und Zeichensetzung, die den Sinn des Inhaltes jedoch in keiner Weise betreffen, stimmt die Zitierung durch Wagner mit Vogts Original überein.

3.2.2

Die Analyse des Angriffs

Zum Aufbau des Textausschnitts ist zunächst zu sagen, dass der zweite Absatz deplatziert wirkt, da er eigentlich den ersten Teil der Ausführungen (die Absätze 1 und 3f.) auseinanderreißt, wo Wagner einen positiven Materialismus definiert und in seiner Bedeutung für die Psychologie als einem „Zweig der Naturforschung“ (Text 2a, Z. 37) hervorhebt. Der Eindruck der Deplat-

105 ziertheit rührt v.a. daher, dass der dritte Absatz mit der Formulierung: „Ein Materialismus der sich auf diese Grundlage stützt [...]“ (Z. 23) inhaltlich an den ersten anschließt, nicht aber an den unmittelbar vorausgehenden zweiten. Eine schlüssigere Positionierung wäre insofern eine Verwendung des zweiten Absatzes als Einleitung der gesamten Textpassage gewesen. Im hiermit vorweggenommenen Wissen um die Erwähnung eines angeblich christlich fundierbaren Materialismus, die ihm unmittelbar vorausgeht, wird sich die Analyse im Folgenden zunächst mit dem zweiten Absatz befassen (dessen große Relevanz für den Angriff auf Vogt sich vielleicht erst im weiteren Verlauf der Analyse völlig erschließt). 3.2.2.1 Die Macht des Wortes Der zweite Absatz des Textes enthält zunächst eine deutliche Mahnung zum verantwortlichen Umgang mit dem Wort an „diejenigen [...] welche ihre Dienste der Presse und der öffentlichen Rede berufsmäßig widmen“ (Z. 12f.), also an alle publizistisch und journalistisch Tätigen. Wagner verweist gleich eingangs darauf (Z. 8ff.), dass „nichts, nicht das Kleinste“, ohne Bedeutung für die „Ewigkeit“ sei, und schließt darin – mit „jedem unnützen Worte“ auf der einen Seite und „jede[m] gute[n] und nützliche[n]“ auf der anderen – nicht nur die Taten, sondern auch die Äußerungen des Einzelnen ein. Er spricht hier ausdrücklich, und das ist das Wesentliche, als „Christ“ (Z. 9),41 was auch durch die dreimalige Verwendung des Verbs „glauben“ unterstrichen wird (Z. 9, 10 und 13),42 das zumindest in den ersten beiden Fällen direkt mit seinem Christsein zusammenhängt: so wenn er eben als Christ glaubt, dass für jedes unnütze Wort „Rechenschaft“ (Z. 9) zu geben sei, und wenn er (immer noch als Christ) umgekehrt weiter glaubt, dass auch jedes gute Wort „nie ohne einige Wirkung und Bedeutung“ bleibe (Z. 11). Aus dieser Rolle und gerade auch angesichts der expliziten Mahnung der Zeilen 11ff. wird klar, dass Wagner seinen Glauben an die Bedeutung jeder Tat und jedes Wortes hier als vorbildlich für einen Christen darstellen und damit nicht nur als Mahner gegenüber den Christen unter den öffentlich Einflussreichen auftreten will, sondern sich ebenso an die Christen unter den gewöhnlichen Lesern wendet, um auch ihnen die eigene Haltung in dieser Frage nahezulegen. Insofern ist in dieser Stelle eine implizite Argumentation zu erkennen, der zufolge jeder, der Christ ist oder sein will, Wagners Haltung (bzw. seinen Glauben) teilen sollte und insofern eben auch zum vorsichtigen Umgang mit dem Wort angehalten ist.43 41 42 43

Vgl. auch Text 2a, Z. 2f. Vgl. v.a. aber Text 2a, Z. 6f. Dies entspricht dem zehnten Argumentationsschema bei Kienpointner (1992: 265), einem normativen Genus/Spezies-Schema; frei formuliert: Wer als Individuum ei-

106 Auch die Wahl des Begriffs „Ewigkeit“ (Z. 9) trägt zum starken christlichen Einschlag des Abschnitts und v.a. zur Gewichtigkeit der Mahnung bei, die darin enthalten ist; der Begriff steht hier im religiösen Sinn für die jenseitige Existenz des Einzelnen nach dem Jüngsten Gericht, wo beide Arten von Worten, die unnützen und die nützlichen, ihre Auswirkungen zeitigen sollen. Diese werden nun aber nicht explizit genannt, sondern nur sehr verhalten angedeutet als Rechenschaft geben müssen, Wirkung und Bedeutung (Z. 9f. und 11); vor dem kulturellen Hintergrund der abendländisch-christlichen Tradition sind sie dem Leser, egal ob gläubiger Christ oder nicht, aber natürlich präsent: Was Wagner auf sehr implizite Weise sagen will, ist, dass jedes Wort zum letztendlichen Urteil, zu ewiger Verdammung oder Erlösung, zumindest mitbeitragen wird. Gerade durch die wenig konkrete Formulierung bleibt die genaue Ausfüllung der (wohl sicher bedrohlich intendierten) Vorstellung nun aber dem Leser überlassen. Wagner tritt hier aber selbstverständlich nicht selbst als religiöse Autorität auf, sondern stützt sich in seiner Mahnung auf die Autorität dessen, was seinem Glauben zugrunde liegt: die christliche Lehre; er erinnert somit in gewisser Weise nur daran, dass die diesseitige irdische Existenz nicht alles sei („Erde“ wird im Text als direktes Antonym zu „Ewigkeit“ verwendet, vgl. Z. 8f.), sondern dass auch an das Danach zu denken und entsprechend zu handeln sei; eben auch in dem, was man sagt. Die Argumente für richtiges bzw. gegen falsches Verhalten im Umgang mit dem Wort, nämlich jenseitige Belohnung bzw. Strafe, mögen dabei für den religiösen Menschen überzeugungskräftig sein. Für einen Atheisten wie Vogt stehen die Dinge natürlich anders; v.a. aufgrund des Bestrafungsaspekts dürfte es sich für ihn hier eher um das handeln, was Toulmin/Rieke/Janik (21984: 148f.) als appeal to force (und damit als Trugschluss bzw. Kunstgriff) betrachten, in dem eine Haltung oder Handlung nicht durch Vernunftgründe, sondern durch Androhung negativer Konsequenzen (die nicht unbedingt vom Sprecher ausgehen müssen) herbeigeführt werden soll, also letztlich durch eine Art von Zwang. Auch Wagner dürfte klar gewesen sein, dass seine Ausführungen bis zu diesem Punkt für den Nicht- oder nicht streng Gläubigen kein allzu großes Gewicht haben würden, denn möglicherweise tatsächlich im Hinblick auf einen anderen Teil seiner Leserschaft führt er im weiteren Verlauf zumindest auch weltliche Gründe für einen verantwortlichen Umgang mit dem Wort und dessen Wirkungsmacht an und macht zu diesem Zweck Gebrauch von einer ausgedehnten Metapher (Z. 13ff., v.a. 16–22): So sei „jedes geschriebene und gesprochene Wort, auch im Dienste der Wissenschaft, des Vaterlandes und

ner bestimmten Gruppe angehört (bzw. angehören will), für den ist deren typisches Verhalten angebracht.

107 jeglicher guten und bösen Sache ein Scherflein44, ein Pfennig, [...] das mit seines Gleichen zum Thaler oder zur falschen Münze wird“. Das Wort wird hier also zunächst mit Münzen eines bestimmten, wenn auch nur geringen Wertes gleichgesetzt, aus deren Anhäufung sich Münzen höheren Wertes wie z.B. Thaler ergeben, die analog zum Vorausgehenden als Metapher für (im Text so zunächst nicht ausdrücklich erwähnte) umfassendere Ansichten und Haltungen zu verstehen sind, da auch diese sich (sozusagen) aus kleineren Einheiten zusammensetzen: nämlich eben aus den Worten, in denen sie geäußert werden. Der Vergleichspunkt zwischen den beiden Bereichen liegt im (Stellen-)Wert bzw. der Gültigkeit, die man sowohl bestimmten Münzen als auch bestimmten (wissenschaftlichen, politischen etc.) Ansichten und Positionen beimisst; die falsche Münze hat ihren Wert und ihre Gültigkeit dabei nur scheinbar, ebenso wie die falsche Ansicht, denn in Wirklichkeit wird man durch denjenigen, der sie (beide!) in Umlauf bringt, getäuscht und betrogen. In diesem Bild steckt also eine implizite Analogie, da das Wort und die Ansicht (und das heißt in Anlehnung an das vorausgehend Gesagte und in Anlehnung an Z. 9ff.: das n ü t z l i c h e bzw. u n n ü t z e Wort einerseits und die r i c h t i g e bzw. f a l s c h e Ansicht andererseits) zueinander in derselben Beziehung stehen wie der (richtige) Thaler bzw. die falsche Münze einerseits zum (aus der Analogie notwendig folgenden) r i c h t i g e n bzw. f a l s c h e n Scherflein/Pfennig andererseits. Diese Analogie ist von großer Bedeutung, da Wagner seine Münzenmetapher weiterführt. Da kleine Geldeinheiten also (egal ob richtige oder falsche) „zur größten Summe anschwellen“ und (aufgrund des ihnen zu Recht oder zu Unrecht beigemessenen Wertes) „zur größten Kraftentwicklung kommen“ können (Z. 19f.), sind die positiven Konsequenzen aus der kumulierten Macht richtiger Münze „die Künste des Friedens und glückliche Zeiten“, die „fröhlich emporblühen“, die negativen Folgen aus der Macht falscher Münze dagegen „die verderblichsten, welterschütterndsten Ereignisse“ (Z. 21f.). Im Rahmen der impliziten Analogie müssen auch diese Konsequenzen wieder auf das nützliche und unnütze Wort bzw. auf die aus ihm ,aufgebauten‘ Ansichten übertragen werden:45 44

45

Grimm (1854ff., Bd. 8 [1893]) verweist unter dem Eintrag Scherflein auf das gleichbedeutende Scherf als „kleinste Münze, halber Heller“. Im Neuen Testament (Markus 12, 41ff.) erscheint das Scherflein als halber Pfennig; die dortige Stelle besagt dabei, dass in den Augen Gottes auch ein kleiner Betrag sehr viel gelten kann: in diesem Fall die Spende einer armen Witwe, die (nur) zwei Scherflein in den Gotteskasten des Tempels einlegen kann. Wenn Wagner nun im Folgenden die Scherflein sich tatsächlich zur größeren Münze ansammeln lässt, entfernt er sich also von der (vermutlichen) biblischen Vorlage. Es steht natürlich außer Frage, dass auch echte Münze zu schädlichen Zwecken (und möglicherweise auch falsche zu guten?) eingesetzt werden kann; insofern ,hinkt‘ die Analogie. Jedoch sieht Wagner – wie man annehmen darf – gute Menschen ihre guten Ziele am ehesten mit rechter, dagegen schlechte Menschen ihre

108 Dabei stehen zahlreichen positiv konnotierten Wörtern auf der einen Seite (Frieden, glückliche Zeiten, fröhlich emporblühen) zwar nur zwei entgegengesetzte Adjektive auf der anderen gegenüber (verderblich, welterschütternd), diese sind jedoch durch den Elativ in ihrer ohnehin schon bedrohlichen Konnotation noch verstärkt. Und so wie oben, bei den jenseitigen Folgen des nützlichen und unnützen Wortes, redet Wagner auch hier nicht völlig Klartext und nennt zumindest die negativen weltlichen Konsequenzen nicht beim Namen; da er im unmittelbaren Vorfeld mit klaren begrifflichen Oppositionen arbeitet (gut/böse, [richtiger] Thaler/falsche Münze, Z. 17f. und 19), soll man sich unter diesen negativen Konsequenzen aber sicher das genaue Gegenteil der explizit genannten positiven vorstellen: etwa die Schrecken des Unfriedens (des Krieges, der Zerstörung) und Zeiten des Unglücks. Da das unnütze Wort damit aber nicht nur unnütze, sondern vielmehr weitreichende schädliche Dinge nach sich zieht, darf man Wagners Ausführungen hier nicht nur als Mahnung an den Einzelnen bezüglich seines jeweils eigenen Verhaltens verstehen, sondern auch als eine an die Leser gerichtete eindringliche Warnung vor dem unverantwortlichen Umgang anderer mit dem Wort, dessen schlimme Folgen auch den Verantwortungsbewussten treffen können; dies v.a. ist von großer Bedeutung, wenn an späteren Stellen des sechsten Briefes die Angst vor dem Materialismus geschürt wird (vgl. Text 2a, Z. 40ff., v.a. 55ff., sowie Text 2b). Zum Abschluss des zweiten Absatzes bleibt an dieser Stelle noch auf die Bekräftigung einzugehen, die Wagner seiner Münzmetapher und der darin enthaltenen Mahnung bzw. Warnung beigibt. Sie erfolgt selbst durch einen Vergleich, in dem Wagners Überzeugung von der Wirkungsmacht des Wortes mit seiner Überzeugung von zwei Thesen aus dem Bereich der Physik gleichgesetzt wird: „Wie ich als Naturforscher weiß, und als Wissender glaube, daß [X gilt], so [gilt] auch [Y]“ (Text 2a, Z. 13ff.). Die eine Position, die Wagner hier inhaltlich zum Vergleich heranzieht (Z. 14ff.), erinnert an die materialistische Ansicht der Vergänglichkeit der stofflichen Verbindungen gegenüber der Unvergänglichkeit der atomaren Materie, die ständig wechselnd in diese Verbindungen eingeht, und diesem Punkt hätte daher wohl auch ein Materialist nicht widersprochen; etwas anders steht es dagegen mit der Aussage, dass „jedes Atom mit lebendiger Kraft (im physikalischen Sinne) begabt“ sei (Z. 14), da der Ausdruck lebendige Kraft (trotz der folgenden Einschränkung) stark an vitalistische Lebenskraft-Vorstellungen erinnert, selbst wenn Wagner auch hier wohl eigentlich eine materialistische Position formuliert: nämlich diejenige der wesensmäßigen Zugehörigkeit der Kraft schlechten Ziele am ehesten (und v.a. wissentlich) mit falscher Münze verfolgen. Die Währung wird damit v.a. zum Zeichen für Charakter und Absichten, und auch dies lässt sich im Rahmen der Analogie auf (wissenschaftliche, politische etc.) Ansichten übertragen.

109 zum Stoff (wobei seine Einschränkung auf die Kraft im ,physikalischen Sinn‘ wohl v.a. den psychischen Bereich – also die Seele – von seiner Äußerung ausnehmen soll). Zur Anführung dieser (gemäßigt) materialistischen Thesen ausgerechnet durch Wagner sei hier nur kurz daran erinnert, dass dieser sich im sechsten Physiologischen Brief (in bestimmter Hinsicht) als Materialist betrachtet wissen will; dazu unten mehr. Um nun aber wieder zum Vergleich selbst zurückzukehren: Der Vergleichspunkt auf den es ankommt, liegt allein im Ausmaß der Überzeugtheit Wagners von den wissenschaftlichen Positionen, die er anführt (unabhängig davon, dass es materialistische sind) und für die er seine Autorität als (wie oben, in Kap. 2.3.2.1.2f. gezeigt, anerkannter) „Naturforscher“ (Z. 13) ins Feld führt: also den Anspruch, wissenschaftliche Fragen kompetent beurteilen zu können. Diese Überzeugtheit, aufgrund naturwissenschaftlicher Kompetenz, mit einem anderen Bereich zu verknüpfen, nämlich mit dem der Wirkungsmacht des Wortes in religiöser oder gesellschaftlich-politischer, auf jeden Fall jedoch eindeutig nichtnaturwissenschaftlicher Hinsicht, stellt nun aber den Kunstgriff eines argumentum ad verecundiam (eines nur an die Ehrfurcht des Lesers appellierenden Arguments) dar und verletzt eine der wesentlichen Voraussetzungen des gültigen Autoritätsarguments, derzufolge eine Autorität ihr Gewicht nur bezüglich des jeweils eigenen Fachbereichs in die Waagschale werfen darf.46 Während sich der Wissenschaftler Wagner im religiösen Bereich quasi nur als ein Christ unter vielen, wenn auch als Vorbild, verstanden wissen wollte, beruft er sich auf seine wissenschaftliche Autorität nun also ausgerechnet in äußerst problematischer Weise; da eine Bekräftigung seiner Mahnung und Warnung mit einem Verweis auf die allgemeine Erfahrung im Umgang mit Worten, also auf den gemeinen Menschenverstand, durchaus möglich gewesen wäre, stellt sich die Frage, warum er hier so unvermittelt in die Naturwissenschaften hinein ausholt. Die am nächsten liegende Erklärung ist, dass er sich darum bemüht, ein Gegengewicht zum religiös dominierten Vorfeld der Textstelle zu setzten und damit dem Umstand Rechnung zu tragen, dass man Physiologische Briefe eigentlich als Naturforscher schreibt (und nicht als Gläubiger), so dass die Stelle ihm wohl v.a. dazu dient, einen wissenschaftlichen Bezug mit entsprechender Terminologie unterzubringen (Atom, lebendige Kraft, im physikalischen Sinne, Verbindung mit anderen Atomen) und um sich selbst so in seiner Rolle als Wissenschaftler hervorzuheben (bzw. wieder in Erinnerung zu rufen). Etwas merkwürdig wirkt unter dieser Annahme allerdings die Einleitung der ganzen Vergleichspassage, da Wagner 46

Zum argumentum ad verecundiam, vgl. Schopenhauer (1985: 688ff.), zu den Voraussetzungen des plausiblen Autoritätsarguments, vgl. z.B. Toulmin/Rieke/Janik (21984: 230f.), Kopperschmidt (1989: 191) und Kienpointner (1992: 201). Vgl. insgesamt auch Toulmin/Rieke/Janik (21984: 144ff.), Erdmann (71969: 94ff.).

110 dort ein und dieselbe Sache „als Naturforscher weiß, und als Wissender glaub[t]“ (Z. 13): In Anlehnung an die ausdrücklichen Ausführungen zur ,doppelten Buchführung‘ (vgl. oben Kap. 2.3.2.2.4) würde man am ehesten erwarten, dass wissenschaftliches Wissen für Wagner nur dann wahres Wissen ist, wenn es unabhängig vom Glauben zu den selben Resultaten wie dieser kommt; die ausdrucksseitige Formulierung im vorliegenden Fall wirkt aber gerade konsekutiv, und zwar ausgehend vom Wissen, so dass sich das Glauben hier aus dem Wissen erst zu ergeben scheint: Wagner glaubt erst als der Wissende, der er zuvor als Forscher schon (geworden) ist. Dies widerspräche in seiner (konsekutiven) Vermischung von Wissen und Glauben aber sowohl Wagners ,doppelter Buchführung‘ in ihrem ,offiziellen‘ Anspruch als auch seiner darin wohl verborgenen eigentlichen Intention, dass nämlich gerade der Glaube im Zweifelsfall das Wissen zu sanktionieren habe (dass das Gewusste also auch glaubbar sein müsse, indem es der zeitlich und bedeutungsmäßig primären Offenbarung nicht widerspricht). Es liegt hier eine erste von mehreren Stellen bei Wagner vor, die vielleicht bedeutungsvoll klingen (sollen), wo für eine Detailanalyse aber nicht völlig klar wird, was genau Wagner sagen will (oder wie man als Rezipient zu dem, was er nur sagen wollen kann, kommen soll). Wie dem aber auch sei: Als allgemeine Absicht der Stelle lässt sich recht gut erkennen, dass Wagner durch die Betonung seiner naturwissenschaftlichen Kompetenz im Zusammenhang mit den geäußerten religiösen Bezügen (oder eigentlich eher umgekehrt: mit seiner erklärten Religiosität im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Bezügen) ein Publikum erreichen will, dass der modernen Naturwissenschaft, aufgrund von deren zahlreichen, der christlichen Offenbarung widersprechenden Ergebnissen, ablehnend gegenübersteht, das vielleicht aber bereit ist, einem erklärtermaßen christlichen Forscher Gehör zu schenken. Im Zusammenhang mit den nicht allein in religiöser Hinsicht relevanten gesellschaftlich-politischen Aspekten der Münzmetapher (der allgemeinen Gefahr für die Gesellschaft aufgrund des verantwortungslosen Umgangs mit dem Wort) ergibt sich hier zudem wohl ein erster Eindruck von dem partikularen, wenn auch inhomogenen Publikum, das Wagner mit seinen Äußerungen erreichen will: die christlichen und/oder gesellschaftlichpolitisch konservativen Schichten der Öffentlichkeit mit ihren Vorbehalten gegen den Wandel der bestehenden Verhältnisse. Es bleibt angesichts dessen (auch angesichts des anvisierten Publikums) für das Folgende noch einmal festzuhalten, dass Wagner im zweiten Absatz des Textes 2a die Macht des Wortes in guten und bösen Dingen (ausdrücklich auch „im Dienste der Wissenschaft“; Z. 17) veranschaulicht, indem er zu zeigen versucht, dass aus nützlichen Worten (d.h. aus richtigen Positionen) sehr positive Konsequenzen folgen können, aus unnützen (bzw. falschen) dagegen sehr negative und schädliche. Diese Differenzierung ist wichtig, da

111 im Zentrum des übrigen Textauszugs eine weitere Unterscheidung zwischen entgegengesetzten Kategorien steht: nämlich zwischen den zwei bereits erwähnten unterschiedlichen Arten des Materialismus. 3.2.2.2 Der gute Materialismus Wagner schließt den ersten Absatz des Textauszuges 2a (wie oben gesagt) direkt an die Stelle des Gesamttextes an, in der er den Materialismusvorwurf erwähnt, der gegen ihn erhoben worden war, und in der er ferner sein Glaubensbekenntniß ankündigt, das mit dem hier untersuchten Textauszug ja eröffnet wird. Interessant ist, dass Wagner den Vorwurf des Materialismus nun nicht zurückweist, sondern sich für das genau entgegengesetzte Vorgehen entscheidet. Zwar „bekenne“ er sich nur zu „eine[m] Materialismus“ (was impliziert, dass es mindestens noch einen anderen gibt, für den dies nicht gilt), dafür erfolgt das ausgesprochene Bekenntnis aber mit allem Nachdruck, nämlich „entschieden“ und „im vollsten Bewußtsein“ sowie (was das eigentlich Wichtige ist) „in gänzlicher Uebereinstimmung mit meiner christlichen Weltanschauung“ (Z. 1ff.). Der Materialismus, zu dem Wagner sich bekennt, ist nun recht unerwartet ein solcher, der sich sogar in der Bibel, als höchster christlicher Autorität (zudem im Protestantismus!), selbst begründet finde: nämlich „im Buch Hiob“ und „im ganzen neuen Testament“ (Z. 3f.). In dem, was Wagner nun (v.a. mit Bezug auf Hiob) in sehr knappen Worten sagt, um seinen angeblichen Materialismus näher zu erläutern, steckt dann aber der klassische Kern des Leib/Seele-Dualismus (Z. 4ff.): Materie und Geist sind miteinander verbunden (Z. 5), was nur die Verbindung von separaten Teilen implizieren kann; und wenn von „jeder einzelnen Menschenseele“ und „ihrem Leibe“ die Rede ist (Z. 6), dann verweist auch das auf unterschiedliche Entitäten, zugleich aber auch auf den Vorrang der Seele in der mit dem Leib eingegangenen Beziehung (Wagner formuliert das sicher nicht zufällig so). Der Widerspruch zum Dualismus, der sich aus der Unlöslichkeit der Beziehung (Z. 5) zu ergeben scheint, klärt sich wohl dadurch auf, dass Wagner auch an eine „Auferstehung des Fleisches“ (Z. 6f.) glaubt,47 also daran, dass die Trennung von Leib und Seele im Tod (von der er angesichts der Zersetzung des toten Körpers ausgehen muss) nicht dauerhaft ist, sondern für die jenseitige Existenz im ewigen48 Leben wiederhergestellt wird. Wenn Wagner in diesen Äußerungen, mit denen er sich zwar ausdrücklich auf „Hiob 19, V[ers] 25–27“ bezieht (Z. 7), mit denen er aber auch stark an den Leib/Seele-Dualismus des Thomas von Aquin erinnert, nun also die Grundlage oder die Elemente einer Position sieht, die sich als materialistisch be47 48

Vgl. auch Wagner (1854b: 18). Vgl. Text 2a, Z. 5: die „ewige Verbindung“.

112 zeichnen lässt, dann konstituiert sich Wagners ,Materialismus‘ bereits durch die gemeinsame Betrachtung der geistigen Seele mit ihrem „materielle[n] Substrat“ (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 315)49, also durch ihre Betrachtung zusammen mit dem Körper und dabei v.a. mit dem Gehirn und den Nerven – und nicht erst mit der ausschließlichen Betrachtung der rein körperlichen Seite. Wagners Materialismus ermöglicht also die Berücksichtigung der Seele und fordert diese Berücksichtigung in gewisser Weise sogar, insofern er sich ja auf die Bibel beruft. Im Hinblick auf den Materialismusvorwurf, gegen den Wagner sich hier zunächst v.a. zur Wehr setzt, heißt dies alles nun, dass er den darin enthaltenen negativen (weil ja mit dem Atheismus verbundenen) Begriff ,Materialismus‘ einer grundlegenden Redefinition unterzieht, die ihn in etwas Positives (weil mit christlichen Vorstellungen Vereinbares) verwandelt. Indem Wagner den Materialismus für seine christliche Weltanschauung (Text 2a, Z. 2f.) geradezu vereinnahmt, lässt er den Angriff des anonymen Kritikers vollkommen ins Leere laufen. In gewisser Weise ironisch ist bei all dem, dass Wagners Belegstelle Hiob 19, 25–27 seinen Glauben an die Auferstehung des Fleisches (und das, was er weiter darauf gründet) zwar im ursprünglichen Luthertext stützen kann, wo es heißt: Ich weys das meyn erlo࢑ ser lebet, und er wird mich hernach aus der erden auffwecken, und werde darnach mit diser meyner haut umb geben werden, und werde ynn meynem fleysch Gott sehen,50

sowie auch in der katholischen Vulgata: Scio enim quod Redemptor meus vivit, et in novissimo die de terra surrecturus sum: Et rursum circumdabor pelle mea, et in carne mea videbo Deum meum,51

dass neuere Übersetzungen die Stelle aber in einem fast völlig entgegengesetzten Sinn wiedergeben,52 der auf eine Auferstehung der Seele allein hindeutet, z.B: Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebet; und als der letzte wird er über dem Staube sich erheben. Und nachdem diese meine Haut zerschlagen ist, werde ich ohne mein Fleisch Gott sehen.53 49 50

51

52

Auch in: Wagner (1997: 46). Nach: Die Deutsche Bibel, Band 10.1 (D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe), Weimar 1956. Nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Mit dem Urtext der Vulgata, hg. v. Franz von Allioli und Augustin Arndt, Bd. 1, Regensburg u.a. 1903, 2. Aufl. Der nach mündlicher Auskunft der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart, aber erst seit den 1890er Jahren für evangelische Ausgaben verbindlich ist, auch wenn die ursprüngliche Stelle bereits zuvor, je nach Verlag und Herausgeber, korrigiert worden sein konnte.

113 Auch wenn Wagner die korrigierte Übersetzung zeitlich bereits gekannt haben könnte, ist kaum anzunehmen, dass er sie hier zugunsten der für seine Zwecke passenderen unterschlägt; gerade der Umstand, dass er die entsprechende, genau benannte Stelle nicht zitiert und damit förmlich zum Nachschlagen auffordert (was dann zum falschen Suchresultat hätte führen können), spricht gegen eine Täuschungsabsicht. Es ist ihm also wohl durchaus ernst, wenn er sich nach dem (vermeintlichen) Nachweis überzeugt zeigt, dass an einem „Materialismus, der sich auf diese Grundlage“, d.h. eben auf Hiob 19, Vers 25ff. stützt, „kein schriftgläubiger Mensch Anstoß nehmen“ könne (Text 2a, Z. 23f.) – und man darf in dieser Überzeugung wohl auch durchaus den entsprechenden Umkehrschluss sehen, dass jeder Schriftgläubige ihn anerkennen kann oder sogar anerkennen sollte. Nachdem Wagner seine Bibelauslegung mit dem Ziel, den Materialismus seiner Definition auch aus christlicher Perspektive akzeptabel zu machen, nun zwar als überzeugter Gläubiger, aber eben doch als Laie durchgeführt hat, zieht er im weiteren Verlauf den „neuern Theologen [...] Adolf Harleß“ (Z. 24f.), sozusagen als zusätzliche Fachautorität, heran und zitiert dafür aus einem von Harleß‘ Werken (Z. 28ff.). Obwohl Wagner den Bezug des Zitats zu „neuern psychologisch-physiologischen Schriften“ (Z. 27) herstellt, ist es ohne seinen genaueren Kontext, den Wagners Leser nicht notwendigerweise zur Verfügung gehabt haben dürften (und nicht zur Verfügung gestellt bekommen), insgesamt schwer zu durchschauen: Der Bezug „dieser Leistungen“ (Z. 28) ist völlig unklar, bei „diesem Gebiete“ (Z. 30) ist ein Bezug auf die Psychologie oder die Physiologie denkbar, und „dieß Gebiet leiblicher Forschung“, um das sich „unsere Theologen“ kümmern sollten (Z. 32f.), könnte für den Materialismus ebenso stehen wie (wohl wahrscheinlicher) für die Physiologie.54 Diese Bezüge sind letztlich aber auch unerheblich, da es für Wagner ausreichen dürfte, dass Harleß „bekennen muß gar nichts von dem sogenannten Materialismus exacter Forschung [...] zu fürchten“ (Z. 29f.), egal ob in der Psychologie oder der Physiologie. Diese Stelle ist dabei der Kern einer impliziten a maiore-Argumentation Wagners, denn angesichts der „Orthodoxie“ (Z. 25), also der Strengläubigkeit des Theologen Harleß 53

54

Mit eigenen Hervorhebungen nach: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers, hg. i. Auftr. d. Deutschen evangelischen Kirchenkonferenz, Halle an der Saale, 1892. Im Originalkontext bei Harleß (41849, Christliche Ethik, Stuttgart, S. xiiif.) wird klar, dass sich diese Leistungen (Text 2a, Z. 28) auf die vor dem Zitat erwähnten psychologisch-physiologischen Schriften beziehen (übrigens u.a. auf Abhandlungen aus dem von Wagner herausgegebenen Handwörterbuch der Physiologie) und dass mit diesem Gebiete (ebd., Z. 30) – und dann wohl auch mit diesem Gebiet leiblicher Forschung (ebd., Z. 33) – in der Tat eine die Psychologie (also die Seele) mitberücksichtigende Physiologie angesprochen ist.

114 soll das, was von ihm als unproblematisch betrachtet wird, auch für alle anderen, gewöhnlichen Gläubigen unproblematisch sein können und dürfen.55 Dabei ist aber darauf hinzuweisen, dass Harleß vom Materialismus exacter Forschung spricht, und dass darunter wohl der herkömmliche monistische, empirische Materialismus zu verstehen ist und nicht derjenige, den Wagner definiert hatte; beide beziehen sich hier also wohl streng genommen nur dem Ausdruck nach auf dasselbe, wenn sie auch im Kern der Sache wohl dennoch miteinander übereinstimmen: Die Betrachtung der Seele auch von einer körperlichen Perspektive aus ist nötig und in christlicher Hinsicht statthaft, aber allein von dieser Perspektive aus eben nicht ausreichend.56 In diesem Sinn betont Wagner dann auch im vierten Absatz von Text 2a (Z. 36-39), dass die Psychologie ihm „in gewisser Hinsicht [...] gar nicht materialistisch genug werden“ (Z. 37) und zudem „auf streng physiologischer Grundlage allein weiter fortschreiten“ könne (Z. 38f.); dies gilt für sie nun aber nur als „Zweig der Naturforschung“, was eben „nur ihre eine Seite ist“ (Z. 37f.). Worum es sich für den Christen Wagner bei der anderen Seite handelt, wurde oben (Kap. 2.3.2.2) bereits ausgeführt: um die Beschäftigung mit der Seele als rein geistigem, göttlichem und damit übernaturwissenschaftlichem Phänomen, also als einem Gegenstand des Glaubens. Abschließend ist nun noch einmal auf das Ziel von Wagners Vereinnahmung des Materialismus zurückzukommen (des Materialismus nach seiner Definition zwar, aber immerhin): Seine Absicht ist möglicherweise nicht nur darin zu suchen, den erwähnten, gegen ihn erhobenen MaterialismusVorwurf ins Leere laufen zu lassen, sondern auch darin, sich einer wissenschaftlichen Richtung gegenüber aufgeschlossen zu präsentieren, die sich immerhin Fortschritt, Empirie, Exaktheit und andere wesentliche positive Schlagworte auf die Fahnen geschrieben hatte, ohne jedoch dass er (Wagner) ihrer absoluten materiellen Einseitigkeit und ihren anderen negativen Seiten verfällt. Wagner scheint sich darüber im Klaren zu sein, dass er sich damit seinem Zielpublikum gegenüber dennoch weit nach vorn wagt; sein „[i]ch gestehe offen“ (Z. 36) ist aber wohl weit weniger ein wirkliches Eingeständnis von etwas zu Rechtfertigendem als vielmehr ein nachdrücklicher Verweis auf die eigene Freimütigkeit, dort wo sie vertretbar (weil durch Bibel und orthodoxe Theologie abgesichert) ist. Von seinem Materialismus aus, der 55

56

In Anlehnung an Kienpointner (1992: 285, Schema 20): Wenn X (dem orthodoxen Theologen) die ,Eigenschaft‘ Y (,muss Materialismus ablehnen‘) eher zukommt als Z (dem christlichen Laien) und sie kommt X gerade nicht zu, dann kommt sie Z erst recht nicht zu. Vgl. hinsichtlich Harleß entsprechend dessen kritische Bemerkungen zum „Idealismus und Spiritualismus“, den Gegenstücken zum Materialismus, als Lehren, deren Gegenstand nur der Geist zu sein scheint, ohne dass dabei die körperliche Seite Berücksichtigung findet (vgl. Text 2a, Z. 30ff.).

115 Körper und Seele berücksichtigt, führt Wagner nun im Folgenden auch endlich seinen Angriff auf den einseitigen Materialismus Carl Vogts. 3.2.2.3 Der ,frivole‘ Materialismus und der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich Wagner grenzt im fünften Absatz von Text 2a also den biblischen, vertretbaren ,Materialismus‘ von einem andern, nämlich „jene[m] frivole[n] Materialismus einzelner Naturforscher“ ab (Z. 41f.), den er „stets auf das entschiedenste bekämpfen werde“ (Z. 41). Seine Opposition drückt sich in einer unmissverständlichen Kampfansage aus, die ihren Nachdruck durch die Elativierung des Adjektivs entschieden (ebd.), v.a. aber dadurch erhält, dass Wagner in seinem Kampf seiner „innern Natur“ (Z. 40) folgt (was eine äußerst interessante Bemerkung ist57). Wagner spielt den bekämpften Materialismus dabei zunächst einmal herunter; er erklärt ihn zu einem (quantitativ) eigentlich unerheblichen Problem, indem er ihn nur von „einzelne[n] Naturforscher[n]“ (Z. 42) vertreten werden lässt, in deren Auftreten er (d.h. der Materialismus) sich jedoch „jetzt oft so breit und so häufig offenen Chorus“ mache (ebd.). Da keines der gängigen heutigen oder zeitgenössischen Wörterbücher diese Formulierung als feststehende Wendung führt, muss sich die Interpretation an die Bedeutung(en) von (lateinisch) Chorus halten;58 das Bild, das dann hervorgerufen wird, ist v.a. das einer tanzenden Schar von Menschen, die allesamt dasselbe Lied singen – was man im Sinn von Wagners Mitteilungsabsicht am ehesten als Metapher dafür auslegen kann, dass die nur wenigen frivolen Materialisten ihre Ansichten umso lautstarker (singend) und mithilfe eines umso größeren Aufhebens (tanzend) vertreten; es entsteht mit anderen Worten das Bild einiger weniger 57

58

Wagner offenbart seinen Kampf gegen den Materialismus hier, wenn man ihn beim Wort nimmt, als ein rein subjektives Anliegen, das für ihn unmittelbar aus seinen natürlich veranlagten (Ab-)Neigungen folgt; sein Kampf wird hinsichtlich seiner Veranlassung damit – wiederum streng genommen – noch nicht einmal auf nichtstandardepistemische Faktoren zurückgeführt, sondern auf völlig nichtepistemische, also auf solche, die mit der Sache selbst nichts mehr zu tun haben (vgl. allg. McMullin 1987). Dies sei hier nur am Rande erwähnt, da Wagners Ausführungen im weiteren Verlauf dann natürlich durchaus relevante inhaltliche (wenn auch teils immer noch nichtstandardepistemische) Bezüge zur in Frage stehenden Sache aufweisen und sich also nicht nur als unbegründeter Ausdruck bloßer innerer Abneigung erweisen. Die Bedeutungen von lat. Chorus umfassen: 1) ,Chortanz‘, ,Reigen‘ (in dichterischer Verwendung) 2) ,Chor‘ sowohl im Sinn von (a) ,tanzende und singende Schar‘ als auch von (b) als Teil einer Tragödienaufführung; des Weiteren ganz allgemein auch 3) ,Schar‘, ,Haufe‘, ,Menge‘, ,Reihe‘ (Langenscheids Handwörterbuch Lateinisch-Deutsch, Berlin u.a. 21987); für die Interpretation wird hier die Bedeutung 2a) herangezogen.

116 Unruhestifter. Wagner geht damit den fast schon klassischen Weg, die Gegner einerseits klein zu machen, aber andererseits durch den Verweis auf das Aufsehen, dass sie erregen, dennoch eine Auseinandersetzung mit ihnen zu rechtfertigen, die ansonsten ein Normverstoß wäre, da die Öffentlichkeit mit etwas erklärtermaßen Unerheblichem belästigt würde (vgl. Dieckmann 2005: 121ff., v.a. 123ff., Norm 5.1.1.). Neben dieser Abwertung greift Wagner seine Gegner im Folgenden aber auch über die Attribuierung ihres Materialismus als frivol59, also etwa als ,schamlos‘, ,unmoralisch‘ oder auch als ,eitel‘, ,nichtig‘ an, wobei ersteres teils auf die weiteren Ausführungen voraus- und letzteres auf die obige Unterscheidung zwischen unnützen und nützlichen Worten und Ansichten zurückverweist – was in beiden Fällen (wie in Text 1 die Abwertung des Dualismus) eben auch auf die Vertreter des frivolen Materialismus zurückfällt. Interessant ist dabei allerdings, dass Wagner neben den materialistischen Forschern auch „deren Hauptpublicum“ ins Visier nimmt, in dem er einen „nicht unbeträchtliche[n] Theil der sogenannten Gebildeten“ erkennt (Text 2a, Z. 43f.) und dem er damit die wirkliche Bildung implizit abspricht. Es ist zwar eher die Regel als die Ausnahme, dass sich Teilnehmer in Disputen und Polemiken nicht ernsthaft bemühen, die Anhänger des Gegners unter den Zuhörern oder Lesern für sich zu gewinnen, sondern sich von Anfang an v.a. an die eigenen Sympathisanten und Parteigänger wenden (um deren Haltung und Zusammenhalt zu stärken) oder bestenfalls noch an die Unentschlossenen; Wagners Zielpublikum war dabei oben ja bereits ansatzweise als christlich und/oder konservativ identifiziert worden. Es ist aber durchaus ungewöhnlich, dass der Teil des Publikums, der v.a. dem Gegner zuneigt, so deutlich wie im vorliegenden Fall angegriffen und damit auch recht offen aus dem eigenen Adressatenkreis (als unerwünscht oder unerheblich) ausgegrenzt wird; immerhin läuft Wagner damit Gefahr, (noch) unentschlossene, am Materialismus aber zumindest nicht vollkommen uninteressierte Leser zu verprellen. 3.2.2.4 Vogt Wie dem aber auch sei, im Zentrum des restlichen Textes (ab Z. 45) steht nur noch ein einziger „bekannter Naturforscher“ (Z. 45) als Vertreter des frivolen Materialismus: Carl Vogt. Sein Name wird zwar weder hier noch in einem der anderen Physiologischen Briefe Wagners genannt, da Wagner sich aber für den Rest seines Angriffs in Text 2a nur noch mit dem GehirnLeber/Nieren-Vergleich auseinandersetzt und ihn dabei auch zitiert, dürfte es 59

Die Bedeutungen von frivol nach Duden (1994), Das Große Fremdwörterbuch: 1.a) ,leichtfertig‘, ,bedenkenlos‘; b) ,das sittliche Empfinden, die geltenden Moralbegriffe verletzend‘; ,schamlos‘, ,frech‘. 2. (veraltet) ,eitel‘, ,nichtig‘.

117 für den fachlich interessierten und informierten Leser (trotz des Fehlens genauer bibliographischer Angaben) doch nicht unmöglich gewesen sein, Wagners Gegner zu identifizieren.60 Was nun den Angriff selbst angeht, so bezeichnet Wagner den damals bereits mehrere Jahre alten Vergleich seines Gegners zunächst ironisch und dadurch abwertend als Vogts „ganze psychologische Weisheit“ (Z. 45f.). Ansonsten bewertet er das Exzerpt zunächst nicht weiter, sondern lässt es vielmehr als polemisches Zitat61 wirken, mit dem er den Gegner dessen unerhörte Ansicht quasi selbst, mit seinen eigenen Worten, äußern und ihn sich damit (in den Augen seiner christlichen/konservativen Leserschaft) auch selbst belasten lässt. Erst im Anschluss daran macht Wagner dann deutlich, dass er Vogts Äußerungen als unhaltbar betrachtet; er arbeitet dabei in knapper, aber prägnanter Weise mit Gegensätzen, denn wenn es (lediglich!) so aussehe (Z. 48), als gelinge dem Gegner mit einer „sehr einfache[n] Formel“ (Z. 49), also mit seinem Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich, die Darstellung des „so verwickelten und mannichfach gegliederten Processes der Gedankenbildung“ (Z. 50f.), dann argumentiert Wagner sehr implizit dafür, dass etwas, dass sich verwickelt verhält, auf einfache Weise nicht richtig oder zumindest nicht angemessen dargestellt werden kann;62 sehr implizit ist die Argumentation, da Wagner die Gegensätze im Text vollkommen unkommentiert und ohne jede ausdrucksseitig erkennbare argumentative Verknüpfung – man könnte fast schon sagen: schelmisch oder süffisant – aufeinander folgen lässt (wobei sich die Süffisanz des Ganzen natürlich auch im ironischen Gegensatz der einfachen Formel zur „gedankenreichen Exposition“, Z. 49f., ausdrückt, dessen beide Teile sich auf den gegnerischen Vergleich beziehen). Vogt wird hier also implizit vorgeworfen, in der Darstellung wissenschaftlicher Sachverhalte unzulässig und oberflächlich zu vereinfachen oder aber deren tatsächliche Komplexität nicht darstellen zu können. V.a. letzteres wöge als Vorwurf für den Forscher natürlich sehr schwer. Im Zuge dieser Stelle geht Wagner dann wie sich zeigt auch zum eigentlichen schwerwiegend persönlichen Teil seines Angriffs über. Er vollzieht dabei eine polemische Umformulierung des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs (Z. 51ff.) und bemerkt dazu, dass man Vogt für seine Äußerung in dieser veränderten Form „vielleicht“ hätte „Recht geben können“ (Z. 53 und 55); was im Umkehrschluss noch einmal etwas deutlicher die Unrichtigkeit dessen impliziert, was Vogt tatsächlich geäußert hat. Zur Umformulierung 60 61 62

Klartext redet Wagner namentlich erst in einem späteren Streitbeitrag von 1852. Zum ,polemischen Zitat‘, vgl. Rohner (1987: 215). In Anlehnung an Kienpointner (1992: 307, Schema 29): Was die Eigenschaft P (verwickelt) aufweist, kann nicht zur selben Zeit in derselben Hinsicht die konträre Eigenschaft P' (einfach) aufweisen. Kienpointners (ebd.) Beispiel zu Schema 30 zeigt, dass die Formulierung „in derselben Hinsicht“ gedehnt werden kann.

118 selbst: Wagner zufolge hätte der Gegner sich besser dahingehend ausgedrückt, dass nicht die menschlichen Geistesfähigkeiten im Allgemeinen, sondern nur die „geistigen Producte mancher Individuen in Bezug auf den waren Werth derselben keine höhere Dignität hätten als die Galle und der Urin“ (Z. 51ff.). Formal miteinander gleichgesetzt werden hier also die Verhältnisse von geistigen Producten bzw. von Galle/Urin zu ihrem jeweiligen Wert, was natürlich nur eine (eigentlich unnötig) verkomplizierte Formulierung der direkten Gleichsetzung bestimmter Gedanken/Ansichten mit schmutzigen und Ekel erregenden Körpersekreten oder -ausscheidungen ist; dies wird beim Lesen auch unmittelbar klar. Durch den ausdrücklichen Bezug auf Begriffe wie Werth und Dignität ist zudem offensichtlich, dass Wagner durch seinen Vergleich, anders als es ja für denjenigen von Vogt festgestellt worden war, auch durchaus abwerten will,63 wenn diese Abwertung sich auch auf konkrete geistige Produkte, nämlich auf den „politischen Unsinn [...] einzelne[r] hirnverbrannte[r] Köpfe“ bezieht (Z. 53f.) und natürlich nicht auf den menschlichen Geist als solchen. Gerade der Ausdruck Dignität in seiner hohen Stillage unterstreicht diese Abwertungsabsicht durch den offen sarkastischen Kontrast zum eigentlich Bezeichneten, nämlich gerade dem Unwert von Galle und Urin, mit denen die besagten geistigen Produkte verglichen – und damit eben auch abgewertet – werden. Äußerst interessant gestaltet sich nun die Frage, wem diese Abwertung gilt, wessen geistigen Producten, wessen politischem Unsinn, und wer damit als ihr Urheber den „hirnverbrannte[n] Köpfe[n]“ (Z. 54) zugerechnet wird. Dass es sich auch hier nur um Vogt handeln kann, steht außer Zweifel; wer ihn als Opfer des Angriffs erkennt, wird sich (damals) wohl auch seiner Rolle als demokratischer Abgeordneter der Paulskirche nur rund drei Jahre zuvor erinnert haben. Dennoch geht Wagner in diesem Aspekt seines Angriffs nun äußerlich sehr vorsichtig vor. Nachdem Vogt für seinen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich in seiner Befähigung als Wissenschaftler abgewertet worden war (für eine angebliche Vereinfachung aus Oberflächlichkeit oder Unfähigkeit), wird er durch den in der Reformulierung des Vergleichs erfolgenden Bezug auf den „politischen Unsinn [...] einzelne[r] hirnverbrannte[r] Köpfe“ (Z. 53f.) nun scheinbar aus der Schusslinie genommen; denn in der Tat ist ohne Hintergrundwissen nicht erkennbar, dass der (wissenschaftlich tätige) „Verfasser dieser gedankenreichen Exposition“ (Z. 49f.) identisch sein soll mit einem der (in politischer Hinsicht) hirnverbrannten Köpfe. Es lassen sich dabei zwei mögliche Gründe für dieses letztlich recht durchsichtige Verschleierungsmanöver anführen: Zum einen wird sich Wagner darüber im Klaren gewesen sein, dass Vogts politische Tätigkeit (in der Terminologie 63

Nach Degen (1954: 273) drückt diese Stelle „den ganzen Abscheu des bürgerlichkonservativen, noch religiös empfindenden Gelehrten gegen den zwölf Jahre jüngeren Radikalen und Revolutionär“ aus.

119 von McMullin 1987) ein nichtstandardepistemischer Faktor in der Auseinandersetzung um das Verhältnis von Leib und Seele und die (Un-)Richtigkeit der materialistischen Position ist (bzw. ohne erläuternde Ausführungen sogar ein irrelevanter); zum anderen umgeht Wagner hier ausdrucksseitig eine direkte persönliche Beleidigung Vogts als hirnverbrannter Kopf, die als Verstoß gegen die Norm zur Vermeidung des Schimpfstils gewertet werden könnte (vgl. dazu Dieckmann 2005: 209ff., Norm 5.5.1). Für den informierten zeitgenössischen Leser dürfte der Bezug auf Vogt aber, wie gesagt, erkennbar gewesen sein, so dass Wagner auf der pragmatischen Ebene des Textes tatsächlich einen zweiten Angriff auf Vogt außerhalb des eigentlichen wissenschaftlichen Bereichs führt: Zum erwähnten Vereinfachungsvorwurf kommt nun also die scharfe Gleichsetzung seiner politischen Positionen mit Ausscheidungsprodukten, wobei der Vergleichspunkt eben in dem Ekelerregenden liegt, das den letzteren (und für Wagner dann auch den ersteren) anhaftet. Während dies schon als schwerwiegende persönliche Verunglimpfung des Gegners betrachtet werden kann, verschärft Wagner seinen Angriff auf Vogt im politischen Bereich aber noch weiter, wenn er die besagte Gleichsetzung im unmittelbaren Anschluss wieder ,relativiert‘ (Z. 55ff.): Vogts politischen Ideen wird hier am Ende nicht nur ein noch geringerer Wert als der des Urins zugestanden, sondern Wagner greift auch erneut auf die Unterscheidung zwischen nützlich und unnütz aus dem zweiten Absatz des Textausschnitts zurück (vgl. Z. 8ff.), wobei auch hier nun der zweite Begriff dieses Paars wieder im Sinne von schädlich bzw. gefährlich erweitert und diesmal eben (auf der pragmatischen Ebene) konkret auf Vogt angewendet wird: Aus den „Zersetzungsproducten des Urins“ einerseits entstehe nämlich etwas Nutzbringendes, und zwar „guter Dünger für nutzbare Pflanzen“ (Z. 56f.); dagegen dienten „jene erwähnten Geistesproducte“ (also die politischen Ansichten Vogts) andererseits gerade der „Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung und nationalen Bildung“ (Z. 57f.). Mit ,zersetzen‘ greift Wagner eine Metapher auf, die im 19. Jahrhundert von historischen und politischen Schriftstellern häufiger verwendet wurde, „um die Auflösung staatlicher, sozialer und geistiger Ordnungen zu beschreiben“ (Schäfer 1962: 60). Der Begriff verweist auf die völlige Vernichtung von etwas, das in seine Grundbestandteile bzw. -stoffe zerfällt (vgl. ebd.: 40 und 43f.), und Wagner spielt damit wohl nicht nur allgemein auf eine Zerstörung des staatlich-gesellschaftlichen Hintergrunds an, vor dem der Einzelne lebt, auf die Zerstörung von Staat und Gesellschaft als bzw. in ihren Institutionen, sondern vielmehr im chemischen Sinn des Wortes auf die Auflösung aller gesellschaftlichen Bindungen, die den Einzelnen zu mehr als nur einem Einzelnen (bzw. Vereinzelten) machen. Es geht hier um das Grundlegendste im Hinblick auf den Menschen als soziales Wesen, wenn bspw. Recht und

120 Moral fragwürdig werden: Dies, aber natürlich auch die besagten Institutionen selbst, steht für Wagner durch den vogtschen Materialismus und seine politischen Positionen auf dem Spiel. Dass Wagner mit seiner Metapher an den chemischen Bereich denkt, zeigt sich in einem weiteren Punkt, der sie letztlich noch bedrohlicher macht: Da die besagten Geistesproducte ihr Zersetzungswerk als „Fermente“ bewerkstelligen (Z. 57; d.h. als Enzyme, als organische Katalysatoren), könnte man den Gedanken dahingehend weiterführen, dass sie die Zersetzung nicht nur ursächlich auslösen, sondern sich in ihrem Verlauf noch nicht einmal verbrauchen und so für weiteren Schaden erhalten bleiben. Einem Nutzen als Folge passiver Zersetzung wird damit ein Schaden durch eine aktiv zersetzende und v.a. bleibende Kraft gegenüber gestellt. Und mit diesem nachdrücklichen Verweis auf eine drohende Gefahr schließt Wagner auch die inhaltliche Klammer, die er im zweiten Absatz geöffnet hatte, denn spätestens hier ist klar, vor welchem unnützen Wort mit schädlichen Konsequenzen er dort hatte warnen wollen: vor dem der frivolen Materialisten; zumindest auch (wahrscheinlich aber vor allem) deren Ansichten sind es, aus denen die „verderblichsten, welterschütterndsten Ereignisse hervorgehen können“ (Z. 22), von denen früher die Rede war, und die Materialisten und deren Aktivitäten (mit ihren Auswirkungen) sind es damit ferner, die auch derjenige zu fürchten hat, der im Umgang mit dem Wort selbst verantwortlich handelt (vgl. oben). Zu dem Umstand, dass Wagner hier aus der Kritik an einer wissenschaftlichen Position eine Warnung vor politischen Gefahren entwickelt, ist noch eine wichtig Bemerkung nötig; obwohl der Angriff außerhalb des eigentlich zu Diskussion stehenden wissenschaftlichen Bereichs stattfindet, obwohl die eigentliche res verlassen zu werden scheint, ist der Rahmenwechsel nicht völlig unbegründet. Der Grund dafür ist oben in Kapitel 2.3.1 bereits angesprochen worden: Materialisten wie Carl Vogt oder Ludwig Büchner wollten aus ihren wissenschaftlichen Ansichten ausdrücklich auch soziale und politische Konsequenzen gezogen sehen, da der wissenschaftliche Fortschritt für sie stets mit einer Verbesserung der als unzureichend betrachteten Verhältnisse auch in anderen Bereichen (Gesellschaft, Staat) einhergehen musste. Solche Veränderungen, die Wagner aber eben nicht als Verbesserungen betrachtet, sind es nun, worauf er mit seiner Warnung an die Leser hinaus will; er greift Vogt damit letztlich bei den befürchteten gesellschaftlichen Konsequenzen von dessen wissenschaftlicher Position an, und es ist sicherlich seine Absicht, beim Leser eine gewisse Angst vor diesen Konsequenzen hervorzurufen, die ihm aus seiner Sicht (gerade angesichts der antikirchlichen und antireligiösen Ziele des Materialismus) auch durchaus aufrichtig als begründet erschienen sein dürfte. Bevor Wagner diesen wichtigen Punkt am Ende des sechsten Briefes noch einmal aufgreift und weiterführt, kommt er zum

121 Abschluss seiner Auseinandersetzung mit Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich aber zunächst noch einmal unter physiologischen Gesichtspunkten auf diesen zurück, um ihn nun doch auch noch wissenschaftlich zu erwidern. 3.2.2.5 Die physiologische Kritik am Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich Im Gegensatz zum größten Teil der vorausgehenden Textabschnitte, die v.a. christlich oder vom persönlichen Angriff geprägt waren, bemüht Wagner sich im letzten Abschnitt von Text 2a nun um einen stärker wissenschaftlichen, sachlichen Ton, zu dem schon eine ganze Reihe von Fachausdrücken beiträgt (Organismus, Filtrum, abfiltrirt, metamorphosirt). In einer physiologischen Erwiderung auf Vogts Vergleich geht Wagner dabei auf die am nächsten liegende Weise vor: indem er zu zeigen versucht, dass die Verhältnisse auf den verschiedenen Seiten des gegnerischen Vergleichs so verschieden sind, das man sie nicht zueinander in Beziehung setzen kann. Nachdem Wagner den Vergleich ja bereits aufgrund seiner unzulässigen Vereinfachung als unzutreffend betrachtet und ihn als polemisches Zitat wohl auch nicht nur in seiner Unerhörtheit (vom christlich/konservativ-gesellschaftlichen Standpunkt aus), sondern auch in seiner Unsinnigkeit (aus Wagners christlich-wissenschaftlicher Sicht) für sich selbst hatte sprechen lassen, will er ihn nun doch hypothetisch64 gelten lassen, um ihn auch im Detail zu widerlegen (Z. 59ff.). Für ihn steht es dabei von vorne herein fest, dass Vogts Vergleich einer ernsthaften Betrachtung überhaupt nur für „einen Augenblick“ standhalten würde, denn „wir müßten im nächsten Augenblick das Unpassende desselben sogleich [...] einsehen“ (Z. 59ff.); die Unvermeidlichkeit dieser Einsicht wird hier durch das Modalverb müssen betont, die annähernde Unmittelbarkeit ihres Eintretens durch die Verwendung von gleich zwei Adverbialen, die die schnelle zeitliche Folge ausdrücken (im nächsten Augenblick und sogleich). Schon vor der eigentlichen inhaltlichen Analyse ist also dem Leser bereits mehr als deutlich klar gemacht, dass deren Ergebnis negativ (für Vogt) ausfallen wird. Bei der eigentlichen Widerlegung geht Wagner dann von zwei Prämissen aus – zum einen eben von derjenigen der (nur um der Widerlegung willen angenommenen) Vergleichbarkeit von Nieren und Gehirn (Z. 59f.) und zum anderen von derjenigen des Wissens um die Funktionsweise der Nieren (Z. 61ff.): Die Nieren nämlich würden nichts Neues schaffen, „keine neuen chemischen Körper“ (Z. 62), denn bei denen, die sie abgäben (in Form des Urins), handle es sich nur um „Bestandtheile des Blutes“, die ihnen bereits „fertig“ zugeführt würden und von ihnen nur „aus dem Organismus entfernt 64

Vgl. den zweifachen Irrealis, Text 2a, Z. 59f.: „[...] wollten gelten lassen, so müßten [...]“.

122 werden“ sollten (Z. 62ff.); dass es sich bei diesen Blutbestandteilen, als chemischen Körpern, um materielle handelt, muss nicht eigens gesagt werden. Die Absicherung dieser zweiten Prämisse (der Funktionsweise der Nieren) als „Thatsache“ erfolgt zwar nur durch die Bemerkung, dass man dafür „alle exacten Beweise zur Hand“ habe (Z. 64f.), ist aber auch ohne die Angabe von Gewährsleuten oder der genauen Quelle(n) wohl kaum ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Auf der Grundlage dieser beiden Prämissen setzt Wagner den Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich nun mit dem Anspruch auf größere Genauigkeit (nämlich „bei näherer Betrachtung“, Z. 61; dies gegenüber der materialistischen Vereinfachung) und damit auch mit Anspruch auf größere Konsequenz und Richtigkeit neu an: Nach dem Beispiel der Nieren und des Urins müssten, wie sich aus Wagners Ausführungen ab Z. 65 implizit ergibt, nun auch die Gedanken etwas ursprünglich Materielles (!) sein, das vom Gehirn nur von etwas anderem Materiellem (nämlich dem Blut, das es dem Gehirn zuführt) getrennt oder daraus hergestellt und dann lediglich noch ausgeschieden zu werden bräuchte. Diesen Schluss aus dem Vergleich mit den Nieren, dass das Gehirn in Wagners eigenen Worten ein „Filtrum sey“, das „[Blut-]Bestandtheile als psychische Aktivitäten abfiltrirt oder in Gedanken metamorphosirt“ (Z. 67f.), bewertet Wagner nun aber, wie zu erwarten, also so absurd, dass sogar die Gegner sich so etwas „[s]chwerlich“ (Z. 65) zu vertreten getrauen würden. Der Umstand, dass Vogt den Vergleich dennoch gezogen hat (wenn auch eben nicht den notwendigen absurden Schluss daraus), verweist angesichts dessen nun zurück auf Z. 59ff. des Textes, wo Wagner sagt, dass man das Unpassende des Vergleichs bei näherer, also detaillierter Betrachtung einsehen werde, und woraus man nun den Vorwurf erschließen kann, dass Vogt diese detaillierte Betrachtung (in seiner Vereinfachung!) eben versäumt hat – sei es aus Oberflächlichkeit oder sei es aus Unfähigkeit (vgl. oben). Es ist recht offensichtlich, dass es sich hier um eine (erste) gezielte Retourkutsche, für Vogts an die Dualisten gerichteten Vorwurf des nicht folgerechten Denkens, handelt (vgl. Text 1, Z. 3f.): Der Gegner wird vielleicht nicht notwendigerweise als fachlich inkompetent dargestellt, aber eben zumindest als ungenau, voreilig, oberflächlich und damit in beiden Fällen als zum streng wissenschaftlichen Arbeiten ungeeignet. Zur Plausibilität der Erwiderung ist nun einiges anzumerken. Zunächst einmal fasst Wagner den Vergleich für seine Zwecke weitaus strenger, als Vogt es getan hatte. Dieser hatte sich lediglich auf den Absonderungsaspekt (wenn man so sagen will) beschränkt, also darauf, dass Urin in der Form, in der er abgesondert wird, erst durch die Nieren zustande kommt, aber eben nicht ohne sie. Allein diesen Punkt übertrug er auf den geistigen Bereich, im Sinne von: Ohne Gehirn keine Gedanken. Der genaue Prozess der Erzeugung (das Wie und das Woher) blieb in Vogts ausdrücklich grober, also oberflächlicher Betrachtung, ausgeblendet. Wagner dagegen fordert nun sozusagen,

123 den Vergleich sehr viel strikter und enger durchzuführen, erweitert ihn genau in die Richtung, die für Vogts Anliegen irrelevant gewesen war und betrachtet die Widersprüche, auf die er infolge seiner Durchführung dann stößt, als Belege gegen Vogts Position. Es ist aber natürlich anzumerken, dass zwei grundsätzlich verschiedene Dinge, die dennoch vielleicht teilweise und unter bestimmten Voraussetzungen verglichen werden können, immer unvergleichbarer werden, je mehr ihrer konkreten Eigenschaften man betrachtet, und dass man auf diese Weise jeden Vergleich jederzeit zu Fall bringen kann. Damit wird durch Wagners Erwiderung aber streng genommen auch nur Folgendes gezeigt: zum einen, dass das Gehirn und die Gedanken mit den Nieren und dem Urin unter erweiterten Bedingungen nicht vergleichbar sind (bzw. überspitzt ausgedrückt: dass das Gehirn keine Niere ist), und dass damit zum anderen keine Möglichkeit besteht, Vogts materialistisch-monistische Ansicht durch diesen Vergleich argumentativ zu stützen.65 Es ist hier aber noch einmal zu betonen, dass Vogt seine Position durch den von Wagner angegriffenen Vergleich ja gar nicht argumentativ stützen, sondern sie nur – in einem Teilaspekt – illustrativ veranschaulichen wollte. Wagner interpretiert sie lediglich als ein Argument für die gegnerische Sicht von Leib und Seele (oder tut stillschweigend so, als verwende Vogt sie zu diesem Zweck) und bedient sich damit eines Kunstgriffs, den Schopenhauer etwa folgendermaßen beschreibt (vgl. Schopenhauer 1985: 693f., Kunstgriff 37): Wenn ein Gegner seine Ansicht durch einen schlechten, angreifbaren Beweis belegt (oder hier: durch etwas, das man als einen solchen interpretieren kann), dann widerlege man nur diesen Beweis und tue anschließend so, als sei damit die Sache an sich widerlegt. Und genau darum scheint es Wagner hier zu gehen: durch seine Diskreditierung des Vergleichs den (so nicht zutreffenden) Eindruck zu erwecken, als sei damit auch der inhaltliche Kern von Vogts Position, d.h. der materialistische Leib/Seele-Monismus widerlegt. Diese ,Widerlegung‘ erfolgt dabei nun durch eine Übersteigerung des ursprünglichen Vergleichs, die man hinsichtlich der sich daraus ergebenden Konsequenzen als ad absurdum-Führung betrachten kann, so dass hier eine zweite Retourkutsche Wagners vorliegt: Nach der früheren Erwiderung des Vorwurfs des mangelnden folgerechten Denkens durch den Gegenvorwurf der mangelnden näheren Betrachtung folgt nun also die Erwiderung der absurden Konsequenzen des Dualismus (Organseelen) durch das Aufzeigen der absurden Konsequenzen (materielle oder aus Materie erzeugte Gedanken) des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs und damit angeblich auch des Monismus, wobei letzteres, wieder analog zu Vogt, dem Leser als ein konse65

Tatsächlich widerspricht ja der Schluss auf die Materialität der Gedanken, den Wagner ziehen zu müssen glaubt, der von Vogt ausdrücklich vertretenen Position, der zufolge die Gedanken (bzw. die Seelenthätigkeiten) selbst eben nicht materiell sind, sondern lediglich „Funktionen der Gehirnsubstanz“.

124 quentes Zu-Ende-Denken der gegnerischen Ausführungen vermittelt wird. Interessant ist dabei immerhin, dass Wagner sich nach dem Ende von Text 2a, am Übergang zur Behandlung des Spiritualismus (der für diese Untersuchung nicht von Bedeutung ist), dann auch ausdrücklich von „[j]enem grassen [sic] Materialismus“ abwendet, „der so leicht ad absurdum zu führen ist“ (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 314)66. Durch das dargestellte ,Aufbrechen‘ des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs entsteht beim Leser nun aber u.U. nicht nur der Eindruck der Widerlegung von Vogts Position, sondern möglicherweise auch der der Etablierung ihres Gegenteils: Wenn nämlich der Vergleich keine Gültigkeit hat, dann gilt das, was für die Nieren und den Urin feststeht (dass das Organ das Produkt überhaupt erst erzeugt), für das Gehirn und die Gedanken ja gerade nicht – oder so soll es dem Leser vermittelt werden. Und von diesem Gegensatz (nämlich: Vogts Ansicht ist für die Nieren gültig, aber nicht für das Gehirn) zu einem anderen Gegensatz (nämlich: Vogts Ansicht gilt nicht für das Gehirn, also gilt für das Gehirn Wagners Ansicht) ist es dann nur noch ein sehr kleiner gedanklicher Schritt, da zudem stillschweigend (von beiden Seiten!) vorausgesetzt wird, dass es eine dritte Möglichkeit nicht gibt.67 Und an diesem Punkt dann – auch wenn wir uns hier mit der Interpretation zunehmend vom der sicheren Textgrundlage entfernen – konnte Wagner in der Tat vielleicht sogar darauf hoffen, dass zumindest der geneigte Leser immateriell (was die Gedanken und allgemein die Geistestätigkeiten nämlich sein müssten, wenn sie nicht wie in Vogts gerade ad absurdum geführtem Vergleich stofflich sein sollten) mit übernatürlich bzw. göttlich identifizieren würde. Und damit wäre dann tatsächlich Wagners eigener Standpunkt erreicht,68 der die denkende Seele zwar nur auf einer materiellen Grundlage in Erscheinung treten lässt, sie von dieser aber doch, als einem übernatürlichen Bereich zugehörig, unterscheidet. In Wirklichkeit hat Wagner nun aber ja noch nicht einmal den Leib/Seele-Monismus überzeugungskräftig widerlegt, sondern seine Illustration unter verschärften Vergleichsbedingungen zwischen Gehirn und Nieren als ungeeignet ,nachgewiesen‘. Es sei dagegen noch einmal daran erinnert, dass Vogt umgekehrt zwar auch den Dualismus ad absurdum geführt hatte, dass sein Text 1 aber auch eine positive rationale, wenn auch letztlich nicht universalisierbare Stützung des Monismus ermöglichte. Wie dem nun aber auch sei: In den letzten Zeilen von Text 2a (Z. 68ff.) bezeichnet Wagner den Vergleich Vogts noch einmal als gedankenlos, bzw. 66 67

68

Auch in: Wagner (1997: 42). Die Interpretation der vorausgehenden impliziten Argumentation kehrt das Schema (32) bei Kienpointner (1992: 311) um, das im Original sinngemäß lautet: Entweder nur X oder nur Y ist der Fall; X ist der Fall, also ist Y nicht der Fall (in der Umkehrung: X ist nicht der Fall, also ist Y der Fall). Wenn er so auch erst später, in Wagner (1854b) und (1854c) voll expliziert wird.

125 genauer gesagt als „um so gedankenloser, da er auf die moderne Physiologie gegründet werden sollte“. Nachdem dieses Vorhaben des Gegners durch Wagners ,Widerlegung‘ nun als gescheitert vermittelt worden ist, wird Vogts Position noch nicht einmal die ironische „Ehre“ (Z. 69) der Rückständigkeit in dem Sinne zugestanden, dass sie sich wissentlich auf einen älteren, früher akzeptierten Forschungsstand berufen könnte – in diesem Fall auf einen sehr alten, nämlich die antike „Weisheit der Phythagoräer“ (Z. 70f.). Wagner stellt den Gegner damit abschließend, und noch umfassender als oben, als für die Wissenschaft ungeeignet dar, sowohl in Bezug auf den aktuellen Stand seiner eigenen Disziplin als auch in Bezug auf deren Geschichte. 3.2.2.6 Maßnahmen gegen gefährliche Lehren Nachdem Wagner seine Behandlung des frivolen Materialismus nun zwar unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten beendet hat, ist es aber doch die von diesem ausgehende Gefahr für die gesellschaftliche und politische Ordnung, die der für seinen Angriff wesentliche Punkt ist; auf dieser Grundlage hatte er seinen Gegner zudem ja auch bereits am schärfsten persönlich angegriffen (wenn auch nicht offen, sondern wie gezeigt hinter vorgehaltener Hand). Die entsprechenden Warnungen vor den unnützen, schädlichen Worten des Materialismus und die Angst, die Wagner sich mehr als nur ansatzweise bemüht hatte, in Text 2a hervorzurufen, werden am Ende des sechsten Physiologischen Briefes dann, wie bereits angedeutet, noch einmal auf eine höhere Ebene gehoben. Wagner kehrt darauf zurück, nachdem er den Spiritualismus (weitaus weniger aggressiv als den Materialismus) behandelt (aber ebenfalls v.a. lächerlich gemacht) und nachdem er seine ersten, noch nicht allzu konkreten Ausführungen zur ,doppelten Buchführung‘ gegeben hat. Am Ende des letztgenannten Punktes gibt er dabei ein Beispiel für einen Versuch der Wissenschaft, ein religiöses Grunddogma umzustürzen (nämlich in der Frage, ob die Menscheit von einem oder von mehreren ursprünglichen Paaren abstammt),69 und er zeigt sich letztlich überzeugt, dass die wissenschaftliche Widerlegung der Offenbarung in diesem Punkt (ein Paar) nicht gelingen werde und dass sogar die größere wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit für die Offenbarung spreche, selbst wenn sie sich (so wie auch in der Frage der eigenständigen Seele!) letztlich nicht wissenschaftlich beweisen lasse. Dennoch (also trotz der Leugnung einer Gefahr für die Offenbarung) sagt Wagner im unmittelbar Folgenden:

69

Diese Frage wird in der Endphase der Auseinandersetzung zwischen Vogt und Wagner sozusagen zum Nebenkriegsschauplatz; vgl. unten.

126 TEXT 2b (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 315;70 Orig. in Fraktur)

5

10

15

Wenn man fragt wie es mit solchen Lehren in der Praxis gehalten werden soll, und wie sich der Staat, die Kirche schützen sollen gegen angebliche Resultate der Wissenschaft, die unberechtigt ihre Fundamente zu untergraben drohen, so mag die Antwort nicht immer leicht seyn. Ich halte die Grundlagen dieser großen historischen Institutionen für viel zu sicher, als daß ich glauben könnte wahre oder falsche Consequenzen aus den Resultaten der Naturforschung vermöchten sie je umzustürzen. In gewisser Weise können jene Institutionen durch solche Kämpfe nur regenerirt, also gestärkt werden, wenn schon nicht zu läugnen ist daß über einen großen Theil der Gesellschaft durch falsche Lehren ein unsägliches Weh gebracht werden möchte und viele zu Grunde gehen können, und daß Staat und Kirche ein Recht, ja eine Pflicht haben solche feindliche Elemente abzuwehren. Im allgemeinen wird auch hiefür [sic] das Beispiel des Heilandes maßgebend seyn. Er trieb die Wechsler und Krämer aus dem Tempel heraus,a und es ist ganz in der Ordnung daß wir auch die Gesellen welche die Heiligthümer der Kirche, des Staates, der Familie in Worten und Thaten besudeln herausfegen. a

Vgl. Matthäus 21,12f.

Wagner schließt diesen Text, wie gesagt, an die Erörterung der Frage nach der Abstammung des Menschen an und bezieht ihn damit zwar vordergründig auf den versuchten wissenschaftlichen Angriff auf die biblisch geoffenbarte Ein-Paar-These; er wirft mit seiner Kritik an „solchen Lehren“ (Text 2b, Z. 1) aber ohne Zweifel auch einen Blick zurück auf den frivolen Materialismus und damit wieder v.a. auf Vogt, denn bereits die Rede vom Schutz des Staates und der Kirche „gegen angebliche Resultate der Wissenschaft, die unberechtigt ihre Fundamente zu untergraben drohen“ (Z. 2f.), erinnert unverkennbar an die früheren entsprechenden Warnungen vor der „Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung“ (Text 2a, Z. 58). Wagners Ziel in Text 2b ist auch bei einer oberflächlichen Lektüre nicht zu übersehen: Er will Maßnahmen gegen gesellschaftsgefährdende Lehren ergriffen sehen. Es geht ihm um den Umgang mit ihnen „in der Praxis“ (Text 2b, Z. 1). Interessant ist dabei aber, dass er trotz der erneut bedrohlichen Formulierungen (vgl. die hervorgehobenen Stellen des Zitats aus Z. 2f.) nun aber darum bemüht ist, die „großen historischen Institutionen“ Staat und Kirche als „viel zu sicher“ gegründet darzustellen, als dass man sie „umzustürzen“ vermöchte (Z. 4ff.). Ebenso interessant ist, dass diese Sicherheit nicht nur gegenüber „falsche[n] Consequenzen aus den Resultaten der Naturforschung“ bestehe, sondern sogar gegenüber „wahre[n]“ (Z. 5f.). Diese Stelle kann nun als wesentlicher Beleg für das gewertet werden, was oben (Kap. 2.3.2.2.4) hinsichtlich der ,doppelten Buchführung‘ gesagt worden ist, nämlich dass es für Wagner nur eine Wahrheit gibt und dass diese für ihn letztlich diejenige der Offenbarung ist. Denn mit den „Grundlagen“ (Z. 4) von (christlichem71) 70 71

Auch in: Wagner (1997: 45). Denn auf ihn zielt Wagner im Kontext des gesamten Textes eindeutig ab.

127 Staat und Kirche ist sicher auf die christliche Offenbarung verwiesen, da es im Kontext des vorliegenden Textes ja um den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion geht bzw. um die Behauptung von (christlichem) Staat und Kirche ersterer gegenüber; und die Sicherheit (Z. 5) dieser Grundlage (also der Offenbarung) kann dann wiederum nur in deren aus gläubiger Überzeugung heraus postulierten Wahrheit gesucht werden. Dass falsche wissenschaftliche Consequenzen gegenüber dieser Wahrheit – und gegenüber dem, was auf ihr gründet: eben (christlicher) Staat und Kirche – letztlich für machtlos gehalten werden, ist aus einer überzeugten christlichen Perspektive heraus ohne Weiteres nachvollziehbar. Wenn nun aber auch eine wahre Consequenz keine Gefahr darstellt, dann heißt das nicht, dass Offenbarung, christlicher Staat und Kirche auch sie überstehen würden, falls sie ihnen widerspräche; sondern es heißt für Wagner nichts anderes, als dass auch die aufrichtig an der Wahrheit interessierte Wissenschaft nur zu der einen, auch geoffenbarten Wahrheit kommen kann. Was Wagner dem gegenüber nun von den falschen Consequenzen hält, drückt sich im Text v.a. in den Adjektiven aus: „solche Lehren“ (Z. 1), wie die Mehr-Paar-These (oder der frivole Materialismus), sind für ihn lediglich „angebliche Resultate der Wissenschaft“ (Z. 2f.) und „unberechtigt[e]“ Untergrabungsversuche (Z. 3), was schon auf die Angriffe seitens „feindliche[r] Elemente“ (Z. 11) vorausweist. Dabei muss aber darauf hingewiesen werden, dass die angeblichen Resultate den Vorwurf der Lüge oder der Falschdarstellung zwar implizieren können, es aber keineswegs müssen; denkbar wäre durchaus wieder (gerade im Hinblick auf das Vereinfachen seitens der Materialisten) der Irrtum, wenn auch wohl der vorwerfbare infolge von Oberflächlichkeit. Und auch wer im Irrtum die Fundamente von Staat und Kirche untergräbt, täte dies aus Wagners Sicht natürlich unberechtigt und wäre sicher (zumal angesichts vorwerfbarer Oberflächlichkeit) auch als feindliches Element zu betrachten. Um aber von Wagners Überzeugungen im Allgemeinen zu seinen Absichten im vorliegenden Text zurückzukehren: Er betont also, dass Staat und Kirche sicher sind – allem gegenüber, was die (tatsächliche oder angebliche) Wissenschaft auffahren kann. Wagner will hier ganz offensichtlich dem Eindruck entgegenwirken, sich in der Defensive zu befinden; einem Eindruck, der teils aus der früheren Warnung vor den in der Münzmetapher noch eher hypothetischen (und wenig konkreten) verderblichsten und welterschütterndsten Ereignissen aufgrund unnützer Worte (Text 2a, Absatz 2) herrührt, v.a. aber aus der zweiten Warnung vor der dann schon etwas fassbareren Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung durch die politischen Positionen des frivolen Materialisten Vogt (ebd., Abs. 7). Auch wenn hier also einerseits Gefahr relativiert wird, will Wagner andererseits aber (ebenso offensichtlich) das Gefühl der Bedrohung durch „falsche Lehren“ (Text 2b, Z. 9) doch nicht ganz aufheben, da er ja Maßnahmen für nötig hält und sie auch in der einen

128 oder anderen Weise begründen muss. Aber auch wenn er gezeigt hat (und dabei bleibt), dass letztlich keine Schritte zum Schutz der großen historischen Institutionen an sich nötig sind, so droht seiner Ansicht nach aufgrund der falschen Lehren doch „eine[m] großen Theil der Gesellschaft“ (Z. 8), sinngemäß also den Mitgliedern und Anhängern der Institutionen, und d.h. wiederum vielen einzelnen Bürgern und Gläubigen, individuelles „unsägliches Weh“ (Z. 9). Selbstlose Angst und Sorge um diese Bürger und Gläubigen (nicht um Staat, Kirche oder gar um sich selbst) dient Wagner hier also zur Rechtfertigung seines Rufs nach Maßnahmen, der im weiteren Verlauf dann sogar die Grenze zur Agitation überschreiten wird (vgl. unten). Zunächst erinnert er den Staat und die Kirche angesichts der aufgezeigten Bedrohung (immerhin für ihre Mitglieder und ihre Anhänger) daran, dass sie nicht nur „ein Recht“, sondern vielmehr „eine Pflicht haben, solche feindliche Elemente“, d.h. die Vertreter der Irrlehren, „abzuwehren“ (Z. 10f.). Mit feindlich und abwehren verwendet er bereits ein recht kämpferisches Vokabular und ruft die kirchlichen und staatlichen Autoritäten dabei auch nicht nur allgemein zum Handeln auf, sondern schlägt ihnen im Folgenden (Z. 12f.) sogar vor, was konkret zu tun ist: Wagner verweist dabei mit der biblischen Erzählung der Tempelreinigung Jesu (vgl. Matthäus 21,12f.) auf das „Beispiel des Heilandes“ als „maßgebend“, der übrigens nicht nur die „Krämer aus dem Tempel heraus[trieb]“, sondern auch die „Wechsler“, die – dem gängigen Gemeinplatz zufolge kaum je mit dem ehrlichsten Ruf ausgestattet – vielleicht nicht zufällig eine gelungene Rückanbindung an die Münzmetapher ermöglichen (also an das Täuschen mit falscher oder schlechter Münze). Das Beispiel der Vertreibung derer, die das Heiligtum des Jerusalemer Tempels vom Bethaus zur Räuberhöhle entweihten (vgl. Matthäus 21,22), wird in Wagners Übertragung nun aber nicht nur auf die Kirche seiner Zeit, sondern neben der Entweihung ihrer „Heiligthümer“ auch auf diejenigen des Staates und der Familie angewendet (Z. 14f.); auch dafür gilt es, die Verantwortlichen herauszufegen (Z. 15), wiederum nicht nur für ihre Taten, sondern erneut auch für ihre Worte (ebd.). Die Stelle hat es nun in sich: Für die Entweihung der Heiligtümer der Kirche (wohl: für die Entweihung ihrer geoffenbarten Grundsätze) aus ihr oder der Gemeinschaft der Gläubigen herausgefegt zu werden, würde Materialisten wie Vogt kaum berühren; etwas anders dürfte es aber mit dem zweiten Punkt stehen (hinsichtlich der Entweihung der ,Heiligthümer‘ von Staat und Familie). Da dem frivolen Materialismus vorgeworfen worden war, nicht nur zur Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung, sondern auch der „nationalen Bildung“ zu führen (Text 2a, Z. 58), kann man unter den Heiligthümern des Staates wohl (auch) diese Bildung und ihre Institutionen, allem voran die Universitäten verstehen, so dass man in diesem Punkt bspw. eine wenig verhohlene Aufforderung zur Entlassung von Materialisten aus dem universitären Staatsdienst sehen kann. Die

129 Stelle erhält zusätzliche Brisanz, wenn man bedenkt, dass dieses Schicksal drei prominenten Materialisten auch tatsächlich zuteil wurde: Vogts Amtsenthebung als Professor in Gießen durch den Minister Heinrich Karl Jaup war v.a. mit seiner kirchenkritischen Rede in der Nationalversammlung und mit der Frivolität seiner Gesinnung (!) begründet worden (vgl. oben, Kap. 2.3.1.4.6), zudem befand er sich seit 1849 im schweizerischen Exil, nachdem er für seine Rolle während der Revolution tatsächlich auch aus dem Staat selbst ,herausgefegt‘ worden war; Jakob Moleschott in Heidelberg wurde später, 1854, für seine materialistischen Veröffentlichungen mit dem Entzug der Lehrerlaubnis gedroht, woraufhin er die Universität freiwillig verließ und ebenfalls in die Schweiz ging (vgl. Wittich 1971b: xliii; Degen 1954: 274); und Ludwig Büchner verlor im Folgejahr für Kraft und Stoff seine Assistenzarztstelle und seine Lehrerlaubnis in Tübingen, auch wenn er in Deutschland bleiben konnte (vgl. Wittich 1971b: liv). Wagners vorrangiges Abzielen auf die frivolen Materialisten und ihre Sympathisanten an der vorliegenden Stelle, und erneut v.a. auf Vogt, zeigt sich bei all dem auch in der Wortwahl: Für das Entweihen der Heiligthümer wird das Verb besudeln verwendet (Text 2b, Z. 15), nachdem früher (Text 2a, Z. 51ff.) Vogts politischen Positionen noch nicht einmal der Wert von Galle oder Urin (und damit gerade umgekehrt der ,Wert‘ von etwas noch Schmutzigerem) zugerechnet worden war; entsprechend solle man die „Gesellen“ (Text 2b, Z. 14) nun auch – ganz wie Schmutz – „herausfegen“ (Z. 15). Wagner treibt seinen Angriff auf den Materialismus hier auf die Spitze, indem er nicht mehr nur verbale Vorwürfe oder Anklagen erhebt, sondern den Ruf nach der Aktion staatlicherseits ergehen lässt und die Gefahr des Materialismus dem Leser gegenüber damit wohl auf eine der deutlichsten überhaupt denkbaren Weisen unterstreicht: indem er die Angemessenheit dieses Rufes impliziert. Wenn man die Äußerungen in Text 2b (v.a. Z. 12ff.) nun aber nicht so sehr (aufgrund von Kontext und Hintergrundwissen) auf die Materialisten im akademischen Bildungsbereich beschränken will, lässt sich die Stelle darüber hinaus auch durchaus als eine Art von allgemeinem Aufruf gegen gesellschaftsgefährdende Elemente lesen, und spätestens hier würde dann die erwähnte Grenze zur Agitation, mit dem Übergang vom bloßen Reden zur allgemeinen Handlungsaufforderung an alle Bedrohten oder sich bedroht Fühlenden, überschritten: Wagner sagt immerhin ausdrücklich, es sei „ganz in der Ordnung, daß wir“ die besagten Gesellen herausfegen (Z. 13ff.), wobei ,wir‘ hier nicht mehr nur als Pluralis Auctoris verstanden werden kann. Die Bedrohten oder sich bedroht Fühlenden sind es hier wirklich, worauf es anzukommen scheint, denn das von Wagner vermittelte Bedrohungsgefühl kann durchaus als Potenzial zur Handlungsaktivierung bewertet werden. Weiter oben (Kap. 1.6) war nach Hassenstein (1968: 2ff.) darauf verwiesen worden, dass „verbal geäußerte Aggression [...] einen emotionalen Werbe-

130 wert hat“, dass sie neben rationalen Überzeugungsgründen zur Motivation für Haltungen oder Handlungen werden kann, insofern die Emotionalität des Redners auf die Zuhörer übergeht und diese mit ihm solidarisiert – dies sicher v.a. dann, wenn die emotionale Erregtheit des Redners als Reaktion auf eine äußere Bedrohung verstanden wird, die auch die Hörer betrifft. Vielleicht gerade weil das offen emotionale Auftreten in der geschriebenen Auseinandersetzung eher verpönt und möglicherweise sogar normwidrig ist (vgl. Dieckmann 2005: 161, der Norm 5.3.4 mit einem „(?)“ versieht), versucht Wagner nun aber zu emotionalisieren, ohne sich selbst emotional erregt zu zeigen, sondern indem er beim Leser ,nur‘ durch seine weitestgehend konstativen Äußerungen zu den Gefahren (v.a.) des Materialismus ein gewisses Maß an Angst erzeugt (vgl. den ganzen Text 2b, sowie Text 2a, Z. 55ff. und 13ff.); Angst, die unter bestimmten Bedingungen eben zu einem starken Motiv für präventives oder bereits als Verteidigung verstandenes Handeln werden kann. Dagegen, dass Wagner hier wirklich die christliche/konservative Öffentlichkeit zur Ausstoßung Andersdenkender aus ihrer Mitte – aus der Kirche, aus dem Staat (und/oder seinen Institutionen) und im Extremfall sogar aus dem privatesten Bereich: der Familie – bewegen will, sprechen eigentlich keine textinternen Gründe; wohl aber sollten pragmatische Gründe dagegen sprechen. Dieckmann (2005: 235ff.) zufolge lässt sich durch Berufung auf die Absicht zur Abwendung von Gefahr für das Gemeinwohl (worauf es bei Wagner hinausläuft) zwar quasi jeder Verstoß gegen Streitnormen entschuldigen bzw. rechtfertigen; den Fall der Agitation berücksichtigt er in seinem Normenkatalog aber immerhin nicht ausdrücklich, und die akzeptierte Reaktion auf Gefahr für das Gemeinwohl scheint auch seinen Textbelegen zufolge v.a. in der Offenlegung der Gefahr zu liegen (dies dann u.U. auch unter Verstoß gegen ,gewöhnlicherweise‘ einzuhaltende Normen). Auch wenn es dem Bürger also freistehen mag, nach dem Staat zu rufen, darf es doch wohl als äußerst fraglich gelten, ob sich mit dem Gemeinwohl auch die allgemeine Aufforderung nach der Aktion durch einen Privatmann rechtfertigen lässt (oder ließ), auch wenn dieser ein prominenter Forscher ist (oder war). Zumindest angesichts seiner weiteren Interpretierbarkeit stellt sich Wagners Text 2b damit, wegen seiner potenziellen Konsequenzen, als hochproblematisch dar, wobei man am Ende nicht vergessen darf, dass Wagner das Herausfegen der Gegner v.a. daher „ganz in der Ordnung“ (Z. 13f.) findet, da er damit ja dem „Beispiel des Heilandes“ folgt (Z. 12). Es muss jedoch auch gesagt werden, dass Wagner im folgenden Absatz seines sechsten Briefes die soeben dargelegte weitreichende und scharfe Interpretierbarkeit von Text 2b – nachträglich – wieder einschränkt (zu allen folgenden Zitaten, vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 315; jew. eig. Hervorh.). Zum einen vermittelt er dort den Eindruck, sich doch auf den kirchlichen Bereich beschränkt haben

131 zu wollen, wenn er nach allem Vorausgehenden sagt, dass es ein „Irrthum“ sei, wenn man „die Menschen nicht bloß aus den Tempeln heraus, sondern [...] sie auch in sie hineinprügeln will“ (zumal er „nach einem Beispiel [dafür] vergebens in der Schrift suche“); und zum anderen solle man „die Diener des Staates und der Kirche“ lediglich „fest an ihren Eiden halten und Eidbrüche bestrafen“, was die Maßnahmen in diesem Bereich wiederum auf die Behörden und auf ordentliche dienstrechtliche Mittel beschränkt (also noch nicht einmal auf ideologische Säuberungen, wie man oben vielleicht den Eindruck gewinnen konnte). Es muss letztlich offen bleiben, ob Wagner die weite Interpretierbarkeit von Text 2b bewusst in Kauf nimmt (und hier im Klartext relativiert, um erwarteten Gegenangriffen den Wind aus den Segeln zu nehmen) oder ob er in seinen Formulierungen unabsichtlich über sein eigentliches Ziel hinausschießt. Festzuhalten bleibt aber, dass Wagner seinen Gegner Vogt im sechsten Physiologischen Brief zu einem oberflächlichen Forscher mit unhaltbaren, unzulässig vereinfachten wissenschaftlichen Ansichten abwertet (wobei die physiologische Widerlegung des Gegners und die implizite Etablierung der eigenen Position von argumentativen Kunstgriffen geprägt ist); dass er ihn ferner für seine politischen Positionen (für die Vogt in scharfer Form persönlich, wenn auch vordergründig verdeckt diskreditiert wird) und für deren enge Verzahnung mit seinem frivolen wissenschaftlichen Materialismus unzweifelhaft als eine Bedrohung für die gesellschaftliche, staatliche und kirchliche Ordnung aufzeigt; und dass er aufgrund dieses letzten Punktes zumindest die offiziellen Stellen zum Handeln gegen den Materialismus bewegen will. Insgesamt kann man damit sagen, dass er in seinem Angriff auf Vogt und den Materialismus den Kampfplatz mit äußerst schweren Waffen betritt, wobei es interessant ist, dass der christliche Wissenschaftler Wagner dabei – in der Mitte des 19. Jahrhunderts – ein Auftreten an den Tag legt, das nicht wenig an die religiösen bzw. konfessionellen publizistischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts, wie z.B. Schwitalla (2007: 91 bzw. 108f.) sie charakterisiert, erinnert. Erwähnenswert ist hier noch, dass Wagner dem Materialismus bzw. Vogt nicht explizit vorwirft, die Wissenschaft zur Verwirklichung der eigenen gesellschaftlichen Vorstellungen nur zu instrumentalisieren; in Text 2a entsteht ja sogar eher der Eindruck, dass der Materialismus sich in seinen Positionen v.a. irrt und deshalb in den Folgerungen, die er zieht, eine Gefahr ist (er vereinfacht eben, ist gedankenlos; vgl. Text 2a, Z. 48ff. und 68). Erst in Text 2b ändert sich dieses Bild bedingt: Die „angebliche[n] Resultate der Wissenschaft“ (Z. 2f.) implizieren, wie oben schon gesagt, vielleicht, aber immer noch nicht notwendig die Lüge. Aber selbst dann entstünde nicht der Eindruck, dass der Materialismus (bzw. Vogt) die bestehende Ordnung durch irgend etwas ersetzen will, sondern dass es ihm v.a. darum geht, sie zu zerstören (bzw. zu zersetzen); er würde damit also nicht in einer konstruktiven

132 (wenn auch fehlgeleiteten), sondern bestenfalls in einer rein destruktiven Absicht instrumentalisieren: Die Angst, die Wagner also letztlich hervorruft, scheint die vor dem Chaos zu sein.

3.3

Vogts Beschäftigung mit Wagner in den Bildern aus dem Thierleben

Vogt geht in seiner umfangreichen Monographie Bilder aus dem Thierleben von 1852 an mehreren Stellen auf Wagner und dessen Physiologische Briefe ein. Er tut dies jedoch auf eine sehr interessante Art und Weise, die den Erwartungen an eine Erwiderung auf einen vorausgehenden persönlichen Angriff in vielerlei Hinsicht zuwiderläuft – zumindest auf den ersten Blick, denn während eine direkte Entgegnung auf der Äußerungsebene unterbleibt, ist sie auf der pragmatischen, zwischen den Zeilen, dann doch kaum zu übersehen.72 Vogt gelingt es, durch ein Vorgehen, das in seiner Gesamtanlage als ,dreigleisig‘ bezeichnet werden kann und sich in mehreren meist sehr kurzen Einzelpassagen über das gesamte Buch erstreckt, eine äußerst wirkungsvolle Replik zu liefern.

3.3.1

Das Werk

Vogts Bilder aus dem Thierleben (im Folgenden: Bilder) erschienen im letzten Drittel des Jahres 1852. Das Vorwort ist auf den 15. September datiert, Wagner (dessen letzter Physiologischer Brief am 1. Juli 1852 erschienen war) spricht von ihnen in seiner Erwiderung vom 22. und 23. November 1852 als von einem „so eben erschienenen Buche“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225). Das Erscheinen der Bilder fällt damit in die Zeit, als Vogt seine Geologie- und Paläontologie-Professur in Genf antrat; entstanden waren sie, wie oben erwähnt, nach seiner zweiten Flucht aus Deutschland, während und nach einem Forschungsaufenthalt an der ligurischen Mittelmeerküste bei Nizza. Die Bilder befassen sich dabei in fünf Kapiteln auf 452 Seiten mit mehreren Themenkomplexen. Nach einem kurzen Einstiegskapitel, in dem u.a. mit der Schilderung des Thunfischfangs einige skizzenhafte Impressionen aus Vogts Forschungsgebiet gegeben werden, erfolgt der Einstieg in die wissenschaftlichen Fragen erst mit dem zweiten Kapitel (mit dem Titel: Sal72

Zur Unterscheidung in Äußerungs- und pragmatische Ebene, vgl. oben, Anm. 10 dieses Kapitels.

133 pen), das die Physiologie und Fortpflanzung einer bestimmten Art meeresbewohnender Manteltiere (eben der Salpen) behandelt und an das sich ein ähnliches drittes Kapitel zur Fortpflanzung und Entwicklung anderer niederer Wasserlebewesen anschließt (mit dem Titel: Die Erzeugung der Jungen). In diesen beiden Kapiteln dominiert die detaillierte physiologische Sachinformation, vermittelt in einer weitgehend nüchternen und deskriptiven Sprache, die bspw. auch nur wenige lateinische Fachausdrücke enthält (bzw. sie dort, wo sie fallen, nicht stillschweigend als bekannt voraussetzt, sondern erklärt) und damit auf eine breite Verständlichkeit, wiederum in allgemein gebildeten Kreisen, außerhalb des Fachbereichs der Physiologie, angelegt ist. Diese Nüchternheit, die ja schon für Vogts Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände charakteristisch war, wird hier aber doch mehrfach (in teils unterhaltsamer Weise) durchbrochen: So spricht Vogt den Leser mehrfach direkt (mit ,du‘) an, wenn er an einer Stelle davon berichtet, wo und auf welche Weise man Salpen findet bzw. fängt, und holt ihn damit ins Forschungsgeschehen mit hinein (vgl. Vogt 1852a: 31f.),73 oder er lässt sich sogar selbst von seinen Forschungsobjekten in wörtlicher Rede zur Eile bei deren Untersuchung antreiben (Vogt 1852a, 67).74 Als weitere und für diese Analyse wichtigere Abweichungen von der nüchternen Sachlichkeit sind aber die zahlreichen Stellen der (teilweise, aber nicht ausschließlich persönlichen) Kritik und/oder des Spottes für andere Forscher und deren Ansichten in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen zu erwähnen,75 darunter Stellen gegen Vogts alten Gießener Lehrer Wilbrand (den Naturphilosophen) sowie gegen Agassiz und – natürlich – gegen Wagner. Im vierten Kapitel der Bilder (mit dem Titel: Untergegangene Schöpfungen), das insgesamt sehr religionskritisch gehalten ist und sich nachdrücklich und teils voller Hohn und Spott v.a. gegen die Notwendigkeit eines Schöpfergottes ausspricht,76 legt Vogt dann als nächstes seine Ansicht mehrerer aufeinander folgender natürlicher ,Schöpfungen‘ in unterschiedlichen erdgeschichtlichen Perioden dar. Auch dabei steht neben der nüchternen naturwis73

74

75

76

„Wenn du in der blauen Fluth, dem Wellenschlage und der Strömung folgend, in geringer Tiefe unter der Oberfläche eine Reihe von gelblichen oder bräunlichen Körpern siehst, etwa von Haselnußgröße oder kleiner, welche wie von einem unsichtbaren Bande gehalten sich sanft schaukeln, so senke dein Netz so hinab, daß der Anfang dieser Knotenreihe hineinstürzt. [...] Leere dein Netz in ein weites Glasgefäß um, das du mit frischem Seewasser füllst, so daß die Thiere hinlänglich Raum haben und gib ihnen Zeit, sich von dem ersten Schrecken zu erholen.“ „Zu mir! rief mir dort eine neue Medusenform zu, zeichne mich ehe ich sterbe und vergehe! Hierher! winkte aus einem andern Glase ein Blasenträger, ich lasse schon im Todeskampfe meine Schwimmblase fahren!“ Vgl. Vogt (1852a: 51, 54f., 59ff., 100f., 125f., 132f., 224f.). Entsprechende Stellen finden sich auch im vierten Kapitel (vgl. ebd.: 315ff., 322, 362f., 368ff.). Vgl. Vogt (1852a: v.a. 315–323 und 366–381).

134 senschaftlichen Sachinformation wieder viel Kritik an anderen Ansätzen und Forschern, wobei Vogt trotz aller Äußerungen ad personam aber doch auch immer wieder ad rem, also zur in Frage stehenden Sache selbst zurückkehrt: So wird in Hinblick auf das Problem, dass einerseits der biblischen Überlieferung zufolge der Tod erst mit dem Sündenfall, also mit dem Menschen, in die Welt gekommen sei, dass andererseits aber fossile Überreste aus geologischen Schichten, die weit älter als der Mensch sind, doch bereits auf ein Leben und v.a. auf ein Sterben in dieser ältesten Zeit verweisen, zwar Karl von Raumers77 Ansicht, dass die zu findenden Fossilien nie wirklich gelebt hätten, lächerlich gemacht;78 Vogt belegt seine davon abweichende Ansicht dann aber auch durch Argumente, indem er konkret darauf verweist, dass versteinerte Individuen verschiedenen Alters zu finden seien, dass versteinerte Muscheln und Schnecken Wachstumsstreifen aufwiesen und dass bei vielen Fossilien der Mageninhalt mitversteinert sei, was jeweils als Beleg für Lebensprozesse betrachtet werden müsse, die mit dem Tod zu einem Ende gekommen sind (vgl. Vogt 1852a: 315ff., v.a. 320ff.).79 Im Mittelpunkt des abschließenden und recht kurzen fünften Kapitels Thierseelen steht mit den geistigen Fähigkeiten von Mensch und Tier schließlich eines der zentralen Streitthemen von materialistischen Monisten und Dualisten; da das Kapitel in fast seinem gesamten Umfang streitrelevant ist, soll es erst später, im Lauf der eigentlichen Analyse, näher besprochen werden. Zusammenfassend handelt es sich bei den Bildern aus dem Thierleben bei all dem nun um eine umfangreiche Fülle physiologischer und allgemein naturwissenschaftlicher Informationen für den interessierten und gebildeten Laien, zu der Vogt aber auch etliches in eigener Sache beigibt: neben gegen77

78

79

Karl Georg von Raumer (1783–1865), Geologe, Geograph und Pädagoge, war seit 1827 Professor für Naturgeschichte in Erlangen; Raumer hatte Verbindungen zur Erweckungsbewegung und war Mitherausgeber von Wilhelm Hengstenbergs Evangelischer Kirchenzeitung und Adolf Harleß‘ Zeitschrift für Protestantismus und Kirche, an der ja zeitweilig auch Wagner mitarbeitete (vgl. Killy/Vierhaus 1995ff., Bd. 8: 162). In Vogts (1852a: 321) eigenen Worten: „Da liegen Knochen von Verstorbenen, die gestorben sein sollen, ehe der Tod existirte! Geschwind, frommer Mann, eine Hypothese, um den Glauben zu retten! Da ist sie! Diese Individuen, diese Thiere, diese Pflanzen, haben nie gelebt, haben also auch nie sterben können – sie sind eine Entwicklungsfolge nie geborener Embryonen, Scheinwesen, die eine Traumexistenz geführt, aber kein wirkliches Leben gehabt haben. Scheinwesen ohne wahres Leben, wenn gleich mit vollständiger innerer und äußerer Organisation [...]. Uns Laien freilich ist dies unbegreiflich [...].“ Ähnlich verhält es sich bei der umfangreichen Beschäftigung mit Louis Agassiz, wo Vogt (vgl. 1852a: 368ff.) zunächst dessen Ansicht zitiert, dass die Vielfalt der Arten die Annahme eines Schöpfergottes nötig mache, sie anschließend verhöhnt (vgl. ebd.: 370) und zuletzt durch eine argumentative Kritik des gegnerischen Gedankengangs zu entkräften sucht (vgl. ebd.: 371ff.).

135 standsbezogener Kritik fremder Ansätze (sowie der Wiederholung bekannten materialistischen Gedankenguts) auch viel persönliche Polemik; darunter eben nicht zuletzt seine über fast das ganze Buch verstreute Beschäftigung mit Rudolph Wagner und dessen Physiologischen Briefen.

3.3.2

Vorbemerkung zu Vogts Auseinandersetzung mit Wagner in den Bildern

Der verbale Streit, egal ob gesprochensprachlich oder schriftlich, und damit auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung, ist nach Marcelo Dascal als Quasi-Dialog80 eine Form der Konversation. Als solche wird er unter der Annahme geführt (und analysiert), dass in ihm das kooperative Prinzip von H.P. Grice (vgl. 1975: 45)81 eingehalten wird. Als wichtigste der Konversationsmaximen, die Grice diesem Prinzip unterordnet, ist Dascal (1989) zufolge die der Relevanz zu nennen („Be relevant“; Grice 1975: 46), denn das, was für jeden einzelnen Beitrag als relevant betrachtet werden muss, d.h. das, worauf in ihm einzugehen ist, werde immer zumindest teilweise von den vorausgehenden Äußerungen (mit)bestimmt (vgl. v.a. Dascal 1989: 149f.; ders. 1977: 315ff. und 319ff., sowie ders: 1990). Dascal (1977) bezeichnet die Anforderung an den relevanten Anschluss eines Folgebeitrags in der dialogischen (und quasi-dialogischen) Konversation allgemein als conversational demand, Schwitalla (1987: 153f.) spricht entsprechend von der „Ratifizierung“ eines vorausgehenden Beitrags durch „eine positiv82 reagierende Entsprechung“. In der Kontroverse (als noch undifferenzierter Terminus für die wissenschaftliche Auseinandersetzung) spricht Dascal nun entsprechend dem conversational demand vom controversy’s demand (vgl. Dascal 1990: 72ff.), und da in geschriebenen Auseinandersetzungen der Einzelbeitrag in aller Regel als ein eher umfangreicher Text in Erscheinung tritt, in dem eine Vielzahl von inhaltlichen Themen angesprochen (und der Gegner unter meh80

81

82

Dascal (1989) spricht dabei noch undifferenziert von der Kontroverse und betrachtet sie (ebd.: 157) deshalb als Quasi-Dialog, da sie sich, anders als gewöhnliche Dialoge, nicht allein (bzw. nicht v.a.) zwischen den Beteiligten abspielt, sondern in ihrer Ausgestaltung auch eine i.d.R. passive Zuhörerschaft mitberücksichtigen muss; dies trifft in Dascals späterer Unterscheidung von Auseinandersetzungstypen (Dascal 1998 und 1995) natürlich sowohl auf die Kontroverse als auch auf den Disput zu (und gilt natürlich auch für die offene Polemik). „Make your conversational contribution such as is required, at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged.“ Vgl. insgesamt Grice (1975 und 1978). Positiv heißt dabei: der vermuteten Erwartung des Gegenübers entsprechend, „so wie der Sprecher glaubt, daß er nach dem Wunsch des andern reagieren sollte.“

136 reren Aspekten angegriffen) werden kann, ergeben sich aus entsprechenden Beiträgen meist auch mehrere controversy’s demands. Im Fall von Wagners Angriff auf Vogt ist insofern zunächst ganz allgemein eine direkte Reaktion des Angegriffenen zu erwarten: eine Erwiderung Vogts auf bzw. eine Verteidigung gegen die Herabsetzung und Verunglimpfung seiner wissenschaftlichen Fähigkeiten und seiner politischer Positionen, zudem eine Stellungnahme oder Erwiderung bezüglich der Warnung vor seiner angeblichen Irrlehre und ihren Gefahren sowie auch bezüglich des Rufs nach Gegenmaßnahmen. Und auch wenn, wie gesehen, durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Materialismus und dem Streben nach sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen besteht, so hätte Vogt seinen Gegner hier leicht für einen Angriff anprangern können, der v.a. hinsichtlich seiner (d.h. Vogts) politischen Positionen in scharfer Form ad personam gerichtet war (zumindest auf der pragmatischen Ebene) und damit gegen die von Dieckmann (2005: 155ff. und 192ff.) ermittelten Streitnormen 5.3.2 und 5.4.4 verstieß, die die persönliche Diskreditierung eines Gegners ausschließen. In Bezug auf die physiologische ,Widerlegung‘ des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs, die ad rem geführt wurde, wäre zudem eine Erwiderung auf Wagners falsche Darstellung von Vogts Äußerungen (als Beweis statt als Illustration) zu erwarten gewesen: also entweder der Vorwurf des Verstoßes gegen die Norm, den gegnerischen Standpunkt nicht falsch darzustellen (vgl. Dieckmann 2005: 180ff., Norm 5.4.2),83 oder vielleicht (bei Annahme eines Fehlverstehens auf Wagners Seite, das im Sinne eines Inkompetenzvorwurfs auch unterstellbar gewesen wäre) der Verstoß gegen die Norm, sich nicht zu Dingen zu äußern, von denen man nichts versteht (vgl. ebd.: 144ff., Norm 5.2.2). Dabei darf hinsichtlich dieser Erwartungen natürlich auch nicht übersehen werden, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung (die ja in der Regel vordergründig als rationale Kontroverse geführt wird) vor Publikum erfolgt und dass die ,sachlichen‘ Klarstellungen v.a. diesem Publikum geschuldet sind, das aufgeklärt werden muss/darf/sollte, wenn es vom Gegner getäuscht oder (unabsichtlich) falsch informiert wird. Es ist anzunehmen, dass auch Wagner entsprechende Reaktionen Vogts erwartete. Es ist auch nicht auszuschließen, dass er vielleicht sogar beabsichtigte, ihn durch sein sehr persönliches und v.a. durch sein agitatorisches Auftreten zu einer unbedachten, emotionalen Gegenreaktion zu reizen, die die Gefährlichkeit des Gegners dann gerade untermauert hätte – etwa wenn er seinerseits zu Maßnahmen gegen Wagner aufgerufen oder sich am Ende gar unbedacht gegen die angerufenen Instanzen ausgesprochen hätte, die Wagner in die Pflicht nehmen wollte; denn gerade der Ruf nach Maßnahmen gegen Irrlehren in Text 2b bot wohl am meisten Raum für eine heftige Reaktion. 83

Vgl. entsprechend auch Groeben/Schreier/Christmann (1993: 377, Punkt III.6).

137 Allgemein wäre eine direkte persönliche Erwiderung Vogts bei all dem legitim gewesen; auch Dieckmann (2005: 224ff. und 229ff., Normen 5.6.1 und 5.6.2) gesteht auf der Grundlage seiner Untersuchung dem persönlich Angegriffenen die Verteidigung zu, unter Umständen sogar bis hin zur Vergeltung von Gleichem mit Gleichem. Die Rechtfertigung dessen läge dabei in der Wiederherstellung der persönlichen Ehre, die in diesem Fall höher zu bewerten wäre als der Verstoß gegen die Norm, keine eigennützigen Zwecke zu verfolgen (zu denen selbst die Verteidigung in eigener Sache eigentlich zählt).84 Vogt handelt den legitimen und aus Wagners Angriff zudem als controversy’s demands resultierenden Erwartungen nun aber, wie gesagt, zumindest auf der Äußerungsebene unerwartet zuwider. Der Grund dafür kann nicht in der Unkenntnis des Angriffs liegen, denn zum einen erweist sich die Erwiderung ja zwischen den Zeilen als vorhanden und zum anderen gibt Vogt durchaus Hinweise (wenn auch keine erwidernden) auf Wagners Angriff. Vogt scheint in dem Maße, wie sein Gegner ihn auf ein bestimmtes reaktives Verhalten festzulegen sucht, darum bemüht zu sein, das Heft des Handelns in der eigenen Hand zu behalten, um über die Art seines Vorgehens gegen ihn selbst entscheiden zu können. Somit erscheinen das Verhalten Wagners und Vogts als Versuche dessen, was Kallmeyer/Schmitt (1996: 21ff.) als Forcieren bezeichnen: als die Absicht des „Vergrößern[s] eigener Rechte und fremder Pflichten“ in der Kommunikation (ebd: 21). Vogt geht in seinem Vorgehen dabei nun, wie oben angedeutet, ,dreigleisig‘ vor.

3.3.3

Die Analyse

3.3.3.1 Das erste ,Gleis‘: Wagner und dessen Physiologische Briefe 3.3.3.1.1 Gespräch mit einem Freund Im eigentlichen Haupttext der Bilder aus dem Thierleben wird Wagner mehrfach sehr kurz, v.a. unter allgemeiner Bezugnahme auf seine Physiologischen Briefe und seine Religiosität erwähnt. Den Anfang macht eine längere Passage, deren Relevanz für die vorliegende Untersuchung erst an ihrem Ende erkennbar wird, dann nämlich, wenn auch Wagners Name zum ersten Mal in den Bildern überhaupt fällt. In der entsprechenden Stelle (vgl. Vogt 1852a: 161–165) geht es dabei um bestimmte Arten niederer Wasserlebewesen, die in Verbänden (,Colonien‘) zusammenleben, in denen „ein mehr oder minder inniger Zusammenhang einzelner Individuen hergestellt“ wird (ebd.: 161) und in denen die Einzeltiere z.T. auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind – so dass sich nicht jedes Individuum selbst um alle Aufgaben kümmern muss, 84

Dieckmann (2005: 150ff., Norm 5.3.1.).

138 die für die eigene Erhaltung und für die der Kolonie notwendig sind. Die Stelle, die zunächst das Problem des Willens in solchen Kolonien thematisiert, ist fast ausschließlich als dialogische Sequenz zwischen Vogt und „einem Freunde“ realisiert, der (was später wieder von Bedeutung sein wird) „von Naturwissenschaften gar nichts versteht, aber sich ziemlich viel, vielleicht zu viel mit theologischen und philosophischen Studien abgegeben hat“ (ebd.; eig. Hervorh.). Letztendlich kann dabei nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass der Szene und dem Gespräch keine tatsächliche Begebenheit zugrunde liegt; da das Ganze sehr zielstrebig in eine Richtung verläuft, die Vogt für seine Belange instrumentalisieren kann, liegt aber natürlich der Verdacht nahe, dass es sich insgesamt oder zumindest im Detail um eine ,Inszenierung‘ unter Vogts Regie handelt. Von vorrangiger Bedeutung ist das Bild, das vom Verhalten des Freundes entsteht: Vogt versucht, ihm, der sehr skeptisch gezeichnet wird, zu erklären, dass die Kolonie von Polypen, die beide im Labor betrachten, als Ganzes „einen85 bestimmten Willen habe, der sich auch in ganz bestimmten Handlungen äußere“ (ebd.). Vogt stützt dies durch die Beobachtung, dass stets das Ganze der Kolonie auf Außenreize reagiere, nicht nur die gereizten Teile (vgl. ebd.), und veranschaulicht dies durch den Vergleich, dass alle Teile des besagten Ganzen im Falle eines Reizes nach derselben Richtung arbeiteten, „wie Reihen von bewaffneten Menschenmaschinen (in der gemeinüblichen Sprache Soldaten genannt), die dem Commando eines Einzelnen, einem individuellen [!] Willen gehorchen“ (ebd.: 162); der Freund werde sich aufgrund dessen „ohne Mühe überzeugen, daß ein gemeinsamer [!] Wille diese kleine Polypenwelt regiert“ (ebd.). Die Kritik, die an dieser argumentativen Stützung und dem beigefügten Vergleich zu üben ist, dürfte auf der Hand liegen: Gemeinsames Reagieren kann auch durch Koordination selbständiger, u.U. sogar gleichberechtigter Individuen erfolgen, so dass die gegebene Beobachtung Vogt in der Annahme eines alle Individuen umfassenden gemeinsamen Willens nicht notwendig Recht geben muss; zudem verbildlicht er den gemeinsamen Willen tatsächlich durch den angeführten Soldatenvergleich, obwohl dieser gerade für eine solche Art der Koordination steht, in der ein separater Einzelner anderen separaten Einzelnen seinen (wie es Vogt sogar selbst sagt) „individuellen Willen“ aufzwingt, ohne dass man das Resultat dann als einen überindividuellen „gemeinsame[n] Wille[n]“ bezeichnen könnte (wie Vogt es gleichzeitig dennoch tut). Die argumentative Stützung und ihre Veranschaulichung, die dem Ganzen sogar zuwider läuft, sind also äußerst problematisch zu bewerten. Relevant am Verhalten des Freundes ist nun, dass er Vogt dennoch nicht widerspricht; und wenn er „das Glas [mit den Polypen] eine Weile sinnend“ betrachtet (ebd.), tut er das nicht aufgrund 85

D.h. hier: einen gemeinsamen, die Individuen übergreifenden Willen.

139 von Zweifeln an der Argumentation, sondern weil ihn die Beobachtung, durch die diese angeblich gestützt wird, in seiner entgegengesetzten Überzeugung verunsichert, die (wie man als Leser zu diesem Zeitpunkt bereits vermuten darf) etwas mit seinen erwähnten theologischen (und philosophischen) Studien zu tun haben dürfte. Genau diese Verunsicherung ist nun auch das Zentrale für später. Um wieder zum Text zurückzukehren: Obwohl die Kolonie also (zumindest Vogts Argumentation zufolge) einen Gemeinwillen habe, bestehe sie dennoch aus einzelnen Individuen, die gleichzeitig auch über je einen eigenen Einzelwillen verfügten; darüber könne „kaum mehr ein Zweifel sein“ (ebd.). Vogts Argument ist diesmal die Beobachtung, dass die Teile der Kolonie gleichzeitig unterschiedliche, teils entgegengesetzte Handlungen vollziehen könnten: „Während der Eine seine Fangfäden aussendet, zieht der Andere sie ein – wenn der Eine schluckt, saugt sich der Andere an, dieser bläht sich auf, Jener zieht sich zusammen“ (ebd.). Doch auch hier ist die Kritik schnell geübt, denn auch verschiedene Gliedmaßen des Menschen können gleichzeitig sehr unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, ohne dass Vogt ihnen deshalb gleich einen jeweils eigenen Willen zugestehen würde.86 Das Argument ist also, so wie bereits das obige, keinesfalls hinreichend (geschweige denn überzeugungskräftig) für den daraus gezogenen Schluss; dennoch fordert Vogt den Freund nun auf, das Geschilderte, nämlich die unabhängigen Bewegungen der einzelnen Polypen der Kolonie, genau zu beobachten, und stellt ihm dann die Frage, ob er noch daran zweifeln könne, dass sie tatsächlich auch einen Einzelwillen hätten. „Ich möchte es gern, aber es ist doch unmöglich, dies zu läugnen, sagte er87 halblaut nach einer Weile“ (ebd.: 163). Auch hier akzeptiert der Freund Vogts Argumentation erneut nur unter ,Bauchschmerzen‘ – und dies wiederum nicht, weil sie ihm argumentativ problematisch, sondern gerade weil sie ihm in Verbindung mit der Beobachtung, wenn auch entgegen seiner Neigung, als überzeugend erscheint. Aber erst als er nach Vogts weiteren Ausführungen am Ende doch noch ärgerlich wird und in Erfahrung zu bringen sucht, ob der Wille der Kolonie nicht vielleicht nur die Summe der Einzelwillen ihrer Individuen sein könnte, die sich untereinander koordinierten, so dass der bloße Eindruck eines Gesamtwillens entstehe (dies entspricht der ersten oben geübten Argumentationskritik), erst dann wird der Freund endgültig als jemand dargestellt, der 86

87

Mit seinem hier vorgebrachten Argument kommt Vogt merkwürdigerweise in die gefährliche Nähe der ,Stützung‘ der Haltung, die er in seinen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (1847a: 206 [= Text 1, Z. 8ff.]) lächerlich gemacht hatte, als er ausführte, dass man den einzelnen Organen jeweils eigene Seelen zuschreiben müsste, wenn man den Leib/Seele-Dualismus beim Gehirn weiterbzw. zu Ende denke. D.h. der Freund.

140 trotz empirischer Beobachtungen die angeblich notwendigen Konsequenzen daraus nicht anerkennen will, weil sie ihm persönlich nicht behagen, und der deshalb nach einer Erklärung sucht, die ihm – wie er (d.h. der Freund) selbst sagt – „aus der Verlegenheit helfen“ könnte (ebd.: 164). Vor allem dieser Punkt wird ebenfalls noch von einiger Bedeutung sein. Der Haltung des Freundes gegenüber, die natürlich Unwissenschaftlichkeit impliziert, argumentiert Vogt nun wieder und begleitet seine Ausführungen dem Text zufolge mit einer entsprechenden Demonstration (vgl. im Folgenden ebd.: 164): Der Gesamtwille sei nicht die Summe der Einzelwillen, denn wenn man eine in einem Glas festgesaugte Kolonie mit der Schere kneife, so fliehe sie – und zwar derart hastig, dass Teile von ihr abrissen und am Glas festgesaugt zurückblieben. Vogt fragt den Freund nun, wohlgemerkt rhetorisch (ebd.): „Hältst du diese Opfer der übereilten Flucht etwa für eine dissentirende Minderheit, die [...] sich dem Beschlusse der feigen Majorität“ nicht fügen wolle? Und er impliziert damit natürlich (rhetorische Frage!), dass auch der Rest der Kolonie eigentlich fliehen will, es aber aus irgendeinem Grund nicht kann. Eine pragmatische Interpretation dessen, was Vogt damit sagen wollen muss, damit die Argumentation den Sinn bekommt, den er ihr nur geben wollen kann (nämlich den, dass der Gesamtwille nicht die Summe der Einzelwillen ist), lautet folgendermaßen: Die Gesamtkolonie will aufgrund ihres Gesamtwillens fliehen; die in der Hast vom größeren Teil losgerissenen Reste können sich dem aber nicht anschließen, weil sie von der Gesamtkolonie und damit auch von deren Gesamtwillen abgetrennt sind, von dem sie folglich nichts (mehr) wissen können. Wäre nun der Gesamtwille der Kolonie nur die Summe der Willen der einzelnen fliehen wollenden Teile, müssten diese auch selbständig für sich genommen fliehen können; da sie genau das aber nicht tun, irre der Freund mit seiner Annahme. Dass Vogt den Einzelpolypen zuvor durchaus einen Einzelwillen zugestanden hatte und ihnen diesen auch jetzt nicht explizit abspricht, dass sie aufgrund dessen also sehr wohl unabhängig von einer Gesamtkolonie und deren Willen den Entschluss zur Flucht auch völlig von selbst treffen können sollten und dass die Argumentation insofern wieder nicht zu dem Schluss führt, den Vogt ihr unterstellt, scheint Vogt hier ein weiteres Mal nicht zu stören. Für den Augenblick muss es jedoch genügen, zu sagen, dass Vogt insgesamt durchaus schlüssig argumentieren kann (wie er den Lesern vor dieser Stelle der Bilder bereits zu zeigen Gelegenheit hatte) und dass es ihm in dieser Passage folglich wohl nur nicht darauf ankommt; seine wirklichen Absichten liegen anderswo und sie beginnen sich zu zeigen, wenn der Freund mit einer Frage vom Problem der einzelnen und/oder gemeinsamen Willen zu dem der Seele übergeht:

141 TEXT 3a (Vogt 1852a: 164f.; Orig. in Fraktur): a

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Aber wo haben denn diese Thiere ihre Seele? Es sind doch beseelte Wesen, da sie einen Willen bethätigen. Du kannst doch nicht behaupten, daß es in der Thierwelt Colonie-seelen, Einzel-seelen und gar Halb-seelen gäbe, mit welchen etwa die Wesen behaftet wären, über deren Natur Ihr nicht ins Reine kommen könnt?a Sie werden gar keine Seele haben, antwortete ich ihm ganz gelassen. Die Erscheinungen, welche du hier siehst, sind natürliche Folgen der materiellen Organisation. Aha! rief er aus, du kommst wieder mit der Nierensekretion und der Hirnsekretion, die du in deinen physiologischen Briefen in so schmeichelhafte Parallele gebracht hast und wofür dich der Hofrath W a g n e r in Göttingen so tüchtig hergenommen hat. Danke schön. Ein andermal! Damit rannte er davon. a-a

Es spricht hier, wie gesagt, der Freund.

Dem Freund zufolge (auch wenn Vogt ihm die Worte in den Mund legt) heißt einen Willen bethätigen also auch: beseelt sein (Text 3a, Z.1f.). Und so stellt sich ihm die Frage, wo die Seele bei Kolonie-Lebewesen zu lokalisieren ist, da er analog zu den verschiedenen Gesamt- und Einzelwillen nicht auch „Colonie-seelen, Einzel-seelen und gar Halb-seelen“ annehmen will (Z. 2f.); schon die Tatsache, dass er seine Überlegung (Z. 2ff.) als Frage formuliert, zeigt, dass er vielleicht noch hofft, Vogts Ausführungen hinsichtlich ihrer entsprechenden Konsequenzen falsch zu verstehen. Vogt löst das Problem dann auch tatsächlich anders auf, nämlich in der bekannten materialistischmonistischen Art, indem er die Seele (d.h.: die Seele im dualistischen Sinn) in Abrede stellt und das, was man als Äußerung ihres Willens wahrnimmt, nur als „natürliche Folgen der materiellen Organisation“ (Z. 6) der jeweiligen Wesen erklärt; das heißt dann nichts anderes, als dass der Gesamtwille eine Folge der materiellen Organisation der Gesamtkolonie sei und der Einzelwille eine Folge der Organisation des darin enthaltenen Individuums. In dieser Stelle liegt dabei auch der Schlüssel zum unterschiedlichen Verständnis des Begriffs Wille für Vogt und den Freund: Für letzteren ist der Wille in der christlich-dualistischen Tradition Ausdruck der Seele, nämlich ihres animalischen Teils mit seinem Strebevermögen (vgl. Kap. 2.2.1); und auch wenn der Wille des Tieres, das ja über keine Vernunftseele verfügt, sicherlich nicht ebenso frei gedacht wird wie der des Menschen, so ist das Tier für den Freund offenbar doch mehr als die bloße cartesianische Maschine. Für Vogt dagegen ist Wille nichts anderes als ein Ausdruck für die Zielgerichtetheit menschlichen oder tierischen Handelns; eine Zielgerichtetheit, die als solche aber nicht im geringsten frei oder willkürlich, sondern völlig durch äußere Einflüsse (zu denen auch der eigene materielle Körper gehört) bedingt, von der Erfahrung modifiziert und damit ein notwendiger Teil der Kausalkette der physikalischen Welt ist – was dann (über Descartes hinaus bei allen Lebewesen, einschließlich des Menschen) eben auch keine eigenständige Seele als Träger des Willens nötig macht.

142 Die Art der Reaktion des Freundes auf Vogts Äußerung (Z. 7ff.) passt nun zu seinem früheren Verhalten. Der Freund war als skeptisch und unsicher gezeichnet worden; er betrachtete, was ihm gezeigt wurde, „sinnend“ (Vogt 1852a: 162) und es wurde mehr als klar, dass er sich durch die Beobachtungen, mit denen Gemein- und Einzelwille belegt werden sollten, nur ungern überzeugen ließ (vgl. oben). Dass er ärgerlich und gereizt reagierte, sogar aufbrauste (vgl. Vogt 1852a: 163f.), als Vogt mit seinen Ausführungen nicht locker ließ, zeigt ebenfalls, dass die Unterhaltung ihn stark verunsichert – insofern eben ihre Ergebnisse seinen eigentlichen (religiösen und philosophischen) Überzeugungen widersprechen. Dagegen qualifizierte Vogt sein eigenes kommunikatives Verhalten anfangs nicht, auch wenn seine Dialogsequenzen auf einen ruhigen Ton und ein sicheres Auftreten deuten; darauf, dass er weiß, wovon er redet und sich unangreifbar fühlt. Erst am Ende, als er seine materialistische Seelensicht äußert, heißt es dann auch ausdrücklich, dass er dies „ganz gelassen“ tut (Text 3a, Z. 5), also in deutlichem Kontrast zum Verhalten des Freundes; auch zu dem Verhalten, das dann unmittelbar folgt, denn nachdem Vogts Materialismus heraus ist, blockt der Freund völlig ab: „Aha! rief er aus“ (Z. 7), wobei das Verb erneut auf einen gewissen Grad emotionaler Erregtheit schließen lässt und die Interjektion, die er ausruft, darauf, dass er nun erkannt hat, worauf die Unterhaltung von hier an hinauslaufen würde, nämlich auf Vogts berühmten Vergleich des Gehirns und seiner Funktion mit „der Nierensekretion“ (ebd.), den er, wie deutlich wird, klar missbilligt. Zumindest impliziert sein Ausdruck ,mit etwas kommen‘ (ebd.) – der am ehesten für etwas steht, das man negativ bewertet, dies v.a. in Verbindung mit „[schon] wieder“ (ebd.) – einen gewissen Überdruss, so als habe der Freund den Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich schon mindestens einmal zu oft gehört. Die Bewertung der Parallele zwischen Gehirn und Nieren als schmeichelhaft (Z. 8) ist zudem ironisch, so dass man annehmen kann, dass der Freund sich auch selbst durch sie, etwa in seiner menschlichen Würde, beleidigt fühlt. Und dass „der Hofrath W a g n e r in Göttingen“ Vogt für diese Parallele „so tüchtig hergenommen hat“ (Z. 9), erscheint angesichts all dessen als etwas, das der Freund für gerechtfertigt hält oder zumindest billigt. Seine beiden letzten kurzen Äußerungen zeigen dann zudem sehr unmissverständlich, dass er nicht länger gewillt ist, das Gespräch noch weiterzuführen, denn „Danke schön“ (Z. 10) heißt hier natürlich nichts anderes als ,Nein danke‘ und mit seinem anschließenden ironischen: „Ein andermal!“ (ebd.) gibt er zu verstehen, dass er nie wieder (d.h.: kein andermal) etwas von der materialistischen Seele hören will. Wenn er am Ende zudem davonrennt (Z. 11), unterstreicht das seine Eile dabei, sogar vom Ort der Unterhaltung (und damit von Vogt) weg zu kommen. Mit anderen Worten: Der Freund ergreift die Flucht, weil er nicht hören will, was Vogt weiter zu sagen haben könnte.

143 Soweit die Schilderung nach Vogt. Spätestens an deren Ende wird nun auch erkennbar, worauf es in der langen Darstellung des ,freundschaftlichen‘ Gesprächs (im Originaldruckbild rund viereinhalb Seiten) eigentlich ankommt: Der Freund, der Wagner verteidigt bzw. sich in der Ablehnung der vogtschen Ansicht zumindest namentlich auf diesen beruft, ist stellvertretend für Wagner als typischer Vertreter des christlich fundierten psychophysischen Dualismus zu verstehen. Und wenn der Freund als jemand dargestellt wird, der „von Naturwissenschaften gar nichts versteht, aber sich ziemlich viel, vielleicht zu viel mit theologischen und philosophischen Studien abgegeben hat“ (Vogt 1852a: 161), dann gilt auch für Wagner der darin enthaltene Vorwurf mangelnder naturwissenschaftlicher Sachkenntnis aufgrund zu weitgehender Beschäftigung mit anderem. Und ebenfalls beiden werden, veranschaulicht am Beispiel des Verhaltens des Freundes, ideologische Scheuklappen nachgesagt, aufgrund derer man letztendlich nicht mit ihnen reden könne, denn die Probleme des Freundes, Vogts (angebliche) Beweise zu akzeptieren, sind als religiös motiviert erkennbar: Bereits dort, wo es ,nur‘ um verschiedene Willensarten bei niederen Tieren geht, akzeptiert er die seinen gewohnten Ansichten widersprechende Position (trotz der angeblichen Beweise) nur widerstrebend; sobald jedoch zentrale christliche Aspekte – wie eben die Seele und die Freiheit ihres Willens – berührt werden und das Gespräch auf den Menschen überzugehen droht, gibt es keinerlei Raum mehr für Zugeständnisse und noch nicht einmal für eine weitere Unterhaltung. Worum es Vogt damit geht, ist eben das Aufzeigen von ideologischer Voreingenommenheit und ihren Folgen auf Seiten des Freundes und Wagners (und wohl der christlichen Dualisten im Allgemeinen): Nämlich dass Glauben (an die Wahrheit der Offenbarung) dort höher gestellt werde als (vernünftige Schlüsse aus) empirisch beobachtbare(n) Fakten; dass man gegebenenfalls bereit sei, letztere an ein als gültig akzeptiertes Dogma anzupassen, falls die Sachverhalte ansonsten zu beunruhigend erscheinen; und dass man notfalls sogar die Erörterung eines Problems schlichtweg verweigere. Dass die Wissenschaft (v.a. ihr Fortschritt) unter solchen Bedingungen auf der Strecke bleiben muss, dürfte als ernste Botschaft der Stelle an den Leser ebenso unübersehbar sein wie der Umstand, dass Vogt Forscher wie Wagner, die Fakten aufgrund ihrer Voreingenommenheit nicht akzeptieren können oder verfälschen, nicht als Forscher gelten lassen will. In Zusammenhang mit mangelnder naturwissenschaftlicher Sachkenntnis und zu weitgehender Beschäftigung mit anderen Bereichen ist hier auch noch einmal auf die problematischen Argumentationen Vogts dem Freund gegenüber zurückzukommen. Eine Erklärung für ihre auffällig mangelnde Plausibilität könnte in einer Spitze gegen die naturwissenschaftliche Inkompetenz des Freundes – und damit Wagners und der Dualisten – liegen: Die Argumentationen werden vom Freund nicht als problematisch erkannt und führen fast zu

144 dessen Überzeugung; sie treffen zudem nicht auf vernünftig vorgetragenen Widerstand, sondern das Einzige, was den Glauben des Freundes letztlich retten kann, ist sein Glaube selbst. Der Freund ist, so wie Wagner, in seinem Glauben abgeschottet und nur dadurch unangreifbar. 3.3.3.1.2 Vier weitere Stellen zu Wagner Dass sich Vogts Vorwürfe der mangelnden naturwissenschaftlichen Sachkenntnis und der religiösen Voreingenommenheit nicht zuerst auf die christlichen Dualisten allgemein, sondern tatsächlich v.a. auf Rudolph Wagner beziehen, wird an einer Reihe von weiteren Stellen klar, in denen Vogt unmittelbar, aber dafür jeweils nur sehr kurz, auf seinen Gegner eingeht. Die erste dieser Erwähnungen findet sich am Beginn des vierten Kapitels (Untergegangene Schöpfungen), im Kontext von Ausführungen zu fossilen Überresten von Tieren und Pflanzen, wo Vogt über die biblisch fundierte Ansicht eines „frommen Neuenburgers“ namens Rougemont88 spottet, dem zufolge der Tod erst mit dem Sündenfall in die Welt gekommen sei; eine Haltung, die Rougemont als den „Grundstein“ bezeichne, „auf welchem die fromme Wissenschaft ruhen müsse“ (Vogt 1852a: 316; eig. Hervorh.). Vogt legt dabei – wie schon die beiden kurzen Zitate soeben andeuteten – sehr viel Wert auf die Verwendung des Lexems fromm, das er in einem Abschnitt von weniger als einer Seite insgesamt fünfmal verwendet, so bspw. um in der Zusammenstellung mit Wissenschaft einen aus seiner Sicht unvereinbaren Gegensatz in Rougemont (und überhaupt) anzuzeigen oder um damit (substantiviert zu die Frommen) – diejenigen zu bezeichnen, die Rougemonts Ansichten teilen und auf die sich sein Spott daher ebenso erstreckt: So erwähnt Vogt aus den Vorlesungen des frommen Neuenburgers, die er selbst gehört habe, die Ansicht, dass „im Paradiese [...] alle Thiere einträchtig zusammen [lebten] und [...] gemeinschaftlich Gras [fraßen]“ (ebd.: 316f.), sich also nicht gegenseitig getötet hätten, und er kann nicht umhin, spöttisch zu bemerken, dass das Gras „überhaupt den Frommen als der Urtypus einer unschuldigen Nahrung“ gelte (ebd.: 317; eig. Hervorh.). Vogt zerstört dieses idyllische Bild dann jedoch mit einigem Hohn unter Verweis auf die Kleinlebewesen, die im Gras lebten, und entwickelt aus diesen Ausführungen heraus schließlich einen Seitenhieb auf Wagner. TEXT 3b (Vogt 1852a: 317; Orig. in Fraktur) Daß ein hungriger Ochse bei einer einzigen Mahlzeit Hunderte von kleinen Insekten, Räupchen und anderen Geschöpfen, welche in dem Grase ihr Wesen treiben, Tausende 88

Rougemonts Name wird nicht sofort genannt, sondern während der Ausführungen wie beiläuftig im Text erwähnt; vgl. Vogt (1852a: 316 und 317ff.). Über Rougemont selbst konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.

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von Eiern und Puppen, die an den Grashalmen angeklebt sind, verkaut und hinabschlingt – daß es überhaupt unmöglich ist, einem pflanzenfressenden Thiere solches Futter darzubieten, in welchem keine lebenden Wesen sich befinden, kommt unseren Frommen nicht allzusehr in Betracht. Lupe und Mikroskop sind Teufelswerke und Herr R. W a g n e r in Göttingen muß täglich und aber täglich viel Bibelverse lesen, um sich von der Sünde, diese Instrumente zuweilen zu gebrauchen, weiß zu waschen *). *) Jetzt kommt der fromme Herr Hofrath täglich mehr von diesen sündlichen Beschäftigungen ab, und exercirt sich dafür in gläubigen Stylübungen unter dem Titel: Physiologische Briefe. Gott segne deine Studia!

Vogt will mit dem Anfang seiner Ausführungen zeigen, dass der Tod seit Anfang des Lebens existiert. Der Hohn der Stelle liegt darin, dass er ihn gerade auch unter der Oberfläche der paradiesischen Verhältnisse als „unmöglich“ (Text 3b, Z. 4) zu vermeiden zeichnet und sich aus seiner Formulierung sogar ein regelrechter Massentod erschließen lässt: da nämlich „ein hungriger Ochse bei einer einzigen Mahlzeit“ bereits „Hunderte von kleinen Insekten [...], Tausende von Eiern und Puppen [...] verkaut und hinabschlingt“ (Z. 1ff.) und sich dies unter der Annahme eines Paradieses mit mehr als nur einem Ochsen, der zudem mehrmals täglich seinen Hunger stillt – und ironischerweise gerade in Anbetracht des Umstandes, dass alle Tiere des Paradieses (u.a. Rougemont zufolge) noch Pflanzenfresser gewesen seien – ins Unermessliche potenziert. Dass Vogt gerade bei der angeblichen Unmöglichkeit einer von Kleinlebewesen freien Pflanzenkost die Verhältnisse des Funktionierens einer Welt nach dem Sündenfall auf die Welt davor überträgt, ließe sich von der religiösen Warte aus zwar sicher kritisieren, aber es geht ihm hier natürlich gar nicht darum zu argumentieren oder etwas zu beweisen, sondern um das Lächerlichmachen frommer Ansichten – und um die Vorbereitung seiner kurzen persönlichen Polemik gegen Wagner. Die Verbindung zu diesem wird über den Grund hergestellt, aus dem für Rougemont und die Frommen der bereits im Paradies gegenwärtige Tod „nicht allzu sehr in Betracht“ komme (Z. 6): Der Blick unter die Oberfläche der mit dem bloßen Auge sichtbaren Dinge (in die Welt der „kleine[n] Insekten“ und „Räupchen“) ist ihnen verwehrt, da für sie „Lupe und Mikroskop [...] Teufelswerke“ seien und die Beschäftigung mit ihnen folglich „Sünde“ (Z. 6 und 8; vgl. auch Z. 9f.). Der von Vogt der Gegenseite unterstellte Gedankengang ist hier natürlich, dass der gläubige Wissenschaftler sich, so wie Rougemont (sehr viel offener als Wagner) es nahelegt, an die Offenbarung als Wahrheit hält. Was in der (Natur-)Wissenschaft mit ihr übereinstimmt, ist gut, weil es eben nur dann wahr sein kann; was ihr widerspricht, ist umgekehrt schlecht, weil es in Opposition zur geoffenbarten Wahrheit falsch sein muss. Und natürlich weil die genannten Instrumente durch die Beobachtungen, die sie ermöglichen, die Offenbarung mitunter in Frage stellen und den Forscher in Zweifel führen können, müssen sie als etwas erscheinen, das es zu meiden gilt, wobei Vogt mit Teufelswerk sicher ebenso absichtlich wie

146 spöttisch einen Ausdruck für sie verwendet, der auf Seiten der frommen Forscher Voreingenommenheit auf Grundlage rückständiger, mittelalterlicher religiöser Vorstellungen impliziert; es wird ihnen (wenn auch klar überzeichnend) unterstellt, dass sie Wissenschaft(lichkeit) letztlich als etwas fürchten, das Gottes Wirken entgegengesetzt ist, und sie werden damit im ernsten Kern der Sache, da ihre Prioritäten und Loyalitäten in einem anderen Bereich liegen, erneut als Wissenschaftler diskreditiert. Die geschilderten Vorbehalte gegen das moderne Forschungsinstrumentarium schiebt Vogt nun auch „Herr[n] R. W a g n e r in Göttingen“ unter (Z. 6f.) und impliziert es zudem, so zumindest der Eindruck, als Grund für dessen doppelte Buchführung, mit der er ja vordergründig Wissen(schaft) und Glauben in ihren jeweiligen Rechten getrennt voneinander betreiben, in Wirklichkeit aber v.a. den letzteren schützen will: Nach der Berührung mit der Sünde (im einen, problematischen Bereich), durch den Gebrauch wissenschaftlicher Instrumente, ergebe sich für Wagner die Notwendigkeit, sich wieder „weiß zu waschen“ (Z. 8), also sich von Verunreinigung im wahrsten Sinne des Wortes zu reinigen, und zwar dadurch, dass er (nun im anderen Bereich) „viel Bibelverse“ lese (Z. 7). Dabei wird die Schwere des wiedergutzumachenden Vergehens durch die Etablierung eines Gegensatzes unterstrichen, denn obwohl der Gebrauch von Lupe und Mikroskop einerseits nur „zuweilen“ (Z. 8) erfolge, sei andererseits die Sühne doch „täglich und aber täglich“ (Z. 7) zu leisten; das Modalverb ,müssen‘, das diese Notwendigkeit ausdrückt (Z. 7), kann man dabei durchaus als ein aus der Wagner unterstellten Sicht heraus zu verstehendes werten: Wagner selbst halte die Reinigung für notwendig), so dass Vogt seinen Gegner hier als Menschen zeichnet, der für seine offenbarungswidrige Tätigkeit in einem festen Reinigungs- und Bußritual – zudem unter einem permanent schlechten Gewissen (auch dies ist aus dem Gegensatz zuweilen vs. täglich und aber täglich erschließbar) – lieber einmal mehr als einmal zu wenig Buße tut. Der Bezug auf das Bibelverse-Lesen ist dabei aber natürlich nicht (völlig) aus der Luft gegriffen, sondern Vogt knüpft damit an den mehrfachen tatsächlichen Verweis auf die Bibel im sechsten Physiologischen Brief Wagners an, wo ja Hiob 19, V. 25– 27 (Text 2a, Z. 6f.) ebenso herangezogen worden war wie die Tempelreinigung Jesu (Text 2b, Z. 12f.); daneben steht ein weiterer Bibelverweis in dem noch nicht behandelten Text 2c (v.a. Z. 14ff.) aus Wagners dreizehntem Brief, den Vogt erst am Ende der Bilder berücksichtigt (vgl. unten). Es sind damit immerhin drei Stellen der Physiologischen Briefe festzuhalten, an denen Wagner die Bibel als Grundlage für seine Positionen, Handlungen und Forderungen heranzieht, so dass dem informierten Leser tatsächlich der Eindruck vermittelt werden kann, als mache Wagners wissenschaftliche Tätigkeit auf der einen Seite einen umso stärkeren Glauben auf der anderen nötig.

147 Während man bei all dem bis hierhin noch den Eindruck gewinnen kann, als spräche Vogt seinem Gegner immerhin die Anwendung moderner Forschungsmethoden nicht ab, auch wenn er natürlich impliziert, dass bei Wagner nichts dabei herauskomme, ändert sich dies dann in der Fußnote zum Text (3b, Z. 9ff.), die zu Wagners angeblicher Haltung nachgereicht wird. Hier richtet sich der offene Spott über Wagner als Forscher erstmals auch auf seine Publikationstätigkeit. Vogt nimmt dabei nun die Physiologischen Briefe seines Gegners ins Visier (nachdem dieser als „der fromme Herr Hofrath“ in Z. 9 auch ausdrücklich unter die zuvor verspotteten Frommen gereiht worden ist); bei der Beschäftigung mit ihnen lässt er seinen Gegner ausdrücklich „[j]etzt [...] täglich mehr von diesen sündlichen Beschäftigungen ab[kommen]“ (Z. 9), was sich wieder auf das Arbeiten mit Lupe und Mikroskop bezieht und immer noch metonymisch für das wissenschaftliche Forschen insgesamt steht. Die anschließende Abwertung der Briefe zu „gläubigen Stylübungen“ (Z. 10) geht dann in dieselbe Richtung: ,gläubig‘ steht, ebenso wie das frühere ,fromm‘, im offenen Gegensatz zu wissenschaftlich, aber natürlich auch im Gegensatz zu ,sündlich‘, wodurch auch hier wieder eine (indirekte) Gleichsetzung der letzteren beiden vollzogen wird. In dieser Abkehr Wagners von der sündlichen Wissenschaft (als Ersatz oder besser wohl als Wiedergutmachung für sie) impliziert Vogt bei all dem, dass Wagners wahre Interessen nun eben vollständig der Sorge um sein Seelenheil und dem Dienst an Gott gelten, auch wenn dies nach wie vor unter dem Deckmantel – unter dem bloßen „Titel“ (Z. 10) – wissenschaftlicher, nämlich Physiologischer Briefe erfolgt. An dieser Stelle wird dann wohl auch klar, dass Vogt unter Stylübungen nicht mehr versteht als reine Äußerlichkeiten ohne inneren Gehalt, etwa als ausdrucksseitige Variation feststehender, nämlich dogmatisch festgelegter Inhalte, die, egal ob sie sich auf die Religion an sich oder auf die gläubige Wissenschaft beziehen, im Gegensatz zur wahren Wissenschaft Veränderung und Fortschritt weder kennen noch zulassen (auch wenn die Interpretation der Stelle hier wieder etwas über den Text hinausgeht). Zumindest aber erreicht der Verweis der Physiologischen Briefe und ihres Autors aus dem Bereich der Wissenschaft hinaus, der hier in jedem Fall vollzogen wird, seinen spöttischen Höhepunkt, wenn Vogt die Briefe am Ende in die Zuständigkeit Gottes hinein überantwortet, der die „Studia“ (Z. 11) des Gegners segnen möge: Studia dabei, in Anlehnung an die Stilübungen (die Wagner zudem „exercirt“; Z.10), natürlich eher als religiöse Bemühungen denn als wissenschaftliche Studien. Vogt weiß bei all dem natürlich, dass Wagner selbst durchaus einen wissenschaftlichen Anspruch an sich und seine Veröffentlichungen und Forschungen stellt und dass seine Physiologischen Briefe nicht generell religiös dominiert sind; Vogts spöttische Überzeichnung ist nichts anderes als ein Weg, dem Publikum mitzuteilen und dem Gegner vorzuwerfen, dass letzterer

148 sich dennoch zu sehr (nämlich überhaupt) mit religiösen Überlegungen befasst, die ja selbst nach Wagners doppelter Buchführung eigentlich nichts in der Wissenschaft zu suchen haben. Das Bild, das vom Gegner unter der Oberfläche des bloßen Spotts damit entsteht, ist (wie schon zwischen den Zeilen von Text 3a) das einer Person, die in ihrem wissenschaftlichen Denken und Vorgehen, wenn nicht religiös blockiert, so doch zumindest beeinträchtigt ist, und die es folglich gerade nicht schafft Religion und Wissenschaft gleichberechtigt und v.a. unabhängig nebeneinander zu betreiben. Im Gegenteil; dass Wagner nach Vogts Darstellung glaubt, im religiösen Bereich stets im Reinen sein zu müssen (vgl. Text 3b, Z. 8), soll auch im Klartext signalisieren, dass dem Gegner dieser Bereich der wichtigere, den anderen letztlich bestimmende ist. Und wer seine Wissenschaft dem Glauben (oder irgendeinem anderen Bereich) unterordnet, dem sei in wissenschaftlicher Hinsicht eben auch nicht zu trauen oder zu folgen. Nachzutragen ist dabei noch, dass Vogt seinen Gegner in dieser Hinsicht als in einer Entwicklung begriffen zeichnet: Unabhängig davon, dass Wagner früher einmal bedeutend war, entfernt er sich jetzt (Z. 9f.) eben immer mehr von dem, was ihn zu einem wichtigen Forscher gemacht hatte und er kann infolge dessen zumindest nicht mehr bzw. immer weniger als ein solcher gelten (diese Anmerkung als Vorgriff auf Wagners Erwiderung). Mit dem Gegensatz, der sich anstelle einer getrennten Koexistenz aus Wagners Versuch einer ,doppelten Buchführung‘ ergibt, arbeitet Vogt dann auch einige Zeit später im vierten Kapitel, an einer Stelle, an der es um einen hypothetischen Schöpfergott und die Frage geht, wie man sich diesen vorzustellen hätte, wenn es ihn denn gäbe. Vogt führt aus, dass Gott die Welt, wohlgemerkt Mose zufolge, zwar geschaffen, dann aber hinsichtlich ihres weiteren Funktionierens (auch bezüglich der Fortpflanzung und Vermehrung der Lebewesen) nichts mehr weiter mit ihr zu tun gehabt habe, da dies alles auch „nach den mosaischen Ansichten ganz auf natürliche Weise zu[geht]“ (Vogt 1852a: 367). Annahmen, nach denen Gott bei der Entstehung jedes einzelnen Individuums direkt interveniere und dabei „dem Ei ein schöpferisches Werde“ zurufe (was Wagner nicht behauptet hatte und was Vogt ihm hier auch nicht unterstellt; vgl. im Folgenden), gehörten „erst der christlichen Grübelei an“, mit der die Naturforschung „nicht gleichen Schritt halten“ könne (ebd.). In diesem Zusammenhang fällt der folgende Satz mit seinem isolierten, sehr knappen Bezug auf Wagner: TEXT 3c (Vogt 1852a: 367; Orig. in Fraktur) Selbst der fromme Naturforscher, der mit Herrn W a g n e r in Göttingen den salbungsvollen Pfad der christlichen Demuth und des Köhlerglaubens wandeln möchte, selbst dieser kann keinen Schöpfer annehmen, der in fortdauernder Ausübung seines Berufes Menschen und Thiere macht, jedes in seiner Art.

149 Der wahre Naturforscher, wenn auch nicht der hier (Text 3c, Z. 1) genannte fromme (der nach der vorausgehenden Analyse aber ja ohnehin als ein Widerspruch in sich gelten kann), gerät an dieser Stelle erneut in Konflikt mit Begriffen wie dem der „christlichen Demuth“ und dem des „Köhlerglaubens“, die als Teil des wagnerschen „salbungsvollen Pfad[es]“ (Z. 1f.) ein weiteres Mal offen bespöttelt werden und wiederum anzeigen sollen, dass der, der diesem Pfad folgt, nicht das tut, was als Forscher seine eigentliche Aufgabe ist. Wagner und seinesgleichen wird also auch hier vorgeworfen, sich im falschen Bereich zu bewegen. Die Auseinandersetzung Vogts mit Wagner in den Bildern erfolgt aber nicht immer nur unter religiösen Vorzeichen. Ähnlich knapp wie Text 3c war bereits eine frühere Äußerung (vgl. Vogt 1852a: 173) zu Wagners fachlichen Qualitäten im Allgemeinen ausgefallen (jedoch auch sie nach dem Gespräch mit dem Freund). Im Zusammenhang mit der Behandlung von Bandwürmern und ihrer Entwicklung verweist Vogt auf „Dr. Wagner’s *) Untersuchungen“ zu diesem Thema und gibt zu dessen Namen – in einer Fußnote – die folgende kurze Anmerkung: TEXT 3d (Vogt 1852a: 173; Orig. in Fraktur) *) Nicht mit dem Hofrath W a g n e r in Göttingen zu verwechseln. D e r macht keine Untersuchungen mehr, die man anführen könnte. Seine jetzigen Arbeiten führen höchstens an.

Dabei liefert diese Anmerkung keine weiterführenden Informationen (voller Name, Titel des Werkes o.ä.) zu dem „Dr. Wagner“, um den es im Haupttext eigentlich geht, sondern im Gegenteil zu demjenigen, an den man gerade nicht denken solle. Mit Ausnahme von dessen Vornamen (Rudolph) werden immerhin sein Titel („Hofrath“) und seine Wirkungsstätte („Göttingen“) genannt. Die Stelle ist dabei, wie gesagt, eine sehr allgemeine fachliche Disqualifizierung Rudolph Wagners, ohne Belege, die jedoch immerhin auf seine „jetzigen Arbeiten“ eingeschränkt wird, womit ohne Zweifel auf die Physiologischen Briefe abgezielt ist. Vogts kurze Bemerkung spielt dabei mit zwei homonymen Bedeutungen des Verbs anführen: Im ersten Fall (Text 3d, Z. 2) verwendet er es in der Bedeutung ,zitieren, nennen, als beweis, beleg heranziehen, bezug auf etwas nehmen‘;89 genau dies könne man mit Wagners Arbeiten nicht mehr tun, weil sie, nun in der anderen Bedeutung von anführen (Z. 2f.), nur ,irreführen, täuschen, betrügen‘,90 was bestenfalls die Bewertung als fehlerhaft ermöglicht (u.U. wieder aufgrund von Inkompetenz infolge religiöser Betätigungen und Interessen, was hier aber nicht explizit gesagt wird), sofern man ihm nicht gerade Irreführung oder Täuschung mit einer 89 90

Vgl. Grimm (1854ff., Bd.2 [1860]: Sp. 915, Eintrag: anführen, §5). Vgl. ebd. (Eintrag: anführen, §4).

150 bestimmten Absicht (etwa aufgrund seiner religiösen Voreingenommenheit) unterstellen will (was Vogt in den Bildern aber noch nicht wirklich anklingen lässt). Die eigentliche Spitze der Stelle liegt aber in einem anderen Punkt: Denn der berühmte Göttinger Physiologe ist hier – so soll es zumindest erscheinen – nicht mehr derjenige, an den man bei der Nennung des Namens Wagner im Zusammenhang mit der modernen Forschung zu denken hat. Die fünfte und letzte wichtige Erwähnung Wagners vor dem ausführlicheren ,Nachwort‘ der Bilder findet sich bereits im abschließenden fünften Kapitel Thierseelen (vgl. Vogt 1852a: 423). Bei der Frage, was die Seele sei, zitiert Vogt dort den Naturforscher Hermann Burmeister91 (1807–1892), dessen Ansicht (zumindest in rein naturwissenschaftlich-physiologischer Hinsicht) in ihren wesentlichen Zügen mit der materialistischen übereinstimmt: Die Seele sei „ein Complex von Fähigkeiten und Kräften, welche ein bestimmter thierischer Organismus an den Tag legt“ (Burmeister, zit. nach Vogt 1852a: 422),92 sie sei so vergänglich wie der Körper und diejenige des Menschen unterscheide sich nicht fundamental von derjenigen des Tieres (vgl. ebd.: 423). Dabei zitiert Vogt Burmeister, der Professor an der Universität Halle war, um zu zeigen, dass auch ein staatsbediensteter Forscher das zu sagen wage, was seiner (d.h. Vogts) Ansicht nach die Wahrheit ist – und dass er dies v.a. in der Zeit der Reaktion nach 1849 wage. Denn unmittelbar zuvor hatte Vogt selbst noch die Zustände im nachrevolutionären Deutschland beklagt, den Versuch der erneuten Durchsetzung des „Princip[s] der Autorität – diese[r] Negation alles Selbstdenkens, [die wieder] offen anerkannt [ist] als die Säule, auf welcher alle gesellschaftliche Ordnung ruht“; nicht nur in Staat und Kirche, sondern auch in Wissenschaft und Kunst. Wer an sie alle „den Maßstab seines Verstandes und seiner Kritik legen will! er ist ein Rebell gegen die heilige Autorität“ (Vogt 1852a: 421). In diesem Kontext spricht Vogt nun die Einschätzung aus, dass man ihm wahrscheinlich nicht glauben werde, dass es sich bei dem Wiedergegebenen (das er in höhnischer Nachahmung der Materialismusgegner, v.a. sicher Wagners, als „zerstörende oder vielmehr brutal-materialistische Gedanken“ bezeichnet; ebd.: 423) tatsächlich um Äußerungen des preußischen Professors Burmeister handle: TEXT 3e (Vogt 1852a: 423; Orig. in Fraktur): Man wird auffahren und sagen: Es ist unmöglich, daß aein Mensch, der so offen schändlichen Materialismus predigta, länger Lehrer an einer preußischen Uni-

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Burmeister war v.a. Zoologe; seit 1837 lehrte er an der Universität Halle, 1849/50 war er kurzzeitig Abgeordneter „der äußersten Linken“ in der ersten preußischen Kammer (vgl. Killy/Vierhaus 1995ff., Bd. 2: 245). Die Originalstelle des Zitats wird von Vogt nicht angegeben.

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versität sein könne. (Herr Hofrath W a g n e r aus Göttingen, der an die Auferstehung des Körpers und des Fleisches [sic] glaubt [freilich nicht als Physiologe; denn daß er kein Physiologe ist, hat er durch seine physiologischen Briefe in der Allg. Zeit. hinlänglich documentirt]; Herr Hofrath W a g n e r findet unter Citirung einer Stelle aus einem meiner Werke allerdings, daß der brave J a u pb vollkommen Recht gehabt habe, solchen Irrlehrerc von der Staatskrippe zu entfernen und er bürdet, mit hofräthlicher Autorität, jeder Regierung gleiche Verpflichtung auf.) Ich hätte also den guten B u r m e i s t e r denuncirt. a-a

Dabei handelt es sich, wie gesagt, um Burmeister. b Heinrich Karl Jaup (1781–1860), der für Vogts Entlassung von der Universität Gießen 1849 verantwortlich war; vgl. oben, Kap. 2.3.1.4.6. c Hier spricht Vogt nun nicht mehr von Burmeister (der seine Anstellung ja nicht verlor), sondern von sich selbst, sozusagen als einem analogen Beispiel.

Der Wagner betreffende Teil des Textes (Z. 3–9), der in Klammern erscheint, reißt den eigentlichen Gedankengang Vogts auseinander, in dem er den Vorwurf der Denunziation gegen sich selbst vorwegnimmt (Z. 9f.), da er damit rechnet, dass der Umstand, dass Burmeister noch immer preußischer Universitätsprofessor ist, allgemein als Beweis dafür aufgefasst werden würde, dass dieser die Äußerungen, mit denen Vogt ihn unmittelbar zuvor zitiert, nicht gemacht haben kann: Vogt müsse also „den guten B u r m e i s t e r denuncirt“ (Z. 10), d.h. in diesem Fall: ihn des Materialismus ,verdächtigt‘ oder ihn dessen verleumdet93 haben. Vogt legt den Materialismusgegnern in den einleitenden Zeilen also nicht die Aufforderung nach Entlassung Burmeisters in den Mund (wie es auf den ersten Blick scheinen kann), sondern die Weigerung, ihm selbst (d.h. Vogt) Glauben zu schenken. Dennoch ist genau der Gedanke, dass materialistische Positionen die Entlassung aus dem Staatsdienst rechtfertigen, für Vogt der Anknüpfungspunkt an Wagner, den er nach dessen sechstem Physiologischen Brief (vgl. Text 2b) sicher nicht zu Unrecht als beispielhaft für entsprechende Forderungen anführt. Die Stelle zu Wagner in den runden Klammern zerfällt bei all dem in zwei Teile (Text 3e, Z. 3–6 und 6–9). Im ersten Abschnitt ergeht auch hier wieder der bekannte Spott über die Religiosität des Gegners, verbunden (in einem Klammertext innerhalb des Klammertexts) sowohl mit der ebenfalls schon bekannten fachlichen Abwertung seiner Person als auch mit der seiner Veröffentlichungen. Vogt, so kann man den Eindruck gewinnen, spielt dabei auf engstem Raum mit dem Gegner (bzw. mit dem Bild, das er den Lesern von ihm vermittelt), denn sein Vorgehen ist diesmal nicht ganz so ,geradlinig‘ wie in den vorausgehenden Texten. Im Einzelnen: Wenn Wagner „an die Auferstehung des Körpers und des Fleisches“ glaube (Z. 3f.), unterläuft Vogt zwar ein kleiner Fehler in seiner Darstellung,94 es wird aber dennoch klar, 93 94

Zu diesen Bedeutungen von denunzieren, vgl. Strauß/Haß/Harras (1989: 123). Wagner hatte im sechsten Brief, neben der direkt angesprochenen Auferstehung des Fleisches, natürlich die Auferstehung der Seele vorausgesetzt – und nicht, wie Vogt wohl versehentlich etwas redundant sagt, noch einmal die des Körpers.

152 dass er hier ein weiteres Mal den Glauben seines Gegners als unpassend im Verhältnis zum Beruf des Naturwissenschaftlers erscheinen lassen will. Dieser Kontrast greift auch, wenn Vogt ihn diesen Glauben „freilich nicht als Physiologe“ (Z. 4) vertreten lässt. Diese Stelle kann zwar zunächst (gerade aufgrund des einleitenden freilich), als eine Relativierung der Herabsetzung Wagners (miss)verstanden werden, so als erkenne auch dieser den Gegensatz nun plötzlich doch, und so als halte er daher nun doch auch die Trennung zwischen Glaube und Wissenschaft zumindest in seiner Tätigkeit als Physiologe ein; im höhnischen Einklang mit den vorausgehenden Herabsetzungen des gläubigen Wagner lässt Vogt diese scheinbare Relativierung dann aber sofort wieder in sich zusammenstürzen, wenn sein Gegner den unpassenden Glauben als Physiologe nur deshalb nicht habe, weil er eben gar „kein Physiologe ist“ (Z. 5). Wagner wird damit zum ersten Mal im Klartext aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausgeschlossen (nachdem in Text 3b, Z. 9, bereits die Tendenz zum Selbstausschluss angedeutet worden war), und neben Vogts erneutem Hohn über Wagner in dieser ,angetäuschten‘ Relativierung sind dann auch die Physiologischen Briefe des Gegners wieder mit im Spiel, diesmal als angebliche Belege, in denen Wagner seine physiologische Unfähigkeit selbst „documentirt“ (Text 3e, Z. 6). Auch Wagner belastet sich (aus Vogts Sicht) mit seinen Äußerungen also selbst, so wie Vogt sich (aus Wagners Sicht) mit dem Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich selbst belastet hatte; nur dass Vogt hier in Text 3e ebenso wenig Belegexzerpte anführt wie in den Texten 3b und 3d. Was dann im zweiten Teil des Klammertextes folgt, ist ein syntaktischer Neuanfang nach dem Semikolon (Text 3e, Z. 6): Vogt greift dabei das Subjekt seiner Ausführungen wieder auf, nach mehreren Zeilen95 eingeschobener Informationen (in einem Relativsatz und in der zweiten, eckigen Klammer zu diesem Relativsatz). Er ruft damit aber nicht nur noch einmal in Erinnerung, dass es um Wagner geht, sondern markiert durch den erneuten Ansatz auch einen neuen inhaltlichen Abschnitt in der Beschäftigung mit ihm. Dieser Abschnitt (ab Z. 6) bezieht sich eindeutig (wenn auch nicht ausdrücklich) auf den sechsten Brief des Gegners, was Vogt zum einen in der Erwähnung der „Citirung einer Stelle aus einem meiner Werke“ zeigt (Z. 6f.), also der Zitierung des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs, sowie im Hinweis auf eine Maßnahmenforderung Wagners, also auf das Herausfegen „der Gesellen welche die Heiligthümer der Kirche, des Staates, der Familie besudeln“ (Text 2b, Z. 15f.). Vogt nimmt dabei nun aber in Kauf (oder legt es in täuschender Absicht sogar darauf an), dass bei Lesern, die die Physiologischen Briefe Wagners nicht kennen, ein falscher Eindruck von den Äußerungen des Gegners 95

Im Original handelt es sich aufgrund anderer Zeilenlängen und -umbrüche um viereinhalb Zeilen.

153 entsteht, denn er ersetzt Wagners allgemeinen Ruf nach dem Staat (auch wenn er zweifelsfrei als Ruf nach Maßnahmen v.a. gegen den Materialismus, Entlassungen eingeschlossen, zu verstehen war) unzulässigerweise durch die angebliche ausdrückliche Billigung Wagners für die bereits erfolgte Entlassung Vogts aus Gießen von 1849 durch den damals zuständigen Minister: den braven – aus Wagners Sicht also vollkommenen im Recht handelnden – Jaup (Text 3e, Z. 7f.); Vogt hält die Stelle dabei rein konstativ, in einem Ton, der nach genauer Faktenschilderung klingt, während es sich in Wirklichkeit nur um seine (wenn auch vielleicht noch so begründete) Interpretation handelt. Er erreicht mit dieser Verfälschung aber immerhin, dass Wagner vor dem Leser als sein erklärter persönlicher Gegner erscheint, als persönlicher Feind vielmehr, der ein faktisches, kein hypothetisches Schicksal Vogts (immerhin Entlassung und Exil, wie vielleicht auch der nicht genau über den Angriff Wagners informierte Leser weiß) nicht nur gutheißt, sondern „mit hofräthlicher Autorität jeder Regierung gleiche Verpflichtung“ (Z. 9) in ähnlichen Fällen aufbürdet. Dabei ist es gerade dieser Schluss des Klammertextes (Z. 8f.), der die Möglichkeit zu einer doppelten (polemischen) Auslegung von Wagners Rolle bietet. Zum einen klingt hier wohl wieder ein gewisses Maß an verächtlichem Spott an, wenn Wagner mit seiner hofräthlichen Autorität den Regierungen Verpflichtungen aufbürdet. ,Hofrat‘ war innerhalb der Beamtenhierarchie der damaligen Zeit immerhin ein eher untergeordneter Titel, der gerade unter Universitätsprofessoren nicht selten war,96 so dass Vogt mit Wagners hofräthlicher, also eher geringen Autorität wohl einerseits implizieren will, dass dieser die Kompetenzen seiner Stellung überschreitet, wenn er an übergeordnete Stellen Verpflichtungen ausspricht. Andererseits lässt sich die Stelle (Z. 8f.) gleichzeitig so interpretieren, dass Wagner als Hofrat, als Staatsdiener, tatsächlich Teil der staatlichen Autorität ist, wenn auch auf unterster Ebene; einer Autorität immerhin, deren Wiedererstarken in allen Gesellschaftsbereichen Vogt kurz zuvor, ausdrücklich auch in der Wissenschaft, ja noch beklagt hatte (vgl. oben). Die Verbindung der Rollen Wagners als persönlicher Feind Vogts und als Repräsentant (nicht nur Sympathisant) der Obrigkeit hat es dabei in sich: Während Wagner im sechsten Physiologischen Brief vor dem Materialismus sehr allgemein gewarnt hatte, ohne konkrete Namen zu nennen, gelingt es Vogt durch seine teilweise Verfälschung des gegnerischen Angriffs, sich selbst als das erste tatsächliche Opfer der in seinem persönlichen Feind Wagner repräsentierten staatlichen Gegenseite darzustellen, deren Maßnahmen (gegen das freie Reden und Lehren) damit bereits im Gange sind 96

William Vogt (1896: 98) deutet sehr viel später spöttisch an, Wagner könnte darunter ,gelitten‘ haben, dass er, anders als sogar weniger verdiente seiner Kollegen, nur Hofrat, nicht aber Geheimer Rat (die nächsthöhere Stufe in der Beamtenhierarchie) war.

154 (und nicht bloß gefordert werden). Dass die Obrigkeit und ihre Vertreter (als die bereits Handelnden) damit als die wirkliche Gefahr und Bedrohung erscheinen sollen (in Umkehrung von Wagners Vorwurf) und dass Vogt sich Sympathie für die Verfolgten und Antipathie gegen die Verfolger erhofft, dürfte dabei auf der Hand liegen. 3.3.3.1.3 Das erste ,Gleis‘: ein Fazit Fast alle der oben analysierten Textstellen lassen nach dem bisher Gesagten zumindest zwischen den Zeilen eine inhaltliche Verbindung mit Wagners sechstem Physiologischen Brief erkennen und sind insofern sicher auch durch diesen veranlasst: In Text 3a (Z. 7ff.) erwähnt der Freund die Erwiderung Wagners auf Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich; Text 3b (Z. 9ff.) spielt unter ausdrücklicher Erwähnung der Physiologischen Briefe auf starke religiöse Bezüge in diesen an, auf Bezüge, die im sechsten Brief eben mit am deutlichsten zu Tage treten, wo Wagner zudem einen „schlichten einfachen Köhlerglauben“ für sich reklamiert (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 314), auf den Vogt wiederum in Text 3c (Z. 2) direkt Bezug nimmt; und in Text 3e verweisen Wagners Citirung einer Vogt-Stelle und die Anspielung auf Wagners Agitation ebenfalls auf den sechsten Brief. Lediglich Text 3d ist für die Herstellung eines entsprechenden Bezugs zu allgemein gehalten, bezieht sich aber zumindest wohl auch auf die Physiologischen Briefe, eben auf Wagners „jetzige Arbeiten“. Trotz dieser Anklänge vermeiden es die Äußerungen Vogts aber gleichzeitig, als direkte Erwiderungen zu erscheinen (vgl. oben, Kap. 3.3.2); Wagners Angriff an sich wird wie gezeigt zwar erwähnt oder angedeutet, aber nicht thematisiert (zumal nicht die physiologische Kritik); es erfolgt weder eine ausdrückliche Verteidigung noch eine ausdrückliche Vergeltung noch auch nur eine ausdrückliche Kritik. Es handelt sich bei den Texten 3a bis 3d vielmehr um äußerst beiläufig gehaltene allgemeine Abwertungen und Andeutungen zu wissenschaftlichen Defiziten bei Wagner, dies v.a. aufgrund seines zu starken Interesses an der Religion, sowie zu seiner Voreingenommenheit aufgrund dessen; Zweck der Texte ist es dabei, den Gegner vor der Öffentlichkeit der Leserschaft aus der Gemeinschaft ernsthafter und ernst zu nehmender Forscher auszugrenzen. Das Fehlen konkreterer Bezüge lässt Vogts Äußerungen dabei als initiatives und eben nicht als reaktives Vorgehen erscheinen; er erfüllt mit ihnen keine conversational oder controversy’s demands, sondern bewahrt sich nach außen hin seine völlige kommunikative Selbstbestimmtheit: Er sagt, was er sagt, weil er es sagen möchte, nicht weil Wagner ihn angegriffen hat. So zumindest der Eindruck, der vermittelt werden soll. Auf der pragmatischen Ebene reagiert Vogt hier aber eben durchaus v.a. auf das starke religiöse Element in Wagners Angriff im sechsten Physiologischen Brief. Die einzige ansatzweise Ausnahme von

155 der völligen äußerlichen Ungerührtheit bildet in gewisser Weise Text 3e, wo Vogt – mit der gegnerischen Maßnahmenforderung – klar auf einen Teil von Wagners Angriff Bezug nimmt;97 dies geschieht, wie gezeigt, auf der Äußerungsebene aber immerhin rein konstativ, ohne explizite Wertungen oder Gegenvorwürfe, die alle wiederum nur implizit vorhanden sind: so v.a. die implizite Negativwertung im andeutungsweisen Verweis auf Vogts eigenes Schicksal sowie die implizite Umkehrung des ,Gefährlichkeits‘-Vorwurfs an Wagner und ,seine‘ staatlichen (und kirchlichen) Stellen. Man merkt bei all dem also recht deutlich, dass Vogt auf Wagner durchaus reagieren, dies nur eben nicht offen zeigen will; er verfolgt damit sicher v.a. die Absicht, den Eindruck zu erwecken, als habe er es überhaupt nicht nötig, auf einen persönlichen Angriff seines Gegners einzugehen. Den Grund für diese Unnötigkeit liefert er gerade mit seinen abwertenden Verweisen auf Wagners Religiosität und seine dadurch bedingten fachlichen Defizite, die den Gegner als Wissenschaftler ja letztendlich unbedeutend machen und damit auch zu jemandem, den man nicht weiter zu beachten braucht – selbst dann nicht, wenn er einen angreift. Durch seine vordergründig initiativen, auf die Bedeutungslosigkeit des Gegners sozusagen nur hinweisenden, auf dessen bedeutungslosen Angriff aber nicht reagierenden Bemerkungen vermeidet Vogt damit einen Verstoß gegen Norm 5.1.1 bei Dieckmann (2005: 121), der zufolge man nicht mit einem unbedeutenden Gegner streiten soll, während er sich gleichzeitig aber doch abwertend über ihn äußern kann. Die Bedeutungslosigkeit des Gegners geht bei all dem nun aber nicht nur aus dem hervor, was Vogt sagt, sondern auch daraus, wie er es sagt, denn er erwähnt Wagner stets (wie man es ausdrücken könnte) nur ,im Vorbeigehen‘. Im Haupttext der Bilder wird Wagner (zumindest vor dem ,Nachwort‘) fast immer nur mit einem einzigen Satz erwähnt;98 der (abgebrochene und neu wiederangesetzte) Satz in Text 3e wird auf der Äußerungsebene durch seine Einklammerung zudem gerade aus dem Haupttext ausgeklammert und damit (vordergründig) zu etwas weniger Wichtigem gemacht, wenn sich sein Stellenwert aufgrund der damit einhergehenden Hervorhebung pragmatisch – sozusagen als ,polemische Klammer‘99 – auch gerade erhöht; in Text 3b erhält Wagner aufgrund der Anmerkung zu seiner Erwähnung im Haupttext zwar einerseits zwei zusätzliche Sätze zugestanden, wird dafür aber andererseits teilweise, in Text 3d dann sogar vollständig zur ,polemischen Fußno-

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In Text 3a ist es immerhin nur der Freund, den Vogt den wagnerschen Angriff erwähnen lässt. Dies gilt neben den Texten 3b, c und e ausdrucksseitig auch für den Text 3a, selbst wenn sich dort herausstellt, dass die ganze längere Passage, zu der er gehört, als Anspielung auf Wagner verstanden werden kann. In Anlehnung an die ,polemische Fußnote‘ bei Rohner (1987: 216).

156 te‘100 degradiert. Vogt versucht den Gegner also nicht nur qualitativ-fachlich abzuwerten und auszugrenzen, sondern ihn entsprechend dazu auch hinsichtlich seines Stellenwertes in den Bildern quantitativ zu marginalisieren. Die zahlreichen, über das ganze Buch verteilten kleinen Einzelerwähnungen wirken dabei nun aber umso pointierter wie lauter kleine Nadelstiche, als deren vorrangiger Zweck sich dabei der Gedanke aufdrängt, dass sie den Gegner ärgern sollen. Dabei ist zu sagen, dass wohl auch die überbetonte, in fast jeder Erwähnung wiederholte Titulierung Wagners als Hofrath (Text 3a, Z. 9; Text 3b, Z. 9; Text 3d, Z. 1 sowie Text 3e, Z. 3 und 6), die oben schon beleuchtet wurde, ebenfalls mit zu diesem Ärgern gehört, indem sie v.a. wieder und wieder auf die damit verbundene, nur sehr bescheidene, von Wagner aber ja (angeblich) überschätzte Beamtenstellung verweist; bemerkenswert ist, dass es Vogt damit gelingt, seinen Gegner mit einer Titulierung herabzusetzen, die diesem auch wirklich zukommt, also ohne ausdrucksseitig auf beleidigende oder herabsetzende Prädikationen zurückgreifen zu müssen. 3.3.3.2 Das zweite ,Gleis‘: Vogt und Burmeister 3.3.3.2.1 Burmeister Bis einschließlich Text 3e haben sich in Vogts Bildern also zwar mehrere direkte oder indirekte Hinweise auf Wagners Angriff auf den GehirnLeber/Nieren-Vergleich sowie auf seine Agitation gegen Irrlehrer gefunden, jedoch keine explizite Verteidigung gegen auch nur eine der beiden; Vogt war es ja ganz offensichtlich wichtiger gewesen, seinen Gegner ganz allgemein für seine Forschungs- und Publikationstätigkeit zu kritisieren, abzuwerten und für unbedeutend zu erklären. Unter diesen Vorzeichen ist die direkte Beschäftigung mit Wagners Angriff nun eigentlich auch gar nicht mehr möglich (aufgrund der erwähnten Norm, nicht gegen einen unbedeutenden Gegner zu streiten) oder würde zumindest als grobe Inkonsequenz aufgefasst werden müssen. Vogt findet für die inhaltliche ,Verteidigung‘ seiner von Wagner angegriffenen Position aber dennoch eine Möglichkeit, durch die er weder eine Rechtfertigung oder Entschuldigung zu geben braucht noch auf der Äußerungsebene normbrüchig wird: Diese Möglichkeit ist die Bekräftigung des kritisierten materialistischen Leib/Seele-Monismus im Rahmen der Beschäftigung mit jemand anderem, nämlich mit dem schon erwähnten Hermann Burmeister. Nachdem in den Texten 3a bis 3e zwar Wagner ,behandelt‘, nicht aber sein Angriff thematisiert worden war, thematisiert Vogt nun die inhaltlichen Gegenstände des Angriffs, lässt Wagner aber völlig bei Seite. Das fünfte Kapitel der Bilder, um das es im Folgenden geht, setzt sich dabei zunächst mit Burmeisters Sicht der Seele auseinander. Burmeisters dies100

Vgl. Rohner (1987: 216).

157 bezügliche Position stimmt, wie in Zusammenhang mit Text 3e bereits erwähnt, im Wesentlichen mit der Vogts überein und geht von der Seele im Allgemeinen als von einer vergänglichen Fähigkeit oder Kraft des lebenden Organismus aus, wobei ein wesentlicher Unterschied zwischen Tier und Mensch in Abrede gestellt wird. In dieser Weise betrachteten, wie Vogt nun betont, alle die Seele: alle, „von dem geheimen Medizinalrathe bis zum Prosector und Privatdocenten [...], die nur einigermaßen auf wissenschaftlichen Ruf Anspruch machen können“ (Vogt 1852a: 424); sie täten dies zumindest dann, wenn man sie so fragte, dass sie wahrheitsgemäß antworten müssten. Das folgerechte Denken aus Text 1 wird hier zwar nicht mehr angesprochen, ist aber im Anspruch auf wissenschaftlichen Ruf natürlich mitimpliziert (vgl. die Verwendung von „einigermaßen“ hier und in Text 1, Z. 4), wobei Vogt nun aber – nach Wagners Angriff und seinen Forderungen an die staatlichen und kirchlichen Behörden (und allgemein nach der Revolution von 1848/49, d.h. in der Reaktionszeit) – die fachliche Kompetenz nicht mehr zur alleinigen Bedingung für das Aussprechen der Wahrheit macht, sondern auch Vorbehalte und Angst hinsichtlich ihrer offenen Äußerung als Faktor anklingen lässt, angesichts eines gefährlichen Widerspruchs zum „von der Autorität befohlenen Glauben“ (Vogt 1852a: 424). Obwohl Burmeister mit seinen Äußerungen nach Vogts Ansicht trotz all dem nun grundsätzlich in die richtige Richtung geht, kritisiert Vogt, dass er im Detail doch noch zwischen der menschlichen und der tierischen Seele unterscheide (vgl. im Folgenden Vogt 1852a: 424–435 und 447ff.): erstens insofern, als das Tier, Burmeister zufolge, von Natur aus nur über den Instinkt verfüge, der Mensch aber über die Vernunft und den Verstand, und zweitens insofern, als daher der Mensch allein zu Vernunfturteilen fähig sei, aufgrund derer er sich selbständig über die Grenzen seiner unmittelbaren Erfahrung hinaus fortbilden könne, während das Tier stets innerhalb seiner engeren Grenzen bliebe, da es nur aufgrund seiner unmittelbaren Erfahrung urteilen könne. Vogt hält Burmeister entgegen, dass Mensch und Tier gleichermaßen nur aus der Erfahrung lernten und dass beide auch gleichermaßen im Rahmen ihrer jeweiligen Vernunft über sie hinausgehen könnten, da dieses Hinausgehen in beiden Fällen nichts weiter als ein Generalisieren auf der Erfahrungsgrundlage sei – wobei das Tier seine Grenzen lediglich früher erreiche als der Mensch. Am Ende seiner Behandlung Burmeisters fasst Vogt seine eigene materialistische Seelensicht noch einmal zusammen und gibt damit eine Bekräftigung seiner Äußerungen aus Text 1, die sich auf mehrere Stellen der folgenden Seiten der Bilder verteilt und die ursprünglichen Ausführungen sowohl ausführlicher gestaltet und ,belegt‘ als auch stellenweise in relevanter Hinsicht modifiziert:

158 TEXT 3f(1) (Vogt 1852a: 442f.; Orig. in Fraktur)

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Der Theologie, die mit der Vernichtung der Seele als gesondertes, für sich bestehendes Ding selbst aufhört und sich deßhalb mit der Wuth der Verzweiflung für die Existenz dieses Dinges wehrt, der Theologie ist die Seele ein individuelles, immaterielles Princip, welches in einem bestimmten Körper seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat und diesen Körper als Instrument benutzt. Je schadhafter das Instrument, desto schlechter natürlich auch die Werke, die mit demselben angefertigt werden. Zerfällt das Instrument, geht es zu Grunde, so bleibt das Princip über – nach dem Tode des Körpers lebt die Seele fort. Für die Naturforschung dagegen ist die Seele kein immaterielles, von dem Körper trennbares Princip, sondern nur ein Collectivname für verschiedene Funktionen, die dem Nervensysteme und zwar bei den höheren Thieren dem Centralnervensysteme, dem Gehirne, ausschließlich zukommen und die ebenso wie alle anderen Funktionen der verschiedenen Organsysteme des Körpers, bei Störung des Organs modificirt werden. Geht das Organ, geht der Körper, dem es angehört, zu Grunde, so hört auch damit die Funktion auf, stirbt der Körper, so hat auch damit die Seele ein vollständiges Ende. Die Naturforschung kennt keine individuelle Fortdauer der Seele nach dem Tode des Körpers.

Im Anschluss an Text 3f(1) führt Vogt die Vivisektion von Tauben als Beweis für das Gesagte an: In dem Maße, in dem man nach und nach Teile ihres Gehirns entferne, verlören die Tiere auch ihre geistigen Fähigkeiten, wie an ihren Verhaltensäußerungen erkennbar sei (vgl. Vogt 1852a: 443f.). Auch die umgekehrte Beobachtung, dass sich die geistigen Fähigkeiten des Menschen parallel zur Entwicklung seines Gehirns erst allmählich herausbildeten, spräche gegen eine Selbständigkeit der Seele und für ihre Identität mit der Funktion des Gehirns, so wie dies bei allen anderen Organen und ihren Tätigkeiten auch der Fall sei (ebd.: 444). Mit Blick auf diese Organe und ihre Funktionen unter einer hypothetischen dualistischen Betrachtung fährt Vogt dann fort: TEXT 3f(2) (Vogt 1852a: 444; Orig. in Fraktur)

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Man müßte demnacha für diese Funktionen dieselbe Theorie festhalten, wie für die Funktionen des Gehirnes und behaupten, die Funktionen des Sehens, des Hörens, des Blutlaufes und der Athmung seien ebenfalls nicht den Organen inhärent, bsondern nur im materiellen Principe derselbenb, die sich nach dem Untergange der Organe forterhielten, so daß das Sehen, das Hören, der Blutlauf und die Athmung nach dem Tode fortbeständen, wenn auch Auge und Ohr, Herz und Lunge längst zu Grunde gegangen und verwittert seien. Daß eine solche Annahme Unsinn sei, liegt auf der flachen Hand. a D.h.: dem Dualismus zufolge müsste man etc. b-b Hier liegt zweifelsfrei ein Setzfehler vor; aufgrund des inhaltlichen Gesamtzusammenhangs muss die Stelle wohl folgendermaßen lauten: „die Funktionen des Sehens, des Hörens [...] seien [...] nicht den Organen inhärent, sondern [sie seien] nur i m m a t e r i e l l e P r i n c i p i e n derselben“ (so wie eben auch die Seele im Dualismus ein im Gehirn angesiedeltes immaterielles Prinzip ist; vgl. Text 3f(1), Z. 3f.). Für die hier wiedergegebene alternative Variante spricht auch der folgende relative Satzanschluss im Plural („immaterielle Principien [...], d i e sich [...] forterhielten“).

Nach kurzen Ausführungen zur qualitativen Gleichheit von Tier und Mensch hinsichtlich der Seele und auch ihres Willens, der sich bei beiden stets in Abhängigkeit von der materiellen Organisation des Gehirns und von den von

159 außen darauf wirkenden Reizen ergebe (vgl. Vogt 1852a: 445), erklärt Vogt dann schließlich: TEXT 3f(3) (Vogt 1852a: 445f.; Orig. in Fraktur)

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Der freie Wille existirt nicht und mit ihm nicht eine Verantwortlichkeit und eine Zurechnungsfähigkeit, wie sie die Moral und die Strafrechtspflege und Gott weiß wer noch uns auferlegen wollen. Wir sind in keinem Augenblicke Herren über uns selbst, über unsere Vernunft, über unsere geistigen Kräfte, so wenig als wir Herren sind darüber, daß unsere Nieren eben absondern oder nicht absondern sollen. Der Organismus kann nicht sich selbst beherrschen, ihn beherrscht das Gesetz seiner materiellen Zusammensetzung.

3.3.3.2.2 Die Bekräftigung des Monismus Text 3f(1) enthält den wesentlichen Teil der Bekräftigung von Vogts materialistisch-monistischer Seelensicht, die er hier in viel ausführlicherer Abgrenzung vom psychophysischen Dualismus vollzieht als in Text 1. Die knappe kontrastive Darlegung beider Systeme ist sehr sachlich und nüchtern gehalten und im Großen und Ganzen parallel aufgebaut: Nach der Darstellung dessen, was die Seele der jeweiligen Sichtweise zufolge ist (vgl. Text 3f(1), Z. 3ff. bzw. Z. 8ff.: „individuelles, immaterielles Princip“ vs. „Collectivname für verschiedene Funktionen“ des Gehirns), schließt sich die Benennung der jeweiligen Folgen für ihr Schicksal nach dem körperlichen Tod an (Z. 6f. bzw. 13ff.: die Seele „lebt [...] fort“ vs. sie „hat [...] ein vollständiges Ende“), die in Text 1 völlig fehlte. Die nachdrückliche Abgrenzung beider Positionen erfolgt dabei zum einen durch die direkte Gegenüberstellung, die nach den Ausführungen zum Dualismus eben auch einen Neuansatz für den Monismus erfordert (vgl. zudem ausdrücklich: „dagegen“, Z. 8); die besagte Abgrenzung wird zum anderen aber auch durch die Integrierung der expliziten Verneinung der gegnerischen Position (Z. 8f.) in die Darstellung der eigenen, und zwar vor deren dann erst nachfolgender positiver Formulierung, noch zusätzlich unterstrichen (Z. 9ff.): Es soll nicht nur klar werden, was die Seele für den materialistischen Monismus ist, sondern v.a. noch einmal, was sie nicht ist und wogegen man sich folglich abzugrenzen hat. Was im Vergleich zur entsprechenden früheren Äußerung Vogts in seinen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (vgl. Text 1) am meisten auffällt, ist, dass der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich als ausdrucksseitig radikale Formulierung seiner Position, bzw. sogar jeder Bezug auf Nieren oder Leber, zunächst weggelassen ist; außerdem unterbleibt nun auch sowohl eine Abwertung der dualistischen Naturforscher (nachdem das folgerechte Denken in Text 1 ja mehr oder weniger ausdrücklich den Monisten vorbehalten worden war) als auch die Abwertung ihrer Position (die in Text 1 noch als reiner Unsinn bezeichnet wurde). Vogt geht hier also zunächst (in Text

160 3f(1)) einen doppelten Schritt hinter seine früheren Äußerungen zurück: in der Formulierung und auch sowohl in seiner impliziten als auch seiner expliziten Kritik am wissenschaftlichen Sinn des Dualismus. Der Grund dafür ist natürlich, dass er auf der Äußerungsebene hier weder gegen Wagner noch gegen andere dualistische Forscher vorgeht (also nicht gegen sie streitet), sondern ein bloßes resümierendes Fazit aus seiner Beschäftigung mit Burmeister zieht, dem er für den überwiegenden Teil seiner Ansichten zudem ja Recht gibt. Vogt kann diesen doppelten Schritt zurück nun aber auch machen, da er am Anfang von Text 3f(1) bereits die Theologie für ihre dualistische Haltung vernichtend diskreditiert hat – und damit indirekt und implizit auch jeden, einschließlich der christlichen Naturforscher, der die Grundsätze der Theologie in dieser Frage akzeptiert oder verteidigt. In den ersten Zeilen des Textes erklärt Vogt die Beziehung zwischen der Theologie und der Vorstellung einer persönlichen und separaten (und d.h. aus theologischer Sicht eben auch: einer unsterblichen und Gott verantwortlichen) Seele für so fest, dass die Theologie mit der Existenz dieser Seele stehe und falle (Z. 1f.). Vogt impliziert damit natürlich, dass die Theologie das, was für ihr Überleben nötig ist, niemals aufgeben werde, und er diskreditiert die Motive ihres Einsatzes für den Leib/Seele-Dualismus und gegen den Materialismus damit als etwas rein Eigennütziges (selbst wenn es sich dabei um den schieren Existenzkampf handelt), bei dem es auf die Wahrheit (den Leib/Seele-Monismus) nicht nur nicht ankommt, sondern bei dem die Wahrheit die eigentliche Gefahr darstellt. Den Aspekt des Existenzkampfes drückt Vogt in der „Wuth der Verzweiflung“ aus (Z. 2), in der die Gegenseite handle, denn Verzweiflung deutet an, dass die Theologie sehr wohl um ihre prekäre Lage der Naturwissenschaft (und damit der – aus Vogts Sicht – faktischen Wahrheit) gegenüber weiß und dass sie sich wohl ebenso der Gefahr ihrer letztendlichen Niederlage bewusst ist; die Modifikation des Phraseologismus ,Mut der Verzweiflung‘, die Vogt dabei vornimmt, legt der Gegenseite angesichts dessen dann auch kein positiv konnotiertes, achtbares Verhalten (wie eben das aus Mut) bei, sondern ein negatives (aus Wut), das sicher eine Interpretation in die Richtung von fanatisch oder zumindest von rücksichtslos (und wohl auch gefährlich) ermöglichen soll. Abgesehen davon, dass Vogt hier zur realen Bedrohung durch staatliche Aktionen (vgl. Text 3e) nun auch ein gewisses Maß an Bedrohung durch das (nicht näher konkretisierte) Verzweiflungshandeln kirchlicherseits treten lässt, zeigt er die Theologie v.a. in einer defensiven Position, wie sie Wagner für die großen historischen Institutionen (einschließlich der Kirche) ja gerade nicht hatte zugeben wollen (vgl. Text 2b). Dabei gilt nun zwar, dass sich Vogt ausdrücklich nur gegen die Theologie wendet, dass aber natürlich, wie angedeutet, nicht zu übersehen ist, dass sich auch die sie stützende christliche Wissenschaft implizit mit im Fadenkreuz befindet: Ist die Theologie in der

161 Defensive, dann auch die christliche Forschung, und wenn der Kampf der Theologie als rücksichtslos eigennützig diskreditiert wird, dann steht die christliche Forschung als Stütze dieser eigennützigen Ideologie ebenfalls diskreditiert vor dem Leser. Dass der Dualismus als Position bestimmter Wissenschaftler nicht ausdrücklich angesprochen wird, hat dabei wohl mehrere Gründe: Ihre Vertreter sind für Vogt zum einen ja ohnehin keine wirklichen Wissenschaftler und zum anderen soll Wagner, der sich selbst als Wissenschaftler sieht, keine Gelegenheit bekommen, sich als Wissenschaftler angesprochen zu fühlen (da Vogt ja äußerlich eine Erwiderung vermeiden will); zusätzlich soll aber auch die Theologie als die eigentliche Vertreterin des Dualismus gezeigt werden, was die (implizit mitgedachte) christliche Wissenschaft zu deren willfähriger Helferin oder gutgläubigem Werkzeug, in beiden Fällen aber zu etwas ihr Untergeordnetem degradiert. Bei all dem ist neben der Theologie und ihrer Helferin dann aber natürlich auch die von beiden vertretene und letztlich auch für beide überlebenswichtige Position des psychophysischen Dualismus diskreditiert, der nicht vertreten wird, weil er die Wahrheit, sondern weil er Mittel zum (rein eigennützigen) Zweck ist. Im Kampf gegen eine wissenschaftliche Position, weil diese eine religiöse Weltanschauung gefährdet, gerät damit auch der Einsatz Wagners gegen den Leib/Seele-Monismus erstmals, wenn auch noch sehr indirekt, mit nichtstandardepistemischen Faktoren in Verbindung, die anders als in den Texten 3a und 3b über diejenigen eines bloß persönlichen Glaubens hinausgehen, während Wagners Motive101 für die Zustimmung zu Vogts Entlassung und für die Forderung nach weiteren entsprechenden Maßnahmen in Text 3e v.a. über die Kenntnis des gegnerischen Angriffs zu erschließen gewesen waren. Vogt begnügt sich nun aber in seinem wissenschaftlichen Anliegen der Bekräftigung des materialistischen Monismus nicht damit, die gegnerische Position hinsichtlich ihrer Motivlage zu diskreditieren, sondern er bemüht sich im Folgenden auch sehr viel stärker als in Text 1 darum, die eigene Position direkt zu belegen. Auch wenn die entsprechende Stelle oben, zwischen den Texten 3f(1) und 3f(2), nur referiert ist, lohnt es sich, hier doch kurz darauf einzugehen, da Vogt den Monismus auf der Grundlage empirischer Versuche tatsächlich bewiesen zu sehen scheint (bewiesen hier im Sinne von Dascals proof). Vogt nimmt dabei Bezug auf die auch oben (Kap. 2.3.1.1.2) erwähnten Versuche Flourens‘ und Magendies: Man könne „Tauben Stück für Stück die geistigen Funktionen abschneiden, indem wir Stück für Stück das Gehirn abtragen“ (Vogt 1852a: 443); die so „ihrer Seele beraubten Thiere“ würden wochenlang „in stetem Schlafe da[sitzen]“, „kein Zeichen eines Willens oder eines Bedürfnisses“ zeigen, wie „ein lebender Automat, der nur schluckt, wenn man ihm das Futter in den Rachen steckt, flattert, wenn man ihn in die 101

Nämlich der Schutz der gesellschaftlichen Ordnung.

162 Höhe wirft, taub und blind ist, ohne weitere Beziehung zur Außenwelt“ (ebd.: 443f.). Dies zieht er dabei ausdrücklich heran als „Beweis, daß das Nervensystem wirklich der Träger, das Organ der geistigen Funktionen sei“ (ebd.: 443), und das heißt im Sinne Vogts dann: der alleinige, von ihnen nicht trennbare, sie verursachende Träger. Dieser angebliche Beweis ist nun aber durchaus nicht das, wofür Vogt ihn hält oder ausgibt, denn die besagten Versuche erfassen überhaupt nur den materiellen Körper und dessen Funktionen, so dass lediglich bewiesen wird, dass ein Organismus bei fortschreitender Schädigung des Gehirns immer weitere seiner Funktionen nicht mehr ausführen kann; die Versuche beweisen dagegen nicht, dass diese Funktionen auch allein im Körper begründet liegen, und ein Dualist wie Wagner könnte – durchaus berechtigt – einwenden, dass auch eine immaterielle Seele, die durch die Skalpelle der Experimentatoren selbst nicht verletzt würde, dennoch den geschädigten Körper nicht mehr zweckmäßig bedienen könnte, so dass das Ergebnis des Versuchs unter dualistischen Vorzeichen dasselbe wäre wie unter monistischen. Es mag dabei nun zwar in der Tat so sein, dass die von Vogt herangezogenen Versuche den Monismus wahrscheinlicher machen als den Dualismus, da ersterer ohne eine Hypothese auskommt, auf die im Versuch nichts hindeutet; bewiesen ist der Monismus durch Flourens‘ und Magendies Tauben jedoch entgegen Vogts Behauptung nicht, so dass Vogt auch hier, wie schon in seinem Fazit in Text 1, etwas über die von ihm selbst immer wieder betonten, empirischen Grenzen hinausschießt. Nach diesem in Text 1 nicht enthaltenen Versuch des Nachweises des Leib/Seele-Monismus sind im Folgenden nun wieder die Elemente des vorliegenden Textes von Interesse, bei denen es sich um Wiederholungen, Ausführungen oder Modifikationen des Früheren handelt. Dazu gehört in Text 3f(2) das Argument, dass man dann, wenn man das Verhältnis zwischen Gehirn und Geistestätigkeit dualistisch interpretieren wollte, auch das Verhältnis zwischen allen anderen Organen und ihren Funktionen dualistisch interpretieren müsste; das Argument also, mit dem in Text 1 (Z. 10ff.) der Dualismus ad absurdum geführt, dabei aber implizit auch der Monismus positiv gestützt worden war. Im Unterschied zu Text 1 benennt Vogt die Konsequenzen des zu Ende gedachten Dualismus nun aber ausdrücklich, wenn „das Sehen, das Hören, der Blutlauf und die Athmung nach dem Tode fortbeständen“ (eben wie unsterbliche Seelen von Einzelorganen), obwohl die Organe selbst, „Auge und Ohr, Herz und Lunge“, längst „verwittert seien“ (Text 3f(2), Z. 5ff.); das Sehen als immaterielles, selbständiges Prinzip, das sich am Auge nur verwirklichen, aber auch ohne es nach dem Tod weiterexistieren solle, entsprechend bspw. die Athmung ohne die Lunge oder der Blutlauf ohne das Herz, sind dabei die Konkretisierungen (und damit die Bekräftigung) der Absurdität und der Lächerlichkeit des Dualismus, die in Text 1 v.a. impliziert worden waren und die dort wie hier seine Abqualifizierung als „Unsinn“

163 begründen (Text 1, Z. 9 und Text 3f(2), Z. 7), auch wenn dieser Unsinn, nach seiner Konkretisierung, jetzt auch entsprechend unübersehbar „auf der flachen Hand“ liege (Text 3f(2), Z. 7). Auch hier ist bei all dem natürlich wieder die umgekehrte, implizite Argumentation für den Monismus aus den Formulierungen erschließbar, wie sie für Text 1 aufgezeigt worden war: die Begründung des Monismus im Fall des Gehirns, die durch den ,Monismus‘ als anerkannte Regel bei allen anderen Organen erfolgt. Text 3f(3) bringt dann als weiteren Rückgriff auf Text 1 schließlich doch auch noch die bisher ausgesparten Nieren und ihren Vergleich mit dem Gehirn wieder ins Spiel, wenn auch diesmal in veränderter Absicht: Gehirn und Geistestätigkeit bzw. Nieren und Urinabsonderung werden nun nicht mehr zur Illustration des Umstandes verwendet, dass die Geistestätigkeiten (wie alle Organfunktionen) nur am Organ selbst ablaufen und ohne dieses nicht stattfinden, sondern Vogt hebt nun hervor, dass die Menschen über die Tätigkeit ihrer „Vernunft“ und ihrer „geistigen Kräfte“ (Text 3f(3), Z. 4) ebenso wenig frei und willentlich (als „Herren“ über sie; ebd. Z. 3) verfügen könnten wie über die Tätigkeit der Nieren (der Urin wird nicht mehr eigens erwähnt). Der Vergleichspunkt liegt nun also nicht mehr in der Notwendigkeit der Bedingung aller Körperfunktionen durch ein Organ, sondern in der naturgesetzlichen Notwendigkeit des Ablaufs aller Funktionen der Körperorgane. Vogt illustriert hier also die Unfreiheit des menschlichen Willens, deren explizite, nachdrückliche Formulierung den Vergleich zudem im Vorund Nachfeld einrahmt. Dabei bezieht sich Vogt mit der Unfreiheit des Willens wiederum auf etwas, das er in Text 1 (und dessen originalem Kontext) nicht erwähnt hatte, das als Teil der materialistischen Weltanschauung aber auch Wagner bekannt gewesen sein dürfte und das, in seinen befürchteten gesellschaftlichen Konsequenzen aus christlich-konservativer Sicht, sicher wesentlicher Hintergrund von Wagners Auftreten in den Texten 2a und 2b gewesen war. Hier benennt Vogt die Grundlage der gegnerischen Befürchtungen nun in der Tat selbst (wenn auch eben erst ,nachträglich‘), denn infolge seiner Leugnung des freien Willens schließt er „eine Verantwortlichkeit“ (Gott gegenüber) nach den Vorstellungen der „Moral“ ebenso aus wie „eine Zurechnungsfähigkeit“ (dem Gesetz gegenüber) nach den Vorstellungen der „Strafrechtspflege“. Dieses ,Nachreichen‘ seiner Haltung zum Willen und zu Moral und Strafrechtspflege (sowie zur früher, in Text 3f(1) erwähnten Vergänglichkeit der Seele) ist bei all dem ein wesentlicher Teil des Bildes, das sich aus Vogts Vorgehen in den bisherigen Texten und ihrem Kontext zusammenfassend ergibt (vgl. im Folgenden).

164 3.3.3.2.3 Das zweite ,Gleis‘: ein Fazit Dass es sich auch bei den Texten 3f(1) bis 3f(3) um eine umfassende Reaktion auf Wagners Angriff, auf die physiologische Kritik ebenso wie auf die Maßnahmenforderungen handelt, zeigt sich erneut nur auf ihrer pragmatischen Ebene. Dazu gehört zunächst, dass alle wesentlichen Punkte des von Wagner angegriffenen Teils aus Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände auch hier wieder vorhanden sind; um es noch einmal zusammenzufassen: Vogt bekräftigt seine monistische Position zunächst im Klartext (Text 3f(1)), wobei er aber viel ausführlicher ist als in Text 1 und sich auch um eine sehr viel deutlichere Abgrenzung gegenüber dem Dualismus bemüht; Vogt wertet den Dualismus ferner auch hier wieder ab (Text 3f(2)), v.a. indem er dessen frühere ad absurdum-Führung durch konkrete Beispiele selbständiger Körperfunktionen nun ebenfalls noch verdeutlicht; und auch die Vertreter des Dualismus finden erneut implizit abwertende Berücksichtigung (Text 3f(1)), diesmal aber nicht über den Umkehrschluss aus einer Positivbewertung der (folgerecht denkenden) Vertreter des Monismus, sondern indem sie (implizit) in den Dienst einer rein eigennützig handelnden Theologie gestellt werden. Mit diesen ausführlicher gestalteten Bekräftigungen, den Verdeutlichungen und Konkretisierungen betont Vogt vor der Öffentlichkeit der Leser auf der Äußerungsebene nun zwar seinen materialistischen Monismus gegenüber Burmeister; vor dem aufmerksamen Leser unterstreicht er auf der pragmatischen Ebene aber Wagner gegenüber mit Nachdruck sein Festhalten an der eigenen Position. Er signalisiert hier quasi durch sein Handeln (nicht dadurch, dass er es nur sagt), dass er auch nach Wagners Angriff, einschließlich der physiologischen Kritik, keinerlei Grund zu haben glaubt, irgend etwas relativieren oder zurücknehmen zu müssen, ja dass er im Gegenteil Anlass dazu sieht, das Gesagte noch um den einen oder anderen Punkt zu ergänzen. Dass dies nun sogar zu einer inhaltlichen Verschärfung des Ganzen beiträgt, wie eben der ausdrückliche Verweis auf das Ende der Seele mit dem körperlichen Tod, die Unfreiheit des Willens und die Ablehnung von Verantwortlichkeit (vor Gott) bzw. Zurechnungsfähigkeit (vor dem Gesetz), und dass dies in fast schon demonstrativer Weise nachträgliche Nahrung für konservative Ängste und damit auch für Wagners Vorwürfe und Forderungen liefert, all dies soll dabei aber sicher auch zu verstehen geben, dass Vogt sich vom Ruf nach der staatlichen Autorität nicht einschüchtern oder zum Schweigen bringen lassen will. Dergleichen dürfte ihm als schweizer Staatsbürger aus der sicheren Schweiz heraus natürlich relativ leicht gefallen sein (leichter zumindest als einem deutschen Kollegen in Deutschland), so dass er die Rolle des aufrechten Kämpfers für seine Sache hier etwas verzerrt andeuten würde, wenn es ihm tatsächlich darum gehen sollte, sich als solcher zu etablieren; wahrscheinlicher ist aber vielleicht, dass er v.a. Wagner selbst hier nur zeigen will, dass ihm dessen Maßnahmenforderungen egal sind, eben weil er

165 für ihn und ,seine‘ kirchlichen und staatlichen Stellen unerreichbar ist. Wagners Vorgehen soll zumindest in Bezug auf Vogt als Hauptgegner als vergeblich erscheinen. Zur Ignorierung Wagners auf der Äußerungsebene der Texte 3f(1) bis 3f(3) und zu ihrem Kontext ist abschließend noch etwas anzumerken: Die allgemeine Herabsetzung in den Texten 3a bis 3e kann möglicherweise als notwendige Voraussetzung für das Übergehen(können) des Gegners im fachlichen Zusammenhang des fünften Bilder-Kapitels gewertet werden und nicht das Übergehen(müssen) als notwendige Folge des Herabsetzens; insofern die Darlegung des vogtschen Leib/Seele-Monismus und seiner Konsequenzen, Burmeister gegenüber, pragmatisch recht gut als Erwiderung gegen Wagner erkennbar ist (für diesen selbst wie auch für den aufmerksamen Leser), ist das folglich geradezu demonstrative Beiseitelassen des Gegners in konsequenter ,Fortsetzung‘ der früheren Marginalisierung als klares Zeichen der persönlichen, verletzen wollenden Zurücksetzung oder gar der Verachtung (nicht nur der Missachtung) zu verstehen: also als schmerzhafter polemischer Affront – und es ist damit wohl in der Gesamtanlage der Bilder als bedeutsamer zu werten als das erste ,Gleis‘. Durch sein striktes Auseinanderhalten von Äußerungs- und pragmatischer Ebene erringt Vogt hier also einen (hinsichtlich gängiger Streitregeln) in mehr als nur einer Hinsicht paradoxen Erfolg: ausdrucksseitig zunächst die initiative (nicht mit dem gegnerischen Angriff verbundene), allgemeine und völlige Diskreditierung des Gegners aus ideologischen und fachlichen Gründen bei gleichzeitiger demonstrativer Marginalisierung, dann aber pragmatisch dennoch die inhaltliche, fachliche Erwiderung gegen ihn, bei Bekräftigung und Verschärfung der eigenen Position, nun aber bei völliger ausdrucksseitiger Ignorierung des Gegners, der in ihrer pragmatisch gut erkennbaren Kalkuliertheit zudem selbst ein zentraler polemischer Wert zukommt. Vogt lässt damit auf der Äußerungsebene tatsächlich keine Erwiderung gegen Wagners Angriff ergehen; eine solche erfolgt, wie oben (Kap. 3.0) kurz angerissen, erst später, in der zweiten Auflage von Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (21854a). Aber immerhin, auch in den Bildern selbst scheint Vogt die nur allgemeine Abwertung seines Gegners und die nur verdeckte inhaltliche Erwiderung letztlich nicht genug zu sein, denn im ,Nachwort‘ des Buches findet sich dann doch noch eine Stelle, in der Vogt gezielt auf einen konkreten Beitrag Wagners zur Leib/SeeleProblematik reagiert – auf eine Äußerung aus Wagners dreizehntem Physiologischen Brief, die jedoch wieder in keinem Zusammenhang mit dem Angriff im sechsten steht. Bei der Behandlung dieses dritten und letzten ,Gleises‘ von Vogts Beschäftigung mit Wagner in den Bildern wird im Folgenden nun gleich in mehrfacher Hinsicht die Systematik dieser Untersuchung durchbrochen: Zum ersten ,personal‘, da im vorliegenden Vogt-Kapitel

166 zunächst ein weiterer Wagner-Text besprochen wird; zum zweiten in der Textzählung, in die der besagte Wagner-Text aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Physiologischen Briefen (Wagner 1851/52) als ,Text 2c‘ aufgenommen wird; und zum dritten in chronologischer Hinsicht, da Text 2c bereits vor den Bilder aus dem Thierleben erschienen war, vor deren Veröffentlichung nun also vorübergehend zurückgegangen wird. 3.3.3.3 Das dritte ,Gleis‘: Vogt und Wagners ,teilbare‘ Seele 3.3.3.3.1 Wagners dreizehnter Physiologischer Brief Der dreizehnte Physiologische Brief Wagners (1851/52, in AZ 61/1852: 969ff.)102 vom 1. März 1852, fünfeinhalb Wochen nach dem Angriff auf Vogt und mehr als ein halbes Jahr vor dessen Reaktion in den Bildern, markiert die schon erwähnte wichtige Zäsur in Wagners Beitragsreihe zur Augsburger Allgemeinen Zeitung. Nach den vorausgegangenen zwölf Briefen, die seine spätere Selbstkritik als „zu desultorisch“ betrachtete (ders., in AZ 183/1852: 2924)103 und die sich zuletzt für mehrere Nummern mit den Tastkörperchen der Haut befasst hatten, umreißt Wagner hier sein neues, systematisch aufgezogenes mehrteiliges Programm, in dem er beabsichtigt, zunächst die „Naturgeschichte des Menschengeschlechts“ zu behandeln, dann „die einzelnen Hauptcapitel der Physiologie selbst“ und zuletzt „die Gränzgebiete unserer Wissenschaft [...], wo sich Physiologie und Psychologie berühren“ (ders., in AZ 61/1852: 969)104. Die Einleitung des dreizehnten Briefes, in der Wagner von Überlegungen zur Teilbarkeit der Seele ausgeht, soll dabei den anvisierten großen Umfang des Vorhabens verdeutlichen, von dem letztendlich nur die ersten beiden der genannten Teile verwirklicht wurden. TEXT 2c (Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969;105 Orig. in Fraktur):

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* Göttingen, 22 Febr. Ist die Seele theilbar? stellte ich mir die Frage. Sie muß theilbar seyn, war die Antwort. Denn da die geistigen Eigenthümlichkeiten der Eltern unzweifelhaft auf die Kinder übergehen, so gut als die körperlichen, als die Anlagen zu Krankheiten, und zwar nicht ganz, sondern nur zum Theil, so muß, um mich gleich recht grob auszudrücken „ein Stück Seele“ des Vaters, der Mutter auf Söhne und Töchter abgegeben werden können. Ich fand bei anhaltender Ueberlegung, und indem ich alle alle [sic] dabei in Betracht kommenden Facta wohl erwog, daß diese Theilbarkeit der Seele mit den größten Problemen der Anthropologie und Physiologie, mit den tiefsten Geheimnissen der physischen und moralischen Weltordnung im Zusammenhang stehe. Es steht ebenso diese Frage in inniger Beziehung zu den Fragen welche ich mir im zweiten Briefe gestellt und hier zu besprechen vorgenommen habe. Sie steht ferner in .

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102

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Auch in: Wagner (1997: 80ff.). Auch in: Wagner (1997: 159). 104 Auch in: Wagner (1997: 81). 105 Auch in: Wagner (1997: 80f.). 103

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167 gleich inniger Beziehung zur ganzen Naturgeschichte und Geschichte des Menschengeschlechts [...]. Diese Frage muß zuletzt in aufsteigender Linie auf streng naturhistorischem Wege da wo dessen letzte klare Spuren verschwinden, bei der Stelle im zweiten Capitel des ersten Buchs Mosis, ankommen, wo es heißt: „Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.“ .

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Wagners dreizehnter Brief ist kein Streitbeitrag in der Auseinandersetzung mit Vogt; er enthält weder einen neuerlichen Angriff auf den Gegner noch kann er sich bereits mit dessen Reaktion auseinandersetzen, die ja erst im weiteren Verlauf des Jahres erscheinen sollte.106 Das Thema Seele wird hier nach mehreren Briefen, die sich wie oben gesagt v.a. mit dem Tastsinn (v.a. mit den Tastnerven und den soeben entdeckten Tastkörperchen) befasst hatten, von neuem aufgegriffen – mit einem recht unvermittelten Einsatz (Text 2c bildet den Beginn des dreizehnten Briefes). Die Thematisierung der Seele erfolgt in einer knappen, formal aber exemplarischen Argumentationssequenz: Sie setzt direkt mit der ausdrücklichen Fragestellung ein („Ist die Seele theilbar?“; Text 2c, Z. 1), der unmittelbar die Antwort folgt, zunächst formuliert als These („Sie muß theilbar sein“; Z. 2), danach die Daten, die jedoch eigentlich nicht separat genannt werden, sondern ebenso wie die Konklusion in die fast schon mustergültig formulierte Schlussregel integriert sind („da107 die geistigen Eigenthümlichkeiten der Eltern unzweifelhaft auf die Kinder übergehen [§ Daten] [...], so muß [...] ,ein Stück Seele‘ [...] abgegeben werden können [§ Konklusion]“; Z. 2ff.); all dies wird dann zusätzlich sogar durch den Bezug auf einen analogen Fall – als toulminsches backing – abgesichert (konkret durch den Verweis darauf, dass die Übertragung der geistigen Eigenthümlichkeiten „so gut als die [der] körperlichen“ erfolge; Z. 3f.) und auch eine Modalisierung der Argumentation – toulmische qualifiers – sind in Gestalt der Satzadverbiale unzweifelhaft (Z. 3) in den Daten und in Gestalt des Modalverbs müssen sowohl in der These als auch in der Konklusion vorhanden (Z. 2 und 4). Formal ist die Argumentation damit vorbildlich, inhaltlich jedoch trotzdem problematisch, was aber nicht so sehr daran liegt, dass Wagner hier die dualistische Interpretation des Leib/Seele-Problems stillschweigend voraussetzt; denn nur wenn die Seele als eigenständige Trägerin der geistigen Eigenschaften vorausgesetzt wird, kann überhaupt aus der Mitteilbarkeit der geistigen Eigenschaften auch auf eine (Mit-)Teilbarkeit (eines Teils) der Seele geschlossen werden, da die Mitteilbarkeit der geistigen Eigenschaften für sich noch nicht allgemein die Existenz der Seele beweist (wie auch Vogts Gegenargumentation in Text 3g zeigen wird). Dennoch ist diese Vorwegnahme des Dualismus hier nicht das Problem, da Wagner gar nicht den 106 107

Das Vorwort der Bilder aus dem Thierleben datiert ja auf den 15. September 1852. In der voll mustergültigen Formulierung einer Schlussregel eigentlich: wenn.

168 Leib/Seele-Dualismus selbst belegen will, sondern nur eine Position innerhalb dieses Dualismus; und dies zudem (idealerweise) gegenüber einem (partikularen) Zielpublikum,108 das diesen Dualismus ebenso als gegeben voraussetzt oder als bewiesen akzeptiert wie er selbst, so dass Wagner innerhalb dieses Rahmens eine Prämisse voraussetzt, die dort tatsächlich (als) gültig (anerkannt) ist, und insofern auch eine Argumentation ausführt, für die dasselbe hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft gilt. Letzteres nun aber doch nur im Prinzip; wenn nämlich Wagner den Bezug auf die Vererbung körperlicher Merkmale (vgl. Z. 3f.) tatsächlich als backing der seelischen Vererbung durch Analogie betrachtet (und nur so lässt sich die Stelle sinnvoll erklären), dann beschädigt gerade das die Argumentation, denn er würde damit implizieren, dass auch die Vererbung körperlicher Anlagen mit der Übertragung eines Teils ihres Trägers (also eines Teils des elterlichen Körpers) auf das Kind einherginge. Dass der Embryo aus Teilen der elterlichen Körper, einschließlich der Eigenschaften dieser Teile, zusammengesetzt ist, kann Wagner nicht angenommen haben, da bereits seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Entwicklung des Embryos aus einer einzelnen Eizelle zu einem zunächst homogenen und sich später heterogen ausdifferenzierenden Zellkomplex durch mikroskopische Untersuchungen gesichert war109 und Wagner auch selbst (1854c: 201, i. d. Anm.) sagt, dass, abgesehen von Samen und Ei, die „chemischen Atome, welche [in der Embryonalentwicklung] den Leib bilden, [...] aus der Außenwelt angezogen werden“; Eizelle und Spermatozoon aber als Teile des elterlichen Körpers zu bezeichnen, würde sich kaum mit der gängigen Vorstellung von ,Teil‘ decken. Mit seiner problematischen Analogie macht Wagner hier sozusagen genau das, wofür er Vogt bei dessen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich kritisiert hatte: Er setzt zwei Dinge in einer Weise zueinander in Beziehung, die sich als unpassend (oder zumindest als unklar hinsichtlich der Relevanz ihres Verhältnisses) erweisen, und er beschädigt damit ausgerechnet eine Argumentation, die ohne ihr ,backing‘ weniger (bzw. im vorausgesetzten dualistischen Rahmen überhaupt nicht) fragwürdig gewesen wäre. Interessant ist bei all dem, dass Wagner hier für sich in Anspruch nimmt, sich „recht grob“ auszudrücken (Text 2c, Z. 5), was er dem Gegner bei dessen Vergleich ja gerade nicht zugestanden hatte. Der Gedanke, der sich aus der Verbindung dieser Bemerkung und der fragwürdigen Argumentation 108

Wagner veröffentlicht seine Physiologischen Briefe zwar in einer allgemeinen Tageszeitung, zielt dabei aber ja auf eine bestimmte Gruppe innerhalb von deren Leserschaft ab (vgl. oben); und v.a. ihr Interesse dürfte er nach zwölf vorangegangenen Briefen (und v.a. nach dem nur rund zwei Monate zurückliegenden, sehr deutlichen sechsten Brief) auch gefunden haben. 109 Vgl. im Einzelnen Mason (1997: 432ff.), sowie die Einträge unter „Embryologie“ in Schlote (2002).

169 vielleicht einstellt, dass Vogt hier parodiert werden soll, kann aber als ausgeschlossen gelten, da Wagner sicherlich in aller Ernsthaftigkeit zu seiner Teilbarkeit der Seele gelangen will, die er immerhin als wesentlich für seine weiteren Ausführungen in den Physiologischen Briefen betrachtet (vgl. Z. 7ff., v.a. 11f.). Interessant ist aber v.a. auch, dass diese Ausführungen hier nun sehr deutlich zu der einen und einzigen Wahrheit führen müssen, von der im Zusammenhang mit der doppelten Buchführung schon mehrfach die Rede war: Dies zeigt der Schluss des Textes (Z. 14ff.), wo Wagners wissenschaftlicher, „streng naturhistorische[r]“ Weg (Z. 14f.), dort, „wo dessen letzte klare110 Spuren verschwinden“ (Z. 15), als Endpunkt auf die Offenbarung treffen „muß“ (Z. 14), deren maßgebliche Worte (nach 1. Mose 2,7) nun auch explizit, als Bibelstelle in einer (wenn auch populär-)wissenschaftlichen Veröffentlichung zitiert werden. Was die Wissenschaft nicht ermitteln oder klären kann, dafür gilt also das Wort der Offenbarung und ihr zufolge hat Gott den Menschen als materielles Wesen erschaffen, dem als solchem dann erst die (eigenständige) Seele hinzugegeben wurde (Z. 15ff.). Diese Bibelstelle dient natürlich auch als nachträgliche autoritative Abstützung des in der Eingangsargumentation des Textes vorausgesetzten Dualismus (vgl. oben). Unabhängig von der Überzeugungskraft dieser Argumentation – der Legitimität der Gründung ihrer Prämisse auf die Bibel und der Angemessenheit ihres backings durch die konkret verwendete Analogie – argumentiert Wagner hier für die Teilbarkeit der eigenständigen Seele, und diese Argumentation ist es nun, an die Vogt im dritten Teil (auf dem dritten ,Gleis‘) seiner Beschäftigung mit Wagner anknüpft, wobei er sich nun – im Gegensatz zu den früheren Textauszügen – eben nicht nur mit Bezug auf konkrete Äußerungen, sondern auch namentlich (und v.a. ausschließlich) mit Wagner befasst; diesmal zudem sowohl ad personam als auch ad rem. Vogts entsprechende Äußerungen am Ende des fünften Kapitels, die im Folgenden vollständig wiedergegeben sind, bilden zugleich den letzten Abschnitt der Bilder aus dem Thierleben überhaupt und können als deren ,Nachwort‘ (bzw. in Anlehnung an Vogt 11855a: 23 als deren „Schlußwort“) betrachtet werden. TEXT 3g (Vogt 1852a, 451f.; Orig. in Fraktur)

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In dem Augenblicke, wo ich diesesa zum Druck befördere, fällt mir eines jener Blätter der Augsburger Allgemeinen Zeitung in die Hand, in welcher Herr R. W a g n e r in Göttingen unter dem Titel: „Physiologische Briefe“ von dem Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, von König Ludwig von Baiern, von den Fingerspitzen schöner Damen und dem zarten Flaum auf dem Rücken ihrer Arme, von Eisenbahnen und Nildampfschjffen, von der Bibel und den Büchern Moses, von Vorlesungen über Naturgeschichte des Menschen – (so stand ich – so lag der Griechenschädel vor mir – so hatte ich zur rechten Hand einen Cretin, zur Linken einen Neger – – so lag ich und so führt‘ ich meine Klinge)b – und gelegentlich auch zur Schande deutscher Wissen-

D.h. beobachtbare, empirische, wissenschaftlich erfassbare Spuren.

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schaft und zur gänzlichen Vernichtung früheren Rufes Etwas von Physiologie schwatzt, wenn auch Letzteres in sparsamster Dosis. In diesem Blatte spricht auch Hr. R. W a gn e r seine Ueberzeugung aus, daß die Seele sich t h e i l e n könne und findet den Beweis darin, daß das Kind von Vater und Mutter Vieles erbe – da müsse sich doch die Seele des Vaters, der Mutter getheilt haben, um dem Kinde Dies oder Jenes mitzutheilen. Was heißt das anders, in verständliches Deutsch übersetzt, als daß dem Kinde gewisse Eigenthümlichkeiten der Organisation mitgetheilt werden, welche auch in dem Gehirne sich finden, so gut als in der Nase oder der Handform (beiläufig gesagt, sind Hand und Fuß in ihrer Form weit charakteristischer für Familienähnlichkeit, als das Gesicht, an welches man sich gewöhnlich hält), und daß demnach auch eine Familienähnlichkeit in geistigen Eigenschaften sich vererben muß. Getheilte Seelen aber, welcher [sic] entsetzlicher Unsinn! Die Seele, welche gerade der Inbegriff, das Wesen der Individualität, des einzelnen, untheilbaren Wesens ausmachen sollc, die Seele soll sich theilen können! Theologen, nehmt Euch diesen Ketzer zur Beute – er war bisher der Euren Einer! Getheilte Seelen! Wenn sich die Seele im Akte der Zeugung, wie Hr. R. W a g n e r meint, theilen kann, so könnte sie sich auch vielleicht im Tode theilen, und die eine mit Sünden beladene Portion in’s Fegfeuer gehen, während die andere direct in’s Paradies geht. Herr Wagner verspricht zum Schlusse seiner physiologischen Briefe auch Excurse in das Gebiet der Psychologie – wir sind sehr begierig auf diese Psychologie der getheilten Seelen! a

D.h. die Druckvorlage der Bilder aus dem Thierleben. b Die hier eingefügte runde Schlussklammer fehlt im Original, wo an ihrer Stelle, wohl aufgrund eines Setzfehlers, lediglich ein Komma steht. Im erneuten Abdruck der Stelle in Vogt (11855a: 23) erscheint die Klammer. c Bei der Verwendung des Nominativs für ,Inbegriff‘ und ,Wesen der Individualität‘ handelt es sich grammatikalisch um eine ungewohnte Formulierung, aber nicht um einen Kasusfehler. Vogt will sagen, dass der Inbegriff bzw. das Wesen der Individualität (Nominativ) die Seele (im Relativsatz vertreten durch das Pronomen welche im Akkusativ) ausmache, nicht umgekehrt, wie es bei Verwendung des auf den ersten Blick naheliegenderen Akkusativs bei ,Inbegriff‘ und ,Wesen‘ der Fall wäre.

3.3.3.3.2 Ein weiteres Mal die Physiologischen Briefe und Wagner als Forscher Mit seinem ,Nachwort‘ verfolgt Vogt mehrere Anliegen. Den Anfang macht eine erneute ausdrückliche Disqualifizierung der Physiologischen Briefe, die diesmal weniger allgemein ausfällt als in den früheren Texten 3b, 3d und 3e. Schon dass Vogt nicht von Wagners Physiologischen Briefen spricht, sondern ausdrücklich von „Blätter[n] [...] unter dem Titel: ,Physiologische Briefe‘“ (Text 3g, Z. 1ff.) impliziert erneut die Diskrepanz, die er zwischen deren wissenschaftlichem Anspruch und ihrer unwissenschaftlichen Wirklichkeit sieht. Diese Diskrepanz versucht er nun durch die bloße Auflistung von einigen ihrer Inhalte auch zu illustrieren (Z. 3ff.), die alle dem dreizehnten Brief entnommen sind und völlig am Titel der Reihe vorbeizugehen scheinen. Auch hier geht es zum Teil wieder um religiöse Punkte. Vom „Geist Gottes, der über den Wassern schwebt“ (Z. 3f.), spricht Wagner in seinem dreizehnten Brief tatsächlich, als er im Rahmen einer Metapher die Behandlung der Psychologie (als der Wissenschaft von den menschlichen Geistesfähigkeiten) für das Ende seiner Reihe ankündigt (vgl. im Folgenden

171 Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969; eig. Hervorh.): Wagner bezeichnet die Psychologie dabei als ein Meer, als „Ocean der Gedanken“, auf dem er zwar nicht selbst umherschwimmen, auf den er aber „vom festen Lande“, genauer gesagt „vom Leuchtthurm der Anatomie und Physiologie“ aus, einige Blicke werfen wolle, um dem „Spiele seiner Wellen“ vielleicht einige ihrer Gesetze „abzulauschen“; jedoch nicht ihre „e r s t e n U r s a c h e n“, denn diese ruhten eben, „unsichtbar und unergründbar für den menschlichen Scharfsinn, in dem Geiste Gottes der auf den Wassern schwebt“. Soweit also Wagner. Warum Vogt diesen Punkt in seine Tadel-Liste aufnimmt, ist klar: Wagner betrachtet die letzten Ursachen und Erklärungen des menschlichen Geistes (also der Seele) als dem menschlichen Scharfsinn (d.h. der Wissenschaft) unzugänglich, da er sie Gott zuschreibt, der – um im Rahmen der Metapher zu bleiben – auf (und das heißt über) dem Wasser schwebt (also über dem Ocean der Gedanken) und damit auch über (und das heißt nun außerhalb) der Sphäre menschlicher Denk- und Erkenntnisfähigkeit. Und mit Gott als letzter Ursache des Geistes wird auch der Geist selbst in letzter Konsequenz der Wissenschaft entzogen (und vor ihr geschützt), wobei der Wissenschaft auf diese Weise, dem Übernatürlichen bzw. dem Göttlichen gegenüber, Grenzen gezogen werden, die der Materialist und Empirist Vogt nur als unangemessen kritisieren kann. Insofern Religion für ihn in der Wissenschaft – und in Physiologischen Briefen – keine Berechtigung hat, ist die Aufnahme dieses Punktes in die Liste aus Vogts Sicht also sicher begründet. Dasselbe gilt bei „der Bibel und den Büchern Moses“ (Text 3g, Z. 6), womit sich Vogt auf die Stelle vom Anfang des dreizehnten Briefes bezieht, die oben in Text 2c (Z. 14ff.) wiedergegeben worden war und in der Wagner seiner Überzeugung vom letztendlichen Einmünden jeder wissenschaftlichen Forschung, auf streng naturhistorischem Wege, in die Wahrheit der christlichen Offenbarung Ausdruck verliehen hatte; auch daran kann Vogt nur Anstoß nehmen. Während er Wagner mit diesen beiden Erwähnungen also die Verletzung des wissenschaftlichen Rahmens seiner Briefe mit gutem Grund zum Vorwurf macht (zumindest aus seiner Sicht und der seiner Sympathisanten), stellen sich die drei dazwischen liegenden Listenpunkte als äußerst problematisch dar, da sich der Eindruck des Unpassenden, der mit ihnen anklingt, nur in der Herauslösung aus ihrem ursprünglichen Kontext ergibt. „König Ludwig von Baiern“111 (Text 3g, Z. 4) bspw. wird von Wagner als Schüler und Gönner des von ihm (d.h. von Wagner) geschätzten Anthropologen und Zoologen Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) erwähnt, dem der König einen offenbar antiken Griechenschädel für dessen anthropologische Sammlung hatte zukommen lassen (vgl. im Folgenden Wagner 1851/52, in AZ 111

Ludwig I. (1786–1868), König von 1825 bis 1848; vgl. die Anmerkung Klatts in Wagner (1997: 230).

172 61/1852: 970f., einschl. d. Anm.); da Wagner an der fraglichen Stelle von der laufenden Vorbereitung einer anthropologisch-physiologischen Vorlesung berichtet, für die er die blumenbachsche Sammlung (einschließlich des erwähnten Schädels) verwenden will, ist die Erwähnung des prominenten Beiträgers und Gönners aber zumindest nicht vollkommen unbegründet. Im Haupttext des Briefes wird Ludwig dabei zudem nur ein einziges Mal erwähnt, und auch wenn dessen Geleitschreiben zu seinem Geschenk an Blumenbach in einer Fußnote mitabgedruckt wird, spielt der König im dreizehntem Brief doch nur eine Nebenrolle, während Vogt hier den Anschein erweckt, als sei er zum größeren ,thematischen‘ (und dann in der Tat fachfremden) Gegenstand der Ausführungen geworden. Wenn in den Physiologischen Briefen dann des Weiteren auch tatsächlich „von Eisenbahnen und Nildampfschiffen“ (Text 3g, Z. 5f.) die Rede ist, dann werden auch sie nicht thematisiert, sondern im Originalkontext (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969) an einer Stelle nur kurz erwähnt, an der Wagner seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, noch vor dem Abschluss seiner Briefe eine Reise nach Ägypten unternehmen zu können, da der dort vorkommende Zitterwels seine Untersuchungen zum Zitterrochen ergänzen könne. Eine solche Reise werde nun, wie Wagner sich ausdrückt, „auch einem deutschen Professor [...] erschwinglich“ durch „[d]ie Eisenbahnen“ (für die Reise von Göttingen ans Mittelmeer), durch „die Gesellschaft des Lloyd in Triest“ (die Schiffslinie für die Reise von dort nach Ägypten) „und die Nildampfschiffe“ (für das Reisen vor Ort in Ägypten). Auch hier spricht Wagner von wissenschaftsfremden Dingen also wieder in einem nachvollziehbaren Zusammenhang, der in Vogts ,Wiedergabe‘ verloren geht. Und noch irreführender liegen die Dinge dann bei „den Fingerspitzen schöner Damen und dem zarten Flaum auf dem Rücken ihrer Arme“, wie Vogt sich ausdrückt (Text 3g, Z. 4f.). Auch in diesem Fall spricht Wagner im Originalkontext von der Vorbereitung der erwähnten anthropologisch-physiologischen Vorlesung (vgl. im Folgenden Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969; eig. Hervorh.), in der er unter anderem Versuche zum Tastsinn des Menschen plant, für die er sich weibliche Unterstützung erhofft. Denn der Tastsinn, so Wagner, „pflegt am vollkommensten bei Frauen zu seyn welche sich mit gewissen feinen Arbeiten abgeben“, so dass einige von ihnen, wie es von indischen Spinnerinnen heiße, „zwanzig verschiedene Gespinnste und Fäden [...] mit den Fingerspitzen zu unterscheiden“ vermöchten; von daher kommt Wagner dann zu der Äußerung, dass man „an schönen und zarten Frauenhänden auf das schicklichste experimentiren“ könne. Von dem zarten Flaum auf dem Rücken ihrer Arme, der in Vogts Formulierung maßgeblich zum unpassenden Eindruck beiträgt (als schwärmerischer Ton, der eher an eine Liebeserklärung erinnert), ist bei Wagner an dieser Stelle überhaupt nicht die Rede; erst etwas später (zwar noch im allgemeinen Kontext des Tastsinns, aber eben nicht mehr im Zusammenhang der Experimente mit-

173 hilfe von Frauenhänden) spricht Wagner von den „Nerven für die empfindlichen Stellen der Haut, wo die feinen Haare auf dem Arme und Rücken der Hand entspringen“ (ebd.). Nachdem Vogt die beiden vorausgehend besprochenen Bezüge also ,nur‘ aus ihrem Kontext genommen und sie wichtiger gemacht hatte, als sie ursprünglich waren, verfälscht er hier durch Zusammenziehung und Vermischung eigentlich separater Textstellen die Ausführungen des Gegners mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit absichtlich um der Wirkung willen,112 während die Stellen in ihrer ursprünglichen Form und Textumgebung, wie schon in den vorausgehenden Fällen, in einem durchaus nachvollziehbaren, im letzten Fall sogar unmittelbar fachrelevanten Zusammenhang geäußert worden waren. Der Eindruck der fachlichen Irrelevanz der kritisierten Physiologischen Briefe und der Beliebigkeit ihrer Themen, so wie Vogt sie schildert (zudem nur am Beispiel des dreizehnten), ist damit schon aufgrund der aufgezeigten Entkontextualisierung durch ganz klar unredliche Mittel erzeugt, die zumindest eine Übertreibung der wirklichen Verhältnisse darstellen, wobei diese aber aufgrund der recht konkret klingenden Vorwurfspunkte nicht so leicht als Übertreibung erkennbar ist wie bspw. die Äußerungen in Text 3b (Z. 9ff.) aufgrund der dortigen ,pauschaleren‘ Formulierung; die Übertreibung an der vorliegenden Stelle von Text 3g ist zumindest dann nicht ohne Weiteres erkennbar, wenn der Leser den (Inhalt des) dreizehnten Brief(s) Wagners nicht mehr unmittelbar präsent hat, was mindestens sechseinhalb Monate nach dessen Erscheinen (wie auch Vogt gewusst haben wird) kaum zu erwarten war. Abgesehen vom Angriff auf die aufgelisteten ,irrelevanten‘ Punkte greift Vogt seinen Gegner dann aber auch auf dem Gebiet von dessen eigentlicher wissenschaftlicher Tätigkeit an, wenn er auf die erwähnte anthropologischphysiologische Vorlesung über Naturgeschichte des Menschen (Text 3g, Z. 6f.) zu sprechen kommt. Wagner beschrieb in seinem dreizehnten Brief (vgl. im Folgenden Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 969 und v.a. 970f.), wie er bei ihrer Vorbereitung „eine Reihe von natürlichen Schädeln“ um sich ausgebreitet hat, nicht nur den schon erwähnten Griechenschädel, sondern auch viele andere, „von den Schädeln der Kaukasier einerseits zu den Mongolen, andrerseits zu den Negern, bis zu den künstlich verunstalteten Schädeln der amerikanischen Völker und zu den Cretins und Mikrocephalen (Blödsinnigen mit Hirnarmuth)“. Vogt imitiert diese Aufzählung (in der Klammer ab Z. 7) 112

Vogt sagt selbst (vgl. Text 3g, Z. 1f.), dass er die kritisierten Blätter (unmittelbar vor Drucklegung seiner Bilder) vorliegen habe, er schreibt sein ,Nachwort‘ also nicht auf der Grundlage länger zurückreichender Erinnerung, in der ihm ein Fehler unterlaufen sein könnte, sondern unter einem unmittelbaren Eindruck. Sollte ihm unter diesen Umständen ein Fehler unterlaufen sein, dann am ehesten aufgrund oberflächlicher Lektüre, was vorwerfbar wäre, denn wer kritisiert, sollte kritisieren, was er zuvor genau gelesen hat.

174 nun stark raffend und mit möglicherweise gleich zwei Absichten: Zum einen könnte er mit der knappen Aufzählung implizieren wollen, dass Wagners eigener Beitrag zu der geplanten Vorlesung nur auf das bloße, kursorische Vorzeigen und Benennen der umfangreichen Exponate hinauslief oder hinausgelaufen sein könne; dies wäre dann als Kritik an Wagners Befähigung zur Anatomie zu verstehen (zu der Körper- und Schädelbau des Menschen gehören), wobei hier daran zu erinnern ist, dass der Physiologe Wagner den Göttinger Lehrstuhl für Anatomie zur Zeit des dreizehnten Briefes (1. März 1852) noch provisorisch innehatte, dass dann aber um die Mitte des Jahres, auch angesichts von bereits länger zurückreichender Kritik an seiner Tätigkeit, letztlich eine andere Regelung getroffen worden war (vgl. oben). Zum anderen will Vogt hier aber sicher auch auf einen Wesenszug Wagners hinaus, der sich in den frühen Physiologischen Briefen v.a. im Zusammenhang mit der Entdeckung der Tastkörperchen und dem Enthusiasmus um den Zitterrochen (aber auch ansatzweise in Text 2c, Z. 7ff.) zeigt: ein spürbarer Stolz im Verweis auf die eigenen Fähigkeiten und Leistungen als Forscher. Dass er Wagners öffentliche Vorlesung in diesem Sinn v.a. als eine Möglichkeit für den Gegner betrachtet, sich vor Publikum in Szene zu setzen, zeigt der Schluss der Klammer in Text 3g (Z. 8f.): „– – so lag ich und so führt‘ ich meine Klinge“. Vogt zitiert hier die komische Figur des zum Dieb heruntergekommenen Ritters Sir John Falstaff aus dem ersten Teil von Shakespeares Historiendrama Heinrich IV. (Akt II, Szene 4).113 Von den zahlreichen negativen Charaktereigenschaften, die die Literaturwissenschaft Falstaff zuweist (vgl. z.B. Kindler 1991, Bd. 15: 287f. und Bernhard Klein 2000: 363ff.) zielt Vogt hier wohl v.a. auf die des aufgeblasenen, sich selbst überschätzenden Angebers und Aufschneiders ab, die im Kontext des Zitats bei Shakespeare unübersehbar ist (vgl. Heinrich IV., erster Teil, II,4, aber auch I,2 und II,1f.): Falstaff raubt mit drei Kumpanen einen reichen Kaufmann aus und wird dabei hereingelegt, als sich zwei weitere seiner Komplizen einen Spaß erlauben und ihm nun ihrerseits (unerkannt) die Beute wieder entreißen; all dies nur um zu sehen, wie der Angeber Falstaff die Ereignisse später darstellen wird. Und während Falstaff den beiden Angreifern das Diebesgut fast ohne Gegenwehr überlässt und das Weite sucht, will er später (als er die Geschichte in einem Wirtshaus zum Besten gibt) tatsächlich gegen hundert Angreifer eine Zeit lang (wenn auch vor der Übermacht letztendlich erfolglos) standgehalten und zwei von ihnen sogar getötet haben – eine Zahl, die sich bis zum Ende der Erzählung auf elf erhöht. Vogts am nächsten liegende Absicht hinter dieser Zitierung ist es also, Wagner als einen ebensolchen Angeber und 113

Vogt zitiert offenbar nach der deutschen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel von 1800; vgl. William Shakespeare: Complete Works. English and German (Digitale Bibliothek 61), Berlin 2002, S. 15.387 (Text) und S. 15.021f. (Übersetzungsnachweis).

175 Aufschneider darzustellen wie Falstaff, der v.a. redet, um sich wichtig zu machen, und er wäre damit der erste, der den Gegner – wenn auch wiederum sehr implizit – rein charakterlich diskreditiert. Nach der Auflistung (tatsächlich oder scheinbar) fachfremder, teils religiöser Inhalte aus den Physiologischen Briefen Wagners, zuzüglich seines Ausflugs (wie man in Anlehnung an Vogt sagen könnte) in die Anatomie, findet sich erst am Ende von Vogts Tadelliste zu den Briefen der Verweis auf die titelgebende Physiologie; wobei es natürlich nicht verwundern kann, dass Vogt sie aus Wagners Mund bzw. Feder, nach allem Vorausgegangenen, vernichtend bewertet, qualitativ wie quantitativ: Wagner „schwatzt“ (Text 3g, Z. 10) nur von ihr, was Belanglosigkeit in der Sache und Unverstand beim Sprecher impliziert; er tut selbst dies zudem bloß „gelegentlich“ (Z. 9) und – unter Verwendung einer elativischen Verstärkung – „in sparsamster Dosis“ (Z. 11). Wesentlich an der persönlichen Abwertung, die Vogt hier vornimmt, ist nun aber, dass Wagner mit seinem Auftreten nicht nur zur „gänzlichen Vernichtung [seines eigenen] früheren Rufes“ (Z. 10; vgl. auch Text 3d) beitrage, sondern „zur Schande deutscher Wissenschaft“ (Text 3g, Z. 9f.) handle. Es liegt hier seitens Vogts der bisher schärfste explizite Angriff auf Wagner vor, dem nicht mehr nur spöttisch seine Befähigung abgesprochen und der insofern nicht mehr nur spöttisch aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausgeschlossen wird; ihm wird nun auch nicht nur nachgesagt, sich selbst zu diskreditieren, sondern zudem vorgeworfen, durch sein schlechtes Beispiel dem Ruf auch seiner Berufskollegen zu schaden. Am Ende seiner Tadelliste kommt Vogt mit diesem schwer wiegenden Punkt also seine spöttische Distanziertheit gegenüber Wagner abhanden; sie hatte die Texte 3a bis 3e beherrscht und das Gesagte insgesamt recht gut als Übertreibung erkennbar gemacht und sie war als spöttische Verwunderung über die Diskrepanz zwischen den Physiologischen Briefen und ihren ,Themen‘ auch am Anfang von Text 3g vorhanden gewesen. Was nun am Ende der Tadelliste steht (Schande deutscher Wissenschaft, schwatzen, gänzliche Vernichtung früheren Rufes) klingt in seiner offenen Aggressivität dagegen unmissverständlich direkt. Hier scheint es Vogt ernst zu sein, mit dem, was er sagt: Wagner ist als Wissenschaftler untragbar geworden und wird nun eben auch im ernsthaft scharfen Ton aus der Wissenschaftlergemeinschaft ausgegrenzt. Die Stelle kommt dabei zwar nicht entfernt an Wagners Agitation im sechsten Physiologischen Brief heran, aber vielleicht kann man hier immerhin (als weitere Spitze gegen Wagner) eine sehr implizite Empfehlung Vogts an seine und Wagners gemeinsame Fachkollegen erkennen, sich im eigenen Interesse vom letzteren wenigstens zu distanzieren. Im unmittelbaren Anschluss an diesen ernsten Punkt lässt Vogt sich nun zum ersten Mal in den Bildern auch ernsthaft in der Sache auf Wagner ein. Auch wenn hier nach wie vor der eigentliche Angriff inhaltlich nicht direkt

176 erwidert wird (Vogt geht überhaupt nicht mehr inhaltlich auf den sechsten Brief ein), so erweisen sich die letzten beiden Punkte des ,Nachwortes‘ aber doch schon aufgrund ihrer Abfolge als direkte Retourkutschen auf das gegnerische Vorgehen im sechsten Physiologischen Brief, auch wenn sie sich auf Inhalte des dreizehnten erstrecken: Zunächst (Text 3g, Z. 11ff.) erfolgt eine Gegenargumentation in der Sache gegen die Teilbarkeit der Seele (als Retourkutsche für die physiologische Kritik des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs) und abschließend (Z. 20ff.) etwas, das man nur als höhnische Parodie auf Wagners Agitation aus Text 2b bezeichnen kann. 3.3.3.3.3 Gegen die teilbare Seele Die Erwähnung von Wagners Argumentation für die Teilbarkeit der Seele ist an die Reihe der zuvor getadelten ,Themen‘ angeschlossen; insofern Vogt darauf verweist, dass Wagner auch sie „[i]n diesem Blatte“ ausführt (Text 3g, Z. 11), also in dem im ,Nachwort‘ angegriffenen dreizehnten Brief, ist klar, dass Vogt sie nicht gelten lassen wird. Er gibt dabei zunächst eine um das problematische ,backing‘ verkürzte, ansonsten aber korrekte Wiedergabe des Kerns der gegnerischen Argumentation (eben zur Vererbung geistiger Eigenarten von den Eltern auf das Kind und der damit begründeten Seelenteilung), wobei Vogt streng auf die Einhaltung der indirekten Rede, also auf die Wiedergabe aus der Sicht des Gegners achtet; dies als weiteres Signal, dass er sie nicht gelten lassen wird. Und auch die Modalpartikel ,doch‘ (Z. 13), die aufgrund der indirekten Rede als Zustimmung heischende Verstärkung der Konklusion durch Wagner erscheint, ist in der tatsächlichen Formulierung der Stelle durch Vogt natürlich ironisch zu verstehen. Vogt geht in seiner Gegenargumentation nun grundlegend anders vor als Wagner; dieser hatte ja aus der Vererbung eines Teils der geistigen Eigenschaften, jedoch unter impliziter Voraussetzung des Leib/Seele-Dualismus, auf die Weitergabe auch eines Teils der Seele, damit also aus der (Mit-) Teilbarkeit der Eigenschaft auf die Teilbarkeit des postulierten Trägers geschlossen, und er hatte dies (wenn auch etwas unglücklich) durch den analogen Bezug auf die Vererbung von körperlichen Merkmalen zu stützen versucht. Vogt dagegen geht davon aus, dass keine körperlichen oder geistigen Eigentümlichkeiten an sich vererbt werden, sondern nur „gewisse Eigenthümlichkeiten der Organisation“, die sich im „Gehirne [...] so gut als in der Nase oder der Handform“ finden (Z. 15ff.), also im gesamten Körper, für den Gehirn, Nase und Hand(form) als partes pro toto stehen. Wenn sich nun (wie in der Klammer dann angedeutet wird; Z. 17ff.) durch die Weitergabe dieser körperlichen Organisationseigentümlichkeiten eine Familienähnlichkeit z.B. in der körperlichen Eigenschaft der Handform ergibt (etwa größer oder kleiner, kräftiger oder schwächer, mit den entsprechenden Folgen für die Funkti-

177 on der Hand), so ist die argumentative Folgerung daraus eben die, dass „auch eine Familienähnlichkeit in geistigen Eigenschaften sich vererben muß“ (Z. 19f.). Und für Vogt (und für den aufmerksamen Leser) heißt das: eine Ähnlichkeit in der körperlich bedingten Funktion des Gehirns. Wobei deren Vererbung dann, so der implizierte Gedankengang weiter, aufgrund derselben Ursache wie die Vererbung der Handform erfolgt, nämlich durch die Weitergabe von Organisationseigentümlichkeiten (diesmal eben von denen des Gehirns) von den Eltern an das Kind – und nicht durch die Teilung von irgendetwas. Es sei hier daran erinnert, dass Vogt bereits an der Stelle, an der er Jahre zuvor seinen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich zog, ausdrücklich mit Bezug auf Gehirn, Leber und Nieren gesagt hatte, dass „jeder Theil, der eine eigenthümliche Zusammensetzung hat, [...] auch nothwendig eine eigenthümliche Funktion haben“ müsse (Text 1, Z. 13f.). Zu Vogts Gegenargumentation sind nun zwei Dinge anzumerken. Zum einen stützt er seine Sicht der ,geistigen‘ Vererbung nicht wie Wagner durch einen analogen Bezug auf die körperlichen Verhältnissen, sondern er geht (als Monist) argumentativ von diesen körperlichen Verhältnissen selbst aus und braucht ihren Bereich überhaupt nicht zu verlassen; denn der Geist (das Denken, das Bewusstsein) ist der materialistischen Lehre zufolge ja Eigenschaft bzw. Funktion des Gehirns, das seinerseits ein Körperorgan wie alle anderen ist, die ihrerseits wiederum ebenfalls ihre jeweils bestimmten Funktionen aufweisen, die stets nur durch die materielle Grundlage bedingt sind. Dass die Organisation des Gehirns, sowie seine Intaktheit oder Verletzung, die geistigen Eigenschaften zumindest beinflussen (vgl. z.B. Text 3f(1), Z. 8ff., v.a. 11ff.), bestreitet nun auch Wagner nicht (vgl. Wagner 1854c: 199, i.d. Anm.), und wenn auch er im dreizehnten Brief (vgl. Text 2c, Z. 3f.) auf die Vererbung körperlicher Eigentümlichkeiten hinweist, kann er davon das Gehirn nicht ausnehmen wollen; für Wagner muss die Persönlichkeit des Menschen in ihrer Ähnlichkeit zu denen der Eltern dann aber durch zwei Faktoren vererbt werden: durch die Vererbung rein seelischer Familienmerkmale und zusätzlich durch die Vererbung körperlicher Familieneigentümlichkeiten des Gehirns. Diese doppelte (und redundante) Vererbung der geistigen Eigenschaften ist in Vogts Sicht der Dinge nun überflüssig, da sie sich auf den körperlichen Bereich allein beschränkt und alles Geistige aus ihm heraus erklärt; der materialistische Monismus Vogts liefert mit dieser ,einfachen‘ geistigen Vererbung eine sehr viel unkompliziertere Lösung des Problems, die auf eine empirisch nicht gedeckte (und aus Vogts Sicht daher nicht nötige) Hypothese verzichtet. Daraus ergibt sich dann auch der zweite oben erwähnte Punkt, der für Vogts Gegenargumentation anzumerken ist: Vogt setzt in ihr den Leib/Seele-Monismus nicht voraus (wie Wagner in seiner Argumentation den Dualismus vorausgesetzt hatte, um überhaupt etwas zu haben, was teilbar sein kann), sondern er stützt mit ihr sogar den

178 Monismus selbst, eben weil er mit der Vererbung körperlicher Organisationsmerkmale des Gehirns eine Erklärung für die Vererbung geistiger Eigenarten anbieten kann, die ohne eine hypothetische Seele auskommt. Vogt ist seine Argumentation bei all dem ganz offensichtlich sehr ernst und sehr wichtig; er greift den Dualismus hier in der Tat nicht dadurch an, dass er ihn unwahrscheinlich (oder lächerlich), sondern allein dadurch, dass er die eigene Position wahrscheinlicher als die gegnerische macht: indem er also direkt und positiv und dabei v.a. (in Argumentation und Formulierung) auch sehr sachlich vorgeht. Er will ernsthaft und rational nachvollziehbar zeigen, dass Wagner falsch liegt. Auf der pragmatischen Eben stehen die Dinge dann jedoch bereits wieder ein bisschen anders, denn gleichzeitig mit seiner Argumentation vollzieht Vogt doch auch eine starke persönliche Abwertung des Gegners: Etwas überspitzt ausgedrückt betrachtet er Wagners Position als identisch (!) mit seiner eigenen; die gängige Wendung: Was heißt das (also: Was heißt Wagners Ausführung) anders, als ... (Text 3g, Z. 15) verweist nämlich auf die Einleitung zu einer eigentlich nur ausdrucksseitigen Reformulierung von etwas bereits Gesagtem, wobei Wagners Position hier zudem erklärtermaßen nur „in verständliches Deutsch übersetzt“ werden soll (ebd.). Was Vogt damit – natürlich spöttisch – unterstellt, ist, dass die richtige, derjenigen des materialistischen Monismus entsprechende Sicht der Dinge unter der Oberfläche von Wagners Denken und Schreiben vorhanden ist, dass Wagner es selbst nur nicht erkennt; ob dieses Erkennen dann aus fachlicher Unfähigkeit oder aus ideologischer Voreingenommenheit unterbleibt, ist dabei zweitrangig, denn beides würde ihn, im Einklang mit den früheren Ausführungen der Bilder, als Forscher diskreditieren. 3.3.3.3.4 Wagner als Ketzer Der Rest des Textes ist dann erneut v.a. von Spott, vom gespielten Entsetzen Vogts über Wagners Äußerungen zur Teilbarkeit der Seele geprägt (Z. 20ff.). Bei ihrer Qualifizierung als „entsetzlicher Unsinn!“ (Z. 21), gegenüber dem reinen oder überhaupt nicht weiter bestimmten Unsinn in den Texten 1 (Z. 9) und 3f(2) (Z. 7), was sich jeweils auf den Dualismus im Allgemeinen bezog, handelt es sich hier nun um die konsequente Steigerung der Abwertung, angesichts einer dualistischen These (nämlich der Seelenteilung), die auf der für sich genommen schon unsinnigen Grundthese noch weiter aufbaut. Es ist dabei nicht ganz klar, ob es sich bei dieser Bewertung nur um eine aufrichtige, tatsächliche Bewertung durch Vogt aus seiner monistischen Position heraus handelt oder ob er sich damit bereits v.a. in ironischer Weise den christlichen Dualisten andient, indem er ihnen diese Bewertung nahelegt; dieses ,Andienen‘ dominiert dann zumindest im unmittelbar Folgenden. Vogt wendet sich an die christlichen Dualisten, um ihnen klar zu machen, welche

179 Implikationen die Richtigkeit von Wagners Schlussfolgerung für sie und ihren Glauben mit sich bringen würde. Er verweist dafür (Text 3g, Z. 20ff.) auf den Widerspruch zwischen dem christlichen Menschenbild und einer teilbaren Seele, indem die letztere zu allem in Widerspruch gestellt wird (und folglich – implizit – alles gefährde), was für das christliche Menschenbild grundlegend sei: nämlich die Unteilbarkeit des Individuums (Z. 21f.). Vogt bedient sich hier eines argumentum ab utili114 (vgl. Schopenhauer 1985: 692f., Kunstgriff 35), mit dem dem Gegner (oder noch besser: dessen Anhängern) gezeigt werden soll, dass die von ihm vertretene Position für ihn selbst (oder eben für seine gesamte Interessengruppe) Nachteile oder unakzeptable Konsequenzen mit sich bringt; dies ist hier um so wirkungsvoller, da Vogt es auf der Grundlage von christlichen Prämissen zeigen kann, die ja gerade für die Gegenseite verbindlich sein müssen (vgl. dazu Schopenhauer 1985: 682, Kunstgriff 5, die Beweisführung aus der Sicht des Gegners): Einen wesentlichen Widerspruch zur christlichen Lehre reißt Vogt mit der Möglichkeit der Teilung der Seele – und damit des Individuums – im Tod (analog zur Teilung bei der Zeugung) an (Text 3g, Z. 24ff.), einer Teilung in einen sündhaften und einen rechtschaffenen Teil, mit der die Verantwortlichkeit des ganzen Menschen für seine Taten vor Gott in Frage gestellt wäre. Außerdem könnte der Verweis auf die Errettung des guten Teils im Menschen, auch wenn es daneben noch einen schlechten gibt, als sehr implizite Anspielung auf die ,Gefahren‘ von Wagners Sicht für die bestehende gesellschaftliche Ordnung verstanden werden, insofern der Einzelne im Wissen um die Errettung seines rechtschaffenen Teils vielleicht nicht mehr ganz so genau auf seine Handlungen achten müsste (dies sei jedoch nur am Rande erwähnt, da Vogt diesen Gedanken selbst nicht weiter ausbaut). Der Verweis auf die Seelenteilung auch im Tod ist bei all dem als die spöttische Unterstellung zu verstehen, dass dieser Gedanke der nächste Schritt in Wagners Seelenlehre sein könnte. Zumindest dann, wenn man ihn gewähren lasse, denn an der Stelle der Erwähnung der Seelenteilung im Tod befindet sich Vogt nun bereits mitten in seiner Parodie auf Wagners Agitation gegen den Materialismus und damit mitten in seiner eigenen spöttischen ,Gegenagitation‘. Mit seinem gespielten Entsetzen über die aus christlicher Sicht als ungeheuerlich vermittelten Vorstellungen Wagners und mit seiner äußerlichen Aufgeregtheit angesichts dessen (was sich in den Ausrufezeichen, mit denen alle Äußerungen von Z. 20 bis Z. 24 enden, sowie in der einleitenden, atemlos wirkenden Ellipse und dem entsprechenden abschließenden Ausruf ausdrückt), mit all dem also spielt Vogt nun seinerseits den Aufrüttler und Warner für das christliche Lager und fordert dementsprechend die Theologen, die Wächter über den rechten Glauben, auf, sich den abtrünnigen Wag114

Etwa: das von Erwägungen der Nützlichkeit/des Vorteils ausgehende Argument.

180 ner „zur Beute“ zu nehmen (Z. 23), nachdem dieser sich in Text 2a (Z. 24ff.) noch auf einen von ihnen berufen hatte (also noch einer der ihren gewesen war; Text 3g, Z. 23f.). Nachdem Vogt seinen Gegner in den vorausgehenden Texten aufgrund fachlicher und ideologischer sowie (im Falstaff-Bezug) auch aufgrund persönlich-charakterlicher Gründe aus der Gemeinschaft der Naturforscher ausgeschlossen hatte, schließt er ihn hier nun als „Ketzer“ (Z. 23) selbst noch aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen aus, wenn auch in unübersehbarem Spott; denn unhaltbar ist die Seelenteilung für Vogt natürlich v.a. aus naturwissenschaftlicher Sicht (die religiöse ist ihm völlig egal), wie gerade die Ernsthaftigkeit seiner Gegenargumentation zeigt. Dennoch ist der mehr als kräftige Seitenhieb auf die Diskreditierbarkeit einer wagnerschen Position auch in religiöser Hinsicht der vorläufige Schlussstein von Vogts polemischem Vorgehen gegen Wagner, über das er letztlich erst in Köhlerglaube und Wissenschaft (Vogt 11855a) noch hinausgehen sollte. 3.3.3.3.5 Ein abschließendes Fazit Das ,Nachwort‘ der Bilder stellt nun in Hinblick auf die Gesamtstruktur von Vogts Vorgehen gegen Wagner eine interessante Variation des Vorausgehenden dar: Das erste ,Gleis‘ war ausdrucksseitig keine Erwiderung auf den Angriff Wagners gewesen, weil der Gegner dort zwar präsent war, sein Angriff aber nicht thematisiert wurde. Das zweite ,Gleis‘ war dann ausdrucksseitig keine Reaktion auf den Angriff gewesen, da zwar die für ihn relevanten Inhalte bekräftigt und ausgebaut wurden, aber Wagner nun, in diesem rein fachlichen Rahmen, mit keinem Wort mehr Erwähnung fand, sondern seine Marginalisierung (und entsprechende Herabsetzung) aus dem ersten ,Gleis‘ auf die Spitze getrieben wurde. Das dritte ,Gleis‘ kann nun ausdrucksseitig ebenfalls nicht als Reaktion auf den vorausgegangenen Angriff gelten, weil nun gar keine inhaltlichen Anknüpfungspunkte an ihn mehr gegeben sind, sondern Vogt seinen Gegner initiativ für eine spätere von dessen Positionen angreift; da hier jedoch, wie gezeigt, nach dem Muster des wagnerschen Angriffs vorgegangen wird (Kritik und ,Agitation‘) handelt es sich pragmatisch und nur pragmatisch aber doch wieder um eine Reaktion auf diesen. Obwohl letztlich alle Aspekte des gegnerischen Angriffs in der einen oder anderen Weise polemisch abgedeckt sind, reagiert Vogt in den Bildern also (um es griffig zusammenzufassen) ohne eigentlich zu reagieren bzw. zumindest ohne eine Reaktion zuzugeben oder sie im Zweifelsfall zugeben zu müssen. Und er macht dieses Vorgehen bei all dem ausreichend genug deutlich, um selbst damit Wagner noch abzuwerten, der nicht als ernst zu nehmender, v.a. nicht als gleichberechtigter Gegner anerkannt, sondern missachtet und noch in der Durchschaubarkeit der Missachtung verhöhnt wird.

181 Neben aller offen oder implizit, im ,Reden‘ oder im ,Handeln‘ realisierten Polemik ist der doch ernste Kern hinter Vogts Äußerungen aber die Kritik am Stellenwert der Religion bei Wagner, durch die er dessen wissenschaftliche Objektivität verletzt (oder vielmehr zerstört) sieht; insofern betrachtet Vogt den Gegner sicher auch tatsächlich nicht (mehr) als wirklichen Wissenschaftler (die entsprechende Darstellung ist also wohl nicht nur Übertreibung) und betreibt seine Ausgrenzung damit in konsequenter Weise. Es darf neben aller Polemik, die insgesamt natürlich dominiert, aber auch nicht übersehen werden, dass Vogt in der Seelenteilbarkeitsfrage auch rational nachvollziehbar gegen Wagner argumentiert und dessen dualistischer Vererbung der Seele eine wissenschaftlich plausibl(er)e monistische Vererbung menschlicher Persönlichkeitsmerkmale in Abhängigkeit von der Gehirnstruktur entgegenstellt. Dieser Argumentation, auch das muss gesagt werden, steht dann aber doch auch wieder fehlerhaftes Argumentieren, wie im Fall von Flourens‘ und Magendies Versuchen an Tauben gegenüber (vgl. oben Kap. 3.3.3.2.2).

3.4

Wagners Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie

3.4.1

Der Beitrag

Den nächsten Beitrag der Auseinandersetzung lieferte erwartungsgemäß Rudolph Wagner. Sein zweiteiliger Artikel Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie, der bereits am 22. und 23. November 1852 in den Beilagen zu den Ausgaben 327 und 328 der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien, ist die erste Veröffentlichung des Streits zwischen ihm und Vogt, die zur Gänze als Streitbeitrag betrachtet werden kann. Wagner befasst sich darin ausschließlich mit Vogt und dessen Seelensicht und gibt dabei große Teile der bisherigen Auseinandersetzung in Exzerpten erneut wieder: Neben der zweiten Hälfte des ,Nachworts‘ der Bilder (ab der eigentlichen Kritik an der Teilbarkeit der Seele) und der bekräftigten Wiedergabe der Seelensicht Vogts, die an Burmeister gerichtet war, gehört dazu auch die Zitierung von Wagners eigenem Angriff auf Vogt aus dem sechsten Physiologischen Brief, zusammen mit dem wiederum darin zitierten ursprünglichen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich. Nach dem Vorbild Vogts geht dabei auch Wagner seinen Gegner nun (anders als noch im sechsten Physiologischen Brief) offen namentlich an, während er sich selbst nur indirekt identifiziert. So wird zwar bereits im ersten Satz von Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225) klar,

182 dass es sich beim Autor um den Verfasser auch der früheren Physiologischen Briefe in der Allgemeinen Zeitung handelt,115 und so zeichnet er zwar am Ende des zweiten Teils des Artikels, wie schon im Fall von einigen eben dieser Briefe, mit „R.W.“ (ebd., 328/1852: 5242 [= Text 4h, Z. 19]); offen wird Wagners Name in seinem eigenen Beitrag aber nur über die darin enthaltenen Äußerungen Vogts, in Gestalt der Exzerpte aus den Bildern, genannt. Anhand dieser konkreten Exzerpte geht Wagner dann auch, anders als Vogt es getan hatte, sehr direkt auf die gegnerischen Ausführungen ein, d.h. dass er den controversy’s demands, die Vogt ihm auferlegt, recht unmittelbar nachkommt. Wagner beginnt seine Erwiderung dabei mit dem ,Nachwort‘ der Bilder.

3.4.2

Die Analyse

3.4.2.1 Die Charakterisierung Vogts und seines Auftretens Wagner stellt gleich zu Beginn seines Beitrags den thematischen Bezug zur Frage der Seelenteilung her, die er in seinem dreizehnten Physiologischen Brief (vgl. Text 2c) ja positiv beschieden hatte (worauf er erneut verweist, ohne jedoch die Argumentation zu wiederholen), und er charakterisiert den von Vogt dagegen geführten Angriff noch im Verlauf der ersten zehn Zeilen (noch bevor er ihn direkt zitiert), indem er bemerkt, dass seine Ansicht „einen mit seiner bekannten frivolen Grobheit auftretenden Gegner an Hrn. Karl Vogt gefunden“ habe (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; eig. Hervorh.). Zum inhaltlichen Anknüpfen an den dreizehnten Brief kommt mit dem Lexem ,frivol‘ also sofort auch ein ausdrucksseitiges Anknüpfen an den sechsten dazu (vgl. oben Text 2a, Z. 41), wo Vogt ja ein frivoler Materialismus zur Last gelegt worden war, wobei ,frivol‘ nun beginnt, sich zum stigmatisierenden Schlagwort zu entwickeln (vgl. z.B. Text 4d, Z. 6; vgl. zudem Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225 und 5226, jeweils ein weiteres Mal, sowie ders., in AZ 328/1852: 5241, ein weiteres Mal). Die Grobheit, die Wagner seinem Gegner hier zudem vorwirft, ist darüber hinaus wohl (gerade in Verbindung mit frivol) als Anspielung auf den Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich zu verstehen; zum einen, weil dieser ja der Kristallisationspunkt von Wagners Angriff auf den frivolen Materialismus gewesen war, und zum anderen, weil Vogt sich bei seiner Formulierung ja erklärtermaßen grob ausgedrückt hatte (vgl. Text 1, Z. 6). Der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich ist es also, woran Wagner nun erinnern will, um das neuerliche Auftreten Vogts zu charakterisieren, 115

Der erste Satz des Artikels lautet: „In dem 13ten physiologischen Brief hatte ich die Frage berührt: ob die Seele theilbar sey?“ (eig. Hervorh.).

183 wobei er ,grob‘ natürlich nicht in der damals von seinem Gegner realisierten Bedeutung von ,oberflächlich‘, ,nicht ins Detail gehend‘, sondern in der herkömmlicheren Bedeutung von ,ungebührlich‘ und ,rücksichts-‘ bzw. ,respektlos‘ verstanden wissen will (im Verein mit frivol als ,schamlos‘, ,frech‘). Das Exzerpt mit der Kritik Vogts an der Teilbarkeit der Seele und mit seiner abschließenden spöttischen ,Agitation‘ (die von Wagner wiedergegebene Stelle entspricht Text 3g, Z. 11ff.) folgt fast unmittelbar nach dieser ersten Charakterisierung Vogts und seines Auftretens, nachdem auch das Exzerpt selbst im Voraus mit einer ersten kurzen Bewertung versehen worden ist: Wagner nimmt dabei nun vorweg, dass „es die einzige der vielen Schmähstellen über den Verfasser der physiologischen Briefe [d.h. über sich selbst] ist in welcher derselbe [d.h. nun Vogt] einigermaßen sachlich eingeht“ – und dass es deshalb „hier als Probe seiner Polemik stehen“ möge (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; eig. Hervorh.). Diese Bemerkungen enthalten natürlich zuerst eine Wertung über das Vogt-Exzerpt selbst: Denn trotz seines einigermaßen (aber eben doch nicht völlig) sachlichen Charakters wird es den vielen Schmähstellen des Gegners ebenso zugeschlagen wie seiner Polemik, als deren Probe es ja ausdrücklich dienen soll. Was nun die Wertung betrifft, so ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts Schmähstelle der Begriff, der den negativen Rahmen vorgibt. Pehlke (1968: 134) unterscheidet die Schmähschrift hinsichtlich ihres Charakters immerhin als agitierend-diffamierend von der (analysierend-argumentierenden) Kritik und von der (argumentierend-agitierenden) Streitschrift; und auch in Dieckmanns Auflistung von Begriffen für das negativ besetzte Streiten seit dem 16. Jahrhundert findet sich das Lexem ,schmäh‘ als zentrales, konstantes Element, während ,Polemik‘ sich erst seit dem frühen 19. Jahrhundert zum heutigen negativen Begriff, dem das frühere ,Schmähschrift‘ nun aber weitestgehend entspricht, zu entwickeln beginnt und diese Entwicklung erst im 20. Jahrhundert völlig vollzogen hat (Dieckmann 2005: 18f.).116 Wenn Wagner die gegen die Seelenteilbarkeit gerichtete Stelle Vogts nun zitiert, weil sie einigermaßen sachlich ist, sie dabei aber dennoch den Schmähstellen (also der Polemik im heutigen Sinn) zurechnet und dadurch negativ bewertet, dann deutet er damit an, dass die übrigen Stellen völlig unsachlich und damit noch negativer zu bewerten sind, und kann dafür, diese dann nicht zu zitieren, zwei konkrete Gründe implizieren wollen: Entweder die übrigen Stellen sind aufgrund ihrer Unsachlichkeit, und d.h. im Kontext (Schmähstellen!) aufgrund ihres persönlichen, eventuell beleidigenden und ungebührlichen Charakters, nicht zitierfähig; oder aber Wagner will sie nicht zitieren, weil es ihm um die wissenschaftliche Sache geht und folg116

In der Tat bezeichnet Wagner seine eigenen Beiträge in einer anderen Auseinandersetzung mit einen anderen Forscher selbst auch als Polemik (vgl. Wagner 1854c: 212), was für eine neutrale Verwendung des Begriffs in der bloßen Bedeutung von ,Streit‘ oder ,Auseinandersetzung‘ spricht.

184 lich nur um die Behandlung solcher Stellen, in denen diese wenigstens einigermaßen anklingt. Beide Interpretationen enthalten natürlich Kritik am Überwiegen des Persönlichen in den Bildern, zumindest in den auf Wagner bezüglichen Stellen, und beide disqualifizieren sie, zumindest in diesen Stellen, auch als wissenschaftliche Publikation. Dieser Aspekt der Sachorientierung Wagners und seine Kritik an der gegnerischen Unsachlichkeit bzw. seinem Persönlichwerden klingt aber auch an einer späteren Stelle noch einmal an (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226, Fußnote zu S. 5225), wo er bedauert, dass Vogt sich nirgends als bei der Kritik der Seelenteilung auf „das Thatsächliche eingelassen“, sondern sich lediglich „auf ein plattes Schimpfen reducirt“ habe. Dieckmann (2005: 212) bezeichnet das Schimpfen, das gegen seine Norm 5.5.1 verstößt, als „sozial indiziert“, als Zeichen einer „schlechte[n] Kinderstube“, und es dürfte auf der Hand liegen, dass es in der (gelehrten, öffentlichen) Wissenschaft einer noch negativeren Bewertung unterliegt als in der alltäglichen, privaten Kommunikation; genau darauf will sicher auch Wagner hinaus. Zusammenfassend zeigt sich für den Anfang des Beitrags damit folgendes Bild: Während Vogt seinen Gegner als religiös voreingenommen und v.a. deshalb als unfähig zur Tätigkeit des wahren Forschers dargestellt und so persönlich diskreditiert aus der Wissenschaftlergemeinde ausgeschlossen hatte, kontert Wagner in seiner Erwiderung zunächst mit der Thematisierung des gegnerischen kommunikativen Verhaltens, indem er Vogt aufgrund seiner Unsachlichkeit bzw. seines Persönlichwerdens nun seinerseits aus der sachorientierten Wissenschaft ausgrenzt. 3.4.2.2 Wagners Erwiderung auf Vogts Kritik Erst nachdem Wagner durch die Charakterisierung von Vogts kommunikativem Auftreten in den Bildern einen Rahmen für die Rezeption von dessen Kritik an der teilbaren Seele vorgegeben hat, zitiert Wagner diese Kritik nun auch in ihren wesentlichen Teilen (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225 [= Text 3g, ab Z. 11]); es sei hier v.a. noch einmal daran erinnert, dass Vogt Wagners Ansicht der Seelenteilung darin recht deutlich als entsetzlichen Unsinn abgetan und die Theologen in spöttischer Weise zu Maßnahmen gegen ihren ketzerischen Verfechter aufgerufen hatte, dass er Wagners Ansicht im Rahmen einer rational nachvollziehbaren Gegenargumentation aber auch eine materialistische Alternative entgegengestellt hatte (die Vogt selbst natürlich als einzig vernünftige Lösung des Problems der Vererbung geistiger Eigentümlichkeiten betrachtete). Obwohl sich zeigen wird, dass Wagner das spöttische Hauptelement in der ,agitativen‘ Stelle, die Vogts Kritik in den Bildern ja abschließt, erkannt hat, scheint er sich doch in einer Situation zu fühlen, in der es dem Eindruck entgegenzutreten gilt, als stünde seine These der Seelenteilung im Wider-

185 spruch zur christlichen Auffassung (hier zeigt sich sicher die Position des Teilnehmers einer öffentlichen Auseinandersetzung gegenüber dem Publikum, das etwas falsch verstehen könnte). Dabei holt Wagner nun etwas weiter aus, und er stellt auch hier zunächst wieder die Person des Gegners in den Mittelpunkt, wenn er sich mit der Teilbarkeit der Seele in allgemeinster Weise beschäftigt. Wagner erinnert zunächst daran, dass bereits die philosophischen Schulen der Pythagoräer und Platons „bekanntlich von einem Zerfallen der Seelensubstanz in mehrere selbständige Theile aus[gingen]“; diesen Ansichten liege damit „die Annahme einer entschiedenen partitio oder divisio der Seelen zu Grunde, deren einzelne Hauptheile [sic] nach dem Tode aus einander fallen [sic] und eine verschiedene Bestimmung haben“ (ebd.; eig. Hervorh.). Worauf es ihm mit seinem Verweis auf die antike Philosophie ankommt, zeigt die folgende kurze Textpassage, die diesem Verweis unmittelbar vorausgeht und dem Vogt-Exzerpt (und darin der abschließenden spöttischen Agitation, einschließlich des Ketzerei-Vorwurfs) unmittelbar folgt. TEXT 4a (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; Orig. in Fraktur)

5

Es scheint daß Hr. Karl Vogt gar keine Ahnung hat daß die Frage nach der Theilbarkeit der Seelen eine uralte ist, und jahrhundertelang die heidnische und christliche Philosophie des Alterthums beschäftigt hat. Ich möchte mich daher vor dem weniger orientirten Leser nur vor dem Vorwurf der Anmaßung verwahren als vindicirte ich mir diese Ansicht.

Wagner hebt hier hervor, dass die grundsätzliche Idee einer teilbaren Seele, gegen die sich die Kritik Vogts gerichtet hatte, nicht seine eigene ist und dass er sich ihre Urheberschaft auch nicht anmaßen will. Es zeigt sich im Gegenteil darum bemüht, ein entsprechendes Missverständnis aus dem Weg zu räumen (eben dem Leser gegenüber), das er aus Vogts Kritik für ableitbar hält. Als zentral darf dabei gelten, dass Wagner das Problem der Seelenteilung als ein äußerst bedeutendes darstellt: zum einen zeitlich, was sein Alter (uralt; Text 4a, Z. 2) und die Dauer seiner Erörterung (jahrhundertelang; ebd.) betrifft, zum anderen aber auch hinsichtlich derer, die sich damit beschäftigt haben und von denen er im unmittelbaren Anschluss an Text 4a eben zunächst Pythagoras und Platon kurz behandelt. Zentral ist insofern auch, dass „Hr. Karl Vogt“ trotz der Bedeutung dieses Problems „gar keine Ahnung“ davon zu haben „scheint“ (Z. 1). Wenn Wagner daher die Notwendigkeit zum Vorbauen gegen mögliche Missverständnisse mit „dem weniger orientirten Leser“ begründet (Z. 3f.), den es präventiv aufzuklären gilt, eben für den Fall, dass besser orientierte Leser Wagner tatsächlich öffentlich des Plagiats bezichtigen sollten, dann handelt es sich auf der pragmatischen Ebene natürlich in Wirklichkeit um eine Gleichsetzung Vogts mit dem weniger orientirten Leser und – viel wesentlicher – um eine schulmeisterliche Belehrung Vogts durch Wagner, die den Gegner stark zurücksetzt. Während der

186 ,gewöhnliche‘ unorientierte Leser zudem im Zweifelsfall nur vorwurfslos als informationsbedürftig betrachtet (und eben informiert) wird, schwingt Vogt gegenüber an dieser Stelle durchaus ein Vorwurf mit, der sich in der (gespielten) Verwunderung (oder sogar in einer spöttischen Ungläubigkeit) manifestiert, die zwischen Wagners Zeilen zu erkennen ist und am deutlichsten im Modalitätsverb ,scheinen‘ (Z. 1) zu Tage tritt, das die betreffende Aussage ironisch zur bloßen Vermutung abschwächt: Wagners Verwunderung (bzw. seine Ungläubigkeit) erstreckt sich darauf, dass der Gegner mit der Seele unter philosophie- und wissenschaftshistorischen Aspekten nicht vertraut zu sein scheint, obwohl man (so nun der enthaltene implizite Vorwurf) alle Aspekte des Themas, zu dem man sich äußert, auch kennen sollte. Wagner stellt Vogt hier vor der Öffentlichkeit der Leserschaft nicht nur als mangelhaft über sein eigenes Fach in dessen Gesamtheit informiert dar, sondern macht ihm sein mangelndes Wissen eben auch zum Vorwurf, in Übereinstimmung mit Dieckmanns Norm 5.2.2 (2005: 144ff.), dass man nicht um Dinge streiten solle, von denen man nichts versteht (oder hier etwas modifiziert: um Dinge, mit denen man nicht ausreichend vertraut ist). Zum Vorwurf des ungebührlichen Auftretens kommt hier also der des nur selektiven Wissens im eigenen Fachbereich noch erschwerend hinzu, der Vogt für die Beteiligung an einer Diskussion des Leib/Seele-Problems nun natürlich als fachlich ungeeignet erscheinen lassen soll. Wagner spricht in Text 4a nun aber nicht nur von der Beschäftigung der heidnischen, sondern auch der „christliche[n] Philosophie des Alterthums“ mit dem fraglichen Problem (Text 4a, Z. 2f.) und macht nach dem Verweis auf die griechischen Philosophen dann auch ausdrücklich klar, dass es ihm eigentlich nicht um deren Haltung gehe, sondern dass er sich „vielmehr an die Ansicht Tertullians117 und der späteren Traducianer“ anreihe, jedoch „nur insoweit als solche [d.h. diese Ansicht], im Gegensatz gegen den Creatianismus, eine Fortpflanzung der Seele auf dem natürlichen Wege der Zeugung annimmt“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; eig. Hervorh.). Pythagoras und Platon, auf deren Seelenlehren sich Wagner mit seiner Teilbarkeitsthese inhaltlich natürlich nicht wirklich berufen konnte,118 hatten ihm lediglich zur Abqualifizierung seines Gegners gedient, da er diese beiden Philosophen als allgemein bekannt und eine Wissenslücke hier als unvorteilhaft voraussetzen 117

Quintus Septimus Florens Tertullianus (ca. 150 bis ca. 230 n. Chr.); frühchristlicher Schriftsteller, der u.a. Augustinus beeinflusste. 118 Platon beispielsweise ging zwar von einem Zerfallen der Seele in mehrere Teile aus, die auch für verschiedene Lebensfunktionen zuständig sein sollten, dies deckt sich aber nicht mit Wagners Vorstellung, da Platon weder die rationale individuelle Geistseele für weiter teilbar hielt noch ihre Weitergabe im Zuge der Zeugung vertrat, sondern sie als individuell gottgeschaffen betrachtete (vgl. z.B. Hirschberger 12 1981a: 117ff.).

187 konnte – anders als bei dem Frühchristen Tertullian. Mit Tertullian geht Wagner nun aber nach der Behandlung von Vogts Person zur eigentlichen Erwiderung auf dessen Kritik über, und es scheint ihm dabei zunächst v.a. wichtig zu sein, zu zeigen, dass die Vorstellung der Teilbarkeit der Seele zwecks Weitergabe an die nächste Generation auch in der christlichen Tradition nicht neu ist, denn auch im Folgenden bleibt er auf der religiösen Schiene, wenn er Vogts Kritik nicht mit Bezug auf deren Argumentation angeht, sondern mit Bezug auf die ihr folgende spöttische ,Agitation‘: TEXT 4b (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; Orig. in Fraktur)

5

10

Was aber die orthodoxen Theologen der Gegenwart betrifft, denen mich Hr. Vogt als Beute vorwerfen will, so haben dieselben bereits wenigstens in einzelnen Zuschriften mir ihre Ansichten über die physiologischen Briefe und auch über jene Stellea ausgesprochen. Zur Beruhigung meiner Freunde, welche mich vielleicht schon als Ketzer verbrannt sehen, und zum Aerger des Hrn. Vogt, will ich wenigstens aus einem Brief eines der namhaftesten jetzt lebenden strengorthodoxen Theologen eine Stelle hierher setzen: „Auf die weitere Ausführung dieses Satzes: bʌİȡ੿ ȝİȡȚıȝȠ૨ ȥȣȤોȢb bin ich sehr gespannt. Aber so viel ist gewiß: ohne diese Thatsache und deren Annahme und Nachweis ist das ganze menschliche Gattungsleben eine seelenlose ccontinuatio carnalisc, ein Ding ohne alle Bedeutung, ja für mich ohne Begriff und Gedanke.“ a

D.h. Text 2c, Z. 1–6.

b-b

Griechisch: „über die Teilung der Seele“.

c-c

Im Original in Antiqua.

Wie oben angedeutet läuft Wagners Erwiderung gegen Vogts Kritik zunächst v.a. auf die Beschäftigung mit der ihr folgenden spöttischen Agitation hinaus; im Bemühen, nachzuweisen, dass die Seelenteilung der christlichen Lehre nicht widerspricht (und dass es damit nicht nur für Kritik, sondern auch für Spott keinen Grund gibt), geht Wagner dabei von der (christlich-)antiken Haltung Tertullians zur tatsächlichen religiösen Autorität seiner eigenen Zeit über. Er bezieht sich dabei konkret auf „die orthodoxen Theologen der Gegenwart“ (vgl. Text 4b, Z. 1), also wie schon im Fall von Harleß im sechsten Physiologischen Brief (vgl. Text 2a, Z. 24ff.) auf die konservativen, schrifttreuen Vertreter der Theologie. Von denjenigen unter ihnen, die ihm „wenigstens in einzelnen Zuschriften [...] ihre Ansichten“ (Text 4b, Z. 2f.) u.a. auch über die Seelenteilbarkeit mitgeteilt hätten, zitiert Wagner zwar letztlich nur einen; dessen Erhabenheit über jeden christlichen Zweifel ist dafür aber mit umso größerem Nachdruck unterstrichen, da er als strengorthodox (Z. 6) noch über die übrigen schriftgläubigen Theologen hinausgehoben und als namhaft (ebd.) v.a. zur anerkannten Autorität erklärt wird (die Qualität des Beispiels soll dabei natürlich auch die eingeräumtermaßen geringe Quantität der Zuschriften wieder ausgleichen; vgl. Z. 2). Dass der Name des Theologen trotzdem gerade nicht preisgegeben wird, worunter die für das Zitat beanspruchte Aussagekraft eigentlich leidet, ist hier übrigens nicht grundsätzlich kritisierbar, da es möglicherweise dem Schutz des Autors einer privaten Zu-

188 schrift (vgl. Z. 1ff.) geschuldet ist, der u.U. selbst vor einer (publizistischen) Reaktion Vogts geschützt werden soll. Beim Inhalt des Theologen-Zitats in Text 4b sind nun die Zeilen 8ff. wesentlich, die eine Argumentation pro Wagners These enthalten. Der zitierte Theologe ist offenbar ebensowenig wie Wagner ein Anhänger des Kreatianismus (er pocht auf die Thatsache der Seelenteilung, auf deren Annahme und Nachweis; Z. 8f.), so dass die individuelle Erschaffung jeder einzelnen Menschenseele durch Gott für ihn ausgeschlossen wäre; nur daher kann für ihn ohne die alternative Annahme einer Weitergabe der Seele bei der Zeugung lediglich eine continuatio carnalis, also eine Fortvererbung der rein fleischlichen Existenz des Menschen, übrigbleiben (Z. 9f.).119 Letzteres kann vom christlichen Standpunkt aus nun aber nicht möglich sein, der (egal ob orthodox, strengorthodox oder normalgläubig und egal ob traduzianistisch oder kreatianistisch) von einer Gott verantwortlichen eigenständigen Seelen ausgehen muss. Die zentralen Argumente, die angesichts dessen für die Seelenteilung sprechen sollen, finden sich folglich auch in den andernfalls auf die menschliche Existenz anwendbaren Begriffen ,seelenlos‘ und ‚Ding ohne alle Bedeutung‘ (Z. 9 und 10), die im Widerspruch zum durch die Offenbarung verbürgten christlichen Menschenbild und zur ,zielorientierten‘ christlichen Heilsgeschichte stünden. Dabei zeigt sich ein weiteres Mal, wie standpunkt- und prämissenabhängig die Überzeugungskraft von Argumenten ist, denn einen Materialisten würden diese Argumente nicht von der Opposition gegen die Seelenteilbarkeit abbringen können, zumal der psychophysische Monismus ja auch ausdrücklich auf eine rein fleischliche Existenz mit einem psychischen ,Nebenprodukt‘ namens Geist oder Seele hinausläuft. Was nun die Funktion und beabsichtigte Wirkung des Zitats betrifft, so argumentiert Wagner hier mithilfe einer zeitgenössischen theologischen Autorität, die sehr deutlich seine Stellung bezieht („[a]ber so viel ist gewiß“; Z. 8), für die christliche Vertretbarkeit der teilbaren Seele und damit gegen Vogts anderslautende Behauptungen. Dabei enthält die Stelle erneut eine implizite a maiore-Argumentation, derzufolge das, was für den strengorthodoxen Theologen akzeptabel ist, auch für die Theologie im Allgemeinen (und wiederum auch für die gewöhnlichen Gläubigen) akzeptabel sei. Wagner zeigt hier, dass 119

Die vorsichtige Formulierung der Analyse in diesem Punkt ist den unklaren Bezügen innerhalb der von Wagner zitierten Stelle geschuldet. V.a. der Bezug des Theologen auf „die weitere Ausführung des Satzes: ʌİȡ੿ ȝİȡȚıȝȠ૨ ȥȣȤોȢ“ wirft die Frage auf, ob hier wirklich ein (ausschließlicher) Bezug auf Wagners These besteht (da in ihrem Zusammenhang im dreizehnten Brief nirgends griechische Formulierungen verwendet worden waren). Wagner erweckt jedoch zweifelsfrei den Eindruck, als wäre dies der Fall, und diesem Eindruck, der sich weder be- noch widerlegen lässt (private Zuschrift des Theologen!), muss auch die vorliegende Analyse folgen.

189 er den Eindruck, der sich als ernster Kern aus Vogts spöttischer Agitation herausschälen lässt, nämlich dass die Seelenteilung mit christlichen Lehren unverträglich sei, ernst nimmt und ihn auch entsprechend ernsthaft ausräumen will. Es liegt damit nach dem ,biblischen‘ Materialismus (vgl. Text 2a) bereits der zweite Fall vor, in dem er eigene wissenschaftliche Positionen, die als problematisch empfunden werden (könnten), durch die Berufung auf die orthodoxe Theologie in ihrer Verträglichkeit mit dem Glauben absichert, wenn diesmal auch hervorgehoben werden muss, dass er damit die religiöse bzw. theologische Diskreditierung seiner These durch Vogt mit einer theologischen Stützung lediglich erwidert, also in einem Rahmen reagiert, den der Gegner eröffnet hatte. Um es dabei noch einmal deutlich zu sagen: Wagner belegt mithilfe des Theologen nicht in erster Linie die Richtigkeit der Seelenteilung, sondern ihre Verträglichkeit mit dem christlichen Glauben; nur innerhalb des Theologen-Zitats wird in zweiter Linie (sozusagen stellvertretend) auch für die Seelenteilung selbst argumentiert, jedoch unter der Voraussetzung der doppelten Prämisse, dass es eine Seele gibt und dass der Kreatianismus falsch liegt. Ersteres hatte ja auch Wagner in Text 2c vorausgesetzt, zweiteres in seiner Argumentation gar nicht erörtert; der Traduzianismus war dort als einzige Folgerung gezogen worden. Insgesamt betrachtet erreicht Wagner hier sein Ziel, in der Sache der christlichen Vertretbarkeit der Seelenteilung, auch durchaus; in der Sache ihrer wissenschaftlichen Akzeptabilität kommt dagegen nichts Neues hinzu. Es muss bei all dem aber auch festgehalten werden, dass Wagner den spöttischen Grundton des gegnerischen Aufrufs an die Theologen nicht verkennt und in Text 4b auch darauf reagiert. Die Zitierung des strengorthodoxen Theologen erfolge u.a. „zur Beruhigung“ von Wagners Freunden (Text 4b, Z. 4), was natürlich nur ein ironisches Eingeständnis der Notwendigkeit dieses Schrittes ist, mit dem impliziert wird, dass niemand Vogts Aufruf ernst genommen haben kann; und wenn die erwartbaren Maßnahmen der Theologen gegen Wagner zur Ketzerverbrennung übertrieben werden (Z. 4f.), dient auch dies dem ironischen Ausdruck dessen, was Wagner wirklich von theologischer Seite glaubt, fürchten zu müssen: nämlich nichts. Wagner reagiert also zumindest teilweise auf derselben Ebene, auf der Vogt ihn angegangen hatte, nämlich auf der des Spotts, und signalisiert so, dass er den Gegner und seine Äußerungen nicht allzu ernst nimmt, auch wenn er Missverständnissen beim Leser durch ein paralleles ernsthaftes Vorgehen vorbauen will. Interessant ist dabei, dass es Wagner gelingt, selbst die eigentlich ernsthafte Erwiderung gegen Vogt in diese spöttische Schiene zu integrieren, denn Wagner lässt die Anführung des Theologen nicht nur zur Beruhigung seiner Freunde ergehen, sondern auch „zum Aerger des Hrn. Vogt“ (Z. 5). Diese Stelle vermittelt nun sogar nicht nur Spott, sondern auch Hohn, wobei letzterer in der Offenheit liegt, mit der Wagner zugibt, den Gegner ärgern zu wollen, und sicher auch

190 in der Genugtuung, die aus ihr spricht, da Wagner die Reaktion eines Theologen vorlegen kann, die das genaue Gegenteil dessen ist, was Vogt, wenn auch selbst im Spott, als erwartbar unterstellt hatte. Wagner gelingt damit eine interessante Gratwanderung zwischen Witz und Ernsthaftigkeit, mit der er einerseits nicht zu trocken und andererseits nicht zu oberflächlich reagiert, und mit der er v.a. zeigt, dass es ihm auch um die Verteidigung seiner Sache und nicht nur um die Verteidigung gegen Vogt geht. Und wenn er recht offen eine polemische Absicht einräumt (eben das höhnische Ärgern des Gegners), kann er sich wohl darauf verlassen, dass das Publikum hier, nach der höhnischen Agitation Vogts, die ja zitiert wird, die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem als Entschuldigung durchgehen lässt. 3.4.2.3 Vogts ,Grimm‘ Nach seinem Nachweis, dass die Ansicht der teilbaren Seele mit der christlichen Lehre vereinbar ist, kündigt Wagner an, dass „erst in der zweiten systematisch geordneten Folge der physiologischen Briefe“ dann auch „der Versuch gemacht werden [soll] alle die naturhistorischen Thatsachen zusammenzustellen welche zu Gunsten jener Ansicht sprechen“; die Verschiebung auf später, in einen größeren Rahmen als den des Einzelbeitrags gegen Vogt, erfolgt deshalb, da es sich von selbst verstehe, „daß über diese Frage hier nicht nebenbei ausführlich gesprochen werden kann“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; eig. Hervorheb.). Anstelle dessen kehrt Wagner im Folgenden nun wieder zur unmittelbaren Beschäftigung mit seinem Gegner zurück und knüpft dabei an dessen persönliches Auftreten in den Bildern an, das in der Eröffnung von Wagners Beitrag ja bereits angeklungen war (es sei an die Erwähnung der Schmähstellen erinnert). Die Beschäftigung mit Vogt erfolgt nun bezeichnenderweise größtenteils in einer umfangreichen Fußnote von (im Originaldruckbild) 59 Zeilen (vgl. ebd.: 5225f.), aus der auch die folgenden Texte 4c und 4d entnommen sind. An der Stelle des Haupttextes, auf die die Fußnote sich bezieht, bemerkt Wagner zunächst, es könne niemandem, der seine Physiologischen Briefe einerseits und die Bilder Vogts andererseits gelesen habe, „zweifelhaft seyn woher dieses Autors [d.h. Vogts] jetziger Grimm“ stamme, als dessen Ausdruck Wagner die gegnerischen Äußerungen betrachtet: Nämlich daher, dass er (d.h. Wagner) im sechsten Physiologischen Brief „eine unwiderlegliche Kritik“ daran geübt hatte, dass er (d.h. Vogt) „in einem verbreiteten Werke die ganze Physiologie der Seele auf einer halben Seite abmacht“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; jew. eig. Hervorheb.). Bei dem nicht näher genannten, verbreiteten Werk Vogts handelt es sich natürlich um dessen Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände (1847a), beim Abmachen der Physiologie auf einer halben Seite um den dortigen Gehirn-Leber/Nie-

191 ren-Vergleich (vgl. Text 1, Z. 3ff.) und bei der unwiderleglichen Kritik, die Wagner daran geübt haben will, um die problematische physiologische Kritik aus Text 2a (vgl. dort, Z. 59ff.), die Vogts Vergleich zu eng gefasst und lediglich ad absurdum geführt hatte. Vogts Grimm, d.h.: sein persönliches Vorgehen gegen Wagner in den Bildern, wird damit aus der bloßen Verärgerung über eine angebliche Niederlage gegen Wagner, und damit eben zu etwas rein Persönlichem erklärt, und als etwas rein Persönliches erneut für die Wissenschaft disqualifiziert. Während im Haupttext von Wagners Beitrag nun ein umfangreiches Zitat mit Vogts Vergleich und Wagners Kritik folgt (das Exzerpt entspricht Text 2a, Z. 40–72), wird der vogtsche Grimm in der oben erwähnten 59-zeiligen Fußnote näher erläutert. Wagner bemerkt dort, dass es zu Anfang der Bilder zunächst „scheint [...] als wenn der Verfasser [d.h. Vogt] humoristisch den Schlag aufnehmen wollte“, während für den Rest des Buches dann „aber Hr. Vogt den Verfasser [d.h. Wagner] überall als einen Ignoranten hinzustellen [suche], ,dessen Beobachtungen man nicht anführen könne, weil sie die Leute anführten‘ ... ,der zur Schande deutscher Wissenschaft physiologische Briefe schreibe‘“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225, jew. eig. Hervorh.; zu den enthaltenen ,Zitaten‘, vgl. Text 3d sowie Text 3g, Z. 9f.). Wagner will als ersten Eindruck von Vogt also gewonnen haben, dass dieser die Auseinandersetzung mit ihm mit Humor nehme, was im Kontrast zum negativen Vorgehen, das er dann jedoch an den Tag lege, nur positiv als: ,mit aufrichtigem, harmlosem Humor‘ verstanden werden kann. Da Wagner sich mit dieser Einschätzung aber ausgerechnet auf das Gespräch zwischen Vogt und dem Freund bezieht (vgl. Text 3a), das bestenfalls mit aggressivem Witz und auf jeden Fall polemisch gegen ihn und den Dualismus gerichtet gewesen war, liegt die Vermutung nahe, dass er – sofern er den Charakter des Gesprächs nicht völlig verkennt – Vogt hier eine (harmlos-)humorvolle, selbstironische Herangehensweise nur unterstellt, um daraus, dass der Gegner diesem Eindruck dann doch nicht gerecht werde, gerade den umgekehrten Vorwurf der Humorlosigkeit ableiten zu können und dadurch sein tatsächliches Verhalten in einem umso negativeren Licht erscheinen zu lassen. Immerhin werden für Vogts persönliche Angriffe auf Wagners Fähigkeiten recht eindeutige (wenn auch nicht ganz wörtlich, so doch sinngemäß richtig zitierte) Äußerungen aus den Texten 3d (Wagners Veröffentlichungen führten an) und 3g (er publiziere zur Schande deutscher Wissenschaft) als Beispiele herangezogen, und es wird ausdrücklich gesagt, dass Vogt Wagner als Ignoranten hinstellen wolle. Für die Konstruktion eines entsprechenden Humorlosigkeits-Vorwurfs aus dem besagten angeblichen Gegensatz spricht, dass Wagner nicht ernsthaft erwarten kann, dass auf seinen heftigen Angriff im sechsten Brief (den er zudem wenig später in seinem Beitrag auch noch

192 nachlesbar zitiert)120 überhaupt eine (harmlos-)humorvolle Reaktion folgen konnte; für eine Konstruktion spricht ferner, dass die Negativbewertung von Vogts Persönlichwerden, die sich durch den konstruierten Gegensatz verstärkt, zum nötigen Ausgangspunkt für zwei Verfahren wird, die man fast als urtypisch polemisch bezeichnen kann und die den Rest der Fußnote (und das heißt: deren bei weitem größeren Teil) einnehmen. 3.4.2.4 Das erste polemische Verfahren: ein argumentum ex concessis Wagner versucht zunächst seine Herabwürdigung durch den Gegner in ein anderes, für diesen ungünstiges Licht zu rücken, indem er früheres Lob, das Vogt ihm zugestanden hatte, zitert. Wagner greift dafür auf die gegnerischen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände von 1847 zurück: Um die Ausführungen möglichst objektiv zu halten, hatte Vogt dort im Vorwort ja angekündigt, sich auf die Darstellung physiologischer Fakten beschränken zu wollen, ohne dabei stets deren Gewährsleute oder Entdecker anzuführen, denn Tatsachen würden aufgrund ihres Wahrheitsgehaltes und nicht aufgrund ihrer Verbindung mit der Autorität großer Namen gelten (vgl. Vogt 1847a: 8f.; in der Zitierung durch Wagner 1852, vgl. auch AZ 327/1852: 5225f.); ganz unterschlagen wollte Vogt diese Namen aber doch nicht, so dass er – im Vorwort – bemerkte: TEXT 4c (Vogt, zitiert nach Wagner 1852 in: AZ 327/1852, 5226; Orig. in Fraktur)

5

„[...] Was auch hätte es geholfen wenn ich hinter jedem Satze fast eine Reihe von Namen hätte aufgeführt? Von Baer, Ch. Bell, Burdach, Edwards, Henle, Kürschner, Liebig, J. Müller, Magendie, Purkinjé, Tiedemann, Valentin, R. Wagner – alle diese Namen klingen überall in der Wissenschaft mit, wo man auch anklopfen möge; es sind die treuen Bergleute welche mit Mühe und Schweiß, ja mit Hintansetzung ihrer Gesundheit das reine Gold aus den Schachten der Bergwerke hervorgeholt haben. [...] Es mag genügen die Namen einmal genannt zu haben – s t e h e n s i e d o c h i n d e m g o l d e n e n B u c h e d e r W i s s e n s c h a f t m i t u n a u s l ö s c h l i ch e n Z ü g e n.“

Das Lob der Stelle ist offensichtlich genug, um hier nicht weiter erläutert werden zu müssen. Wichtiger ist eine Beleuchtung des Zwecks, den Wagner im Rahmen der Auseinandersetzung mit diesem Zitat verfolgt, denn er ver-

120

Er gibt eine Passage wieder, die Text 2a, Z. 40–72 entspricht. Obwohl sie weder die Münzmetapher noch die agitative Stelle mit dem Bezug auf Jesu Tempelreinigung enthält, bietet sie mit der persönlichen Verunglimpfung von Vogts politischen Ansichten, mit der Warnung vor deren Gefahren und mit der argumentativ problematischen physiologischen Kritik genügend Belege, die gerade eine scharfe Erwiderung begründen können.

193 wendet die Worte Vogts als argumentum ex concessis121 gegen diesen und impliziert damit die Frage: Wie kann Vogt ihn in seinem Fach rundheraus als „Ignoranten“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225) darstellen, wo er ihn doch nachweislich unter die Namen der bedeutendsten Forscher eingereiht hat. Dem argumentum ex concessis kommt dabei natürlich keine wirkliche Beweiskraft zu; denn auch wenn zwei widersprüchliche Aussagen, die in einem engen zeitlichen Rahmen fallen, i.d.R. nicht beide wahr sein können, so gilt dies bei langen Zeiträumen zwischen Äußerungen nicht notwendigerweise – und v.a. dann nicht, wenn es sich wie hier um Werturteile handelt, die sich nicht zuletzt durch eine objektive Veränderung der bewerteten Sache ändern können. Wagner unterschlägt zwar nicht die rund sechs Jahre, die seit Vogts positiver Bewertung vergangen sind (er nennt das Veröffentlichungsjahr der Gesamtausgabe der vogtschen Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände, also 1847), aber er übergeht doch immerhin, dass Vogt in den Bildern (von 1852) immer wieder deutlich genug durchblicken lässt, dass die Abwertungen sich dort stets auf den gegenwärtigen Wagner beziehen122 (was eben eine Veränderung Wagners impliziert) und dass von der früheren Würdigung nichts explizit zurückgenommen wird. Der Eindruck des Widerspruchs bei Vogt beruht also v.a. darauf, dass Wagner den Eindruck erweckt, als werte Vogt ihn ohne alle Einschränkung ab oder als nehme er seine frühere positive Wertung sogar auch für Früher zurück. Interessanterweise bleibt hier aber ein negativer Eindruck von Vogt selbst dann bestehen, wenn man dessen tatsächliche Äußerungen aus den Bildern kennt, denn was hinzukommt, auch wenn es innerhalb von Wagners Fußnote völlig implizit bleibt, ist, dass Vogt seine negative Bewertung Wagners immerhin erst nach dessen Kritik aus dem sechsten Physiologischen Brief zum Ausdruck brachte. Aus der Reihenfolge: Vogts Lob für Wagner (1847), Wagners Kritik an Vogt (März 1852), Vogts Herabwürdigung Wagners (Ende 1852) lässt sich der Verdacht herleiten, dass Vogt zuletzt tatsächlich nur aus gekränkter Eitelkeit gegen Wagner zurückschlägt, aber nicht auf einer objektiven Grundlage wertet. Argumentativ deutet Wagner hier sehr implizit einen Fall des post hoc, ergo propter hoc an, dass also der zeitlichen Folge auch eine kausale entspreche (was natürlich nicht notwendigerweise der Fall sein muss,123 auch wenn es hier naheliegt); und auch wenn dies alles in der Fußnote, wie gesagt, nicht 121

D.h. ein Argument auf der Grundlage dessen, was der Gegner bereits zugestanden (oder allgemein: gesagt) hat; es handelt sich also v.a. um den Nachweis von inhaltlichen Widersprüchen in den Äußerungen einer Person (vgl. Schopenhauer 1985: 684f., Kunstgriff 16). 122 Vgl. z.B. Text 3b, Z. 9ff. („Jetzt kommt der fromme Herr Hofrath [...]“), Text 3d („[...] macht keine Untersuchungen mehr [...]“) und Text 3g, Z. 10 („[...] zur gänzlichen Vernichtung früheren Rufes [...]“). 123 Vgl. z.B. Kienpointner (1992: 345) und Toulmin/Rieke/Janik (21984: 159f).

194 expliziert wird, so ist doch die Bemerkung aus dem zugehörigen Haupttext, dass nämlich Vogts Grimm von der Kritik Wagners aus dessen sechstem Physiologischen Brief herrühre (vgl. oben), eine mehr als deutliche Interpretationshilfe in diesem Sinn. Der Umschwung in Vogts Bewertung hinsichtlich Wagners wird also in jedem Fall erfolgreich in ein zweifelhaftes Licht gestellt, indem Vogts Motive zur Erwiderung gegen die Seelenteilung in ähnlicher Weise als etwas rein Persönliches diskreditiert werden, wie die Motive der Theologie im Kampf gegen den Leib/Seele-Monismus zu etwas rein Eigennützigem. 3.4.2.5 Das zweite polemische Verfahren: die Selbstdarstellung Wagners Nachdem Wagner also an einem Punkt angekommen ist, an dem er Vogt eine ausgesprochen negative Rolle zugewiesen hat, macht er sich nun daran, die eigene Person in den Blick des Lesers zu rücken und sich dabei deutlich von Vogt abzugrenzen. Mit Bezug auf Vogts Bewertungsumschwung und unmittelbar nach der Kritik am platten Schimpfen des Gegners, das bereits oben besprochen wurde, sagt Wagner daher am Ende der Fußnote im ersten Teil seines Beitrags: TEXT 4d (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226; Orig. in Fraktur)124

5

10

15

[1.] Wira wollen gerechter gegen den Verfasserb seyn. [2.] Derselbe hat in früheren Jahren im Gebiete der vergleichenden Anatomie und Entwickelungsgeschichte manche schätzbare Arbeit geliefert. [3.] Auch seine neuesten Bücher, die der Verfasserb am füglichsten unter dem Namen „zoologischer Kladderadatsch“ zu einem Ganzen vereinigen könnte, enthalten einzelne interessante Beobachtungen, würden sie uns nicht verleidet durch die scheußlichen Frivolitäten mit welchen er alles Höhere ins Gemeine herabzieht [...]. [4.] Der Verfasserb besitzt ein entschiedenes Beobachtungstalent, und insbesondere eine ganz vortreffliche klare, plastische Darstellungsgabe, so daß er im Stande ist die verwickeltsten Formverhältnisse zu lichtvollen Anschauungen mittelst bloßer Beschreibung zu bringen. [5.] Diese Gaben hat er in allen seinen Schriften beurkundet, und insofern er dadurch die Arbeiten anderer, in ihrer Darstellungsweise oft unklarer Naturforscher popularisirt hat, hat er sich ein wesentliches Verdienst erworben. [6.] Bedeutende Entdeckungen, welche den originalen Forscher zeigen, hat er jedoch nicht gemacht, ebenso wenig als er große und neue theoretische Ansichten entwickelte. [7.] Für gewisse Aufgaben und Richtungen in der Wissenschaft aber hat er kein Organ; beim Versuche hierin aufzutreten muß es ihm nothwendig ergehen wie bei seinen politischen Bestrebungen. a

D.h. Wagner.

b

D.h. Vogt.

Es lohnt sich im Fall von Text 4d das konkrete Fortschreiten der Ausführungen Wagners näher zu betrachten und daher satzweise vorzugehen. Ganz allgemein gesprochen, versucht sich Wagner seinem Gegner gegenüber in ein positives Licht zu rücken und sich damit im Gegensatz zu ihm vor dem Leser 124

Eigene Hinzufügung der Satzzählung.

195 als vir bonus zu etablieren;125 mehr oder weniger stark thematisiert wird dies jedoch nur im ersten Satz des Textes, wo Wagner ausdrücklich sagt, er wolle „gerechter“ sein als sein Gegner (Text 4d, Z. 1). Im Umkehrschluss wird damit Vogts veränderte Bewertung Wagners erstmals etwas deutlicher als durch das bloße Aufzeigen des Gegensatzes (der für sich genommen bereits deutlich genug gewesen wäre) als ungerecht impliziert. In Abgrenzung gegen diese Ungerechtigkeit ist Wagners Selbstverpflichtung hinsichtlich seines beabsichtigten Umgangs mit den Gegner nun so zu verstehen, dass er ihm (obwohl persönlich herabgewürdigt) im Gegenzug nicht seine Verdienste aberkennen, sondern bei der reinen Wahrheit bleiben will, als welche die folgenden Ausführungen damit schon im Vorab unterstrichen werden. Wagners weitere Selbstdarstellung erfolgt dann auch ausschließlich durch sein Auftreten bei dem, was er über den Gegner sagt, ohne dass er auf dieses Auftreten bis zum Ende der Fußnote (das auch das Ende von Text 4d ist) noch ein einziges Mal direkt kommentierend einginge oder eingehen müsste. Im Einzelnen spricht Wagner seinem Gegner in den folgenden Sätzen 2 bis 5 stets in der einen oder anderen Hinsicht Lob und Anerkennung aus. Für sich genommen wird die Äußerungsebene, mit Ausnahme von Satz 3 (dessen Relativsatz aus dem Rahmen fällt), sogar von diesem Lob dominiert, an das sich ab Satz 6 dann lediglich (immer noch auf der Äußerungsebene) unpolemische, konstative Kritik anschließt. Auf der pragmatischen Ebene stehen die Dinge freilich anders. Im Fall des explizit unzweifelhaften Lobes für zurückliegende Verdienste im zweiten Satz (Text 4d, Z. 1ff.) liegen Kritik und Abwertung zum einen natürlich gerade in der Beschränkung des Lobs auf die „früheren Jahre“ (Z. 1f.), was nur dem Leser als direkte Retourkutsche auffällt, der die Bilder aus dem Thierleben kennt: Denn auch bei der Beurteilung Wagners durch Vogt gilt es ja, wie oben gesagt, zeitlich zu unterscheiden. Wagners Lob für den früheren Vogt erscheint dann jedoch – anders als es umgekehrt der Fall gewesen war – sofort wieder eingeschränkt, da „manche schätzbare Arbeit“ (Z. 2f.) einerseits auf nicht allzu viele solcher Beispiele hinweist und man sich andererseits bei ,schätzbar‘ fragen muss, ob Wagner damit wirklich nur sagen will, dass man die entsprechenden Arbeiten schätzen kann, oder ob er das Wort eher absichtlich (und dann auf recht subtile Weise einschränkend) anstelle des weitaus positiveren ,unschätzbar‘ verwendet, um das Lob auch qualitativ nicht zu positiv ausfallen zu lassen. Auffällig dabei ist auch, dass Wagner Vogts Verdienste zwar in mehreren verschiedenen Gebieten sieht (vgl. Z. 2), aber bezeichnenderweise die Physiologie nicht ausdrücklich dazuzählt.

125

Zum vir bonus in Polemik und Rhetorik, vgl. Stenzel (1986: 7) sowie Robling (2000) und Sprute (1991: 281ff.)

196 Im dritten Satz, der sich – nach dem ,Früher‘ – nun auch mit Vogts „neuesten Bücher[n]“ befasst (Z. 3f.), ist das Polemische (im Gesamtzusammenhang des ersten Teils von Text 4d ausnahmsweise) auch auf der Äußerungsebene bestimmend. Vogts neue Veröffentlichungen, die in klar negativer, polemischer Bewertung „am füglichsten“ als „zoologischer Kladderadatsch“ zusammenzufassen seien, enthalten Wagner zufolge zwar auch positive Dinge (selbst wenn es sich dabei wieder nur um wenige, eben um „einzelne interessante Beobachtungen“ handelt; Z. 5), einschränkend fügt er aber auch durchaus polemisch hinzu: „würden sie uns nicht verleidet durch die scheußlichen Frivolitäten mit denen er alles Höhere ins Gemeine herabzieht“ (Z. 5ff.). Syntaktisch zentral ist als Proposition des Trägersatzes zwar auch hier die Positivbewertung; in Bezug auf ihren Stellenwert in der Reihenfolge der tatsächlichen Realisierung ist ihrem wesentlichen Teil aber einerseits die erste Negativbewertung (zoologischer Kladderadatsch) in einem Relativsatz vorgeschaltet, während die zweite (scheußliche Frivolitäten) am Ende des Satzes sozusagen das letzte Wort hat (Näheres zu diesen Negativbewertungen, vgl. unten). Gerade aber was die Bewertung des letzten Teils von Satz 3 betrifft (Z. 5ff.: „würden sie uns nicht verleidet etc.“), ergibt sich ein Problem mit Auswirkungen auf die Gesamtinterpretation. Sofern es sich dabei nämlich um einen untergeordneten Konditionalsatz handeln soll, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, würde das vorausgehend angesprochene Positive durch ihn vollständig aufgehoben. Eine Alternative zu dieser Annahme bietet lediglich die Interpretation als nachgeschobener und selbständiger Wunschsatz nach dem Muster: ,würden sie uns doch nur nicht gleichzeitig verleidet etc.‘. Gegen die konditionale Interpretation könnten v.a. zwei Dinge vorgebracht werden: Zum einen hätte Wagner in diesem Fall beim Verb des Trägersatzes (enthalten; Z. 5) nicht den Indikativ, sondern den Irrealis verwenden sollen und zum anderen (und viel wichtiger) verlangt es die Rolle des gerechter Handelnden, eben des vir bonus, die Wagner sich ja auferlegt, das Lob in einer Sache nicht durch etwas aus einem anderen Bereich vollständig zu relativieren (was ja gerade Vogt zur Last gelegt wird). Man sollte also annehmen, dass Wagner auf der Äußerungsebene ein Lob ausspricht, das – auch wenn es durch die beigegebenen Vorwürfe überwogen wird – bestehen bleiben soll, so dass er dem Gegner, trotz all des Negativen, selbst hier eben noch einzelne interessante Beobachtungen zugestanden sein lässt. Was nun diese beigegebenen Vorwürfe betrifft, ist als erstes der physiologische Kladderadatsch zu erläutern, unter dem Wagner die neueren Schriften Vogts (dazu zählen neben den Bildern wohl v.a. die mit politischen Anspielungen durchsetzten Untersuchungen über Thierstaaten, 1851a; vgl. oben Kap. 2.3.1.4.6) zusammengefasst sehen möchte (Text 4d, Z. 3ff.). Sowohl das grimmsche Wörterbuch (1854ff., Bd. 5 [1873]: 892) als auch das Große Wörterbuch der deutschen Sprache des Duden (21994, Bd. 4: 1861) führen

197 ,Kladderadatsch‘ zunächst als Interjektion an, die lautmalerisch für ein krachendes oder klirrendes Geräusch steht, und insofern vielleicht zum breiten und offenen Chorus-Machen aus Wagners sechstem Brief passen könnte, womit er dort gewissen Kreisen ein Auftreten vorgeworfen hatte, das nur Aufsehen und Unruhe erregen wolle (vgl. Text 2a, Z. 42); die Bedeutung des daraus abgeleiteten Substantivs in der Verwendung von einen kl[adderadatsch] machen erläutert Grimm durch ,z.b. mit fenster und laternen einwerfen‘126 näher, was interessanterweise an die Umsturzgefahr denken lässt,127 vor der Wagner im Materialismus Vogts ja warnt (vgl. Text 2a, Z. 20ff. und 55ff., sowie Text 2b, Z. 8ff.). Am bedeutsamsten ist angesichts dieses letzten Punktes jedoch der Verweis beider Wörterbücher auf den Titel des politischsatirischen Berliner Wochenmagazins Kladderadatsch (erschienen von 1848 bis 1944), das sich zur damaligen Zeit noch in liberalem Fahrwasser bewegte. Ein Vergleich von Vogts neueren Arbeiten als physiologischer Kladderadatsch mit eben diesem Magazin dürfte durchaus am wahrscheinlichsten Wagners Absicht sein. Er will damit dann zwar mit Sicherheit nicht andeuten, dass es sich bei den gegnerischen Ansichten um bloße Satire handelt, wohl aber ihnen vorwerfen, dass sie die wahren wissenschaftlichen, physiologischen Verhältnisse in gleicher Weise entstellen und verzerren, wie die Zeitschrift die politischen Verhältnisse in ihrer Satire. Und vor dem politischpublizistischen Hintergrund des eigentlichen Kladderadatsch kann man dann auch den Vorwurf mitschwingen fühlen, dass Vogt auf dieser verzerrten Grundlage, und unter der Physiologie als bloßem Deckmantel, in Wirklichkeit v.a. politisch und gesellschaftlich Stimmung machen wolle, wiederum mit dem letztendlichen Ziel des Umsturzes der gewohnten Ordnung. Dass diese Interpretation berechtigt ist und Wagner den gegnerischen Äußerungen hier nicht nur den Stellen(un)wert eines Witzblattes zusprechen will (als das der Kladderadatsch mitunter auch bezeichnet wird), zeigt der Schluss des dritten Satzes (vgl. Text 4d, Z. 5ff.), wo Wagner erneut auf das Lexem ,frivol‘ zurückgreift, das er in seinem ersten Angriff auf den ja v.a. auch politisch diskreditierten vogtschen Materialismus angewendet hatte. Die Attribuierung der Frivolitäten als ,scheußlich‘ (Z. 6) stellt dabei nicht nur eine direkte Verbindung zu dem aus Wagners Sicht Ekel erregenden GehirnLeber/Nieren-Vergleich her, also zur gegnerischen wissenschaftlichen Haltung, sondern auch zu Vogts politischen Ansichten in ihrer ja noch geringeren Dignität und ihrem ja noch höheren Ekelpotenzial als Urin und Galle (vgl. Text 2a, Z. 51ff.). Und die befürchteter- oder zumindest unterstelltermaßen umstürzlerischen Konsequenzen des vogtschen Materialismus werden 126 127

Also etwas tun, das das Einwerfen von Fenstern und Laternen umfasst. Die vollständigen Bedeutungen des Substantivs nach dem Duden (zum einen ,Chaos, heilloses Durcheinander nach einem Zusammenbruch‘, zum anderen ,Skandal, Aufregung‘) passen weniger gut ins Bild.

198 dann noch einmal ins Blickfeld gerückt, wenn Wagner den Gegner „alles Höhere“ (also etwa die Heiligthümer der Kirche, des Staates, der Familie; vgl. Text 2b, Z. 14f.) „ins Gemeine herab[ziehen]“ (Text 4d, Z. 6f.) und sie damit seinen materialistischen (Irr-)Lehren gegenüber erniedrigen lässt. Nach ausdrucksseitigem Lob im zweiten Satz, das bereits mit impliziter wissenschaftlicher Abwertung durchsetzt war, und v.a. nach der soeben behandelten offenen ,politischen‘ Polemik im dritten Satz, geht Wagner mit dem vierten nun reichlich unerwartet zu zunächst fast panegyrischen Formulierungen über (vgl. Text 4d, Satz 4, Z. 7ff.), wenn er sich zu Vogts sprachlichem Darstellungsvermögen in Begriffen äußert, die kaum einer näheren Erläuterung bedürfen, und die im Lob der Gabe des Gegners gipfeln, „die verwickeltsten Formverhältnisse zu lichtvollen Anschauungen mittelst bloßer Beschreibung“ bringen zu können (Z. 9f.). Hinzuweisen ist hier höchstens darauf, dass der Elativ in den „verwickeltsten Formverhältnissen“ (als den sich stellenden, hinderlichen Problemen) im Kontrast zur „bloßen Beschreibung“ (als dem Mittel zu deren Überwindung) den Eindruck eines wirklich außergewöhnlichen Vermögens auf Seiten Vogts hervorheben soll, der Schwierigstem gegenüber mit Wenig dennoch Großes erreicht; des Weiteren geht die Metapher der „lichtvollen Anschauungen“ weit über die Implikation von nur klaren und durchsichtigen, also gut verständlichen Verhältnissen in Vogts Schriften hinaus und ruft im Sinn von ,leuchtend‘ und ,strahlend‘ vielmehr die Assoziation hervor, dass man der Verständlichkeit von Vogts Ausführungen überhaupt nicht entgehen könne, so als dränge sie sich dem Leser geradezu auf. Während dieses Lob für Vogts Beobachtungs- und Darstellungstalente dabei zunächst noch mit in den ersten Teil des fünften Satz (Z. 10ff.) hinein genommen und dort sogar bekräftigt wird, da er sie „in allen seinen Schriften beurkundet“ habe (Z. 10), beginnt sich im zweiten Teil (Z. 11f.) dann bereits eine erste Relativierung des Gesagten abzuzeichnen. Zwar wird auch hier noch gelobt: Vogt habe sich (sozusagen durch seine Klarheit) ein „wesentliches Verdienst erworben“ (Z. 12), das in der Popularisierung der „Arbeiten anderer, in ihrer Darstellungsweise oft unklarer Naturforscher“ liege (Z. 11f.). Dabei wäre auch letzteres, für sich genommen, noch keine Herabwürdigung des Gegners; man könnte sogar das Gegenteil hinein interpretieren, nämlich dass Vogt hier als klarem Naturforscher gerade der Vorzug vor anderen unklaren gegeben wird, deren Positionen durch ihn zudem erst verständlich verbreitet würden. Dieser wohl durchaus beabsichtigte Eindruck beim ersten Lesen wird aber durch zwei Dinge ge- bzw. zerstört: Zum einen deutet bereits die Einleitung des zweiten Teilsatzes ansatzweise eine Einschränkung des Vogt ausgesprochenen Lobes für seine Vermittlungsfähigkeiten an, das eben gilt, „insofern er dadurch“ die Arbeiten anderer popularisiere (Z. 11); dies kann (und muss wohl) dahingehend gewertet werden, dass das

199 Lob auch nur in dieser Hinsicht gilt. Die Einschränkung bestätigt sich dann vollständig erst im weiteren Verlauf des Textes, wo alle positiven Äußerungen zum Gegner mit dem fünften Satz enden. Direkt im Anschluss an ihn werden Vogt nämlich ebenso eindeutig positive Dinge abgesprochen, wie sie ihm gerade eben erst zugestanden worden waren (vgl. im Folgenden die jeweiligen Attribuierungen): So verfügt er laut Satz 4 zwar über ein „entschiedenes Beobachtungstalent“ und eine „vortreffliche klare [...] Darstellungsweise“ (Z. 7f.), lasse dagegen aber laut Satz 6 „[b]edeutende Entdeckungen“ und die Entwicklung „große[r] und neue[r] theoretische[r] Ansichten“ vermissen (Z. 13f.). Nach der Vermischung von positiven Äußerungen und offener oder verdeckter Polemik, vollzieht Wagner hier in den Sätzen 4 bis einschließlich 6 (mit Ausnahme der einschränkenden Andeutungen in Satz 5) eine rhetorische concessio:128 Das zunächst zugestandene, möglichst hochtönende Lob wird von einem umso entschiedeneren Angriff mit umso schwerwiegenderem Tadel unter einem anderen Aspekt wieder aufgewogen. Wesentlich ist dabei, dass Wagner – eingedenk seiner Rolle als vir bonus – keine offene Polemik wie in Satz 3 mehr liefert, sondern äußerlich unaggressive, rein konstative (und noch nicht einmal vorwurfsvolle) Kritik am Gegner übt, die das frühere Lob ausdrucksseitig völlig unangetastet lässt, aber dennoch äußerst schwer wiegt. Denn die Fähigkeiten, die Vogt abgingen, sind ja die, auf die es als Forscher eigentlich ankommt, die erst den „originalen Forscher zeigen“ (Z. 13), der der Gegner damit eben nicht ist. Vogt werden also in den höchsten Tönen Fertigkeiten zugestanden, die dann als solche von nur untergeordneter Bedeutung bloßgestellt werden und die er – was erschwerend hinzukommt – nur auf den schon fertigen wissenschaftlichen Vorarbeiten anderer entfalte; sein „wesentliches Verdienst“ (Z. 12) ist damit nur ein äußerst bescheidenes. Anders als Wagner wird Vogt hier nun zwar nicht völlig aus der wissenschaftlichen Gemeinde ausgeschlossen, aber gerade (und wohl auch in viel erniedrigenderer Art und Weise) innerhalb von dieser zu einem Mitglied zweiter Klasse, zum Populär- oder Halbwissenschaftler degradiert, der vielleicht geduldet, aber nicht voll akzeptiert ist. Aber dennoch: Das Lob, das Wagner seinem Gegner ausdrucksseitig ausspricht, ist vorhanden; der Gegner ist auf der Äußerungsebene nicht vollkommen vernichtet. Dies lässt Wagner in seiner Rolle als vir bonus natürlich als einen aufrichtigen und ehrlichen Kritiker erscheinen, der auch das Positive nicht unterschlägt; dass dadurch dann v.a. auch seine negativ-kritischen Bemerkungen umso aufrichtiger und damit umso glaubhafter und berechtigter wirken (sollen), dürfte auf der Hand liegen. Wenn Wagner bei all dem nun Vogt gegenüber nicht explizit auf seine eigenen Leistungen und Entdeckungen verweist, um sich noch deutlicher von ihm abzuheben, so ist das sicherlich 128

Vgl. Göttert (21994: 60f.).

200 ebenfalls der Rolle des vir bonus geschuldet, in der es ein gewisses Maß an Bescheidenheit zu wahren gilt; aber auch so führt er hier mit Satz 6, sozusagen am Leser vorbei, einen sehr gezielten Nadelstich direkt gegen seinen Gegner: Denn Wagner weiß, dass Vogt auch ohne die Nennung seiner (d.h. Wagners) Leistungen um eben diese Leistungen weiß, aufgrund derer Vogt ihn ja in die Liste der großen Forscher aufgenommen hatte. 3.4.2.6 Eine abschließende Anspielung Die Degradierung Vogts bzw. sein Ausschluss aus der Gruppe der vollgültigen Forscher ist auch noch einmal Gegenstand des letzten Satzes, wenn er „[f]ür gewisse Aufgaben und Richtungen in der Wissenschaft [...] kein Organ“ habe (Text 4d, Z. 15). Die Interpretation, dass Vogt damit der Sinn oder die Begabung für das originale Forschen abgesprochen werden soll, liegt im Kontext auf der Hand und ist allgemein gesprochen auch zutreffend, es wird sich jedoch zeigen, dass Wagner mit dem Organ, wenn er in Text 4h darauf zurückkommt, im Detail auf etwas anderes hinaus will. Soviel nur als Vorgriff; zentral ist hier, dass Wagner im zweiten Teil des siebten Satzes (Text 4d, Z. 16f.) abschließend noch einen Bereich in seine Betrachtung hineinholt, der mit der concessio nichts mehr zu tun hat: Nämlich wenn er Vogts Scheitern in der originalen Wissenschaft zum Scheitern seiner politischen Bestrebungen in Beziehung setzt, da es Vogt im ersten Bereich „nothwendig ergehen“ müsse wie im anderen (Z. 16). Wagner weist damit zunächst einmal zurück auf den Beginn seines Beitrags, wo er den Gegner sehr kurz für dessen gescheiterte politische Karriere in äußerst schwerer Weise verhöhnt hatte: Vogt sei, „nachdem er von der Zoologie zur Politik übergegangen war, und sich von der Professur in Gießen binnen kurzem zum erhabenen Posten eines deutschen Reichs-Regenten129 emporgeschwungen hatte, gegenwärtig wieder als Lehrer der Geologie in Genf angestellt“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; eig. Hervorheb.). Wagner kann Vogts Scheitern in der Politik, aus der dieser, von der Wissenschaft kommend, tatsächlich wieder in die Wissenschaft zurückkehrte, kaum ebenso auf mangelnde Befähigung zurückführen wollen wie (angeblich) in der originalen Forschung; er weiß sicher, dass Vogts politische Laufbahn an äußeren Umständen scheiterte. Die raffende Schilderung von Vogts schnellem Aufstieg und tiefem Fall ist insofern sicher besser als Hinweis darauf zu verstehen, dass Vogt bisher in keinem Bereich etwas Bleibendes geleistet hat: also auch nicht in der Politik. Dies wäre dann natürlich (angesichts seines Einsatzes, seiner Flucht und seines Exils) ein äußerst bitterer, hämischer und verletzender Seitenhieb auf Vogts persönli129

Zu Vogt als Reichsregent (bzw. eigentlich Reichsverweser), vgl. oben, Kap. 2.3.1.4.4.

201 ches Schicksal, der sich in seiner Motivation aber als direkte Retourkutsche auf Vogts (implizite) Andeutung erklären lässt, dass Wagner seine hofräthliche Autorität überspanne, wenn er den staatlichen Stellen ihr Handeln vorzuschreiben versuche, wie im Fall des Aufrufs gegen den frivolen Materialismus im sechsten Physiologischen Brief (vgl. Text 2b und Text 3e, Z. 8f.). Vogt hätte eben gleich – so hier nun Wagners Gegenschlag – in der akademischen Lehre bleiben sollen (und er ist Wagner zufolge in der Tat ja nur „Lehrer der Geologie“, d.h. wiederum kein Forscher; vgl. das vorausgehende Zitat), wäre also besser gar nicht erst in den Bereich der Politik gegangen, denn damit habe er sein Wirkungsfeld überspannt, wie der Eindruck des Vermessenen beim Übergang „von der Zoologie zur Politik“ und von der „Professur [...] zum [...] Reichs-Regenten“ impliziert (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225). Vogts politische Karriere wird nun aber, wie gesagt, auch zur Prognose seiner Chancen beim „Versuche“ des Auftretens in „gewisse[n] Aufgaben und Richtungen [...] der Wissenschaft“ herangezogen (Text 4d, Z. 15f.; vgl. Z. 15ff.), wobei sich ,Richtungen‘, wie Text 4h zeigen wird, auf die Betrachtung der Seele und ,Aufgaben‘ sicherlich auf die in Text 4d, Satz 6, angedeutete originale Forschung bezieht. Wenn es Vogt in diesen Bereichen nun ebenso „ergehen [muss], wie bei seinen politischen Bestrebungen“ (Text 4d, Z. 16f.), dann sagt Wagner ihm hier natürlich ebenfalls das Scheitern voraus: Die Beschäftigung mit der Seelenlehre und das originale Forschen sind ebenso unangemessen für ihn wie die Politik, und das Ganze kann insofern dann als ebenfalls bitter hämischer Ratschlag verstanden werden, es gar nicht erst (originales Forschen) bzw. besser nicht weiter (Seelenlehre) damit zu versuchen. 3.4.2.7 Die Funktion von Wagners Fußnote Es ist natürlich auffällig, dass Wagner, der in Vogts Bildern aus dem Thierleben, in den Texten 3b (teilweise) und 3d (völlig) zum Gegenstand von polemischen Fußnoten geworden war, nun seinerseits den Gegner in einer Fußnote angeht; als weiteres Beispiel einer bereits längeren Reihe von Retourkutschen auf beiden Seiten der Auseinandersetzung. Die Funktion der Fußnote ist bei Wagner nun aber eine etwas andere als bei Vogt. Vogt hatte den Gegner selbst durch völlige Degradierung zur Fußnote in Text 3d (als dem herausragendsten Beispiel für die Beschäftigung mit Wagner ,nur im Vorbeigehen‘) in seiner wissenschaftlichen Bedeutung und in seiner Bedeutung als Gegner herabsetzen und marginalisieren wollen. Für Wagner ist dies umgekehrt nicht möglich, da sich sein Beitrag zur Gänze erklärtermaßen mit Vogt auseinandersetzt und durch dessen vorausgehende Äußerungen überhaupt erst veranlasst ist. Wagner nutzt die Fußnote nun jedoch für etwas anderes:

202 Wagner hatte Vogt ja für das Überwiegen des Persönlichen über das Sachliche in den Bildern kritisiert; und selbst wenn er sich in seinem eigenen Beitrag nun angesichts der vir bonus-Rolle ausdrucksseitig recht stark zurückhält, so attackiert doch auch er umgekehrt Vogt (wie oben gezeigt) auf der pragmatischen Ebene sehr schwer persönlich – insofern als Vogt bloßgestellt wird für die nur aus verletzter Eitelkeit erfolgende Diffamierung eines Kollegen, den er selbst zuvor unter die Großen gerechnet hatte, und insofern als er sich in seiner Tätigkeit lediglich als Forscher zweiter Klasse betrachten darf, der zudem letztlich nirgends etwas Bedeutendes erreicht hat – und auch nie etwas Bedeutendes erreichen wird. Wagner nutzt nun (angesichts seines eigenen Persönlichwerdens und angesichts seiner Kritik an demjenigen Vogts) die Fußnote dazu, den persönlichen Teil seiner Auseinandersetzung zumindest aus dem Haupttext auszulagern; er marginalisiert also nicht den Gegner selbst, sondern das ad personam zu ihm Ausgesagte. Dies gilt es nun aber noch etwas zu konkretisieren, da auch im Haupttext durchaus polemische Passagen vorkommen (vgl. z.B. den folgenden Text 4e, Z. 4ff., die Analyse zu Text 4f, sowie Text 4h; zu ihnen kommen zudem die polemischen Stellen der von Wagner erneut wiedergegebenen Äußerungen aus dem sechsten Physiologischen Brief hinzu). Alle entsprechenden Stellen des Haupttextes nehmen jedoch stets reaktiv Bezug auf Vogts Äußerungen im Rahmen des Streits um die Leib/Seele-Problematik oder auf Vogt als Autor solcher Äußerungen; die Fußnote dagegen bewegt sich fast völlig auf der davon gelösten persönlichen Ebene. Ausgelagert aus dem Haupttext wird also, was sich nur allgemein persönlich auf Vogt bezieht, auf seine allgemeine Befähigung als Wissenschaftler, und was nicht in konkreter Verbindung zur eigentlichen res steht; der res bleibt damit der Haupttext vorbehalten und sie erscheint damit als zentrales Element der Erwiderung – ganz so wie es sein sollte und ganz so wie Wagner (vir bonus!) es eben auch hält. Auch dies ist nun aber noch nicht alles: Da auch das rein und in scharfer Weise Persönliche in der Fußnote Reaktion auf den Gegner ist, indem es Bezug nimmt auf die ebenso allgemeine fachliche und persönliche Abqualifizierung Wagners durch Vogt (aus den Teilen der Bilder vor dem ,Nachwort‘), wird nicht nur etwas ausgelagert, das keine konkrete Verbindung zur res hat, sondern etwas, das als solches zudem vom Gegner angestoßen wurde. Die Fußnote selbst ist damit als recht subtile Kritik an Vogts Persönlichwerden zu verstehen, die (Vogt und dem Leser) zu verstehen gibt, dass dieses Persönlichwerden, aber auch Wagners (vir bonus!) Reaktion darauf, eigentlich nichts in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu suchen hat, das man aber, wenn man dazu gezwungen wird, zumindest aus dem Haupttext herausnimmt. Ausgerechnet an der Stelle, an der sich Wagner also äußerlich erfolgreich als vir bonus etabliert und an der er noch in seinem pragmatisch scharfen Vorgehen zur polemischen Vernichtung des Gegners nur dessen Vorlagen

203 aufnimmt, findet sich nun aber auch der oben gezeigte schwere Angriff auf Vogt als gescheiterter Politiker, der nicht mehr in die Anlage der ursprünglichen concessio gehört und über bloßes reaktives Verhalten weit hinausgeht. Wagner holt hier selbst in einen Bereich aus, der nur alibimäßig (Vergleich des Wissenschaftlers Vogt mit dem Politiker) in den Sachbezug integriert ist, und beschädigt, sozusagen auf den ,letzten Metern‘, sein Image als vir bonus vor demjenigen Leser nun wieder etwas, der die mittransportierten Implikationen erkennt. Abgesehen davon aber kann man Wagners Vorgehen in seiner polemischen Fußnote auch hinsichtlich seiner ,kunstvollen‘ Konzipierung als gelungene Reaktion auf Vogts Vorgehen auf verschiedenen ,Gleisen‘ betrachten; gelungen auch in seiner Wirkung, denn der in der Fußnote (auch ohne Satz 7) gut erkennbare Gegensatz zwischen zurückhaltendem (äußerlichem) Anspruch und polemischer (pragmatischer) Wirklichkeit, der den Gegner nur wenig verhohlen verhöhnt, steht Vogts Spiel mit den verschiedenen Ebenen in nichts nach. 3.4.2.8 Noch einmal der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich Die soeben behandelten Texte 4c und 4d finden sich wie gesagt in einer umfangreichen Fußnote. Im Haupttext fährt Wagner inzwischen, unter Bezug auf die Sache, damit fort, seinen Angriff (bzw. seine Kritik, wie er selbst sagt) auf Vogt aus dem sechsten Physiologischen Brief zu zitieren, den er ja unmittelbar zuvor als Auslöser des gegnerischen Grimms bezeichnet hatte; die erneute Wiedergabe begründet er einleitend damit, dass „die Stelle vielfach großes Interesse gefunden zu haben scheint“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226). Wagners Beitrag mit dem Doppeltitel Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie geht damit – nach dem ,Nachweis‘ der Kompatibilität der Seelenteilung mit christlichen Vorstellungen und nach der anschließenden persönlichen Abwertung des Gegners in der Fußnote – zum zweiten thematischen Teil über: zur materialistischen Psychologie (d.h.: zur materialistischen Lehre vom menschlichen Geist). Die gesamte Passage des Angriffs auf Vogt aus dem sechsten Brief, die Wagner nun erneut wiedergibt, umfasst 50 Zeilen des Gesamtbeitrags und entspricht, wie schon gesagt, Text 2a, Z. 40–72; sie enthält dabei den in Wagners Angriff mitzitierten Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich, Wagners Vorwurf der unangemessenen Vereinfachung dagegen, seinen Angriff auf die politische Position Vogts (einschließlich der Warnung vor deren zersetzenden gesellschaftlichen Konsequenzen) und Wagners physiologische Kritik, die den Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich enger fasst als Vogt. Im direkten Anschluss an eben diese, das Exzerpt abschießende, physiologische Kritik bemerkt Wagner:

204 TEXT 4e (Wagner 1852, in: AZ 327/1852: 5226; Orig. in Fraktur)

5

Ich dächte der Verfassera hätte an dieser Widerlegung genug haben und sich dabei beruhigen können. Daß der Hieb wenigstens vollständig gesessen hat, davon gibt eben der heftige Zorn Zeugniß den Hr. Vogt jetzt überall gegen den bVerfasser der physiologischen Briefeb ausschüttet. Jedoch hat diese Abfertigung den angenehmen Erfolg gehabt daß Hr. Vogt dadurch veranlaßt wurde seine ganze psychologische Weisheit noch einmal zusammen zu nehmen und in einem besondern Aufsatz „Thierseelen“ unstreitig das Vollendetste zu geben das er in diesem Gebiet zu liefern im Stande war. a

D.h. Vogt.

b-b

D.h. gegen Wagner

Zunächst einmal ist hier zu sagen, dass das Text 4e unmittelbar vorausgehende Exzerpt aus dem sechstem Physiologischem Brief von Wagner hier nicht mehr weiter erläutert und die im Exzerpt enthaltene Kritik auch nicht weiter ausgeführt wird. Es gibt für ihn (anders als für Vogt in seiner Bekräftigung des Materialismus, die sich vordergründig an Burmeister gerichtet hatte) ganz offensichtlich nichts nachzutragen und nichts zu konkretisieren, sondern er hält die erneute Wiedergabe seiner früheren Äußerungen und die bloße Bekräftigung der Einschätzung, dass sie in ihrem Erfolg Bestand haben, für ausreichend. Bereits unmittelbar vor der erneuten Wiedergabe hatte Wagner sie dem Leser ja als eine „unwiderlegliche Kritik“ ausgewiesen (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225; vgl. oben) und in Text 4e selbst spricht er davon nun nicht nur als „Widerlegung“ (Text 4e, Z. 1), sondern recht deutlich als „Hieb“, der „vollständig gesessen“, und als „Abfertigung“, die einen „angenehmen Erfolg gehabt“ habe (Z. 2 und 4f.). Wagner reklamiert den Sieg in dieser ersten Runde der Auseinandersetzung also mit allem Nachdruck für sich und gibt zu verstehen, vom Gegner dementsprechend auch stille Akzeptanz und Zurückhaltung, letztendlich als Eingeständnis seiner Niederlage, erwartet zu haben: Vogt hätte seiner Ansicht nach eben „genug haben und sich dabei beruhigen können“ (Z. 1f.). Genau mit dieser angeblichen Erwartung gerät er dann aber (wenn auch vielleicht erst auf den zweiten Blick) in einen Widerspruch zu sich selbst: in den Widerspruch zwischen dem erwartbaren ruhigen Verhalten des Gegner als angemessener Reaktion auf die Stichhaltigkeit der physiologischen Kritik einerseits und der unmittelbar folgenden Untermauerung eben dieser Stichhaltigkeit durch das genau entgegengesetzte Verhalten andererseits, nämlich durch Vogts „heftige[n] Zorn“ (Z. 3); denn Wagner gibt vor, das Strecken der Waffen als Zeichen der gegnerischen Niederlage erwartet zu haben, fühlt sich dann aber doch durch die tatsächlich erfolgte Gegenwehr bestätigt. Dieser Widerspruch besteht auf der Äußerungsebene umso stärker, als die Partikel „eben“ (Z. 2) rein formal sogar den Eindruck entstehen lässt, als solle der zweite Satz des Textes den ersten gedanklich fortführen und stützen. Das Formulierungsproblem ließe sich allenfalls dadurch auflösen, dass stille Akzeptanz auf eine unwiderlegliche Kritik hin zwar von einem res-orientierten

205 Forscher (dem es um die Wahrheit geht und der einräumen kann, Unrecht zu haben) als Eingeständnis seiner Niederlage erwartbar wäre, dass bei Vogt, der als das genaue Gegenteil des res-orientierten Forschers dargestellt worden war, aber gerade auch die gegenteilige, eben zornige Reaktion beweist, dass er sich unwiderleglich kritisiert fühlt. Auf diese pragmatische Interpretation weist die Stelle nun aber nicht wirklich hin, eine die Implikatur ermöglichende Formulierung (wie etwa: ,Aber bei Vogt ist es gerade sein heftiger Zorn, der zeigt, dass der Hieb etc.‘) fehlt. Die Auflösung des daher bleibenden Eindrucks des Widerspruch liegt wohl darin, dass tatsächlich kein Bezug zwischen den ersten beiden Sätzen von Text 4e besteht, sondern die Partikel ,eben‘ im zweiten Satz den Zorn Vogts über Wagners Hieb (unmittelbar nach dem Exzerpt aus dem sechsten Physiologischen Brief) stattdessen sehr weit an eine andere Stelle zurück anbindet: an Vogts Grimm über Wagners unwiderlegliche Kritik (unmittelbar vor dem langen Exzerpt; vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225). Unabhängig von diesem Bezugsproblem ist hier nun aber festzuhalten, dass Wagner seine Kritik für unwiderleglich hält, dass er ihre Richtigkeit mit Vogts Zorn belegt (sieht), dass er sich damit als Sieger der ersten Runde betrachtet und dass dies auch beim Leser so ankommt (sofern dieser den angerissenen Widerspruch überhaupt bemerkt). Damit ergibt sich aber bereits das nächste Problem: eben mit dem „heftige[n] Zorn“, von dem in Text 4e (Z. 3) die Rede ist, und dann entsprechend auch mit dem früheren Grimm, auf den er zurückverweist. Beides bezieht sich auf Vogts Bilder. Beim Grimm war der Bezug auf „das Buch des Hrn. Vogt“, das kurz zuvor mit seinem Titel genannt worden war, direkt hergestellt worden, und in Text 4e geht es immerhin um den Zorn, den Vogt „jetzt überall gegen den Verfasser der physiologischen Briefe“, also gegen Wagner, „ausschüttet“ (Z. 3f.), wobei es sich nur um Vogts Reaktion auf diese Briefe, also ebenfalls um seine Bilder aus dem Thierleben handeln kann. Was nun aber das erwähnte Problem angeht: Grimm und Zorn können sich nur auf die Ausdrucksseite von Äußerungen beziehen (also auf die eigentliche Äußerungsebene), wobei hier zudem das Ausschütten des Zorns (Z. 4) impliziert, dass Vogt ihm in den Bildern freien Lauf lässt; Vogt war dort nun aber, wie im vorausgehenden Kapitel 3.3 gezeigt, zwar durchaus mit polemisch-aggressivem Witz, Ironie und auch offenen Abwertungen gegen Wagner vorgegangen, auf der Äußerungsebene aber eben durchaus nicht grimmig oder zornig aufgetreten, sondern hatte eine emotionale Reaktion ja gerade vermeiden wollen. Wenn Wagner das Verhalten des Gegners nun anders darstellt, vermutet er hinter dessen Äußerungen zwar vielleicht nicht zu Unrecht Zorn und Grimm, die lediglich unter einer beherrschten Oberfläche gehalten werden; dies ändert aber nichts daran, dass er die Verhältnisse hier nicht wahrheitsgemäß darstellt, wenn er die Emotionen in Vogts Äußerungen als tatsächlich vorhanden impliziert und sich dann

206 zudem durch das falsch Dargestellte in seiner unwiderleglichen Kritik (seinem Hieb, seiner Abfertigung) auch noch bestätigt sieht. Vogts angeblicher Zorn ist jedoch nicht das einzige, was Wagner als direkte Folge seiner Kritik betrachtet, denn diese habe noch einen anderen, „angenehmen Erfolg gehabt“ (Z. 4f.) und der ist es schließlich, worauf es für den Rest seines Beitrags v.a. ankommt; es handelt sich bei diesem Erfolg um das Thierseelen-Kapitel in den Bildern (Z. 6), also um die Bekräftigung von Vogts materialistischer Seelensicht (vgl. dazu die Auszüge aus Vogt 1852a, Texte 3f(1)–3f(3)). Warum genau Wagner diese Bekräftigung als einen Erfolg für sich sieht, wird erst in Text 4h vollständig klar werden, in Text 4e entsteht aber bereits teilweise der richtige Eindruck, dass er der Ansicht ist, Vogt schade sich mit seinen neuerlichen Äußerungen in der ein oder anderen Weise selbst. Wagner geht dabei weitgehend ähnlich vor, wie gegen den ursprünglichen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich im sechsten Brief: Hier wie dort wird Vogts Sicht der Seele noch vor einer Zitierung unter der ironischen Bezeichnung: „seine ganze psychologische Weisheit“ (Text 4e, Z. 5; vgl. Text 2a, 45f.) als etwas qualitativ Törichtes und als etwas quantitativ Unzureichendes disqualifiziert. Beide Aspekte werden hier nun auch noch einmal deutlich, wenn Vogts Bekräftigung in den Bildern als das „unstreitig [...] Vollendetste“ bezeichnet wird, das der Gegner „zu liefern im Stande war“ (Text 4e, Z. 6f.), denn vollendet ruft sowohl Assoziationen des Umfangs (der Vollständigkeit) als auch der Güte hervor – und aufgrund der hier vorliegenden ironischen Verwendung des Begriffs sind dies natürlich Assoziationen des jeweiligen Mangels. Nach dieser Setzung eines deutlichen Interpretationsrahmens für den Leser schreitet Wagner nun jedoch nicht sofort zur Zitierung der neuen Äußerungen des Gegners, sondern bleibt vorerst noch beim ursprünglichen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich, indem er ein auf den materialistischen Leib/SeeleMonismus bezügliches Zitat des seinerzeit nicht unbekannten Göttinger Philosophen und Physiologen Rudolph Hermann Lotze130 (1817–1881) zur Stützung seiner eigenen früheren physiologischen Kritik an Vogt einschiebt. Lotze unternimmt in dem zitierten Abschnitt131 eine Kritik, die im Kern derjenigen Wagners entspricht und den Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich auch in derselben Hinsicht missversteht132 (oder falsch darstellt), nämlich als einen Vergleich von Gedanken und Urin hinsichtlich ihres Entstehungsprozesses und nicht hinsichtlich ihrer Entstehungsvoraussetzungen; Lotze fordert nun 130

Lotze war seit 1844 Professor in Göttingen (wo ja auch Wagner wirkte). Wagner zitiert aus dessen Werk Medicinische Psychologie oder Physiologie der Seele (1852). 131 Die Originalstelle findet sich bei Lotze (1852: 30). 132 Entsprechende Kritiken wie die Wagners und Lotzes finden sich übrigen noch in den 1870er Jahren; vgl. Kühne-Bertram (2007: 152, Anm. 51ff.).

207 jedoch sehr viel nachdrücklicher eine Erklärung dafür, wie die Gedanken genau entstehen sollten, wenn das Gehirn sie (was zumindest Vogt eben nicht so sagt) tatsächlich „auf gleiche Weise erzeugt“ wie die Nieren den Urin, der doch schon vor seiner Ausscheidung in anderer materieller Form im Körper vorhanden sei, was für die Gedanken nun gerade nicht angenommen werden könne (Lotze, zitiert nach Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226). Da sich beide Kritiken wie gesagt im Wesentlichen entsprechen, führt Wagner die Stelle als Autoritätsbeleg zur bloßen Abstützung des Richtigkeits- und Unwiderlegbarkeitsanspruchs seiner eigenen physiologischen Kritik an (nach deren bloßer Wiederholung und im Anschluss an ihre ,Bekräftigung‘ in Text 4e) und weist so mithilfe eines anderen großen Namens darauf hin, dass er nicht der einzige ist, der Vogts Vergleich für inhaltlich, also für in der Sache verfehlt hält. Neue Kritikpunkte liefern damit aber weder Lotze noch er selbst. Und bei all dem wird die weitere Beschäftigung mit den angekündigten Äußerungen Vogts aus dem Thierseelen-Kapitel der Bilder zudem nicht nur um die 35 Zeilen des Lotze-Exzerpts und seiner kurzen Einleitung hinausgezögert, sondern Wagner beendet den ersten Teil seines Beitrags damit und kehrt erst in der Fortsetzung des folgenden Tages zu Vogt und dessen materialistischer Seelensicht zurück. 3.4.2.9 Die Unfreiheit des Willens So wie Wagner den ersten Teil seines Beitrags Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie mit dem Exzerpt Lotzes beendet hatte, beginnt er den zweiten mit dem angekündigten Exzerpt Vogts, in dem dieser sich über „Grundlagen der Psychologie, über Moral, Theologie und Strafrechtspflege“ verbreite (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241); das VogtExzerpt im Umfang von 51 Zeilen dient dabei als weiteres Beispiel für die „urinösen Gedanken“ Vogts, wie es in der Ankündigung noch am vorausgehenden Tag abwertend geheißen hatte. Wagner führt nun ohne große Einleitung drei Zitatblöcke aus dem Thierseelen-Kapitel des Gegners an: Im ersten (der dem oben analysierten Text 3f(1) entspricht) knüpft Vogt sein unlösliches existentielles Band zwischen der Theologie und der Idee einer unsterblichen Seele und legt dann kurz die christlich-dualistische Seelenvorstellung im Gegensatz zur eigenen Sichtweise dar. Im zweiten Zitatblock (der nicht Gegenstand der obigen Analyse war)133 stellt Vogt die provokante Frage, ob der Mensch, wenn man die materialistische Seelensicht annimmt, denn wirklich „so gut wie das Thier nur eine Maschine“ und „der freie Wille demnach aufgehoben“ sei, um diese Frage dann auch nachdrücklich zu bejahen: „Ich kann nicht anders sagen als: Wahrlich, so ist’s. Es ist wirklich so.“ Der dritte Text133

Die Stelle findet sich in Vogt (1852a: 445).

208 block schließlich, der in seinen wesentlichen Teilen oben in Text 3f(3) wiedergegeben ist, bleibt bei der Frage des menschlichen Willens, legt diesen nun etwas ausführlicher als eine notwendige Folge der jeweiligen Stimmung und der Zusammensetzung des Gehirns aus und stellt mit der Ablehnung der Willensfreiheit dann auch die Ansprüche von Moral und Strafrechtspflege in Frage. Zunächst mit Bezug nur auf die eigentliche Leugnung des freien Willens, nicht auf ihre Konsequenzen für Moral und Justiz, bemerkt Wagner im unmittelbaren Anschluss an den letzten der drei Zitatblöcke in dem folgenden kurzen (auch im Originaldruckbild nur dreizeiligen) Absatz: TEXT 4f (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241; Orig. in Fraktur) Traut man seinen Augen wenn man dieß liest? Hat man je von einem vernünftigen Menschen einen solchen Unsinn über die menschliche Freiheit aussprechen hören?

Die beiden rhetorischen Fragen dieses kurzen Textes haben natürlich Appellcharakter. Sie fordern aber nicht nur zur Zustimmung zu den in ihnen enthaltenen eigentlichen Einschätzungen auf (dass man nämlich seinen Augen eben nicht traut, wenn man Vogts Äußerungen ließt, und dass noch kein vernünftiger Mensch so etwas ausgesprochen hat), sondern auch zur Zustimmung zu der ungläubigen Empörung, die Wagner in ihnen mitschwingen lässt. Dabei will er hier zudem natürlich nicht sagen, dass Vogt nun der erste vernünftige Mensch ist, der sich so – wie in Text 3f(3) – zur menschlichen Freiheit äußert, denn das hieße, ihn als vernünftigen Menschen anzuerkennen, und die in der zweiten rhetorischen Frage enthaltene Aussage impliziert gerade, dass Vogts unsinnige Äußerungen ein Zeichen auch seiner eigenen Unvernunft sind; darauf will Wagner hinaus. Bei den unmittelbar daran anschließenden Ausführungen, die diese Unsinnigkeit bzw. diese Unvernünftigkeit der Unfreiheit des Willens genauer aufzeigen sollen, handelt es sich dann um eine der am schwersten durchschaubaren Passagen des Beitrags (vgl. im Folgenden Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241), die im Folgenden nur referiert werden soll: Wagner berichtet (wie er zugibt nur vom Hörensagen), dass Vogt vor Jahren „wegen einer seiner unbesonnenen und beleidigenden Aeußerungen über die Sittlichkeit der Schweizerinnen in argen Conflict mit der männlichen Bevölkerung des Berner Oberlandes“ gekommen sei; es wird dabei impliziert, dass er auch Schläge bezogen hat. Vogts Überzeugung von der Unfreiheit des Willens zufolge würden nun – so Wagner – die Handlungen „handfester Bürger und Bauern“, die zu den „blauen Flecke[n] auf seinem Rücken“ geführt hätten, „nur zwangsmäßige Aeußerungen in Folge der [aufgrund des Vorfalls] krankhaft aufgeregten Disposition jener oberländischen Hirnconstructionen seyn“; Wagner bezeichnet es nun als „hart“, würde er „dem Verfasser jener sonst so trostlosen Theo-

209 rie diesen harmlosen Trost für die erfahrene Behandlung [...] rauben“. Die Stelle ist, wie gesagt, auch im Original nicht leicht zu durchschauen, aber der Trost, der aus der gegnerischen Theorie hier hergeleitet und Vogt als willkommen unterstellt wird, liegt wohl am wahrscheinlichsten darin, dass im Verhalten der Berner Oberländer lediglich eine notwendige, naturgesetzliche Reaktion zum Ausdruck gekommen sei und damit keine bewusste oder gewollte persönliche Feindschaft gegen Vogt; dieser könnte sich in seinem Materialismus dann also – so Wagners impliziter Spott – damit trösten, dass niemand ihm für irgendetwas persönlichen Groll hegen könne, da alles nur notwendige Reaktion auf äußere Einflüsse sei. Der Unsinn des Ganzen, den Wagner ja illustrieren will, ergäbe sich dann daraus, dass es dem Leser aufgrund eigener Erfahrungen natürlich klar sein dürfte, dass die Berner Oberländer die Dinge anders empfunden und ihre Handgreiflichkeiten durchaus auf den freien und bewussten Willen, Vogt blaue Flecke zuzufügen, zurückgeführt haben werden. Der ernste Kern in Wagners Spott wäre damit, dass der Mensch seinen Willen als frei empfindet und es unbegreiflich ist, wie Vogt diesen Punkt entgegen der Erfahrung übergehen kann. Dazu ist dann aber auch zu sagen, dass Vogt den subjektiven Eindruck des freien Willens in den Bildern durchaus nicht geleugnet, sondern im Gegenteil sogar erklärt hatte: nämlich damit, dass kein Wesen die eigenen Grenzen, bei sich selbst, wahrnehmen könne, sondern immer nur die Begrenztheit anderer, über deren Fähigkeiten es selbst stehe.134 Unabhängig von der Interpretation der Stelle im Hinblick auf die Unsinnigkeit des Willens dient diese Anekdote aus „der eigenen Lebenserfahrung“ des Gegners (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241) aber wohl auch noch einem anderen Zweck: Sie erinnert Vogt daran (und ,informiert‘ den Leser darüber), dass er bereits schlechte Erfahrungen mit den Folgen seines ungebührlichen Auftretens (mit groben oder auch „unbesonnenen und beleidigenden Aeußerungen“; ebd.) gemacht hat und zeigt ihn somit als Person, die aus ihren Fehlern nichts lernt, d.h. als den gewohnheitsmäßigen Polterer, als der er bereits im ersten Teil des Beitrags dargestellt und abgewertet worden war (frivole Grobheit, Grimm und Zorn). Weniger spöttisch als mit der Berner Anekdote auf die bloße Unfreiheit des Willens reagiert Wagner auf die anderen Konsequenzen, die Vogt aus seinem Leib/Seele-Monismus zieht: auf die ausdrückliche Gleichsetzung des Menschen mit dem Tier im zweiten von Wagner zitierten Textblock und auf die Zweifel, die im dritten gegen die Ansprüche von Moral und Strafrechtspflege erhoben worden waren. Im ersten dieser beiden Fälle kratzt Vogt ,nur‘ (sozusagen theoretisch) am menschlichen Selbstverständnis, etwas Besseres als der Rest der Schöpfung zu sein, im zweiten rührt er aus Wagners Sicht 134

Vgl. Vogt (1852a: 435f.); dort heißt es dementsprechend auch: Die „Biene dünkt sich ohne Zweifel ebenso ganz frei, wie der Mensch“.

210 (sozusagen praktisch) an die Grundfesten menschlicher Gesellschaft und staatlicher Ordnung. Die Tatsache, dass Wagner seine Hinweise darauf bis nach der Behandlung der Berner Anekdote zurückstellt (und das Ganze in seiner Vorabbewertung überhaupt nicht angerissen hatte), ist im Vergleich zum sechsten Physiologischen Brief mit seinen Warnungen und seinem agitatorischen Element eigentlich unerwartet. Und auch wenn Wagner jetzt darauf zu sprechen kommt, gibt er sich zwar ernst, aber auch zurückhaltend. Er zitiert im Sinne seiner eigenen Überzeugung zunächst aus dem Werk eines „der edelsten und geistreichsten unserer lebenden Staatsmänner“ (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241; eig. Hervorh.) eine Stelle, derzufolge derjenige, der „,[...] in unserer Zeit eine Grundlage der Moral, Religion und Politik für die entchristeten Massen schaffen will, [...] die Fortdauer nach dem Tode wieder zur Gewissheit aller erheben‘“ müsse, da die „,[...] ganze Bürgschaft für das Uebersinnliche [...] doch immer nur aus der Antwort für die Frage [entspringt]: was wird aus dem Menschen nach seinem leiblichen Tode? [...]‘“ (Radowitz, zitiert nach Wagner 1852: ebd.). Wagner greift später (1854a) erneut auf dieses Zitat zurück, aber es ist Vogt, der dessen Autor erst in Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a) zutreffend als Joseph Maria von Radowitz identifiziert,135 den konservativen Politiker, der nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 maßgeblich für den Versuch der Errichtung einer preußisch geführten deutschen Staatenunion auf der Grundlage einer „konservative[n] Version der ,Reichsverfassung‘“ von 1848/49 gewesen war (Nipperdey 1998: 671; vgl. auch oben, Kap. 2.3.1.4.5; Radowitz dürfte schon deshalb für Vogt ein tiefrotes Tuch gewesen sein). Nach der Anführung eines strengorthodoxen Theologen (für die christliche Akzeptabilität der Seelenteilung) und Lotzes (gegen die wissenschaftliche Akzeptabilität des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs) führt Wagner nun also einen Politiker als Autorität für die gesellschaftliche Notwendigkeit des Leib/Seele-Dualismus (für die Annahme der Fortdauer nach dem Tode) an. Die entchristeten Massen136 werden in diesem Zitat, wenn nicht selbst als Gefahr, so doch als Problem dargestellt, dass es dadurch (wieder) in den Griff zu bekommen gilt, dass die christliche Sorge um das Jenseits zur Grundlage für das christliche (und in diesem Sinne staats- und gesellschaftskonforme) Verhalten im Diesseits wird. Zu dieser Stelle als ,Legitimierung‘ der Instrumentalisierung von Religion (und religiöser Furcht) ist aber fairerweise (auch im Hinblick auf die Reaktionen in Vogt 1852b und 11855a) zu sagen, dass eine verwerfliche Form der Instrumentalisierung zwar sicher dann vorläge, 135

Bei dem Werk, aus dem Wagner zitiert, handelt es sich um Radowitz‘ Neue Gespräche aus der Gegenwart über Staat und Kirche, Erfurt/Leipzig, 1851. Die Stelle findet sich im zweiten Teil auf S. 392. 136 Zur Tendenz zur Entchristianisierung im 19. Jahrhundert, vgl. Nipperdey (1998: 403ff., v.a. 440ff.).

211 wenn diejenigen, die für das Christentum als notwendige Grundlage für Staat und Gesellschaft eintreten, selbst nicht daran glaubten, dass aber eine entsprechende ,Instrumentalisierung‘ aus einer überzeugten christlichen Sicht u.U. als ,pädagogische‘ Maßnahme zu rechtfertigen wäre, da ihre Folgen von dieser Warte aus nicht nur für Staat und Gesellschaft als Ganzes, sondern auch für den Einzelnen von Nutzen wären (nicht nur als Teil der Gesellschaft, sondern natürlich auch hinsichtlich des Seelenheils). Und zumindest bei Wagner kann man von einem überzeugten Christentum und von der aufrichtigen Überzeugung von der Notwendigkeit des Unsterblichkeitsglaubens für Gesellschaft und Individuum ausgehen. Wenn nun aber, egal ob aus rein pragmatischer oder aus überzeugt christlicher Sicht, bereits die entchristeten Massen ein Problem oder sogar eine Gefahr für den Staat darstellen, dann muss dies natürlich umso mehr für Irrlehrer (in der Terminologie des sechsten Physiologischen Briefes) wie die Materialisten gelten. Dass auch Wagner in diese Richtung denkt, ist aus seinen früheren Texten (2a und 2b) bekannt, und es ist auch jetzt aus der anschließenden kurzen Äußerung, im Absatz direkt nach dem Radowitz-Zitat, erneut herauszulesen. Nach der Bemerkung, dass „bekanntlich Hr. Vogt nicht“ zu denen gehört, die Radowitz in seiner Haltung (zur Unsterblichkeit der Seele als Grundlage der gesellschaftlichen und politischen Ordnung) unterstützen würden, fährt Wagner fort: TEXT 4g (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241; Orig. in Fraktur)

5

[...] Mit jenem Behagen welches ihn und seine Gesinnungsgenossen charakterisirt, sucht er auf alle Weise in seinen Schriften alles was auf einen Schöpfer und Erhalter der Welt, alles was auf eine Seelensubstanz, als eines an und für sich seyenden Wesens, alles was auf eine übersinnliche Erkenntniß und moralische Grundlage seines Daseyns hinweist, als dummes Zeug in Alt und Jung auszurotten und aus der Betrachtung der Natur hinauszufegen was über den ordinärsten Materialismus hinausgeht. [...]

Vogts Aktivitäten zielen Wagner zufolge auf „Alt und Jung“ ab (Text 4g, Z. 5); auf diejenigen, die in ihrer Weltanschauung bereits geprägt sind, sowie auch auf diejenigen, für die das noch nicht oder noch nicht in vollem Umfang gilt, letztendlich also auf alle. Vor dem Hintergrund der Bemühungen Vogts, Moleschotts, Büchners und anderer, die in ihren Veröffentlichungen für eine Verbreitung naturwissenschaftlich-materialistischer Bildung in weite Kreise der Bevölkerung sorgen wollten, ruft Wagner hier den Gedanken einer beabsichtigten (bzw. bereits laufenden) materialistischen Umerziehung hervor, deren Erfolg die Gesellschaft zwangsläufig verändern würde; für ihn kann es sich dabei natürlich nur um eine Instrumentalisierung (!) der Massen durch und gleichzeitig für die Verbreitung der materialistischen Irrlehre handeln. Dass er dies nach wie vor als einen drohenden Umsturz interpretiert oder zumindest als einen solchen darstellen will, verdeutlichen zwei Dinge:

212 Zum einen spricht Wagner in Text 4g nicht von Vogt allein, sondern von ihm „und seine[n] Gesinnungsgenossen“ (Z. 1), was den Leser an eine Bewegung, nicht nur an Vogt als Einzelperson, denken lassen soll (und was insofern vielleicht auch etwas im Widerspruch zum Materialismus einzelner Naturforscher in Text 2a, Z. 41f. steht). Zum anderen sind die beiden zentralen Verben des Textes 4g hervorzuheben: ausrotten (Z. 5) mit seiner radikalen und gewaltsamen Bedeutungskomponente (etwas völlig, ,mit der Wurzel entfernen‘,137 so dass es nicht mehr nachwachsen kann) verweist auf den entsprechenden Charakter der drohenden Umsturzereignisse, während hinausfegen (Z. 6) an die rücksichts- oder zumindest bedenkenlose Säuberung von etwas denken lässt, dem man keinerlei Bedeutung oder Beachtung beimisst, egal ob es sich dabei in der eigentlichen Verwendung des Wortes um Schmutz handelt oder etwa im übertragenen Sinn um „dummes Zeug“ (Z. 6). Damit beziehen sich beide Verben138 im Kontext nun auf die völlige und verächtliche Beseitigung von Dingen, die aus christlicher Sicht zum Wichtigsten und Höchsten überhaupt gehören: Schöpfer, eigenständige Seelensubstanz, übersinnliche Erkenntniß, moralische Grundlage des Daseyns (vgl. Z. 2ff.), wobei Wagner die Totalität des drohenden Verlustes in einer dreigliedrigen anaphorischen Reihung vereindringlicht, in der das zentrale, auf alle Punkte bezogene, wiederholte Element eben ,alles‘ ist und Vogt die Ausrottung und das Hinausfegen zudem „auf alle Weise in seinen Schriften“ (Z. 2) zu bewerkstelligen suche. Wagner führt dabei einer idealerweise christlich, zumindest aber konservativ geprägten Leserschaft gegenüber quasi eine Subtraktion durch, indem er aus (der Betrachtung) der Welt entfernt, was der Materialismus in ihr nicht anerkennen will. Am interessantesten dürfte der als „Schöpfer und Erhalter der Welt“ paraphrasierte Gott sein (Z. 2f.), denn was auf den ersten Blick nur nach einer gängigen, rein religiösen Formulierung (und folglich nach einem rein religiösen Verlust) klingt, enthält hier, im Kontext des Radowitz-Zitats, das sich nur wenige Zeilen vor Text 4g findet, doch sicherlich weit mehr: Unter Welt versteht Wagner in einem doppelten Sinn wohl nicht nur die physische Welt, sondern eben auch die gewohnte gesellschaftliche Weltordnung, und er warnt damit noch einmal implizit vor deren Ende für den Fall eines materialistischen Erfolges bei der Ausrottung Gottes, der als Schöpfer auch der gesellschaftlichen Ordnung ebenso ihr Erhalter und Garant ist. Somit

137 138

Vgl. Kluge (242002: 76). Da hinausfegen ebenso wie ausrotten als scharfe Kritik an den Zielen und Vorgehensweisen des Materialismus zu verstehen sind, stellt sich die Frage, ob Wagner hier vergisst, dass er selbst die Materialisten (ebenfalls in einer Assoziation, die ,wie Schmutz‘ implizierte) zumindest aus den Tempeln herausfegen wollte (vgl.Text 2b).

213 steht also nicht allein die Religion, sondern erneut auch die Gesellschaft als Ganzes auf dem Spiel. Die Verluste, die Wagner in die „Seelensubstanz“ einschließt, „als eines an und für sich seyenden Wesens“ (Z. 3), wurden bereits angesprochen: die persönliche Fortdauer über den körperlichen Tod hinaus durch Trennbarkeit der Seele vom Leib; die Herausgehobenheit des Menschen dadurch über die restliche Schöpfung; sowie Sinn, Bedeutung und Selbstbestimmbarkeit des menschlichen Daseins (aufgrund des freien Willens). Nach Religion und Gesellschaft droht hier also auch der Verlust des Selbstverständnisses des Menschen als Mensch. In der „übersinnliche[n] Erkenntniß“ (Z. 4) kann man im Kontext von Wagners Haltung dann interessanterweise den Vorwurf erkennen, dass der Materialismus in seiner Beschränkung auf die Empirie (also auf die Erkenntnis durch die fünf Sinne und durch wissenschaftliche Geräte), die er ja als alleinige Garantin für verlässliches Wissen betrachtet, die Erkenntnis(fähigkeit) des Menschen gerade einschränkt, indem er ihm etwa das Hinausgehen über das sinnlich unmittelbar Gegebene verwehrt, etwa hin zu dem, was in der christlichen Offenbarung verbürgt ist, als einer zweiten erfahrbaren Welt neben derjenigen der (bloßen) Empirie (der Glaube als zweiter Erkenntnisbereich wird später v.a. in Wagners Ueber Wissen und Glauben, 1854b, ausgeführt werden; vgl. auch oben, Kap. 2.3.2.2). Mit der Erwähnung der „moralische[n] Grundlage“ des Daseins (Z. 4) schließt Wagner dann in gewisser Weise den Kreis zurück zur überkommenen Weltordnung, deren Bedeutung er damit noch einmal betont und der Vogt die Stützpfeiler (etwa in den grundlegenden Wertekategorien von Gut und Böse) entziehen wolle. Am Ende der Subtraktion behält Wagner somit nur noch den „ordinärsten Materialismus“ übrig (Z. 6), der in seiner konkreten Erscheinung nicht näher bestimmt wird und auch nicht bestimmt zu werden braucht, denn nach allem soeben Ausgeführten lässt sich die materialistische Alternative zur gewohnten Welt leicht darstellen als eine chaotische (also ungeordnete), unmoralische Welt, deren Bewohner nach einem bedeutungslosen Leben dem unwiderruflichen Tod geweiht wären und auch davor niemals über die Grenzen ihrer rein materiellen, innerweltlichen Existenz und Erkenntnis (und damit letztlich auch niemals über sich selbst) hinaus kommen könnten. Dass dies aus christlicher Sicht ein mehr als ausreichendes Argument für die Ablehnung (und für den Widerstand gegen die Herbeiführung) des Materialismus ist, dürfte auf der Hand liegen: Wagner geht es nicht darum, den Materialismus zu widerlegen, er stellt ihn stattdessen als das Gegenteil von wünschenswert dar.139 Und dabei ist noch etwas zur Wirkungskraft dieses Vorgehens zu sagen: Wenn Wagner von der Wahrheit des 139

Vgl. dazu einen im Prinzip gleichen Kunstgriff nach Erdmann (71969: 51).

214 durch die Offenbarung Verbürgten überzeugt ist, könnte der Materialismus für ihn natürlich weder Gott noch sonst etwas davon wirklich beseitigen; der Materialismus könnte es jedoch aus dem Denken der Menschen entfernen, die damit ohne diese Dinge auskommen müssten, so dass der Verlust in dieser Hinsicht also wirklich droht. Wie bereits angedeutet wurde, wirken Wagners Ausführungen bei all dem nun aber dennoch deutlich zurückhaltender als in den früheren Texten 2a und 2b; sie klingen eher wie ein Aufruf zur Wachsamkeit, sich vom Materialismus nicht einfangen oder täuschen zu lassen. Die Agitation des Textes 2b, der Ruf nach Maßnahmen, wird nicht mehr wiederholt und die Zitierung Radowitz‘, mit seinen Forderungen nach der Wiederbelebung und Durchsetzung traditioneller christlicher Vorstellungen und Werte, klingt dem gegenüber ebenfalls nur noch nach einem konstruktiven konservativen politischen Gegenprogramm gegen Entchristlichungstendenzen und dergleichen. Dass sich Wagner hier also deutlich zurücknimmt, wird (im Zusammenhang mit dem Widerspruch Vogts zur Erfahrbarkeit des freien Willens) v.a. für das Ende des Beitrags noch von Bedeutung sein. In der Tat lässt Wagner die kaum angerissene Bedrohlichkeit mit Text 4g auch schon wieder fallen und statt dessen, hinsichtlich der Leugnung von Gott und Seele, eine kurze Mahnung an die Materialisten selbst ergehen: Vogt hatte dem Thierseelen-Kapitel der Bilder ein 28-zeiliges Plinius-Zitat140 vorangestellt, in dem der Seele und dem Leib für die Zeit nach dem Tod ebenso wenig Empfindung zugesprochen wird, wie vor der Geburt. Plinius betont, dass es dem Menschen nicht anders ergehe als den anderen (!) Tieren; der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, an Seelenwanderung o.ä., also an Fortdauer nach dem körperlichen Tod, ist für ihn nur Ausdruck der menschlichen Eitelkeit und der Sucht, niemals enden zu wollen. Zur Vorstellung des Wiederauflebens nach dem Tod sagt Plinius wörtlich, dass in diesem Fall der „Austritt aus dem Leben doppelt schmerzhaft“ wäre, „wenn uns sogar noch der Gedanke an die Zukunft bekümmern soll“ (zitiert nach Vogt 1852a: 419 bzw. nach Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241). Auf diesen letzten Teil des Plinius-Zitats konzentriert sich Wagner nun, wenn er (noch im unmittelbaren Kontext von Text 4g, mit der Ausrottung u.a. von Gott und Seelensubstanz) anmerkt, dass zwar Plinius‘ Worte „Hrn. Vogt und Consorten einen kurzen Trost gewähren“ mögen, dass Vogt aber dennoch einst vielleicht „die Tage [wird] herankommen sehen von denen es heißt: sie gefallen mir nicht, die Tage welche selbst Heinrich Heine zur Erkenntniß eines persönlichen Gottes geführt haben!“ (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241f.).141 140

Vgl. Vogt (1852a: 419); das Zitat stammt aus dem siebten Buch der Naturgeschichte des Plinius und wird bei Vogt in deutscher Übersetzung wiedergegeben. 141 Bereits im sechsten Physiologischen Brief hatte Wagner (1851/52, in AZ 20/1852: 315) mit Blick auf den (damals namentlich noch nicht genannten) Heine geschrie-

215 Unter den Tagen ,von denen es heißt‘ sind im Kontext der vorausgehenden Plinius-Worte und aufgrund des Bezugs auf Heine die Zeiten schwerer Krankheit und des nahenden Todes zu verstehen. Heine hatte die Zeit von 1848 bis zu seinem Tod 1856 aufgrund der Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung (er selbst ging offenbar von den Folgen der Syphilis aus) ans Bett gefesselt verbracht, „[h]alb gelähmt“ und von seinen „Schmerzen nur zeitweise durch Morphium befreit“ (Ziegler 1996: 509); seine Auseinandersetzung mit der Religion in dieser Zeit änderte dabei zwar nichts an seiner Antiklerikalität, führte ihn aber tatsächlich „am Ende seines Lebens zurück zur Idee von einem persönlichen Gott“ (ebd.). Wagner impliziert hier also, dass man in der Not den (Glauben an den) Trost einer persönlichen höheren Macht dem (Glauben an den) blinden Determinismus der Naturgesetze vorziehen, oder auch, dass der nahende Tod die Vorstellung einer Weiterexistenz doch in einem anderen Licht erscheinen lassen werde, egal ob voller Hoffnung oder auch aus Furcht. Wagner platziert hier mit Heine ein schlagkräftiges Beispiel dafür, dass am Atheismus selbst dessen entschiedenste Anhänger letztlich nicht festhalten könnten, und er verwendet dies einerseits als (hämische?) Mahnung an die Materialisten, aber andererseits sicher auch zur Bestärkung der Gläubigen. 3.4.2.10 Das ,Ende‘ der Auseinandersetzung Nach den ,Ausflügen‘ ins Berner Oberland, zu Radowitz und zu Heine kehrt Wagner am Ende seines Beitrags noch einmal auf Vogt als Wissenschaftler zurück und setzt – so wie schon bei der Behandlung der Seelenteilung im ersten Teil des Beitrags (in der polemischen Fußnote) – auch hier nun wieder einen stark persönlichen Schlussakzent, der diesmal jedoch unmittelbar an konkrete, sachrelevante Äußerungen Vogts (aus dessen Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände) anknüpft und zudem nicht nur einen inhaltlichen Teil des Beitrags (und auch nicht nur diesen Beitrag als Ganzen) beschließt, sondern – aus Wagner Sicht – die gesamte Auseinandersetzung. Von zentraler Bedeutung für Vogts folgende Erwiderung ist, dass Wagner dabei – ausgehend von Radowitz‘ Forderung, „die Fortdauer nach dem Tode wieder zur Gewißheit aller [zu] erheben“ (vgl. oben) – zunächst seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass die Wissenschaft nie in der Lage sein werde, die „große[n] metaphysische[n] Wahrheiten“ (auch die Existenz der Seele als Voraussetzung dieser Fortdauer) wirklich mit der von Radowitz erwarteben: „Und wäre es nicht eines wenn wir erfahren daß einer der reichbegabtesten aber gottvergessensten Dichter doch am Ziel seiner Tage in Krankheit und Elend die Erfahrung macht daß die Naturgeister, die er als Götzen angebetet, ihm keinen Trost gewähren können, sondern allein das Bedürfniß der Sehnsucht nach einem persönlichen Gott?“ Ein Bezug zu Vogt wurde damals nicht hergestellt.

216 ten Gewissheit zu beweisen, „da hiefür ein anderes Organ des Geistes bestimmt ist“ (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5242), d.h. ein anderes als diejenigen der herkömmlichen fünf (empirischen) Sinne;142 Wagner gibt im unmittelbaren Anschluss daran aber auch zu verstehen, dass er ebenso sicher daran glaubt, dass sich umgekehrt die „Beweisführungen der Gegner“ auf „wissenschaftlichem Wege [...] immer werden auf den Sand setzen lassen“ (ebd.), dass sich die dualistische Seelensicht also zumindest indirekt (über die Widerlegung ihres Gegenteils oder über die Widerlegung der gegnerischen Widerlegungsversuche des Dualismus) als vertretbar zeigen werde. Nachdem ihm die entsprechende siegreiche Widerlegung Vogts seiner eigenen Überzeugung zufolge – in seiner physiologischen Kritik aus dem sechsten Physiologischen Brief (vgl. Text 4e) – ja bereits gelungen ist, greift Wagner mit dem Organ des Geistes abschließend einen Punkt wieder auf, den er in Text 4d (Z. 15) bereit kurz angerissen hatte, um damit nun den reklamierten Sieg zu vervollständigen und um abschließend eben auch Vogts Defizite als Forscher erneut ins Visier nehmen – und sie zu ,erklären‘. TEXT 4h (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5242; Orig. in Fraktur)

5

10

15

20

Da der Verfassera das Princip der Phrenologie für wahr hält – was der bSchreiber dieser Zeilenb auch bedingt von seiner Seite zugeben will – so wird er die consequente Anwendung dieses Princips auf sein eigenes Gehirn nicht in Abrede stellen wollen. Wie nun, wenn wir behaupten daß bei dem Verfasser, dem wir das Organ der Beobachtungsgabe, des Witzes und des Zerstörungstriebs nicht absprechen wollen, jenes der Vorsicht, der Ehrfurcht*), der Hoffnung gänzlich fehlt oder nur im Minimum entwickelt ist, daß er in Bezug auf eine Begabung für übersinnliche Dinge mit partiellem Blödsinn behaftet ist? Wenn wir dieß annehmen, wird uns der Verfasser wenigstens nicht vorwerfen können, was er zu thun Lust hat, daß wir ihn der Polizei denunciren. Nicht im entferntesten. Es kann gar nichts besseres geben, als wenn seine Bücher überall verbreitet werden. Untersuchungen bei denen schließlich ein solcher Unsinn herauskommt, brechen sich selbst die Spitze ab. Auch weiter mit ihm streiten, oder ihn widerlegen zu wollen, fällt uns für die Zukunft nicht ein. Es wäre unehrenhaft noch auf einen todten Gegner losschlagen zu wollen, und zum Ueberfluß warnt uns der Verfasser selbst davor durch seinen nicht unwitzigen Vergleich mit Falstaff. Jeder Versuch sich über seine erwähnten Absurditäten rechtzufertigen würde für uns nicht das Zeugniß von einer neuen Lebensregung des Verfassers seyn. Ein solcher könnte höchstens mit einem Sichumkehren im Sarge verglichen werden. R. W. *) Ein Zeugniß dafür geben die Stellen in dem angeführten Buchec welche gegen Hrn. Vogts vieljährigen Lehrer und Freund, Agassiz, gerichtet sind. a

D.h. Vogt.

b-b

D.h. Wagner

c

Es handelt sich um die Bilder aus dem Thierleben.

Die Bezüge auf den Wahrheitsgehalt der Phrenologie zu Beginn von Text 4h verweisen auf frühere Äußerungen Vogts und Wagners, die hier kurz erläutert werden müssen. In den Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stän142

Vgl. die übersinnliche Erkenntniß in Text 4g, Z. 4.

217 de hatte Vogt (1847a: 206; eig. Hervorheb.) eingeräumt, „daß die Phrenologie und Cranioskopie insofern einen festen Boden haben, als sie von dem Grundsatze ausgehen, daß die Qualität und Quantität der Hirntheile auch die Art und Weise unseres Denkens bestimmen; daß von dieser oder jener Conformation auch diese oder jene Triebe oder Leidenschaften nothwendig abhängen müssen“; er kritisierte aber dennoch gleichzeitig die phrenologische These, dass bestimmte geistige Fähigkeiten in klar abgrenzbaren Hirnbereichen angesiedelt seien als „eine Reihe von Glaubensartikeln, die, wie jeder Glaube, auf keinem faktischen Beweise beruhen“ (ebd.: 207). Letztendlich genauso hatte sich Wagner in seinem dritten Physiologischen Brief geäußert: Der seinen Worten zufolge bekannteste Versuch, „den wunderbaren Mechanismus des Gehirns [...] zu enträthseln“, sei der von Gall (also eben die Phrenologie), aber obwohl ihr „etwas wahres [sic] zu Grunde“ liege, könne er der Ansicht, dass das Gehirn „ein Aggregat von einzelnen Abtheilungen (Anhäufungen von Nervensubstanz)“ und jede davon „Sitz einer bestimmten, oft willkürlich ersonnenen psychischen Thätigkeit seyn soll“, vom „strengwissenschaftlichen Standpunkt“ aus nicht zustimmen (Wagner 1851/52, in AZ 1851: 4473). Auch wenn Wagner nicht genau konkretisiert, was er angesichts seiner Kritik Wahres in der Phrenologie erkennt, kann es sich dabei nur um die Annahme einer Beziehung zwischen den Äußerungen und Tätigkeiten der Seele einerseits und ihrer materiellen Grundlage, dem Gehirn, andererseits handeln, wofür er im selben Brief zudem Beispiele anführt; während für Vogt das Körperliche das Geistige nun aber überhaupt erst vollständig hervorbringt und bedingt, beeinflusst es für Wagner die ansonsten selbständige und nach wie vor grundsätzlich entscheidungsfreie Seele dagegen nur, indem es sie etwa in ihren grundsätzlichen Möglichkeiten einschränkt. Hier, in Text 4h, nutzt Wagner nun die Anerkennung des phrenologischen Prinzips durch Vogt für eine abschließende persönliche Abwertung des Gegners. Er rekapituliert zunächst noch einmal bestimmte, bereits erwähnte Persönlichkeitsmerkmale Vogts, wenn er ihm das „Organ143 der Beobachtungsgabe, des Witzes und des Zerstörungstriebs“ (Z. 4f.) zugesteht: Vogts Beobachtungsgabe ist ja bereits durch sein früher von Wagner gepriesenes „Be143

Wagner verwendet hier den Begriff Organ, obwohl dieser genau das impliziert, was Vogt (vgl. 1847a: 207) ausgeschlossen hatte: nämlich einen klar abgrenzbaren Hirnbereich, der für eine bestimmte geistige Fähigkeit zuständig ist. Da Vogt aber wie gesehen dennoch von einer Abhängigkeit zwischen Gehirn und Denken ausgeht (und als Materialist davon ausgehen muss), stellt Wagner dessen Position letztlich nur ausdrucksseitig falsch dar; er hätte dies ohne Abstriche leicht umgehen können, indem er gesagt hätte, dass Vogt aufgrund seiner Gehirnorganisation Beobachtungsgabe etc. besitze, nicht aber die Fähigkeit zur Vorsicht etc. Dies ist aber wohl auch genau der Sinn dessen, was Wagner hier sagt, denn der Aspekt der klaren Abgrenzbarkeit der ,Organe‫ ދ‬spielt in seinen Ausführungen keinerlei weitere Rolle.

218 obachtungstalent“ (Z. 7) verbürgt, wenn auch nur als minderes Zugeständnis gegenüber mangelnder Originalität; Witz hatte Wagner seinem Gegner an einer weniger zentralen Stelle der Fußnote des ersten Teils zwar ganz allgemein zuerkannt, ihn gerade in den Bildern aus dem Thierleben aber nur „sparsam“ vertreten gesehen (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226). Dem gegenüber scheint der Zerstörungstrieb nun die einzige ,geistige‘ Fähigkeit (bzw. wohl besser: Veranlagung) zu sein, die Wagner bei Vogt nicht relativieren zu wollen scheint und in der er im Gegenteil die bedrohlichen Ziele des Gegners, nämlich das ,Ausrotten‘ und ,Hinausfegen‘ aus Text 4g (Z. 5 und 6), das ,Untergraben‘ und ,Umstürzen‘ aus Text 2b (Z. 3 und 6) sowie das ,Zersetzen‘ aus Text 2a (Z. 58) noch einmal in einem einzigen griffigen Wort in Erinnerung ruft. Und so wie Wagner in Anwendung des von Vogt anerkannten Prinzips der Phrenologie von der Äußerung geistiger Fähigkeiten auf das Vorhandensein entsprechender Organe geschlossen hat, gibt er vor, umgekehrt von Unfähigkeiten auf das entsprechende Fehlen schließen zu müssen (vgl. im Folgenden Text 4h, Z. 3ff., v.a. 5ff.): Insofern spricht er dem Gegner nun das Organ „der Vorsicht, der Ehrfurcht, der Hoffnung“ völlig oder größtenteils ab (Z. 5f.). Der all dem angeblich zugrunde liegende Mangel an Vorsicht bezieht sich sicherlich auf Vogts mehrfach kritisiertes Auftreten (seine bekannte Grobheit, sein plattes Schimpfen, seinen Grimm und Zorn); sein Mangel an Ehrfurcht würde v.a. auf ein religiöses Defizit schließen lassen, wenn Wagner in der Anmerkung dazu (Z. 20f.) nicht selbst den Bezug zur Kritik Vogts an L. Agassiz herstellen und damit den Aspekt der Undankbarkeit und der Respektlosigkeit einem ehemaligen Lehrer und Förderer gegenüber in den Vordergrund stellen würde;144 der Mangel an Hoffnung dagegen könnte sich in der Tat auf das Übernatürliche beziehen, auf das, was über die fünf empirischen Sinne hinausgeht (die Hoffnung darauf etwa, dass die Offenbarung Recht hat, auch wenn sie sich nicht beweisen lässt; vgl. oben). Dies würde sich auch mit dem Bereich der „Begabung für übersinnliche Dinge“, in dem Vogt „mit partiellem Blödsinn behaftet“ sei, überschneiden, sofern dieser Bereich nicht für sich genommen zu den drei übrigen hinzukommt (wobei dann jedoch unklar bliebe, wofür die Hoffnung steht). Wie dem aber auch sei: Vogts partieller Blödsinn in seiner Begabung für übersinnliche Dinge ist im Folgenden der allein zentrale Punkt, und den übersinnlichen Dingen (bzw. wörtlich: den „große[n] metaphysische[n] Wahrheiten“145) war unmittelbar vor Text 4h auch die Seele (eigentlich: die 144

Die Auseinandersetzung mit Agassiz in den Bildern aus dem Thierleben erfolgt v.a. in der Frage eines persönlichen Gottes als Schöpfer der Welt (vgl. in Vogt 1852a: 367ff.); zum Verhältnis zwischen Vogt und Agassiz während der Neuenburger Zeit, vgl. oben, Kap. 2.3.1.3.2. 145 Wagner (1852, in AZ 328/1852: 5242).

219 Fortdauer nach dem Tode) zugeschlagen worden. Der Begriff Blödsinn (Text 4h, Z. 7) bringt bei all dem nun als erstes natürlich die beleidigende Assoziation der ,Dummheit‘ mit sich; aufgrund der ursprünglichen Bedeutung des mittelhochdeutschen Adjektivs blœde (u.a. ,schwach‘, ,gebrechlich‘)146 ist er aber auch Mitte des 19. Jahrhunderts noch als wertneutrales Synonym147 zum ebenfalls noch eher wertneutralen Schwachsinn gebräuchlich, mit -sinn in der Bedeutung von ,Verstand/Vernunft‘. Blödsinnig heißt damit also lediglich: ,schwach von Verstand/Vernunft‘. Wertneutral kann der Begriff natürlich nur im relevanten medizinisch-physiologischen bzw. -psychologischen Rahmen sein, außerhalb dessen ihm durchaus eine abwertende bzw. beleidigende Wirkung zukommt. Den relevanten medizinischen Rahmen spannt Wagner nun aber vordergründig auf, wenn er in Text 4h deutlich macht, dass Vogts Blödsinn auf dem Fehlen oder der mangelhaften Ausbildung bestimmter Organe des Gehirns beruht (Z. 6f.). Die Stelle ist damit auf der Äußerungsebene des Textes streng genommen nicht als Beleidigung zu verstehen, sondern geradezu als Entschuldigung (oder zumindest als Erklärung) des gegnerischen Verhaltens und der gegnerischen Ansichten, für die Vogt letztlich nichts könne. Dass es auf der pragmatischen Ebene wieder einmal ganz anders aussieht, liegt auf der Hand; hier dominiert v.a. der Spott darüber, dem Gegner seine Ansicht durch ein argumentum ab utili148 unschmackhaft zu machen: Wenn Vogt nämlich (gemäß dem Prinzip der Phrenologie) die geistigen Funktionen durch die Organisation des Gehirns bedingt sieht und dann über gewisse Fähigkeiten – die Wagner für sich natürlich implizit reklamiert und damit auch als existent betrachtet – nicht verfügt, dann nötigt ihn dies, nach Wagners Darstellung, eben auch zur Anerkennung seiner (vordergründig zwar ,nur‘ körperlich bedingten, pragmatisch aber doch abwertenden) erkenntnismäßigen Beschränktheit. Der Spott und ein gewisser Eindruck der Genugtuung über diese für Vogt unvorteilhafte Wendung manifestiert sich v.a. in der Formulierung der entsprechenden Stelle als Frage (Z. 3ff.), durch die der Eindruck entsteht, als erwarte Wagner, dass der Gegner seine Haltung nun tatsächlich noch einmal überdenken möchte, und als räume er (Wagner) ihm (Vogt) hier die Gelegenheit dazu ein. Es handelt sich dabei aber natürlich nur um einen vordergründigen Anschein, denn das argumentum ab utili ist viel zu offensichtlich ein Kunstgriff, als dass Wagner tatsächlich erwarten würde, Vogt damit umzustimmen; dennoch kann er den Gegner damit ärgern und er dürfte durchaus auch die Lacher (oder zumindest die Schmunzler) auf seiner Seite haben. 146

Vgl. Lexer (1992). Vgl. z.B. Wagners dreizehnten Physiologischen Brief (Wagner 1851/52, in AZ 61/1852: 971), wo der Begriff Mikrocephaler in einem wissenschaftlichen, wertungsfreien Kontext durch: „Blödsinnige[r] mit Hirnarmuth“ wiedergegeben wird. 148 Vgl. Schopenhauer (1985: 692f., Kunstgriff 35); vgl. auch oben, Anm. 114. 147

220 Im Anschluss daran, im letzten Absatz des Beitrags, zeigt sich dann auch, dass Wagner im Weiteren vom partiellen Blödsinn Vogts auszugehen gedenkt, und er nutzt diese ,Annahme‘ dann auch für den oben erwähnten eigentlichen persönlichen Schlusspunkt seines Beitrags. Der letzte Absatz von Text 4h zerfällt dabei in mehrere Teile. Die Annahme, dass Vogt in der obigen Art und Weise blödsinnig sei, dient Wagner zunächst als Argument gegen den Vorwurf, ihn „der Polizei denunciren“ zu wollen (Z. 10). Er bezieht sich mit denunciren hier auf Vogts Text 3e (Z. 6–9) aus den Bildern aus dem Thierleben, wo Vogt wiederum Wagners Text 2b aus dem sechsten Physiologischen Brief im Sinne der Forderung nach weiteren Amtsenthebungen gegen Materialisten unter den Staatsbediensteten interpretiert hatte – auch wenn Wagner es so darstellte, als erwarte Vogt nur weitere Maßnahmen gegen sich selbst. Genau solche Maßnahmen stellt Wagner jetzt aber als nicht (mehr) nötig dar. Im Einzelnen: Nachdem aus dem ersten Absatz von Text 4h erschließbar ist, dass Vogts Positionen auf eine mangelhafte Ausbildung seines Gehirns in bestimmten Bereichen zurückzuführen sind, ist sein partieller Blödsinn für übernatürliche Dinge (Text 4h, Z. 7f.) natürlich v.a. für seinen materialistischen Leib/Seele-Monismus (einschließlich der These der Unfreiheit des Willens) relevant; Vogt ist materialistischer Monist, weil er zum Übernatürlichen, an dem die Seele Wagner zufolge ja auch Anteil hat (vgl. Text 2a, Z. 37f.), aufgrund einer organisch bedingten Beschränktheit keinen Zugang haben kann. Aus Wagners Sicht erscheint es insofern nur konsequent, die Untersuchungen Vogts zur Seele als „Unsinn“ (Text 4h, Z. 12) zu bezeichnen, da der Gegner über das Problem, mit dem er nur unzureichend (nur auf dessen naturwissenschaftlicher Seite) vertraut ist, auch nichts wirklich Sinnvolles sagen kann. Wenig später spricht Wagner dann sogar ganz offen von den „Absurditäten“ seines Gegners in diesem Bereich (Z. 17). Nur angesichts dieser (Möglichkeit zur) Abwertung und Diskreditierung der gegnerischen Äußerungen als Unsinn und Absurditäten kann Wagner nun vorgeben, dass es „gar nichts besseres geben [könne], als wenn seine [d.h. Vogts] Bücher überall verbreitet werden“ (Z. 11), da sie sich – eben aufgrund ihrer Unsinnigkeit und Absurdität – „selbst die Spitze ab[brechen]“ (Z. 12f.). Wagner verwendet hier eine Metapher, um anzudeuten, dass Vogt seinen Kampf für den Materialismus mit einer Waffe, die er – da er für den Umgang damit nicht geeignet ist – selbst stumpf schlägt und unbrauchbar macht, nicht gewinnen und letztlich auch niemandem schaden kann. Die Zurückweisung des Denunziations-Vorwurfs ist insofern v.a. mit einer Abwertung Vogts in seiner konkreten ,Funktion‘ als Gegner verbunden (nicht mehr nur mit seiner allgemeinen Abwertung als Forscher): Denunziation verweist auf die Anzeige gegen eine Person, die man „einer als strafbar geltenden Tat [...] verdäch-

221 tigt“;149 zwar hatte Wagner die Materialisten in Text 2a und v.a. in Text 2b ja des geplanten Umsturzes bezichtigt, nun aber werden Vogt seine Positionen, so wie es aussieht, gerade nicht mehr als strafwürdig vorgeworfen, da sie als Äußerungen ohne Sinn und Verstand den Umsturz gar nicht herbeiführen können. Vogt erscheint hier überhaupt nicht mehr als ernst zu nehmender Gegner und eine Denunziation insofern als nicht mehr nötig. Wagner impliziert mit den Zeilen 10 bis 13 aber noch weiter, dass Vogt durch seinen Unsinn der eigenen Sache zudem mehr schade, als alle Maßnahmen, die staatlicher- und polizeilicherseits gegen ihn ergriffen werden könnten, und auch aus diesem Grund will Wagner ihn ganz offensichtlich gewähren lassen; eine Denunzierung des Gegners erscheint nun sogar als regelrecht widersinnig. Diese Haltung Wagners ist nun natürlich ein dramatischer Umschwung gegenüber seinen Texten 2a und 2b aus dem sechsten Physiologischen Brief, mit ihren Warnungen und mit ihrem Aufruf zu Maßnahmen gegen den frivolen Materialismus; ein notwendiger Widerspruch ist sie aber möglicherweise nur auf den ersten Blick. Denn auch wenn Wagner es im unmittelbaren Kontext von Text 4h nicht noch einmal ausdrücklich sagt, beziehen sich seine Ausführungen zu Vogt seit dem Beginn des zweiten Teils seines Beitrags ausschließlich auf die „neuesten Aufsätze“ des Gegners (wie es ankündigend noch am Ende des ersten Teils hieß; vgl. Wagner 1852 in AZ 327/1852: 5226) und exemplarisch für sie eben auf den „Aufsatz ,Thierseelen‘“ (ebd.), also auf das letzte Kapitel der Bilder aus dem Thierleben. Diese waren nun aber erst nach dem sechsten Physiologischen Brief erschienenen, und mit ihnen scheint sich für Wagner die Situation nun ganz offensichtlich grundlegend geändert zu haben: Vogt ist (trotz seines nach wie vor vorhandenen Zerstörungstriebes) ungefährlich geworden; das ,Ausrotten‘ und ,Hinausfegen‘ in Text 4g (Z. 5f.) sind auch im dortigen Kontext nur Versuch (Z. 2), bloße Absicht des Gegners, die nun eben als aussichtslos entlarvt sind. Dass Wagner seinen Gegner jetzt als ungefährlich zeichnet, ausgerechnet nachdem Vogt (vgl. Texte 3f) seine materialistische Seelensicht noch deutlicher, mit der Leugnung des freien Willens noch drastischer und hinsichtlich der ausdrücklichen moralischen und strafrechtlichen Implikationen noch bedrohlicher ausgeführt hatte, ist ebenfalls nur scheinbar ein notwendiger Widerspruch. Wagner impliziert hier (mit dem Abbrechen der Spitze; Text 4h, Z. 12f.) nämlich nichts anderes, als dass Vogt mit seinen neuen Ausführungen den Bogen überspannt, gerade mit der Leugnung der Willensfreiheit, nachdem auch in der Anekdote aus dem Berner Oberland ja bereits (sehr wahrscheinlich) impliziert worden war, dass der naturgesetzliche Determinismus des Willens der menschlichen Selbsterfahrung widerspricht. Wagner gibt sich hier also überzeugt, dass Vogt den Leib/Seele-Monismus nun, mit einem 149

Nach Strauß/Haß/Harras (1989: 122), Eintrag: denunzieren, Denunziation, Abs. a).

222 Wort, endgültig unglaubwürdig gemacht hat, wohl sogar für diejenigen, die er in Text 2b (Z. 8ff.) noch akut bedroht sah. Vogt ist aufgrund seines überzogenen Materialismus nun also keine Gefahr und damit auch kein Gegner mehr; nachdem Wagner ihn für den ursprünglichen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich in der ersten Runde der Auseinandersetzung noch widerlegen musste, wirft Vogt sich in Wagners Darstellung nun selbst aus dem Rennen, wobei Wagner aber auch dies letztlich als eigenes Verdienst für sich reklamiert, da er ja auch die neuerlichen gegnerischen Äußerungen (im Thierseelen-Kapitel der Bilder) zum „angenehmen Erfolg“ (Text 4e, Z. 4) seiner physiologischen Kritik gerechnet hatte. An dieser Stelle und unter diesen Umständen erklärt Wagner die Auseinandersetzung mit Vogt nun auch für siegreich beendet (Text 4h, Z. 13ff.): nachdem er – um es noch einmal zusammenzufassen – mit Hilfe eines Theologen nachgewiesen hat, dass die Seelenteilung dem christlichen Glauben nicht widerspricht (vgl. Text 4b); nachdem er seinen Angriff auf Vogts Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich erneut wiedergegeben und v.a. seine physiologische Kritik daran als gültig bekräftigt und durch eine entsprechende Kritik Lotzes untermauert hat (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226 sowie Text 4e); nachdem er Vogts neuerliche Äußerungen zur Seele zitiert und als Ausdruck einer organisch bedingten (und durchaus auch persönlich abwertenden) Beschränktheit disqualifiziert hat (vgl. ders., in AZ 328/1852: 5241 sowie Text 4h, erster Teil); und nachdem er Vogt auch in zahlreicher anderer Hinsicht persönlich angegangen hat: für ungebührliches (vgl. z.B. Text 4e) und aus persönlicher Gekränktheit heraus ungerechtes Auftreten (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225); als unoriginellen Forscher zweiter Klasse (vgl. Text 4d), der zudem die historischen Grundlagen seines Faches nicht kennt (vgl. Text 4a); als gescheiterten Politiker (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225 sowie Text 4d) und zuletzt, da er sich aufgrund seines Vernunftdefizits mit seinen unsinnigen und absurden Positionen als ernst zu nehmender oder gar gefährlicher Gegner selbst ins Abseits stellt (vgl. Text 4h). Die siegreiche Beendigung der Auseinandersetzung vollzieht Wagner dabei durch die ausdrückliche und fast schon exemplarische Thematisierung der Norm 5.1.3 nach Dieckmann (2005: 131ff.), die das Streiten gegen einen bereits geschlagenen Gegner ausschließt – als „unehrenhaft“, wie Wagner selbst ausdrücklich sagt (Text 4h, Z. 14). Exemplarisch ist die Thematisierung gerade auch deshalb, weil Wagner die Einhaltung der Norm nicht zuletzt deshalb explizit macht, um auf diesem Weg den Gegner überhaupt erst ausdrücklich für besiegt zu erklären (vgl. Dieckmann 2005: 135); er drückt dies dabei sehr plastisch aus, wenn er nicht noch weiter „auf einen todten

223 Gegner losschlagen“ wolle150 (Text 4h, Z. 14f.). Wagner bleibt dann auch innerhalb dieser Metapher, wenn er abschließend präventiv und recht kategorisch der Notwendigkeit vorbaut, auf weitere Äußerungen Vogts reagieren zu müssen: Er erklärt ausdrücklich, nicht bereit zu sein, mögliche Rechtfertigungsversuche (Z. 17) Vogts als „Lebensregungen“ (Z. 17f.) anzuerkennen, sondern „höchstens“ als ein „Sichumkehren im Sarge“ (Z. 18f.). Das heißt letztendlich: Nichts, was der tote (d.h. besiegte) Gegner noch sagen kann, könnte ihn wieder lebendig machen (d.h. in die Lage versetzen, den Materialismus doch noch als wahr zu beweisen); entsprechende Versuche wären nur Zuckungen des nach wie vor Toten (d.h. irrelevante und irrige, u.U. unsinnige und absurde Äußerungen des nach wie vor Besiegten). Für Wagner ist und bleibt Vogt ebenso todt, wie Wagner sich den Lesern gegenüber davon überzeugt gibt, dass der Materialismus durch seine Ausführungen widerlegt ist und bleibt. Wagner gibt dem Publikum hier also sehr deutlich zu verstehen, dass er sein letztes Wort in dieser Angelegenheit gesprochen hat. Ein solcher Abschluss ist nun ein recht interessanter Zug für die Beendigung einer Auseinandersetzung: Die starke Herabsetzung des Gegners erlegt diesem natürlich einen entsprechend starken controversy’s demand auf, aber – egal ob er den Handschuh aufnimmt oder nicht – Wagner hat sich der Notwendigkeit, seinerseits auf weitere entsprechende demands zu reagieren, bereits entledigt; der Gegner mag mit seiner Antwort damit zwar das letzte Wort der Auseinandersetzung bekommen, er läuft dann aber auch Gefahr, als derjenige zu erscheinen, der mit dem Streiten nicht aufhören will. Vogt wird hier also von Wagner in eine nicht ganz leichte Lage versetzt. Dabei böten sich durchaus auch abseits des Persönlichen gute Gründe für eine Erwiderung, v.a. hinsichtlich der tatsächlichen Grundlage von Wagners Siegeserklärung. In der Sache bringt Wagners Beitrag nämlich nur einen neuen Punkt: den Nachweis der Verträglichkeit der Seelenteilung mit christlichen Vorstellungen auf der Grundlage der entsprechenden Äußerungen des strengorthodoxen Theologen. Es handelt sich dabei um die einzige wirkliche Verteidigung, wenn auch nicht im eigentlich zentralen Punkt der wissenschaftlichen Begründbarkeit der Seelenteilung; denn Vogts argumentative Kritik in dieser Hinsicht aus Text 3g (Z. 11ff., v.a. 15ff.) bzw. seine Gegenposition einer materialistischen Vererbung geistiger Eigenschaften wird in keiner Weise behandelt, folglich auch nicht widerlegt, und die Erörterung der „naturhistorischen Thatsachen“, die Wagner zufolge für die Seelenteilung sprächen, wird ausdrücklich auf eine andere Gelegenheit vertagt (vgl. Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5225). Des Weiteren wird die physiologische Kritik am Ge150

Was Wagner mit seinem Bezug auf Falstaff (Text 4h, Z. 15f.) sagen will, bleibt unklar. Denkbar wäre eine Anspielung Wagners auf eine Person, die sich nur auf Gegner einlässt, von denen sie weiß, dass sie zu besiegen (oder bereits besiegt) sind, und dass er von einem derartigen Verhalten eben Abstand nehmen möchte.

224 hirn-Leber/Nieren-Vergleich, die in der Analyse in Kap. 3.2 als problematisch und nicht stichhaltig aufgezeigt worden war, aufgrund derer sich Wagner nun aber dennoch als Sieger der ersten Auseinandersetzungsrunde betrachtet, ja nur erneut wiederholt und um eine Kritik Hermann Lotzes ergänzt, die ebenfalls nichts grundsätzlich Neues bringt, aber ebenso problematisch ist. Und die neuen Äußerungen Vogts aus den Bildern werden schließlich v.a. als Unsinn (dis)qualifiziert, wobei Wagner es aber (in der Berner Anekdote ebenso wie in Text 4h) letztlich dem Leser überlässt, herauszufinden, worin genau dieser Unsinn liegt. Insgesamt gesehen steht Wagners selbsterklärter Sieg also auf recht wackeligen Beinen. Was damit an ,Substanziellem‘ v.a. bleibt (neben der Verträglichkeit der Seelenteilung mit dem Christentum, dies wie gesagt in der Sache), ist dann doch das Persönliche, unter dem am meisten die polemische Fußnote aus dem ersten Teil des Beitrags ins Gewicht fällt (vgl. Text 4d): mit Vogts Degradierung zum Halbwissenschaftler, der mit seiner vortrefflichen klaren Darstellungsgabe lediglich die Erkenntnisse anderer popularisiert, und mit seiner (wenn auch sehr viel impliziteren) Verhöhnung als gescheiterter Politiker.

3.5

Vogts Erwiderung an Hrn. R. Wagner in Göttingen

Carl Vogt griff den controversy’s demand, der sich aus Wagners Artikel Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie ergeben hatte, auf. In seiner Erwiderung an Hrn. R. Wagner in Göttingen ging er dabei zudem, anders als zuvor in den Bildern, sowohl im Einzelnen als auch ohne erneute Umwege auf die von seinem Gegner vorgebrachten Punkte ein. Was die Veröffentlichung der Erwiderung betrifft, scheinen sich jedoch Probleme ergeben zu haben, für deren Rekonstruktion v.a. die spärlichen Äußerungen Vogts selbst (v.a. im späteren Köhlerglaube und Wissenschaft, 1 1855a: 30f.) herangezogen werden müssen.151

3.5.1

Der Beitrag

Vogts Erwiderung (1852b bzw. 1852c) ist die unmittelbare Reaktion auf Wagners vorausgehenden Beitrag vom 22. und 23. November 1852. Vogt 151

Die Literatur fasst sich in diesem Punkt sehr, teils äußerst kurz (vgl. z.B. Gregory 1977: 73; Degen 1954: 274; Klimke 1907: 7) und scheint sich dabei ebenfalls v.a. auf Vogt (11855a) zu stützen.

225 hatte sie, datiert bereits auf den 28. November, zur Veröffentlichung an die Augsburger Allgemeine Zeitung geschickt, wo ja auch Wagners Artikel gedruckt worden war. Als ihr Erscheinen dort jedoch längere Zeit auf sich warten ließ, reichte er sie am (oder kurz nach dem) 10. Dezember auch bei dem in Stuttgart erscheinenden Beobachter (im Folgenden kurz BS) ein, wo sie (Vogt 1852b) dann am 17. Dezember 1852, rund dreieinhalb Wochen nach Wagners Beitrag, erstmals zu lesen war. Der Beobachter stellte ihr dabei die folgende Erklärung Vogts voran (vgl. BS 298/1852: 1191): Die Allgemeine Augsburger Zeitung [sic] enthielt neulich einen durch zwei Numern [sic] laufenden Schmähartikel gegen den Unterzeichneten. Da die Redaktion jener Zeitung die nachstehende Erwiderung noch nicht gebracht hat, so ersucht der Unterzeichnete die Redaktion des Beobachters, derselben die Spalten ihres Blattes zu öffnen. Mit Hochachtung Genf, 10. Dez. 1852 C. Vogt.

Es scheint sich dabei um Vogts Anschreiben an die Redaktion des Beobachters zu handeln; ob dies wirklich der Fall ist und ob es mit Vogts Einverständnis (oder sogar auf seine Anregung hin) mitabgedruckt wurde oder ob es von Anfang an (als bloßes Scheinanschreiben) zur Mitveröffentlichung bestimmt war, um auf das Versäumnis der Allgemeinen Zeitung auch öffentlich hinzuweisen, lässt sich nicht klären. Letzteres ist aber zumindest nicht auszuschließen; der kurze Text erhebt zwar keinen offenen Vorwurf, aber allein die Darstellung des Sachverhaltes (dass jemandem, der in einer Zeitung angegriffen wurde, dort nicht auch die rasche Gelegenheit zur Erwiderung eingeräumt wird, so dass er sich letztlich an eine andere Zeitung wendet), ist natürlich als Vorwurf zu verstehen und wirft ein durchaus schlechtes Licht auf die Augsburger Allgemeine Zeitung.152 Immerhin veröffentlichte diese einige Tage später, am 23. Dezember (einen vollen Monat nach Wagners Beitrag), Vogts Erwiderung dann doch auch selbst (Vogt 1852c). Die „R[edaktion] d[er] A[llgemeinen] Z[eitung]“ (ebd.) räumte dabei in einer Fußnote zwar in der Tat ein, dass sie die entsprechende Einsendung Vogts „schon vor einigen Wochen“ erhalten hatte, dass aber die enthaltenen „gröblichste[n] Ausfälle und neue[n] persönliche[n] Verletzungen [...] den Abdruck in dieser Form verhinderten“; die R. d. A. Z. machte weiterhin klar, dass es sich bei der nun erfolgenden Wiedergabe insofern zwar nur um einen „Auszug“ handle, dass 152

In der Darstellung seiner Auseinandersetzung mit Wagner in Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a: 30f.) wird Vogt polemischer: „Meine Antwort erlitt von Seiten der Allgemeinen Zeitung die unangenehmste Verzögerung und sachentstellende Verstümmelungen. Man suchte, soviel als möglich das Schooßkind [d.h. Wagner] zu decken [...]. Wie schön und herzlich könnte man doch in Eintracht zusammen leben, wenn nur die Allgemeine Zeitung existirte, die aufnähme, was ihren Schützlingen gefällig, und verweigerte, was ihnen ungefällig ist.“

226 dieser aber „alles Wesentliche“ der ursprünglichen Fassung enthalte, und verwies daneben ausdrücklich auf die vollständige Version im Beobachter (wenn auch ohne Angabe von Datum oder Nummer der betreffenden Ausgabe). Vogts Erwiderung an Wagner existiert damit also in zwei Fassungen. Hinsichtlich der Unterschiede zwischen beiden ist neben der Orthographie153 zunächst auf die Interpunktion hinzuweisen. In der gekürzten AZVersion finden sich zur Satzgliederung häufig Gedankenstriche, die die entsprechend abgesetzten Satzteile natürlich auch optisch hervorheben, in der vollständigen BS-Version aber fast durchweg als gewöhnliche Kommas erscheinen. Der Verdacht eines Eingriffs der AZ-Redaktion, zur Beeinflussung der Rezeption des Textes durch Hervorhebungen, erweist sich aber wohl als unbegründet, da der spätere erneute Abdruck der Erwiderung in Vogts eigenem Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a: 31ff.) gerade mit der Interpunktion der AZ-Version übereinstimmt; die Änderung liegt also möglicherweise beim BS, der aber wiederum in Wortlaut und Orthographie vollständig Vogts späterer Wiedergabe entspricht. Um einen Eingriff der AZ handelt es sich aber wohl in einem anderen Punkt: Vogt bezeichnet Wagner in der BSVersion (und im Neuabdruck in Köhlerglaube und Wissenschaft) eingangs als (einen der) „Betroffenen“ (BS 298/1852: 1192) seiner Äußerungen aus den Bildern aus dem Thierleben, während in der AZ (358/1852: 5720) stattdessen weniger zurückhaltend (und auf Vogt in diesen angeblichen oder tatsächlichen eigenen Worten durchaus negativ zurückfallend) von den „Angegriffenen“ die Rede ist. Stärker als alles bisher Angeführte fallen jedoch die Kürzungen der AZ ins Gewicht, bei denen es sich, neben kleineren, insgesamt unwesentlichen Auslassungen im Detail, immerhin um fünf ganze Absätze, bzw. um 27 von 90 Zeilen des Haupttextes (nach der BS-Version) handelt. Die weggelassenen Absätze befassen sich dabei einmal mit Joseph Maria von Radowitz, einmal mit Heinrich Heine und dreimal mit Wagner selbst (vgl. jeweils unten).

3.5.2

Die Analyse

Was bei Vogts Erwiderung zunächst auffällt, ist, dass die Auseinandersetzung mit direktem persönlichem Bezug weitergeführt wird. Vogt identifiziert sowohl seinen Gegner (vgl. Text 5a, Z. 1154 und Z. 4) als auch sich selbst (vgl. Text 5e, Z. 11) eindeutig,155 und nach seinem mehr oder weniger indi153

Anders als die AZ bevorzugt der BS z.B. (ebenso wie Vogt selbst) in Fremdwörtern die Schreibung von und anstelle von . 154 Nur in der BS-Version. 155 Nachdem Vogt im BS bereits als Unterzeichner des vorausgehenden ,Anschreibens‘ identifiziert ist.

227 rekten Vorgehen in den Bildern ist auch noch einmal zu betonen, dass er diesmal eine direkte Erwiderung liefert, die gezielt und v.a. offen auf wichtige Punkte aus Wagners vorausgehendem Beitrag eingeht. Allein die Bemühungen um die Veröffentlichung (vgl. oben) zeigen, dass Vogt diesmal auch sehr an einer solchen Reaktion gelegen ist. Die Analyse der Erwiderung Vogts setzt im Folgenden mit deren eigentlichem Einstieg an: TEXT 5a (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1191f., Orig. in Fraktur; vgl. ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720) Erwiderung

5

10

15

a

a n H r n. R. W a g n e r i n G ö t t i n g e na.

Als ich das crimen blaesi professorisb mit Vorbedacht beging, wußte ich zum Voraus, daß ich von Seiten der Betroffenenc wenigstens der verbesserten Dampfguillotine überantwortet werden würde. Hr. R. Wagner in Göttingen führt den Reigen,d Andere werden folgen. Auch die Wiederholung aller jener klassischen Stichwörter „Frivolität, Grobheit, Gemeinheit, Mangel an Ehrfurcht etc.“ erwartete ich,d sie sind mir seit 1848 durch die Schreivögel und Wiedehopfe des politischen und unpolitischen Deutschlands zur Genüge geläufige geworden. In dem langen Artikel des Hrn. R. W. überrascht mich deßhalb nur Eines,d der unverhältnißmäßige Platz, den meine eigenen Worte darin einnehmen. Außer meinen Sätzen und jenen Stichwörtern ist wenig Sonstiges darin zu finden. Möge erf meinen Dank für diese Verbreitung meiner Ansichten in dem Leserkreise der A. A. Z.g hinnehmen,d ich statte ihn him Namen des Verlegersh um so lieber ab, als mir Herri R. W. das e i n z i g e V e r d i e n s t u n b e s t r i t t e n kl ä ß t, n a c h w e l c h e m i c h g e i z ek –– dasl, selbst verwickelte Dinge klar darzustellen und m ihre Kenntnißm in weiteren Kreisen einsichtlich zu verbreiten. b-b

im Original in Antiqua (in beiden Versionen).

ABWEICHUNGEN IN DER AZ-VERSION (ohne rein orthographische Unterschiede): a–a

nicht enthalten. c „der Angegriffenen“ (in der erneuten Wiedergabe in Vogt (11855a) heißt es: „des Betroffenen“) d Gedankenstrich anstelle des Kommas e „bekannt“ f „der Verfasser“ g h–h „Allg. Ztg.“ „in meinem und meines Verlegers Namen“ i „Hr.“ k–k nicht gesperrt gedruckt l „das nämlich“ m–m nicht enthalten

3.5.2.1 Ein allgemeiner Einstieg Text 5a stellt den Beginn von Vogts Erwiderung dar und liefert einen sehr allgemein gehaltenen Einstieg. Wagner hatte Vogt ja vorgeworfen, in den Bildern v.a. platt geschimpft, seine bekannte Grobheit einmal mehr unter Beweis gestellt und das gegen Wagner als Person Gerichtete vor die Sache gesetzt zu haben. Vogt reagiert darauf nun so, als fühle sich Wagner angesichts dessen v.a. in seiner universitären Position, d.h. in seiner amtlichen Würde verletzt, und Vogt hat damit, bereits in der ersten Zeile des Textes, erneut mit der persönlichen Abwertung seines Gegners begonnen. Er bezeichnet zu diesem Zweck sein eignes Verhalten Wagner gegenüber in einer grellen Überzeichnung der Verhältnisse als „crimen laesi professoris“ (Text 5a, Z. 2) und impliziert damit spöttisch (in Anlehnung an den in den konstitutionellen Monarchien der damaligen Zeit durchaus relevanten Straftatbestand

228 der eigentlichen Majestätsbeleidigung, lat.: crimen laesi m a i e s t a t i s) die Beleidigung einer aufgrund ihrer Stellung wichtigen Persönlichkeit – bzw. aus Vogts Sicht hier vielmehr einer Person, die sich aufgrund ihrer Stellung für wichtig hält, denn das Unpassende der analogen Begriffsbildung, mit ihrem Kontrast zwischen einem (wenn auch von Staats wegen angestellten) Professor und einem König oder Kaiser (denn nur auf diese Herrschertitel bezieht sich der Begriff Majestät in seiner strengen Anwendung), signalisiert dem Leser erneut mehr als deutlich, dass Vogt seinen Gegner nur als einen untergeordneten Vertreter des Staates sieht. Er knüpft damit wieder an die Herabsetzung Wagners durch die Ironie der hofrätlichen Autorität aus Text 3e (Z. 8ff.) an. Zur spöttisch-überzeichneten Darstellung und dem damit implizierten Vorwurf der Selbstüberhebung gehört hier nun auch, dass Vogt als Reaktion auf seine eigenen Äußerungen gegen Wagner „wenigstens“ mit dem Ruf nach der „verbesserten Dampfguillotine“ gerechnet zu haben vorgibt (Text 5a, Z. 3); die persönliche Verletzung Wagners wird damit aus der Sicht, die Vogt diesem unterstellt, zu einem Kapitalverbrechen überhöht, auf das zudem, in einen recht witzigen Bild, nicht die gewöhnliche Hinrichtung steht, sondern eine solche mit Nach- bzw. mit Dampfdruck. Man darf in dieser Übertreibung sicherlich die Kritik mitschwingen hören, dass es Wagner, aufgrund seiner unbedeutenden Position, nicht zusteht, einen erlittenen persönlichen Angriff überhaupt vor die große Öffentlichkeit zu tragen; Dieckmann (2005: 139ff.) zufolge würde es sich hier um einen Verstoß gegen die Norm 5.2.1 handeln, dass nicht um Nichtigkeiten zu streiten ist, denen auch das rein Persönliche in einer Auseinandersetzung in aller Regel ja zugeschlagen wird (oder zumindest vorwerfend zugeschlagen werden kann). Neben dieser für sich genommen bereits schwer wiegenden Abwertung Wagners als überheblich (und letztlich wieder als unbedeutend), darf aber noch ein weiterer Aspekt bereits der ersten Zeilen des Textes nicht übersehen werden: nämlich die Bemerkung Vogts, dass er seine früheren persönlichen Herabsetzungen des Gegners – also die Professoralitätsbeleidigung (wenn man so sagen will), über die Wagner nun klage – „mit Vorbedacht beging“ (Z. 2). Es wurde oben schon darauf hingewiesen, dass es eher ungewöhnlich ist, eine polemische Absicht offen einzuräumen; genau das tut Vogt hier aber, und er signalisiert damit auf eine sehr deutliche Art und Weise, dass er (dem unbedeutenden) Wagner jeglichen Respekt verweigert, sogar den Respekt, polemische Absichten zumindest äußerlich verdeckt zu halten; zudem geht es hier auch nicht darum, den Gegner nur ärgern zu wollen (was ja auch Wagner in Text 4b, Z. 5, spöttisch zugegeben hatte), sondern darum, ihn mit Absicht zu beleidigen und persönlich herabzusetzen. Die offene, aggressive Verachtung in dieser Stelle, auch wenn sie leicht überlesen werden kann, darf sicher (auch mit Blick auf die früheren Texte) als einer der bisher schwerwiegends-

229 ten Punkte ad personam in dieser Auseinandersetzung gelten; hier soll deutlich werden, dass Wagner aufgrund seiner aus den Physiologischen Briefen angeblich ersichtlichen Unfähigkeit (infolge religiöser Voreingenommenheit) sowie aufgrund seiner Überheblichkeit hinsichtlich eigener Leistungen (was alles in den Bildern ja entweder direkt vorgeworfen oder impliziert worden war) nicht respektwürdig ist. Aber nicht nur Wagner wird einleitend herabgesetzt, auch sein Beitrag wird als unerheblich dargestellt. Der Grundtenor dabei ist zunächst, dass er nichts Unerwartetes gebracht habe.156 Zunächst: Wenn Vogt sagt, er „wußte [...] zum Voraus“ (Text 5a, Z. 2), dass er für sein crimen der erwähnten Dampfguillotine überantwortet würde, dann stellt sich deren Anwendung im gegebenen Kontext als Reaktion auf Vogts persönliche (beleidigende) Äußerungen gegen Wagner dar, nicht als Reaktion auf seine materialistischen Anschauungen; die Dampfguillotine (bzw. die spöttisch unterstellte Forderung nach ihrer Anwendung) steht so als Metapher für das Ausmaß der gegnerischen Empörung über Vogts persönliches Auftreten (auch wenn durchaus der falsche Eindruck entstehen kann, als sei hier wieder von Maßnahmen gegen den Materialisten Vogt die Rede), und diese Empörung ist es dann auch, was Vogt „zum Voraus“ erwartet hatte. Aber auch die gegnerischen Vorwürfe, die er im Folgenden auflistet (Z. 5f.), darunter das von Wagner wiederholt verwendete Lexem frivol, sind für ihn nur die „Wiederholung aller jener klassischen Stichwörter“ (Z. 5), die ihm schon lange vertraut seien und die er ebenfalls „erwartete“ (Z. 6). Dabei ist daran zu erinnern, dass bei Vogts Entlassung aus Gießen ja tatsächlich die Frivolität seiner Gesinnung eine Rolle gespielt hatte, so dass man sicher Jaup (den damals verantwortlichen Minister) unter die „Schreivögel und Wiedehopfe des politischen und unpolitischen Deutschlands“ (Z. 7) rechnen darf, von denen Vogt hier als den eigentlichen Urhebern dieser Stichwörter spricht, deren auch Wagner sich nun bedient. Dabei ist ein Schreivogel dem grimmschen Wörterbuch (1854ff., Bd. 9 [1899]: 1734) zufolge ein „vogel mit schreiender, gellender stimme“, wobei die Bezeichnung auch „auf einen lauten schwätzer übertragen“ angeführt wird; und ebenfalls nach Grimm (1854ff., Bd. 14.1.2 [1960]: 1506) handelt es sich beim Wiedehopf um einen Vogel, der für seine Unreinlichkeit sprichwörtlich bekannt ist, und daraus hergeleitet um eine Bezeichnung, die „bildlich“ für einen „eitlen, moralisch unsauberen menschen“ verwendbar ist (ebd.: 1509f., Eintrag 2d). Letzteres ließe sich aus Vogts Sicht vielleicht auf Radowitz anwenden, der (wie in dessen Zitierung in Wagners letztem Beitrag hineinlesbar ist) die Religion für seine gesellschaftlichen und politischen

156

Vgl. (mit Bezug auf die Physiologischen Briefe) auch Text 5b, Z. 10f.

230 Ziele in verwerflicher Weise instrumentalisiert,157 während die Schreivögel (in der ersten der beiden oben angeführten Bedeutungen) wohl v.a. auf Vogts Überdruss gegen die ihm ja schon „zur Genüge geläufig“ (Text 5a, Z. 8) gewordenen, „klassischen“ (Z. 5), d.h. eben auch vielbenutzten (bzw. abgenutzten) Stichwörter und ihre Urheber verweisen. Wenn nun Wagner – um wieder zu ihm zurückzukehren – diese Stichwörter in seinem letzten Beiträgen nur wiederholt (ebd.) erscheint er damit, als bloßer und zudem verspäteter Nachbeter, selbst noch den Schreivögeln und Wiedehopfen nachgestellt,158 die diese Begriffe immerhin schon „seit 1848“ (Z. 6) verwendet hätten, während Wagner sie gegen Vogt erst Anfang 1852 erstmals aufgriff. Der Hinweis auf Wagners bloße Wiederholungen ist insofern sicher als Retourkutsche für den umgekehrten Vorwurf zu interpretieren, dass Vogt kein originaler Forscher sei (vgl. Text 4d, Z. 13f.), darin soll aber wohl auch die Botschaft vermittelt werden, dass Vogt sich durch die altbekannten und v.a. erwartbaren Vorwürfe des Gegners unberührt, wenn nicht sogar gelangweilt fühlt. Ein weiterer Streitbeitrag Wagners ist damit also wie gesagt – diesmal auch recht ausdrücklich – unerheblich. Zum offenen Hohn kehrt Vogt wieder zurück, wenn er die angerissene Einfallslosigkeit des Gegners gerade dadurch unterstreicht, dass er seine Berechenbarkeit nun doch ,relativiert‘: Vogt gibt sich hinsichtlich des gegnerischen Artikels „überrascht“ über den „unverhältnismäßige[n] Platz, den meine eigenen Worte darin einnehmen“ (Text 5a, Z. 8ff.); in der Tat bestreitet Wagner 112 der 386 Zeilen seines Beitrags (also fast genau 30 Prozent) mit Vogt-Exzerpten und -Zitaten (hinzu kommen die 5 Zeilen des strengorthodoxen Theologen und die 25 Lotzes). Vogt suggeriert mit dem Hinweis auf die quantitative Unverhältnismäßigkeit seines Anteils natürlich die Erwartung, dass man, wenn man einen eigenen Beitrag liefern will, auch mehr Eigenes (bzw. weniger Fremdes) darin vorbringen sollte. Weitaus hintergründiger ist jedoch sein impliziter Anspruch darauf, in Wagners Artikel sogar qualitativ den Vorrang zu haben, denn wenn nach Vogts Ansicht „meinen Sätzen“ lediglich „jene Stichwörter“ Wagners und darüber hinaus „wenig Sonstiges“ gegenüberstehen (Z. 10), soll das nichts anderes heißen, als dass die eigentlichen (wissenschaftlichen) Inhalte des Wagner-Beitrags in den Vogt-Zitaten liegen: Sätze eben, gegenüber (zudem nur wiederholten) Stichwörtern. Dies kann in doppelter Hinsicht als Hohn interpretiert werden: Zum einen wird gerade Wagner, der Vogt aufgrund mangelnder originaler Forschungsbeiträge zum Wissenschaftler zweiter Klasse herabgestuft hatte (vgl. Text 4d), In157

Während – auch daran sei erinnert – für Vogt die politische und gesellschaftliche Veränderung (als Fortschritt) notwendige und legitime Folge des wissenschaftlichen Fortschritts ist. 158 Auch wenn zumindest Schreivogel, als ,lauter Schwätzer‘, auch auf Wagner gemünzt sein könnte, zudem im Hinblick auf den Falstaff-Bezug in Vogts Text 3g.

231 haltsleere nachgesagt, die ausgerechnet durch die Zitate des herabgestuften Gegners ausgeglichen erscheint; zum anderen (und in engem Zusammenhang damit) lässt Vogt seine Überraschung über Wagners unerwartetes Abweichen von seiner sonstigen Berechenbarkeit als Verwunderung über einen schweren taktischen Fehler erscheinen: Dort, wo man selbst nichts zu sagen hat, den Gegner zu Wort kommen zu lassen, ist unerwartet, aber eben nicht originell, sondern unklug – wenn nicht sogar offensichtlich dumm. Dass die von Wagner zitierten Stellen Vogt sich selbst belasten und seine Position als unsinnig erscheinen lassen sollen, erkennt Vogt dabei natürlich nicht an. Er treibt seinen Hohn über den Gegner vielmehr auf die Spitze, wenn er ihm „meinen Dank für diese Verbreitung meiner Ansichten“ abstattet (Text 5a, Z. 11) und Wagners Vorgehen so noch deutlicher als dummen Fehler hervorstreicht, der diesem selbst nicht nur schadet, sondern Vogt sogar hilft. Dabei nimmt Vogt abschließend in Text 5a (Z. 12ff.) auch noch dem gegnerischen Unoriginalitätsvorwurf (scheinbar) den Wind aus den Segeln, indem er die vom Gegner zugestandene Beobachtungs-, Darstellungsund Vermittlungsgabe (vgl. Text 4d, Z. 7–12) – in Vogts eigenen Worten: die Fähigkeit, „selbst verwickelte Dinge klar darzustellen und ihre Kenntniß in weiteren Kreisen einsichtlich zu verbreiten“ (Text 5a, Z. 14f.) – zum „einzige[n] Verdienst“ erklärt, „nach welchem ich geize“ (Z. 13f.). Er scheint damit den gegnerischen Vorwurf in Gänze zu einer Bestätigung seines Wirkens umzuinterpretieren und dafür (sowie für die gegnerische ,Hilfe‘) eben auch seinen spöttischen Dank auszusprechen; es muss aber gesagt werden, dass er dabei den Aspekt der Verbreitung allein fremder Forschungsergebnisse wohlweislich unerwähnt lässt – die anscheinend völlige Bestätigung durch Wagner erstreckt sich damit in der Tat nur auf das, was dieser in polemischer Absicht zugestanden hatte, so dass der eigentliche Angriff in diesem Punkt unkommentiert und unerwidert bleibt. Zentral ist aber, dass Vogt hier als Verbreiter und (egal ob von eigenen oder fremden Erkenntnissen) als Erklärer wissenschaftlicher Inhalte vor dem Leser steht, während Wagner lediglich der Wiederholer der bekannten und abgenutzten Stichworte anderer ist. Nach dem Vorwurf der Selbstüberhebung an den Gegner in den ersten Zeilen der Erwiderung wird dessen letzter Beitrag hier also regelrecht demontiert. Vogt orientiert sich dabei recht eng an Wagners Vorlage: Der Gegner erreicht sein Streitziel aufgrund seiner Streitmittel (bloße Wiederholungen) nicht, seine Äußerung nützen zudem letztlich nur dem Angegriffenen (dessen Ansichten sie verbreiten) bzw. schaden ihrem Autor selbst (dessen gedankliche Unselbständigkeit sie offenlegen); während Vogt in Wagners Darstellung auf der Äußerungsebene aber letztlich ,nur‘ aufgrund einer nicht vorwerfbaren körperlichen Beeinträchtigung als blödsinnig (schwach von Verstand) dargestellt worden war, impliziert Vogt hier aber eben allein die Dummheit Wagners.

232 3.5.2.2 Die Teilbarkeit der Seele Nach der allgemeinen Beschäftigung mit Wagner und seinem Beitrag geht Vogt im Folgenden auf dessen verschiedene Einzelpunkte ein, in weitgehender Übereinstimmung mit den controvesy’s demands, die sich aus ihnen ergeben. Als erstes reagiert er dabei auf die Vermutung Wagners, er halte die Teilbarkeit der Seele für eine neuere Vorstellung (zudem für Wagners eigene), sowie auf Wagners Anführung v.a. antiker Gewährsleute im Zusammenhang mit der Seelenteilung (vgl. dazu z.T. Wagners Text 4a): TEXT 5b (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192, Orig. in Fraktur; vgl. ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720)

5

10

Ob die Gnostikera, Tertullian und andere Christen oder Heiden, bKirchenväter oder Philosophenb f r ü h e r sich mit der Theilbarkeit der Seelen beschäftigt haben, war für meinen Zweck vollkommen gleichgiltig,c es genügte mir, daß Hr. R. W. i n u n s e r e r Z e i t Dinge ausgekramt hatte, die in meinen Augen baarer Unsinn sind. Hr. R. W. hätte mir ebenso so gut einwerfen können, daß in alten Rittergeschichten Individuen durch einen mächtigen Schwertschlag in zwei Hälften getheilt werden und diese Hälften munter fortkämpfen. bFür mich ist Unsinn eben Unsinn, wo er auch herstammen mag.b Uebrigens habe ich n i r g e n d s d gesagt, daß ich diese Ansicht des Hrn. R. W. für eine n e u ee halte – dieser Herr würde in meiner Schrift vergebens eine Stelle suchen, worin ich gesagt haben könnte, daß fin seinen physiologischen Briefenf dü b e r h a u p t i r g e n d e t w a s N e u e sd vorkäme. a

Wagner hatte in Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie auch die Gnostiker als Anhänger einer mehrteiligen Seele erwähnt.

ABWEICHUNGEN IN DER AZ-VERSION (ohne rein orthographische Unterschiede): b–b

nicht enthalten c Gedankenstrich anstelle des Kommas d nicht gesperrt gedruckt gesperrt gedruckt und ergänzt um: „von Hrn. R. W. erfundene“ f–f „in seiner Schrift“

e

nicht

Vogt weist in Text 5b die Relevanz der Gewährsleute Wagners zurück, indem er sie (um niemanden auszulassen) sehr pauschal in eine allumfassende Liste einschließt (vgl. Text 5b, Z. 1f.): Christen wie Heiden (die verschiedenen Religionen) und neben den Philosophen eben auch die Kirchenväter (die Urtheologen). Er übersieht dabei nicht, dass Wagner seine ,Gewährsleute‘ nicht zur Untermauerung der Richtigkeit der Seelenteilung angeführt hatte, sondern um das Alter der erörterten Frage zu belegen; explizit schließt Vogt nämlich auch all diejenigen aus der Betrachtung aus, die sich „f r ü h e r [...] mit der Theilbarkeit der Seelen“ beschäftigten (Z. 2), und signalisiert mit dem Gegensatz, den er dabei zu „unserer Zeit“ (Z. 3f.) herstellt, dass das Alter eines Problems nichts über seine Relevanz für die Gegenwart aussagt – und auch nichts über seine Berechtigung, in der Gegenwart weitererörtert zu werden, denn auf diesen letzten Punkt zielt die Formulierung, dass Wagner die Seelenteilungsfrage „ausgekramt“ habe (Z. 4), ab. Vogt impliziert damit etwas, das bereits weggeräumt (oder vergessen) war, etwa weil es zumindest nicht mehr gebraucht wurde, und führt man den Gedanken in seinem Sinn

233 fort, wird nun etwas Veraltetes, das niemand vermisst hatte, wieder hervorgeholt, das nun zudem den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen (als Störung und Behinderung des aktuellen Laufs der Dinge) entgegensteht. Das Alte (bzw. Veraltete) ist damit nicht notwendigerweise per se (in seinem historischen Kontext), wohl aber vor dem Hintergrund der modernen Forschung „baarer Unsinn“ (Z. 4; vgl. Z. 7). Die Illustration des Ausmaßes dieses Unsinns im modernen Kontext, anhand der „alten Rittergeschichten“ (Z. 4ff.), ist dann natürlich auch nicht willkürlich gewählt, sondern aufgrund einer direkten inhaltlichen Analogie: Die gewaltsame Zerteilung von etwas, das eine integrale Einheit bildet (in der Rittergeschichte: der menschliche Körper; in der Physiologie aus Vogts Sicht: der ganze Mensch mit allen seinen Eigenschaften, einschließlich der geistigen), hinterlässt eben keine separat existenzfähigen Hälften. Während diese Analogie natürlich nichts beweist (und auch nichts beweisen soll), illustriert Vogt mit ihr aber eben doch Folgendes: Ebenso wie die alten Rittergeschichten mag die Seelenteilung früher (als man es – noch – nicht besser wusste und/oder insgesamt leichtgläubiger war) als glaubhaft erschienen sein; in der Gegenwart macht Wagner sich mit seinem Eintreten für die Seelenteilung aber ebenso lächerlich, wie wenn er für die Wahrheit dieser alten Geschichten einträte, denn beide werden hier in ihrer Unsinnigkeit miteinander gleichgesetzt. Dabei gelingt Vogt die Umkehrung eines gegnerischen Vorwurfs in einer retorsio argumenti:159 Wagner hatte Vogt ja unterstellt, sich in der Geschichte seines eigenen Faches nicht auszukennen und damit impliziert, dass er deshalb zur kompetenten Erörterung des Leib/Seele-Problems ungeeignet sei (vgl. Text 4a); Vogt kontert nun sozusagen damit, dass Wagner nur in der Geschichte seines Fachs verhaftet und genau deshalb dafür ungeeignet ist160 – während Vogt sich ihm (und dem Leser) gegenüber natürlich gleichzeitig als Vertreter der Moderne etabliert. Obwohl nach dem Vorausgehenden eigentlich klar sein dürfte, dass Vogt Wagners Seelenteilung nicht für neu und auch nicht für dessen eigene Idee hält, sagt er am Ende des Textes aber – in einer Art Nachtrag („übrigens“; Text 5b, Z. 8) und damit an betonter Stelle (sozusagen als ,polemischer Nachtrag‘) – doch auch noch einmal ausdrücklich, dass er dies nie behauptet habe, und er bekräftigt seine Zurückweisung, indem er den gegnerischen Physiologischen Briefen (in denen Wagner seine These ja geäußert hatte) insgesamt bestreitet, „ü b e r h a u p t i r g e n d e t w a s N e u e s“ zu beinhalten (Z. 9ff.). Die betonte Verwendung des Irrealis, wenn er dabei bemerkt, dass Wagner in den Bildern „vergebens“ nach einer Stelle suchen „würde“, in der er (Vogt) etwas Anderes „gesagt haben könnte“ (Z. 10), lässt 159 160

Vgl. Schopenhauer (1985: 687, Kunstgriff 26). Damit ist dann auch Wagners namhafter jetzt lebender strengorthodoxer Theologe (vgl. Text 4b, Z. 6) als Gewährsmann der Seelenteilbarkeit vom Tisch, denn ebenso wie Wagner selbst hält auch er an Positionen der Vergangenheit fest.

234 die entsprechende Vermutung (bzw. Unterstellung) des Gegners nicht nur als abwegig, sondern vielmehr als eine Art von Anmaßung erschienen, was sich nicht zuletzt auch im bisher wohl distanziertesten Fall der Anrede des Gegners zeigt, der hier sehr despektierlich nur noch als „dieser Herr“ (Z. 9) erscheint. Sofern Vogt voraussetzt, dass seine Leser den Beitrag Wagners kennen, lässt sich diese Stelle, dies sei abschließend zu diesem Punkt noch gesagt, natürlich auch als weiterer Seitenhieb auf Wagners Unoriginalitätsvorwurf lesen: Neues, eigene Beiträge zur Forschung zu liefern, hatte Wagner (vgl. Text 4d, Z. 13f.) ja als Zeichen des originalen Forschers angeführt; wenn seinen eigenen Physiologischen Briefen genau das von Vogt nun zum wiederholten Male abgesprochen wird, müssen sie (Wagners eigener Einschätzung zufolge) nun aber selbst als ein wissenschaftlich unoriginales Werk erscheinen – dies natürlich auch vor dem Leser. 3.5.2.3 Das noch offene Ende der Auseinandersetzung Der nächste wichtige Punkt, den Vogt in seiner Erwiderung abhandelt, ist die gegnerische Kritik des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs aus dem sechsten Physiologischen Brief, die Wagner in seinem zweiten Streitbeitrag ja erneut abgedruckt und um eine entsprechende Kritik Lotzes ergänzt hatte. Sowohl Wagner als auch Lotze hatten Vogts Vergleich von Urin und Gedanken aber ja als einen Vergleich der Entstehungsprozesse interpretiert und nicht wie Vogt als einen Vergleich der Entstehungsvoraussetzungen, der die notwendige Existenz von produzierenden Organen fokussierte, nicht aber deren produzierende Funktion. Vogt betont nun, dass das Lotze-Zitat nicht nötig gewesen wäre, ihm zu beweisen, dass das Gehirn die Gedanken nicht „filtriert, wie eine Niere“ (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; vgl. ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720); dass auch er so etwas nicht denke, sei auf der Grundlage seines Vergleiches selbst (den er in der wesentlichen Stelle auch zitiert) ohne Weiteres einzusehen, den man dafür „nur [...] genau zu lesen und d e u t s c h zu verstehen“ brauche (ebd.; eig. Hervorh.). Vogt geht hier nicht so weit, seinen Kritikern eine absichtliche Falschdarstellung zu unterstellen, sondern lässt die Vermutung durchblicken, dass sie ihn tatsächlich falsch verstanden haben. Dabei liegt der implizite Vorwurf, den er erhebt, nicht in diesem Falschverstehen, sondern in dessen Ursache: in dem Versäumnis, genau zu lesen. Es wurde schon darauf verwiesen, dass für eine inhaltliche wissenschaftliche Kritik, wie Wagner und auch Lotze sie ja vornehmen wollen, das gründliche Studium der gegnerischen Äußerungen die wesentliche Grundvoraussetzung ist und als solche vom Kritisierten auch eingefordert werden darf; wo diese Gründlichkeit vernachlässigt wird, ist dies ein vorwerfbares Versäumnis und im wissenschaftlichen Bereich ohne Zweifel ein schlechtes Aushängeschild für den ,überführten‘ Kritiker. Dass Vogt nicht nur fordert,

235 seinen Vergleich genau zu lesen, sondern ihn auch deutsch zu verstehen, und dass er seinen Gegnern damit genau dieses Verständnis abspricht, mag angesichts der Übertreibung in diesem impliziten Vorwurf und in Verbindung mit dem insgesamt sehr ernsthaften Kontext der Stelle eher als ein Zeichen der Verärgerung über das vermeidbare gegnerische Versäumnis betrachtet werden denn als spöttische Infragestellung der intellektuellen Fähigkeiten der Gegner. Vogt lässt hier also wohl ein durchaus ernsthaft schlechtes Bild vom nachlässigen Vorgehen Wagners (und Lotzes) entstehen, wobei es interessant ist, dass er nicht die Gelegenheit nutzt, das Missverständnis durch eine explizite Erklärung des Vergleichs zu beseitigen: Die drucktechnischen Hervorhebungen, die er in der neuerlichen Zitierung vornehmen lässt, betonen lediglich deutlicher, dass Vogt sich „e i n i g e r m a ß e n g r o b“ ausdrückt und dass Gehirn und Gedanken nur „[in] e t w a“ in demselben Verhältnis zueinander stehen wie bspw. die Nieren und der Urin (ebd.); das Unterlassen einer Klarstellung ist aber vielleicht gerade die Unterstreichung der beanspruchten Evidenz des Vergleichs (vielleicht auch durchaus in der Erwartung, dass derjenige, der ihn nicht nachvollziehen kann, dennoch auf Vogts nachdrücklich geäußertes Wort vertraut). Aber wie dem auch sei: Nach dem Hinweis, dass sowohl Wagner als auch Lotze unnötigerweise widerlegen, was nicht vertreten worden sei, hält Vogt fest: TEXT 5c (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; Orig. in Fraktur; vgl. ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720)

5

Den Beweis, den ich zur Widerlegung meiner Sätze verlangen kann;a daß es eine vom Körper unabhängige Seele gebe; daß diese Seele nach dem Tode des Körpers fortleben könne; daß die Seelenthätigkeiten n i c h t lediglich Funktionen des Gehirnes sind – diesen Beweis haben weder Herrb R. W. noch Hr. Lotze geliefert c, und Hr. R. W. [hat]d s e l b s t d i e U n m ö g l i ch k e i t e i n g e s t a n d e n, i h n z u l i e f e r n. ABWEICHUNGEN IN DER AZ-VERSION (ohne rein orthographische Unterschiede): a

Doppelpunkt statt Semikolon.

b

„Hr.“

c

„geleistet“

d

nur in der AZ-Version vorhanden

Das Ziel, das Vogt hier verfolgt, liegt auf der Hand: Die beiden Gegner haben den Monismus nicht widerlegt; oder umgekehrt ausgedrückt: Es ist ihnen nicht gelungen, zu beweisen, „dass die Seelenthätigkeiten n i c h t lediglich Funktionen des Gehirnes sind“; Text 5c, Z. 3), sondern sie zeigen in ihrer ,Widerlegung‘ des falsch verstandenen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs nur, dass das Gehirn die Gedanken nicht filtrirt (wie es unmittelbar vor Text 5c hieß). Des Weiteren haben sie, Vogt zufolge, den Dualismus („daß es eine vom Körper unabhängige Seele gebe“ und dass diese „nach dem Tode des Körpers fortleben könne“; Z. 1ff.) ebenso wenig positiv belegt (und dann auch dadurch den Monismus nicht widerlegt). Ohne Beweis der eigenen Position und ohne Widerlegung des Materialismus hat Wagners nachdrückli-

236 che Erklärung im vorausgehenden Beitrag, dass Vogt besiegt (bzw. todt) sei, aber keinerlei Grundlage mehr; Vogt gibt, ohne es explizit zu sagen, zu verstehen, dass die Auseinandersetzung nicht beendet ist und dass sie v. a. nicht mit einem Sieg Wagners beendet ist. Vogt fasst dabei nun jedoch alle von ihm aufgezählten Beweispunkte (den ausstehenden Dualismus-Beweis und die ausstehende Monismus-Widerlegung) als einen einzigen ausstehenden Beweis zusammen, und wenn er am Ende von Text 5c behauptet, Wagner habe „selbst die Unmöglichkeit eingestanden, ihn zu liefern“, dann ergeben sich damit zwei ernste Probleme: Zum einen die ungenaue bzw. falsche Darstellung der wirklichen Äußerung Wagners, zum anderen der weiterreichende Eindruck, der aus Vogts falscher oder irriger Darstellung entsteht. Zum ersten (der Falsch- oder Fehldarstellung): Vogt bezieht sich mit dem gegnerischen Eingeständnis auf die oben schon angerissene Stelle aus Wagners Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (1852, in AZ 328/1852: 5242), wo der Gegner in der Tat gesagt hatte, dass er nicht glaube, „daß die Naturforschung je Mittel und Wege finden wird große metaphysische Wahrheiten zu erweisen“; zu diesen Wahrheiten hatte im dortigen Kontext auch die substanzielle, eigenständige Seele gehört. Wagner hatte aber auch hinzugefügt, dass er glaube, dass sich umgekehrt die gegnerischen, materialistischen Ansichten „auf wissenschaftlichem Wege [...] immer werden auf den Sand setzen“, also widerlegen lassen. Als unerbringbar betrachtet Wagner also nur den positiven Beweis seines eigenen Dualismus, die Widerlegung des gegnerischen Monismus hält er dagegen für möglich (auch wenn sie ihm in seiner physiologischen Kritik in Text 2a – trotz gegenteiliger Behauptung in Text 4e – faktisch ja nicht gelungen war). Wenn Vogt seinen Gegner nun aber beides für unmöglich halten lässt (den Beweis des Dualismus und die Widerlegung des Monismus), dann und nur dann entsteht die vollkommen paradoxe Situation, dass Wagner einem Sieg für sich reklamiert, der seinem eigenen Eingeständnis zufolge faktisch unmöglich ist. Falls bei der Vermischung der beiden Beweispunkte ein Wiedergabefehler Vogts vorliegt, hat er sich damit desselben Vergehens schuldig gemacht, das er selbst den Gegnern gerade vorgeworfen hatte: des ungenauen Lesens; andernfalls erreicht er den Eindruck der völligen (und vom Gegner eingestandenen) wissenschaftlichen Unangreifbarkeit des materialistischen Leib/Seele-Monismus hier durch eine absichtliche Verfälschung gegnerischer Äußerungen und damit unter klarem Verstoß gegen Dieckmanns (2005: 180ff.) Norm 5.4.2. Falls Vogt mit Absicht vorgeht, nimmt er wohl in Kauf (dies zum zweiten obigen Punkt: dem weiterreichenden Eindruck, der durch den ersten entsteht), dass der Leser die Unwiderlegbarkeit des Monismus bei gleichzeitiger Unbeweisbarkeit des Dualismus als einen positiven Beweis des Monismus (miss)verstehen kann. Einen solchen hat Vogt stichhaltig bisher jedoch noch

237 nicht erbracht; am nächsten war er ihm immerhin in seiner rational nachvollziehbaren Argumentation für die (Möglichkeit der) Vererbung geistiger Eigenschaften über die bloße Vererbung von Merkmalen der Gehirnorganisation in Text 3g (Z. 11ff.) gekommen – näher in jedem Fall als Wagner dem Nachweis seines Dualismus, den dieser bisher weder bewiesen noch schlüssig argumentativ wahrscheinlich gemacht hat. Auf diese Problematik der Beweislage, die er trotz seines eigenen problematischen Vorgehens nicht zu Unrecht anschneidet, kommt Vogt dann am Ende seiner Erwiderung noch einmal in relevanter Weise zurück (vgl. unten, Text 5e); zunächst jedoch behandelt er recht kursorisch drei weitere controversy’s demands, die sich aus Wagners Beitrag ergeben hatten. 3.5.2.4 Radowitz, Heine und die Berner Oberländer Der erste dieser Bezüge, die Vogt herstellt, ist der auf Radowitz, der in der AZ-Version fehlt. Wagner hatte Radowitz in seinem letzten Beitrag ja hinsichtlich der Notwendigkeit zitiert, „eine Grundlage der Moral, Religion und Politik für die entchristeten Massen [zu] schaffen“, die im Glauben an die „Fortdauer nach dem Tode“ gründen müsse (zit. nach Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241). Vogt (1852b, in BS 298/1852: 1192) betont nun, dass Radowitz zweifellos „zur Stützung s e i n e r Politik, s e i n e r Religion, s e i n e r Moral den Glauben an die Unsterblichkeit nöthig“ habe; und er deutet damit nicht nur an, dass der Dualismus auch in diesem Fall nicht wissenschaftlich fundiert ist (sondern lediglich politisch, religiös, moralisch, kurzum: nichtstandardepistemisch), sondern es wird auch (durch den Sperrdruck an dieser Stelle und im Wissen um den Gegensatz zwischen Vogts und Radowitz‘ gesellschaftlich-politischen Positionen) hervorgehoben, dass Radowitz‘ Unsterblichkeitsglaube zur Stützung einer bestimmten Politik, Religion und Moral (nämlich der traditionellen, aus Vogts Sicht rückwärtsgewandten Gesellschaftsordnung) nur instrumentalisiert wird, so dass die Forderung danach doppelt diskreditiert ist: als unwissenschaftlich und als unaufrichtig. Dies alles fällt dann natürlich auch negativ auf Wagner als Verwender des Radowitz-Zitats zurück, da er dessen Problematik übersieht, in Kauf nimmt oder gar gutheißt. Wagner wird hier nun (nach dem sehr impliziten Hinweis auf die christliche Wissenschaft als Helferin oder Werkzeug im Überlebenskampf der Theologie; vgl. Text 3f(1), Z. 1ff.) schon etwas deutlicher mit problematischen Gründen für seine Verteidigung des Dualismus bzw. für seine Bekämpfung des Monismus in Verbindung gebracht, bevor Vogt dann erst am Ende von Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a: 118ff.) völlig Klartext sprechen wird. Hier begnügt er sich einstweilen mit einer persönlichen Abwertung Wagners für die Zitierung Radowitz‘, wenn er sich überzeugt gibt, dass der Staatsmann sicher wisse, dass „hohe Stellungen im

238 Staate“, so wie die seine, „auch manche verbindliche Bücklinge in ihrem Gefolge haben“ (ebd.), also solche wie Wagner; dies in verächtlicher und offen beleidigender Verschärfung des früheren, spöttischen crimen laesi professoris und der hofrätlichen Autorität, da Wagners Rolle (nachdem er selbst die Quelle seiner Haltung sozusagen offen gelegt hat) nun endgültig nicht mehr als die eines vorwärtspreschenden Einpeitschers gezeichnet wird, sondern als die eines unterwürfigen Gefolgsmanns, der der Obrigkeit und ihren Vertretern (vielleicht sogar arglos-gutgläubig) nach dem Mund redet. Der zweite nur kursorische Bezug auf Wagners Beitrag befasst sich in nur vier Zeilen mit Heinrich Heine (auch dieser Absatz fehlt in der AZ-Version vollständig). Als Reaktion auf die Erwartung Wagners, dass Vogt angesichts schwerer Krankheit oder des nahenden Todes vielleicht doch noch zum Glauben an Gott und Seele gelangen würde, so wie eben auch Heine (vgl. Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241f.), greift Vogt nun nach Verachtung (über Wagner als Bückling) und Verärgerung (über Wagners und Lotzes ungenaues Lesen) wieder zum offenen Spott. Da die Stelle bei aller Kürze sehr dicht gestaltet ist, wird sie im Folgenden zitiert: TEXT 5d (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192, Orig. in Fraktur; in der AZ-Version nicht enthalten) Armer Heine, der mit dem Rest eines halben Gehirnes, das ihm noch unerweicht bleibt, von seinem Schmerzenslager herabgezerrt wird! Sagte aber der sterbende Aristophanesa nicht selbst noch kürzlich: Wo die Gesundheit aufhört, fängt die Religion an? a

Antiker griechischer Komödiendichter (4./3. Jhd. v. Chr.).

Vogt evoziert hier spöttisch ein fast schon herzzerreißend wirken(sollen)des Bild: Wagner ist sich nicht zu schade (und rücksichtslos genug, wie herabzerren, Text 5d, Z. 2, impliziert), den schwerkranken, „armen Heine“ als Bürgen „von seinem Schmerzenslager“ herab quasi vor die Öffentlichkeit zu zerren, um durch ihn zu demonstrieren, dass schwere Krankheit und Religiosität auch in einem ehemaligen Atheisten zusammengehen. Wie Vogt jedoch mit Hilfe seines ,Gegenbürgen‘ Aristophanes161, seines Zeichens ebenfalls Dichter, zu verstehen gibt, ist für ihn (d.h. Vogt) nicht entscheidend, dass der kranke Heine wieder zur Religion gefunden hat, sondern dass der zur Religion zurückkehrende Heine bereits krank war;162 Religiosität, nicht nur im Fall 161

Für das Zitat konnte kein Beleg gefunden werden: weder bei Aristophanes noch bei Heine (sofern man annehmen möchte, dass es sich bei dem sterbenden Aristophenes eigentlich um Heine selbst handeln soll; in diesem Fall würde Wagner zudem durch eine Äußerung seines eigenen Zeugen in Bedrängnis gebracht). 162 Heine fand in der Tat erst während seiner Krankheit zur Religion (vgl. Ziegler 1996: 509; vgl. auch Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241f.).

239 Heines, sondern überhaupt, ist für Vogt damit nicht nur bloße Folge von Krankheit (zudem nicht bewusste Entscheidung zur Umkehr in Folge von Einsicht), sondern vielmehr Symptom. Unterstrichen wird dies hier natürlich durch den Verweis auf Heines bloßen „Rest eines halben Gehirnes“,163 womit dem Kranken die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen wird. Er lässt Heine als Bürgen (und v.a. seine Erwähnung durch Wagner) damit mehr als fragwürdig erscheinen. Nüchterner gibt sich Vogt dann im Eingehen auf die „pikante Geschichte aus dem Berner Oberlande“ (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; vgl. ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720), das in der AZ-Version nun wieder enthalten ist, und lässt auf diese Geschichte eine knappe Richtigstellung ergehen. Er bezeichnet die Geschichte, die Wagner erzählt, als „ä r m l i c h e L ü g e“ (ebd.) und stellt klar, dass die tatsächliche Angelegenheit sich darin erschöpft habe, dass vor Jahren aus Anlass eines Missverständnisses über eine Stelle aus einem seiner älteren Werke164 „ein Zeitungsartikel mit Drohungen veröffentlicht“ worden sei; Vogt betont nach dieser knappen Klarstellung, dass alles andere (das heißt dann wohl auch und vor allem: die blauen Flecke) „e r l o g e n“ sei (ebd.). Es handelt sich hier – dies muss betont werden – um den ersten offenen Lügenvorwurf der gesamten Auseinandersetzung, der nun ausgerechnet in einem vollkommen periphären Bereich erfolgt: Es geht nicht um die Falschdarstellung wissenschaftlicher oder politischer Positionen, die für die Auseinandersetzung relevant wären, sondern nur um die eines biographischen Details. Die ernste Heftigkeit der Reaktion (ärmliche Lüge) wirft zwar die Frage auf, ob Wagner hier nicht doch einen Nerv getroffen hat; da er die Geschichte nun eigenen Angaben zufolge nur vom Hörensagen kannte (vgl. Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5241),165 bezieht sich der Lügenvorwurf aber möglicherweise nicht direkt (oder wenigstens nicht allein) auf ihn. Zumindest bezeichnet Vogt die Geschichte als ,Lüge‘ bzw. als ,erlogen‘, nicht aber den Gegner als Lügner; inwiefern der gewöhnliche Leser hier jedoch differenzierte (und inwiefern Vogt dies von ihm erwartete), steht natürlich auf einem anderen Blatt.

163

Heine selbst und seine Zeitgenossen gingen bei seinem Leiden nicht wie die gegenwärtige Forschung von den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung, sondern von denen der Syphilis aus (vgl. Ziegler 1996: 509); daher wohl Vogts Anspielung auf ,Gehirnerweichung‘. 164 Nach Vogts Angaben: Im Gebirg und auf den Gletschern (Solothurn, 1843), das die Gletscherexpeditionen in der Neuenburger Zeit bei Louis Agassiz verarbeitet (vgl. Gregory 1977: 58, sowie William Vogt 1896: 24ff.). 165 Wagner spricht von einer „allgemein in der Schweiz verbreiteten Nachricht“.

240 3.5.2.5 Ein Fazit und ein persönlicher Nachtrag Während die Erwiderung Vogts in der AZ-Fassung nun mit dieser Richtigstellung der pikanten Berner Geschichte endet, folgen in der BS-Version noch drei weitere Absätze, in denen Vogt ein kurzes Fazit seiner für Wagner relevanten Äußerungen aus den Bildern gibt und dieses am Ende noch einmal in eine offene persönliche Polemik münden lässt; nach den AZ-Auslassungen der Stellen zu Radowitz und Heine handelt es sich bei diesen letzten Absätzen nun sicher um die „gröblichste[n] Ausfälle und neue[n] persönliche[n] Verletzungen“, die der Redaktion der Allgemeinen Zeitung zufolge ja den vollständigen Abdruck auf ihren Seiten verhindert hatten (vgl. oben). TEXT 5e (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192, Orig. in Fraktur; in AZ-Version, mit Ausnahme von Z. 11, nicht enthalten)

5

10

Kurz, ich habe behauptet, daß die Seelenthätigkeiten nur Funktionen des Gehirnes seien; daß es keine unabhängige Seele gebe; daß aber, wenn man eine solche annehme, eine Theilbarkeit der Seele Unsinn sei; daß die physiologischen Briefe des Hrn. R. W. ein ärmliches Machwerk seien, geschrieben zur Schande der deutschen Wissenschaft. Hat Hr. R. W. eine einzige dieser Behauptungen widerlegt oder erschüttert? Hinsichtlich meines Urtheils über seine l e t z t e n Leistungen sucht mich Hr. R. W. mit mir selbst in Opposition zu bringen, indem er eine seine früheren Arbeiten anerkennende Stelle meiner „physiologischen Briefe“ abdruckt. Ist es meine Schuld, wenn ein Licht, welches früher einigen Schein warf, jetzt so zum Stumpen herabgebrannt ist, daß es nur noch unerträglichen Talggestank verbreitet? G e n f, 28. Nov. 1852. C. Vogt.

Vogt gibt in Text 5e zunächst eine Aufzählung der Dinge, die er in den Bildern „behauptet“ hat (Text 5e, Z. 1) und streicht dadurch deren wichtigste ,Ergebnisse‘ hinsichtlich Wagners noch einmal bekräftigend hervor. Dabei fällt auf, dass die Punkte hinsichtlich ihres polemischen ,Gehalts‘ als Klimax angeordnet sind: Der bloßen Nennung einer eigenen, aber derjenigen des Gegners widersprechenden Position (vgl. Z. 1f.) folgt zunächst das Bestreiten einer gegnerischen These (vgl. Z. 2), danach die ausdrückliche Abqualifizierung einer weiteren als „Unsinn“ (vgl. Z. 2f.), vor der verächtlichen Abqualifizierung eines ganzen gegnerischen Werkes als „ärmliches Machwerk“ (vgl. Z. 3f.); hier werden zudem bereits in beleidigender Weise die Fähigkeiten des namentlich genannten Autors mit ins Visier genommen, bevor dessen Abwertung dann ausdrücklich über seine Tätigkeit – das ,Schreiben‘ des besagten (ärmlichen Mach-)Werks – noch stärker in den Mittelpunkt gestellt wird, nämlich erneut wegen der Wirkung seines Schaffens in der Öffentlichkeit, wo es der ganzen deutschen Wissenschaft „zur Schande“ gereiche (Z. 4). Über die rhetorische Frage in Z. 5 hält Vogt mit diesen Punkten fest, dass keine der entsprechenden Ausführungen aus den Bildern „widerlegt oder erschüttert“ worden sei: Dabei hat Wagner also zunächst einmal (erstens) den Monismus nicht widerlegt und (zweitens) den Dualismus nicht belegt (d.h. er

241 hat nicht widerlegt, „daß es keine unabhängige Seele gebe“; Z. 2). Wie oben vorweggenommen greift Vogt in den ersten beiden Punkten die offene Beweislage in der Seelenfrage aus Text 5c noch einmal auf (was, wie sich unten zeigen wird, durchaus relevant ist) und impliziert damit auch erneut die Frage, wie Wagner angesichts dessen den Materialismus in Gestalt Vogts für besiegt erklären kann. Diesmal verknüpft Vogt die ausstehenden Beweise aber nicht mehr in unzulässiger Weise zu einem, in seiner Unmöglichkeit vom Gegner angeblich auch so zugestandenen Beweis, sondern hält lediglich (und diesmal nachdrücklich) fest, dass Wagner nichts von dem Aufgezählten widerlegt hat und dass die Auseinandersetzung damit (wie erneut impliziert wird) eben auch nicht mit dessen Sieg beendet ist. Und auch wenn hier erneut der unzulässige Eindruck entstehen kann, dass das, was direkten gegnerischen Angriffen standhält bzw. gar keine wesentlichen gegnerischen Angriffe erfährt, auch dementsprechend so fest gefügt ist, dass es als positiv belegt gelten kann, so verweist Vogt im Kern seiner rhetorischen Frage gegen Ende seines Beitrags doch erneut auf etwas vollkommen Berechtigtes (wie auch oben in Kap. 3.4.2.10 gezeigt wurde): Wagner hat in seiner Siegeserklärung keinen festen Boden unter den Füßen. Dass Vogt hier auf etwas Berechtigtes verweist, gilt zumindest im Hinblick auf die ersten beiden Listenpunkte aus Text 5e, denn bei den übrigen (ab der Theilbarkeit der Seele, Z. 2ff.) liegen die Dinge etwas anders; sie führt Vogt in rein polemischer Absicht auf: Dass der Unsinn der Seelenteilung unwiderlegt sei, soll nur zeigen, dass der Nachweis ihrer Vereinbarkeit mit Theologie und Christentum durch den namhaften strengorthodoxen Theologen an ihrem Unsinn in der Sache nichts ändert (was natürlich auch Theologie und Religion herabsetzt, die Unsinniges akzeptieren); zur ,unwiderlegten‘ Abqualifizierung der gegnerischen Physiologischen Briefe (und damit ihres Autors) ist dagegen nichts weiter zu sagen, als dass damit eben auch dieses Werk Wagners wieder mit im Spiel und in seiner Abwertung bekräftigt ist, womit Vogt ein weiteres Mal zeigt, dass es bei dem, was er (ge)sagt (hat), auch bei dem Persönlichen, nichts zu relativieren gibt. Das eigentliche polemische Schwergewicht der gesamten Erwiderung Vogts liegt dann jedoch in ihrem letzten Absatz, wo Vogt den angeblichen Widerspruch zwischen Lob und Herabsetzung Wagners (vgl. Text 4c und die Texte 3b bis 3e sowie 3g) nun zur erneuten bzw. bekräftigenden direkten Vernichtung des Gegners als Wissenschaftler heranzieht. Zentral ist dabei, was in den Bildern schon anklang und nun überdeutlich gemacht wird: nämlich dass der gegenwärtige Wagner nicht mit dem früheren gleichzusetzen ist und dass insofern kein Widerspruch zwischen Lob und Herabsetzung besteht. Vogt stellt (gesperrt gedruckt) klar, dass er sich in seinen negativen Urteilen hier und früher auf die „l e t z t e n Leistungen“ Wagners bezieht bzw. bezog (Text 5e, Z. 6) und bringt die Wandlung des Gegners dann in einer offensi-

242 ven Metapher zum Ausdruck: Wenn dem früheren Licht nun nur noch ein herabgebrannter Stumpen gegenübersteht (Z. 9), heißt das, dass Wagner seine (unbestrittenen) Kräfte und Fähigkeiten als Wissenschaftler bereits verbraucht und aufgezehrt hat; und wenn er anstelle des früheren Scheins nun nur noch „unerträglichen Talggestank verbreitet“ (Z. 10), dann erfüllt er damit nicht nur seine Aufgabe nicht mehr (Licht in die noch dunklen Bereiche des menschlichen Wissens oder – wie Vogt – die verwickeltsten Formverhältnisse zu lichtvollen Anschauungen166 zu bringen), sondern ist angesichts seines Unvermögens zudem dazu übergegangen, unangenehm aufzufallen. Dabei soll Gestank (Z. 10) sicherlich nicht Ekel oder Abscheu im eigentlichen Sinn (wie vor etwas Unreinem) ausdrücken, dies würde nicht zu Vogts Vorgehen gegen Wagner passen; er impliziert damit in der Tat ,nur‘, dass der Gegner in seinen letzten Leistungen (Z. 6; Ironie), wohl eben den Physiologischen Briefen, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht mehr (er)tragbar und daher am besten zu meiden (oder eben auszugrenzen) ist. Die insgesamt drastische, beleidigende Lexik der Metapher, für den gegenwärtigen Wagner (Stumpen) und sein Schaffen (Gestank), drückt aber natürlich auch nicht mehr nur Abwertung oder Geringschätzung aus, sondern – in sehr viel stärkerer Weise als die Bilder – ein sehr hohes Maß an offener Verachtung bzw. sogar an persönlicher Abscheu Vogts für seinen Gegner. Es handelt sich hier um die bisher offenste Form der persönlichen Beleidigung der Auseinandersetzung: Wagner hatte sich in Text 2a mit seinem Verweis auf politische Ansichten mit geringerer Dignität als derjenigen von Galle und Urin zwar pragmatisch, nicht aber ausdrücklich auf Vogt, und dann zudem nur auf Ansichten bezogen (wenn er zudem auch – ohne Namen zu nennen – von hirnverbrannten Köpfen gesprochen hatte); Vogt wendet seine Beleidigung nun namentlich und ausschließlich auf Wagners Ansichten und Person an. Interessant ist, dass er sich für seine Äußerungen über den Gegner auf das Recht beruft, die Wahrheit zu sagen, denn wenn er fragt, ob es seine Schuld ist (Z. 8), dass Wagner von seinem früheren Ansehen herabgesunken sei, weist er damit natürlich nicht wirklich eine ,Schuld‘ an diesem Herabsinken zurück, sondern den Vorwurf dafür, die Wahrheit dieses Herabsinkens ausgesprochen zu haben; er weist also letztlich den Vorwurf dafür zurück, dass es seine Schuld sein könnte, wenn etwas Wahres, das er über die Leistungen des Gegners sagt, diesen unangenehm berührt, und er impliziert damit, dass die Verantwortung für das wahrheitsgemäße öffentliche Bild einer Person ausschließlich bei dieser Person selbst liegt. Dieckmann (2005: 190ff. und 269f.) schließt aufgrund seiner Untersuchung die Wahrheit als Rechtfertigungsgrund für die Verletzung anderer Normen nun aber aus; lediglich für die Jahrhundertmitte führte er einen Beleg an (ebd.: 191), in dem sie als Ent166

Wie Wagner hinsichtlich Vogts ja selbst eingeräumt hatte (vgl. Text 4d, Z. 9f.).

243 schuldigungsgrund anzuklingen scheint. Aber auch wenn man sich durchaus Situationen vorstellen kann, in denen die Äußerung unangenehmer Wahrheiten nötig oder nachvollziehbar ist, gehört eine nachdrücklich drastisch formulierte Beleidigung, wie hier diejenige von Seiten Vogts, sicher nicht dazu. Das persönlich Drastische und Beleidigende in dieser Metapher ist nun wie angedeutet sicher auch der Grund dafür, dass die Stelle in der Allgemeinen Zeitung weggelassen wurde, die sich Wagner als einem ihrer mehr oder weniger regelmäßigen Autoren sicher mehr verpflichtet gefühlt haben dürfte als der Beobachter. Die Absätze 1 und 2 von Text 5e (der Verweis auf die offene Beweislage in der Seelenfrage) mögen dagegen weggelassen worden sein, da es sich im Wesentlichen um eine Wiederholung von Text 5c handelt. Gerade diese Wiederholung in einem abschließenden Fazit, das auch als solches kenntlich gemacht wird („Kurz, ich habe behauptet etc.“; Text 5e, Z. 1), macht die Stelle jedoch zu etwas Wesentlichem, dessen Fehlen in der AZVersion nun durchaus ins Gewicht fällt. Immerhin: Angesichts des Gesamttextes und angesichts von Vogts allgemeinem Vorgehen darin ist Text 5e (Z. 1–5) in seiner Widerholung von Text 5c als zentrale Rechtfertigung für die gesamte Erwiderung zu sehen, auch wenn es explizit nicht gesagt wird. Im Einzelnen: Vogt bemerkt zu Beginn seiner Äußerungen, im Anschluss an Text 5a (mit seiner allgemeinen Einleitung), ausdrücklich, dass er nach Wagners Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie „genöthigt“ sei, „Einiges beizufügen“ (Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192 und ders. 1852c, in AZ 358/1852: 5720). Er handelt im Folgenden dann die von Wagner angerissenen Punkte weitestgehend auch in der von diesem vorgegebenen Reihenfolge ab: nach den antiken Autoritäten und Vogts angeblicher Unkenntnis über die ,Geschichte‘ der Seele folgt bei beiden die Behandlung des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs unter Einbeziehung Lotzes, woraus bei Vogt der erste Hinweis auf die offene Beweislage hervorgeht; es schließen sich bei Wagner dann nach der Zitierung aus Vogts Bildern die Passagen mit den Berner Oberländern, mit Radowitz und Heine, bei Vogt (ohne Eingehen auf die Bilder) Radowitz, Heine und die Berner Oberländer an, bevor in beiden Beiträgen ein persönlicher Schlusspunkt gesetzt wird, in dem Vogt aber nicht an das Ende von Wagners Beitrag anknüpft (an den organisch bedingten Blödsinn, der als einziger wichtiger Punkt völlig außen vor bleibt), sondern an dessen polemische Fußnote, und wobei Vogt in seinem Fazit eben erneut auch auf die offene Beweislage in der Seelenfrage verweist. In der Abhandlung der erwiderten Punkte wird Wagner nun v.a. wieder klein gemacht: Bereits in der einleitenden Passage (Text 5a) wird er für seine Überheblichkeit in seiner eigentlich untergeordneten staatlichen/universitären Position verspottet, in der er sich größer fühle, als er ist, er wird zudem als bloßer Wiederholer politischer Schlagworte dargestellt und später sogar als bloßer Bückling vor Radowitz; dieser ,politischen‘ Abwertung steht die Um-

244 kehrung des wagnerschen Unoriginalitätsvorwurfs auch im fachlichen Bereich, im Hinblick auf seine neueren wissenschaftlichen Veröffentlichungen, gegenüber, in denen sich die Inhalte nur in den Vogt-Exzerpten finden. In fachlicher Hinsicht kommt zudem Wagners Verhaftetsein in veralteten Vorstellungen wie der Seelenteilung disqualifizierend dazu. Was in den obigen Analysen nicht so deutlich wurde wie unter dem Gesamteindruck des Gesamttextes, ist, dass Vogt ein ,checklistenartiges‘ Vorgehen gegen Wagner fährt, was sich v.a. – aber nicht nur – beim Abhandeln Radowitz‘, Heines und der Berner Oberländer zeigt: Die einzelnen Punkte stehen ohne Bemühung um inhaltliche oder formulierungstechnische Verknüpfung oder Überleitung lediglich nebeneinander und wirken dabei (was sicher auch Signalwirkung haben soll) wie eine reine Pflichtübung im Abarbeiten der gegnerischen controversy’s demands, auf die Vogt nicht zu viel Zeit und Mühe verwenden will. Gerade da Wagner damit aber einmal mehr in dem, was über ihn gesagt wird, und in der Art und Weise, wie er behandelt wird, als unbedeutend dargestellt wird, ist es nun umso wichtiger, dass Vogt – selbst wenn er es nicht explizit unterstreicht – auf einen wichtigen Punkt in der Sache verweisen kann: eben darauf, dass Wagner seine eigene dualistische Position nicht bewiesen und die gegnerische materialistische nicht widerlegt hat und dass die Erwiderung damit trotz allem aus einem guten Grund erfolgt. Das Weglassen zumindest der Zeilen 1 bis 5 aus Text 5e in der AZ-Version, die diesen Punkt noch einmal hervorheben, ist insofern durchaus ein Problem und sicher der Grund dafür, dass Vogt (11855a, 30) der Allgemeinen Zeitung dann auch „sachentstellende Verstümmelungen“ in der Behandlung seiner Erwiderung vorwirft. Dieser Vorwurf ergeht jedoch erst etwas mehr als zwei Jahre später, in Köhlerglaube und Wissenschaft; vorerst schien Vogt mit dem Stand der Dinge zufrieden zu sein.

3.6

Die zweite Auflage von Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände

3.6.1

Das Werk

Nach Vogts Erwiderung im Stuttgarter Beobachter bzw. in der Augsburger Allgemeinen Zeitung trat zunächst eine Ruhephase in der Auseinandersetzung zwischen ihm und Wagner ein, die sich durch das ganze Jahr 1853 bis ins Jahr 1854 hinein erstreckte; Wagner antwortete nicht auf Vogts Erwiderung, sondern blieb bei seiner Ankündigung aus Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (1852, in AZ 328/1852: 5242), nicht „weiter mit

245 ihm streiten, oder ihn widerlegen zu wollen“, und Vogt genügte es wohl, wie gesagt zumindest vorerst, auf die offene Beweislage hingewiesen und damit das letzte Wort in der Sache geäußert zu haben. Beide hielten in der Zwischenzeit natürlich an ihren jeweiligen Positionen fest, es gab aber zunächst keine direkten Bezüge mehr aufeinander. Als erstes ergriff in gewisser Weise Vogt erneut das Wort, mit der zweiten Auflage seiner Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (21854a), deren Vorwort auf den 1. Dezember 1853 datiert ist, die Wagner (1854a: 20) aber im September 1854 als ein Buch erwähnt, das „vor wenig Wochen erst“ erschienen sei. Vogt ergriff darin zumindest auf der pragmatischen Ebene wieder das Wort, da auch hier nun, bei der Bekräftigung des ursprünglichen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs, zwar gut zu erkennen ist, dass es gegen Wagner geht (dies ist sogar weit besser zu erkennen als bei der allgemeinen Bekräftigung des materialistischen Leib/Seele-Monismus gegenüber Burmeister in den Bildern), während nach außen hin aber erneut weder der Name des Gegners noch dessen Angriff aus dem sechsten Physiologischen Brief im Einzelnen erwähnt werden. Ausdrücklich spricht Vogt diesmal aber immerhin ganz allgemein von „heftigsten Angriffe[n]“, die gegen seinen Vergleich ergangen seien (Vogt 21854a: 323). Die erneut nur indirekte Beschäftigung Vogts mit seinem Gegner beginnt dabei bereits im Vorwort zur Zweitauflage, mit einem erneuten Seitenhieb auf den Widerspruch hinsichtlich der Bewertung Wagners, auf den dieser in seinem letzten Streitbeitrag ja hingewiesen hatte und dessen Klärung den Abschluss von Vogts Erwiderung (vgl. Text 5e, ab Z. 6) gebildet hatte. Vogt gibt nun zwar das ursprüngliche Vorwort unverändert wieder, in dem er (den früheren) Wagner ja unter die Koryphäen der Naturforschung einreiht; im anschließenden Vorwort zur Neuauflage sagt er dann aber, ohne dass – bei Kenntnis der Unstimmigkeiten zwischen Vogt und Wagner – die Anspielung übersehen werden könnte: Von den Trägern der Wissenschaft, die ich damals167 nannte, wirken noch Einige in ungeschwächter Kraft fort, Andere sind gestorben, noch Andere verdorben. (Vogt 21854a: 12)

Die Rede ist am Ende natürlich von Wagner, dem zum Talgstummel herabgebrannten Licht. Im Folgenden wird nun also Vogts erste direkte, umfangreichere Beschäftigung mit Angriffen auf seinen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich behandelt, bei der es sich aber wieder v.a. um eine verdeckte Wendung an Wagner handelt. Wesentlich ist dabei nun zunächst, dass die ursprüngliche Fassung des Vergleichs aus der Erstauflage von 1847, die von Wagner 1852 angegriffen worden war, vollkommen unverändert in die 1854er Neuauflage der Physio167

In der ersten Auflage, Vogt (1847a: 8f.).

246 logischen Briefen für Gebildete aller Stände übernommen wird, während große Teile des gesamten Buches und auch des Briefes, der den Vergleich enthält, teils deutliche Veränderungen erfahren. Die Neuausgabe ist dabei zunächst einmal wesentlich umfangreicher; den 483 früheren Seiten stehen nun 674 gegenüber (jeweils ohne die Vorworte). Der Zuwachs geht dabei aber nur zum kleineren Teil auf zwei neue Beiträge (mit zusammen 33 Seiten) und auf 54 Abbildungen sowie einige Tabellen (die zusammen rund 30 volle Seiten beanspruchen) zurück, während die verbleibenden rund 130 zusätzlichen Seiten allein aus inhaltlichen Erweiterungen der alten Beiträge resultieren.168 Am stärksten betroffen sind davon die Briefe 11, 12 und 13 der ersten Auflage, die in der Neuausgabe nun als Briefe 12, 13 und 14 um zwölf bzw. zehn bzw. dreizehneinhalb Seiten erweitert sind. In dem für diese Untersuchung relevanten dreizehnten Brief der 1854er Ausgabe mit dem Titel Nervenkraft und Seelenthätigkeit, der den GehirnLeber/Nieren-Vergleich enthält (und dem bereits analysierten zwölften Brief der 1847er Ausgabe entspricht), handelt es sich bei den Änderungen und Erweiterungen beispielsweise um neue Erkenntnisse zur Natur der Nerventätigkeit, bei der Vogt nun (anders als früher) der Elektrizität im Rahmen chemischer Umsetzungsprozesse die herausragende Rolle zuweist (vgl. Vogt 2 1854a: 313ff., v.a. 315). Daneben steht auch ein längerer neuer Abschnitt zu den Bedingungen der Reizbarkeit der Nerven und zum Einfluss von Medikamenten und Giften auf ihre Funktion, bspw. in der medizinischen Anästhesie. Wesentlich ist nun, dass sich fast alle Aktualisierungen und Änderungen auf den ersten thematischen Bereich aus dem Brief-Titel – auf die Nervenkraft im Allgemeinen – beziehen und sich damit noch vor dem Übergang zum zweiten Bereich – der Seelenthätigkeit – mit dem Gehirn-Leber/NierenVergleich finden: Nach den vorausgehenden größeren, durch neue Erkenntnisse nötig gewordenen Eingriffen findet mit diesem Übergang nämlich die Rückkehr zum weitestgehend unveränderten, ursprünglichen Text des Briefes statt, der in allen bis zum Ende noch folgenden Punkten lediglich um die frühere Kritik an der Cranioskopie gekürzt und um zwei abschließende Absätze erweitert wird (von denen nur derjenige zur Bedeutung der Empirie hier überhaupt erwähnt zu werden braucht). Der Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich selbst (vgl. Text 1) wird inhaltlich, wie gesagt, ebenfalls völlig unverändert wiedergegeben, er erscheint im Druckbild der Neuauflage nun aber teilweise hervorgehoben; der Abschnitt vom Satzanfang in Zeile 3 bis zum Semikolon am Ende von Zeile 9 (Zeilenangaben jeweils nach Text 1) sind gesperrt ge168

Dabei ist anzumerken, dass beide Ausgaben über dieselbe Anzahl von 35 Zeilen pro Seite verfügen. Und obwohl der Letternsatz der Zweitauflage geringfügig weiter ist, so dass hier einzelne Wörter teils in die nächste Zeile gewandert sind, zeigen längere unverändert gebliebene Textpassagen, dass diese Verschiebungen für den Seitenzuwachs keine Rolle spielen.

247 druckt, und zu dieser durch Sperrdruck hervorgehobenen Passage gibt Vogt in einer insgesamt fast zweiseitigen Fußnote nun die folgende Anmerkung: TEXT 6(1) (Vogt 21854a: 323f.)

5

10

15

*) Mit Absicht habe ich diese Stelle durchaus in ihrer ursprünglichen Gestalt gelassen, weil sie nicht bei ihrem Erscheinen, nicht während einiger Jahre, innerhalb welcher das Buch, ich kann wohl sagen, allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden hatte, sondern erst lange nachher, als man glaubte einer Waffe zu bedürfen, zum Gegenstande der heftigsten Angriffe geworden ist. Die Rechtfertigung der ganzen Ansicht, auf welcher jeder Fortschritt heutigen Tages beruht, liegt freilich in ihr selbst. Da man aber behauptet hat, sie sei verabscheut, verlassen, von jedem ächten Naturforscher bei Seite gelegt, so erlaube ich mir hier, einige Stellen anzuführen, die mit jener Behauptung wohl nicht im Einklang stehen dürften. M o l e s c h o t t, nachdem er den obigen Satza angeführt, fährt fort: „Der Vergleich ist unangreifbar, wenn man versteht, wohin V o g t den Vergleichspunkt verlegt. Das Hirn ist zur Erzeugung der Gedanken ebenso unerläßlich, wie die Leber zur Bereitung der Galle und die Niere zur Abscheidung des Harns. Der Gedanke ist aber so wenig eine Flüssigkeit, wie die Wärme oder der Schall. [...]“ (M o l e s c h o t t, der Kreislauf des Lebens, Mainz 1852, Seite 402.) a

Dies bezieht sich auf den Satz mit dem Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich (Text 1, Z. 3ff.).

Der zweite Gewährsmann, den Vogt nach Moleschott heranzieht, ist der seinerzeit sehr bekannte Forscher Carl Ludwig (1816–1895; von 1849 bis 1855 Professor für Physiologie und Zoologie in Zürich, später in Leipzig) mit seiner Formulierung der beiden Hypothesen zum Sitz der Seele (alle der folgenden direkten Zitate sind solche Ludwigs, zitiert nach Vogt 21854a: 324): Die erste Hypothese sei die einer separaten Seelensubstanz, die „zwischen den wägbaren Massen der Hirnsubstanz schwebt“ und deren „Veränderungen mit denjenigen der Hirnsubstanz Hand in Hand gehen“; sie verlange dabei aber den „nicht mehr naturwissenschaftlich zu rechtfertigenden Zusatz“, dass die Seele „aus inneren Gründen (willkürlich) veränderlich sei“, d.h. dass sie ihre Handlungen und Entscheidungen selbst frei bestimmen kann. Dagegen hätten sich die Anhänger der anderen Anschauung darauf geeinigt, „daß die Seelenerscheinungen resultiren aus einer gewissen Summe im Hirn [...] enthaltener Bedingungen, weil mit dem Entstehen, der Entwickelung und dem Vergehen des Hirns [...] Verstand, Empfindung und Wille kommen, schwinden oder sich ändern“. Vogt schließt seine Zitierung Ludwigs mit dessen unmittelbar folgenden Worten: TEXT 6(2) (Vogt 21854a: 324) „[...] Wer den Schluß aus Analogieen gelten läßt und d u r c h s e i n e K e n n t nisse befähigt ist zu gründlichen Vergleichungen der S e e l e n e r s c h e i n u n g e n m i t d e n ü b r i g e n N a t u r e r e i g n i s s e n, wird, wenn er wählen müßte, nicht zweifelhaft sein, welcher von beiden Meinungen er

248 5

beistimmen soll; – wer aber einen unumstößlichen Beweis für eine der beiden Anschauungen verlangt, wird eingestehen, daß er noch nicht geliefert sei.“ (L u d w i g, Professor in Zürich: Physiologie des Menschen, Seite 452, Heidelberg 1853.)

Im Anschluss zitiert Vogt als dritten Franz Ludwig Fick (1813–1858; seit 1842 Direktor des anatomischen Instituts in Marburg), der die monistische Seelensicht, dass das Gehirn das Bewusstsein produziere, noch deutlicher bestätigt, und der den Grund für den Widerstand gegenüber dieser „unbefangenen und natürlichen Erklärung“ darin sieht, „daß wir gewisse falsche Begriffe über die s o g e n a n n t e n S e e l e n t h ä t i g k e i t e n mit der Muttermilch aufgesogen haben“, wonach die Seele mit dem übrigen „natürlichen Prozeß der Welt“ nicht zusammenhänge (Fick, zitiert nach Vogt 21854a: 325). Vogt schließt danach zunächst das Zitat, und dann auch seine Anmerkung insgesamt, folgendermaßen: TEXT 6(3) (Vogt 21854a: 325)

5

10

15

„[...] Soa kommt es, daß selbst ausgezeichnete Physiologen, sobald ihnen die Naturwissenschaft zeigt, daß das Gehirn das Organ der Seele ebenso unabweislich ist, wie die Leber das Organ der Gallenbildung, sobald sie also bei dem Widerspruch angekommen sind, in welchem sich ihre Wissenschaft und ihre anerzogenen dogmatischen Vorstellungen befinden, nicht auf dem Wege der Wissenschaft fortschreiten, vielmehr stehen bleiben und diesen Widerspruch ein den jetzigen Hülfsmitteln der Wissenschaft noch unlösliches Problem nennen.“ – Dies letztere steht aber zu lesen in einem Aufsatze: Ueber die Hirnfunktion von Dr. L. Fick, P. P. O. in Marburg und ist gedruckt in dem Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medizin, 1851, Seite 414, herausgegeben von J o h. M ü l l e r b, k. preuß. geh. Rathe und Professor in Berlin. Was mich selbst betrifft, so kann ich nur einfach hinzufügen, daß ich zwar die Behauptung aufgestellt habe, es müsse jeder Naturforscher bei folgerichtigem Denken zu solchen Schlüssen kommen; – daß ich aber niemals behauptet habe, daß es keine Naturforscher ohne folgerichtiges Denken, keine blödsinnige oder vernagelte Menschen unter den Naturforschern gebe. a

D.h.: durch die erwähnten falschen Begriffe von der Seelentätigkeit. der Physiologie in Deutschland (vgl. oben Kap. 2.1.4).

3.6.2

b

Einer der Begründer

Die Analyse

3.6.2.1 Der beibehaltene Vergleich Vogt lässt in der Anmerkung zu seinem Vergleich vier Anliegen erkennen: Er will seinen Kritikern (unter ihnen natürlich Wagner) zeigen, dass er (erstens) eine Revision seiner Äußerung nach wie vor nicht für nötig hält (vgl. Text 6(1), Z. 1–5), dass für sie (zweitens) auch keine Rechtfertigung erbracht zu werden braucht (vgl. Z. 5f.) sowie dass er in seiner Position zudem (drittens) die Unterstützung auch anderer Forscher hat (vgl. Z. 7ff. sowie Text 6(2)

249 und Text 6(3), Z. 1–10), und er nutzt zuletzt auch noch einmal die Gelegenheit, wie in bisher allen Fällen seit den Bildern, um (viertens) polemisch auf Gegner und Kritiker selbst einzugehen (vgl. Text 6(3), Z. 11ff.). Dass Vogt eine Abänderung seiner Äußerungen für unnötig erachtet, zeigt er auf zweifache Weise. Zunächst signalisiert er schon durch den (bei Kenntnis der Erstauflage) deutlichen Kontrast am Übergang von den stark überarbeiteten Passagen im Abschnitt Nervenkraft zurück zum weitgehend unveränderten ursprünglichen Originaltext des Briefes im zweiten Bereich Seelenthätigkeit, dass er in diesem zweiten Bereich bereits sieben Jahre zuvor alles Wesentliche (und zudem alles Wesentliche richtig) gesagt hatte, und er gibt damit eigentlich eine noch stärkere Bekräftigung als in der Wiedergabe (und Verschärfung) seiner Seelensicht an Burmeister (vgl. Texte 3f(1)–3f(3)) – eben indem er jetzt selbst die ursprüngliche Formulierung beibehält (so wie ja auch Wagner seine physiologische Kritik in Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistischen Psychologie unverändert wiedergegeben hatte). Der erste Punkt der Fußnote zum Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich ist dementsprechend auch die Bemerkung, dass er die Stelle „[m]it Absicht [...] durchaus in ihrer ursprünglichen Gestalt gelassen“ habe (Text 6(1), Z. 1f.), womit er die Unnötigkeit einer Änderung eben auch explizit macht. Als Argument für die unveränderte Übernahme führt er dabei einen nicht unwesentlichen Punkt ins Feld: nämlich dass die konkrete Stelle erst Jahre nach ihrem Erscheinen überhaupt angegriffen worden sei (er spricht von einigen Jahren; Z. 2ff.), obwohl das Buch, in dem sie veröffentlicht worden war, in dieser Zeit eine „allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden“ habe (Z. 3f.), was impliziert, dass auch der Vergleich selbst zumindest bekannt gewesen sein sollte. Vogts Überlegung dahinter ist die, dass angesichts all dessen eine allein inhaltlich begründete (und begründbare) Kritik mehr oder weniger sofort erfolgt wäre (oder hätte erfolgen müssen), dann eben, als die Äußerung um die Zeit ihrer Veröffentlichung herum unmittelbare Aktualität besaß. Da Kritik damals aber ausgeblieben war, glaubt er den Grund für deren späteres Auftreten bei etwas anderem als der eigentlichen Sache ansiedeln zu können, und eben weil auch die verspäteten Erwiderungen für ihn keine in der Sache (oder zumindest: weil sie für ihn in der Sache nicht erfolgreich) waren, besteht für Vogt nun keinerlei Grund, seine Position, die er damit ja für wissenschaftlich unwiderlegt betrachtet (vgl. Text 5c und 5e), zu ändern. Was nun die Absichten der Kritiker betrifft, so liegen diese für Vogt darin, seinen Vergleich als „Waffe“ (Text 6(1), Z. 4) zu benutzen. Die Frage, für oder gegen was diese Waffe aus seiner Sicht gerichtet ist, dürfte durch Wagners Äußerungen in dessen sechstem Physiologischen Brief beantwortet sein, der mit seinem agitativen Teil (vgl. Text 2b) sicher zu den von Vogt erwähnten „heftigsten Angriffe[n]“ (Text 6(1), Z. 5) gerechnet werden darf. Was Vogt hier impliziert, ist, dass sein Vergleich, seine groben Äußerungen (als

250 empörender ,Beleg‘ für die materialistische Irrlehre) instrumentalisiert werden sollen, um den staatlich (und kirchlich) Verantwortlichen die Notwendigkeit des Handelns gegen Bewegungen zu verdeutlichen, die die bestehenden gesellschaftlich-politischen Verhältnisse gefährden würden. Vogt verweist die antimaterialistischen Kritiken damit (insgesamt wieder nur sehr implizit, aber doch erkennbar diskreditierend) aus der Wissenschaft hinaus in den Bereich des politisch-gesellschaftlich-ideologischen Kampfes. Dass er selbst sich mit seinem Leib/Seele-Monismus dagegen im richtigen, im wissenschaftlichen Rahmen bewegt, deutet er auch im Text selbst an, wenn er zum zweiten Teil seines Anliegens übergeht: Gegenüber den gesellschaftlich-politisch-ideologischen Angriffen der Gegner liege „[d]ie Rechtfertigung“ seiner „ganzen Ansicht, auf welcher jeder Fortschritt heutigen Tages beruht, [...] freilich in ihr selbst“ (Z. 5f.), weshalb sie offensichtlich auch keiner weiteren Rechtfertigung bedarf und auch nicht weiter gerechtfertigt wird. Zumindest nicht vordergründig, denn Vogt liefert hier die Rechtfertigung seiner Ansicht ja durchaus mit: in dem Fortschritt, den sie ermögliche (etwa indem sie das durch den Dualismus blockierte Denken in der Leib/Seele-Frage überwindet und sich dabei zudem auf die fortschrittliche materialistisch-empirische Methode stützt, die den weiteren Erkenntnisfortschritt aus materialistischer Sicht ja allein gewährleistet). Wenn Vogt seinen Vergleich im Folgenden dann doch durch die Zitierung verschiedener anderer Forscher stützt, so tut er dies dann vordergründig auch nicht mehr zu dessen (ja nicht nötiger) inhaltlicher Rechtfertigung, sondern ausdrücklich nur zur Widerlegung der gegnerischen „Behauptung“ (Text 6(1), Z. 9), dass der Leib/SeeleDualismus „verabscheut, verlassen, von jedem ächten Naturforscher bei Seite gelegt“ (Z. 7f.) worden sei. Und nach Wagners Zitierung antiker Kirchenschriftsteller, moderner Theologen und eines Politikers169 scheint es Vogt (nicht zuletzt sicher als süffisanter Seitenhieb) nun wichtig zu sein, seinerseits drei ächte Naturforscher, in diesem Fall Physiologen bzw. Anatomen, für seine Sichtweise anzuführen,170 deren Äußerungen immerhin knapp drei Viertel der Anmerkung zum Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich ausmachen – und letztlich den Monismus natürlich doch auch inhaltlich stützen (sollen).

169

Und natürlich Lotzes, den Vogt aber als den „Hofphilosoph[en] des Göttinger physiologischen Instituts“ verspottet hatte (vgl. Vogt 1852b, in BS 298/1852: 1192; in der AZ-Version fehlt diese Stelle); Lotze war dabei in der Tat Arzt und Philosoph gewesen. 170 Ausdrücklich als Physiologe bezeichnet wird nur Ludwig; er wird jedoch als „[e]in anderer Physiologe“ eingeführt (Vogt 21854a: 324), was dann rückwirkend auch den vorausgehenden Moleschott mit einschließt; Fick als „Dritter“ (ebd.) ist, wie oben angegeben, der Anatom.

251 3.6.2.2 Drei Belege gegen die Materialismuskritiker Vogt gibt dabei drei Exzerpte wieder, die alle wesentlichen Punkte seines Vergleichs abdecken und stützen: den inhaltlichen Kern der materialistischen Seelensicht, die Berechtigung ihrer Formulierung im kritisierten Vergleich und die Einschätzung, dass sie unter fähigen Wissenschaftlern anerkannt sein sollte; er nimmt es dabei nicht zuletzt auch mit den bibliographischen Angaben der Stellen sehr genau und gewährleistet damit deren Nachprüfbarkeit. Den Anfang lässt Vogt dabei seinen materialistischen Mitstreiter Jacob Moleschott machen, der zunächst den Vergleich als „unangreifbar“ bestätigt, jedoch nur, „wenn man versteht, wohin V o g t den Vergleichspunkt legt“ (Text 6(1), Z. 11f.), und der damit im Umkehrschluss impliziert, dass seine Ablehnung auf mangelndes Verständnis verweist, bzw. in Vogts eigenen Worten ja auf mangelndes folgerechtes Denken (vgl. Text 1, Z. 4; vgl. auch Text 6(3), Z. 12); in beiden Fällen – wenn auch bei Vogt, wie oben gezeigt, weitaus stärker als hier bei Moleschott – kann man daraus dann auch die Implikation der Unfähigkeit des entsprechenden Kritikers ableiten oder zumindest die seiner mangelnden Bereitschaft zum Verständnis. Das Moleschott-Exzerpt trägt dabei die Erläuterung des fraglichen Vergleichspunkts nach (Text 6(1), Z. 10ff.), die in Vogts eigener Erwiderung ja nicht gegeben worden war, und bestätigt dabei die Ausführungen, die oben in der Analyse des Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs bzw. von Wagners physiologischer Kritik daran (vgl. Text 2a, Z. 59ff.) gemacht worden waren: Vogt vergleicht, Moleschott zufolge, die Entstehungsvoraussetzungen von Gedanken, Galle und Urin (die im Vorhandensein eines produzierenden Organs liegen), nicht ihre Entstehungsprozesse (oder gar ihre Erscheinungsform). In die Kerbe der Kompetenz schlägt am Ende, nach der knappen Darstellung der verschiedenen Seelensichten, auch das zweite Zitat, von Carl Ludwig, das an der entsprechenden Stelle sogar gesperrt gedruckt wiedergegeben wird (vgl. im Folgenden Text 6(2) und die ihm vorausgehende Zusammenfassung): Wer sich bei der Wahl zwischen dem auch hier mehr oder weniger verhalten kritisierten Dualismus und den als realistisch171 bezeichneten Weltanschauungen für den ersteren entscheidet, zeigt dem, was Ludwig impliziert, zufolge, dass er eben gerade nicht „befähigt ist zu gründlichen Vergleichungen der Seelenerscheinungen mit den übrigen Naturereignissen“ (Text 6(2), Z. 2ff.); was sich ebenfalls wieder unter mangelndes folgerechtes Denken und Unfähigkeit nach Vogt subsumieren ließe. Wenn Ludwig dabei betont, dass es einen letztendlich „unumstößlichen Beweis“ (Z. 5) für eine der beiden Lehren noch nicht gebe (Z. 5ff.), so widerspricht auch das der Haltung Vogts durchaus nicht; denn zum einen plädiert Vogt selbst für Aussagen allein 171

Der Begriff realistisch steht hier als neutrales Antonym zu ,idealistisch‘ und/oder ,dualistisch‘ und enthält damit nicht notwendigerweise eine Abwertung.

252 innerhalb der Grenzen der empirischen Beobachtung und für das offene Eingeständnis fehlender Beweise, wo nötig, und zum anderen geht aus dem Zitat Ludwigs doch deutlich genug hervor, dass dieser dem Monismus auf der Grundlage eben genau der empirischen Beobachtung die größere Wahrscheinlichkeit zugesteht, nicht zuletzt da der Dualismus den „nicht mehr naturwissenschaftlich zu rechtfertigenden Zusatz“ der Willensfreiheit erfordere (vgl. die Zusammenfassung zwischen den Texten 6(1) und 6(2)). Auch Franz Ludwig Fick, der dritte zitierte Wissenschaftler (vgl. Text 6(3) sowie die vorausgehende Zusammenfassung) sieht das Leib/Seele-Verhältnis dem Zitat zufolge monistisch und bedient sich dafür ausdrücklich (eines Teils) des vogtschen Vergleichs, „daß das Gehirn das Organ der Seele eben so unabweislich ist, wie die Leber das Organ der Gallenbildung“ (Text 6(3), Z. 2f.); und auch wenn Nieren und Urin hier beiseite gelassen sind, verwendet er ihn doch genau so, wie Moleschott ihn interpretiert hatte. Neben dieser ,doppelten‘ Bestätigung des Vergleichs – inhaltlich und (z.T.) in seiner Veranschaulichung – ist dieses Zitat aber v.a. wegen eines anderen Punktes von Bedeutung: wegen des Problems einer wie auch immer begründeten Voreingenommenheit von Wissenschaftlern sowie ihrer Folgen für die Wissenschaft, wie Vogt es ja auch in den Bildern angerissen hatte (vgl. z.B. Vogts Gespräch mit dem Freund, Text 3a). Fick hatte ja bereits an einer früheren (oben nur referierten) Stelle seines Zitats bezüglich der dualistischen Seelensicht von falschen, mit der Muttermilch aufgesogenen Begriffen der so genannten Seelenthätigkeiten gesprochen (vgl. ebenfalls oben), und eben diese Begriffe sind es, auf die er sich nun auch mit den „anerzogenen dogmatischen Vorstellungen“ bezieht (Text 6(3), Z. 4f.) und die er dadurch in Anlehnung an die Terminologie religiöser Lehren negativ als etwas bewertet, das als etwas von außen kategorisch Auferlegtes weder für Fakten noch für Argumente zugänglich und damit für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt natürlich hinderlich ist (vgl. in diesem Sinn auch Vogts Texte 3a und 3b). In diesem Sinne beklagt Fick, mit ausdrücklichem Bezug auf das Beispiel des Leib/Seele-Problems, dass selbst „ausgezeichnete Physiologen“ (Text 6(3), Z. 1) teilweise nicht bereit seien, einen Widerspruch zwischen der Wissenschaft und den besagten dogmatischen Vorstellungen (der sehr an die Lage von Vogts Freund in Text 3a erinnert) dadurch zu lösen, dass sie letztere hinter sich ließen, sondern dass sie im Gegenteil daran festhielten; er verwendet dafür die Antonyme ,(auf dem Weg der Wissenschaft) fortschreiten‘ und ,stehen bleiben‘ (Text 6(3), Z. 5f.): moderner Fortschritt gegen traditionalistisches Verharren. Mit dem „den jetzigen Hülfsmitteln der Wissenschaft noch unlösliche[n] Problem“ (Z. 6f.), vor dem sie dabei verharrten und das ja ganz wesentlich in dem obigen Widerspruch zwischen einer sich weiterentwickelnden Wissenschaft und den kritisierten starren Vorstellungen besteht, impliziert Fick dabei, dass die Lösung von anderen, zukünftigen wissen-

253 schaftlichen Erkenntnissen erwartet wird, die durch eine veränderte Einschätzung auf wissenschaftlicher Seite die gewohnten „Dogmen“ dann gerade unverändert ließen. Diese Klage könnte sich sehr gut auf die Implikationen aus Wagners doppelter Buchführung beziehen (vgl. oben, Kap. 2.3.2.2.4), denn beklagt wird hier der Vorrang eines Glaubens vor der wissenschaftlichen Erkenntnis – oder gar die Erwartung der Anpassung der letzteren an die Anforderungen des ersteren, und insofern verweist die Stelle, als Stützung für Vogt, zum einen auf die Analyse des Anfangs von Text 6(1) (Z. 6), wo Vogt die materialistische Seelensicht ja ebenfalls als Grundlage des Fortschritts bezeichnet hatte, zum anderen aber eben v.a. auf Vogts entsprechendes, wenn auch sehr viel polemischeres Anliegen in der szenischen Unterhaltung mit dem Freund aus den Bildern (vgl. Text 3a), wo den Dualisten, und damit letztendlich auch Wagner, der Vorwurf ideologischer Scheuklappen gemacht worden war. Bei all dem ist zu den bibliographischen Angaben des Aufsatzes von Fick noch etwas Wichtiges anzumerken, nämlich zum Herausgeber „Joh[annes] Müller, [dem] k[öniglich] preuß[ischen] geh[eimen] Rathe und Professor in Berlin“ (Text 6(3), Z. 10): Vogt hebt hier nämlich abschließend hervor, dass ein Forscher, der (erstens) einen unzweifelhaft größeren Ruf als Wagner (und Burmeister) genießt, der (zweitens) in der staatlichen Beamtenhierarchie als Geheimrat über dem Hofrat Wagner rangiert und der (drittens) im preußischen Machtzentrum Berlin wirkt (sowie – viertens, wenn es hier auch nicht erwähnt wird – von Wagner hoch geschätzt wurde),172 keine Bedenken zu haben scheint, einen Aufsatz herauszugeben, der den materialistischen Positionen letztlich Recht gibt; auch wenn der zitierte Aufsatz aus dem Jahr 1851 stammt, also aus der Zeit vor Wagners Aufruf an Staat und Kirche, so will Vogt hier doch signalisieren, dass diesem Aufruf kaum viel Erfolg beschieden sein wird – oder aber dass man auch gegen die wichtigsten und verdientesten wissenschaftlichen Persönlichkeiten vorzugehen hätte, zudem gegen solche, die Wagner selbst als Vorbild betrachtete. 172

Vgl. dazu die Einträge unter „Müller, Johannes (1801-1858)“ im Personenregister in Wagner (1997: 231). Als Beispiel möge die folgende Stelle aus Wagners zwanzigstem Physiologischen Brief vom 14. Juni 1852 dienen (in AZ 166/1852: 2649): „Kein Werk kann an Fülle und Reichthum des Inhalts, an Zahl und Gediegenheit selbständiger Untersuchungen, an scharfsinniger Kritik fremder Arbeiten mit Joh. Müllers berühmtem Handbuch der Physiologie des Menschen verglichen werden, das im Jahr 1832 begonnen und im Jahr 1840 mit rüstiger Kraft vollendet wurde. Nimmt man dazu was Joh. Müller noch außerdem auf dem Gebiet der Physiologie, Zoologie, menschlicher und vergleichender Anatomie geleistet hat, so kann der Umfang und die Bedeutung seiner Arbeiten nur mit denen von Haller verglichen werden. Auch seine allgemeinen physiologischen Ansichten sind so geläutert daß sie immer mit besonderer Anerkennung angeführt werden.“

254 3.6.2.3 Ein persönlicher Schluss Vor allem auf Wagner dürfte dann auch das Fazit am Ende der Anmerkung gemünzt sein (Text 6(3), Z. 11ff.), in dem erneut die Folgerichtigkeit (Z. 12 und 14) der materialistischen Seelensicht hervorgehoben und die Andersdenkenden disqualifiziert werden. Vogt hebt hier verdeutlichend hervor, dass er durchaus nicht damit rechnet, dass alle Naturforscher den Leib/SeeleMonismus akzeptieren würden, sondern eben nur deren folgerichtig denkende Gruppe. Folgerichtig denkend impliziert nach den vorausgehenden Zitaten dabei, mehr als noch in Text 1, v.a. fähig, denn alle anderen (einschließlich v.a. Wagners) werden nun nicht mehr nur pauschal als blödsinnig und vernagelt (Text 6(3), Z. 14) ausgegrenzt, also in durchaus beleidigender Weise (wenn auch ohne konkreten namentlichen Bezug) aufgrund beschränkter geistig-intellektueller Fähigkeiten und aufgrund von Voreingenommenheit (wobei die für die Voreingenommenheit verwendete Metapher ,vernagelt‘ natürlich vorsätzliche ,Absicherungs‘- und ,Schutzmaßnahmen‘ der Dualisten gegen das Eindringen von Inhalten in ihr Denken impliziert, die ihren – ideologischen – Grundüberzeugungen widersprechen); sondern alle anderen werden nun auch in offenen Widerspruch zu Moleschott,173 zu Ludwig, zu Fick und in gewisser Weise – und am wichtigsten – eben auch zu dem berühmten und zweifelsohne fähigen Johannes Müller gesetzt. Dass dabei keine konkreten Namen von Gegnern genannt werden, mag zum einen daran liegen, dass solch direkte Bezüge in einem auch in der Zweitauflage strenger populärwissenschaftlichen Werk wie den Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände (strenger als die Bilder) unangemessen wirken müssten – sowie zum anderen daran, dass Wagner, an dessen Angriff als Grund für Vogts Ausführungen ja als erstes zu denken ist, sicher ein weiteres Mal – im wahrsten Sinne des Wortes – als nicht erwähnenswert erscheinen soll. Hinzu kommt sicher auch insgesamt, dass Vogt in dem wie gesagt populärwissenschaftlichen Werk v.a. den Eindruck erwecken will, Sachfragen zu betonen, und es für ihn hier nun dementsprechend (vielleicht nicht nur vordergründig) zentral ist, durch das Zeugnis anderer Naturforscher demonstrieren zu können, dass es in einem streng standardepistemischen Rahmen am Leib/Seele-Monismus nichts zu relativieren gibt; dies umso weniger, nachdem – wie in der vorausgehenden Erwiderung Vogts (1852b) mehrfach angemerkt worden war – Wagner in seinen bisherigen Beiträgen in der Leib/Seele-Frage nichts bewiesen und nichts widerlegt hat. Vogt etabliert sich damit letztlich erneut ohne es ausdrücklich zu sagen als Sieger, wenn nicht in der Leib/Seele-Frage an sich, so doch – als Anhänger der in fähigen Kreisen anerkannten Position – als Sieger der Auseinandersetzung. 173

Wobei ein Widerspruch v.a. zu ihm für Nichtmaterialisten natürlich kaum ins Gewicht gefallen sein dürfte.

255

3.7

Wagners Menschenschöpfung und Seelensubstanz

3.7.1

Der Beitrag und sein Rahmen

Nachdem Wagner Vogts Erwiderung von Ende 1852 unbeantwortet gelassen hatte, reagierte er nun 1854 aber doch auf dessen Äußerungen aus der Neuauflage der Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (auch wenn die Verhältnisse bei der Bewertung dieser Reaktion etwas komplizierter liegen, als es auf den ersten oder auch auf den zweiten Blick scheint; vgl. dazu unten, Punkt 3.7.2.6). Und nachdem Vogt dort mit seinem ausdrücklichen Festhalten am Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich in Inhalt und Ausdruck in gewisser Weise zum Ausgang des Streits zurückgekehrt war, setzt auch Wagner mit seinem nächsten Beitrag Menschenschöpfung und Seelensubstanz (Wagner 1854a) in gewisser Weise von Neuem an. Obwohl auch er wichtige Punkte seines ersten Streitbeitrags aus dem sechsten Physiologischen Brief erneut zur Sprache bringt, ist es bei ihm aber v.a. ein Rahmenwechsel hinsichtlich der direkten Adressaten, der den Neuansatz markiert (und die Verhältnisse verkompliziert): Das Publikum der Auseinandersetzung hatte bisher ja v.a. in der breiten Öffentlichkeit von Tageszeitungen bestanden, und auch Vogts Aufsatzsammlung Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände sowie seine Bilder aus dem Thierleben hatten sich an eine große Öffentlichkeit wissenschaftlich interessierter Laien gerichtet; beide Foren (populärwissenschaftliche Veröffentlichungen in Tageszeitungen und in Buchform) waren den interessierten Lesern dabei im Wesentlichen frei zugänglich. Anders verhält es sich nun mit Menschenschöpfung und Seelensubstanz, bei dem es sich ursprünglich um eine Rede handelte, die Wagner vor Teilnehmern der 31. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte (18. bis 23. September 1854) hielt (vgl. allg. Degen 1954; Gregory 1977: 73f.; Wittich 1971b: xlvff.; Klimke 1907: 9ff.). Dass Wagner hier als Redner auftrat, ist dabei nicht weiter verwunderlich; Tagungsort war Göttingen, wo er als angesehener Professor ja selbst wirkte. Problematisch ist jedoch, dass er dabei einen Bezug zur Auseinandersetzung mit Vogt herstellte: problematisch zum einen, weil im exklusiven Rahmen der Fachtagung die bisherige Instanz der Auseinandersetzung (eben die allgemeine Öffentlichkeit) trotz journalistischer Berichterstattung weitestgehend außen vor blieb; problematisch zum anderen aber v.a., weil auch der ins Visier genommene Vogt nicht an der Tagung teilnahm. Auch dass Wagner seine Rede wenig später174 im Druck vorlegte, ändert an der grundsätzlichen Problematik ihrer ursprünglichen ,Veröffentlichung‘ 174

Ihr Vorwort ist bereits auf den 25. September datiert und Wagner (1854a: v) sagt darin, er habe sie nach der Tagung „sofort [...] in den Druck“ gegeben.

256 wenig; hierzu wird jedoch am Ende dieses Kapitels (ebenfalls Punkt 3.7.2.6) und auch im Zusammenhang mit Vogts Reaktion (in Köhlerglaube und Wissenschaft, 11855a), noch mehr zu sagen sein. Zu den jährlichen Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte selbst ist zunächst zu bemerken, dass sie in einer Zeit, in der Fachkongresse einen wesentlichen Anteil am Fortschritt der Wissenschaften in Deutschland hatten, auf die längste Tradition zurückblicken konnten und ihnen insofern auch eine entsprechende Bedeutung zukam; erstmals waren Vertreter der Naturwissenschaften und der Medizin 1822 auf Anregung des Naturphilosophen Lorenz Oken in Leipzig zusammengekommen (vgl. Nipperdey 1998: 493; vgl. ebd.: 480). Oben (Kap. 2.3.1.3.2) wurde zudem bereits kurz erwähnt, dass auch Vogt auf den Tagungen in Erlangen (1840) und Mainz (1842) als Redner, stellvertretend für Louis Agassiz, aufgetreten war. Ironischerweise (angesichts ihrer Folgen) scheint gerade die Göttinger Versammlung von 1854 zunächst auf eher geringes Interesse in der größeren Öffentlichkeit gestoßen zu sein, dies wohl auch in Göttingen selbst (vgl. Degen 1954: 276). Die Berichterstattung der Tagespresse fiel eher spärlich aus, etwa auch in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, die die Informationen zur Tagung nur recht kurz in ihrem Nachrichtenteil (und nicht etwa ausführlicher in der Beilage) behandelte; und auch hier beschränkte sie sich am Tag der Eröffnung im Wesentlichen darauf, dass alle Vorbereitungen abgeschlossen seien (vgl. AZ 261/1854), und am 23. und 25. September auf die Nennung einiger Redner und Vortragsthemen, ohne jedoch näher auf deren Inhalte einzugehen (vgl. AZ 266 bzw. 268/1854). Das Interesse der Öffentlichkeit richtete sich dann, wie angedeutet, erst auf die Folgen der Tagung, als sich neben dem nun kurz und sehr heftig wieder aufflammenden direkten Streit zwischen Wagner und Vogt auch eine länger andauernde, allgemeinere Auseinandersetzung entwickelte, als deren Auslöser Wagners Rede gilt:175 der Materialismus-Streit in einem weiteren Sinn, auf einer breiteren Teilnehmerbasis, aber im Wesentlichen um dieselben Themen, wie sie auch für Wagner und Vogt relevant sind.176 Einer der herausragenden Beiträge zu diesem weiteren Streit ist Ludwig Büchners berühmtes (und berüchtigtes) Werk Kraft und Stoff von 1855. Wagner hielt seine Rede nun, wie es im Titel der Druckversion heißt, „in der ersten öffentlichen Sitzung der 31. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Göttingen am 18. September 1854“, im Anschluss an die Eröffnungsworte der Geschäftsführer.177 Und obwohl er darin inhaltlich, in Bezug auf die beiden Hauptthemen (die Fragen nach der Natur der Seele und der Abstammung aller Menschen von einem oder mehreren ursprünglichen 175

Vgl. dazu Degen (1954: 271 und 277), sowie insgesamt Klimke (1907). Zum Materialismus-Streit im weiteren Sinn, vgl. v.a. die Beiträge in Bayertz/Gerhard/Jaeschke (Hgg.) (2007). 177 Dies geht aus der Rede selbst hervor; vgl. Wagner (1854a: 7f.). 176

257 Paaren), nichts sagte, was er nicht bereits vorher, v.a. in seinen Physiologischen Briefen gesagt hatte, brachte er diese wissenschaftlichen, gleichzeitig aber religiös und weltanschaulich relevanten Punkte, die „seit Jahren Ursache vielfältiger steigender Spannungen“ gewesen waren, nun auch mit ihren religiösen, weltanschaulichen und gesellschaftlich-politischen Implikationen vor ein fachwissenschaftliches Publikum und lieferte damit eben einen „Funke[n], der die Explosion auslöst[e]“, deren „Widerhall“ noch „nach Jahren [...] spürbar“ gewesen sei, und die Göttinger Versammlung „zum Gespräch des ganzen geistigen Deutschland“ gemacht habe (Degen 1954: 271; vgl. auch Klimke 1907: 9). Dabei ist angesichts von Degens Begriff der ,Explosion‘, der vielleicht doch etwas dramatisiert, darauf hinzuweisen, dass Wagner sich bereits vorher (1852/53) für sein Herangehen an die beiden Themen, die er nun auch in seiner Rede behandelte, kritische Reaktionen178 eingefangen hatte, z.B. von Seiten (ausgerechnet) Hermann Lotzes sowie auch Rudolph Virchows (vgl. dazu unten, Kapitel 9). Die Behandlung von Religiösem in einem wissenschaftlichen Kontext und v.a. die ,doppelte Buchführung‘, die ebenfalls in der Göttinger Rede eine Rolle spielte und die von den genannten Kritikern nicht als Trennung beider Bereiche betrachtet wurde, sondern als Widerspruch zwischen ihnen, wurden Wagner in Forscherkreisen weitgehend negativ angerechnet. Sogar Klimke (1907: 9), der der Seite Wagners in seiner Darstellung der Auseinandersetzung eher gewogen ist, bemerkt zur Göttinger Rede, dass diese v.a. Wagners „,wissenschaftliche[s] Glaubensbekenntnis‘ [enthielt], das ohnehin schon bekannt war“, während man „von Gründen für seine Behauptungen [...] freilich nicht viel [erfuhr]“ und der „einzige Nutzen dieses Vortrages“, wie es dann sogar ironisch heißt, eben „in dem Lärm [bestand], den er erregt hat“. Im Folgenden kann Wagners Rede nur im Hinblick auf ihre Relevanz für die direkte Auseinandersetzung mit Vogt ausführlich behandelt werden, aber auch in diesem Rahmen werden die wesentlichen Punkte, die zur allgemeineren Kritik führten, durchaus mitanklingen. Wagner kommt dabei erst im Laufe seiner Ausführungen, nicht sofort, auf die für seinen Streit mit Vogt relevanten Punkte zu sprechen.

3.7.2

Die Analyse der Beitrags

3.7.2.1 Menschenschöpfung: Der erste Teil des Beitrags Wagners erstes Thema in der Rede an die „[h]ochansehnliche Versammlung“ der anwesenden Forscher und Ärzte (Wagner 1854a: 7) ist die Entstehung des Menschen, genauer gesagt die Frage, ob alle Menschen von einem Paar 178

Vgl. z.B. Degen (1954), Klimke (1907), aber auch Vogt (11855a).

258 abstammen (wie es in der christlichen Überlieferung heißt) oder von mehreren (wie zur damaligen Zeit eine Anzahl von Wissenschaftlern annahm).179 Zur Wahl dieses anthropologischen Themas habe „zunächst eine örtliche Veranlassung“ vorgelegen (ebd., 8): die frühere Lehrtätigkeit Johann Friedrich Blumenbachs (1752–1840) in Göttingen, durch dessen Forschungen die „physische Anthropologie, die Naturgeschichte des Menschengeschlechts, [...] ihre wissenschaftliche Wiege in unseren Mauern“ habe (ebd.). Die Abstammung des Menschen hatte Wagner bereits im sechsten Physiologischen Brief (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 314) kurz angerissen; in der Rede wird sie nun ausführlicher, aber im wesentlichen Kern unverändert dargestellt. Dabei handelt es sich bei dieser Frage zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht um einen Gegenstand der direkten Auseinandersetzung mit Vogt; sie wird dies erst mit Köhlerglaube und Wissenschaft und steht damit, was die Gesamtauseinandersetzung betrifft, wie sie hier behandelt wird, durchaus nicht im Zentrum. Es sei nur soviel gesagt, dass Vogt Wagners Ansicht, wie sie im Folgenden referiert wird, da sie einige interessante Schlaglichter auf den zweiten Teil der Rede (Seelensubstanz) vorauswirft, nicht teilt. Was den Inhalt des ersten Redeteils betrifft, verweist Wagner in der Abstammungsfrage nach einer ausführlichen Würdigung Blumenbachs (vgl. Wagner 1854a: 8ff.) zunächst auf einige von dessen Hauptlehren, die er als inzwischen bestätigt anführt, nachdem Blumenbachs erste Forschungen immerhin „vor nunmehr 80 Jahren“ stattgefunden hätten (ebd.: 11). Von den wichtigsten Punkten, die Wagner dabei aufzählt (und Vogt später in einer argumentativen Widerlegung in Köhlerglaube und Wissenschaft aufgreift), seien nur Folgende herausgegriffen: Zum einen seien alle körperlichen Verschiedenheiten der menschlichen Völker nicht größer als das, was man „bei Thieren und Pflanzen von einer und derselben Art“ als bloße „Spielarten oder Varietäten“ bezeichne (ebd.: 10f.; eig. Hervorh.). Zum anderen vermischten sich alle Varietäten des Menschen freiwillig miteinander und brächten dabei fruchtbare Nachkommen hervor, so dass sie „nach scharf physiologischem Begriffe nur eine A r t“ seien (ebd.: 12); Wagner erläutert dies dahingehend, dass sich bei Tieren zwar auch verschiedene, aber nahe verwandte Arten unfreiwillig (unter Veranlassung durch den Menschen) vermischten, dabei aber nur unfruchtbare Nachkommen zeugten, während die freiwillige fruchtbare Zeugung eben nur zwischen Individuen derselben Art stattfinde (vgl. ebd.: 13). Die Frage, ob diese (sowie einige hier weniger zentrale) Punkte ausreichten, um auf ein ursprüngliches Paar als Stammeltern der Menschheit zu schließen, wird dann aber nicht zur Diskussion gestellt oder klar beantwortet, sondern Wagner äußert in einer direkten Anrede der Zuhörer vielmehr die Erwartung, dass „Sie [...] mir zugeben [werden], dass die bejahende 179

Vgl. Wagner (1854a: 15).

259 Beantwortung dieser Fragen auf rein wissenschaftlichem Wege, ohne Rücksicht auf die Tradition, vom grössten Interesse sein würde“ (ebd.: 14; eig. Hervorh.) – wohlgemerkt: nicht allgemein die Beantwortung der Frage, sondern ihre Bejahung. Der Verweis auf die Unabhängigkeit der Forschung (rein wissenschaftlicher Weg, ohne Rücksicht auf die Tradition) wirkt angesichts der ausdrücklichen Benennung des wünschenswerten Ziels dieser Forschung natürlich etwas merkwürdig; noch stärker wird dieser Eindruck, wenn es unmittelbar danach heißt, dass mit der „Bejahung oder Verneinung“ dieser Frage „das ganze historische Christentum in seinem tiefen Zusammenhang mit der Menschenschöpfung“ ebenfalls „steht und fällt“, und wenn Wagner schließlich mit Blick auf eine mögliche Verneinung den „einfachste[n], schlichteste[n] Bibelglaube[n] eben so gut, als das ganze Gebäude unserer kirchlichen Lehrbegriffe [...] zusammen[stürzen]“ sieht (ebd.: 14). Es entsteht hier durchaus der Eindruck, dass Wagner seine Zuhörer nicht nur – mit eindeutig nichtstandardepistemischen Gründen – von der Richtigkeit oder zumindest Erwünschtheit einer der beiden Antworten ,überzeugen‘ will, sondern dass hier auch ein Hinweis darauf mitschwingt, dass die Wissenschaft die Religion im Zweifelsfalle – im Interesse höherer Dinge – stützen sollte. Ohne weitere Bewertung oder Kommentierung seiner Aussagen, kehrt Wagner danach zu Blumenbach zurück, der davon ausgegangen sei, „dass die Lehre der Offenbarung durch die Resultate seiner Forschung unberührt bleibe“ (ebd.: 14) und dass „kein naturhistorischer Grund gegen die Annahme einer Abstammung aller Völker von einer gemeinschaftlichen Stamm-Rasse vorläge“ (ebd.: 15); wobei letztere dann, wie der weitere Kontext nur impliziert, eben auch auf ein Stamm-Paar zurückgeführt werden könnte. Und erst nachdem Wagner dann auch auf eine namentlich nicht näher ausgeführte „Anzahl von achtbaren Naturforschern“ verwiesen hat, die Mehr-PaarThesen verträten (ohne sich auf die genaue Anzahl ursprünglicher Paare geeinigt zu haben), führt er seine eigene Sicht der Dinge an – „auf mein wissenschaftliches Gewissen, ganz ohne Rücksicht auf meine religiöse Ueberzeugung“ (ebd.: 16; eig. Hervorh.) und in starker Anlehnung an das, was er durch Blumenbachs Autorität bereits ,abgesichert‘ hat: Die Entstehung der Menschenrassen falle „in eine unvordenkliche, der Forschung völlig unzugängliche Zeit“, die Art und Weise, in der diese Entstehung erfolgte, sei „völlig unbekannt“; es ließe sich weder die Ein-Paar-These noch ihr Gegenteil „vom Standpunkte exakter Naturforschung [aus] erweisen“, die „M ö gl i c h k e i t“ der ersteren könne man „nach streng physiologischen Grundsätzen“ aber „durchaus nicht bestreiten“ (ebd.: 16f.; eig. Hervorh.). Wagner bezeichnet dies im unmittelbaren Anschluss daran dann interessanterweise (und etwas im Widerspruch zum wissenschaftlichen Gewissen und zur Ausblendung seiner religiösen Ueberzeugung) als sein „wissenschaftliches Glaubensbekenntniss“ (ebd.; eig. Hervorh.), bei dem es sich damit bereits um das

260 zweite dieser Art handelt, nachdem er ja schon seine Ausführungen zum ,biblischen‘ Materialismus im sechsten Physiologischen Brief als „Glaubensbekenntniß“ angeführt hatte (Wagner 1851/52, in AZ 20/1852: 313). Am bezeichnendsten sind jedoch die letzten Worte des ersten Teils seiner Rede, wo Wagner (im Sperrdruck; in der Rede wohl durch Mittel wie Intonation, Mimik, Gestik) betont, dass die „wissenschaftliche Theologie“ nach all dem von der Ein-Paar-These als von einem „Glaubenssatze“ ausgehen müsse, den die „jüngsten Resultate der Naturforschung [...] nach meiner festen Ueberzeugung ganz unangetastet“ lassen (Wagner 1854a: 17; eig. Hervorh.). Auch hier schlägt letztlich also wieder Wagners doppelte Buchführung durch, deren eigentliches Ziel (die Immunisierung des Glaubens gegen die Wissenschaft) an dieser Stelle überdeutlich wird; wobei Wagner seine Haltung mit Menschenschöpfung und Seelensubstanz aber nicht an die Leser der Allgemeinen Zeitung, sondern an eine Versammlung von Naturforschern und Ärzten heranträgt, wie noch einmal betont werden muss. 3.7.2.2 Seelensubstanz: Der zweite Teil des Beitrags Mit dieser kurzen Darstellung ist nun auch bereits ein Teil des Interpretationsrahmens für den zweiten (für diese Untersuchung wichtigeren) Teil der Rede gesetzt: nämlich mit dem Aufzeigen des starken religiösen Elements, das der Wissenschaft letztlich vorangestellt wird, das im Folgenden jedoch stärker in gesamtgesellschaftliche Aspekte integriert erscheint. Der zweite Redeteil ergibt sich für Wagner dabei unmittelbar aus dem ersten, denn während mit der Abstammung des Menschen der physische Aspekt der Anthropologie (mit der Frage nach der Vergangenheit des Menschen als Art) im Zentrum stand, ist es nun mit der Natur der Seele der psychische Aspekt (mit der Frage nach der Zukunft des Menschen als Individuum; vgl. Wagner 1854a: 18). Der zweite Teil greift dabei z.T. zurück auf Wagners Neurologische Untersuchungen (1854c: v.a. S. 197ff., inkl. Anm.), bei denen es sich um eine fachwissenschaftliche Sammlung von Wagners Veröffentlichungen zur Nerven- und Hirnphysiologie aus den Jahren 1847–54 handelt; entsprechende Rückgriffe auf dieses Werk zur Erhellung unklarer Punkte werden in der folgenden Analyse jeweils angemerkt. Die Neurologischen Untersuchungen selbst spielen im Zusammenhang mit Wagners nächstem Beitrag (Ueber Wissen und Glauben; 1854b) eine größere Rolle und werden insofern erst in Kap. 3.9 näher betrachtet; hier genügt es, festzuhalten, dass sie (auch in den der Rede zugrunde liegenden Stellen) selbst nicht als Beitrag im Streit mit Vogt oder im Kampf gegen ihn zu werten sind. Was nun aber den zweiten Teil von Wagners Göttinger Rede Menschenschöpfung und Seelensubstanz betrifft, so stellt sie zunächst die einleitende Frage, ob die Naturwissenschaft, und v.a. die Physiologie, sich zur Natur der

261 Seele bereits „klar und entschieden ausgesprochen“ habe (Wagner 1854a: 18). Wagner beantwortet sie dahingehend, dass sich viele Forscher, „theils wegen der Schwierigkeiten des Objekts, theils offenbar aus anderen Gründen“ (ebd.), nicht zu diesem Problem zu äußern wagten, dass sich unter vielen anderen Forschern aber gerade die materialistischen Ansichten verbreiteten. Die Konsequenz der Abnahme des „Glaube[ns] an eine substantielle Seele“ (ebd.: 19) und des Umstandes, dass „die materialist[is]chen Ansichten Verbreitung und Boden“ gewönnen (ebd.: 18f.), nötige daher dazu, die „hervorstechendsten Argumente“ der Gegner „zu prüfen“ (ebd.: 20) – natürlich, auch wenn es hier nicht ausdrücklich gesagt wird, um sie im Zweifelsfall zu widerlegen. Genau diese Prüfung der gegnerischen Argumente unternehmen zu wollen, erweckt Wagner dann den Eindruck, wenn er sich konkreter mit dem Materialismus zu beschäftigen beginnt. Er geht dabei zunächst in ähnlicher Weise vor, wie mehr als zweieinhalb Jahre früher in seinem sechsten Physiologischen Brief: Er kommt wieder sehr schnell exemplarisch auf eine konkrete materialistische Veröffentlichung zu sprechen, aus der er wieder zitiert, ohne das Werk (oder seinen Autor) genauer zu bestimmen, das nur als die „neueste, vor wenig Wochen erst erschienene zweite Auflage einer Schrift eines im Fache der organischen Naturlehre vielbekannten und vielbegabten Naturforschers“ eingeführt wird (ebd.: 20); bei dem Naturforscher handelt es sich (trotz der positiven Attribuierung) wieder um Carl Vogt, bei der erwähnten Schrift wieder um dessen Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände. Und Wagner zitiert daraus (ebd.: 20f.) auch wieder eine (diesmal jedoch nur sehr kurze) Stelle aus dem Zusammenhang des beibehaltenen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleichs (die Stelle entspricht Text 1, Z. 8f.). Daneben stehen dann aber auch noch andere kurze Abschnitte (der Neuauflage), die das Gehirn zum alleinigen Sitz von Bewusstsein, Willen und Denken erklären, das Ende der Seelentätigkeiten mit Eintritt des körperlichen Todes konstatieren und sich dementsprechend gegen die individuelle Unsterblichkeit einer separaten Seele aussprechen. In Anbetracht der Situation eines Vortrags fallen die Zitate dabei recht knapp aus, sie enthalten zudem auch keine ausdrucksseitig drastischen und daher kritisierbaren Formulierungen, sondern Wagner scheint sich allein auf die gegnerischen Inhalte konzentrieren zu wollen. Eine Ausnahme bildet lediglich die Zitierung des offen polemischen Endes von Vogts Anmerkung zum beibehaltenen Gehirn-Leber/Nieren-Vergleich (vgl. Text 6(3), Z. 11ff.), wo diesmal ja ausdrücklich (anders als noch in Text 1) zwischen folgerichtig denkenden Naturforschern einerseits und den blödsinnigen und vernagelten Menschen andererseits unterschieden wurde (wobei sich Wagner natürlich den letzteren zugerechnet fühlen muss). Auch die Reaktion Wagners auf die angeführten Zitate bewegt sich in ihrem ersten Punkt in den Bahnen des sechsten Physiologischen Briefes: Vogts Worte zur Natur der Seele (aber auch seine Äußerungen insgesamt) seien

262 „doch einmal eine runde und bestimmte, eine unverblümte Antwort auf eine delikate Frage“ (Wagner 1854a: 22); und da die „Consequenzen aus dieser Ansicht [...] ebenfalls von durchgreifender Simplicität“ seien (ebd.: 22), heißt also – aufgrund des ,ebenfalls‘ – auch rund und bestimmt sowie unverblümt nichts anderes als ,durchgreifend simpel‘, was in seinem Widerspruch zu delikat erneut die unangemessene Vereinfachung des Leib/Seele-Verhältnisses durch Vogt kritisiert (wie schon in Text 2a, Z. 48f.). Die durchgreifend simplen Consequenzen selbst, so wie Wagner sie in Anlehnung an Vogts Äußerungen sieht, werden dann auch, und dies nicht nur im Hinblick auf die Seele, explizit gemacht (vgl. Wagner 1854a: 22f.): Sie bestünden zum einen darin, dass es fortan eben nur noch „zwei grosse Klassen“ denkender Menschen gebe, „d.h. ,folgerichtige Denker‘[,] nämlich solche, die der Ansicht des Verfassers [d.h. Vogts] folgen“, und „sodann ,blödsinnige und vernagelte‘ Menschen“, die dies nicht tun. Und zu dieser ersten Consequenz ist nun etwas Wichtiges anzumerken: Vogt hatte mit den blödsinnigen und vernagelten Menschen unter den Naturforschern nicht Wagner selbst oder allein ins Visier genommen (auch wenn die unveränderte Wiederholung des GehirnLeber/Nieren-Vergleichs und die Anmerkung dazu vorrangig auf ihn gemünzt waren), sondern er hatte sich ausdrucksseitig, ohne Namen zu nennen, letztlich gegen alle Andersdenkenden gewandt, d.h. gegen alle, die den materialistischen Leib/Seele-Monismus nicht anerkennen; wenn Wagner diese Haltung seines Gegners in der Göttinger Naturforscher- und Ärzte-Versammlung nun noch einmal hervorstreicht, ist es wichtig zu wissen, dass – nach Degen (1954: 275f.; eig. Hervorheb.)180 – die „große Mehrzahl der rund 500 eingeschriebenen Versammlungsteilnehmer [...] in Göttingen zu Hause“ war, an einer Universität, an der die hannoversche Regierung „[m]it der Verweisung der berühmten ,Göttinger Sieben‘181 [...] das freisinnige Element im Keime unterdrückt“ hatte, und an der seitdem, „in dem etwas überalterten Lehrkörper, [...] der konservative Geist“ überwog. Wagner konnte also damit rechnen, dass sich die Mehrzahl der anwesenden Naturforscher von Vogt unter die blödsinnigen und vernagelten Menschen gerechnet sah, und er konnte diese damit sicher auch emotional bereits vorab gegen seinen Gegner und dessen Positionen einnehmen. Sein Verweis auf diese erste Consequenz ist insofern als ein erster geschickter, vorbereitender Zug für seine weiteren Ausführungen zu betrachten. 180 181

Etwas anders Hagner (2007: 217f.). Im Jahr 1837 war im Königreich Hannover die erst wenige Jahre alte Verfassung durch den König aufgehoben worden. Sieben Göttinger Professoren (darunter Friedrich Christoph Dahlmann sowie Jacob und Wilhelm Grimm) bestanden in einer Erklärung jedoch weiterhin auf der Gültigkeit ihrer Eide gegenüber der ihrer Ansicht nach ebenfalls weiterhin gültigen Verfassung und wurden daraufhin entlassen (und teilweise aus Hannover ausgewiesen); vgl. Nipperdey (1998: 376).

263 Die zweite durchgreifend simple Consequenz berührt dann bereits den Kern dessen, worauf Wagner abzielt; sie liegt ihm zufolge in der Maxime, die nach seiner Ansicht aus dem vogtschen Materialismus zu ziehen sei und die „lautet: ,Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt‘“ (Wagner 1854a: 23). Mit dieser Konsequenz scheint Wagner nun wieder ansatzweise auf den Materialismus als Bedrohung der bestehenden Ordnung hinauszuwollen, denn was er ihm hier im Sinn der bekannten Worte des ersten Paulusbriefs an die Korinther (1. Kor. 15,32) unterstellt,182 ist Nihilismus im Hinblick auf alles, was über unmittelbare körperliche Bedürfnisse (wie essen und trinken) hinausgeht. Die Einschätzung, dass Wagner hier wieder warnen will, wird durch ein anschließendes weiteres Zitat gestützt (vgl. Wagner 1854a: 23), das er diesmal aus Vogts Bildern entnimmt und das Text 3f(3) (Z. 1–5) entspricht, wo die Freiheit des Willens sowie „eine Verantwortlichkeit und eine Zurechnungsfähigkeit, wie sie die Moral und die Strafrechtspflege“ annehmen, geleugnet wird, und wo Vogt konservativen Ängsten offen Nahrung gibt. Wagner kommentiert die Stelle diesmal in keiner Weise mehr dahingehend, dass die entsprechende Ansicht (die Unfreiheit des Willens) Unsinn sei, der sich selbst die Spitze abbricht, wie es ja noch in Text 4h (Z. 12f.), mit Bezug u.a. auf dieselbe Stelle geheißen hatte; und auch wenn er umgekehrt nicht erneut zur Forderung nach Maßnahmen gegen den Materialismus schreitet, geht er doch deutlich hinter seine Gelassenheit aus Text 4h zurück, wenn er nun eine sehr viel eindringlichere Vorstellung (als noch in Text 4g) von dem gibt, was durch den Materialismus verloren zu gehen droht. Wagner beginnt nun – und das ist der wesentliche Unterschied zur Agitation in Text 2b und zur Gelassenheit in Text 4h – damit, seine Zuhörer auf die Notwendigkeit der Rettung des Bedrohten einzustimmen, aber nicht mehr ausdrücklich auf die Bekämpfung des Materialismus. Im direkten Anschluss an das letzte Vogt-Zitat (zur Unfreiheit bzw. zur Notwendigkeit des Willens und ihren moralischen und strafrechtspflegerischen Folgen) unternimmt Wagner in einer rhetorisch beeindruckenden Textpassage den ersten Schritt dazu: TEXT 7a (Wagner 1854a: 23ff.; Orig. in Antiqua) Also: alle jene ernsten und grossen Gedanken, welche die tiefsinnigsten philosophischen und historischen Forscher in den Bewegungen des menschlichen Geistes und deren Ausdruck, der Weltgeschichte, erkannt, alle grossen Ideen, an denen sich ganze Generationen erwärmt und zu Thaten begeistert, für die sie ge-

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Der Korintherbrief zitiert Jesaia 22,13 und verwendet dieses Zitat im Zusammenhang mit seinem Eintreten für den Auferstehungsglauben; es heißt dort (1. Kor. 15, 32): „Wenn die Toten nicht auferstehen, dann ,laßt uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!‘ (Jesaja 22,13)“ (zit. nach: Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers, hg. v. d. Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1991).

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kämpft und geblutet haben, unter deren Einfluss sie die Künste gepflegt, unsere gewaltigen Dome emporgewölbt haben, alle jene wunderbaren Massenerhebungen und Herrscherbestrebungen, unter denen sich die grossen Institutionen des Staates und der Kirche seit Jahrtausenden in den eigenthümlichsten und gedankenreichsten Gliederungen entfalteten, sind eitle Träume, leere Phantasmen, Spiele mechanischer mit zwei Armen und Beinen umherlaufender Apparate, die zuletzt prasselnd als Todtengerippe übereinander stürzen, sich in chemische Atome auflösen, welche sich wieder von Neuem zu Menschengestalten zusammenfügen, um den alten gedankenlosen Kreislauf ihrer Thätigkeit von Neuem zu beginnen, dem Tanze Wahnsinniger in einem Irrenhause vergleichbar, ohne Zukunft, ohne Lösung der Geheimnisse, die sich an unsere Entstehung und unser Dasein knüpfen, ohne sittliche Basis, ohne Vertrauen auf eine moralische Weltordnung, ohne Hoffnung auf ein gerechtes Gericht dessen, was die Einzelnen Gutes oder Böses gedacht und gethan, ohne einen Glauben an ein jemaliges harmonisches Walten im Reiche geistigen Geschehens, während uns Naturforschern im Reiche der sichtbaren Welt die kunstvollste und stetigste Harmonie gesetzmässiger Erscheinungen entgegentritt?

3.7.2.3 Das materialistische Schicksal des Menschen Wagner zieht hier, wie die Einleitung des Textes zeigt („Also: etc.“; Text 7a, Z. 1), ein Fazit aus den vorausgehenden Vogt-Zitaten. Er zählt zunächst die großen Leistungen der Menschheit auf (Z. 1–9), als deren Ausgangspunkt und Grundlage er das Geistige sieht, nämlich die „ernsten und grossen Gedanken“ (Z. 1): zum einen in „den Bewegungen des menschlichen Geistes“ (Z. 2f.; also dem Denken selbst) und zum anderen in „deren Ausdruck, der Weltgeschichte“ (Z. 3), wo sie erst zur Grundlage der „grossen Ideen“ (Z. 3; also von Zielen, Plänen, Idealen) bzw. zur Grundlage der „wunderbaren Massenerhebungen und Herrscherbestrebungen“183 (Z. 6f.; also zu Taten) werden. Die Bedeutsamkeit der großen Gedanken in ihren jeweiligen Bereichen hebt er im Folgenden auf äußerst eindringliche Weise positiv hervor: einerseits quantitativ im Hinweis auf ihrem Einfluss (in den Ideen) auf „ganze Generationen“ (Z. 4) und im Hinweis auf ihre andauernde Wirksamkeit (in den Massenerhebungen und Herrscherbestrebungen) schon „seit Jahrtausenden“ (Z. 8); und andererseits qualitativ über die Attribuierung der Gewährsleute, die ihnen nachspüren, sie offenlegen und damit in ihrer Existenz verbürgen, und bei denen es sich immerhin um die „tiefsinnigsten“ Philosophen und Historiker handelt (Z. 1). Zur qualitativen Bewertung gehören aber auch (und v.a.) die positiv konnotierten Wirkungen der Ideen selbst, an denen man sich immerhin „erwärmt“ und „begeistert“ (Z. 4); was ihren Wert aber am meisten steigert, ist, dass sich für sie nicht nur Einzelne bloß irgendwie eingesetzt, sondern dass die bereits erwähnten ganzen Generationen für sie 183

Wagner legt hier offenbar Wert darauf, dass Großes nicht nur in Revolutionen (von unten), sondern auch aus legitimer herrschaftlicher Machtfülle (von oben) erreicht wurde, wird und/oder werden kann.

265 „gekämpft und geblutet“ (Z. 4f.), also große Mühen und Opfer erbracht und sie aufgrund ihrer Bedeutsamkeit vor die eigenen persönlichen Interessen gestellt haben. Letztlich wird dann natürlich auch die Bedeutung der Resultate des menschlichen Handelns in gleicher Weise zu dessen qualitativem Wertmaßstab, wenn „die Künste“, also die Kultur, unter dem Einfluss der grossen Ideen „gepflegt“ (Z. 5) und „unsere gewaltigen Dome“, als Inbegriff der großen technischen Leistungen, unter ihrem Einfluss „emporgewölbt“ wurden (Z. 5f.), und wenn letztlich auch wieder184 die „grossen Institutionen des Staats und der Kirche“, als Ausdruck der gesellschaftlich-zivilisatorischen Leistungen, sich (im Zuge der wunderbaren Masenerhebungen und Herrscherbestrebungen) in „den eigenthümlichsten und gedankenreichsten Gliederungen entfalteten“ (Z. 7ff.). Dabei ist wichtig, dass gedankenreich(st), trotz der agenslosen, reflexiven Formulierung dieser Stelle, auch hier dafür sorgt, dass die Plan- und Absichtsfülle des bewirkend hinter allem (in Kultur, Technik, Gesellschaft) stehenden Geistigen nicht außen vor bleibt. Wagner verwendet hier überhaupt eine ganze Fülle von pathos- und wertgeladenen Wörtern und Formulierungen, um das auf dem Geistigen in Denken und Handeln Basierende bzw. aus ihm Folgende entsprechend aufzuladen. Beides, Pathos und Wert, findet seinen Ausdruck (wie in den vorausgehenden Zitaten durch Hervorhebung gekennzeichnet) v.a. in den adjektivischen Attributen, aber auch in den Verben, wobei die hohe kumulative Dichte der langen Aufzählung durch die dreigliedrige Anapher („alle“ bzw. „alle jene“, Z. 1, 3 und 6) ebenso verstärkt wird wie durch die vielen syndetischen Doppelungen von Attributen (Z. 1, 1f. und 8f.) oder von nominalen (Z. 6f. und 8) und verbalen Kernen (Z. 4 und 4f.). Geschickt ist, dass Wagner nicht nur Dinge oder Ergebnisse großer Leistungen aufzählt, sondern auch die Tätigkeiten der Menschen, die sie erbringen: die eben kämpfen, bluten, emporwölben, sich in Massen erheben und auch als Herrscher nach dem Bedeutsamen streben. Es geht ihm dabei um das Einwerben von Sympathie für diese Menschen, die Großes in der Welt(geschichte) leisten oder geleistet haben, denn ihnen macht der Materialismus ihre bedeutenden, anerkennenswerten Leistungen nun streitig – und allen anderen Menschen zumindest deren Früchte. Zu diesem Aspekt des Verlustes geht Wagner im Folgenden auch über. Seiner langen Liste an Hohem und Bedeutendem, an im wahrsten Sinne der verwendeten Formulierungen Errungenem, stellt er in einem schroffen Gegensatz das gegenüber, was aus diesen Dingen würde, wenn der Materialismus Recht hätte (dies ist dann das eigentliche Fazit aus den Zitaten Vogts): Neun, im Originaldruckbild zwölf Zeilen der Erhabenheit und des Großen spiegeln sich dabei (auch im Originaldruckbild) zunächst in weniger als einer 184

Vgl. Text 2b.

266 Zeile mit Ausdrücken der völligen Bedeutungslosigkeit: als „eitle Träume“, „leere Phantasmen“, bloße „Spiele mechanischer [...] Apparate“ (Z. 9f.) – den materialistischen ,Gegenstücken‘ zu den ernsten und großen Gedanken (Träume), den großen Ideen (Phantasmen), den wunderbaren Massenerhebungen und Herrscherbestrebungen (Spiele). Die kurze Reihung dieser zunächst nur drei Punkte wirkt in ihrer Unvermitteltheit, in der dichten Aufeinanderfolge ihrer Elemente, im Gegensatz zu den ausladenden Formulierungen der vorausgehenden Zeilen, ernüchternd, aber nicht weniger eindringlich. Wagner erzeugt hier, wie gesagt, einen sehr schroffen und daher auch sehr prägnanten Gegensatz, setzt seine Ausführungen aber darüber hinaus noch weiter fort. Er hält sich dabei nicht bei den Konsequenzen des Materialismus für das Denken und Handeln selbst auf, sondern verschiebt den Fokus im Folgenden, noch sehr viel stärker als bereits oben, v.a. auf die Menschen als den Subjekten (bzw. – im Hinblick auf den letzten der drei angerissenen Punkte – als den Objekten) der bloßen Träume, Phantasmen und Spiele. Und er beleuchtet das materialistische Schicksal dieser Menschen dabei dann auf eine allumfassende Weise unter den drei Aspekten des Lebens, des Todes und dessen, was nach beiden folgt, um es in dieser Weise auf das äußerst Mögliche als abschreckend erscheinen zu lassen. So wäre der Mensch im Hinblick auf sein materialistisch gedachtes Leben nur ein „mechanischer“, d.h. ohne Bewusstsein und eigenen Willen auf Außenreize regierender, eben seelenloser „Apparat“ (Z. 10), so wie La Mettrie ihn als Homme machine (bzw. so wie Descartes die Tiere) gezeichnet hatte. Da dies dem traditionellen menschlichen Selbstverständnis völlig widerspricht, ist es als ein effektvolles erstes (wenn auch v.a. nichtstandardepistemisches) Argument gegen den Materialismus zu sehen. Regelrecht dramatisch wird Wagner dann mit den prasselnd übereinander stürzenden Todtengerippen (Z. 11) im Hinblick auf den materialistisch gedachten Tod; dabei ist dieses Bild sicher nicht nur drastische Effekthascherei, denn das Gerippe ist in der bildlichen Darstellung zwar allgemein das Symbol des Todes, in der religiösen Darstellung erinnert es aber v.a. an die Gefahr des ewigen Todes (im Gegensatz zum ewigen Leben) – und damit an das Nichterlöstwerden. Genau letzteres ist nun hinsichtlich des dritten Punktes der Darstellung des materialistischen Menschenschicksals von Bedeutung, da Wagner beim Tod nicht Halt macht, sondern weitergeht zu einer Art materialistischer Wiederauferstehung (Z. 12ff.), mit der Vorstellung eines ewigen „gedankenlosen Kreislauf[s]“ (Z. 13) des Zerfallens „in chemische Atome“ (Z. 11) und des Wiedereingehens in neue Organisationen. Von Seiten Vogts oder Büchners war eine solche Vorstellung in der Tat als eine materialistische Unsterblichkeit des Stoffs185 dem christlichen Unsterblichkeitsglauben der Seele gegen185

So der Titel des zweiten Kapitels in Ludwig Büchners Kraft und Stoff (11855).

267 übergestellt worden. Während der Materialismus aber die Unpersönlichkeit, den vom Einzelnen nicht bewusst erlebten Charakter dieses Kreislaufs vertrat, vermittelt Wagner hier das Bild eines quälenden Gefangenseins des immer wieder selben Individuums in der ewigen Wiederholung. Denn obwohl er von dem Kreislauf als einem gedankenlosen spricht (Z. 13), wird dieser doch immer weiter negativ aufgeladen, in einer Weise, die v.a. für denjenigen unerträglich sein muss, der ihn bewusst wahrnimmt. Wagner verwendet dafür den nicht unüblichen Vergleich, die Sinn- und Zwecklosigkeit von etwas, hier eben des materialistischen Menschenschicksals, mit der Sinn- und Zwecklosigkeit des „Tanz[es] Wahnsinniger“ gleichzusetzen, ebenso die ganze materialistisch verstandene Welt (ohne Absicht und Vernunft) mit einem „Irrenhaus“ (Z. 14). Wenn man in diesen Ausführungen nun nicht von einem versehentlichen Widerspruch ausgehen will, muss man annehmen, dass Wagner sich hier eines Kunstgriffs bedient: Um das materialistische Schicksal möglichst negativ zu zeichnen, stellt er nicht die Sinn- und Bewusstlosigkeit allein schon als etwas Schlimmes dar, sondern gerade das ewige Sich-ihrerbewusst-Sein. Angesichts dessen ist nun auch erneut darauf hinzuweisen, dass Wagner den jeweiligen christlichen Konzeptionen zwar ein materialistisches Leben, einen materialistischen Tod und sogar eine materialistische Wiederauferstehung entgegenstellt, dass aber eine materialistische Erlösung fehlt – dass der Wahnsinn der ewigen Wiederholung vielmehr den Eindruck einer ewigen Verdammnis bietet. Vor dem Hintergrund eines christlich geprägten Denkens ist v.a. dies natürlich als gewichtiges (wenn auch wieder nichtstandardepistemisches) Argument gegen den Materialismus zu werten. Implizit ist Wagner an diesem Punkt des Textes bereits von den ,gegebenen‘ trost- und hoffnungslosen materialistischen Perspektiven zu dem übergegangen, was Vogt seinen Anhängern umgekehrt nicht bieten kann. Im Folgenden (Z. 14ff.) reiht bzw. häuft Wagner dann auch explizit zahlreiche weitere entsprechende Punkte auf, wieder mit Hilfe einer mehrgliedrigen Anapher (eingeleitet diesmal jeweils mit „ohne“); er spricht bei diesem negativen Vorgehen aber eigentlich doch auch wieder über die traditionelle Sicht der Welt und des Menschen, die das Geistige würdigt, denn ihr kommt natürlich zu, was im System des Gegners verneint wird. Dabei geht es nun nicht mehr, wie noch am Anfang des Textes, um die weltgeschichtlichen Verhältnisse, sondern um das, was der Materialismus dem Einzelnen verwehrt (und die traditionelle Sicht eben bietet): Dass der Materialismus keine „Zukunft“ gewähre (Z. 14), erklärt sich daraus, dass die ewige Kreisbewegung natürlich kaum die Bezeichnung eines Vorwärtskommens in Richtung auf eine Zukunft verdient, zumal gegenüber der christlichen Aussicht auf ein ewiges Leben. Und die „Lösung der Geheimnisse [...] unsere[r] Entstehung und unsere[s] Dasein[s]“ (Z. 14f.) ist für den Christen (zumal nach dem, was Wagner im ersten Teil seiner Rede zu den begrenzten Möglichkeiten des

268 Wissenschaftlers bei der Klärung der Abstammungsfrage zu sagen hatte) erst nach dem Tod, mit Hilfe jenseitiger Erkenntnis möglich, auf die Wagner hier anspielt; auf diese kann ohne Aussicht auf einen Ausbruch aus dem rein materiellen Kreislauf und ohne eine individuelle unsterbliche Seele aber natürlich keinerlei Hoffnung bestehen. Schließlich kehrt Wagner aber auch wieder zu den unmittelbareren Verhältnissen des tatsächlichen, alltäglichen Lebens jedes Einzelnen zurück, auf ein Leben, das im Materialismus „ohne Hoffnung auf ein gerechtes Gericht“, mit Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen wäre (Z. 16f.); keine Hoffnung auf ein Gericht im Jenseits heißt nun aber auch: keine Angst davor – und dies wiederum impliziert Bedrohliches im Hinblick auf das Verhalten gewisser Menschen im Diesseits, womit Wagner erneut in die Richtung der gesellschaftsgefährdenden Konsequenzen des Materialismus verweist, eben weil diesem, anders als dem Christentum, eine „sittliche Basis“ und eine „moralische Weltordnung“ fehlten (Z. 16). Zu Text 7a ist bis hierher nun im Gesamtzusammenhang zu sagen, dass es sich bei ihm, wie oben kurz angedeutet, um ein angebliches Fazit aus den Vogt-Zitaten handelt. Wagner formuliert dieses Fazit dabei als eine einzige lange Frage.186 Ausdrucksseitig wird dadurch zunächst scheinbar die Berechtigung des Materialismus zur Diskussion gestellt, das einleitende, den Geist würdigende Welt- und Menschenbild (vgl. Z. 1ff.) durch sein eigenes (vgl. Z. 9ff.) zu ersetzen; pragmatisch wird dies aber nicht nur von Anfang an in Frage gestellt, sondern vielmehr zurückgewiesen, denn Wagner zeichnet das Bild zweier Alternativen, deren eine mit Pathos und Wert ebenso positiv aufgeladen ist, wie die andere mit grell-negativen Assoziationen abgewertet wird. Entsprechend Schopenhauers dreizehntem eristischem Kunstgriff (vgl. Schopenhauer 1985: 684) lässt Wagner seinen Zuhörern damit nur die ,Wahl‘, die erste Alternative als einzig vertretbare anzuerkennen und die zweite als unerträgliche Vorstellung zurückzuweisen. Er erzeugt bzw. verstärkt durch Überzeichnung nach beiden Seiten hin also einen Gegensatz, den er zu seinen eigenen Gunsten funktionalisiert, während er den Eindruck vermittelt, als demaskiere er den Materialismus nur, als wolle er durch das Aufzeigen seiner ganzen Hässlichkeit nur deutlich machen, dass er tatsächlich unakzeptabel ist. Die Gründe, auf die Wagner dafür zurückgreift, sind wie gezeigt wieder nichtstandardepistemisch: Das materialistische Welt- und Menschenbild in seiner trostlosen Schilderung widerspricht dem herkömmlichen Selbstwertgefühl des Menschen und den überlieferten religiösen und sittlich-moralischen Vorstellungen; das traditionelle Welt- und Menschenbild dagegen entspricht 186

In der Rede dürfte Wagner dies durch intonatorische Mittel problemlos kenntlich gemacht haben können, während der Fragecharakter in der Druckversion erst am Ende, durch die Setzung des Fragezeichens, deutlich wird (wobei der Fragesatz auf S. 23 der Durckversion beginnt und das Fragezeichen erst auf S. 25 folgt).

269 ihnen. Von einer wissenschaftlichen Berechtigung oder Ablehnung des Materialismus (oder auch nur von einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung damit) ist bei all dem bisher nicht die Rede; Wagner führt zwar durchaus Argumente an, er appelliert mit ihnen aber nicht in der eigentlichen Angelegenheit an den rationalen Sachverstand seiner Hörer, sondern will v.a. deren Empfinden ansprechen: Aufgrund der in Text 7a grell überzeichneten Verhältnisse soll eine gefühlsmäßige, unmittelbar erlebte Abneigung gegen den Materialismus zur Grundlage für die ,Entscheidung‘ gegen diesen werden. Aber auch wenn diese nichtstandardepistemischen Faktoren vor einem wohl weitgehend geneigten Publikum vorgebracht wurden (vgl. oben), ist es wohl doch (zumindest auch) der erklärtermaßen wissenschaftliche Rahmen der Tagung, der Wagner am Ende von Text 7a noch einmal die Naturwissenschaft zurück ins Blickfeld rücken lässt, wenn er der angeblichen materialistischen Zurückweisung eines „Glauben[s] an ein jemaliges harmonisches Walten im Reiche geistigen Geschehens“ (Z. 18f.) die „kunstvollste und stetigste Harmonie gesetzmässiger Erscheinungen“ entgegenstellt, die „uns Naturforschern im Reiche der sichtbaren Welt“ entgegentrete (Z. 19f.). Pragmatisch gesehen argumentiert er hier durch Analogie wohl dafür, dass der Harmonie und Gesetzmäßigkeit der physischen (,sichtbaren‘) Welt nicht Disharmonie und Ungeordnetheit in der psychischen entsprechen könnten (im ,Reich geistigen Geschehens‘).187 Das Verständnis der Stelle gestaltet sich dabei aber etwas schwierig. Auf den ersten Blick scheint Wagner nämlich den Materialismus falsch darzustellen, wenn er zwar (scheinbar aus eigener und aus materialistischer Sicht) in der physischen Welt gesetzmäßige Erscheinungen (an)erkennt, die psychische Welt des Materialismus dabei aber (wohl wegen der Unfreiheit des Willens und in Anlehnung an die Irrenhaus-Metapher) als chaotisch impliziert; aber gerade der Materialismus hatte ja die Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt doch auch auf die psychische übertragen. Der scheinbare Widerspruch in Wagners Darstellung löst sich jedoch, wenn man die „kunstvollste und stetigste Harmonie“ (Z. 20) bei den gesetzmäßigen Erscheinungen der sichtbaren Welt mitberücksichtigt, da ,kunstvoll‘ und vielleicht auch ,Harmonie‘ wieder Plan- und Absichtsfülle 187

Dies ist zumindest der Eindruck, der entsteht, wenn man die Stelle isoliert betrachtet. Wenn man eine ganz ähnliche Passage aus Wagners Neurologischen Untersuchungen (1854c, 200, i. d. Anm.) hinzuzieht, stellt sich das Bild etwas anders dar: Die „wunderbare Harmonie und Uebereinstimmung“ in „allen physikalischen Erscheinungen“ verweist dort auf eine „ausserirdische“ (was nur heißen kann: jenseitige) Ausgleichung für das häufig sinnlose, widersprüchliche (oder ungerechte) Geschehen im Bereich des menschlichen Handelns; auf eine Ausgleichung durch eine „zukünftige Lösung der Widersprüche“, in einem „zukünftigen Gerichte“ und durch eine zukünftige „Wiedervergeltung“. Hier schlagen damit auch erneut die Anklänge an Kant durch.

270 implizieren, diesmal von Seiten eines Schöpfers.188 Damit ist die physische Welt überhaupt nur in der traditionellen Sichtweise eine Welt gesetzmäßiger (nämlich kunst- und planvoll gesetzter) Erscheinungen,189 der dann der Determinismus der nicht ziel- und zweckvoll gesetzten, sondern einfach schon immer vorhandenen Naturgesetze als blind und chaotisch und als unharmonisch und ungeordnet gegenübersteht – sowohl in der materialistischen Vorstellung der psychischen als auch der physischen Welt. Wagner schließt insofern eigentlich innerhalb der traditionellen Weltsicht aus der postulierten Harmonie der physischen Welt auf die Harmonie der psychischen Welt des Denkens, während der Materialismus völlig zurückgewiesen wird. Interessant ist an Text 7a, hinsichtlich der positiven (harmonischen) traditionellen und der negativen (chaotischen) materialistischen Weltsicht, bei all dem natürlich Folgendes: Wagner vermittelt den Eindruck, als werde die bestehende Weltordnung als solche nur durch das Festhalten am Glauben an sie gewährleistet und als brächte die Durchsetzung des Materialismus nicht nur eine veränderte Einschätzung der bestehenden Verhältnisse, sondern deren völlige tatsächliche Veränderung: die Veränderung von der bewussten zur unbewussten (aber als solche doch bewusst empfundenen) Existenz und von der Sinn- und Zweckhaftigkeit des Daseins zu seiner Sinn- und Zwecklosigkeit; so als hätte die Wahl der Perspektive also bereits Auswirkungen auf die Realität der Dinge selbst. Wagner kann natürlich nicht wirklich erwarten, dass die anwesenden Forscher und Ärzte ihm hierbei ernsthaft folgen würden; aber wie gesagt: er argumentiert hier an der Ratio vorbei und appelliert direkt an das unmittelbare Empfinden seiner Zuhörer, wo seine Ausführungen wohl durchaus ihre Wirkung zeitigen können, eben indem sie eine gefühlsmäßige, unterschwellige Abneigung gegen den Materialismus erzeugen, die für Wagners weitere Ausführungen von großer Bedeutung ist. Daneben darf aber auch nicht vergessen werden, dass die Schilderung des angeblichen materialistischen Welt- und Menschenbildes dessen Anhänger tatsächlich auch rational nachvollziehbar diskreditieren kann, von denen man aus traditionell christlicher/konservativer Sicht kaum wollen wird, dass sie die Wissenschaft, die Gesellschaft oder den Staat dominieren. Auch mit diesem letzten, impliziten Gedanken bewegt sich Wagner aber natürlich nicht im Rahmen der eigentlichen Sache, sondern nach wie vor im Bereich nichtstandardepistemischer Faktoren; und in wissenschaftlicher Hinsicht wird hier wieder (auch dies muss noch einmal festgehalten werden) überhaupt nicht argumentiert. Und selbst wenn er am Ende von Text 7a, wie gezeigt, die physische Welt in Analogie zur psychischen setzt und so die 188

Eine Annahme, die durch Ausführungen in Wagner (1854c: 200, i. d. Anm.) gestützt wird. 189 Vielleicht verwendet Wagner in Text 7a, Z. 20, absichtlich nicht den zu einseitigen Begriff ,naturgesetzlich‘.

271 Wissenschaft vordergründig wieder ins Spiel bringt, zeigt sich im weiteren Verlauf dann doch, dass es ihm auch hier v.a. um etwas anderes geht: nicht um die Rückkehr zur Naturforschung, sondern um die Hinwendung zu „uns Naturforschern“ (Z. 19), also zu seinen Zuhörern, da er diese ja auf die Rettung der bestehenden Ordnung einzuschwören versucht. Die Gemeinschaft der anwesenden Naturforscher steht nun im Mittelpunkt von Wagners folgender Redepassage, wenn er im unmittelbaren Anschluss an Text 7a, mit dessen beiden Menschen- und Weltbildalternativen, fortfährt: TEXT 7b (Wagner 1854a: 25f.; Orig. in Antiqua)

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Wir, die wir hier versammelt sind, wie verschieden sich auch in jedem Einzelnen von uns unsere Weltanschauung gestaltet haben mag, wir, die wir das Ringen unserer Nation in seinen letzten Kämpfen mitgesehen, mitgefühlt, zum grossen Theile selbsttheilnehmend mit durchgemacht haben, wir haben uns auch die Frage nahe zu legen, welches werden die Resultate unserer Forschungen für die gesammte Bildung und die Zukunft unseres grossen Volkes sein, aus dessen weiten Gauen wir hier zu gemeinschaftlichen wissenschaftlichen Zwecken zusammengekommen sind? Wie verschieden auch unser Beruf sein mag, wie kosmopolitisch unsere Aufgabe, die Ehre des Namens eines Patrioten wird keiner von uns missen wollen. Und wenn dies der Fall wäre, wenn einer von uns der Pflichten vergessen hätte, welche die grossen Heiden des klassischen Alterthums sich als die erste sittliche Anforderung stellten, glauben Sie, die anderen Männer, welche unserer Versammlung und unserem Gremium nicht angehören, welche als einfache, schlichte Bürger ihr städtisches Gemeinwesen pflegen oder sonst in Kunst und Wissenschaft, in Staat und Kirche ihre Lebensaufgabe in Förderung des grossen Ganzen sehen müssen, würden uns unsere Pflichten zur Erziehung der Nation erlassen?

3.7.2.4 Die Gemeinschaft der Forscher Wagner betont in Text 7b unübersehbar (bzw. wohl auch unüberhörbar) das Gemeinschaftliche, das die Anwesenden (einschließlich seiner selbst) zu einer Gruppe im Sinne seiner Ziele zusammenschweißen soll. Alle Anwesenden sind Naturforscher (einschließlich der Ärzte), die dominierenden Pronomen dieses Teils seiner Rede folglich ,wir‘ (sechsmal) bzw. ,uns‘ und ,unsere‘ (zusammengenommen vierzehnmal). Das Verbindende ist zunächst also der gemeinsame Beruf, was ja noch am Ende von Text 7a (Z. 19) angeklungen war, und es wird dementsprechend unterstrichen, dass „wir hier zu gemeinschaftlichen wissenschaftlichen Zwecken zusammengekommen sind“ (Text 7b, Z. 6f.). Daneben wird aber noch ein weiterer Punkt hervorgehoben (dies ist – soviel sei bereits vorweggenommen – auch zentral für Vogts Reaktion): der Verweis auf die Revolution von 1848/49, auf „das Ringen unserer Nation in seinen letzten Kämpfen“, das „wir [...] zum grossen Theile selbsttheilnehmend mit durchgemacht“ haben (Z. 2ff.). Wagner erinnert damit an etwas, das als wichtiges historisches Ereignis objektiv von ebenso großer Bedeutung ist wie als unmittelbares subjektives Erlebnis für die damals betei-

272 ligten breiten Bevölkerungsschichten, und er gibt auf diese Weise (mit Blick zurück auf Text 7a) zudem ein wirkungsvolles Beispiel des Eintretens für eine große Sache: ein Beispiel für die grossen Ideen und wunderbaren Massenerhebungen (vgl. Text 7a, Z. 3 und Z. 6f.). Wagner schweißt die Anwesenden hier also auch als – zum großen Theile – unmittelbar an den Ereignissen der Revolution Beteiligte zusammen; sie sind damit diejenigen, die sich an den grossen Ideen erwärmten, sich von ihnen zu Thaten begeistern ließen und für sie gekämpft und geblutet haben (vgl. Text 7a, Z. 3ff.), die also für das Interesse und das Wohl der Nation eingetreten sind und daher die „Ehre des Namens eines Patrioten“ für sich beanspruchen können (Text 7b, Z. 8f.). Wagner kann dabei wohl sicher sein, dass sich noch der passivste Sympathisant der gescheiterten Revolution (egal mit welchem der politischen Lager er sich verbunden fühlte) mit dieser Positiv-Gruppe identifiziert, an deren allgemeinstes Wir-Gefühl hier über ideologische Grenzen hinweg (vgl. Z. 1f.) appelliert wird; Wagner will – und das ist hier das Wesentliche – eine möglichst große Gemeinschaft integrieren, wobei sich jedoch zeigen wird, dass nicht wirklich alle Grenzen übersprungen werden. Der Materialismus Vogts soll und wird natürlich außen vor bleiben, denn die Gemeinschaft, an die Wagner eine Angelegenheit herantragen will, die ihm von größter Bedeutung ist, soll ja gerade gegen den Materialismus integriert werden. Diese Gemeinschaft, an die Wagner sich wendet, ist dabei nun, nach allem vorausgehend Gesagten, die der patriotischen Naturforscher und Ärzte. Bei der Angelegenheit, um die es ihm dabei geht, handelt es sich um die Sorge für „die gesammte Bildung und die Zukunft unseres grossen Volkes“ (Z. 5f.). Wagner plädiert dafür, Forschung nicht isoliert für sich allein zu betreiben, sondern stets den Einfluss ihrer „Resultate“ (Z. 5) auf außerwissenschaftliche Bereiche zu berücksichtigen (Z. 4ff.); er führt damit erstmals in expliziter Weise nichtstandardepistemische Faktoren als bewertungs- und entscheidungsrelevant für wissenschaftliche Fragen an, auch wenn er diese Faktoren – mit Ausnahme eben der Bildung (Z. 5) – noch nicht näher konkretisiert und nur sehr allgemein von der „Zukunft unseres grossen Volkes“ spricht (Z. 5f.). Dazu – zu Bildung und Zukunft des Volkes – ist nun aber eine kurze Erläuterung nötig, die der nur auszugsweisen Wiedergabe von Menschenschöpfung und Seelensubstanz geschuldet ist: Wagner hatte noch vor Text 7a, zu Beginn des zweiten Teils der Rede (also schon bei der Seelensubstanz), im kurzen Zitat eines anderen, namentlich nicht identifizierten Forschers den Materialismus mit mangelnder Bildung in Verbindung gebracht; materialistische Ansichten griffen angesichts „der fortschreitenden Abnahme allgemeiner Bildung“ um sich (Wagner 1854a: 19). Wagner selbst scheint nun eine wechselseitige Abhängigkeit anzunehmen; aus seinen wiederholten Anspielungen, dass der Materialismus vereinfache, lässt sich vermuten, dass er umgekehrt auch den Materialismus am Verfall der Bildung beteiligt sieht und dass er

273 folglich glaubt, über verstärkte Sorge für die Bildung (unter Einschluss größter Vorsicht bei der Verbreitung solcher „Resultate unserer Forschung“, die den Materialismus weiter befördern könnten; vgl. Text 7b, Z. 4ff.) einer weiteren Verbreitung des Materialismus entgegenwirken zu können. Die Bildung wird damit zu einem Werkzeug in der Frage um Sieg oder Niederlage der bestehenden Ordnung und um das damit verbundene Selbst- und Weltbild, das den Menschen in Abhängigkeit davon vermittelt würde (wobei für die beiden Alternativen, auch mit Blick auf die Situation der Zuhörer der Rede, auf Text 7a zurückverwiesen sei, der Text 7b ja direkt vorausgeht). Die Frage der Bildung steht damit nicht neben der Frage der Zukunft des Volkes, sondern die Bildung wird zur Grundlage der letzteren. Die Sorge um Bildung und Erziehung wird daher im Folgenden auch ausdrücklich zur Pflicht der zuvor zusammengeschweißten Wir-Gruppe patriotischer Forscher erklärt (Text 7b, Z. 10 und Z. 15), zu einer Pflicht, die Wagner durch drei implizite Argumentationen untermauert. Als erstes führt er die patriotische Gesinnung als Argument ins Feld, die er von allen Anwesenden ja erwarten zu können glaubt (Z. 8f.); implizit heißt das, dass der Patriot, dem das Gesamtwohl seines Volks und seiner Nation am Herzen liegt und der (möglicherweise) die Kämpfe von 1848/49 selbsttheilnehmend mit durchgemacht hat (Z. 3f.), auch Bildung und Erziehung von Volk und Nation, als wesentlichen Einzelpunkten des allgemeinen Wohls, nicht aus den Augen verlieren darf. Als zweites greift Wagner auf eine implizite a minore-Argumentation zurück, denn wenn sogar die „grossen Heiden des klassischen Alterthums“ sich die fragliche Pflicht als „erste sittliche Anforderung“ stellten (Z. 10f.), dann lässt sich das am sinnvollsten dahingehend im Sinne Wagners interpretieren, dass die Christen der Gegenwart diese Pflicht umso mehr zu erfüllen hätten. Bei der dritten und letzten Stützung der Bildungssorgepflicht liegen die Dinge etwas komplizierter: Zum einen bereits für sich selbst genommen, zum anderen aber auch, da eine vierte implizite Argumentation (diesmal für die Notwendigkeit, außerwissenschaftliche Konsequenzen der Forschung zu berücksichtigen) in sie verschachtelt ist. Für beide zieht Wagner am Ende von Text 7b zunächst weitere Personen(gruppen) heran, die – wie er impliziert (vgl. Z. 11ff.) – je für sich ihren Pflichten gemäß handeln und daher den Forschern deren Pflichten sicher nicht erlassen würden; ausgedrückt wird dies im Rahmen einer rhetorischen Frage, mit der Wagner sich direkt an die Zuhörer wendet („glauben Sie, etc.“; Z. 11). Die Anwesenden sind damit endgültig nicht mehr nur beiwohnende Adressaten eines Redens über etwas, sondern das unmittelbare und fordernde Angesprochenwerden, das sich schon im Einbezogensein in das vorausgehende ,Wir‘ und ,Uns‘ abzeichnete, wird nun erstmals (und vorerst noch kurz) sehr konkret, bevor es das Ende der Rede dominieren wird. Was nun aber zunächst die in dieser rhetorischen

274 Frage enthaltene implizite Argumentation für die Bildungssorgepflicht angeht, sieht es auf den ersten Blick so aus, als sollte hier in einer weiteren a minore-Argumentation aus dem Verhalten von „einfache[n], schlichte[n] Bürgern“ (Z. 13), die der Göttinger Versammlung nicht angehörten, aber dennoch „ihre Lebensaufgabe in Förderung des grossen Ganzen“ sähen (Z. 14f.) und ihre diesbezüglichen Pflichten also ernst nähmen, eine entsprechende Verpflichtung auch für die anwesenden Forscher abgeleitet werden. Da die Gruppe derer, die Wagner als Vorbilder heranzieht, aber doch sehr weit ausgedehnt wird, letztlich auf alle männlichen Bürger („Männer“; Z. 11f.), die sich „in Kunst und Wissenschaft, in Staat und Kirche“ engagierten (Z. 13f.), handelt es sich zwar qualitativ – vielleicht – noch um einen Schluss a minore (von einfachen Bürgern auf etablierte Naturforscher), stärker dürfte hier aber doch das Argument einer großen pflichtbewussten Mehrheit wirken,190 der es sich anzuschließen gilt, auch wenn Wagner sie eigentlich nur hypothetisch postuliert und nicht auf konkrete Beispiele verweist. Unabhängig davon werden die anwesenden Naturforscher hier aber als Patrioten, als Christen und eben auch als Mitglieder einer vielfältig gegliederten Gesellschaft nachdrücklich für den Erhalt der letzteren in die Pflicht genommen. Äußerst interessant ist dabei – im (gesamt)gesellschaftlichen Zusammenhang – die bereits erwähnte vierte Argumentation zur Stützung des Anspruchs, dass die Wissenschaft die außerwissenschaftlichen Folgen ihrer Resultate im Auge behalten müsse; sie ist die unscheinbarste, aber möglicherweise bedeutendste, die hier realisiert wird: Wagner lässt die als Vorbilder beanspruchten einfachen Bürger ihre pflichtgemäße „Lebensaufgabe in [der] Förderung des grossen Ganzen sehen“ (Z. 14f.) und argumentiert so (im Kontext von Forschungsresultaten einerseits und von Bildung und Zukunft des ganzen Volkes andererseits) unter Rückgriff auf ein implizites Teil/Ganzes-Schema191 dafür, dass die Konsequenzen einer Sache für das Ganze stärker zu gewichten seien als die Konsequenzen für einzelne von dessen Teilen. Im Hinblick auf Forschungsergebnisse lässt das nun durchblicken (zurückweisend auf Z. 4ff.), dass deren eventuell negative Konsequenzen, die sich für die Gesellschaft als Ganzes ergäben, stärker gewichtet werden sollten als mögliche positive Konsequenzen für einen gesellschaftlichen Teilbereich, etwa für die Wissenschaft und ihren (bloßen) Erkenntnisfortschritt. Dabei gilt für Wagner ja aber (auch wenn es hier nicht ausdrücklich angerissen wird), dass schädliche Resultate der Forschung für ihn falsche Resultate sein müssen, da die Forschung der Offenbarung nicht widersprechen kann; zumindest dann nicht, wenn die erstere tatsächlich die Wahrheit verfolgt. Die Rücksicht auf gesellschaftlich-politische Folgen der Wissenschaft erschiene damit in 190

Entsprechend Kienpointner (1992: 276, Schema 17) mit der Schlussregel: Was die Gesamtheit/die Mehrheit tut, soll man selbst auch tun. 191 In Anlehnung an Kienpointner (1992: 279, Schema 16) und seine Varianten.

275 letzter Konsequenz als eine Art von Kontrollmechanismus für – aus Wagners Sicht tatsächlich – die Wahrheit wissenschaftlicher Resultate. Zusammenfassend lässt sich zu Text 7b sagen, dass Wagner (nach dem nur suggestiven Aufzeigen der beiden Welt- und Menschenbildalternativen in Text 7a) nun damit beginnt, direkten Druck auf seine Zuhörer auszuüben, in der Absicht, sie auf bestimmte Haltungen oder Handlungen zu verpflichten: Wer als Naturforscher Patriot sein will, wer (mindestens) so gut sein will, wie Heiden oder gewöhnliche pflichtbewusste Bürger, wer sich der Mehrheitshaltung nicht verweigern will, der muss seiner Pflicht für die Bildung des Volkes nachkommen (wobei, hinsichtlich der Stoßrichtung des Ganzen, vor Text 7a der Materialismus ja bereits mit mangelnder Bildung in Zusammenhang gebracht worden war). Die Argumente, die hier zur entsprechenden Haltung bzw. Handlung verpflichten sollen, sind dabei in ihrer Grundsätzlichkeit durchaus nachvollziehbar; egal ob a minore, über die Mehrheit oder über das Ganze und seine Teile: Derjenige in einer verantwortlichen Position sollte seine Pflichten mindestens ebenso ernst nehmen, wie derjenige in einer weniger verantwortlichen Position; genau dasselbe gilt für den Christen (mit dem hohen sittlich-moralischen Anspruch seiner Religion) gegenüber dem Heiden sowie für den Einzelnen gegenüber der Mehrheit. Pflichtbewusstsein dürfte wohl überhaupt, egal von welcher ideologischen Warte aus, positiv bewertet werden; und sogar in der Bedeutung der Sorge für Bildung und Erziehung dürften Wagner und Vogt noch derselben Ansicht sein. Bei der Erfüllung dieser Pflicht aber außerwissenschaftliche Aspekte vor die faktischen Ergebnisse der Forschung zu stellen, dem könnte Vogt nicht zustimmen, da die faktischen Resultate (Sorgfalt bei der Anwendung der wissenschaftlichen Methode sicher vorausgesetzt) für ihn auch der faktischen Wahrheit entsprechen, die nicht mehr durch irgendetwas Außerwissenschaftliches sanktioniert werden muss bzw. darf. Zudem bringt für Vogt gerade die unbehinderte faktische Wahrheit die Wissenschaft und damit den Menschen, die Gesellschaft und den Staat voran und nützt damit auch der Gesamtheit, während die nach außerwissenschaftlichen Interessen gefilterte ,Wahrheit‘ für ihn nur im Interesse bestimmter Gruppen sein kann. Auch Vogt würde damit also das Ganze vor seine Teile stellen, nur eben unter anderen Vorzeichen als Wagner. Insgesamt gesehen nutzt Wagner also schlüssige Argumentationsschemata, dies jedoch für ein Ziel, das nur vor dem Hintergrund seiner weltanschaulich und wissenschaftlich bedingten Prämissen (die sich notwendig von denen Vogts unterscheiden) und damit wohl auch nur für Anhänger seiner eigenen Position akzeptabel wäre. Zudem sind Wagners Argumentationen eben natürlich keine in der eigentlichen Sache der Leib/Seele-Frage, sondern primär Argumentationen für die Notwendigkeit der Sorge für die nationale Bildung; insofern als sie für die Hörer zur Grundlage einer Entscheidung gegen

276 den Materialismus bzw. für den Dualismus werden sollen, sind sie in der Leib/Seele-Frage dann zwar sekundäre Argumentationen, jedoch einmal mehr auf der Grundlage nichtstandardepistemischer Faktoren. 3.7.2.5 Ein letzter (impliziter) Appell Nachdem Wagner in seiner Rede seinen Hörern bisher nun (erstens) in Text 7a zwei Menschen- und Weltbildalternativen (die erhabene traditionelle und die trostlose materialistische) zur ,Wahl‘ gestellt, sie (zweitens) in Text 7b hinsichtlich der Resultate ihrer Forschungen auf Verantwortung für die Bildung und damit für die Zukunft des deutschen Volkes verpflichtet und (drittens) den Materialismus schon vor Text 7a mit der „fortschreitenden Abnahme allgemeiner Bildung“ (Wagner 1854a: 19) in Verbindung gebracht hatte, nimmt er auf dem Weg zum Abschluss seiner Rede nun einen kurzen, scheinbaren Umweg über den inzwischen (1853) verstorbenen Joseph Maria von Radowitz, der „in den Kämpfen der jüngsten Vergangenheit“ eine „der hervorragendsten Rollen gespielt“ und darin „unserem Volke seine besten und reinsten Kräfte gewidmet“ habe (ebd.: 26). Wagner spielt damit sicher auf Radowitz als ehemaligen konservativen Abgeordneten der Frankfurter Paulskirche an, und er schließt ihn damit zumindest als Patrioten (wenn auch natürlich nicht als Naturforscher) maßgeblich in die in Text 7b etablierte Gemeinschaft mit ein. Er zitiert Radowitz auch erneut mit den Worten, dass als „Grundlage der Moral, Religion und Politik für die entchristeten Massen [...] die Fortdauer nach dem Tode wieder zur Gewissheit aller [zu] erheben“ sei (Wagner 1854a: 27), und bezeichnet dies, nach allem in Text 7b Vorausgegangenem, nun als „das wesentliche [sic] seiner [d.h. Radowitz‘] Forderungen für die Bildung der Nation“ (ebd.; eig. Hervorheb.); bemerkenswert ist, dass Wagner hier ferner betont, dass er selbst „ein Gelübde gethan“ habe (ebd.: 27; eig. Hervorheb.), dieses Wesentliche von Radowitz‘ Forderungen zu erfüllen, und dass er nun vor der Göttinger Versammlung spreche, „um diesem [Gelübde] zu genügen“ (ebd.; eig. Hervorheb.). Wagner macht hier also nicht nur erstmals deutlich klar, dass die Pflicht für die Bildung der Nation v.a. auf die (erneute) Durchsetzung des Unsterblichkeitsglaubens und damit des Glaubens an die eigenständige Seele hinauslaufen muss, sondern er führt seinen Einsatz in dieser Sache ein weiteres Mal auf völlig nichtepistemische Gründe zurück:192 diesmal auf die Bindung an einen Eid, nachdem er

192

Auch wenn Wagner sein Gelübde eingegangen sein sollte (was wahrscheinlich ist), weil er den Kampf für den Dualismus und gegen den Materialismus aus religiösen und gesellschaftlich-politischen (also aus nichtstandardepistemischen) Gründen für nötig betrachtet, ist derselbe Kampf zur Erfüllung des Gelübdes kein unmittelbar aus der Sache heraus begründeter mehr – und damit völlig nichtepistemisch.

277 in Text 2a (Z. 40f.) hervorgehoben hatte, dass er den frivolen Materialismus seiner „innern Natur nach stets auf das entschiedenste bekämpfen werde“. Nachdem Wagner also endgültig die ,Kampfrichtung‘ (Einsatz für die eigenständige Seele) für die versammelten Forscher vorgegeben und mit seinem Gelübde wohl v.a. die eigene Entschlossenheit (sicher v.a. als Vorbild) hervorgestrichen hat, nimmt er den damit aufgebauten (Nach-)Druck am Ende seiner Rede (äußerlich) doch wieder etwas zurück. Er unterstreicht die Frage nach der Natur der Seele und ihrem Verhältnis zum Körper zwar nach wie vor als etwas unmittelbar Aktuelles und Wichtiges, warnt nun aber doch davor, dass man sich bei der Suche nach einer Antwort darauf nicht über „unsere vermeintliche Weisheit in der Erkenntniss des Wesens der Dinge täuschen“ dürfe, sondern vielmehr die „Natur unseres eigenen Erkenntnissvermögens von Neuem aufmerksam [...] prüfen“ sollte (Wagner 1854a: 28); die vermeintliche Weisheit in der Erkenntnis, die es vor übereilten Aussagen zur Seele zu prüfen (im eigentlichen Sinn wohl: zu zügeln) gilt, ist nun aber nur die wissenschaftliche, empirische Erkenntnis, deren Ergebnisse für Wagner eben zur Skepsis mahnen, wenn sie der Offenbarung (die ja göttlich verbürgt ist) widersprechen (was der Materialismus in der Seelenfrage ja tut). Dass hier tatsächlich nur die Wissenschaft in ihre Schranken verwiesen werden soll, zeigt sich, wenn Wagner – nach der Zitierung von Radowitz‘ Forderung (nach Stärkung des Seelenglaubens) und angesichts der vorausgehenden Texte 7a (Menschen- und Weltbildalternativen) und 7b (Bildungssorgepflicht) – dann als Abschluss seiner Rede zwei letzte Fragen an seine Hörer richtet und dabei auch einen letzten deutlichen Hinweis auf die Antwort mitliefert, wie er sie sich vorstellt und wie er sie damit auch ihnen anempfiehlt. TEXT 7c (Wagner 1854a: 29f.; Orig. in Antiqua)

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Halten Sie den Zustand unserer Wissenschaft wirklich für hinreichend reif, um aus deren Mittelpunkt heraus die Frage über die Natur der Seele überhaupt zu entscheiden? Und wenn dies, sind Sie geneigt, auf die Seite Derjenigen zu treten, welche eine eigenthümliche Seele läugnen zu müssen glauben? D i e s e b e i d e n F r a g e n s i n d r u n d, k l a r u n d b e s t i m m t f o r m u l i r t. M ö c h t e I h r e A n t w o r t, w e n n S i e j e a u f d e m W e g e I h r e s w i s s e n s c h a f t l i c h e n o d e r p r a k t i s c h e n B er u f s i n d e n F a l l k o m m e n, e i n e s o l c h e z u e r t h e i l e n, eben so unzweideutig a u s f a l l e n. Alle Halbheit ist d e s f r e i e n w i s s e n s c h a f t l i c h e n F o r s c h e r s u n w ü r d i g. A b e r i c h k a n n m i r n i c h t d e n k e n, d a s s S i e b e i e i n e r ernsten Vertiefung in den Gegenstand zu Resultaten k o m m e n s o l l t e n, w e l c h e d i e N a t u r w i s s e n s c h a f t e n i n d e n V e r d a c h t b r i n g e n m ü s s e n, d i e s i t t l i c h e n G r u n dl a g e n d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n O r d n u n g v ö l l i g z u z e rs t ö r e n. N u r i n d e m w i r d i e s e s t ü t z e n u n d e r h a l t e n, e rf ü l l e n w i r e i n e P f l i c h t g e g e n d i e N a t i o n. U n s e r e N a c h k o m m e n w e r d e n u n s d a r ü b e r R e c h e n s c h a f t a b f o rd e r n.

278 Wagner erweckt am Ende seiner Rede bei der Frage nach der Natur der Seele für einen Moment den Eindruck, als entscheide er sich für etwas, das seiner Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Menschen analog ist: für ein ,wir wissen es (noch) nicht‘. Dieser Eindruck wird jedoch nicht erst durch sein suggestives Auftreten im folgenden gesperrt gedruckten Teil des Textes193 relativiert, sondern beim aufmerksamen Lesen (und möglicherweise auch beim aufmerksamen Zuhören) bereits bei den beiden einleitenden Fragen. Zumindest bei der ersten von ihnen (Text 7c, Z. 1ff.) handelt es um eine rhetorische, in der er seine Erwartung ausdrückt, dass die Zuhörer, die nun wieder unmittelbar angesprochen werden, die Wissenschaft eben nicht „wirklich für hinreichend reif“ halten, um die gestellte Frage nach der Seele aus ihr selbst heraus zu beantworten. Nicht reif dürfte dabei, nach den vorausgehenden erkenntniskritischen Bemerkungen, heißen: ,nicht reif für eine sichere, wahrheitsgemäße Antwort von wissenschaftlicher Seite aus‘, und Wagner signalisiert diese Haltung damit natürlich auch als seine eigene. Die rhetorische Frage selbst behandelt er im Folgenden dann aber doch so, als sei sie eine tatsächliche Entscheidungsfrage – als akzeptiere er, dass die Wissenschaft in der aufgeworfenen Problematik doch für entscheidungsfähig gehalten werden könnte und als biete sich damit die (wissenschaftliche) Möglichkeit zur Parteinahme für den Materialismus theoretisch an, selbst wenn die zweite Frage des Textes (Z. 3f.), die dies impliziert, den Hörern doch bereits gleichzeitig die Entscheidung gegen diese Wahl nahelegt. Wie dem aber auch sei: Ausdrucksseitig stellt Wagner auch diese zweite Frage als Entscheidungsfrage, und ihre pragmatische Ebene erschließt sich auch erst dann vollkommen, wenn man sie zunächst ganz wörtlich nimmt: Wenn man die Wissenschaft reif für eine Antwort auf die Leib/Seele-Frage hielte (also noch bevor man überhaupt die konkrete Antwort gefunden hätte), wäre man dann „geneigt, auf die Seite Derjenigen zu treten, welche eine eigenthümliche Seele läugnen zu müssen glauben?“ Das heisst nun aber, dass man sich noch vor der Suche nach der Antwort über den Umgang mit ihr klar werden müsste, und was Wagner damit in letzter Konsequenz impliziert, ist entweder, dass man die Frage wissenschaftlich besser gar nicht beantworten wollen oder ihre Antwort im ungünstigen Fall (wenn man zu einem monistischen Ergebnis kommen könnte) zumindest für sich behalten sollte; letzteres aus wichtigeren, übergeordneten Interessen, nach allem was in den Texten 7a und 7b über das materialistische Welt- und Menschenbild und die Pflichten der Wissenschaft zur Bildung des Volkes gesagt worden war. Diese im ersten Absatz noch sehr implizit gehaltenen Punkte verdeutlichen sich im Rest des Textes, in dem die Zuhörer kaum noch verhohlen auf die 193

Der als solcher natürlich nur in der Druckversion relevant ist, wobei man sich im Vortrag aber andere Mittel der Hervorhebung des entsprechenden Abschnitts vorstellen kann.

279 richtige Antwort für das Leib/Seele-Problem verpflichtet werden (verpflichtet im wahrsten Sinn des Wortes). Wagner geht es dabei zudem nicht nur um die richtige Haltung, sondern auch um deren Entschiedenheit. Nachdem er eine „rund, klar und bestimmt formulirt[e]“ Frage gestellt habe (Z. 5f.), glaubt er von den unmittelbar angesprochenen Zuhörern eine „eben so unzweideutig[e]“ Antwort erwarten zu können (Z. 9). Diese Forderung hält einer Prüfung natürlich nicht stand, da sich zu den kompliziertesten Dingen runde, klare, bestimmte und unzweideutige Fragen formulieren, dann aber nicht notwendigerweise ebenso beantworten lassen. Zudem hatte Wagner seinem Gegner interessanterweise ja genau das (das Vereinfachen) wiederholt vorgeworfen und noch in der Rede selbst Vogts Ausführungen zur Leib/SeeleProblematik, wohlgemerkt kritisch, als „runde [!] und bestimmte [!]“ Antwort auf „eine delikate Frage“ bezeichnet (Wagner 1854a: 22) und ihn ironisch dafür gelobt, dass man sich bei ihm wenigstens nicht „[ü]ber Zweideutigkeit“ (!) beklagen müsse (ebd.). Wenn Wagner nun sagt, dass „alle Halbheit [...] des freien wissenschaftlichen Forschers unwürdig“ sei (Text 7c, Z. 9f.), so muss für den aufmerksamen Leser (bzw. für den aufmerksamen Zuhörer) hier also der Eindruck entstehen, dass Wagner sich mit seiner Forderung und mit seiner nur wenig früheren Kritik entweder selbst widerspricht, oder aber, dass es ihm auf Klarheit, Bestimmtheit und Unzweideutigkeit nicht an sich, sondern nur bei der richtigen Antwort ankommt; Vogt drückt sich zwar klar usw. aus, aber (aus Wagner Sicht) eben falsch in der Sache. In welche Richtung eine unzweideutige Antwort gehen sollte, wird dann im unmittelbar Folgenden sehr deutlich, wenn Wagner sich (nachdrücklich suggestiv) überzeugt gibt, dass keiner der Anwesenden „bei einer ernsten Vertiefung in den Gegenstand zu Resultaten kommen [sollte], welche die Naturwissenschaften in den Verdacht bringen müssen, die sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung völlig zu zerstören“ (Z. 11ff.). Dass das Zerstörerische dabei die Leugnung der Seele ist, ist aus dem nicht allzu weit vorausgehenden Radowitz-Zitat und auch aus Z. 3f. von Text 7c selbst wohl ausreichend klar. Und wenn Wagner am Ende seiner Rede zudem die Stützung und den Erhalt dieser sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung (und nicht mehr die Bildung des Volkes) unmittelbar „zur Pflicht gegen die Nation“ (Z. 17) erklärt, dann dürfte auch dies nicht nur dann als Aufforderung zum Vorbauen gegen den Materialismus und seinen Leib/Seele-Monismus verstanden werden, wenn man den sechsten Physiologischen Brief Wagners kennt (vgl. Text 2a, Z. 55ff. und Text 2b, Z. 1ff.), sondern auch dann, wenn man sich an Text 7a (Z. 14ff.) erinnert, wo dem materialistischen Weltbild jede sittliche Basis abgesprochen worden war. Am Ende seiner Rede194 hat Wagner damit „einen Bannfluch gegen den Materialismus in den 194

Text 7c schließt diese ab.

280 Naturwissenschaften“ ausgesprochen (Hagner 2007: 217): Aufgabe der Wissenschaft ist aus seiner Sicht nicht die schnelle, bedenkenlose Verbreitung all ihrer ,Ergebnisse‘ (v.a. dann nicht, wenn diese aus Offenbarungssicht problematisch – bzw. eben falsch – sind); ihre Aufgabe ist, wie gesagt, auch nicht mehr in erster Linie die Bildung des Volkes, sondern (wenn auch über diese Bildung) endgültig der Schutz der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, die der Materialismus gefährdet. Und Wagner untermauert die sich daraus eben ergebende Verpflichtung für jeden einzelnen der anwesenden Forscher und Ärzte nun auch nicht mehr mit dem bloßen Hinweis auf die Folgen für das Wohl einer anonymen Gesellschaft ganz allgemein, sondern mit dem Hinweis auf das Wohl der eigenen Kinder und Kindeskinder in ihr (Z. 17ff.). Wenn Wagner damit nun endgültig und offen die staatliche und gesellschaftliche Raison vor die Freiheit der Wissenschaft stellt, dann erklärt sich dies sicher nicht aus einem Umschwung seiner Überzeugung, dass die wahrheitsgemäße Forschung nur zur Wahrheit der Offenbarung führt oder diese zumindest unangetastet lässt (und dass insofern auch keine wirkliche Gefahr für die Wahrheiten des Glaubens wie z.B. die eigenständige Seele besteht), sondern sein Vorgehen rührt wohl daher, dass er hier zu Hörern spricht, die in diesem Punkt möglicherweise anders denken (die Glaube und Wissenschaft wirklich trennen), denen aber dennoch an den bestehenden Verhältnissen gelegen ist; aber auch sie sollen von seinem Appell erreicht werden und v.a. sie sollen ihre Ergebnisse um höherer Interessen Willen im Zweifelsfalle zurückhalten, auch wenn sie sie für die Wahrheit halten. Ihnen gegenüber ist für Wagner und diejenigen, die ebenso denken wie er, aber weiterhin klar, dass aus Offenbarungssicht problematische Ergebnisse nicht richtig sein können und dass die entsprechenden Ergebnisse schon allein deshalb nicht zu verbreiten sind. 3.7.2.6 Zusammenfassung Die Rede vor der Göttinger Versammlung markiert Wagners zweiten Strategiewechsel in der Auseinandersetzung mit Vogt: Nach dem sechsten Physiologischen Brief (Wagner 1851/52, wo der Materialismus zwar noch in einer physiologischen Kritik ,widerlegt‘, ansonsten aber v.a. zu einer gesellschaftsgefährdenden Bedrohung erklärt worden war, gegen die der staatlichen und kirchlichen Obrigkeit Maßnahmen nahegelegt wurden) und dem Artikel Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (Wagner 1852, dem zufolge der Materialismus Vogts sich selbst die Spitze abbrach und damit nicht mehr gefährlich war, so dass Wagner ihn in seiner ,Selbstschädigung‘ gerade gewähren lassen wollte) – nach all dem also ist der Materialismus für Wagner jetzt zwar ganz offensichtlich doch wieder eine Bedrohung, dieser Bedrohung ist nun aber anders zu begegnen: Nicht mehr der

281 Obrigkeit (als einem sekundären Adressaten) werden in einem ,Warnschreiben‘ an die breite Öffentlichkeit (als primärem Adressaten) Maßnahmen gegen den Materialismus abverlangt, sondern angesichts der feststehenden Positionen der Offenbarung werden nun die für das wissenschaftliche Weltund Menschenbild verantwortlichen Naturforscher direkt und unmittelbar, als persönliche und einzige Adressaten einer Rede, für die Stützung und Bewahrung der bestehenden Ordnung in die Pflicht genommen. Wagners Strategie ist nun also ein mehr konstruktives, positives Vorgehen. Es erfolgt dabei nun auch keinerlei Prüfung der wesentlichen inhaltlichen Argumente der Gegner mehr; der entsprechende Eindruck, der zu Beginn des zweiten Redeteils (vgl. Wagner 1854a, 19f., sowie oben, S. 260f.) vermittelt worden war, bestätigt sich nicht. Die Natur der Seele und ihr Verhältnis zum Körper werden aber auch aus dualistischer Sicht nicht wissenschaftlich erörtert, die Seelensubstanz außer im Zusammenhang mit Titel der Rede zudem überhaupt nicht mehr erwähnt.195 Letztlich wird also in der Tat nur für die gesellschaftliche Notwendigkeit der Annahme einer Seele plädiert, nicht aber für ihre wissenschaftliche Berechtigung, und letztlich kann bei Wagners Rede damit nur im ersten Teil (der Menschenschöpfung, wo aber ebenfalls ein starkes religiöses Element vorhanden ist) überhaupt von einem wissenschaftlichen Beitrag gesprochen werden. Denn auch wenn Wagner im zweiten Teil die Forschung wenigstens insofern ins Spiel bringt, als er sie in Text 7c zur Vorsicht in ihren Aussagen zur Seele mahnt, so tut er auch dies nicht so sehr aus wissenschaftsinternen, standardepistemischen Gründen, sondern (in einem sicher aufrichtigen Glauben) v.a. angesichts des Vorrangs der feststehenden Offenbarung hinsichtlich der Sicherheit ihrer Inhalte. Trotz der unbestreitbaren inhaltlichen Relevanz von Wagners Äußerungen für die Auseinandersetzung mit Vogt, stellt sich angesichts des adressatenbezogenen Rahmenwechsels bei Menschenschöpfung und Seelensubstanz nun auch die Frage, ob hier überhaupt von einem Streitbeitrag gesprochen werden kann, sowie (im unmittelbaren Zusammenhang damit) ob bzw. inwiefern Wagner gegen seine Ankündigung aus Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie verstößt, „nicht mehr weiter mit ihm [d.h. mit Vogt] streiten, oder ihn widerlegen zu wollen“ (Text 4h, Z. 13). Zunächst: Vogt wird namentlich nicht erwähnt, er ist lediglich über seine (ebenfalls nicht mit ihrem Titel genannten) Werke präsent. Natürlich ist er als Autor der in der Rede daraus zitierten Stellen insgesamt Ausgangspunkt des Appells an die anwesenden Forscher; natürlich erfolgt auch über das, was zu den Zitaten oder auf ihrer Grundlage gesagt wird, hinaus ein weiter gehender impliziter Angriff gegen ihn: insofern als seine Ansichten einmal mehr als Gefahr für 195

Auch in der Rede selbst sagt Wagner (1854a: 8), wenn er seinem „Vortrage einen Titel geben soll“, wolle er ihn „ ,Menschenschöpfung und Seelensubstanz‘ nennen“.

282 die Gesellschaft und er selbst damit (im Gegensatz zu den Anwesenden) als verantwortungslos, pflichtvergessen und unpatriotisch dargestellt wird, und insofern ihn Text 7a zudem als Vertreter eines nicht nur trost- und hoffnungslosen, sondern v.a. geradezu inhumanen Welt- und Menschenbildes zeigt. Und natürlich ist Wagners indirektes Vorgehen damit weitgehend ähnlich wie in seinem sechsten Physiologischen Brief, der ja durchaus als Streitbeitrag gewertet worden ist. Bei Menschenschöpfung und Seelensubstanz muss nun aber zwischen der Rede- und der Wagner (1854a: v) zufolge wortlautgleichen Druckfassung differenziert werden: Denn im sechsten Physiologischen Brief war Vogt zumindest sekundärer Adressat gewesen (neben den primären Adressaten der allgemeinen Leserschaft), was bei Wagners Rede als Rede, die vor einem Gremium erfolgt, dem Vogt nicht angehört, nun eben nicht mehr der Fall ist; Wagners Rede ist als Rede ausschließlich Reden über Vogt, gerichtet an und nur an die versammelten Forscher und Ärzte. Sie ist damit ohne jeden Zweifel zwar als Kampf-Beitrag gegen Vogt und seinen Materialismus zu werten, nicht aber als Streit-Beitrag im bisherigen Sinn. Der Wechsel der primären und der Wegfall des sekundären Adressaten konstituieren einen völligen Neuansatz, der zwar auf dem Vorausgehenden aufbaut und es voraussetzt, der aber aufgrund der Rahmenveränderungen nicht mehr als Fortsetzung oder Wiederaufnahme in einem herkömmlichen Sinn betrachtet werden kann. Insofern bricht Wagner sein Vorhaben aus Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie trotz der direkten Bezüge auf die Zweitauflage von Vogts Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände und auf die Bilder aus dem Thierleben vordergründig wohl nicht: Er streitet nicht (unmittelbar) gegen Vogt – und in der Tat widerlegt er ihn ja wie gesehen auch nicht. Als Wagner die Rede im Druck veröffentlichte und sie damit nachträglich vor das ursprüngliche Forum der allgemeinen Öffentlichkeit (einschließlich Vogts) brachte, machte er sie jedoch (wohl) zu einem Streitbeitrag. Dass Wagner seinen Kampf gegen den (vogtschen) Materialismus ursprünglich als Rede vor eine Hörerschaft verlagerte, der der Gegner nicht angehörte, war oben zudem schon als problematisch angesprochen worden. Es handelt sich dabei um einen Verstoß gegen die Norm, nicht gegen einen wehrlosen Gegner zu streiten (vgl. Dieckmann 2005: 131ff., Norm 5.1.3), wozu ausdrücklich auch der abwesende zählt (ebd.: 130); auch van Eemeren/Grootendorst (1992: 208) führen entsprechend als erste ihrer rules for critical discussion an, dass die Streitparteien sich nicht gegenseitig hindern dürften, Standpunkte vorzubringen und in Zweifel zu ziehen, was beides für den abwesenden Vogt natürlich unmöglich ist. Dass Wagner seinen Beitrag wenig später der breiten Öffentlichkeit zugänglich machte, ändert an dieser Problematik übrigens nicht grundsätzlich etwas, denn Vogt konnte sich nun zwar vor dem neuen, allgemeinen Lesepublikum gegen Wagner zu Wort mel-

283 den und sich gegen ihn zur Wehr setzen, den ursprünglichen Zuhörern der Rede gegenüber (zumindest im ursprünglichen Rahmen und der ursprünglich gegebenen Situation) dagegen nicht mehr; hier war Vogt im Nachteil und hier musste er es bleiben (Vogt wird dies in Köhlerglaube und Wissenschaft dann auch thematisieren). Was bei all dem dann den Grund der Druckveröffentlichung angeht, ist natürlich nicht damit zu rechen, dass Wagner die angesprochene ungleiche Situation zumindest teilweise nachträglich bereinigen wollte, sondern sehr viel wahrscheinlicher ist, dass er v.a. den ,Druck‘ auf seine Wissenschaftlerkollegen erhöhen wollte (in einer von ihm – dies muss immer wieder betont werden – ohne Zweifel aufrichtig als wichtig empfundenen Angelegenheit). Wagner wollte sicher ihre Verpflichtung auf die Verantwortung für Bildung und Zukunft der Nation, sowie letztlich auf die Stützung und den Erhalt der bestehenden Ordnung, auch vor einer breiten Öffentlichkeit ,wiederholen‘, die damit (Wagner gegenüber) nicht so sehr zur inhaltlich richtenden oder beurteilenden, sondern (den anderen Wissenschaftlern gegenüber) zu einer fordernden Instanz für die Einhaltung der aufgestellten Verpflichtung werden sollte. Außerdem bot eine Druckveröffentlichung natürlich die Möglichkeit, den Kreis der Angesprochenen über denjenigen der in Göttingen unmittelbar anwesenden Naturforscher hinaus letztlich auf alle patriotischen Wissenschaftler zu erweitern. Die gegen Vogt integrierte und verpflichtete Gruppe musste zur Erreichung von Wagner Ziel ja so groß wie möglich sein.

3.8

Vogts Erklärung In Sachen C. Vogts und R. Wagners contra R. Wagner

3.8.1

Die Erklärung, ihr Auslöser und ihre Veröffentlichung

Vogts Erklärung In Sachen C. Vogts und R. Wagners contra R. Wagner196 (1854b) stellt, wie oben (Kap. 3.0) bereits angerissen, ein Problem dar, da sie die bisher klare Reihenfolge der Streitbeiträge der Auseinandersetzung zwischen Wagner und Vogt durchbricht: Die Reihenfolge der Abfassung und die Reihenfolge der Veröffentlichung stimmen hier nicht vollständig überein. Es handelt sich bei der kurzen Erklärung dabei um eine Stellungnahme, die Vogt, eigenen späteren Angaben zufolge, bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung eingereicht hatte, um dem bevorstehenden Auftritt Wagners in Göt196

Es handelt sich hier sicherlich um eine Titelgebung durch die Redaktion des Stuttgarter Beobachters (BS 226/1854), in dem die Erklärung erschien.

284 tingen einige präventive Bemerkungen zu widmen (vgl. Vogt 11855a: 36f. und 44f.). Gezeichnet ist die Erklärung zwar bereits unter dem Datum des 14. September 1854, also vier Tage vor der Naturforscherversammlung mit Wagners Eröffnungsrede, erstmals gedruckt wurde sie jedoch erst am 27. September im Stuttgarter Beobachter (BS 226/1854: 902f.). Die Reihenfolge der ,Ereignisse‘ ist damit die Folgende: Abfassung von Vogts Erklärung am 14. September, Wagners Rede und ihre Rezeption im Kreis der in Göttingen anwesenden Forscher und Ärzte am 18. September, Veröffentlichung der Erklärung Vogts am 27. September, Druckveröffentlichung der Rede Wagners und ihre breitere Rezeption in der Öffentlichkeit nach dem 27. September (das Vorwort der Druckversion ist auf den 25. September datiert, eine Veröffentlichung vor dem 27. sicher ausgeschlossen); nur hinsichtlich der Rezeption in der breiteren Öffentlichkeit stimmen Abfassungs- und Veröffentlichungsreihenfolge also überein. Wenn hier als ,Erstveröffentlichung‘ von Wagners Menschenschöpfung und Seelensubstanz nun die Rede herangezogen wird und die ,präventive‘ Erklärung erst im Anschluss daran Behandlung erfährt, hat dies v.a. einen Grund: Menschenschöpfung und Seelensubstanz wurde als Rede an die in Göttingen anwesenden Forscher und Ärzte konzipiert, Vogts ,präventive‘ Erklärung (auch wenn dafür ein öffentliches Medium gewählt wurde) dementsprechend als eine Erklärung an in erster Linie dieselben Forscher und Ärzte; genau sie erreichte Vogt nun aber eben erst nach der Göttinger Tagung. Dabei kann hier nun also bereits festgehalten werden, dass Vogt seinem Gegner im Rahmenwechsel hinsichtlich der Adressaten folgte, dass er die ursprüngliche Instanz dabei aber nicht vollkommen außen vor ließ. Als Ansatzpunkt der Erklärung dienen Vogt nun zwei Äußerungen Wagners (über dessen eigene Physiologische Briefe und über dessen dualistische Seelensicht), die beide nicht als Streitbeiträge veröffentlicht worden waren; Vogt (1854b, in BS 226/1854: 903) bezeichnet sie in seiner Erklärung als ,Selbstgeständnisse‘ des Gegners. Die relevanten Ereignisse, die zur besagten Erklärung führten, stellen sich im Einzelnen folgendermaßen dar: Seit Vogts Erwiderung vom 17. (im BS) bzw. 23. Dezember 1852 (in der AZ), hatte die direkte Auseinandersetzung zwischen ihm und Wagner – wie oben bereits gesagt – vorübergehend geruht. Obwohl sich Vogt 1854 in der zweiten Auflage seiner Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände erneut zu Wort meldete, lieferte Wagner bis zu seiner Göttinger Rede keine weiteren Streitbeiträge. In der Zwischenzeit hatten ihn (Wagner) jedoch immer noch seine eigenen Physiologischen Briefe beschäftigt. Im einundzwanzigsten und letzten von ihnen, der bereits am 1. Juli 1852 erschienen war (in AZ 183/1852: 2923ff.), hatte er die Fortsetzung des im dreizehnten Brief umrissenen Pro-

285 gramms197 im Rahmen einer zweiten Serie angekündigt, die in nicht allzu ferner Zukunft nachfolgen sollte, dann aber doch nie realisiert wurde (vgl. Klatt 1997: 17). Auch das Vorhaben einer Buchpublikation der bereits erschienen 21 Briefe, das der Braunschweiger Verleger Eduard Vieweg bereits im Dezember 1851 erstmals an Wagner herangetragen hatte und an dem dieser, wie seine längere Korrespondenz mit Vieweg zeigt,198 anfangs durchaus interessiert war, kam schließlich nicht zustande. Dies lag, ebenso wie die Aufgabe der Fortsetzung, wohl nicht zuletzt an den, wie Wagner es selbst ausdrückte, „vielen höchst schwankenden und sich widersprechenden, von Fachgenossen aber, wie ich höre, meist ungünstigen Urtheile[n]“ über die Physiologischen Briefe (aus einem privaten Brief Wagners, zitiert nach Klatt 1997: 15), die teils noch vor dem Erscheinen des letzten von ihnen laut geworden waren und Wagner schließlich am gesamten Projekt zweifeln ließen. Als er 1853 von einer bereits erfolgten italienischen Übersetzung seiner Briefe in Buchform erfuhr, machte er diese Zweifel in einer Rezension der italienischen Ausgabe erstmals öffentlich, was Vogt in seiner Erklärung dann eben als das erste der beiden Selbstgeständnisse seines Gegners bezeichnete (vgl. Vogt 1854b, in BS 226/1854: 903). Wagner hatte sich in seiner erwähnten ,Selbst‘-Rezension in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen (Wagner 1853) tatsächlich dahingehend geäußert, dass er „nicht die Absicht [gehabt habe], die [...] ,physiologischen Briefe‘ wieder zu sammeln“, sondern dass er sie „vielmehr der allmäligen Vergessenheit übergeben“ wünschte; er müsse „[i]n der That [...] nach den vielen von Freund und Feind vernommenen Urtheilen [...] allmälig die Ueberzeugung gewinnen, [...] etwas in Inhalt und Form, ja vielleicht in der ganzen Aufgabe entschieden Verfehltes dem deutschen Publicum geboten“ zu haben (Wagner 1853: 697f.). Den Grund der ungünstigen Urteile sieht Wagner dabei v.a. in seinen Ausführungen zur Trennung von Wissenschaft und Glauben im sechsten Brief (d.h. zur ,doppelten Buchführung‘) sowie in der zu ,desultorischen‘ Darstellungsweise (vgl. ebd.: 700f.), die er schon im letzten Beitrag der Reihe als verfehlt eingeräumt hatte (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 183/1852: 2924). Vogt hatte nun eigenen Angaben zufolge (vgl. 11855a: 34ff., v.a. 36f.) Wagners ,Selbst‘-Rezension (bzw. sein erstes Selbstgeständnis) ursprünglich nicht zu Gesicht bekommen, wohl aber dessen Neurologische Untersuchungen (1854c), in denen sie (bzw. es) wenig später als Anhang erneut abgedruckt worden war.199 Und in den Neurologischen Untersuchungen, bei denen es sich, wie oben kurz angedeutet, um eine Sammlung von Wagners Veröffentlichungen zur Nerven- und Hirnphysiologie aus den Jahren 1847– 197

Vgl. dazu AZ (61/1852: 969). Vgl. dazu, mit Auszügen aus den Briefen, Klatt (1997: 12ff.). 199 Der Wiederabdruck findet sich in Wagner (1854c: 242ff.). 198

286 54 handelt, habe Vogt neben diesem ersten Geständnis dann auch das zweite gefunden: In einem der Zusätze zu den älteren Beiträgen ist die ausführliche Darlegung der wagnerschen Seelensicht enthalten (vgl. Wagner 1854c: 187ff.; zur Seelensicht vgl. ebd.: 197ff.),200 die oben auch für Kap. 2.3.2.2 herangezogen wurde, und an dieser Stelle (ebd.: 198) äußert Wagner seine Überzeugung, dass für die Betrachtung der Funktion der materiellen Grundlage der Seele (also für die Betrachtung der Funktion des Gehirns und der Nerven) die Frage nach der Natur der Seele unerheblich sei, die durch die Naturwissenschaft ohnehin nicht zur Entscheidung gebracht werden könne; damit (angesichts der Unmöglichkeit der Lösung der Seelenfrage durch die Naturwissenschaft) nötige, so Wagner, „nicht die Physiologie [...] mich zur Annahme einer Seele, sondern die mir immanente [...] Vorstellung einer moralischen Weltordnung“ (ebd.; eig. Hervorheb.). In einer Anmerkung fügt er erläuternd hinzu, dass eine solche Weltordnung, wie sie ihm eben immanent sei, nur angesichts eines „zukünftigen Gerichte[s] und der Wiedervergeltung“ des menschlichen Handelns nach dem irdischen Leben denkbar sei, wofür dann eben auch die „Existenz einer immateriellen individuellen Seelensubstanz“ die Voraussetzung ist. Dies ist Vogt zufolge dann das zweite Geständnis Wagners: die Annahme der eigenständigen Seele aus ausdrücklich nichtwissenschaftlichen Gründen. Vogt berichtet nun später, dass er gleichzeitig mit den Neurologischen Untersuchungen auch von Wagners Teilnahme an der Göttinger Naturforscherund Ärzteversammlung sowie von seiner dort geplanten Rede erfahren habe (vgl. Vogt 11855a: 36f.); mit seiner Erklärung zu den beiden gegnerischen Geständnissen habe er daher der „beabsichtigten Discussion in Göttingen die richtige Bedeutung und den etwa sich Betheiligenden einen Fingerzeig [...] geben“ wollen (ebd.: 44f.). Warum er dafür den Weg über die Augsburger Allgemeine Zeitung gehen wollte, erläutert er in dem Beitrag selbst, wo er sich eingangs (nicht in einem Anschreiben, sondern als Teil der Erklärung) direkt an die Redaktion der Zeitung wendet (vgl. im Folgenden Vogt 1854b, in BS 226/1854: 902f.): Zunächst einmal geht es ihm dort um Wiedergutmachung für seine nur gekürzt veröffentlichte Erwiderung gegen Wagners Artikel Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie, durch die seinerzeit der Eindruck entstanden sei, als habe er, Vogt, in der Auseinandersetzung um die „Werthlosigkeit der von Hrn. Wagner verfaßten physiologischen Briefe“ und um die „Ansicht von der Existenz einer immateriellen Seele [...] den Kürzeren gezogen“. Vogt erwartet von der „Parteilosigkeit“ der Zeitung daher ausdrücklich, dass sie nun das, was er eben Wagners Selbstgeständnisse in genau diesen beiden relevanten Punkten nennt, ihrem 200

Die Stelle ist eine inhaltliche Darlegung von Wagners Ansichten, die nicht als Teil der Auseinandersetzung mit Vogt betrachtet werden kann.

287 „ausgedehnten Leserkreise nicht entziehen“ werde (ebd.: 903). In der Tat geht es ihm bei dieser Veröffentlichung nicht nur darum, dass Wagner selbst sie „in einem so versteckten Winkel [...] bisher begraben“ habe, dass sie „dem größeren Publikum unbekannt geblieben sein müssen“ (also der ursprünglichen Instanz der Auseinandersetzung), sondern auch darum, dass sie ebenso „gewiß den meisten Fachgenossen“ entgangen seien (also den Göttinger Adressaten) (ebd.; eig. Hervorheb.). Mit dem versteckten Winkel bezieht sich Vogt dabei im Fall des ersten Geständnisses (zu den Physiologischen Briefen) sicher auf dessen Veröffentlichung in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen, im Fall des zweiten Geständnisses (zum Grund von Wagners Seelensicht) wohl darauf, dass es sich bei den Neurologischen Untersuchungen um eine Sammlung von einzeln bereits anderweitig veröffentlichten Beiträgen Wagners handelte, die als Sammlung, so ist Vogt wohl zu verstehen, kein allzu großes erneutes Interesse erwarten konnten, während das relevante Geständnis nun aber in einem Zusatz geäußert wurde, der nur in dieser Sammlung erschienen war. Wie schon im Fall der Erwiderung (Vogt 1852b) verzögerte die Allgemeine Zeitung die Veröffentlichung der Einsendung Vogts offenbar auch jetzt. Dieser wandte sich daher am 20. September 1854201 (wie ja schon im Fall seiner Erwiderung) an den Stuttgarter Beobachter, der die Erklärung am 27. September erstmals druckte – wohlgemerkt in der Form, in der Vogt sie an die Allgemeine Zeitung geschickt hatte, also einschließlich der an die Augsburger Redaktion gerichteten Einleitung und wiederum wie im Fall der Erwiderung auch zusammen mit einem (tatsächlichen oder vorgeblichen) Anschreiben an den Beobachter, in dem Vogt erklärt, dass die Allgemeine Zeitung den Beitrag noch nicht veröffentlicht habe; anders als beim ersten Mal scheint diese ihn nun jedoch auch später nicht mehr gedruckt zu haben.202 In dem für die Auseinandersetzung relevanten Teil seiner Erklärung geht Vogt nun wie gesagt auf Wagners zwei Selbstgeständnisse ein: TEXT 8 (Vogt 1854b, in BS 226/1854: 903; Original in Fraktur) In Bezug auf den ersten Punkt sagt Wagner (Neurologische Untersuchungen. Göttingen bei G. Wigand, 1854, S. 242): „In der That muß ich nach den vielen von Freund und Feind vernommenen Urtheilen über diese Briefea allmählich die Ueberzeugung gewinnen, d a ß i ch e t w a s i n

201 202

Datum des (wieder mit abgedruckten) Anschreibens an den Stuttgarter Beobachter. Für die Zeit bis zum Erscheinen von Wagners Ueber Wissen und Glauben (1854b) mit seinem Eingehen auf Vogts Erklärung und sogar bis zum erneutem Abdruck der Erklärung in Köhlerglaube und Wissenschaft (Vogt 11855a), also für die relevanten Monate von September 1854 bis einschließlich Januar 1855, kann eine Veröffentlichung in der Allgemeinen Zeitung nach Durchsicht der entsprechenden Ausgaben ausgeschlossen werden.

288 5

10

15

I n h a l t u n d F o r m, j a v i e l l e i c h t i n d e r g a n z e n A u f g a b e V e r f e h l t e s dem deutschen Publikum geboten habe.“ Was bleibt? Druck und Papier der Cotta’schenb Offizinc! In Bezug auf den zweiten Punkt sagt Wagner (in demselben Buche S. 198): „Ich wiederhole es: N i c h t d i e P h y s i o l o g i e nöthigt mich zur Annahme einer Seele, sondern die mir immanente und von mir unzertrennliche Vorstellung einer moralischen Weltordnung.“ Da Hr. Wagner somit die Annahme einer Seele für einen rein individuellen Glaubensartikel erklärt, der n i c h t auf physiologischen Gründen, sondern auf ihm persönlich immanenten Vorstellungen beruht, so bedarf es, denke ich, von Seiten derjenigen, die eine solche immanente Vorstellung einer moralischen Weltordnung nicht besitzen, auch keiner weiteren Bekämpfung des P h y s i o l o g e n Wagner und seines im gedachten Buch weiter ausgesponnenen Glaubens. Genf, 14. Sept. 1854 C. Vogt. a

D.h. die Physiologischen Briefe Wagners. b Die Allgemeine Zeitung (Augsburg) erschien im Stuttgarter Verlag von C.G. Cotta. c Druckerei.

3.8.2

Die Analyse

Vogt geht in Bezug auf beide Punkte seiner Erklärung gleich vor; er zitiert den Gegner und kommentiert das Zitat, indem er es in seiner (aus Vogts Sicht) eigentlichen Bedeutung für die Auseinandersetzung sozusagen in ,Klartext‘ überträgt. Dabei fällt auf, dass Vogt genaue Quellennachweise für die Zitate gibt (Text 8, Z. 1f. und Z. 9). Er will damit zeigen, dass er nichts (auch nicht ihren Kontext) zu verbergen hat, und er scheint sie damit (als die zentralen nachträglichen Belege für die Berechtigung seiner früheren Angriffe) leicht nachprüfbar machen zu wollen. Sein früherer Verriss der gegnerischen Physiologischen Briefe in seinen eigenen Bildern aus dem Thierleben wird im entsprechenden Kommentar zum ersten Zitat nun in nur zwei Kurzäußerungen noch radikalisiert (Z. 7f.); es handelt sich dabei um eine kurze Frage, die gerade aufgrund ihrer Knappheit und Unvermitteltheit einen ausgesprochen aggressiv fordernden Charakter trägt: Vogt stellt nicht so sehr eine Frage, er fordert vielmehr eine Antwort, die er dann auch selbst, prompt und vernichtend, gibt. Er führt dabei (ähnlich wie Wagner in Text 4g) sozusagen eine Subtraktion durch, um zu verdeutlichen, was nach Abzug von Inhalt, Form und beabsichtigter Aufgabe (Z. 5) von den gegnerischen Briefen überhaupt noch übrig bleibt, und er umreißt es als nichts anderes als den rein materiellen, aber für die Wissenschaft und ihren Erkenntnisfortschritt eben vollkommen irrelevanten Wert ihrer Druckerschwärze und des Materials, auf dem diese aufgebracht ist (Z. 8). Die Physiologischen Briefe werden damit selbst noch unter die „Stylübungen“ aus Text 3b (Z. 10) degradiert; mit anderen Worten vernichtet Vogt die Physiologischen Briefe hier nicht mehr nur

289 als solche (also als physiologische Briefe), sondern er löscht sie vollkommen aus – und dies zudem ausgerechnet mit Hilfe der Worte ihres eigenen Autors. Vogt zeigt in Wagners eigenen Worten dann aber auch zweitens noch, dass dessen Seelensicht, wie oben schon gesagt, nicht auf wissenschaftlichen, nämlich nicht auf physiologischen Gründen beruht (vgl. Text 8, Z. 10ff. und 13ff.), sondern auf etwas anderem: auf einem „rein individuellen Glaubensartikel“ (Z. 13f.). Er wiederholt hier zwar auch die Formulierung der dem Gegner „persönlich immanenten Vorstellungen“ (Z. 14f.), fasst dabei aber nicht so scharf, wie es mit der Terminologie nach McMullin (1987) möglich gewesen wäre, dass Wagners Gründe für die Annahme einer eigenständigen Seele damit – streng genommen – als völlig nichtepistemisch zu werten sind: ebenso wie seine Ablehnung des Materialismus aufgrund seiner (Wagners) innern Natur (vgl. Text 2a, Z. 40) und wie sein Einsatz zur Durchsetzung des Seelenglaubens aufgrund eines Gelübdes (vgl. Wagner 1854a: 27). Vogt geht es hier, mit der Betonung von „individuell“ und „persönlich“ (Text 8, Z. 13 und 14), nun aber auch sehr viel direkter um die Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Objektivierbarkeit bzw. zumindest um die mangelnde wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit203 von Wagners entsprechenden Vorstellungen, was diese ebenso aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen soll wie der direkte Kontrast, der sich aus der Gegenüberstellung von den „physiologischen Gründen“ und dem „Glaubensartikel“ (bzw. despektierlicher: dem „ausgesponnenen Glauben“) ergibt (Z. 13f., 14 und 18) und mit dem er sich wieder in den Bahnen der entsprechenden Gegensätze aus den Bildern aus dem Thierleben bewegt. Nach dem zweitem Geständnis ist es aber nun nicht mehr Vogts Strategie, dem Gegner pauschal den Beruf des Physiologen abzusprechen (wie er es eben v.a. in den Bildern getan hatte), sondern ihn konkreter als Forscher zu zeigen, der seine Voreingenommenheit in einer wissenschaftlichen Frage (und gerade in der für die Auseinandersetzung zentralen) offen zugeben hat. Denn dies liefert Vogt nun die nötige Grundlage für den abschließenden und wichtigsten Punkt seiner Erklärung: Unter der impliziten Prämisse, dass es sich bei der Seelenfrage, wie sie zum Streitgegenstand zwischen ihm und Wagner geworden ist, um ein physiologisches Problem handelt, was ja auch Wagner (vgl. Text 2a, Z. 37f.) zumindest zum Teil so sieht, begründet Vogt aus dem Umstand, dass sein Gegner in dieser Auseinandersetzung nicht als Physiologe, sondern eben voreingenommen als Glaubender auftritt (belegt an Äußerungen aus dem fachwissenschaftlichen Rahmen der Neurologischen Untersuchungen, in denen es Wagner folglich auch nur um die ,physiologische‘ Seele gehen sollte, in dem es ihm aber offensichtlich doch auch maßgeblich um die Seele im ,übernatürlichen‘ Sinn geht), dass es folglich auch „keiner weiteren Bekämpfung des P h y s i o l o203

Es geht ausdrücklich um physiologische (Geltungs-)Gründe (Text 8, Z. 14).

290 g e n Wagner und seines im gedachten Buch weiter ausgesponnenen Glaubens“ (Text 8, Z. 17f.) mehr bedürfe: eben weil Glauben und Glaubende in wissenschaftlichen Fragen für Vogt keinerlei Relevanz haben können.204 Dabei ist anzumerken, dass der Glaube, von dem Vogt hier spricht, sich auf den Glauben an die Seele bezieht, den Wagner aus seiner immanenten Vorstellung erst herleitet (und nicht auf diese Vorstellung selbst); und unter denjenigen, die eine „solche immanente Vorstellung einer moralischen Weltordnung nicht besitzen“ (Z. 16) und so auch keinen Grund haben, an eine eigenständige Seele zu glauben, sind dann natürlich die wirklichen Physiologen zu verstehen, die auch in der Leib/Seele-Frage noch, auf rein wissenschaftlicher Grundlage, nur Physiologen sind. Dies alles heißt nichts anderes, als dass Vogt nun seinerseits die Auseinandersetzung erneut für beendet erklärt: diesmal nicht mehr allein, weil Wagner daran gescheitert ist, seine eigene Seelensicht wissenschaftlich zu belegen bzw. die materialistische wissenschaftlich zu widerlegen, wie Vogt in seiner Erwiderung von 1852 ja mehrfach betont hatte (vgl. Texte 5c und 5e), sondern weil Wagner nun selbst eingestanden hat, dass die Wissenschaft bei dieser Frage bzw. einem wesentlichen Aspekt davon für ihn überhaupt nicht zentral ist. Der Gegner wird dadurch aus Vogts Sicht für die Erörterung des Leib/Seele-Problems natürlich disqualifiziert, und dies zudem eben nicht mehr nur durch Behauptungen und/oder Unterstellungen, sondern durch ein Klartext-Zitat Wagners selbst. Damit etabliert sich Vogt in seiner Auseinandersetzung um die Leib/Seele-Frage mit ihm (wenn nicht sogar dem – irrigen – Anschein nach auch in der Sache selbst) wiederum als unbesiegt und (da der Gegner sich auf die Wissenschaft nicht einlässt) auch als unbesiegbar. Und nachdem es in seinen ersten direkten Angriffen auf Wagner ja auch bzw. vor allem um dessen Physiologische Briefe gegangen war (vgl. Texte 3b, 3e und 3g) und es auch in der Erwiderung von 1852 geheißen hatte, Wagner habe nicht „widerlegt oder erschüttert“, dass seine „physiologischen Briefe [...] ein ärmliches Machwerk seien“ (Text 5e, Z. 3ff.), so erscheint Vogt nach Wagners erstem Selbstgeständnis, das sich auf sie bezieht, nun überhaupt als Sieger der gesammten Auseinandersetzung. Zu diesen ,Siegen‘ ist nun aber etwas nachzutragen: Einen wirklichen Sieg für Vogt konstituiert streng genommen nur Wagners erstes Selbstgeständnis, hinsichtlich der Physiologischen Briefe; hierzu gibt es nichts weiter zu sagen (da es deutlich genug ist, auch wenn Vogt es natürlich auf die Spitze treibt), wobei es natürlich nur ein Sieg auf einem Nebenkriegsschauplatz ist. Wagners zweites Selbstgeständnis in der Seelenfrage ist für diesen selbst dagegen sicher keine Grundlage für einen Sieg Vogts; Wagner würde seinen Seelenglauben trotz der zitierten Äußerung zudem wohl noch nicht einmal als un204

Vgl. dazu ausführlicher Kap. 3.9.2 sowie Kap. 4.

291 wissenschaftlich (d.h.: als mit der Wissenschaft unvereinbar) betrachten, da er die Seele ja zwar für wissenschaftlich nicht beweisbar, aber eben auch für wissenschaftlich nicht widerlegbar hält und da das Seelenproblem für ihn bei all dem auch keine rein naturwissenschaftlich zu behandelnde Frage ist.205 Das eigentliche Problem mit Vogts ,Offenlegung‘ dieses zweiten Selbstgeständnisses liegt aber v.a. in zwei anderen Punkten: Zum einen erweckt Vogt den Eindruck, als habe Wagner etwas Neues, für die Bewertung des aktuellen Streitstandes Relevantes gesagt. Dies mag zwar in der Klarheit der Formulierung zutreffen, nicht aber im Inhalt; Vogt (und das Publikum) wusste(n) auch vorher bereits, dass Wagner von einer eigenständigen Seele ausging, und wenn Wagner in Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie gesagt hatte, er glaube nicht, „daß die Naturforschung je Mittel und Wege finden wird, die großen metaphysischen Wahrheiten“ einschließlich der Seele „zu erweisen“ (Wagner 1852, in AZ 328/1852: 5242; eig. Hervorheb.), dann musste auch damals bereits klar sein, dass Wagner für seine Seelensicht andere als wissenschaftliche Gründe hat. Hinzu kommt als zweites, dass Vogt den Eindruck entstehen lässt, als habe Wagner das angeblich Neue und Relevante zudem vor der großen Öffentlichkeit als ursprünglicher Instanz, in einem versteckten Winkel (vgl. Vogt 1854b, in BS 226/1854: 903), zu verbergen versucht; aber auch das ist, nach dem zum ersten Punkt soeben Gesagten, allenfalls im Hinblick auf die Klarheit der Aussage, nicht aber im Hinblick auf den Inhalt zutreffend (der eben auch in Ueber Theilbarkeit der Seelen etc. schon erkennbar war). Abschließend ist damit also festzuhalten, dass Wagners Äußerungen diesen aus einer modernen (und auch schon zeitgenössischen Sicht) als Wissenschaftler durchaus diskreditieren und disqualifizieren und ihn damit auch in der Auseinandersetzung mit Vogt in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen mögen, so dass Vogt die Auseinandersetzung insofern (aus seiner Sicht) sicher nicht zu Unrecht für beendet erklärt; wenn Vogt darüber hinaus aber seinen Gegner für unredliches Streitverhalten bloßzustellen versucht, nämlich für das ,Zurückhalten‘ neuer und relevanter Informationen (das umso schwerwiegender erscheinen muss, als es nicht nur Vogt, sondern auch dem Publikum gegenüber erfolgt), so mag auch dies im Hinblick auf Wagners Äußerungen über seine Physiologischen Briefe zwar nicht völlig unbegründet sein, im Hinblick auf die Leib/Seele-Frage, und damit im eigentlichen Kern der Auseinandersetzung, verhält jedoch letztlich Vogt sich unredlich.

205

Vgl. Text 2a, Z. 37f.

292

3.9

Wagners Ueber Wissen und Glauben

3.9.1

Der Beitrag

Nachdem Wagners Menschenschöpfung und Seelensubstanz und Vogts Erklärung keine direkten Bezüge aufeinander enthielten, setzt die unmittelbare inhaltliche Bezugnahme der Texte beider Gegner mit Wagners Ueber Wissen und Glauben (Wagner 1854b) wieder ein, das mit „Fortsetzung der Betrachtungen über ,Menschenschöpfung und Seelensubstanz‘“ untertitelt ist und nur im Druck veröffentlicht wurde. Wagner bezieht sich darin zwar direkt auf Vogts vorausgehenden Beitrag, eben auf dessen Erklärung; als konkrete Gründe der Fortsetzung seiner Göttinger Rede führt er im Vorwort des Beitrags aber zum einen an, dass das „binnen wenigen Wochen erfolgte Vergreifen der 3000 Exemplare starken Auflage der kleinen Schrift“, also der Druckausgabe von Menschenschöpfung und Seelensubstanz, zeige, „dass dieselbe nicht ohne Interesse gewesen“ sei (Wagner 1854b: iii), und dass zum anderen auch (sehr allgemein!) „ganz falsch interpretirte Darstellungen der von dem Verfasser [in Göttingen] mündlich [...] gemachten Mittheilungen“, sowie „die fragmentare Art“ von deren zweitem Teil (zum Themenbereich der Seelensubstanz), eine Fortsetzung nötig gemacht hätten (ebd.). Die Fortsetzung ist damit nicht ausdrücklich durch Vogt motiviert. Der insgesamt 28-seitige Aufsatz befasst sich dabei dann auch nur teilweise mit Vogt: Zu den entsprechenden Stellen gehören neben einer nicht namentlich, aber doch erkennbar auf ihn bezogenen, gut einseitigen Passage des Vorworts und einer zweiseitigen Passage mit namentlichem Bezug am Anfang des Haupttextes in gewisser Weise auch die letzten zehn Seiten des Aufsatzes, auf denen Wagner, anstelle einer Erwiderung gegen die Erklärung Vogts (gegen den er ja nicht mehr streiten und den er ja nicht mehr widerlegen wollte), auf neuneinhalb Seiten zunächst den Abschnitt seiner Neurologischen Untersuchungen (Wagner 1854c) erneut wiedergibt, aus dem Vogt das zweite Selbstgeständnis des Gegners entnommen hatte, und das Zitat dann auf der restlichen halben Seite anschließend nur bekräftigt; Vogt wird dabei als Kritiker der erneut wiedergegebenen Stelle zwar noch einmal erwähnt, es erfolgt aber in der Tat keine weitere Auseinandersetzung mehr mit ihm. Auf den übrigen rund 14 Seiten des Haupttextes reagiert Wagner auf Einwände anderer Kritiker, v.a. Hermann Lotzes und Rudolph Virchows. Was für Ueber Wissen und Glauben bei all dem charakteristisch ist, ist die Betonung des Glaubens in Wagners Haltungen: Es findet sich hier v.a. die Konkretisierung seiner Position der ,doppelten Buchführung‘, wie sie erstmals im sechsten Physiologischen Brief angerissen worden war, sowie Ausführungen zur Beschränktheit des wissenschaftlichen, empirischen Erkenntnisvermögens, was

293 ja auch in der Göttinger Rede eine Rolle gespielt hatte, während eigentliche wissenschaftliche Erörterungen über weite Strecken nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.

3.9.2

Die Analyse

Wagner betrachtet Ueber Wissen und Glauben im Vorwort ausdrücklich als Beitrag zu einem „begonnene[n] Kampf“ (Wagner 1854b: iii), den er zwar nicht näher konkretisiert, bei dem es sich in der Fortsetzung von Menschenschöpfung und Seelensubstanz aber nur um denjenigen um die Seele und die Zukunft von Wissenschaft und Gesellschaft handeln kann; er hofft dabei zwar, dass dieser Kampf „ruhig und besonnen ausgefochten werden“ möge (ebd.), relativiert diese Hoffnung (übrigens auch bezüglich seines eigenen Verhaltens) im fast unmittelbaren Anschluss daran aber hinsichtlich einer Gruppe von Gegnern, für die ganz offensichtlich Vogt Pate stand, auch wenn dessen Name im Vorwort noch nicht genannt wird. Wagner spricht dabei zunächst von „ehrenhafte[n], in ihrer wissenschaftlichen Stellung allgemein und auch von mir hochgeachtete[n] Männern, welche eine mir ganz entgegengesetzte Welt-Anschauung“ haben, mit denen zu streiten – „im würdigen Tone [...], ohne persönliche Gereiztheit, aber auch ohne der erlaubten Waffe des Humors ganz zu entsagen“ – er sich dennoch „stets zur Ehre anrechnen“ werde (ebd.: iv). Von ihnen grenzt er aber eine andere Gruppe ab und schlägt ihr gegenüber auch sofort den weniger zurückhaltenden Ton an. TEXT 9a (Wagner 1854b: iv; Orig. in Antiqua)

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10

[...] Die wahre Scheidewand zwischen ihnena und einer andern Klasse wird immer die Lüge und die Frivolität sein, denen die letztereb dient. Da man leider eine Begegnung mit derselbenc nicht ganz vermeiden kann, und die Meute solcher Gesellen, denen eine Menge Blätter als Tummelplatz dienen, nicht geringe ist, wenn sie auch öfters aus Furcht äusserlich zahm erscheinen, so ist man doch zuweilen genöthigt, zu Peitschenhieben zu greifen, um sich reine Bahn zu verschaffen. Man darf es nicht immer hingehen lassen, wenn dies frivole Gesindel die Nation um die theuersten von unseren Vätern ererbten Güter betrügen will und schamlos aus dem gährenden Inhalte seiner Eingeweide den stinkenden Athem dem Volke entgegenbläst und diesem weiss machen will, es sei eitel Wohlgeruch. a D.h.: den ehrenhaften Gegnern. b Der Satz ergibt nur dann einen Sinn, wenn es sich bei „letztere“ um die „andere Klasse“ aus Z. 1 handelt. c D.h.: mit der „andern Klasse“.

3.9.2.1 Die ehrlosen Gegner Wagner liefert in Text 9a zunächst eine Reihe (Alt-)Bekanntes: Wieder sind die „theuersten Güter“ in Gefahr (etwa die „Heiligthümer der Kirche, des

294 Staates, der Familie“ aus Text 2b, Z. 14f.; „alles Höhere“ aus Text 4d, Z. 6; die künstlerischen, technischen und gesellschaftlich-zivilisatorischen Errungenschaften aus Text 7a), diesmal zudem als die „von unseren Vätern ererbten“ (Text 9a, Z. 7f.), was sicher die Pflicht zum verantwortlichen Umgang mit dem Erbe implizieren soll; es ist auch wieder die Rede von der „Nation“ (Z. 7), um deren Zukunft es in Göttingen ging und hier immer noch geht, daneben auch wieder vom „Volke“ (Z. 9), als dem (potentiellen oder tatsächlichen) Opfer der materialistischen Propaganda (vgl. Z. 8ff.). Und auch der Vorwurf der Frivolität findet sich zweimal mehr (Z. 2 und Z. 7),206 dies wohl v.a. um (ohne Namen nennen zu müssen) dennoch deutlich zu signalisieren, dass es erneut gegen die frivolen Materialisten und damit v.a. gegen Vogt geht, dem dann später (in Text 9b, Z. 4) auch ausdrücklich das Verbreiten „frivole[r] Witze“ vorgeworfen wird. Diese beiden letzten Punkte sind nun sehr wichtig: dass die Gegner, die Wagner von den ehrbaren unterscheidet, nicht direkt benannt, aber dennoch deutlich als Vogt bzw. allgemein als die Materialisten erkennbar gemacht werden. Denn über das nur Wiederholte geht Wagner ihnen gegenüber diesmal in der Offenheit und der Schärfe seiner persönlichen Angriffe und Abwertungen so weit hinaus, dass ihm selbst vielleicht der direkte Bezug nicht ratsam zu sein scheint. Zu erwähnen ist zunächst sein Vorwurf der Lüge (Text 9a, Z. 2), der hier zum ersten Mal in der Auseinandersetzung mit Bezug auf wissenschaftliche Inhalte und Positionen erhoben wird207 und bei dem es sich um einen äußerst schweren Vorwurf handelt,208 da mit ihm die Unwahrheit gegnerischer Äußerungen nicht mehr auf einen Irrtum zurückgeführt werden kann (also nicht mehr auf etwas, das der Gegner, so falsch es auch sein mag, doch für wahr hält), sondern bewusster Vorsatz unterstellt wird; dementsprechend heißt es von den Gegnern später auch ebenso offen, sie wollten die Nation „betrügen“ (Z. 8). Noch verschärft wird dieser Vorwurf durch seine konkrete Formulierung, denn die Gegenseite lügt nicht nur bei dem, was sie ansonsten sagt oder tut, sondern „dient“ der Lüge und der Frivolität (Z. 2), verfolgt beides also als ihre eigentlichen Handlungen. Die Assoziation mit dem Dienst an einem falschen Götzen (zumal da die moralische Weltordnung, auf die Wagner sich ja immer wieder beruft und gegen die die Materialisten sich wenden, durch den wahren Gott der christlichen Offenba206

Es findet sich sogar dreimal, wenn man „schamlos“ in Text 9a, Z. 8, als Synonym mitzählt. 207 Vogt (1852b, in BS 298/1852: 1192 bzw. 1852c, in AZ 358/1852: 5720) hatte ihn zuvor bezüglich der von Wagner wiedergegebenen Geschichte aus dem Berner Oberland, also nicht in der Sache, erhoben. 208 Falkenberg (1981: 157) zufolge liegt die Schwere des Lügenvorwurfs in der moralischen Missbilligung, die in ihm augedrückt wird, während man ansonsten i.d.R. einen schwächeren Ausdruck verwendet.

295 rung begründet ist) liegt zwar angesichts der vorausgehenden Texte nahe, wird durch den Kontext der konkreten Stelle aber nicht weiter gestützt (der falsche Götze wäre aber natürlich der offenbarungswidrige, lügnerische und frivole Materialismus selbst). Im weiteren Verlauf zeigt sich vielmehr recht deutlich, dass es Wagner wohl wirklich nicht so sehr darum geht, zwischen den Zeilen etwas zu implizieren, als vielmehr seinen Angriff, wie gesagt, offen zu führen und dementsprechend offen auch seine Verachtung über die Gegner auszudrücken. Die entsprechenden Bezeichnungen, die er verwendet, sind selbst für die bisherige Auseinandersetzung von unerwarteter Deutlichkeit: Die Gegner werden als eine „Meute solcher [d.h. lügender, frivoler] Gesellen“ (Z. 3) bezeichnet oder vielmehr als solche beleidigt, wobei Pfeiffer (1996: 271) die Meute mit Wildheit und Zügellosigkeit in Verbindung bringt und Grimm (1854ff., Bd. 4.1.2 [1897]: 4030, §13d) den Gesellen im negativen Sinn v.a. als den „theilnehmer an einer schlechten that oder einem verbrechen“ anführt. Noch deutlicher ist unter dem weitaus schärferen Ausdruck (frivoles) „Gesindel“ (Text 9a, Z. 7) eine Bezeichnung für „liederliches ehrloses volk, lumpenpack“ (Grimm, ebd.: 4114) zu verstehen, bzw. eine „starke Kollektivschelte für heruntergekommene, verbrecherische Menschen, Pack“ (Pfeiffer 1996: 143). Die niedrige, v.a. ehrlose Position, die Wagner seinen Gegnern hier also zuweist, wird von ihm dabei für eine Rechtfertigung des eigenen drastischen Auftretens herangezogen (vgl. Text 9a, Z. 2ff. und 6f.), denn vom Ehrbaren kann bzw. muss dem ehrlosen (Lumpen-)Pack gegenüber nicht dasselbe Verhalten erwartet werden, wie dem Gleichgestellten gegenüber: Dem Andringen des Ehrbaren setzt man (wie Wagner vor Text 9a ja auch entsprechend gesagt hatte) eine ehrbare, respektvolle Erwiderung entgegen, dem Gesindel gegenüber dürfen es auch „Peitschenhiebe“ (Z. 5f.) sein, zumal dann, wenn dessen zahlenmäßige Stärke „nicht geringe“ (Z. 4) und eine Durchsetzung anders nicht möglich ist. Dabei macht Wagner durchaus klar, dass er hier eine Metapher verwendet. Der „Tummelplatz“ (Z. 4) des Gesindels sind Zeitungen und Zeitschriften („eine Menge Blätter“; Z. 3f.), in denen es seine Lügen und Frivolitäten verbreitet. Wagner geht es also darum, auf dem öffentlichen Forum der Presse seiner eigenen Haltung, d.h. der Wahrheit (im Gegensatz zur materialistischen Lüge), „reine Bahn zu verschaffen“ (Z. 6), sie in der Öffentlichkeit durchzusetzen und zu ihrem Recht zu bringen; die dazu angewendeten ,Peitschenhiebe‘ sind dementsprechend natürlich verbale. Er rechtfertigt hier also ein (bzw. sein) verbal drastisches Vorgehen auch an der vorliegenden Stelle selbst, das den Normen des akzeptablen Streitens mit schwer ehrverletzenden Beleidigungen, wie eben Meute, Gesellen und Gesindel, ohne Zweifel widerspricht, durch die Berufung auf etwas, das auch Dieckmann – wenn auch mit

296 einem Fragezeichen209 – als Rechtfertigungsgrund anführt (2005: 239ff., Norm 5.6.4, und ebd.: 250): Der Ehrlose darf als Ehrloser behandelt (also gegebenenfalls diskreditiert, herabgesetzt oder beleidigt) werden, da derjenige, der selbstverschuldet als ,vogelfrei‘ betrachtet werden kann (etwa aufgrund seines Verhaltens: seiner gesellschaftsgefährdenden Absichten, seiner Frivolität, seiner Lügen), keinen Ehrenschutz verdient. Immerhin schließen sich die Materialisten für Wagner ja auch in der Tat selbst aus der bestehenden Gesellschaft, die sie bekämpfen und zerstören wollen, aus. Die Ehrlosigkeit der Gegner rechtfertigt nun aber v.a. die Schärfe der Mittel Wagners; sein Vorgehen (also die tatsächliche Anwendung der Mittel) hat einen gewichtigeren Grund, der oben schon anklang: die Durchsetzung und Behauptung der Wahrheit, da man die Lügen, die Frivolitäten und nun auch die Betrügereien (Text 9a, Z. 8) der Gegner „nicht immer hingehen lassen“ darf (Z. 6f.), nicht zuletzt da durch sie die besagten „theuersten von unseren Vätern ererbten Güter“ (Z. 7f.) auf dem Spiel stehen. Wagner benennt aber diesmal (nach seiner Rede, vgl. Text 7a) weder die drohenden Verluste noch die drohenden materialistischen Alternativen genauer, sondern nimmt im Folgenden stattdessen eine (vernichtende) Bewertung der materialistischen Ansichten vor, bei deren Drastik es sich dann wohl auch um die ,Peitschenhiebe‘ handelt, zu deren Rechtfertigung die Darstellung der Gegner als ehrlos wohl vor allem nötig gewesen ist. Wagner unternimmt – diesmal eben bebzw. abwertend – eine weitere Demaskierung des Materialismus: Was das frivole (materialistische) Gesindel der „Nation“ als „eitel Wohlgeruch“ in betrügerischer Absicht „weiss machen will“ (Text 9a, Z. 7 und 9f.), was es ihr also etwa als schlüssige Resultate der modernen Naturforschung verkauft, ist in Wahrheit nicht nur trostlos, wie das in Text 7a gezeichnete materialistische Welt- und Menschenbild, sondern widerwärtiger „stinkende[r] Athem“ aus dem „gährenden Inhalt seiner Eingeweide“ (Text 9a, Z. 8f.). Wagner nimmt hier zwar die Zersetzungs-Metapher aus Text 2a (Z. 55ff.) äußerst drastisch wieder auf: In den Materialisten – durch (und in) ihr(em) Denken und ihre(n) Vorstellungen sozusagen – wird die bestehende gesellschaftliche Ordnung zersetzt, und was sie dann von sich geben, also ihre Ideen, sind die Abfallprodukte (fauler stinkender Athem) dieses Zerstörungs-, Zersetzungsund Fäulnisprozesses; aber auch wenn hier durchaus erneut ein Gefühl der Bedrohung erzeugt wird (der Materialismus befindet sich noch im Stadium des denkenden, planenden Zersetzens), so geht es Wagner doch sehr offensicht-lich v.a. um eine dysphemisierende Abwertung der gegnerischen Position und der Gegner selbst, denn auch die Gegner erscheinen nun (anders als noch in Text 2a) selbst von der Fäulnis und der Verrottung befallen und da209

Aufgrund einer insgesamt dürftigen Belegsituation, der Wagner hier jedoch einen weiteren Beleg hinzufügt.

297 mit als deren eigentlicher Ausdruck.210 Diese aggressiv verächtliche Dysphemisierung, als wohl mit Abstand drastischste Herabsetzung des Materialismus und als wohl drastischste Beleidigung der Materialisten in der bisherigen Auseinandersetzung, kann sicherlich als eine verschärfende Retourkutsche für den Schluss von Vogt Erwiderung (1852b; vgl. Text 5e, Z. 8ff.) betrachtet werden, wo Wagner als Talggestank verbreitender Stumpen eines heruntergebrannten Lichts bezeichnet, wo er von Vogt damit aber zudem direkt und namentlich angegriffen worden war. Was nun noch einmal die Bedrohlichkeit angeht, die durchaus im Hintergrund der vorrangig verächtlichen Dysphemisierung steht, so dient sie hier nicht mehr zum Aufruf zu irgendwelchen Maßnahmen, sondern v.a. als weiterer Rechtfertigungsgrund für das drastische Auftreten Wagners: Der Zweck (sein Vorgehen gegen den gesellschaftsgefährdenden Materialismus) soll die Mittel (das drastische Auftreten) heiligen, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil das bedrohte Volk, das ja über die Wahrheit aufgeklärt werden soll, drastische Bilder am besten versteht; die Rechtfertigung des Vorgehens liegt damit letztlich in der Abwendung von Gefahr für das Gemeinwesen, was Dieckmann zufolge ja quasi alle anderen Normen notfalls außer Kraft setzen kann (Norm 5.6.3, Dieckmann 2005: 235ff.). Was sich dabei mit Text 9a nun unübersehbar abzeichnet, ist die Tendenz zur persönlichen, auch ausdrucksseitig ehrverletzenden Eskalation der Auseinandersetzung seit Vogts Erwiderung (vgl. Text 5e, Z. 8ff., eben zu Wagner als herabgebrannter Stumpen) und der zweiten Auflage seiner Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (vgl. Text 6(3), Z. 11ff., zu den nicht folgerecht denkenden Naturforschern, unter impliziter aber deutlicher Einbeziehung Wagners, als blödsinnig und vernagelt). Wagner beleidigt seinen Gegner nun zwar nicht namentlich, aber dennoch ebenfalls unübersehbar deutlich, wobei er den Ball, im ausdrucksseitigen Vorgehen, hier nur aufnimmt – nachdem er aber seinerseits am Beginn der Auseinandersetzung (vgl. Text 2a, Z. 51ff.) ja selbst eine frühe scharfe Vorgabe geliefert hatte, als er (implizit, aber wiederum gut erkennbar) Vogts politische Vorstellungen noch gegenüber Galle und Urin herabgesetzt hatte. 3.9.2.2 Die Personalisierung des Beitrags Im Haupttext von Ueber Wissen und Glauben (Wagner 1854b: 5ff.) geht Wagner dann erstmals namentlich auf Vogt ein, nimmt seine ausdrucksseitige Aggressivität nun aber deutlich zurück und schlägt wieder die eher spöttischen Bahnen von Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (Wagner 1852) ein. Der direkte Bezug wird dabei zu Vogts ,präven210

Vgl. Schäfer (1962: 61).

298 tiver‘ Erklärung zur Göttinger Tagung herstellt, die sehr unvermittelt wirkende Nennung des Gegners soll aber wohl doch auch noch einmal klar machen, dass es im Vorausgehenden ebenfalls v.a. gegen Vogt gegangen war: Text 9a mit seinem drastischen Ende hatte den Abschluss des Vorwortes gebildet, die anschließenden ersten Worte des Haupttextes lauten: „Herr C a r l V o g t hat vor Kurzem an mehrere Zeitungs-Redaktionen einen Artikel gesendet“ (Wagner 1854b: 5; eig. Hervorheb. durch Kursivdruck, Sperrdruck im Orig.). Dieser Artikel Vogts enthalte nun – so Wagner weiter – „zwei Stellen aus meinen jüngst erschienenen ,neurologischen Untersuchungen‘“, wenn auch „ganz ausser dem Zusammenhang, so dass sie einen anderen Sinn“ ergäben (Wagner 1854b: 5, eig. Hervorheb.; vgl. ebd.: 9). Der erste Punkt, den Vogt heranziehe, betreffe dabei „eine rein persönliche Angelegenheit, weshalb ich sie ganz übergehe“ (ebd.: 5; eig. Hervorheb.), und es wird hier in der Tat nicht einmal angedeutet, dass es dabei um Wagners Physiologische Briefe geht; Wagner übergeht damit aber auch die Tatsache, dass deren nachträgliche Bewertung durch ihn selbst durchaus relevant für die Auseinandersetzung ist, da die Briefe durch Vogts Angriffe ja zum unmittelbaren Gegenstand des Streits geworden waren und da Wagners Selbstbewertung diesen Angriffen zumindest teilweise Recht gegeben hatte. Es ist also kaum möglich, hierin nicht die Unterschlagung eines wesentlichen Punktes zu sehen, und es ist insofern auch durchaus unaufrichtig, wenn Wagner sich mit dem Übergehen dieser nur angeblich rein persönlichen Angelegenheit in Übereinstimmung mit der Norm präsentiert, keine eigennützigen Zwecke zu verfolgen (Norm 5.3.1, Dieckmann 2005: 150ff., v.a. 153), und den Gegner dadurch gleichzeitig dafür kritisiert, eine solche Angelegenheit aufgebracht zu haben. Vogts Äußerungen zum zweiten Punkt (der Begründung einer eigenständigen Seele aus der Vorstellung einer moralischen Weltordnung, nicht aber aus der Physiologie) zitiert Wagner dagegen vollständig (ihre Wiedergabe in Wagner 1854b: 5f. entspricht Text 8, Z. 9–18). Auf sie reagiert er im Folgenden dann auch, ist dabei aber sehr darum bemüht, den Eindruck zu erwecken, als sei dies eigentlich gar nicht nötig, denn anstelle einer „weiteren Erklärung“ (Wagner 1854b: 6) kündigt er den vollständigen Abdruck jener Passage der Neurologischen Untersuchungen an, aus der der Gegner eben unter Missachtung des Kontextes zitiert habe und aus der alles Wesentliche hervorgehe, was es zu sagen gäbe. Wagner will also inhaltlich in der Tat nicht mehr mit Vogt streiten, sondern dessen Äußerungen lediglich richtig stellen. Wichtig ist dabei, dass Wagner diesen Abdruck erst einmal nur ankündigt, denn zunächst befasst er sich in einer dreißigzeiligen Fußnote dann doch zuerst – persönlich – mit dem Gegner, und auch im Haupttext folgen dann immerhin vierzehn Seiten mit weiter gehenden Ausführungen zu anderen Kritikern, bevor die Ankündigung schließlich in die Tat umgesetzt wird. Die

299 (weitgehend) unveränderte Wiedergabe einer kritisierten Textstelle und die erneute Verwendung einer Fußnote für das Persönliche (auch wenn diese sich bei Wagner nicht auf den wiedergegebenen Text bezieht) erinnern dabei natürlich sehr stark an Vogts Vorgehen in der Zweitauflage der Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (Vogt 21854a). 3.9.2.3 Eine weitere (polemische) Fußnote In der erwähnten persönlichen Anmerkung zu Vogt in einer Fußnote (Wagner 1854b: 6) begründet Wagner das Unterlassen einer Gegenerklärung auf die Zitierung des zweiten so genannten Selbstgeständnisses, womit er das Streiten ja gerade vermeiden will. Wagner begründet das Unterlassen damit, dass er „hier nur wieder [würde] antworten können, wie einst in der Allgemeinen Zeitung, Beilage vom 22. November 1852, worauf ich verweise“; alles Relevante zu Vogt, so will er ausdrücken, ist bereits gesagt. Da das zweite Selbstgeständnis ja in der Herleitung von Wagners Seelenglauben aus der ihm immanenten Vorstellung einer moralischen Weltordnung bestand, kann Wagner hier pragmatisch nur auf die Blödsinnigkeit des Gegners anspielen, die in dem Beitrag, auf den er hier verweist (vgl. Text 4h, Z. 1–8), unterstellt worden war: darauf, dass Vogt, zusammen mit dem entsprechenden Organ, die Begabung für das Übersinnliche fehle, so dass er auch die Herleitung der unsterblichen Seele aus der Vorstellung einer (dann wohl gottgegebenen und -gewollten) moralischen Weltordnung nicht nachvollziehen könnte. Diese Interpretation wird durch den Kontext der Stelle jedoch in keiner Weise gestützt; der Bezug den Wagner selbst zur Geschichte um Vogt und das Berner Oberland herstellt, bleibt unklar. Erwähnenswert ist, unabhängig von diesem Interpretationsproblem, allenfalls, dass Wagner seiner Ansicht Ausdruck verleiht, dass die Schläge, die Vogt seitens der Berner erhalten zu haben leugnet, schon angesichts seiner „gemeine[n] Schmähung deutscher Ehrenmänner“, also angesichts der Schmähung anderer Forscher, etwa in den Bildern aus dem Thierleben, eine „vielfach verdiente Züchtigung“ gewesen wären (Wagner 1854b: 6); Wagner sagt dies nun aber bereits im erwähnten, klar als spöttisch erkennbaren Kontext nach dem Vorwort. Im Anschluss an diese unklare Stelle zum zweiten Selbstgeständnis kommt er am Ende der Fußnote dann erneut auf Vogts „Begabung“ zu sprechen und gibt sich dabei zwischen den Zeilen nun noch einmal ausgesprochen (spöttisch-)polemisch: TEXT 9b (Wagner 1854b: 6; Orig. in Antiqua) [...] Seine Begabung habe ich niemals verkannt, so wenig, als die des bekannten Freundes des Prinzen H e i n z, dessen endliches Schicksal er sicher theilen wird. V o g t mag an meine Voraussage denken: es wird ihm im Alter ergehen, wie H e i nr i c h H e i n e. Seine Spässe werden als abgestanden erscheinen, und seine frivolen

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Witze werden selbst seine früheren Freunde mit Ekel erfüllen. Ihm kann dann mit König H e i n r i c h geantwortet werden: Ich kenn‘ dich, Alter, nicht; an Dein Gebet! Wie schlecht steht einem Schalks-Narren weisses Haar! Ich träumte lang von einem solchen Mann, So aufgeschwellt vom Schlemmen, alt und ruchlos: Doch nun erwacht, veracht‘ ich meinen Traum. Den Leib vermindre, mehre Deine Gnade, Lass ab vom Schwelgen: wisse, dass das Grab Dir dreimal weiter gähnt, als andren Menschen. E r w i e d r e [sic] n i c h t m i t e i n e m N a r r e n s p a s s !

Es geht in Text 9b erneut211 um Vogts „Begabung“ (Z. 1) und im Zusammenhang mit ihr v.a. um sein zukünftiges „endliches212 Schicksal“ (Z. 2). Wagner zieht dafür zwei Personen als warnende Beispiele heran: Wie ebenfalls bereits früher213 ist dies zum einen Heinrich Heine (Z. 3f.), zum anderen aber v.a. der bekannte Freund des Prinzen Heinz (vgl. Z. 1f.) bzw. (im Original bei Shakespeare) von Prince Hal. Bei diesem Freund handelt es sich um Falstaff, denn Wagner bezieht sich hier (so wie ursprünglich Vogt in den Bildern aus dem Thierleben; vgl. Text 3g) auf Shakespeares Historiendrama Heinrich IV. Die Schicksale Falstaffs und Heines werden dabei im Folgenden miteinander vermischt. Zu Falstaff (hinsichtlich seines Charakters bzw. seiner Begabung, mit der diejenige Vogts ja verglichen wird) ist noch einmal zu sagen, dass dieser v.a. ein Aufschneider ist; während dies hier sicher mitschwingt (Vogt als Angehöriger der Gegner, die der Lüge dienen; vgl. Text 9a, Z. 2), will Wagner aber auf einen anderen Charakterzug Falstaffs hinaus: auf den des Witzboldes bzw. des „Schalks-Narren“ (Text 9b, Z. 8) – darauf konzentriert er sich nun im Folgenden. Falstaffs „endliches Schicksal“ (Z. 2), das Wagner auch seinem Gegner voraussagt, ist es, am Ende von Shakespeares Drama von Prinz Heinz/Prince Hal verstoßen zu werden und in die Verbannung zu gehen; er wird also von denen, die er u.a. mit seinen Aufschneidereien und Späßen unterhalten hatte, seinen Freunden (Z. 5), fallengelassen. Darauf spielt Wagner an, wenn er vorhersagt, dass auch Vogts „Spässe“ und „frivolen Witze“ eines Tages „selbst seine früheren Freunde mit Ekel erfüllen“ werden (Z. 4f.), was an das Bild des stinkenden Athems aus gährenden Eingeweiden zurückdenken lässt (vgl. Text 9a, Z. 8f.). Zugegebenermaßen ist von diesen Spässen und frivolen Witzen im direkten Anschluss an die Erwähnung Heines die Rede (vgl. Text 9b, Z. 3f.), auch auf ihn wird man sie insofern durchaus beziehen dürfen, denn immerhin war auch er (so wie eben auch 211

Wie schon in Wagners Text 4d. D.h. um das Schicksal, das ihn endlich (mit dem Ende des Lebens) ereilen werde; die Formulierung ist vielleicht etwas unglücklich gewählt, denn ab Z. 12 in Text 9b geht es dann gerade um Vogts e w i g e s Schicksal (ebenfalls nach dem Tod). 213 Vgl. Wagner (1852, in AZ 328/1852: 5241f.). 212

301 Vogt)214 für sein polemisches Auftreten berühmt und berüchtigt; dennoch wird das in den Zeilen 4 und 5 angedeutete Schicksal Vogts im folgenden Höhepunkt von Text 9b (den Zeilen 7–15) durch ein Zitat aus Heinrich IV. illustriert, in dem sich Prinz Heinz/PrinceHal eben an Falstaff wendet, dessen schalkhaftes Verhalten tadelt und ihn zur Umkehr mahnt.215 Das Schicksal Heines dagegen, an das Wagner mit dem Bezug auf seine frühere „Voraussage“ (Z. 3)216 erinnert, ist wohl auch hier erneut das, in schwerer Krankheit doch noch zu Gott zu finden; die Vermischung läge dann wohl darin, dass Heine sich angesichts des Verlustes seiner Freunde, ohne deren Anerkennung ihm seine frivolen Witze v.a. angesichts seiner schweren Krankheit keinen Trost und keine Ablenkung mehr geben konnten, auf das aus Wagners Sicht Wesentliche besonnen hat: auf Gott und Religion, wozu im Shakespeare-Zitat nun auch Falstaff (und damit eben auch Vogt) aufgefordert wird. Zunächst ermahnt Wagner seinen Gegner durch das Zitat, er möge an das Alter denken, daran, dass „einem Schalks-Narren weisses Haar“ nur schlecht stehe (Z. 8). Es steckt darin wohl die Aufforderung, sich im Gegensatz zu Spässen und Witzen lieber ernsthaft und im Gegensatz zum Frivolen lieber verantwortungsbewusst zu verhalten, v.a. eben um ein Schicksal wie das Falstaffs doch noch abzuwenden. Aber nicht nur das diesseitige Alter spielt im Weiteren eine Rolle, sondern auch das jenseitige Danach (hier ergeben sich nun v.a. die Assoziationen zu Heines später Bekehrung angesichts von Krankheit und nahendem Tod): Das Grab, das „Dir dreimal weiter gähnt, als andren Menschen“ (Z. 13f.), ist ein bedrohliches Bild für den Tod, das im Drama (gegenüber Falstaff) ebenso wie in dessen Zitierung bei Wagner (gegenüber Vogt) als Hinweis oder Warnung für den Angesprochenen dienen soll, dass gerade aufgrund seines Lebenswandels ernsthaftere jenseitige Konsequenzen bevorstehen könnten als bei anderen Menschen; daher dann auch die Aufforderung: „an dein Gebet“ (Z. 7), so wie eben Heine es getan habe. Dabei ist gerade die Zeile: „den Leib vermindre, mehre deine Gnade“ (Z. 12) in doppelter Hinsicht auf Vogt anwendbar. Zum einen auf Vogt als Materialisten (er möge dem stofflichen, materiellen Leib, überhaupt dem Materiellen, weniger Bedeutung beimessen, wohl in der Wissenschaft ebenso wie in seinem eigenen Leben, und sich auf das konzentrieren, was für das Jenseits wichtiger ist: das Geistige, die Seele, die Gnade Gottes; zum letzteren vgl. Z. 214

In der Tat sei gelegentlich auch Vogt „wegen der Vereinigung von Meisterschaft des Wortes und von Sarkasmus mit seinem älteren Zeitgenossen Heinrich Heine verglichen“ worden (Degen 1954: 272). 215 Bei der Stelle handelt es sich um den zweiten Teil des Dramas, fünfter Akt, fünfte Szene. Auch Wagner zitiert nach der deutschen Übersetzung Schlegels von 1800; vgl. William Shakespeare: Complete Works. English and German (Digitale Bibliothek 61), Berlin 2002: 15.664 (Text) und ebd.: 15.022 (Übersetzungsnachweis). 216 Die Voraussage war erfolgt bei Wagner (1852, in AZ 328/1852: 5241f.).

302 12); zum anderen, wenn auch in engem Zusammenhang mit dem ersten, ist die Stelle zusammen mit Zeile 10 („[s]o aufgeschwellt vom Schlemmen“) aber vielleicht auch auf Vogt als Person gemünzt, als Anspielung auf dessen beträchtliche körperliche Fülle (vgl. Abbildungen in Degen 1954: 272 und v.a. Gregory 1977: 63), letzteres dann wohl nicht so sehr als Warnung vor der Todsünde der Völlerei (Schlemmen), denn Wagner, der hier zitierend spricht, war immerhin Protestant, sondern als tatsächlicher persönlicher Seitenhieb auf ein äußerliches körperliches Merkmal des Gegners. Dies wäre dabei der einzige entsprechende Beleg, der sich in der gesamten Auseinandersetzung findet. Abschließend sind zu Text 9b nun zwei Dinge anzumerken. Zum einen zum Spott der Stelle, zum anderen zu Vogts Begabung, die am Anfang erwähnt wird. Zum ersten: Der Spott über Vogts erwartete Bekehrung, der bereits in der ersten Erwähnung Heines, in Ueber Theilbarkeit der Seelen etc., angeklungen war, erhält hier eine andere Dimension; dort hatte Wagner seine Erwartung v.a. den Lesern gegenüber (als primären Adressaten) geäußert, hier nun (in der direkten Adressierung des Prinzen Hal an Falstaff, die in der Zitierung quasi zur direkten Adressierung Wagners an Vogt wird), gibt Wagner sich seinem bekennenden materialistischen und atheistischen Gegner gegenüber scheinbar unmittelbar um dessen Seelenheil besorgt. Und auch im zweiten Punkt ergibt sich eine Veränderung gegenüber Wagners letztem AZBeitrag: Dort war die Beobachtungsgabe und das Darstellungstalent Vogts von Wagner gelobt worden (wenn auch als etwas Untergeordnetes, im Rahmen einer concessio; vgl. Text 4d, Z. 7ff.); unmittelbar vor Text 4d war zudem auch von den „guten Witzen“ die Rede gewesen, deren Vogt „mächtig genug ist“ und an denen auch Wagner sich „gern [...] ergötze“ (Wagner 1852, in AZ 327/1852: 5226). Wagner hatte dort aber auch gesagt, dass er aus diesen Witzen „Belehrung“ entnehme, und zwar „des Spruchs ab hoste discere eingedenk“ (ebd.), womit er dann natürlich implizierte, dass Vogt seinen Witz v.a. polemisch einsetzt. Während dort also bereits negative Untertöne vorhanden waren, daneben aber eben (wenn auch nur im Rahmen einer concessio) doch noch etwas Lobenswertes stand (eben die Beobachtungsgabe), so ist bei Vogts „Begabung“ in Text 9b (Z. 1ff.) nur noch der Witz im Blickpunkt, der nun zudem unmissverständlich als frivol disqualifiziert wird, so dass nichts Positives mehr übrig ist, was es zu Vogt noch zu sagen gibt. Und nachdem auch kaum noch etwas Negatives zu sagen ist (nach den, wenn auch nicht namentlichen, Herabsetzungen und Beleidigungen des Vorworts, wo den Materialisten jegliche Ehre abgesprochen und ihre Positionen in drastischer Weise dysphemisiert worden waren), beendet Wagner mit dieser Fußnote bereits auf der zweiten Seite des Haupttextes seines Beitrags die unmittelbare Beschäftigung mit seinem Gegner. Was nach all dem noch folgt, ist die erwähnte vierzehnseitige Erwiderung gegen Hermann Lotze und Rudolph

303 Virchow – sowie am Ende die zwar ausdrücklich durch Vogt veranlasste, sich aber äußerlich nicht mehr weiter mit ihm auseinandersetzende rund zehnseitige Wiederholung von Auszügen aus Wagners Neurologischen Untersuchungen. 3.9.2.4 Erkenntnis in Glaube und Wissenschaft An der im Haupttext zunächst folgenden Beschäftigung Wagners mit direkten Einwänden Hermann Lotzes und Rudoph Virchows gegen seine doppelte Buchführung ist v.a. von Bedeutung, dass Wagner – nach seinen relativ knappen Bemerkungen im sechsten Physiologischen Brief – hier nun eine ausführlichere Formulierung und Begründung seiner Sichtweise gibt; auf sie hatten sich im Wesentlichen die entsprechenden Ausführungen oben in Kap. 2.3.2.2 gestützt und in ihr kommt, stärker als es oben dargestellt worden war, v.a. auch der Stellenwert der Religion in Wagners Denken zum Ausdruck. Da dies v.a. im Hinblick auf Vogts folgenden Streitbeitrag Köhlerglaube und Wissenschaft von einiger Bedeutung ist, wird dieser Teil von Wagners Aufsatz, der mit dem Gegner zunächst in keiner unmittelbaren Verbindung steht, im Folgenden referiert. Die göttlichen Dinge sind für Wagner, da sie „völlig übersinnlicher Natur“ sind (Wagner 1854b, 14), nur über den Glauben zugänglich, nicht über die Wissenschaft. Der Glaube ist für ihn dabei – auch dies ist aus einem früheren Beitrag (Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie, 1852) ansatzweise bekannt und für Vogts folgenden Beitrag relevant – ein Geschenk, mit dem man „ein neues Organ des Geistes“ empfängt, einen „neuen Erkenntnissweg neben der denkenden natürlichen Vernunft“ (ebd.: 14f.); letztere könne in den göttlichen Dingen nicht „entfernt dieselbe Sicherheit und objective [!] Allgemeinheit“ geben wie der Glaube (ebd., 15), und gerade die vernünftige Herangehensweise an die göttlichen Dinge führe unter den Menschen zu Unstimmigkeiten über sie (vgl. ebd.). Was Wagner hier letztlich tut, ist es, wie bereits mehrfach erwähnt, den Glauben gegen Wissenschaft und Vernunft abzusichern. Die Glaubenswahrheiten sind für ihn dabei nicht subjektiv, sondern in ihrem Kern „ein Erzeugniss des Wachsthums und der Entfaltung des in den Menschen waltenden göttlichen Geistes“ (ebd.: 17) und damit eben objektiv als Wahrheit verbürgt; alle Abweichungen der einzelnen Kirchen darüber stünden im „Zusammenhang mit der natürlichen Verschiedenheit der Menschen, insbesondere der Nationalität“ (ebd.), sie beträfen aber nicht „die allen Kirchen gemeinsamen fundamentalen Wahrheiten des Christenthums“ (ebd.). Im Erkenntnisbereich der Wissenschaft führt Wagner dagegen Beispiele an, in denen Positionen sich im Laufe der Zeit verändert hätten und zeitweilig die Offenbarung stützten, während sie ihr zu anderen Zeiten in der selben

304 Frage widersprochen hätten, um dann zu fragen: „Wie sollte es unter diesen Verhältnissen nicht erlaubt sein, sich einer doppelten Buchführung zu bedienen und als Naturforscher die Ergebnisse der Forschung besonders zu registriren, seien sie nun übereinstimmend mit den Lehren der Schrift oder nicht“, und „auf der anderen Seite die Lehren der Offenbarung für sich bestehen zu lassen und [es] jedem Einzelnen zu überlassen, sich damit abzufinden?“ (ebd.: 20). Die Berechtigung, wenn nicht gar die Notwendigkeit der doppelten Buchführung wird also – ebenfalls wie oben (Kap. 2.3.2.2) ausgeführt – v.a. durch die Unsicherheit der Wissenschaft (d.h. der sinnlichen, empirischen Erkenntnis) gegenüber der sicheren, feststehenden Offenbarung begründet. Dabei erwartet Wagner vom Wissenschaftler zwar Unvoreingenommenheit im Forschen und das entschiedene Aufzeigen von Übereinstimmungen und Widersprüchen zwischen beiden Bereichen (vgl. Wagner 1854b: 19), er fordert aber (v.a. im Fall von Widersprüchen, auch wenn er es so nicht ausdrücklich sagt) „die gebotene wissenschaftliche Skepsis“, um nicht „leichtsinnig“ etwas für „abgemacht“ zu erklären, „was viele Andere für nicht abgemacht zu halten geneigt sind“ (ebd.: 20). Mit anderen Worten: Widersprüche zur Offenbarung dürfen benannt, können und dürfen aber aufgrund der Unsicherheit der Forschung nicht für endgültig gehalten (oder gar dazu erklärt) werden; dies klingt immerhin etwas zurückhaltender, als die aus der Göttinger Rede interpretierbare Forderung nach völliger Zurückhaltung problematischer Ergebnisse (vgl. Text 7c), ist aber immer noch eine Absicherung des Glaubens gegenüber der Wissenschaft. An Wagners Überzeugung der Unmöglichkeit eines dauerhaften Widerspruchs zwischen Wissenschaft und Offenbarung hat sich bei all dem nichts geändert, er äußert sie hier sogar deutlicher als zuvor: Denn niemand sei dafür zu tadeln, angesichts eines wissenschaftlich aufgezeigten Widerspruchs „ruhig in seinem Gewissen warten“ zu wollen, „bis [die] Ausgleichung oder ob sie überhaupt bei seinen Lebzeiten erfolge“ (ebd.). Mit der Stelle, die nur hier im Zitat hervorgehoben ist, impliziert Wagner nicht, dass die Ausgleichung ausbleiben könnte, sondern dass sie auch noch nach dem Tod, durch jenseitige Erkenntnis erfolgen kann, was durch eine Stelle in den Neurologischen Untersuchungen gestützt wird, wo es heißt, dass die Enthüllung bestimmter Geheimnisse nur durch eine „ganz andere Art der Erkenntniss“ erfolge, „für welche eben die ponderablen Massen des Nervensystems, an welche wir zeitlich gebunden sind, die Hauptschranken sind“ (Wagner 1854c: 202; zit. auch in ders. 1854b: 23). Die ponderablen (also wägbaren, im herkömmlichen Sinn materiellen) Massen des Nervensystems stehen nun aber für nichts anderes als den körperlichen ,Erkenntnisapparat‘, also die Sinnesorgane und v.a. das zentrale Nervensystem einschließlich des Gehirns (letzteres ja als materieller Träger der eigenständigen Seele); die empirischen Erkenntismittel, die Vogt und die Materia-

305 listen als die einzig zulässigen betrachten, sieht Wagner damit also gerade als Beschränkung der eigentlichen menschlichen Erkenntnisfähigkeit. 3.9.2.5 Der Kontext des zweiten Selbstgeständnisses Nachdem Wagner damit in seinen Ausführungen zur doppelten Buchführung und zu den verschiedenen Formen der Erkenntnis zum Schluss gekommen ist, folgt für den Rest des Aufsatzes die Wiedergabe des angekündigten Exzerpts aus den Neurologischen Untersuchungen und dessen abschließendes kurzes Fazit. Dabei ist zu der entsprechenden erneut abgedruckten Stelle noch einmal anzumerken, dass es sich bei den Neurologischen Untersuchungen von 1854 um eine Sammlung fachwissenschaftlicher, meist älterer Beiträge Wagners zu neurophysiologischen und seelischen (psychischen) Vorgängen handelt, von denen auch die in Ueber Wissen und Glauben nun zitierte rund zehnseitige Stelle ursprünglich nicht als Streitbeitrag (und auch nicht als Kampfbeitrag) bewertet werden kann;217 erst durch ihre erneute Wiedergabe, durch ihre Einbringung aus dem ursprünglichen fachwissenschaftlichen Rahmen in denjenigen der Auseinandersetzung, wird sie zu einem solchen, eben insofern Wagner die Kritik Vogts an ihr durch sein Festhalten daran ,erwidert‘. Die Wiedergabe des Exzerptes begründet Wagner dabei, wie oben gesagt, mit dem Umstand, dass das, was Vogt in seiner Erklärung als zweites Selbstgeständnis daraus zitiert hatte (vgl. Text 8, Z. 10–12), „ganz ausser dem Zusammenhang“ stehe, „so dass [es] einen anderen Sinn“ ergebe (Wagner 1854b: 5). Das Exzerpt selbst beginnt mit der Feststellung Wagners, dass die physiologische Betrachtung der Gehirnfunktionen in ihrer Gesamtheit „unabhängig von der Frage nach der Natur der Seele“ erfolgen könne (Wagner 1854b: 21): diese, d.h. die physiologischen Prozesse, stellten sich für den „Materialist[en], der keiner [eigenständigen] Seele bedarf“, ebenso dar wie für den 217

Die von Wagner in Ueber Wissen und Glauben erneut wiedergegebene Stelle ist in den Neurologischen Untersuchungen (Wagner 1854c: 187ff.) Teil eines insgesamt achtundzwanzigseitigen Nachtrags zu einem früheren Aufsatz Wagners. Dieser Nachtrag richtet sich als Ganzes ausdrücklich gegen Hermann Lotze und den Zürcher Professor Carl Ludwig; die darin enthaltene Darstellung von Wagners Seelensicht entwickelt sich dabei aus der Erörterung von inhaltlichen Fragen, die die Auseinandersetzung mit Vogt in keiner Weise betreffen. Im gesamten Text finden sich zudem keinerlei ausdrückliche oder erkennbare implizite Bezüge auf Vogt oder dessen Veröffentlichungen, so dass aufgrund des entsprechend fehlenden Kontextes auch nicht von einem ,Stellvertreter‘-Beitrag, wie dem Vogts an Burmeister, ausgegangen werden muss. Wenn sich immerhin eine sehr kurze Stelle findet, in der Kritik am Leib/Seele-Monismus geübt wird (vgl. unten, Text 9d), so sind die entsprechenden Äußerungen so allgemein gehalten, dass Vogt sich zwar durchaus mit-, aber sicher nicht konkret angesprochen fühlen konnte.

306 „Christ[en] oder Philosoph[en]“, für den „ohne individuelle Seelensubstanz [...] keine moralische Weltordnung“ vorstellbar sei (ebd.). Unmittelbar darauf bezieht sich Wagner nun, wenn er wenige Zeilen später sagt: TEXT 9c (Wagner 1854b: 22, Original in Antiqua; vgl. ders. 1854c: 198ff.):

5

10

15

Ich wiederhole: nicht die Physiologie nöthigt mich zur Annahme einer Seele, sondern die mir immanente und von mir unzertrennliche Vorstellung einer moralischen Weltordnung. Aber ich finde kein einziges Faktum in der Physiologie, welches mich nöthigte, diese moralische Weltordnung und die Existenz einer Seele aus physischen Gründen aufzugeben. Im Gegentheile, ich finde auch im physischen Bau viele Gründe für eine Seelensubstanz, nur keine entscheidenden. Will man ein Bild haben, unter welchem sich ungefähr ein Physiolog das Verhältniss zwischen Seele und Leib, zwischen Seele und Gehirn vorstellen kann, so sei dies ein Vergleich mit dem Lichtäther zu den ponderablen Massen. Der Physiker erklärt alle Erscheinungen des sichtbaren Lichts aus der Existenz und den mathematisch bestimmbaren Gesetzen der Wellenbewegung des Aethers, welcher selbst eine unsichtbare und unwägbare Substanz ist. Für den Physiologen, der eine Seelensubstanz annimmt, ist diese nicht in ihrer absoluten Ruhe, sondern nur erkennbar, insofern sie durch Empfindung und Willen zur Bewegung und Veränderung der ihr zugewiesenen Hirnsubstanz in Verhälniss tritt.

Wagners Vorwurf war es am Anfang von Ueber Wissen und Glauben gewesen, dass Vogt seine (d.h. Wagners) Begründung der Annahme einer Seele aus dem Zusammenhang gerissen habe (vgl. Wagner 1854b: 5). Weit über Text 9c hinaus zitiert Wagner nun, offiziell also zur Kontextualisierung der entsprechenden Stelle, insgesamt fast zehn Seiten (vgl. ebd.: 21–30; vgl. auch ders. 1854c: 197–202), von denen durchaus nicht alles kontextuelle Relevanz beanspruchen kann. Im hier wiedergegebenen Text 9c erfolgt eine solche relevante Kontextualisierung der kritisierten Stelle aber tatsächlich: Vogt hatte daraus nur die Zeilen 1 bis 3 wiedergegeben (vgl. Text 8, Z. 10– 12); nicht unwesentlich sind aber sicher auch die unmittelbar folgenden Zeilen 4 bis 7. Mit ihnen kann Wagner zumindest zeigen, dass er die Physiologie in seinen Überlegungen nicht (völlig) außen vor gelassen hat. Die Beschäftigung mit der Physiologie zeigt ihm, dass diese die Seele zwar nicht beweisen kann, v.a. aber, dass sie ihr eben auch nicht widerspricht; Wagner ist also Physiologe und betätigt sich auch als solcher, denn das ,nicht finden‘ (vgl. Text 9c, Z. 4) impliziert ja immerhin ein ,suchen‘. Eine Argumentationskritik müsste hier wieder festhalten, dass die Unwiderlegbarkeit einer Hypothese (so wie die der eigenständigen Seele) diese natürlich nicht positiv beweist; aber Wagner, auch dies muss erneut festgehalten werden, geht es nicht um den Nachweis der Seele, sondern darum, sie als glaubbar bestehen zu lassen (bzw. abzusichern) – was möglich ist, solange sie nicht schlüssig physiologisch widerlegt ist. Und auch wenn Vogt in Text 3g im Rahmen seiner Argumentation für die Vererbung geistiger Merkmale durch Weitergabe der Organisationsmerkmale des Gehirns letzlich auch rational nachvollziehbar

307 für den materialistischen Leib/Seele-Monismus selbst argumentiert hatte, so hatte er die Existenz der eigenständigen Seele dadurch doch nicht widerlegt, und er kann dies auch nicht, da es sich bei ihr um ein übernatürliches, wissenschaftlich nicht erfassbares Phänomen handeln müsste. Wagner kann angesichts dessen dennoch an sie glauben; Vogt braucht sie zwar nicht anzunehmen, kann sie aber auch nicht wirklich ausschließen. Wenn Wagner nun dennoch die (auf den ersten Blick auch in sich selbst) etwas widersprüchlichen Zeilen 6 und 7 nachschiebt, in denen er die Unbeweisbarkeit bzw. sogar die Unbewiesenheit der Seele relativieren zu wollen scheint, um diese Aussage selbst dann ebenfalls zu relativieren, zeigt ein genauerer Blick, dass er wohl nur unglücklich formuliert, aber durchaus mit sich selbst auf Linie ist, im soeben ausgeführten Sinn: Für die Existenz der Seelensubstanz findet Wagner im physischen Bau (des Gehirn- und Nervensystems) „viele Gründe“ (d.h.: viele Argumente im kopperschmidtschen und dascalschen Sinn: also rationale – oder von ihm für rational gehaltene – Geltungsgründe), „nur keine entscheidenden“ (d.h.: keine, denen man den Status eines unumstößlichen Beweises – im dascalschen Sinn – zugestehen könnte); rationale Gründe sind nun aber bereits mehr, als Wagner zum Glauben für nötig erachtet. Diese Gründe selbst, die er zu Gunsten einer Seele zu haben glaubt, bleibt er seinen Lesern dann freilich schuldig. Der folgende Vergleich (Text 9c, Z. 7ff.), mit dem er die Vorstellung wiedergeben will, die „ungefähr ein Physiolog“ (!) (Z. 7f.) vom Leib/Seele-Verhältnis habe, liefert diesbezüglich keine näheren Anhaltspunkte. Während dieser ,Lichtäther-Vergleich‘ im folgenden Kapitel 3.10 näher behandelt wird (da Vogt ihn zum Gegenstand eines umfangreichen Angriffs macht), ist hier nur noch darauf hinzuweisen, dass in Text 9c nicht nur die Frage nach den rationalen Gründen für die Seele offen bleibt, sondern auch diejenige, wie und warum die moralische Weltordnung zu ihrer Annahme nötige. Diesen Punkt etwas näher zu erläutern, unternimmt Wagner aber an einer späteren Stelle des Exzerpts aus den Neurologischen Untersuchungen den Versuch (vgl. im Folgenden Wagner 1854b: 27)218: Er weist in einem sehr knappen Absatz darauf hin, dass zwischen den Erscheinungen der physikalischen Welt eine „wunderbare Harmonie und Uebereinstimmung bestehe“, während die „Geschichte des Menschengeschlechts“ nur „zum kleinen Theil“ einem „gesetzmäßigen Gang“ folge: „Tausende von Phänomenen, von Handlungen erscheinen völlig sinnlos, ohne eine ausserirdische Ausgleichung“, und er fügt hinzu, dass in diesem Punkt daher „alles auf eine zukünftige Lösung der Widersprüche hin[weist] und [...] uns nothwendig zur 218

Auch in: Wagner (1854c, 200). In den Neurologischen Untersuchungen erscheint die Stelle in einer sehr umfangreichen Fußnote, die in der Wiedergabe in Ueber Wissen und Glauben in den Haupttext des Exzerpts integriert ist, ohne dass sich dadurch Wesentliches ändert.

308 Lehre von dem zukünftigen Gerichte und der Widervergeltung [führt]“. Diese Ausführungen erinnern sehr an Text 7a (Z. 18ff.), nur dass hier nun von der Ausgeglichenheit in der physischen Welt auf die Notwendigkeit einer entsprechenden Ausgeglichenheit im Bereich des menschlichen Handelns geschlossen wird; und wenn der tatsächliche Ausgleich erst ,ausserirdisch‘, d.h. jenseitig, erfolgt und dabei ausdrücklich mit ,Gericht‘ und ,Widervergeltung‘ in Verbindung gebracht wird, liegt mehr als nur der Verdacht nahe, dass Unausgeglichenheit (und in der Folge davon Sinnlosigkeit) im Bereich der menschlichen Handlungen für Wagner darin bestehen, dass gutes Handeln im Leben nicht (immer) ausreichend belohnt und böses nicht (immer) ausreichend bestraft wird. Nun erst wird (erstens) klar, warum für Wagner, wie er weiter sagt, ohne die Annahme „ausserirdische[r] Ausgleichung“ die „ganze moralische Weltordnung [...] zum völligen Unsinn“ würde: nämlich weil es dann trotz ihrer Gottgewolltheit (von der Wagner ja überzeugt ist; vgl. Text 9c, Z. 2f.) keine Gerechtigkeit gäbe; und nun erst wird (zweitens) auch klar, warum die (unbezweifelbar gottgewollte und daher wohl auch notwendigerweise gerechte) moralische Weltordnung Wagner zur Annahme einer „immateriellen, individuellen Seele“ nötigt: weil anders die nötige ,ausserirdische‘ Ausgleichung, d.h. weil anders Gerechtigkeit, nicht möglich wäre. Dies sind nun, soviel nur am Rande, unübersehbare bewusste oder unbewusste Anklänge an Kants Schluss auf die Seele mittels der praktischen Vernunft (vgl. oben Kap. 2.1.4, Anm. 10). Während bei all dem nun der Kontext, der den von Vogt als Selbstgeständnis bezeichneten Zeilen 1 bis 3 (Text 9c) unmittelbar nachfolgt, also durchaus zur ,Entlastung‘ Wagners herangezogen werden kann (zumindest zur Entlastung von dem kategorischen Vorwurf, seine Äußerungen in den Neurologischen Untersuchungen nicht als Physiologe gemacht zu haben), so kann doch kaum der Eindruck entstehen, dass Wagner sich mit den weiteren Ausführungen zur moralischen Begründung der Seele, wie sie eben referiert wurden, einen Gefallen getan hat: Zur Erwiderung auf eine Kritik, die sich letztlich auf ein zu starkes religiöses Element in seinen (natur)wissenschaftlichen Schriften bezieht, liefert er eine letzlich religiös fundierte Begründung seines Seelenglaubens, die mit (Natur-)Wissenschaftlichkeit n i c h t s mehr zu tun hat. Es fragt sich insofern allenfalls, wieso Vogt nicht diesen letztlich viel gewichtigeren Punkt der Neurologischen Untersuchungen angegriffen hat. Ganz zu schweigen von dem, was Wagner vor dem Exzerpt, Lotze und Virchow gegenüber, zur doppelten Buchführung und zum Vorrang der gläubigen vor der wissenschaftlichen Erkenntnis geäußert hatte. Und ganz zu schweigen auch davon, dass er als Fazit seines Aufsatzes Ueber Wissen und Glauben sagt: dass die biblische Seelenlehre und die moderne Physiologie „in kein[em] einzige[n] Punkt“ zueinander „im Widerspruch“ stünden und – was nun das eigentlich Entscheidende ist – dass „die Bibel“ (!), dem „fal-

309 schen Spiritualismus und Materialismus gegenüber, in dem richtigen Dualismus des zu einem seelischen Organismus vereinigten Geistes und Körpers die auch physiologisch [!] allein haltbare Grundlage einer wissenschaftlichen Psychologie und Anthropologie“ aufstelle (ebd.: 30; eig. Hervorheb. durch Kursivierung, im Original vollständig gesperrt gedruckt). Dies obwohl Wagner ja weder ,entscheidende‘ pysiologische Gründe anführt, noch die ,vielen‘ anderen, wohl rationalen, die er angeblich auf die Physiologie gründet (vgl. Text 9c, Z. 6f.). Zu diesem Vorgehen Wagners ist nun aber abschließend zu sagen, was oben schon angedeutet wurde: Das Hauptanliegen von Ueber Wissen und Glauben liegt in der Verbreitung seiner Ansichten zum Verhältnis zwischen Wissen(schaft) und Glauben (Titel!), mit Betonung eben auf dem Glauben, insofern dieser von der Wissenschaft nicht beeinträchtigt werden darf. Eine Erwiderung gegen Vogt in der Sache kann für Wagner nicht (mehr) zentral sein; die Niederlage seines Gegners in der Sache hatte er ja 1852 schon erklärt (vgl. Text 4h), und es liegt die Vermutung nahe, dass er Vogts Kritik nun v.a. als Gelegenheit nutzt, um seine fachwissenschaftlich veröffentlichten Ansichten zur Seele und ihrer Natur, die an der relevanten Stelle eben doch auch viel religiös Gefärbtes enthalten, im Rahmen des (seit Göttingen!) immerhin sehr öffentlichkeitswirksamen Streits einem breiteren Publikum vorzulegen; darauf deutet u.a. hin, dass weitaus mehr aus den Neurologischen Untersuchungen exzerpiert wird, als in Erwiderung auf Vogt und im Sinne einer Richtigstellung erforderlich gewesen wäre. Die wirkliche Beschäftigung mit Vogt erfolgt bei all dem nur auf den ersten beiden Seiten des Haupttextes und (weniger offen, aber offensichtlich genug) im Vorwort, wo nun aber v.a. ad personam vorgegangen wird, wobei in Text 9a die massive Ehrverletzung und die ausdrucksseitige Drastik, in Text 9b der harmlosere Spott, aber auch die Auslöschung jeglicher gegnerischer Verdienste (Darstellungsgabe und Witz) dominieren. Um wirkliche Beschäftigung mit Vogt handelt es sich also wohl nur hier, aber nicht mehr im Neurologische Untersuchungen-Exzerpt, und es ist fraglich, ob oder inwiefern Wagner seinen Gegner dort überhaut noch als konkreten Adressaten betrachtet. Anders als Vogt bei der unveränderten Wiedergabe seines GehirnLeber/Nieren-Vergleichs bemüht Wagner sich immerhin nicht um eine zusätzliche Stützung seiner Ansicht,219 die Herausnahme des angeblichen Selbstgeständnisses aus seinem Kontext wird nur konstatiert, aber nicht weiter thematisiert, und im abschließenden Fazit im Anschluss an das vollständige Exzerpt findet die moralische Weltordnung, von der die erneute 219

Die Anführung Moleschotts, Ludwigs und Ficks durch Vogt war, wie oben (Kap. 3.6.2.2) gesehen, mehr gewesen als der bloße angebliche Nachweis, dass der Leib/Seele-Monismus nicht „verabscheut, verlassen, von jedem ächten Naturforscher bei Seite gelegt“ sei (vgl. Text 6(1), Z. 7f.).

310 Wiedergabe gegen Vogt ja eigentlich ihren Ausgang genommen hatte, zudem überhaupt keine Erwähnung mehr. Wagner erweckt tatsächlich den Eindruck, hier nicht mehr gegen (den ohnehin ehrlosen und zudem besiegten) Vogt zu streiten, sondern die Leser v.a. über seine dualistische Seelensicht und deren Implikationen zu informieren. Es ist dabei aber wichtig, zu sagen, dass die Ausblendung des Gegners nicht wie in Vogts Bildern aus dem Thierleben in offensichtlicher Weise zur Herabsetzung instrumentalisiert wird; Wagner liefert darauf zumindest keine Hinweise. Vogt ist zwar der ausdrückliche Grund der erneuten Wiedergabe der Stelle und wird als solcher auch noch einmal erwähnt (vgl. Wagner 1854b: 21), aber je weiter man sich von Text 9c, der das neuneinhalbseitige Exzerpt eröffnet, entfernt, desto weniger ist er noch ,präsent‘ – nachdem er eben seine vorrangige ,Aufgabe‘ (das ausführliche Anknüpfen an die Neurologischen Untersuchungen zu ermöglichen) erfüllt hat und nachdem er am Anfang des Gesamtbeitrags ja zudem auch schon ausführlich polemisch bedacht worden war. Dabei ist hier auch nochmals darauf hinzuweisen, dass dennoch in Ueber Wissen und Glauben vordergründig nicht von einem Bruch von Wagners Vorhaben, nicht mehr gegen Vogt zu streiten, ausgegangen werden muss: Inhaltlich wiederholt und kontextualisiert Wagner offiziell nur, die Äußerungen des Vorwortes sind weder namentlich auf Vogt noch ausdrücklich auf dessen vorausgehende Äußerungen bezogen und der Beginn des Haupttextes gehört letztlich zur Begründung der Unterlassung weiteren Streitens; dass die Dinge sich (,nur‘) pragmatisch anders darstellen, dürfte oben deutlich geworden sein. 3.9.2.6 Eine einzelne polemische Stelle mit ,nachträglicher‘ Relevanz Angesichts der letztendlichen ,Ausblendung‘ des Gegners am Ende von Wagners Aufsatz ist nun aber abschließend doch noch eine letzte kurze Stelle des Exzerpts erwähnenswert, die in der ursprünglichen Veröffentlichung (gemäßigt) polemisch gegen den Leib/Seele-Monismus ganz allgemein gerichtet gewesen war; sie erhält angesichts von Wagners Äußerungen gegen Vogt in Ueber Wissen und Glauben nun erst in ihrer erneuten Wiedergabe sozusagen nachträgliche ,Vogt-Relevanz‘ (ohne das zur ,Ausblendung‘ Gesagte zu relativieren). Die Stelle findet sich in der unmittelbaren Umgebung des zweiten so genannten Selbstgeständisses am Anfang des Exzerpts, wo Vogt als Grund der erneuten Wiedergabe noch durchaus ,präsent‘ ist. TEXT 9d (Wagner 1854b: 21f., Orig. in Antiqua; vgl. ders. 1854c: 198) Erlaubt es die Vorstellungsweise irgend Jemandes sich eine Anschauung von der Denkkraft ungefähr so zu machen, wie der Baron M ü n c h h a u s e n eine von der Schwerkraft hatte, welche ihn zu dem Versuch antrieb, sich selbst beim Haarzopf aus dem Sumpfe zu ziehen, so mag er es auf seine Gefahr thun und wir wollen uns nicht mit

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denen herumstreiten, die nun einmal als Hirn-Automaten einer eigenen Seele durchaus los und ledig sein wollen.

Der kurze, vollständig wiedergegebene Absatz steht in den Neurologischen Untersuchungen etwas unvermittelt in einem insgesamt neutralen, fachlichen Kontext, der wie gesagt keinerlei Verweis auf Vogt enthält und auf ihn ebenso wie auf Moleschott, Holbach oder La Mettrie gemünzt sein könnte, wobei man aufgrund des „Hirn-Automaten“ (Text 9d, Z. 5) vielleicht gerade an den letzteren denkt. Wenn in dem konkreten Absatz noch nicht einmal der Materialismus selbst ausdrücklich erwähnt wird, ist aber doch zumindest klar, dass dessen Seelensicht hier mit einer Münchhauseniade gleichgesetzt wird. Sie wird damit zur Lügengeschichte, wenn auch (eben im Sinne einer Münchhauseniade) zu einer absurden und ganz offensichtlich falschen, zwar vielleicht unterhaltsamen, aber letztendlich doch nur lächerlichen Lügengeschichte: Sich selbst am eigenen „Haarzopf aus dem Sumpfe zu ziehen“ (Z. 3f.) ist die Vorlage und der Maßstab für die Unglaubwürdigkeit der Vorstellung, dass das Gehirn sich selbst das Denken erzeugt (und nicht nur dem Denken der Seele als Werkzeug dient). Ziel Wagners war und ist es hier also, den materialistischen Leib/Seele-Monismus lächerlich zu machen, und in der erneuten Wiedergabe denkt man dabei hier nun zuerst an Vogt. Der Gegensatz zwischen diesem Lächerlichmachen und dem sehr ernsten Lügenvorwurf aus Text 9a (Z. 1f.), darf dabei nicht verwundern; die Veröffentlichung der Neurologischen Untersuchungen, aus denen ja auch Text 9d ursprünglich stammt, fällt in die Zeit zwischen Wagners Ueber Theilbarkeit der Seelen und materialistische Psychologie (1852) und seiner Göttinger Rede (1854a): Im ersteren hatte es ja geheißen, dass sich Vogts Untersuchungen aufgrund ihrer Unsinnigkeit selbst die Spitze abbrechen (vgl. Text 4h, Z. 11), also mit anderen Worten (Münchhauseniade!) nicht glaubwürdig seien; in der letzteren hatte er seinen Kampf gegen Vogt dann erst wieder aufgenommen, und seitdem haben sich die Dinge aus Wagners Sicht nun offensichtlich wieder etwas geändert. Text 9d muss insofern den Peitschenhieben aus Text 9a nachstehen, die durch das frivole Gesindel nun doch wieder gerechtfertigt sind.

312

3.10

Vogts Köhlerglaube und Wissenschaft

3.10.1 Das Werk Nach Wagners Menschenschöpfung und Seelensubstanz vom September 1854 und seinem Aufsatz Ueber Wissen und Glauben vom Ende desselben Jahres lieferte Vogt im Januar 1855220 mit dem 124 Seiten starken Köhlerglaube und Wissenschaft (11855a) den mit Abstand umfangreichsten Beitrag der Auseinandersetzung. Vogts Buch ist seinem Untertitel zufolge in seiner Gesamtheit eine „Streitschrift gegen Hofrath Rudolph Wagner in Göttingen“, so dass von Anfang an keinerlei Zweifel hinsichtlich der Absichten des Autors offen bleiben. Das Buch besteht dabei aus zwei Teilen: Der Abschnitt Historisches und Persönliches (vgl. Vogt 11855a: 1ff.) gibt neben einem polemischen Abriss der wissenschaftlichen Karriere Wagners (so wie Vogt sie sieht) einen ebenso polemischen Abriss der Auseinandersetzung selbst, bis zum Stand von 1855. Einen großen Teil nimmt dabei natürlich die Reaktion Vogts auf Wagners bis dahin noch nicht behandelte Beiträge Menschenschöpfung und Seelensubstanz und Ueber Wissen und Glauben ein, aber auch für frühere Angriffe gibt Vogt nachträgliche Rechtfertigungen (die die Angriffe teils noch verschärfen); es erfolgt zudem eine umfangreiche Zitierung eigener und gegnerischer Streitbeträge. In einem zweiten Abschnitt mit dem Titel Wissenschaftliches (ebd.: 49ff.) folgen dann inhaltliche Widerlegungsversuche Vogts gegen Wagners Positionen: gegen die Ein-Paar-These hinsichtlich der Herkunft des Menschen und natürlich gegen die wagnersche Haltung zu Seele und ,Seelenorgan‘. Vogt liefert hier Argumentationen, Belege und Beweisführungen für seine eigene Sicht, mit denen er zwar deutlich in der Sache auftritt, die aber durchaus nicht immer einer kritischen Prüfung standhalten – und neben denen auch hier immer noch reichlich PersönlichPolemisches in die Äußerungen einfließt, nur diesmal eben (meist) im Rahmen von Betrachtungen ad rem. Bei der Bewertung von Köhlerglaube und Wissenschaft in der Literatur fallen i.d.R. recht eindeutige Begriffe. Klimke (1907: 8), der in seiner Darstellung des Streits Vogt folgt, aber Wagner zuneigt, rechnet das Buch (mit Jacob Moleschotts Kreislauf des Lebens und Ludwig Büchners Kraft und Stoff) unter die „giftigsten Bücher aus diesem Federkampfe“ um Leib und Seele, das wie die beiden anderen in Bayern und Österreich (zumindest zeitweise) sogar verboten gewesen sei; er bezeichnet es als „Brandschrift des Materialismus“ (ebd.: 16) und zitiert einen älteren Kritiker mit Begriffen wie Schamlosigkeit, Frechheit, Nichtswürdigkeit und Pasquille (vgl. ebd.: 17). 220

Vgl. Gregory (1977: 74).

313 Aber auch Degen (1954: 277), der in seiner Darstellung keine Voreingenommenheit zeigt, spricht von einer „der gröbsten polemischen Leistungen der Wissenschaftsgeschichte“, in der Wagner „kein nur denkbarer ehrenrühriger Vorwurf erspart“ wurde, und Gregory (1977: 74) bemerkt zumindest, dass „[m]uch of the first section of the work was an open and viciously ad hominem221 attack“. Insgesamt kann man wohl Degen (1954: 276) zustimmen, dass Vogt die von Wagner „verabfolgten ,Peitschenhiebe‘222 mit Keulenschlägen heimzahlte“. Einzelheiten werden dabei aus der folgenden Analyse hervorgehen, wo angesichts des Umfangs von Köhlerglaube und Wissenschaft nun im Detail nur noch ein selektives Vorgehen erfolgen kann. Die Auswahl von Textstellen wird sich auf solche beschränken, die direkten Bezug zu Vorausgehendem aufweisen, während in anderen Punkten eine nur referierende Darstellung mit allenfalls kurzen Belegen möglich sein wird.

3.10.2

Die Analyse

3.10.2.1

Der historische und persönliche Teil von Köhlerglaube und Wissenschaft

Vogt eröffnet sein Buch, ohne ein Vorwort, mit der Bemerkung, dass Wagner die radowitzsche Mission zu haben glaube, „den schwachen Rest der Gläubigen in der Wissenschaft gegen den stets anwachsenden Materialismus in den Kampf zu führen“: wenn auch mit „geringer Siegeshoffnung“ und unter der „laute[n] oder stillschweigende[n] Mißbilligung“ der überwiegenden Mehrzahl der eigenen Fachgenossen, so doch „mit um so größerer Galle, mit um so heftigerem Ingrimm“ (Vogt 11855a: 1). Demgegenüber, so Vogt weiter, trete nun aber die moderne Naturwissenschaft endlich selbstbewusster auf den „Kampfplatz“, und auch wenn schon „die höhere Staatspolizei aufmerksam gemacht“ werde „auf diese verderbliche Richtung“ und wenn „rücksichtslose Bekenner derselben in Folge ärmlicher Denunciationen erbärmlicher Gottesgelehrter von ihren Lehrstühlen hinweggemaßregelt“ werden, ja selbst wenn „auch einzelne Bekenner der Wahrheit eingeschüchtert schweigen“, so werde es doch „der freien Kämpfer noch genug geben, welche rücksichtslos und unbeirrt die Resultate ihrer Forschung darlegen und damit der Wahrheit eine neue Stütze bringen“ (ebd.: 2). Vogt scheint gleich zu Beginn seines Buchs unter Beweis stellen zu wollen, dass die Untertitelung als S t r e i t-Schrift ihre Berechtigung hat. Die zentralen Begriffe (Galle, Ingrimm, ärmliche Denunciation, erbärmliche 221 222

Schopenhauers (1985) und Dieckmanns (2005) Angriff ad p e r s o n a m. Vgl. Text 9a, Z. 5f.

314 Gottesgelehrte) lassen sich nach allem Vorausgehenden natürlich v.a. auf Wagner anwenden und bedürfen keines weiteren Kommentars; die Grenzen bzw. Fronten werden mit mehr als ausreichender Deutlichkeit gezogen: hier die wissenschaftliche Wahrheit, dort die Unterdrückung ihrer für bestimmte Kreise unliebsamen Ergebnisse (und die Unterdrückung ihrer Bekenner, die fast schon als Märtyrer erscheinen). Überraschen kann allenfalls, dass auf Seiten Vogts nicht nur Wahrheit, Freiheit (der Forschung) und Unbeirrbarkeit stehen, sondern auch Rücksichtslosigkeit, die in den obigen Zitaten mehrfach anklingt; ihr wird hier jedoch ein positiver Wert zuteil, insofern der rücksichtslose Forscher, wie impliziert wird, allein im Dienste der Wahrheit steht und von allen anderen Überlegungen (und Rücksichtnahmen) frei ist. Es handelt sich hier also auch um einen klaren Seitenhieb auf die falschen nicht(standard)epistemischen Motive Wagners in Menschenschöpfung und Seelensubstanz und Ueber Wissen und Gauben, was v.a. in der Bezeichnung der Gegenseite als (erbärmliche) Gottesgelehrte zum Ausdruck kommt; denn darunter sind nicht die Theologen zu verstehen, sondern die gottesfürchtigen unter den naturwissenschaftlich Gelehrten, so wie Wagner. Vogt nimmt nach seinem dezidierten Einstig das Tempo auch weiterhin kaum zurück. Der erste Teil seines Buches ist völlig der Person des Gegners gewidmet; seine wissenschaftliche Laufbahn wird, wie gesagt, ebenso zum Gegenstand polemischer Angriffe wie seine Beteiligung an bzw. sein Verhalten in der laufenden Auseinandersetzung, und es wird schnell klar, dass es Vogt nun (im eigentlichen Sinn der Polemik) endgültig um die völlige persönliche Vernichtung seines Gegners geht. Relevant ist für ihn im Folgenden letztlich alles, was es Negatives über Wagner zu sagen gibt. 3.10.2.1.1 Wagners Ruf als Forscher Als Anlass von Köhlerglaube und Wissenschaft führt Vogt v.a. Wagners Veröffentlichungen in Folge der Göttinger Tagung an; obwohl der Gegner damit „durchaus kein neues Argument in den Streit hineingebracht“ (sondern nur „schimpfend und polternd den Kreuzzug [...] gepredigt“) habe und man seine neuerlichen Äußerungen daher eigentlich übergehen könne, sieht Vogt sich doch „genöthigt, erneut auf den Gegenstand einzugehen“, da nur wenigen der Verlauf der Auseinandersetzung und die Fragen, um die es dabei gehe, bekannt seien (Vogt 11855a: 2f.). Abgesehen davon, dass Vogt mit schimpfen und poltern dieselben Vorwürfe gegen Wagner erhebt wie dieser zuvor gegen ihn (vgl. v.a. Wagner 1852), rechtfertigt er seine Streitschrift also als Werk der Aufklärung der Öffentlichkeit und bemerkt ausdrücklich, dass es ihm „Leid thut [...] eine Seite berühren zu müssen, die Herr W a g n e r zuerst angeschlagen hat – ich meine die persönliche“ (Vogt 11855a: 3). Indem also die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem anklingt, öffnet Vogt nun eine

315 Klammer, die er erst am Ende des ersten Teils von Köhlerglaube und Wissenschaft auch wieder schließen wird (vgl. Text 10d). Nachdem er also angekündigt hat, für die breite Öffentlichkeit Licht in seinen Streit mit Wagner bringen zu wollen, in eine Auseinandersetzung, die ja 1852 begonnen hatte, holt er nun aber wie gesagt weiter aus: in die Zeit, als er (Vogt) seine wissenschaftliche Laufbahn begann (um 1840). Damals sei Wagners Ansehen als Forscher nicht nur bereits auf seine geläufigen Lehrbücher zu Physiologie und Zootomie gegründet gewesen, sondern auch auf seine Entdeckungen mit Hilfe des Mikroskops, dessen Verwendung „damals noch zu den selteneren Ausnahmen“ gehörte und seinen Benutzern (auch in Vogts Augen) „einen gewissen priesterlichen Nimbus [verlieh], dem man nur mit Ehrfurcht nahte“ (Vogt 11855a: 3). Angesichts dessen habe die Kritik noch vor der Bewunderung geschwiegen, obwohl Wagners Untersuchungen „a l l e fragmentarisch“ gewesen seien, wie es in sofortiger Einschränkung der Anerkennung heißt. Schon damals also hatten, Vogt zufolge, Wagners positive Seiten die durchaus vorhandenen negativen lediglich überwogen. Vogts Vorwurf ist nun, dass Wagner von diesem Höhepunkt seiner Karriere an den „erworbenen Ruf mehr und mehr selbst befleckte und das [...] Piedestal zertrümmerte, auf das er sich erhoben hatte“ (ebd.: 4): Er habe v.a. nur noch Ankündigungen geplanter Vorhaben gemacht223 oder andere für sich arbeiten lassen. Auf diese Punkte konzentrieren sich dann auch die folgenden umfangreicheren Ausführungen Vogts (vgl. ebd.: 4–20), und das erste konkrete Beispiel greift er dabei als exemplarisch für das (spätere) Verhalten Wagners bei wissenschaftlichen Publikationen überhaupt heraus. 3.10.2.1.2 Wagner als Autor Von 1839 bis 1844 erschien eine Neubearbeitung von Samuel Thomas von Sömmerrings Anatomielehrbuch Vom Baue des menschlichen Körpers, das erstmals 1790/91 und in zweiter Auflage 1800/01 veröffentlicht worden war; zu den Mitarbeitern der erneuten Überarbeitung gehörte jetzt, neben Jacob Henle224 (1809–1885), Gabriel Gustav Valentin225 (1810–1883) und anderen, auch Rudolph Wagner, der die Knochen- und Bänderlehre übernahm (Sömmerring 31839, hg. v. R. Wagner).226 Wagners Arbeit wird von Vogt nun 223

Vogt benutzt Ausdrücke wie: „Marktschreierei“, „pomphafte Ankündigung“ sowie „[l]eichtsinniges Versprechen, prahlerische Vorspiegelung und endliche Täuschung des vertrauenden Publikums“ (Vogt 11855a: 4). 224 Ab 1852 als Nachfolger Wagners Inhaber des Göttinger anatomischen Lehrstuhls. 225 Vogts früherer Lehrer an der Universität Bern. 226 Man beachte den vollen Titel des von Wagner bearbeiteten Teilbandes: Samuel Thomas von Sömmerring, Vom Baue des menschlichen Körpers, Bd. 2: Lehre von den Knochen und Bändern des menschlichen Körpers, nach der zweiten Auflage

316 gegenüber den Beiträgen der anderen Bearbeiter rundheraus vernichtend beurteilt: Diese hätten an ihren Teilen des älteren Werkes getan, „wie sie als gewissenhafte Männer thun mußten“, und „mit Treue die Verpflichtung [erfüllt], [...] das Buch auf die Höhe der Zeit“ zu bringen (ebd.: 5; eig. Hervorheb.); „Herr W a g n e r“, heißt es dagegen, „machte es anders“ (ebd.). Vogt beschuldigt ihn, den alten Text (weitestgehend) unverändert abgedruckt, die Anmerkungen aus Sömmerrings Handexemplar ebenso unverändert eingefügt und nicht einmal inzwischen neu erschienene Literatur erwähnt zu haben, so dass der Eindruck entstehe, als sei von „S ö m m e r r i n g ’s Tode an [...] die Wissenschaft gänzlich still gestanden“ (ebd.); Ergänzungen (die Vogt also letztlich doch einräumt) habe es, als „Hinweise oder dürftige Auszüge“ als „Excerpte und Citate“, nur gegeben, „wo Vernachlässigung unmöglich oder Herr W a g n e r zufällig auf ein betreffendes Werk gestoßen war“ (ebd.). Vogt, der die Bearbeitung mit dem Original verglichen haben will, betont dabei seine Bereitschaft, „Seite für Seite, Satz für Satz den Beleg zu diesen unglaublich scheinenden Behauptungen“ zu liefern (ebd.). Dazu ist nun zu sagen, dass der Vergleich von Wagners Bearbeitung mit Sömmerrings früherer zweiter Auflage (v.a. mit Band 1: Lehre von den Knochen und Knorpeln, weniger mit Band 2: Lehre von den Bändern der Knochen) zeigt, dass Vogts Vorwurf nicht völlig unbegründet ist: Eingriffe in den Haupttext bestehen v.a. in projektbedingten Kürzungen (vgl. Wagners Vorwort in Sömmerring 31839: vi) und vielen stilistischen Änderungen; dabei ist aber auch zu sagen, dass Wagner (ebd.: vif.) selbst ausdrücklich darauf hinweist, dass er Sömmerrings Original größtenteils habe beibehalten können, da die Knochen- und Bänderlehre der „Theil der menschlichen Anatomie“ sei, der „seiner ganzen Natur nach […] die wenigsten neuen Entdeckungen und Verbesserungen aufzuweisen hat“. Ob dies so tatsächlich der Fall ist, muss hier dahingestellt bleiben, Wagner selbst gab immerhin zu verstehen, dass er „S ö m m e r r i n g’ s Beschreibungen mit der Natur verglichen und auf die neuesten Schriftsteller die nöthige Rücksicht genommen“ habe (ebd.: viiif.). Inhaltliche Ergänzungen finden sich (wie von Vogt kritisiert) dabei zwar tatsächlich v.a. in Fußnoten, wo es aber durchaus auch die von Wagner angesprochenen Hinweise auf die neuere Literatur gibt. Schwerer als der Vorwurf der Vernachlässigung von Sorgfalt bei der Aktualisierung eines wissenschaftlichen Werkes wiegen die Beschuldigungen Vogts gegen Wagner aber dort, wo die angeblichen Motive seines Vorgehens beleuchtet werden: Wagner habe v.a. seinen „Namen auf dem Titel eines Lehrbuches der menschlichen Anatomie paradiren“ sehen und „mit mögund nach den Handexemplaren des Verfassers mit den nöthigen Ergänzungen und Zusätzen, auch dem Katalog der von Sömmerring hinterlassenen Sammlung von anatomischen Präparaten herausgegeben von Rudolph Wagner.

317 lichst geringer Mühe möglichst viele Bögen drucken und honoriren“ lassen wollen (Vogt 11855a: 5; eig. Hervorh.); der zweite Punkt (der finanzielle Aspekt) wird noch unterstrichen, wenn Wagners Beteiligung zum „Resultat einer schmutzigen Geldspeculation“ erklärt wird (ebd.: 6). Mit dem ersten Motiv wird er der Eitelkeit oder der Ruhmessucht beschuldigt, mit dem zweiten der bloßen Geldgier; beides will Vogt ohne Zweifel als verwerfliche Charakterzüge aufgefasst wissen, zumal für den Wissenschaftler, dem es, wie ja am Anfang vom Köhlerglaube und Wissenschaft anklingt, um die Wahrheit gehen sollte, und zumal dann, wenn dadurch, wie es heißt, „das ganze Werk geschändet“ wird (ebd.). Dabei geht es Vogt interessanterweise auch um die moralische Verwerflichkeit von Wagners Verhalten (das ja v.a. aus dessen Sicht schwer wiegen müsste), denn seine letzte Schärfe erhält die Darstellung des gegnerischen Handelns erst durch den Hinweis darauf, dass Wagner (im sechsten Physiologischen Brief, 1851/52, in AZ 20/1852: 313; eig. Hervorheb.) „[a]ls Christ“ seiner Überzeugung Ausdruck verliehen habe, Rechenschaft bereits „von jedem unnützen Worte“ ablegen zu müssen. Vogts Absicht ist es hier also, seinen Gegner nicht nur als Mensch, hinsichtlich seines (eitlen, geldgierigen) Charakters, und als Wissenschaftler bzw. Autor, hinsichtlich seines Berufsethos, sondern sogar als Christ, hinsichtlich der Aufrichtigkeit seiner christlichen Überzeugung, zu diskreditieren. Und er gibt all dem dabei noch zusätzliches Gewicht, da er die in groben Zügen gleichen Verhältnisse und Motive auch in zwei weiteren Publikationen Wagners erkennen will (vgl. Vogt 11855a: 6–10): zum einen in der Zweitauflage seines Lehrbuchs der vergleichenden Anatomie, das Wagner in den von ihm selbst bearbeiteten Teilen v.a. umstrukturiert und größer drucken lassen habe, während zwei weitere Bearbeiter tatsächlich aktualisiert hätten, sowie zum anderen bei der Herausgabe seines Handwörterbuchs der Physiologie, bei dem Wagner als Herausgeber die eigentlichen Autoren nur beaufsichtigt habe. Im letzten Fall kratzt Vogt an dem Werk, mit dem „Wagners Name [...] in der Geschichte seines Fachs [...] vor allem [...] verbunden“ ist (Klatt 1997: 9; vgl. Hoffmann 1964: 27ff.) und kommentiert alle drei mit der jeweils wiederholten abschließenden Bemerkung: „von W a g n e r herausgegeben, von Anderen gemacht“ (Vogt 11855a: 10). 3.10.2.1.3 Wagner als Dozent Als Beispiel für Wagners angebliche Verfehlungen in der akademischen Lehre greift Vogt die provisorische Wiederbesetzung des Göttinger Lehrstuhls für Anatomie mit Wagner im Jahr 1851 auf (vgl. oben, Kap. 2.3.2.1), eines Faches, das mit seinen praktischen Teilen für die Medizinerausbildung von großer Bedeutung war. Wagner habe die Übertragung der Stelle (wieder) v.a. ihrer umfangreichen Einkünfte wegen betrieben (vgl. Vogt 11855a:

318 12ff.),227 ein Verdacht, den Wagner interessanterweise schon seinerzeit glaubte zurückweisen zu müssen (vgl. einen Brief Wagners, zit. in Hoffmann 1964: 40f.). Vogt zufolge sei schon kurz nach Wagners Antritt ein „dumpfes Murmeln [...] durch die Studirenden der Medicin“ gegangen (Vogt 11855a: 12). Dass man sich „bald in allen Kreisen darüber einig“ wurde, dass Wagner „vollkommen unfähig sei, menschliche Anatomie zu lehren“ und „Secirübungen [...] zu leiten“, illustriert er damit, dass Wagner gerade einmal dazu in der Lage gewesen sei, nicht einmal wirkliches Wissen, sondern nur „halb auswendig gelernte Brocken, die auf den einen Muskel sich bezogen, herzusagen, während er mit Messer und Pincette einen andern Muskel zeigte“ (ebd.: 13; eig. Hervorh.). Die Unzufriedenheit habe sich schließlich „vollständig Luft“ gemacht, was Vogt zwar nicht weiter konkretisiert, wozu er aber immerhin anmerkt, dass dies „selten in Göttingen geschieht, wo man daran gewöhnt ist, die Unfähigkeit mit dem Mantel christlicher Liebe zu decken, damit der Ruf der Universität nicht leide“ (ebd.: 12); er impliziert hier natürlich, dass Wagners Defizite so groß gewesen seien, dass die gewöhnliche Nachsicht der Universität den größeren Schaden gebracht hätte. Wagner habe so das „goldene Kalb, welches er schon gepackt zu haben glaubte, wieder aus den Fingern lassen“ (ebd.: 13; eig. Hervorheb.) und einer Umbesetzung des Lehrstuhls zustimmen müssen. Neben seiner (Un-)Fähigkeit nimmt Vogt hier aber auch wieder Wagners Charakter(schwächen) ins Visier, wenn er abschließend eine Erklärung der Defizite des Gegners zu einem weiteren Vorwurf ausbaut: Die „gewöhnliche hausbackene Anatomie“ (die eben als Voraussetzung der Medizinerausbildung dient), beschäftige sich, so Vogt, mit einer „Menge von Einzelnheiten [sic], mit welchen der Physiologe und vergleichende Anatom“ (in beiden Funktionen war Wagner in Göttingen eigentlich tätig) „im Laufe seiner Studien nicht mehr in Berührung kommt“, die er „mehr oder minder vergißt“ und die ihm „sogar [...] nicht mehr bedeutend sein kann“ (ebd.; eig. Hervorh.); der Lehrer der (gewöhnlichen, hausbackenen) Anatomie dagegen müsse sie „am Schnürchen haben“ (ebd.). Was dabei zunächst den Anschein einer entschuldigenden Erklärung haben könnte, entpuppt sich jedoch bestenfalls als eine Art concessio, wenn Vogt am Ende betont, dem Gegner nicht den Vorwurf der Unkenntnis anatomischer Details machen zu wollen, sondern denjenigen, „sich zum Vortrage von Dingen vorgedrängt zu haben, von 227

Er habe „das Bedürfniß [empfunden], die reichlichen Friedrichsd’ore zu verdienen, welche eine Stelle der Anatomie in Göttingen einbringt. Jeder Anfänger der Medicin muß wenigsten zwei Jahre hindurch dem Professor der Anatomie zinsen, einmal für die Vorlesung, einmal für die praktischen Uebungen im Präpariren; Alles wird doppelt bezahlt, denn es sind praktische Fächer“ (Vogt 11855a: 12). Die Bezeichnung Friedrichsd’or ist in Anlehnung an Louisdor, eine französische Goldmünze aus der Zeit Ludwigs XIII., gebildet.

319 denen er wußte, daß er sie nicht wußte“ (ebd.: 14; vgl. ebd.: 13f.). Vogt wirft hier also tatsächlich etwas Vorwerfbares vor, unabhängig davon, ob es sich dabei um den Vorwurf der Geltungssucht oder der (wissentlichen) Selbstüberschätzung handeln soll. 3.10.2.1.4 Der eigentliche Streit mit Wagner Nach weiteren Ausführungen, v.a. zu Wagners Nervenuntersuchungen an elektrischen Fischen und zur Auseinandersetzung um die Entdeckung der Tastkörperchen der Haut,228 kommt Vogt schließlich zum Abriss des bisherigen Streits aus seiner Sicht (vgl. Vogt 11855a: 20–48). In Bezug auf den bereits zurückliegenden Teil der Auseinandersetzung ist er dabei am ausführlichsten bei Wagners „sogenannten physiologischen Briefe[n]“ (ebd.: 20): Durch sie habe der Gegner „seiner literarischen Nichtsnutzigkeit [...] die Krone“ aufgesetzt (ebd.). Vogt bezeichnet die Briefe in einer dichten Häufung von Be- bzw. Entwertungen, die alles früher zu ihnen Gesagte verschärfen, als „Sammelsurium von Plattheiten und Trivialitäten“, als „Haufwerk 228

Zur Auseinandersetzung um die Entdeckung der Tastkörperchen der Haut, vgl. v.a. Hoffmann (1964: 52ff.). Eigenen Angaben zufolge (vgl. Wagner 1851/52, in AZ 35/1852: 553f.; es handelt sich um Wagners achten Physiologischen Brief) hatte sich Wagner aufgrund von Unklarheiten über die Anatomie der sensorischen Enden der Nerven zu Untersuchungen auf diesem Gebiet entschlossen, die er zusammen mit seinem Schüler Georg Meißner (1829–1905) unternahm und die 1852 zur Entdeckung der so genannten Tastkörperchen führten, was Wagner (ebd.) als gemeinschaftliche Entdeckung darstellte. Vogt (11855a: 18ff.) verweist nun darauf, dass inzwischen, d.h. 1855, der angesehene Arzt und Zoologe Carl Theodor von Siebold (1804–1885) Meißner als alleinigen Entdecker der Tastkörperchen anführe, und darauf, dass der ebenfalls bekannte Anatom und Physiologe Albert Kölliker (1817–1905) sie allein nach Meißner benenne. Vogt (ebd.: 19) drückt angesichts dessen spöttische Verwunderung über Wagners Stillhalten aus: über sein „engelsgleiches Gemüth“ angesichts des Umstandes, dass andere sich „so weit vermessen, die Hälfte einer Perle – und zwar der schönsten Perle aus der wissenschaftlichen Krone W a g n e r’ s – zu entwenden“; über sein Stillhalten, obwohl Wagner in einem ersten Bericht über die Entdeckung (und eben auch im achten Physiologischen Brief) nachdrücklich auf dem ,Wir‘ bestanden habe. – Offenbar erst nach Köhlerglaube und Wissenschaft (wohl ab Mitte 1855) entwickelte sich dabei tatsächlich ein „häßlicher Prioritätsstreit“ (Hoffmann 1964: 53) zwischen Wagner und Meißner um die genauen Einzelheiten der Entdeckung, in dem Wagner (vgl. einen privaten Brief, zit. bei Hoffmann 1964: 54ff.) zwar nicht die Entdeckung selbst, aber die Idee zur Untersuchung und zum Ort der Suche, die richtige Interpretation der Entdeckung (als Tastkörperchen) und die Anregung für weitere Forschungen seines Schülers für sich beanspruchte. Nachdem sich das Verhältnis zwischen beiden später wieder normalisiert zu haben scheint (vgl. Hoffmann 1964: 63f.), sind die Tastkörperchen auch heute noch nach Meißner benannt.

320 von Anekdoten, Sprüchen, Glaubensbekenntnissen und Absurditäten“, das „aus allen Winkeln zusammengekehrt worden“ sei, und schließlich als „Machwerk der [wissenschaftlichen] Impotenz“ (ebd.: 21). Es dominiert hier also zunächst der Vorwurf von Ordnungslosigkeit und mangelnder Sorgfalt: Vogt verwendet Sammelsurium und Haufwerk abschätzig als Bezeichnungen für das Werk selbst und zusammenkehren ebenso für die Art seiner Entstehung. Es ist aber letztlich nicht das zusätzliche angebliche Fehlen von wissenschaftlichen Fakten (hervorgehoben durch die vielen Antonyme: Plattheiten, Trivialitäten, Anekdoten, Sprüche, Glaubensbekenntnisse und Absurditäten), das Vogt am stärksten „entrüsten mußte“, sondern, wie es heißt, das Darbieten von „alberne[n], dogmatische[n] Spitzfindigkeiten und Hirngespinnste[n] [...] als allgemein gültige, wissenschaftlich begründete Sätze“ (ebd.: 21; eig. Hervorheb.), dessen Wagner sich schuldig mache (wobei hier, im historischen und persönlichen Teil des Werkes, noch keine konkreten Beispiele gegeben werden). Vogt schlägt dabei (in Anlehnung an Wagners Text 2a, Z. 8ff.) in dieselbe Kerbe wie sein Gegner: Der Autor sei „für seine Worte verantwortlich“ – jedoch „nicht vor einem zukünftigen fingirten Richterstuhle, sondern vor der Gesammtheit Derer, die ihn lesen“ (Vogt 11855a: 21). In diesem Sinne bemerkt er wenig später: TEXT 10a (Vogt 11855a: 22f.; Orig. in Fraktur)

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Dem Laien gelten die Resultate der Wissenschaft als Wahrheit; er muß sie hinnehmen auf Treu und Glauben, denn er kann nicht nachgehen auf den Wegen, die man zu ihrer Erreichung gewandelt ist. Der Fachgenosse kann diese Wege untersuchen; was man ihm geboten hat, kann er kritisch zerlegen; er kann die Fehler der Methode nachweisen, oder die Richtigkeit des Resultates bestätigen. Diese Kritik ist dem Laien unmöglich, weil er bald nicht Mittel, bald nicht Kenntnisse, bald nicht Zeit hat, sie zu üben; ihm bleibt als Anhaltspunkt nur das Vertrauen auf die Kritik der Fachgenossen, auf die Währung des Namens, der ihm diese oder jene Resultate vorführt. [...] Darum gerade aber ist es schändlich, einen Namen, der mit Recht oder Unrecht, durch Gunst oder Ungunst ein Name geworden ist, so zu mißbrauchen, daß man die factischen Resultate der Wissenschaft mit eigenen Träumen und Hirngespinnsten trügerisch vermischt und das Potpourri dem Laien so darbietet, als sei all dieses auf demselben Wege gewonnen. Ein solches Verfahren ist für uns mehr als eine Sünde gegen den heiligen Geist: – es ist eine Sünde an der lebendigen Ueberzeugung des Volkes, dem man auf diese Weise Steine darbietet, während es Brod verlangt. Je üppiger also das W a g n e r’sche Unkraut in der Allgemeinen Zeitung wucherte, desto nöthiger ward es, in seine geilen Sprößlinge einen scharfen Hieb zu führen. Ich that dies in meinen „Bildern aus dem Thierleben“ [...].

3.10.2.1.5 Die Verantwortung des Forschers Wenn dem Laien wissenschaftliche Ergebnisse als die Wahrheit gelten (Text 10a, Z. 1), deutet Vogt hier an, dass er davon ausgeht, dass der Laie, dass allgemein die Öffentlichkeit, auch erwartet, von der Wissenschaft die Wahr-

321 heit gesagt zu bekommen (nicht fordernd, sondern wie selbstverständlich); explizit ausgedrückt wird dies in der „lebendigen Ueberzeugung des Volkes“ (Z. 14) und der Metapher mit den Steinen statt Brod (Z. 14f.). Vogt verweist aber auch auf die Hilflosigkeit des Laien in Fragen der wissenschaftlichen Wahrheit (Z. 2f. und 5f.) und angesichts dessen gilt für ihn: das, was der „Fachgenosse kann“ (Z. 3), ist, weil er und nur er es kann, auch seine Aufgabe, nämlich zu prüfen („kritisch zerlegen“, Z. 4), ob das Resultat, das dem Laien als Wahrheit erscheint, auch wirklich die Wahrheit ist, ob der gegangene Weg auch tatsächlich ans angegebene Ziel führt. Mit der Aufgabe, die sich daraus ergibt, umreißt Vogt, was als Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode gilt: das Prüfen der Theorien, Hypothesen und Beobachtungen von Forschern durch andere Forscher (Fachgenossen), um sie zu verifizieren (die „Richtigkeit des Resultates bestätigen“, Z. 5) oder zu falsifizieren (die „Fehler der Methode nachweisen“, Z. 4f.). Auf die Annahme, dass die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft sich also gegenseitig kontrollieren (vgl. das „Vertrauen auf die Kritik der Fachgenossen“ untereinander; Z. 7), um dadurch die höchst mögliche Objektivität zu gewährleisten, und dass das, was als Wahrheit vermittelt wird, diesen Prüfungsprozess bestanden hat, gründen sich für Vogt nun „Treu und Glauben“ des Laien (Z. 2), der hier wohl bewusst als jemand gezeichnet wird, der dem Forscher mehr mit kindlichem Zutrauen begegnet als mit dem Bewusstsein des Prekären seiner Lage ihm gegenüber (vgl. eben v.a. Z. 7 und 14). Vogt erweckt dieses Bild wohl deshalb, um die Laien (die auch er ja anspricht) vom nachlässigen Forscher nicht nur getäuscht, sondern enttäuscht werden zu lassen. Zumindest ergibt sich aus der Darstellung des Verhältnisses des Wissenschaftlers in seiner Aufgabe zum Laien in seiner Erwartung eine unmittelbare Verantwortung für den ersteren dem letzteren gegenüber, mit der unterstrichen wird, was bereits umittelbar vor Text 10a gesagt (und oben im Wesentlichen zitiert) wurde. Man darf dies als implizite Doppelkonter gegen Wagner verstehen. Entgegen dessen Text 2a (Z. 8ff.) erstreckt sich die Verantwortung des Forschers aus Vogts Sicht – wie auch schon unmittelbar vor Text 10a anklang (und wie ebenfalls oben zitiert wurde) – auf den Menschen, der für Vogt das Wichtigste ist, nicht auf eine höhere Macht, der es Rechenschaft zu geben gilt. Daneben kontert er hier aber auch gegen die Texte 7b und 7c, insofern sich die Verantwortung bei ihm nicht vor einer moralischen Weltordnung bewährt, sondern vor der Wahrheit, den „factischen Resultate[n] der Wissenschaft“ (Text 10a, Z. 10f.). Ein Verstoß gegen diese doppelte Verpflichtung und Verantwortung richtet sich gegen alle positiven Begriffe, die Vogt für das Verhältnis des Laien zum Forscher gebraucht: gegen Treu und Glauben und gegen das Vertrauen des ersteren sowie gegen die lebendige Ueberzeugung des (ganzen) Volkes. Und Vogt bezeichnet einen solchen Verstoß dann auch nicht nur als „schändlich“ (Z. 9), sondern (da es ihm ja um die

322 Verantwortung des Forschers vor der Wahrheit und dem Menschen als höchster Pflicht geht) zudem als einen Verstoß, der schlimmer sei als eine „Sünde gegen den heiligen Geist“ (Z. 13). Auch Vogt betont hier also letztlich die Verantwortung des Forschers für die Bildung des Volkes, wenn auch unter anderen Vorzeichen, da es für ihn eben schon die Wahrheit selbst ist, die dem Volk nützt (das Brod; vgl. Z. 15), und nicht davon abweichende Träume und Hirngespinnste (die Steine; vgl. Z. 11 und 15). Das Ziel der Ausführungen, der Angeklagte sozusagen, ist bei all dem ausdrücklich Wagner; von ihm und seinen Physiologischen Briefen ist direkt vor Text 10a die Rede, auf ihn und sie bezieht sich der Text unmittelbar und auf ihn und sie läuft er am Ende in äußerst scharfer Weise auch wieder hinaus (Z. 15ff.). Wagners Träume und Hirngespinste sind es also, um die es hier geht und bei denen es sich ohne jeden Zweifel um eine Anspielung auf die eigenständige Seele handelt, die Wagner ja aus der ihm immanenten Vorstellung einer moralischen Weltordnung (vgl. Text 9c, 1ff.) herleitet, und Wagner ist es damit auch, der die Währung seines Namens (Text 10a, Z. 8) zur Verbreitung seiner ,Resultate‘ missbraucht (wobei Vogt den Wert dieser Währung nur noch leise in Frage zu stellen braucht; vgl. Z. 9f.).229 Mit Wagner als dem, der in seinen Publikationen gegen die Wahrheitserwartung und -pflicht eklatant verstößt, liefert Vogt nun auch eine nachträgliche Rechtfertigung für sein Vorgehen gegen die Physiologischen Briefe, die als Krone von Wagners literarischer Nichtsnutzigkeit (vgl. oben) nun in der bisher schärfsten Weise angegriffen werden: Das Bild des wuchernden Wagner’schen Unkrauts (Z. 15f.) ist dabei noch das Harmloseste. Dem gegenüber implizieren die „geilen Sprößlinge“ (Z. 16f.), dass es denselben (d.h. den Physiologischen Briefen als den einzelnen ,Trieben‘ der Serie, in der einer von ihnen auf den bzw. aus dem anderen folgte bzw. wucherte) nur auf Vermehrung und Verbreitung ankommt, wobei der sexuelle Aspekt der Metapher bloße niedrige Lust dabei impliziert, hinter der keine weiter reichenden Ziele stehen (bspw. nicht die Suche nach der Wahrheit). Immerhin bezieht sich das aggressiv Abwertende der Geilheit auf die Sprößlinge (also auf die Briefe und die auch in ihnen wuchernden Träume und Hirngespinnste) und nicht unmittelbar auf Wagner, so dass die Stelle vielleicht nicht ganz so scharf ausfällt, wie es auf den ersten Blick scheinen kann; andererseits könnte Vogt hier durchaus andeuten wollen, dass Wagner die Kontrolle über seine Publikationstätigkeit und über seine Ansichten verloren hat bzw. dass er beide (was aus Vogts Sicht eigentlich wahrscheinlicher ist) gar nicht mehr im Sinne der wissenschaftlichen Wahrheit kontrollieren will. Wesentlich ist nun 229

Die Währung des Namens lässt sicher nicht zufällig an Wagners Münzmetapher aus Text 2a (Z. 13ff.) denken. Hier sind nun aber das Wort und der Name, der es verbürgt, fragwürdig.

323 aber v.a., dass (das wuchernde wagnersche) Unkraut nützliche Pflanzen verdrängt (also wertvollere, an der wissenschaftlichen Wahrheit interessierte Publikationen), und dass dies Vogts Rechtfertigung für seinen (verbalen) „scharfen Hieb“ (Z. 17) gegen sie ist. Dieser Hieb dient aus seiner Sicht dabei z.T. dem selben Zweck wie Wagners Peitschenhiebe gegen das frivole Gesindel und ihre Lügen (vgl. Text 9a): Auch Vogt beruft sich in seinem Vorgehen letztlich auf die Durchsetzung der Wahrheit; für ihn ist diese Wahrheit aber bereits das höchste, gefährdete Gut, und nicht erst das, was von ihr möglicherweise beeinflusst wird. Auch hier ist natürlich wieder zu sagen, dass die Offenlegung der Wahrheit unter bestimmten Voraussetzungen auch dann nötig oder nachvollziehbar sein kann, wenn sie eine andere Person unangenehm betrifft; die vorliegende drastische Abwertung der wagnerschen Briefe und ihre pauschale Diskreditierung in den Bildern (worauf sich Vogt hier ja bezieht) gehen aber sicher weit über den Dienst an der Wahrheit hinaus, und die Berufung auf sie ist insofern durchaus fadenscheiniger Vorwand für Polemik. Wichtig für den folgenden Text 10b ist bei all dem nun aber, dass sich Vogt hier doch als Anwalt der faktischen Wahrheit und damit auch als Anwalt des davon profitierenden Volkes (v.a. eben der wissenschaftlichen Laien) etabliert. Demgegenüber wird Wagner jedoch nicht so deutlich als Anwalt einer religiös bzw. moralisch gefilterten bzw. instrumentalisierten Wahrheit (und damit als Anwalt von Religion und Moral im Gegensatz zur Wahrheit) etabliert, wie es vielleicht möglich und angesichts der zurückliegenden Auseinandersetzung erwartbar gewesen wäre; seine Motive oder Ziele werden noch nicht wirklich erhellt. Dies hebt Vogt sich für das Ende von Köhlerglaube und Wissenschaft auf; vorerst genügt ihm die Diskreditierung des Gegners als trügerischer Forscher (vgl. Text 10a, Z. 11). 3.10.2.1.6 Wagners letzte Beiträge zum Streit und sein Auftritt in Göttingen Der weitere Verlauf der Darstellung des Streits bis zur Göttinger Tagung, womit Vogt nun fortfährt, erstreckt sich zwar über immerhin 14 Seiten, erfolgt aber fast nur noch anhand von im Exzerpt wiedergegebenen Streittexten; ausführlichere Kommentare finden sich erst wieder zu den letzten, von Vogt noch nicht erwiderten Beiträgen Wagners, also zu Menschenschöpfung und Seelensubstanz und zu Ueber Wissen und Glauben. Der Übergang zu ihnen erfolgt mit der kurzen Erwähnung, dass Vogt zusammen mit Wagners beiden Selbstgeständnissen, wie sie in den Neurologischen Untersuchungen zu lesen waren, auch von Wagners Teilnahme an der Göttinger Versammlung erfahren habe (vgl. Vogt 11855a: 36f.), und noch bevor er den Gegner erneut zitiert, äußert er sich ausführlich zu dessen dortigem Vorgehen und zum Rahmen seiner Rede. Vogt hatte also erfahren:

324 TEXT 10b(1) (Vogt 11855a: 37f.; Orig. in Fraktur)

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[...] daß Herr W a g n e r sich auf einen neuen Ausfall vorbereitete, welcher à grand orchéstrea [sic] bei der Naturforscherversammlung in Göttingen statthaben sollte. Dort wollte man die Frage den versammelten Naturforschern vorlegen und gleichsam wie von einem Concil von Bischöffen [sic] das Verdammungsurtheil über die verderbliche Richtung der Wissenschaft sprechen lassen. Ort und Zeit waren hierzu ganz so gewählt, wie es dem Feigen ziemt. Es gilt für eine alte Regel, daß man den Gegner auch nur da angreift, wo er sich vertheidigen kann, Feder gegen Feder, Mund gegen Mund, Waffe gegen Waffe; daß man Wind und Sonne gleich theilt und fair playa in allen Stücken walten läßt. Vor einer großen Versammlung, in einer öffentlichen Sitzung, wo nur Vorträge gehört und keine Discussionen gepflogen werden können, griff Herr W a g n e r mich an, den Abwesenden, von dem er wohl wußte, daß er nicht erscheinen könne, um sich ihm gegenüber stellen zu können. War dies Verfahren schon undelicat zu nennen, so war die Art und Weise, wie W a g n e r die Frage stellte, eine wahrhaft tückische Hinterlist gegen diejenigen Männer, welche in wissenschaftlicher Hinsicht ihm gegenüber treten konnten. Denn in jenem Vortrage [...] wird kein Wort über die wissenschaftliche Begründung der Differenzen gesagt, sondern ein Angstschrei erhoben um die Existenz des Bestehenden, um die Staatsordnung, um die Moral, um die „sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung“ mit einem Worte. Aus der Wissenschaft heraus trat Herr W a g n e r von vornherein als Ankläger, als politischer Denunciant Derjenigen auf, die geneigt sein könnten, seinen Handschuh aufzuheben; – von vornherein rief er in einer Zeit, wo wahrlich keine vollkommene Freiheit in solchen Dingen herrscht, die politische Staatsrache auf, ihm beizustehen. Indem er im Namen der Wissenschaft zur Discussion aufforderte, denuncirte er im Namen der Politik schmählicher Weise seine Gegner als Feinde der bestehenden Staatsgewalt. Indem er gewissermaßen zu einem ehrlichem Duelle provocirte, legte er zugleich den Hinterhalt, in welchem sein Gegner sich verstricken sollte.

Vogt zitiert nun, den angerissenen Hinterhalt illustrierend, die Schlussworte aus Wagners Göttinger Rede, die (von der Orthographie abgesehen) vollständig und unverändert Text 7c – mit seiner Frage nach der Beantwortbarkeit des Leib/Seele-Problems aus der Wissenschaft heraus – entsprechen, bevor er selbst fortfährt: TEXT 10b(2) (Vogt 11855a: 38; Orig. in Fraktur) So war die Falle gelegt: trat kein Gegner auf, so wurde der Sieg nach allen vier Weltgegenden ausposaunt, meldete sich ein Gegner, so war er der heimlichen Vehmeb verfallen; – seine Anstellung oder Beförderung in Deutschland in Frage gestellt. a

Im Original in Antiqua.

b

Feme

Vogts erster Angriffspunkt ist Wagners Auftreten vor der Göttinger Versammlung im Allgemeinen. Bei den beiden Aspekten, die er näher beleuchtet, geht es zunächst um den fachlichen Rahmen der Veranstaltung und wieder um den (für Vogt) unvereinbaren Gegensatz zwischen Glaube und Wissenschaft. Wenn den „versammelten Naturforschern“ etwas vorgelegt werden soll, um darüber „wie von einem Concil von Bischöffen das Verdammungsurteil [...] sprechen [zu] lassen“ (Text 10b(1), Z. 3ff.), handelt es sich diesmal aber nicht nur um den Vorwurf des unpassenden, unvereinbaren

325 Gegensatzes, wie es ihn schon früher gegeben hatte; sondern die Stelle kann jetzt, im Kontext der weiteren Äußerungen, als deutliche Anklage für den Missbrauch und die Zweckentfremdung einer wissenschaftlichen Institution verstanden werden. Die Wahl des von Vogt verwendeten Vergleichs unterstreicht die unzulässige Richtung, in die Wagner mit seinem Versuch der Verbindung wissenschaftlicher Fragen mit der biblischen Überlieferung und mit deren Absicherung gegen eine angeblich „verderbliche Richtung“ der Wissenschaft (Z. 4f.) unterwegs ist, und was durch den Gegensatz, der diesen Vergleich dominiert, implizit vollzogen wird, ist die Zurückweisung des angeblichen wagnerschen Anspruchs, dass die Vertreter der Forschung über die Wahrheit wissenschaftlicher, faktischer Resultate und Fragen eine ebenso endgültige, dogmatische Entscheidung fällen dürften, wie ein Bischofskonzil in Glaubensfragen. Ein „Verdammungsurteil“ (Z. 4) kann eben nicht Aufgabe einer Forscherversammlung sein; für Vogt ist die Wahrheit allein auf wissenschaftlicher Grundlage festzustellen oder zurückzuweisen. Der Punkt des Missbrauchs der Naturforscher- und Ärztetagung wird zu Beginn von Text 10b(1) jedoch zunächst nur angerissen; ihre volle Bedeutung erhält die Stelle erst später, in Verbindung mit dem zweiten Teil des Textes, wo Wagners eigentliche (Rede-)Ziele ,entlarvt‘ werden (vgl. Text 10b(1), ab Z. 12, sowie Text 10b(2)). Zunächst geht Vogt auf einen zweiten Aspekt seines ersten Angriffspunktes ein, nämlich (nach dem Gegensatz zwischen Wagners Anliegen und der wissenschaftlichen Tagung) auf den Rahmen von Wagners Auftreten in Göttingen in seiner Bedeutung für den Streit (Text 10b(1), Z. 5ff.). Vogt beklagt hier einen Verstoß gegen Dieckmanns Norm 5.1.3:230 „Streite nicht gegen einen wehrlosen [...] Gegner“ (2005: 131ff.),231 wozu auch derjenige gehört, der sich wegen Abwesenheit nicht zur Wehr setzen kann232 (was Vogt selbst anspricht; Text 10b(1), Z. 11f.). Dieser Normverstoß wird expliziert: Vogt spricht von einer „alte[n] Regel“ (Z. 6), die fordere, dass die Gegner „Wind und Sonne“ teilen (Z. 8), also beide auf dem Kampfplatz anwesend sind. Beim mündlichen Angriff auf einen abwesenden Gegner, wie im Fall der ursprünglichen ,Veröffentlichung‘ von Menschenschöpfung und Seelensubstanz als Rede, greift Vogts Forderung in vollem Umfang. Wie oben bei der Analyse von Wagners Rede bereits angedeutet, liegt das Problematische beim Angriff auf den Abwesenden darin, dass dieser die ursprünglich adressierten Zuhörer im ursprünglichen Rahmen der Redesituation für seine Verteidigung in aller Regel nicht mehr erreichen kann und dass damit die Waffengleichheit der Streitenden verletzt ist; diese Waffengleichheit spricht Vogt für alle Formen der Auseinandersetzung an, egal ob 230

Dieckmann (2005: 132; vgl. ebd.: 134f.) führt die Textstelle sogar selbst als Beleg. Vgl. auch van Eemeren/Grootendorst (1992: 208). 232 Vgl. Dieckmann (2005: 130). 231

326 schriftlich, mündlich oder wie auch immer: Man kämpfe „Feder gegen Feder, Mund gegen Mund, Waffe gegen Waffe“ (Z. 7f.). Vogt stellt seinen Gegner für dessen Vorgehen damit nun regelrecht an den Pranger. Er beschränkt sich aber nicht nur aufs Be- bzw. Anklagen, sondern geht zum Gegenangriff über, indem er Wagners Vorgehen als durch Feigheit motiviert darstellt (Z. 6). Dies bezieht sich in den weiteren Ausführungen nicht nur auf seine eigene (d.h. Vogts) dortige Abwesenheit (Z. 10f.); der Hinweis auf die pragmatischen Gepflogenheiten der Redesituation vor einer Versammlung, aufgrund derer „keine Discussionen gepflogen werden können“ (Z. 10), zeigt vielmehr, dass Vogt seinen Vorwurf weiter spannt und ihn sich auch darauf erstrecken lässt, dass selbst den Anwesenden, die geneigt gewesen wären, für ihn zu sprechen, diese Möglichkeit nicht offengestanden hätte. Wagners Feigheit ist damit diejenige eines Angriffs aus einer weitgehend und v.a. wissentlich sicheren, unangreifbaren Stellung heraus: sicher vor Reaktionen des Angegriffenen und möglicher Sympathisanten. Hierbei dürfte nun eine Überlegung über das angebracht sein, was an dieser Stelle unter der Oberfläche des Gesagten wohl mitschwingt: Wagner hatte (1852; vgl. Text 4h, Z. 13ff.) die Auseinandersetzung mit Vogt fast zwei Jahre vor seiner Göttinger Rede ja für siegreich beendet erklärt und seine ausdrückliche Absicht geäußert, nicht weiter zu Vogt Stellung nehmen zu wollen, egal was dieser auch sagen könnte; Vogt zitiert die entsprechende Stelle einige Seiten früher (vgl. 11855a: 30), so dass sich auch die Leser von Köhlerglaube und Wissenschaft über Wagners selbsterklärten Sieg und die Beendigung der Auseinandersetzung durch ihn im Klaren gewesen sein dürften. Wagner hatte nun in der Tat weder auf Vogts Erwiderung (1852b bzw. 1852c) noch auf die relevanten sachlichen und persönlichen Passagen aus der zweiten Auflage der Physiologischen Briefe für Gebildete aller Stände (21854a) reagiert; dies eben in Übereinstimmung mit seiner besagten Ankündigung, so dass sein Schweigen nicht ohne Weiteres gegen ihn (im Sinne einer Kapitulation oder dergleichen) bewertet werden kann. Wenn Wagner nun aber doch einen erneuten Angriff unternimmt, zudem aus der oben beschriebenen sicheren Position heraus, wirft Vogt damit implizit zumindest zwei Fragen auf: die, ob Wagner die Auseinandersetzung wirklich als gewonnen betrachtet (warum sollte er ansonsten, entgegen seiner Ankündigung, erneut darauf zurückkommen), und die, ob er einen Sieg gegen Vogt überhaupt für möglich betrachtet (warum sollte er ansonsten die offene Auseinandersetzung scheuen). Es entsteht hier der Eindruck, als habe Wagner nur auf eine entsprechende Gelegenheit wie Göttingen gewartet, um sich in einem veränderten und sicheren Rahmen wieder zu Wort melden zu können. Dies alles klingt nun wie gesagt nur unter der Oberfläche an; offen wird Wagner, wie gesehen, für sein feiges Verhalten Vogt gegenüber bloßgestellt und aufgrund seines feigen Vorgehens in schwerwiegender Form als vir ma-

327 lus diskreditiert. Auch wenn Vogt sich selbst im Folgenden aus der Betrachtung herausnimmt, wird diese negative Rolle seines Gegners noch weiter ,ausgebaut‘ (oder eigentlich sogar, indem er sich selbst aus der Betrachtung herausnimmt, wie sich zeigen wird). Vogts Vorgehen ist dabei das Folgende: Er bezeichnet seine eigene feige Behandlung durch Wagner im weiteren Verlauf zunächst als „undelicat“ (Text 10b(1), Z. 12). Es handelt sich dabei natürlich um eine Emphase, also um eine inhaltsseitige Verstärkung durch ausdrucksseitige Untertreibung; sie dient hier aber v.a. als Möglichkeit, das Folgende im (ausdrucksseitigen) Kontrast umso schwerwiegender als negativ darzustellen: Der graduelle Unterschied zwischen undelicat und einer „wahrhaft tückische[n] Hinterlist“ (Z. 13f.) ist ausdrucksseitig immerhin beträchtlich; eine solche letztere ist nun aber Wagners Verhalten den anderen Forschern in Göttingen gegenüber, das Vogt hier in den Blick seiner Ausführungen rückt (Z. 12ff.). Dabei wird wieder der Gegensatz zwischen dem Tagungsrahmen und Wagners eigentlichem Anliegen kritisiert, wenn in der Rede des Gegners keine „wissenschaftliche Begründung der Differenzen“ des Streits erfolgt (Z. 15f.), sondern nur ein „Angstschrei“ erhoben worden sei „um die Staatsordnung, um die Moral, um die ,sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung‘“ (Z. 16–18). Diese Rahmenverletzung ist dabei die wesentliche Voraussetzung für die eigentliche tückische Hinterlist des Gegners, die letztlich das Legen eines „Hinterhalt[s]“ (Text 10b(1), Z. 25) bzw. einer „Falle“ (Text 10b(2), Z. 1) miteinschließt und sich eben gegen „diejenigen Männer“ richtet, „welche in wissenschaftlicher Hinsicht ihm [d.h. Wagner] gegenüber treten konnten“ (Text 10b(1), Z. 14f.). So wie Wagner sich feige gegen Vogt absichert, indem er angreift, wo dieser nicht anwesend ist, so sichert er sich hinterlistig und tückisch (Z. 13f.) gegen andere ab (die, wie Vogt sagen will, in einer Auseinandersetzung in der eigentlichen Sache, um das Leib/Seele-Verhältnis aus wissenschaftlicher Sicht, eine ,Bedrohung‘ für ihn wären), indem er der freien Diskussion, die er vordergründig anreißt, durch ein doppeltes Spiel gerade vorbaut. Zu den Einzelheiten: Wagner hatte den Zuhörern seiner Rede ja zwei ,Möglichkeiten‘ für den Fall gelassen, dass sie die Wissenschaft bereits für reif hielten, die Frage nach der Natur der Seele zu beantworten (vgl. Text 7c; Vogt zitiert diese Stelle zwischen den Texten 10b(1) und 10b(2)): Es handelte sich dabei letztlich entweder um die ,Möglichkeit‘, die Seele zu leugnen und dadurch „die sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung völlig zu zerstören“ (Text 7c, Z. 14ff.), oder um die ,Möglichkeit‘, diese Ordnung zu stützen (dies letztlich entweder indem man die Seele anerkennt oder sie zumindest nicht öffentlich in Zweifel zieht). Dass es sich dabei um keine wirkliche Wahlmöglichkeit handelt, verdeutlicht Vogt nun durch die Gegenüberstellung von Schein und Wirklichkeit im hinterlistigen und tückischen Vorgehen des Gegners. Wagner äußere sich zwar durchaus „[a]us der Wissenschaft heraus“ (Text 10b(1),

328 Z. 18f.), also ausgehend von einem wissenschaftlichen Thema und/oder als Teilnehmer/Redner einer wissenschaftlichen Tagung; dieser Ausgangspunkt wird den weiteren Ausführungen zufolge dann aber als bloßer Deckmantel einer vorrangigen, v.a. politischen Agenda entlarvt (Z. 18ff.), Wagners Vorgehen dementsprechend als ein falsches, doppeltes Spiel. Wenn die Aufforderung zur wissenschaftlichen Diskussion (Z. 23) hinsichtlich der Seelenfrage für Vogt in Wirklichkeit eine Denunziation potenzieller Gegner als „Feinde der bestehenden Staatsgewalt“ (Z. 24) darstellt, so betrachtet er das Aufwerfen der beiden ,Alternativen‘ durch Wagner am Ende von dessen Rede v.a. als Gelegenheit zur Benennung der angeblich gesellschaftsgefährdenden Folgen der falschen Alternative (also der Seelenleugnung): einer Benennung, die dann allein der tatsächlichen oder potenziellen Anklage (Z. 19) der tatsächlichen oder potentiellen Gegner Wagners dient, die die Seele tatsächlich leugnen oder sie vielleicht leugnen wollen könnten. Wichtig ist bei all dem nun, dass Vogt hier der