Philosophische Schriften. Band 6 9783787336074

Der sechste Band der Philosophischen Schriften enthält die aristotelische Physik und die Schrift Über die Seele (De anim

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Philosophische Schriften. Band 6
 9783787336074

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Philosophische Bibliothek

Band 1 Porphyrios: Einführung in die Kategorien des ­Aristoteles · Kategorien · Hermeneutik · Erste Analytik · Zweite Analytik Band 2 Topik · Sophistische Widerlegungen Band 3 Nikomachische Ethik Band 4 Politik Band 5 Metaphysik Band 6 Physik · Über die Seele

In den drei Büchern seiner Schrift De anima untersucht Aristo­ teles die Natur der Seele. Unter ‚Seele‘ ist dabei jedoch nicht das subjektive Zentrum unseres mentalen Lebens zu verstehen, sondern dasjenige Prinzip, dessen Vorhandensein lebendige von leblosen Körpern unterscheidet. Es umfasst alle Formen des Lebendigen, also pflanzliches, tierisches und menschliches Leben. Ziel der Schrift ist es, die Seele zu definieren und zu erklären, was es für diese Formen des Lebendigen jeweils heißt, lebendig zu sein. Diskutiert werden: der vegetative Selbst­ erhalt, Wahrnehmung, menschliches Denken sowie die Orts­ bewegung der Lebewesen.

Band 6

Aristoteles   Philosophische Schriften  ·  Band 6

Die Physik des Aristoteles, einer der Grundtexte des abend­ ländischen Denkens, untersucht die empirischen Voraus­ setzungen jeder Naturerfahrung und begründet Wissenschaft als gegenstandsbezogene Lehre von den Ursachen und Zwecken sowie den Kategorien, die für die menschliche Erkenntnis des Naturgeschehens leitend sind: Bewegung, Raum, Zeit und Kontinuität.

Aristoteles Philosophische Schriften

ISBN 978-3-7873-3601-2

726

Meiner

A R ISTOT ELES PH I LOSOPH ISC H E SC H R I F T EN inhalts ü b ersicht

1 einf ü hru ng in die k ate g orien

(porph y rios) k ate g orien her m ene u ti k erste analy ti k z w eite analy ti k

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F ELI X M EI N ER V ER L AG

ARISTOTELES

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN in sechs Bänden

Band 6

FELIX MEINER VERLAG HAMBURG

ARISTOTELES

Physik Vorlesung über Natur Übersetzt von hans günter zekl

Über die Seele Übersetzt von klaus corcilius

FELIX MEINER VERLAG HAMBURG

PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 726

Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet abrufbar über http://portal.dnb.de. ISBN gesamt print: 978-3-7873-3550-3 ISBN einzeln print: 978-3-7873-3601-2 ISBN gesamt eBook: 978-3-7873-3594-7 ISBN einzeln eBook: 978-3-7873-3607-4

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INHALT

Physik

1. Buch  9 2. Buch  35 3. Buch  61 4. Buch  87 5. Buch  135 6. Buch  159 7. Buch  191 8. Buch  211

Über die Seele

1. Buch  265 2. Buch  291 3. Buch  325

Zu diesem Band 355

ARISTOTELES Physik

BUCH I

1. Da Wissen und Verstehen bei allen Sachgebieten, in denen es Grund-Sätze oder Ursachen oder Grundbausteine gibt, daraus entsteht, daß man eben diese kennen lernt – denn wir sind überzeugt, dann einen jeden Gegenstand zu erkennen, wenn wir seine ersten Ursachen zur Kenntnis gebracht haben und seine ersten Anfänge und (seinen Bestand) bis hin zu den Grundbausteinen –, deshalb ist klar: Auch bei der Wissenschaft von der Natur muß der Versuch gemacht werden, zunächst über die Grundsätze Bestimmungen zu treffen. Es ergibt sich damit der Weg von dem uns Bekannteren und Klareren zu dem in Wirklichkeit Klareren und Bekannteren. – Denn was uns bekannter ist und was an sich, ist nicht dasselbe. – Deshalb muß also auf diese Weise vorgegangen werden: Von dem der Natur nach Undeutlicheren uns aber Klareren hin zu dem, was der Natur nach klarer und bekannter ist. Uns ist aber zu allererst klar und durchsichtig das mehr Vermengte. Später erst werden aus diesem bekannt die Grundbausteine und die Grund-Sätze, wenn man es auseinandernimmt. Deswegen muß der Weg von den Ganzheiten zu den Einzelheiten führen. Denn nach der Sinneswahrnehmung ist immer das Ganze bekannter, Ganzheit bedeutet aber doch so ein Ganzes; denn die allgemeine Ganzheit umfaßt viele Einzelmomente als ihre Teile. – Ganz ähnlich geht es ja doch auch den Wörtern im Vergleich zur Begriffserklärung: Sie sagen unbestimmt ein Ganzes aus, z. B. »Kreis«, die Bestimmung des Kreises nimmt ihn dann in seine einzelnen Bestandsstücke auseinander. So machen es ja auch die Kinder: Anfangs reden sie jeden Mann mit »Vater« an und mit »Mutter« jede Frau, später unterscheiden sie hier ein jedes genauer.

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2. Notwendigerweise muß nun der Anfangsgrund entweder einer sein, oder es gibt mehrere; und wenn es einer ist, so nimmt er entweder Veränderung nicht an sich, wie Parmenides und Melissos sagen, oder er nimmt sie an sich, so lehren die Naturphilosophen, wobei die einen sagen, (dieser erste Grund) sei Luft, die anderen, es sei Wasser. Wenn es nun mehrere sind, muß ihre Anzahl entweder begrenzt oder unbegrenzt sein; und wenn sie begrenzt sind, aber mehr als einer, dann müssen es entweder zwei oder drei oder vier oder irgendeine bestimmte Anzahl sein; und wenn sie unbegrenzt sind, so sind sie entweder, wie Demokrit lehrt, der Gattung nach eins, nur in der Gestalt 〈unterschieden〉, oder sie sind auch der (begrifflichen) Art nach unterschieden, ja entgegengesetzt. Ganz ähnlich verfahren auch die, welche untersuchen, wieviel Seiendes es gibt: Sie suchen nämlich die ersten Bestandsstücke der vorhandenen Dinge auf und fragen dann, ob das eines ist oder viele, und wenn viele, ob eine begrenzte oder unbegrenzte Anzahl. Also auch sie tun nichts anderes: bei den anfänglichen Bausteinen fragen sie nach Ein- oder Mehrzahl. Die Untersuchung, ob das Seiende eines und unwandelbar ist, ist keine Untersuchung im Bereich der Naturforschung. Wie ja auch der Geometer demjenigen keine Erklärungen mehr geben kann, der seine Grund-Sätze aufhebt, sondern dies entweder Sache einer anderen Wissenschaft ist oder einer Allgemeinwissenschaft, nicht anders verhält es sich bei der Frage nach den Anfängen: Es gibt nämlich gar keinen Anfang mehr, wenn nur eins und in diesem Sinne eines da ist. Denn »Anfang« ist immer Anfang »von etwas«, einem oder mehrerem. Die Untersuchung also, ob in diesem Sinne eines ist, gleicht dem Versuch, gegen eine x-beliebige These zu argumentieren von der Sorte, was nur um der bloßen Behauptung willen gesagt wird – z. B. die Heraklitische These, oder wenn jemand behaupten wollte, das Seiende sei ein Mensch –, oder dem Versuch, eine eristische Argumentation aufzuklären; – was denn auch beide diese Erklärungen an sich haben, sowohl die des Melissos wie die des Parmenides: Sie machen erstens falsche Annahmen und sind zweitens in sich nicht schlüssig.



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Dabei ist die des Melissos besonders billig und enthält gar keine wirkliche Schwierigkeit, sondern wenn nur eine einzige Ungereimtheit zugegeben wird, so folgt daraus der Rest. Das ist nun wirklich nichts Schwieriges. Für uns dagegen soll die Grundannahme sein: Die natürlichen Gegenstände unterliegen entweder alle oder zum Teil dem Wechsel. Das ist klar, wenn man von der Einzelerscheinung ausgeht. Außerdem ist es auch nicht sinnvoll, alles aufklären zu wollen, sondern nur bei solchen Fehlern, die jemand von Grundsätzen aus herleitend macht; wo das nicht so ist, dort ist es nicht sinnvoll; z. B. die Kreisquadratur mittels der Schnitte – diesen Versuch zu diskutieren, ist Aufgabe eines Geometers, für den Versuch Antiphons aber gilt das nicht. Indessen, da sie zwar nicht über Natur handeln, es ihnen aber doch geschieht, für die Naturwissenschaft kennzeichnende Schwierigkeiten auszusprechen, so mag es wohl erlaubt sein, sich kurz in eine Auseinandersetzung über sie einzulassen. Denn diese Untersuchung hat es zu tun mit Philosophie. Die angemessenste Anfangsfrage von allen, da der Ausdruck »seiend« nun einmal in vielen Bedeutungen gebraucht wird, ist: In welchem Sinn verwenden ihn diejenigen, die die Gesamtheit des Seienden für eins erklären? Meinen sie mit dieser Gesamtheit ein Ding oder So-und-so-vieles oder Sound-so-beschaffenes? Und noch einmal: Meinen sie mit dieser Gesamtheit ein einziges Ding, so wie man von einem Menschen, einem Pferd oder einer Seele sprechen kann, oder soll dies eine bestimmte Eigenschaft sein, wie »weiß«, »warm« oder anderes derart? Das alles unterscheidet sich doch sehr, ja man kann gar nicht sagen, wie sehr. Wenn sie sowohl Ding als auch irgendwie-beschaffen und irgendwie-viel ist, und dies entweder unabhängig von einander oder nicht, so wäre das Seiende eine Vielheit. Wenn aber diese Gesamtheit ein »irgendwie-beschaffen« oder »irgendwie-viel« ist, einerlei ob es nun ein Ding wäre oder nicht, dann ist das seltsam – wenn man denn das Unmögliche »seltsam« nennen darf. Denn keine der übrigen Bestimmungen, außer dem Ding, kann für sich

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vorkommen: alle anderen werden doch nur von dem Ding als ihrer Grundlage ausgesagt. Melissos behauptet, das Seiende sei unbegrenzt; dann wäre das Seiende etwas So-und-so-vieles, denn (der Begriff) »unbegrenzt« findet sich innerhalb des (Bereichs) »irgendwieviel«. Daß aber ein Ding oder etwas So-und-so-beschaffenes oder ein Vorgang unbegrenzt wäre, ist nicht möglich, außer nur in dem beiläufigen Nebensinn, wenn sie zugleich auch irgendetwas So-und-so-vieles wären. Die Begriffserklärung von »unbegrenzt« benutzt jedenfalls den Begriff von »so-und-soviel«, nicht jedoch den von »Ding« und »so-und-so-beschaffen«. Wenn also dieses Seiende sowohl ein Ding als auch ein So-und-soviel wäre, so wäre es nicht mehr eines, sondern es wären schon zwei. Wäre es aber nur Ding, dann kann es nicht unbegrenzt sein, und es kann dann auch keine Größe besitzen, denn dann wäre es schon wieder ein So-und-so-viel. Weiter, da auch der Begriff »eins« in mehrfacher Bedeutung ausgesagt wird, wie »seiend« auch, so ist zu prüfen, in welcher Bedeutung denn der Ausdruck »eines (ist) das Ganze« aufzufassen ist. »Eins« läßt sich nun sagen entweder von Zusammenhängendem oder von dem Nicht-Auseinandernehmbaren oder von (Gegenständen), deren Begriffserklärung eine und dieselbe ist, z. B. bei »Rebensaft« und »Wein«. – Sollte es im Sinne von Zusammenhang gemeint sein, so wird das Eine zu einer Vielheit; denn das Zusammenhängende ist ins Unendliche teilbar. – Es gibt auch noch eine Schwierigkeit bezüglich des Verhältnisses von Teil und Ganzem, – vielleicht gehört sie nicht zu dieser Untersuchung, aber sie besteht an und für sich: Sind Teil und Ganzes eins oder mehreres? Und wie können sie diese Einzahl oder Mehrzahl sein? Und wenn sie eine Mehrzahl sind, wie können sie diese Mehrzahl sein? Und (ebenso gilt das) von nicht zusammenhängenden Teilen. Und wenn ein jeder einzelne Teil als unabtrennbar dem Ganzen zugehört, dann müßte dies ja auch für die Teile untereinander gelten. (Sollte es) andrerseits (gemeint sein) im Sinne von Nichtauseinandernehmbarkeit, so wird das Seiende nichts als so-undsoviel oder so-und-so-beschaffen Bestimmbares, und somit ist



Erstes Buch ∙ Kapitel 3 13

es auch nicht unbegrenzt, wie Melissos doch sagt, und andrerseits auch nicht begrenzt, wie Parmenides (will). Denn es ist die Grenze, die nicht weiter zu teilen ist, nicht das Begrenzte. Andrerseits, wäre alles Seiende dem Begriffe nach eines, wie z. B. »Kleid« und »Gewand«, so geschieht es ihnen, den Satz des Heraklit zu sagen: dann wird »gutsein« und »schlechtsein« das Gleiche, und »gutsein« mit »nicht-gutsein«, – so daß dann dasselbe würden »gut« und »nicht-gut«, »Mensch« und »Pferd«, und die Untersuchung dann nicht mehr um das Einssein des Seienden ginge, sondern um das Nichtssein –, und ebenso würden »so-beschaffen-sein« und »so-viel-sein« dasselbe. Die Nachfahren dieser Alten waren voller Sorge, daß es ihnen nicht geschehe, daß ein und derselbe Gegenstand zugleich eines und vieles würde. Deshalb schlossen die einen den Gebrauch des Wortes »ist« aus, wie z. B. Lykophron, die anderen formten die Ausdrucksweise um und sagten dann nicht mehr »der Mensch ist weiß«, sondern »er weißt«, und nicht mehr »er ist unterwegs«, sondern »er wegt«, – und das alles, damit es ihnen nicht geschehen sollte, indem sie ein »ist« setzten, aus Einem Vieles zu machen, – in der Annahme, daß die Begriffe »eins« und »seiend« nur eine Bedeutung hätten. Das Seiende ist aber eine Vielfalt, und zwar entweder dem Begriffe nach – z.B. »Weißsein« und »Gebildetsein« sind unterschieden, dennoch kann ein und derselbe Gegenstand beides sein; so ist das Eine auch Vieles –, oder der Teilung nach, wie z.B. das Ganze und seine Teile. An dem Punkt wußten sie nicht weiter und gaben schließlich zu, daß das Eine Vieles sei, – als ob es nicht möglich wäre, daß ein und dasselbe Ding sehr wohl eins und vieles ist, nur nicht Widersprechendes gleichzeitig. Denn die Einheitsbestimmung tritt auf sowohl in der Weise der Möglichkeit wie der Wirklichkeit. 3. Wenn man auf diese Weise herangeht, erscheint die Behauptung unmöglich, das Seiende sei eines. Und die Beweismittel, deren sie sich bedienen, aufzulösen, ist nicht schwer: Beide ziehen ihre Schlüsse auf eristische Weise, sowohl Melissos wie Parmenides [sie machen erstens falsche Annahmen, und

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zweitens sind ihre Darlegungen nicht schlüssig. Dabei ist die des Melissos besonders billig und enthält gar keine wirkliche Schwierigkeit, sondern wenn nur eine einzige Ungereimtheit zugegeben wird, so folgt daraus der Rest. Das ist nun wirklich nichts Schwieriges]. Daß Melissos falsch schließt, ist klar, glaubt er doch folgende Annahme machen zu dürfen: Wenn alles Gewordene einen Anfang hat, so hat das Nicht-Gewordene keinen! Sodann ist auch dieses unverständlich: Von allem soll es einen Anfang geben, von jedem Ding, – von der Zeit aber nicht; und beim Werden nicht nur vom absoluten Entstehen, sondern auch von der Eigenschaftsveränderung, – als ob es nicht in zahlreichen Fällen den plötzlichen Umschlag gäbe! Dann: Weswegen soll es unbewegt sein, wenn es eins ist? So bewegt sich doch auch eine einheitliche Teil-Menge, z.B. dies Wasser hier, in sich selbst; warum soll dies das All nicht können? Dann: Warum soll es an ihm nicht Eigenschaftsveränderung geben können? Aber es ist ja auch nicht möglich, daß es der Art nach eines ist, außer wenn man nur den Stoff ansieht – in diesem Sinne behaupten auch einige der Naturdenker eine Einheitlichkeit des Alls, in dem anderen aber nicht –; »Mensch« ist doch von »Pferd« der Art nach verschieden, und einander entgegengesetzte Dinge auch. Auch gegen Parmenides kann man dieselben Überlegungen vorbringen, und noch andere besondere dazu. Auch hier liegt die Auflösung einerseits darin, daß die Annahme falsch ist, andrerseits, daß das Vorgehen nicht schlüssig ist: Im Irrtum ist er damit, daß er annimmt, »seiend« habe einen einfachen Sprachgebrauch, wo es doch in vielen Bedeutungen angesprochen wird. Einen falschen Schluß zieht er damit: Nähme man einmal allein die als »weiß« bestimmten Gegenstände heraus, dann würden, wenn »weiß« eine einzige Bedeutung hätte, diese weißen Dinge durchaus nicht weniger viele und schon gar nicht eins. Denn weder durch beständigen Zusammenhang wird das Weiße hier eins werden noch dem Begriffe nach: »Weiß-sein« (als Begriff) und »als Gegenstand »weiß« an sich haben« ist immer noch zu unterscheiden. Und es wird neben



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dem, was da weiß ist, nichts Für-sich-Bestehendes geben; denn »weiß« und »weißer Gegenstand« sind nicht als Für-sich-Bestehende, sondern der Seinsart nach voneinander unterschieden. Aber dies konnte Parmenides noch nicht sehen. Notwendig geriet er also auf die Annahme, der Ausdruck »seiend« habe nicht nur eine einzige Bedeutung und übertrage sie auf alles, wovon er ausgesagt wird, sondern er mache dies zum Begriff von »seiend« und »eins«. Denn das nebenbei Zutreffende wird von etwas Bestehendem ausgesagt, so daß dasjenige, dem die Bestimmung »seiend« nur nebenbei zutrifft, nicht sein wird – denn es war doch von »seiend« verschieden! Dann müßte also sein etwas, das nicht ist! Der Begriff »seiend« kann also nicht an etwas Anderem bloß vorgefunden werden; denn »Sein« selbst kann doch nicht ein einzelnes Seiendes sein, oder »seiend« müßte eben doch viele Bedeutungen haben, so daß ein jedes Einzelne sein kann. Nun war aber doch die Grundannahme: »seiend« hat eine Bedeutung. Wenn nun also der Begriff »seiend« keinem Anderen zukommt, sondern umgekehrt 〈alles Andere〉 ihm, wieso bezeichnet dann der Begriff »seiend« mehr das Seiende als Nichtseiendes? Wenn nämlich einmal der Begriff »seiend« auch weiß sein soll, das »weißsein« aber nicht wirklich seiend ist – denn die Bestimmung »seiend« kann ihm ja nicht zutreffen: nichts ist seiend, was nicht dieser Begriff »seiend« ist –, so ist das Moment »weiß« also nichtseiend; aber nicht in dem Sinne wie »etwas Nichtseiendes«, sondern »überhaupt nichtseiend«. Dann kommt also heraus: Der Begriff »seiend« ist nichtseiend; denn es war ja als wahrer Satz von ihm angenommen, er sei »weiß«, dieses »weiß« aber bedeutete »nichtseiend«. Also wird »weiß« auch noch den Begriff »seiend« bedeuten müssen. Somit hat also »seiend« doch mehrere Bedeutungen. – Und auch eine Größe wird dieses Seiende nicht haben können, wenn »seiend« immer den Begriff »seiend« meint; denn für jeden seiner Teile wäre sein Sein ein verschiedenes. Daß aber diese Bestimmung »seiend« in noch anderes in Form der Bestimmung Seiendes auseinanderfällt, ist auch dem Begriff nach klar: Z.B. wenn »Mensch« ein solcher für

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sich seiender Begriff ist, dann müssen notwendig auch »Lebewesen« und »zweifüßig« solche an sich seienden Begriffe sein. Wenn sie nämlich ein Ansichseiendes nicht wären, so werden sie zu bloßen Zusatzbestimmungen; und dann kommen sie entweder dem Menschen zu oder irgend einem anderen Gegenstand. Aber das ist unmöglich: »Nebenbei zutreffend« ist doch so bestimmt: Entweder etwas, das beliebig an einem Gegenstand zutreffen kann oder auch nicht, oder solches, in dessen Begriff das, dem es nebenbei zutrifft, schon vorhanden ist [oder solches, in dem der Begriff dessen, dem es zutrifft, schon vorhanden ist], – z.B. die Bestimmung »sitzen« besteht als unabhängig für sich, hingegen in der Bestimmung »stupsnasig« ist enthalten der Begriff der Nase, von der man sagt, daß diese Stupsnäsigkeit nebenbei auf sie zutrifft. Weiter, was an Stücken in der bestimmenden Begriffserklärung enthalten ist oder woraus sie besteht, in deren Begriff ist nicht enthalten der Begriff des Ganzen, z.B. in »zweifüßig« nicht die Bestimmung »Mensch«, und in »weiß« nicht die Bestimmung »weißer Mensch«. Wenn sich das nun so verhalten sollte und dem Menschen die Eigenschaft der Zweifüßigkeit nur nebenbei zuträfe, dann müßte notwendigerweise diese Bestimmung von ihm abtrennbar sein, so daß es möglich würde, daß »Mensch« auch einmal »nicht zweifüßig« wäre, – oder es müßte andrerseits in dem Begriff von »zweifüßig« der Begriff von »Mensch« schon enthalten sein. Aber das war ja unmöglich: es verhielt sich doch umgekehrt. Wenn aber die Bestimmungen »zweifüßig« und »Lebewesen« einem Anderen nebenbei zutreffen und beide nicht ein an sich Seiendes sind, dann würde auch die Bestimmung »Mensch« zu etwas, was an einem Anderen nur nebenbei vorkommt. Aber das an sich Seiende soll doch bei nichts nur nebenbei vorkommen; und das, wovon sie beide zusammen oder einzeln ausgesagt werden, soll »das aus ihnen Gebildete« genannt werden. Soll also das All aus nicht-auseinandernehmbaren (Stücken) bestehen? Einige haben den beiden Überlegungen Zugeständnisse gemacht, dem Satz »alles ist Eins«, wenn »seiend« eine einzi-



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ge Bedeutung hat, gaben sie zu, daß »nichtseiend« (doch) ist, der Beweiskette mit der Zweiteilung gaben sie nach, indem sie unteilbare Größen ansetzten. Es ist aber klar, daß folgender Schluß nicht richtig ist: »Wenn ›seiend‹ eine einzige Bedeutung hat und nicht zugleich auch das Gegenteil davon bedeuten kann, dann wird es nichts Nichtseiendes geben«; denn es steht der Annahme nichts entgegen, daß »nichtseiend« zwar nicht schlechthin existiert, wohl aber als bestimmtes einzelnes Nichtseiendes. Die Behauptung also, wenn es neben dem Seienden selbst nichts anderes gebe, dann müsse alles eins sein, ist nicht stimmig. Denn wer begreift schon diesen Ausdruck »das Seiende selbst«, wenn er sich dabei nicht ein bestimmtes begrifflich Seiendes vorstellt? Ist das so, dann besteht nun wirklich kein Hinderungsgrund dafür, daß das Seiende eine Vielheit ist; so war es behauptet worden. Daß also in diesem Sinne das Seiende unmöglich eins sein kann, ist klar. 4. Wie andrerseits die Naturdenker (darüber) sprechen, (davon) gibt es zwei Richtungen: Die einen setzen den zugrundeliegenden Körper als einen an, entweder einen von den drei (Grundstoffen) oder einen anderen, der dichter als Feuer, aber weniger dicht als Luft ist, alles übrige bringen sie hervor durch Verdichtung und Verdünnung und machen eine Vielheit daraus. – Diese beiden sind Gegensätze, allgemein gefaßt ist es: Übermaß und Mangel; so wie Platon spricht von dem Großen und dem Kleinen, nur mit dem Unterschied, daß er dies beides zum Stoff macht, die Einheit aber zur Form, wohingegen umgekehrt diese (Denker) das Eine Zugrundeliegende zum Stoff machen, die Gegensätze aber zu Unterschieden und Formen. – Die anderen lassen aus der Einheit die darin enthaltenen Gegensätze sich herausbilden, so wie es Anaximandros sagt und alle die, welche in ihrer Lehre Eins und Vieles setzen, wie Empedokles und Anaxagoras; denn auch diese lassen aus der Mischung das übrige sich herausbilden. Der Unterschied zwischen ihnen liegt nur darin, daß der eine daraus einen Umlauf macht, der andere es nur einmal ablaufen läßt, und der Letz-

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tere die Anzahl der gleichartigen Stoffe und der Gegensätze als unendlich ansetzt, der Erstere aber nur die sogenannten (vier) Grundstoffe. Anaxagoras scheint zu seiner Unendlichkeitsvermutung auf dem Wege gekommen zu sein, daß er die gemeinsame Annahme der Naturdenker für zutreffend hielt, wonach aus Nichtseiendem nichts entstehen kann – deswegen gibt es ja solche Sätze (bei ihm) wie: »Zusammen war alles« und »das Entstehen eines bestimmten Einzeldings erweist sich als Eigenschaftsveränderung«; andere nennen das dann »Vermischung« und »Entmischung« –. Sodann auf Grund (des Satzes), daß Gegensätze auseinander entstehen; dann müssen sie also vorher darin enthalten gewesen sein. Wenn doch alles Entstehende notwendig entsteht entweder aus Seiendem oder aus Nichtseiendem, davon aber die Entstehung aus Nichtseiendem unmöglich ist – in dieser Annahme sind alle, (die) über Natur (geschrieben haben) einer Meinung –, so müsse sich, meinten sie, der Rest mit Notwendigkeit ergeben, nämlich daß das Entstehen aus Seiendem, schon darin Vorhandenem erfolge, das uns allerdings auf Grund der Kleinheit der Massen mit den Sinnen unerkennbar sei. Daher kommen sie zu der Aussage, alles sei in allem gemischt, weil sie doch alles aus allem hervorgehen sahen; die Dinge erschienen allerdings als unterschiedlich und würden als verschieden von einander angesprochen auf Grund des Bestandteils, der in dieser Mischung zahlloser Stoffe wegen seiner bloßen Menge das Übergewicht besitze. In absoluter Reinheit gebe es nämlich Weißes oder Schwarzes, Süßes, Fleisch oder Knochen gar nicht, nur wovon ein jeder Gegenstand am meisten enthalte, das erscheine als die natürliche Beschaffenheit dieses Dings. Wenn nun also das Unendliche, insofern es unendlich ist, unerkennbar ist, so ist das hinsichtlich Menge oder Größe Unbegrenzte ein unerkennbares So-und-so-viel, das hinsichtlich der Form Unbestimmte ist ein unerkennbares So-und-sobeschaffen. Wären nun die Anfangsgründe unendlich, sei es der Menge, sei es der Art nach, so wäre es unmöglich, über das, was sich aus ihnen ergibt, ein Wissen zu gewinnen. Denn wir nehmen doch an, über ein Zusammengesetztes dann ein



Erstes Buch ∙ Kapitel 4 19

Wissen zu haben, wenn wir wissen, aus welchen und wievielen Bestandteilen es besteht. Weiter, wenn (Folgendes mit) Notwendigkeit (gilt): Etwas, dessen Teil nach Größe und Kleinheit von ganz beliebigen Ausmaßen sein kann, muß diese Eigenschaft auch selbst haben – ich meine hier einen von solchen Teilen, in welche als ursprünglich schon vorhandene das Ganze auseinandergenommen wird –: wenn es daher unmöglich ist, daß ein Tier oder eine Pflanze nach Größe und Kleinheit von beliebigen Ausmaßen sein kann, so ist es offenkundig, daß dies auch für keinen seiner Teile gelten kann; denn sonst verhielte sich ja das Ganze ähnlich. Fleisch, Knochen und dergleichen sind nun solche Teile eines Tiers, und Früchte die von Pflanzen. Es ist somit klar, daß Fleisch, Knochen oder anderes derart unmöglich von beliebiger Ausmessung der Größe nach sein kann, weder nach oben noch nach unten. Weiter, einmal angenommen, alles Derartige wäre von Anfang an ineinander enthalten, und es entstünde nichts wirklich, sondern es bildete sich nur das darin schon Enthaltene heraus, und es würde nach dem überwiegenden Anteil benannt, und es könnte aus jedem Beliebigen jedes Beliebige werden – z.B. aus Fleisch würde sich Wasser herausbilden und Fleisch aus Wasser –: wenn aber jeder begrenzte Körper von einem begrenzten Körper ausgeschöpft werden kann, so ist es offenkundig, daß nicht alles in allem vorhanden sein kann. Wenn man nämlich das aus dem Wasser sich bildende Fleisch wegnähme und wenn aus dem übriggebliebenen Wasser erneut weiteres durch Entmischung sich bildete – wenn dies sich Herausbildende auch immer weniger sein wird –, so wird es dennoch nach der Seite der Geringfügigkeit hin eine bestimmte Größe nicht unterschreiten. Wenn dann also entweder die entmischende Herausbildung zum Stillstand kommt, dann ist nicht alles in allem enthalten – denn in dem restlichen Wasser ist dann kein Fleisch mehr vorhanden oder wenn andrerseits kein Stillstand eintritt, sondern immer weiteres Ausschöpfen stattfindet, dann werden in einer begrenzten Größe gleichartige Anteile von begrenzter Größe, aber unbegrenzt an Men-

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ge enthalten sein. Das ist aber unmöglich. – Außerdem, wenn jeder Körper durch Wegnahme von etwas notwendig kleiner werden muß, das Wieviel aber von (z.B.) Fleisch nach Größe und Kleinheit begrenzt ist, so ist offenkundig, daß aus dem kleinsten Fleischteil sich kein Körper mehr herausbilden wird; denn der wäre ja noch kleiner als der kleinste. Weiter, in den unendlich vielen Körpern müßte auch von Anfang an schon unendlich viel Fleisch, Blut, Gehirn (u.s.w.) enthalten sein, zwar 〈nicht〉 sorgsam voneinander getrennt, doch deshalb nicht weniger vorhanden, und ein jedes in unbegrenzter Menge. Das ist aber unsinnig. Die Behauptung, daß die Entmischung nicht bis zum Ende durchgehe, ist zwar ohne Einsicht ausgesprochen, sagt dennoch Richtiges; Zustände sind nämlich nicht abtrennbar. Wenn nun Farben und Beschaffenheiten sich in Mischung befinden, und wenn die dann entmischt werden, so wird es etwas Weißes und etwas Gesundes geben, das nicht ein unterschiedenes Etwas ist, aber auch nicht nur an einem Gegenstand vorkommt. So benimmt sich dieser (Welt-)Geist sonderbar: Er versucht sich an Unmöglichem, wenn er nämlich die Entmischung zwar will, diese aber unmöglich durchzuführen ist, sowohl nach Seite des So-und-so-viel wie nach der von Sound-so-beschaffen; u. z. der Vielheit nach nicht, weil es keine kleinste Größe gibt, der Eigenschaft nach nicht, weil die Zustände nicht für sich sein können. – Nicht richtig ist es auch, wie er die Entstehung der gleichartigen Stoffe annimmt. Es gibt zwar so eine Art der Zerteilung wie Dreck zu Dreck, es gibt aber auch ganz andere; und es ist durchaus nicht die gleiche Art und Weise, wie Ziegelsteine aus einem Haus entnommen werden könnten oder ein Haus aus Ziegeln gebaut ist, und so auch Wasser und Luft auseinander bestünden und entstünden! Besser ist es, weniger und eine begrenzte Anzahl von Grundstoffen anzunehmen, wie es Empedokles tut. 5. Alle machen sie also Gegensätze zu Anfangsgründen, sowohl die, welche sagen, das All sei eins und unterliege kei-



Erstes Buch ∙ Kapitel 5 21

nem Wandel – Parmenides macht ja auch Warmes und Kaltes zu Prinzipien, er gibt diesen nur die Namen »Feuer« und »Erde« –, wie auch die, welche Lockeres und Dichtes setzen, und Demokrit, der das Volle und Leere nimmt, von denen das eine, wie er sagt, als Seiendes, das andere als Nichtseiendes vorkommt; außerdem (unterscheidet er noch) nach Lage, Gestalt, Anordnung; diese drei sind wieder Oberbegriffe von Gegensätzen: die von »Lage« sind: oben – unten, vorn – hinten; die von »Gestalt«: gewinkelt – winkellos, gerade – rund. Daß also alle die Anfänge irgendwie als Gegensätze ansetzen, ist klar. Und das aus gutem Grund: denn Anfänge dürfen weder auseinander herkommen noch aus Anderem, und umgekehrt muß aus ihnen alles herleitbar sein. Den ersten Gegensätzen kommen nun (genau) diese (Bestimmungen) zu: Wegen der Tatsache, daß sie die ersten sind, (stammen sie) nicht aus Anderem; auf Grund ihrer Gegensätzlichkeit sind sie nicht auseinander herleitbar. Aber dies muß man auch auf der Begriffsebene untersuchen, wie es denn zustandekommt. Als erstes ist aufzustellen (der Satz): Nichts unter allem, was es gibt, ist von der Art, daß es Beliebiges entweder bewirkt oder Beliebiges von Beliebigem erfährt: und es entsteht auch nicht Beliebiges aus Beliebigem, außer man nähme das im Sinn des Nebenbei-Zutreffens. Wie sollte denn aus einem »gebildet« ein »weiß« werden, wenn nicht zusätzlich dem »nicht-weiß« oder »schwarz« das »gebildet« nebenbei zuträfe? Hingegen, weiß wird etwas nur aus einem nicht-weißen Zustand, wobei hier nicht jede Bestimmung möglich ist, sondern es kommt nur in Frage »schwarz« oder ein Mittelwert (zwischen schwarz und weiß); und »gebildet« wird etwas aus »nicht-gebildet«, nur wieder nicht aus allen möglichen Zuständen, sondern aus »ungebildet« oder aus Mittelzuständen, wenn es sie hier geben sollte. Aber auch umgekehrt, nichts geht unter in das erste Beliebige; z.B. »weiß« nicht zu »gebildet«, außer vielleicht einmal nebenbei zutreffend, sondern immer nur in »nicht-weiß«, und nicht in Beliebiges, sondern in »schwarz« oder eine Mittelfarbe; ebenso verfällt »gebildet« zu »nicht-gebildet«, und auch hier nicht wieder in einen

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beliebigen Zustand, sondern in »ungebildet« oder einen etwa vorhandenen Mittelzustand. In gleicher Weise gilt das auch bei allem Übrigen, da sich auch das Nicht-Einfache, sondern Zusammengesetzte unter dem, was es gibt, nach dem gleichen Verhältnis verhält. Nur wegen der Tatsache, daß die entgegengesetzten Zustände nicht immer einen Namen haben, bleibt verborgen, daß dies geschieht. Es muß doch notwendig alles Wohlgefügte aus Ungefügtem entstehen, und umgekehrt das Ungefügte aus Gefügtem; und untergehen muß das Gefügte in eine Ungefügtheit, und dies darf nicht eine beliebige, sondern muß die entgegengesetzte sein. Und es macht hier keinen Unterschied, ob man von »Wohlgefügtheit« redet oder von »Ordnung« oder von »Zusammensetzung«; es ist klar, daß (es sich jedesmal um) das gleiche Verhältnis (handelt). Aber nun, auch so ein Ding wie »Haus«, »Standbild« und anderes derart entsteht auf die gleiche Weise: Ein Haus entsteht aus dem Vorzustand des Nicht-Zusammengesetztseins, sondern vielmehr GetrenntHerumliegens von diesem und jenem (Baustoff); ein Standbild, und überhaupt etwas formend Gestaltetes entsteht aus dem Zustand der Ungestaltetheit. Und ein jedes von diesen ist entweder Anordnung oder eine Art Zusammensetzung. Wenn dies nun alles stimmt, so kann man sagen: Jedes Entstehende entsteht und jedes Vergehende vergeht entweder aus Gegenteiligem oder zu Gegenteiligem, und in die Mittelzustände dazwischen. Nun sind aber diese Mittelzustände ihrerseits aus den Gegensätzen herleitbar, z. B. Farbschattierungen aus Weiß und Schwarz. Also: Alles natürlich Entstehende wäre entweder selbst Gegensatz oder aus Gegensätzen (herleitbar). Bis so weit sind etwa auch von den Anderen die Meisten mitgefolgt, wie wir früher sagten. Sie alle sprechen ja die Grundbausteine und die von ihnen so genannten »Anfänge«, wiewohl ohne Begriff setzend, doch als Gegensätze an, als ob sie von der Wahrheit selbst dazu gezwungen wären. Sie unterscheiden sich untereinander darin, daß die einen grundsätzlichere, die anderen nachgeordnete Gegensätze annehmen, und die einen solche, die dem Begriffe nach bekannter sind, die



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anderen der Wahrnehmung nach bekanntere, – die einen setzen Warm und Kalt, die anderen Feucht und Trocken, wieder andere Ungerade und Gerade oder Streit und Liebe als Ursachen des Werdens an; dies unterscheidet sich voneinander in der besprochenen Weise –; so daß sie irgendwie das Gleiche sagen und auch wieder Unterschiedliches: untereinander Unterschiedliches, wie es den meisten (von ihnen) ja selbst so scheint; das Gleiche aber, insofern dies alles entsprechend ist. Sie nehmen es sich ja aus der gleichen Anordnung. Die einen unter diesen Gegensätzen sind bekanntermaßen umfassend, die anderen werden umfaßt. Insoweit also reden sie sowohl gleich wie auch verschieden, und schlechter und besser auch, und die einen fassen Bekannteres nach dem Begriff, wie soeben gesagt, die anderen solches nach der Wahrnehmung – das Allgemeine ist dabei das nach dem Begriff Bekannte, das Einzelne das nach der Wahrnehmung; denn der Begriff ist auf das allgemeine Ganze gerichtet, die Wahrnehmung auf den einzelnen Teil –; z.B. das »Große-und-Kleine« ist bekannter nach dem Begriff, das Lockere und das Dichte nach der Wahrnehmung. Daß also die Anfangsgründe gegensätzlich sein müssen, ist klar. 6. Anschließend wäre darüber zu sprechen, ob es zwei oder drei oder mehr sind. Ein einziges sein kann es ja nicht, weil die Gegensätze nicht einer sind; aber auch unendlich viele nicht, weil dann das Vorhandene nicht erklärbar würde und weil es einerseits innerhalb einer jeden einheitlichen Gattung nur eine einzige Entgegensetzung gibt – »Dasein« ist aber so eine einheitliche Gattung – und andrerseits weil eine Herleitung aus einer begrenzten Anzahl möglich ist, und zwar besser aus einer begrenzten Anzahl – so Empedokles – als aus unendlich vielen; er meint ja, alles das auch leisten zu können, was Anaxagoras aus seinen unendlich vielen herleitet. Des weiteren sind einige Gegensätze grundsätzlicher als andere, und andere entstehen auseinander, z.B. süß und bitter, weiß und schwarz; die Grundanfänge dagegen müssen immer bestehen.

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Daß es also weder ein einziger ist noch unendlich viele, ist daraus klar. Indem es somit eine begrenzte Anzahl ist, so hat es einen guten Grund, nicht nur zwei anzusetzen. Man kann ja wirklich in Schwierigkeiten kommen bei der Frage, wie denn entweder die Dichte in der Verfassung sein soll, an der Dünnheit etwas zu bewirken, oder umgekehrt diese an der Dichte. Das gilt gleicherweise auch von jedem beliebigen anderen Gegensatz: Weder bringt die Liebe den Streit zusammen und macht etwas aus ihm, noch der Streit aus ihr, sondern beide zusammen bewirken ein Drittes, von ihnen Verschiedenes. Einige nehmen noch mehr Anfänge an, aus denen sie die Beschaffenheit des Seienden errichten. Außerdem könnte man auch noch an folgendem Punkt in Schwierigkeiten kommen, wenn man den Gegensätzen nicht einen von ihnen verschiedenen Naturgegenstand zugrundelegte: Wir sehen die Gegensätze bei keinem Seienden als dessen Wesen vorkommen; ein Grund-Satz darf aber nicht von etwas schon Vorliegendem ausgesagt werden, denn dann gäbe es ja einen Grund des Grundes. Das Zugrundeliegende ist doch der Anfang, und es scheint vor dem von ihm Ausgesagten zu liegen. Weiter, wir behaupten, daß ein Ding nicht einem Ding entgegengesetzt sein kann. Wie sollte dann aus Nicht-Dingen Ding (herleitbar) sein? Oder, wie sollte Nicht-Ding grundsätzlicher sein als Ding? Also: Wenn jemand die frühere Beweisführung für richtig halten will, und diese nun auch, so ist es notwendig – wenn man sie doch beide retten will –, etwas Drittes zugrunde zu legen, in dem Sinne, wie jene sprechen, die da behaupten, das Welt-Ganze sei ein einziger Naturstoff, z.B. Wasser oder Feuer oder ein Stoff, der mitten zwischen ihnen liegt. Dabei spricht mehr für dieses Mittlere; denn Feuer, Erde, Luft und Wasser sind bereits mit Gegensätzlichkeiten verflochten. Deswegen handeln nicht unvernünftig die, welche das Zugrundeliegende als verschieden von diesen ansetzen; von den übrigen die, welche Luft annehmen; denn die Luft hat unter den übrigen Grundstoffen noch am wenigsten sinnlich wahrnehmbare



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Besonderheiten. Danach käme das Wasser. Alle aber bilden dieses Eine mit Hilfe der Gegensätze zur Form, durch Dichte und Lockerheit, durch Mehr und Weniger; dies bedeutet aber, verallgemeinert, ganz klar Übermaß und Mangel, wie früher schon gesagt. Und sie scheint alt zu sein diese Lehrmeinung, daß das Eine verbunden mit Übermaß und Mangel die Anfangsgründe des Seienden sind, nur wurde sie nicht auf gleiche Art vertreten, sondern die Alten ließen die Zwei aktiv handeln, das Eine passiv erleiden, von den Späteren sagen einige, im Gegenteil, das Eine handle eher, die Zwei verhielten sich passiv. Die Behauptung also, die Grundbestandteile seien drei, scheint, wenn man sie mit Hilfe dieser und anderer derartiger Überlegungen nachprüft, einige Vernunft für sich zu haben – wie schon gesagt –, die Ansetzung von mehr als dreien aber nicht mehr. Als erleidender Gegenstand der Wirkungen reicht doch das eine völlig aus. Wenn aber, angenommen, es seien vier, dann zwei Gegensatzpaare auftreten werden, so wird einem jeden Paar für sich ein von ihnen verschiedenes Mittelding zukommen müssen; wenn sie aber auseinander das Werden hervorbringen können, da sie doch zwei sind, dann wäre eines dieser Gegensatzpaare überflüssig. Zugleich ist es aber auch unmöglich, daß die ersten Gegensatzpaare eine Mehrheit sein sollten. Denn »Dasein« ist eine einheitliche Gattung des Seienden, so daß sich die Anfangsgründe allein der größeren oder geringeren Grundsätzlichkeit nach von einander unterscheiden werden, aber nicht durch ihre Gattung; denn in einer Gattung findet sich immer nur eine Entgegensetzung, und alle Entgegensetzungen scheinen auf eine einzige hinzuführen. – Daß also der Grundbaustein weder ein einziger ist, noch mehr davon als zwei oder drei vorhanden sind, ist klar. Was aber von diesen beiden gelten soll, das zu entscheiden enthält, wie gesagt, viel Schwierigkeit. 7. Folgendes wollen nun wir selbst darüber sagen, indem wir den gesamten Begriff des Werdens durchgehen. Es ist ja der Natur gemäß, das Allgemeine zuerst zu sagen, danach geson-

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dert die Einzelheiten anzuschauen. Wir sagen also: »Es entsteht aus Einem ein Anderes, oder aus einem Verschiedenen ein Verschiedenes«, und wir sprechen damit entweder ein Einfaches an oder ein Zusammengesetztes. Damit meine ich Folgendes: Es gibt doch solche Sätze wie »ein Mensch wird gebildet« oder »das Nicht-Gebildete wird gebildet« oder »der nicht-gebildete Mensch wird ein gebildeter Mensch«. Hierbei nenne ich »einfach« auf der Seite des Werdenden die Bestimmungen »Mensch« und »nicht-gebildet«, einfach auf der Seite des Gewordenen steht »gebildet«. Zusammengesetzt aber ist sowohl das Gewordene wie das Werdende, wenn wir die Aussage machen, der »nicht-gebildete Mensch« werde ein »gebildeter Mensch«. Hiermit sagt man im einen Fall nicht nur »das wird es«, sondern auch »daraus wird es«, z. B. »aus nicht-gebildet gebildet», aber das wird nicht in allen Fällen so gesagt: denn es ist noch keiner »aus einem Menschen« »ein Gebildeter« geworden, sondern »ein Mensch« ist »gebildet« geworden. Von den Dingen, die, wie wir sagen, als Einfache ihr Werden vollziehen, beharren die einen bei diesem Veränderungsablauf, die anderen beharren dabei nicht; »Mensch« bleibt ja erhalten, wenn ein Mensch gebildet wird, und es bleibt dabei; hingegen, »nicht-gebildet« und »ungebildet« beharrt weder bei einfachem noch bei zusammengesetztem Auftreten. Nachdem dies so bestimmt ist, kann man, wenn man es so ansieht, wie wir sagen, aus allem, was da wird, folgende Annahme herleiten: Es muß immer etwas als das, was da wird, zugrunde liegen, und dieses, mag es auch der Zahl nach einheitlich sein, so ist es doch der Art nach nicht eins – mit »der Art nach« und »dem Begriff nach« meine ich dasselbe –; denn »Menschsein« und »ungebildet-sein« ist begrifflich nicht dasselbe, und das eine bleibt erhalten, das andere nicht. Das, was (bei diesem Werdensverlauf) kein Gegenteil hat, bleibt erhalten – »Mensch« bleibt ja erhalten –, hingegen »nicht-gebildet« und »ungebildet« beharrt nicht; und auch nicht das aus beiden Zusammengesetzte, wie z.B. »ungebildeter Mensch«. Der Ausdruck »aus etwas wird etwas« – und nicht: »etwas wird etwas« – wird in größerem Umfang bei nicht-beharrenden Be-



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stimmungen gebraucht, z.B. »aus ungebildet gebildet werden«, »aus einem Menschen« aber (wird man) nichts. Indessen, auch bei Beharrendem spricht man bisweilen genauso: »aus dem Erz« wird eine Statue, sagen wir, und nicht: »das Erz« wird zur Statue. Im Falle des Werdens aus einem Gegensätzlichen und Nicht-Beharrenden gibt es beide Aussageweisen, sowohl »aus diesem wird das« und »das wird das«, also sowohl »aus einem Ungebildeten« wie auch »der Ungebildete« wird ein Gebildeter. Und bei der Zusammensetzung genauso: Sowohl »aus einem ungebildeten Menschen« als auch »ein ungebildeter Mensch« wird, wie man sagt, ein gebildeter. Nun hat »werden« ja viele Bedeutungen, und von Vielem kann man nicht einfach sagen »es wird«, sondern immer nur »es wird etwas Bestimmtes«; im strengen Sinne werden – das können nur Dinge: so ist es nun bei allen übrigen Bestimmungen offenkundig, daß ihrer Veränderung etwas, was da wird, zugrunde liegen muß – denn »irgendwiegroß«, »irgendwiebeschaffen«, »in Beziehung zu etwas«, »irgendwann« und »irgendwo« können veränderliche Bestimmungen nur an etwas Zugrundeliegendem sein wegen der Tatsache, daß allein das Ding von nichts anderem als seinem Zugrundeliegendem ausgesagt werden kann, sondern umgekehrt nur alles übrige von dem Ding –; daß aber auch die Gegenstände und was sonst noch im einfachen Sinne ist, aus einem gewissen Zugrundeliegenden entstehen, dürfte für einen, der genau hinsieht, offenkundig werden. Immer ist ja schon etwas da, was zugrunde liegt, woraus das Werdende entsteht, z.B. die Pflanzen und Tiere aus Samen. Es entsteht das im einfachen Sinn Werdende teils durch Umformung, z. B. ein Standbild; teils durch Hinzutun, z.B. Dinge, die wachsen; teils durch Fortnehmen, z.B. wenn aus dem Stein eine Hermesfigur wird; teils durch Zusammenfügung, z.B. ein Haus; teils durch Eigenschaftsveränderung, z.B. bei Dingen, die sich in ihrem Stoff wandeln. Alles, was so entsteht, entsteht ganz offenkundig von Grundlagen aus. Es ist also aus dem Gesagten klar, daß jedes Werdende immer ein Zusammengesetztes ist: es gibt das Etwas, das da wird, und das, wozu dieses wird, und dies auf doppelte Weise: Entweder

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das Zugrundeliegende oder das Gegensätzliche. Mit Gegensätzlichkeit meine ich dergleichen wie »ungebildet«, mit Zugrundeliegen so etwas wie »Mensch«; und »Ungestaltetheit«, »Formlosigkeit« und »Ungeordnetheit« sind Gegensätzliches, »Erz«, »Stein« oder »Gold« dagegen sind Grundlage. Es ist also klar: Wenn es Ursachen und Anfangsgründe des von Natur aus Vorhandenen gibt, aus welchen als den ersten es ist und geworden ist, und zwar nicht in der Nebenbedeutung der Worte, sondern ein jedes, das ausgesagt wird, nach seinem Wesen, dann entsteht alles aus dem Zugrundeliegenden und der Form(gebung). Denn der Ausdruck »gebildeter Mensch« setzt sich doch wohl aus »Mensch« und »gebildet« zusammen; man kann ihn ja in deren Begriffe auflösen. Es ist damit klar, daß das Werdende aus diesen (Stücken) entsteht. Das Zugrundeliegende ist aber der Zahl nach eins, der Art nach zwei – denn »Mensch«, »Gold« und überhaupt jedes zählbare Stoff(Stück) ist eher ein bestimmtes »Dieses-da«, und es ist nicht nur so nebenbei, daß das Werdende aus ihm entsteht; hingegen ist »Fehlen der Bestimmtheit« und »Entgegensetzung« ein nur nebenbei Eintreffendes –; eines ist jedoch die Form, z.B. »Anordnung« oder »Bildung« oder etwas anderes, das so ausgesagt werden kann. Deswegen ist es einerseits erforderlich, die Anfangsgründe als zwei anzusprechen, andrerseits aber auch als drei. Und man kann sie auch als die Gegensätze bestimmen, wie wenn z.B. jemand »gebildet und ungebildet« oder »warm und kalt« oder »wohlgefügt und ungefügt« nennen wollte, – andrerseits kann man es auch wieder nicht; denn die Gegensätze können unmöglich von einander Einwirkung erfahren. Aber auch das klärt sich auf Grund der Tatsache, daß das Zugrundeliegende ein Anderes ist: dies ist nämlich kein Stück eines Gegensatzes. Also: Auf gewisse Weise sind die Prinzipien nicht mehr als die Gegensätze, sondern – zahlenmäßig bestimmt – zwei; sie sind aber auch wieder nicht durchaus nur zwei – wegen der Tatsache, daß ihnen das »sein« auf verschiedene Weise zutrifft –, sondern drei; denn verschieden voneinander ist »Mensch-sein« und »ungebildet-sein«, und »ungeformt-sein« und »Erz-sein«.



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Wie viele Anfangsgründe der im Werdensverlauf befindlichen Naturgegenstände es gibt, und in welchem Sinne diese Anzahl zu nehmen ist, darüber ist nun gesprochen. Und klar ist: Es muß etwas den Gegensätzen zugrunde liegen, und die Gegensätze müssen zwei sein. Auf eine bestimmte andere Weise ist das aber nicht notwendig; dann wird es reichen, wenn das eine der Gegensatzglieder durch seine bloße Abwesenheit und Anwesenheit den Umschlag bewirkt. Das zugrundeliegende Naturding wird der Erkenntnis zugänglich mittels einer Entsprechung: Wie sich zum Standbild das Erz, zur Liege das Holz oder zu anderen Dingen, die Gestaltung (erfahren) haben, das Ungestaltete verhält, bevor es die Gestaltung an sich genommen hat, genauso verhält sich dies (der Grund-Stoff) zum bestimmten Dasein, zum Diesesda, zum Seienden. Ein Anfang ist also dies – allerdings ist es nicht in dem Sinne eins und seiend wie das Dieses-da –, (ebenfalls) einer die (Form), auf die der Begriff zielt, und schließlich das diesem Entgegengesetzte, das Fehlen-der-Bestimmtheit. In welchem Sinn dies zwei, in welchem mehr (als zwei) sind, darüber ist in den obigen Ausführungen gesprochen. Zuerst wurde gesagt, daß Anfangsgründe allein die Gegensätze seien, später dann, daß notwendig ein Anderes ihnen zugrunde liege und es also drei seien. Aus den jetzigen Ausführungen ist klargeworden, welches der Unterschied unter den Gegensätzen ist. Ob freilich die Form das Wesen ist oder das Zugrundeliegende, ist noch nicht klar. Wie viele Anfangsgründe es sind und welche, das soll nun als einsichtig gemacht gelten. 8. Daß sich allein auf diese Weise auch die Schwierigkeit der Alten löst, wollen wir danach darlegen: Auf der Suche nach der Wahrheit und nach dem natürlichen Wesen alles Seienden gerieten die Ersten in der Wissenssuche gewissermaßen vom Wege ab und wurden infolge von Unwissenheit auf einen anderen Weg gestoßen; und so sagen sie denn, etwas Seiendes könne weder entstehen noch vergehen wegen der Notwendigkeit der Annahme, Entstehendes müsse entstehen entweder aus Seiendem oder aus Nichtseiendem, – beides aber sei un-

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möglich: Seiendes entstehe nicht – es sei ja schon –, und aus Nichtseiendem gehe ja wohl nichts hervor; denn da müsse schon etwas vorhanden sein. Und was sich im Anschluß daran ergibt, das verstärkten sie noch und sagen also, Vielheit gebe es gar nicht, sondern allein das »Seiende selbst«. Sie faßten also diese Meinung, aus den angeführten Gründen. Wir aber behaupten dagegen: (Ausdrücke wie) »aus Seiendem oder Nichtseiendem entstehen« oder »Nichtseiendes oder Seiendes bewirkt oder erfährt etwas« oder »etwas wird das« unterscheiden sich auf eine Art durchaus nicht von Sätzen wie »der Arzt tut oder erfährt etwas« oder »durch den Arzt ist oder entsteht etwas«; weil also dies in zweifacher Bedeutung ausgesprochen wird, so klarerweise auch die Ausdrücke »aus Seiendem« und »Seiendes bewirkt oder erfährt«. (Beispiel:) »Ein Haus baut der Arzt«, – nicht als Arzt, sondern als Bauherr; und: »weiß wird er«, – nicht als Arzt, sondern insofern er vorher schwarz war; aber: »er heilt« und »er geht seiner ärztlichen Eignung verlustig«, – dies als Arzt. Da aber Sätze wie »der Arzt tut oder erfährt etwas« oder »infolge der Einwirkung des Arztes tritt etwas ein« in ganz besonders eigentlicher Bedeutung dann von uns ausgesagt werden, wenn er als Arzt dies alles erfährt, tut oder werden läßt, so ist klar: Auch der Ausdruck »aus Nichtseiendem entstehen« bezeichnet dieses »in-welcher-Hinsicht-es-nichtseiend-ist«. Jene machten diesen Unterschied nicht, gerieten auf den Abweg, und durch diese Unkenntnis vermehrten sie den Irrtum so sehr, daß sie zu der Meinung gelangten, nichts entstehe oder sei von allem Übrigen, sondern daß sie das gesamte Werden aufhoben. Wir selbst sagen ja auch: Aus Nichtseiendem kann strenggenommen nichts entstehen, allerdings (sagen wir dazu:) in irgendwie bestimmter Hinsicht kann sehr wohl etwas aus Nichtseiendem entstehen, z.B. in nebenbei zutreffender Bedeutung – aus einer nicht vorhandenen Bestimmung, was rein für sich »nichtseiend« ist, nicht aus einem vorher darin schon Vorhandenen wird etwas; das ist es, was so erstaunlich erscheint und das Entstehen von etwas als unmöglich erscheinen läßt, als aus Nichtseiendem –. Ebenso aber (sagen wir): Auch aus Seiendem kann Seiendes



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nicht entstehen, außer nebenbei zutreffend; in diesem Sinne kann aber auch es, das Seiende, entstehen, auf die gleiche Weise wie wenn z.B. aus einem Tier ein Tier entsteht, und aus einem bestimmten Tier ein bestimmtes Tier, etwa ein Hund 〈aus einem Hund oder ein Pferd〉 aus einem Pferd, entsteht. Ein solcher Hund stammt dann ja nicht nur aus einem bestimmten Tier ab, sondern auch aus (der Gattung) »Tier« – nur freilich nicht, insofern sie diese Gattung ist –, denn dies ist schon von vornherein zutreffend. Wenn andrerseits etwas »Tier« nicht in diesem nur nebensächlichen Sinn werden soll, dann kann das nicht aus »Tier« sein; und wenn etwas »seiend« werden soll, dann nicht aus Seiendem; aber auch nicht einfach aus Nichtseiendem; der Ausdruck »aus Nichtseiendem« ist ja von uns seiner Bedeutung nach bestimmt als »insofern es nichtseiend ist«. Im übrigen heben wir den Satz »alles muß entweder sein oder nichtsein« nicht auf. Das ist also eine Weise (der Lösung), eine andere liegt darin, daß es möglich ist, ein und dieselbe Aussage unter dem Blickwinkel der Möglichkeit und dem der Wirklichkeit zu machen. Dies ist in anderen Zusammenhängen mit Genauigkeit näher bestimmt. Also, wie wir schon sagten: Die Schwierigkeiten lösen sich, durch welche gezwungen sie (die Alten) einiges des oben Aufgestellten aufheben wollten. Das sind die Gründe, weswegen die Früheren so sehr abgekommen sind von dem Weg, der zu Werden und Vergehen und überhaupt zu Wechsel führt. Diese Beschaffenheit der Dinge, wäre sie gesehen worden, hätte ihre ganze Unkenntnis aufgehellt. 9. Berührt haben zwar auch andere sie schon, jedoch nicht hinreichend (erfaßt). Zunächst einmal stimmen sie nämlich der uneingeschränkten Behauptung zu, entstehen könne etwas nur aus Nichtseiendem, insoweit spreche Parmenides ganz richtig. Sodann scheint ihnen, wenn sie denn der Zahl nach eine einzige ist, so sei sie auch nach ihrer Leistung nur eine. Das ist aber ein gewaltiger Unterschied: Wir sagen ja, Stoff und fehlende Bestimmtheit seien verschieden von einander, und das eine davon sei nichtseiend in nebensächlicher Bedeu-

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tung, der Stoff, – die fehlende Bestimmtheit aber an und für sich; und er, der Stoff, liege nahe bei dem gegenständlichen Ding, ja sei in gewissem Sinne eines, die fehlende Bestimmtheit keinesfalls. Diese dagegen setzten »nichtseiend« und »das Groß-und-Kleine« ganz ähnlich, und zwar entweder als beide zusammengenommen oder als jedes getrennt für sich. Daher ist diese Art von Dreiheit ganz und gar verschieden von jener. Bis hierhin sind sie ja vorangekommen, daß irgendein Naturding zugrunde liegen muß, dieses machen sie allerdings zu einem einzigen. Wenn man auch eine Zweiheit daraus macht, indem man es »groß-und-klein« nennt, so tut man nichtsdestoweniger dasselbe; die andere (Seite) hat man dabei ja übersehen. Denn das beharrende Moment ist Mitursache des Werdenden zusammen mit der Gestaltung, so wie eine Mutter; hingegen, die eine Seite des Gegensatzes möchte oft, wenn man die Vernunft streng auf das Mangelhafte an ihr richtet, so erscheinen, als ob sie ganz und gar nicht sei. Wenn es doch etwas Göttliches und Gutes und Erstrebenswertes gibt, so sagen wir, daß das eine das Gegenteil dazu ist, ein anderes ist aber das, welches von der Art ist, nach diesem zu streben und zu greifen, soweit es dazu von sich aus in der Lage ist. Ihnen aber passiert es, daß das Gegenteil nach seiner eigenen Vernichtung strebt. Es kann aber doch weder die vollendete Form selbst nach sich selbst streben wegen der Tatsache, daß sie nach nichts mehr verlangt, noch das Gegenteil (nach seinem Gegenteil) – denn Gegensätze sind in bezug aufeinander vernichtend –, sondern dies (Strebende) ist der Stoff, so wie wenn Weibliches nach Männlichem und Häßliches nach Schönem (begehrt); nur, nicht die Bestimmung (häßlich) an und für sich, sondern etwas, dem dies nebenbei zutrifft, und ebenso nicht »weiblich« (an und für sich), sondern (ein Wesen), dem dies zutrifft. Dem Vergehen und dem Entstehen unterworfen ist er (der Stoff) in einer Hinsicht wohl, in anderer aber nicht. Wenn man ihn nämlich nimmt als das »an welchem«, so geht er im eigentlichen Sinne unter – ist doch das Vergehende »an ihm«, nämlich die fehlende Bestimmtheit –; nimmt man ihn aber nach seiner Leistung, so geht er nicht im Wortsinn unter,



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sondern ist dann notwendig unvergänglich und ungeworden. Wenn er nämlich entstünde, dann muß schon wieder etwas Erstes ihm zugrunde liegen, aus dem als schon in ihm Vorhandenen (er entstünde). Das ist aber doch eben dieses Wesen, so daß es dann schon wäre, bevor es würde: ich nenne eben »Stoff« das Erste einem jeden Zugrundeliegende, aus dem etwas als in ihm schon Vorhandenen wird, und zwar nicht nebenbei zutreffend. Wenn er andrerseits untergeht, so kommt man auf ihn zu allerletzt herunter, so daß er untergegangen sein wird, bevor er untergegangen ist. Was aber den Anfangsgrund »nach der Form« anbetrifft (und die Fragen), ob er eines ist oder viele und welches oder welche, dies in Genauigkeit abzustecken, ist Aufgabe der »Ersten Philosophie«, so daß es denn bis zu der Gelegenheit zurückgestellt sein soll. Was aber die in der Natur vorkommenden und vergänglichen Formen angeht, so werden wir in unseren späteren Darlegungen darüber sprechen. Daß es also Anfangsgründe gibt und welche es sind und wie viele der Zahl nach, das soll uns nun so bestimmt sein. Und nun beginnen wir an anderer Stelle nochmal und wollen von Anfang an vortragen.

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BUCH II

1. Unter den vorhandenen (Dingen) sind die einen von Natur aus, die anderen sind auf Grund anderer Ursachen da. Von Natur aus: Die Tiere und deren Teile, die Pflanzen und die einfachen unter den Körpern, wie Erde, Feuer, Luft und Wasser; von diesen und Ähnlichem sagen wir ja, es sei von Natur aus. Alle diese erscheinen als unterschieden gegenüber dem, was nicht von Natur aus besteht. Von diesen hat nämlich ein jedes in sich selbst einen Anfang von Veränderung und Bestand, teils bezogen auf Raum, teils auf Wachstum und Schwinden, teils auf Eigenschaftsveränderung. Hingegen, Liege und Kleid, und was es dergleichen Gattungen sonst noch geben mag, hat, insofern ihm eine jede solche Bezeichnung eignet und insoweit es ein kunstmäßig hergestelltes Ding ist, keinerlei innewohnenden Drang zu Veränderung in sich; insofern es aber diesen (Gegenständen) nebenbei auch zutrifft, aus Holz oder aus Erde oder aus Stoffen, die aus einer Mischung beider sind, zu bestehen, haben sie (ihn), und zwar genau so weit; denn Naturbeschaffenheit ist doch eine Art Anfang und Ursache von Bewegung und Ruhe an dem Ding, dem sie im eigentlichen Sinne, an und für sich, nicht nur nebenbei, zukommt. – Mit »nicht nur nebenbei« meine ich folgendes: Es kann ja wohl vorkommen, daß jemand selbst zum Urheber von Gesundung an sich selbst werden kann, wenn er nämlich ein Arzt ist; aber doch nicht insoweit er gesundet, besitzt er die Heilkunst, sondern es trifft hier nur nebenbei zusammen, daß dieselbe Person Arzt und gesundender (Patient) ist; deswegen treten ja auch beide Bestimmungen getrennt voneinander auf. – Ganz ähnlich verhält sich auch ein jedes von allem übrigen, was hergestellt ist; keins von diesen Dingen enthält ja in sich den Anfangsgrund seiner Herstellung, sondern die einen haben ihn in Anderem und außerhalb ihrer, z.B. ein Haus und jeder übrige mit Händen hergestellte Gegenstand, die anderen haben ihn

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zwar in sich, aber nicht als eben diese, – etwa was nebenbei zutreffend Ursache für sich selbst werden könnte. Naturbeschaffenheit ist also das Gesagte. Naturbeschaffenheit hat alles, was einen solchen Anfang hat. Und alles dieses sind Wesen; denn dies ist etwas Zugrundeliegendes, und Naturbeschaffenheit kommt immer an Zugrundeliegendem vor. Naturgemäß ist dieses und alles, was diesem, insofern es dies ist, zukommt, z.B. dem Feuer der Auftrieb nach oben. Von einer solchen Bestimmung kann man nicht sagen: »sie ist Naturbeschaffenheit«, auch nicht »sie hat eine«, aber: »sie ist von Natur aus« und »ist naturgemäß«. Was nun also »Naturbeschaffenheit« bedeutet, ist vorgetragen, und auch die Bedeutung von »von Natur aus« und »naturgemäß«. Daß es Naturbeschaffenheit gibt, das nachweisen zu wollen, wäre ein lächerlicher Versuch. Es liegt doch auf der Hand, daß Vieles unter dem Vorkommenden von der Art ist. Offensichtliches aber mit Hilfe von Nichtoffensichtlichem zu erweisen, das ist Eigenschaft eines, der nicht beurteilen kann, was aus sich selbst und was nicht aus sich selbst erkennbar ist – daß es jemandem so gehen kann, ist nicht unbekannt: es kann ja auch einer, der von Geburt an blind ist, über Farben klug daherreden –, so daß solche Leute notwendig nur über Bezeichnungen reden, dabei aber nichts begreifen. Naturanlage und eigentliches Wesen der von Natur aus vorhandenen Dinge scheint aber bei einigen (Leuten) bestimmt zu werden als das erste in einem jeden Vorfindliche, an und für sich noch ungestaltet: Z.B. wäre von einer Liege die Naturanlage das Holz, von einem Standbild das Erz. Zum Beweis dafür führt Antiphon an: Wenn man eine Liege in die Erde eingrübe und die Verrottung die Kraft bekäme, einen Sproß herauswachsen zu lassen, dann würde der nicht eine Liege, sondern nur Holz; komme doch die eine Bestimmtheit ihm nur nebenbei zu, dieser durch willkürlichen künstlichen Eingriff gesetzte Zustand (Liege), das eigentliche Wesen aber sei dasjenige, welches bei allen diesen Ereignissen durchweg sich erhalte. Und wenn ein jeder solcher Stoff sich zu einem anderen ebenso verhielte – z.B. Erz und Gold zu Wasser, Knochen



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und Holz zu Erde und ähnlich jedes beliebige andere –, dann sei eben jenes die Naturbeschaffenheit und das Wesen von ihnen. Deswegen sagen die einen, Feuer, andere, Erde, andere, Luft, andere Wasser, andere, Einiges davon, andere, alles dieses zusammen sei die Naturbeschaffenheit des Vorhandenen. Was davon einer nun als solches angenommen hat, sei es eins oder mehrere, dies und so vieles, sagt er dann, sei das ganze Sein, alles andere demgegenüber nur Ereignisse, Zustände und Anordnungen davon; und von diesen sei ein jedes ewig in seinem Bestand – denn es gebe bei ihnen keine gegenseitige Verwandlung das andere hingegen entstehe und vergehe in unermeßlicher Zahl. Das ist die eine Weise, in der man von »Naturbeschaffenheit« spricht, nämlich: Der erste, einem jeden zugrundeliegende Stoff der Dinge, die Anfang von Wandel und Veränderung in sich selbst haben. Auf eine andere Weise ist es die Gestalt, die in den Begriff gefaßte Form. So wie nämlich »Werk« genannt wird das, was nach handwerklichen Regeln gefertigt ist, das Handwerkliche, ebenso wird »Naturding« genannt das Naturgemäße und Natürliche; aber weder im ersten Fall würden wir wohl sagen, etwas sei »nach handwerklichen Regeln gefertigt«, wenn es nur der Möglichkeit nach (z.B.) eine Liege ist, aber noch nicht die volle Form der Liege besitzt, oder so etwas sei ein »Werk«, noch auch entsprechend bei den von Natur bestehenden Dingen: Was der Möglichkeit nach Fleisch oder Knochen ist, hat ja weder schon sein eigenes Wesen, bevor es an sich genommen hat die begriffsgemäße Form, mittels derer wir es genau bestimmen und sagen »was Fleisch oder Knochen ist«, noch ist es »von Natur aus«. Auf andere Weise wäre also die Naturbeschaffenheit der Dinge, die Anfang von Veränderlichkeit in sich selbst haben, dies: Die Gestaltung, die Form, welche sich (von dem Ding) nicht abtrennen läßt, außer nur in Gedanken. – Das »aus diesen« (scil. Stoff und Form) ist nicht Naturbeschaffenheit, wohl aber »von Natur aus«, z.B. so etwas wie »Mensch«. Und diese (Form) ist in höherem Maße Naturbeschaffenheit als der Stoff; ein jedes wird doch dann erst eigentlich als es

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selbst angesprochen, wenn es in seiner zweckhaft erreichten Form da ist, mehr als wenn es bloß der Möglichkeit nach ist. Sodann: Ein Mensch entsteht aus einem Menschen, nicht aber eine Liege aus einer Liege. Deswegen sagen sie ja auch, nicht das äußere Aussehen sei die Naturanlage, sondern (in diesem Fall) das Holz, weil daraus, wenn es sproßte, nicht eine Liege würde, sondern Holz. Wenn das also Naturbeschaffenheit sein soll, dann ist es auch die Gestalt; denn aus einem Menschen entsteht ein Mensch. Ferner, »Naturanlage«, aufgefaßt als ein Werdevorgang, ist ein Weg hin zum (vollendeten) Wesen. Es ist ja hier nicht so wie beim Heilen: davon sagt man nicht, es sei ein Weg zur Heilkunst, sondern einer zur Gesundheit; das Heilen muß ja notwendig von der Heilkunst herkommen, nicht zu ihr hinführen; nicht so allerdings verhält sich »Naturanlage« zu »eigentlichem Wesen«, sondern: Was da natürlich aus etwas erwächst, geht, insoweit es sich natürlich weiterbildet, auf etwas anderes zu. Was nun wird natürlich gebildet? Nicht das »aus dem«, sondern das »zu dem hin«. Die (erreichte) Form ist also das natürliche Wesen. »Gestalt« und »Naturbeschaffenheit« werden in doppelter Bedeutung ausgesagt: auch die fehlende Bestimmung ist in gewissem Sinne Form. Ob aber fehlende Bestimmung und Gegensatz bei dem strenggenommenen Entstehen etwas bedeuten oder nicht, das ist später zu untersuchen. 2. Nachdem bestimmt ist, wie viele Bedeutungen »Naturbeschaffenheit« hat, ist hierauf zu untersuchen, worin sich der Mathematiker vom Natur-Forscher unterscheidet – Flächen und Raumformen haben die natürlichen Körper ja auch, und Längen und Punkte, womit sich eben der Mathematiker befaßt –; zweitens (ist zu untersuchen), ob die Gestirnkunde eine von der Natur-Wissenschaft verschiedene Wissenschaft ist oder ein Teil von ihr. Wenn es doch Aufgabe des NaturForschers ist zu wissen, was Sonne oder Mond wirklich sind, sollte er sich dagegen um die ihnen wesentlich zukommenden Eigenschaften nicht kümmern, so wäre das unsinnig, zumal



Zweites Buch ∙ Kapitel 2 39

doch ganz offenkundig die Naturdenker über die Form von Mond und Sonne sprechen, und auch über die Frage, ob die Erde oder die ganze Welt kugelförmig ist oder nicht. Hiermit befaßt sich nun auch der Mathematiker, allerdings nicht insoweit dies alles Begrenzung eines natürlichen Körpers ist; und auch die Eigenschaften betrachtet er nicht, insofern sie ihnen als eben derartigen zutreffen; deswegen verselbständigt er sie auch, denn sie sind im Denken von der allgemeinen Veränderung der Dinge abtrennbar, und das macht überhaupt keinen Unterschied, und es ergibt sich nichts Falsches, wenn man sie abtrennt. Ohne es zu wissen, machen auch die das Gleiche, welche sagen, daß es Ideen gibt: Sie verselbständigen nämlich die natürlichen Bestimmungen, die doch weniger abtrennbar sind als mathematische. Daß dies so ist, dürfte klarwerden, wenn man die Begriffsbestimmung beider Sorten von Gegenständen zu geben versuchte, und zwar sowohl der Gegenstände selbst wie auch ihrer Eigenschaften: dann werden nämlich »ungerade« und »gerade« »geradlinig« und »gekrümmt« schließlich auch »Zahl«, »Linie« und »Gestalt« ohne den Begriff »natürliche Veränderung« begegnen; »Fleisch«, »Knochen« und »Mensch« aber nicht mehr, sondern dies wird so in der Rede behandelt wie »Stupsnase«, aber nicht wie »gekrümmt«. Dies belegen auch die mehr naturbezogenen unter den mathematischen (Lehren), wie Lehre vom Sehen, vom guten Klang, Gestirnkunde: sie verhalten sich gewissermaßen umgekehrt zur Geometrie. Die Geometrie betrachtet ja eine tatsächlich hingezeichnete Linie, aber eben nicht insofern sie diese Beschaffenheit hat; umgekehrt, die Lehre vom Sehen untersucht eine mathematische Linie, aber nicht insofern sie mathematisch ist, sondern insofern sie ein Naturverhältnis darstellt. Nachdem nun »Naturbeschaffenheit« zweifach zu fassen ist, nämlich einmal die Form (aussagt), und auch den Stoff, so ist die Untersuchung so zu führen, wie wenn wir bezüglich der Stupsnäsigkeit nachsuchten, was sie denn ist, also: Weder ohne Stoff (ist) solches, noch aber auf den Stoff beschränkt. Und nun könnte einer ja auch folgende Streitfrage aufwerfen:

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Da die Naturbeschaffenheiten also zwei seien, mit welcher von beiden sich wohl der Natur-Forscher zu befassen habe? Oder etwa mit dem aus beiden Zusammengesetzten? Aber, wenn mit dem Zusammengesetzten, dann auch mit jedem von beiden (Stücken)! Ist es nun Aufgabe einer und derselben (Wissenschaft) oder verschiedener, jedes der beiden zur Erkenntnis zu bringen? – Wenn man auf die Alten hinsieht, dann scheint der Gegenstand ja wohl der Stoff zu sein – denn nur zu einem kleinen Teil haben Empedokles und Demokrit die Form und das »was es wirklich ist« berührt –; wenn hingegen die Kunstfertigkeit der Naturbeschaffenheit nacheifert und es Aufgabe eines und desselben Wissens ist, Form und Stoff bis zu einem gewissen Grade zu kennen – z.B. beim Arzt ist es die Gesundheit einerseits und Galle und Schleim andrerseits, in deren Zusammensetzung Gesundheit besteht, und ähnlich auch beim Baumeister der Plan des Hauses und die Baustoffe, wie Ziegel und Holz; ebenso auch in den anderen Fällen so wäre es Aufgabe auch der Naturwissenschaft, beide Begriffe von Naturbeschaffenheit zur Erkenntnis zu bringen. Weiter: Das »Weswegen« und das Ziel sind Aufgabe des gleichen (Wissens), und die derentwegen eingesetzten Mittel auch. Die Naturbeschaffenheit aber ist Ziel und Weswegen: welche Gegenstände nämlich, bei fortlaufend erfolgender Veränderung, ein Ziel haben, bei denen ist eben dieser letzte Punkt auch das Weswegen. Daher ist es lächerlich, wenn sich der Dichter dazu hinreißen ließ zu sagen: »Er nahm das Ende, dessentwegen er geboren ward«; denn es will nicht jeder Schlußpunkt Ziel sein, sondern nur der beste Zustand. Da nun die Handwerke ihren Stoff auch »machen«, die einen im strengen Sinn (von herstellen), die anderen, indem sie ihn nur brauchbar machen, und wir alles Vorhandene, als um unseretwillen, in Gebrauch nehmen – in gewissem Sinne sind nämlich auch wir Zweck; der Ausdruck »Weswegen« hat ja zwei Bedeutungen, darüber ist in den Ausführungen »über die Philosophie« gesprochen –: zwei Tätigkeiten sind es, die über den Stoff verfügen und eine Kenntnis von ihm besitzen, einmal die, welche ihn in Gebrauch nimmt, und von der herstellenden



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Tätigkeit die maßgebliche. Deshalb ist auch die gebrauchende Tätigkeit in gewissem Sinne maßgeblich, sie unterscheidet sich aber darin, daß sie der Kenntnis der Form fähig ist, die andere hingegen, als herstellend, des Stoffs. (Beispiel:) Der Schiffssteuermann besitzt ein Wissen, wie beschaffen die Form des Steuerruders sein muß, und erteilt entsprechend Auftrag; der andere aber weiß, aus welchem Holz und mit Hilfe welcher Arbeitsvorgänge es zu machen ist. In den handwerklichen Zusammenhängen stellen wir selbst den Stoff her um des Werkes willen; im Bereich der Natur ist er schon vorhanden. Schließlich: Der Stoff gehört zu den (Dingen) »im Verhältnis zu etwas«: für eine andere Form anderer Stoff. Bis wie weit also muß sich der Natur-Forscher über die Form und das »was-ist-es« ein Wissen aneignen? Doch wohl so, wie der Arzt mit der Sehne und der Schmied mit dem Erz: ein jedes bis zu dem Weswegen; und sein Gebiet sind solche Gegenstände, die der begrifflichen Form nach zwar abtrennbar sind, aber nur an einem Stoff da sind. Denn es ist ein Mensch, der einen Menschen zeugt, und das Sonnenlicht. Wie sich das Abtrennbare verhält und was es wesensmäßig ist, das zu bestimmen ist Arbeit der ersten Philosophie. 3. Nachdem dies bestimmt ist, ist bezüglich der Ursachen die Untersuchung anzustellen, welche und wie viele der Zahl nach es sind. Da doch diese Anstrengung hier um der Erkenntnis willen unternommen wird, etwas erkannt zu haben wir aber nicht eher überzeugt sind, bevor wir das »Weshalb« eines jeden erfaßt haben – das heißt aber: seine erste Ursache erfaßt haben –, so ist es klar, daß auch wir dies hier zu tun haben hinsichtlich Werden und Vergehen und überhaupt jeder Art von natürlichem Wandel, damit wir in Kenntnis ihrer Anfangsgründe ein jedes Untersuchte auf sie zurückzuführen versuchen können. Auf eine Weise wird also Ursache genannt das, woraus als schon Vorhandenem etwas entsteht, z.B. das Erz Ursache des Standbilds, das Silber der Schale, und die Gattungen dieser Begriffe (sind es auch).

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Auf eine andere aber die Form und das Modell, d.i. die vernünftige Erklärung des »was es wirklich ist«, und die Gattungen davon – z.B. beim Oktavklang das Verhältnis 2 zu 1, und überhaupt der Zahlbegriff – und die Bestimmungsstücke, die in der Erklärung vorkommen, auch. Des weiteren: Woher der anfängliche Anstoß zu Wandel oder Beharrung kommt; z.B. ist der Ratgeber Verursacher von etwas, und der Vater Verursacher des Kindes, und allgemein das Bewirkende (Ursache) dessen, was bewirkt wird, und das Verändernde dessen, was sich ändert. Schließlich: Als das Ziel, d.i. das Weswegen; z.B. (Ziel) des Spazierengehens (ist) die Gesundheit. – »Weshalb geht er doch spazieren?« – Wir antworten: »Damit er sich wohlbefindet«, und indem wir so sprechen, meinen wir, den Grund angegeben zu haben. (Ursache ist) auch alles, was nach einem Anstoß durch Anderes zwischen diesem und dem Ziel erfolgt, z.B. für die Gesundheit die Abmagerungskur, die Entschlackung, Heilmittel oder ärztliches Werkzeug; alles dies ist ja um des Ziels willen da, der Unterschied unter einander besteht nur darin, daß es sich teils um Tätigkeiten, teils um Werkzeuge handelt. »Ursache« wird also etwa in so vielen Bedeutungen ausgesagt. Es ergibt sich nun, da von Ursächlichem in vielen Weisen die Rede sein kann, daß es auch viele Ursachen eines und desselben Gegenstandes geben kann, und zwar nicht nebenbei zutreffend; so ist z.B. Ursache des Standbilds sowohl die Bildhauerei wie auch das Erz, nicht über ein Anderes vermittelt, sondern insofern es Standbild ist, nur nicht auf die gleiche Weise, sondern das eine als Stoff, das andere als »Woher der Bearbeitung«. Es kommt auch wechselseitige Verursachung bei einigen Dingen vor, z.B. körperliche Anstrengung als Ursache guter Verfassung und (umgekehrt) diese als Ursache der Anstrengung; nur, nicht auf die gleiche Weise, sondern das eine als Ziel, das andere als Ausgangspunkt der Veränderung. Weiter, ein und dasselbe ist (auch Ursache) gegenteiliger (Folgen): Etwas, das, als Anwesendes, ursächlich ist für dies, das machen wir bisweilen, als Abwesendes, verantwortlich für



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das Eintreten des Gegenteils davon, z.B. die Abwesenheit des Steuermanns für den Schiffbruch, dessen Anwesenheit Ursache der Rettung gewesen wäre. Alle die jetzt aufgezählten Formen von Ursache fallen unter vier besonders augenfällige Weisen: (1) Die Buchstaben der Silben, der Stoff der handwerklichen Erzeugnisse, Feuer und die übrigen derartigen Körper, die Teile eines Ganzen und auch die Voraussetzungen des Schlusses – all das ist im Sinne des »Woraus« ursächlich. Die eine Seite dieser (Zusammensetzungen ist ursächlich) im Sinne des Zugrundeliegenden, z.B. die Teile; (2) die andere Seite im Sinne des »was-es-wirklichist«, nämlich das Ganze, die Zusammensetzung, die Form. (3) Same hingegen, Arzt, Ratgeber und überhaupt Bewirkendes, alles dies ist »woher der Ausgangpunkt von Wandel und Beharrung«. (4) Schließlich (sind Dinge ursächlich) als das Ziel und das Gute der anderen. Das Weswegen will doch ein Bestes und Ziel der anderen (Dinge) sein. – Es soll dabei keinen Unterschied machen, ob man es als »Gut« schlechthin oder nur als »Gut, das dafür gehalten wird« anspricht. Das sind also die Ursachen, und so viele sind es der Art nach. Die Weisen des Auftretens der Ursachen sind viele an der Zahl, wenn man sie jedoch auf Hauptfälle bringt, werden auch sie weniger. »Ursache« wird ja in vielen Bedeutungen ausgesprochen, und sogar bei Bestimmungen innerhalb der gleichen Art läßt sich das eine im Vergleich zum anderen voroder nachgeordnet aussagen, z.B. (Urheber) von »Gesundheit« ist sowohl »Arzt« wie auch »Meister«, und (Ursache) des Oktavklangs ist sowohl das Verhältnis 2 zu 1 wie auch der Zahlbegriff, und so jeweils das Umfassende im Vergleich zum Eingeschränkten. Sodann (geht es) in der Form nebensächlicher Eigenschaft und ihrer Gattungen, z.B. (Urheber) von »Standbild« ist in anderem Sinne »Polykletos« und in wieder anderem »Bildhauer«, weil ja für das Bildhauer-Sein das Polykletos-Sein eine nur nebensächliche Bestimmung ist.

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Und als das Umfassende des Nebensächlichen auch, z.B. wenn gleich »Mensch« Urheber des Standbilds wäre oder ganz allgemein »Lebewesen«. Es ist auch bei den nebensächlichen Bestimmungen einiges weiter oder enger gefaßt als anderes, z.B. wenn ein Weißer oder ein Gebildeter als Urheber des Standbilds genannt würde. Alles dies, sowohl das in der eigentlichen Bedeutung Ausgesagte wie auch das im nebensächlichen Sinn, kann entweder als nur ermöglichend ausgesagt werden oder als tatsächlich wirksam, z.B. (Ursache) des Hausbaus ist entweder (einfach) ein Baumeister oder (genauer) ein Baumeister, der seine Tätigkeit gerade ausübt. In ähnlicher Weise wie bei dem Vorgetragenen wird man auch über die (Dinge) sprechen, deren Ursachen die Ursachen sind: Z.B. (Ursache) dieses einen Standbilds hier, oder eines Standbilds, oder allgemein eines Bildwerks; und (Ursache) dieses Erzstücks hier, oder von Erz, oder allgemein von Stoff. Und bei den nebensächlichen Eigenschaften genauso. Schließlich kann sowohl dieses (das Begründende) wie jenes (das Begründete) in Form der Verknüpfung ausgesagt werden, z.B. nicht: »Polykletos (ist Urheber)«, auch nicht: »ein Bildhauer (ist Urheber)«, sondern: »der Bildhauer Polykletos ...« Trotz (dieser großen Vielfalt): Alles dies macht (zusammengefaßt) eine Anzahl von sechs (Fällen) aus, und das wird noch zweifach ausgesagt: (1) als das Einzelne; (2) als die Gattung (dazu); (3) als die nebensächliche Eigenschaft; (4) als die Gattung der nebensächlichen Eigenschaft; (5) als Verknüpfung dessen; (6) einfach Ausgesagtes. Und alles das (a) entweder in voller Wirksamkeit oder (b) nur der Möglichkeit nach. Es liegt noch darin der Unterschied, daß das Wirksame und das Einzelne zugleich mit dem, dessen Ursache es ist, da ist und nicht da ist – z.B. dieser bestimmte heilend Tätige und dieser bestimmte gerade Behandelte, oder dieser bestimmte an der Bauarbeit Tätige und dieses gerade Gebaute –, das nach der Möglichkeit Ausgesagte aber nicht immer: das Haus und sein Baumeister gehen ja keinesfalls gleichzeitig zugrunde.



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Man muß aber immer die genaueste Ursache von etwas aufsuchen, wie bei dem übrigen auch, z.B.: der Mensch baut ein Haus, weil er Baumeister ist, der Baumeister aber (handelt) gemäß der Technik des Hausbaus; diese Ursache ist also vorrangig. Und so in allen Fällen. Sodann (sind) Gattungen (Ursachen) von Gattungen, Einzelnes von Einzelnem, z.B. »Bildhauer« (Ursache) von »Standbild«, aber: dieser bestimmte (Bildhauer) dieses bestimmten (Werkes). Und: Möglichkeiten von Möglichem, Wirksames im Verhältnis zu solchem, an dem Wirkung erfolgt. Wie viele Ursachen es also gibt und auf welche Weise sie Ursachen sind, das soll uns hiermit hinreichend bestimmt sein. 4. Es werden aber auch die (undurchschaubare) Schicksalsfügung und der Zufall zu den Ursachen gezählt, und von vielem sagt man, es sei oder ergebe sich »aus Schicksal« oder »aus Zufall«. Auf welche Weise sich nun Schicksalsfügung und Zufall unter diesen Ursachen finden, ob Schicksal und Zufall dasselbe sind oder verschieden voneinander und überhaupt, was denn Schicksalsfügung und Zufall eigentlich ist: das ist zu untersuchen. Es gibt ja auch Leute, die die Frage stellen, ob es so etwas überhaupt gibt oder nicht. Sie sagen, es geschehe ja gar nichts infolge von Fügung, sondern von allem gebe es eine genau bestimmte Ursache, wovon man nur so sagt, es geschehe zufällig oder aus Schicksal; z.B. bei einem Gang auf den Marktplatz, bei dem es sich dann so fügt, daß man jemanden trifft, den man schon immer treffen wollte, den man aber hier nicht vermutete; hier sei die Ursache der Vorsatz, auf dem Markt einzukaufen, als man losging. In gleicher Weise sei auch bei allem anderen, was man so »zufällig gefügt« nenne, immer eine bestimmte Ursache zu greifen, nur nicht die Fügung; denn wenn diese Schicksalsfügung wirklich etwas wäre, dann erschiene das doch wahrhaftig als unbegreiflich; und es könnte einer auch die Frage stellen, weshalb wohl keiner der alten Weisen, wenn er über die Ursachen von Werden und Vergehen Aussagen machte, über Fügung auch nur ein einziges klären-

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des Wort verloren hat, vielmehr, wie es scheint, waren auch jene der Meinung, daß nichts aus zufälliger Fügung geschehe. Aber auch dies ist verwunderlich: Es geschieht und ist nun einmal vieles aus Fügung und Zufall, wovon sie genau wußten, daß man ein jedes auf eine bestimmte Werde-Ursache zurückführen kann, so wie es die alte Erklärung ja sagte, welche die Fügung aufhob: trotzdem sagen alle (übereinstimmend), ein Teil davon sei aus Fügung, der andere Teil aber nicht aus Fügung. Das hätten sie doch irgendwie in ihre Überlegungen mit aufnehmen müssen. Andrerseits aber waren sie auch nicht der Meinung, daß »Fügung« zu denjenigen (Anfangsgründen) gehöre, wie »Liebe und Streit« oder »Vernunft« oder »Feuer« oder anderes dergleichen. Es ist also unverständlich (beides), sowohl wenn sie annahmen, es gebe so etwas (wie Fügung) überhaupt nicht, als auch, wenn sie es zwar annahmen, aber die Behandlung davon übergingen, und das, so sie doch (diese Erklärungsweise) manchmal benutzen! So sagt etwa Empedokles, nicht immer werde die Luft als oberstes ausgesondert, sondern (das gehe) wie es sich halt fügt. Er sagt jedenfalls in seiner »Welterschaffung«: »So stieß er (scil., der Äther) eilend jetzt an, vielmals aber anders.« Und von den Teilen der Tiere behauptet er ja auch, sie entstünden meistenteils aus zufälliger Fügung. Es gibt auch Leute, die für diesen (unseren) Himmel und für alle Welten als Ursache den Zufall ansetzen. Infolge von Zufall sei nämlich der (Ur-)Wirbel entstanden und die Bewegung, die (die Stoffe) entmischt und das Weltganze in diese Anordnung gebracht hat. Das ist ja nun äußerst verwunderungswürdig: Einerseits lehren sie doch, die Tiere und Pflanzen könnten infolge Zufalls weder sein noch entstehen, sondern entweder sei »Naturanlage« oder »Weltvernunft« oder etwas anderes dergleichen die Ursache davon – denn nicht ein »was-sich-gerade-so-ergibt« entsteht aus dem Samen eines jeden, sondern aus diesem so gearteten ein Ölbaum, aus diesem so gearteten ein Mensch –, andrerseits soll aber der Himmel mit seinen göttlichsten unter den Erscheinungen nur so von ganz allein geworden sein, und eine derartige Ursache wie für die Tiere und Pflanzen soll es für ihn nicht geben. Und



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wenn es sich schon wirklich so verhielte, so wäre eben dies der Aufmerksamkeit würdig, und es verhielte sich richtig, darüber gesprochen zu haben. Denn zusätzlich zu der Tatsache, daß diese Behauptungen für sich schon unbegreiflich sind, ist es noch unbegreiflicher, dies zu behaupten, wo man doch sieht, daß am Himmel nichts infolge Zufalls geschieht, hingegen im Bereich dessen, wo (nach ihrer Ansicht) nichts auf Grund bloßer Fügung (geschieht), doch vieles auf Grund zufälliger Fügung sich ergibt. Es wäre doch das genaue Gegenteil wahrscheinlich. Es gibt auch Leute, die der Meinung sind, die Schicksalsfügung sei eine Ursache, nur eine der menschlichen Vernunft undurchschaubare, da sie etwas Göttliches sei und ins Übernatürliche weise. Also ist zu untersuchen, (1) was dies beides ist, (2) ob Zufall und Schicksalsfügung dasselbe sind oder verschieden, und (3) wie sie sich zu den (oben) bestimmten Ursachen fügen. 5. Erstens nun also: Da wir sehen, daß einiges immer genau so eintritt, anderes in den meisten Fällen so, so ist es klar, daß in keinem dieser beiden Fälle als Ursache die Fügung oder das »aus Fügung« ausgesagt wird, weder in dem Fall »aus Notwendigkeit und immer« noch in dem Fall »in der Regel so«. Da es nun aber auch Ereignisse gibt, die dem zuwider verlaufen, und alle von solchen sagen, es sei »auf Grund von Fügung«, so ist es klar, daß Schicksalfügung und Zufall wirklich etwas sind. Daß nämlich derartige Ereignisse auf Grund von Fügung, und daß Ereignisse auf Grund von Fügung derartig sind, wissen wir. Unter dem, was geschieht, erfolgen die einen (Ereignisse) wegen irgendetwas, die anderen nicht – von den ersteren erfolgen die einen gemäß vorsätzlicher Absicht, die anderen nicht nach solcher Absicht, beide befinden sich aber unter den Ereignissen wegen etwas –; es ist also klar, daß auch unter den Ereignissen entgegen der Notwendigkeit und der Regel sich einige befinden können, bei denen das »wegen etwas« wenigstens vorliegen kann. »Wegen etwas« ist alles das, was sowohl durch planende Vernunft hervorgebracht sein könnte

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oder auch durch Naturanlage. Wenn Derartiges also nun als nebenbei eintretende Wirkung erfolgt, dann sagen wir, es sei »aus Fügung«; wie ja auch »seiend« ein Ding im eigentlichen Sinne ist, ein anderes nur in nebenbei zutreffender Bedeutung, ebenso kann das auch mit »Ursache« sein; z. B.: Von einem Haus ist Ursache im eigentlichen Sinn die Fähigkeit, ein Haus zu bauen, in nebenbei zutreffender Bedeutung kann es dann auch »weiß« oder »gebildet« sein. Die Ursache im eigentlichen Sinn ist eindeutig bestimmt, die Ursache in der Nebenbedeutung nicht festgelegt; denn auf diesen einen Gegenstand kann ja unendlich Vieles zutreffen. – Wie nun schon gesagt wurde: Wenn im Bereich der Ereignisse, die wegen etwas eintreten, dies eintritt, dann nennt man das »zufällig« und »auf Grund von Fügung« – der Unterschied dieser beiden untereinander ist später zu bestimmen, für jetzt soll nur dies einsichtig sein, daß beide zu den Ereignissen »wegen etwas« gehören –; z. B.: Wegen der Rückerstattung des Geldes wäre wohl einer (zum Markt) hingegangen, zur Zeit, als der Schuldner selbst gerade seine Außenstände einzog, – wenn er dies gewußt hätte! Nun aber ging er nicht deswegen hin, sondern es ergab sich für ihn eben so, gleichzeitig zu gehen und dies wegen des Geldeinzugs zu tun. Dabei gilt zusätzlich: Weder »in vielen Fällen« ging er zu diesem Platz noch »aus Notwendigkeit« (d.i. immer). Nun gehört das Endergebnis, der Erhalt (des Geldes), zwar nicht zu den in ihm liegenden Ursachen, aber doch zu den vorsätzlichen und denen auf Grund planender Vernunft; und man sagt in diesem Fall eben, er sei zufällig hingegangen. Wenn er aber in der Absicht, sich eben dies vorzunehmen, (hinging) oder als ständiger oder wenigstens häufiger Besucher (dieses Platzes), dann (spricht man) nicht von Fügung. Es ist mithin klar, daß die Fügung eine Ursache im nebensächlichen Sinn ist, im Bereich der Ereignisse wegen etwas, (und hier besonders) unter denen, die nach einem Vorsatz erfolgen. Deshalb können sich planende Vernunft und Fügung auf ein und dasselbe Ereignis beziehen, denn Vorsatz gibt es nicht ohne planende Vernunft.



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Unbestimmbar müssen also die Ursachen dessen sein, was infolge von Fügung geschehen mag. Daher scheint auch der Schicksalbegriff selbst in den Bereich des Unbestimmbaren zu gehören und dem Menschen unerklärlich zu sein; und es gibt Gründe für die Vermutung, daß nichts aus Fügung geschehen könne. Alles dies sind ja richtige Aussagen, aus plausiblem Grund: Es gibt ja wirklich Ereignisse infolge von Fügung; denn sie treten als Nebenwirkungen auf, und eine als Nebenwirkung auftretende Ursache ist ja die Fügung. Nur, im eigentlichen Sinn ist sie Ursache von nichts. Z. B. eines Hauses Urheber ist ein Baumeister, im nebenbei eintretenden Sinn kann es aber auch ein Flötenspieler sein, und für das Ereignis, daß einer hinging und sein Geld einzog, während er doch nicht deswegen hingegangen war, mag es unzählig viele Gründe geben: Entweder wollte er da jemanden sehen, oder er wollte zu Anklage oder Verteidigung in einem Prozeß, oder er wollte ein Theaterstück anschauen. Auch die Behauptung, etwas Widervernünftiges sei doch diese Fügung, ist richtig: der vernünftige Schluß bezieht sich auf Dinge, die immer so sind oder doch in der Mehrzahl der Fälle, die Fügung dagegen findet statt unter dem, was dem zuwider geschieht; da also so geartete Ursachen unbestimmbar sind, ist auch die Fügung ein Unbestimmbares. Trotzdem könnte man in einigen Fällen die Frage stellen, ob denn nun alles Beliebige Ursache im Bereich der Fügung werden könnte; z. B., (als Ursache) von guter körperlicher Verfassung (mag man angeben) tiefes Durchatmen oder Sonnenbaden, aber doch wohl nicht die Tatsache, daß man sich hat die Haare schneiden lassen! Von den Ursachen im nebensächlichen Sinn liegen einige nämlich näher als andere. Eine Fügung wird dann »gut« genannt, wenn sich dabei etwas Gutes ergibt, und »schlecht«, wenn etwas Schlechtes; von »Glück« und »Unglück« spricht man dann, wenn diese Ereignisse eine gewisse Größe annehmen. Beinahe ein großes Übel zu erleiden oder ein großes Gut zu erlangen, das ist dann (je nachdem) »Glückhaben« oder »Pechhaben«, weil doch das Denken dies wie etwas Vorhandenes ausspricht. Denn das

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»Beinahe« scheint gewissermaßen gar keinen Abstand mehr zu bedeuten. Weiter: »Unbeständig« heißt das Glück, verständlicherweise, denn die Fügung ist unbeständig; weder »immer so« noch »in der Regel so« kann von den Ereignissen auf Grund von Fügung eines sein. Beide sind also, wie gesagt, Ursachen in nebensächlicher Bedeutung – sowohl die Schicksalsfügung wie auch der Zufall –, und zwar im Bereich solcher Vorgänge, die nicht im strengen Sinn und auch nicht im Sinne von allermeistens erfolgen können, und sie gehören zu den Geschehnissen, die wegen etwas eintreten.

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6. Ihr Unterschied liegt darin, daß »Zufall« sich über einen weiteren Bereich erstreckt. Ereignisse auf Grund von Fügung sind alle auch zufällig; (umgekehrt) diese sind nicht alle auf Grund von Fügung. Schicksalsfügung und (Ereignisse) auf Grund von Fügung können nur für solche (Wesen) zutreffen, für die auch »Glückhaben« gelten kann, und überhaupt »Handlung«. Also muß Fügung sich notwendig beziehen auf mögliche Handlungen – ein Beleg dafür ist, daß »Glückhaben« dasselbe zu sein scheint wie »Glücklichsein«, oder doch in der Bedeutung nahebei liegt; Glücklichsein ist aber eine Art Handlung, denn es bedeutet, daß einem das Handeln gut ausgeht –, so daß gilt: Alles, was nicht handeln kann, kann auch nicht etwas aus Fügung tun. Deswegen tut nichts Unbelebtes, kein Tier und auch kein kleines Kind etwas aus Fügung, weil sie alle freien Willen zur Entscheidung nämlich nicht haben; auch »Glückhaben« oder »Pechhaben« trifft auf sie nicht zu, außer im Bilde der Ähnlichkeit, so wie etwa Protarchos sagte, glücklich seien die Steine, aus welchen die Altäre gemacht sind, da sie doch verehrt würden, auf ihren Artgenossen hingegen tritt man herum. Dagegen, infolge von Fügung etwas zu erleiden, das trifft irgendwie auch auf diese zu, wenn nämlich ein Handelnder aus Fügung etwas mit ihnen tut; anders geht es nicht. Der Zufall hingegen trifft auch auf Tiere und einen großen Teil des



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Unbelebten zu; z. B. »das Pferd kam zufällig heraus«, sagen wir dann, wenn es zwar durch sein Herauskommen einem Unglück entging, aber nicht herauskam in der Absicht, diesem Unglück zu entgehen. Und: »Der Schemel fiel zufällig um«; er stand zwar da, um darauf zu sitzen, aber er ist nicht, um darauf zu sitzen, umgefallen! Es ist also klar: Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas ein treten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine Deswegen-Beziehung zu bringen ist, dann nennen wir das »zufällig«. »Auf Grund von Fügung« (sagen wir) von solchen Ereignissen, die im Bereich sinnvoll gewollter Handlungen bei (Wesen), die die Fähigkeit zu planendem Vorsatz haben, zufällig eintreten. Ein Hinweis ist auch das (Wort) »vergeblich«: Das benutzt man dann, wenn das um eines anderen willen Vorgenommene bei seinem Eintreten diesen Zweck nicht erreicht; z. B., wenn das Spazierengehen um der Verdauungsförderung willen unternommen wird und wenn für den Spaziergänger die erhoffte Wirkung nicht eingetreten ist, dann sagen wir, er sei vergeblich spazieren gegangen, und nennen ein solches Spazierengehen »zwecklos«, wobei wir dem »zwecklos« folgende Bedeutung unterlegen: Wenn etwas, das um eines anderen willen da ist, jenes andere, um dessentwillen es da und vorhanden war, nicht zuwege bringt. Wenn doch jemand sagen wollte, er habe sich vergeblich gewaschen, weil die Sonnenfinsternis nicht eingetreten sei, dann wäre der lächerlich; denn das eine hat doch nicht um des anderen willen stattgefunden. So ergibt sich »Zufall« schon vom bloßen Wort her, wenn »es selbst« (das Ereignis) »vergeblich zu-fällt«. Da ist also ein Stein heruntergefallen, nicht um jemanden zu treffen; zufällig also ist der Stein gefallen, er hätte ja auch durch Einwirkung von jemandem fallen können, und dies mit der Zweckabsicht, jemanden zu erschlagen. Am deutlichsten getrennt ist (das zufällige Ereignis) von dem aus Fügung im Bereich der naturhaften Ereignisse; wenn nämlich etwas eintritt der Naturbeschaffenheit zuwider, dann sagen wir nicht, es sei aus Fügung, sondern mehr zufällig so

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geworden. Doch auch dies ist dabei noch unterschiedlich: Das eine (das Zufallsereignis) hat seine Ursache außerhalb seiner, das andere (das Naturereignis) in sich selbst. Was also Zufall und was Schicksalsfügung ist, darüber ist nun gesprochen, und auch worin sie sich voneinander unterscheiden. Was nun die Weisen von »Ursache« angeht, so gehören sie beide zu dem Fall des »Woher-der-Ursprung-der-Veränderung«. Sie gehören jeweils entweder zu den Ursachen aus Natur oder zu den Ursachen aus Vernunft; aber deren Anzahl ist unbestimmbar. Da aber Zufall und Schicksalsfügung Ursache sind von Ereignissen, von denen auch die (Welt)vernunft Urheberin sein könnte oder die Naturanlage, wenn sie nämlich auf nebenbei zutreffende Weise Ursache eben dieser Vorgänge geworden ist, (da nun weiter) nichts Nebensächliches dem an und für sich Geltenden vorgeordnet ist, ist es klar, daß auch die NebenbeiUrsache nicht der eigentlichen vorgeordnet sein kann. Nachgeordnet sind also Zufall und Schicksalsfügung der Vernunft und der Natur. Wenn also schon wirklich Ursache dieses Himmelsgewölbes der Zufall wäre, so wäre es immer noch nötig, daß vorher erst die Vernunft Ursache wäre und die Natur, sowohl von vielen anderen Dingen als auch von diesem Weltganzen. 7. Daß es Ursachen gibt und daß es so viele an der Zahl sind, wie wir sagen, ist klargestellt; ebenso viele Bedeutungen hat ja die »Weshalb«-Frage umfaßt: Entweder nämlich läßt sich das letzte Weshalb zurückführen auf das »was-es-ist«, bei den unveränderlichen (Gegenständen ist das der Fall), z. B. in der Mathematik: Zur Begriffsbestimmung von »gerade« oder »meßbar« oder anderem wird letztlich zurückgeleitet; oder auf das erste (den Ereignissen) den Anstoß Gebende, z. B.: »Weshalb gerieten sie in Krieg?« (Antwort:) Weil sie einen Raubzug unternommen hatten; oder (es ist) das »um-etwas-willen« – um die Herrschaft an sich zu bringen –; oder, bei Gegenständen des Wandels, der Stoff. Daß also nun die Ursachen diese und daß es so viele sind, ist offenkundig. Indem es nun vier Ursachen sind, so ist es Aufga-



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be des Natur-Forschers, bezüglich aller sich ein Wissen anzueignen, und wenn er die Rückleitung auf alle (vier) vollzieht, dann wird er die Weshalb-Frage auf naturbezogene Weise beantworten: Stoff, Form, das in Gang Setzende, das Weswegen. Nun gehen aber die drei (letztgenannten) oft in eins zusammen: Das »was-es-ist« und das »Weswegen« sind eines, und das »woher-zuerst-die-Veränderung« ist diesen (wenigstens) der Art nach gleich: Es ist ein Mensch, der einen Menschen zeugt, und überhaupt alles, was Veränderung in Gang setzt und dabei selbst der Veränderung unterliegt – Gegenstände, bei denen das nicht so ist, gehören nicht mehr zur Aufgabe der Naturbetrachtung: nicht indem sie an sich selbst Veränderung haben und Ursprung von Veränderung, geben sie Anstoß zur Veränderung, sondern als selbst unveränderlich; entsprechend sind es drei Aufgabenfelder: Eines (ist befaßt) mit dem Unveränderlichen, das andere mit dem zwar Veränderlichen, aber Unvergänglichen, das dritte mit dem Vergänglichen –; also: Das »Weshalb« wird sowohl durch Rückführung auf den Stoff angegeben wie auch auf das »was-es-ist« und auf das erste Anstoßgebende. Bei einem Werdevorgang ermittelt man die Ursachen allermeist auf diese Weise: »Was ereignet sich nach was?« und: »Was hat zuerst eingewirkt?« oder: »Worin bestand die Einwirkung?«, und so der Reihe nach fort. Zweierlei sind die auf natürliche Weise Anstoß gebenden Gründe, der eine von ihnen ist (selbst) nicht von natürlicher Art; denn er hat nicht den Veränderungsanfang in sich selbst. Etwas derartiges liegt vor, wenn etwas Veränderung anstößt ohne selbst sich zu verändern, so wie das ganz und gar Unveränderliche und Erste von allem und das »was-es-ist« und die Gestalt; denn dies ist Ziel und Weswegen. Da also die Naturbeschaffenheit ein Weswegen ist, so muß man auch diese zur Kenntnis bringen, und man muß das »Weshalb« umfassend angeben, z. B.: »weil aus diesem notwendig das (folgt) ...« – das »aus diesem« ist entweder schlechthin oder als »in der Regel so« (zu verstehen) –; und: »wenn dies hier soll sein können ...« – so wie aus den Voraussetzungen der Schluß –; und: »weil dieses es war, was es doch sein sollte ...«; und: »weil es besser so war ...« –

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nicht im schlechthinnigen Sinn, sondern das (Bessere) im Hinblick auf das Wesen eines jeden. 8. Es ist also zu sprechen, erstens, (über die Frage) weshalb Naturbeschaffenheit zu den Ursachen »wegen etwas« gehört, zweitens über die Bestimmung »notwendig«, wie es sich damit bei den natürlichen Vorgängen verhält. Auf diese Ursache führen ja alle (die natürlichen Ereignisse) zurück, etwa: Weil das Warme von dieser Art ist und das Kalte (von jener), und so eine jede dieser (Grundkräfte), ist und geschieht jenes andere mit Notwendigkeit; auch wenn sie ja eine andere Ursache angeben, soweit sie sie ergriffen haben, lassen sie sie schon wieder fahren: Der eine Liebe und Streit, der andere die (Welt-) Vernunft. Es steckt eine Schwierigkeit in der Frage, was denn die Annahme hindern soll, die Natur gehe nicht wegen etwas zu Werke und nicht, weil es besser (so ist), sondern so, wie »Zeus regnet«, nicht auf daß er das Getreide wachsen lasse, sondern aus Notwendigkeit: der aufgestiegene Dunst müsse sich ja abkühlen, und abgekühlt werde er zu Wasser und regne so ab; daß das Getreide infolge dieses Ereignisses wachse, sei nur beiläufige Folge; und entsprechend: Wenn jemandem das Getreide auf der Tenne verdirbt, dann regnet es doch nicht deswegen, damit es verdirbt, sondern auch das hat sich als beiläufige Folge ergeben. Was hindert also die Annahme, daß es sich auch mit den (organischen) Teilen in der Natur so verhalte, z. B. die Zähne wüchsen mit Notwendigkeit (aus dem Kiefer) heraus, und zwar die vorderen scharf, geeignet zum Abbeißen, die Backenzähne aber breit und (daher) brauchbar zum Zerkleinern der Nahrung, wohingegen dies doch nicht um dessentwillen eintrete, sondern es falle nur so zusammen. Und ähnlich sei es auch mit den übrigen Teilen, in welchen ein »wegen etwas« vorzuliegen scheint. Überall, wo sich nun alles so ergab, als ob es wegen etwas geschehen wäre, da erhielten sich diese (Gebilde), die eben rein zufällig in geeigneter Weise zusammengetreten seien. Wo es sich nicht so ergab, da gingen sie unter und tun es noch, so wie ja Empedokles spricht von »Rindsgattungen mit Mannsbug«.



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Die Rede, mittels derer man so schwierige Fragen stellen kann, ist also diese – und falls es noch eine andere derartige geben sollte. Es ist jedoch unmöglich, daß es sich auf solche Weise verhalten kann. Diese (beschriebenen Vorgänge) und überhaupt alle naturhaften Ereignisse vollziehen sich entweder immer so oder in aller Regel so, von den Ereignissen infolge von Fügung und Zufall aber keins. Man hält es ja nicht für eine Folge von Fügung und bloßem Sichsoergeben, wenn es im Winter häufig regnet, sondern (dies würde man dann) wenn es in den Hundstagen geschähe; und (umgekehrt): Dörrende Hitze zur Zeit der Hundstage nicht, wenn sie im Winter einträte aber wohl. Wenn (solches) nun offenbar entweder infolge des Sich-so-Ergebens oder wegen etwas ist, und wenn es weder aus bloßem Sich-Ergeben noch aus Zufall sein kann, dann müßte es ja wohl wegen etwas sein. Nun handelt es sich bei allem Derartigen aber um Naturereignisse, wie auch sie selbst sagen würden, die das vorbringen. So findet sich also das »wegen etwas« im Bereich dessen, was von Natur aus wird und ist. Weiter: Bei Vorgängen, die ein bestimmtes Ziel haben, wird um dessentwillen das ihm Vorausgehende getan, und so der Reihe nach fort. Folglich, so wie es getan wird, genau so setzt es sich natürlich zusammen, und so wie es natürlich zusammengesetzt ist, ebenso wird ein jedes getan, – wenn nicht etwas hindernd dazwischentritt. Die Handlungen erfolgen aber wegen etwas; also ist es auch da wegen etwas. Wenn z. B. ein Haus zu den Naturgegenständen gehörte, dann entstünde es genau so, wie jetzt auf Grund handwerklicher Fähigkeit; wenn umgekehrt die Naturdinge nicht allein aus Naturanlage, sondern auch aus Kunstfertigkeit entstünden, dann würden sie genau so entstehen, wie sie natürlich zusammengesetzt sind. Wegen des einen ist also das andere da. Allgemein gesprochen, die Kunstfertigkeit bringt teils zur Vollendung, was die Natur nicht zu Ende bringen kann, teils eifert sie ihr (der Natur) nach: Wenn nun die Vorgänge nach Maßgabe der Kunstfertigkeit auf Grund des »wegen etwas« ablaufen, so ist es klar, daß auch die Vorgänge gemäß der Natur (dies tun). Denn es verhält sich ja ähnlich zueinander das Spätere zum Früheren

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sowohl bei den Vorgängen gemäß Kunst wie auch bei denen gemäß Natur. Besonders deutlich wird das bei den übrigen Lebewesen, die weder aus bewußter Kunstfertigkeit noch indem sie vorher untersucht haben oder zu Rate gegangen sind, an ihr Werk gehen. Daher wissen einige die schwierige Frage nicht zu entscheiden, ob mit Verstand oder irgendeiner anderen (Fähigkeit) die Spinnen, Ameisen und dergleichen Tiere ihre Arbeit verrichten. Wenn man ein wenig so weitergeht, wird auch bei Pflanzen offenkundig, daß die im Hinblick auf das Ziel nützlichen Vorgänge stattfinden, z. B. (dienen) die Blätter zum Zwecke des Obdachs der Frucht. Wenn also auf Grund von Naturanlage und wegen etwas die Schwalbe ihr Nest und die Spinne ihr Gespinst baut und die Pflanzen ihre Blätter wegen der Früchte (hervorbringen) und die Wurzeln nicht in die Luft, sondern in den Boden (treiben) der Nahrung wegen, dann ist offenkundig, daß es diese so beschriebene Ursache im Bereich des natürlichen Werdens und Seins wirklich gibt. Und da »Naturbeschaffenheit« doppelte Bedeutung hat, einmal als Stoff, einmal als Form, da diese aber Ziel ist und wegen des Ziels das übrige (da ist), muß es also wohl auch diese Ursache geben, die (mit dem Namen) »Weswegen«. Fehler gibt es sowohl bei den Vorgängen gemäß Kunstfertigkeit – da macht ein Schreiber einen Rechtschreibfehler, und ein Arzt vertut sich bei der Verabreichung eines Heilmittels –: also ist klar, daß so etwas auch bei den Vorgängen gemäß Natur eintreten kann. Wenn es also unter den Erzeugnissen gemäß Kunstfertigkeit welche gibt, bei denen das richtige »wegen etwas« erreicht ist, bei den mißlungenen Dingen aber das »wegen etwas« wohl versucht, aber verfehlt worden ist, dann dürfte sich das bei den natürlichen Dingen ähnlich verhalten, und Mißbildungen sind Verfehlungen jenes »wegen etwas«. Und was diese »Rindsgattungen« unter den anfänglichen Bildungen angeht, wenn sie nicht in der Lage waren, zu irgendeinem Schluß oder Ziel zu gelangen, dann geschah das ja wohl dadurch, daß einer ihrer Urstoffe verdorben war, so wie heutzutage der Same (verdorben sein kann).



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Weiter, notwendig muß doch zuerst der Same entstanden sein, und nicht gleich die Lebewesen; auch das »Rohgefügt zuerst ...« war Same. Weiter, auch bei den Pflanzen findet sich das »wegen etwas«, nur ist es weniger ausgebildet. Ist nun etwa wohl auch bei den Pflanzen so etwas eingetreten: wie (bei den Tieren) die »Rindsgattungen mit Mannsbug«, so etwa »Weinstockartiges mit Olivenbaumspitzen« – oder nicht? Das wäre ja ein Widersinn; und trotzdem müßte es so sein, wenn doch auch bei den Tieren (so etwas wäre). Weiter, es müßte dann ja auch innerhalb der (Fortpflanzung durch) Samen entstehen können, was auch immer sich so ergibt. Wer aber das behauptet, der hebt (die Begriffe) »naturgemäß« und »Naturanlage« ganz auf. Naturgemäß nämlich (verhält sich) alles, was von einem ursprünglichen Antrieb in sich selbst aus in fortlaufender Veränderung zu einem bestimmten Ziel gelangt. Von einem jeden (Ausgangspunkt) aus ergibt sich für ein jedes nicht dasselbe, und schon gar nicht etwa Beliebiges, allerdings will sich immer (wieder) dasselbe bilden, wenn nicht etwas störend eintritt. Das »weswegen« und das, »was deswegen (eintritt)« kann wohl auch, wie es sich so fügt, eintreten, wie wir z. B. sagen: »Wie es sich so fügte, kam sein Gastfreund, löste ihn aus und ging wieder von dannen«, wenn er, als ob er deswegen gekommen wäre, handelte, in Wirklichkeit aber nicht deswegen gekommen war. Und dies alles nur auf Grund nebenbei eintretender Wirkung – denn Fügung gehört doch zu den Nebenbei-Ursachen, wie wir früher sagten; hingegen, wenn dies immer oder in den meisten Fällen so eingetreten ist, dann ist es kein Nebenbei und nicht infolge von Fügung. Bei den Naturabläufen (gilt) aber das »immer gleich«, außer wenn etwas störend dazwischentritt. Unverständlich ist der Einwand, man könne doch nicht meinen, sie (die Naturabläufe) erfolgten wegen etwas, wenn man ja nicht sehe, daß das Anstoßgebende planend mit sich zu Rate gegangen sei. Doch auch die Kunstfertigkeit überlegt nicht mehr hin und her; und wenn die Schiffsbaukunst in dem Holz läge, dann würde sie ähnlich wie die Natur zu Werke ge-

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hen. Wenn es also bei der Kunstfertigkeit das »wegen etwas« gibt, dann auch in der Natur. Am deutlichsten wird das (dann), wenn ein Arzt seine Heilkunst auf sich selbst anwendet: so ähnlich geht auch die Natur vor. Daß also Naturbeschaffenheit eine Ursache ist, und zwar im Sinne eines »wegen etwas«, ist einsichtig.

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9. (Der Begriff) »aus Naturnotwendigkeit« – trifft er (nur) »auf Grund von Voraussetzung« (scil. anderer Sachverhalte) zu oder auch im unbedingten Sinn? Nun meint man ja so, Notwendigkeit bei der Entstehung sei (etwa derart), wie wenn jemand annehmen wollte, diese Mauer hier sei »aus Notwendigkeit« entstanden: Weil das Schwere von Natur so geartet sei, sich abwärts zu bewegen, das Leichte aber an die Oberfläche, deshalb lägen hier die Steinfundamente zuunterst, die Lehmziegel lägen wegen ihrer (größeren) Leichtigkeit darauf, ganz oben aber die Holzteile, denn sie seien am leichtesten. Doch in Wirklichkeit ist sie zwar nicht ohne dieses entstanden, aber doch nicht deswegen – außer bloß im Sinne des Stoffs –, sondern um etwas zu bergen und zu schützen. Ähnlich ist es auch bei allen anderen Dingen, soweit sich in ihnen ein »deswegen« findet: Nicht ohne solches, was notwendige Naturbeschaffenheit hat, allerdings nicht deswegen, außer nur als Stoff, sondern wegen etwas; z. B.: »Weshalb hat eine Säge diese und jene Eigenschaften?« – »Damit sie das und das (leisten kann)« und »wegen dieser Aufgabe«. Dies »Weswegen« allerdings kann nicht erreicht werden, wenn sie nicht aus Eisen ist; sie muß also notwendig aus Eisen sein, wenn das eine Säge sein soll und dies ihre Aufgabe. Auf Grund von Voraussetzung also besteht Notwendigkeit, aber nicht als Ziel. In dem Stoff nämlich liegt das Notwendige, das »weswegen« hingegen im Begriff. Es verhält sich die Bestimmung »notwendig« in der Mathematik und im Bereich dessen, was naturgemäß sich wandelt, auf gewisse Weise ähnlich: Weil (z. B.) »gerade« so und so (bestimmt) ist, muß notwendig das Dreieck einen Winkelbetrag gleich zwei Rechten haben. Es gilt aber nicht (umgekehrt): Da Letzteres ist, muß Ersteres sein. Und doch: Wenn dieses (Letz-



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tere) nicht gilt, besteht auch der Begriff der Geraden nicht. Im Bereich dessen, was wegen etwas eintritt, umgekehrt: Wenn das Ziel erreicht werden soll oder es schon ist, muß auch das ihm Vorausliegende eintreten oder schon eingetreten sein. Andernfalls (gilt): So wie dort, wenn der Schlußsatz nicht besteht, auch der Anfangspunkt nicht bestehen kann, so hier nicht das angezielte Ende, das »Weswegen«. Ein Anfangspunkt ist ja auch es, nur nicht des Handelns, sondern des planenden Überlegens – dort (in der Mathematik) nur von Nachdenken, denn Handlungen gibt es da ja nicht –. Wenn also ein Haus sein soll, dann muß notwendig dies und jenes hergestellt sein oder zur Verfügung stehen oder dasein, kurz und gut: Der »Stoff-wegen-etwas«, z. B. Ziegel und Steine – wenn es ein Haus (sein soll); allerdings, nicht wegen dieser (Baustoffe) ist das Ziel gesetzt, außer im Sinne des Stoffs dazu, und es wird auch nicht deswegen erreicht werden. Umgekehrt aber und allgemein: Wenn es Stoff nicht gibt, wird es weder Haus noch Säge geben, das Haus, wenn keine Steine, die Säge, wenn kein Eisen da ist. Und auch dort (in der Mathematik) gelten die Ausgangspunkte nicht, wenn das Dreieck nicht zwei Rechte hat. Einsichtig ist also, daß die Bestimmung »notwendig«, und zwar im Sinne des Stoffs ausgesagt, im Bereich der Naturvorgänge (ihren Platz hat), und die Veränderungen an diesem auch. Und beide Ursachenformen sind von dem Natur-Forscher anzugeben, besonders aber die »um etwas willen«; denn diese ist Ursache des Stoffs, nicht er für das Ziel. Und das Ziel ist das »weswegen«, und der ursprüngliche Anfang geht von der Bestimmung und dem Begriff aus, so wie im Bereich der Kunstfertigkeit auch: Da »Haus« etwas von der und der Beschaffenheit ist, muß mit Notwendigkeit dies und jenes erfolgt sein und zur Verfügung stehen; und: Weil »Gesundheit« dies und das ist, muß das und jenes mit Notwendigkeit eingetreten und vorhanden sein. Ebenso (auf Seiten der Natur): Wenn »Mensch« dies ist, so (notwendig) dies und das ...; wenn aber dies und das ..., so auch jenes ... Möglicherweise gibt es auch innerhalb des Begriffs eine Notwendigkeit. Wenn man nämlich (z. B.) die Arbeit »sägen« bestimmt hat als so und so ge-

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artete Durchtrennung, dann wird diese nicht stattfinden können, wenn sie (die Säge) nicht so und so geartete Zähne hat; und die kann es nicht geben, wenn sie nicht aus Eisen ist. Es verhalten sich nämlich auch bei der begrifflichen Erklärung einige Teilstücke so: als Stoff des Begriffs.

BUCH III

1. Da Naturbeschaffenheit Anfangsgrund von Veränderung und Wandel ist, diese unsere Untersuchung aber um Naturbeschaffenheit geht, so darf nicht verborgen bleiben, was Veränderung denn ist. Denn wenn man hier in Unkenntnis ist, ist man es notwendig auch bezüglich des Naturbegriffs. Wenn wir unsere Bestimmungen bezüglich von Veränderung getroffen haben, ist zu versuchen, auf gleiche Weise das durchzugehen, was sich daran anschließt: Verändernde Bewegung scheint in den Bereich des Zusammenhängenden zu gehören, in dem Begriff »zusammenhängend« erscheint allererst (die Bestimmung) »unbegrenzt«; wenn man nämlich »zusammenhängend« bestimmt, tritt nebenbei ein, daß man oftmals den Begriff »unbegrenzt« mitbenutzt, denn »unbegrenzt teilbar« – das ist eben »zusammenhängend«. Zudem, ohne die Begriffe »Ort«, »leer« und »Zeit« kann Veränderung nicht sein. Es ist also klar, daß deswegen und wegen der Tatsache, daß diese Begriffe für alles gemeinsam und allgemein sind, ihre Untersuchung durchzuführen ist, und zwar indem man jeden einzelnen von ihnen vornimmt – die Anschauung des Einzelfalles ist der des Allgemeinen ja nachgeordnet –: Zuerst also, wie gesagt, zum Begriff » Veränderung«. Es ist also vorhanden das eine allein im Modus der Wirklichkeit, das andere nach Möglichkeit und Wirklichkeit, eines ist ein »dieses-da«, anderes ein »so viel«, anderes »so geartet« und, was die übrigen Grundaussageweisen von »seiend« angeht, so weiter. Von dem, was »in Beziehung auf etwas« ausgesagt wird, tritt das eine (Teilstück) als »bezogen auf Überschuß und Mangel« auf, das andere als »bezogen auf Handelndes und Leidendes«, allgemein: Veränderndes und Veränderbares. Das Verändernde ist ja ein Veränderndes eines Veränderbaren, und umgekehrt das Veränderliche ist veränderbar durch

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ein Veränderndes. Es gibt aber keine Veränderung abgesehen von den Dingen: es wandelt sich ja je das sich Wandelnde entweder seinem Wesen nach oder nach dem »wieviel« oder dem »wie geartet« oder nach dem Ort – oberhalb dieser ist nichts Allgemeines zu greifen, wie wir behaupten, was nicht entweder ein »dieses« oder irgendwieviel oder irgendwiegeartet oder irgendeine andere der Grundaussagen wäre. So kann es also auch nicht Wandel und Veränderung von etwas geben neben dem Aufgezählten, wenn es doch neben dem Aufgezählten nichts gibt. Jede (dieser Grundaussagen) trifft auf alles in zwei Weisen zu, z. B. das »dieses« – eine Weise davon ist »Gestalt«, die andere »noch fehlende Bestimmung« –, und nach dem »wie geartet« – eine ist »weiß«, die andere »schwarz« –, und nach dem »wieviel« – das eine »abgeschlossen«, das andere »unvollendet«. Ähnlich auch nach der Ortsbewegung – das eine »oben«, das andere »unten«, oder das eine »leicht«, das andere »schwer«. Also: Von Veränderung und Wandel gibt es so viele Formen wie von »seiend«. Indem nun in jeder Gattung genau getrennt sind das eine als »in angestrebter Wirklichkeit da«, das andere als »der Möglichkeit nach vorhanden«, so (gilt): Das endliche Zur-Wirklichkeit-Kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist – das ist (entwickelnde) Veränderung; z. B. die des eigenschaftlich Wandelbaren, insofern es eigenschaftlich wandelbar ist, (ist) »Eigenschaftsveränderung«; die dessen, was wachsen kann oder, seines Gegenteils, dessen, was schwinden kann – denn eine gemeinsame Bezeichnung über beiden gibt es nicht – (heißt) »Wachsen« und »Schwinden«; die dessen, was entstehen und vergehen kann, (heißt) »Werden« und »Vergehen«, die dessen, was sich fortbewegen kann, » Ortsbewegung«. Daß der Veränderungsbegriff dieses besagt, wird aus Folgendem klar: Wenn etwas, das gebaut werden kann, insofern wir eben diese Eigenschaft von ihm aussagen, zu seiner endlichen Verwirklichung kommt, dann wird es (eben) gebaut, und dies ist dann »Bauen«. Ebenso auch: »Lernen«, »Heilen«, »Umwälzen«, »Springen«, »Reifen«, »Altern«. Da nun eini-



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ges, als dieses selbe, sowohl der Möglichkeit wie auch der Verwirklichung nach da ist – nicht gleichzeitig oder in derselben Hinsicht, sondern z. B. so: Warm der Wirklichkeit, kalt der Möglichkeit nach –, werden diese Dinge nunmehr viele Wirkungen aufeinander ausüben und viele von einander erfahren. Alles wird ja sein zugleich Wirkung ausübend und Wirkung erfahrend. Was also natürlich Anstoß zur Veränderung gibt, (ist selbst auch) veränderbar. Alles derartige setzt ja in Bewegung, in Bewegung auch selbst (befindlich). Nun meinen einige, überhaupt alles Veränderung Anstoßende sei auch selbst in Veränderung begriffen, indessen, über diesen Punkt wird in anderen Zusammenhängen Klarheit erreicht werden, wie es sich damit verhält – es gibt nämlich etwas, das Veränderung in Bewegung setzt und selbst unveränderlich ist –; (feststeht:) Das endliche Zur-Wirklichkeit-Kommen des der Möglichkeit nach Seienden, wenn es (das Ding) schon in der Wirklichkeit und tätig ist, nicht insofern es es selbst, sondern insofern es veränderbar ist, das ist Veränderung. Mit dem »insofern« meine ich dies: Es ist (z. B.) dieser Erzklumpen der Möglichkeit nach ein Standbild, trotzdem ist hier nicht das Zur-Wirklichkeit-Kommen des Erzes, insofern es eben Erz ist, die Veränderung; »Erz-sein« und »der-Möglichkeit-nach-etwas-sein« sind ja nicht dasselbe, indessen, wenn dies ohne weiteres und dem Begriffe nach dasselbe wäre, dann wäre (hier) eben das ZurWirklichkeit-Kommen des Erzes als Erz die Veränderung. Es ist aber, wie gesagt, nicht dasselbe – klar wird das an den Gegensätzen: »Gesundsein-können« und »Kranksein-können« sind verschieden, sonst wären ja auch »Kranksein und »Gesundsein« dasselbe; das Zugrundeliegende hingegen, das da gesund oder krank ist – mag das der Flüssigkeitshaushalt sein oder die Blutzusammensetzung –, das ist ein und dasselbe. – Da sie nun also nicht dasselbe sind, so wie auch »Farbe« und »sichtbar« nicht dasselbe sind, (so gilt also:) Das Zur-Wirklichkeit-Kommen des Möglichen, insofern es möglich ist, das ist ganz offenkundig: Veränderung. Daß dies also der Begriff davon ist und (außerdem) daß Veränderung genau dann stattfindet, wenn die Verwirklichung

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selbst sich vollzieht – und weder vorher noch nachher –, das ist klar. Ein jedes kann ja bald in Tätigkeit sein, bald auch nicht, z. B. etwas, woran man bauen kann; und die Tätigkeit an so einem Baubaren, insofern es eben baubar ist, das ist »Bauen« – diese tätige Verwirklichung (heißt so) entweder als »Bauen« oder als »Haus«; aber wenn es schon ein Haus ist, ist es nicht mehr baubar; man baut nur an etwas, das noch zu bauen ist, die tätige Verwirklichung muß also das Bauen sein –; Bauen ist aber eine (planvolle) Veränderung. Aber dieselbe Beweisführung ist passend auch bei allen anderen Fällen von Veränderung. 2. Daß das gut so gesagt ist, ergibt sich einerseits aus dem, was die Anderen über diesen Begriff zu sagen haben, andrerseits aus der Tatsache, daß es nicht leicht ist, andere Bestimmungen hierüber zu treffen. »Veränderung« und »Wandel« kann man durchaus nicht in einer anderen Gattung anordnen, und das wird klar, wenn man sich einmal ansieht, wie einige sie so ansetzen, die da behaupten, »Unterschiedenheit« und »Ungleichheit« und »das Nichtseiende« sei die Veränderung; davon muß sich aber gar nichts verändern, weder wenn etwas »unterschieden« wäre, noch auch als »ungleiches« oder »nichtseiendes«. Und der Übergang in dieses oder aus diesem hat überhaupt keinen Vorrang vor dem aus dem jeweiligen Gegenteil. Ursache davon, daß man sie hier eingeordnet hat, ist die Tatsache, daß Veränderung etwas Unbestimmbares zu sein scheint, und die Anfangsgründe der einen Seite der Zuordnung sind es auf Grund ihrer Noch-nicht-Bestimmtheit auch: keins von ihnen ist ein »dieses« oder ein »solches« und gehört auch nicht den übrigen Grundaussagen an. Dafür, daß Veränderung unbestimmbar zu sein scheint, liegt die Ursache darin, daß man sie im Bereich des Seienden weder auf der Seite der Möglichkeit noch unter die wirkende Tätigkeit einordnen kann: weder, was ein »irgendwieviel« sein kann, verändert sich mit Notwendigkeit, noch das, was schon wirklich ein »so-und-so-viel« ist, und Veränderung scheint zwar eine Art Wirksamkeit zu sein, aber eine noch nicht zu



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Ende gebrachte. Ursache davon ist: Noch unvollkommen ist das Mögliche, dessen Verwirklichung sie ist. Deswegen ist es schwierig, sie (die Veränderung) in dem zu fassen, was sie (wirklich) ist: Man müßte sie entweder unter »noch fehlende Bestimmtheit« setzen oder unter »Möglichkeit« oder unter »Wirklichkeit«, im strengen Sinn genommen; aber keins von diesen erweist sich offenbar als möglich. Bleibt also nur die beschriebene Weise, daß sie zwar eine Art Wirksamkeit ist, aber eine so geartete, wie oben gesagt, – schwierig auszumachen, doch möglich in ihrem Vorkommen. Es befindet sich auch alles in Veränderung, was in besagter Weise verändernden Anstoß gibt, was der Möglichkeit nach veränderbar ist und dessen Bewegungslosigkeit »Ruhezustand« heißt – wovon »verändernde Bewegung« ausgesagt werden kann, dessen nicht vorhandene Bewegung heißt eben »Ruhe« –; die Einwirkung auf dieses, insofern es ein solches ist, ist eben das Verändern. Dies tut es aber durch Berührung, also erfährt es zugleich auch etwas. Deswegen (gilt): Veränderung (ist) Zum-Ziel-Bringen des Veränderbaren, sofern es veränderbar ist; dies geschieht aber durch Berührung mit dem in Veränderung Setzenden, so daß also gleichzeitig auch dieses etwas erfährt. Eine bestimmte Form aber wird das Verändernde je mitbringen, entweder ein »dieses« oder »solches« oder »so-undsovieles«, welche Grund und Ursache der Veränderung ist, dann wenn es sie in Gang bringt; z. B.: Der wirklich existierende Mensch macht aus einem der Möglichkeit nach vorhandenen Menschen einen Menschen. 3. Auch die umstrittene (Vorstellung) klärt sich nun, daß die Veränderung sich findet an dem Veränderbaren. Sie ist ja dessen Zum-Ziel-Bringen mit Hilfe dessen, was den Bewegungsanstoß geben kann; und die Tätigkeit des Veränderung Anstoßenden ist ja keine andere (als eben diese): es muß doch ein Zum-Ziel-Kommen beider sein. In der Lage, Veränderung bewirken zu können, ist es auf Grund seiner Möglichkeit (dazu), Veränderung bewirkend ist es durch Tätigkeit; aber tätig sein

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könnend ist es nur in Beziehung auf ein Veränderbares; daher die Tätigkeit beider in ähnlicher Weise eine einzige ist, wie der Abstand »1 bis 2« derselbe ist wie »2 bis 1« oder (das Verhältnis von) »ansteigend« und »abschüssig« (bei einem Weg): das ist ja ein einziger (Sachverhalt), allerdings der Begriff davon ist nicht einer. Ähnlich ist es nun auch mit Veränderndem und sich Veränderndem. Das enthält (nun noch) eine nur für’s Drüberreden bestehende Schwierigkeit: Vielleicht muß es nämlich doch geben eine Tätigkeit des Bewirkenden und (davon unterschieden) eine des Erfahrenden; das eine wäre dann »Einwirkung«, das andere »Erleiden«, und Ergebnis und Ziel des einen wäre »Werk«, des anderen »Ereignis«. Da nun beides Veränderungsvorgänge sind – und wenn sie doch unterschieden sein sollen –, an wem (finden sie statt)? Nun, entweder doch beide an dem Einwirkung Erfahrenden und sich Verändernden, oder die Einwirkung an dem Bewirkenden, das Erleiden an dem Erfahrenden – wollte man auch dies wieder »Einwirken« nennen, dann wäre das ein Spiel mit gleichen Worten –. Aber nun, wenn dieses (Letztere): dann wird die Veränderung an dem Verändernden stattfinden – denn bei Veränderndem und sich Veränderndem gilt doch das gleiche Verhältnis (wie bei Bewirkendem und Erfahrendem) –, so daß also entweder (gilt): Alles Verändernde befindet sich auch selbst in Bewegung, oder: Es hat zwar Veränderung an sich und verändert sich doch nicht. Wenn, andrerseits, beides an dem in Veränderung Befindlichen und sie Erfahrenden (stattfindet), sowohl die Einwirkung wie auch das Erleiden, und so auch (etwa) sowohl die Belehrung wie auch das Lernen, die doch zwei (Vorgänge) sind, an dem Lernenden, dann wird, erstens, die Tätigkeit eines jeden nicht an jedem vorhanden sein, zweitens ist es unsinnig, daß zwei Veränderungsvorgänge gleichzeitig ablaufen sollten: welche sollen sie denn sein, die zwei Eigenschaftsveränderungen, an einem einzigen Gegenstand und auf eine einzige Form hin (stattfindend)? Das geht ja gar nicht. – (Einwand:) Aber die Tätigkeit soll eine einzige sein! – Dagegen: Es ist ja wohl undenkbar, wie zwei der Art nach verschiedene (Dinge) eine und dieselbe



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Tätigkeit ausüben sollen. Und das würde ja eintreten: Wenn »Belehrung« und »Lernen« dieselbe Tätigkeit sein sollen, und (überhaupt) »Einwirkung« und »Erleiden« auch, dann bedeutet auch »lehren« das gleiche wie »lernen«, und »einwirken« das gleiche wie »Einwirkung erfahren«; dann müßte ja notwendig der Lehrende alles lernen und der Einwirkende (alles selbst) erfahren. Oder (gilt gegen das alles Folgendes?): Weder daß die Tätigkeit des einen an einem von ihm Verschiedenen (sich vollzieht), ist eine unsinnige Annahme – »lehren« ist doch die Tätigkeit eines, der lehren kann, allerdings (ausgeübt) an jemandem, nicht abgeschnitten (von aller Lebenswirklichkeit), sondern (es ist Tätigkeit) »dessen an dem« –, noch besteht irgendein Hinderungsgrund anzunehmen, daß die eine (Tätigkeit) zweier (Leute) dieselbe sei – nicht so, als wären sie begrifflich dasselbe, sondern so, wie das (nur) Mögliche im Vergleich zu dem Wirklichen zutrifft –, noch schließlich muß der Lehrende (selbst auch alles) lernen, auch dann nicht, wenn »einwirken« und »Einwirkung erfahren« den gleichen Vorgang bezeichnen – dies allerdings nicht in dem Sinne, daß ihre Begriffsbestimmung, die das »was-es-wirklich-war« angibt, eine einzige wäre, wie z. B. bei »Gewand« und »Kleid«, sondern so, wie der Weg von Theben nach Athen und der von Athen nach Theben (der gleiche ist), wie auch schon früher gesagt ist. Es sind ja nicht alle Eigenschaften die gleichen, die dem, was nur so in etwa (unter einander) das gleiche ist, zukommen, sondern dies gilt nur für Gegenstände, deren ganzes Wesen miteinander gleich ist. Und schon gar nicht, auch wenn »Belehrung« und »Lernvorgang« denselben Vorgang beschreiben, ist lernen dasselbe wie lehren, so wie auch, wenn der Abstand zwischen (zwei) von einander entfernten Punkten ein einziger ist, es nicht ein und dasselbe ist, die Entfernung von hier nach dort oder von dort nach hier beginnen zu lassen. Um es allgemein zu sagen: Weder ist »Belehrung« mit »Lernvorgang« noch »Einwirkung« mit »Erleiden der Einwirkung« im eigentlichen Sinn dasselbe, sondern das ist nur jenes, dem diese beiden (als Aussagen) zukommen, der Begriff »Veränderung« selbst; denn (die beiden

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Sachverhalte), daß es Wirkung gibt »dessen an dem« und auch »auf dies durch jenes« sind dem Begriffe nach verschieden. Was nun also Veränderung wirklich ist, ist damit gesagt, sowohl im Allgemeinen wie im Einzelnen; es ist nämlich nicht mehr unklar, wie eine jede ihrer Arten wird festgelegt werden müssen: Eigenschaftsveränderung z. B. ist das endliche ZurWirklichkeit-Kommen dessen, was eigenschaftlich veränderbar ist, insofern es eben dies ist. Des weiteren ist einsichtiger geworden die (Verwirklichung) des der Möglichkeit nach Einwirkenden und des Einwirkung Erfahrenden, insofern beides ein solches ist, auch hier wieder im Allgemeinen und im Einzelnen, sei es »Hausbau« oder »ärztliche Tätigkeit«. Auf gleiche Weise wird sich sprechen lassen auch über jede andere aller Formen von Veränderung.

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4. Da es die Natur-Wissenschaft zu tun hat mit (Raum-) Größen, Veränderung und Zeit, von denen jedes entweder unbegrenzt oder begrenzt sein muß – wenn auch nicht alles (dieser Einteilung in) »unbegrenzt« oder »begrenzt« unterliegt, Beispiel: Gemütszustand oder Punkt; derartiges muß wohl nicht einer der beiden Seiten dieses Gegensatzes angehören –, (deshalb) ist es wohl angebracht, wenn jemand, der sich um den Naturbegriff bemüht, auch die Bestimmung »unbegrenzt« ins Auge faßt, (mit der Fragestellung) ob es so etwas gibt oder nicht, und wenn es das gibt, was es denn ist. Anzeichen dafür, daß die Untersuchung dieses Begriffs zu diesem (naturwissenschaftlichen) Erkenntniszweig von Haus aus gehört, ist: Alle, die in dem Ruf stehen, dieses Denkgebiet mit nennenswertem Erfolg bearbeitet zu haben, haben sich ausdrücklich mit dem Unendlichen auseinandergesetzt, und alle setzen es als einen Seinsgrund an: Die einen, so die Pythagoreer und Platon, nehmen es rein für sich, nicht als etwas, das an einem anderen vorkommt, sondern so, als ob die Bestimmung »unbegrenzt« selbst einen Sinn hätte. Nur setzen es die Pythagoreer in den Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Dinge – die Zahl nehmen sie ja als nicht abtrennbar – und (lehren), der Raum außerhalb des Himmelsgewölbes sei unendlich;



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Platon dagegen (sagt), außerhalb gebe es keinen Körper, auch nicht die Ideen, weil die gar nicht »irgendwo« seien, die Grenzenlosigkeit sei aber sowohl im sinnlichen Bereich wie auch unter ihnen anzutreffen. Und (als weiterer Unterschied:) sie (lehren), das Unbestimmbare sei die gerade Zahl – diese, eingefaßt und von der ungeraden Zahl zur Abgrenzung gebracht, gewähre der Vielheit des Seienden seine Grenzenlosigkeit; ein Anzeichen dafür sei das, was bei der Zahlen(darstellung) sich ergebe: Wenn man nämlich die »Maßwinkel« um die 1 herumlege, und wenn man es unter Ausschluß ihrer tue, so entstehe im zweiten Fall immer eine andere Figur, im ersten aber immer nur eine einzige –; Platon dagegen setzt zwei Unbegrenzte an: Das Große und das Kleine. Die Natur-Denker hingegen legen alle der Grenzenlosigkeit ein von ihr verschiedenes Naturding aus der Gruppe der sogenannten Grundstoffe unter, wie: Wasser, oder Luft, oder das Mittelding dieser. Von denen, die die Anzahl der Elemente als begrenzt ansetzen, nimmt sie keiner als von unbegrenzter Häufigkeit an. Die aber die Elemente als unendlich viele ansetzen – so Anaxagoras und Demokrit: Der eine (läßt sie) aus den »gleichteiligen Stoffen« (bestehen), der andere aus der »keimhaften Allgegenwärtigkeit« der Formen –, die sagen, dies Unendliche sei in einem lückenlosen Berührungszusammenhang. Und der Erstere (behauptet), ein jedes der Teilstücke sei eine Mischung gleichwie das All auch, weil man doch sehe, daß alles Beliebige aus Beliebigem entstehe; das ist ja wohl auch der offensichtliche Grund für seine Behauptung, einmal seien »alle Dinge beieinander« gewesen, z. B. diese bestimmte Fleisch- und jene bestimmte Knochen(menge), und so auch Beliebiges; also alles, und auch gleichzeitig. (Nach ihm) liegt ja ein Anfang der Entmischung nicht nur in jedem Einzelding, sondern (es gibt auch einen) aller zusammen. Da ja, was entsteht, aus einem solchen (gemischten) Körper entsteht und da es von allem eine Entstehung gibt, nur nicht zugleich, so muß es auch einen Ursprung des Entstehens geben, dieser aber ist ein einziger – welchen er »(Welt-)Vernunft« nennt –, diese Vernunft aber geht von einem bestimmten Anfang her

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an die Arbeit, nachdem sie vorher (planende) Gedanken gefaßt hat. So soll notwendig werden die Vorstellung »einmal war alles beisammen«, und dann fing es einmal mit der Veränderungsbewegung an. Demokrit dagegen lehrt, von den Erstformen könne nicht die eine aus der anderen entstehen; gleichwohl ist auch für ihn der gemeinsame (All-)Körper der Uranfang von allem, er unterscheidet sich in seinen Bestandteilen nach Größe und äußerer Form. Daß also diese Untersuchung den Natur-Forschern als Aufgabe zusteht, ist somit klar. Aus gutem Grund setzen alle es (das Unbegrenzte) auch als Anfangsgrund: Weder könne es ja sinnloserweise vorhanden sein, noch könne ihm eine andere Bedeutung zukommen außer der als Grund; nun sei alles entweder (selbst) ursprünglicher Anfang oder Folgeeines solchen Anfangs, von Unbegrenztem aber kann es keinen Anfang geben, denn der wäre ja schon eine Grenze an ihm. Außerdem sei es auch ungeworden und unvergänglich, da es eben doch ein Anfangsgrund sei; denn ein Gewordenes müsse notwendig ein Ende nehmen, und ein Ende gibt es auch bei jedem Verfall. Deshalb – wie wir ja sagen – gibt es offenbar von diesem Anfang keinen Anfang, sondern es scheint Anfang alles übrigen zu sein und alles zu umfassen und sämtliches zu lenken, – so sagen es die, welche neben »unbegrenzt« keine anderen Ursachen stellen, etwa wie »(Welt-)Vernunft« oder »Liebe«. Und es soll dann auch das Göttliche sein; denn es sei unsterblich und dem Verderben nicht unterworfen, wie Anaximandros sagt und die meisten der alten Natur-Denker. Dafür, daß es etwas Unbegrenztes auch wirklich gebe, ergibt sich die zuversichtliche Annahme wohl, wenn man besonders fünf (Stücke) ins Auge faßt: (1) (ergibt sie sich) aus der Zeit – die ist unendlich –; (2) aus der Teilung bei den Größen – es benutzen ja auch die Mathematiker den Unendlichkeitsbegriff –; (3) (aus der Überlegung), daß wohl nur dann Werden und Vergehen nicht aufhören, wenn der Bestand, aus dem das Entstehende entnommen wird, unbegrenzt ist; weiter (4) (aus der Überlegung), daß ein Begrenztes immer an etwas grenzen



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muß, daher es notwendig keine (Gesamt-) Grenze geben kann, wenn doch immer eins an ein anderes angrenzen muß; (5) die allermächtigste Überlegung, die allen gemeinsame Schwierigkeiten bereitet, ist aber diese: Auf Grund der Tatsache, daß es beim Nachdenken darüber kein »Halt!« gibt, scheint auch die Zahlenreihe unendlich zu sein, und die mathematischen Größen, und der außerhalb des Himmelsgewölbes liegende Bereich. Wenn aber dieser Außenraum unendlich ausgedehnt ist, dann scheint es ja wohl einen unbegrenzt großen (Welt-) Körper zu geben und unendlich viele Welten: wieso sollte denn hier mehr an Leerem sein als da? Wenn also erst einmal an einer Stelle, dann sei die Masse gleich auch überall: wenn sowohl leere Ausdehnung und (Welt-)Ort unendlich groß sind, dann zugleich auch mit Notwendigkeit der Welt-Körper. Denn Seinkönnen und Sein unterscheidet sich bei den ewigen (Dingen) nicht. Nun hat die Lehre vom Unbegrenztheitsbegriff aber auch Schwierigkeiten: Ob man ansetzt, ein Unendliches gebe es nicht, so folgen daraus viele Unmöglichkeiten, ebenso (wenn man ansetzt), es gebe das. Weiter, auf welche von beiden Weisen kommt es vor: Entweder als Ding oder als eigentümliche Zusatzbestimmtheit an einem Naturding? Oder auf beide Weisen nicht, und trotzdem gibt es nichtsdestoweniger ein Unbegrenztes oder unbegrenzt Vieles? Besonders Aufgabe des Natur-Forschers eine sinnlich wahrnehmbare Größe von unbegrenzter Ausdehnung gibt. Zuerst ist nun zu bestimmen, in wie vielen Bedeutungen »unbegrenzt« ausgesagt wird. Auf eine Weise: Das, bei dem man unmöglich ein Ende erreichen kann, weil ihm von Natur aus das Durchgehen überhaupt nicht gegeben ist, so wie (etwa) die Stimme unsichtbar ist. Auf eine andere: Das, was an sich durchaus die Möglichkeit des Durchgangs hat, wobei man jedoch nicht an ein Ende kommt, entweder was (dem Durchlaufen) große Mühe bereitet, oder was, von Natur aus dazu ausgestattet, Durchgang und Grenze zu haben, dies doch nicht hat. Schließlich kann unendlich sein alles in Rücksicht auf Hinzusetzen oder auf Teilen oder auf beides.

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5. Ablösbar von den Sinnendingen kann (die Bestimmung) »unbegrenzt«, in dem Sinn, daß ein Unbegrenztes für sich selbst etwas wäre, nicht sein. Wenn nämlich »unbegrenzt« für sich weder Größe noch Anzahl bezeichnet, sondern ein Gegenstand und nicht ein (dem Gegenstand nur) Zutreffendes sein soll, dann wird es unteilbar sein – das Teilbare ist doch entweder Größe oder Anzahl –, wenn aber ein solches, so nicht unbegrenzt, außer in dem Sinn, wie die Stimme unsichtbar ist. Aber nicht in diesem Sinn meinen seine Bedeutung die, welche die Wirklichkeit von Unbegrenztem behaupten, und auch wir untersuchen es nicht so, sondern in dem Sinn von etwas, bei dem man, es durchgehend, an kein Ende gelangen kann. Wenn aber »unbegrenzt« nur nebenbei zutreffend steht, dann ist es wohl kaum, als dieses Unbegrenzte, Grundbaustein des Seienden, so wie ja auch »unsichtbar« nicht (Baustein) von Sprache ist – und doch ist die Stimme tatsächlich unsichtbar. Weiter: Wie soll es etwas geben können, das als dieses selbst unbegrenzt ist, wenn (eben ein Dieses-Sein) für Zahl und Größe nicht gelten soll, deren An-und-für-sich-Eigenschaft »unbegrenzt« doch nur ist? Für »unbegrenzt« besteht dazu ja noch viel weniger Notwendigkeit als für »Zahl« oder »Größe«. Es ist aber auch offensichtlich, daß Unbegrenztes nicht in der Weise von wirklich Seiendem und als Ding und Anfangsgrund Vorkommen kann: dann wird ja jedes beliebig entnommene Stück von ihm, wenn es in Stücke zerlegbar ist, wieder die Bestimmung »unbegrenzt« tragen – denn »UnbegrenztSein« und »etwas-Unbegrenztes-sein« ist ja dasselbe, wenn die Bestimmung »unbegrenzt« ein Ding bezeichnet und nicht von einem (anderen) Gegenstand (ausgesagt wird) –; also ist es entweder unteilbar oder in unbegrenzte Stücke teilbar. Daß aber Ein und Dasselbe viele unbegrenzte Stücke sein könnte, ist unmöglich – aber (das wäre ja die Konsequenz:) so wie der Luft-Teil (selbst wieder) Luft ist, genau so muß (der Teil) von »unbegrenzt« selbst unbegrenzt sein, wenn dies doch Ding und Anfangsgrund sein soll –; also (– andere Seite –) ist es nicht in Stücke zu zerlegen und unteilbar. Das aber kann ein wirklich und tatsächlich vorhandenes Unbegrenztes un-



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möglich sein: es ist ja notwendig als ein »irgendwie-vieles« bestimmt. Also (bleibt nur übrig:) als nur zutreffende Bestimmung kommt »unbegrenzt« (an anderem) vor. Aber wenn man das annimmt, so ist ja schon gesagt, daß man es dann nicht mehr als Anfangsgrund ansprechen kann, sondern nur das, dem es zukommt, (z. B.) die Luft oder die gerade Zahl. Es ist also unsinnig die Darlegung derer, die so reden, wie es die Pythagoreer tun: Gleichzeitig setzen sie das Unbegrenzte als gegenständlich und zerspalten es auch in Teile. Aber vielleicht müßte diese Untersuchung ganz allgemein geführt werden: Ob Unbegrenztes auch in den Gegenständen der Mathematik Vorkommen kann und im Bereich des nur Denkbaren, das keine ausgedehnte Größe hat. Wir dagegen betrachten hier (nur) die Sinnendinge und (beschränken uns auf) das, was wir hier zu unserer Aufgabe machen: Gibt es unter diesen oder gibt es nicht einen Körper, unbegrenzt hinsichtlich seines möglichen Anwachsens? Schaut man die Sache zunächst rein begrifflich an, so ergibt sich wohl aus folgenden Überlegungen, daß es ihn nicht gibt: Ist die Begriffsbestimmung von »Körper« dies: »durch eine Oberfläche begrenzt«, dann kann es ja wohl keinen unbegrenzten Körper geben, weder einen denkbaren noch einen sinnlich wahrnehmbaren – aber (es kann) ja auch nicht einmal eine Zahl (geben), verstanden in dem Sinne von »abgezogen von Sinnendingen und unendlich«; denn zählbar ist Zahl oder das, was Zahl an sich hat; ist nun »zählbar« bestimmt als »das, was zu Ende durchgezählt werden kann«, dann müßte es ja möglich sein, beim Durchgang durch dies »Unendliche« an ein Ende zu kommen. Richtet man die Betrachtung mehr nach der Natureigentümlichkeit, (so ergibt sich das Gleiche wie oben) aus Folgendem: Weder als zusammengesetzter (Körper) kann er (unbegrenzt sein) noch als einfacher. Zusammengesetzt wird der unbegrenzt große Körper nicht sein können, wenn seine Grundstoffe an Menge begrenzt sind. Es ist ja notwendig, daß sie eine Mehrzahl sind und daß die

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gegensätzlichen (unter ihnen) sich jeweils das Gleichgewicht halten, und es darf dann nicht einer von ihnen von unbegrenzter Menge sein: wenn das in einem Körper vorhandene Kraftvermögen um ein beliebiges Maß hinter der eines anderen zurückbleibt, – Beispiel: Feuer sei begrenzt, Luft unbegrenzt, (wenn dann auch) eine gleiche Menge Feuer an Kraftvermögen so und so viel mal mehr leistet als die gleiche Menge Luft – nur muß dies Verhältnis in Zahlen ausdrückbar sein –, dann ist dennoch offenkundig, daß das Unbegrenzte (hier) das Begrenzte überwältigen und vernichten wird. Daß aber jedes von ihnen unbegrenzt wäre, ist auch unmöglich: »Körper« ist als »das nach allen Richtungen Ausdehnung Besitzende« bestimmt, »unbegrenzt« ist das grenzenlos Ausgedehnte, also, »unbegrenzter Körper« muß sein »das nach allen Seiten ins Unbegrenzte Ausgedehnte«. Aber auch einheitlich und einfach kann ein unbegrenzter Körper nicht sein, weder in dem Sinne, wie einige den (Stoff) neben den Grund-Körpern (ansetzen), aus dem sie diese dann erzeugen, noch überhaupt. Es gibt ja Denker, die das Unbegrenzte zu einem solchen machen – und nicht Luft oder Wasser (als dieses ansetzen) –, damit nicht alle übrigen (Grundstoffe) durch den unbegrenzten unter ihnen vernichtet werden. Sie (die Grundstoffe) zeigen ja Gegensatz unter einander, z. B. die Luft: kalt; das Wasser: feucht; das Feuer: warm. Wenn von diesen eines unbegrenzt wäre, dann wären die übrigen schon längst vernichtet. Nun aber sagen sie, es gebe ein davon Verschiedenes, aus welchem diese (entstünden). Es ist aber unmöglich, daß es so etwas gibt, – nicht (nur) weil es unbegrenzt (sein soll) – darüber muß Allgemeines, über alles in gleicher Weise, ausgesagt werden, sowohl über Luft, wie Wasser und was auch immer –, sondern weil es einen solchen sinnlich wahrnehmbaren Körper neben den sogenannten Bausteinen nicht gibt: Woraus alles besteht, in das löst es sich auch wieder auf, – so daß so etwas hier (greifbar) sein müßte, neben Luft, Feuer, Erde und Wasser; es erscheint aber nichts davon. Auch Feuer oder irgendein anderer der Grundbaustoffe kann auf keinen Fall unbegrenzt sein; überhaupt und abge-



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sehen davon, daß dann (wieder) eines von ihnen unbegrenzt wäre, ist es unmöglich, daß das All, auch wenn es begrenzt sein sollte, ein einziges von ihnen wäre oder würde, so wie Heraklit sagt, alles werde einmal zu Feuer, – dieselbe Überlegung gilt auch für diesen einen (Urstoff), den die Natur-Denker neben den Stoffen ansetzen. Alles wandelt sich ja aus einem Gegenteil in ein Gegenteil um, z. B. aus »warm« in »kalt«. Man muß aber (allgemein) bei jedem (Grundstoff) mit Hilfe dieser Überlegungen prüfen, ob es sich so mit ihm verhalten kann oder nicht. Daß es ganz unmöglich ist, daß ein wahrnehmbarer Körper von unbegrenzter Größe sei, ist aus Folgendem klar: Alles Wahrnehmbare ist von Natur aus mit der Eigenschaft ausgestattet, irgendwo zu sein, und es gibt einen bestimmten Ort eines jeden, und der ist derselbe für den Teil wie für das Ganze, z. B. der der ganzen Erde und der eines einzigen Erdklumpens oder der des Feuers und eines seiner Funken. Wenn also er (der angenommene Welt-Körper) einförmig wäre, dann gibt es in ihm gar keine Bewegung oder nichts als dauerndes Hin-und-her-Bewegen. Aber das ist ja unmöglich: Was sollte dann oben oder unten oder wo auch immer sein? Ich meine, z. B. bei einem Erdklumpen, wo wird seine Bewegungsbahn verlaufen, oder wo wird er dann (mit Bewegung aufhören und) bleiben? Der Ort des mit diesem Klumpen gleichartigen Körpers ist ja (gemäß Annahme) unbegrenzt groß. Soll er etwa nun den ganzen Ort besetzen? Ja, wie denn? Welche Form von Ruhe und Bewegung soll ihm eignen und wo (im Ganzen)? Soll er etwa überall verharren können? Dann wird ihm die Bewegung verloren gehen. Oder soll er sich überall bewegen können? Dann kommt er nirgends zur Ruhe. – Ist andrerseits das All nicht einförmig, dann sind von verschiedener Art auch die Orte. Erstens ist dann der Körper des Alls nicht (wirklich) einheitlich, außer im Sinn bloßer Berührung (seiner Teile). Zweitens sind diese (Bestandsstücke) dann entweder begrenzt oder unbegrenzt hinsichtlich ihrer Arten. Begrenzt (der Art nach) können sie nun nicht sein, – denn wenn doch das All unbegrenzt sein soll, dann müßten die einen un-

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begrenzt (der Anzahl nach) sein, die anderen nicht, Beispiel: Feuer oder Wasser; das würde, wie schon früher gesagt, für die dazu gegensätzlichen (Stoffe) die Vernichtung bedeuten. [ ... ] Sind sie dagegen unbegrenzt (der Art nach) und (untereinander) ungemischt, so wird es auch unzählig viele Orte und unzählig viele Grundstoffe geben. Ist das jedoch unmöglich und ist die Anzahl der Orte begrenzt, dann muß dieser Schluß auch für das Ganze gelten. Es ist ja unmöglich, daß Ort und Körper nicht genau aufeinander passen: weder kann der AllOrt größer sein, als bis wie weit der All-Körper reichen kann – zugleich wäre noch dieser Körper dann auch von nicht unbegrenzter Größe – noch der Körper größer als der Ort; denn entweder (im ersten Fall) wird es ein Leeres geben oder (im zweiten) einen Körper, dem es von Natur nicht gegeben ist, irgendwo zu sein. 〈Deswegen hat ja wohl keiner der alten NaturDenker dieses Einheitliche Unbegrenzte als Feuer oder Erde angesetzt, sondern entweder als Wasser oder Luft oder deren Mittleres, (eben) weil der Ort jedes der beiden (ersteren) klar und fest bestimmt war, diese (letzteren) hingegen bezüglich Oben und Unten sich nicht recht festlegen wollen.〉 Was Anaxagoras über die Beharrung des unbegrenzten (Alls) lehrt, ist unsinnig: Es stütze sich selbst, sagt er, dies Unbegrenzte; dies (sei möglich), weil es »in sich selbst« sei – da sei ja nichts anderes, es zu umfassen –, wobei er voraussetzt, wo etwas sich befinde, dort zu sein sei ihm von Natur gegeben. Das stimmt aber nicht: Es kann auch etwas irgendwo auf Grund äußeren Zwanges sein, und (so) nicht dort, wo es von Natur aus sein sollte. Gibt man sogar einmal zu, das Weltganze bewege sich nicht (von Ort zu Ort) – denn was von sich selbst gestützt wird und in sich selbst ist, muß notwendig bewegungslos sein –, ja dann muß man doch begründen, wieso es ihm nicht naturgegeben ist, sich zu bewegen. Es reicht ja nicht, es bloß zu behaupten und dann mit der Sache fertig zu sein. Dann könnte es nämlich auch sein, daß es nur keinen Platz hat, sich anderswohin zu bewegen, und es deshalb nicht tut, wobei aber nichts die Annahme hindert, daß ihm die Möglichkeit dazu doch naturgegeben ist. So ist es ja mit der Erde: Sie verläßt ih-



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ren Platz nicht – auch nicht, wenn sie unbegrenzt groß wäre –, aber dies, weil sie eingesperrt ist von der (Welt-)Mitte; es ist ja nicht so, daß sie nur dabliebe, weil es keine andere Stelle gibt, wohin sie getragen werden könnte, sondern (dies tut sie), weil sie von Natur aus so geartet ist. Und doch könnte man auch hier sagen: »sie stützt sich selbst«. Wenn nun nicht einmal bei der Erde, diese einmal als unbegrenzt groß angesetzt, dies die Ursache ist, sondern (die Tatsache), daß sie Schwere an sich hat, Schweres aber verharrt an der (Welt-)Mitte, die Erde (hat also ihren Platz) in der Mitte, in ganz gleicher Weise könnte dann auch das (anaxagoreische) Unbegrenzte auf Grund irgendeiner anderen Ursache in sich selbst verharren, und nicht weil es unbegrenzt ist und sich selbst stützt. Gleichzeitig ist auch klar, daß wohl auch jeder beliebige Teil (eines solchen Unbegrenzten) bewegungslos verharren müßte: Wie das Unbegrenzte stützend in sich selbst verharrt, so wird auch, wenn man einen beliebigen Teil herausnimmt, dieser in sich selbst verharren; vom Ganzen und vom Teil sind die Orte ja gleichartig, z. B. (der) der ganzen Erde und (der) eines Klumpens: unten, und (der) des ganzen Feuers und (der) eines Funkens: oben. Wenn also der Ort des Unbegrenzten das »in sich selbst« ist, dann wird es für dessen Teil der gleiche sein: er wird also »in sich selbst« verharren. Überhaupt ist offenkundig, daß die beiden Sätze, (1) es gebe einen unendlich großen Körper, und (2) die Körper (im All) hätten darin einen bestimmten Ort, unmöglich zugleich bestehen können, wenn jeder sinnlich wahrnehmbare Körper Schwere oder Leichtigkeit besitzt und, wenn er schwer ist, von Natur aus einen Bewegungsdrang hin zur (Welt-)Mitte hat, wenn aber leicht, einen nach oben: notwendig müßte das auch für das Unbegrenzte gelten; es ist aber unmöglich, daß ihm entweder als ganzem irgendeine der beiden (Möglichkeiten), oder daß einer Hälfte von ihm die eine, der andere die andere (Möglichkeit) widerführe: wie soll man es denn trennen können? Oder: Wie soll es von dem Unbegrenzten ein Oben und Unten oder einen Rand und eine Mitte geben?

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Weiter, jeder sinnlich wahrnehmbare Körper ist an einem Ort; die Arten und Unterschiede von Ort sind aber: »oben und unten«, »vorn und hinten« und »rechts und links«; und das nicht nur in bezug auf uns und der bloßen Anordnung nach, sondern es ist auch in dem Weltganzen selbst fest abgesetzt. Es ist aber unmöglich, daß es in dem (angenommenen) Unbegrenzten so etwas gibt. Kurz und gut, wenn es unmöglich einen unendlich großen Ort geben kann, und wenn jeder Körper an einem Ort ist, so ist es unmöglich, daß es einen Körper von unbegrenzter Ausdehnung geben könnte. Nun ist doch etwas, wovon man »irgendwo« sagen kann, an einem Ort und (umgekehrt), was an einem Ort ist, irgendwo. Wenn nun »unbegrenzt« auch nicht durch »so-und-so-viel« bestimmt sein kann – denn sonst muß es gleich zu einem (einzeln) als so und so viel Bestimmten werden, z. B. zwei Ellen lang, drei Ellen lang ...; dergleichen bringt ja das »so-und-so-viel« zum Ausdruck ebenso besagt auch »an einem Ort« (für das Unbegrenzte), daß es »an dieser bestimmten Stelle da« (sein muß), und das wäre entweder oben oder unten oder in irgendeiner anderen Richtung von den sechsen, von diesen stellt aber jedes eine bestimmte Abgrenzung dar. Daß es also in tatsächlicher Wirklichkeit einen Körper von unbegrenzter Größe nicht geben kann, ist aus diesem offenkundig. 6. Daß andrerseits, wenn es Unbegrenztes überhaupt nicht gibt, viel Unmögliches sich ergibt, ist klar: Dann müßte es von der Zeit einen Anfang und ein Ende geben, die (ausgedehnten) Größen wären nicht (immerfort) in Größen teilbar, und die Zahlenreihe wäre nicht unendlich. Wenn es nun, nach diesen so getroffenen Bestimmungen, auf keine dieser beiden Weisen zu gehen scheint, so ist ein Schlichter nötig, und es ist klar, daß (sein Spruch so aussehen muß:) in bestimmtem Sinne gibt es das wohl, in einem bestimmten anderen aber nicht. Also: »sein« wird ausgesagt einmal in der Weise der Möglichkeit, zum anderen in der der zum Ziel gekommenen Wirk-



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lichkeit; und »unbegrenzt« ist einmal in der Weise von Hinzusetzung, zum anderen in der von Teilung (denkbar). Von der (Raum-)Größe gilt, wie gesagt: In tätiger Wirklichkeit ist sie nicht unbegrenzt; in der Weise von Teilung geht es wohl. – Es ist ja nicht schwierig, die Sache mit den »unteilbaren Linien« zu erledigen. – So bleibt also (die Annahme), daß »unbegrenzt« nur in der Weise der Möglichkeit vorkommt. Man darf aber den Ausdruck »der Möglichkeit nach seiend« nicht in dem Sinne nehmen: So wie, wenn es möglich ist, daß dies hier ein Standbild ist, dann wird dies auch einmal ein Standbild sein – genau so auch ein Unbegrenztes, was einmal in tatsächlicher Wirklichkeit sein wird. Dagegen, indem doch der Ausdruck »sein« viele Bedeutungen hat, (so gilt:) Wie der Tag »ist«, und der Wettkampf, (nämlich) dadurch daß immer wieder etwas Neues eintritt, genauso auch das Unbegrenzte; – auch bei diesen (Sätzen) gibt es noch das »der Möglichkeit nach« und das »tatsächlich«: »Die Olympischen Spiele sind.«, das kann heißen: Der Wettkampf kann ablaufen, oder: er findet gerade statt. Eine je andere Bedeutung nimmt offenbar »unbegrenzt« (einerseits) in der Zeit und bei den Menschen an und (andererseits) bei der Teilung von Größen. Ganz allgemein kommt ja Unbegrenztes in der Weise vor, daß immer wieder ein Anderes hinzugenommen wird, und das Hinzugenommene ist zwar jeweils begrenzt, aber es ist immer und immer wieder ein anderes, [Weiter, »sein« wird in mehreren Bedeutungen ausgesagt; man darf also »unbegrenzt« nicht nehmen als ein »Dieses-da«, wie »Mensch« oder »Haus«, sondern so, wie man über »Tag« Aussagen macht und »Wettkampf«: denen ist ihr Sein nicht in gegenständlicher Form zuteil geworden, sondern immer nur in Werden und Vergehen, (also) als begrenzt, aber immer und immer wieder ein anderes.] nur bleibt bei den Größen das je Fortgenommene erhalten, bei der Zeit und der Menschen(reihe) geht es unter, (jedoch) so, daß (die Abfolge) nie ausgeht.

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Der Ausdruck »hinsichtlich Hinzusetzung« trifft in etwa das Gleiche wie »hinsichtlich Teilung«; an einem begrenzten Gegenstand geht das »hinsichtlich Hinzusetzung« (nur) umgekehrt vor sich: in der gleichen Weise, wie es bei seiner Teilung sichtlich ins Unendliche fortgeht, genauso führt die (unendliche) Hinzusetzung anscheinend zu dem Begrenzten. (Beispiel:) Wenn man innerhalb einer begrenzten Größe ein genau bestimmtes Teilstück herausnimmt und dann in dem gleichen Verhältnis Hinzusetzungen durchführt – wobei man diese gleiche Größe nur nicht in Beziehung zum Ganzen auffassen darf –, dann wird man die begrenzte Größe nie voll durchlaufen können; wenn man dagegen das Verhältnis in der Weise anwachsen läßt, daß man immer dieselbe Größe erfaßt, dann wird man sie durchlaufen, auf Grund des (gültigen Satzes:) »Jede endliche Größe läßt sich durch jeden beliebig festgesetzten Bruchteil von ihr ausschöpfen«. Auf andere Weise also kann es nicht sein, (in diesem) so (verstandenen Sinne) kann es jedoch sein, das Unbegrenzte, nämlich in der Hilfe fortlaufender Teilung – es ist aber auch in der Weise endlicher Wirklichkeit, so wie wir sagen: Der Tag ist, und: Der Wettkampf (ist) –; und in der Weise der Möglichkeit so, wie der Stoff, und nicht für sich bestehend, wie das Begrenzte. Auch im Sinn der Hinzufügung ist Unbegrenztes also hiernach in der Weise der Möglichkeit vorhanden, (ein Fall) von dem wir ja sagen, daß er auf gewisse Weise der gleiche ist wie der »gemäß Teilung«: Hier läßt sich ja auch immer etwas noch weiter Draußenliegendes nehmen, allerdings wird man dabei nicht jede Größe überschreiten können, so wie man mit Hilfe der Teilung jedes Begrenzte überschreitet und es immer etwas noch Kleineres gibt. Also: Alles überschreiten auf dem Wege der Hinzusetzung, das geht nicht einmal im Sinne der bloßen Möglichkeit, oder es müßte schon etwas geben, was – in beiläufiger Folge – auch wirklich und tatsächlich unbegrenzt wäre; so sagen ja die Natur-Denker, der Außen-Körper der Welt, dessen Bestand Luft oder etwas anderes dergleichen sei, sei unbegrenzt groß. Wenn es jedoch einen sinnlich wahrnehmbaren Körper von tatsächlich unbegrenzter Ausdehnung



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nicht geben kann, so ist offenkundig, daß es so etwas im Sinne der Hinzusetzung auch nicht einmal der Möglichkeit nach geben kann, außer nur, wie gesagt, als Umkehrverfahren zur Teilung; hat doch auch Platon aus dem Grunde zwei Unbegrenzte machen wollen, weil sowohl bei der Vermehrung anscheinend (alles Maß) überschritten werden kann, wie es auch bei der Wegnahme ins Unbegrenzte fortgehe. Nun setzt er sie wohl an, dann aber benutzt er sie nicht: Weder kommt (bei ihm) in den Zahlen das Unbegrenzte nach Seite der Wegnahme vor – die Eins-Zahl ist bei ihm das Kleinste – noch das nach der Seite der Vermehrung – bis zur Zehn-Zahl läßt er die Zahlenreihe gehen. Es ergibt sich so, daß »unbegrenzt« das Gegenteil von dem bedeutet, was man dafür erklärt: Nicht »was nichts außerhalb seiner hat« sondern »wozu es immer ein Äußeres gibt«, das ist unbegrenzt. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Man nennt die Fingerringe »endlos«, die keinen Stein haben, deshalb weil immer noch ein weiterer Punkt nach außen zu fassen ist, – dabei spricht man nur im Sinne einer Ähnlichkeit so, nicht jedoch im eigentlichen Sinne des Wortes; denn für den Fall müßte es so etwas ja wirklich geben, und man dürfte nie zweimal den gleichen Punkt fassen. Beim Kreis ist es anders, nur immer das Nächste in der Reihe ist »verschieden« vom anderen. »Unbegrenzt« ist damit (in seiner Bedeutung festgelegt als) »wovon man, wenn man es nach dem Gesichtspunkt des ›wieviel‹ auffaßt, immer noch ein Weiteres annehmen kann«. Wovon es aber kein Weiteres gibt, das ist vollendet und ganz. So setzen wir die Bestimmung »ganz« ja fest: »wovon nichts fort ist«, z. B. ein ganzer Mensch oder Kasten. Und wie es mit dem Einzelfall ist, so auch der beherrschende, eigentliche: das Ganze (der Welt) ist das, wozu es nichts Äußeres gibt. Wozu es aber ein Fern-Sein draußen gibt, das ist nicht vollständig, was auch immer ihm fehlen mag. »Ganz« und »vollendet« sind in ihrer Bedeutung entweder völlig gleich oder nahe beieinander. Vollendet ist nichts, was kein Ende hat; Ende aber ist Grenze. Deshalb muß man zu der Ansicht kommen: Besser hat Parmenides gesprochen als Melissos: Der Letztere nennt das

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Unbegrenzte »ganz«, der andere aber (lehrt), das Ganze sei begrenzt, »von Mitten her gleich gerüstet«. Es heißt nämlich nicht Leinen mit Leinen verbinden, wenn man dem »All und Ganzen« das »unbegrenzt« antut; indessen entnehmen sie eben hieraus die Ehrwürdigkeit um den Unbegrenztheitsbegriff, das »alles-umfassen« und das »alles-in-sich-bergen«, – eben weil er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des Ganzen besitzt. Es ist ja das Unbegrenzte der Vollkommenheit der Größe Stoff, und es ist das der Möglichkeit nach Ganze, der Wirklichkeit nach aber nicht, auseinanderteilbar nach der Seite der Verkleinerung und nach der der umgekehrt dazu verlaufenden Hinzusetzung, ganz und begrenzt nicht an sich selbst, sondern (immer nur) an Anderem. Und es umfaßt auch nicht, sondern wird umfaßt, insofern es unbegrenzt ist. Deswegen ist es auch unerkennbar in dieser seiner Eigenschaft als unbegrenzt; denn dieser Stoff hat (noch) keine Form. Es ist also offensichtlich, daß »unbegrenzt« eher im Begriff des Teils als dem des Ganzen (aufzusuchen ist); ein Teil des Ganzen ist ja der Stoff, so wie »Erz« ein Teil von »ehernes Standbild«. Wenn es indessen im Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren umfassende Aufgabe hätte, dann müßte ja im Bereich des Denkbaren das »Groß-und-Kleine« die Denkgegenstände umfassen. Es ist aber unsinnig und unmöglich, daß Unerkennbares und Unbestimmtes umfasse und bestimme.

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7. Ganz zu Recht ergibt sich der Eindruck, daß das (Verfahren) »gemäß Hinzusetzung« nicht unbegrenzt in dem Sinne ist, daß es jede erdenkliche Größe übersteigen könnte, hingegen in Richtung auf Zerteilung gibt es (die entsprechende Möglichkeit); – eingefaßt wird ja von außen her der Stoff und (so) das Unbegrenzte (auch): es ist die Form, die es einfaßt. – Aus gutem Grund ist es aber auch so, daß es bei der Zahl in Richtung auf das Kleinste eine Grenze gibt, in Richtung auf das Mehr aber immer jede Anzahl noch übertroffen werden kann; bei den (Raum-)Größen dagegen ist es umgekehrt: in Richtung auf das »kleiner« wird jede Größe unterschritten, in Richtung auf das »größer« aber gibt es keine unbegrenzte Größe.



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Ursache davon ist, daß die Ein-Zahl unteilbar ist, was auch immer da eins sein mag – Beispiel: ein Mensch, und nicht viele; Zahl ist dann eine »Mehrheit von Einsen« und (so) irgendwieviel; daher muß man bei dem Unteilbaren halten – »drei« und »zwei« sind ja nur Ableitungsformen (von eins), ähnlich auch jede andere Zahl –, hingegen, in Richtung auf das Mehr kann man immer weiter denken; unbegrenzt sind ja die Zweiteilungen der (Raum-)Größe. Also: Der Möglichkeit nach ist sie (die Zahlenreihe) es (unbegrenzt), in tatsächlicher Wirklichkeit jedoch nicht; man kann nur je etwas annehmen, was jede festgesetzte Anzahl übersteigt. Aber diese (so verstandene) Zahl ist nicht ablösbar, und ihre Unendlichkeit hat keinen Bestand, sondern wird immer nur, so wie die Zeit und ihre Zählung auch. Bei den (Raum-)Größen ist es umgekehrt: Es läßt sich Zusammenhängendes ins Unendliche fort teilen, in Richtung auf das »größer« aber ist es nicht unbegrenzt. Wie groß es nämlich der Möglichkeit nach sein kann, so groß kann es auch in Wirklichkeit sein. Da es also eine sinnlich wahrnehmbare Größe von unbegrenzter Ausdehnung nicht gibt, so ist es auch nicht einmal möglich, daß es ein Übertreffen jeder bestimmten festgesetzten Größe gibt; denn dann könnte es etwas geben, was größer wäre als der Himmel. Die Bedeutung von »unbegrenzt« ist nicht dieselbe in Anwendung auf (Raum-)Größe, Veränderung und Zeit, – als wäre dies ein einziger Naturgegenstand –, sondern hier wird das Nachgeordnete nach Maßgabe des sachlich Vorangehenden ausgesagt, z. B. Veränderung (ist ein unbegrenzt sich vollziehender Vorgang), weil die (Raum-)Größe, an der sich Ortsbewegung, Eigenschaftsveränderung und Wachstum vollziehen, (dies unbegrenzt tut); die Zeit dann ist es wegen der Veränderung. – Jetzt benutzen wir diese Begriffe schon einmal, später werden wir darüber sprechen, was ein jedes (davon) ist und daß jede Größe (immer wieder) in Größen teilbar ist. Es nimmt diese Darlegung auch den Mathematikern ihre Anschauungsweise nicht fort, indem sie die Vorstellung wegräumt, es gebe Unbegrenztes in dem Sinne, daß es in tatsächlicher Wirklichkeit vorkomme, in Richtung auf Anwachsen

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nicht zu durchlaufen: sie brauchen ja auch so das (wirklich) Unendliche nicht – jedenfalls benutzen sie es nicht –, sondern (was sie brauchen) ist nur die Möglichkeit, daß eine begrenzte (Linie) immer so groß sein können muß, wie sie es verlangen. Entsprechend der größten Größe ist dann im gleichen Verhältnis zu teilen jede beliebig angenommene andere Größe. Im Hinblick auf das mathematische Beweisverfahren macht es für sie also gar nichts aus, ob es das (die tatsächliche Unbegrenztheit) unter den vorkommenden Größen gibt. Da nun die Ursachen in vierfacher Weise eingeteilt sind, so ist es offenkundig, daß »unbegrenzt« Ursache im Sinne des Stoffs ist und daß sein begrifflicher Gehalt zu fassen ist als noch fehlende Bestimmtheit, das ihm aber an sich Zugrundeliegende ist das Zusammenhängende, sinnlich Wahrnehmbare. Es scheinen auch alle anderen das Unbegrenzte wie einen Stoff gebraucht zu haben. Gerade deshalb ist es ja unsinnig, es zum Umfassenden zu machen, und nicht zum Umfaßten. 8. Übrig bleibt noch durchzugehen, auf Grund welcher Überlegungen das Unbegrenzte nicht bloß in der Weise der Möglichkeit da zu sein scheint, sondern als ein fest umrissenes Ding. Die einen dieser (Überlegungen) sind ja nicht zwingend, die anderen haben bestimmte, wahre Gegengründe an ihrer Seite: (1) Damit das Werden nicht aufhöre, ist es durchaus nicht notwendig, daß es in tatsächlicher Wirklichkeit einen unbegrenzten sinnlich wahrnehmbaren Körper geben muß. Es ist ja möglich, daß des einen Untergang des anderen Entstehen ist, wobei das Ganze (in dem das alles stattfindet) begrenzt ist. (2) »Berühren« und »Begrenztsein« sind unterschieden. Das erste ist ein »in-Hinsicht-auf-etwas« und ein »mit-wem« – jede Berührung findet statt »mit irgendetwas« –, auch bei diesem und jenem bestimmten Begrenzten trifft dies nebenbei zu; »begrenzt« ist aber kein »in-Hinsicht-auf-etwas«. Und es wird auch nicht jedem Beliebigen zuteil, mit jedem Beliebigen in Berührung zu geraten. (3) Dem bloßen Denken zu vertrauen, ist unsinnig. Nicht auf seiten des Dings liegen Übermaß und Ausfall, sondern



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nur beim Denken: Jeden von uns könnte man sich ja in vervielfachter Größe, verglichen mit jetzt, denken, ja man könnte uns ins Unbegrenzte wachsen lassen; aber deswegen befindet sich ja noch keiner außerhalb des Größenmaßes, das wir eben haben, bloß weil es einer so denkt, sondern (wenn das zutrifft) weil es so ist. Dieses (das Denken) tritt bloß noch hinzu. (4) Zeit dagegen und Veränderung sind unbegrenzt, und Denken auch, wobei das je Herausgenommene keinen Bestand hat. (Raum-)Größe ist (tatsächlich) nicht unbegrenzt, weder durch wirkliche Ausschöpfung, noch durch gedankliches Anwachsenlassen. Damit ist über »unbegrenzt«, in welchem Sinn es das gibt und in welchem nicht, und was es ist, gesprochen.

BUCH IV

1. In ähnlicher Weise muß der Natur-Forscher auch über die Bestimmung »Ort« – so wie auch über »unbegrenzt« – Erkenntnis gewinnen (und die Fragen stellen), ob es das gibt oder nicht, und in welchem Sinn es vorhanden ist, und was der Begriff aussagt. Von dem, was ist, nehmen ja alle an, daß es irgendwo ist – was es nicht gibt, sei auch nirgendwo: wo gibt es denn »Bockhirsch« oder »Sphinx«? und von den Veränderungsformen ist die allgemeinste und die im eigentlichen Sinn die Ortsveränderung, wir nennen sie Bewegung. Andrerseits bringt es aber auch viele Schwierigkeiten mit sich, (wenn man fragt) was denn wohl »Ort« sein soll; denn er erscheint als ein nicht mit sich Selbiges, wenn man die Betrachtung von allen ihm zukommenden Eigenschaften aus unternimmt. Außerdem haben wir bezüglich dieses Begriffs keine Vorarbeit anderer in der Hand, weder gut gestellte Fragen noch gute Lösungswege. Daß es nun so etwas wie Ort gibt, das scheint klar zu sein auf Grund der Wechselumstellung, (Beispiel): Da, wo jetzt gerade Wasser sich befindet, ebendort – wenn es wie aus einem Gefäß entwichen ist – ist nun wieder Luft, ein andermal nimmt ebendiesen Ort irgendein anderer der (einfachen) Körper ein. Dies scheint also doch etwas von allem Eintretenden und Wechselnden durchaus Verschiedenes zu sein. Worin jetzt gerade Luft ist, darin war früher Wasser; es ist also klar, daß der Ort und Raum etwas von beiden Verschiedenes sein mußte, in welchem und aus welchem sie wechselten. Weiter, die Bewegungen der natürlichen einfachen Körper, wie Feuer, Erde und dergleichen, zeigen nicht nur an, daß »Ort« wirklich etwas bedeutet, sondern daß er sogar eine gewisse Kraft besitzt. Es bewegt sich nämlich ein jeder an seinen eigenen Ort, wenn man ihn nicht daran hindert, der eine nach oben, der andere nach unten. Dies sind aber Teile und

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Formen von »Ort« nämlich »oben« und »unten« und die übrigen der sechs Erstreckungen. Diese möglichen Anordnungen sind nicht bloß im Verhältnis zu uns da, das »oben« und »unten« und »rechts« und »links«: Für uns sind sie ja nicht immer gleich, sondern ergeben sich je nach Lage, so wie wir uns wenden – deshalb kann ein und dasselbe oftmals rechts und links und oben und unten und vorn und hinten sein –, in der Natur hingegen ist ein jedes davon klar für sich abgegrenzt. Denn »oben« ist nicht eine beliebige Stelle, sondern (liegt) dort, wohin Feuer und das Leichte sich bewegt; ebenso ist auch »unten« nicht eine beliebige Stelle, sondern dort, wohin das, was Schwere besitzt, und das Erdhafte (fällt), – so daß sich dies nicht der bloßen Anordnung nach unterscheidet, sondern auch nach der Kraftausübung. So zeigen die mathematischen Gegenstände es auch: Sie befinden sich nicht an einem Ort, und doch zeigen sie in Abhängigkeit von ihrer Anordnung uns gegenüber ein Rechts und Links, eben als Gegenstände, die nur wegen Anordnung so bestimmt werden, von Natur aus aber keine dieser Eigenschaften haben. Weiter, diejenigen, die behaupten, daß es Leeres gibt, sprechen damit auch das Dasein von Ort aus; »leer« läßt sich ja wohl nur so bestimmen: »Ort, aus dem Körper herausgenommen ist«. Daß also Ort etwas neben den Körpern selbständig Vorkommendes sein muß und daß jeder wahrnehmbare Körper an einem Ort ist, das möchte man infolgedessen annehmen. Dann scheint wohl auch Hesiod richtig zu sprechen, wenn er als Erstes den »leeren Abgrund« ansetzt; er sagt doch: »Allererstes war da der Abgrund, aber sodann Erde, breitbrüstige ...«, – so als müsse doch wohl zuerst ein Raum dem Seienden zur Verfügung stehen, (und dies) in der Annahme, wie die große Masse auch, alles sei irgendwo und (damit) an einem Ort. – Wenn das wirklich so ist, dann wäre die Leistungsfähigkeit des Ortsbegriffs ja ganz erstaunlich, und sie wäre allem vorgeordnet: Ohne welches doch von allem übrigen nichts ist, es aber (kann) ohne das andere (sein), das muß doch notwen-



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dig ein allererstes sein. Der Ort geht ja nicht unter, wenn die in ihm (befindlichen Gegenstände) vergehen. Indessen, es hat damit so seine Schwierigkeit, wenn er denn ist, was er dann ist: Etwa eine gewichtige Masse von Körper oder ein anderes Naturding, – denn zunächst einmal ist die Gattung zu suchen, in die er gehört. (1) Erstreckungen hat er nun also drei: Länge, Breite, Tiefe, wodurch (eben auch) jeder Körper begrenzt wird. Es ist aber unmöglich, daß der Ort ein Körper sein könnte, denn dann wären ja zwei Körper am selben (Platz). (2) Weiter: Wenn es von einem Körper Ort und Platz gibt, dann klarerweise auch einen der Fläche und der übrigen Begrenzungen. Denn hier wird dieselbe Erklärung passen: Wo früher die (Begrenzungs-)Flächen von Wasser waren, da werden hernach die von Luft sein. Aber nun können wir keinerlei Unterschied machen zwischen einem Punkt und dem Ort eines Punktes, so daß also (die Umkehrfolge sich ergibt:) wenn bei ihm sein Ort von ihm nicht verschieden ist, dann auch bei keinem der übrigen (Begrenzungsstücke), und dann ist Ort gar nichts unabhängig neben einem jeden von diesen. (3) Als was sollten wir die wesentlichen Merkmale von Ort denn auch ansetzen? Weder kann er ja Grundbaustein noch aus Grundbausteinen (zusammengesetzt) sein, wenn er doch solche Naturbeschaffenheit hat, und zwar weder aus körperlichen noch aus unkörperlichen: Größe ist ihm zwar eigen, Körperlichkeit aber keine. Es sind aber die Bausteine von Wahrnehmbarem (selbst) Körper, aus dem Gedachten, andrerseits, wird keine (Raum-)Größe. (4) Weiter: Bei was von dem, was es gibt, könnte man denn den Ort als seine Ursache ansetzen? Keine Ursachenaufgabe trifft ihm ja zu von den vieren: Weder als Stoff des Seienden (ist er tätig) – es besteht ja nichts aus ihm –, noch als Form und Begriff der Dinge, noch als Ziel, noch auch setzt er das Seiende in Bewegung. (5) Weiter: Wenn er auch selbst etwas unter dem Seienden ist, dann wird er irgendwo sein. Die schwierige Frage Zenons erfordert nämlich eine Klärung: Wenn alles Seiende »an ei-

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nem Ort« ist, so wird es klarerweise auch den »Ort des Ortes« geben müssen, und dies so fort ins Unendliche. (6) Weiter: Ebenso wie jeder Körper an einem Ort, genauso (ist) auch an jedem Ort ein Körper. Was werden wir nun über Gegenstände zu sagen haben, die anwachsen? Es ist hiernach ja nötig, daß ihr Ort mit ihnen wächst, wenn doch der Ort eines jeden weder kleiner noch größer ist (als dieses selbst). Auf Grund dieser Überlegungen muß man sich nicht nur mit der Frage auseinandersetzen, was mit »Ort« gemeint ist, sondern auch mit der, ob es das wirklich gibt.

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2. Da aber einiges an und für sich, anderes nur vermittelt über weiteres ausgesagt wird und »Ort« einmal ganz allgemein genommen wird als der, in dem alle Körper sich befinden, zum anderen ganz eigentümlich als der, in dem als unmittelbarem (ein Körper ist) – ich meine damit: Z. B. du befindest dich jetzt in der Himmelskugel, weil du innerhalb des Luftraums bist, und dieser ist innerhalb der Himmelskugel, und innerhalb des Luftbereichs, weil auf der Erde, genauso auch auf ihr, weil du an diesem ganz bestimmten Ort bist, der nichts mehr enthält als nur dich –, wenn denn also »Ort« bestimmt ist als »das unmittelbar einen jeden Körper Umfassende«, so wäre er eine Art Begrenzung; es könnte mithin scheinen, die Form und Gestalt eines jeden sei sein Ort, wodurch doch die (Raum-) Größe und der Stoff dieser Größe begrenzt wird; das ist doch die (äußere) Abgrenzung eines jeden. Wenn man es so ansieht, ist »Ort« die Form eines jeden. Insoweit jedoch andrerseits Ort offensichtlich der erfüllte Zwischenraum der (Raum-)Größe ist, (ist er) der Stoff; diese Bestimmung ist ja von der Größe unterschieden: sie meint das von der Form Umfaßte und Begrenzte, z. B. von Fläche und Grenz(linie), von eben dieser Art ist aber der Stoff und das Unbestimmte; wenn man nämlich (etwa) die Eingrenzung und die (Gestalt-)Eigenschaften von »Kugel« fortnimmt, dann bleibt nichts da neben dem (bloßen) Stoff. Aus dem Grunde läßt ja auch Platon Stoff und Raum dasselbe sein in seinem »Timaios«: (ist doch nach ihm) das »Teil-



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habefähige« und der Raum ein und dasselbe. Freilich meint er zwar dort »teilhabefähig« in anderem Sinne als in den sogenannten »Ungeschriebenen Lehrsätzen«, gleichwohl bestimmte er »Ort« und »Raum« als dasselbe. – Es sagen ja alle, daß es so etwas wie Ort geben muß, was das aber ist, hat er allein (bisher) einmal auszusagen versucht. Mit gutem Recht mag es, wenn man von diesen Gesichtspunkten ausgeht, schwierig erscheinen, sich Erkenntnis zu verschaffen, was denn »Ort« wirklich ist: ob er etwa irgendeins von diesen beiden ist, Stoff oder Form. Zumal das ja auch den genauesten Scharfblick erfordert und sie unabhängig von einander nicht leicht zur Erkenntnis zu bringen sind. Andrerseits aber, daß »Ort« unmöglich eins von diesen sein kann, das ist nicht schwer zu sehen. Form und Stoff lassen sich nämlich nicht von dem (aus ihnen gebildeten) Dinge ablösen, was hingegen den Ort angeht, so ist das möglich: Worin (eben) Luft war, darin tritt (jetzt) wieder, wie gesagt, Wasser ein, wobei Wasser und Luft wechselseitig die Plätze tauschen, und mit den übrigen Körpern ist es ähnlich; es ist also »Ort« weder Teil noch Beschaffenheit eines jeden, sondern ablösbar davon. Somit scheint »Ort« etwas Derartiges zu sein wie ein Gefäß– »Gefäß« meint doch soviel wie: »Ort, der fortbewegt werden kann« –, ein Gefäß aber ist kein (Stück) des Gegenstandes (der im Gefäß ist). Insofern er also ablösbar ist von dem Gegenstand, insoweit ist er nicht Form; insofern er andrerseits umfaßt, insoweit ist er von Stoff unterschieden. Es scheint stets das irgendwo Befindliche selbst (für sich) etwas zu sein, und ein von ihm Unterschiedenes ist das, was außerhalb seiner ist. – Gegen Platon muß man einwenden, wenn denn beim Vortrag einmal abgewichen werden darf: Warum sind (seine) »Formen« und »Zahlen« nicht an einem Ort, wenn doch das »Teilnehmungsfähige« der Ort sein soll, einerlei ob nun das »Große-und-Kleine« dies Teilnehmungsfähige ist oder der »Stoff«, so wie er’s im »Timaios« geschrieben hat. – Weiter, wie sollte sich (etwas) an seinen eigenen (natürlichen) Ort bewegen können, wenn »Ort« so etwas wäre wie Stoff oder Form? Es ist ja unmöglich, daß etwas, das mit

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Fortbewegung nichts zu tun hat und nicht den Oben-Unten(Unterschied) an sich zuläßt, Ort sein kann. Also muß man den Ortsbegriff innerhalb derartiger Bestimmungen aufsuchen (die beides ermöglichen). Wenn andrerseits der Ort »an diesem« (Gegenstand sein soll) – das müßte er ja, wenn er entweder Gestalt oder Stoff ist so würde ein Ort an einem Ort sein; denn zugleich mit dem Dinge wandelt und bewegt sich auch seine Form und sein Unbestimmtes, (sie sind) nicht immer an der gleichen Stelle, sondern dort, wo auch das Ding ist. Es wird dann also vom Ort einen Ort geben. Weiter, wenn aus Luft Wasser geworden ist, dann ist (wohl) Ort zugrunde gegangen: der entstandene Körper nimmt ja nicht mehr genau so viel Ort sein. Was soll das aber nur für ein Schwund sein? Auf Grund welcher Annahmen es notwendig ist, daß »Ort« etwas wirklich Vorhandenes ist, und andrerseits, auf Grund welcher Annahmen man über seine Begriffsbedeutung in Schwierigkeiten geraten kann, ist (damit) vorgetragen. 3. Hiernach ist die Frage aufzunehmen, in wie vielen Bedeutungen (der Ausdruck) »eines in einem Anderen« ausgesprochen wird. (1) Auf eine Weise so: Der Finger ist »an der Hand«, und allgemein, der Teil ist »in dem Ganzen« (enthalten). (2) Auf eine andere so: Das Ganze (besteht) »in seinen Teilen«; denn neben seinen Teilen gibt es ein Ganzes gar nicht. (3) Auf eine andere Weise so: »Mensch« ist (inbegriffen) in »Lebewesen«, und allgemein, Art in Gattung. (4) Auf eine andere Weise so: Die Gattungsbestimmung ist (enthalten) »in der Artbestimmung«, und allgemein, das Teilstück der Artbestimmung in deren Begriffserklärung. (5) Weiter so: Gesundheit (besteht) »in (einem bestimmten Verhältnis von) Warmem und Kaltem«, und allgemein, die Form (verwirklicht sich) in dem Stoff. (6) Weiter so: »In (der Hand) des Großkönigs« liegen die Geschicke der Hellenen, und allgemein, beim ersten Anstoßgebenden. (7) Weiter so: »In einem Gut«, und allgemein, in einem Ziel (beschlossen liegt der Sinn einer Handlung); das aber ist ein »weswegen«. (8) Die hauptsächlichste Bedeutung



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unter allen ist jedoch diese: »in einem Gefäß«, und allgemein, »an einem Ort«. Man könnte nun die schwierige Frage stellen, ob denn auch etwas, als dies selbst, in sich selbst sein kann, oder ob nichts (dies kann), sondern alles entweder nirgends ist oder in einem Anderen. Nun hat dieser Ausdruck zweifache Bedeutung: Entweder an und für sich, oder vermittelt über ein Anderes. Wenn nämlich Teile eines Ganzen das »worin« und das »darin« ausmachen, wird man vom Ganzen sagen, es sei in sich selbst; es wird ja eben auch vermittelt über seine Teile ausgesagt, z. B. (kann man jemand) »weiß« (nennen), weil seine Oberfläche weiß ist, und »reich an Wissen«, weil das Vernünftige an ihm (diese Eigenschaft hat). So wird also ein Krug nicht »in sich selbst« sein, und auch nicht der Wein. (Von dem ganzen Ausdruck) »Krug Wein« aber wird man es sagen können; denn das »was« und das »worin«, beides sind hier Teile des gleichen (Ganzen). In diesem Sinne kann also etwas, als dies selbst, in sich selbst sein, in der unmittelbaren Bedeutung geht es nicht. Z. B. »weiß« ist an einem Körper – denn die Oberfläche ist ja an einem Körper –, »Wissen« ist in der Seele ... . Vermittelt über diese Bestimmungen, die ja Teile sind, (erfolgt) die Zuteilung der Eigenschaften (und findet sich) so an »Mensch« vor. [»Krug« und »Wein« sind, für sich genommen, nicht Teile, zusammengenommen aber wohl; wenn sie dann also Teile sind, kann (dies Gebilde) selbst in sich selbst sein.] Z. B. »weiß« ist an dem Menschen, weil es an seinem Körper ist, und an diesem, weil an seiner Oberfläche; an ihr ist es dann nicht mehr vermittelt über ein Anderes. Und dies ist auch noch der Art nach verschieden und hat ein jedes andere Naturbeschaffenheit und Vermögen, (ich meine) »Fläche« und »weiß«. Also, weder wenn man von der heranführenden Erfahrung aus die Sache betrachtet, sieht man, daß irgendetwas gemäß irgendeiner fest ausgemachten Bestimmung »in sich selbst« wäre, und überdies durch schließendes Denken wird klar, daß dies auch unmöglich ist: Es würde ja jedes von beiden beides

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sein müssen – z. B. müßte der Krug sowohl Gefäß wie auch Wein und der Wein sowohl Wein wie auch Krug sein –, wenn es denn möglich sein soll, daß etwas als es selbst in sich selbst ist. Und wenn sie schon »ineinander« sein könnten, so würde immer noch der Krug den Wein aufnehmen, nicht insofern er selbst Wein ist, sondern der (und umgekehrt) der Wein würde sich in dem Krug befinden, nicht insofern er selbst Krug ist, sondern der. Daß sie also ihrem wesentlichen Begriffsinhalt nach etwas Verschiedenes sind, ist klar; anders lautet nämlich die Begriffserklärung von »in welchem« und von »in diesem«. Aber nicht einmal in nebensächlich eintreffender Bedeutung geht es. Denn dann würden ja zwei (Dinge) zugleich an demselben (Ort) sein: Erstens wäre der Krug selbst in sich selbst – wenn etwas, dessen Naturbeschaffenheit doch aufnehmend ist, in sich selbst sein kann –, und dann noch das, dessen Aufnehmendes er war, – wenn es z. B. Wein war, dann eben Wein. Daß also in unmittelbarem Sinne etwas in sich selbst sein könnte, ist ganz klar unmöglich. Die Schwierigkeit, die nun aber Zenon aufwarf: Wenn »Ort« etwas Seiendes ist, so muß er doch »in etwas« sein, – das aufzulösen ist nicht schwer: Es besteht ja gar kein Hinderungsgrund, daß der unmittelbare Ort »in einem Anderen« sei, allerdings an ihm nicht als an einem Ort, sondern so, wie »Gesundheit« (besteht) in den warmen (Anteilen des Körpers), als Verhältnis, die Wärme aber im Körper ist, als Zustand. Man muß also gar nicht notwendig ins Unendliche damit fortgehen. Folgendes ist damit offenkundig: Da »Gefäß« nichts von dem »in ihm« an sich hat – unterschieden ist doch das im direkten Sinn (aufgefaßte) »was« und das »in welchem« –, so kann »Ort« weder der Stoff noch die Form sein, sondern nur ein davon Verschiedenes. Diese sind nämlich ein Stück dessen, das darin ist, sowohl der Stoff wie auch die Gestalt. So viel sei damit an Schwierigkeiten vorgetragen. – 4. Was denn nun »Ort« (seinem Begriffe nach) ist, dürfte auf folgende Weise klarwerden: Wir wollen an ihm die (Bestim-



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mungen) hernehmen, die an ihm für sich wahrheitsgemäß zuzutreffen scheinen. Wir setzen also für richtig an, (1) Ort sei das unmittelbar Umfassende für das, dessen Ort er ist, und (2) er sei kein Stück des (umfaßten) Gegenstandes (selbst); weiter (3), der unmittelbare (Ort) sei weder kleiner noch größer (als das von ihm umfaßte Ding); weiter (4), er lasse ein jedes (Ding) hinter sich und sei von ihm ablösbar; außerdem (5), jeder Ort enthalte das »oben und unten« (als seine Arten); und (6), es bewege sich jeder Körper von Natur aus zu seinem angestammten Ort und bleibe (dort), das tue er entweder oben oder unten. Nachdem diese (Sätze) zugrundegelegt sind, ist das übrige anzuschauen. Man muß dabei versuchen, die Untersuchung so durchzuführen, daß das Wesentliche an dem Begriff wiedergegeben wird, so daß infolge davon einerseits die (oben angeführten) Schwierigkeiten sich lösen, andrerseits sich erweist, daß die ihm anscheinend zukommenden Bestimmungen ihm auch wirklich zukommen, und außerdem, daß die Ursache der Schwierigkeit und der hier zu stellenden anspruchsvollen Fragen deutlich wird. So dürfte alles aufs beste dargelegt werden. Erstens also muß man bedenken, daß man nach einem Ortsbegriff überhaupt nicht suchen würde, gäbe es nicht die Ortsbewegung. Das ist ja auch besonders der Grund dafür, daß man so meint, das Himmelsgewölbe sei »an einem Ort«, weil es ja immer in Bewegung ist. Von diesem (Bewegungsbegriff) ist die eine (Art) Fortbewegung (von Ort zu Ort), die andere Wachsen und Schwinden; denn auch bei Wachsen und Schwinden findet ja ein Wandel statt: was früher »an dieser Stelle« war, ist übergetreten in einen kleineren oder größeren (Platz). »In Bewegung« kann etwas nun sein einerseits an sich, tatsächlich, andrerseits in nebenbei zutreffender Bedeutung. »Nebenbei zutreffend (in Bewegung)« kann meinen einerseits etwas, das sich auch an sich selbst bewegen könnte, z. B. die Glieder eines Körpers oder der Nagel in einem Schiff, andrerseits, was dies gar nicht kann, sondern immer nur nebenbei zutreffend (sich bewegt), z. B. die Eigenschaft, »weiß« oder

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»wissend« zu sein: derlei wechselt ja nur so den Ort, daß das, an dem sie Vorkommen, ihn wechselt. Da wir nun aber sagen: »Wir sind ›in der Welt als an einem Ort«, (und dies) weil (wir sind) »innerhalb des Luft(raums)«, dieser aber ist »innerhalb der Himmels(grenze)«; und innerhalb des Luftraumes aber nicht als in dem ganzen, sondern wegen seines Randes und (uns) umfassenden (Stücks), sagen wir, wir seien »in dem (Luft)raum« befindlich – wenn nämlich der ganze Luft(bereich) Ort wäre, dann wären der Ort eines jeden und dieses selbst nicht gleichgroß, es ist aber doch offenkundig, daß sie gleichgroß sind: von dieser Art ist eben der unmittelbare (Ort), an dem es ist –; wenn denn nun also nicht durch Trennbarkeitunterschieden wäre das Umfassende (von dem Umfaßten), sondern zusammenhängend (mit ihm), dann wird man nicht von ihm sagen, es sei in dem als an einem Ort, sondern so wie der Teil an einem Ganzen. Wenn (das Umfaßte) dagegen deutlich getrennt ist (von dem Umfassenden) und in Berührung (mit ihm), dann befindet es sich unmittelbar innerhalb des (inneren) Randes des Umfassenden, der dann weder ein Teil des in ihm (Befindlichen) ist noch größer als dessen Ausdehnung, sondern gleichgroß; denn die Ränder von sich berührenden (Dingen) sind an der gleichen Stelle. Und ein (etwa) Zusammenhängendes bewegt sich ja nicht in ihm (dem Umfassenden), sondern mit ihm, ist es dagegen getrennt, dann in ihm. Und einerlei, ob das Umfassende selbst in Bewegung ist oder nicht, (dies gilt) nichtsdestoweniger. [Weiter, wenn es (das Umfaßte) nicht deutlich getrennt wäre, wird man es als »Teil am Ganzen« aussagen, so z. B. ist am Auge die Linse oder am Körper die Hand; ist es dagegen abgesetzt (...), wie z. B. im Faß das Wasser, im Tongefäß der Wein: die Hand bewegt sich mit dem Körper, das Wasser in dem Faß.] Aus diesem ist nun schon klar, was »Ort« dem Begriffe nach ist. Es sind ja so ziemlich genau vier (Möglichkeiten), von denen notwendig »Ort« eine sein muß: Entweder äußere Form oder Stoff oder eine Art Ausdehnung, (die) mitten zwischen den (inneren) Rändern (des Umfassenden sich ergibt), oder



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die Ränder (selbst), wenn es gar keine Ausdehnung neben der (Raum-)Größe des eingeschlossenen Körpers gibt. Daß davon drei ganz bestimmte es nicht sein können, ist offenkundig: (1) Nun scheint es ja auf Grund des Umfassens die äußere Form zu sein; die Ränder des Umfassenden und des Umfaßten fallen ja an gleicher Stelle zusammen. Es sind nun wirklich beides Grenzen, nur nicht des gleichen (Dings), sondern die Form (ist Grenze des umfaßten) Gegenstandes, der Ort die des umfassenden Körpers. (2) Auf Grund dessen, daß das Umfaßte, deutlich Abgesetzte den Ort wechselt, wobei oft das Umfassende (erhalten) bleibt, z. B. Wasser (fließt) aus einem Gefäß, scheint es die inmitten bestehende Ausdehnung zu sein, da sie doch unabhängig von dem austretenden Körper Bestand hat. Dem ist jedoch nicht so, sondern ein beliebiger Körper tritt (gleich wieder) ein (aus der Zahl) derer, die den Platz wechseln und ihrer natürlichen Beschaffenheit nach ein Berührungsverhältnis bilden können. Wenn es so eine Ausdehnung gäbe von der Art, für sich dasein und Bestand haben zu können, dann wären in dem gleichen (Ort) unzählig viele Orte; denn wenn Wasser und Luft ihren Ort tauschen, dann werden das Gleiche tun alle Teile in dem Ganzen, was auch das ganze Wasser in dem Gefäß (tut). Zugleich wird es auch einen Ort geben, der den Ort wechselt; dann wird es also von dem Ort einen weiteren Ort geben, und viele Orte werden zugleich sein. Aber der Ort eines Teils wird ja gar nicht ein anderer, innerhalb dessen er sich (mit)bewegt, wenn das ganze Gefäß den Ort wechselt, sondern (er bleibt) der gleiche. »In welchem« sie nämlich sind, wechseln Luft und Wasser ihren Platz, oder auch die Teile von Wasser, aber nicht an dem Ort, in den sie eintreten, der ein Teil ist des Ortes, der der Ort »ganze Welt« ist. (3) Aber auch der Stoff könnte scheinen, Ort zu sein, wenn man (die Sache) anhand eines in Ruhe befindlichen (Beispiels) betrachtet, das zudem auch noch keine deutliche Absetzung, sondern Zusammenhang (der beteiligten Körper) zeigt. Genauso wie nämlich, wenn etwas sich in seinen Eigenschaften verändert, etwas vorhanden ist, das jetzt »weiß« ist, vormals

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aber »schwarz« (war), und jetzt »hart«, vormals aber »weich« – deswegen sagen wir ja, daß es so etwas geben muß wie »Stoff« –, ebenso scheint auch »Ort« vorhanden sein zu müssen, auf Grund einer eben solchen Vorstellungsweise, nur mit dem Unterschied: Jenes – der Stoff – (soll sein), weil, was Luft war, dies nun Wasser ist, »Ort« dagegen, weil, wo Luft war, an dieser Stelle nun Wasser ist. Aber – wie schon in früheren Ausführungen gesagt ist – Stoff ist weder ablösbar von dem Gegenstand, noch umfaßt er ihn, Ort aber (tut) beides. (4) Wenn also Ort keins von den dreien ist, weder Form noch Stoff noch eine Art Ausdehnung, als stets vorhandene und unterschiedene neben der des Gegenstandes, der den Platz wechselt, so ist es notwendig, daß Ort das noch übriggebliebene von den vieren ist, nämlich die Grenze des umfassenden Körpers, 〈insofern sie mit dem Umfaßten in Berührung steht〉. Mit »umfaßter Körper« meine ich einen, der bewegbar im Sinne der Ortsveränderung ist. Nun scheint eine große und schwer zu fassende Aufgabe der Ortsbegriff zu sein wegen der Tatsache, daß dabei Stoff und Form (immer) miterscheinen, und deswegen, weil das Umsetzen des Sich-Fort-Bewegenden in einem Umfassenden erfolgt, das (selbst) ruht; deswegen scheint es ja möglich zu sein, daß es (so eine) Ausdehnung inmitten gebe, als etwas von den bewegten (Raum-)Größen Unterschiedenes. Es trägt dazu auch bei die Tatsache, daß Luft scheinbar körperlos ist; denn damit scheinen nicht nur die Grenzen des Gefäßes den Ort zu bilden, sondern auch (der Hohlraum) inmitten, als wäre er leer. Es gilt nun (die Entsprechung): Wie »Gefäß« einen fortbeweglichen Ort (darstellt), so (ist) Ort ein Gefäß, das man nicht wegsetzen kann. Wenn also ein »Darinnen« in einem Bewegten sich bewegt und wandelt, z. B. ein Schiff im Fluß, dann bezieht es sich auf sein Umfassendes eher wie auf ein Gefäß als auf einen Ort. Es hat aber Ort den Drang, unbeweglich zu sein. Deswegen ist (in diesem Fall) eher der ganze Fluß Ort, weil er als Ganzer unbeweglich ist. Also: Die unmittelbare, unbewegliche Grenze des Umfassenden – das ist Ort.



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Das ist auch der Grund, weswegen die Mitte des Weltganzen und der Rand der Kreisbewegung zu uns hin allen in ganz entschiedener Weise als »oben« (– das zweite –) und »unten« (– das erste –) erscheint, weil (nämlich) die eine (Stelle) immer in Ruhe ist, der Rand des die Kreisbewegung (vollziehenden Körpers) aber sich immer regelmäßig verhält. Da also »leicht« bedeutet »was von Natur aus sich nach oben bewegt«, »schwer« dagegen »was nach unten« (von Natur aus sich bewegt), so ist die zur Mitte hin umfassende Grenze unten, und die Mitte (selbst auch), die nach dem Rand hin (umfassende Grenze) oben, und der äußerste Rand (selbst auch). Aus diesem Grund scheint Ort zu sein (a) eine gewisse Form von Fläche, (b) so etwas wie ein Gefäß, (c) ein Umfassendes. Außerdem: Zugleich mit und bei dem Ding ist Ort; zugleich mit und bei dem Begrenzten sind die Grenzen. 5. Welcher Körper nun einen äußeren Körper hat, der ihn umfaßt, der ist an einem Ort, welcher nicht, der nicht. Also: Wenn einmal Wasser so ein Körper wäre, dann werden sich wohl seine Teile bewegen – sie werden ja voneinander umfaßt –, das Ganze hingegen bewegt sich in einem Sinne wohl, im anderen jedoch nicht: als diese Ganzheit genommen, verändert es mit einem Mal den Ort nicht, im Kreis aber bewegt es sich – von den Teilen ist nämlich dieser der Ort –, und auf und ab (bewegt es sich) nicht, im Kreis aber einige (Teile von ihm); andere (Teile) auch auf und ab, alle die, welche Verdichtung und Lockerung an sich haben. Wie gesagt wurde, ist einiges an einem Ort nach bloßer Möglichkeit, anderes in tatsächlicher Wirklichkeit. Wenn demnach das »Gleichteilige« zusammenhängend ist, so sind seine Teile nur nach Möglichkeit an einem Ort. Wenn sie hingegen deutlich (von einander) getrennt sind und sich in Berührung befinden, wie bei einem Haufen (Körner, Sand o. ä.), so in tatsächlicher Wirklichkeit. Und einiges (ist) an und für sich (an einem Ort) – z. B. ist jeder im Sinne der Fortbewegung oder des Wachsens veränderbare Körper im eigentlichen Sinne »irgendwo«; das Himmels-All, wie gesagt, ist nicht irgendwo, als

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Ganzes, und nicht »an einem Ort«, wenn doch kein Körper es umfaßt. Unter dem Gesichtspunkt hingegen, daß es in ihm Bewegung gibt, ist es Ort für seine Teile; jeder unterschiedene der Teile schließt ja an einen anderen an –; anderes dagegen (nur) in nebenbei zutreffender Bedeutung, z. B. »Seele« und »Weltall«; (dessen) Teile sind ja wohl alle an einem Ort: bis zum Kreis hinauf umfaßt einer den anderen. Deswegen (gilt): Die oberen Teile bewegen sich im Kreis, das All aber ist nicht »irgendwo«; denn die Bestimmung »irgendwo« ist (immer) selbst etwas, und es muß (immer) noch etwas anderes dasein neben diesem »in welchem«, das, was es umfaßt. Neben dem All und Ganzen ist aber nichts, außerhalb des Alls, und deswegen ist in der Welt alles – Welt ist ja wohl das All. »Ort« ist aber nicht die Welt (einfach so), sondern von der Welt eine Art äußerster Rand, der in Berührung steht mit dem bewegbaren Körper [ruhende Grenze]. Also: Die Erde (befindet sich) innerhalb der Wasser(sphäre), diese innerhalb der Luft(sphäre), diese innerhalb der strahlenden Leucht(sphäre), die Leucht(sphäre) innerhalb der Himmels(sphäre), die Himmels(sphäre) aber nicht mehr in einem Anderen. Daraus ist nun offenkundig, daß sich auch alle Schwierigkeiten lösen lassen, wenn man »Ort« so aussagt: (1) Weder muß der Ort mitwachsen, noch (2) muß es von Punkt einen Ort geben, noch (3) müssen zwei Körper an demselben Ort sein, noch (4) muß es einen Körper-Zwischenraum geben – denn das »inmitten« eines Ortes ist (immer) ein beliebiger Körper, nicht aber das Freisein von einem Körper –. Und (5), es ist ein Ort auch irgendwo, nicht allerdings als an einem Ort, sondern (so) wie die Grenze an dem Begrenzten; denn nicht »alles Seiende« ist an einem Ort, sondern nur der der Bewegung fähige Körper. Und (6), es bewegt sich auch ein jedes zu seinem eigenen Ort hin, mit gutem Grund: Was der Reihe nach (angeordnet ist) und sich ohne Zwang berührt, das ist (miteinander) verwandt; ist es zu einer Einheit verwachsen, so ist es keiner Einwirkung (aufeinander) fähig, ist es dagegen (nur) in Berührung, so ist es wechselseitiger Einwirkung herüber und hinüber zugänglich. – Und es ruht auch von Natur aus alles an seinem heimischen



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Ort, nicht ohne Grund: auch der Teil (davon verhält sich ja so); was aber an seinem Ort ist, verhält sich wie ein trennbarer Teil zum Ganzen, wie wenn z. B. jemand einen Teil Wasser oder Luft fortbewegt (und der dann zu seinem heimischen Ort zurückwill). So verhält sich auch Luft zu Wasser, (es ist) wie ihr Stoff sie die Form: das Wasser Stoff der Luft, die Luft dagegen wie eine Art Verwirklichung von ihm: Wasser ist der Möglichkeit nach Luft, Luft ist wieder Möglichkeit nach Wasser – auf andere Weise. – Darüber ist später zu bestimmen, nur wegen der gegebenen Gelegenheit war es notwendig, darüber ein Wort gesagt zu haben; was jetzt aber noch unklar ausgesprochen ist, wird dann klarer werden. – Wenn nun dasselbe Stoff und Verwirklichungsform ist – Wasser ist ja beides, nur das eine der Möglichkeit nach, das andere in Wirklichkeit –, so verhält es sich wohl irgendwie wie Teil zu Ganzem. Solche (Körper) haben daher auch Berührung; ein Zusammenwachsen würde es dann, wenn beide tatsächlich eins geworden wären. Über »Ort« ist somit gesprochen: (1) Daß es ihn gibt, (2) was er dem Begriff nach ist. 6. Auf gleiche Weise, muß man annehmen, ist es Aufgabe des Naturforschers, auch über (die Bestimmung) »leer« (folgende) Betrachtungen anzustellen: Ob es das gibt oder nicht, in welcher Weise es vorkommt und was es dem Begriffe nach ist, – so wie bei »Ort« auch (geschehen). Die Gründe dafür, auf der Grundlage vorausgesetzter Annahmen Wirklichkeit entweder anzusetzen oder nicht, sind (hier wie dort) ja ähnlich: Z. B. setzen diejenigen, die die Wirklichkeit von Leerem behaupten, es als eine Art Ort und Gefäß an; voll erscheint es dann, wenn es die Körpermasse, deren es aufnahmefähig ist, (in sich) hat, ist es ihrer dagegen verlustig gegangen, so (erscheint es als) leer. So kann also dasselbe leer und voll und Ort sein, nur dem Begriffsinhalt nach sind diese Bestimmungen nicht dasselbe. Man muß die Untersuchung nun bei dem Punkt anfangen, daß man aufnimmt, was (1) die sagen, die behaupten, daß es Leeres gibt, und (2) umgekehrt auch, was die sagen, die das

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bestreiten, und drittens die allgemein gängigen Meinungen darüber. Welche nun den Versuch unternehmen zu beweisen, daß es das gar nicht gibt, die widerlegen gar nicht die Vorstellung, die die Leute so mit dem Wort »leer« ausdrücken wollen, sondern (nur) das, was sie falscherweise darunter verstehen, z. B. Anaxagoras und (alle), die die Widerlegung so wie er führen: Sie zeigen zwar auf, daß Luft etwas Wirkliches ist, malträtieren dabei ihre Schläuche und zeigen damit, wie stark Luft doch ist, und schließen sie in ihren Wasserhebern ein. Die Leute dagegen wollen mit »leer« (ganz einfach) zum Ausdruck bringen ein Raumstück, in welchem kein wahrnehmbarer Körper ist. Weil sie nun meinen, alles Wirkliche sei Körper, so behaupten sie, worin überhaupt nichts sei, das sei eben leer, und deshalb (gelangen sie zu dem Irrtum), was (in Wirklichkeit) voll Luft (ist), sei leer. Man muß jedoch nicht das beweisen, daß Luft etwas Wirkliches ist, sondern daß es eine räumliche Ausdehnung, verschieden von den Körpern, gar nicht gibt, weder als etwas Abtrennbares noch tatsächlich vorkommend, welche den All-Körper zerteilte, so daß er nicht mehr zusammenhängend wäre – so lehren Demokrit, Leukippos und viele andere unter den Natur-Denkern es –, oder falls es außerhalb des zusammenhängenden All-Körpers etwas solches geben sollte. Diese Leute treten der Aufgabe gegenüber, als ob sie die Tür nicht fanden; das schaffen schon eher die, welche die Wirklichkeit von Leerem behaupten. Die eine Überlegung, die sie vortragen, ist: Es gäbe (sonst) keine ortsverändernde Bewegung – das ist: Fortbewegung und Wachstum –; es scheine offenkundig Bewegung nicht geben zu können, wenn nicht Leeres wäre. Volles könne ja unmöglich etwas aufnehmen; wenn es dagegen etwas aufnehmen sollte und zwei (Körper) an gleicher Stelle wären, dann könnten ja auch gleich beliebig viele Körper da sein, denn einen Unterschied, auf Grund dessen das Behauptete nicht möglich wäre, kann ja niemand angeben. Wenn das aber geht, so würde auch das kleinste (Raumstück) den größten (Körper) aufnehmen können; denn »groß« – das sind ja viele Kleine. Wenn also viele gleichgroße (Körper) an dersel-



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ben Stelle sein können, dann auch viele ungleichgroße. Melissos jedenfalls führt seinen Nachweis, das All sei bewegender Veränderung nicht zugänglich, mit folgenden (Sätzen) durch: Wenn es Bewegung darin gäbe, gebe es notwendig – sagt er – darin auch Leeres, Leeres aber gehöre nicht zu dem, was ist. Das ist also die eine Weise von Annahmen, woraus sie aufzeigen, daß es so etwas wie »leer« wirklich gibt. Die andere (ist folgende): Es erscheinen ganz offenkundig einige Dinge, die einschrumpfen und zusammengedrückt werden, z. B. nähmen die Fässer, sagt man, (nach der Umfüllung) den Wein mitsamt den Schläuchen auf, womit also doch wohl der verdichtete Körper in die in ihm vorhandenen Leerräume eingerückt sei. Des weiteren scheint nach Meinung aller auch Wachstum zu erfolgen (nur) mittels der Voraussetzung von Leerem: Nahrung sei ja (auch) ein Körper, zwei Körper aber könnten unmöglich zugleich (an gleicher Stelle) sein. Zum Beweisstück nehmen sie auch das, was mit der Asche passiert, welche genau so viel Wasser aufnimmt, wie das Gefäß, wenn es leer ist. Es gebe, so sagten auch die Pythagoreer, ein Leeres, und dies trete in das Himmelsgewölbe ein, aus dem unendlichen Hauch (kommend), wobei dieses das Leere auch atmend in sich ziehe, welches die Natureinheiten trennend bestimme, so als wäre »leer« eine Art Trennung des in Reihe Angeordneten und eine bestimmende Scheidung. Und dies sei auch das Grundlegende bei den Zahlen: das Leere halte bestimmend deren Wesen auseinander. Auf Grund welcher Annahmen die einen behaupten, es gebe (Leeres), die anderen dessen Dasein bestreiten, dies ist damit etwa nach Art und Anzahl vorgeführt. 7. Für die Entscheidung, ob es sich so oder so verhält, muß man erfassen, was denn das Wort aussagt: Es scheint somit »leer« einen Ort zu bezeichnen, an dem nichts ist. Ursache dieser Annahme ist, daß man meint, »Seiendes« – das sei eben »Körper«, jeder Körper aber sei an einem Ort, leer sei der Ort, an welchem kein Körper sich befinde, also, wenn irgendwo kein Körper ist, dort sei eben nichts. »Körper« nun wieder, das

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versteht man in jedem Fall als »der Berührung fähig«; von der Art ist, was Schwere oder Leichtheit an sich hat. Es ergibt sich somit aus dem Gesetz des Schlusses, daß »leer« das ist, in welchem nichts Schweres oder Leichtes sich befindet. Dieses, wie wir auch schon früher vorgetragen haben, ergibt sich aus der Schlußform. Es ist jedoch widersinnig, wenn (hiernach) der Punkt zu einem Leeren wird; denn dann müßte er ja einen Ort darstellen, in welchem Leere von einem anfaßbaren Körper besteht. Aber nun wird doch »leer« offenkundig auf eine Weise in folgendem Sinn ausgesagt: »Was nicht von einem der Berührungswahrnehmung zugänglichen Körper erfüllt ist«; »der Berührungswahrnehmung zugänglich« ist, was Schwere und Leichtigkeit an sich hat, – man könnte sich daher die schwierige Frage vorlegen, was sie wohl sagten, wenn dies ausgedehnte Raumstück etwa »Farbe« oder »Geräusch« enthielte: ist es dann leer oder nicht? Oder (wird es dadurch) klar: Wenn es einen berührbaren Körper aufnehmen könnte, ist es leer, wenn nicht, dann nicht? – Die andere Weise (der Bedeutung von »leer« ist): »Worin nicht ein ›Dieses-da‹ und körperliches Wesen (sich befindet)«. Das ist auch der Grund dafür, warum einige sagen, das Leere sei der Stoff zum Körper, – die gleichen Leute, die auch »Ort« als eben dies selbe ansetzen –, eine Behauptung, die aber nicht in die richtige Richtung geht: Stoff ist nämlich nicht ablösbar von den Gegenständen, die Bestimmung »leer« dagegen suchen sie als etwas Ablösbares auf. Da nun aber die Bestimmungen über »Ort« schon getroffen sind und das Leere – wenn es denn überhaupt vorkommt – notwendig ein Ort sein muß, dem Körper weggenommen ist, (da) von Ort aber vorgetragen ist, in welchem Sinne er ist und in welchem Sinne nicht, so ist offenkundig: In dieser Weise gibt es Leeres nicht, weder als abgelöste (Bestimmung) noch als nicht abtrennbare. «Leer« will ja nicht »Körper«, sondern »Aussparung von Körper« bedeuten. Deswegen scheint auch »leer« etwas Wirkliches zu meinen, weil ja auch »Ort« es tut, und dies mit Hilfe der gleichen (Überlegungen): Da kommt nämlich die ortsverändernde Bewegung an (als Hilfe) sowohl für die, die da sagen, Ort stelle etwas Wirkliches neben den in



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ihn einfallenden Körper dar, als auch für die, welche das Leere (als wirklich behaupten). »Ursache von Bewegung«, meinen sie, sei das Leere, in dem Sinne genommen als das »worinBewegung-vonstatten-geht«. Das wäre dann so etwas, wie es nach Aussage einiger »Ort« darstellt. Es gibt aber gar keine Notwendigkeit dazu, daß, wenn es Bewegung gibt, auch Leeres sein müßte. Zunächst einmal schon ganz allgemein durchaus nicht bei jeder Veränderungsform, – deshalb blieb es dem Melissos verborgen: Eigenschaften verändern kann auch ein Erfülltes; aber ja auch nicht einmal für die Ortsbewegung: Gleichzeitig einander ausweichen können ja die bewegten Körper, wobei es gar keine von ihnen geschiedene Ausdehnung neben ihnen geben muß. Das wird klar an den Wirbeln von zusammenhängenden Stoffen, z. B. besonders an denen von Flüssigkeiten. Und auch Verdichtung ist möglich, nicht in (angenommene) Leerräume hinein, sondern mittels Auspressung darin vorhandener Stoffe, z. B. wenn Wasser zusammengedrückt wird, (entweicht) die darin befindliche Luft; und auch Wachstum (gibt es), nicht allein, indem etwas hineingeht, sondern durch Eigenschaftsveränderung, wenn z. B. aus Wasser Luft wird. Überhaupt, die Rede von dem Wachstum und die von dem in die Asche geschütteten Wasser stehen sich selbst im Weg: Entweder es wächst nicht jedes beliebige (Teil an dem Wachsenden), oder es wächst nicht durch (Hinzutritt von) Körpern, oder es ist möglich, daß zwei Körper an gleicher Stelle sind – damit fordern sie nur (von uns) eine Schwierigkeit zu lösen, die sie (mit uns) gemeinsam haben, aber sie weisen nicht die Wirklichkeit von Leerem nach –, oder der ganze Körper ist notwendig leer, wenn er an allen Stellen wächst und wächst mittels (Annahme von) Leerem. Die gleiche Überlegung ergibt sich auch bei (dem Fall mit) der Asche. Daß also die Belege, mittels derer sie das Vorhandensein von Leerem aufzeigen wollen, leicht zu entkräften sind, ist offenkundig.

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8. Daß es ein Leeres in dieser selbständig für sich bestehenden Weise, wie einige das behaupten, nicht gibt, wollen wir nochmal vortragen: Wenn jeder der einfachen Körper eine natürliche Bewegungsrichtung hat, z. B. Feuer nach oben, Erde nach unten zur Weltmitte hin, so ist es klar, daß nicht das Leere Ursache dieser Fortbewegung sein kann. Von welcher (Bewegungsart) wird das Leere dann Ursache sein können? Es schien doch Ursache zu sein von ortsverändernder Bewegung, von dieser ist es das aber nicht. Weiter, wenn es so etwas gibt wie »Ort unter Verlust von Körper«, wenn ein Leeres vorliegt, auf welcher Bahn wird sich ein in es eingesetzter Körper wohl bewegen? Sicherlich nicht in jede Richtung. Dieselbe Überlegung (paßt) auch gegen diejenigen, die da meinen, der Ort sei etwas Für-sich-Bestehendes, zu welchem hin die Bewegung stattfindet: Wie soll denn das da Eingesetzte in Bewegung oder zur Ruhe kommen? Auch bei dem ObenUnten-Unterschied paßt dieselbe Überlegung wie bei »leer« – ganz einsichtig: Zu einem Ort machen das Leere die, welche seine Wirklichkeit behaupten. Wie soll dann (etwas) entweder an einem Ort oder in einem Leeren sein können? Es geht ja nicht zusammen, wenn ein bestimmter Körper als ganzer eingesetzt wird als an einem für sich bestehenden und beharrenden Ort: Ein Teil von ihm, wenn der nicht getrennt gesetzt wird, wird nicht an dem Ort sein, sondern (nur) an dem Ganzen. – Schließlich wenn nicht (so verstandener) Ort, so wird auch kein Leeres vorhanden sein. Nun ergibt sich denen, die da sagen, es gebe Leeres als notwendige (Voraussetzung), wenn Bewegung sein soll, eher genau das Gegenteil, wenn man es einmal richtig ansieht, nämlich daß ganz und gar nichts sich überhaupt bewegen kann, wenn Leeres wäre. Wie nämlich bei denen, die behaupten, wegen der Gleichartigkeit (ihres gesamten Umfelds) sei die Erde in Ruhe, so auch hier: Im Leeren muß notwendig (alles) zur Ruhe kommen. Es gibt ja nichts (darin, was etwas veranlassen könnte), sich eher oder weniger auf dieser oder jener Bahn



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zu bewegen; insofern es leer ist, hat es keinen Unterschied an sich. Sodann (gilt): Jeder Bewegungsvorgang (vollzieht sich) entweder unter Einwirkung äußeren Drucks oder naturgemäß. Notwendig (gilt dann folgender Schluß): Wenn es also äußerlich bewirkte (Bewegung) gibt, so muß es auch naturgemäße geben – die äußerlich bewirkte ist gegen die Natur, (Bewegung) entgegen der Natur ist nachgeordnet der naturgemäßen –; wenn also (umgekehrt) nicht jeder der natürlichen Körper eine naturgemäße Bewegung an sich hat, so wird auch keine der anderen Bewegungsformen zur Verfügung stehen. Aber wie soll es denn (Bewegung) der Natur nach geben, wenn es doch gar keinen Unterschied im Leeren und Unbegrenzten gibt? Insofern es nämlich unbegrenzt ist, kann es Oben, Unten oder Mitte an ihm gar nicht geben, insofern es leer ist, sind Oben und Unten an ihm durchaus nicht zu unterscheiden – wie es nämlich an »nichts« keinerlei Unterscheidung mehr gibt, so auch an »leer« nicht mehr: »leer« ist doch offenkundig etwas wie »etwas Nichtseiendes« und ein »Verlust (von Seiendem)« –; Fortbewegung der Natur nach hingegen ist (klar) nach Unterschieden gegliedert, also gibt es diese Unterschiede von Natur aus auch. Also (gilt): Entweder gibt es nirgends und für nichts eine Bewegung von Natur aus, oder, wenn es dies doch geben soll, so gibt es Leeres nicht. Weiter: Erfahrungsgemäß bewegen sich Wurfgeschosse weiter, wenn das ihnen den Anstoß Gebende sie auch nicht mehr berührt, (und sie tun dies) entweder infolge von wechselseitigem Sich-Umstellen (von Luftteilen und dem Geschoßkörper), wie einige vortragen, oder infolge davon, daß die einmal angestoßene Luft eine Stoßbewegung weitergibt, die schneller ist als die Bewegung des abgestoßenen (Geschosses), mittels derer es zu seinem angestammten Ort sich hinbewegt. Im Leeren steht aber nichts davon zur Verfügung, und es wird da gar keine Fortbewegung geben, außer nur so wie ein (durch andere) Mitgenommenes. Weiter: Niemand könnte wohl sagen, weswegen denn (im Leeren) etwas in Bewegung Gesetztes einmal irgendwo zum

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Stillstand kommen sollte: warum hier eher als da? Also, entweder wird (alles) in Ruhe sein, oder es muß notwendig ins Unbegrenzte fortgehende Bewegung sein, wenn nicht etwas Stärkeres hindernd dazwischentritt. Weiter, es sieht ja scheinbar so aus, als gehe Bewegung in ein Leeres hinein, wegen (der Vorstellung von) Ausweichen. Im Leeren gilt derartiges aber nach allen Richtungen in gleicher Weise, also müßte die Bewegung sich in jede Richtung vollziehen. Weiter, auch aus den folgenden Überlegungen wird einsichtig, was hier vertreten wird: Wir sehen ja, ein und dieselbe körperliche Gewichtsmasse kann schneller bewegt werden, aus zwei Ursachen: entweder durch den Unterschied des (Körpers), durch welchen (sie bewegt wird), z. B. »durch Wasser oder Erde« und »durch Wasser oder Luft«; oder durch den Unterschied beim fortbewegten Körper (selbst), wenn alles übrige gleichbleibt, in bezug auf Überwiegen von Schwere oder Leichtheit. (a) Der (Körper), durch welchen die Bewegung geht, ist Ursache, insofern er (sie) hindert, besonders wenn er eine Gegenbewegung ausführt, aber auch wenn er ruht. In stärkerem Maße (tut es) einer, der nicht gut zu teilen ist; ein solcher ist der dichtere. (Anschauungsbeispiel:) Der (Körper) mit der Aufschrift »A« soll also fortbewegt werden durch (den Körper) »B« in einer Zeit, sie habe den Wert »C«; dagegen durch »D«, welches ein lockerer gelagerter Körper sein soll, bewege er sich in einer Zeit »E«; wenn nun B genauso lang ist wie D, dann (richtet sich die Durchlaufzeit) nach dem Verhältnis unter den hindernden Körpern. Es sei einmal B »Wasser« und D »Luft«: Um wieviel lockerer Luft ist als Wasser und körperloser, um genauso viel schneller wird sich A durch D bewegen als durch B. Es soll also in dem gleichen Verhältnis, um das sich Luft von Wasser unterscheidet, auch die eine Geschwindigkeit zu der anderen stehen: ist also (Luft) doppelt so locker (wie Wasser), so wird er in doppelter Zeit B durchlaufen im Verhältnis zu D, d. h. die Zeit C wird doppelt so groß sein wie E.



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Und so also immer weiter: Je körperloser, weniger hinderlich und besser teilbar (der Körper ist), durch welchen die Bewegung vonstatten geht, um so schneller wird die Bewegung sein. »Leer« aber bildet überhaupt kein Verhältnis, um das es von »Körper« übertroffen würde, so wie ja auch »nichts« (kein Verhältnis hat) zu »Zahl«. Wenn also 4 um 1 größer ist als 3, um mehr (als 1) größer als 2, um noch mehr (größer) als 1, als (sie schon größer war) als 2, so hat sie im Verhältnis zu »nichts« keine Größenordnung mehr, um die sie es übertrifft. Das als »größer« Gesetzte muß sich ja zerteilen lassen in »Unterschied« und »Kleineres«, bei 4 wäre das dann hier: »Betrag des Unterschieds« und – »nichts«. – Deshalb hat auch eine Linie keinen Unterschiedsbetrag zu Punkt, außer man läßt sie aus Punkten zusammengesetzt sein. – Genau so kann auch »leer« zu »voll« kein (in Zahlen ausdrückbares) Verhältnis haben, also auch der (entsprechende) Bewegungsablauf nicht, sondern: Wenn (etwas) durch den allerlockersten (Körper) in so und so viel Zeit sich so und so weit fortbewegt, dann übertrifft (eine angenommene Bewegung) durch Leeres jedes (denkbare) Verhältnis. (Darstellungsbeispiel:) Es sei also (die Ausdehnung) »F« leer, aber größengleich mit B und D. Wenn also A hier durchgeht und eine Fortbewegung vollzieht, in einer bestimmten Zeit – sie heiße »G« –, die aber kleiner sein soll, als E war, dann wird (genau) dieses Verhältnis haben das Leere zu dem Vollen. Aber: In eben dieser Zeit G wird A auf D (eine Teilstrecke) durchlaufen, sie sei »H«. Es wird aber auch F durchlaufen, wenn es sich etwa in der Dichte von Luft unterscheidet genau in dem Verhältnis, welches die Zeit E zur Zeit G hat: Wenn nämlich um soviel lockerer gelagert der Körper F ist als D, um wieviel (die Zeit) E (die Zeit) G übertrifft, so (verhält es sich) bei der Geschwindigkeit umgekehrt: A wird, wenn es sich bewegt, F um soviel (schneller) durchlaufen, wieviel G (kleiner ist als E). Wenn nun gar kein Körper mehr in F ist, dann (muß die Geschwindigkeit) noch schneller (sein). Aber sie war doch als »G« festgesetzt. Also: in einer gleichen Zeit wird es eine

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Strecke durchlaufen, die entweder erfüllt oder leer ist. Das geht nicht. Es ist also klar: Wenn es (überhaupt) eine Zeit gibt, in der etwas durch ein (Streckenstück) Leeres sich bewegen soll, wird diese Unmöglichkeit herauskommen: Man wird ein gleiches Zeitstück zu fassen bekommen, in dem etwas eine erfüllte und eine leere Strecke durchläuft; es wird ja immer ein Entsprechungsverhältnis eines Körpers zu einem anderen geben, wie ja auch Zeitstück zu Zeitstück sich verhält. Um es zusammenfassend zu sagen, klar ist von dem, was sich da ergibt, die Ursache: Jede Bewegung steht zu einer Bewegung in einem Verhältnis – denn sie findet in der Zeit statt; und jedes Zeitstück steht zu einem Zeitstück in einem Verhältnis, wenn beide endliche (Größen) sind; ein Verhältnis von leer zu voll gibt es aber nicht. (b) Insoweit sich nun die (Körper) unterscheiden, durch welche die Bewegung geht, ergibt sich das (Gesagte); hinsichtlich des Überwiegens (von Schwere oder Leichtheit) auf seiten derfortbewegten Körper aber folgendes: Wir sehen ja, daß (Körper), die größeren Antrieb haben, sei es an Schwere oder an Leichtheit, wenn alle übrigen Bedingungen gleichbleiben, schneller eine gleiche Strecke durchmessen, und zwar in dem Verhältnis, welches die (dabei vorkommenden) Größen zueinander haben. Das müßte also auch (bei einem Weg) durch eine leere Strecke so sein. Aber das geht nicht: aus welchem Grund soll denn hier die Bewegung schneller vonstatten gehen? Auf erfüllten Wegstrecken gilt das ja mit Notwendigkeit: Schneller teilt auf Grund seiner Kraft das Größere (den durchmessenen Körper) auseinander; entweder teilt es ihn auf Grund seiner äußeren Gestalt oder durch den Antrieb, den ein von sich aus bewegter oder ein losgeschickter (Körper) besitzt. Also müßte (im Leeren) alles gleichschnell sein. Aber das geht nicht. Daß also, wenn es Leeres gibt, genau das Gegenteil dessen herauskommt, was diejenigen doch erreichen wollen, die behaupten, daß es Leeres gibt, ist aus dem Gesagten klar. Diese meinen doch, das Leere müsse, wenn es denn eine Ortsbewegung überhaupt geben soll, sein ein für sich selbst abgesondert



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Bestehendes. Das ist aber die gleiche Behauptung wie die, Ort sei etwas eigenständig Bestimmtes; und daß dies unmöglich ist, ist früher schon gesagt. Auch wenn man es rein für sich nimmt, dürfte das sogenannte Leere als eine wahrhaft leere Vorstellung sich herausstelen: Wie, wenn man einen Würfel ins Wasser legt, genau so viel Wasser verdrängt wird, wie groß der Würfel ist, ebenso ist es auch in der Luft; nur ist es da der Wahrnehmung nicht zugänglich. Und so notwendig stets bei jedem Körper, der ein Sich-Umstellen an sich hat, insoweit ihm dies Sich-Umstellen naturgegeben ist: Wenn er nicht zusammengedrückt wird, so muß er ausweichend sich umstellen, entweder immer nach unten, wenn seine natürliche Bewegung nach unten geht, wie bei Erde, oder nach oben, wenn es Feuer ist, oder nach beiden Richtungen, einerlei von welcher Art auch immer der hineingesetzte Körper ist. Im Leeren ist dies nun unmöglich – es ist ja kein Körper –, (es müßte) statt dessen durch den Würfel sich die gleiche Erstreckung hindurchziehen, die auch früher in dem Leeren da war, so wie wenn etwa das Wasser nicht mit dem hölzernen Würfel den Platz tauschte, oder die Luft nicht, sondern sie allseits durch ihn hindurchgingen. Aber nun besitzt doch der Würfel genau so viel Größe, wieviel Leeres er einnimmt. Die mag nun warm sein oder kalt oder schwer oder leicht, sie ist nichtsdestoweniger dem (begrifflichen) Sein nach unterschieden von allen diesen Eigenschaften, auch wenn man sie nicht (als für sich bestehend) abtrennen könnte, – ich meine die ausgedehnte Masse des hölzernen Würfels. Wenn diese also auch abgesondert würde von allen übrigen (Eigenschaften) und (z. B.) weder schwer noch leicht wäre, so wird sie doch ein (ihr) genau gleichgroßes Leeres einnehmen und wird sich befinden in dem gleichen Teil von Ort und Leerem, der gleich ihr selbst ist. Worin wird sich denn dann noch der Körper des Würfels unterscheiden von dem gleichgroßen Leeren und Ort? Und wenn solches nun doch zweierlei sein soll, wieso soll dann nicht beliebig vieles an der gleichen Stelle sein können? Das ist die eine Unsinnigkeit und Unmöglichkeit. Aber auch Folgendes ist offenkundig: Auch wenn der Würfel sei-

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nen Platz tauscht, wird er behalten, was ja auch die übrigen Körper alle haben. Wenn sich das von »Ort« also in nichts unterscheidet, warum muß man dann überhaupt einen Ort für die Körper ansetzen neben der ausgedehnten Masse eines jeden, wenn diese ohne Eigenschaften (angesetzt ist)? Es trägt ja überhaupt nichts bei, wenn verschieden von ihr, um sie herum, gleichgroß mit ihr ein solcher Leerraum (angesetzt) wäre. [Weiter, so etwas wie Leeres muß unter den bewegten (Gegenständen) doch einmal klar greifbar werden; nun aber (ergibt sich dies) nirgends in der ganzen Welt. Die Luft ist ja etwas (Körperliches), nur erscheint sie nicht so, – auch Wasser (würde) nicht (so erscheinen), wenn die Fische aus Eisen wären: es ist der Tastsinn, bei dem die Entscheidung darüber liegt, was durch Berühren wahrnehmbar ist.] Daß es also ein selbständig für sich bestehendes Leeres nicht gibt, ist hieraus klar. 9. Nun gibt es einige, die auf Grund der Tatsache, daß es locker und dicht (gelagerte Stoffe) gibt, meinen, es sei offenkundig, daß es Leeres gibt. Wenn es nämlich »locker« und »dicht« nicht gäbe, so wäre auch kein »Eingehen« und Zusammengepreßtwerden (von Stoffen) möglich. Wenn es das aber nicht gäbe, so wäre (a) entweder Bewegung überhaupt nicht möglich, oder (b) das Welt-Ganze müßte Wogen schlagen, wie Xuthos das ausdrückte, oder (c) es müßten Luft und Wasser immer in gleichgroßen Mengen ineinander umschlagen – ich meine, wenn z. B. aus einem Becher Wasser Luft geworden ist, dann muß gleichzeitig aus einer entsprechenden Menge Luft ebensoviel Wasser geworden sein –, oder (d) es muß mit Notwendigkeit Leeres geben. Zusammengehen und Sichausdehnen ist ja wohl anders nicht möglich. Wenn sie nun mit »locker« etwas meinen, was viele, für sich bestehende Leerräume in sich enthält, so ist offenkundig: Wenn es ein für sich bestehendes Leeres gar nicht geben kann, so wie ja auch nicht einen Ort, der eine bloße Erstreckung seiner selbst darstellte, dann in diesem Sinne auch nichts Lockeres. Wenn es nun andrerseits zwar nicht für sich bestehen soll



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und doch etwas Leeres (in dem Lockeren) darin sein soll, dann ist das wohl weniger unmöglich, es ergibt sich aber dabei, erstens, daß das Leere nicht Ursache jeder Bewegung sein kann, sondern nur der nach oben gerichteten – das Lockere ist ja leicht, deswegen sagen sie ja auch, Feuer sei locker gelagert –, zweitens, daß das Leere nicht in dem Sinne verstanden, als das »in welchem«, Ursache von Bewegung sein kann, sondern (nur), wie Schläuche durch ihren eigenen Auftrieb etwas an sie Gehängtes mitnehmen, ebenso trägt (dann) auch das Leere nach oben. Doch wie soll es eine Ortsbewegung des Leeren oder einen Ort des Leeren geben können? Dann entsteht ja eines Leeren Leeres, in welches es sich hinbewegt. Weiter: Wie werden sie beim Schweren dessen Bewegung nach unten erklären wollen? Und klar ist auch: Wenn die Aufwärtsbewegung (in ihrer Geschwindigkeit) sich nach dem zunehmenden Maß von Lockerkeit und Leere richtet, dann müßte sie, wenn es ein ganz Leeres gäbe, am allerschnellsten gehen. Aber es ist doch wohl auch bei diesem unmöglich, überhaupt eine Bewegung zu machen. Die Begründung ist die gleiche wie bei dem Fall, daß in einem Leeren alles unbeweglich wäre: So gilt auch für das Leere selbst, daß es unbeweglich ist; denn die Geschwindigkeiten stünden in keinem Verhältnis zueinander. Indessen, wir bestreiten zwar, daß es Leeres gibt, die übrigen Einwände bestehen aber ganz zu Recht: Entweder kann es Bewegung nicht geben, wenn es nicht Verdichtung und Auflockerung gibt; oder das Himmelsgewölbe muß Wellen schlagen; oder es muß immer (genau) die gleiche Menge Wasser aus Luft werden wie (umgekehrt) Luft aus Wasser: offenkundig ist ja, daß die aus Wasser entstehende Luft einen größeren Raum einnimmt (als das Wasser vorher); notwendig müßte nun, wenn es ein Zusammendrücken nicht gibt, entweder der anschließende (Körper) fortgestoßen werden (und so fort und dieser Stoß schließlich) den äußersten Körper zum Auswogen bringen; oder es muß an irgendeiner anderen Stelle genauso viel Wasser aus Luft sich durch Umschlag bilden, damit die Gesamtmasse des Ganzen gleichbleibt; oder (schließlich) es gibt gar keine Bewegung mehr. Immer wo etwas sich umstellt,

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wird sich dies so ergeben, außer wenn es im Kreis herumgeht; aber Fortbewegung fallt nicht immer unter kreisförmige, sondern auch unter geradlinige Art. Die (oben genannten) Leute also würden sagen, deswegen gebe es eben so etwas wie Leeres; wir dagegen behaupten auf Grund dessen, was von uns zugrundegelegt war: Es gibt einen einzigen Stoff für die Gegensätze, wie Warm und Kalt und die übrigen natürlichen Entgegensetzungen; und aus einem der Möglichkeit nach Seienden wird ein in tatsächlicher Wirklichkeit Seiendes; und »Stoff« ist zwar nichts für sich Bestehendes, aber in seinem begrifflichen Sein unterschieden und ein einziges der Zahl nach, etwa gegenüber Farbe und Warm und Kalt. Nun ist aber Stoff eines Körpers und (Stoff) von Großem und Kleinem dasselbe. Das ist klar: Wenn nämlich aus Wasser Luft geworden ist, dann ist derselbe Stoff nicht durch Annahme von etwas ein anderes geworden, sondern (nur) was es der Möglichkeit nach schon war, das ist es nun tatsächlich geworden; und umgekehrt, (wenn) Wasser aus Luft (geworden ist), dann genauso: nur, einmal zur Größe (der Ausdehnung) aus der Kleinheit, zum anderen zur Kleinheit aus der Größe. Ähnlich (ist es) also auch, wenn Luft, die zunächst große Ausdehnung hat, zu einer kleineren Masse wird, und (umgekehrt) aus einer kleineren zu einer größeren: der Stoff, der beides der Möglichkeit nach schon ist, wird dazu (wirklich). So wie nämlich dasselbe von Kalt zu Warm und von Warm zu Kalt (übergeht), weil es das (jeweils) der Möglichkeit nach schon war, ebenso (kann es) auch aus einem Warmen ein noch Wärmeres (werden), wobei nichts in dem Stoff warm wird, was nicht schon warm war zu dem Zeitpunkt, als (das ganze Ding) noch weniger warm war; nicht anders ist es ja bei der Krümmung des Kreisrands: Wenn sie aus (der Krümmung) eines größeren Kreises zu der eines kleineren Kreises geworden ist – mag sie dabei entweder dieselbe sein oder eine andere –, so tritt dabei (die Bestimmung) »gekrümmt« an nichts auf, was nicht vorher schon gekrümmt, sondern etwa gerade war; denn »weniger und mehr« (bei einer Eigenschaft) entsteht nicht durch völliges Ausbleiben. Und man kann auch nicht vom brennen-



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den Feuer irgendein Stück nehmen, in dem nicht Wärme und die Farbe der Glut enthalten ist. Ebenso also verhält sich auch der frühere Wärmezustand zu dem späteren. Daher erhalten auch Größe und Kleinheit der wahrnehmbaren Körpermasse ihren Ausdehnungszustand, ohne daß ihr Stoff irgendetwas (Zusätzliches) an sich nimmt, sondern weil es der Möglichkeit nach Stoff zu beiden (Zuständen) ist. Es ist also ein und derselbe (Körper) dicht und locker, und ein einziger ist der Stoff zu ihnen. Dabei ist das dicht Gelagerte schwer, das Lockere leicht. [Weiter, so wie der Kreisrand, wenn er auf ein kleineres (Ausmaß) zusammengekürzt wird, die Einkrümmung nicht als eine ihm ganz neue Bestimmung an sich nimmt, sondern nur, was schon da war, zusammengezogen ist, und so wie vom Feuer alles, was man da herausnehmen mag, warm sein wird, so ist auch das All ein Zusammenführen und Auseinandersenden ein und desselben Stoffs.] Zwei (Bestimmungen) sind es, die auf jeder von beiden Seiten, beim Dichten und Lockeren, stehen: Das Schwere und das Harte scheinen dicht zu sein, und deren Gegensätze locker, das Leichte und Weiche. Allerdings stimmen Schwer und Hart bei Blei im Vergleich zu Eisen nicht zusammen. Aus dem Gesagten ist also offenkundig, daß es weder ein für sich abgesondertes Leeres gibt, weder im direkten Sinn genommen noch als im Lockeren (vorhanden), noch (ein) der Möglichkeit nach (vorhandenes), außer jemand wollte nun unbedingt die Ursache von Fortbewegung »Leeres« nennen. In diesem Sinne wäre dann das Leere des Schweren und Leichten Stoff, insofern es eben diese Beschaffenheit hätte; denn Dicht und Locker, nach diesem Gegensatz hin genommen, sind dann Hervorbringer von Bewegung, nach der Seite von Hart und Weich hingegen (genommen, sind sie Hervorbringer) von Einwirkung und Widerstand gegen Einwirkung, und nicht so sehr von Fortbewegung als vielmehr von Verschiedenwerdung. Und so sollen über »leer«, in welchem Sinne es das gibt und in welchem nicht, auf diese Weise die Bestimmungen getroffen sein.

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10. Anschließend an das Gesagte ist nun an die (Bestimmung) »Zeit« heranzutreten. Zunächst ist es von Vorteil, hierüber Zweifelsfragen anzustellen, auch mittels äußerlich herbeigezogener Überlegungen, nämlich ob sie zum Seienden gehört oder zum Nichtseienden; sodann (ist danach zu fragen), was denn ihr wirkliches Wesen ist. Daß sie nun also entweder überhaupt nicht wirklich ist oder nur unter Anstrengungen und auf dunkle Weise, das möchte man aus folgenden (Tatbeständen) vermuten: Das eine Teilstück von ihr ist vorübergegangen und ist (insoweit) nicht (mehr), das andere steht noch bevor und ist (insoweit) noch nicht. Aus diesen Stücken besteht sowohl die (ganze) unendliche, wie auch die jeweils genommene Zeit. Was nun aus Nichtseiendem zusammengesetzt ist, von dem scheint es doch wohl unmöglich zu sein, daß es am Sein teilhabe. Außerdem, von jedem teilbaren (Ding), falls es ist, müssen, solange es ist, entweder alle seine Teile sein oder (doch) einige. Von der Zeit dagegen sind die einen Teile schon vorüber, die anderen stehen noch bevor, es ist keiner, und das, wo sie doch teilbar ist. Das »Jetzt« aber ist nicht Teil: der Teil mißt (das Ganze) aus, und das Ganze muß aus den Teilen bestehen; die Zeit besteht aber ganz offensichtlich nicht aus den »Jetzten«. Weiter, was das »Jetzt« angeht, welches augenscheinlich Vergangenes und Zukünftiges trennt, so ist nicht leicht zu sehen, ob es die ganze Zeit hindurch immer ein und dasselbe bleibt, oder ob es immer wieder ein anderes wird. (a) Wenn es einerseits wieder und wieder ein anderes wird, kein Teil aber dessen, was in der Zeit immer wieder ein anderes (ist), gleichzeitig (mit anderen sein kann) – sofern nicht der eine umfaßt, der andere umfaßt wird, so wie ein kleinerer Zeitabschnitt von einem größeren (eingeschlossen wird) –, und wenn, was jetzt nicht ist, früher aber war, notwendig irgendwann einmal zugrunde gegangen sein muß: dann können auch die Jetzte nicht gleichzeitig im Verhältnis zueinander sein, sondern es muß je das frühere untergegangen sein. Genau während der eigenen Dauer kann es nicht zugrunde gegangen sein, weil es da doch gerade war; aber zur Zeit eines



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anderen Jetzt kann das frühere Jetzt auch nicht untergegangen sein; – es soll dabei als unmöglich (vorausgesetzt) sein, daß die Jetzte miteinander zusammenhängend wären, so wie das ja auch im Verhältnis von Punkt zu Punkt gilt. Wenn es nun also in dem der Reihe nach sich anschließenden nicht zugrunde gegangen ist, sondern (erst) in einem weiteren, dann wäre es ja noch in den dazwischenliegenden Jetzten, die doch unendlich viele sind, vorhanden (und so) gleichzeitig (mit ihnen). Das kann nicht sein. (b) Aber andrerseits ist es auch nicht möglich, daß es die Zeit hindurch immer dasselbe bleibt: kein teilbares, begrenztes (Ding) hat (nur) eine Grenze, einerlei ob es in einer Richtung in fortlaufendem Zusammenhang steht oder in mehreren; das Jetzt ist aber eine (solche) Grenze, und man kann ein begrenztes Zeitstück herausgreifen (womit man also schon zwei Jetzte, eins am Anfang eins am Schluß, hätte). Weiter, wenn »Zugleich-Sein-in-der-Zeit« und »weder-früher-noch-später« soviel bedeutet wie: »In-demselben-undeinen-Jetzt-Stattfinden«, und wenn dann frühere und spätere Ereignisse auf ein bestimmtes (so verstandenes) Jetzt gesetzt werden, dann würden ja gleichzeitig sein Ereignisse aus dem zehntausendsten Jahr (vor uns) mit heute Vorgefallenem, und dann wäre nichts mehr früher oder später als etwas anderes. Über die ihr zukommenden (Eigenschaften) seien nun so viele Schwierigkeiten herausgestellt. Was aber die Zeit nun wirklich ist, was ihr Wesen ist, das bleibt gleichermaßen unklar, einerseits aus den überlieferten (Ansichten), andrerseits aus dem, was wir gerade im Vorigen durchgegangen sind. Die einen sagen nämlich, sie sei die Bewegung des Alls, die anderen setzen sie gleich mit der Weltkugel selbst. Doch von dem Umlauf braucht auch ein Teilabschnitt eine bestimmte Zeit, und er ist noch nicht Umlauf: was man herausgegriffen hat, ist ein Teil des Umlaufs, aber nicht Umlauf. Weiter, wenn es mehrere Himmelskugeln gäbe, dann wäre ja wohl entsprechend die Zeit die Bewegung einer jeden von ihnen; so gäbe es denn viele Zeiten neben einander her. – Als Weltkugel erschien den Vertretern dieser Meinung die Zeit

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(aus dem Grund), weil einerseits »in der Zeit« alles ist und andrerseits ebenso auch »in der Weltkugel«. Aber diese Behauptung ist doch wohl zu einfältig, als daß man die damit sich ergebenden Unmöglichkeiten durchprüfen müßte. Da aber die Zeit in besonderem Maße eine Art Bewegung zu sein scheint und Wandel, so wäre dies zu prüfen: Die verändernde Bewegung eines jeden (Gegenstandes) findet statt an dem Sich-Verändernden allein oder dort, wo das in ablaufender Veränderung Befindliche selbst gerade ist; die Zeit dagegen ist in gleicher Weise sowohl überall als auch bei allen (Dingen). Weiter, Veränderung kann schneller und langsamer ablaufen, Zeit kann das nicht. »Langsam« und »schnell« werden ja gerade mit Hilfe der Zeit bestimmt: »schnell« – das in geringer (Zeit) weit Fortschreitende; »langsam« – das in langer (Zeit) wenig (Fortschreitende). Die Zeit dagegen ist nicht durch Zeit bestimmt, weder nach der Seite ihres »Wieviel« noch nach der ihres »Wie-geartet«. Daß sie also nicht mit Bewegung gleichzusetzen ist, ist offenkundig; – dabei soll für uns im Augenblick kein Unterschied bestehen zwischen den Ausdrücken »Bewegung« oder »Wandel«. – 11. Aber andrerseits, ohne Veränderung (ist sie) auch nicht: Wenn wir selbst in unserem Denken keine Veränderung vollziehen oder nicht merken, daß wir eine vollzogen haben, dann scheint uns keine Zeit vergangen zu sein, so wie ja Mythen erzählt werden von denen, die auf Sardinien bei den Heroen schlafen: Ihnen fehlt auch die Zeit, wenn sie wieder aufgewacht sind; sie verknüpfen nämlich mit dem früheren Jetzt das spätere und machen daraus ein einziges, wobei sie infolge ihrer Empfindungslosigkeit die Zeit dazwischen weglassen. Wie es also Zeit gar nicht gäbe, wenn nicht das Jetzt (immer wieder) ein verschiedenes wäre, sondern ein und dasselbe, genauso erscheint hier das Zwischenstück nicht als Zeit, da die Verschiedenheit (der Jetzte) verborgen bleibt. Wenn also der Eindruck, es vergehe keine Zeit, sich uns dann ergibt, wenn wir keine Veränderung bestimmend erfassen können, sondern



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das Bewußtsein in einem einzigen, unmittelbaren (Jetzt) zu bleiben scheint, wenn andrerseits wir (Veränderung) wahrnehmen und abgrenzend bestimmen und dann sagen, es sei Zeit vergangen, so ist offenkundig, daß ohne Bewegung und Veränderung Zeit nicht ist. Daß somit Zeit nicht gleich Bewegung, andrerseits aber auch nicht ohne Bewegung ist, leuchtet ein. Wir müssen also, da wir ja danach fragen, was die Zeit ist, von dem Punkt anfangen, daß wir die Frage aufnehmen, was an dem Bewegungsverlauf sie denn ist. Wir nehmen Bewegung und Zeit ja zugleich wahr. Ja auch, wenn Dunkelheit herrscht und wir über unseren Körper nichts erfahren, wenn jedoch in unserem Bewußtsein irgendein Vorgang abläuft, dann scheint alsbald auch zugleich ein Stück Zeit vergangen zu sein. Indessen, auch (umgekehrt): Wenn eine Zeit vergangen zu sein scheint, scheint gleichzeitig auch eine bestimmte Bewegung vor sich gegangen zu sein. Also: Entweder ist die Zeit gleich Bewegung, oder sie ist etwas an dem Bewegungsverlauf. Da sie nun aber gleich Bewegung eben nicht war, so muß sie etwas an dem Bewegungsverlauf sein. Da nun ein Bewegtes sich von etwas fort zu etwas hin bewegt und da jede (Ausdehnungs-)Größe zusammenhängend ist, so folgt (hierin) die Bewegung der Größe: Wegen der Tatsache, daß Größe immer zusammenhängend ist, ist auch Bewegungsverlauf etwas Zusammenhängendes, infolge der Bewegung aber auch die Zeit: Wie lange die Bewegung verlief, genau so viel Zeit ist anscheinend jeweils darüber vergangen. Die Bestimmungen »davor« und »danach« gelten also ursprünglich im Ortsbereich; da sind es also Unterschiede der Anordnung; indem es nun aber auch bei (Raum-)Größen das »davor« und »danach« gibt, so muß notwendigerweise auch in dem Bewegungsverlauf das »davor« und »danach« begegnen, entsprechend den (Verhältnissen) dort. Aber dann gibt es auch in der Zeit das »davor« und »danach«, auf Grund dessen, daß hier ja der eine Bereich dem anderen unter ihnen nachfolgt. Es ist aber das »davor« und »danach« bei der Bewegung (nichts anderes als), was Bewegung eben ist; allerdings dem begriff-

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lichen Sein nach ist es unterschieden davon und nicht gleich Bewegung. Aber auch die Zeit erfassen wir, indem wir Bewegungsabläufe abgrenzen, und dies tun wir mittels des »davor« und »danach«. Und wir sagen dann, daß Zeit vergangen sei, wenn wir von einem »davor« und einem »danach« bei der Bewegung Wahrnehmung gewinnen. Die Absetzung vollziehen wir dadurch, daß wir sie (die Abschnitte) immer wieder als je andere annehmen und mitten zwischen ihnen ein weiteres, von ihnen Verschiedenes (ansetzen). Wenn wir nämlich die Enden als von der Mitte verschieden begreifen und das Bewußtsein zwei Jetzte anspricht, das eine davor, das andere danach, dann sprechen wir davon, dies sei Zeit: Was nämlich begrenzt ist durch ein Jetzt, das ist offenbar Zeit. Und das soll zugrundegelegt sein. Wenn wir also das Jetzt als ein einziges wahrnehmen und nicht entweder als »davor« und »danach« beim Bewegungsablauf oder als die (eine und) selbe (Grenze) zwischen einem vorherigen und einem nachherigen (Ablauf), dann scheint keinerlei Zeit vergangen zu sein, weil ja auch keine Bewegung (ablief). Wenn dagegen ein »davor« und »danach« (wahrgenommen wird), dann nennen wir es Zeit. Denn eben das ist Zeit: Die Meßzahl von Bewegung hinsichtlich des »davor« und »danach«. Also: Nicht gleich Bewegung ist die Zeit, sondern insoweit die Bewegung Zahl an sich hat (gehört sie zu ihr). Ein Beleg dafür: Das »mehr« und »weniger« entscheiden wir mittels der Zahl, mehr oder weniger Bewegung mittels der Zeit; eine Art Zahl ist also die Zeit. Da nun die (Bestimmung) »Zahl« in zweifacher Bedeutung vorkommt – wir nennen ja sowohl das Gezählte und das Zählbare »Zahl«, wie auch das, womit wir zählen, so fällt also Zeit unter »Gezähltes«, und nicht unter »womit wir zählen«. Womit wir zählen und das Gezählte sind aber verschieden. Und wie der Bewegungsablauf je ein anderer und (wieder) anderer ist, so auch die Zeit – nur jeder gleichzeitig genommene Zeitpunkt ist derselbe; das Jetzt (bleibt) ja dasselbe Was-eseinmal-war, nur sein begriffliches Sein ist unterschieden: das



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Jetzt setzt Grenzen in die Zeit gemäß »davor« und »danach«. Das Jetzt ist in einem Sinn genommen (immer) dasselbe, in einem anderen (wieder ist es) nicht dasselbe: insofern es immer wieder an anderer (Stelle begegnet), ist es unterschieden – das war doch eben das »Jetzt-sein« an ihm –; (bezogen auf das,) was das Jetzt zu irgendeinem Zeitpunkt eben ist, ist es das Selbe. Es folgt ja nach, wie gesagt wurde, der (Raum-) Größe die Bewegung, und dieser die Zeit, wie wir behaupten. Und ähnlich wie der Punkt (verhält sich) also das Fortbewegte, an dem wir die Bewegung erkennen und das »davor« an ihr und das »danach«: Dieses »Was-es-je-einmal-ist« ist dasselbe – entweder Punkt oder Stein oder etwas anderes derart –, der bestimmenden Erklärung nach (ist es je) ein anderes, so wie ja auch die Wortverdreher annehmen wollen, »Koriskos im Lykeion« bezeichne einen anderen als »Koriskos auf dem Markt«. Auch dies (Fortbewegte) ist also durch sein Immerwoanders-Sein unterschieden. Dem Fortbewegten aber folgt (hierin) das Jetzt, so wie die Zeit der Bewegung: an dem Fortbewegten erkennen wir ja das »davor« und »danach« beim Bewegungsablauf, insofern aber dies »davor« und »danach« abgezählt werden können, besteht das Jetzt. Daher gilt auch in diesem Zusammenhange: Was, irgendwann einmal seiend, ein Jetzt ist, das ist (immer) dasselbe – (nichts anderes als) das »davor« und »danach« an der Bewegung ist es im jeweiligen Auftreten dagegen ist es verschieden – insofern nämlich das »davor« und »danach« abgezählt werden können, besteht ja das Jetzt. Und in besonderem Maße der Erkenntnis zugänglich ist dies (bestimmte Jetzt); auch Bewegung überhaupt (ist ja nur erkennbar) anhand des Bewegten, und Ortsbewegung anhand eines Sich-fort-Bewegenden; denn ein Dieses-da ist der fortbewegte Gegenstand, »Bewegung« selbst ist das nicht. Also: In einem Sinn genommen ist das Jetzt immer dasselbe, im anderen aber nicht dasselbe; und so (gilt das) ja auch (für) das Fortbewegte. Klar ist auch dies: Wenn es einerseits Zeit nicht gäbe, gäbe es auch das Jetzt nicht, wenn es andrerseits das Jetzt nicht gäbe, dann auch die Zeit nicht; denn es bestehen zusammen,

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wie das Fortbewegte und die Ortsbewegung, so auch die Zählung des Fortbewegten und die der Ortsbewegung. Diese Zählung der Fortbewegung stellt ja (nichts anderes als) die Zeit dar, das Jetzt aber, ebenso wie das Fortbewegte, ist gewissermaßen eine Einheit der Zahl. Und die Zeit ist also auf Grund des Jetzt sowohl zusammenhängend, wie sie (andrerseits) auch mittels des Jetzt durch Schnitte eingeteilt wird. Auch in diesem Punkte folgt sie der Ortsbewegung und ihrem Bewegten: auch Bewegung überhaupt und Fortbewegung sind einheitlich durch das Fortbewegte, weil das nämlich eines ist – und zwar nicht was es jeweils in irgendeinem Zeitpunkt ist – dann könnte es ja aussetzen –, sondern dem Begriffe nach; und es ist auch dieses, was den Bewegungsablauf in Vorheriges und Nachheriges einteilt. Auch es folgt (darin) irgendwie dem Punkt: auch der Punkt hält die Länge sowohl zusammen und trennt sie ebensowohl; ist er doch des einen (Stückes) Anfang, des anderen Ende. Wenn aber einer die Sache so anpacken wollte, daß er den einen (Punkt) als zweie benutzt, dann muß (bei der Bewegung) ein Stillstand eintreten, wenn derselbe Punkt Anfang und Ende sein soll. Das Jetzt ist aber auf Grund der Tatsache, daß das Sich-fort-Bewegende eben bewegt ist, je ein anderes. Es ist also die Zeit eine Anzahl, nicht als die eines und desselben Punktes, weil der Anfang und Ende darstellt, sondern eher so wie die Grenzpunkte einer Geraden – und nicht als deren Teile, erstens aus dem genannten Grund: man müßte (je) den Punkt in der Mitte als zwei (Punkte) gebrauchen, so daß sich ein Stillstand ergäbe; und sodann ist auch offenkundig, daß das Jetzt kein Teil der Zeit ist, und auch die Einteilung des Bewegungsablaufs (durch Schnitte ist das) nicht, wie ja auch der Punkt kein (Teil) der Linie (ist). Die zwei (durch Schnitte entstehenden) Linien sind dagegen Teile der einen (ursprünglichen). Insoweit nun das Jetzt Grenze ist, ist es nicht Zeit, sondern kommt an ihr nur nebenbei vor; insoweit es andererseits die Zählung leistet, 〈ist es das doch〉 ... Grenzen sind Grenzen dessen allein, dessen Grenzen sie eben sind, die Zahl dagegen (beispielsweise), die dieser Pferde hier – zehn –, die begegnet auch anderswo.



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Daß also die Zeit Zahlmoment an der Bewegung hinsichtlich des »davor« und »danach«, und daß sie zusammenhängend ist – denn sie ist bezogen auf ein Zusammenhängendes –, ist offenkundig. 12. Die kleinste Zahl, diesen Begriff im allgemeinen Sinn genommen, ist die Zwei; als die oder die Anzahl genommen, gibt es in einem Sinne wohl (eine kleinste Zahl), in anderem Sinne aber nicht; z. B.: von einer Linie gibt es der Menge nach eine kleinste Anzahl, nämlich zwei oder eine, der Größe nach gibt es eine kleinste Zahl dagegen nicht; denn jede Linie läßt sich immer noch teilen. Also in gleicher Weise auch die Zeit: Der geringste Zeit(abschnitt), der Zahl nach genommen, ist einer oder zwei, dagegen der Größe nach genommen gibt es (ein Kleinstes) nicht. Klar ist weiter auch, daß man »schnell« oder »langsam« (von der Zeit) nicht aussagen kann, dagegen »viel« und »wenig« und »lang« und »kurz« wohl. Insoweit sie zusammenhängend ist, ist sie lang oder kurz, insoweit sie Anzahl ist, viel oder wenig. Schnell oder langsam ist sie dagegen nicht; es ist ja auch keine Zahl, mittels derer wir zählen, schnell oder langsam. Und sie (die Zeit) ist überall am gleichen Zeitpunkt dieselbe; in ihrem »davor« und »danach« betrachtet ist sie jedoch nicht dieselbe, weil ja auch der Wandel, als dieser gegenwärtige, ein einheitlicher ist, hingegen der vergangene und der zukünftige (Zustand) davon verschieden, die Zeit aber ist Zahl, nicht solche, mittels derer wir zählen, sondern gezählte Anzahl, und diese wird, von »davor« zu »danach« (fortschreitend), immer eine andere; auch die jeweiligen Jetzte sind verschiedene. Die (folgende) Zahl ist eine und dieselbe: Hundert Pferde und hundert Menschen; wovon das aber Zahl war, das ist verschieden voneinander: Pferde – Menschen. Weiter, ebenso wie es möglich ist, daß ein und derselbe Bewegungsablauf immer wieder stattfindet, genauso gilt das auch für Zeitabschnitte; z. B.: Jahr oder Frühling oder Herbst. Wir messen nicht bloß Bewegung mittels Zeit, sondern auch (umgekehrt) Zeit mittels Bewegung, weil sie nämlich durch einan-

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der bestimmt werden: Die Zeit mißt den Bewegungsablauf, sie ist ja seine (Meß-)Zahl, der Bewegungsablauf seinerseits (gibt an, wieviel) Zeit (verstrichen ist). Und wir sprechen von »viel« und »wenig« Zeit, indem wir eben mittels der Bewegung messen, so wie wir ja auch mittels der zählbaren (Einheit) die Zahl (angeben), z. B. mittels »ein Pferd« die Zahl der Pferde. Mittels der Zahl können wir ja die Anzahl der Pferde bekannt machen, umgekehrt, mittels des einen Pferdes kommen wir überhaupt erst zur Zahl von Pferden. Ganz ähnlich gilt das auch für Zeit und Bewegung: Mittels der Zeit messen wir die Bewegung, mittels der Bewegung die Zeit. Und das ergibt sich aus gutem Grund so: Der (Raum-)Größe folgt nach die Bewegung, der Bewegung die Zeit, darin daß sie (alle) »so-undso-viel«, »zusammenhängend« und »teilbar« sind. Auf Grund dessen, daß die (Raum-)Größe diese Eigenschaften hat, erfahrt Bewegung diese auch, infolge der Bewegung dann auch die Zeit. Und wir messen auch die (Raum-)Größe mittels der Bewegung, und (umgekehrt) die Bewegung mittels der Größe: Wir sprechen davon, ein Weg sei lang, wenn die Reise lang ist, und von ihr sagen wir, sie sei lang, wenn der Weg so ist. Und von der Zeit (sagen wir, sie sei lang), wenn die Bewegung es ist, und von der Bewegung, wenn die Zeit. Da nun die Zeit das Maß der Bewegung und ihres Ablaufs ist, da sie weiter die Bewegung dadurch mißt, daß sie einen bestimmten Abschnitt von ihr abgrenzt, welcher dann den ganzen Ablauf ausmißt – so wie ja auch der Unterarm eine Länge durch Festlegen einer ganz bestimmten Größe, die das Ganze ausmißt, (durchläuft) –, und da für Bewegung »In-derZeit-Sein« soviel heißt wie »mittels-der-Zeit-gemessen- Werden« nach Art und Dauer – man mißt ja Bewegung und Dauer von Bewegung gleichzeitig, und das ist ja eben ihr In- der-ZeitSein, daß ihre Dauer darin gemessen wird –: so ist es also klar, daß auch für alles übrige »In-der-Zeit-Sein« dies ist, daß die Dauer davon durch die Zeit gemessen wird. Denn »In-derZeit-Sein« bedeutet entweder die eine oder die andere von zwei Möglichkeiten: Entweder Dauer während der Dauer der Zeit, oder in dem Sinne, wie man von einigem sagt, es falle



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»unter die Zahl«. Das wieder bedeutet entweder »als Teil oder Eigenschaft der Zahl«, und allgemein, daß es etwas an der Zahl ist, oder daß es davon eine Zahl gibt. Da nun aber die Zeit eine Zahl darstellt, so sind das »Jetzt« und das »Davor« und dergleichen so »in der Zeit«, wie »Einheit«, »Gerade« und »Ungerade« unter Zahl fallen – die einen Bestimmungen sind etwas an der Zahl, die anderen etwas an der Zeit die Ereignisse hingegen sind in der Zeit wie unter einer Anzahl. Wenn aber das, so werden sie von Zeit eingefaßt, so wie auch das, was unter die Zahl fallt, von Zahl (umgeben ist) und das, was an einem Ort ist, von diesem Ort (umfaßt wird). Dann ist aber auch klar, daß »In-der-Zeit- Sein« nicht bedeutet »Dauer während der Dauer der Zeit«, so wie ja auch »In-BewegungSein« und »An-einem-Ort-Sein« nicht heißt: (Dauer) solange Bewegung und Ort sind. Hätte das »in etwas« diese Bedeutung, dann könnten alle Dinge in allem Beliebigen sein, z. B. auch das Weltgebäude in einem Hirsekorn; denn während der Dauer des Hirsekorns ist ja auch das Himmelsgewölbe. Aber das trifft ja nur nebenbei zu, jenes andere aber muß notwendig nachfolgen: Dem in der Zeit Befindlichen, daß es eine Zeit gibt, solange es ist; dem in Bewegung Befindlichen, daß es zu der Zeit Bewegung gibt. Da also »in der Zeit« das gleiche Begriffsverhältnis bezeichnet wie »unter der Zahl«, so wird immer eine Zeit ergriffen werden können, die größer ist, als ein jedes in der Zeit Befindliche (dauert). Daher muß notwendig alles in der Zeit Befindliche von Zeit eingefaßt werden, wie auch alles übrige, was in etwas ist, z. B. was an einem Ort ist, von diesem Ort. Und folglich widerfährt ihm etwas durch die Zeit, wie wir ja auch zu sagen gewohnt sind: »die Zeit läßt es schwinden«, und »alles altert mit der Zeit« und »man vergißt im Laufe der Zeit«, aber (wir sagen) nicht: »es hat gelernt (infolge der Zeit)« oder »es ist jung geworden« oder »schön geworden«. Denn an und für sich genommen ist die Zeit Urheberin eher von Verfall; ist sie doch das Zahl(moment) an Bewegung, verändernde Bewegung aber bringt das Bestehende fort zum Umbruch. – Somit ist klar, daß das Immerseiende, insofern es immerseiend ist, nicht in der Zeit ist: es wird ja

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nicht von Zeit eingefaßt, und es wird nicht die Dauer seines Seins von der Zeit gemessen. Beleg dafür ist, daß ihm nichts durch die Zeit widerfährt, da es ja nicht in der Zeit ist. – Da die Zeit Maß von Bewegung ist, so wird sie auch von Ruhe das Maß sein: jede Ruhe findet statt in der Zeit. Es gilt nicht die Entsprechung: Wie das in Bewegung Befindliche notwendig sich bewegen muß, so auch das in der Zeit Befindliche; denn Zeit ist nicht gleich Bewegung, sondern sie ist die Zahl von Bewegung, innerhalb dieser Anzahl von Bewegung kann auch das Ruhende sich befinden. Nicht jedes Unbewegliche ruht nämlich, sondern nur (die Art von ihm), die, von Natur aus zwar zur Bewegung ausgestattet, (gegenwärtig) einen Zugang zu Bewegung nicht hat – so ist es in den früheren Ausführungen schon gesagt. – »Unter eine Zahl fallen« bedeutet, daß es eine Anzahl dieses Gegenstandes gibt und daß sein Vorkommen gemessen wird durch die Zahl, unter die er fällt; ist er also in der Zeit, dann (wird er eben) von der Zeit (gemessen). Die Zeit wird aber das Bewegte und das Ruhende (nur) messen, insofern das eine bewegt, das andere ruhend ist; sie mißt ja dessen Bewegung und Ruhe nach ihrer Größe. Das Bewegte ist also nicht ganz allgemein meßbar durch Zeit, insofern es überhaupt ein »so-und-so-viel« ist, sondern nur insofern seine Bewegung ein »so-und-so-viel« ist. Was also weder der Bewegung noch der Ruhe unterliegt, ist nicht in der Zeit. In-derZeit-Sein heißt: Durch-Zeit-gemessen-Werden, die Zeit aber ist Maß von Bewegung und Ruhe. Offenkundig ist somit auch, daß nicht der gesamte Bereich »nichtseiend« unter die Zeit fällt, z. B. was gar nicht anders (als nichtseiend) sein kann, wie etwa der Sachverhalt, daß die Diagonale mit der Seite in gleichen Einheiten meßbar sein soll. Überhaupt, wenn die Zeit an und für sich Maß nur von Bewegung ist, von allem übrigen dann bloß in nebenbei zutreffender Bedeutung, so ist es klar, daß bei allen den Dingen, deren Dauer sie mißt, ihr Vorkommen zwischen Ruhen und Bewegtwerden sich abspielt. Alles somit, was vergänglich ist und entstehen kann, und überhaupt, was zu einer Zeit ist, zu einer anderen nicht, muß notwendig in der Zeit sein – es gibt



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immer ein größeres Zeitstück, welches ihre Dauer übertreffen wird und auch die Dauer des Zeitraums, der sie mißt –; bei dem, was nicht ist, (muß man einteilen:) Was davon die Zeit umfaßt, das war entweder – so wie Homer einmal war oder es wird sein, so wie etwas noch Bevorstehendes, je nachdem auf welcher Seite (die Zeit es) umfaßt; und wenn (sie es) auf beiden (tut), dann (gilt eben) beides [es war und wird sein]. Was aber die Zeit nie und nirgends umfaßt, das war weder, noch ist es, noch wird es sein. Solches gehört zu der Art von Nichtseiendem, deren Gegenteil immer ist, z. B. daß die Diagonale (mit der Seite) nicht in gleichen Einheiten meßbar ist, das gilt immer; und so etwas ist nicht in der Zeit. Also auch nicht die Behauptung, sie sei in gleichen Einheiten meßbar: die gilt aus dem Grunde niemals, weil sie das Gegenteil besagt von der, die immer gilt. Wovon dagegen das Gegenteil nicht immer gilt, das kann sowohl sein als auch nicht (sein), und so gibt es Werden und Vergehen davon. 13. Das Jetzt bildet den Zusammenhang von Zeit, wie gesagt wurde; es hält ja die vergangene und zukünftige Zeit zusammen. Und es ist auch die Grenze von Zeit, stellt es doch des einen Anfang, des anderen Ende dar, nur ist dies nicht so sichtbar wie bei dem Punkt, der ja bleibt. Es teilt der Möglichkeit nach; und sofern es diese Eigenschaft zeigt, ist das Jetzt immer ein anderes, insofern es dagegen zusammenknüpft, ist es immer dasselbe, – wie bei den mathematischen Linien: der je angenommene Punkt ist für das Denken nicht derselbe; für den, der die Linie teilt, ist es immer wieder ein anderer Punkt; insofern es aber ein einziger Punkt ist, ist es überall derselbe So auch das Jetzt: Einerseits ist es Teilung der Zeit der Möglichkeit nach, andrerseits ist es Grenze beider (Stücke) und ihre Einheit. Sie sind dasselbe, und sie beziehen sich auf dasselbe, die Teilung und die Einung, ihrem begrifflichen Inhalt nach sind sie freilich nicht dasselbe. Das ist der eine Wortgebrauch von »Jetzt«. Ein anderer liegt dann vor, wenn eine diesem (Jetzt) benachbarte Zeitspanne vorliegt: »Er wird jetzt (gleich) kommen«, (so sagt man) weil er

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heute kommen wird. »Er ist jetzt (gerade) gekommen«, – weil er heute angelangt ist. Dagegen, die Ereignisse vor Ilion sind nicht gerade eben erst vergangen, und auch die (große) Überschwemmung (wird) nicht jetzt (sofort stattfinden). Trotzdem bildet die Zeit einen Zusammenhang bis zu diesen (Ereignissen), nur (nennt man sie nicht »eben gleich«), weil sie (uns) nicht naheliegen. Der Ausdruck »einmal« meint eine Zeit, die abgegrenzt ist von dem Jetzt in seinem früheren Sinn, z. B.: »Einmal wurde Troja genommen« und »einmal wird es die große Überschwemmung geben«; dies muß gegen das Jetzt (der Gegenwart) abgegrenzt sein: Es wird also noch von diesem Augenblick an ein so und so großer Zeitabschnitt vergehen bis zu jenem (Ereignis), und es war schon (so und so viel Zeit) bis zu dem vergangenen hinauf. Wenn aber keine Zeit ist, von der (man) nicht (sagen kann:) »einmal«, dann wäre ja wohl jeder Zeitabschnitt begrenzt. Geht es also einmal mit ihr zu Ende? Oder nicht, wenn es doch Bewegung immer gibt? Ist sie also eine (je) andere, oder (kehrt) die gleiche (Zeit) oftmals wieder? Klar ist: Wie die Bewegung, so auch die Zeit; wenn nämlich ein und dieselbe (Bewegung) einmal wiederkehrt, so wird auch die Zeit eine und dieselbe sein, andernfalls jedoch nicht. Da das Jetzt Ende und Anfang von Zeit (darstellt), nur nicht von dem gleichen (Stück), sondern des Vergangenen Ende, Anfang des Bevorstehenden, so mag wohl, wie der Kreis an der gleichen Stelle irgendwie Gekrümmtes und Hohles (vereint), so auch die Zeit sich stets als am Anfang und am Ende verhalten. Deswegen erscheint sie als je verschieden; das Jetzt ist ja nicht Anfang und Ende des gleichen (Stücks); sonst wäre es ja zugleich und in gleicher Hinsicht das Gegenteil von sich selbst. Und so hört (die Zeit) also nie auf; sie ist ja immer (wieder) am Anfang. Der Ausdruck »gerade« meint (1) den Teil der bevorstehenden Zeit, der dem gegenwärtigen, unteilbaren Jetzt benachbart ist: – »Wann gehst du?« – »Gerade.«, – weil die Zeit nahe ist, in der er es tun wird; (2) auch von der vergangenen Zeit das, was vom Jetzt nicht weit weg ist: – »Wann gehst du?« –



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»Ich bin gerade gegangen.« – Den Satz dagegen »Ilion ist gerade erobert worden« können wir nicht aussprechen, weil das zu weit weg ist vom Jetzt. Auch »eben« meint den dem gegenwärtigen Jetzt naheliegenden Teil der vergangenen Zeit: – »Wann bist du gekommen?« – »Eben.«, – wenn diese Zeit dem bestehenden Jetzt naheliegt. »Vormals« dagegen (bezeichnet) weit Entferntes. »Plötzlich« (meint) solches, das infolge seiner Kürze in unwahrnehmbar kleiner Zeit heraustritt. Dabei ist jeder Wandel von Natur aus so ein Herausbringendes. Es ist ja in der Zeit, daß alles entsteht und vergeht; deshalb haben einige sie als das Allerweiseste bezeichnet, der Pythagoreer Paron dagegen als das Unwissendste, weil man in ihr ans Vergessen kommt, und er hatte damit eher recht. Es ist somit klar, daß sie an und für sich eher von Vergehen die Ursache sein muß als von Entstehen, wie ja auch früher schon gesagt wurde – der bloße Wandel für sich ist etwas (aus der Form) Herausbringendes –, von Werden und Sein dagegen (ist sie Ursache) nur nebenbei zutreffend. Hinreichendes Anzeichen dafür ist die Tatsache, daß so ziemlich nichts zustandekommt ohne Sich-Rühren und Handeln, dagegen Verkommen geschieht auch ohne Rührigsein. Und diese Art Verfall gerade nennen wir gern »Zahn der Zeit«. Indessen, es ist gar nicht die Zeit, die das macht, sondern es ergibt sich nur so, daß auch dieser Wandel in der Zeit stattfindet. Daß es also so etwas wie Zeit gibt und was sie ist, weiter, in wievielen Bedeutungen von »Jetzt« die Rede ist, und was »einmal«, »eben«, »gerade«, »vormals« und »plötzlich« bedeuten: darüber ist gesprochen. 14. Nachdem dies von uns so festgestellt ist, ist offenkundig, daß jeder Wandel und alles sich Verändernde in der Zeit ist. Denn »schneller« und »langsamer« sind von jeder Form von Wandel aussagbar: in allen (Bereichen) ist es so erfahrbar. Mit »Sich-schneller-Bewegen« meine ich dies: Was bei gleicher Entfernung und gleichförmiger Bewegung früher zu dem zugrundegelegten (Ende) sich wandelt – z.B. bei der

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Ortsbewegung: Wenn beide sich auf der Kreisbahn bewegen oder auf der Geraden; ähnlich bei den anderen (Bewegungsformen). Aber nun fällt doch »früher« unter »Zeit«: »früher« und »später« sagen wir doch gemäß dem Abstand vom Jetzt, das Jetzt ist Grenze von Vergangenem und Bevorstehendem. Da die Jetzte also zur Zeit gehören, werden auch »früher« und »später« unter sie fallen müssen: wozu das Jetzt gehört, dazu gehört auch die Entfernung vom Jetzt. – Im übrigen hat »früher«, von vergangener Zeit ausgesagt, eine gegensätzliche Bedeutung zu seiner Aussage von zukünftiger: Im Bereich des Vergangenen nennen wir »früher«, was vom Jetzt weiter entfernt ist, und »später« das ihm Nähere; in der zukünftigen Zeit ist »früher« das (dem Jetzt) Nähere, »später« das Fernere. – Da also »früher« unter »Zeit« fällt und da jeder Veränderung das »früher« (und »später«) folgt, so ist klar, daß jeder Wandel und jede Veränderung in der Zeit stattfindet. Der Untersuchung wert sind auch (die Fragen), wie sich denn die Zeit zum Bewußtsein verhält und weshalb die Zeit allgegenwärtig zu sein scheint, sowohl zu Land wie auf dem Meer und am Himmel. Etwa, weil sie eine Eigenschaft oder Verhältnis von Bewegung ist, wo sie doch eine Anzahl ist, und diese alle sind der Bewegung zugänglich – sie sind ja alle an einem Ort – und weil die Zeit und die Bewegung sowohl nach Möglichkeit wie in tatsächlicher Wirklichkeit zugleich (auftreten)? Ob andrerseits, wenn es ein Bewußtsein (davon) nicht gäbe, die Zeit vorhanden wäre oder nicht, das könnte man wohl fragen: wenn das Dasein von jemand, der zählen kann, ausgeschlossen wäre, dann könnte auch unmöglich etwas sein, das gezählt werden kann, also dann klarerweise auch nicht Zahl; Zahl ist doch entweder das Gezählte oder das Zählbare. Wenn aber nichts anderes von Natur begabt ist zu zählen als das Bewußtsein (des Menschen), und von diesem (besonders) das Verstandesvermögen, dann ist es unmöglich, daß es Zeit gibt, wenn es Bewußtsein (davon) nicht gibt, außer etwa als das, was als Seiendes der Zeit zugrundeliegt, etwa wenn es möglich ist, daß es VeränderungsVorgänge ohne Bewußtsein (davon) gibt. Das



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»früher-und-später« ist (wohl Bestimmungsstück) an der Veränderung, Zeit dagegen ist dies (erst), insoweit es zählbar ist. Nun könnte man auch noch die Frage erörtern, von welcher Veränderungsform die Zeit Zahl ist. Etwa von jeder beliebigen? – Es erfolgt ja Entstehen in der Zeit und Vergehen und Wachsen und Eigenschaftsveränderung und Ortsbewegung. Insoweit es also Bewegung ist, insofern gibt es von jeder Veränderungsart Zahl. Deshalb: Es gibt ganz allgemein von zusammenhängender Bewegung Zahl, nicht von einer bestimmten. Aber: Es kommt vor, daß sich jetzt gerade auch Anderes verändert hat; jede dieser beiden Bewegungen hätte also Zahl bei sich. Dann gibt es auch eine verschiedene Zeit, und dann wären zwei gleichberechtigte Zeiten zugleich da. – Oder doch nicht? Es ist doch eine und dieselbe Zeit, die da gleichlang und gleichzeitig ist. Der Art nach sind es sogar nicht gleichzeitige (Zeitabschnitte). Hätte man da etwa Hunde und Pferde, beidesmal sieben, so ist das dieselbe Zahl: genau so gibt es auch von den gleichzeitig vor sich gehenden Veränderungsabläufen (eine und) dieselbe Zeit, nur ist die eine Form davon vielleicht schnell, die andere nicht, und das eine ist Ortsbewegung, das andere Eigenschaftsveränderung. Dennoch ist die Zeit die gleiche, wenn ihre Zahl gleich ist und (sie) gleichzeitig (abläuft), die der Eigenschaftsveränderung und die der Ortsbewegung. Deswegen: Die Veränderungsformen sind verschieden und unabhängig von einander, die Zeit aber ist überall dieselbe, weil auch die Zahl der gleichlangen und gleichzeitig ablaufenden (Bewegungen) überall eine und dieselbe ist. Da aber 〈die ursprünglichste〉 (Form von Veränderung) die Ortsbewegung ist, und von dieser wieder die Kreisbewegung, und da weiter ein jedes gezählt wird mittels einer ihm stammverwandten Einheit, so die Zahleneinsen durch »eins«, Pferde durch »Pferd«, so dann auch die Zeit durch ein bestimmtes, festgelegtes Zeitstück, da aber gemessen wird, wie wir sagten, die Zeit einerseits mittels Bewegung, die Bewegung andrerseits mittels Zeit – das bedeutet: Durch ein mittels Zeit abgegrenztes Bewegungsstück wird von der Bewegung ihr »wieviel« gemessen, und von der Zeit (dann auch) –: Wenn nun das

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ursprüngliche Maß von allem ihm Stammverwandten (gelten soll), dann ist die Kreisbewegung, die gleichmäßige, am allermeisten Maß, weil die Zahl dieser die erkennbarste ist. Eigenschaftsveränderung, Wachsen und Entstehen sind alle nicht gleichmäßig, Orsbewegung jedoch ist es. Aus diesem Grund entsteht auch der Schein, die Zeit sei die Bewegung der (Welt-)Kugel, weil nämlich an dieser gemessen werden die übrigen Veränderungen, und auch die Zeit selbst mittels dieser Bewegung. Daher ergeben sich auch bekannte geläufige Redeweisen: Man sagt, ein Kreis seien die Ereignisse des Menschenlebens, und von allem übrigen, was natürliche Veränderung an sich hat und Werden und Vergehen, (sagt man es auch). Das (kommt daher), weil dies alles durch die Zeit geschieden wird und nimmt Ende und Anfang, als ob (es sich) wie in einem Umlauf (verhielte). Auch die Zeit selbst scheint ja eine Art Kreis zu sein. Wiederum entsteht dieser Schein dadurch, daß sie von derartiger Bewegung das Maß ist und (andrerseits) selbst von dieser gemessen wird. Also, zu sagen, die dem Werden unterliegenden Dinge stellten einen Kreis(lauf) dar, bedeutet (das gleiche wie) zu sagen, es gebe eine Art Kreis(lauf) der Zeit. Das (kommt daher), weil sie durch die Kreisbewegung gemessen wird. Neben dem Maß erscheint ja nichts anderes an dem Gemessenen mit, außer dem, Maß(einheiten) darstellt. – Es ist aber zu Recht behauptet, daß die Zahl dieselbe ist, die von Schafen und Hunden, wenn beide (Anzahlen) gleichgroß sind; es ist jedoch nicht dieselbe Zehnheit, d. h. es sind nicht dieselben zehn; so sind es ja auch nicht dieselben Dreiecke, das gleichseitige und das unregelmäßige, und doch sind sie dieselbe Figur, weil sie beide Dreiecke sind. »Dasselbe« wird ja genannt (etwas mit etwas), von dem es sich nicht durch einen Unterschied unterscheidet, aber nicht (mit etwas), von dem es sich unterscheidet, z.B.: Dreieck unterscheidet sich von Dreieck in einem ‹Dreiecks-› Unterschied, also sind es verschiedene Dreiecke. Dagegen, zu »Figur« besteht kein Unterschied, sondern (dies liegt) innerhalb einer und derselben Einteilung: »Figur« ist nämlich einesteils ein solches: Kreis, andernteils



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ein solches: Dreieck; davon aber ist das eine (Teilstück) ein solches: gleichseitig, das andere ein solches: unregelmäßig. Die Figur also ist die gleiche, u. z. »Dreieck«, als Dreieck aber sind sie nicht dasselbe. Und so also ist auch eine Zahl dieselbe – denn die Anzahl davon unterscheidet sich nicht aufgrund eines Zahl-Unterschiedes –, die Zehnheit dagegen ist nicht dasselbe: Das, wovon sie ausgesagt wird, unterscheidet sich, – einmal Hunde, einmal Pferde. Über Zeit an ihr selbst wie auch über das, was in der Untersuchung mit ihr zusammenhängt, ist somit gesprochen.

BUCH V

1. Alles, was sich wandelt, wandelt sich entweder (1) in nebenbei zutreffender Bedeutung – z. B. kann man sagen: »Etwas Gebildetes schreitet aus«, weil eben etwas ausschreitet, dem es nebenbei auch zutrifft, gebildet zu sein; – oder (2) auf Grund dessen, daß etwas an ihm sich wandelt, sagt man einfach: »es wandelt sich« – z. B. was man so (vermittelt) über Teile aussagt: »Der Körper gesundet«, weil das Auge oder die Brust (dies tut), das aber sind eben Teile des Körperganzen; – es gibt aber (3) auch solches, was weder in nebenbei zutreffender Bedeutung sich verändert noch dadurch, daß eines von seinen (Stücken das tut), sondern dadurch, daß es selbst in unmittelbarem Sinn in Veränderung ist. Das ist das in eigentlicher Bedeutung Veränderbare, und zwar Verschiedenes nach verschiedener Veränderungsart, z. B. eigenschaftsveränderlich, – und von der Eigenschaftsveränderung (gibt es wieder), was den Gesundheitszustand ändern kann und – davon verschieden – was den Wärmezustand ändern kann. Bezüglich dessen, was da Veränderung bewirkt, ist es genau so: Eines setzt in nebenbei zutreffender Bedeutung Veränderung in Gang, ein anderes (vermittelt) über Teil, indem nämlich eins seiner (zugehörigen Stücke dies tut), wieder eins an sich selbst in unmittelbarer Bedeutung, z. B.: »Der Arzt übt ärztliche Kunst aus«, und »die Hand haut zu«. Also: Eines ist das eigentlich in Bewegung Setzende, ein anderes das in Bewegung Gesetzte, – außerdem (gibt es noch) das »in welchem« (dabei), die Zeit, und neben all dem noch das »aus welchem« und das »wozuhin«: – Jede Veränderung geht von etwas aus und zu etwas hin; zu unterscheiden sind also das im eigentlichen Sinn Veränderte, das »woraufhin-die-Veränderung-stattfindet« und ihr »woher«, z. B. »Holz«, »Warm«, »Kalt«: Eins davon ist das »was«, eins das »zu was«, eins das »aus was«. Klar, daß Veränderung an dem Holz (stattfindet),

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136 Physik

nicht an seiner Zustandsbestimmung: so etwas wie »Bestimmung«, »Ort« oder »so-und-so-viel« setzt weder in Veränderung noch wird es verändert, stattdessen, es gibt Veränderndes, Verändertes und »zu was« der Veränderung; der (vollzogene) Wechsel erhält ja seinen Namen mehr nach dem »zu was« als nach dem »aus was«: Vergehen ist (bestimmt als) Wechsel zum Nichtsein hin, – obschon doch das Vergehende aus einem Seienden wechselt; (ebenso ist) Werden (ein Wechsel) zum Sein, obschon (es erfolgt) aus Nichtseiendem. Was Veränderung ist, darüber ist früher gesprochen. Die Formen dagegen und die Zustände und der Ort, worauf sich das Veränderte zubewegt, unterliegen keiner Veränderung, z. B. »Wissen«, »Wärme«. Nun könnte man die schwierige Frage aufwerfen, ob Zustände Veränderungsweisen sind, – Weißfarbigkeit (ist etwa so ein) Zustand. Dann würde es also geben einen Wandel zur Veränderung hin. Aber es ist doch wohl nicht »Weißfarbigkeit« eine Veränderung, sondern »Weißfärbung«. Auch für sie trifft zu (die Unterscheidung nach) »nebenbei zutreffend« und »vermittelt über Teil«, d. h. über ein anderes, und »in eigentlicher Bedeutung«, also nicht über anderes, – z. B. ein Weißwerdendes wandelt sich einerseits nebenbei (etwa) in ein zur Kenntnis Genommenes – Zur-Kenntnis-genommen-werden trifft ja für Farbe nur nebenbei zu –, andrerseits zu »Farbe« hin (wandelt es sich über die Teilvermittlung), weil »weiß« Teil ist von »Farbe« – (so sagt man ja) auch, »nach Europa« (wenn einer etwa aus Asien nach Athen kommt), weil »Athen« Teil ist von »Europa« –, schließlich in die »weiße Farbe« (wandelt es sich) in eigentlichem Sinn. In welchem Sinn also (etwas) an ihm selbst sich verändert, in welchem nur nebenbei zutreffend, und in welchem vermittelt über ein anderes, in welchem dadurch, daß es selbst unmittelbar (dies tut), und zwar sowohl auf seiten des Verändernden wie auf seiten des Veränderten, ist klar; und auch, daß Veränderung (sich abspielt) nicht an der Formbestimmtheit, sondern an dem in tatsächlicher Wirklichkeit Veränderten und Veränderbaren.



Fünftes Buch ∙ Kapitel 1 137

Der nur nebenbei zutreffende Wandel soll im Folgenden beiseite bleiben: er ist überall da und immer und bei allem. Der (Wandel) in nicht nebenbei zutreffender Bedeutung (kommt) nicht an allem (vor), sondern nur an Gegenteiligem, deren Mittelzuständen und überhaupt bei Widerspruch; zuverlässige Bestätigung dafür (holt man sich) durch Heranführung aus der Erfahrung. Aus dem Mittelzustand findet Wechsel statt: man benutzt ihn dabei als einen Gegensatz zu beiden Seiten hin, denn der Mittelzustand hat irgendwie (beide) Außenzustände in sich; daher spricht man ihn im Verhältnis zu ihnen und sie im Verhältnis zu ihm auch als gegensätzlich aus, z. B.: Der Mittelton ist hoch im Verhältnis zum Grundton und tief im Verhältnis zum Oberton; und Grau ist weiß im Verhältnis zu Schwarz und schwarz im Verhältnis zu Weiß. Da jede Umwandlung erfolgt aus etwas zu etwas hin – dies klärt schon der Name auf: »um einander« (wandelt sich da) etwas, und eins stellt früheren, eins späteren Zustand klar –, so dürfte also das Sich-Wandelnde sich wandeln auf vierfache Weise: Entweder (1) aus Zugrundeliegendem in Zugrundeliegendes, oder (2) aus Zugrundeliegendem in Nicht-Zugrundeliegendes, oder (3) aus Nicht-Zugrundeliegendem in Zugrundeliegendes, oder (4) aus Nicht-Zugrundeliegendem in Nicht-Zugrundeliegendes; – mit »zugrundeliegend« meine ich, was durch einen Aussagesatz zum Verständnis gebracht wird. Somit (ergibt sich) notwendig aus dem Gesagten, daß es drei Formen von Wandel gibt: (1) Aus Zugrundeliegendem in Zugrundeliegendes, (2) aus Zugrundeliegendem in NichtZugrundeliegendes, und (3) aus Nicht-Zugrundeliegendem in Zugrundeliegendes. Denn die (Weise) »aus Nicht-Zugrundeliegendem in Nicht-Zugrundeliegendes« ist kein Wandel, weil sie nicht über ein Gegensatzverhältnis läuft: weder Gegenteil noch Widerspruch drückt sie aus. (3) Die (Weise) »aus Nicht-Zugrundeliegendem in Zugrundeliegendes«, ein Wandel über Widerspruch, das ist Werden, und zwar das ohne weitere Bestimmung (ist) einfachhin (Entstehen), das andere ist bestimmtes (Werden) von etwas, z. B.: Das (Werden) von Nicht-Weiß zu Weiß ist ein Werden dessen,

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andrerseits, das (Werden) aus Nichtseiendem einfachhin zu Sein ist Werden schlechthin, gemäß dessen man einfachhin von »Entstehen« redet und nicht von »Etwas-werden«. (2) Die (Weise) »aus Zugrundeliegendem in Nicht-Zugrundeliegendes« (ist) Vergehen, einfachhin das eines seienden Gegenstandes zum Nichtsein, bestimmt das hinüber zur entgegengesetzten Verneinung, – wie bei »Werden« schon gesagt. Da nun »nichtseiend« in mehreren Bedeutungen ausgesagt wird, und da weder die (Bedeutung von ihm, die) über Zusammensetzung und Trennung (im aussagenden Satz sich ergibt), sich verändern kann noch die »nach Möglichkeit (seiend)«, welches dem einfach, tatsächlich Seienden entgegengesetzt ist – zwar, »nicht-weiß« oder »nicht-gut« können doch in nebenbei zutreffendem Sinn sich verändern, denn es könnte etwa das »Nicht-Weiße« ein Mensch sein, – ein einfachhin »nichtdieses« (kann das) unter gar keinen Umständen –: so ist es unmöglich, daß »nichtseiend« Veränderung an sich nimmt; – gilt aber das, so kann auch Entstehen keine Form von Veränderung sein; denn es entsteht ja ein Nichtseiendes; und wenn es auch noch so sehr in nebenbei zutreffender Bedeutung »wird«, so bleibt es doch wahr zu sagen, daß »nichtseiend« auf Werdendes einfachhin zutrifft; – und für Ruhezustand ist es ähnlich. Diese Mißlichkeit ergibt sich nun [bei dem Fall, daß Nichtseiendes in Bewegung geraten muß], und auch (noch eine), wenn alles Bewegte an einem Ort sein muß, Nichtseiendes aber nicht an einem Ort ist; (es kann aber gar nicht an einem Ort sein,) denn dann wäre es ja irgendwo. Und auch Untergang ist somit keine Form von Veränderung; denn Gegensatz zu »Veränderung« ist entweder »Veränderung« (scil. in entgegengesetzte Richtung) oder »Ruhezustand«, – »Untergang« ist aber zu »Entstehung« gegensätzlich. Da nun aber jede Veränderungsform ein Wandel ist und es von Wandel die drei genannten (Formen) gibt, und da nun aber davon die Formen in Richtung auf Entstehen und Untergang keine Formen von Veränderung sind, diese hingegen die (sind, die sich) im Feld von Widerspruch (abspielen), so gilt notwendig: Der Wandel aus einem Zugrundeliegenden zu ei-



Fünftes Buch ∙ Kapitel 2 139

nem Zugrundeliegenden (1) ist allein Veränderung. »Zugrundeliegend« (ist dabei bestimmt) entweder als Gegenteiliges oder deren Zwischenzustand – auch »nichtvorhandene Bestimmung« soll hier als Gegenteil gelten – und wird durch einen Aussagesatz zum Verständnis gebracht, (Beispiele:) »nackt«, »zahnlos«, »schwarz«. Wenn nun die Weisen der Aussage eingeteilt sind nach Wesen, Beschaffenheit, dem »wo«, [»wann«], dem »im-Verhältnis-zu ...«, dem »wieviel« und dem »tun-oder-erfahren«, so sind es notwendig drei Formen von Veränderung: (1) Die des Wiebeschaffen; (2) die des Wieviel; (3) die nach dem Ort. 2. Das seiende Wesen selbst betreffend gibt es Veränderung nicht, auf Grund der Tatsache, daß nichts unter dem, was es gibt, einem Wesen entgegengesetzt ist. Und auch von dem »imVerhältnis-zu ...« (gibt es Veränderung) nicht; es ist ja möglich, wenn eine Seite sich ändert, daß dann die andere 〈wahr ist und nicht–〉 wahr ist, die sich in nichts geändert hat, so daß also deren Veränderung nur nebenbei zutrifft. Also auch von dem »Tätigen-und-Erfahrenden« oder Veränderten-und-Verändernden (gibt es) keine, weil es eben eine Veränderung der Veränderung und eine Entstehung des Entstehens, und allgemein, einen Wandel des Wandels nicht gibt. Zuerst einmal, auf zweierlei Weise wäre es möglich, daß es Veränderung der Veränderung gibt: Entweder (1) als die an einem Zugrundeliegenden, z. B. so wie »ein Mensch verändert sich«, weil er sich etwa aus »weiß« zu »schwarz« wandelt. Ja, soll denn etwa so auch »Veränderung« warmwerden, sich abkühlen, den Ort tauschen, wachsen oder schwinden? Das ist ja unmöglich: zu den Dingen, die als Zugrundeliegendes vorkommen, gehört »Wandel« nicht. Oder (2), indem ein anderes, Zugrundeliegendes aus »Wandel« übergeht zu einer anderen Bestimmungsform [...]. Aber auch das ist nicht möglich, außer im nebenbei zutreffenden Sinn: Veränderung selbst ist ja schon so ein Wandel aus einer Bestimmungsform hin zu einer anderen, 〈z. B. (Wandel) eines Menschen aus Krankheit zu Gesundheit〉. – Und bei Entstehung und Untergang ist es

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genau so, nur daß die beiden so auf ihre Entgegensetzung abzielen, sie aber, die Veränderung so. Dann wandelt sich ja gleichzeitig (zweierlei): (Mensch) aus Gesundheit zu Krankheit, und (Wandel) aus eben dieser Wandlungsform selbst zu einer anderen. So ist denn klar: Sobald einer krank geworden ist, ist auch schon ein Umschlag eingetreten in irgendeine beliebige (Bestimmungsform) – möglich etwa: Ruhezustand –, und weiterhin nicht in die je beliebig auftretende, auch sie wird ja ein »aus-etwas-zu-etwas-anderem-hin« sein, so daß es also die entgegengesetzte sein wird, Gesundung. Aber im Sinne des Nebenbei-Zutreffens (geht es doch): Z.B. tritt Wandel ein von Erinnerung zu Vergessen, weil das, dem dies zutrifft, dem Wandel unterliegt, mal zum Gewußtwerden hin, mal zum Vergessenwerden. Sodann wird man ins Unendliche geraten, wenn es Wandel des Wandels gibt und Entstehung des Entstehens: Notwendig muß ja auch die Vorform da sein, wenn die spätere sein soll, z. B. wenn »Entstehung einfachhin« einmal entstehen würde, so müßte auch das, was zu ihr werden sollte, entstehen, mit der Folge, daß »Entstehendes einfachhin« noch nicht war, aber etwas »entstehendes Entstehendes« schon; und wieder, auch dies müßte irgendwann einmal entstehen, mit der Folge, daß dann das »entstehende Entstehende« noch nicht war (usf.). Da es nun aber bei unendlichen Reihen ein Erstes nicht gibt, so wird es dies Erste (beim Entstehen von Wandel) auch nicht geben, mit der Folge, daß auch das daran Anschließende nicht (in Gang kommt). Danach könnte also überhaupt nichts entstehen noch sich verändern noch sich wandeln. Weiter, es ist ein und derselbe Gegenstand, an dem Veränderung in die entgegengesetzte Richtung vor sich geht – und darüber hinaus Ruhezustand auch noch (eintreten kann) – und Entstehen und Untergang, mit der Folge, daß das »entstehende Entstehen«, sobald es entstehend geworden ist, dann dem Untergang entgegengeht; das kann es ja aber weder gleich als Entstehendes noch später: denn, was da untergehen soll, muß doch zunächst erst einmal sein!



Fünftes Buch ∙ Kapitel 2 141

Weiter, es muß ein Stoff zugrundeliegen dem, was da entsteht und sich wandelt. Welcher soll das hier nun sein: Wie das, was Eigenschaften verändern kann, ein Körper ist oder eine Gesinnung, so (fragt sich:) Was ist das, was zu Veränderung oder Entstehung wird? Und andrerseits: Was ist das, zu dem hin sie sich verändern? Denn dies muß doch sein: Veränderung oder Entstehung dessen, aus diesem, zu diesem hin. Zusätzlich auch noch: Wie soll das denn gehen? Die Entstehung von Kenntnis ist ja noch nicht Kenntnis, also auch die Entstehung von Werden noch kein Werden, auch nicht die bestimmte (Entstehung) eines Bestimmten. Weiter, wenn es drei Arten von Veränderung gibt, dann muß sowohl das zugrundeliegende Naturding wie auch das »Wohin« der Veränderung etwas von diesem sein, z. B. »Ortsbewegung wechselt die Eigenschaft« oder »bewegt sich fort«. Kurz und gut, da alles Sichverändernde sich verändert auf dreierlei Weise, entweder (1) in nebenbei zutreffender Bedeutung, oder (2) dadurch, daß ein Teil von ihm (dies tut), oder (3) an ihm selbst, so könnte nur im nebenbei zutreffenden Sinn Wandel sich wandeln, wie wenn etwa ein Gesundender (nebenbei) liefe oder lernte. Aber diesen (Wandel) in nebenbei zutreffendem Sinn haben wir längst beiseite gestellt. Da es aber weder am Wesen noch am »im-Verhältnis-zu ...« noch an dem »Tun-und-Leiden« (Veränderung gibt), so bleibt übrig, daß es im Bereich des »So-und-so-beschaffen« und des »So-und-so-viel« und des »Dort-und-dort« Veränderung allein geben kann: in jedem dieser (Bereiche) gibt es Entgegensetzung. Die (Veränderung) im Bereich des »So-und-so-beschaffen« sei: Eigenschaftsveränderung; diese Allgemeinbezeichnung ist ja festgemacht. Mit »so-und-so-beschaffen« meine ich nicht das, (was) innerhalb von »Wesen« (auftaucht) – auch »Unterschied« ist ja eine Beschaffenheit –, sondern das, was (einem Gegenstand) widerfahren kann, wonach man (von ihm) sagt, ihm widerfahre etwas, oder er sei frei davon. Die (Veränderung) im Bereich des »So-und-so-viel« hat auf der allgemeinen Ebene keine Bezeichnung, nach den Einzel-

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richtungen hin heißt sie Wachsen und Schwinden: Die (Bewegung) in Richtung auf die vollkommene Größe ist Wachsen, die von ihr wieder fort ist Schwinden. Die (Veränderung) im Bereich von »Ort« hat sowohl auf der allgemeinen wie auf der besonderen Ebene keine Bezeichnung, sie soll aber im allgemeinen einmal »Fuhre» benannt sein, (und das) obschon doch von derlei Gegenständen im eigentlichen Sinn allein dann gesagt wird, sie »fahren dahin«, wenn es nicht an ihnen selbst, den ortswechselnden Dingen, ist, zum Stillstand zu kommen, und auch bezogen auf alle die Dinge, die sich nicht selbst in eine Ortsbewegung versetzen können. Der Wandel innerhalb einer und derselben Art zu Mehr oder Weniger hin ist Eigenschaftsveränderung; entweder ist dies ja eine Bewegung fort von einem Gegenteil oder eine hin zu einem Gegenteil, und zwar entweder einfachhin so oder irgendwie bestimmt; wenn sie in Richtung auf ein Weniger geht, dann wird man sagen, der Wandel vollziehe sich in Richtung auf das Gegenteil; geht sie auf das Mehr zu, (so wird man dies ansprechen) als vom Gegenteil fort zum Selbst hin. Dabei macht es keinen Unterschied, ob der Wandel irgendwie bestimmt stattfindet oder einfachhin so, nur daß bei »irgendwie bestimmt« die Gegensatzpaare zur Verfügung stehen müssen; »mehr« und »weniger« aber bedeuten das stärkere oder geringere Darinvorhandensein des Gegenteils und Nicht(-Darinvorhandensein). Daß also diese drei die einzigen Formen von Veränderung sind, ist danach klar. – Der Veränderung nicht unterliegend ist (1) das, was ganz und gar unmöglich in Veränderung gesetzt werden kann, so wie Lärm unsichtbar ist; (2) das, was in langer Zeit nur gerade eben sich bewegt, oder solches, was nur langsam damit anfängt, was man denn »schwer veränderbar« nennt; und (3) solches, dem es von Natur aus zwar gegeben ist, sich zu verändern, und das dies auch könnte, das aber zu der Zeit und an der Stelle und in der Form, da es ihm gegeben wäre, sich gerade nicht verändert; das ist unter dem Unveränderbaren das einzige, von dem ich sage: Es ruht. Denn



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Gegenteil ist Ruhe von Veränderung, also kann sie auch die Nichtbestimmtheit dessen sein, das (Veränderung) an sich nehmen könnte. Was also Veränderung ist, was Ruhe, wieviele Formen von Wechsel es gibt und welche Weisen von Veränderung, das ist nach dem Gesagten einsichtig. 3. Danach wollen wir vortragen, was »beisammen« bedeutet und »getrennt«, und was »berühren«, was »inmitten«, was »in Reihe folgend«, was »anschließend« und »zusammenhängend«, und (schließlich) welchen Gegenständen ein jedes davon seiner Natur nach eignet. »Beisammen« also nenne ich das im Hinblick auf Ort, was im genauen Sinn an einem Ort sich befindet; »getrennt« (ist) dagegen das, was an verschiedenem (Ort ist); von »berühren« (rede ich bei den Dingen), deren Ränder beisammen sind. 〈Da aber jeder Wandel (stattfindet) zwischen Gegensätzen und solche Gegensätze (bestehen können) in Gegenüberliegendem und Widerspruch, und da es bei Widerspruch nichts in der Mitte gibt, so ist offenkundig, daß das »inmitten« im Bereich des Gegenüberliegenden Vorkommen muß. Das »inmitten« findet sich in einer Reihe von mindestens dreien: Die Außenpunkte beim Wandel sind die Gegenüberliegenden〉, inmitten ist dann das, wohin das Sich-Wandelnde früher kommen muß, bevor es zum Außenpunkt sich wandelt, wenn es naturgemäß in zusammenhängender Weise sich wandelt. [...] Zusammenhängend verändert sich das, was nichts oder möglichst wenig von der ganzen Sache ausläßt, – nicht was die Zeit angeht – da macht es nichts, wenn mal eine Pause eintritt, aber wohl, wenn gleich nach dem Grundton die Oktave erklingt –, sondern bezogen auf den Gegenstand, an dem die Veränderung vorgeht. Das ist an Ortsbewegungen und den anderen Formen von Wandel offensichtlich. »Gegenüberliegend« in Hinsicht auf Ort ist das, was über eine Gerade am weitesten von einander entfernt ist: sie (ist) ja die kürzeste (Strecke und) begrenzt, und Begrenztes dient als Maß.

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»In Reihe folgend« ist solches, was nach dem Anfang kommt und so nach Anordnung und Form oder etwas anderem für sich abgegrenzt ist, und nichts ist inmitten von Gegenständen der gleichen Gattung (zwischen ihm) und dem, dessen in Reihe Folgendes es ist, – ich meine z. B. Strecke oder Strecken folgen auf Strecke, und auf Einheit folgt Einheit oder Einheiten, und auf Haus folgt Haus; etwas davon Verschiedenes darf ja ohne weiteres inmitten sein –; das in Reihe Folgende folgt einem Bestimmten nach und ist (selbst auch) ein bestimmtes Späteres: Eins folgt nicht in Reihe auf Zwei und nicht der Monatsanfang auf den zweiten Tag, sondern Letzteres dem Ersteren. »Anschließend« ist, was in Reihe folgt und in Berührung steht. [...] »Zusammenhängend« ist einerseits ein besonderer Fall von »anschließend«, ich sage aber dagegen, »zusammenhängend« liege dann vor, wenn die Grenze beider, da wo sie sich berühren, eine und dieselbe geworden ist und, wie der Name ja schon sagt, zusammengehalten wird. Dies kann es aber so lange nicht geben, wie die beiden Ränder zwei sind. – Nachdem dies bestimmt festgelegt ist, ist klar, daß es Zusammenhang nur bei solchen Gegenständen geben kann, aus denen auf Grund von Zusammenfügung ein Eines werden kann; und so wie das zusammenhaltende (Teilstück) eines wird, genau so wird das Ganze eines sein, z. B. durch Nagel, Leim, Gelenkverbindung, Anwachsen. Offensichtlich ist aber auch, daß die ursprüngliche Bestimmung das »In-Reihe-folgend« ist; was nämlich in Berührung steht, muß notwendig auch in Reihe folgen, (umgekehrt) aber muß nicht alles in Reihe Folgende auch (einander) berühren, – deshalb findet sich Reihenfolge auch bei begrifflich Ursprünglicherem, z. B. bei Zahlen, Berührung gibt es da aber nicht –; und wenn »zusammenhängend« vorliegt, dann notwendig auch »berühren«, (umgekehrt) aber, wenn etwas in Berührung steht, ist es noch nicht zusammenhängend: es ist ja nicht notwendig, daß deren Oberflächen eins werden müssen, wenn sie beisammen wären, aber (umgekehrt), wenn (sie) eins (sind),



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dann notwendig auch beisammen. Zusammenwachsen ist also das Späteste, bezogen auf den Werdevorgang: notwendig müssen sich die Ränder erst einmal berühren, wenn sie zusammenwachsen sollen, was aber in Berührung steht, das ist noch nicht alles zusammengewachsen; bei Gegenständen, für die es Berührung nicht gibt, ist klar, daß es für sie auch Zusammenwachsen nicht geben kann. Also wenn es Punkt und Einheit in der Weise geben sollte, wie man sie so als Für-sich-Bestehende ansetzt, dann ist es nicht möglich, daß Einheit und Punkt dasselbe wären: den (Punkten) nämlich steht Berührung zu, den Einheiten (nur) Reihenfolge, und bei den (Ersteren) kann etwas dazwischenliegen – jede Strecke liegt ja zwischen Punkten –, bei den (Letzteren) ist diese Notwendigkeit nicht: es gibt ja kein »inmitten« zwischen Zweiheit und Einheit. Was nun also die Bedeutungen sind von »beisammen« und »getrennt«, was die von »berühren«, die von »inmitten« und »in Reihe folgend«, und was die von »anschließend« und von »zusammenhängend«, und welchen Gegenständen ein jedes davon zukommt, ist vorgetragen. 4. »Einheitlich« wird Veränderung auf vielerlei Weise genannt. »Eins« sprechen wir ja in vielen Bedeutungen aus. Der Gattung nach einheitlich ist sie gemäß der Einteilung der Grundformen von Aussage – Ortsbewegung ist mit jeder Form von Ortsbewegung der Gattung nach eins, Eigenschaftsveränderung dagegen ist von Ortsbewegung der Gattung nach unterschieden –, der Art nach einheitlich (ist sie dann), wenn sie zusätzlich dazu, der Gattung nach einheitlich zu sein, auch noch in einer unteilbaren Art sich findet; z. B. von »Farbe« gibt es immer noch Unterschiede – demnach sind der Art nach unterschieden (die Veränderungen) Schwärzen und Weißen [also jedes Weiß-Machen ist mit jedem Weißmachen gleich in der Art, und jedes Schwärzen mit Schwärzen] –, von »weißer Farbe« aber nicht mehr: Daher ist der Art nach eins Weißen mit jeder Art von Weißen. Wenn es aber irgendwelche (Bestimmungen) gibt, die zugleich sowohl Gattung wie auch Art

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sind, so ist klar, daß in bestimmter Beziehung (so eine Veränderungsbeziehung) wohl der Art nach eine sein kann, ohne solchen Zusatz aber wird sie der Art nach eine nicht sein, z. B. »Wissenserwerb», wenn »Wissenschaft« einerseits Art ist von »Begreifen«, andrerseits jedoch Gattung der einzelnen Fächer. Man könnte die Streitfrage aufwerfen, ob eine Bewegung der Art nach eine ist, wenn vom selben Ausgangspunkt aus ein und derselbe Gegenstand zum gleichen Endpunkt übergeht, z. B. dieser eine Punkt von der Stelle hier zu dieser Stelle hier, (und das) immer wieder. Wäre das so, dann wird die Kreisbewegung dieselbe sein wie die Geradeausbewegung, und Wälzen dieselbe wie Schreiten! Oder ist nicht doch festgelegt: Das »worin« – wenn das der Art nach verschieden ist, daß dann auch die Bewegung verschieden ist, und nun ist aber »im Kreis herum« von »geradeaus« der Art nach verschieden? – Der Gattung und der Art nach ist also Veränderung einheitlich auf diese Weise; ohne Zusatz einheitliche Veränderung ist (nur) die nach dem Wesen und der Zahl einheitliche. Welches eine so beschriebene ist, wird klar, wenn man die Dinge auseinandernimmt: Drei Dinge sind es doch an der Zahl, mit Bezug auf die wir von Veränderung reden, »was«, »worin« und »wann«. Ich meine damit: (1) Es muß das, was sich verändert, etwas sein, z. B. »Mensch« oder »Gold«; und (2) in einem (Bereich) muß dies sich verändern, z. B. im Raum oder in einem Zustand; und (3) irgendwann (muß dies vor sich gehen): in der Zeit verändert sich alles. Davon liegt nun das Der-Gattung-oder-Art-nach-eins-Sein bei dem Tätigkeitsfeld, in dem es sich verändert; das Anschließend(-Sichvollziehen) liegt bei der Zeit; das Einssein ohne jeden Zusatz liegt bei diesen allen: Sowohl das »worin« muß hier eins sein und unteilbar, z. B. die Bewegungsart, wie auch das »wann«, so muß die Zeit einheitlich sein und darf nicht aussetzen, und auch das Sichverändernde muß eines sein, nicht dem bloßen NebenbeiZutreffen nach – wie etwa »weiß wird schwarz« und »Koriskos geht«: »Koriskos« und »weiß« sind hier eins, aber eben nur



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nebenbei zutreffend –, und auch nicht auf allgemeiner Ebene: dann könnte es nämlich sein, daß gleichzeitig zwei Menschen dieselbe Gesundungsveränderung durchmachen, etwa von einer Augenerkrankung; aber eben nicht eine ist diese (Veränderung), sondern nur der Art nach eine. Was aber die Vorstellung angeht: »Sokrates macht eine artgleiche Eigenschaftsveränderung durch, nur zu einer immer wieder anderen Zeit«, (so sei dazu gesagt:) Wenn Untergegangenes wieder eines an Zahl werden könnte, dann wäre auch diese (Veränderung) eine; geht das aber nicht, so ist sie zwar die gleiche, eine aber nicht. Eine Schwierigkeit, die dieser sehr ähnlich ist, enthält auch (die Frage:) Ist »Gesundheit«, und allgemein: Zustände und Erlebnisse, einheitlich ihrem Sein in den Körpern nach? Denn diese, die das ja an sich nehmen, erscheinen als sich verändernd und fließend. Wenn denn also »Gesundheit heute morgen« und »(Gesundheit) jetzt« eine und dieselbe ist, wieso sollte nicht, wenn (jemand) nach einer Unterbrechung Gesundheit wiedererlangt, dann diese mit der früheren der Zahl nach eine sein? Ihre Begriffserklärung ist doch die gleiche, nur, soviel Unterschied besteht doch: Wenn es zwei (Zustände) sind, eben aus dem Grund, weil das der Zahl nach so ist, dann muß das (genauso) für ihre Verwirklichung gelten – eine Verwirklichung (ist bezogen) auf einen (Zustand) –; ist dagegen der Zustand einer, so möchte es vielleicht nicht jedem so vorkommen, daß dann eine auch die Verwirklichung sein müsse – wenn (jemand) doch mit Gehen aufhört, dann ist (der Vorgang) »Schreiten« in dem Augenblick nicht mehr, geht er dann aber wieder, so wird er auch wieder sein –; wäre nun (die Verwirklichung) eine und dieselbe, dann könnte eines und dasselbe vielmal untergehen und sein! Diese Schwierigkeiten liegen nun außerhalb des Rahmens der gegenwärtigen Untersuchung. – Da aber jede Veränderung zusammenhängend ist, so muß sowohl die schlechterdings einheitliche auch zusammenhängend sein, wenn doch jede (Veränderung immer aufs neue) teilbar ist, und, wenn sie zusammenhängend ist, muß sie auch einheitlich sein; es hängt

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ja wohl nicht jede Veränderung mit jeder nahtlos zusammen, so wie auch bei anderen Dingen nicht jedes Beliebige mit jedem Beliebigen zusammenhängt, sondern nur die Gegenstände, deren Endstücke einheitlich werden. Endstücke gibt es bei einigen Gegenständen gar nicht, bei anderen sind sie verschieden der Art nach und nur dem Namen nach gleich: wie sollte sich denn auch verbinden oder einswerden das Endstück einer Strecke mit dem Ende eines (Spazier)gangs? Aneinander anschließend allerdings können sein auch (Veränderungen), die nicht nach Art und Gattung dieselben sind – nach einem Lauf kann einer sogleich Fieber kriegen, und z. B. die Fackelstaffette ist ein sich anschließendes Weiterbringen, zusammenhängend aber nicht. »Zusammenhängend« ist ja festgelegt als »deren Ränder eins (sind)«. Also, aneinander anschließend und in Reihe folgend sind (Veränderungen) dadurch, daß ihr Zeitablauf zusammenhängt, zusammenhängend (sind sie selbst erst) dadurch, daß ihr eigener Ablauf es ist; das ist aber dann der Fall, wenn von zwei (Abläufen) das Endstück eins wird. Es muß also sein die schlechterdings zusammenhängende und einheitliche Veränderung: Dieselbe der Art nach, (Veränderung) eines Gegenstandes und (stattfindend) in einer Zeit. »Der Zeit nach (einheitlich« ist so zu verstehen:) Daß keine Bewegungslosigkeit dazwischenkommen darf – im Zeitpunkt des Aussetzens tritt ja notwendig Ruhezustand ein, dann sind es also viele Bewegungsabläufe, und nicht einer, wenn immer eine Ruhe dazwischen eintritt: also wenn ein Veränderungsablauf durch Stillstand durchgeteilt wird, so ist er nicht (mehr) einheitlich oder zusammenhängend; er wird aber durchgeteilt, wenn (ihm) eine Zeit dazwischenkommt(, in der er nicht ist); ist die Veränderung andrerseits der Art nach nicht einheitlich, auch wenn sie nicht aussetzt, dann ist zwar ihr Zeitablauf einheitlich, der Art nach ist die Veränderung aber unterschieden. Die einheitliche (Veränderung) muß notwendig auch der Art nach eine sein, (umgekehrt) aber, daß diese auch schlechterdings einheitlich wäre, ist nicht notwendig. Was also schlechterdings einheitliche Veränderung ist, ist vorgetragen. –



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Es wird aber auch noch »einheitlich« genannt die zu Ende gekommene (Veränderung), einerlei ob sie das nach Gattung oder Art ist oder nach dem Wesen (des Gegenstandes), so wie (man) ja auch bei allem übrigen »vollkommen« und »ganz« von einem Einheitlichen (aussagt). Es kommt auch vor, selbst wenn sie unvollendet ist, nennt man sie einheitlich, wenn sie nur zusammenhängend ist. Auf noch andere Weise, neben den genannten, wird einheitlich genannt die gleichmäßige Veränderung. Die ungleichmäßige erscheint ja gelegentlich als nicht-einheitlich, sondern in höherem Maße ist es (scil. einheitlich) die gleichmäßige, z. B. die Geradeaus-Bewegung; die ungleichmäßige (ist in ihre verschiedenen Abfolgen) auseinandernehmbar. Der Unterschied zwischen ihnen scheint so zu bestehen wie zwischen »Mehr« und »Weniger«. In jeder Form von Veränderung findet sich (die Möglichkeit von) »gleichmäßig« oder »nicht-gleichmäßig« vor: es kann etwas gleichmäßig seine Eigenschaften verändern, es kann sich auf gleichmäßiger Bahn fortbewegen, z. B. auf Kreis oder Gerader, und was Wachsen angeht und Schwinden, ist es entsprechend. Ungleichmäßigkeit ist Unterschiedlichkeit einerseits in der Bewegungsrichtung – unmöglich kann ja Bewegung gleichmäßig sein über eine nichtgleichmäßige (Raum-) Größe hin, z. B. Bewegung über Eck oder über Windungen oder über andere Ausdehnungen, bei denen ein beliebig herausgegriffenes Teilstück nicht auf ein beliebiges Teilstück paßt –; andrerseits findet sie sich nicht an dem »was« noch am »wann« noch an dem »zu was hin«, sondern in dem »wie«: Durch Schnelligkeit und Langsamkeit ist (Bewegungsablauf) bisweilen bestimmt: Dessen Geschwindigkeit die gleiche, der ist gleichmäßig, wo nicht, der ist ungleichmäßig. Dies ist auch der Grund, warum Schnelligkeit und Langsamkeit nicht Arten von »Veränderung« sind und auch nicht artenbildende Unterschiede, weil sie eben allen unterschiedenen (Bewegungsformen) Art für Art folgen. Also (sind es) auch nicht Schwere und Leichtheit, soweit sie sich auf gleiche Körper richten, z. B. (Anziehungskraft) von Erde zu (Stücken von) sich selbst oder von Feuer zu (Teilen von) ihm selbst. – Einheitlich ist nun also

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auch die ungleichmäßige (Veränderung), wenn und dadurch daß sie zusammenhängend ist, aber sie ist es in geringerem Maße – so trifft es z. B. auf Fortbewegung über Eck zu –; das »weniger« enthält immer eine Beimischung von Gegenteil. Wenn aber jede einheitliche (Veränderung) sowohl gleichmäßig als auch nicht-gleichmäßig sein kann, so sind ja wohl (nur) aneinander anschließende, nicht der Art nach gleiche (Veränderungen) nicht auch (schon) einheitlich und zusammenhängend: Wie sollte etwa z. B. gleichmäßig sein eine aus Eigenschaftsveränderung und Fortbewegung zusammengesetzte (Abfolge)? Die müßten ja aufeinander passen. 5. Noch ist zu bestimmen, welche Form von Veränderung einer Veränderung entgegengesetzt ist, und bezüglich »Ruhezustand« (ist) auf die gleiche Weise (zu fragen). Zunächst einmal ist einzuteilen: Ist entgegengesetzt (1) Veränderung von dem Gleichen fort der zu dem Gleichen hin – Beispiel: »von Gesundheit fort« – »zu Gesundheit hin« – so scheinen auch Entstehen und Untergehen (sich zu einander zu verhalten) –; oder (2) Veränderung von Entgegengesetztem fort – Beispiel: »von Gesundheit fort« – »von Krankheit fort« –; oder (3) die zu Entgegengesetztem hin – Beispiel: »zu Gesundheit hin« – »zu Krankheit hin« –; oder (4) Veränderung von Entgegengesetztem fort der zu Entgegengesetztem hin – Beispiel: »von Gesundheit fort« – »zu Krankheit hin« – oder (5) Veränderung von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin der von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin – Beispiel: »von Gesundheit fort zu Krankheit hin« – »von Krankheit fort zu Gesundheit hin« –? Entweder eine oder mehrere dieser Weisen müssen es ja sein: weitere Möglichkeiten des Gegeneinandersetzens gibt es nicht. Nun ist die (Veränderung) von Entgegengesetztem fort der zu Entgegengesetztem hin nicht entgegengesetzt – Beispiel: »von Gesundheit fort« – »zu Krankheit hin«; das ist ein und dieselbe; allerdings, ihre Begriffsbestimmung ist nicht dieselbe, so wie eben nicht dasselbe ist »aus (dem Zustand) der Gesundheit sich wandeln« und »zur Krankheit hin (sich wan-



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deln)«. Und auch die (Veränderung) von Entgegengesetztem fort (ist) nicht der von Entgegengesetztem fort (entgegengesetzt): zugleich findet zwar statt (Wechsel) von Entgegengesetztem zu Entgegengesetztem oder Mittelzustand, – aber darüber werden wir gleich noch sprechen; doch scheint offenbar in stärkerem Maße der Wandel hin zu Entgegengesetztem Ursache der Entgegensetzung zu sein als der von Entgegengesetztem fort; letzterer ist ein Loslassen von Entgegengesetztheit, ersterer ihr Ergreifen. Und es wird auch jede Veränderung mehr nach dem »wohin« ihres Wandels benannt als nach dem »woher« – Beispiel: »Gesundung« der Weg zur Gesundheit hin, »Erkrankung« der zur Krankheit hin. Bleiben also: Die (Veränderung) zu Entgegengesetztem hin und die zu Entgegengesetztem hin von Entgegengesetztem fort. Sogleich ergibt sich nun, daß die (Veränderungen) zu Entgegengesetztem hin auch von Entgegengesetztem fort vonstatten gehen, nur, ihre Begriffsbestimmung ist wohl nicht dieselbe, – ich meine »zu Gesundheit hin« im Verhältnis zu »von Krankheit fort« und »von Gesundheit fort« im Verhältnis zu »zu Krankheit hin«. Da nun »Wandel« sich von »Veränderung« unterscheidet – von einem bestimmten Zugrundeliegenden zu einem bestimmten Zugrundeliegenden übergehender Wandel: das ist doch Veränderung –, so ist die Veränderung von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin der von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin entgegengesetzt – Beispiel: »Von Gesundheit fort zu Krankheit hin« – »von Krankheit fort zu Gesundheit hin«. Einleuchtend wird auch durch Beispiele aus der Erfahrung, von welcher Art Entgegengesetztes offenbar ist: Kranksein – Gesundsein; Unterrichtetwerden – Hinters-Licht-geführtwerden, und zwar nicht durch sich selbst – das führt ja zu entgegengesetztem Ergebnis; – wie des Wissens so kann man auch des Trugs teilhaftig werden sowohl durch eigene Person wie durch jemand anderen –; Bewegung aufwärts – abwärts, – entgegengesetzt der Längenausdehnung nach –; Bewegung

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nach rechts – nach links, – entgegengesetzt in Breitenrichtung Bewegung vorwärts – rückwärts, – entgegengesetzt auch das. Der Übergang bloß zu Entgegengesetztem ist nicht Veränderung, sondern Wandel – Beispiel: Weißwerden, – ohne (Angabe des) Woraus. Und bei Bestimmungen, die kein Entgegengesetztes haben, ist der Übergang von dem Gleichen fort dem zu dem Gleichen hin entgegengesetzt; aus dem Grund ist Entstehen dem Untergang entgegegengesetzt und Verlust (entgegengesetzt) der Einnahme. Das sind Übergänge, Veränderungen aber nicht. Die Veränderungen zum Mittelzustand hin, bei solchen Gegensätzen, die ein »inmitten« haben, muß man wohl wie die zum Entgegengesetzten hin ansetzen; denn die Veränderung benutzt das »inmitten« wie ein Entgegengesetztes, ob der Wechsel nun in die oder in die andere Richtung geht, z. B.: von »grau« zu »weiß«, als ob er aus »schwarz« käme; von »weiß« zu »grau« als in Richtung auf »schwarz«; von »schwarz« zu »grau«, als ob es zu »weiß« hinführt, das Grau. Die Mitte wird im Verhältnis zu beiden (Äußeren) angesprochen gewissermaßen als je das entsprechend andere der Äußeren, – wie ja früher auch gesagt ist. Also: Veränderung ist einer Veränderung entgegengesetzt, (wenn gegenübersteht) die von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin der von Entgegengesetztem fort zu Entgegengesetztem hin. 6. Da nun einer Veränderung offenbar nicht nur Veränderung entgegengesetzt ist, sondern auch Ruhezustand, so ist auch dies zu bestimmen. Zwar, im einfachen Wortsinn entgegengesetzt ist nur Veränderung einer Veränderung, ihr gegenübergestellt ist aber auch Ruhezustand – er ist ja fehlende Bestimmung an ih r, und es geht auch, daß fehlende Bestimmtheit »entgegengesetzt« genannt wird –, und zwar einer so und so bestimmten (Veränderung) ein so und so bestimmter (Ruhezustand), Beispiel: Ortsbewegung – Stillstand an einem Ort. Aber das ist jetzt nur einfachhin gesprochen; (genauer gefragt) nämlich: Ist einem »Bleiben an dieser Stelle« entge-



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gengestellt die »Bewegung von hier fort« oder die »Bewegung hierhin«? Nun ist doch klar: Da Veränderung innerhalb zweier Zugrundeliegender (verläuft), so (ist entgegengesetzt) der »(Bewegung) von hier fort zum Gegenteil hin« das »Verbleiben an dieser Stelle« und der »(Bewegung) vom Gegenteil fort hierhin« das »(Verbleiben) im Gegenteil«. Zugleich aber sind diese (Ruhezustände) auch untereinander entgegengesetzt: es wäre ja auch unsinnig, wenn es entgegengesetzte Veränderungen zwar gibt, einander gegenüberstehende Stillstände aber nicht geben sollte. Es sind dies die (Stillstände) in entgegengesetzten (Zuständen), Beispiel: Verbleiben im Zustand der Gesundheit – Verbleiben im Zustand der Krankheit –, bezogen auf Veränderung wäre dies die »von Gesundheit zu Krankheit«, – »von Krankheit zu Gesundheit« wäre hier unzutreffend; denn die Veränderung zu dem selben hin, bei dem dann Stillstand eintritt, ist mehr ein Zur-RuheKommen, oder es tritt ein, daß es (scil. das Zur-Ruhe-Kommen) zugleich mit der Veränderung stattfindet; und entweder dies oder das muß es sein –, denn die Ruhe im Zustand »weiß« ist der im Zustand »Gesundheit« nicht entgegengesetzt. Bei Bestimmungen, die kein Entgegengesetztes sich gegenüber haben, gibt es wohl gegenläufigen Übergang, nämlich »von dem selben fort« – »hin zu dem selben«, Beispiel: Aus Seiendem – zu Seiendem –, Veränderung aber ist das nicht; und auch Stillstand gibt es bei diesen Dingen nicht, allenfalls Übergangslosigkeit. Und falls es etwas Zugrundeliegendes hier geben sollte, so wäre Übergangslosigkeit an einem Seienden der an einem Nicht-Seienden entgegengesetzt. Falls andrerseits das »nicht-seiend« gar nicht bestimmt ist, so könnte man die schwierige Frage stellen, wem denn nun die Übergangslosigkeit am Seienden entgegengesetzt sein soll und ob das Ruhezustand ist. Sollte Letzteres aber zutreffen, so ist entweder nicht jeder Ruhezustand einer Veränderung entgegengesetzt, oder Entstehen und Untergang sind (Formen von) Veränderung. Somit ist klar daß man es »Ruhezustand« nicht nennen darf, wenn nicht auch diese zu Formen von Veränderung werden sollen; es ist aber etwas Ähnliches, nämlich eben

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Übergangslosigkeit. Sie ist entweder gar keinem (Zustand) entgegengesetzt oder der (Übergangslosigkeit) beim Nichtseienden oder dem Untergang: dieser fuhrt ja von ihr fort, Werden auf sie hin. Man könnte nun in die schwierige Frage einsteigen, warum es denn beim Ortswechsel einerseits naturgemäße andrerseits naturwidrige Ruhezustände und Bewegungen gibt, bei den anderen (Formen von Veränderung) aber nicht, z. B. etwa: »Eigenschaftsveränderung naturgemäß« gegenüber »naturwidrig« –, »Gesundwerden« ist um nichts mehr als »Krankwerden« naturgemäß oder naturwidrig, und auch nicht »Weißwerden« im Vergleich mit »Schwarzwerden» –; ähnlich auch bei Wachsen und Schwinden: Weder sind die unter einander entgegengesetzt unter dem Gesichtspunkt von »natürlich« und »naturwidrig«, noch (ist es) ein Wachstumsvorgang einem anderen; und bei Entstehen und Untergehen ist es das gleiche Verhältnis: Weder gilt »Entstehen ist naturgemäß, Untergehen naturwidrig« – Altern ist nämlich durchaus naturgemäß –, noch sehen wir innerhalb von »Entstehen« selbst den einen Vorgang als naturgemäß, einen anderen als naturwidrig Vorkommen. – Oder doch? Wenn »gewaltsam« so viel bedeutet wie »naturwidrig«, wäre dann nicht auch eine Untergangsweise einer anderen entgegengesetzt, nämlich die gewaltsame, als naturwidrig stattfindend, der naturgemäßen? Gibt es nun nicht auch einige Werdevorgänge, die gewaltsam sind und vom Schicksal nicht vorgesehen waren, denen dann entgegengesetzt sind die naturgemäßen, und Wachstumsvorgänge auch, die gewaltsam sind, und Vorgänge von Schwund, z. B.: Frühreifes Wachstum auf Grund zu reichlicher Ernährung, und schnell reifendes Getreide, das dabei keine Festigkeit gewonnen hat? Und mit Eigenschaftsveränderung, wie steht es da? Doch wohl genau so? Da gibt es doch wohl gewaltsame einerseits, andrerseits natürliche, z. B. Menschen, die ihr Fieber nicht an den Tagen der Entscheidung loswerden, andrerseits solche, bei denen das der Fall ist: die einen haben ihren Zustand naturwidrig geändert, die anderen naturgemäß. So wird es also auch Formen von Untergang geben, die einander, und



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nicht Formen von Entstehen, entgegengesetzt sind. Und was soll sie denn gelegentlich daran hindern? (Sie wären) ja auch schon (gegensätzlich), wenn der eine Untergang freudebringend wäre, der andere aber schmerzlich. Also ist nicht einfach so »Untergang« einem »Untergang« entgegengesetzt, sondern insofern der eine von ihnen so und so geartet, der andere entsprechend anders geartet ist. Ganz allgemein also sind Bewegungsvorgänge und Ruhezustände auf die beschriebene Weise (einander) entgegengesetzt, z. B. der (mit) »oben« (bestimmte) dem »unten«; das sind ja Ortsgegensätze. Es macht aber die Aufwärtsbewegung von Natur aus das Feuer, die Abwärtsbewegung die Erde, und ihre Bewegungen sind (einander) entgegengesetzt. Feuer also aufwärts seiner Natur nach, abwärts dagegen seiner Natur zuwider, und entgegengesetzt ist seine naturgemäße Bewegung der naturwidrigen. Und für die Ruhezustände entsprechend: Der (mit) »oben« (bestimmte) Ruhezustand ist der Bewegung von oben nach unten entgegengesetzt. Nun geschieht für Erde dieses (Oben-)Bleiben entgegen der Natur, die genannte Bewegung aber ist ihr naturgemäß. Also ist einer Bewegung ein Stillstand entgegengesetzt, und zwar der naturwidrige (Stillstand) der naturgemäßen (Bewegung, und das bezüglich) des gleichen Gegenstandes; es sind ja auch die Bewegungsrichtungen des gleichen Gegenstandes einander entgegengesetzt, (nämlich) so: Die eine davon ist naturgemäß, (je nachdem) die Aufwärts- oder die Abwärts(bewegung), die andere (entsprechend) naturwidrig. Eine Schwierigkeit bringt mit sich (die Frage), ob es von jedem nicht immerwährenden Ruhezustand ein Entstehen gibt, und dies wäre dann das »Zum-Stillstand-Kommen«. Dann gäbe es also auch im Falle des naturwidrig (bewegungslos) Bleibenden – Beispiel: Erde in der Höhe – ein Entstehen davon; dann müßte es ja also zu dem Zeitpunkt, als es gewaltsam nach oben gebracht wurde, zum Stillstand gekommen sein! Aber: Das zum Ort seines Stillstands Kommende bewegt sich doch ganz offensichtlich in einer beschleunigten Weise, das gewaltsam (Bewegte) dagegen umgekehrt (in einer verlangsam-

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ten). Obwohl es also mit »ruhend-sein« gar nicht angefangen hat, wird es doch ruhend sein! Außerdem: »Zum-StillstandKommen« ist offenkundig entweder völlig gleichbedeutend mit »an seinem natürlichen Ort gelangen«, oder es tritt (wenigstens) gleichzeitig damit ein. Eine Schwierigkeit bringt mit sich (die Frage), ob »An-dieser-Stelle-Stillstehen« entgegengesetzt ist zu »Bewegung von hier fort«: Wenn sich etwas aus diesem (Zustand) fortbewegt und (ihn) fahren läßt, dann hat es offensichtlich das, was abgestoßen wird, noch an sich, also, wenn dieser Stillstand entgegengesetzt ist der Bewegung von hier fort zum Gegenteil hin, dann würde Entgegengesetztes zugleich vorliegen. Oder steht es in gewisser Hinsicht still, wenn es noch verbleibt, und allgemein: Von dem Sich-Verändernden ist etwas noch dort, anderes schon (drüben), wohin es übergeht? Aus diesem Grund ist eher eine Veränderungsform einer anderen entgegengesetzt als ein Zur-Ruhe-Kommen. Über Veränderung und Ruhe, in welchem Sinn jedes von beiden einheitlich ist und welche (Formen davon einander) entgegengesetzt sind, ist damit gesprochen. – [Man könnte auch noch Fragen aufwerfen das Zum-Stillstand-Kommen betreffend, ob etwa auch allen naturwidrigen Veränderungsformen, die es gibt, ein entsprechender Ruhezustand gegenübergesetzt ist. Nimmt man das einerseits nicht an, so wäre das unsinnig: (Das naturwidrig Bewegte) bleibt ja (dort, wohin es bewegt wurde), wenn auch nur unter gewaltsamer Einwirkung (von außen); dann wird also etwas, das nicht immer ruhend war, dies nun sein, ohne es doch geworden zu sein. Andrerseits ist klar, daß es so ist: So wie etwas sich naturwidrig bewegen kann, so dürfte es auch naturwidrig zur Ruhe kommen können. Da nun einige Dinge die Möglichkeit zur naturgemäßen und zur naturwidrigen Bewegung haben – Beispiel: Für Feuer ist die Aufwärts(bewegung) naturgemäß, Abwärts(bewegung) naturwidrig –, (stellt sich die Frage:) ist diese (letztere der ersteren) entgegengesetzt, oder (ist es) die Bewegung der Erde – die bewegt sich ja naturgemäß nach unten –? Oder sind es offenbar beide, nur nicht auf gleiche Wei-



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se, sondern die naturgemäße (der Erde) als (gegensätzlich) zur naturgemäßen von ihm (dem Feuer); die Aufwärts(bewegung) des Feuers dagegen seiner Abwärtsbewegung) als naturgemäß (im Gegensatz zu) ihr als naturwidrig. Ähnlich dann auch mit den Ruhezuständen; irgendwie ist aber auch wohl der Ruhe die Veränderung gegenübergesetzt.]

BUCH VI

1. Ist nun »zusammenhängend«, »berührend« und »in Reihe folgend« (derartig), wie früher bestimmt: Zusammenhängend (also solche Dinge), deren Ränder eine Einheit bilden, in Berührung solche, deren (Ränder) beisammen (sind), in Reihenfolge (solche), bei denen nichts Gleichartiges zwischen (ihnen sich findet) –: dann ist es unmöglich, daß aus unteilbaren (Bestandteilen) etwas Zusammenhängendes bestehen könnte, etwa eine Linie aus Punkten, – wenn doch Linie ein Zusammenhängendes ist, Punkt ein Unteilbares; weder bilden doch eine Einheit die Ränder von Punkten – es gibt ja gar nicht hier »Rand«, dort »sonstigen Teil« von einem Unteilbaren –, noch können die Ränder beisammen sein – es gibt ja eben nichts (nach der Art von) Rand an einem Teillosen: dann wäre nämlich schon verschieden voneinander Rand und das, dessen Rand er ist. Weiter, es wäre ja doch wohl notwendig, daß sie entweder zusammenhängend sind, diese Punkte, oder in Berührung miteinander, aus denen dies Zusammenhängende besteht, – der gleiche Gedankengang trifft auch für alles Unteilbare zu. Zusammenhängend sind sie nun doch wohl nicht, aus genanntem Grund. Was dagegen Berührung angeht, (so gilt:) Ein jedes (dieser Verhältnisse betrifft) entweder Ganzes im Verhältnis zu Ganzem oder Teil zu Teil oder Teil zum Ganzen. Da nun Nicht-Auseinandernehmbares teillos ist, so müßte hier Ganzes mit Ganzem sich berühren. Ganzes mit Ganzem sich berührend wird aber keinen Zusammenhang bilden; denn ein Zusammenhängendes hat hier einen und dort einen anderen Teil und läßt sich auseinandernehmen in in diesem Sinn Verschiedenes und dem Ort nach Getrenntes. Aber auch »in Reihe folgend« wird sich nicht ergeben von Punkt zu Punkt oder von »Jetzt« zu »Jetzt«, in dem Sinne, daß aus diesen eine Länge oder Zeitdauer sich zusammensetzen

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könnte; »in Reihe folgend« sind eben doch Dinge, bei denen nichts Gleichartiges dazwischenkommt, dagegen bei Punkten liegt immer dazwischen »Linie«, und bei Jetzten »Zeit«. Weiter, es würde geschehen, daß sie auseinandergenommen werden in Nicht-mehr-Auseinandernehmbares, wenn man sie in das, woraus beide bestehen, auseinandernehmen wird; aber nichts von Zusammenhängendem war doch auseinandernehmbar in Teilloses. Eine andere Gattung aber kann nicht liegen zwischen [den Punkten und den Jetzten] : entweder würde das nicht-auseinandernehmbar sein oder auseinandernehmbar, und wenn auseinandernehmbar, dann wieder entweder in Nicht-Auseinandernehmbares oder in immerfort Auseinandernehmbares; das ist aber zusammenhängend. Es liegt aber auch auf der Hand, daß alles Zusammenhängende auseinandernehmbar sein muß in immerfort Auseinandernehmbares: Führte dies nämlich zu Nicht-Auseinandernehmbarem, so wird sich ergeben Unteilbares in Berührung mit Unteilbarem; denn einheitlich ist der Rand und in Berührung bei Zusammenhängendem. Es ist Sache derselben Erörterung, bei (Raum)Größe, Zeit und Bewegung (zusammen zu untersuchen), ob sie aus Unteilbarem sich zusammensetzen und auch auseinanderzunehmen sind in solches, oder (ob das für) keins (von ihnen gilt). Das ergibt sich aus Folgendem: Wenn eine (Raum-)Größe sich aus unteilbaren (Bestandteilen) zusammensetzt, dann wird auch die Bewegung ebendieser aus gleichen Bewegungsstücken sein, die unteilbar sind, z. B.: Wenn (die Strecke) ABC aus A, B, C als aus unteilbaren (Stücken) besteht, dann hat der Bewegungsvorgang DEF, den (der Körper) Z zu durchlaufen hat über ABC, jedes (dieser Stücke) als nicht-auseinandernehmbaren Teil. Wenn doch beim Vorliegen von Bewegung notwendig etwas sich da bewegen muß, und (umgekehrt) wenn sich da etwas bewegt, Bewegung vorliegen muß, so wird auch »sich bewegen« aus unteilbaren (Stücken) bestehen. Z hat doch mit Durchlaufen der Bewegung D (das Stück) A hinter sich gebracht, B mit (Durchlaufen von) E und C entsprechend mit F. Wenn also notwendigerweise ein von irgendwo nach irgendwo



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sich Bewegendes nicht gleichzeitig in Bewegung begriffen und auch Bewegung zu der Stelle, wo es hinsollte, als es sich noch bewegte, schon hinter sich haben kann – Beispiel: Wer »nach Theben geht«, von dem kann man unmöglich gleichzeitig sagen: »er geht nach Theben«, und: »er ist auf seinem Gang in Theben angelangt« –, wenn weiter das Z über A die als teillos (angenommene) Bewegung durchlief zum Zeitpunkt des Vorliegens der Bewegungseinheit D, (so folgt) also: Wenn, einerseits, »hat durchlaufen« erst später (gesagt werden kann) als »durchläuft«, dann müßte (der Bewegungsvorgang) doch wohl teilbar sein – zur Zeit nämlich, da es im Durchlaufen war, war es ja weder in Ruhe noch schon am Ende des Durchlaufs, sondern eben mittendrin wenn, andrerseits, zugleich (gelten soll) »durchläuft« und »hat durchlaufen«, dann wird der Gehende zum Zeitpunkt, wo er noch geht, schon dort angelangt sein, und (allgemein:) das Sichbewegende (schon) am Ziel, auf das es sich noch hinbewegt. Wenn andrerseits sich etwas über die ganze (Strecke) ABC bewegt, und der Bewegungsverlauf, den es vollzieht, ist DEF, den teillosen Bewegungsvorgang über A aber »durchläuft« nichts, sondern »hat sich (immer schon) durchbewegt«, dann gäbe es wohl eine Bewegungsform (bestehend) nicht aus Bewegungsabläufen, sondern aus Bewegungsergebnissen, und daraus, daß sich bewegt hat etwas, das sich gar nicht bewegte: denn A hat es ja durchlaufen, ohne es zu durchlaufen. Dann wird es also auch geben das »jemand ist angekommen«, der doch gar nicht ging: diese Strecke hat er hinter sich gebracht, ohne sie zu gehen. Wenn nun mit Notwendigkeit (gilt), daß ein Jedes entweder ruht oder sich bewegt, dann wird es über jeden der (Abschnitte) A, B, C ruhen müssen, sodaß man dann etwas hätte, das andauernd ruhend und zugleich auch bewegt ist: über ABC als Ganzes bewegte es sich ja und ruhte doch auf jedem beliebigen Teil, mithin doch auch über die ganze (Strecke). Und wenn die teillosen (Stücke) der Bewegung DEF ihrerseits Bewegungsabläufe sind, dann könnte (etwas) bei Vorliegen von Bewegung sich auch nicht bewegen, sondern ruhen; wären es

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andrerseits nicht Bewegungsabläufe, dann gäbe es Bewegung, die nicht aus (Einzel)bewegungen besteht. In ähnlicher Weise wie für Länge und Bewegung wäre notwendig die Eigenschaft, unteilbar zu sein, auch für die Zeit, und sie würde dann bestehen aus den Jetzten als aus unteilbaren Stücken; wenn doch jede (Bewegung) teilbar ist, in immer geringerer Zeit ein Gleichschnelles eine geringere Strecke durchläuft, so wird teilbar sein auch die Zeit. Wenn andrerseits die Zeit teilbar (ist), in der etwas die (Streckenbewegung) A durchmacht, so wird auch die (Größe) A teilbar sein.

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2. Da nun eine jede (Raum-)Größe (nur wieder) in Größen teilbar ist – es ist ja nachgewiesen, daß unmöglich etwas Zusammenhängendes aus unteilbaren (Bestandteilen) sein kann, es ist aber jede Größe zusammenhängend –, so (gilt) notwendig: Etwas Schnelleres bewegt sich (a) in gleicher Zeit über größere (Strecke) und auch (b) in kleinerer (Zeit) über eine gleiche und auch (c) in kleinerer über mehr (Strecke), so wie einige das »schneller« ja auch bestimmen. (a) Es sei also Gegenstand A schneller als Gegenstand B. Wenn denn schneller das ist, was früher hinüberkommt, (so gilt:) In der Zeit, in der A von C nach D hinübergekommen ist – sie heiße FG –, in dieser wird B noch nicht bei D sein, sondern Zurückbleiben, sodaß (also klar ist:) In gleicher Zeit durchläuft das Schnellere mehr (Strecke). (c) Aber auch in geringerer (Zeit) mehr: In der Zeit, in der A zu D gelangt ist, soll B, das ja als langsamer angesetzt ist, bei E sein. Folglich, da A bis D gekommen ist in der ganzen Zeit FG, so wird es bei H schon sein in einer kleineren (Zeit) als diese, sie heiße FK. Die (Strecke) CH, die A durchlaufen hat, ist größer als CE, die Zeit FK ist geringer als die ganze FG, sodaß (also gilt:) In kürzerer (Zeit) größere (Strecke) durchläuft es. (b) Offenkundig ist aus diesem auch, daß ein Schnelleres in geringerer Zeit die gleiche (Strecke wie ein Langsameres) durchläuft: Da es die größere (Strecke) in geringerer (Zeit) durchgeht im Vergleich zum Langsameren, dagegen selbst für



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sich genommen in mehr Zeit die größere (Strecke) im Vergleich zur kleineren, z. B. (Strecke) LM im Vergleich zu LO, so ist ja wohl größer die Zeit QR, in der es LM durchläuft, als QS, in der es LO (zurücklegt). Wenn folglich die Zeit QR kleiner ist als die X, in der das Langsamere die (Strecke) LO durchläuft, dann wird auch QS kleiner sein als X; sie war ja schon kleiner als QR, und was noch kleiner ist als ein schon Kleineres, ist auch selbst kleiner; so daß (also gilt:) In kleinerer (Zeit) wird es sich die gleiche (Strecke) bewegen. Außerdem, wenn notwendig (folgender Satz gilt:) Jeder Gegenstand bewegt sich (im Vergleich zu einem anderen über die gleiche Strecke) entweder in gleicher oder in kürzerer oder in längerer (Zeit), und wenn das, was mehr Zeit braucht, langsamer ist, was die gleiche, gleichschnell, und wenn schließlich »schneller« weder »gleichschnell« noch »langsamer« bedeuten kann, dann wird es sich ja wohl nicht in gleicher oder in längerer (Zeit) bewegen, das Schnellere; bleibt also nur: In geringerer (Zeit), also auch (von hier aus) notwendig: Die gleiche Strecke in geringerer Zeit wird durchlaufen das Schnellere. Da jede Bewegung in der Zeit (stattfindet) und in jeder Zeit Bewegung stattfinden können muß und (weiter) alles Sichbewegende dies schneller und langsamer tun kann, so wird es zu jeder Zeit das »schneller« und »langsamer« beim Sichbewegen geben. Ist das so, dann ergibt sich notwendig, daß auch die Zeit zusammenhängend ist. Mit »zusammenhängend« meine ich: Was teilbar ist in je immer wieder Teilbares. Dies Verständnis von »zusammenhängend« zugrundegelegt, ergibt sich notwendig, daß die Zeit zusammenhängend ist: Da doch nachgewiesen ist, daß etwas Schnelleres in geringerer Zeit eine gleichlange (Strecke) durchläuft, so sei einmal Gegenstand A schneller, Gegenstand B langsamer, und es bewege sich der langsamere über die Strecke CD in der Zeit FG. Klar (ist) mithin, daß der schnellere in vergleichsweise geringerer (Zeit) sich über die gleiche Strecke bewegen wird, er habe die Bewegung vollzogen in (Zeit) FH. Aufs neue also, da der schnellere in (Zeit) FH die ganze (Strecke) CD durchlaufen hat, so wird der langsamere in der gleichen Zeit eine kleinere (Strecke)

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durchlaufen, sie heiße CK. Da nun der langsamere, B, in der Zeit FH die (Strecke) CK durchlaufen hat, so wird der schnellere (diese Strecke) in kürzerer (Zeit) durchlaufen, so daß die Zeit FH wieder geteilt werden muß. Wird sie aber geteilt, so wird auch wieder Strecke CK geteilt, gemäß dem gleichen Verhältnis. Wenn aber die Strecke, so auch die Zeit. Und das wird je wieder so sein, wenn man mit einbezieht vom Schnelleren aus das Langsamere und vom Langsameren aus das Schnellere und dabei das beschriebene Verfahren benutzt: Das Schnellere wird die Zeit teilen, das Langsamere die Streckenlänge. Wenn nun dies dauernde Umkehren zu wahren Ergebnissen führt und als Ergebnis des Umkehrens immer eine Teilung herauskommt, so ist offenkundig: Zeit in ihrer Gesamtheit bildet einen Zusammenhang. Gleichzeitig ist aber auch klar: Jede Größenerstreckung bildet einen Zusammenhang. Denn es sind dieselben, und genauso viele Teilungsvorgänge, nach denen Zeit geteilt wird und (Raum-)Größe auch. Außerdem ist auch nach den gewöhnlichen, im Sprachgebrauch befindlichen Redeweisen offenkundig, daß, wenn Zeit einen Zusammenhang bildet, auch Erstreckung dies tut: wenn doch »in halber Zeit« (etwas) nur »halb durchkommt«, und allgemeiner: »In weniger (Zeit) weniger (Strecke)«, dann sind es eben die gleichen Teilungen von Zeit und Strecke. Und wenn eins der beiden unbegrenzt wäre, so auch das andere, und in welchem Sinne das eine, so auch das andere, z. B.: Wäre die Zeit nach Anfangs- und Endpunkt unendlich, so wäre auch die Erstreckung es hinsichtlich ihrer Grenzpunkte; läge die Unbegrenztheit in der Teilbarkeit, so hinsichtlich der Teilbarkeit auch die Erstreckung; wenn schließlich in beiden Hinsichten, so in beiden Hinsichten auch die Erstreckung. Das ist eben auch der Grund, weshalb Zenons Beweis eine Falschheit annimmt, (der da besagt,) es sei nicht möglich, das Unendliche durchzugehen oder das unendlich Viele Punkt für Punkt einzeln zu packen in begrenzter Zeit: In doppeltem Sinne werden doch sowohl Erstreckung wie auch Zeit »unbegrenzt« genannt, und allgemein alles Zusammenhängende überhaupt, (nämlich) entweder nach Teilung oder nach ihren



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Grenzpunkten; (Dinge,) die nach dem »wieviel« unzählig sind, kann man tatsächlich nicht ergreifen in begrenzter Zeit, dagegen, was nach der Teilung (unbegrenzt ist,) wohl; auch die Zeit selbst ist in diesem Sinne unbegrenzt. Also in »unbegrenzter«, und nicht in begrenzter (Zeit) ereignet es sich, das Unendliche durchzugehen, und man ergreift die unendlich Vielen (eben) mit unendlich Vielem, nicht mit Begrenztem. Weder also ist es möglich, das Unendliche in begrenzter Zeit durchzugehen, noch in unbegrenzter (Zeit) das Endliche, sondern wenn die Zeit unbegrenzt ist, so wird auch die Erstreckungsgröße das sein, und wenn die Größe, so auch die Zeit. Es sei also begrenzte Größe, AB, dagegen unbegrenzte Zeit, C; herausgegriffen sei ein begrenztes Zeitstück, CD; in ihm durchläuft (der Gegenstand) ein Teilstück der Erstreckung, das Durchlaufene soll heißen BE. Dies wird nun (hintereinandergelegt) die Größe AB entweder genau ausmessen, oder es wird hinter ihr Zurückbleiben oder über sie hinausreichen – das macht ja keinen Unterschied –; wenn doch (der Gegenstand) immer die gleiche Erstreckung wie BE in der gleichen Zeit durchläuft, diese aber das Ganze ausmißt, so wird die Gesamtzeit begrenzt sein, in der durchgekommen ist; sie wird ja in genau gleichviele (Teilstücke) zerlegt wie die Erstreckung auch. Außerdem, wenn (der Gegenstand) nicht jede Erstreckung in unbegrenzter Zeit durchläuft, sondern er irgendeine auch in begrenzter (Zeit) durchlaufen kann, wie z. B. BE, diese aber das Ganze ausmißt, und wenn er gleiche Strecke in gleicher Zeit durchläuft, folglich wird begrenzt sein auch die Zeit. Daß er aber BE nicht in unbegrenzter (Zeit) durchläuft, ist offenkundig, wenn die Zeit als auf der einen Seite begrenzt angenommen würde; wenn er nämlich in kleinerer (Zeit) das Teilstück durchläuft, muß dies notwendig begrenzt sein, wo doch das eine Ende schon als vorliegend angesetzt war. – Die gleiche Beweisführung (ist anwendbar) auch, wenn (umgekehrt) die Erstreckung als unendlich, die Zeit dagegen als begrenzt (angesetzt sein soll).

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Offenkundig ist nun aus dem Gesagten, daß es weder Linie noch Fläche noch überhaupt etwas Zusammenhängendes als (an irgendeiner Stelle) unteilbar geben kann, – nicht nur wegen des eben Vorgetragenen, sondern auch weil (andernfalls) eintreten würde ein Teilen des Unteilbaren: Da doch in jeder Zeit (die Möglichkeit zu) »schneller« und »langsamer« ist und das Schnellere mehr (Strecke) durchläuft in gleicher Zeit, und es mag dabei die doppelte oder anderthalbfache Strecke durchlaufen (verglichen mit dem Langsameren) – so ein Geschwindigkeitsverhältnis könnte man einmal ansetzen – (so sei einmal angenommen:) Das Schnellere sei fortgekommen anderthalbfache (Strecke) in gleicher Zeit, und es seien die Erstreckungsgrößen eingeteilt, die des Schnelleren in drei unteilbare (Stücke), AB, BC, CD, die des Langsameren in zwei, EF, FG; folglich wird auch die Zeit eingeteilt sein in drei unteilbare (Stücke): es durchläuft ja gleiche Strecke in gleicher Zeit; geteilt sei mithin die Zeit in KL, LM, MN; da nun aber wieder das Langsamere (in dieser Zeit) um die Strecke EFG fortgekommen sein soll, so wird auch die Zeit in Zweierstücke geschnitten werden müssen; damit wird also das Unteilbare geteilt, und (der Gegenstand) die unteilbare (Strecke) nicht in unteilbarer (Zeit) durchlaufen, sondern in einem Mehr (davon). Einsichtig ist mithin: Nichts von dem, was zusammenhängend ist, ist teillos.

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3. Notwendig (gilt) aber auch: Das »Jetzt«, und zwar nicht das vermittelt über anderes, sondern an sich und unmittelbar ausgesagte, ist unteilbar, und in jeder Zeit ist derartiges mitenthalten. Ist es doch (einerseits) eine Art Rand des Gewesenen, über den so weit nichts Zukünftiges reichen kann, und auch wieder (Rand) des Zukünftigen, über den so weit nichts Vergangenes reicht. Das eben, sagen wir, ist Grenze von beiden. Wenn davon nachgewiesen wird, daß es derartig ist und ein und dasselbe, so wird zugleich auch offenkundig sein, daß es unteilbar ist. Also, notwendig muß das Jetzt ein und derselbe Rand beider Zeitabschnitte sein; wäre es (in sich) unterschieden, so könnte das eine davon dem anderen nicht mehr in



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Reihe folgen auf Grund der Tatsache, daß ein Zusammenhängendes aus Teillosem nicht sein kann; stünde dagegen jedes von beiden für sich, dann wird dazwischen (wieder) Zeit sein; alles Zusammenhängende ist doch von der Art, daß sich etwas aus der gleichen Gattung zwischen den Grenzen findet. Aber wenn nun das Dazwischen (wieder) Zeit ist, so wird es teilbar sein: jedes Zeitstück, wurde nachgewiesen, ist teilbar. Somit wäre das Jetzt teilbar; ist jedoch das Jetzt teilbar, so wird ein Stück von Gewesenem im Zukünftigen sein und vom Zukünftigen im Gewesenen; denn da wo eingeteilt wird, diese Stelle nimmt doch vergangene und zukünftige Zeit auseinander. Gleichzeitig aber auch wäre dann das Jetzt nicht mehr für sich (ausgesagt), sondern vermittelt über anderes; denn die Einteilung (ist und macht) nicht ein An-und-für-sich. Zudem wäre dann von dem Jetzt ein Stück vergangen, das andere zukünftig, und noch dazu nicht immer dasselbe Stück vergangen oder zukünftig. Und dann wäre auch noch das Jetzt nicht mehr (mit sich) ein und dasselbe; denn Zeit ist ja vielfältig teilbar. Kurz und gut, wenn das alles unmöglich so sein kann, so (gilt) notwendig: Das Jetzt an beiden ist das gleiche. Aber wenn das gleiche, dann offenkundig ist es auch unteilbar; wäre es nämich teilbar, so wird wieder genau das eintreten, was sich soeben ergeben hatte. Daß es mithin in der Zeit etwas Unteilbares gibt, was wir als »Jetzt« ansprechen, ist klar aus dem Gesagten. Daß dagegen im Jetzt nichts sich bewegt, ist aus Folgendem einleuchtend: Ginge das nämlich, so wird (in ihm) auch Schneller-und Langsamer-Bewegen möglich sein müssen. Es heiße also das Jetzt einmal (Ausdehnung) N, es soll sich bewegt haben in ihm der schnellere (Gegenstand) über AB; folglich wird der langsamere in der gleichen (Zeit) eine kleinere Strecke als AB sich bewegen, etwa AC. Da nun der langsamere in dem ganzen Jetzt über AC sich bewegt hat, so wird der schnellere (diese Strecke) in kürzerer Zeit, verglichen damit, durchmessen, mit der Folge, daß man dann das Jetzt wird teilen müssen. Aber es war doch (als) unteilbar (erwiesen). Es gibt das also nicht, Bewegung im Jetzt.

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Aber auch kein Ruhen: »Es ruht« sagen wir von etwas, das, von Natur aus zu Bewegung befähigt, nur jetzt gerade und an dieser Stelle und in der Bewegungsart, wo es das zwar tun könnte, sich eben nicht bewegt; also, da im Jetzt nichts von Natur aus zu Bewegung befähigt ist, so klarerweise auch nicht zu Ruhe. Weiter, wenn das Jetzt das gleiche ist an beiden Zeiten und wenn (etwas) über ein Zeitganzes sich bewegen und über ein anderes (Zeitganzes) ruhen kann, wenn dann weiter das, was sich die ganze Zeit lang bewegt, auch in jedem beliebigen Zeitpunkt dieses Ganzen, wo es von Natur aus zu Bewegung befähigt ist, in Bewegung sein wird, und wenn für das Ruhende in seinem Ruhen die gleichen Überlegungen gelten: dann wird herauskommen, daß ein und derselbe Gegenstand zugleich ruht und sich bewegt; es war ja doch der gleiche Rand der beiden Zeiten, dieses Jetzt. Weiter, »es ruht« sagen wir von etwas, das sich – sowohl es selbst wie auch seine Teile (untereinander) – gleich verhält, jetzt im Vergleich zu vorher; im Jetzt gibt es aber kein »vorher«, somit also auch kein Ruhen. Notwendig (gilt) also: Es bewegt sich das Bewegte in einer Zeit, und es ruht (in einer solchen) das Ruhende. 4. Was sich da wandelt, alles das muß teilbar sein. Da doch jeder Wandel »von etwas aus« »zu etwas hin« geht und (außerdem gilt:) Wenn es in dem (Zustand) schon ist, zu dem hin es sich wandelte, wandelt es sich nicht mehr, wenn es dagegen (noch in dem Zustand ist), aus dem heraus es sich wandeln sollte, sowohl es selbst wie auch alle seine Teile, dann wandelt es sich noch nicht – was sich ja immer gleich verhält, sowohl es selbst wie auch seine Teile, wandelt sich nicht –: so ist es also notwendig, daß ein (Stück) des Übergehenden in diesem (Zustand) ist, das andere in dem anderen. In beiden zugleich oder in keinem davon kann es ja nicht sein. Mit »wozuhin es sich wandelt« meine ich (je) den ersten Wandlungsschritt, z. B. von »weiß« aus das »grau«, nicht das »schwarz«; es ist ja nicht notwendig, daß das Übergehende in einem der beiden Außen-



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zustände sein muß. – Offenkundig ist also: Alles, was sich da wandelt, wird teilbar sein müssen. Bewegungsablauf ist teilbar in zweifachem Sinn, auf eine Weise nach der Zeit, auf andere nach den Bewegungen der Teile des bewegten (Gegenstands), z. B.: Wenn das ganze AC sich bewegt, so wird auch das (Teilstück) AB sich bewegen und BC auch; es sei nun die Bewegung von Teil AB DE, die von BC EF; dann (ergibt sich) notwendig, daß die ganze, DF, die Bewegung von AC ist; es wird sich ja über sie bewegen, wenn doch ein jeder der Teile sich über ein jedes (Teilstück) bewegt; keins bewegt sich ja doch über die Bewegungsstrecke des anderen, mit der Folge, daß die Gesamtbewegung eben die Bewegung der Gesamtgröße ist. Weiter, wenn jede Bewegung (Bewegung) »von etwas« ist, die Gesamtbewegung DF aber weder die eines der Teile sein kann – die Teile hatten ja ihre Einzelbewegung – noch die von irgend etwas anderem – von welchem Gesamtgegenstand doch die Gesamtbewegung die Bewegung ist, von dessen Teilen sind es die Teilbewegungen; die Teilbewegungen waren aber doch die von AB und BC und von nichts anderm; von einer Mehrzahl (von Gegenständen) konnte es einen Bewegungsablauf ja doch nicht geben –: dann wäre ja wohl auch die Gesamtbewegung die der Größe ABC. Weiter, wenn die Bewegung des Gesamtgegenstandes eine andere ist (als die der Teile), z. B. HI, so wird von ihr die Bewegung jedes der beiden Teile abgezogen werden können; diese werden gleich sein den (Größen) DE, EF – ein Gegenstand hat eine Bewegung –; wenn nun also das ganze HI auseinandergenommen werden kann in die Teilbewegungen, so wird HI gleich DF; wenn andrerseits ein Rest dabei bleibt, z. B. KI, dann würde das eine Bewegung von nichts sein, – weder doch die des Gesamtgegenstandes noch die seiner Teile, wegen (des Satzes) »ein Gegenstand hat eine Bewegung«, noch die von irgend etwas anderem; denn zusammenhängende Bewegung ist (Bewegung) zusammenhängender Gegenstände –; ebenso aber auch für den Fall, daß (DE, EF) bei der Teilung überragen. Also, wenn dies (alles) unmöglich ist, so ist sie notwendig

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dieselbe und und gleichgroß. – Das also ist die Teilungsmöglichkeit nach dem Gesichtspunkt der Teilbewegungen, und notwendig muß es sie von allem geben, was teilbar ist. Die andere (ergab sich) nach der Zeit: Da jede Bewegung in der Zeit (stattfindet) und jeder Zeitabschnitt teilbar ist und in geringerer Zeit auch die Bewegung kleiner ist, so ist notwendig: Jeder Bewegungsablauf kann geteilt werden nach dem Gesichtspunkt der Zeit. Da nun alles, was sich verändert, dies »in einem« (Wirklichkeitsbereich) tut und eine bestimmte Zeit lang, und da alles (Sich-Verändernde) einen Bewegungsverlauf durchmacht, so (gilt) notwendig: Es sind dieselben Teilungen, was Zeit angeht und Bewegungsablauf oder -vorgang und Bewegtes und »worin« der Veränderung, – nur daß es nicht bei allen (Wirklichkeitsbereichen), worin die Veränderung (vorgeht), genauso ist, sondern bei »Ort« (geschieht es) im eigentlichen, bei »so-undso-beschaffen« in nebenbei zutreffendem Sinn. Es sei einmal angenommen: Zeit, in der die Veränderung abläuft, A, Bewegungsvorgang B; wenn nun (der Gegenstand über den ganzen Vorgang in der Gesamtzeit sich bewegt hat, dann in der halben (entsprechend) weniger, und wenn man die wieder teilt, so (entsprechend) weniger im Vergleich dazu, und so immer weiter. Genauso (ist es) aber auch (umgekehrt): Wenn der Bewegungsvorgang teilbar ist, so ist es auch die Zeit; wenn (der Gegenstand) den ganzen (Verlauf) in der ganzen (Zeit macht), dann den halben in der halben und so weiter weniger (Verlauf) in weniger (Zeit). Auf dieselbe Weise wird auch das Ablaufen des Bewegungsvorgangs geteilt werden; es sei einmal C dies Ablaufen: Zum Zeitpunkt des halben Bewegungsvorgangs wird es (entsprechend) kleiner sein als das Ganze und wieder zum Zeitpunkt der Hälfte der Hälfte (entsprechend), und immer so weiter. Es geht auch, daß man heraushebt das Ablaufen nach den beiden Einzelbewegungen, z. B. nach DC und CE, und dann sagt, daß das ganze (Ablaufen) gemäß der ganzen (Bewegung) sein wird – wäre es ja anders, so würde es mehrfaches Ablaufen geben bezogen auf ein und dieselbe Bewegung –; genauso haben wir ja auch gezeigt, daß die (Gesamt-)



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Bewegung teilbar ist in die Bewegungen der Teile: nimmt man das Ablaufen gemäß jeder Einzelbewegung, so wird das ganze einen Zusammenhang bilden. Genauso wird sich zeigen lassen, daß auch die Strecke teilbar ist, und allgemein jedes »worin die Wandlung erfolgt«, – nur bei einigem in nebenbei zutreffender Bedeutung, indem das, was sich da wandelt, teilbar ist; teilt man eins, so teilt man in Folge alle. Und auch bezüglich des Begrenzt- oder Unbegrenztseins verhält es sich gleich bei allen. Es hat sich die Teilungsunendlichkeit von allem besonders herausgestellt als Folge nach dem Gegenstand des Wandels; denn dem, was sich da wandelt, kommt (die Eigenschaft) »teilbar« und »unbegrenzt« unmittelbar zu. Was (dabei) »teilbar« heißt, ist früher nachgewiesen, »unbegrenzt« wird im Folgenden klar werden. 5. Da nun alles, was sich wandelt, »aus etwas zu etwas« übergeht, so (gilt) notwendig: Was sich gewandelt hat, sobald es nur diesen Wandel durchhat, ist in dem (Zustand, zu dem) es sich gewandelt hat. Denn das »woraus« des Wandels, das läßt ja das Sich-Wandelnde hinter sich und tritt aus ihm heraus, und entweder ist das Sich-Wandeln (gleich) dasselbe wie dies Hinter-sich-Lassen, oder es folgt (doch wenigstens) das Hinter-sich-Lassen dem Sich-Wandeln. Wenn aber dem »Sich-Wandeln« das »Hinter-sich-Lassen« (folgt), so auch dem »Sich-Gewandelthaben« das »Hinter-sich-Gelassenhaben«; jedes der beiden (Verhältnisse) entspricht sich ja genau. Da nun eine der Arten von Wandel die »gemäß ausschließendem Widerspruch« (ist), (die nämlich dann vorliegt,) wenn (etwas) übergegangen ist aus »nichtseiend« zu »seiend«, so hat es das »nichtseiend« hinter sich gelassen; somit wird es sein im »seiend«; – von allem gilt ja notwendig: Es ist entweder, oder es ist nicht. Also ist offenkundig, daß bei der Wandlungsform »gemäß ausschließendem Widerspruch« das, was sich gewandelt hat, in dem (Zustand) sein wird, (zu dem) es sich gewandelt hat. Wenn aber in ihr (das so ist), so auch bei den übrigen; es ist ja ähnlich bei (dieser) einen und den anderen.

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Außerdem wird es aber auch, wenn man sie einzeln vornimmt, offenkundig, wenn nur als notwendig gilt, daß das, was den Wandel durchhat, sein muß »irgendwo« oder »in irgend einem« (Zustand). Da es ja das »woraus« seines Wandels hinter sich gelassen hat, aber doch irgendwo sein muß, so ist es etweder in diesem (Zielzustand) oder in einem anderen. Wäre es in einem anderen, z. B. im (Zustand) C, wenn es gerade den Wandel zu B hinter sich gebracht hat, so wird es wieder von C sich wandeln zu B, denn (dann) war B nicht anschließend, Wandel bildet aber einen Zusammenhang. Danach (ergäbe sich:) Was sich gewandelt hat, wandelt sich zu dem Zeitpunkt, wo es dies schon getan hat, noch zu dem hin, wozu es sich schon gewandelt hat; das ist unmöglich. Also ist notwendig: Was sich gewandelt hat, ist in dem (Zustand), zu dem hin es sich gewandelt hat. So ist also einleuchtend: Was geworden ist, zu dem Zeitpunkt, wo es mit Werden fertig ist, wird sein, und was untergegangen ist, wird nicht sein. Das ist, erstens, ganz allgemein gesagt von jeder Form von Wandel, und besonders klar ist es bei der »gemäß ausschließendem Widerspruch«. Daß also nun, was sich gewandelt hat, genau zu der Zeit, wo es mit Wandel fertig ist, in jenem (Endzustand) ist, ist klar. Das unmittelbare »Worin des vollzogenen Wandels« des veränderten Gegenstands muß aber unzerschneidbar sein. Mit »unmittelbar« meine ich (hier einen Zeitpunkt), der nicht dadurch, daß etwas von ihm Verschiedenes so ist, diese Eigenschaft hat. Es sei also einmal teilbar das (Zeitstück) AC, und es soll bei B geteilt sein; wenn (der Gegenstand) nun in AB den Wandel durchhat oder auch in BC, so wird er wohl in AC nicht unmittelbar den Wandel vollzogen haben. Wenn er andrerseits in beiden (Teilabschnitten) im Vollzug des Wandels war – er muß doch in jedem von beiden entweder den Wandel durchhaben oder noch dabei sein –, dann wird er wohl auch in dem Ganzen nur dabei sein, sich zu wandeln; aber (es war doch vorausgesetzt, daß) er den Wandel schon durchhatte. Die gleiche Überlegung (ergibt sich) auch, wenn er in dem einen (Teilstück) noch dabei ist, sich zu wandeln, im anderen dagegen den Wandel schon durchhat; dann dann würde es nämlich



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etwas geben, das »unmittelbarer als unmittelbar« ist. Also ist wohl nicht teilbar (der Augenblick,) worin er den Wandel vollzogen hat. Somit ist einleuchtend: Das Untergegangene und das Entstandene sind beide in einem unzerschneidbaren (Augenblick) das eine untergegangen, das andere entstanden. Es wird jedoch der Ausdruck »worin es unmittelbar den Wandel gemacht hat« in zweifacher Bedeutung ausgesprochen, einmal im Sinn von von »in welchem unmittelbaren (Augenblick) der Wandel zu Ende kam« – dann (erst) ist ja die Aussage wahr: »es hat den Wandel vollzogen« –, zum anderen im Sinne von »in welchem unmittelbaren (Augenblick) es anfing mit dem Wandel«. Der Sinn von »unmittelbar«, der vom Ende des Wandels ausgesagt wird, ist in Aussagen zutreffend und stellt Vorhandenes dar – es kann ja wirklich ein Wandel sein Ende gefunden haben, und es gibt ein »Ende des Wandels«, von dem ja doch gezeigt ist, daß es unteilbar ist, weil es eben eine Grenze ist –; dagegen der Sinn, der den Anfang (des Wandels) meint, trifft überhaupt nichts Bestehendes: es gibt nicht (so etwas wie) »Anfang des Wandels«, und auch nicht ein Zeitstück, in dem unmittelbar es den Wandel beginnt. Es sei also einmal »unmittelbares« (Zeitstück) AD; dies ist dann nicht unteilbar, denn sonst würde herauskommen, daß die Jetzte zusammenhängend sind. Weiter, wenn (der Gegenstand) in der Gesamtzeit CA ruht – er sei einmal als ruhend angesetzt –, dann ruht er auch in A, mit der Folge, daß, wenn AD teillos ist, er gleichzeitig ruhen wird und Wandel sich vollzogen hat: In A ruht er, in D hat er Wandel hinter sich. Indem es nun aber nicht teillos ist, muß es auseinandernehmbar sein, und (der Gegenstand) muß in jedem beliebigen seiner (Stücke) schon Wandel hinter sich gebracht haben; teilt man nämlich AD einmal durch, (so folgt): Wenn (der Gegenstand) in keinem (der Stücke) Wandel hinter sich gebracht hat, so auch in dem Ganzen nicht; wenn er dagegen in beiden (erst) dabei ist, sich zu wandeln, so auch in dem Ganzen; wenn schließlich nur in einem von beiden er Wandel hinter sich hat, so in dem Ganzen nicht mehr unmittelbar. Somit ergibt sich notwendig: In jedem beliebigen (Stück) muß er schon Wandel hinter sich

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haben. Somit ist einleuchtend: Es gibt kein »erstes Worin des vollzogenen Wandels«; denn die Teilungen (wären dabei) unbegrenzt. Und auch an dem Gegenstand des vollzogenen Wandels gibt es kein »Erstes« (zu unterscheiden), das Wandel hinter sich gebracht hat. Es sei einmal DF das erste Gewandelte von DE, – es ist ja gezeigt, daß alles teilbar ist, was sich da wandelt. Die Zeit, in der DF sich gewandelt hat, sei HI. Wenn nun in der ganzen (Zeit) das DF Wandel hinter sich gebracht hat, so wird es in der halben etwas Geringeres sein, was Wandel durchgemacht hat, und auch früher als DF, und wieder ein anderes (kleiner und früher) als dieses, und wieder ein anderes als jenes, und so immer weiter. Also, es wird kein Erstes an dem Sich-Wandelnden geben, das Wandel hinter sich gebracht hat. Daß es also weder an dem Gegenstand des Wandels noch an der Zeit, in der er sich wandelt, ein »Erstes« (zu finden) gibt, ist einsichtig aus dem Gesagten. Dagegen das, was sich da wandelt oder, (besser gesagt, die Eigenschaft,) in Hinsicht auf die (der Gegenstand) sich wandelt, wird sich nicht mehr entsprechend verhalten. Drei (Stücke) sind es doch, die bei (Vorliegen von) Wandel ausgesagt werden: Das, was sich da wandelt, das »worin« und das »wozuhin« des Wandels, z. B. »Mensch«, »Zeit«, »weiß«. Dabei kann man man »Mensch« und »Zeit« teilen, bei »weiß« liegt die Sache anders. Zwar, in nebenbei zutreffender Bedeutung ist ja alles teilbar: jenes (Ding) nämlich, dem es zutrifft, »weiß« oder »so-und-sobeschaffen« (zu sein), ist teilbar. Indessen, auch bei solchen (Dingen), die an sich selbst als teilbar angesprochen werden, und nicht nur in nebenbei zutreffender Bedeutung, wird es dies »Erste« nicht geben, z. B. bei den Größen; es sei also AB eine (Erstreckungs-)Größe, es sei die Bewegung verlaufen von B zu C als erstem (Punkt); somit ergibt sich: Wenn BC unteilbar sein soll, so wird etwas Teilloses mit etwas Teillosem Zusammenhängen; ist es dagegen teilbar, so wird es etwas geben, das noch früher ist als C, zu dem der Wandel stattgefunden hat, und dann wieder ein anders (, das früher ist) als jenes, und so immer weiter auf Grund der Tatsache, daß die Teilung nie



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ausgeht. Also wird es kein »Erstes« geben, zu dem hin Wandel vollzogen ist. Entsprechend ist auch bei Wandel des »so-undso-groß«: auch er findet statt an einem Zusammenhängenden. Somit ist klar: Als einziger unter den Veränderungsformen ist es bei der Eigenschaftsveränderung möglich, daß es in ihr ein an sich Unteilbares geben kann. 6. Da alles, was sich wandelt, dies in einer Zeit tut, und da der Ausdruck »in der Zeit sich wandeln« (zweifach) ausgesagt wird, sowohl im Sinne von »in diesem unmittelbaren Zeitraum«, wie auch über anderes vermittelt – z. B. (sagen wir:) »In dem Jahr« verändert es sich, weil es das »an diesem Tag« (des Jahres) tut –, (so läßt sich sagen:) In welchem unmittelbaren Zeitraum das Sich-Wandelnde sich wandelt, in jedem beliebigen (Zeitpunkt) davon muß es im Wandel begriffen sein. Klar ist das schon aus der Begriffsbestimmung – in diesem Sinn wollten wir »unmittelbar« ja aussagen –, aber auch aus folgenden (Überlegungen) wird es einsichtig: Es sei einmal (der Zeitraum), in dem unmittelbar das Bewegte sich bewegt, OR, und er soll bei K geteilt sein, – jedes Zeitstück ist ja teilbar; dann wird es sich in der Zeit OK entweder bewegen oder nicht, und wieder in KR genauso; wenn es nun in keinem der beiden (Zeiträume) sich bewegt, dann wird es ja wohl in dem ganzen in Ruhe sein – denn daß etwas sich bewegt, was in keinem der dazugehörigen Zeitstücke in Bewegung ist, das geht nicht –; wenn andrerseits nur in einem davon es sich bewegt, dann würde es in OR nicht als unmittelbarem (Zeitraum) sich bewegen; dann ist die Bewegung ja über anderes vermittelt. Somit ist notwendig, daß es sich in jedem beliebigen (Zeitstück) von OR bewegt. Ist das aufgezeigt, so ist einsichtig: Alles, was in Bewegung ist, muß (auch immer schon) früher Bewegung hinter sich gebracht haben. Wenn nämlich (ein Gegenstand) in der unmittelbaren Zeit OR die (Raum-)Größe KL durchlaufen hat, so wird in der halben Zeit ein gleichschnell bewegter, der auch gleichzeitig angefangen hat, die Hälfte (an Strecke) durchlaufen haben; wenn aber der gleichschnelle (Gegenstand) in der-

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selben Zeit etwas an Bewegung vollbracht hat, so muß auch der andere sich über genau die gleiche Erstreckung sich bewegt haben, also folgt: Es hat sich immer schon bewegt, was da in Bewegung ist. Weiter, wenn wir sagen, (der Gegenstand) habe in der ganzen Zeit OR Bewegung hinter sich gebracht, oder auch allgemein, in beliebiger Zeit, dadurch daß wir (je) das letzte Jetzt davon herausnehmen – das ist ja das Grenzensetzende, und das »Inmitten von Jetzten« ist Zeit –, dann kann auch von den anderen (Zeitabschnitten) genauso gesagt werden, daß er in ihnen Bewegung hinter sich gebracht hat. Die Zweiteilung (bildet) aber doch »Rand von Hälfte«; folglich wird er auch in der Hälfte (der Zeit) schon Bewegung hinter sich haben, und allgemein, in jedem beliebigen Teil schon; jeweils ist ja zugleich mit dem Einschnitt Zeit (gesetzt), die begrenzt ist durch die Jetzte. Ist nun jedes Zeitstück teilbar und das »Inmitten von Jetzten« Zeit, so hat alles, was sich da wandelt, immer schon unzählig viele Wandlungsschritte durchgemacht. Weiter, wenn etwas, das fortlaufend sich wandelt und dabei nicht untergegangen ist und auch nicht mit dem Wandel Schluß gemacht hat, zu jedem beliebigen (Zeitpunkt) entweder im Wandel noch begriffen sein oder Wandel durchgemacht haben muß, wenn weiter im Jetzt ein »Im-Wandel-begriffensein« nicht geht, so (gilt) notwendig: Es muß Wandel schon hinter sich gebracht haben zu jedem der Jetztzeitpunkte. Mithin, sind die Jetzte unendlich viele, so wird alles, was sich da wandelt, unendlich viele Veränderungsschritte (immer schon) hinter sich haben. Nicht nur, was in Veränderung begriffen ist, muß schon Wandel hinter sich haben, sondern auch was mit Wandel fertig ist, muß früher im Wandel begriffen gewesen sein. Alles, was »von etwas aus zu etwas hin« Wandel durchgemacht hat, hat dies ja in der Zeit getan; es soll einmal (ansatzweise) in einem Jetzt von A zu B sich gewandelt haben; dann kann es in dem selben Jetzt, in dem es sich bei A befindet, Wandel nicht erfahren haben, – sonst wäre es ja gleichzeitig in (Zustand) A und B; was doch Wandel durchgemacht hat, ist zu dem Zeitpunkt, wo



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es dies getan hat, nicht mehr in diesem (Anfangszustand), das ist früher aufgezeigt worden. Wenn dagegen in einem anderen (Jetzt der Wandel gewesen sein soll), so wird dazwischen Zeit liegen; die Jetzte waren ja nichts Zusammenhängendes. Da es sich mithin in einer Zeit gewandelt hat, jedes Zeitstück aber teilbar ist, so wird es in der halben (Zeit) einen andern Wandel schon durchgemacht haben, und wieder in der Hälfte davon einen anderen, und immer so weiter. Also, es wird (immer schon) früher im Wandel begriffen sein. Weiter, bei der (Erstreckungs-)Größe wird das Gesagte noch deutlicher, auf Grund der Tatsache daß die Erstreckung, innerhalb deren das Sich-Wandelnde sich bewegt, zusammenhängend ist. Es habe also einmal etwas Wandel durchgemacht von C nach D; wenn folglich CD unteilbar wäre, so würde ein Teilloses zusammenhängend mit einem Teillosen sein; da denn dies unmöglich ist, muß das »dazwischen« eine Größe sein, mithin ins Unendliche teilbar, mit der Folge, daß (der Gegenstand) in alle diese (Stufen) früher sich wandeln muß. Notwendig (gilt) also: Alles, was Wandel hinter sich hat, war früher im Wandel begriffen. Es ist ja derselbe Beweis (gültig) auch für die nicht-zusammenhängenden (Bereiche), z. B. bei entgegengesetzten (Begriffen) und bei ausschließendem Widerspruch; wir werden ja einfach die Zeit nehmen, in der es sich gewandelt hat, und wieder dasselbe sagen. Also steht mit Notwendigkeit fest: Was Wandel hinter sich hat, war auch im Wandel begriffen, und was im Wandel begriffen ist, hat auch schon Wandel hinter sich; und Wandel-Durchgemachthaben liegt vor dem Sich-Wandeln, andrerseits aber auch Im-Wandel-Begriffensein vor Wandeldurchgemachthaben; und davon wird man nie das Erste zu fassen kriegen. Grund dafür ist: Teilloses bildet mit Teillosem keinen Zusammenhang, denn (im Zusammenhängenden) gibt es unbegrenzte Teilung, – so wie auch bei den vermehrten und verminderten Linien. Einleuchtend ist nun auch, daß etwas, das ein Entstehen hinter sich hat, vorher im Entstehen begriffen gewesen sein muß und (umgekehrt) schon Entstehung hinter sich gebracht

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haben muß, soweit dies teilbare und zusammenhängende (Dinge sind); indessen (betrifft dies) nicht immer das, was da entsteht (selbst), sondern manchmal ein anderes, z. B. eins seiner Teilstücke, wie etwa von einem Haus die Grundmauern. Entsprechend (verhält es sich) auch bei Untergehendem und Untergegangenem. Sofort findet sich ja bei Entstehendem und Untergehendem etwas Unbegrenztes ein, da sie doch zusammenhängend sind, und es kann weder etwas werden, was nicht schon Werdevorgang hinter sich hat, noch etwas geworden sein, was nicht vorher auch im Werden begriffen war; und genau so gilt das auch von Untergehen und Untergegangensein: Immer wird Untergegangensein vor einem Untergehen liegen, und ein Untergehen vor Untergegangensein. – Somit ist einsichtig: Gewordenes muß vorher im Werden begriffen gewesen sein, und Werdendes muß vorher auch schon geworden sein; jede Größe und jede Zeit ist doch immer teilbar. Folglich, das (zeitliche) »worin« dieses Vorgangs, davon findet man nie ein (wirklich) Erstes. 7. Da alles, was sich bewegt, dies in der Zeit tut, und zwar in einem Mehr (an Zeit) über eine größere Erstreckung, so ist es in unbegrenzter Zeit unmöglich, eine (nur) begrenzte Bewegung auszuführen, wenn es nicht immer nur die gleiche Bewegung macht und dabei über eine der Teilstrecken dieser (Gesamterstreckung) läuft, sondern in ganzer (Zeit) ganze (Strecke). Daß doch, wenn etwas sich gleichschnell fortbewegt, es eine begrenzte (Strecke) in begrenzter (Zeit) durchlaufen muß, ist klar, – nimmt man doch ein Teilstück heraus, das die ganze restlos ausmißt, dann wird es in genau gleichviel Zeitabschnitten, wieviel Teilstücke es gibt, die ganze (Strecke) durchmessen haben; folglich, da diese begrenzt sind, und zwar ein jedes durch ein »so-und-so-viel«, alle zusammen durch ein »sound-so-viel-mal«, so ist ja wohl auch die (entsprechende) Zeit bemessen: Sie wird so-viel-mal-so-viel sein, wie die Zeit für einen Teil, vervielfältigt mit der Anzahl der Teile; aber wenn es nun etwa nicht gleichförmig schnell (sich bewegen sollte), so macht das keinen Unterschied. Es sei also die (Linie) AB



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eine begrenzte Entfernung, die (der Gegenstand) in unbegrenzter Zeit durchmessen haben soll, und diese unbegrenzte Zeit sei CD; wenn nun also notwendig er ein (Streckenstück von AB) früher durchlaufen haben muß als ein anderes – das ist doch klar, daß er in einem früheren Zeitpunkt ein anderes (Streckenstück) durchlaufen hat als in einer späteren; immer doch wird er in einem Mehr (an Zeit) ein wieder anderes (Stück) durchlaufen haben, einerlei ob er sich nun gleichförmig schnell oder nicht gleichförmig schnell fortbewegt, und ob die Geschwindigkeit nun anzieht oder nachläßt oder auch gleichbleibt, so um nichts weniger –, es sei also nun einmal herausgegriffen ein Teilstück der Entfernung AB, nämlich AE, welches AB restlos ausmißt: Das muß nun also in irgend einem Zeitstück von der unendlichen Zeit geschafft sein; in der unendlichen kann es ja nicht sein, das Ganze (sollte) doch in der unendlichen (Zeit zurückgelegt sein); und wieder, wenn ich ein anderes nehme in der Größe von AE, so muß (das Durchlaufen auch wieder) in begrenzter Zeit (sein); das Ganze (sollte) in unendlicher (durchlaufen werden). Und indem ich so weiter nehme, (finde ich:) Da es von unendlicher (Größe) kein Teilstück gibt, was sie restlos ausmißt – unmöglich kann doch Unendliches aus Endlichem sich zusammensetzen, einerlei ob aus gleichen oder ungleichen (Teilstücken), auf Grund der Tatsache, daß (gerade) endliche (Größen) nach Anzahl und Größe von irgend einer Einheit ausgemessen werden, einerlei ob diese (Einheiten) gleichgroß oder ungleichgroß (gewählt) sind, solange sie größenmäßig begrenzt sind, (gilt das) nichtsdestoweniger –, da nun doch gerade die begrenzte Entfernung durch so und so viele AE ausgemessen wird, so muß ja wohl in begrenzter Zeit AB durchmessen werden –, genauso verhält es sich (übrigens) auch beim Übergang zu Ruhe. Also, es kann ein mit sich selbiger und einheitlicher Gegenstand weder dauernd werden noch dauernd vergehen. Dieselbe Erklärung (gilt) auch dafür, daß es (umgekehrt) auch nicht möglich ist, in begrenzter Zeit über unendliche (Strecke) sich zu bewegen oder zur Ruhe zu kommen, einerlei ob sich (der Gegenstand) nun gleichmäßig oder ungleichmäßig

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bewegt. Nimmt man nämlich ein Teilstück heraus, das die ganze Zeit restlos ausmißt, so wird (der Gegenstand) in diesem ein So-und-so-viel der Erstreckungsgröße durchlaufen, nicht das Ganze – das Ganze sollte ja in der ganzen (Zeit durchlaufen werden) – und wieder, in einem gleichen Zeitstück ein anderes (So-und-so-viel), und so in jedem (Zeitstück) gleichermaßen, einerlei ob die gleich oder ungleich sind dem Anfangsstück; das macht ja keinen Unterschied, wenn nur jedes begrenzt ist; so ist dann doch klar, daß, wenn die Zeit aufgebraucht ist, die unendliche (Strecke) nicht ausgemessen sein wird, da doch dieses Ausschöpfen als begrenztes stattfindet, sowohl bezogen auf das So-und-so-viel wie auf das So-und-so-viel-mal. Also, (der Gegenstand) wird nicht in begrenzter Zeit unbegrenzte (Strecke) durchlaufen können. Und es macht keinen Unterschied, ob diese Erstreckung nur nach einer oder nach beiden Seiten unbegrenzt ist; das gibt dieselbe Erklärung. Nachdem dies aufgezeigt ist, ist ersichtlich, daß auch eine begrenzte (Körper-)Größe eine unbegrenzte (Erstreckung) in begrenzter (Zeit) nicht durchlaufen kann, aus dem gleichen Grund: In dem Teilstück von Zeit wird er begrenzte (Erstreckung) durchlaufen, und in jedem (Teilstück) genauso, also in dem ganzen (Zeitraum) eine begrenzte. Wenn aber der begrenzte (Körper) unbegrenzte (Erstreckung) in begrenzter Zeit nicht durchlaufen kann, so ist klar, daß auch (umgekehrt) nicht unbegrenzter (Körper) begrenzte (Erstreckung durchläuft); wenn doch der unbegrenzte die begrenzte (durchlaufen könnte), so müßte notwendig auch (umgekehrt) der begrenzte die unbegrenzte durchlaufen können; es macht ja doch keinen Unterschied, welches von beiden das Bewegte ist: beidesmal geht durch das Begrenzte das Unbegrenzte. Wenn also einmal bewegt sein soll das Unbegrenzte, A, so wird es ein Stück von ihm geben, gegenüber von dem begrenzten B, beispielsweise CD, und wieder ein anderes und anderes, und so immer weiter. Folglich wird sich gleichzeitig ergeben, daß Unbegrenztes sich durch Begrenztes bewegt hat und daß Begrenztes Unbegrenztes durchlaufen hat. Vielleicht ist ja auch gar nicht anders möglich, daß Unbegrenztes sich



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durch Begrenztes bewegt habe sollte, als dadurch, daß das Begrenzte das Unbegrenzte durchläuft, entweder in richtiger Fortbewegung oder es ausmessend. Wenn nun das unmöglich ist, so kann wohl folglich Unbegrenztes Begrenztes nicht durchlaufen. Aber auch wird unbegrenzter (Körper) in begrenzter Zeit nicht unbegrenzte (Erstreckung) durchlaufen; wenn doch unbegrenzte, so auch begrenzte: im Unbegrenzten kommt doch das Begrenzte immer schon mit vor. Schließlich, wenn man die Zeit (als unbegrenzt) herausgreift, wird es dieselbe Beweisführung sein. Da nun weder das Begrenzte das Unbegrenzte noch das Unbegrenzte das Begrenzte noch das Unbegrenzte das Unbegrenzte in begrenzter Zeit sich bewegend durchläuft, so ist es einsichtig, daß es auch keine unendliche Bewegung in begrenzter Zeit geben wird; was macht es denn für einen Unterschied, ob man den Bewegungsvorgang oder die (beteiligte) Größe unbegrenzt macht? Es muß doch, wenn irgendeins davon, so auch das andere unbegrenzt sein; jeder Bewegungsvorgang (spielt sich) doch in einem Raum (ab). 8. Da alles entweder in bewegender Veränderung begriffen oder im Ruhezustand ist, was dazu von Natur veranlagt ist, dann, wann es das ist, und dort, wo, und in der Art, wie es das eben tun soll, so (ergibt sich) notwendig: Was auf dem Wege zum Stillstand ist, ist zum Zeitpunkt, wo es das tut, noch in Bewegung. Wäre es das nicht, so wäre es ja schon in Ruhe, aber es geht nicht, daß etwas zur Ruhe kommt, das schon ruht. Ist das aufgezeigt, so ist einsichtig, daß auch dies Zum-StillstandKommen in einer Zeit stattfinden muß, – das Sich-Bewegende tut dies in einer Zeit, was zum Stillstand kommt, ist aufgezeigt als in bewegender Veränderung befindlich, also kommt es notwendig in einer Zeit zum Stillstand. Weiter, wenn wir (die Bestimmungen) »schneller« und »langsamer« in (dem Bestimmungsfeld) Zeit ansprechen, (so muß man sich vor Augen halten:) Es gibt »Schneller-« und »Langsamer-zum-Stillstand-kommen«. Was die unmittelbare

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Zeit angeht, in welcher das, was zum Stillstand kommt, dies tut, so muß es in jedem Augenblick von ihr dies tun. Nimmt man nämlich diesen Zeitabschnitt auseinander, (so kann man schließen:) Wenn in keinem der Teile Zum-Stillstandkommen stattfindet, so auch in dem Ganzen nicht, sodaß also (danach) ein Zum-Stillstand-kommen nicht zum Stillstand käme; wenn (andrerseits) das nur in einem der Teile (der Fall ist), so fände das Zum-Stillstand-kommen in dem Ganzen nicht als unmittelbarer Zeit statt: es käme in dieser Zeit nur vermittelt über ein anderes zum Stillstand, genauso wie früher schon für den bewegten Gegenstand vorgetragen. Wie andrerseits bei dem Bewegten man keinen Zeitpunkt greifen kann, zu dem als erstem es sich bewegt, genauso (findet man keinen), in dem (als erstem) das Zum-Stillstand-Kommende zum Stillstand kommt: weder vom Sich-Bewegen noch vom Zur-Ruhe-Kommen ist ein Erstes (faßbar). Es sei einmal eine solche Anfangszeit des Zum-Stillstand-Kommens die (Strecke) AB; das kann nun nicht teillos sein – Bewegung gibt es ja nicht in irgendeinem teillosen (Zeitstück), wegen der Tatsache, daß etwas von dem Gegenstand immer schon Bewegung hinter sich haben muß, das Zur-Ruhe-Kommende ist aber, wie gezeigt, ein Bewegtes; aber andrerseits, wenn es nun teilbar ist, so wird das Zur-Ruhe-Kommen in jedem beliebigen der Teile davon stattfinden; das ist ja früher gezeigt bezüglich der unmittelbaren Zeit des Zur-Ruhe-Kommens, daß dies in jedem Zeitstück von ihr stattfindet. Da es nun also eine Zeit ist, dies »erste worin des Zur-Ruhe-Kommens«, und nicht ein Unzerschneidbares, da aber doch jede Zeit ins Unendliche teilbar ist, so wird es ein erstes Zeitstück, in welchem es zur Ruhe kommt, nicht geben. Aber auch bei dem, was in Ruhe ist, ist kein Zeitpunkt faßbar, »wann zuerst« es mit dem Ruhen anfing. In einem teillosen (Zeitraum) konnte es ja nicht mit Ruhe beginnen, auf Grund des Satzes, daß Bewegung in einem unzerschneidbaren (Zeitstück) nicht sein kann, das »worin« von Ruhen ist aber auch das von Bewegung, – wir sagten doch, dann ruhe etwas,



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wenn ein (zu Bewegung) Befähigtes (zu einer Zeit), worin es zu Bewegung naturbefähigt ist, dies eben doch nicht tut. Weiter, wir sprechen doch dann von »Ruhen«, wenn (etwas) sich gleich verhält jetzt im Vergleich zu vorher; damit beurteilen wir es nicht in einem einzigen (Zeitpunkt), sondern zum wenigsten in zweien; also ist (das) »worin es ruht« nicht teillos. Ist es aber teilbar, so ist es ja wohl (ein Stück) Zeit, und in jedem beliebigen der Teile davon wird es ruhen; das wird sich auf dieselbe Weise zeigen lassen wie bei den früher behandelten Gegenständen: sonach wird es hier ein »Erstes« nicht geben. Grund davon ist: Es ruht und es bewegt sich alles in der Zeit, es gibt aber keine »erste Zeit«, und auch bei Größe nichts dergleichen und überhaupt bei keinem Zusammenhängenden: alles (dies) ist ins Unendliche teilbar. Da alles, was sich bewegend verändert, in der Zeit sich bewegt und von etwas fort zu etwas hin wechselt, (so gilt auch:) In der Zeit, in welcher es sich bewegt, und zwar der unmittelbaren, nicht über (Bewegung) in einem ihrer Teile vermittelt, kann das Bewegte unmöglich im genauen Sinne an einer bestimmten Stelle sein. Denn es ist doch gerade Ruhen so bestimmt, als »eine bestimmte Zeit lang als Ganzes für sich und bezogen auf jeden seiner Teile an derselben (Stelle) sein«. Genau in dem Sinn sprechen wir doch von »Ruhen«: Wenn in einem Jetzt und wieder einem es wahr ist zu sagen: »Es selbst (als Ganzes) und seine Teile sind an derselben (Stelle)«. Wenn nun aber das eben Ruhen ist, dann geht es nicht, daß ein Wechselndes als Ganzes, bezogen auf die unmittelbare Zeit (des Wechsels), an einer bestimmten (Stelle) ist; jedes Zeitstück ist doch teilbar, folglich wird es in einem Teil von ihr und wieder einem anderen wahr sein zu sagen: »Es selbst und seine Teile sind an dem gleichen (Ort)«; denn wenn es nicht so ist, sondern nur in einem einzigen der Jetzte, so wird es in keiner Zeit an irgendeiner Stelle sein, sondern nur an einer Zeitgrenze. In dem Jetzt kann es zwar je an einer Stelle sein, allerdings ruht es (dabei) nicht; denn es gibt weder Bewegung noch Ruhe im Jetzt, stattdessen ist »Nicht-Bewegung« wahr in dem Jetzt und »An-einer-Stelle-sein«; in der Zeit dagegen geht es nicht, daß

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es ruhend an einer Stelle wäre; sonst ergäbe sich ja, daß ein Fortbewegtes ruhe! 9. Zenon schließt fehlerhaft: Wenn ein Jedes, sagt er, immer dann im Ruhezustand ist, wenn es »in dem gleichen« (Raumstück) ist, wenn dann weiter immer das Fortbewegte in dem Jetzt ist, so wäre der fliegende Pfeil unbewegt. – Das aber ist ein Irrtum: die Zeit besteht ja gar nicht aus unteilbaren Jetzten, so wie auch sonst keine andere Größe (aus so unteilbaren Bestandsstücken sich aufbaut). Es sind vier Beweisreihen Zenons »Über Bewegung«, die dem, der sie lösen will, solche Schwierigkeiten machen; die erste ist die »Über die Nicht-Bewegung«, mit der Begründung, erst einmal müsse doch der fortbewegte Gegenstand zur halben Entfernung kommen, bevor er ans Ende kommt, – dazu haben wir schon die (notwendigen) Unterscheidungen getroffen in den früheren Untersuchungen. Die zweite ist der sogenannte »Achilleus«, der geht so: Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer in bißchen Vorsprung haben muß. – Es ist dies jedoch auch der gleiche Beweis wie das Halbieren, er unterscheidet sich nur darin, daß die hinzugenommene Größe nicht zweigeteilt wird. Daß das Langsamere nicht eingeholt werden kann, hat sich zwar auf Grund der Beweiskette ergeben, es kommt dies jedoch zustande infolge des gleichen Fehlers wie bei der Zweiteilung – in beiden ergibt sich doch, daß (der Gegenstand) ans Ende nicht kommen kann, indem die (zu durchmessende) Größe nach irgend einem Verhältnis durchgeteilt wird; nur tritt hier noch dazu, daß nicht einmal das mit Dichterschwung als »Schnellstes« Gerühmte bei der Verfolgung des Langsamsten (dies schafft) –; also muß auch die Auflösung die gleiche sein. Zu fordern, daß das, was den Vorsprung hat, nicht eingeholt wird, ist ein Trug; freilich, solange es Vorsprung hat, wird es nicht eingeholt; doch trotzdem



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wird es eingeholt, wenn er nur zugeben wird, daß sie (hier) eine begrenzte (Strecke) durchlaufen. Das sind also diese zwei Beweisreihen, die dritte ist die gerade genannte, wonach der fliegende Pfeil stehenbleibt. Das ergibt sich durch die Fehlannahme, daß die Zeit aus Jetzten sich zusammensetze; gibt man das nämlich nicht zu, so ergibt sich auch nicht der Schluß. Die vierte ist die »Von den auf dem Rennplatz bewegten Massen«, die in je gleicher Anzahl gegenläufig an einander vorbeiziehen sollen, die einen vom Ende des Platzes aus, die andern von der Mitte, mit je gleicher Geschwindigkeit, wobei, wie er meint, herauskomme, daß gleich sei halbe Zeitmenge der doppelten. – Der Fehlschluß besteht darin zu fordern, daß eine Größe, die sich (a) an einer gleichen in Bewegung befindlichen, (b) an einer gleichen in Ruhe befindlichen Größe mit je gleicher Geschwindigkeit vorbeibewegt, dafür auch je die gleiche Zeit brauche. Das ist ein Irrtum. Z.B. soll da stehen eine bestimmte Anzahl an ruhenden Massen, AA ...; die BB ... (sollen die sein, die) von der Mitte aus (mit der Bewegung) anfangen, genau so viele nach Zahl und Größe wie sie; die CC ... (bewegen sich) vom Rand aus, gleichviele an Zahl und Größe wie sie und gleichschnell wie die B ...; somit ergibt sich: Das erste B wird gleichzeitig am Rand sein wie das erste C, wenn sie sich aneinander vorbeibewegen. Es ergibt sich aber: C ist die ganze Strecke an allem vorbeigelaufen, B nur an der Hälfte, mithin wäre die Zeit auch nur halb so groß; denn jedes der beiden ist im Vergleich zum anderen doch gleich. Gleichzeitig ergibt sich aber: Das erste B ist an allen C vorbeigelaufen; denn das erste C und das erste B werden ja gleichzeitig bei den gegenüberliegenden Rändern ankommen, [die gleiche Zeit braucht es doch für das Vorbeilaufen an jedem B wie auch für das an jedem A, so sagt er] auf Grund der Tatsache, daß beide die gleiche Zeit lang an A vorbeilaufen. – Das ist also die besagte Beweiskette; sie ergibt sich auf Grund des besagten Irrtums. Auch bei dem Wechsel im Bereich des ausschließenden Widerspruchs wird sich uns somit nichts Unmögliches ergeben; z. B. wenn (etwas) aus »nicht-weiß« zu »weiß« wechselt und

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in keinem der der beiden (Zustände) ist, daß es dann also weder weiß wäre noch nicht-weiß. Es ist ja nicht so, daß es, wenn es nicht als Ganzes in einem der beiden (Zustände) ist, dann nicht schon »weiß« oder »nicht-weiß« genannt werden dürfte: als »weiß« oder »nicht-weiß« sprechen wir es nicht an, weil es gänzlich diese Eigenschaft hat, sondern auf Grund dessen, daß die meisten oder die hauptsächlichsten Teile (von ihm so sind); es ist nicht das Gleiche (zu sagen:) »Nicht-in-diesem-Zustand-sein« und »Nicht-ganz-in-diesem-Zustand-sein«. Ähnlich steht es auch mit »seiend« und »nicht-seiend« und den anderen (Aussagen) nach ausschließendem Widerspruch: Es wird mit Notwendigkeit (der Gegenstand) in einem der beiden gegensätzlichen (Zustände) sein müssen, in keinem davon jedoch immer als ganzer. (Und so) wieder (verhält es sich auch) bei Kreis und Kugel und überhaupt den (Gegenständen), die sich in sich selbst bewegen, daß sich da ergeben soll, sie ruhten doch; die wären doch eine Zeit lang »an der gleichen Stelle«, sie selbst (als Ganze) wie auch ihre Teile, also würden sie zugleich in Ruhe sein und in Bewegung! (Antwort:) Erstens sind deren Teile in gar keiner Zeit an der gleichen Stelle, zweitens, auch das Ganze wechselt doch je in eine andere. Nimmt man einen Umfang von A aus an und einen von B und C aus und von allen übrigen Kennpunkten eines jeden (Kreises), so sind die nicht die gleichen, außer in dem Sinn wie »gebildeter Mensch« und »Mensch«, weil das nebenbei zutrifft. Also es wechselt je der eine zum anderen hinüber, und (das) wird nie zu Ruhe kommen. – Auf gleiche Weise (verhält es sich) bei der Kugel und den übrigen in sich selbst bewegten (Körpern). 10. Nachdem das aufgezeigt ist, sagen wir: Etwas Teilloses kann sich nicht in Bewegung befinden, außer in nebenbei zutreffender Bedeutung, z. B. wenn ein Körper oder eine (Raum-) Größe sich bewegt, daß es dann daran vorkommt, so wie wenn ein Gegenstand auf einem Schiff sich bewegt infolge der Fortbewegung des Schiffs oder ein Teil mittels der Bewegung des Ganzen, – mit »teillos« meine ich »was hinsichtlich des ›wie-



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viel‹ nicht auseinandernehmbar ist«; es sind ja die Bewegungen der Teile unterschieden, sowohl was die Teile untereinander angeht, wie auch bezogen auf die Bewegung des Ganzen. Man könnte an einer Kugel diesen Unterschied besonders deutlich sehen: Nicht die gleiche Geschwindigkeit haben die (Teile) in der Nähe des Mittelpunkts und die am Rande draußen und die Kugel als ganze, also ist es eben nicht eine einzige Bewegung. Wie gerade gesagt, in diesem Sinne kann sich ein Teilloses schon bewegen, wie einer, der auf einem Schiff sitzt, (sich mitbewegt) wenn das Schiff fährt, bezogen auf es selbst dagegen kann es das nicht. Es soll einmal überwechseln (dies Teillose) von AB zu BC, einerlei ob (dies Wechsel ist) von Größe zu Größe oder von Gestalt zu Gestalt oder von einem ausschließenden Gegensatz zum anderen; die Zeit, in der unmittelbar der Wandel stattfindet, sei D; dann folgt mit Notwendigkeit: In der Zeit, in der es sich wandelt, ist es entweder in AB oder in BC, oder etwas von ihm ist in diesem, etwas anderes in jenem, – alles, was sich wandelt, stand doch unter dieser Bedingung. Nun, daß ein Stück von ihm hier, ein anderes dort ist, das geht nicht; dann wäre es ja teilbar. Aber doch auch nicht in BC (kann es schon sein); dann hätte es den Wandel ja schon hinter sich, es ist aber doch vorausgesetzt, daß es noch dabei ist. Bleibt also, daß es noch in AB ist für die Zeit, in der es wechselt; dann wird es mithin ruhen; denn »In-dem-Selbensein-für-eine-bestimmte-Zeit«, das eben war doch »ruhen«. Folglich ist es nicht möglich, daß Teilloses sich bewegt oder überhaupt einem Wechsel unterliegt; allein nur so wäre ja Bewegung an ihm, wenn die Zeit aus den Jetzten bestünde; dann hätte es je in dem Jetzt immer schon Bewegung hinter sich und Wandel vollzogen, sodaß es zwar nie in Bewegung begriffen wäre, doch je Bewegung durchlaufen hätte. Daß das unmöglich ist, ist früher schon gezeigt: Weder setzt sich die Zeit aus den Jetzten zusammen noch die Linie aus Punkten noch die Bewegung aus Bewegungseinheiten. Wer das sagt, oder daß Bewegung aus unteilbaren (Stücken) bestehe, der macht damit das Gleiche, wie wenn die Zeit aus den Jetzten bestünde oder die Länge aus Punkten.

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Weiter wird auch aus Folgendem einsichtig, daß weder Punkt noch irgend ein anderes Unteilbares Bewegung an sich haben kann: Alles, was sich bewegt, kann unmöglich vorher eine größere Strecke, als es selbst mißt, hinter sich gebracht haben, bevor es entweder eine gleichgroße oder kleinere (geschafft hat); ist das so, so ist einleuchtend, daß also auch ein Punkt sich erst einmal über eine kleinere oder gleichgroße Strecke (bezogen auf die eigene Ausdehnung) bewegt haben muß; da er nun doch unteilbar ist, so kann er unmöglich zuerst eine kleinere Strecke (als er selbst) hinter sich gebracht haben; also dann eine gleichgroße wie er selbst; dann tritt also doch ein die Linie, die aus Punkten besteht: denn wenn er immer eine gleichgroße Strecke, wie er selbst ist, zurücklegt, so wird der Punkt schließlich die ganze Linie ausmessen. Wenn das aber nicht geht, so auch nicht, daß sich Unteilbares bewegte. Weiter, wenn alles sich in der Zeit bewegt, im Jetzt aber nichts, und wenn jede Zeit teilbar ist, so muß es ja wohl eine Zeitspanne geben für jedes beliebige Bewegte, die kleiner ist als die, in der es sich um die eigene Erstreckung bewegt; das ist doch Zeit, in der es sich bewegt, auf Grund der Tatsache, daß alles sich in der Zeit bewegt, jede Zeit aber ist teilbar, so ist es früher gezeigt. Wenn also ein Punkt sich bewegt, so wird es dann eine Zeit geben, die kleiner ist als die, in der er sich um die eigenene Ausdehnung bewegt hat. Aber das kann es gar nicht geben, denn in dieser geringeren (Zeit) müßte er sich um weniger (als seine eigene Ausdehnung) bewegen; danach müßte also teilbar sein das Unteilbare in noch Kleineres, so wie ja auch die Zeit (immer) in Zeit (teilbar ist). Einzig und allein könnte doch Teilloses und Unteilbares sich (dann) bewegen, wenn in dem unzerschneidbaren Jetzt Bewegung möglich wäre; gehört doch in den gleichen Zusammenhang das »ImJetzt-sich-bewegen« und die »Bewegung-von-Unteilbarem«. Von Wechsel gibt es keine einzige Weise, die unendlich wäre. Jede (Veränderung) ging ja von etwas aus zu etwas hin, und zwar sowohl die im Bereich von ausschließendem Widerspruch wie auch die im Bereich von Entgegengesetztem; also, von den (Veränderungen) im Bereich ausschließenden Widerspruchs



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sind die bejahende Aussage und die Verneinung die Grenze, z. B. von »werden« (ist es) »seiend«, von »vergehen« »nichtseiend«; von den (Veränderungen) im Bereich der Entgegensetzungen (sind es eben) die Gegensätze (selbst); das sind ja die äußersten Punkte des Wechsels, also auch bei jeder Form von Eigenschaftsveränderung – aus irgendwelchen entgegengesetzten (Bestimmungen) findet Eigenschaftsveränderung doch statt –, ähnlich auch bei Wachsen und Schwinden; äußerster Punkt des Wachsens ist die Grenze bei der nach Maßgabe der eigenen Naturveranlagung vollständigen Größe, (äußerster Punkt) des Schwindens ist das Heraustreten aus dieser. Fortbewegung dagegen wird in diesem Sinn nicht begrenzt sein; sie (liegt) ja nicht ganz im Bereich der Entgegensetzungen. Da jedoch etwas, das unmöglich geschnitten sein kann – in dem Sinn verstanden, daß tatsächlich keine Möglichkeit dazu da war, es zu schneiden, – »unmöglich« wird ja in mehreren Bedeutungen ausgesagt –: da also ein in dem Sinne als unmöglich Verstandenes auch nicht im Zustand des Geschnittenwerdens gewesen sein kann, und überhaupt, da etwas, das unmöglich geworden sein kann, auch nicht werden konnte: so kann wohl auch nicht das, was unmöglich Wandel vollzogen haben kann, im Wandel zu dem sein, wohin es unmöglich den Wandel vollzogen haben kann. Wenn nun also der fortbewegte Gegenstand irgendwohin wechselt, so wird es auch möglich sein, diesen Wechsel zu Ende zu bringen. Somit ist das keine unendliche Bewegung, und (der Gegenstand) wird über keine unendliche Strecke fortbewegt werden; denn so eine ist ja unmöglich zu Ende zu bringen. Daß also in dem Sinn Wandel nicht unendlich ist, daß (seinem Verlauf) nicht durch Grenzen Ziele gesetzt wären, ist einsichtig. Dagegen, ob es in dem Sinn möglich ist, daß er der Zeit nach unendlich ist und dabei einer und derselbe bleibt, das ist zu prüfen. Vollzieht er sich denn als nicht-einheitlicher, so besteht ja wohl kein Hinderungsgrund, z. B. wenn nach der Ortsbewegung eine Eigenschaftsveränderung käme, nach der Eigenschaftsveränderung ein Wachstum und dann wieder ein Entstehen. In dem Sinne wird der Zeit nach immer Verän-

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derung sein, aber es ist keine einheitliche, weil (die Abfolge) aus allen keine einheitlihe ausmacht. In dem Sinne aber, daß er wirklich einheitlich verläuft, geht es nicht, daß (ein Bewegungsablauf) der Zeit nach unendlich wäre, – außer einem einzigen: Das ist die Kreisbewegung.

BUCH VII

1. Alles, was in verändernder Bewegung ist, muß von etwas in Bewegung gebracht werden. Wenn es denn in sich selbst den Ursprung der Veränderung nicht hat, so ist einleuchtend, daß es von etwas anderem in Bewegung gesetzt wird, – ein anderes (als es) wird (dann) ja das Bewegende sein; hat es ihn aber doch in sich selbst, so sei einmal angenommen: AB (ist der Gegenstand), der sich im eigentlichen, vollen Wortsinn bewegt, nicht etwa dadurch, daß eins seiner Stücke dies tut. Dann erstens, anzunehmen, AB werde von sich selbst bewegt, weil es sich doch als Ganzes bewegt und von nichts Äußerem (dazu angestoßen wird), das ist ähnlich wie im Falle von KL, das LM in Bewegung setzt, aber auch selbst (von diesem) in Bewegung gesetzt wird, wie wenn man dann leugnen wollte, daß KM von etwas in Bewegung gesetzt wird, weil doch nicht offenkundig sei, welches von beiden nun das Bewegende, welches das in Bewegung Gesetzte sei. Zweitens, das, was nicht durch etwas (anderes) in Bewegung gesetzt wird, muß nicht mit seiner Bewegung aufgehört haben, wenn ein anderes im Ruhezustand ist, vielmehr (gilt umgekehrt:) Wenn etwas im Ruhezustand ist dadurch, daß ein anderes mit Bewegung aufgehört hat, so muß dies notwendig (etwas sein, das) von etwas in Bewegung gesetzt wird. Wird dies angenommen, (so ergibt sich:) Alles, was in Bewegung ist, wird von etwas in Bewegung gesetzt. Da doch AB als in Bewegung angenommen ist, so muß es auch teilbar sein, – alles, was sich bewegt, ist teilbar; dann soll es also auseinandergenommen sein bei C; wenn dann CB nicht in Bewegung wäre, so wird auch AB sich nicht bewegen; denn nähme man es als bewegt an, so (ergäbe sich) klar: AC wäre in Bewegung, wohingegen CB ruhte, mit der Folge, daß (AB) nicht an sich und in eigentlicher Bedeutung in Bewegung wäre; aber es war doch (oben) vorausgesetzt, daß es genau dies tun sollte; notwendig

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(ergibt sich) also: Ist CB nicht in Bewegung, so ruht AB. Was aber ruht, wenn etwas (von ihm Verschiedenes) nicht in Bewegung ist, von dem ist übereinstimmend ausgemacht, daß es von etwas in Bewegung gesetzt wird, (und das führt wieder zur) Folge, daß alles, was in Bewegung ist, von etwas in Bewegung gesetzt werden muß. Was in Bewegung ist, wird immer teilbar sein, ist aber ein Teil (von ihm) nicht in Bewegung, so muß auch das Ganze ruhen. Wenn (das also gilt:) Alles, was in Bewegung ist, muß von etwas in Bewegung gesetzt werden, (so ist zu bedenken:) Wenn etwas eine Ortsbewegung durchmacht unter Einwirkung eines anderen, das (auch) in Bewegung ist, und wiederum, das Bewegende wird von einem anderen in Bewegung gesetzt, das selbst in Bewegung ist, und das wieder von einem anderen, und immer so weiter, so (ergibt sich) notwendig: Es gibt irgendein Erstes Bewegendes, und man darf da nicht ins Unendliche weitergehen. Angenommen einmal, es sei nicht so, sondern es gehe unbegrenzt so weiter: Es werde also in Bewegung gesetzt A von B, B von C, C von D, und so immer das anschließende (Ding) vom sich anschließenden. Da nun zugrundegelegt ist (die Annahme) „das Bewegende ist selbst in Bewegung, wenn es in Bewegung setzt”, so (ergibt sich) notwendig: Zugleich stattfinden muß die Bewegung des In-Bewegung-Gesetzten mit der das In-Bewegung-Setzenden, – es ist doch gleichzeitig, daß das Bewegende bewegt und das Bewegte bewegt wird; somit liegt auf der Hand: Die Bewegung von A, B, C und eines jeden dieser in Bewegung setzenden und (dabei) selbst in Bewegung befindlichen (Dinge) ist gleichzeitig. Es soll nun hergenommen werden die Bewegung eines jeden, und die von A sei E, die von B sei F, die von C, D (usf.) G, H (usf.); wenn doch (zwar) je ein Jedes von einem Jeden in Bewegung gesetzt wird, so wird man dennoch die Bewegung eines Jeden als einheitlich der Zahl nach greifen können; jede Bewegung (führt) ja von etwas aus zu etwas hin und ist bezogen auf ihre äußersten Punkte nicht unendlich; – ich meine mit »der Zahl nach einheitlich« eine Bewegung, die von einem der Zahl nach einheitlich Sel-



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bigen zu einem ebensolchen in einer zahlenmäßig einheitlichselbigen Zeit führt; Bewegung kann ja der Gattung, der Art und der Zahl nach dieselbe sein; – der Gattung nach (sind es die), die unter die gleiche Grundform von Aussage (fallen), z. B. »Sein« oder »Eigenschaft«; der Art nach (sind es die), die von etwas Artgleichem aus zu etwas Artgleichem hin (fuhren), z. B. von »weiß« zu »schwarz« oder von »gut« zu »schlecht«, was eben der Art nach nicht unterschieden ist; der Zahl nach (ist es eine solche), die von einem Zahleinheitlichen aus zu einem Zahleinheitlichen hin in einer und derselben Zeit (führt), z. B. »von diesem ›weiß‹ hier aus zu diesem ›schwarz‹ hier hin« oder »von dieser bestimmten Stelle zu der da«, (und das) »in dieser bestimmten Zeit«; wäre es doch in verschiedener, so wird dies nicht mehr eine zahlenmäßig einheitliche Bewegung sein, sondern (nur) der Art nach. Darüber aber ist in früheren (Ausführungen) gesprochen. – Es soll nun auch noch die Zeit herausgegriffen werden, in der A seine eigene Bewegung hinter sich gebracht hat, und sie sei K; ist nun die Bewegung von A begrenzt, so wird es auch die Zeit sein. Wenn denn nun also die bewegenden und die bewegten (Dinge) unendlich viele wären, so wird auch die Bewegung EFGH ..., die (sich ja) aus allen (Einzelbewegungen zusammensetzt), unendlich sein müssen; dabei mögen die Bewegungen von A, B und der anderen gleichgroß sein, es mögen die der anderen auch größer sein, es folgt, ob sie nun gleichgroß oder größer sind, in beiden Fällen, daß die Gesamtbewegung unendlich wäre; was hier möglich ist, das nehmen wir auch an. Da aber A und ein Jedes der anderen gleichzeitig sich bewegt, so wird die ganze Bewegung in derselben Zeit stattfinden wie die von A; die von A war aber in begrenzter (Zeit); (es ergäbe sich) somit: Unendliche (Bewegung) in begrenzter (Zeit); das aber ist unmöglich. So möchte es scheinen, die Ausgangsbehauptung sei nachgewiesen, indessen ist sie das noch nicht, weil noch nichts Unmögliches (aus der Behauptung des Gegenteils) nachgewiesen ist. Es ist ja doch möglich, daß es in begrenzter Zeit unendliche Bewegung geben kann, freilich nicht eines Einzi-

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gen, sondern von Vielen; das tritt ja auch in diesem Fall ein: Jedes davon vollzieht seine eigene Bewegung, und daß Viele sich gleichzeitig bewegen, ist nicht Unmögliches; aber wenn das, was im eigentlichen Sinn eine Ortsbewegung oder auch Körper-Bewegung anstößt, notwendig entweder in Berührung oder in Zusammenhang stehen muß mit dem, was in Bewegung gesetzt wird, so wie wir’s bei allem ja sehen, so müssen notwendig die bewegenden und die bewegten (Dinge) einen Zusammenhang bilden oder einander berühren, sodaß aus allen eine Art Einheit sich bildet. Ob diese (Einheit) nun begrenzt ist oder grenzenlos, macht für unsere jetzige Untersuchung keinen Unterschied; in jedem Fall wird aber die Bewegung unendlich sein von Gegenständen, die unendlich viele sind, wenn es denn möglich ist, daß (die Einzelbewegungen) gleichgroß sind und größer im Vergleich unter einander; denn was möglich ist, wollen wir hier als vorliegend annehmen. Wenn also die (Zusammensetzung) aus ABCD ... 〈entweder ein begrenztes oder〉 ein unbegrenztes Ding ist und es die Bewegung EFHG ... vollzieht in der Zeit K, diese jedoch begrenzt ist, so ergibt sich: In begrenzter Zeit wird dies entweder Begrenzte oder Unbegrenzte eine unendliche (Bewegung) durchlaufen. Beidesmal ist das unmöglich. Folglich (ist) notwendig (die Annahme): »Anhalten!« und: »Es gibt ein erstes Bewegendes, das (selbst) auch bewegt ist.« Es verändert an der Sache ja nichts, daß sich die Unmöglichkeit aus (bloßer) Ansetzung ergibt: die Ansetzung ist genommen als tatsächlich möglich, und von dem, was (in dem Sinn) als möglich gesetzt ist, soll nichts nur aus diesem Grunde unmöglich werden. 2. Das unmittelbar In-Bewegung-Setzende, verstanden nicht im Sinne des »weswegen«, sondern »von-wo-aus-der-Anstoßzur-Bewegung (kommt)«, ist an gleicher Stelle wie das, was bewegt wird, – mit »an gleicher Stelle« meine ich, daß nichts zwischen ihnen liegt; dies ist etwas, das für jedes Bewegte und Bewegende gemeinsam ist. Da es nun an Veränderungsformen drei gibt, die hinsichtlich des Raumes, die hinsichtlich des »sound-so-beschaffen« und die hinsichtlich des »so-und-so-viel«,



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so müssen es auch drei (Arten von) Anstoßgebendem sein: Das Forttragende, das Andersmachende, das Mehrende oder Mindernde. – Zuerst wollen wir nun über Fortbewegung sprechen: sie ist die erste unter den Veränderungsformen. Also, alles Fortbewegte wird entweder durch sich selbst in Bewegung gesetzt oder von einem anderen. Was nun selbst von sich selbst in Bewegung gesetzt wird, bei dem liegt es auf der Hand, daß Bewegtes und Bewegendes beieinander sind; denn ihnen wohnt ja das unmittelbar Bewegung-Anstoßende inne, mithin kann es da wirklich kein »dazwischen« geben. Was dagegen von anderem in Bewegung gesetzt wird, (bei dem) muß sich das auf (folgende) vierfache Weise ereignen, – vier Formen sind es doch der Fortbewegung durch anderes: Zug, Stoß Mitnahme, Drehung. Alle ortsbezogenen Bewegungen sind auf diese zurückzuführen: So ist der Schub eine Art von Stoßen, wenn nämlich das von sich aus In-Bewegung-Setzende beim Stoß (dem in Bewegung Gesetzten) nachfolgt; (bei) Abstoß (ist es schon vom Wort her klar; er liegt dann vor), wenn das die Bewegung Anstoßende nicht mitfolgt; Wurf (ist es dann), wenn (das In-Bewegung-Setzende) von sich aus eine heftigere Bewegung zustande bringt, als die natürliche Fortbewegung (des Bewegten) wäre, und (dieses) so weit fortgetragen wird, solange diese Bewegung stärker ist; und wiederum, Fortstoß und Zusammenstoß sind Formen von Abstoß und Zug: Fortstoß ist ein Abstoß, – das Abstoßen erfolgt ja entweder als »von sich selbst fort« oder als »von einem anderen weg«; Zusammenstoß ist eine (Form von) Zug, – es kann ja Ziehen »zu sich selbst her« stattfinden oder »zu einem anderen hin«. Mithin (gilt das auch für) deren Arten, wie (die Webertätigkeiten) »Blätten« und »Dem-Schiffchen-Anstoß-geben«: Das eine ist ein Zusammenstoßen, das andere Fortstoßen. Genauso auch die übrigen Formen von Mischung und Entmischung, – sie alle werden doch Formen sein von Fortstoß und Zusammenstoß, außer denen, die bei Entstehen und Untergehen vorkommen. Zugleich ist auch offenkundig, daß Mischung und Entmischung nicht eine weitere Gattung von Veränderung darstel-

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len: alle ihre Formen lassen sich auf die eine oder andere der genannten (Arten) verteilen. Weiter, Einatmen ist ein Zug, Ausatmen ein Stoß; genauso auch Spucken und (entsprechend) alles übrige, was es an ausscheidenden und einnehmenden Vorgängen am Körper so gibt: die einen sind Zugbewegungen, die anderen Abstoßvorgänge. Man muß auch die übrigen ortsbezogenen (Bewegungsformen) zurückführen: alle fallen unter die genannten vier. Von diesen (selbst) aber gehen wieder Mitnahme und Drehung zurück auf Zug und Stoß. Mitnahme findet ja statt auf eine dieser drei genannten Weisen, – was mitgenommen wird, ist in nebenbei zutreffender Bedeutung bewegt, weil es doch an einem Bewegten oder auf irgend einem Bewegten sich befindet, das Mitnehmende dagegen nimmt es mit, indem es (selbst) gezogen, gestoßen oder gedreht wird, folglich kommt Mitnahme bei allen dreien gemeinsam vor. Drehung hingegen ist zusammengesetzt aus Zug und Stoß; was Drehbewegung in Gang setzt, muß doch an der einen Stelle ziehen, an der anderen stoßen: ein Stück treibt es von sich weg, eins führt es auf sich zu. Wenn also das Stoßende und das Ziehende unmittelbar bei dem Angestoßenen und dem Gezogenen ist, so ist offenbar, daß es bei dem, was eine Ortsbewegung vollführt, und dem, was diesem die Bewegung mitteilt, kein »Dazwischen-(liegt)-etwas« geben kann. Aber das ist ja auch aus den Begriffsbestimmungen klar: Stoß ist Bewegung von sich selbst oder einem anderen fort zu einem anderen hin; Zug ist die (Bewegung) von einem anderen fort zu sich selbst oder einem anderen hin, wenn die Bewegung [des Ziehenden] schneller ist als die, die das Zusammenhängende von einander trennen will; auf die Weise wird der andere Gegenstand ja mitgezogen. – Nun könnte es wohl scheinen, es gebe »Zug« irgendwie noch in anderer Weise: Holz »zieht an« das Feuer, freilich nicht in diesem Sinne. – Das aber macht keinen Unterschied, ob der ziehende Gegenstand bei seinem Ziehen selbst bewegt oder in Ruhe ist; einmal zieht er doch (das Gezogene) dahin, wo er ist, das andere Mal, wo er



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war. – Unmöglich ist es aber, entweder von sich fort zu einem anderen hin oder von einem anderen fort zu sich selbst hin Bewegung zu verursachen, ohne (mit dem zu Bewegenden) in Berührung zu sein; mithin ist einsichtig: Bei einem ortsbewegten Gegenstand und seinem Beweger gibt es nichts, das dazwischen wäre. Aber auch nicht zwischen dem, was seine Eigenschaft verändert, und dem, das diese Veränderung hervorruft. Das ist klar aus Heranführung (mittels Beobachtung): In allen (Fällen) tritt eben ein, daß beieinander sind das letzte Verändernde und das erste Veränderte. 〈Vorausgesetzt ist dabei von uns: Was Eigenschaften verändert, tut dies, indem es im Bereich der sogenannten »Einwirkungseigenschaften« Einwirkung erfährt.〉 Jeder Körper unterscheidet sich doch von einem (anderen) Körper durch eine größere oder geringere Zahl wahrnehmbarer (Eigenschaften) oder dadurch, daß er dieselben in stärkerem oder geringerem Maß besitzt. Nun aber verändert doch ein Gegenstand, wenn er das gerade tut, seine Eigenschaften unter Einwirkung dieser Genannten; das sind ja doch Zustände der zugrundeliegenden Eigenschaft: vom Sich-Erwärmenden, Süßerwerdenden, Sich-Verdichtenden, Trocknenden oder Weißwerdenden sagen wir doch, es verändere Eigenschaften, wobei wir das in gleicher Weise von Unbelebtem wie von Belebtem sagen, und bei Belebtem wieder (sagen wir es) von den Teilen, die keine Sinneswahrnehmung haben, und von diesen Wahrnehmungen selbst. Es erfahren ja wohl auch die Wahrnehmungssinne eine Eigenschaftsveränderung; tatsächlich stattfindende Wahrnehmung ist eine Veränderung durch den Körper, wobei der Wahrnehmungssinn eine Einwirkung erfährt. Welche Möglichkeiten das Unbelebte zur Eigenschaftsveränderung hat, die hat auch das Belebte, dagegen (umgekehrt), welche das Belebte hat, die hat das Unbelebte nicht alle, – in Hinsicht auf Sinneswahrnehmung erfährt es solche Veränderung ja nicht. Und, dem einen bleibt es verborgen, dem anderen nicht verborgen, wenn es Einwirkung erfährt. Allerdings steht dem nicht im Wege, daß es auch dem Belebten verborgen bleiben kann, wenn nämlich die Verände-

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rung nicht im Bereich der Wahrnehmungssinne eintritt. Wenn nun also der Gegenstand, der Eigenschaften verändert, dies tut unter Einwirkung sinnlich wahrnehmbarer (Eigenschaften), so ist bei allem diesen einleuchtend, daß letztes Veränderndes und erstes Verändertes beieinander sind: Mit dem (letzten Verändernden) bildet einen Zusammenhang die Luft, mit dieser wieder der (beeinflußte) Körper; und wieder, die Farbe (bildet einen Zusammenhang) mit dem Licht, das Licht mit dem Sehwerkzeug; auf gleiche Weise verhält es sich mit Hören und Riechen: Das unmittelbar Verändernde am Veränderten ist die Luft; und beim Schmecken ähnlich: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschmackswerkzeug ist der Saft. Genauso ist das aber auch bei den unbelebten und wahrnehmungslosen (Körpern). Folglich wird nichts inmitten sein zwischen dem, was diese Eigenschaftsveränderung erfährt, und dem, das sie bewirkt. Aber auch nicht zwischen dem Vermehrten und dem Vermehrenden: das, was unmittelbar vermehrt, tut dies doch, indem es (zu der schon vorhandenen Masse) hinzutritt, so daß es ein Ganzes wird; und andrerseits schwindet das, was dies eben tut, dadurch, daß etwas aus dem Bestand dieses Schwindenden sich davonmacht. Es muß damit das Vermehrende und das Vermindernde einen Zusammenhang bilden (mit dem je Dazugehörenden), bei Zusammenhängendem liegt aber nichts dazwischen. Somit ist einleuchtend: Zwischen Verändertem und Veränderndem, (dies) unmittelbar und als Letztes am Veränderten (genommen), liegt nichts in der Mitte. 3. Daß alles, was seine Eigenschaften ändert, dies tut infolge von sinnlich wahrnehmbaren (Eigenschaften) und daß allein bei solchen Gegenständen Eigenschaftsveränderung vorkommt, von denen man sagt, daß sie an sich und unmittelbar Einwirkung erfahren von sinnlich Wahrnehmbaren, das muß man aus folgenden (Erwägungen) ersehen: Unter den anderen (Möglichkeiten) möchte man ja besonders annehmen, daß an Gestaltung und Formen oder Zuständen und deren jeweiligem



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Ansichnehmen oder Verlust die Eigenschaftsveränderung begegnet; das ist jedoch in beiden Fällen nicht so. (1) Bei Gestaltetem oder Durchgegliedertem, wenn es zur Vollendung gelangt ist, sagen wir nicht das aus, woraus es ist – z. B. »das Standbild ist Erz«, oder »die Kerze ist Wachs«, oder »die Liege ist Holz« –, sondern wir bilden vom Ursprungswort abgeleitete Formen: »ehern«, »wächsern«, »hölzern«. Was dagegen Einwirkung erfährt und Eigenschaften verändert, das sprechen wir so an: »flüssig«, »warm«, »hart« nennen wir das Erz und das Wachs, – und nicht allein so, sondern auch (umgekehrt), was da »flüssig« ist oder »warm«, nennen wir »Erz« (usw.) – indem wir den Stoff wie gleichbedeutend mit der Eigenschaft, die er an sich genommen hat, ansprechen. Wenn folglich das Entstandene, an dem die Gestaltung (verwirklicht) ist, nicht von der Gestalt und Form ausgesagt wird, dagegen von den Einwirkungen und Eigenschaftsveränderungen wohl, so ist einsichtig, daß Entstehensvorgänge keine Vorgänge der Veränderung von Eigenschaften sind. Außerdem erschiene es auch unsinnig, so zu reden: Da verändere ein Mensch (bei seiner Entstehung) nur Eigenschaften, oder ein Haus oder irgend etwas anderes von dem, was geworden ist. Dagegen, für das Entstehen eines jeden ist vielleicht doch wohl die eigenschaftliche Veränderung von etwas notwendig, z. B. des Stoffs, der sich (dabei) verdichtet oder lockert oder erwärmt oder abkühlt; allerdings (gilt) nicht (der Satz): »Das Entstehende verändert (nur) seine Eigenschaften«, und auch nicht: »Ihr Entstehen ist (nichts anderes als) Eigenschaftsveränderung«. (2) Aber auch die Zustandsbefindlichkeiten – weder die des Körpers noch die der Seele – sind keine Eigenschaftsveränderungen. Die einen sind doch Vollkommenheiten, die anderen Unzulänglichkeiten unter diesen Zuständen; es ist aber weder (erreichte) Vollkommenheit noch Unzulänglichkeit eine eigenschaftliche Veränderung, vielmehr ist die Vollkommenheit eine Art Ans-Ende-Kommen – wenn doch (etwas) seine vollkommene Erfüllung erreicht hat, dann nennt man es »vollendet«: dann ist es in besonderer Weise der Naturbestimmung gemäß, so wie etwa ein vollendeter Kreis (dann vorliegt), wenn

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er »am meisten Kreis«, d. h. der beste, geworden ist –; die Unzulänglichkeit ist eine Verderbnis davon, ein Herausgeraten. So wie wir nun die Vollendung des Hauses auch nicht »Eigenschaftsveränderung« nennen – es wäre ja eigenartig, wenn First und Dachziegel eine Eigenschaftsveränderung (sein sollten), oder wenn ein Haus, dem gerade First und Dachziegel aufgesetzt werden, Eigenschaften veränderte und nicht (vielmehr ganz einfach) fertig würde –: ganz genau so (verhält es sich) auch mit den Vollkommenheiten und Unzulänglichkeiten und den (Gegenständen), die sie haben oder erlangen: Das eine sind Vollendungen, das andere Vorgänge des Herausgeratens, also (sind es) keine Eigenschaftsveränderungen. Weiter sagen wir auch: Alle Vollkommenheiten finden sich im (Bereich des) »Sich-so-und-so-zu-etwas-Verhaltens«. Die (guten Zustände) des Körpers, wie Gesundheit und Wohlbefinden, setzen wir an als passende Mischung von warmen und kalten (Bestandteilen), entweder in ihrem inneren Verhältnis zu einander oder im Verhältnis zur umgebenden Außenwelt; ähnlich (ist es mit) Schönheit, Stärke und den übrigen Vollkommenheiten und Unzulänglichkeiten: Jede findet sich im Bereich des »Sich-so-und-so-zu-etwas-Verhaltens«, und sie setzt den, der sie besitzt, in einen guten oder schlechten Zustand hinsichtlich der ihm wesensmäßigen Erfahrungsmöglichkeiten; (als) »wesensgemäß« (verstehe ich solche), unter deren Einwirkung es ihm naturgegeben ist, zu entstehen oder unterzugehen. Da nun (diese Verhältnisse) »zu etwas« weder selbst Eigenschaftsveränderungen sind, noch es von ihnen Eigenschaftsveränderungen oder Entstehen oder ganz allgemein Wandel gibt, so liegt auf der Hand, daß weder die Zustände noch das Ablegen oder Annehmen von solchen Zuständen Eigenschaftsveränderungen sind, dagegen ist es wohl notwendig, daß bei ihrem Entstehen und Untergang irgendwelche (Dinge) sich eigenschaftlich ändern – so wie (beim Entstehen oder Untergehen) von Form und Gestalt auch –, z. B. Warmes und Kaltes oder Trockenes und Feuchtes oder auch (die Stoffe), an denen sie unmittelbar vorkommen. Eine jede Unzulänglichkeit oder Vollkommenheit wird doch im Bereich der (Einwirkun-



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gen) ausgesagt, unter deren Einfluß es dem, das sie an sich hat, naturgegeben ist, Eigenschaften zu ändern: Vollkommenheit macht (ihren Träger) entweder der Einwirkung unzugänglich oder nur in der und der Richtung beeinflußbar, Unzulänglichkeit dagegen macht ihn beeinflußbar oder im gegenteiligen Sinne der Einwirkung unzugänglich. Ähnlich (verhält es sich auch) mit den Zustandsbefindlichkeiten der Seele: Auch sie (liegen) alle im Sich-so-und-so-zu-etwas-Verhalten, und die Vollkommenheiten sind ein Zum-ZielKommen, die Unzulänglichkeiten ein Daraus-Herausgeraten. Und weiter, die Vollkommenheit stellt her einen guten Zustand im Hinblick auf die wesensgemäßen Einwirkungen, die Unzulänglichkeiten einen schlechten. Folglich werden auch sie keine Eigenschaftsveränderung sein, also auch nicht das Ablegen oder Annehmen von ihnen. Wenn sie entstehen, so muß notwendig der wahrnehmende Teil (der Seele) sich eigenschaftlich verändern; er wird das aber tun unter Einwirkung sinnlich wahrnehmbarer (Eigenschaften). Jede sittliche Vollkommenheit (bleibt) ja (zurückbezogen) auf körperliche Freuden- und Trauerzustände, und diese liegen entweder im Gerade-Tun oder im Sich-Erinnern oder im Etwas-Erwarten. Die im Gerade-Tun (liegenden) beziehen sich (ohne Weiteres) auf Wahrnehmung, also werden sie auch durch Einwirkung von etwas Wahrnehmbarem in Bewegung gesetzt; die in der Erinnerung und der Erwartung (liegenden) sind (Abkömmlinge) von dieser: Entweder freut man sich in Erinnerung an Empfindungen, die man erfahren hat, oder in Erwartung von Dingen, die bevorstehen. Also gilt notwendig: Diese ganze Art von Freude entsteht infolge der Einwirkung sinnlich wahrnehmbarer (Eindrücke). Wenn nun in Verbindung mit dem Eintreten von Lust und Trauer auch Unzulänglichkeit und Vollkommenheit eintritt – an die sind sie doch gebunden –, (wenn weiter) die Lust- und Unlustzustände an Eigenschaftsveränderungen des Wahrnehmungsvermögens hängen, so ist offenkundig: Ihr Verlust oder Erwerb hängt notwendig zusammen mit der eigenschaftlichen Veränderung von etwas. Also: Ihr Entstehen

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(erfolgt) zwar in Verbindung mit Eigenschaftsveränderung, sie selbst sind aber keine Änderungen von Eigenschaften. Nun aber, auch die Zustandsbefindlichkeiten des denkenden Teils (der Seele) sind keine Änderungen von Eigenschaften, und es gibt von ihnen auch kein Entstehen; in ganz besonderer Weise sagen wir »Wissen-habend« aus (als) im Bereich des Sich-so-und-so-zu-etwas-Verhaltens (vorkommend). – Außerdem liegt auch auf der Hand, daß es davon ein Entstehen nicht gibt: Etwas, das möglicherweise ein Wissen hat, wird zum (wirklich) Wissenden, ohne daß es dabei selbst eine Veränderung erfährt, sondern dadurch, daß etwas anderes zutrifft; wenn doch das Stückwerk der Einzelheiten gegeben ist, so begreift (das Denkvermögen) irgendwie aus diesem Stückwerk das Allgemeine. – Und wiederum, auch von der Anwendung und der Wirksamkeit (dieses Denkvermögens) gibt es kein Entstehen, außer wenn jemand meinen sollte, auch von Hinsehen und Anfassen gebe es eine Entstehung; das Anwenden und Tätigseinlassen (von Denken) ist dem ja ganz ähnlich. – Der Erwerb des Wissens von Anfang an ist kein Entstehen und auch keine Eigenschaftsveränderung; wir sprechen doch davon, daß durch Findung von Ruhe und Halt der Geist begreife und denke, es gibt aber keine »Entstehung zur Ruhe«, und überhaupt von keiner Form von Wandel, wie früher gesagt ist. – Weiter: Wie, wenn jemand aus Betrunkenheit, Schlaf oder krankheitsbedingtem Dämmerzustand in das jeweilige Gegenteil übergegangen ist, wir dann nicht sagen, jetzt sei er noch einmal ein kluger (Mensch) geworden – obwohl er doch zu der Zeit nicht in der Lage war, sein Wissen zu gebrauchen –, genau so auch (kann von Entstehen nicht die Rede sein), wenn er von Anfang an diesen Zustand sich aneignet; dadurch, daß die Seele von der natürlichen Verwirrtheit aus auf festem Boden Fuß faßt, wird etwas erst besonnen und klug. Das ist auch der Grund, weshalb kleine Kinder weder (die Wirklichkeit) voll einsehen können noch nach Maßgabe ihrer Wahrnehmung ähnlich wie die Älteren beurteilen können: da ist noch viel Durcheinander und Bewegungsfluß. Sie bekommt Boden unter die Füße und findet zu ruhiger Festigkeit einigen (Auf-



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gaben) gegenüber infolge ihrer eigenen Naturveranlagung, anderen gegenüber unter Einwirkung von anderem, in beiden Fällen aber, indem sich einige Körperverhältnisse den Eigenschaften nach ändern, so wie bei Anwendung und Tätigkeit (des Denkens) auch, wenn (jemand) nüchtern geworden oder aufgewacht ist. – Einleuchtend ist also aus dem Gesagten: Das Anderswerden oder die Veränderung von Eigenschaften findet statt im Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren und in dem Teil der Seele, der das Vermögen zu sinnlicher Wahrnehmung hat, – bei anderem (gibt es das alles) nicht, außer nur in nebenbei zutreffender Bedeutung. 4. Es könnte jemand die Streitfrage aufwerfen: Ist jede Form von Veränderung mit jeder in ein Vergleichsverhältnis zu bringen oder nicht? Wenn also jede (mit jeder) vergleichbar ist und wenn (z. B.) »gleichschnell« das ist, »was in gleicher Zeit über gleiche Entfernung sich bewegt«, dann wird es dahin kommen, daß eine kreisförmige (Bewegung) gleich sein kann mit einer geraden, oder auch größer oder kleiner. Weiter sind dann auch eine Eigenschaftsveränderung und eine Ortsbewegung gleich, wenn in gleicher Zeit der eine Gegenstand Eigenschaften verändert hat, der andere (so und so weit) fortgekommen ist. Somit wäre also gleich ein Vorgang mit einer Streckenlänge. Aber das geht doch nicht! – Also etwa dagegen: Wenn (etwas) in gleicher (Zeit) über gleiche (Strecke) sich bewegt hat, dann ist es gleich schnell, hingegen, ein Vorgang kann mit einer Streckenlänge nicht gleich sein, folglich kann Eigenschaftsveränderung nicht gleichgroß sein wie Ortsbewegung und auch nicht kleiner (oder größer), folglich ist eben nicht jede (Veränderung mit jeder) vergleichbar? – Beim Kreis aber und bei der Geraden – wie soll da etwas zusammenkommen? Es wäre ja doch unsinnig, wenn das nicht gehen sollte: Dies bewegt sich im Kreis in vergleichbarer Weise wie das auf einer Geraden, – sondern stattdessen (immer) gleich notwendig »entweder schneller oder langsamer« (zu setzen wäre), als ob es mit dem einen nur bergauf, dem anderen bergab ginge. Und es macht für die Erklärung auch

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keinen Unterschied, wenn jemand sagt, hier bestehe gleich die Notwendigkeit schnellerer oder langsamerer Bewegung: dann wird eine kreisförmige (Bewegung) größer oder kleiner sein als eine gerade, folglich (muß es) auch eine gleiche (geben können). Wenn einmal (Gegenstand 1) in der Zeit A die (Strecke) B durchlaufen hat, (Gegenstand 2 in gleicher Zeit) Strecke C, dann muß ja wohl (– Gegenstand 1 ist als schneller angenommen als Gegenstand 2 –) B größer sein als C; so war doch »schneller« bestimmt. Folglich, auch wenn (Gegenstand 1) in kleinerer (Zeit) gleiche (Strecke macht), ist er der schnellere; dann wird es also auch ein bestimmtes Stück der (Zeit) A geben, in dem (Gegenstand 1) von der Kreisbahn B eine Strecke durchläuft, die gleichgroß ist wie (die gerade Strecke) C, für die (Gegenstand 2) die ganze (Zeit) A benötigt. – Aber: Wenn die (so) vergleichbar sind, dann ergibt sich doch das eben Gesagte, daß eine Gerade mit einem Kreis gleich wäre. Aber sie sind eben doch nicht vergleichbar, somit auch nicht die Bewegungen (auf ihnen), stattdessen (gilt): Was nicht in das gleiche Begriffsfeld gehört, das ist alles unvergleichbar. Beispiel: Wieso kann nicht durch Vergleich entschieden werden (die Frage) »Was ist ›schärfer‹, der Schreibstift, der Wein oder der hohe Ton?« –: weil das eine Ähnlichkeit der Worte ist, (deshalb) sind sie nicht vergleichbar. Dagegen, der Oberton kann mit seinem Nachbarton verglichen werden, weil bei beiden das Wort »scharf« den gleichen Sinn hat. Bedeutet dann also »schnell« hier nicht das gleiche wie da, und noch viel weniger bei Eigenschaftsveränderung im Vergleich mit Ortsbewegung? – Oder ist erstens schon dies nicht richtig, daß (Dinge, bei denen) keine zufällige Wortähnlichkeit (vorliegt), miteinander vergleichbar (sein sollen)? Das Wort »viel« bedeutet doch das gleiche in »viel Wasser« und »viel Luft«, und doch sind (diese Mengen) nicht vergleichbar. Wenn es da nicht so ist, so meint doch »doppelt« (immer) das gleiche – nämlich das Verhältnis »zwei zu eins« –, und auch (so ins Verhältnis gesetzte Mengen) sind nicht vergleichbar. – Oder gilt etwa hier wie dort die gleiche Erklärung? Und enthält doch auch »viel« solche zufällige Wortähnlichkeit. Ja, bei einigen (Begriffen) sind sogar



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die erklärenden Bestimmungen voller bloßer Wortähnlichkeit, z. B. wenn jemand »viel« so ausführen wollte: »eine bestimmte Anzahl und noch was dazu«, – »bestimmte Anzahl« ist doch (je) etwas anderes! Auch »gleich« ist so ein Wort mit zufälligen Ähnlichkeiten, und »eins«, wenn’s geht, ist das schon von Anfang an; wenn aber dieses, so auch »zwei«, denn wieso soll das eine vergleichbar sein, das andere nicht, wenn es doch ein Ding war? – Oder (ist die Unvergleichbarkeit darin begründet), daß (diese Verhältnisse) an einem je verschiedenen unmittelbaren Aufnehmenden (begegnen)? Pferd und Hund sind vergleichbar (hinsichtlich der Frage), welches von beiden weißer ist – das »unmittelbare Woran« (von Farbe) ist ja hier das gleiche, nämlich die Körperoberfläche –, und bezüglich von Größe ist es genauso. Wasser und Stimme (sind) aber nicht (vergleichbar); (da begegnen die Eigenschaften) ja an einem je anderen. – Oder liegt etwa nicht auf der Hand, daß das so viel heißt wie Alles-eins-machen und nur immer sagen, jedes komme eben stets an je anderem vor, und dann würden »gleich«, »süß« und »weiß« das gleiche sein, nur eben je anders an je anderem (vorkommend)? – Schließlich: die Fähigkeit aufzunehmen hat nicht Beliebiges 〈von Beliebigem〉, sondern nur ein ganz Bestimmtes von einem ganz Bestimmten, (nämlich) das Unmittelbare. – Aber müssen etwa Dinge, die vergleichbar sein sollen, nicht nur die Voraussetzung mitbringen, keine bloße Wortähnlichkeit an sich zu haben, sondern daß sie auch keinen (Art-)Unterschied aufweisen, sowohl das »was« (der Aussage betreffend) als auch das »woran«? Ich nenne z. B. »Farbe«: das hat so eine Trennung an sich; also ergibt sich, daß nach diesem Gesichtspunkt nicht verglichen werden kann – z. B.: »Ist dies in stärkerem Maße gefärbt (als das)«, dies bezogen nicht auf eine bestimmte Farbe, sondern bloß auf »Farbe« –, dagegen, nach dem Gesichtspunkt »weiß« (ginge das wohl). So (wäre es dann) auch bei Veränderung: Gleichschnell (wäre etwas mit etwas anderem) dadurch, daß es in gleicher Zeit über so und so viel gleiche (Strecke) sich bewegt; wenn denn also ein Gegen-

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stand in diesem Stück seiner Erstreckung sich eigenschaftlich verändert hat, ein anderer aber (genauso weit) fortgekommen ist, ist dann also diese Eigenschaftsveränderung gleich(-groß) und gleichschnell wie die Ortsbewegung? Das wäre doch unsinnig. Ursache (davon ist eben), daß »Veränderung« Arten in sich enthält, somit (würde folgen): Wenn das, was in gleicher Zeit über gleiche Erstreckung sich bewegt hat, gleichschnell ist, so muß es auch eine geradlinige (Bewegung) geben, die gleich ist mit einer kreisförmigen. – Liegt der Grund (dafür, daß es das nicht gibt,) etwa darin, daß »Ortsbewegung« eine Gattung oder daß »Linie« eine Gattung ist? Die Zeit war ja doch dieselbe, wenn aber (dies, – nämlich die Bewegungsbahnen) der Art nach anderes ist, so unterscheidet sich auch jenes (die Bewegungen) der Art nach; hat doch auch »Ortsbewegung« Arten an sich, wenn jenes »Worauf-es-sich-bewegt« Arten hat, – manchmal sogar, wenn das »womit« dies ist, Beispiel: Sind es die Füße, so »Gehen«, sind es die Flügel, so »Fliegen«; oder ist es doch nicht so, sondern nur nach den Raumformen findet Ortsbewegung ihre Unterschiede? – Somit wären die in gleicher (Zeit) um dieselbe Erstreckung bewegten Gegenstände gleichschnell, wobei »dasselbe« Unterschiedslosigkeit sowohl der (Raum-)Form wie auch der Bewegung(sart) nach meint. Also muß man das untersuchen: Welches ist der Unterschied im Veränderungsbegriff? – Und es meint diese Erörterung Folgendes: »Gattung« ist nicht eine bestimmte Einheit, sondern daneben ist auch immer noch ein Vielheit verborgen, und von den bloßen Wortähnlichkeiten sind die einen ganz fernliegend, andere haben durchaus eine gewisse Verwandtschaft, wieder andere liegen nach Gattung oder Entsprechung ganz nahe, daher sie gar keine Wortähnlichkeiten zu sein scheinen, obwohl sie es doch sind. – Wann also ist die Art nun verschieden: Wenn ein Selbiges an Verschiedenem, oder wenn Verschiedenes an Verschiedenem (vorkommt)? Und welches soll die Abgrenzung sein? Oder mit Hilfe wovon können wir unterscheiden, ob »weiß« und »süß« dasselbe (der Art nach) oder unterschieden sind, –



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(entweder so,) daß sie (nur) an Verschiedenem je als anderes auftauchen oder daß sie ganz und gar nicht dasselbe sind? Was nun die Eigenschaftsveränderung betrifft, (ist zu fragen:) Wie kann hier eine gleichschnell wie eine andere sein? Ist nun also »Gesundwerden« (eine Form von) Eigenschaftsverändern, so kann es wohl sein, daß einer schnell, ein anderer langsam geheilt wird, und auch, daß einige gleichzeitig (gesunden), so daß es da also wohl gleichschnelle Eigenschaftsveränderung geben wird: in gleicher Zeit doch sind da Eigenschaften verändert worden. Aber was denn wurde da verändert? Der Ausdruck »gleich(groß)« ist hier ja nicht die angemessene Aussage, sondern wie »Größengleichheit« ins Begriffsfeld des »so-und-soviel« gehört, so (ist) hier »Gleichartigkeit« (angemessen). Dann soll aber »gleichschnell« sein: »Was in gleicher Zeit hinsichtlich der gleichen (Eigenschaft) sich wandelt«. – Muß man nun das, woraus die einwirkende Veränderung vorgeht, oder die verändernde Einwirkung (selbst) vergleichen? Weil hier (in dem genannten Bespiel) also »Gesundheit« mit sich selbst (art)gleich ist, kann man annehmen, daß sie weder mehr noch weniger, sondern in gleicher Weise zutrifft. Wenn dagegen die einwirkende Veränderung je verschieden ist – Beispiel: Sowohl, was weiß wird, wie auch, was gesund wird, ändert sich eigenschaftlich –, bei denen ist nichts dasselbe oder gleich oder ähnlich, wie denn schon die Arten von »Eigenschaftsveränderung« das bewirken, und sie ist nicht eine Einheit, so wie ja auch die Ortsveränderung nicht. Also muß man festhalten: Wie viele Arten von Eigenschaftsveränderung sind es, wie viele von Ortsveränderung? – Wenn nun also das, was sich da verändert, der Art nach sich unterscheidet, (bezogen auf Gegenstände,) an denen die Veränderungen unmittelbar stattfinden, und nicht in nebenbei zutreffender Bedeutung, so werden auch die Veränderungen (selbst) der Art nach sich unterscheiden; wenn es der Gattung nach ist, so der Gattung nach, wenn der Zahl nach, so der Zahl nach. – Aber muß man nun auf die bewirkte Veränderung schauen, ob sie die gleiche ist oder ähnlich, wenn die Eigenschaftsverän-

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derungen gleichschnell sein sollen, oder auf den Gegenstand, der da Eigenschaften ändert, z. B. ob an dem (schon) so und so viel weißgeworden ist, an dem anderen (erst) so und so viel? Oder etwa auf beide, und sie (die Eigenschaftsveränderung) ist dieselbe oder verschieden in Bezug auf die bewirkte Veränderung, wie diese selbig (mit sich) ist 〈oder nicht〉, dagegen gleich oder ungleich (an Zahl) ist sie, wenn jener (Gegenstand, der sich ändert) 〈gleich oder〉 ungleich ist? – Und für Entstehen und Untergehen muß man das gleiche durchprüfen: Wie kann Werden gleichschnell stattfinden? Wenn in gleicher Zeit ein (mit sich) Selbiges und nicht weiter Teilbares (entsteht), z. B. »Mensch«, aber nicht: »Lebewesen«. Schneller (verglichen mit anderem Werden, ist es dann), wenn in gleicher (Zeit) »Verschiedenes« (entsteht), – wir haben doch kein bestimmtes (Gegensatz)paar, dessen eine Seite »Verschiedenheit« wäre, so wie es »Ähnlichkeit – Unähnlichkeit« gibt – oder, wenn (wirklich) Zahl das Wesen ist, (wenn) größere oder geringere gleichartige Zahl (entsteht); aber hier hat das Gemeinsame keine Bezeichnung, und jedes Einzelne auch nicht, so wie »mehr« eine Einwirkung (kennzeichnet), »darüber-hinausragend« etwas Längeres, »so-und-so-viel« ein (zahlenmäßig) Größeres.

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5. Da nun das, was da in Bewegung setzt, immer etwas bewegt und in einem bestimmten (Zeitstück) und bis da und da hin – mit »in einem Bestimmten« meine ich: »in der Zeit«, und mit »bis da und da hin« (meine ich:) »so und so groß ist die Strecke«; denn (das Bewegende) bewegt und hat gleichzeitig auch immer schon bewegt, sodaß ein bestimmtes So-und-so-viel dasein wird, was schon an Bewegung stattgefunden hat, und auch ein »In-so-und-so-viel-(Zeit)« – (so gilt:) Wenn denn also A der bewegende Gegenstand ist und B der bewegte, die Erstreckung, über die die Bewegung stattgefunden hat, C, das »in-wieviel« – die Zeit – D, dann wird also in der gleichen Zeit die gleiche Antriebskraft, nämlich A, das halbe B um die doppelte Entfernung von C bewegen, dagegen die (einfache) Strecke C in der Hälfte von D. So wird sich das ja entsprechen. –



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Und wenn der gleiche Antrieb (A) den gleichen Gegenstand (B) in dieser bestimmten Zeit (D) über diese bestimmte Strecke (C) bewegt, und (wenn er) die halbe Strecke in der halben (Zeit schafft), dann wird auch der halbe Antrieb den halben Gegenstand in gleicher Zeit über gleiche Strecke bringen. Z.B. von der Antriebskraft A sei die Hälfte E, und von B die Hälfte sei F: dann verhalten sich ja gleich und entsprechend Kraft zu Last, somit werden sie in gleicher Zeit gleiche Strecke an Bewegung zustande bringen. – Und wenn E das F in D über C bewegt, so ergibt sich nicht mit Notwendigkeit, daß in gleicher Zeit das E das Doppelte von F über die halbe Strecke von C bewegt; wenn also A das B in (Zeit) D über soviel (Strecke) bewegt wie C, so wird die Hälfte von A – nämlich E – das B durchaus nicht in der Zeit D, und auch nicht in irgendeinem bestimmten Teil von D, über irgendeinen Teil von C, der zum ganzen C in einem Entsprechungsverhältnis steht, so wie A zu E, bewegen: überhaupt, wenn’s sich so ergibt, wird es gar keine Bewegung zustandebringen. Man darf nicht einfach so schließen: »Wenn die ganze Kraft (den Gegenstand in so und so viel Zeit) so und so weit bewegt hat, dann wird die halbe (ihn) so und so weit in so und so viel (Zeit) bewegen«! Dann könnte ja ein einziger Mann das Schiff bewegen, wenn man nämlich die Kraft der Schiffsschlepper aufteilt auf ihre Zahl und die Strecke, über die sie es alle zusammen bewegt haben. Deswegen ist Zenons Rede nicht richtig, wonach jedes beliebige Hirsekorn (beim Zu-Boden-Fallen) ein Geräusch machen müsse; es hindert doch nichts (anzunehmen), daß (das Einzelkorn) in keiner Zeit die Luft(menge) in Bewegung bringt, die beim Fall der ganze Scheffel bewegt hat. Und also auch (umgekehrt), (d. h. wenn es im Verband fällt,) setzt es nicht genau so viele Luftteile in Bewegung, wie es von dem (Luft)ganzen bewegen würde, wenn dies (einzelne Korn) für sich wäre (, sondern wohl mehr); es ist ja nichts weiter, nur der Möglichkeit nach im ganzen (Scheffel). Sind die 〈bewegenden Körper〉 dagegen zwei und bewegt jeder von ihnen je einen Gegenstand über so und so viel Strecke in so und so viel Zeit, dann werden sie auch, wenn man ihre

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Antriebskräfte zusammensetzt, die Zusammensetzung der Lasten über gleiche Strecke in gleicher Zeit bewegen; das entspricht sich ja. Ist es so nun auch bei Eigenschaftsveränderung und bei Vergrößerung? Etwas ist das Vermehrende, etwas auch das Vermehrte, in so und so viel Zeit und so und so weit läßt das eine anwachsen und wächst das andere an. Und mit dem, was Eigenschaftsveränderung hervorruft, und dem, was sie durchmacht, ist es genauso: Etwas ist es, das sich da verändert hat, und so und so weit hinsichtlich »mehr« und »weniger« (ist es dabei gekommen), und dies in so und so viel Zeit, und in doppelter (Zeit) um das Doppelte, und auch doppelt so viel in doppelter (Zeit); (entsprechend:) Der halbe (Gegenstand verändert sich) in halber Zeit – oder (der ganze) in halber (Zeit) um die Hälfte oder (der halbe) in gleicher Zeit um das Doppelte. – Wenn aber das die Eigenschafts- oder Größenveränderung Auslösende in so und so viel Zeit so und so viel Veränderung hervorruft, so ist es durchaus nicht notwendig, daß die Hälfte davon in der halben (Zeit Entsprechendes bewirkt), oder auch daß es in halber (Zeit) die Hälfte (der Veränderung bewirkt), sondern, wenn es sich eben ergibt, bringt es (auch einmal) keine Eigenschafts- oder Größenveränderung zustande, – sondern (es ist so) wie bei der Last auch.

BUCH VIII

1. Ist Veränderung einmal entstanden, (etwas) das es vorher nicht gab, und geht sie auch wieder unter, in dem Sinn, daß dann nichts mehr sich verändert, oder ist sie weder entstanden und geht auch nicht unter, sondern es gab sie immer, und immer wird sie sein, und dies trifft ohne Tod und Ende dem Seienden zu, indem es gewissermaßen für alles, was von Natur aus besteht, eine Form von Leben bedeutet? Es gebe Veränderung, lehren alle, die etwas »Über Natur« vortragen, dadurch daß sie Welten schaffen und ihnen ihre ganze Denkanstrengung um »Werden und Vergehen« kreist, was es doch unmöglich geben kann, wenn Veränderung nicht ist. Aber diejenigen, die da sagen, es gebe unendlich viele Welten, und von diesen Welten seien die einen im Entstehen, die anderen im Untergang begriffen, diese sagen (damit doch), daß Veränderung immer ist – notwendig muß doch deren Entstehen und Untergehen mit Veränderung an ihnen verbunden sein –; die anderen dagegen, die von einer einzigen Welt (sprechen), mit entweder ewigem oder nicht ewigem Bestand, sie machen auch bezüglich von Veränderung, die entsprechende Grundannahme. Wenn es denn möglich sein soll, daß irgendwann einmal sich nichts bewegt, so kann dies nicht anders als auf (folgende) zwei Weisen geschehen: Entweder wie Anaxagoras sagt – der lehrt doch, alles sei beisammen gewesen und habe ruhig dagelegen die unendliche Zeit lang, und dann habe der Geist Bewegung hereingebracht und habe (die Stoffe) ausgesondert –; oder wie Empedokles, (der lehrt), in einem Teil (des Weltverlaufs) herrsche Bewegung und dann wieder Ruhe, und zwar Bewegung dann, wenn die Liebe aus Vielem das Eine macht, oder der Zank Vieles aus Einem, Ruhe dagegen herrsche in den Zeiträumen dazwischen; er sagt:

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»So, indem nun Eines aus Vielem gelernt hat zu wachsen und auch wieder das Eine zergeht und Mehr draus sich bildet, werden sie denn, und nicht ist ihnen standhaft das Leben; aber indem doch dies fortwährend wechselnd niemalen aufhört, sind sie denn immer, unbewegt im Kreise.« Daß er mit »indem dies wechselnd ...« das Von-hierhinnach-dorthin meint, muß man ja wohl annehmen. Es ist also hierüber eine Prüfung anzustellen, wie es sich denn damit verhält. Es trägt ja nicht nur zur Denkanstrengung »Über Natur« bei, die Wahrheit zu sehen, sondern auch zur wissenschaftlichen Bemühung um den allerersten Grund. Fangen wir zuerst an mit den von uns früher in den (Vorlesungen) »Über Natur« getroffenen Bestimmungen; wir sagen also: Veränderung ist Tätigkeit des Veränderbaren, insofern es veränderbar ist. Dann müssen also notwendig vorhanden sein die Sachen, die da sich hinsichtlich jeder Veränderungsart verändern können. Und ganz abgesehen von der Begriffsbestimmung von »Veränderung«, so wird doch wohl jeder der Notwendigkeit (des folgenden Satzes) zustimmen: Es verändert sich wirklich nur, was die Möglichkeit sich zu verändern an sich hat, gemäß einer jeden Veränderungsart, z. B. es ändert Eigenschaften, was eigenschaftsveränderbar ist, es wird fortgetragen, was hinsichtlich des Ortes wechselfähig ist, also muß (etwas) zuerst brennbar sein, bevor es dann brennt, und (ein anderes) muß brandgefährlich sein, bevor es (anderes) in Brand setzt. So müssen also auch diese (Anlagen) entweder entstanden sein, wobei sie eben einmal auch nicht waren, oder sie müssen immer sein. Wenn nun von diesem Veränderbaren ein jedes erst (so)geworden ist, dann muß vor dem angenommenen ein anderer Wandel und Wechsel stattgefunden haben, demgemäß das Veränderbare oder das Veränderungsfähige (erst zu diesem) wurde. Wenn sie dagegen als Seiende immer schon dawaren, wobei es dann Veränderung nicht gibt, so erscheint das schon vom Au-



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genblick der Kenntnisnahme an unsinnig, indessen muß sich dieser Eindruck, wenn man die Sache weiterführt, noch verstärken: Wenn unter Voraussetzung dessen, daß es veränderbare (Gegenstände) gibt und andrerseits veränderungsfähige, es einmal ein bestimmtes unmittelbar Veränderung Anstoßendes und (somit auch) ein in Veränderung Gesetztes geben soll, zu anderem Zeitpunkt aber nichts derartiges, sondern dann soll (alles) ruhen, so ist doch notwendig, daß sich eben dies zuvor wandelt: da war doch auch irgendetwas Ursache der Ruhe, – Zum-Stillstand-Kommen ist doch ein Fortnehmen von Bewegung. Also wird es vor dem »ersten« Wandel einen noch früheren Wandel geben. Die einen (Gegenstände) bringen nur in einer Richtung Veränderung hervor, andere (bewirken) auch entgegengesetzte Veränderungen, z. B. Feuer wärmt, kühlt aber nicht, Wissen dagegen scheint von Gegensätzlichem nur ein einziges zu sein. Nun scheint es auch dort etwas Gleichlaufendes zu geben: Kaltes wärmt, sozusagen umgebogen und fortgegangen, so wie auch ein Kundiger freiwillig falsch handeln mag, wenn er sein Wissen verkehrt herum gebraucht. Aber nun, alles, was in der Lage ist, Wirkung zu tun oder zu erfahren oder zu verändern, und anderes (in der Lage) verändert zu werden, das ist nicht in jedem Falle mit dieser Möglichkeit versehen, sondern nur, wenn es sich so und so verhält und einander nahekommt. Folglich, wenn sie sich nahegekommen sind, dann setzt (das eine) in Bewegung, das andere wird in Veränderung gesetzt, und zwar genau dann, wenn es wirklich zutrifft, daß das eine veränderungsfähig, das andere veränderbar war. Wenn folgich nicht immer Bewegung war, so ist klar, daß (die möglichen Beteiligten) sich nicht so zu einander verhielten, daß sie die Möglichkeit hatten, das eine, sich zu verändern, das andere, Veränderungen anzustoßen, sondern es mußte (mindestens) eines von ihnen einen Wandel vollziehen. Denn bei Gegenständen im Aussagenbereich des »bezogen-auf-etwas« muß soch solches eintreten (wenn Veränderung möglich sein soll), z. B. wenn etwas, das nicht doppelt war, nun doppelt ist, dann muß sich wandeln, wenn schon nicht beide (Beteiligten), so

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doch eines von ihnen. Es wird also ein (noch) früherer Wandel vor dem »ersten« liegen. Außerdem, »früher« und »später«, wie soll es das geben können, wenn es Zeit nicht gibt? Und erst (wie soll) Zeit (möglich sein), wenn es Veränderung nicht gibt? Wenn denn Zeit ist »Zahl von Veränderung« oder »bestimmte Veränderung«, dann muß, wenn Zeit immer ist, auch Veränderung immerwährend sein. Aber bezüglich der Zeit zeigen sich, außer einem einzigen, offensichtlich alle (Denker) einmütig: Sie sagen, daß sie ungeworden sei. Gerade mittels dessen weist Demokrit nach, daß unmöglich alles entstanden sein kann; die Zeit eben sei ungeworden. Platon ist der einzige, der sie erzeugt: Zugleich mit dem Himmel (sei) sie, der Himmel aber sei entstanden, sagt er. – Wenn nun unmöglich ist, daß sein könnte oder gedacht werden könnte eine Zeit ohne »Jetzt«, das Jetzt aber ist eine bestimmte Mitte, die zugleich sowohl Anfang wie Ende hat – Anfang der Zeit, die noch sein wird, Ende der vorbeigegangenen –: so muß es notwendig immer Zeit geben. Der hinterste Augenblick des als letzten angenommenen Zeitstücks wird sich in irgendeinem der Jetzte befinden – etwas anderes neben dem Jetzt kann man in der Zeit gar nicht greifen –, womit also, da das Jetzt ein Anfang und ein Ende ist, sich die Notwendigkeit ergibt, daß auf beiden Seiten davon immer Zeit sein muß. Aber wenn doch Zeit, so liegt die Notwendigkeit auf der Hand, daß es auch Veränderung gibt, da Zeit doch ein bestimmter Vorgang an der Veränderung ist. Dieselbe Erklärung (gilt) auch bezüglich (der Behauptung), daß die Veränderung unvergänglich ist: So wie es sich doch bei der Annahme, Veränderung sei entstanden, ergeben hat, daß dann vor dem »ersten« Wandel immer noch ein früherer liegen muß, entsprechend (wird es hier geben) einen, der später ist als der »letzte«. Es ist ja durchaus nicht gleichzeitig, daß Sich-Veränderndes und Veränderbares aufhören (das zu sein, was sie sind), z. B. »brennend« und »brennbar« – es kann doch etwas brennbar sein, das nicht brennt – und (auf der anderen Seite) »veränderungsfähig« und »verändernd« auch nicht. Und etwas, das (dies Gefüge) vernichten könnte, müßte dann, wenn



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es seine Arbeit getan hat, selbst vernichtet werden; und das Vernichtende dessen wieder zu einem späteren Zeitpunkt, – Vernichtung ist doch auch eine Form von Wandel. Wenn denn dies unmöglich ist, so ist klar: Es gibt immerwährend Veränderung; dagegen (gilt) nicht: Mal war sie, mal nicht. Und so zu reden, das sieht eher aus wie Dichtung! Ähnlich ist es auch mit der Rede, so sei es »naturgewachsen«, und eben das müsse man für den Anfangsgrund nehmen, was Empedokles ja offensichtlich gemeint hat (mit der Rede), daß den Dingen für einen Teil (der Zeit) aus Notwendigkeit das Herrschen und Verändern von Liebe und Zank geschehe, in der Zeit dazwischen aber hätten sie Ruhe. Vielleicht würden auch die, die einen einzigen Anfang setzen wie Anaxagoras, so sprechen. Dagegen: Nichts von dem, was von Natur aus besteht und sich naturgemäß verhält, ist ordnungslos; Natur ist für alles gerade die Ursache von Ordnung. Unendliches aber hat zu Unendlichem kein vernünftiges Verhältnis; jede Ordnung ist aber so ein Verhältnis. Daß nun unendliche Zeit lang Ruhe geherrscht haben soll – und dann irgendwann mal Bewegung eingetreten ist und es dazu keinerlei Unterscheidung gibt, warum gerade zu dem Zeitpunkt eher als zu einem früheren, und daß das auch keinerlei Ordnung hält: das ist nicht mehr »Werk der Natur«. Entweder doch verhält sich der Naturgegenstand schlicht so, und nicht mal so, mal anders – z. B. wird Feuer von Natur aus nach oben getragen, und nicht mal ja, mal nicht –, oder es hat doch das nicht so Einfache ein vernünftiges Verhältnis. Deswegen ist es (immer noch) besser, (zu sprechen) wie Empedokles, und wenn sonst noch jemand gesagt hat, es verhalte sich so: In einem Teil (der Zeit) sei das All in Ruhe, und dann wieder gerate es in Bewegung; es ist doch immerhin schon eine Art Ordnung, die dergleichen hält. – Aber wer das sagt, darf das nicht einfach nur behaupten, sondern man muß auch den Grund dafür angeben, und nicht bloß etwas hinstellen oder einen unvernünftigen Grund-Satz fordern, sondern entweder muß man Erfahrungsbelege oder Vernunftbeweise anführen; denn das Zugrundegelegte sind ja keine Ursachen, und »Liebe-Sein« oder »Haß-Sein«, das war

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doch nicht dies (– den Übergang von Ruhe zu Bewegung in der Welt zu erklären –), sondern ihr (Wesen) ist es, zusammenzuführen, seines, zu entzweien. Wenn er dann auch noch bestimmen muß das »In-einem-Teil-(der-Zeit-so«, »In-einemanderen-anders«), dann müßte er darüber genauso sprechen, wie (er sagt:) Es gibt etwas, das Menschen zusammenführt, die Liebe, und: Feinde meiden einander. Das, so setzt er voraus, sei auch in dem (Welt)ganzen so: bei einigen (Wesen) zeigt es ja so die Erscheinung. Auch das »gleiche Zeiträume lang« bedarf irgendeiner Erklärung. Dazu allgemein: Dafürzuhalten, das sei ein hinreichender Anfangsgrund: »Wenn etwas immer so ist oder geschieht«, das ist nicht richtig angenommen, – worauf freilich Demokrit die Ursachen im Naturbereich zurückführt: So ist es auch im Früheren geschehen ...! Von dem »immer« hält er es nicht für richtig, einen Anfang zu suchen, womit er bei bestimmten (Gegenständen) ja recht hat; daß das aber über alle gelten soll, ist nicht richtig behauptet: das Dreieck hat immer seine Winkel gleich zwei Rechten, und trotzdem gibt es zu dieser unvergänglichen Tatsache eine bestimmte, von ihr verschiedene Ursache. Von den Uranfängen freilich, die ewig bestehen, gibt es keinen von ihnen verschiedenen Grund mehr. – Darüber, daß keine Zeit war noch sein wird, in der es verändernde Bewegung nicht gab oder geben wird, sei so viel gesagt. 2. Die gegenteiligen Behauptungen dazu sind nicht schwer zu lösen. Es könnte, geht man von folgenden Erwägungen aus, doch möglich scheinen, daß Veränderung da ist, während sie irgendwann einmal überhaupt nicht war: Erstens, kein Wandel ist immerwährend. Jeder Wandel ist doch naturgemäß von der Art »von etwas fort zu etwas hin«, also muß es notwendig von jedem Wandel eine Begrenzung geben, die Gegensätze, innerhalb deren er sich abspielt; ins Unendliche dagegen verändert sich nichts. – Zweitens, wir haben vor Augen, daß es möglich ist, daß etwas, das weder in Bewegung begriffen ist noch in sich sebst irgendeinen Bewegungsantrieb hat, dennoch in Bewegung gebracht werden kann, wie es z. B. bei leblosen



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(Gegenständen der Fall ist), bei denen weder irgend ein Teil noch das Ganze in Bewegung war, sondern das ruhte und wird nun irgendwann einmal bewegt; dagegen müßte es doch eigentlich sein, daß sich das entweder immer bewegt oder nie, wenn es doch das »Es entsteht Bewegung, während sie vorher nicht war« nicht gibt. In ganz besonderer Weise sei derartiges bei belebten (Wesen) offenkundig: Manchmal, wenn in uns gar kein Bewegungsdrang vorhanden ist, sondern wir Ruhe halten, gehen wir doch irgendwann über zu Bewegung, und es entsteht in uns aus uns selbst der Anfang zu Bewegung, auch wenn von außen uns nichts in Bewegung setzt. Derartiges bekommen wir bei Unbelebtem nicht zu sehen, sondern es setzt sie je ein von ihnen verschiedenes Äußeres in Bewegung; von Lebewesen dagegen sagen wir: Es bewegt sich selbst. Folglich, wenn es denn zu einer Zeit gänzlich ruht, so wird ja wohl in einem Unbewegten Bewegung entstehen, aus ihm selbst und nicht von außen. Wenn das aber an einem Lebewesen geschehen kann, was hindert dann (die Annahme), daß das gleiche sich ereignen kann auch bezüglich des Alls? Wenn es doch in der »kleinen Ordnung« geschieht, so auch in der großen; und wenn in der geordneten Welt, dann auch in der grenzenlosen Unbestimmtheit, wenn es denn möglich ist, daß die Grenzenlosigkeit als ganze sich bewegt oder ruht. Was also die erstgenannte Annahme angeht, wonach eine mit sich selbst gleiche, zahlenmäßig einheitliche Veränderung, die sich von einem Gegensatz zum anderen bewegt, nicht immer währen kann, so ist das ganz recht gesprochen. Das ist vielleicht sogar notwendig, wenn es wirklich möglich ist, daß die Veränderung eines und desselben (Gegenstands) nicht immer eine und dieselbe ist; ich meine beispielsweise, ob der Ton von dieser einen Saite (je) einer und derselbe ist oder immer ein anderer, wobei angenommen wird, daß sie gleiche Spannung hat und gleich geschlagen wird. Dennoch, wie sich das auch verhalten mag, es hindert nichts (die Annahme), daß irgendeine (Bewegung), dadurch daß sie zusammenhängend ist, dieselbe und immerwährend ist. Klar wird das noch mehr aus späteren Ausführungen werden.

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(Die andere Annahme,) daß etwas in Bewegung gesetzt wird, was nicht in Bewegung war, ist nicht unsinnig, wenn einmal ein von außen In-Bewegung-Setzendes da ist, ein andermal nicht. Wie das allerdings sein könnte, ist zu fragen, – ich meine es so: Wie kann ein und derselbe Gegenstand von einem (anderen) mit sich selbigen Gegenstand, der die Fähigkeit hat, (den ersten) zu verändern, mal in Bewegung gebracht werden, ein andermal nicht? Wer so spricht, wirft ja keine andere Schwierigkeit auf als diese: Wieso ist nicht immer und ewig ein Teil des Seienden in Ruhe, der andere in Bewegung? Am meisten scheint wohl die dritte (Annahme) an Schwierigkeit zu enthalten, daß Bewegung in etwas auftritt, in dem sie früher nicht vorhanden war, – was eben bei den belebten (Wesen) sich ereignet: Eben noch in Ruhe, fängt (so eines) gleich danach zu laufen an, ohne daß irgendein Äußeres es dazu angetrieben hat, so scheint es. Das ist aber ein Irrtum. Wir sehen ja doch, daß irgendeiner der dem Lebewesen von Natur mitgegebenen (Körperteile) in ihm immer in Veränderung sich befindet; von dessen Bewegung aber ist nicht das Wesen selbst die Ursache, sondern doch wohl die es umgebende (Umwelt). Daß es selbst sich selbst in Bewegung setzt, sagen wir nicht von jeder Form von Veränderung, sondern nur von der bezüglich des Ortes. Es hindert also nichts (anzunehmen), mehr noch, es ist vielleicht sogar notwendig, daß im Körper viele Veränderungen ausgelöst werden durch die Umgebung, von denen dann einige Denken oder Begehren in Bewegung setzen, die dann nunmehr das ganze Lebewesen zu einer Handlung veranlassen, wie es beim Schlaf sich ja so ereignet: Da ist zwar kein Bewegungsanstoß auf Grund von Wahrnehmung vorhanden, dennoch ist irgendeiner da, und die Wesen wachen wieder auf. – Aber auch diesbezüglich wird sich Klarheit ergeben aus dem Folgenden. 3. Anfang der Untersuchung ist der gleiche wie auch bei der genannten Schwierigkeit: Aus welchem Grund ist einiges dessen, was ist, einmal in verändernder Bewegung begriffen, ein andermal ruht es wieder? Notwendig muß doch (dies gelten): Entweder (1) ist alles immer in Ruhe, oder (2) alles immer in



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Bewegung, oder (3) ein Teil davon ist in Veränderung, der andere ruht; und dabei wieder (wäre zu unterscheiden:) Entweder (3a) das Bewegte bewegt sich immer und das Ruhende ruht, oder (3b) alles hat von Natur mitbekommen, über gleiche (Zeiträume) sich zu verändern und zu ruhen, oder (3c) das noch übrige Dritte: Es ist ja möglich, daß einiges unter dem, was da ist, immer unverändert ist, anderes immer in Veränderung, wieder anderes an beidem teilnimmt. Das eben ist es, was wir zu vertreten haben. Das enthält nämlich die Lösung aller aufgeworfenen Fragen, und es ist für uns der Zielpunkt dieser ganzen Anstrengung. (1) Die Behauptung »Alles ruht« und die Suche nach einer Erklärung dafür, indem man alle Wahrnehmung fahren läßt, das ist eine Art Gehirnerweichung und eine Unklarheit über ein bestimmtes Ganzes, nicht bloß bezüglich eines Teils. Und das (richtet sich) nicht nur gegen den Natur-Wissenschaftler, sondern so ziemlich gegen alle Wissenschaften und alle Weltansichten, weil sie doch alle mit Veränderung arbeiten. – Außerdem, was die Einwendungen bezüglich der Grund-Sätze angeht, (so gilt): Wie sie bei Untersuchungen über die mathematischen Gegenstände belanglos für sind für den Mathematiker, ähnlich auch bei den übrigen (Wissensgebieten), so (sind die Einwendungen) bezüglich des jetzt Behandelten (belanglos) für den Natur-Wissenschaftler; Grundannahme ist doch: Natur ist Grundanfang von Veränderung. (2) Nächstdem ist auch die Behauptung »Alles ist in Bewegung« zwar eine Fehlaussage, ist jedoch weniger fachfremd als sie; es war doch »Natur« in den (Ausführungen) »Über Natur« gesetzt als Grundanfang, wie von Bewegung so auch von Ruhe, doch ist das Natürliche die Bewegung. Und so gibt es Leute, die behaupten, von allem, was es gibt, sei nicht das eine in Bewegung, das andere nicht, sondern alles und immer, nur sei dies unserem Wahrnehmungsvermögen verborgen. Ihnen, obwohl sie keine Bestimmungen darüber treffen, welche Art von Veränderung sie meinen oder (vielleicht) alle zusammen, ist nicht schwer entgegenzutreten: (a) Weder Wachsen noch Schwinden ist in einem fort möglich, sondern es gibt auch

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den Mittelzustand. Diese Begründung ist ähnlich wie die von dem Sachverhalt, daß der Tropfen (den Stein) abnutzt, und von dem, daß (aus Ritzen) herauswachsende Pflanzen Steine spalten; da (gilt) ja nicht: »Wenn der Tropfen (in so und so viel Zeit) so und so viel (aus dem Stein) herausgeschlagen oder weggenommen hat, dann wird er vorher in der halben Zeit die Hälfte davon geschafft haben müssen«, sondern, wie beim Schiffsschleppen, so und so viele Tropfen schaffen so und so viel Veränderung, aber ein Teil von ihnen schafft in keiner Zeit so viel. Es läßt sich zwar das Weggenommene in mehr (Stücke) teilen, aber von denen ist keines für sich bewegt worden, sondern sie alle zugleich. Somit liegt auf der Hand: Es ist nicht notwendig, daß immer (noch) etwas (Kleineres) abgehen können muß, weil das Schwinden ins Unendliche geteilt werden kann, sondern es kann je ein ganzes (Stück) abgehen. (b) Ähnlich ist es auch mit jeder Art von Eigenschaftsveränderung: Es ist nicht so, daß, wenn das Sich-Verändernde ins Unendliche teilbar ist, deswegen auch die Eigenschaftsveränderung (selbst dies sein muß), sondern oft erfolgt sie in einem geschlossenen Vorgang, wie etwa das Gefrieren. Weiter, wenn ein Wesen krank gewesen ist, so muß notwendig eine Zeit vergangen sein, in der es gesundet ist, und dieser Wandel kann nicht in einer (ausdehnungslosen) Zeitgrenze stattfinden; notwendig (bleibt) jedoch, daß er zu »Gesundheit« übergeht, und zu nichts anderem: also, zu behaupten, da änderten sich Eigenschaften immerfort in einem Zuge, das heißt doch nur zu sehr, sich mit Offenkundigem auf einen Streit einzulassen. Eigenschaftsveränderung (geht) ja (immer) bis zum Gegensatz: der Stein aber wird weder härter noch weicher. (c) Was die Ortsbewegung angeht, so wäre es schon erstaunlich, wenn (unseren Sinnen) verborgen geblieben sein sollte, ob der Stein fällt oder (ruhig an seiner Stelle) auf der Erde bleibt. Außerdem, Erde und jeder der übrigen (einfachen Körper) bleiben aus Notwendigkeit an ihren angestammten Orten, bewegen sich nur unter Gewaltanwendung aus ihnen heraus; wenn denn nun einiges von ihnen an seinem angestammten



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Ort sich befindet, so ist ja wohl (der Schluß) notwendig, daß eben nicht alles hinsichtlich des Ortes in Bewegung ist. Daß also (beides) unmöglich ist, entweder daß alles immer in Bewegung ist, oder daß alles immer ruht, darauf dürfte man sich nach diesen Überlegungen und anderen derart wohl verlassen können. – Aber doch auch das ist nicht möglich, (3a), daß die einen Dinge immer ruhten, die anderen immer in Veränderung wären, dagegen einmal in Ruhe ein andermal in Bewegung sei nichts. Man muß dagegenstellen: Das ist unmöglich, wie bei den früher genannten (Möglichkeiten), so auch hier – wir sehen doch mit Augen, daß die genannten Übergänge an Gegenständen, die dabei dieselben bleiben, vorkommen –, und außerdem kämpft mit Offenkundigem, wer das bestreitet: es würde dann weder Wachsen geben noch Bewegung unter äußerer Einwirkung, wenn nicht etwas, das zuerst in Ruhe war, entgegen seiner Natur in Bewegung versetzt werden kann. So hebt diese Rede Werden und Vergehen auf. Dagegen sind doch so ziemlich alle der Meinung, daß auch »Verändertwerden« das Entstehen und Vergehen von etwas ist: wozu es sich doch wandelt, das entsteht, oder (auch) das »an dem«; woraus es aber sich wandelt, das vergeht, oder das »von hier fort«. Somit ist klar: Einiges ist (zeitweise) in Bewegung, anderes ruht zeitweise. Was die Grundsatzforderung angeht, (3b), daß alles zur einen Zeit in Ruhe sei, zu anderer in Bewegung, so muß das nunmehr verknüpft werden mit den alten Reden. Den Anfang müssen wir aber wieder nehmen bei dem gerade eben Festgelegten, es ist derselbe, den wir früher schon machten: Entweder ist alles in Ruhe, oder alles ist in Bewegung, oder einiges von dem, was es gibt, ruht, das andere verändert sich. Und wenn einiges in Ruhe, anderes in Veränderung ist, so (ergibt sich) notwendig: Entweder ist alles zu einer Zeit in Ruhe, zu anderer in Bewegung, 〈oder der eine Teil davon ist immer in Ruhe, der andere immer in Veränderung〉, oder aber ein Teil davon ist immer in Ruhe, ein anderer immer in Bewegung, ein dritter aber ruhe einmal und sei ein andermal in Veränderung.

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Daß also nicht möglich ist, daß alles in Ruhe wäre, dies ist früher schon gesagt, und wir wollen es jezt nochmal wiederholen: Wenn es sich wirklich wahrheitsgemäß so verhalten sollte, wie irgendwelche (Leute) behaupten, daß das »Seiende« »unendlich und unveränderlich« wäre, so scheint es doch schon einmal durchaus nicht so nach Maßgabe der Wahrnehmung, stattdessen (zeigt sie), daß vieles aus der Vielzahl des Seienden sich verändert. Wenn es das also wirklich gibt, »trügerischer Schein«, oder überhaupt »Schein«, so ist auch Veränderung, auch wenn es Einbildung wäre, auch wenn es mal so mal anders scheint; Einbildung und Schein scheinen doch selbst irgendwelche Veränderungen zu sein. Hierüber überhaupt Untersuchungen anzustellen und nach Erklärung zu suchen von Dingen, für die wir Besseres haben als Erklärung zu brauchen, das heißt ein schlechtes Urteil haben über »besser« und »schwächer«, über »glaubhaft« und »nicht-glaubhaft« und über »Anfangsgrund« und »Nicht-Grund«. – In gleicher Weise unmöglich sind auch die Behauptungen, »alles ist in Bewegung« und »ein Teil ist immer in Veränderung, ein Teil immer in Ruhe«. Gegen alles dies reicht doch eine einzige Beglaubigung aus: Wir sehen doch mit Augen, daß ein Teil der Dinge bald in Veränderung ist, ein andermal ruht. – Somit ist einleuchtend: Gleich unmöglich ist das »alles ruht« und das »alles verändert sich fortlaufend«, ebenso wie auch das »einiges ist immer in Bewegung, das andere ruht immer«. So bleibt übrig zu betrachten, ob alles von der Art ist, (zu einer Zeit) sich zu verändern und (zu einer anderen) zu ruhen, oder zwar einiges so bestimmt ist, anderes dagegen immer ruht, wieder anderes sich immer bewegt: dies werden wir zu zeigen haben. 4. Von den Dingen also, die Veränderung bewirken, und denen, die zu Veränderung gebracht werden, tun die einen dies in nebenbei zutreffender Bedeutung, die anderen im eigentlichen Sinn; nebenbei zutreffend z. B. die, bei denen es dadurch erfolgt, daß sie an Veränderndem der Sichveränderndem vorkommen, oder daß es über einen Teil (von ihnen vermittelt wird); im eigentlichen Sinn dagegen die, bei denen es nicht da-



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durch erfolgt, daß sie an Veränderndem oder Sichveränderndem nur vorkommen, und auch nicht dadurch, daß nur ein Teil von ihnen Veränderung hervorruft: oder durchmacht. Von denen (wieder), die das alles im eigentlichen Sinn an sich haben, (bringen) die einen (es) aus sich selbst (hervor), die anderen (erfahren es) durch von ihnen Unterschiedenes, und die einen von Natur aus, die anderen durch äußere Gewalt, also entgegen der Natur: Was doch selbst von sich selbst den Anstoß zur Veränderung erhält, das bewegt sich von Natur aus, z. B. jedes Lebewesen – es wird doch in Bewegung versetzt das Lebewesen selbst durch sich selbst, die Wesen aber, deren Veränderungsanstoß in ihnen selbst liegt, von denen sagen wir doch, daß sie sich von Natur aus bewegen; daher setzt das Lebewesen als Ganzes von Natur aus selbst sich selbst in Bewegung, der Körper (allein) allerdings kann sowohl von Natur aus wie auch der Natur zuwider bewegt werden: es macht ja einen Unterschied, was für eine Art von Veränderung er da gerade durchmacht und aus was für Grundstoff er je besteht –; und was von anderem in Veränderung gesetzt wird, davon bewegen sich die einen Dinge auf Grund von Natur, die anderen der Natur zuwider, für dies Letztere z. B.: Wenn Erdartiges nach oben oder Feuer nach unten (bewegt wird); außerdem werden auch oft die Glieder von Lebewesen der Natur zuwider bewegt, entgegen der Anlage und Weise ihrer (natürlichen) Bewegung. Und besonders ist das »Von-etwas-Verändertwerden« des Veränderten deutlich an dem, was der Natur zuwider verändert wird, weil hier doch klar ist, daß es von anderem in Bewegung gebracht wird. Nächst den naturwidrig bewegten Dingen (folgen) unter den naturgemäß bewegten die, welche selbst von sich selbst (in Bewegung gebracht werden), z. B. die Lebewesen; hier ist ja nicht das unklar, ob sie von etwas in Bewegung gebracht werden, sondern (nur), wie man innerhalb von ihm auseinandernehmen muß, was »bewegend« ist und was «bewegt«; es scheint doch wie bei den Schiffen und dem nicht von Natur zusammengebauten (Gerät) so auch bei den Lebewesen (zu sein): Da sind getrennt Bewegendes und Bewegtes, und auf

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diese Weise scheint dann das Ganze aus sich selbst sich selbst zu betreiben. Am meisten umstritten ist das, was noch übrig ist von der genannten abschließenden Einteilung: Von dem, was durch anderes in Bewegung gebracht wird, setzten wir doch, werde ein Teil der Natur zuwider bewegt, bleibt also noch dagegenzusetzen: »der andere Teil mit der Natur in Einklang«. Diese Dinge sind es, die die Schwierigkeit bereiten können, ob sie von etwas bewegt werden, z. B. das Leichte und das Schwere: Solche Dinge werden zu den gegenüberliegenden Orten durch gewaltsame Fremdeinwirkung hinbewegt, zu ihren angestammten aber – das Leichte aufwärts, das Schwere abwärts – von Natur aus; das »von etwas« liegt dabei nicht mehr auf der Hand, wie (es der Fall ist), wenn sie ihrer Natur zuwider bewegt werden. Und zu sagen, (sie bewegten sich) selbst durch sich selbst, das geht nicht; Eigenschaft von Lebendigem ist dies doch und Eigentümlichkeit belebter Wesen; und dann müßten sie ja auch selbst sich selbst zum Stillstand bringen können – ich meine z. B.: Ist etwas sich selbst Ursache seines Gehens, so auch (Ursache) seines Nicht-Gehens –, mit der Folge: Wenn das Hochsteigen bei ihm selbst, dem Feuer, läge, dann klarerweise bei ihm auch das »hinunter«. Es wäre aber unvernünftig, daß nur eine einzige Bewegung von ihm selbst auf den Weg gebracht würde, wenn sie denn doch selbst sich selbst in Bewegung bringen sollten. Außerdem, wie soll es gehen, daß etwas Zusammenhängendes und zur Einheit Verwachsenes selbst sich selbst in Bewegung bringen sollte? Insofern es doch eins ist und nicht bloß gemäß Berührung zusammenhängend, insofern ist es einer Einwirkung zugänglich; insofern es dagegen getrennt ist, ist ein Stück von ihm naturbeschaffen zum Tun, das andere zum Erfahren. Also nichts davon bewegt aus sich selbst heraus sich selbst – sie sind ja gewachsene Einheiten – und überhaupt nichts Zusammenhängendes, man müßte denn schon in einem jeden ein »Bewegendes« absetzen gegen ein »Bewegtes«, so wie wir es bei den leblosen Gegenständen sehen, wenn etwas Belebtes sie zur Bewegung bringt; vielmehr ergibt sich, daß



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auch diese Körper immer von irgend etwas zur Bewegung gebracht werden. Das dürfte deutlich werden, wenn wir die Ursachen einteilen; man kann doch auch auf Seiten der in Bewegung setzenden Dinge die besagten (Unterschiede) greifen: Die einen unter ihnen sind der Natur zuwider bewegungserzeugend, z. B. ist der Hebel nicht in Richtung der Natur ein Beweger der Last; die anderen im Sinne der Natur, z. B. kann das tatsächlich und wirklich Warme Veränderung hervorrufen an einem der Möglichkeit nach Warmen. Ähnlich ist es auch bei allen anderen derartigen Dingen. Und ebenso »veränderbar auf Grund von Natur« ist alles, was der Möglichkeit nach »so-und-sobeschaffen« oder »so-und-so-groß« oder »dort-und-dort« ist, wenn es den Ausgangspunkt zur entsprechenden Wandlung in sich selbst hat, und nicht bloß in nebenbei zutreffendem Sinn – es ist ja wohl ein und derselbe Gegenstand sowohl »von der und der Art« und »so und so groß«, nur trifft je eines dem anderen nur nebenbei zu und liegt (dann) nicht unvermittelt vor –. Feuer also und Erde werden in Bewegung gesetzt von etwas, auf Grund äußerer Gewaltanwendung (ist das dann der Fall), wenn (dies) ihrer Natur entgegen (erfolgt), auf Veranlassung ihrer Natur aber, wenn sie auf dem Wege sind zu ihrer Verwirklichung, – dessen, was sie der Möglichkeit nach schon sind. Da nun das »der Möglichkeit nach« in mehreren Bedeutungen ausgesprochen wird, so ist eben dies die Ursache dafür, daß nicht in Erscheinung tritt, von was die derartigen (Körper) in Bewegung gesetzt werden, z. B. Feuer aufwärts, Erde abwärts. Es ist aber eben »der Möglichkeit nach« ein Lernender in anderer Weise wissend als einer, der (Wissen) schon hat, es aber gerade einmal nicht anwendet. Immer dann, wenn ein Wirkfähiges und ein Beeinflußbares beieinander sind, wird ein Mögliches zur Wirklichkeit, – z. B. ein Lernender wird aus etwas, das er der Möglichkeit nach ist, zu einem davon verschiedenen »der-Möglichkeit-nach«: wer Wissen schon hat, aber es gerade einmal nicht zur Forschung anwendet, ist irgendwie doch auch »der Möglichkeit nach wissend«, nur freilich nicht in dem Sinn, (wie er es war) vor dem Gelernthaben; sobald er es

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dann in dem Sinne hat, ist er als Wissenschaftler tätig, wenn ihn daran nichts hindert, oder (verstünde man dies anders), so wäre er im dazu widersprüchlichen Zustand, nämlich in dem des Nicht-Wissens. Ähnlich verhält sich das auch bei den Naturdingen: Ein Kaltes ist der Möglichkeit nach warm, und sobald es dann den Wandel hinter sich hat, nunmehr Feuer (geworden), dann setzt es (anderes) in Brand, wenn nicht etwas hindernd dazwischentritt. Ähnlich verhält es sich auch mit »schwer« und »leicht«: Leichtes wird aus Schwerem, z. B. aus Wasser Luft – das war es doch zuerst der Möglichkeit nach –, und schon ist es leicht, und es wird sogleich (als solches) in Tätigkeit sein, wenn nichts es daran hindert. Die Wirklichkeit des Leichten ist ein Dort-und-dort-Sein, nämlich oben; es wird aber daran gehindert, wenn es an dem entgegengesetzten Ort sich befindet. Und das verhält sich ähnlich auch bei »so-undso-viel« und »so-und-so-beschaffen«. Gleichwohl steht doch eben dies in Frage: Aus welchem Grund bewegen sich denn das Leichte und das Schwere zu ihrem eigenen Ort hin? Ursache davon ist: Das »dort-und-dorthin« ist ihnen naturgegeben, und das eben heißt ihr Leicht-und Schwer-Sein, wobei das eine durch das »aufwärts«, das andere durch »abwärts» bestimmt ist. »Der Möglichkeit nach leicht« oder »schwer« gibt es auf vielerlei Weisen, wie gesagt: Handelt es sich um Wasser, so ist es in einem bestimmten Sinn »der Möglichkeit nach leicht«, und ist es Luft, so kann es dies »der Möglichkeit nach« gelegentlich immer noch sein – es ist ja möglich, daß es aus einem Hinderungsgrund sich nicht oben befindet –, jedoch wenn das, was es hindert, beseitigt ist, tritt das »in Wirklichkeit« ein, und sie steigt immer höher. – In ähnlicher Weise geht auch das »so-und-so-beschaffen« zum In-Wirklichkeit-Sein über: Der Wissenschaftler arbeitet sogleich an seinen Gedanken weiter, wenn ihn daran nichts hindert. Und auch das »So-und-so-groß« erstreckt sich (wirklich), wenn nichts es daran hindert. – Derjenige, der das Widerstand Leistende und Hinderliche in Bewegung setzt, ist in einem Sinn der Beweger, in anderem auch wieder nicht, z. B. einer, der einen Stützpfeiler wegzieht, oder einer, der den Stein vom



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Schlauch im Wasser wegnimmt; in nebenbei zutreffendem Sinn setzt er (alles Folgende) ja in Bewegung, so wie auch der (von der Wand) zurückspringende Ball nicht von der Wand die Bewegung erhalten hatte, sondern von dem, der ihn warf. Daß also keiner von diesen (Körpern) selbst sich selbst in Bewegung setzt, ist klar; freilich besitzen sie einen Ausgangspunkt von Bewegung, nur nicht im Sinne von »In-BewegungBringen« oder »Tun«, sondern in dem von »An-sich-Erfahren«. Wenn denn nun alles Bewegte entweder auf Grund von Natur sich bewegt oder seiner Natur zuwider und auf Grund von Gewalteinwirkung, und wenn das gewaltsam und naturwidrig (Bewegte) alles von etwas, und zwar von ihm Verschiedenen, (in Bewegung gesetzt wird), andrerseits von dem naturgemäß (Bewegten) der eine Teil, der von sich selbst bewegt wird, durch etwas in Bewegung gesetzt wird, und der andere, der nicht von sich selbst (bewegt wird), auch, wie Leichtes und Schweres – entweder doch von dem, was »leicht« und »schwer« hervorgebracht oder hergestellt hat, oder von einem, der das im Wege Stehende, Hinderliche beseitigt hat – (so ist nach allem denn klar): Alles, was sich bewegt, wird wohl von etwas bewegt werden. 5. Das jedoch in zweifacher Weise: Entweder (erfolgt der ursprüngliche Bewegungsanstoß) nicht von dem (unmittelbar) Bewegenden selbst, sondern durch ein davon Verschiedenes, welches (seinerseits) das Bewegende (erst) bewegt, oder (er erfolgt) durch es; und das (liegt) dann entweder unmittelbar hinter dem letzten (Stück der Gegenstandsreihe) oder über mehrere (Zwischenstücke vermittelt), Beispiel: Der Stock bewegt den Stein, wird (selbst) bewegt von der Hand, die ihrerseits bewegt wird von dem Menschen, dieser dann (tut das) nicht mehr auf Grund davon, daß er von anderem bewegt würde. Von beiden sagen wir also: »es setzt in Bewegung«, sowohl von dem Letzten wie von dem Ersten (in der Reihe) der Bewegenden, aber in höherem Maße (gilt es) vom Ersten; denn es setzt das Letzte in Bewegung, aber nicht umgekehrt, und ohne das Erste wird das Letzte keine Bewegung weitergeben, wohl aber

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jenes ohne dieses, so wie im Bespiel der Stock keine Bewegung mitteilen wird, wenn der Mensch ihm nicht Bewegung mitgibt. Wenn denn also notwendig gilt: Alles Bewegte wird von etwas in Bewegung gesetzt, und dies ist entweder (selbst) von anderem in Bewegung gesetzt oder nicht, und wenn von einem anderen, so muß es notwendig ein Erstes Bewegendes geben, das nicht von anderem (Bewegung erhält), wenn aber das Erste von der Art ist, dann ist kein anderes notwendig – es kann ja unmöglich damit ins Unendliche fortgehen: »bewegend und selbst von anderem bewegt ...«; bei unendlichen (Reihen) gibt es ja kein Erstes –: wenn also alles Bewegte von etwas bewegt wird, das erste Bewegende zwar selbst auch in Bewegung ist, jedoch nicht unter Einwirkung eines anderen, so ist notwendig: Es selbst wird von sich selbst in Bewegung gebracht. Man kann auch noch auf folgende Weise eben den gleichen Gedanken entwickeln: Alles, was Bewegung weitergibt, bewegt etwas und (tut es) durch etwas. Entweder gibt doch das Bewegende Bewegung weiter durch sich selbst oder durch anderes (vermittelt), Beispiel: Der Mensch entweder selbst oder mit Hilfe des Stocks, und: Der Wind hat umgeworfen, entweder selbst oder über den Stein, den er gestoßen hat. Unmöglich ist nun aber, daß das »Womit-es-bewegt« Bewegung hervorrufen könnte ohne ein solches, das selbst durch sich selbst Bewegung erzeugt, sondern wenn einerseits es durch sich selbst Bewegung weitergibt, dann besteht keine Notwendigkeit, daß ein davon verschiedenes »Womit-es-bewegt« dasein müßte, wenn andrerseits das »Womit-es-bewegt« (von ihm) verschieden ist, dann gibt es auch etwas, was Bewegung mitteilt nicht durch etwas, sondern durch sich selbst – oder das geht ins Unendliche fort. Wenn also etwas Bewegung weitergibt, das selbst bewegt ist, so muß da notwendig ein Halt sein und nicht ein Fortgang ins Unendliche: wenn doch der Stock Bewegung weitergibt, dadurch daß er selbst von der Hand bewegt wird, so ist es die Hand, die den Stock bewegt; wenn aber dann mit ihrer Hilfe ein anderes (Wesen) Bewegung weitergibt, so ist es eben ein von ihr Verschiedenes, das sie bewegt. Jedesmal wenn also ein je anderes mit Hilfe von etwas Bewegung weitergibt, muß es notwendig



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vorher geben ein Durch-sich-selbst-Bewegendes. Wenn nun das einerseits in Bewegung ist, andrerseits jedoch kein anderes (da ist), welches es in Bewegung setzt, so ist notwendig, daß es selbst sich selbst in Bewegung setzt. Also (ergibt sich) auch nach dieser Herleitung: Entweder wird ein Bewegtes sogleich von etwas in Bewegung gesetzt, das sich selbst bewegt, oder man kann über kurz oder lang zu einem solchen gelangen. Zusätzlich zu dem Vorgetragenen wird auch bei folgender Betrachtung sich genau das gleiche ergeben: Wenn ein jedes Bewegte von etwas bewegt wird, das selbst in Bewegung ist, dann trifft dieser Sachverhalt an den Dingen zu entweder in nebenbei zutreffender Bedeutung, so daß etwas zwar in Bewegung setzt, wobei es selbst in Bewegung ist, allerdings nicht auf Grund dessen, daß es selbst in Bewegung ist, oder (es trifft) nicht (so zu), sondern im eigentlichen Sinne. Erstens: Wenn (das Verhältnis) also in nebenbei zutreffender Bedeutung (vorliegt), dann ist »Bewegendes« durchaus nicht notwendig verbunden mit eigenem In-Bewegung-Sein. Ist das so, dann ist klar, daß dann gelegentlich auch einmal nichts unter dem, was ist, in Bewegung sein kann; »nebenbei zutreffend« ist eben gerade nicht »notwendig«, sondern etwas, das auch einmal nicht sein kann. Wenn wir nun (als wirklich) setzen, was (nur) sein kann, so wird sich daraus zwar nichts Unmögliches ergeben, vielleicht aber etwas Falsches. Aber (der Satz) »Bewegung gibt es nicht« ist eine Unmöglichkeit; es ist ja früher nachgewiesen, daß es Bewegung immer geben muß. – Und ganz vernünftig hat sich das so ergeben: Da muß es drei Dinge geben, Bewegtes, Bewegendes und das »womites-bewegt«; davon muß das Bewegte in Bewegung sein, in Bewegung setzen muß es aber nicht; das »womit-es-bewegt« muß sowohl bewegen als auch (selbst) in Bewegung sein – dieses wandelt sich ja dadurch mit, daß es bei dem Bewegten ist und im selben Aussagenbereich wie es; klar ist das bei Dingen, die sich im Raum bewegen: Sie müssen bis zu einem bestimmten (Zeitpunkt) miteinander in Berührung sein –; das Bewegende hingegen, in dem Sinn verstanden, daß es nicht ein »womit-essich-bewegt« ist, ist (selbst) unbeweglich. –

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Da wir vor Augen haben (1) das lezte (Stück der Bewegungskette), das bewegt werden kann, aber keinen Anfang von Bewegung (in sich) hat, und (2) eines, das sich zwar bewegt, nicht jedoch durch Einwirkung eines anderen, sondern durch sich selbst, so ist es vernünftig – um nicht zu sagen: notwendig –, daß es auch das Dritte (dazu) gibt, das Bewegung verursacht, selbst unbeweglich bleibend. Und so spricht Anaxagoras ganz richtig, wenn er sagt, der Geist sei keinem Leiden und keiner Mischung zugänglich, wenn er ihn doch zum Ursprung der (Welt)bewegung macht; denn so allein könnte er ja die Bewegung hervorrufen, selbst unbeweglich, und könnte (den Gang der Dinge) beherrschen, indem er sich selbst da nicht einmischt. Aber nun (zweitens), wenn es nicht in nebenbei zutreffender Bedeutung, sondern aus Notwendigkeit selbst in Bewegung ist, dies Bewegende, und wenn es nicht in Bewegung wäre, könnte es auch nicht Bewegung weitergeben, dann (gilt) für das Bewegende, sofern es auch selbst bewegt wird, mit Notwendigkeit: Entweder ist es in einer Veränderung entsprechend derselben Art von Veränderung (, die es hervorruft), oder (es verändert sich) in anderer Art. Ich meine damit: Entweder muß das Wärmende auch selbst warm werden, das Gesundmachende gesunden und das Dahintragende fortgetragen werden, oder das Gesundmachende wird fortgetragen, das Dahintragende wird vergrößert (usw.). Aber dies ist offenkundig unmöglich; man muß nur bis zu den nicht weiter teilbaren (Begriffen) einteilen und dann Aussagen machen wie: »Wenn jemand Geometrie lehrt, so wird derselbe auch in Geometrie belehrt«, oder: »Wenn jemand (etwas) wirft, so wird er selbst auf gleiche Art geworfen«; oder so zwar nicht, vielmehr eine Gattung nach der anderen, etwa: »Das Forttragende wird vergrößert; das, was dies wachsen läßt, wird selbst von anderem in seiner Eigenschaft verändert; das, was diese Eigenschaftsveränderung hervorruft, wird nach wieder einer anderen Art verändert«. Aber hier muß es ein Halt! geben: die Arten von Veränderung sind begrenzt. Nun aber wieder umzubiegen und zu behaupten: »Das, was Eigenschaftsveränderung hervorruft, wird fortge-



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tragen«, das heißt dasselbe tun, wie wenn man gleich sagte: »Das Dahintragende wird fortgetragen« und: »Das Lehrende wird belehrt«, – klar ist doch daß alles, was in Veränderung ist, dazu angestoßen wird auch von weiter vorn (in der Reihe liegendem) Bewegenden, und zwar in stärkerem Maße von dem, was (in der Reihe) der Bewegenden früher voraus liegt. Aber das ist ja (alles) unmöglich: dann käme ja heraus, daß, wer lehrt, lernt, wovon doch das eine heißen muß: »Wissen nicht haben«, das andere: »Wissen haben«. Noch mehr unbegreiflich als dies ist es, daß sich dann ergibt: Alles, was Veränderung hervorrufen kann, unterliegt auch möglicher Veränderung, wenn doch alles Bewegte von etwas in Bewegung gesetzt wird, das selbst bewegt ist. Dann muß es veränderbar sein in dem Sinne, wie wenn jemand sagte: »Alles, was heilen kann, ist auch heilbar« und: »Alles, was ein Haus bauen kann, ist selbst baubar«, entweder unmittelbar oder über mehreres (vermittelt); ich meine damit etwa: Wenn zwar alles, was Veränderung hervorrufen kann, (selbst) durch anderes veränderbar ist, so ist es doch nicht veränderbar hinsichtlich der Veränderungsart, die es an seinem Nachbarding hervorruft, sondern hinsichtlich einer anderen, z. B. das, was heilen kann, wäre lernbar; aber wenn diese (Reihe) dann fortgesetzt wird, wird man einmal auf dieselbe Art kommen, so wie wir früher schon sagten. Also, das eine davon ist unmöglich, das andere an den Haaren herbeigezogen; widersinnig ist doch die Vorstellung: »Aus Notwendigkeit« müsse das, was Eigenschaftsveränderung stiften kann, (selbst) vermehrbar sein. – Nicht notwendig also (ist die Annahme), Bewegtes werde immer in Bewegung gesetzt durch anderes, und dies selbst werde wieder bewegt (... usw.); da gibt es also einen Halt. Hier wird entweder das erste Bewegende von einem Ruhenden zur Bewegung angestoßen werden, oder es wird selber sich selbst in Bewegung setzen. Nun aber, wenn es denn nötig sein sollte, (die Frage) zu untersuchen, ob Ursache und Anfang aller Veränderung etwas ist, das selber sich selbst in Bewegung setzt, oder etwas, das von anderem in Bewegung gesetzt wird, so würde ja wohl jeder

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jenes (Erste) setzen; denn was an und für sich ist, ist immer im vorrangigen Sinn Ursache, verglichen mit solchem, was selbst nur in Bezogenheit auf anderes besteht. Also müssen wir, indem wir einen anderen Ausgangspunkt nehmen, dies untersuchen: Wenn etwas selber sich selbst in Bewegung versetzt, wie tut er das und auf welche Weise? Also: Jedes in Bewegung Befindliche muß teilbar sein in immer wieder Teilbares. Dies ist ja früher nachgewiesen in den allgemeinen (Ausführungen) »Über Natur«, daß alles im unmittelbaren Sinn Bewegte zusammenhängend ist. Somit ist es also unmöglich, daß etwas, das sich selbst in Bewegung setzt, dies in Hinsicht auf seine volle Ganzheit tut; sonst würde es ja als Ganzes fortgetragen, und es würde dieselbe Ortsbewegung auch anstoßen, wo es doch eines ist und der Art nach unteilbar, und es würde Eigenschaftsveränderung erleiden und auslösen, so daß es zugleich lehren und lernen und heilen und hinsichtlich desselben Gesundheitszustandes auch geheilt werden würde. Weiter, es ist festgestellt, daß verändert wird nur ein Veränderbares; dies ist der Möglichkeit nach in Veränderung, nicht in Wirklichkeit, das »möglich« geht aber zum »wirklich« hin, und es ist Veränderung »die noch nicht zu Ende gekommene Ziel-Tätigkeit eines Veränderbaren«. Dagegen, das Veränderung-Anstoßende ist schon in Tätigkeit, z. B. wärmt Warmes, und überhaupt, es bringt hervor das, was die Form schon hat. Das hätte zur Folge, daß ein und derselbe Gegenstand in derselben Beziehung »warm« und »nicht-warm« sein müßte. Ähnlich auch bei jedem anderen (Veränderungsablauf), soweit das die Veränderung Anstoßende die gleichnamige Bestimmung an sich haben muß. Also: Von dem, was selber sich selbst in Bewegung setzt, setzt ein Stück Veränderung in Gang, das andere von ihm wird in Bewegung gebracht. Daß es aber ein selber sich selbst Bewegendes nicht in dem Sinne geben kann, daß jedes seiner beiden (Stücke) vom je anderen in Bewegung versetzt würde, ist aus Folgendem einsichtig: Weder wird dann ein (wirklich) erstes Bewegendes sein, wenn doch jedes der beiden (Stücke) selbst sich selbst in Bewe-



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gung setzen wird – das (in der Anstoßreihe) weiter vorn Liegende ist ursächlicher für das Ablaufen der Bewegung als das Sich-Anschließende, und es setzt in stärkerem Maße in Bewegung; »In-Bewegung-Setzen« war doch zweifach (verstanden), einmal, daß (der Gegenstand), selbst durch ein anderes in Bewegung gebracht, (dies tut), zum anderen, daß (er es) aus sich heraus (tut); was dann weiter weg vom (letzten) Bewegten liegt, ist näher am Ausgangspunkt als etwas, das (in dieser Reihe) dazwischen liegt –. Des weiteren ist es nicht notwendig, daß ein Bewegendes (selbst) in Bewegung ist, es sei denn unter Einwirkung seiner selbst; nur in nebenbei zutreffender Bedeutung übt also das andere eine Gegenwirkung aus. Ich habe nun angenommen die Möglichkeit, daß es keine Bewegung hervorruft; dann ist also das eine bewegt, das Bewegende dagegen unterliegt keiner Bewegung. – Weiter, es ist nicht notwendig, daß das Bewegende eine Gegenbewegung erfährt, sondern entweder muß etwas (selbst) Unbewegtes die Bewegung erzeugen, oder es muß ein selbst durch sich selbst Bewegtes sein (, das dies tut), wenn denn Bewegung immer sein muß. – Weiter, es würde in der Art von Veränderung, die es in Bewegung setzt, auch selbst verändert werden, dann würde also ein Wärmendes (dabei selbst) erwärmt. Aber auch das geht nicht, daß von dem, was im eigentlichen Sinn selber sich selbst in Bewegung setzt, entweder ein Teil oder mehrere, jeder für sich selber sich in Bewegung bringt: wenn doch das Ganze selbst durch sich selbst in Bewegung ist, so wird es doch entweder durch irgendeins von seinen (Stücken) in Bewegung gesetzt oder als Ganzes von sich als Ganzem. Soll nun die Selbstbewegung dadurch zustande kommen, daß irgendein Teil in Bewegung ist, so wäre doch eben dieser das unmittelbar Erste, das selber sich selbst bewegt – wenn man ihn nämlich abtrennt, so wird er selber sich selbst bewegen, das Ganze dann aber nicht mehr; hingegen, wird das Ganze von sich selbst als Ganzem in Bewegung gebracht, dann bewegen diese (– die Teile –) sich selber auf Grund von sich selbst ja wohl nur in nebenbei zutreffender Weise. Ist dies

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also keine notwendige (Annahme), so sei eben angenommen: Sie bewegen sich nicht infolge von sich selbst. Von dem ganzen Ding also wird das eine Teilstück Bewegung erzeugen, selbst unbeweglich bleibend, das andere wird Bewegung mitgeteilt bekommen. Nur so ist es möglich, daß etwas selbstbeweglich ist. – Außerdem, wenn dies ganze Wesen selber sich selbst bewegt, so wird ein Stück von ihm Bewegung erzeugen, das andere wird in Bewegung sein. Also: Wesen AB wird sowohl durch sich selbst in Bewegung gesetzt werden wie auch (bloß) durch A. Da nun Bewegung weitergibt (a) etwas, das durch anderes (schon) in Bewegung gesetzt ist, (b) etwas, das selbst unbeweglich ist, und da beim Ablauf seiner Bewegung (a’) das eine Bewegung auch weitergibt, (b’) das andere aber an kein weiteres mehr, so ist notwendig: Etwas, das selbst sich selbst in Bewegung setzt, muß bestehen aus einem Stück, das unbeweglich ist aber Bewegung mitteilt, und aus noch einem, das in Bewegung ist aber nicht notwendig auch Bewegung weitergeben muß, sondern (dies nur tut), wie es sich eben ergibt. Es sei also einmal A »bewegend-und-unbewegt«, B sei »bewegtvon-A-und-C-bewegend«, dies sei »bewegt-von-B-und-nichtsweiter-bewegend«. Wenn man schon auch (in Wirklichkeit) über mehr (Zwischenglieder) erst zu C kommen wird, so soll es hier über ein einziges gehen. Das ganze ABC bewegt also selbst sich selbst. Wenn ich jetzt aber C wegnehme, so wird AB immer noch selbst sich selber bewegen, A bewegend, B bewegt; C dagegen wird nicht selber sich selbst bewegen und wird überhaupt nicht in Bewegung sein. Aber auch BC wird nicht selber sich selbst bewegen, ohne A; denn B gibt Bewegung doch nur weiter, dadurch daß es selbst von anderem zu Bewegung angestoßen wird, nicht auf Grund von Bewegung eines seiner eigenen Teile. Also nur AB allein bewegt selber sich selbst. Also notwendig: Ein Sich-selbst-Bewegendes muß enthalten ein »Bewegend-aber-unbeweglich« und ein »Bewegtaber-nicht-notwendig-bewegend«, wobei diese entweder einander wechselseitig berühren oder doch das eine an das andere (grenzt). Wenn das Bewegende zusammenhängend ist – das



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Bewegte muß dies ja sein –, so wird jedes mit jedem in Berührung stehen. – Somit ist klar: Das Ganze setzt selber sich selber in Bewegung nicht dadurch, daß ein Teil von ihm nicht derart ist, sich selbst zu bewegen, sondern (nur) als Ganzes bewegt es selber sich selbst, wobei es bewegt und bewegend dadurch ist, daß eins seiner Stücke das bewegende, eins das bewegte ist. Nicht das Ganze teilt doch Bewegung mit, und nicht das Ganze wird in Bewegung gesetzt, sondern es bewegt nur das A (allein), und es wird bewegt das B allein. [Das C von A nicht mehr; denn das ist unmöglich.] Eine Schwierigkeit bringt folgende Frage mit sich: Wenn jemand (etwas) von A wegnimmt, sofern dies Bewegend-Unbewegliche zusammenhängend ist, oder von dem Bewegten B, wird dann der Rest von A noch Bewegung hervorrufen oder der von B noch sich bewegen? Wenn das denn so wäre, dann wäre das Wesen AB nicht im ersten, unmittelbaren Sinn durch sich selbst bewegt; denn nach einer Wegnahme von AB würde das restliche AB sich (immer noch) selbst bewegen. – Oder (ist es so): Was die Möglichkeit angeht, so besteht kein Hindernis, daß beide (Stücke) oder doch wenigstens das eine davon, das Bewegte, teilbar sind, in tatsächlicher Wirklichkeit aber sind sie unteilbar? Wenn sie dann geteilt würden, wären sie nicht mehr von der Art, die gleiche Naturanlage zu haben. Es bestünde also kein Hinderungsgrund, daß diese (Anlage) ihnen, als nur der Möglichkeit nach teilbaren, im vollen Sinn eignet. – Somit ist aus alledem einleuchtend: Es gibt ein im strengen Sinn »Unbewegt-Bewegendes«. Denn, einerlei ob (die Reihe von) Bewegtem, das von etwas bewegt ist, gleich zum Stillstand kommt bei einem unbewegten ersten (Stück), oder ob (sie hinausläuft) auf ein Bewegtes zwar, das aber selbst sich selbst in Bewegung setzt und auch zum Halten bringt, in beiden Fällen ergibt sich: Für alles, was da in bewegter Veränderung ist, gibt es ein ureigentlich Unbewegt-Bewegendes. 6. Da aber verändernde Bewegung immer sein muß und nie aufhören darf, so muß es notwendig geben etwas Immerwährendes, das als erstes die Bewegung anstößt, einerlei ob dies

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eines ist oder mehrere. Und dies Erste Bewegende (ist) unbewegt. (Der Gedanke,) daß ein jedes dieser Unbewegten, aber Bewegenden immerwährend sei, spielt für die gegewärtige Untersuchung keine Rolle. Daß jedoch dies Unbewegte etwas sein muß, das zwar selbst außerhalb jedes Wandels steht, sowohl im unmittelbaren Sinn wie in nebenbei zutreffendem, andrerseits doch an anderem Bewegung hervorruft, das wird klar, wenn man die Sache so ins Auge faßt: Es sei einmal, wenn jemand so will, bei einigen (Dingen) möglich, bald zu sein oder nicht zu sein ohne Entstehen und Untergang – vielleicht ist es ja sogar notwendig, wenn etwas Teilloses einmal ist, ein andermal nicht ist, daß alles derartige ohne Sich-Wandeln einmal ist, ein andermal nicht ist; und von den unbeweglichen, aber Bewegung gebenden Anfängen mögen einige einmal sein, ein andermal nicht sein: als möglich soll auch das gelten. Jedoch nicht möglich ist es, daß dies alle wären; es ist ja klar, daß alles, was selber sich selbst bewegt, (in sich) eine Ursache (dafür) hat, mal zu sein, ein andermal nicht zu sein. Alles, was also selber sich selbst bewegt, muß notwendig Ausdehnungsgröße haben, wenn doch nichts, was teillos ist, sich bewegen kann; dagegen für das Bewegende ergibt sich dazu keine Notwendigkeit aus dem Gesagten. Davon nun, daß da Dinge entstehen, andere wieder zugrunde gehen, und daß dies andauernd so währt, kann von den zwar unbewegten, aber nicht immerwährenden (Anfangsgründen) keiner die Ursache sein, und auch nicht davon, daß von den Dingen wieder die und von diesen wieder andere (Ursachen sind); denn von dem »immer« und »andauernd« ist weder eine einzelne von ihnen noch sind sie alle zusammen Ursache. Daß es sich doch so verhält, ist immerwährend und aus Notwendigkeit so, das »Alles-zusammen« (dieses Veränderungsablaufs) ist (eine) unendliche (Reihe), und nicht etwa alles gleichzeitig. Es ist somit klar: Wenn auch zu unzähligen Malen manches von dem, was unbewegt ist aber Bewegung erzeugt, und vieles von dem, was da selber sich selbst bewegt, zugrundegehen und anderes durch Entstehen wieder dazukommen mag, und mag dann dies, selber unbewegt, das in



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Bewegung versetzen und das dann wieder ein anderes: nichtsdestoweniger gibt es etwas, das (dies alles) umfaßt, und das (ist zu setzen als unterschieden) neben das einzelne, es ist Ursache davon, daß die einen Dinge sind, die anderen nicht, und (Ursache) des fortlaufenden Wandels. Und das ist Ursache für diese, diese sind dann für alles Übrige Ursache seiner Veränderung. Wenn doch nun Veränderung immerwährend ist, so wird immerwährend auch das erste Bewegende sein, wenn es eines ist; sind es aber mehr, nun, so gibt es eben eine Mehrzahl von Immerwährenden. Eines jedoch eher als viele und (, wenn schon viele, so) eine begrenzte Anzahl (eher) als unendlich viele, das muß man meinen. Wenn sich doch (am Ende) das gleiche ergibt, muß man (zu Anfang) stets Begrenztes eher annehmen; bei Naturgegenständen muß ja »,begrenzt« und »besser«, wenn das nur möglich ist, eher vorliegen. Hinreichend ist aber schon ein einziges, welches als erstes unter den Unveränderlichen, immerwährend in seinem Sein, Anfang der Veränderung für alles Übrige ist. Offenkundig wird auch aus Folgendem, daß das erste Bewegende ein Eines und Immerwährendes sein muß: Nachgewiesen ist doch, daß es immer Veränderung geben muß: ist sie aber immer, so muß sie auch zusammenhängend sein, das »immer« (schließt doch) »zusammenhängend« (ein); dagegen das »in Reihe folgend« ist nicht zusammenhängend. Aber nun, wenn schon zusammenhängend, so ist sie eine Einheit. Eine einheitliche Veränderung ist aber die von einem einzigen Veränderten unter Einwirkung eines einzigen Verändernden; wenn doch ein Anderes und wieder Anderes die Bewegung anstößt, so wird der ganze Ablauf nicht zusammenhängend sein, sondern (nur) in Reihe nacheinander. Hieraus also darf man sich Zuversicht holen, daß es ein erstes Bewegendes gibt, und erneut auch daraus, daß man auf die Anfänge (dieser Untersuchung) hinschaut: Daß es im Bereich des Seienden einige Dinge gibt, die bald in Veränderung sind, bald in Ruhe, ist offenkundig; und eben aus diesem Grund ist klargeworden, daß weder (gilt): »Alles ist in Veränderung«, noch: »Alles steht still«, noch: »Ein Teil ruht immer, der an-

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dere ist immer in Veränderung«; was eben beides tut und Möglichkeit hat zu Veränderung und Stillstand, gibt in dieser Sache die Richtung an. Während derlei Sachen allen klar sind, wir dagegen auch von jeder der zwei (anderen Möglichkeiten) das Wesen zeigen wollen, (nämlich) daß einiges immer unveränderlich ist, anderes stets in Veränderung, so machen wir uns daran und setzen: Alles Bewegte wird von etwas bewegt, und das ist (selbst) entweder unbeweglich oder in Bewegung, und wenn bewegt, dann entweder von sich selbst oder immer von einem anderen; und so sind wir denn bis zu der Annahme vorangekommen: Von Dingen aus dem Bereich der Veränderung ist der Anfangsgrund (auch) aus dem Bereich der Veränderung, und zwar hier etwas, das selber sich selbst in Bewegung setzt, von allem überhaupt (ist Ursache) das der Veränderung nicht Zugängliche; wir haben aber ganz offenkundig vor Augen, daß es derlei gibt, was selber sich selbst in Bewegung bringt, z. B. die Gattung der beseelten und belebten Wesen; diese haben auch den Anschein geboten, ob es nicht doch etwa möglich ist, daß Bewegung (in etwas) hineinkommen kann, die ganz und gar nicht da war, weil wir doch so etwas bei ihnen sich ereignen sehen – zu irgendeiner Zeit sind sie bewegungslos, und dann wieder bewegen sie sich, den Eindruck hat man doch –; dies dagegen muß man festhalten, daß sie nur in einer einzigen Veränderungsart sich selbst in Bewegung setzen, und auch das nicht im eigentlichen Sinne: nicht aus ihm kommt die Ursache, sondern es stecken andere natürliche Veränderungen in den Lebewesen, die sie nicht auf Grund von sich selbst durchmachen, z. B. Wachsen, Schrumpfen, Atmen; die gehen an einem jeden Lebewesen vor sich, auch wenn es ruht und die von ihm selbst ausgehende Bewegung gerade nicht macht. Davon ist Ursache die Umgebung und vieles, was da (an Stoffen) hineingeht, z. B. für einiges die Nahrung: Während sie verdaut wird, schlafen sie, ist sie dagegen in ihre Bestandteile zerlegt, wachen sie auf und setzen sich selbst in Bewegung, womit also der erste Anfang davon von außen kommt; deswegen bewegen sie sich nicht immer fortlaufend infolge von sich selbst; ein Anderes (als sie) ist doch das Bewegungstiftende, welches selbst



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in Bewegung ist und sich wandelt gegenüber einem jeden der Dinge, die sich selbst bewegen. Bei diesen allen ist das erste Bewegende in Bewegung und die Ursache davon, daß es selbst sich selbst unter seinem eigenen Einfluß bewegt, allerdings nur in nebenbei zutreffender Bedeutung: Es ist der Körper, der den Ort wechselt, folglich auch das, was in dem Körper ist und mit (ihm als) Hebelwerkzeug sich selbst bewegt. Auf Grund dessen kann man sich überzeugen: Wenn (der Anfangsgrund) etwas ist von dem, was zwar unbewegt ist, jedoch auch sich selbst in nebenbei zutreffender Bedeutung in Bewegung setzt, dann ist es unmöglich, fortlaufende Bewegung in Gang zu halten. Wenn es denn also Bewegung in fortlaufender Weise geben muß, so muß das erste Bewegende etwas auch nebenbei zutreffend Unbewegtes sein, wenn doch, wie wir ja sagten, unter allen seienden (Dingen) gewissermaßen pausenlose und unsterbliche Veränderung sein und die Gesamtheit dessen, was ist, in sich selber und in dem Selben bleiben können soll. Wenn nämlich der Uranfang an seiner Stelle bleibt, so muß auch die ganze Welt bleiben, da sie doch zusammenhängenden Anschluß hat zum Anfangsgrund. Es ist aber durchaus nicht dasselbe, was das »Nebenbei-zutreffend-Bewegtwerden« angeht (, ob man dazusetzt:) »durch sich selbst« oder: »durch ein anderes«: das »durch ein anderes« trifft auch zu auf einige Veränderungsauslöser unter den (Körpern) am Himmel, solche, die eine Mehrzahl von Ortsbewegungen machen, das andere dagegen gibt es nur bei den vergänglichen Dingen. Nun aber, wenn denn etwas Derartiges immer ist, etwas, das zwar anderes in Bewegung setzt, selbst aber unbewegt und immerwährend ist, dann muß auch das, was unmittelbar von ihm in Bewegung gesetzt wird, immerwährend sein. Das ist klar schon auf Grund der Tatsache, daß es anders Werden, Vergehen und Wechsel für alles übrige nicht gibt, wenn nicht ein (selbst) Bewegtes hier die Bewegung in Gang hält; das Unbewegte wird doch immer nur auf die gleiche Weise eine einzige Form von Bewegung anstoßen, da es ja selbst keinerlei Wandel zeigt im Hinblick auf das in Bewegung Gesetzte. Etwas dagegen, das in Bewegung gesetzt ist von etwas, das zwar selbst

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in Bewegung ist, seinerseits aber von dem Unbewegten in Bewegung gebracht ist, das kann, dadurch daß es sich anders und wieder anders zu den Dingen verhält, Ursache verschiedener Veränderungsarten sein, mehr noch, weil es an entgegengesetzten Orten ist oder gegensätzliche Formen annimmt, wird es jedes der übrigen Dinge auch in gegensätzlicher Weise zu Bewegung veranlassen und bald zu Ruhe, bald zu Bewegung. Somit ist denn aus dem Gesagten auch das durchsichtig geworden, was wir zu Anfang als schwierige Frage aufgeworfen haben, warum denn wohl nicht entweder alles in Veränderung ist oder alles in Ruhe oder ein Teil immer in Veränderung der andere immer in Ruhe, sondern einige Dinge bald (in Veränderung), bald (in Ruhe) sich befinden. Davon ist die Ursache doch jetzt klar, nämlich: Die einen Dinge werden in Veränderung gebracht von dem unbewegten Immerwährenden, deswegen sind sie auch immer in Bewegung, die anderen Dinge (werden in Veränderung gebracht) von etwas, das selbst schon Veränderung und Wandel an sich hat, so daß also auch sie notwendig sich wandeln. Das Unbewegte aber, wie gesagt, kann dadurch, daß es einfach und genau so und an der gleichen Stelle beharrt, nur eine einzige und einfache Bewegung hervorrufen. 7. Indessen, nehmen wir wieder einen anderen Ausgangspunkt, so wird darüber noch mehr Klarheit sein. Es sind also zu untersuchen (die Fragen), (1) ob es eine zusammenhängende Bewegung geben kann oder nicht, (2) wenn das möglich ist, welche das ist, (3) welche die erste (aller) Bewegungsarten ist. Klar ist doch dies: Wenn Bewegung immer sein muß, diese (eine gesuchte Form) aber die erste und zusammenhängend ist, dann ist es diese Bewegungsform, welche das Erste Bewegende in Bewegung setzt, und von ihr gilt dann mit Notwendigkeit: Sie ist eine einzige und (immer) dieselbe und in fortlaufendem Zusammenhang und ursprünglich. Da es nun drei Veränderungsarten sind, nämlich hinsichtlich Größe, Sinnes-



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eigenschaft und Ort, welche (letztere) wir »Fahren« nennen; so muß (eben) diese die ursprüngliche Form sein. (Beweisen wir das:) Unmöglich kann Wachstum sein, wenn nicht Eigenschaftsveränderung vorher vorgelegen hat; was da wächst, tut dies in einem Sinn durch (ihm) Ähnliches, in einem anderen durch Unähnliches: »Nahrung« wird doch genannt ein dem Gegenüberstehenden Gegenüberstehendes; es wird aber in den Körper einbezogen alles (nur in der Form), daß es einem Ähnlichen ähnlich wird; es muß also dieser Wandel ins Gegenteil eine Eigenschaftsveränderung sein. Aber nun, wenn da (etwas) die Eigenschaften ändert, so muß es etwas geben, das dies verursacht und aus einem »der Möglichkeit nach Warmen« ein »wirklich Warmes« macht. Nun ist aber klar, daß das, was da Veränderung verursacht, sich nicht immer gleich verhält, sondern mal näher, ein andermal weiter weg von dem ist, was sich da eigenschaftlich ändert. Das kann aber ohne Ortsbewegung nicht zutreffen. Also: Wenn es immer Veränderung geben muß, so muß auch Ortsbewegung immer die ursprüngliche Bewegungsart sein, und innerhalb dieser Art wieder, wenn es in ihr eine ursprüngliche und eine (andere) nachgeordnete Form (geben sollte), die entsprechende ursprüngliche. Weiter: Anfang aller Einwirkung auf Sinneseigenschaften sind Verdichtung und Lockerung; auch »schwer«, »leicht«, »weich«, »hart«, »warm« und »kalt« sind doch anscheinend gewisse Zustände von Verdichtung und Auflockerung. Verdichtung und Lockerung (ihrerseits) sind ein Vermischen und Entmischen, wonach man von Werden und Untergang der seienden Dinge redet. Was sich nun aber zusammenmischt und wieder entmischt, das muß einen Ortswechsel vornehmen. – Aber ja auch bei dem, was da wächst und schwindet, macht die Größe eine Ortsveränderung durch. Weiter: Auch wenn man es von Folgendem aus betrachtet, wird deutlich werden, daß Ortsbewegung die ursprüngliche ist. Nun ist der Ausdruck »ursprünglich«, wie in Verbindung mit anderen (Worten), so auch in Verbindung mit »Veränderung« ja wohl mehrdeutig: »Vorrangig« (in diesem Sinne) wird

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genannt (1) das, ohne dessen Vorhandensein auch das übrige nicht wäre, es aber ohne das übrige (kann sehr wohl sein), (2) das der Zeit nach Frühere, (3) das dem Wesen nach (Vorrangige). Also (1), da Veränderung fortlaufend sein muß, dies Fortlaufend-Sein aber erfüllt wird entweder durch die zusammenhängende Veränderung oder durch die in Reihe folgende, in stärkerem Maße aber durch die zusammenhängende, und da es besser ist, daß zusammenhängende als daß (nur) in Reihe folgende (Veränderung) ist, und da wir weiter von dem Besseren immer unterstellen, daß in der Natur es vorliegt, wenn das möglich ist, und da nun aber möglich ist, daß es zusammenhängende (Veränderung) gibt – nachgewiesen wird das später, jetzt sei dies einmal vorausgesetzt –, und weil das keine andere sein kann als die Ortsbewegung: deshalb muß (in diesem Sinne) Ortsbewegung die ursprüngliche sein. Es besteht ja keinerlei Notwendigkeit dafür, daß etwas, das den Ort verändert, auch wachsen oder Eigenschaften ändern oder sogar entstehen oder untergehen müßte. (Umgekehrt) dagegen kann von diesen (Arten) keine sein, wenn die zusammenhängende (Art) nicht ist, die das Erste Bewegende in Gang hält. Weiter, (2) der Zeit nach (muß sie auch) die erste (sein). Den immerwährenden (Dingen) allein ist es möglich, diese (Form von Bewegung) zu vollziehen. Dagegen bei einem beliebigen Einzelnen der Wesen, die Entstehen an sich haben, muß die Ortsbewegung die letzte sein unter den Veränderungsarten (, die sie durchmachen): Nach dem Entstehen (kommt) als erstes Eigenschaftsveränderung und Wachstum, die Fortbewegung ist dann die Bewegungsform der schon voll entwickelten Wesen. Aber hier mußte ja ein anderes (Wesen), das Ortsbewegung vollziehen konnte, schon früher da sein, das für das da Entstehende die Ursache seines Entstehens ist, ohne dabei selbst zu entstehen, z. B. das Zeugende (Ursache) des Gezeugten, wohingegen es doch scheinen möchte, als ob das Entstehen die ursprüngliche Veränderungsform wäre aus dem Grunde, weil doch das Ding als erstes einmal entstanden sein muß. Bei jedem beliebigen Einzelnen unter dem, was da Entstehung hat,



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ist das schon so, aber es mußte ja vorher ein bestimmtes Anderes aus dem Bereich dessen, was entsteht, sich bewegen, das selbst schon war und nicht mehr wurde, und wieder ein Anderes früher als es (usw.). Da somit Entstehen unmöglich die erste (Veränderungsform) sein kann – dann wäre ja alles, was der Bewegung unterliegt, vergänglich –, so ist klar, daß auch keine der darauf folgenden Veränderungsformen vorrangig (vor der Ortsbewegung) sein kann; mit »darauffolgend« meine ich: Wachsen, sodann Eigenschaftsveränderung, Schwinden, Untergang; alle die sind ja später als das Entstehen, also, wenn nicht einmal Entstehen vor der Ortsbewegung kommt, so schon gar keine der übrigen Arten von Wandel. (3) Ganz allgemein erscheint das Werdende als ein Unvollkommenes, das noch auf seinen Anfang hin unterwegs ist, mithin ist das dem Ins-Sein-Treten nach Spätere das der Natur nach Frühere. Als Letztes aber kommt die (Fähigkeit zur) Ortsbewegung allen Wesen, die im Werden stehen, zu. Also sind die völlig Unbeweglichen unter den lebenden Wesen dies infolge eines Mangels, z. B. die Pflanzen und viele Tiergattungen; den weiter Entwickelten steht (die Ortsbeweglichkeit) dann zur Verfügung. Wenn daher Ortsbeweglichkeit in höherem Maße eignet den Wesen, die in höherem Maße ihre Naturbestimmung ergriffen haben, dann ist ja wohl auch diese Bewegungsform die erste unter allen anderen dem Wesen nach, und zwar erstens aus diesem (genannten) Grund, aber auch deswegen, weil unter allen Veränderungsarten am wenigsten durch die Fortbewegung das, was sie durchläuft, aus seiner Wesensbestimmtheit heraustritt: nach ihr als einziger wandelt sich nichts in seinem Sein, so wie an dem, was Eigenschaften ändert, das »so-und-so-beschaffen« sich wandelt und an dem, was wächst oder schwindet, das »so-und-so-groß«. – Ganz besonders klar ist aber, daß das selber sich selbst Bewegende in besonders eigentümlicher Weise ebendiese (Veränderungsform) weitergibt, die Ortsbewegung. Und gerade von diesem sagen wir doch, es sei aller Dinge Anfang, die sich da verändern und Veränderung weitergeben, und es sei das Erste für alles in Veränderung Befindliche, – das selbst sich selbst Bewegende.

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Daß also von allen Formen von Veränderung die Ortsbewegung die ursprüngliche ist, ist sonach einsichtig. Welche (Art der) Ortsbewegung aber die erste ist, ist nun aufzuzeigen. Zugleich wird auch das jetzt und früher Zugrundegelegte, nämlich daß es wirklich eine zusammenhängende und immerwährende Form von Bewegung geben kann, im selben Durchgang einsichtig werden. Daß von den übrigen Veränderungsarten keine einen fortlaufenden Zusammenhang bilden kann, ist aus Folgendem einsichtig: Alle verlaufen sie von Entgegengesetztem zu Entgegengesetztem, diese Veränderungen und Wandlungen, z. B. sind für Entstehen und Untergang das »seiend« und »nichtseiend« die Grenzen, für Eigenschaftsveränderung sind es die gegeneinander stehenden Zustände, für Wachsen und Schwinden »Größe« und »Kleinheit« oder (genauer) »Erreichen der Endgröße« oder »Unvollständigkeit«; nun sind aber Veränderungen zu Gegenteiligem (selbst) gegensätzlich. Etwas, das nun aber nicht immer diese Veränderungsform durchläuft, aber auch vor ihr schon war, das muß vor ihr eben in Ruhe gewesen sein. Einsichtig ist dabei, daß es das Gegenteil sein muß, in dem das, was sich da wandeln soll, geruht hat. Ähnlich ist es auch bei den Weisen von Umschlag: Es stehen einander gegenüber »Untergang« und »Entstehen«, einfach genommen, und auch beides in jedem Einzelfall. Wenn folglich unmöglich (etwas) gleichzeitig entgegengesetzte Wandlungsformen vollziehen kann, so wird der Wandel nicht zusammenhängend sein, sondern zwischen seinen Abschnitten wird Zeit liegen. Es macht ja keinen Unterschied, ob sie entgegengesetzt oder nicht entgegengesetzt sind, diese durch ausschließenden Widerspruch bestimmten Wandlungsformen, wenn es nur unmöglich ist, daß sie gleichzeitig bei demselben Gegenstand Vorkommen können – dies bringt ja für die Beweisführung keinerlei Nutzen –, und auch (ist es) nicht (von Belang), wenn (der Gegenstand) auf der Seite des ausschließenden Widerspruchs nicht ruhen müßte, und auch nicht, wenn der Wandel dem Ruhezustand nicht entgegengesetzt wäre – »nichtseiend« ist ja wohl kaum als Ruhezustand zu begreifen, Untergang



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aber führt zu »nichtseiend« –, (wichtig ist) allein, wenn nur dazwischen eine Zeit auftritt; denn so bildet der Wandel keinen fortlaufenden Zusammenhang. Auch in den vorigen (Fällen) war nicht die Gegensätzlichkeit brauchbar (zum Beweis), sondern die Tatsache, daß (die verschiedenen Abschnitte) nicht gleichzeitig vorliegen konnten. Man darf sich aber dadurch nicht verwirren lassen, daß eine und die dieselbe Bestimmung mehreren (anderen) entgegengesetzt ist, z. B. »Veränderung« sowohl gegenüber »Stillstand« wie auch gegenüber »Veränderung in Gegenrichtung«, sondern man soll sich nur daran halten, daß (1) irgendwie zu »Veränderung« und zu »Ruhe« der Gegensatz ist: »Veränderung in Gegenrichtung«, so wie »gleich« und »angemessen« (in Gegensatz stehen) zu »darüber hinaus« und »dahinter zurückbleibend«, und (2) daß weder entgegengesetzte Veränderungsnoch Wandlungsvorgänge gleichzeitig (an einem Gegenstand) vorliegen können. Weiter, bei Entstehen und Untergang erschiene es ja wohl ganz und gar unsinnig, wenn etwas gerade Entstandenes sogleich wieder untergegangen sein müßte und gar keine Zeit zum Bestehen hätte. Folglich dürfte man (entsprechende) Sicherheit auch bei den anderen (Veränderungsformen) gewinnen; es ist ja (nur) natürlich, daß es sich bei allem ähnlich verhält. 8. Daß es eine unendlich fortdauernde (Bewegungsform) wirklich geben kann, die einheitlich ist und immer fortlaufend – und das ist die Form des Kreises –, das wollen wir jetzt vortragen. Alles, was sich fortbewegt, läuft dabei entweder im Kreis oder auf einer Geraden oder auf einer (aus beiden) gemischten (Bahn), folglich, wenn von denen nicht die eine oder andere zusammenhängend ist, so kann auch die aus beiden zusammengesetzte es nicht sein. Daß nun etwas, das eine gerade und (somit) begrenzte Strecke durchläuft, nicht fortlaufend sich dahinbewegt, ist klar: es muß ja umbiegen; was aber auf gerader Strecke wendet, das macht entgegengesetzte Bewegungen; und im Ortsbereich ist entgegengesetzt die Aufwärtsbewegung der

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nach unten, die Vorwärtsbewegung der nach hinten und die nach links der nach rechts; das sind eben die Ortsgegensätze. Was eine einheitliche und zusammenhängende Bewegung ist, ist früher bestimmt worden: Es ist die eines (Gegenstandes) in einer (zusammenhängenden) Zeit in einem Bereich, der bezüglich der Art keinen Unterschied hat – es waren ja drei (Beteiligte), das, was sich da verändert, Beispiel: »Mensch« oder »Gott«, das »wann«, ausgedrückt in Zeit, und als drittes das »worin«, d. h. Ort, Zustand, Form oder Größe –. Gegenteiliges unterscheidet sich nun aber der Art nach und ist nicht eines, und die genannten Unterschiede sind die von »Ort«. Ein Anzeichen dafür, daß Bewegung von A nach B der von B nach A entgegengesetzt ist, findet sich darin, daß sie einander zu Stillstand und Aufhören bringen, wenn sie gleichzeitig stattfinden; und auf dem Kreis ist das genauso, z. B. (Bewegung) von A zu B (entgegengesetzt) der von A zu C – die bringen sich zum Stillstand, auch wenn sie zusammenhängend wären und kein Wendevorgang stattfindet, auf Grund dessen daß Gegenteiliges sich gegenseitig vernichtet und hemmt –; dagegen, Bewegung zur Seite ist der nach oben nicht (entgegengesetzt). Ganz besonders augenscheinlich wird es, daß eine Bewegung auf einer Geraden unmöglich einen fortlaufenden Zusammenhang bilden kann, (wenn man sich klarmacht,) daß etwas, das wendet, notwendig (einmal) zum Stillstand kommen muß, und das nicht nur auf der Geraden, sondern auch wenn (der Gegenstand) einen Kreis macht; die beiden Ausdrücke »Kreisen« und »einen Kreis machen« besagen ja durchaus nicht dasselbe: Im einen Fall kann man den Vorgang der Bewegung verknüpfen, im anderen kann der Gegenstand, wenn er an dieselbe Stelle kommt, von der er aufgebrochen war, (dort) wieder umkehren. – Daß hier die Notwendigkeit eines Haltmachens eintritt, davon liegt die feste Überzeugung nicht bloß bei der Wahrnehmung, sondern auch bei vernünftiger Herleitung. Ausgangspunkt ist folgender: Drei (Stücke) gibt es doch (an einem Bewegungsverlauf), Anfang, Mitte, Ende, und dabei stellt die Mitte gegenüber den beiden anderen beides dar, und der Zahl nach ist sie eins, dem Begriff nach je-



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doch zwei. Außerdem, ein anderes ist das »nach Möglichkeit« und das »in Wirklichkeit«, also ist bei einer Geraden von allen (Punkten) innerhalb der Eckpunkte jede beliebige Marke der Möglichkeit nach eine Mitte, in Wirklichkeit ist sie es nicht, wenn nicht an dieser Stelle (der Gegenstand) seine Bahn teilt, anhält und wieder mit der Bewegung anfängt; so wird dann die Mitte zu einem Anfang und einem Ende, Anfang der folgenden (Bewegung), Ende ihres ersten (Abschnitts) – ich meine beispielsweise, wenn das fortbewegte A bei B haltmacht und dann wieder in Richtung C weiterfährt –; sobald jedoch (der Gegenstand) sich in fortlaufendem Zusammenhang weiterbewegt, dann kann dieses A bei der Marke B weder von sich feststellen, es sei da angekommen, noch es sei von dort losgegangen, sondern nur, es befinde sich (da) im »Jetzt«, aber in keinem Zeitabschnitt, außer in dem (Zeit)ganzen, dessen (jeweilige) Teilung das »Jetzt« ist. – Wenn aber jemand ansetzen wollte, es sei da angekommen und sei da auch wieder abgegangen, so wird das doch fortbewegte A (dort) je einen Halt machen; es ist ja unmöglich, daß A gleichzeitig bei B ankommen und von ihm schon wieder losgehen könnte; also zu einer anderen und je anderen Zeitmarke (muß beides geschehen sein); also wird das Dazwischenliegende ein Zeitstück sein; somit wird A bei B zur Ruhe kommen. Entsprechend auch bei allen anderen Marken, es ist ja bei allen die gleiche Herleitung. Wenn also das fortbewegte A das in der Mitte angesetzte B sowohl als Ende wie als Anfang benutzt, dann muß es da haltmachen, weil es doch eine Zweiheit herstellt, so wie wenn es auch denken könnte. – Von der Anfangsmarke A ist (der Gegenstand) losgegangen, bei C ist er angekommen, wenn er da ans Ende gelangt ist und stillsteht. Also muß man genau das auch gegenüber der Schwierigkeit Vorbringen, – denn es ergibt sich ja folgende Schwierigkeit: Wenn die (Ausdehnung) E der (Ausdehnung) F als gleich angesetzt ist und der (Gegenstand) A in fortlaufender Weise von dem Außenpunkt (von E) zu (dem anderen Eckpunkt von E) C fährt und zugleich aber auch A an der Marke B »ist«, und wenn auch (Gegenstand) D von dem Außenpunkt von F los-

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fährt zum (anderen Außenpunkt) G, und zwar gleichmäßig und mit gleicher Geschwindigkeit wie A, dann wird D vorher bei G ankommen als A bei C; denn was vorher losgefahren und abgegangen ist, das muß auch früher ankommen. Denn das A ist ja nicht zur gleichen Zeit bei B angekommen und auch davon wieder losgegangen, deshalb eben verspätet es sich. Wäre das ja gleichzeitig möglich, so würde es sich nicht verspäten, stattdessen muß es jedoch (da) zum Stillstand kommen. Man darf also nicht die Behauptung setzen: »Zu der Zeit, da A bei B angekommen ist, genau gleichzeitig dazu bewegt sich D von dem Außenpunkt von F weiter fort”, – wenn doch A (zu einer Zeit) bei B angekommen ist, dann gibt es auch sein Losfahren (von da zu einer bestimmten Zeit), und beides ist nicht gleichzeitig –, vielmehr war es (in B) nur in einem Zeitschnitt, nicht in einem Zeitabschnitt. Hier in diesem Fall kann man also unmöglich so sagen, bei der fortlaufenden (Bewegung). Dagegen, bei der Bewegung mit Wendepunkt muß man es genau so sagen: Wenn doch (ein Gegenstand) G in Richtung D sich bewegt, dort wendet und nun wieder nach unten fährt, so hat er den Spitzenpunkt D als Ende und als Anfang benutzt, eine Marke wie zwei; deshalb muß er da zum Stillstand gekommen sein. Und es ist durchaus nicht gleichzeitig, daß er bei D angekommen ist und von da wieder losgefahren ist; denn sonst wäre er ja da, und gleichzeitig wäre er (da) wieder nicht, im gleichen »Jetzt«. Nun also, die alte Lösung darf man hier nicht vortragen: es geht zu sagen, daß G bei D in einem Zeitschnitt ist, und »es ist da angekommen« oder »es ist da losgefahren« treffe gar nicht zu. Es muß ja doch (das G) an ein Ende kommen, das es wirklich gibt, nicht bloß der Möglichkeit nach. Die (Punkte) in der Mitte sind zwar nur der Möglichkeit nach, diesen aber gibt es wirklich, und Ende ist er, von unten (betrachtet), Anfang, von oben; also ist er das auch für die entsprechenden Bewegungen. Es muß also (ein Gegenstand), der auf geradliniger (Bahn) wendet, zum Stillstand kommen. Also kann keine fortlaufende Bewegung auf der Geraden immerwährend sein.



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Auf gleiche Weise muß man auch denen entgegentreten, die die (berüchtigten) Fragen nach Zenons Vortrag stellen [und fordern:] Wenn (ein Gegenstand) immer erst die Hälfte (der geraden Strecke) durchlaufen muß, diese (Halbstücke) aber unendlich viele sind, so (sei es doch wohl) unmöglich, das Unendliche durchzugehen; oder, wie gewisse Leute denselben Gedanken in eine andere Frage fassen und fordern: Schon mit der Bewegung durch die Hälfte (der Strecke) müßte man doch vorher bereits gemäß dem jeweils einzeln zurückgelegten Halben davon zählen können, so daß also, wenn es die ganze (Hälfte) durchlaufen hat, sich ergibt, daß man schon eine unendliche Zahl gezählt haben müßte; das ist jedoch nach allgemeiner Übereinstimmung unmöglich. In den ersten Untersuchungen „Über Veränderung” haben wir eine Lösung gefunden dadurch, daß die Zeit unendlich viele (Jetztpunkte) in sich enthält. Dann ist es ja gar nichts Unsinniges, wenn in »unendlicher« Zeit jemand »Unendliches« durchgeht: in ganz gleicherweise kommt »unendlich« an Erstreckung vor wie an Zeit. Aber, diese Lösung reicht zwar für den Fragesteller aus – es wurde doch gefragt, ob es möglich ist, in begrenzter (Zeit) Unendliches zu durchlaufen oder zu zählen –, hingegen für die Wahrheit der Sache reicht sie nicht. Wenn nämlich jemand das mit der Erstreckung wegläßt und die Fragerei auch, ob es denn möglich ist, in begrenzter Zeit Unendliches zu durchlaufen, sondern das nun für die Zeit selbst wissen will – die Zeit hat ja unendlich viele Teilungen –, dann wird diese Lösung nicht mehr ausreichend sein, sondern man muß das Tatsächliche vortragen, was wir in der soeben angestellten Untersuchung denn auch getan haben. (Also nochmals:) Wenn jemand eine zusammenhängende (Linie) in zwei Halbstücke teilt, so benutzt der die eine Marke wie zwei, er macht sie nämlich zu Anfang und Ende. So macht es der, der (nur) zählt, wie auch der, der (wirklich) in Halbstücke teilt. Nimmt man aber so auseinander, so sind weder die Linie noch die Bewegung (auf ihr) noch zusammenhängend; fortlaufende Bewegung steht doch in Verbindung mit zusammenhängender (Erstreckung), in so einem Zusammenhängenden sind zwar

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unendlich viele Halbstücke enthalten, nur nicht in Wirklichkeit, sondern bloß der Möglichkeit nach. Wenn er das nun wirklich tut, schafft er keineswegs zusammenhängende (Bewegung), sondern er wird sie zum Halten bringen, wie es denn bei einem, der die Halbstücke (auch noch) zählt, offenkundig wird, daß dies eintritt: Die eine Marke muß er notwendig als zwei zählen, von einem Halbstück wird sie das Ende sein, vom anderen der Anfang, wenn er (eben) nicht die zusammenhängende (Bewegung) als eine zählt, sondern als zwei Hälften. – Gegenüber dem, der fragt, ob es denn möglich ist, Unendliches durchzugehen entweder bei Zeit oder bei Erstreckung, muß man also sagen: In einem Sinne ja, im anderen jedoch nicht. Was in tatsächlicher Wirklichkeit (unendlich) ist, geht nicht, was es bloß der Möglichkeit nach ist, geht wohl. Wer eine fortlaufende Bewegung macht, hat nebenbei auch Unendliches durchlaufen, im eigentlichen Sinne aber nicht. Es trifft der Linie doch nur nebenbei zu, unendlich viele Halbstücke zu sein, ihr wesentliches Sein ist ganz etwas anderes. Klar ist aber auch: Wenn man die Marke, die das »früher« und »später« der Zeit trennt, nicht je zum Späteren der Sache nach setzt, so wird gleichzeitig dasselbe (Ding) »seiend« und »nichtseiend« sein, und zu einem Zeitpunkt, wo es »geworden« ist, »nichtseiend«. Die Marke ist zwar beiden (Stücken) gemeinsam, dem früheren und dem späteren, und ist eines und dasselbe der Zahl nach, nur dem Begriff nach ist sie nicht dasselbe – sie ist ja des einen Stückes Ende, des anderen Anfang –; der Sache nach jedoch gehört sie immer zum folgenden Zustand. (Es sei angesetzt) eine Zeit ACB, eine Sache D. Die (sei) in der Zeit A »weiß«, in der Zeit B »nicht-weiß«; im (Punkt) C wäre sie dann also »weiß« und »nicht-weiß«; in jedem beliebigen Punkt von A war es doch wahr, sie als »weiß« anzusprechen, wenn sie doch über diesen ganzen Zeitabschnitt eben weiß war, und in B (gilt das entsprechende für) »nicht-weiß«; C aber kommt an beiden vor. Man darf also nicht zugeben: »Über den ganzen« (Zeitabschnitt A), sondern (muß einschränken): »Außer dem letzten Jetzt, auf dem C liegt«; das gehört schon zum Späteren. Und wenn in dem ganzen A »nicht-weiß« schon



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im Entstehen war und »weiß« im Untergang begriffen, so ist in C eben das eine mit Werden, das andere mit Untergang fertig. Also an diesem Punkt zu allererst ist es richtig zu sagen »weiß« oder »nicht-weiß« oder (man hat diese Folgen): Zu der Zeit, da es mit Werden fertig ist, ist es nicht, und zu der Zeit, da es untergegangen ist, ist es, oder es muß gleichzeitig weiß und nicht-weiß sein, und allgemein seiend und nichtseiend. – Wenn nun etwas, das vorher (als) »nichtseiend« (bestimmt) ist, zu »seiend« notwendig werden muß, und solange es wird, (noch) nicht ist, so ist es nicht möglich, die Zeit in unteilbare Zeitstücke auseinanderzunehmen: Wenn in (der Zeit) A der (Gegenstand) D »weiß« wurde und er dann damit fertig ist und das gleichzeitig auch ist in einem anderen, unteilbaren Zeitstück, das jedoch sich anschließt, es sei B – wenn er in A wurde, war er nicht, in B dagegen ist er –, dann muß es doch irgendwie ein Werden dazwischen geben, somit auch eine Zeit, in der dies stattfand. Diejenigen, die nicht von »unteilbaren« (Einheiten) reden, werden ja auch durchaus nicht das Gleiche sagen, sondern (sie werden sagen): »Von eben der Zeit, in der er entstand, dies zu Ende brachte und nun ist, an ihrer äußersten Marke, an die sich nichts anschließt oder in Reihe folgt«; die unteilbaren Zeitstücke sind aber so etwas in Reihe Folgendes. Einsichtig ist: Wenn (der Gegenstand) in dem ganzen Zeitabschnitt A wurde, so ist die Zeit, in der er damit zu Ende gekommen ist unter Einschluß seines Werdens, nicht länger als die ganze Zeit, in der er nur wurde. Die als sachverwandt zu wertenden Überlegungen, auf Grund deren man wohl Sicherheit gewinnen kann, sind diese und entsprechende derart. Wenn man dagegen rein begrifflich die Sache ansieht, wird man aus Folgendem wohl auch den Eindruck gewinnen, daß sich genau das Gleiche ergibt: Alles, was sich da fortlaufend bewegt, war – wenn es nicht von irgendetwas aus der Bahn gestoßen wird – schon früher auf dem Weg zu dem Ziel, bei dem es dann am Ende seiner Fahrt auch ankommt; z. B., ist (ein Gegenstand) nach B gelangt, so war er (vorher) auf dem Weg dahin, und das nicht erst seit der Zeit, wo er (dem B) nahe war, sondern sogleich

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schon, als er mit der Bewegung anfing; denn warum sollte das jetzt gerade mehr der Fall sein als vorher? Gleiches gilt für alle anderen (Bahnpunkte). Also angenommen, ein von A fort fahrender Gegenstand soll, sobald er bei C angelangt ist, wieder nach A kommen, und das in fortlaufender Bewegung; dann wird er also zu der Zeit, wo er von A wegfährt hin zu C, auch die Bewegung von C nach A (schon) ausführen, somit gleichzeitig gegenläufige (Bewegungen), – denn gegenläufig sind sie doch auf der Geraden. Zugleich (ergibt sich auch): Er wechselt fort von einer Stelle, wo er gar nicht ist. Wenn das nun nicht geht, so muß er bei C anhalten. Somit ist das nicht eine einheitliche Bewegung, denn eine durch einen Halt auseinandergenommene (Bewegung) ist nicht einheitlich. Weiter ergibt sich auch aus Folgendem Einsicht, was mehr allgemein für jede Form von Veränderung gilt: Wenn alles, was sich da verändert, eine der genannten Arten von Veränderung durchmacht und entsprechend einen der entgegengesetzten Ruhezustände erfährt – es gab doch keine andere Art neben diesen –, und wenn weiter etwas, das diese eine Veränderungsart nicht immer durchläuft – ich rede von solchen, die verschieden der Art nach sind, und nicht von dem Fall, daß es nur ein Teilstück eines Veränderungsganzen ist –, notwendig früher den entsprechend entgegengesetzten Ruhezustand einnehmen muß – Ruhe ist doch (nur) Wegnahme von Veränderung –: wenn nun also die Bewegungen auf der Geraden einander entgegengesetzt sind und es nicht möglich ist, gleichzeitig entgegengesetzte Bewegungen auszuführen, dann wird ja wohl ein Gegenstand, der von A nach C fährt, nicht gleichzeitig auch von C nach A fahren können. Da (der Gegenstand) nicht gleichzeitig (hin und her) sich bewegen kann, er aber doch diese Bewegung (zurück zu A) ausführt, muß er vorher bei C zum Stillstand gekommen sein; das war doch die entgegengesetzte Ruhe zur Bewegung von C fort. Klar ist somit aus dem Gesagten: Diese Bewegung bildet keinen fortlaufenden Zusammenhang. Noch auch folgende Begründung, die mehr sachverwandt ist als das Gesagte: Es ist doch zur gleichen Zeit, daß »nicht-



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weiß« vergangen ist und »weiß« entstanden. Wenn sie nun fortlaufend erfolgt, die Veränderung zu »weiß« hin und von »weiß« wieder fort, und (diese Bestimmung) nicht eine bestimmte Zeit lang bleibt, (dann ergibt das folgenden Unsinn:) Gleichzeitig ist »nicht-weiß« vergangen, »weiß« entstanden und auch »nicht-weiß« entstanden; diese drei fielen dann ja in die gleiche Zeit. Weiter, (es gilt) nicht: »Wenn Zeit zusammenhängend, dann auch Bewegung«, sondern sie stellt nur eine Reihenfolge dar. Wie sollte denn auch der Außenpunkt von Gegensätzen der gleiche sein, z. B. von »Weiße« und »Schwärze«? Dagegen, die (Bewegung) auf dem (Kreis)umlauf muß sein einheitlich und zusammenhängend. Hier ergibt sich ja nichts Unmögliches: Der sich von A fortbewegende Gegenstand wird sich gleichzeitig auch auf A zubewegen, nach einer und derselben Strebung – wohin er (zum Schluß) ja kommen wird, dahin bewegt er sich auch (seit Anfang) –, aber nicht wird er gleichzeitig gegenläufige oder entgegengesetzte Bewegungen ausführen; (es gilt) doch nicht (einfach): »Jede (Bewegung) da und da hin ist der von dort weg gegenläufig oder entgegengesetzt«, sondern gegenläufig ist die (hin und her) auf der Geraden – bei ihr gibt es doch Ortsgegensätze, z. B. die (Endpunkte) auf dem Durchmesser: die sind am weitesten von einander entfernt –, entgegengesetzt ist Bewegung (einer anderen) auf der gleichen Raumerstreckung. Es besteht also kein Hinderungsgrund dafür, daß (Kreisbewegung) zusammenhängend sich vollzieht und zu keiner Zeit aussetzt; denn Bewegung im Kreis läuft vom gleichen (Punkt) zum gleichen (Punkt), dagegen die auf der Geraden (geht) von diesem einen zu einem anderen; und die (Bewegung) auf dem Kreis (verläuft) nie innerhalb der derselben (Außenpunkte), die auf der Geraden dagegen tut das oft. Die Bewegung also, die immer in anderem und wieder anderem (Raumstück) verläuft, kann sich in fortlaufendem Zusammenhang vollziehen, die dagegen vielmals innerhalb derselben (Eckpunkte hin und her) kann das nicht; sie müßte sonst ja gleichzeitig entgegengesetzte (Verläufe) machen. Also auch auf dem Halbkreis oder sonst einem Umlauf ist es keinesfalls

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möglich, daß (etwas) sich fortlaufend bewegt; da müßte es ja oftmals die gleichen Bewegungen (hintereinander) ausführen und gegenläufige Wenden vollziehen; ist doch dabei nicht dem Anfang das Ende angeknüpft. Die Kreis(bewegung) dagegen verknüpft (beides), und sie ist die einzige vollkommene. Einsichtig wird aus dieser Einteilung dies: Auch die übrigen Arten von Veränderung können keinen fortlaufenden Zusammenhang bilden. Bei ihnen allen ergibt sich doch, daß dieselben (Veränderungswege) vielmal durchlaufen werden, z. B. bei Eigenschaftsveränderung die Mittelzustände, bei der (Veränderung) des »so-und-so-viel« die im Verlauf vorkommenden Größen, und bei Entstehen und Untergang (ist es) genauso; es macht ja gar keinen Unterschied, wenige oder viele (solcher Zwischenstufen) zu machen, in denen sich Wandel vollzieht, und auch nicht, mittenzwischen noch eins zu setzen oder wegzunehmen: in beiden Fällen ergibt sich ja, daß dieselben (Stufen) oftmals durchlaufen werden. Klar ist somit hieraus auch: Die »Naturlehrer« sprechen nicht angemessen, die da sagen, alles Wahrnehmbare sei immer in Veränderung. Es muß dabei doch eine dieser Veränderungsarten durchmachen und besonders – nach ihnen – Eigenschaften ändern; sie reden ja von »Immer-im-Fluß-Sein« und »Schwinden«, und auch noch Entstehen und Untergang sprechen sie als Eigenschaftsveränderung an. Diese Rede hier ging aber ganz allgemein um jede Form von Veränderung und brachte vor, daß nach gar keiner Form von Veränderung sich (etwas) fortlaufend bewegen kann, außer der (Bewegung) im Kreis, somit auch nicht im Bereich von Eigenschaftsveränderung oder Wachstum. – Darüber, daß mithin keine Form von Wandel unendlich oder in fortlaufendem Zusammenhang sein kann, ausgenommen die Bahn auf dem Kreis, sei von uns so viel vorgetragen. 9. Daß von den Ortsbewegungen die Kreisbewegung die ursprüngliche ist, ist klar. Jede Fortbewegung, wie wir ja auch früher schon sagten, läuft entweder auf einem Kreis oder auf einer Geraden, oder (sie ist) daraus zusammengesetzt. Die



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beiden erstgenannten müssen dieser vorhergehen, aus ihnen besteht sie doch. Der (Bewegung) auf der Geraden (geht wieder voran) die im Kreis; einfach ist sie doch und in höherem Maße vollkommen. Ins Unendliche kann man ja nicht auf einer Geraden fahren – ein in diesem Sinn Unendliches gibt es doch nicht, und zugleich, auch wenn es das gäbe, bewegte sich nichts: es geschieht nicht das Unmögliche, eine unendliche (Gerade) zu Ende zu durchlaufen, ist aber unmöglich –; andrerseits, Bewegung auf der begrenzten Geraden, die dann wendet, ist zusammengesetzt und (eigentlich) zwei Bewegungen; wendet sie dagegen nicht, so ist sie unvollkommen und vergänglich. Nun geht aber nach Natur, Begriff und Zeit das Vollkommene dem Unvollkommenen vorher, vor dem Vergänglichen das Unvergängliche. Außerdem ist auch vorrangig (die Bewegungsform), die immerwährend sein kann, vor der, die das nicht kann. Die (Bewegung) im Kreis kann eben nun immerwährend sein, von den anderen Formen kann dies weder die Fortbewegung noch irgendeine andere; da muß doch ein Stillstand eintreten, wenn aber Stillstand (da ist), ist die Bewegung untergegangen. Durchaus vernünftig hat sich das ergeben, daß die (Bewegung) im Kreis einheitlich ist und fortlaufend, und nicht die auf der Geraden: bei der auf der Geraden, sind Anfang, Ende und Mitte genau bestimmt, und sie hat alles in sich selbst, so daß es (einen Punkt) gibt, von wo aus der bewegte Gegenstand beginnt und wo er aufhört – an den Enden kommt doch alles je zum Stillstand, einerlei ob es das »Woher«(-Ende) ist oder das »Wo«(-Ende) –, dagegen, bei der im Kreis herumführenden (Bewegung sind diese Punkte) unbestimmt; warum sollte denn irgend ein Grenzpunkt unter allen auf der Linie besonders hervorgehoben sein? In gleicher Weise ist doch jeder sowohl Anfang als Mitte und auch Ende, womit (der Gegenstand) einerseits immer am Anfang und am Ende ist, andrerseits auch nie. Aus diesem Grund eben bewegt sich einerseits und ruht auch in gewissem Sinn die Kugel; sie hat ja den gleichen Ort inne. Ursache davon ist, daß alles dies auf ihren Mittelpunkt neben-

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bei zutrifft: Sowohl Anfang wie Mitte dieser Raumgröße, und Ende auch, ist er; und das hat zur Folge: Weil dieser (Punkt) außerhalb der Umlaufbahn liegt, so gibt es (auf ihr) nichts, wo das Bewegte zum Stillstand kommen kann, als hätte es (eine bestimmte Strecke) durchlaufen – immer wird es doch um die Mitte herumgeführt, aber nicht zu einem Endpunkt hin –; weil nun aber dieser (Punkt) an seiner Stelle bleibt, so ruht einerseits in einem bestimmten Sinn das Ganze immer, andrerseits ist es auch fortlaufend in Bewegung. Hier ergibt sich auf Gegenseitigkeit: Weil der Umlauf Maß der Bewegungen ist, muß er das Ursprüngliche sein – alles wird ja durch das Erstmaß gemessen –, und (umgekehrt) weil er das Ursprüngliche ist, ist er Maß der übrigen (Bewegungen). Weiter, auch gleichmäßig kann sein allein die Bewegung im Kreis; die (Gegenstände, die sich) auf der Geraden (bewegen), tun dies in ungleichmäßiger Geschwindigkeit vom Anfang aus zum Ende hin; alle (Körper) kommen ja, je weiter sie vom (natürlichen Ort) des ruhenden Körpers entfernt sind, in umso schnellere Bewegung. Allein der (Bewegung) im Kreis eignet von Natur weder Anfang noch Ende an ihr selbst, sondern (dies liegt) außerhalb (von ihr). – Daß die Bewegung im Ortsbereich die ursprüngliche Form von Veränderung ist, bezeugen alle, die sich über Veränderung Gedanken gemacht haben; ihre Ursprünge leiten sie ja zurück auf (Gegenstände), die diese Form von Bewegung vollziehen. Entmischung und Mischung sind doch Bewegungen im Raum, ebenso setzen aber in Bewegung »Liebe« und »Zank«: das eine scheidet, das andere mischt von ihnen. Und von seinem »Geist« sagt Anaxagoras, er scheide auseinander, dieser erste Bewegungsgeber. Ähnlich (machen es) auch die, welche eine derartige Ursache durchaus nicht anerkennen, stattdessen behaupten, Bewegung ergebe sich auf Grund des Leeren: auch sie sagen, daß das wirkliche Naturding die Ortsbewegung vollziehe – Bewegung infolge von Leere ist doch Fortbewegung und gewissermaßen ortsbezogen –, von den anderen (Bewegungsformen) komme keine den ersten (Körpern) zu, sondern nur den aus ihnen (zusammengesetzten), meinen sie; da wach-



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se etwas und schwinde und ändere Eigenschaften auf Grund davon, daß die unteilbaren Körper sich zusammenmischen und wieder auseinanderscheiden, sagen sie. Genauso auch die, welche durch Verdichtung und Lockerung das Werden und Vergehen zurichten: mit Vermischung und Entmischung ordnen sie das durch. Noch (sind) neben diesen die (da), welche die »Seele« zur Ursache der Bewegung machen: Das »selbst sich selbst Bewegende« sei Ursprung, sagen sie, aller bewegten Gegenstände. Nun setzt aber das Lebewesen und alles, was da beseelt ist, eben die Ortsbewegung an sich in Gang. Und im eigentlichen Wortsinn reden wir von Be-»Weg«-ung nur bei dem, was sich im Raum bewegt; wenn dagegen etwas an der gleichen Stelle stillsteht und wächst oder schwindet oder gerade dabei ist, Eigenschaften zu ändern, dann reden wir von »Bewegung in bestimmter Hinsicht«, nicht einfach so von Bewegung. – Daß also (1) immer Veränderung war und sein wird alle Zeit, und welches der Ursprung der immerwährenden Bewegung ist, außerdem, welches die erste Bewegungsform ist und welche Art von Bewegung allein immerwährend sein kann, und schließlich, daß das erste Bewegende (selbst) unbewegt –: ist darüber ist nun gesprochen. 10. Daß (2) dies teillos sein muß und keine Ausdehnungsgröße haben kann, wollen wir nun ausführen, nachdem wir zuerst einmal über das, was dem vorauszusetzen ist, Bestimmungen getroffen haben. (1) Eines davon ist: Nichts Begrenztes kann über unendliche Zeit Bewegung in Gang setzen oder halten. Drei (daran Beteiligte) sind es doch: Was Bewegung abgibt, was sich bewegt, als drittes das »worin«, die Zeit. Diese sind entweder alle unbegrenzt oder alle begrenzt oder einige (dies oder das), z. B. zwei (dies) oder nur eines (und umgekehrt). Es sei also A das Bewegunggebende, das Bewegte B, unendlich: Zeit C. Es soll nun D von B einen Teil bewegen, E; das kann ja wohl nicht eine Zeit, gleich C, dauern; in mehr (Zeit wird) doch das Größere (bewegt). Also ist die Zeit F nicht unendlich; und so werde ich, in-

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dem ich zu D Hinzufügungen mache, das A aufbrauchen, und (mit Hinzufügungen) zu E das B; die Zeit aber kann ich nicht aufbrauchen, indem ich immer ein gleiches Stück wegnehme, sie ist ja unendlich. Somit wird also das ganze A das gesamte B bewegen in einem begrenzten Zeitabschnitt von C. Es ist also nicht möglich, daß etwas unter Einwirkung eines Begrenzten eine unendliche Bewegung ausführen könnte. Daß es also nicht möglich ist, daß ein Begrenztes über unendliche Zeit hin Bewegung mitteilen könnte, ist einsichtig; daß aber auch (2) ganz allgemein nicht möglich ist, daß in einer begrenzten Größe unbegrenzt viel Wirkungskraft steckt, ist aus Folgendem klar: Es sei je die stärkere Kraft, die gleiche Wirkung in geringerer Zeit schafft, etwa wenn sie wärmt oder süßt oder wirft oder überhaupt eben verändert; dann muß also unter Einwirkung dieses begrenzten (Gegenstandes), der aber unendlich viel Kraft haben soll, etwas eine bestimmte Wirkung erfahren, und zwar eine größere als unter Einwirkung eines anderen (Gegenstandes); in jedem Falle größer ist doch die unendliche (Kraft). Nun aber kann es dann (für diesen Verlauf) gar keine Zeitdauer mehr geben: Wenn doch einmal die Zeit A die sein soll, in welcher diese unendliche Stärke erwärmt oder vorwärtsgestoßen hat, in (der Zeit) AB aber soll eine begrenzte dies geschafft haben, dann brauche ich diese begrenzte (Kraft) nur immer durch Hinzunahme einer weiteren je begrenzten zu vergrößern, und dann komme ich irgendwann einmal zu dem Maß, das in (Zeit) A die Wirkung geschafft hat. Indem ich zu Begrenztem jeweils Hinzufügungen mache, werde ich jedes fest bestimmte Maß überschreiten können, und indem ich wegnehme, schaffe ich entsprechend Mangel. Es gibt dann also eine begrenzte (Kraft), die in gleicher Zeit (genausoviel) Veränderung schafft wie die unbegrenzte, und das geht nicht. Also kann nichts Begrenztes unbegrenzte Kraft haben. Also (kann) auch nicht (3) in Unbegrenztem begrenzte (Kraft sein). Nun ist es zwar möglich, daß in kleinerer Größe mehr Kraft steckt, aber noch eher doch (ist) in größerer mehr. Es sei also (Größe) AB unbegrenzt; dann hat BC eine be-



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stimmte Kraft, die in einer bestimmten Zeit den Gegenstand D verändert hat, diese Zeit sei EF. Wenn ich nun von BC das Doppelte nehme, so wird es in der Hälfte der Zeit EF – dies Verhältnis sei einmal angesetzt –, also in FH, die Veränderung schaffen. Wenn ich nun immer weiter so vorgehe, werde ich das AB niemals durchlaufen, von der gegebenen Zeit aber werde ich immer weniger in der Hand haben. Somit wird die Kraft unbegrenzt sein. Sie übertrifft ja jede begrenzte Kraft, wenn denn von jeder begrenzten Kraft auch die zugehörige Zeit begrenzt sein muß – wenn doch eine so und so große (Kraft) in so und so viel Zeit (etwas Bestimmtes bewegt), dann wird eine größere es in einer geringeren, aber doch genau bestimmten Zeit schaffen, gemäß der Wechselseitigkeit der Entsprechung –; »unbegrenzt« aber (kann) jede Kraft (nur in dem Sinne sein), wie auch Menge und Größe, die jedes bestimmte Maß überschreitet. Man kann dies aber auch so zeigen: Wir werden uns irgendeine Kraft nehmen, die der Gattung nach dieselbe ist wie die in der unbegrenzten Größe, die soll aber in einer begrenzten Größe stecken, und die wird dann die in der unbegrenzten (Größe) vorhandene begrenzte Kraft ausmessen. Daß also nicht sein kann unbegrenzte Kraft in begrenzter Größe und auch nicht in unbegrenzter (Größe) begrenzte (Kraft), ist aus diesem klar. Hinsichtlich der Gegenstände aber, die sich fortbewegen, ist es sinnvoll, zunächst einmal eine bestimmte Schwierigkeit durchzugehen: Wenn alles, was sich da bewegt, bewegt wird von etwas, soweit es nicht selber sich selbst in Bewegung setzt, wie kann es dann sein, daß einige Gegenstände sich fortlaufend weiterbewegen, obwohl doch das Bewegunggebende mit ihnen nicht mehr in Berührung ist, z B. geworfene Gegenstände? Wenn dagegen (eingewandt wird:) Der Bewegungsgeber setzt ja gleichzeitig noch etwas anderes in Bewegung, Beispiel hier: Die Luft, die (selbst) in Bewegung gesetzt wird und diese weitergibt, so (erscheint es) doch genauso unmöglich, daß sich die nun bewegen sollte, wenn das erste (Bewegunggebende) mit ihr nicht in Berührung ist und ihr nicht weiter Bewegung

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mitteilt; stattdessen müßten alle Beteiligten gleichzeitig sich bewegen und auch zur Ruhe gekommen sein, wenn das erste Bewegunggebende eben dies tut, auch dann, wenn es, so wie der Magnetstein, das zum Bewegung-Weitergeben fähig macht, was es in Bewegung gesetzt hat. Es ist also einerseits notwendig, dies festzustellen: In der Tat macht das erste Bewegunggebende (andere Körper) zum Weitergeben von Bewegung fähig, diese seien Luft oder Wasser oder ein anderer derartiger Körper, dessen Natur es ist, Bewegung weiterzugeben und mitgeteilt zu bekommen. Dagegen jedoch, es ist nicht gleichzeitig, daß (so ein Körper) damit aufhört, Bewegung weiterzugeben und selbst in Bewegung zu sein, sondern mit der Eigenbewegung (hört er) wohl gleichzeitig damit (auf), daß der Bewegende eben damit aufhört, hingegen Bewegung weitergebend ist er immer noch. Deswegen eben setzt er noch anderes Weitere in Bewegung, das sich an ihn anschließt; und bei dem gilt wieder das gleiche Verhältnis (usw.). Dies kommt aber zu einem Ende, wenn die Bewegungskraft, die dem Folgenden mitgeteilt wird, immer geringer wird. Am Schluß tritt Stillstand ein, wenn das vorletzte Stück (das letzte) nicht mehr zum Bewegung-Weitergebenden (machen kann), sondern nur noch zum Bewegten. Diese (beiden) müssen gleichzeitig zum Stillstand übergehen, das eine mit seinem In-Bewegung-Setzen, das andere mit seinem In-Bewegung-Sein, und somit auch diese ganze Bewegung. Dieser Bewegungsverlauf kommt vor bei solchen Gegenständen, denen es gegeben ist, einmal sich zu bewegen, ein andermal stillzustehen, und er ist nicht zusammenhängend, sondern das scheint nur so: er besteht aus einander folgenden oder sich berührenden (Teilstücken); hier ist das Bewegunggebende ja nicht eines, sondern es ist eine Reihe sich aneinander anschließender (Körper). Aus diesem Grund eben entsteht derartige Bewegung – manche sagen, das sei »wechselseitige Umstellung« – (besonders) in Luft und Wasser. Es ist jedoch unmöglich, das Vorgetragene anders zu lösen, außer auf die genannte Weise. Die »Wechselumstellung« dagegen macht, daß alles (in dieser Reihe) gleichzeitig in Bewegung ist und



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Bewegung weitergibt, also gilt das auch für das Zur-RuheKommen; dagegen erscheint doch vor unseren Augen ein bestimmtes Einzelnes, das sich fortlaufend in Bewegung befindet. Durch wessen Einwirkung denn? Doch wohl nicht unter der des (immer) gleichen (Bewegers). Da nun unter dem, was es gibt, fortlaufende Veränderung Notwendigkeit ist, diese (Veränderung) aber ist einheitlich, – und da weiter diese einheitliche (Veränderung) einerseits die einer bestimmten Raumgröße sein muß – es kann sich ja ein Größenloses nicht bewegen – andrerseits die einer einzigen Einheit unter Einwirkung eines Einzigen – sonst ist sie ja nicht zusammenhängend, sondern nur ein Verlauf schließt sich an einen anderen an, und sie ist auseinandergeteilt –: wenn es also ein einziges ist, das ihr Bewegung mitteilt, so gibt es ihr Bewegung entweder als selbst in Bewegung befindlich oder als unveränderlich seiend. Nimmt man es also als bewegt an, so wird nachfolgen müssen, daß es auch selbst dem Wandel unterliegt, zugleich muß es auch von etwas in Bewegung gesetzt werden (usw.), sodaß man Einhalt gebieten und zu (der Auffassung) kommen wird: Bewegung unter Einwirkung eines Unbewegten. Ein solches muß sich ja nicht mitwandeln, sondern es wird, erstens, immer in der Lage sein, Bewegung mitzuteilen – mühelos ist es ja, so Bewegung abzugeben –, zweitens ist auch diese Art Bewegung gleichmäßig, entweder ausschließlich sie oder doch sie am meisten; denn was ihr Anstoß gibt, hat keinerlei Wandel an sich. Es darf aber auch das Bewegte im Verhältnis zu ihm keinerlei Wandel haben, damit die Bewegung gleichartig bleibt. So ist also Notwendigkeit: Entweder in der Mitte oder auf der Kreislinie ist (das Bewegende); das sind doch hier die Ursprünge (von allem). Nun aber bewegt sich doch am schnellsten das, was dem Bewegunggebenden am nächsten ist; von der Art ist die Bewegung auf der Kreisbahn. Dort also (sitzt) das Bewegunggebende. Es hat aber eine Schwierigkeit (die Frage): Kann etwas Bewegtes fortlaufend Bewegung mitteilen, – aber nicht so wie etwas, das stößt, wieder und wieder, das (nur) durch Nacheinander fortlaufend ist? (Antwort:) Entweder muß es hier selbst

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immer stoßen oder ziehen oder beides, oder (es tut dies) ein von ihm Verschiedenes, wobei eines dies vom anderen übernimmt, wie es vor langem über die geworfenen (Gegenstände) gesagt war, wo auf Grund der Teilbarkeit der Luft immer wieder ein anderes Stück in Bewegung gerät und Bewegung weitergibt. In beiden Fällen jedoch kann dies nicht ein einheitlicher Bewegungsverlauf sein, sondern nur eine Folge (von Verläufen). Einzig und allein ist also zusammenhängend (die Bewegung), welche durch das Unbewegte in Gang gesetzt und gehalten wird: immer sich gleich verhaltend wird es sich auch gegenüber dem Bewegten gleich verhalten und (so) fortlaufend. Nachdem dies alles bestimmt ist, ist einsichtig: Unmöglich kann das erste Bewegende und Unbewegte irgendeine Ausdehnungsgröße besitzen. Wenn es nämlich (solche) Größe hätte, dann müßte es entweder begrenzt sein oder unbegrenzt. Nun, daß eine unbegrenzte Ausdehnungsgröße nicht sein kann, das ist früher gezeigt in den Untersuchungen »Über Natur«. Daß andererseits eine begrenzte (Größe) unmöglich unendliche Kraft besitzen kann und daß unmöglich von einem Begrenzten etwas über unendliche Zeit bewegt werden kann, das ist gerade gerade eben gezeigt. Das erste Bewegende setzt aber nun doch immerwährende Bewegung in Gang und (erhält sie) über eine unendliche Zeit. Somit ist einsichtig: Nicht auseinandernehmbar ist es, teillos und hat keine Ausdehnungsgröße.

ARISTOTELES Über die Seele

I

1. Da wir das Wissen für eines der schönen und edlen Dinge halten – und zwar ein (Wissen) mehr als das andere, sei es der Genauigkeit nach oder sei es, weil es bessere und staunenswertere Dinge betrifft –, so dürften wir aus diesen beiden Gründen die Lehre von der Seele wohl mit Recht unter die ersten (Wissensgebiete) setzen. Auch scheint die Kenntnis von ihr zur Wahrheit insgesamt Großes beizutragen, am meisten jedoch in Bezug auf die Natur; denn sie ist wie ein Prinzip für die Lebewesen. Wir stellen uns die Aufgabe, ihre Natur und Substanz zu betrachten und zu erkennen, ferner alle ihre hinzukommenden Eigenschaften. Davon scheinen die einen der Seele eigentümliche Widerfahrnisse zu sein, die anderen aber durch sie auch den Lebewesen zuzukommen. Es gehört in jeder Beziehung jedenfalls zu den schwierigsten Aufgaben, etwas Verlässliches über sie in Erfahrung zu bringen. Denn da sich die Frage auch für vieles andere stellt – ich meine die nach der Substanz und dem Was-es-ist –, könnte man vielleicht der Meinung sein, dass es eine einzige Methode für alles gibt, von dem wir die Substanz erkennen wollen, ebenso wie es auch für die eigentümlichen hinzukommenden Eigenschaften den Beweis gibt, so dass man diese Methode zu suchen hätte. Wenn es aber nicht eine einzige und gemeinsame Methode für das Wases-ist gibt, so wird es noch schwerer, sich damit zu beschäftigen: Man wird dann nämlich für jedes Einzelgebiet herauszufinden haben, welches die (richtige) Weise ist. Wenn es aber klar ist, ob es ein Beweis oder eine Einteilung oder auch irgendeine andere Methode ist, bleiben immer noch viele Schwierigkeiten und Zweifel, von wo die Forschung ihren Ausgang nehmen muss. Denn unterschiedliche Dinge haben unterschiedliche Prinzipien, ganz so wie bei Zahlen und Flächen. Zunächst ist es wohl notwendig zu unterscheiden, in welche der Gattungen sie gehört und was sie ist – damit meine ich, ob sie ein Dies

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Über die Seele

und eine Substanz ist oder eine Qualität oder eine Quantität oder auch eine andere der unterschiedenen Kategorien; ferner, ob sie zu dem gehört, was dem Vermögen nach existiert, oder eher eine Art von Vollendung ist; dies macht nämlich keinen geringen Unterschied. Zu prüfen ist auch, ob sie teilbar oder ungeteilt ist und ob jede Seele homogen ist oder nicht; wenn sie aber nicht homo­gen ist, (ist zu prüfen,) ob sie sich der Art oder der Gattung nach unterscheidet. Denn diejenigen, die sich jetzt zur Seele äußern und forschen, scheinen ausschließlich die mensch­liche Seele zu untersuchen; man muss sich aber vorsehen, damit einem nicht entgeht, ob der Begriff der Seele einheitlich ist, so wie der des Lebewesens, oder ob er jeweils ein anderer ist – z. B. von Pferd, Hund, Mensch oder Gott – und das allgemeine Lebewesen entweder gar nichts oder nachgeordnet ist, und ebenso, wie wenn etwas anderes Gemeinsames ausgesagt würde. Ferner, wenn es nicht viele Seelen gibt, sondern Teile: Soll zuerst die ganze Seele untersucht werden oder die Teile? Aber auch bei diesen ist schwer zu unterscheiden, welche von Natur voneinander verschieden sind und ob zuerst die Teile untersucht werden müssen oder deren Leistungen, z. B. das Denken oder die Vernunft und das Wahrnehmen oder das Wahrnehmungsvermögen; und ebenso auch bei den anderen (Teilen). Wenn aber die Leistungen zuerst kommen, dürfte man wiederum in die Schwierigkeit geraten, ob zuerst deren Gegenstände zu untersuchen sind, etwa der Wahrnehmungsgegenstand vor dem Wahrnehmungsvermögen und der Denkgegenstand vor der Vernunft. Es scheint aber nicht nur nützlich zu sein, das Was-es-ist erkannt zu haben, um die Ursachen der den Substanzen hinzukommenden Eigenschaften zu erkennen – wie in der Mathematik, was das Gerade und das Krumme ist oder was Linie und Oberfläche sind, um zu erkennen, wie vielen rechten Winkeln die Winkel des Dreiecks gleich sind –, sondern auch die Eigenschaften tragen umgekehrt einen großen Teil dazu bei, Wissen über das Was-es-ist zu erlangen: Denn wenn wir die Eigenschaften, so wie sie erscheinen, erklären können, entweder alle oder die meisten, dann werden wir auch am besten über die Substanz sprechen können; denn das Prin-



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zip allen Beweises ist das Was-es-ist, so dass alle Definitionen, aus denen sich kein Erkennen der Eigenschaften ergibt und die es nicht wenigstens erleichtern, Vermutungen über sie anzustellen, offenbar alle in dialek­tischer Weise dahingesagt und leer sind. Eine Schwierigkeit bereiten auch die Widerfahrnisse der Seele, nämlich ob sie alle mit ihrem Träger gemeinsam sind oder ob es auch ein (Widerfahrnis) gibt, das der Seele als solcher eigentümlich ist. Denn dies herauszufinden ist zwar notwendig, aber nicht leicht. Von den meisten (Widerfahrnissen) scheint sie keines ohne den Körper zu erleiden oder hervorzubringen, z. B. zürnen, mutig sein, begehren und überhaupt wahrnehmen. Am ehesten scheint noch das Denken (der Seele) eigentümlich zu sein; wenn aber auch dies eine Art Vorstellung oder nicht ohne Vorstellung ist, so könnte auch dies nicht ohne Körper sein. Wenn also irgendeine der Leistungen oder Widerfahrnisse der Seele (ihr) eigentümlich ist, dann könnte sie wohl (vom Körper) abgetrennt werden. Wenn es aber nichts für sie Eigentümliches gibt, dürfte sie wohl auch nicht abtrennbar sein, sondern es wird sich so wie bei dem Geraden verhalten: Diesem kommen, insofern es gerade ist, viele Eigenschaften zu, z. B. die eherne Kugel an einem Punkt zu berühren, jedoch wird es sie bestimmt nicht so als abgetrenntes Gerades berühren; es ist nämlich nicht abtrennbar, da es immer mit einem Körper verbunden ist. Es scheinen aber auch die Widerfahrnisse der Seele alle mit dem Körper verbunden zu sein, Zorn, Sanftmut, Furcht, Mitleid, Zuversicht, ferner Freude und das Lieben und Hassen. Denn gleichzeitig mit diesen erleidet der Körper etwas. Dies zeigt sich daran, dass sich zuweilen schlimme Erlebnisse deutlich sichtbar zutragen und man sich nicht erzürnt oder in Furcht gerät, während man andererseits manchmal von kleinen und unbedeutenden (Erlebnissen) bewegt wird, wenn der Körper in Aufregung und in der Verfassung ist, wie wenn man zürnt. Und noch deutlicher ist dies: Wenn nämlich gar nichts Furchterregendes da ist, geraten sie manchmal in die Widerfahrnisse desjenigen, der sich fürchtet. Wenn sich dies so verhält, ist klar, dass die Wider-

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Über die Seele

fahrnisse (der Seele) in Materie befindliche Begriffe sind. Daher sind ihre Definitionen von solcher Art wie »Das Zürnen ist eine Art von Bewegung des so-und-so beschaffenen Körpers – oder Körperteils oder Vermögens – aufgrund dieser bestimmten Ursache um dieses bestimmten Zweckes willen«. Und deswegen ist es bereits Aufgabe eines Naturphilosophen, die Seele zu betrachten, (und zwar) ent­weder jede Seele oder die so beschaffene. Der Naturphilosoph und der Dialektiker würden diese (Widerfahrnisse) aber auf jeweils unterschiedliche Weise definieren, z. B. was der Zorn ist: der eine nämlich als Streben nach Vergeltung oder etwas von dieser Art, der andere dagegen als Sieden des Blutes und des Warmen in der Herzgegend. Von diesen nennt der eine die Materie und der andere die Form, d. h. den Begriff. Denn dieser Begriff ist von der Sache, und es ist notwendig, dass er sich in einer Materie von ganz bestimmter Beschaffenheit befindet, wenn er existieren soll. In der gleichen Weise ist der eine Begriff eines Hauses von folgender Art: »Bedeckung, die geeignet ist, Schaden durch Wind, Regen und Hitze zu verhindern«; der andere dagegen wird sagen, es seien Steine, Ziegel und Holz; und wieder ein anderer (wird sagen), dass es die Form in diesen (Materialien) um dieser bestimmten Zwecke willen ist. Welcher von diesen ist also der Naturphilosoph? Ist es der, der sich mit der Materie befasst, aber den Begriff nicht kennt, oder der, der sich nur mit dem Begriff befasst? Oder ist es eher der, der sich mit dem aus beiden Zusammengesetzten befasst? Wer aber sind dann jene beiden? Oder gibt es niemand (anderen), der sich mit den nicht abtrennbaren Eigenschaften der Materie, und nicht insofern sie abtrennbar sind, befasst, sondern der Naturphilosoph befasst sich mit allem, was Leistungen und Widerfahrnisse des so-und-so bestimmten Körpers und der so-und-so bestimmten Materie sind? Mit allen (Eigenschaften) dagegen, sofern sie nicht auf diese Weise beschaffen sind, (beschäftigt sich) ein anderer, mit einigen der Sachverständige, wenn es sich ergeben sollte, etwa ein Architekt oder Arzt; und mit den (Eigenschaften), die zwar nicht abtrennbar sind, doch nicht, insofern sie Eigenschaften eines so-und-so bestimmten Kör-



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pers sind und aus Abstraktion (gewonnen werden), befasst sich der Mathematiker; und insofern sie abgetrennt sind, der Erste Philosoph. Doch wir müssen zum Ausgangspunkt unseres Argumentes zurückkommen. Wir hatten gesagt, dass die Widerfahrnisse der Seele von der natürlichen Materie der Lebewesen nicht abtrennbar sind, insofern sie als solche vorkommen: als Zorn und Furcht und nicht so wie Linie und Oberfläche. 2. Bei unserer Untersuchung der Seele ist es notwendig, gleichzeitig mit dem Durchgang durch die Schwierigkeiten, die es im Voranschreiten zu bewältigen gilt, die Meinungen der Vorgänger mit hinzuzuziehen, soweit sie sich über sie ge­äußert ­haben, damit wir übernehmen, was davon zutrifft, und vermeiden, was nicht zutrifft. Zu Anfang der Untersuchung nehmen wir uns das vor, was der Seele von Natur hauptsächlich zuzukommen scheint. Das Beseelte scheint sich vom Unbeseelten also hauptsächlich durch zweierlei zu unterscheiden: durch Bewegung und durch das Wahrnehmen. Und so sind von den älteren (Philosophen) im Wesentlichen eben diese zwei Positionen hinsichtlich der Seele auf uns gekommen. So behaupten einige, die Seele sei hauptsächlich und primär das Bewegende; und da sie glaubten, dass das, was selbst nicht bewegt ist, anderes nicht bewegen kann, nahmen sie an, dass die Seele eines von den bewegten Dingen sei. Daher kommt es, dass Demokrit behauptet, sie sei eine Art Feuer und warm. Formen und Atome gebe es nämlich unendlich viele, wobei er die kugelförmigen darunter Feuer und Seele nennt – so wie die sogenannten Sonnenstäubchen in der Luft, die in den durch die Fenster einfallenden Sonnenstrahlen sichtbar werden –, und die Gesamtmasse da­ raus nennt er Elemente der gesamten Natur, und ähnlich auch Leukipp; und die kugelförmigen unter ihnen (nennt er deswegen) Seele, weil die derartig beschaffenen Gestalten am besten durch alles hindurchdringen und das Übrige in Bewegung setzen könnten, da sie selbst ja auch bewegt seien; beide sind ja der Annahme, die Seele sei das, was den Lebewesen ihre Bewe­gung verschafft. Deswegen sei die Atmung auch Kriterium des Lebendig-Seins. Dem Umstand, dass die Umgebung

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Über die Seele

die Körper zusammendrückt und (dabei) diejenigen Formen herauspresst, die den Lebewesen dadurch ihre Bewegung verschaffen, dass sie auch selber nie stillstehen, werde nämlich dadurch abgeholfen, dass beim Atmen andere und gleich­artige (Formen) von außen hereinkämen; diese verhinderten es auch, dass die im Lebewesen befindlichen (Formen, Atome) abgestoßen werden, indem sie das Zusammendrückende und Verdichtende (aus der Umgebung) abwehrten. Und Lebe­wesen seien lebendig, solange sie fähig seien, dies zu tun. Der Lehre der Pythagoreer scheint aber derselbe Gedanke zugrunde zu liegen. Denn einige von ihnen sagten, die Sonnenstäubchen in der Luft seien Seele, andere dagegen, sie sei das, was diese (Sonnenstäubchen) bewege. Hierüber ist gesagt worden, weshalb sie sich ständig zu bewegen scheinen, auch dann, wenn völlige Windstille herrscht. Bei allen denen aber, die behaupten, die Seele sei das sich selbst Bewegende, läuft es auf dasselbe hinaus. Sie scheinen nämlich alle angenommen zu haben, dass die Bewegung das der Seele im höchsten Grad Eigentümliche sei und alles andere durch die Seele, diese aber von sich selbst bewegt werde, weil man nichts Bewegendes sehen kann, was nicht auch selbst bewegt ist. Ebenso behauptet auch Anaxagoras, die Seele sei das Bewegende, und wenn sonst noch wer gesagt hat, dass die Vernunft das All in Bewegung setzt; allerdings (behauptet er es) nicht auf ganz dieselbe Weise wie Demokrit. Dieser nämlich (sagt), Seele und Vernunft seien schlicht dasselbe; denn das Wahre sei das, was erscheint, weswegen Homer treffend gedichtet habe, dass »Hektor anders denkend am Boden liegt«. Er betrachtet die Vernunft damit nicht als ein bestimmtes Vermögen zur Wahrheit, sondern behauptet, Seele und Vernunft seien dasselbe. Anaxagoras äußert sich diesbezüglich weniger deutlich: Denn zwar sagt er an vielen Stellen, die Vernunft sei die Ursache des Guten und Richtigen, doch woanders (sagt er), sie sei die Seele, weil sie in allen Lebewesen vorhanden sei, in großen und kleinen wie auch in edlen und weniger geschätzten. Doch die im Sinne des Denkens ausgesagte Vernunft scheint jedenfalls nicht allen Lebewesen in gleicher Weise zuzukommen,



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sondern nicht einmal allen Menschen. Alle diejenigen also, die dem Umstand besondere Beachtung geschenkt haben, dass das Beseelte bewegt ist, nahmen an, die Seele sei das, was vornehmlich Bewegung verursacht. Alle diejenigen dagegen, die dem Erkennen und Wahrnehmen der seienden Dinge (besondere Beachtung geschenkt haben), behaupteten, die Seele sei die Prinzipien, wobei die einen mehrere (Prinzipien) annahmen, die anderen aber, die nur eines (annahmen), (behaupteten, die Seele sei) dieses. So behauptet Empedokles zwar, sie bestehe aus allen Elementen, aber auch, dass jedes einzelne davon Seele sei. Dabei drückt er sich folgendermaßen aus: Denn mit Erde erblicken wir Erde, Wasser mit Wasser Mit Äther den himmlischen Äther, indes mit Feuer verderbliches Feuer Mit Liebe aber Liebe, und den Hader mit schmählichem Hader Auf dieselbe Weise lässt auch Platon im Timaios die Seele aus den Elementen bestehen. Gleiches werde nämlich durch Gleiches erkannt und die Dinge bestünden aus den Prinzipien. Ebenso verfuhr er auch in der Über Philosophie genannten Vorlesung, wo er das »Lebewesen-Selbst« aus der Idee des Einen selbst und der ersten Länge und Breite und Tiefe bestehen ließ und die übrigen Dinge auf ähnliche Art und Weise. Dann aber auch anders: Vernunft sei das Eine und Wissen die Zwei – denn es richtet sich auf einfache Weise auf eine Sache –, die Zahl der Oberfläche aber sei Meinung und Wahrnehmung die (Zahl) des Festkörpers. Zwar sind die Zahlen als die Ideen selbst und die Prinzipien bezeichnet worden, doch sie bestehen aus den Elementen, und die Dinge werden teils durch Vernunft beurteilt, teils durch Wissen, teils durch Meinung, teils durch Wahrnehmung, Ideen aber seien diese Zahlen der Dinge. Da die Seele sowohl beweglich zu sein schien als auch zum Erkennen fähig, haben einige sie so aus beidem zusammengeflochten und erklärt, die Seele sei sich selbst bewegende Zahl. Hinsichtlich Art und Anzahl der Prinzipien unterscheiden sich diejenigen, die sie körperlich sein lassen, am meisten von denen, die

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Über die Seele

sie unkörperlich (sein lassen), und von diesen beiden wiederum (unterscheiden sich) diejenigen, die (beides) mischten und Prinzipien vertraten, die von beiden stammen. Sie sind aber auch uneins hinsichtlich der Menge (der angenommenen Prinzipien). Teils sagen sie, es sei eines, teils mehrere. Und dementsprechend erklären sie sich auch zur Seele: Sie waren nämlich auch der Ansicht, dass das von Natur zum Bewegen Fähige seiner Natur nach zu den ersten (Prinzipien gehört), und dies nicht ohne guten Grund. Von daher schien einigen (die Seele) Feuer zu sein, denn dies ist das feinteiligste und unkörperlichste unter den Elementen, außerdem wird es bewegt und bewegt die anderen Dinge auf primäre Weise. Demokrit hat sich auch detaillierter dazu geäußert und dargelegt, weshalb dies beides zutreffe: Seele und Vernunft seien nämlich dasselbe, und dies sei einer von den ursprünglichen und unteilbaren Körpern, der durch Feinteiligkeit und seine Gestalt zum Bewegen fähig sei. Unter den Gestalten aber, sagt er, sei die kugelförmige die am leichtesten bewegliche; und von solcher Beschaffenheit seien die Vernunft und das Feuer. Anaxagoras scheint Seele und Vernunft dagegen zwar als verschieden zu bezeichnen, wie wir auch schon vorher gesagt haben, doch er bedient sich beider als einer einzigen Natur, nur dass er die Vernunft am meisten von allen als Prinzip ansetzt: So sagt er zum Beispiel, dass sie als einzige unter den seienden Dingen einfach und unvermischt sei und rein. Auch spricht er beides, das Erkennen wie das Bewegen, demselben Prinzip zu, wenn er sagt, die Vernunft habe das All in Bewegung gesetzt. Es scheint auch Thales, soweit dies überliefert ist, die Seele als etwas zum Bewegen Fähiges aufgefasst zu haben, wenn er denn wirklich gesagt hat, der Magnetstein hätte Seele, weil er das Eisen bewegt. Diogenes dagegen (behauptete), so wie einige andere auch, (die Seele sei) Luft, da er glaubte, sie sei das Feinteiligste von allem und Prinzip; und durch sie würde die Seele erkennen und bewegen. Insofern sie (die Luft) erstes sei und die übrigen (Dinge) aus ihr bestünden, würde sie erkennen; und insofern sie am feinsten sei, sei sie fähig zu bewegen. Auch Heraklit behauptet, das Prinzip sei Seele, wenn es denn der aufsteigende Dunst ist,



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aus dem die anderen Dinge zusammengesetzt sind; auch sei sie am unkörperlichsten und ständig im Fluss, und das Bewegte werde durch Bewegtes e­ rkannt. Dass die Dinge aber in Bewegung seien, glaubte sowohl er als auch die Masse (der Menschen). Ganz ähnlich wie diese scheint auch Alkmaion über die Seele gedacht zu haben. Er sagt nämlich, sie sei unsterblich, weil sie den Unsterblichen gleiche, was ihr deswegen zukomme, weil sie immer in Bewegung sei. Denn alles Göttliche sei auch immer kontinuierlich in Bewegung, Mond, Sonne, die Sterne und der ganze Himmel. Von den plumperen (Denkern) haben sich einige auch für das Wasser ausgesprochen, so wie Hippon. Sie scheinen durch die Beobachtung zu ihrer Überzeugung gelangt zu sein, dass der Samen bei allen feucht ist. Und damit widerlegt er die-jenigen, die behaupten, die Seele sei Blut, weil der Same kein Blut ist; bei diesem (Samen) aber handle es sich um die erste Seele. Andere, wie Kritias, sagten, sie sei Blut, in der Annahme, dass das Wahrnehmen der Seele am eigentümlichsten sei und ihr dies aufgrund der Natur des Blutes zukomme. Für jedes Element hat sich ein Vertreter gefunden, außer für die Erde; für die hat sich keiner erklärt, es sei denn, wenn wer gesagt hat, sie bestehe aus allen Elementen, bzw. sei alle (Elemente). Es definieren also sozusagen alle die Seele durch drei (Merkmale): durch Bewegung, Wahrnehmung und durch das Unkörper­liche, und ein jedes davon führt sich auf die Prinzipien zurück. Des­wegen machen auch diejenigen, die sie durch das Erkennen definieren, entweder ein Element aus ihr oder lassen sie aus den Elementen bestehen, und dabei ähneln sie sich sehr in ihren Behauptungen, bis auf einen. Denn sie sagen, Gleiches werde durch Gleiches erkannt. Und da die Seele ja alles erkennt, lassen sie sie aus allen Prinzipien bestehen. Alle die nun, welche nur eine Ursache und ein Element behaupten, setzen auch die Seele als eines, z. B. Feuer oder Luft. Und die, welche behaupten, es gäbe mehrere Prinzipien, lassen auch die Seele aus mehreren bestehen. Einzig Anaxagoras sagt, die Vernunft werde nicht affiziert und habe mit keinem der anderen Dinge irgendetwas gemein. Doch auf welche Weise sie erkennen soll, wenn sie auf diese Weise

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Über die Seele

beschaffen ist, und aus welchem Grund, hat er weder gesagt, noch ist es aus dem, was er gesagt hat, ersichtlich. Alle diejenigen aber, die Gegensätze zu den Prinzipien zählen, setzen auch die Seele aus den Gegenteilen zusammen. Und diejenigen, welche nur das eine der Gegenteile (zum Prinzip machen), z. B. das Warme oder Kalte oder etwas anderes von der Art, setzten ebenso auch die Seele als eines davon an. Deswegen halten sie sich auch an die Etymologie: So sagen diejenigen, die behaupten, sie sei das Warme, dass aufgrund dessen auch das Lebendig-Sein so benannt sei; die anderen, (die sagen, die Seele sei) das Kalte, (sagen, dass) sie aufgrund des Einatmens und der Abkühlung Seele genannt werde. Dies sind also die Überlieferungen über die Seele und die Gründe, aufgrund derer (die Vorgänger) sich auf diese Weise geäußert haben.

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3. Zuerst ist die Untersuchung über die Bewegung zu führen. Denn vielleicht ist es nicht nur falsch, dass ihre Substanz von der Art ist, wie diejenigen behaupten, die sagen, die Seele sei das sich selbst Bewegende bzw. das, was fähig ist, (sich selbst) zu bewegen, sondern vielmehr ein Ding der Unmöglichkeit, dass ihr Bewegung zukommt. Dass es nun nicht notwendig ist, dass das Bewegende auch selber bewegt ist, ist vorher gesagt worden. Es kann aber alles auf zwei­fache Weise bewegt werden, nämlich entweder infolge eines anderen oder infolge seiner selbst. Infolge eines anderen (bewegt) nennen wir alles das, was dadurch bewegt wird, dass es sich in einem Bewegten befindet, wie z. B. Schiffer. Denn sie werden nicht auf gleiche Weise bewegt wie das Schiff. Dieses wird nämlich infolge seiner selbst bewegt und jene dadurch, dass sie sich in einem Bewegten befinden. Klar wird dies bei ihren (Körper-)Teilen: Die Bewegung nämlich, die den Füßen eigentümlich ist, ist das Gehen und eben diese (Bewegung ist) auch Menschen (eigentümlich) –, sie kommt den Schiffern zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht zu. Da das Bewegtsein also auf zweifache Weise ausgesagt wird, untersuchen wir nun bei der Seele, ob sie infolge ihrer selbst bewegt wird und an Bewegung teilhat. Da es aber vier (Arten von) Bewegungen gibt, Ortsbewegung, qualitative Ver-



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änderung, Schwinden und Wachstum, dürfte (die Seele) wohl entweder in einer oder in mehreren oder in allen diesen (Bewegungsarten) bewegt werden. Und wenn sie nicht akzidentell bewegt wird, dürfte ihr von Natur aus Bewegung zukommen. Wenn aber dies, dann (kommt ihr) auch Ort (zu), denn alle besagten Bewegungen finden an einem Ort statt. Und wenn es die Substanz der Seele ist, sich selbst zu bewegen, so wird ihr das Bewegtsein nicht akzidentell zukommen, so wie dem Weißen oder drei Ellen Langen – denn auch diese werden bewegt, aber akzidentell; das nämlich, dem sie zukommen, wird bewegt, der Körper. Deswegen haben sie auch keinen Ort, die Seele dagegen wird einen (Ort) haben, so sie denn wirklich von Natur aus an Bewegung teilhat. Ferner: Wenn sie von Natur aus bewegt wird, dann könnte sie auch durch Gewalt bewegt werden, und wenn durch Gewalt, dann auch von Natur aus. Und auf die gleiche Weise verhält es sich beim Ruhen. Denn wohin sie von Natur aus bewegt wird, dort ruht sie auch von Natur aus; und wohin sie durch Gewalt bewegt wird, dort wird sie auch durch Gewalt ruhen. Doch welche gewaltsamen Bewegungen und Ruhe­zustände der Seele es geben soll, ist nicht einmal dann leicht anzugeben, wenn man es erdichten wollte. Ferner: Wenn sie sich aufwärts bewegt, wird sie Feuer sein, und wenn abwärts, Erde, weil eben diese Bewegungen zu diesen Körpern gehören. Und das Gleiche gilt auch für die (Bewegungen und Körper) dazwischen. Außerdem: Da sie offenbar den Körper bewegt, ist es folgerichtig (anzunehmen), dass sie die Bewegungen bewirkt, in denen sie auch selber bewegt wird. Und wenn dies, dann ist es auch wahr, wenn man umgekehrt sagt, dass die Seele in derselben (Bewegung) bewegt wird, in der auch der Körper bewegt wird. Der Körper wird aber durch Ortsbewegung bewegt, so dass auch die Seele sich dem Körper entsprechend verändern dürfte, indem sie sich ent­weder als ganze oder stückweise verändert. Und wenn das möglich ist, dann wäre es auch möglich, dass sie aus (dem Körper) herausgeht und wieder (in ihn) zurückkehrt. Die Folge davon wäre aber das Wiederauferstehen der gestorbenen Lebewesen. Auch könnte sie durch e­ twas anderes in die ihr akzidentelle Bewe-

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gung versetzt werden; das Lebewesen könnte ja gewaltsam gestoßen werden. Es darf aber nicht sein, dass dasjenige, welches das durch sich selber Bewegtsein in seiner Substanz hat, von einem anderen bewegt wird, es sei denn auf akzidentelle Weise, so wie auch nicht (sein darf, dass) das an sich Gute bzw. durch sich selbst (Gute) durch ein anderes oder um eines anderen Zweckes willen (besteht). Am ehesten könnte man noch sagen, dass die Seele von den Gegenständen der Wahrnehmung bewegt wird, so sie denn bewegt wird. Indessen: Selbst wenn sie sich selbst bewegt, so würde sie doch auch bewegt werden, so dass – wenn jede Bewegung ein Heraustreten des Bewegten ist, insofern es bewegt wird – auch die Seele aus ihrer Substanz heraustreten würde, so sie sich nicht akzidentell selbst bewegt, sondern die Bewegung ihrer Substanz an sich zukommt. ­Einige behaupten sogar, die Seele bewege den Körper, in dem sie sich befindet, so wie sie selbst bewegt wird, z. B. Demokrit, der sich damit ganz ähnlich äußert wie der Komödiendichter Philippos: Der nämlich sagt, Daidalos hätte seine hölzerne Aphrodite dadurch beweglich gemacht, dass er ihr Quecksilber eingoss. Ähnliches sagt auch Demokrit: Denn er behauptet, dass die unteil­baren Kugeln dadurch, dass sie von Natur aus niemals stehen bleiben, den ganzen Körper mitziehen und in Bewegung setzen. Wir dagegen werden fragen, ob eben dies auch Stillstand verursacht; aber wie es dies herbeiführen soll, ist schwer oder vielmehr unmöglich anzugeben. Und überhaupt scheint die Seele das Lebewesen nicht auf diese Weise zu bewegen, sondern durch eine Art Entschluss und Gedanke. Auf dieselbe Weise gibt aber auch der Timaios eine naturphilosophische Erklärung dafür, dass die Seele den Körper bewegt: Dadurch, dass sie bewegt sei, setze sie auch den Körper in Bewegung, weil sie mit ihm verflochten sei. Nachdem er sie nämlich aus den Elementen zusammengesetzt und gemäß den harmonischen Zahlen aufgeteilt hat, damit sie eine angeborene Wahrnehmung von Harmonie besitzt und das All sich in übereinstimmenden Bewegungen fortbewegt, hat er ihre gerade Verlaufsrichtung zu einem Kreis umgebogen; und nachdem er den einen (Kreis) in zwei Kreise aufgeteilt und



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an zwei Stellen wieder zusammengefügt hatte, teilte er den einen davon wieder in sieben Kreise, unter der Voraussetzung, die Umläufe des Himmels seien die Bewegungen der Seele. Nun ist es erstens nicht richtig zu sagen, die Seele sei (etwas) Ausgedehntes; denn offenbar will er, dass die (Bewegung) des Alls von der gleichen Beschaffenheit ist wie die sogenannte Vernunft es ist – denn es kann ja gewiss weder die wahrnehmende, noch kann es die begehrende (Seele) sein; deren Bewegung ist nämlich kein Kreislauf. – Die Vernunft aber ist einheitlich und kontinuierlich so wie auch das Denken. Das Denken aber ist die Gedanken. Und diese sind eins durch ihre Abfolge, wie Zahl und nicht wie das Ausgedehnte. Und deswegen ist auch die Vernunft nicht auf diese Weise kontinuierlich, sondern entweder ist sie ohne Teile oder nicht auf die Weise kontinuierlich, wie etwas Ausgedehntes es ist. Wie sollte sie denn auch als Ausgedehntes mit irgendeinem der Teile ihrer selbst denken? »Teile« aber (kann man verstehen) entweder im Sinne von Ausdehnung oder im Sinne von Punkt – falls man auch dies Teil nennen soll. Wenn nun aber im Sinne von Punkt, und diese unbegrenzt viele sind, ist klar, dass sie niemals (den Kreis) durchschreiten wird. Wenn aber im Sinne von Ausdehnung, so wird sie oft bzw. unendlich viele Male dasselbe denken. Es ist aber offenbar auch möglich, etwas nur einmal zu denken. Und wenn es ausreicht, (das zu Erkennende) mit einem beliebigen ihrer Teile zu berühren, warum muss sie sich dann im Kreis fortbewegen oder auch überhaupt Ausdehnung haben? Und wenn es zum Denken notwendig ist, dass man (das zu Erkennende) mit dem ganzen Kreis berührt, was ist dann die Berührung mit den Teilen? Ferner: Wie soll sie das Teilbare mit einem Unteilbaren bzw. das Unteilbare mit einem Teilbaren denken? Es ist aber notwendig, dass die Vernunft dieser Kreis ist, denn die Bewegung der Vernunft ist das Denken und die des Kreises ist der Umlauf. Wenn das Denken nun Umlauf ist; dann dürfte die Vernunft wohl der Kreis sein, dem ein solcher Umlauf zukommt. Was aber wird sie dann immer denken? Sie muss dies ja, wenn der Umlauf wirklich ewig ist. Nun gibt es für die praktischen Gedanken Grenzen; sie sind näm-

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lich alle um eines anderen willen, während die theoretischen ebenso definiert werden wie die Erklärungen. Alle Erklärung aber ist entweder Definition oder Beweis. Nun geht der Beweis von einem Anfang aus und hat gewissermaßen die Deduktion bzw. die Konklusion als Ende –wenn sie aber nicht ans Ende kommen, kehren sie trotzdem nicht wieder zum Anfang zurück. Sie schreiten in gerader Richtung voran und nehmen dabei immer einen Mittel- und Außenterm hinzu – der Umlauf hingegen kehrt wieder zum Anfang zurück. Die Definitionen sind aber alle begrenzt. Außerdem: Wenn der gleiche Umlauf viele Male erfolgt, so wird (die Vernunft) viele Male dasselbe denken müssen. Ferner: Das Denken ähnelt eher einem Stillstand und Anhalten als einer Bewegung, und auf gleiche Weise auch die Deduktion. Überdies ist das, was nicht leicht, sondern gewaltsam ist, auch sicherlich kein seliger Zustand; wenn die Bewegung aber nicht seine Substanz ist, so dürfte es (das Denken) wohl gegen seine Natur bewegt werden. Auch ist es mühsam, mit dem Körper vermischt zu sein, wenn man sich nicht von ihm ablösen kann, und außerdem etwas, was man vermeiden sollte, wenn es für die Vernunft wirklich besser ist, nicht mit dem Körper verbunden zu sein, wie man es zu sagen pflegt und auch von vielen angenommen wird. Unklar ist auch die Ursache für die Kreisbewegung des Himmels; denn weder ist die Substanz der Seele Ursache der Kreis­bewegung – sie wird vielmehr akzidentell auf diese Weise bewegt –, noch ist der Körper Ursache, sondern die Seele eher für den Körper. Indessen wird nicht einmal gesagt, warum es besser ist. Dabei wäre es doch erforderlich gewesen, dass der Gott die Seele deswegen im Kreis bewegt sein lässt, weil das Bewegtsein für sie besser ist, als stehen zu bleiben, und zwar auf diese Weise bewegt zu sein, nicht auf andere Weise. Da diese Betrachtung aber eher in ein anderes Themengebiet gehört, wollen wir sie für jetzt beiseite lassen. Folgende Abwegigkeit aber ergibt sich für sowohl diese Lehre als auch die meisten anderen, die von der Seele handeln: Sie setzen die Seele nämlich in einen Körper und verbinden sie mit ihm, ganz ohne hinzubestimmt zu haben, aus welcher Ursache und auf welche Weise der Kör-



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per dabei verfasst ist. Gleichwohl dürfte dies wohl notwendig scheinen. Es ist ja aufgrund ihrer Gemeinschaft, dass das eine wirkt und das andere leidet und dass das eine bewegt wird und das andere in Bewegung setzt, und davon kommt keines beliebigen miteinander in Relation stehenden Dingen zu. Sie aber nehmen es nur in Angriff anzugeben, welche Art von Ding die Seele ist, während sie hinsichtlich des Körpers, der sie aufnehmen soll, keine weite­ren Bestimmungen treffen, so als wäre es möglich, dass eine beliebige Seele in einen beliebigen Körper eintaucht, wie in den pythagoreischen Mythen. Es scheint ja jedes Ding seine eigentümliche Form und Gestalt zu haben. Sie aber reden ganz so, wie wenn jemand behauptete, die Baukunst tauche in Flöten ein; doch die Kunst muss ihre Werkzeuge gebrauchen und die Seele ihren Körper. 4. Auch eine andere Ansicht über die Seele ist überliefert, die für viele nicht weniger glaubwürdig ist als irgendeine von den bereits besprochenen und die auch in den öffentlichen Dis­ kussionen gleichsam zur Rechenschaft gezogen worden ist. Sie sagen nämlich, sie sei eine Art von Harmonie. Denn die Harmonie sei Mischung und Zusammensetzung von Gegenteiligem und der Körper sei auch aus Gegenteiligem zusammengesetzt. Nun ist die Harmonie zwar in der Tat ein Verhältnis der vermischten Teile bzw. deren Zusammensetzung, die Seele kann aber keines von beiden sein. Ferner: Zu bewegen ist nicht Eigenschaft von Harmonie, der Seele dagegen sprechen dies alle sozusagen in höchstem Maße zu, und es passt auch besser, Harmonie von der Gesundheit und von den körperlichen Tugenden insgesamt auszusagen als von der Seele. Am deutlichsten (würde dies), wenn man versuchte, die Leistungen und Affektionen der Seele durch eine Art Harmonie zu erklären; es nämlich schwer miteinander zusammenpasst. Ferner: Wenn wir »Harmonie« sagen, haben wir zweierlei im Blick: zum einen, im eigentlichen Sinne, die Zusammensetzung von Dingen mit Ausdehnung, die Bewegung und Position haben, und zwar dann, wenn sie sich so zusammenfügen, dass sie nichts Gleichartiges mehr in sich aufnehmen können; und zum anderen, da-

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von abgeleitet, auch die Proportion der vermischten Teile. Allerdings ist (in Bezug auf die Seele) keine von beiden Aussageweisen plausibel. Die (Auffassung, die Seele sei die) Zusammensetzung der Teile des Körpers, ist allzu leicht zu widerlegen: Es gibt nämlich viele verschiedene Zusammensetzungen der Teile und auch viele verschiedene Weisen (sie zusammenzusetzen); von was oder auf welche Weise soll man nun annehmen, dass die Vernunft eine Zusammensetzung sein soll, oder auch das Wahrnehmungs- oder Strebevermögen? Und ebenso abwegig ist (die Auffassung), die Seele sei ein Verhältnis der Mischung. Die Mischung der Elemente hat ja nicht das gleiche Verhältnis, je nachdem, ob es Fleisch ist oder Knochen. Es würde sich also ergeben, dass es viele Seelen gibt, die zudem über den ganzen Körper verteilt sind, wenn denn wirklich alle (Körper) aus den vermischten Elementen bestehen und das Verhältnis der Mischung Harmonie und Seele ist. Hierzu könnte man freilich auch von Empedo­kles eine Erklärung fordern: Er behauptet nämlich, jeder (Körperteil) bestehe durch ein bestimmtes Verhältnis (der Elemente). Ist die Seele nun das Verhältnis oder eher etwas anderes, was in die Körperteile hineinkommt? Ferner: Ist die Liebe Ursache für jede beliebige Mischung oder (nur) für die, die dem Verhältnis entspricht? Und ist sie selbst das Verhältnis oder etwas anderes neben dem Verhältnis? Solche Schwierigkeiten sind also mit diesen Auffassungen verbunden. Wenn die Seele aber etwas anderes als die Mischung ist, warum gehen dann das, was es heißt, Fleisch zu sein, und die übrigen Teile des Lebewesens gleichzeitig zugrunde? Außerdem: Wenn nicht jeder Körperteil eine Seele hat und die Seele nicht das Verhältnis der Mischung ist, was ist es, das zugrunde geht, wenn die Seele abgeschieden ist? Dass die Seele also keine Harmonie sein noch sich im Kreis herumdrehen kann, ist aus dem Gesagten klar. Dass sie akzidentell bewegt wird, ist jedoch möglich, wie wir gesagt haben, und auch dass sie sich (akzidentell) selbst in Bewegung setzt, etwa indem das bewegt wird, worin sie sich befindet und dies (wiederum) von der Seele bewegt wird. Auf andere Weise ist es nicht möglich, dass sie dem Orte nach bewegt wird. Mit mehr



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Recht könnte man bei ihr zweifeln, ob sie nicht bewegt sei, wenn man Folgendes in den Blick nimmt: Wir pflegen ja zu sagen, dass die Seele Schmerz leidet, sich freut, kühn ist, sich fürchtet, ferner zürnt, wahrnimmt und denkt; und dies scheinen alles Bewegungen zu sein. Von daher könnte man glauben, dass sie bewegt sei. Das ist aber nicht notwendig. Wenn das Schmerz-Leiden oder Sich-Freuen oder das diskursive Denken nämlich auch noch so sehr Bewegungen sind und jedes einzelne davon auch ein B ­ ewegt-Werden ist, das Bewegt-Werden aber von der Seele ausgeht, wie etwa das Sich-Erzürnen oder Sich-Fürchten das auf diese bestimmte Weise Bewegt-Werden des Herzens ist – das diskursive Denken ist vielleicht auch so etwas oder etwas anderes –, und diese teils dadurch zustande kommen, dass sich etwas dem Orte nach bewegt, teils aber durch qualitative Veränderung – welche (Teile) dies sind und auf welche Weise (sie bewegt werden), ist eine andere Frage – : Doch zu sagen, die Seele erzürne sich, ist so, wie wenn man sagte, die Seele webe ein Tuch oder baue ein Haus. Vielleicht ist es nämlich besser, nicht zu sagen, die Seele habe Mitleid oder lerne oder denke diskursiv, sondern der Mensch durch die Seele. Dies aber nicht so, als wäre die Bewegung in ihr, sondern so, dass sie mal bis zu ihr hin und mal von ihr ausgeht, z. B. dass die Wahrnehmung von diesen bestimmten Gegenständen hier ausgeht und die Wiedererinnerung von ihr aus zu den Bewegungen und Stillständen in den Wahrnehmungsorganen geht. – Die Vernunft scheint aber als eine bestimmte Art von Sub­stanz hineinzukommen und nicht zugrunde zu gehen. Sie würde sonst ja am ehesten durch Altersschwäche zugrunde gehen. Nun ereignet sich aber wohl genau dasselbe wie bei den Sinnesorganen: Wenn ein alter Mann nämlich ein gleich gutes Auge erhielte, so würde er so sehen können wie ein Jüngling. Das Alter besteht folglich nicht darin, dass die Seele etwas erlitten hat, sondern das, in dem sie sich befindet, ganz so wie bei Rausch und Krankheit. Und so lässt auch das Denken im Sinne der theoretischen Betrachtung nach, wenn etwas anderes innen zugrunde geht, es selbst aber wird nicht affiziert. Und diskursiv zu denken und zu lieben oder zu hassen sind nicht Affektionen

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von jenem (Denken), sondern von diesem bestimmten Einzelnen, das es besitzt, und zwar insofern es jenes besitzt. Deswegen erinnert es sich nicht und liebt auch nicht, wenn dieses (bestimmte Einzelne) zugrunde geht; denn es gehörte nicht zu ihm, sondern zu dem Gemeinsamen (aus Seele und Körper), das umgekommen ist. Die Vernunft dürfte aber wohl etwas Göttlicheres und unaffiziert sein. Dass es also nicht möglich ist, dass die Seele bewegt wird, ist hieraus klar. Und wenn sie überhaupt nicht bewegt werden kann, dann offenbar auch nicht von sich selbst. Von dem, was dazu gesagt wurde, ist es aber bei Weitem am unsinnigsten, zu behaupten, die Seele sei eine Zahl, die sich selbst bewegt. Für diejenigen, die dies tun, ergeben sich nämlich als erste diejeni­gen Unmöglichkeiten, die sich aus der Annahme herleiten, die Seele sei bewegt, dann aber auch spezielle aus der Behauptung, sie sei eine Zahl: Wie soll man sich denn eine bewegte Einheit denken, und (bewegt) von wem, und wie, da sie doch ohne Teile und innere Unterschiede ist? Wenn sie nämlich zum Bewegen fähig und auch bewegbar sein soll, muss sie in sich unterschieden sein. Ferner: Da sie behaupten, die bewegte Linie bringe die Oberfläche hervor, der (bewegte) Punkt aber die Linie, so werden auch die Bewegungen der Einheiten Linien sein; denn der Punkt ist eine Einheit, die eine Position hat. Die Zahl der Seele befindet sich dann bereits an einem Ort und hat eine Posi­tion. Ferner: Wenn man von einer Zahl eine Zahl oder Einheit subtrahiert, bleibt eine andere Zahl übrig; aber die Gewächse und auch viele Tiere bleiben lebendig, wenn sie zerschnitten sind, und scheinen der Art nach dieselbe Seele zu haben. Es dürfte (in dieser Hinsicht) aber wohl keinen Unterschied machen, ob man von Einheiten oder von kleinen Körperchen redet. Denn selbst bei den Kügelchen des Demokrit, wenn sie zu Punkten würden und nur ihre Quantität bliebe, würde darin etwas sein, was teils das Bewegende und teils das Bewegte ist, so wie im Kontinuierlichen. Denn was wir gesagt haben, ergibt sich nicht dadurch, dass ein Unterschied in Größe oder Kleinheit vorliegt, sondern dadurch, dass es ein Quantum ist; und deswegen muss es notwendig etwas geben, das die Einheiten in Bewegung setzt. Und



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wenn das Bewegende im Lebewesen die Seele ist, so auch in der Zahl, so dass die Seele nicht das Bewegende und das Bewegte, sondern nur das Bewegende ist. Wie kann sie dann aber noch Einheit sein? Ihr muss in Bezug auf die anderen (Einheiten) ja ein Unterschied zukommen. Was aber sollte der Unterschied eines einheitlichen Punktes sein, außer (seiner) Position? Wenn nun die Einheiten und die Punkte im Körper (von ihr) verschieden sind, so werden die Einheiten an demselben (Ort) sein; denn die Einheit wird den Ort eines Punktes einnehmen. Indessen: Wenn zwei (Einheiten) sich am gleichen Ort befinden, was hindert, dass es auch unendlich viele sind? Denn die Dinge, deren Ort unteilbar ist, sind es auch selbst. Wenn die im Körper befindlichen Punkte aber die Zahl der Seele sind bzw. wenn die Anzahl der im Körper befindlichen Punkte die Seele ist, warum haben dann nicht alle Körper eine Seele? Denn Punkte scheinen in allen (Körpern) vorzukommen, und zwar unendlich viele. Ferner: Wie können die Punkte von den Körpern getrennt und abgelöst werden, wenn schon die Linien nicht in Punkte geteilt werden können? 5. Es ergibt sich aber, wie wir gesagt haben, einerseits, dass (die Theorie der Seele als Zahl, die sich selbst bewegt) dasselbe behauptet wie diejenigen, welche die Seele als einen feinteiligen Körper ansehen, andererseits hat es mit der Weise, in der Demokrit behauptet, dass die Bewegung von der Seele ausgeht, seine eigene Abwegigkeit. Denn wenn die Seele in jedem wahrnehmenden Körper ist, dann ist es notwendig, dass zwei Körper an demselben Ort sind, wenn die Seele eine Art Körper ist. Und für diejenigen, die behaupten (die Seele) sei eine Zahl, (ergibt sich,) dass in dem einen Punkt viele Punkte sind oder jeder Körper eine Seele hat, wenn nicht eine davon verschiedene Zahl hineinkommt, und zwar eine, die von den in den Körpern befindlichen Punkten verschieden ist. Auch ergibt sich, dass das Lebewesen von der Zahl bewegt wird, ganz so wie wir auch gesagt haben, dass Demokrit es in Bewegung setzt. Denn was für einen Unterschied macht es, ob man sagt, es seien kleine Kugeln oder große Einheiten oder

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schlicht Einheiten, die sich bewegen? Auf beide Weisen ist ja notwendig, das Lebewesen dadurch in Bewegung zu setzen, dass diese (Kugeln oder Einheiten) bewegt werden. Dies und vieles andere Derartige ergibt sich also für diejenigen, die Bewegung und Zahl in dasselbe zusammenflechten. Denn es ist nicht nur unmöglich, dass dergleichen eine Definition der Seele ist, sondern auch, dass es eine hinzukommende Eigenschaft (der Seele) ist. Dies würde deutlich, wenn man es unternähme, aus dieser Annahme die Affektionen und Leistungen der Seele herzuleiten, z. B. Überlegungen, Wahrnehmungen, Lust- und Leid­empfindungen und alles, was sonst von dieser Art ist. Denn wie wir vorher gesagt haben: Aus diesen (Annahmen) ist es nicht einmal leicht, Vermutungen anzustellen.

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Es gibt drei auf uns gekommene Weisen, deren gemäß die Seele definiert wird: Die einen erklärten, sie sei das, was vornehmlich Bewegung verursacht, weil es sich selber bewegt, die anderen, sie sei der feinteiligste Körper bzw. das, was im Vergleich zu den anderen am unkörperlichsten ist. Welche Schwierigkeiten und auch Widersprüchlichkeiten diese (Definitionsweisen) aber mit sich bringen, sind wir so ungefähr durchgegangen. Es bleibt aber noch zu untersuchen, wie die Behauptung gemeint ist, die Seele bestehe aus den Elementen. Denn sie behaupten dies zwar, damit sie (die Seele) die Dinge wahrnehmen und ein jedes Ding erkennen kann, doch es ergeben sich notwendig viele und auch unmögliche Konsequenzen für diese Annahme. Sie behaupten nämlich, sie erkenne mit dem Gleichen das Gleiche, so als ob sie behaupteten, die Seele sei die Dinge (selbst). Es gibt aber nicht nur diese (Elemente), sondern auch viele andere und der Zahl nach wohl eher unbegrenzt viele Dinge, die aus ihnen zusammengesetzt sind. Nun sei zugestanden, die Seele könne das, woraus ein jedes Ding besteht, erkennen und wahrnehmen. Aber womit wird sie das Ganze erkennen bzw. wahrnehmen? Zum Beispiel was Gott ist oder Mensch, Fleisch oder Knochen und ebenso auch sonst irgendeines von den zusammengesetzten Dingen? Denn bei jedem dieser Dinge verhalten sich die Elemente nicht auf beliebige Weise, sondern stehen in einem



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gewissen Verhältnis und sind in bestimmter Weise zusammengesetzt, ganz so wie es auch Empedokles vom Knochen sagt: Die willfährige Erde in breitbrüst’gen Schmelztiegeln Nahm von den acht Teilen zwei des nüchternen Schimmers, Des Hephaist aber vier; und die weißen Knochen entstanden. Es nützt also nichts, dass die Elemente in der Seele sind, wenn nicht auch die Verhältnisse darin sein werden und die (Weise ihrer) Zusammensetzung; ein jedes Element wird nämlich das (ihm) Gleiche erkennen, den Knochen oder den Menschen dagegen keines, wenn nicht auch diese sich in ihr befinden. Dass das aber unmöglich ist, braucht man nicht eigens zu ­sagen. Wer wird sich ernsthaft fragen, ob der Stein oder der Mensch in der Seele ist? Desgleichen auch das Gute und das NichtGute. Und ebenso auch bei den übrigen Dingen. Ferner: Da »seiend« vielfach ausgesagt wird – denn einerseits bedeutet es ein Dies, andererseits Quantität oder Qualität oder auch eine andere der Kategorien, wie wir sie unterschieden haben –, wird die Seele aus ihnen allen bestehen oder nicht? Es scheint aber keine für alle gemeinsamen Elemente zu geben. Besteht sie also nur aus dem, woraus die Substanz besteht? Wie erkennt sie dann auch jedes der übrigen? Oder werden sie behaupten, dass es für jede Gattung des Seienden besondere Elemente und Prinzipien gibt, aus denen die Seele zusammengesetzt ist? Also wird sie Quantität, Qualität und Substanz sein. Aber es ist unmöglich, dass aus den Elementen der Quantität eine Substanz bestehen soll und nicht eine Quantität. Für diejenigen, die behaupten, die Seele bestehe aus allen (Elementen), ergeben sich also diese und auch andere derartige Konsequenzen. Auch ist es abwegig zu behaupten, dass das Gleiche durch das Gleiche zwar nicht affiziert werde, das Gleiche das Gleiche aber wahrnehme und mit dem Gleichen das Gleiche erkenne. Doch sie behaupten, das Wahrnehmen sei eine Art Affiziert- und Bewegtwerden und ebenso auch das Denken und Erkennen. Das gerade Gesagte bezeugt, dass es viele Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten mit sich bringt, so wie Empedokles zu be-

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haupten, dass die Dinge jeweils durch die körperlichen Elemente erkannt werden, und zwar in Beziehung auf das (jeweils) Gleichartige: So scheint alles, was in den Körpern der Lebewesen ganz zur Erde gehört, z. B. Knochen, Sehnen und Haare, überhaupt nichts wahrzunehmen und folglich auch nicht das Gleich­artige. freilich müsste es dies. Außerdem würde jedem der Prinzipien mehr Unkenntnis als Einsicht zukommen. Denn jedes (Element) wird zwar jeweils eines erkennen, vieles aber wird es nicht erkennen. nämlich alles andere. Auch ergibt sich – für Empedokles wenigstens –, dass der Gott am unverständigsten ist, weil er als einziger eines der Elemente, nämlich den Streit, nicht erkennt; die Sterblichen dagegen (erkennen es) alle, jedes Ding besteht ja aus allen (Elementen). Und überhaupt, aus welchem Grund haben nicht alle Dinge eine Seele, da doch alles entweder Element ist oder aus einem Element besteht oder aus vielen oder allen? Es ist (dann) ja notwendig, dass sie eines oder einige oder alle Dinge erkennen. Auch dürfte man wohl darüber in Schwierigkeiten geraten, was es denn sein soll, das die Elemente zur Einheit macht. Denn sie gleichen jedenfalls der Materie. Entscheidend aber ist jenes, das sie zusammenhält, was immer dies auch ist; und dass es etwas geben soll, das stärker ist als die Seele und sie beherrschend, ist unmöglich. Noch unmöglicher ist dies aber bei der Vernunft. Es macht nämlich guten Sinn, dass sie Vorrang vor allem und von Natur aus entscheidende Autorität hat. Sie dagegen behaupten, dass die Elemente die primären unter den seienden Dingen seien. Alle jedoch – und zwar sowohl diejenigen, die deswegen, weil sie die Dinge erkennt und wahrnimmt, behaupten, die Seele bestehe aus den Elementen, als auch diejenigen, die behaupten, sie sei das am meisten zum Bewegen Fähige – sprechen nicht über jede (Art von) Seele. Denn nicht alles, was wahrnehmend ist, ist bewegungsfähig, einige Lebewesen scheinen nämlich ortsgebunden zu sein, und doch scheint jedenfalls die Seele das Lebewesen nur in diese (Orts-) Bewegung zu versetzen – und ebenso auch alle diejenigen, welche die Vernunft und das Wahrnehmungsvermögen aus den Elementen bestehen lassen. Die Gewächse scheinen ja leben-



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dig zu sein, obwohl sie weder an Ortsbewegung noch an Wahrnehmung teilhaben, und viele Lebewesen scheinen kein Denken zu haben. Wenn man aber auch dies zugestehen und die Vernunft als einen bestimmten Teil der Seele ansetzen wollte und ebenso auch das Wahrnehmungsvermögen, so würden sie auch dann nicht allgemein über jede (Art von) Seele sprechen und auch nicht über irgendeine (Seele) als Ganze. – Dies gilt aber auch für die Erzählung in den sogenannten orphischen Liedern: Sie besagt nämlich, die Seele werde von den Winden getragen und komme beim Einatmen aus dem All (in den Körper) hinein. Dies kann ja bei den Gewächsen nicht passieren und auch bei einigen Lebewesen nicht, so sie denn nicht alle atmen. Aber dies entging denen, die dieser Meinung waren. Und wenn man die Seele schon aus den Elementen bestehen lassen soll, so muss es nicht aus allen sein. Es reicht nämlich, dass ein Glied des Gegensatzpaares sowohl sich selber als auch sein Gegenüberliegendes unterscheidet. Denn mit dem Geraden erkennen wir sowohl es selbst als auch das Krumme. Unterscheidende Instanz für beide ist der Richtscheit, das Krumme dagegen ist dies weder für sich selbst noch für das Gerade. Manche sagen aber auch, die Seele sei in dem All vermischt, weshalb vielleicht auch Thales glaubte, alles sei voller Götter. Aber damit gibt es einige Schwierigkeiten: Denn aus welchem Grund bringt die Seele, wenn sie in der Luft oder im Feuer ist, kein Lebewesen hervor, dagegen aber in den vermischten (Elementen), und dies, obwohl sie in jenen (unvermischten Elementen) besser zu sein scheint. – Man könnte aber auch der Frage nachgehen, warum die in der Luft befindliche Seele besser und unsterblicher ist als die in den Lebewesen. In beiden Fällen aber ergibt sich Abwegiges und Widersinniges: Denn zu behaupten, das Feuer oder die Luft sei ein Lebewesen, ist gar zu gewagt, und auch zu bestreiten, es seien Lebewesen, obwohl sich eine Seele in ihnen befindet, ist abwegig. Sie scheinen aber zu der Auffassung gelangt zu sein, die Seele befinde sich in diesen (Elementen), weil das Ganze mit seinen Teilen homogen ist. Es ist daher notwendig für sie zu sagen, dass auch die Seele homogen mit ihren Teilen ist, falls die Lebewesen dadurch

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beseelt werden, dass sie etwas von ihrer Umgebung empfangen. Wenn aber die abgetrennte Portion Luft (im Lebewesen) homogen ist und die Seele inhomogen, ist klar, dass ein Teil von ihr vorhanden sein wird, ein anderer aber nicht vorhanden sein wird. Also ist notwendig, dass sie entweder homogen ist oder sich nicht in jedem Teil des Alls befindet. Aus dem Gesagten ist also klar, dass weder das Erkennen der Seele dadurch zukommt, dass sie aus den Elementen besteht, noch die Behauptung zutreffend oder wahr ist, dass sie sich bewegt. Da das Erkennen zur Seele gehört und das Wahrnehmen und das Meinen, ferner das Begehren und Wünschen und insgesamt die Strebungen und den Lebewesen auch die Orts­ bewe­gung durch die Seele zuteil wird, außerdem Wachstum, Blüte und Schwinden, (fragt sich), ob dies jeweils der gesamten Seele zukommt und wir (also) mit der ganzen Seele denken und wahrnehmen, uns bewegen und auch alles andere jeweils tun und erleiden oder mit jeweils anderen Teilen anderes? Und so auch das Lebendig-Sein, ob es sich in einem bestimmten (Teil) davon befindet oder auch in mehreren oder allen oder noch etwas anderes Ursache dafür ist? Einige behaupten in der Tat, dass sie geteilt sei und dass sie mit einem Teil denke und mit einem anderen (Teil) begehre. Was hält dann aber die Seele zusammen, wenn sie von Natur geteilt ist? Der Körper wird es ja gewiss nicht sein; es scheint nämlich eher im Gegenteil die Seele den Körper zusammenzuhalten. So verweht und verfault er z. B., wenn die Seele ihn verlassen hat. Wenn denn also etwas anderes sie zu einer macht, so dürfte wohl dieses am ehesten Seele sein. Doch man wird dann wieder bei diesem nachforschen müssen, ob es eines ist oder vielteilig. Denn wenn es eines ist, warum ist nicht gleich auch die Seele eines? Wenn es aber geteilt ist, so wird wieder die Frage sein, was es ist, das dieses zusammenhält, und so geht es weiter ins Unendliche. Man könnte hinsichtlich ihrer Teile auch darüber in Schwierigkeiten geraten, welches Vermögen sie jeweils im Körper haben. Wenn nämlich die gesamte Seele den ganzen Körper zusammenhält, dann wird es auch jedem Teil (der Seele) zukommen, einen Teil des Körpers zusammenzuhalten. Das scheint aber ein Ding



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der Unmöglichkeit. Es ist nämlich schwer, sich auch nur auszudenken, welchen Körperteil die Vernunft zusammenhalten soll bzw. auf welche Weise. Aber auch die Gewächse scheinen (weiter) lebendig zu sein, wenn sie durchschnitten wurden, und manche von den Insekten, was nahelegt, dass sie der Art nach dieselbe Seele haben, wenn schon nicht der Zahl nach. Denn jeder ihrer Teile verfügt über Wahrnehmung und bewegt sich für eine gewisse Zeit dem Orte nach. Wenn sie aber nicht lange am Leben bleiben, so ist dies nicht befremdlich; sie haben ja keine Organe, um ihre Natur zu bewahren. Es befinden sich aber um nichts weniger in jedem einzelnen der (durchschnittenen Körper-)Teile alle Seelenteile und sind miteinander und mit der ganzen Seele homogen: miteinander, da sie nicht (voneinander) abtrennbar sind und mit der ganzen Seele, da sie teilbar ist. Es scheint aber auch das Prinzip in den Gewächsen eine Art Seele zu sein. Dieses ist nämlich das einzige, an dem Lebewesen und Gewächse gemeinsam Anteil haben, und es lässt es sich zwar vom wahrnehmungsmäßigen Prinzip abtrennen, doch nichts hat Wahrnehmung ohne es.

II

1. Das, was von den früheren (Philosophen) über die Seele auf uns gekommen ist, soll damit besprochen sein. Wir wollen aber gleichsam wieder wie von vorn beginnen, indem wir versuchen, durch Einteilung zu bestimmen, was die Seele ist, d. h. was wohl ihr gemeinsamster Begriff sein dürfte. Also: Eine bestimmte Gattung des Seienden nennen wir Substanz, und davon ist das eine, was für sich genommen kein bestimmtes Dies ist, (Substanz) im Sinne von Materie, ein anderes aber, dem gemäß bereits ein bestimmtes Dies ausgesagt wird, Gestalt und Form, und ein Drittes ist das aus diesen Zusammengesetzte. Materie aber ist Vermögen, Form dagegen Vollendung, und dies auf zweifache Weise: einerseits wie das Wissen, andererseits wie das Betrachten. Substanzen scheinen aber in erster Linie die Körper zu sein und darunter vor allem die natürlichen. Denn diese sind Prinzipien der anderen. Von den natürlichen Körpern haben die einen Leben und andere nicht. Leben aber nennen wir: Ernährung durch sich selbst sowie Wachstum und Schwinden. Daher dürfte jeder natürliche Körper, der am Leben teilhat, Substanz sein, und zwar Substanz im Sinne der zusammengesetzten (Substanz). Da er aber auch ein solcher Körper ist – nämlich einer, der Leben hat –, dürfte der Körper wohl nicht Seele sein. Denn der Körper gehört nicht zu dem, was von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird, sondern ist vielmehr wie Zugrundeliegendes und Materie. Es ist also notwendig, dass die Seele Substanz im Sinne der Form eines natürlichen Körpers ist, der dem Vermögen nach Leben hat. Die Substanz ist aber Vollendung. Also (ist die Seele) Vollendung eines solchen Körpers. Diese wird aber auf zwei Weisen ausgesagt, einerseits wie Wissen, andererseits wie das Betrachten. Nun ist klar, dass sie wie Wissen (ausgesagt wird). Denn im Vorhandensein der Seele sind sowohl Schlaf als auch Wachen inbegriffen, und das Wachen ist dem Betrachten analog und der

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Schlaf dem Zustand, in dem man (Wissen) hat und (es) nicht aktiv ist. Der Entstehung nach ist bei demselben (Menschen) das Wissen aber früher (als das Betrachten). Deswegen ist die Seele die erste Vollendung eines natürlichen Körpers, der dem Vermögen nach Leben hat. Ein solcher (Körper) dürfte der werkzeughafte sein. Werkzeuge sind auch die Teile der Gewächse, aber ganz einfache, z. B. ist das Blatt die Bedeckung der Fruchthülse und die Fruchthülse (Bedeckung) der Frucht, und die Wurzeln entsprechen dem Mund; denn beide ziehen die Nahrung ein. Wenn daher etwas Gemeinsames für jede Seele gesagt werden soll, so dürfte sie die erste Vollendung eines natürlichen werkzeughaften Körpers sein. Deswegen muss man auch nicht untersuchen, ob die Seele und der Körper eins sind, so wie auch nicht beim Wachs und seiner Form, noch insgesamt bei der Materie eines jeden Dinges und dem, dessen Materie sie ist. Denn das Eins und das Sein, obgleich vielfach (ausgesagt), ist im eigentlichen Sinne die Vollendung. Im Allgemeinen ist nun gesagt, was die Seele ist, nämlich Substanz im Sinne des Begriffs. Dies ist das Was-es-hieß-dies-zu-sein für einen solchen bestimmten Körper, ganz so wie wenn ein Werkzeug, z. B. ein Beil, ein natürlicher Körper wäre. Denn dann wäre das Beil-Sein seine Substanz, und dies (wäre) auch seine Seele, und getrennt von ihr wäre er kein Beil mehr, außer dem Namen nach. So aber ist es ein Beil. Freilich ist die Seele nicht das Was-es-hieß-dies-zu-sein und der Begriff eines solchen Körpers, sondern eines ganz bestimmten natür­lichen Körpers, der das Prinzip von Bewegung und Stillstand in sich selber hat. Man soll das Gesagte auch mit Blick auf die Teile betrachten. Wenn nämlich das Auge das Lebewesen wäre, so wäre seine Seele die Sehkraft; denn diese ist die Substanz des Auges im Sinne des Begriffs. Und das Auge ist die Materie der Sehkraft, die, wenn diese (Sehkraft) ausbleibt, kein Auge mehr ist, außer dem Namen nach, so wie das steinerne und das gemalte. Man soll daher das, was für den Teil gilt, auf den ganzen lebenden Körper anwenden. Denn so wie der Teil sich zum Teil verhält, so verhält sich analog die gesamte Wahrnehmung zu dem gesamten wahrnehmungs­fähigen Körper, insofern er ein solcher



Zweites Buch ∙ Kapitel 2 293

ist. Es ist aber nicht der (Körper), der seine Seele verloren hat, der dem Vermögen nach lebendig ist, sondern der, der sie besitzt. Der Same aber und die Frucht ist dem Vermögen nach der auf diese Weise bestimmte Körper. So wie nämlich das Zerteilen und das Sehen, so ist auch das Wachen Vollendung, und so wie die Sehkraft und das Vermögen des Werkzeugs, (so) ist die Seele (Voll­endung), und der Körper ist das dem Vermögen nach Seiende. Aber so wie das Auge der Augapfel und die Sehkraft ist, so ist auch dort die Seele und der Körper das Lebewesen. Dass nun die Seele nicht vom Körper zu trennen ist oder, wenn sie von Natur teilbar ist, gewisse Teile von ihr, ist klar. Die Voll­endung einiger ihrer Teile ist nämlich die von den (Körper-)Teilen selbst. Allerdings spricht bei einigen (Seelenteilen) nichts dagegen, (dass sie vom Körper abtrennbar sind,) weil sie nicht Vollendungen eines Körpers sind. Noch aber ist unklar, ob die Seele auf solche Weise Vollendung des Körpers ist, wie ein Seemann (die Vollendung) eines Schiffes ist. Im Umriss soll die Seele damit skizzenhaft eingeteilt sein. 2. Da das Deutliche und dem Begriff nach Bekanntere aus dem hervorgeht, was zwar undeutlich, aber anschaulicher ist, soll (die Untersuchung) über die Seele auf folgende Weise erneut angegangen werden. Die definitorische Bestimmung soll nämlich nicht nur das Dass aufzeigen, so wie die meisten Definitionen es tun, sondern es soll auch die Ursache darin enthalten sein und sichtbar werden. Derzeit sind die begrifflichen Bestimmungen der Definitionen aber so wie Konklusionen aus Schlüssen: Zum Beispiel: Was ist die Quadratur? Ein gleichseitiges Viereck (zu konstruieren), das die gleiche Fläche hat wie ein ungleichseitiges. Eine solche Definition gibt eine begriffliche Bestimmung der Konklusion; wer dagegen sagt, dass die Quadratur ein Auffinden einer mittleren Proportionalen ist, der nennt die Ursache des Sachverhaltes. Wir sagen also, und machen damit den Anfang der Untersuchung, dass das Beseelte von dem Unbeseelten durch das Lebendig-Sein unterschieden ist. »Lebendig-Sein« wird aber auf vielfache Weise ausgesagt, und wir sagen auch dann, wenn nur eines davon darin vor-

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kommt, es sei lebendig, z. B. Vernunft, Wahrnehmung, Ortsbewegung und Stillstand, ferner Nahrungsaufnahme, Schwinden und Wachstum. Deswegen scheinen auch alle Gewächse lebendig zu sein. Offenbar haben sie in sich selbst nämlich ein Vermögen und ein solches Prinzip, aufgrund dessen sie in die entgegengesetzten Richtungen wachsen und schwinden. Alles, was aufwächst und lebt, wächst ja nicht nach oben, ohne nach unten zu wachsen, sondern gleichmäßig in beide Richtungen und nach allen Seiten, und zwar fortwährend, solange es in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen. Und es ist zwar möglich, dieses (Vermögen) von den anderen abzutrennen, jedoch die anderen von ihm (abzutrennen), ist bei den sterblichen (Lebewesen) unmöglich. Das zeigt sich bei den Gewächsen. Ihnen kommt nämlich kein anderes Vermögen der Seele zu. Lebendig zu sein kommt also allem, was belebt ist, durch dieses Prinzip zu; Lebewesen (zu sein) aber zuerst durch die Wahrnehmung. Denn auch von denen, die sich nicht bewegen und nicht den Ort wechseln, jedoch Wahrnehmung haben, sagen wir, es sind Lebewesen, und nicht nur, dass sie leben. Und als erste Wahrnehmung kommt allen (Lebewesen) der Tastsinn zu. So wie das Ernährungsvermögen aber vom Tastsinn und jeder Wahrnehmung abgetrennt werden kann, so der Tastsinn von den anderen Wahrnehmungsvermögen. Ernährungsvermögen dagegen nennen wir den so beschaffenen Teil der Seele, an dem auch die Gewächse teilhaben. Die Lebewesen haben aber offensichtlich alle die Tastwahrnehmung. Aus welcher Ursache dieses beides der Fall ist, werden wir später sagen. Für jetzt soll nur soviel gesagt sein, dass die Seele Prinzip dieser genannten (Tätigkeiten) ist und durch diese definiert ist als Ernährungsvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen oder, (Orts-) Bewegung. Ob aber jedes einzelne davon Seele ist oder Teil der Seele, und wenn es Teil ist, ob es auf solche Weise (Teil ist), dass er nur dem Begriff nach abtrennbar ist oder auch dem Orte nach, ist bei einigen von ihnen nicht schwer zu sehen, bei manchen bereitet es aber Schwierigkeiten. Denn so wie bei den Gewächsen manche offenbar lebendig sind, wenn sie durchschnitten und voneinander abgetrennt werden – so als wäre



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die in ihnen befindliche Seele zwar der Vollendung nach in jedem Gewächs eine einzige, dem Vermögen nach jedoch von mehreren (Gewächsen) –, so sehen wir, dass dies offensichtlich auch in Betreff eines anderen Unterschieds der Seele der Fall ist, (nämlich) bei den Insekten, wenn sie entzweigeschnitten werden. Jeder der beiden Teile hat nämlich Wahrnehmung und Ortsbewegung; wenn aber Wahrnehmung, dann auch Vorstellung und Strebung. Denn wo es Wahrnehmung gibt, dort gibt es auch Schmerz und Lust. Und wo es diese gibt, gibt es notwendig auch Begierde. Über die Vernunft und das Vermögen der theoretischen Betrachtung ist noch nichts klar, es scheint aber eine andere Gattung von Seele zu sein, und diese allein scheint abgetrennt werden zu können, so wie das Ewige vom Vergänglichen. Daraus ist aber klar, dass die übrigen Teile der Seele nicht in der Weise, wie manche sagen, abtrennbar sind. Dass sie aber dem Begriff nach andere sind, ist offensichtlich. Denn das, was es heißt, fähig zum Wahrnehmen zu sein, ist verschieden von dem, was es heißt, fähig zum Meinen zu sein, wenn denn das Wahrnehmen vom Meinen (verschieden ist). Ebenso verhält es sich auch bei jedem der übrigen genannten (Vermögen). Ferner kommen einigen Lebewesen diese alle zu, manchen aber nur einige davon und anderen (kommt) nur eines (zu) – und dies erzeugt Verschiedenheit unter den Lebewesen. Aus welchem Grund, soll später untersucht werden. Ähnliches ergibt sich auch für die (Arten der) Wahrnehmungen: Manche besitzen alle, manche einige, andere als einzige die notwendigste, die Tastwahrnehmung. Da das, wodurch wir lebendig sind und wahrnehmen, auf zweifache Weise ausgesagt wird, so wie auch das, wodurch wir wissen – wir meinen damit nämlich zum einen die Wissenschaft und zum anderen die Seele, weil wir von beiden von ihnen sagen, dass wir durch sie wissen –, ebenso (meint) das, wodurch wir gesund sind, zum einen: durch die Gesundheit, zum anderen aber: durch einen bestimmten Teil des Körpers oder auch: durch den ganzen. Davon aber ist die Wissenschaft und die Gesundheit, Gestalt, bestimmte Form und Begriff und wie die Wirklichkeit dessen, das fähig ist, sie aufzunehmen, und zwar zum einen für das, was fähig ist (et-

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was) zu wissen, und zum anderen für das, was fähig ist gesund zu sein – die Wirklichkeit dessen, das fähig ist zu bewirken, scheint sich ja in dem zu vollziehen, was affiziert und in einen Zustand versetzt wird. Die Seele ist aber das, wodurch wir primär lebendig sind und wahrnehmen und denken – sie dürfte folglich eine Art Begriff und Form sein, nicht aber Materie und das Zugrundeliegende. Da, wie wir gesagt haben, die Substanz auf dreifache Weise ausgesagt wird, nämlich erstens als Form, zweitens als Materie und drittens als das aus beiden Zusammengesetzte, wovon die Materie Vermögen und die Form Vollendung ist, (und) da das aus beiden Zusammengesetzte Beseeltes ist, ist nicht der Körper die Vollendung der Seele, sondern sie ist (die Vollendung) eines bestimmten Körpers. Und deswegen liegen diejenigen richtig, die meinen, die Seele existiere weder ohne Körper noch sei sie ein bestimmter Körper; denn sie ist kein Körper, sondern etwas des Körpers, und deswegen kommt sie im Körper vor, und zwar in einem Körper von bestimmter Beschaffenheit. Und nicht so wie die früheren Philosophen sie in einen Körper einfügten, ohne zusätzlich zu bestimmen, in welchen und von welcher Beschaffenheit, obgleich es nicht einmal den Anschein hat, dass jedes Beliebige Beliebiges aufnimmt. So aber ergibt es Sinn: Denn die Vollendung eines jeden Dinges kommt von Natur aus in das dem Vermögen nach Vorhandene und die ihr geeignete Materie hinein. Dass die Seele also eine Art von Vollendung und Begriff dessen ist, das ein Vermögen hat, ein solches zu sein, ist hieraus klar.

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3. Von den erwähnten Vermögen der Seele kommen, wie gesagt, einigen (lebendigen Dingen) alle zu, anderen einige von ihnen, einigen aber nur eines. Vermögen nannten wir: Ernährungsvermögen, Strebevermögen, Wahrnehmungsvermögen, Vermögen zur Ortsbewegung und Denkvermögen. Den Gewächsen kommt nur das Ernährungsvermögen zu, anderen aber dieses und das Wahrnehmungsvermögen. Wenn aber das Wahrnehmungsvermögen, dann auch das Strebevermögen; denn Strebung ist Begierde, Mut und Wunsch, und alle Lebewesen haben zumindest eine der Wahrnehmungen, den Tast-



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sinn. Wem aber die Wahrnehmung zukommt, dem kommt sowohl Lust als auch Leid und der Gegenstand der Lust und der Gegenstand des Leids zu, wem aber diese, dem kommt auch Begierde zu; denn diese ist die Strebung nach dem Lustvollen. Ferner haben sie eine Wahrnehmung der Nahrung; der Tastsinn ist nämlich die Wahrnehmung der Nahrung. Denn alles Lebendige ernährt sich durch Trockenes und Feuchtes und Warmes und Kaltes, und deren Wahrnehmung ist der Tastsinn. Den übrigen Wahrnehmungsgegenständen ist (die Nahrung) dagegen akzidentell. Denn weder Schall noch Farbe noch Geruch tragen etwas zur Ernährung bei, und der Geschmack ist einer von den Tastgegenständen. Hunger und Durst sind Begierden, und zwar der Hunger nach Trockenem und Warmem und der Durst nach Kaltem und Feuchtem. Und der Geschmack ist gewissermaßen eine Versüßung davon. Da­r über soll später genauer gesprochen werden, für jetzt sei nur soviel gesagt, dass den Lebewesen, die den Tastsinn besitzen, auch Strebung zukommt. Hinsichtlich der Vorstellung ist es unklar; sie soll später untersucht werden. Einigen kommt außerdem noch das Vermögen zur Ortsbewegung zu, anderen auch das Denkvermögen und Vernunft, wie den Menschen, und falls es noch anderes Derartiges oder Würdigeres gibt. Es ist also klar, dass der Begriff der Seele und (der) der Figur auf die gleiche Weise einheitlich sein dürften. Denn weder gibt es dort eine Figur neben dem Dreieck und den sich anschließenden (Figuren), noch gibt es hier eine Seele neben den genannten (Vermögen). Es könnte wohl auch für die Figuren ein gemeinsamer Begriff gegeben werden, der zwar auf alle passt, jedoch keiner Figur eigentümlich sein wird. Auf gleiche Weise verhält es sich auch bei den erwähnten Seelen. Deswegen ist es lächerlich, einen solchen gemeinsamen Begriff zu suchen, sowohl hier als auch in anderen Fällen, der ein keinem der existierenden Dinge eigentümlicher Begriff ist und auch nicht der zugehörigen und unteilbaren Art entsprechen wird, und dabei auf einen solchen (eigentümlichen Begriff) zu verzichten. Bei der Seele verhält es sich ganz ähnlich wie bei den Figuren: In der nachfolgenden ist nämlich dem Vermögen nach immer die vor-

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hergehende enthalten, sowohl bei den Figuren als auch beim Beseelten, wie im Viereck ein Dreieck und im Wahrnehmungsvermögen das Ernährungsvermögen. Man muss daher im Einzelnen untersuchen, was die Seele jedes einzelnen ist, etwa was die des Gewächses und was die des Menschen oder Tieres ist. Und man muss untersuchen, aus welchem Grund sie auf diese Weise eine Reihe bilden: Denn ohne das Ernährungsvermögen gibt es kein Wahrnehmungsvermögen. Bei den Gewächsen jedoch trennt sich das Ernährungsvermögen von dem Wahrnehmungsvermögen. Umgekehrt aber kommt keine der übrigen Wahrnehmungen ohne das Tastvermögen vor, Tastsinn jedoch kommt ohne die anderen vor. Es haben nämlich viele Lebewesen weder Gesichtssinn noch Gehör noch eine Wahrnehmung von Geruch. Und von den zur Wahrnehmung fähigen Lebewesen haben einige das Vermögen zur Ortsbewegung, andere aber nicht. Als Letztes und auch in geringster Zahl (haben Lebewesen) Überlegung und Denken. Denn denjenigen sterblichen (Lebewesen), denen Überlegung zukommt, kommen auch alle übrigen (Vermögen) zu, von denjenigen dagegen, die jedes von diesen haben, kommt nicht allen Überlegung zu, sondern einigen nicht einmal Vorstellung, während andere allein mit dieser leben. Von der theoretischen Vernunft soll an anderer Stelle gehandelt werden. Dass also der Begriff von jedem einzelnen dieser (Vermögen) auch für die Seele (insgesamt) der geeignetste ist, ist klar. 4. Es ist notwendig, dass derjenige, der über diese (Seelenvermögen) Untersuchungen anstellen will, von jedem einzelnen von ihnen herausfindet, was es ist, und dann auf diese Weise bei den anschließenden und den übrigen weiterforscht. Wenn es aber nötig ist anzugeben, was jedes einzelne von ihnen ist, etwa was das Denkvermögen ist oder das Wahrnehmungsvermögen oder das Ernährungsvermögen, so ist vorher noch anzugeben, was das Denken und was das Wahrnehmen ist. Denn die Wirklichkeiten und Tätigkeiten sind dem Begriff nach früher als die Vermögen. Wenn sich dies aber so verhält und man noch vor diesen deren Gegenstände betrachtet haben muss, so soll



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man diese aus demselben Grund vorher eingeteilt haben, wie Nahrung, Wahrnehmungsgegenstand und Denkgegenstand. Folglich ist zuerst über N ­ ahrung und Zeugung zu sprechen. Die ernährende Seele kommt nämlich auch den anderen zu und ist das erste und gemeinsamste Vermögen der Seele, kraft dessen allen (lebendigen Wesen) das Lebendig-Sein zukommt. Die Leistungen dieses Vermögens sind zu zeugen und Nahrung zu gebrauchen. Denn für alle lebendigen Wesen, die vollendet und nicht verstümmelt sind oder spontan entstehen, ist es die natürlichste ihrer Leistungen, ein anderes hervorzubringen, das so ist wie es selbst – ein Lebewesen ein Lebewesen, ein Gewächs ein Gewächs –, damit sie am Ewigen und am Göttlichen teilhaben, soweit es ihnen möglich ist. Denn alle (lebendigen Wesen) streben nach jenem (Göttlichen), und um seinetwillen tun sie alles, was sie von Natur aus tun. Das Worum-willen bedeutet aber zweierlei: zum einen das Um-wessen-willen, zum anderen das Wofür. Da nun (die lebendigen Wesen) nicht in der Lage sind, mit dem Ewigen und Göttlichen in kontinuierlicher Gemeinschaft zu sein, weil nichts Vergängliches es vermag, als der Zahl nach eines und dasselbe fortzubestehen, geht ein jedes soweit mit ihm eine Gemeinschaft ein, wie es dazu in der Lage ist, an ihm teilzuhaben, das eine mehr, das andere weniger. Und nicht es selbst besteht fort, sondern eines so wie es selbst, zwar nicht der Zahl nach eines, aber der Art nach eines. Die Seele ist Ursache und Prinzip des lebendigen Körpers. Diese werden jedoch auf vielfache Weise ausgesagt. Und ebenso ist die Seele gemäß dreier der unterschiedenen Weisen Ursache: Sie ist das Woher der Bewegung, das Worum-willen, und auch als die Substanz der beseelten Körper ist die Seele Ursache. Dass sie es also als Substanz ist, ist klar. Denn für alle Dinge ist die Ursache ihres Seins ihre Substanz. Und für die lebendigen Dinge ist das Sein das Lebendig-Sein, Ursache und Prinzip hiervon ist aber die Seele. Ferner ist die Vollendung der Begriff des dem Vermögen nach Seienden. Und es ist klar, dass die Seele auch als Worum-willen Ursache ist. Denn so wie die Vernunft um eines bestimmten (Zweckes) willen hervorbringt, auf dieselbe Weise (tut dies) auch die Natur, und dies ist

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bei ihr Zweck. Ein solcher (Zweck) aber ist bei den Lebewesen die Seele, und zwar von Natur aus. Denn alle natürlichen Körper sind Werkzeuge ihrer Seele. Und so wie die (Körper) der Lebewesen, so auch die der Gewächse, da sie ja um der Seele willen existieren. Das Worum-willen bedeutet aber zweierlei, einmal das Um-wessen-willen, einmal das Wofür. Indessen ist auch das, woher die Ortsbewegung zuerst stammt, Seele, doch kommt dieses Vermögen nicht allem Lebendigen zu. Es gibt aber auch qualitative Veränderung und Wachstum gemäß der Seele. Denn die Wahrnehmung scheint eine Art qualitative Veränderung zu sein, und nichts, das nicht an der Seele teilhat, nimmt wahr. Εbenso verhält es sich auch bei Wachstum und Schwinden; denn weder schwindet noch wächst irgendetwas auf natür­liche Weise, wenn es sich nicht ernährt, und es nährt sich nichts, was nicht Gemeinschaft mit dem Leben hat. Empedokles hat es aber nicht richtig getroffen, als er hinzufügte, dass bei den Gewächsen das Wachstum durch Wurzelbildung nach unten erfolgt, weil die Erde sich von Natur in diese Richtung bewegt, und nach oben, weil es beim Feuer in die entsprechende Richtung geht. Denn auch das »nach oben« und »nach unten« fasst er nicht richtig auf, weil »nach oben« und »nach unten« nicht für alle (lebendigen Wesen) dasselbe bedeutet wie für das All, sondern so wie der Kopf der Lebewesen, so sind die Wurzeln der Gewächse, wenn die Werkzeuge anhand ihrer Leistungen als verschieden und identisch bezeichnet werden sollen. Außerdem: Was ist es, was das Feuer und die Erde, die sich in die entgegengesetzten Richtungen bewegen, zusammenhält? Sie (die Gewächse) würden ja auseinander gerissen werden, wenn es nicht etwas gäbe, das dies verhindert; wenn es das aber gibt, dann ist dies die Seele und die Ursache des Wachsens und Ernährens. Manche sind der Meinung, die Natur des Feuers sei ohne weitere Qualifikation Ursache der Ernährung und des Wachstums; und in der Tat erweist es sich als der einzige unter den Körpern bzw. den Elementen, der sich ernährt und wächst. Daher könnte man auch bei den Gewächsen und bei den Lebewesen annehmen, dass dieses (Feuer) es sei, das dies bewerkstelligt. Doch es ist (bloß) irgendwie Mitursa-



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che. und ganz bestimmt nicht Ursache ohne weitere Qualifikation, sondern (dies ist) vielmehr die Seele. Das Wachstum des Feuers geht nämlich ins Unendliche, solange das Brennbare vorhanden ist; die von Natur zusammengesetzten Dinge haben dagegen alle eine Grenze und eine Proportion von Größe und Wachstum. Dies gehört zur Seele und nicht zum Feuer und eher zum Begriff als zur Materie. Da dasselbe Vermögen der Seele zur Ernährung und zur Zeugung fähig ist, ist es notwendig, auch zuerst über Nahrung unsere Bestimmungen zu treffen; es wird nämlich durch diese Leistung von den anderen Vermögen abgegrenzt. Es scheint aber das Entgegengesetzte für das Entgegengesetzte die Nahrung zu sein, doch nicht jedes für jedes, sondern alles Entgegengesetzte, welches nicht nur gegenseitiges Entstehen auseinander hat, sondern auch Wachstum. Es entstehen nämlich viele Dinge wechselseitig auseinander, aber nicht alle sind Quantitäten, wie z. B. Gesundes aus Krankem. Doch scheinen auch diese nicht auf dieselbe Weise wechselseitig füreinander Nahrung zu sein, sondern das Wasser ist zwar Nahrung für das Feuer, das Feuer nährt jedoch das Wasser nicht. Allerdings scheinen bei den einfachen Körpern diese noch am ehesten teils Nahrung und teils Ernährtes zu sein. Dies bereitet aber eine Schwierigkeit: Denn die einen sagen, Gleiches ernähre sich durch Gleiches, so wie es auch (durch Gleiches) wachse, den anderen aber scheint, so wie wir gesagt haben, umgekehrt das Entgegengesetzte sich durch das Entgegengesetzte zu ernähren, da Gleiches von Gleichem nicht affizierbar sei, die Nahrung aber einen Umschlag bewirke und verdaut werde und der Umschlag für alle Dinge in den entgegengesetzten Zustand bzw. in den dazwischenliegenden verlaufe. Ferner erleidet die Nahrung etwas von dem, was sich ernährt, dieses aber nicht von der Nahrung, so wie auch der Zimmermann nichts von dem Holz erleidet, sondern dieses von ihm. Der Zimmermann geht lediglich von Untätigkeit in Tätigkeit über. Es macht aber einen Unterschied, ob die Nahrung das erste oder das letzte ist, das (dem Körper) zugeführt wird. Wenn sie aber beides ist, jedoch einmal als unverdaute und einmal als

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verdaute, dann dürfte es wohl auf beiderlei Weisen möglich sein, (von Nahrung) zu sprechen. Insofern sie nämlich unverdaut ist, nährt sich das Entgegengesetzte durch das Entgegengesetzte, insofern sie aber verdaut ist, das Gleiche durch das Gleiche, so dass klar ist, dass beide auf gewisse Weise recht haben und nicht recht haben. Da sich aber nichts ernährt, was nicht am Leben teilhat, dürfte der beseelte Körper das SichErnährende sein, insofern er beseelt ist, so dass auch die Nahrung im Verhältnis auf ein Beseeltes ist, und zwar nicht auf akzidentelle Weise. Nahrung zu sein und Wachstum bewirken zu können aber sind verschieden. Denn insofern das Beseelte eine bestimmte Quantität ist, ist es (das Zugeführte) fähig, Wachstum zu bewirken, insofern es (das Beseelte) aber ein bestimmtes Dieses und Substanz ist, ist es (das Zugeführte) Nahrung. Es (das Beseelte) bewahrt nämlich seine Substanz und besteht so lange, wie es sich ernährt; und es ist auch fähig, Zeugung zu bewirken, nicht vom Sich-Ernährenden, sondern von einem, das so ist wie das Sich-Ernährende; seine eigene Substanz existiert ja bereits, und nichts erzeugt sich selbst, sondern erhält sich (nur). Folglich ist das derartige Prinzip der Seele ein Vermögen, das seinen Besitzer erhält, insofern er ein solcher ist. Die Nahrung aber stellt das für das Wirklich-Sein Erforderliche bereit. Deswegen kann man ohne Nahrung nicht existieren. Da es aber dreierlei gibt, das Sich-Ernährende, das, wodurch es sich ernährt, und das Nährende, so ist das Nährende die erste Seele, das Sich-Ernährende der sie besitzende Körper und das, wodurch er sich ernährt, die Nahrung. Und da es gerechtfertigt ist, alle Dinge von ihrem Zweck her zu benennen, es aber Zweck ist, etwas zu zeugen, das so ist wie man selbst, dürfte die erste Seele wohl befähigen, etwas zu zeugen, das so ist wie man selbst. »Wodurch es sich ernährt« meint aber zweierlei – so wie »wodurch er steuert« sowohl die Hand als auch das Ruder meint –, nämlich einmal das bewegte Bewegende und einmal nur das Bewegende. Es ist aber notwendig, dass alle Nahrung verdaut werden kann, und die Verdauung wird durch Wärme bewerkstelligt. Deswegen hat alles Beseelte Wärme. Im Umriss ist also gesagt, was Nahrung ist, später aber



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soll in den dazu gehörigen Abhandlungen ausführlich darüber gesprochen werden. 5. Nachdem wir dies abgehandelt haben, wollen wir in gemeinsamer Weise über die Wahrnehmung insgesamt sprechen. Die Wahrnehmung findet im Bewegtwerden und Erleiden statt, wie gesagt wurde; sie scheint nämlich eine Art qualitativer Veränderung zu sein. Einige aber behaupten auch, dass das Gleiche durch das Gleiche affiziert werde. Inwieweit dies möglich oder unmöglich ist, haben wir in den allgemeinen Darlegungen über das Wirken und Leiden gesagt. Es bereitet aber eine Schwierigkeit, warum nicht auch eine Wahrnehmung der Wahrnehmungen selbst zustande kommt und warum diese ohne die Außendinge keine Wahrnehmung bewirken, obwohl doch Feuer und Erde und die anderen Elemente in ihnen sind, welches die Gegenstände der Wahrnehmung an sich sind bzw. diesen akzidentell zukommen. Es ist also klar, dass das Wahrnehmungsvermögen nicht der Wirklichkeit, sondern nur dem Vermögen nach da ist; deswegen (nimmt es nicht wahr), so wie auch das Brennbare nicht (schon) selber an sich brennt ohne das, was es in Brand setzen kann. Es würde sich dann nämlich selber in Brand setzen und bedürfte nicht des der Vollendung nach seienden Feuers. Da wir das Wahrnehmen zweifach aussagen – denn wir sagen, dass auch das dem Vermögen nach Hörende und Sehende höre und sehe, und zwar sowohl wenn es gerade schläft als auch wenn es bereits wirklich tätig ist –, so dürfte wohl auch die Wahrnehmung zweifach ausgesagt werden: einmal als dem Vermögen und das andere Mal als der Wirklichkeit nach. Und ebenso ist auch der Gegenstand der Wahrnehmung teils dem Vermögen nach und teils der Wirklichkeit nach seiend. Nun wollen wir zuerst unter der Voraussetzung sprechen, dass das Leiden, d. h. das Bewegt-Werden, und das Wirklich-Sein dasselbe seien. Denn auch die Bewegung ist eine Art Wirklichkeit, freilich eine unvollkommene, wie bereits an anderer Stelle gesagt worden ist. Und alles leidet und wird bewegt von dem Bewirkenden und der Wirklichkeit nach Seienden. Des­wegen ist es einerseits möglich, dass es von dem

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Gleichen erleidet, andererseits aber auch von dem Ungleichen, wie wir bemerkt haben; denn es erleidet zwar das Ungleiche, doch wenn es einmal erlitten hat, ist es ein Gleiches. Es muss aber auch bei Vermögen und Vollendung differenziert werden; denn im Augenblick sprechen wir über sie in undifferenzierter Weise. Es gibt nämlich etwas Wissendes teils auf solche Weise, wie wir einen Menschen wissend nennen, weil der Mensch zu den wissenden (Lebewesen) gehört und denen, die Wissen haben, und teils so, wie wir schon den wissend nennen, der im Besitz des Schriftwissens ist. Denn sie beide sind nicht auf dieselbe Weise vermögend, sondern der eine (ist es), weil seine Gattung so beschaffen ist und seine Materie, der andere dagegen, weil er dann, wenn er es wünscht, betrachten kann, wenn nichts Äußeres ihn hindert. Noch ein weiterer ist der, der bereits betrachtend ist, indem er der Vollendung nach ist und dieses bestimmte A im eigentlichen Sinn weiß. Nun sind die ersteren beiden zwar dem Vermögen nach Wissende, doch der eine (weiß erst dann der Vollendung nach), wenn er sich durch Lernen verändert hat und häufig aus einem entgegengesetzten Zustand umgeschlagen ist, der andere dagegen dann, wenn er aus dem Besitz der Wahrnehmung und des Schriftwissens, doch ohne sie wirklich auszuüben, auf andere Weise in das Wirklich-Sein umschlägt. Und auch das Erleiden ist nichts Einfaches, vielmehr ist es zum einen eine Art von Zerstörung durch das Entgegengesetzte und zum anderen eher ein Bewahren des dem Vermögen nach Seienden durch das der Vollendung nach Seiende und dessen, was ihm auf solche Weise gleich ist, wie ein Vermögen sich zur Vollendung verhält. Denn indem es betrachtet, entsteht das, was das Wissen hat, was entweder keine Veränderung ist – denn der Fortschritt geht hin zu ihm selbst und in eine Vollendung –, oder es ist eine andere Gattung von Veränderung. Deswegen trifft es nicht zu, zu sagen, dass das Denkende, wenn es denkt, sich verändere, so wie auch nicht der Hausbauer, wenn er ein Haus baut. Das also, was beim Denkenden und Erkennenden aus dem dem Vermögen nach Seienden in die Vollendung überführt, ist nicht Unterricht, sondern sollte mit Recht eine andere Bezeichnung erhalten. Wer aber



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als dem Vermögen nach seiender lernt und Wissen erwirbt, und zwar von dem, der es der Wirklichkeit nach ist und die Fähigkeit hat zu unterrichten, von dem soll entweder gar nicht gesagt werden, dass er erleidet [wie gesagt wurde], oder es gibt zwei Weisen der Veränderung, nämlich einerseits den Umschlag in die privativen Zustände, andererseits den hin zum Haben und zur Natur. Der erste Umschlag des Wahrnehmungsvermögens jedoch erfolgt von dem Erzeuger, und wenn man geboren wird, verhält sich das Wahrnehmen bereits so wie das Wissen. Und das wirkliche (Wahrnehmen) wird ebenso ausgesagt wie das Betrachten; es ist aber verschieden, weil bei Ersterem das, was die Wirklichkeit bewirkt, von außen kommt, nämlich der sichtbare und der hörbare Gegenstand, und ebenso auch die übrigen Wahrnehmungsgegenstände. Ursache dafür ist, dass die wirkliche Wahrnehmung sich auf Einzeldinge bezieht, das Wissen dagegen auf Allgemeines und dies befindet sich in gewisser Weise in der Seele selbst. Deswegen steht es zwar in der Macht (des Denkenden) zu denken, wann immer er will; wahrzunehmen aber steht nicht in seiner Macht; denn es ist notwendig, dass der wahrnehmbare Gegenstand vorliegt. Ebenso verhält sich dies auch mit den Wissenschaften von den wahrnehmbaren Dingen, und zwar aus demselben Grund, weil die wahrnehmbaren Gegenstände zu den Einzel- und Außendingen gehören. Aber hierüber ausführlich zu sprechen wird später wieder Gelegenheit sein. Für jetzt sei soviel gesagt, dass das dem Vermögen nach Ausgesagte nichts Einfaches ist, sondern teils so (ausgesagt wird), wie wenn wir sagen würden, dass ein Knabe das Vermögen hat, Feldherr zu sein, und teils so wie bei einem, der das passende Alter erreicht hat; (und) auf diese Weise verhält es sich bei dem Wahrnehmungsvermögen. Da es für den Unterschied zwischen ihnen keine Bezeichnung gibt, hinsichtlich ihrer aber bereits bestimmt worden ist, dass sie verschieden sind und auf welche Weise sie verschieden sind, ist es notwendig, »Erleiden« und »Veränderung« als geltende Bezeichnungen zu benutzen. Das Wahrnehmungsvermögen ist, wie gesagt, dem Vermögen nach so, wie der Wahrnehmungsgegenstand bereits der Vollendung nach ist. Also erleidet es,

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während es nicht gleich ist, nachdem es aber erlitten hat, ist es angeglichen und wie jenes. 6. Es muss entsprechend jeder einzelnen Wahrnehmungsgattung zuerst über die Wahrnehmungsgegenstände gesprochen werden. »Wahrnehmungsgegenstand« wird aber auf dreifache Weise ausgesagt. Von zweien davon sagen wir, dass sie an sich, und von dem einen, dass er akzidentell wahrgenommen wird. Der eine von den zweien ist für jede einzelne Wahrnehmungsgattung eigentümlich, der andere allen gemeinsam. Unter »eigentümlich« verstehe ich, was durch eine andere Wahrnehmungsgattung nicht wahrgenommen werden kann und worüber man sich nicht täuschen kann, z. B. das Sehen einer Farbe, das Hören eines Schalls und das Schme­cken eines Geschmacks; der Tastsinn dagegen umfasst mehrere Unterschiede. Aber doch unterscheidet jede einzelne (Wahrnehmungsgattung) betreffs dieser (eigentümlichen Wahrnehmungsgegenstände), und sie täuscht sich nicht, dass (sie) eine Farbe (sieht), noch dass (sie) einen Schall (hört), sondern was das Farbige ist oder wo bzw. was das ist, was den Schall erzeugt, oder wo. Die (Wahrnehmungsgegenstände) von dieser Art werden also als für jede einzelne (Wahrnehmungsgattung) eigentümliche bezeichnet, als gemeinsame dagegen (werden be­ zeichnet): Bewegung, Ruhe, Anzahl, Gestalt und Ausdehnung, weil was derartig ist, keiner einzigen (Wahrnehmungsgat­tung) eigentümlich, sondern allen gemeinsam ist. Denn sowohl für den Tastsinn gibt es eine wahrnehmbare Bewegung als auch für das Sehen. Akzidenteller Wahrnehmungsgegenstand aber wird genannt, wenn z. B. das Weiße der Sohn des Diares sein sollte; es wird nämlich akzidentell wahrgenommen, weil dies dem Weißen akzidentell ist, als wessen (weiß) es wahrgenommen wird. Deswegen erleidet (die Wahrnehmung) auch nichts von dem wahrnehmbaren Gegenstand, insofern er ein solcher ist. Von den an sich wahrnehmbaren Gegenständen sind die eigentümlichen die im vornehmlichen Sinn wahrnehmbaren und die, auf welche die Substanz jeder einzelnen Wahrnehmungsgattung von Natur ausgerichtet ist.



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7. Also: Worauf sich das Sehen bezieht, dies ist sichtbar. Sichtbar ist Farbe und das, was sich zwar dem Begriff nach angeben lässt, aber ohne Namen ist. Was wir meinen, wird am besten im weiteren Fortgang deutlich. Das Sichtbare ist nämlich Farbe. Diese aber ist das, was sich auf dem an sich Sichtbaren befindet; »an sich« aber nicht dem Begriff nach, sondern als das, was in sich selbst die Ursache dafür hat, sichtbar zu sein. Jede Farbe ist fähig, das der Wirklichkeit nach Durchsichtige in Bewegung zu setzen; und dies ist auch ihre Natur. Des­wegen ist sie ohne Licht nicht sichtbar, sondern durchweg jede Farbe wird im Licht gesehen. Daher muss zuerst über das Licht gesagt werden, was es ist. Also: Es gibt etwas Durchsichtiges. »Durchsichtig« nenne ich das, was zwar sichtbar, nicht aber an sich sichtbar im einfachen Sinn ist, sondern aufgrund einer fremden Farbe. Von dieser Art sind Luft, Wasser und viele Festkörper. Denn weder insofern sie Wasser noch in­sofern sie Luft sind, sind sie durchsichtig, sondern weil sie eine bestimmte Natur in sich haben, die in diesen beiden, und auch in dem ewigen himmlischen Körper, dieselbe ist. Und Licht ist dessen Wirklichkeit: des Durchsichtigen als Durchsichtigen. Dem Vermögen nach aber befindet sich dort, worin dieses ist, auch die Dunkelheit. Das Licht ist wie die Farbe des Durchsichtigen, wenn es der Vollendung nach durchsichtig ist, sei es durch Feuer oder durch etwas von der Art wie der himmlische Körper. Denn auch diesem kommt etwas zu, was (damit) ein und dasselbe ist. Was also das Durchsichtige ist und was das Licht ist, ist gesagt: nämlich dass es weder Feuer noch überhaupt Körper, noch Ausströmung irgendeines Körpers ist – denn auch so wäre es eine Art Körper –, sondern die Anwesenheit von Feuer oder etwas Derartigem im Durchsichtigen. Es ist nämlich nicht möglich, dass zwei Körper zugleich an derselben Stelle sind, und das Licht scheint der Dunkelheit entgegengesetzt zu sein. Dunkelheit ist aber die Privation des derartigen Zustands aus dem Durchsichtigen, so dass dann auch klar ist, dass dessen Anwesenheit das Licht ist. Und Empedokles, und wenn sich sonst jemand auf diese Weise geäußert hat, liegt falsch (mit der Behauptung), das Licht bewege sich fort und er-

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strecke sich zuweilen zwischen der Erde und ihrer Umgebung, jedoch ohne dass wir es bemerkten. Dies widerspricht nämlich sowohl der Evidenz der Vernunft als auch den Phänomenen: Denn auf eine kleine Entfernung könnte es uns zwar verborgen bleiben, doch dass es vom äußersten Osten bis zum äußersten Westen verborgen bleiben soll, ist zu viel verlangt. Fähig, Farbe aufzunehmen, ist das Farblose, und (fähig), Schall (aufzunehmen), ist das, was ohne Schall ist. Farblos ist aber das Durchsichtige und das Unsichtbare oder das nur mit Mühe Gesehene, wie es z.B das Dunkle zu sein scheint. Und von dieser Beschaffenheit ist das Durchsichtige, aber nicht, wenn es der Vollendung nach, sondern wenn es dem Vermögen nach durchsichtig ist. Denn dieselbe Natur ist zu einer Zeit Dunkelheit und zu eine anderen Zeit Licht. Aber nicht alles Sichtbare ist im Licht (sichtbar), sondern nur die jedem einzelnen Ding eigene Farbe. Einiges nämlich wird zwar im Licht nicht gesehen, bewirkt jedoch im Dunkeln Wahrnehmung, z. B. das, was feuerartig und leuchtend erscheint und für das es keinen gemeinsamen Namen gibt, wie etwa Pilz und Horn sowie Köpfe, Schuppen und Augen von Fischen, aber von keinem dieser Dinge wird die eigene Farbe gesehen. Aus welchem Grund sie (überhaupt) zu sehen sind, ist ein anderes Thema. Für jetzt ist so viel klar, dass das, was im Licht gesehen wird, Farbe ist, weswegen sie ohne Licht auch nicht gesehen werden kann. Denn dies war es, was es für die Farbe hieß zu sein: fähig zu sein, das der Wirklichkeit nach Durchsichtige zu bewegen. Die Vollendung des Durchsichtigen aber ist Licht. Dafür gibt es ein deutliches Zeichen: Wenn man nämlich das, was Farbe hat, direkt auf das Auge legt, wird man es nicht sehen, sondern die Farbe bewegt das Durchsichtige, z. B. die Luft, und von dieser, da sie unmittelbar an sie anschließt, wird das Sinnesorgan bewegt. Demokrit liegt nämlich falsch, wenn er glaubt, dass, wenn das Dazwischenliegende leer wäre, sogar genau gesehen werden könnte, ob eine Ameise am Himmel wäre. Denn dies ist unmöglich. Das Sehen kommt ja dadurch zustande, dass das Wahrnehmungsvermögen etwas erleidet. Nun ist es aber unmöglich, dass es von der gesehenen Farbe selbst erleidet. Es bleibt daher, dass es von



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dem Dazwischenliegenden (erleidet), so dass es notwendig etwas gibt, was dazwischen liegt. Wenn es aber leer wäre, dann sähe man nicht genau, sondern überhaupt nichts. Aus welcher Ursache die Farbe also n ­ otwendig im Licht gesehen wird, ist gesagt worden. Feuer dagegen sieht man in beidem, sowohl in der Dunkelheit als auch im Licht, und dies aus Notwendigkeit, weil das Durchsichtige durch es durchsichtig wird. Dasselbe gilt auch für Schall und Geruch. Denn keines von diesen bewirkt die Wahrnehmung, indem es selbst das Sinnesorgan berührt, sondern von Geruch und Schall wird das Dazwischenliegende bewegt und von diesem das jeweilige Sinnesorgan. Doch wenn man das Schallende oder Riechende direkt auf das Sinnesorgan legt, wird es keinerlei Wahrnehmung bewirken. Beim Tast- und Geschmackssinn verhält es sich ähnlich, doch hat es nicht den Anschein; aus welchem Grund, wird später deutlich werden. Das Dazwischenliegende für Schall ist Luft, und für Geruch ist es ohne Namen. Es gibt nämlich eine bestimmte gemeinsame Eigenschaft bei Luft und Wasser, die in diesen beiden vorkommt – so wie das Durchsichtige für Farbe, so auch für das, was Geruch hat. Es scheinen nämlich auch die im Wasser lebenden Lebewesen Geruchswahrnehmung zu haben. Aber der Mensch und alle atmenden Landlebewesen können nicht riechen, wenn sie nicht einatmen. Die Ursache davon wird später angegeben werden. 8. Jetzt wollen wir zuerst Schall und Gehör bestimmen. Der Schall ist von zweierlei Art: Einerseits nämlich ist er etwas der Wirklichkeit nach, andererseits dem Vermögen nach. Wir sagen ja von einigen Dingen, dass sie keinen Schall erzeugen, z. B. von Schwamm und Wolle; von anderen dagegen (sagen wir), dass sie dies tun, z. B. von Erz und allem, was fest und glatt ist, weil es vermögend ist zu erschallen, und das heißt, in dem, was sich zwischen ihm und dem Hörorgan befindet, einen wirklichen Schall zu erzeugen. Der Schall der Wirklichkeit nach entsteht aber immer (als Schall) von etwas, an etwas und in etwas; denn ein Schlag ist es, der ihn hervorbringt. Deswegen ist es unmöglich, dass Schall entsteht, wenn nur eines vorhanden ist.

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Schlagendes und Geschlagenes sind nämlich verschieden. Folglich erschallt das, was Schall bewirkt, an etwas. Ein Schlag aber entsteht nicht ohne Ortsbewegung. Wie wir schon gesagt haben: Der Schall ist kein (Aufeinander-)Schlag von beliebigen Gegenständen. Wolle erzeugt ja keinen Schall, wenn sie angeschlagen wird, sondern Erz und alles, was glatt und hohl ist. Das Erz (erzeugt Schall), weil es glatt ist, und Hohlkörper bringen durch Rückbrechung nach dem ersten viele Schläge hervor, da das, was in Bewegung gesetzt worden ist, nicht entweichen kann. Ferner kann man in der Luft hören und auch im Wasser, allerdings in geringerem Maße. Aber weder die Luft noch das Wasser sind ausschlaggebend für den Schall, sondern es muss ein Schlag von Festkörpern gegeneinander und auch gegen die Luft stattfinden. Und dies passiert, wenn die Luft, nachdem sie geschlagen wurde, (in diesem Zustand) verharrt und sich nicht zerstreut. Deswegen erschallt sie immer dann, wenn sie schnell und heftig geschlagen wird. Die Bewegung des Schlagenden muss nämlich der Zerstreuung der Luft zuvorkommen, so wie wenn man einen Sandhaufen bzw. einen sich schnell bewegenden Sandwirbel schlagen würde. Und ein Echo entsteht dann, wenn eine einheitlich gewordene Luftmasse durch das Gefäß, das sie umgrenzt und ihr Zerstreutwerden verhindert, wieder abgestoßen wird, so wie ein Ball. Es scheint aber immer ein Echo zu entstehen, allerdings kein deutliches, da sich beim Schall ja das gleiche ereignet wie bei dem Licht. Denn auch das Licht wird immer reflektiert – sonst gäbe es ja nicht überall Licht, sondern nur Dunkelheit außerhalb von dem, was direkt von der Sonne beschienen wird –, es wird aber nicht so reflektiert wie vom Wasser oder Erz oder einem anderen glatten Körper, so dass es einen Schatten wirft, durch den wir das Licht begrenzen. Mit Recht sagt man, dass das Leere für das Hören ausschlaggebend ist. Denn die Luft scheint leer zu sein, und sie ist es, die das Hören bewirkt, wenn sie als kontinuierliche und einheitliche bewegt wird. Dadurch jedoch, dass sie leicht zerfällt, erschallt sie nicht, wenn das Angeschlagene nicht glatt ist. Aber wenn dies der Fall ist, wird sie aufgrund der Oberfläche gleichzeitig zu einer Einheit; denn die Oberfläche des Glatten



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ist einheitlich. Schallerzeugend ist also das, was fähig ist, eine einheitliche Luftmasse in Kontinuität bis zum Gehör zu bewegen. Das Gehör ist aber von Natur mit Luft zusammengewachsen. Und aufgrund der Tatsache, dass es sich in Luft befindet, wird, wenn die äußere (Luft) bewegt wird, die innere (Luft) bewegt. Deswegen hört das Lebewesen nicht überall, und die Luft kommt auch nicht überall hindurch, weil der (Körper-) Teil, der bewegt werden soll und beseelt ist, nicht überall Luft hat. Und die Luft selbst ist ja ohne Schall, weil sie sich leicht zerstreut. Wenn sie aber gehindert wird sich zu zerstreuen, ist ihre Bewegung Schall. Die Luft in den Ohren ist dafür eingebaut, unbewegt zu sein, damit alle Unterschiede ihrer Bewegung deutlich wahrgenommen werden. Und deswegen hören wir auch im Wasser, weil es nicht bis zu der (mit dem Gehör) zusammengewachsenen Luft selbst hineinkommt, ja nicht einmal in das Ohr hinein, wegen seiner Windungen. Wenn dies aber passiert, hört man nicht. Und auch dann nicht, wenn das Trommelfell verletzt wird, so wie die Hornhaut auf dem Augeninneren, wenn sie verletzt wird. Es ist aber ein Indiz dafür, ob man hören kann oder nicht, ob das Ohr immer widerhallt so wie das Horn. Die Luft in den Ohren wird nämlich immer in einer gewissen ihr eigenen Bewegung bewegt; der Schall dagegen ist fremd, d. h. (dem Ohr) nicht eigen. Deswegen sagen sie auch, man höre durch das Leere und Widerhallende, weil wir mit dem hören, was die Luft umgrenzt hält. Erschallt das Angeschlagene oder Schlagende? Vielleicht auch beide, aber auf unterschiedliche Weise; der Schall ist nämlich eine Bewegung dessen, was das Vermögen hat, auf die Weise bewegt zu werden, in welcher die von den glatten (Oberflächen) abprallenden (Gegenstände) bewegt werden, wenn jemand sie anschlägt. Allerdings erschallt, wie gesagt, nicht alles Angeschlagene und Schlagende, z. B. wenn eine Nadel eine Nadel schlägt, sondern das Angeschlagene muss eben sein, so dass die Luft als versammelte abprallt und erschüttert wird. Die Unterschiede des Erschallenden werden aber durch den wirklichen Schall aufgezeigt. Denn so wie ohne Licht die Farben nicht gesehen werden, so auch nicht ohne Schall das Hohe

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und das Tiefe. Diese (Bezeichnungen) aber werden als Metapher vom Tast­baren übernommen: Das Hohe bewegt die Wahrnehmung nämlich in kurzer Zeit stark und das Tiefe in langer Zeit schwach. Es ist daher nicht das Hohe schnell und das Tiefe langsam, sondern die derartige Bewegung des einen entsteht durch die Schnelligkeit und die des anderen durch Langsamkeit. Und es scheint sich analog zum Spitzen und Stumpfen beim Tastsinn zu verhalten: Das Spitze sticht nämlich gleichsam, während das Stumpfe gleichsam stößt, weil das eine kurz und das andere lang bewegt; daher ergibt sich, dass das eine langsam und das andere schnell ist. Über den Schall soll die Einteilung hiermit nun vorgenommen sein. Die Stimme ist aber ein gewisser Schall eines Beseelten. Denn keines der unbeseelten Dinge hat Stimme, sondern man sagt von ihnen nur im Sinn der Ähnlichkeit, dass sie Stimme haben, z. B. eine Flöte und Lyra und alles andere Unbeseelte, das Tonlänge, Stimmung und -Farbe hat, weil es scheint, dass auch die Stimme diese (Eigenschaften) hat. Viele der Lebewesen haben keine Stimme, z. B. die blutlosen, und unter den blutführenden die Fische. Und dies aus gutem Grund, so der Schall denn eine gewisse Bewegung der Luft ist. Die jedoch, von denen es heißt, sie hätten Stimme, wie z. B. die in dem (Fluss) Acheloos, erzeugen Schall durch ihre Kiemen oder etwas anderes Derartiges, die Stimme aber ist Schall eines Lebewesens, und zwar nicht durch einen beliebigen (Körper-)Teil. Da aber alles dadurch erschallt, dass etwas schlägt, und zwar (gegen) etwas und in etwas, und dies Luft ist, so dürften aus gutem Grund wohl nur die (Lebewesen) Stimme haben, die Luft aufnehmen. Nun verwendet die Natur die eingeatmete Luft für zwei Leistungen: So wie sie auch die Zunge sowohl für das Schmecken als auch für den sprachlichen Ausdruck (verwendet) – wovon das Schmecken (für das Überleben) notwendig ist, weswegen es auch mehreren (Arten von Lebewesen) zukommt, der sprachliche Ausdruck dagegen um des guten (Lebens) willen besteht –, so (verwendet die Natur auch) den Atem sowohl für die innere Wärme, als etwas Notwendiges – der Grund dafür wird woanders genannt werden – als auch für die Stimme, damit das



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gute (Leben) stattfindet. Das Organ für die Atmung ist der Kehlkopf. Und der Zweck, um dessen willen dieser Körperteil existiert, ist die Lunge. Denn dieser Körperteil ermöglicht, dass die Landlebewesen viel mehr Wärme haben als die anderen. Aber auch die Gegend um das Herz bedarf der Atmung, und zwar an erster Stelle. Des­wegen ist es notwendig, dass Luft durch das Einatmen hineinkommt. Folglich ist Stimme das Anschlagen der eingeatmeten Luft von der in diesen Körperteilen befindlichen Seele gegen die sogenannte Luftröhre. Denn nicht jeder Schall eines Lebewesens ist Stimme, wie wir schon gesagt haben – es ist ja auch möglich, mit der Zunge Schall zu erzeugen und auch so wie die Hustenden –, sondern das Schlagende muss sowohl beseelt als auch mit einer bestimmten Vorstellung versehen sein, da die Stimme ja ein zum Bezeichnen geeigneter Schall ist. Und es ist auch nicht (der Schall) der eingeatmeten Luft, so wie das Husten, sondern mit dieser (eingeatmeten Luft) schlägt es die Luft in der Luftröhre gegen eben diese. Ein Indiz dafür ist, dass man keine Stimme hat, während man einatmet, und auch nicht, während man ausatmet, sondern nur während man (die Luft) anhält. Mit ihr setzt derjenige, der die Luft anhält, nämlich die (Stimm-)Bewegung in Gang. Damit ist auch klar, warum die Fische stimmlos sind: Sie haben ja keine Kehle. Und diesen Körperteil haben sie deshalb nicht, weil sie die Luft nicht aufnehmen und auch nicht atmen. Aus welchem Grund, ist ein anderes Thema. 9. Bei dem Geruchssinn und dem Riechbaren fällt die Einteilung weniger leicht als bei den (bisher) besprochenen (Wahrnehmungsgattungen und ihren Gegenständen). Es ist nämlich nicht so klar wie beim Schall oder der Farbe, von welcher Beschaffenheit der Geruch ist. Ursache dafür ist, dass diese Wahrnehmung bei uns nicht genau, sondern schwächer als bei vielen Lebewesen ausgebildet ist. Der Mensch kann nämlich nur schlecht riechen, und er nimmt auch keinen riechbaren Gegenstand wahr, ohne das Unangenehme oder das Angenehme (dabei zu empfinden), da sein Sinnesorgan nicht genau ist. Und es ist wahrscheinlich, dass auch die Tiere mit starren Augen

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auf diese Weise die Farben wahrnehmen und ihnen die Farbunterschiede nicht deutlich sind, bis auf das, was zu fürchten und was nicht zu fürchten ist; und so (nimmt) das Menschengeschlecht auch die Gerüche (wahr). Es scheint sich nämlich (der Geruchssinn) analog zum Geschmackssinn zu verhalten, und die Arten der Geschmäcker (verhalten) sich ähnlich denen des Geruchs, doch unser Geschmackssinn ist genauer, weil es sich dabei um eine Art Tastsinn handelt und diese Wahrnehmung beim Menschen am genauesten ist. Denn zwar bleibt (der Mensch) bei den anderen (Wahrnehmungen) hinter vielen Lebewesen zurück, beim Tastsinn ist er den anderen jedoch an Genauigkeit um vieles voraus. Deswegen ist er auch das klügste unter den Lebewesen. Ein Indiz dafür ist, dass man bei den Menschen anhand dieses und keines anderen Sinnesorgans Begabte und Unbegabte (unterscheiden kann): Die mit festem Fleisch sind nämlich unbegabt in Bezug auf das Denken und die mit weichem Fleisch begabt. Es ist mit den Gerüchen aber so wie mit dem Geschmack, der teils süß, teils bitter ist. Allerdings haben einige Dinge analogen Geruch und Geschmack – ich meine z. B. süßen Geruch und süßen Geschmack –, bei anderen aber ist das Gegenteil der Fall. Ebenso gibt es auch scharfen und sauren und pikanten und fettigen Geruch. Aber, wie wir gesagt haben, deswegen, weil die Gerüche nicht stark voneinander unterschieden sind so wie die Geschmäcker, haben sie von diesen ihre Bezeich­nungen nach Ähnlichkeit der Gegenstände erhalten: der süße (Geruch) vom Krokus und Honig und der scharfe vom Thymian und derartigen Sachen. Und auf die gleiche Weise auch bei den anderen. So wie das Gehör und jede Wahrnehmungsgattung teils für das Hörbare und NichtHörbare, teils für das Sichtbare und Nicht-Sichtbare zuständig ist, so ist auch der Geruchssinn für das Riechbare und NichtRiechbare zuständig. Nicht-riechbar ist aber einerseits das, was überhaupt unmöglich Geruch haben kann, und andererseits das, was einen schwachen oder schlechten (Geruch) hat. In gleicher Weise spricht man auch vom Nicht-Schmeckbaren. Auch der Geruchssinn erfolgt durch das Dazwischenliegende, wie Luft oder Wasser; denn auch die Wasserlebewesen schei-



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nen Geruch wahrzunehmen, blutführende und blutlose gleichermaßen, so wie auch die in der Luft. Denn auch von diesen nähern sich einige ihrer Nahrung von Weitem, nachdem sie sie gewittert haben. Deswegen scheint es auch schwer erklärlich, dass zwar alle (Lebewesen) gleichermaßen riechen können, der Mensch jedoch nur beim Einatmen, beim Ausatmen dagegen nicht, sondern vielmehr, wenn er ausatmet oder den Atem anhält, nicht riecht, und zwar weder von Weitem noch von Nahem, selbst dann nicht, wenn (der riechende Gegenstand) in die Nase gesteckt wird. Dass der direkt auf das Sinnesorgan gelegte Gegenstand nicht wahrnehmbar ist, ist zwar allen Lebewesen gemeinsam, doch dass ohne Einatmen keine Wahrnehmung stattfindet, ist den Menschen eigentümlich; dies wird klar, wenn wir die Probe machen. Folglich hätten die blutlosen (Lebewesen), da sie ja nicht einatmen, noch eine andere Wahrnehmung neben den bereits erwähnten. Aber dies ist unmöglich, so sie denn Geruch wahrnehmen. Denn das Riechen ist die Wahrnehmung des Riechbaren, sowohl des Übelriechenden als auch des Wohlriechenden. Ferner zeigt sich, dass sie von denselben heftigen Gerüchen zugrunde gehen wie auch der Mensch, z. B. von Erdpech, Schwefel und dergleichen. Also ist es zwar notwendig, dass sie riechen, nicht aber dadurch, dass sie einatmen. Und bei den Menschen scheint sich dieses Sinnesorgan im Vergleich zu dem der anderen Lebewesen auf die Weise zu unterscheiden, wie die (menschlichen) Augen sich von denen der Lebewesen mit starren Augen (unterscheiden); erstere haben ihre Lider nämlich als einen Verschluss und wie eine Hülse, so dass sie nicht sehen können, wenn sie diese nicht bewegen und hochziehen, doch die Lebewesen mit starren Augen haben nichts dergleichen, sondern sehen unmittelbar, was sich im Durchsichtigen zuträgt. Auf die Weise also ist bei den einen das Geruchsorgan unbedeckt, wie das Auge, bei denen aber, die Luft aufnehmen, hat es eine Bedeckung, die beim Einatmen geöffnet wird, wenn sich die Äderchen und Gänge erweitern. Deswegen können die Lebewesen mit Atmung im Feuchten auch nicht riechen. Sie müssen ja einatmen, um zu riechen, und dies im Feuchten zu tun ist unmöglich. Der Ge-

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ruch ist von dem, was trocken ist, so wie der Geschmack von dem ist, was feucht ist, und das Geruchsorgan ist dem Vermögen nach auf diese Weise beschaffen. 10. Das Schmeckbare ist etwas Tastbares. Und dies ist auch die Ursache dafür, dass es nicht durch das Dazwischenliegende als ein zu einem anderen gehöriger Körper wahrnehmbar ist. Es ist es nämlich auch nicht für den Tastsinn. Und der Körper, in dem sich der Geschmack befindet, der schmeckbare Gegenstand, befindet sich im Feuchten wie in einer Materie; und dieses (Feuchte) ist etwas Tastbares. Deswegen würden wir auch dann, wenn wir im Wasser wären, das Süße wahrnehmen, wenn es vorher hineingeworfen worden wäre; unsere Wahrnehmung würde dann aber nicht durch das Dazwischenliegende stattfinden, sondern dadurch, dass es mit dem Feuchten vermischt wäre, ganz wie bei einem Getränk. Die Farbe wird aber nicht auf diese Weise durch ihr Vermischt-Sein wahrgenommen und auch nicht durch ihre Ausströmungen. Es gibt (beim Geschmackssinn) also kein Dazwischenliegendes. Und so wie Farbe das Sichtbare ist, so ist der Geschmack das Schmeckbare. Nichts aber bewirkt eine Wahrnehmung von Geschmack ohne Feuchtigkeit, sondern es hat entweder der Wirklichkeit oder dem Vermögen nach Feuchtigkeit, so wie das Salzige. Dies löst sich (im Wasser) nämlich leicht auf und verschmilzt leicht mit der Zunge. Und so wie der Gesichtssinn sowohl für das Sichtbare als auch für das Unsichtbare zuständig ist – denn die Dunkelheit ist unsichtbar, aber auch diese unterscheidet der Gesichtssinn –, ferner für das, was zu hell ist – denn auch dieses ist unsichtbar, jedoch auf eine andere Weise als die Dunkelheit –, so ist auch das Gehör sowohl für Schall als auch für Stille (zuständig), von denen das eine hörbar und das andere unhörbar ist, und auch für den lauten Schall, so wie auch das Sehen für das Helle (zuständig ist). Denn so wie der leise Schall unhörbar ist, so auf gewisse Weise auch der laute und gewaltsame. »Unsichtbar« aber wird teils schlechthin ausgesagt, so wie auch in anderen Bereichen »unmöglich« (ausgesagt wird), teils aber auch, wenn etwas, obwohl es von Natur darauf aus-



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gerichtet ist, es dies nicht hat bzw. in schlechter Weise hat, so wie das Fußlose und das Kernlose. Auf diese Weise ist offenbar auch der Geschmackssinn sowohl für das Schmeckbare als auch für das Nicht-Schmeckbare zuständig, und dies ist das, was einen geringen oder schlechten Geschmack hat bzw. fähig ist, den Geschmackssinn zu verderben. Ausgangspunkt (der Geschmäcker) scheint aber das Trinkbare und Nicht-Trinkbare zu sein, es gibt nämlich ein Schmecken von jedem von beiden, doch (das Schmecken) des einen ist schlecht und verderblich für den Geschmackssinn, das des anderen dagegen ist naturgemäß. Das Trinkbare ist dem Tastsinn und Geschmackssinn gemeinsam. Und da das Schmeckbare feucht ist, ist notwendig auch das für es zuständige Sinnesorgan weder der Vollendung nach feucht, noch ist es unvermögend, befeuchtet zu werden. Denn der Geschmackssinn erleidet etwas von dem Schmeckbaren, insofern es schmeckbar ist. Es ist also notwendig, dass das zum Schmecken fähige Organ, als eines, welches zwar das Vermögen hat, feucht zu werden, ohne Schaden zu nehmen, jedoch nicht (bereits) feucht ist, feucht gemacht wird. Dies zeigt sich daran, dass die Zunge weder dann wahrnimmt, wenn sie ausgetrocknet ist, noch wenn sie zu feucht ist. Sie wird nämlich durch Kontakt mit dem unmittelbar nächsten Feuchten (feucht), so wie wenn man einen starken Geschmack geschmeckt hat und dann einen anderen schmeckt und so wie den Kranken alles bitter erscheint, weil sie mit ihrer Zunge wahrnehmen, die voll von solcher (bitteren) Feuchtigkeit ist. Bei den Arten des Geschmacks sind aber, so wie auch bei den Farben, die entgegengesetzten einfache, das Süße und das Bittere, und an das eine schließen sich das Fette, an das andere (sc. das Bittere) das Salzige an. Zwischen diesen befinden sich das Scharfe und das Saure und das Herbe und Pikante. Dies scheinen nämlich in etwa die Unterschiede bei den Geschmäckern zu sein, so dass das Vermögen zu schmecken dem Vermögen nach von solcher Beschaffenheit ist (wie diese Unterschiede) und schmeckbar dasjenige ist, was dessen Vollendung bewirken kann.

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11. Und für das Tastbare und den Tastsinn gilt dasselbe. Wenn der Tastsinn nämlich nicht eine Wahrnehmung ist, sondern mehrere, ist notwendig, dass auch die tastbaren Wahrnehmungsgegenstände mehrere sind. Es bereitet aber eine Schwierigkeit, ob es mehrere (Wahrnehmungen) sind oder eine und auch, was das Wahrnehmungsorgan des Tastvermögens ist, ob es das Fleisch und bei den anderen (Lebewesen) das Entsprechende ist oder nicht oder ob dies (das Fleisch) nur das Dazwischenliegende, das primäre Wahrnehmungsorgan aber etwas anderes, im Inneren (des Körpers Befindliches) ist. Denn es scheint jede Wahrnehmung für ein einziges Gegensatzpaar zuständig zu sein, z. B. das Sehen für Helles und Dunkles, das Gehör für Hohes und Tiefes und der Geschmack für Bitteres und Süßes, im Tastbaren dagegen sind viele Gegensatzpaare enthalten: warm – kalt, trocken – feucht, hart – weich und alles andere Derartige. Es bedeutet aber eine gewisse Milderung jedenfalls dieser Schwierigkeit, dass es auch bei den anderen Wahrnehmungen mehrere Gegensatzpaare gibt: z. B. (gibt es) bei der Stimme nicht nur Höhe und Tiefe, sondern auch das Laute und Leise und Glätte und Rauheit der Stimme und anderes Derartiges. Und auch bei der Farbe gibt es andere derartige Unterschiede. Aber was – so wie für das Gehör der Schall – das eine Zugrundeliegende für den Tastsinn ist, ist nicht klar. Hinsichtlich der Frage, ob das Wahrnehmungsorgan sich im Inneren befindet oder nicht, sondern es unmittelbar das Fleisch ist, scheint der Umstand, dass die Wahrnehmung gleichzeitig mit der Berührung stattfindet, kein Indiz zu sein. Denn auch wenn man jetzt eine künstliche Haut um das Fleisch spannte, würde sie ebenso die Wahrnehmung unmittelbar bei der Berührung anzeigen; und doch ist klar, dass sich das Wahrnehmungsorgan nicht darin befindet. Und wenn sie noch (mit dem Fleisch) zusammenwüchse, würde die Wahrnehmung noch schneller hindurchgelangen. Deswegen scheint der Teil unseres Körpers, der so beschaffen ist, sich so zu verhalten, wie wenn die Luft rings um uns herumgewachsen wäre. Denn dann würden wir gewiss meinen, mit einem einzelnen (Organ) sowohl Schall als auch Farbe als auch Geruch wahrzunehmen



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und dass Sehen, Gehör und Geruchssinn eine einzige Wahrnehmungsgattung wären. Nun ist aber dadurch, dass das, wodurch uns die Bewegungen erreichen, (jeweils voneinander) abgetrennt ist, offensichtlich, dass die besagten Wahrnehmungsorgane verschieden sind. Aber beim Tastsinn ist dies nun unklar. Denn aus Luft oder Wasser kann der beseelte Körper unmöglich zusammengesetzt sein; denn es muss etwas Festes da sein. Bleibt also, dass er aus Erde und diesen (Luft und Wasser) gemischt ist, wie es das Fleisch und sein Analogon tendenziell sind. Es folgt, dass notwendig der Körper auch das angewachsene Dazwischenliegende des Tast­vermögens ist, durch das die Wahrnehmungen – die mehrere sind – erfolgen. Dass es aber mehrere sind, zeigt die Tastwahrnehmung bei der Zunge. Sie nimmt nämlich mit dem gleichen Körperteil alle tastbaren Qualitäten und auch den Geschmack wahr. Wenn nun auch das übrige Fleisch Geschmack wahrnehmen könnte, würde es den Anschein haben, dass das Schmecken und das Tasten ein und dieselbe Wahrnehmung wären. Nun sind es aber zwei, weil sich nicht von dem einen auf das andere schließen lässt. Man könnte aber folgende Schwierigkeit aufwerfen: Wenn jeder Körper Tiefe hat – dies ist die dritte Dimension – und es nicht möglich ist, dass zwei Körper einander berühren, zwischen denen ein (weiterer) Körper liegt, und wenn es das Feuchte nicht ohne Körper gibt und das Nasse auch nicht, sondern es notwendig Wasser ist bzw. hat und wenn außerdem das, was einander im Wasser berührt, da die Oberflächen nicht trocken sind, notwendig Wasser zwischen sich hat, womit seine Ränder bedeckt sind; wenn dies wahr ist, dann ist es unmöglich, dass ein (Körper) den anderen im Wasser berührt, und ebenso auch in der Luft. Denn die Luft verhält sich zu dem, was sich in ihr befindet, wie das Wasser zu dem, was sich im Wasser befindet, doch bleibt uns dies eher verborgen, so wie es auch den Tieren im Wasser verborgen bleibt, wenn Nasses sich mit Nassem berührt. (Die Schwierigkeit besteht dann darin,) ob die Wahrnehmung also von allen Gegenständen auf gleiche Weise erfolgt oder bei unterschiedlichen Gegenständen auf unterschiedliche Weise, so wie jetzt das Schmecken und das Ta-

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sten durch das (unmittelbare) Berühren, die anderen aber von ferne erfolgen. Doch so ist es nicht, sondern wir nehmen auch das Harte und Weiche durch anderes wahr, so wie auch das Erschallende und das Sichtbare und das Riechbare, allerdings das eine von W ­ eitem und das andere von Nahem. Deswegen bleibt es (das ­Dazwischenliegende) verborgen, da wir eben alles durch das Dazwischenliegende wahrnehmen, doch bei diesen (Tast­gegenständen) bleibt es verborgen. Gleichwohl, so wie wir auch schon vorher gesagt haben, selbst wenn wir alle tastbaren Gegenstände durch eine Haut wahrnähmen und es uns verborgen bliebe, dass sie uns (von den Gegenständen) trennt, so würden wir uns ebenso verhalten wie jetzt im Wasser oder in der Luft; denn wir sind jetzt der Meinung, sie selbst zu berühren, und dass nichts dazwischen liegt. Allerdings unterscheidet sich das Tastbare vom Sichtbaren und von dem, was fähig ist, Schall zu erzeugen, weil wir diese dadurch wahrnehmen, dass das Dazwischenliegende etwas in uns bewirkt, während wir bei den tastbaren Gegenständen nicht durch das Dazwischenliegende, sondern zusammen mit dem Dazwischenliegenden (etwas erleiden), wie einer, der durch seinen Schild getroffen wird. Der Schild schlägt ihn nämlich nicht als einer, der bereits getroffen wurde, sondern beide werden gleichzeitig geschlagen. Überhaupt scheinen sich das Fleisch und die Zunge zu ihrem Wahrnehmungsorgan genau so zu verhalten, wie die Luft und das Wasser sich zum Gesichtssinn, Gehör und Geruchssinn verhalten. Denn weder hier noch dort kommt es zur Wahrnehmung, wenn das Wahrnehmungsorgan selbst berührt wird, z. B. wenn man einen weißen Körper auf das Äußere des Auges legt. Dadurch ist auch klar, dass das Wahrnehmungsvermögen des Tastbaren sich im Inneren befindet. Denn so dürfte sich ereignen, was sich auch bei den anderen (Wahrnehmungen ereignet): Was auf das Wahrnehmungsorgan gelegt wird, wird nämlich nicht wahrgenommen, was dagegen auf das Fleisch gelegt wird, wird wahrgenommen. Folglich ist das Dazwischenliegende des Tast­baren das Fleisch. Nun sind tastbar die Unterschiede des Körpers, insofern er Körper ist. Mit den Unterschieden meine ich die, welche die Elemente definieren, (näm-



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lich) warm – kalt, trocken – feucht, über die wir vorher in der Abhandlung über die Elemente gesprochen haben. Das Wahrnehmungsorgan für diese (tastbaren Qualitäten) ist das tastfähige (Organ). Und das, worin als Erstem der sogenannte Tastsinn als Wahrnehmung vorkommt, ist der Körperteil, der dem Vermögen nach von dieser Beschaffenheit ist. Das Wahrnehmen ist nämlich eine Art Erleiden. Folglich macht der bewirkende (Gegenstand) den (Körperteil), der dem Vermögen nach (ist wie er), der Wirklichkeit nach wie sich selbst. Deswegen nehmen wir das gleichermaßen Warme und Kalte oder Harte und Weiche nicht wahr, sondern die Überschreitungen, da die Wahrnehmung wie eine Art Mitte des Gegensatzes in den wahrnehmbaren Gegenständen ist. Deswegen unterscheidet sie auch die wahrnehmbaren Gegenstände; denn das Mittlere ist fähig zu unterscheiden. Es wird nämlich relativ zu jedem von beiden zu dem jeweils anderen Extrem. Und so wie das, was in der Lage sein soll, hell und dunkel wahrzunehmen, der Wirklichkeit nach keines von beiden sein darf, dem Vermögen nach aber beides – und entsprechend auch bei den anderen (Wahrnehmungsgattungen) –, so darf es auch beim Tastsinn weder warm noch kalt sein. Ferner: So wie das Sehen auf gewisse Weise für das Sichtbare und Unsichtbare zuständig war und ebenso auch die übrigen Gegensätze (jeweils eine für sie zuständige Wahrnehmungsgattung haben), so ist auch der Tastsinn für das Tastbare und Nicht-Tastbare zuständig; nicht-tastbar aber ist sowohl das, was einen sehr geringen Unterschied des Tastbaren aufweist, wie etwa die Luft, als auch die Überschreitungen des Tastbaren, wie das, was (die Wahrnehmung) zerstört. Nun ist im Umriss über jede einzelne Wahrnehmungsgattung gesprochen worden. 12. Es muss allgemein für alle Wahrnehmung festgehalten werden, dass die Wahrnehmung das ist, was die wahrnehmbaren Formen ohne die Materie aufzunehmen fähig ist, so wie das Wachs das Siegelzeichen des Ringes ohne das Eisen und das Gold aufnimmt und das goldene bzw. eherne Siegelzeichen erfasst, jedoch nicht insofern es Gold oder Erz ist. Ebenso erlei-

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det auch die Wahrnehmung eines jeden von dem, das Farbe oder Geschmack oder Schall hat, aber nicht insofern jedes (als eines von diesen) bezeichnet wird, sondern insofern es von einer bestimmten Beschaffenheit ist und der Proportion gemäß. Wahrnehmungsorgan aber ist primär das, in dem sich ein solches Vermögen befindet. Nun ist es zwar dasselbe, aber dem Sein nach verschieden. Denn das Wahrgenommene dürfte zwar wohl ein Ausgedehntes sein, jedoch ist weder das, was es heißt, wahrnehmungsfähig zu sein, noch die Wahrnehmung etwas Ausgedehntes, sondern eine bestimmte Proportion und Vermögen von jenem (Organ). Hieraus wird auch klar, warum das Übermaß der wahrnehmbaren Gegenstände die Wahrnehmungsorgane zerstört. Wenn die Bewegung nämlich stärker ist als das Wahrnehmungsorgan, wird die Proportion aufgelöst – hierin aber bestand die Wahrnehmung –, so wie auch der Zusammenklang und die (richtige) Spannung, wenn die Saiten zu heftig angeschlagen werden. Auch (wird klar,) warum die Gewächse nicht wahrnehmen, obwohl sie einen seelischen Teil haben und auch etwas von den tastbaren Gegenständen erleiden; sie werden ja auch kalt und warm. Ursache dafür ist nämlich, dass sie keine (zur Wahrnehmung befähigende) Mitte haben und auch kein solches Prinzip, das in der Lage ist, die Formen des Wahrnehmbaren aufzunehmen, sondern sie erleiden zusammen mit der Materie. Man könnte aber die Schwierigkeit aufwerfen, ob das, was nicht fähig ist zu riechen, vom Geruch etwas erleiden könnte bzw. das, was nicht fähig ist zu sehen, von der Farbe, und ebenso auch bei den anderen. Wenn aber das, was man riechen kann, Geruch ist, (und) der Geruch, wenn er überhaupt etwas bewirkt, das Riechen bewirkt, so ist nichts von dem, was nicht fähig ist zu riechen, in der Lage, etwas vom Geruch zu erleiden. Dasselbe gilt auch für die anderen (Wahrnehmungsgattungen) und sogar für die, die dazu fähig sind (wahrzunehmen), außer insofern ein jedes fähig ist wahrzunehmen. Dies wird aber zugleich mit Folgendem klar: Denn weder Licht noch Dunkelheit, noch Schall oder Geruch bewirken irgendetwas in Bezug auf die Körper, sondern die (Körper), in denen sie sich befinden, so wie die mit



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Donner verbundene Luft das Holz spaltet. Aber die tastbaren Gegenstände und die Gerüche wirken (auf die Körper ein). Denn wenn nicht, wovon würde sonst das Unbeseelte erleiden und verändert werden? Wirken also auch jene (nicht tastbaren Wahrnehmungsgegenstände auf die Körper) ein bzw. ist nicht vielleicht jeder Körper fähig, etwas vom Geruch und Schall zu erleiden, und die (Körper), die es erleiden, sind (lediglich) unbestimmt und unbeständig wie Luft? Sie riecht nämlich, so als hätte sie etwas erlitten. Was also ist das Riechen über das Erleiden von etwas hinaus? Oder ist etwa das Riechen ein Wahrnehmen, die Luft dagegen wird, wenn sie schnell affiziert worden ist, wahrnehmbar?

III

1. Davon, dass es keine andere Wahrnehmungsgattung neben den fünf gibt – unter diesen verstehe ich aber Gesichtssinn, Gehör, Geruchssinn, Geschmackssinn und Tastsinn –, kann man sich aus Folgendem überzeugen: Wenn wir nämlich von allem, wovon Tastsinn die Wahrnehmung ist, schon jetzt eine Wahrnehmung haben – denn alle Eigenschaften des tast­baren Gegenstandes, insofern sie tastbar sind, sind für uns durch den Tastsinn wahrnehmbar –, ist es auch notwendig, dass uns, falls uns eine Wahrnehmungsgattung fehlt, auch ein Wahrnehmungsorgan fehlt. Und alles, was wir dadurch wahrnehmen, dass wir es selbst berühren, ist durch den Tastsinn wahrnehmbar, den wir ja besitzen; all das dagegen, was wir durch ein Dazwischenliegendes (wahrnehmen) und nicht durch direkte Berührung, ist durch die einfachen (Körper wahrnehmbar), ich meine aber z. B. durch Wasser und Luft. Es verhält sich aber so, dass wenn durch einen (einfachen Körper) mehrere der Gattung nach voneinander verschiedene Gegenstände wahrnehmbar sind, notwendig derjenige, der ein so beschaffenes Wahrnehmungsorgan hat, fähig ist, beide wahrzu­nehmen – wenn z. B. das Wahrnehmungsorgan aus Luft besteht, dann ist die Luft auch (das Dazwischenliegende) des Schalls und der Farbe –, wenn dagegen mehrere (einfache Körper) demselben (Wahrnehmungsgegenstand zukommen), wie etwa der Farbe sowohl Luft als auch Wasser – sie sind nämlich beide durchsichtig –, dann wird auch derjenige, der nur einen von ihnen (als Beschaffenheit seines Wahrnehmungsorgans) hat, den durch beide (Körper wahrnehmbaren Gegenstand) wahrnehmen. Wahrnehmungsorgane aber bestehen nur aus diesen zweien unter den einfachen Körpern, aus Luft und Wasser – die Pupille nämlich besteht aus Wasser, das Hörorgan aus Luft, und das Geruchsorgan besteht aus einem von beiden –, das Feuer aber kommt keinem zu bzw. ist allen gemeinsam, denn ohne

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Wärme ist nichts fähig wahrzunehmen; Erde dagegen kommt entweder keinem zu bzw. ist noch am ehesten speziell mit dem Tastsinn vermischt. Des­wegen dürfte wohl übrig bleiben, dass es kein Wahrnehmungsorgan außer den aus Wasser und Luft (bestehenden) gibt; und diese besitzen einige Lebewesen jetzt auch. Es werden also alle Wahrnehmungsgattungen von den (Lebe­wesen) besessen, sofern sie weder unvollkommen noch verstümmelt sind; denn offenbar hat auch der Maulwurf unter der Haut Augen. Folglich dürfte, wenn es keinen anderen (einfachen) Körper gibt und keine Affektion, die keinem der hiesigen Körper zukommt, auch keine Wahrnehmungsgattung fehlen. Allerdings kann es auch kein eigentümliches Wahrnehmungsorgan für die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände geben, die wir durch jede einzelne Wahrnehmungsgattung auf akzidentelle Weise wahrnehmen, wie Bewegung, Stillstand, Gestalt, Ausdehnung, Anzahl und Einheit; denn diese nehmen wir alle durch Bewegung wahr – z. B. Ausdehnung durch Bewegung und folglich auch Gestalt, denn die Gestalt ist eine Art von Ausdehnung, das Ruhende aber durch das Nichtbewegtsein und die Anzahl durch die Negation der Kontinuität – und durch die eigentümlichen Wahrnehmungsgegenstände; denn jede Wahrnehmungsgattung nimmt einen (von diesen) wahr. Folglich ist klar, dass es unmöglich von irgendeinem dieser (gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) eine eigentümliche Wahrnehmung gibt, z. B. von Bewegung; dies wäre nämlich so, wie wenn wir jetzt durch den Sehsinn das Süße wahrnehmen würden. Dies ist aber nur deswegen möglich, weil es sich trifft, dass wir von beiden eine (jeweils eigene) Wahrnehmung haben, wodurch wir sie auch, wenn sie zusammenfallen, zugleich erkennen. Wäre dem nicht so, würden wir (die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) gar nicht, außer auf akzidentelle Weise wahrnehmen, so wie wir den Sohn des Kleon nicht deswegen wahrnehmen, weil er der Sohn des Kleon ist, sondern weil er weiß ist; und diesem (Weißen) kommt es akzidentell zu, Sohn des Kleon zu sein. Von den gemeinsamen Wahrnehmungsgegenständen haben wir jedoch bereits eine gemeinsame Wahrnehmung, die nicht akzidentell ist; es handelt sich bei ih-



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nen also nicht um eigentümliche Wahrnehmungsgegenstände, denn (sonst) würden wir auf keine andere Weise wahrnehmen als so, wie gesagt wurde, dass wir den Sohn des Kleon sehen. Die (verschiedenen) Wahrnehmungsgattungen nehmen die eigentümlichen Gegenstände der jeweils anderen auf akzidentelle Weise wahr, d. h. nicht insofern sie es jeweils sind, sondern insofern sie eine (Wahrnehmung) sind, wenn die Wahrnehmung zugleich stattfindet und denselben (Gegenstand) betrifft, z. B. (die Wahrnehmung), dass die Galle bitter und gelb ist; denn es kommt jedenfalls keiner anderen (als der akzidentellen Wahrnehmung) zu, zu sagen, dass beide eines sind; deswegen kann sie sich auch täuschen und glaubt, wenn es gelb ist, sei es Galle. Man könnte aber untersuchen, weshalb wir mehrere Wahrnehmungsgattungen haben und nicht eine einzige. Ist es etwa, damit uns die begleitenden und gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände, wie Bewegung, Ausdehnung und Anzahl, weniger entgehen? Wenn es nämlich nur den Sehsinn gäbe und dieser auf Weißes ausgerichtet wäre, dann würden sie (die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) uns eher entgehen und alles würde uns dasselbe zu sein scheinen, weil Farbe und Ausdehnung zugleich miteinander einhergingen. Da die gemeinsamen (Wahrnehmungsgegenstände) nun aber auch in e­ inem anderen Wahrnehmungsgegenstand vorkommen, wird klar, dass jedes davon etwas anderes ist. 2. Da wir wahrnehmen, dass wir sehen und hören, ist es notwendig, dass man entweder mit dem Gesichtssinn wahrnimmt, dass man sieht, oder mit einem anderen. Aber dann wird sich die gleiche (Wahrnehmung) sowohl auf den Gesichtssinn als auch auf die zugrundeliegende Farbe beziehen, so dass sich entweder zwei (Wahrnehmungen) auf denselben Gegenstand beziehen werden oder sie sich auf sich selbst. Ferner aber wird sich, wenn es auch eine andere Wahrnehmung geben sollte, die sich auf das Sehen bezieht, entweder ein unendlicher Regress ergeben, oder irgendeine (Wahrnehmung) wird sich auf sich selbst beziehen. Man wird dies daher bei der ersten anzusetzen haben. Dies hat aber eine Schwierig-

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keit: Wenn nämlich »mit dem Gesichtssinn wahrnehmen« sehen bedeutet und Farbe oder das, was sie (die Farbe) hat, gesehen wird, dann wird, wenn man das Sehende sieht, das ursprünglich Sehende auch Farbe haben. Es ist also klar, dass »mit dem Gesichtssinn wahrnehmen« nicht (bloß) eine Bedeutung hat. Denn auch dann, wenn wir nicht sehen, unterscheiden wir mit dem Gesichtssinn die Dunkelheit vom Licht, allerdings nicht auf dieselbe Weise. Außerdem ist auch das Sehende auf gewisse Weise gefärbt. Jedes Wahrnehmungsorgan ist nämlich fähig, den Wahrnehmungsgegenstand ohne seine Materie aufzunehmen. Deswegen bleiben auch, nachdem die Wahrnehmungsgegenstände nicht mehr da sind, Wahrnehmungen, bzw. Vorstellungen, in den Wahrnehmungsorganen. Die Wirklichkeit des Wahrnehmungsgegenstandes und der Wahrnehmung ist ein und dieselbe, das Sein ist für sie aber nicht dasselbe. Ich meine z. B. den wirklichen Schall und das wirkliche Gehör. Es ist nämlich möglich, dass derjenige, der Gehör hat, nicht hört, und auch das, was Schall erzeugen kann, erschallt nicht immer. Wenn aber das, was hören kann, wirklich (hört) und das, was Schall erzeugen kann, (wirklich) Schall erzeugt, dann entstehen gleichzeitig das wirkliche Gehör und der wirkliche Schall, von denen man das eine »Hörung« und das andere »Schallung« nennen könnte. Wenn daher die Bewegung, d. h. sowohl das Bewirken als auch das Leiden, in dem sind, was hervorgebracht wird, dann sind notwendig auch der Schall und das wirkliche Gehör in dem, was dem Vermögen nach (Schall und Gehör) ist. Denn die Wirklichkeit desjenigen, das bewirken und bewegen kann, entsteht im Leidenden. Deswegen ist es nicht notwendig, dass das Bewegende bewegt wird. Also ist die Wirklichkeit dessen, was vermögend ist, Schall zu erzeugen, Schall bzw. »Schallung« und Gehör bzw. »Hörung« die Wirklichkeit dessen, was vermögend ist zu hören. Denn »Gehör« meint zweierlei und »Schall« meint zweierlei. Und das Gleiche gilt auch für die anderen Wahrnehmungsgattungen und Wahrnehmungsgegenstände. So nämlich wie das Wirken und das Leiden im Leidenden, nicht aber im Wirkenden sind, so ist auch die Wirklichkeit des wahrnehmbaren Gegenstan-



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des und die des Wahrnehmungsvermögens in dem Wahrnehmungsvermögen. Aber in einigen Fällen haben wir dafür eine Bezeichnung, z. B. bei der »Schallung« und der »Hörung«, in anderen Fällen dagegen ist eines von beiden ohne Namen: So wird die Wirklichkeit des Gesichtssinns »Sehung« genannt, die der Farbe dagegen ist ohne Namen, und »Schmeckung« ist die (Wirklichkeit) des Vermögens zu schmecken, während die des Geschmackes ohne Namen ist. Da die Wirklichkeit des Wahrnehmungsgegenstandes und des Wahrnehmungsvermögens eine einzige, aber dem Sein nach verschieden ist, ist es notwendig, dass die auf diese Weise (d. h. der Wirklichkeit nach) ausgesagten Gehör und Schall und so auch Geschmack und Schmecken gleichzeitig zugrunde gehen und erhalten bleiben. Und ebenso auch die Übrigen. Doch bei dem, was dem Vermögen nach ausgesagt wird, ist dies nicht notwendig. Hierin lagen die früheren Naturphilosophen allerdings falsch, da sie glaubten, ohne Sehen gebe es weder weiß noch schwarz und auch nicht Geschmack ohne Schmecken. Denn einesteils lagen sie richtig, andernteils aber nicht richtig. Da die Wahrnehmung und der wahrnehmbare Gegenstand nämlich zweifach ausgesagt werden, einerseits dem Vermögen und andererseits der Wirklichkeit nach, trifft das Gesagte bei Letzterem zu, bei dem anderen aber trifft es nicht zu. Aber jene haben sich in einfacher Weise über Dinge geäußert, die auf nicht einfache Weise ausgesagt werden. Wenn Zusammenstimmen also eine Art von Stimme ist und die Stimme und Gehör auf gewisse Weise eines und dasselbe, auf gewisse Weise auch nicht eines ist, das Zusammenstimmen aber eine Proportion ist, dann ist notwendig, dass auch das Gehör eine Art von Proportion ist. Und deswegen verdirbt auch jedes Übermäßige, sei es das Hohe oder das Tiefe, das Gehör. Und ebenso wird bei den (übermäßigen) Geschmäckern der Geschmackssinn (verdorben) und bei Farben (verdirbt) das allzu Helle oder Dunkle den Gesichtssinn und beim Geruchssinn der heftige Geruch, sowohl der (übermäßig) süße als auch der (übermäßig) bittere, da die Wahrnehmung eine Art von Proportion ist. Deswegen ist es auch angenehm, wenn (Wahr-

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nehmungsgegenstände), die rein und unvermischt sind, in eine Proportion gebracht werden, z. B. das Hohe oder Süße oder Salzige, dann nämlich sind sie angenehm. Überhaupt ist das Gemischte in höherem Maße Zusammenklang als das Hohe oder das Tiefe [und für den Tastsinn das Erwärmte oder Gekühlte]. Die Wahrnehmung ist aber die Proportion; übermäßige (Wahrnehmungsgegenstände) dagegen bereiten Schmerzen oder Verderben. Nun bezieht sich jede Wahrnehmungsgattung auf den ihr zugrundeliegenden Wahrnehmungsgegenstand, befindet sich im Wahrnehmungsorgan, insofern es Wahrnehmungsorgan ist, und unterscheidet die Unterschiede ihres zugrundeliegenden Wahrnehmungsgegenstandes, z. B. der Gesichtssinn weiß und schwarz, der Geschmackssinn süß und bitter. Und ebenso verhält sich dies auch bei den anderen (Wahrnehmungsgattungen). Da wir aber das Weiße und das Süße und jeden wahrnehmbaren Gegenstand von jedem (anderen) unterscheiden, nehmen wir auch mit irgendetwas wahr, dass sie sich unterscheiden. Offenbar notwendig durch Wahrnehmung; es sind ja wahrnehmbare Gegenstände. Hierdurch wird auch klar, weswegen das Fleisch nicht das äußerste Wahrnehmungs­organ ist; denn dann wäre es notwendig, dass (das unterscheidende Organ), wenn es sich selbst berührt, das Unterscheidende unterscheidet. Und offenbar ist es auch nicht möglich, mit (voneinander) getrennten (Vermögen) zu unterscheiden, dass das Süße vom Weißen verschieden ist, sondern beides muss einem Einzigen klar sein. Denn andernfalls müsste dann, wenn ich das eine und du das andere wahrnähmest, klar sein, dass es voneinander Verschiedenes ist; doch es muss das Eine sagen, dass sie verschieden sind, das Süße ist ja vom Weißen verschieden. Ein und dasselbe also sagt es. Daher: So wie es es sagt, so denkt es es auch und nimmt es wahr. Dass es also nicht möglich ist, die getrennten Gegenstände mit getrennten (Vermögen voneinander) zu unterscheiden, ist klar; dass (dies) aber auch nicht zu einer getrennten Zeit (möglich ist), ergibt sich aus Folgendem: So nämlich, wie es dasselbe ist, welches das Gute und das Schlechte als verschieden aussagt, so sagt es (damit)



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von dem einen auch aus, wann es von dem anderen verschieden ist, wobei das »wann« nicht akzidentell ist. Ich meine aber so, wie ich jetzt sage, dass es verschieden ist, nicht jedoch, dass es jetzt verschieden ist, sondern sowohl jetzt als auch, dass es jetzt ist, also zugleich. Folglich ist es ungetrennt und zu einer ungetrennten Zeit. Indessen: Dass dasselbe zugleich auf entgegengesetzte Weise bewegt wird, insofern es ungeteilt ist und in ungeteilter Zeit, ist unmöglich. Denn, wenn es süß ist, bewegt es die Wahrnehmung bzw. das Denken in dieser bestimmten Weise, das Bittere in entgegengesetzter und das Weiße in anderer Weise. Ist das Unterscheidende also zugleich zwar der Zahl nach ungeteilt und ungetrennt, dem Sein nach aber getrennt? Es gibt daher eine Weise, in der das Geteilte die geteilten (Wahrnehmungsgegenstände) wahrnimmt, es gibt aber auch eine Weise, in der es ungeteilt ist. Denn dem Sein nach ist es geteilt, dem Ort und der Zahl nach jedoch ungeteilt. Oder ist dies nicht möglich? Denn das Selbe und Ungeteilte ist zwar dem Vermögen nach Entgegengesetztes, nicht jedoch dem Sein nach, sondern es ist durch sein Wirklich-Sein geteilt, und es ist nicht möglich, gleichzeitig (der Wirklichkeit nach) hell und dunkel zu sein, und folglich auch nicht, deren Formen zu erleiden, wenn die Wahrnehmung und das Denken denn von dieser Art sind – es sei denn in der Weise, in der das, was manche den Punkt nennen, der, insofern er einer oder zwei (ist), auch teilbar ist. Insofern es also ungeteilt ist, ist das Unterscheidende eines und zugleich, insofern es aber geteilt ist, gebraucht es denselben Punkt zugleich in zweifacher Weise; insofern es nun die Grenze als zwei gebraucht, unterscheidet es zwei, und zwar abgetrennte (Gegenstände) mit einem auf gewisse Weise abgetrennten (Vermögen); insofern es aber eines ist (gebraucht es die Grenze) als eines und zugleich. Das Prinzip, aufgrund dessen wir sagen, dass das Lebewesen wahrnehmungsfähig ist, soll also in dieser Weise behandelt sein. 3. Da sie die Seele aber hauptsächlich durch zwei Unterschiede bestimmen, nämlich sowohl durch Ortsbewegung als auch durch Denken und Unterscheiden im Sinne von Wahrneh-

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men, scheint auch das Denken bzw. das Einsehen so wie eine Art Wahrnehmen zu sein. Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom Seienden. Und auch die Alten behaupten ja, dass Einsehen und Wahrnehmen dasselbe seien, so wie auch Empedokles gesagt hat: »Mit Bezug auf das, was zugegen ist, erwächst den Menschen der Verstand«, und an anderer Stelle: »weshalb ihnen die Einsicht immer andere Dinge bereitstellt«, und dasselbe will auch das homerische Wort »denn so beschaffen ist die Vernunft« (sagen); sie nehmen nämlich alle an, dass das Denken körperlich sei so wie das Wahrnehmen und dass man das Gleiche durch das Gleiche wahrnehme und einsehe, wie wir auch am Anfang unserer Untersuchung dargelegt haben. Freilich hätten sie zugleich auch über die Täuschung sprechen müssen; denn sie ist den Lebewesen in höherem Maße eigentümlich und die Seele bringt darin mehr Zeit zu. Deswegen ist es notwendig, dass entweder, so wie manche es behaupten, alle Erscheinungen wahr sind oder Täuschung die Berührung des Ungleichen ist; denn dies ist dem »das Gleiche durch das Gleiche erkennen« entgegengesetzt. Und es scheint sowohl dieselbe Täuschung als auch dasselbe Wissen für jeweils Entgegen­-gesetztes zuständig zu sein. Dass nun Wahrnehmen und Einsehen nicht dasselbe sind, ist offensichtlich. Denn an dem einen haben alle Lebewesen teil, an dem anderen wenige. Aber auch das Denken, in dem es »richtig« und »nicht-richtig« gibt – wobei Einsicht, Wissen und wahre Meinung »richtig« sind, »nicht-richtig« aber die jeweiligen Gegenteile –, auch dies ist nicht dasselbe wie das Wahrnehmen; denn die Wahrnehmung der eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenstände) ist immer wahr und kommt auch allen Lebewesen zu, diskursiv denken dagegen kann man auch auf falsche Weise, und es kommt keinem (Lebewesen) zu, dem nicht auch Vernunft zukommt. Vorstellung ist nämlich sowohl von Wahrnehmung als auch von diskursivem Denken verschieden, und sie selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung, und ohne sie gibt es auch keine Annahme. Dass Vorstellung und Annahme aber nicht dasselbe sind, ist offensichtlich; denn dieses Wider­fahrnis liegt bei uns, sooft wir es wollen, es han-



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delt sich dabei nämlich um ein Vor-die-Augen-Stellen, so wie es diejenigen tun, die ihr Gedächtnis üben und Bilder memorieren – eine Meinung zu haben liegt dagegen nicht bei uns: Denn man trifft dabei notwendig entweder das Falsche oder das Wahre. Ferner: Wenn wir etwas Schreckliches oder Fürchterliches meinen, empfinden wir sofort mit, und ebenso bei etwas Ermutigendem. Bei der Vorstellung dagegen verhalten wir uns so, wie wenn wir das Schreckliche oder Ermutigende in einer Zeichnung betrachten. Es gibt aber auch Unterschiede bei der Annahme selbst: Wissen, Meinung, vernünftige Einsicht und deren Gegenteile, über deren Unterschied eine andere Untersuchung handeln soll. Was aber das Denken betrifft, da es vom Wahrnehmen verschieden ist und teils Vorstellung zu sein scheint und teils Annahme, müssen wir, nachdem wir über die Vorstellung gehandelt haben, so auch über das andere (Denken) sprechen. Wenn die Vorstellung also das ist, gemäß dem wir sagen, dass uns ein bestimmter Vorstellungsgehalt entsteht, und zwar ohne es metaphorisch zu meinen: Ist sie eines von den Vermögen oder Zuständen, gemäß derer wir unterscheiden und Wahres oder Falsches erfassen? Solche (Vermögen und Zustände) sind aber Wahrnehmung, Meinung, Wissen und Vernunft. Dass sie also keine Wahrnehmung ist, wird aus Folgendem klar: Wahrnehmung gibt es nämlich entweder als Vermögen oder als Wirklichkeit, z. B. als Sehsinn und als Sehen; man stellt sich aber etwas vor, auch wenn keines von diesen vorliegt, wie etwa das im Schlaf (Vorgestellte). Außerdem ist Wahrnehmung immer gegenwärtig, Vorstellung aber nicht. Und wenn sie mit der wirklichen Wahrnehmung identisch wäre, könnte allen Tieren Vorstellung zukommen; dies scheint aber nicht der Fall, z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm. Sodann sind die Wahrnehmungen immer wahr, die meisten Vorstellungen aber stellen sich als falsch heraus. Ferner sagen wir auch nicht, wenn wir unsere Wahrnehmungs-tätigkeit genau auf das Wahrgenommene richten, dass uns dies ein Mensch zu sein scheint, sondern eher dann, wenn wir nicht klar wahrnehmen, [dann ist es wahr oder falsch]. Und, wie wir vorher gesagt haben, uns erscheinen auch bei geschlossenen Augen Vorstellungsbilder.

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Indessen wird sie auch keiner von den Zuständen sein, die, wie Wissen oder Vernunft, immer wahr sind. Denn es gibt auch falsche Vorstellung. Es bleibt also zu sehen, ob sie Meinung ist; denn es gibt sowohl wahre als auch falsche Meinung. Aber auf Meinung folgt Überzeugung – denn es kann unmöglich jemand, der eine Meinung hat, von dem, was er meint, nicht überzeugt sein –, aber keinem der Tiere kommt Überzeugung zu, Vorstellung hingegen findet sich bei vielen. Ferner folgt auf jede Meinung Überzeugung, auf Überzeugung das Überzeugtsein und auf Überzeugtsein Vernunft. Von den Tieren kommt dagegen einigen Vorstellung zu, nicht aber Vernunft. Es ist also klar, dass Vorstellung weder Meinung mit Wahrnehmung noch (Meinung) durch Wahrnehmung, noch Verknüpfung von Meinung und Wahrnehmung sein dürfte. Aus diesen Gründen ist auch klar, dass die Meinung sich auf keinen anderen Gegenstand bezieht, sondern sie bezieht sich auf das, worauf sich auch die Wahrnehmung bezieht. Ich meine aber so, dass die Verknüpfung aus der Meinung, die sich auf das Weiße bezieht, und der Wahrnehmung (des Weißen) Vorstellung (des Weißen) ist; denn sie besteht sicherlich nicht aus der Meinung von dem Guten und der Wahrnehmung des Weißen. Dass einem etwas der Fall zu sein scheint, soll (dieser Auffassung zufolge) also heißen, dass man genau das meint, was man – nichtakzidentell – wahrnimmt. Es scheint aber doch auch Falsches, wovon man gleichzeitig eine wahre Annahme hat, z. B. scheint die Sonne einen Fuß groß zu sein, man hat aber die Überzeugung, dass sie größer ist als die bewohnte Erde. Es ergibt sich also, dass man (dieser Auffassung zufolge) entweder die eigene wahre Meinung, die man hatte, aufgegeben hat, obwohl der Sachverhalt fortbesteht und man ihn weder vergessen noch seine Überzeugung geändert hat, oder, wenn man sie noch hat, notwendig dieselbe (Meinung) wahr und falsch ist. Doch sie wird immer dann falsch geworden sein, wenn der Sachverhalt sich unbemerkt verändert hat. Also ist die Vorstellung weder einer der genannten (Zustände), noch ist sie aus diesen zusammengesetzt.



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Da aber, wenn dieses hier bewegt worden ist, etwas anderes davon bewegt werden kann und die Vorstellung eine Art von Bewegung zu sein und auch nicht ohne Wahrnehmung vorzukommen scheint, sondern bei denen, die wahrnehmen, und auch von dem (zu sein scheint), von dem es Wahrnehmung gibt; und da ferner eine Bewegung durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entstehen kann und diese notwendig der Wahrnehmung gleich ist, (deswegen) dürfte diese Bewegung weder ohne Wahrnehmung möglich sein noch auch (Lebendigem) ohne Wahrnehmung zukommen; und das, was über sie verfügt, tut und leidet ihr entsprechend vieles, und sie kann sowohl wahr als auch falsch sein. Dies aber ergibt sich aufgrund von Folgendem: Die Wahrnehmung von den eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenständen) ist wahr oder hat den geringsten Anteil am Falschen. Zweitens (die Wahrnehmung) von dem, was diesen akzidentell zukommt; und hier ist es bereits möglich, sich zu täuschen; denn darin, dass es weiß ist, täuscht sie sich nicht, aber ob dieses oder ein anderes das Weiße ist, darin täuscht sie sich. Und drittens (die Wahrnehmung) von den gemeinsamen und auf die akzidentellen Wahrnehmungsgegenstände [zu denen die eigentümlichen gehören] folgenden Wahrnehmungsgegenständen; ich meine z. B. Bewegung und Ausdehnung, die zu den Wahrnehmungsgegenständen hinzukommen und in Bezug auf die man sich gemäß der Wahrnehmung bereits im höchsten Maße täuschen kann. Die Bewegung, die durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entsteht, wird, je nachdem von welcher dieser drei Wahrnehmungen sie herrührt, [von der Wahrnehmung] verschieden sein. Und zwar wird die erste dann, wenn die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wahr sein, die anderen dagegen können sowohl in An- als auch in Abwesenheit (der Wahrnehmung) falsch sein, und zwar besonders dann, wenn der Wahrnehmungsgegenstand weit entfernt ist. Wenn also nichts anderes die besagten (Eigenschaften) hat als Vorstellung und dies das ist, was gesagt wurde, dann dürfte die Vorstellung eine durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung sein. Und da der Gesichtssinn im höchsten Grade Wahrnehmung ist, hat sie (die phantasia) ihren

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Namen vom Licht (phaos) erhalten, weil es ohne Licht nicht möglich ist zu sehen. Und weil (die Vorstellungen) bleiben und den Wahrnehmungen gleichen, handeln die Lebewesen vielfach nach ihnen; die einen, weil sie keine Vernunft haben, wie die Tiere, die anderen, weil ihre Vernunft zuweilen durch Leidenschaft oder Krankheiten oder Schlaf verdeckt wird, wie die Menschen. Über die Vorstellung, was sie ist und wodurch sie ist, sei also soweit gesprochen. 4. Bei dem Teil der Seele, mit dem die Seele erkennt und einsieht – unabhängig davon, ob er abtrennbar oder nicht der Größe nach, sondern dem Begriff nach abtrennbar ist –, ist zu untersuchen, welchen (spezifischen) Unterschied er aufweist und wie das Denken eigentlich zustande kommt. Also: Wenn das Denken so wie das Wahrnehmen ist, dürfte es ent­weder ein Erleiden durch den denkbaren Gegenstand sein oder ­etwas anderes Derartiges. Unaffizierbar muss es also sein, jedoch fähig, die Form aufzunehmen und dem Vermögen nach von ihrer Beschaffenheit, aber nicht diese (Form selbst); und ebenso wie das Wahrnehmungsvermögen sich zu den wahrnehmbaren Gegenständen verhält, so muss sich die Vernunft zu den denkbaren Gegenständen verhalten. Also ist sie notwendigerweise, da sie alles denkt, unvermischt, so wie Ana­xagoras sagt: »damit sie herrsche«, und das heißt, damit sie erkenne; denn das Fremde, das dazwischen erscheint, hindert und steht im Weg. Daher besitzt sie auch keine Natur, außer diese, dass sie vermögend ist. Also ist die sogenannte Vernunft der Seele – unter Vernunft verstehe ich das, womit die Seele diskursiv denkt und Annahmen macht – der Wirklichkeit nach keines von den seienden Dingen, bevor sie nicht denkt. Deswegen macht es auch keinen guten Sinn, dass sie mit dem Körper vermischt ist; denn dann würde sie eine bestimmte Beschaffenheit annehmen, wäre kalt oder warm, oder es müsste auch irgendein Organ (für sie) geben so wie für das Wahrnehmungsvermögen. Nun ist dies aber nicht der Fall. Und also haben diejenigen Recht, die sagen, die Seele sei der Ort der Formen, abgesehen davon, dass es nicht die ganze Seele ist, sondern nur die



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denkfähige und dass sie nicht der Vollendung nach, sondern dem Vermögen nach die Formen ist. Dass die Unaffizierbarkeit des Wahrnehmungsvermögens und des Denkvermögens nicht gleich sind, wird bei den Wahrnehmungsorganen und der Wahrnehmung offenkundig. Denn die Wahrnehmung vermag unmittelbar nach dem heftig (einwirkenden) Wahrnehmungsgegenstand nicht wahrzunehmen, z. B. Schall unmittelbar nach überlautem Schall, noch (vermag sie) unmittelbar nach heftigen Farb- oder Geruchseindrücken zu sehen oder zu riechen; die Vernunft dagegen, wenn sie etwas in hohem Maße Denkbares gedacht hat, denkt die geringeren Gegenstände nicht in geringerem Maße, sondern sogar intensiver. Das Wahrnehmungsvermögen ist nämlich nicht ohne Körper, sie (die Vernunft) dagegen ist abtrennbar. Und sobald sie auf die Weise zu jedem einzelnen (Denkgegenstand) wird, wie es von dem wirklich Wissenden ausgesagt wird – dies aber tritt ein, wenn er durch sich selbst tätig sein kann –, so ist sie zwar auch dann noch auf gewisse Weise dem Vermögen nach, allerdings nicht auf dieselbe Weise wie vor dem Lernen oder Herausfinden. Und dann vermag sie auch sich selbst zu denken. Da die Ausdehnung etwas anderes ist als das, (was es heißt,) Ausdehnung zu sein, und Wasser als das, (was es heißt,) Wasser zu sein – so aber auch bei vielem anderen, nicht jedoch bei allem, denn bei manchem ist es dasselbe –, so unterscheidet man das, (was es heißt,) Fleisch zu sein, und das Fleisch mit einem anderen (Vermögen) oder einem (Vermögen), das sich anders verhält. Denn das Fleisch existiert nicht ohne seine Materie, sondern ist, so wie das Stupsnasige, diese bestimmte (Form) in dieser bestimmten (Materie). Nun unterscheidet man mit dem Wahrnehmungsvermögen das Warme und das Kalte – d. h. das, wovon das Fleisch eine bestimmte Proportion ist – ; mit einem anderen (Vermögen) aber, das entweder abtrennbar ist oder sich so verhält, wie die geknickte (Linie) zu sich selbst, wenn sie ausgestreckt wird, unterscheidet man das, (was es heißt,) Fleisch zu sein. Bei den Gegenständen wiederum, die in Abstraktion existieren, verhält sich das Gerade so wie das Stupsnasige; denn es ist mit einem Kontinuum verbunden. Das aber,

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was es heißt, dies zu sein – wenn das, (was es heißt,) gerade zu sein und das Gerade verschieden sind –, ist ein anderes: Es sei nämlich (definiert als) Zweiheit. Also unterscheidet man es mit einem anderen (Vermögen) oder einem (Vermögen), das sich anders verhält. Und überhaupt: So wie die Sachen von ihrer Materie abtrennbar sind, so auch das, was die Vernunft angeht. Man könnte aber folgende Schwierigkeiten aufwerfen: Wenn die Vernunft einfach ist und unaffizierbar und mit nichts irgendetwas gemeinsam hat, wie Anaxagoras sagt, auf welche Weise wird sie denken, wenn das Denken eine Art Erleiden ist? Denn insofern beiden etwas Gemeinsames zukommt, scheint das eine zu wirken und das andere zu erleiden. Ferner aber, ob sie auch selber Gegenstand des Denkens ist: Denn entweder wird dann den übrigen Dingen Vernunft zukommen, wenn sie nicht kraft eines anderen Gegenstand des Denkens ist und alles, was Gegenstand des Denkens ist, der Art nach eines ist, oder sie wird etwas Beigemischtes haben, was sie so wie das Übrige zu einem Gegenstand des Denkens macht. Oder ist mit Bezug auf das Erleiden infolge von etwas Gemeinsamem vorher festgestellt worden, dass die Vernunft auf gewisse Weise dem Vermögen nach die Denkgegenstände ist, jedoch der Vollendung nach nichts, bevor sie nicht denkt? Es muss aber so sein wie bei einer Schreibtafel, in die nichts der Vollendung nach eingeschrieben ist. Genau dies ist bei der Vernunft der Fall. Und sie ist selber Gegenstand des Denkens, ganz so wie die (anderen) Denkgegenstände. Bei dem, was ohne Materie ist, ist das Denkende und das Gedachte nämlich dasselbe, weil das betrachtende Wissen und der Gegenstand, der auf diese Weise gewusst wird, dasselbe sind. Die Ursache dafür, dass es nicht immer denkt, muss aber noch untersucht werden. Bei den Dingen dagegen, die Materie haben, ist jedes dem Vermögen nach ein Gegenstand des Denkens. Folglich wird ihnen zwar nicht Vernunft zukommen – die Vernunft ist ja ein auf derartige Dinge bezogenes materieloses Vermögen –, doch ihr wird es zukommen, Gegenstand des Denkens zu sein.



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5. Da aber, so wie es in der gesamten Natur etwas gibt, was Materie für jede Gattung ist – dies ist das, was alle jene Dinge dem Vermögen nach ist –, ein anderes aber die Ursache und Wirkendes ist, indem es alles bewirkt, wie die Kunst sich zu ihrem Material verhält, ist notwendig, dass es diese Unter­schiede auch in der Seele gibt; und die eine Vernunft ist von solcher Beschaffenheit, indem sie alles wird, und die andere, indem sie alles bewirkt, wie eine Art Zustand, so wie das Licht. Denn auf gewisse Weise macht auch das Licht die dem Vermögen nach seienden Farben zu Farben der Wirklichkeit nach. Und diese Vernunft ist abgetrennt, unaffiziert und unvermischt, da sie ihrer Substanz nach Wirklichkeit ist; das Wirkende ist nämlich immer ehrwürdiger als das Leidende und das Prinzip (ehrwürdiger) als die Materie. Das wirk­liche Wissen ist dasselbe wie sein Gegenstand, doch im Einzelnen ist das dem Vermögen nach seiende Wissen der Zeit nach früher, insgesamt aber nicht einmal der Zeit nach. Im Gegenteil: Es ist nicht so, dass sie (die bewirkende Vernunft) zu einer Zeit denkt und zu einer anderen Zeit nicht denkt. Wenn sie abgetrennt ist, ist sie nur das, was sie eigentlich ist, und nur dieses ist unsterblich und ewig. – Doch wir erinnern uns nicht, weil dieses unaffiziert, die affizierbare Vernunft aber vergänglich ist – und ohne dieses denkt nichts. 6. Nun gehört das Denken von ungeteilten Gegenständen in den Bereich, in dem es das Falsche nicht gibt. Wo es aber sowohl das Falsche gibt als auch das Wahre, handelt es sich bereits um eine Zusammensetzung von Gedanken, die so sind wie eines. Ganz so wie Empedokles sagte: »Wo die Köpfe von vielen halslos entsprossen« und darauf durch die Liebe zusammengesetzt werden, so werden auch diese (Gedanken), die getrennt gewesen waren, zusammengesetzt, z. B. das Inkommensurable und die Diagonale. Und bei (Gedanken) von Gewesenem oder Zukünftigem denkt man die Zeit hinzu und setzt sie zusammen. Denn das Falsche liegt immer in einer Zusammensetzung: Und auch dann, wenn man das Weiße (als)nicht weiß (denkt), hat man das Nicht-Weiße hinzugesetzt. Man kann aber

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auch alles als Trennung bezeichnen. Nun ist aber jedenfalls das Falsche oder Wahre nicht nur (darin), dass Kleon weiß ist, sondern auch (darin), dass er es war oder sein wird. Das aber, was es jeweils zu einem macht, dies ist die Vernunft. Da »ungeteilt« zweifach ausgesagt wird, entweder dem Vermögen oder der Wirklichkeit nach, hindert nichts, das Ungeteilte zu denken, wenn man die Länge denkt – denn der Wirklichkeit nach ist sie ungeteilt – und auch in einer ungeteilten Zeit; denn die Zeit ist auf gleiche Weise geteilt und ungeteilt wie die Länge. Es ist also nicht möglich anzugeben, was man in jeder der beiden Hälften dachte; dies ist nämlich nicht möglich, wenn sie nicht (tatsächlich) geteilt wurde, außer dem Vermögen nach. Wenn man jede einzelne der Hälften getrennt denkt, teilt man zugleich auch die Zeit: Dann sind es aber gleichsam (zwei) Längen. Wenn man sie aber als aus beiden (bestehend denkt), dann denkt man sie auch in der Zeit, die beiden zukommt. Und wenn man etwas (denkt), was nicht quantitativ ungeteilt ist, aber der Form nach, so denkt man es in einer ungeteilten Zeit und mit einem ungeteilten (Vermögen) der Seele. Auf akzidentelle Weise aber und nicht insofern es jene (zwei Hälften) sind, ist das geteilt, womit man denkt, und die Zeit, in der (man denkt) [ sondern (man denkt sie) insofern sie ungeteilt sind ]. Denn auch in diesen befindet sich etwas Ungeteiltes, das aber vielleicht nicht getrennt ist und das die Zeit zu einer macht und die Länge. Und dies befindet sich auf gleiche Weise in jeder kontinuierlichen Zeit und Länge. Der (geometrische) Punkt und jeder Einteilungspunkt und das auf diese Weise Ungeteilte werden so verdeutlicht wie die Privation. Und die gleiche Erklärung gilt bei den Übrigen, z. B. wie man das Schlechte erkennt oder das Schwarze; denn man erkennt es auf gewisse Weise durch sein Gegenteil. Das Erkennende muss es (das Gegenteil) aber dem Vermögen nach sein, und es muss ihm innewohnen. Wenn ­einer der Ursachen jedoch nichts entgegengesetzt ist, erkennt (das Erkennende) sich selbst und ist wirklich und getrennt. Das Sagen ist aber ein etwas von etwas (Sagen), so wie bei der Affirmation, und es ist in jedem Fall wahr oder falsch, die Vernunft dagegen ist dies nicht in jedem



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Fall, sondern die, die sich auf das Was-es-ist im Sinn des Wases-hieß-dies-zu-sein bezieht, ist (immer) wahr und (sagt) nicht etwas von etwas; sondern so wie das Sehen des eigentümlichen Wahrnehmungsgegenstandes (immer) wahr ist, es aber nicht immer wahr ist, ob das Weiße ein Mensch ist oder nicht, so verhält es sich bei allem, was keine Materie hat. 7. Das wirkliche Wissen ist dasselbe wie sein Gegenstand, doch im Einzelnen ist das dem Vermögen nach seiende Wissen der Zeit nach früher, insgesamt aber nicht einmal der Zeit nach. Denn alles, was entsteht, ist aus einem in Voll­endung Seienden. Offenbar macht der wahrnehmbare Gegenstand das Wahrnehmungsvermögen aus einem dem Vermögen nach Seienden zu einem der Wirklichkeit nach. Er erleidet nämlich nichts und wird auch nicht verändert. Deswegen ist dies eine andere Art von Bewegung; die Bewegung ist nämlich die Wirklichkeit des Unvollkommenen, doch die ein­fache Wirklichkeit, die des Vollendeten, ist eine andere. Nun ist das Wahrnehmen dem bloßen Sagen und Denken gleich; wenn es aber lustvoll oder schmerzhaft ist, verfolgt oder meidet (die Seele), so als würde sie bejahen oder verneinen. Und das Lust- und Leidempfinden besteht in dem Tätigsein mit der wahrnehmungsfähigen Mitte in Bezug auf das Gute oder Schlechte, insofern sie Derartige sind. Und das Meiden und die Strebung sind dasselbe, wenn sie der Wirklichkeit nach sind, und auch das Strebevermögen und Meidevermögen sind nicht verschieden, weder voneinander noch vom Wahrnehmungsvermögen, sondern dem Sein nach anders. Der zum Denken fähigen Seele kommen die Vorstellungsgehalte wie Wahrnehmungsgehalte zu; und wann immer es gut oder schlecht ist, bejaht oder verneint sie und meidet oder verfolgt. Deswegen denkt die Seele niemals ohne Vorstellungsgehalt. – So aber wie die Luft die Pupille in diese bestimmte Beschaffenheit versetzt hat und diese ein anderes, auf dieselbe Weise (versetzt sie) auch das Gehör (in eine bestimmte Beschaffenheit und das Gehör wiederum ein anderes), doch das Äußerste ist eines, d. h. eine Mitte, aber ihrem Sein nach ist es mehrere. Zwar ist auch schon früher gesagt worden,

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womit man beurteilt, worin Süßes und Warmes sich unterscheiden, es soll aber auch noch auf folgende Weise gesagt werden: Es ist nämlich ein bestimmtes Eines, das so ist wie die Grenze. Und diese (verschiedenen Sinne), da sie der Analogie nach und numerisch eins sind, verhalten sich zu jedem von beiden so, wie jene (Süßes und Warmes) sich zueinander verhalten. Denn was macht es für einen Unterschied, zu fragen, wie (die Seele) unterscheidet, was verschiedenen (Wahrnehmungs-)Gattungen angehört oder was (innerhalb einer Wahrnehmungsgattung) entgegengesetzt ist, so wie weiß und schwarz? Es soll also, so wie das Weiße A sich zum Schwarzen B verhält, C sich zu D verhalten [so wie jene sich zueinander]; folglich auch bei Vertauschung der Glieder. Wenn daher C D einem zukommt, wird es sich auch so verhalten wie A B, die zwar ein- und dasselbe, dem Sein nach aber nicht dasselbe sind – und auch jenes (C A) auf dieselbe Weise. Dasselbe Verhältnis läge aber auch dann vor, wenn A das Süße wäre und B das Weiße. – Nun denkt das Denkvermögen die Formen in den Vorstellungsgehalten; und so wie ihm in jenen (Formen) das zu Suchende und zu Meidende bestimmt ist, so setzt es sich auch ohne Wahrnehmung, wenn es bei den Vorstellungs­gehalten ist, in Bewegung. Wenn man z. B. die Fackel wahrgenommen hat, (nämlich) dass es Feuer ist, erkennt man mithilfe der gemeinsamen (Wahrnehmung), indem man es (das Feuer) in Bewegung sieht, dass es die Ankunft der Feinde meldet. Und wenn man mit den Vorstellungsgehalten bzw. Gedanken in der Seele überlegt, so als würde man sehen, kalkuliert man und wägt das Künftige gegen das Gegenwärtige ab. Und wenn man feststellt, dass dort das Lustvolle oder Schmerzhafte ist, dann meidet oder verfolgt man hier, und so überhaupt beim Handeln. Auch das, was ohne Handeln ist, das Wahre und das Falsche, ist in derselben Gattung wie das Gute und das Schlechte. Es unterscheidet sich allerdings durch das schlechthin (wahr oder falsch) und für jemanden (gut oder schlecht sein). Das, was in Abstraktion ausgesagt wird, denkt man so, wie wenn man das Stupsnasige (denkt), das man zwar, insofern es stupsnasig ist, nicht auf abgetrennte Weise (denken kann); wenn man es aber der Wirk-



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lichkeit nach dächte, insofern es konkav ist, dann würde man es ohne das Fleisch denken, in dem das Konkave sich befindet. Auf diese Weise denkt man die mathematischen Gegenstände, obwohl sie nicht abgetrennt sind, als ob sie abgetrennt wären, wann immer man sie denkt. Und überhaupt ist die Vernunft, die der Wirklichkeit nach ist, (dasselbe wie) ihre Gegenstände. Ob sie aber eines der abgetrennten Dinge denken kann, ohne selbst von Ausdehnung abgetrennt zu sein, oder nicht, ist später zu untersuchen. 8. Nun aber wollen wir, indem wir das über die Seele Gesagte zusammenfassen, wiederum sagen, dass die Seele in gewisser Weise alles Seiende ist. Denn das Seiende ist entweder Wahrnehmungs- oder Denkgegenstand, und das Wissen ist in gewisser Weise die Wissensgegenstände, die Wahrnehmung aber die Wahrnehmungsgegenstände. Es ist aber zu untersuchen, auf welche Weise dies der Fall ist. Nun werden das Wissen und die Wahrnehmung in ihre jeweiligen Gegenstände aufgeteilt, die dem Vermögen nach in die dem Vermögen nach, die der Vollendung nach in die der Vollendung nach. Das Wahrnehmungsvermögen und das Wissensvermögen der Seele sind der Möglichkeit nach ihre Gegenstände: dieses der Wissensgegenstand, jenes der Wahrnehmungsgegenstand. Es ist aber notwendig, dass sie entweder (die Gegenstände) selbst sind oder deren Formen. Die Dinge selbst sind sie offenbar nicht. Der Stein ist ja nicht in der Seele, sondern dessen Form; daher ist die Seele wie die Hand. Die Hand ist nämlich Werkzeug (für den Gebrauch) von Werkzeugen, und so ist auch die Vernunft Form von Formen und auch die Wahrnehmung ist Form von Wahrnehmungsgegenständen. Da aber nicht ein einziger Gegenstand, wie es scheint, neben den wahrnehmbaren Größen und getrennt (von ihnen) existiert, sind die Denkgegenstände in den wahrnehmbaren Formen, (und zwar) sowohl das, was in Abstraktion ausgesagt wird, als auch alle Zustände und Eigenschaften der wahrnehmbaren Dinge. Und aus diesem Grund könnte man auch nicht, ohne irgendetwas wahrgenommen zu haben, irgendetwas lernen oder verstehen; und wann immer

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man (theoretisch) betrachtet, ist es notwendig, zugleich eine Vorstellung zu betrachten. Die Vorstellungsgehalte sind nämlich wie Wahrnehmungsgehalte, nur ohne Materie. Die Vorstellung ist aber von Bejahung und Verneinung verschieden. Das Wahre oder Falsche ist nämlich eine Verknüpfung von Gedanken. Doch wodurch unterscheiden sich die ersten Gedanken davon, Vorstellungsgehalte zu sein? Oder sind etwa auch die anderen (Gedanken) keine Vorstellungsgehalte, sondern lediglich nicht ohne Vorstellungsgehalte?

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9. Da die Seele der Lebewesen entsprechend zweier Vermögen bestimmt wird, nämlich einerseits durch das Vermögen zu unterscheiden, welches die Leistung des Denkens und der Wahrnehmung ist, und ferner auch dadurch, die Ortsbewegung zu vollziehen, und da Wahrnehmung und Vernunft so weit behandelt sein sollen, so ist die Untersuchung über das Bewegende zu führen, nämlich welches (Vermögen) der Seele es ist, ob es sich dabei um einen bestimmten Teil von ihr handelt, der entweder der Größe nach oder dem Begriff nach abtrennbar ist, oder um die Seele als ganze, und wenn es ein bestimmter Teil ist, ob er ein eigenständiger neben den für gewöhnlich genannten und bereits besprochenen ist oder ein bestimmter von diesen. Es ergibt sich aber sofort die Schwierigkeit, in welchem Sinne von Seelenteilen gesprochen werden kann und auch von wie vielen. Auf gewisse Weise scheinen es nämlich unendlich viele zu sein und nicht nur diejenigen, die manche behaupten, wenn sie in ihren Einteilungen den zur Überlegung Fähigen, den Muthaften und den Begehrenden unterscheiden, andere dagegen den Vernünftigen und den Unvernünftigen; denn entsprechend der Unterschiede, durch welche sie sie trennen, stellt sich heraus, dass es auch andere Teile gibt, die sich mehr voneinander unterscheiden als diese und über die gerade gesprochen worden ist, (nämlich) das Ernährungsvermögen, welches sowohl den Gewächsen zukommt als auch allen Lebewesen, und das Wahrnehmungsvermögen, welches man wohl leichthin weder als unvernünftig noch als vernünftig ansetzen dürfte. Ferner das Vorstellungsvermögen, das sich zwar dem Sein nach



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von allen unterscheidet, doch bei dem es große Schwierigkeiten bereitet (herauszufinden), mit welchem von diesen es identisch oder von welchen es verschieden ist, wenn man denn abgetrennte Teile der Seele ansetzen will. Und darüber hinaus das Strebevermögen, welches doch wohl dem Begriff als auch dem Vermögen nach von allen verschieden zu sein scheint. Und es ist in der Tat abwegig, dieses abzutrennen. Denn im vernünftigen (Seelenteil) entsteht das Wünschen und im unvernünftigen die Begierde und der Mut, und wenn die Seele aus (diesen) dreien besteht, so würde es in jedem einzelnen eine Strebung geben. Und so auch das, wovon jetzt die Rede ist: Was ist es, was das Lebewesen dem Ort nach in Bewegung setzt? Denn es dürfte wohl scheinen, dass die Bewegung des Wachsens und Schwindens, da sie allen zukommt, (auch) von dem (Seelenteil) bewegt wird, der allen zukommt, nämlich dem zur Erzeugung und Ernährung Fähigen. Über das Ein- und Ausatmen wie auch das Schlafen und Wachen ist die Untersuchung später zu führen, denn auch diese bieten viele Schwierigkeiten. Doch betreffs der Ortsbewegung ist zu untersuchen, was das Bewegende ist, das das Lebewesen in Fortbewegung versetzt. Dass es nicht das nährende Vermögen ist, ist klar. Denn diese Bewegung findet immer um eines bestimmten Zweckes willen statt und ist auch mit Vorstellung oder Strebung verbunden; denn nichts bewegt sich, was nicht strebend oder meidend ist, außer durch Gewalt. Ferner wären dann auch die Gewächse zur Bewegung fähig und sie hätten dann auch einen Körperteil als Organ für diese Bewegung. Ebenso ist es auch nicht das Wahrnehmungsvermögen. Es gibt nämlich viele Lebewesen, die zwar über Wahrnehmung verfügen, jedoch dauernd ortsgebunden und gänzlich unbewegt sind. Wenn die Natur nun nichts umsonst hervorbringt und auch nicht etwas von dem auslässt, was notwendig ist, außer bei denen, die verstümmelt und unvollendet sind, besagte Lebewesen aber vollendet und nicht verstümmelt sind – dass sie fähig zur Zeugung sind und eine Phase der Blüte und des Schwindens haben, ist ein Zeichen dafür –, ergibt sich, dass sie dann auch die entsprechenden Körperteile als Organe für die Fortbewegung haben müssten.

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Indessen ist auch der vernünftige (Seelenteil) und das, was man die Vernunft nennt, nicht der Beweger. Denn die theoretische Vernunft denkt nichts, was Gegenstand einer Handlung wäre, und sie sagt auch nichts über das, was zu meiden und zu verfolgen ist, die Bewegung dagegen gehört stets entweder zu jemandem, der etwas meidet, oder zu jemandem, der etwas verfolgt. Aber nicht einmal dann, wenn sie etwas Derartiges betrachtet, befiehlt sie schon, es zu erstreben oder zu meiden, z. B. denkt sie häufig etwas Fürchterliches oder Lustbereitendes, befiehlt aber nicht, in Furcht zu geraten, doch das Herz wird bewegt und, wenn es Lust bereitet, ein anderer Körperteil. Ferner, selbst dann, wenn die Vernunft etwas anordnet und das Denken sagt, (man solle) etwas vermeiden oder verfolgen, kommt keine Bewegung zustande, sondern man handelt gemäß seiner Begierde, z. B. beim Unbeherrschten. Und überhaupt sehen wir, dass derjenige, der im Besitz der Heilkunst ist, nicht (immer) heilt, da etwas anderes für das wissensgemäße Herstellen ausschlaggebend ist, nicht aber das Wissen. Allerdings ist nicht einmal die Strebung ausschlaggebend für diese Bewegung. Denn die Selbstbeherrschten, obwohl sie strebend und begehrend sind, tun nicht das, worauf sich ihre Strebung richtet, sondern folgen der Vernunft. 10. Es scheint aber doch, dass diese zwei die bewegenden sind, entweder Strebung oder Vernunft, falls man die Vorstellung als eine Art Denken ansetzt; – denn viele folgen trotz ihres Wissens den Vorstellungen, und bei den anderen Lebewesen gibt es weder Denken noch Überlegung, sondern nur Vorstellung. – Also sind diese beiden fähig, Ortsbewegung zu bewirken, Vernunft und Strebung: Vernunft, wenn sie um ­eines bestimmten Zweckes willen überlegt, d. h. die handelnde; sie unterscheidet sich nämlich von der betrachtenden durch ihren Zweck. Und auch jede Strebung besteht um eines bestimmten Zweckes willen; denn das, worauf sich die Strebung bezieht, dies ist Ausgangspunkt der handelnden Vernunft; und das letzte (in der vernünftigen Überlegung) ist Ausgangspunkt der Handlung. Folglich scheinen diese zwei mit gutem Grund die Bewe-



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genden zu sein: Strebung und praktisches Denken; denn der Gegenstand der Strebung bewegt, und aufgrund seiner bewegt das Denken, weil sein Ausgangspunkt der erstrebte Gegenstand ist. Und auch die Vorstellung, wenn sie bewegt, bewegt nicht ohne Strebung. Also ist eines das Bewegende, und zwar das Strebe­vermögen. Wenn nämlich zwei bewegen würden, Vernunft und Strebung, so würden sie auf eine gemeinsame Art bewegen. Nun bewegt die Vernunft aber offenbar nicht ohne Strebung – das Wünschen ist nämlich eine Strebung, und wenn man sich aufgrund der Überlegung bewegt, so bewegt man sich auch aufgrund des Wünschens –, doch die Strebung bewegt auch gegen die Überlegung, die Begierde ist nämlich eine Strebung. Freilich ist alle Vernunft(-erkenntnis) richtig, aber Strebung und Vorstellung sind sowohl richtig als auch nicht richtig. Deswegen bewegt jedes Mal der Gegenstand der Strebung, aber dieser ist entweder das Gute oder das, was das Gute zu sein scheint; allerdings nicht jedes, sondern das Gute, das Gegenstand einer Handlung ist. Gegenstand einer Handlung aber ist das, was sich auch anders verhalten kann. Dass es also das so beschaffene Seelenvermögen ist, das bewegt, die sogenannte Strebung, ist klar. Für diejenigen aber, welche die Teile der Seele einteilen, wenn sie sie nach den Vermögen einteilen und trennen, werden es sehr viele: Ernährungsvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen, Beratungsvermögen, ferner Strebevermögen; denn diese unterscheiden sich mehr voneinander als Begehrvermögen und Mutvermögen. Da es aber vorkommt, dass Strebungen ein­ander entgegengesetzt sind – dies passiert dann, wenn die Vernunft und die Begierden einander entgegengesetzt sind, und kommt bei den (Lebewesen) vor, die eine Wahrnehmung von Zeit haben: auf der einen Seite befiehlt die Vernunft nämlich, aufgrund des Zukünftigen zu widerstehen, und auf der anderen Seite die Begierde aufgrund des Gegenwärtigen, das gegenwärtig Lustvolle scheint nämlich auch schlechthin lustvoll und gut schlechthin zu sein, weil man das Zukünftige nicht sieht –, deswegen dürfte das Bewegende wohl der Art nach eines sein, nämlich das Strebevermögen, insofern es zur Strebung fähig ist. Das erste von al-

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len ist aber der Gegenstand der Strebung, denn dieser bewegt als Unbewegter, indem er gedacht oder vorgestellt wird, doch der Zahl nach gibt es mehrere Beweger. Da es aber dreierlei (Faktoren in der Bewegung) gibt – zum einen das Bewegende, zweitens das, womit es bewegt, ferner drittens das Bewegte, und (da) das Bewegende zweierlei meint, nämlich einerseits das Unbewegte und andererseits das Bewegende und Bewegte, (deswegen) ist das Unbewegte der Gegenstand der Handlung und das Bewegende und Bewegte ist das, was fähig ist zu streben – denn das Strebende bewegt sich, insofern es strebt, und die wirkliche Strebung ist eine Art von Bewegung, – und das Bewegte (ist) das Lebewesen. Und das Werkzeug, mit dem die Strebung bewegt, dies ist vollends körperlich und deswegen im Rahmen der für Körper und Seele gemeinsamen Leistungen zu betrachten. Um es für jetzt aber der Hauptsache nach zu sagen: Das werkzeughaft Bewegende findet sich dort, wo Ausgangspunkt und Ende dasselbe sind, wie beim Knochengelenk. Denn dort sind das Konvexe und Konkave einmal Ende und einmal Ausgangspunkt – deswegen ruht das eine und das andere bewegt sich –, da sie dem Begriff nach verschieden, jedoch der Größe nach untrennbar sind. Es bewegt sich nämlich alles durch Stoß und Zug, weswegen – so wie beim Rad – etwas feststehen und von dort aus die Bewegung in Gang setzen muss. Überhaupt also ist das Lebe­wesen, wie gesagt, eben insofern es zur Strebung fähig ist, auch fähig, sich selbst zu bewegen; »zur Strebung fähig« aber nicht ohne Vorstellung. Und alle Vorstellung ist entweder vernünftig oder wahrnehmungsmäßig. An Letzterer haben nun auch die übrigen Lebewesen teil.

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11. Es muss aber auch bei den unvollkommenen (Lebewesen), denen nur der Tastsinn als Wahrnehmung zukommt, untersucht werden, was das Bewegende ist und ob es möglich ist, dass ihnen Vorstellung zukommt oder nicht, und Begierde. Denn offensichtlich befinden sich Schmerz und Lust in ihnen, und wenn diese, dann notwendig auch Begierde. Aber wie sollte wohl Vorstellung in ihnen sein? Etwa so, wie sie sich auch auf unbestimmte Weise bewegen, so sind diese zwar in ihnen,



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jedoch auf unbestimmte Weise in ihnen? Die wahrnehmungsmäßige Vorstellung kommt, wie gesagt, auch bei den anderen Lebewesen vor, die beratungsmäßige dagegen bei denjenigen, die vernünftig sind. Denn (sich zu fragen), ob man dieses oder jenes tun soll, ist bereits eine Leistung der Überlegung. Und es ist notwendig, dass sie mit einem misst; Sie sucht nämlich das Größere. Folglich ist sie fähig, aus mehreren Vorstellungsgehalten einen zu machen. Dies ist auch die Ursache dafür, dass (die anderen Lebewesen) keine Meinung zu haben scheinen, weil sie (nämlich) nicht die aus einer vergleichenden Überlegung hervorgegangene (Vorstellung) haben, diese aber jene (wahrnehmungsmäßige Vorstellung hat). Deswegen hat die Strebung nicht die Fähigkeit zur Beratschlagung. Manchmal jedoch obsiegt sie und bewegt das Wünschen, manchmal (bewegt) aber auch umgekehrt dieses jene, so wie ein Ball, die (eine) Strebung die (andere) Strebung, wann immer Unbeherrschtheit vorliegt. Von Natur aber ist stets die höhere die herrschendere und bewegt, so dass sich bereits drei Ortsbewegungen vollziehen. Die Wissens­fähigkeit aber bewegt sich nicht, sondern steht fest. Da aber die eine Annahme allgemein und erklärend ist und die andere auf Einzelnes bezogen ist – die eine sagt nämlich, dass ein solcher (Mensch) etwas Derartiges tun soll, die andere, dass dieses Bestimmte hier nun also Derartiges ist und auch ich ein solcher bin –, bewegt also entweder diese Meinung und nicht die allgemeine, oder beide bewegen, aber die eine bleibt eher in Ruhe und die andere nicht. 12. Alles, was lebendig ist und eine Seele hat, hat notwendig eine ernährende Seele, und zwar von Geburt bis zum Tod. Denn was entstanden ist, hat notwendig Wachstum und Blüte und Schwinden, und diese sind ohne Ernährung unmöglich. Also ist das Ernährungsvermögen notwendig in allem vorhanden, was wächst und schwindet. Wahrnehmung ist dagegen nicht notwendig in allem Lebendigen vorhanden. Denn weder können diejenigen, deren Körper einfach ist, sie besit­zen [noch ist es möglich, dass es ohne sie irgendein Lebe­wesen gibt], noch alles dasjenige, was nicht fähig ist, die Formen ohne ihre Ma-

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terie aufzunehmen. Das Lebewesen besitzt aber notwendig Wahrnehmung, wenn die Natur nichts umsonst hervorbringt. Denn alles, was von Natur aus besteht, gibt es um eines Zweckes willen bzw. ist Begleiterscheinung von dem, was um eines Zweckes willen existiert. Nun würde jeder fortbewegungsfähige Körper dann, wenn er keine Wahrnehmung besäße, zugrunde gehen und nicht ans Ziel kommen, worin das Werk der Natur besteht – denn wie könnte er sich ernähren? Den ortsgebundenen (Lebewesen) kommt die Nahrung ja von dort zu, wo sie angewachsen sind. Dass aber ein Körper, der nicht ortsgebunden, jedoch entstanden ist, zwar Seele bzw. unterscheidungsfähige Vernunft hat, aber keine Wahrnehmung, ist nicht möglich [ indessen, nicht einmal einer, der unentstanden ist ]. Denn warum sollte er sie nicht besit­zen? Entweder nämlich, weil es für die Seele besser ist oder für den Körper. Nun ist aber beides nicht der Fall. Denn die Seele wird nicht in höherem Grad denken und auch der Körper wird dadurch nichts in höherem Grade sein. Also hat kein Körper, der nicht ortsgebunden ist, eine Seele ohne Wahr­nehmung. Indessen, wenn er einmal Wahrnehmung hat, muss der Körper ent­weder einfach sein oder gemischt. Einfach kann er aber nicht sein. Denn dann wird er keinen Tastsinn haben, es ist jedoch notwendig, diesen zu besitzen. Dies wird klar aus Folgendem: Da das Lebewesen nämlich ein beseelter Körper ist und jeder Körper tastbar, tastbar aber das ist, was durch den Tastsinn wahrnehmbar ist, dann ist notwendig, dass auch der Körper des Lebewesens tastfähig ist, wenn das Lebe­wesen sich erhalten soll. Denn bei den ande­ren Wahrnehmungen, wie Riechen, Sehen und Hören, findet die Wahrnehmung durch andere Körper statt; wenn man dagegen (direkt mit den Dingen) in Berührung kommt, ohne eine Wahrnehmung davon zu haben, wird man nicht das eine meiden und das andere ergreifen können. Und wenn dies der Fall ist, wird es unmöglich sein, dass das Lebewesen sich erhält. Deswegen ist auch das Schmecken so wie eine Art Tasten. Es bezieht sich nämlich auf Nahrung, und die Nahrung ist der tastbare Körper. Schall, Farbe und Geruch dagegen ernähren nicht und bewirken auch kein Wachsen und Schwinden. Da-



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her ist das Schmecken notwendig eine Art von Tasten, da es die Wahrnehmung vom Tastbaren und Nährenden ist. Diese also sind für das Lebewesen notwendig, und es ist offensichtlich, dass das Lebewesen ohne den Tastsinn nicht existieren kann. Die anderen (Wahrnehmungsgattungen) gibt es um des guten (Lebens) willen, und sie kommen auch nicht einer beliebigen Gattung von Lebewesen zu, sondern ganz bestimmten, z. B. dem, das fähig zur Fortbewegung ist, notwendig zu. Wenn es sich nämlich erhalten soll, darf es nicht erst durch direkte Berührung wahrnehmen, sondern auch von Weitem. Dies dürfte aber dann der Fall sein, wenn es fähig ist, durch das Dazwischenliegende wahrzunehmen, d. h. dadurch, dass das Dazwischenliegende vom Wahrnehmungsgegenstand affiziert und bewegt wird und das Lebewesen vom Dazwischenliegenden. Denn so wie das, was Ortsbewegung auslöst, bis zu einem gewissen Punkt einen Umschlag bewirkt, und das, was stößt, bewirkt, dass (wiederum) etwas anderes stößt und die Bewegung sich durch ein Mittleres (fortsetzt), und zwar so, dass das Erste bewegt und stößt, ohne selbst gestoßen zu werden, das Letzte aber nur gestoßen wird, ohne weiter zu stoßen, während das Mittlere beides tut und es viele Mittelglieder gibt: so ist es auch bei der qualitativen Veränderung, außer dass (das Bewegende) verändert und dabei am selben Ort bleibt, so wie, wenn man (etwas) in Wachs hineintauchte, das Wachs so weit bewegt würde, wie man getaucht hat, ein Stein aber (wird so) gar nicht (bewegt), Wasser dagegen über eine sehr weite Distanz; am weitesten reicht aber die Bewegung, d. h. das Wirken und Leiden der Luft, solange sie stillsteht und einheitlich ist. Des­ wegen ist es auch bei der Spiegelung besser, nicht anzunehmen, dass der Sehstrahl heraustritt und dann zurückgespiegelt wird, sondern, dass die Luft von der Gestalt und Farbe affiziert wird, solange sie einheitlich ist. Auf einer glatten Fläche ist sie einheitlich, und deswegen setzt sie dann wiederum das Sehorgan in Bewegung, so wie wenn das Siegelzeichen im Wachs bis zum Ende durchgegeben würde.

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13. Dass der Körper des Lebewesens aber nicht einfach sein kann, ich meine z. B. (nur) aus Feuer oder Luft, ist offensichtlich. Denn ohne Tastsinn kann man keine andere Wahrnehmung haben. Nämlich jeder beseelte Körper ist fähig zu tasten, wie bereits gesagt wurde. Die anderen (Elemente) außer der Erde könnten zwar zu Wahrnehmungsorganen werden, doch sie alle bewirken die Wahrnehmung dadurch, dass sie durch einen anderen Körper hindurch wahrgenommen werden, und zwar durch die dazwischenliegenden. Das Tasten dagegen besteht darin, sie (die tastbaren Gegenstände) selbst zu berühren, und von daher hat es auch diesen Namen. Freilich nehmen auch die anderen Wahrnehmungsorgane durch Berührung wahr, jedoch durch einen anderen Körper. Nur das Tasten scheint es durch sich selbst zu tun. Von daher dürfte der Körper des Lebewesens wohl aus keinem der Elemente bestehen, die von der Beschaffenheit sind (wie die anderen Wahrnehmungsorgane). Allerdings wird er auch nicht aus Erde bestehen. Denn der Tastsinn ist wie eine Mitte für alle Tastgegenstände, und sein Wahrnehmungsorgan ist nicht nur fähig, alle Unterschiede der Erde aufzunehmen, sondern auch die des Warmen und Kalten und aller anderen Tast­gegenstände. Und daher nehmen wir auch nicht mit den Knochen und den Haaren und den derartigen Körperteilen wahr, weil sie aus Erde sind, und auch die Gewächse besitzen deswegen keine Wahrnehmung, weil sie aus Erde bestehen. Ohne Tastsinn kann es aber keine andere Wahrnehmung geben, und dieses Wahrnehmungsorgan besteht weder (allein) aus Erde noch (nur) aus irgendeinem anderen Element. Es ist also offensichtlich, dass die Lebewesen notwendig nur beim Verlust dieser Wahrnehmung sterben. Es ist nämlich weder möglich, sie zu besitzen, ohne Lebewesen zu sein, noch ist es notwendig, eine andere (Wahrnehmung) zu besitzen außer dieser, um Lebewesen zu sein. Darum zerstören die anderen Wahrnehmungsgegenstände durch ihr Übermaß auch nicht das Lebe­wesen, wie z. B. Farbe oder Schall oder Geruch, sondern lediglich die jeweiligen Wahrnehmungsorgane – es sei denn auf akzidentelle Weise, wenn z. B. neben dem Schall noch ein Stoß eintritt oder ein Schlag und wenn



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durch Sichtbares und Riechbares noch anderes in Bewegung gesetzt wird, das dann durch die Berührung zerstört; und auch der Geschmack kann auf diese Weise vernichten, sofern er zugleich zum Berühren fähig ist. – Das Übermaß des Tastbaren dagegen, etwa vom Warmen oder Kalten oder Harten, zerstört das Lebewesen. Bei jedem Wahrnehmungsgegenstand vernichtet nämlich ein Übermaß das Wahrnehmungsorgan, und folglich vernichtet auch der tastbare Gegenstand die Tastwahrnehmung; durch diese ist aber das Lebendigsein definiert. Denn es ist bewiesen, dass es ohne Tastsinn unmöglich ist, Lebewesen zu sein. Deswegen zerstört das Übermaß der Tastgegenstände als einziges nicht nur das Wahrnehmungsorgan, sondern auch das Lebewesen, weil es diese (Wahrnehmung) als einzige notwendig besitzen muss. Die anderen Wahrnehmungsgattungen hat das Lebewesen, wie gesagt, nicht um des (Über-)Lebens willen, sondern um des guten (Lebens) willen: Das Sehen (hat es), weil es in Luft und Wasser lebt und damit es sehen kann und insgesamt, weil es im Durchsichtigen lebt, Geschmack aber (hat es) wegen des Lustvollen und Schmerzlichen, damit es dies an der Nahrung wahrnimmt, es begehrt und sich in Bewegung setzt; und Hören (hat es), damit ihm etwas bezeichnet wird, und eine Zunge, damit es einem anderen etwas bezeichnen kann.

Zu diesem Band

Der vorliegende Band enthält die aristotelische Physik und die Schrift Über die Seele (De anima). Die Physik erschien 1987 und 1988 in zwei Halbbänden mit den Bandnummern 380 und 381 der Philosophischen Bibliothek, übersetzt von Hans Günter Zekl. An- und Abführungszeichen (einfache und doppelte) werden in der Physik sowohl für Zitate als auch für Hervorhebungen verwendet; sie sind, ebenso wie Kursivierungen und manche Absatzgliederungen, Stilmittel der Übersetzung und finden sich nicht sämtlich im griechischen Originaltext. Ergänzungen von Wörtern, die nicht ausdrücklich im griechischen Text stehen, sind in runde Klammern eingeschlossen. Über die Seele wurde von Klaus Corcilius übersetzt und erschien zuerst 2017 als Band 681 der Philosophischen Bibliothek. Auch hier sind Ergänzungen, die nicht ausdrücklich im griechischen Text stehen, jedoch zum Verständnis mitzudenken sind, in runde Klammern ( ) eingeschlossen. Um ein leichtes und schnelles Auffinden gesuchter Textstellen zu ermöglichen, wird jeweils am Seitenrand die Paginierung der Gesamtausgabe der überlieferten Werke Aristoteles’ von Immanuel Bekker (Berlin 1831–1870) mitgeführt, nach der üblicherweise zitiert wird.