Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preussen im 18. Jahrhundert: das Leben und Werk Georg Ernst Stahls

Georg Ernst Stahl (1659-1734) war weltbekannt als Vertreter einer holistischen Medizin, späterhin als die "natürlic

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Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preussen im 18. Jahrhundert: das Leben und Werk Georg Ernst Stahls

Table of contents :
I. Einleitung
II. Zur Biographie und zu den Schriften Stahls
1. Zur Biographie
2. Prolegomenon zu einer Bibliographie Stahls
3. Zur Problematik der Rezeption Stahls: „Homo acris et metaphysicus“
III. „Die Wahrheit ist einfach“: die pietistische Erweckungsbewegung und die Erneuerung der Medizin
1. Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus
2. Der Pharos der Halleschen Universität
3. Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl
4. Reform, Muttersprache und Laienwissen in der Medizin
IV. Die medizinische Theorie Stahls
1. Wahrheit und Reform: Vindiciae theoriae medicae verae
2. Mechanismus und Organismus: die Seele
3. Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur
4. Negotium Otiosum: Stahl contra Leibniz
V. „Die Vernunft ist verderbt“: Medizin und Metaphysik in der Aufklärung
1. Die mechanische Medizin
2. Christian Wolff und die Hierarchie der Vernunft
3. Zurück zur Sinnlichkeit: die „lebendige Erkenntnis“
VI. Zusammenfassung
VII. Literaturverzeichnis
1. Archive
2. Die medizinischen Schriften Georg Ernst Stahls (Auswahl)
A. Lateinische Schriften
B. Deutsche Übersetzungen
C. Französische Übersetzung
3. Scripta Stahliana 1729
4. Weitere benutzte Literatur
VIII. Personenregister

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Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Johanna Geyer-Kordesch

Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preußen im 18. Jahrhundert Das Leben und Werk Georg Ernst Stahls

Max Niemeyer Verlag Tübingen

Wissenschaftlicher Beirat: Karol Bai, Manfred Beetz, Jörn Garber, Notker Hammerstein, Hans-Hermann Hartwich, Andreas Kleinert, Gabriela Lehmann-Carli, Klaus Luig, François Moureau, Monika Neugebauer-Wölk, Alberto Postigliola, Paul Raabe, Hinrich Riiping, Richard Saage, Gerhard Sauder, Jochen Schlobach, Heiner Schnelling, Udo Sträter, Heinz Thoma Redaktion: Sigrid Buthmann Satz: Kornelia Grün

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Geyer-Kordesch, Johanna: Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preußen im 18. Jahrhundert: das Leben und Werk Georg Ernst Stahls. / Johanna Geyer-Kordesch. Tübingen: Niemeyer, 2000 (Hallesche Beiträge zur europäischen Aufklärung; 13) ISBN 3-484-81013-0

ISSN 0948-6070

© Max Niemeyer Verlag GmbH, Tübingen 2000 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Printed in Germany. Druck: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten Einband: Geiger, Ammerbuch

Vorwort

Die vorliegende Studie wurde im wesentlichen bereits 1987, also noch vor der sogenannten Wende, abgeschlossen und als Habilitationsschrift von der Medizinischen Fakultät der Universität Münster angenommen. Daß ich mich erst jetzt - nach gründlicher Überarbeitung des Manuskripts - zur Drucklegung entschlossen habe, hat vielerlei Gründe, die hier nicht im einzelnen dargelegt werden sollen. Seit 1989 ist eine Reihe von Arbeiten zur ,Psychomedizin' und zur Ästhetik und Psychologie in der Aufklärung erschienen. Diese wie auch einige naturwissenschaftliche Überlegungen zum Begriff Organismus und zum .ganzen M e n s c h e n ' führen vieles von dem weiter, was in dieser Arbeit erstmals versucht wurde. Zu Stahl und seiner Stellung im Pietismus wurden in jüngster Zeit ebenfalls wichtige Arbeiten in die Wege geleitet. Dieses Buch versteht sich - auch - als ein Beitrag zur Unterstützung und Beförderung von Untersuchungen über das anthropologische Verständnis des Menschen im 18. Jahrhundert und die Bedeutung einer naturwissenschaftlichen Sichtweise bei ideengeschichtlichen und sozialen Fragestellungen. Dem Leben und dem Einfluß Georg Ernst Stahls nachzuspüren, hat viel Hilfe und Rat beansprucht. Allen, die mir vor und nach der Wende behilflich waren, möchte ich meinen tiefsten Dank aussprechen. Hier seien nur wenige namentlich genannt: Professor Richard Toellner, Professor Johannes Wallmann, Professor Friedrich de Boor, Professor Paul Raabe (noch in seiner Wolfenbütteler Tätigkeit), Professor Christa Habrich, Professor Heinz Thoma, Professor Georg Harig ( t ) und Dr. HansU w e Lammel, Dr. Charles Webster, Tony Nicholls, Jürgen Storz, Fräulein Eva Mühl ( t ) , Dr. Sigrid Buthmann, Kornelia Grün, Sibylle Naglis, meine jetzige Sekretärin Rae McBain, und viele hilfsbereite und geduldige Bibliothekar/innen und Archivar/innen. Für finanzielle Unterstützung möchte ich danken: The Wellcome Trust London, International Research & Exchanges Board Scholarship (IREX: U S A and G D R exchange scholarship), dem Interdisziplinären Zentrum f ü r die Erforschung der Europäischen Aufklärung (Stipendium der Volkswagen-Stiftung 1999) Halle und der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. In Dankbarkeit gewidmet sei diese Studie: meiner Mutter Erna Kordesch, meiner Freundin Sigrid de Boor und meiner Assistentin Sibylle Naglis. Glasgow, im Februar 2000

Johanna Geyer-Kordesch

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Inhalt

I.

Einleitung

1

II.

Zur Biographie und zu den Schriften Stahls

10

1. Zur Biographie 2. Prolegomenon zu einer Bibliographie Stahls 3. Zur Problematik der Rezeption Stahls: „Homo acris et metaphysicus"

10 26 35

ΠΙ. „ D i e Wahrheit ist einfach": die pietistische E r w e c k u n g s b e w e g u n g und die Erneuerung der M e d i z i n

57

1. Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus 2. Der Pharos der Halleschen Universität 3. Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl 4. Reform, Muttersprache und Laienwissen in der Medizin

57 83 96 118

IV. D i e m e d i z i n i s c h e T h e o r i e Stahls

V.

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1. Wahrheit und Reform: Vindiciae theoriae medicae verae 2. Mechanismus und Organismus: die Seele 3. Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur 4. Negotium Otiosum: Stahl contra Leibniz

140 159 180 201

„ D i e V e r n u n f t ist verderbt": M e d i z i n und M e t a p h y s i k in der A u f k l ä r u n g

221

1. Die mechanische Medizin 2. Christian Wolff und die Hierarchie der Vernunft 3. Zurück zur Sinnlichkeit: die „lebendige Erkenntnis"

221 231 242

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VI. Z u s a m m e n f a s s u n g

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VII. Literaturverzeichnis

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1. Archive 2. Die medizinischen Schriften Georg Ernst Stahls (Auswahl) A. Lateinische Schriften B. Deutsche Übersetzungen C. Französische Übersetzung 3. Scripta Stahliana 1729 4. Weitere benutzte Literatur VIII. Personenregister

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I. Einleitung

Die moderne Medizin reflektiert ihre Geschichte nicht. Sie will sich nicht aus ihrer Geschichte legitimieren, sondern zieht es vor, sich aus ihren empirischen und wissenschaftlichen Leistungen zu rechtfertigen. Ihre bevorzugte Perspektive ist die der Zukunftsvision, ihr Ziel der sachgerechte und geschulte Eingriff des Arztes bei Krankheit und körperlichen Gebrechen. Von der Medizingeschichtsschreibung wurde die Geschichte der Medizin in der Regel reduziert auf die Vorgeschichte solcher Leistungen, die als wesentlich für den Fortschritt galten. Auch in der Historiographie der Naturwissenschaften ist es vornehmlich dabei geblieben, intrawissenschaftliche Entwicklungen zu diskutieren und bei deren Darstellung zu verweilen. So ist in den letzten Jahren ein Paradigma Wechsel1 in der Wissenschaft als Modell epistemologischer Fortschritte vorgestellt worden und hat die Meinungen pro und contra wie ein Magnet auf sich fixiert,2 ohne den historischen Blick auf die Dimension gesamtgesellschaftlicher Fragestellungen wirklich zu erweitern. Die Neigung zu einer Geschichte des Fortschritts, dessen retardierende Momente mit eingeschlossen, wurde nicht gebrochen, und der Versuch, Wissenschaft mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Bewegungen und deren Denkmodellen in Verbindung zu bringen, bleibt begrenzt.3 Die historiographischen Ansätze der Gegenwart tendieren dazu, die scientific community' in ihrer Gruppenbildung oder ihren Herrschaftsstrukturen zu analysieren, oder aber die Institutionalisierung von Wissen und ihre disziplinbildenden Strukturen herauszuarbeiten.4 Ansätze, die aus diesem Schema ausbrechen mit dem Ziel, gesellschaftsumfassende Spannungen zu berücksichtigen und diskursive Querverbindungen zu anderen Denkweisen zu entdecken, sind nur vereinzelt in der Medizin zu finden. 1 2

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Siehe: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt 1967. Werner Diederich, Strukturalistische Rekonstruktionen. Braunschweig 1981; und Alwin Diemer (Hg.), Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen und die Geschichte der Wissenschaften. Meisenheil an der Glan 1977 sind zwei Beispiele für diese Diskussion. Zu den jüngsten Versuchen, in diese Richtung zu arbeiten, nämlich andere Perspeküven für die Medizingeschichte zu wählen, können folgende, in den achtziger Jahren erschienene Arbeiten zählen: Roy Porter (Hg.), Patients and Practitioners. Lay perceptions of medicine in pre-industrial society. Cambridge 1985 und Barbara Duden, Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Stuttgart 1987; Wolfram Mauser versucht in seinen Arbeiten zur Literatur, die medizinische Lehre Stahls als maßgeblich für die psychologische Zielsetzung der Dichtung des 18. Jahrhunderts zu sehen. Die Arbeit von Karl Hufbauer, The Formation of the German Chemical Community (17201795). Berkeley 1982, ist ein sehr positives Beispiel für diesen Ansatz. Das neue Interesse an der Disziplingeschichte und der Institutionsgeschichte ist für das 19. Jahrhundert offenkundig.

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In dieses Blickfeld gehört eine Arbeit, die Medizin, Pietismus und Aufklärung thematisiert. Ein Feld, das schon bei seiner Benennung auf Unvereinbarkeiten verweist, nämlich diejenigen von religiösen und naturwissenschaftlichen Denkmodellen, rückt all jene ausgegrenzten Probleme sozialgeschichtlicher und ideengeschichtlicher Herkunft nochmals in den Blick des Historikers. Im 17. und 18. Jahrhundert entstehen zwei unterschiedliche Strömungen: die eine ist die wohlbekannte philosophische und naturwissenschaftlich fundierte .scientific revolution', welche die Aufklärungsepoche wesentlich bestimmte, die andere ist eine sozial breitgefächerte religiöse Bewegung, die gegen die kirchliche Orthodoxie antritt, nämlich die Erweckungsbewegung des europäischen Nonkonformismus. Diese Strömungen verlaufen synchron und beanspruchen beide, modern zu sein und reformierend zu wirken. Der Kampf zwischen nonkonformistischer Erweckungsbewegung und der scientific revolution begann in England und bekam auch dort einen Namen, die .revolt against Enthusiasm'. Dieser Kampf entstand im wesentlichen aus dem SpannungsVerhältnis zwischen inspirierter Wahrheitssuche im radikalen Protestantismus und der neuen Sachautorität Natur, wie sie in der „modernen" Naturwissenschaft Gestalt annahm. Im deutschen Raum, in dem die Erweckungsbewegung später, nach 1670, heranwuchs, wiederholten sich die Auseinandersetzungen. Die Erweckungsbewegungen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts werden hier bevorzugt als .Frömmigkeitsbewegung' gekennzeichnet. Im folgenden bleibt die Bezeichnung .Erweckungsbewegung' gleichwohl erhalten, denn sie läßt den Leser das Tätige erkennen, das in der Betonung des Frommen womöglich verloren geht. In der bisherigen Geschichtsschreibung sind diese gleichzeitigen, aufeinander bezogenen Strömungen polarisiert worden. Die Wissenschaftsgeschichte hat den Fortschritt naturwissenschaftlichen Denkens dargestellt und darin vornehmlich die Überwindung des religiösen Weltbildes gesehen. Die Kirchengeschichte nahm zwar Bezug auf die großen Entdeckungen der Naturwissenschaft, hat aber im wesentlichen im 17. und 18. Jahrhundert theologie- und kirchengeschichtliche Entwicklungen geschildert. Die Erweckungsbewegungen in den deutschen Ländern zogen in der Pietismusforschung beträchtliche Aufmerksamkeit auf sich, aber im Rahmen kirchengeschichtlicher Untersuchungen wurde ihre Beziehung zur neuen Wissenschaft und Medizin ignoriert, abgesehen von einem Seitenblick auf moderne Kranken- oder Armenpflege. Versucht man, die Verzahnung der scientific revolution mit den in den nonkonformistischen Erweckungsbewegungen avisierten Reformen hervorzukehren, ergibt sich aber ein neues Bild, nämlich die vom Pietismus angestrebte Vereinigung von neuverstandenem Glauben und moderner Wissenschaft auf der Suche nach einem besseren Verständnis von Gott - Mensch - Natur. Diese bisher übersehene Zielsetzung der Erweckungsbewegungen soll in dieser Arbeit zum ersten Mal historisch untersucht werden. Die Zusammenführung von Glauben und Naturwis2

senschaft wird hier zusammengefaßt als .Instaurado des Wissens' bezeichnet und mit der Medizin Stahls in Zusammenhang gebracht. Die pietistische Instauratio nimmt in der sich herausbildenden Diskussion des 18. Jahrhunderts um die Wahrheit einen entscheidenden Platz ein. Die Wahrheitsfindung beschäftigte Erweckte wie Aufklärer. Denn beiden Gruppen mußte es darum gehen, den jeweils fundamentalen Bedeutungsbereich, nämlich die Deutung des Zusammenhangs von Gott - Mensch - Natur, zu klären. Mit ähnlichem Reformwillen ist die deutsche Aufklärung an der Etablierung des Rationalismus und der neuen Naturwissenschaft interessiert. Sie will sich aber von religiöser Bevormundung befreien. Deshalb hält sie daran fest, das Konzept des Rationalismus zu fördern, dessen Voraussetzung notwendigerweise der philosophisch begründete Dualismus von Gott und Natur, von Körper und Seele ist. Mit Descartes, Leibniz und Christian Wolff etablierte sich die Verbindung von Rationalismus und Dualismus in Deutschland. Es ist daher nicht unerheblich, und ein wesentlicher Forschungsbeitrag dieser Arbeit, daß die Kritik an der Vorherrschaft der Vernunft und die Skepsis gegenüber der dualistischen Trennung von Seele und Körper maßgeblich auf die Theorie der Medizin Stahls Bezug nahm. Mit den aus Stahls Theorie ableitbaren Prinzipien wurde eine Naturdeutung gewonnen, die der mechanischen Auffassung der Natur widersprach. Historisch greifbar wird bei Stahl der Ansatz zu einer neuen theoretischen Grundlage für die Medizinwissenschaft, die diese von anderen Wissenschaften abgrenzte. Die medicina medianica dagegen ordnete sich der Chemie und Physik unter und wollte ihre Grundlagen aus den Entdeckungen allein aus diesen Bereichen der Naturwissenschaft beziehen. Hatte die scientific revolution es mit sich gebracht, daß in Leiden (Hermann Boerhaave) und in Halle (Friedrich Hoffmann) und später in Göttingen (Albrecht von Haller) die Prämissen der neuen Naturwissenschaft, der experimentelle Erweis und der mechanische Kausalitätszusammenhang, als medizinische Erkenntnismethoden anerkannt wurden, so zeigte die Theorie Stahls die Selbständigkeit medizinischen Wissens an. Weil Stahl dem Dualismus der neuen Philosophie nicht folgte und ein methodisch begründetes Konzept des KörperSeele-Zusammenhangs für die Neuzeit entwerfen konnte, verstanden seine Zeitgenossen, zumindest jene Personengruppen, die bei ihrer Welt- und Naturdeutung wesentlich am Seelenbegriff festhielten, Stahls Konzept als Möglichkeit einer Instauratio, einer Erneuerung des Wissens, mit der auf legitime Weise dem mechanisch-dualistischen Welt- und Menschenbild Einhalt geboten werden konnte. Eine medizinische Reform wurde in Angriff genommen, die auf dem Fundament der Stahlianischen Theorie aufgebaut werden sollte. Georg Ernst Stahl hat wie kein anderer Gelehrter im 18. Jahrhundert im Sinne der neuen Naturwissenschaft den Kausalmechanismus in Frage gestellt. Stahls medizinische Ideen sind nicht, wie fälschlich in der Forschung angenommen, eine Systematisierung zeitgenössischen Wissens, sondern eine eigenständige und neue 3

Theorie. Diese beanspruchte nichts weniger zu sein als wahr, wie schon die Titelgebung seines Hauptwerkes, die Theoria medica vera (Halle 1708), klarmacht. Die empirisch-kausalmechanische Medizin des 18. Jahrhunderts in der Nachfolge Hermann Boerhaaves bevorzugte den Dualismus, erstens durch ihre Auffassung des Körpers als rein morphologische Struktur und die Begrenzung des Körpers auf das Stoffliche, und zweitens durch ihr Verständnis der Seele, die - als vom Körper getrennt - mit Verstand und Bewußtsein gleichgesetzt wurde. Diese Schule der Medizin folgte den Säkularisierungstendenzen der Aufklärung. In der Erforschung des Körpers gab sie sich objektiv und begünstigte den neutralen Blick, den Blick unter die Haut, den Blick durch das Mikroskop, den messenden und neugierigen Blick, der sich um so unbeschwerter umtat, je mehr er sich der Einwände seelischer Wirkungen enthoben wähnte. Das Sichtbare überwog und verdrängte, verflüchtigte, gestützt auf das Meßbare, die Berufung auf andere als materialistische Erkenntnisarten. Das „Fortschreiten" in dieser Blickrichtung begünstigte das Faßbare. Die ,empirisch-kausalmechanisch' ausgerichtete Medizin verschrieb sich den Erkenntnismethoden der .mechanical philosophy' aus der Ansicht, daß Kausalitäten im Körper nur durch Messen zu erfassen, und die den Körper konstituierenden Stoffe nur chemisch, physikalisch und mathematisch zu erforschen seien. Die heutige Schulmedizin hat dieses Erbe des im technomorphen Modell angelegten Dualismus angetreten. Es kann daher ein nicht unerhebliches Ergebnis dieser Arbeit sein, auf eine entscheidende Phase in der Entwicklung der Auffassung des sich der Seele entledigenden Körpers hinweisen zu können. Stahl hingegen hat versucht, ein theoretisches Interpretationsmodell zu liefern, mit dem, nach allen exakten Anforderungen von experientia et ratio, Körper und Seele als Einheit begriffen werden konnten, und führte letztlich den neuzeitlichen Begriff des Organismus ein. Die Eigenart des Organismusbegriffs bei Stahl, die diesen von Vorgängern und Nachfolgern unterscheidet, liegt erstens in der klaren Bestimmung seelischer Vermögen, zweitens in der umfassenden Deutung affektiver und vorstellungsbezogener Vorgänge im Lebewesen, und drittens in einem Körperbegriff, der dessen steuernde Leistungen primär der Seele zuschreibt. Körperprozesse werden instrumental (der Körper als Organon) erfaßt. Stahl legt eine in alle Einzelheiten ausgedeutete Theorie holistisch begriffener Bewegungsprozesse vor, wobei Bewegung sowohl innere physiologische Vorgänge wie auch Verstandes- und willensgesteuerte Prozesse umfaßt. In diesem Sinne begründet Stahl eine Wesensunterscheidung zwischen dem Lebendigen als autonomer, selbstorganisierter Einheit und anorganischen Gesetzmäßigkeiten, die chemisch oder physikalisch bestimmt werden können. Wohlgemerkt läuft dies nicht auf eine Unterscheidung zwischen zwei Naturen hinaus. Stahl leugnet weder die Chemie noch die Physik noch .mechanische' Kausalität. Doch er weist den Gedanken zurück, daß für die Medizin ausschließlich diese Erkenntnisse geltend gemacht wer4

den. Stahl möchte primär auf den Unterschied in den Organisationsprinzipien der Lebewesen und der anorganischen Natur aufmerksam machen. Der Seele sind intellects und voluntas eigen. Die anorganische Materie kann sich nicht auf dieselbe Weise organisieren, weil ihr die Wahrnehmung fehlt. Diese Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf den Lebensabschnitt Stahls in Halle. Die Jahre 1684 bis 1715 waren maßgeblich für die Entwicklung seiner Theorie, und darauf konzentriert sich die Darstellung. Sicherlich wäre noch viel zu schreiben über die praktischen Aspekte der medizinischen Lehre Stahls, seine Fallbeschreibungen, seine therapeutischen Auffassungen, die als natürliche Methode' bekannt wurden, seine Consilia medica und eine Aufschlüsselung seiner physiologischen und pathologischen Erkenntnisse. Diese Überlegungen wurden jedoch zugunsten der Darstellung seiner Theorie zurückgestellt. Trotz der Bedeutung Stahls für die geistigen und sozialen Auseinandersetzungen im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert gibt es weder eine ausführliche Biographie noch eine Bibliographie seiner Werke. In Kapitel Π dieser Arbeit wird daher ein Überblick seines Lebens gegeben, bei dem auch versucht wird, charakteristische Persönlichkeitszüge darzustellen. Die Daten zu seinem Leben wurden anhand archivalischer Quellen erarbeitet und stellen insoweit zum ersten Mal gesicherte Ergebnisse dar. So konnte auch klargestellt werden, daß die Familie, der Stahl entstammte, in Verbindung mit dem Pietismus stand. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß er in Thüringen und in Halle mit den Pietisten guten Kontakt hatte. Seine frühen Beziehungen zum Pietismus spielen für seine Berufung an die Universität Halle eine wichtige Rolle. Weitere Einzelheiten zur Biographie Stahls sind in den jeweiligen Abschnitten der Arbeit zu finden, soweit sie den Werdegang der Theoria medica vera beeinflußten. Das Prolegomenon zur Bibliographie der Werke Stahls ist ein erster Versuch, diese zu ordnen. Deutlich wird vor allem die Vielzahl seiner Schriften. Die Rezeptionsgeschichte der Werke Stahls kann in dieser Arbeit noch nicht in ihrer vollen Tragweite gezeigt werden. Der Grund dafür liegt in der Eigenart der Verbreitung Stahlianischer Schriften: 1) die im 18. Jahrundert publizierten Werke zählen über 700 Schriften, teilweise der Feder Stahls entstammend, teilweise das Produkt von Mitschriften seiner Vorlesungen und Privatissimae; 2) die Überschneidungen in den Veröffentlichungen sind beträchtlich, weil Zusammenfassungen und Abschriften große Verbreitung fanden. Ihre genaue Aufgliederung würde bei der Bearbeitung detaillierte Vergleiche innerhalb eines ausführlichen Schrifttums notwendig machen; 3) viele der Schriften wurden vom gelehrten Latein ins Deutsche und in andere Sprachen übersetzt, und auch hier wäre eine Geschichte der chronologischen Rezeption verschiedener Ideen am Beispiel der Schriften vonnöten; 4) die Rezeptionsgeschichte muß historisch entschlüsselt werden, weil die medizinische Theorie Stahls weit über seinen Tod hinaus Beachtung fand. So z.B. ergibt sich eine neue Welle der Zuwendung zu seinen Werken im 19. Jahrhundert. Für die 5

Forschung ist zu verzeichnen, daß ab dem Zeitpunkt, nach dem Stahl selbst keine neuen Werke verfaßte (etwa ab 1720), das Interesse an seinen Ideen sogar stark zunahm. Die Veröffentlichungsgeschichte derjenigen Werke, die unmittelbar für diese Arbeit wichtig waren, wurde im Text durchgehend berücksichtigt. Neue Einsichten in die Publikationsgeschichte des wichtigsten Werkes, des Negotium Otiosum, eine Disputation zwischen Leibniz und Stahl, konnten anhand der unveröffentlichten Korrespondenz von Heinrich Julius Elers, dem Geschäftsführer des WaisenhausVerlages, erbracht werden. Im dritten Kapitel dieser Arbeit werden die sozial- und ideengeschichtlichen Hintergründe der Erweckungsbewegung in Norddeutschland dargestellt, wobei der Begriff ,Pietismus' in generalisierender Weise verwendet wird. Die Zeitspanne, die für diese Arbeit relevant ist, von etwa 1670 bis 1740, umfaßt verschiedene Veränderungen im sehr verzweigten Geflecht der Erweckungsbewegung in den deutschen Territorien. Die eindeutigste und am besten bearbeitete Variante des Pietismus in Deutschland ist der Pietismus in Halle. Dieser ist institutionell verankert, aber auch hier gibt es weit verstreute Kontakte zu vielen Menschen außerhalb Halles. Relevant für eine Arbeit über Stahl sind die Berliner Kontakte des Halleschen Pietismus, insbesondere die zu Karl Hildebrand Baron Canstein. An den entsprechenden Stellen wurde daher versucht, Hinweise darauf zu geben, wie einzelne Personen einzuordnen sind. Ein Charakteristikum der Erweckungsbewegung bleibt die Eigenart der sie konstituierenden Menschen: diese sind alles andere als fügsame Fromme. Neben den Hallenser Pietisten gibt es eine ganze Anzahl von Leuten, die zwar zu Halle Beziehungen unterhielten, aber keine Absicht hatten, innerhalb Brandenburg-Preußens weltliche Aufgaben zu übernehmen. Hinter dieser Zurückhaltung steckten immense politische Probleme. Das Sektenwesen stand unter Verdacht. Die Anfänge des Pietismus, wie der Name selbst, der aus einer gegen diese Gruppe gerichteten Verleumdungsschrift stammte, sind gekennzeichnet durch Verfolgung. Der Hallesche Pietismus hat sich nie von der Lutherischen Kirche getrennt, im Gegensatz zu den sogenannten Separatisten oder Radikal-Pietisten. Die Radikalen unter den Erweckten waren stärker von der Überzeugung geprägt, daß „wahres Christentum" mit klerikalen und staatlichen Herrschaftsstrukturen nichts gemein habe, weil ihnen ein Sendungsbewußtsein eigen war, das sich aus dem Bibelwort „der Geist wehet, wo er will" herleitete und keine Unterscheidung zwischen Laien und Theologen machte. Die Selbstdefinition der Radikalen war individualistisch und in einer absolutistischen Zeit demokratisch. Sie sind, als Einzelgänger oder als Splittergruppe, am besten unter die Kategorie der Inspirierten zu fassen. Der unscharfe Begriff .Pietismus' umschließt also sehr spannungsreiche Verhältnisse. Gemeinsam ist den Pietisten das Bewußtsein, ein „kleiner Haufen" zu sein, und die Klarheit darüber, daß sie jederzeit verfolgt werden können. Je radikaler die Ansichten, desto überzeugter die Ansicht, daß die or6

thodoxe Kirche die Züge Babylons trage. Der Chiliasmus, die Schwierigkeiten mit Autoritäten, die Gemeindebildung in gefühlsoffener Religiosität, die immanente Bibelinterpretation kennzeichnen jedoch das ganze Spektrum des Pietismus. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist der Erweis der Querverbindungen der Nachfolger Stahls, sowohl zu den Radikalen unter den Pietisten wie auch zu den Kreisen um August Hermann Francke in Halle. Die Kirchengeschichte hat die enge Verbindung zwischen der theosophisch ausgerichteten Religiosität vieler Inspirierter und Pietisten und der Medizin Stahls übersehen. Das Verhältnis ist so eng, daß die medizinischen Schriften, so z.B. diejenigen Christian Friedrich Richters und Johann Samuel Carls, die medizinische Lehre Stahls mit pietistischer Erbauung und Reforminitiativen vereinigten. Dabei ist auch anzumerken, daß die Hauptvertreter der Nachfolge Stahls fast alle ausgebildete Theologen waren. Interessant ist auch eine andere Tatsache: überzeugte Pietisten, wie Canstein, erarbeiteten sich erhebliche medizinische Kenntnisse aus der Lehre Stahls. Canstein war kein Einzelfall. Nikolaus Graf Zinzendorf und einige Grafen Stolberg beschäftigten sich ebenfalls mit dieser Lehre. Somit ergibt sich auch sozialgeschichtlich die Einsicht, daß die Theorie Stahls keineswegs nur medizinisch interessant war, sondern daß sie auch ein beachtliches Spektrum bedeutender und einflußreicher Anhänger und Befürworter außerhalb der Medizin an sich zog. Auch deswegen verschärft sich der für den Diskurs des 18. Jahrhunderts wichtige Konflikt zwischen der Theorie Stahls und der mechanischen Medizin: Stahl steht nicht nur für eine spezifische medizinisch-theoretische Lösung physiologischer und pathologischer Probleme, sondern repräsentiert gleichzeitig ein Denkmodell, das die theosophisch ausgerichtete Medizin kongenial fand. In Kapitel IV (Die medizinische Theorie Stahls) und in Kapitel V („Die Vernunft ist verderbt") werden die Ausmaße sichtbar, welche die Auseinandersetzung um die Deutung von Natur und Mensch annahm. In dem Abschnitt über die „Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur" werden die Verbindungslinien gezogen zwischen der Theorie Stahls und dem theosophischen und kosmosophischen Verständnis der Natur, deren Merkmal der Bezug von Zeichencharakter und innerer geistiger Gestalt ist. Im Abschnitt über das Negotium Otiosum (Kapitel IV), der prinzipiellen Auseinandersetzung zwischen Leibniz und Stahl, werden die inhaltlichen Differenzen der unterschiedlichen Deutungen des Körper-Seele-Verhältnisses dargestellt, die wiederum auf die weiterführende Diskussion um die Philosophie Wolffs und deren Gegner Auswirkungen hatte. Sozialgeschichtliche und ideengeschichtliche Faktoren konvergieren dort, wo Stahls Theorie zum Anlaß wird, sich über die Wahrheit der jeweiligen Deutung auseinanderzusetzen. Stahl hinterließ weder autobiographische Aufzeichnungen noch eine Korrespondenz. Fünf Briefe an Baron von Canstein und wenige Abschriften einiger seiner Abhandlungen sind in Archiven aufbewahrt. Alle anderen Angaben zu sei7

nem Leben, zu seinen Schriften und zu seinen beruflichen Tätigkeiten mußten aus anderen Quellen erschlossen werden. In diese Arbeit miteinbezogen wurde zahlreiches Quellenmaterial, das aus den verschiedensten Archiven Deutschlands zusammengetragen wurde, so etwa aus dem Staatsarchiv Merseburg, dem Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle, dem Universitätsarchiv Halle, dem Archiv der Leopoldina in Halle, dem Universitätsarchiv der Humboldt-Universität in Berlin, aus dem Archiv der Akademie der Wissenschaften in Berlin, und ebenso Archivalien aus dem Staatsarchiv zu Weimar. Neben der Primärliteratur wurden die vorhandenen biographischen Darstellungen und die gedruckten Briefwechsel zwischen den verschiedenen Vertretern des Halleschen Pietismus benutzt. Die Arbeit zur Bibliographie beruht auf Nachforschungen in der British Library in London, der Bodleian Library in Oxford, der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der Nationalbibliothek in Wien und der Bibliothek des Josephinums in Wien. Die neuere bzw. neueste Literatur über Georg Ernst Stahl beschäftigt sich leider in keiner Weise mit unserer Themenstellung.5 Die Arbeiten über Stahls Physiologie oder seine psychological physiology' erklären nicht seine Denkmodelle, sondern beschränken sich auf eine an der Gegenwart orientierte Sicht seines Beitrages zur Entwicklung der Physiologie. Das Buch, das der Problematik des Stahlianischen Denkens am nächsten kommt, Mind and Body in Eighteenth Century Medicine, von Lelland J. Rather (Berkeley 1965) thematisiert Hieronimus Gaubs Werk De regime mentis. Ein weiteres aufschlußreiches Buch, The Formation of the German Chemical Community (1720-1795), von Carl Hufbauer (Berkeley 1982) wurde aus einer ganz anderen Perspektive geschrieben, obwohl Hufbauer auf die Bedeutung Stahls eingeht. Die Arbeiten Wolfram Kaisers in Halle haben über viele Jahre die dort befindlichen archivalischen Quellen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, aber auch in diesen Publikationen fehlt eine umfassende Auseinandersetzung mit den die Zeit prägenden Konflikten: Aufklärung und Pietismus. Das 1984 in Leipzig erschienene Buch Georg Ernst Stahl (1659-1734) von Irene Strube bringt sehr interessante Einzelerkenntnisse, aber es ersetzt nicht die Notwendigkeit, sich in einer Monographie mit der Entstehung und Wirkung der medizinischen Theorie Stahls intensiv zu beschäftigen. Das Anliegen dieser Studie ist es, die Bedeutung der Theorie Stahls in ihrem Verhältnis zu den grundlegenden Diskussionen des 18. Jahrhunderts herauszuheben. Es wurde nicht beabsichtigt, Stahl so zu amputieren, daß er hineinpassen muß in ein ausschließlich fachorientiertes oder der Fortschrittsgeschichte verpflichtetes Konzept. Die Arbeit betont gerade, daß die Medizin als theoretische Wissenschaft im 18. Jahrhundert sehr wichtige Diskussionen in der Philosophie, im religiösen Bereich und in der Deutung von Natur- und Menschenbild mitbestimmte.

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Siehe Literaturverzeichnis unter: Duchesneau, Gottlieb, Kaiser, Karcher, King, Koch, Pagel, Julius Petersen, Rothschuh, Strube, Stürzbecher.

Die medizinische Theorie Stahls hatte eine sozialgeschichtliche Bedeutung, weil die Erweckungsbewegung in ihr ein Vorbild und eine Rechtfertigung für ihre anthropologischen Vorstellungen fand, und sie hatte eine ideengeschichtliche Bedeutung, weil sie die ideologische Absicht der Aufklärer, den Rationalismus als Richtlinie menschlichen Denkens und Handelns zu etablieren, in Frage stellte. Somit bestimmten medizinische Erkenntnisse den Verlauf einer zentralen Debatte des 18. Jahrhunderts.

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II. Zur Biographie und zu den Schriften Georg Ernst Stahls

1. Zur Biographie Drei Tage, nachdem Stahl um die Mittagsstunde des 14. Mai 1734 „sannft und seelig" gestorben war, eines langen und arbeitsreichen Lebens entbunden, wurde er nach eigener Anordnung ohne barocken Prunk, ohne die gedruckten Huldigungen der Leichenpredigt, ohne salbungsvolle carmina von Schülern und Freunden am Abend um zehn Uhr in der Kirche im Berliner Stadtteil Friedrichswerder bestattet.1 Sein Leben endete, wie es begonnen hatte, in Bescheidenheit. Die Anordnung eines stillen und unauffälligen Begräbnisses hatte Tradition im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert bei denjenigen, die auch bei ihrem Tod ein Zeichen der Frömmigkeit setzen wollten.2 Die Frömmigkeit war an keinen Stand gebunden: ein Begräbnis dieser Art betonte die Absage an die Ehrungen dieser Welt. Stahl hätte sich rühmen lassen können. Zu Grabe getragen wurde der in Amt und Würden stehende erste Mediziner im Königreich Brandenburg-Preußen, als Präsident des collegium medicum-chirurgicum verantwortlich für die Regelung des Medizinalwesens im ganzen Land, der Mitverfasser des bedeutenden preußischen Medizinaledikts von 1725, der erste Leibmedikus des Königs Friedrich Wilhelm I., ein ehemaliger Professor der Universität Halle, einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit und ein Arzt, dessen Theoria medica vera nicht nur die Heilkunst, sondern auch die Psychologie des 18. Jahrhunderts nachhaltig beeinflußte.3

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Offizielle Benachrichtigung der Familie Stahl an die Universität Halle, abgedruckt in: Johann Peter von Ludewig, Gelehrte Anzeigen in alle Wissenschaften, sowol geistlicher als weltlicher, alter und neuer Sachen, welche vormals denen Wöchentlichen Hallischen Anzeigen einverleibet worden, nunmehro aber zusammen gedrucket [...]. CCXI. Stück. Halle 1743, S. 918. Siehe zum „guten Beispiel" und zur Frömmigkeit des „Armenbegräbnisses" vornehmer Leute: Mary Lindemann, Armen- und Eselsbegräbnisse in der europäischen Frühneuzeit, eine Methode sozialer Kontrolle, in: Paul R. Blum (Hg.), Studien zur Thematik des Todes im 16. Jahrhundert. Wolfenbüttel 1983 (Wolfenbütteler Forschungen 22), S. 136. Zur Biographie gibt es nur kurze Übersichten. Unter der neueren Literatur ist zu nennen: Wolfram Kaiser, Promemoria Georg Ernst Stahl (1659-1734), in: Wolfram Kaiser/Arina Völker (Hg.), Georg Ernst Stahl (1659-1734). Halle 1985, S. 7-24; Irene Strube, Georg Ernst Stahl. Leipzig 1984; Karl Hufbauer, The Formation of the German Chemical Community (17201795). Berkeley 1982, S. 167f.; Georg Ernst Stahl, hg. v. Bemward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 ; zur These der psychologischen Beeinflussung siehe meine Dissertation: Johanna GeyerKordesch, Die Psychologie des Moralischen Handelns. Psychologie, Medizin und Dramentheorie bei G. E. Lessing, M. Mendelssohn und Friedrich Nicolai. University of Massachusetts, Amherst 1977.

In Stahls Leben spiegeln sich viele der wichtigsten Ereignisse der Zeit zwischen 1650 und 1740 wider, der Periode, in der die pietistischen „Unruhen" das Machtgefüge von Orthodoxie und fürstlicher Herrschaft zu erschüttern suchten. Brandenburg-Preußen wurde zum Vorbild norddeutscher absolutistischer Monarchie und bürokratischer Organisation, und die Universität Halle nahm den Vorrang unter den geistigen Bildungsstätten des Landes ein. Stahl stand im Zentrum dieser Veränderungen religiöser, geistiger und sozialpolitischer Natur. Sein Studium und seine ersten beruflichen Aufgaben führten ihn in den Raum Thüringen, wo etwa zwischen 1680 und 1700 eine radikal denkende Erweckungsbewegung Menschen verschiedener Stände religiös begeisterte, aber auch der Verfolgung aussetzte.4 Die Gedankenwelt der Erweckungsbewegung in Deutschland zeigte alle Eigenschaften der chiliastischen Aufmüpfigkeit, die schon in England in der Puritanischen Revolution und im Sektenwesen des deutschen Spiritualismus für politisch-soziale Opposition zu Regierung, Staatskirche und obrigkeitlichen Zwängen in Gewissensund Versammlungsfragen gesorgt hatte. Von 1715 an, drei Jahre nach Antritt der Regierung Friedrich Wilhelms I. bis zu seinem Tode 1734 war Stahl am Hof in Berlin.5 Diese Zeit umfaßte die durchgreifenden strukturellen Änderungen in Brandenburg-Preußen, die es zu einem bürokratisch durchgegliederten, militärisch machtvollen und finanziell stabilen Staat machten.6 Stahl war als Leibmedikus des Königs in einer bedeutenden Stellung innerhalb eines Machtgefüges, in dem der persönliche Einfluß oft auf wichtige Entscheidungen einwirkte. Stahl war kein Höfling, schon wegen seines strengen Charakters nicht, aber auch, weil er weitere Ämter oder finanziellen Gewinn für nicht erstrebenswert ansah. Nichtsdestoweniger war sein Einfluß auf die preußischen Reformen im Medizinalwesen groß. Über seinen Anteil an der Etablierung der Ausbildungsordnungen und staatlichen Examina der Ärzteschaft Preußens und der Institutionalisierung des Unterrichts am Theatrum Anatomicum in Berlin wäre noch viel anzumerken, da diese Entwicklung eine bisher in ihrer Komplexität nicht erfaßte Detailübersicht verlangt - sie erfordert die Kenntnis der Geschichte des ,collegium medicum', des Kampfes zwischen König und Akademie der Wissenschaften und der althergebrachten Strukturen medizinischer Berufsausübung in

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Im einzelnen werden diese Querbezüge zwischen dem Leben Stahls und der Erweckungsbewegung im dritten Kapitel dieser Arbeit („Die Wahrheit ist einfach") dargestellt. Johanna Geyer-Kordesch, German medical education in the eighteenth century: the Prussian context and its influence, in: William F. Bynum/Roy Porter (Hg ), William Hunter and the Eighteenth Century Medical World. Cambridge 1985, S. 177-205. Hans Rosenberg, Bureaucracy, Aristocracy and Autocracy. The Prussian Experience 16601815. Boston 1958; Klaus Deppermann, Der Hallesche Pietismus und der Preußische Staat unter Friedrich III. (I.). Göttingen 1961; Carl Hinrichs, Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiös-soziale Reformbewegung. Göttingen 1971.

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Berlin.7 Aber die Darstellung institutioneller Umstrukturierung der Medizin in Verbindung mit den Reorganisationsplänen am Hof Friedrich Wilhelms I. ist nicht Thema dieser Arbeit. Stahl war im sechsundfünfzigsten Lebensjahr, als er an den Preußischen Hof ging in der Doppelfunktion als Leibarzt und Präsident des collegium medicumchirurgicum. Damit übernahm er sowohl die Verantwortung für die Gesundheit des Königs, seiner Familie und vieler Hofangehöriger wie auch die Verantwortung für das Medizinalwesen in Preußen. Hinter ihm lagen die Jahre praktischer und theoretischer Auseinandersetzung mit der Medizin seiner Zeit. Schon während seines Studiums in Jena (1679-1684) begann Stahls Abkehr von den mechanistischen Theorien, die damals die Medizin zu beherrschen begannen.8 Den Entwurf seiner eigenen wissenchaftlichen und therapeutischen Ideen führte er aber erst im Zeitraum von 1692 bis 1708 aus. Am Anfang dieser Zeit steht seine enge Verbindung zur Erweckungsbewegung in Thüringen. Der Wechsel von der Tätigkeit als Leibmedikus des Johann Emst von Sachsen-Weimar zur medizinischen Professur in Halle (1694) markiert eine neue Entwicklung. Stahl war nun als Lehrer und Gelehrter in der Lage, nicht nur seine medizinische Theorie systematisch zu bearbeiten und sie in Buchform der Öffentlichkeit zu übergeben, sondern auch eine Schule zu gründen, deren vielfältige zeitgenössische Erwähnung als „natürliche Methode" der Medizin erwähnt wird, oder, in bezug auf die Nachfolge, als „stahlianische Schule" zu dokumentieren ist. In Halle waren die Beziehungen Stahls zu den Pietisten sehr fruchtbar. Die Symbiose zwischen der neuen Theorie Stahls und den Reformbestrebungen im Pietismus erwirkte eine Erneuerung, die ich wegen ihrer Eigenart eine ,Instauratici' nenne. Stahl und die Stahlianer wiesen den Weg in die Moderne auf dem naturwissenschaftlichen Gebiet, das für die philosophischen und anthropologischen Überlegungen dieser Zeit das bedeutendste war: die Medizin. Daß Stahl eine Instauratici magna für die Medizin avisierte, ist bei ihm selbst und in zeitgenössischen Quellen belegt. Die Medizin als Naturwissenschaft nahm eine zentrale Stellung ein in der Auseinandersetzung um die Naturdeutung, bei der es um die Frage ging, ob die Natur als res extensa rein materiellen Gesetzmäßigkeiten folge, oder ob ihr Gott noch immanent sei. Eingeschlossen in diesen Streit war die Auseinandersetzung um die Natur des Menschen und seine geistigen Fähigkeiten. Die Jahre in Halle waren für Stahl die bedeutendsten, sowohl für die Ausformulierung seiner

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Geyer-Kordesch, German medical education, S. 201f. Darin findet sich auch eine kritische Betrachtung der Literatur zur medizinischen Ausbildung in Berlin vor der Gründung der Universität. Stahl selbst nennt seine „Private Collegia" als Extraordinarius in Jena ein „Kühnes Unternehmen", weil er schon damals (vor 1687) die Fieberlehre nicht mehr mit iatrochemischen Erklärungen verband. Siehe: Georg Emst Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers, dem bygefügt [...]. Eine völlige Beschreibung des Motus tonici [...]. Leipzig 1724, S. 623.

Theorie als auch für deren Rezeption. Sie werden daher in ihren biographischen wie intellektuellen Zusammenhängen in den folgenden Kapiteln eingehend geschildert. Stahls Wirkung ließ auch nach seinem Tod nicht nach. Das Interesse an seinen Lehren und Schriften in bezug auf die Medizin und die Einheit von Leib und Seele vermehrte sich, als der aufklärerische Rationalismus im Zuge der Popularisierung der Philosophie von René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz sich durch Christian W o l f f ideologisch durchzusetzen begann. Nach 1740 entwickelte eine jüngere Generation von Medizinern in Halle Theorien zur Psychologie und Ästhetik, die ein direktes Erbe Stahls darstellen. 9 D i e Bedeutung Stahls haben seine Zeitgenossen kaum verkannt. Jakob Friedrich Reimmann schreibt schon 1713 in seinem Versuch einer tung in die Historiam

literariam

derer Teutschen

Einlei-

(Halle) über Stahl folgendes:

Man kennet die Löwen und Adler an ihren Klauen: die sinnreichen Köpfe an ihren geschickten Einfallen; [...]. Meiner geringfügigen Meinung nach ist er [Stahl] der erste/der das gemeine Sprichwort: ubi définit physicus, ibi incipit medicus recht gründlich untersuchet und verstanden/und die physiologiam medicam medice [medizinisch] eingerichtet hat. Er ist auch der erste der die Pathologiam medicam mit so viel vortrefflichen historischen remarquen erweitert: Und wo ich nicht irre/ist er auch der erste/der den Mechanismum von dem organismo unterschieden/und nebst der Unnützigkeit des ersten/die Nutzbarkeit des letzten in der Arzney=Kunst gezeiget hat. 10 Reimmann fährt fort mit einer sehr treffenden Charakterisierung Stahls: Er ist in seinen Schrifften aufrichtig/freymüthig und unpartheyisch. Was er weiß/das sagt er. Was er nicht weiß/das gestehet er. Bey wem er Wahrheiten findet/den lobet er. Und wem er auf einem fahlen Pferd ertappet/den tadelt er. Es ist bey ihm kein Ansehen der Personen. Alte/ Neue/Galenici/Chymici/Mechanici sind ihm alle gleichgültig. Er sehet auf ihre Lehren und nicht auf die Lehrer. Und dieselben weiß er in seinem beywohnendem Lichte oder Vemunfft und Erfahrung/nach denen Grundsätzen der Natur und Kunst so accurat zu prüfen/daß man ihre Stärcke und Schwäche alsofort mit Händen greiffen kan. 11 Reimmann sieht Stahl als Erneuerer und listet die Gebiete auf, in denen Stahl hervortrat. Außerdem lobt Reimmann Stahl mit jenen Attributen, die den „neuen" Typus des unabhängigen Wissenschaftlers charakterisieren. Stahl ist keiner Autorität verpflichtet, sondern nur seiner wissenschaftlichen Erkenntnis. Stahl sieht auf die „Lehre und nicht auf die Lehrer". Er prüft nach dem ihm „beywohnendem Lichte" nicht nur die Grundsätze der Natur und Kunst, sondern auch die Theorien der Alten und Neuen. Reimmann vergleicht Stahl mit Francis Bacon und wertet 9

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Siehe: Kapitel V, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Zurück zur Sinnlichkeit: die „lebendige Erkenntnis". Siehe zu Stahl S. 641-650 in: Jakob Friedrich Reimmann, Versuch einer Einleitung in die Historiam literariam so wohl insgemein als auch in die Historiam literariam derer Teutschen. Dritter und letzter Theil, viertes und letztes Hauptstück [...]. Die Historia Medicinae insgemein [...]. Halle 1713, Zitats. 648. Ebd., S.648f. 13

damit diesen Vertreter der deutschen Medizin auf, der wie Bacon fähig war, die Wissenschaft zu erneuern und wie Bacon eine,instaurado magna' einzuleiten.12 Stahl wurde am 21.122. Oktober 1659 „im Haus 6 der Neustadt" in Ansbach als Sohn des markgräflichen Sekretärs Johann Lorentz Stahl (1612-1699) geboren.13 Lorenz Stahl war seit 1644 Assessor und Sekretär des Consistoriums der evangelischen Kirche in Ansbach und wurde 1672 Ehegerichts-Sekretarius. Georg Ernst Stahls Mutter, Maria Sophia Meelführer, stammte aus einer bedeutenden Familie evangelischer Pfarrer.14 Der Großvater Stahls, Johann Burckhardt Meelführer, war Diakon an St. Johannis, der Hauptkirche Ansbachs. Seine Frau Anna Margarethe geb. Cöler heiratete in zweiter Ehe den Kaplan H. Priester. Dessen Tochter, ebenfalls Anna Margarethe genannt, vermählte sich 1663 mit dem hohenlothrischen Rat Johann Wolfgang Textor und wurde damit zur Ururgroßmutter Johann Wolfgang von Goethes.15 Der Bruder des Großvaters, Johann Christian Meelführer, hatte stark pietistische Neigungen.16 Er pflegte Kontakt zu Philipp Jakob Spener, einem der wichtigsten Anführer des lutherischen Pietismus in Deutschland. Eine Bibelausgabe von 1702 ist Christian Meelführer zu verdanken. Christian Meelführers Tocher, Barbara Elizabetha, heiratete 1697 Wolfgang Gabriel Pachelbel von Gehag,17 Sproß einer wegen ihres Glaubens nach Ansbach vertriebenen Familie. Dieser Pachelbel besuchte in späteren Jahren (1705) Halle und gehörte eindeutig zum Pietismus, geprägt durch Schriften Johann Arndts und das Vorbild August Hermann Franckes. Schon in seiner Kindheit und Jugend war Stahl möglicherweise mit pietistischen Tendenzen vertraut. Die tiefe Frömmigkeit Stahls wurde von vielen Zeitgenossen hervorgehoben und prägte auch seine Schriften. Ein autobiographisches Zeugnis über ein Bekehrungserlebnis, wie es in pietistischen Kreisen in Halle später üblich war, existiert nicht, aber es ist fraglich, ob dies im Falle Stahls überhaupt zu erwarten gewesen wäre. Stahls charakterliche Leidenschaft lag sicherlich nicht im äußerlichen Enthusiasmus. Er hat Zeit seines Lebens Freundschaften mit frommen und engagierten Christen gepflegt und unter seinen bedeu-

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Ebd. Thomas Stettner, Georg Ernst Stahl, der große Arzt und Chemiker, in: Fränkische Zeitung (Dez. 1935). Die Angaben zur Genealogie Stahls entstammen dem Verzeichnis von Rudolf Zaunick, Von den Vor- und Nachfahren Georg Emst Stahls, in: Georg Emst Stahl, hg. v. Bernward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin 36), S. 76-88. Zur kirchlichen Bedeutung der Familie Meelführer siehe: Matthias Simon, Ansbachisches Pfarrerbuch. Die Evangelisch-Lutherische Geistlichkeit des Fürstentums Brandenburg-Ansbach 1528-1806. Nürnberg 1957, S. 314f. u. 586. Stettner, Georg Ernst Stahl. Zum Pieüsmus in Franken und den pietistischen Neigungen von Meelführer und Pachelbel siehe: Friedrich Wilhelm Kantzenbach, Der Pietismus in Ansbach und im fränkischen Umland, in: Heinrich Bornkamm u.a. (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975, S. 286-299. Ebd., S. 287-289.

tendsten Schülern mindestens drei nachhaltig unterstützt, deren Lebensbedingungen durch ihren radikal enthusiastischen Glauben äußerst schwierig geworden waren (Johann Samuel Carl, Michael Alberti, Johann Juncker).18 Der Sache der Pietisten hat Stahl, auch nach seinem Abschied von Halle, die Treue gehalten. Seine bedeutendsten medizinischen Schriften erschienen im Waisenhaus· Verlag in Halle. Von den nachweisbaren Patienten Stahls gehörten nicht wenige der Erweckungsbewegung an: Christian Scriver, Philipp Jakob Spener, August Hermann Francke, Karl Hildebrand von Canstein, D. G. General von Natzmer, dessen Frau, die verwitwete Gräfin von Zinzendorf und Mutter des Grafen Nikolaus von Zinzendorf sowie dieser selbst (der in Herrnhut die Brüdergemeine unter seine Obhut nahm). Über die frühe Jugend und die Studienjahre Stahls gibt es nur zwei zeitgenössische Quellen. August Heinrich Faschius, einer der Lehrer Stahls an der Universität Jena, verfaßte anläßlich der Promotion Stahls ein curriculum vitae,19 das vermutlich den Angaben des Promovenden folgte. Johann Samuel Strebel hat 1758 in einer Programmschrift des Gymnasiums Carolinum in Ansbach, Praemissa commentationis de viri quondam illustris Georgii Ernesti Stahl sui et omnis aevi principis medici,20 alle verfügbaren Angaben zum Leben Stahls nochmals zusammengefaßt.21 Strebel deutet an, daß Stahl nicht sofort nach Abschluß seines Schulbesuches am Gymnasium in Ansbach 1676 nach Jena an die Universität ging, weil er zu Hause zurückgehalten wurde. Sed turbis quibusdam domesticis de improviso atque inauspicato exortis factum est, ut integrum fere triennium intra patrios Lares invitus retineretur. Utrum matris aegrotatio, aut mors intervenerit, an alius huiusmodi casus moram Ei obiecerit, id quidem nobis est incognitum. 22

Nach dem Tode des neunten Kindes aus der Ehe der Eltern Stahls, das nur neun Wochen alt wurde (1669), und des zehnten Kindes (einer Tochter, die 1672 gebo-

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Siehe: Michael Alberti/Johann Samuel Carl/Johann Juncker, in Kapitel III, Abschnitt 1 dieser Arbeit: Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus. Die Angaben von August Heinrich Faschius sind der medizinischen Inauguraldissertation von Georg Ernst Stahl, De lntestinis, eorumque morbis ac symtomatibus cognoscendis et curandis (Jan. 1684), die 1713 in Halle nochmals gedruckt wurde, beigegeben. Für die Übersendung einer Kopie dieses Programms möchte ich an dieser Stelle Herrn Oberstudiendirektor H. Schwackenhöfer vom Gymnasium Carolinum, Ansbach, danken. Stahl hat weder eine Korrespondenz (abgesehen von einem fünf Briefe umfassenden Schriftwechsel mit Karl Hildebrand von Canstein) noch autobiographische Aufzeichnungen hinterlassen. Alle autobiographischen Angaben müssen seinen edierten Schriften, in denen er sich sporadisch über sein Leben äußert, entnommen werden. Biographische Daten enthalten darüber hinaus: Korrespondenzen anderer Personen, die Akten der Universität Halle, verschiedene Reskripte des Hofes in Berlin und die Akten der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Siehe die Liste der archivalischen Quellen im Literaturverzeichnis. Johann Samuel Strebel, De viri quondam illustris Georgii Ernesti Stahl. Ansbach 1758, S. 87.

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ren wurde und von der nichts Weiteres bekannt ist) lebte die Mutter Stahls, Maria Sophia, nur noch bis 1680.23 Im Alter von 20 Jahren (1679), sicherlich später, als es bei seinen Zeitgenossen üblich war, immatrikulierte sich Stahl an der Universität Jena, um Medizin zu studieren. Die Angaben im curriculum vitae Stahls von Faschius, die auch bei Strebel wiedergegeben sind, berichten über eine erzwungene Pause von drei Jahren.24 Stahl wandte sich in dieser Zeit der Philosophie zu (nähere Erläuterungen werden nicht gemacht). Danach schuf er die Basis für sein medizinisches Wissen: er betrieb selbständig ein Studium der Physik, der Botanik und der Anatomie. Innerhalb seiner Möglichkeiten, schreibt Faschius, machte er sich mit theoretischen Schriften wie praktischen Übungen zur Chirurgie vertraut. Während dieser Zeit hat Stahl sich auch mit der Chemie beschäftigt, „entweder durch Experimente bei ihm zu Hause oder durch Besuche in den Laboratorien der Apotheken".25 Stahls Absicht war es aber immer gewesen, Medizin zu studieren, nicht Chemie, wie er es selbst in seiner ersten veröffentlichten Arbeit Fragmentorum aetiologiae physiologico-chymicae ex indagatione sensu-rationali, seu conanimum ad concipiendam notitiam mechanicam de rarefactione chymica prodromus de indagatione chymico-physiologica, Jena (1683), bezeugt, in der er schreibt, seit seinem siebenten Lebensjahr habe er die Absicht verfolgt, sich der Medizin zu widmen.26 Am 2. Mai 1679 läßt sich Stahl immatrikulieren und beginnt das Studium in Jena. Im curriculum vitae von 1684 vermerkt Faschius die korrekte und fleißige Absolvenz des medizinischen Unterrichts bei den berühmten Jenenser Medizinern Rudolf Wilhelm Krause, Georg Wolfgang Wedel und Faschius selbst. Faschius erwähnt ausdrücklich Stahls Besuch der öffentlichen Vorlesungen zur Diätetik schwangerer Frauen (Krause), den Besuch der institutiones medicae, den Unterricht in materia medica und aus der Praxis vorgestellter Krankheitsfälle (Wedel) sowie die Teilnahme an botanischen Exkursionen (vermutlich in die Umgebung Jenas) und an den Demonstrationen im botanischen Garten sowie die aufmerksame Teilnahme am Anatomieunterricht (Faschius).27 Die erwähnten Lehrer Stahls waren alle hervorragende Größen auf ihren Fachgebieten.28 Rudolf Wilhelm Krause konnte seinen Studenten die neuesten Entdek-

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Ebd., S. 90; Zaunick, Genealogie, S. 76f. Die Angaben aus dem curriculum vitae Stahls von Faschius entstammen der französischen Übersetzung der Werke Stahls von Théodore Blondin, Discours préliminaire [...] à l'occasion de la thèse de G. E. Stahl par August Heinrich Faschius, in: Œuvres médico-philosophiques et pratiques. Bd. II. Paris 1859, S. 16ff.; Strebel, De viri [...] G. E. Stahl. S. 88-90. Faschius, S. 17-19. Strebel, S. 88; auch hervorgehoben im Kommentar von Johann Christoph Goetz, Scripta D. Georg Em. Stahlii. Nürnberg 1729, S. 2. Faschius, S. 17-19. Zur medizinischen Lehrtätigkeit und den Biographien von Kraus, Wedel und Faschius siehe: Ernst Giese/Benno von Hagen (Hg.), Geschichte der Medizinischen Fakultät der FriedrichSchiller-Universität Jena. Jena 1958, S. 167-169. Siehe auch: Hildegard Anna Spanke, Die

kungen in der Medizin vermitteln, weil die Vermögensverhältnisse seiner Familie ihm eine ausgedehnte gelehrte Peregrinado erlaubt hatten. Krause hatte Leiden (Sylvius), London (Richard Lower) und Oxford (Robert Boyle) besucht, lernte Glisson in London kennen, später Malpighi in Bologna. 1672 wurde er ordentlicher Professor in Jena. Sein Kollege, Georg Wolfgang Wedel, war auf den Gebieten der Pharmazie und der Chemie sehr kenntnisreich. Er vertrat das praktische Wissen seiner Zeit in der Medizin durch ausgiebige Lehrtätigkeit und Publikationen. Als Förderer junger Mediziner trat er mehrfach in Erscheinung. August Heinrich Fasch (Faschius) war aber vielleicht der faszinierendere Lehrer, weil er ein Spezialist für Geburtshilfe war, die chirurgischen und anatomischen Operationen vorführte und in der Botanik äußerst kundig seine Kenntnisse weitergab. Der medizinische Unterricht in Jena war einer der besten im deutschsprachigen Raum am Ende des 17. Jahrhunderts. Stahl scheint sich gut zurechtgefunden und Wissen schnell aufgenommen zu haben. Jedenfalls erteilt ihm Faschius ausdrückliches Lob: Stahl zeige die offensichtlichsten Merkmale hervorragender Fähigkeit.29 Der kurze Lebenslauf, der anläßlich der Inaugural-Dissertation am 26. Januar 1684 veröffentlicht wurde, enthält Andeutungen über die Eigenart Stahls, sich schon während seines Studiums der theoretischen und praktischen Erneuerung der Medizin gewidmet zu haben. Faschius schreibt, daß Stahl den Vorzug der medizinischen Theorie in der Pathologie sehe.30 Für Stahl ist dieser Ansatz typisch. Er deutet auf seine Ablehnung einer Krankheitsauffassung hin, die Krankheit als Produkt „zersetzender Materien" im Körper begreift. Stahls Vorstoß auf dem Gebiet der Pathologie war an seine Theorie gebunden. Krankheit begriff er nicht als statischen Zustand, sondern als organische Änderung, die mit der Heilkraft der Natur in Verbindung stand. In der Pathologie beschäftigte sich Stahl vorerst mit der Fieberlehre. Wie Thomas Sydenham faßte Stahl das Fieber als Genesungsversuch auf, der durch organische Prozesse hervorgebracht werden konnte. Stahls Deutung pathologischer Vorgänge, die nur im Zusammenhang mit seiner Theorie verständlich wird, repräsentiert einen für Deutschland neuen Ansatz im medizinischen Wissen. Aus seinem Verständnis der Pathologie heraus leitete dann Stahl eine andere medikamentöse Therapie ab, die seiner „natürlichen Methode" entsprach, die Eigenkräfte des Körpers zu unterstützen. Mit 25 Jahren hatte Stahl schon seine intellektuellen Ziele im Visier: „er will nicht schlafen", heißt es an anderer Stelle, „denn er will in medicina restaurationem eine Erneuerung einleiten".31

Stellung Georg Wolfgang Wedels (¡645-1721) in der Wissenschaftsgeschichte nach der ,Physiologia medica' (1680) und der Versuch einer vollständigen Bibliographie seiner Schriften. Münster 1984. Faschius, S. 18. Ebd., S. 17. Goetz, Scripta Stahlii, S. 2.

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Von 1684 bis 1687 lehrte Stahl als Extraordinarius in Jena.32 Über diese Zeit wissen wir nur, daß er sein Interesse an der Pathologie, insbesondere der Fieberlehre, vertiefte. Er selbst erwähnt seine Collegia, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Er ist sich zudem bewußt, daß ihn seine medizinischen Beobachtungen vom Hauptstrom der medizinischen Meinungen seiner Zeit wegführen werden. Ein enger Freund dieser Tage scheint der Arzt Johann Adrian Slevogt gewesen zu sein, dem er 1692 seine Schrift De motu tonico vitali widmet, sicherlich mit dem Gedanken, daß wenigstens dieser Freund sie verstehen werde.33 Er scheint in diesen Jahren von Slevogt bei der Behandlung schwieriger Fälle herangezogen worden zu sein, so etwa bei der Beurteilung eines Falles von Besessenheit.34 Slevogt war sechs Jahre älter als Stahl, praktizierte in seiner Vaterstadt Jena und bekam 1685 eine Professur an der Universität. Johann Storch, der sich später durch die Übersetzung und Herausgabe der Schriften Stahls verdient machte, erzählt in seinem Lebenslauf, wie 1698, als er in Jena Medizin zu studieren begann und sich nach Rat umsah, der spätere Dr. Heimreichen, von 1700 an Arzt in Eisenach, ihm hilfreich beistand. Dieser redliche Mann zeigte mir die Gründe der Medizin, zugleich aber auch ihre Mängel. Zu der Zeit fing der weltberühmte Herr D. Stahl an, die Medizin zu reformieren; Der alte Herr Professor Slevogt in Jena war sein intimer Freund; Ob er sich nun gleich nicht öffentlich vor Stahlen erklären durffte; So war er doch im Geheim so aufrichtig, daß er meinen Stuben-Purschen (den späteren Dr. Heimreichen) und mir dessen Principia anrühmete; wir konnten aber damahls mehr nichts, als etliche nach einander heraus kommende Disputationes habhafft werden35

Auch Georg Nenter, der später in Straßburg eine medizinische Professur innehatte, erwähnt die Hilfe, die ihm Johann Adrian Slevogt zukommen ließ, als er sich während seiner Studienjahre in Jena verzweifelt nach einer praktisch anwendbaren medizinischen Theorie umsah.36 Auch Georg Nenter wurde eifriger Stahlianer und hat diese Lehre durch seine Publikationen verbreitet.37 Stahls im Entstehen begriffene Theorie scheint einen größeren Widerstand entfacht zu haben. Er bezeugt es selbst. Vielleicht wechselte er deswegen - bele32

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Stahl, Ausführliche Abhandlung, S. 623-625; 1683-1686 „vor einem größeren Hörerkreis": Theoria medica vera, S. 193. De motu tonico vitali wurde in zwei aufeinander folgenden Fassungen 1692 und 1702 gedruckt. Beide sind übersetzt in Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers (1724); Stahl nennt Slevogt seinen „Freund und Gönner", S. 623. Gottfried Buching, Philosophische Untersuchung von Gewalt und Wirkung des Teufels in natürlichen Körpern. Frankfurt 1704, S. 27. Johann Storch, Leitung und Vorsorge des Höchsten Gottes, Das ist: Dessen Lebens=Lauf Schicksale, fatale Kranckheit und seeliger Abschied, nebst dem Sections=Schein; Theils aus dessen Autographe aufgezeichnet, theils auch mit nöthigen Anmerckungen erkläret [...], hg. von Jacob Storch. Eisenach 1752, S. 13. Johann Storch, Praxis Stahliana [...]. Leipzig 1745, S. 35. Zu Georg Nenter siehe; Christa Habrich, Zur Rezeption und Wirkungsgeschichte der Stahlseilen Lehre in Frankreich, in: Kaiser/Völker (Hg.), Georg Ernst Stahl, S. 161-176.

gen kann man es nicht - von einer angehenden akademischen Laufbahn zur Anstellung als Leibmedikus von Johann Ernst von Sachsen-Weimar. Von 1687 bis zu seiner Umsiedlung nach Halle im Jahre 1694 blieb er in dessen Diensten. In diesen Jahren widmet sich Stahl einer ausgedehnten Praxis. Besonders rege war seine Betreuung der erweckten Kreise in Quedlinburg, wohin er, um einen Fall zu nennen, von der Äbtissin Anna Dorothea 1693 bestellt wurde. Er sollte Christian Scriver, einen berühmten Erbauungsschriftsteller, während seiner letzten Krankheit betreuen. Neben ihm wurden auch Justus Friedrich Bollmann, Fürstlich Sächsischer Leibmedikus, und Georg Wolfgang Wedel, Professor in Jena und Sächsischer Leibmedikus, hinzugezogen. In der Leichenpredigt von Scriver ist verzeichnet, daß auch „hr. Stahle [sic]/Med. Doct. und hochfl. Sächs. Leib= Medicus zu Weimar respektive verschreib- und Übersendung kostbahrer dienlicher Medicamenten und derselben Adhibirung [Anwendung] keinen Fleiß gespart".38 Johann Ernst von Sachsen-Weimar dürfte selbst pietistischer Gesinnung gewesen sein, er sprach den pietistischen Geistlichen Caspar Johann Weidenhain (bzw. Weidenheim) persönlich an, um ihn „aus göttlichem Trieb" davon zu überzeugen, Hofprediger zu werden,39 eine im absolutistischen Zeitalter sicherlich ungewöhnliche Handlung. Weidenhain, der mit Stahl Freundschaft pflegte, war entsprechend unbequem, er war im Sinne der Erweckten nicht gesonnen, der „Menschen= Furcht" ergeben zu sein, und begriff sein Amt als das des „Wächters" am Fürstenhof.40 Es ist anzunehmen, wie ich weiter unten noch zeigen werde, daß Stahl sich zustimmend in den Kreisen der Pietisten bewegte. Johann Ernst von SachsenWeimar rief Stahl noch während seiner letzten Krankheit zu sich, das consilium medicum Stahls ist datiert Weimar, 27. April 1707.41 Johann Ernst starb am 10. Juni 1707. Ebenfalls in Gotha findet die erste nachweisbare Begegnung zwischen Stahl und August Hermann Francke statt. Im Oktober 1691 sollte Stahl als weimarischer Leibmedikus im Auftrage des Herzogs die Stelle des Hofpredigers und des Prinzenerziehers Francke antragen, der aber schon beschlossen hatte, nach Halle zu gehen.42 In seinen Ehen mußte Stahl, wie viele seiner Zeitgenossen, zweimal den Tod der Eheliebsten im Kindbett erleben.43 Er heiratete spät, mit 35 Jahren, die 26 Jahre alte Catherina Margaretha Miculci, deren Tod fünf Tage nach der Geburt des zwei-

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Archiv der Franckeschen Stiftungen (AFSt), 50 B8: Leichenpredigt Christian Scriver (16291693): Lebenslauf, o.S. Johann Just von Einem, Das erbauliche Leben des christlichen Theologen Herr Caspar Johann Weidenheims [bzw. Weidenhain] [...] Magdeburg 1734, S. 13. Ebd., S. 12-14. Staatsarchiv Weimar, A 627, 25-30. Beiträge zur Geschichte August Hermann Francke's, hg. v. Gustav Kramer. Halle 1861, hier: .Bruchstück eines Tagebuchs Francke's', S. 154f.; siehe auch S. 97ff. dieser Arbeit. Zaunick, Genealogie, S. 76-88.

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ten Kindes eintrat (17.7.1696). Beide Kinder dieser Ehe überlebten die Geburt nicht. Neun Jahre später heiratete Stahl die 19jährige Barbara Eleonora Tentzel aus einer bürgerlichen Hallenser Familie. Barbara Eleonora starb ebenfalls fünf Tage nach der Geburt der gemeinsamen Tochter. Ein drittes Mal heiratete Stahl im Alter von 52 Jahren die 28jährige Regina Elizabeth Wesener, Tochter des Halleschen Stadtphysikus Wolfgang Christoph Wesener. Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor. Drei überlebten bis ins heiratsfähige Alter. Catharina Charlotte heiratete Johann Samuel Friedrich von Boehmer, den Sohn eines juristischen Kollegen Stahls. Die Tochter des einzig überlebenden Sohnes, Georg Ernst Stahl d.J., Juliana Elizabeth, heiratete Theodor Christian von Clermont. Diese Eheschließungen begründen die gutbürgerliche Nachkommenschaft Stahls. Seinen Sohn, Georg Ernst d.J., nennt der Dichter Gleim „einen Wohltäter" der Menschheit. Sein Porträt hängt im Gleimhaus in Haibertstadt.44 Georg Ernst d.J. hat Friedemann Bach „Sei Sonate per il Cembalo" gewidmet, wie im übrigen enge Verbindungen der Familie Bach, auch des Vaters Johann Sebastian Bach, zur Nachkommenschaft Stahls existierten.45 Die Jahre von 1694 bis 1708 in Halle waren die intellektuell produktivste Zeit Stahls. Sie umfaßt seine Lehrtätigkeit und die erste große Welle seiner Veröffentlichungen. Die Zeit von 1709 bis zu seiner Reise nach Dänemark und seiner Annahme der Bestallung als erster Leibmedikus und Präsident des Berliner collegium medicum waren hingegen sehr schwierig. Als Stahl, um ein überaus barockes Bild aus Johann Samuel Strebeis lateinischer Apotheose Stahls zu benutzen, die Segel spannte, um das Schiff seines Ingeniums in akademische Gewässer gleiten zu lassen, waren ihm Turbulenzen sicher. Die Universität Halle war kein Hafen, vielmehr eines jener Bauprojekte, an denen sich mehrere Architekten versuchten. Eine akademische Stadt Gottes war das pietistische Konzept, während die Regierung Brandenburg-Preußens eine Ausbildungsstätte ihrer Landeskinder aufbauen wollte. Die Berliner Ministerien sind aus Halle nicht wegzudenken. Das Hin und Her der Gesuche und Reskripte und die leisen, aber wirkungsreichen Stimmen persönlicher Beeinflussung prägten die ersten Jahrzehnte der neugegründeten Universität Halle. Stahl konnte sich dem nicht entziehen, obwohl dem Ton seiner Gesuche anzumerken ist, daß er es nicht für richtig hielt, Bittgesuche, in denen er seinen „Fleiß" anpreisen mußte, an den Berliner Hof zu richten.46 Er war sicherlich ein Mann, dem die Pflicht und Lauterkeit seines Amtes ein ernstes Anliegen waren, er handelte geradlinig und konnte es nur mit Widerwillen verstehen, daß manövriert wurde. Stahl hat sich der Sache 44 45

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Georg Ernst Stahl, hg. v. Gottlieb, S. 75. Heinrich Miesner, Beziehungen zwischen den Familien Stahl und Bach. Leipzig 1930 (BachJahrbuch, Heft 30), S. 71-76. Ein typischer Vorgang dieser Art: das Gesuch um zusätzliches Gehalt nach der Publikation der Theoria medica vera und die Antwort aus Berlin (Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 243, B l . 1 9 - 2 0 V u n d R e p . 3, Nr. 2 4 3 , Bl. 1 8 - 1 8 v ) .

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entsprechend sowohl in Halle als auch später in unmittelbarer Nähe des Königs personalpolitisch betätigt. Wie die Durchsicht der Archive zeigt, stand er mehrmals auf Seiten der pietistischen Politik. So ließ er sein Votum in der Universitätskommission von 1713 gegen Thomasius ausfallen,47 den er persönlich sicher schätzte. Thomasius wollte zu dieser Zeit über seine Kontakte in Berlin das Amt eines Direktors der Universität schaffen und selbst besetzen, eine Umstrukturierung, bei der die üblichen Entscheidungsprozesse der Universität nicht mehr die alte Macht gehabt hätten. Dies wurde von Halle aus von Stahl und den pietistischen Theologen verhindert. Als Stahl in Berlin tätig ist, entkommt er den Sorgen der Universität Halle nicht. 1723 bittet die Theologische Fakultät um Heranziehung Stahls in einer Untersuchung gegen die Lehrmeinungen Christian Wolffs. 48 Bekanntlich war die Folge der pietistischen Intoleranz gegenüber Wolff der Pyrussieg seiner Vertreibung aus Halle, die ihm nur größeren Zulauf sicherte und seine Ideen verbreitete. Die Wiederbesetzungen in der Medizinischen Fakultät, wie auch die eigene Nachfolge und die Besetzung der Extraordinarienstellen, laufen erwiesenermaßen ebenfalls über den Präsidenten des Berliner collegium medicum,49 wobei die pietistische Haltung der Kandidaten nicht ohne Einfluß auf seine Entscheidung blieb. Die schwierigste Zeit für Stahl in Halle begann 1709, als Friedrich Hoffmann in der Hoffnung nach Berlin zog, das erste medizinische Amt im Staate für sich in Anspruch nehmen zu können, und dort bis 1712 verweilte. Stahl mußte in Halle, mit Hilfe verschiedener Extraordinarien, die Medizinische Fakultät allein vertreten.50 Michael Alberti war am 16. Dezember 1710 zum Extraordinarius ernannt worden.51 Die anderen Extraordinarien waren Pancratius Wolf (von Mai 1705 bis 1707), Gottlieb Ephraim Berner (von April 1709 bis 1718) und Andreas Ottomar Gölicke (von April 1709 bis 1713). Heinrich Heinrici, ebenfalls Extraordinarius, sollte anwesend sein, aber er scheint dies mehrfach vernachlässigt zu haben. Diese Extraordinarien sollten Stahl entlasten, aber für ihn brachte es nur zusätzliche Arbeit.52 Neben der alleinigen Verantwortung für die Medizinische Fakultät mußte Stahl sich weiterhin mit Reskripten aus Berlin auseinandersetzen, weil jeder Streit unter den Extraordinarien über den Hof lief. Zudem war Stahl vom 12. Juli 1710 bis zum

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Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 70 (Consilium-Beschluß vom 16. Dez. 1713); dazu auch die Sichtweise von Thomasius bevorzugend: Wilhelm Schräder, Geschichte der FriedrichsUniversität zu Halle. 2 Bde. Berlin 1894, hier Bd. 1, S. 242ff. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159n, 3d. (21. Mai und 16. Oktober 1723). Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, Ν 3c, Fasz, 32. Wolfram Kaiser/Karl-Heinz Krosch, Zur Geschichte der Medizinischen Fakultät der Universität Halle im 18. Jahrhundert (EX, X), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Heft 5 (1965), S. 357-359. Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 243 (II. Teil), Bl. 25. Kaiser/Krosch, Zur Geschichte der Medizinischen Fakultät (IX, X), S. 360ff.

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12. Juli 1711 Prorektor der Universität, ein Amt, das ebenfalls Kraft und Energie kostete. Einem vom 4. Oktober 1712 datierten Brief Karl Hildebrand von Cansteins an Francke ist zu entnehmen, daß Stahl am Hof um seine Entlassung aus Halle gebeten hat: H. D. Stha [Stahl] hat seinen abschied urgenter gesucht, aber nicht erhalten. Sonsten aber die Ursachen, warum er von Halle weg verlanget fein den Hh. Ministris gesaget, unter anderen, das tractament [Behandlung], so man eine zeit hero vom hofe in den rescripten empfangen. Ich habe was schriftliches von ihm gesehen, darin er Mascule [männlich, kräftig] geschrieben. Es scheinet auch es habe einige impression bey hofe gemacht. Mitt H. Thomasii directorio ist er auch nicht zufrieden. 53

Die Tatsache, daß Stahl um seine Entlassung als Professor der Medizin in Halle gebeten hat, war bisher in der Forschung unbekannt geblieben. Die Sicherung biographischer Daten in dieser Zeit ist schwierig mangels direkter Quellen. Es lassen sich aber folgende Angaben machen: die von Canstein beschriebene Unzufriedenheit Stahls mit seinen Arbeitsbedingungen in Halle dürfte dazu beigetragen haben, daß Stahl den Entschluß faßte, die Universität zu verlassen. Der Einblick in die Vorlesungsverzeichnisse der Medizinischen Fakultät zeigt, daß Stahl im Wintersemester 1712 nicht unterrichtete. Es wird vermerkt, daß er in Berlin weilt.54 Das stimmt mit der Datierung des Briefes Cansteins überein. Im Sommer, am 27. Juni 1712, war Stahl zum Hof- und Leibmedikus ernannt worden,55 vorerst eine Ehrung, die noch keine Anwesenheitspflicht in Berlin mit sich brachte. Andreas von Gundelsheimer war noch fest im Amt als erster Leibmedikus. Die titulare Ehrung als Hof- und Leibmedikus besaß aber Signalcharakter. 1711 entstand ein wesentlicher Streit zwischen Gundelsheimer und Friedrich Hoffmann wegen des Todes des zweiten Sohnes Friedrich Wilhelms und seiner Gemahlin Sophie Dorothea.56 Der medizinische Streit hatte ein juristisches Nachspiel noch 1713.57 Am 25. Februar 1713 erfolgte der Regierungswechsel von Friedrich I. zu Friedrich Wilhelm I., Friedrich Hoffmann war ab 1712 wieder als Professor der Medizin in 53

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Der Briefwechsel Carl Hildebrand von Cansteins mit August Hermann Francke, hg. v. Peter Schicketanz. Berlin/New York 1972 (Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. ΠΙ, Bd. I), S. 539. Codex Lectionem in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle, Signatur: Pon Yb 3885c. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 72, Bl. 350-352. Die Einzelheiten des Streites zwischen Gundelsheimer und Hoffmann blieben vorerst unklar. Der 1711 eingetretene Tod des zweiten in der Erbfolge stehenden Sohnes des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelms hatte traumatischen Charakter. Der erste Sohn Friedrich Wilhelms starb bereits 1708. Es gab daher keinen männlichen Thronnachfolger. Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 287. Diese Akte ist datiert 13. Oktober - 7. November 1713. In den Biographien zu Hoffmann wird seine Rückkehr nach Halle meistens mit „Neid und Haß" am Hof begründet, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Siehe: Gabriel Wilhelm Gotten, Friedrich Hoffmann. Gelehrtes Europa. Teil II. Braunschweig 1735-1740, S. 103. In der neueren Forschung wird die Auseinandersetzung mit Gundelsheimer nicht erwähnt.

Halle tätig. Wie zwei Quellen bestätigen, verließ Stahl Halle für die Jahre 1714 bis 1715. Stahl ist dem Ersuchen des dänischen Königs, nach Kopenhagen zu kommen und ihn ärztlich zu betreuen, nachgekommen. Einmal wird Stahls Aufenthalt in Dänemark durch die Angaben des ihm gewidmeten Buches von Johann Peter von Ludewig, die Opuscula oratoria, bestätigt.58 Stahls Kollege an der Juristischen Fakultät spricht von dessen ärztlichen Verdiensten für die königliche Gesundheit in Kopenhagen. Zum anderen belegen die Angaben aus dem Vorlesungsverzeichnis der Medizinischen Fakultät, daß Stahl im Wintersemester 1714 und im Sommersemester 1715 keine Vorlesungen gehalten hat.59 „Er ist auf Reisen".60 In einem Brief vom 2. August 1715 an Francke in Halle schreibt Heinrich Julius Elers aus Berlin, daß Stahl zurück sei aus Dänemark und ihm die Präsidentenstelle am collegium medicum angetragen worden sei.61 Man erwarte auch, daß er zum ersten Leibmedikus ernannt werde und vermutlich nicht nach Halle zurückkehren wolle. In von Ludewigs Widmungsschrift (1721) ist rhetorisch überhöht davon die Rede, daß Stahl es trotz großer Geschenke und Ehrungen vorzog, in sein Vaterland zurückzukehren, um die Gesundheit des preußischen Königs durch seine Dienste zu erhalten.62 Andreas von Gundelsheimer, der erste Leibmedikus des Königs und ein Landsmann Stahls - er stammte aus Franken - stirbt am 16. Juni 1715. Stahl wird am 15. Juli offiziell zum ersten Leibmedikus ernannt.63 Am 2. November erfolgt die offizielle Ernennung zum Präsidenten des collegium medicum.64 Als Leibmedikus des Königs von Brandenburg-Preußen steigt Stahls Ruhm. Auch der Zar Peter Π. hat nach den Diensten Stahls verlangt. Er wollte ihn nach St. Petersburg kommen lassen, aber 1728, Stahl stand im neunundsechzigsten Lebensjahr, brach sich der erste Mediziner im Lande „glücklicherweise" das Bein und brauchte die beschwerliche Reise nach Rußland nicht anzutreten.65 Das Gesuch des russischen Kaisers ist datiert Moskau, den 29. Oktober 1728. Die Antwort des Königs Friedrich Wilhelm I. aus Berlin vom 3. Dezember 1728 lautet wie folgt:

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Johann Peter von Ludewig, Opuscula oratoria. Widmungsschrift an Stahl. Halle 1721, S. XIV-XV. Codex Lectionem in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle. Ebd. AFSt A 127a, Bl. 40, Briefwechsel Heinrich Julius Elers. Von Ludewig, Opuscula oratoria, S. XIV-XVI. Moritz Pistor, Grundzüge einer Geschichte der Preußischen Medizinalverwaltung bis Ende 1907. Braunschweig 1909, S. 8-9. Ebd. Die Legende, daß Stahl nach Rußland reiste, soll hier endgültig widerlegt werden. Zwar erwähnt Johann Peter von Ludewig im Nachruf auf Stahl in den Wöchentlichen Hallischen Anzeigen vom 24. Mai 1734 die Reisen Stahls nach Dänemark und St. Petersburg und die ./eichliche Belohnung" - diese Stelle wird von Wolfram Kaiser in seinem Aufsatz ,Pro memoria Georg Ernst Stahl (1659-1734)', in: ders., Georg Ernst Stahl (1659-1734). Halle 1985, S. 12, nochmals zitiert - , aber die Akten des Staatsarchives Merseburg widerlegen, daß die russische Reise tatsächlich erfolgte.

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Wie nun Eurer Kayserl. May. Ich bereit bin [durchgestrichen: nicht so wohl, in dieser geringen Sache, als viel mehr] bey allen vorkommenden Gelegenheiten meine aufrichtige Ergebenheit zu demoignieren, So würde auch nicht ermangelt haben, jetzermeldetem Stahl aufzugeben, Sich unverzüglich auf den Weg zu geben, wenn nicht derselbe wegen seines letzten bein=bruches in einem solchen elenden Zustandt gerathen wehre, daß er fast nicht mehr aus der Kammer gehen kann, viel weniger eine solche große Reyse zu thun im Stande seyn solte, so daß nicht unbillig zu befürchten, Er selbst mögte vor Endigung derselben vom Tode übereilet werden. 66 A u c h der Antrag, Stahl m ö g e in seinen Geburtsort A n s b a c h zurückkehren, u m der kranken Markgräfin Charlotte beizustehen, wurde vermutlich aus d e m gleichen Grund abgelehnt. D i e Akten bringen keine Bestätigung der Reise. 6 7 Große Nachrufe blieben b e i m T o d e Stahls aus. Johann Peter von L u d e w i g veröffentlichte einen längeren Nachruf in den Hallischen

Anzeigen.

Es ist ein charak-

teristisches Porträt Stahls von j e m a n d e m , der ihn kannte. „ A l l e m Pracht und A u f putz war er, an sich und bey den Seinigen, sehr zuwider und glaubte, daß man die M e n s c h e n , mehr aus ihren Thaten und U m g a n g ; als den a n g e n o m m e n e n Federn, erkennen mußte." 6 8 Der reiche Jurist v o n L u d e w i g wußte wohl, w o v o n er sprach, als er schrieb, Stahl zeige ein Desinteresse an Geld. In der Tat, bei d e m vermutlichen E i n k o m m e n Stahls aus d e m Verkauf seiner Medikamente und seiner großen Praxis, von seinem fixen E i n k o m m e n als H o f - und Leibmedikus (1 8 0 0 Thaler pro Jahr) ganz zu schweigen, 6 9 ist es sehr erstaunlich, daß Stahl weder Landgüter n o c h wertvolle D i n g e besaß. Selbst seine Bibliothek war bescheiden. 7 0 D a s Haus, in d e m er in Berlin wohnte, war gemietet, nicht gekauft. 7 1 Ich würde vermuten, obw o h l dies nicht n a c h z u w e i s e n ist, daß er sehr wohltätig war, zumindest sein Sohn war dafür bekannt. S o treffen auch f o l g e n d e Worte von L u d e w i g s zu:

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Gesuch des Zaren Peter II. um die Dienste Stahls: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 96, Nr. 15B; Antwort Friedrich Wilhelm I.: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 96, Nr. 15B. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 96, Nr. 8E. Johann Peter von Ludewig, Gelehrte Anzeigen [...] vormals denen Wöchentlichen Hallischen Anzeigen einverleibet worden, nunmehro aber zusammen gedrucket. Halle 1743, S. 917. Siehe: Hufbauer, The Formation of the German Chemical Community, S. 167 mit einer genauen Auflistung der offiziellen Besoldung Stahls in Weimar, an der Universität Halle und am Berliner Hof. Neben der Besoldung als Professor und Leibmedicus hat Stahl vermutlich an seiner Praxis verdient und an den berühmten „Stahlianischen Pillen", die nur über ihn selbst erhältlich waren. Im Vergleich zu Friedrich Hoffmann, der allerdings aus einer reichen Familie stammte und Landgüter besaß, konnte ich keine Angaben über einen größeren Besitz Stahls ausfindig machen. Die Bibliothek Stahls wurde nach dem Tod des Sohnes Georg Ernst Stahl d.J. (t 1772) und des Enkels Johann Emst Stahl (t 1771) am 1. März 1773 in Berlin versteigert. Das Verzeichnis der Bücher und des Naturalienkabinetts bleibt relativ bescheiden. Siehe: Zaunick, Genealogie, S. 87. Ich habe den Versteigerungskatalog in der British Library, Signatur: 657.1.38, eingesehen. Georg Gottfried Küster, Des Alten und Neuen Berlin (III. Abteilung). Berlin 1756, S. 148: „Das Frankische Haus, welches der weltberühmte Medicus D. George Emst Stahl bis an seinen Todt bewohnet, und nachher der Kaufmann Gaillard von den Frankischen Erben gekauft, hat der neue Besitzer vortreflich bauen lassen."

Geld hat er genug verdient: aber solches so wenig geachtet; daß er auch dasselbe nicht mit offenen Händen angriffe, auch manchesmal die Packete, ohngezählet, viele Wochen in seinen Kleidern stecken liesse bis er sich die Mühe nahm, solchen, unbesehen, in Kasten zu legen. 72

Unverhohlenem Zorn gab Stahl einmal nachweislich Ausdruck, als er unter der Hand von den Ärzten der Berliner Akademie der Wissenschaften - er rang mit ihnen um die Finanzen für das theatrum anatomicum und andere Maßnahmen zur Verbesserung des Medizinalwesens - beschuldigt wurde, in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben.73 Diese Einstellung zum Umgang mit Geld in einer Zeit, in der die gut verdienenden vormaligen Kollegen Stahls an der Universität Halle, so z.B. Friedrich Hoffmann oder Johann Peter von Ludewig, keine Scheu hatten, Landgüter und Bibliotheken zu kaufen, kann nur mit Stahls Frömmigkeit in Verbindung gebracht werden. Von Ludewig betont in seinem Nachruf auf Stahl gerade diese Eigenschaft. Von Ludewig hatte einen sehr persönlichen Umgang mit Stahl, weil dieser ihn während einer sehr schmerzhaften Erkrankung (Gicht) behandelte,74 also dürfte seine Charakterisierung aus eigenen Erkenntnissen stammen. Über Stahls Frömmigkeit schreibt von Ludewig: Seine Lehren von der Würckung der Seele in den Cörpern [...] wie auch von Kräfften des Glaubens, Wunder zu thun, welches bey ihm zweymahl, auf ganz untrügliche Weise, erfolget: als er Gott im Glauben, darum angeruffen: sind vor Räthsel zu achten die er selbsten, am besten auflösen können. 75

„Im Umgang", schreibt Ludewig weiter, „war er stille und tiefsinnig: aber, bey bekannten Freunden, sehr aufgeweckt, artig und munter".76 Seine Erben haben am 18. Mai 1734 der Universität Halle mit folgenden Worten den Tod Stahls mitgeteilt: Es hat dem Allerhöchsten gefallen den weiland Königl. Hof=Rath und ersten Leib=Medicus. D. Georg Ernst Stahl am 14. Maii zwischen 12. und 1. Uhr zu Mittag, nach einer 11. tägigen Schwachheit durch den Tod, mittelst eines sanfft und seel. Endes, von dieser Welt zu fordern, nachdem er sein Alter auf 74. Jahre, 6. Monate und 2. Wochen gebracht hat. Nachdeme uns derselbe eine stille Beerdigung ohne Parentation [Lobrede am Grab] und ohne alles Leichengepränge abverlanget, so haben wir demselben zu folge seinen Leichnam am 17. Mai Abends um 10. Uhr in die hiesige Kirche auf dem Friedrich=Werder, ohne alles Gepränge zur Erden bestatten lassen.77

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Johann Peter von Ludewig, Gelehrte Anzeigen. Halle 1743, S. 917f. Archiv der Akademie der Wissenschaften, Berlin: AAW I, XIV, Nr. 2, Bl. 98f. (Brief von Stahl datiert vom 8. November 1717). Siehe: Johanna Geyer-Kordesch, German medical education in the eighteenth century: the Prussian context and its influence, in: William F. Bynum/Roy Porter (Hg.), William Hunter and the eighteenth-century medical world. Cambridge 1985, S. 196ff. Johann Peter von Ludewig, Opuscula oratoria. Halle 1721, S. II ff. Von Ludewig, Gelehrte Anzeigen, S. 917. Ebd. Ebd., S. 916.

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2. Prolegomenon zu einer Bibliographie Stahls Testantur enim librarii nostri, quod TUA solius Volumina emtores habeant inveniantque per Europam universam, quaqua scilicet cultus patet artium et litterarum. Imo cum extranei alias in scriptis suis raro laudent ac nominent Germanos, licet eos non pudeat eonindem vitulis arare multoties: TUI non solum honorificam facere soient mentionem; sed artis TUAE singularia honestant nomine peculiari, methodi MEDEND1STAHLIANAE. 78

So schreibt der Hallenser Professor für Jurisprudenz Johann Peter von Ludewig 1721 über Stahl, daß dessen Heilkünste ihm wieder das Leben schenkten, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, denn Ludewigs Gicht war so qualvoll, daß er sich nur mühsam bewegen konnte und im Weiterleben keinen Sinn mehr sah.79 Ludewig hatte die lindernde Wirkung der Stahlianischen Heilkunst selbst erfahren. Er schrieb nun bestätigend, der vielfache Verkauf der Schriften Stahls, die in ganz Europa begehrt seien, überzeuge selbst die Deutschen, die Stahl so selten loben wollten, obwohl ihnen seine Medizin so oft zugute komme. Das Stahlianische Schrifttum ist reichhaltig und weitläufig und äußerst kompliziert zu erforschen, denn es umfaßt nicht nur Erstveröffentlichungen auf Latein, sondern ein Labyrinth von Übersetzungen, Vorlesungen, Lehrtexten (Tabellen und Conspecti) und die freie Wiedergabe seiner Theorie und Praxis auf Deutsch durch seine Schüler. Stahl selbst hat sich um keine Prunkausgabe seiner Werke gekümmert, im Gegensatz etwa zu Friedrich Hoffmann, dessen medizinische Werke in Folio vorliegen.80 Offensichtlich haben sehr viele Schüler Stahls mitgeschrieben, während sie in seinen Praktika und Vorlesungen saßen, und die Nachschriften dann in deutscher Sprache veröffentlicht.81 Mit diesem Prolegomenon kann nur ein Überblick gegeben werden, der die Schriften Stahls periodisiert und die weitläufige Verbreitung, vor allem in der Muttersprache, also auf Deutsch, andeutet. Stahl selbst schrieb seine Bücher ausschließlich im gelehrten Latein, meines Erachtens aus einem simplen Grund: als Heranwachsender hatte er sich in die klassischen Schriften vertieft - er mußte drei Jahre auf den Beginn seines Studiums in Jena warten, sein Vater war nicht reich genug, ihn auf eine peregrinatio zu schicken - und er wollte diese Bildung nicht wieder fallen lassen. Außerdem war es sein Anliegen, die ,wahre' Medizin zu

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Von Ludewig, Opuscula oratoria, S. ΧΠ-ΧΙΙΙ. Siehe zu Stahls Schriften das Literaturverzeichnis, das eine chronologische Bibliographie der lateinischen Schriften und deutschen Übersetzungen der medizinischen Werke Stahls beinhaltet. Ebd., S. IV ff. Siehe Friedrich Hoffmann, Opera Omnia physico-medica. 6 Bde. mit 5 Ergänzungsbänden (siehe Literaturverzeichnis). Genf 1740-1753. Daß Abschriften der collegia Stahls herumgereicht wurden, bestätigt z.B. Johann Storch, siehe: Jacob Storch, Johann Storchs Lebens=Lauf. Eisenach 1752, S. 18; nach der Publikation der Theoria medica vera erscheinen mehrere, sehr frei gehaltene deutschsprachige Übersetzungen aus der Feder von Stahls Promovenden, so etwa von Christian Friedrich Richter, Christian Weisbach, Samuel Forbinger, Johann Jacob Reich und Johann Simon Bauermüller.

verbreiten, und das war nur im Medium der Gelehrtensprache seiner Zeit möglich. Später erschienen genügend Übersetzungen seiner Schriften ins Deutsche, vor allem die Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen (1709) von seinem Schüler Christian Friedrich Richter, um seine Lehre weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Johann Christoph Goetz hat in zweiter, verbesserter Auflage 1729 die Scripta D. Georg Ern. Stahlii, aliorumque ad ejus mentem disserentium (Nürnberg) in chronologischer Reihenfolge und mit Kommentar versehen veröffentlicht. Meine eigenen Forschungen zur Bibliographie Stahls haben ergeben, daß die Auflistung von Goetz bis zum Erscheinungsjahr 1729 nichts Wesentliches ausläßt. Die Rezeptionsgeschichte Stahls hat Goetz natürlich nur begrenzt erfassen können, aber die aufgezählten Titel belaufen sich immerhin auf ungefähr 700. Die Schriften Stahls sind auch denjenigen zugänglich, die das Latein des 18. Jahrhunderts nicht leicht verstehen können. Allerdings liegen sie entweder im heute nicht mehr geläufigen Deutsch des 18. Jahrhunderts oder im Französisch des 19. Jahrhunderts vor. Die deutschen Übersetzungen müssen aus verschiedenen Bibliotheken zusammengetragen werden, und die ausführliche französische Übersetzung ist nur in Paris und Marseille erhältlich.82 Der Leipziger Verlag Caspar Jacob Eysseln hat von 1716 an die für die medizinische Praxis wichtigsten Schriften und Dissertationen Stahls übersetzen lassen und veröffentlicht.83 Den Anfang macht die Neu=verbesserte Temperamentenlehre, die in erster Übersetzung (von Dr. Gottfried Heinrich Ulau) 1716 erschien. Hier schon stellen sich die großen Schwierigkeiten ein, die sich bei den Nachforschungen zu den von Eysseln verlegten Schriften auftun: die Neu=verbesserte Temperamentenlehre wird mehrmals verlegt, aber auch „vermehrt", so etwa 1723 und in einer nochmals veränderten Auflage 1734. Will man der Verbreitung der Schriften Stahls nachgehen, wird man somit vor fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestellt. Die Kurtze Untersuchung der Kranckheiten, welche bey dem kindlichen Alter des Menschen vorkommen erscheint 1718, eine dritte Auflage (eine zweite ließ sich nicht auffinden) 1730. Die Ausführliche^] Abhandlungen von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers mit der sehr wichtigen Übersetzung der Schrift De motu tonicus erscheint 1724, eine vierte Auflage 1735. Die Gründliche Untersuchung der Kranckheiten, welche bei einem jeglichen Alter des Menschen vornehmlich vorzukommen pflegen ist offenbar 1719 in erster Auflage erschienen, aber nur die zweite Auflage von 1726 und die dritte von 1730 konnten eingesehen werden. Die Gründliche Abhandlung des Aderlassens, sowohl den Gebrauch und Mißbrauch [...] betreffend ist 1719 angekündigt; ich habe die

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Siehe Katalog der Bibliothèque Nationale, Paris. Die Bodleian Library, Oxford, mußte Bd. VI der Œuvres médico-philosophiques von Stahl (Übersetzer: Théodore Blondin) aus Marseille bestellen. Der Übersetzer dürfte Gottfried Heinrich Ulau gewesen sein.

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Ausgabe von 1728 gesehen. Es dürfte 1735 eine vierte Auflage gegeben haben. Die Abhandlung von der goldenen Ader könnte 1724, 1728 (nachweisbar), 1734 und 1737 (nachweisbar) erschienen sein. Eysseln hat auch mehrere chemische Schriften Stahls auf Deutsch veröffentlicht, die hier nicht berücksichtigt werden. Die medizinische Lehre Stahls wird zusätzlich zu diesen Schriften, die auf nachweisbaren lateinischen Originalen basieren, in einer ganzen Reihe von Medizinischen Schlüsseln, meistens eine zusammengezogene Version der Physiologie und Pathologie der Theoria medica vera, verbreitet. Johann Christian Diederich (Didericus) gibt Band I (1726) und Band Π (1724) des Grundmäßigen Medizinischen Schlüssel [...] nach denen allerneuesten und sonderlich beliebten Stahlianischen Prinzipiis bei Johann Christoph Cömern in Leipzig heraus. Der Grundmäßige Medizinische Schlüssel (Leipzig 1726) von Godofredus Roth basiert auf einer früheren Fassung von 1722. Es gibt eine ganze Anzahl medizinischer Lehren dieser Gattung „nach den Stahlianischen Prinzipien", aber ihre Aufzählung, Differenzierung und Verlagsgeschichte würde eine gesonderte Untersuchung erfordern. Allein die Aufzählung der Schriften „ad mentem" Stahls im Verzeichnis von Johann Christoph Goetz zeigt das Ausmaß der noch ausstehenden Arbeit an. Es sind etwa 400 Titel erwähnt, und dies sind nur Erstauflagen bis 1729. Bei der Verbreitung der Schriften Stahls in deutscher Sprache kommt Johann Storch eine besondere Rolle zu. An erster Stelle muß Johann Storchs Praxis Stahliana, das ist, Herrn Georg Ernst Stahls [...] Collegium Practicum, welches theils von Ihm privatim in die Feder dictirt, theils von seinem damahligen Auditoribus aus dem Diseurs mit besonderem Fleiß nachgeschrieben, nunmehro aber aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt, mit vielen Anmerckungen und Raisonnements aus 29. jähriger Praxis bekräftigt und erläutert, auch nach der Vorschrifft des Herrn Autoris [Stahl] [...] zum Druck befördert (bei Wolfgang Heinrich Schöner, Leipzig) genannt werden. Die erste Auflage von 1728 war schnellstens vergriffen, wie Storch selbst bezeugt.84 1732 folgt die zweite, dann die „viel vermehrt und verbesserte" dritte Auflage von 1745. Das Buch hat etwa 1 500 Seiten und ist überaus reich an Kommentaren und Ergänzungen aus dem Schrifttum der Anhänger Stahls. Storch gibt 1733 das Collegium casuale magnum, oder Sechs und siebendzig Practische Casus, Welche Er [Stahl] von Anno 1705 biß 1707 als Professor Ordinarius auf der Universität Halle einem gewissen Numero Studiosorum mit gründlicher Resolution und treuer Eröffnung vieler besondern Practischen Cautelen Lateinisch in die Feder dictirt, Nunmehro ins Deutsche übersetzt bei Eyssel in Leipzig heraus. Danach folgen die Übersetzungen der Praktischen Abhandlung von der Diät (Leipzig 1738) und die Praktische Abhandlung von dem Verhalten [de regime] ebenfalls Leipzig 1740. Storchs bedeutende Zeitschrift, die Medizini-

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Storch, Lebens=Lauf, S. 25.

sehen Jahrgänge oder Observationes clinicae, darinnen er zeigte, wie ihm anvertrauette Patienten nach den natürlichen oder Stahlianischen methodo curieret worden, welche mit der ihnen eingegliederten Quinqué Partitum practicum (nur der Titel ist auf Latein), die von 1724 bis 1735 erschienen ist, gehört ebenfalls in die direkte Nachfolge der Lehre Stahls. Auf die weiteren Schriften Storchs gehen wir nicht ein.85 Weil es keine Lehrbücher seiner Methode gab, hat Stahl seine Beobachtungen am Krankenbett - er hatte ja eine durchaus breite Praxiserfahrung - den Studenten direkt in die Feder diktiert. In der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Halle liegen zwei Abschriften des Collegium casuale magnum.*6 Eines befand sich im Besitz von Christian Ernst Graf zu Stolberg und ist mit der Schlußformel „ex toto corde [...] commendemus" versehen. Die zweite Abschrift gehörte Georg Daniel Coschwitz, medizinischer Professor in Halle (Anno 1717) und J. C. Niemann, der diese aus der Bibliothek von C. J. Juncker (dem Sohn Johann Junckers) gekauft hatte.87 Das Collegium casuale, sic dictum minus, in quo complectuntur casus centum et duo diversi argumenti, numerum plerorumque morborum absolventes, cum epicrisibus et revolutionibus theoretico-practicis, intaminata ratione et inconcussa experientia conscriptis (die Formulierung „unbesudelt durch Vernünftelei und auf der Erfahrung aufgebaut" stammt aus der Titelgebung der Theoria medica vera) wird 1734 in Schweidnitz und Hirschberg und 1741 - mit einem Vorwort von Johann Gottlieb Buddeus versehen - in Dresden verlegt. Die Observationes clinico-practicae [...] von dem berühmten [...] Herrn Georg Ernst Stahlen, in einem Collegio Privatissimo, Discurs=weise vorgetragen [...] hat der Verlag Caspar Jacob Eysseln schon 1718 auf Deutsch (zwei frühere Ausgaben, zusammen mit anderen Schriften, waren 1714 und 1716 erschienen) als Separatdruck veröffentlicht. Eine vierte Auflage erfolgte 1735. Einen Sonderfall stellen die frühen Verbreitungen der Stahlianischen Lehre dar, die in die Jahre der durch Stahl initiierten Reform der Medizin durch engagierte pietistische Ärzte fallen. Die erste ausführliche Darstellung der Theorie Stahls übrigens ohne seinen Namen im Titel zu erwähnen - erschien in einer Auflage von 3 000 Exemplaren (eine sehr hohe Auflage für diese Zeit)88 und hieß: Die Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen, sonderlich nach dem Leibe und natürlichen Leben, Oder, ein deutlicher Unterricht, von der Gesundheit und Nahmen 85

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Siehe zu Johann Storch: Barbara Duden, Die praxisleitenden Vorstellungen eines Eisenacher Arztes vom Körperinneren und die Klagen seiner Patientinnen um 1730. Berlin 1985; Alfred Nussbaumer, Die medizinische Berufsethik bei Johann Storch (1732) und seinen Zeitgenossen. Zürich 1965. Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle, Handschriftenabteilung, Signaturen: Zf 35 und Yf 2,4°. Celeb. G. E. Stahlii Collegium casuale: Jure me possidet Georgiis Daniel Coschwitz MD PP An. 1717; J. C. Niemann, MC 1771: Ex. b. C. J. Junckeri auctione. Eckhard Altmann, Christian Friedrich Richter (1676-1711), Arzt, Apotheker und Liederdichter des Halleschen Pietismus. Witten 1972, S. 217.

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der Kranckheiten, und bewährten Mitteln gegen dieselben, Damit ein jeder, auch Ungelehrter, bei Ermanglung eines Medici [...] die gewöhnlichen, auch schweren Kranckheiten [...] curieren könne. Der Autor war Christian Friedrich Richter, der seine Medizin ausschließlich bei Stahl gelernt hatte, bei ihm promovierte, unter ihm die Kranken im Waisenhaus (in den pietistischen Anstalten August Hermann Franckes) betreute und dessen gesamte, in diesem Buch dargestellte medizinische Lehre von Stahl stammte. Die Höchst=Nöthige Erkenntnis war 1708 im Manuskript abgeschlossen, also genau in dem Jahr, in dem die Theoria medica vera auf Latein im Waisenhaus-Verlag erschien. 1710 erfolgte die Publikation bei Johann Friedrich Gleditschen seel. Sohn in Leipzig. Francke war nicht glücklich darüber, daß Richter unter seinem Namen und daher mit ausschließlichen Rechten - es ging auch um die Verbreitung des Waisenhausmedikamentes .essentia dulcís' - in einem fremden Verlag in Leipzig publizierte.89 Verwunderlich muß es für Stahl gewesen sein, daß ohne Erwähnung seines Namens seine gesamte Theorie von Richter herausgebracht wurde. Aber es gibt keinen zeitgenössischen Kommentar darüber. Andere Schüler Stahls haben das gleiche getan, wenn auch weniger ausführlich. Im Abschnitt über „Reform, Muttersprache und Laienwissen in der Medizin" gehen wir auf diese pietistische Anhängerschaft Stahls ein. Das Buch Richters war außerordentlich erfolgreich und erreichte 1791 seine 18. Auflage.90 Es gehört eigentlich zu den Schriften Stahls. Das Hauptwerk Stahls, die Theoria medica vera (Halle 1708) wurde zweimal ins Deutsche übersetzt. 1802 gibt Wendelin Ruf eine sehr verkürzte (etwa 250 Seiten; das Original hat 1 500 Seiten) Version der Theorie der Heilkunde (Halle, bei Johann Jacob Gebauer) heraus. Im Grunde ist sie für das Studium der Lehre Stahls nicht brauchbar, denn Ruf übersetzt nicht, sondern faßt zusammen. 1832 gibt Karl Wilhelm Ideler die Theorie der Heilkunde in Berlin in einer dem Original viel getreueren Übersetzung heraus. In der folgenden Arbeit wird auch daraus zitiert. In den von ihm übersetzten Abschnitten von Stahls lateinischem Text hat Ideler den Sinn gut getroffen. Das Problem ist nur, daß er einzelne Stellen, sehr oft philosophischen oder religiösen Inhalts, einfach ausläßt, so daß der Leser einen verständlichen und flüssigen Text in der Hand hat, der aber der Schärfe und Ausführlichkeit, insbesondere aber der Vorherrschaft der Seele im System Stahls - und damit der ureigentlichen Psychodynamik des körperlichen Geschehens - nicht gerecht wird. Somit liefert auch Ideler eine Entstellung der Stahlianischen Ideen. Ludwig Choulant hat nicht übersetzt, sondern 1831-1833 den vollständigen lateinischen Originaltext der Theoria

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medica vera in drei Bänden wieder herausgegeben91 und mit einem Lebenslauf Stahls und einem Schriftenverzeichnis versehen. Die beste Übersetzung der Werke Stahls hat der Franzose und Katholik Dr. med. Théodore Blondin besorgt. Im Vergleich mit dem Original kann festgestellt werden, daß Blondin genauestens Ubersetzt und nichts ausläßt. Nur ist das verdienstvolle Werk Blondins in Bibliotheken außerhalb Frankreichs nicht zu bekommen, weder in Deutschland noch in Österreich oder England. Nicht einmal Paris hat eine vollständige Ausgabe.92 Blondins Übersetzung heißt: Georg Ernst Stahl, Œuvres médico-philosophiques et pratiques, und ist in Paris von 1859 bis 1864 erschienen. Acht Bände waren geplant, fünf davon sind erschienen. Der erste Band wurde aber nie fertiggestellt, und die Ausgabe beginnt mit dem zweiten Band. Dieser enthält von den Schriften Stahls (auf die Kommentare Blondins und anderer wichtiger französischer Ärzte kann hier nicht eingegangen werden) den Traité hippocratique: de la Bienséance (die Dissertation Stahls) und Des Intestins et l'art d'en bien connaître et guérir les affections, wie auch die vier überaus bedeutenden Aufsätze, in denen Stahl seine Theorie begründet und darlegt: De la nécessité d'éloigner de la doctrine médicale tout ce qui lui est étranger (Paraenesis ad aliena a doctrina arcendum), Recherches sur la différence qui existe entre le mécanisme et l'organisme (De mechanismi et organismi corporis vera differentia), Véritable distinction à établir entre le mixte et le vivant du corps humain (De vera diversitate corporis mixti et vivi) und als „Supplément" die letzte Schrift, die zu diesem Komplex der Einleitungen zur Theoria medica vera gehört: Réclamations, défenses et indications justificatives, touchant les écrits et essais publiés jusqu'à ce jour (de 1683 à 1707), (De scriptis suis ad hune usque diem schediasmatibus, vindicae quedam et indicaé). Dieser zweite Band wurde noch zweimal aufgelegt: 1861 und 1863. Im dritten Band (1860) übersetzt Blondin die gesamte Physiologie und im vierten Band (1861) die Pathologie. Im fünften Band erschien die Pathologie très-speciale. Der sechste Band enthält das Negotium Otiosum, De differentia ratio et ratiocinationes, De vita, De motu tonico vitali, und De sanguificatione. In der folgenden Arbeit beziehe ich mich hauptsächlich auf diese Übersetzungen, (die zitierten Stellen sind aber mit dem lateinischen Text von Stahl verglichen worden). Stahl schreibt ein klares Latein, wenn man einmal seine Gepflogenheit kennt, Satzteile zu versetzen. Aber einem modernen Leser ist dieses Latein kaum zuzumuten. Der französische Text ist eine wesentliche Erleichterung, weil er eben darauf achtet, die Argumentationsfolge von Stahl genau wiederzugeben. Stahls Schriften lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten ordnen. Die in bezug auf sein medizinisches Denken wesentliche Schaffensperiode erstreckt sich 91

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Georg Ernst Stahl, Theoria medica vera. Editionem reliquis emendationem et vita auetam curavit Ludwig Choulant. Bd. 1-3. Lipsiae 1831-1833. Siehe Catalogue des Livres de la Bibliothèque Nationale. Bd. 14. Paris 1930, S. 393.

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von 1692, von De motu tonico Vitalis, bis 1708, also bis zur Veröffentlichung der Theoria medica vera. Das Negotium Otiosum, 1709 geschrieben, 1715 dem Waisenhaus· Verlag zum Druck angeboten und 1720 erst erschienen,93 gehört zum Komplex der Theoria. Auch zeitgenössische Zusammenstellungen der Dissertation erläutern systematisch die medizinische Lehre Stahls. Michael Alberti, sein Schüler und Nachfolger an der Medizinischen Fakultät Halles, hat sie in zwei Sammlungen thematisch geordnet neu drucken lassen: Disputationes Medicae, tum Epistolares, tum Academicae, in unum Volumen conqestae et commodiores Usus ac Connexiones gratia in tres Partes digestae (Halle 1707) und Disputationes Medicae, ab anno 1707 ad anno 1707 ad annum 1712 in publicum emissa, in alte rum volumen collata, et ordine justo comprehensae, et realis indice instructae (Halle 1712). Zu den medizinischen Schriften Stahls und zur Wirkungsgeschichte seiner Lehre nach dem Abschluß der Originalschriften gehören die Compendien, die Michael Alberti, Johann Juncker und Johann Samuel Carl für den Unterricht zusammengestellt haben. Sie haben Stahl deswegen konsultiert, obwohl Stahl zur Zeit der Erarbeitung dieser Lehrtexte schon in Berlin war. Sie entstehen alle nach 1715. Wir gehen weiter unten auf sie ein, sie fallen unter die Publikationsvorhaben des Waisenhaus-Verlages.94 Die medizinischen Schriften umfassen auch die Dissertationen und Propemptica. Würde man diese nach Sachgebieten ordnen, bekäme man eine Übersicht über das gesamte Feld der medizinischen Anliegen dieser Zeit, von den ethischen über therapeutische Anliegen und physiologische Probleme bis hin zu einzelnen Krankheitstypen. Diesen Bereich habe ich in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt. Die Dissertationen und Propemptica zählen weit über 300 Titel. Zur Einordnung der Werke Stahls gehört der Nachweis ihres mehrmaligen Druckes. Wichtige Abhandlungen und Dissertationen werden in Sammelbänden nochmals gedruckt. Sie werden auch ins Deutsche übersetzt, oder als Teil medizinischer Kompendien zum Gebrauch von Ärzten oder kundigen medizinischen Laien von anderen Autoren in deren Schriften erläutert. Die Verbreitung der Schrift De motu tonico vitali zeigt auf exemplarische Weise diesen Rezeptionsvorgang an. De motu tonico vitali erscheint 1692 und wird vermehrt und verbessert 1702 nochmals gedruckt.95 In verschiedenen anderen Werken, wie z.B. in Alberts thematisch aufgebauter Sammlung der Dissertationen Stahls wird sie ebenfalls abgedruckt. Verdeutscht wird sie 1728,96 und in anderen deutschen medizinischen Werken, die einen engen Bezug

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Siehe Kapitel IV, Abschnitt 4 dieser Arbeit: Negotium Otiosum·. Stahl contra Leibniz. Siehe Kapitel III, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl. De motu tonico vitali. Jena 1692; Halle 1702. Beide Schriften zum Motus tonicus Vitalis sind übersetzt worden: Von dem zur Erhaltung des Lebens unentbehrlichen Motu Tonico und einer daher rührenden und von dem Puls unterschiedenen Bewegung des Geblüts, wodurch gezeiget wird, daß das Blut und die mit ihm im

zu Stahls Lehre aufweisen, so in Storchs Praxis Stahliana und in Georg Heinrich Behrs Physiologia medica (Straßburg 1736), wird der Mo tus tonicus Vitalis herangezogen und erläutert. Somit bleibt die „Entdeckung" Stahls einer lebendigen Selbststeuerung des Organismus Bestandteil der medizinischen Diskussion weit über seinen Tod hinaus. Die Vindicias theoriae vere medicae, a superfluis, alienis, falsis opinionibus et suppositionibus ex incongrua anatomiae, chymiae et physicae, tractatione et applicatione prognatis, ut physiologia medica positiva, demonstrativa asseratur et stabiliatur, publicis ordinariis lectionibus et privatis petentium exercitationibus anatomicis chymicisque prosequetur97 von 1694 bringt eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse Stahls und nimmt die Gedanken über den motus tonicus Vitalis auf. Die Vindicias wird noch zweimal aufgelegt (1705, 1715). Sie wird aber auch als Einführungsschrift der Theoria medica vera eingegliedert.98 Die Schriften Stahls können auch nach thematischen Schwerpunkten geordnet werden. Das würde die Berücksichtigung der Dissertationen und Propemptica verlangen. Zum Beispiel gehören zu dem Komplex der frühen Schriften, in denen Stahls Ideen zum Blutkreislauf, zum synergetischen Prinzip in der Natur und zur Typologie dieser .Bewegungen' im Organismus ausgearbeitet wurden: De synergeia naturae in medendo (1695), De passionibus animi (1695), De mechanismo motus progressivi sanguinis quibus motus tonici partium porosarum necessitas, utilitas et habilitas (1695), Positiones de aestu maris microcosmici, seu fluxu et refluxu sanguinis, tum in pluribus luculentes exemplis (1696, 2. Auflage 1704), De autocratia naturae (1696), und die Temperamentenlehre, die 1697 auf Latein erscheint, wird 1707 und 1708 nochmals aufgelegt und liegt erweitert auf Deutsch 1716 und mit einem zweiten Teil versehen 1723 vor."

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Leibe umlauffende Feuchtigkeiten in jedem Teil des Leibes besonders häuffiger als in den anderen geführet und getrieben werden könne, dabey dennoch der ordentliche Lauff des Bluts in denen Puls=Adem seine Richtigkeit behält, in: Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers, S. 547-615; im selben Buch, die zweite Schrift: Umständliche Erläuterung der Lehre vom Motu Tonico Vitali, S. 615-656. Auch für die Vindicias [die Verteidigung seiner medizinischen Theorie] gibt es verschiedene Texte: Programma quo vindicias theoriae verae medicae a superfluis, alienis, falsis opinionibus et suppositionibus ex incongrua anatomiae, chymiae, et physicae tractatonis et applicatione prognatis, ut physiologia positiva demonstrativa asseratur et stabiliatur [...]. Diese Verteidigung wird ausgeweitet zu einer Schrift, die ebenfalls der Verteidigung der „wahren Theorie" dient, aber zugleich eine erweiterte Zusammenfassung der bisherigen Schriften in systematischer Form darbietet: De scriptis suis ad hunc diem schediasmatibus vindiciae quaedam, et indicia. Halae 1707. Ebd. Bernward Josef Gottlieb hat einige wichtige Schriften aus diesem Komplex übersetzt: Disputatio inauguralis de passionibus animi corpus humanum varie alterantibus (Halle 1695) = Über den mannigfaltigen Einfluß von Gemütsbewegungen auf den menschlichen Körper (Halle 1695); Propempticon inaugurale de synergeia naturae in medendo (Halle 1695) = Über die Bedeutung des synergetischen Prinzips in der Natur für die Heilkunde (Halle 1695); De visitatione aegrorum programma (Halle 1703) = Überlegungen zum ärztlichen Hausbesuch

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Bei der Erfassung der medizinischen Schriften Stahls spielt auch deren Querverbindung zu wichtigen Themenbereichen der Zeit eine große Rolle. Stahls Temperamentenlehre sollte nicht nur als Beitrag zur Medizin gelten, sondern kann nur richtig bewertet werden im Zusammenhang mit dem im frühen 18. Jahrhundert vorhandenen Interesse an einer psychologischen Lehre, die physiologische Erkenntnisse mit den als charakterlich prägend verstandenen Leidenschaften verknüpft. 100 Hier wird kein Schema der Antike übernommen, die Typologisierung durch die sanguinische, cholerische, melancholische und phlegmatische Konstitution des Körpers, sondern der Frage nachgegangen, inwiefern die seelische Dynamik der Leidenschaften an einen Körpertypus gebunden ist und ob daraus Verhaltensmuster abzuleiten sind. Diese Frage ist für das 18. Jahrhundert von soziopolitischer Bedeutung und in der Forschung mit der Analyse des Phänomens der neuen „politischen Klugheit" verbunden,101 die mit dem Aufstieg Bürgerlicher in die Verwaltungskreise des Hofes zusammenhängt. Diese Querverbindungen zu soziokulturellen Themen des 18. Jahrhunderts werden in dieser Arbeit mitverfolgt, denn sie stellen ein zusätzliches Indiz für die zentrale Stellung der Medizin und ihres Beitrages zur Herausarbeitung einer für die Aufklärungszeit typischen Psychologie dar. Die Observationes selectae, eine Zeitschrift, die in Halle von Christian Thomasius, Johann Buddeus und Stahl herausgegeben wurde (1700-1706), enthalten dreizehn Beiträge aus der Feder Stahls, die bisher völlig unbekannt waren. Unter ihnen befinden sich die chronologisch frühesten Auseinandersetzungen Stahls mit der aristotelischen Naturlehre und der mechanistischen Lehre in der Medizin.102 Diese Arbeiten gehören zu den für die Theoria medica vera wesentlichen Themenbereichen: Sie behandeln den Unterschied zwischen Mechanismus und Organismus, die Differenzierung zwischen der anorganisch zusammengesetzten Materie

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(Halle 1703); Dissertatio inauguralis medica de medicina medicinae curiosae (Halle 1714) = Über den Unterschied zwischen Organismus und Mechanismus (Halle 1714); allerdings ist der Titel Über den Unterschied zwischen Organismus und Mechanismus irreführend, weil die Schrift von 1714 nicht identisch ist mit der Disquisitio de mechanismi et organismi diversitate (Halle 1706), oder mit der am Anfang der Theoria medica vera abgedruckten De mechanismi et organismi vera differentia. Zum Beispiel: Johann Heinrich Becker, Kurzer doch gründlicher Unterricht von den Temperamenten [...]. Bremen 1739; Johann Wilhelm Appel, Historisch=moralischer Entwurff der Temperamenten [...]. Hamburg 1737; Johann Thomas Seelmann, Disputatio moralis de temperamentorum in actione morales influxu. Halle 1713; Johann Franz Buddefus], De temperamentis hominum. Halle 1704. Zum Beispiel: Christian Thomasius, Kurtzer Entwurff der politischen Klugheit sich selbst und anderen in allen menschlichen Gesellschaften wohl zurathen und zu einer bescheidenen Conduit zu gelangen. Frankfurt 1707; Julius Bernhardt von Rohr, Einleitung zu der Klugheit zu leben: Oder Anweisung, Wie ein Mensch zur Förderung seiner zeitlichen Glückseligkeit seine Actiones vernünftig anstellen soll. Leipzig 1715; Christoph August Heumann, Der Politische Philosophus, Das ist Vernunftsmässige Anweisung zur Klugheit im Leben. Leipzig 1724. Siehe Kapitel ΙΠ, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Erneuerung der Medizin durch Georg Emst Stahl.

und den Lebewesen, die Abgrenzung der methodischen Ansätze in der Physik und Chemie von jenen in der Medizin. Darauf wird im Abschnitt über die Erneuerung der Medizin durch Stahl näher eingegangen. Die Erkenntnisse für die Forschung, die sich aus der Rezeptionsgeschichte der Werke Stahls gewinnen lassen, würden den Einfluß Stahls auf Medizin und Psychologie des gesamten 18. Jahrhunderts in ihrer Bedeutung hervorheben und das bisherige Bild der Vorherrschaft Hermann Boerhaaves, Albrecht von Hallers und Gerhard van Swietens in der Medizin relativieren. Zudem ließe sich ein neues Bild der Diskussion um den Blutkreislauf nach seiner Entdeckung durch William Harvey ermitteln. Die chemischen Schriften Stahls werden hier nicht berücksichtigt. Man kann von ihnen sagen, daß sie parallel zu den medizinischen Werken entstehen. Stahl ist in der Nachwelt primär als Chemiker bekannt geworden, aber ohne seine chemischen Leistungen schmälern zu wollen, sollte berücksichtigt werden, daß er sich persönlich und auch durch die Stellungen, die er in Halle und Berlin innehatte, stets als Arzt begriff. Eine vollständige Bibliographie der Schriften Stahls kann hier nicht erstellt werden. Allein die komplizierte Darstellung der Zweit- und Drittpublikationen verschiedener Schriften würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Eines aber ergibt sich zweifellos: die Verbreitung der Stahlianischen Prinzipien und Methoden in der Heilkunde wurde nicht dadurch gemindert, daß er sich nach der Veröffentlichung der Theoria medica vera geweigert hat, noch ein Werk größeren Umfangs zu schreiben. Er hat seine Theoria als eine Erneuerung der Medizin gesehen und hat konsequenterweise darauf verwiesen, daß man, um ihn zu begreifen, diese auch zu lesen verpflichtet sei. Er hat sein Leben der Erarbeitung der „wahren" medizinischen Theorie gewidmet, besaß den Emst, dies niemals zu leugnen, und den Witz, seine Nachfolger in seinem Namen daran zu erinnern. Er selbst mahnt: „Ich erinnere in Scherz und Ernst, um Stahlianisch zu heißen, ist unumgänglich die stahlianische testemonia pro veritate gründlich und vollständig zu begreiffen, und durch vorsichtige experientz sich darinnen fest zu setzen."103

3. Zur Problematik der Rezeption Stahls: „Homo acris et metaphysicus" Georg Ernst Stahls Schriften werden auch noch nach zweihundert Jahren in allen medizinhistorischen Nachschlagewerken angeführt. Die Beurteilung seiner Bedeutung ist aber nicht einheitlich; sie hängt davon ab, wie sehr der Gedanke des naturwissenschaftlichen Fortschritts in den jeweiligen Epochen dominiert. Die übli-

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Johann Daniel Göhl, Medicinapractica

clinica etforensis. Leipzig 1735, S. 519.

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che Stahl-Rezeption setzt sich mit seinem Beitrag zur jeweiligen Moderne auseinander, sie berücksichtigt aber kaum seine Verwurzelung in der gedanklichen und sozialen Realität des späten 17. Jahrhunderts und der Frühaufklärung. Das Verständnis der medizinischen Theorie Stahls setzt eine breite Kenntnis der religiösen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Grundauffassungen seiner Zeit voraus. Seine theoretische Grundkonzeption steht aber nicht in Einklang mit der sich durchsetzenden, herrschenden Tradition der naturwissenschaftlich-somatisch eingegrenzten Medizin, die in der Nachfolge René Descartes' zuerst von Hermann Boerhaave und dann mit unterschiedlicher Akzentsetzung von Albrecht von Haller und anderen Medizinern vertreten wurde. Die Unterschiede in der Definition dessen, was Medizin beinhalte und von welchen Grundannahmen sie auszugehen habe, führten aber dazu, daß die theoretischen Grundannahmen Stahls als „dunkel" eingestuft und Wesentliches in der Darstellung seiner Gedanken unterschlagen wurde. Diese „dunklen Seiten" an Stahl werden dann als „obsolet", als „metaphysisch" und nicht zur „eigentlichen" Medizin gehörend dargestellt. Doch haben diese Stellen im Werk Stahls ihren Sinn, und die Beschäftigung mit ihnen machte vor allem die Verfälschungen klar, die in einer selektiv vorgehenden Geschichtsschreibung entstehen. Die Auswahl erfolgt nämlich nicht ohne Grund, meine ich, denn durch die Verengung des Blickwinkels können Inhalte legitimiert werden, die in so eindeutiger Weise nie vorhanden gewesen sind. Eine bewußte Verkennung des „dunklen" Stahls setzt schon früh ein, und zwar interessanterweise nicht nur seiner Theorie, sondern auch seiner Person. Dies soll hier zuerst gezeigt werden, weil solche Verzeichnungen Einblicke gewähren in die Art und Weise, wie die Geschichte der Medizin zur Fortschrittsgeschichte wird, und weiterhin, weil sie auch - das erstaunt nicht - bis in die Gegenwart hinein das Bild Stahls prägen. In der Allgemeinen Deutschen Biographie, im Dictionary of Scientific Biography und auch in der offiziellen, zweibändigen Geschichte der Friedrichs-Universität zu Halle ist zu lesen, Stahl sei ein „Metaphysiker" gewesen, ein verbitterter, hochmütiger Mann. So beschreibt etwa Schletterer in der Allgemeinen Deutschen Biographie Stahl folgendermaßen: [...] infolge einer streng religiösen Erziehung war Stahl ein orthodoxer, in sich gekehrter Mann; wie Haller sagt, ein homo acris et metaphysicus; er konnte keinen Widerspruch vertragen und blickte mit Verachtung auf Andersdenkende. So steht sein Wesen gerade im Gegensatz zu der freien anziehenden Liebenswürdigkeit seines Collegen [gemeint ist Friedrich Hoffmann], der ihm zwar erst befreundet ist, aber bald sein Gegner und Rivale wird. Stahl's Schmerz ist es, daß seine klardurchdachten, aber schwerfällig vorgetragenen und oft schwerverständlichen Theorien nicht den Beifall finden, wie die des Nebenbuhlers, die, wenn, auch leicht faßlich dargestellt, an innerem Gehalt, an philosophischer Abrundung und epochemachender Bedeutung weit zurückstehen. Unter solchen Verhältnissen folgte Stahl im Jahre 1716

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gem der Berufung zum Leibarzt des Königs nach Berlin, wo er bis zu seinem Tode eine ehrenvolle Stellung einnahm. 104

In der offiziellen Geschichte der Universität Halle steht ebenfalls als Vermutung: „Oder verdroß Stahl sein geringer Lehrerfolg, genug, er ging 1716 als Leibarzt nach Berlin".105 Und im Dictionary of Scientific Biography, dem maßgeblichen Nachschlagewerk der letzten Jahre, übernimmt Lester King akribisch die Meinungen der Sekundärliteratur.106 Obwohl er das „Misanthropische, Strenge, Engstirnige und Intolerante" als Maßstab für die Beurteilung Stahls relativiert haben möchte, wiederholt er diese Auffassung und fügt später hinzu: „Stahls Stil in seinen Schriften ist langwierig und verschraubt und schwierig zu verstehen. Vielleicht ist der Stil der Mann selbst."107 Somit hat sich im 20. Jahrhundert eine Meinung durchgesetzt, die als prägende Charakterzüge Stahls Härte, Strenge, Kompromißlosigkeit, Verworrenheit, Neid und Arroganz anführt. Die Frage nach der Hauptquelle dieser Überlieferung führt ins 18. Jahrhundert zu Albrecht von Haller. In seinen Darstellungen des medizinischen Schrifttums (Biblioteca anatomica-, Biblioteca medicinae practicae) und in den Elementa physiologia kritisiert er Stahl durch Erwähnung eben jener Eigenschaften, die bis in die Gegenwart hinein Wiederhall gefunden haben.108 Haller stellt nämlich für fast alle Autoren der Medizingeschichte die maßgebliche Autorität dar. So schreibt z.B. der einflußreiche Johann Friedrich Blumenbach im Jahre 1785: Stahl [...] ein atrabilischer verschlossener Hypochondrist, und obendrein Pietiste, hüllte sein weit abstracteres Lehrgebäude in den Schleier eines dunklen äusserst trockenen Vortrags [...]. Was sich zu Stahl hielte, das waren meist gute fromme Seelen, deren sich Uberhaupt zu der Zeit eine Menge nach Halle zog. Nun weiß man aber, das die guten frommen Seelen nicht eben immer in hellen großen Köpfen wohnen. 109

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Schletterer, Art. ,Georg Ernst Stahl', in: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 35. Leipzig 1893, S. 781. Wilhelm Schräder, Geschichte der Friedrichs-Universität zu Halle. 2 Bde. Berlin 1894. Bd. 1, S. 58. Lester King, Art. .Georg Ernst Stahl', in: Dictionary of Scientific Biography. Bd. XII. New York 1975, S. 600. Ebd., S. 600. Albrecht von Haller, Bibliotheca anatomica. 2 Bde. Zürich 1774-1777, Bd. I, S. 697; ders., Bibliotheca medicinae practicae. 4 Bde. Bern und Basel 1776-1788, Bd. II, S. 518; ders., Elementa physiologiae. 8 Bde. Lausanne 1757-1766, Bd. I, S. 2ff.; Gottlieb führt diese Stelle aus den Werken Albrecht von Hallers in seiner Schrift Bedeutung und Auswirkungen des Halleschen Professors und königlich-preußischen Leibarztes Georg Ernst Stahl auf den Vitalismus des XVIII. Jahrhunderts, insbesondere auf die Schule von Montpellier. Halle 1943, S. 429ff. ebenfalls an. Johann Friedrich Blumenbach, Medizinische Bibliothek. 3 Bde. Göttingen 1783-1788, Bd. II, S. 397. Die Charakterisierung Stahls durch Blumenbach entbehrt jeder faktischen Grundlage. Blumenbach kann Stahl nur aus den Beschreibungen seiner Gegner gekannt haben, denn es läßt sich sonst kein Hinweis auf Stahls Hypochondrie finden, geschweige denn auf „Verschlossenheit" bei einem Universitätslehrer und einem Leibmedicus, der erwiesenerweise eine

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Über die medizinische Theorie Stahls hat Blumenbach zwar noch Positives zu berichten, aber dann wird ein bedenklicher Einfluß konstatiert und lokalisiert: die Pietisten werden als Anhängerschaft Stahls genannt und gleichzeitig als geistig beschränkt, als nicht aufgeklärt, nicht „hell" charakterisiert. Die Beharrlichkeit, mit der Stahl als „dunkel" apostrophiert wird, die erwähnte Nähe zum Pietismus und die Entgegensetzung des Wortes „hell" geben zu denken. Sehr wohl läßt sich als Hintergrund für diese Beurteilungen der historische Kontext des 18. Jahrhunderts herausarbeiten. Dieser hängt mit dem Aufstieg der Naturwissenschaft zusammen und ganz besonders mit der Deutung ihres Erkenntniswertes. Die Medizin des 17. und 18. Jahrhunderts versteht sich im Sinne des Fortschritts, metaphorisch als „aufgehende Sonne", deren helles Licht die „Dunkelheit" des Unwissens vertreibt. Isaac Newton und Albrecht von Haller, um zwei der bekanntesten Namen zu nennen, werden geradezu mit dem „Es werde Licht" der neuen Naturwissenschaften und der Medizin identifiziert.11" Auch weniger bekannte Ärzte, wie etwa aus Holland, die neue Erklärungen zum Thema „Ursachen der Krankheiten" in ihren Büchern schildern, lieben es, an das „helle Licht", die „aufgehende Sonne" des Wissens zu appellieren. Alles andere hat als dunkel zu gelten und sollte überwunden werden. Selbstbewußt bezieht z.B. der fortschrittliche Cornelius Bontekoe (1647-1685), der viel schrieb, viel ins Deutsche übersetzt wurde und zuletzt Hofmedikus beim Kurfürsten in Preußen war, diese Metaphorik auf sich.111 Sein chemiatrisch ausgerichtetes, medizinisches Ixhrgebäude sah er als die Überwindung jahrhundertelanger Lethargie an, als die Einleitung zu einer „glücklichen" Zeit, in der das helle Morgenlicht die Nebel vertreibt und die leuchtende Sonne experimentell bezogener Forschung in den Herzen und Köpfen der Menschen aufgehen werde.112 Dieses optimistische Gefühl, am Aufbruch einer neuen Zeit zu stehen, war bei den bedeutenden (und weniger bedeutenden) Repräsentanten der damaligen Naturwissenschaften weit verbreitet. So schreibt der Arzt und Freund Bontekoes, Heidenreich Overkamp, folgendes: Dieses ist der Anfang der ersten Reformation. Die mit ihrem Lehrmeister [gemeint ist die Verbindung von Medizin, genauer von Anatomie und von Physiologie, mit der cartesianischen Philosophie] fröhlich sich bezeigende Studiosi, da sie sich von der heidnischen Philosophie und Barbarischen Arzney-Übungen erlöset sahen, wurffen alles abgöttische Geschmeis von Fakultäten, Temperamenten, offenbahren und verborgenen Qualitäten aus dem Tempel der

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alle sozialen Schichten umfassende Praxis hatte. Auch der Begriff .Pietist' ist zu einem Schimpfwort geworden. Siehe zu Blumenbach auch Anm. 113 im Kapitel III, Abschnitt 2 dieser Arbeit: Der Pharos der Halleschen Universität. Richard Toellner, Decora merenti. Glory, Merit and Science. Haller Spellbound by the Newtonian Star, in: Janus LXVII (1980), S. 171-185. Der Lebenslauf von Cornelius Bontekoe, verfaßt von seinem Freund Heidenreich Overkamp, findet sich in: Cornelius Bontekoe, Newes Gebäw der Chirurgie [...] nebst des Herrn Autoris Lebenslauf. Hannover 1687. Siehe dazu: Johanna Geyer-Kordesch, Fevers and other Fundamentals: Dutch and German Medical Explanations c. 1680 to 1730, in: Wilhelm F. Bynum/Vivian Nutton (Hg.), Theories of Fever from Antiquity to the Enlightenment. London 1981, S. 103ff.

Arzney und Heilkunst hinaus, und fingen an mit ihren Lehrmeister auf bessere Principia zu dencken. Man betrachtete auff das sorgfältigste die Speise und Tranck, untersuchte die Teile, aus denen sie zusammengesetzt waren, um also die Natur unserer Säffte, so daraus gebohren werden, zu erkennen lernen. Man sähe wie die Speise in den Mund gemahlet und mit Speichel vermenget würde [...].113

Sehr wichtig ist hier der gleitende Übergang von den metaphysischen Leitprinzipien des Descartes zu ihrer körperlich-verdinglichten Fortsetzung mit der genauen Beschreibung des Verdauungsvorganges (der nach diesem Zitat über Seiten hinweg erläutert wird). Wovon man wegzukommen trachtete, waren die alten Erklärungsmuster von „Facultas und Qualitas occulta", die mit der neuen Wissenschaft nicht erklärt werden konnten: die nannte man auch „abgöttisches Geschmeis", eine interessante Beschuldigung, denn gerade die Medizin des Paracelsus und des Johann Baptist von Helmont zeigt enge Verbindungen mit religiösen und neuplatonischen Ideen,114 bei denen eine „innere", geistige Natur mit einer „äußeren" verbunden wird. Deutlich wird der Kontext der neuen naturwissenschaftlichen Empirik anhand des schlichten Satzes von Bontekoe: „Das Herz ist eine Pumpe".115 Auch hier zeigt sich eine Reduktion auf „Fakten", die andere, durchaus traditionsreiche Deutungen abzuwerfen versucht. Diese ältere Tradition116 hat eine ihrer Wurzeln in der „weißen Magie", einem Umgang mit Naturerscheinungen, der mit Zeichen, Sympathien, Antipathien und anderen Deutungsverhältnissen „beschwört". Ihr Grundprinzip ist die Untrennbarkeit des „Mikrokosmos" vom „Makrokosmos", ein Deutungsschema, das Jahrhunderte Bestand hatte und den sogenannten Aberglauben wie auch Teile der Renaissancephilosophie beherrschte. Erst die strenge Methodik des Experiments, dessen Kerngedanke damit operiert, daß in kontrollierten oder „präparierten" Zuständen Fakten ermittelt werden können, deren Wahrheitsgehalt in ihrer Überprüfbarkeit, Wiederholbarkeit (Replikation) und Anwendbarkeit die Erschließung „wahrer" Naturgesetze erlaubt, zerriß das Band zwischen gestaltendem Geist und Naturerscheinung. Die „faktische" Glaubwürdigkeit dieses methodischen Zugriffes auf die Gesetze der „natürlichen" Weltordnung hatten zur Folge, „unüberprüfbares" Wissen als illusionär, als „eingebildet", wenn nicht als trügerisch zu etikettieren. Erleichternd, zumindest für die „neue" Naturwissenschaft, wirkte die Tatsache, daß ein „beherrschbarer" (unter der strengsten Kontrolle des Experiments durchgeführter) Vorgang zu „eindeutigen" Erklärungen führen konnte. Die erwähnte detail113 114

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Bontekoe, S. 939. Siehe dazu: Antoine Faivre/Rolf Christian Zimmermann (Hg.), Epochen der Naturmystik. Hermetische Tradition im wissenschaftlichen Fortschritt. Berlin 1979, insbesondere die Aufsätze von Walter Pagel zu Paracelsus und Johannes Baptist van Helmont. Cornelius Bontekoe, Abhandlung von des Menschen-Leben, Gesundheit, Kranckheit und Tode. Budissin/Leipzig 1719, S. 25. Siehe dazu: Charles Webster, From Paracelsus to Newton. Magic and the Making of Modern Science. Cambridge 1982; Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Astrologisch-magische Theorie und Praxis in der Heilkunde der frühen Neuzeit. Stuttgart 1985.

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lierte Beschreibung des Verdauungsvorganges in Overkamps Buch wie auch die Faszination der (nachprüfbaren) Entdeckungen in der Anatomie dienten dazu, „Einbildungen" von „Tatsachen" zu trennen, und kulminierten in einem naturwissenschaftlich geschlossenen System. Ausgeklammert wurden alle psychischen Beeinflussungen, das heißt diejenigen Verbindungen, die eine „beseelte" Einflußnahme voraussetzen, denn „der Seele" fehle es immer an einer Methodik der Überprüfung. Die Naturwissenschaft negierte zunehmend diese Art der Bezugnahme und hat es dazu gebracht, sie als chimärenhaft auszuklammern. Die psychische oder spirituelle Wesenheit der Dinge tritt aber notgedrungen als Problem da wieder auf, wo kognitive, perzeptuelle, emotionale oder andere Beeinflussungsstrukturen (zwischenmenschliche oder auch im Bereich der Erkrankung oder Heilung) problematisiert werden müssen. Die klassische - im 17. Jahrhundert als „neu" bezeichnete - Naturwissenschaft schien vorerst die „magia naturalis" erledigt zu haben, aber nur jeweils bis zu dem Punkt, wo das „Seelische" unvermeidlich berücksichtigt werden mußte. Die „Natur" erliegt zwar in der „neuen" Naturwissenschaft einer dualistischen Trennung zwischen Materie und Seele, historisch gesehen aber nicht, denn in der Kultur, in der Religion, in der Literatur und auch in manchen wissenschaftlichen Theorien werden Seele und Körper eng miteinander verbunden, eben weil ihre „Einheit im Natürlichen" wurzelt, im jahrhundertelangen Deutungssystem der „beseelten" Welt.117 Georg Emst Stahl versteht das „Lebendige" als geistig und körperlich, und es ist eigentlich bis heute nicht erwiesen, daß dem nicht so sei. Völlig legitim erscheint es daher, Stahl - im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen - als Theoretiker zu begreifen, der wissenschaftlich den Dualismus von Seele und Körper aufzuheben versucht, um der Medizin auf dem Wege des Monismus eine bessere Perspektive zu eröffnen. Die ontologische Größe „Natur" läßt nämlich mehr als eine Methodik zu, es muß nicht die „exakte" sein. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird also eine Polarisierung klar, die auf der einen Seite das Schema „ratio et experientia" glorifiziert, Fortschritt und Aufklärung ins helle Licht der Naturwissenschaft rückt, um auf der anderen Seite Deutungstraditionen zu entmachten, welche das Wissen um die Seele so relativieren, daß sie entnaturalisiert wird. Diese wachsende Polarisierung ist ein entscheidendes Charakteristikum der Aufklärungsepoche. Sie zeigt die Entwicklung an, die im 19. Jahrhundert erst zur Vollendung kommt: die Institutionalisierung der Naturwissenschaft als „reine Wis117

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Die Vorherrschaft psychisch orientierter Interpretationsweisen hat v.a. C. E. McMahon nachgewiesen: The role of imagination in the disease process: pre-cartesian history (the role of imagination in the disease process), in: Psychological Medicine 6 (1976), S. 179-184; Irving Kirsch erfaßt das Übernatürliche (the supernatural) als Teil der „natural science" auch während der „scientific revolution", siehe seinen Aufsatz: Demonology and science during the scientific revolution, in: Journal of the History of the Behavioural Sciences 16 (1980), S. 359-368.

senschaft". Demgegenüber gibt uns Stahl einen der wenigen Einblicke in eine in der Aufklärungszeit entwickelte Theorienbildung, in der die Natur einen anderen Stellenwert genießt, und zwar nicht bloß als Prüfstein für die Entwicklung wissenschaftlicher Gesetze. Das „Dunkle" im Charakter Stahls, das Albrecht von Haller so sehr bemüht ist herauszukehren, hat in diesen Spannungen seinen Ursprung. Das „Dunkle", das „Verleugnete", kann also zur Erkenntnisgewinnung benutzt werden. Hier kommt es darauf an, die Scheuklappen der konventionellen Medizingeschichtsschreibung zu entfernen und sich nicht lediglich auf den „eindimensionalen" Fortschrittsgedanken zu beschränken. Der große systematische Entwurf zur Medizin, den Stahl in Halle fertiggestellt hat, weist Dimensionen auf, die bis ins politische und gesellschaftliche Handeln hineinreichten. Dem entgegen steht der Konsolidierungsprozeß der Medizin als „bloße" Naturwissenschaft, die vor allem darauf hinzielt sich abzugrenzen, autonom zu handeln und ihre Erkenntnisse als „objektiv" bewertet zu wissen.118 Diese Art von „Aufklärung" durch die Naturwissenschaft bewirkt mehr als die scheinbar neutrale Anreicherung von wissenswerten, überprüfbaren Fakten. Sie entzieht ein ganzes Feld von Erfahrungen, gestützt auf die „Unfehlbarkeit" ihrer Methode (denn sie und keine andere Wissenschaft kontrolliert und revidiert ihre Ergebnisse), dem Einfluß anders strukturierter Zugangsmöglichkeiten. Hallers Bestreben, die medizinische Wissenschaft auf den besten Boden des „gesicherten" Experimentes zu stellen, war deswegen eine ideologisch überaus bedeutsame Wende. Solchen Strömungen standen vor allem Stahl, seine Nachfolger und Sympathisanten im Wege, die sich weder die experimentell nicht nachweisbare Seele nehmen lassen wollten noch dazu bereit waren, ein holistisches Konzept von Krankheit und Gesundheit aufzugeben. Haller konnte sich auf eine Mehrheit der „scientific community" stützen, auf seinen internationalen Ruf und seine mächtige Position an der Universität Göttingen,119 und es ist sehr folgerichtig, daß er von dort im Namen der „neuen" Naturwissenschaft die Grundthesen Stahls heftig angriff. Der Konflikt um die „Wahrheit" - einerseits verstanden als gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis, andererseits als Verteidigung der Idee einer „beseelten Natur" - bleibt zentral. Nur eine Seite dieser Geschichte zu fixieren, alle sogenannten „nicht-naturwissenschaftlichen" Fragen auszuschließen, liefe darauf hinaus, sowohl die Deutung der Natur wie auch die Pluralität des Wissens auf eine bestimmte Form der Wissenschaftlichkeit - und ihrer Methode - zu begrenzen. Damit läßt sich der Fortschritt aber nur in einer eindimensionalen Perspektive erfassen. Das Ergebnis ist dann mehrfach in der medizingeschichtlichen Sekundärlitera118

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Ohne auf die Entwicklung in Deutschland einzugehen, analysiert Carolyn Merchant die Implikationen der „mechanical order" für Machtverhältnisse und Naturinterpretation in ihrem Buch; The Death of Natur. Women, Ecology and the Scientific Revolution. San Francisco 1980, S. 192-215. Richard Toellner, Die Verbindung von Lehre und Forschung an der jungen Georgia Augusta zu Göttingen, in: Hippokrates 22 (1968), S. 859-863.

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tur, z.B. über Stahl, nachzulesen. Stahl wird gewaltsam uminterpretiert, und seine Werke werden daraufhin abgeklopft, was sie zum Fortschritt beitragen. Ein Beispiel kann für viele stehen: In der scharfen Trennung mechanischer Abläufe von biologischen Vorgängen, in der systematischen Erfassung der dynamischen Merkmale des Lebendigen, in der erneuten Betonung individualpsychologischer Bindungen bedeutet die Lehre Stahls - trotz stellenweiser, sichtlicher Abhängigkeit - gegenüber der Iatrophysik eine weiterführende, in ihrer Zeit wichtige theoretische Grundlage für die Entwicklung der Biologie. 1 2 0

In dieser Art von Verwertung als „Vorgänger" der heutigen Medizin, die es dann „besser" weiß, kann Stahl eigentlich beliebig ausgetauscht werden. Worauf es diesem Medizinhistoriker vor allem ankommt, ist der Beitrag Stahls zu dem sich akkumulierenden positivistischen Wissen. Entscheidende Beiträge auf dem Wege zu den von uns akzeptierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen machen dann den „großen Arzt" aus. Sie identifizieren ihn aber nur durch das abstrakte Feld „Medizin", „Wissenschaft" oder „Biologie". Dieser „fortschrittlichen" Interpretation steht nach wie vor das „Dunkle" gegenüber und die in der Aufklärungszeit nicht endenwollenden Angriffe auf Stahl und sein Werk. Hermann Boerhaave, Albrecht von Haller, Gerhard van Swieten - alles naturwissenschaftliche Anhänger von Isaac Newton und René Descartes - preisen und institutionalisieren eine medizinische Wissenschaft, deren Methode induktiv ist und die auf dem „gesicherten" Experiment und der somatischen Einzelbeobachtung beruht. Die Methode des induktiven Wissens leitet im 18. Jahrhundert ihren Siegeszug ein. Zwar war das „gesicherte Experiment" schon immer Bestandteil der Erforschung der Natur, aber im 18. Jahrhundert, in jener Zeit, in der das Staunen über die Natur, über die Mondkälber, über Zeichen und Wunder, wie in den Acta eruditorum noch nachzulesen ist,121 abnimmt und die nüchterne, exakte Beschreibung in der Anatomie und die exakte Beobachtung bei den Tierexperimenten zunimmt, gewinnt das induktive Wissen an Bedeutung. Hallers Experimente, aus denen er die Irritabilitäts- und Sensibilitätslehre ableiten konnte, sind in jedem Sinne dafür paradigmatisch: sie erfüllen bestimmte methodische Ansprüche, und ihre Ergebnisse dienen dazu, eine für ihn nun aus „gesichertem" Wissen (induktiv) ableitbare Physiologie zu beschreiben.122 Seine Elementa physiologiae corporis fiumani (Lausanne 1757-1766) umfassen acht

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Bernward Josef Gottlieb, Das Problem des Lebendigen im ärztlichen Weltbild: G. E. Stahl, Hahnemann und Virchow. Leipzig 1943, S. 13. Siehe etwa: D. Schreyeri, Descriptio monstri vitulino-humani, in: Acta Eruditorum. Lipsiae 1682, S. 26Iff. Für die Kontinuität des mechanischen Modells und dessen naturwissenschaftliche Erkenntnismethode (ohne allerdings Stahl zu berücksichtigen) siehe: Richard Toellner, Mechanismus - Vitalismus: ein Paradigma Wechsel? Testfall Haller, in: Alwin Diemer (Hg.), Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen und die Geschichte der Wissenschaften. Meisenheim am Glan 1977, S. 61-72.

Bände. Die Physiologia wird paradigmatisch für die Verwertung des durch das Experiment erschlossenen Wissens. Aufgrund dieser historischen Wende zur exakten Naturwissenschaft erlangen die Akademien und Universitäten genügend Macht, so daß sie Ausbildung und letztlich „Wahrheit" für sich beanspruchen können. Ihre Art der Wissensproduktion kann auch auf folgende Weise betrachtet werden: weil das Experiment die Basis der naturwissenschaftlichen Erkenntnis darstellt, setzt sie voraus, daß jeder Beitrag ein fragmentarischer ist. Das Experiment ist Teilwissen und Baustein für ein noch unbekanntes „ganzes" Wissen. Dieses Ganze verschiebt sich aber ins Zukünftige. Das „gesicherte" Wissen akkumuliert sich partiell durch die Forschung und bleibt fragmentarisch in Anbetracht des zukünftigen Wissens. In diesem Sinne hat „Fortschritt" eine sehr konkrete Bedeutung. Die Zukunft und nicht die Gegenwart beherrscht das Feld medizinischer Erkenntnisse. Das Fragmentarische verhindert die ganzheitliche Sicht des Menschen, denn es läßt keinen Einblick zu, der nicht von dieser Wissenschaft beherrscht wird. Eine geschichtliche Entpersonifizierung von Wissen findet statt. Das Fragment experimentell gewonnener Wahrheit muß sich notgedrungen - als Modell naturwissenschaftlicher Erkenntnis - gegen Formen der „Spekulation" absetzen. „Spekulation" ist im 18. Jahrhundert ein negativ besetztes Wort. Es kommt in polemischen Schriften vor, sowohl in denen der empirischen Naturwissenschaft, die gegen alle transzendenten Erklärungen wettern, wie auch bei Johann Conrad Dippel, Arzt und Radikal-Separatist, der wiederum all diejenigen „Grillenfänger" nennt, welche die „neue" Naturwissenschaft begründeten, wie etwa Descartes und Leibniz.123 Die Ironie will es, daß gerade im „gesicherten" Wissen experimenteller Empirie im 18. Jahrhundert die Erschließung der Gesetzmäßigkeit der Natur mit so vielen ernsthaften Lücken versehen war, daß Stahl von „invention", von Erfindung, und von Zufallswissen spricht, was zudem falsch interpretiert werde, mit anderen Worten, der „neuen" Naturwissenschaft die Bruchstückhaftigkeit ihrer Gesetzesformulierung als Irrlehre vorwerfen kann.124 Die Bereitschaft, Natur nach einem gewissen Deutungsmuster zu legitimieren, enthält den Anspruch auf Macht und Herrschaft. Sie muß sich auch gegenüber Klienten und Anhängern ideologisch rechtfertigen. Identifiziert sich ein Wissensbereich allein über eine Methode naturwissenschaftlicher Forschung, setzt eine „Professionalisierung" ein, die alle anderen Praktiker ausgrenzt. Es entsteht das bekannte Muster - erst im späten 19. Jahrhundert voll realisiert - des wissensmächtigen Arztes und des konsumierenden, wissensabhängigen Patienten.125 Dem 123

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Siehe dazu: Johann Conrad Dippel, Fatum Fatuum, das ist, die thörige Nothwendigkeit [...]. Altona 1730, S. 13; derselbe, Analysis Cramatis Harmonici Hyper-Metaphysico-logico-mathematica [...]. [Gegen Descartes, Spinoza und Leibniz], O.O., 1729, S. 5. Stahl, Theoria medica vera. Halle 1708, S. 5. Siehe dazu Claudia Huerkamp, Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert. Göttingen 1985 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 68).

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war im späten 17. Jahrhundert noch nicht so: zu wenig „gelehrte Ärzte" existierten, zu viel Pluralität in den Behandlungsmethoden war vom Patienten her wählbar.126 Die nachweisbare Pluralität der Heilungsmethoden, die sich auf Astrologie, magia naturalis und rohe Empirie stützten oder auch auf religiös beeinflußte Krankheitsauffassungen (Erduldung der Krankheit, Seelenerforschung, Heilung durch Gebet), zeigt, daß „medizinisches" Wissen eine unterschiedliche soziale Aufnahme fand. Schon deswegen ist es keinesfalls abwegig anzunehmen, daß Stahls Lehre des Körper-Seele-Zusammenhangs eine rezeptionsbereite und seiner Theorie entgegenkommende Aufnahme fand, nämlich dort, wo sowohl Ärzte wie Laien seine Prinzipien als angemessen aufgriffen. Seiner Theorie entsprach ein Bewußtsein, das sich sozial umschreiben läßt. Grundlagenforschung der „reinen Naturwissenschaft" ist nicht notwendigerweise der Schlüssel zur therapeutischen Nutzanwendung oder zur Präferenz der Patienten. Sie stellt in der frühen Neuzeit eher das Gegenteil dar: die Faszination der „reinen", der „exakten" Entdeckung, die „neue" Physiologie, Anatomie oder Chemie garantieren bei weitem nicht einen Erfolg beim Patienten. Ganz anders liegt der Fall bei der medizinischen Theorie Georg Ernst Stahls, deren therapeutischer Erfolg unter Zeitgenossen feststand.127 Ein medizinisches Deutungssystem besteht nicht nur aus Forschung, verträgt sich nicht mit rein induktiven Konstruktionen von Wissen. Stahl lehnt experimentelle Erkenntnisse nicht ab. Würde sie aber deuten wollen für ein holistisches Konzept menschlicher Natur, genau das, was die neutrale Naturwissenschaft scheinbar verleugnet, denn sie will sich keine Spekulation leisten. Aber „Spekulation" kann auch „Deutung" heißen, und gerade die Anwendung eines Deutungssytems kann Aufschlüsse erlauben, die im sozialen Bereich - für die Beteiligten an der praktischen Anwendung - sinnvoll, heilend und bedeutend sind. Die richtige Beobachtung mag kein „Faktum" der Wissenschaft sein, sie kann aber eine gültige Erkenntnis darstellen, insbesondere im Kontext der kulturellen Selbstdeutung bestimmter sozialer Gruppen.128 Die „neutrale" Naturwissenschaft will sich der 126

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Siehe dazu: Roy Porter (Hg.), Patients and Practitioners. Lay perceptions of medicine in preindustria] society. Cambridge 1985; Michael MacDonald, Mystical Bedlam: Madness Anxiety, and Healing in Seventeenth-Century England. Cambridge 1981; Wolfgang Eckart/Johanna Geyer-Kordesch (Hg.), Heilberufe und Kranke im 17. und 18. Jahrhundert. München 1982 (Miinstersche Beiträge zur Geschichte und Theorie der Medizin 18). Auch nach Stahls Tod wird die Effektivität seiner therapeutischen Leitlinien gepriesen; so steht in der Einleitung zum Medizinischen Haupt=Schlüssel, Leipzig 1739, folgender Satz: „[...] es ist eine unwidersprechliche und sonnenklare Sache, daß die Principia Stahliana, wegen ihrer verniinfftigen Richtigkeit, allerdings würdig sind, nicht allein in einer feinen Ordnung communiciret; sondern auch durch weiteres Nachsinnen, je mehr und mehr, eruiret zu werden". In Zedlers Universal-Lexicon bemerkt der Autor über Stahl, daß er „in der Chymie und Historia clinica wenige seines gleichen" hatte. Siehe: Johann Heinrich Zedier, Grosses und vollständiges Universal-Lexicon. Bd. 39. Leipzig 1744, S. 888. Die „Historia clinica" bezieht sich auf die Art, in der Stahl seine Fallbeschreibungen anfertigte, die in seinen observationes clini-

gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit entheben.129 Gerade die erweist sich aber da als höchstproblematischer Fehltritt, wo sie die Pluralität der Deutungsmöglichkeiten mißachtet und die „Mentalität" anders organisierter sozialer Wirklichkeit ausgrenzt. Im 18. Jahrhundert ergibt sich ein klassischer Fall dieser Art: die medicina mechanica verdrängt ihre Widersacher, die Anhänger der Schule Stahls, nicht nur wegen ihrer medizinischen Lehre, sondern auch wegen ihrer Verbindungen zum Pietismus und zum Separatismus.130 Die optimistische Perspektive des Fortschritts hatte, von der Aufklärung bevorzugt, also nicht für jedes medizinische Denken Gültigkeit. Die Auseinandersetzung mit der Theorie Stahls ist hier wesentlich und eine unerläßliche Voraussetzung für das Verständnis verschütteter Wahrheiten in der Medizin, nicht zuletzt auch in der Geschichtsschreibung. Hier soll Stahl kein aus unserer Gegenwart abgeleitetes Wunschdenken unterstellt werden. Aus seinen Schriften kann belegt werden, daß er selbst eine Kritik der naturwissenschaftlichen Methode der „Moderne" vornahm. Er meinte, daß ein fragmentarisches Wissen, das lediglich durch Experimente erschlossen werde, zu Fehlschlüssen führe. Ein Zitat aus der Schrift De vita (Halle 1701) gibt beispielhaft seine grundlegenden Einwände wieder, wozu ihn auch seine ausgezeichneten Kenntnisse in der Chemie qualifizierten. Dort heißt es: Nos auteurs modernes paraissent avoir commis les mêmes errements dans leur histoire naturelle des êtres; car ce à quoi ils s'appliquent le plus minutieusement, c'est à rechercher les principes primordiaux et immédiats des différents corps de la nature dans les corpuscules ou atomes d'une certaine figure ou configuration. Toutefois, dans l'intention de venir en aide à ces expérimentateurs, nous allons leur fournir le moyen de sauver l'honneur de leur assertion, en sorte qu'ils pourront dire qu'ils veulent parler de cette raison de configuration primitive comme d'une raison formelle apte à produire des faits certains, mais que, au point de vue matériel, c'est-à-dire de l'idée de la mixtion des corps, ils supposent des substances propres à pouvoir être démonstrativement tirées de ces mêmes corps, à l'aide d'expérimentations chimiques, et que, de l'agencement nouveau de ces substances diversement combinées entre elles, il résulte une nouvelle configuration qui est la cause immédiate de faits très spéciaux, etc. 131

Sehr deutlich beschreibt Stahl damit die dem Experiment immanente, unendliche Suche nach den chemischen Bausteinen lebendiger Wesen. Seine Kritik der Iatrochemie läuft darauf hinaus, daß Lebewesen einer anderen Organisationsform un-

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cae und in den Consilia medica offenkundig wird. Sie wurde beispielhaft für Ärzte. Siehe: Johanna Geyer-Kordesch, Fevers and other Fundamentals: Dutch and German Medical Explanations c. 1680 to 1730, in: William Bynum/Vivian Nutton (Hg.), Theories of Fevers from Antiquity to the Enlightenment. London 1981( Medical History, Supplement Nr. 1), S. 1 lOff. Siehe dazu: Peter Berger/Thomas Luckmann, The Social Construction of Reality. Harmondsworth 1967; Paul Watzlawick (Hg.), Die erfundene Wirklichkeit. München 1981; Sandra Harding/Merill Hintikka, Discovering Reality. London 1983. Siehe Kapitel IV, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur. De vita/Sur la vie, in: Georg Ernst Stahl, Œuvres médico-philosophiques et pratiques, traduites par Théodore Blondin. Bd. VI, S. 463-464.

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terworfen sind, die nicht aus „kleinsten Teilen" abgeleitet werden kann. Das Lebendige ist für Stahl - und damit kommen wir zu einer historisch notwendigen Abgrenzung zum Vitalismus - (modern gesagt) ein immer auch individuell bleibender Gestaltungsprozeß psychophysischer Art, der nicht organgebunden ist. In De vita gibt Stahl folgende Beschreibung: der Leib sei dem Verfall ausgesetzt, werde aber als Ganzes lebendig gehalten durch eine fortwährende Erneuerung seiner Kompositionselemente, so daß sein Verfall von innen her abgewendet werde mittels der unaufhörlichen Bewegung des Blutes, der Zwischenschaltung der Sekretionen und Exkretionen, die den Blutkreislauf entlasteten, und dieses alles kulminiere in dem sehr bemerkenswerten und edlen Phänomen, daß der Leib immer wieder einen neuen Daseinszustand erreiche. 132

Stahl fügt gleich anschließend hinzu, dieses dynamische Konzept erneuerungsfähiger, interner Bewegung sei „offensichtlich nicht körperlich".133 An diesem Punkt müßte die Diskussion um Stahls Konzept des Leib-Seele-Zusammenhangs einsetzen, aber das soll an späterer Stelle eingehender erfolgen. Hier geht es darum zu zeigen, daß Stahl eine grundsätzlich andere Lösung im naturwissenschaftlichen Denken anstrebt, als es die Methodik der experimentell verankerten Naturwissenschaft, die „neue" Tradition Isaac Newtons, vorschreibt. Stahl besteht darauf, im naturwissenschaftlichen Denken nicht „faktisch" faßbare Größen zu berücksichtigen. Allein dieser Versuch relativiert schon die „Wahrheit" der hellen Sonne der neugeborenen Naturwissenschaft der Aufklärung, was wir auch an einem weiteren Beispiel zeigen können: am Unterschied zwischen Vernunft und vernunftgemäßem Handeln. Diese Unterscheidung ist sehr wesentlich, denn sie gestattet es der Vernunft, definiert als kognitive Eigenschaft, logische Schlüsse zu ziehen, deren einziger Ursprung im Denken liegt, von einem zielgerichteten Handeln, das zwar rational ist, aber nicht allein auf die Vernunft zurückzuführen ist, begrifflich zu trennen. Die Psychologie des 18. Jahrhunderts spricht von „Fakultäten", wenn sie die kognitiven und motivierenden Kräfte des Menschen benennt. So gibt es die Fakultät der Vernunft, der die Fähigkeit, logisch zu verstehen und zu handeln, zugeschrieben wird. Im 18. Jahrhundert erhalten Verstand und Vernunft den Ehrenplatz unter den kognitiven Fähigkeiten des Menschen, sie werden vor allem auch als selbständig betrachtet, als autonom gegenüber den sinnlichen Erkenntnisorganen.134 Verstand und Vernunft sollten jeden Prozeß des Denkens ableiten und beherrschen. Um diese philosophische Formel scharten sich die „fortschrittlichen" Köpfe der Zeit. Stahl hingegen versuchte zu zeigen, daß die Vernunft zwar eine Fakultät der Seele sei, aber nicht jeder logische Vorgang auf sie zurückgeführt werden könne. Er postulierte eine Logik in der Gesamtbewegung des Organischen. In

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Ebd., S. 471. Ebd., S. 474. Siehe Kapitel V, Abschnitt 2 dieser Arbeit: Christian Wolff und die Hierarchie der Vernunft.

seiner Schrift De differentia rationis et ratiocinationis (Halle 1701), deren Titel man auch übersetzen kann als ,Von dem Unterschied zwischen Vernunft (Logos) und vernunftgemäßem Denken', hebt Stahl hervor, daß die Rationalität der Seele nicht gleichzusetzen sei mit dem cartesianischen Vernunftdenken.135 Es wäre überhaupt ein Denkfehler, Rationalität ausschließlich im menschlichen Vermögen der Vernunft ansiedeln zu wollen.136 Stahl schreibt: Für viele Menschen scheint es unmöglich, den wirklichen Unterschied zu erkennen zwischen den Handlungen, die man wahrhaftig rational nennen kann, und den Handlungen, die sie als rational betrachten, weil sie den Gesetzlichkeiten der Vernunft entsprachen. Es scheint ihnen unmöglich zu sein zu begreifen, daß die Seele in allen ihren Handlungen immerhin nennt man sie rational - etwas anderes zu vollbringen vermag, als es die Fakultät der Vernunft vorschreibt, und daß diese Handlungen nicht alleine aus der Vernunft stammen.137 Diese Aussage Stahls wird sehr klar, wenn man seinen Unterscheidungen folgt. Es gibt für ihn in den Bewegungen oder der Dynamik des Körperlichen eine Logik, eine Rationalität, die nicht der Fakultät der Vernunft untersteht. Die Aufklärungsphilosophie postuliert hingegen, daß vernünftiges Handeln nur aus der Vernunft herzuleiten sei: Außerhalb der Vernunft gebe es nur andere Quellen oder Ursachen des Erkennens und des Handelns, so etwa den Willen oder die Leidenschaften, welche die Vernunft aber „verdunkeln".138 Dieses Zuständigkeitsdenken, bei dem das Denkvermögen allein die Fähigkeit der Logik besitzt, ist der Aufklärungsphilosophie und auch der „neuen" Naturwissenschaft eigen, es ist geradezu das Fundament ihres „modernen" Konzeptes, ihrer Emanzipation aus „selbstverschuldetem Unwissen".139 Im Gegensatz zu ihr wird das wirk135

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Ich zitiere nach der französischen Übersetzung: De la différence qui existe entre la raison et le raisonnement, in: Œuvres, Bd. VI, S. 211-222. Der Name Descartes kommt in dieser Schrift nicht vor, aber das Publikationsdatum läßt erkennen, daß der cartesianische Rationalismus und dessen Gleichsetzung mit dem Bewußtsein gemeint sind. Im Archiv der Franckeschen Stiftungen befindet sich eine handschriftliche Übertragung von Descartes' Les passions de l'âme (1649) auf Latein: AFSt H. 45; Christian Tomasius geht in seinem Buch Die Ausübung der Sittenlehre. Halle 1696, bereits auf die Problematik des Gegensatzes von Vernunft und Leidenschaft ein. Siehe dazu Kapitel III, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl. De la différence qui existe entre la raison et le raisonnement, in: Œuvres, Bd. VI, S. 448. Ebd. Erst die Vorherrschaft der Vernunft schafft die Entwertung des Willens und der Leidenschaften. Der Rationalismus ist mit der Philosophie von Descartes, Leibniz und Christian Wolff verbunden. Siehe: Robert Sommer, Grundzüge einer Geschichte der deutschen Psychologie und Aesthetik von Wolff-Baumgarten bis Kant-Schiller. Amsterdam 1966 (Nachdruck der Ausgabe Würzburg 1892); zur Affektenlehre: Werner Schneiders, Naturrecht und Liebesethik. Zur Geschichte der praktischen Philosophie im Hinblick auf Christian Thomasius. Hildesheim 1971; Max Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie. Berlin 2 1902, S. 196ff. Walter Schatzberg, Scientific Themes in the Popular Literature and the Poetry of the German Enlightenment 1720-1760. Bern 1973, schreibt: „It is in this period (1720-1760) that the diffusion of the sciences in Germany gathered momentum and that the educated layman became enlightened about the new sciences" (S. 15). Diese Verbreitung der „neuen" Naturwissenschaft bringt Schatzberg in Zusammenhang mit den Schriften von Christian Wolff, S. 49ff.

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lieh „Dunkle" an Stahls Denken greifbar: er sagt nämlich, es gebe eine Vernunft außerhalb der Vernunft, und diese sei vernehmbar in der „Logik" der Handlungen des Körpers, die bei ihm als „leibseelisch" zu denken sind. Er würde z.B. sagen, Fieber sei vernünftig, denn das Zusammenspiel aller körperlichen Veränderungen, welches das Fieber hervorbringe, habe einen Sinn.140 Es ist ein leibseelischer Versuch der Genesung.141 Ob er gelingt oder nicht, ist nicht relevant für die Vernünftigkeit des Vorganges, sondern dieser ist rational, wo Seele und Körper der Logik des Krankseins folgen, sozusagen nicht beliebig, nicht unbewußt, nicht mechanisch, nicht im Sinne von „Reiz" oder „Irritabilität", sondern in einer als „Bewegung" konzipierten, konzertanten Handlung. Diese Handlung, gleichermaßen dem Körper und der Seele eigen, ist logisch, ist die Logik des Fiebers. Ein weiteres Beispiel soll verdeutlichen, wohin dieses Denken führen soll, auf welche Denkvorgänge er in der Medizin Wert legt. In der Anatomie, schreibt Stahl, habe man mit großem Fleiß den inneren Bau der Muskeln untersucht, und zu zeigen sich bemüht, daß aus der Zahl, Lage und Anordnung der haarfeinen Fasern ihre Bewegkraft hervorgehe, die durch eine so geringe Masse bedingt, und doch zum Heben großer Lasten hinreichen, Erstaunen erregen muß.

Dieses Wissen allein genüge aber keineswegs der Erkenntnispflicht des Arztes, denn: wenn „ein Muskel durch eine Wunde gespalten ist, und es darauf ankommt, eine Methode zur Heilung aufzufinden, was nützt dann die Aufzählung der Fasern, die Angabe der Anhaftungspunkte, seiner Verbindung mit benachbarten Muskeln?"143 Hier wiederum genüge das mechanische Wissen nicht, denn der Arzt müsse vielmehr einer anderen Erkenntnis nachgehen, deijenigen, die es ihm ermöglicht, die potentiellen Heilungskräfte im Körper zu aktivieren. Stahl betont die „organischen" Vorgänge, weil er der Medizin eine andere Form des Erkennens nahelegen will. Die Einzelbeobachtung soll auf das Ganze ausgerichtet sein. Das ergibt sowohl ein individualisiertes Beobachtungssystem wie auch eines, das nach allgemeinen Erkenntnissen operiert. Dies unterscheidet sich vom naturwissenschaftlichen Erkenntnissystem in mehreren Punkten. Die naturwissenschaftliche Medizin untersucht jeweils verschiedene Einzelbereiche wie die Anatomie, die Physiologie oder eine einzelne Krankheit. Sie geht so vor, daß sie im Patienten die Krankheit zu diagnostizieren versucht. Die Summe der an seinem Körper feststellbaren Symptome läßt sie eine Krankheit erkennen, und zwar durch ihre Unterscheidung zwischen gesund und krank. Der gesunde

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De la différence qui existe entre la raison et le raisonnement, in: Œuvres, Bd. VI, S. 447ff. Ebd. Zitiert nach der deutschen Übersetzung von Karl Wilhelm Ideler: Georg Ernst Stahls Theorie der Heilkunde, hg. v. Karl Wilhelm Ideler. 3 Bde. Berlin 1831-1832: „Aufforderung zur Abhaltung des Fremdartigen von der Heilkunde", Bd. I, S. 39. Ebd.

Körper wird modellhaft zerlegt, so daß er analysierbar wird auf der Ebene des anatomischen, physiologischen und auch chemischen Wissens. Die Krankheit wird dann faßbar als Abweichung, so daß die diesbezüglichen Merkmale ebenfalls aufzählbar werden. Dieses System ist im wesentlichen statisch. Es besteht darin, daß das Wissen über den Körper so auseinandergegliedert wird, daß die körperliche Semiotik eine Aussage über krank oder gesund erlaubt. Stahl versucht hingegen, krank und gesund als Prozeß zu verstehen. Die Einzelbeobachtung der individuellen Krankheit kann sich in ihrer „Einheit" mit typischen Reaktionen decken, die auch verallgemeinert gültig sind. Krankheit bzw. Gesundheit sowie seelische Reaktionen sind am gesamten Erscheinungsbild des Organismus erkennbar. Stahl gibt zu bedenken, daß keine somatische und keine symptomatologische Analyse - er bezieht sich hier punktuell auf die dyscrasia, die fehlerhafte Mischung der Körpersäfte (aber seine Beobachtung gilt allgemein) - folgende Probleme lösen könne: 1. Die periodische Rückkehr der Krankheiten, die nicht nach einer bestimmten allgemeinen Regel, sondern vielmehr nach individuellen Bedingungen erfolgt. 2. Der plötzliche Ausbruch oder die schnelle Wiederkehr der Krankheiten nach heftigen Gemütsbewegungen.144 Diese beiden „Krankheitskomplexe" vollziehen sich in einem anderen Bezugsrahmen als dem physikalisch-somatischen. Die Entgrenzung der medizinisch-naturwissenschaftlichen Analyse bedeutet, daß für Stahl das medizinische Wissen multidimensional ist; es muß bezogen werden auf solche Erfahrungen wie Periodisierung (Krankheit als ein „Zeitgeschehen"), Multiplizität (Krankheit, die im individuellen Körper nicht eindeutig, sondern als Überlagerung verschiedener Pathologien auftritt) und Affektivität (die emotionale Erregbarkeit somatischer „Handlungen"). Dieses Konzept „organischen Geschehens" setzt den Leib-SeeleZusammenhang voraus. Stahl möchte die Erkenntnis „des Ganzen" nicht körperlich materiell verstanden haben, daher definiert sich „Organismus" nicht wie der Organismusbegriff des vitalistischen oder rein biologischen Denkens. So schreibt Stahl in der Aufforderung zur Abhaltung des Fremdartigen von der Heilkunde folgendes: Überall faßt man nur das sinnlich wahrnehmbare Äußere der Materie, die Gestalt der Körper und ihr räumliches Verhältniß zu einander in's Auge, und würdigt die Ordnung der Bewegungen, ihre Kraft, ihre unbedingte Herrschaft über die Materie, ihre Zeitdauer, Gradbestimmungen, ihren Wechsel, und vomämlich ihren Zweck kaum eines flüchtigen Blickes. Um so weniger hat man daher eine Ahnung von dem Zusammenhange, der alle Körper zum Weltganzen verbindet, und vorzugsweise in den organischen Körpern, die an einen bestimmten Zweck gebunden sind, wahrgenommen wird. Es ist ein wahrer Ausspruch der alten Ärzte, daß der Arzt da anfangt, wo der Physiker zu Ende gekommen ist. 145

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Ebd., S. 41. Ebd., S. 31.

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Richtet man das Auge nur auf die sinnlich wahrnehmbare Ordnung, kann das „Organische" nicht erfaßt werden, oder, um Stahl nochmals zu zitieren: Der menschliche Körper ist also, im wahren Sinne des Wortes organisch, d.h. nach und wegen bestimmten Zwecken, eingerichtet. Er ist das Organ der Seele, bestimmt, den Zwecken von dieser zu dienen, und zwar eine Zeit lang [im zeitlich bedingten Dasein]. 146

Dieser leibseelische Organismus ist also gleichzusetzen mit einer rationalbegabten Seele, die im Körper ihren dynamischen Ausdruck findet, ihr „Organon". Stahl weist eindeutig darauf hin, daß er keine Bewegung meint, die von der Materie oder von der Beschaffenheit der körperlichen Organe selbst ableitbar wäre: Es ist aber ein irriges Vorurtheil in der Voraussetzung enthalten, daß der Charakter der Bewegung schlechthin und unmittelbar von der Beschaffenheit der Materie und dem Verhältniß der körperlichen Organe abhängig sei, und mit diesen Bedingungen gleichen Schritt halte, dergestalt, daß sie bei dem richtigen Bestände der Materie sich unverletzt erhalte, mit deren Entartung in Unordnung gerathe, und bei deren Verbesserung zu ihrer Regel zurückkehre. Diese Meinung scheitert sogleich an Erfahrungen, welche sich täglich wiederholen [...]. 147

Nun mag dies alles für die Medizin recht abenteuerlich klingen. Stahl integriert Seele, Körper und Vernunft, wohingegen die Wissenschaft des angehenden 18. Jahrhunderts die „Seele" als wissenschaftlich unbrauchbar, den Körper nach kausalmechanischen Gesetzen und die Vernunft im dualistischen Gegensatz zur Sinnlichkeit betrachten will. Der leibseelische Organismus Stahls stellt also tatsächlich den Versuch einer Gesamtbetrachtung dar, der nicht nur deswegen fruchtbar erscheint, weil er therapeutisch wirksam eingesetzt werden konnte. Der Beitrag zur Medizin erklärt sich aber auch durch die im Bezugssystem von Stahl gegebene Ambivalenz: die Seele ist der Körper und der Körper ist die Seele und beide sind dynamisch. Das heißt soviel wie: die zeitgebundene Erscheinung des Vorgangs ist wichtiger als die Erscheinung des Objekts. Nicht die Materie des Körpers - die Anatomie, die Chemie, die „Mischung" der Säfte - , sondern ihre Interdependenzen, wahrlich das Ephemere, das Phänomenale ihrer Ordnung ist wichtig. Da wird - woran die Philosophen (Leibniz) und die Medizinhistoriker sehr Anstoß genommen haben - die „Seele" tatsächlich nicht objektivierbar, z.B. im abgegrenzten Begriff, und äußerst schwer zu definieren.148 Sie ist immer die Erscheinung im besonderen Muster des Lebendigen, oder, wie Stahl, es formuliert:

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Zitiert nach der deutschen Übersetzung von Wendelin Ruf: Georg Ernst Stahls Theorie der Heilkunde. Dargestellt von Wendelin Ruf. Vorrede von Kurt Sprengel. Halle 1802, S. 47. Ebd., S. 42. Die postcartesianische Definition von Seele läuft auf eine Gleichsetzung von Vernunft und Bewußtsein hinaus. Diese von Descartes, Leibniz, Wolff und anderen Philosophen vorgenommene Eingrenzung entspricht weder der theosophischen, der neoplatonischen noch der kosmosophischen Auffassung von Seele. Die nicht philosophisch eingegrenzte und nicht mechanisch abgetrennte Seele ist vielschichtig. Sie gehört zur Deutung der Natur und ist auch nicht unbedingt theologisch (d.h. sie ist nicht identisch mit der „immateriellen Seele" der späteren theologischen Diskussion). Wenn also z.B. Karl Rothschuh Stahl wegen der Vielfalt seiner Gleich-

Ich halte es [...] nicht ausschließlich für wahr, daß die geistigen Dinge den Inhalt des Vernunftschlusses [ratiocinatio] darbieten, und daß die sinnlichen Qualitäten dessen Objekt ausmachen: im Gegenteil möchte ich nochmals darauf hinweisen, mir die Beobachtung erlauben, selbst so vorgehen, daß der Inhalt oder das Ziel der inneren Gesetzmäßigkeit [...] in keiner anderen Wirklichkeit zugegen ist als in derjenigen der individuellen Eigenschaften der Dinge, welche in ganz besonderem Maße der Bereich des Lebendigen und des Sinnlichen sind. 1 4 9 I n d e m Stahl „ l o g i s c h e " R e a k t i o n e n direkt in d i e b e s e e l t e Körperlichkeit hineinverlegt, k ä m p f t er g e g e n d i e herrschenden I d e e n e i n e s D u a l i s m u s z w i s c h e n G e i s t u n d Körper an. Stahls V e r s u c h , e i n „ g a n z h e i t l i c h e s " K o n z e p t d e s O r g a n i s m u s zu entw i c k e l n , k a n n nur als K o n f l i k t mit der „ n e u e n " P h i l o s o p h i e u n d der „ n e u e n " N a t u r w i s s e n s c h a f t verstanden w e r d e n . Zentral in dieser A u s e i n d e r s e t z u n g ist natürlich d i e B e w e r t u n g der Vernunft. I m Verlauf dieser Arbeit sollte das A u s m a ß d i e s e r D i s k u s s i o n klar w e r d e n . H i e r am A n f a n g wurde nur g e z e i g t , d a ß d i e „Verd u n k e l u n g " Stahls - u m bei d e m Verdikt z u bleiben, das d i e „fortschrittliche" G e s c h i c h t s f o r s c h u n g seit Haller über Stahl verhängte - e i n e n g e z i e l t e n p o l i t i s c h e n S i n n hatte. In einer E p o c h e , d i e sich ihrer V e r n u n f t rühmt, wird der z u m A u ß e n s e i ter g e s t e m p e l t , der nicht mitmacht. D a s war natürlich n i c h t nur Stahl. In d e n nächsten S e i t e n w o l l e n w i r e i n e R e z e p t i o n s g e s c h i c h t e n a c h z e i c h n e n , d i e k o m p l e x e und v i e l s c h i c h t i g e W i r k u n g e n enthält. W i e Christopher Hill schreibt: Historiker sind an Ideen interessiert nicht nur deswegen, weil sie Gesellschaften beeinflussen, sondern auch weil sie die Gesellschaft erhellen, aus denen sie hervorgehen. Deswegen ist der

Setzungen von Seele tadelt und ihn auf eine Ebene stellt mit Aristoteles, Galen, oder etwa Fennel, dann entgeht ihm der wesentlichste und bedeutendste Grundgedanke Stahls, nämlich, daß „die Seele" autonom und individualisiert den gesamten Wahmehmungs- und Erkenntnisbereich des Denkens und Fühlens abdeckt, der unmittelbar ins körperliche Geschehen überleitet. Insofern haben bei der „Seele" Stahls Begriffe wie „vis plastica" oder „vis Vitalis" nur insofern einen Sinn, als sie dem Gesamtorganismus eingegliedert sind. Der Begriff der Seele ist bei Stahl auch nicht dem „menschlichen Seelenleben nachgebildet", sie ist die Erkenntnisfähigkeit im Körper, das leitende und nicht dualistisch begriffene Konzept der Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung (bewußt und unbewußt) und Körperorganisation. Rothschuh hat Stahl nicht radikal genug erfaßt. Rothschuh schreibt „Lebensprinzip", wo, um Stahl gerecht zu werden, „Erkenntnisprinzip" (Seele) stehen sollte. Das verräterische Wort „unsterblich" steht bei Rothschuh vor „anima rationalis": Stahl ging es nicht um die Unsterblichkeit der Seele, da es ihm nicht um die Lösung theologischer Fragen ging, sondern um rein medizinische, nämlich, wie sich die Einheit von Seele und Körper im zeitlichen Geschehen auswirkt, und zwar in der „Natur". Das volle Zitat aus Karl Eduard Rothschuh, Konzepte der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart 1978, S. 296 lautet: „Diese und viele andere Stellen im Original lassen keinen anderen Schluß zu, als den, daß Stahl der ,Seele' und ihrem Vermögen die lenkende Rolle für alle Lebensverrichtungen zuschreibt. Aber entsprechend seiner Neigung zum Wechsel der Termini spricht er an manchen Stellen auch von Anima, Physis, Natura, Principium vitale, Vis Vitalis, Vis plastica, Agens vitale, je nach dem Zusammenhang. Aber fast die ganze Nachwelt hat hinter Stahls Lebensprinzip die unsterbliche anima rationalis als eine dem menschlichen Seelenleben nachgebildete, einheitlich seelische Steuerkraft gesehen." 149

Meine eigene Übersetzung aus: Stahl, Œuvres, Bd. VI, S. 449.

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philosophische Wahrheitsgehalt dieser Ideen irrelevant für den Zweck des Historikers, obwohl jeder von uns bestimmte Ideen bevorzugt [...]. 150

Die „Entdeckung", die sich in jeder Stellungnahme zeigt, soll auch hier Thema bleiben. Das Zeitalter der Vernunft hat nicht nur das Klischee der Polarität zwischen rational und irrational anzubieten, besonders wenn es um die Naturwissenschaft geht. Erkenntnisse sind Spielregeln, die aus dem Bewußtsein einer Vergesellschaftung hervortreten. Erscheint es für Stahl unabdingbar, die Erkenntnis einzubringen, daß die „Seele" für die Theorie und die Praxis der Medizin notwendig sei, könnte andererseits die Schule von Hermann Boerhaave oder Albrecht von Haller behaupten, daß dies nach den Regeln einer exakten Naturwissenschaft nicht zu beweisen sei. Boerhaave und Haller definieren aber auch die Regeln ihrer Kunst, und diese ist an einem bestimmten Ort verankert, dem anatomischen Theater, dem Experimentiertisch, dem Tierexperiment, dem Labor, dem Hörsaal der Universität, der wissenschaftlichen Gesellschaft. Hierin treffen sich die Männer, die darin auch das Gemeinsame erkennen und als ihre Wahrheit öffentlich bekunden. Die „Wahrheit" kann aber auch anders aussehen, wie Stahl etwas ätzend bemerkt: Die Wahrheit kann ich zum Zeugen nehmen, wie viele Beschwerde mir die großen Zurüstungen neuerer Zeit, besonders zu anatomischen Arbeiten verursacht haben (denn die hohlen Lehrsätze der Chemie hatte ich längst kennengelernt), um so mehr, da das Licht, welches sie über die Medizin verbreiten sollten, auf eine so pomphafte und prahlerische Weise angekündigt wurde. 151

Die Ablehnung ist deutlich genug. Stahl beharrte auf dem vorsichtigen Erkunden holistischer Bezüge, eine medizinische Lösung, die Zustimmung fand bei der sich nun gestaltenden Nachfolge. Dieser Rezeption der Theorie Stahls nachzugehen, den Medizinern, den Patienten und den Anhängern seiner Ideen, bedeutet auch, zu ergründen, welchen Sinn eine „ganzheitlich" konzipierte Medizin in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts haben konnte. Diese Perspektive entgrenzt die Medizin als „Naturwissenschaft", als Lieferant „gesicherten" Wissens über die Natur und den Menschen. Sie zeigt auf, daß es Verbindungslinien gibt innerhalb der gesellschaftlichen Selbstdarstellung von verschiedenen „Gemeinden". Wenn Georg Nenter, ein praktischer Arzt des 18. Jahrhunderts, schreibt, „peridiret oleum et operam", er hätte also das Öl der Studierlampen und die Arbeit seines Medizinstudiums vergeudet,152 wenn er nicht auf die Medizin Stahls gestoßen wäre, dann

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Christopher Hill, The World Turned Upside Down. Radical Ideas during the English Revolution. Harmondsworth 1982 [Reprint der Ausgabe Harmondsworth 1972], S. 17. (Meine Übersetzung aus dem Englischen). 151 Georg Ernst Stahls Theorie der Heilkunde, hg. v. Ideler, Bd. I, S. 37. 152 Diese Bewertung der Lehre Stahls ist bei Johann Storch nachzulesen: Jacob Storch, Leitung und Vorsorge des höchsten Gottes, Das ist, dessen [Johann Storchs] Lebens=Lauf, Schicksale, fatale Kranckheit und seeliger Abschied [...]. Eisenach 1752, S. 82. Siehe ebenfalls: Georg

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kann überlegt werden, warum gerade diese medizinische Theorie als bedeutsam erscheint, die j a d e m „neuen" W i s s e n von Anatomie und C h e m i e s o w e n i g abgewinnen konnte. Im selben Sinne wird über die Lehre Stahls geschrieben, sie sei eine Providentia Gottes. 1 5 3 Christian Weisbach, der eine der ersten deutschsprachigen populären Fassungen der Lehre Stahls veröffentlicht hat, schreibt in einer Einleitung zu seinem Buch, warum die Lehre Stahls den Lesern s o viel bedeuten sollte - und dabei fallt die Betonung wiederum auf „Wahrheit": Denn nachdem/der Verfasser/in dem weiten meer der medicinischen ungewißheiten eine ziemliche Zeit war herum getrieben worden/ist er endlich so glücklich gewesen/daß ihm das liecht/so der berühmte Herr Doct. Stahl auf dem Pharos der Hällischen Universität der weit angezündet/in die äugen geleuchtet/und ihn zum erwünschten port der Wahrheit geführet hat. Er hat sich dißfalls den neid/womit der grosse hauff der ärtzte diesen gelehrten und hocherfahrenen Medicum verfolget/gar nichts anfechten lassen/massen er mit seinem schaden gelemet hat/so wohl in der artzney-kunst/als in der Theologie und rechten Philosophie, das jenige vor wahr zu halten/wo wider die rotte der falschgelehrten am meisten stürmet und findet noch täglich die Aristotelische maxime, quod pluribus et sapientioribus arridet, id tenendum, im grund ungereimt und falsch/indem ja die weisen allezeit den kleinesten hauffen außmachen. Ja/er versichert/daß eben die vermeinte obscurität/so obgedachtem Herrn Doct. Stahl von seinen neidern vorgeworfen wird/ihm dazu gedienet daß er alles in reiffere erwegung genommen/und sich auß dem betrieglichen netz der vorgefaßten meinungen heraus gewickelt habe. 154 Weisbach umschreibt die Bedeutung Stahls mit den Kennzeichen der „verfolgten Wahrheit". Damit stellt er ihn in die N ä h e der Ketzer, jener Verfolgten, die in den religiösen Krisen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts g e g e n die Orthodoxie opponierten. D a s untrügliche Zeichen der Wahrheit ist hier Verfolgung. 1 5 5 D e r

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Nenter, Theoria Hominis sani, sive Physiologia Medica [...], Introducilo de Requistis boni Medici. Straßburg 1714, S. 8. Ebd., S. 18. Christian Weisbach, Wahrhaffte und gründliche Cur, aller dem menschlichen Leibe zustossenden Kranckheiten [...]. Straßburg 5 1725 [Nachdruck der Ausgabe 1712], S. 2. Die Verfolgung als Zeichen „echter Christen" ist zeitgenössisch zu belegen, vor allem bei Gottfried Arnold in seiner polemisch gemeinten Verteidigung der Ketzer als Träger des „wahren Christentums" (siehe unten, Anm. 158 und 159). Arnolds Buch ist nicht als akademischer Beitrag zur Kirchengeschichte zu werten. Somit ist es eine deutliche Verkennung der historischen Gegebenheiten, Arnold ins „objektiv Wissenschaftliche" umzuinterpretieren und ihn „humanistisch" anstatt radikal zu verstehen, wie es meiner Meinung nach völlig verfehlt im Aufsatz von Wolfgang Beinert geschieht: Wolfgang Beinert, Ketzer oder Wahrheitszeuge. Zum Ketzerbegriff Gottfried Arnolds, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 88 (1977), S. 230246. Die Verfolger der „Secten" waren nicht wählerisch, so fängt der Pietismus mit der Diskreditierung durch die Schmähschrift Imago Pietismi (1691) an. Der Chronist Johann Christoph von Dreyhaupt, in seiner Ausführlichen diplomatisch-historischen Beschreibung des [...] Saal=Kreyses [...]. II. Theil. Halle 1750, S. 40, schreibt meiner Meinung nach ganz richtig, daß am Anfang „in einer Classe" des „sogenannten Pietismus" ganz unterschiedliche Personen zusammengefaßt wurden, und zwar alle mit dem Verdacht, „Offenbahrung, Entzückung und allerhand Träumen" verfallen zu sein. Diese Verdächtigung hatte politischen Charakter: sie machte alle jene „sogenannten Pietisten" verfolgbar. Johannes Wallmann beschreibt die gesellschaftspolitische Situation, ohne diese voll auszudeuten, wenn er schreibt: „daß Spener ein Kirchenreformprogramm entwickelt, dessen Realisierung nicht mehr, wie die Reformpläne der lutherischen Orthodoxie, durch Maßnahmen des landesherrlichen Kirchenregiments betrieben 53

„große hauff der ärzte" ist eine Formulierung, die in das Muster der gottlosen Menge, der „Rotte" hineinpaßt. Dahinter verbirgt sich der Spruch aus Sirach 21, 10: „Die Rotte der gottlosen ist wie ein häufen Werg, das mit Feuer verzehret wird". Die Wendung Weisbachs macht es deutlich: „wider die Rotte der falschgelehrten" machen „die weisen allezeit den kleinsten Hauffen" aus. Nach dieser Interpretation gehört die Lehre Stahls zu den wenigen „wahren" Werken der Medizin. Stahl, heißt es, hat sich nicht „anfechten" lassen, hat aus den „betrieglichen netz" seine eigene Erkenntnis als Richtschnur genommen. Alle diese Merkmale sind auch Charakterisierungen für die religiösen Sektierer verschiedener Provenienz, von den radikalen Pietisten bis zum frühen Pietismus in Halle. Weisbach setzt die medizinische Theorie der radikalen Erneuerung dem Protestantismus gleich, was wegweisend ist. Dies zeigt nicht nur an, daß die Lehre Stahls vereinbar ist mit den Ideen dieser Gemeinden, sondern auch, daß er gemeinsam mit ihnen den Anspruch auf Reform verfolgt. Im „weiten meer der medicinischen ungewißheiten" kommt von der Stahlianischen Lehre das Licht. Dies ist eine andere Lichtmetaphorik als die der „neuen, hellen" Naturwissenschaft, vor allem deswegen, weil der Kreis, der dieses „Licht" anerkennt, nicht allein mit der Legitimation einer naturwissenschaftlichen Methodik befaßt ist. Dieses „Licht" der Wahrheit soll ins Leben hineinleuchten.156 Es setzt voraus, daß auch Laien daran teilhaben können und, vor allem, daß es handlungsanweisend sein kann. Schon dieser Anspruch setzt das „Licht vom Pharos der Hällischen Universität" von der „reinen" Naturwissenschaft ab. Die Inanspruchnahme Stahls für den „kleinen Hauffen" ist wegweisend, denn sie zeigt an, daß die historische Bedeutung der medizinischen Theorie Stahls verkannt wäre, ginge man ihrer sozialen Wirkung nicht nach. Es kann nicht darum gehen,

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werden soll, sondern alle in die Aktivität wiedergeborener Prediger und Laien verlangt." Siehe Johannes Wallmann, Die Anfange des Pietismus, in: Pietismus und Neuzeit 4 (1977/78), S. 29. Die Verfolgung wird anhand von Einzelschicksalen deutlich, siehe Kapitel III, Abschnitt 1 dieser Arbeit: Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus. In der Charakterisierung der „Anfänge des Pietismus" ist der gesellschaftspolitische Zug, der im ganzen Spektrum des „sogenannten Pietismus" klar zu Tage tritt, nämlich die Verfolgung, noch nicht thematisiert worden. Die Lichtmetaphorik ist schon im „Leuchtturm" (Pharos) enthalten. Diese Lichtmetaphorik behandelt dasselbe Gebiet wie die Lichtmetaphorik der Aufklärung, nämlich die Erkenntnis. Nur ist die Quelle des Lichtes anders zu fassen, nicht aus der Natur und nicht aus dem Verstand, sondern aus innerer Erleuchtung heraus entstanden. „Nur der heilige Geist, der die Schrift gegeben hat, kann sie recht auslegen. Nur der wiedergeborene Prediger kann Gottes Wort predigen; denn das tun, heißt nicht bloß den Inhalt der Schrift reproduzieren, sondern solches aus Gott reden und predigen, also daß die Worte nicht aus menschlicher Weisheit und Beredsamkeit herkommen, sondern aus Eingeben Gottes und seines Geistes herfließen. Wohl gibt es eine natürliche, von den Juden dem Christentum vererbte buchstäbliche Erkenntnis der Schrift; aber das wahre Verständnis gewinnt erst der vom Heisch befreite, der die Schrift mit Gottes Augen ließt." So interpretiert Erich Seeberg Gottfried Arnold in bezug auf die Thematik Erleuchtung/Wiedergeburt im Gegensatz zum „buchstäblichen Erkennen". Diese Quelle der Erleuchtung ist die epistemologische Rechtfertigung für die Erneuerung des Wissens von Seiten des „Pietismus"; Erich Seeberg, Gottfried Arnold, die Wissenschaft und die Mystik seiner Zeit. Meerane 1926, S. 189.

nur eine bessere Exegese des medizinischen Beitrags Stahls zu leisten, denn in der Frühaufklärung war die geistige Auseinandersetzung über die naturwissenschaftlich-philosophische Betonung des Vernunft-Schlusses und der ihr entgegenstehenden „ganzheitlichen" Sicht des Körpers und der Seele auch im sozialen Konflikt verwurzelt. Diese These weite ich in den folgenden Kapiteln aus. Aber Konflikte dieser Art sind keinesfalls leicht zu analysieren, schon deswegen nicht, weil man weder mit einer sozialen Zuordnung (religiöse Erneuerungsbewegungen sind notorisch für ihren klassenüberspringenden Charakter)157 noch mit einer elegant eingrenzenden Disziplinengeschichte (Philosophie, Jurisprudenz, Kirchengeschichte, Medizin) weiterkommt. Außerdem ist den Jahren etwa zwischen 1690 und 1730 nicht gut mit reiner Nomenklatur, „Aufklärung" oder „Pietismus", beizukommen.158 Vor dem Tod Friedrich Wilhelms I. (1740) war vieles offen und vieles möglich, spannende, intellektuell anregende Umbrüche bewegten das Land. Da ist es schon von zentraler Bedeutung, daß Weisbach in seiner Einleitung zur popularisierten, verdeutschten Lehre Georg Ernst Stahls diese in die Nähe der Ketzer rückt. Das Licht der Wahrheit, das aus der Verfolgung kommt, eben die Identifizierung mit den Opponenten orthodoxer Auffassungen, hat Gottfried Arnold schon 1699 groß geschrieben, in seiner Unpartheyischen Kirchen- und Ketzer-Historie.™ Arnolds Buch war eines von jenen, die Zustimmung wachrufen, weil sie unterschwellig schon vorhanden ist. Wenn dann einer der Meinungsmacher seiner Zeit, wie es Christian Thomasius war, dieses Buch lobt, als das nützlichste und beste Buch nach der Bibel,160 dann kann angenommen werden, daß Aufbrüche schon in Gang gekommen sind. Diese wiederum besagen, daß diejenigen Gelehrten, die sich aus den Konflikten ihrer Zeit heraushielten, als ob Wissen157

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Bestes Indiz für die Auflösung standeshierarchischen Denkens ist die Frömmigkeit selbst, die zum „Studium pietatis" grundsätzlich jeden zuläßt. Das äußerte sich in den pietistischen Konventikeln, die gerade wegen ihrer Laienbeteiligung - Ungelehrte und Frauen - politisch suspekt wurden. In Die ¡IX. [sie] Historie: ,Von Herrn D. Speners Leben, Fatis und tröstlichem Ende, in Christian Gerber, Der Andere Theil der Historie derer Wiedergebohrnen in Sachsen. O.O. 1726, S. 275 heißt es, Spener gab auch „Leuten von geringem Stande" Antwort auf ihre Fragen. Ein weiteres Indiz sind die Eheschließungen in pietistischen Kreisen, die Standesgrenzen mißachteten. Dazu siehe: Ernst Kahler, ,Der Dritte*. Die drei Ehen der Gräfin Auguste Friederike von Stolberg, in: Pietismus und Neuzeit 2 (1975), S. 99-128. Die Arbeiten zu „Pietusmus" und „Aufklärung" sind äußerst vielfältig, aber im Verlauf meiner Bemühungen, diese Begriffe Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts inhaltlich zu klären, stieß ich auf nur noch größere Unklarheiten: „den Pietismus" gibt es in bezug auf Persönlichkeiten wie Spener und Francke, aber ansonsten sind die Meinungen in der Erweckungsbewegung sehr individuell (siehe Einleitung). Die Aufklärung ist vielleicht gleichzusetzen mit der Philosophie des Rationalismus, aber auch hier gibt es große Schwierigkeiten in den Anfangsjahren des Jahrhunderts. Meines Erachtens entsteht die säkularisierte Aufklärung erst nach 1740, nach dem Regierungsantritt von Friedrich II. Gottfried Arnold , Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie. Frankfurt. Bd. 1 (Teil I und Π) 1699, Bd. Π (Teil ΙΠ und IV) 1700. Siehe dazu: Gottfried Arnold, in: ADB. Bd. I. Berlin 1967, S. 587; Gertrude Zaepernick, Johann Georg Gichteis und seine Nachfolger. Briefwechsel mit den Halleschen Pietisten, besonders mit Α. H. Francke, in: Pietismus und Neuzeit 8 (1982), S. 74-118.

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schaft tatsächlich „objectiv" wäre, den Zeitgenossen wenig - und uns noch weniger - mitzuteilen haben. Von Georg Ernst Stahls Medizin kann dies nicht behauptet werden, denn sie war von Anfang an kontrovers. Wir versuchen, dies nun zu verdeutlichen anhand des zentralen Stellenwerts von ,Wahrheit', .Vernunft' und ,Seele', derjenigen Begriffe also, die dieser Epoche geradezu eigen waren.

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III. „Die Wahrheit ist einfach": die pietistische Erweckungsbewegung und die Erneuerung der Medizin

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Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus

In diesem und im folgenden Abschnitt, „Der Pharos der Halleschen Universität", wird die These aufgestellt, daß in Halle unter dem Einfluß des Pietismus eine Neubegründung des Wissens eingeleitet werden sollte, deren Ziel es war, die wahren Erkenntnisse der „neuesten" Wissenschaft so zu vermitteln, daß jeder „Einfache" sie verstehen konnte. Diese Erneuerung des Wissens wird hier unter dem Begriff ,Instaurado' zusammengefaßt, um ihren Ansatz von dem Anspruch der Aufklärung zu unterscheiden, die ähnliche Intentionen verfolgte. Reformtendenzen sind dem nonkonformistischen Radikalprotestantismus wie der Aufklärung eigen. Sie unterscheiden sich aber wesentlich sowohl in der sozialen Zugehörigkeit ihrer Träger wie auch im Bezugsfeld der Ideen, die sie hervorbringen und die sie befolgen wollen. Als synchrone Erscheinungen beziehen sich beide auf die „neue" Wissenschaft. Natur und Naturdeutung ist jeweils die vorherrschende Form der Legitimation neuen Wissens. Deswegen rückt die Medizin als Wissenschaft, die anthropologische Bestimmungen durch Naturforschung gewinnen kann, in den Mittelpunkt auch philosophischer und religiöser Kontroversen. Diachronisch betrachtet leitet sich aber die radikal-protestantische Instaurado aus einem anderen sozial- und ideengeschichtlichen Umfeld ab als die Aufklärung, was nicht besagt, daß deren prägende Ideen und Werte ohne dialektischen Bezug zu den Reformtendenzen der Aufklärung zu sehen sind. Im folgenden wird die Herkunft der in Halle zu verwirklichenden Instauratio auf ihre Vorgeschichte im europäischen radikal-protestantischen Nonkonformismus bezogen. Der Werdegang und die Ziele dieser Instauratio können einerseits nur im Gesamtgefüge der Emeuerungstendenzen dieser religiösen Bewegungen gesehen werden, andererseits ergibt sich ein ganz spezifischer Zeitzusammenhang, weil ihr Gegenpart, die Auswirkungen der „scientific revolution" und die Rezeption der cartesianischen Philosophie, die eigenen Möglichkeiten mit definiert. Der Begriff .Instauratio' wurde gewählt, weil er schon einmal in bezug auf die Leistungen des nonkonformistischen Protestantismus Bedeutung erlangt hatte und einem ideen- und sozialgeschichtlichen Komplex dieser Art den Namen gab. In Anlehnung an Francis Bacons Instauratio Magna, dem übergeordneten Titel für De augmentis scientiarum (1623) und das Novum. Organum (1620), publizierte Charles Webster 1975 sein Buch The Great Instauration, in dem er nachweist, in welchem Maße die Puritanische Revolution in England etwa durch ihre endzeitli57

che Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Reiches Christi Wissenschaft und Technik zu neuem Glanz verhalf.1 Er weist nach, daß die „scientific revolution" des 17. Jahrhunderts in England maßgeblich von den radikalen Zielen und Wünschen der Nonkonformisten abhing. Mein Ansatz unterscheidet sich von dem Websters dadurch, daß ich die Instaurado in Halle nicht als Beitrag zu einem allgemeinen Fortschritt verstehe, sondern deren oppositionellen Charakter zum aufklärerischen Fortschritt, wie ihn die Aufklärung verstand, analysiere. Ich beschreibe die unterschiedlichen Ansätze einer mit verschiedenen Wertvorstellungen geführten Diskussion, die beide Erneuerung beanspruchen. Ein zweiter englischer Historiker, Christopher Hill, der sich mit den radikalpolitischen Ideen der Puritanischen Revolution auseinandersetzte, hat ebenfalls in seinen Büchern, insbesondere in The World Turned Upside Down (1972), gezeigt, in welchem Umfang die Sektierer aller Schattierungen religiöse Ideen mit den politischen Forderungen nach grundlegenden sozialen Veränderungen verbanden.2 Diese beiden Anliegen, Erneuerung des Wissens und soziale Veränderungen, machen den Begriff .Instauratio' aus. Die Arbeiten dieser Historiker zeigen, daß Wissenschaft und Glaube nicht notwendigerweise antinomisch sind. In der deutschen Forschung gibt es meines Wissens keine Untersuchung zu den Querverbindungen zwischen Wissenschaft, radikalpolitischem Denken und den in den deutschen Territorien so stark ausgeprägten Erweckungsbewegungen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Für die Aufklärung ist einerseits die Hinwendung zum Naturrecht konstitutiv,3 zum anderen der Rationalismus,4 der auch die „neue" Naturwissenschaft rechtfertigte. Beide dieser Aufklärungsansätze, die den Menschen als „natürlich" ansehen, siedeln ihn außerhalb der gewohnten standesgesellschaftlichen Zusammenhänge an, zumindest in der ideologischen Definition. Diese über Recht und „neue" Naturwissenschaft (hier die Philosophie mit Inbegriffen) geschaffene Berufung auf „Na-

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Charles Webster, The Great Instauration. Science, Medicine and Reform 1616-1660. London 1975, „The Puritan World View and the Rise of Modem Science", S. 484ff. Die Untersuchungen zur gesellschaftspolitischen Bedeutung von nonkonformistischen Erwekkungsbewegungen sind vornehmlich in der angelsächsischen Forschung zu finden: Michael Walzer, The Revolution of the Saints. A Study in the Origins of Radical Politics. Cambridge/ Mass. 1965; siehe die Arbeiten von Christopher Hill, insbesondere: Society and Puritanism in Pre-Revolutionary England. London 1964. Notker Hammerstein, Jus und Historie. Göttingen 1972; Werner Schneiders, Recht, Moral und Liebe. Untersuchungen zur Entwicklung der Moralphilosophie und Naturrechtslehre des 17. Jahrhunderts bei Christian Thomasius. Münster 1961; Hans Medick, Naturzustand und Naturgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Göttingen 1973. Jürgen Mittelstrass, Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie. Berlin 1970; Sergio Moravia, Beobachtende Vernunft, Philosophie und Anthropologie in der Aufklärung. München 1973; Werner Schneiders, Die wahre Aufklärung. Paderborn 1972; Werner Krauss, Perspektiven und Probleme. Zur französischen und deutschen Aufklärung und andere Aufsätze. Berlin 1965; Hans M. Wolff, Die Weltanschauung der deutschen Aufklärung in geschichtlicher Entwicklung. 2. Aufl., durchgesehen und eingeleitet von Karl Guthke. Bem 1963.

tur" beansprucht eine Autorität, die alle anderen sozialpolitischen Bestimmungen transzendiert. Die Instaurado des Wissens, die hier thematisiert werden soll, ist in verschiedener Hinsicht eine Gegenbewegung zu dieser Rückführung auf „Natur". Sie durchbricht zwar ebenfalls gewohnte ständische Vorstellungen, insbesondere in ihren Bildungszielen, aber ihre Naturdeutung und ihr Gottesbild sind anders. Die Naturdeutung der Instaurado ist nicht in derselben Weise an die Sachautorität der Natur gebunden wie die „neue" Philosophie, weil sie eine andere Weltsicht mit Hilfe der gleichen wissenschaftlichen Methode zu ermitteln versucht. Sie thematisiert, in der Berufung auf Wissenschaft, eine Naturdeutung, deren konstitutives Element die Beziehung von äußerer Natur und innerem, gestaltgebendem Geist (Seele) ist. So kann die Medizin als Teilhaberin neuer wissenschaftlicher Methodik eine Erneuerung in die Wege leiten. In diesem Sinne wird aus der Dialektik von „Moderne" und „Antike" ein Drittes: die ideengeschichtliche Neuformulierung wissenschaftlicher Erkenntnis und anthropologischer Bestimmung. Diesem „Dritten" folgt z.B. Stahl, indem er die „Alten", die Antike, heranzieht, aber ihnen eigenes, kritisches und aus der empirischen Beobachtung gewonnenes Wissen gegenüberstellt.5 Gerade die „Moderne" scheint ihm ein Fehltritt zu sein, weil sie diese Dialektik des Wissensbezugs nicht durchführt, sondern nur durch grundsätzlich „neu" verstandenes Wissen legitimieren will.6 Die Instaurado in Halle beinhaltet aber auch Diskussionsmuster, die zurückreichen in die grundlegende Auseinandersetzung zwischen radikalprotestantischen Legitimationsformen der Erkenntnis und der Wahrheit und denjenigen einer neuen aufklärerischen Bewegung, deren Ziele sich einerseits mit der „scientific revolution" verschwistem, andererseits im politischen und im religiösen Bereich gegenüber dem Anspruch radikalprotestantischer Ideen restaurativ wirken. Die Orthodoxie im Protestantismus, calvinistisch, lutherisch oder auch anglikanisch, sieht der Aufklärung mit mehr Gelassenheit entgegen, als es die Erwekkungsbewegungen zu tun vermochten. Das heißt, das umfochtene Feld ideologischer Auseinandersetzung betrifft Legitimationsformen der Wahrheit. Auf der einen Seite steht die inspirative Wahrheit, die innere Erleuchtung durch den Geist,

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Stahl, Réclamations, in: Œuvres, Bd. II, S. 613ff.; Stahl, Ausfuhrliche Abhandlung [...], S. 251: „hingegen alles nach denen Grund=Regeln der Philosophie in ordentlichen Sätzen und bündigen Schlüssen vortragen, eines aus dem anderen beweisen, der Sachen Wahrscheinlichkeit oder Nothwendigkeit entweder mit zulänglichen Gründen à priori) oder aus der Erfahrung (à posteriori) darthun, und wahrhafftig zeigen, daß der Erfolg mit denen Ursachen davon man die Würckungen herleiten will, eine Verbindung habe; Voritzo aber behaupte ich annoch, daß alles was bißher von dieser Materie vorgebracht worden, schlechterdings nicht das geringste diene, von der unter Händen habenden Sache einigen Verstand zu erlangen. Daher werde ich mehr auf das sehen, was sich würcklich ereignet [...]". Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 613ff.; ders., De scriptis suis [...]. Halae 1707, S. 15ff.; ders., Recherches sur la différence qui existe entre le mécanisme et l'organisme (Halle 1706), in: Œuvres. Bd. II, S. 183ff.

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auf der anderen die sachautoritäre Wahrheit, die sich auf die Natur beruft. Durch die Sachautorität Natur wurde die inspirative Wahrheit in Frage gestellt. Diese „revolt against Enthusiasm" hat archetypische Bedeutung: sie zeigt die Gestalt des Konflikts an, der sowohl Ideengeschichte wie Sozialgeschichte ordnet, nämlich die Berufung auf subjektive und inspirative Wahrheit (der inwendige Geist, der auch in der Natur gestaltend wirken kann) oder „objektive" Wahrheit (der autonome Anspruch des Naturgesetzes und der Vernunft). Wie auch die Ideologie der Aufklärung bezieht sich die Instaurado nicht nur auf die Universität. Die Universität als Vermittlerin „Neuen" Wissens ist der Ort, an dem Erkenntnisse erarbeitet und weitergegeben werden. Aber der außeruniversitäre Bezug ist ebenfalls bedeutend: zum einen, weil darin das Gedanken- und Tätigkeitsfeld entsteht, das erst zur Institutionalisierung hinführt. Zum zweiten im pädagogischen Sinne, wobei Wissen aus der Universität an Laien weitergegeben wird, und zwar programmatisch. Damit wird im Sinne des Gipfels eines Eisberges ein ideologisch-gesellschaftliches Phänomen sichtbar, das gerade die Problematik des Zusammenhangs von „Pietismus" (hier im weitesten Sinne von nonkonformistischen Erweckungsbewegungen verstanden) und Erneuerung darstellt, nämlich das Auftauchen von Denkmustern und Konflikten an einer deutschen Universität, die ihr weder entstammen noch in ihr zu Ende geführt worden sind. Die Instaurado keimte auf und gedieh in Halle, weil es der Erweckungsbewegung um August Hermann Francke gelang, diese Reform an der Universität zu verankern, sie also institutionell und in Verbindung mit staatlicher Förderung voranzutreiben. Diese Erneuerung ist aber der Erweckungsbewegung eigen, und diese Abstammung strukturiert auch ihre Inhalte. Daher ist es unerläßlich, zuerst den größeren Zusammenhang des Pietismus mit der nonkonformistischen Erweckungsbewegung, wie sich etwa im nordeuropäischen Raum zeigt, zu berücksichtigen. Den radikalen Reformansatz im frühen Pietismus zu analysieren, erfordert vorerst den Versuch, Querverbindungen zu ziehen zwischen dem nonkonformistischen Enthusiasmus in England und der Erweckungsbewegung in den deutschen Ländern. Dieser Bezug ist von typologischer Bedeutung. Der Nachweis von den Verbindungen zwischen englischen Nonkonformisten und der deutschen Erwekkungsbewegung soll hier nicht im einzelnen erbracht werden, obwohl eine Wechselwirkung eindeutig zu verzeichnen ist.7 Das Entscheidende liegt in der Kontinuität der ideologischen Kontroverse, in deren Mittelpunkt die Frage nach den Legi-

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Auf Querbezüge zum europäischen Protestantismus verweist Charles Webster, insbesondere auf den Einfluß von Samuel Hartlib und Jan Amos Comenius; Jacob Böhme ist exemplarisch für die Beziehungen zwischen England, Holland und Deutschland; August Hermann Franckes Programmschrift für seine Anstalten wurde schon 1706 in London gedruckt: An abstract of the Marvellous Footsteps of Divine Providence, In the building of a very large Hospital, or rather, a Spacious College, for Charitable and Excellent Uses; and the maintaining of many Orphans and other Poor People therein; at Glaucha near Hall, in the Dominions of the King of Prussia.

timationsformen des Wissens steht. Im Zuge der Puritanischen Revolution in England konnte der protestantische Nonkonformismus eine ,Instauratio magna' versuchen, deren Vertreter sich außerhalb traditioneller Institutionen befanden und deren Wissen sich aus Quellen speiste, die im Zusammenhang mit dem radikalen Flügel der Reformation standen, nämlich: Spiritualisten, Paracelsisten, Böhmisten und den Erben der deutschen Mystik. Das Besondere an der Puritanischen Revolution war die Verschmelzung ihrer gedanklichen und weltinterpretatorischen Sicht der radikalen Reformation und ihrer individualistisch-inspirativen Auflockerung jedes dogmatischen Institutionalisierungsversuches auf der einen Seite mit dem „advancement of learning", wie es sich in der „scientific revolution" darbot, auf der anderen Seite. Dieser Aufschwung zu einer „Great Instauration" verwirklichte im politischen Bereich eine parlamentarische Regierung ohne das „divine right of kings", und im Bereich der klassischen Bildung brach sie die Vorherrschaft der traditionellen humanistischen Universität durch ihre Legitimation einer Vielfalt von Erkenntnisformen. Der Versuch von Samuel Hartlib und anderen, ein „Invisible College" zu gründen, deren Mitglieder zwar weit verstreut, aber auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und innovativer Naturwissenschaft vereint waren, belegt diese außeruniversitären Reformpläne.8 Die Ursprünge des nonkonformistischen „advancement of learning" leiten sich von der Bereitschaft ab, Pluralität von Wissen gelten zu lassen. Der europäische protestantische Nonkonformismus bezieht sich darüber hinaus aber - ein wesentliches Element, das in der Darstellung der praktischen und theoretischen Leistungen der „Great Instauration" bei Charles Webster nicht zur Berücksichtigung kommt auf die Inspiration. Mit Inspiration ist die biblische Sendung des Heiligen Geistes gemeint, der die „Kinder Gottes" in dieser Welt begleitet. Diese inspirative Erleuchtung wird als immanent-historische Begleitung verstanden. Nicht nur die Dialektik von Endzeiterwartung und Erneuerung des Wissens produzierte den erstaunlichen Fortschritt, den Charles Webster umfassend zu dokumentieren wußte,9 sondern die dem radikalen Protestantismus eigene Berufung auf das JohannesEvangelium (3; 8), in dem „der aus dem Geist geborene" der legitime Träger der Erkenntnis ist. Die „revolt against Enthusiasm" verdeutlicht genau diesen Zusammenhang, denn sie bezweckte vor allem, daß die Gaben des Geistes verurteilt werden sollten. Die Berufung auf inspirative Erleuchtung bedeutet, daß das Individuum sein Wissen aus subjektiven Einsichten beziehen kann, aus der eigenen Inspiration und aus der individuellen Interpretation der Bibel. Im politischen Sinne war das Wesen 8

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Webster, The Great Instauration, S. 57ff., siehe im besonderen: „The Invisible College", S. 61 ff. Websters Arbeit konzentriert sich auf den Zusammenhang von Endzeiterwartung und Erneuerung im praktischen Bereich von „science, medicine and reform", insbesondere auch auf der organisatorischen Ebene, die internationale protestantische Einflüsse aufweist. Er spart die religiösen Ansichten, also das Problem des Bezuges Gott - Mensch - Natur dabei aus.

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des Nonkonformismus antiautoritär: ihre Gemeinden lehnten die bischöfliche und klerikale Vormundschaft ab, denn das biblische Wort sei an jeden gerichtet.10 In ihren Traktaten und Schriften findet sich ihr Ideenreichtum, der aus subjektiv Erfahrenem und der Auslegung von Gelesenem eigene Lehren zieht. Nicht zufällig wurden diese Schriften in der englischen „Restoration" als „unverständlich" dargestellt und verurteilt, mit dem entlarvenden Verweis, sie seien den Werken Jacob Böhmes ähnlich." Jacob Böhme (1575-1624) war Schuhmacher in Görlitz und ein theosophischmystischer Schriftsteller.12 Die Rezeption seiner Werke zieht sich wie ein roter Faden durch die Kreise der Erweckten in England, Holland und Deutschland. Sein Werk Aurora, das er 1612 innerhalb von fünf Monaten niederschrieb, „verstand er als ,Memorial', als geistgewirkten Niederschlag der Erleuchtung, die ihm im Jahr 1600 zuteil geworden war".13 Ihm wurde Schreibverbot auferlegt, aber er verfaßte noch mehrere Werke paracelsischen, alchemistischen, weigelschen oder ähnlichen Inhaltes. Sein Werk durchzieht die Hoffnung auf die Zeit der großen Reformation, verbunden mit einer eschatologischen Naherwartung. Er wandte sich gegen die Orthodoxie, „die den naturmächtigen Gott nicht mehr kannte", und verlieh seiner Erfahrung des lebendigen Gottes Ausdruck.14 Intuition und unmittelbare Eingebung sind die Quellen seines Schrifttums. Sein Verständnis des Zusammenhangs von Gott - Natur - Mensch ist dynamisch und geistlich. „Gegen einen falschen ,buchstabischen\ zur ,Meinung' entschärften Glauben setzt Böhme den ,wesentlichen Glauben' in Kraft. Der in Christus wiedergeborene Mensch entdeckt die Heilige Schrift als lebendiges Geistwort."15 Die wesentlichen Merkmale enthusiastischer Weltanschauung kommen bei Böhme klar zutage. Daher überrascht es nicht, daß seine Werke von 1645 bis 1663 in England übersetzt wurden. Von dort aus wurde sein Einfluß über die englischen „Behmenists", John Pordage und Jane Leade, im deutschen Protestantismus z.B. bei Francke und Zinzendorf wirksam.16 In Holland wurden seine Werke ab 1640 übersetzt. Die erste deutsche Gesamtausgabe wurde von Johann Georg Gichtel, dem radikal-enthusiastischen Oberhaupt der Engelsbrüder, betreut. Aber vielleicht noch wichtiger für die internationale Verbreitung enthusiastischer Grundgedanken ist die intensive Rezeption Böhmes bei Gottfried Arnold (1666-1707), der durch

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Siehe dazu Hill, The World Turned Upside Down\ die Betonung der Gemeinde im Gegensatz zum Klerus ist bei Gottfried Arnold, Johann Conrad Dippel u.a. zu finden. George Williamson, The Restoration Revolt against Enthusiasm, in: Studies in Philology XXX (1933), S. 585ff. Eberhard Pältz, Art., Jacob Böhme', in: Theologische Realenzyklopädie VI (1980), S. 748754. Siehe dort die Bibliographie. Ebd., S. 748. Ebd., S. 749. Ebd., S. 751. Ebd., S. 752.

Vermittlung von Philipp Jakob Spener ein Hauslehramt in Quedlinburg innehatte.17 Quedlinburg, wie weiter unten noch näher erläutert wird, war einer der wichtigsten Treffpunkte für Persönlichkeiten des frühen enthusiastischen Pietismus. Dort wirkten neben Arnold auch Christian Scriver und Johann Heinrich Sprögel.18 Stahl betreute Patienten in diesem Kreis.19 Johann Conrad Dippel war Arnolds persönlicher Schüler.20 So wird durch die Rezeption Böhmes auch die Verbreitung offenbar, die die enthusiastische Wahrheit über die Ländergrenzen hinaus besaß. Ihre „inspirativen" Inhalte und ihre Deutung des Zusammenhangs Gott - Natur - Mensch grenzt die Enthusiasten deutlich gegen die Orthodoxie ab. Die Berufung auf die inspirative Erleuchtung als Quelle der Wahrheit brachte auch die Notwendigkeit mit sich, andere zu erreichen. Der radikale Protestantismus bezieht sich auf die Gemeinde - und sei sie auch unsichtbar - , nicht auf Einzelgänger. Das prophetische Wort, sei es bei den Quäkern, oder durch die Eingebung Jacob Böhmes wirksam geworden, setzt voraus, daß es erhört wird. Inspiratives Wissen nimmt Beteiligung vorweg und unterscheidet sich damit von der Methodik des Skeptizismus und der kritischen Textedition, wie sie der gelehrten Welt des Humanismus eigen war. Es entspricht der Eigenart mystischer Denkweisen, daß sie nicht restlos überprüfbar sind. Die am Beispiel Böhmes in repräsentativer Weise zum Vorschein kommenden Ideen des radikalen nonkonformistischen Protestantismus stießen auf eine gewaltige Opposition im Zuge der englischen „Restoration" (nach 1660). Die Schriften des „revolt against Enthusiasm" zeigen, welche Argumente angeführt wurden, um den Enthusiasten die Legitimation für ihre Erkenntnisse zu entziehen. Sehr wesentlich bei dieser Kritik ist der Gebrauch des Naturbegriffs. Inspirierte Kreise verstanden die Natur als „beseelt", was bedeutet, daß die „äußere" Natur dem inwendigen und innewohnenden Geist Gottes zugänglich bleibt im Menschen, wie in der erschaffenen Kreatur. Zweitens bezieht sich diese Lehre auf die Auffassung, daß die Seele das Organ geistiger Erkenntnis bleibt, deren Auswirkungen in der Natur faßbar werden. Auf der gegnerischen Seite wird die Natur dieser Zusammenhänge entkleidet, um einer empirischen Beweisführung den Vorzug zu geben, die Natur mit materieller Kausalität und Naturgesetz gleichsetzt. In diesem Gegensatz kommt die ideologische Polarität des Radikalprotestantismus und der sie bekämpfenden „Aufklärer" zum Vorschein. Die Beziehungen Gott

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Martin Schmidt, Art., Gottfried Arnold', in: Theologische Realenzyklopädie IV (1979), S. 136-140. Siehe dort die Bibliographie. Ebd., S. 137. Siehe dazu Kapitel ΠΙ, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl. So schreibt Dippel, Gott der Heiland habe ihm „einen treuen Führer zugeschickt": Johann Conrad Dippel, Nützliche Zugabe Enthaltend die Personalia, Oder den kurz=geführten Lebens=Lauff des Gestorbenen und doch lebenden Christiani Democriti, als Anhang zu: Georg Neuss, Probatio Spiritus et Doctrinae Democriti [...]. O.O. 1702, S. 116. 63

- Natur - Mensch werden in diesen zwei unterschiedlichen Gruppen ganz verschieden konstruiert. So entstanden ideologische Grundlagen, deren soziale Träger nicht gesinnt waren sich zu verständigen. Ihre jeweilige Geisteshaltung erfuhr aber eine historische Entwicklung, bei der neue Argumente und Beweisgründe notwendig wurden. Obwohl diese Antagonisten in deutschsprachigen und englischsprechenden Ländern sozial und geistig unterschiedliche Verhältnisse antrafen, blieb ihnen nach wie vor der Bezugsrahmen des unterschiedlich konzipierten Stellenwertes der Natur als Matrix erhalten. Die Schriften gegen die Enthusiasten und Nonkonformisten stammten von namhaften Gelehrten, u.a. von Henry More, Joseph Glanville, Meric Casaubon, Jeremy Taylor, Samuel Parker und Thomas Hobbes.21 Hauptangriffspunkt war die aus der subjektiven Inspiration gewonnene Wahrheitsfindung und Naturdeutung. Den Mystikern und Enthusiasten wurde vorgeworfen, daß ihre Gedanken und Visionen aus melancholischer Neigung und einer Lebensführung entstünden, deren Enthaltsamkeit, Einsamkeit und schlechte Diät ungesund seien.22 Daher seien die Äußerungen, Schriften, Gedanken und Beschreibungen der Enthusiasten krankhaft und entstammten einer ungeordneten Einbildung. Das vermeintlich Krankhafte und Ungeordnete dieser Äußerungen wurde auf somatische Ursachen zurückgeführt. Dadurch leugnete man, daß die Imaginatio eine wirksame, eigenständige Kraft der Seele sei, und machte sie, aus dieser Perspektive sicherlich auch am zweckmäßigsten, zum bloßen Phantasiegebilde.23 Die seit der Antike akzeptierte Bestimmung der Imaginatio als inspiratives, schöpferisches und in bezug auf den Körper auch positiv, im Sinne eines heilkräftigen Vermögens, verstandene Deutung wurde aufgegeben24 und als „Hirngespinst" gedeutet. Die mit der Imaginatio verbundenen schöpferischen und heilenden Kräfte wurden nach dem Naturverständnis empirischer Beweisführung umgedeutet, so daß die Einbildungskraft in kausalem Zusammenhang mit unregelmäßiger Lebensführung und somatischer Erkrankung stand. Dieser Beweis der körperlichen Ursachen „phantastischen" Denkens diente der Unterscheidung zwischen „natürlich" und „unnatürlich", wobei die „vernünftige" Erklärung mit der „natürlichen", vom Körper her begründbaren „Tatsache" identisch wurde, daß Krankheit oder Unordnung die Einbildungen bestimme. So wurde die Pathologisierung eines Seelenvermögens auch dem Anliegen dienlich, soziale Ziele abzuwerten. Die En21

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Die Arbeiten, auf denen die folgenden Angaben zum „revolt against Enthusiasm" beruhen, sind: George Rosen, Enthusiasm ,a dark lanthorn of the spirit', in: Bulletin of the History of Medicine 42 (1968), S. 393—421; John F. Sena, Melancholic Madness and the Puritans, in: Harvard Theological Review 66/3 (1973), S. 293-309; George Williamson, The Restoration Revolt against Enthusiasm, in: Studies in Philology 30 (1933), S. 571-603; Truman Guy Steffan, The Social Argument against Enthusiasm, in: Studies in English 21 (1941), S. 39-63. Steffan, The Social Argument, S. 44ff.; Sena, Melancholic Madness, S. 297ff. Rosen, Enthusiasm, S. 401ff.; Steffan, The Social Argument, S. 47ff. C. E. McMahon, The role of imagination in the disease process: pre-Cartesian history (the role of the imagination in the disease process), in: Psychological Medicine 6 (1976), S. 179-184.

thusiasten und Nonkonformisten beriefen sich auf ihre Inspiration als Quelle der Wahrheit und als Berechtigung, im Gemeindewesen Autoritätsstrukturen abzubauen, die in der Amtskirche oder im Staat hierarchisch geordnet waren. Die Gründung der Quäker im 17. Jahrhundert, mit ihrem ausgesprochen egalisierenden und auf die Einwirkung der inspirativen Erleuchtung bezogenen Gemeindewesen, macht diese Zusammenhänge deutlich. Nota bene hat man im Zuge der Verfolgung des Sektenwesens in den deutschen Territorien im generischen Sinne diese nun gebrandmarkten Separatisten als Quäker denunziert. Die „moderne" Argumentation der „revolt against Enthusiasm" stürzte sich auf die „neuen" Mittel desjenigen Teils der Medizin, der sich dem Weltbild Isaac Newtons und René Descartes' verschrieben hatte. Wie zentral die Rolle der medizinischen Unterstützung in der Beweisführung für oder gegen die Legitimation der Enthusiasten sich auswirkte, zeigt dann auch die Heranziehung Friedrich Hoffmanns als Gutachter durch die Erweckten in Quedlinburg, im Falle der „in Zungen" redenden Magd im Hause des Predigers Johann Heinrich Sprögel. Hier bestätigte Hoffmann, daß die Magd „vollkommen gesund" sei.25 Das Gutachten Hoffmanns scheint eines der wenigen Beispiele der medizinischen Legitimation enthusiastischer Anliegen gewesen zu sein. Im „revolt against Enthusiasm" diente die neue objektive naturwissenschaftliche Methode eher der Pathologisierung subjektiver und inspirativer Wahrheitssuche. Die Verdächtigung der Erkenntnisquellen der Enthusiasten förderte damit die Unterdrückung deqenigen Kreise, die orthodoxe Machtvorstellungen hinterfragen wollten. Die weitere Argumentation der Gegner des Enthusiasmus zielte gegen subjektive Entscheidungsfähigkeit (Urteilsvermögen), religiöse Visionen, Wahrsagung durch Träume und prophetische Gaben. Sie wurden als „unnatürlich" und unvernünftig heftig angegriffen und als aus nicht „objektiv" gesicherten Erkenntnisquellen schöpfend disqualifiziert.26 Hier wird eindeutig eine Aussage über die Inhalte und die Methoden der Wahrheitsfindung gemacht. Die prophetischen Gaben, der Traum, die persönliche Erfahrung und die subjektive Auslegung des Bibelwortes wurden insbesondere in nonkonformistischen Kreisen als legitimer Weg der Wahrheitsfindung begriffen. 27 Im Angriff gegen diese Wahrheit wurden die deduktive Vernunft und die an der 25 26 27

Siehe unten, S. 99ff. dieser Arbeit. Siehe insbesondere Steffan, The Social Argument. Für die Anfange des Pietismus gilt dies genauso wie für englische Enthusiasten; siehe: Martin Schulz, Johann Heinrich Sprögel und die pietistische Bewegung Quedlinburgs. Halle 1974; Träume und Wahrsagen werden verteidigt bei dem Mediziner und Schüler Stahls; Johann Christian Kundmann, Kurtze Abhandlung vom Verstände des Menschen vor und nach dem Falle. Budissin 1716, S. 70ff.; die subjektive Wahrheit des Bekehrungserlebnisses betont Francke, siehe: Friedrich de Boor, Erfahrung gegen Vernunft. Das Bekehrungserlebnis A. H. Franckes als Grundlage für den Kampf des Halleschen Pietismus gegen die Aufklärung, in: Heinrich Bomkamm u.a. (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Martin Schmidt zum 65. Geburtstag. Bielefeld 1975 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus 14), S. 120-138.

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nachprüfbaren Natur „objektiv" zu erschließende Wahrheitsfindung als einzig legitim anerkannt.28 Leitfaden in der Attacke gegen die Enthusiasten waren die Vernunft und die Natur als Inbegriff einer materiellen Ordnung, das heißt, in der Gleichsetzung von Natur mit dem Naturgesetz. Die Wahrheit, die aus der Vernunft und dem Naturgesetz abgeleitet wurde, bezog sich auch auf zwei wichtige Bereiche, die im nonkonformistischen Denken eine große Rolle spielten, nämlich: die Auslegung von „Zeichen und Wunder" und der Stellenwert der Gnade Gottes im Zeichen seiner Providentia. Diese im Sinne der Aufklärung umzudeuten, bewirkte, auch ohne bewußte Absicht, einerseits die Enthusiasten von ihrer sozialen Basis zu entfremden, und andererseits ihnen ihre Berufung auf besondere Gnade und Providentia zu entziehen. Die Vernunft und das Naturgesetz wurden von den Aufklärern dazu benutzt, gegen den Glauben im „gemeinen" oder „ungelehrten" Volk vorzugehen, weil dieser Glaube ihrem Naturbild nicht entsprach: er war als „abergläubisch" abzustempeln. In bezug auf das ungelehrte Volk heben die Schriften der Gegner der Enthusiasten erstens hervor, daß das Volk sich verleiten läßt zu glauben, die Präsenz Gottes manifestiere sich im Ungewöhnlichen.29 Zeichen und Wunder fanden - in der Interpretation der Kräfte der „Restoration" - eine naturgemäße Erklärung. Das ungelehrte Volk betrüge sich im Enthusiasmus, daher sei es nötig, die Naturerscheinungen durch Studium und fachliche Befähigung angemessen und korrekt zu erklären.30 Wahres Wissen sei mit Zurückhaltung und Vorsicht zu erschließen.31 Hinter dieser objektiv-naturwissenschaftlichen Betrachtung von Naturerscheinungen stand die pädagogische Absicht, „Zeichen und Wunder" als phantastisch abzuweisen. Diese Flurbereingung des Volksglaubens zerstörte auch althergebrachte Gebräuche im Umgang mit der Natur. Die magische Auffassung der Natur und ihre Beschwörung enthielten subjektive Elemente, die in einem System keine Bedeutung mehr hatten, wo „falsch" und „richtig" durch naturgesetzliche Erklärungen festgelegt werden sollten. Die Natur wurde zur Instanz, an der das Gesetz bewiesen werden konnte, und damit auch zur pädagogischen Instanz.32 Diese setzte voraus, daß die Sachinhalte der Natur erst erlernt werden mußten, und dabei wurde das „ungelehrte" Volk zum bloßen Rezeptor. Die enthusiastischen und volkstümlichen Glaubensinhalte der Auserwählten aber waren ohne Bildung zugänglich: Zungenreden, Geistesgaben und die Deutung ungewöhnlicher Naturerscheinungen. In den radikalen pietistischen Kreisen, wie etwa in Quedlinburg, waren es gerade die

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Steffan, The Social Argument, S. 44ff. Ebd., S. 52. Ebd., S. 51ff. Ebd., S. 62ff. Ebd., S. 60ff.

Dienstmägde, die „in Zungen" redeten.33 Genau dagegen wandten sich die Gegner des Enthusiasmus. Objektiv konnte man das Subjektive natürlich als Sinnestäuschung auffassen, es wegrationalisieren und damit den enthusiastischen Gemeinden ihre besondere Legitimation entziehen. So zwang man das „ungelehrte" Volk auf den Weg der Vernunft, nicht mehr den der Begeisterung. Zweitens griffen die Schriften der „revolt against Enthusiasm" die Berufung auf die Gnade Gottes und seiner besonderen Providentia an. In der Deutung der Gnade Gottes - als zweite wesentliche Uminterpretation der weltanschaulichen Position der Enthusiasten - wichen die orthodoxen Gelehrten der „Restoration" von der Auffassung Luthers und Calvins ab, die Gnade sei übernatürlich; sie bevorzugten die Ansicht, die Gnade müsse mit Vernunft, Natur und Ordnung übereinstimmen.34 Die Kirche, nicht der einzelne Gläubige, sei der natürliche Empfänger der Gnade, und deswegen sei heiliges Leben außerhalb der Autorität der Kirche nicht möglich.35 Der Beweis der empfangenen Gnade stimme mit ethischem Verhalten überein und sei etwas „Gewöhnliches und Natürliches".36 Casaubon schrieb, es sei „safer to err with authority than through singularity".37 Bezeichnenderweise hat einer der schärfsten Gegner der Pietisten und Separatisten in Deutschland, Superintendent Johann Friedrich Mayer, Professor in Greifswald, Casaubon übersetzt: Merici Casauboni De Enthusiasmo commetarius quem ex anglico latine reddi edique Curavit D. Jo. Frid. Mayer, Greifswald 1708. Hier wird schon ersichtlich, warum „common sense" oder die Betonung der Vernunft an Bedeutung zunimmt und welchen Stellenwert sie in der Bekämpfung des Enthusiasmus und des Nonkonformismus einnimmt und einnehmen konnte. Neben der Betonung von Vernunft führte der „revolt against Enthusiasm" auch zu der Hervorhebung des aus dem Experiment gewonnenen Wissens. Das durch das Experiment begründete Wissen ist im Unterschied zu allen Arten des Wissens das sicherste und unfragwürdigste [...]. Wenn unser Wissen auf empirischem Weg erarbeitet wird, ist es wenigstens solide und faßbar, und es ermöglicht eine unzweifelhafte Sicherheit durch das einfache und unfehlbare Zeugnis der Sinne und der Erfahrung. 38

Dieses Zitat von Samuel Parker, einem königstreuen anglikanischen Geistlichen, gibt die für die Restoration typische Meinung wieder. Sein Buch, A Free and Impartial Censure of the Platonick Philosophie, wurde 1666 in Oxford veröffentlicht. Mit der Hinwendung zum „gesicherten" Wissen über die Natur wurde jener wichtige Wandel eingeleitet, der den Autoritätswechsel der Neuzeit einführt. Die 33

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Schulz, Sprögel und die pietistische Bewegung, „Die Zeit des Enthusiasmus", S. 53ff.; Die begeisterte Magd Sprögels; Die Blutschwitzerin und Prophetin Anna Eva Jakobs; Neue Visionen in Sprögels Haus. Steffan, The Social Argument, S. 54ff. Ebd., S. 55. Ebd. Ebd., S. 56. Zitiert bei Steffan, The Social Argument, S. 61 (Übersetzung: Geyer-Kordesch).

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personale Autorität der Antike wird durch die autoritätskritische Haltung der neuen Naturwissenschaften hinterfragt, die sich allein auf die Natur und ihre durch Vernunft und Experiment gewonnene Wahrheit beruft. 39 Den AutoritätsWechsel in der Aufklärung beschreibt Richard Toellner folgendermaßen: In der Wissenschaft beginnt das große Wechselspiel von Erfahrung und Vernunft, von Rationalismus und Empirismus, deren gemeinsames verbindliches Kennzeichen die Verbindlichkeit der Sachautorität ist. Die Konstruktion oder Hinnahme einer Sachwelt, aus der der Mensch sich methodisch als Person zurückgezogen hat, indem er entweder - wie im Rationalismus als autonomes Subjekt die Welt als Objekt konstruiert oder - wie im Empirismus - die Welt als vorgegebenes Objekt seiner Erkenntnis in ihrem Sosein zu erforschen sucht, führt zu einer Naturlehre, in der nicht mehr von der Natur der Dinge, sondern von den Dingen der Natur die Rede ist. 40

Die Natur wird also zur Sachwelt, und an den Dingen der Natur werden Merkmale und Gesetze erforscht, welche von der Natur als Erscheinung zur Abstraktion im Naturgesetz führen und sie in ein Konstrukt verwandeln. Die konstruierte Natur der objektiven Naturforscher - der Mensch als Subjekt bleibt außen vor - wird von ihnen im 18. Jahrhundert vornehmlich mechanisch aufgefaßt in den Kausalzusammenhängen der res extensa. Die historische Darstellung der Naturwissenschaft der Aufklärer hebt vor allem diesen neuen Sachbezug hervor. Die res extensa wird auf ihre mechanische Kausalität hin erforscht. Der „revolt against Enthusiasm" verwirklichte zumindest teilweise das Außerkraftsetzen einer Naturdeutung anderen Zuschnittes. Aber gerade das Entstehen einer neuen Erweckungsbewegung in Deutschland und insbesondere die pietistische Besetzung der Universität Halle ermöglichten, daß eine Instaurado des anders gestalteten Verhältnisses von Gott - Natur - Mensch wieder zum Vorschein kam. Um 1670 befindet sich die Erweckungsbewegung in den norddeutschen Territorien besonders in Brandenburg-Preußen im Aufschwung. Von den Ereignissen in England trennten sie nur wenige Jahre. In den englischen Schriften gegen den Enthusiasmus wird „Germany" sogar als ein Hort dieser Gesinnung genannt.41 Es fehlen Untersuchungen zur Sozialgeschichte der als Schwärmer, Inspirierte, Erweckte, Separatisten und Spiritualisten zu kennzeichnenden Personengruppen, deren erbauliche Biographien in Werken wie der Geschichte der Wiedergebohrenen aufgeführt sind, aber deren Ideen und Aktivitäten zur Gestaltung einer eigenen gesellschaftlichen Realität unerforscht blieben. Selbst die Pietismusforschung in

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Richard Toellner, Zum Begriff der Autorität in der Medizin der Renaissance, in: Gundolf Keil/Rudolf Schmitz (Hg.), Humanismus und Medizin. Weinheim 1984, S. 159-179. Ebd., S. 170. Steffan, The Social Argument, S. 41 ; Williamson, The Restoration Revolt, S. 582.

Deutschland, aus der in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Arbeiten hervorgingen, gesteht die Vernachlässigung des „radikalen Pietismus" ein.42 Die Tragweite nonkonformistischer Ideen zeigt sich im frühen Pietismus in Preußen. Seine Anfänge in Norddeutschland werden üblicherweise um 1670 festgesetzt.43 Seine Verbindung mit dem radikalen Spektrum erstreckt sich meines Erachtens bis in jene Jahre, in denen der Hallesche Pietismus seine staatskonforme Institutionalisierung erreichte, also bis in die letzten Lebensjahre August Hermann Franckes, der 1727 starb. In den Jahren bis zu Georg Ernst Stahls Abgang von der Universität Halle (1715) lassen sich noch vielfältige Spuren des Kontaktes mit Inspirierten, Separatisten und anderen nachweisen, obwohl diese immer unter der Zwiespältigkeit der pietistischen „Strategien" in Halle zu leiden hatten. Dort mußte man notgedrungen der Gefahr Rechnung tragen, als „Sekte" abgespalten zu werden. Da Sekten handgreiflicher Verfolgung ausgesetzt waren, suchten die Hallenser Pietisten, „alle collision zu vermeiden", wie es bei dem Theologen und Pietisten Joachim Justus Breithaupt einmal hieß.44 Das führte zu einer zunehmenden Ablehnung durch die Radikalen, die Francke dann auch vorwarfen, sich mit der Welt „arrangiert" zu haben.45 Es gab Krach, Brüche und auch Angst innerhalb des Gefüges der Erweckten, aber dies tat dem Bestreben nach Erneuerung keinen Abbruch. Die Erneuerungsbewegung des frühen Pietismus in den deutschen Territorien weist viele Merkmale auf, die sie mit anderen Formen des radikalen Protestantismus verbindet. Es war ein Zeichen des wahren Christentums, sich dem Haß und der Verfolgung der Welt auszusetzen. Sich nicht um die sozialen Hierarchien zu kümmern, war ein Beweis dafür, daß die Männer und Frauen der Erweckung ihre Bestätigung aus ihrer inneren Zuwendung zu Christus bezogen und nicht aus dem Dienst an der Kirche oder der Anerkennung der Welt. Vom Freund August Hermann Franckes, dem Pfarrer Johann Heinrich Sprögel in Quedlinburg - damals

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Hans Schneider, Der radikale Pietismus in der neueren Forschung, in: Pietismus und Neuzeit 8 (1982), S. 15-42. Fortsetzung: Bd. 9(1983), S. 117-151. Dieses Datum steht in Verbindung mit der Veröffentlichung von Philipp Jakob Speners Pia Desiderio im Jahre 1675: „Das Jahr 1675 gilt in der Kirchengeschichtsschreibung als Geburtsjahr des lutherischen Pietismus", S. 466; siehe dazu: Johannes Wallmann, Postillenvorrede und Pia Desideria Philipp Jakob Speners, in: Heinrich Bornkamm u.a. (Hg ), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975, S. 466-484. Brief datiert Halle, 14. Februar 1707, an „Hochgebohrener Freyherr, Gnadiger Herr" (= Baron Canstein). Der Brief betrifft u.a. „des schwedischen Theologie Bericht wieder die Doctores Juris zu Halle". Weiter heißt es: Joachim Justus Breithaupt plädiere dafür, „alle collision zu vermeiden", Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, 159n, 3a, Bl. 336-340. Siehe auch Johann Conrad Dippel, Unpartheyische Gedancken/iiber eines sogenannten Schwedischen Theologie kurzen Bericht von Pietisten, etc. Nebst einer kurtzen Digression von der Brutalität und Illegalität des Religions=Zwangs. O.O. 1706. Gertrude Zaepernick, Johann Georg Gichteis und seiner Nachfolger Briefwechsel mit den halleschen Pietisten, besonders mit A. H. Francke, in: Pietismus und Neuzeit 8 (1982), S. 7 4 118.

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eine Hochburg der frühen pietistischen Bewegung - heißt es, daß er gegen „Hoch und Niedrig predigte wie ein wogendes Meer".46 Die erste scharfe Anklageschrift gegen die Pietisten, die besonders den Raum Thüringen betraf, erschien 1691 und 1693: Ausfuhrliche Beschreibung des Unfugs/Welchen die Pietisten zu Halberstadt [...] gestiftet. Dabey zugleich von den pietistischen Wesen insgemein etwas gründlicher gehandelt wird,47 Diese Schrift zählt die typischen Merkmale des protestantischen Radikalismus auf, die sie selbstverständlich als Mißstände und Irrtümer darstellt: die Anklage der Sektiererei; das Bestreben, die Lehrer der Kirche (gemeint ist der Klerus) zugunsten der Inspiration (Berufung auf den Heiligen Geist) abzusetzen; die Klage, dem Quäkertum (einer notorisch demokratischen Gemeinde) Tür und Tor zu öffnen; die Beschuldigung der Anstiftung zu Aufruhr und der Geringschätzung des Ehestandes (eine Erscheinung, die in England unter den radikalen Sekten sehr verbreitet war) und die Ketzeranklage der willkürlichen Auslegung der Heiligen Schrift. Bei der Verteidigung der Pietisten fällt auf, daß sie sich gegen den „bloßen Buchstaben der Schrift" wandten,48 auch dies ein Charakteristikum von Basisgemeinden, deren Fortbestehen und geistiges Eigenleben wesentlich von ihren Zusammenkünften und Diskussionen abhing - weit mehr als von Dogma oder Kirchgang. Der „Buchstabe" muß bei jeder radikal-inspirierten Bewegung dem „lebendigen Wort" weichen, denn eine grundsätzlich demokratische Bewegung (bezeichnend ist, daß die Frauen mitreden!) legt wenig Wert auf die Interpretation „von oben". Der frühe Pietismus in Halle unterscheidet sich also in seinen Grundzügen wenig von dem etablierten Muster radikaler protestantischer Bewegungen. Die Reformbewegung des Pietismus war in ihren Anfängen nicht ein pädagogisches oder wirtschaftliches Phänomen, sondern ein Aufbruch zur Veränderung im religiösen wie im gesellschaftlichen Denken. Das zeigte sich einerseits in der Mißachtung gewohnter hierarchischer Gesellschaftsformen49 und andererseits in der Betonung der religiösen Wiedergeburt.50 Die Wiedergeburt braucht nicht ein theologisch begründetes Bekehrungserlebnis zu sein. Sie braucht auch nicht nach einem festgelegten Muster zu verlaufen: ich führe Spangenbergs wie Franckes

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Schulz, Sprögel und die pietistische Bewegung, S. 37: „Sprögel ist wie ein wütendes Meer gewesen und hat weder Hoch noch Niedrige verschonet" (Schulz zitiert eine zeitgenössische Quelle). Ebd., S. 50ff. Ebd., S. 52ff. Margaret C. Jacobs, The Radical Enlightenment. Pantheists, Freemasons, and Republicans. London 1981; Hartmut Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, in: Historische Zeitschrift 214 (1972), S. 58-95; Ernst Kahler, ,Der Dritte', die drei Ehen der Gräfin Auguste Friederike von Stolberg, in: Pietismus und Neuzeit 2 (1975), S. 99-128; Wilhelm Irmer, Geschichte des Pietismus in der Grafschaft Waldeck. Greifswald 1912; Hinweise für die wenig untersuchte Sozialstruktur des radikalen Pietismus bei Hans Schneider, Der radikale Pietismus in der neueren Forschung, in: Pietismus und Neuzeit 9 (1983), S. 147. Siehe auch: Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, S. 74, 86.

Bekehrungserlebnisse an,51 um deren Vielfalt zu zeigen. Die Intensität dieses fortwährenden Bekenntnisses zu Gott52 in der „Wiedergeburt" läßt sich bei August Gottlieb Spangenberg ablesen, der im Halleschen Pietismus eine Rolle spielte, später aber, nach 1732, sich der Brüdergemeinde zuwandte. Er [Gott] wurde nicht müde, sondern fuhr fort mit seinen Gnadenzügen und mit seinen kräftigen Ueberzeugungen in meinen Gewissen immer fort. Das bewog mich denn endlich zu ernstlichen Vorsätzen, mein Leben zu bessern, vom Bösen abzulassen und dem Guten nachzujagen. Ich nahm mir z.B. vor, ich wollte von nun an besser beten, wo ich ginge und stände, ich möchte alleine oder bey anderen seyn, und vor jedem unnützen Worte wollte ich mich hüten. Daß ich solches aus eigener Macht nicht thun konnte, das wußte ich wohl, daher bat ich Gott um Gnade dazu, und ich kann mich erinnern, daß ich einmal auch im Schlafe eine ganze Nacht im beständigen Gebet zugebracht habe. 53

Auch Francke weiß zu berichten über sein Bekehrungserlebnis.54 Gestaltgebend ist die Umkehr eines intellektuellen Wissens in die Verbindlichkeit des Gefühls. „Erfahrung" verschmelzt Wissen mit der gefühlsmäßigen Hinwendung zu einem „lebendigen" Ganzen. Wie auch immer die Bekehrung vor sich geht, Spangenberg und Francke bieten nur zwei Beispiele, die „Wiedergeburt" vereint, das ist auch ihr „Ziel", die persönliche Erfahrung mit der Erfahrung Gottes. Diesen Erlebnissen gemeinsam bleibt die Intensität des Verhältnisses zu Gott: Er bestimmt - man könnte sagen rücksichtslos - die Lebensführung. Das ist besonders bei Spangenberg zu erkennen. Alle anderen Formen des Umgangs werden der Intensität der inwendigen Hingebung ausgesetzt, und das Benehmen in der Welt folgt den Richtlinien des Erkennens im Gebet. Dies geschieht aber auch innerhalb bestimmter weltanschaulicher Determinanten: die Wahrnehmung von den „Zeichen der Zeit", die weltliche Betrachtungsweisen dem geschichtlichen Eingreifen Gottes unterordnet. So ist die Erweckungsbewegung empfänglich und empfindlich für den „Zorn Gottes"55 und für die Verfolgung der „wahren Kinder Gottes".56 Im religiösen Blick auf die zeitgenössische Welt werden die „Fußstapfen Gottes"57 in ihr sichtbar und bezeugen seine Provi-

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Ebd., S. 87; Schneider, Der radikale Pietismus, S. 137. Johannes Wallmann verknüpft auf sehr interessante Weise die Themen Wiedergeburt und Erneuerung bei Spener und legt die Betonung auf Erneuerung! Siehe seinen Beitrag: Wiedergeburt und Erneuerung bei Philipp Jakob Spener. Ein Diskussionsbeitrag, in: Pietismus und Neuzeit 3 (1976/77), S.7-31. Marianne Beyer-Fröhlich, Pietismus und Rationalismus. Leipzig 1933, dort zitiert nach dem „Lebenslauf unseres Seligen Bruders August Gottlieb Spangenbergs, genannt Joseph, von ihm selbst aufgesetzt", S. 55. Quellenangaben zu Franckes Bekehrungserlebnis und eine wichtige Interpretation bei: de Boor, Erfahrung gegen Vernunft, S. 120-138. Siehe auch: Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, S. 74, 86. Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, S. 87; Schneider, Der radikale Pietismus, S. 137. So der Titel der Darstellung der Providentia Gottes bei den Unternehmungen Franckes in Halle: „Segensvolle Fußstapfen des noch lebenden und waltenden liebreichen und getreuen Gottes"; so auch Cansteins Darstellung der „Fußstapfen Gottes" in Speners Leben und Den-

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dentia. A l s „Zeichen der Zeit" wurde erstens die nicht aussetzende V e r f o l g u n g der Pietisten g e s e h e n - 1 6 8 9 bis 1 7 0 0 erhebt sich g e g e n sie die erste A n g r i f f s w e l l e v o n Seiten der Orthodoxie. 5 8 Z u m zweiten waren viele v o m „Zorn überzeugt, d e m die Erweckten durch ihr Wirken in der Welt zu verplichtet waren. Spener beschreibt in der Pia desiderio

Gottes" begegnen

( 1 6 7 5 ) die „Zeichen der

Zeit", die den gerechten Zorn Gottes anzeigen. 5 9 Damit ist drittens die H o f f n u n g auf das K o m m e n des R e i c h e s Gottes verbunden, 6 " weil sich in diesen „letzten Zeiten" die „wahren Kinder Gottes" u m die Erneuerung bemühen müssen. A u g u s t Hermann Francke vertritt 1 7 0 4 denselben Gedanken: 6 1 die Zeichen der Zeit erinnern an die verderbten Zustände der Welt, in denen Gottes Gerichte seinen Zorn anzeigen. In Anbetracht dessen m ü s s e u m sein Reich gekämpft werden. Francke dachte diesseitsbezogen: das „Reich Gottes" m ü s s e seinen A n f a n g in der G e g e n wart nehmen. 6 2 W e i l die wahren Kinder Gottes die Lage als endzeitlich beurteilten, waren sie, viertens, v o n der Notwendigkeit der Wiedergeburt durch die persönliche B e k e h rung überzeugt. Ohne auf die theologischen Einzelheiten dieses zentralen Anliegens der Erweckten und Pietisten eingegangen zu sein, ergibt sich daraus für das Verhalten jener G e m e i n d e n e i n e intensive H i n w e n d u n g zur Bibelauslegung (collegia pietatis) 6 3 und zur gegenseitigen Erbauung.

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ken. Siehe: Peter Schicketanz, Carl Hildebrand von Cansteins Beziehungen zu Philipp Jakob Spener. Witten 1967, S. 107. In der ausführlichen Pietismus-Bibliographie, die in der Zeitschrift Pietismus und Neuzeit in jedem Band geführt wird, gibt es zwar gelegentlich eine Rubrik „Kampf gegen den Pietismus", aber darunter finden sich keine Monographien oder Zeitschriftenartikel, die die verschiedenen Wellen der Pietistenverfolgungen nachzeichnen. Anhand der Biographie A. H. Franckes kann man die „pietistischen Unruhen" in Leipzig 1689 als Orientierungsdatum ansehen. Im Grunde reißen die Verfolgungen nicht ab. Johannes Wallmann schreibt: „Spener folgte 1691 dem Ruf als Konsistorialrat und Probst nach St. Nikolai in Berlin. Unter dem Protektorat des auf Union und Toleranz ausgerichteten brandenburg-preußischen Staates gelang es Spener, der von der Orthodoxie überall hart bekämpften pietistischen Bewegung in Preußen Rückhalt zu gewähren." Johannes Wallmann, Kirchengeschichte Deutschlands II. Von der Reformation bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1973, S. 139. Meinem Eindruck zufolge setzte die Verfolgung nicht aus, bewirkte aber eine Spaltung nach Kategorien des politischen Drucks von außen, die „radikaleren" Köpfe mußten fliehen. Siehe Dippel im Kapitel IV, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur. Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, S. 74-75. Johannes Wallman, Pietismus und Chiliasmus. Zur Kontroverse um Philipp Jakob Speners .Hoffnung besserer Zeiten', in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 2 (1981), S. 246ff. Lehmann, Der Pietismus im Alten Reich, S. 86. Ebd., S. 87. Die Kontroverse über Entstehung und Bedeutung der collegia pietatis ist vielseitig. Ihr Zusammenhang mit dem Pietismus aber unbestritten. Hartmut Lehmann macht einige Aussagen zur Sozialstruktur. Siehe: Der Pietismus im Alten Reich, S. 82ff. Die genaue Untersuchung Wallmanns bezieht sich auf die Frankfurter collegia pietatis, in: ders., Philipp Jakob Spener und die Anfänge des Pietismus. Tübingen 1970, S. 253-282. Meines Erachtens ist die Durchbrechung sozialer Hierarchien ein Wesenszug der Erweckungsbewegung, den sie selbst betont, und der sich nicht nur in den Konventikeln zeigt. In diesem Zusammenhang sollte aber be-

S o ist es folgerichtig, nimmt man z.B. die Lebensführung v o n Nikolaus L u d w i g von Zinzendorf, spätere Führungsfigur der Brüdergemeine, daß soziale Schranken fallen und der erweckte Christ anderen Prinzipien als den weltlichen die Treue hält und sie durchzusetzen vermag. Spangenberg berichtet über den Grafen Nikolaus L u d w i g v o n Zinzendorf, der in Dresden am H o f als Adeliger unter A d e l i g e n verkehrte, folgendes: Er zog sich von allen Gesellschaften, wo man der Sünde und den Eitelkeiten dient, vorsetzlich und mit gutem Bedacht zurück; hingegen ließ er sich mit jedermann, wo er einen Funken der Gottseligkeit, oder nur ein Verlangen danach wahrnahm, ohne Weitläufigkeiten ein. Er pflegte sich dahin zu erklären, daß er den sogenannten von Gott nie eingesetzten, vom Hochmuth der Menschen entsprungenen, und so von Eltern auf Kinder fortgepflanzten, Stand der natürlichen Geburt, gegen die Schmach Christi für nichts, ja für Koth achte, desgleichen, daß er alle Menschen so gut, als sich selbst, halte, und nicht absehen könne, warum ein Kind Gottes, wenn es auch ein Bettler wäre, nicht an seiner Tafel, nach Gelegenheit, mitessen sollte. Wie nun diese und der gleichen Reden, die er in allem Ernste führte, und mit der That bewies, für viele sehr auffallend waren; so kan man sich leicht vorstellen, daß man ihn dafür nicht geschonet hat. 64 S o lassen sich, auch w e n n die Querverbindungen nicht systematisch verfolgt werden konnten, d o c h viele persönliche und dadurch auch inhaltliche Z u s a m m e n h ä n g e festhalten, die für die „Kinder Gottes" bezeichnend waren. D i e E r w e c k u n g s b e w e g u n g war für das 18. Jahrhundert prägender, als g e m e i n hin a n g e n o m m e n wird. Heinrich Jung-Stilling kann daher in s e i n e m rückblickenden „ R o m a n " Theobald

oder die Schwärmer,65

in d e m nur die Figuren, nicht aber

deren historische Grundlage oder Gedankenwelt erfunden sind, f o l g e n d e s über ihre Verbreitung schreiben: Dieß [der Einfluß der Erweckten] geschah in den ersten zwanzig Jahren dieses Jahrhunderts, und von hier gieng nun die Kraft des Enthusiasmus über ganz Deutschland aus. Der Nationalgeist war also bis dahin mystisch-böhmisch, und mit unter paracelsisch. Wenn ich vom Nationalgeist rede, so verstehe ich darunter denjenigen Theil der Nation, der mit der [sie] gewöhnlichen Symbole nicht zufrieden, oder dem sie nicht genugthuend ist, und dieser Theil ist wahrhaftig weit größer, als die Herren glauben, die sich heut zu Tage vorstellen, das helle Licht des Unglaubens habe sich. Dank sei es dem Himmel! so sehr ausgebreitet, daß die einfältigen Grillen des Christentums nicht lange mehr stand halten würden. 6 D i e Kontakte unter den Erweckten lassen sich trotz der B e m ü h u n g e n , j e d e Einzelperson und j e d e unterschiedliche Richtung in ihren Gemeinden kirchengeschichtlich zu erfassen, im Sinne von Jung-Stilling als Ganzes sehen. D i e stille und gelehrte Art des pietistischen Kirchenmannes Spener kann nicht darüber hinwegtäu-

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dacht werden, daß Konventikel als Zeichen des „Sektenwesens" gewertet wurden und von daher auch Anlaß zur Verfolgung boten. August Gottlieb Spangenberg, Leben des Herrn Nikolaus Ludwig Grafen und Herrn von Zinzendorf und Pottendorf. 8 Bde. O.O. O.J. (Die Vorrede ist datiert: Barby, 26. Juli 1775), Teil II, S. 227. Johann Heinrich Jung-Stilling, Theobald oder die Schwärmer. Stuttgart 1827. Ebd., Vorrede, S. 21. 73

sehen, daß er recht entschieden und kompromißlos für ein „thätiges Christentum" eintrat. Zudem war er - schon in Frankfurt am Main - mit radikaleren Vertretern des Protestantismus gut bekannt.67 Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der in seinen Territorien die „Separatisten" und Böhmischen Brüder schützte, verbrachte seine Jugend in pietistischen Familienverbänden;68 Francke unterstützte die „enthusiastische" Magd in Pfarrer Johann Heinrich Sprögels Haus69 und damit die „exaltierten" Erscheinungen einer volksnahen Bewegung; Spener schrieb 1693 ein Buch mit dem Titel Behauptung der Hoffnung kiinfftiger Besserer Zeiten und trat damit in die Tradition der radikalen christlichen Endzeithoffnungen ein,70 die auch viele „diesseitige" Aktivitäten motivierten; Francke bewunderte und kannte die Schriften von Comenius;71 Franckes Ehefrau Anna Magdalena (geb. von Wurm) unterhielt eine Korrespondenz mit den Engelsbrüdern, deren Anführer Johann Georg Gichtel war;72 August Spangenberg, der zur Herrnhuter Gemeinde überwechselte, konnte 1732 noch guten Mutes nach Halle kommen, scheiterte aber wegen seiner radikalen Verbrüderung mit den Separatisten und dem Zulauf zu seinen Conventícula' an den nun doch sehr konservativ gewordenen Nachfolgern Franckes.73 Schließlich entbrannte nochmals ein Streit mit Johann Conrad Dippel über die religiösen Meinungen eines seiner Anhänger aus Schweden, dies bezeugt aber immerhin, daß relativ spät, 1732, noch Beziehungen mit Halle möglich waren.74 Auch von Halle gingen Einflüsse aus. So schreibt etwa Spangenberg, als die Meldung vom Tode Carl Hildebrand Baron Cansteins, eines der engsten Mitarbeiter Franckes, Zinzendorf 1719 in Utrecht erreicht, über die Beziehung dieser beiden: „Sein Einfluß auf das Gemüth unseres Grafen sey so starck gewesen, daß dieser sich so gar gewisse äusserliche Arten, die jenem eigen waren, angewöhnt habe."75 Über die Herrnhuter schreibt Spangenberg sogar: „Die erste Gelegenheit zu den oberlaisizischen [sie] Anstalten ist der Spiritus Speneri de plantandis in ecclesia ecclesiolis."76

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Wallmann, Philipp Jakob Spener und die Anfange, Johann Jakob Schütz", S. 283-306. Spangenberg, Leben des Herrn Nikolaus Ludwig, I. Teil, S. lOff. Schulz, Sprögel und die pietistische Bewegung, S. 48ff. bzw. S. 56ff. Wallmann, Philipp Jakob Spener und die Anfänge, „Die Anfänge der pietistischen Eschatologie", S. 307-335. Siehe unten, S. 87ff. Zaepemick, Johann Georg Gichteis und seine Nachfolger, S. 74-118. Beyer-Fröhlich, Pietismus und Rationalismus, S. 59: „Mein Aufenthalt in Halle war aber kurz, wovon nach meiner Einsicht die Ursachen folgende waren. Ich continuierte meine freye Art, die ich in Jena gehabt hatte, mit allen Menschen umzugehen, die sich Christi rühmten. Die Brüder Kugelstein, Johann Nitschmann und Conrad Lange wohnten in meinem Hause [...] auch Separatisten, auch Tuchfeld." Johann Conrad Dippel, Nachricht was mit dem Schwedischen Studioso in dem Waisen=Hause zu Halle wegen einiger theologischer Streit=Fragen vorgegangen ist. O.O. 1732. Spangenberg, Leben des Herrn Nikolaus Ludwig, II. Teil, S. 104-105. Ebd., S. 232.

Zu dem Kreis der Erweckten77 gehörten auch die Nachfolger Georg Ernst Stahls. Einige von ihnen sollen hier exemplarisch erwähnt werden, weil ihre Beteiligung an der Bewegung der Erweckten die Instaurado des Wissens auf breitem Boden anzeigt. Die beiden Vertreter der Stahlianischen Lehre an der Medizinischen Fakultät Halle, Johann Juncker und Michael Alberti, waren Theologen, die zur Medizin wechselten. Johann Juncker (1679-1759) hatte eine bewegte Vergangenheit in der pietistischen Auseinandersetzung in Waldeck hinter sich, als er unter der Fürsorge Franckes nach Halle kam und ihm das medizinische Studium bei Stahl nahegelegt wurde.78 Am Pädagogium Regium in Halle wirkte Juncker von 1701 bis 1702 als Lehrer.79 1702 wurde er wegen seiner pietistischen Ansichten von der Äbtissin des Stiftes Schaken nach Waldeck berufen.80 Dort wurde er auch Adjunkt bei dem Pfarrer des Dorfes Schaken-Immighausen.81 In dieser Tätigkeit erregte er solchen Anstoß wegen seiner religiösen Haltung, daß es zu einem Prozeß kam.82 Aus diesen Akten gehen die radikalen Ansichten des Pietisten deutlich hervor. Juncker wird vorgeworfen, er habe sich 1704, nach dem Sieg der Alliierten über Bayern und Franzosen, geweigert, dafür zu danken, daß im Krieg Blut vergossen wurde.83 Andere Vorwürfe lauteten: er habe nach hallescher Sitte bei körperlicher Arbeit Erholung gesucht. „Im Arbeitskittel, die Axt auf der Schulter, ging er mit den Knechten in den Wald, um Holz zu fällen und klein zu hacken."84 Der Pfarrer fand ein solches Verhalten für einen Geistlichen unpassend und verbot ihm die Kanzel. Der empörendste Vorwurf gegen Juncker aber war, er sei der Meinung, die Obrigkeit sei von Gott im Zorne eingesetzt worden.85 In dieser Anklage sind in knappester Form alle radikalen Ansichten der Enthusiasten aufgeführt: Frieden statt Krieg, ein arbeitsreiches Leben, keine Anerkennung sozialer Unterschiede, Wiedergeburt und Bekehrung als Sinn des Lebens, Obrigkeit in Staat und Kirche als verfolgende Instanzen. Als der regierende Graf Juncker entfernen lassen wollte, sprach sein Verteidiger, der pietistische Rat Bekker, folgende Worte über Juncker: „Gnädigster Herr, was wollen sie machen.

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Hans Schneider bemerkt ebenfalls die „fließenden Grenzen" bei der Problematik „Pietismus" und „Radikalität". Siehe ders., Der radikale Pietismus in der neueren Forschung, in: Pietismus und Neuzeit 8 (1982), S. 130ff. Wolfram Kaiser/Karl-Heinz Krosch/Werner Piechocki, Collegium clinicum Haiense, 17171967. Halle 1967, S. 34ff.; Wolfram Kaiser/Hans Hübner, Johann Juncker (1679-1759) und seine Zeit (I). Halle 1979, darin: Wolfram Kaiser, In memoriam Johann Juncker (1679-1759), S. 7-28; Zur Biographie, S. 13ff. Ebd. limer, Geschichte des Pietismus, S. 63. Ebd. Ebd., S.64ff. Ebd., S. 63. Ebd., S. 64. Ebd.

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Juncker ist ein Augapfel Gottes, wer den angreift, greift Gott selbst in die Augen."86 Michael Alberti (1682-1757), aus Nürnberg stammend, wo sein Vater ältester Prediger zu St. Lorenz und Pfarrer zu St. Clara war, kam nach theologischen und medizinischen Studien in Altdorf und Jena nach Halle.87 1704 disputierte er unter Georg Ernst Stahl. Er war von der stillen, entschiedenen Sorte der Pietisten und Stahl und Francke zutiefst verbunden. In der Leichenpredigt für Francke (1727) legte er nochmals öffentlich sein Bekenntnis zum Pietismus ab,88 und alle seine Schriften zeugen von seinem Bestreben, sein Wissensgebiet Medizin als Gelehrter theologisch und philosophisch zu durchdringen. Es heißt über Alberti, daß er neben der Heiligen Schrift, „welche beständig seine Lektüre gewesen" ist, auch alle Schriften Arndts, Speners, H. Müllers, Scrivere, Gerbers, Geiers, Breithaupts, Antons, Franckes, Freylinghausens u.a.m. gelesen, so daß kaum zu begreifen ist, wo der Mann die Zeit zum Lesen und Schreiben, zum Lehren, Krancken besuchen und anderen Amtsverrichtungen hergenommen. 89

Die oben genannten Autoren gehören überwiegend zum Pietismus und zur Frömmigkeitslehre. Sie wurden in Albertis Schriften auch fleißig zitiert, waren also nicht nur Erbauungs- oder Privatlektüre. Die Ansichten Albertis bezeugen seine Anteilnahme am Pietismus. So schreibt er, daß es weniger „auf ein äußerliches Zeichen des Reichtums, Würde, Gemächlichkeit, Bündnisse, Freundschaft, Verbrüderung oder ornat ankomme, sondern auf das innere Zeugnis eines guten Gewissens, und auf Proben rechtschaffener und rühmlicher Werke".90 Er griff auch die Orthodoxie als Anleiterin zum „Mund=Glauben an, bei dem manche Seele bis in die Hölle geröstet [wird]".91 Gegen Prunk und Orthodoxie und für eine Wahrheit ohne Floskeln: auch bei Alberti finden sich klare Positionen der Erneuerung. Alberti schrieb über seine langjährige Beziehung zu Stahl:

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Ebd., S. 66. Friedrich Börner, Nachrichten von den vornehmsten Lebens-Umständen und Schriften Jetztlebender berühmter Arzte und Naturforscher in und um Deutschland. 3 Bde. Wolfenbüttel 1749-64. Bd. I: Michael Alberti, S. 401-416 (hier S. 402). Siehe auch: Wolfram Kaiser/Arina Völker, Michael Alberti (1682-1757). Halle 1982. Börner, Nachrichten, Bd. I: Alberti, S. 406; Wohlverdientes Ehrengedächtniß, welches [...] Herrn August Herrmann Francke [...] durch Veranstaltung des Prorectoris Magnifici Herrn D. Michaelis Alberti stiftete [Gedächtnisschrift auf A. H. Francke, übeibracht vom Senat der Friedrichs-Universität Halle am Tage seiner öffentlichen Beisetzung, 17. Juni, 1727], Halae 1727, S. 6ff. Georg Andreas Will, Nürnbergisches Gelehrten=Lexikon oder Beschreibung aller Nürnbergischen Gelehrten beyderley Geschlechts. Altdorf 1802, S. 19ff. Michael Alberti, Disquisitio medica de energia naturae, auf Deutsch, in: Medicinische Betrachtungen von den Kräften der Seelen [...]. Halle 1740, S. 4. Ebd., S. 6.

Zwar kann ich nicht bergen [verbergen], daß ich auch mit Petri Schwerdt gefochten und wenn ich gesehen, daß man sich an meinen Meister, ich verstehe den Hochverdienten Herrn HoffRath Stahl [darunter] gemachet, ich so dann gesuchet, dessen Ehre und theure meriten, und die von denselben entdeckte Wahrheiten zu defendieren, welche Lieb und Hochachtung gegen jetzt gedachten hochwerthen Mann ich in mein Grab nehmen will, daß in mir kein falsch ist. 92

Neben Juncker und Alberti als Verfechter der Stahlianischen Medizin wären noch der Mediziner Johann Samuel Carl und Johann Conrad Dippel zu nennen. Dippel war kein Schüler Stahls, aber ihm in seinen Ansichten über die Medizin sehr ähnlich. Johann Samuel Carl (1676-1757), Sohn eines Apothekers in Öhringen, war schon als Kind mit pietistischen Konventikeln vertraut.93 Wegen seiner Gemeinschaft mit „Schwärmern" mußte er sich mehrmals gegenüber der Obrigkeit verantworten. 1708 wurde er Hofarzt des Grafen Ernst Casimir in Büdingen, einem Ort, an den sich viele religiöse Radikale flüchteten. Er betreute auch andere pietistische Höfe und war in diesen Kreisen für die vor- und nachuniversitäre Ausbildung der Ärzte und Apotheker zuständig. 1714 Schloß er sich der Sekte der Inspirierten an und war bis an sein Lebensende bei der Förderung des radikal-pietistisch-spiritualistischen Christentums aktiv. Er hatte Medizin bei Georg Ernst Stahl studiert, promovierte 1699, war sein gepriesener Meisterschüler und Herausgeber von Stahls Schriften, dessen Ideen er popularisierte. Johann Conrad Dippel (1673-1734) hatte eine sehr ungewöhnliche Laufbahn. Martin Schmidt nennt ihn einen „Kämpfer des radikalen Pietismus gegen die kirchliche Orthodoxie, den kirchenfreundlichen Pietismus und die moderne deterministische Philosophie".94 Zugleich bezeichnete Schmidt ihn als einen der „meistgelesenen Autoren des 18. Jahrhunderts".95 Dippels Radikalität bewirkte, daß er des öfteren des Landes verwiesen wurde und von 1719 bis 1726 inhaftiert war.96 Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Berleburg, dem Zufluchtsort aller radikalen Pietisten, wo auch Johann Samuel Carl damals lebte. Dippels Kampf gegen die Orthodoxie und die „neue" Philosophie bewegte sich jahrelang zwischen den Polen pietistischer (Spenerischer und Hallescher) und radikal-separatistischer Positionen. Johann Christian Edelmann, selbst ein tiefreligiöser Separatist, schrieb in einem fiktiven Dialog, in dem er die Radikalität Dippels verteidigt, über dessen Ansichten: Erstlich sprechet ihr, ich hätte mit der Neigung zum Democrito [das Pseudonym Christianus Democritus, unter dem Dippel seine Schriften ab 1697 verfaßte] auch seinen stachlichten Sti92 93

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Ebd., Vorrede, O.S. Hans-Jürgen Schräder, Johann Samuel Carl, in: Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexicon. Bd. 5. Neumünster 1979, S. 60-64. Die folgenden Angaben über Carl beziehen sich auf Schräders Artikel. Martin Schmidt, Johann Conrad Dippel, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Bd. 11. Tübingen 3 1958, S. 206. Ebd., S. 207. Karl-Ludwig Voss, Christianus Democritus. Das Menschenbild bei Johann Conrad Dippel. Leiden 1970, S. 54ff.

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lum gelernt. Wie weit das sey oder nicht sey, kan ich selber nicht wissen, und also weder ja noch nein darzu sagen; so viel aber bekenn' ich euch unverholen, daß ich eine geheime Neigung zu diesem Manne trage, weil ich was heroisches und unerschrocknes bey ihm gewahr werde [...]. Die Wahrheit führt freylich allemahl einen Stachel mit sich, welchen aber nur der empfindet, so sie reizet [...]. Ich meine ja, es sey den schnaubenden Orthodoxen schwer genug worden, wider den Stachel der Wahrheit in Democritio zu lecken, wie denen, die zum Unterschied des Guten und Bösen geübte Sinne haben, gar leicht zu sehen seyn wird. 97

Schon diese wenigen Angaben über jene Menschen, die Stahls medizinische Lehre verbreiteten, zeigen an, daß zunächst die Erweckten Stahls Bedeutung erkannten. Die genannten Männer zeichnet ihre doppelte Ausbildung in Theologie und Medizin aus. Es ist wohl diese Kombination gewesen, die ihnen zu erkennen gab, welche Bedeutung im Kontext der weltanschaulichen Diskussion um die Wahrheit Stahls Theorie einnahm. Zu diesen Verfechtern der Stahlianischen Lehre gehören noch andere wichtige Pietisten, so Karl Hildebrand Baron Canstein (1667-1719), der enge Mitarbeiter Speners und Franckes in Berlin. Auch Mediziner, wie Johann Christian Kundmann (1684—1751) und Johann Kanold (1679-1729), zu deren medizinischen Verdiensten erste epidemiologische Beschreibungen gehörten, wirkten im Sinne der Erweckten. Die Popularisierung Stahls z.B. durch Kundmann wird zu einem pietistischen Traktat, zur Verteidigung der Geistesgaben, der Träume und der seelischen Eigenschaften.98 Mit der Theorie Stahls und ihrer Rezeption durch seine Nachfolger etablierten sich eine Reihe von medizinisch bedeutenden Autoritäten, die wissenschaftlich mit der „neuen" Naturwissenschaft konkurrieren konnten. Dieser instaurative Zweig das ist gewissermaßen ein Schachzug Stahls - deutet die Natur einmal als res extensa und begreift diese als anorganisch.99 Zum anderen will sie die Natur aber als „lebendig" erforschen und ihre organische Ordnung anderen Gesetzen unterworfen wissen als denjenigen der Mathematik oder der Physik des mechanistischen Weltbildes.100 Gerade die deutschen Enthusiasten, die frühen Pietisten, erkannten die Tragweite der Theorie des Organismus, die Stahl entwarf. In diesem instaurativen Wissen erkennen jene Befürworter der Erneuerung den Zugang zur Natur, der sie als „lebendig" erfaßt, also ihr die theoretische Möglichkeit der Selbstregulierung beläßt. Es liegt auf der Hand, daß das Konzept einer selbstbestimmten Natur

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Bibliothek der Deutschen Außlärer des achtzehnten Jahrhunderts, hg. v. Martin von Geismar [d.i. Edgar Bauer], 5 Hefte [in 1 Bd.], Leipzig 1846-1847. Heft V, S. 221f. Johann Christian Kundmann, Kurtze Abhandlung vom Verstände des Menschen vor und nach dem Falle. Budissin 1716. Diese Unterscheidung wird am deutlichsten in der Debatte zwischen Stahl und Leibniz: Negotium Otiosum. Halle 1720. Im Englischen in der Teilübersetzung von Lelland J. Rather und John B. Frerichs, The Leibniz-Stahl Controversy - II, Stahl's Survey of the Principal Points of Doubt, in: Clio Medica 5 (1970), S. 53-67 (hier S. 58). Ebd., S. 58. Siehe auch dazu: Theoria medica vera (1708), wo die Schriften De mechanismi et organismi diversitate und De vera diversitate corporis mixti et vivi weitläufig dasselbe erörtern.

nicht ohne die Seele auskommen kann, weil die res extensa alleine, darin sind sich alle einig, weder zu denken noch zu fühlen vermag. Die Anhänger der medizinischen Theorie Stahls verschmelzen seine Theorie mit ihren Bekehrungswünschen, ihrer inneren Besinnung, ihrer Abkehr und Buße. Stahls Lehre ist natürlich nicht identisch mit dem Pietismus, aber sie repräsentiert die Erneuerung des Wissens im Sinne der Enthusiasten, eine Antwort auf jene Kräfte, die in der „revolt against Enthusiasm" die Vernunft und eine versachlichte Natur zu exklusiven Erkenntnisinstanzen machen wollten. Es ist wichtig, die Instaurado des Wissens von anderen Reformen zu unterscheiden, die in der Geschichtsschreibung dem Halleschen Pietismus zugeschrieben werden und eingehend untersucht worden sind. Carl Hinrichs und andere haben sich auf die wirtschaftlichen und sozialreformerischen Ziele der Pietisten konzentriert und diese ausführlich geschildert.101 Die Instauratio des Wissens hatte einen anderen Charakter als den der praktischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen. Sie „bewegt" die Mentalität eines Zeitalters, und in ihr vereinigen sich Kräfte, die es mit der Aufklärung aufnehmen könnten. Die medizinische Theorie Georg Ernst Stahls ist hier der wesentliche Beitrag, weil er Argumente lieferte, den „Atheismus des Uhr=Wercks", wie es Johann Conrad Dippel nannte, zu widerlegen. Die Erneuerung der Erweckten war nicht eine stille innere Bekehrung in religiöser Abgeschiedenheit. Es war vielmehr deren Ziel, die Erneuerung des Wissens als eine Wahrheit zu verkünden, die der „neuen" Autorität der Aufklärer gewachsen sein sollte. Somit konnte die wissenschaftliche Instauratio mit den Reformzielen des Pietismus verschmelzen. In diesem Sinne wurde die Theoria medica vera Georg Emst Stahls integraler Bestandteil der Erneuerung und Reform, die in Halle ihren Schwerpunkt hatte und durch Stahls Nachfolger weit in die Kreise der Separatisten, Inspirierten und anderer Gruppierungen hineinwirkte. Stahls medizinische Lehre verwirklichte weit mehr als eine empirisch-praktische Umorientierung der Medizin. Wissenschaftsfeindlich ist die radikal protestantische Erneuerung von Wissen und Erkenntnis nicht. Sie will Wissen nur anders vermitteln, wendet sich ab von einer esoterisch auf sich bezogenen Wissenschaft. Sie beteiligt jeden, der „mitwissen" möchte, beteiligt ihn an der Wahrheit, wie es Christian Weisbach in der Einleitung zu seiner deutschen Fassung der Lehre Stahls zum Ausdruck bringt: „Die Wahrheit ist einfältig und wird dir/wenn du ihr weiter nachdenken wirst/von selbsten in die Augen leuchten."102 Die Naturwissenschaft selbst aber war in Halle durch kein anderes Fach institutionalisiert als durch die Medizin. Die Mediziner vertraten auch die Fächer Che-

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Carl Hinrichs, Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiössoziale Reformbewegung. Göttingen 1971; Klaus Deppermann, Der Hallesche Pietismus und der Preußische Staat unter Friedrich III. (I.). Göttingen 1961. Christian Weisbach, Wahrhaffte und gründliche Cur [...]. Straßburg 1712, S. 2.

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mie, experimentelle Naturwissenschaft, Botanik und Anatomie.103 In einer Konstellation, in der die Vertreter der Medizinischen Fakultät, Friedrich Hoffmann und Georg Ernst Stahl, unterschiedliche naturwissenschaftliche Weltanschauungen vertraten, begann der Streit um die Wahrheit von neuem. Notwendigerweise war die Medizin - sowohl durch ihr neues Selbstbild als scientia nova wie durch ihre besondere Rolle als Interpretin der menschlichen Natur - der Mittelpunkt dieser Diskussion. Wie oben schon erläutert, gewann die „neue" leuchtende Sonne der Medizin aus Holland, insbesondere aus Leiden, durch ihre Repräsentanten Cornelius Bontekoe, Heidenreich Overkamp, Stephan Blankaart, Hermann Boerhaave und andere Einfluß in Deutschland.104 Die Philosophie Descartes' wurde ebenfalls rezipiert. Friedrich Hoffmann war diesen Einflüssen gegenüber offen, Stahl hingegen wandte sich entschieden gegen das dominierende mechanische Modell. Stahl wurde zum Hauptvertreter der Instaurado. Damit spaltete sich, wie wir im einzelnen noch sehen werden, die damals bedeutendste Medizinische Fakultät in Preußen. Die Instaurado, die Erneuerung des Wissens, wurde in der „theoretischen" Medizin Stahls der „neuen" Naturwissenschaft entgegengesetzt. Das Bündnis zwischen der Stahlianischen Medizin und dem Anliegen der Pietisten strukturierte die Erneuerung, die sich von der Aufklärung abhob und besonders deren dualistischen Ansatz bekämpfte, und zwar die Spaltung in Subjekt und Objekt, in Körper und Seele. Daraus ergeben sich in verschiedenen Feldern unterschiedliche Ansätze und Deutungen: 1. Gegen die Tendenz der Aufklärung, den Verstand als objektivierende und wahrheitsbegründende Instanz zu etablieren, setzt die Instaurado des Wissens auf eine Theorie, die Gefühl und Denken integriert, wie es in Stahls Theoria medica vera formuliert ist. 2. Gegen den Mechanismus als Modell, sowohl der medizinischen Wissenschaft wie auch der Naturordnung, setzt die Instaurado des Wissens auf ein integratives Modell von Körper und Seele, auf eine Betonung des Lebendigen gegenüber dem Anorganischen. Die Natur wird nicht nur als gesetzmäßiger Mechanismus begriffen, sondern als initiativ und sich selbst steuernd. 3. Gegen die Entstehung eines nur für wenige zugänglichen, objektiven Wissens in der Aufklärung, das dann pädagogisch zu vermitteln ist, setzt die Instaurado auf ein Wissen, das „alle" begreifen können. Der pädagogischen Tendenz der 103

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Die genaue Aufteilung fällt folgendermaßen aus: Friedrich Hoffmann war verantwortlich für praktische Medizin, Anatomie, Chirurgie, Chemie und Naturphilosophie; Stahl vertrat die Physiologie, Pathologie, Hygiene, Materia medica und Botanik. Der medizinische Unterricht an der Universität Halle läßt sich genau anhand des Vorlesungsverzeichnisses verfolgen, siehe: Codex Lectionum in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle, Signatur: Yb 3885c. Johanna Geyer-Kordesch, Deutschsprachige Bücher aus Holland. Medizinische Kontroversen und ihr Publikum in Deutschland 1680-1730, in: Marius Jan van Lieburg/Richard Toellner (Hg.), Deutsch-Niederländische Beziehungen in der Medizin des 17. Jahrhunderts. Amsterdam 1982, S. 93-108.

Aufklärung setzt die Instaurado die Behauptung entgegen, daß wahres Wissen dadurch gekennzeichnet sei, für jeden unmittelbar einsichtig zu sein. Ein Wissen, das nicht dem Leitspruch „die Wahrheit ist einfach" entspricht, diene somit anderen Zwecken als der Nützlichkeit und der Erneuerung. In der Instaurado ist die Gemeinde der Ort der Wahrheitsfindung, sie braucht die Resonanz der Diskussion und meidet die Isolation der Gelehrtenstube. Die Wahrheit findet sich nicht allein durch das Ingenium des einzelnen, sondern durch eine Erkenntnis, an der die Gemeinde vermittelnd mitwirkt. In diesem Sinne ist die Instaurado des Pietismus auf Popularisierung gerichtet. Der medizinische Beitrag Stahls zu dieser Instaurado erschließt sich nicht nur über seine Tätigkeit im chemischen Labor oder im anatomischen Unterricht oder durch sein Wirken an der Universität, sondern über die Verbreitung seiner Werke in deutscher Sprache.105 Nicht die am Seziertisch oder im Experiment gewonnene Erkenntnis bildet die eigentliche Matrix der Instaurado, sondern die „wahre" Theorie und ihre Verbreitung über das Buch. Die Wahrheit der Theorie ist durch ihre Praxis zu prüfen und zu bestätigen. Ihre Wahrheit wird nicht in der Wissenschaftsmethodik begründet, sondern in ihrer erfahrbaren Effektivität.106 „Die Wahrheit ist einfach" heißt das Leitmotiv für die Instaurado des frühen Pietismus. Die ganze Tragweite dieser Instaurado kann erst im Verlauf dieser Arbeit zur Erläuterung kommen. Ihr Gegenspieler findet sich in der Wissenschaftsauffassung der Aufklärung, deren Leitgedanke die Beherrschung der Natur ist, und nicht die Ergründung des Sinnes des Beobachtbaren. Fritz Wagner hat die Wissenschaftsauffassung der Aufklärung folgendermaßen beschrieben: „Das zählende und messende, das mechanistisch konstruierende und analysierende, das logisch verknüpfende kausale Denken wurde zu einer, das gelebte Leben durchsetzenden und in vielerlei Formen prägenden Macht ohnegleichen."107 Diesen Ordnungsvorstellungen von Kraft und Masse, von Statik und Dynamik, der verstandesmäßigen Lust, die Natur im gleichbleibenden Gesetz durch die Instanzen der „gesicherten" Erkenntnis (des Rationalismus, des Experiments, der Zergliederung der äußeren Natur) festzuschreiben, wird eine undogmatische Deutung der unsichtbaren Welt entgegengehalten, die die äußere Natur auf den inneren Geist zurückführt. Darin spiegelt sich die religiöse Überzeugung der Enthusiasten und Erweckten, ihre Wahrheit werde sich durch die Führung des Heiligen Geistes 105

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Die Eigenart der Verbreitung medizinischen Wissens im 18. Jahrhundert ist ihr schriftlicher Charakter. Über die Consilia medica beraten die Ärzte die Patienten. Das ärztliche Wissen ist mit dem Buchwissen der Zeit stark verbunden. Alle Indizien sprechen dafür, daß der Austausch von Schriften und Theorien einen wesentlichen Teil der Arbeit des gelehrten Arztes ausmachte und ihn vom Chirurgen unterschied. Die Grundprinzipien seiner Wahrheitsfindung faßt Stahl in der Vorrede zur Theoria medica vera zusammen. Fritz Wagner, Der Wissenschaftsbegriff im Zeitalter der Aufklärung, in: Karl Hammer/Jürgen Voss (Hg.), Historische Forschung im 18. Jahrhundert. Organisation, Zielsetzung, Ergebnisse. Bonn 1976, S. 16.

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erschließen. Die erweckten Wahrheitssucher befanden sich traditionell im sozial entgrenzten Bereich, sie beriefen sich auf eine „gegenweltliche" Position, die im Johannesevangelium (3; 8) zusammengefaßt ist: „Der Wind bläst wo er will und du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht woher er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist." Die Suche nach der Wahrheit außerhalb „des Buchstabens" strebt die Verbindung von Innen und Außen an. Sie sagt sich nicht von Systematik oder Logik los, nur kann sie weder im Persönlichen noch im Wissenschaftlichen die Trennungen vollziehen, die aus dem Zusammenhang von Gott - Natur - Mensch Einzelerscheinungen macht, die sich widerstreben. Wie Heinrich Bornkamm über die radikalmystischen Sekten des deutschen Protestantismus schrieb, über Paracelsisten, Schwenckfelderianer und Böhmisten: es kam auf den „inneren Menschen" an, der Träger des neuen Wesens ist, und der „alles Gute in uns tut" und den „wahren, wenn auch unsichtbaren Leib" erfaßt.108 Die sichtbaren Dinge sind - dieser Auffassung gemäß - nur vorläufig; alles Tastbare, Berührbare, Sinnliche „vergehet wie es gebraucht wird".109 Dieser Erkenntnisvorgang, der im inneren Sehen die äußerliche Vergänglichkeit erfassen kann, erfaßt die Natur als gestaltete Welt. Die Seele hat in diesem Bezug zwischen Innen und Außen, im Zusammenhang von Gott - Natur - Mensch eine grundlegende Bedeutung. Sie ist die unsichtbare Verbindung zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Natur, denn Intellekt, Wille, Vorstellung und Gefühle sind unsichtbar, und als unsichtbare Gestaltungselemente strukturieren sie die Verhältnisse der „äußeren Natur". Die pietistische Auffassung des Leibes als Hütte der Seele, bis dieser in seiner Vergänglichkeit aufgelöst wird, drückt das Verhältnis zwischen sichtbaren Dingen und unsichtbarer Gestalt aus.110 Auf dieses Verhältnis des Unsichtbaren als Gestaltungsprinzip der Natur gehen wir im Kapitel über die „Puppenkomödie der Mechaniker" noch ein. Dieses Verhältnis von Gott - Natur Mensch ist auch die Grundorientierung, auf die Stahl seine Theoria medica vera bezieht. Die Suche nach der Wahrheit, die die äußere und innere Natur auch nach den Kriterien der scientia nova in einen Zusammenhang bringen soll, folgt einem anderen Muster als dem der linearen, objektivierenden Naturwissenschaft der Aufklä108 109 110

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Heinrich Bomkamm, Das Jahrhundert der Reformation. Göttingen 1966, S. 172. John A. T. Robinson, The Body. A Study in Pauline Theology. London 1952, S. 21. Die Naturdeutung als Einheit von „Innen" (Seele) und „Außen" (Natur) ist in der Forschung zum 18. Jahrhundert nicht berücksichtigt worden. Die medizinischen Werke von Christian Friedrich Richter, Johann Samuel Carl u.a. machen auf die Bedeutung dieser Sichtweise aufmerksam. Zur „Leibes=Hütte" siehe: Johann Samuel Carl, Zeugnüsse von Medicina Morali in einigen aus Physicalischen und Moralischen vermengten Betrachtungen geflossenen Vorstellungen [...]. Büdingen 1726, S. 16. „Gewiß, der liebe Gott hat den menschlichen Geist in eine materialische Leibs=Hütte gesetzet". Siehe dazu: Christian Friedrich Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen, S. 5, 482; Johann Christoph Goetz, Die Erhaltung unserer zerbrechlichen Leibes=Hütte, in: Patriotischer Medicus 14 (1724-1727).

rung. Ihre Logik ist kreisend, führt Außen und Innen, Leib und Seele, Verstand und Gefühl zueinander.111 Warum ist es gerade die Theorie Georg Ernst Stahls, die eine Erneuerung des Wissens verheißt? Seine Schriften durchzieht die Betonung der Wahrheit wie ein Leitmotiv, begleitet von einer intensiven Kritik an den Ergebnissen der „modernen" Medizin seiner Zeitgenossen. Durch die Ausarbeitung seiner Theorie schafft Stahl eine neue Grundlage für die Medizin, und die Rezeption seiner Lehre zeigt, daß sie auch als Erneuerung aufgefaßt wurde. Im folgenden wird dies begründet. Festzuhalten ist zunächst, daß die Instaurado der pietistischen Reformbewegung, für die Stahls Medizin zentrale Bedeutung gewinnt, die Gratwanderung zwischen religiöser Weltanschauung und Naturwissenschaft anders zu bewältigen sucht als die Aufklärung. Auch die Instaurado will „neues" und „nützliches" Wissen verfügbar machen. Der Unterschied liegt in den Inhalten und in der Interpretation der Natur. Nicht zufällig beruht die Erneuerung des Wissens durch die Theorie Stahls auf dem Prinzip der Einheit von Körper und Seele.

2. Der Pharos der Halleschen Universität Wir wir bereits gesehen haben, unterscheidet sich der frühe Pietismus nicht allzu sehr von anderen radikalen Erweckungsbewegungen. Im Mittelpunkt unserer Überlegungen soll nun die Erneuerung des Wissens in Halle stehen. Als der lutherische Pietismus unter der Führung Speners und Franckes durch die Neugründung der Universität Halle an Einfluß gewann, sah er sich mit der herrschenden Orthodoxie konfrontiert: seine Ideale wurden auf die Probe gestellt. Dabei wurde etwas augenscheinlich, was Francke als „gegen den Riß stehen" bezeichnete: die Träger der pietistischen Erneuerung kämpften für Frömmigkeit und Erweckung und gegen etablierte Formen des Gelehrtentums, insbesondere gegen die Bevormundung seitens orthodoxer Theologen. Wahrer Glaube und gelehrtes Wissen waren nicht identisch. Francke selbst hob in der Schilderung seines Bekehrungserlebnisses hervor, daß sein langjähriges Studium der Theologie, seine Kenntnis verschiedener Sprachen, seine Vertrautheit mit theologischen Diskussionen keinen lebendigen Glauben erwecken konnten." 2 Die Biographien der Separatisten, deren Ideenvor111

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Der Kreis als Gestaltungsprinzip des Daseins und der Geschichte im Gegensatz zum Fortschritt (lineares Fortschreiten) ist bei Jacob Böhme, Johann Conrad Dippel, Johann Samuel Carl mehrfach zu belegen. Siehe dazu Kapitel IV, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur. In seiner Analyse des Bekehrungserlebnisses Franckes hebt Friedrich de Boor eine Verbindung zu der Mystik (S. 133ff.) und den empfundenen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Frömmigkeit (S. 137) hervor. Siehe: Friedrich de Boor, Erfahrung gegen Vernunft. Das Bekehrungserlebnis August Hermann Franckes als Grundlage für den Kampf des Halleschen Pietismus gegen die Aufklärung, in: Heinrich Bomkamm u.a. (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975, S. 120-138.

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Stellungen auch Gottfried Arnold vertrat, der seine Professur in Gießen niederlegte, oder die Johann Conrad Dippels, der zeitlebens gegen das Gelehrtentum wetterte, und anderer Radikaler, zeugen von der Polemik gegen die herkömmliche Gelehrtenkairiere und das Gelehrtenwissen, wobei das verwendete Vokabular nicht gerade zimperlich ausfällt. Aber „Kampfstil" und tiefes Wissen schließen sich bei den Radikalen nicht aus. Die Diktion, ihre Belesenheit, ihre Fähigkeit, sämtliche Gebiete des Wissens zu überschauen, ist intellektuell sehr bestechend. Wer keine langweilige Gelehrsamkeit lesen und dennoch die Probleme der Theologie, der Philosophie und der Wissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert erfassen will, kann diese in solchen Schriften, in polemischer Zuspitzung dargestellt, finden. Somit stellt sich das Problem der Erneuerung des Wissens im Pietismus ganz anders dar, als es das historische Klischee will, welches lautet, daß fromme Seelen „nicht immer in hellen, großen Köpfen wohnen".113 Dieses Diktum gehört zur Propaganda der Spätaufklärung, das von den Gegnern des Pietismus begierig aufgegriffen wurde. Der vermeintliche Antiintellektualismus einer scheinbar „stummen und dummen" Frömmigkeit machte nicht blind: fast alle führenden Köpfe der Pietisten in Halle waren theologiebeflissen, sprachgewandt, und gelehrt. Sie wußten, was sie nicht wollten. Nun ging es darum, die Fundamente für ihre Art der Wahrheitsfindung zu legen. Nicht zufällig ist bei Christian Weisbach die Wendung zu lesen, „das Licht vom neuen Pharos [Leuchtturm] der Halleschen Universität".114 An der neugegründeten Universität in Halle konnte möglicherweise etwas realisiert werden, das in den deutschen Territorien nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges noch nicht faßbar war:115 eine Instauration des Wissens, ein Ort der Gelehrsamkeit, an dem nicht das Elitewesen des säkularisierten Humanismus Fuß fassen würde, mit seinen - aus radikal-protestantischer Sicht luftleeren Disputationes, sondern ein Ort der Wahrheit, ohne Zierat, und ohne

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Mit dieser Aussage diskreditierte Johann Friedrich Blumenbach 1785 die ärztlich-pietistischen Nachfolger Stahls. Die Wahrheit über den Zusammenhang Stahls mit den radikalen Pietisten (er nennt Kundmann und Carl) erkannte Blumenbach wohl, aber er wollte von vornherein jede „Mystik" disqualifizieren: „so waren auch wirklich unter den eigentlichen Stahlianem viel am Geiste dürftige, eingeschränkte Menschen, die ihres Lehrers hohen Sinn durchaus nicht fassen konnten, sich aber dafür treulich an den Buchstaben seines Gesetzes hielten, und im Dunkel desselben noch wer weiß was heilig-mystisches zu finden meynten". Damit kehrt Blumenbach den ganzen Sinn der radikalen Wahrheitsfindung um, die ja gegen den „Buchstaben" und Gesetzesdogmatismus ausgerichtet war! Johann Friedrich Blumenbach, Stahl, in: Medicinische Bibliothek. Bd. II, 2. Stück. Göttingen 1785, S. 397. Christian Weisbach, Wahrhaffte und gründliche Cur aller dem menschlichen Leibe zustossenden Kranckheiten, nach der verniinfftigen [...] Methode der Natur sammt einen physicomoralischen Vorbericht von dem menschlichen Leibe und der darin wirckenden Seele [...]. Straßburg 1712, S. 2. Hartmut Lehmann thematisiert die Dialektik von Angst und Erneuerung im internationalen Bezug für die Frühe Neuzeit in seinem Buch: Das Zeitalter des Absolutismus. Gottesgnadentum und Kriegsnot. Stuttgart 1980.

Selbstbeweihräucherung auf der alten Erfahrungslehre gegründet, die schon einmal mit dem Buch der Natur gegen die Scholastik angetreten war. Die Hoffnung auf bessere Zeiten im radikalen Protestantismus richtet sich nicht ausschließlich auf Ereignisse im Diesseits: die Endzeit allein ist die Zeit der Vollendung, und diese wird sich in einer Dimension vollziehen, die keine zeitliche mehr ist.116 Die erste Zeit des Christentums war aus dieser Sicht ein Zustand annähernder Vollendung, dessen Verfall immer augenscheinlicher wurde. Die Generation der Lebenden muß gegen den Zorn Gottes antreten und ist deshalb verpflichtet, eine Erneuerung, eine Reformation herzustellen. Bei Spener, Gottfried Arnold, Francke und vielen anderen, auch in den Schriften der radikalen Protestanten in England, finden sich zahlreiche Hinweise auf den Zorn Gottes, auf die Verpflichtung, „gegen den Riß zu stehen"117 und die notwendige gegenwärtige Reformation in Angriff zu nehmen. Die Erneuerung ist für das radikale Christentum eine fundamentale Verpflichtung, und sie vollzieht sich angesichts der radikalen Zumutung, daß jede neue Generation kurz vor dem Millennium steht. Die Erneuerung ihrer Zeit führt zur Erfüllung der Prophezeiung Daniels (12; 4): „Und du, Daniel, verbirg diese Worte, und versiegle diese Schrift bis auf die letzte Zeit; so werden viele darüberkommen, und großen Verstand finden." 1 ' 8 Die Zeichen der Endzeit sind Ermutigung für den verfolgten „kleinen Hauffen" der wahren Christen. Ihnen untersteht nun die Aufgabe, das Wissen zu erneuern, oder, wie es Johann Samuel Carl ausdrückt: ob die künfftige Zeiten immer mehr das Fremde/Falsche/Unnütze erkennen/abthun/und das Wahre/Gute/Reine in diesem Stück/wie in allen/in Zeiten erwählen/mithin die noch ungebildete Gemüther dahinein führen/und also zum Kern und Mark immer faßlicher machen werden. GOTT gebe Augen und Herzen/Verstand und Willen/solche Paedagogias zu suchen und zu üben! 1 1 '

Diese Suche nach dem „Kern und Mark", nach der Unterscheidung von falsch und wahr in jeder Wissenschaft (Carls Worte beziehen sich auf die Erneuerung in der Medizin) ist ein grundlegendes Anliegen radikal-protestantischer Erneuerung. Diese steht im Wettlauf mit der Endzeit, im Kampf gegen die Welt, denn der „kleine Hauffen", 120 sprich die wahren Christen, steht allein für die Kontinuität des Frühchristentums, für die Erneuerung und gegen den Verfall. Aus dieser Perspek116

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Die dem „Fortschritt" geradezu entgegengesetzte Auffassung von Geschichte, eben eine des Verfalls, und eine Zeitauffassung, die in Kategorien wie „Vollendung" oder Chiliasmus weiterdenkt, wird in den Ansichten des einflußreichen Radikal-Pietisten Gottfried Arnold deutlich. Siehe: Erich Seeberg, Gottfried Arnold, die Wissenschaft und die Mystik seiner Zeit. Meerane 1923, S. 327ff.; Spener und die Verfallsidee, S. 334. Carl Hinrichs, Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiössoziale Reformbewegung. Göttingen 1971, S. 2ff. bzw. „Gegen den Riß stehen", S. 17. Charles Webster, The Great Instauration. Science, Medicine and Reform 1616-1660. London 1975, S. 18. Johann Samuel Carl, Zeugnüsse von Medicina Morali. Büdingen 1726, S. 6. Carl Hinrichs, Preußentum, S. 9.

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tive des endzeitlichen Radikalismus, die sich durch die Zeitläufe zieht, erfüllte der frühe Pietismus seine neue Universität mit Leben. Nicht die pädagogischen Anstalten alleine, sondern die Universität Halle selbst sollte der Ort der Erneuerung des Wissens sein. Die Auspizien waren gut: am Anfang war fast die gesamte Universität dem Pietismus gegenüber aufgeschlossen.121 Hier muß der gegen die Orthodoxie gerichtete Radikalismus des frühen Pietismus verdeutlicht werden, weil nur dadurch die Eigenart der Instaurado in Halle völlig verständlich wird. In Franckes Predigt gegen die „falschen Propheten"122 wird der Bruch mit dem herkömmlichen Gelehrtentum vollzogen, zugleich wird hier der Typ des Gelehrten beschrieben, der künftig in Halle seinen Wirkungsraum entfalten soll. Jener „neue" Gelehrte verzichtet als erstes auf jeden Zierat. Mit dieser Forderung greift Francke - und er steht hier nur als ein Beispiel - die Rhetorik an, jenes Argumentationsmittel, jene hochangesehene Stilkunst des Barock, die den Gelehrten zum Rezipienten der Philologie und des Buchwissens des Humanismus machte.123 Auch die Kunstpredigt und die Vermittlung des Wissens über Kompendien werden rückhaltlos kritisiert.124 Es soll Platz geschaffen werden für eine Überprüfung der Kenntnisse, der Antike wie der Moderne, die aus der Erfahrung heraus auf ihre Wahrheit hin untersucht werden. Damit bindet sich der „neue" Gelehrte in Halle an die Instauration, was bedeutet, daß alles Herkömmliche überprüft, und das eigene „wiedergeborene" Denken begründet werden muß.125 Christian Thomasius, in den Gründungsjahren der Hallenser Universität pietistisch gesinnt,126 ging diesen Weg der Hinterfragung von Sprache und Pädagogik, der kritischen Rezension von Büchern (wie etwa in den Monatsgesprächen), der Ablehnung der Hexenverfolgung und der Kritik an der Philosophie von Descartes. Stahl bezog ebenfalls die Position des „neuen" Gelehrten in seiner Ablehnung der 121 122 123

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Ebd., S. 26ff. Siehe unten, S. 91. Klaus Dockhom, Macht und Wirkung der Rhetorik. Vier Ansätze zur Ideengeschichte der Vormoderne. Berlin 1968; Joachim Dyck, Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik und rhetorische Tradition. Berlin 1966. Diese Ansicht wird fast zu einem „Topos" bei Stahl, Carl, Francke und auch bei Thomasius. Bei Stahl findet sich diese Meinung in knappster Form, wenn er in der Vorrede zur Theoria medica vera Plutarchs Traktat über die berühmten Rhetoriker anführt, weil darin erzählt wird, wie die Corinther schwerwiegende Krankheiten mit bloßer Rede heilen. Stahl schreibt: „id est, quod proverbium habet, verba nobis dentur" („das ist, wie es sprichwörtlich heißt, nichts als Worte geben"). Bei der Kritik an Johann Juncker für seine „schwärmerischen und separatistischen Ansichten" heißt es: „Die Prediger, fleischliche und unwiedergebohrene Leute, können niemanden bekehren, weil ihre Predigten kein Wort Gottes seien; die Wiedergeborenen kennen einander, wenn sie sich auch nicht gesehen haben; Christus habe die Menschen von Menschensatzungen, symbolischen Büchern, Kirchenordnungen und Stiftsfundationen freigemacht." Siehe: Wilhelm Irmer, Geschichte des Pietismus in der Grafschaft Waldeck. Greifswald 1912, S. 64. Harald Herrmann, Das Verhältnis von Recht und pietistischer Theologie bei Christian Thomasius. Kiel 1971.

Rhetorik, seiner Hinwendung zum medizinischen Wissen der Antike, das er teilweise nützlicher findet als das der Moderne, und seiner Kritik an der Moderne selbst, an deren mechanischem Modell der Medizin. Dieses Profil des „neuen" Gelehrten finden wir etwa bei Samuel Stryck, einem Juristen, oder bei Johann Buddeus, der Professor der Moralphilosophie und später der Theologie war. Selbst Friedrich Hoffmann und Christian Wolff, deren Interesse an der mechanischen Medizin und der neuen Philosophie unverkennbar war, suchten nach „neuen" Antworten, wobei Hoffmann und Wolff jedoch dem Ideengut der Aufklärung folgten. Der Bruch mit den akademischen Traditionen, den Francke zu verwirklichen sucht, steht unter dem Leitgedanken „die Wahrheit ist einfach". Um dies zu verdeutlichen, sei ein Zitat von Jan Amos Comenius (1592-1670) angeführt, der der letzte Bischof der Brüdergemeinde, tschechischer Theologe, Pansoph und Pädagoge war. Wie Jacob Böhme gehörte auch Comenius zu den einflußreichsten Gestalten des internationalen Radikalprotestantismus.127 Der Brüderunität in Mähren angehörend, mußte er nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) zuerst in den protestantischen Untergrund und dann ins Exil gehen. Seine Wirkung erstreckte sich über den ganzen protestantischen Norden: England, Holland, Skandinavien und Deutschland. Über sein Alterswerk, das eine Zusammenfassung aller seiner Bestrebungen gibt, heißt es bündig: es ist auf jeden Fall ein bewegendes Zeugnis für die unermüdlichen Anstrengungen des Comenius, Theologie, Wissenschaft und Politik, mit einer .pädagogischen Theologie' [...], im Zentrum, und in pansophisch-chiliastischer Perspektive auf die Weltverbesserung im Sinne der Schöpfung Gottes hin wirksam zu verbinden. 128

Die Zielsetzung einer universalen Reform, die sich auf die Erneuerung von Theologie, Wissenschaft und Politik ausrichtet, wird besonders im folgenden Zitat deutlich: In der Wirklichkeit steht die Einheit der Vielheit, dem Einfachen das Zusammengesetzte, dem Freiwilligen [spontaneitas] dem Gezwungenen gegenüber. Es ist nun unsere Aufgabe zum Anfang zurückzukehren, von dem wir abgeirrt sind, von der Vielheit zur Einheit, von der Verworrenheit zur Einfachheit, von der Gewalt zur Freiwilligkeit. Das ist der wahrhaft königliche Weg, der von denen, die eine Verbesserung der Dinge suchen, noch nicht bestritten worden ist. 129

Zum Anfang zurückzukehren und dabei den Weg der Erneuerung des Wissens zu beschreiten - eine bessere Definition der Instaurado, denn Ziele einer intellektuel127 128

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Charles Webster, The Great Instauration, S. 25-27, 48-51, 108-114. Hans Scheuerl/Henning Schröer, Art. Johann Amos Comenius', in: Theologische Realenzyklopädie V m (1981), S. 162-169, hier S. 164. Die Übersetzung stammt von Erhard Peschke, der aber auch das lateinische Original anführt: Erhard Peschke, Bekehrung und Reform. Ansatz und Wurzeln der Theologie August Hermann Franckes. Bielefeld 1977, S. 129.

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len Erneuerung gibt es kaum. Damit ist der „königliche Weg" beschrieben: von der Verworrenheit zur Einfachheit. Auch das Ziel steht klar vor Augen: eine „Verbesserung der Dinge" zu suchen.130 Aus diesem utopischen Blickwinkel in Comenius' Schriften gilt es, den im pietistischen Schrifttum gewissermaßen leitmotivisch wiederkehrenden Satz zu entschlüsseln: „Die Wahrheit ist einfach". Die erfahrbare Wirklichkeit ermöglicht ein Erneuerungsprogramm, in dem die Gelehrsamkeit des späten Humanismus und seine Rhetorik auf das Einfache, und damit das Wahre zurückgeführt werden kann. Mit der Einheit ist die im radikalen Nonkonformismus avisierte Utopie der Vereinigung der verstreuten Brüder und Inspirierten gemeint, wie es insbesondere auch Dippel und Carl vorschwebte. Die Spontaneitas, das Freiwillige, setzt Comenius gegen Gewalt - und hier wird der große Wunsch nach Verfolgungsfreiheit und politisch-religiöser Demokratie ausgesprochen, der ebenfalls von Johann Juncker, Michael Alberti, Dippel und Carl vertreten wird. Der Hallenser Pietismus hatte zu Comenius' Gedankenwelt einen unmittelbaren Bezug. Francke, von Comenius tief beeindruckt, ließ dessen Manuskripte in Halle sammeln, eine Gesamtausgabe seiner Schriften war 1702 geplant.131 Sein großes Alterswerk, die pansophische Schrift De rerum humanorum emendatione Consultano Catholica, war in der Bibliothek des Waisenhauses zugänglich, dort wurde sie 1935 - bis dahin galt sie als verschollen - wiederentdeckt.132 Francke hat sich häufig auf Comenius bezogen.133 Aber nicht nur Francke ließ sich durch die Reformziele Comenius' beeinflussen. Es gibt vielmehr weitere Anzeichen dafür, wie wichtig die Vermittlung der Ideen von Comenius an der Universität Halle war. In einer Streitschrift von 1729 wird Johann Franz Buddeus (1667-1729), Professor für Moralphilosophie und ab 1704 für Theologie, zunächst beschuldigt, 1701 „den Wiedertäufern, den Quäkern, den Weigelianern" das Wort geredet zu haben und dann wegen seiner Herausgabe von Comenius' Geschichte der Böhmischen Brüder abgekanzelt: Im Jahr 1702 liess Buddeus des Johann Amos Comenii (eines Mannes, der zu nichts nütze gewesen, als für die Incipienten in der lateinischen Sprache einen orbem pictum zu schreiben) Historiam fractum Bohemerum zu Halle im Waisenhause, in welchem so viele schändliche Schwarm-Bücher herausgekommen, auflegen. 134

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Ebd., „Comenius kennt nur einen Weg, der zur wahren Verbesserung und Harmonie aller menschlichen Dinge führt. Es ist der Weg der Einheit, Einfachheit und Freiwilligkeit". Peschke, Bekehrung und Reform, S. 115; Carl Hinrichs, Preußentum, S. 47. Scheurel/Schröer, Johann Amos Comenius, S. 164. Peschke, Bekehrung und Reform, S. 132ff. Peschke übersieht m.E. den Wirkungscharakter der Ideen von Comenius, die den reforminteressierten Francke wohl beflügelt und inspiriert haben. Die tabellarisch exakte Differenzierung der Ansichten von Comenius und Francke bei Peschke trifft ihr Verhältnis nicht. Dieser Angriff auf die radikalprotestantische Förderung der Schriften von Comenius durch Buddeus ist einer anonymen Schrift von 1729 entnommen, die wiederum einem Streit um die

Buddeus wird zusätzlich dafür getadelt, daß er seinen Unterricht auf Deutsch abhielt und Schulen für arme Kinder verteidigte.135 Die Stoßrichtung der Anklage gegen Buddeus ist klar. Sie enthält Punkte, die das Emeuerungsprogramm als Werk der Erweckten verdächtig machte: die Hinwendung zur Brüdergemeinde und zu den ihnen verbundenen, verfolgten Christen; das Verfügbarmachen von Gelehrtenwissen „für alle" in deutscher Sprache und seine pädagogischen Ziele. Buddeus ist meines Erachtens nicht so gemäßigt gewesen,136 wie die Kirchengeschichte ihn darstellt.137 August Spangenberg war sein Mitarbeiter,138 und die Anschuldigungen beziehen sich auf die Jahre, in denen der Pietismus in Halle weiterhin angegriffen wurde, was als Zeichen für Radikalismus zu werten ist. Das zweite Zeugnis über die Bedeutung und die Vertrautheit mit den Ideen von Comenius kommt von Johann Samuel Carl. In seiner Schrift De paedagogia cordis, trotz des lateinischen Titels in bester pietistischer Manier für „alle" auf Deutsch geschrieben, nennt Carl Comenius einen der „Physiker" (gemeint ist Naturlehrer), welche „es gemeistert haben", anderes zu unterrichten als die „neue" Physik und die mechanistische Lehre der Natur.139 Das Interesse an Comenius bezeugt einerseits den pädagogischen Reformwillen in Richtung „Einfachheit", zum anderen macht die Bezugnahme Carls klar, daß Comenius auch für die Naturdeutung im Sinne der Instauratio vorbildlich war. Ein Naturlehrer, der nicht „mechanisch" unterrichtet, sondern die Seele mit der Natur in Verbindung bringt, fördert die gemeinsamen Ziele. In der Schrift De paedagogia cordis zählt Carl diese Ziele auf: Es soll niemand darauf hinarbeiten, „alles zu naturalisieren und Gott auszumustern", weil damit die Einheit von „Innen" und „Außen", von Unsichtbarem und Sichtbarem verloren ginge. Die Erkenntnis der Natur verlange die Beibehaltung des Verhältnisses Kern und Schale, denn nur so sei die sinnliche Wahrnehmung mit „der Geschöpffen Wesenheit" zu verbinden. Das antimechanistische und antidualistische Konzept der theosophischen Naturlehre beschreibt Carl folgendermaßen: Statt daß man den Schöpfer/Beweger/in seinem Ursprung und Endzweck durch die grosse äussere Buchstaben seiner Gültigkeits- und Zorn-Bewürckungen in der äusseren Natur betasten

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Zugehörigkeit zum Pietismus der Jenenser Theologischen Fakultät, deren Mitglied zu dieser Zeit Buddeus war, entnommen ist. Sie ist aus einem Manuskript abgedruckt in: Johann Christoph Wilhelm Augusti, Beyträge zur Geschichte und Statistik der evangelischen Kirche. Leipzig 1837, S. 203. Die Vorgeschichte zu dem Streit um 1729 ebd., S. 195ff. Ebd., S. 209. Dies bezeugt vor allem Augusti in seinem Kapitel: „Der Pietismus in Jena in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts", S. 163-231. Eberhard Pältz, Art. Johann Franz Buddeus', in: Theologische Realenzyklopädie VII (1981), S. 316-317. Siehe dortiges Literaturverzeichnis. Max Steinmetz, Geschichte der Universität Jena 1548/58-1958. 2 Bde. Jena 1958-1962, hier Bd. 1 (1962), S. 195ff. zu Spangenbergs und Buddeus' Verhältnis zum radikaleren Element im Pietismus. Johann Samuel Carl, Vorstellung vom Decorum Medici [...] Zweyte Auflage vermehret mit einer Zugabe [...] de Paedagogia Cordis [...]. Büdingen 1723, S. 19.

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solte/arbeiten die Lehrer alles zu naturalisieren und Gott auszumustem/daß also ihre kleinste Schüler mit ihnen keinen Geschmack und Gesicht an und in die Schale und Kem der Geschöpffen Wesenheit können nehmen/um also aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare übergeleitet zu werden. 140

Kehren wir nun zu den Anfängen in Halle und zu unserem Thema „die Wahrheit ist einfach" zurück, zu dem „königlichen Wege" der Instauration, Wissen für „alle" zu ermöglichen. In den Jahren des ausgehenden 17. Jahrhunderts war der Pietismus hallescher Prägung noch keinesfalls etabliert. Noch gab es den großen Gebäudekomplex des Waisenhauses nicht. 1692 wurde August Hermann Francke als Pfarrer nach Glaucha, vor den Toren Halles berufen, in eine Gemeinde, von der der Chronist Dreyhaupt folgendes vermeldet: eine Gemeinde, davon ein grosser, wo nicht der mehreste Teil, aus grundbösen Menschen bestünde; ganz Glaucha war mit Schenkhäusern erfüllet, darinnen täglich die grossesten Bosheiten und Ueppigkeiten ohne Scheu getrieben wurden. 141

An solchem Orte nun versuchte Francke, sein Programm eines „thätigen Christentums" zu verwirklichen. Aber er war nicht irgend jemand, sondern das bekannte Mitglied einer Bewegung, die schon in Erfurt, Gießen und anderenorts eine Erneuerung des Luthertums in die Wege geleitet hatte. Der orthodoxe Flügel der Lutherischen Kirche hatte ihn aus diesen Orten vertrieben, nicht deswegen, weil Francke ein schlechter Theologe gewesen wäre, anstößig war vielmehr sein Anteil an der pietistischen Reformbewegung und deren Fähigkeit, auch breite Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Franckes Wirken führte auch in Glaucha zur Provokation, und zwar, in bester Kirchentradition, durch seine Predigten. Der Chronist Dreyhaupt benennt die Widerhaken, die im Fleisch der Orthodoxie Halles steckenblieben: die Predigten und die „Conventícula". Denn sobald der Prof. Francke die Cantzel betreten hatte, kam die gantze Stadt in Bewegung, und lieff zu, ihn zu hören; sowohl vornehme als gemeine Leute erkaufften und baueten sich Kirchenstühle in der Glauchischen- und Schul-Kirchen, hergegen die Stadt-Kirchen wurden leer [...] zumahlen ausser dem ordentlichen Gottesdienste in denen Kirchen noch andere Privat· Versammlungen mit grossem Zulauff der Zuhörer veranlasset worden. Hierzu kam, daß viele von denen Zuhörern und Studios Theologiae zu weit giengen, eigenmächtiger Weise Conventícula unternahmen, Handwecksleute, Weibs-Personen und andere ungelehrte zu proponieren und die heil. Schrifft auszulegen sich unterstunden. 142

Der gemäßigte, wahrscheinlich auch ordnungsliebende Dreyhaupt mißbilligt das „Eigenmächtige" und die Radikalität religiöser Demokratisierung: sogar Weibs140 141

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Ebd. Johann Christoph von Dreyhaupt, Ausführliche diplomatisch-historische [...] Saal-Kreyses. II. Theil. Halle 1750, S. 41. Ebd.

Beschreibung

des

Personen und andere Ungelehrte legen die Heilige Schrift aus. Gerade diese Beteiligung der Machtlosen und Unterprivilegierten aber zeigt, worin die soziale Sprengkraft des noch nicht institutionalisierten Pietismus lag. Doch auch der frühe Pietismus ging nicht so weit, ganz auf Prediger zu verzichten, wie es bei anderen radikalen Sekten der Fall war.143 Als die orthodoxen Theologen aus Halle Francke angriffen, beschuldigten sie ihn und seine Anhänger dennoch, „Schwärmer, Phantasten, Träumer, Inspiranten, Scheinheilige [und] Sonderlinge" zu sein.144 Es ist dies der Versuch, die Bewegung ins soziale Abseits zu rücken. Francke seinerseits nutzte seine Stellung, um sich von der Kanzel herab gegen die Orthodoxie zu wehren. Er kehrte den Spieß um und predigte gegen die etablierten Protestanten - als „falsche Propheten"! Der Streit um den Pietismus begann in Halle 1692, als Francke nach Glaucha kam. Sechs Jahre später, 1698, schwelte er immer noch, als Francke am 8. Sonntag nach Trinitatis seine Predigt über die falschen Propheten hielt.145 Leitfaden in Franckes Predigt war das Bibelwort von den Wölfen im Schafspelz, ein Motiv, das häufig in der Kritik der Sekten an der Amtskirche vorkommt.146 Diese Predigt ist deswegen so aufschlußreich, weil sie einsichtig macht, wogegen sich die Reform im intellektuellen Bereich wandte: nicht gegen Erkenntnisse oder Wissen als solche, sondern gegen deren „Verfälschung" durch unnütze Gelehrsamkeit, also durch jene Art von Wissen, die mehr Wert auf Worte legt als auf Handlungen. Ein solches Wissen, das folgenlos bleibt, verhindert die Wahrheit. Zu viele Worte und zu wenig wahre Erkenntnis - dadurch kann man, pietistisch gedacht, nicht zu einem neuen Menschen werden; das wichtigste ist, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Das „Falsche" kleidet sich - dies ist ein Motiv pietistischer Kritik - in das wallende Ornat der Beredsamkeit. Der „Schafspelz" ist das äußere Erscheinungsbild,147 das die Gemeinde in Sicherheit zu wiegen vermag, ist die Rechtgläubigkeit der Orthodoxie, die nicht die innere Kraft des Wortes vermittelt, ist die äußerliche Zurschaustellung von Autorität, die sich in dogmatischer Theologie erschöpft, ist äußerlicher Schmuck mit dem Wort Gottes, ist äußerlich ehrbares Leben und das Vertrauen auf theologische Klugheit. Im Innern des Schafspelzes aber verbirgt sich das Wolfsherz. Dieses symbolisiert eine Gesinnung, in der das angesehene Amt nicht aus der Liebe zu den Seelen der Menschen heraus ausgeübt wird, und der kein Irrweg der Meinungen oder Herzen einen Anlaß bietet, der Gemeinde Besinnung und Buße nahezubringen. Eine der zentralen Stellen der Predigt Franckes, die auch

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Zur antiklerikalen Haltung radikaler Protestanten siehe: Christopher Hill, The World Turned Upside Down. Harmondsworth 1982 [Reprint der Ausgabe Harmondsworth 1972], S. 102ff. Dreyhaupt, Beschreibung des [...] Saal=Kreyses, S. 41. Ebd. Hans Schneider, ,Die rechte Gestalt der Wölffe in der Kirche'. Herkunft und Geschichte eines Beitrags in der .Freiwilligen Nachlese' in: Unitas Fratrum 1 (1978), S. 74-110. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Predigt Franckes, die Dreyhaupt referiert: ders., Beschreibung des [...] Saal=Kreyses, S. 41ff.

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Dreyhaupt wiedergibt, kritisiert die Kunstpredigt selbst. Sogar ein Prediger kann zum Wolf im Schafspelz werden: Bey der Lehre komme es auf einen rechten einfaltigen und erbaulichen Vortrag an, der gleichen man in denen nach der sogenannten Prediger-Kunst eingerichteten Predigten nicht antreffe; nach welcher man den Text künstlich eintheile, die Teile mit Philosophischen und Lateinischen Terminis benenne, alle Wörter abzirkle und abmesse, allerhand Controversen vorbringe, bald diesen, bald jenen Scribenten anführe, und damit auch was angenehmes zu hören sey, allerhand feine Historien erzehle, Sinnbilder, Emblemata und Symbola vorstelle. Den Weg zum Himmel mache man breit [...]. 148

Der Pfad der Erneuerungen hingegen erweist sich als schmal. In dem Ziel, „die Seelen der Menschen zu erreichen", liegt eine Provokation, die sich gegen die Bequemlichkeit der Konvention richtet. August Hermann Francke verlangt nicht wenig: Es geht ihm darum, auf prunkvolle Machtentfaltung und ihre Symbole zu verzichten und die festgefügte Ordnung der Amtskirche zu hinterfragen. Die „falschen Propheten" bilden den „großen Hauffen" der gut versorgten und selbstzufriedenen Amtsinhaber. Franckes Abrechnung mit den Predigergewohnheiten seiner Zeit, mit dem Gelehrtenzierat, der Gelehrsamkeit, die sich in Kontroversen und philosophischen Diskussionen spreize, dem Ornatus der wohlfeilen Redekunst (Sinnbilder, Emblemata, Symbole), dem delectare an vergnüglichen Anekdoten und dem „Abzirkeln und Abmessen" der Worte zielte nicht nur auf den Kanzelredner. In dieser Kritik wird auch sehr genau der neue weltzugewandte „aufstrebende" Bürger beschrieben und getroffen, wie er in den Verhaltensbüchem jener Zeit ausführlich charakterisiert ist.149 Auf die Brieffibeln, die Rhetorikbücher und die vielen anderen Anleitungen zum adretten Verhalten und standesgemäßen Auftreten wollen wir hier nicht eingehen, denn uns interessiert nicht der „breite Weg zum Himmel", sondern der schmale Weg der deutschen Puritaner, sei es in ihrer radikalen Ausprägung oder in ihrer mehr gemäßigten Richtung wie in Halle.

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Ebd., S. 42. Siehe zur „beginnenden bürgerlichen Emanzipation": Hinrichs, Preußentum, S. 354ff.; Die Tendenz zum „Weltgewandten" zeigt sich in der zeitgenössischen Bücherproduktion, z.B. Christian Thomasius, Kurtier Entwurff der politischen Klugheit sich selbst und anderen in allen menschlichen Gesellschaften wohl zurathen und zu einer bescheidenen Conduite zu gelangen. Frankfurt 1707; Julius Bernhardt von Rohr, Einleitung zu der Klugheit zu leben. Oder Anweisung, Wie ein Mensch zur Förderung seiner zeitlichen Glückseligkeit seine Actiones vernünftig anstellen soll. Leipzig 1715; Christoph August Heumann, Der Politische Philosophus. Das ist Vernunftsmässige Anweisung zur Klugheit im Gemeinen Leben. Leipzig 1724. Siehe auch: Barbara Zaehle, Knigges Umgang mit Menschen und seine Vorläufer. Ein Beitrag zur Geschichte der Gesellschaftsethik. Heidelberg 1933; Arnold Hirsch, Bürgertum und Barock im deutschen Roman. Eine Untersuchung über die Entstehung des modernen Weltbildes. Frankfurt 1934, S. 72ff.; Wilfried Barner, Barockrhetorik. Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen. Tübingen 1970, S. 138ff.; Gotthardt Frühsorge, Der politische Körper. Zum Begriff des Politischen im 17. Jahrhundert und in den Romanen Christian Weises. Stuttgart 1974; Hans Amo Horn, Christian Weise als Erneuerer des deutschen Gymnasiums im Zeitalter des Barock. Der .Politicus' als Bildungsideal. Weinheim 1966.

„Die Wahrheit ist einfach" - das war nicht eine dahingestreute Floskel, wenn sie in einem Text auftauchte. Dieser Satz ist vielmehr Kernpunkt des Programms zur Erneuerung des Wissens, eben der Instauratio, von der schon die Rede war. Je intensiver die „Einfachheit" mit dem bloßen „Zierat" kontrastiert wird, desto augenfälliger wird ihr Erneuerungsgehalt. Von dem zweiten prominenten Vertreter der religiösen Reform des Pietismus, Philipp Jakob Spener, schreibt sein Biograph: Die Eigenart der Spenerschen Predigtweise, die in einer gründlichen Erklärung des Wortsinnes des Textes und in der bedachtsamen Deduzierung dogmatischer, ethischer und seelsorgerlicher Wahrheiten besteht, die sich von allem rhetorischen Schwulst und gelehrtem Beiwerk freihält und auf das sonst übliche Zitieren von Autoritäten fast ganz verzichtet, die immer aus der Sache zu argumentieren sucht und in oft umständlicher immer aber folgerechter Gedankenführung den Weg von der biblischen Wahrheit zur inneren Erbauung und zum tätigen Leben sucht - diese von der barocken Kunstpredigt der Orthodoxie deutlich unterschiedene, hingegen der Predigt Johann Arndts wie dem Stil der englischen Erbauungsbücher verwandte und deshalb nicht grundlegend neue Predigtstil steht von allem Anfang her fest und hat irgendwann wesendiche Veränderungen erfahren. 150

Johannes Wallmann will die „einfache" Art der Predigt Speners nicht als Kennzeichen pietistischer Eigenart ansehen, denn er macht geltend, daß Spener schon in Straßburg in dieser Schlichtheit gepredigt habe;151 allerdings weist er dann selbst darauf hin, wo Spener seine Vorbilder gefunden haben könnte. Die Kunstpredigt der Orthodoxie wurde schon vor dem lutherischen Pietismus heftig kritisiert, vor allem im radikalen Sektenwesen des englischen Puritanismus. Daß die Wahrheit „einfach" sei, läßt sich auch bei den Radikalen des öfteren nachlesen. Christopher Hill zeigt, daß John Milton, Altphilologe, Gelehrter und neben Shakespeare der anerkannteste englische Dichter, in seiner De doctrina Christiana über die „philosophierenden Akademiker" herzieht.152 „Von seinen ersten Traktaten an", schreibt Hill, „besteht Milton darauf, daß die Grundideen des Christentums einfach und leicht zu verstehen seien".153 Er zitiert Milton: „A plain unlearned man that lives well by that light which he has is better and wiser and edifies others more [...] than a learned hypocrite".154 Hills Nachweis, daß Milton „insgeheim" Anhänger radikaler Ideen war, zeigt an, wie sehr das Thema „Erneuerung des Wissens" nur im Sinne eines umfassenden religiös-politischen Prozesses begriffen werden kann. Die Instauratio galt auch für Nicht- oder Halbgebildete, das Wissen der „Ungelehrten" ist klarer und einsichtiger und erbaut nach Milton andere mehr als das der intellektuellen Heuchler. Der „Ungelehrte", so von Hochgelehrten gepriesen, wird 150

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Johannes Wallmann, Philipp Jakob Spener und die Anfänge des Pietismus. Tübingen 1970, S. 201. Ebd., S. 201 f. Christopher Hill, Milton and the English Revolution. Harmondsworth 1979 [Reprint der Ausgabe Harmondsworth 1978], S. 103. Ebd. Ebd.

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zum wahren Zeugen des richtigen Erkenntnisprozesses. Was dieser nicht erfaßt, was diesem sich nicht öffnet, bleibt Zierde: es ist nicht wahr genug. Dies weicht eigentlich nur wenig von Franckes Meinung ab, eines der Zeichen der „Wölfe in Schafskleidung" sei die prunkvolle Kunstpredigt. In den Konventikeln der Friihzeit des Pietismus war denn auch den Laien freigiebig die Möglichkeit zur Selbstdarstellung gegeben, sie konnten ihre Auslegung der Bibel vortragen, seien sie „Handwercker", „Weibs=Personen" oder andere „Ungelehrte". Hill schreibt, die Nagelprobe des wahren Radikalismus sei die Aufhebung des Unterschieds zwischen den Laien in der Kirche und dem Klerus gewesen.155 So weit ist es in den deutschen Ländern nur bei den radikalen Sekten gekommen; nichtsdestoweniger macht sich auch die pietistische Erneuerungsbewegung Positionen zu eigen, die grundlegende Konflikte mit der Orthodoxie und der „neuen" Gelehrtenwelt heraufbeschwören. Da ist es gewissermaßen einerlei, ob Spener schon sehr früh in Straßburg oder Francke in Halle erst später, in der Auseinandersetzung von 1692, die 1700 schlecht und recht durch Schlichtung beigelegt wird, tradierte Formen des Protests und der Anklage gegen die „falschen Propheten" aufnehmen. Ihre Parole, „die Wahrheit ist einfach", beschreibt ein gesellschaftliches Reformprogramm, eine Präsentation der Wahrheit, die sich ihrem Anspruch nach absetzt von dem bloßen „Abmessen und Abzirkeln" von Worten. In dieser Haltung ist nicht Gelehrtenzierat oder Huldigung des „Ansehens der Person" oder „große Leetür und Collectanea" angezeigt, sondern die „eigenmächtige", „freymütige" Wahrheit. Zedier schreibt in seinem Universal-Lexicon 1744 über Stahl: Er war ein Mann von einem durchdringenden Verstände, der um große Lectur und viele Collectanea sich nicht bekümmerte, liebte kein Ansehen der Person, entdeckte auch großer Aertzte Fehler sehr freymüthig, hielt es in zweifelhafften Sachen größtentheils mit der kleinsten Parthey [...]. 156

Weiter heißt es bei Zedier über Stahl, er sei „einer der größten und berühmtesten deutschen Ärzte, der zugleich als ein Stifter einer besonderen Secte sich überaus bekannt gemacht" gewesen.157 „Sekte" bezieht sich hier auf die medizinische Lehre und die Nachfolger Stahls. Im Wortgebrauch des 18. Jahrhunderts heißt „Sekte" so viel wie „Schule", aber die Bedeutung von „Sekte" im Sinne einer abgesonderten Schule von Gleichgesinnten ist durchaus angebracht, schon alleine deswegen, weil Stahls medizinische Lehre eine geschlossene Theorie voraussetzt. Nicht zufällig benutzt Stahl das Adjektiv „wahr" an prominenter Stelle im Titel seines medizinischen Hauptwerks von 1708, der Theoria medica vera. Dieses Wort „wahr" muß in bezug zu seinem Gegenteil gelesen werden, der implizierten Kritik an anderen

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Ebd. Johann Heinrich Zedier, Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften Künste. Bd. 39. Leipzig und Halle 1744, S. 888. Ebd.

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medizinischen Lehren als „unwahr". Schließlich hat Stahl seine Theorie nicht als „vernünftige" Lehre der Medizin bezeichnet. Die Wortwahl für den Titel eines Buches besaß Signalcharakter. Aus der Titelgebung der Bücher in Verbindung mit ihren Autoren und den darin vertretenen Inhalten läßt sich die Bedeutung des Unterschiedes bei der Wahl von „wahr" und „vernünftig" erkennen. So windet sich Christian Friedrich Richter, Pietist und Anhänger der Stahlianischen Medizin, mit Rechtfertigungen, als er im Jahre 1702 bei der ersten Publikation seiner Apotheke, einer Rezeptensammlung und Anleitung zur Gesundheit, im Titel des Buches das Wort „vernünftig" verwendet. Er schreibt, es tue ihm nachträglich leid, diesen Begriff angewandt zu haben, denn er habe ja „unauffällig" sein wollen.158 Das Wort „vernünftig" verschwindet auch alsbald, und die Apotheke schwillt zu der sehr unfangreichen Höchstnöthigen Erkenntnis des Menschen [...] an, in der die „wahre" Medizin Stahls in die Volkssprache übersetzt wird.159 Christian Friedrich Richter war ein guter Geschäftsmann, hatte auch ein Ohr für den Trend. Da bleibt einem der Begriff „wahr" Stahls doch als bemerkenswert im Sinn. Er widersetzt sich denjenigen Zeitgenossen, deren Welterklärung sich auf die menschliche Vernunft beruft, so wie auf universalumfassende Weise die popularisierenden Bücher Christian Wolffs es tun, in deren Titelgebung das Wort „Vernunft" fast wie die Fahne am Mast hochgehißt wird: 1712 seine Logik, Vernünftige Gedanken von den Kräfften des menschlichen Verstandes, oder 1720, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt, der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, oder, im gleichen Jahr, die Sittenlehre Vernünftige Gedanken von des Menschen Thun und Lassen.m Die Wahl des Wortes „wahr" als Gegenwicht beschwört andere Zusammenhänge, etwa den der „ketzerischen Wahrheit" des Comenius. „All meine Bemühungen", schreibt Stahl weiter, „gehen dahin, den wahren Weg anzuzeigen, den man gehen sollte, um dort hinzukommen, wirkliche Erkenntnisse der Heilmethoden, die wahrhaft der Natur konform und angemessen seien, zu erreichen: der Weg und die Methode, welche die Natur sind".161 Ausgespart bleibt das Wort „vernünftig". Ein Buch, das über fast ein Jahrhundert gelesen und im pietistischen Halle hoch geschätzt wurde, Ratgeber einer „stillen" religiösen Opposition, trägt ebenfalls das Wort „wahr" im Titel: Johann Arndts (1555-1621) Vier Bücher vom wahren Chri-

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AFSt C 285 B l . 24ff., Korrespondenz der Gebrüder Richter, Brief von Christian Friedrich Richter an Canstein vom 23. Mai 1702. Gottlieb Stolle, Anleitung zur Historie der Medizinischen Gelahrheit. Jena 1731, S. 375: „Der erste, so seine [gemeint ist Stahl] principia medicinae theoreticae in teutscher Sprache vorgetragen, ist Fr. Christ. Richter [...]." Zur Popularität der Schriften Christian Wolffs und seinen oben genannten Werken siehe: Walter Schatzberg, Scientific Themes in the Popular Literature and the German Enlightenment 1720-1760. Berne 1973, S. 49-52. Georg Emst Stahl, Œuvres, Bd. ΙΠ, S. 29: französische Übersetzung der Theoria medica vera von T. Blondin, Einleitung. Ins Deutsche übersetzt von Johanna Geyer-Kordesch.

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stentum, (1605-1610). 162 Die Wahrheit, die hier vorgestellt wird, hat das Ziel, der lutherischen Orthodoxie ihre Versäumnisse vorzuhalten. Anders als die orthodoxe Rechtfertigungslehre zielt Arndt auf ein tätiges oder Gefühlschristentum ab. Diese „wahre" Angabe der Charakteristika des „echten" Christentums wendet sich gegen eine Haltung, die in der Disputation der Theologen die Wahrheit des Glaubens herauszudestillieren suchte. Arndt trennt die Erkennungszeichen der „wahren" Gemeinschaft des Glaubens von ihrer rein intellektuellen Anerkennung und verbindet sie mit der christlich frommen Lebensführung. Niemand würde aber seiner Frömmigkeit wegen Johann Arndt die Gelehrsamkeit abstreiten wollen. Es ist vielmehr von Bedeutung, daß die Gelehrsamkeit der Erbauung zu dienen hat. Arndts Wahrheitskriterium ist praktisch und lebensumfassend. Die Relativierung intellektueller Erkenntnis durch das Leben kommt hier stark zum Ausdruck. „Wahr" und „Falsch" finden sich nicht im Argumentationsschema, sondern im Bezug von Erkenntnis und Praxis. In dem folgenden Abschnitt soll die Instauratio spezifisch auf die Medizin bezogen werden. Wir zeigen erstens, wie die Berufung der beiden medizinischen Professoren in Halle mit dem radikalen Pietismus in Quedlinburg zusammenhängt; zweitens, wie sich Hoffmann und Stahl um praktische Anliegen des Pietismus kümmerten, drittens, wie Hoffmann eine Zwischenstellung einnahm, viertens wird Stahls medizinische Theorie inhaltlich in ihrem Erneuerungsanspruch begründet, fünftens zeigen wir, wie Stahls Ideen bestimmte Positionen der Frühaufklärung beeinflußten. In diesem Sinne soll der Pharos (Leuchtturm) der Universität Halle die Durchführung der Ansätze beleuchten, die das Programm „die Wahrheit ist einfach" als breit angelegte Weiterführung enthusiastischer Weltanschauung, mit denen auch Franckes Tätigkeit einherging, verwirklichen sollten.

3. Die Erneuerung der Medizin durch Georg Ernst Stahl Am 11. August 1702 schreibt Christian Friedrich Richter, der an der Krankenbetreuung im Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen maßgeblich beteiligt und ein eifriger Anhänger des Pietismus war, in einem Brief an Karl Hildebrand Baron Canstein, dem Freund Speners und Franckes, nach Berlin: 162

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Zu Johann Arndts Vier Bücher vom wahren Christentum: Wallmann, Philip Jakob Spener, S. 239; ders., Postillenvorrede und Pia Desideria Philipp Jakob Speners. Einige Beobachtungen zu Veranlassung, Verbreitung und Druck der Programmschrift des lutherischen Pietismus, in: Heinrich Bomkamm/Friedrich Heyer/Alfred Schindler (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975, S. 467; zur starken Wirkung des „Wahren Christentums" im Pietismus siehe: Martin Schmidt, Art. .Johann Arndt', in: Theologische Realenzyklopädie IV (1979), S. 128. Schmidt schreibt, Arndt lege Wert auf „ein inklusives Luthertum ökumenischen Charakters [...] mit dem Nachdruck auf der persönlichen Frömmigkeit - im Gegensatz zum dem engen, exklusiven und polemischen Luthertum seiner Gegner mit dem Zentrum der reinen Lehre", S. 126f. Bei Schmidt auch Literaturangaben zu Johann Arndt.

[...] so ist doch gewiß, daß Gott der Herr durch H. Stahlen einen guten Anfang zur künfftigen Reformation in rebus medicis gemacht, deßen wir wol zu genießen, und Gott dafür zu danken haben. 163

Diese „Reformation in rebus medicis" war tatsächlich durch Stahls Verbindung mit den Pietisten in Halle begründet worden. Ihr Entstehen verdankt sie aber den radikal-schwärmerischen Anfängen der pietistischen Bewegung in den Städten und Fürstentümern Thüringens. Dort finden sich auch erste Hinweise auf die Einbindung Stahls und Friedrich Hoffmanns in die frühpietistische Bewegung. Die aktive Beteiligung der Mediziner an pietistischen Bestrebungen bildete den Auftakt zur medizinischen Erneuerung in Halle. Anfänglich waren sich Hoffmann und Stahl in ihren Reformbestrebungen einig, dann aber sah sich Stahl durch seine Gegnerschaft zur mechanischen Medizin zum Alleingang gezwungen. Stahls Kontakte mit dem frühen Pietismus in Thüringen sind eindeutig. 1687 war er, nach seinem Studium und seiner Tätigkeit als Extraordinarius an der Universität Jena, als Leibmedikus in die Dienste des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar getreten. Dieser Mitregent der Sachsen-Weimar-Eisenacher Territorien war den Pietisten während der Erweckungsbewegung der kämpferischen Frühzeit sehr zugetan.164 Im Krisenjahr 1691, als Francke wegen seiner pietistischen Tätigkeiten aus seinem Pfarramt in Erfurt vertrieben wurde, reiste er über Gotha nach Berlin, wo er mit Spener über seine Zukunft in Halle beraten wollte.165 Diese Reise dauerte mehrere Wochen und wurde ein Triumphzug durch eine Gegend, die vom religiösen Enthusiasmus ergriffen war.166 Um so bedeutungsvoller ist dies, da Francke seine Begegnung mit Stahl ausdrücklich erwähnt. Er schreibt über seinen Aufenthalt in Gotha: Nachdem ich nun des Sonntags drauff auf Begehren der Hertzogin bey Hoffe geprediget, und mich mit meinen lieben Erffurtern, deren eine ziemliche Menge von Erffurt aus meine Predigt 163 164

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AFSt C 285-28, Korrespondenz der Gebrüder Richter. Seit etwa 1690 erlebt der radikale Pietismus in Thüringen einen Aufschwung. Johann Ernst von Sachsen-Weimar ist nach dem Zeugnis Caspar Johann Weidenhains (auch „Weidenheim" oder „Weidenhayn" geschrieben) eindeutig dem Pietismus zuzurechnen. Siehe: Just von Einem, Das erbauliche Leben des [...] Caspar Johann Weidenheims gewesenen Pfarrers zu Schloß Vippach und Hof=Prediger zu Weimar. Magdeburg 1734, S. 12ff.; Brief Weidenhains an Francke vom 4. Mai 1692: „Ich danke Gott für die Gnade, die er meinem durchlautigsten Fürsten erweist, und glaube festiglich, er werde sein Herz recht befestigen. Er zieht ihn itz und durchs Kreuz, und das ist ihm sehr heilsam. Gott gebe, daß es auch allezeit erkannt werde. Der gute Herr muß auch um meinetwillen viel leiden und ich um seinetwillen." Zitiert in: Theodor Wotschke, Der Pietismus in Thüringen, in: Thüringisch-Sächsische Zeitschrift für Geschichte und Kunst XVm (1929), S. 23. A. H. Francke's Berufung nach Halle und Anfang seiner Wirksamkeit daselbst (Bruchstück eines Tagebuchs Francke's), gedruckt in: Beiträge zur Geschichte August Hermann Franckes, hg. v. Gustav Kramer. Halle 1861, S. 154f. Siehe dazu: Theodor Wotschke, Der Pietismus in Thüringen; Martin Schulz, Johann Heinrich Sprögel und die Pietistische Bewegung Quedlinburgs. Halle 1974: „Die Zeit des Enthusiasmus (1691-1695)"; Franckes Tagebuch: August Hermann Francke's Berufung nach Halle und Anfang seiner Wirksamkeit daselbst, in: Kramer, Beiträge zur Geschichte, S. 153ff.

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besuchet, nochmals geletzet, habe ich Hem. D. Spenem meine Resolution, daß ich mich auff die Reise begeben wolte, geschrieben. Darauff ich aber noch einmal in Gotha in der Augustinerkirchen predigen müssen, nach deren Endigung Hr. D. Stahl, weymerischer Leib=Medicus, eine commission an mich gehabt von Herzog Johann zu Weymar, der mich zu seinem Hoffprediger und Informatoren seines kleinen printzen verlanget, welches ich aber, weil res nicht mehr integra, ausgeschlagen, und bald darauff meine Reise im Namen des Herrn fortgesetzt

Die Bemerkung ,weil die Sache nicht mehr integra' bezieht sich auf die Pläne Speners und Franckes, letzterem an der geplanten Universität in Halle eine Stelle zu beschaffen, die er auch im selben Jahr als Professor Extraordinarius für orientalische Sprachen und als Pastor an der St. Georgenkirche in Glaucha antrat. Für die Stelle des Hofpredigers und Informators des Prinzen schlug Francke Caspar Johann Weidenhain vor, über den es hieß: Dieser hat den Hem. M. Francken etliche mahl gehöret, dadurch er sehr erwecket worden. Seine Widersacher führen von ihm an, daß er [Weidenhain] gesaget: es wäre in Erfurt ein großes Licht aufgegangen, er hatte nichts strafliches an den sogenannten Pietisten wahrgenommen, sondern wünschte, daß doch alle seine Zuhörer so werden möchten. 168

Weidenhain wurde Hofprediger und Prinzeninformator und blieb eifriger Pietist, was ihm die übliche schwierige Karriere jener Prediger eintrug, die die religiöse Erweckung unter Mißachtung gesellschaftlicher Abgrenzung vorantrieben.169 In einem Brief vom 22. März 1692 an Spener schreibt Francke: „Hr. Weidenhayn [...] ist dieser Tage zu unserer Stärkung und Erquickung bey uns gewesen. Er erkennet bey dieser Veränderung [seiner Anstellung als Hofprediger] in vielen Stücken den Finger Gottes."170 Franckes ausdrückliche Erwähnung Stahls im Kontext mit der Berufung an den Weimarischen Hof kann als Zeichen seiner Zugehörigkeit zu den dortigen pietistischen Kreisen gewertet werden. Deutlich wird dieser Zusammenhang in bezug auf Weidenhains Person. Die angeführten Briefstellen zeigen ihn als Mitstreiter der Pietisten in Thüringen. Aus seiner Biographie wird auch ersichtlich, daß er enge Kontakte zu Stahl pflegte. Im Erbaulichen Leben des [...] Herrn Caspar Johann Weidenheims schreibt sein Schwiegersohn 1734 über ihn: 167

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Francke's Tagebuch, in: Kramer, Beiträge zur Geschichte, S. 155. Die Predigt Franckes fand vermutlich am 11718. Oktober 1691 statt (die Daten sind auf die alte bzw. neue Kalenderrechnung bezogen). Ebd., S. 104. Von Einem, Das erbauliche Leben des [...], S. 14: Weidenhain, als er zum Hofprediger ernannt wird, erwägt die „schwere Bürde", „die mit dem Amt selbst verknüpfet ist, da ich über einen Hoch=Fürstlichen Hof zum Wächter beruffen wurde". Dieses „Wächteramt" beinhaltete heftige Kritik an „hoch und niedrig", wie es die Anfeindungen gegen Weidenhain in dem „erbaulichen Leben" zeigen. Diese Auffassung, im Amt eines Hofpredigers kritisch und mahnend zu wirken, kennzeichnet auch Philipp Jakob Speners Tätigkeit am Dresdner Hof und Julius Heinrich Sprögels Wirken in Quedlinburg. Beiträge zur Geschichte August Hermann Francke's, enthaltend den Briefwechsel Francke's und Spener's, hg. v. Gustav Kramer, S. 224.

In der Medicin hat er [Weidenhain] ins besondere gute Einsichten gehabt, wie er denn einen schönen Balsam des Hauptes unter anderen verfertigen können, welches er ohn zweifei dem so berühmten sei. Herrn Hof=Rath und D. Stahl zu dancke gehabt, als mit welchem er am Hoch=Fürstl. Weimarischen Hofe zu gleicher Zeit gestanden, und gute Freundschafft gepflogen. Dessen Correspondenz mit gelehrten und frommen Leuten, nahmlich D. Breithaupt, D. Anton, Prof. Francken, D. Brücknern in Jena, D. Stahl, D. Rittmeiem, Engelbrechten, Schradens und anderen, könte mit vielen gewechselten und annoch vorhandenen Briefen darthun, wenns nöthig wäre, und der Raum einer kurtz=gefassten Lebens=Beschreibung zu liesse

Die genannten Korrespondenten sind zum Großteil Pietisten, und es ist anzunehmen, daß die „gute Freundschaft" zu Stahl ebenfalls im Rahmen dieser Beziehungen geknüpft wurde. Bedeutsam ist auch die Ausweitung der nachweisbaren Kontakte Stahls in Quedlinburg, der Hochburg des schwärmerischen Pietismus, wo Gottfried Arnold ab 1693, Christian Scriver ab 1690 und Johann Heinrich Sprögel wirkten. 1692 erschien Stahls grundlegende Schrift vom Motus tonicus Vitalis, in der er die Behandlung von „D. Rösel" (das dürfte der Superintendent Jacobus Röser gewesen sein) und Christian Scriver erwähnt.172 Aus anderer Quelle ist belegt, daß Stahl herangezogen wurde zur Konsultation und Übersendung von Medikamenten bei der letzten Krankheit Christian Scrivers, der 1693 starb.173 Scriver war mit Spener eng befreundet und Schloß sich in seinen letzten Lebensjahren den Pietisten an.174 Stahl selbst beschreibt zwei Fälle, die er „vor Jahren zu Quedlinburg" betreute, zu denen er gerufen wurde, da er sich „ohngefähr dasieges Ortes befand". 175 Bei der Behandlung eines dieser Patienten war Sprögel, „wohlverdienter Archi-Diaconus daselbst zugegen".176 Johann Heinrich Sprögel betreute einen Kreis Erweckter, der die schon klassisch zu nennenden Formen des „schwärmerischen" Pietismus aufwies: conventícula, keine Beachtung der Ständehierarchie, Zungenreden und Prophétie, Verfolgung durch orthodoxe Kräfte.177 Stahl schreibt über einen der von ihm betreuten Patienten, „dieser war zu sehr heftigen Gemüths=Bewegungen geneigt".178 Man kann annehmen, daß diese knappe Bemerkung aus Stahls Kenntnis des Enthusiasmus der Quedlinburger und Halberstädter Pietisten stammt. Daß Stahl in jenen von pietistischer Unruhe geprägten Gegenden als beratender Arzt

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Von Einem, Das erbauliche Leben des [...], S. 33. Georg Ernst Stahl, Von dem zur Erhaltung des Lebens unentbehrlichen Motu Tonico [...], in: ders., Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers. Leipzig 1724, S. 635. Leichenpredigt Christian Scrivers, siehe dazu Kapitel II, Abschnitt 1 dieser Arbeit: Zur Biographie. Paul Grünberg, Philipp Jakob Spener. 3 Bde. Göttingen 1893-1906, hier Bd. I, S. 107-108. Stahl, Von dem [...] Motu Tonico, S. 563. Ebd., S. 564. Schulz, Johann Heinrich Sprögel, „Die Zeit des Enthusiasmus (1691-1695)", S. 53-103. Stahl, Von dem [...] Motu Tonico, S. 564.

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zur Verfügung stand, bedeutet, daß er in der Welt der Enthusiasten akzeptiert war und sie selbst akzeptierte. Interessanterweise kreuzen sich auch die Spuren Friedrich Hoffmans und Stahls in Quedlinburg. Sie waren Studienkollegen an der Universität Jena unter Georg Wolfgang Wedel gewesen, danach trennten sich ihre Wege. Ab 1686 bekleidete Friedrich Hoffmann die Stelle des Landphysikus in Halberstadt unweit Quedlinburgs.179 Am 9. Dezember 1691 erlebte Magdalena Elrich, die Magd Johann Heinrich Sprögels, ihre erste „entzückte" Vision.180 Viele Erweckte pilgerten fortan in Sprögels Haus um zu beten, zu sehen und zu hören.181 Sprögel berichtete Francke darüber und wollte auch Speners Urteil erfahren.182 Am 16. Dezember wandte Sprögel sich an Friedrich Hoffmann, der die Magd einen Tag und eine Nacht beobachtete.183 Hoffmann kam zu dem Schluß, daß „die Elrich gesund sei und ihr Zustand von Gott komme". Auf Bitten Sprögels ließ er sein Gutachten 1692 drukken.184 Am 21. Januar 1692 schrieb Hoffmann von Halberstadt aus einen Brief an Francke, der im Inhalt und in der Formulierung („von der Finsterniß ins Licht, aus dem Verstand in die Wahrheit, aus dem Tod ins Leben") nur als pietistisch bezeichnet werden kann.185 Er, Hoffmann, heißt es darin, sei sich seiner Nichtigkeit bewußt. Unter Bezug auf den Fall der Magdalena Elrich schreibt er: „Gottes Herrlichkeit habe [d.h.: hat] sich an einer Magd offenbart." Weiter gratuliert er Francke zu seiner Berufung als Professor in Halle und fügt hinzu, wie sehr diese seine Heimatstadt eine „christliche Reformation" nötig habe. Es ist also zu vermuten, daß Hoffmann zu dieser Zeit den erweckten Kreisen in Halberstadt angehörte. Dies wird dadurch, daß Sprögel ihn als Gutachter heranzog, noch bestärkt. Stahl wie Hoffmann waren offensichtlich zur Zeit des enthusiastischen Pietismus (16911695) mit diesem vertraut, wie ihre Kontakte zu Sprögel und Francke zeigen. Sich während einer solchen Erweckungsbewegung „neutral" zu verhalten, war auch praktisch unmöglich; man war entweder dafür oder dagegen. Sprögel und Francke waren mit der Sache der Enthusiasten identisch, sie öffentlich aufzusuchen oder einen von ihnen (Sprögel) „wohlverdient" zu nennen, glich einer Parteinahme. Die genaue Verbindung zwischen dem radikal-schwärmerischen Pietismus und der Gründung der Universität Halle ist noch nicht untersucht worden. Daß diese prägend gewesen ist, habe ich an Hand der pietistischen Instaurado darzustellen versucht. Die Erneuerer waren ohne Rücksicht auf Landesgrenzen von Thüringen aus nach Halle übergesiedelt. Ludwig Veit von Seckendorff stärkte der pietisti-

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Gabriel Wilhelm Gotten, Das jetztlebende heim 1735-1740, hier Teil 2, S. 99. Schulz, Johann Heinrich Sprögel, S. 55ff. Ebd., S. 55ff. Ebd., S. 56. Ebd., S. 57. Ebd.

gelehrte

Europa. 3 Teile. Braunschweig/Hildes-

AFSt C 65a, 1. Die folgenden inhaltlichen Angaben sind diesem Brief entnommen.

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sehen Bewegung in Thüringen den Rücken und hielt seine administrative Hand auch über die Neugriindung Halle.186 Spener und Francke etablierten mit dem Netz ihrer Beziehungen den Halleschen Pietismus. Auch die Medizin sollte integraler Bestandteil der allgemeinen Erneuerung sein, was bisher nicht beachtet wurde, dies geht aber aus ihren unmittelbaren Kontakten zu der Erweckungsbewegung hervor. Auch die chronologische Übereinstimmung des Abklingens der schwärmerischen Bewegung in Thüringen 1695, die mit der Gründung und den ersten Berufungen von Professoren nach Halle (1692-1694) zusammenfällt, belegt die Verbindung. Stahl und Hoffmann hatten gut bezahlte und zukunftssichere Stellen inne, der eine als Leibmedikus, der andere als Landphysikus, als zwischen 1692 und 1694 die Berufungen an die in Aussicht gestellte Universität Halle anstanden. Den Akten zur Universitätsgeschichte ist zu entnehmen, daß eine Reihe ebenfalls gut bestallter Ärzte absagte, als sie an die Medizinische Fakultät verpflichtet werden sollten.187 Am 19. Oktober 1693 erging das Privileg an die Universität Halle. Friedrich Hoffmann wurde im März 1693 zum Professor der Medizin ernannt, er hielt am 23. März seine Antrittsrede „Von der Überführung eines Atheisten aus dem hochkünstlichen Bau des menschlichen Körpers".188 Am 14. Mai erging ein Erlaß an die Fakultäten, sie sollten sich zum „Actu inaugurationis" bereithalten und für die Fakultäten die Statuten entwerfen, obwohl „wir wissen [...] daß in der Theologischen und Medizinischen Fakultät [...] itzo nur ein Professor ist".189 Am 1. Juli wird die Universität Halle mit großem feierlichen Aufwand inauguriert.190 Die Aufzählung der Personen, die an der Eröffnungsprozession teilnahmen, zeigt, daß auch Stahl anwesend war. Die Liste der Anträge für die Rückerstattung der Übersiedlungskosten vom 13. Februar 1694 enthielt dagegen keine Erwähnung

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Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. 3 Bde. Berlin 31919—1921, hier Bd. I: Das Zeitalter der französisch-höfischen Bildung. Beginnende Modernisierung der Universitäten und Schulen 1600-1740, hg. v. Rudolf Lehmann (Leipzig 1885), S. 535. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 23: Bezüglich des Magdeburger Arztes, Dr. Stockhausen, Vocation heißt es am 22. Mai 1694, daß er sich „nicht pure erkläret". Am „1. bevorstehenden Juli zur solemnen Inauguration" soll aber die Medizinische Fakultät komplett sein. In einer Akte zur Bestallung von Friedrich Hoffmann vom 30. März 1692 betreffend Hoffmanns Gehalt befindet sich eine Bestallung für „D. Wolfgang Christoph Wisem", die aber bereits durchgekreuzt ist, Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr, 159, N3c, Fasz. 22. Ernennung Friedrich Hoffmanns: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 22: Antrittsrede; Gotten, Gelehrte[s] Europa, Teil 2, S. 101. Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 62, Bl. 72-74. Kurzer Bericht von der solennen Inauguration, der von seinen Chur=fürstl. Durchlauchtigkeit gestiffteten Friedrichs=Universität/Darinnen so wohl der prächtige Einzug [...] als auch andere Ceremonien beschrieben werden. O.O. 1694; die Anwesenheit Stahls bei der Inaugurationsfeier ist bezeugt in: Kurtze Nachricht von der Stadt Halle und ansonderlich von der Universität daselbst. Halle 1709, S. 75; S. 107: „Anno 1694 ward er [Stahl] zu Halle/als Professor Ordinarius medicinae gnädigst ernennet und bey der Inauguration introduciret."

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Stahls.191 In den Archiven sind auch keine Unterlagen darüber zu finden, daß Hoffmann seinen Studienkollegen Stahl anwarb, eine Legende, die sich in der gesamten Sekundärliteratur findet und die wohl aus den Angaben Johann Samuel Strebeis über die Biographie Stahls von 1758 stammt.192 Aus der oben erläuterten Vorgeschichte ist eher die Annahme berechtigt, daß Hoffmann wie Stahl über ihre Verbindungen zum Pietismus nach Halle kamen, um dort an der „christlichen Reform" teilzunehmen. Trotz des Glanzes der Inaugurationsfeier und entgegen einer Historiographie der Universität Halle, die sie als preußische Reformuniversität schlechthin und als Beherbergerin der deutschen Aufklärung begriffen haben will, ergibt eine Sichtung der Akten und Korrespondenzen, daß die ersten Jahrzehnte dieser Universität von harten Auseinandersetzungen und Unsicherheiten gekennzeichnet waren. Feindliche Stimmen erhoben sich vom Magistrat der Stadt Halle bis zur orthodoxen Geistlichkeit.193 Weder das Prestige der Universität noch das finanzielle Auskommen ihrer Fakultätsmitglieder waren garantiert, abgesehen von der juristischen Fakultät, deren staatsdienlicher Wert unübersehbar war. Man litt unter notorischen Besoldungsproblemen, insbesondere an der Medizinischen Fakultät.194 In dieser Situation gewann die idealistische Einstellung an Gewicht. Deqenige, der darin keinen Wert sah, brachte weder die Geduld noch die Kraft auf, eine Zukunftsvision durchzusetzen. Wie schon gezeigt, beflügelte der Geist der Erneuerung auch Stahl und Hoffmann im Rahmen der frühpietistischen Erweckungsbewegung. Trotz dieser Gemeinsamkeit zeichnete sich aber zwischen ihnen schon sehr bald ein grundlegender Unterschied im Konzept der medizinischen Reform ab. Beide waren Teilnehmer an dem mit den philosophischen und naturwissenschaftlichen Neuerungen wohlvertrauten Unterricht an der Universität Jena. Hoffmann war aber dem mechanischen Modell, der „modernen" Beschäftigung mit somatischen Kausalzusammenhängen in der Medizin zugetan.195 Der pietistisch gesinnte Brief Hoffmanns von 1691 an Francke läßt sich schwer vereinbaren mit der ersten in der Philosophischen Fakultät gehaltenen Vorlesung Hoffmanns, „Philosophia naturalis 191 192 193

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Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, Nr. 62, Bl. 44. Johann Samuel Strebel, De viri [...] illustris Georgii Ernesti Stahl. Ansbach, S. 91. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 152, N7 (Streitigkeiten der Universitätsangehörigen 1692-1789); Rep. 52, Nr. 152, N7 (Studentenhändel und Unordnungen); Rep. 52 Nr. 152, N10 (Streitigkeiten, Schulden, Denunciationes wider die Professoren etc.). Stahl beklagt sich wegen der Besoldung: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 26; Gesuch um zusätzliches Gehalt (wird bewilligt): Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, 243, Bl. 19-20v; Gesuch Michael Albertis um Besoldung: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 30; die Besoldungsproblematik scheint chronischer Natur in der Medizinischen und vielleicht auch in der Theologischen Fakultät gewesen zu sein. Dieses Gebiet ist noch nicht untersucht worden. Über Hoffmann heißt es: „Er ist überhaupt den mechanischen Lehr=Sätzen zugethan", in: Gotten, Gelehrte[s] Europa, Teil 2, S. 105; siehe auch: Karl Edward Rothschuh, Studien zu Friedrich Hoffmann (1660-1742), Teil 2: Hoffmann, Descartes und Leibniz, in: Sudhoffs Arc h í v e o s l e ) , S. 236-270.

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et Cartesiana" (1694). 1 9 6 A u f die von H o f f m a n n vertretene medizinische Lehre können wir hier nicht im einzelnen eingehen, aber vieles deutet darauf hin, daß er zunehmend z u m Förderer des Naturverständnisses des Rationalismus wurde. Er scheint auch bei der Berufung Christian W o l f f s nach Halle und bei der Anstellung verschiedener Mediziner mit mechanistischen Ansichten mitgewirkt zu haben. 1 9 7 Seine Schriften b e z e u g e n eine entschiedene Parteinahme für die „moderne" M e d i zin. H o f f m a n n s Reformbestrebungen hatten w o h l eher das Ziel, in der halleschen Medizin die holländischen und englischen Neuerungen einzuführen. 1 9 8 Er unterstützte die praktischen A n l i e g e n der Pietisten in Halle zwar redlich - er stiftete Geldbeträge für das Waisenhaus, initiierte die Halberstädtischen und Magdeburgischen Freitische 1 9 9 und bekannte sich in einem seiner letzten Bücher ( 1 7 4 2 ) zur Physikotheologie und zu seiner Freundschaft mit Spener - , 2 0 0 aber er teilte nicht die weltanschauliche Opposition des Pietismus g e g e n Dualismus und Rationalismus. Somit ist H o f f m a n n einerseits w o h l als Reformer hallescher Prägung anzusehen, andererseits aber nicht der Instaurado zuzurechnen. D i e Instauratio d e s W i s s e n s auf medizinischem Gebiet verband sich nämlich mit der inhaltlichen Gegnerschaft zur „neuen" Philosophie. D i e s e s leistete letzten Endes nur Stahl, der in seiner Theorie grundlegende Einwände gegen den Dualismus und den Rationalismus vorbringt.

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Codex Lectionum Annorum I, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle, Signatur: Yb 3885c. Johann Christoph Gottsched, Historische Lobschrift des weiland hoch= und wohlgebohmen Herrn Christians, des H. R. R. Freyherrn von Wolf. Halle 1755, S. 28; siehe auch: Wolfram Kaiser, Christian Wolff (1679-1754) und die medizinischen Konzeptionen seiner Zeit, in: Zeitschrift für die gesamte innere Medizin und ihre Grenzgebiete II (1979), S. 309-317. Ich würde den Kampf gegen den Rationalismus Wolffs in der Medizin anders sehen, siehe Kapitel V, Abschnitt 2 dieser Arbeit: Christian Wolff und die Hierarchie der Vernunft. Zwischen 1682 und 1684 reiste Hoffmann durch Holland und England und besuchte verschiedene Universitäten und Gelehrte: Gotten, Gelehrte[s] Europa, Teil II, S. 99. Zu den von Hoffmann angeregten Freitischen: Wilhelm Schräder, Geschichte der FriedrichsUniversität zu Halle. 2 Bde. Berlin 1894, hier Bd. I, S. 92. Zu Geldspenden Hoffmanns für das Waisenhaus: AFSt C 65a, Bl. 1-4, Brief von Hoffmann aus Halberstadt an August Hermann Francke vom 21. Januar 1692. Friedrich Hoffmann, Verniinfftige physikalische Theologie und gründlicher Beweis des göttlichen Wesens [...] aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt von Friedrich Eberhard Rambach. O.O. 1742. Dort heißt es in der Vorrede: , 3 s wird sich auch hier gar wohl schicken zu gedencken, daß ich in den vorigen Zeiten noch öfters mit dem grossen Theologo D. Spener von der auf Academien so gar sehr versäumten Natur=Lehre untenedet. Da denn dieser berühmte und mit einem herzlichen Judicio begabte Mann mir gestanden, daß er gegen diese Wissenschaft eine sonderbare Hochachtung habe und nur bedaure, daß dieselbe zu der Zeit, da er auf Universitäten gewesen, sehr schlecht tradiert worden; indessen versäume er keine Gelegenheit, dieselbe allen denen höchlich anzupreisen, die dereinst in der Gottes Gelahrtheit vor andern etwas zu prästiren gedächten. Er hat auch mit seinem eigenen Exempel eine Probe davon gemachet, da er seine Söhne in dieser Wissenschaft mit aller Sorgfalt unterrichten lassen; wie denn auch der älteste unter denselben bey dem Anfang hiesiger Academie der erste Professor Matheseos und Physicae experimentalis worden." 103

Stahls Ansichten über die notwendige Reform in der Medizin sind leicht zu dokumentieren. In fast jeder seiner Schriften finden sich A u s s a g e n darüber. Es soll aber ein relativ unzugängliches D o k u m e n t herangezogen werden, das in der Sprache zwar barock wirkt, aber die R e i c h w e i t e seines R e f o r m w i l l e n s z u m Ausdruck bringt. A l s D e k a n der Medizinischen Fakultät verfaßte Stahl 1698 ein Gutachten g e g e n die Berufung des Arztes Heinrich Heinrici ( 1 6 7 3 - 1 7 2 8 ) , der von Berlin aus, also über eine Protektion bei H o f e , als Extraordinarius der Fakultät angegliedert werden wollte. 2 0 1 Mit einem v o m 12. Juni 1698 datierten Schreiben an den Prorektor in Halle erhielt diese Forderung Nachdruck. D i e Gegenschrift Stahls erfolgte datiert v o m 26. Juni. 2 0 2 Heinrici hatte in Jena und Leipzig studiert und ist von Friedrich H o f f m a n n nur drei Tage nach seiner Immatrikulation in Halle pro gradu doctoris promoviert worden. 2 0 3 A m 29. August wurde er trotz der Einwände Stahls Extraordinarius. 204 N a c h seinem weiteren Lebenslauf zu urteilen zählte Heinrici weder zu den außerordentlich gewissenhaften Ärzten - er hat in seinen späteren Ämtern w e n i g zuw e g e gebracht - n o c h zu den Erneuerem der Medizin. Heinrici ist hier nur insofern interessant, als er der Anlaß für Stahls Schreiben war. In seiner Gegendarstellung k o m m t Stahl nämlich auf die notwendige R e f o r m der M e d i z i n zu sprechen: [...] die Medicin heute zu Tage ist in so viel und mancherley vergebliche opiniones und Verwirrungen verfallen, daß man kaum unter 12 Medicis dreye einerley [...] deutlicher, gegründeter, und beständiger, Meinung antreffen sollte: Solches Unwesen aber einig und alleine daher entstehet, daß man bei Entrichtung solcher Opinionen, nicht auf die Wahrheit der Praxeos siehet, noch in selbiger sattsam geübet und erfahren ist: Solchem nach erachteten wir höchst nöthig, daß, wann seine Churfürstl. Durchl. Gnädigstes Gefallen tragen solten, eine Professionem jemanden gnädigst anzuvertrauen, und ihm die Unterweisung Lehr-begieriger Studiosorum auffzutragen, derselbige nicht nur mit zulänglicher Literatura und Wißenschafft, sondern auch rechschaffener experienz und Übung wohlgeschicket seyn möchte. Welches wir ohne einige unterthänigste Maasgebung und hoffentlich offenbar, nicht zu Förderung einiges Eigen-Nutzes, also unterthänigst melden sollen, sondern bloß theils zu Ehre und Auffnahme Diro Churfürstl. Durchl. höchstlöblichen Friedrichs-Universität, theils auch in genere, weil es doch an dem, daß gleichwie es mit der Medicin insgesambt auf das menschliche Leben und Gesundheit ankombt, also auch nun so viel desto mehr mit Unterweisung vieler zu solchen Wißenschaft, derselbige Zweck, also erhalten werde, auf daß dadurch viel mehr Nutzen als einiger Nachtheil erwachsen und befördert werden möge. Was nun letztlich den Supplicanten in Specie betrifft, hat derselbige auf Diro Churfürstl. Durchl. hiesigen hochlöblichen Akademie zwar mit nichten studiret, jedoch von unserer Fakultät, die gewöhnlichen examina übernommen, auch darinnen sich so weit fundiret erwiesen, daß man kein Bedencken getragen, mit Recommendation fernerer Sorgfalt und Fleißes, ihm den Gradum Doctoris und Freyheit vorsichtig zu practicieren, zu conferieren. Wie wir aber beständig davor halten, daß zwischen einen Practico, der mit nöthiger Sorgfalt, Vorsichtigkeit, 201

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Siehe zu Heinrich Heinrici und seiner Bitte um die Übertragung eines Extraordinariats: Wolfram Kaiser/Karl-Heinz Krosch, Zur Geschichte der Medizinischen Fakultät der Universität Halle (IX, X), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 5 (1965), S. 358. Dort allerdings keine Erwähnung der Bedenken Stahls. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c. Fasz. 24, Bl. lv-3. Kaiser/Krosch, Zur Geschichte der Medizinischen Fakultät [...], S. 358. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 24.

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und Nachdencken seine Curen verrichten möchte, und einen Professore, der solches wohl und gründlich dociren, und darüber richtig, umbständlich, und solide raisonniren könne, auch mit humaniore Literatura seinen Schrifften und Discursen eine Art [= Kunst] zu geben nothdürfftig instruiret, ein mercklicher Unterschied: also wollen wir dahin, könten es auch bei unserem Wissen gewissenhaftig nicht bestärcken, ob bey dem Supplicanten dahin zulangende Capazität vorhanden; In dem wir nichts weiteres, als was zu seiner Legitimatione ad notitiam practicam nöthig, von ihm requiriret und erhalten, und auch sonsten im geringsten nichts wissend, daß er irgend und einiges Specimen entweder in Schrifften, oder Übungen in information anderer Studiosorum, gethan hätte. 205

Der erste Absatz bezieht sich auf die Reform der Medizin und erklärt die Grundsätze, die Stahl angewendet haben will. Stahl kritisiert die Vielfalt der Meinungen in der Medizin und verlangt eine „deutliche, gegründete und beständige" Basis für sein Fach. Dieses Desiderat einer „wahren Theorie", das hier anklingt, möchte er aus der „Wahrheit der Praxis" hergeleitet wissen. Der Grundsatz, praktisches Wissen in theoretisches Wissen umzuwandeln, beschreibt die Erkenntnismethode, die er in der Theoria medica vera anwendet: aus der Erfahrung. Dies führt ihn dazu, die Unterweisung der Studenten nicht nur „mit zulänglicher Literatura und Wißenschafft" zu verlangen, sondern vor allem durch didaktische Anweisungen aus „rechtschaffener experienz und Übung". Auf das Wissen aus der praktischen Erfahrung legt Stahl mehr Gewicht als auf die Literatur. All diese Kriterien sind in Einklang mit den Bestrebungen der Instauratio: die Wahrheit ist einfach, sie leitet sich aus der Erfahrung ab und nicht aus dem Buchwissen, und dient praktischen Anliegen. Die medizinische Reform soll über die Festigung des Ruhmes der Universität hinausgehen und „in genere" dem menschlichen Leben und der Gesundheit dienen. In diesem Zusammenhang ist aber die „Unterweisung" an einer Universität unerläßlich, denn nur dadurch stiftet der medizinische Unterricht „mehr Nutzen". Im zweiten Teil des Schreibens, in dem Stahl auf Heinricis Qualifikationen eingeht, betont er seine Bedenken gegen eine Berufungspraxis an der Universität, die einen nur mit den üblichen Bildungspatenten ausgerüsteten Arzt einsetzen möchte. Nach Stahls Meinung muß eine Reform, die vom Universitätsunterricht ausgeht, einem Professor anvertraut werden, „der solches wohl und gründlich docieren, und darüber richtig, umbständlich, und solide raisonnieren könne". Er vermißt vor allem schriftliche Arbeiten und Unterrichtserfahrung bei Heinrici, Qualifikationsmängel, die wiederum Stahls Ansprüche an die Lehrpraxis deutlich machen. Stahl wehrt sich also entschieden gegen eine Personalpolitik, die sich der Protektion beugt, und fordert Leistungserweise, die mit einem Reformprogramm für die Medizin übereinstimmen. Die „Unterweisung vieler zu solcher Wissenschaft" soll qualitativ dem Nutzen entsprechen.

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Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 24, Bl. lv-3.

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Stahl selbst hat Erfahrungen als Extraordinarius in Jena gesammelt und hat sich in seinem Unterricht für neueste Erkenntnisse eingesetzt. Er schreibt darüber, daß er in Jena [...] einige Privat Collegia gehalten, und sonderlich eines über die Pathologie. Es war dieses ein ziemlich kühnes Unternehmen, in dem dazumahl niemand ex Professo über die Pathologie zu lesen getrauete. 206

Es gibt also schon für die Zeit in Jena ein Zeugnis seiner Bereitschaft, Neuland zu betreten, und zwar nicht innerhalb der Bahn dessen, was allgemein in der Medizin als „neu" galt, denn Stahls Unterricht in der Pathologie war sicherlich keine Fortführung der aufkeimenden Iatrochemie oder der mechanistischen Medizin. Spricht sich Stahl im Schreiben von 1698 für Aufgabenbereiche in der Medizin aus, die „in genere" auch eine praktische und geistige Reform einleiten können - das ist der Sinn hinter seiner Weigerung, nur empirische Fortschritte gelten zu lassen - , so setzte er selbst sich auch dafür ein, dies zu verwirklichen. In bezug auf die „christliche Reform" von Seiten der Pietisten in Halle kann Stahls medizinische Lehre als zentral gelten. Im praktischen Bereich sind es seine Schüler, die Gebrüder Richter, Michael Alberti, Johann Juncker, Johann Daniel Göhl und andere mehr, die auf die vielfältigste Weise im pädagogischen wie im medizinischen Bereich tätig sind. Aber Stahl ist auch persönlich präsent. Johann Daniel Göhl schreibt in seinem Lebenslauf, daß er im Waisenhaus „morbis curam haberet sub Consilio et manuductione venerandi Stahlii".207 Aus dem Lebenslauf von Christian Friedrich Richter ist zu erfahren, daß er 1693 zuerst Philosophie, aber sehr bald danach Medizin studiert habe: Dannenhero Er [Christian Friedrich Richter] die hiesigen Herren Professores Medicinae, und insonderheit Hn. D. Stahl/nunmehrigen Königl. Preuß. Hof-Rath/Leib-Medicum und Professorum Publicum, drey ganze Jahre nach einander gehöret [...] worauf Er/nebst gedachtem seinen sei. Herrn Bruder/praxin Medicam ergriffen/wobey Er sich denn der treuen und beständigen Assistenz hochgedachten Hn. D. Stahls/als welchen er sich deswegen allezeit sehr verbunden erachtet/zu getrösten hatte. 208

Neben der Hilfe bei der Betreuung der Kranken im Waisenhaus beteiligte sich Stahl offiziell an einer Einrichtung, die August Hermann Francke besonders am Herzen lag: die Einrichtung und Verwaltung der Freitische.209 Francke hatte Augen und Ohren für die Armut unter den Studierenden und suchte Wege, ihr abzuhelfen. 206

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Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers, S. 687. Johann Daniel Göhl, Medicina Practica, Clinica et Forensis [...]. Lipsiae 1735: „Praefatio cum curriculo vitae et scriptis auctoris", Praefatio, o.S. [S. 8]. Lebens=Lauf Christian Friedrich Richters in dessen Leichenpredigt, Bibliothek der Franckeschen Stiftungen. August Hermann Francke richtete erstmals Freitische für bedürftige Studenten im September 1696 ein. Siehe zu den Freitischen an der Universität Halle: Schräder, Geschichte der Friedrichs-Universität, Bd. I, S. 92; Bd. II, S. 19 und 197f.

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Ab 1704 wurden über Staat und Kirche die Finanzen beschafft für Freitische, die von nun an zwischen 120 und 160 Studenten speisten. Das war eine größere Zahl als der gesamte Studiengang an manch anderer Universität. Die Zulassung, Finanzen, Beschwerden und andere Aufgaben unterstanden einer vierköpfigen Professorengruppe, der Ephoria.210 Man könnte sagen, diese war „pietistisch" besetzt, denn ihr gehörten die Professoren Samuel Stryck, Johann Heinrich Michaelis, Paul Anton und Georg Ernst Stahl an, die alle Francke wohlgesonnen waren. Nach Stahls Ausscheiden wegen seines Wechsels nach Berlin nahm Michael Alberti seine Stelle ein.211 Neben dieser praktischen Beteiligung an den Werken der Reform ist die Zusammenarbeit Stahls mit dem neu gegründeten Waisenhaus-Verlag von Bedeutung. Seine wichtigsten Schriften werden allmählich alle in diesem Verlag herausgebracht. Im November 1702 scheint Heinrich Julius Elers, der für die Drucklegung und den Vertrieb der Bücher des Waisenhaus-Verlages verantwortlich war,212 Stahl gefragt zu haben, ob er etwas „unsertwegen" beizusteuern hätte. In dem diesbezüglichen Brief von Christian Friedrich Richter an Baron Canstein in Berlin heißt es weiter: Was aber die Edition des Cursus [gemeint ist das collegium practicum von Stahl], der Dissertationen, und der tract: de natura betrifft, hat er sich nicht ungeneigt bezeiget, solche dem Waisen-Hause zu laßen, so aber freylich noch weiter zu urgiren, weil es uns dienen würde. Ich will deswegen nochmals mit ihm sprechen. Si Deus pro nobis, quis contra nos? Man thut aber was man kan. 213

Tatsächlich erscheinen dann auch im Waisenhaus-Verlag die medizinischen Schriften Stahls, die man inhaltlich zu den theoretisch grundlegenden zählen kann: 1706 - De mechanismi et organismi diversitate [...]. - Paraenesis ad aliena a medicina doctrina arcendum: quoniam non solum medicam doctrinam morentur, turbent, fallant; sed etiam aliena ab ipsa ventate et usu practico, animis objiciant. - Dissertatio medica inauguralis, de sensu naturae circa curationes incongruas et de noxa exinde proveniente [...].

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Obwohl Wilhelm Schräder in seiner Universitätsgeschichte Hoffmanns Gründung der Halberstädtischen und Magdeburgischen Freitische hervorhebt, bleibt Stahls langjährige offizielle Betreuung der Freitische der Universität im dunklen. Die Freitische wurden durch ein vierköpfiges Gremium, die Ephori Stryck, Anton, Michaelis und Stahl, verwaltet. Siehe dazu Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, 529. Universitätsarchiv Halle, Rep. 3, 529: den 16. Januar 1717 wurde Alberti in „Conventum Dominorum=Ephororum introduciret". Zu Elers siehe: Joachim Böhme, Heinrich Julius Elers, ein Freund und Mitarbeiter August Hermann Franckes. Berlin 1956; August Schürmann, Zur Geschichte der Buchhandlung des Waisenhauses und der Cansteinischen Bibelanstalt in Halle a.S. Halle 1898. AFSt C 285 - 40, Korrespondenz der Gebrüder Richter, Brief vom 6. November 1702.

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1707 - De vera diversitate corporis mixti et vivi [...]. - De scriptis suis ad hune diem schediasmatibus, vindicae quaedam, et indicia. - Diagramma de verae proexeukrineia medicae practicae vera dignitate, et vero in acutis fundamento. 1708 - Theoria medica vera [...] Die Theoria medica vera ist Stahls medizinisches Hauptwerk. Ihr eingegliedert sind alle vorher im Waisenhaus erschienenen Schriften außer De sensu naturae und De verae proexukrineia medicae practicae. Inhaltlich gehen wir auf diese Schriften in den folgenden Kapiteln ein. Eine zweite Gruppe der direkt von Stahl an den Waisenhaus-Verlag gegebenen Schriften bezieht sich auf chemische Werke, die teilweise auch auf Deutsch erscheinen: 1715 - Opusuculum chymico-physico-medicum seu schediasmatum [...]. 1718 - Zufällige Gedancken und nützliche Bedencken über den Streit von den sogenannten Sulphure [...]. 1723 - Ausführliche Betrachtung und zulänglicher Beweiss von den Saltzen [...]. 1718 - Einleitung zu der neuern Meteroscopie oder Witterungs-Deutung [...]. Eine dritte Gruppe bilden die Werke, die mit Stahls Einverständnis, aber unter der Federführung von Michael Alberti respektive Johann Juncker und Johann Samuel Carl erschienen sind. Diese in Quarto-Format gedruckten Bände sind für Studenten der Medizin und Ärzte gedacht und stellen übersichtlich gegliederte und umfassende Darstellungen der medizinischen Lehre Stahls dar: 1716 - Conspectus medicinae theoretico-practicae [...] cum indice [...] et praefatione [...] Stahlii. (Juncker) 1718 - Introducilo in universam medicinam tarn theoreticam quam praticam [...] ad usum auditorii. (Alberti) - Praxeos medica therapia generalis et specialis [...]. (Carl) 1719 - Introducilo in medicinam quae juxta propositum ordinem semiologia, hygiene, materia medica, et chirurgia [...] in usum auditorii. (Alberti, mit Widmung an Stahl) - Specimen historiae medicae ex solidae experientiae documentis maxime [...] vero monumentis Stahlianis. (Carl) 1721 - Introducilo in medicam practicam generalem, specialem, et specialissimam. cum additamento fundamentorum philosophiae naturalis usui medico accomondatae et chymiae. (Alberti) - Conspectus Chirurgiae [...]. (Juncker) 1722 - Chirurgie, worinnen alles, was zur Wund=Artzney gehöret [...]. (Juncker) 1725 - Conspectus Therapiae generalis [...]. (Juncker) 1734 - Conspectus medicinae theoriae practicae [...]. (Juncker) 108

1735 - Conspectus physiologiae medicae [...]. (Juncker) 1736 - Conspectus pathologiae [...] et semeiologiae [...] (Juncker) Das sind selbstverständlich nicht alle Schriften Stahls, aber die wichtigsten mit seiner Zustimmung erarbeiteten Lehrbücher. Die Dissertationen und die Sammlungen der Dissertationen wurden im Universitätsverlag von Christian Henckel herausgegeben.214 Zu seinen Lebzeiten aber sind die maßgebenden autorisierten Werke im Waisenhaus-Verlag erschienen. Obwohl der Waisenhaus-Verlag einen schnellen Aufstieg in die Reihen der beachtenswerten Buchproduzenten erzielte - 1699 wurde das Privileg zum Buchdruck erteilt - , war er kein rein kommerzielles Unternehmen. Verbreitet wurden hauptsächlich Schriften, die der Sache der Pietisten dienten.215 So druckte der Verlag über 150 Werke von August Hermann Francke, viele der Schriften Speners, aber nur ausgewählte Schriften der in Halle unterrichtenden Autoren. Samuel Stryck und Johann Peter von Ludewig aus der Juristischen Fakultät, nicht aber Thomasius, und im Gegensatz zu Hoffmann und Wolff werden Stahls Werke verlegt. Eine Selektion des Waisenhaus-Verlages kann also vorausgesetzt werden. Daß Stahls Hauptschriften erscheinen, bezeugt eindeutig ein gegenseitiges Einverständnis, daß die Reform der Medizin verbreitet und zugänglich gemacht werden sollte. Stahl hat sich den Pietisten in Halle nicht völlig eingegliedert, aber er hat die Ziele ihrer Reform begriffen und auch verbreitet. Wenn er sich in den frühen optimistischen Jahren auch intensiver mit ihnen gestritten hat,216 so hat er in den Jahren nach seinem Abgang von Halle doch keinen Bruch vollzogen. Elers, Canstein, Francke, der pietistische General von Natzmer blieben seine Patienten. Und von seiner Stellung in Berlin aus hat er ihre Anhänger gefördert. Als Präsident des Collegium medicum hatte er ein mächtiges Wort mitzusprechen bei der Berufung der zweiten medizinischen Professur in Halle. Als er nach Berlin ging, wurde Michael Alberti sein Nachfolger.217 1729, als Georg Coschwitz starb, konnte Stahl von Berlin aus bewirken, daß abermals kein anderer Kandidat, sondern Johann Juncker endlich zu seiner medizinischen Professur kam.218 214

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Michael Alberti gibt, zwei thematisch angeordnete Sammlungen der Dissertationen heraus. Dissertationes medicae, tum academicae in unum volumen congestae et commodioris usus ac connexionis gratia in tres partes digestae. Halae 1707; Disputationes medicae, ab anno 1707 ad anum 1712 in publicum emissae in alterum volumen collatae et reali indice instructae. Halae 1712. Böhme, Heinrich Julius Elers, S. 158. Die Meinungsverschiedenheiten betreffen im wesentlichen die „essentia dulcís", das Goldpräparat von Christian Friedrich Richter, siehe AFSt C 285, Korrespondenz der Gebrüder Richter. Aber auch Francke hat Differenzen mit Richter. Soweit ich sehen kann, hat Stahl die pietistischen Anliegen immer unterstützt, neigte aber nie zu öffentlichen Kundgebungen einer Bekehrung. Die Theoria medica vera ist voll von religiösen Meinungen im Sinne des Pietismus. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 29. Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 32.

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Die Instaurado der Pietisten stützte sich auf die medizinische Lehre Stahls. Es ist von wesentlicher Bedeutung aufzuzeigen, daß Stahls Ideen in der Frühaufklärung Anklang fanden und deren Ansätze mitbestimmten. Dadurch wird die Wirkungsgeschichte der Instaurado auf einem Gebiet belegbar, das unumstrittene Bedeutung für die Entwicklung des Geisteslebens in Deutschland hatte. Ohne im einzelnen alle Gebiete dieser Querverbindungen durchleuchten zu können - es fehlt fast jede Vorarbeit dazu - , lassen sich die Bereiche benennen, in denen sich die Anregungen Stahls und seiner Schüler mit den Neuerungen der Frühaufklärung verbanden. Eine der wichtigsten Beziehungen bestand in der Zusammenarbeit mit Christian Thomasius, bei der zentrale Anliegen der Aufklärung in die öffentliche Diskussion eingebracht wurden. Die Zusammenarbeit betrifft folgende Bereiche: 1) die Gründung einer neuen Zeitschrift, die Observationes selectae, 2) die Rezeption der neuen cartesianischen Philosophie und die Kritik an ihr, insbesondere an deren psychologischen Grundannahmen, 3) die Ablehnung der Hexenverfolgung und 4) die Erweiterung des Fachgebietes der Rechtsmedizin. Die Observationes selectae ad rem litterariam spectantes sind in der Forschung über Christian Thomasius lediglich mit dem Ziel aufgearbeitet worden, die Beiträge aus seiner Feder in sein Gesamtwerk einzureihen.219 Gänzlich unbeachtet bleiben jedoch die Beiträge Stahls. Die Thomasius-Forschung weist nachdrücklich auf die Bedeutung der Observationes hin und nennt sie im Zusammenhang mit der Historie der Weißheit und Thorheit und „Beschluß und Abdankung" der Monatsgespräche, die beide „in erster Linie der Verteidigung solcher Persönlichkeiten und Schriften dienen, die nach Thomasius und seiner Mitarbeiter Meinung unberechtigterweise der Ketzerei und des Atheismus bezichtigt werden".220 Dieses Ziel bekräftigt eindeutig eine Erneuerung des Wissens und, da die Naturwissenschaften durch Stahls Beiträge zu Chemie und Medizin bewußt einbezogen werden, die Absichten der wissenschaftlichen Instaurado. Die Aufwertung der „Ketzerei" und der Bezug zu den „Atheisten" deuten auf Gemeinsamkeiten mit den Umwertungen orthodoxer Tradition im radikalen Pietismus hin, wie sie bei Gottfried Arnold in seiner Unpartheyischen Kirchen- und Ketzer-Historie verwirklicht wurden, ein vielbeachtetes und umstrittenes Buch, dessen erste Teile 1699 veröffentlicht wurden. Thomasius hat ausdrücklich seine Wertschätzung gegenüber diesem Werk Arnolds betont.221 Die Absicht der Observationes, Umwertungen und Neuerungen auf allen Wissensgebieten vorzunehmen, spricht für die publizistische Ausweitung des Reformprogramms, dessen instaurative Elemente auch den Pietisten lagen.

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Gertrud Schubart-Fikentscher, Unbekannter Thomasius. Weimar 1954; Rolf Lieberwirth, Christian Thomasius. Sein wissenschaftliches Lebenswerk. Weimar 1955, S. 69ff. Schubart-Fikentscher, Unbekannter Thomasius, S. lOff.; Lieberwirth, Christian Thomasius, S.69. Gottfried Arnold, in: ADB. Bd. 1. Berlin 1967 [Neudruck der Auflage von 1875], S. 587: „das beste und nützlichste Buch nach der Bibel, wie Thomasius meinte".

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Die Observationes erschienen halbjährlich von 1700 bis 1706 in lateinischer Sprache. Thomasius nannte als Mitinitiatoren und „condirectores" Stahl und den Professor für Moralphilosophie, Johann Franz Buddeus (1667-1729). 222 Die Verwendung der lateinischen Sprache in den Observationes hat zu der Beurteilung geführt, daß „das Originelle und das Neue, das typisch Journalistische, vermißt und damit die Bedeutung der Monatsgespräche nicht wieder erreicht wird".223 Dagegen ist einzuwenden, daß die Observationes nicht durch die Verwendung der Volkssprache die Popularisierung von Wissen zur Aufgabe hatten, sondern durch das Latein den wissenschaftlichen Anspruch realisierten, ein gelehrtes Publikum anzusprechen. Die Observationes könnte man eine gelehrte Streitschrift auf hohem Niveau nennen, denn sie ist keine bloße Sammlung gelehrter Ergebnisse und Einsichten, wie die Acta Eruditorum (zuerst 1682 erschienen) oder die Miscellanae academiae naturae curiosorum (zuerst 1670 erschienen). Daß die Observationes ein Erneuerungsprogramm vertraten, das nicht ins übliche Kompendium gelehrter Entdeckungen abglitt, zeigen die Reaktionen bei ihrer Veröffentlichung. Aus der Feder eines Gegners der Pietisten stammt die Anschuldigung: „das gottlose, teuflische Werke:,Observationes selectae' genannt."224 Die Beiträge Stahls zu den Observationes belaufen sich insgesamt auf dreizehn, rechnet man einen wichtigen Beitrag Michael Albertis dazu, der sicherlich ganz im Sinne Stahls verfaßt wurde. Die Beiträge zu den Observationes erschienen anonym und sind daher nicht ganz leicht aufzuschlüsseln, aber schon zeitgenössische Angaben nennen Stahl als Verfasser.225 Die Beiträge Stahls zu den Observationes zeigen, daß er willens war, zentrale Themen seiner medizinischen Theorie für die Leserschaft der Zeitschrift zu erörtern. Drei wichtige Beiträge über die Medizin werden in seinem Hauptwerk erweitert und gehören zu den grundlegenden Auseinandersetzungen seiner Zeit, die Naturwissenschaft und Medizin betreffend. So erscheint im vierten Band (1701) die Observatio XIV: „De differentia mixti, aggregati, individui". Für einen zehnten Band der Zeitschrift, Additamentum ad observationum selectarum, der spätestens 1706 erschienen sein muß, schreibt Alberti die Observatio I: „De usu et abusu

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Schubart-Fikentscher, Unbekannter Thomasius, S. 11. lieberwirth, Christian Thomasius, S. 69. Anonyme Streitschrift gegen die Pietisten, insbesondere Buddeus, von 1729, abgedruckt in: J. C. W. A. Augusti, Beyträge zur Geschichte und Statistik der Evangelischen Kirche. Leipzig 1837, S. 200. Kurtze Nachricht von der Stadt Halle und absonderlich von der Universität daselbst. Halle 1709, S. 108, enthält eine Liste der Beiträge Stahls zu den Observationes. Sie sind auch in Johann Christoph Goetz, Scripta [...] Stahlii. Nürnberg 1729, chronologisch angeführt, und dort läßt sich auch ihre nochmalige Drucklegung in anderen Werken Stahls belegen. Schubart-Fikentscher, Unbekannter Thomasius, S. 12, führt zusätzliche zeitgenössische Entschlüsselungen der Autoren der Observationes an.

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mechanismi in corporibus animantibus", die im Sinne Stahls verfaßt wird.226 Im dritten Band der Zeitschrift (1701) erscheint die Observatio VII: „Aristotelis error circa definitionem naturae correctus". Dieser Aufsatz ist eines der wichtigsten Glieder in der Herausarbeitung des Prinzips der seelischen Steuerung des Organismus. Stahl selbst verweist auf diesen Aufsatz in der erweiterten Fassung seiner ersten den Mechanismus in Frage stellenden Schrift: De motu tonico vitali, die 1724 auch auf Deutsch vorliegt.227 Weitere Beiträge behandeln die Gebiete Meteorologie und Chemie.228 Es kann hier nicht inhaltlich auf Stahls Beiträge in den Observationes eingegangen werden. Dennoch sind sie so bedeutend für das Gesamtwerk Stahls, daß sie in spätere Publikationen aufgenommen wurden, also die Kontinuität in der öffentlichen Präsentation seiner Ideen nachweisen. Die oben mit Titel erwähnten Aufsätze nimmt er in der Theoria medica vera 1708 wieder auf. Die gesamten Beiträge, mit Ausnahme derjenigen des Additamentum, kommen 1709 in einer Buchauflage auf den Markt, die auch aus den Observationes physicochymico-medicae curiosae schöpft und diesen Titel trägt.229 Das Buch wurde schon 1697-98 veröffentlicht - natürlich ohne die Beiträge aus den Observationes selectae - und stellt vermutlich einen sehr frühen Versuch Stahls dar, im Rahmen der neuen Zeitschriftenliteratur seine Erkenntnisse und Erneuerungen zugänglich zu machen. Die Beiträge zu den Observationes selectae kommen dann noch einmal 1715 in dem Opusculum chymico-physico-medicarum curiosarum im Waisenhaus-Verlag heraus. Insgesamt stellen die Observationes einen zweifach wichtigen Beitrag zu Frühaufklärung dar: erstens im Kontext der Instauratio, die mit dem Werk Stahls auf dem Gebiet der Medizin und Chemie zum Tragen kommt, und zweitens wegen der Integration des Stahlianischen Gedankengutes in ein publizistisches Werk, das von bedeutenden Vertretern der Aufklärung initiiert wurde. Durch die Mitarbeit von Thomasius und Buddeus löst Stahl seine Forderung ein, die er in seinem Gutachten gegen Heinrici aussprach, daß die Medizin auch bei der Entwirrung theoretischer Grundauffassungen Hilfestellung leisten müsse. Aber die Zusammenarbeit mit Thomasius geht über den Bereich der Zeitschrift hinaus und erweist sich auf mindestens drei weiteren Gebieten (Kritik an Descar226

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In der Abhandlung von der Seele des Menschen, der Thiere und der Pflanzen, erster und anderer Teil, wird die Schrift De Usu et Abusu Mechanismi in corporibus animatis übersetzt. Sie ist Teil der von Alberti herausgegebenen Medicinischen und Philosophischen Schrifften. Halle, 1721. In der Vorrede schreibt Alberti, daß er nach seiner Rückkehr nach Halle (es wird 1704 gewesen sein) „ich mein vorige labores Académicos mit lesen und schreiben anfieng: Ich wurde requirirt etwas zu denen Observationibus Hallensibus zu verfertigen, ich eröffnete auch unter anderen meine Gedancken von der Seele." Der Additamenta-Band der Observationes erscheint 1705. Stahl, Ausführliche Abhandlung, S. 631. Irene Strube erwähnt nur acht Beiträge zu den Observationes selectae und gliedert diese auch nicht inhaltlich auf, in: dies., Georg Ernst Stahl. Leipzig 1984 (Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner 76), S. 18f. Die Ausgabe der Observationes physico-chymico-medicae curiosae, obwohl sie denselben Titel trägt, ist nicht identisch mit der Ausgabe von 1697-98, die chemische Themen behandelt.

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tes, Ablehnung der Hexenverfolgung, medizinische Jurisprudenz) als integraler Bestandteil frühaufklärerischer Bestrebungen. In der entscheidenden Frage einer kritischen Rezeption der cartesianischen Philosophie wirkt sich die Stahlianische Theorie der Körper-Seelen-Einheit direkt aus. Thomasius hat 1692 die Einleitung zur Sittenlehre und 1696 die Ausübung der Sittenlehre in Halle veröffentlicht.230 Beide Werke waren sehr populär und wurden bis 1726 siebenmal aufgelegt. In beiden Schriften rezipiert Thomasius die neue Lehre von Descartes. Thematisiert werden aber die Hauptleidenschaften des Menschen, ein Anliegen, das schon im Hinblick auf die psychologische Handhabung der Sittenlehre moralisierenden oder juristischen Gesichtspunkten entgegentritt und ein offenes Interesse an der pietistischen Bevorzugung der Gemütsbewegung anzeigt. In der Ausübung der Sittenlehre, deren Erscheinungsdatum mit 1696 spät genug fällt, um die Bekanntschaft mit Stahls medizinischen Ideen vorauszusetzen, verlagert sich der Blickwinkel von Thomasius auf entsprechende Weise. Der vollausgearbeitete Organismusbegriff Stahls, wie er erst in der Theoria medica vera formuliert wird, ist in der Ausübung noch nicht vertreten. Als eine der frühen Auseinandersetzungen mit der Lehre von Descartes bleibt die Thomasianische Beschreibung vorerst eklektisch: sie versucht, verschiedene Aspekte des Dualismusproblems zu vereinigen, so die mechanistische Auffassung des Körpers und die Annahme der Lebensgeister als Vermittlungsinstanzen.231 Aber unübersehbar bleibt die Umstrukturierung der dualistischen Ansätze von Descartes in Richtung einer Betonung des Willens gegenüber der Vernunft, und einer Aufwertung der Leidenschaften.232 Im Endeffekt benutzt Thomasius die Erklärungsschemata von Descartes, um eine Umdefinierung der Einheit von Leib und Seele zu erreichen. Das ist natürlich nicht mehr im Sinne einer Vorherrschaft der Vernunft. Sehr eindeutig wird die Abweichung von Descartes dort, wo Thomasius die Vernunft an physiologische Vorgänge bindet. Im einzelnen sind auch andere weitreichende Änderungen zu beobachten, die eine enge Verwandtschaft mit der Stahlianischen Medizin aufweisen, so z.B. die Betonung der Annahme, der Mensch bestehe aus Leib und Seele,233 wie auch, daß

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Christian Thomasius, Einleitung zur Sittenlehre, oder: Von der Kunst, vernünftig und tugendhaft zu lieben, als dem einzigen Mittel zu einem glückseligen, galanten und vergnügten Leben zu gelangen, nebst einer Vorrede. Halle 1692, 7 1726; ders., Von der Arzney wider die unvernünftige Liebe und der zuvor nöthigen Erkenntnis Sein Selbst oder Ausübung der Sittenlehre. Halle 1696, 7 1720. Christian Thomasius, Einleitung zur Sittenlehre, S. 66ff. Ebd., S. 77ff. und S. 81ff. Stahls Beeinflussung von Thomasius bezieht sich auf seine frühen Schriften über die Affekte und über den motus tonicus Vitalis. Dazu siehe Kapitel IV, Abschnitt 2 dieser Arbeit: Mechanismus und Organismus: die Seele. Ebd., S. 66.

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der Leib nicht das Gefängnis der Seele sei.234 Vor allem aber wird das „Lebendige" als der Bereich gesehen, in dem Leib und Seele innigst verbunden bestehen.235 Die Beschreibung des affektiven Haushaltes des Menschen bei Thomasius läßt erkennen, daß hier andere medizinische Einflüsse als diejenigen der cartesianischen Lehre vorherrschen.236 Die Betonung der Affekte als Bewegungen sinnlicher Wahrnehmung und innerseelischer Prozesse ähneln den Überlegungen Stahls. Eindeutig antimechanistisch ist die Zurückweisung der Ansicht, daß das Herz bloß ein Muskel sei.237 Thomasius belegt die zentrale Bedeutung des Herzens als Mittler der Gemütsbewegungen damit, daß dieses Organ das Zentrum der Blutbewegung ist, und diese für ihn wiederum nicht mechanisch, sondern ganz im Sinne von Stahls Motus tonicus Vitalis eine eigene teleologisch ausgerichtete Bewegung darstellt.238 Insgesamt verknüpft Thomasius die innerkörperliche Bewegung mit den Leidenschaften. Schon diese entscheidenden Umdeutungen Descartes' zeigen den Einfluß Stahls, und zwar zu einer Zeit, in der Stahl selbst noch seine Theorie ausarbeitet. Nicht alles entnimmt Thomasius dieser Medizin, aber sehr deutlich ist die Zurückweisung des mechanistischen Modells. Dies beruht nicht nur auf der offensichtlichen Kenntnis der Gedanken Stahls, sondern läßt sich auch anhand von Querverbindungen unter den Doktoranden beider Professoren bestätigen. Eine der wohl bedeutendsten Querverbindungen dieser Art war in der Person Johann Jacob Reichs anzutreffen. Er verteidigte 1695 in seiner medizinischen Doktorarbeit bei Stahl das Thema „De Passionibus animi corporis humanorum varie alternatibus".239 Diese Arbeit fällt in das Jahr vor dem Erscheinen der Ausübung der Sittenlehre. Der gemeinsame Ansatz in der Erklärung zu den Affekten bei Stahl, Reich und Thomasius ist offensichtlich. Einzelheiten der Überschneidungen und Ansichten können an dieser Stelle nicht detailliert angeführt werden. Aus der Zusammenarbeit von Thomasius, Reich und Stahl ergibt sich aber eine Neudefinierung der Psychologie für die Frühaufklärung, die alternativ zum Mechanismus und Rationalismus zu sehen ist. 1701 disputierte Reich unter Thomasius über „De crimine magiae", eine der wichtigsten kulturellen, medizinischen und juristischen Debatten des beginnenden 18. Jahrhunderts. 1703 bringt Reich eine vermehrte Sammlung der Schriften De crimine magiae, auf Deutsch Die Kurtzen Lehr=Sätze von dem Laster der Zauberey (1703-1712), heraus.240 In der Vorrede 234 235 236 237 238 239

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Ebd., S. 65. Ebd., S. 66. Ebd., S. 92ff. Ebd., S. 95ff. Ebd. Übersetzt auf Deutsch in: Georg Ernst Stahl, hg. v. Bernward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin 36) S. 24-38: „Über den mannigfaltigen Einfluß von Gemüthsbewegungen auf den menschlichen Körper". Christian Thomasius, Kurtze Lehr=Sätze Von dem Laster der Zauberey nach dem wahren Verstände des Lateinischen Exemplars ins Deutsche übersetzet Und aus des [...] Meyfarti,

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zu einer weiteren Übersetzung der Sammlung (1717) schreibt Thomasius, er sei mit der cartesianischen Lehre nicht ganz einverstanden, „weil er [Descartes] in der Lehre von den Geistern zu sehr auf das andere Extremum gefallen".241 Damit wird nochmals klar, daß die Verwertung der Theorie Stahls auch bei Thomasius dazu dient, eine seelisch fundierte Physiologie zu vertreten, die als Antwort auf die aus dem Mechanismus entstandene Somatisierung gelten kann. Thomasius lehnt die Hexenverfolgung ab und argumentiert gegen den Teufelsglauben, aber er gehört nicht zu den Verfechtern des Dualismus. Reichs Sammlung zu den Kurtzen Lehr=Sätzen zum Laster der Zauberey enthält auch eine deutsche Übersetzung der medizinischen Dissertation von Gottfried Büching, die 1703 unter Friedrich Hoffmann geschrieben wurde: De potentia diaboli in corporibus (Halle). Die deutsche Übersetzung Philosophische Untersuchung von Gewalt und Wirkung des Teufels in natürlichen Körpern (1704 auch als Separatdruck in Frankfurt und Leipzig erschienen) argumentiert sowohl gegen den Teufel (seine Wirkung wird stark eingegrenzt) wie auch gegen Descartes' Dualismus: Und daß ich die Wahrheit bekenne/die wesentliche Krafft/die eine Ursach und Ursprung aller Würckungen oder Bewegungen in den Cörpern ist/ist keine andere als ohne Materie/denn ich setze alles Wesen und Substanz der Geschöpfe in die unmaterialität. 242

In der Arbeit von Büching wird ein Untersuchungsfall von 1685 in der Nähe von Jena erwähnt, bei dem Verhexung eine Rolle spielen sollte, und wo die Ärzte Johann Adrian Slevogt und Georg Emst Stahl zur Beurteilung herangezogen wurden.243 Über ihre Entscheidung wird keine eindeutige Aussage gemacht, aber der Fall beweist nochmals die Bedeutung medizinischer Gutachen bei Anklagen wegen Zauberei. Wichtig für die Analyse der frühaufklärerischen Erneuerung des Wissens, bei der die Hexenverfolgung zurückgewiesen und das Zauberwesen neu untersucht wird, bleibt aber - anders als die Forschung bisher annimmt - , daß zumindest Stahl, Thomasius und deren Schüler ebenso den Dualismus der neueren Philosophie ablehnen, um der Seele und der leibseelischen Bewegung (Gemütsbewegungen) ihr Wirkungspotential zu belassen. Dies führt zu einer Neuformulierung der Psychologie, welche aber, da sie antidualistisch formuliert wird, auf die „Körperbewegung" (der emotionalen wie der physiologischen Prozesse) bezogen wird. Deswegen erhält die Stahlianische Theorie zentralen Wert: als Stahl sie nach der

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Naudaei und anderer gelehrter Männer Schrifften erleutert [...] und nebst mit einigen Actis magicis herausgegeben von Johann Reichen [...]. Halle im Magdeburgischen 1704 (zahlreiche Auflagen zwischen 1703 und 1712). Christian Thomasius, Kurtze Lehr-Sätze von dem Laster der Zauberey, mit dessen eigener Vertheidigung vermehret. O.O. O.J. (wahrscheinlich die Ausgabe Frankfurt/Leipzig 1717), Vorrede, S. 60. Gottfried Büching, Philosophische Untersuchung von Gewalt und Wirkung des Teufels in natürlichen Körpern. Frankfurt 1704, S. 7. Ebd., S. 27ff.

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Übernahme der Professur in Halle schriftlich auszuformulieren beginnt, bietet sie die einzige naturwissenschaftlich fundierte Alternative zur cartesianischen Materialisierung und Mechanisierung des Körpers an. Thomasius hat sich nicht zufallig von Stahls De passionibus animi und seinem Mo tus tonicus Vitalis für seine Ausübung der Sittenlehre inspirieren lassen. Johann Jacob Reich war Land- und Hofmedikus in Laubach, der Residenz der Grafen zu Solms-Laubach, und ist wohl zu den pietistischen Ärzten in der Nachfolge Stahls zu rechnen. Seine Kurtze und gründliche Anweisung, wie des Menschen Gesundheit zu erhalten, ist 1722 in Büdingen erschienen, eine zweite erfolgte 1738. Ihre radikal-pietistische Ausrichtung ist nicht zu verkennen. Reich blieb auch kein Einzelfall. Ein weiterer Doktorand Stahls, Christian Weisbach, dessen deutschsprachige Popularisierung der Theorie Stahls stark pietistische Züge trägt, hat ebenfalls dem Thomasianischen Feldzug gegen die Hexenprozesse Beistand geleistet. Weisbach übersetzte das wichtige Buch von John Webster, The Displaying of Supposed Witchcraft ( Untersuchung der vermeinten und so gennanten Hexereyen), das Thomasius mit einer Vorrede versah. Es erschien erst 1719, obwohl die Übersetzung schon viel früher fertig war, denn es gab Probleme mit dem Honorar von Seiten des Verlegers. Thomasius hat Weisbach vorerst aus eigener Tasche bezahlt.244 Ein weiterer Anhänger der medizinischen Ansichten Stahls und lebenslanger Pietist, Michael Alberti, pflegte engen geistigen Kontakt mit Thomasius. Alberti schreibt in den Angaben zu seiner Biographie, daß er nach seiner Promotion bei Stahl (1704) Medizin und Philosophie gelehrt habe: in Halle solche Studia noch weiter getrieben, und endlich vor und nach meiner promotione über des Hm. Geheimbden Rath Thomasii Vemunfft- und Sitten=Lehre, wie auch über den Versuch vom Wesen des Geistes [ebenfalls eine Schrift von Thomasius] allhier gelesen.245

Eine andere Quelle belegt dasselbe: Der Herr Hofrath Stahl, sein [Albertis] gütiger Beförderer, that ihm allen Vorschub; er fing an über des Herrn geheimen Rath Thomasii Einleitung zur Vernunft- und Sitten-Lehre und den Versuch vom Wesen des Geistes zu lesen, und auch medicinische Collegia zu halten. 246

Thomasius schrieb dann auch das Vorwort zu Albertis großem Kompendium der juristischen Medizin (1725).247 244 245 246

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Lieberwirth, Christian Thomasius, S. 130. Michael Alberti, Medicinische und Philosophische Schrifften. Halle 1721, Vorrede (O.S.). Jacobus Brucker/Johann Jacob Haid, Bilder-Sal heutiges Tages lebender, und durch Gelahrtheit berühmter Schrifftsteller, in welchen derselbigen [...] Bildnisse [...] vorgestellt und ihre Lebensumstände [...] erzählt werden. Bd. 1. Augsburg 1741-1755. Michael Alberti, Systema Jurisprudentiae medicae, quo casus forenses, a Jctis medicis decidendi, explicantur omniumque facultatum sententiis confirmantur, in partem dogmaticam et practicam, cassibus, relationibus, iudiciis, responsis et defensionibud iuridicis et medicis forensibus specialibus illustratum, in usum Jurisprudentiae et Medicinae, seorsim iudiciorum

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Der Zusammenhang zwischen Medizin und Reform in Halle ist nicht mit dem Begriff Aufklärung identisch. Verfolgt man die vielfältigen Beziehungen der an die Universität Halle berufenen Professoren, entsteht der Eindruck enger Verbindungen mit den Kreisen des enthusiastischen und radikalen Pietismus am Ende des 17. Jahrhunderts. Für Stahl und Hoffmann lassen sich enge Verknüpfungen nachweisen. Der radikale Pietismus der frühen Jahre strebte eine Erneuerung der Gesellschaft im tätigen Christentum an, diese verband sich aber auch mit einer wissenschaftlichen Instaurado. Der Begriff Instauratio muß notgedrungen eingeführt werden, weil damit eine Richtung der Erneuerung gekennzeichnet wird, die anderen Erneuerungsbestrebungen widerstrebt. Diese bevorzugen die Rezeption der neueren Philosophie, deren Kernstück mit den Entdeckungen der naturwissenschaftlichen Gesetze einhergeht. Der cartesianische Dualismus und Rationalismus, auf den die Aufklärung baute, werden in der Instauratio hinterfragt. Wesentlich für eine gegensätzliche Interpretation der Natur und des Verhältnisses Gott - Natur Mensch wurde die Theorie Stahls, auf deren Basis führende und hellhörige Persönlichkeiten wie Christian Thomasius eine andere Sicht der Psychologie des Menschen darzustellen versuchten. Es war durchaus möglich, ein gesellschaftsverändemdes Thema, wie die Opposition gegen die Hexenverfolgung, mit der instaurativen Medizin Stahls zu verbinden, also zu versuchen, das seelische Primat menschlicher „Bewegtheit" im körperlichen Dasein zu erhalten, anstatt auf eine rein rationalistische Lösung zu zielen. Der Dualismus ist Voraussetzung für den Rationalismus, und genau diese Auffassung der menschlichen Natur macht sowohl eine Medizin möglich, die sich nur auf den Körper und das Naturgesetz beruft, als auch eine philosophisch gesteuerte Säkularisierung der Seele, die mit der Isolierung der Vernunft zum Inbegriff der Aufklärung wurde. In der Frühaufklärung wurde dieser Brauch in Halle noch nicht in aller Schärfe praktiziert. Die Spaltung wird in dem Maße vollzogen, in dem Stahls Theorie und deren Verbreitung durch pietistische Ärzte zunehmend den Gegensatz zur mechanistischen Medizin und ihrer eklektischen Variationen darbot. Stahl hat eindeutig eine Reform im Sinne der „Wahrheit" angestrebt. Seine Erneuerung der Medizin, die eine prinzipielle Einsicht in den Grundcharakter leibseelischer Prozesse vorsah - für ihn der wahre Gegensatz zur Verwirrung, die er in der zeitgenössischen Medizin vernahm - , konnte er in Halle systematisch ausarbeiten. Die Reform, deren Ziel es war, die „einfache Wahrheit" zu ergründen, fand in Stahl den geeigneten Theoretiker. Aber diese Reform war nicht eine bloß ideelle. Sich einem solchen Ziel wie „die Wahrheit ist einfach" zu verschreiben, hieß, dieses auch für „die Einfachen" zu vermitteln. Auch hier blieb sich die Instauratio treu: Stahls medizinische Lehre war Gegenstand einer pietistisch verbrei-

Civilium et Ecclesiasticorum directum, et cum Praefatione Christiani Thomasii. 6 Bde. Halae

1725-1760.

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teten Aufklärung in der Form popularisierender Bücher, die das Thema des folgenden Kapitels darstellen.

4. Reform, Muttersprache und Laienwissen in der Medizin Der Erneuerung der Wissenschaften, die durch den Pietismus in Halle ins Leben gerufen und vorangetrieben wurde, lagen zwei Prinzipien zugrunde: erstens die Herausarbeitung „wahren" Wissens, und zweitens das Prinzip der „einfachen" Vermittlung von gelehrtem Wissen. „Die Wahrheit ist einfach" - dieses Programm verlangt, daß Wissen auch für den „Laien" zugänglich gemacht wird. Bei der Analyse der Wirkungsgeschichte Stahls durch seine pietistisch-ärztliche Nachfolge muß eine in der Forschung bisher kaum berücksichtigte Wende herausgearbeitet werden, die anzeigt, daß die Rezeption medizinischen Wissens neuen Bedingungen unterlag. Diese Wende bezieht sich auf verschiedene synchrone Anliegen, nämlich erstens das Bestreben, dem deutschprachigen medizinischen Lehrbuch neue „moderne" Inhalte zu geben; zweitens das Ziel, auch Ärzten fachlich kompetente Übersetzungen der neuen Medizin zugänglich zu machen; drittens den aus diesen ersten Punkten ableitbaren, verschärften Gegensatz zwischen der Vermittlung von Wissen in der Gelehrtensprache Latein und der Muttersprache des Landes; und viertens den ebenfalls auf den Gebrauch der deutschen Sprache bezogenen Kampf zwischen der „neuen" Philosophie und der Instaurado der Erweckten. Weil diese inhaltlichen Anliegen aufeinander bezogen werden müssen, genügt es nicht, rein quantitative Angaben als Schlüssel für das sich ändernde Verhältnis der auf Latein und Deutsch erscheinenden Bücher zu nehmen.248 Auch die Feststel-

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Zur Rezeptionsgeschichte medizinisch-pharmazeutischer Bücher, zur empirisch fundierten Leseforschung auf diesem Gebiet und zu dem fundamentalen Problem der Sprachschichtung (gelehrtes Latein und Muttersprache) im Zeitraum 1650-1730 gibt es so gut wie keine Forschung. Ausgenommen ist der hilfreiche Artikel von Joachim Teile: Wissenschaft und Öffentlichkeit im Spiegel der deutschen Arzneybuchliteratur. Zum deutschlateinischen Sprachenstreit in der Medizin des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Medizinhistorisches Journal 14 (1979), S. 32-52. Ich habe selbst versucht, diesem Problem näherzukommen: Johanna Geyer-Kordesch, Deutschsprachige Bücher aus Holland. Medizinische Kontroversen und ihr Publikum in Deutschland 1680-1730, in: Marius J. van Lieburg/Richard Toellner (Hg.), Deutsch-Niederländische Beziehungen in der Medizin des 17. Jahrhunderts. Amsterdam 1982, S. 93-108; dies., Fevers and other Fundamentals. Dutch and German medical explanations c. 1680 to 1730, in: William F. Bynum/Vivian Nutton (Hg.), Theories of Fever from Antiquity to the Enlightenment. London 1981, S. 99-120. Zum Problem Gelehrtenlatein und deutsche Buchproduktion in der frühen Neuzeit schreibt auch: Uwe Pörksen, Der Übergang vom Gelehrtenlatein zur deutschen Wissenschaftssprache, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 51/52 (1983), S. 227-258. Allerdings bleibt manches an seiner Darstellung problematisch, so zum Beispiel die Analyse der lateinischen und deutschen Bücher medizinisch-naturwissenschaftlichen Inhalts in der Heizog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, S. 240. Die Stahlschriften (Latein und Deutsch) bei Johann Christoph Goetz zwischen 1690 und 1729 weisen allein schon 700 Titel auf, während die Verteilungskurve von Pörksen im Abschnitt zwischen 1680

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lung, daß e s bereits eine Tradition deutschsprachiger medizinischer Lehrbücher gab, 2 4 9 löst nicht die Frage nach ihrem inhaltlichen Zweck. Nicht der Sprachgebrauch alleine entscheidet über das Bedürfnis, Bücher auf D e u t s c h zu schreiben, sondern die avisierten Vermittlungsprobleme sind entscheidend. G e g e n Ende des 17. Jahrhunderts steuert die Debatte über „neue" Inhalte das Bedürfnis nach der Übernahme des vornehmlich auf Latein zugänglichen W i s s e n s in die Muttersprache. D a s „nationale" oder in der Sprache der Zeit „patriotische" Bedürfnis der P f l e g e der Mutterspache, w i e es bei den Wochenschriften oder in der Kultivierung der deutschen Redekunst oder Literatur zutage tritt, 250 k o m m t erst später z u m Durchbruch. D e r erste Ansatz zur Abkehr v o m gelehrten Latein entspricht d e m Kampf u m die scientia nova. D i e Medizin und die „neue" Philosophie entsprechen einer Debatte, deren Bedeutung über den kleinen Kreis der Gelehrten hinaus in die Öffentlichkeit der Volkssprache hineinragte. D i e H i n w e n d u n g zur Volkssprache ist nicht eine Wirkung der neuen A k a d e m i e n der Wissenschaften, 2 5 1 sondern ein Teil

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und 1730 insgesamt nicht mehr als etwa 750 Werke auf Deutsch aufweist. Ich weiß, daß die Herzog-August-Bibliothek zwar viele, aber bei weitem nicht alle Stahlschriften besitzt. Auch das Problem der mehrfachen Auflagen bestimmter Bücher, das über die Rezeption deutschsprachiger Schriften einiges aussagt, wird nicht berücksichtigt. Quantitative Untersuchungen zum Buchmarkt anhand der Leipziger und Frankfurter Meßkataloge lösen die Verbreitungsund Rezeptionsproblematik ebenfalls nicht, wie es Pörksen anführt. Aus den quantitativen Angaben können keine qualitativen Neuerungen im Bereich des medizinischen Wissens ermittelt werden. Auch die neuere Literatur zu den Lesegesellschaften ergibt für meine Problemstellung keine Hilfe. Sie setzt meistens zu spät ein. Die sozialgeschichtliche Forschung versucht, das Leseverhalten bestimmter Schichten zu ergründen, so zum Beispiel die grundlegenden Arbeiten von: Rolf Schenda, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. München 1977 ('1970); Rolf Engelsing, Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500-1800. Stuttgart 1974; ders., Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft. Stuttgart 1973. Diese Publikationen berücksichtigen aber nicht medizinisches Wissen. Die deutschsprachigen Bücher lassen sich anhand der Frankfurter und Leipziger Meßkataloge ermitteln. Ich habe diese in der Herzog-August-Bibliothek durchgesehen und bin dadurch auf den Unterschied zwischen dem traditionellen medizinischen Kompendium und der um 1680 einsetzenden Publikation inhaltlich anders gestalteter medizinischer Werke gekommen. Siehe zu den Wochenschriften: Wolfgang Martens, Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften. Stuttgart 1968; Zur deutschen Redekunst: Hans Peter Herrmann, Natumachahmung und Einbildungskraft. Zur Entwicklung der deutschen Poetik von 1670 bis 1740. Berlin 1970. Ohne daß Herrmann darauf eingeht, wären einige interessante Parallelen zwischen der literarischen Theorie und den medizinischen Ansichten am Ende des 17. Jahrhunderts nachzuweisen. Uwe Pörksen weist auf die Vielfältigkeit des Sprachgebrauchs besonders bei den Autoren, die eigentlich zur „scientific revolution" gehören, hin. Insbesondere bemerkt er, daß die Studenten William Harveys Vorlesung über die Anatomie teils lateinisch, teils in der Muttersprache aufschrieben. Pörksen bezieht die Pflege der Muttersprache auf die neuen Akademien der Wissenschaften. Ich würde hingegen den Zusammenhang mit dem protestantischen Nonkonformismus betonen, sowohl für England als auch für die deutschsprachigen Länder (siehe dazu Uwe Pörksen, Der Übergang vom Gelehrtenlatein zur deutschen Wissenschaftssprache, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 51/52, 1983, S. 227-258). Die intensive Beschäftigung mit Harveys Kreislauflehre auf den von ausländischen Studenten vielbesuchten holländischen Universitäten zeigt: Marius J. van Lieburg, Deutsche Studenten in Leiden 119

der auf Erneuerung und Aufklärung drängenden Reformtendenzen, die sehr bewußt ein nicht akademisches oder „ungelehrtes" Publikum im Auge behalten. Das deutschprachige Buch wurde zum bevorzugten Medium außeruniversitärer Bildung und autodidaktischen Lernens. Im Rahmen der medizinischen Erneuerung, die mit Georg Ernst Stahls Theorie eingeleitet werden sollte, kann gezeigt werden, daß die Praxis Stahliana sehr wohl Bestandteil eines bewußt formulierten didaktischen Programms war, das darauf abzielte, das „wahre" medizinische Wissen an Laien und Ärzte weiterzugeben. Ein wesentliches Indiz dieses Vorhabens ist der bewußte Einsatz der Mutterspache, denn darin zeigt sich die gezielte Abkehr von der Gelehrtensprache Latein und die Hinwendung zu einem Publikum, das sich aus verhältnismäßig „Ungebildeten" zusammensetzt. Der Gebrauch der Muttersprache oder Volkssprache ist ein Politikum im Forum der gelehrten Wissenschaften, denn je mehr Bücher auf Deutsch erhältlich sind, desto mehr wird die Barriere zum Gelehrtenwissen durchbrochen. Bücher, die in der Absicht geschrieben sind, die neuen Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft auf Deutsch zu vermitteln, geben dem Laien auch die Mittel in die Hand, Medizin zu praktizieren. Damit „umgeht" der Laie die direkte Autorität des Arztes. Das ist auch beabsichtigt, denn in diesem Schrifttum wird ausdrücklich betont, daß der Leser sein eigener Leibarzt sein soll.252 Die inhaltliche Wende wird deutlich in dem didaktischen Programm, das sich sowohl in der „neuen" postcartesianischen Medizin wie in der Instaurado feststellen läßt. Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ist ein Anstieg an deutschsprachigen Büchern deutlich zu erkennen. Diese qualitativ guten - gemeint ist didaktisch klug ausgeführten - Bücher vermitteln die „modernen" Erkenntnisse der Medizin.253 Diese Gattung deutschsprachiger Texte knüpft vorerst an das Vorbild der holländischen Schule „empirischer" Medizin an und versucht, Wissen über den Körper zu vermitteln. Die deutschen Ausgaben der Bücher von Cornelius Bontekoe, Hendrick Overkamp, Stephan Blankaart - um nur die wichtigsten zu nennen unterscheiden sich von den herkömmlichen deutschsprachigen medizinischen Anleitungen darin, daß sie „moderne" Theorien zur Pathogenese und Gesundheit

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(1628-1688) und die Einführung der Kreislauflehre William Harveys in Holland, in: van Lieburg/Toellner (Hg.), Deutsch-Niederländische Beziehungen in der Medizin, S. 39-76; van Lieburg teilte mir mit, daß die Kreislauflehre schnell den Weg in die Predigt fand, also muttersprachlich verbreitet wurde. Das würde sich mit der Ansicht Johann Conrad Dippels decken, der im frühen 18. Jahrhundert gegen die Verbreitung des Cartesianismus von der Kanzel aus polemisierte. Also auch da der Hinweis - obwohl die Kreislauflehre und die neue Philosophie Descartes' nicht das gleiche sind - , daß die „wissenschaftlichen" Kontroversen eine öffentliche Debatte zur Folge hatten, und zwar in der Volkssprache. Christian Weisbach, Wahrhaffte und gründliche Cur aller dem menschlichen Leibe zustossenden Kranckheiten, nach der vernünftigen [...] Methode der Natur sammt einen physicomoralischen Vorbericht von dem menschlichen Leibe und der darin wirckenden Seele [...]. Straßburg 1712, S. 5. Siehe zu den Angaben dieses Absatzes: Geyer-Kordesch, Deutschsprachige Bücher aus Holland, S. 96-99.

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sowie anatomisches und chemisches Wissen enthalten. Sie sind nicht mehr bloße Kompendien simplifizierten Wissens in der Art von Der vermehrte sorgfältige Medicus aus dem Jahre 1677.234 Die Abgrenzung vom üblichen Angebot deutschsprachiger medizinischer Lehrbücher kann anhand des Vermehrten sorgfältigen Medicus gezeigt werden. Dieses Buch ist ein typisches Kompendium der Medizin und bietet das traditionelle Schema medizinischen Wissens für Laien an: eine Fülle von Rezepten, die aus einfachen Ingredienzien zu mischen seien, eine allgemein gehaltene Lehre über bestimmte Krankheitssymptome und didaktische Information im medizinischen Bereich, aufgegliedert nach den Körperteilen (Kopf, Augen, Ohren, Nase, Zähne, Zahnfleisch, Mund, Hals, Brustkorb, Herz, Brüste, Magen, Verdauungsorgane, Leber, Milz usw.). Allgemeine Störungen, Krankheiten und chirurgische Eingriffe werden erörtert, so etwa Menstruationsstörungen, Hautkrankheiten, Wunden, Fieber, Pest, Windpocken und Röteln. Zum Schluß gibt es noch nützliche Anweisungen, wie man Pomaden oder Mittel gegen Mundgeruch zubereiten sollte. Diese typische Struktur des zum Hausgebrauch aufgebauten Kompendiums wird in der „neuen" medizinischen Literatur ersetzt durch wissenschaftliche Begründungen und systematische Zusammenfassungen wichtiger Erkenntnisse über Erkrankung und Gesundheit. Das Bedürfnis, „neue" Inhalte auf Deutsch zugänglich zu machen, beschäftigte sowohl Aufklärer wie die Erneuerer im Kreis der Erweckten. Beide setzten auf eine Vermittlungstätigkeit, die nur in der Volkssprache Wirkung erzielen konnte. Um 1680 erschienen zuerst die holländischen Bücher in deutscher Sprache, die cartesianische Prinzipien in die Medizin umsetzten im Sinne eines allgemeinen Unterrichts zur Anatomie und Physiologie. Kurz danach erschienen die ebenfalls auf einen allgemeinen Unterricht zielenden Bücher der pietistisch-ärztlichen Nachfolge Stahls.255 Diese „neue" Form, medizinisches Wissen aufzubereiten, entsprach vorerst der Einschränkung auf empirischsomatische Darstellungen, die von cartesianisch beeinflußten Ärzten unternommen wurde. Daher kommt auch die Betonung der iatrophysischen und der iatrochemischen Grundsätze als Inbegriff des in diesen Büchern repräsentierten „neuen" Wissens.256 Da sie auf Deutsch erscheinen, beanspruchen sie die Aufmerksamkeit auch nichtmedizinischer Leser.

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Die Kontinuität deutschsprachiger medizinischer Bücher bestreite ich nicht. Mich interessieren die inhaltlichen Umstellungen bei der Umsetzung des „neuen" medizinischen Wissens in die Volkssprache im Zuge der Auseinandersetzung zwischen „Mechanisten" und „Stahlianern". Der vermehrte sorgfältige Medicus [...]. Osnabrück 1677, bleibt im Rahmen einer Gattung, die sehr traditionell ist und zurückverfolgt werden kann in frühere Jahrhunderte. Siehe dazu: Geyer-Kordesch, Deutschsprachige Bücher aus Holland. Exemplarisch dafür: Cornelius Bontekoe, Abhandlung von des Menschen-Leben, Gesundheit, Kranckheit und Tode. Budissin 1685 und 1688; weitere Ausgaben: Rudolfstadt 1688, Budissin und Leipzig 1719.

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Diese nun auf populärer Ebene einsetzende Verbreitung medizinischen Wissens der mechanisch-empirischen Richtung rief auf pietistischer Seite die Popularisierung der Lehre Stahls hervor. Die medizinischen Prinzipien Stahls, die den leibseelischen Vorgängen ein Primat bei der Erforschung von Gesundheit und Krankheit einräumen, sollten der neuen empirischen Medizin auch im Bereich deutschsprachiger Bücher entgegentreten. Auf die beträchtliche Verbreitung dieser Bücher in der pietistisch-ärztlichen Nachfolge Stahls kommen wir noch zu sprechen. Die Wende zu einem qualifizierten wissenschaftlichen Schrifttum in der Muttersprache zeigt sich nicht nur in der Medizin. So heißt es in der Vorrede zu einem Buch über die Chemie: Daß man aber diß Werk Teutsch geschrieben, ist lediglich der Entzweck gewesen, denen der lateinischen oder andern Sprachen unfähigen hierdurch zu dienen, als welche dergleichen Schrifften entweder nicht recht verstehen, oder mit Nutzen lesen können. Maßen es auch andere Nationes vorlängst gethan, jeder in seiner Muttersprache zu schreiben [...]. 257

In diesem Zitat ist eindeutig die Hinwendung zu den „Ungebildeten", sprich denjenigen Teilen der Bevölkerung, die Kenntnis der klassischen Sprachen nicht erwerben konnten, bezeugt. Das Wissen aus dem Chymisten soll diesem Leserkreis zugänglich gemacht werden und soll den „andern Sprachen unfähigen" dienen, „recht [zu] verstehen", trotz ihrer Unkenntnis der Gelehrtensprache Latein. Es soll nicht länger möglich sein, die Arkana des Weltzusammenhangs ausschließlich auf der Ebene des gelehrten Austausches zu erörtern.258 Die Medizin wie die Chemie treten eindeutig in den Sog der Aufklärungsbestrebungen, Wissen „für jeden" zu verbreiten. Die Sprachbarriere, die die Wissenshierarchie untermauerte, beginnt zunehmend abzubröckeln. Die Reformation und insbesondere die radikalen Protestanten legten immer großen Wert auf die Volkssprache und auf die Lesekultur. Als Folge der Endzeiterwartungen gab es ein reiches Schrifttum z.B. auf dem Gebiet der Astrologie, der Kalender oder der Mathematik, in dem die prophetischen Bücher der Bibel ausgelegt wurden.259 Aber das Gefälle zwischen den Gelehrten und ihren Büchern in lateinischer Sprache und den „populären" Schriften in der Muttersprache wurde auch im 17. Jahrhundert aufrechterhalten. Die Universitäten vor allem bestanden in

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Christoph von Helwig, Der curieuse und wohl-erfahrne Chymist, welcher nicht alleine die [...] chymische Prozesse [...] lehret, sondern auch anweiset, wie solche nach denen gehörigen Kunst=griffen geschicklich zu bereiten [...]. Leipzig 1738, Vorrede (O.S.). Das Schema der Geheimwissenschaften und des „Okkulten" der Renaissance muß hier durchbrochen werden. Das esoterische Wesen der „Magia Naturalis" zeigt sich bei: Francis A. Yates, Giordano Bruno and the Hermetic Tradition. London 1964; siehe auch - obwohl er die verschlungenen Wege zur Popularisierung aufzeigt: Wolf-Dieter Miiller-Jahncke, Astrologisch-Magische Theorie und Praxis in der Heilkunde der frühen Neuzeit. Stuttgart 1985. Charles Webster, From Paracelsus to Newton. Magic and the Making of Modern Science. Cambridge 1982, siehe besonders: Chapter 2: „Prophecy"; Bernhard Capp, Astrology and the Popular Press. English Almanacs 1500-1800. London 1979.

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ihren fachspezifischen Werken (Jurisprudenz, Theologie, Medizin und Philosophie) auf Latein. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts ist es gerade diese Koexistenz der Systeme, die einer Änderung unterzogen wird, und zwar im Bereich der scientia nova. Da die „scientific revolution" einen universellen Anspruch auf die Erklärung der Natur und ihrer Gesetze erhebt - insbesondere in Opposition zu den Enthusiasten - kann die Debatte über die Deutung der Natur und des Menschen nicht fachspezifisch bleiben.260 Der Kampf um die weltanschauliche Deutung bezog sich vor allem auch auf die Medizin als wissenschaftliche Mittlerin des Wissens um die „Materie" Körper (das mechanistische Weltbild) oder aber auch um die „Seele" (das Leib-Seele-Problem und die Affektenlehre). Das Ausmaß inhaltlicher Auseinandersetzungen bestimmt den Streit um den Gebrauch der Volkssprache. Das wird besonders deutlich in der Polemik, die beide Seiten um die Verbreitung von Wissensinhalten in Deutsch führen. Anhand der Kritik orthodoxer Kirchenmänner an Philipp Jakob Spener kann das Unbehagen verdeutlicht werden. Die Orthodoxie verurteilt bei Spener den Gebrauch der Muttersprache in seinen deutschen Vorreden zu den Neueditionen von Johannes Tauler und Thomas à Kempis, beide bedeutende Autoren mystischer Schriften.261 Er, Spener, veranlasse die Wiederauflage dieser Bücher, so daß er sie „denen Leuten recommendieret, also, daß nun Schuster und Schneider sich mit ihren Büchern trügen [,..]".262 Genauso unlieb war es aber dem radikal eingestellten Separatisten und früheren Pietisten Johann Conrad Dippel, daß die „neuere" Philosophie, er meint damit das cartesianische „Übel" auf Deutsch zugänglich gemacht wurde. In seiner medizinischen Abhandlung über Die Kranckheit und Arzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens von 1713 heißt es: Man wundere sich, wann man siehet daß [...] derselben Grundlehre dergestalt überhand genommen/daß auch unter denen Handwecks=Leuten und Bauern dergleichen angetroffen werden/welche entweder von 260

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Die Intensität des Streites um die Barriere Gelehrtenlatein läßt sich datieren und lokalisieren: in Jena, Erfurt, Halle in den Jahren nach 1680. Ort und Zeit stimmen mit dem Aufschwung der Erweckungsbewegung überein. Da auch Thomasius zu dieser Zeit die Pietisten verteidigte, ist die Meinung nicht aufrechtzuerhalten, daß Thomasius allein im Sinne der Aufklärung und der Vernunft für die Verbreitung von Wissen in der Landessprache plädierte. Das komplexe Problem des Transfers von Wissen im Zuge der „scientific revolution" und des intensiven Kampfes gegen die Enthusiasten (Revolt against Enthusiasm, siehe dazu Kapitel ΠΙ, Abschnitt 1 dieser Arbeit: Der radikale Reformansatz im frühen Pietismus), sind noch gar nicht erforscht worden. Einerseits fördert die Verständigung über die Gelehrtensprache Latein die internationale Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, andererseits verlangt die Reform pietistischinstaurativer wie aufklärender Prägung, nach effektiver Einwirkung auf die nicht-universitär gebildete Bevölkerung. Christian Gerber, Historia derer Wiedergebohrnen in Sachsen. 4 Bde. Leipzig und Dresden 1725-1737, hier Bd. I: Die IIX. [sie] Historie. Von Hn. D. Speners Leben und schönen tröstlichen Ende, S. 279. Zur großen Bedeutung der mystischen Schriften, insbesondere der Werke von Tauler, für die Anfänge des Pietismus, siehe: Johannes Wallmann, Philipp Jakob Spener und die Anfänge des Pietismus. Tübingen 1970, S. 246-248 und 286-290. Gerber, Historia derer Wiedergebohrnen in Sachsen, S. 279.

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der Cantzel oder aus denen in der Mutter=Sprache vorhandenen Büchern durch solche Lekkerbißlein und Philosophische Geheimnüßen eingenommen sich stets mit einem Hauffen Cartesianischen Theilgen schleppen/und mittelst diesen Himmel und Erden vermengen/auch die verborgene Tugenden der Dinge überaus wohl erklären können. 263

Auch Dippel schreibt unbeirrt weiterhin auf Deutsch. Die Anschuldigung Speners von seiten der Orthodoxie wie auch das Anliegen Dippels, ein Gegengewicht zur Ausbreitung der Philosophie Descartes' zu bieten, zeigen an, daß die „Schuster, Schneider, Handwercks=Leute und Bauern" eine heiß umkämpfte Leserschaft darstellen. Die Bewegung, die in die weltanschauliche Topographie orthodoxer Meinungen und feststehender Standeshierarchien gekommen ist, umfaßte mehrere Bereiche. Die Bücher der Mystiker und Spiritualisten, älteren und neueren Datums, wie Tauler, Thomas à Kempis, Johannes Pordage, Johann Wilhelm Petersen und seiner Gattin Johanna Eleonora geb. von Merlau, Pierre Poiret, Madame Guyon, Johann Gichtel, Gottfried Arnold und viele mehr, alle fleißig ins Deutsche übersetzt,264 beunruhigten einerseits die Orthodoxen, andererseits wurden sie aber zum Bollwerk gegen die neue Philosophie. Dippel hat also Rückendeckung gegen die „Leckerbißlein und Philosophische Geheimnüße", die von der (orthodoxen) Kanzel oder in der Muttersprache verbreitet werden. Das gelehrte Latein hilft nicht mehr - weder dem einen noch dem anderen - , wenn medizinisches Wissen, wie es die Erwähnung der Korpuskularlehre im Zusammenhang mit Descartes in Dippels Schrift bezeugt, gepredigt wird. Die Diskussion hat sich längst vom Katheder zur Kanzel bewegt und damit die „Ungebildeten" erreicht. Nun ist nichts mehr ganz sicher: denn wo sich der religiöse Enthusiasmus als Bewegung durchsetzt, ist auch sein Gegenspieler allgegenwärtig. Beide Kontrahenten sind von einem Publikum umgeben, das sich aus Lauschenden und Lesenden außerhalb der Universität und ihrer Fachdisziplin zusammensetzt. Zu dieser Zeit fallen auch die Sprachbarrieren an den Universitäten. Da, wo die pietistische Bewegung stark war, in Jena und in Halle um die Jahrhundertwende, wurden theologische und auch andere Vorlesungen, wie etwa die Erhard Weigels in den Naturwissenschaften, auf Deutsch gehalten.265 Später - in Jena - wurde dies untersagt, und auch in Halle konnte sich auf dem Höhepunkt der Aufklärung (nach 1740) der radikale Anfang nicht behaupten.266 Aber im späten 17. Jahrhundert 263

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Johann Conrad Dippel, Die Kranckheit und Arzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens. Leipzig und Frankfurt 1713, S. 19. Die Herausgabe und die Übersetzung der älteren und neuen Mystiker war ein Anliegen Speners und Franckes. Der Waisenhaus-Verlag achtete insbesondere auf die Herausgabe dieser Schriften: Joachim Böhme, Heinrich Julius Elers, ein Freund und Mitarbeiter August Hermann Franckes. Berlin 1956, S. 161 ff. Friedrich August Tholuck, Geschichte des Rationalismus. Abt. I: Geschichte des Pietismus und des ersten Stadiums der Aufklärung. Berlin 1965 [Neudruck: Aalen 1970], S. 17; Max Steinmetz, Geschichte der Universität Jena 1548/58-1958. 2 Bde. Jena 1958-1962, hier Bd. I, S. 130. Tholuck, Geschichte des Rationalismus, S. 17.

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brach der Damm gegen die „Unwissenden", und der Streit um das „wahre" Wissen wurde jedermann zugänglich, unabhängig davon, wie komplex die philosophische oder naturwissenschaftliche Problematik war. In seiner Verteidigungsschrift von 1707 schreibt Stahl von der „unendlichen Vermehrung der Bücher".267 Das Schlechte erscheine mit dem Guten, meint Stahl, vermutlich kopfschüttelnd, aber er bricht dann dennoch eine Lanze für die Zensurfreiheit. Es sei besser, die Freiheit zu haben, alle Bücher zu verlegen, als diese einzuschränken, denn die Wahrheit werde sich am Ende von selbst verteidigen.268 Als die Bücherflut zunimmt, verschärft sich der Kampf um das „moderne" Wissen und damit der Kampf um den Gebrauch der Volkssprache. Daß sich diese Wende über den Anfang des 18. Jahrhunderts hinauszieht, ist wiederum an die Thematik der Auseinandersetzung um das „neue" medizinische Wissen gebunden. Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts muß die Verwendung der Muttersprache noch begründet und gerechtfertigt werden. Als der Verlag David Richter 1726 das Buch von John Allen, den Kurtzen Begriff der ganzen Medizin herausbrachte,269 ein Kompendium „moderner" ärztlicher Meinungen, das dem Anspruch eines qualitativ guten und informativen medizinischen Textes entsprach, wird der Gebrauch der deutschen Muttersprache in der Vorrede mehrmals gerechtfertigt. Gegen den „Einwurff [...] ob [...] dieses Werckgens medizinische Pfuscher verursachen, und manchen Gelegenheit geben, die Hand an die edle Medicin selbst zu legen, darzu er sich doch schicken möchte, wie der Esel zur Laute",270 wird geantwortet, daß dieses Buch für Leute sanae mentis et maturi judicii geschrieben. Dieser Gattung Person nun, sie sey gleich von was Extraction sie wollen, verstehen allemahl, was das heisse: nec sutor ultra crepidam [Schuster, bleib bei deinen Leisten]; darum hat man sich von ihnen hierinne nichts widriges zu besorgen. 271

Und weiter heißt es: Und endlich kan ihm [dem Leser] auch das zum Tröste dienen, daß nicht nur heutigen Tages die meisten Professores auf Universitäten die Geheimnisse Hygaeae ihren Zuhörern in deutscher Sprache fürtragen, und ihnen den Unterricht geben; die Gelehrsamkeit sey an keine Sprache gebunden; zu wider der Gewohnheit derer Alten, auch etlichen noch heutigen Tages lebenden gelehrten Männern, die in ihren Collegiis vor dem anders nicht als Lateinisch profitierten: sondern daß auch noch täglich die nach der neuesten Methode fabricierten medicini-

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In der Übersetzung von Karl Ideler, der diese Schrift Stahls (De scriptis suis ad hunc diem schediasmatibus, vindiciae quadem et indicia. Halle 1707) als Einleitung seiner Übertragung der Theoria medica vera (Georg Emst Stahls Theorie der Heilkunde. 3 Bde. Berlin 18311832) in Auszügen ins Deutsche übertragen hat, Bd. I, S. XXI. Ebd. Johann Allen, Kurtzer Begriff der gantzen medizinischen Praxis, das ist, derer gelehrtester Männer voriger und jetziger Zeit gründliche Meinungen von denen Kranckheiten [...]. Budiso n 1726. Ebd., S. 29. Ebd., S. 29f.

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sehen Unterrichte, Einleitungen, Anweisungen, Schlüssel und dergleichen Principal-Wercke sich präsentieren. Wenn nun bey diesen kein Ärgerniß noch Untergang der Medicin zu besorgen stehet, so wird auch wol unserer Übersetzung dergleichen Beschuldigungen mit Recht nicht aufgebürdet werden können. 272

Diese Zitate enthalten die typischen Argumente zur Rechtfertigung des Gebrauchs der Muttersprache in der Medizin. Gegen den Vorwurf, deutschsprachige medizinische Fachliteratur verleite zum Kurpfuschertum, wird erstens angeführt, daß jeder Erwachsene die Grenzen seines Wissens einschätzen könne, und daß die Gelehrsamkeit an keine Sprache gebunden sei. Das ist eine deutliche Aussage in Richtung des Wissensanspruches „für jeden". Zweitens wird eindeutig auf die „nach der neuesten Methode" erscheinenden medizinischen Bücher verwiesen, um auch John Allens Werk in die Reihe der inhaltlich neugestalteten Bücher einzureihen. Die Vorrede bestätigt damit den Unterschied zwischen „alten" Kompendien und „neuen" medizinischen Inhalten. Drittens wird die Erneuerung erwähnt, die auch an den Universitäten stattfindet. Die „Alten" und einige „noch heutigen Tages lebenden gelehrten Männer" profitieren zwar vom Gebrauch der lateinischen Sprache, aber es gebe neuere Ansätze, die Medizin „den Zuhörern" in deutscher Sprache zugänglich zu machen, wie es auch die neue Gattung der deutschsprachigen Bücher zum medizinischen Unterricht gebe. Vergegenwärtigt man sich die Privilegien, die Rituale, die Bekleidung und Zeremonien, den Sprachkodex jener barocken Welt und der ci vitas universitatis des 17. und 18. Jahrhunderts, dann wird deutlich, daß die Formulierung „zuwider der Gewohnheit derer Alten und etlichen noch heutigen Tages lebenden gelehrten Männer" mehr an Kritik enthält als die Bereitschaft, den „Ungebildeten" Wissen zugänglich zu machen. David Richter ist ein Verleger aus den Reihen derer, die Bücher und Ideen aus sektiererischen Kreisen - der Druckort ist Bautzen - veröffentlichen;273 er unterstützte die egalitären, zensurfeindlichen Bildungsziele der Erweckten. Sein Verlagswerk ist in die Gruppe der „nach der neuesten Methode fabricierten" medizinischen Schlüssel, Unterrichte und Anweisungen einzureihen, es gehört zu denjenigen Veröffentlichungen, die das „neue" Wissen gegen die Privilegien des Lateinischen und der Universität verteidigen und den Zielen der Erweckten dienen. Dieser Bruch mit den Sprachregelungen der gelehrten Welt gehört zur Instauratio der Pietisten. Die Instauratio der Pietisten bricht gleichzeitig mit der Aufklärung die Hegemonie des gelehrten Lateins. Beiden, sich zwar inhaltlich widerstrebenden Reformbewegungen, ist ein Ziel gemeinsam: das medizinische Wissen mit Hilfe des deutschprachigen medizinischen Buches aus der Bindung an die Universität zu lösen, und dabei - das ist außerordentlich wichtig für dieses Bestreben 272 273

Ebd., S. 30. Budissin = Bautzen. David Richter verlegt Werke aus der ärztlich-pietistischen Nachfolge Stahls, z.B. die Bücher von Johann Christian Kundmann und Johann Kanold.

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die Qualität eines guten medizinischen Unterrichts aufrechtzuerhalten. Nur dadurch kann die medizinische Selbsthilfe für den Laien zugänglich gemacht werden. Die Instaurado der Pietisten greift aber radikaler durch als die Aufklärung: ihre inspirierten Mitstreiter fordern die Abschaffung des Latein im Medizinunterricht im allgemeinen. Der Stahl-Schüler Johann Samuel Carl erörtert diesen Zusammenhang unzweideutig in seiner Paedagogia cordis, die ein Reformprogramm in der Medizin avisiert: Ist's nicht also/daß gleich in der zarten Kindheit alle Mühe und Kräfften angewandt müssen werden/um die Lateinische Sprache einzuprägen? Wann man gäntzlich sagen wolte/man könte ohne solche Sprache die Medicin, wie andere höhere Facultäten/gründlich begreiffen/und solche Mühe auf was besseres wenden: würde gewiß nicht der Wahrheit/doch der Gewohnheit zu nahe geredt seyn/sonderlich in diesen abergläubischen Ländern. Die Kranckheiten weichen nicht den Lateinischen oder Griechischen Blumen; noch deren Ursach ein grammaticalisches/sondern ein verständiges Erfahrungs=Auge erfordert. 274

Der klassische Unterricht läßt die Kinder ihre Mühe und Kräfte auf das Erlernen der lateinischen Sprache richten, wohingegen es den neuen pädagogischen Einsichten gemäßer wäre, die Medizin auf Deutsch zu unterrichten und mehr Zeit auf die Schulung des ,,Erfahrungs=Auge[s]" zu verwenden. Es ist ohnehin so, meint dann Carl pointiert, daß griechische und lateinische Ausdrücke in der Medizin den Aberglauben fördern. Ganz im Sinne der neuen aufgeklärten Naturwissenschaft weist er darauf hin, daß Krankheiten nicht durch Namensbeschwörungen zu besiegen sind, sondern durch medizinische Erfahrung. Auch Stahl bestand ausdrücklich auf der nötigen medizinischen Erfahrung, als er in der Einleitung zu der Theoria medica vera - eine feine ironische Wendung, betrachtet man die folgenden 2 000 Seiten - betont, es komme auf die Kunst des genau erlernten medizinischen und medikamentösen Eingriffes an, denn sonst praktizierte man nur mit leeren Worten.275 Nicht allein der Gebrauch der deutschen Sprache, sondern auch ihr „lebendiger Leib", die Abkehr von alten Mustern der Gelehrsamkeit, von Prunk und Rhetorik analog zur schlichten Predigt der Erweckungsbewegung - und ihr Charakter als Landes- und Volkssprache läßt sie zum geeigneten Medium der gesellschaftspolitischen Reform werden. Wie Carl schreibt: man „lehrt/schreibt/redt von denen wichtigsten Sachen [...] frey durch alle Land in seiner Mutter=Sprache".276 Dies ist ihm wichtig in bezug auf sein Ziel, ,,ein[en] Vorschlag zur practischen Übung der

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Johann Samuel Carl, Vorstellung vom Decoro Medici an= und einweisend dessen geistliche Gestallt, Pflicht und Arbeit, von Machiavellischen Thorheiten gereiniget; und nach dem Maaß-Stab des Christentums eingerichtet. Zweyte Auflage vermehret mit einer Zugabe von dreyfacher Einleitung in die Medicin [...] Methodus Synthetica de Paedagogia Cordis. Büdingen 1723, S. l l f . (Stiert nach der Ausgabe in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle). Im folgenden abgekürzt: De paedagogia cordis. Stahl, Œuvres, Bd. II (Theoria medica vera), S. 26. Carl, De paedagogia cordis, S. 16f.

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M e d i c i n [zu machen], w e l c h e zugleich d e m gemeinen Wesen/sonderlich der Armuth/ja auch der Kirchen Gottes/einem leiblichen und geistlichen Nutzen bringen kan und wird". 277 Ganz deutlich ist die Medizin Teil der nötigen Reformen, die w e g e n ihrer Nützlichkeit zu den „wichtigsten Sachen" gehört. D i e s e Reformabsichten prägen eine Tradition, die im Verlauf des Jahrhunderts zu der Gattung des „Medizinischen Schlüssels" 2 7 8 - meistens in der N a c h f o l g e Stahls - führt. S o heißt es in der Vorrede z u m Medizinischen

Passe-par-tout:

daß ich solches nur den Armen und Nothdürftigen zu Liebe geschrieben. Diese verlangen nichts, als nur wie sie sich wieder von denjenigen Kranckheit befreyen mögen, wovon sie geplaget werden. Auf solche Weise war ich genöthiget, mich der Redens=Arten zu bedienen, die im gemeinen Leben, in den Krancken=Stuben allhier gebräuchlich sind: und folglich muß derjenige der mich hierinnen einer Todt=Sünde beschuldigen will, entweder glauben, daß in diesem Fall die Zierlichkeit und Reinlichkeit der teutschen Sprache jederzeit beobachtet wird, oder sein Urtheil muß aus einem feindseligen Gemüthe geflossen seyn. 279 D i e s e auf d e m Buchmarkt erfolgende Reform darf nicht unterschätzt werden. V i e l e s spricht dafür, daß sie den eigentlichen Nerv der medizinischen Veränderungen i m 18. Jahrhundert ausmacht. 2 8 0 Sie ist nämlich keine gesellschaftspolitisch isolierte Erscheinung, und das Publikum, dessen Interesse ihr entgegenkommt, ist sozial s o breit gefächert, daß v o n einer beginnenden Laienausbildung in der M e 277

Carl, Vorstellung vom Decoro Medici, Vorrede, S. 3f. Der Medizinische Haupt-Schlüssel oder Gründliche Einleitung zur vemiinfftigen Cur aller innerlichen Kranckheiten des menschlichen Leibes, durch welche jede Beschaffenheit eigentlich erweget, alle Stücke genau untersuchet, und die Cur nach den neuesten und gründlichsten Principiis, besonders aber des Welt=berühmten Mannes Herrn Doctor Stahls [...]. Leipzig 1729; Des gründmäßigen Medicinischen Schlüssels vollkommen eröffnete Vier und Zwanzig Theile, vermittelst dessen alle innerliche Gebrechen des menschlichen Leibes richtig zu erkennen, wie auch die Cur derselben nach denen allemeuesten und sonderlich beliebten Stahlianischen Principiis vernünfftig anzustellen. 2 Bde. Leipzig 1724-1726. Bd. I: 1726; Bd. II: 1724 (Bd. II erscheint vor Bd. I; der Verfasser von beiden Bänden ist Johannes Christianus Diedericus). In den Neuen Zeitungen von Gelehrten Sachen, März 1745, S. 158f. heißt es: „Bey Friedrich Lankisches Erben ist zu haben: Neue Anweisung zu der gründlichen Erkänntniß und glücklichen Curirung der innerlichen menschlichen Krankheiten, in welcher alles nach den neuesten Meynungen der in diesem Jahrhundert berühmtesten Doctorum Medicine eingerichtet, und zu beliebten Nutzen an das Licht gegeben ist [...]. Der Verfasser dieses Buches hat sich nicht genennet; ob aus Furcht, oder aus Bescheidenheit, solches ist uns nicht bekannt. Er saget aber in der Vorrede, es wären zwar viel Bücher von dieser Art in den Buchläden [...]. Sonst verräth die erste Seite gleich der Verfasser, daß er unter den berühmtesten Doctoribus Medicinae in diesem Jahrhunderte die Stahlianer verstehet". 279 Franz Balthasar von Lindem, Medizinischer Passe-par-tout oder Haupt=Schlüssel aller und jeder Kranckheiten des menschlichen Leibes [...]. Samt einer Vorrede D. Georg Heinrich Behrs, Von der deutsch=geschriebenen Arzney=Bücher Notwendigkeit und Nutzbarkeit. Straßburg 1739. Zweyter Teil 1741. Das Zitat stammt aus der Vorrede zum II. Teil (O.S.). Sowohl von Lindern wie auch Behr haben Stahl rezipiert, sind aber keine reinen Stahlianer. 280 Diese Behauptung wage ich, trotz der Betonung der Fortschritts- und Entdeckungsgeschichte in den Naturwissenschaften aus sozialgeschichtlichen Gründen aufrechtzuerhalten. Die Verbreitung des medizinischen Wissens verlief meines Erachtens hauptsächlich über das Buchwesen, über verschiedene Briefwechsel und über das Nachschlagen in den privaten Bibliotheken der Ärzte, besonders deijenigen in kleinen Ortschaften und auf dem Lande. 278

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dizin gesprochen werden kann. Die pietistische Unterstützung der Theorien Stahls weitet sich zur Förderung der praktischen Konsequenzen dieser Theorie aus. Halle ist der Ort, an dem Reform großgeschrieben wird: die „einfache" Wahrheit ist auch die nützliche Wahrheit, die praktisch erlernt werden kann. Der Hallesche Pietismus unterstützte die soziale Veränderung,281 nicht das etablierte Prestige der alten Gelehrtenuniversität. An dieser Universität sorgten die Franckeschen Stiftungen dafür, daß viele Unbemittelte zum Beispiel über die Freitische ihr Studium aufnehmen und zu Ende führen konnten. So kritisierte Ende des 18. Jahrhunderts der Verfasser einer Geschichte der Universität Halle die Tatsache, daß dort zu viele Studenten seien, die mitschrieben, anstatt sich die teuren Bücher der Professoren anzuschaffen. 282 Armut war ständig im Spiel, und den Betroffenen eine Universitätsausbildung zu ermöglichen, bedeutete, soziale Veränderungen zu bewirken. Wer sich sein Wissen nicht regulär, also nicht über lateinisch orientierte Gymnasien erworben hatte, war auf außerplanmäßiges Dazulernen angewiesen.283 Das betraf aber nicht nur medizinische Laien, sondern auch angehende und schon praktizierende Ärzte. Die Wende zum Gebrauch der Volkssprache sollte nicht zuletzt den Ärzten zugute kommen. Die auf Deutsch erscheinenden medizinischen Bücher haben die didaktische Funktion, Ärzten das „neue" Wissen zugänglich zu machen. Dienten sie allgemein einem lesekundigen Publikum, ändert sich die Gattung im Verlauf des 18. Jahrhunderts zum deutschen medizinischen Unterricht für Ärzte. Zum einen dient das deutschsprachige medizinische Buch denjenigen Medizinstudenten, deren finanzielle Ausstattung nicht immer zu den nötigen Tutorien in den klassischen Sprachen reichten, oder deren Schulbesuch unterbrochen wurde, oder wiederum denjenigen, deren Mittel nicht reichten für einen dreijährigen Universitätsunterricht - der Arzt Johann Storch ist ein solcher Fall.284 Zum anderen dient der medizinische Unterricht denjenigen Ärzten, die sich methodisch umorientieren und sich z.B. der medizinischen Theorie und Praxis etwa der Methode Stahls bemächtigen wollen. Diese Überlegungen führten z.B. Storch dazu, die Praxis Stahliana als deutschsprachige Zusammenfassung und Kommentierung der Schriften Stahls herauszubringen.285 Das Werk wird in dreifacher Auflage

281

282 283

284

285

Carl Hinrichs, Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiössoziale Reformbewegung. Göttingen 1971, S. 16ff. Johann Christoph Hoffbauer, Geschichte der Universität Halle bis zum Jahre 1805, S. 118f. Jacob Storch, Johann Storch [...] Leitung und Vorsorge des höchsten Gottes, das ist, dessen Lebens-Lauf [...] Theils aus dessen Autographio aufgezeichnet [...]. Eisenach 1752, S. 12ff. Johanna Geyer-Kordesch, Medical Biographies of the 18th Century. Reflectiones on Medical Practice and Medical Education in Germany, in: Wolfgang Eckart/Johanna Geyer Kordesch, (Hg.), Heilberufe und Kranke im 17. und 18. Jahrhundert. Die Quellen- und Forschungssituation. Münster 1982, S. 124-127. Storch, Johann Storchs [...] Lebens=Lauf, S. 25ff.

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1728, 1732 und 1745 veröffentlicht.286 Storch begründet seine sicherlich anstrengende Übersetzertätigkeit folgendermaßen: Dann zu geschweigen, daß die mehresten dieselbige nicht in Händen haben; so dürffte einer, der zumahl im Zuschnitte auf Schulen nicht allzuwohl getroffen, oder sonsten negligieret worden, mit Nentero [gemeint ist der Arzt Georg Nenter], dem doch an Erudition nichts mangelte, gar leicht auf den Gedancken kommen, daß er an schweren und obscuren Latein seine Zeit nicht verderben wolle; mithin würde die harte Nuß ohngebissen, der vortreffliche süße Kem aber auch ohngeschmeckt bleiben. 287

Storch findet es unerläßlich, für die bessere Schulung praktisch tätiger Ärzte Nachschlagewerke herauszugeben. Schließlich haben „die mehresten dieselben nicht in Händen". Weiterhin vergleicht er die Situation, seine und seinesgleichen, die ja nicht untypisch für die Zeit ist, mit der des späteren Medizinprofessors in Straßburg, Georg Nenter. Diesem, auch ein Schüler Stahls, mangelte nichts an „Erudition" aber nichtsdestoweniger - und hier pendeln sich die tatsächlich benötigten Lateinkenntnisse der Gebildeten ein - ist ihm das artifizielle Latein der Lehrstuhlinhaber problematisch. Für die medizinische Praxis, für das Nachschlagen bei der Versorgung von Patienten, genügt die Muttersprache völlig. Das „schwere und obscure Latein seiner Zeit" steht der notwendigen Reform des Wissens im Wege, und zwar einerseits wegen einer allgemeinen Hebung der Laienbildung in bezug auf ihre Kenntnisse vom eigenen Körper und von der Medizin im allgemeinen, aber ganz besonders wegen der Notwendigkeit, die Ausbildung der Ärzte zu verbessern. Die „harte Nuß" des schwierigen Lateins kann zwar angebissen werden, aber der „vortreffliche süße Kern", das nötige Wissen, ginge dabei verloren. Auf dieses „Kernwissen", auf die „neue" Medizin, kommt es aber an. Das ganze Spektrum der angesprochenen Leser der deutschsprachigen Medizinbücher ist deutlich gekennzeichnet auf dem Titelblatt des Medizinischen Haupt=Schlüssels. Dort heißt es, der Haupt=Schlüssel sei eine gründliche Einleitung zur vernünftigen Cur aller innerlichen Kranckheiten des menschlichen Leibes, durch welche einer jeden Kranckheit eigentliche Beschaffenheit erweget, in allen Stücken genau untersuchet, und die Cur, nach denen neuesten und gründlichen Principiis, besonders aber des weltberühmten Herrn Doctor Stahls [...] ganz aufrichtig und leicht begreiflich, so wohl theoreticè als practicè nicht allein zu besonderen Nutzen derer Herren Studiosorum Medicinae und jungen Practicorum, sondern auch aller anderen Lehr- und Hülfs=Begierigen, dargestellt und ans Licht gegeben [...]. 288

286 praxis stahliana. Das ist Herrn Georg Emst Stahls Collegium Practicum, Welches theils von ihm privat in die Feder dictiert, theils von seinem damahligen Auditoribus aus dem Diseurs mit besonderem Fleiss nachgeschrieben, Nunmehro aber aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt, mit vielen Anmerckungen und Raisonnements aus 29. jähriger Praxi bekrafftiget und erläutert, auch nach der Vorschrift des Herrn Autoris bey dieser zweyten Auflage um viel vermehret und verbessert zum Druck befördert worden von D. Johann Storchen. Leipzig 1732 (erste Auflage=1728, 2 1732, 3 1745). 287 Praxis Stahliana, S. 618. 288

Der Medicinische Haupt=Schlüssel, ( 3 1752): So das ausführliche Titelblatt.

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Die Studiosi medicinae und jungen Praktiker, die anderen Lehr- und Hülfs=Begierigen sind die Adressaten der „Unterrichtsbücher" in der Muttersprache. Die Entwicklung der medizinischen Reform auf dem deutschsprachigen Büchermarkt im frühen 18. Jahrhundert zielte somit auf neue Erkenntnisse in der Medizin und auf deren öffentliche Verbreitung. Damit wurde die Überwindung der Barriere der Gelehrtensprache Latein erstmals umfassend erreicht, obwohl auf der Universität in Deutschland Latein noch offiziell gebraucht wurde. Wenn man so will, kann dies als eine Abkehr von der Exklusivität der Gelehrtenwelt zugunsten einer Öffnung zu angehenden Medizinern, interessierten und gebildeten Laien und den bildungsmäßig benachteiligten Kreisen verstanden werden, wobei die Rezeption des „neuen" medizinischen Wissens weiterhin von verschiedenen Vermittlungsvorgängen (Vorlesen, Konsultation eines medizinisch unterrichteten Laien oder Praktikers) abhing.289 Die von der Instaurado avisierte Reform umfaßte aber zusätzlich zu ihrer Forderung zur allgemeinen Verbreitung medizinischen Wissens in der Volkssprache eine ihr eigene Gattung medizinischer Bücher, die sich ausschließlich der Verschmelzung pietistischer Erbauung mit der Theoria medica vera Stahls verschrieb. Diese Bücher stammen aus der Feder medizinischer Doktoranden Stahls und nehmen die theosophisch-religiösen Erbauungsinhalte des Pietismus auf. Sie kombinieren eine Gesundheits- und Körperlehre und eine Anleitung zur Seelenführung mit dem Unterricht in Stahls Medizin. Ihr Einfluß sollte nicht unterschätzt werden, denn sie wurden durch das ganze 18. Jahrhundert hindurch immer wieder neu aufgelegt.290 Ihr Einfluß ist zudem nicht nur vom medizinischen Gesichtspunkt aus wichtig, sondern auch wegen der in ihnen enthaltenen Anleitung zur psychologischen Introspektion. Ihre Besonderheit ergibt sich aus dem, was sie gerade nicht sein wollen: weder eine Klugheitslehre oder ein Leitfaden für den Umgang mit Menschen (Verhaltensbücher) noch ein Katechismus oder ein naturwissenschaftliches Traktat. In ihnen finden sich Elemente des Erbauungsbuches, der physikotheologischen Betrachtung und der Predigt, aber in summa sind diese Bücher etwas anderes: nämlich eines der ersten umfassenden deutschsprachigen Werke zur 289

290

Sehr glaubwürdig hat Joachim Teile, Wissenschaft und Öffentlichkeit im Spiegel der deutschen Arzneybuchliteratur, S. 45, die möglichen Lesekreise deutscher Literatur benannt, darunter den Adel, das gehobene Bürgertum, Laienärztinnen, halbprofessionelle Heilkundige, medizinische Fachleute minderen Ranges, Chymisten, Wundärzte und Apotheker. Meiner Meinung nach hat sich an diesem Leserkreis nicht viel verändert. Meiner These zufolge ändert sich die Medizin inhaltlich, wobei die Reform, die durch Stahl eingeleitet wird (die „natürliche Stahlianische Methode"), gerade durch die deutschsprachigen Bücher und kundige medizinische Laien, wie etwa Karl Hildebrand von Canstein, unterstützt wurde. Die Bücher von Christian Weisbach, Samuel Forbinger, Johann Christian Kundmann und Johann Jacob Reich erreichten alle zwei bis drei Auflagen. Das einflußreichste Buch ist Christian Friedrich Richters Höchst=Nöthige Erkenntnis, von deren erster Auflage (1710) 3 000 Exemplare ausgeliefert wurden. 1791 erreicht es seine 18. Auflage. Siehe dazu: Eckhard Altmann, Christian Friedrich Richter, Arzt, Apotheker und Liederdichter des Halleschen Pietismus. Witten 1972, S. 217.

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medizinisch-psychologischen Selbstführung. Zu diesen Büchern können gerechnet werden: Samuel Forbinger, Der vernünffiige Medicus (Leipzig 1717, 3. Aufl. 1735), Johann Christian Kundmann, Kurtze Abhandlung vom Verstände des Menschen vor und nach dem Falle (Budissin 1716, 2. Aufl. 1720), Johann Jacob Reich, Kurtze und gründliche Anweisung, wie des Menschen Gesundheit zu erhalten (Büdingen 1719, 2. Aufl. 1722, 3. Aufl. 1738) und die Bücher von Christian Weisbach und Christian Friedrich Richter, die im folgenden als typisch für diese Gattung eingehend beschrieben werden. Christian Weisbach (1684-1715) war Sohn eines Pastors; er erhielt seine wesentliche medizinische Ausbildung unter Stahl in Halle und promovierte 1711 in Basel.291 Er war als Übersetzer tätig; unter den von ihm übersetzten Büchern fanden sich vor allem jene gegen die Hexenverfolgung. Als Arzt praktizierte er in Düsseldorf. Sein Buch weist ihn aus als einen Mann, der dem Pietismus verpflichtet ist. 1712 brachte er die Wahrhaffie und gründliche Cur aller dem menschlichen Leibe zustossenden Kranckheiten, nach der vernünfftigen [...] Methode der Natur, sammt einen physicomoralischen Vorbericht von dem menschlichen Leibe und der darin wirckenden Seele (Straßburg) heraus. Die Wahrhaffie Cur blieb über seinen Tod (1715) hinaus stets im Buchhandel erhältlich, 1764 erschien die von einem Arzt vermehrte und verbesserte neunte Auflage. Christian Friedrich Richter war den pietistischen Anstalten in Halle eng verbunden; er betreute dort die Kranken und war für die Medikamentenverschickung des Waisenhauses verantwortlich.292 1710 erschien die umfangreiche Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen, sonderlich nach dem Leibe und natürlichen Leben, oder, ein deutlicher Unterricht von der Gesundheit und deren Erhaltung, auch von den Ursachen, Kennzeichen und Nahmen der Kranckheiten, und bewährten Mitteln, damit ein jeder, auch Ungelehrter, bey Ermanglung eines Medici, sonderlich durch XI. sichere hierzu hinlänglich erfundene, und zu einer bequemen Haus=Reise=und Feld=Apotheken seligierten Medicamento Gebrauch dieses Tractats, vermöge bisheriger Erfahrung, die gewöhnlichen, auch schweren Kranckheiten, sicher, und mit gutem Success curieren könne. 1791 erscheint das Buch bereits in der 18. Auflage. Beiden ist gemeinsam, daß sie mit großem Einfühlungsvermögen neue, ungewohnte Inhalte durch das Vertraute erklären und nie die Bibel und die Seele aus den Augen verlieren, wenn sie den Körper, seine Teile und Funktionen, die Wege, die Gesundheit zu erhalten, die Erscheinungsformen der Krankheiten und ihre Therapie dem Leser nahebringen. Weisbachs allgemeine Einleitung, ein fast selbständiges Traktat von 82 Seiten, ist ein kleines Handbuch

291

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Christian Gottlieb Jöcher, Allgemeines Gelehrten=Lexikon. 4 Bde. und 7 Supplemente. Leipzig 1750-1819, hier Bd. 4, S. 1867. Siehe zu Richters Leben und Wirken: Altmann, Christian Friedrich Richter, Hans-Joachim Poeckern, Die Halleschen Waisenhaus-Arzneyen. Kommentar, Glossar und Transkription. Leipzig 1984.

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für den Laien, es vermittelt elementare Kenntnisse der Medizin, danach folgen 500 Seiten über spezifische Krankheiten und ihre Heilung nach der Methode Stahls.293 Das Buch spricht den Leser direkt an: eine einfach gehaltene, deutsche Beschreibung der Stahlianischen Medizin. Weisbach schickt der Übertragung der Lehre Stahls eine ausführliche Einleitung voran, in der seine Methode, medizinisches Wissen unprätentiös und erbaulich zu vermitteln, deutlich wird. Wie im vertrauten Gespräch wird der Leser geduzt: Geliebter Leser! Du öffnest hiemit ein Buch/welches Dir zu Deinem Heyl in Teutscher Sprache vorgelegt wird; als worüber Du/wenn Du klug bist/nicht zürnen/sondern glauben wirst [...] nützliche und dem gemeinen Wesen zuträgliche Wissenschaften [...] [vorgetragen zu bekommen]. 294

Das „Heyl in Teutscher Sprache", das dem Leser eröffnet wird, besteht aus medizinischen Erklärungen über den menschlichen Körper, eine Gesundheitslehre, Kriterien zur Beurteilung der ärztlichen Behandlung, Kenntnisvermittlung über emotionale „Bewegtheit" und deren Zusammenhang mit dem Temperament (eine frühe Einweisung in die Psychologie). Das sind Weisbachs Themen, Richter, obgleich ebenfalls daran interessiert, medizinische Zusammenhänge zu erklären, versieht diese Thematik noch emphatischer mit pietistischen Anweisungen: Der Mensch selbst findet in seinem Gewissen Gott den Herrn als seinen Richter: Darum stellet die Heil. Schlifft den Menschen als einen Diener und Haußhalter vor, welchem Gott diese Welt und die Creaturen, nach dessen Willen zu verwalten anvertrauet [...] so hat ihm Gott auch die dazu benöthigten Werckzeuge gegeben, durch welche er wircken und unter den Geschöpfen hanthieren könte: und solche sind der Leib und seine Gliedmassen [...]. 295

Bei diesen quasi homiletischen Anweisungen sollte betont werden, daß der Verfasser nicht die Züchtigung des Körpers avisierte,296 sondern im Gegenteil seine rechte Verwendung, die zur Gesundheit führt, denn - so lautet das Argument ohne den Körper kann die Seele auf dieser Welt nichts verrichten.297 Nicht die einseitige Spiritualisierung wird gepredigt, sondern die Eigenverantwortung im „Haushalt" (Oeconomia) der Welt und des Körpers. Somit ist das „Werckzeug" Körper mit der Seele unzertrennlich verbunden: zum „Heyl" des Menschen.298

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Gottlieb Stolle schreibt in seiner Anleitung zur Historie der Medicinischen Gelehrsamkeit. Jena 1731, über die Bücher von Richter und Weisbach folgendes: „Das erste so seine [Stahls] principia medicinae theoreticae in teutscher Sprache vorgetragen, ist Fr. Christ. Richter; der erste aber, so eine praxin medicam ad mentem Stahlii geschrieben, Christian Weißbach", S. 375. Christian Weisbach, Wahrhaffte [...] Cur, S. 1. Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis, Vorrede, S. 4f. Diese Ansicht unterscheidet sich von der Abwertung des Köipers, die Endre Zsindely, Krankheit und Heilung im älteren Pietismus. Zürich 1962, S. 17, im „calvinisch reformierten Pietismus Nord- und Westdeutschlands" hervorhebt. Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis, Vorrede, S. 5. Ebd., S. 11, 16ff., 31.

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W e i s b a c h und Richter setzen den Körper k e i n e s w e g s gleich mit der

fleischlichen

Versuchung, seine Herabwürdigung (erst die „falsche" Lust zerbricht dann auch den Leib) 2 9 9 ist w o h l eher für die Moralpredigt des 19. Jahrhunderts typisch, W e i s bach schreibt z u m Beispiel: Ist also der Seele an Erhaltung ihres Leibes gar viel gelegen; als welcher sie sich auch mit allem ernst und aufs eiffrigste annimmt/damit er nicht vor der zeit ihr entrissen werde/da das Werck der Heiligung in ihr noch nicht vollendet/und der Zweck warum sie von dem Schöpffer in die Welt gesandt/von ihr noch nicht erst erreichet worden. Weßwegen hätte sonst der erleuchtete Psalmist Gott so ängstlich [angeflehet]/daß Er ihn doch ja nicht wegnehmen wolle in der hälffte seiner tage/wenn er nicht dißfalls seiner seele wegen in gefahr gestanden? Und da magst du nun zusehen/wie du es dermaleins gegen deinem Schöpffer verantworten wilst/daß du auf deinen ohne dem so zerbrechlichen leib so loßstürmest/und durch allerhand unordnungen/durch sündliche lüste und begierden/durch daß/neyd und bitterkeit dir dein kurzes leben vollends abkürzest/und deine arme seele zwingest/ihren leib for der zeit zu verlassen. 300 O b w o h l die Tonart Richters und Weisbachs erbaulich ist, und auch der Tonfall der Predigt nicht fehlt, darf nicht vergessen werden, daß ihre Absicht der A u t o n o m i e entgegenkommt: letztlich soll sich der Leser selbst die Information aneignen und entscheiden, o b ihm die Bücher das Richtige anzubieten vermögen. Unkenntnis, s o meint Richter, verursache allzuviel Krankheit und habe auch schon den T o d gebracht: Wie gefährlich ist es nun, sich selber nicht zu kennen; wie gefahrlich, nicht zu wissen, was unter den äusserlichen Dingen, unter welchen man wandelt, verborgen stecke: wie gefahrlich, keine Kunschafft zu haben, wie Wille und Verstand sich dabey zur Errettung des Lebens beweisen sollen? Denn daher geschiehet es vielfaltig, daß viele ihr Leben, das doch so kostbar und theuer ist, auf eine solche Art verwahrlosen, daß ihnen hernach schwerlich wieder zu helffen stehet, da sie doch dessen fast ohne Mühe hätten können überhoben seyn. Und aus eben dieser Ursache legen vielmahls die meisten Menschen selbst den Grund zu ihrem frühzeitigen Tode, oder doch wenigstens zu schweren Kranckheiten; indem sie durch Unwissenheit solche selbst einführen, oder, wenn sie ohne ihre Schuld enstanden, selbige, so lange sie noch leichtlich hätten können corrigiret werden, eben auch aus Unwissenheit nicht achten, bis endlich das Übel dergestalt überhand nimmet und halsstarrig wird, daß es hernach entweder gar nicht, oder nicht völlig, oder sehr schwerlich zu heben. Dieses alles sind sehr unglückliche Früchte der Unwissenheit. 301 Es wird s o vieles versäumt und s o vieles falsch gemacht, daß Richter es „für ganz g e w i ß " hält, daß einem jeglichen Menschen zukomme, so viel von sich selbst und von dem Zustande seines Leibes und Gemüthe zu wissen, als er bey allerley vorstossenden Fällen benöthiget ist, daraus zu urtheilen, was darunter für ihn dienlich oder schädlich sey. Wie will einer wissen, was er erwehlen, was für eine Lebensart er führen, und wie er sich dabey in allen temperieren solle, wenn ihm alles fremde und unbekannt ist? 302

299 300 301 302

Ebd., S. 8. Weisbach, Wahrhaffte [...] Cur, S. 6. Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis, Vorrede, S. 3f. Ebd., S. 7.

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Ärzte gebe es nicht so viele, und sie seien nicht allzeit erreichbar.303 Wenn ein Mensch erkrankt, ist es in vielen Fällen schon zu spät. Trotzdem trachten die Menschen danach, „Dinge zu erforschen, die viel 1 000 Meilen von ihnen sind, aber das nicht achten, daß sie wegen ihrer eigenen Person in der gröbsten Unwissenheit biß über die Ohren stecken".304 Ihr Gemüt und dessen Kräfte achten die Menschen so wenig, daß die meisten von ihnen es „wie Wasser" ausschütten, „darüber sie doch in ihrer Unwissenheit noch dazu ganz unbesorget sind: wie einer, der einen Gold=hältigen Sand oder Erde aus Unwissenheit wegwirft und verschleudert".305 Die Wertschätzung der emotionalen Sensibilität, der Gefühlswelt, ja auch Liebe und Leidenschaft, zu denen die Menschen fähig sind, wird hier besonders herausgestellt, denn nicht wenige der Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts lehnen diese Fähigkeiten des Menschen entweder als vernunftzerstörend ab oder versuchen, sie als verwerflich im Sinne der stoischen Überwindung abzustreifen.306 Die intime, eigene, selbständige Kenntnis von Leib und Seele ist also Zweck und Aufgabe der medizinischen „Erbauung" Richters und Weisbachs, ein Vorhaben, das ohne die Stahlianische Lehre nicht durchführbar gewesen wäre. Diese Symbiose von Seelenführung und Medizin ist in der somatisch/naturwissenschaftlichen Richtung nur über physiko-theologische Betrachtungen möglich, wobei die Argumentationen ganz unterschiedliche sind. Das Modell eines „seelengeführten" Leibes ermöglicht psychologische Erkenntnisse, wohingegen die Physikotheologie Gott mit Hilfe der Naturwissenschaft auf rationalem Wege zu beweisen sucht.307 Aber auch auf andere Weise unterscheiden sich diese Texte von den üblichen Anweisungen der Rezept-, Diät- und Gesundheitsbücher: sie verlangen Selbsterkenntnis. Sich selbst zu kennen, befreit von Unwissenheit und Krankheit. Die didaktische Unterweisung besteht aus einer einfachen und direkten Beschreibung. Weisbach folgt der natürlichen Chronologie des menschlichen Lebens (Empfängnis, Wachstum der Leibesfrucht in der Gebärmutter, Geburt, körperliche Entwicklung) und erklärt diesbezüglich auch die Funktionen und die Physiologie des menschlichen Leibes (Verdauung, Zusammensetzung des Blutes, den Blutkreislauf). Der Leser wird vertraulich angesprochen, der Vorgang wird erklärt, und Gottes Fürsorglichkeit wird damit als religiöse Überlegung verknüpft. So zum Beispiel wird der Geburtsvorgang geschildert: Endlich mußtest du dich doch zum abschied bequemen/und einen weg/auf diese sichtbare weit zu gelangen/suchen; welcher dir auch gleich geöffnet ward/so bald du dich gewandt mit dem

303 304 305 306

307

Ebd. Ebd., S. 8. Ebd., S. 9. Siehe dazu: Johanna Geyer-Kordesch, Cultural Habits of Illness. The Enlightened and the Pious in Eighteenth Century Germany, in: Roy Porter (Hg.), Patients and Practitioners. Lay Perceptions of Medicine in Preindustrial Society. Cambridge 1985, S. 177-204. Zur ablehnenden Haltung Α. Η. Franckes gegenüber der Physikotheologie und zu Friedrich Hoffmanns Befürwortung derselben siehe: Altmann, Christian Friedrich Richter, S. 73ff.

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kopff gegen die Öffnung geneiget und damit die haut in welcher du eingewickelt warest/zersprenget/daß das wasser hervor gesprungen/und deiner mutter ihre hervorstehende arbeit angedeutet hat. Gewiß/eine gefährliche wendung/bey welcher schon viel kinder ihr leben eingebüsset/und in ihrer mutter leibe ihr grab gefunden haben, indem sich die nabelschnur/unter dem wenden/ umb ihren halß geschlungen/und sie in ihrem blut ersticket gehabt. Solcher gefahr aber bist du/ durch die gnade deines liebreichen Gottes entkommen/indem derselbe dich auß deiner Mutter leibe gezogen/und lebendig ans Liecht gebracht. Was hattest du ihm aber zuvor gegeben/daß er dir vor andern Kindern gnädig war? Womit hattest du es verdinet/daß er sich dein vor andern angenommen? Als die Hebamme dich aufgenommen/und deinen nabel gebunden hatte/damit du dich nicht zu todt bluten möchtest/mußte man dir den schleim und unflath/so sich als eine haut um deinen ganzen leib herum geleget hatte/im ersten bade abwaschen und abreiben; denn wenn du denselben an dir behalten hättest/so würdest du der allerunformlichste mensch von der ganzen weit/und wie ein bäum mit einer harten/und hie und da aufgerissenen/rinde umgeben seyn. Jetzt aber heissest du etwa schön; da du doch vielleicht bey jener heßlichkeit weit glücklicher seyn würdest/als du jetzt bey deiner eingebildeten Schönheit bist [...]. 308 W e i s b a c h versteht es, k o m p l i z i e r t e Z u s a m m e n h ä n g e eindrücklich u n d j e d e m verständlich zu m a c h e n , s o a u c h d i e Einheit v o n L e i b u n d S e e l e , d e n n er b e z i e h t sich auf d i e Metaphern d e s Alltags: m a n schütte d o c h , s o W e i s b a c h , Fett u n d W a s s e r , aus

denen

der

Leib

bestehe,

in

einem

Gefäß

zusammen

und

versuche

h e r a u s z u b e k o m m e n , o b sie sich verbinden. Ferner darffst du nur zu einem saiffensieder in sein laboratorium gehen/und wahmehmen/was vor eine massa und vor ein zäher schleimichter klumpe hervorkomt/wenn fett und salz zusammen geschüttet/und mit einander vereinigt wird. Und da urtheile denn/zu was vor einer verderbniß und unförmlichkeit die massa deines körpers geneigt und geschickt sey/und sich augenblicklich auch dazu bequemen würde/zumahlen die mittelmässige wärme und viele feuchtigkeit desselben nicht wenig dazu beytragen dürffte/wo er nicht auch mit einem verständigen wesen/mit einer seele nemlich/versehen wäre/welche mit sonderbarem fleiß/und unermüdeter Sorgfalt nicht allein diese erde/dieses fett und wasser stetigst durcheinander triebe/damit es weder geliefere/noch in fäulniß gerathe/sondern auch die allerzarteste und artigste zäserchen/röhrlein/häutlein und kügelein/nach erheischender nothdurft eines jeden gliedes/darauß formirte/und an gehörigen ort zu rechter zeit und gelegenheit zu appliciren wüßte. 3 0 9 D i e Sprache in d e n B ü c h e r n v o n W e i s b a c h und Richter ist sehr w i c h t i g . I m G e g e n s a t z z u m gelehrten Latein spricht sie d e n Leser direkt, unmittelbar u n d i m a n s c h a u l i c h e n V e r g l e i c h an. S i e b e m ü h t s i c h w e d e r u m b e g r i f f l i c h e Abstraktion n o c h u m p h i l o s o p h i s c h e Objektivität. D a s M e d i u m ist d i e direkte A n s p r a c h e , die i n t i m e G l e i c h s e t z u n g v o n R e d n e r u n d Zuhörer. D a s V o r b i l d dieser B ü c h e r ist e i g e n t l i c h das Gespräch, nicht die gelehrte Erörterung. Anstatt z u distanzieren, s u c h e n d i e s e B ü c h e r sich e i n z u f ü h l e n und durch E i n f ü h l u n g s v e r m ö g e n zu erklären. I m frühen 18. Jahrhundert entsteht hier z u m ersten M a l e i n e populäre D i d a k t i k der M e d i z i n , d i e in ihrer sprachlichen Artikulation und p ä d a g o g i s c h e n Struktur auf den

308 309

tradierten Mustern

der Erbauungsliteratur basiert.

Weisbach, Wahrhaffte [...] Cur, S. 16ff. Ebd., S. 8f.

136

Diese

Literaturgattung

machte im 17. Jahrhundert die Hälfte der gesamten theologischen Bücher und etwa ein Viertel der gesamten Buchproduktion aus.31" Aus diesen erbaulichen Werken wurde auch häufig vorgelesen, sie wirkten also über den Kreis der Lesekundigen hinaus.311 Die Darstellung der neuen medizinischen Lehre Stahls mit den Mitteln der populärsten Gattung auf dem Buchmarkt sicherte jener eine breite Rezeption. In einem gewissen Sinne kann behauptet werden, daß durch die gewohnte Form der Selbstreflexion in den Erbauungsbüchern, durch die ständige Rückführung aller Erkenntnisse auf die Frage nach der Lebensführung und nach dem Verhältnis zu Gott, diese dann auch zur Trägerin medizinischer Selbsterkenntnis wurde. Dadurch war es möglich, ein breites Publikum mit medizinischen Informationen vertraut zu machen. Die Führung der eigenen Seele mit Hilfe meditativen Lesens war schon eingeübt. Hinzu kam die leicht faßliche Vermittlung medizinischer Grundkenntnisse. Der Stil dieser Bücher ist vertraut: einfache Perioden und schlichte Hauptsätze; rhetorische Fragen, die zur Meditation anleiten sollen; Anschauungsunterricht, bei dem der Leser die Dinge selbst beurteilen soll; dies alles wird konkret und beispielhaft dargelegt. Die pietistischen Denkmotive werden auf die Medizin übertragen: die Wahrheit sei bei den Wenigen und Verfolgten (die Lehre Georg Ernst Stahls); die Wiedergeburt ist Ziel religiöser Erneuerung, und diese müsse selbstverständlich auch den Leib einschließen: als wie ein Theologus, oder seelsorger/wenn er die seelen der menschen erretten/zur Wiedergeburt und erneuerung bringen/und darinn durch Gottes gnade bekräfftigen will/auch auf die gebrechliche hütte des leibes/wie solche der Seele dißfalls entweder schädlich und hinderlich/oder beförderlich sein könne/seine Absicht richten muß. 312

Aus dieser Argumentation läßt sich leicht entnehmen, daß für jeden Christen, der als erweckt gelten möchte, die Medizin ein unerläßliches Studium darstellte. Medizinische Kenntnisse sollten einbezogen werden bei der praktischen Gestaltung der Lebensführung. Weisbach argumentiert z.B., daß die Körperzusammensetzung (physiologische Temperamentenlehre) erkannt werden soll, damit du nun mit leichter mühe/wenn du nur ein wenig auf dich acht haben wilst/selbst regeln und axiomata ziehen/und erkennen/so wohl/wie du deine sündlichen neigungen brechen/und zur wahren tugend gelangen/als auch/wie du die gesundheit deines leibes erhalten/und wenn sie verlohren/wieder erlangen könntest. 313

Auf Weisbach und Richter geht somit das medizinische Erbauungsbuch des Pietismus zurück. Die Struktur dieser Schriften folgt bekannten Schemata, die Betonung der Selbsterkenntnis und die Annahme, daß keine Selbsterkenntnis oder

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311 312 313

Hartmut Lehmann, Das Zeitalter des Absolutismus. Gottesgnadentum und Kriegsnot. Stuttgart 1980, S. 116. Ebd., S. 116. Weisbach, Wahrhaffte [...] Cur, S. 5. Ebd., S. 55.

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Selbstregulierung möglich sei ohne gründliches Wissen der medizinischen und psychologischen Zusammenhänge. Ohne die medizinische Lehre Stahls wäre aber diese Form der medizinischen Erbauung gänzlich unmöglich, denn der Inhalt dieser Bücher folgt den Erörterungen der Theoria medica vera (1708). Weisbachs Wahrhaffie Cur in der ersten Auflage umfaßt über 500 Seiten, die Ausgabe von 1764 bereits 700 Seiten. Richters Höchst=Nöthige Erkenntnis zählt 1 408 Seiten. Die Einleitungen und die eben geschilderten stilistischen Mittel und Denkmotive kommen aus der religiösen Erbauung, aber der medizinische Inhalt dieser Bücher vermittelt nichts anderes als die medizinischen Einsichten Georg Emst Stahls. Es ist also nicht so, als ob das Gewicht auf die Erbauung alleine fiele: es wird eine massive Einführung in die ,Praxis Stahliana' angeboten. Weisbachs oder Richters Bücher wurden mit zehn Groschen bemessen, was diese erschwinglich machte.314 Johann Storchs Quarto-Ausgabe der Praxis Stahliana mit über 1 000 Seiten kostete zweimal so viel und enthielt keinen erbaulichen Teil, zudem war sie nicht so leicht lesbar, da sie alle medizinischen Querverweise aus dem ausgiebigen Schrifttum der Nachfolge Stahls anführte.315 Storchs Praxis Stahliana entspricht einer praxisorientierten deutschen Version der wichtigsten Erkenntnisse aus der Lehre Stahls für Ärzte, während die nicht minder ausführlichen Werke von Weisbach und Richter (die ebenfalls Ärzte waren und, wie Richter es ausdrückt, „ex professo" schrieben)316 einem umfassenderen Leserkreis die Lehre Stahls nahebrachten. Allein schon die genannten Werke zeigen die Bedeutung der deutschsprachigen Verbreitung der Lehre Stahls. Die Instaurado der Pietisten setzte auf die Kombination ihrer Beredsamkeit im „Einfachen", den Duktus Erbauungssprache, zusammen mit der Erneuerung „in rebus medici", die für sie durch Stahl gegeben war. Dadurch schuf sie das Gegengewicht zur cartesianisch beeinflußten Aufklärung, der die Verbreitung von medizinischem Wissen nicht weniger bedeutsam war. Die inhaltliche Wende im Angebot der Volkssprache war damit vorangetrieben worden. Sie verankerte die Debatte um Erneuerung und Aufklärung. Hinzu kommt noch die Gewohnheit dieser Zeit, Bücher intensiv (anstatt extensiv und konsumierend) zu lesen. Das Exemplar der Praxis Stahliana aus der Göttinger Universitätsbibliothek weist viele Marginalia des 18. Jahrhunderts auf und ein Zitat aus den Schriften von John Owen: „Utilius est unum ac saepe librum legere quam multor accumulere-Ergregios culmulare libros praeclare superlegere ast [wohl: et] unum utilius volvere sape librum." Oder, schlicht auf Deutsch ausge-

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315

316

Georgi Theophil, Allgemeines europäisches Bücher-Lexikon, in welchem nach Ordnung des Dictionarii die allgemeinsten Autores der Gattung von Buechern zu finden [...] bey jedem Buche sind zu finden die unterschiedenen Editiones, die Jahr-Zahl, das Format, der Ort, der Verleger, die Anzahl der Boegen und der Preis [...]. Leipzig 1742. Theophil, Allgemeines europäisches Bücher-Lexikon, gibt für die Praxis Stahliana den Preis von 2 Thalern an. Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis, Vorrede, S. 13.

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drückt: „Es ist nützlicher, einen Band oft zu lesen, als hervorragende Bücher aufzuhäufen und die berühmten zu überfliegen." John Owen (1616-1693), einer der führenden Vertreter der Puritaner, dessen radikale Polemik gerühmt wurde, war der Ansicht, daß es auf die Leistung, das Bemühen und den Kampf der Menschen ankomme bei allem, was „auf diesem Maulwurfshügel Erde" im christlichen Sinne hervorgebracht werden konnte.317 Owen wird auch in Weisbachs Wahrhaffter Cur zitiert,318 und damit scheint sich ein Kreis zu schließen: die Erneuerung des Wissens und die Reform als Ziel christlicher Erweckung findet in Halle den neuen Ausgangspunkt. In den medizinischen Erbauungsschriften werden gleich mehrere der Erneuerungsziele verwirklicht: den Zugang zum neuen Wissen in der Muttersprache zu ermöglichen, dieses Wissen der Selbstbestimmung und Erbauung zu überantworten, das Wahre und Nützliche als süßen Kern der Erkenntnis von allen Umhüllungen des bloßen Zierats und der verführerischen Gelehrsamkeit zu befreien.

317

318

Michael Walzer, The Revolution of the Saints. A Study in the Origins of Radical Politics. New York 1974 (4965), S. 298. Weisbach, Wahrhafte [...] Cur, S. 5.

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IV. Die medizinische Theorie Stahls

1.

Wahrheit und Reform: Vindiciae theoriae medicae verae

Die medizinische Theorie Stahls war von allem Anfang an zur Verteidigung gezwungen. Die Theorie selbst beruht auf methodischen Grundsätzen, die sie von anderen medizinischen Erkenntnismethoden unterscheidet. Das Neue an der Theoria medica vera ist nicht nur in ihren Inhalten zu finden, sondern bleibt auch an ihre Erkenntnismethode gebunden. Deswegen erörtern wir zuerst die für Stahl und seine Nachfolge wichtigen Zusammenhänge zwischen Wahrheit und Erfahrung. Stahls Reform der Medizin leitet sich von seinem Anspruch auf Wahrheit ab, und dieser ist auf die Erfahrung gegründet. Die Erfahrung ist für Stahl die entscheidende Methode, wahre Erkenntnisse zu ermitteln. Als Methode wird sie von Stahl aber anders bestimmt und anders eingesetzt als im medizinischen Empirismus seiner Zeit. Dieser erarbeitet durch Erfahrungswerte ein Erkenntnissystem, das von der Einzelbeobachtung ausgeht, um durch die Anwendung des Vernunftschlusses zu einem Erklärungsmodell zu kommen, dessen Wahrheitsgehalt primär in seiner Logik begründet ist. Logische Schlußfolgerungen werden benutzt, um die Beobachtung zu einer rationalen Konstruktion auszubauen, wie sie zum Beispiel im iatrochemischen oder im mechanischen Modell zum Vorschein kommt. In seiner Kritik am Vernunftschluß zeigt Stahl seine Skepsis gegenüber dieser Erkenntnismethode an und kehrt zurück zu einem Begriff der „bloßen und nackten" Erfahrung als Instrument der Wahrheitsfindung. Stahls Erfahrungsbegriff ist sehr radikal gemeint. Er nimmt die Erfahrung absolut, indem er sie nicht als Grundlage benutzt, Theorien zu bilden, sondern die Beobachtung selbst als Indiz für Prinzipien ansieht, die nur durch die Erfahrung erschließbar sind und nur durch sie bestätigt werden können. Die richtige Erfahrung enthält die Prinzipien einer wahren Theorie schon in sich. Die Erfahrung steht bei Stahl in unmittelbarem Zusammenhang mit der aus ihr zu gewinnenden theoretischen Wahrheit. So kann „Bewegung" im Körper auf die Seele verweisen. Diesen Verbindungen zwischen Wahrheit und Erfahrung gehen wir zuerst nach. Der Briefwechsel zwischen Halle und Berlin, die Gebrüder Richter und Baron Canstein betreffend, war sehr rege. Ihm verdanken wir die Niederschrift einer spontanen Äußerung Stahls, als er gebeten wurde, bei der Erkrankung des Obeijägermeisters am Hof in Berlin Rat zu erteilen. Stahl wollte nicht geme etwas damit zu thun [haben], wenn mann mich dazu brauchen will, den Baron aus dem Bothe zu ziehen, wenn ihn andere hinein geführet haben; Es ist mit dem Menschen nicht

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wie mit einer Uhr, daß ich an selbiger das zerbrochene Rad nur wieder ganz machen darff, wenn sie richtig gehen soll; die in Unordnung gebrachte motus haben mehr zu sagen; Womit er die Schwierigkeit der Sache andeuten wolte.1

Treffend die Bemerkung über den Menschen als reparaturbedürftige Uhr und ihr Gegenstück, das Herzstück Stahlianischen Denkens: es komme auf die innersten „Bewegungen" (motus tonicus Vitalis) und deren Steuerung an, will man Gesundheit wieder herstellen. Stahl verbindet Erfahrung mit Wahrheit. Sogar die Freundschaft mit seinem Schüler Richter und mit Canstein wird aufs Spiel gesetzt, wenn es um die Wahrheit der Erfahrung geht. Im gleichen Briefwechsel vernimmt man Stahls Stärke, nichts ungeprüft, nichts leichtfertig, sei es noch so nützlich für die Sache des Pietismus, durchgehen zu lassen. Stahl behält sich vor, nach der Erfahrung auch dasjenige zu prüfen, wofür ihm seine Kollegen Fallbeschreibungen vorlegen. Richter will Stahl von dem therapeutischen Wert der essentia dulcis,2 einem Goldpräparat, durch Vorlegung von Patientenberichten überzeugen. Stahls eigene therapeutische Erfahrung spricht aber dagegen: es gebe sowohl Fälle, bei denen das Mittel helfe, wie auch Fälle, bei denen keine Heilung erfolgte. Stahl begründet seine Skepsis mit eigenen Beobachtungen, wie es der Brief Richters klarstellt: Herrn D. Stahls Propempticon werden sie herbey empfangen in welchem ich die bedenklichen Worte mit rother Dinte notiret. Ich habe Ew. Gnad. nichts darvon melden wollen, ehe ich H. D. Stahlen selbst deswegen gesprochen, damit ich ihn nicht unschuldig bey Ew. Gnad. in bösen Concept tragen möchte. Als ich zu ihm kam, producirte ich ihm unterschiedene Briefe, so die Patienten selbst geschrieben, um so wohl ihrer Kranckheit, als auch die völlige Genesung mit sonderbaren expressiones entfalten. Weil nun einige darunter, so er selber kennet, und die bey ihm an Tisch gegangen, an deren Aufrichtigkeit er nicht zweifelt, so hatte er zwar gegen die Wahrheit dieser Sache nichts einzuwenden, vielmehr merckte ich, daß er sich deßen nicht versehen hatte. Inzwischen objicirte er doch, sagend, es sey gleich wol eine wichtige objection, wenn man unterschiedene nennen könte, denen es gar nichts geholffen, wie er es denn selbst bey unterschiedenen betrachtet, an welchen er nicht den geringsten effect gemercket, da er ihn hemach nur ein gemein Pulver gegeben, welches seinen effect gleich bewiesen. In übrigen wären die Patienten so dadurch gesund worden, wie er aus dem stylo sähe, gute Leute/: [das heißt] die eine gute Meynung davon hätten, und also, consequ. durch das gute Vertrauen gesund werden:/Er wäre unterschiedliche mal schlifft- und miindl. deswegen befragt worden, er hätte zur Antwort gegeben, er wüßte es nicht. 3

Stahl ist sich offensichtlich des Placebo-Effekts bewußt, beobachtet als Antimechanist therapeutische Wirkungen, die mit der Zusammensetzung der essentia dulcis womöglich nichts zu tun haben. Dieses Beispiel zeigt uns, daß Stahl an seiner Erkenntnismethode festhält, aus der Erfahrung seine Theorie abzuleiten. Die Erfahrung der leibseelischen Einheit (die Placebo-Wirkung weist in diese Rich1 2

3

AFSt C 285 - 48, Korrespondenz der Gebrüder Richter, Brief vom 16. Dezember 1702. Zur essentia dulcis siehe: Eckhard Altmann, Christian Friedrich Richter (1676-1711). Arzt, Apothekerund Liedermacher des Halleschen Pietismus. Witten 1972, S. 37-40; Hans-Joachim Poeckem, Die Halleschen Waisenhaus-Arzneyen. Leipzig 1984. AFSt C 285 - 36, Korrespondenz der Gebrüder Richter, Brief vom 28. Oktober 1702.

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tung) begründet auch die systematische Ausarbeitung seiner medizinischen Erkenntnisse in der Theoria medica vera, in der Stahl bei seinen physiologischen und pathologischen Einsichten kontinuierlich auf seine praktischen Beobachtungen hinweist, die erst seine Theorie ermöglichten. Die Notwendigkeit, die Medizin auf „wahres" Wissen zu gründen, die Stahl zurückgreifen läßt auf die „reine" Erfahrung, bestärkt ihn auch in seiner Kritik an der Anhäufung medizinischer Erkenntnisse, die ins „Leere" führen. Stahl will der Beliebigkeit Einhalt gebieten, die für jedes System Gültigkeit beansprucht. Er befürwortet keinen medizinischen Eklektizismus. Selbst bei der Vielzahl medizinischer Bücher sind mehr „leere Worte" anzutreffen als solide Beobachtungen. Gleichzeitig aber - und dies charakterisiert Stahl ebenfalls - verteidigt er die Freiheit zu denken und zu veröffentlichen.4 Sich den Weg zur Wahrheit zu bahnen, begreift Stahl als praktische Notwendigkeit, als unerläßliche Aufgabe des Mediziners, denn dieser muß „über die Unzahl der medizinischen Schriften urteilen". Wozu diese endlose Wiederholung desselben Gegenstandes, und mit so großem Umschweif? [...] Was soll bei mangelnder Begründung der Kunst aus ihrer Ausübung werden, da ohne Erkenntnisse ein rechtes und glückliches Handeln unmöglich ist? Wie kann man den Leidenden einen Rath ertheilen, und mit Recht von ihnen einen Lohn fordern, da das Schwanken sich so wenig verstecken lässt, daß zehn zusammenberufene Kunstgenossen nicht nur unter sich uneins, jeder des andern Denk- und Handlungsweise tadelt, sondern auch, wenn es zur That kommt, ein anderes, ja selbst wesentlich entgegengesetztes Verfahren einschlägt? 5

Wie Arndt, Spener, Francke oder Milton, deren Belesenheit, Ausdrucksvermögen, publizistische Tätigkeit außer Zweifel stehen, wählt auch Stahl den Standpunkt des Anklägers und Zweiflers gegenüber dem voluminösen Wissen seiner Zeit. Typisch dafür sind die Ablehnung von rhetorischer Argumentation, die Betonung des Praxisbezuges und die Durchleuchtung jeder Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt. Stahl bemerkt in seiner Verteidigungsschrift der Theoria medica vera: Wenigstens müsste man sich aller eitlen Spekulationen, die niemals eine gesunde Frucht tragen, enthalten, und wenn die aus schlichter und nackter Erfahrung entsprungene Wahrheit noch einige Hoffnung übrig ließe, blos auf sie mit allem Reiß achten und halten. 6

Diese Abwehr der Eitelkeiten, der Verweis auf die Erprobung der Wahrheit, auf daß sie Früchte trage, und die Hoffnung, die sich auf das Schlichte und „Nackte" der Erfahrung konzentriert, wird auch noch radikaler formuliert. Der Freund und Schüler Stahls Johann Samuel Carl schreibt in seiner Medicina moralis: Von der Oratoria ist schon erinnert/wie diese vergebliche und schwere Wörter=Lasten in die Seelen=Kräfften bringe/die zu andern wichtigern Vorwürffen in denen noch unverbildeten 4

5 6

Georg Ernst Stahls Theorie der Heilkunde, hg. v. Karl Wilhelm Ideler. 3 Bde. Berlin 18311832, hier Bd. I, S. XXI, Zitate Stahls nach dieser Übersetzung seiner Schriften. Ebd., S. XXIII. Ebd., S. XXIV.

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Taffein sollten noch leer gelassen werden/den Willen aber gar sehr mit eigen und welt=liebigen und Menschen=gefälligen Hochmuths=Dünsten in Zeiten vergiffte/daß man gleich bey den Kindern sieht/wie sie mit ihren chriis und declamatiunculis so gern sich sehen lassen/auch von denen Proceribus ecclesiae und scholae zum Lucifers Sinn und Dienst dazu angespohret werden. Kommt das Alter und judicium, vereckeln solche Waaren allen/und mercken/wann nur die nackende und in ihrer Bloßheit wohl gefasste Wahrheit kan dargelegt werden/so ist Schmuck genug vor sie mit Lust zu nehmen und zu geben. Einmahl was man auch aus dieser Kammer ins gemeine Leben bringt/von Complimenten=Blumen/das ist denen Welt-serieusen Menschen ein mehrerer Verdmß/als auf das andere extremum der Stummheit zu verfallen. Welcher Kluger/so er auch öffentlich pro cathedra zu reden hat/(so doch unter tausend Gelehrten kaum einem zukommt) bedencket und besinnet sich Rhetorische artificia, daß er tropos, figuras etc. aufsuche und künstlich solche einflicke? Andere/die ihrem Amt Vorstellung thun müssen/sorgen nur und müssen sorgen von der Sache Wahrheit/Begreifflichkei/Richtigkeit, Wort finden sich bald/alles auszudrücken. Da die Theologi ihre homilecticam meisten von denen heydnischen Rostris abgeborget; so sind die traurige Klagen und effectus gnug da/daß alles zum klingenden Ohren=juckenden Spiel worden/gegen deren tausend ein einfältiger kindlicher Zuspruch eines Gott suchenden Layens kräfftiger wird. Wie alles nun die Seelen=Kräfften sehr belästiget und zerstreuet/ohne die geringste Nutzen/so ist die Erfahrung öffentlich durch so viele sécula schon geoffenbaret und dargelegt worden/wie dadurch der spitzfindige ja spitzpubische/Zanck=Geist/die Hoch=müthige Selbst=Weisheit/ verdrehen/verstecken/verwickeln/seine Schlangen=Tücke/und in Kirchen und Policey=Wesen/ ja in die ganze Welt/eingeführet worden zum Eckel vor allen Gelehrten und Gelehrsamkeit/ja zum Sprichwort der Verkehrtheit. Was helffen so viele Capseln der tausenderley technologies wann man die Wahrheit noch nicht hat? 7 D i e s e s l a n g e Zitat kann als eindrucksvolle Z u s a m m e n f a s s u n g der P o s i t i o n gelten, die sich nichts aus „Wort=Lasten" macht, die „die n a c k e n d e und in ihrer B l o ß h e i t w o h l g e f a ß t e Wahrheit" übermittelt haben will und die auf „ N u t z e n " bedacht ist. In d e r s e l b e n Schrift zitiert Carl das Bibelwort: „die M e n s c h e n s u c h e n v i e l e Künste/Gott aber hat ihn einfältig g e s c h a f f e n / P r e d . 7 / 2 9 . D a h e r o hat Gott in allen sein e n Natur- und G n a d e n = W U r c k u n g e n das B e s t e in die E i n f a l l s = H ü l l e verdeckt." 8 E s ist w o h l nicht zufällig, daß auch Stahl 1 7 0 2 , als er e i n e m der w e l t l i c h e n G e s i n n u n g e r g e b e n e n H o f m e i s t e r n a m e n s Johann D a n i e l L o n g o l i u s , der als B e g l e i t e r e i n e s a d e l i g e n j ü n g s t e n S o h n e s nach H a l l e g e k o m m e n war und Stahls c o l l e g i a bes u c h e n w o l l t e , d i e s e m die Z u l a s s u n g erteilte, i n d e m er mit strenger Feder ins H e f t schrieb: „Gott hat d e n M e n s c h e n einfältig gemacht, sie aber s u c h e n v i e l e Künste." 9 D i e S p a n n u n g z w i s c h e n Ü b e r l i e f e r u n g und grundsätzlicher Erneuerung, z w i s c h e n der „ S c h l a n g e n = T ü c k e " d e s „ k l i n g e n d e n O h r e n = j u c k e n d e n S p i e l s " der „bloß e n W o r t e " und der Wahrheit, w i e sie Carl beschreibt, b e s t i m m e n d e n W e r d e g a n g der T h e o r i e Stahls. B i s zur Publikation der Theoria

7 8 9

medica

vera

arbeitet Stahl

Johann Samuel Carl, Vorstellung vom Decoro Medici. Büdingen 1719, S. 17f. Ebd., S. 14. Johann Daniel Longolius im Vorwort (O.S.), in dem er auch seinen Lebenslauf erzählt, in: Cornelius Bontekoe, Abhandlungen von dem menschlichen Leben, Gesundheit, Krankheit und Tode. In drei besonderen Theilen verfasset [...]. Nebst drei anderen Tractätlein: 1. Von der Natur; 2. Von der Experienz und Erfahrung; 3. Von der Gewissheit der Medizin oder Heilkunst. Vormahls aus dem Holländischen ins Teutsche versetzt, [...] aber zum anderen mahle mit einer Vorrede Johann Daniel Longolius. Budissin/Leipzig 1719. 143

seine Erfahrungslehre in verschiedenen Schriften aus, die im folgenden summarisch als Entdeckungsschriften gekennzeichnet werden sollen. Aber s c h o n in den frühen Verteidigungsschriften trachtet Stahl danach, systematisch die Theorie aus der skeptischen Erfahrung abzuleiten, nämlich ohne sich rationaler Konstruktionen zu bedienen und ohne Autoritätsgläubigkeit. D i e Schwierigkeiten für Stahl sind sehr groß: er ist sich der Unvereinbarkeit seiner medizinischen Lehre mit der Iatrochemie und der Iatromechanik bewußt. S c h o n in einer seiner wesentlichen Entdeckungsschriften, De motu

tonico

vitali

(1692), widersetzt er sich den Erklärungssystemen seiner medizinischen Zeitgenossen. Stahl vermerkt, daß seine Ideen anderen Medizinern s o vorkamen, „als o b ich aus einer anderen Welt käme und man meine Sprache nicht verstehen könnte". 1 0 Stahls Folgerungen aus seinen medizinischen Erfahrungen lassen die Beschreibungen und Theorien seiner Zeit radikal als Verwirrung hinter sich: Es gieng mir aber, wie ich mir eingebildet hatte. Denn viele, welche doch die Sache hätten einsehen sollen, zugestanden, sie verständen mich nicht. Es waren aber deren mehr als ich vermutet hatte. Es war als ob ich aus einer anderen Welt käme und man meine Sprache nicht verstehen könnte. Denn ich redete nicht von Lebens=Geistern und Verstopffungen, von Stockung des Bluts, von dem stärckern Nisu und Elatere Coipuscolorum primi Elementi, von Symbolismus und Consensibus, von Entzündungen und Schiessungen derer Lebens=Geister, von denen wilden Geistern und Gas, von der Fermentation und Erhitzung, von dem Brausen und der Expansion des Bluts, wodurch das Blut die Theile ausdehne und hindurchdringe, von der Lebens-Ramme, von sechshunderterley Geschmacken u.d.g. [...] Ich ärgerte mich fast, daß auch diejenigen, welche blosse Practici waren, die Sache nicht einsehen konnten. Denn ohnerachtet ich meynete, es würde ihnen ihre Praxis dergleichen Dinge täglich vor Augen stellen: So gedachten sie doch nur bloß an die Zufälle [= Symptome] selbst, und rechneten solche Umstände, welche in blossen Bewegungen bestehen, nicht zu den Bewegungen, sondern hätten wohl einen Eyd geschworen, daß alle diese Umstände, augenscheinlich, ja lediglich daher rühreten, weil die Lebens=Geister in ihrer Bewegung verhindert würden und nicht einfließen, zurückfließen und durch die Theile hindurchkommen könnten. Dieses kam mir aber noch grausamer vor, daß mich klügere Männer beschuldigten: Ich wolte aus Zancksucht das nicht sehen, wie der Aether in die dichten und verwirreten Poros nicht frey hinein könne [...] Hierdurch machten sie, daß ich es gehen ließ, wie es gieng und zusähe, was sich in zukünfftigen Zeiten erreignen würde. Jedoch nahm ich mir vor bey gegebener Gelegenheit eine andere VortragsArt zu gebrauchen, das Werck aufs neue vor die Hand zu nehmen und immer je mehr und mehr durch neue Exempel vor Augen zu legen [...]." S c h o n 1 6 9 2 besteht also für Stahl der Bruch mit allen Systemen der herkömmlichen Medizin. Er nimmt sich vor, „das Werck aufs neue vor die Hand zu n e h m e n und immer j e mehr und mehr durch neue Exempel vor A u g e n zu legen." Seine Autorität bleibt die Erfahrung. Er lehnt j e d e a priori Argumentation ab, weil er die Ableitung der Wahrheit aus metaphysischen Grundprinzipien nur skeptisch betrachten kann.

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11

Georg Emst Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des FrauenTimmers, dem beygefiiget [...] Eine völlige Beschreibung des Motus tonici [...]. Leipzig 1724, S. 65Iff. Ebd.

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Hingegen hoffe ich mit göttlichen Beystande viel glücklicher zu fahren, wenn ich hauptsächlich à posteriori, das ist, aus der Erfahrung, oder aus denen bey den Krancken=Bette täglich vorkommenden Umständen, einen sicheren Schluß mache und deutlich darthue, auf was vor Art und Weise solches alles im menschlichen Leibe geschehe. 12

Stahl will nicht „à priori und nur aus der Vernunft" 13 seine Erkenntnisse beweisen. Im Titel der Theoria Medica vera kommt dieser Gedanke noch einmal geballt zum Ausdruck: Theoria Medica Vera, Physiologiam et Pathologiam, tanquam Doctrinae Medicae Partes vere contemplativas, e Naturae et Artis veris Fundamentis, intaminata Ratione et inconcussa Experientia sistens. Der polemisch zu deutende Schluß des Titels verrät Stahls Haltung: „unbesudelt oder unbefleckt durch Vernünftelei und unerschüttert auf die Erfahrung gestellt." Was heißt aber nun „unbeirrt durch den Vernunftschluß und unerschüttert auf die Erfahrung gestellt"? Der Beweis aus der Erfahrung ist unerschütterlich, weil er all jenen Trugschlüssen entgegentreten kann, die vorhin aufgezählt wurden: den „vielen Künsten", den „leeren Worten" und vor allem dem Rationalismus. Stahl und Carl kämpfen gegen eine Vorherrschaft der Vernunft, weil der Rationalismus ihren Wahrheiten den Boden entzieht. Die Konstruktion von Wirklichkeit im Mechanismus und im Dualismus beruft sich auf ratio et experientia. Diese Grundpfeiler der „neuen" kausalmechanisch-empirischen Medizin rechtfertigen das rein materielle Kausalitätsprinzip im Körper und die kategorische Abtrennung seelischer Vermögen, wie auch der Ableugnung seelischen Wirkens im Körper. Der einzige methodisch gültige Einwand dagegen lag für Stahl im epistemologischen Grundsatz der Erfahrung. Sich auf die unerschütterliche Erfahrung zu berufen, hieß auch, naturwissenschaftlich überzeugend zu argumentieren: die Erfahrung besaß Beweiskraft. Die Wendung „bloße und nackte" Erfahrung beschreibt die Abkehr Stahls von einer Erfahrung, die rationalisiert werden konnte, um einem System zu dienen. Zwei Systeme der Erkenntnis beriefen sich zu dieser Zeit auf die Logik: die induktive und die deduktive Beweisführung. Ratio wurde von Stahls Zeitgenossen im Sinne der induktiven Logik verwendet. Sie gingen von der Einzelbeobachtung aus, um auf ein allgemeines Erklärungsprinzip zu schließen. Die Beobachtung der Fermentation z.B. fand Eingang in die Fieberlehre als Erklärung der Hitzeentwicklung im Körper.14 Dieser Methode nicht unverwandt, weil sie nur spiegelverkehrt ihr Wissen legitimiert, ist die deduktive Logik, die von angenommenen Prinzipien a priori ausgeht. Die „letzten Gründe" bestimmen diejenigen Erscheinungen, die logisch hervortreten dürfen. Eine a priori Begründung liegt der Erkenntnis zugrunde, daß Seeli12 13 14

Ebd., S. 554. Ebd., S. 553. Johanna Geyer-Kordesch, Fevers and other Fundamentals. Dutch and German medical explanations c. 1680 to 1730, in: William F. Bynum/Vivian Nutton (Hg.), Theories of Fever from Antiquity to the Enlightenment. London 1981, S. 104ff.

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sches und Stoffliches gesonderten Gesetzen unterliegen. Ohne die a priori Abtrennung der Seele vom Leib wäre das Modell kausalmechanischer Bewegung nicht möglich, auch nicht im vitalistischen Sinne. Gegen diese Verkoppelung von Beobachtung (vornehmlich in der „modernen" Medizin mit dem Experiment verbunden) und von rationaler Schlußfolgerung (induktive und deduktive Methode), wie sie in der Formel ,ratio et experientia' zusammengefaßt ist, wendet sich Stahl. Um die Seele nicht als reine Spekulation erscheinen zu lassen oder aber auch sie ins Metaphysische zu verbannen, sieht er sich gezwungen, seine auf seelische Erkenntnis ausgerichtete monistische Theorie aus der Erfahrung zu beweisen. Die Erfahrung ist „unbefleckt", nämlich nicht entstellt durch Rationalisierungen. Sie ist keineswegs gegen den Verstand oder die Vernunft gerichtet: sie will nur den Vernunftschluß vermeiden, der zum falschen Erklärungsmodell führt. Stahls durchaus logische Theorie sucht die Einheit mit Erfahrungswerten, sie ist a posteriori erarbeitet. Stahl bezieht sich, wie alle Mediziner, auf Fallbeschreibungen. Die Berufung auf a posteriori Erfahrung heißt, der Beobachtung bis auf den Grund so nachzugehen, daß in ihr selbst das Prinzip ihrer Ordnung erschlossen werden kann. Nur auf diesem Wege, sicherlich ein Gang ins Dunkle, entdeckte Stahl, daß die medizinische Erfahrung auf die Seele hinwies. A posteriori hieß für ihn die Anordnung der Erscheinungen (die „Dinge in der Natur") so zu erkennen, daß ihre Wesensart sichtbar wurde. Mit dem Erfahrungsbeweis hatte er auch zugleich den „unerschütterlichen" Beweis, daß er nicht fehlging. Die „Natur der Dinge" selbst bezeugte die Richtigkeit seiner „Bloßlegungen", seiner „nackten" Erfahrung. Was Stahl epistemologisch nicht tat, war deduktiv von der Seele her auf deren Verbindung zum Leib zu schließen. Die „Wahrheit" als zu begründendes Phänomen mußte im Beweisschluß der Erfahrung offengelegt werden. Die Beweiskraft der Erfahrung war so grundlegend für Stahl, daß er sich auch als skeptisches Erkenntnisinstrument gegen die Berufung auf Autorität ins Feld führte, die er nun als „Vorurteil" zurückwies. In Stahls Verteidigung seiner Schriften (1707) werden alle diese Argumente vorgebracht. Er kommt auf die „simplicis atque nudae Experientiae veritas" zu sprechen.15 Es sei unmöglich, schreibt er, guten Gewissens eine Kunst auszuüben, die ihrer grundlegenden Erkenntnisse nicht sicher sei. Die „einfache und nackte Erfahrung" zeige aber, daß eine „wahre Methode" zu gewinnen sei, und zwar eine quod ars medica methodo aliqua vera, ita, re vera et sine fallado, est in potestate humana, et scripto et intellectu comprehendi possit; quam aliis, qui nullam evidentem artis huius Theoriam constituí posse, etiam cum authoritatis praeiudicio, asseverant. 16

15

16

Georg Ernst Stahl, De scriptis suis ad hunc usque diem schediasmatibus, et indicia. Halae 1707, S. 12. Ebd., S. 13.

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vindicae

quaedem,

Eine medizinische Theorie also, schreibt Stahl, die für jeden, der lesen und verstehen kann, zugänglich ist. Die Erfahrung legitimiert auf diese Weise die Neubegründung eines medizinischen Systems. Aus der Erfahrungsmethode heraus kann Stahl sowohl die medizinischen Erkenntnisse der Alten (Hippokrates) wie auch der Moderne revidieren und seine „wahre Theorie" der Allgemeinheit zum Nutzen vorlegen. Seine Erkenntnismethode, medizinisches Wissen alleine aus der Erfahrung neu zu begründen, ist in der Schrift De motu tonico vitali deutlich vernehmbar: seine Beobachtung zur Verteilung des Blutes im Körper, das nicht mechanischer, sondern entelechetischer „Bewegung" entspricht, entstammt ausschließlich seiner Krankenbeobachtung wie auch der Beobachtung des eigenen Körpers.17 Aus dieser Erfahrung kann er mechanistisch gedeutete Schlußfolgerungen über den Blutkreislauf zurückweisen. Die aus der Erfahrung gewonnene Kritik an der sicherlich medizinisch bedeutendsten Erkenntnis des 17. Jahrhunders, nämlich des Blutkreislaufes, führt Stahl nicht zur Ablehnung von William Harveys Entdeckung, sondern über sie hinaus, nämlich zur Einsicht in körpereigene Bewegungen des Blutes. Die Entdeckung des ,motus tonicus Vitalis' begründet weitere Erkenntnisse, die zu Stahls Theoria medica vera hinführen, vor allem die Abkehr von jeder mechanistischen Erklärungsweise. Um dies zu verdeutlichen, ist es vielleicht geeigneter, nicht Stahls eigene Schriften zu benutzen, sondern die Erkenntnisschritte bei Christian Friedrich Richter nachzuvollziehen, der von Stahl lernte. Christian Friedrich Richter hat in einem Brief an Canstein, der nie ganz zu Ende geführt wurde, vermutlich, weil er anfing, den Charakter einer Abhandlung anzunehmen, das Problem Wahrheit und Erfahrung in der Medizin zu erhellen versucht. Dieses lange Fragment zeigt, wie ein Lernender seine Erkenntnisse verarbeitet und im Schreiben die Worte findet, die nicht nur seine Meinung, sondern auch die seines Lehrers wiedergeben. Dieses Fragment ist datiert mit 6. April, aber ohne Jahreszahl.18 Es ist anhand der Datierung des nachfolgenden Briefes zu vermuten, daß Richters Äußerungen in das Jahr 1703 fallen. Richter schreibt: So nützlich und nothwendig die Lehre und Erkenntnis von der Natur des Menschen, so unbekannd ist sie in den Schulen der Medicorum, und so ungereimt für [vor] ihren Augen: als daß, wenn man die Wahrheit bekennen sol, man nicht anders sagen kan, als daß solches ein Haupt=Stück von denen verborgenen Gerichten Gottes sey, durch welche diejenigen, so nicht geachtet haben die Erkenntniß der Wahrheit und haben damit dem nicht drinnen veneriret, der die Wahrheit selber ist, in der Eitelkeit ihres Richtens/: dialogismis [Überlegungen], Syllogismis, ratiocinationibus [Vemunftschlüsse] Rom. I.:/gestraffet werden und welche Gott als eine Peitsche und Ruthe an denen Unbußfertigen zur Straffe, und an dennen frommen zur Züchtigung gebrauchet. Denn der Schade, so aus der Unwissenheit dieser einigen Wahrheit, in medicinischen Sachen entspringet, ist nicht wol zu beschreiben, darum, daß es eine Grundwahrheit ist, und die Unkenntnis derselben eine Mutter vieler 1 000 Irthümer in der Medicin.

17

18

Stahl, Ausführliche Abhandlungen von den Zufällen [...], mehrfach für die Krankenfälle, Eigenbeobachtung S. 601. AFSt C 285 - 161, Korrespondenz der Gebrüder Richter, Fragment vom 6. April o.J. (1703).

147

Wie wil man von den actionibus des Leibes urtheilen, wenn man das Agens nicht kennet, oder es gar verleugnet? Wie wil man die oeconomie des Lebens recht erkennen, wenn man von keinem Oeconomo etwas wissen wil? Wie wil man gewiß versichern können, welche motus im Leib gut oder böse, wann man nicht erkennet, wofür sie enstehen oder wenn man ein solche Principium motuu zum fundament der Medicin praesupponiret? Ists nicht jämmerlich und zu beklagen, daß auch bißweilen wackere Leute, ein so großes belieben an der Meynung tragen, krafft welcher man den Leib des Menschen zu einer Wind=Mühle und Uhrwerck macht. Wenn man auch der recepirten opinion derer meisten Medicorum, die das größte Ansehen haben, einen Menschen formiren solte, so würde in Wahrheit ein recht ungeheurer, monströser, unbeweglicher und unverständiger Klumpen draus werden: also daß ich mich offt in meinem Gemüthe darüber entsetzet, wie es immer möglich, daß verständige Leute sich so eines wunderlichen Concept von sich selbst formiren, und so steiff dran glauben können: ohngeachtet sie aller Minuten das Gegentheil an sich selbst so kräfftig empfinden könten.19 In diesem Zitat sind die Hauptthesen der Stahlianischen Erkenntnismethode dargestellt. Richters Beweisführung beruht auf der Erfahrung: zu jeder Zeit könne der Mensch selbst erfahren, daß sein Körper nicht nach mechanischen Gesetzen gebaut ist. D i e s e Erfahrung würde auch genügen, um die Unwissenheit zu beseitigen, die „1 0 0 0 Irrtümer" in der Medizin verursache. D i e Wortwahl „Agens" entstammt dem Stahlianischen Denken: Stahl verwendet „Agent" (Bewegendes) und „Patient" (Erduldendes) als Beschreibung des Zusammenwirkens von Seele und Körper im Negotium

Otiosum

(siehe unten). D i e Fragen Richters, die er hier polemisch stellt,

beziehen sich wiederum auf die Erfahrung: jeder kann selbst erkennen. Damit ist auch der B e z u g zur Leitidee eines für jeden zugänglichen Wissens gegeben: die Wahrheit ist einfach. V o n der Erfahrung zu unterscheiden seien die „vielen Künste" und der Vernunftschluß. Daß diese Spannung zwischen Vernunftschluß und Erfahrung die Rechtfertigung für die Erkenntnisse im pietistisch-ärztlichen Umkreis Stahls bildete, läßt sich durch andere Werke Richters und Johann Samuel Carls belegen. Richter schreibt in seinen Betrachtungen v o m Ursprung und Adel der Seelen: Eines muß ich den geneigten Leser noch versichern/daß des Autoris Betrachtungen keine leere Worte sind/oder Dinge/die Er nur von andern entlehnet/und hernach nur mit andern Worten abermals vorgetragen habe: sondern was Er geschrieben/ist meistens seine eigene Erfahrung. 20 Carl läßt nur solche Vernunftschlüsse gelten, die mit dem Wissen aus der „thätigen Erfahrung" übereinstimmen. Nur die „thätige Erfahrung" ist als Wirkung Gottes anzusehen. 2 1 Carl verwirft all die Vernunftschlüsse als „Schatten", die keine Basis im Erfahrungsbereich haben: [...] wie alle Vemunft=Schlüsse in der thätigen Erfahrung sich müssen darlegen/indem ausser solcher Verbindung und Bekräfftigung eine jede Raison und Meynung nur ein Bild/Gedanck und Schatten ist/so man mit der Zeit bald wieder verschwindet; was aber durch die würckliche 19 20

21

Ebd. Christian Friedrich Richter, Erbauliche Betrachtungen vom Ursprung und Adel der Seelen [...]. Halle 1718, Vorbericht, O.S. Carl, Vorstellung vom Decoro Medici, S. 27.

148

Erfahrung einmahl bestätiget ist/das wird durch die Länge der Zeit immer mehr erläutert und versiegelt. 22

Die letzte Zeile dieses Zitats aus Carls Decorum Medici ist eine Anspielung auf die Prophezeihung Daniels: „Und Du, Daniel verbirg diese Worte, und versiegle diese Schrift bis auf die letzte Zeit; so werden viele darüberkommen, und großen Verstand finden" (Dan. 12; 4). Mit dieser Anspielung ist die Erkenntnis aus der Erfahrung mit dem großen Anliegen des protestantischen Enthusiasmus, der Instaurado magna, in Verbindung gebracht. Stahls Theorie liegt 1708 mit der Theoria medica vera vor. Stahl begreift sie als summarischen Schlußpunkt nach über zwanzigjähriger medizinischer Erfahrung und will in seinem Lehrbuch dieses Wissen in geordneter Form weitergeben, versehen mit der theoretischen Begründung des Vorgehens wie auch mit praktischen Anwendungshinweisen. Sie wurde auf der Höhe seines medizinisch-theoretischen Schaffens geschrieben, als Stahl neunundvierzig Jahre alt war, und nach vierzehnjähriger Tätigkeit an der Universität Halle publiziert. In der Einleitung zur Theoria medica vera ist Stahls Erneuerungsprogramm angegeben: Cher Lecteur, ingénieux investigateur des secrets de la nature, je me propose, dans cet ouvrage, de mettre sous vos yeux et d'étudier avec vous la Physiologie, cette partie de la science médicale qui traite de toutes les opérations appartenant au domaine adminstratif de la nature humaine, c'est-à-dire étant le propre de ce principe de mouvement et de repos qui préside à toutes les fonctions du corps humain. Je tache d'y démontrer les actes et les phénomènes spéciaux que produit ce principe et qui sont tout-à-fait distincts, dans leur nature, de ceux qui appartiennent au corps, considéré dans ses modes purement organiques et matériels. J'y explique ce que c'est que la vie, quelle est la structure de nos organes et quel est leur usage; j'y traite, au point de vue de ces trois choses et de l'activité incessante du corps vivant et de la Nécessité de cette action; nécessité que je ne considère pas comme physique simplement, à cause de la matière ou du corps, en tant que tel mais bien comme nécessité morale, c'est-à-dire finale, à cause de son usage, non au point de vue des organes corporels ou dans un but d'utilité pour ces mêmes organes, mais au point de vue de l'ame comme exerçant son intelligence et sa volonté sur des objets aussi variés que nombreux. 23

Die Einleitung macht auf die Grunderkenntnisse der Theoria aufmerksam. Sie vermittelt Einsichten aus der Erfahrungsmethode Stahls, auf die es auch in der folgenden Erläuterung ankommt. Erstens beruht die Lehre Stahls auf der Beobachtung des gesamten Bewegungsverlaufs im Körper. Zweitens sagt Stahl, daß diese Bewegungen nicht ursächlich der Materie entstammen. Dies führt drittens zu der Feststellung, daß der Lebensprozeß ein seelischer ist: die Seele gibt durch den Intellekt und den Willen Ziele, Absichten und Richtungen an. Viertens meint Stahl, daß keine dieser verschiedenen Lebensäußerungen abgetrennt oder isoliert betrachtet werden könne: sie sind holistisch. Wenn die französische Übersetzung

22 23

Ebd., S. 24. Stahl, Œuvres, Bd. III, S. 29f.

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den Anschein erweckt, daß Seele und Körper womöglich auch bei Stahl getrennt werden, dann ist dem nicht so: die Seele ist direktiv und selbststeuemd, der Körper ihr Instrument (Organ). In der Einheit des Lebendigen, die auch das Denkvermögen, den Willen und die Gemütsbewegungen umfaßt, begründet Stahl seinen Organismusbegriff. Schon Stahls erste akademische Schriften behandeln Probleme, die sich von der mechanistischen Sichtweise entfernen. Die Dissertatio medica inauguralis de intestinis, eorumque morbis ac symptomatibus cognoscendis et curandis24 und die Dissertatio physiologica-medica de sanguificatione in corpore semel formatto,25 beide 1684 erschienen, beziehen sich auf Bereiche, die vitale Funktionen beschreiben. Die wichtigste Veröffentlichung aber, in der Stahl seine Erkenntnisse erstmals grundlegend zusammenfaßt, erschien 1692: De motu tonico vitali et independente motu sanguinis particulari, qua demonstratur, stante circulatione, sanguinem et cum eo commeantes humores, ad quamlibet corporis partem specialem, prae aliis, copiosius dirigi et propelli posse.26 Eine Neufassung, deren Wert hauptsächlich in Stahls Erklärung zum Werdegang der ersten Fassung liegt, die aber ebenfalls den motus tonicus Vitalis erläutert, erscheint in Halle 1702. Beide Schriften wurden auf Deutsch im Anhang zu der Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers27 1724 angeführt. Darüber hinaus ist der Inhalt von De motu tonico vitali mehrmals veröffentlicht und erweitert worden. Die 1707 erschienene, thematisch geordnete Sammlung der Dissertationen bringt den vollständigen Text als erste einführende Schrift.28 In anderen frühen Publikationen, deren Zusammenhang Stahl selbst herausstreicht,29 De mechanismo motus sanguinis (1692, 21710) und De aestu maris microcosmici (1697, 21707), wird die Bedeutung des motus tonicus Vitalis im Bereich von Pathologie und Physiologie erklärt. Stahl betont ausdrücklich, daß er in seinen diesbezüglichen Schriften seine Entdeckung des motus tonicus durch „viele Exempel" aus seiner eigenen Praxis beweist. Ich will eben von meinen Sachen kein Geprahle machen, jedoch scheue ich mich auch nicht, dieses davon zu versichern, man wird nirgends finden, daß ich etwas für eine Wahrheit ausgegeben und in die Welt hinein geschrieben, davon man sagen könnte: es wäre mir etwa nur im Traume vorgekommen, oder ich hätte es, wie ich es bey anderen gefunden, ausgeschrieben, und aus Übereilung und Leichtgläubigkeit nicht vorher gründlich überleget, ob solches wahr

24 25 26 27 28

29

Jena 1684, 2. Aufl. Halle 1713. Jena 1684, 2. Aufl. Halle 1711. Druckort: Jena. Siehe: Stahl, Ausführliche Abhandlungen von den Zufällen. Georg Ernst Stahl, Dissertationes medicae, tum epistolares tum academicae in unum volumen congestae et [...] in 3 partes digestae [1707], hg. v. Michael Alberti. Halae 1707. Stahl, Ausführliche Abhandlungen von den Zufällen, S. 627, 656.

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oder falsch sey. Denn alles was ich geschrieben ist wahr, und hat seinen richtigen und tüchtigen Grund. 30

Die beiden Schriften über den motus tonicus sind der entscheidende Schritt bei der Formulierung der Stahlianischen Theorie des Lebendigen. In der deutschen Übersetzung von 1724 heißt der umfassende Titel: Von dem zur Erhaltung des Lebens unentbehrlichen Motu Tonico und einer daher rührenden und von dem Puls unterschiedenen Bewegung des Geblüts, wodurch gezeigt wird, daß das Blut und die mit ihm im Leibe umlaufenden Feuchtigkeiten in jeden Theil des Leibes besonders häuffiger als in den anderen gefiihret und getrieben werden könne, dabey dennoch der ordentlichte Lauffdes Bluts in denen Puls=Adern seine Richtigkeit behält. Diese Übersetzung der ersten Schrift von 1692 umfaßt etwa 80 Seiten. Der zweite Teil, Umständliche Erläuterung der Lehre vom Motus tonico vitali, der Schrift von 1702 entsprechend, umfaßt nur etwa 40 Seiten, generalisiert die praktischen Observationes der ersten Schrift in einem theoretischen Rahmen und zeigt die Querverbindungen zu anderen, in der Zwischenzeit erschienenen Schriften Stahls auf.31 Im folgenden wird auf beide Erörterungen des motus tonicus Bezug genommen. Im wesentlichen begründen sie eine Entdeckung, die das Verständnis der Kreislauflehre des Blutes erweitert. Stahl suchte zu beweisen, daß der Kreislauf nicht mechanisch aufzufassen sei, sondern daß das Blut im Zusammenhang mit der lebendigen Bewegung im Körper verteilt wird. Die Zirkulation des Blutes, schreibt Stahl, hat man erklärt, aber nicht richtig verstanden. Denn es läßt sich zeigen, daß der Blutkreislauf keineswegs gleichmäßig und mechanisch verläuft, sondern „daß die im menschlichen Leibe würckende Natur das Blut aus einer gewissen Absicht zu einem Theile häufiger treibe, als zu den anderen".32 Nicht die „Beschaffenheit der Theile", d.h. ihre anatomische Struktur oder ein mechanisches Prinzip erkläre diese Tatsache,33 sondern nur die Annahme eines „Wesens, das den Motum Tonicum eigentlich anstellet und fortführet", und das sei die Seele.34 Der Endzweck und die Bewegung selbst ist kein „körperliches Wesen" und gehört nicht zu „Figur, Größe, Festigkeit", und der motus tonicus Vitalis ist „von der blossen Konsistenz der Theile unterschieden".35 Stahl grenzt den motus tonicus Vitalis von jeder inhärenten „Kraft" der Teile (robur) ab. Für ihn ist diese Bewegung „seelisch", weil sie lenkend und zielgerichtet ist, was aber nicht notwendigerweise identisch sei mit dem Bewußtsein oder dem „moralischen Willen".36

30 31 32 33 34 35 36

Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd.,

S. 648. S. 617-656. S. 590. S. 589ff. S. 609. S. 631. S. 630.

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Seele wird hier gleichgesetzt mit Intelligenz (oder Organisationsprinzip) im holistischen Zusammenspiel der Körpervorgänge und -Veränderungen. Bewußtsein wird also koexistent mit Lebensprozessen gesehen. Stahl hebt die philosophisch gesetzten Grenzen zwischen Verstand, Wille und den Bewegungen im Körper auf; alle Veränderungen im Körper haben für ihn Anteil am Erkennen, Wahrnehmen und am Organisationsprinzip des Lebewesens. Stahl schreibt: Ich meyne aber hier [in bezug auf die Bewegung des motus tonicus Vitalis] nicht diejenige Bewegung, welche nach dem in Gedancken abgefaßten Willen vollzogen wird, sondern ich verstehe hier dieselbe Bewegung, welche aus rechtmäßigen Ursachen zu gehöriger Zeit und in gehörigem Grad vorgenommen wird, ob man gleich davon keinen Begriff in den Gedancken hat noch weiß, daß solche von dem Willen der Seele herrühre. Diese Bewegung nun heißet insgemein Motus Vitalis.37

Stahls motus tonicus ist der vorherrschenden Idee des mechanisch operierenden Kreislaufs, nach der das Herz wie eine Pumpe funktioniert und das Blut gleichmäßig verteilt wird, entgegengesetzt. Stahl bestreitet nicht den Blutkreislauf, bezweifelt aber, daß das Blut gleichmäßig verteilt wird, und daß die Blutgefäße passiv wären.38 Auch sei die Auffassung der „Alten" falsch, daß es eine Stockung im Blut gebe, verursacht durch die Schlaffheit der Teile oder durch eine Blockierung (Verstopfung), und daß diese Krankheit und Zersetzung bewirke. Denn, wie Stahl behauptet, sei es „unmöglich von causis passivis" Krankheiten herzuleiten.39 Aus der Praxis könne man belegen, wieviele „unverhoffte Veränderungen entstehen".40 Die medizinischen Beobachtungen, die Stahl zum Beweis heranzieht, beziehen sich zum Großteil auf die monatliche Blutung der Frauen, bei denen auch gemütsbezogene Zustände (z.B. Schrecken oder heftiger Zorn) als Ursache für Veränderungen im Blutfluß zu beobachten seien. Bei einer jungen Frau von zwanzig Jahren, die sich bis zum Brechreiz erregte, blieben die Menses fast vollständig aus.41 Auch bei den Symptomen des Fiebers, bei dem „kalten Schauer", könne man beobachten, daß Blut von der Haut abgezogen werde und die sichtbaren Adem verschwinden.42 Bei dem Paroxysmus der Fieber überfalle den Patienten „eine Schwere und Ziehen in den Gliedern", der Patient sehe hager aus, blaß, und es fröstele ihn.43 Auch hier zeige die Beobachtung, wie veränderlich der Blutkreislauf und dessen Bewegungen seien. Auch wenn der Puls zunimmt, ereignen sich nicht die erwarteten Reaktionen nach dem mechanischen Modell, denn das Blut wird nicht gleichmäßiger verteilt, sondern besonders bei Gemütserregungen ereignen sich

37 38 39 40 41 42 43

Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd.,

152

S. S. S. S. S. S. S.

646. 551. 552f. 552. 556ff. 571. 57Iff.

„Congestiones".44 Es können auch Krämpfe, Konvulsionen und Lähmungen auftreten.45 Alle diese aus der Praxis belegbaren Erfahrungen deuten an, daß die mechanistischen Erklärungen „nicht allemahl" zur wahren medizinischen Theorie und insbesondere zu einer richtigen Pathologie hinführen.46 Vor allem aber polemisiert Stahl gegen die Auffassung eines passiven Körpers,47 denn sein Motus tonicus Vitalis betont die aktiven Leistungen des leibseelischen Organismus. Nicht die Schubkraft des Blutes erweitere die Gefäße, weil sie nämlich nicht breitgedrückt werden, sondern die Blutgefäße selbst und die sie umgebenden Häute ändern sich: sie selbst werden dicker oder dünner und leiten das Blut.48 Krankheit, schreibt Stahl in der Schrift Uber den motus tonicus Vitalis, ist nicht ursächlich aus einer störenden Substanz zu erklären, die eine „Mischung" verdirbt, sondern Krankheit ist ein Zustand, in dem sich der beseelte Organismus in seinen dynamischen „Bewegungen" anders organisiert. Mit den Worten der Übersetzung von 1724 stiftet die Natur „als würckende Ursache" eine „Verwirrung".49 Das Prinzip der lebendigen Selbststeuerung soll auch im Kranksein nicht verworfen werden.50 Der Körper erleidet nicht eine „Fäulnis" schädlicher Materien, die dann herauspurgiert oder -geschwitzt oder medikamentiert werden müssen, sondern alle Bewegungen des motus tonicus Vitalis haben sich im Kranksein umgestellt. Diese Bewegungen beinhalten auch „heilende" Vorgänge. In diesem Sinne spricht Stahl von der „synergeia naturae in medendo" (1695),51 aber dieses synergetische Wirken der Natur ist nicht nur die „biodynamische Verbindung zwischen dem Bereich des Seelischen und dem des Körperlichen" (Gottlieb),52 denn es ist wichtig zu begreifen, daß Stahl keine Automatismen chemischer Prozesse, keinen gesetzlichen Funktionalismus meint, sondern eine intelligente (also seelische) Veränderungsmöglichkeit in den körpereigenen Vorgängen. Die Pathologie Stahls unterscheidet sich von allen seinen Zeitgenossen dahingehend, daß er sie weder aus der Dyskrasie und der Iatrochemie noch aus der mechanischen Physik, den Lebensgeistern, oder aus den anatomischen Lehren zum Blutkreislauf ableitet. Die Nerven sind bei ihm nicht mysteriöse Wegleiter eines

44 45 46 47 48 49 50 51

52

Ebd., S. 586. Ebd., S. 608. Ebd., S. 590. Ebd., S. 552. Ebd., S. 599-601. Ebd., S. 553. Ebd., S. 552. Georg Ernst Stahl, Propempticon inaugurale, de synergeia naturae in medendo. Halle 1695, übersetzt von Bemward Josef Gottlieb als Über die Bedeutung des synergetischen Prinzips in der Natur für die Heilkunde (Halle 1695), in: Georg Ernst Stahl, hg. v. Bernward Josef Gottlieb. Leipzig 1961, S. 39-47. Bemward Josef Gottlieb, Georg Ernst Stahls Propempticon inaugurale ,de synergeia naturae in medendo' [1695], in: Sudhoffs Archiv 43 (1959), S. 173.

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subtilen Effluviums, sondern dienen dem motus tonicus Vitalis. Stahl betont den Wert seiner Erkenntnisse für die Fieberlehre und insbesondere für die Behandlung von chronischen Krankheiten.53 Stahl will die Natur aus ihrer grundlegenden Beschaffenheit heraus begreifen und die Einsicht in ihre Ordnung für den heilenden Eingriff nutzen: Deswegen verfertigen wir eine einfache und wahre Beschreibung einer therapeutischen und heilenden Methode; deswegen zeigen wir klar an, wie die Medizin verpflichtet ist und es vermag, die lebendigen Prozesse, wie auch ihre besondere individuelle Beschaffenheit kräftig zu unterstützen, und daß dieses auch der Bewegungen und Andeutungen der Natur, ihnen letztlich eine helfende Hand leihend, eine schnelle, aktive und intelligente Zusammenarbeit anbietet. 54

Stahl ist wegen seiner Lehre des motus tonicus Vitalis angegriffen worden und anscheinend in solchem Ausmaß, daß er nach Antritt seiner Professur in Halle 1694 eine Verteidigungsschrift verfaßte: Programma quo vindicias theoriae verae medicae a superfluis, alienis falsis opinionibus et suppositionibus ex congrua anatomiae, chymiae, et physicae tractatione et applicatione prognatis, ut physiologia medica positiva demonstrativa asseratur et stabiliatur, publicis ordinariis lectionibus et privatis spetentium exercitationibus anatomicis chymisque prosequetur indicai.55 Diese Schrift wird 1705 bzw. 1715 neu aufgelegt. Im Jahre 1707 folgt eine längere Schrift, die ebenfalls eine Verteidigung Stahls bisheriger Arbeit darstellt. Sie erscheint zuerst als Separatdruck im Waisenhaus-Verlag und wird dann mit drei anderen wichtigen Schriften der Theoria medica vera vorangesetzt. Auf diese Schrift, De scriptis suis ad hunc usque diem schediasmatibus, vindicae quaedem, et indicia, gehen wir im folgenden ein, denn sie ist eine Zusammenfassung seiner Theorie und eine Rechtfertigung seiner Reformideen. Das Neue an Stahls Theorie war erstens, daß sie ein umfassendes theoretisches Konzept für die Medizin anbot,56 dessen Beweiskraft in der „unerschütterlichen" Erfahrung begründet lag. Dadurch konnte er zweitens medizinische Erklärungsmodelle seiner Zeit als „unwahr" zurückweisen. Drittens konnte er überzeugend darauf bestehen, daß die gültige Grundlage medizinischen Denkens die Theorie der Leib-Seele-Einheit („anima rationalis") war. Im systematischen Bemühen, das Lebendige als medizinisch relevant zu begreifen, liegt eine perspektivische Veränderung, die mit der vorherrschenden mechanistischen Sehweise der mechanical philosophy wenig zu tun hat. Das Neue an der Theoria medica vera begründet Stahl selbst in der Verteidigungsschrift von 1707: De scriptis suis. Stahl tadelt die Ableitung medizinischer Grundlagenforschung aus 53

54

55 56

Stahl, Ausführliche Abhandlung von den Zufällen [...], S. 613ff.; siehe auch: Geyer-Kordesch, Fevers and other Fundamentals, S. 99-120. Stahl, Œuvres, Bd. II: Réclamations, défenses et indications justificatives, S. 612. Hier aus dem Original zitiert: De scriptis suis [...], S. 14. Halle 1694. Stahl, De scriptis suis [...], S. 12f.

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anderen Disziplinen, wie etwa der Physik und Chemie seiner Zeit.57 Diese Abgrenzung hat Methode, denn gerade diese beiden Fachrichtungen beschäftigen sich in der neuen Wissenschaft mit der Zusammensetzung der Materie und mit kausalmechanischen Problemen. Stahl bestreitet den Wert dieses Wissens für die Medizin deswegen, weil er eine qualitative Unterscheidung trifft zwischen der Mischung (der materiellen Zusammensetzung) des Körpers und seiner lebendigen Organisation. Er stellt fest, daß keine Erkenntnis über die Analyse der Bausubstanz des Körpers zur Erklärung der „Bewegung" führen kann, wobei Bewegung sich auf innerlich gesteuerte, zweckorientierte Prozesse bezieht. Sich auf Lebensprozesse zu konzentrieren, sei fundamental wichtig für die Medizin, wobei „Leben" mehr bedeutet als vitale Funktionszusammenhänge. Leben umfaßt - für Stahl - ein geordnetes, aber nicht fehlerfreies System der Entscheidungen. Entscheidungen deswegen, weil jeder lebendige Prozeß gesteuert wird und daher sinnvoll verläuft. Die Feststellung, daß das Lebende Organisation, Selbstbestimmung und Intelligenz besitzt, setzt Stahls Lehre deutlich von den Erklärungsmodellen ab, die im Reizschema den Inbegriff lebendiger „Bewegung" im Körper zu ergründen suchen. Stahls Theorie betont die aktive gestaltende Fähigkeit des Gesamtorganismus. Seine Theorie bekämpft dadurch jede Annahme eines deterministischen Modells, wie es sowohl im Reizschema, wie auch in der Vorstellung, der Körper sei eine Maschine („Uhrwerk"), erbracht wurde. Die „moderne" Medizin des 18. Jahrhunderts begreift den Körper im wesentlichen als passiv, als „Maschine", deren Dynamik unintelligent von Reaktionsmustern (chemischer, reizartiger oder hydraulischer Natur) abhängt. Alle diese passiven Erklärungsmuster weist Stahl zurück. Die chemische Analyse von Substanzen, die miteinander reagieren, erklärt noch keine Selbstorganisation im lebendigen Organismus.58 Die Tauben, die sich aufgrund eines „Triebmodells" des Hungers durch Kömer anlocken lassen, können sich - dies betont Stahl - dennoch entscheiden vorbeizufliegen.59 Der Blutkreislauf ist nicht eine durch die „Pumpe" in Gang gehaltene Zirkulation, sondern das Blut wird dorthin gebracht, wo es sinnvolle Zwecke zu erfüllen gibt. Die anatomische Erforschung der Struktur der Poren erschließt nicht die Funktion bei der Verteilung des Blutes und der Körperflüssigkeiten, nämlich ihre aktive Rolle bei der Ausscheidung innerkörperlicher Substanzen.60 Die neue Naturwissenschaft, so Stahl, sollte einer fundamentalen Kritik unterzogen werden, denn sie erforsche zwar die chemischen und mechanischen Grund57 58

59

60

Ebd. Dieses Thema zieht sich durch sämtliche Schriften Stahls. In der Verteidigung seiner Schriften in der Übersetzung von Ideler: Bd. I, S. XXV ff., S. XXXI ff., S. XXXIV ff., S. XXXIX. Stahl, Recherches sur la différence qui existe entre le mécanisme et l'organisme (Einleitung zur Theoria medica vera), in: Œuvres, Bd. II, S. 526-527. Stahl, Motus tonicus, 1724, S. 554, 608, 609; Stahls Theorie der Heilkunde, hg. ν. Ideler, Bd. I, S. XXXI u. XXXV.

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lagen der Physiologie, nicht aber den lebendigen Körper. Dieser gewinne jedoch seine „Bewegungen" nicht aus den in ihm enthaltenen Stoffen, sondern umgekehrt: der lebendige Körper könne die Stoffe nach Zweck und Nutzen verteilen. Diese Theorie einer autonomen Selbststeuerung, die jede „Zusammensetzung" der Materie als einen sinnvollen Prozeß betrachtet, begreift Stahl als Basis der Physiologie und der Pathologie. Die von mir in der Physiologie vorgetragenen und erwiesenen Sätze konnte ich von niemand entlehnen, da sie von den Meinungen anderer geradezu abweichen; denn ich leite die meisten und vornehmsten unter ihnen von den Bewegungen ab, welche notwendigen Zwecken angemessen und durch sie bestimmt sind, dagegen die Neueren die Bewegungen aus mechanischen Reizungen erklären, welche nicht auf einen Zweck hingerichtet, sich allein nach materiellen Verhältnissen richten. Eben so erweise ich es, daß die Betrachung des inneren Baues der festen Theile der eigentlichen medicinischen Anschauungsweise fremd ist, da es nicht in der Macht der ärztlichen Kunst steht, für jene Sorge zu tragen; so wie überhaupt jede mechanische oder anatomische Vorstellungsart auf das teleologische Verhältnis der Bewegungen, nach welchem sie in bestimmter Ordnung, Zeit- und Reihenfolge und in der Angemessenheit zu ihrem Zweck von statten gehen, kein Licht wirft. 61

Grundlegend für die Erforschung physiologischer Prozesse wäre demnach nicht die Isolierung einzelner Stoffe oder Strukturen, sondern die Erforschung ihrer Interaktion. Für Stahl hieß das, intensive Beobachtung des Kreislaufes, des motus tonicus Vitalis, der affektiven Wirkungen im Körper und der Gestaltung sekretorischer und exkretorischer Funktionen wie auch der allgemeinen Körperbeschaffenheit (Temperamentenlehre).62 Auf diese Probleme geht Stahl in dem physiologischen Teil seiner Theoria medica vera ein. Die Pathologie folgt ebenfalls dem Prinzip der Erforschung lebendiger Prozesse; nichts sei wichtiger für die Krankheitslehre als „die Abweichungen der Bewegungen von ihrer natürlichen Ordnung".63 Hier wendet sich Stahl abermals gegen die „moderne" Naturwissenschaft, nämlich dagegen, die Krankheitsursache aus der Verderbnis der Materie zu erklären. Auch hier ist Stahls Skeptizismus fundamentaler Art, er bezweifelt nämlich, daß die Erkrankung des Menschen aus den Veränderungen „stofflicher" Art, also materiell, zu erklären sei. Eine Wissenschaft, die das unternehme, schreibt Stahl spöttisch, beleidige den unbefangenen Verstand. Stahls Ironie galt der deterministischen Sichtweise des kausalmechanischen Modells. Die Mechanisten des 18. Jahrhunderts nahmen an, daß Veränderungen in der Materie den Gesetzen der Natur unterlagen, die „nach Gottes Willen" eingeprägt seien. Stahl entgegnete nun, daß damit „Gottes Wille" jedem „frivolen, kindisch zaghaften, überwollenden Gemüthes" verpflichtet sei,64 weil 61 62

63 64

Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. XXXIX. Dieser thematische Aufbau und der Zusammenhang der Lehre Stahls werden besonders deutlich in der Zusammenstellung seiner frühen Schriften und Dissertationen: Dissertationes medicele, hg. v. Michael Alberti. Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. XXXIX. Ebd., S. XLVI.

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jede Gemütsbewegung Änderungen im Körper bewirke. Mit Recht hält Stahl der „modernen" Naturwissenschaft die Körperbeeinflussung durch Affekte vor, die von dieser Wissenschaft nicht beachtet werde.65 In seiner Verteidigungsschrift beschreibt Stahl seine Absicht, die Medizin von Grund auf zu erneuern, mit folgenden Worten: er will ein integriertes System entwickeln, „welches zur Grundlage einer wissenschaftlichen Therapie geeignet ist",66 so daß „nichts vereinzelt und als Bruchstück stehen bleiben möge".67 Der systematische Charakter der Theorie Stahls, der von dem Prinzip lebendiger Vorgänge ausgeht, konnte schlecht oder gar nicht in Einklang gebracht werden mit einer Erkenntnismethode, die der Einzeluntersuchung verpflichtet war. Das Prinzip der Stahlianischen Erforschung des Lebendigen stand fest: nicht die Materie gilt es zu untersuchen, sondern organische Veränderungsprozesse, von der Wahrnehmung abhängige Steuerungsprozesse, das Hervorbringen pathologischer Erscheinungen und die Synergie der „Natur" im Heilungsprozeß. Stahls Theorie unterscheidet sich am deutlichsten von der „modernen" Naturwissenschaft in ihrer Ablehnung des Modells der passiven Materie, nach dem der Körper nur nach materiellen Ursachen bewegt wird. Im synergetischen Prinzip der Einheit körperlicher und seelischer Bewegungen besitzt das Individuum jeder Gattung (Stahl schließt Tiere nicht aus) eine inhärente Intelligenz, die Prozesse selbst zu organisieren und zu steuern vermag. Schließlich ist es die medizinische Schule Stahls, die darauf besteht, die Einwirkungen der „organlosen" Einbildungskraft zu entdecken.68 Auch deswegen braucht Stahl nicht der fruchtlosen Debatte einer Lokalisierung geistiger Kräfte nachzugehen, eine beliebte naturwissenschaftliche Debatte jener Zeit. Denn in einem aktiven synergetischen Modell vitaler Prozesse erübrigt sich die Suche nach einem Prinzip des „Anstoßes" und nach einer „Klammer" zwischen Körper und Seele. „Bewegung" ist für Stahl nicht mechanisch, weder vom „Beweggrund" noch von der Einschaltung einer „vis organica" her. „Bewegung" ist für ihn intelligent und in diesem Sinne lebendig. Man muß Stahl seinen Sarkasmus lassen, wenn er schreibt, daß es nicht einmal dem einfachen Mann entgangen sei, wie die Ausscheidung von Stoffen aus dem Körper „auch in rein physischen Vorgängen" (vulgär: Durchfall) durch „bloße Gemüthsbewegungen" (wie im Falle der Angst) zustandekommt.69 Wenn man voraussetzt, meint Stahl, daß die Materie nach göttlich prädeterminierten Gesetzen ihre „Bewegung" vollziehe, dann sei dies eine Beleidigung der göttlichen Weisheit, Güte und Macht. Jeder Gemütszustand werfe diese Gesetze über den Hau65 66 67 68

69

Ebd. Ebd., S.XLVI. Ebd., S.LXm. Zum Beispiel: die unter Michael Alberti geschriebene Dissertation von Abraham Levin, De vi imaginationis in vitam et sanitatem naturalem. Halle 1740, und Christoph Süssenbach, De therapia imaginaria. Halle 1721. Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. XLVI.

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fen. 70 Noch deutlicher wird Stahl bei seiner Kritik an der Vernunft, welche die Aufklärer so gerne jeder Körperbeeinflussung enthoben und rationalen Gesetzen allein verpflichtet sehen wollten: So schien es mir nützlich und nothwendig, die Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, dass die Natur des Menschen ganz besonders zu Irrthum und Ausschweifung geneigt, durch Ungeduld, Uebereilung, Wankelmuth, Furcht und Angst, durch anhaltende Traurigkeit und unzeitige Sicherheit, durch regellosen Wechsel von Wagen und Verzagtheit, von Nachlässigkeit und vordringlichem Wesen zu einem zweckwidrigen Handeln verleitet werde, und dass sie keineswegs an die Erinnerung dessen, was sie thut, gebunden sei, da sie auch in Bezug auf ihre eigentliche Verstandes- und Willensthätigkeit durchaus nicht zu einem vollständigen Bewußtsein und Gedächtnis gelangt. 7 1

Das „zweckwidrige Handeln" des Menschen, das sich auch in emotionalen Zuständen äußert, schließt den Verstand und den Willen nicht aus. Es kann auch nicht durch die Erinnerung korrigiert werden, weil das alles Vorgänge seien, die unterhalb der Schwelle des „vollständigen Bewußtseins" und des „Gedächtnisses" verlaufen. Die Meinung der „modernen" Mediziner und Philosophen tendierte dazu wir gehen weiter unten darauf ein - , emotive Vorgänge als „Leidenschaften" zu definieren, das heißt, sie im Gegensatz zur Vernunft zu begreifen, als ob die Vernunft über sie rational verfügen könnte. Eine solche Auffassung von der kognitiven und emotiven Natur des Menschen, in der das strukturelle Prinzip der Gegensätzlichkeiten, der Hierarchie, der Isolation von Phänomenen und der mechanischen Kausalität vorherrsche (die Vernunft erleidet passiv den Schub einer „Leidenschaft" und wird „verdunkelt"), ist dem integrativen Modell Stahls fremd. Er sagt nicht, daß Gemütsbewegungen „ungefährlich" seien, denn er hält es für möglich, daß sie „sich irren". Nichtsdestoweniger ist ihre „Bewegung" ein Teil der „rationalen Seele", 72 eben deijenigen Vorgänge, die ihre „Richtigkeit" in ihrer organisierten Form, in ihrem „Handeln" vorweisen, obwohl dieses „zweckwidrig" genannt werden kann. Somit bezieht Stahl die Körper und Geist bewegenden Leidenschaften in seine Theorie ein: als Faktor im dynamischen System; ob sie als „gut" oder „schlecht", oder wie immer die Polaritäten eines moralisch-mathematischen Modells sie haben will, aufgefaßt werden, ist - von der Struktur her gesehen - gleichgültig. Die „rationale Seele" fällt daher systembezogen mit allen entelechialen Vorgängen zusammen. „Zweckwidrig" und „zweckmäßig" können zwar differenziert werden, aber letztlich ist es die Aufgabe der Medizin, die Organisationsform zu beschreiben, ihrer Empirie nachzugehen. Deswegen, schreibt Stahl, könne man ihm eine Erneuerung der Medizin zugestehen, denn obwohl andere, wie etwa Thomas Sydenham, die Fieber auch als natürliche Heilbewegungen im Krankheitsgeschehen ansahen, hätte er dies in

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Ebd., S . L X . Ebd. Ebd.

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seinen Schriften über die Fieber aus der Beobachtung und nicht aus der Literatur begründen können, und zwar so, daß er anzeigen konnte, wie therapeutische Eingriffe sinnvoll zu erfolgen hätten.73 Die Beobachtung der Organisationsform der „Bewegungen", so begriff es Stahl, ermöglicht einen gezielten therapeutischen Eingriff. Das mechanistische Modell operiert mit der Krankheitsauffassung der „schädlichen" Materie, die in den Körper eindringt, und therapiert entsprechend: Purgieren, Aderlassen, Schwitzkuren, komplizierte und hochdosierte Medikamentenverschreibungen. Stahl hat dieses Modell und die daraus abgeleitete Therapie scharf zurückgewiesen,74 eine sehr konsequente Schlußfolgerung, versteht man seine Theorie. Die oben erfolgten Deutungen der Stahlianischen Theorie sollten die These von Stahl als „Erneuerer der Medizin" begründen. Die Radikalität seiner Gedankengänge ist in der naturwissenschaftlichen Welt seiner Zeit nicht anerkannt worden, denn deren Anliegen war es, im mechanistischen Modell weiterzudenken. Daß auch Mediziner der mechanistischen Schule zumindest eine Ahnung davon hatten, was Stahls Theorie eigentlich bedeuten könnte, ist am besten an dem Ausmaß ihrer Ablehnung abzulesen.

2. Mechanismus und Organismus: die Seele Historisch gesehen ist Stahls medizinische Theorie die erste moderne Ausarbeitung einer wissenschaftlich fundierten Psychosomatik. Von der heutigen Psychosomatik unterscheidet sich seine Theorie aber durch die Festlegung des Seelenbegriffs, der sich an dem Seelenvermögen des Intellekts und des Willens ausrichtet. Stahls Seelenbegriff ist weder vitalistisch zu deuten noch mit einer Undefinierten „Psyche" gleichzusetzen. Die vier einleitenden Schriften zur Theoria medica vera begründen die Medizin Stahls. In ihnen faßt Stahl seine naturwissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Ideen zusammen und erläutert sie systematisch. In den vorhergehenden Kapiteln wurde eine dieser Schriften, De scriptis suis, die erste umfassende Verteidigung seiner Theorie, dargestellt. Auch der Inhalt von Ad aliena a medicina doctrina arcendum ist besprochen worden, da in dieser Schrift die Abgrenzung der Medizin von der Physik und Chemie begründet wurde. Die zwei weiteren Schriften, De mechanismi et organismi vera diversitate und De vera diversitate corporis mixti et vivi, vermitteln Einsicht in Stahls bedeutendste Erkenntnisse: seinen Organismusbegriff, seine Begründung der Körper-Seele-Einheit und seine Abgren-

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Ebd., S. XXXVn, LXIV; Sydenham, S. XLI. Georg Emst Stahl, Untersuchung der übel-curirten und verderbten Kranckheiten. 1726; siehe auch: Geyer-Kordesch, Fevers and other Fundamentals, S. 113ff.

Leipzig

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zung des Lebendigen von dem Anorganischen. Auf diese Erkenntnisse Stahls gehen wir im folgenden ein. Die Entdeckung des motus tonicus Vitalis war grundlegend für die weiteren Ausführungen Stahls. In De mechanismi et organismi vera diversitate und in De vera diversitate corporis mixti et vivi werden die philosophischen Implikationen einer lebendigen Selbststeuerung im Körper erörtert. Christian Friedrich Richter, der getreue Schüler Stahls, hat die Grundidee der Theoria medica vera seines Lehrers in der Höchst=Nöthigen Erkenntnis des Menschen sehr einprägsam zusammengefaßt: Also muß man nun den Leib, so ferne er mit der Seele vereiniget ist, nicht ansehen als einen todten Klotz, oder als ein todtes Instrument, wie die Axt in der Hand eines Zimmermanns, oder wie man sonst die Materie für sich und in Abstracto betrachtet, sondern es kann nicht anders, als eine beseelte Materie, als was lebhaftes, als eine Materie die mit dem Geiste Eins ist, darinnen sie von anderen schlechten Materien, die nicht beseelt sind, wie auch von anderen Organis [Instrumenten] unterschieden ist [...] Also so wahrhaftig die Seele lebet, so wahrhaftig lebet auch der Leib, aber doch durch die Seele, und in Krafft seiner Vereinigung mit ihr. 75

Der Leib ist kein „todter Klotz". Er verhält sich auch nicht passiv zu einer als aktiv begriffenen Seele. Diese Auffassung wäre noch vereinbar mit der dualistischen Trennung von Geist und Materie. Ganz im Gegenteil: „die Materie, die mit dem Geiste Eins ist", ist in ihrer Lebendigkeit ein organisches Ganzes. Sowohl der Geist wie die Materie leben in ihrer Vereinigung, und dies bedeutet soviel wie Veränderung, Wahrnehmung, Gefühl und Erkenntnis in der körperlichen und seelischen Einheit des Subjekts. Die Ausdeutung der Metapher, daß der Körper nicht wie eine Axt in der Hand eines Zimmermanns zu betrachten sei, zielt gegen die Entpersonifizierung, die eine medizinische Wissenschaft erzeugt, die im Einklang mit der Philosophie den Körper zum Anwendungsgebiet anonymer und objektiver Naturgesetze machen will. Stahl und Richter verteidigen beide im Sinne des Pietismus, aber auch der Basis medizinwissenschaftlicher Erfahrung, die Idee der Souveränität des Subjekts, dessen Individualität es - trotz aller Teilhabe an der Natur - zu bewahren gilt. Stahl unterstreicht diese Auffassung nochmals sehr deutlich, wenn er davon spricht, daß keine Emotion und kein Gefühl ohne Körper zu denken seien.76 Es sei nicht möglich, in der aus Körperlichkeit und zeitlicher Begrenztheit zusammengesetzten Natur das Leben zu abstrahieren.77 „Es kann nichts anders", wie Richter treffend schreibt, als im Sinnlichen, im Körperlichen gedacht und gefühlt werden. Alles, was in der Natur an Ordnung präsent ist, ver-

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Christian Friedrich Richter, Die höchst=nöthige Erkenntnis des Menschen, sonderlich nach dem Leibe und natürlichem Leben, Oder ein deutlicher Unterricht von der Gesundheit und deren Erhaltung: auch von den Ursachen, Kennzeichen und Nahmen der Kranckheiten [...]. Leipzig 1719 ('1710), S. 84. Georg Ernst Stahl, Disquisitio de mechanismi et organismi diversitate [...]. Halae 1706 (zitiert als: Disquisitio de mechanismi et organismi 1706), in: Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 611. Ebd.

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wirklicht sich im Einzelnen der Pflanze, des Tieres, des Menschen.78 In diesem Sinne ist Stahls Organismusbegriff zu verstehen, der im Gegensatz zu allen Behauptungen der kausalmechanischen Naturdeutung, besonders ihrem transsubjektiven Anspruch, das „wahre" objektive Naturgesetz erschlossen zu haben, steht. Stahl leugnet nicht die aus der Natur zu erschließende Ordnung. Er verteidigt nur die Ansicht, daß naturgesetzliche Vorstellungen keineswegs dazu führen müssen, die Natur zu zergliedern und damit ihre entelechischen und synergetischen Möglichkeiten zu leugnen. Der Organismusbegriff Stahls vereint Seele und Leib. Die Wirkungsweise der Seele muß verkörpert gedacht werden, und deswegen führt Stahl die ursprüngliche griechische Bedeutung von Organ ein: „that with which one works", „das, womit gearbeitet wird", das Werkzeug.79 Grimms Wörterbuch bestätigt, daß dies „ein im 18. Jahrhundert [...] entlehntes Wort" sei, und u.a. „übertragen auf die Werkzeuge, die Fähigkeit des inneren Lebens, des denkens und empfindens" beschreibt.80 Diese Bedeutung, bei Grimm nur durch literarische Quellen zwischen Mitte und Ende des 18. Jahrhunderts belegt, dürfte auf Stahl zurückgehen. Mit seinem Organismusbegriff entwirft Stahl das Gegenkonzept zum Mechanismus. In der Schrift De mechanismi et organismi vera differentia, die 1706 als Separatdruck im Waisenhaus-Verlag zuerst erschien und in erweiterter Form der Theoria medica vera als erster und einleitender Aufsatz vorangestellt wurde, erläutert er diesen grundlegenden Unterschied. Charakteristisch sind schon die ersten Absätze. Stahl beschäftigt sich gleich anfänglich mit der menschlichen Seele und deren wesentlichem Vermögen, dem Verstand und dem Willen. So setzt Stahl ein: „Humanus animus uti peculiari ratione prae omnibus aliis, quae ipsi notae sint, creaturis, sciendi ita avidus est [,..]."81 In der uns bekannten Schöpfung zeichnet den Menschen sein Intellekt aus, der gierig nach Wissen strebt, „ut etiam intentione agili ad hunc effectum feratur, et revera inquietus sit".82 Schon bei „inquietus" horcht der aufmerksame Leser auf den Wortklang Luthers, Gott ist „inquietus actor in omnibus creaturis", kein „summum esse", kein „schlafender Gott",83 sondern gekennzeichnet durch Unmit-

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Das Organische bezieht sich bei Stahl auf alle Lebewesen. An vielen Stellen seiner vier Einleitungsschriften werden Tiere (und auch Pflanzen) erwähnt: z.B. Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. 1, S. 44, 58, 77; Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 234 (Disquisitio de mechanismi et organismi)·, Stahl, Œuvres, Bd. III, S. 577. Siehe auch: Denes Karassozon, Die Wirkung der Stahlschen Lehre auf die geisteswissenschaftliche Entwicklung der Tierheilkunde, in: Wolfram Kaiser/Arina Völker, (Hg.), Georg Emst Stahl (1659-1734). Halle 1985, S. 113-116. New English Dictionary. Oxford 1909. Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. 16 Bde. Leipzig 1889. (Reprint München: DTV 1984). Bd. 13, S. 1339. Georg Ernst Stahl, Theoria medica vera, physiologiam et pathologiam [...] naturae artis veris fundamentis [...] sistens. Halle 1737 ('1708), S. 1. Ebd. Heinrich Bomkamm, Das Jahrhundert der Reformation. Göttingen 1966, S. 334.

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telbarkeit, nicht durch den Vernunftschluß zu fassen, kein Objekt abstrakten Denkens, sondern das Ziel der Suche nach Wahrheit. Auch für Stahl gilt sehr charakteristisch die Beschränkung des Verstandes: erkannt werden kann nur das, was wir über die Natur zu wissen vermögen.84 Stahl grenzt sich ab gegen die cartesianische Erkenntnismethode, gegen den Rationalismus. Der zweite Einwand betrifft die philosophische Reduktion von Intellekt auf den Verstand (den Vernunftschluß). Stahl stellt fest, im Gegensatz zu der Einschränkung des Verstandes auf logisches Denken, daß der Intellekt nicht deduktiv und geordnet verfährt, sondern ein Vermögen ist, das „in actione, in motibus agitandis, in progressu et circuitu inter res, et de re ad rem, ita consistit".85 An anderer Stelle, in den Observationes clinico-practicae, erfährt man, daß Stahl von Aristoteles borgt: „Cogitatio est deambulatio animae e re ad rem, d.i., das Denken ist ein hinund herwandeln der Seele von einem Ding zum anderen."86 Stahl betont damit die notwendige Einschränkung durch das Endliche, Begrenzte der Existenz in der Zeit: die Seele erkennt in der Bewegung (im Prozeß des Erkennens der Dinge), und die Bewegung verläuft in der Zeit. Ins besondere aber ist die menschliche Seele ein solche würckendes und bewegendes Wesen, welches das prius und posterius recht austheilen und abmessen kann; als wird eine dauernde Zeit darzu erfordert. Alles geschiehet mit der Zeit nach und nach; darzu ist die Seele gewöhnet. Selbst in ratiocinationibus (Vernunft=Schlüssen) und innerlichen Gemüths=Betrachtungen bedient sich die Seele der Zeit. 87

Der wißbegierige Verstand wird von Stahl einerseits dynamisch aufgefaßt und andererseits in seiner Beschränkung durch zeitgebundenes und sinnliches (e re ad rem) Vorgehen eingekreist. Dieses Einbinden des Intellekts erlaubt nicht die Höhenflüge der Abstraktion, des zeitentbundenen „cogito ergo sum", sondern bleibt dem leiblichen Instrument (Organon) verhaftet. Im zweiten Absatz von De mechanismi et organismi vera diversitate beschreibt Stahl den Willen, „voluntas [...] actus ille humanae indolis ultimus",88 der allem Erkenntnisbestreben seine Zielstrebigkeit verleiht. Der Wille ist darauf ausgerichtet, das Wesen der Dinge zu erfahren, um sie zu begehren oder zu verabscheuen.89 Diese traditionelle Auffassung der Tätigkeit des Willens wird von Stahl anerkannt, aber sofort hinterfragt, und zwar deswegen, weil er Wille und Verstand als interaktiv begreifen will, sie in Verbindung bringen möchte, um sie anders zu verstehen als in der hierarchischen Einordnung des Rationalismus. Die Wißbegierde des

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Stahl, Theoria, S. lf. Ebd. Georg Ernst Stahl, Observationes clinico-practicae. Leipzig 1718, „Fernere Einleitung" (o.S.). Ebd. Stahl, Theoria, S. 1. Ebd.

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Intellekts ist nach dem Wesen der Dinge ausgerichtet, der Wille dirigiert dieses Erkennen, lenkt es nach seinem Vermögen. Im folgenden diskutiert Stahl die Natur des intellektuellen Begreifens und stellt fest, daß dieses mit der Wahrnehmung verbunden ist, aber darüber hinaus Ideen hervorbringt, die nicht notwendigerweise mit dem Begehren verbunden sein müssen, weil Denken ohne Begierde verlaufen kann, und eine Erkenntnis möglich ist, die dem Willen auch zuwider sein kann.90 Deswegen ist es auch möglich, daß die Seele leidenschaftlich und willentlich Wissen anstrebt, aber daß diese „Bewegung" dem Verstand verbunden bleibt, dem intellectus und der imaginatio zugänglich: „id est, figurali repraesentationi atque conceptui, sub stabili figura, mensura, adeoque etiam numero et loco."91 Da aber Wille und Verstand beide abhängig sind von der Form, in der unsere imaginatio die Dinge repräsentiert, kann man nicht von Verstand und Willen allein als einzige Erkenntnisformen sprechen. Π paraît même, au contraire, que l'esprit humain n'a pas reçu du Créateur ce privilège d'intuition intime, et que cette imperfection chez l'homme doit être attribuée à ce que les objets extérieurs ne transmettent à son esprit que des impressions et des affections très-générales, par cela même sans aucun résultat ni aucun rapport spécial. 92

Auch Verstand und Wille bleiben bedingte Möglichkeiten des Wahrnehmens. Weder das eine noch das andere Vermögen dringt so weit vor, daß es die Einsicht in die Wesenheit der Dinge erreicht, die dem Schöpfer vorbehalten bleibt.93 In diesem Sinne eingeschränkt sind menschlicher Verstand und Wille nur als Bewegungsvorgänge (Prozesse) der Erkenntnis zu begreifen, die an das Dasein in der Welt gebunden bleiben. Die Hybris des Verstandes setzt Stahl herunter. Er betont hingegen den Einfluß des Vorstellungsvermögens (imaginatio), das im Erkennen das subjektive Element bei Wahrnehmungsprozessen ausmacht und im Körper und in der Seele „Bilder" herstellt, nach denen der lebendige Organismus sich orientiert. Es ist wohl offensichtlich, warum Stahl auf den Willen und den Verstand eingeht; er muß im Rahmen seiner Theorie des Organismus als „Werkzeug" der Seele die Problematik direktiver „Bewegung" und „Telos" („Endzweck", das intelligente Ausführen eines zweckmäßigen Vorgangs) erläutern. Von daher hinterfragt er die aus seiner Sicht zu einfache zeitgenössische Bestimmung der Seelenvermögen Verstand und Wille. Der Verstand kann nach Stahls Auffassung nicht mit der Ratio gleichgesetzt werden, weil damit dem Rationalismus Descartes' Vorschub geleistet wäre, bei dem Vernunftdenken mit reflektierendem Bewußtsein zusammenfällt. Die Unterordnung des Willens als bloßes Instrument des Begehrens oder Verabscheuens, eine Auffassung, die mechanistische Züge verrät, ist Stahl eben90 91 92 93

Ebd., S. 2f. Ebd. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 184. Ebd.

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falls suspekt.94 Da der innerste, d.h. wesensmäßige Zusammenhang von intelligenter „Bewegung" vorerst nicht durchschaubar ist und Stahl nur die Einsicht in die Wahrscheinlichkeit des Beobachteten gelten lassen kann, stellt er fest: [...], de même que tout être implique en soi I o deux considérations distinctes, celle de son existence et celle de sa création, et 2° sur ce dernier point, deux modes divers, celui de la possibilité de sa production et celui des lois selon lesquelles il doit être produit; 95

Die Klärung der Frage, wie das Lebendige sich zu seiner vollendeten Gestalt entwickelt, wie die bestimmungsmäßige Entwicklung des Ganzen als intelligente Größe entsteht, führt zum zentralen Thema dieser Schrift Stahls. Von nun an richten sich alle Erläuterungen auf den Organismusbegriff, d.h. der Zielausrichtung von Bewegung (voluntas) und ihrer zweckmäßigen Anordnung (intellectus als ordnendes Vermögen). [...] cette considération présuppose non-seulement la volonté de l'agent et la destination ultérieure de l'acte ou de l'effect lui-meme - car l'idée de la production qui doit avoir lieu renferme toujours celle du but final du phénomène, but pour lequel on comprend bien qu'il se produit et doit même se produire - , mais encore une pareille destination des moyens propres à obtenir cet effect à l'égard de l'agent lui-même: [...].

Bewegung, jeder Prozeß und jedes Vorgehen im Lebendigen setzt für Stahl Willen voraus. Die Bewegung, an und für sich immateriell, bedient sich in der Welt der Körper eines „Werckzeuges". Das Zusammenwirken aller Bewegungen setzt ihren instrumenteilen Charakter voraus und läßt sich holistisch als Organismus begreifen. Dieser Organismus ist nicht nur vitaler Natur, sondern postuliert im Sinne teleologischer Vorgänge auch Handlungen, und von daher auch intelligente Organisation. Leben auf jeder Wahrnehmungsstufe beinhaltet Intelligenz. Stahl beurteilt aus diesen Gründen die Erklärungsweise des Mechanismus als unzulänglich, weil die mechanischen Eigenschaften, Gestalt, Größe, Lage und Beweglichkeit nicht als gestaltgebend für dynamische Prozesse erfaßt werden.97 Die „moderne" Medizin behaupte, der Körper sei mechanisch bestimmt nach seiner Struktur und seinen Baustoffen und bewege sich „nur durch sich und alleine seiner selbst wegen".98 Stellt man aber die Frage anders, also nicht nach dem facere, der Machart eines Körpers, sondern nach dem efficere, dem Hervorbringen von „Bewegungen" (Prozessen), ihrer Richtung, ihrem Verlauf und ihrem Zweck, dann müssen Ursache und Wirkung nach anderen als stofflich kausalmechanischen Kriterien in Zusammenhang gebracht werden.99 Wenn die „innere Energie" in die 94

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Zu Mechanismus und Rationalismus siehe Kapitel V dieser Arbeit: „Die Vernunft ist verderbt": Medizin und Metaphysik in der Aufklärung. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 186. Ebd. Stahl, Theoria, S. 5. Georg Ernst Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. 7. Stahl, Theoria, S. 14f.

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Erscheinung übertritt, und das ist jener Zusammenhang oder „rapport" zwischen Seele und Körper, dann verwirklichen sich Wille und Intelligenz in der stofflichen Erscheinung. Da der Körper das Werkzeug der Seele ist, steht das Werkzeug innerhalb eines seelischen Kausalnexus. Sein gibt es nicht ohne Erscheinungsform; den Körper mechanisch zu definieren, hieße, ihn an und für sich begreifen zu wollen und ihn seiner Instrumentalität zu berauben. Zur Erläuterung führt Stahl das Uhrbeispiel an: eine Uhr besteht aus mechanischen Einrichtungen, ihr Zweck ist es, die Stunden anzuzeigen.100 Im Sinne ihres Zwecks ist sie auch ein Organismus.101 Nur ist es so, daß sie als Maschine in Gang gebracht werde; und, sobald eine fehlerhafte Feder dem Uhrwerk seinen Zweck nehme, ihre Bewegung keine Stunde mehr anzeige, bleibe sie nur noch Maschine, sie sei kein Organon mehr.102 Im Tod ist der Körper ein „todter Klotz". Die Seele ist daher integral für das Leben des Körpers, „vita corporis quoad est organicum".103 Stahl erklärt nun näher, was Seele zu bedeuten hat. Sie muß als untrennbar mit dem Körper verbunden begriffen werden.104 Ihre Tätigkeit innerhalb dieser Erscheinungsform kann vom Körper nicht abstrahiert werden. Die Seele im Endlichen ist begrenzt, sie kann über die Eigenschaften ihrer körperlichen Gebundenheit nicht hinausgehen; sie ist gebunden an Wahrnehmung und Zeit.105 Allerdings faßt Stahl diese Begrenzung weitläufiger und existentieller auf, als es seine philosophischen Zeitgenossen tun: Zeitgebundenheit erzwingt Rücksicht auf den Verlauf, im Wahrnehmungsprozeß wie in der Hervorbringung vitaler Funktionen.106 Im Erkennen einer Sache durch den Verstand ist dieser Prozeß langsam, die Deutlichkeit im Erfassen benötigt die besinnliche Klärung des Erschauten oder Erkannten. Für Stahl gibt es aber nicht nur diese Wolffianische Variante des Denkens, sondern auch eine schnellere, synthetischere Erfassungsweise, die mit unmittelbarer Wahrnehmung verbunden ist. Diese unmittelbare (auch unreflektierte) Wahrnehmung erfolgt über die Sinnesinformation. Stahl beschreibt damit die „sinnliche Erkenntnis", mit der sich die Philosophie (einschließlich Immanuel Kant) viel beschäftigt hat.107 Stahls erläuternde Beispiele in De mechanismi et organismi machen klar, was er als sinnliches Erkennen begreift: er beschreibt das „beklomme Gefühl", das sich einer Person bemächtigen kann, wenn sich in einem Zimmer eine Katze befindet,

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Ebd., S. 18f. Ebd. Ebd. Ebd., S. 23ff.; wörtlich ist dieser Gedankengang in der Formel „vita corporis quoad est organicum" in De vera diversitate corporis mixti et vivi zusammengefaßt. Siehe: Theoria, S. 114. Stahl, Theoria, S. 23ff. Ebd. Ebd., S. 25. Siehe Kapitel V, Abschnitt 3 dieser Arbeit: Zurück zur Sinnlichkeit: die „lebendige Erkenntnis".

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von der niemand etwas weiß.108 Das zweite Beispiel betrifft - modern gesprochen - eine Allergie. Eine „vornehme Jungfrau" kann nicht schlafen, empfindet Mattigkeit, eine „seltsame Unruhe" und ist auch sonst empfindlich gestört, da sie während eines Besuches bei Freunden die Nacht in einem ihr unbekannten Zimmer und Bett verbringt.109 Ihre nochmalige Suche nach dem Grund ihrer Beschwerden ergibt, daß sie in einem Bett mit kattunenen Bettüberzügen unter den Leinenüberzügen geschlafen hatte. Ihr „Unbehagen" erkennt sie nun als die ihr schon aus früherer Erfahrung bekannte Reaktion auf baumwollene Textilien. Stahl will an diesem Beispiel zeigen, daß Wahrnehmungsvorgänge im Gefühlsbereich (Beklommenheit, Mattigkeit usw.) stattfinden, die unterhalb des rationalen Bewußtseins liegen. Er erläutert diese Gedanken dadurch, daß er die mediale Funktion der sinnlichen Wahrnehmung betont. Ohne die Sinne, „welche zum größten Teil körperlicher Art sind".110 Die sinnliche Wahrnehmung wird nicht reflektiv über den Verstand „verarbeitet" (die grundlegende Annahme der Theorie Stahls ist die der Dynamis, alles befindet sich im Werden, nichts ist im Organismus der statischen, unintelligenten Mechanik unterworfen), sondern direkt. Eine primäre Verbindung zwischen sinnlicher Vermittlung und emotiv wahrnehmbarem Zustand ist daher möglich. Radikal ausgedrückt heißt das: alles Körperliche ist seelisch wahrnehmbar. Für Stahl sind also Innenwelt und Außenwelt dynamisch und reaktiv verbunden. Die sinnliche Erfassung der Welt resultiert aus der intelligenten und vitalen Wahrnehmung im Körper jedes Individuums. Die Bezüge zwischen Innen- und Außenwelt sind nach Stahl nicht durch Automatismen oder Mechanismen geregelt. Zusätzlich zur rein perzeptiven Interaktion mit der Außenwelt erfolgt auch (möglicherweise) ein Empfinden von Abscheu, Furcht oder Widerwillen, die aber auch aus „bloßer Erinnerung" oder aus „Erdichtung" erfolgen können. Auch in dieser Dynamik des sinnlichen Erkennens entstehen körperliche Veränderungen. In diesem Kontext stellt Stahl nun wohl die Gretchenfrage, ob das nicht alles doch nur aus dem Körper und um dessen selbst willen hervorgehe.111 Er verneint dies, und hierin läßt sich der Unterschied zwischen Stahls Theorie und dem viel später formulierten biologischen „Triebe" erkennen: Der Wille läßt sich weder mit den Automatismen einer Begierde noch mit der Stimulation einzelner Organe gleichsetzen. Keiner im 18. Jahrhundert nennt den Begriff „Trieb", aber der Mechanismus beschreibt Ähnliches mit dem Postulat eines „unwiderstehlichen" Sinnesreizes. Stahl führt dagegen das Beispiel des Geizigen und seiner „unwiderstehlichen" Reaktion auf „klingendes Geld" an:

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Stahl, Theoria, S. 26. Ebd., S. 27ff. Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. 18. Stahl, Theoria, S. 28f.

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Wenn daher, um unter unzähligen Beispielen eines auszuwählen, ein Geiziger den Fall eines klingenden Körpers auf die Erde hört und denselben für ein Geldstück hält, so wird er nicht nur die Augen dahin richten, sondern auch unter Bänke und Tische kriechen, alle Ritzen durchspähen, vorliegende Gegenstände auf die Seite räumen und nicht eher ruhen, bis er das Gesuchte gefunden, oder wenn dies nicht geschieht, auf keinster Weise von seiner Meinung abzubringen sein. Wahrlich eine wunderbare Wirkung, der von dem gefallenen Körper durch die Ohren in die Muskeln eingedrungenen Theilchen! Für die korpuskulärgläubigen Mechanisten erfolgte die Sinneswahmehmung über .kleinste Theilchen'. Eben so widersinnig fällt diese Erklärung bei den sogenannten automatischen Bewegungen der Thiere aus. 112

Der Körper ist für Stahl eben nicht aus seiner Materie erklärbar, sondern Instrument von intellectus und voluntas, deren Kräfte, begrenzt durch den Leib, dennoch eine immense Variabilität erkenntnisreicher Selbstorientierung besitzen, niemals passiv, sondern aktiv, gegebenenfalls triebverweigernd, also antimechanisch sind. Hierher gehört der radikalste Gedankengang Stahls. Die mechanistische und die organische Auffassung unterscheiden sich in der Bewertung inhärenter Intelligenz. Stahl begründet die notwendige Berücksichtigung des intellectus, des seelischen Erkennens, für den Organismus dadurch, daß er Schritt für Schritt erklärt, warum jede Erklärung, die sich auf mechanische, chemische oder physikalische Kausalitäten bezieht, dem Körpergeschehen nicht gerecht wird. Erstens ist die rein stoffliche (chemische) Zusammensetzung des Körpers so beschaffen, daß sie ohne dynamisches Ordnungsprinzip in Einzelsubstanzen zerfällt. Quod iam corpus ipsum attinet, ante oculos est 1) tota eius materials constitutio ad corruptionem, et intimam, et velocissimam, ita tota sua essentia disposita, ut re vera appareat, nude in se considerata, ad corniptionem talem ex instituto facta, sive, ut loquuntur, destinata est. 113

Zweitens gibt es im Körper selbst in seiner Physik und Chemie keinen ursächlichen Grund für sein lebendiges Bestehen oder seine Erhaltung (Zeitdauer). Der Körper als „Stoff kann von sich aus keine Tätigkeit verrichten. Quod quidem minus adhuc est eo, quod etiam nulla una compareat ratio, quamobrem ipsum universum corpus saltem existât: nempe imprimis tale, quale utique existere agnoscitur, nempe quod tales actiones edat. Sicut etiam 5) nulla una comparatio quem nam absolutum, et plenum actum hoc corpus in se, et extra directionem animae consideratum, habeat. 114

Die gesamtorganische Gestaltgebung des intellectus und der voluntas, die sich in der erkenntnisorientierten und lebendigen Körperlichkeit ausdrückt, obliegt der Seele. Die Seele, schreibt Stahl, ist schlechthin zum Zweck des Erkennens geschaffen. Die Erkenntnis ist a priori seelisch, denn nur sie ordnet das Ganze.115 Die Erkenntnis ist ursprünglich in sich begründet, tritt aus sich selbst hervor und wirkt über keine andere zwischengeschaltete Instanz. Der „Nutzen" (Instrumentalcharak-

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Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. 23. Stahl, Theoria, S. 33. Ebd. Ebd., S. 29ff.

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ter) des Leibes ist perzeptionalistisch zu begreifen, d.h. mit jeder Wahrnehmung durch die Sinnesorgane, durch die Vorstellung oder im Gedächtnis wird im lebendigen leibseelischen Organismus eine neue Ordnung geschaffen. Erkenntnis und nicht Körperbeschaffenheit reguliert das organische Geschehen.116 Dies wird durch die Notwendigkeit und Bedeutung der Gemütsbewegungen bewiesen. Sie sind wichtige Äußerungen der Organisationskraft der Seele: Nous citerons en second lieu cette force efficace que l'âme déploie dans son propre corps à l'occasion de ces mêmes perturbations pathétiques de ses intentions propres. C'est là un fait qui mérite une sérieuse considération. Comment peut-il se faire, en effet, que, à l'occasion d'une teneur soudaine, d'un transport de colère, d'une grande joie subite, d'un désir indomptable, et dans le même instant, le mouvement universel du sang soit modifié, les pulsations du cœur soient profondément alterées, et qu'un changement momentané se fasse sentir presque en même temps dans la tonicité de tout le corps? D'où vient, enfin, que cette espèce d'altération varie et alterne par moments et aussitôt après? 117

Die gestaltende Kraft der Seele ist niemals abzutrennen von ihren Wahrnehmungen, die Wahrnehmung selbst ist aber nicht immer identisch mit der „deutlichen Vorstellung", also mit dem Bewußtsein. Die leibseelische Organisation ist notwendig z.B. für das Auffangen eines Balles sowie das Überspringen eines Grabens.118 Beides beruht auf der Wahrnehmung innerer wie motorischer Bewegung. Auch Sinnestäuschungen setzen bestimmungsmäßige Bewegungen in Gang. Ob man ein lautes Geräusch hört oder nicht, ist nicht aus der Struktur des Organs selbst erklärbar, sondern entsteht aus der seelischen Empfänglichkeit, denn konzentriert man sich auf etwas anderes, kann jeder Ton überhört werden.119 Der Unterschied zwischen Mechanismus und Organismus bezieht sich letzten Endes auf die gestaltgebende Rolle von Intelligenz, Willen und Körperlichkeit im Menschen. Anders als im Rationalismus werden sie in der Theorie Stahls aufeinander bezogen. Der rationalistische Dualismus entzieht dem Körper jede „Intelligenz", die nicht als Stimulus im irritabilen oder sensiblen (Nerven) Reaktionsnetz des Körpers kausal eingebunden ist. Denken im Rationalismus wird einer anderen Dimension zugeordnet, der man einen von der Sinneswahrnehmung unabhängigen, und daher untäuschbaren Raum zugesteht. Stahl sieht das anders und beweist anhand von Fallbeschreibungen, die in De mechanismi et organismi vera diversitate aufgeführt oder bei Christian Friedrich Richter in der Höchst=Nöthigen Erkenntnis nachzulesen sind,120 daß Intelligenz (intellectus) und zielbestimmte Bewegungen (voluntas) direkt, unabweisbar und gestaltend in dem individuellen Körper einen existentiellen „Habitus" eingehen. Der Seele, dem Oberbegriff für dieses Geschehen, werden aber ontologische Gren116 117 118 119 120

Ebd., S. 31. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 243. Ebd., S. 339. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 320-321, 324. Richter, Höchst=Nöthige Erkenntnis, siehe Kapitel II: „Von der Seele", S. 46ff.

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zen in der Zeitlichkeit und in der sinnesvermittelten Erkenntnis gesetzt. „Nihil est in intellectu quod non fuit in sensu", die alte aristotelische Formel, kommt wieder zur Geltung.121 Mit diesem Rückgriff kann Stahl die Sinnesorgane „medial" begreifen, als Überführungsorgane. Das Medium ist aber zugleich auch der Prozeß, denn es verursacht das Körpergeschehen. Erkenntnisträchtiges wird holistisch umgesetzt. Der Körper ist das Instrument, mit dem gedacht wird, und sein „Denken" ist sinnlich und zeitlich begrenzt. Die Seele nach dem Tode stirbt in ihrer Körperlichkeit - darauf geht Stahl sehr kurz ein - aber ihre postmortale Existenz muß in anderen Dimensionen gedacht werden und tangiert nicht die Medizin.122 Die Sinne können nicht „mechanisch" begriffen werden, also als Anstoß für das Denken, sondern als „Denken" selbst: Wahrnehmung wird mit der Übertragung im Körpergeschehen gedacht. Dies erklärt auch, warum bei der Übertragung von Informationen, deren Inhalte nicht mit dem Abbild der Außenwelt zusammentreffen, sondern deren imaginatio einem vorgestellten (eingebildeten) Inhalt entsprechen und Vorstellungen zur körperlichen Realität werden können.123 Das „innere Bild", zusammengesetzt aus vergegenwärtigten Eindrücken (aus vergangenen Erfahrungen), bewirkt ebenfalls Erkenntnis: körperliche, kognitive, voluntäre (zielbestimmte Bewegungen), auch gegebenenfalls affektive Wahrnehmungen, weil der Begriff „Seele" die verarbeiteten Interaktionen im Individuum bedeutet. Der nur kausalorientierte und monodirektive Mechanismus, der vor allem danach trachtet, wie etwas im somatischen Bereich geschieht, greift zu kurz.124 Wie Stahl richtig schreibt: jeder einzelne Mechanismus ist dem „vita corporis quod est organicum" untergeordnet. Die ununterbrochene Aktualisierung von Erkenntnissen - im weitesten Sinne hat damit physikalische Dimensionen. Gesundheit und Krankheit können dynamisch aufgefaßt werden, und in dieser Ausdeutung seines Organismusbegriffs sieht Stahl den Nutzen seiner Theorie für die Medizin.125 Jede erkenntnisverarbeitende Bewegung (motus tonicus Vitalis) kann unterschiedlich gegliedert werden: die „natürliche" Heilbewegung im Körper (natura mediatrix) muß unterstützt werden, durch das Medikament darf sie nicht „blockiert" werden. Die Gemütsbewegung kann, nutzt man ihren positiven Einfluß, genesungsfördernd wirken. Das Placebo hat eine reale Wirkung. Stahl hat seine Theoria medica vera in seinen physiologischen und pathologischen Ausführungen praktisch erläutert. Es ist nicht Stahls Schuld, daß Mechanisten wie Hermann Boerhaave ihn nicht verstehen wollten: Ich schließe aus folgenden Gründen, daß das Regiment der Stahlischen Natur, der helmontische Archaeus und der wepherische Präsident über alle Würckungen des menschlichen Körpers, aus folgenden Gründen unglaublich seien: 1) Weil sich der Seele nichts von ihrer Gewalt 121 122 123 124 125

Stahl, Theoria, S. 25. Ebd., S. 26; Stahl, Œuvres, Bd. Π, S. 341. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 306ff. Ebd., S. 288ff„ 296ff. Stahl, Theoria, S. 50ff.

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über die Lebensbewegungen bewußt ist [...] Was Stahl aber vor metaphysische Dinge in seiner Theoria Medica, S. 266 anführt, verstehe ich nicht. 126

Seite 266 der Theoria erklärt nochmals bündig Stahls Begriff vom Organismus, dem beseelten Körper. Wohlweislich möchte Boerhaave nicht auf das Problem holistischer Erklärungen eingehen: es würde notgedrungen die Empirie einer naturwissenschaftlichen Medizin und ihrer Krankheitsvorstellung materieller Dyscrasien in Frage stellen. Eine bewährte Methode, den Anspruch Andersdenkender abzuwehren, ist, sie zu ignorieren oder sie „nicht zu verstehen". Der cartesianische Dualismus unterscheidet zwischen Geist und Materie. Das prinzipiell Ungleiche wird aufeinander abgestimmt durch die prästabilierte Harmonie oder Konstrukte wie „Lebens=Geister". Stahl unterscheidet aber in einer anderen Weise als die Dualisten: er trennt das Stoffliche, die anorganische Materie, von der organisierten Dynamik der „Materie" im Lebewesen. In De mixti et vivi corporis vera diversitate kritisiert er den aristotelischen Atomismus. Die Behauptung, der Körper sei aus kleinsten Teilchen zusammengesetzt, führe zu dem Schluß, daß der Körper nur daraus bestehe.127 Stahls Erfahrung in der Chemie und Medizin hatte ihn zu der Erkenntnis geführt, daß die Erforschung anorganischer Stoffe keinesfalls ausreiche, die „Bewegungen" im Körper zu erklären. Solchen „Bewegungen" (gemeint sind die Lebensprozesse) könne keine Lehre der materiellen Eigenschaften genügen, weil sie zu änderungsfähig und autonom seien, um aus kausalmechanischen Reaktionen erklärt zu werden. In De mixti et vivi corporis diversitate will Stahl die Zusammensetzung des Körpers aus kleinsten Korpuskeln oder Atomen (Korpuskulartheorie) von einem Aggregatzustand unterschieden wissen.128 Den stofflichen Aufbau des Körpers könne man zwar im einzelnen entdecken, aber seine Funktion sei im „Aggregatzustand" (in seiner Gesamtgestalt) zu erforschen. Es sei von geringer Bedeutung, allein auf chemische Substanzen zu achten, weil ein „Aggregatzustand" nur in der lebendigen Ordnung zu verstehen sei. Es müsse auf die Gestaltungselemente im Organismus Bezug genommen werden. Entweder zerfalle oder forme sich die Materie, sie bleibe weder statisch noch passiv. Nicht die Erforschung der „letzten Teilchen" sei daher notwendig, sondern die Beobachtung und Analyse der Veränderung der Substanzen im geformten Zustand. Stahl führt zwölf Punkte an, in denen er diese Unterscheidung zwischen anorganischen Mischungen und dem organisch geordneten Zustand begründet.129 Unter den Beobachtungen, die Stahl anführt, sind die wichtigsten folgende: die im Körper vorhandenen Stoffe sind sehr heterogen und bleiben nur in der Gesamtgestalt 126

127 128 129

Herman Boerhaave, Physiologie, S. 958. Stahl, Theoria, S. 87ff. Ebd., S. 85ff. Ebd., S. 89ff.

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übersetzt [...] von Johann Peter Eberhard. Halle 1754,

des Lebewesens funktionsfähig und aufeinander bezogen. Trete der Tod ein, zerfalle die Materie in ihre chemischen Teile, löse sich auf und verfaule. Ein lebendiger Körper setze immer eine bestimmte Ordnung der in ihm vorhandenen Materien und Prozesse voraus. Er verbleibe nie in demselben Zustand, obwohl seine Organisation über Zeit bestehe. Die stoffliche Mischung im Lebewesen werde nicht durch die Umwelt direkt beeinflußt, sondern entstehe primär im eigenen Gestaltungskontext. Die anorganische Materie sei dauerhaft oder zerfalle, abhängig von dem Einfluß der sie umgebenden Elemente, während das Lebendige fremde, zersetzende Einflüsse auch abwehre und andere sie erhaltende Prozesse entfalte. Die Lebewesen pflanzen sich in den ihnen eigenen Formen weiter, zwar nicht immer individuell, aber als Gattung. Eine selbstgesteuerte Ordnung setzt voraus, daß die Seele als erkennendes Ordnungsprinzip dem Körper unabtrennbar verbunden bleibt. Das Lebewesen ist nur insofern angewiesen auf die Umwelt, als es Nahrung aufnehmen muß, das heißt, die „fremdartigen" Stoffe dieser Ernährung in körpereigene Substanzen umwandeln. Auch das ist ein Vermögen leibseelischer Steuerungsprozesse. Zudem ist das Lebewesen durch diese Aufnahme und Ausscheidung von Stoffen anfällig für Zersetzungsprozesse. „Beim Menschen [kann] jenes erhaltende Prinzip leicht irre geleitet [werden]."130 Diese Erkenntnis führt Stahl dazu, verschiedene Prozesse der Erkrankung (z.B. Eiterungsprozesse), aber auch „organisierte" Fehlleistungen als zum Organismus gehörend zu interpretieren.131 Die irrende Seele ist nicht frei von „verzweifelnder Furcht" bei umsichgreifenden fortschreitenden Zersetzungsprozessen im Körper.132 Hier wird ihr Widerstand, ihre Fähigkeit, gegen Erkrankung Selbstheilungsprozesse einzusetzen, zermürbt und zerbrochen. Diese Erkenntnisse Stahls begründen seine therapeutische Methode. Die Schrift De mixti et vivi corporis diversitate zeigt, weshalb die „Stahlianische" oder „natürliche Methode" eine geringe Anwendung von Medikamenten empfiehlt und expektativ verfährt: sie beachtet den Krankheitsverlauf. Die Selbstheilungsprozesse sollen unterstützt werden. Die Darstellung der therapeutischen Maßnahmen der Praxis Stahliana muß aber hier übersprungen werden, um nochmals auf Stahls leibseelischen Organismusbegriff zurückzukommen. Nur drei Subjekten („tria subiecta") ist das Leben zugeschrieben: Gott, der Seele und dem Körper. Quant à DIEU et à l'âme, il n'est nullement douteux que le mot vie [...] ne signifie [...] rien autre chose qu'activité; et, dans son acception spécifique [...] la vie doit être regardée comme activité se rapportant aux affections corporelles, ayant surtout une action directe sur les corps; [...] force active, dis-je, éminemment conservatrice et restauratrice.133

130 131 132 133

Stahls Theorie der Heilkunde, Bd. I, S. 56. Ebd., S. 57f„ 6Iff. Ebd., S. 58. Stahl, Œuvres, Bd. Π, S. 402f.

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Mit diesen Sätzen begründet Stahl die Natur des Lebendigen: den Zusammenhang zwischen Gott, der Seele und dem Körper. Der Gott, der immer lebendig ist und aus dem die Seele stammt, veräußert sich als aktives Prinzip, als Leben, und die Seele lebt im Körper. Stahl greift auf die Heilige Schrift zurück, um aus ihr die Bestimmung des Lebendigen zu erklären: [...] en parlant de la création des êtres, que l'homme fut fait en âme vivante, est-il possible de ne pas voir dans ce passage de la Genèse que l'âme humaine fut réellement infusée dans le corps, et pourrait-on lui donner une autre signification en se tenant au sens littéral de ces mots? 134

Als zusammenfassende und wesentliche Formulierung der Daseinsweise des Lebendigen zitiert Stahl: Factus est homo in animam viventem [...] nempe in id, propterea, ut viva sit: certe non abludit expressio a tali acceptione, quod holo factus sit Anima Vivifica, nempe quae actum vitae, corporis conservatorium exerceat, et in corpore, per corpus, affectiones corporeas, actiones divinae sapientiae circa affectiones corporeas, agat, agitet, sectetur, recolat, aestimet, et inter haec versetur. 135

Der Mensch ist gleichgesetzt der lebendigen Seele. Diese Seele gibt ihm das Leben, und sie ist das Leben („ut viva sit"), und diese Lebendigkeit ist gleichzusetzen mit ihrer Aktivität im Körper („in corpore, per corpore, affectiones corporeas, actiones divinae sapientias circa affectiones corporeas").136 Diese grundlegende Erläuterung der Körper-Seele-Einheit wurde von Albrecht von Haller und anderen zurückgewiesen, als sie glaubten, durch abgetrennte Teile des Körpers (das Herz, der Darm, die Muskeln) körpereigene Reaktionen zu finden.137 Dabei übersahen sie aber, daß Stahl ein differenziertes Konzept des Lebendigen meinte, nämlich - . und deswegen verurteilt er auch die aristotelische Lehre der Materie und die Korpuskulartheorie gleich am Anfang von De mixti et vivi corporis diversitate - eines, das sich auf die Gesamtorganisation des Lebendigen bezog, und nur darin, im Ganzen, den Erkenntnisansatz für die Medizin sah. Er warnt vor dem Fehler, Unterschiede zwischen dem Leben des Menschen und dem Leben des Körpers zu machen.138 Er möchte so verstanden werden: „comme l'homme est proprement âme, toute la masse corporelle ne doit être regardée que comme son officine."139 Der Mensch ist die Seele, und sie bedient sich des Körpers wie ihrer Apotheke. Die Einheit des Körpers und der Seele ist so zu verstehen, daß jede spezifische Handlung, jeder Prozeß im Körper auch die Seele ist: „la vie de l'homme ou de 134 135 136 137 138 139

Ebd., S. 403. Stahl, Theoria, S. 112. Ebd. Siehe Kapitel V, Abschnitt 1 dieser Arbeit: Die mechanische Medizin. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 404. Ebd.

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l'âme humaine consiste [...] spécialement dans l'action excercée et faite dans le corps, par le moyen du corps, sur et touchant les affaires corporelles et même sur son propre corps."140 Die Aufhebung des Dualismus dient dazu, das Erkenntnisvermögen der Seele in der körperlichen Verwirklichung zu betonen. Stahls Begriff dafür ist die „rationale Seele" und ist mit seiner Auffassung des Organismus gleichzusetzen. Die Erörterung der „anima rationalis" ist ein Thema, das Stahl in d e n S c h r i f t e n De motus tonicus

Vitalis u n d De ratio et ratiocinationis

u.a. s c h o n

früh zu entwickeln beginnt. Stahl zeigt, daß die Seele im motus tonicus Vitalis durch Wahrnehmungsvermögen und direktive Kraft ohne reflektiven Verstand Körperprozesse ordnet. Die geordnete Reaktion auf Wahrnehmung ist nicht abhängig vom Vernunftschluß, wohl aber von Intelligenz. In einer Zeit, in der das Erkennen mit dem „rationalen" Verstand gleichgesetzt wurde, wagt Stahl, dieses Vermögen abzuwerten und dem Leib Intelligenz zuzuschreiben. Seine „rationale" Seele deckt sich mit der KörperSeele-Einheit. All diejenigen Kritiker mißverstehen Stahls Theorie, die seine „rationale Seele" mit ihrer Deutung der Gleichsetzung von Seele mit Verstand und Bewußtsein verwechseln. Für das Folgende ist es nun von Bedeutung, daß Stahls „rationale Seele" richtig integriert wird. Stahls „rationale Seele" kann als Gegenbeweis zum Versuch der Aufklärung gelten, Vernunft und Verstand als alleinige Instanzen gültiger Erkenntnis hervorzuheben und auszuweisen. Stahl relativiert die Bedeutung des Verstandes in zweifacher Hinsicht: erstens sieht Stahl den Verstand als eingebunden in andere Erkenntnisprozesse, so die sinnliche Wahrnehmung, die Gemütsempfindung und die Vorstellung, ohne dem Verstand eine autonome Erkenntnisfunktion zuzubilligen. Zweitens betont Stahl in Anbetracht der Körpergebundenheit des Verstandes seine Tendenz, irregeleitet zu werden.141 Stahl entzieht damit dem Verstand die Basis seines einzigartigen anthropologischen Erkenntniswertes. Stahl schreibt, es sei sehr auffallig, daß Tiere seltener erkranken,142 und begründet dies eben mit dem Verstand, der einen größeren Anteil am menschlichen als am tierischen Wesen habe. Dieser Passus der Schrift De mixti et vivi corporis diversitate unterstreicht Stahls Opposition zur cartesianischen Auffassung von Vernunft. Für Stahl bleibt die Vernunft - weil sie integriert ist in der vita corporis - ein recht verzagtes Vermögen: Mais à quoi donc attribuer cette prodigieuse anomalie [der Gegensatz zwischen der relativen Gesundheit des Tieres und der Neigung zur Krankheit im Menschen], si ce n'est à ce principe vital actif et vivifiant de l'homme, doué de la faculté de raisonner, je veux dire à l'âme raisonnable, telle qu'elle est, mais non telle qu'elle devait être, au point de vue de sa rationalité, non telle, dis-je, qu'on se l'imagine plutôt qu'on ne la suppose ordinairement? Cette faculté de raisonner, cette rationalité, dis-je, n'est ni droite, ni simple, ni directe, ni, ainsi qu'on le dit

140 141 142

Ebd., S. 405. Ebd., S. 429f. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 395; Theoria, S. 107.

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vulgairement, naturellement saine, mais dépravée, timide et incertaine, téméraire et trop hâtive à tirer des conséquences erronées et intempestives, se mêlant et s'occupant de nombreuses et différentes choses à la fois, mais n'entreprenant et n'exécutant jamais rien avec exactitude et précision, si ce n'est après de nombreux détours et de grandes hésitations; se livrant plutôt à la contemplation qu'à la simple méditation des choses, ou bien, quand elle parvient à délibérer avec calme et sagesse, cherchant avec plus d'empressement à prévoir l'avenir qu'à imaginer les moyens propres à y pourvoir; faculté, dis-je, tantôt craintive et tremblante, tantôt impatiente à l'égard des choses imprévues; bien souvent désordonnée et inconstante, et se hâtant témérairement d'arriver à son but avec précipitation, tout en négligeant c'employer les moyens convenables et propres à cette même fin. Tandis que, chez les autres animaux, cette sorte de faculté, cette rationalité, dis-je, s'arrête directement, mais moins long-temps et simplement, sur chacun des objets qui viennent tour-àtour et naturellement frapper leurs sens grossiers; elle les poursuit ensuite de cette manière spéciale et naturelle qui répond à la représentation sensible que cette faculté se fait elle-même de ces objets, et cela à l'aide de conséquences et naturelles, ainsi que par l'application directe qu'elle en fait. 143

Die Vernunft ist nach Stahls Meinung weder ordentlich („recta"), einfach („simplex") noch direkt („directa"), auch nicht natürlicherweise gesund („sana"), sondern „corrupta, vaga, praeceps" und neigt dazu, falsche Schlüsse zu ziehen, sich verwirren zu lassen und nicht geradewegs auf ihre Ziele zuzusteuern.144 Sie neigt zu Umwegen, ist zögernd, „magis speculabunda, quam pensitabunda",145 ängstlich und zitternd und dergleichen mehr. Diese eklatante Herabsetzung der Vernunft negiert aber nicht Stahls Theorie der „anima rationalis" in der „vita coporis". Sie verweist nur darauf, daß zweckgerichtete oder instrumentale Handlungen der Vernunft tragischer oder tragikomischer Natur sein können wie aber in den besten Dramen. Da Stahl nun das Primat der cartesianischen Vernunft nicht anerkennt in einem monistischen System ist die dualistische Herrschaft des Denkens über den Körper nicht vorgesehen - , entwickelt er auch eine andere Sichtweise in der Erklärung von Erkenntnisprozessen. Er vergleicht den Menschen mit dem Tier, trennt aber nicht grob zwischen der Vernunft und dem Instinkt, sondern läßt Tier und Mensch am Verstand teilhaben. Zudem legt er seinem Leser nahe, daß Tiere schneller begreifen, weil ihre Sinneswahrnehmungen direkter, natürlicher und einfacher verarbeitet werden.146 An anderer Stelle in derselben Schrift polemisiert Stahl gegen mechanistische Erklärungen für die Sinneswahrnehmungen und gegen die Abspaltung affektiver Verhaltensmuster vom Verstand: Or, quoique je pardonne bien volontiers l'ignorance de ces choses à ces hommes qui, du bout des lèvres, ne voient partout que mécanismes, mais qui, dans leur intelligence, n'en reconnaissent réellement aucun, attendu qu'effectivement, séparer de l'acte lui-même et non de l'agent l'idée du type formel de l'action, c'est sortir des bornes les plus triviales du bon sens, c'est se retrancher dans un subterfuge indiscret; cependant il est vraiment scandaleux de voir ces

143 144 145 146

Ebd., S. 395. Stahl, Theoria, S. 107. Ebd. Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 395.

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mêmes hommes négliger, mépriser même ce simple tableau historique, qui, comme une image fidèle et véridique, présente incessamment, de jour en jour et d'un moment à l'autre, le moyen de trouver, d'une manière certaine et directe, le nœud de cette vérité connue de tous et qui ne saurait accepter des interprétations imaginaires: je veux parler ici de l'observation simple et naturelle de cette énergie soudaine, que les soudaines commotions des intentions de l'âme excitent d'une manière directe et immédiate dans le type, l'ordre et l'idée des mouvements vitaux, et cela avec une vitesse, une promptitude et une facilité de beaucoup supérieures à l'activité propre et directe d'aucune espèce de substance matérielle ou corporelle, quelle qu'elle puisse être jamais; car la raison formelle de toute efficacité qui s'exerce à l'aide de la sensation, ne saurait être autre que celle des mouvements pathétiques de l'âme elle-meme .... Je ne saurais, en effet, m'empêcher d'éprouver en moi un sentiment de vive indignation, de frémir même quand j'entends dire que les mouvements tant hygides que morbides, vitaux bien entendu, ne sont en aucune manière et sous aucun rapport sous la PUISSANCE de l'AME PENSANTE et RAISONNABLE. En effet, lorsqu'à une nouvelle subite, quoique absolument feinte et mensongère, lorsque, dis-je, au simple bruit que nous prenons pour le mouvement d'un rat, nous éprouvons dans notre esprit une certaine frayeur, suivie d'un tremblement soudain, d'une précipitation dans nos actes et de battements de cœur; cet acte, je le demande, éminemment vital, qui, en ce moment solennel et non dans un autre, surexcite l'âme, n'est-il pas lui-même, non-seulement en ce même instant, mais encore par le même motif, provoqué sous la même influence typique d'une agitation de crainte et de terreur. Or, je le demande encore, cet acte pourrait-il jamais être regardé comme un acte isolé, purement et simplement vital? Cet acte, en tant que tel, ou même sous quelque rapport qu'on veuille le considérer, peut-il être jamais supposé prendre son origine dans d'autres principes ou organes plus directement vitaux? Ou bien enfin, par l'intermédiaire de ces mêmes organes, aurait-il réellement quelque analogie, quelque lien intime avec cette affection même de l'âme? 147 In d i e s e m Teil der Theorie Stahls wird die Grundlage für die spätere Ausdeutung der „lebendigen Erkenntnis" ausgeführt, auf die etwa Georg Friedrich Meier, Johann Gottlob Krüger, Johann August Unzer, Ernst Anton Nicolai und andere Ärzte und Theoretiker zurückkommen. In De mixti et vivi corporis

diversitate

führt Stahl

B e i s p i e l e an, w i e die „sinnliche" Erkenntnis durch die Sinneswahrnehmungen den Gefühlszustand des M e n s c h e n bestimmt. D i e s e „apperzeptiven" Prozesse gestalten das sinnliche „movere", ein vieldiskutiertes Thema in der P s y c h o l o g i e und in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts. In De mixti et vivi corporis

diversitate

wird auch ein anderer Gedankengang

sichtbar, der Stahls Ideen mit d e m radikalen Pietismus verbindet. D i e s e Stellen in De mixti et vivi corporis

diversitate

sind in der Übersetzung der Theoria

medica

vera v o n Karl Ideler systematisch w e g g e l a s s e n worden. Sie betreffen die Einbindung der „anima rationalis" in einen religiösen Deutungskomplex, gestützt auf die Autorität der Bibel. Dabei ist zu vermerken, daß Stahl den M e n s c h e n nie völlig isoliert von der lebendigen S c h ö p f u n g begreift. A u c h hier die Relativierung der in der Aufklärung entwickelten A p o t h e o s e des Anthropozentrischen. W e n n wir v o n Gott sprechen, schreibt Stahl, geben wir ihm das Beiwort „lebendig", und dies heißt nichts anderes, als daß „Er für alle Ewigkeit existiert und alle G e s c h ö p f e durch Ihn leben". 1 4 8 Stahl bezieht sich auf die Worte des A p o s t e l s

147 148

Ebd., S. 434f. Stahl, Theoria, S. 112.

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Paulus: „In ipso vivimus, movemur et sumus". Die entsprechenden Textstellen aus dem Alten Testament führt er ebenfalls an: „Vivit Deus, et vivit anima tua" und „Vivit Dominus meus rex".149 Die Betonung des Lebendigen greift hier über in die theosophische Vorstellung der Verbundenheit alles Seienden. Der lebendige Gott bleibt im engsten Bezug zu seiner Schöpfung. Diese Hervorhebung Stahls - er hätte seine medizinische Theorie in diese Richtung nicht ausweiten müssen - läßt sich in zweifacher Weise deuten. Einmal kann belegt werden, daß womöglich alttestamentarische (hebräische) Deutungen der Einheit von Körper und Seele in Halle bekannt waren, und die griechische Überlieferung des Körperverständnisses stark relativiert wurde. Die Hallenser Theologen waren führend im Studium des Alten Testaments und in philologischen Studien zur hebräischen Sprache.150 Natürlich ist ebenfalls zu berücksichtigen, daß die deutsche mystisch-spiritualistische Tradition die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen unsichtbarem Wesen und sichtbarem Zeichen bis ins 18. Jahrhundert hinein bekräftigt. Das intensive Lesen der klassischen mystischen Schriften und der zeitgenössischen Mystik kann für den Pietismus eingehend belegt werden.151 Die Pietisten waren zudem verantwortlich für viele Neuübersetzungen und Neuauflagen auf diesem Gebiet. Stahl ist vermutlich davon beeinflußt worden. Den Zusammenhang zwischen seiner Theorie und der theosophischen Naturdeutung erörtern wir im folgenden Kapitel. Vorerst wollen wir aber der alttestamentarischen Auffassung der Einheit von Leib und Seele nachgehen, um diese vernachlässigte Tradition im Denken des 18. Jahrhunderts nochmals offenzulegen. Diese Auffassung ist für die Medizin dieser Zeit nie als Erklärungsgrundlage berücksichtigt worden, obwohl sie sicherlich eine differenzierte Rolle spielt im Deutungsverhältnis von Körper und Seele. Die Theologen Ernst Käsemann in Leib und Leib Christi152 und John A.T. Robinson in The Body, A Study in Pauline Theology153 setzen sich beide mit der Bedeutung des Leibes im Alten Testament auseinander. Käsemann betont den Unterschied zwischen dem Begriff „Leib" und der Bedeutung des „soma" (Körpers) bei Plato, Aristoteles, den Stoikern und in der Gnosis.154 Die griechischen Lehren heben den Dualismus hervor, während das Alte Testament „Fleisch" zugleich als Erscheinungsform des Lebens und „Ausgerichtetsein" auf anderes lieben be149 150

151 152 153 154

Ebd., S. 114. A. H. Franckes Ausbildung ist dafür ein bedeutendes Beispiel: siehe über das Studium der Bibel „aus den Quellen" (hebräisch) Friedrich de Boor, Erfahrung gegen Vernunft, in: Heinrich Bomkamm/Friedrich Heyer/Alfred Schindler (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975, S. 126ff.; eine große wissenschaftliche Ausgabe der hebräischen Bibel wurde in Halle erstellt, siehe: Joachim Böhme, Heinrich Julius Elers, ein Freund und Mitarbeiter August Hermann Franckes. Berlin 1956, S. 96. Joachim Böhme, Heinrich Julius Elers, S. 160ff. Ernst Käsemann, Leib und Leib Christi. Tübingen 1933. John A.T. Robinson, The Body. A Study in Pauline Theology. London 1952. Käsemann, Leib und Leib Christi, S. 31ff.

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greift.155 „Fleisch" im hebräischen Verständnis ist Träger der Individualität. Es ist weder „Stoff' (sarx) noch „geformter S t o f f (soma). Um den Monismus des Alten Testaments hervorzukehren, zitiert Käsemann die Arbeit von John Pederson: But no distinction is made between them [Leib und Seele] as two fundamental forms of existence. The flesh is the weaker, as the grass which withers and disappears, the soul is the stronger. The soul is more than the body, but the body is a perfectly valid manifestation of the soul [...] Soul and body are so intimately united that a distinction cannot be made between them. They are more than .united': the body is the soul in its ourward form. 156

Käsemann kommentiert diese monistische Gedankenwelt der Hebräer, in der der Leib die äußere Form der Seele ist, mit der Feststellung, daß im Alten Testament „Fleisch" (= der Leib) nicht nur Substanz, sondern Lebensmöglichkeit und weitergehend Lebewesen „noch konkreter Person" darstellt.157 In der deutschen Sprache hängt „Leib" mit Leben zusammen, aber „Körper" ist ein Lehnwort.158 Robinson schreibt: „[...] the Hebrews never posed, like the Greeks, certain questions, the answer to which would have forced them to differentiate the ,body' from the ,flesh'." 159 Die Einheit der Schöpfung und das Primat des Verhältnisses eines jeden Geschöpfes zu Gott waren ein wichtiger Bestandteil hebräischen Denkens; die Juden beschäftigen sich nicht im selben Maße wie die Griechen mit dem autonomen Anspruch des Individuellen. The body-flesch was not what partioned a man off from his neighbour; it was rather what bound him in the bundle of life with all men and nature, so that he could never make his unique answer to God as an isolated individual, apart from his relation to his neighbour. 160

Diese Auffassung, daß der Leib mit der ganzen Dynamik des Lebendigen zusammenhängt, läßt sich daraus erklären, daß alle Fragen der einen Frage untergeordnet waren, nämlich derjenigen nach dem Verhältnis des „ganzen Menschen" als solidarischem Teil der Schöpfung zu Gott. All Hebrew thinking was done, as it were, in this vertical dimension of man's relatedness to God as a creature and as fallen creature. The Hebrew never abstracted man from this relationship and set him up on a pedestal, apart from the rest of creation, to exclaim ,What a piece of work is man!' Rather, viewing him in the context of God's total handiwork, he was led to ask: .When I consider they heavens, the work of thy fingers, the moon and the stars, which thou hast ordained, what is man that thou art mindful of him? And the son of man, that thou visitest him?'. Consequently, all words pertaining to the life and constitution of man are to be seen as designating or qualifying this fundamental relationship of man to God. The parts of the body are thought of, not primarily from the point of view of their difference from, and interrelation 155 156 157 158 159 160

Ebd., S. 7ff. Ebd., S. 7. Ebd., S. 8. Ebd., S. 23. Robinson, The Body, S. 13. Ebd., S. 15.

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with, other parts, but as signifying or stressing different aspects of the whole man in relation to God. From the standpoint of analytic psychology and physiology the usage of the Old Testament is chaotic: it is the nightmare of the anatomist when any part can stand at any moment for the whole and similar functions be predicated of such various organs as the heart, the kidneys and the bowels - not to mention the soul. But such usage is admirably adapted to expressing the unity of the personality under the various aspects of its fundamental relation to God. The Hebrew had little or no interest or competence in psychology or physiology. But that must not blind us to the fact that there is in the Old Testament a profound anthropology or doctrine of man. All the richness of Semitic terminology in respect of the body and its functions was devoted to expressing a deep understanding of the theological truth of man's nature. 161

Diese theologischen Erörterungen des alttestamentarischen Denkens über den Menschen als Einheit von Leib und Seele, als Kreatur unter Kreaturen in der Schöpfung und in der Unmittelbarkeit des Verhältnisses zu Gott zeigen eine enge Verwandtschaft mit den grundlegenden Gedanken der Theoria medica vera. Das soll weder heißen, daß Stahls Medizin aus dem Alten Testament stammt, noch soll es heißen, daß dadurch die medizinische Argumentation in der Theoria weniger wissenschaftlich oder entgegen medizinischer Erfahrung bewiesen wird. Was aber sehr deutlich zum Vorschein kommt, ist die Übereinstimmung Stahls mit der biblischen Wahrheit, die im religiösen Kontext jeden „heidnischen" Philosophen auf den zweiten Rang rückt. Sowohl Käsemann wie auch Robinson erörtern historisch-kritisch das Alte Testament, um einer Exegese der Gedanken des Apostels Paulus näher zu kommen. Ihr Ziel ist es zu zeigen, daß Paulus sehr wohl hebräisch gedacht hat, und sein Verständnis von „Fleisch" und „Leib" nicht notwendigerweise dem griechischen Verständnis von „Körper" entsprach. Wie Robinson sehr richtig bemerkt, wären das Leiden Christi und die Auferstehung ohne eine tiefe Verehrung der Fleischwerdung Christi, eben der Bedeutung des Leibes, nicht möglich.162 August Hermann Francke verfügte, daß über seinem Grab in den Schwibbogen des Hallenser Friedhofs die Inschrift, die heute noch zu lesen ist, in vollem Wortlaut der Bibelübersetzung Luthers (Hiob: 19; 25-27) steht: Aber ich weis, daß mein Erlöser lebet und er wird mich hernach aus der Erden auffwecken. Und werde darnach mit dieser meiner Haut umgeben werden, und werde in meinem Fleisch Gott sehen. Den selben werde ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schauen, und kein Fremder.

Es ist diese „Lebendigkeit", der Glaube an den lebendigen Gott und der im Leib lebenden Seele, die mit dem Leib aufersteht, die vermutlich auch Stahl dazu bewog, in seiner Theoria medica vera sein Bekenntnis anzuführen: „Vivit Dominus meus rex" und „Vivit Deus, et vivit anima tua". Stahl lehnt es ab, sein Verständnis der Medizin vom Evangelium zu trennen. Mit diesem Bekenntnis beweist er ebensoviel pietistische Gesinnung wie Francke oder Spener. Es wäre eine Verfäl161 162

Ebd., S. 15f. Robinson, The Body, Introduction, S. 9.

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schung, bei ihm die strenge Trennung von Glauben und Wissenschaft nachzuweisen, die das Credo der modernen Naturwissenschaft ausmacht. Dies hieße, die Spannweite seiner „wahren" Medizin zu verkleinem, vielleicht auch im Grunde zu vernichten. Er hat die lebendige Seele zum Grundprinzip seiner Medizin gemacht, weil sie für ihn die Wahrheit in zweierlei Weise repräsentierte: die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Erfahrung in der Medizin. Stahl begründete und beschrieb ausführlich sowohl die Physiologie wie auch die Psychologie des Menschen in der Theoria medica vera, ohne Gott zu verleugnen. Philipp Jakob Spener spricht an einer Stelle, in seiner Exegese der RömerBriefe, von der „Zukunft des Sohnes Gottes in dem Fleisch": Von Gottes Wesen insgemein weiß auch die Natur etwas, aber von seinem Sohne und der Gnade, die durch denselben uns Menschen soll erwiesen werden, weiß die ganze Welt nichts, als was Gott selbst in seinem Evangelio offenbaret, und zwar, wie derselbe nicht nur sei, Gott von Ewigkeit her gezeuget, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, sondern auch wie er Fleisch habe angenommen und aus dem Samen Davids in das Fleisch gekommen sei. Und diese Zukunft des Sohnes Gottes in das [dem] Fleisch ist gleichwie der Grund aller übrigen Wohltaten unseres Erlösers, also auch der vornehmste Hauptpunkt des Evangelii. 163

Weiter spricht Spener von dem Wesen, das alles unsichtbar regiert, von dem alle Kreaturen ursprünglich herkommen, dessen Macht alle anderen übertrifft [...] und das auch täglich sich zu erkennen gibt in der Erhaltung, darinnen wir eine überschwengliche Kraft, Weisheit und Hoheit sehen, aus welcher Kund wird, wie noch alles von solchem einigen Wesen regiret werde. 164

Das ist derselbe Gedanke, den Stahl zum Ausdruck bringen wollte: der lebendige Gott, der in seine lebendige Schöpfung aktiv (bewegend) eingreifen kann und sie erhält. Im Grunde führen diese Erkenntnisse aus der Theoria medica vera zurück zu dem Problem des Gegensatzes zwischen dem holistischen und auch religiös bestimmten Ansatz in der Medizin Stahls und einer rationalistischen und dualistischen Aufklärungsphilosophie. Die Erneuerung der Medizin, deren naturwissenschaftliche Neudefinition im Motus tonicus Vitalis und seiner Ausdeutung im Organismusbegriff Stahls liegt, hatte Folgen: erstens bestärkte sie die Nachfolger Stahls, seine Lehre im medizinischen und im religiösen Bereich gegen jede mechanistische Auffassung auszuspielen. Zweitens veranlaßte die Theorie der „anima rationalis" Stahls eine zentrale Debatte über die Grundauffassungen der Philosophie der Aufklärung.

163 164

Philipp Jakob Spener, Natur und Gnade [...]. Frankfurt/M. 1687, S. 23. Ebd., S. 33.

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3. Die Puppenkomödie der Mechaniker und die lebendige Natur Zu Beginn wurde der Zusammenhang zwischen der pietistischen Erneuerung (Instauratio) und der Medizin Stahls dargestellt. Die Theoria medica vera selbst beinhaltet sowohl eine neue systematische Grundlage für die Medizin wie auch ein neues Fundament für die Argumente gegen die mechanische Philosophie. Unter Mechanismus verstanden die Zeitgenossen eine ganze Palette von philosophischen Neuansätzen, deren rationalistische und dualistische Ausrichtung vor allem eine Weltanschauung zu vernichten drohte, die ganz anders konzipiert war. Im ersten Abschnitt dieser Arbeit wurde auf den Enthusiasmus verwiesen, dessen Betrachtung von Gott - Natur - Mensch theosophische und mystische Züge trug und der der naturwissenschaftlichen Zergliederung der Welt in physikalische und mathematische Gesetze zu widerstehen suchte. Der Kernpunkt dieser Auseinandersetzung gipfelte in der Frage nach dem Verhältnis von Unsichtbarem zu sichtbarer Welt. Die intensive Beschäftigung mit der Seele und ihrem Wesen am Anfang des 18. Jahrhunderts bestätigt die geistige Umbruchsituation. Das Erkenntnisinteresse am mechanischen Bau der Materie verurteilt das Unsichtbare als chimärenhafte Erscheinung.165 Die physikalischen und rational überprüfbaren Gesetzmäßigkeiten bestimmen die Natur in ihrem Sinne. Die Konsequenz dieser Naturauffassung ist reduktiv, nämlich die Ausklammerung seelischer Einflüsse. Spezifisch dagegen verfaßt ist der leib-seelische Organismusbegriff Stahls. Seine Theoria medica vera verteidigt den Wirkungszusammenhang vom Seelischen und Körperlichen in der Natur. Die Opposition gegen die mechanistisch-naturgesetzlich reduzierte Natur läßt sich im medizinisch-pietistischen Umkreis verfolgen. In Halle und in den pietistisch-inspirierten Kreisen verankerte sich der Kampf gegen die „neue Philosophie", die von Michael Alberti als die „Puppenkomödie der Mechaniker" bezeichnet wurde. Im folgenden wird gezeigt, daß zur gleichen Zeit, als die Theoria medica vera (1708) veröffentlicht wurde, eine ganze Reihe von Ärzten, Theologen und gelehrten Laien am Ringen um die Bedeutung der Seele in der Natur beteiligt war. Verteidigt wurde die Ansicht, daß die lebendige und formende Kraft der Natur im Unsichtbaren liege und daß sie erst im Zeichen der äußeren Natur faßbar sei. Dieses Naturverständnis hat Wurzeln, die ins Alte Testament und in die Antike166

165

166

Zur Ablehnung aller „seelischen" Deutungen in der Natur und zur Gründung des „Neuen Gebäudes" der mechanischen Medizin auf den Eckpfeilern der Physik, Chemie, Anatomie und Chirurgie siehe: Johanna Geyer-Kordesch, Deutschsprachige Bücher aus Holland: Medizinische Kontroversen und ihr Publikum in Deutschland 1680-1730, in: Marius Jan van Lieburg/Richard Toellner (Hg.), Deutsch-Niederländische Beziehungen in der Medizin des 17. Jahrhunderts. Amsterdam 1982, S. lOOff. Insbesondere der Bezug zur hebräischen Interpretation des ,.Einzellebens im Fleische" als „Manifestation eines Gesamtlebens" (Ernst Käsemann, Leib und Leib Christi. Tübingen 1993, S. 13), das alttestamentarisch und paulinisch abgeleitet werden kann, ist in der Medizin des

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zurückreichen, wobei das Hauptaugenmerk auf die Verteidigung dieser Erkenntnisse im 18. Jahrhundert gelegt werden soll. Die holistische Verbindung des Unsichtbaren mit dem Sichtbaren in der Natur läßt sich mehrfach in den Schriften der Pietisten und Inspirierten auffinden, insbesondere aber in der ärztlichen Nachfolge Stahls. Christian Friedrich Richter schreibt in seiner Höchst=Nöthigen Erkenntnis des Menschen: [...] der Mensch ist hier nur wie eine Pflanze, welche wachsen und reiff werden soll, und das natürliche Leben ist nur die äusserliche Schale, in welche der Kem wächset; was schadet es nun, daß die Schale bitter, heibe und gantz rauh, wenn nur das inwendige, der Kem seine Süßigkeit und Reiffe erlangen kann? 167

Diese metaphorische Erklärung Richters exemplifiziert das Naturverständnis der Pietisten: im „äußeren" Wachstum gibt es ein „inwendiges" Wachsen, das sich auf die Seele bezieht. Beides kann nicht voneinander getrennt werden, weil der Kern sich mit der Schale entwickeln muß. Die Schale wird dann abgelegt, wenn die Seele ihre Reife erlangt hat, aber zugleich bedeutet das Abstreifen der Schale den Tod. Das natürliche Leben braucht nicht schön zu sein, solange es der Frucht dient. Bei Philipp Jakob Spener ist der gleiche Gedanke zu finden. In seiner Einleitung zu Natur und Gnade (1687), eine Schrift, die nach Spener den Diskussionen der collegia pietatis entstammt,168 betont er, die Gnade wirke innerhalb der Natur und gebrauche auch deren Kräfte. Es sei falsch anzunehmen, der göttliche Geist wirke auf einen „still-ligenden Klotz". Spener möchte nicht verstanden werden, als ob bey der gnade nichts von der natur wäre/bliebe/und in dem wircken dero kräfften gebraucht würden/und also alle die menschliche kräfften sich nicht anders in den Göttlichen wirckungen hielten/als ein still-ligender klotz. Welches falsch ist/und von unserer Kirche billig verworffen wird. 169

Johann Samuel Carl, den radikal inspirierten Kreisen näher stehend als Spener, erörtert denselben Zusammenhang von inwendigem Geist und äußerlicher Schale und betont dabei den Leib als „Werckzeug" der Seele. Die Synergie der „vita corporis quoad est organicum" wird hervorgehoben und als heilend verstanden: Gewiß der liebe Gott hat den menschlichen Geist in eine materielle Leibs=Hütte gesetzet/daß er in und mit diesem Werckzeuge in der äusseren Creatur sein Werck führen soll; mithin hat er

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18. Jahrhunderts noch nicht erforscht. Dadurch würde die neuplatonische Tradition, von der viel geschrieben worden ist, relativiert werden. Christian Friedrich Richter, Die Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen, Oder ein deutlicher Unterricht von der Gesundheit und deren Erhaltung: auch von den Ursachen, Kennzeichen und Nahmen der Kranckheiten [...]. Leipzig 1710, S. 480f. (Es folgten 19 weitere Auflagen). Philipp Jakob Spener, Natur und Gnade, Oder der Unterschied der Wercke, So aus natürlichen kräfften und aus den gnaden=würckungen des h. Geistes herkommen, und also eines äusserlich erbam und wahrhafftig Christlichen gottseligen lebens, nach der regel des Göttlichen Worts einfältig aber gründlich untersucht. Frankfurt 1687, Vorrede (O.S.). Spener, Natur und Gnade, S. 3f.

181

diesem Geist alle Kräffte eingelegt/solche Hütte zu bauen und zu unterhalten/auch gegen die zustössende Verletzung zu bewahren/und von solcher zu befreyen. 170

In dieser Naturdeutung ist nicht nur der Leib dem Geist innig verbunden, als das Werkzeug im Leben der äußeren Kreatur, sondern auch die ganze Person wird in Bezug gesetzt zu Gott, der durch sie und in ihr als „Werckzeug" des göttlichen Willens wirkt. Gottfried Arnold wird in diesem Sinne von Susanna Sprögel, der Frau Johann Heinrich Sprögels, welcher der enthusiastischen Gemeinde in Quedlinburg vorstand, in ihrem Vorwort zu Arnolds Consilia und Responso Theologica (1705), die sie auch herausgab, beschrieben: Umb die Person oder das werckzeug/welches Gott dazu gebrauchet hat/wird sich kein Lesen leichtlich mühsam bekümmem/oder bey solchen äusserlichen umbstand aufhalten [...] So viel aber habe ich alsobald selber aus/dem gantzen vortrag erkannt/wird auch ein jeder/der rechte äugen geistes hat/mit mir gerne gestehen/das dieses gesegnete instrument in sonderbahren Licht und leben Gottes müsse gewandelt haben. 171

Die Person als „gesegnetes Instrument" kann wie der Leib das Äußere des inwendigen Geistes sein: wer das „rechte Auge des Geistes" hat, wird dies zu erkennen wissen. Innen und Außen, Kern und Schale, Unsichtbares und Sichtbares stehen in dynamischer, lebendiger Beziehung. Dieser Grundgedanke des Bezuges oder der Relation ist unvereinbar mit dem des Mechanismus, der einen vorhersagbaren Ablauf, eine Kausalfolge, festhalten und beschreiben möchte. In der Metapher der „Puppenkomödie" ist der Gegensatz zur „Verwobenheit" des Lebens getroffen. Mit der Puppenkomödie ist im 18. Jahrhundert das Marionettentheater gemeint. Der Marionette ist das Gesetz eigen, daß je nach Zug- oder Schubkraft eine bestimmte Bewegung der Glieder erfolgt. Die Marionette verkörpert die berechenbaren Bewegungsabläufe, die den Naturforscher interessieren, und zeigt die Gesetzmäßigkeit des physikalischen Anstoßes und dessen Wirkung. Genau diese Fragen interessieren aber nicht diejenigen, deren Naturverständnis nach synergetischen, teleologischen und organischen (Leib-Seele-Zusammenhang) Prinzipien geordnet ist. Das Prinzip der Zusammenfügung von Innen und Außen muß Bewegung anders begreifen: Seele heißt bei Stahl Erkenntnis und Wille, und diese gestalten im Leib ihre Wirkungen und ihre Zeichensprache. Bezieht man die Seele organisch auf den Körper, müssen die Bewegungsordnungen anders entdeckt werden als in der Vorführung eines mechanisch beschreibbaren Puppenspiels (Körpermechanik). In Michael Albertis Medizinischen Betrachtungen von den Kräften der Seelen nach dem Unterschied des Leibes (Halle 1740) kritisiert er

170 171

Johann Samuel Carl, Medicina Morali. Budissin 1726, S. 16. Gottfried Arnold, Consilia et Responso Theologica oder Gottesgelehrte Ratschläge und Antworten über denen wichtigsten Stücken und Zuständen eines göttlichen Wandels. Frankfurt/M. 1705, Vorrede, S. 2.

182

dasjenige, w a s i m mechanischen M o d e l l nicht erklärt wird, und prangert die Dürftigkeit der vorhandenen Erkenntnis an: Descartes und Thomas Willis verderben ihre gute Betrachtung mit dem Gedicht der Lebens=Geister und puppenähnlichen Ideen, damit sie mehr eine Docken=Komödie [Puppenkomödie] aufführen, als eine philosophische Demonstration formieren, 172 Johann Conrad Dippel schreibt in der 1713 erschienenen Schrift Die und Arzney

desThierisch-Sinnlichen

Kranckheit

Lebens,

Ja, daß nicht einmal eine einzige greiffliche und betastliche Eigenschaft des Leibs, z. E. die Schwerigkeit, die Vestigkeit, die Flüßigkeit, die Härte, die Weiche, und die daraus entspringende Beschaffenheit aus der Meß-Kunst können erfunden und bewiesen werden. Daß sie also durch ihren großen Verrath so vieler und mancherley künstlerischer Werckzeuge vielmehr die Augen mit lauter eitlen Gaukeleyen verblenden, als die wahre Ursach der natürlichen Bewegung vorstellen, und thun sie eben, wie der Dockenspieler [Puppenspieler], die da, wann sie hinter dem Vorhang die geschnitzten und gemahlten Docken bewegen, die umstehenden Kinder, so da meynen, es sey alles lebendig, und daher voller Bewunderung ansehen, betrügen, indem sie ihnen nur die bewegten Werckzeuge oder Docken zeigen, den ersten Würcker oder Beweger aber hinter dem Vorhang verstecken. 173 A u c h hier die Kritik an den „eitlen Gaukeleyen", die den Zierat der mechanischmathematischen Kunst analog z u m Ornatus der Rhetorik begreift: die wahren Fragen werden verschwiegen. Zahlen, G e w i c h t und Motorik, die Inhalte der „ M e ß = Kunst", erklären nur den äußeren Verlauf einer B e w e g u n g , führen sie „vor d e m Vorhang" vor, verdecken aber die Frage nach Sinn, Erkenntnis, Synergie (Seele). D i e mechanische Philosophie zeigt nur die „bewegten Werckzeuge", sie macht aus der lebendigen Natur Puppentheater. D i e antimechanistische Frage lautet: W i e erklärt sich der Sinn eines V o r g a n g e s ? D i e Antwort fällt für die Medizin stahlianisch aus. Ein „Principium intelligens" muß einen sinnvollen M o t u s z u w e g e bringen, aber dann wäre es keine M a s c h i n e mehr, sondern ein Organon. D i e mechanische A u f f a s s u n g der Natur will, daß sie als „passive geführt, g e z o g e n und b e w e g e t " betrachtet wird. D i e Vertreter d e s M e c h a n i s m u s und des D u a l i s m u s „ w o l l e n nicht mehr menschlich seyn, sondern unterwerffen sich denen Qualitatibus und A f f e c t i o n i b u s materiarum freywillig". Oder, u m die Polemik g e g e n die mechanische M e d i z i n voll zu zitieren: So lange als eine Maschine, (ob sie gleich ihren Mechanismum hat, und man ihr die Dispositionem Mechynicam nicht verspricht,) zu einem nützlichen Endzweck, (und zwar von einem, Principio intelligente, welches so wohl den Endzwecke, als auch Habilire der Machine verstehet,) nicht dirigiret wird, ein gehöriger Motus in derselben nicht angefangen, und also generaliter der Motus nicht in die Machine gebracht, und also dirigiret oder dispensiret wird, daß sie 172 173

Michael Alberti, Medizinische Betrachtungen. Halle 1740, S. 9. Johann Conrad Dippel, Die Kranckheit und Arzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens [...] Wobey zugleich die ungereimte Thorheiten derjenigen, so alles nur nach denen Regeln einer leblosen äusserlichen gewaltsamen Bewegung oder Triebwercks (Mechanismus) ohne innerliche weißliche Anordnung eines gesitlich verstandlichen Wesens abmessen wollen. Frankfurt/Leipzig 1713, S. 89. 183

den Effect geben muß, der zu dem vorgesetzten Ziel oder Endzwecke nöthig ist; so lange ist die Maschine nichts nütze; wenn zum Exempel eine Taschen- oder Sack=Uhr nur nach ihrem Mechanismo bewegete, so wären es leere und nichts nützige Bewegungen und die ganze Machine nicht viel werth: so bald aber deren Bewegungen also eingerichtet werden, daß sie gewisse Stunden zeigen, so ist hernach eine solche Uhr nicht mehr eine blosse Machine, sondern ein Organon, dessen sich der Mensch zu Erforschung der Zeit und Stunden=Rechnung bedienet. Also wäre es gar zu grob philosophiret, wann man der Curiosität so viel, nachhängen wolte, daß man alles, was nur einem flatternden Ingenio in die unordentliche Sinne käme, ohne alles Judicium und ohne Unterschied ad corpus vivum appliciren solte: wenn die Application derer närrischen Gleichnisse, daß, dasjenige, was an dieser oder jener Machine zu finden, auch in denen Motibus vitalibus also geschehen müßte, gelten solte, wie es also die Automatici, i.e. die Mathematici mit aller Gewalt haben wollen. Solche Leute ob sie gleich mit gesunder Vernunft begäbet seyn, legen, in dem sie solchen Curiositäten obliegen, alle Vernunfft ab, und wollen anders nicht, als passive, geführt, gezogen und beweget seyn. Sie wollen bey allen Verrichtungen und Erfindungen nicht mehr menschlich seyn, sondern unterwerffen sich denen Qualitatibus und Affectionibus materiarum freywillig; da doch die Oeconomia vitae ihre eigene Gesetze, Abzielungen, Nutzen und Würckungen hat, und gar keine Nothwendigkeit vor sich siehet, daß sie sich damit so stricte an die Contingentìa passiva binden lassen sollte. 174 D i e „Contingenti a passiva" sind Zielscheiben der Kritiker des Mechanismus. D i e Natur „mechanisch" zu begreifen, heißt, ihre Daseinsform in Gesetze zu verwandeln, also v o m Naturgesetz aus die Veränderungen in der Materie kausal zu begründen. D a s sind „contingenti passiva", weil die Natur das Produkt materieller Kausalitäten wird - eine Definition, bei der im Individuum das Verhältnis v o n Wahrnehmung und Körperprozeß nicht maßgeblich ist, sondern „Natur" ein Produkt des Körpers wird, der mit angehefteter S e e l e versehen ist. D a s mechanische Kausalkonzept der Natur ist primär linear: ein A n s t o ß wirkt sich nach „natürlichen" R e g e l n aus. D i e Kritiker des Mechanismus denken nicht linear oder körperlich, sondern in der Regenerationsform des Kreises, in Verbindungskontexten, in der Dynamik v o n Verwandlung und im Kontext von Zeichen und W e s e n . D a s Naturverständnis, das sich aus dieser Perspektive erschließen läßt, zeigt sie als ursprünglich geistig oder seelisch bestimmt und vor allem als „ A g e n s " in einer aktiven Rolle: eine O e c o n o m i a Vitalis. In den Schriften v o n Carl und Dippel ist d i e s e s Naturverständnis klar ausgedrückt. Carl schreibt: Wir wissen ja/daß zum theuersten in der Natur principia spiritualia moventia seyn/und daß alle Cörperliche Bewegungen zu einem endlichen geistlichen Zweck hinzielen, daß alles CreatUrliche ein Ausdruck nach seinem Elementischen Wesen des reinen unsichtbaren geistlichen und göttlichen Wesens und Haushaltung seye; aus welchem Bildern Iconismis wir zur Erkänntniß des Wesens/Archetypi, des Unsichtbaren geleitet werden; daß diese gantze äussere Creatur in den Menschen einfliesse/alle actus vitales in die animales, und diese in die Rationales, und diese in die Spirituales; damit nur der Mensch seine letztere Wiederbringung durch solche richtige Circulation von dem Sichtbaren zu den Unsichtbaren wieder finde. Dieses glauben wir nicht allein nach denen äusserlichen buchstäblichen Zeugnissen; sondern wissens/sehens/betastens durch greifliche fundamenta, documenta und experimenta; ja könnens andern durch gantz analytische und mathematische Demontrationes beweisen. Wie solte denn ein so grober

174

Praxis Stahliana, hg. v. Johann Storch. Leipzig 3 1745, S. 41.

184

Knoten des Atheismi und Epicureismi sich verstecken/daß wir doch im Herzen gedencken und sprechen könten: Es sey kein Gott. 175

Die „Creator" ist ein „Ausdruck", sie führt zurück auf das unsichtbare, geistige, göttliche Wesen und dessen Oeconomia (Haushaltung). Als Ausdruck, als „Bild", kann sie das Archetypische entschlüsseln. Das Bild, das Zeichen, macht das Unsichtbare vernehmbar. Dieses Verhältnis der „äußerlichen" Creatur zu principia spiritualia moventia läßt ein „Fließen" zu: im Menschen selbst bewegen sich die Lebens- und Erkenntniskräfte in Richtung seiner „Wiederbringung" im Unsichtbaren. Die Circulation verwirklicht sich darin, vom unsichtbaren Gott durch den Geist geschaffen zu sein, im Kreatürlichen sich zu vollenden und im geistigen Leben wiedergeboren zu werden. Das ist kein Pantheismus, sondern ein Lebenszyklus, der die Erschaffung aus dem Geist (das Einhauchen der Seele durch Gott) bis in den Lebensverlauf hinein umfaßt, den auch Richter beschrieb: der Kern läßt die Seele zurück. Carl betont, daß dies keine bloße Spekulation sei, weil diese Circulation mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar sei. Gegen den Atheismus in der neuen Naturwissenschaft wird Anklage erhoben: Gott leugne die Auffassung der Materie als rein passiv, d.h. ohne Einwirkung von Geist und ohne Bezug auf das Verhältnis des Sichtbaren zum Unsichtbaren. Carl wiederholt diese Gedanken in De paedagogia cordis und betont nochmals ausdrücklich, daß er die Wirkung Gottes in der Natur im „äußeren Buchstaben" verwirklicht sieht, mit deren Hilfe, nämlich im Medium der sinnlichen Wahrnehmung, die unsichtbare Anwesenheit „lesbar" wird: Statt daß man den Schöpfer/Beweger/in seinem Ursprung und Endzweck durch die grosse äußere Buchstaben seiner Gültigkeits- und Zorn=Bewürckungen in der äußeren Natur betasten solte/arbeiten die Lehrer alles zu naturalisieren und Gott auszumustem/daß also ihre kleinsten Schüler mit ihnen keinen Geschmack und Gesicht an und in die Schale und Kern des Geschöpffen Wesenheit können nehmen/um also aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare übergeleitet zu werden. 176

Auch bei diesem Zitat wird die Anklage gegen eine Naturauffassung, die „naturalistisch" verfährt, also den Keil des Dualismus zwischen Gott und Materie treibt, anschaulich. Die mechanistische Naturauffassung lasse nämlich nicht die Dynamik des Werdens zu, den dialektischen Prozeß, der im Sichtbaren das Unsichtbare zur Vollendung bringt. (Die „irdische Schale" wird als notwendig für den „Übergang" gesehen.) Johann Conrad Dippel teilte diese intensive Polemik Carls gegen das „atheistische Uhr=Werck" in seinen eigenen Schriften. Auch für ihn ist die Beteiligung der Natur an der göttlichen Erlösung zerstört durch die kausalmechanische Natur175

176

Johann Samuel Carl, Decorum Medici, von denen Machiavellischen Thorheiten gereinigt, Und nach dem Maaß=Stab des Christenthums eingerichtet, mir und meinen Auditoribus zum Unterricht. Büdingen 1719, S. 14. Ebd., S. 19.

185

auffassung. Im Wegweiser

zum Licht

und Recht

in der äusseren

Natur

(1704)

möchte er die Heilige Schrift und die Erkenntnis der Natur vor den „Praejudicia und Absurditäten" retten, in welche sie biß daher durch das freche philosophiren der heydnischen Christen sind gestürzet worden; da man mit dem subtil-dummen Philosopho, der den Mechanismum Naturae, oder das Atheistische Uhr=Werck/und motuum automaticum seiner gar zu materialistischen Grillen/an Gottes statt in die Natur gesetzt/fast alle Aussprüche der heiligen Schlifft von natürlichen Dingen/von irrig/und nach dem gemeinen Irrwahn nachgesprochen/angegeben. 177 Es sei falsch zu glauben, daß Gott alles aus d e m Nichts g e s c h a f f e n habe, denn in R ö m e r 11; 3 6 heißt es, Gott hat „aus sich, durch sich, und zu sich" alle D i n g e geschaffen. 1 7 8 In d e m B u c h Fatum

Fatuum,

das ist, Die

thörige

Notwendigkeit,

zuerst auf

Holländisch erschienen ( 1 7 0 9 ) und dann auf Deutsch (1710), das im Untertitel den H i n w e i s trägt: „ W o b e y zugleich die G e h e i m n i s s e der Cartesianischen Philosophie entdecket und angewiesen, w i e absurd diese Gaukeley sich selbst vernichtige/und w a s für Schaden dadurch in gemeinen W e s e n gestifftet worden", bezieht sich Dippel auf Jacob B ö h m e , Paracelsus und Robert Fludd. Er „praesupponiert" mit Böhme einen unsichtbaren cörperlichen Grund aller Geschöpfe, aus welchem Gott die individua in der Zeit ins sichtbare herfür gebracht [...] und wenn dieses praesupponiert wird, wie es dann meines erachtens ohne impietät wohl kan praesupponieret werden, so ist einem erlauchteten Verstand noch möglich, auf einige Art zu begreiffen, nie aus Gott alles habe kommen können, und aus dem unsichtbaren cörperlichen grund sichtbar werden, zumahlen, da der concept von dem absoluten Nichts, aus welchem alle Dinge geschaffen sollen seyn, weder mit dem Verstand, noch mit der Heiligen Schrifft harmonieret, als welche expresso sagt, daß wir durch den Glauben und also durch eine Göttliche Gewißheit, mercken, oder erkennen, daß die Ewigkeiten durch Gottes Wort fertig sind, so, daß aus denen unsichtbaren Dingen die sichtbaren worden sind. 179 D a s Lebendige entstammt - genau w i e bei Stahl - der Seele, und sie durchdringt alle G e s c h ö p f e . Alles was da lebet, in der innern und äussern Natur, lebet durch ein geistlich, oder unsichtbar Wesen, welches von der äusseren Materie unterschieden. Die äussere Materie ist in der Natur allezeit passiv, hat von sich selbst keine Bewegung und ist geschickt nach dem Belieben des Geistes, der sie unter keine disposition bekommt, in tausenderley Gestalten verwandeln zu lassen: wie solche tägliche Verwandelung die gantze Natur darleget. Wir haben dieses in erwehn177

178 179

Johann Conrad Dippel, Weg=Weiser zum Licht und Recht in der äusseren Natur [..]. O.O. 1704, S. 28-29. Ebd., S. 30. Johann Conrad Dippel, Fatum, Fatuum, das ist, Die thörige Notwendigkeit, oder augenscheinlicher Beweiß, daß alle, die in der Gottes-Gelehrtheit und Sittenlehre der vernünfftigen Creatur die Freyheit des Willens disputiren, durch offenbare Folgen gehalten sind, die Freyheit in dem Wesen Gottes selbst aufzuheben, oder des Spinosae Atheismum vest zu setzen. Wobey zugleich die Geheimnisse der Cartesianischen Philosophie entdecket, und angewiesen wie absurd diese Gaukeley sich selbst vernichte [...]. Amsterdam 1710, S. 13.

186

ten Wegweiser umständlich klar gemacht, und gezeigt, daß die Bestien, sowohl vemünfftige Thiere sind, als die Menschen, daß sie durch einem, syllogismum, so wohl in dem Creyß [Kreis] ihrer activität können finden, was ihnen gut oder schädlich ist, als Aristoteles oder Cartesius, ja selbst daß der Geist in einer Pflanze an Mechanischer und Mathematischer Wissenschaft seinen Cörper zu formiren und zu zieren, allen unsern inventis noch den Preis benehme. 180

Die bekannten Motive und dasselbe Naturverständnis wie bei Carl begegnen dem Leser bei Dippel. Das Aktiv-Formende des Geistes „baut" sich den Körper. Mensch, Pflanze und Tier haben Anteil an - wie es bei Dippel an anderer Stelle heißt - der „coagulierten Lichts-Gestalt aus den Elementen".181 Die „äussere Creatur" besitzt das geistige Vermögen der Erkenntnis, Tiere wissen so gut wie Menschen, was gut oder schädlich sei, und die Pflanze sei in ihrem Bau geschickter als jeder Mechanismus.182 Das Unsichtbare ist das Gestaltende, bei Dippel „coaguliert" es sich aus den Elementen, bei Stahl dirigiert es den Sinn des motus tonicus Vitalis. An dieser Stelle wird es dann einsichtig, warum Stahl sich nicht darum bemüht, eine Unterscheidung zwischen „Natur" und „Seele" zu machen (er setzt sie gleich).183 Die Natur im gesamten Spektrum des Lebendigen ist im Aushauchen und der Rückkehr zum Ursprung - der Weg geht durch die äußere Gestalt - des Seelisch-Geistigen beteiligt. Auch Dippel teilt die Ansicht, daß die Seele durch Empfinden und Sinneswahmehmung dem ganzen Leibe „gegenwärtig" sei: wir bewegen uns auf den Winck unserer Seelen/nachdem diesselbe durch unterschiedene Sinnen gerühret ist/und da die Empfindung und Sinnung als eine unmittelbare Eigenschaft der lebendigen Seele durch den gantzen Leib ausgetheilet ist/so liegt ja helle an dem Tage/das die lebendige Seele allenthalben auf das innigste dem Leib gegenwärtig sey. 184

Die „lebendige Seele" ist wie Stahls „rationale Seele" eine, die denkt und fühlt, ohne daß die ratio mit Vernunft gleichgesetzt wird, und ohne den Verstand vom Gefühl zu isolieren. Die „anima rationalis" Stahls, das Gegenkonzept zum dualistischen Rationalismus, dem die strenge Absonderung des Bewußtseins eigen ist, wurde auch in Dippels Schriften verteidigt. Durch Richters vielgelesene Höchst=Nöthige Erkenntnis des Menschen wird sie abermals dem Leser unterbreitet und zur wahren Deutung der Natur erklärt: Diese Erkenntnis ist kein Vemunfft-Schluß, sondern von demselben unterschieden; und eine Wissenschaft, die mehrenteils ohne Organa auf eine uns unbekannte Weise geschiehet; eine Erkenntniß, die eher und geschwinder ist, als ein Vemunft=SchIuß; eine Art des Verstehens,

180 181 182 183

184

Ebd., S. 17. Ebd., S. 18-19. Ebd. Georg Ernst Stahl, Theoria medica vera: physiologiam [et] pathologiam, tanquam doctrinae medicae partes vere contemplativas e naturae [et] artis veris [...] sistens. Halle 1737 ( 1 1708), S. 171f. Dippel, Die Kranckheit undArzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens, S. 29.

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die viel edler, die weit gewisser und kräfftiger ist, und die dergestalt in der Seele selber stecket, daß der Mensch vielmahls nach seinem leiblichen Theil nichts davon gewahr wird, bis er es erst aus dem Effect der Freude, der Betrübniß, der Ruhe oder Unzufriedenheit, so darauf erfolgen, verspüret; Daher kan nun die Seele den gantzen innerlichen Zustand des Leibes erkennen, wenn man gleich nach der Vernunfft nichts davon weiß, und dencket. 185

Das Lebendige zeichnet sich durch Wahrnehmungsfähigkeit aus: die Seele erkennt den „gantzen innerlichen Zustand des Leibes". Auf die Medizin übertragen bedeutet das Konzept einer mit Seele begabten Natur, daß die Ableitung von Wissen aus dem toten Körper nur vergebliche Einsichten vermittelt. Diese Schlußfolgerung teilen die Ärzte Dippel, Richter, Carl und Stahl. Dippel kritisiert ausdrücklich die Aufwertung der Anatomie als medizinisches Lehrfach. Diese Kunst der Zergliederung zeige einen falschen Weg an. Selbst die „Zäserchen" (die Stuktur der festen Teile im Körper) seien bei dem lebenden Menschen anders als bei dem toten.186 Den „berühmten Ärzten" in Holland wirft Dippel vor: es hätten etliche Ärzte/so eben durch einen öffentlichen Beruff hierzu verordnet/daß sie anderen die Zergliederungskunst lehren sollten/in ihrer Kunst dieses zu ihrem Endzweck erwählt/viel Todten=Aeser in Vorrath zu haben/damit wann sie diesselbe durchstäncken und erklären/sie sich eine Lust und Ergötzung machen mögen. 187

Die Ablehnung des Toten oder des vollkommen Passiven, Anorganischen, hängt mit der dringlichsten Aufgabe überhaupt zusammen: mit der Vollendung der geistig-seelischen „Wiederbringung", also mit der Rückkehr zum göttlichen Ursprung, der „Circulation" des Lebendigen in der Natur. In dem Aufsatz Von der Wiedergeburt der Seele und vom geistlichen Leben vergleicht der Arzt Christian Friedrich Richter die Notwendigkeit der Wiedergeburt im lebendigen Glauben mit ihrem Gegenteil, der Leiche, in der nichts mehr zur Bewegung kommt, und begründet damit indirekt auch die unter Stahlianem festzustellende Abneigung gegen die Anatomie als Quelle des Wissens für die Medizin. Auch hier liegt der Akzent auf dem Lebendigen: Und ob man eine Leiche noch so sehr schmückete und zierete/alle Kunst und Reichtum an ihr beweise/daß sie nicht eine Leiche sein sollte; so würde es ihr doch nichts helfen: denn ihren Todten=Geruch und Todten=Farbe kan niemand nehmen/noch ihr die Bewegung wiedergegeben werden. 188

Leben ist mehr als eine vis innata, verbindet mehr, als es die „Lebens-Geister" in der cartesianischen Notlösung einer Verbindung zwischen Nerven und körperli185 186 187 188

Richter, Höchst-Nöthige Erkenntnis, S. 46. Dippel, Die Kranckheit und Armey des Thierisch-Sinnlichen Lebens, S. 52. Ebd., S. 51. Christian Friedrich Richter, Erbauliche Betrachtungen vom Ursprung und Adel der Seelen, und von deren jetzigen elenden Beschaffenheit; von der Wiedergeburt und geistlichem Leben [...J.Halle 1718, S. 51.

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chen Automatismen zu tun vermögen. Der Mensch bei Richter, Stahl, Dippel und Carl wird nicht durch seine Bausubstanz Körper und durch seine kausalmechanischen Bewegungen mit irgendwo angehefteter Seele (in der „Zirbeldrüse" oder im Gehirn) definiert. Die holistisch begriffenen Zusammenhänge der „inneren" und „äusseren" Natur bestimmen die medizinische Theorie - der Anspruch ist einer an Wahrheit - genauso, wie sie dem religiösen Gesamtkontext der Naturdeutung der Erweckten entspringen. Würde man die stahlianische Medizin aus dem Naturverständnis der radikal-pietistischen Kreise herauslösen, bestünde noch immer eine legitime Einsicht in die organische Struktur der Lebensprozesse im Menschen. Aber durch die historische und religiöse Ausdeutung der Zusammenhänge der Ideen Stahls mit denjenigen der Erweckten wird ersichtlich, daß es sich in diesem Kontext auch um eine Weltdeutung handelt, die ja von der Philosophie und der Naturwissenschaft der Aufklärung für die eigene Deutung in Anspruch genommen wird.189 In der religiösen Sicht des Menschen ist dessen Unvollkommenheit offenbar. Der Fall Adams hat die Natur des Menschen beeinträchtigt und alle seine Vermögen dem Verderben und der Versuchung ausgesetzt. In pietistischen Schriften wird der Fall Adams in diesem Sinne nicht selten beschrieben.190 Aber der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur wird besonders im Pietismus die Notwendigkeit der Wiedergeburt gegenübergestellt, als diesseitige Möglichkeit der christlichen Vollendung.191 Dieser Prozeß von Einsicht, Buße und Umkehr betrifft immer den ganzen Menschen. Das Sinnliche soll christlich erleuchtet werden, das Verderbnis soll in Heilung umgewandelt werden: es findet keine grundsätzliche Feindschaft des Geistes gegen den Leib statt. Der natürliche Leib bleibt Instrument und ist besonders im Radikal-Pietismus in Anbetracht der Wiederbringung aller Dinge -

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Die Opposition zur Weltdeutung der neuen, dualistisch konzipierten Philosophie ist bei Stahl wörtlich nachzulesen (Theoria, S. 162): „Cum enim ita haec opiniones antiqua illa anna répudient, nempe canonem philosophicum: materialis et immaterialis nullam esse commercium; alliud certe fundamentum substernant necesse est, quo nimirum firment: immaterialis quidem nullam esse energiam in corpus per motus; corpori autem et liberam, et variam esse energiam in xò immateriale." Exemplarisch für das Thema der Befindlichkeit des Menschen „nach dem Fall" und der Deutung dieses Ideenkomplexes: Ursprung, natürliches Leben, Wiedergeburt, Vollendung, kann das Buch von Johann Christian Kundmann, Kurtie Abhandlung vom Verstände des Menschen vor und nach dem Falle. Budissin 1716, gelten, wo es heißt S. 21: die Seele ist „der Odem Gottes im Leib"; S. 27: der Leib beeinträchtigt die Erkenntnis; aber S. 27f.: „wenn das Verwesliche wird angezogen haben das Unverwesliche und das Sterbliche das Unsterbliche", dann wird der Leib verwandelt „in einem verklärten und geistlichen Leib"; und S. 21 : „Der Leib war das Werckzeug der Seele, wenn, und weil sie mit leiblichen Creaturen zu schaffen, darüber zu herrschen, und damit umzugehen würde haben." Beispielhaft dafür die Aussage Gottfried Arnolds: „Welch ein Vortheil ist es, daß der Wille und das Gemüth, als das Stärckste im Menschen, mit Gott leme in allem einzustimmen; das vergnüget Gott und beweget ihn zur Hülffe, denn es ist der lebendige Glaube." Zitiert nach: Ernst Seeberg, Gottfried Arnold, die Wissenschaft und die Mystik seiner Zeit. Meerane 1923, S. 159.

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regenerationsfähig. Spener beschreibt in Natur und Gnade die Verderbnis der ganzen Natur: [...] wir verstehen unter solchem nahmen [nämlich der Natur] die kräffte des menschen/wie sie nach dem fall übrig sind/daß der mensch/wie seine leibesglieder und dero stärcke/also auch eine seele/und dero kräfften/verstand/willen/gedächtnis/affecten an und in sich hat/welche noch etwas zu begreiffen/zu thun/zu wircken ein Vermögen haben/aber doch so verdorben sind/daß/was die begreiffen/thun/und wircken/niemal also/wie es seyn solte/sondern mangelhafft und mit sünden befleckt ist/daher dem heiligen und gerechten Gott nicht gefallen kan.' 9 2

Aber im gleichen Werk betont Spener auch „die gnade der schöppfung und der heiligung" und spricht ausdrücklich von der „gnädigen wirckung des heiligen Geistes in uns/darmit er uns heiliget/wiedergebiert und erneuert".193 Diese Auffassung bejaht einen dynamischen, ganzheitlichen Bezug aller Vermögen des Menschen. Da die pietistische Medizin vornehmlich von Stahls leibseelischer Theorie ausgeht und den Werkzeugcharakter des Leibes hervorhebt, ist es kaum vorstellbar, daß Leib und Seele nicht gemeinsam den Weg der Vollendung anzutreten haben. Der Pietismus betont das Herz, und die Erläuterung eines modernen Theologen zu der Verheißung Hesekiels kann auch für den Pietismus gelten. Ernst Käsemann schreibt über Hesekiel, es herrsche bei ihm eine „vorausgesetzte Identität von Fleisch und Leben": Denn das ,Herz' ist ja das Zentrum der Persönlichkeit. Wenn nach der Verheißung Ez. 11; 19 das Herz aus Fleisch einst an die Stelle des steinernen Herzens treten wird, so ist das nur aus einer vorausgesetzten Identität von Fleisch und Leben verständlich: Das Leben der Verheißung wird keine Starrheit mehr in sich tragen; die ganze Person wird aus ihrem Zentrum her völlig lebendig sein. 194

Bei Christian Albrecht Richter, dem Bruder Christian Friedrichs, heißt es in einer wichtigen Briefstelle zur Bekehrung und zum christlichen Leben kurz und bündig: „Das Herz im Leibe muß angegriffen werden."195 Dieses Herz im Leibe, das Herz aus Fleisch, vereint nicht nur metaphorisch die fühlende und denkende Substanz des Menschen, sie ist geradezu seine Möglichkeit, in Natur und Gnade wiedergeboren zu werden. Das Herz ist am nächsten verbunden mit Wille und Gefühl, und auch hierin ergibt sich einer der wesentlichen Einwände gegen die Apotheose des Verstands und der Reduktion des Körpers auf kausalmechanische Vorgänge. Samuel Christian Hollmann schreibt in einer Kritik der Wolffianischen Philosophie 1737, daß „in dem Wolffischen systemate ein solcher Begriff von Freyheit gegeben werde, bey welchem die contingence, d.i. die Zufälligkeit der menschlichen

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Philipp Jakob Spener, Natur und Gnade, S. lf. Ebd., S. 2f. Ernst Käsemann, Leib und Leib Christi. Tübingen 1933, S. 6. Leichenpredigt Christian Albrecht Richter, 1723, Bibliothek der Franckeschen Stiftungen: darin abgedruckt zwei Breife an Jungfer Rosciin und deren Schwester. Die zitierte Stelle aus diesen Briefen.

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Handlungen, welche doch die rechte Seite der Freyheit ist, fehlet".196 Und er setzt hinzu, daß die Gedanken im Wolffianischen System notwendigerweise „wie die Bewegungen in einer Uhr" aufeinanderfolgen müssen, „und daher auch das wollen oder nicht wollen in der Seelen ebenso durch eine Reihe vorhergehender Gedanken in dem Wesen der Seelen schon bestimmet ist".197 Die vom Rationalismus vorangetriebene Trennung von Verstand und Wille trifft ebenfalls den Kem radikalpietistischer Ideen. Die lebendige Quelle der Umkehr, der Anfang aller Wiedergeburt, liegt nicht im Verstand - das hat auch Francke in der Schilderung seines Bekehrungserlebnisses betont. Das gilt ebenfalls für die ganze Tradition des spiritualistischen Radikalismus der Protestanten. „Der Wille ist ja bei [Jakob] Böhme im psychologischen Prozess ,Meister und Führer'; denn ,im Wille ist der echte, wahre Glaube erboren', und die .lebendige Bewahrung des Willens, der durch die Vernunft bricht', das ist die Wiedergeburt."198 Ohne Böhme für die Meinung des Arztes Johann Samuel Carls oder diejenige Philipp Jakob Speners verantwortlich zu machen, kann dennoch der Wille auch für die Pietisten als wichtigstes Vermögen der Seele gelten. Aus der Medicina Morali kann Carl zitiert werden: daß der Wille vom Verstand unterschieden sei, „und der Willens=Grund [es sei]/in welches Centrum sich das Offenbarungs=Licht einergiebet".199 Auch bei Spener ist die Erleuchtung nicht dem Intellekt eigen, sondern durch den Willen erwirkt.200 Und bei Christian Horburg, einem Vorbild Speners, ist der Wille schlicht „der bewegende Theil in der Seele".201 In den vielen Zueignungsschriften und anderen Vorreden, in denen Stahl erwähnt wird, fällt auf, daß Stahl „aufrichtig", „gottesfürchtig" (Dippel) und „integer" genannt wird. So enthält die Widmungsschrift der Introducilo in Medicinum von Michael Alberti 1719, als Stahl schon Leibmedikus des Königs in Berlin war, den aufrichtigen Dank eines zutiefst überzeugten religiösen Menschen: „TIBI post Deum etiam ex parte terrenam meam prosperitatem debeo: etenim in Te deprehendi VIRUM sincerimum et integerrimum: hinc divina dementia concessit, quo numquam Patrocinii Tui jacturam passus sim."202 Diese Zeugnisse der Pietisten und Radikalpietisten verleihen Stahl in De mixti et vivi corporis vera diversitate von 1707,203 also während der Zeit religiöser Bedrängnis, den Charakter eines Mitkämpfers, der das Lebendige als Schöpfung Gottes begreift und der dem sich frei zu Gott bekehrenden Willen nochmals einen Weg bahnt.

196

197 198 199 200 201 202 203

Samuel Christian Hollmann, Von der menschlichen Erkenntniß und den Quellen der Weltweisheit. Göttingen 1737, S. 13. Ebd., S. 61f. Seeberg, Gottfried Arnold, S. 361. Carl, Medicina Morali, S. 28. Seeberg, Gottfried Arnold, S. 415. Ebd., S. 414. Michael Alberti, Introductio in Medicinam [...]. Halae 1719, Widmung (o.S.). Stahl, Theoria, S. 112ff. (Abdruck von De mixti et vivi corporis vera diversitate).

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Stahls Theoria medica vera läßt sich mit dem Naturverständnis des Radikalpietismus wie auch mit dem Reformprogramm des Pietismus in Halle verbinden. Er förderte geradezu die wichtigsten Aspekte dieses Versuches, Naturwissenschaft und religiösen Glauben zu vereinen. Da seine Theorie einer stringenten naturwissenschaftlichen Beobachtung entstammt, bleibt Stahl einer der wenigen großen Mediziner der frühen Neuzeit, der sein Wissen nicht säkularisiert und seinen Glauben zu einer Privatsache macht. Die Theoria medica vera steht im Gegensatz zu einer naturwissenschaftlichen Weltauffassung, die Gott zu einer über der Welt stehenden Ordnungskraft macht und ihn der Immanenz in seiner Schöpfung entzieht. Auf die Immanenz Gottes in seiner Schöpfung möchten wir noch einmal eingehen, weil sie zu den Grundannahmen pietistischer Naturauffassung gehört. In De mixti et vivi corporis vera diversitate wird dem Seelenbegriff Stahls das erklärende Zitat aus der Apostelgeschichte 17; 27 hinzugefügt: „In ipso vivimus, et movemur, et sumus".204 Bei Luther lautet die Übersetzung: „Denn in Ihm leben/weben/und sind wir." In den Büchern der Pietisten und der Radikalpietisten finden sich diese Worte als Leitfaden der Ermahnung wieder, daß alles Lebendige der sichtbare Ausdruck des Unsichtbaren sei. Im Vorwort zu Dippels Kranckheit und Arzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens wird dies deutlich: Also strecket sich Gott/der die Liebe ist/wesentlich und wiircklich durch alle Geschöpfe aus /denn er ist/wie auch die Schrifft saget/über uns alle/durch uns alle/und in uns allen/in ihm leben/weben/und seyn wir/und Sein unvergänglicher Geist ist in allen. Also ermahnet uns der heilige Paulus [...] welches da sey die Breite und die Länge und die Höhe/und die Tieffe

[..J.®5 Christian Friedrich Richter interpretiert in der Höchst=Nöthigen Erkenntnis des Menschen dieses Pauluszitat im Kontext der Lebensaufgabe des Menschen. Die augustinische „Begierde", nach Gott zu suchen, „brennet" im Menschen, und kann nicht gesättigt werden „durch Geschaffens und Vergängliches".206 Daher ist weder der Genuß des zeitlichen Lebens noch „der Gebrauch der Creaturen" der Grund der Erschaffung des Menschen.207 Der Mensch ist aus der Liebe Gottes, aus seiner Erkenntnis und Gemeinschaft, in die Welt gesetzt worden und hat „die Fußstapffen des lebendigen GOTTes verlohren".208 Aber in der „Betrachtung und [dem] Genuß der Süßigkeit" der Geschöpfe könne der Mensch „aufgewecket" werden und könne sich „bewegen" lassen, Gott wieder zu suchen.209 Also kommt es auf diesen Kontakt, diese Erkenntnis der Schöpfung an, ob der Mensch Gott „fühlen und finden mögte".210 Es ist ein Geschehen im Zeitlichen, inmitten der lebendigen Schöpfung, 204 205 206 207 208 209 210

Ebd., S. 114. Dippel, Die Kranckheit und Arzney des Thierisch-Sinnlichen Lebens, Vorwort, S. 4. Richter, Höchst-Nöthige Erkenntnis, Vorrede, S. 2. Ebd., S. 3. Ebd. Ebd. Ebd.

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worin der Mensch in sich selbst zur „fühlenden" Erkenntnis kommen kann, um zu begreifen, daß er „in ihm lebet, webet, und ist".211 Auch bei Johann Samuel Carl wird der „Lichtes-Circul" des Lebendigen, der Ausdruck des unsichtbaren inneren Geistes in der äußeren Natur, zur fundamentalen Erkenntnis aller Ontologie. „Wir wollen in unserer Schul bleiben", schreibt er, und meint damit die stahlianische.212 Er lobt die „Geistes=Einsicht" des Christian Friedrich Richter.213 Er erwähnt, „wie zart" das „Zweiglein" der Wiedergeburt aus Gottes Gnaden sei, und wie viele „Wölffe und Füchse in denen neuen Weinberg/so viel Thiere/Schlangen/Ottern= Gezüchte auf das zarte Geistes=Leben [kommen]/daß wir in den ersten Kampff ermüden/und wollen gern aus solchen Elementen heraus seyn".214 Dennoch muß der „kleine Hauffen" in der Welt bestehen. In der Zuschrift (Widmung) an die „Stahlianische Schul" in der Vorstellung vom Decoro Medici schreibt Carl mit ziemlicher Leidenschaft: O' daß wir den äusseren Hütten=Bau und Pflug dahin anwendeten/als Zucht=Meister auf Christum/und um auch an unserem Theil also der Widerbringungs=Arbeit den Weg zu bahnen! [...] O! daß wir uns [...] der Geistes=Cur nicht möchten entziehen durch scheinbare retirade, als wann es anderer Beruff wäre/da gewiß dieses Geheimniß Medicinae Spirtuum Individualis denen eigentlichen bestellten Bau=Leuten in theoria ex praxi ein versiegeltes Buch noch ist. O! daß wir die in diesen Zeiten dazu geschenckte neue Öffnung des Geistes ernstlich anwenden möchten/weilen die Sehende immer mehr mercken/wie die Siegel der gantzen Haushaltung des Geistes immer mehr erbrochen/und alle Verborgenheiten denen Gott suchenden und förchtenden deutlich dargelegt werden! 215

Die Verknüpfungspunkte zwischen der Theoria medica vera und den radikalpietistischen Schriften ergeben nicht nur einen gemeinsamen gedanklichen Ansatz, sondern auch einen gesellschaftshistorischen. Die Theorie wird 1708 veröffentlicht, zu einer Zeit, die von Verfolgung gekennzeichnet war; im selben Jahr (1708) flieht Johann Samuel Carl in das isenburgische Büdingen,216 und Johann Conrad Dippel muß 1707 nach Amsterdam entkommen.217 Der Umfang verschiedener Verfolgungen im breiten Spektrum des Radikalpietismus und deren Bezug zu Halle ist nach meinen Erkenntnissen nicht im Zusammenhang erforscht worden. Anhand von verstreuten Bemerkungen, insbesondere aus der medizinischen Literatur, kann aber festgestellt werden, daß die pietistischen Anhänger Stahls darin verwickelt waren. Da alle Separatisten, Inspirierten und Pietisten sehr eigenständige Persönlichkeiten und untereinander nicht gleicher Meinung waren, ist es nicht

211 212 213 214 215 216

217

Ebd., S. 2f. Carl, Vorstellung vom Decorum Medici, Büdingen 2 1723, Zuschrift (O.S.). Ebd. Ebd., Vorrede, S. 4. Ebd., Widmung. Hans-Jürgen Schräder, Johann Samuel Carl, in: Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexikon. Bd. 5. Neumünster 1979, S. 60-64. Wilhelm Bender, Johann Konrad Dippel: der Freigeist aus dem Pietismus. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Aufklärung. Bonn 1882, S. 86ff.

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leicht, die Sache zu entwirren. Von einiger Bedeutung dabei ist aber die von Dippel selbst bezeugte Nähe seiner medizinischen Ansichten zu denjenigen Stahls und der gemeinsame Kampf gegen den Mechanismus. Dippels Beschäftigung mit Stahl dürfte eine der wenigen lobenden Hervorhebungen dieses Zeitgenossen sein, die in Dippels überaus kritischen und polemischen Schriften vorkommen. Es ist sehr schwer, Dippel auf irgendeinen Standpunkt zu reduzieren. Er verdiente sich in vollem Maße den Titel eines Separatisten in der religiösen Erwekkungsbewegung.218 In seinen Studienjahren als angehender Theologe in Gießen und in Straßburg vertrat er noch die Meinungen der lutherischen Orthodoxie. 1697 verteidigt er Spener und die Pietisten gegen ihre frühen Verfolger. Aber er bindet sich nicht an den Pietismus um Francke und Spener. In den schwierigen Jahren 1704-1707 ist die Lage in Berlin gespannt. Sein durchaus bewegtes Leben führt ihn öfter in verschiedene Länder, bis er 1734 in Berleburg stirbt - noch immer ein streitbarer, „unpartheyischer" Verfechter seiner radikalen Meinungen. Obwohl Speners Biograph Grünberg meint, daß Spener Dippel 1702 nicht zu „den unseligen" zählte,219 sind einige Kontakte in bezug auf die Medizin in Berlin nachzuweisen. 1704 ist Dippel in Berlin unter der Protektion des Grafen August von Wittgenstein, der an seinen alchemistischen Experimenten interessiert ist und ihn, wie viele andere radikale Pietisten und verfolgte Christen (wie die böhmischen Brüdergemeinden), beschützt und betreut.220 Im Jahre 1704 erkrankt Philipp Jakob Spener schwer.221 Dippel besucht ihn und kommt auch mit dessen Sohn, dem Arzt Christian Maximilian Spener, der später eine bedeutende Rolle beim Aufbau des Theatrum anatomicum spielte, ins Gespräch. Nach dem Zeugnis Dippels ist Stahl Gegenstand ihrer Erörterungen. „In Berlin erfuhr ich nach der Hand von dem jungen Doctor Spener, dem Medico, daß dieser Mann [gemeint ist Stahl] auch den Mechanismus bestritte, und in vielen Puncten mit mir harmonierte; f...]".222 Die Schrift, aus der diese Angabe Dippels stammt, wurde erst im Nachlaß veröffentlicht, in den Sämtlichen Schrifften Christiani Democriti (= Eröffneter Weg zum Frieden mit Gott und allen Creaturen, Berleburg 1747). Dippel schrieb anscheinend von 1713 bis zum Ende seines Lebens daran, da ihr Entstehungsdatum mit einem Anhang zu der deutschen Übersetzung seiner medizinischen Dissertation

218

219 220 221

222

Zu Dippels Leben siehe: Wilhelm Bender, Johann Konrad Dippel·, Karl Ludwig Voss, Christianus Democritus. Das Menschenbild bei Johann Conrad Dippel, ein Beispiel christlicher Anthropologie zwischen Pietismus und Aufklärung. Leiden 1970; „Personalia" von Dippel, in: Eröffneter Weg zum Frieden mit Gott und allen Creaturen, durch die Publication der sämtlichen Schrifften Christiani Democriti [...]. 3 Bde. Berleburg 1747, S. 743-768. Paul Grünberg, Philipp Jakob Spener. 3 Bde. Göttingen 1893-1906. Bd. I, S. 352. Bender, Johann Konrad Dippel, S. 84. Peter Schicketanz, Carl Hildebrand von Cansteins Beziehungen zu Philipp Jakob Spener. Witten 1967 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus 1), S. 66ff. Johann Conrad Dippel, Eröffneter Weg zum Frieden [...] Sämtliche Schrifften Christiani Democriti. Berleburg 1747. Bd. 3, S. 669-692: „Eines bekannten Doctoris Medicinae Unpartheyische doch bescheidene Reflexiones [...]", S. 675.

194

(Leiden), Die Kranckheit

und Arzney

des Thierisch=Sinnlichen

Lebens

(Frankfurt/

Main und Leipzig 1713) in Verbindung steht. 223 D a aber die 1 7 2 9 veröffentlichte Analysis

Cramatis

harmonici

und das hohe Alter Stahls erwähnt werden, sind

Teile der Schrift erst später geschrieben worden. D i e Schrift trägt den Titel: Unpartheyische

doch bescheidene

zu Feld liegende Ursprung

Reflexiones

und um den Rang streitende

der Krankheiten.

über die heut zu Tag Pathologien,

gegeneinander

oder Lehren

von

dem

In dieser Schrift setzt sich Dippel mit Stahl in einer für

ihn milden Form auseinander. D i e Schrift beleuchtet die kritische Zeit vor 1 7 0 7 und trägt zur Klärung der g e m e i n s a m e n theosophischen Ausrichtung der antimechanistischen M e d i z i n bei. In den Reflexiones

schreibt Dippel:

Diesem Elend und confusen Vorhaben in der Medicine einiger massen zu begegnen, trat endlich der gelehrte, scharffsinnige, aufrichtige und gottesfürchtige Herr Doctor Stahlius ins Mittel, der sowohl den Mechanismum und falsche Physiologie an ihren rechten Ort gewiesen, die Pathologie von vielen Irrthümern gesäubert, in Entdeckung des Motus tonici bey dem Circulo humorum, derselben ein grosses Licht zugebracht, als auch durch die recht ans Licht gezogene Structur der Venae portae mit ihrem a parten Circulo Sanguinis viele davon dependirende Affecten und Kranckheiten, und deren Combination besser als jemals von den alten oder neuen geschehen, begreifflich gemacht, auch durch seinen Fleiß in der Chymie vieles zum Behuff der Erkenntnuß der Natur und Pharmacie herfür gebracht; wiewohl durch die zu frühzeitig angenommene Principia des Doctor Bechers, dessen Systema chymicum, wie von uns zur andern Zeit soll gezeiget werden, gar sehr geschändet worden. Ich selbst habe schon Anno 1704 in dem zweyten Theil des Wegweisers zum verlohrenen Licht, und Anno 1711, in dem Lateinischen Tractat: Vitae animalis Morbus & Medicina genannt, wie nicht weniger in der noch vor einigen Jahren publicirten Analysi cramatis harmonici, die Thorheit und Unmöglichkeit des Mechanismi, und der hierauf gegründeten Physic sowohl als Medicine, aus ihrem gantzen Grund so gezeiget, daß ich keine Contradicenten vor den Augen des Publici so leicht mehr werde zu fürchten haben. Bey Verfertigung des ersten Tractacts wußte ich noch nicht, daß ein Doctor Stahl in der Welt wäre. In Berlin erfuhr ich nach der Hand von dem jungen Doctor Spener, dem Medico, daß dieser Mann auch den Mechanismus bestritte, und in vielen Puncten mit mir harmonirte; weil ich aber wenig Curiosität hatte, damals andere Auetores zu lesen, und mich in meinem eigenen Meditationen und Experimenten allzeit vergnügte, so käme auch Anno 1711, erwehnter Lateinische Tractat zum Vorschein, ohne daß ich zuvor etwas von Herrn Doctor Stahls Principiis in ihrer richtigen Suite gesehen, und mit Bedacht überlesen. Dann sonst würde ich gewißlich seiner erwehnet, auch einige wohlgegegriindete Wahrheiten mit Danck von ihm adoptiret, einige Praejudicin und praeeipitirte Consequentias aber nach meiner unpartheylichen Freymüthigkeit gezeiget haben, welches dann allhier noch geschehen soll. Dann weil dieser berühmte Mann noch im Leben, und in seinem hohen Alter noch nichts an der Dexterität seines Urtheils verlohren hat, so mag vielleicht diese freundliche Disceptation andern Practicis Gelegenheit geben, näher an den Cardinem veritatis & praxeos medicae zu kommen. Ich traue ihme auch zu, daß, ob er zwar in Praxi clinica und langwieriger Erfahrung vieles vor mir voraus hat, er dennoch die Gedult werde besitzen, etwas weiter einzusehen und zu prüffen. Der sogenannte Theophrastus Parcelsus, der zu seiner Zeit in der Thorheit so hoch gestiegen, daß er sich selbst einen Monarchen in der Medicine nennte, und das mir nach, so offt repetirte, wird billig noch heut zu Tag deßwegen verlacht. Diese Schwachheit und Schweitzerische Calvalliers-Conduite wird weder den Herrn Doctor Stahl noch mich überwältigen. Ich suche für Gott meines Nächsten Bestes nach Leib und Seele, nach dem Maas meiner Einsicht und Erfahrung, und werde mich in diesem Propos von keiner Auctorität stören lassen; ich bleibe aber auch allzeit dabey in der raisonablen Disposition meines Gemüths, alles, was ich habe angenommen, gegen etwas bessers wiederum dahin zu geben; gleiche Indif-

223

Ebd., S. 669. 195

ference wünsche ich allen, die dieses lesen werden, so zweiffle ich nicht, sie werde sich überzeugt befinden, daß die hier von mir notirte Sachen meritiren, in weiter Überlegung gezogen zu werden. 224

Da hier hauptsächlich auf die Gemeinsamkeiten kosmosophischer Denkweisen in der pietistischen Medizin zu einer sehr kritischen Zeit aufmerksam gemacht werden soll, kann das Verhältnis von Dippelianischer und Stahlianischer Medizin nicht bis ins Detail ausgearbeitet werden. Ins Auge fällt aber Dippels Beurteilung von Stahls Medizin als Cardinem veritatis, also als wahrer Wendepunkt oder Angelpunkt medizinischen Wissens. Rückblickend gibt Dippel die wesentlichen Erkenntnisse Stahls wieder: der motus tonicus Vitalis und die Neufundierung der Physiologie und der Pathologie durch Stahls Organismusbegriff. Dann streicht Dippel die Eigenständigkeit seiner Gegnerschaft zum mechanistischen Weltbild heraus, obwohl ihm inzwischen klar gewesen sein müßte, daß Stahl, wenn nicht früher, wohl zur gleichen Zeit wie er gegen „die Thorheit und Unmöglichkeit des Mechanismi und der hierauf gegründeten Physic" angetreten ist. Da Dippel und Stahl nicht wie Carl, Christian Friedrich Richter und andere Ärzte im Verhältnis Lehrer - Schüler standen, kann die von Dippel hervorgehobene Eigenständigkeit als ein nachträglicher Beweis gelten für den gemeinsamen medizinischen Kampf gegen den Mechanismus auf der Basis kosmosophischer und theosophischer Erkenntnisse. Die Gemeinsamkeiten, die zwar im einzelnen auseinandergehen, wie z.B. die unterschiedliche Beurteilung vom helmontischen Archeus, dürften noch enger gewesen sein, als Dippel selbst es angeben will. Die erste Schrift Dippels gegen das „Puppen=Werck" der Mechaniker, gegen den Cartesianismus und gegen die Anatomie, Chemie und Mathematik als Grundwissenschaften der Medizin, führt er selbst an: den 1704 und 1705 (Π. Teil) ohne Ortsangabe publizierten Weg-Weiser zum verlohrenen Liecht und Recht, dessen zweiter Teil den Untertitel trägt: In der äusseren Natur, oder entdecktes Geheimnüß des Segens und des Fluchs in denen natürlichen Körpern, zum wahrhaften Grund der Arzney-Kunst in Liebe mitgetheilet. Der Weg-Weiser enthält fast programmatisch die Anschauungen der theosophischen Naturdeutung: das Verhältnis des Unsichtbaren zum Sichtbaren in der Natur, die Verdunkelung des Verstandes nach dem Fall Adams, die Schöpfung als Teil des vom Geist Gottes ausgehenden und im Geist Gottes sich vollendenden Daseins, der Glaube an die Wiederbringung aller Dinge, die Seele als in der „Hülse des Leibes" beheimatet und der Skeptizismus gegenüber dem Verstandesdenken. Die radikalpietistischen Nachfolger Stahls und, wie oben gezeigt wurde, zu einem gewissen Grade Stahl selbst, befürworten alle diese Interpretation des Zusammenhangs von Gott Mensch - Natur. Dippel kann sich vermutlich zu Recht als einer der wortgewand-

224

Ebd., S. 675f.

196

testen Interpreten dieses Antimechanismus behaupten, aber nicht als ihr erster und alleiniger Interpret. Vor 1704 entstanden vor allem die anti-aristotelischen und anti-cartesianischen Aufsätze in den Observations selectae. Die frühen Schriften Stahls ebenfalls. 1706 werden auch die ersten Fassungen von De mechanismi et organismi und Ad aliena a medicina doctrina arcendum im Waisenhaus-Verlag veröffentlicht. Stahls Medizin wird in pietistischen Kreisen diskutiert, davon gibt der Briefwechsel Cansteins mit den Gebrüdern Richter Aufschluß. Wenn Dippel anmerkt, daß er Stahls Principia nicht „in ihrer richtigen Suite gesehen" habe, mag das stimmen. Er zitiert Stahl auch nicht, weder im Weg=Weiser noch in der Arzney, aber auch nicht in den späteren Schriften gegen den Mechanismus (Analysis cramatis harmonici oder Fatum Fatuum). Das ist aber die Eigenart Dippels, der sich nie in eine Gemeinschaft eingeordnet hat. In Berlin entwickeln sich zudem Spannungen zwischen ihm und den Hallenser Pietisten, die allerdings im Hintergrund einer Pietistenverfolgung zu sehen sind. In den Jahren zwischen 1704 und 1707 gerät der „Pietismus" aller Schattierungen in eine Zerreißprobe. Die Kontakte unter den Erweckten sind vorerst einmal enger als angenommen. Der Sohn Speners wird durch Cansteins Intervention am Krankenbett seines Vaters durch eine Beratung von seiten Stahls ersetzt, die Canstein lobend als eine Providentia Gottes versteht, bei der Stahl das Verdienst einer Lebensverlängerung Speners zukommt.225 Dippel wird der Medizin und der Chemie Stahls kaum aus dem Weg gegangen sein. Schließlich war Dippel wegen seiner alchemistischen Kenntnisse nach Berlin berufen worden. Aber es kann nicht zu einer offenen Verständigung zwischen den Hallenser Pietisten und Dippel kommen, denn die Lage aller Erweckten verdüstert sich zunehmend. Die Pietistenverfolgung in Waldeck, in die Johann Juncker tief verwickelt ist, läuft als Gerichtsprozeß auf vollen Touren. Juncker flieht 1706.226 Carl steht unter Anklage. Als Stadtphysikus von Öhringen muß er sich 1703 wegen Gemeinschaft mit dem schwärmerischen Sporergesellen Johann Georg Rosenbach verantworten.227 Canstein schreibt Francke am 22. April 1705 aus Berlin: „Rosenbac soll alhier sehr auf Sie in Halle schelten [...] Er logiret bey Dippelio."228 Carl wird des Landes verwiesen (nach 1704), weil sein Glaubensbekenntnis zu heterodox ist, und er sich zudem „alchemistischer Experimente" schuldig gemacht habe.229 Danach muß sich Carl zumindest zeitweilig in Berlin und Halle aufgehalten haben, nach dem Zeugnis

225 226

227 228

229

Schicketanz, Carl Hildebrand von Cansteins Beziehungen, S. 69. Wilhelm Irmer, Geschichte des Pietismus in der Grafschaft Waldeck. Greifswald 1912, S. 65ff. Schräder, Johann Samuel Carl. Der Briefwechsel Carl Hildebrand von Cansteins mit August Hermann Francke, hg. v. Peter Schicketanz. Berlin/New York 1972 (Texte zur Geschichte des Pietismus. Abt. III. Bd. I), S. 295. Schräder, Johann Samuel Carl, S. 60.

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von Johann Christian Kundmann zu schließen. Erst 1708 wird Carl Leibmedikus des Grafen Ernst Casimir im isenburgischen Büdingen.230 Den Kontakt mit Dippel sucht der hallesche Professor für Jurisprudenz Samuel Stryck im November 1706. Stryck ist mit Stahl gut bekannt, womöglich auch an Medizin und Chemie interessiert in derselben Weise wie Canstein, Zinzendorf und andere. Stryck ist religiös und vermutlich auch pietistisch gesinnt. In einem Brief Franckes an Canstein vom 23. November 1706 wird erwähnt, daß Stryck die Schriften Dippels sammelt, und Canstein solle Stryck auf die Gefährlichkeit Dippels hinweisen: Gibts Gelegenheit mit H. Dr. Stryken von Dippelio zu sprechen, wären die eruditaeten des dippels und was das für Schaden treuer knechte Gottes arbeit bringe, ihm mit guter manier vorzustellen, weil mir nach seiner Abreise gesaget worden, quod depereat Scripta Dippelii, daß kein blat sey welches er nicht herfür suche. 231

Christian Friedrich Richter reist mit nach Berlin.232 1706 sind die Auseinandersetzungen voll im Gange. Johann Friedrich Mayer, schon früher bekannt für seine Verfolgung der Pietisten und nun Greifswalder Professor und Superintendent der unter schwedischer Herrschaft stehenden pommerischen Gebiete, veröffentlichte in diesem Jahr seinen Angriff gegen alle Erweckten: Eines schwedischen Theologi kurtzer Bericht über die Pietisten.233 Das Edikt gegen die Pietisten in Schweden, das Karl ΧΠ. von Schweden erließ, ging auf den Einfluß Mayers zurück. Dippel antwortet noch im gleichen Jahr mit seinen Unpartheyischen Gedanken über eines sogenannten Schwedischen Theologi kurtzen Bericht von Pietisten.234 Anscheinend sitzt Dippel im Dezember 1706 schon im Arrest, wird aber gegen Kaution entlassen.235 Francke und Canstein möchten die Angriffe gegen den Pietismus über ihre Kontakte zum Hof regulieren und nicht durch öffentliches Aufeinanderprallen: „wegen der schwedischen affaire muß man den Ausgang erwarthen."236 Diese Art, sich der Verfolgung zu erwehren, ist nicht diejenige Dippels. Schon 1704 schrieb er, daß man nicht zugleich den König von Frankreich wegen Intoleranz gegen die Hugenotten anklagen kann und im eigenen Land „verbannisiren/und/um des Gewissens willen/verfolgen".237 Dippel macht die Verfolgung zu einer allgemeinen Anklage und will eine Solidarisierung herbeiführen. Er schreibt

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234 235 236 237

Ebd. Der Briefwechsel Cansteins mit Francke, S. 344. Ebd., S. 343. Karl-Ludwig Voss, Christianus Democritus. Das Menschenbild bei Johann Conrad Dippel, S. 46ff. Ebd., S. 47ff.; Bender, Johann Konrad Dippel, S. 86ff. Briefwechsel Cansteins mit Francke, S. 352. Ebd., S. 347. Johann Conrad Dippel, Erinnerung an die Gegen=Schreiber, Anhang zu: Weg=Weiser, S. 169.

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aber auch gegen die Hallenser Theologen.238 Dippels Schrift gegen Mayer gefällt Canstein gar nicht: „Ich bekenne, als Sie gelesen, so bin überzeuget worden, daß sein gemüth nicht von der geringsten furcht gottes gebunden und daß er nicht ein viel geringeres gericht als D. Mayer über sich ziehet." (Brief an Francke vom 15. Januar 1707).239 Am 12. Februar berichtet Canstein, daß Dippel vor einigen Tagen arrestiert wurde.240 Am 19. Februar schreibt er, daß Dippel nach Hinterlegung einer Kaution von 2 000 Thalern frei sei, aber „mit ihm ist nichts anzufangen".241 Am 1. März wird erneut ein Haftbefehl gegen Dippel erlassen, und seine Unpartheyischen Gedanken sollen vom Henker öffentlich verbrannt werden.242 Im Hinblick auf dieses Geschehen ist es sehr bedeutsam, daß Carl 1707 mit Dippel in Berlin zusammentrifft. Johann Christian Kundmann studiert zu dieser Zeit Medizin in Halle bei Stahl. 1708 promoviert er über De regimine, und 1716 erscheint sein Buch Kurtze Abhandlung vom Verstände des Menschen vor und nach dem Falle (Bautzen). Die Abhandlung ist eines jener Bücher in der Nachfolge Stahls, das seine medizinische Lehre mit den typischen radikalpietistischen Themen der Theosophie verbindet. Man kann daraus schließen, daß Kundmann in seiner Studienzeit mit den radikaleren Elementen der Erweckungsbewegung vertrauten Umgang hatte. Aus der Abhandlung erfährt man von Carls Besuch bei Dippel. Kundmann kommt in einem medizinischen Zusammenhang darauf zu sprechen: Dippel habe Johann Samuel Carl in Berlin einen Wundbalsam anvertraut, den Carl zurück nach Halle nahm. Von diesem (Wund=Balsam) hat Dippelius, kurz vorhero, ehe er wegen unterschiedener sub nomine Christiani Democriti heraus gegebener Schrifften in Berlin einen Arest bekommen, Herr Licentiat Carln, der eben dazumahl in procinctu gestanden, nach Halle zu reisen, ein paar Loth davon verehret. 243

Die Wendung „in procinctu gestanden" läßt aufhorchen, sie bedeutet „für den Kampf gerüstet", eine ungewöhnliche Wortwahl im Zusammenhang mit einer Reise von Berlin nach Halle. Kundmann berichtet zwar vordergründig über den Wundbalsam, aber zwischen den Zeilen kommt seine Kenntnis der Verfolgung der Radikalen durch. Das Experiment mit dem Dippelschen Wundbalsam sollte von Carl und Kundmann auf des letzteren Studierstube durchgeführt werden.244 Sowohl Friedrich Hoffmann wie auch Stahl sind aber darüber informiert und führen dieses Experiment an einem Hund jeweils einzeln in ihren Häusern durch.245 Kundmann 238

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Johann Conrad Dippel, Verweiß-Schreiben an die Theologische Fakultät zu Halle. Berlin 1706. Briefwechsel Cansteins mit Francke, S. 350. Ebd., S. 352. Ebd. Bender, Johann Konrad Dippel, S. 86. Kundmann, Kurtze Abhandlung vom Verstände des Menschen, S. 219. Ebd., S. 220. Ebd., S. 220f.

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ist dann von Dippels Flucht aus dem Arrest informiert und besucht Dippel zu Beginn des Jahres 1708 in Amsterdam.246 Dem Bericht Kundmanns ist zu entnehmen, daß unter den Medizinern in der Nachfolge Stahls ein enger Kontakt zu den Radikalen unter den Verfolgten entwikkelt wurde. Zu vermuten ist, daß Stahl ebenfalls informiert war. Schließlich promovierte er bedeutende Radikale unter den Erweckten, wie etwa Carl, Kundmann, Juncker und die Gebrüder Richter. Carls Kontakte zu Dippel lassen vermuten, daß Stahl und Dippel voneinander wußten. Carl widmet die zweite Auflage seines Decorum Medici (Büdingen 1723) der „Stahlianischen Schul/allen hieraus=gegangenen Medicis, meinen allerseits Bekannten Hochzuehrenden Herrn/und Hochgeneigten Gönnern und Freunden". Die Theoria medica vera im Kontext ihrer Publikationszeit zeigt sich von einer neuen Seite. Sie ist das bedeutendste Werk der medizinischen Instaurado an der Universität Halle und ein wichtiger Bestandteil der Reform innerhalb des Hallenser Pietismus. Aber in den Jahren der fortwährenden Verfolgung aller Erweckten, bei der ein Keil zwischen die sogenannten Schwärmer und den in Halle etablierten Pietisten getrieben wird, ein Produkt des vorsichtigen Agierens einerseits und der öffentlichen Opposition gegen Verfolgung andererseits (Dippel), bleibt trotzdem die medizinische Lehre Stahls für beide Seiten verbindlich. Stahl hat die theosophischen Grundlagen seines Naturverständnisses nicht geleugnet. Sie beeinflussen die Bestimmung seines Organismusbegriffs, der einerseits theosophische Züge trägt, andererseits mit den neuesten empirischen Beobachtungen in der Medizin zu vereinbaren ist. Stahl wies im Sinne theosophischer Erkenntnisse jene Lehrarten des Mechanismus zurück, die er als reduktiv und der Beobachtung der lebendigen Natur nicht gemäß fand. Die Ausformulierung seiner Theorie in Richtung theosophischer Naturdeutung, die bei Carl, Richter und anderen Ärzten, die er ausbildete, voll zum Tragen kommt, ist keine Verfremdung seiner Grundsätze. Die medizinische Theorie Stahls wird geradezu zum Nährboden der in radikalpietistischen Kreisen vertretenen Heilkunst und bildet ihre gemeinsame Achse, den Cardinem veritatis. Carl hat mit einigem Recht seine Schriften der „Stahlianischen Schul", seinen Freunden und Gönnern gewidmet: Stahls Erneuerung der Medizin war für eine nicht geringe Anzahl von Ärzten, die das Lebendige, das Wissende (Sophia) an der Natur zu achten suchten und den Mechanismus bestritten, wegweisend. In diesem Zusammenschluß der Interessen war es auch möglich, zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Dippel und Stahl als Mitstreiter zu begreifen. Der Angriff auf Stahls Theorie von seiten der Vertreter der neuen Philosophie und Naturwissenschaften konnte dann auch nicht ausbleiben, weil zu offensichtlich war, wie beweisträchtig die Theoria medica vera gegen das mechanistische Weltbild auftrat. Leibniz setzte sich sogleich nach dem Erscheinen dieses Werkes mit Stahls

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Ebd., S. 222.

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Organismusbegriff auseinander. Das Negotium Otiosum ist der wichtigste Beitrag im frühen 18. Jahrhundert zur Debatte zwischen der neuen Naturwissenschaft und der kosmosophischen Verteidigung der „lebendigen Natur".

4. Negotium Otiosum·. Stahl contra Leibniz Das Negotium Otiosum, seu Sciatnachiam adversus Positiones aliquas Fundamentals, Theoria verae Medicae a Viro quodam celeberrimo intentata, sed aversis Armis conversis enervatae erschien 1720 im Waisenhaus-Verlag. Das Buch enthält die Auseinandersetzung zwischen Leibniz und Stahl zum Problem des Zusammenhangs zwischen Körper und Seele. Stahl versah die Publikation mit dem lakonischen Spruch: „Qui possunt, si volunt, judicanto: qui volunt, sed non possunt, abstinento". Es ist die letzte zusammenfassende Darstellung seiner medizinischen Theorie und der letzte große Ansatz, ihre Wahrheiten gegen die mechanistische Philosophie und den sich zunehmend verbreitenden rationalistischen Dualismus zu verteidigen. Er nennt die Schrift ein Schattengefecht, wohl wegen der richtigen Erkenntnis, daß die Philosophie der Aufklärungszeit etwas anderes im Sinne hat, als sich ihren rationalistischen Stolz nehmen zu lassen. Obwohl das Negotium Otiosum in der Sekundärliteratur zu Stahl noch am meisten kommentiert wurde - der Name Leibniz zieht Aufmerksamkeit auf sich - , ist sein eigentlicher Stellenwert nicht erkannt worden. Es kann als der erste Auftakt für den von pietistischer Seite so heftig geführten Kampf gegen Christian Wolff gewertet werden. Eine der umfangreichsten Streitigkeiten des 18. Jahrhunderts, ebenfalls von der heutigen Forschung kaum beachtet, betrifft die Verbreitung der Wolffianischen Psychologie, die den wesentlichen Durchbruch des Rationalismus in Deutschland herbeiführt.247 Joachim Lange, Hallenser Theologe und Pietist, hat diesen Kampf, 1720 einsetzend, angeführt. Das Negotium Otiosum umfaßt einen Großteil der Argumentationsmöglichkeiten gegen den Rationalismus, den Dualismus und den Mechanismus. Eine Schrift von Joachim Lange, Modesta disquisitio novi philosophiae systematis de Deo, Mundo et Homine, et praesertim de commercii inter animam et corpus praestabilita [...] Halae 1721, läßt darauf schließen, daß die von Stahl vorgebrachten Argumente ihre Weiterführung fanden. Es ist daher von Bedeutung, das Negotium Otiosum historisch als letzte theoretische Erörterung der philosophischen Bedeutung des kosmosophischen Naturverständnisses in seiner anti-rationalistischen und antimechanistischen Ausrichtung zu sehen. Der Kernpunkt der Differenzen zwischen Lange und Wolff, den Seelenbegriff und das Naturverständnis betreffend, ist im

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Siehe das anschließende Kapitel V: „Die Vernunft ist verderbt": Medizin und Metaphysik in der Aufklärung.

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Negotium Otiosum enthalten. Auf die Wolffianische Lehre wird im anschließenden Kapitel über Medizin, Metaphysik und Aufklärung näher eingegegangen. Die Publikationsgeschichte des Negotium Otiosum ermöglicht einen der interessantesten Einblicke in die Politik des Hallenser Pietismus. Im Gegensatz zu einer öffentlichen Anprangerung der Verfolgung von Inspirierten und Schwärmern versuchten Canstein und Francke, ihre Verbindungen am Hof in Berlin in den schwierigen Jahren 1704 und danach (siehe vorhergehendes Kapitel) spielen zu lassen. Diese Vorsicht schied sie von den radikaleren Erweckten, wie die Schicksale Dippels und Carls wohl deutlich machen, die eben nicht in Halle, sondern anderswo Zuflucht finden mußten. Der Angriff Johann Friedrich Mayers 1706 gegen Pietisten aller Schattierungen enthält u.a. auch eine spezifische Erwähnung der Hallenser Observationes selectae.m Damit sind die Observationes selectae gemeint, die 1706 mit einem Supplementband, für den auch Stahl zwei wichtige Beiträge lieferte, abgeschlossen wurden. Obwohl der Hauptangriff in dieser Sache scheinbar um die „Doctoris juris" ging, sind Stahls Beiträge im anti-aristotelischen und anti-cartesianischen Sinne dem Anliegen der Orthodoxie nicht gerade freundlich gesonnen. Wie eben dargestellt, stärkte auch die Theoria medica vera den theosophisch ausgerichteten radikalen Flügel der medizinischen Nachfolge Stahls. Nach dem Erscheinen der Theoria medica vera 1708 beginnt Leibniz mit der Niederschrift seiner Dubia gegen dieses Werk. Leibniz schickt diese Dubia in schriftlicher Form 1709 an Stahl in Halle, und zwar vermittelt, wie es heißt, durch einen Mann „aus guter Familie".249 Die Spekulation darüber in der Sekundärliteratur dürfte nicht stimmen. Einmal wird Johann Ernst von Sachsen-Weimar, bei dem Stahl ehemals Leibmedikus war, genannt (Lemoine). Dies kann aber nicht zutreffen, denn Johann Ernst stirbt bereits 1707. Zum anderen wird Christian Wolff erwähnt (Blondin), aber dies wäre wegen der weltanschaulichen Differenzen ein Ding der Unmöglichkeit. Wir können mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß es sich bei diesem Vermittler um Baron Canstein gehandelt hat, da dieser einerseits mit Leibniz in Kontakt stand und andererseits mit Stahl einen Briefwechsel pflegte.250 Baron Canstein leitet dann auch das Geschick des Negotium Otiosum im Sinne des Hallenser Pietismus: man nimmt Rücksicht auf Leibnizens Nützlichkeit in Berlin und am kaiserlichen

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Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, 159 N3c Blatt 336-340v. Lelland J. Rather/John B. Frerichs, The Leibniz-Stahl Controversy - I. Leibniz' Objections to the ,Theoria Medica vera', in: Clio Medica 3, S. 21 f. Cansteins pietistische Vermittlertätigkeit in bezug auf Leibniz geht aus dem Briefwechsel von Heinrich Julius Elers hervor. Die Briefe Stahls an Canstein, fünf an der Zahl, liegen in der Dokumentensammlung Darmstaedter Gl 1710: Georg Emst Stahl in der Handschriftenabteilung Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Manfred Stürzbecher hat zwei von ihnen publiziert in: ders., Beiträge zur Berliner Medizingeschichte. Berlin 1966 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 18), S. 120-123.

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Hof in Wien.251 Die Betreuung der Drucklegung des Negotium Otiosum liegt in den Händen von Heinrich Julius Elers, dem Geschäftsleiter des WaisenhausVerlags. Seinem Briefwechsel mit Canstein und seinem Diarium252 werden die nachfolgenden Einsichten in die Politik der Veröffentlichung dieses Werkes entnommen. Das Erscheinungsdatum des Negotium Otiosum betreffend, sollte eine richtigstellende Erklärung vorausgeschickt werden. Stahl wird Gehässigkeit vorgeworfen, da die Auseinandersetzung mit Leibniz erst 1720 erscheint, vier Jahre nach dem Tod dieses Gelehrten, und Stahl wird unterstellt, in polemischer Schärfe gegen einen wehrlosen Toten vorgegangen zu sein.253 Dem Briefwechsel Elers' ist zu entnehmen, daß spätestens im August 1715, ein Jahr vor dem Tod von Leibniz, das Manuskript zum Druck angeboten wurde.254 Nicht Stahl, sondern die Strategien der Pietisten waren maßgeblich für das späte Erscheinen des Negotium Otiosum. Stahl hat sich ihren Wünschen gebeugt. Spätestens seit 1702 dürfte sich Stahl mit Leibniz befaßt haben. Christian Samuel Richter schreibt am 12. Dezember 1702 an Canstein nach Berlin, daß er sich eine Disputation von Leibniz bei Stahl ausleihen wird.255 1709 schickt ihm dann Leibniz seine Einwände gegen die Theoria medica vera.256 In der in einem scharfen Ton abgefaßten Einleitung zum Negotium Otiosum schreibt Stahl, er habe sehr rasch seine Repliken geschrieben, in zwölf Tagen und ohne, wie bei ihm üblich, im Diktat, sondern mit eigener Hand.257 Das deutet auf Schwierigkeiten hin, und in der Tat, die Jahre 1709 bis 1712 waren für Stahl äußerst arbeitsintensiv, denn Hoffmann weilte in Berlin und Stahl war somit alleine für die Verwaltung und den Unterricht an der Medizinischen Fakultät zuständig.258 In den Jahren 1710/11 war er zudem Prorektor. 1715 kommt dann die Schrift gegen Leibniz wieder ins Gespräch. Heinrich Julius Elers besucht Stahl am 2. und 6. August in Berlin,259 wo Stahl inzwischen seine mögliche Nachfolge

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Siehe unten, Anm. 261. AFSt A 127 c; C 171, Korrespondenz Heinrich Julius Elers; Heinrich Julius Elers, Notizkalender der Jahre 1716-1724: A 191, 1-9. Karl E. Rothschuh beschreibt den Stil Stahls im Negotium Otiosum als „gehässig": „Die zuletzt geschriebenen Teile Stahls sind besonders scharf, oft gehässig, nicht ohne Schimpferei. Das mag einmal damit zusammenhängen, daß Leibniz 1716 verstorben war und nicht mehr antworten konnte". Siehe: Karl E. Rothschuh, Leibniz, die prästabilierte Harmonie und die Ärzte seiner Zeit, in: Studia Leibniziana Supplemento. Bd. II (Akten des Internationalen Leibniz-Kongresses, Hannover am 14.-19. Nov. 1966). Wiesbaden 1969, S. 236, Anm. 16. AFSt A 127a, Bl. 4 2 ^ 2 v . , Korrespondenz Heinrich Julius Elers, Brieffragment datiert Halle, den 16. August 1715. AFSt C 285 - 47, Korrespondenz der Gebrüder. Zur Vorgeschichte des Negotium Otiosum, siehe: Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I, S. 21-24; Rothschuh, Leibniz, S. 236. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 22. Stahls intensive Überarbeitung geht aus den Akten zur Medizinischen Fakultät zwischen 1709 und 1711 hervor: Staatsarchiv Merseburg, Rep. 52, Nr. 159, N3c, Fasz. 26. AFSt A 127a, Bl. 40ff„ Korrespondenz Heinrich Julius Elers.

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als erster Leibmedikus bei Friedrich W i l h e l m I. aushandelt. Elers berichtet Francke in e i n e m Brief v o m 5. August 1715 darüber: Als dieser [Obrist-Lieutnant Flato] weg war kam Herr Hofrath Stahl und berichtete, daß er jetzo fleißig arbeite, daß Werck worumb sein wertester Herr Collega d. Herr Prof. Franck ihn bey seiner Abreise nach Dänemark ersuchet, zu Stande zu bringen: dafür ich dankete. Er war sehr aufgeräumt, und bezeigte viel Liebe für uns. Der König hat ihm die Praesidenten-Stelle über das Collegium medicum im gantzen Lande aufgetragen, und wird ihn auch wol hier in Berlin an des Herrn Gundelsheim Stelle gebrauchen. Daher er ansinnet, daß er wol schwerlich wieder nach Halle kommen dürfte. So viel ich sehe, wird er dem Wercke Gottes nicht hinderlich seyn, wie der vorige gethan hat. 260 In e i n e m Brieffragment, datiert Halle, den 16. August 1715 und ohne Adressat, wird dann ausdrücklich auf die Schrift g e g e n Leibniz B e z u g g e n o m m e n : Herr Hofrath Stahl gedachte auch, da ich bey ihm war, daß er ein Scriptum verfertiget, wider den Herrn Leibnitz, so wegen an den H. v. Canstein geschrieben, und von ihm vernommen, ob wirs verlegen würden; es wäre ihm aber geantwortet, daß es für uns nicht wäre, weil man den Hn. v. Leibnitz, der bisher in Wien sich so wol in H. Voigts Sache, als insgemein für die hiesige Universität u. das Werk Gottes beym Kaiser und anderen Ministris interessiret, und ihnen einen gantz anderen concept beygebracht hätte, nicht gerne irritiren wolte. Indessen wolte er auch von mir vernehmen, ob es etwa konte bey uns edirt werden? Rx. [Respondí] daß obiges, was der Herr v. Canstein erinnert, ebenfalls den Herrn prof, zurück halten würde; und bat ihn, daß er es einem anderen übergeben mogte; worauf er auch accquiescirte. 261 A m 16. N o v e m b e r 1716 stirbt Leibniz. A m 22. D e z e m b e r 1716 findet sich im Tagebuch Elers' die f o l g e n d e Eintragung: „ Der Herr von Canstein schreibet, daß Herr Hofr. Stahl zu frieden, daß wir Junckers Tabellen edierten. 2. er arbeite selbst an seinen opere chymico. 3. Wir mochten Stahl g [ g e g e n ] Leibnitz drucken." 2 6 2 Elers' Brief an Canstein v o m 24. D e z e m b e r 1716 gibt Auskunft s o w o h l über die Drucklegung des Conspectus

Medicinae

Theoretico-Practicae,

zusammengestellt

von Johann Juncker, w i e auch über die Gefährlichkeit des Negotium

Otiosum

im

weltanschaulichen Streit g e g e n Christian W o l f f : Ich bin sehr erfreuet, daß Herr Hofr. Stahl seine concession gegeben, daß wir den Tractat drucken sollen, weil mir diese Arbeit recht in den Wurf kommt, und ich die Pressen bis Ostern damit zu besetzen verhoffe. Nur wünschte, daß der Herr Hofr. seine notas bald einsendete, weil Herr Juncker nichts machen kann, bis er die Methode siehet, wie ers will eingerichtet wissen. Dieser wunderte sich, daß der Hr. Hofr. solche resolution gefaßet, und muntert sich dadurch auf, es so gut zu elaborieren, als es nur in seinem Vermögen ist. Ich habe darauf den contract mit ihm geschlossen; wie da anders für den Bogen 2 rth. lögr. Zahlen wollen, hat er ihn uns à 2 rth. überlassen, und einige Exemplaria drüber; womit ich in Ansehnung d. schweren Arbeit gar wohl zu frieden bin. Wegen der Auslaßung seines Namens habe ich nichts gedencken mögen, damit ihm nicht stutzig machete, und hat auch Zeit, bis das Werck zu Ende gehet. 2. Daß auch das Chymische Werck mit Fleiß von dem Herrn Hofr. continuieret wird, ist mir ebenfalls lieb, und verspreche noie [nomine] des Herrn Professors [Francke], daß wir das an260 261 262

Ebd. AFSt A 127a, Bl. 42-42v., Korrespondenz Heinrich Julius Elers. AFSt A 191:1, Notizkalender [Tagebuch] Heinrich Julius Elers.

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dere Scriptum, g. [gegen] Leibnitz, sobald wir es erhalten, drucken wollen. Und weil es ein Scriptum, da auch einige aufsehen werden, wann es edirt wird, ist d. Herr Prof. auf den Gedanken kommen, ob Ew. Gn. [Canstein] nicht für gut befinden, daß derselben, so bald d. Herr Hofr. es aushändiget, denn Herrn Reinbecken zum durchsehen übergeben würden, welcher Ew. Gn., es communiciren könte, ob etwas bedenkliches sich darin finde, und so sich was fünde, so redeten Ew. Gn. für sich deswegen mit dem Herren Hofr. welcher hac via es leichter ändern würde, als wenn von hier aus es verlangt würde. Ich achte das Herr Hofr. Wolf alhier wird [wider] den es nothwendig auch seyn wird, darauf lauem wird, ob er eine Sache an ihn kriegen könne, daher wird gut seyn, wenn es vorhero von Ew. Gn. und eben von Herr Reinbecken perlustriert werden. 263

Am 5. August 1717, als Elers bei Canstein in Berlin ist, notiert er in seinem Tagebuch: „von Hof. D. Stahl, chymic 2) Leibniz 3) Vorrede 4) keine Monathe."264 Das Negotium Otiosum erscheint aber erst drei Jahre später, eine ungewöhnlich lange Verzögerung für ein Buch im Waisenhaus-Verlag. Gründe dafür sind nicht auffindbar, obwohl der Tod Cansteins (1719) auch eine Rolle gespielt haben dürfte. 1723 erfolgt der machtpolitisch entscheidende Schritt gegen Wolff, das Rescript des Königs vom 12. November, das Wolff zum Verlassen Halles zwingt. Elers schreibt darüber am Vorabend (Eintragung am 11. November) in seinem Tagebuch: „Abends kam ein Handbrief von unserem lieben König, darin er bezeuget, wie er die irrigen Lehren D. Wolffs in seinem Lande nicht dulden wollte."265 Im Tagebuch, das bis 1724 geführt ist, werden Besuche bei Stahl aber noch mehrfach erwähnt, so am 17. August 1717: „Nachmittags besuchte ich H. Hofr. Stahlen, welcher gar liebreich war [,..]".266 So bleibt der Eindruck einer kontinuierlichen Mitarbeit Stahls im Kreise der Pietisten, wenn es auch Brüche und Meinungsverschiedenheiten gab. Inhaltlich betrifft die Kontroverse im Negotium Otiosum Aspekte des LeibSeele-Problems und die „neue" Naturwissenschaft. Leibniz bezieht sich zwar nur auf die ersten zwei Einleitungsschriften zur Theoria medica vera: De mechanismi et organismi diversitate und De vera diversitate corporis mixti et vivi, allerdings mit Recht, denn diese enthalten die philosophischen Grundlagen zur Theorie Stahls. Stahl moniert den verkürzten Ansatz von Leibniz, eben daß dieser die praktische Rechtfertigung der Theoria in der Physiologie und Pathologie nicht gelesen und nicht berücksichtigt hat.267 Ebenfalls mit Recht, denn Stahl kommt es wiederum nicht so sehr auf die philosophische Vollendung, sondern mehr auf die praktische Bestätigung theoretischer Behauptungen in der Medizin an. Trotzdem behandeln beide Kontrahenten für das 18. Jahrhundert grundlegende Themen. Das Negotium Otiosum hat eine äußerst komplizierte Form: Es enthält 1) eine Vorrede Stahls; 2) eine Einleitung von Leibniz und dessen 31 Dubia zu den The263 264 265 266 267

AFSt A 127c 6, Korrespondenz Heinrich Julius Elers. AFSt A 191:2, Notizbuch [Tagebuch] Heinrich Julius Elers. Ebd., A 191:8. Ebd., A 191:2. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 22.

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sen Stahls in der Theoria medica vera; 3) Stahls Beantwortung dieser Dubia („enodationes"), mit alterierenden Antworten von Leibniz; 4) eine Zusammenfassung von Stahl („conspectus"); 5) weitere Einwände („exceptiones") von Leibniz und weitere Antworten Stahls („replicationes"). Das ganze Werk hat etwa 250 Seiten. Es ist auf Deutsch erschienen und 1860 von Théodore Blondin ins Französische übersetzt worden.268 Die Dubia von Leibniz und der Conspectus von Stahl wurden 1968 ins Englische übersetzt.269 Er ist nicht verwunderlich, daß Leibniz sich mit diesem Werk Stahls beschäftigte. Leibniz hat wohl erkannt, daß Stahl durch naturwissenschaftliche Beobachtungen der neuen Philosophie eine beachtliche Theorie entgegensetzte. Stahls Ungeduld in seiner Replik auf Leibniz ist ebenfalls verständlich. Mit der Theoria medica vera hatte er eine nahezu zwanzigjährige Verteidigung seines Organismusbegriffs, seiner Physiologie und seiner Pathologie abgeschlossen. Nun kommt Leibniz und fängt sozusagen wieder von vorne an. Stahl muß es entgegennehmen, daß seine Theoria mit Dubia versehen wird, die metaphysische Schlußfolgerungen vorbringen, ohne auf die medizinischen Erfahrungswerte Stahls einzugehen. Deswegen, und nicht aus Eitelkeit, rügt Stahl Leibniz für seine verkürzte Lesearbeit. Leibniz hat anscheinend die Theoria medica vera nicht ganz zu Ende gelesen. Stahls epistemologische Grundposition verlangte aber, daß jeder Theorie Erfahrungswerte vorausgingen und nicht - gerade nicht - allein aus der deduktiven Logik stammen sollten. Daher kommen zwei erkenntnistheoretische Systeme in dieser Diskussion in Konflikt, die beide „Wirklichkeit" beanspruchen wollen. Der Unterschied zwischen Leibniz und Stahl liegt auch in ihrem jeweiligen Ansatz: Leibniz argumentiert a priori und Stahl - wie er es mehrmals betont in seinen Schriften - a posteriori. In der Weltsicht des a priori muß notgedrungen die Logik den ersten und systementscheidenden Platz einnehmen. Sie reguliert die Gültigkeit der Aussage. In der Methodik des a posteriori Erkennens weist die Erscheinung auf die in ihr zur Evidenz kommenden Prinzipien hin. Dieses System der Wahrheitsfindung gehorcht einer anderen inneren Logik. Die „äußeren" Zeichen machen die Dynamik der inneren Ordnung der Natur sichtbar. Aus dieser Entsprechung von „Innen" und „Außen" (ein notwendigerweise monistisches Modell, weil das Zeichen das Wesen erschließt) entsteht die Naturdeutung, die auch für die neuplatonische und naturmystische Betrachtungsweise maßgeblich war: die Erschließung der dynami-

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Stahl, Œuvres, Bd. VI der Gesamtausgabe Paris 1859-64. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I. Und der zweite Teil: Lelland J. Rather/John B. Frerichs, The Leibniz-Stahl Controversy - II. Stahls Survey of the Principal Points of Doubt, in: Clio Medica 5, S. 53-67. In der nun folgenden Analyse der Kontroverse zwischen Stahl und Leibniz beziehe ich mich auf diese Übersetzung. Die wesentlichen Punkte des Disputs sind darin enthalten. Zudem ist diese Übersetzung für den heutigen Leser zugänglich. Die französische Übersetzung ist nicht einmal in der Bibliothèque Nationale in Paris erhältlich. Das Latein des Negotium Otiosum bleibt äußerst schwierig.

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sehen Gestalt der Natur. Stahl - ohne Neoplatonist oder auch Naturmystiker zu sein - nimmt die Voraussetzungen dieses Erkenntnissystems zum Fundament seines Denkens. Er erschließt durch die genaue Beobachtung der Dinge, so wie sie in der Natur ersichtlich sind, ihre Gestaltungsprinzipien. Obwohl in der Sekundärliteratur zur Kontroverse von Leibniz und Stahl die Bemerkung eher beiläufig fällt, daß der Philosoph und der Mediziner aneinander vorbeireden,270 liegt darin eine Einsicht in den historischen Stellenwert dieser Auseinandersetzung. Die jeweiligen Argumente basieren auf ganz unterschiedlichen Analysen der Erscheinungsformen der Natur. Im Endeffekt zielen die Argumente auf Gegensätze zwischen einer Naturauffassung, die aufschlüsseln will, nach welchen Gesetzen der Materie die Natur funktioniert, und einer Naturauffassung, die in der Schöpfung dynamische Lebensprozesse seelisch zu erfassen sucht. Die letztere Auffassung zentriert den wirkenden Teil jeder natürlichen Veränderung konsequent im Geistigen. Die Kraft des Geistes wird in der Gestalt faßbar. Stahl kann als Exponent dieser Auffassung der Natur gelten. Die Grundformen dieses Denkens beziehen sich auf immanente Kategorien wie Entwicklungsformen, an das Maß der Zeit gebundene Prozesse (Krankheit, Vergänglichkeit, Tod) und Individuation. Ihr Gegensatz besteht in den andersgearteten Erkenntniszielen, welche die Gesetzmäßigkeiten der Natur auf der Mathematik und Physik begründen und von daher die Seele (hier: das immaterielle Prinzip) an die Kausalität der Materie binden. Es wäre falsch, das Negotium Otiosum als Auseinandersetzung eines Repräsentanten der pragmatisch ausgerichteten Medizin (impliziert wird dabei ein Mangel an abstraktem Denken) mit „dem" Philosophen der Aufklärungszeit zu deuten.271 Das sind fingierte und unergiebige Gegensätze. Ein jeder dieser beiden Kontrahenten bezieht sich auf die Einsichten und Methodik seiner Disziplin. Dabei - und es ist unerläßlich dies anfangs festzuhalten - setzt Leibniz die Regeln formaler Logik ein. Nur so kann er es vertreten, dem Wahrheitsgehalt der Wirklichkeit nachzukommen. Die Physik und Mathematik bieten ihm die Erkenntnisfelder, in denen die Logik Gesetze erschließen kann. Durch die Methodik seiner Disziplin und durch sein Erkenntnisinteresse (Physik und Mathematik als Aufschlüsselung der Realität) meint Leibniz, den Beweis zu führen, die Strukturen der „eigentlichen" Welt erschlossen zu haben. Ganz anders Stahl. Das Erkenntnisobjekt Natur, also der Inhalt der theoretischen Beschreibung natürlicher Prozesse, kann bei ihm nicht durch die Physik und ihre Hilfswissenschaft, die Mathematik, allein erfaßt werden. Denn die Bedingungen materieller Bewegung (Kraft, Anstoß, Masse, Beschleunigung etc.) mögen die Regeln des „zureichenden Grundes" erfüllen, können aber das Erkenntnisinteresse Stahls nicht befriedigen. Die Erforschung der Materie zersetzt sozusagen die Individuation, d.h. die in sich selbst begründete 270 271

Rothschuh, Leibniz, S. 241. Ebd., S. 240.

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Synergeia272 jedes Lebewesens, der auch jeder Arzt beim Patienten begegnet. Die Erforschung physikalischer Kausalitäten ist supraindividuell, entgrenzt jedes Individuum. Stahl versucht aber, den Bedingungen des lebendigen Organismus näher zu kommen. Das Erkenntnisinteresse von Leibniz löst, wenn man so will, die eigentliche Fragestellung Stahls auf. Die Physik und Mathematik im 18. Jahrhundert erforschen die res extensa. Stahl stellt die Frage der Individuation innerhalb der Ordnung der Natur, und er fragt nach der Bedeutung des Intellekts und des Willens. Der dynamischen Selbstbestimmung der Lebewesen inhärent ist die Frage nach dem Willen, die Frage nach der Entelechie von Bewegung. Diese Fragen und nicht diejenigen des kausalmechanischen Zusammenhangs der Materie beschäftigen Stahl. Gegenüber Leibniz verteidigt Stahl die These, daß Lebewesen nur bedingt den Erkenntnissen der Physik oder den übergreifenden naturwissenschaftlichen Regeln der materiellen Welt unterliegen. Das Ordnungsprinzip in der Individuation des Lebewesens nennt Stahl die Seele. Sie ist nicht prästabiliert. Grundlegend für Stahls Erkenntnisinteresse ist die Medizin. Seine Theoria entsteht aus den Grunderfahrungen dieses Wissensgebietes. Die medizinische Erfahrung relativiert die Methoden der philosophischen Erkenntnisweise insofern, als ihre Erfahrungen von dem Phänomen selbst ausgehen müssen, und jedes Gesetz der Natur nur dann weiterhilft, wenn es auch die individuelle Eigenart der Erscheinung in Betracht zieht und zu behandeln weiß. Bezeichnend für das Mißverständnis der Vorhaben Stahls und der spezifischen Problematik des Lebendigen ist die Kritik von Leibniz (Essay: I und Π), in der er Stahl vorwirft, unzulässige Unterscheidungen zu machen.273 Stahl hatte zwischen der anorganischen „Zufälligkeit" der Organisation von Materie und der organischen Selbstorganisation (Intelligenz) der Lebewesen einen qualitativen Unterschied konstatiert.274 Stahl erinnert Leibniz im Negotium Otiosum daran, daß er nicht an den absoluten Zweck („final causes") der Dinge denke, sondern an ihre Erscheinungsformen.275 Diesbezüglich meint Stahl, ist es unerläßlich, das Anorganische von dem Organischen zu trennen,276 weil - und dies muß im Sinne Stahls hinzugefügt werden - im Organischen die Verkörperung (oder „incorporation", „Inkarnation") und im Anorganischen das Körperliche („corporeale") unterschiedlichen Regulierungssystemen unterliegen. Wesensmerkmal des „incarnatus" ist

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275 276

Georg Emst Stahl, De synergeia naturae in medendo. Halle 1695; übersetzt von Bernward Josef Gottlieb als Über die Bedeutung des synergetischen Prinzips in der Natur für die Heilkunde, in: Georg Ernst Stahl, hg. v. Bernward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin 36), S. 39-47. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I, S. 24. Georg Ernst Stahl, De vera diversitate corporis mixti et vivi [...], in: ders., Theoria medica vera, [...] sistens. Halle 1708, S. 185ff. und 194ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 56-57. Ebd., S. 57.

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natürlich das Seelische, oder der Geist. Ein Stein z.B. mag Veränderungen ausgesetzt sein, aber er bedingt diese nicht selbst. Er ist dem Zufall der Veränderung ausgesetzt.277 Deswegen muß für die Theoria medica vera, die das Lebewesen beschreibt, die Seele axiomatisch bleiben.278 Im einzelnen bezieht sich die Auseinandersetzung zwischen Stahl und Leibniz auf folgende Bereiche: 1) Kausalität und Gesetz in der Natur; 2) Verstand und Bewußtsein; 3) Wahrnehmung und Körperprozesse (Stahl: „Organismus"). 1) Kausalität und Gesetzesmäßigkeiten in der Natur haben für Leibniz im weitesten Sinne eine mechanistische Struktur.279 Alles, was sich in der körperlichen Welt verändert, kann mechanisch erklärt werden (Essay Π).280 Mechanisch heißt hier soviel wie die nach Naturgesetzen erfolgende Veränderung der Materie. Der Zustand der Materie entsteht nur aus einem vorhergehenden Zustand, der den Gesetzen der Masse und der physikalischen Bewegung folgt.281 In diesem Sinne kann Leibniz behaupten, daß Gott die Maschine der Natur in Bewegung gesetzt habe, und daß sie nach vernünftigen und gesetzmäßigen Ordnungen selbständig weiterläuft (Dubia ΙΠ).282 Kein Dasein ist daher zufällig. Die Ordnung der Natur besteht aus Gesetzmäßigkeiten der Kraft und der Veränderung, der „seelische" (d.h. nicht körperliche) Entelechien entsprechen.283 Weil Leibniz die Ordnung der natürlichen Dinge nicht rein materialistisch auffassen möchte und sie zurückführt auf letzte Ursachen („final causes"), hypostasiert er die Monaden als Lösungsmodell für die Wechselwirkung des Geistigen und des Materiellen. Die KörperSeele-„Einheit" der Monade ist ein notwendiges Konstrukt, das den aristotelischen Atomismus in einen logischen Atomismus überführt: die Monade ist der erste Baustein der natürlichen Ordnung und repräsentiert den Zusammenhang zwischen dem materiellen und immateriellen Bereich.284 Nur sie erklärt im philosophischen Sinne die Kraft, die sich in der Materie realisieren kann, und ist als Einheit nicht mehr reduzierbar. Jede Monade spiegelt das Universum, vereint Materie und seelische Perzeption. Die Erscheinungen in der Natur folgen den Regeln von Ursache und Wirkung. Diese sind durch die Physik und die Mathematik, durch die Chemie und andere Wissensbereiche erschließbar. Alles kann mechanisch erklärt werden, aber der Mechanismus ist nicht materialistisch. Materie und Form oder Masse und

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De vera diversitate corporis mixti et vivi/Le mixte et le vivant, in: Stahl, Œuvres, Bd. II, S. 369. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 58ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I, S. 24ff. Ebd., S. 24. Ebd. Ebd., S. 30. Ebd., S. 25. Eine knappe, kenntnisreiche Zusammenfassung der „Monade" als Bestandteil der philosophischen und naturwissenschaftlichen Ideen von Leibniz. Siehe dazu: Jürgen Mittelstrass/Eric J. Aiton, Leibniz: Physics, Logic, Metaphysics, in: Dictionary of Scientific Biography VIII. New York 1973, S. 150-160, hierinsb. S. 156ff.

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Entelechie ändern sich nach Ursachen, nach den „efficient and final causes".285 Die Naturwissenschaften erhellen den unmittelbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aber dahinter gibt es noch unerschlossene Geheimnisse der Natur, deren Gesetzlichkeit es zu entdecken gilt.286 Nichts in der Welt ist aber irrational (Einleitung), Körper und Seele, obwohl notwendigerweise unterschiedlichen Bereichen angehörig, sind so genau aufeinander abgestimmt, daß eine prästabilierte Harmonie den subjektiven Eindruck einer Wechselwirkung zureichend erklärt.287 Monadologie und prästabilierte Harmonie ergänzen sich: sie sind eine prinzipielle und logische Antwort auf die Philosophie Descartes', deren Dualismus res cogitans und res extensa als unvereinbar ansieht. Stahl hat die Probleme der Kausalität und der Bewegung (die Beziehung von Anschub und Wirkung) anders gelöst. Schon in Paraenesis ad aliena a medica doctrina arcendum hat er betont, er müsse in der Untersuchung zum lebendigen Organismus die Physik und Chemie seiner Zeit beiseite setzen, denn sie erklärten nicht die Organisation des Stofflichen im Lebewesen. Das Lebewesen vermöge sich nämlich zu ändern durch Erkenntnisprozesse. Stahl beobachtete die Einheit des Erkrankungs- und Genesungsprozesses, weil sich beide als aktive Gestaltungsprozesse, die auf Wahrnehmungen reagieren, verstehen lassen. Da nach Stahl Bewußtsein im ganzen Körper präsent ist („anima rationalis"), laufen keinerlei Automatismen des Stofflichen ab, sondern die physiologischen Prozesse sind als die Endresultate von Perzeption zu betrachten. Erkenntnis besitzt der anorganische Stoff nicht; wohingegen das Lebewesen mit Wahrnehmungen operiert. Körper und Seele sind im Lebendigen nicht einmal durch eine prästabilierte Harmonie trennbar. Den Dualismus hält er für eine gefährliche Fiktion.288 Zweitens kritisiert Stahl in De mixti et vivi corporis vera diversitate,m daß es der Wahrheit kaum dienen könne, dem griechischen Atomismus zu folgen. Nicht die einzelnen Teile erklären das Ganze, sondern die Organisation des Ganzen gibt Aufschluß über interne und reaktive Prozesse. „Mischungen" (die chemische Zusammensetzung des Körperlichen) erklären nur stoffliche Voraussetzungen. Die mechanische Begründung stofflicher Kausalität wäre zum Beispiel nicht hinreichend, die Abnutzung im Alter und den natürlichen Tod zu erklären.290 Ebenfalls könne dieser Ansatz jenen Prozeß nicht erklären, der spezifisch lebendigen Wesen eigen ist: ihre Reproduktion und das Heranwachsen einer gattungseige-

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Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I, S. 25. Ebd., S. 30. Ebd., S. 35. Ebd., S. 25. Zuerst: Halle 1707. Dann als Einleitung zur Theoria medica vera. Eine der Schriften, auf die Leibniz Bezug nahm. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 58.

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nen Gestalt.291 Stahl weist darauf hin, daß insbesondere der Mensch im Vergleich zum Tier anfälliger sei für Krankheiten.292 Mit rein materiellen Gründen sei das nicht zu erklären. Bei eintretendem Tod zerfalle der Mensch in verschiedene Substanzen. Diese „Corruption" ist nicht mehr ins Leben zu rufen durch chemisches Einwirken.293 Von daher ist es wichtig, die Unterscheidung zwischen organischen und anorganischen Erscheinungen zu machen. Stahl hebt die „Zufälligkeit" in der anorganischen Welt hervor, um darauf hinzuweisen, wie andersartig die komplexe Selbstorganisation des Organischen und ihre Reaktionsfähigkeit sind.294 Die Seele ist das dem Lebendigen eigene Erkenntnisprinzip, das die Materien des Körpers organisiert. In der vita corporis bildet die Seele die Einheit mit dem Körper, die bestimmte Organisationszwecke verwirklicht. Leibniz hingegen schreibt, daß Bewegung nur in der Materie und Perzeption nur in der Seele stattfinde und ihre Einheit allein durch die prästabilierte Harmonie möglich sei, denn niemand könne erklären, wie die Gestalt und der Zustand der Materie aus der „perceptio" der Seele entstehen können.295 Stahl entgegnet, daß Seelisches und Körperliches nur scheinbar unvereinbare Qualitäten seien. Das Seelische sei nicht in seiner Ganzheit vom menschlichen Denken her zu verstehen.296 (Diese Aussage ist aufschlußreich, wenn in Betracht gezogen wird, daß Stahl von einem kosmosophischen Verständnis der Natur ausgeht und sich Seelisches daher auch auf Gott bezieht.) Abgesehen davon wäre es aber auch eine philosophisch falsch kombinierte Aussage, Seelisches und Körperliches als gegensätzliche oder unvereinbare Qualitäten zu definieren.297 Seelisches und Körperliches sind zwar von ihren Eigenschaften und Qualitäten her nicht gleichzusetzen, aber das verhindere keinesfalls ihren Bezug zueinander.298 Stahl betont nun gegenüber Leibniz, daß diese unterscheidbaren Größen in der Natur ins Verhältnis treten, d.h. nur in ihrem Verhältnis zueinander können sie überhaupt existieren und fortdauern. Der Stoff des Körpers kann nicht ohne die Seele die körpereigenen Bewegungen vollziehen, weil sinnliche Wahrnehmung und Intelligenz zur organischen Selbstregelung gehören.299 Das bewegende Prinzip, die Seele, könne ebenfalls ohne Materie die ihr eigenen Handlungsabläufe nicht realisieren. Sie wären im wahrsten Sinne gegenstandslos. Stahl widersetzt sich dem Argument des absoluten Dualismus von Körper und Seele mit folgenden Einwänden: „Agent" (= Bewegendes) und „Patient" (= Erdul-

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Ebd. Stahl, Theoria medica vera, S. 107. Ebd., S. 103-106. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 64. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 26ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 58. Ebd., S. 58f. Ebd. Ebd., S. 58.

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dendes) können als Gegensätze begriffen werden, aber nur abgehoben, als terminologische Fiktion.300 In der Realität ihres Bezuges aber, wenn sie nicht einem philosophischen System zu dienen haben, sind beide aufeinander angewiesen (reziprok). Das Erduldende (Patient) kann nicht existieren ohne Agent. Man kann daher nie behaupten, daß der Beweger des organischen Körpers körperlos sei, weil sonst der Beweger diese Rolle nicht erfüllen könnte, auch würde der Körper dann nichts „erdulden". Deswegen kann Stahl Leibniz nicht beipflichten, daß Körper und „Körperlos" (so etwas wie „immaterielle Seele") dualistisch zueinander in Opposition stehen müssen. Sicher wäre das philosophisch auf einer abstrakten Ebene möglich, aber nicht in der Realität - und Stahl fügt hinzu, mit dieser Realität beschäftige er sich.301 Stahl bestreitet vehement den Ausgangspunkt der dualistischen Philosophie, nämlich, „daß gegensätzliche Dinge keinerlei unmittelbaren Kontakt, kein Verhältnis, keine Wirkung oder Fähigkeit zu agieren, keine Geschicklichkeit und letztendlich weder Kraft noch Entgegennahme, noch besondere Eigenschaften besäßen".302 Ein so definierter Dualismus, hebt Stahl hervor, zerstöre absolut jede Realität des Agierens seitens des Bewegers (Agenten) und des Erduldens (Patienten) und hebe jede Beziehung von Subjekt und Objekt auf.303 Diese emphatische Aussage Stahls ist deswegen von größter Bedeutung, weil er im Mechanismus keine Lösung des Problems der Wahrnehmungsübertragung im Verhältnis Objekt und Subjekt sehen kann. Sein Organismusbegriff beruht hingegen auf dem Prinzip, daß die Wahrnehmung von „Dingen" intelligente und direktive (willensgesteuerte) Bewegungen verursacht. In diesem Sinne wären ihm die in der Medizin später formulierten, aus kausalmechanischer Betrachtung hervorgegangenen Reiztheorien zu kurz gegriffen, obwohl sicherlich Stahls leibseelischer Organismusbegriff die theoretische Basis für diese Entwicklung abgeben müßte. Die dualistische Auffassung von res extensa könne hier nur unzureichende Erklärungen liefern. Sie hat dann auch nur das problematische Konzept der vis innata in der Materie hervorgebracht und mußte sich erst recht mit der Bestimmung vitaler Kräfte auseinandersetzen. Ziel der Erklärung Stahls ist es, das Problem der zielgerichteten Bewegung im Lebewesen (Selbstorganisation) theoretisch faßbar zu machen. Der Körper kann als dreidimensional und als räumlich begrenzt begriffen werden.304 Aber als Körper selbst verfügt er nicht über Bewegung. Er sucht das Argument von Leibniz zu entkräften, daß die Bewegung in der Materie aus der Materie stammen müsse (Mechanismus). Die Bewegung kann nach Stahl nur a posteriori begriffen werden.

300 301 302 303 304

Ebd., S. 58ff. Ebd., S. 58f. Ebd., S. 58. Ebd. Ebd.

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Der Körper kann in situ und in progressu bewegt werden und vollzieht diese Bewegung, um bestimmte Effekte hervorzubringen.305 Die Materie selbst muß bewegt werden, denn in der Bewegung oder durch die Bewegung werden Ziele verwirklicht. Die Bewegung ist die Entelechie der Materie.306 Der Akt selbst und das Ziel entstehen aber nicht aus der Materie, sondern sind außerhalb der Materie zu finden, dem Wesen der Materie nicht zugehörig und ihr fremd. Die Ansicht, daß es kausalmechanische Bewegungen gibt - meint Stahl - , hat zu dem Fehlschluß geführt, daß Bewegung als etwas Willkürliches aufgefaßt werden konnte, aber dem sei entschieden zu widersprechen, weil dann Bewegung nicht als eine Handlung mit zweckmäßigem Verlauf erscheine, sondern als mechanische Physik. Jede Handlung aber setze einen Agenten voraus.307 Mit dieser sehr wichtigen Feststellung verbindet Stahl eine seiner Grunderkenntnisse, nämlich, daß Bewegung immer (im Lebewesen) ein erkenntnismäßig organisierter Vorgang ist. Vorgänge wiederum, in der Materie entstanden, als Handlungen vom Agenten her bestimmt und immer zielgerichtet, vollziehen sich auch im Zustand des vermeintlichen Ruhens.308 Damit weist Stahl indirekt auf seinen Begriff des motus tonicus Vitalis hin, der im Körper die lebenswichtige Anspannung in allen „flüßigen" und „festen" Teilen erklärt. „Bewegung" ist für Stahl ein physiologischer Zustand, ein direktiver Lebensprozeß, und schließt die motorischen Bewegungen als einfachste Variante mit ein. Die Struktur des Lebendigen ist bei ihm mit dynamis gleichgesetzt. Nun wird deutlich, warum Stahl Leibniz die mechanische Grundlage aller materiellen Bewegung strittig macht: in keiner Weise ist das vielgepriesene Uhrwerk als Erklärungshinweis für Kausalzusammenhänge in der Natur vertretbar. Auch die Methode, im Modell der Korpuskeltheorie ähnlich, erweist sich nicht als „Baustein" zur Erklärung lebenswichtiger Synergien.309 Sie folgt dem Modell der Konstruktion der Lebensprozesse aus „kleinsten Teilen" und nicht einer holistischen Auffassung synergetischer Beziehungen. Stahl läßt keine spezifische vis innata gelten, weil sein Organismusbegriff holistisch ist.310 Nur zwei Faktoren sind wesentlich: die Erkenntnisfunktion der Seele und die Instrumentalfunktion des Leibes. Dieses Ganzheitskonzept, das von der Erkenntnis (intellectus) ausgeht, ermöglicht es, unterschiedliche Wahrnehmungsarten integrativ zu begreifen. Im Negotium Otiosum, das im Unterschied zu seinen anderen Schriften vor allem die Bedeutung der Wahrnehmungsprozesse hervorhebt, unterscheidet er 1) die sinnliche Wahrnehmung, 2) das Begreifen und Beurteilen von Perzeption, 3) die Willensbewegung, die den Unterscheidungen von 305 306 307 308 309 310

Ebd., Ebd. Ebd. Ebd., Ebd., Ebd.,

S. 59.

S. 60. S. 63. S. 60ff„ 64.

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„gut" oder „schlecht" folgt und Vorgänge des Annehmens oder sich Entfernens unternimmt, 4) die Umwandlung der Perzeptionen ins abstrakte Denken.311 Die Voraussetzung eines holistischen Konzepts bedingt es, daß alle diese Vorgänge aufeinander bezogen werden. Man könnte sie im Bilde eines Raumes denken, wobei aber das Feld der sinnlichen Wahrnehmungen viel mehr Einfluß gewinnt als die Fähigkeit, abstrakt zu denken. Stahls Weigerung, intellectus mit Bewußtsein gleichzusetzen, heißt aber, daß die sinnliche Wahrnehmung sich direkt umsetzen kann in Körpervorgänge. Die Erkenntnisfunktion berührt die Instrumentalfunktion auch ohne Verstand, ist unmittelbar sinnlich umsetzbar und kann sich auch im Gefühl oder in jeder Empfindung bemerkbar machen.312 In diesem System ist es möglich, daß Erkennen in Irrwegen mündet. Erkennen ist nicht notwendigerweise unfehlbar oder untrüglich.313 Der Einfluß der Vorstellungen ist integraler Bestandteil des Erkennens und kann pathogenetische Vorgänge auslösen. In jedem Fall aber ist Erkennen - im breitesten Sinne des Wortes das innerste Regulativ aller gestaltgebenden Prozesse des Lebendigen. Als Beispiel führt Stahl den Zusammenhang zwischen Vorstellungen und Gefühlen und ihrem körperlichen Ausdruck im Puls, im Magen, in den Gedärmen und im motus tonicus Vitalis an.314 2) Verstand und Bewußtsein. In der Bewertung dieser Bereiche menschlichen Erkennens unterscheiden sich Leibniz und Stahl am grundsätzlichsten. Wie oben erläutert, bezieht Stahl durch die Gesamtgestalt der anima rationalis Verstand in das System anderer Erkenntnisformen mit ein und setzt die ganze Breite des Erkennens mit dem Körper gleich: der Körper ist von daher „intelligent", weil die Seele im ganzen Körper präsent ist.315 Leibniz, die Philosophie von Descartes aufgreifend, führt das uns bekannte Schema des Dualismus zwischen Denkfunktion und Körpermechanismus ein. Das Erkennen wird hierarchisiert und kategorisch eingestuft.316 Das Verstandesdenken entspricht der Fähigkeit, „klar und deutlich" Ideen zu repräsentieren und ist daher mit dem Bewußtsein gleichgesetzt.317 Ein Stufe darunter eingeteilt werden die „verworrenen" oder „dunkeln" Vorstellungen, die aus der Verbindung von sinnlicher Wahrnehmung und Willensbewegung hervorgehen.318 Auf dieser Stufe befinden sich die Leidenschaften, weil sie vom Verstand erlitten werden müssen und ihn „verdunkeln". Auf der untersten Stufe dieser Hierarchie befinden sich die Mechanismen der Materie. Diese gehor-

311 312 313 314 315 316 317 318

Ebd., S. 61. Ebd. Ebd., S. 63. Ebd., S. 61. Ebd., S. 62ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 28. Ebd. Ebd., S. 28f.

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chen den Gesetzen der Physik und ihrer errechenbaren Maße, Gewichte und Fortbewegungsgesetze.319 Die sinnliche Wahrnehmung beruht auf einem Modell, das im Sinne der Monade funktioniert. Die Monade ist der kleinste Baustein aus Wahmehmungsmöglichkeit (eine seelische Funktion, die prästabiliert ist) und Materie. Die sinnliche Wahrnehmung besteht daher aus kleinsten Einheiten der Materie, die aber mechanisch auf den Körper wirken.320 Sinnliche Wahrnehmungen wirken materiell auf die Körpersubstanz, und diese reguliert sich nach körpereigenen Verlaufsprozessen. Sie können den Bereich des Denkens durch ein kulminatives Verfahren erreichen, in dem der Verstand alles filtert und klar überdenkt.321 Übermächtigen die sinnlichen Mechanismen den Verstand, ist dieser zu keinem klaren Denken fähig. Instinktive Prozesse, die in diesem System möglich sein müssen - das Tier wird vom Menschen durch den Verstand unterschieden - ereignen sich auf der Ebene körperlich mechanischer Beeinflussung.322 Im Negotium Otiosum werden zwei Beispiele herangezogen, deren Erörterung die Unterschiedlichkeit der Auffassungen Leibnizens und Stahls klarmachen. Das erste betrifft das Hören, wobei Leibniz auch das Sehen erläutert.323 Hören und Sehen sind für Leibniz ein Vorgang, der sich aus der Berührung und Fortbewegung kleinster Partikelchen zusammensetzt. In Dubia V stellt Leibniz das Hören mit dem Sehen als analogen Vorgang gleich. Die wahrgenommene Farbe grün ergibt sich aus der Zusammensetzung zweier anderer Bausteine der Perzeption, nämlich gelb und blau. Wir zitieren die englische Übersetzung: „But I would not perceive the whole [green], made up of fine yellow and blue powders, unless I perceived the parts."324 Die sub-bewußten Elemente sind also körperlich in den kleinsten „parts" vorhanden und werden erst im Bewußtsein als grün erkannt. Der gleiche Prozeß führt zum Hören. Leibniz bestreitet nämlich die Aussage Stahls in der Theoria medica vera, daß ein Geräusch, obwohl wahrnehmbar, auch nicht gehört wird, trotz der Hörfähigkeit des Organs. Leibniz meint, dies könne nicht der Fall sein, denn alle materiellen Partikelchen wirken immer aufeinander. Der materielle Mechanismus korpuskularen Aufbauens müsse stattfinden. In Stahls erkenntnisorientiertem System ist das Hören nur relevant, wenn es stattfindet.325 Nicht der Mechanismus des Hörens muß verteidigt werden, und selbst das Ohr als Organ ist irrelevant, wenn keine Wahrnehmung erfolgt. In diesem Sinne bleibt auch der Körper taub, denn nichts „bewegt" sich als Folgeprozeß im Organismus. Mit anderen Worten, Stahl will den Automatismus (oder die 319 320 321 322 323 324 325

Ebd., S. 31ff. Ebd., S. 30ff. Ebd. Ebd. Ebd., S. 30. Ebd. Stahl, Theoria medica vera, S. 28ff.

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strikte Kausalitätsfolge) des Anreizes anzweifeln, weil er eine Psychologie der Wahrnehmung voraussetzt. Das Nichthören von etwas, oder das Hören von etwas, was nicht existiert, ist im gestaltenden Prozeß der Wahrnehmung genauso wichtig wie objektive Gegebenheiten. Also würde Stahl sagen, wenn grün nicht wahrgenommen wird, sind blaue und gelbe Bestandteile der Wahrnehmung ebenfalls ausgeschaltet. Stahl berücksichtigt in seinen medizinischen Arbeiten auch ausdrücklich den Zusammenhang zwischen Einbildung und Krankheit, wobei die Wirkung innerer Vorstellungen auf das Befinden des Menschen mitbewertet wird. Stahls Auffassung von Wahrnehmung ist ganz anders als diejenige der hierarchischen Aufgliederung von „deutlicher Verstand" abwärts bis zu „dunklen Vorstellungen". In der Einleitung zu den Dubia schreibt Leibniz, daß die Seele in bezug auf die Wahrnehmung des Körpers sehr beschränkt sei. Sie könne den Körper weder verstehen noch könne sie ihn durch den Willen regieren.326 Nur durch „verworrene Vorstellungen" und den damit verbundenen Appetit (Leibniz nennt diese „Kenntnis" auch Instinkt) vernimmt sie körperliche Regungen. Sie ist sich dessen aber nicht bewußt.327 Leibniz unterscheidet im cartesianischen Sinne Denken von sinnlicher Wahrnehmung. Die sinnliche Wahrnehmung - nach Leibniz - bewegt nur die „Maschine" des Körpers, weil nur körperliche „Impressionen" körperliche Wirkungen hervorrufen können. Somit teilt Leibniz die von Descartes eingeführte Einteilung in einen „freien" Verstand und sinnlich-verworrene, weil „undeutliche" Wahrnehmungen.328 Diese Bereiche der Wahrnehmung, schreibt Leibniz, stimmen überein mit den unwillkürlichen Bewegungen im Körper. Nur die willkürlichen Bewegungen sind ins Bewußtsein gehoben, und nur dabei kann erkannt werden, daß die Seele Mittel zu einem Zweck einsetzt.329 Im Bereich der unwillkürlichen und der körperlichen Reaktionen auf sinnliche Wahrnehmungen prägt sich hier das mechanistische Denken voll aus. Stahls Deutung des Hörens geht von der Wahrnehmung allein aus. Wenn diese seelische Fähigkeit nicht aufnahmebereit ist, kann nichts Körperliches etwas bewirken. Man sollte vielleicht nicht vergessen, daß Stahl während seiner Zeit in der Nähe von Quedlinburg vermutlich Fällen von Entzückung begegnet ist, deren Unfähigkeit, auf körperlichen Schmerz oder Stimulation zu reagieren, bekannt ist. Der Unterschied zwischen Leibniz und Stahl äußert sich auch in ihren jeweiligen Auffassungen von Krankheit. Leibniz versteht Krankheit als Veränderung oder „Korruption" der stofflichen Zusammensetzung des Körpers (Dubia XXXIV).330 Aus diesem Verständnis der Krankheit heraus empfiehlt Leibniz die Wirkung von

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Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - I, S. 28. Ebd. Ebd., S. 29. Ebd. Ebd., S. 35.

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Altematia, die medikamentöse Behandlung, die auf die körperliche Materie wirke und diese „alteriere" oder verändere. In diesem Zusammenhang kommt Leibniz auch auf die Leidenschaften zu sprechen, die er „körperlich" versteht, im Sinne des subtilsten „Abkochens" der Lebensgeister. Nur so kann erklärt werden, daß er schreibt: „unser Körper ist nicht nur eine hydraulisch-pneumatische Maschine, sondern auch eine Feuer-Maschine" (Dubia ΧΙΠ).331 Damit bleibt Leibniz eindeutig der mechanistisch-materiellen Auffassung der Medizin und der Gegner Stahls verhaftet. Stahl begreift Krankheit nicht als Veränderung der Materie des Körpers, sondern als „Abirren" eines organischen Prozesses. Eine falschgeleitete Organisation der Selbstheilungsmöglichkeiten der Natur ist pathogenetisch, und der gesamte Organismus wird in Mitleidenschaft gezogen. Krankheit ist nicht eine Veränderung der Körperstoffe, sondern ein Zustand, bei dem alle Empfindungen und der Verstand miteinbezogen werden. Krankheit kann - nach Stahls Meinung - nicht mit alterierenden Mitteln geheilt werden. Nach Stahl gibt es nur ganz wenige Alternatia, die wirklich körperverändemd wirken.332 Stahl empfiehlt evakuierende Mittel, nicht weil sie gewohnheitsmäßig in der Medizin des 18. Jahrhunderts angewandt wurden, sondern wegen ihrer Eigenschaft, die aussondernden Prozesse im Körper anzuregen. Gemäß der Einsicht seiner Zeit kritisiert Leibniz Stahls ablehnende Haltung zum Gebrauch von Opium. Leibniz nennt diesen Stoff als Beispiel der Anwendung eines alterierenden Mittels (Dubia XXIV).333 Stahl bleibt bei seiner Ablehnung des Opiums mit der Begründung, es lähme die Fähigkeiten des Organismus, gegen die Krankheit zu wirken.334 Das Leben begreift Leibniz als vegetative Kraft, durch welche der Körper sich bildet, ernährt, heilt und reproduziert (Dubia IX).335 In den Dubia zumindest bleibt bei Leibniz Leben an das Konzept von innewohnenden Kräften gebunden. Diese Idee hat Ähnlichkeit mit der von „Lebens-Geistern" oder verschiedenen „Seelen". Das würde bedeuten, daß Leibniz den medizinischen Erklärungen verhaftet bleibt, die gerade durch Stahl zurückgewiesen worden sind. Im medizinischen Erklärungsbereich greift dann Leibniz auch auf das in der mechanischen Medizin beliebte Beispiel des Herzens als Muskel zurück.336 Das weiterschlagende Herz, das vom Leib abgetrennt wurde, wird als empirischer Gegenbeweis zum Einfluß der Seele, die nach dem Tod den Körper „verlassen" hat, verwendet. Dieser allein und aus sich selbst heraus sich bewegende Herzmuskel soll beweisen, daß eine inhärente Kraft dem Körper eigen sei. Mit diesem Beispiel wollte man Stahls holisti331 332 333 334

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Ebd., S. 32. Stahl, Theoria medica vera, S. 140ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 35. Georg Emst Stahl, Untersuchung der übel curierten und verderbten Kranckheiten [...]. Leipzig 1726, S. 45ff. Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - 1 , S. 31. Ebd., S. 36.

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sches Konzept der „anima rationalis" ad absurdum führen. Dabei berücksichtigen weder Leibniz noch Stahls mechanistisch-empirische Gegner die Grundlage seines theoretischen Konzepts, nämlich, daß das medizinische Wissen auf eine holistische Sichtweise aufbauen muß, wobei Einzelerkenntnisse auf das Gesamte des organischen Lebens rückbezogen werden müssen. Ein „abgetrenntes" Herz erschließe zwar Wissenswertes, aber vermittle wenig an therapeutischen Erkenntnissen für die Behandlung sich selbst regulierender Lebewesen. Für Stahl ist die Bewegung keine Kraft, keine „Energie", die aus einem Einzelorgan oder einem Stimulus oder einer vis innata entsteht, sondern ein Verlauf oder ein Vorgang. Stahls Theorie des lebendigen Organismus hat sich nie abgeben wollen mit „Kräften" als anonymen, physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die einfach auf die „hydraulisch-pneumatische Maschine" zu übertragen wären.337 Für ihn ist es nicht sinnvoll, eine „vegetative" Kraft zu postulieren.338 Nicht eine „Kraft" vollzieht die zweckgerichtete Bewegung vitaler Vorgänge, sondern die Seele. Das Herz, das vom restlichen Körper getrennt weiterschlägt, ist tatsächlich nicht mehr als dasjenige, was sich die Mechanisten wünschen: eine sich weiterbewegende Pumpe. Liebe und Verzweiflung heben nicht mehr den Puls. Die Argumente von Leibniz gegen Stahl, obwohl sie die von Stahl aufgeworfenen Probleme des „Lebendigen" nicht lösen, bleiben in einer Hinsicht sehr wirkungsvoll. Durch die Vermittlung Christian Wolffs werden die Leibnizianischen Ideen in einen für das mechanistische Denken wichtigen Beweis für den Rationalismus umgemünzt. In der weiteren Entwicklung des Denkens des 18. Jahrhunderts ist der Kampf gegen die Theorie Stahls wesentlich. Das politische System eines bürokratischen und hierarchischen Staates bevorzugt ein Menschenbild mit geordneten Begriffen, die gesetzmäßig zu erklären sind. Die Apotheose des Verstands, durch Wolff und seine Rezeption von Leibniz und Descartes etabliert, wird zur Grundlage des rationalistischen Absolutismus. Das anthropologische Modell Stahls, aus seiner „anima rationalis" ableitbar, ist individualistisch geprägt und zudem pessimistisch in bezug auf die Reglementierung durch den Verstand. Verstand bleibt in Stahls Menschenbild den Irrwegen der Natur verhaftet. Die antimechanistische Ausrichtung seiner Erkenntnisse setzt auch Unübersichtliches voraus: ein Zusammenspiel von Innen und Außen, das auf theosophischen Ideen fußt und von daher die Ordnungen avisiert, die zum Beispiel Comenius bevorzugte, wie das Freiwillige (Spontaneitas), das Einfache und die Einheit, womit das Verbindliche (das Organische einer Gemeinde) gemeint ist. Dieser Ordnungsmöglichkeit „im Ganzen" ist die Unterordnung in Hierarchien oder die Bevormundung des Individuellen durch die Gesetzmäßigkeit der „Natur" fremd. Diesbezüglich ist das Problem der „Enthusiasten" nochmals aufgeworfen, weil sich im Bereich der Ideengeschichte die Sozialgeschichte spiegelt, eben der Gegensatz zwischen Weltbil337 338

Rather, The Leibniz-Stahl Controversy - II, S. 62. Ebd., S. 57.

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dem, die im Philosophischen und Metaphysischen einerseits Gesetz und Natur entdecken, andererseits Abwandlungen und Verbindungen: das Dynamische im Bezug zum Ganzen. Wenn bei Stahl die Apotheose des Verstandesdenkens fehlt, dann ist das auch gesellschaftsbezogen zu begreifen. Stahl klärt auf, aber er ist kein Aufklärer. 3) Wahrnehmung und Bewegung. Der wirklich neue Ansatz im Negotium Otiosum liegt in Stahls Ausdeutung des Zusammenhangs von Perception und Lebensprozeß (der Einfluß der Sinneswahrnehmung auf physiologische und emotionale Prozesse). Stahl nimmt die aus der Antike überlieferte Ansicht „nihil est in intellect quoad non est in sensibus" und radikalisiert sie für das 18. Jahrhundert. Im Gegensatz zum Rationalismus werden Sinneswahrnehmung und Erkenntnis engstens miteinander verbunden. Dieser Zusammenhang wird von Stahl a posteriori begriffen, und darin liegt der Unterschied zu Leibniz. A posteriori kann gleichgesetzt werden mit der Erfahrung. Die Erfahrung primär zu setzen, heißt ganz genau: nur aus dem Ausdruck oder dem Zeichen kann die Erkenntnis aufgeschlüsselt werden. Sie ist immer nur in der sich realisierenden Wirklichkeit zugänglich. Perzeption (in der Sinneswahrnehmung und in der Imaginatio) bewirkt Erkenntnis, und Erkenntnis verwirklicht sich in jeder physiologischen, emotionalen, motorischen und verstandesmäßigen Bewegung. Innen und Außen (seelische Erkenntnis und sinnesbezogene Wahrnehmung) werden erst in der Realität zu einem Ganzen, und aus dieser erfahrbaren oder „ablesbaren" Einheit kann die Gesamtgestalt des Lebendigen begriffen werden. Der Krankheitsprozeß muß auf die Semiotik bezogen werden, und das erfahrbare und erkennbare Muster der spezifischen Krankheit definiert den Zustand, in dem sich der Organismus befindet. Nicht nur Seele und Körper bilden eine Einheit, sondern auch Wahrnehmung und Bewegung. Die Einsicht in die Selbstregulierung des Organismus, diese Umsetzung von Wahrnehmung in Prozeß, bedingt Stahls Behandlungsmethode. Er bevorzugt eine expektative Therapie, weil diese ihm einen sinnvollen Eingriff in den Verlauf der Krankheit ermöglicht, der die Heilkräfte des Organismus zu unterstützen weiß. Stahls Einsicht in die Dynamik des Lebendigen führte ihn zur Kritik am ärztlichen Eingriff. Er verfaßte mehrere Schriften über iatrogene Krankheiten, die er als Dissertationen verteidigen ließ. Diese hat der Verleger Caspar Jacob Eyssel in Leipzig in die deutsche Sprache übersetzen lassen unter dem Titel: Untersuchung der übel curierten und verderbten Krankheiten, Leipzig 1726. Auch in den Consilia medica von Stahl ist der praktische Aspekt seiner Theorie offenkundig. Krankheitszeichen, Lebensumstände und Therapie - nicht nur medikamentöse - werden genauestens aufeinander abgestimmt. Aus den Dubia von Leibniz kann ein anderer Bezug von Perception und Bewegung erschlossen werden. Leibniz will die Realität auf philosophische Grundlagen bezogen haben. Deswegen erarbeitet er ein metaphysisches System, bei dem a priori Seele und Materie aufeinander abgestimmt werden. Allerdings müssen dabei 219

diese Dimensionen einer begrifflichen Logik folgen. Seelisches Erkennen erfolgt in der Vorstellung, und diese ist weitgehend von der Materie unabhängig. Bei der Auffassung von Krankheit und dem Beispiel des Herzens als sich bewegender Muskel, der auch weiterarbeitet, wenn er vom Körper abgetrennt wird, stoßen wir bei Leibniz auf mechanistische Erklärungen. Er hat nicht wie Stahl die Erfahrung als methodischen Zugang zur Aufschlüsselung von Realität genommen und deswegen die Überleitung sinnlicher Wahrnehmung in Körperprozesse im Sinne Stahls nicht verstanden. Bei Leibniz herrscht ein metaphysisches Verständnis von perceptio vor, das in der Überformung durch Christian Wolff in eine psychologische Theorie mündet, in der Wahrnehmungsvorgänge aufgegliedert und voneinander getrennt werden: sinnliche Wahrnehmung und Verstand werden nicht synergetisch, sondern oppositär gesehen wie im Dualismus von Körper und Seele. In der Kritik an Stahl jedenfalls löst Leibniz das Problem der unmittelbaren Übergänge von Perzeption und entelechetischem Prozeß (der intelligenten Gestaltung eines Vorganges im Leib) nicht. Er bleibt diesbezüglich hinter der im Organismusbegriff Stahls gelösten Problematik des medialen Charakters der Perzeption für Lebensprozesse zurück. Die phänomenologische Lösung der Theoria medica vera in bezug auf Wahrnehmung und Erkenntnis ist der metaphysischen Lösung der prästabilierten Harmonie, bei welcher die Vorstellung Materie nicht direkt beeinflussen kann, voraus. Bewegung ist bei Leibniz eine Entäußerung von Kraft oder Energie, aber kein synergetischer Vorgang. Das Negotium Otiosum ist die letzte gründliche Ergänzung zur Theoria medica vera. Es verdient viel mehr Beachtung, als ihm bisher geschenkt wurde. Die Nachwirkungen sind groß, weil Christian Wolff die Prämissen von Leibniz aufgreift und sie als Aufklärungsphilosophie schlechthin in Deutschland verbreitet.

220

V.

„Die Vernunft ist verderbt": Medizin und Metaphysik in der Aufklärung

1.

Die mechanische Medizin

Stahl hat mit seinen Einwänden gegen den Mechanismus und den Rationalismus die medizinische Diskussion des 18. Jahrhunderts bestimmt. Wesentliche philosophische und medizinische Schriften dieser Zeit gehen der Frage nach dem Zusammenhang von Körper und Seele nach. Zur Diskussion steht die von Stahl hervorgehobene Problematik aus dem Negotium Otiosum, nämlich, wie sich Erkenntnis und Wahrnehmung im Körper realisieren. Die Diskussion weist zwei Hauptanliegen auf: 1) die in der mechanischen Medizin vertretene Ansicht, daß im Körper selbst materiell gebundene Kräfte herrschen, die keiner seelischen Steuerung zu folgen brauchen. Die „Seele" wird dem Verstand und dem Bewußtsein gleichgesetzt; 2) die in der Nachfolge Stahls vertretene Theorie einer dem ganzen Körper innewohnenden Seele, deren Wirkung insbesondere die Gemütsbewegungen, die Einbildungskraft, Krankheiten und nervlich empfindliche Vorgänge umfaßt. Nach dem Erscheinen des Negotium Otiosum im Jahre 1720 weitet sich der Kampf zwischen Mechanisten und Stahlianern aus. Nach 1720 erfolgt die Verbreitung der Schriften Christian Wolffs, denen seitens der Pietisten heftiger Widerstand geleistet wird. Wolff vertritt in seinen philosophischen Schriften eine dualistische Psychologie. Diese ordnet das System einer integrativen Seelenlehre zu einer strengen Hierarchie um. Die Bedeutung der Psychologie Wolffs ist für die Medizin nicht zu unterschätzen. Die Isolierung des Verstands vom Körpergeschehen, wie sie Wolff entschiedener als alle früheren Philosophen konstruiert, führt zu einer Abwertung des Körpers und fördert die Ansicht, der Mensch sei durch somatisch entschlüsselbare Mechanismen erklärbar. Die berühmten Entdeckungen Albrecht von Hallers, die Irritabilität in den Muskeln und die Sensibilität (in den Nerven), beziehen sich folgerichtig nur auf den Körper. Die „Seele" bleibt davon unberührt. Wolffs Einfluß hatte darüber hinaus eine entscheidende Wirkung auf die Bewertung der Einbildungskraft und der Gefühlsregungen im Menschen, die er dem Körperbereich zuteilt und gegen den „reinen" Verstand ausspielt. Mit dieser Einordnung der seelischen Kräfte unter die Hierarchie der Vernunft wird die aufklärerische Ideologisierung des Verstandesdenkens als Inbegriff höchster menschlicher Leistung vorangetrieben. Diejenigen, die diese Meinung nicht teilen, beharren auf einem holistischen Modell psychisch-körperlicher Wirkungen. Sie betonen den Einfluß der sinnlichen 221

Erkenntnis, die viel eher als der Verstand den Menschen zu bewegen und zu bestimmen vermag. Sie wollen beweisen, daß für die Medizin die Berücksichtigung dieser Vorgänge ein nicht vernachlässigbares Wissen darstellt. Um die Mitte des Jahrhunderts vermehren sich die Schriften, die den Einfluß der Gemütsbewegungen, der Einbildungskraft und der Seele im Sinne von Stahls „anima rationalis" thematisieren. Es kristallisiert sich der Begriff „lebendige Erkenntnis" heraus, der all jene Wahrnehmungsbereiche umschreibt, die unmittelbar sinnlich auf das Befinden und Denken des Menschen einwirken. Im Wort „lebendig" klingen die Auffassungen nach, die es den Pietisten so wichtig erscheinen ließen, gegen die cartesianische Anthropologie ihr Menschenbild zu verteidigen. Die Verknüpfung der Medizin mit dem Konzept einer lebendigen Natur, wie es noch am Anfang des Jahrhunderts in der Erweckungsbewegung vertreten wurde, weicht zunehmend einem medizinischen Bild somatisch bezogenen Wissens, das mit Teilergebnissen zufrieden ist. Die mechanische Medizin fand in der Kreislauflehre William Harveys ein Erklärungsmodell, dessen logische Konsequenz die Gleichsetzung der medizinischen Wissenschaft mit anatomischen und physiologischen Erkenntnissen erlaubte. Diese Beschäftigung mit strukturbezogenem Wissen führte zum Konzept somatisch-vitaler Untersuchungen, wie sie in den experimentellen Ergebnissen meßbarer Reizwirkungen festgehalten wurden. Muskel- und Nervenreiz waren eingrenzbare Untersuchungsgebiete. Diese Untersuchungsfelder der empirisch-mechanisch orientierten Medizin beeinflußten die anthropologischen Bestimmungen der Aufklärung. War der Mensch durch Reiz- und Reaktionsmodelle „meßbar" geworden und durch die Vernunft „befreit", wurde der Körper beherrschbar. Sinnliches wurde im Reizmodell systembezogen. Das Interaktionsspiel von Verstand, Wille und Gemüt brauchte nicht mehr der Deutung von Zeichen und Wesen (Körper und Seele) zu folgen. Der Körper wurde entpersonifiziert als Energiefeld biovitaler Prozesse: L'homme machine.1 In der medicina mechanica, wie sie am Anfang des Jahrhunderts von Nicolaus Hieronymus Gundling, Professor der Jurisprudenz in Halle, charakterisiert wurde, ist der Unterschied zu den Stahlianem hervorgehoben. Gundling schreibt über die mechanische Medizin folgendes: Im übrigen hatt, vorjetzo, die Medicina Mechanica, vornehmlich in Holland, ihren Sitz; Woselbst, man, vor Anderen, den Herrn Boerhaven [sie] verehrte. In Teutschland aber haben wir den hochberühmten und nunmehrigen königlichen Preussischen Geheimen Rath und Profess. Public, zu Halle, Herrn Dr. Friedrich Hofmannen [sie], der als ein Vater vieler hundert vernünftiger und größten Theils berühmter Medicorum, nicht nur in Teutschland, sondern auch anderer Orten, veneriret wird.2

1

2

Julien Offray de La Mettrie, L'homme machine. Leiden 1747. Der Titel dieses Buches hatte symbolische Bedeutung: das Werk wurde atheistisch aufgefaßt. Nicolaus Hieronymus Gundling, Vollständige Historie der Gelahrheit oder ausführliche Discourse [...]. 4 Bde. Frankfurt/Leipzig 1734. Bd. IV, S. 5227.

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Als Opponenten der medicina medianica charakterisiert Gundling die Stahlianer: Die Heim Stahlianer hergegen statuiren das Gegentheil; Es sey nemlich die menschliche Seele das Primum Movens in dem Cörper; Und die Cörperliche Mechanistische Structur nur ein Instrumentum ermeldten Motoris; Auch die eingegebenen Arzneyen sind eine bloße Anreizung, die Seele in Bewegung zu bringen. 3

Bei den Stahlianem betont dann Gundling, daß diese im Zusammenhang mit den morbis acutis „auf die Passiones Animae gar genau reflectiren".4 Dieses zeitgenössische Urteil zeigt an, wie früh sich die unterschiedlichen Grundpositionen etablierten. In einer Arbeit, die medizinische Dissertationen „von psychiatrischem Interesse" vor 1750 auflistet, schreibt der Autor, daß der cartesianische Dualismus vorherrschte, bis „das neue Konzept der Einheit von Leib und Seele von Stahl vorgetragen wurde".5 In Zedlers Universal-Lexicon von 1733 heißt es: Mechanisch (Mechanice) philosophieren diejenigen, welche die Würckungen oder Veränderungen der natürlichen Cörper aus ihrer Structur vermöge der veränderlichen Gesetze der Bewegung auf eine verständliche Art erklären, und folglich die Cörper als Maschinen ansehen. Denn, da alle Cörper zusammen gesetzet sind, ihre Veränderungen auch nach gewissen Regeln der Bewegung geschehen; so ist ein jeder Cörper eine Maschine [...].6

Die „mechanische Medicin", fügt er hinzu, „ist diejenige, welche lehret, das nicht nur alle Krankheiten aus dem Mechanismus des menschlichen Cörpers zu erklären, sondern auch zu heilen sey".7 Die mechanische Medizin sieht den Leib als Körper, als Bestandteil der physikalischen Welt, ein zusammengesetztes „Aggregat" verschiedener Stoffe. Für sie besteht der Körper aus Masse, Gewicht und berechenbaren Bewegungen. Zwar verfügt der Körper auch über lebendige Kräfte, die mit verschiedenen Termini eine dem Körper eigene Bewegkraft umschreiben, aber in der Materie gibt es keine Seele. Hermann Boerhaave, Professor an der Universität Leiden, bestreitet nicht, daß der Mensch aus Körper und Seele besteht, lehnt aber jede medizinische Beschäftigung mit der Seele ab. Boerhaave wollte nach dem Vorbild von Descartes die Medizin anhand einfacher und klarer Prinzipien neu begründen.8 Er meinte, dies könne nur erfolgen, wenn man den Körper als res extensa betrachte. Körper und 3 4 5

6

7 8

Ebd. Ebd. Oskar Diethelm, Medical Dissertations of Psychiatric Interest Printed before 1750. Basel 1971, S. 117. Johann Heinrich Zedier, Grosses und vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. 69 Bde. Halle und Leipzig 1732-1754, hier Bd. 20 (1739), S. 22. Ebd. Lelland J. Rather, Mind and Body in Eighteenth Century Medicine. A Study based on Jerome Glaub's ,De regimine mentis'. Berkeley 1965, S. 118ff. (auch für die im Text folgenden Angaben zu Boerhaave).

223

Seele seien Substanzen völlig unterschiedlicher Art. Sie seien zwar genauestens aufeinander abgestimmt, aber niemand habe das Geheimnis ihres Zusammenhanges ergründen können. Boerhaave meinte, die Medizin brauche sich nicht mit der Erforschung „metaphysischer" Ursachen abzugeben. Ihr genüge es, sich genau an die körperlichen Eigenschaften und Vorgänge zu halten, die durch Beobachtung und Experiment abgeleitet und bewiesen werden könnten. Der auf mechanische Prinzipien bedachte Arzt brauche nur die körperlichen Eigenschaften zu erforschen, zu verstehen und zu lenken. Diese Meinungen wurden von Boerhaave in seiner Oratio De usu ratiocinii, mechanicii in medicinae habita in auditorio magno vom 24. September 1702 vertreten.9 In seinen Institutiones10 (1708) wird dieses „Credo" des Iatromechanismus11 weiter verankert. Diesen mechanischen Grundprinzipien folgte auch Friedrich Hoffmann. Schon bei seiner Antrittsvorlesung in Halle im Fach Philosophie wählt Hoffmann das Thema: „Philosophia naturalis et Cartesiana, doctrinam de motu, solido, fluido, et gravitate, et levitate, illamque variis mechaniciis experimentis illustrabit".12 Bei dem Tonusbegriff und in der Erklärung über den Zusammenhang von Körper und Seele werden Hoffmanns mechanistische Ansichten klar. Die Experimente von Borelli, Santorio und Baglivi zeigten die Bedeutung der Spannkraft im Faserbau des Körpers.13 Auch Friedrich Hoffmanns Erklärung des Tonus gründete sich auf der Kontraktion und Dilation in den festen Teilen des Körpers. Aber die Bewegung in diesen Teilen erfolgte für ihn nicht von selbst, sondern durch den Einfluß eines nicht näher definierten Principium movens, dessen Sitz im Gehirn lokalisiert ist.14 Das Principium movens bewirke eine Bewegung der Hirnhaut, die im „Nervenfluidum" an alle Faserteile des Körpers weitergegeben werde. Das „Nervenfluidum" sei stofflich dem Blut beigemischt und vermittle nicht nur Bewegung, sondern auch Empfindung. 15 Dieses Konzept ist mechanisch, weil es Bewegung und Empfindung als stofflich gebunden begreift und die „subtile Materie" der Nervensubstanz mechanisch vom Anstoß im Gehirn abhängig macht. Die mechanische Beurteilung des Blutkreislaufes bei Boerhaave und Hoffmann ist davon nicht prinzipiell zu unterscheiden. Der Unterschied zu Stahls motus tonicus Vitalis besteht darin,

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14

15

Ebd., S . l l . Hermann Boerhaave, Institutiones medicae in usus annuae exercitationis domésticos. Leiden 1708. Grit E. Lindeboom, Hermann Boerhaave, in: Dictionary of Scientific Biography. Bd. I. New York 1970, S. 225. Codex Lectionem Annuarum I, Universitär- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle, Yb 3885 c. Georg Ernst Stahl, hg. v. Bemward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin 36), Einleitung, S. 18. Julius Pagel, Friedrich Hoffmann, in: August Hirsch (Hg.), Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker [...]. Special-Redaction von E. Gurt. 6 Bde. Wien/Leipzig 1884-1888, hier Bd. III, S. 238ff. Ebd.

224

daß Stahl Intelligenz im Körper als Empfindungs- und Wahrnehmungsakt der Seele verstand. Damit wäre nach Stahls Meinung die Erkenntnis mechanischer Abläufe überflüssig, weil ihre Variationsmöglichkeit im Wahrgenommenen und nicht im Antrieb zu suchen sei. Die „anima rationalis" kann die Empfindung körperlicher Bewegung (motus tonicus Vitalis) in den Verstand integrieren. Der motus tonicus Vitalis ist vom Tonusbegriff der medizinischen Zeitgenossen Stahls zu unterscheiden. Der Medizinhistoriker Bernward Josef Gottlieb deutet die Ähnlichkeit zwischen Stahl und Hoffmann im Tonusbegriff 16 nicht richtig: die Anerkennung der vitalen Funktion der Körperfasern ist Stahl und Hoffmann gemeinsam, aber Hoffmann bleibt Mechanist, wenn er einen Ablauf konstatiert, wo Stahl die Wahrnehmungsfähigkeit im Körper registriert. Den Gewinn an methodologischen Erkenntnismöglichkeiten für die Medizin, den Hermann Boerhaave in der cartesianischen Abspaltung des körperlichen Bereichs sah, um diesen unter mechanischen Prinzipien zu erforschen, verschärfte die Auseinandersetzung um anthropologische Deutungen. Der Dualismus Schloß prinzipielle Überlegungen über die Wechselwirkung von Körper und Seele aus. Jede „kognitive" Steuerung im Körper mußte geleugnet werden, im mechanistischen Modell waren Kausalmechanismen zu erforschen, die körpereigen waren, also entweder anatomischen Erkenntnissen folgten (insbesondere die Muskelstrukter) oder chemischen bzw. physiologischen Veränderungen unterworfen waren.17 Bewegungskräfte waren in diesem Modell nicht intelligent, sondern gehörten zum „Stoff' des Körpers: die Reizkraft der Muskeln oder die Automatismen der Blutzirkulation. Der einzige prominente Arzt der Aufklärungsepoche, der sich dem Cartesianismus und dem Mechanismus in der Medizin widersetzte, war Stahl. Auch er hatte sich die neueren Entdeckungen der Zeit zu eigen gemacht: er war versiert in der Chemie, er akzeptierte den Blutkreislauf und das neue anatomische Wissen. In der Sekundärliteratur zu Stahl findet man aber des öfteren die abschätzig gemeinte Bemerkung, daß er sich nicht um anatomische Kenntnisse bemühte.18 Aus dem Verkaufskatalog seiner Bibliothek wissen wir,19 daß er fast alle wichtigen anatomischen Atlanten und Lehrbücher besaß. Stahl lehnte die Anatomie nicht ab, sondern polemisierte gegen die Anschauung, daß dieses Wissen dem Problem

16 17

18

19

Georg Ernst Stahl, hg. v. Gottlieb, Einleitung, S. 18. Richard Toellner, Albrecht von Haller. Über die Einheit im Denken des letzten Universalgelehrten. Wiesbaden 1971, S. 137-151: „Physiologie als Naturkunde" und S. 157-182: „Physiologie als tierische Mechanik". Julius Pagel, Georg Ernst Stahl, in: Hirsch (Hg.), Bibliographisches Lexikon, Bd. V, S. 502: „S. bekämpfte jede naturwissenschaftliche Behandlung der Medizin; Anatomie und Physiologie erklärt er für überflüssigen Ballast der Medizin"; James R. Partington, A History of Chemistry. Bd. 2. London 1961, S. 657: „Stahl regarded anatomy, as well as physics and chemistry, as of little importance in medicine." Verzeichnis des Naturalien=Cabinetts, der Bibliothek, Kupferstiche und Musikalien [...] des seligen [...] Herrn G. E. Stahl. Berlin 1773. (Mit G. E. Stahl ist Stahl jun. gemeint. Aber die Sammlung stammt von seinem Vater.), British Library, Sign.: 657.Ì.38.

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Gesundheit und Krankheit näher komme. Schließlich behaupteten die Mechanisten, daß aus ihren Experimenten Kausalerklärungen ausgearbeitet werden könnten, die Gesundheit und Krankheit besser erklären würden. Aus dem Experiment gewann die Medizin ein reicheres Wissen über Aufbau und Funktionen des Körpers.20 Aber die Fragen wurden nach dem mechanischen Modell gelöst. Albrecht von Haller differenzierte den Tonusbegriff, in dem er um 1740 seine Ergebnisse von denen Boerhaaves abgrenzte. Haller schrieb, daß Boerhaave „die Nerven für den wahren ersten Grundstoff des menschlichen Körpers" hielt, und Boerhaave meinte, „daß kaum ein Teilchen des menschlichen Körpers sei, welches nicht empfinde oder sich bewege".21 Gegen diese undifferenzierte Ansicht Boerhaaves wandte sich dann Haller. Er hatte „verschiedenes dagegen zu erinnern".22 Hallers Tierexperimente zeigten ihm, daß es drei ganz unterschiedliche Faserarten gebe: die Zellgewebsfaser, die Muskel- und die Nervenfaser.23 Zweitens konnte Haller demonstrieren, daß der Muskelfaser und der Nervenfaser andersartige Funktionen zukamen. Die Irritabilität der Muskelfaser bestand in ihrer Fähigkeit, sich auf Anreiz zu kontrahieren.24 Dagegen besaß die Nervenfaser alleine die Eigenschaft zu empfinden und war ausschließlich Trägerin der Sensibilität.25 Die von Haller entdeckte Irritabilität der Muskelfaser war aber für ihn keine Lebenskraft, keine vis Vitalis, sondern eine vis propria, eine vis insita, eine vis innata.26 Haller wollte seine Entdeckungen nicht mit der Seele verbunden wissen. Als Haller sich gegenüber Julien Offray de La Mettries L'Homme Machine (Leiden 1748) ablehnend verhält - das Buch wird ihm gewidmet - , leugnet er zwar nicht die Existenz der immateriellen, unsterblichen Seele, grenzt diese aber entschieden vom Körper ab.27 Haller weist de La Mettrie darauf hin, daß „die Gleichzeitigkeit psychischer und physischer Vorgänge nichts über deren kausale Verknüpfung aussage".28 Auch leugnet Haller jeden Bezug der Reizbarkeit zur Seele.29 Die von Haller entfachten Kontroversen in bezug auf die Ausdeutung „vitaler" Kräfte bleiben hoch aktuell. Noch 70 Jahre nach seinen grundlegenden Experimenten, im Jahre 1827, stand in der Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und

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22 23 24 25 26

27 28 29

Richard Toellner, Albrecht von Haller, S. 157ff. Alexander Berg, Die Lehre von der Faser als Form und Funktionselement des Organismus, in: Virchows Archiv 309 (1942), S. 333-460, hier S. 425. Ebd. Toellner, Albrecht von Haller, S. 159ff.; Berg, Die Lehre von der Faser, S. 421. Toellner, Albrecht von Haller, S. 173ff. Ebd., S. 179ff. Richard Toellner, Anima et Irritabilitas. Hallers Abwehr von Animismus und Materialismus, in: Sudhoffs Archiv 51, (1967), S. 141. Ebd., S. 137. Ebd. Ebd., S. 138.

226

Künste,

in e i n e m Aufsatz, der den gesamten Werdegang der

Entdeckungen

Albrecht v o n Hallers zusammenfaßte, folgendes: Haller sonderte die Muskeln nur zukommende Kraftäußerung durch die Benennung Irritabilität, von dem in allen Gliedern verbreiteten Tonus. Im J. 1739 erklärte H. zuerst, daß die Muskelkraft von der Irritabilität abhänge; von 1747 an unterschied er bestimmter die todte Kraft, Elasticität, Tonus, die eigentliche Muskelkraft, Irritabilität und Nervenkraft, Sensibilität, so daß den Muskeln eine dreifache Kraftäußerung zukomme: die vis mortua, vis insita oder irritabilis und vis nerva. Diese neue Lehre trug er in seiner Physiologie vor, es erschienen über diesselben mehrere Dissertationen von Zimm 1749, von Öder 1751, von Zimmermann 1752, von Wolsdorf und Castelli 1753. Im J. 1752 hielt H. zwei akademische Reden in welchen er zu beweisen suchte, daß die Empfindlichkeit nur den Nerven zukomme, und das Vermögen auf einen Reiz sich zusammen zu ziehen nur der Muskelfaser eigentümlich und von den Nerven ganz unabhängig sei. Diese Reden wurden 1753 in den Göttinger Commentarien durch den Druck bekannt gemacht und verwickelten H. in vielen Streitigkeiten mit Le Cat, de Haen, Delius, Krause, Vondelli U.A., seine Gegenschriften sind in den Mémoires sur les parties sensibles et irritables Lausanne 1756-1759 enthalten, auch findet sich viel darüber in seiner Physiologie. Man sieht aus dieser Darstellung, wie H. behutsam, unter fortdauernden Experimenten an lebenden Thieren nur Schritt für Schritt die Unabhängigkeit der Muskelreizbarkeit weiter ausdehnte [...] Wie schwierig es aber ist, über diese Lehre zur Gewißheit zu gelangen, beweisen wohl die widersprechenden Meinungen der Physiologen über diesselbe jetzt noch, nach einem Zeitraum von fast 70 Jahren. 30 D a s Erbe der frühen Mechanisten in der Medizin, deren Verdienst es sicherlich ist, viel zur naturwissenschaftlichen Medizin beigetragen zu haben, besteht in der fast aggressiv zu nennenden Ausklammerung der Seele. In der 1 7 5 4 erschienenen Übersetzung der Physiologie

Hermann Boerhaaves durch den Professor der M e d i -

zin Johann Peter Eberhard k o m m t dies nochmals deutlich z u m Ausdruck. 3 1 Eberhard will mit Boerhaave die S e e l e auf das B e w u ß t s e i n reduzieren und ihr j e d e n anderen Einfluß im Körpergeschehen absprechen: 1) Denn wir glauben nicht, daß die wilkürlichen Muskeln von dem Willen als eine Ursache bewegt werden, sondern wir behaupten nur, daß sich die wilkürlichen Muskeln bewegen, wenn wir es wollen, die zum Leben erforderlichen aber unseren Willen nicht folgen. Beides geschieht nach einem einmahl festgesetzten Gesetze ohne einen würklichen Einfluß. 2) Weil die Seele nur über die zum Leben notwendigen Werckzeuge eine wilkürliche Gewalt äussert. Ich bitte hier, daß die Gegner folgendes mit gehöriger Aufmerksamkeit betrachten mögen: Die Gränzen der wilkürlichen Herrschaft sind so enge eingeschrenkt, daß kein Sterblicher und auch kein Thier etwas nach seinen Willen im Herzen, im Magen, und in den übrigen Eingeweiden unmittelbar hat ändern, Leben [sie] wieder ersetzen, vermehren und vermindern können. 32 Der dritte Punkt bezieht sich auf den Einwand, daß die S e e l e nur j e w e i l s einen Gedanken unterhalten und d e s w e g e n niemals für „unbewußte" V o r g ä n g e zuständig

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Johann Samuel Ersch/Johann Gottfried Gruber (Hg.), Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste. Zweite Section, H-N, erster Theil. Leipzig 1827, Art. ,Albrecht von Haller', S. 292-304, hier S. 302f. Hermann Boerhaave, Physiologie [...] übersetzt und mit Zusätzen vermehrt von Johann Peter Eberhard. Halle 1754, S. 949-957. Ebd., S.954f.

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sein könne.33 Mit diesen Argumenten wird noch lange nach Stahls Tod der Kampf der Mechanisten gegen den Einfluß der Seele ausgefochten. Es ist eine Linie der Argumentation, die mit dem Einwand von Leibniz begann, daß ein dem Leib entnommenes Herz weiterschlägt. Die Seele könne nach diesem Beweis, schrieb schon Leibniz, kein impetus faciens sein.34 Gegen den Arzt Johann Gottlob Krüger schrieb man in den Freymiithigen Nachrichten von neuen Büchern 1753, daß der Herr K. die Seele für das Wasser hielt, das die Mühle treibt [...] Aber das Wasser ist ein Körper, dessen Kräfte wir messen und wägen können: und wo bleibt bey einem aus dem Leibe gerissenen Herzen oder Darme, dessen Bewegung so sichtbar ist, dieser Ursprung der Bewegung? 35

Als Heinrich Friedrich von Delius (1720-1791), den Pagel „einen der gelehrtesten und ausgezeichnetsten Ärzte und Naturforscher des 18. Jahrhunderts" nannte,36 und der Hallers Reizbarkeitstheorie kritisierte, schrieb man diesem unter dem Verdacht des Sympathisantentums mit Stahl stehenden Arzt in den Göttingischen Zeitungen von Gelehrten Sachen (1752) folgenden Denkzettel: „Der Reiz bleibt, wo die Seele weg ist, nach den hiesigen Erfahrungen, die Seele ist also nicht der Reiz [...] Ein vom Leib getrennter Darm ist unempfindlich, er hat mit der Seele nichts mehr gemein, er bleibt aber so reizbar wie vorher."37 Die Anzahl der Ärzte und ihrer in offener oder verdeckter Form kritischen Schriften gegen Stahl ließe sich verlängern, insbesondere um Laurentius Heisters Abhandlung von der Vortrefflichkeit der mechanischen Arzneylehre (Vorrede datiert 1744),38 die gegen die Stahlianer gerichtet ist und die Meinung einer Medizinwissenschaft wiedergibt, die in der Heilkunst keinen Platz für „metaphysische Spekulationen" sieht. Heister war einer der erfolgreichsten Chirurgen des 18. Jahrhunderts, Universitätsprofessor in Altdorf und Helmstedt und repräsentiert ein sozusagen nüchternes Extrem mechanistischer Ansichten. Heister sei, so schreibt ein Medizinhistoriker, „wegen der Demaskierung Stahls" wichtig.39 Im Grunde aber weist die ausführliche Schrift Heisters keine neuen Argumente auf. Sie bleiben innerhalb der Reichweite mechanistischer Einwände, deren Hauptpunkte schon oben dargestellt wurden.

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Ebd., S. 956f. Walter Pagel, Helmont - Leibniz - Stahl, in: Sudhoffs Archiv 24 (1931), S. 52. Freymiithige Nachrichten. Zürich 1753, S. 223. Julius Pagel, Heinrich Friedrich von Delius, in: Hirsch (Hg.), Biographisches Lexikon, Bd. VI, S. 688. Göttingische Zeitungen von Gelehrten Sachen. Göttingen 1752, S. 459. Laurentius Heister, Practisches medizinisches Handbuch oder kurzer doch hinlänglicher Unterricht wie man die innerlichen Kranckheiten am besten curieren soll. Nebst einer Abhandlung von der Vortreflichkeit der mechanischen Arzneylehre, neue verbesserte Auflage. Leipzig 1763 (Vorrede datiert 1744). Robert Herrlinger, Heister contra Stahl, in: Ärztliche Praxis 49 (1951), S. 5.

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Die Kontroverse reißt aber nicht ab, weil selbst die Entdeckungen der medicina medianica, insbesondere auf dem Gebiet der Nervenphysiologie, immer die gleichen Fragen aufwerfen. Die Sackgasse, in die die Mechanisten unweigerlich gelangten, betraf den Bereich der Wahrnehmung und der psychologischen Verarbeitung sinnlicher Einwirkungen, nicht die anatomische Erklärung oder den Nachweis einer vis innata. Das Problem des gestaltenden Mitwirkens der Gemütsbewegungen und der Vorstellungen im körpereigenen Bereich läßt sich nicht mechanisch lösen. Stahls Organismusbegriff blieb von grundlegender Bedeutung wegen der logischen Schlüssigkeit seiner Theorie, die den Zusammenhang körpereigener Lebensprozesse mit Wahrnehmungsprozessen erklären konnte, ohne den deus ex machina der prästabilierten Harmonie ins Feld zu führen. Sobald man Stahl folgte, war aber der Dualismus nicht haltbar. Ein Schüler Stahls, Johann Daniel Göhl, hat dies in seinem Buch Aufrichtige Gedancken über den von Vorurtheilen Kranken Verstand, besonders in der delicaten Materie von den spiritibus animalibus, oder sogenannten Nerven=Geistern (Halle 1733) wohl richtig erkannt. Göhl bestreitet in diesem Buch einerseits den Ansatz der mechanischen Medizin, wie andererseits ihre Grundlage in der Philosophie Christian Wolffs, Descartes' und Leibniz'. 40 Göhl studierte in Halle, war einer der ersten Schüler Stahls und führte in den Anfangsjahren im Klinikum am Waisenhaus unter Stahls Anleitung die Aufsicht über die Patienten.41 Die Aufrichtigen Gedancken gab Johann Juncker aus dem Nachlaß heraus. Juncker betonte in der Vorrede, es sei außerordentlich wichtig, dieses Buch dem Publikum nicht vorzuenthalten.42 Göhl verteidigt die Lehre Stahls. Als Diskussionsgrundlage nimmt Göhl die Nerventheorie. Für ihn gilt, daß „das systema nervosum [...] allenthalben in die membranen und musculn mit eingewebet ist".43 Er sieht die gespannten Nerven als Bestandteil des Tonus, dieser von der Seele in vitaler Spannung gehaltenen Grundstruktur des Körpers: „Es ist vielmehr der tonus diejenige natürliche Spannung, womit die Seele die Nerven beständig hält; und kan der sensus so wenig ohne tono seyn, als eine Saite kan Klang geben, wenn sie nicht gespannet ist".44 Bei Göhl waren die Nerven ein spezialisiertes Spannungsgewebe, Teil des motus tonicus Vitalis und, wie dieses Werkzeug der Seele, weil die Nerven die sinnlichen Wahrnehmungen und die Empfindung im Leib (z.B. das Schmerzempfinden) vermittel-

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Johann Daniel Göhl, Aufrichtige Gedancken über den von Vorurtheilen Kranken Verstand, besonders in der delicaten Materie von den spiritibus animalibus oder sogenannten Nerven=Geistem. Halle 1733, S. 43ff. Johann Daniel Göhl, Medicina Practica, Clinica et Forensis [...] quam praemisso beati auctoris vitae curriculo in lucem edidit Samuel Schaarschmidt. Leipzig 1735. Göhl, Aufrichtige Gedancken, Vorrede (O.S.) von Johann Juncker. Ebd., S. 178. Ebd., S. 98.

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ten.45 Die Empfindung sei an die Nervenleistung gebunden und deswegen nicht allein eine spezifische Leistung der Seele. Damit setzt Göhl zu einer differenzierten Erklärung des Körper-Seele-Zusammenhangs an, die im wesentlichen gegen Wolff gerichtet ist. Wolff geht nach Göhls Meinung erstens von einem falschen physiologischen Modell der Nerven aus (als Röhrchen)46 und trennt zweitens die körperliche Nervenfunktion von der seelischen Empfindung ab.47 Ja noch paradoxer ist es, wenn Wolffius in seiner Metaph. § 220.222. die Empfindungen unter die Gedanken der Seelen rechnet. Denn empfinden ist bei weitem das noch nicht, was Gedencken ist: Gedencken ist eine Folge der äußerlichen und innerlichen Empfindung und Einbildung; welche eine unmittelbare Bewegung von dem alterierten systemate nervoso praesupponiren, und also muß ein influxus physicus statuirt werden, sonst kommt man nicht fort. 48

Göhl hält Wolff vor, daß Empfinden nicht so etwas wie eine Gleichschaltung der Seele auf den Reiz sei. Vielmehr sei Empfindung eine integrierte Leistung, die sich aus verschiedenen Vorgängen körperlicher und seelischer Art zusammensetze.49 Der Gedanke formt sich erst aus der sinnlichen Information, und diese verbindet sich assoziativ mit der Einbildung. Der Gedanke „praesupponirt" den nervlichen Impuls. Das heißt nun nicht, wie bei Wolff, daß die Seele wegen der prästabilierten Harmonie die Fähigkeit besaß, in eigener Regie auf die Vorgänge im Körper zu reagieren. Der Gedanke war dynamisch und auf den Körper angewiesen,50 aber auch fähig, die Impulse des Körpers anders zu gestalten.51 Mit dem „inflexus physicus" meinte Göhl die direkte Beeinflussung des nervlichen Apparates durch seelische Vorgänge. Der „influxus" heißt bei Göhl „mutuus influxus animae in corporis".52 Bei Göhl wie bei Stahl gingen die körperlichen und seelischen Prozesse ineinander über. Der nervliche Impuls war in der Einheit von Körper und Seele einer der Vorgänge, die zur Gesamtdynamik psychophysischer Prozesse beitrugen.53 Der Vorwurf gegen die Wolffianische Metaphysik und damit auch der Unterschied zu dem, was die Stahlianer für wahr hielten, wird bei Göhl in der Kritik an der prästabilierten Harmonie klar: sie [die Wolffianer] können ohne die subtile flüssige Materie in dem Gehirn und denen Nerven keinen motum in machina corporis demonstrieren, und diese ist leider ein non ens. Und wenn sie auch wiircklich ein ens wäre; so ists nicht begreiflich, wie die motus in dieser Art göttlicher

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Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd.,

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S. 101. S. 83. S. 109ff. S. 110. S. 83ff. S. 95. S. 131. S. 66. S. 90ff.

Maschinen, die an sich keine Empfindung hat, ohne Empfindung erfolgen können; denn was gehet das dem Leibe an, daß es nur allein die Seele empfinde, und er nicht. 54

Da die Diskussion um Stahls „anima rationalis" und ihr Gegenpart, die mechanische Medizin, ohne den Einfluß Christian Wolffs nicht zu verstehen sind, wenden wir uns im folgenden den philosophischen, medizinischen und psychologischen Ideen Wolffs zu.

2. Christian Wolff und die Hierarchie der Vernunft Das Zeitalter der Aufklärung wird verklärt als Epoche der Vernunft. Die Aufklärung versteht sich selbst als Zeit der Reife, in der „der Mensch" alles das abwirft, was als Fessel, Falle und Benebelung definiert werden kann und den Menschen davon abhält, sich selbst als Gipfel der Schöpfung zu begreifen. Das Vermögen, das ihm dies ermöglicht und den Menschen von den Tieren unterscheidet, ist sein Verstandesdenken. Konnte man res cogitans und res extensa als unvereinbare Qualitäten voneinander trennen, war man idealiter nicht mehr an die Gebrechlichkeiten des Körpers gebunden: der Verstand konnte als durchdringendes Instrument der Erkenntnis verselbständigt werden. Die Apotheose der Vernunft öffnete den Weg zur unbeseelten Betrachtung des Körpers. Christian Wolff schrieb über den Körper, es „gehöret zu einem Körper 1. eine Materie, 2. ein Wesen und 3. eine bewegende Krafft [...] Er sey ein aus Materie zusammengesetztes Ding, das eine bewegende Krafft in sich hat".55 Auch Leibniz vertrat die Ansicht, der Körper sei eine entseelte Materie. Walter Pagel schreibt über Leibniz, daß dieser meine, „die Unterschiede von Organismus und Mechanismus seien nur scheinbare, quantitative. Der Organismus ist ein sehr feiner, göttlicher Mechanismus".56 Mit dieser harmlos anmutenden Verlagerung dynamischer Prozesse ins rein Körperliche, eine perspektivische Verschiebung, die durchaus folgerichtig sein kann, suchte man im „Körperlichen" nach strukturellen Eigenschaften wie Reizreaktionen und bewirkte damit eine weltanschauliche Veränderung: die unbeseelte Betrachtung des Körpers. Der Mechanismus ist per definitionem seelenlos, seine Organisationsmöglichkeiten müssen über physikalische Gesetzmäßigkeiten verlaufen, sonst tritt das ein,

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Ebd., S. 191. Christian Wolff, Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch aller Dinge überhaupt, den Liebhabern der Wahrheit mitgetheilet [...]. 3. Aufl. hin und wieder vermehret. Halle 1725 ('1720), S. 383. Walter Pagel, Helmont - Leibniz - Stahl. Leipzig 1931 (Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin 24), S. 19-59, hier S. 49.

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was Leibniz als „Chaos" in der Natur bezeichnet.57 Stahl hatte den Organismus als seelengesteuert begriffen, weil nur dadurch die Spontaneität der lebendigen Umstrukturierungsprozesse zu erklären sei. Leibniz aber besteht darauf, daß die Seele mit der Bewegung und deswegen auch mit den körperlichen Prozessen nichts zu tun habe, „auch nicht mit den feinsten Bewegungen z.B. den Sinnesempfindungen".58 Diese aus dem cartesianischen Dualismus entwickelte Philosophie verbreitet Christian Wolff, und sie wird zum ideologischen Fundament der Aufklärung in Deutschland.59 Anstatt die Bereiche der Umwandlung und der gegenseitigen Beeinflussung von dynamischen Prozessen leibseelischer Einheit zu untersuchen, folgt Wolff der Logik des more geometrico, des Aufgliederns in unterschiedlichste Teile, eine dem Maschinenbild der Welt entsprechende Untersuchungsmethode. Das Erkenntnisprinzip ist dasjenige der deduktiven Untergliederung: jede Funktion wird klar beschrieben und von jeder anderen abgesondert. Wie bei einer Maschine haben sich die Teile dann funktionsfähig wieder in ein Ganzes zusammenzufügen. Die Methode des more geometrico bezieht sich nicht allein auf den Körper. Der Dualismus von Geist und Seele veränderte das gesamte Bild des Funktionierens innerer Vermögen. In der vom Pietismus vertretenen Anthropologie konnten die Leidenschaften Unterschiedliches bewirken: einerseits den Abfall vom Weg zur seelischen Vollendung, andererseits aber den Impetus dazu liefern, die Seele zu Gott zu heben. Dieser „lebendige" Prozeß konnte die nützliche Einbindung der verschiedenen Gaben des Empfindens und Denkens fördern. Wie Christian Friedrich Richter in der Höchst=Nöthigen Erkenntnis schrieb, wäre es keine der Seelenführung zuträgliche Ansicht, die Gefühle zu entwerten, weil dadurch die Leute dazu verleitet sein würden, die Gemütsbewegungen „wie Wasser wegzuschütten" und nicht zu erkennen, daß in diesem Wasser gelöst echtes Gold zu entdecken wäre.60 Wie stark sich Wolffs Einfluß auf die Beurteilung der Seelen vermögen auswirkte, ist in Grimms Wörterbuch nachzulesen, in dem unter der Eintragung „Vernunft" der bezeichnende Satz zu lesen ist: „die leidenschaften überhaupt aber

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Georg Ernst Stahl, Negotium Otiosum. Halle 1720. In der Übersetzung von Lelland J. Rather, The Leibniz-Stahl Controverse}" - I. Leibniz' Opening Objections to the ,Theoria medica vera', in: Clio Medica 3 (1968), S. 29. Walter Pagel, Helmont - Leibniz - Stahl, S. 51. Carl Hinrichs, Preußentum und Pietismus. Göttingen 1971, S. 388ff.: Die Auseinandersetzung mit Christian Wolff; Werner Schneiders (Hg.), Christian Wolff (1679-1754). Interpretationen zu seiner Philosophie und deren Wirkung. Hamburg 1983; Hans-Martin Gerlach (Hg.), Christian Wolff als Philosoph der Aufklärung in Deutschland. Halle 1980. Christian Friedrich Richter, Die höchst=nöthige Erkenntnis des Menschen, Oder ein deutlicher Unterricht von der Gesundheit und deren Erhaltung: auch von den Ursachen, Kennzeichen und Nahmen der Kranckheiten [...] Halle 1719 ('1710): Vom Endzweck und Inhalt dieses Tractats, S. 9.

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[...] sind doch in ansehung dessen, was die vemunfft dem menschen vorschreibt, lauter schwächen."61 1709 beginnt Christian Wolff in Halle seine Vorlesungen über die Philosophie.62 Er gibt sie bald in deutscher Sprache heraus: Vernünfftige Gedancken von den Kräfften des menschlichen Verstandes.63 Bald folgen andere Schriften, insbesondere De Sinarum Philosophia practica (1721), deren These es ist, daß die menschliche Tugend aus dem Verstand allein abzuleiten sei, ohne die Notwendigkeit, sich an eine Religion zu halten.64 Die gegen die Pietisten gerichtete Pointe dieser Schrift liegt darin, daß niemand von den tugendhaften Chinesen behaupten könne, sie seien Christen. Wolff läßt nicht locker in seinem Angriff auf das religiöse Weltbild: seine umfangreichen Schriften, die doppelröhrige Waffe Volkssprache und gelehrtes Latein benutzend, erreichen beträchtliche Auflagen. Der einflußreiche Johann Christoph Gottsched gibt die Philosophie Wolffs als Weltweisheit in zwei Bänden heraus, und diese erreicht bereits 1766 eine achte Auflage (erste Auflage 1731).65 Die umfangreichen Originalschriften von Wolff erzielen ebenfalls ungewöhnlich hohe Auflagen. 1719 erschien seine deutsche Metaphysik, die Verniinfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele der Menschen, ein Werk, das 1738 in achter Auflage erscheint. Auf dieses Buch, das Wolffs Psychologie der Vernunft ausführlich darstellt, gehen wir im folgenden ein. Schon Carl Günther Ludovici hat in seiner Darstellung von 1738, Ausführlicher Entwurf einer vollständigen Historie der Wolffischen Philosophie (Leipzig), auf die außergewöhnliche Wirkung und Popularität der Wolffschen Schriften aufmerksam gemacht. Wolffs Weltweisheit umfaßt alle Gebiete gelehrter Interessen und zieht sie in einem rationalistischen System zusammen. Gott ist nicht abwesend in diesen Verniinfftigen Gedancken, aber im Gegensatz zum Pietismus wird ihm ein Ort zugewiesen. Gott hat eine Stelle im System - eine Säkularisierungsmaßnahme sondergleichen - , die jede unergründliche Ehrfurcht und Preisgabe menschlichen Daseins an den göttlichen Willen von vornherein vermeidet. Nicht nur Gott, sondern auch die Natur ist wissenschaftlich im Wolffschen System eingeordnet. Wolff ist der konsequenteste Vertreter der „neuen" naturwissenschaftlichen Methode. Sie ist das eigentliche Fundament seiner Philosophie. Wolff vermittelt ausführlich die Methode der Experimentalwissenschaft, indem er Arbeitsweise, Instrumente und Ergebnisse einer großen Anzahl von Versuchen beschreibt.66

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Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. 16 Bde., hier Bd. 25, Abt. I. München 1984 (Nachdruck DTV), S. 929. Gabriel Wilhelm Gotten, Das jetztlebende gelehrte Europa. Braunschweig/Hildesheim 1736, S. 692-764: Christian Wolff, hier S. 698. Ebd. Ebd., S. 699f. Walter Schatzberg, Scientific Themes in the Popular Literature and the Poetry of the German Enlightenment 1720-1760, in: German Studies in America 12. Bern 1973, S. 52. Ebd., S. 49ff.

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Niemand in der gelehrten Welt des 18. Jahrhunderts konnte dem Einfluß der Wölfischen Philosophie und ihrer Propagierung der „neuen" Methode entgehen, und dementsprechend sind auch die Denkmuster, die er seinen Zeitgenossen einprägte, zu einer durchgreifenden Wirkung bei der Umgestaltung des Weltbildes im Sinne der Aufklärung geworden. Aber der Rationalismus Wolffs blieb nicht unumstritten. Schon Christian Thomasius griff ihn in einem Anhang zu den Gemischten Händeln an,67 ganz zu schweigen von den scharfen Kontroversen, die Joachim Lange und Johann Franz Buddeus68 gegen sie führten. Die Bearbeitung dieser Schriften würde aber eine eigenständige Abhandlung voraussetzen. Die Stahlianer vertraten ebenfalls ihre Meinung. Johann Daniel Göhl sei stellvertretend zitiert: Man muß sich gewiß verwundern, daß bei dem größten Flor des äusserlichen Christentums, besonders des geläuterten Evangelii, die Philosophie aus Mangel der Erkenntnis der Eigenschaften geistlicher Wesen, oder vielmehr aus eigenmächtiger Verwerfung derselben, weil sie mit Sinnen begreiflich sind, da sie sich doch durch Wirkungen zu erkennen geben, ärger als die Heyden speculieret, unnütze Dinge erdacht und als Wahrheiten supponieret haben. 69

Göhl streitet mit den Erfahrungen der Medizin gegen Wolffs Trennung von Leib und Seele. Die mechanistische Auffassung des Körpers könne vielleicht für eine „machina inanimata" gelten, aber würde niemals ausreichen, ein Lebewesen zu beschreiben.70 Und also confundiren ja diese Auetores selbst wieder, was sie vorher von einander unterschieden haben wenn sie alles ohne Unterschied, nemlich so wol die machinas divinas als artificiales, in den Mechanismum universe mit hinein setzten. Welches eben die Sache ist wowider die Erfahrung der Medicorum streitet.71

„Wider die Erfahrung der Medicorum": zum zweiten Mal wird die Erkenntnis aus der Erfahrung zum Instrument der Kritik an Wolff. In dem auf Gott gerichteten Naturbegriff der theosophisch-mystischen Tradition nahm die Erfahrung der äuße-

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Gabriel Wilhelm Gotten, Gelehrtes Europa, S. 726. Joachim Lange, Der Theologischen Facultät zu Halle Anmerckungen über des Herrn Hof=Raths und Professors Christian Wolffens Metaphysicam, Von den darinnen befindlichen so genannten der natürlichen und geoffenbarten Religion und Moralität entgegenstehenden Lehren. Nebst beygefügter Hr. Hoff=Rath und Prof. Christian Wolffens gründlicher Antwort. Cassel 1724; ders., Ausführliche Recension der wider die Wolffianische Metaphysic auf 9 Universitäten und anderwärtig edirten sämmtlichen 26 Schriften [...]. Halle 1725; Johann Franz Buddeus' Bedenken über die Wolffianische Philosophie nebst historischer Einleitung zu gegenwärtigen Controversie. Freyburg 1724; Christian Wolff, Nöthige Zugabe zu den Anmerckungen über Herrn D. Buddeus Bedenken von der Wolffischen Philosophie und Veranlassung der Buddischen Antwort. Frankfurt/M. 1724. Johann Daniel Göhl, Aufrichtige Gedancken über den von Vorurtheilen Kranken Verstand, besonders in der delikaten Materie von den spiritibus animalibus, oder sogenannten Nerven=Geistern. Halle 1733, S. 42. Ebd., S. 46. Ebd., S. 47.

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ren Natur einen Zeichencharakter an, der das Wesen der Natur deuten konnte. Die Erfahrung war Teil der Muminatio Dei.72 In der Stahlianischen Theoria medica vera lernt der Arzt den therapeutischen Umgang mit Krankheit durch die auf Beobachtung ausgerichtete Erkenntnis pathologischer Prozesse, deren Wesen mit dem seelischen Befinden des Menschen eins ist. Das Wissen des Heilungsmächtigen ist nicht philosophischer Natur, sondern aus der Erfahrung gewonnen, so Stahl, die jedes Symptom im Komplex der Krankheitsmuster, einem dynamischen Geschehen, richtig zu deuten weiß. Der Arzt muß über seelische Reaktionen Bescheid wissen und die natürlichen Ausdrucksweisen eines erkrankten Körpers zu ihnen in Bezug setzen. Erfahrung ist in diesem Sinne einmal empirisch begründet, zum zweiten aber in ihrer prognostischen Eigenschaft ein visionärer Vorgang, der auch das Verhalten im seelischen Bereich mitbeeinflußt. Wolff entzweit Erfahrung und Wissenschaft, weil er die Erkenntnismethode vom Vemunftschluß her ergründen möchte. Erfahrung ist für ihn eine Quelle der Fehler, weil er sie als Oberfläche begreift, deren Scheinwelt betrügt. Die wahre Struktur der als Körperprozeß zu begreifenden Bewegung verläuft nach Gesetzen, die nur durch die Logik der Wissenschaft (= die wissenschaftliche Vernunft) zu erschließen sind. Wolff schreibt: Weil man nun von demjenigen, was man durch blosse Erfahrung erkennet, daß es ist, nicht einsieht, wie es mit anderen Wahrheiten zusammen hänget; so ist bey diser Erkäntnis gar keine Vemunfft und wird dannenhero die Erfahrung der Vernunfft entgegengesetzt. Wissenschaft aber kommet aus der Vemunfft. 73

Erfahrung ist hier reduziert wiedergegeben, wie das Beispiel, das Wolff diesbezüglich anführt, klar macht: daß die Sonne aufgeht, kann jeder erfahren. Hingegen, nur ein Astronom kann erkennen, warum dies so sei, und kann es beweisen. Er „erkennet solches durch die Vernunft". 74 „Vernunft" heißt bei Wolff so viel wie die Methode experimenteller Induktion, ein im Folgeverfahren auf die Theorie umgesetztes, abstrahiertes System miteinander verbundener logischer Sätze. Die Theorie, aus punktuellen Ergebnissen gewonnen, erschließt die ersten Prinzipien, die dann zu einer „Wissenschaft" führen. Wissenschaft ist nicht empirisch, sondern systembezogen. Für Wolff täuscht die Erfahrung nur vor, daß es eine Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele gebe: „Insgmein glaubet man, daß durch die Krafft des Körpers Gedancken in der Seele und durch die Kraft der Seele Bewegungen im Leibe hervorgebracht werden."75 Man habe, schreibt Wolff, dieses

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Erich Seeberg, Gottfried Arnold, die Wissenschaft und die Mystik seiner Zeit. Meerane 1926, S. 206, in bezug auf Arnold, Dippel, Campanella, Paracelsus: „Und die göttliche Weisheit schließt alle Erkenntnisse auf, die der Vernunft verschlossen bleiben: Alle Wissenschaften, auch die Naturwissenschaften, gewinnen ein neues Licht." Christian Wolff, Vernünjftige Gedancken, S. 227. Ebd., S. 228. Ebd., S. 471.

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weder begreifen noch auf eine verständliche Art erklären können, „allein man habe vermeinet, er [der Zusammenhang zwischen Seele und Körper] sey in der Erfahrung gegründet".76 Aber die Erfahrung kann nichts beweisen, was „weder aus den Begriffen, die wir von dem Leibe und der Seele haben, und den Regeln, die beyden in ihren Wiirckungen als Gesetze ihrer Natur vorgeschrieben sind", hergeleitet werden kann.77 Wolff nimmt die cartesianische Trennung von res cogitans und res extensa noch strenger als dieser selbst. Der Vernunftschluß erlaube es nicht, daß eine geistige Kraft Materielles bewege, daher ist es unmöglich, daß eine körperliche Kraft in ein „Nichts", also in Gedanken, hineinwirke.78 Dies wäre eine Auflösung dieser Kraft, sozusagen eine Unmöglichkeit in der natürlichen Welt. Wolff übersieht daher bewußt das Problem, dessentwegen sogar Descartes die „Lebensgeister" eingeführt hat, als er es unternahm, die Leidenschaften anhand von dualistischen Grundprinzipien einzuordnen.79 Denn Descartes sah sehr wohl ein, wie notwendig es war, die körperlichen Änderungen zu erklären, die mit einer affektiven Erregung zum Vorschein kamen. Wolff deutet die Lebensgeister als „die subtile Materie [Hervorhebung J. G.-K.] in den Nerven", wirft aber Descartes zugleich vor, dieser habe die Übereinstimmungen zwischen Körper und Seele nur durch Gott retten können, denn Descartes habe postuliert, daß Gott „durch seine unmittelbare Krafft die Bewegungen in den Körpern und die Gedancken in den Seelen" genau abstimme.80 Diesen Ausweg bezeichnete Wolff als wider die Natur, denn er verletze die Naturgesetze der Bewegung.81 Die Seele und der Körper seien durch ihre unterschiedliche Natur getrennt, und jeder Bereich funktioniere nur nach der eigenen Kraft: Da nun die Seele ihre eigene Krafft hat, wodurch sie sich die Welt vorstellet, hingegen auch alle natürliche Veränderungen des Leibes in seinen Wesen und seiner Natur gegründet sind, so siehet man leicht, daß die Seele das ihre vor sich thut, und der Körper gleichfalls seine Veränderungen vor sich hat, ohne das entweder die Seele in den Leib, und der Leib in die Seele würcket, oder auch GOTT durch eine unmittelbare Würckung solches Verrichtet, nur stimmen die Empfindungen und Begierden der Seele mit den Veränderungen und Bewegungen des Leibes überein. 82

Die Erkenntnismethode der Vernunft entwirft eine andere Art der Entdeckung von Natur. Sie begründet die Wahrheit in der Logik. Das Problem „Innen" und „Außen" ist nicht mehr metaphorisch greifbar, das „Innen" wird nicht vom äußeren Zeichen enthüllt. Der Kern ist sozusagen herausoperiert worden und mit ihm auch das Geheimnis einer Weisheit, die im Unsichtbaren nexus causarum natura76 77 78 79 80 81 82

Ebd., S. 473. Ebd., S. 473-474. Ebd., S. 456ff„ 461ff„ 479,483ff. Renatus Cartesius, Von den Leidenschaften der Seele, hg. v. Heinrich Tilesio. Halle 1722. Christian Wolff, Vernünfflige Gedancken, S. 476. Ebd., S. 477. Ebd., S. 479.

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lium83 verwirklicht wird. Der „Zusammenhang der Dinge" liegt nicht mehr im formgebenden Geist der Schöpfung, sondern in der sie entdeckenden Vernunft. Wolff nannte dies den „nexus sapientiae".84 Ein Wissen, dessen Wahrheitsbeweis durch die Logik erschlossen wird, muß stringent Seele und Körper trennen. Die Seele „bewegt" nichts in der Materie; dies können nur Substanzen, die aufeinander wirken. Der Körper kann nicht die „reine" Vernunft, den Beweisschluß der reinen Logik, beeinflussen.85 Um die Schlüssigkeit dieses Systems aufrechtzuerhalten und nicht an der Wirklichkeit solcher Phänomene wie Sinneswahrnehmungen und affektive Erregung (paradigmatisch für den Leib-Seele-Zusammenhang) vorbeizugehen, muß die prästabilierte Harmonie als Begriff einer genauen Übereinstimmung im Wolffschen System erhalten bleiben.86 Die Entdeckung der Natur durch die Vernunft erschloß nicht nur das Naturgesetz, die Regelhaftigkeit der physikalischen Welt, sondern bestimmte auch die „neue" Psychologie. Wolff legt ein neues System der „Vernünftigen Gedanken von der Seele" fest. In diesem wird konsequent die Trennung von Seele und Leib vollzogen, und alle kognitiven Vermögen entledigen sich stufenweise der sie verwirrenden sinnlichen Einflüsse. „Die Empfindungen und Begierden der Seele [stimmen] mit den Veränderungen und Bewegungen des Leibes überein",87 aber die Fähigkeit der Vernunft ist es, von diesen „Eindrücken" zu abstrahieren und eine eigene, mit eigenen Regeln versehene Welt der gedanklichen Vorstellungen zu erschaffen. Wolff sieht die Tätigkeit der Vernunft in der Herstellung von Begriffen. 88 Sie können aus dem Gedächtnis entstehen oder assoziativ gebildet werden. Sie sind nicht direkt abhängig von den Sinnen. Wolff reduziert den körperlichen Anteil an der Entstehung der Vorstellungen auf ein Minimum. Auch er stellt fest, daß die Vorstellungen in der Seele „den in ihren Gliedmaßen der Sinnen sich ereignenden Veränderungen" verpflichtet bleiben.89 Die Tätigkeit der Seele in der Reproduktion von Wirklichkeit wird determiniert durch die Registrierung verschiedener Veränderungen in der Außenwelt durch die Sinne. Aber es waren nicht die Sinneswahrnehmungen selbst, die das Bild gestalteten, wie etwa bei Stahl, Thomasius oder Descartes, der immerhin ein 83

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Johann Conrad Dippel, Weg=Weiser zum Licht und Recht in der äusseren Natur. O.O. 1704, S. 36. Christian Wolff, De Differentia Nexus Rerum sapientis et fatalis necessitatis, nec non systematis harmoniae praestabilitatae et hypothesium spinosae luculenta commentatio in qua simul genuina dei existentiam demonstrando ratio expenditur et multa religionis naturalis capita illustrantur. Halae 1724. Christian Wolff, Vernünfftige Gedancken, S. 527ff., 461f„ 553 (Vernunft und Freiheit). Ebd., S. 547f. Ebd., S. 479. Ebd., S. 467. Ebd., S. 492f.

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„Erleiden" des Verstandes feststellte, sondern sie sind bloß der Anstoß für seelisch produzierte Vorstellungen. Wolff kam eigentlich nicht um den Einfluß der Sinneswahrnehmungen herum, versuchte sie aber so zu reduzieren, daß diese etwa die Aufgabe eines Belichtungsmeßgeräts einnehmen. Wolff verneinte ausdrücklich die Erklärung Aristoteles' und John Lockes, daß „dem Ansehen nach die Seele von dem Leib leidet, wenn sie empfindet [...] als wenn die Begriffe der körperlichen Dinge von aussen in die Seele hinein kämen, und also die Seele keinen davon haben könne, wenn sie nicht einen Leib hätte".90 Nach Wolff ist die Seele ausschließlich wegen der prästabilierten Harmonie an den „Stand des Körpers" gefesselt.91 Zum Beispiel sei bei der Verabreichung von Arzneien nicht die Einwirkung auf körperliche Organe - Nerven, Gehirn, Lebensgeister - Anlaß zu ihrer Wirkung, sondern nur die Seele, die sich auf den „Zustand des Körpers" einrichte.92 Die Seele könne durch den Leib nicht „curiert" werden.93 Die „Bilder" in der Vorstellung der Seele, „veranlaßt" durch die Sinnesorgane, sind nicht von vornherein „klar und deutlich".94 Die „Dinge" „fallen" uns in die Sinne und treten von daher ins Bewußtsein, aber wir unterscheiden sie vorerst nicht in aller Klarheit.95 Erst durch die reflektierende Aufmerksamkeit des Verstandes, seine spezifische Fähigkeit, Dinge zu unterscheiden, wird die höchste Leistung menschlicher Kapazitäten erreicht.96 Somit ist die Hierarchisierung gedanklicher Vermögen eingeführt. Die Fähigkeit, Information bewußt zu reflektieren (und zu kontrollieren), wird gleichgesetzt mit den spezifischen Funktionen des Verstandes. Die erste Stufe der Bewußtwerdung bei der gedanklichen Betrachtung der „Dinge" war bei Wolff die „Klarheit".97 Durch sie trifft der Mensch die Unterscheidung des „Mannigfaltigen" (die Vielfalt der Vorstellungen in der Seele).98 Die „Deutlichkeit" bezeichnet das Erfassen einzelner Details.99 Wolff beschreibt die gedankliche Erfassung der Außenwelt in ihrer „Deutlichkeit" als die Möglichkeit, diese in der „Klarheit ihrer Teile" zu erkennen.100 Eine dritte Anwendung gedanklicher Erfassungskraft nennt Wolff das „Überdenken". Mit diesem Begriff wurde die Fähigkeit beschrieben, Erkenntnisse zu vergleichen und sie nochmals zu ordnen.101

90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101

Ebd., Ebd., Ebd., Ebd. Ebd., Ebd., Ebd., Ebd., Ebd. Ebd. Ebd.

S. 508. S. 468. S. 504-507. S. 455. S.455f. S.457f. S. 457.

Ebd., S. 458.

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Diese Aufgliederung des Denkens dient dazu, die Rationalität von allen anderen Perzeptionsmöglichkeiten abzugrenzen. Der Verstand vermag es, den Menschen von seiner Welt abzuheben und ermöglicht es ihm, „Begriffe", „Schlüsse" und „Urtheile" darüber zu fassen. Die Aufwertung des Verstandes und seine Abgrenzung von der „Welt der Dinge" und von dem „Körper" bedingt die Abwertung der Emotionalität. Die Seele wird als mit dem reflektierenden Verstand identisch begriffen. Wenn jemand von der „rationalen Seele" spricht, wie z.B. Albrecht von Haller, so meint er, in Einklang mit der Wolffianischen Philosophie stehend, die Vernunft. Wenn Stahl von der „rationalen Seele" spricht, ist das anticartesianisch gemeint, eine anthropologische Aussage über eine umfassende Intelligenz, die nicht das Denkvermögen als autonom ausgrenzt, sondern Wille, Emotion und Körpervorgang auch auf die Vernunft wirken läßt. Vernunft wird dabei nicht mit „klar und deutlich", also mit der verstandesgemäßen Reflektion (Bewußtsein), identifiziert. Moralische Entscheidungen und die Motivation zum Handeln waren im Wölfischen System vom deutlichen und klaren Überdenken des Verstandes abhängig. Wolff gelang es, den Willen ins Abseits zu schieben, eine für ihn folgerichtige, aber in Anbetracht der sonst üblichen hohen Bewertung dieses mit allen Vorgängen seelischer Motivation verbundenen Vermögens, wie z.B. bei Christian Thomasius, Stahl und den Pietisten hervorgehoben, eine beachtenswerte Verdrängung. Auch die Einbildungskraft wurde durch Wolffs Systematisierung der Seelenvermögen von den Sinneswahrnehmungen und dem bildlichen Gedächtnis abgekoppelt und dem Verstand zugeordnet, als Inbegriff des assoziativen Denkens, das „nichts hervor [bringet], als was wir vor diesem empfunden oder gedacht, und also sind die Einbildungen nichts anders als Vorstellungen vom vergangenen Zustande der Welt".102 In der Einbildung werden assoziierte Inhalte hervorgebracht, d.h., ein Wahrnehmungselement veranlaßt eine Kette von Vorstellungen, so daß „zugleich seyn [kann], was in der Natur nicht zugleich da ist".103 Der gedankliche Reflektionsund Kombinationsvorgang wird auf das Einbildungsvermögen übertragen. Darin bilden sich Denkinhalte aus, die dem Prozeß des Vergleichens und Unterscheidens zugeordnet werden. Auch hier herrscht der Mechanismus des „Vemunft-Schlusses". Damit wird die Einbildung an gedankliche Prozesse gebunden und zugleich losgelöst von einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Affekten oder von körperlichen Vorgängen, wie es Stahl und andere vertreten hätten. Daß die Einbildung körperliche Reaktionen durch Vorstellungen wie z.B. Ekel oder Übelkeit direkt bewirke, wie Stahl es des öfteren an medizinischen Beobachtungen beweist, wäre nach Wolff nur als Produkt der prästabilierten Harmonie zu begreifen.

102 103

Ebd., S. 500. Ebd., S. 502.

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Die Affekte sah Wolff als eine Steigerung der sinnlichen Begierde oder des Abscheus an. Den Affekt charakterisiert „ein merklicher Grad der sinnlichen Begierde und des sinnlichen Abscheus".104 Verbunden mit dem Auftreten des Affekts sind „außerordentliche Bewegungen im Leibe".105 Diese Beschreibung des Affekts oder der Leidenschaften war nicht neu. Sie wiederholt traditionelle Auffassungen. Nur verschärft Wolff den Gegensatz der körpergebundenen, negativen Leidenschaft und des rein „geistigen" positiven Verstandesdenkens. Wille und Affekt sind nicht viel mehr als Antriebskräfte. Wenn aber der Wille verbunden wird mit der deutlichen Erkenntnis, also das Verlangen reflektiert wird, dann erreicht dieses Vermögen einen höheren Wert. „Gleich wie die sinnliche Begierde von den Sinnen und der Einbildungskraft herstammet; so kommet hingegen der Wille [...] aus dem Verstand und der Vernunft, und erfordere demnach eine deutliche Vorstellung des Guten".106 Eine klare Absicht, die aus dieser Verbindung gewonnen wird, ist etwas anderes als der Antrieb allein. Mit der Einbindung des Willens in das Erkenntnisvermögen ließ Wolff eine Kluft entstehen zwischen allen der Erkenntnis verpflichteten Handlungen des Menschen und jenen, die er praktisch als „blinde Geste", die aus der Undeutlichkeit des Verlangens oder der Verabscheuung entsteht, verstanden haben wollte. Bei Wolff erreicht die Meinung, daß die Affekte eine Verdunkelung und Verführung des Menschen darstellen, einen in der Aufklärung eigenen neuen Höhepunkt. Er versteht den affektiven Willen als psychische Gefährdung des Menschen, weil die Handlungen des Menschen „rein" aus Überlegung und Verstand entstehen sollten. Die Affekte und die sinnlichen Begierden „bewegen" den Menschen zwar, aber das sind für Wolff den Menschen hinwegreißende Strömungen, die aller Vernunft entbehren: Durch die Affecten wird der Mensch hingerissen dieses und jenes zu thun oder zu lassen, und machen sie die sinnliche Begierde und den sinnlichen Abscheu stärcker, als er sonst seyn würde. Da nun aber bey den Affekten der Mensch nicht bedenckt, was er tue, und er demnach seine Handlungen nicht mehr in seiner Gewalt, hat: so wird er gleichsam gezwungen zu thun und zu lassen, was er sonst nicht thun, noch lassen würde, wenn er deutlich begriffe, was es wäre. Derowegen weil die Affekten von denen Sinnen und der Einbildungs=Krafft herrühren; so machet die Herrschaft der Sinnen, der Einbildungs=Krafft und Affekten die Sclaverey des Menschen aus. Und nennet man dannenhero auch Sclaven diejenigen, welche sich [durch] ihre Affekten regieren lassen, und bloß bey der undeutlichen Erkenntnis der Sinnen und Einbildungs=Krafft verbleiben. 107

Wenn diese Feststellungen vertraut klingen, dann ist es ein Zeugnis dafür, wie sehr die Quelle vergessen und das Gedankengut ins Populäre übergegangen ist. Ein Historiker schreibt über Wolff: „Christian Wolff ist die allgemeinere Einführung der Philosophie in alle gelehrten Studien und in das Geschäftsleben zu verdan-

104 105 106 107

Ebd., S. 546. Ebd. Ebd., S. 564. Ebd., S. 298f.

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ken."108 Aus Herrschaft und Sklaverei führt nur der Verstand. Wolff hat durch seine psychologische Systematisierung Bewertung und Absonderung dort eingeführt, wo ehemals Seelenleben im Wirkungszusammenhang gesehen wurde. Als einer der einflußreichsten Philosophen der Aufklärung hat er ein anthropologisches Bild entworfen, das dazu beitrug, kulturelle Umwandlungsprozesse im Denken über den Menschen in eine bestimmte Richtung zu führen. Wo die deutsche Mystik und die Erweckungsbewegung dem Willen und dem Gefühl vertrauten, im Leben und in der Suche nach Gott wegweisend zu sein, ohne sonderlich daraufhinzuarbeiten, daß dieser Weg dem Verstand einsichtig sein mußte, vertrat Wolff die Meinung einer säkularisierenden Aufklärung, deren Devise es war, nicht dorthin zu gehen, wo möglicherweise „Dunkles" bevorstand. Der Aufklärung gemäß war es, den politischen, medizinischen und gesellschaftlichen Ort verstandesmäßig zu bestimmen und von dort aus „Fortschritte" zu erzielen. Wolff läßt keine Schatten zu, jedes Gespenst ist gebannt. Die Aufgabe des „neuen" Menschen ist es, seine Vemunftbegabung zu nutzen und ein Gemeinwohl zu fördern, das jener Didaktik der Vernunft zugänglich ist. Im Rationalismus scheinen verschiedene Probleme lösbar zu sein: vor allem die Willkür spontaner Exzentrik, leidenschaftlicher Überzeugungen, pathologischer Melancholie und dergleichen können (scheinbar) gemeistert werden. Die Herrschaft der Vernunft beugt den Enthusiasmus unter das Joch seiner Unvernunft. Wolff erreichte die Abspaltung der Gefühle. Sie erscheinen nun unter Rubriken wie „Empfindsamkeit" oder werden als „Sturm und Drang" gegen die Vernunft eingesetzt. Vernunft wird nicht nur identisch gesehen mit dem idealisierten Bild dessen, was anthropologisch wünschenswert war - schließlich konnte dies von Wolff in Verbindung mit der Sachautorität naturwissenschaftlicher Erkenntnis als Wahrheit vermittelt werden - , sondern auch mit dem, was gesellschaftlich funktional war: ein hierarchisierender Maßstab für nützliche Leistungen zum Wohl des Staates war erfunden worden. Die „revolt against Enthusiasm" griff auch in Deutschland durch: die Visionen, Träume, Prophetien und ein staatsprengendes, antiklerikales Empfinden im Sinne der seelischen Unruhe eines Pilgrim's Progress fanden die entsprechende Eindämmung. Das theosophische und kosmosophische Naturverständnis, dem innere geistige Geheimnisse und von daher interpretatorische Freiheiten gestattet waren, so wie jene des Schusters Jacob Böhme, wich dem Gebot des „common sense". Mit der Philosophie Wolffs, jenen weltumspannenden Vernünfftigen Gedancken von Gott, dem Menschen und der Seele, wurde Vernunft mit Fortschritt gleichgesetzt. „Common sense" repräsentierte nicht mehr nur die von allem „Übernatürlichen" entkleidete Natur, sondern definierte das Maß menschlichen Handelns. Vernunft wurde zum gesellschaftlichen Wert, in dem sich nutzbringendes Wissen spiegelte. Ein vernünftiger Enthusiast könne aber nur so

108

Christian Wolffs eigene Lebensbeschreibung,

hg. v. Heinrich Wuttke. Leipzig 1841, S. 97. 241

sein, wie das Mondkalb, das tunlichst aus dem neuen Naturalienkabinett verschwinden müsse. Glücklicherweise war das Terrain der neuen Vernunft manchen unheimlich. Johann Daniel Göhls Einwand, daß manches im Mechanismus der Natur „wider der Erfahrung eines Medicorum" sei, blieb einigen Ärzten und Gelehrten im Ohr haften: in Halle, diesem widersprüchlichen Ort geistiger Regsamkeit in Preußen, gab es noch Enkel des Negotium Otiosum. Manche Ärzte kannten noch ihren Stahl, entgingen aber Wolff nicht. Eine Mesalliance gebiert dennoch Kinder, die am Leben bleiben und ihr eigenes Leben zu meistern haben. In einem kurzen Überblick wenden wir uns dem nach dem Tod Stahls weitergeführten Streit um den Zusammenhang von Körper und Seele zu, den nach wie vor problematischen Größen - Wahrnehmung, Körperprozeß, Vorstellungsmacht, Gemütsbewegung und Krankheit.

3. Zurück zur Sinnlichkeit: die „lebendige Erkenntnis" Johann Gottlob Krüger (1715-1759), der in Halle promovierte und später Medizin lehrte, ein Arzt, dem nicht vorgeworfen werden kann, er habe „seinen W o l f f nicht gelesen, schreibt in seinem 1756 in Halle erschienen Werk Versuch einer Experimentalseelenlehre: sind also nicht diejenigen, welche mit gänzlicher Hindansetzung aller sinnlichen Begriffe bloß der Vernunft folgen wollen, denen Kindern ähnlich, welche zu fahren hoffen, wenn sie in einem unbespannten Wagen die Sprache des Fuhrmanns nachahmen. 109

Krügers Worte erinnern an die Anklage der Ärzte Dippel und Alberti gegen die mechanische Medizin, welche diese metaphorisch in das Bild des Puppentheaters kleideten: die Bewegung der Puppen werde zwar vorgeführt, aber keineswegs der eigentliche Grund ihrer „Bewegung". Krüger stellt nun die Vorherrschaft der Vernunft in ähnlicher Weise in Frage. Wenn die sinnliche Wahrnehmung außer acht gelassen und alle Erkenntnisse gemäß der Psychologie Wolffs allein dem Verstand zugeschrieben werden, dann beherrsche man zwar die Begriffe und benenne die Wirkung des Fuhrmanns, aber der Wagen fahre nicht. Mit dieser Feststellung kehrt Krüger zum Stahlianischen Ansatz zurück: es handele sich bei der Leib-Seele-Einheit um ein Ganzes an Wahrnehmung, die anima rationalis, dessen Perzeptionen den Körper, die Sinne und die Affekte betreffen. Krüger ist kein reiner Stahlianer, aber seine medizinische Erfahrung steht im Gegensatz zur Philosophie Wolffs. Bezeichnenderweise führt Krüger die Erfahrung als besseres Fundament praktischer Erkenntnisse gegen das von Wolff im Feld wissenschaftlicher Methodik bevorzugte Experiment an. Krüger kritisiert die Grundlage des more geometrico, 109

Johann Gottlob Krüger, Versuch einer Experimentalseelenlehre.

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Halle 1756, S. 4.

wie Wolff es verstanden haben wollte, nämlich die Vernunftlogik, als methodische Basis der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Als Arzt bezieht sich Krüger auf die ältere Erkenntnismethode der Beobachtung als beste Quelle medizinischen Wissens, deren entschiedener Befürworter Stahl war. Die Erfahrung aus der Beobachtung oder „Observation", wie Krüger sie nennt, entsteht aus der Aufmerksamkeit, der Information der „gesunden Sinne" und gegebenenfalls der Hilfsinstrumente, welche die Sinnesbeobachtungen verfeinern helfen.110 Das experimentelle Verfahren hingegen hat einen anderen Charakter. Die zu untersuchende „Sache", um Krügers Ausdruck zu verwenden, wird in „Umstände" versetzt, in die sie von Natur aus nicht gekommen wäre. Das Experiment hat den Zweck, „die Natur [zu] zwingen, uns zu zeigen, was sie sich vorgesetzt hatte für unsere Augen zu verbergen".111 Da aber bei der Seele das immaterielle Wesen nicht durch das Experiment erforscht werden kann, schlägt Krüger vor, die seelischen Wirkungen durch die Beobachtung am Körper festzustellen. Während einer Krankheit ist die Seele z.B. in einem Zustand, in dem sie ihre Wirkungsart verrät. Krüger führt das Beispiel eines Mannes an, der einer Krankheit „der Einbildung" erlag, wobei dieser sich tot glaubte, und weil die Toten nichts zu sich nahmen, verweigerte er jede Speise.112 Nach Krügers Schilderung entstand diese Art der Krankheit aus einer pathologischen Verrückung innerseelischer Wahrnehmung, deren körperliche Logik (Speise zu verweigern) die seelische Vorstellung deutlich machte (Vorstellung tot zu sein). Krüger führt auch ein Gegenbeispiel an, der Fall einer „allzustarcken Spannung" des Gehörnervs, der „eine bis zur Beschwerlichkeit vermehrte Empfindung verursachet".113 In diesem Beispiel wirkt die körperliche Struktur direkt auf die Wahrnehmung. Diese Wechselwirkung zwischen Seele und Körper war dem Arzt so sicher, daß er aus ihr therapeutische Konsequenzen zog. Aus einem weiteren Beispiel erfährt man Krügers diesbezügliche Behandlungsart. Er gab einem von einer bestimmten Leidenschaft ergriffenen Menschen den Rat, sich vor den Spiegel zu stellen und in Gesten und Gesichtsausdruck einen gegenteiligen Affekt zu mimen. Durch die veränderte Körperhaltung könne der seelischen Verfassung entgegengewirkt werden, und der ursprüngliche Affekt sei gemäßigt.114 Johann Gottlob Krüger war nicht der einzige in der jüngeren Generation von Ärzten, die zwar alle Wolff gelesen hatten und mit Albrecht von Hallers Schriften vertraut waren, aber dennoch Experiment und Metaphysik (wie sie es nannten) wieder in Frage stellten. Das erklärt auch, warum Albrecht von Haller mehr als fünfzehn Jahre nach Stahls Tod gegen die Stahlianer ankämpfte. Die Auseinandersetzung um das Körper-Seele-Verhältnis wurde nun als Angriff gegen die „meta-

1,0 111 112 113 114

Ebd., Einleitung, S. 15. Ebd., Einleitung, S. 16. Ebd., S. 330ff. Ebd., S. 81. Johann Gottlob Krüger, Diät oder Lebensordnung. Halle 2 1763, S. 402.

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physische Seelenlehre", also gegen das Erbe des cartesianischen Dualismus, wieder aufgegriffen. Der Arzt Johann August Unzer (1729-1799), mit Krüger befreundet und ebenfalls in Halle promoviert, läßt in seiner Zeitschrift Gesellschaftliche Erzählungen (1753), im 80. Stück, ein französisches Buch des Pariser Arztes Anton le Camus (Médécine de L'Esprit, Paris 1753) rezensieren.115 Die Besprechung wird vom Rezensenten da abgebrochen, wo „Herr le Camus so tief in die Logik und Metaphysik hineinfällt", „daß man ihm ohne Eckel nicht nachfolgen kann".116 Diese schroffe Ablehnung der „Metaphysik" wird durch die medizinische Bindung an die Erfahrung begründet. Wenn man die Kunst, die Seele durch den Leib zu curieren, bald in Aufnehmen bringen will; so däucht mir, daß man nicht von der Theorie anfangen müsse. Von der ganzen Arzneykunst ist der praktische Theil viel eher erfunden gewesen, als der theoretische. 117

Die Ansicht, daß die „Observationen der Arzney verständigen" das einzige Mittel sei, die „Weltweisheit" aus ihren theoretischen Wirren zu bringen, vertritt Unzer auch in seinem Buch Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper (Halle 1746). Auch der Arzt Melchior Adam Weikard (1742-1803) beschreibt Descartes und Malebranche 1755 als Verbreiter „erhöter metaphysischer Grillen", die „Anhänger unter schwärmerischen Köpfen" erweckten, anstatt die Wahrheit zu fördern.118 Somit wendet sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts das Verhältnis: die Metaphysik Christian Wolffs, der den Dualismus in Deutschland populär machte und der wie Hermann Boerhaave auch die mechanistische Betrachtung der Körper befürwortete, mußte der Prüfung medizinischer Erfahrung Rechenschaft ablegen. Selbstverständlich waren die Meinungen über die Physiologie anders als zu Lebzeiten Stahls, aber, wie eben angedeutet wurde, die jüngere Generation von Ärzten interessierte sich für die Fragen des Leib-Seele-Zusammenhanges. Unzer und Krüger waren in Halle tätig, hatten dort Medizin studiert und unterrichtet.119 Die Lehre Stahls beschäftigte noch immer diejenigen Ärzte, deren Interesse den Empfindungen und der Pathologie galt. Der „Beweis" der Körper-Seele-Einheit ist empirisch schwierig zu erbringen, eigentlich nur dann, wenn das philosophische Konzept Entsprechendes erlaubt wie bei dem Stahlianischen Organismusbegriff oder aber durch Erfahrungswerte und nicht durch das Experiment.

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116 117 118 119

Johann August Unzer, Gesellschaftliche Erzählungen [...]. Hamburg 1753, Teil 4, 80. Stück, S. 17-32. Ebd., S. 30. Ebd. Melchior Adam Weikard, Der Philosophische Arzt. Frankfurt 1773-75, S. 72f. Friedrich Börner, Nachrichten von den vornehmsten Umständen und Schriften jetztlebender berühmter Ärzte [...]. Wolfenbüttel 1749-53. Bd. I, S. 72-76: Johann Gottlob Krüger", Bd. ΠΙ, S. 221-230: .Johann August Unzer".

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Im Zeitraum zwischen 1740 und 1760, der scheinbar von den Entdeckungen Hallers beherrscht wurde, erscheinen bedeutende medizinische Schriften, deren Hauptanliegen es war, über die Diskussion experimenteller Einzelergebnisse hinauszugehen und die Frage nach der Gestaltung psychophysischer Vorgänge zu stellen. Nur einige seien hier genannt, nichtsdestoweniger zeigen sie, daß zumindest an der Universität Halle jeder philosophische oder medizinische Vorstoß in die Fragestellung Stahls einmündete. In Halle erschienen 1744 Georg Friedrich Meiers Theoretische Lehre von den Gemiithsbewegungen, Ernst Anton Nicolais Wirkungen der Einbildungs=Krafft in den menschlichen Körper aus der neuen Weltweisheit hergeleitet; 1746 erschienen Johann August Unzers Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper, seine Neue Lehre von den Gemiithsbewegungen, und seine Gedancken vom Schlafe und deren Träumen, nebst einem Schreiben an N.N., das man ohne Kopf empfinden könne; 1748/50 erschienen Georg Friedrich Meiers Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften und Künste, die auch auf die Affekte, Empfindungen und Einbildungskraft eingingen; 1751 erschienen Johann August Unzers Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper in zweiter Auflage und Johann Georg Sulzers Untersuchung über den Ursprung der angenehmen und unangenehmen Empfindungen', 1756 wurden Johann Gottlob Krügers Versuch einer Experimentalseelenkunde und in zweiter Auflage 1762 Sulzers Theorie der angenehmen und unangenehmen Empfindungen aufgelegt. Das war nur ein Teil der Diskussion, die dann auch von Alexander Baumgarten, Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai aufgenommen worden ist.120 Gemeinsam ist Krüger, Meier und Unzer die Erziehung am Waisenhaus in Halle. Alle studierten an der dortigen Universität und alle übten eine Lehrtätigkeit in Halle aus: Krüger, Unzer und Ernst Anton Nicolai als Magister und außerordentliche Professoren.121 Meier unterrichtete als Magister, außerordentlicher und schließlich ordentlicher Professor.122 Krüger akzeptierte einen Ruf nach Helmstedt als Professor der Arzneykunde und Philosophie im Jahre 1750. Im gleichen Jahr verließ Unzer Halle, um nach Hamburg zu gehen. Ε. A. Nicolai ging 1758 als Professor nach Jena. Friedrich Hoffmann starb 1742. Er hat die Stahlianer Michael Alberti (gestorben 1757) und Johann Juncker (gestorben 1759) überlebt. Sie alle waren die 120

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Siehe meine Dissertation: Geyer-Kordesch, Die Psychologie des Moralischen Handelns. Psychologie, Medizin und Dramentheorie bei G. E. Lessing, M. Mendelssohn und F. Nicolai. Amherst 1977. Friedrich Börner, Nachrichten von den vornehmsten Umständen und Schriften jetztlebender berühmter Ärzte [...]. Wolfenbüttel 1749-53, Bd. II, S. 372-376: „Ernst Anton Nicolai". Zu Krüger und Unzer siehe Anm. 119. Die folgenden biographischen Angaben zu diesen Ärzten beziehen sich auf Börner. Zur Biographie Meiers: Samuel Gotthold Lange, Das Leben Georg Friedrich Meiers. Halle 1778; Ferdinand Wiebecke, Die Poetik Georg Friedrich Meiers. Ein Beitrag zur Geschichte der Dichtungstheorie im 18. Jahrhundert. Göttingen 1967.

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maßgeblichen Lehrer der jüngeren medizinischen Generation. Für Hoffmann läßt sich nachweisen, daß er in seinen späten Jahren dem Einfluß der Seele im Körper mehr Anerkennung zollte als in den Jahren seiner Befürwortung der mechanischen Medizin.123 Krüger studierte unter Hoffmann, der auch das Vorwort zu dessen vielgelesener Naturlehre schrieb.124 Ε. A. Nicolai lebte im Haus von Hoffmann, half ihm bei der Verfertigung der Concilia medica und erledigte fast alle anderen medizinischen und schriftlichen Arbeiten gemeinsam mit Hoffmann in dessen letzten Jahren.125 Nicolai besuchte bei Krüger collegia zur Naturlehre und zur Mathematik.126 Durch die Bindung an Friedrich Hoffmann und seinen medizinischen Kreis (darunter Johann Heinrich Schulze) würde man erwarten, daß Nicolai reinste mechanistische Ansichten vertrat. Aber sein Fall ist beispielhaft für den Umschwung der medizinischen Interessen. Nicolai schreibt schon früh über die Einwirkung der Einbildungskraft auf den menschlichen Körper. Die Rezension dieses Buches in den Züricher Freymiithigen Nachrichten (1745) nimmt sehr treffend auf diesen Tatbestand Bezug: Im übrigen, obgleich hr. Nicolai derjenigen Parthey der Aerzten ziemlich zugethan ist, welche sich mechanisch von dem Körper zu philosophieren vorgesetzet haben; so hat er denoch sehr wohl eingesehen, und es in der gegenwärtigen Abhandlung zur Ueberzeugung erwiesen und dargethan, daß die meisten Veränderungen in unserem Leibe, selbst diejenigen, die unserem Willen nicht unterworffen sind, von der Seele herstammen, und nach den Regeln der Psychologie, aber der Struktur des Körpers und den Gesetzen der Bewegung gemäß, entstehen und geschehen: Folglich, daß die Medici den Menschen nicht immer nur von einer Seite, sondern als einen beseelten Körper anzusehen haben. 127

Die neue Richtung, der sich die medizinischen Interessen zuwenden, ist angegeben: die „Regeln der Psychologie" bestimmen die Lebensprozesse im Körper, sie richten sich aber nach der Physiologie und den Bewegungsgesetzen des Körpers. Die Kasuistik des rein mechanischen Prozesses im Körper scheint hier überwunden zu sein. Johann August Unzers publizistische Tätigkeit nahm sich dieser Themen an. Unzer war durch seine Ausbildung der stahlianischen Schule verpflichtet. Er studierte Medizin unter Juncker und besuchte die „practischen Hörstunden des Collegii clinici".128 Nach 1747 wurde er von Juncker „zum Substituten am Waisenhaus" erwählt.129 Eine weitere prägende Wirkung übte Krüger aus, bei dem er über 123

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Friedrich Hoffmann, Vemiinfftige physikalische Theologie und gründlicher Beweis des göttlichen Wesens [...]. O.O. 1742. Johann Gottlob Krüger, Naturlehre nebst Kupfern und vollständigem Register. Mit einer Vorrede von der wahren Weltweisheit begleitet von Friedrich Hoffmann. 2 Teile. Halle 1740-50. Börner, Nachrichten, Bd. II, S. 372ff. Ebd. Freymüthige Nachrichten. Zürich 1745, S. 2, Sp. 2. Börner, Nachrichten, Bd. ΙΠ, S. 221. Ebd.

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die „Gründe der Weltweisheit" las und Unterricht in Mathematik erhielt. Krüger schreibt dann auch das Vorwort zu Unzers 1746 erschienenem Buch über die neue Lehre von den Gemütsbewegungen. Im gleichen Jahr schreibt Unzer die Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper, ein Buch, das er selbst als eine Verteidigung der Stahlianischen Theorie bezeichnet.130 In seiner Zeitschrift Der Arzt veröffentlicht er ebenfalls im Jahr 1759 eine Verteidigung Stahls: Von der Gemeinschaft des Leibes und der Seele.131 Die Eigenart dieser halleschen Verquikkung von mechanischer Medizin und Stahlianischer Theorie beschreibt Unzer in seinem Lebenslauf, in dem er die Verpflichtung gegenüber seinen Lehrern dankend erwähnt: Juncker, den ich unter allen den ehrwürdigen Nahmen eines Vaters, Lehrers, Gönners und Freundes bis ins Grab zu verehren Ursache habe, lehrte mir die Stahlianische, hingegen Herr Professor Krüger, mein werthester Präceptor und Freund, die Boerhaavischen und seine eigenen Gründe der theoretischen Arzneykunst. 132

Zu dieser Zeit begann auch der „lehrreiche und angenehme Umgang" mit Georg Friedrich Meier. Unzer schrieb zum Andenken an diese Freundschaft die Gedancken zum Schicksal der Gelehrten (als Meier Professor wurde) und widmete ihm sein Buch Philosophische Betrachtungen des menschlichen Körpers überhaupt, das 1750 erschien.133 Unzer gehörte zu dem Kreis um Samuel Lange, der ein enger Freund Meiers war, und kannte von daher auch Thomas Abbt und Johann Georg Sulzer, beide wichtige Schriftsteller der Aufklärungszeit. Schon diese biographischen Angaben zeigen an, daß sich Unzer eingehend mit Meiers ästhetischen Schriften beschäftigte. Unzer wußte nun diese mit seinem medizinischen Wissen zu kombinieren, und daraus entstand einer der wichtigsten Beiträge zur Psychologie der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der die Lehre Stahls mit den neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang gebracht wurde. Unzer konnte Krügers Nerventheorie und Naturlehre mit Meiers wichtigen Ausführungen zur Ästhetik verbinden, jenes neubegründeten Gebietes, das hauptsächlich die Herausarbeitung psychologischer Lehren beinhaltete. Ein besonderes Gewicht erhalten die medizinischen Ideen von Unzer, weil er sie durch die von ihm begründeten Zeitschriften einem anderen Publikum als nur dem Kreis der Gelehrten unterbreitete. In den Gesellschaftlichen Erzählungen (1753) und der Zeitschrift Der Arzt (1759-61) werden seine Erörterungen zum Verhältnis von Körper und

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133

Ebd., S. 224. Johann August Unzer, Der Arzt. Hamburg 1759, 45. Stück, S. 305-318. Börner, Nachrichten, Bd. ΙΠ, S. 222f. Börners Biographien beruhen auf schriftlichen Angaben der genannten Personen. Ebd., S. 225.

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Seele, zu den Gemütsbewegungen und zur Vorsehung einem weiten Leserkreis zugänglich gemacht.134 Unzers Parteinahme für die Theorie Stahls wurde dort ablehnend registriert, wo die mechanische Medizin ihren dualistischen Ansatz weiterhin verteidigte, damit Unzers Position als neuer Anhänger Stahls klar herausstreichend. Die Rezension von Unzers Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper in den Göttingischen Zeitungen von Gelehrten Sachen (die in den Freymiithigen Nachrichten wiederholt wurde) führt dieselben Argumente gegen Unzer an wie seinerzeit gegen Stahl, nämlich, daß Reizreaktionen in vom Körper abgetrennten Teilen zu bemerken sind.135 In einer weiteren Schrift aus dem Jahre 1746, in der Neuen Lehre von den Gemütsbewegungen (Halle), geht Unzer näher auf physiologische Erscheinungen ein, aber im Sinne von Krüger, der die Funktion der Nerven bei der Vermittlung und Intensivierung von Sinnesempfindungen herausgestrichen hatte. Das bedeutete aber keinen Bruch mit den Lehren Stahls, weil auch Stahl, als er die Bewegung des motus tonicus Vitalis entdeckte, die Einsicht damit verband, daß die Sinneswahmehmungen, obwohl körperlich vermittelt, seelische Erkenntnisse darstellen. Ebenfalls Stahlianisch war die Verknüpfung wahrnehmungsverbundener Körperprozesse (Affekte, Einbildung) mit der Pathologie. Im Grunde beruhen viele der Überlegungen Unzers auf Stahls Schrift über den Einfluß der Gemütsbewegungen (De passionibus animi), trotz der Entwicklung in der Physiologie zwischen 1695 und 1750. Unzer zeigt, daß Stahls Ideen auch im veränderten physiologischen Konzept (die Mediziner stritten sich vor allem um die Nervenphysiologie) nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt hatten. Eine entscheidende Änderung war aber in den in der Psychologie angewandten Begriffen zu bemerken. Die Schriften Georg Friedrich Meiers hatten Wolffs Terminologie fest eingeführt. In Unzers Philosophischen Betrachtungen des menschlichen Körpers,136 die ja Meier gewidmet sind, ^benutzt Unzer die Idee einer Stufenleiter oder Hierarchie zur Einordnung der Seelenvermögen, ein Konzept, dem Stahl nicht beigepflichtet hätte. Unzer bespricht zuerst den mechanischen Bau des Körpers, dann seine „thierische Natur", damit die sinnlichen Wahrnehmungen bezeichnend, und kommt zuletzt auf die nur dem Menschen eigenen Seelenvermögen zu sprechen. Dieses systematisierte Modell der Natur des Menschen verarbeitet alle Einflüsse von Krüger und Meier. Unzer räumt sogar der „harmonischen Parallelität" zwischen Körper und Seele einen Platz ein. All jene direkten und indirekten Bezüge 134

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Johann August Unzer, Gesellschaftliche Erzählungen für die Liebhaber der Naturlehre, der Haushaltungs=Wissenschaft, der Arzney=Kunst und der Sitten. Hamburg 1753; ders., Der Arzt. Göttingische Zeitungen von Gelehrten Sachen. 1746, S. 601 f.; Freymiithige Nachrichten. Zürich 1747, S. 190. Johann August Unzer, Philosophische Betrachtungen des menschlichen Körpers überhaupt. Halle 1750.

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zu Wolff können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nicht mehr die Vernunft im Mittelpunkt psychologischer Erörterungen steht, sondern diejenigen Wirkungen, die nun nach Wolffs Terminologie die „unteren Erkenntniskräfte" heißen. Die Seelenlehre nimmt um 1750 andere Konturen an als die im Rationalismus vorgegebenen. 1751 schreibt der Arzt Johann Christian Bolten ein Buch über die Psychologische Cur, eine Methode, die er seinen ärztlichen Kollegen dringend empfiehlt.137 Die Zusammen Wirkung von Seele und Körper bleibt das wichtigste Thema philosophischer und medizinischer Erörterung. Die Formulierung eines neuen Konzepts psychologischer Wirkungsprozesse gelang den jüngeren Hallensern Meier, Krüger und Unzer. Die Neubelebung der Lehre Stahls half ihnen, die Wahrnehmungsprozesse der Seele als integrative Vorgänge zu sehen, die auf den psychischen Zustand unterschiedlich wirken konnten: je nachdem, ob z.B. die Aktivierung der Einbildungskraft, die Intensivierung der körperlich-seelischen Empfindungen oder eine Überleitung in den Affekt stattfand. Aber auch die umgekehrte Dynamik seelischer Steuerung war deutbar geworden: die Fähigkeit zu abstrahieren, den seelischen Fluß des Bewußtseins bis in den Verstand hineingleiten zu lassen. Die Wahrnehmungspsychologie, die hier entworfen wurde, war dynamisch konzipiert. Die bewegenden Kräfte der Empfindung, der Einbildungskraft und der Leidenschaften entstanden aus „Beweggründen", die der Bewegung mit der Außenwelt entstammten oder/und sich aus der inneren Gestaltung ergaben. Dies bedeutete vor allem eine Aufwertung der Einbildungskraft, deren Fähigkeit, Vorstellungswelten zu bilden, psychodynamisch wichtiger erschien als das Wirken der Vernunft.138 Die Leidenschaften wurden als die wirklich psychisch wirksamen Einflüsse bei der Gestaltung von Erkenntnis anerkannt.139 Sie konnten auch unter „artifiziellen" Umständen ihre Wirkung entfalten, und zwar über die Kunst. Das Kunstwerk konnte sein Wirkungspotential über psychische Prozesse entfalten, wie etwa Mitleid und Bewunderung auslösen. Dies begründete die Annahme, daß insbesondere das Kunstwerk moralisch bildend zu wirken hatte. Die Bedeutung der „unteren Erkenntniskräfte" nahm nach 1740 in Verbindung mit Entwicklungen auf dem Gebiet der Nervenlehre deutlich zu. Den Gemütsbewegungen und den Leidenschaften wurden die entscheidenden handlungsmotivierenden Rollen im psychischen Haushalt zugeschrieben. Jede zeitgenössische Theorie der Leidenschaften erwähnt ihre Funktion als Antriebe der Seele. Ohne sie würde der Mensch in Trägheit versinken. Insbesondere Meier kommt immer wieder auf diese antreibende Macht der Leidenschaften zu spre137 138

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Johann Christian Bolten, Gedancken von Psychologischen Curen. Halle 1751. Siehe vor allem dazu: Emst Anton Nicolai, Wirckungen der Einbildungskraft in den menschlichen Cörper. Halle 1744; Johann August Unzer, Wirkungen der menschlichen Einbildungskraft in den menschlichen Körper, in: Der Arzt, 69. Stück, 1760, S. 257-271. Neben den schon erwähnten Büchern auch: Johann August Unzer, Gesellschaftliche Erzählungen, 65. Stück (1754): „Vom rechten Gebrauch der Gemüthskräfte in Absicht der Gesundheit" und 86. Stück (1754): „Vom Einfluß der Leidenschaften in den menschlichen Cörper".

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chen.140 Durch die Erweckung von Gefühlen im anderen Menschen sei gewährleistet, daß dieser sich empfindsam bilde. Johann Georg Sulzer, einer der wichtigsten ästhetischen Theoretiker der Zeit, schrieb, wenn der dramatische Dichter die innere Zufriedenheit und das Glück, welche die guten Handlungen und die Tugend begleiten, „nachdrücklich fühlen lassen kann", dann werde auch die Begierde, „uns diesselben zu eigen zu machen", entflammt.141 In den Schriften von Sulzer, Zükkert und Meier wurde die Frage nach den Übertragungsmöglichkeiten von leidenschaftlichem Empfinden thematisiert. Zückert schrieb: „Ja die Betrachtung der Martern, damit ein Übelthäter geplagt wird, können in denselben Gliedmaßen der Zuschauer ähnliche Schmerzen hervorbringen."142 Zückert erklärt auch, „warum die Leidenschaften anderer Personen uns in dieselbe Leidenschaft versetzen, und warum wir fröhlich mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen werden".143 Er nannte als Grund dieser Übertragung der Gefühle die Meiersche Theorie der Empfindungen und der assoziativen Steigerung der Eindrücke durch die Einbildungskraft.144 Meier selbst gibt sehr ausführliche Anweisungen, wie die Übertragung der Leidenschaft von der Schaubühne auf den Zuschauer zu bewirken wäre, aber diese Erörterungen waren auch - vom Theater abgesehen - allgemeiner Natur. Sulzer sah den Zusammenhang zwischen der Beobachtung anderer Menschen und den dadurch entstehenden Gefühlsbeziehungen als grundlegend an für jede Identifizierung und jede aktive Motivierung zum Guten: Weil also die Idee eines Guts oder Übels eben die Eindrücke auf uns macht, als das Gute oder Übel selbst, das sich auf unsere Glückseligkeit bezieht, so ist deutlich, das auch das Gute anderer Menschen, vermöge seiner Natur die angenehme, und ihr Übel die unangenehme Empfindung in uns erregen muß. Woraus die Wahrheit meines Grundsatzes erhellet: daß wir einen natürlichen Hang haben, an dem Guten und Übel anderer Theil zu nehmen. 145

Hier wird die „Erfahrung" und nicht die vernunftgemäße Erkenntnis der Lage des anderen zum zentralen Movens innerpsychischer Identifikationsmöglichkeiten. Verbunden mit der moralischen Intention dieser Theorie der Empfindungen unterstreichen die Ansichten dieser Mediziner und Vertreter der „schönen" Wissenschaften den verminderten Glauben an die Überzeugungskraft abstrakter Ideen. Insbesondere Meier sah sich veranlaßt, darauf zu bestehen, daß die einzig wirksame Beeinflussung anderer der „lebendigen Erkenntnis" anheimfalle. Aber Sulzer steht Meier nicht nach: „Alle Umstände", schrieb er, „die die totale Idee einer Begebenheit rührender machen, wohl zu schildern; das ist die große Kunst des Redners und Dichters, uns das einzige Mittel, das Herz zu treffen".146 140 141 142 143 144 145 146

Georg Friedrich Meier, Theoretische Lehre von den Gemiithsbewegungen. Halle 1744. Johann Georg Sulzer, Vermischte Philosophische Schriften. Leipzig 1773, S. 152. Johann Friedrich Zückert, Abhandlungen von den Leidenschaften. Berlin 1764, S. 8. Ebd., S. 7. Ebd. Sulzer, Vermischte Philosophische Schriften, S. 86. Ebd.

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Verbunden mit dieser Hinwendung zum dynamisch-gestaltenden Einfluß der Empfindungen war das Problem der Dämpfung allzu heftiger Leidenschaften. Besonders die Mediziner warnten vor den allzu schlimmen Folgen heftiger Freude oder Trauer. Trotzdem wurde die Wirkung der Gemütsbewegungen in der neuen Seelenlehre zum Schlüsselkonzept für Therapiemöglichkeiten in moralischer wie körperlicher Hinsicht. Das Hauptproblem, wie psychisches Gleichgewicht zu erlangen sei, war nicht mehr im Zustand der „Gemütsruhe" zu finden, wie es unter den stoisch beeinflußten Philosophen als Ideal angepriesen wurde, sondern der richtige Grad affektiver Dynamik.147 Eine bestimmte affektive Erregung, die den Einfluß des Verstandes nicht ausschloß, wurde als wünschenswert betrachtet. Bemerkenswert ist, wie sehr die Unterscheidung zwischen Empfindung und Leidenschaft an Schärfe verlor. Der Begriff Leidenschaft umfaßte - wie bei Unzer ersichtlich wird - ein ganzes Spektrum von Erregbarkeiten. Um die Affektenlehre der in Halle ausgebildeten Mediziner und „Weltweisen", wie die neuen Ästhetiker genannt wurden, darzustellen und die Theorie der „lebendigen Erkenntnis" zu erklären, können Unzers Aufsätze in den Gesellschaftlichen Erzählungen (von 1753) und in Der Arzt (1759-1761) herangezogen werden. Das Verhältnis von Körper und Seele wurde - trotz Verbeugung in Richtung Wolff im Sinne Stahls definiert. Die enge Verbundenheit von Körper und Seele war Voraussetzung für das Wirken der Leidenschaften. Im 65. Stück der Gesellschaftlichen Erzählungen schrieb Unzer: [...] daß die Leidenschaften nur Arten gewisser Handlungen der Seele sind, und daß nicht etwa nur eine gewisse Art der Vorstellungen mit gewissen Bewegungen des Körpers, sondern daß die ganze Seele selbst mit dem Leibe verbunden sey, so läßt sich leicht begreifen, daß kein Gedanke in jener entstehen könne, der nicht sowohl seinem Ursprünge, als seinen Wirkungen nach mit dem Körper auf das genaueste zusammenhängen sollte.

Diese Bestätigung der Theorie des leibseelischen Organismus, in dem jede kleinste Regung in der Seele oder im Leib im anderen Medium Wirkungen erzeugt, führt Unzer auf Stahls therapeutisches Konzept der engen Verbundenheit von Gemütsbewegung und Gesundheit zurück. Das 65. Stück trägt den Titel: Vom rechten Gebrauch der Gemüthskräfte, in Absicht der Gesundheit. Außerdem erklärt die Körper-Seele-Einheit die Dynamik der sinnlichen Erkenntnis. Die Empfindungen entstehen nach Unzer durch die „Gliedmaßen der Sinne",149 und ihre Wahmeh-

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Z.B. Sulzer, Vermischte Philosophische Schriften, S. 13: Die Seele finde Vergnügen nur „in einer angenehmen oder lebhaften Unruhe", oder S. 18: „Die wesentliche Bedingung für die angenehme Empfindung ist diese: So oft die Seele einen merklichen Grad der angenehmen Empfindung fühlen soll, so muß ihre ursprüngliche Vorstellungskraft zu einer lebhaften Wirksamkeit gereizt werden." Johann August Unzer, Vom rechten Gebrauch der Gemüthskräfte, in Absicht der Gesundheit, S. 194. Ebd., S. 196.

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mungsfunktion ist „das Instrument der Seele".150 Schon die Wahl des Begriffs „Instrument" weist auf Stahl hin: Diese Gliedmaßen der Sinne sind zugleich die edel-Theile unseres Körpers, und wenn man den Begriff einiger Weltweisen von einer eingefleischten Seele nicht für übertrieben hält, so könnte man wohl behaupten, daß die Nerven in alle Theilchen des Körpers Seele hineinführen, und eigentlich die Instrumente der Einfleischung wären. Solchergestalt läßt sich leicht begreifen, daß auf den rechten Gebrauch der Empfindungen außerordentlich viel ankomme, und daß keine Art der Vorstellungen ihre Wirkungen so schnell und gewaltig in den Körper äussere als sie. 151

Die nervlich-empfindlichen Reaktionen verschmelzen mit den innerseelischen kognitiven Fähigkeiten. Auf die Psychodynamik dieser Vorgänge wird ausdrücklich hingewiesen. Wie bei allen mit Stahl verbundenen medizinischen Theorien wird die Bedeutung der Einbildungskraft hervorgehoben: „Die Einbildungskraft hat nach den Empfindungen den heftigsten Einfluß in die Bewegungen unseres Körpers [...] Sie ist zugleich die vornehmste Quelle heftiger Leidenschaften."152 Weitere „Gemütskräfte" werden genannt als Leistungen der Einbildungskraft: Scharfsinnigkeit, Witz, Vorhersehungs- und Vermutungskräfte, Gedächtnis und Dichtungskraft. Die Leidenschaften und die „Triebe" (damit waren die „Neigungen" gemeint, d.h. die im Charakter verankerte Veranlagung, bestimmte Sachen mehr zu begehren als andere) wurden als die gewichtigsten Einflüsse auf das Normalbefinden des Menschen, zugleich aber latente Vermögen ausgewiesen, die ihn psychisch wie körperlich völlig verändern könnten. Der Vergleich mit dem „Lauf eines Stromes" zeigt an, wie mächtig dieses „Einfließen" auf den Menschen einzuschätzen war.153 Bei der Betrachtung pathologischer Einflüsse auf den Menschen, die in Unzers Erörterungen einen großen Raum einnehmen, wird bezeichnenderweise der Verstand nicht völlig ausgeklammert. Ein Übermaß „unersättlichen Nachdenkens" läßt Störungen auftreten.154 Das 65. Stück der Gesellschaftlichen Erzählungen Vom rechten Gebrauch der Gemüthskräfte, in Absicht der Gesundheit macht klar, daß die noch immer kontroverse und bekämpfte Lehre Stahls bezüglich der vita corporis quoad est organicum von Unzer zum Grundprinzip der sinnlich-emotional ausgerichteten Seelenlehre der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erklärt worden ist. Die Zeitschrift Der Arzt thematisiert erneut die psychophysische Gestaltung menschlichen Empfindens und Denkens. Im 159. Stück dieser Zeitschrift, Gesetze des Einflusses der Lust und der Unlust im menschlichen Körper, interessierte sich Unzer für die physiologischen Symptome, die zusammen mit den Gemütsbewe-

150 151 152 153 154

Ebd., Ebd. Ebd., Ebd., Ebd.,

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S. 197. S. 201 f. S. 206. S. 203.

gungen in Erscheinung treten.155 Wie in Stahls Lehre zum motus tonicus Vitalis, in der die physiologischen Änderungen ursächlich mit der Wahrnehmung und den Affekten verbunden werden, untersucht Unzer erneut die Auswirkungen von „Lust" und „Unlust" auf die Bewegung des Herzens und weiterer physiologischer „Bewegungen", insbesondere diejenigen der Nerven, die nach seiner Überzeugung den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen.156 Unzer bezieht diese Einheit der „Bewegung" in Körper und Seele auch auf die „Bewegung", die zwischen Menschen entstehen kann, die sich leidenschaftlich miteinander oder mit einer Sache identifizieren. Er kombiniert damit die medizinische Einsicht in psychophysische Prozesse, die er aus Stahls Lehre kannte, mit dem Interesse der neueren Generation an wirkungsästhetischen Problemstellungen. Seine Schlußfolgerung bezüglich des Umgangs mit Gefühlen mündet in Ansichten, die einem sehr bekannt vorkommen: sie erinnern stark an pietistische Auffassungen. Der Verstand wird als Organ der „inneren Bewegtheit" vom Platz gewiesen, um der „lebendigen Erkenntnis" das Feld zu überlassen. Das Beispiel, das Unzer wählt, um seine Schlußfolgerungen zu illustrieren, macht dies deutlich: zwei Prediger treten vor eine Gemeinde von Bauern. Der erste hält eine Rede, in der er in logischen und abstrakten Begriffen ein Thema klar und deutlich erörtert. Der zweite erzählt aus seinem Leben und schildert Einzelheiten über seine Eltern, seine Ausbildung und seine davon herrührenden Lebensmühen. „Er wußte alles dieses mit einer für seine Zuhörer sowohl ausgesuchten Beredsamkeit und Lebhaftigkeit vorzutragen, daß er nicht der erste seyn dürfte, dessen Augen von Thränen überflössen, weil schon die ganze Gemeinde für ihn weinte [...]."157 Dieser zweite Prediger sprach „fürs Herz", er „kam ans Herz",158 wie es Unzer formulierte. Damit wollte Unzer einen „Zustand der Seele" kennzeichnen, der in einer Empfindung des Vergnügens zur Vollkommenheit wurde.159 Die weitere Entwicklung und die Ausweitung der Lehre von der „lebendigen Erkenntnis" oder, wie sie ebenfalls hieß, der „anschauenden Erkenntnis" soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Sie bildet aber das Fundament aller psychologischen und wirkungsästhetischen Betrachtungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die aus der Literatur bekannte „Epoche der Empfindsamkeit" und auch die Ästhetik der Sturm- und Drangzeit haben hier ihre Wurzeln. In einem gewissen Sinne gibt die Geschichte der Seelenlehre keinen Anlaß dazu, allein in Kategorien des „Fortschritts" zu denken. Die „lebendige Erkenntnis" hat vielmehr entscheidende Affinitäten mit den Ansichten der Erweckten. Die Wirkungen der Gemütsempfindung wußte schon August Hermann Francke zu benennen, als er 155

156 157 158 159

Unzer, Der Arzt, 159. Stück: Gesetze des Einflusses der Lust und der Unlust im menschlichen Körper, S. 33-48. Ebd., S. 40ff. Ebd., S. 34. Ebd., S. 35. Ebd.

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sein Bekehrungserlebnis schilderte. Nicht seine Gelehrsamkeit in der Theologie verhalf ihm zu der Überzeugung, daß Gott ihm unmittelbar nahestand, sondern sein Gefühlserlebnis. An Philipp Jakob Spener schrieb Francke am 19. März 1692 aus Halle: „Es kommt doch alles darauff an, das die Vemunfft sich dem Glauben unterwerffe, und der Mensch nicht den Ruhm behalte, daß er es selbst erlauffen habe, sondern daß sich Gott über alles erbarme."160 Die intensive Gottbezogenheit Franckes ist in der „weltweisen" Generation von Unzer, Meier und Krüger nicht unmittelbar zu verzeichnen. Die psychologischen Erkenntnisse, derer sie sich bemächtigen, entstammen aber der Beschäftigung der Pietisten mit ihrer Seele. Im Kampf mit dem Rationalismus und der dualistischen Abspaltung des Körpers und der Leidenschaften haben sich auch im späten 18. Jahrhundert holistische Ansichten durchgesetzt. Der Weg zurück zur „sinnlichen Erkenntnis" wurde nämlich über Stahls medizinische Theorie gefunden. In Anbetracht der Bedeutung Stahls für die Medizin und die Seelenlehre des 18. Jahrhunderts ist es denn nicht verkehrt, Gedichtzeilen zu zitieren, die 1713 einem seiner Schüler anläßlich der Promotion gewidmet wurden und in schöner Voraussicht das Thema Irrwege und Wahrheit in der Medizin mit Stahl als „festem Grund" und „Compaß" auf sturmbewegter See beschließen: Doch wie es biß zum Zweck viel Neben=Wege giebt, Da man durch eigne Müh sich schwer zurechte findet: So giebts noch guten Rath, dadurch man überwindet, Wenn man nur jederzeit die Unterweisung liebt. Von eben dieser wird der feste Grund vollendet; [...] Wohl dem! der bey dem Schwärm der Blinden solchen findt, Der helle sehen kan, und uns zurechte weiset. Wohldem! der auf der See mit dem Compaße reiset; Und der den Faden hat im falschen Labyrinth. Wohl dem! der einen Grund von festen Stahle leget, Auff dem der Bau gesetzt, den nicht der Sturm beweget. 161

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Beiträge zur Geschichte August Hermann Francke 's, enthaltend den Briefwechsel Francke 's und Spener's, hg. v. Gustav Kramer. Halle 1861, S. 219. Glückwünsche an Georg Sigmund Liebezeit. Halle 1713, anläßlich der Inaugural Dissertation ,De Tumore Oedematoso-Podagorico'.

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VI. Zusammenfassung

Diese Arbeit untersucht die medizinische Theorie Georg Ernst Stahls in ihrer Bedeutung für die medizinische Theorie und Praxis, wie auch den starken Einfluß der Schriften Stahls auf den Pietismus und die Aufklärung. Das Leben und die Wirkung Stahls werden im Kontext der pietistischen Erweckungsbewegung in Thüringen und in Brandenburg-Preußen umfassend dargestellt. Die ideen- und sozialgeschichtlichen Verknüpfungen der Medizin mit den Reformansätzen in inspirierten und pietistischen Kreisen erlauben es, das bisherige Verständnis des Pietismus als Reformbewegung wesentlich zu erweitern. Sie gewinnt die Dimension einer das Wissen erneuernden Instaurado, die den Anspruch erhebt, wahr zu sein, und bestreitet damit den Vernunftglauben der Aufklärung in seinem Universalanspruch. Diese Instaurado oder Erneuerung des Wissens bezog sich hauptsächlich auf die Medizin. Die Hervorhebung der Medizin entsprach der ideologischen Problematik der Neuzeit. Mit der sich in Europa verbreitenden .scientific revolution' des 17. Jahrhunderts wurden naturwissenschaftliche Kriterien zum Maßstab der Erfassung von Natur. Naturdeutung und Realitätsauffassung legitimierten sich über die Sachautorität empirisch gewonnenen und rational definierten Wissens. Dadurch wurden auch anthropologische Maßstäbe gesetzt. Die Medizin der frühen Neuzeit, die sich nach der neuen Sachautorität naturwissenschaftlicher Weltdeutung orientierte, nahm den Dualismus zwischen Körper und Seele in Kauf. Die Autorität dieser Medizin, deren Verbindung mit der Physik und Mathematik dem neuen Weltbild Isaac Newtons und René Descartes' entsprach, konnte nur in Frage gestellt werden, wenn es gelingen würde, innerhalb der Medizin selbst eine andere Grundlage zu finden, die den Dualismus nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch als erkenntnismäßig unzureichend kritisierte. Die Theoria medica vera Stahls erfüllte diese Bedingungen. Sie trennte die Medizin von der Physik und Mathematik als Basis Wissenschaften, indem sie kategorisch Lebewesen von anorganischer Materie unterschied und dem Lebendigen ein autonomes Organisationsprinzip zugestand: die Seele. Der Organismusbegriff Stahls gründete die Einheit von Leib und Seele im Menschen in der medizinischen Erfahrung und der daraus ableitbaren Theorie. Die Legitimation durch die Medizin von der leibseelischen Einheit des Menschen konnte dem in der neuen Philosophie und Naturwissenschaft bevorzugten Dualismus entgegengesetzt werden. Dies bedeutete, daß die Erweckungsbewegung nicht dem orthodoxen Protestantismus darin folgen mußte, Wissenschaft und Religion als voneinander abgesonderte Inhalte zu betrachten. Die Legitimation religiösen Glaubens mußte nicht 255

über die dualistisch und empirisch konzipierte Sachautorität der Naturwissenschaft erfolgen, sondern konnte in Anlehnung an den Organismusbegriff Stahls Glaubensinhalte und Naturdeutung vereinen. Dieser Teil der Arbeit zeigt, wie die Reformansätze des nonkonformistischen Protestantismus, hier in Verbindung mit dem englischen Nonkonformismus gesehen, einen wissenschaftlichen Fortschritt bevorzugten, der zwar Ähnlichkeit mit den Zielen der Aufklärung besaß, sich aber im anthropologischen Konzept unterschied. Die Reform der pietistischen und radikalen Erweckungsbewegung läßt sich in der Formel „die Wahrheit ist einfach" zusammenfassen und bedeutet: 1) eine Abkehr vom traditionellen humanistischen Buchwissen zugunsten induktiver, empirischer Erfahrung; 2) die Ablösung von der Autorität einer Universität, die Wissen nur als Gegenstand gelehrten Unterrichts begriff, zugunsten einer (möglicherweise auch von der Universität ausgehenden) Popularisierung praktischen Wissens, worin besonders das medizinische Wissen hervorgehoben wurde; 3) eine Abkehr von der Sprache der Rhetorik zugunsten laienbezogenen und verständlichen Unterrichts. Diese dem europäischen nonkonformistischen Protestantismus des 17. Jahrhunderts eigenen Reformgedanken wurden in der deutschen Erweckungsbewegung des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts neu belebt. Insbesondere wird die Tendenz, autonome und autodidaktische Formen der Erkenntnis als legitim zu betrachten, erneuert. Diese Formen der Erkenntnisgewinnung: Prophetie, Inspiration, Erfahrung und Erleuchtung sind aber dem sich bildenden Staat des aufgeklärten Absolutismus suspekt. Sie wurden in den deutschen Fürstentümern als „Sektenwesen" verurteilt und verfolgt. Schon im England der „Restoration" (nach 1660) gründete sich die Ablehnung des radikalen Protestanismus, der „revolt against Enthusiasm", auf die Sachautorität der neuen Naturwissenschaft. Vernunft, Natur, Sachautorität und Wissenschaft: diese Werte der Aufklärung waren nicht nur die ideologischen Eckpfeiler einer „neuen Zeit", sondern auch verwendbar gegen eine Gedankenwelt, die Natur, Autorität und Psyche anders interpretierte. Wo die Aufklärung die Hierarchisierung der psychischen Vermögen einführte, insbesondere durch die ideologische Bewertung der Vernunft als autonom, blieben radikalprotestantische Kreise bei ihrer Hochschätzung des Gefühlsvermögens und der sinnlichen Erkenntnis. Wo die Aufklärung die Natur nach kausalmechanischen Prinzipien zu entdecken suchte und ihre Gesetzmäßigkeit als Naturordnung begriff, versuchte der Radikalprotestantismus, Natur weiterhin mit dem Schöpfungsgedanken, der Ordnung von Wesen und Zeichen („innere" und „äußere" Natur) zu folgen. Wo die Aufklärung im Rahmen der neuen Philosophie Seele von Körper schied, als wesensverschieden, suchte der Radikalprotestantismus die Einheit von Körper und Seele nicht nur im Individuum, sondern auch kosmosophisch als Interpretationsmodell zu erhalten.

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Aus diesen Gegensätzen ergibt sich die eigentliche sozial- und ideengeschichtliche Bedeutung der medizinischen Theorie Stahls, ohne daß seine Diskussion der Grundsatzprobleme der Medizin allein als historisch gebunden zu begreifen wäre. Die Auseinandersetzung um das Leib-Seele-Problem rückt mit der Diskussion um ideologische und soziale Werte in den Vordergrund. Der Vernunftbegriff und die Definition von Natur als gesetzmäßige Ordnung physikalischer und mathematischer Berechenbarkeit bestärken den Dualismus im Sinne von Descartes und Leibniz und entkräften zugleich die Vorstellung einer dynamischen Natur, der der göttliche Geist immanent ist, wie sie im Neuplatonismus und in der Naturmystik gegeben war. Eine dualistisch konzipierte Natur erlaubt es nicht, Wesen und Zeichen monistisch zu interpretieren, so daß der „äußere Buchstabe" der Natur auf das innere Wesen rücklesbar wird. Das ist für die auf Wiedergeburt bezogene Erwekkungsbewegung von grundlegender Bedeutung, weil im religiösen Kontext der Wiedergeburt in der „Schale" der äußeren Natur das innere Wesen (die Seele) zur Vollkommenheit reifen sollte. Im medizinischen Kontext heißt dies, daß die Seele als Erkenntnisorgan die stofflichen Prozesse im Körper bewegt und organisiert. Zeichen und Wesen sind symbiotisch und erlauben die Erkenntnis dynamischer Entwicklungsprozesse im Unterschied zu kausalmechanischen Regeln rein körperlicher Veränderung. Die Theorie Stahls bezieht sich also auf eine breitgefächerte und fundamentale Kontroverse, die alle Gebiete der Naturinterpretation und des anthropologischen Verständnisses der Neuzeit umfaßt. Der Ort, an dem diese Debatten ausgefochten wurden, ist Halle. Im dritten Kapitel der Arbeit wird vor allem die Wirkung Stahls in Halle untersucht. Seine Theorie war für die Frühaufklärung von entscheidender Bedeutung, wie es die Sittenlehre von Christian Thomasius und die Kontroverse mit Leibniz anzeigen. Ab 1720 verschärft sich die Auseinandersetzung um die oben geschilderten Grundsatzprobleme, insbesondere anhand des Widerstands pietistischer Gelehrter gegen die nun einer breiteren Leserschicht zugänglichen Schriften Christian Wolffs. Die pietistische oder radikal protestantische Anthropologie bleibt aber erhalten, nicht nur im religiösen Schrifttum, sondern auch in der Medizin, immer dort, wo Stahl rezipiert wird. Daß diese Rezeption der Lehre Stahls nicht abbricht und weit über seinen Tod (1734) hinaus von tragender Bedeutung bleibt, kann diese Arbeit belegen. Im vierten Kapitel, „Die medizinische Theorie Stahls", werden die Erkenntnisse Stahls zum Leib-Seele-Zusammenhang erörtert. Stahls Gegenkonzept zum Mechanismus ist in seinem Organismusbegriff enthalten. Schon in seinen autodiaktischen Studien vor Antritt des Medizinstudiums an der Universität beherrschte Stahl vornehmlich drei Wissensgebiete: die Kenntnis der Schriften der Antike, die praktische und theoretische Chemie seiner Zeit und die Anatomie. In Jena beschäftige er sich mit der Blutkreislauflehre William Harveys. Als er in den letzten 257

Jahren seines Studiums und noch vor Antritt der Professur in Halle den Schritt zu einer eigenen Theorie wagte, lehnte er die Chemie und Anatomie als Basiswissenschaften der Medizin ab. Der Grund dafür lag in seiner aus einer weitläufigen medizinischen Praxis gewonnenen Beobachtung, daß der lebendige Organismus nicht kausalmechanisch, d.h. aus der Zusammensetzung der Materien des Körpers und ihrer Gesetzmäßigkeit, zu erklären ist, sondern daß vielmehr der lebendige Organismus an seine Wahrnehmungsfähigkeit gebunden ist und von daher chemische und andere Prozesse sinnhaft ordnet. Physiologische, motorische, emotionale, intellektuelle wie auch vorstellungsgemäße Veränderungen sind alle holistisch an intellectus wie voluntas gebunden. Intellekt ist im Stahlianischen Sinne nicht mit dem Verstand als reflektierendem Bewußtsein gleichzusetzen. Intellekt ist vielmehr die Wahrnehmungsfähigkeit, die in der körperlich-seelischen Selbstorganisation zu verschiedenen zielgerichteten Vorgängen führt. Der Wille ist die direktive Komponente dieser Prozesse. Stahls Organismusbegriff ist holistisch und a posteriori, d.h. jeder Prozeß im Organismus ist dynamisch auf jeden anderen bezogen, und die Art der Reaktion (oder sinnvollen Genese) dieser Prozesse kann erst symptomatisch erfaßt werden. In diesem Sinne kann Stahl Krankheiten anders verstehen als in der Dyskrasielehre der Humoralpathologie. Die Krankheit, insbesondere das Fieber, ist auch als Selbstheilungsversuch der Natur zu verstehen. Die therapeutische Aufgabe des Arztes erschöpft sich nicht darin, Medikamente zu verabreichen. Ganz im Gegenteil: die empirische Einsicht in den Krankheitsprozeß sollte es dem Arzt ermöglichen, sehr sparsam seine Mittel einzusetzen. Stahl verfaßte ein Buch über iatrogene Krankheiten, um seinen Standpunkt kritisch zu erörtern. Stahls Beitrag zur Blutkreislauflehre seiner Zeit, zuerst in seiner Arbeit über den motus tonicus Vitalis enthalten, erläutert seine Kritik an den mechanisch-somatischen Erklärungsmodellen seiner Zeit. Weder das Herz als Pumporgan noch der Blutkreislauf selbst funktionieren nach mechanischen oder kausalstofflichen Regeln. Das Blut wird unterschiedlich verteilt aus Gründen, die sich aus Befindlichkeiten oder auch emotionalen Zuständen herleiten lassen. Das mechanische Modell berücksichtige weder den Einfluß der Einbildung noch den der Gemütsbewegung. Auch die Pathologie muß nach Stahl theoretisch und therapeutisch die Wahrnehmung des Menschen und seinen Gemütszustand berücksichtigen. Das holistisch-dynamische Konzept, das dem Organismusbegriff Stahls zugrundelag, bestimmte auch Stahls Verständnis seelischer Vermögen. Die Seele ist das von Gott eingehauchte Erkenntnisorgan, das einverleibt im Körper von diesem im Leben nicht zu trennen ist. Der Leib ist in jedem Sinne „Organon" oder „Werckzeug" der Seele. Stahl grenzt Bewußtsein nicht von „unbewußten" somatischen Vorgängen ab. Jede Erkenntnis ist seelischer Natur. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem Stahl zugeschriebenen „Animismus", denn die Seele „belebt" nicht das „Anorganische", sondern die leibseelische Ganzheit organisiert die le258

bendigen Prozesse, gleich, ob sie destruktiv oder konstruktiv verlaufen. Die „anima rationalis" Stahls, die nicht gleichzusetzen ist mit dem Verstand, bezieht sich auf die erkenntnismäßige Organisation des Lebendigen und vermeidet theoretisch wie praktisch die Aufteilung des Menschen in einen materiellen und geistigen Bereich. Mit Entschiedenheit bestritt Stahl die Aufteilung in eine „naturgesetzliche", d.h. physikalisch-mathematische Ordnung körperlicher Vorgänge, die von einer „psychischen" oder „geistigen" Erfassung der Welt abgetrennt werden könnte. Für Stahl gab es keine völlig autonome Vernunft, deren Erkenntnisse der sinnlichen Welt entbunden wären. „Seele" ist für ihn eine umfassende Fakultas mit verschiedenen Fähigkeitsbereichen, keine autonome oder gar „immaterielle" Substanz. Die Formel, die Stahl, in der Theoria medica vera benutzt, „vita quoad est organicum", zeigt, wo seine Betonung liegt, nämlich im körperlichen Ausdruck der dynamisch umgesetzen Wahrnehmungsfähigkeit der Seele. Stahls Theorie ist fast immer in der Weise mißverstanden worden, als ob er im dualistischen Sinne einen abstrakten Influxus geistiger Art als stoffliches Bewegungselement postulieren wolle. Diese vom Dualismus herstammende Auffassung der Theorie Stahls stellt ein schweres Mißverständnis dar, das sich von Gottfried Wilhelm Leibniz, Albrecht von Haller bis zu Robert Koch und Karl Eduard Rothschuh fortsetzte. Im Abschnitt über das Negotium Otiosum, die Streitschrift um die Bedeutung der Seele und der naturwissenschaftlichen Bestimmung des menschlichen Körpers, wird die Bedeutung der „anima rationalis" Stahls als körperbeeinflussendes Erkenntnisorgan herausgearbeitet. Der Organismusbegriff Stahls war eine wichtige theoretische Erkenntnis in einer Zeit, in der die wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin der Neuzeit gelegt wurden. Die Frage nach den Organisationsprinzipien der Lebewesen hat in dieser umfassenden Form des Bezugs auf emotionelle und intellektuelle Erkenntnisse nur Stahl systematisch gelöst. In der Entwicklung medizinischen Wissens stand er an einem Wendepunkt, dessen Implikationen die Medizin noch immer beschäftigen. Die kausalmechanisch und somatisch orientierte Medizin, der Stahl seine Theorie entgegensetzte, beantwortete die Frage nach dem Einfluß psychischer Faktoren dahingehend, daß sie diese ausschloß und sich auf experimentelle Ergebnisse rein physiologischer Natur konzentrierte. Durch diese auf die neue Methodik naturwissenschaftlicher Epistemologie begrenzte Erkenntnisfrage ist „der Körper" zum Forschungsobjekt der Medizin geworden. Der Dualismus, den Stahl für die Medizin als prinzipiell falsch betrachtete, führte zu einer anthropologischen Betrachtungsweise, systematisiert in der Physiologia empirica Christian Wolffs, die Vernunft vom Körper trennte und wiederum die Gefühle von der Vernunft, weil mit Descartes und Wolff die Leidenschaften als körperlichen Prozessen entstammend und der Vernunft entgegengesetzt definiert wurden. Mit der neuen Philosophie setzte also eine Hierarchisierung seelischer Vermögen ein, bei der durch die betonte Vorherrschaft der Vernunft - der Körper zum seelenlosen In259

strument wurde: die Verbindung von Wahrnehmung und Reaktion im Körper als intelligenter Vorgang wurde verneint. Weder kausalmechanisch noch experimentell konnte „Seele" bestimmt werden. Sensibilität und Irritabilität setzten einen Stimulus, aber keine Erkenntnis voraus. Mit der experimentellen Orientierung auf die Kausalmechanik wurde das Stahlianische Modell einer medizinischen Epistemologie verdrängt, die vom „Zeichen" oder „Symptom" als Erkenntnishilfe für die psychosomatischen Krankheitsvorgänge ausgeht. Stahl versteht Krankheit nicht als Zustand, sondern als Prozeß. Die Frage nach der Wirkung der Gemütsbewegungen und der Einbildungskraft konnte nach dem kausalmechanisch-somatischen Modell nur unzureichend gelöst werden. Ab 1740 setzt sich in der Medizin eine jüngere Generation von Ärzten in Halle nochmals mit Stahls Theorie auseinander. Die medizinische Beschäftigung mit der Seele in der Nachfolge Stahls wird im Kapitel „Die Vernunft ist verderbt" erläutert. Obwohl diese Arbeit sich nicht schwerpunktmäßig mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigt, sichert sie die Erkenntnis, daß Stahls medizinische Theorie eine entscheidende Wirkung auf Ärzte wie Johann Gottlob Krüger, Johann August Unzer, Ernst Anton Nicolai und andere hatte. Diese Ärzte waren publizistisch tätig: ihrer Feder entstammen vielgelesene Werke und auch Zeitschriftenliteratur, die über die Universitätsmedizin hinaus ein breites Publikum erreichten. Mit Krüger, Unzer, Nicolai und Georg Friedrich Meier gewinnt die medizinische Theorie Stahls auch Einfluß auf Gebiete wie die Ästhetik und die Dichtung. Insofern bleibt Stahl maßgebend für eine kulturelle Breitenwirkung, die vom anakreontischen Gedicht bis zum Drama reichte. Die Frage, die Stahl in seiner medizinischen Theorie stellte, bleibt relevant: ist der Mensch als seelisch-körperliche Einheit holistisch zu begreifen, dann sind die naturwissenschaftlichen und die daraus abgeleiteten therapeutischen Grundlagen der Medizin, die sich vom kausal-mechanisch-somatischen Modell historisch abgeleitet haben, neu zu überdenken.

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VII. Literaturverzeichnis

Georg Emst Stahls Biographie, seine Verbindung mit dem Pietismus und sein Wirken an der Universität Halle sind durch die Einsicht in verschiedene Archive ermittelt worden. Diese Archive besitzen in erster Linie nicht sehr viel Material zu Stahl, sondern zu den Themenbereichen Universitätsgeschichte, Pietismus sowie Geschichte des Brandenburg-Preußischen Hofes. Die Angaben zu Stahl wurden somit über indirekte Quellen erschlossen. Die genauen Hinweise über die benutzten Archivalien sind in den Anmerkungen angegeben. Zu Stahls Schriften gibt es keine vollständige Bibliographie. Die von Johann Christoph Goetz in zweiter Auflage 1729 veröffentlichte Bibliographie, Scripta D. Georg. Ernest. Stahlii aliorumque ad eius mentem disserentium (Nürnberg), ist eine zuverlässige Quelle, die chronologisch und mit Kommentar versehen die Schriften Stahls und deren mehrfache Auflagen verzeichnet und einen Überblick über die medizinischen Schriften seiner Nachfolger vermittelt. Da meine Bibliographie über die von Goetz hinausreicht, läßt sich festhalten, daß die Auflagen Stahlianischer Schriften und Werke nach 1729 zunahmen. Ich habe die Dissertationen unter Stahl und seinen Nachfolgern Alberti und Juncker, ausgenommen diejenigen, die direkt mit der Thematik dieser Arbeit verbunden sind, nicht verzeichnet. Die chemischen Schriften, die französischen Übersetzungen chemischer Arbeiten und mehrerer Dissertationen, wie spätere Übersetzungen ins Englische von manchen Schriften wurden ebenfalls hier nicht berücksichtigt. Sie bleiben einer ausführlichen Bibliographie über Stahl vorbehalten. Die Sekundärliteratur zu Stahl bleibt spärlich. Ich habe im wesentlichen deutsche Publikationen herangezogen. Eine Reihe französischer Arbeiten über Stahl könnte zusätzlich angeführt werden, bei denen ich aber der Meinung bin, sie müßten im Kontext der französischen Rezeption Stahls gesehen werden. Die StahlRezeption im Frankreich des 19. Jahrhunderts ist bedeutend.

1. A r c h i v e Archiv der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin. Archiv der Franckeschen Stiftungen, Handschriftenabteilung (zitiert als AFSt), Halle. Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (keinerlei Material zu Stahl), Berlin. Staatsarchiv Weimar: Hofwesen Johann Ernst von Sachsen-Weimar, Weimar. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Berlin. Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle, Handschriftenabteilung, Halle.

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Universitätsarchiv Halle. Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Handschriftenabteilung, Erlangen. Zentrales Staatsarchiv, Dienstelle Merseburg (zitiert als Staatsarchiv Merseburg), Merseburg. Zentralstelle für Genealogie in der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig (= heute: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Abt. Deutsche Zentralstelle für Genealogie, Leipzig).

2. Die medizinischen Schriften Georg Ernst Stahls (Auswahl) A. Lateinische Schriften Fragmentorum aetiologiae physiologico-chymicae ex indagatione sensu-rationali, seu conaminum ad concipiendam notitiam mechanicam de rarefactione chymica prodromus de indagatione chymico-physio-logica. Jena 1683. Dissertatio medica inauguralis de intestinis eorumque morbis ac symptomatis cognoscendis et curandis. Jena 1684. Dissertatio epistolica de motu tonico vitali hinc dependente motu sanguinis particulari. Qua demonstratur salva circulatione sanguinem et cum eo comineantes humores ad quamlibet corporis partem specialem prae aliis copiosius dirigi et propelli posse. Jena 1692. Programma quo vindicias theoriae verae medicae a superfluis, alienis, falsis opinionibus et suppositionibus ex congrua anatomiae, chymiae et physicae tractatione et applicatione prognatis, ut physiologia medica positiva demonstrativa asseratur et stabiliatur, publias ordinaris lectionibus et privatis septentium exercitationibus anatomicis chymisque prosequetur. Halle 1694 ( 2 1705, 1715). Disputationem Inauguralem De Passionibus Animi Corpus Humanum Varie Alterantibus Praeside Dn. Georg. Emesto Stahlio [...] pro Doctorali Dignitate [...] publicae Eruditorum Disquisitioni submittit Johannes Jacobus Reich, Kronweisenburgo-Palatinus. Die 6. Maj. 1695 [...]. Halle 1695 ( 2 1719). Propempticon inauguralis de synergeia naturae in medendo. Halle 1695. Problemata practica febrium pathologiae et therapie [...] quibus febrium in genere et specie, circumstantiae essentiale [...] ex [...] propria experientia pervestigatae, recensentur, ut ex illis scientica connexio et causalis genologia febrium efformari possit. Halle 1695 ( 2 1707). Positiones de mechanismo motus progressivi sanguinis, quibus motus tonici partium porosarum nécessitas, utilitas, et habilitas, ad motum sanguinis, lymphae, seri, particulariter dirigendum, admittendum, vel excludendum, demonstratur, pro futuris usibus pathologiae variorem affectuum, maxime vero febrium, apodictice evolvendae. Halle 1695 ( 2 1710). Dissertatio medico-practica de Autokratia naturae, sive spontanae morborum excussime et convalescentia. Halle 1696. Positiones de aestu maris microcosmici, seu fluxu et refluxu sanquinis, tum in pluribus aliis luculentis exemplis, tum praecipue in paroxysmo febrili tertianario, manifesto in sensus incurrente; mediante vero motu tonico partium porosarum, ut praecipuo organismo, in effectum deduci solito: ad motus sanguinis tonici veritatem, et communissimam utilitatem, seu solennem et frequentissimum usum, ulterius illustrandum, febrium vero pathologiae fundamentum, digito designandum. Halle 1696 ( 2 1704). Dissertatio medica, qua temperamenta physiologico-physiognomico-pathologico-mechanice enucleantur. Halle 1697. Observationum chymico-physico-medicarum curiosarum, mensibus singulis [...] continuandarum, mensis primus [...] julius (sextus december 1697; mensis primus jannarius-quartus aprilis 1698) [...]. Frankfurt 1697-1698. Dissertatio medica pathologico-practica de morborum aetatum fundamentis pathologico-therapeuticis. Halle 1698. Propempticon inauguralis de differentia rationis et ratiocinationis, et actionum, quae per et secundum utrumque horum actuum fiunt in negotio vitali et animali. Halle 1701 ( 2 1707, 3 1712). Dissertatio medica inauguralis de vita. Halle 1701. Domino Lucae Schroeckio cogitationes suas de medicina medicinae necessaria, et propositam disquisitionem de natura sensu medico: loco pensi sui symposiaci, et, ex sua mente, ad modo dictam medicinae instaurationem fundamenti aperit. Halle 1702. 262

Lectionibus ordinariis pubiicis [...] physiologiam medicam ad pathologiam, therapiam et praxin clinicam directe conferendam et demonstrationibus privatis collegialibus anatomiae, seu demonstrantionum et inventionum anatomicarum Seriem et usum ordietur et prosequetur. Halle 1705. Observations selectae ad rem litterariam spectantes. 10 Bde. Halle 1700-1705. Addidamenta 1706. Darin von Stahl: - De verisimillima causa motus mercurii in tubo torricelliano seu barometro. Bd. I, Observatio XIV. - De copiosa, facili et concentrata collectione spiritus acidi summe volatilis sulphureo vitriolici et theoretico practica apodeixei generationis euisdem. Bd. I, Observatio XVIII. - Brevem explicationem observations indigitans. Bd. I, Observatio XXV. - Aristotelis error circa definitionem naturae correctus. Bd. III, Observatio VII. - Arcani duplicati et tartari vitriolati geneologia. Bd. ΙΠ, Observatio XI. - Metereologiae Cokio-Sluteriana commendatio. Bd. III, Observatio XX. - De differentia mixti, aggregati, individui. Bd. IV, Observatio XIV. - Suspicionis defectum judicii historici. Bd. V, Observatio Vili. - De sollicita diaeta. Bd. VI, Observatio XXVIII. - De mettallorum emendatione modico fructu profutura. Bd. VII, Observatio XII. - De divisionis et diffissionis differentia. Bd. VII, Observatio XIX. - Additamentum: Bd. X, enthält: De usu et abusu mechanismi in corporibus animantibus (Michael Alberti), Observatio I. Nescire ammalia rationalia quid sit anima rationalis. Observatio XIV. Exercitatio académica De sensu naturae circa curationes incongruas et de nexu exinde proveniente [...] dirigente Georg. Em. Stahl [...] in forma diss. Inaug. Habita a Christiano Frid. Richtero. Halle 1706. Disquisitio de mechanismi et organismi diversitate. Qua monstratur quod peculiaria genera physicarum rerum, quae et species numerosas, et individua numerosissima, quin innumera, complectuntur et prae reliquis rebus naturalibus, adfiendum, transeundum, redeundum aptae, imo natae, sunt, non simplicem mechanicam sed vere organicam a priori et a posteriori rationem, destinationem, et applicationem habeant; adeoque talia, qualia sunt, non solum, ut propter fìnem, fiant, sed etiam omnino fieri debeant. Halle 1706. Paraenesis ad aliena a medica doctrina arcendum: Quoniam non solum Medicam Doctrinam morentur, turbent, fallant: sed etiam aliena ab ipsa vernate et usu practico, animis obiiciant. Ubi simul monstratur, quod communes opiniones physicae, per inscitiam mixti et vivi, et confusionem materiae propriarum, atque motus, proprietatum; imprimis autem per imperitiam motus, a priori, ad sinem dirigendi, et a posteriori per nudas intentiones pervertendi: et se, et medicam theoriam vulgarem, pessum dederint. Halle 1706. Exercitatio académica de sensu naturae [...]. Halle 1706. De vera diversitate corporis mixti et vivi, et utriusque peculiarium conditionum atque proprietatum necessaria discretione, demonstratio. Qua uberius declarator, quod non solum decens atque sufficiens consideratio vivi corporis, quatenus talis, nec in physicis, nec in medicis scholis hucusque institute sit. Sed inprimis etiam in medica schola hujus rei defectus in culpa sit, ut non solum theoriae, sed et rationalis praxeos, omnis spes atque conatus in irritum hacentus ceciderit. Pro vera atque solido fundamento medicae doctrinae proposita, et tanquam apex praecognitorum physico-medicorum exhibita. Halle 1707. Dissertatio inauguralis medica de medicina sine medico. Halle 1707. De scriptis suis ad hunc diem schediasmatibus, vindiciae quaedam, et indicia. Halle 1707 ( 2 1708). Medicina dogmatico-systemticae partis theoreticae sectio prima, quam constituit physiologia. Halle 1707. (Nur in der British Library verzeichnet: Sign.: Β 4°Ζ 70 Med). Dissertationes medicae, tum epistolares, tum academicae, in unum volumen congestae et commodioris usus ac connexionis gratio in tres partes digestae. Halle 1707. Theoria medica vera: physiologiam et pathologiam, tanquam doctrinae medicae partes vere contemplativas, e naturae et artis veris fundamentis, intaminata ratione, et inconcussa Experientia sistens. Halle 1708. Theoria medica vera, physiologiam et pathologiam, tanquam doctrinae medicae partes vere contemplativas, e naturae & artis veris fundamentis, intaminata ratione et inconcussa experientia

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sistens. Ed. altera correctior et indice locupletiore praedita cum praefatione D. Ion. Iunckeri. Halle 1737. Observations physico-chymico-medicae curiosae; antehac observationibus Hallensibus selectis, ad rem littaerariam spectantibus sparsim insertae; nunc vero in unum fasciculum collectae, et in gratiam quorundam philiatrorum editae. Halle 1709. Excusatio respondens ex animi, pulsuum celeris et frequentis, eorumque constans distinctio, qua publico scripto prollata thesin non feriant. Halle 1709 (1707). Dissertationes medicae, ab anno 1707 ad anum 1712 in publicam emissae in alterum volumen collatae ordine justo comprehensae et reali indice instructae. Halle 1712. Dissertatio inauguralis de mutatione temperamenti cum epistola de fatis doctrinae temperamentorum. Halle 1712. Opusculum chymico-physico-medicum, seu schediasmatum a pluribus annis variis occasionibus in lucem emissorum nunc quadantenus etiam auctorum et deficientibus expemplaribus in unum volumen jam collectorum fasciculus publicae luci redditus, praemissa, praefationis loco autoris epistola ad Tit. Dn. Mich. Alberti, editionem hanc adcurantem. Halle 1715 ( 2 1740). Conspectus medicinae theoretico-practicae [...] et praefatione Stahlii [...] Auctore Johann Juncker. Halle 1718. Conspectus medicinae theoretico-practicae, tabulis 116 omnes primarios morbos, methodo Stahliana tractandos, exhibens [...] Auctore Joanne Junckero. Halle 1718. Conspectus medicinae theoretico-practicae, tabulis CXXXVIII omnes primarios morbos methodo Stahliana tractandos, exhibens: tertia vice editus, correctus et auctus, cum indice satis locuplete et praefatione excell. Stahlii. Auctore D. Ioanne Iunckero. Halle 1734. Blankaart, Stephan, Lexicon Medicum Graeco-Latinum-Germanicum in quo termini totius artis medicae [...] definiuntur [...] cum praefatione Georg Ernst Stahl. Halle 1718. Introducilo in universam medicinam tam theoreticam quam practicam [...] ad usum auditorii [...], hg. v. Michael Alberti. Halle 1718. Praxeos medicae therapia pro hodego tum dogmatico tum clinico in usum auditorum, hg. v. Johann Samuel Cari. Halle 1718. Praxeos medica therapia generalis et specialis, hg. v. Johann Samuel Cari. Halle 1718. Fundamenta medicinae theoretico-practica/secundum celeberrimi D. D. Stahlii potissimum aliorumque celebriorum medicorum placita conscripta & propria experientia confirmata. In forma tabularum universam theoriam medicam, praxin generalem & specialem omnium morborum internorum [...] continentium, exhibita a Georgio Philippo Nenter [...]. Straßburg 1718-1721. Introducilo in medicinam quae juxta propositum ordinem semiologia, hygiene, materia medica, et chirurgia [...] in usum auditorii, hg. v. Michael Alberti. Halle 1719. Specimen historiae medicae ex solide experientia documentis maxime [...] vero monumentis Stahliis, hg. v. Johann Samuel Cari. Halle 1719. Negotium otiosum, seu sciamachia, adversus positiones aliquas fundamentales, theoriae verae medicae a viro quodam celeberrimo intentata, sed adversis armis conversis enervate. Halle 1720. Fundamenta chymico-pharmaceutica generalia. Accessit manuductio ad enchirises artis pharmaceuticae specialis cura Benjamini Roth-Scholtzii. Hermstedt 1721. Introducilo in medicam practicam generalem, specialem, et specialissimam [...] cum additamento fundamentorum philosophiae naturalis usui medico accomondatae et chymiae, hg. v. Michael Alberti. Halle 1721. Conspectus chirurgiae [...], hg. v. Johann Juncker. Halle 1721. Synopsis medicinae stahlianae ab ipso autore proposita quondam epistola quadam familiari nunc vero communi usui expósita, hg. v. Johann Samuel Carl. Büdingen 1724. Conspectus therapiae generalis, cum notis in materiam medicam tabulis X X methodo Stahliana conscriptus. Auctore Ioanne Iunckero. Halle 1725 (editio secunda correctior: Halle 1736). Conspectus therapiae generalis: cum notis in materiam medicam tabulis 20. methodo Stahliana conscriptus. Auctore Johann Juncker. Halle 1736. Casus medicinales 26 selectiores totidem tabulis ad mentem Stahlianam [...], hg. v. Samuel Forbinger. O.O. 1725. Observations medico-practicae, quarum classis I sistit febres. Praemittitur recensio chronolocica scriptorum Stahlii et ad ejus mentem disserentem Edidit D. Joh. Christophor. Goetzius. Nürnberg 1726.

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Elementa chinirgiae medicae ex mente, manu, methodoque Stahliana proflua, jamque communis usus reddita, hg. ν. Johann Samuel Carl. Büdingen 1727. Fundamenta pharmaciae chymicae manu methodoque Stahliana posita, hg. v. Johann Samuel Carl. Büdingen 1728. Sileni Alicibiadis i.e. Ars sanandi cum expectatione opposita arti curanti nudae expectatione: satyra Harveana castigatae. Offenbach 1730. Conspectus formularum medicarum, exhibens tabulis XVI tam methodum rationalem, quam remediorum specimina, ex praxi Stahliana potissimum desumta. Et therapiae generali accomodata. Auetore Joanne Junckeo. Editio secunda. Halle 1730. Conspectus formularum medicarum: exhibens tabulis XVI tam methodum rationalem, quam remediorum specimina, ex praxi Stahliana potissimum desumta. [Johann Juncker]. Venedig 1741. Conspectus formularum medicarum, exhibens tabulis 16, tam methodum rationalem, quam remediorum specimina, ex praxi Stahliana potissimum desumta, et therapiae generali accomodata, hg. v. Johann Juncker. Halle 1753. Collegium casuale, sic dictum minus, in quo complectuntur casus centum et duo diversi argumenti, numerum plerorumque morborum absolventes, cum epicrisibus et revolutionibus theoreticopracticis, intaminata ratione et inconcussa experientia conscriptis. Schweidnitz und Hirschberg 1734. Conspectus physiologiae medicae et hygienes in forma tabularum repraesentatus et ad dogmata Stahliana potissimum adomatus. [Johann Juncker]. Halle 1735. Conspectus pathologiae ad dogmata Stahliana praeeipue adomatae et semeiologiae potissimum Hippocratio-Galenicae in forma tabularum repraesentatus. Auetore Johann Juncker. Halle 1736. Collegium casuale, sic dictum minus [...] cum praefatione de utilitate medicinae Johann Gottlieb Buddeus. Dresden 1741. Conspectus Therapiae Specialis: Tabulis CXXXVIII Omnes Morbus, Methodo Stahliana Tractandos [...] cum praefatione Stahlii. Auetore Johann Juncker. Halle 1750. Georg. Em. Stahlii theoria medica vera physiologiam et pathologiam tanquam doctrinae medicae partes vere contemplativas e naturae et artis veris fundamentis intaminata ratione et inconcussa experientia sistens; editionem reliquis emendatiorem et vita auctoris auctam curavit Ludovicus Choulant. 3 Bde. Leipzig 1831-1833.

B. Deutsche Übersetzungen Observations clinicae-practicae, worinnen gezeiget wird, wie man die Kranckheiten erkennen, unterscheiden und heilen solle, hg. v. Gottfried Heinrich Ulau. Leipzig 1714. Die vorhin besonders gedruckten Observations Clinicae, worinnen gezeiget wird, wie man die menschlichen Kranckheiten nach ihren ursprünglichen Ursachen erkennen, unterscheiden und heilen solle. Nebst fleißiger Erinnerung, was bey diesem allen in Ansehung der verschiedenen Eigenschafften der Temperamenten ein Practicus zu beobachten habe zum Druck befördert von D. Gottfried Heinrich Ulau. Leipzig 1716. [Die Ausgabe von 1716 ist dem Exemplar aus der Heinrich Laehr Sammlung, München (Sign.: 190a, b) der ,Neu-verbesserten Lehre von den Temperamenten' angeheftet], Observationes clinico-practicae [...] Andere Auflage [...] Ehemahlen von dem berühmten kön. Preuß. Leib-Medico und Hof-Rath Herrn Georg Ernst Stahlen in einem Collegio Privatissimo Discurs=weise vorgetragen. Nunmehro aber mit dessen General=Einleitung zur Praxin und einer neuen Vorrede vermehret. Leipzig 1718 ( 3 1720 oder 1726). Observationes clinico-practicae [...]. Leipzig 4 1735. Gründlicher Physikalischer und Medicinalischer Diseurs eines berühmten Medici in Berlin von den warmen Bädern und Sauerbrunnen, darinnen so wohl derselben Natur gemässe Beschaffenheit überhaupt nach ihren Principiis, Ursprung, Zu- und Ausfluß, als auch nach dem Schaden und Nutzen, den sie dem Patienten bringen, deutlich beschrieben, und endlich in was vor Kranckheiten sie besonders dienlich, auf was Art und Weise sie zu gebrauchen und wie ein Medicus seine Consilia darnach einzurichten, aufrichtig gewiesen wird. Leipzig 1716 ( 2 1723). Neu-verbesserte Lehre von den Temperamenten. Aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und wegen ihres herrlichen Nutzens zum Druck befördert von D. Gottfied Ulau. Leipzig 1716.

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Neu-verbesserte Lehre von den Temperamenten. Zweyter Theil. Handelnd von Veränderung der Temperamenten. Leipzig 1723 ( 2 1734). Kurtze Untersuchung der Kranckheiten welche bey dem kindlichen Alter des Menschen fiirnemlich vorzukommen pflegen. Leipzig 1718 ( 2 1730). Gründliche Untersuchung der Kranckheiten welche bey einem jeglichen Alter des Menschen fühmemlich vorzukommen pflegen. Leipzig 1718 ( 2 1730). Gründliche Abhandlung des Aderlassens, sowohl den Gebrauch und Mißbrauch, als auch dessen besondere Application auf dem Fusse und andern gewissen Theilen des Leibes betreffend. Nebst einem ausführlichen Bericht, was von Aderlassen in hitzigen Fiebern zu halten sey. Leipzig 1719 ( 2 1728, 3 1735). Gründliche Abhandelung des Aderlassens, sowohl den Gebrauch und Miszbrauch, als auch dessen besondere Application auf dem Fusse, und andern gewissen Theilen des Leibes, betreffend. Nebst einem ausführlichen Bericht, was von Aderlassen in hitzigen Fiebern zu halten sey. Leipzig 1734. Ausführliche Abhandlung von den Zufällen und Kranckheiten des Frauenzimmers, dem beigefüget was zu einer guten Amme erfordert werde, ingleichen eine völlige Beschreibung des Motus tonici nebst einer Vorrede von dem weißen Fluße. Leipzig 1724 ( 2 1735). Ausführliche Abhandlung der Blattern und Masern, aus dem Lateinischen übersetzt, in: Johann Storch, Medicinische Jahrgänge oder Observationes clinicae, darinnen er zeiget, wie die ihm anvertraute Patienten nach den natürlichen oder Stahlianischen methodo curiret worden. Leipzig 1724-1735. (Medicinischer Jahrgang, Theil 2, 1724). Untersuchung der übel curirten und verderbten Kranckheiten, darinnen umständlich gewiesen wird, was übel curirte und verderbte Kranckheiten sind, woher solche rühren, was vor Schaden daraus erwachse und was zu beobachten damit man keine Kranckheit verderbe. Leipzig 1726 ( 2 1735). Praxis Stahliana, die. Hr. G. E. Stahls Collegium Practicum, welches theils von Ihm privatim in die Feder dictirt, theils von seinen damahligen Auditoribus aus dem Diseurs mit besondern Fleiß nachgeschrieben, nunmehro aber aus dem Lateinischen ins Teutsche übersetzt, mit vielen Anmerckungen und Raisonnements aus 26. jähriger Praxi bekräftiget, erläutert, auch mit Erlaubniß des Hrn. Autoris zum Druck befördert worden, von D. Joh. Storchen alias Hulderico Pelargo. Leipzig 1728. Praxis Stahliana [...] bey dieser zweyten Auflage um viel vermehrt und verbessert [...], hg. v. Johann Storch. Leipzig 1732 ( 3 1745). Materia medica, das ist Zubereitung, Krafft und Würckung, derer sonderlich durch chymische Kunst erfundenen Artzneyen, darinnen sowohl die fühmehmsten Gold-Silber-Stahl-KupfferBlei-Zink-Mercurial-Artzneyen angeführet, als auch andere aus Mineralien genommene Mittel beygebracht, wie nicht weniger die besten Medicamenta aus den Vergetabilien und Thieren communiciret werden, seiner Würdigkeit wegen aus dem Lateinischen übersetzt, und zum dritten Mahle aufgelegt. Nebst einem Anhange von denen Specificis. Dresden 1744 (1. Auflage: Dresden 1728). Abhandlung von der Goldnen Ader, worinnen viele heylsame Wahrheiten entdecket, viele grobe Irrthümer widerleget, und eine sichere Methode, vielen schweren Kranckheiten glücklich abzuhelffen, an die Hand gegeben wird. Leipzig 1729 ( 2 1733, 3 1737). Einleitung zur Chirurgia, dabey viele in Praxi vorkommende Casus gründlich resolviret und sowohl die dazu dienlichen Mittel angezeigt, als auch denen Anfängern zum besten probate Recepte beygefüget sind, und überall die beste Methode zu curiren angewiesen sind. Nebst einem Anhange von der Pflicht eines Medici bei denen sog. Chirurgischen Zufällen. Aus dem lat. übersetzt. Leipzig 1730 ( 2 1740). Collegium casuale magnum, oder 76 practische Casus, welche er von anno 1705 bis 1707 als Prof. Ord. auf der Universität Halle einem gewissen numero studiosorum mit gründlicher resolution und treuer Eröffnung vieler besondern praktischen Cautelen lateinisch in die Feder dictirt, nunmehro ins Teutsche übersetzt von D. Johann Storchen. Leipzig 1733. Gründlicher Bericht von seinen Balsamischen Blutreinigenden und confortierenden Pillen, wie auch von des solchen Fluß=Magen und Stein=Pulvers sonderbaren Würckung. Berlin 1734. Theoretische und praktische Abhandlung von der Diät. (De dieta) Aus dem Lateinischen ins Deutsche vertiret und mit vielen Noten und Anmerckungen erläutert von Johann Storch, in: Quinqué partitum practicum [...], hg. v. Johann Storch. Bd. I. Leipzig 1738, S. 361-470.

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Theoretische und praktische Abhandlung von dem Verhalten. (De regime) Aus dem Lateinischen ins Deutsche vertiret und mit vielen Noten und Anmerckungen erläutert von Johann Storch, in: Quinqué partitum practicum [...], hg. v. Johann Storch. Bd. I. Leipzig 1740, S. 505-528. Quinqué partitum practicum [...] Praxis Casualis Medica [...] Nebst einem Anhang von verschiedenen Medicamentis euporistis und der ins Teutsche vertirten und mit vielen Observationibus erläuterten Stahlischen Disputation von der Diät, hg. v. Johann Storch. Leipzig und Eisenach 1739. Quinqué partiti practici oder einer in fiinff Klassen eingeteilten Praxeos Casualis Medicae. Thomus Π. Anno 1732. Nebst der ins Teutsche vertirten und mit vielen Anmerckungen erläuterten Stahlischen Disputaion vom Verhalten, hg. v. Johann Storch. Leipzig und Eisenach 1740. Gründliche Abhandlung von Abschaffung des Missbrauchs so mit Besehung des Urins und mit der Wahrsagung aus denselben im Schwange gehet [...]. Aus dem Lateinischen ins Teutsche übersetzt. Coburg 1739. Einleitung zur Chirurgie, dabey viele in Praxi vorkommende Casus [...] Nebst einem Anhange [...]. Leipzig 1740. Theorie der Heilkunde. Erstes und zweites Buch. Dargestellt von Wendelin Ruf. Vorrede von Kurt Sprengel. Halle 1802. Theorie der Heilkunde, hg. v. Karl Wilhelm Ideler. 3 Bde. Berlin 1831-1832. Georg Ernst Stahl. Eingeleitet, ins Deutsche übertragen und erläutert von Bernward Josef Gottlieb. Leipzig 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin 36). Darin: - Über den mannigfaltigen Einfluß von Gemütsbewegungen auf den menschlichen Körper. (Halle 1695), S. 23-38. - Über die Bedeutung des synergetischen Prinzips in der Natur für die Heilkunde. (Halle 1695), S. 39-46. - Über den Unterschied zwischen Organismus und Mechanismus. (Halle 1714), S. 47-54. - Überlegungen zum ärztlichen Hausbesuch. (Halle 1703), S. 55-61.

C. Französische Übersetzung Œuvres médico-philosophiques et pratiques, hg. v. Théodore Blondin. 5 Bde. (= Bd. II-VI). Paris 1859-1864 [Bd. VIo.O., o.J., d.i. Paris 1864],

3. Scripta Stahliana 1729 Goetz [Goetzius], Johann Christoph, Scripta Georg. Ernest. Stahlii aliorumque ad eius mentem disserentium, serie chronologica recenset J. C. G. Accedunt Joh. Ludovici Apini [Apinus] dubia quaedam in auctoris nostri assertiones. Editio secunda, cui annectitur supplementum, scripta ad annum hunc usque edita exhibens. Nürnberg 1729 [siehe oben: Observationes medico-practicae, dort angebunden: recensio chronologica scriptorum Stahlii. Nürnberg 1726.]

4. Weitere benutzte Literatur Alberti, Michael, Introductio in Universam Medicinam tarn theoreticam quam practicam. Halle 1718 ( 2 1741). - Introductio in medicinam, qua juxta propositum ordinem semiologia, hygiene, materia medica et chirurgia [...]. Halle 1719. - Introductio in medicinam practicam [...]. Halle 1721. - Medicinische und Philosophische Schriften von unterschiednen Materien, welche bisher einzeln ediret, und vorlängst nicht weiter zu bekommen gewesen, nunmehro aber zusammen getragen und auf vielfaltiges Begehren, zum gemeinen Besten, aufs neue herausgegeben mit einigen Tractaetgen vermehret. Halle 1721. - Philosophische Gedancken von Den Unterschied der Kräffte der Seelen nach den Unterschied der Menschen. Halle 1740.

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Medicinische Betrachtung von den Kräften der Seelen nach den Unterschied des Leibes und dessen natürlichen Gesundheit oder Krankheit, als eine Forts, der Philosophischen Gedanken von dieser Untersuchung kürzlich entworfen [...]. Halle 1740. Allen, Johann, Kurzer Begriff der gantzen medizinischen Praxis, das ist derer gelehrtester Männer voriger und jetziger Zeit gründliche Meinungen von denen Kranckheiten [...]. Buddissin 1726. Allgemeine Deutsche Biographie. 56 Bde. Leipzig 1875-1912. Altmann, Eckhard, Christian Friedrich Richter (1676-1711). Arzt, Apotheker und Liederdichter des Halleschen Pietismus. Witten 1972 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus 7). Appel, Johann Wilhelm, Historisch=moralischer Entwurff der Temperamenten [...]. Hamburg 1737. Arnold, Gottfried, Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie. Frankfurt, Bd. I (Teil I und II) 1699, Bd. II (Teil III und IV) 1700. - Consilia und Responsa Theologica oder Gottes gelehrte Rathschläge und Antworten über denen wichtigsten stücken und zuständen eines göttlichen wandels nebst neuen Geistlichen der weißheit Garten=Gewächs genannt. Frankfurt/M. 1705. Augusti, Johann Christian Wilhelm, Beyträge zur Geschichte und Statistik der evangelischen Kirche. Leipzig 1837. Barner, Wilfried, Barockrhetorik. Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen. Tübingen 1970. Becher, Johann Joachim, Psychosophia oder Seelenweisheit [...]. Hamburg 2 1705, 4 1725. Becker, Johann Heinrich, Kurzer doch gründlicher Unterricht von den Temperamenten [...]. Bremen 1739. Beinert, Wolfgang, Ketzer oder Wahrheitszeuge. Zum Ketzerbegriff Gottfried Arnolds, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 88 (1977), S. 230-246. Bender, Wilhelm, Johann Konrad Dippel: der Freigeist aus dem Pietismus; ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Aufklärung. Bonn 1882. Benzing, Josef, Die deutschen Verleger des 16. und 17. Jahrhunderts. Eine Neubearbeitung. Frankfurt/M. 1977 (Separatabdruck aus .Archiv für Geschichte des Buchwesens'). Berg, Alexander, Die Lehre von der Faser als Form- und Funktionselement des Organismus, in: Virchows Archiv der pathologischen Anatomie 309 (1942), S. 333, 460. Berger, Peter/Luckmann, Thomas (Hg.), The Social Construction of Reality: A Treatise in the Sociology of Knowledge. Harmondsworth 1967. Beschreibung des Hallischen Waisenhauses, und der übrigen damit verbundenen Frankischen Stiftungen, nebst der Geschichte ihres ersten Jahrhunderts. Halle 1799. Beyer-Fröhlich, Marianne, Pietismus und Rationalismus. Leipzig 1933. Beiträge zur Geschichte August Hermann Francke's, enthaltend den Briefwechsel Francke's und Spener's, hg. v. Gustav Kramer. Halle 1861. Bibliothek der Deutschen Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts, hg. v. Martin von Geismar [d.i. Edgar Bauer], 5 Hefte. Leipzig 1846-1847. Blum, Paul Richard (Hg.), Studien zur Thematik des Todes im 16. Jahrhundert. Wolfenbüttel 1983 (Wolfenbütteler Forschungen 22). Blumenbach, Johann Friedrich, Medizinische Bibliothek. Bd. I—III. Göttingen 1783-1788. Böhme, Joachim, Heinrich Julius Elers, ein Freund und Mitarbeiter August Hermann Franckes. Berlin 1956. Boerhaave, Hermann, Institutiones medicae in usus annuae exercitationis domésticos. Leiden 1708. - Physiologie [...] übersetzt und mit Zusätzen vermehrt von Johann Peter Eberhard. Halle 1754. Börner, Friedrich, Nachrichten von den vornehmsten Lebens-Umständen und Schriften Jetztlebender berühmter Ärzte und Naturforscher in und um Deutschland. 3 Bde. Wolfenbüttel 1749-64. Bd. I: Michael Alberti, S. 401^116. Bolten, Johann Christian, Gedancken von Psychologischen Curen. Halle 1751. Bontekoe, Cornelius, Newes Gebäw der Chirurgie [...] nebst des Herrn Autoris Lebenslauf. Hannover 1687. - Abhandlung von des Menschen-Leben, Gesundheit, Kranckheit und Tode. Budissin 1685 u. 1688; Rudolfstadt 1688; Budissin u. Leipzig 1719. Bomkamm, Heinrich, Mystik, Spiritualismus und die Anfänge des Pietismus im Luthertum. Gießen 1926.

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-

Gedancken vom Einfluß der Seele in ihren Körper. Halle 1746. Neue Lehre von den Gemiithsbewegungen. Halle 1746. Philosophische Betrachtungen des menschlichen Körpers überhaupt. Halle 1750. Vom rechten Gebrauch der Gemüthskräfte, in Absicht der Gesundheit, in: Gesellschaftliche Erzählungen, 65. Stück (1754). - Beschreibung der neuesten Methode, kranke Seelen zu curiren, in: Gesellschaftliche Erzählungen 4, 80. Stück (1753), S. 17-32. - Vom Einfluß der Leidenschaften in den menschlichen Körper, in: Gesellschaftliche Erzählungen, 86. Stück (1754), S. 113-125. - Der Arzt. Eine Medizinische Wochenschrift. 12 Bde. Hamburg 1759-61. - Von der Gemeinschaft des Leibes und der Seele, in: Der Arzt, 45. Stück (1759), S. 305-318. - Wirkungen der menschlichen Einbildungskraft im menschlichen Körper, in: Der Arzt, 69. Stück (1760), S. 257-271. - Gesetze des Einflusses der Lust und der Unlust im menschlichen Körper, in: Der Arzt, 159. Stück (1762), S. 33-48. - Medizinisches Handbuch. Nach den Grundsätzen seiner medicinischen Wochenschrift ,Der Arzt' von neuem ausgearbeitet. Leipzig 1776. Völker, Arina/Thaler, Burchard (Hg.), Die Entwicklung des medizinhistorischen Unterrichts. Halle 1982 (Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg). Voss, Karl-Ludwig, Christianus Democritus. Das Menschenbild bei Johann Conrad Dippel; ein Beispiel christlicher Anthropologie und Aufklärung. Leiden 1970. Wagner, Fritz, Der Wissenschaftsbegriff im Zeitalter der Aufklärung, in: Hammer, Karl/Voss, Jürgen (Hg.), Historische Forschung im 18. Jahrhundert. Organisation, Zielsetzung, Ergebnisse. Bonn 1976. Wallmann, Johannes, Philipp Jakob Spener und die Anfänge des Pietismus. Tübingen 1970. (Beiträge zur historischen Theologie 42). - Postillenvorrede und Pia Desideria Philipp Jakob Speners, in: Bomkamm, H. u.a. (Hg.), Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen. Bielefeld 1975. - Kirchengeschichte Deutschlands II. Von der Reformation bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1973. - Wiedergeburt und Erneuerung bei Philipp Jakob Spener. Ein Diskussionsbeitrag, in: Pietismus und Neuzeit 3 (1977), S. 7-31. - Die Anfänge des Pietismus, in: Pietismus und Neuzeit 4 (1977/78). - Pietismus und Chiliasmus. Zur Kontroverse um Philipp Jakob Speners .Hoffnung besserer Zeiten', in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 2 (1981), S. 246ff. Walzer, Michael, The Revolution of the Saints. A Study in the Origins of Radical Politics. New York 1974. Watzlawick, Paul (Hg.), Die erfundene Wirklichkeit. München 1981. Webster, Charles, The Great Instauration, Science, Medicine and Reform 1626-1660. London 1975. - From Parcelsus to Newton. Magic and the Making of Modern Science. Cambridge 1980. Weikard, Melchior Adam, Der Philosophische Arzt. 2 Bde. Frankfurt und Hanau 1775-1777. Weisbach, Christian, Wahrhaffte und gründliche Cur aller dem menschlichen Leibe zustossenden Kranckheiten, nach der vemünfftigen [...] Methode der Natur sammt einen physicomoralischen Vorbericht von dem menschlichen Leibe und der darin wirckenden Seele [...]. Straßburg 1725 ('1712). Wiebecke, Ferdinand, Die Poetik Georg Friedrich Meiers. Ein Beitrag zur Geschichte der Dichtungstheorie im 18. Jahrhundert. Göttingen 1967. Will, Georg Andreas, Nürnbergisches Gelehrten=Lexikon oder Beschreibung aller Nümbergischen Gelehrten beyderley Geschlechts. Altdorf 1802. Williamson, George, The Restoration Revolt against Enthusiasm, in: Studies in Philology XXX (1933), S. 571-603. Wolff, Christian, De Differentia Nexus Rerum sapientis et fatalis necessitatis, nec non systematis harmoniae praestabilitatae et hypothesium spinosae luculenta commentano in qua simul genuina dei existentiam demonstrandi ratio expenditur et multa religionis naturalis capita illustrantur. Halae 1724. - Vernünftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch aller Dinge

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VIII.

Personenregister

Abbt, Thomas 247 Alberti, Michael 15, 21, 32, 75ff„ 88, 102, 106ff„ l l l f . , 116, 150, 156f„ 180, 182f., 191, 242 Alien, John 125f. Aristoteles 50, 162, 176, 187, 238 Arndt, Johann 14, 76, 93, 95f„ 142 Arnold, Gottfried 53f., 56, 62f„ 84f„ 99, 110, 124, 182, 189, 235 Bach, Johann Sebastian 20 Bacon, Francis 13f., 57 Baumgarten, Alexander 245 Blankaart, Stephan 80, 120 Blondin, Théodore 16,27,31,45,95, 202, 206 Blumenbach, Johann Friedrich 37, 84 Boerhaave, Hermann 3f„ 35f„ 42, 52, 80, 169f„ 223ff„ 244 Böhme, Jacob 60, 62f„ 83, 87, 186, 191, 241 Bollmann, Justus Friedrich 19 Bontekoe, Cornelius 38f., 80, 120f., 143 Breithaupt, Joachim Justus 69 Büching, Gottfried 18,115 Budde(us), Johann Gottlieb 29, 34, 87ff., l l l f . , 234 Canstein, Karl Hildebrand von 6f., 15, 22, 69, 71, 74, 78, 95f., 107, 109, 131, 140f„ 147, 197ff„ 202ff. Carl, Johann Samuel 7, 15, 32, 77, 82ff„ 85f„ 88f„ 108, 127f„ 142f„ 145, 148f„ 181 f., 184f„ 187ff., 191, 193, 196ff„ 202 Casaubon, Meric 64, 67 Choulant, Ludwig 30 Comenius, Jan (Johann) Amos 60, 74, 87ff., 95, 218 Cörnern, Johann Christoph 28

Coschwitz, Georg Daniel 29, 109 Descartes, René 3, 13, 36, 39, 42f„ 47, 50, 65, 80, 86, 102, 112ff„ 120, 124, 163, 210, 214, 216, 218, 223, 229, 236f„ 244, 255, 257, 259 Delius, Heinrich Friedrich von 227f. Diederich, Johann Christian 28 Dippel, Johann Conrad 43, 62f., 69, 72, 74, 77, 79, 83f„ 88, 120, 123f„ 183ff„ 191ff„ 202, 235,237,242 Eberhard, Johann Peter 170, 227 Edelmann, Johann Christian 77 Elers, Heinrich Julius 6, 23, 107, 109, 202ff. Faschius, August Heinrich 15ff. Fludd, Robert 186 Francke, August Hermann 7, 14f., 19, 22f., 30, 55f„ 60, 62, 65, 69ff„ 74ff„ 78, 83, 85ff„ 90ff„ 94, 96ff„ lOOff., 106f„ 109, 124, 135,142, 176, 178f„ 191, 194, 197ff„ 202, 204, 253f. Friedrich Wilhelm I. 10ff„ 22ff„ 55, 204 Gebauer, Johann Jacob 30 Gichtel, Johann Georg 56, 62, 69,74, 124 Glanville, Joseph 64 Goetz, Johann Christoph 16f., Iii., 82, 111, 118 Göhl, Johann Daniel 35, 106, 229f„ 234, 242 Gölicke, Andreas Ottomar 21 Gottlieb, Bernward Josef 8, 10, 14, 20, 33, 37, 42, 114, 153,208, 224f. Gottsched, Johann Christoph 103, 233 Gundelsheimer, Andreas von 22f. Gundling, Nicolaus Hieronymus222f. Guyon, Jeanne Marie Bouvières de la Motte 124

281

Haller, Albrecht von 3, 35ff„ 40ff„ 51 f., 221, 226ff„ 239, 243, 145, 259, 172, Hartlieb, Samuel 60f. Harvey, William 35, 119, 147, 222, 257 Heinrici, Heinrich 21, 104f., 112 Heister, Laurentius 228 Helmont, Johann Baptist van 39 Hill, Christopher 51, 58, 62, 91, 93f. Hobbes, Thomas 64 Hoffmann, Friedrich 3, 21f„ 24ff., 65, 80, 87, 96f„ lOOff., 107, 109, 115, 117, 135, 199, 203, 224f„ 245f. Hollmann, Samuel Christian 190f. Ideler, Karl Wilhelm 30,48, 52, 125, 142, 155, 175 Johann Emst, Herzog von Sachsen-Weimar 12, 19,97, 202 Juncker, Johann 15, 29, 32, 75ff„ 86, 88, 106, 108f„ 197, 200, 204, 229, 245ff. Jung-Stilling, Johann Heinrich 73 Kanold, Johann 78,126 Kempis, Thomas à 123f. Koch, Richard 8 Krause, Rudolf Wilhelm 16f. Krüger, Johann Gottlob 175, 228, 242ff„ 254, 260 Kundmann, Johann Christian 65, 78, 84, 126, 131f„ 189, 198ff. La Mettrie, Julien Offray de 222, 226 Lange, Joachim 201, 234 Leade, Jane 62 Leibniz, Gottfried Wilhelm 3, 6f„ 13, 31, 43, 47, 50, 78, 200ff„ 228f., 231 f., 257, 259 Lessing, Gotthold Ephraim 245 Locke, John 238 Ludewig, Johann Peter von 10, 23ff., 109 Ludovici, Carl Günther 233 Mayer, Johann Friedrich 67, 198f., 202 Meier, Georg Friedrich 175, 245, 247ff„ 254, 260 Mendelssohn, Moses 245

282

Michaelis, Johann Heinrich

107

Milton, John 93f„ 142 More, Henry 64 Natzmer, Gneomar Dubislav von Nenter, Georg

15,109

18,52,130

Newton, Isaac 38, 42,46, 65, 255 Nicolai, Emst Anton Nicolai, Friedrich

175, 245f., 249, 260

245

Overkamp, Heidenreich 38f. Owen, John

139

Pagel, Walter Traugott Ulrich 8, 39, 228, 231 f. Paracelsus, Philipus Auredus Theophrastus Bombastus von Hohenheim 39,186, 235 Parker, Samuel 64, 67 Petersen, Johann Wilhelm Poiret, Pierre 124 Pordage, John 62,124

124

Reich, Johann Jacob 26,114ff., 131 f. Reimmann, Jakob Friedrich 13 Richter, Christian Albrecht 95, 97, 106f„ 109, 140f„ 190, 197,200 Richter, Christian Friedrich 7, 26f„ 30, 82, 95ff., 106f„ 109, 131ff„ 138, 140f„ 147f., 160f„ 168, 181, 185, 187ff„ 192f„ 196ff„ 200, 232 Richter, David 125f. Roth, Godofredus 28 Ruf, Wendelin 30,50 Schöner, Wolfgang Heinrich 28 Scriver, Christian 15, 19, 63, 99 Seckendorff, Ludwig Veit von 100 Slevogt, Johann Adrian 18, 115 Spangenberg, August Gottlieb 70f„ 73f„ 89 Spener, Philipp Jakob 14f„ 55, 63, 69, 7Iff., 77f„ 83, 85, 93f., 96ff., 103, 109, 123f„ 142, 179, 181,190f„ 194, 197, 254 Sprögel, Johann Heinrich 63, 65, 69, 74, 98ff„ 182

Sprögel, Susanna 182 Stolberg, Christian Emst Graf zu 7, 29 Storch, Johann 18, 26, 28f., 33, 52, 129f„ 138,184

Wedel, Georg Wolfgang 16f„ 19, 100

Strebel, Johann Samuel 15f„ 20, 102

Weisbach, Christian 26, 53ff„ 79, 84,

Stryck, Samuel 87, 107, 109, 198

Weidenhain, Caspar Johann Weigel, Erhard

19, 97f.

124

Weikard, Melchior Adam 244 116, 120, 131 ff,

Sulzer, Johann Georg 245, 247, 250f.

Wesener, Wolfgang Christoph 20

Swieten, Gerhard van

Wolf, Pancratius 21 Wolff, Christian 3, 7, 13, 21,46f„ 50, 87, 95, 103, 109,165, 190f., 201f„ 204f„ 218, 220f„ 229ff„ 248f„ 251,257, 259

Sydenham, Thomas

35,42 17, 159

Tauler, Johannes 123f. Taylor, Jeremy 64 Thomasius, Christian 2 1 , 3 4 , 5 6 , 8 6 , 9 2 , 109ff„ 123, 234, 237, 239, 257

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig, Graf von 7, 15, 62, 73f„ 198

Ulau, Gottfried Heinrich 27 Unzer, Johann August 175, 244ff„ 251ff., 260

283