Medizin und Menschenrechte im Gefängnis: Zur Geschichte und Ethik der Forschung an Häftlingen seit 1945 9783839441411

From testosterone for prisoner in the GDR to cosmetics for American prison inmates: This book provides an overview of th

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Medizin und Menschenrechte im Gefängnis: Zur Geschichte und Ethik der Forschung an Häftlingen seit 1945
 9783839441411

Table of contents :
Inhalt
1. Versuche an Gefangenen: Zur Einführung
2. Geschichte und Theorie der Forschung am Menschen
Prominente Positionen des 20. Jahrhunderts zur Forschung an Gefangenen
4. Experimentelle Neurochirurgie an Häftlingen
5. Forschungsinteresse und ethische Evaluation in Boston
6. Ausgewählte Fallstudie: Forschung an den Insassen von Holmesburg (1951–1976)
7. Gefängnisforschung in Grenzbereichen: Ausgesuchte Beispiele
8. Forschung in Haftanstalten »hinter Mauern«: Neue Erkenntnisse zur DDR
9. Ist ein informed consent in Gefängnissen möglich?
10. Internationale Richtlinien zur Forschung am Menschen
11. Aktuelle Entwicklungen der Forschung an Häftlingen
12. Schlussfolgerungen und Perspektiven
13. Zusammenfassung
14. Abstract
15. Quellen
16. Anhang
17. Hinweis auf Vorveröffentlichungen
18. Danksagung

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Anna Maria Lehner Medizin und Menschenrechte im Gefängnis

Menschenrechte in der Medizin / Human Rights in Healthcare | Band 5

Anna Maria Lehner (Dr. med.), geb. 1990, studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Humanmedizin. Hier promovierte sie an der Professur für Ethik in der Medizin zu Medizin und Menschenrechten in Gefängnissen. Schon während ihres Studiums wurde sie mit Auszeichnungen für ihr ehrenamtliches Engagement in der medizinischen Flüchtlingshilfe bedacht, u.a. mit dem »EhrenWert-Preis«. Seit 2016 arbeitet sie als Chirurgin.

Anna Maria Lehner

Medizin und Menschenrechte im Gefängnis Zur Geschichte und Ethik der Forschung an Häftlingen seit 1945

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Professur für Ethik in der Medizin, FAU Erlangen-Nürnberg Emerging Fields Projekt (EFI) »Human Rights in Healthcare« sowie der Ilse und Dr. Alexander Mayer Stiftung. Die vorliegende Arbeit wurde zum Erwerb des Dr.med. an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verfasst.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2018 transcript Verlag, Bielefeld Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Umschlagkonzept: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar Print-ISBN 978-3-8376-4141-7 PDF-ISBN 978-3-8394-4141-1 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unter: [email protected]

Inhalt

1. Versuche an Gefangenen: Zur Einführung | 11

1.1 Von Menschen und Würde | 11 1.2 Gliederung und Vorgehen | 13 2. Geschichte und Theorie der Forschung am Menschen | 19

2.1 Einführung | 19 2.2 Zur historischen Entwicklung der Forschung am Menschen | 23 2.3 Definitionen und Begrifflichkeiten | 30 3. Prominente Positionen des 20. Jahrhunderts zur Forschung an Gefangenen | 33

3.1 Die amerikanische Stimme: Henry K. Beecher (1904-1976) | 33 3.2 Die britische Perspektive: Maurice H. Pappworth (1910-1994) | 41 3.3 Transatlantische Korrespondenzen: Zum Briefwechsel zwischen Beecher und Pappworth | 49 4. Experimentelle Neurochirurgie an Häftlingen | 51

4.1 Zur Entwicklung der Psychochirurgie 1950-1975 | 51 4.2 Der »Lobotomist« Walter Freeman | 52 4.3 Stimmen dieser Zeit gegen Neurochirurgie in Grenzbereichen | 56

5. Forschungsinteresse und ethische Evaluation in Boston | 59

5.1 Eingriffe am menschlichen Gehirn: Der Standpunkt des Neurochirurgen Vernon Mark | 59 5.2 Das Standing Committee on Human Studies in Boston: Zur Evaluation neurochirurgischer Studien | 61 5.3 Das Medical Committee for Human Rights (MCHR) und sein Einsatz für verantwortungsvolle Medizin | 62 6. Ausgewählte Fallstudie: Forschung an den Insassen von Holmesburg (1951-1976) | 65

6.1 Die Person hinter den Versuchen in Holmesburg: Albert Kligman (1916-2010) | 65 6.2 Forschung im Dienste der Industrie | 69 6.3 Das Ende der Experimente | 79 7. Gefängnisforschung in Grenzbereichen: Ausgesuchte Beispiele | 83

7.1 Amerikanische Ärzte in philippinischen Gefängnissen | 83 7.2 »MKULTRA«: Experimente der CIA zu LSD | 86 7.3 BRD: Experimentelle Unterbringung in deutschen Haftanstalten | 87 8. Forschung in Haftanstalten »hinter Mauern«: Neue Erkenntnisse zur DDR | 89

8.1 Zur Einführung: Auswertung der Zeitzeugenaussagen | 89 8.2 Hormone im Essen von Haftinsassen? | 91 8.3 Diagnostische Eingriffe ohne Anlass | 94

9. Ist ein informed consent in Gefängnissen möglich? | 97

9.1 Einschränkende Faktoren der freien Zustimmung in Haftanstalten | 97 9.2 Freie Entscheidung trotz Aufwandsentschädigungen in der Gefängnisforschung | 98 9.3 Minderung der Freiwilligkeit durch die besondere, intramurale medizinische Versorgungslage | 99 9.4 Moralische Verpflichtung der Häftlinge zur Forschungsteilnahme als Wiedergutmachung ihrer Taten? | 100 10. Internationale Richtlinien zur Forschung am Menschen | 103

10.1 Zur Vorgeschichte medizinischer Kodizes | 103 10.2 Der Nürnberger Kodex | 106 10.3 Deklaration von Helsinki: Ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen | 107 10.4 Belmont Report | 109 10.5 International Ethical Guidelines for Biomedical Research Involving Human Subjects (CIOMS) | 113 10.6 Ethical Considerations for Research Involving Prisoners (IOM) | 115 10.7 Allgemeine Bewertung von Richtlinien | 117 11. Aktuelle Entwicklungen der Forschung an Häftlingen | 119

11.1 Forderungen nach Lockerung der Begrenzungen von intramuralen Experimenten | 119 11.2 Zur Forschungssituation in Gefängnissen der Gegenwart | 121 12. Schlussfolgerungen und Perspektiven | 127 13. Zusammenfassung | 131

13.1 13.2 13.3 13.4

Hintergrund der Arbeit | 131 Methoden | 132 Beobachtungen und Ergebnisse | 133 Abschließende Betrachtung | 134

14. Abstract | 137

14.1 14.2 14.3 14.4

Background | 137 Methods | 138 Literature Review | 138 Conclusions | 139

15. Quellen | 141

15.1 Archivalien | 141 15.2 Literatur | 141 15.3 Internetquellen | 161 16. Anhang | 165

16.1 Experimente an vulnerablen Gruppen veröffentlicht durch Maurice H. Pappworth | 165 16.2 Zeitzeugen-Erinnerungen zur DDR | 168 16.3 WMA Deklaration von Helsinki: Ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen | 171 16.4 Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln (Arzneimittelgesetz – AMG) (Auszug) | 181 16.5 Stellungnahme des Komitees für ethische Überlegungen zur Revision der DHHS-Regelungen für den Schutz von Gefangenen, die in Forschungsvorhaben involviert sind | 200 17. Hinweis auf Vorveröffentlichungen | 203 18. Danksagung | 205

»Ein guter Tag, da ich ärztlich arbeiten durfte…« Prof. Dr. med. Elfriede Paul (1900-1981) Widerstandskämpferin der Roten Kapelle Eintrag im Hafttagebuch vom 13.03.1943

1.

Versuche an Gefangenen: Zur Einführung

1.1

V ON M ENSCHEN

UND

W ÜRDE

»Die Würde des Menschen ist unantastbar.«1 Diese Forderung des deutschen Grundgesetzes gilt uns heute in Deutschland als unumstößlich und allgemeingültig. Sie wird jedem Menschen zugesprochen, und wir sind so weit, dass Diskussionen nicht darüber geführt werden, ob, sondern – vor allem in der Stammzellforschung und Reproduktionsmedizin – ab wann diese dem sich entwickelnden Leben zugesprochen werden kann, zum Zeitpunkt der Befruchtung der weiblichen Eizelle, dem ersten Herzschlag oder der Geburt? Im Grunde sind die Menschenrechte,2 wie das Recht auf persönliche Freiheit und Sicherheit oder die Gleichstellung von Mann und Frau, nur Ableitungen und detaillierte Ausarbeitungen der Menschenwürde. Obwohl die Diskussionen um die Menschenwürde seit den Philosophen der Antike bis in die Gegenwart andauern,3 war eine erste Niederschrift der universal geltenden Menschenrechte durch die Vereinten Nationen eine Reaktion: auf die wohl größte und umfassendste Verletzung der Menschenrechte im Dritten Reich. Nach den Taten der Nationalsozialisten sollten die Rechte und Freiheiten aller Menschen verbindlich festgehalten werden. Durch die Verkündung der

1

Deutsches Grundgesetz (1949).

2

Vgl. UN (1948).

3

Vgl. z.B. Lenzen (2006), S. 217.

12 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte entstand eine bindende Grundlage und Voraussetzung im Umgang der Menschen untereinander. Auch für die ärztliche Tätigkeit entspringen daraus Folgen: hier gilt die Wahrung der Menschenrechte als Grundvoraussetzung jeder Handlung, nicht mehr nur als hoffnungsvolle Erwartung des einzelnen Patienten, sondern als unumstößliche Bedingung. Im Grunde sind alle folgenden Deklarationen und jedes Standesethos nur eine Ableitung aus diesen Grundlagen, festgehalten in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In der Medizin ist die Wertschätzung des Patienten schon seit der Antike belegt. Bereits im Hippokratischen Eid heißt es in der bekanntesten und wichtigsten Passage: »Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil.«4 Und auch wenn der antike Eid – trotz seiner Bekanntheit unter Laien – in der Medizin selbst immer mehr in den Hintergrund tritt und neuere Schriften wie das Genfer Gelöbnis an seine Stelle treten, bleiben es die gleichen Kernaussagen, denen sich jeder Arzt am Beginn seiner beruflichen Laufbahn verpflichtet: der Respekt vor dem Patienten. Heute sind die grundlegenden Anforderungen an den Mediziner in vier Prinzipien guten ärztlichen Handelns zusammengefasst und allgemein anerkannt: Autonomy, beneficence, nonmaleficence und justice.5 Gerade für die ärztliche Tätigkeit gilt, dass sie Grundlage und Rahmen würdevoller Begegnungen ist. Leicht kann die Würde Kranker im Rahmen der Diagnostik und Therapie verletzt werden.6 Seine Abhängigkeit als Kranker vom heilenden Arzt lässt ein gefährliches Ungleichgewicht entstehen.7 Gleichzeitig gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit Personengruppen, die als geringer eingeschätzt wurden und deren fundamentale Rechte, unter anderem das Recht auf eine würdevolle Behandlung, verletzt wurden. Neben der historischen Gruppe der Sklaven wurde (und wird leider oft auch heute noch) die Unantastbarkeit psychiatrischer Patienten8 und Verurteilter in der Praxis in Frage gestellt. Somit sind sie nach heutigem Verständnis eine gefährdete Gruppe.

4

Frewer (1997), S. 16.

5

Vgl. hierzu Beauchamp/Childress (2013).

6

Vgl. hierzu Farber Post et al. (2007) und Bieri (2013), S. 117.

7

Helmchen/Winau (1986) und Elger (2011).

8

Vgl. zu diesem Thema z.B. Müller/Hajak (2003), Fromberger/Müller (2007) und Duttge (2010).

V ERSUCHE AN G EFANGENEN : Z UR E INFÜHRUNG

| 13

In dieser Arbeit soll die besonders anfällige und häufig unbeachtete Gruppe der Gefängnisinsassen im Kontext der medizinischen Forschung betrachtet werden.9 Die Forschung am menschlichen Körper stellt dabei eine ungelöste ethische Frage dar. Der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart schreibt dazu, das Problem der Menschenexperimente sei eine der schwerwiegendsten Fragen in der Medizin seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewesen.10 Dies ist seiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass sie die Spannung zwischen der Hoffnung auf medizinischen Fortschritt und der Angst vor der Verletzung des Menschen widerspiegelt. Gleichzeitig zeigt sich dabei die Frage, wer zu welchem Zeitpunkt der Besitzer eines menschlichen Körpers ist, wer ihn zu welchem Zweck verwenden darf und wer mit welchen Rechten Ansprüche stellen darf. Bringt man nun diese beiden ethischen Schwachpunkte in der Medizin – Gefängnisinsassen und Forschung am Menschen – zusammen, bei denen man von besonderer Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit ausgehen müsste, wird man überrascht sein, denn die Gruppe der Inhaftierten wurde in Ländern, wie z.B. den USA, systematisch für Forschungsprojekte herangezogen.11 So waren noch in den 1960er Jahren rund 20.000 Insassen amerikanischer Gefängnisse an medizinischen Experimenten beteiligt.12

1.2

G LIEDERUNG UND V ORGEHEN

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst ein Überblick zum aktuellen Stand der Wissenschaft zu Forschung in Gefängnissen geboten werden. Die Aufarbeitung dieser Schriftstücke und ihre Einbettung ins zeitgenössische Geschehen erfolgten durch Literaturrecherche. Da Haftstudien vor allem im englischen Sprachraum verbreitet waren, ist es auch eine Zielsetzung dieser Arbeit, eine Zusammenstellung neuerer Forschungsergebnisse zu schaffen und die englischen Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum bekannter

9

Vgl. zu diesem Thema auch Jary (2010) mit dem Schwerpunkt des Medizinrechts mit Beiträgen von u.a. Amelung, Deutsch, Duttge sowie Gostin.

10 Eckart (2006), S. 9. 11 Vgl. auch Harkness (1996). 12 Lederer (2006), S. 273.

14 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

zu machen. Um ein detailliertes und möglichst vollständiges Bild von der Forschung an Gefängnisinsassen zu entwerfen, wird in der vorliegenden Arbeit zuerst ein Überblick über die Forschung als solche gegeben. 13 An dieser historischen Skizze soll die Entwicklung der frühen Forschung in Form von Einzelbeobachtung hin zu systematischen, breit angelegten Studien gezeigt werden. In diesem Teilkapitel wird bereits die beachtliche Rolle verurteilter Sträflinge bei Experimenten deutlich. In Abschnitt 2.3 werden zentrale Begriffe definiert und genauer erörtert, die für den Themenkomplex dieser Arbeit bedeutsam sind, wie der Terminus Forschung oder auch Gefängnisinsasse. In der Mitte des 20. Jahrhunderts kamen kritische Stimmen gegen Experimente an Menschen in Haft auf, und es entwickelten sich weitgreifende Diskussionen. Besonders bedeutend und nachhaltig zu Wort meldeten sich damals zwei sehr unterschiedliche Ärzte: Maurice H. Pappworth in Großbritannien und der Amerikaner Henry K. Beecher. Beide veröffentlichten Fälle von medizinischer Humanforschung, die ihres Erachtens unmoralisch gewesen seien und entfachten somit die Debatten um den Umgang mit Patienten und Studienteilnehmern weiter an. Nach der genaueren Betrachtung des Werkes von Henry K. Beecher wird diesem die zentrale Veröffentlichung von Maurice H. Pappworth vergleichend gegenübergestellt. Auch in diesem Abschnitt der vorliegenden Arbeit liegt der Schwerpunkt der Betrachtungen auf der Bedeutung bzw. möglichen Konsequenzen für Gefängnisinsassen. Interessanterweise gab es auch einen transatlantischen Briefwechsel zwischen den beiden »Whistleblowern«, der in Abschnitt 3.3 eingehender betrachtet wird. Im vierten Abschnitt der vorliegenden Arbeit wird Forschung an Häftlingen am Beispiel der Neurochirurgie als innovativer Bereich in der Medizin exemplarisch besprochen. Nach einer allgemeinen Betrachtung der Entstehung dieses Fachgebiets14 in Abschnitt 4.1 wird Walter Freeman als besonderer Vertreter dieses Gebiets vorgestellt. Teilkapitel 4.2 gibt Einblicke in seine Biografie sowie seine »therapeutischen« Methoden, die er unter anderem an Gefängnisinsassen anwandte. Jedoch werden auch kritische Stimmen vorgestellt, die den persönlichkeitsverändernden Charakter dieser

13 Vgl. hierzu auch Phillips (1979) und Pethes et al. (2008). 14 Vgl. Sperry (1966), O’Callaghan/Carroll (1982), Jasper (1995), Stringer/Cooley (2002), Nikkhah (2008) und Lieb (2012).

V ERSUCHE AN G EFANGENEN : Z UR E INFÜHRUNG

| 15

Eingriffe schon früh kritisierten und zu mehr Aufmerksamkeit und Vorsicht in der Psychochirurgie aufriefen. Die Bedeutung solcher wachsamen Beobachter wird im fünften Kapitel deutlich. Hier wird im ersten Abschnitt die weitverbreitete Einstellung zu Eingriffen, die den Charakter eines Menschen verändern können, unter Neurochirurgen der Zeit dargelegt, exemplarisch an dem Arzt Vernon Mark sowie seinem Kollegen und Mitautoren Frank Ervin. Neben vielen Veröffentlichungen zu diesem Thema ist Vernon Mark – der bis zu seinem Tod am 31.12.2014 in den USA lebende Chirurg – interessant für die vorliegende Arbeit, da Dokumente vorgestellt werden, die einen Antrag von Mark auf neurochirurgische Versuche an Gefängnisinsassen beinhalten. Außerdem wird die Reaktion des Standing Committee on Human Studies auf den Antrag dargelegt. Diesem Gremium zur Bewertung der Forschungsanträge gehörte auch Henry K. Beecher an. Da zu den besprochenen Dokumenten auch Reaktionen des Medical Committee for Human Rights gehören, wird dieses vorgestellt, vor allem da es auch in der Gefängnismedizin eine große Rolle spielte und für die Medizinethik der USA des 20. Jahrhunderts eine wichtige Position einnimmt. Neben den historischen Beispielen für Studien an Insassen bei Pappworth und den Anträgen auf experimentelle Studien in Gefängnissen von Vernon Mark soll noch ein besonderes Beispiel der Forschung in Gefängnissen vorgestellt werden. Dieses wurde durch das Buch Acres of Skin von Allen M. Hornblum bekannt, das Grundlage für das sechste Kapitel war.15 Neben der schillernden Figur im Mittelpunkt dieses Forschungsskandals, Albert Kligman, soll auch auf die verschiedenen durchgeführten Experimente sowie die unfreiwillige Beendigung dieser Studien eingegangen werden. Das erzwungene Ende der Forschungen ist exemplarisch dafür, dass Forscher ohne Einsicht durch Gesetze dazu bewegt werden mussten, ihre menschenverachtenden Humanexperimente zu beenden. Da diese Arbeit einen möglichst vollständigen Überblick geben soll, werden noch weitere bekanntgewordene Studien in Haftanstalten der USA vorgestellt sowie ein CIA-Programm, das ein Vorzeigebeispiel für die Skrupellosigkeit gegenüber menschlichen Versuchsteilteilnehmern ist. Darüber hinaus aber wurde das Projekt MKULTRA, eine Versuchsreihe der CIA zur Erforschung psychogener Substanzen, zu großen Teilen in Gefängnissen durchgeführt, was es für diese Arbeit relevant macht.

15 Vgl. außerdem Hornblum (2000), (2005), (2007) und Hornblum/Holmes (2004).

16 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Die bisher vorgestellten Beispiele der Gefängnisforschung hatten in den USA stattgefunden. Dies soll jedoch nicht den Eindruck erwecken, Experimente seien nur in amerikanischen Gefängnissen durchgeführt worden. Vielmehr gibt es für die USA viel Material und wurden die Studien gut aufgearbeitet, was auch positiv ausgelegt werden kann als ernsthafte Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern in der Vergangenheit.16 Für andere Staaten gibt es wenig Quellen. Jedoch muss man bei vielen Ländern, in erster Linie mit diktatorischen Staatsformen, noch heute von laufenden Versuchen ausgehen. Um diese Betrachtung nicht einseitig und unvollständig zu lassen, kann man sich also nicht nur auf die Vereinigten Staaten beschränken. Viele Forschungsskandale fanden zur Zeit des Kalten Kriegs statt, um in diesem durch neue Erkenntnisse eine stärkere Position zu gewinnen. Deswegen soll der Blick auch auf den Widerpart der USA gelenkt werden. Da die Quellen zur Situation der Haftforschung in der UdSSR – falls vorhanden – kaum zugänglich sind, sollen in dieser Arbeit exemplarisch die Umstände in Haftanstalten der DDR vorgestellt werden. Dieses Kapitel war nur möglich dank Zeitzeugen, die sich auf einen Aufruf hin meldeten.17 Grundlage für dieses Kapitel sind somit vor allem mündliche Berichte ehemaliger Gefängnisinsassen, die im siebten Kapitel einzeln vorgestellt werden. Ein Interview konnte leider nicht aufgenommen werden, da die Gesprächspartnerin dies nicht wünschte. In diesem Fall dient ein Gedächtnisprotokoll als Grundlage, das die Autorin nach dem Treffen geschrieben hat und das von der Interviewten gegengelesen worden ist. Darüber hinaus wurden zum Teil die Haftdokumente der Betroffenen eingesehen. Mit weiteren Betroffenen bestand nur schriftlicher Kontakt, unter anderem konnten hier aber eigene Veröffentlichungen der Betroffenen als Grundlage des Kapitels hinzugezogen werden. Nach dieser Vorstellung von ausgewählten Beispielen von Forschung in Haftanstalten werden ethische Aspekte vertiefend diskutiert. So wird der Frage nachgegangen, ob eine freie Willensäußerung durch

16 Darüber hinaus haben die USA den höchsten Prozentsatz Gefangener weltweit. Während in Deutschland beispielsweise 0,76 und in Russland 4,63 pro 1000 Einwohner inhaftiert sind, gilt dies in den USA für 6,98 pro 1000. Ein größerer Anteil an einer Population führt gleichzeitig eher dazu, in Studien aufgenommen zu werden. Vgl. Grieß (2015). 17 Lehner (2014).

V ERSUCHE AN G EFANGENEN : Z UR E INFÜHRUNG

| 17

Inhaftierte und somit eine prinzipielle Zustimmung zu Forschung an Haftinsassen überhaupt möglich ist. Auch die Problematik einer Aufwandsentschädigung für Häftlinge und andere, möglicherweise unzulässige Beweggründe zur Forschungsteilnahme werden besprochen. Als Folge der vorgestellten – und anderer – Experimente an Menschen und Vergehen im Namen der Forschung entstanden zentrale Richtlinien, die weitere Verfehlungen verhindern sollen. Die wichtigsten dieser Leitlinien werden in Kapitel zehn besprochen. Diese Kodizes sind zwar nicht bindend, aber allein ihre Aufzeichnung zeigt ein Umdenken in der Ärzteschaft. Allerdings haben jene Richtlinien eine Einschränkung in der Forschung an Häftlingen zur Folge, die nicht nur positiv zu bewerten ist. Die Auswirkungen der Leitlinien, aber auch neueste Entwicklungen in der Forschung in Gefängnissen werden im elften Kapitel besprochen und diskutiert.

2.

Geschichte und Theorie der Forschung am Menschen

2.1

E INFÜHRUNG

Heute ist medizinisches Handeln dadurch definiert, die Vorgänge im menschlichen Körper zu entschlüsseln und im Falle von Krankheiten beeinflussen zu können. An diesen Punkt zu gelangen, war in der Geschichte der Medizin jedoch ein außerordentlich langwieriger Prozess, der akribischer Beobachtung sowie zahlreicher wissenschaftlicher Experimente und Entdeckungen bedurfte.1 Dabei interessierten die Gelehrten und Ärzte seit Entstehung der Zivilisation vor allem drei Grundfragen: Wie funktioniert der Körper, wie wirkt ein Gift und wie verläuft ein Krankheitsprozess?2

1 2

Roelcke/Maio (2004), Eckart (2006) und Schmidt/Frewer (2007a). Helmchen/Winau (1986) und Ruisinger (2007). In der heutigen Forschung – vor allem in Gefängnissen – liegen die Schwerpunkte allerdings laut dem Autor Peter B. Meyer etwas anders. Er formulierte drei Kernpunkte in der Forschung: An erster Stelle steht die seit der Antike praktizierte Beobachtung von Krankheitsverläufen. Die Epidemiologie, Verbreitung und der (un-)behandelte Verlauf sind gut in Haftanstalten zu evaluieren. An zweiter Stelle kommen heute, im Unterschied zu den früheren Konzepten, vor allem Medikamentenstudien. Phase I-Studien, also Untersuchungen zur Wirkung eines neuen Stoffes bei gesunden Probanden, sind in Häftlingspopulationen besonders gut durchzuführen. Als letzten Punkt nennt Meyer Studien zur Bewertung neuer Produkte vor ihrer Markteinführung. In diesen Versuchen wird anhand des Verhaltens der Teilnehmer getestet, was psychologische Auslöser für den Kauf sein können. Vgl. Meyer (1976).

20 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Die Forschung war in der langen Entwicklung der Heilkunde seit dem Altertum allerdings lange Zeit unsystematisch und auf Einzelfallbeobachtungen beschränkt. Leider waren auch der Drang nach Wissen und die Neugierde der Ärzte oft größer, als ihr Respekt vor dem Schutz der Forschungsobjekte. Da es keine verbindlichen moralischen Standards, ethische Richtlinien oder gar Gesetze für Humanexperimente in der medizinischen Forschung gab – oder diese missachtet wurden – sind bis in die Gegenwart immer wieder Fälle von Missbräuchen bekannt geworden, an denen sich zeigte, dass viele Ärzte und Forschende bis heute bei ihren Studien elementare Menschenrechte missachteten und das Streben nach erfolgreichen Karrieren oder wissenschaftlichem Ruhm von ihnen als wichtiger erachtet wurde, als die Integrität ihrer Probanden. 3 Häftlinge stellen dabei eine in gewisser Weise »optimale Studienpopulation« dar. Wie bei anderen Institutionalisierten4 sind bei ihnen die Lebensbedingungen bei der gesamten Gruppe gleich und können überwacht sowie beliebig verändert werden. Es ist genauestens nachvollziehbar, wann der Teilnehmer welche Mahlzeiten eingenommen hat, wie viel Sport er treibt und ähnliches. Gleichzeitig setzt sich die Gruppe zusammen aus mehrheitlich jungen, kräftigen und gesunden Probanden, ohne physiologische Alterserscheinungen oder Wechselwirkungen zu Medikamenten. Darüber hinaus sind diese Menschen oft dazu bereit, an gefährlicheren Versuchen teilzunehmen, die andere ablehnen würden. Auch ist der Anreiz, an einer Studie teilzunehmen – der hauptsächlich durch die Aufwandsentschädigung geleistet wird – bei Gefängnisinsassen verhältnismäßig geringer als bei freien Bürgern. Damit ist eine Gruppe charakterisiert, die für jede Form von Studie prädestiniert erscheint.5 Es stellt sich jedoch früher oder später die Frage, wie Ärzte überhaupt an unmoralischer Forschung an Menschen teilnehmen können, setzt man bei ihnen doch voraus, dass sie sich der medizinethischen Prämisse primum nihil nocere (»Vor allem nicht schaden«) verpflichtet fühlen. Man kann hierbei mehrere Gründe finden, aufgrund derer Mediziner sich an zweifelhaften Studien beteiligen, unabhängig ob im Krankhaus oder in der speziellen Umgebung des Gefängnisses. Die Autoren und Gefängnisärzte Karlheinz

3

Vgl. Deutsch (2002) und Wachenhausen (2001).

4

Vgl. Hornblum (2013).

5

Meyer (1976), S. 21.

G ESCHICHTE UND THEORIE DER F ORSCHUNG

AM

M ENSCHEN

| 21

Keppler und Heino Stöver6 arbeiteten hierfür fünf Punkte heraus. Oft steht leider für viele Ärzte das Streben nach Karriere vor den ethischen Bedenken und verleitet(e) sie in Systemen wie der DDR zur Mitarbeit. Damit einher geht auch eine Identifikation mit den Zielen der Forschung, aber auch Folterung, dies ist besonders bei Militärärzten zu beobachten, die den resultierenden Nutzen höher als das Wohl Einzelner betrachten. Sicherlich hat diese Identifikation mit den regierenden Ideologien auch einen großen Anteil an den grausamen Forschungsvorhaben während des Dritten Reiches ausgemacht. Die Rassenforschungen in den Konzentrationslagern sollten dabei einem Sieg der vermeintlich dem eigenen Verständnis nach zum Herrschen geborenen Rasse dienen und konnte (nur) durch eine Identifikation des Arztes mit diesem Gedankengut getragen werden. Wie sich an der T4-Aktion jedoch zeigt, hatten viele Ärzte dieser Zeit auch andere Beweggründe als die politische Einstellung, an den Versuchen teilzunehmen. Die T4-Aktion wurde zur Euthanasie geistig retardierter Patienten entwickelt. Trotz eines Geheimbefehls Hitlers und einer vermeintlichen verdeckten Durchführung, war das Ziel des Projekts weithin bekannt. Die Gutachten der behandelnden Ärzte entschieden dabei über das weitere Vorgehen, ob die Patienten in den Heimen bzw. bei ihren Familien bleiben konnten oder von dort abgeholt wurden und kurze Zeit später tödlich erkrankten, wie es formuliert wurde.7 Die Ergebnisse des (später so benannten) T4-Projekts waren dabei Grundlage für die Gaskammern in den Konzentrationslagern. Obwohl bekannt war, dass eine attestierte geistige Behinderung den sicheren Tod bedeutete, diagnostizierten viele Ärzte eine solche Behinderung in den angeforderten Gutachten.8 Laut Keppler und Stöver ist dies neben einer Identifikation, die bei vielen Ärzten vorhanden war, auch auf den Einfluss der Bürokratie zurückzuführen. Besteht die Aufgabe des Arztes nur in wenigen Angaben und einer Unterschrift, ist die Hemmschwelle, das tödliche Urteil zu unterschreiben, geringer. Aber natürlich spielte hier auch die Angst vor einem Widersetzen eine große Rolle. Beispiele wie die Medizinstudierenden der Weißen Rose sind selten, die Ärzteschaft zeichnete sich im Dritten Reich durch einen besonders niedrigen Grad an Widerstand aus.9 Keppler und Stöver nennen

6

Keppler/Stöver (2009).

7

Rotzoll et al. (2010), Jütte/Eckart (2011) und Aly (2013).

8

Vgl. Kaul (1973) und Klee (1985).

9

Vgl. hierzu Bromberger et al. (1990) und Leven (2008).

22 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

als letzten Beweggrund für Ärzte, an Experimenten und vor allem Versuchen an Gefängnisinsassen mitzuwirken, die Doppelung nach Lifton.10 Diese wird vorwiegend bei Folterungen beobachtet, die sekundär zu Versuchen werden. Dabei wird der Arzt hinzugezogen, damit dieser bei einer tatsächlichen lebensgefährlichen Situation oder kurz zuvor einschreiten kann. Dadurch können die Folterer neue Grenzen der Belastbarkeit austesten. Die Ärzte finden sich dabei oft in einer bivalenten Situation wieder: Sie haben den Anspruch an sich selber, den Gefangenen Schutz zu bieten und einzuschreiten, bevor die Folterung durchgeführt oder gar lebensbedrohlich wird. Gleichzeitig bieten sie den Folternden dadurch die Möglichkeit, solange weiterzumachen, bis der Mediziner einschreitet, wodurch letzte Hemmungen verloren gehen können. Dieses Phänomen zeigt sich regelmäßig bei Hinrichtungen in amerikanischen Gefängnissen, bei denen neue tödliche Substanzen unter Aufsicht von Medizinern getestet werden. Mit der Intention, bei ungewollten Nebenwirkungen einschreiten zu können, ermöglichen die teilnehmenden Ärzte so die experimentelle Anwendung von Giften an Verurteilten. Trotzdem ziehen sich gerade diese Hinrichtungen oft über Stunden hinweg und setzen die Sterbenden extremen Schmerzen aus.11

10 Keppler/Stöver (2009), S. 15–18. 11 Zum Problem der Dual Loyalty siehe auch Lucas (2009), Annas (2011) und Pont et al. (2012). Zur experimentellen Anwendung neuer Tötungsmittel bei Hinrichtung s. S. 135.

G ESCHICHTE UND THEORIE DER F ORSCHUNG

2.2

AM

M ENSCHEN

| 23

Z UR HISTORISCHEN E NTWICKLUNG DER F ORSCHUNG AM M ENSCHEN 12

Menschen wurden seit jeher für die Wissenschaft beobachtet und Experimenten ausgesetzt.13 Wie bereits oben erwähnt, hat im Zusammenhang mit ärztlicher Ethik besonders Hippokrates von Kos (ca. 460-379 v. Chr.) Bekanntheit erlangt, auch wenn man von ihm selbst und seinem Leben und Wirken nur relativ wenig weiß.14 Sicher ist, dass er zum Vater der Medizin avancierte und bereits bei Platon als bekanntester Arzt der griechischen Antike erwähnt wird. Heute verbindet man seinen Namen häufig sofort mit der Medizinethik und dem nach ihm benannten Eid. Dieser Schwur, den junge Ärzte der Antike wohl im Sinne eines Zunfteides und Lehrvertrags zu Beginn ihrer ärztlichen Ausbildung leisten mussten, wird häufig Hippokrates zugeschrieben – er gilt daher landläufig als Begründer der Medizinethik. Auch wenn im hippokratischen Eid historisch sehr früh genauere Verhaltensrichtlinien für Ärzte formuliert sind und ein hohes Ethos in Bezug auf die Techne (Kunstfertigkeit) der Mediziner vorausgesetzt wurde, ist die Autorschaft dieses Textes bis heute umstritten. Trotzdem enthält der Text einige bis in die Gegenwart relevante ethische Prinzipien, wie z. B. der Vorsatz, zugunsten des Patienten zu handeln und sie vor Schaden und Unrecht zu schützen.15 Ein Selbstbestimmungsrecht des Kranken, wie es in der Gegenwart mit dem philosophischen Prinzip der Autonomie bei Menschen begründet wird, kommt aber im Eidestext nicht vor. Das Dokument spricht wohl eher einen Priesterarzt an – möglicherweise einer pythagoräischen Ärztegruppe – und spiegelt die paternalistische Berufsauffassung des Halbgottes in Weiß wider. Bei der Übersetzung und Interpretation des originalen Textes aus dem Altgriechischen gibt es immer wieder verschiedene Auslegungen; viele im Eid festgehaltenen Leitlinien sind nicht mehr auf den heutigen Alltag eines Arztes übertragbar, 16 wie z.B. 12 Der folgende Abschnitt basiert auf der Veröffentlichung Frewer/Lehner (2015), hier verwendet mit freundlichem Einverständnis von Prof. Frewer. 13 Vgl. Kevorkian (1985), Griesecke et al. (2009), Frewer/Schmidt (2014) und Stolberg (2014). 14 Diller (1994), Leven/Prüll (1994) und Eckart (2009). 15 Deichgräber (1983) und Schubert (2005). 16 Vgl. Leven/Prüll (1994).

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die damalige Trennung zwischen Ärzten für freie Bürger im Gegensatz zu Sklavenmedizinern. Trotzdem werden Hippokrates und der nach ihm benannte Eid bis heute herangezogen, wenn über ärztliches Ethos diskutiert wird. Vorgaben für Humanexperimente oder den notwendigen Schutz von Patienten in der Forschung sind aber in diesem Dokument aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert noch nicht beschrieben, auch wenn die geforderte Berufsauffassung von dem wichtigen Nichtschadensprinzip geprägt ist. Experimente fanden auch schon in dieser Zeit statt, allerdings können sie nicht mit dem systematischen Vorgehen verglichen werden, wie wir es heute kennen und unter Forschung verstehen, da es sich damals um Wissenserwerb durch Beobachtung natürlicher Vorgänge handelte, also nur empirische und deskriptive Studien. Auch muss festgehalten werden, dass eine Bewertung dieser Versuche rückblickend, vor dem Hintergrund unserer heutigen Vorstellungen und Positionen, anmaßend wäre. Die im Folgenden vorgestellten Versuche wurden bei anderen geltenden Wertevorstellungen durchgeführt und müssen in ihrem zeitgenössischen Kontext interpretiert werden. Für die Geschichte der Medizin lassen sich zahlreiche Varianten von Experimenten unterscheiden: Es wurden Versuche an Gefangenen oder anderen Abhängigen durchgeführt; gleichzeitig waren aber auch Tiere beliebte Forschungsobjekte. Bei Tierversuchen jedoch galt, dass trotzdem noch Testungen an Menschen folgen mussten, da der Unterschied zwischen menschlichen und tierischen Organismen bekannt war. 17 Manchmal aber waren es auch Selbstversuche, mit denen die Ärzte Wissen am eigenen Leib erlangen wollten. Es lassen sich verschiedenste Experimente rekonstruieren, sodass hier nur eine exemplarische Auswahl genannt werden kann.18 Erste Beschreibungen von Versuchen an Menschen – und insbesondere an Häftlingen – sind aus dem hellenistischen Alexandria überliefert, wo mit großem Forscherdrang neues und vertieftes Wissen zu erlangen versucht wurde. Vor allem von den Ärztekoryphäen Herophilos und Erasistratos sind zahlreiche Studien zur Anatomie und Physiologie beschrieben. Überliefert ist sogar Wissenserwerb mittels Vivisektion (Eröffnung des lebenden Körpers) an Sträflingen oder Sklaven, deren Tod in Kauf genommen oder wissentlich durch die Experimente herbeigeführt wurde. Über das Ausmaß und die Formen der Humanversuche in Alexandria gibt es historisch

17 Engelhardt (2007), S. 59. 18 Rothman (1995) und Frewer et al. (2007).

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unterschiedliche Meinungen, aber bei diesen frühen Experimenten an Menschen scheinen moralischer Skrupel bei den wissbegierigen Ärzten offensichtlich keine Rolle gespielt zu haben.19 Über König Mithridates VI. (120-63 v.Chr.) im Schwarzmeerreich Pontos, seinerzeit einflussreicher Herrscher Kleinasiens, wird berichtet, dass er nach der Vergiftung seiner Familienangehörigen selbst Angst vor dem gleichen Schicksal durch politische Feinde hatte. Daher beauftragte er Mediziner und Gelehrte an seinem Hof, eine Substanz zum universellen Schutz vor Giften jeglicher Art zu finden. Für die umfangreichen Tests wurden Häftlinge und zum Tode verurteilte Menschen vergiftet, um die in Frage kommenden Gegenmaßnahmen auszuprobieren. Angeblich hatte er Erfolg und soll das nach ihm benannte Antidotum Mithridaticum entdeckt haben. Auf dem Weg zu diesem Heilmittel gab es jedoch einige Todesfälle und moralische Grenzüberschreitungen.20 Der Forscherdrang, vor allem furchtsamer Herrscher, kannte kaum Grenzen. Bekannt sind auch die Experimente von Friedrich II. an Neugeborenen. Diese wurden hauptsächlich durchgeführt, um mehr über die Entwicklung des Menschen zu erfahren und auf der Suche nach einer universalen Sprache.21 Ein ärztlicher Selbstversuch ist von Santorio Santorio (1561-1636) bekannt. Von 1611 bis 1624 Professor an der angesehenen Universität von Padua, einer der ältesten medizinischen Fakultäten Europas, wollte er das Stoffwechselgeschehen im menschlichen Körper besser verstehen und verbrachte dafür Jahre auf einer großen Balkenwaage. Indem er rund um die Uhr alle Verrichtungen auf seinem Stuhl tätigte, konnte Santorio akribisch Ein- und Ausfuhr bilanzieren und bis dato unerklärliche Gewichtsveränderungen nachweisen, die er auf den Austausch des Körpers (Lunge und Haut) mit der Luft zurückführte. Die Erkenntnisse veröffentlichte er 1614 in seinem Werk Ars de statica medicina und prägte einen neuen Begriff für diese Abatmung: die Perspiratio insensibilis.22 Dieses Beispiel zeigt, welch großen Aufwand manch ein Arzt in der Geschichte der Heilkunde leistete,

19 Rupke (1987) und Staden (1989). 20 Mayor (2011), vgl. Valle et al. (2009). 21 Engelhardt (2007), S. 59. Vgl. auch Görich (2006), S. 112 und Houben (2008), S. 114. 22 Santorio (1614).

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um Basiswissen durch aufwändige Versuchsanordnungen zu gewinnen – hier als heroischer Selbsteinsatz eines Gelehrten.23 Der Engländer James Lind (1716-1794) wurde für die erste Durchführung einer systematischen Studie bekannt. Der Chirurg war als Schiffsarzt der britischen Marine oft mit der verheerenden Krankheit Skorbut konfrontiert, die aufgrund von Vitamin C-Mangel nach ersten Symptomen wie Haar- und Zahnausfall zu einem qualvollen Tod führen konnte. Um Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten zu finden, entwarf er eine beobachtende Studie. Seine Skorbut-Versuche, ein geplantes Experiment auf dem Schiff Salisbury, gingen in die Forschungsgeschichte ein.24 Bei einer Schiffsreise im Jahr 1747 betreute er zwölf Seeleute mit den typischen Symptomen der Skorbut-Erkrankung. Eingeteilt in sechs Gruppen zu je zwei Personen wurden sie jeweils mit unterschiedlichen Mitteln behandelt. So erhielten die sechs Paare z.B. verschiedene Gewürze oder Zitrusfrüchte, aber auch Meerwasser. Die Matrosen mit Zitrusfrüchten als Behandlungsoption erlebten eine Heilung der Krankheit; aufgrund dieser Beobachtung wurden Früchte, aber auch das ebenfalls Vitamin-C-haltige Sauerkraut als SkorbutPrävention identifiziert und bald auf vielen Schiffen als solche verwendet. Die Verteilung auf verschiedene Therapiearme durch den Arzt Lind war ein außerordentlich scharfsinniges Vorgehen und damit auch Vorläufer der notwendigen Randomisierung (zufällige Zuordnung auf unterschiedliche Therapien), die eine wichtige Voraussetzung für die Methodik systematischer Forschung bildet und heute Grundlage wissenschaftlichen Forschens ist. Zwar war die Anzahl der Beteiligten bei diesem Experiment auf hoher See noch sehr gering, aber die genaue Beobachtung brachte die richtigen Schlussfolgerungen. Aus ethischer Perspektive muss jedoch hinzugefügt werden, dass Lind die beteiligten Matrosen wohl nicht um ihre Zustimmung fragte. Die moderne naturwissenschaftliche Medizin entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts nochmals enorm weiter, als die akademische Methodik sich nochmals signifikant veränderte. Dafür besonders wegweisend war der Franzose Claude Bernard (1813-1878). Er betrieb mit seinen Pariser Kollegen experimentelle Medizin und arbeitete mit zahlreichen Tierver-

23 Altman (1987), Eckart (2009). 24 Lind (1753), McBride (1991).

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suchen etwa an Grundlagenproblemen der Physiologie. Bernards ausgeprägter Forscherdrang hatte dabei auch Konsequenzen auf sein Privatleben: Seine Frau war so entsetzt über die Versuche an lebenden Tieren, dass es nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Eheleuten wegen der unterschiedlichen Einstellung zum Tierschutz zur Trennung kam. Die Ehefrau war Anhängerin der sich entwickelnden Bewegung der organisierten Tierversuchsgegner (Antivivisektionisten). An diesem Beispiel lässt sich noch mehr ablesen: erst in dieser Zeit entstand ein organisierter, von der Bevölkerung ausgehender (im Gegensatz vom zuvor rein kirchlichen) Widerstand gegen die Versuche an Tieren. Dies zeigt eine Entwicklung in Reflektion und moralischen Empfinden der Gesellschaft. Interessant daran ist, dass dies gleichzeitig zum verstärkten wissenschaftlichen Verständnis der Medizin geschah. Ein gutes Abbild dieser neuen Auslegung von Forschung und Medizin seitens Claude Bernard und seiner Zeitgenossen bietet auch Bernards Ansicht, bei der Klinik handele es sich nur um die Vorhalle der Wissenschaft, das wahre Heiligtum sei das Laboratorium. 25 Zu dieser Zeit der sich entwickelnden Spitäler waren die sozial benachteiligten Schichten, der die Patienten meistens entstammten, nicht selten Willkür und Forscherdrang der wissenschafts- und fortschrittsorientierten Mediziner ausgesetzt. Neben neuen Entdeckungen in der Physiologie erarbeitete Bernard aber wichtige Fortschritte in der systematischen und verblindeten Forschung, in der Versuchsteilnehmer und -betreuer über die Zuteilung der zu testenden Substanz in Unkenntnis belassen werden. Dem Franzosen sind erste Formulierungen systematischer Abläufe für Studien zu verdanken und er entwickelte in seinem Werk Einführung in das Studium experimenteller Medizin26 Umrisse einer Forschungsethik. Dies war beachtlich für eine Zeit, die sich in der Medizingeschichte auch als Epoche der Mikrobenjäger kennzeichnen lässt. Die Identifizierung, Sichtbarmachung (durch Färbetechniken und Mikroskope) wie auch Bekämpfung von Krankheitserregern nahm breiten Raum in der zeitgenössischen Heilkunde ein, die auch einiges an ethisch bedenklichen Vorgehensweisen bereithielt.27 So erregten die

25 Bernard (1865). 26 Vgl. ebd. 27 Vgl. Gradmann (2005), Schmidt/Frewer (2007) und Griesecke et al. (2009).

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Tuberkulin-Versuche von Robert Koch (1843-1910)28 oder auch die koloniale Forschung29 öffentliches Aufsehen und führten zu ersten allgemeinen Richtlinien in Bezug auf Impfmaßnahmen. 1902 beschrieb Albert Moll (1862-1939)30 in der Ärztlichen Ethik 600 Fälle nicht-therapeutischer Forschung, die er für unethisch hielt, da sie sehr schädlich für die Teilnehmer gewesen waren, keinen Nutzen hatten erkennen lassen oder schlecht gestaltet waren sowie keine Aufklärung oder Einwilligung der Teilnehmer aufwiesen.31 Auch Japan missbrauchte 1936 bis 1945 Häftlinge für grausame Experimente zur Kriegsforschung. Da diese Verbrechen auch präzise erforscht wurden, soll dieses Land in einem Exkurs kurz angesprochen werden. 1936 wurde in Japan offiziell die Unit 731 als Sektion der kaiserlichen Armee gegründet, die biologische Waffen erforschen sollte.32 Unter der Federführung des Arztes Shiro Ishii wurden an Kriegsgefangenen, vor allem aus China, Versuche durchgeführt, die in der Regel tödlich endeten.33 Hauptsächlich auch deswegen, da nach den Versuchen die Auswirkungen auf die inneren Organe erforscht werden sollten: durch die »Opferung« der Versuchsobjekte lag die Mortalität der Versuche bei 100%.34 So wurde zu Kriegszwecken über Kältetoleranz, aber in großer Zahl auch über Infektionskrankheiten geforscht.35 Um die eigenen Soldaten bei Einsätzen in der Mandschurei vor Erfrierungen zu schützen, forschte man an Häftlingen in großem Ausmaß zur Reaktion des Körpers auf anhaltende Kälte. Hände wurden in Eiswasser getaucht bis zum Absterben des Gewebes. Ein Zeitzeuge beschrieb eindrücklich die Bilder, die sich dem Besucher in den Lagern boten. Bei seinem Besuch im Gefängnislabor sah er fünf chinesische Versuchspersonen, deren Hände entweder bereits teilamputiert oder nekrotisch waren und den freien Blick auf die Kno-

28 Gradmann (2005). 29 Eckart (2002). 30 Goercke (1994), S. 773. 31 Tröhler (2007), S. 31. 32 Williams/Wallace (1989), Harris (2002), Bärnighausen (2008) und Tsuneishi (2008). 33 Vgl. Bärnighausen (2008) und Dickinson (2008). 34 Bärnighausen (2008), S. 183. 35 Vgl. ebd., S. 167–196.

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chen der Hand zuließen. Er bekam die Erklärung, dass dieses Bild das Ergebnis der Erfrierungsexperimente sei.36 Nicht nur Kriegsgefangene und wahllos inhaftierte Zivilisten wurden dabei als Versuchsobjekte herangezogen, auch die Kinder der Häftlinge wurden Opfer der skrupellosen Versuche. Der japanische Medizinhistoriker Keiichi Tsuneishi berichtet von einem Fall, bei dem an einem solchen Kind die Entwicklung der Kälterezeptoren erforscht wurde. Hierfür wurde sein Mittelfinger im Alter von drei Tagen, einem Monat und sechs Monaten in Eiswasser gehalten. 37 Um Biowaffen zu entwickeln, wurden Gefangene künstlich mit den verschiedensten Erregern infiziert. Bereits bekannte Erkrankungen wie Cholera wurden untherapiert beobachtet, desgleichen die Beulenpest sowie Milzbrand. Hier waren nicht nur (Kriegs-)Gefangene Forschungsopfer, selbst die Zivilbevölkerung wurde unwissentlich infiziert, bis hin zu künstlich induzierten Pestendemien.38 Auch zu neurochirurgischen Versuchen gibt es Hinweise. So wurden in der näheren Umgebung der medizinischen Fakultät in Tokyo menschliche Schädel im Boden entdeckt, deren Verletzungsmuster neurochirurgischen Zugängen ähneln. Da zu dieser Zeit aber in Japan standardmäßig noch keine Neurochirurgie praktiziert wurde, scheint an diesen Schädeln, die wohl zu großen Teilen von Soldaten, aber auch von Gefangenen zu stammen scheinen, geübt worden zu sein.39 Die über Staatengrenzen hinaus durchgeführten Missbräuche Verurteilter als Forschungsteilnehmer resultierten letztendlich in einer höheren Aufmerksamkeit gegenüber Studienteilnehmern. Daraus folgten die Anstrengungen, allgemein gültige Regelwerke zu entwerfen, die den Forschern Hilfe und Begrenzung zugleich sein sollten. Heute gibt es rund 70 gültige Kodizes zu Humanversuchen,40 die zum Teil in einem späteren Kapitel besprochen werden.41

36 Ebd., S. 179. 37 Tsuneishi (2008), S. 133–135. 38 Williams/Wallace (1989). 39 Ebd., S. 131. 40 Schmidt (2001), S. 336. 41 Vgl. Kapitel 10.

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2.3

D EFINITIONEN UND B EGRIFFLICHKEITEN

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Forschung, weswegen zuerst dieser Begriff in seiner Bedeutung festgelegt werden muss. Hierbei wird die Definition des Belmont Reports zugrunde gelegt. Forschung unterscheidet sich demnach von medizinischem Alltag durch eine unterschiedliche Zielsetzung: Sie wird zum Zweck des Wissenserwerbs betrieben, während ärztliche Eingriffe dem Wohlergehen des einzelnen Patienten dienen. Außerdem ist ein Eingriff nicht dadurch Teil der Forschung, indem er vom Standard abweicht; eine experimentelle Anwendung einer Behandlung wird nicht automatisch ein Forschungsvorhaben. Ärztliche heilende Tätigkeit kann aber mit Forschung einhergehen, wenn die Sicherheit und Effektivität einer Therapie beobachtet wird.42 Sobald jedoch Forschung, wenn auch nur in Teilen, betrieben wird, müssen besondere Standards zum Schutz der Forschungsteilnehmer gelten. Im Kontext von Forschung ist oft die Rede von vulnerablen Gruppen. Mit Vulnerabilität wird allerdings »[n]icht nur eine Art von Verletzlichkeit bezeichnet – wie es der Wortsinn nahelegt«, sondern ein spezifischer Zustand, »der dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Mensch nicht über die typischen Fähigkeiten verfügt, seine eigenen Interessen in angemessener Weise zu verfolgen und durchzusetzen.«43 Exemplarisch für eine vulnerable Gruppe stehen dabei Gefängnisinsassen. In der vorliegenden Arbeit wird für Gefangene die Definition des Institute of Medicine (IOM) der USA zu Grunde gelegt. Diese definiert jedes Individuum als Häftling, welches unfreiwillig in einer Institution festgehalten wird, wodurch auch Insassen in Untersuchungshaft oder während eines laufenden Gerichtsverfahrens erfasst werden, aber auch Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie.44 Bei allen Diskussionen und Richtlinien um die Forschung am Menschen wird Wert auf den informed consent gelegt. Dieser stellt eine Einwilligung des Patienten dar, nachdem jener über die Hintergründe und Risiken eines Eingriffs aufgeklärt worden ist und gilt nicht nur für Experimente, sondern

42 NCPHSBBR (1976). 43 Ehni/Wiesing (2012), S. 68. 44 Institute of Medicine of the National Academies (2007), Hervorhebung im Original. Vgl. zu diesem Thema Foucault (1993).

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auch für ärztliche Behandlungen. Dabei darf dem Patienten nichts verschwiegen werden und es muss sichergestellt sein, dass der Patient den vollen Umfang des Eingriffs verstanden hat. Die Idee einer Absicherung für den Arzt über die Zustimmung des Patienten gibt es nachweislich schon lange. Dies geht aus einem Schriftstück hervor, datiert auf den zwölften Tag des heiligen Monats des Sha’ban des Jahres 1088,45 dem 10. November 1677 entsprechend. Darin sichert sich der Arzt Nichola, Sohn des Yani, vor einer Hernienoperation an Ya’coub, Sohn des Ghanim, ab, dass bei Versterben des Patienten durch die Angehörigen keinerlei Ansprüche an ihn, den Chirurgen, gestellt werden können. Der Autor des erklärenden Artikels im Lancet sieht in diesem ottomanischen Dokument einen Beleg dafür, dass zu dieser Zeit die beiderseitige Absicherung bereits gängige Praxis gewesen sei. Besonders interessant sei dabei die Ausweitung des Vertrags über den Eingriff hinaus auf postoperative Komplikationen.46 Damit gibt es hier einen ersten Beleg eines informed consent. Auch von Plato ist die Einstellung überliefert, dass keine Behandlung vom Mediziner durchgeführt werden sollte, solange der Patient nicht davon überzeugt wurde.47 Doch noch 1786 schrieb Georg Friedrich Hildebrandt in seinem Versuch einer philosophischen Pharmakologie, dass es zu wünschen wäre, würden »Ärzte öfter die Gelegenheit nutzten, wann man ihnen die Erlaubnis dazu erteilen wollte«, an Todgeweihten Versuche durchzuführen.48 Diese Forderung nach einer Erlaubnis kann als früher Nachweis eines Wunsches nach einem informed consent unseres Verständnisses interpretiert werden. Es lassen sich noch mehr historische Erwähnungen einer Einwilligung durch Patienten finden. 1891 erließ der preußische Minister des Inneren ein Circular zur Verwendung von Tuberkulin, dass dieses nicht gegen den Willen des Patienten eingesetzt werden solle.49 Und vier Jahre später, 1895, schrieb der Berliner Ordinarius Ernst König in Der Arzt und der Kranke: »Es versteht sich von selbst, daß bei allen […] schmerzhaften oder irgendwie

45 Ajlouni (1995), S. 980. 46 Ebd. 47 Engelhardt (2007), S. 57. 48 Winau (1998), S. 30. 49 Ebd., S. 31.

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gefährlichen Untersuchungseingriffen, die Einwilligung des Kranken oder der Angehörigen desselben […] eingeholt werden muß.«50 Es gibt jedoch Kritiker in der Medizinethik, die der Überzeugung sind, es gäbe keine wahre aufgeklärte Einwilligung bzw. ein solcher informed consent sei kaum erreichbar. Studien zu dieser Frage sind ernüchternd und beschreiben eine freie Zustimmung als unerreichbar. In einer dieser Experimente erklärten Ärzte wiederholt das minimale Risiko eines Eingriffs. Dennoch betrachteten 66% der Teilnehmer das Projekt weiterhin als hochriskant.51 Wie realistisch der informed consent auch sei, er ist gut begründet. Tom Beauchamp und James Childress beschrieben in ihrem Werk Principles of Biomedical Ethics die Grundlagen von informed consent und medical confidentiality. Diese seien verwurzelt in den generellen Forderungen nach Respekt und Schutz gegenüber der Autonomie der Person.52 Insgesamt gilt, dass der informed consent ein schwieriges Thema ist und bleiben wird und weiterhin viele Fragen offen lässt. So kann man im Falle des informed consent davon ausgehen, dass eine Einwilligung in allen Kulturen als wichtig erachtet wird, es muss jedoch kulturell spezifisch entschieden werden, ob diese direkt oder auch indirekt gegeben werden kann.53

50 Ebd., S. 35. 51 Meyer (1976), S. 35. 52 Beauchamp/Childress (2009), S. 6. 53 Vgl. Biller-Andorno (2001), S. 394.

3.

Prominente Positionen des 20. Jahrhunderts zur Forschung an Gefangenen

3.1

D IE AMERIKANISCHE S TIMME : H ENRY K. B EECHER (1904-1976)

3.1.1

Zur Biografie von Beecher

Diskutiert man Forschung an Menschen im Allgemeinen, kommt man nicht umhin, auch Henry K. Beecher zu besprechen.1 1904 in Peck/Kansas unter dem Namen Harry Unangst geboren, nahm er aus Gründen, über die sich nur spekulieren lässt, bald den Namen Beecher an, der zu der Zeit in den USA sehr bekannt war, verbunden vor allem mit den Predigern Lyman Beecher und Henry Ward Beecher sowie der Autorin Harriet Beecher Stowe. Henry K. Beecher studierte zuerst Chemie an der University of Kansas, bevor er für das Medizinstudium nach Boston wechselte, wo er den Rest seines Lebens bleiben sollte.2 Heute gilt er als der Vater der Anästhesie im Sinne einer eigenen medizinischen Sparte, insbesondere aber als der Begründer der modernen Forschungsethik aufgrund seiner Artikel Experimentation in Man im Journal of the American Medical Association 1959 und Ethics and Clinical Research 1966 im New England Journal of Medicine veröffentlicht sowie dank seinem 1970 erschienenen Buch Research and the Individual: Human Studies. Doch zuvor beschritt er selber einen ganz anderen Weg der

1

Vgl. Lowenstein/McPeek (2007).

2

Edelson (2004), S. 221.

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Forschung. Im Zweiten Weltkrieg hatte Beecher in der amerikanischen Armee unter anderem in Afrika gedient und machte dort seine Entdeckungen zum Phänomen des Placebo-Effekts.3 Für seine Forschungen zum menschlichen Bewusstsein bzw. dessen Beeinflussung blieb er auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Kontakt mit der US-Army. Es gibt einige Hinweise darauf, dass er sich vor allem für die Wirkung von Meskalin interessierte.4 Mit diesem Stoff hatten bereits die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Versuche unternommen. Besonders unter der Leitung des Arztes Kurt Plötner (1905-1984) wurde KZ-Inhaftierten Meskalin ohne ihr Wissen verabreicht, um seine Wirkung zu erforschen, in der Hoffnung, eine Wahrheitsdroge zu finden.5 Allerdings wurden diese Forschungen nie intensiviert, da die deutsche Wehrmacht die körperliche Gewalt in ihren Befragungen nicht durch weniger brutale Methoden ersetzen wollte.6 Diese Suche nach einer Droge, die Gefangene zum ungehemmten Reden bringen würde, wollten die USA für den Kalten Krieg mit der UdSSR weiter betreiben. Man untersuchte verschiedene Substanzen unter anderem an sowjetischen Kriegsgefangenen in Camp King in Oberursel bei Frankfurt am Main. In Camp King wurden im Zweiten Weltkrieg gegnerische Piloten, die im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches gefangen genommen worden waren, interniert und verhört. Nach Kriegsende diente es den amerikanischen Besatzern als Gefängnis hochrangiger Nationalsozialisten. Bekannte Wissenschaftler und auch einige der Ärzte, die sich durch Forschung an KZInsassen schuldig gemacht hatten, wurden hier festgehalten.7

3

Vgl. Beecher (1955), Gross (1984) und Moreno (2008), S. 206.

4

Marks (1979), S. 67, Koch (2008), S. 97 und Moreno (2008), S. 260.

5

Plötner wurde in das Projekt »Paperclip« der Amerikaner aufgenommen und konnte so in die USA emigrieren. Auch konnte er später selbst in Deutschland wieder als Professor tätig sein und wurde von seinem Dekan gegen jegliche Angriffe verteidigt, der der Ansicht war, dass »Herr Dr. Plötner in keiner Weise gegen menschliche und ärztliche Ethik verstoßen, ja sich menschlich und ärztlich trotz der gegebenen schwierigen Umstände ohne Tadel verhalten hat.« Zu seiner Zeit im KZ sagte er selbst: »Selbstverständlich sind im Laufe der Zeit auch Todesfälle eingetreten.« S. 33, Klee (2003), S. 530-–32, vgl. McCoy (2005).

6

»[T]he Germans were not ready to accept mescaline as a substitute for their more physical methods of interrogation.« Marks (1979), S. 5.

7

Vgl. McCoy (2005) und Kopp (2010).

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Einer der dort Internierten und Arzt des Lagers war Walter Schreiber. Schreiber diente unter Hitler als Wehrmachtsarzt und Mitglied des Reichsforschungsrates. Es ist bekannt, dass er an Kongressen teilnahm, bei denen Ergebnisse der KZ-Forschungen vorgestellt wurden und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit war auch er derjenige, der die Meskalinversuche Plötners abzeichnete.8 Auch als Forschungsbevollmächtigter für Seuchenbekämpfung und Chef aller wissenschaftlichen Institute hatte er sicherlich Einblick in die menschenverachtenden Versuche im Dritten Reich. Immerhin war er jedoch unverdächtig genug geblieben, um von den sowjetischen Besatzern in die eigenen Reihen aufgenommen zu werden. So sagte er beim Nürnberger Ärzteprozess als Zeuge aus, statt selbst auf der Anklagebank zu sitzen. Als ihm die Flucht nach Westdeutschland gelang, wurde er zum behandelnden Arzt in Oberursel, von wo aus er mit Hilfe der Aktion Paperclip9 in die USA auswandern konnte.10 Schreiber kam mit Hilfe der amerikanischen Geheimdienste zunächst an die School of Aviation Medicine, wo bereits andere Ärzte aus dem Programm Paperclip untergebracht worden waren. Als seine Identität allerdings bekannt und Schreibers Rolle im Dritten Reich veröffentlicht wurde, musste er nach Argentinien fliehen, wo sich seine Spuren verlieren.11 Mit diesem Schreiber traf sich Henry K. Beecher angeblich im August 1951.12 Beecher erklärte später in einem Brief, dass Walter Schreiber zum Zeitpunkt des Schreibens auf dem Weg in die USA sei und charakterisiert diesen als intelligent und hilfsbereit.13 Allerdings widersprechen die Originaldaten in Camp King diesem Treffen, da den Daten der Protokolle nach Schreiber bei Beechers Besuch schon ausgereist war.14

8 9

Koch (2008), S. 100. Dieses Programm verhalf ehemaligen Größen des Dritten Reiches zu einer Ausreise in die USA, wo sie – zum Teil unter neuer Identität – weiter ihrem Beruf und ihren Forschungen nachgehen konnten.

10 Vgl. z.B. Simpson (1988). 11 Klee (2003), S. 559–560. 12 Vgl. ebd. 13 Beecher an den Surgeon General, Oktober 1951, zitiert nach McCoy (2005), S. 77. 14 Privatarchiv Manfred Kopp.

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Was genau bei diesem eventuellen Treffen besprochen worden sein soll, weiß man nicht. Allerdings hielt Beecher nach seinem Besuch in Oberursel im Camp King, der erwiesener Maßen stattfand, fest, dass es wünschenswert für ihn wäre, zurückzukommen, wenn er mehr über die Zeichen und Symptome von Meskalin und LSD wisse. Dies sei vor allem für die Befragung hochrangiger russischer Gefangener interessant.15 Das Treffen fand während einer regelrechten Europa-Tour Beechers statt. Er hatte zuvor in London das Verteidigungsministerium besucht, wo er eine Auflistung von Drogen bekommen hatte und sich mit verschiedenen hochrangigen Militärmedizinern getroffen hatte, die ihn bei seinen Vorhaben unterstützten.16 Nach einem Aufenthalt in Frankreich kam Beecher nach Heidelberg, woher eine sehr interessante Notiz stammt: Der Chief U.S. Surgeon for Europe, General Guy B. Denit, gab unter Bezugnahme auf das Genfer Gelöbnis zu bedenken, dass er offiziell nicht mit Experimenten zu Drogen zur Bewusstseinsveränderung in Verbindung stehen könne. Dieser Hinweis auf die Grenzen der Forschung schien Beecher zu diesem Zeitpunkt nicht zu stören.17 Er war augenscheinlich Teil der Forschung des amerikanischen Militärs. So schrieb er einige Monate nach seinem Aufenthalt in Camp King an das Departement of the Army, es gebe viele Hinweise dafür, jeden Menschen trotz dessen Integrität redselig machen zu können, sobald er unbemerkt Drogen bekommen habe. Auch auf einen speziellen Fall, einen »Physiker in Los Alamos« geht er ein und hält ausdrücklich fest, dieser sei durch Drogen im Essen definitiv zu manipulieren.18 Beecher unternahm ein Jahr später noch eine zweite Reise durch Europa, bei der er wahrscheinlich unter anderem Vertreter des Pharmaunternehmens Sandoz traf, dem einzigen Unternehmen weltweit, das zu diesem Zeitpunkt LSD produzierte und der Army zur Verfügung stellte. 19 Nach seinem Europaaufenthalt fasste Beecher in einem Brief an den US Army’s surgeon General zusammen, warum LSD weiter erforscht werden müsse:

15 McCoy (2005), S. 77. 16 Ebd. 17 McCoy (2012), S. 77. 18 Beecher an das Department of the Army (21.10.1951), zitiert nach Koch (2008), S. 97-98. 19 Scheflin (1978), S. 159.

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»(1) as aids to obtain suppressed information […]. (2) as threats to security when used by an enemy agent […] (3) as tools of biological warfare. […] We need to know the effects of larger doses, of prolonged administration of small doses and so on.«20

Doch seine Studien gingen noch weiter: er hatte Kontakte nach Europa geknüpft, unter anderem zu Forschern der pharmazeutischen Industrie. Diese versprachen Beecher, ihm die neuesten Weiterentwicklungen von LSD zu schicken, von denen sie einen noch größeren Einfluss auf die menschliche Psyche erwarteten.21 Interessanter Weise erwähnte Beecher auch eine andere Gefahr: die Wasservorhaben großer Städte könnten mit desaströsen Folgen, aber unentdeckbar mit den Halluzinogenen kontaminiert werden.22 Auch der umstrittene Psychologe Timothy Leary warnte (öffentlich) vor einer Vergiftung des Grundwassers mit LSD durch die Russen und schlug als Prävention vor, die Wasserreservoirs mit LSD zu versetzen, damit die Bevölkerung wisse, was auf sie zukomme. Darauf reagierte Beecher mit dem Vergleich, Learys Forschungsmethoden erinnerten ihn mehr an »De Quincey’s Confessions of an Opium Eater« als an eine zeitgemäße wissenschaftliche Studie zur individuellen Reaktion auf Drogeneinfluss.23 Beecher, der spätere Verfechter ethisch legitimierter Forschung, führte zwei Jahre lang Versuche an Unwissenden durch, was seiner damaligen Einstellung entsprach, Aufklärung würde Forschungsergebnisse verändern. 24 Er beobachtete paranoide Reaktionen, akute Panikattacken und Psychosen und kam damit zu dem Schluss, LSD und LAE halte interessante Möglichkeiten offen.25 Seine späteren Forderungen stehen zu diesem Handeln im vollen Gegensatz.

20 Scheflin (1978), S. 159. 21 Ebd. 22 McCoy (2012), S. 78–79. 23 Lee (1992), S. 86. 24 Vgl. Beecher (1955). 25 McCoy (2012), S. 79.

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3.1.2

Beechers Veröffentlichung »Ethics and Clinical Research«

Nach seiner ersten medizinethischen Veröffentlichung Experimentation in Man 1959 erregte sein Artikel Ethics and Clinical Research 1966 im New England Journal of Medicine sehr viel Aufsehen. Beecher veröffentlichte darin 22 Fälle von Humanexperimenten, die für ihn beispielhaft waren für den rücksichtslosen Umgang der Forscher mit ihren Forschungsobjekten. Die Auswahl der Experimente reichte von künstlich erzeugten Herzrhythmusstörungen über Medikamentengabe ohne Indikationen bis hin zur Injektion von Krebszellen bei einer gesunden Probandin.26 Diese Studien wurden zum größten Teil ohne Einwilligungserklärungen der Betroffenen, in großen Laboratorien von angesehenen Forschern durchgeführt und im Anschluss in bedeutenden Journalen veröffentlicht.27 In seinem Artikel achtete Beecher aber sorgfältig darauf, keine Namen zu nennen – auch wenn diese später doch noch veröffentlicht wurden. Es ginge ihm um die Beispielhaftigkeit der Fälle und nicht um die Denunziation Einzelner. Der Artikel basierte auf einer Präsentation, die Beecher bereits im März 1965 gehalten hatte. Diese hatte schon damals für Empörung unter Beechers Kollegen gesorgt. Sein erster Entwurf eines Artikels wurde von der Redaktion des Journal of the American Medical Association abgelehnt. Eine stark gekürzte und mehrfach überarbeitete Fassung wurde schließlich vom New England Journal of Medicine angenommen und 1966 publiziert.28 3.1.3

Beechers Forderungen zur Forschungsethik

In seinen medizinethischen Veröffentlichungen versuchte Beecher, Richtlinien für die Forschung am Menschen aufzustellen. Die Grenzen der Forschung legte er anhand eines Zitats Claude Bernards, dem oben genannten Begründer moderner Forschungsethik, fest, das besagt, es sei die Pflicht und das Recht eines Arztes, ein Experiment an Patienten durchzuführen, wenn dieses sein Leben retten, ihn kurieren oder Vorteile bringen

26 Beecher (1966). 27 Edelson (2004), S. 222–223. 28 Gaw (2012), S. 152.

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könne. Das Prinzip ärztlicher Moral bestehe darin, niemals ein Experiment durchzuführen, das dem Patienten in irgendeiner Hinsicht schaden könnte, selbst wenn das Ergebnis einen hohen Nutzen für Wissenschaft oder die Gesundheit anderer habe.29 Er schloss dem Zitat jedoch gleich eine Einschränkung dieser Aussage Bernards an. Eine strikte Einhaltung dieser Regel sei nicht möglich, da dies alle Prozeduren mit bekanntem Risiko verbieten würde. Im Gegenteil, so Beecher, ein gewisses Risiko sei – unter bestimmten Umständen – zulässig.30 Ein besonderes Anliegen war dem Autor offensichtlich die Einverständniserklärung des Forschungsobjekts. Dabei betonte er vor allem den Gedanken, dass ein aufgeklärtes Einverständnis die Grundvoraussetzung der Forschung an Menschen sei, ein Ziel, das jedoch kaum erreichbar sei: Laien, egal ob gesund oder krank, könnten nie den vollen Umfang komplizierter Eingriffe verstehen, selbst nach eingehender Erklärung. 31 Dieser Idealzustand müsse aber immer als Ziel formuliert bleiben. Meistens jedoch könnten dem medizinischen Laien gar nicht alle Vorgänge und Hintergründe verständlich gemacht werden, darüber hinaus verfälsche zu viel Wissen eventuell die Forschungsergebnisse.32 Für Beecher gab es aber auch Ausnahmen, in denen keine volle Aufklärung geschehen müsse. Er konstruierte hierfür den Fall eines Patienten, der zu seinem Arzt kommt, obwohl es keine etablierte Therapie für seine Erkrankung gibt. In einer solchen Situation ist nach Beecher bereits durch den Besuch des Patienten eine implizierte Einwilligung des Patienten gegeben. In diesem Fall lag für Beecher noch ein weiterer Grund gegen eine Aufklärung darin, dass es nicht immer zum Vorteil des Patienten gereiche, ihn über alle Gedanken und Vorhaben des Arztes zu informieren. Denn der Patient könnte daraus den (möglicherweise falschen) Schluss ziehen, dass er an einer schwerwiegenden Krankheit leide.33 Vor allem formulierte Beecher die Voraussetzungen, die Grundlage jeder Forschung an Menschen sein sollten. Damit holte er fast 19 Jahre nach der

29 Beecher (1970), S. 80–81. 30 Ebd., S. 81. 31 Ebd., S. 34. 32 Vgl. ebd., S. 24. 33 Ebd., S. 19.

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Niederschrift des Nürnberger Kodex34 die in den USA missachteten Richtlinien wieder ins Bewusstsein der Ärzte und Forscher. Er appellierte in seinen Veröffentlichungen an die Forscher, dass eine Einwilligung alleine nicht reiche, es müsse ein Einverständnis nach erfolgter Aufklärung sein, bei der über Verletzungen und Fehler sowie noch nicht abschätzbare Risiken gesprochen werden müsse. Die Abwägung, welche Risiken relevant seien, läge allein im Urteil des Patienten, sodass der aufklärende Arzt kein Recht habe, nach eigener Einschätzung Risiken unerwähnt zu lassen.35 Beecher appellierte an die forschende Ärzteschaft, die an Humanforschung geknüpfte Verantwortung sei so groß, dass schon bei geringen Unklarheiten Entscheidungen in einer Gruppe getroffen werden sollten, unterstützt durch beratende Instanzen.36 Er postulierte, dass die Wissenschaft nicht das höchste Gut sei, dem sich alle anderen Güter unterwerfen müssten.37 In einem Kapitel widmete sich Beecher gesondert dem Feld der Forschung an Gefängnisinsassen. Für diese müssten die gleichen Grundlagen gelten wie für alle anderen Teilnehmer wissenschaftlicher Versuche, also ein qualifizierter Versuchsleiter, Experimente, die anders als durch Menschenversuche nicht durchführbar wären und deren Ergebnis einen Nutzen beinhalteten etc. Er hielt fest, dass vor den Experimenten niemals eine Strafmilderung oder gar eine Begnadigung als Gegenleistung für die Beteiligung in Aussicht gestellt werden dürfe. Auch forderte er, dass Insassen, die eine Teilnahme ablehnen, dadurch keine Nachteile entstehen dürfen.38 Neben dem theoretischen Erlangen eines Strafnachlasses wies er auf weitere Gründe für Gefängnisinsassen hin, an Experimenten teilzunehmen: das Vertrauen in die Ärzte, eine Abwechslung in der

34 Der Nürnberger Kodex wurde niedergeschrieben anlässlich des Prozesses gegen die Verantwortlichen an den Menschenversuchen in den Konzentrationslagern. Er legte für Forschung an Menschen fest, dass eine »freiwillige Zustimmung der Versuchspersonen« ohne jegliche Art von Beeinflussung und bei größtmöglicher Aufklärung vorliegen muss. Doch in den USA selbst war eine andere Auffassung zum Kodex verbreitet, man empfand ihn nicht als adäquat und notwendig für die Forschung in Amerika. Vgl. auch S. 116 dieser Arbeit. 35 Beecher (1970), S. 18. 36 Ebd., S. 82. 37 Ebd. 38 Vgl. ebd., S. 70.

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Monotonie des Haftalttags und damit verbunden die Möglichkeit, an einem stimulierenden, aufregenden Abenteuer teilzunehmen. Auch die Aufwertung des Selbstwertgefühls betonte er; der Häftling könne sich, seiner Familie und Freunden beweisen wollen, dass er zu etwas Bewundernswertem beitragen könne. Denn der Häftling als Proband habe das Bedürfnis, Teil der Gesellschaft zu sein.39 Interessanterweise widmete Beecher Kriegsgefangenen einen eigenen Absatz, in dem er deutlich Stellung bezog, dass es prinzipiell niemals angebracht wäre, diese als Teilnehmer medizinischer Forschung zu verwenden.40 Diese Forderung hatte er – nach den Darstellungen Egmont Kochs – selbst nicht eingehalten.41

3.2

D IE BRITISCHE P ERSPEKTIVE : M AURICE H. P APPWORTH ( 1910-1994 )

3.2.1

Zur Biografie von Pappworth

In der Literatur zu Beecher wird immer wieder auf die Parallelen seiner Veröffentlichung zu der von Maurice H. Pappworth (1910-1994) hingewiesen. Dieser hatte 1962 bereits 20 Fälle veröffentlicht, bei denen die Rechte von Patienten missachtet und Kranke zu Versuchsobjekten erniedrigt worden waren. Indem er die Versuche publizierte und öffentlich Namen nannte, trat er einen Skandal los – er hatte seine eigene Profession bloßgestellt. Namen zu nennen, diesen Schritt wollte Henry K. Beecher ausdrücklich nicht gehen, ihm reichte die Schwere der Versuche, die für sich sprachen, ohne einzelne Forscher direkt zu kompromittieren. Aber natürlich war die Angst der amerikanischen Mediziner groß, Beecher könnte es in seiner nächsten Veröffentlichung Pappworth gleichtun.42

39 Beecher (1970), S. 73. 40 Ebd., S. 77. 41 Vgl. Koch (2008). 42 Vgl. Harkness et al. (2001), S. 365–372, sowie Kopp (1999).

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Maurice H. Pappworth wurde am 9. Januar 1910 in Liverpool geboren. Seine Eltern Isaac und Miriam Papperovitch änderten ihren Namen 1930 in das britisch klingendere Pappworth.43 Maurice H. Pappworth besuchte das Birkenhead Institute und die Universität von Liverpool, die er 1932 mit Auszeichnung44 abschloss. Von 1941 bis 1946 diente Pappworth im Royal Army Medical Corps, unter anderem in Nordafrika, Italien und Indien. Nach dem Krieg fand er in London keine Anstellung, die ihm zusprach, weshalb er sich als Arzt niederließ und Medizinstudierende vor dem Examen betreute. Über die Jahre hinweg soll Pappworth mehr als 1600 angehenden Ärzte die klinische Untersuchung eines Patienten beigebracht haben,45 um sie auf das Diplom des Royal College of Physicians vorzubereiten. Dieses soll zu der Zeit eine Bestehensquote von lediglich zehn bis fünfzehn Prozent gehabt haben, Pappworth allerdings konnte von sich behaupten, dass 75% der Ärzte mit diesem Diplom zuvor bei ihm gelernt hätten.46 Wie auch sein Werk Human Guinea Pigs zeigt, war Pappworth ein Mensch mit hohen intellektuellen Ansprüchen. So war er für sein Interesse an Kunst und Philosophie bekannt. Er starb 1994 im Alter von 84 Jahren in London. 3.2.2

Pappworths Buch »Human Guinea Pigs« Ausgewählte

Das British Medical Journal reagierte auf Pappworths erste Veröffentlichung Human Guinea Pigs: A Warning in der Zeitschrift Twentieth Century mit Entsetzen: »Unzweifelhaft sind viele Untersuchungen gemacht worden, die den Patienten geschadet haben […].«47 Allerdings weiß die Zeitschrift die britische Ärzteschaft in ihrem Forscherdrang auch zu verteidigen mit dem Beispiel von Edward Jenner (1749-1823), der das Prinzip der Impfung entdeckt hatte, indem er den Jungen James Phipps mit Kuhpocken infiziert und

43 Gaw (2013). 44 Lock (1994). 45 Vgl. ebd. 46 Vgl. ebd. 47 Anonymus (1962), S. 76–77.

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so vor den eigentlichen Pocken geschützt hatte. Diese Entdeckung hatte die gesamte Wissenschaft der Immunologie immens angefacht. 48 1967 folgte Pappworths Buch Human Guinea Pigs, in welchem er 205 große Forschungsskandale benannte, in denen Menschen ohne Zustimmung und oft unter desaströsen wissenschaftlichen Aspekten als Versuchskaninchen – so der deutsche Titel – missbraucht wurden. In der Einleitung verteidigte Pappworth seine Zusammenstellung: »Viele Kliniken haben in ihrem Eifer, die Grenzen des medizinischen Wissens zu erweitern, anscheinend die Tatsache aus den Augen verloren, dass die Personen, an denen die Experimente vorgenommen wurden, im Besitz ihrer Menschenrechte sind und fast immer darauf hoffen, von ihrer Krankheit geheilt zu werden.« 49

Dass aus dieser Veröffentlichung keine Folgen in Form von Leitlinien entstanden, begründet Paul J. Edelson in seinem Artikel Henry K. Beecher and Maurice Pappworth mit einem Zitat eines britischen Arztes: »The British social conscience is not based on rules and regulations […]. There is generally no liking in Britain for written codes, rules, or laws […].«50 3.2.3

Ausgewählte Beispiele zur Gefängnisforschung au s dem Band von Pappworth 51

Pappworth gliederte in seiner Veröffentlichung die Skandale anhand der jeweiligen missbrauchten vulnerablen Gruppe. So findet sich auch ein Kapitel zu Versuchen an Strafgefangenen. Um das Ausmaß der Experimente an Gefangenen zu verdeutlichen und ihre Verbreitung zu veranschaulichen, leitete Pappworth dieses Kapitel mit einem Hinweis auf den Nürnberger Ärzteprozess ein. Die Ärzte, die dort angeklagt wurden wegen ihrer grausamen Versuche an KZ-Häftlingen, verteidigten sich damals mit dem Hinweis auf ähnlich unwissenschaftliche Forschung durch amerikanische

48 Ebd. 49 Pappworth (1968), S. 9. 50 Edelson (2004), S. 229. 51 Vgl. hierzu Anhang S. 173.

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Ärzte. Unter anderem wurde dabei auf die Arbeit des Arztes und Epidemiologen Goldberger (1874-1929)52 hingewiesen. Dieser hatte 1915 eine Studie zur Mangelkrankheit Pellagra an einigen Gefangenen des Mississippi State Penitentiary durchgeführt, um die Möglichkeit zu testen, Pellagra durch eine einseitige, kohlenhydratlastige Diät in gesunden weißen Erwachsenen hervorzurufen.53 In der Veröffentlichung im Public Health Report schreibt Goldberger auch, wie er zu der Einwilligung der zwölf Versuchsteilnehmer gekommen war: den Teilnehmern wurde eine Begnadigung durch den Gouverneur als Gegenleistung versprochen sowie angemessene Therapie bei Bedarf.54 In der Veröffentlichung sind die Bedingungen des Versuchs näher beschrieben, die Insassen waren strikt von den umliegenden Gemeinden isoliert.55 Einer der zwölf Teilnehmer fiel bald aus der Studie, sodass die strikte Diät aus Keksen und Reis vornehmlich an elf Gefangenen durchgeführt wurde. Sechs Männer davon entwickelten die Pellagra-typischen Symptome wie Diarrhö, Demenz, aber auch Gewichtsverlust, Schwächegefühl, Hyperpigmentierungen und schuppende Hautveränderungen,56 diese Anzeichen der Erkrankung waren schon 1735 das erste Mal durch Gaspar Casal beschrieben worden.57 Allerdings ging dieser noch von einem Keim als Ursache der Krankheit aus. Dass Pellagra also aus einem Mangel unbekannter Genese entstand, statt wie bis dahin vermutet durch Krankheitserreger verursacht, war Goldbergers große Entdeckung. Und noch heute wird ihm dieser wichtige Schritt der Entdeckung der Pathogenese von Pellagra zugesprochen, unkommentiert unter welchen Umständen er zu dieser Erkenntnis kam.58 Denn von freiwilliger Teilnahme kann nicht die Rede sein bei Verurteilten, denen eine vorzeitige Entlassung aus der Haft als Gegenleistung für die Versuchsteilnahme in Aussicht gestellt wird. Außerdem beriefen sich die Angeklagten im Ärzteprozess in Nürnberg auf eine relativ neue Studie zu Medikamenten für Malaria im Stateville Penitentiary, die 1944 durchgeführt und 1946 veröffentlicht worden war,

52 Kraut (2010). 53 Goldberger/Wheeler (1915), S. 3336. 54 Ebd. 55 Ebd. 56 Classen et al. (2009), S. 1067. 57 Casal (1945), S. 607–612. 58 Rajakumar (2000), S. 272–277.

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entwickelt vor allem zur Informationsgewinnung über Antimalariatherapien bezüglich der Genesungsrate der Krankheit übertragen durch Malaria vivax.59 Etwa 500 Strafgefangene waren an den Versuchen beteiligt. Die Teilnehmer mussten sogar eine Einverständniserklärung unterschreiben, mit der sie angaben, die öffentliche Ankündigung mit den Risiken gelesen zu haben und die Forscher und beteiligten Institutionen von Schadensersatzforderungen freisprachen. Zur Vorsorge der Häftlinge wurden regelmäßig Untersuchungen durchgeführt, darunter auch in regelmäßigen Abständen ein Röntgenbild der Lunge, was in seiner häufigen Durchführung in der Summe mit einer unnötig hohen Strahlenbelastung einhergeht. Der benutzte Parasitenstamm zeichnete sich nach Angaben der Forscher durch eine hohe Rückfallquote bei nicht-kurativer Behandlung aus.60 Die Gefangenen wurden in zwei Gruppen eingeteilt; eine Kontrollgruppe im Vergleich zu einer prophylaktisch behandelten Auswahl an Häftlingen. Der Versuch war relativ komplex aufgebaut: »Each patient received the bites of ten infected mosquitoes. After feeding, the mosquitoes were dissected and a microscopic examination made of the salivary glands to determine the degree of infection. Each mosquito was kept in an individual plastic cylindrical cage 4.5 cm. in height, the ends of which were covered by coarse mesh.«61

Dabei war auch der Moskitostich selbst bestens überwacht und genau geregelt: »In most instances, the mosquito was permitted to bite two or three subjects consecutively, the first feedings being interrupted before blood was visible in the abdomen of the mosquito. The last feeding was permitted to proceed until the mosquito stopped spontaneously or became engorged with blood. When a mosquito refused further feeding after it had already bitten one or two patients in a group, a substituted mosquito was allowed to complete the inoculation of the given group of men. Similarly, when mosquitoes were found on dissection to be uninfected, substitute mosquitoes were fed on the same subject.«62

59 Alving et al. (1946), S. 1, Comfort (2009). 60 Ebd. 61 Ebd. 62 Ebd.

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Statistisch war der Versuch perfektioniert: »In the multiple-bite technique, which was the usual procedure for inoculation, each man received, as nearly as possible, the same number of first, second, and third bites. Men receiving no drug and, therefore, serving as control subjects, were inoculated at the same time as those receiving drug for prophylactic testing. The group bitten by the same mosquitoes included at least one control subject.«63

In Hinblick auf den Parasitenstamm ist auch besonders ein Satz in der Veröffentlichung der Studie interessant, den Pappworth übergeht. Demnach wurde der Parasitenstamm an psychiatrischen Patienten des Manteno State Hospital gezüchtet.64 Neben diesen historischen Beispielen nannte Pappworth aber auch explizit Forschungsvorhaben in amerikanischen Gefängnissen seiner Zeit. Eines davon ist besonders bemerkenswert, da es durch seine große Reichweite und präzise Organisation erkennen lässt, wie ungestört die Ärzte handeln konnten. Dr. Stough (den Namen nannte Jessica Mitford in ihrem Buch Kind and usual Punishment 1973)65 war für das Gefängnis in Oklahoma zuständig. So wurde er zum Kontaktmann für Pharmafirmen, die ihre Zulassungsstudien an Gefängnisinsassen machen wollten. Zwischen 1963 und 1969 hätten durch die Vermittlung Stoughs insgesamt 130 Studien in den Krankenhäusern seiner Verantwortung stattgefunden,66 was laut Mitford 1 Million Dollar Gewinn für die zuständigen Ärzte erbrachte (Pappworth gab an, Stough und sein Assistent hätten jeweils 300.000 Dollar pro Jahr eingenommen). 67 Vor allem aber machte Stough Gewinn, indem er die Blutspende in den Gefängnissen einführte. Dieser Gewinn durfte allerdings nicht direkt an Stough gehen, sondern wurde an einen Forschungsrat ausgezahlt.68 Wohl am ehesten aufgrund

63 Alving et al. (1946), S. 1, Comfort (2009). 64 Ebd. 65 Mitford (1973), S. 141. 66 »Dr. Stough published a number of articles on his findings […] -on examination, these turned out to be puff pieces for the drug companies, with nary a critical appraisal of the drugs he was testing.« Mitford (1973), S. 148. 67 Mitford (1973), S. 141, Hoffman (2000), S. 636. 68 Pappworth (1968), S. 76.

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verunreinigten Bestecks bei der Blutspende brach in den Gefängnissen Hepatitis aus und mehrere Gefangene verstarben daran. Daraufhin musste Stough dieses lukrative Geschäft einstellen, die pharmakologischen Tests wurden jedoch noch weitergeführt. Mitford gibt in ihrem Text ihre Position klar zu erkennen: wäre die Epidemie in einer Schule, Klinik oder ähnlichem aufgetreten, der öffentliche Aufschrei wäre lauter gewesen und hätte mehr Konsequenzen nach sich gezogen.69 Letztendlich appellierte Pappworth an den Leser, wachsam zu bleiben, damit sich solche Skandale nicht auf britischem Boden wiederholen würden. Nur weil es seinerzeit keinen Hinweis auf solche Forschung in England gebe, sei dies kein Grund, selbstzufrieden zu sein.70 Neben den Versuchen an Strafgefangenen veröffentlichte Pappworth Experimente an Kindern, psychiatrischen Patienten, Sterbenden und weiteren vulnerablen Gruppen. Vor allem aber gab er im zweiten Teil Richtlinien ärztlicher Ethik heraus: Diese gliederte er, wie auch Beecher nach ihm, in die drei Grundsätze Gleichheit, Einwilligung und von der Forschung ausgeschlossene Gruppen. Aber auch Tierversuche als Grundlage und qualifizierende Voraussetzungen auf Seiten des Forschers sowie die Dokumentation der Experimente forderte er.71 Dabei formulierte er eine Grundvoraussetzung aller medizinischen Handlungen: »Kein Experiment sollte erwogen, vorgeschlagen oder unternommen werden, dem der Experimentator nicht auch seine Angehörigen, nächsten [sic] Freunde und sich selbst unterziehen würde.«72 Zum Thema der Zustimmung zitierte Pappworth eine Denkschrift des Medical Research Council (MRC). Das MRC hatte sich 1919 aus der Royal Commission Appointed to Inquire into the Relations of Human and Animal Tuberculosis entwickelt und ist bis heute für die Förderung und Finanzierung medizinischer Forschung in Großbritannien verantwortlich. Aber auch die Erarbeitung von Richtlinien sowie die Ausbildung junger Forscher und der öffentliche Diskurs über Forschung gehören zu den Aufgaben des MRC.73

69 Mitford (1973), S. 142. 70 Pappworth (1968), S. 78. 71 Vgl. ebd., S. 6. 72 Ebd., S. 191. 73 Vgl. Medical Research Council (2014).

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Darin wird festgehalten, dass der Patient wegen des »besonderen Vertrauensverhältnis[ses] zwischen einem Kranken und seinem Arzt«74 dem Behandler mehr Entscheidungen überlassen würde und deswegen eine reine Zustimmung den ethischen Ansprüchen nicht genügen könne. Für Gefangene hält Pappworth fest, es sei eine Untat, Menschen, die ihre Strafe, zu der sie verurteilt wurden, abbüßen, für Experimente heranzuziehen, bei denen sie geschädigt werden könnten.75 In seiner Forderung nach einem Kodex schwingt Enttäuschung mit: »Deshalb bin ich nach langen Überlegungen nur ungern zu der Schlußfolgerung gelangt, daß das freiwillige System, die Rechte der Patienten zu wahren, versagt hat.« 76 Die Veröffentlichung hatte für Pappworth weitreichende Folgen: So wurde er erst 1993 ins Royal College of Physicians berufen, eine Ehrung, die normalerweise bereits nach 15 Jahren des Praktizierens erwiesen wird. Pappworth war bei seiner Ernennung bereits seit 57 Jahren Arzt. Dafür ehrten ihn seine Kollegen bei seinem Festakt mit spontanem, langanhaltendem Applaus.77 Auch ansonsten wurde es Pappworth anscheinend nicht leicht verziehen, dass er die eigene Zunft in ein schlechtes Licht gerückt hatte. Sein letztes Zitat stammt aus einem Artikel des British Medical Journal, in dem er festhält, dass diejenigen, die Wäsche beschmutzen, kritisiert werden sollten, und nicht jene, die sie waschen. Manche würden weder öffentlich noch privat Wäsche waschen, sodass sich der Schmutz ansammle bis es stinke.78 Im Rückblick kann Pappworth als Beechers britisches Pendant gesehen werden; ohne Pappworths andauernden Nachdruck in dieser Sache wäre Beecher langsamer in seinem Handeln geblieben und einen öffentlichen Diskurs hätte es noch später gegeben.79 Allerdings muss Pappworths Stand in der Ärzteschaft schon vor der Buchveröffentlichung aus ganz anderen Gründen ein schwerer gewesen sein: Oft wird eine Episode zitiert, die gleichzeitig Pappworths Stand in der Ärzteschaft und deren konservative Einstellungen bis hin zum Rassismus zeigen. Demnach sei Pappworth in einem

74 Pappworth (1968), S. 192. 75 Pappworth (1968), S. 196. 76 Ebd. 77 Booth (1994), S. 1577. 78 Lock (1994). 79 Ebd.

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Vorstellungsgespräch abgelehnt worden mit dem Kommentar, kein Jude könne je ein Gentleman sein.80

3.3

T RANSATLANTISCHE K ORRESPONDENZEN : Z UM B RIEFWECHSEL ZWISCHEN B EECHER UND P APPWORTH

Interessanterweise bestand zwischen den beiden Whistleblowern Beecher und Papworth reger Kontakt. Nach Pappworths erstem Artikel Human Guinea Pigs hatte Henry K. Beecher dem Autor geschrieben: »I read with great interest, or perhaps I had better say I studied with great care, your interesting article […]. I agree heartily with your thesis and indeed have often spoken along the same lines myself.«81 Beecher schrieb dem britischen Kollegen von seinem Vorhaben, auch in den USA auf die Missstände hinzuweisen. Dabei sind sich Beecher und Pappworth zunächst einig, dass sie die Verantwortlichen beim Namen nennen müssen. Die beiden schrieben sich zahlreiche Briefe, ermutigten sich gegenseitig und tauschten sich über ihre Positionen zu ihren Veröffentlichungen aus, wie Allan Gaw es in seinem Artikel Exposing Unethical Human Research herausgearbeitet hat. Schließlich hatte Beecher genug Materialien beisammen und beschloss, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. In seinem ersten Vortrag und in dem Artikel allerdings nannte Beecher dann, im Gegensatz zu Pappworth, keine Namen. Der Korrespondenz zufolge war Pappworth deswegen enttäuscht. Beecher jedoch antwortete ihm, dass es neben dem Wunsch des Herausgebers des New England Journal of Medicine auch der Rat eines Juristen gewesen sei, vor allem aber sei es seine, Beechers, eigene Entscheidung gewesen, da nicht die Nennung Einzelner sein Anliegen gewesen sei, sondern die Hervorhebung einer verbreiteten Praxis.82 Es lässt sich nur mutmaßen, ob Beecher wirklich in erster Linie die Allgemeingültigkeit seiner Beispiele im Sinn hatte, als er sie ohne Namen veröffentlichte, oder ob der erfolgreiche und angesehene Professor im Gegensatz zu dem eigenbrötlerischen und ausgegrenzten Londoner Arzt doch

80 Booth (1994). 81 Gaw (2012), S. 151. 82 Ebd., S. 152.

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andere Beweggründe für seine Veröffentlichung hatte. Aber es gilt wohl – wie so oft in der Medizin – den erreichten Effekt zu betrachten. Und dieser unterscheidet sich bei den beiden doch auffällig, wie Allan Gaw zusammenfasst: »Pappworth’s whistleblowing strategy burst the eardrums of his profession; Beecher’s merely caught their attention, but ultimately may have been more successful.«83 Indem Beecher seine Anklage nicht persönlich werden ließ, war er in der Lage, die Attacken von einer ethischen Position aus zu beantworten. Pappworth hingegen sah sich selbst angegriffen.84 Aber auch die Folgen der jeweiligen Veröffentlichungen waren charakterisiert durch die unterschiedlichen Stellungen der beiden Autoren in der Gesellschaft. Beecher war bereits ein bekannter und vielgeachteter Professor (»at the pinnacle of a brilliant career«85) im Gegensatz zu Pappworth, der, wie oben beschrieben, mehr als »outsider«86 der medizinischen Gesellschaft galt.

83 Gaw (2012), S. 152. 84 Ebd., S. 154. 85 Edelson (2004), S. 221. 86 Ebd.

4.

Experimentelle Neurochirurgie an Häftlingen1

4.1

Z UR E NTWICKLUNG DER P SYCHOCHIRURGIE 1950-1975

In den 1960er Jahren kam ein neues Verfahren in der psychiatrischen Behandlung auf, überwand das Stadium der Versuche und wurde zur häufig durchgeführten Behandlungsmethode: die Neurochirurgie, also chirurgische Eingriff am menschlichen Gehirn.2 Seit mit den Experimenten von John F. Fulton und seines Schülers Carlyle Jakobson Verzweiflung und neurotisches Verhalten bei Schimpansen dem Stirnlappen zugeordnet wurden, übertrug man diese Beobachtungen auf den Menschen und versuchte, sie für chirurgische Heilversuche zu nutzen: die Lobotomie wurde eine der häufigsten Operationen in den USA und brachte dem Spanier Egas Moniz sogar den Nobelpreis ein.3 Daraus entwickelte sich eine Strömung mit einer Reihe von Ärzten, die Vorgänge im Gehirn noch näher erforschen wollten und der Überzeugung waren, Ergebnisse ihrer klinischen Beobachtungen in die heilende Neurochirurgie eingliedern zu können. Vor allem schwebte ihnen vor, Emotionen kartieren zu können, um so in der Lage zu sein, Patienten zu helfen, die durch extreme Gefühlsausbrüche in ihrem täglichen Leben

1

Der folgende Abschnitt basiert auf dem Artikel Lehner/Frewer (2014) und wird

2

Vgl. etwa Greenblatt et al. (1997), Feldman/Goodrich (2001) und Gazzaniga

hier im Einverständnis Prof. Frewers in abgeänderter Form verwendet. (2005). Interessant hierzu auch Tsuneishi (2008), S. 130–131. 3

Vgl. Delgado (1971), S. 181-182, Pressman (1998).

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beeinträchtigt waren; in besonderer Weise sollte dies bei Patienten mit Aggressionen Anwendung finden.4 In der Fachliteratur findet man viele Beispiele von Epilepsie-, Trauma- oder Meningitis-Patienten, die durch Pathologien der Neuroanatomie ihr Verhalten änderten, wie zum Beispiel Julia S., deren Fall Frank Ervin und Vernon Mark in ihrem Buch Violence and the brain beschrieben. Die junge Patientin war in der Folge einer Mumpsinfektion an einer Enzephalitis erkrankt. Daraufhin erlitt sie häufig epileptische Anfälle, die in vier Fällen ernsthafte Suizidversuche nach sich zogen.5 Nach einem chirurgischen Eingriff, so beschrieb Vernon Mark wieter, nahm die Zahl der Anfälle ab; eine endgültige Prognose habe sich aber zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung noch nicht geben lassen. Ganz besonders hervorgetan in der Neurochirurgie hat sich allerdings Walter Freeman (1895-1972), der als »Lobotomist«6 in die Literatur einging.

4.2

D ER »L OBOTOMIST « W ALTER F REEMAN

Freeman wurde am 14. November 1895 als erstes von sieben Kindern in eine wohlhabende Ärztefamilie geboren. Nach einem anfänglichen Sprachstudium entdeckte er doch die Medizin für sich und spezialisierte sich zunächst auf Neurologie. Durch einen Aufsatz des oben genannten Moniz wurde Freemans Interesse auf die Lobotomie gelenkt, die sein Leben prägen sollte.7 In dieser chirurgischen Technik sah Freeman eine grandiose Therapiemöglichkeit für Patienten, die an Depressionen, aber auch an einer Reihe anderer psychiatrischer Krankheiten wie etwa Manien oder Paranoia litten. In seiner Überzeugung von dieser Behandlungsoption setzte er alles daran, möglichst viele Menschen zu behandeln und reiste mit seinem »Lobotomobil« durch die USA; so operierte er zum Beispiel 1952 in West Virginia allein zwischen dem 18. Juli und dem 7. August die außerordentlich hohe

4

Hellhammer (1983).

5

Vgl. Ervin (1970), S. 99–108.

6

El-Hai (2005).

7

Ebd., S. 10.

E XPERIMENTELLE N EUROCHIRURGIE AN H ÄFTLINGEN

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Zahl von 228 Patienten.8 Diese mass surgery,9 wie er es selbst nannte, konnte nur durchgeführt werden, da Freeman die ursprüngliche Vorgehensweise bei der Lobotomie noch »perfektioniert« hatte. Er bohrte nicht mehr, wie bei seiner ersten Lobotomie an Alice Hammatt 1936, drei Löcher in den Schädel. Stattdessen arbeitete er am Augapfel vorbei durch die Orbita.10 Dadurch verkürzte sich die Dauer des Eingriffs von einer Stunde auf sieben Minuten. Zum Durchstoßen des Schädelknochens musste Freeman jedoch zu einem etwas ungewöhnlichen Werkzeug greifen: er verwendete regelmäßig einen Eispickel bei den Eingriffen. Auch wurden die Patienten nicht unter Narkose gesetzt – Freeman zog eine Behandlung mit Elektrokrampftherapie (EKT) vor, um Patienten bewusstlos werden zu lassen.11 Die EKT ist in den 1930er Jahren entwickelt worden und wurde ursprünglich zur Behandlung von Psychosen verwendet. Erst später entdeckte man die antidepressive Wirkung, die noch heute therapeutisch genutzt wird.12 In diesen beiden Anwendungsbereichen dürfte Freeman die EKT auch kennen und den bewusstseinsnehmenden Nebeneffekt zu schätzen gelernt haben. Besonders interessant ist eine Anfrage eines Krankenhauses an Freeman zu neurochirurgischen Eingriffen. Im Sommer 1951 bekam Freeman eine Einladung von einer Klinik in Tuskegee, ob nicht auch deren Patienten von der Lobotomie als innovativer Technik profitieren könnten. Die Eingriffe sollten ebenfalls einer wissenschaftlichen Studie dienen. Man schlug ein beinahe modernes Forschungsdesign vor, nach dem zuerst fünfzig chronisch agitierte Patienten operiert werden sollten, deren Persönlichkeit sich noch nicht zu sehr verändert hatte, um diese mit der gleichen Zahl unbehandelter Fälle zu vergleichen. Diese könnten dann später, würde sich die Behandlung als erfolgreich erweisen, auch noch behandelt werden, so der Vorschlag. 13

8 9

El-Hai (2005), S. 248. Eine annäherungsweise sachgemäße Sterilisation der verwendeten Instrumente ist bei dieser Form der »Fließband-Chirurgie« ausgeschlossen, zahlreiche Infektionen wurden in der Literatur beschrieben.

10 El-Hai (2005), S. 183. 11 Ebd., S. 185. 12 Vgl. Kapfhammer et al. (2008), S. 671. 13 El-Hai (2005), S. 246.

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Diese Anfrage ist besonders bemerkenswert, da Tuskegee bereits bekannt ist für einen Skandal in der Forschung an Menschen:14 An farbigen Landarbeitern wurden von 1932 bis 1972 Versuche zum unbehandelten Verlauf der Geschlechtskrankheit Syphilis gemacht, die auch nicht abgebrochen wurden, als mit Penicillin eine wirkungsvolle Therapie entdeckt worden war. Eine rege Teilnahme wurde durch die Zusage von einer warmen Mahlzeit pro Tag sichergestellt, die für die mittellose Schicht oft das einzige Essen für den Tag war. Auch eine Einverständniserklärung wurde nicht adäquat eingeholt. Die transorbitale Lobotomie Freemans wurde durch die Administration des Tuskegee Veterans Hospital jedoch verboten; zum Nachteil der Patienten, wie manche meinten. Denn der Öffentlichkeit wurden vor allem die Vorteile und positive Konsequenzen der Operationen gezeigt: Erfolge wurden in der Presse gefeiert, wie zum Beispiel depressive Patienten, die nach dem Eingriff wieder voll am Familienleben teilnehmen konnten, andererseits aber auch aggressive Gefängnisinsassen, von deren Gewaltpotenzial nach der Lobotomie keinerlei Gefahr mehr ausging. Zum experimentellen Charakter der Lobotomien von Freeman muss man wissen, dass dieser Neurologe war und kein ausgebildeter Chirurg und fachlich eigentlich nicht für solch brisante Eingriffe qualifiziert.15 Jedoch sah er sich selbst – durchaus ohne Mangel an Selbstbewusstsein – als Henry Ford of Psychiatry.16 Er schätzte die Erfolge seiner Methode und insbesondere die Geschwindigkeit, mit der diese zu beobachten waren: Freeman sei jedes Mal begeistert gewesen, wenn er circa eine Woche nach der OP an zwanzig »sehr gefährlichen Negern« in das jeweilige Krankenhaus zurückkam und fünfzehn von ihnen unter einem Baum sitzen sah, bewacht von nur einem Mann.17 Freeman legte aber auch offensichtlich viel Wert auf Bekanntheit und vor allem Verständnis unter Laien, an die sein Buch Psychosurgery gerichtet war. Dieses Buch wurde speziell für Nicht-Mediziner geschrieben, um sie für den Eingriff zu begeistern – mit Erfolg, ersichtlich etwa an der Reaktion der 17jährigen Tochter eines Superintendenten einer Klinik in South Carolina auf dieses Buch, die überliefert ist: »Daddy, this is the most interesting medical

14 Jones (1993), Reverby (2000) und Washington (2006). 15 Delgado (1971), S. 121. 16 Ebd., S. 248. 17 Ebd., S. 248–249.

E XPERIMENTELLE N EUROCHIRURGIE AN H ÄFTLINGEN

| 55

book that I have ever seen. Even I can read it and understand what I am reading about.«18 In der Mehrzahl der Fälle waren die Folgen des Eingriffs keineswegs so positiv wie in der Öffentlichkeit wahrgenommen, meist entwickelte sich eine wesentliche Charakteränderung. Die Patienten wurden postoperativ als antriebslos und schweigsam beschrieben. Alltägliche Fähigkeiten wie Kontinenz, aber auch Anziehen oder selbstständiges Essen, gingen verloren, genauso wie grundlegende Umgangsformen. Dokumentiert sind auch typisch kindliche Verhaltensmuster wie Spielen mit dem Essen, desgleichen das stundenlange Beschäftigen mit Details. 19 Freeman selbst hielt jedoch fest, dass für ihn nicht die großen Fortschritte im Vordergrund standen, wenn er operierte; er war bereits mit kleinen Effekten zufrieden, etwa wenn die Lobotomie geringfügige Verhaltensänderungen erreichte (»enables the patient to sleep on a bed instead of under the bed«).20 Wie sehr sich die Patienten nach solchen Eingriffen veränderten, zeigt ein Dokument, das den Angehörigen nach der Behandlung mitgegeben wurde, um sie auf das Verhalten der Operierten vorzubereiten und Instruktionen zur Pflege zu geben. Darin wurden verschiedene Szenarien vorgestellt und Handlungsmöglichkeiten für die Familien beschrieben; den Angehörigen legte man auf diese Weise zum Beispiel dar, dass der Operierte nur noch den Wunsch verspüren könnte, Radio zu hören oder aus dem Fenster zu schauen. Der Ratschlag der Klinik war, den Patienten dann etwas zu tun zu geben. Auch wenn er sich beschweren würde, solle man nicht nachgeben und ihm freundlich, aber bestimmt, eine Aufgabe geben.21 Oft wurde in diesen Texten das Verhalten von Patienten nach der Operation mit dem von Kindern verglichen. Dieses Beispiel stammt aus der Behandlung bei Veteranen des Zweiten Weltkriegs, die wegen Depressionen, Schizophrenie, aber auch wegen Homosexualität zur Therapie in spezielle Kliniken gebracht worden waren. Viele von ihnen litten – nach heutigem Stand der Wissenschaft – wohl eher an einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung, die sich sowohl durch depressive Phasen, als auch durch sogenannte Intrusionen, also imaginäres Wiedererleben der belastenden auslösenden

18 Pressman (1998), S. 138. 19 Vgl. Phillips (2013). 20 Ebd., S. 252. 21 Vgl. Phillips (2013).

56 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Situation, äußern kann. Diese Anpassungsstörung war nach den zwei Weltkriegen verbreitet, aber noch nicht als Krankheitsbild beschrieben, sodass man die Symptome anderen Erkrankungen zuordnete; die Belastungsstörung ist aber durch eine Psychotherapie behandelbar, eine irreversible und persönlichkeitsverändernde Lobotomie ist heute nicht mehr angebracht.

4.3

S TIMMEN DIESER Z EIT GEGEN N EUROCHIRURGIE

IN

G RENZBEREICHEN

Es gab aber schon Mediziner, die Kritik an diesen Eingriffen übten. Der Neurowissenschaftler Jose R.M. Delgado (1915-2011), der die Technik der Hirnstimulation durch Implantation von Elektroden ins ZNS der Patienten entwickelt hatte, warf die Frage nach der ethischen Dimension verhaltensverändernder Maßnahmen auf. Er stellte vor allem zur Diskussion, wann oder zu welchem Zweck und in welchem Ausmaß solch irreversiblen Eingriffe akzeptabel sein können und wer dann die Verantwortung dafür tragen soll. Ganz konkret wandte er sich auch an die Mediziner. Auch wenn viele Menschen ihren Charakter durch Drogen oder Selbstmedikation verändern würden, könne man diese Entscheidung nicht von Ärzten verlangen und ihnen diese Verantwortung nicht aufbürden. Es ging Delgado also auch um den Schutz der Ärzte in ihrer persönlichen Wahlfreiheit.22 Interessanterweise geht Delgado auch auf einen eigenen Fall genauer ein: Eine junge Frau kam immer wieder in Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln und Umgangsformen, unter anderem durch sehr aggressives Verhalten. Dies führte mehrfach zu psychiatrischen Zwangsunterbringungen und Gefängnisaufenthalten. Hier schränkte Delgado ein, dass in solchen Fällen ein chirurgischer Eingriff gerechtfertigt sein könne, um der Patientin wieder eine normale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Auch Gewohnheitsverbrecher würden von einem solchen Eingriff profitieren. Er hielt fest: »Therapeutische Entschlüsse, die mit einer Manipulation der Psyche verbunden sind, erfordern eine moralische Integrität und eine ethische Erziehung.«23

22 Delgado (1971), S. 170–190. 23 Ebd.

E XPERIMENTELLE N EUROCHIRURGIE AN H ÄFTLINGEN

| 57

Es gab noch andere Kritiker der Neurochirurgie. Aufsehen erregt und langfristige Konsequenzen verursacht hatten vor allem die Eingriffe an Insassen des Gefängnisses in Vacaville (US-Bundesstaat Kalifornien).24 Bei zwei besonders gewalttätigen Gefangenen war eine Lobotomie durchgeführt worden. Diese beiden Eingriffe sollten weiterführenden Versuchen in kalifornischen Gefängnissen als Grundlage dienen. Diese Vorgänge alarmierten den amerikanischen Arzt und Kritiker der Psychochirurgie Peter Breggin und animierten ihn zu seinem späteren Artikel Psychosurgery for Political Purposes, der viel Aufmerksamkeit erhielt und wichtige ethische Diskussionen initiierte.25 Unter anderem wurde auf Breggins Stellungnahmen hin26 die U.S. Federal Commission einberufen, die Sicherheit und Nutzen der Psychochirurgie begutachtete.27 Anders als die Eingriffe in Vacaville erlangte die Lobotomie an einem namentlich unbekannten Patienten zeitnah Aufmerksamkeit. Der verurteilte Verbrecher war bereits wegen Vergewaltigung und Mord 20 Jahre inhaftiert, als man ihm durch Psychochirurgie diejenigen Teile seines Gehirns abtrennen wollte, die für Gewalt verantwortlich gemacht wurden. Sowohl er selbst als auch die Forscher hatten die Hoffnung, er könnte so die Freiheit wiedererlangen.28 Bekannt wurde der Fall durch einen Anwalt, der Mitglied des Michigan Medical Committee for Human Rights war und gegen dieses Vorgehen klagte; er argumentierte, der zu Operierende sei als Gefängnisinsasse nicht in der Lage, eine völlig freie Entscheidung zu treffen und könne somit keine rechtsgültige Einwilligung geben. Mit Berufung auf den Nürnberger Kodex stimmten die Richter zu – zum Zeitpunkt des Urteilsspruchs war der Eingriff allerdings bereits durchgeführt – und der Operierte tatsächlich aus dem Gefängnis entlassen worden.29

24 Siehe hierzu auch Meyer (1976), S. 23. 25 Vgl. Breggin (1975a) und (1975b). 26 In einer späteren, ins Deutsche übersetzten Publikation bringt Breggin ein bezeichnendes Zitat von Walter Freeman: »Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.« Vgl. Breggin (1989), S. 175. 27 Vgl. El-Hai (2005), S. 246. 28 Vgl. ebd., S. 307–308. 29 Ebd.

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Es bestanden offensichtlich ethische Bedenken bei Kollegen 30 gegen die Psychochirurgie und sie hatte sich wohl auch schon wissenschaftlich als Sackgasse abgezeichnet. Schon damals war die vermeintliche medizinische Alternativlosigkeit der Behandlung widerlegt. 31 Natürlich gilt festzuhalten, dass die Lobotomie auch heute noch eine wichtige Therapieoption z.B. bei der Behandlung therapierefraktärer Epilepsie darstellt. Jedoch ist diese wesentlich geringer in ihrer Zerstörung umliegenden Hirngewebes und eine OP aufgrund von aggressiven Persönlichkeitsmerkmalen ist ausgeschlossen.

30 Vgl. Older (1974). 31 Pressman (1998), S. 137–143 und Niehoff (1999), S. 98–99.

5.

Forschungsinteresse und ethische Evaluation in Boston

5.1

E INGRIFFE AM MENSCHLICHEN G EHIRN : D ER S TANDPUNKT DES N EUROCHIRURGEN V ERNON M ARK

Vernon Mark (1925-2014)1 wollte die bilaterale Amygdalotomie, eine Variante der Lobotomie, nutzen, um bei therapieresistenter Epilepsie eine neue Behandlungsmöglichkeit zu erforschen und gewaltsames Verhalten neurologisch sonst unauffälliger Patienten zu behandeln. Laut Valenstein war diese Technik der chirurgischen Psychotherapie allerdings schon um 1960 verpönt, da die neu entwickelten psychoaktiven Medikamente wie Chlorpromazin eine billige, aber vor allem eine weniger dramatische Therapieoption darstellten. Darüber hinaus erkannte man die Gefahr einer Persönlichkeitsveränderung bei diesem Eingriff.2 Vernon Mark hatte 1970 das oben erwähnte Buch Violence and the Brain zum Thema der Psychochirurgie veröffentlicht. Darin finden sich seine Argumente für Psychochirurgie; in einem öffentlichen Brief von Frank Ervin und Vernon Mark an das Journal of the American Medical Association 1967 verdeutlicht sich zudem ihre Position, Gewalttätigkeit sei oft durch strukturelle Hirnschäden zu erklären. Sie beziehen sich auf Aufstände in Armenvierteln, an denen nicht alle Slumbewohner teilgenommen hatten. Sie argumentieren in folgender Weise: Wären es allein die Lebensumstände in den Armenvierteln gewesen, welche die Aufstände angefacht hätten, wären

1

Vgl. Legacy.com (16.01.2016).

2

Valenstein (1986), S. 3.

60 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

alle Bewohner beteiligt gewesen. In der Realität gingen die Proteste nur von einigen wenigen aus, die Mehrheit der Slumbewohner hätte nicht teilgenommen und den Versuchungen der Gewalt widerstanden. Die Autoren stellen die Frage, was also den Aufrührer von seinem friedlichen Nachbarn unterscheide.3 Die Autoren geben sich selbst die Antwort: Die eigentliche Lektion, die man aus den Aufständen ziehen müsse, sei – neben der Betrachtung der sozialen Umstände – die genaue körperliche Untersuchung derer, die an dem Aufstand teilgenommen hatten. Daraus könne eine Erkennung und Diagnostik mit anschließender Behandlung der Slum-Bewohner mit niedriger Gewaltschwelle folgen. Dies wiederum müsse man als Prävention vor weiteren Ausfällen und Übergriffen sehen. Somit könnten weitere Tragödien vermieden werden.4 In dem Buch von 1970 geben die Autoren Ervin und Mark auch die Lösungen, die – ihrer Interpretation folgend – zwingend notwendig sind. Seien diese Aufständischen erst diagnostiziert, müsse man sie behandeln, um die Gesellschaft vor ihrer Aggressivität zu schützen. Denn was, so schließen sie, sei aus Sicht der Gesellschaft wichtiger als die Prävention gewaltsamen Verhaltens.5 Diesem Gedankengang folgend ergibt sich natürlich eine wichtige Information für Gewaltverbrecher. In der Gruppe der wenigen Betroffenen mit Gehirnen, die »nicht in einer perfekten Art und Weise funktionieren«, sei ein über durchschnittlich hoher Anteil solcher, die wegen wiederholter Gewaltanwendung verurteilt seien.6 Diese Überlegungen sind also mit die Grundlage für einen Antrag Vernon Marks, gewalttätige Gefängnisinsassen mit therapieresistenter Epilepsie chirurgisch zu behandeln. Über diesen Antrag hatte das Standing Committee on Human Studies Boston zu entscheiden, in dem auch Henry K. Beecher saß.

3

Breggin (1975), S. 843.

4

Ebd.

5

Ervin (1970), S. 2.

6

Ebd., S. 5.

F ORSCHUNGSINTERESSE UND

5.2

ETHISCHE

E VALUATION IN B OSTON

| 61

D AS S TANDING C OMMITTEE ON H UMAN S TUDIES IN B OSTON : Z UR E VALUATION NEUROCHIRURGISCHER S TUDIEN

Das Standing Committee on Human Studies Boston war eines der ersten Ethikkomitees, welches berufen wurde, um praktizierenden Ärzten in schwierigen Situation beiseite zu stehen. Dieses Gremium war von bedeutendem Einfluss, so verfasste es die erste offizielle und international anerkannte sowie genutzte Definition des Hirntodes.7 Der Antrag Marks zur Neurochirurgie wurde unter einigen Bedingungen akzeptiert, wobei gewaltsames Verhalten allein als Grund nicht akzeptiert wurde, sondern nur in Verbindung mit therapierefraktärer TemporallappenEpilepsie, die sich gegen alle bekannten Heilungsverfahren als resistent erwiesen hatte.8 Außerdem wurden den Forschern um Vernon Mark einige Beschränkungen auferlegt, wenn sie den psychochirurgischen Eingriff durchführen wollten: die ausgewählten Patienten müssten zwei Jahre erfolglos intensive medizinische und psychiatrische Therapien hinter sich haben; alle Studienteilnehmer müssten in der Lage sein, ihre Einwilligung nach einer umfassenden Aufklärung zu geben, wobei das Komitee hier schon die Einschränkung machte, dass eine aufgeklärte Einwilligung kaum möglich sei, eine Einstellung, die Henry K. Beecher vehement vertrat. 9 Des Weiteren hielten die Verfasser fest, dass über alle bekannten Risiken aufgeklärt werden müsse und auch alle möglichen und unvorhersehbaren Gefahren genannt werden sollten. Der Teilnehmer müsse auch darüber aufgeklärt werden, dass er selbst den Versuch jederzeit abbrechen könne. Darüber hinaus waren Insassen aller Gefängnisarten sowie geschäftsunfähige Individuen von der Forschung ausgeschlossen. Außerdem wurde ein Community Review Board zum Schutze der beteiligten Patienten vorausgesetzt. Unter dem Zusatz, dass die Erlaubnis für dieses spezifische Projekt nicht als generelle Genehmigung von experimenteller Neurochirurgie

7

Rothman (2003), S. 163.

8

Beecher Papers, Countway Library, Harvard University, Boston (USA), hier zitiert mit freundlicher Genehmigung von Prof. Frewer.

9

Ebd.

62 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

gesehen werden dürfe und dass darüber hinaus dieses Projekt nur unter Beachtung der oben genannten Punkte durchgeführt werden dürfe, gaben acht der zehn Gremiumsmitglieder ihre Zustimmung. Unter den Befürwortern war auch Henry K. Beecher.10 Diese letztendliche Fassung der Zulassung muss aber wohl als Ergebnis vieler Diskussionen und Überarbeitungen gesehen werden. Ein erster Antrag Marks war wegen Formfehlern abgelehnt worden. In den vorliegenden Dokumenten ist vermerkt, dass der neuerliche Antrag erheblich verbessert sei im Gegensatz zum vorherigen.11 Vor allem aber Eingriffe an Gefangenen, die in der Zulassung letztendlich ausdrücklich ausgeschlossen wurden, scheinen im Vorfeld umstritten gewesen zu sein. Dies belegt ein Brief des Medical Committee for Human Rights, in dem sich die Mitglieder des Komitees schon 1972 an Henry K. Beecher wandten, also vor dem ersten Treffen zu diesem Thema.

5.3

D AS M EDICAL C OMMITTEE FOR H UMAN R IGHTS (MCHR) UND SEIN E INSATZ FÜR VERANTWORTUNGSVOLLE M EDIZIN

Das MCHR hatte sich 1964 gegründet unter der Leitlinie »Health Care Is a Human Right«.12 Es stellte die medizinische Versorgung von Demonstranten und amerikanischen Veteranen sicher. Vor allem unterstützten sie die Forderungen nach Gleichberechtigung von Afroamerikanern. Nach den Gefängnisaufständen 1971 widmete sich das MCHR auch verstärkt der medizinischen Versorgung Gefangener. Dabei forderten sie auch für diese gute medizinische Versorgung als Grundrecht ein, gleich dem Recht auf Rechtsbeistand. Der Autor John Dittmer, der eine Buch über des MCHR verfasst hat, schrieb dazu, das Projekt habe seine eigentlichen Ziele nicht erreicht, aber sein Engagement half, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Zustände in den Gefängnissen zu lenken.13

10 Beecher Papers. 11 »It was widely agreed that the revised application was greatly improved over the earlier one.« Beecher Papers. 12 Dittmer (2009), S. X. 13 Ebd., S. 249.

F ORSCHUNGSINTERESSE UND

ETHISCHE

E VALUATION IN B OSTON

| 63

Später baute das Komitee eigene Krankenhäuser auf, für mehr als vier Jahrzehnte waren die Ärzte des MCHR Aktivisten für eine Demokratisierung des amerikanischen Gesundheitssystems.14 In dem Brief an Beecher äußerten die Vertreter des MCHR ihre Besorgnis darüber, dass die Zulassung der Forschung zu aggressivem Verhalten weitreichende Effekte einer Art habe, wie Henry K. Beecher sie nicht wollen könne. Sie argumentierten hauptsächlich damit, dass schon lange anerkannt sei, dass gewaltsames Verhalten nicht durch Neuropathologien verursacht sei und somit nicht mit Chirurgie gelöst werden sollte: »Since it is generally recognized that the major causes of violence are social, not neuropathological, any proposals for the ›control‹ of such behavior by drugs and especially by surgery administered under the aegis of prison authorities inescapably become suspect, no matter how well-intentioned the proponents and surgeons may be. […] They should be treated in a medical setting completely divorced from the penal system.«15

In den Anlagen des Schreibens findet sich darüber hinaus die Erklärung, dass die Bedingungen in vielen Gefängnissen unmenschlich und gewaltfördernd seien sowie psychiatrische Symptome förderten. Eine Diagnose bei Gefängnisinsassen als pathologisch gewalttätig sei hier nicht möglich, sondern mit diesen müsse durch sozialpolitische bzw. ethische Ansätze gearbeitet werden.16 Auch wiesen die Verfasser des Briefes auf die schwierige Frage einer freiwilligen Entscheidung im Gefängnis hin: Sie unterstrichen die Fragwürdigkeit einer wirklich freien Entscheidung in Haft. Insbesondere aber bekräftigen sie auch die Rolle der Wissenschaftler und medizinischen Experten in diesem Zusammenhang. Diese müssten ihre ablehnende Haltung klar zu Gehör bringen, da fehlende Kritik als schweigende Zustimmung gewertet werden könne.17 Der Brief des Medical Committee for Human Rights schloss mit der Bitte an Beecher, öffentlich eine Erklärung zum Schutze der Gefangenen mit zu

14 Dittmer (2009), S. XI. 15 Beecher Papers, Countway Library, Harvard University, Boston (USA). 16 Ebd. 17 Ebd.

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unterstützen und einige der von ihnen genannten Punkte in seine Argumentation vor der Abstimmung zu integrieren. In den Erklärungen wurde unter anderem festgehalten, dass bei Isolation, einer Verlängerung der Haftzeit und anderen Bestrafungsmaßnahmen als Druckmittel von keiner freiwilligen Einwilligung ausgegangen werden könne. Außerdem wurde zu den Forschungsbedingungen festgehalten, dass eine unabhängige und außenstehende Überwachung von Anfang der Planung an in der Umgebung von Gefängnisforschung sowie der dortigen medizinischen Behandlung selten sei. Da vor allem geistig stark beeinträchtigte Insassen als Forschungsobjekte in Frage kämen, wäre die Gefängnisleitung als Vormund in einem besonderen Interessenskonflikt. Immerhin erreichte das Medical Committee for Human Rights, dass Vertreter der Organisation am Huston Neurological Symposium teilnehmen durften. Als Sprecher trat oben erwähnter Breggin auf, ein Psychiater, der für seine offene Ablehnung der Psychochirurgie bekannt war. Auch in dem Brief, der Breggin den Teilnehmern des Houston Neurological Symposium 1972 ankündigt, wird er als ausgesprochener Gegner der Psychochirurgie charakterisiert.18 Es gibt (bisher) keine Dokumente, die nähere Auskunft darüber geben, was beim Neurological Symposium besprochen wurde. Aber ein gewisser Einfluss auf die endgültige Antwort auf Marks Anfrage lässt sich anhand der Dokumente annehmen. Gleichzeitig sind sie ein Beweis für Beechers Stellung und ein gutes Beispiel für die praktische Umsetzung seiner Thesen und Forderungen.

18 Beecher Papers.

6.

Ausgewählte Fallstudie: Forschung an den Insassen von Holmesburg ( 1951-1976)

6.1

D IE P ERSON HINTER DEN V ERSUCHEN VON H OLMESBURG : ALBERT K LIGMAN ( 1916-2010 )

Als Albert Kligman am 9. Februar 2010 im Alter von 93 Jahren starb, schrieb ihm seine Alma Mater, die University of Pennsylvania, eine Lobpreisung als Nachruf: »His zest permeated everything he did and affected everyone he knew, making him seem ›larger than life‹ to family, friends, colleagues, and patients. [His] exuberant personality and lust for life inspired everyone with whom he was involved. His professional achievements and contributions to enhancing the lives of others will long be remembered.«1

Viele Menschen jedoch würden Kligmans Wirken nicht als »Verbesserung ihres Lebens« einschätzen, denn sein Erfolg und seine Bekanntheit gründen auf dem Missbrauch hunderter Gefängnisinsassen des Holmesburg Prison als menschliche Forschungsobjekte in zum Teil grausamen Experimenten. Kligman wurde am 17. März 1916 in Philadelphia geboren. Er studierte Botanik an der University of Pennsylvania und spezialisierte sich auf Pilze. Nach der Promotion blieb er an der Universität und absolvierte zusätzlich ein Medizinstudium.2 Er galt als charismatisch, witzig, bekannt als Entertainer 1

University of Pennsylvania (2010).

2

Vgl. Hornblum (1998), S. 32–33.

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und Womanizer. Seine Vorlesungen waren bei den Studierenden beliebt, und schon früh fällt er durch seine Forschung über Hautpilze an Menschen in festen Institutionen, wie z.B. in einem Kinderheim, auf. Dieses Forschungsdesign wird von Kritikern dafür gepriesen, dass die Bewohner der Einrichtungen, vor allem geistig behinderte Heimkinder, die Versuche genießen würden.3 In den ersten Studien infizierte Kligman Kinder künstlich mit dem Hautpilz Tinea capitis. Vor Studierenden erzählte er dazu, diese Kinder wären so glücklich über jegliche Art von Aufmerksamkeit, dass sie einen dafür lieben würden, wenn man ihnen mit einem Hammer auf den Kopf schlagen würde.4 Als im Holmesburg Prison in Philadelphia eine Endemie von Fußpilz auftrat, rief die Leitung aufgrund seiner Spezialisierung auf Hautpilze den Professor der nahen University of Pennsylvania zu Hilfe.5 Seinen ersten Besuch des Gefängnisses beschrieb er selbst folgendermaßen: »All I saw before me were acres of skin. It was like a Farmer seeing a fertile field for the first time.«6 Dieses Zitat sollte Grundlage für den Titel des Buchs von Allen Hornblum werden, der die im Folgenden dargestellten Verhältnisse öffentlich machte. Die Gefängnisinsassen waren in gewisser Hinsicht »optimale Versuchsobjekte«. Man konnte sie und ihren Alltag komplett kontrollieren: »we know where they are, what they’re doing, what they’re eating; and if they’re given pills six times a day, we know they are taken«.7 Zudem standen mehr als genug menschliche Versuchsobjekte zur Verfügung. Der Beweggrund, an den Versuchen teilzunehmen, war die finanzielle Entschädigung. Nur wenige Jahre nach der Verabschiedung des Nürnberger Kodex galten die darin festgelegten Pfeiler für Forschung nichts in dem Land der Verfasser des Werkes.8 Unter den Richtlinien des Nürnberger Kodex ist die finanzielle Entschädigung als Hauptgrund, um an einem Experiment teilzunehmen, wie es im Holmesburg gehandhabt wurde, unzulässig. Damit liegt eine Form der Beeinflussung vor, die eine freiwillige Entscheidung, wie sie den Autoren

3

Hornblum (1998), S. 35.

4

Vgl. ebd.

5

Ebd., S. 32.

6

Ebd., S. 37, Hervorhebung durch die Autorin.

7

Chardack (1960), S. 5.

8

Zum Nürnberger Kodex vgl. S. 116.

A USGEWÄHLTE F ALLSTUDIE

| 67

des Kodex vorschwebte, nicht mehr möglich macht. 9 Auf der anderen Seite gibt es das Dokument eines Gerichts von Philadelphia, in dem deutlich formuliert wird, dass die Teilnahme an medizinischen Tests des Labors von Kligman die einzige Möglichkeit für die Gefangenen war, Geld zu verdienen.10 Im Nachhinein befragt, gab keiner der Versuchsteilnehmer Gründe wie Patriotismus, Altruismus oder Ablenkung von der Langweile des Gefängnisalltags an. Für alle war das Geld der Anreiz. Und das aus mehreren Gründen: Die eigentliche Arbeit in den Gefängnissen in den 1970er Jahren war viel zu gering entlohnt. Dabei brauchten die Insassen für die verschiedensten Dinge Geld: für ihre Anwälte, da viele von ihnen im Holmesburg Prison in Untersuchungshaft waren; Geld bedeutete Macht und Einfluss über Mitgefangene, aber auch über Wärter; im Gefängnisladen einkaufen zu können bedeutete, ein bisschen Individualität aufrecht zu erhalten, aber auch die Beschaffung von Drogen stellt besonders im Gefängnis immer einen wichtigen Aspekt dar.11 Der vielleicht wichtigste Punkt im Nürnberger Kodex ist die Pflicht des Versuchsleiters, den Versuchsteilnehmer soweit zu informieren, dass dieser eine »verständige und informierte Entscheidung« treffen kann.12 Das ist nachweislich im Holmesburg Prison nicht passiert. So gibt es von Kligman ein Zitat, wonach der informed consent kein Thema war in dem Gefängnis, niemand hatte sich dafür interessiert, was Kligman tat. Es sei eine wunderbare Zeit gewesen, so Kligman. 13 Mit der Zeit wurden schlichte Einwilligungen entwickelt, in denen festgehalten wurde, dass die Studie Unannehmlichkeiten, Gefahren wie auch unbekannte Risiken und Ergebnisse zur Folge haben könnte; dass die Teilnahme freiwillig ohne jegliche Art von Druck oder Anreiz geschah und dass das Gefängnis bzw. die Stadt Philadelphia keinerlei Verantwortung trage und wegen eventueller Folgen nicht verklagt werden könne. Für das Entgelt von 1,00 $ akzeptierten die Versuchsteilnehmer alle Risiken und versicherten, nicht gegen den Versuchsleiter Co-

9

Etwas anderes ist die heute gebräuchliche Form der Aufwandsentschädigung. Hier ist der Grundgedanke, entstandene Unkosten sowie Zeitaufwand zu kompensieren, nicht jedoch eine Belohnung auszuzahlen.

10 U.S. Senate Committee on Labor and Public Welfare (1973), S. 823. 11 Vgl. Hornblum (1998), S. 22–25. 12 Mielke (1990), S. 272–273. 13 Beerman (1986), S. 132.

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peland, die Laborassistenten und Ivy Research Laboratories (Kligmans Labor) vorzugehen.14 Die Aufklärungen waren unzureichend und oft in medizinischer Fachsprache geschrieben. Die meisten der Insassen, von denen viele Analphabeten waren, dürften diese Schriftsätze also wohl kaum verstanden haben.15 Auch bei den einfacheren Verträglichkeitsversuchen von Cremes wurden die Insassen im Unklaren gelassen. Ein Mitarbeiter von Kligmans Labor gab später bei einem Interview durch Allen Hornblum zu, wenn er oder seine Kollegen gefragt wurden, was genau getestet würde, antworteten sie wahrheitsgemäß, dass sie es nicht wussten.16 Sigmund Weitzman arbeitete 1967 im Holmesburg Prison. Er verabreichte den Gefangenen die zu testenden Cremes und Salben, von denen er meist selbst den Inhalt nicht kannte. Als er 1981 in den Zeitungen von den verbotenen Dioxin-Versuchen las, die während seiner Beschäftigung an dem Gefängnis durchgeführt worden waren, war er entsetzt. In den Versuchen seien die Teilnehmer jeden Tag dem Stoff gegenüber exponiert gewesen, ohne es zu wissen und damit einem hohen Risiko für Gesundheitsschäden ausgesetzt. Die Forschungsmethoden von Kligman nannte er skrupellos und schändlich. Die Versuche, die in Holmesburg durchgeführt wurden, entsprachen dabei keinem wissenschaftlichen Maßstab. »It was purely for money, there was nothing scientific about it.«17 Auch waren die Versuche schlecht konzipiert, und Kligman zeigte die Tendenz, einen Versuch zu beginnen und ihn frühzeitig wieder abzubrechen, falls vorzeitige Ergebnisse seine Hypothese unterstützten.18 Kligman hatte anscheinend bald gar keinen wissenschaftlichen Anspruch mehr an sich selbst. Ein großer Teil der getesteten Substanzen waren Puder, Cremes, Deodorants, Shampoos und sogar Vaginalcremes.19 Damit waren die Versuchspersonen noch weniger Teil elementarer wissenschaftlich gerechtfertigter Forschung, sondern lediglich billige Testobjekte der Kosmetikindustrie. »Berühmt« wurde Kligman auch für die

14 Vgl. Hornblum (1998), S. 203. 15 Vgl. ebd., S. 27. 16 Ebd., S. 5. 17 Ebd., S. 174. 18 Ebd., S. 53. 19 Ebd., S. 43.

A USGEWÄHLTE F ALLSTUDIE

| 69

Studie, dass Schokolade keine Akne verursache. Die Gelder für diese Studie kamen von der Chocolate Manufacturers Association.20 Die Gefängnisleitung stand den Versuchen in ihrer Institution sehr positiv gegenüber. Für die Insassen war es finanziell wichtig, an den Versuchen teilzunehmen. So hatten die Wärter ein Druckmittel gegen aufbegehrende Männer. Der ehemalige Gefängnisangestellte Gougnin erinnerte sich im Interview mit Allen Hornblum daran, oft damit gedroht zu haben, einen Insassen aus der Testreihe zu nehmen, würde dieser sich nicht anständig benehmen.21 Er berichtete auch von einer weiteren dramatischen Situation während seiner Zeit in Holmesburg Prison: Bei einem Versuch starben beinahe sieben Teilnehmer, die Ärzte der Anstalt waren unauffindbar. Für Gougnin gab es zwei Optionen: dass die Versuche nicht mehr weiter fortgesetzt werden sollten oder doch wenigstens besser bezahlt würden. Als die Experimente und damit die technische Ausstattung durch die Army zunahmen, kam es vermehrt zu Unruhen. Gougnin wird zum Thema der Forschenden zitiert, wer diesen eigentlich die Macht gegeben hätte, die Leitung des Gefängnisses zu übernehmen.22

6.2

F ORSCHUNG

IM

D IENSTE

DER I NDUSTRIE

Bis 1974 forschte Kligman im Holmesburg Prison. Besonders verbreitet waren dabei alle Arten von kosmetischen Produkten, die auf ihre Verträglichkeit getestet wurden. Dabei kam vor allem die Form des Patch tests, wie es die Gefangenen nannten, zur Anwendung.23 Dabei wurde die zu testende Substanz auf den oberen Rücken des Versuchsteilnehmers aufgetragen. Bei vielen Cremes wurde das Hautareal anschließend verschiedenen Temperaturen ausgesetzt, um die Reaktion der Haut zu beobachten. Daraufhin wurden die Substanzen mit Pflaster oder Gaze überdeckt. Wollte man die Reaktion der Haut unter Hitze beobachten, wurde der Test täglich wiederholt. Die Haut wurde fünf Tage unter einer Wärmelampe bestrahlt, bis sie sich braun verfärbte und begann, sich abzulösen. Falls eine Hautläsion zu tief ging, wurde

20 Hornblum (1998), S. 52. 21 Ebd., S. 20. 22 Ebd., S. 20–21. 23 Ebd., S. 8–9.

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das Areal mit Pflaster abgedeckt und an einer anderen Stelle weitergemacht.24 Shampoos gegen Haarausfall wurden ausprobiert, Vaginalcremes auf die Arme der Insassen aufgetragen, Babyshampoo zum Testen der Verträglichkeit in die Augen getropft. Um die Wirkung der Cremes zu untersuchen, wurden immer wieder auch Biopsien durchgeführt. Die Narben davon tragen die ehemaligen Gefangenen immer noch, und das für oft nur 30 bis 40 $ pro Test. Ein ehemaliger Insasse formulierte Allen Hornblum gegenüber, anhand dieser Narben könne man seine Mithäftlinge sofort erkennen, wenn man einen von ihnen am Strand treffen würde.25 Der Sinn mancher Versuche bleibt dabei unklar und erinnert sogar an Experimente an KZ-Insassen. Bei Withers Ponton wurden ohne Anästhesie am Rücken zwei Schnitte mit einer Länge von einem Inch (2,54 cm) vorgenommen, Gaze in die Wunde gelegt und zugenäht. Nach zehn Tagen wurde aus einem der Schnitte die Gaze entfernt, bei der anderen Wunde wartete man weitere zehn Tage, bis man den Stoff entfernte. Für den gesamten Versuch erhielt Ponton 20 $.26 Anderen Insassen wurde für 50 $ der Fingernagel mit einer Zange ausgerissen.27 Auch in den Ernährungswissenschaften versuchte sich der Dermatologe Kligman. Neben den Versuchen mit Cremes gab es den »Milkshake Test«. Dabei wurden jeden Tag ausgewählte Insassen in die Laboratorien gebracht und erhielten einen gehaltvollen, cremigen Milchshake. Abhängig von den körperlichen Reaktionen des Insassen wurde diese Diät zwischen 30 und 90 Tagen fortgeführt. Dabei traten jedoch öfters auch gesundheitliche Probleme auf. In den ersten Wochen nahmen die dickeren Probanden noch zu, während die schlanken noch mehr Gewicht verloren und unter Dehydratation litten. Die fehlende wissenschaftliche Basis wird auch in diesen Tests deutlich. So berichten die ehemaligen Versuchsteilnehmer, wie sie die Versuchsleiter betrogen. Häftlinge, die in der Gefängnisküche arbeiteten, versorgten die Studienteilnehmer mit Sandwiches. Nicht nur, da den meisten die Drinks nicht schmeckten, sondern vor allem, da sie als Tagesration nicht ausreichend waren für die Häftlinge.28

24 Hornblum (1998), S. 9. 25 Kennedy (1973), S. 841. 26 Hornblum (1998), S. 9–10. 27 Ebd., S. 15. 28 Ebd., S. 11–12.

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Oft zeigt sich auch, wie wenig wissenschaftlich fundiert Kligman arbeitete: In einem Versuch zum Gift des Efeu wurde sechs Insassen die toxische Substanz gespritzt und ebenfalls sechs Versuchsteilnehmer erhielten als Kontrollgruppe ein Placebo. Alle sechs Teilnehmer der Versuchsgruppe bekamen sofort so schwere Nebenwirkungen, dass sie für mehrere Tage unter ärztlicher Aufsicht bleiben mussten. In einer Veröffentlichung zur Studie schrieb Kligman von mehr als 300 Versuchen, bei denen lediglich circa ein Dutzend der Teilnehmer mehr als einen leichten Hautausschlag gehabt hätten.29 In seiner Forschung gab es keinerlei Hemmschwellen für Kligman. Auf seinem Fachgebiet der Dermatologie konnte er an den Insassen ohne Einschränkungen forschen. Dafür infizierte er Häftlinge mit Herpes simplex, Herpes zoster, Pocken und Parasiten. Auch seinem Spezialgebiet, den Hautpilzen, widmete er sich. Dafür infizierte er Versuchsteilnehmer an den Füßen mit Pilzen und verbot ihnen für eine Woche, die Schuhe auszuziehen. Dieser Versuch ermöglichte ihm nach eigenen Worten eine »neue Einschätzung« der Infektion.30 Auch künstliche Infizierungen mit Candida albicans, Staphylococcus aureus und Melanocyten in Kombination mit Strahlungsversuchen und phototoxischen Pharmazeutika finden sich in der Literatur.31 So positiv die Forschung am Holmesburg Prison in der medizinischen Fachwelt auch wahrgenommen wurde, kam es doch einmal kurzfristig im Sommer 1966 zu einem Forschungsverbot durch die Food and Drug Administration (im Folgenden FDA). Die Gründe für das Verbot waren rein bürokratischer Natur: die FDA listete Unregelmäßigkeiten und Verfälschungen in mindestens vier Berichten auf, darüber hinaus die Tatsache, dass Kligman als Dermatologe in anderen Fachgebieten tätig war sowie ernstzunehmende Diskrepanzen bei der Dokumentation. Außerdem war es Studienteilnehmern nicht erlaubt, an mehreren Versuchen gleichzeitig teilzunehmen, wie es im Holmesburg Prison oft der Fall war. Die Untersuchung erfolgte während eines Projekts von Kligman, in dem er Dimethylsulfoxid (DSMO)32 an den Gefangenen testete. Im Jahr zuvor

29 Vgl. Hornblum (1998), S. 15–16. 30 Kligman (1957), S. 70. 31 Hornblum (1998), S. 40. 32 Die ersten Versuche mit DSMO wurden aufgrund der Sicherheitsbedenken gestoppt. Es wird heute in hohen Verdünnungen noch in der Medizin verwendet, in

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hatte Kligman zu Versuchen an Insassen mit DSMO einen Artikel im Journal of the American Medical Association veröffentlicht. Die Substanz war inzwischen für Humanexperimente verboten worden, der Artikel ließ die Food and Drug Administration aufmerksam werden. Am 19. Juli 1966 wurden 33 Sponsoren der Holmesburg-Versuche darüber unterrichtet, dass die Forschung von Kligman nicht mehr legal sei. Doch schon am 14. August 1966 wurde das Verbot zurückgenommen. Diese schnelle Kehrtwende bewirkten wohl zwei von Kligmans Förderern, Pillsbury und Terry, die sich für Kligman eingesetzt hatten. Pillsbury stand hinter Kligman, da dieser ein weltweit anerkannter und investigativer Forscher sei. Darüber hinaus sei die Forschung an den Gefangenen wichtig, da es nur wenige gute Möglichkeiten gebe, an Freiwilligen zu forschen.33 Kligman selbst sagte zu der Affäre, er sei Opfer eines Betrugs geworden.34 Die Insassen des Holmesburg Prison bekamen auch landesweite Veränderungen mit. Seit 1955 duften Versuche zu bewusstseinsverändernden (Kriegs-)Mitteln nur noch im Armeestützpunkt Edgewood Arsenal (Maryland) durchgeführt werden. Außerdem wurde verfügt, dass eine Einwilligung absolut notwendig sei und die Teilnehmer über alle Prozeduren aufgeklärt werden müssten. Darüber hinaus mussten sie nun darüber unterrichtet werden, dass sie jederzeit den Versuch abbrechen dürften.35 Tausende von amerikanischen Soldaten meldeten sich freiwillig, um die verschiedensten Substanzen zu testen. Sie waren dafür zwei Monate in Edgewood stationiert. Bei einigen Substanzen, darunter fällt hauptsächlich Scopolamin, hielten die Nebenwirkungen jedoch länger als zwei Monate an. Um diese Stoffe aber trotzdem unter der Aufsicht von Universitätspersonal durchführen zu können, kam es schon bald zu einer Zusammenarbeit mit dem Holmesburg Prison. Die Bedingungen für die Erforschung von Mental Drugs waren hier hervorragend: man hatte geschultes Personal von der Pennsylva-

größeren Konzentrationen allerdings bestehen erhebliche Risiken für Augen-, Leber- und Nierenschäden der Patienten. Vgl. Beyer et al (1998), American Cancer Society (2014) sowie Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (2014). 33 Ebd., S. 52–55. 34 Newman (1966), S. 161. 35 Committee on Toxicology (1982), S. 1.

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nia University, und die Versuchspersonen standen für mindestens sechs Monate immer unter Beobachtung. Im Inspector General’s Report von 1975 sind die Verträge der Army zu Forschungszwecken aufgelistet: Insgesamt gab es 48 Verträge, 29 davon auf zwölf Universitäten verteilt. Allein mit der University of Pennsylvania bestanden sechs Verträge, die der Universität 650.000 $ einbrachten, weitere 126.000 $ waren für Kligmans Privatlabor Ivy Research. 1964 wird ein ganz besonderer Vertrag gelistet: er hat mit 326.840 $ die höchste Honorierung und ist der erste Vertrag, bei dem Gefängnisinsassen die offiziellen Versuchsobjekte sind.36 Und auch bei diesen Versuchen war die Motivation zur Teilnahme das Geld, wie ein ehemaliger Mitarbeiter berichtete: »We never tried to appeal to their sense of patriotism or altruism. We told them this was a test you could make some money on.«37 Die Army zahlte genug, um die Versuche mit Scopolamin zu einer begehrten Geldquelle werden zu lassen. Es war jedoch nicht einfach, teilzunehmen. Die Insassen, die in Frage kamen, mussten zwischen 22 und 37 Jahren alt sein und durchliefen eine ganze Reihe von medizinischen und psychologischen Tests, bevor sie ausgewählt wurden. Darüber hinaus kamen nur Gefangene in Betracht, die noch mindestens sechs Monate ihrer Strafe abzuleisten hatten. Die Teilnehmer wurden direkt vor der Verabreichung der Substanzen psychologisch und mit Intelligenztests untersucht sowie zwei und vier Wochen nach der Gabe und letztendlich nach Ablauf einer sechsmonatigen Frist. Dabei erhielten die Insassen für jede richtige Antwort in den psychiatrischen Tests zwei Cent. In den Wochen nach der Medikamentengabe mussten die Teilnehmer ein Erkennungszeichen auf der Kleidung tragen, die das Verhalten des Insassen entschuldigte sowie andere Häftlinge warnen sollte, dass Handlungen des Versuchsteilnehmers unangemessen sein könnten, da er Teilnehmer eines Programms der US Amy sei. 38 Das ernüchternde Ergebnis lautete, dass man die Symptome, die bei einigen Teilnehmern auftraten, nicht interpretieren könne, da die Population der Häftlinge als solche durch einen hohen Anteil an psychopathologischen Auffälligkeiten auszeichne.39 Waren die Versuche also für die Army wertlos, litten manche Teilnehmer den Rest ihres Lebens unter den Folgen. So schilderte etwa der ehemalige Insasse

36 Hornblum (1998), S. 132. 37 Ebd., S. 128–129. 38 Ebd., S. 123. 39 Copeland (1975), S. 11.

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Johnnie Williams eine drastische Wesensveränderung seinerseits seit den Versuchen der Army.40 Außer unzureichenden Erkenntnissen enttäuschte auch die Durchführung der Versuche. Ketchum war in Edgewood der verantwortliche Pharmazeut. Bei seinem ersten Besuch in Holmesburg Prison kritisierte er die Umsetzung der Tests sowie die Qualität der Versuche. Er ließ auch Kritik erkennen, wie mit den Teilnehmern umgegangen wurde. Eine öffentliche Kritik oder eine Konfrontation mit Kligman ist jedoch nicht bekannt, sodass daraus keinerlei Konsequenzen für die Insassen erwuchsen.41 Und auch bei diesen Versuchen muss man davon ausgehen, dass sie dem Nürnberger Kodex nicht Genüge taten und dass es keine volle Aufklärung gab. Ketchum gab bei den Interviews mit Allen Hornblum zum Thema Aufklärung zu verstehen, dass er die Insassen mündlich darüber aufgeklärt habe, dass sie potente Drogen testen würden, die schon an Tieren ausprobiert worden waren. Auch warnte er die Häftlinge vor möglichen schweren Komplikationen, die sie allerdings durch Gegenmittel gut behandeln könnten. Die tatsächlichen Namen der Substanzen verschwiegen die Wissenschaftler jedoch wissentlich.42 Außerdem seien die Versuchsteilnehmer aus Gründen der Staatssicherheit nicht informiert worden, aus Angst vor einer Wissenserkenntnis für die Sowjetunion. Die Forschung an bewusstseinsverändernden Drogen habe jedoch die volle Unterstützung durch die amerikanische Regierung gehabt.43 Auch die CIA hatte Versuche in Holmesburg Prison laufen. Selbst ohne schriftliche Dokumente gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die hochpotente Substanz EA 3167 an Insassen von Holmesburg getestet wurde. Als Jahre später klar wurde, dass die Testpersonen weiterhin medizinisch betreut werden müssten, war es aufgrund der geringen Dokumentation jedoch offiziell nicht mehr möglich, die Teilnehmer nachzuvollziehen.44 Als Ergebnis der Versuche ist jedoch festgehalten worden, EA 3167 sei ein hochpotentes und extrem langwirksames Mittel, dass bei schwieriger Dosierung die Teilnehmer für bis zu 14 Tagen in ein Delir versetzten könne. 45

40 Hornblum (1998), S. 123. 41 Ebd., S. 133. 42 Ebd., S. 136. 43 Vgl. ebd. 44 Ebd., S. 142. 45 Vgl. Hornblum (1998), S. 141.

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EA 3167 war nicht die einzige Substanz, die im Holmesburg Prison von der CIA getestet wurde. Zu den Versuchen um Agent 926 gibt es ein wichtiges Dokument, den Bericht vom Versuch am 22. Mai 1970. An diesem Tag musste das Experiment abgebrochen werden, da der Teilnehmer innerhalb von Sekunden nach der Substanzinjektion reanimiert werden musste.46 Obwohl die CIA ihre Suche nach einer bewusstseinsverändernden Droge sowohl in Holmesburg als auch in Edgewood intensiv vorwärtstrieb,47 wussten die Ärzte, die in Holmesburg und Edgewoood für die Army-Versuche zuständig waren, Ketchum und Sidell, nichts von diesen Vorgängen.48 Es gab noch mehr Substanzen, mit denen der Dermatologe Kligman forschen wollte. Bereits 1963 stellte er den Antrag, mit Carbon, Nickel, Quecksilber, Arsen, Sulfur, Zirkonium, Iod und Hydrogen arbeiten zu dürfen. 49 In der Bewerbung für die Zulassung wird der Mediziner Calesnick als Strahlungsexperte angegeben. Davon wusste dieser jedoch nichts, er hatte nur einer beratenden Rolle zugestimmt. Ähnliches passierte einem gewissen Wase, der als Experte für nukleare Fragen im Antrag genannt wurde. Wie Calesnick bestritt auch Wase in einem Brief jegliche Beteiligung an der Forschung mit radioaktiven Stoffen. Daraufhin verbot die U.S. Atomic Energy Commission (AEC) Kligman die weitere Verwendung von radioaktiven Stoffen, solange es keine ausreichend qualifizierten Mitarbeiter in Holmesburg Prison gebe. Als Reaktion stellte Kligman einen neuen Antrag mit sich selbst als berechtigtem Anwender der Stoffe. Als die AEC weitere Zeugnisse seiner Kenntnisse verlangte, gab er an, einen sechsmonatigen Kurs bei Calesnick absolviert zu haben und zwei Jahre Erfahrung in der Anwendung zu besitzen durch seine Arbeit am Hahnemann Hospital und im Holmesburg Prison unter Calesnick. Die AEC akzeptierte diese Angaben. Später dazu befragt, gab Calesnick jedoch zu Protokoll, Kligman niemals irgendetwas gelehrt zu haben.50 Im Mai 1966 allerdings wurde Kligman nur noch die Erlaubnis für Forschung mit Carbon und Sulfur erteilt. Trotzdem schrieb Kligman in seinem Jahresbericht 1967 für die Army von Versuchen mit H³-Thymidin, eine

46 Vgl. ebd., S. 137. 47 Vgl. auch Ranelagh (1987) und Smith (2005). 48 Hornblum (1998), S. 141. 49 Ebd., S. 153–156. 50 Hornblum (1998), S. 156–160.

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Substanz, für die er ausdrücklich nicht mehr zugelassen war.51 Auch bei den Experimenten mit radioaktiven Substanzen zeigte sich, wie wenig Kligman auf eine Aufklärung im Sinne des Nürnberger Kodex oder der Deklaration von Helsinki, die 1964 verabschiedet worden war, Wert legte. Sein Mitarbeiter Willis erklärte in einem Interview mit Allen Hornblum 1996: »We were popular. Some other experiments had a definite reputation, but the studies I worked on were perceived as not very dangerous.«52 Auch stellt Allen Hornblum in seinem Buch die Frage in den Raum, ob den Versuchsteilnehmern überhaupt klar war, dass sie an Experimenten mit radioaktiven Substanzen beteiligt waren, da keiner der von ihm befragten ehemaligen Insassen davon etwas wusste.53 Dioxin oder – chemisch korrekt – polychlorierte Dibenzo-p-Dioxine und Dibenzofurane, sind am besten bekannt als die Grundstoffe von Agent Orange im Vietnamkrieg.54 Auch durch die Vergiftung des ukrainischen Politikers Viktor Juschtschenko wurde die Chemikalie bekannt.55 Ihre Nebenwirkung der Chlorakne wurde 1965 unter anderem im Holmesburg Prison unter Kligman erforscht. Als bei Farmarbeitern die Hautveränderungen entstanden, wurde bald Dioxin dafür verdächtigt. An Kaninchen konnte der Verdacht erhärtet werden, es fehlten jedoch wissenschaftliche Untersuchungen an Menschen. Kligman wurde von den Dow Chemical Industries, dem Hersteller, mit den Versuchen beauftragt. Interessanterweise gibt es einen Zusatzvertrag vom März 1965, in dem Kligman Dow Chemical Industries zusichert, keinerlei Ansprüche zu stellen, sollten sich nicht die erwünschten Schlussfolgerungen ergeben. Ein Jahr lang forschte Kligman. Da keine Nebenwirkungen aufzutreten schienen, bat Kligman um ein weiteres Jahr Forschungszeit. Er schrieb, das menschliche Ohr sei viel widerstandsfähiger als das Ohr eines Hasen. Relativ hohe Konzentrationen und eine chronische Belastung seien notwendig.56

51 Vgl. ebd., S. 158. 52 Ebd., S. 159. 53 Vgl. ebd., S. 161. 54 Eckart (2009), S. 42. 55 Sorg et al. (2009). 56 Albert M. Kligman im Brief an Verald Keith Rowe, 11. Mai 1966, zitiert nach Hornblum (1998), S. 167.

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Eineinhalb Jahre forschte Kligman weiter. Dabei wurde die 468fache Menge der ursprünglich von Dow Chemical Industries vorgegebenen Dosis auf die Stirn der Insassen aufgetragen. Immerhin zeigten acht von zehn Teilnehmern akneförmige Erscheinungen, von denen sich bei drei entzündete Bläschen bildeten.57 Kligman kam zu dem Schluss, dass es keinen Anhalt für eine medizinisch relevante Toxizität gebe. Allerdings verfehlte er das gewünschte Ziel, eine Schwellendosis nennen zu können, ab der Akne hervorgerufen wird, sondern musste einen Referenzwert zwischen 16 und 7.500 Mikrogramm angeben. Wegen der eigenmächtigen Umformulierung des Versuchsprotokolls brach Dow Chemical Industries die Zusammenarbeit mit Kligman ab.58 Als die Dioxinversuche 1981 öffentlich wurden, stießen sie auf großes mediales Interesse. Betroffene oder Menschen mit Wissen zu dem Thema wurden aufgefordert, sich zu melden. Daraufhin meldeten sich einige ehemalige Insassen von Holmesburg Prison. Ihre Briefe sind Zeugnisse von skrupelloser Forschung. Sie beschrieben, wie sie unter Ausschlägen und Entzündungen litten, die sie sich nie erklären konnten und unter denen sie teilweise Jahrzehnte lang litten. Die Verfasser der Briefe beschrieben die Experimente, die mit ihnen vorgenommen worden waren, wie z.B. die oben erwähnten Patch tests. In den Briefen wird immer wieder deutlich, dass die Teilnehmer überhaupt nicht aufgeklärt worden waren und bis zu der Veröffentlichung nur Vermutungen hatten über die Substanzen, die an ihnen getestet worden waren. Auch einfache Einverständniserklärungen, die abgegeben werden mussten, hatten die Teilnehmer nicht verstanden und mussten vor allem sofort wieder abgegeben werden.59 Die angesprochene Einverständniserklärung beinhaltete nur einen Satz: »I, the undersigned, also hereby give my permission to the hospital, laboratories or others to perform medical and other tests on me: the hospital, laboratories etc. or the

57 Albert M. Kligman, Brief an Verald Keith Rowe, 23. Januar 1968, zitiert nach Hornblum (1998), S. 169. 58 Vgl. ebd., S. 169–170. 59 Ebd.

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prison are not to be held responsible in any way for any complications or untoward results that may arise. «60

Selbst die medizinischen Mitarbeiter waren nicht eingeweiht. Der Mitarbeiter Weitzmann sagte in einem Interview, er wäre damals informiert worden, dass sie Kosmetika zu Marketingzwecken testen würden.61 Aufgrund des großen öffentlichen Interesses62 wurden weitere Nachforschungen angestrebt. Doch das war ein schwieriges und politisch gefährliches Unterfangen. Abgesehen davon, dass Kligman als einer der größten Dermatologen seiner Zeit galt, hatte dieser kurz nach den Versuchen alle Papiere zu den Dioxin-Versuchen vernichten lassen. Man war also auf die Aussagen ehemaliger Gefangener angewiesen. Dabei gab es einiges an einschränkenden Faktoren bei der Zeugensuche: die Suche lief lediglich über Zeitungen, man konnte also nur auf ehemalige Gefängnisinsassen hoffen, die diese regelmäßig lasen. Dabei war ein großer Teil der Insassen Analphabeten. Von den vermutlich Betroffenen, die der Environmental Protection Agency (EPA) schrieben, wurden nur diejenigen, die nicht mehr im Gefängnis waren, aber noch in Philadelphia wohnten, bearbeitet. In einem internen Brief der EPA erklärt John W. Melone, der stellvertretende Direktor der Hazard Evaluation Division, das begrenzte Vorgehen. Darin heißt es: »I hope everybody involved in this remembers that the purpose is to calm things down – not stir them up.«63 Die Interviews hatten seinen Worten nach nur einen einzigen Zweck: die Hypothese zu bestätigen, dass sich die Durchführung einer groß angelegten Studie nicht lohnen würde. Einem inoffiziellen Brief nach gab es aber noch mehr Gründe, die Nachforschungen nur im kleinen Rahmen zu belassen: eine nachträgliche Berechnung der verabreichten Menge sei einfach nicht möglich, ganz zu schweigen von einer Kontrollgruppe, sodass man keine dosis-assoziierten Ergebnisse erlangen könne. Des Weiteren wurde die finanzielle Belastung angeführt. Eine gründliche Untersuchung aller möglichen Betroffenen wäre einfach zu kostenaufwändig und auch personaltechnisch nicht zu bewältigen gewesen. Außerdem hätte eine

60 Adele S. Allen (Sekretariat Dr. Kligman), Brief an Verald Keith Rowe, 10.März 1965, zitiert nach Hornblum (1998), S. 166. 61 Hornblum (1998), S. 174. 62 Vgl. Gilchrist (1974). 63 Hornblum (1998), S. 177.

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ausführliche Recherche bewirkt, dass die Betroffenen Erklärungen und Interpretationen ihres individuellen Falles wünschten – dies war wie der vorherige Punkt finanziell für die EPA nicht tragbar. Als letztes Argument wurde die Gefahr von Gerichtsprozessen gegen die EPA genannt. Durch diese rigorose Auslese der möglichen Interviewpartner blieben am Schluss lediglich zehn Personen übrig, von denen neun befragt wurden. Von diesen konnte keiner zuverlässig als Opfer der Dioxinversuche identifiziert werden, da man sich nur auf ihre Aussagen stützen konnte, andererseits jedoch ausschließlich schriftliche Dokumente beachtet werden durften. Der verantwortliche Beamte der EPA, Frank L. Davido, schrieb dazu, dass die Untersuchungen nicht erfolgreicher gewesen wären, wenn man statt der neun 40 oder 50 Personen interviewt hätte. Als Schlussfolgerung leitete er ab, dass man keine Mühen mehr in Nachforschungen zum Thema Holmesburg Prison anstreben sollte.64 Offiziell blieben die Nachforschungen 1981 erfolglos, da die Insassen oftmals an mehreren Tests gleichzeitig teilgenommen hatten, unter anderem an den Versuchen der Army. Deswegen habe sich nicht ableiten lassen, von welchen Experimenten die Nebenwirkungen gekommen seien. Außerdem seien – ohne schriftliche Dokumentation – nur aufgrund der Aussagen der Betroffenen keine Schlussfolgerungen möglich, da diese, wie bereits erwähnt, oft nicht wussten, dass überhaupt Dioxin an ihnen getestet worden war.65

6.3

D AS E NDE

DER

E XPERIMENTE

Als die offiziellen Untersuchungen zu den Versuchen im Holmesburg Prison 1981 durchgeführt wurden, war die Forschung an Insassen in Holmesburg bereits Geschichte. Doch bis die menschenverachtenden Versuche ihr Ende gefunden hatten, waren noch viele Schritte nötig. Im Sommer 1968 klagten die zwei Häftlinge Joseph Mitchell und George DiAngelo, dass sie sowohl im Gefängnis als auch im Gefangenentransporter durch Gefängniswärter und

64 Hornblum (1998), S. 178–179. 65 Ebd., S. 179.

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Mitinsassen mehrfach vergewaltigt worden seien.66 Eine daraufhin durchgeführte Befragung von 3.300 Häftlingen brachte ans Licht, dass beinahe jeder schmächtig gebaute Insasse während seiner Haft Opfer sexueller Übergriffe geworden war. Gleichzeitig zeigte sich ein verhängnisvoller Zusammenhang mit den Versuchen der University of Pennsylvania. Durch die Geldzahlungen und veränderten Lebensverhältnisse als Folge der Studien war es zu einem ungleichen Machtverhältnis gekommen hinter den Mauern des Holmesburg Prison, einerseits zwischen den Häftlingen selbst, aber auch zwischen einzelnen Inhaftierten und den Wärtern. Dies hatte Bevorzugungen, aber auch Neid zur Folge und untergrub die Autorität der Angestellten.67 Offiziellen Äußerungen der Gefängnisleitung nach durften Insassen nicht mehr als 1.200 $ im Jahr in Holmesburg Prison verdienen. Allen Hornblums Nachforschungen ergaben jedoch Summen von bis zu 1.700 $. Angestellte der Universität gaben an, nie von der Grenze von 1.200 $ gehört zu haben, während Gefängniswärter von »higher-ups« die Weisung gehabt haben sollen, sich in keine Angelegenheiten der University of Pennsylvania einzumischen.68 Es gab 1973 noch eine weitere Klage gegen Kligman, Ivy Laboratories, das Gefängnis und die Stadt. Der Kläger war Jerome Roach, der an einem Versuch der Universität von Pennsylvania teilgenommen hatte und als Nebenwirkungen Fieber, Halsschmerzen und Übelkeit bekam. Der Gefängnisarzt, der keine Kenntnis von dem Versuch hatte, an dem Roach teilnahm, verabreichte diesem Penicillin. Da sich sein Zustand noch weiter verschlechterte, wurde er ins Philadelphia General Hospital gebracht, wo man ihm sagte, dass seine Symptome von Substanzen kämen, die ihm bei dem Versuch ohne sein Wissen gegeben worden waren.69 Beim Prozess gab Copeland, der verantwortliche Arzt für die Versuche, an, es sei nicht seine Aufgabe gewesen, die Teilnehmer zu informieren, das habe der Pfleger Luther Mitchell übernommen. Dieser jedoch sagte aus, nur über den Test an sich aufgeklärt zu haben, da Aufklärungen über Nebenwirkungen von Copeland hätten übernommen werden müssen.70

66 Hornblum (1998), S. 189. 67 Davis (1968), S. 767. 68 Vgl. Hornblum (1998), S. 192. 69 Ebd., S. 202–203. 70 Hornblum (1998), S. 202–203.

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Traurige Berühmtheit erlangten die Experimente in Holmesburg auch durch eine Anhörung zweier Insassen vor dem Kongress. Allan Lawson und Leodus Jones sagten bei den Congressional Hearings on Human Experimentation 1973 aus und erregten dabei die Aufmerksamkeit von Senator Edward Kennedy. Zurück in Holmesburg wurden die beiden Gefangenen für ihre Aussagen in Washington von Mitinsassen, die auf das Geld nicht verzichten wollten, angegangen. Doch die unmenschlichen Experimente wurden letztendlich verboten, und Kligman musste seine Forschung an den Gefangenen einstellen.71 Für Kligman endete sein letztes Kapitel im Holmesburg Prison anders – und dies ist symptomatisch für sein wissenschaftliches (Fehl-)Verhalten. Die Zusammenarbeit mit der University of Pennsylvania endete in einem Gerichtsverfahren mit seiner Alma Mater um seine Vitamin-A-Forschungen. Für die Erkenntnisse um die Retinsäure ist Kligman heute noch bekannt. Da das Wissen über Vitamin A erst im Anfangsstadium war, testete er die Minimal- und Maximaldosis an den Insassen von Holmesburg Prison. Dabei ging er gewohnt drastisch vor. Er selbst berichtete, er habe die Teilnehmer beinahe umgebracht, um einen Effekt zu erforschen, jeder der teilnehmenden Häftlinge wurde krank.72 Als Folge seiner Forschung wurde Retin-A als Mittel gegen Akne in Amerika zugelassen. Die eigentliche, unerwünschte aber dominierende Wirkung war bereits bekannt. Ein ehemaliger Student von Kligman, Joseph Witkowski, gab Allen Hornblum gegenüber an, er sei als enger Mitarbeiter Kligmans von Anfang an davon ausgegangen, dass sich Retin A nicht vermarkten lassen würde, da die Gesichtshaut der Versuchsteilnehmer oft mit extremer Rötung und Schwellung reagiert hatte.73 Nach einiger Zeit der Anti-Akne-Anwendung kristallisierte sich jedoch ein weiterer, entscheidender Effekt heraus: Die Vitamin-A-Creme schien auch eine Wirkung gegen Falten zu haben. Als dieses Therapieergebnis erkannt wurde, warb Johnson&Johnson, das Pharmaunternehmen mit den Rechten an Retin A, mit diesem off-label-Nutzen. In einer landesweiten Medienkampagne, bestehend aus wöchentlichen mehrseitigen Inseraten und Kongressen mit den anerkanntesten Fachleuten der Dermatologie führte Johnson&Johnson die

71 Vgl. ebd., S. 194–197. 72 Ebd., S. 214: »I damn near killed people [before] I could see a real benefit […] Everyone of them got sick.« 73 Ebd., S. 215.

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Aknecreme als Anti-Aging-Mittel ein. Die FDA ermittelte gegen das Pharmaunternehmen, weil es einen Nutzen bewarb, für den es bei dieser Creme keine Zulassung gab und weil darüber hinaus diese Wirkung stark angezweifelt wurde.74 Letztendlich wurde das Unternehmen zu 7,5 Millionen Dollar Strafe verurteilt, der höchsten Summe in der Geschichte der FDA bis zu diesem Zeitpunkt. Diese Summe machte jedoch nur einen Bruchteil des Gewinns aus, den Johnson&Johnson über den nicht zugelassenen Verkauf von Retin A als Faltencreme gemacht hatte. Die University of Pennsylvania verklagte Kligman auf eine Mitbeteiligung an dessen Gewinn an Retin A, da dieses in den Laboren der Universität entwickelt worden sei. Zum einen hätte Kligman damit das Patent nicht auf seinen Namen anmelden dürfen, außerdem hätte für Kligman ein Interessenskonflikt bestanden, da er an den Gewinnen durch Johnson&Johnson Anteile bekam. Der Prozess endete in einem Vergleich, dem zur Folge die Universität ab März 1992 an den Gewinnen durch Retin A beteiligt wurde. Alle bisherigen Einnahmen waren jedoch für die Universität verloren.75 Die wissenschaftliche Laufbahn Kligmans endete damit so fragwürdig, wie sie verlaufen war. Und doch erinnert man sich bis heute an ihn als vermeintlich einen der besten Dermatologen, der selbst in Europa am bekanntesten sei.76 Und Albert Kligman blieb bis zum Schluss von der Wichtigkeit und insbesondere der Richtigkeit seiner Arbeit im Holmesburg Prison überzeugt. Anlässlich eines Vorstoßes 2006 durch das Institute of Medicine, die Gefängnisse wieder für die Forschung zu öffnen, wird er in der New York Times als Beispiel angeführt.77 In dem Interview für den Artikel betonte Kligman die Erfolge, welche Forschung in Gefängnissen legitimieren würden – wie beispielsweise den Durchbruch in der Aknebehandlung mit Retin A. Außerdem seien die Experimente seinerzeit nur in niedrigen Dosen und damit gesundheitsverträglich durchgeführt worden. In seiner Funktion als Mitglied der Ethikkommission der University of Pennsylvania ließ er sich zitieren, er habe keinerlei Bedenken wegen der neuen Gesetzesentwürfe.78

74 Interview Diana Zuckerman, 4. November 1996, zitiert nach Hornblum (1998), S. 223. 75 Vgl. Hornblum (1998), S. 227–230. 76 Ebd., S. 237. 77 Wiegand (2007), S. 38. 78 Ebd.

7.

Gefängnisforschung in Grenzbereichen: Ausgesuchte Beispiele

7.1

AMERIKANISCHE ÄRZTE IN PHILIPPINISCHEN G EFÄNGNISSEN

Es gibt eine lange Liste zusätzlicher Experimente, die teilweise für ihre Grausamkeit und eine fehlende Aufklärung bekannt sind und deren Teilnehmer mehrheitlich Gefängnisinsassen waren. So wurde zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Philippinen, zu der Zeit amerikanische Kolonie, in Gefängnissen geforscht. Unter anderem fand eine Studie zur Infektionskrankheit Cholera an zum Tode Verurteilten statt. Hierbei kam es als Folge der Experimente zu 13 Todesfällen.1 Diese Studie wurde unter anderem dadurch bekannt, dass sie beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 zur Verteidigung der nationalsozialistischen Ärzte benutzt wurde. Auch die Mangelerkrankung Beriberi wurde an 29 Gefangenen auf den Philippinen näher erforscht, wobei vier Studienteilnehmer zu Tode kamen, 2 darüber hinaus wurden dort Experimente zu Sulfursäure durchgeführt.3 Aber auch aus Gefängnissen auf amerikanischem Boden ist darüber hinaus eine Vielzahl von Humanexperimenten bekannt. Der Arzt Joseph Stokes

1

Vgl. Hornblum (1998), S. 76–77.

2

Cina/Perper (2010), S. 89.

3

Hornblum (1998), S. 76.

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von der University of Pennsylvania infizierte 1950 etwa 200 weibliche Häftlinge mit Hepatitis-Viren.4 Als man in den 1950er Jahren begann, die Pathologie maligner Tumore zu erforschen, gab es den Standpunkt, diese würden durch Viren getriggert nur in Organismen mit geschwächtem Immunsystem entstehen und sich weiter verbreiten; der Mediziner Chester Southam vom Sloan-Kettering-Institut war ein Vertreter dieser These. Um seine Ansicht zu beweisen und die Abwehrmechanismen eines gesunden Körpers gegen maligne Zellen zu erforschen, injizierte er Krebszellen Häftlingen, aber auch Patienten und Sterbenden. Eine Einwilligungserklärung wurde oft unterschrieben, allerdings waren darin nicht die Eigenschaften des injizierten Serums erklärt.5 Diese Experimente fanden mit Zellen solider Tumore statt. In dem berühmten kalifornischen Gefängnis Sing Sing wurde darüber hinaus sogar mit Blutkrebs (Leukämie) experimentiert. Das Blut Betroffener wurde Gefängnisinsassen injiziert, um die Folgen zu beobachten.6 In demselben Gefängnis wurden auch Untersuchungen zur Rhesusunverträglichkeit sowie deren Prophylaxe durchgeführt.7 Dass er als Chefarzt am San Quentin Gefängnis in Kalifornien leichten Zugang zu Studienteilnehmern hatte, erkannte auch der Arzt Leo Stanley – von 1913 bis 1951 führte er hunderte Experimente durch. In diesem Zeitrahmen sterilisierte er ca. 600 Inhaftierte. Der Sinn dieser Experimente war für Stanley nicht nur Erkenntnisgewinn über die biologischen Folgen dieses Eingriffs (dem eine gesundheitsverbessernde Wirkung nachgesagt wurde), sondern auch die Erfüllung eugenischer Ziele: Durch die Sterilisation würde der – nach Stanley angeborene – Hang zur Kriminalität ihr Ende finden. Blieben trotz der Sterilisation Häftlinge zeugungsfähig, würde dies für ein sehr starkes Fortpflanzungspotenzial sprechen und die weitere Zeugung möglicher zukünftiger Straftäter durch den »Willen der Natur« gerechtfertigt.8 Er ging aber noch weiter und transplantierte Hodengewebe Hingerichteter, aber auch von Tieren wie Ziegen- und Schafsböcken oder Ebern in das gesunde Gewebe inhaftierter Sterilisierter. Diese Gewebe waren zum Teil zuvor bestrahlt worden, um die Wirkung zu untersuchen, vor allem aber

4

Ebd., S. 91.

5

Vgl. Baker (1997) und Loue (2000).

6

Vgl. Loue (2000), S. 29.

7

Vgl. Freda et al. (1964), S. 26–32.

8

Vgl. Blue (2009).

G EFÄNGNISFORSCHUNG

IN

G RENZBEREICHEN

| 85

sollte das implantierte Gewebe die Männlichkeit der Sterilisierten erhalten, jedoch in einem Rahmen, der den Ansprüchen der Gesellschaft entsprach. Gleichzeitig sollte getestet werden, ob durch die hormonproduzierenden Zellen ein verjüngender und gesundheitsverbessernder Effekt auftreten würde. Von 1968 bis 1971 wurde an 67 Häftlingen des Oregon State Prison und 64 Insassen des Washington State Prison eine Studie unter der Leitung des Endokrinologen Carl Heller zu Auswirkung von Strahlung auf die männlichen Geschlechtsorgane durchgeführt.9 Ausgeführt wurden die Experimente von der Pacific Northwest Research Foundation, Seattle. Die Finanzierung lief über die Atomic Energy Commission, die dafür 1,08 Millionen Dollar zahlte. In dieser Studie wurde sogar eine Einverständniserklärung mit Informationen zu den Risiken wie malignen Geschwüren ausgegeben und es wurde im Vorhinein über die anschließende Sterilisation aufgeklärt. Auch die Ehefrauen wurden informiert, interessanterweise waren allerdings Katholiken von der Studie ausgeschlossen. Für jede Bestrahlung gab es eine geringe Entschädigung (5-10$), bei der Vasektomie wurden abschließend 100$ ausgezahlt. Die Hodenentfernung am Ende der Studie wurde mit den möglichen, strahlungsinduzierten »Mutanten« begründet.10 Diese Studie erregte bald große öffentliche Aufmerksamkeit und wurde bereits 1973 beendet. Im Washington State Prison waren schon vorher Studien durchgeführt worden, in denen die Grenzdosis gefunden werden sollte, die zeitweise Infertilität verursachen würde. Auch hier gab es, wie bei den folgenden Studien, kein Langzeit-Follow up für die Studienteilnehmer.11 Von den 232 Gefangenen, die hier teilgenommen hatten, bekamen angeblich vier Nachkommen, die unter Beeinträchtigungen litten, die auf die Strahlung zurückzuführen sind.12 Darüber hinaus gibt es Berichte über Projekte in Gefängnissen für die Weltraumforschung, unter anderem Experimente zur Schwerelosigkeit oder zum Muskelabbau bei langer Immobilität wie z.B. Flügen in den Weltraum, und weitere Strahlungstests. Häftlinge wurden gegen ihren Willen mit Muskelrelaxanzien behandelt, bekamen tierisches Blut injiziert und wurden mit

9

U.S. Congress (1986), S. 2.

10 Ebd., S. 16. 11 Ebd., S. 17. 12 Vgl. Goliszek (2003).

86 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Krankheiten wie Röteln künstlich infiziert.13 Im Jahr 1969 waren etwa 85% aller neuen Medikamente an Insassen getestet.14

7.2

»MKULTRA«: E XPERIMENTE DER CIA ZU

LSD

Ein weiteres, breit angelegtes Vorhaben, das zu großen Teilen in Gefängnissen verwirklicht wurde, war das sogenannte Projekt »MKULTRA«.15 Im Zuge dessen sollten neue, vor allem chemische Stoffe getestet werden. Mitte der 1950er Jahre, in einer Periode der Faszination neuentdeckter Chemikalien, wurde das halluzinogene Potenzial von LSD entdeckt. Seit den ersten Laborversuchen bestand ein extrem hohes Interesse an den Substanzen, insbesondere bei den Geheimdiensten.16 Getestet wurde hauptsächlich deren Potenzial als »Wahrheitselixier« für Befragungen, wie es im Abschnitt 6.2 dieser Arbeit bereits erwähnt wurde. Besonders bekannt wurde dieses Forschungsprojekt durch den Tod von Frank Olson, eines CIA-Mitarbeiters. Anscheinend erfuhr dieser geheime Details des Projektes und wurde deswegen ermordet.17 Unabhängig von dem speziellen Fall jedoch existieren einige Dokumente zu »MKULTRA«, sodass es relativ gut erforscht ist.18 In verschiedenen Settings, von Verhörzimmern der CIA bis hin zu kulissenmäßigen Bordells, wurde von Mitarbeitern über Gefangene bis hin zu ahnungslosen Zivilisten die Wirkung verschiedener Substanzen, vor allem LSD, erforscht, um die Testpersonen zum ungehemmten Reden zu bringen.19 Es sollte aber auch das Gegenteil erlangt werden: Das Erreichen einer Amnesie gezielter Wissensbereiche und auch die Persönlichkeitsspaltung, um so Spione oder aber auch Auftragsmörder zu »kreieren«, die nur im Einsatz ihre Persönlich-

13 Hornblum (1998), Hoffman (2000) und Dober (2008). 14 Hoffman (2000), S. 636. 15 Scheflin/Opton (1978). 16 Vgl. Scheflin/Opton (1978), Lee/Shlain (1992) und Albarelli (2008). 17 Ross (2000), Albarelli (2008), Koch (2008) und McVeigh (2012). 18 U.S. Senate (1977), Collins (1988) und Weinstein (1990). 19 Scheflin/Opton (1978).

G EFÄNGNISFORSCHUNG

IN

G RENZBEREICHEN

| 87

keit als CIA-Mitarbeiter erleben würden, um so die Geheimnisse des Geheimdienstes zu schützen. Wie oben bereits erwähnt, stammten viele Ergebnisse aus Gefängnisforschung.

7.3

BRD: E XPERIMENTELLE U NTERBRINGUNG IN DEUTSCHEN H AFTANSTALTEN

Ähnliche Versuche zur Persönlichkeitsspaltung bzw. Deprivation wurden auch aus westdeutschen Gefängnissen berichtet. Die Psychologiestudenten Hartwig Hansen und Horst Peinecke schrieben 1980 ihre Diplomarbeit, die niemals anerkannt wurde, über den Vergleich der theoretischen Deprivation und die Haftbedingungen von RAF-Mitgliedern wie Ulrike Meinhof, KarlHeinz Dellwo und weiteren. Dabei fallen überraschend viele Parallelen auf. Die Deprivation versucht eine völlige Ausschaltung aller Sinneseindrücke zu erreichen. Zwar wurden die im Folgenden beschriebenen Unterbringungen nicht öffentlich als experimentell deklariert. Die sorgfältige Ausarbeitung und Umsetzung der Bedingungen sowie die genaue Beobachtung und die Einmaligkeit dieser Unterbringung lässt allerdings die Vermutung zu, dass hier versuchsweise ausprobiert werden sollte, wie die Gefangenen auf die Umgebung reagieren und ob so Geständnisse zu entlocken sind. Hansen und Peinecke beschrieben sehr eindrücklich, wie dies in westdeutschen Gefängnissen, z.B. Köln-Ossendorf, praktiziert wurde. Hier gab es sogenannte Stille Abteile.20 Die Zellen in diesen Abschnitten waren akustisch vollkommen isoliert, alle umliegenden Zellen waren nicht belegt, damit keinerlei Geräusche zu den Isolierten dringen würden. In einem Brief beschreibt Ulrike Meinhof die Situation: »was zu hören ist, registriert man als was besonderes; man kann es aufzählen. sonst hören wir außer uns und den geräuschen des überwachungssystems nichts.«21 Die fehlenden Sinneseindrücke führen zu Halluzinationen und psychischen Veränderungen. Ähnliches wurde auch von den Haftanstalten in Lübeck und Celle berichtet, in denen es ebenfalls Tote Trakte gegeben hat.22 In den betreffenden Zellen waren neben akustischen

20 Hansen/Peinecke (1982), S. 11. 21 Ebd. 22 Ebd., S. 14–16.

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Eindrücken auch visuelle Reize auf ein Minimum reduziert, indem die Fenster mit Milchglas verschlossen waren. Auch die makellos weißen Wände gaben den Augen keinen Fixationspunkt. Hier wurden Halluzinationen und ein Realitätsverlust beschrieben: »Das Gefühl, man bewege sich in Zeitlupe. Das Gefühl, sich in einem Vakuum zu befinden, als sei man in Blei eingeschlossen. [sic]«23 Karl-Heinz Roth wurde zeitweise 24stündiger Beleuchtung ausgesetzt und beschrieb die Folgen dieser Reizüberflutung. Vor allem war der Schlaf gestört, der erst in den frühen Morgenstunden begann. Durch die Geräuschkulisse des normalen Gefängnisalltags wurde dieser allerdings sehr bald wieder unterbrochen. Der Schlafentzug bewirkte Minutenschlaf und Konzentrationsschwäche, die fehlenden Lichtabstufungen brachten einen Verlust der zeitlichen Orientierung mit sich. Roth wurde fahrig, unkonzentriert und angespannt, jede Anpassung an eine neue Situation, wie z.B. Besuch durch den Anwalt, strengte ihn übermäßig an. 24 Da diese Haftbedingungen nicht routinemäßig angewandt wurden, kann man hier in gewisser Weise von einer experimentellen Unterbringung sprechen, in der das Verhalten und die psychischen Konsequenzen bei den Gefangenen genau beobachtet wurden. Und die Konsequenzen sind exakt jene, die man schon in der ersten theoretischen Beschreibung als die erwünschten Ziele sah: psychische und physische Veränderungen.25 Die Berichte der Betroffenen lesen sich weniger trocken: »Du bist der Fisch in einem leeren Aquarium, nur Sauerstoffbläschen – Geräusche nur – dringen, an dir vorbei, an die Oberfläche. Irgendwann wird dir bewußt, daß du, ohne es zu merken, ständig mit den Zähnen knirschst, daß du tonlos die immer gleiche, dumme Melodie gepfiffen hast. Daß du unkontrollierbaren Zwängen unterliegst.«26

23 Ulrike Meinhof, zitiert nach Hansen/Peinecke (1982), S. 28. 24 Karl-Heinz Roth, zitiert nach Hansen/Peinecke (1982), S. 30. 25 Rasch (1976), S. 63–64. 26 Hansen (1982), S. 23.

8.

Forschung in Haftanstalten »hinter Mauern«: Neue Erkenntnisse zur DDR

8.1

Z UR E INFÜHRUNG : AUSWERTUNG DER Z EITZEUGENAUSSAGEN

In der bisherigen Arbeit wurden hauptsächlich Experimente in den USA betrachtet. Dabei hat sich bereits gezeigt, dass diese vor allem während des Kalten Krieges gegen die UdSSR verbreitet waren, um gegen diese im Vorteil zu sein.1 Also stellt sich die Frage, ob mit dieser Intention auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs Forschung betrieben wurde. Obwohl es hierfür viele Hinweise und Anhaltspunkte gibt, liegen dafür derzeit leider nur wenige wissenschaftliche Belege vor. Doch in erster Linie für die DDR mehren sich die Hinweise, dass die sozialistische Führung in ihren Haftanstalten an Menschen forschen ließ. Nachdem mit der Aufarbeitung der Akten des DDR-Regimes immer mehr Forschungsskandale ans Licht kommen,2 kann von Experimenten in Gefängnissen ausgegangen werden. Der systematische Missbrauch von Medikamenten zur psychischen Beeinflussung sowie als Verhör- bzw. Foltermittel sind schon lange bekannt und lassen sich schriftlich belegen.3 Doch beim Thema Forschung in Gefängnissen kann man sich bis heute nur auf die Aussage derer stützen, die sich selbst als Betroffene sehen.

1

Lee/Shlain (1992), Hornblum (1998) und Albarellli (2008).

2

Vgl. Erices (2013) und (2014) sowie Erices et al. (2014a) und (2014b).

3

Vgl. Müller/Stephan (1998), Meyer (2013) und Thiemann (2013).

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Im Folgenden sollen Einzelschicksale vorgestellt werden. Dabei gibt es heute noch keinerlei offizielle schriftliche Dokumente, die eine Forschungsabsicht des Gefängnispersonals oder der beteiligten Mediziner bestätigen. Aufgrund der Aussagen von Betroffenen scheinen die Vermutungen jedoch zutreffend, dass in DDR-Gefängnissen für das System experimentiert wurde. Leider kann nicht in allen Fällen mit abschließender Sicherheit von systematischer Forschung gesprochen werden, da keine exakten Angaben über die zu erforschende Fragen gefunden wurden. Doch die Diversität der Opfer und der erzählte Ablauf der Geschehnisse sowie die Richtigkeit überprüfbarer Angaben sprechen für eine hohe Wahrscheinlichkeit der Vermutung, dass in ostdeutschen Gefängnissen experimentiert wurde. Auf den Artikel Perfekte Population4 der Autorin in der Zeitschrift Stacheldraht der Opferverbände Inhaftierter in der DDR meldeten sich überraschend viele Zeitzeugen. Schon hier zeigten sich sehr unterschiedliche Formen, mit dem Erlebten umzugehen: Manche gaben bereits im Erstkontakt, in Emails, im ersten Telefonat oder auf anderen Kommunikationswegen ihre in jedem einzelnen Fall ergreifenden Geschichten preis. Andere ehemalige Häftlinge allerdings waren sehr zurückhaltend und vorsichtig beim Erzählen ihrer Erlebnisse. In der Bewertung der Aussagen mussten einige Punkte berücksichtigt werden. So fiel eine unzutreffende Interpretation des Begriffs Forschung auf, wie er oft bei den Recherchen entdeckt wurde. Viele ehemalige Häftlinge verstanden ihre ohne Frage grausame und unmenschliche Behandlung als experimentell oder forschungsbedingt an. Da es in manchen Fällen jedoch keine Hinweise darauf gab, dass die Behandlung durch die Gefängniswärter Teil einer Studie war, können diese Berichte leider für die vorliegende Arbeit nicht verwendet werden. Beispielweise berichtete ein Interviewpartner, bei seiner Inhaftierung im Speziallager 2, dem ehemaligen KZ Buchenwald, seien Versuche an ihm und seinen Haftkollegen durchgeführt worden, wie lange Menschen ohne ausgewogenes Essen auskommen würden. Seine detaillierten Darstellungen sind erschreckend und erinnern an die Berichte aus dem KZ. Eine Versuchsanordnung lässt sich aber nicht erkennen, eine solche Intention von Seiten der Lagerführung ist (bisher) nicht bekannt. Hier müssten weiterreichende Forschungen durchgeführt werden; im Rahmen dieser Arbeit wird eine diktatorische, menschenverachtende Be-

4

Lehner (2014).

F ORSCHUNG

IN

H AFTANSTALTEN » HINTER M AUERN «

| 91

handlung festgehalten, die Intention eines Wissenserwerbs durch einen geplanten Versuch wird nicht angenommen. Auch weitere, sehr interessante Schilderungen konnten in dieser Arbeit nicht verwendet werden, da bei den Interviewten psychiatrische Nebendiagnosen bestanden, die eine Interpretation der Ergebnisse schwierig machte. Allgemein sei hier aber allen gedankt, die sich gemeldet haben und bereit waren, ihre schwierigen und aufwühlenden Geschichten nochmals zu erzählen.

8.2

H ORMONE

IM

E SSEN VON H AFTINSASSEN ? 5

Verbreitet in den Gefängnissen der DDR waren anscheinend Experimente mit Geschlechtshormonen. Besonders eindrücklich ist hier die Geschichte einer Insassin, der offenbar Schwangerschaftshormone verabreicht worden sind.6 Die Betroffene war wegen »ungesetzlichem Grenzübertritt« zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die erste Zeit ihrer Strafe war sie in Frankfurt/Oder inhaftiert. Nachdem ihre Isolationshaft aufgehoben war, setzten nach wenigen Wochen sowohl bei der Interviewten als auch bei ihrer Zellengenossin die Monatsblutungen aus. Nach eigenen Angaben konnte die damals ca. 40jährige jedoch nicht schwanger sein, da sie vor Haftantritt mit oralen Kontrazeptiva verhütet hatte. In der vorangegangenen Haftzeit war die Monatsblutung unauffällig und regelmäßig gewesen, sodass ein psychisch bedingtes Aussetzen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann; darüber hinaus stellten sich nach einiger Zeit Symptome einer Schwangerschaft ein, wie ein Umbau des Brustgewebes und eine Gewichtszunahme. Als die Zellengenossin wechselte, stellten sich auch bei der neuen Mitgefangenen die gleichen Symptome ein. Diese Entwicklungen waren bei der Frau so auffällig, dass ihr Vernehmer eine ärztliche Untersuchung anordnete zur Abklärung einer Schwangerschaft. Als die Interviewte in das Gefängnis Hoheneck verlegt wurde, setzte abrupt eine Blutung ein, die den Beschreibungen nach eine Abbruchblutung gewesen sein könnte, wie sie nach

5

Hormone unbemerkt in Nahrungsmittel unterzubringen ist relativ schwierig aufgrund der verschiedenen Bioverfügbarkeit. Estradiole allerdings, die bereits 1983 entdeckt wurden, lassen sich oral verabreichen. Vgl. hierzu Daniels (2011).

6

Ganzer Absatz nach einem Gedächtnisprotokoll der Autorin vom persönlichen Gespräch mit der Zeugin vom 30.07.2014, vgl. Anhang S. 176.

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dem Absetzen von Hormonen und hormonellen Kontrazeptiva auftritt. Die Verurteilte bekam nach der Verlegung mit ca. 40 Jahren viel zu früh die Symptome des Klimakteriums, was ihr – nach eigenen Angaben – so auch von den Amtsärzten des Versorgungsamtes bestätigt wurde. Leider gibt es in den Haftunterlagen keinerlei Hinweise darauf, dass die Interviewte Opfer einer Versuchsreihe geworden ist. Die ärztlichen Dokumente der betreffenden Stasi-Akte sind unvollständig und widersprechen den Angaben der Zeitzeugin.7 Aber da ihre Angaben, soweit überprüfbar, korrekt sind und keine Gründe zur Annahme falscher Erzählungen bestehen, muss man sich überlegen, zu welchem Zweck die Hormone hätten verabreicht werden sollen. Es gab keinen medizinischen Grund, (mindestens) drei Frauen mit Hormonen zu behandeln. Aus Untersuchungshaftanstalten ist die Verwendung verschiedener Substanzen zur Befragung Gefangener bekannt.8 Dies kann für den vorliegenden Fall ausgeschlossen werden, da die Interviewpartnerin sich bereits im Strafvollzug befand. So liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Experiment gehandelt haben könnte, um die Auswirkungen der Hormone zu beurteilen. Ob dies auf die rein physischen Folgen bezogen war oder auch psychische Veränderungen im Fokus der Beobachtungen standen, lässt sich nur vermuten. Allerdings scheinen – laut Angaben der Zeugin – die Auswirkungen auf die Psyche der betroffenen Häftlinge groß gewesen zu sein, vor allem bei einer Zellengenossin, die tatsächlich hoffte, von ihrem Verlobten schwanger zu sein. Dies hätte einerseits eine Verbindung zur Außenwelt des Gefängnisses bedeutet, darüber hinaus erhoffte die Mitgefangene sich eine frühzeitige Haftentlassung durch die Schwangerschaft. Allerdings setzten auch bei dieser Gefangenen gleichzeitig mit der Zeitzeugin wieder Blutungen ein. Dem Bericht der Zeugin nach waren begreiflicher Weise die psychischen Folgen dieses vermeintlich erlebten Aborts verheerend für die Mitgefangene – und würden gleichzeitig zu der Behandlungsweise politischer Gefangener in den DDRGefängnissen passen.9 Weitere Berichte über die Verabreichung von Hormonen stammen aus dem Frauengefängnis Hoheneck. Hier wurde jedoch möglicherweise mit

7

Vgl. Anhang S. 176.

8

Mironenko (1998), Meyer (2013) sowie Erler/Knabe (2014).

9

Konferenz der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (2003), Baumann/Kury (1998) und Priebe et al. (1993).

F ORSCHUNG

IN

H AFTANSTALTEN » HINTER M AUERN «

| 93

männlichen Geschlechtshormonen an Frauen gearbeitet. 10 Ein Bericht, der der Autorin nach dem Artikel Perfekte Population zugeschickt wurde und auch frei im Internet zugänglich ist, beschreibt die Situation sehr anschaulich. Demnach waren Speise- und Getränkerationen der Gefangenen mit oralen Hormonen präpariert. Die Autorin des Berichtes Claudia hatte in den fünfzehn Monaten ihrer Inhaftierung nur zwei Mal ihre Periode, war »aufgedunsen und aufgebläht«.11 Die Frauen seien auf diese Weise nach eigenen Angaben »ruhig gestellt« worden und langjährige Insassinnen hatten sich dem Bericht nach mehr und mehr zum Mann entwickelt: körperliche weibliche Merkmale wie die Brust entwickelten sich zurück, dafür veränderte sich die Stimme und »allmählich begannen viele Frauen auch sich wie Männer zu benehmen und ihre ›grobe Sprache‹ anzunehmen.« 12 In welch großem Ausmaß geforscht wurde, zeigt aber vor allem der Fall eines Inhaftierten, dem nachweislich Testosteron verabreicht worden ist. 13 Der Betroffene war wegen »Staatsverrats« verurteilt worden.14 Die Haft nahm ihn nach eigenen Angaben sowohl körperlich als auch psychisch stark mit. In sehr schlechter körperlicher Verfassung musste der Betroffene 1965 einige Male hintereinander zum Häftlingsarzt, von dem er eine Spritze verabreicht bekam. Was diese Injektion war, wurde ihm nicht gesagt und konnte er sich selbst nicht erklären. Auf Nachfragen bekam er die Antwort: »Halten Sie den Mund und fügen Sie sich unseren Anweisungen!« Durch einen Mithäftling erfuhr er, dass die Spritzen Testosteron enthalten sollten, ein Sexualhormon, welches heute im Doping eingesetzt wird, da es einen muskelaufbauenden Effekt hat. Häufig werden als Nebenwirkung beim Doping-Missbrauch von Testosteron Verdauungsstörungen, unter anderem verursacht durch Störungen der Schilddrüse, beobachtet. Auch der Betroffene berichtete, dass seine Verdauung stark unter den Spritzen gelitten habe bzw. temporär eingeschränkt war und es zu Leberfunktionsstörungen gekommen sei. In seiner Akte der Staatssicherheit sind auch die Unterlagen des Haftarztes enthalten. Sie enthalten für den 08.06.1965 einen Vermerk, dass Testosteron

10 Vgl. Thiemann (2013). 11 Vgl. Anonymus (2009). 12 Ebd. 13 Vgl. Kapitel Anhang S. 180. 14 Vgl. Protokoll S. 179.

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über vier Wochen hinweg verabreicht werden soll.15 Die Anwendung des Hormons ist bis heute umstritten, weswegen eine medizinisch indizierte Gabe unwahrscheinlich erscheint. Interessanterweise sind Spitzensportler der DDR mit Sexualhormonen, wie sie den beiden Betroffenen verabreicht wurden, ab 1968 in großer Zahl gedopt worden.16 Sicherlich wurden diese Präparate zuvor an Menschen getestet, um (Neben-)Wirkungen zu überprüfen. Derzeit ist ein Zusammenhang zwischen der Hormongabe in den Gefängnissen und der kurz darauf folgenden großflächigen Anwendung nicht sicher belegbar, ein Dokument, verfasst von einem der führenden DopingMediziner der DDR, Dr. Röhnert, gibt jedoch an, er werde sich weiterhin »mit dem Testosteron-Stoffwechsel von Meerschweinchen, Hunden und Menschen befassen.«17

8.3

D IAGNOSTISCHE E INGRIFFE

OHNE

ANLASS

Es gab schon sehr früh Hinweise auf eine menschenverachtende Behandlung von Häftlingen durch Wärter und Staatssicherheit, die erschreckenderweise nicht beachtet wurden. Vorwürfe gegen die Führung der DDR waren schon in den 1970er Jahren erstmals laut geworden. In einigen Artikeln war von anscheinend systematischen Studien berichtet worden, da 15 Gefangene »alle zwei Monate in einem besonderen Gebäudekomplex der Anstalt medizinisch behandelt« wurden.18 Damals jedoch wurde durch die BRD jegliche Möglichkeit von Forschung in den ostdeutschen Gefängnissen verleugnet. Es gab erste Berichte freigekaufter Häftlinge der DDR, die von Experimenten an sich berichteten. Im Kölner Stadtanzeiger erschien daraufhin eine Stellungnahme:

15 MfS AU 1990/58, S. 158, vgl. Anhang S. 180. 16 Vgl. Kühnst (1982), Spitzer (1998), Blume (2012), Ludwig/Purschke (2015) und Marxen/Werle (2009). 17 Spitzer (1998), S. 299. 18 Meyer (2013), S. 269–272.

F ORSCHUNG

IN

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»Die Bundesregierung hat keinerlei Anhaltspunkte für den Wahrheitsgehalt von Meldungen, nach denen angeblich an Häftlingen in DDR-Haftanstalten medizinische Versuche unternommen werden. […] Was wollen diejenigen, die solche Meldungen verbreiten, eigentlich erreichen?«19

Die Berichte, die wir heute kennen, sprechen eine andere Sprache: So gibt es Erzählungen von Scheinschwangerschaften, Hodenpunktionen und Medikamentenversuchen. Die Versuche blieben demnach nicht folgenlos: »Drei Häftlinge seien durch die Behandlungen körperlich schwer geschädigt worden. Ein Häftling sei an den Versuchen eingegangen, wie es die Häftlinge ausdrückten. Er sei lebendigen Leibes verhungert, weil er nicht mehr verdauen konnte.«20

In einem E-Mail-Wechsel berichtete auch Tomas Farg über seine Erfahrungen, die er so auch in seinem Buch Ein Deutscher in Deutschland festgehalten hat und die vermuten lassen, dass Gefangenen in der ehemaligen DDR Proben abgenommen wurden, die ohne Aufklärung zu Forschungszwecken verwendet wurden. Farg schrieb, dass er 1961/62 von Mitarbeitern der Staatssicherheit in der Untersuchungshaft in Erfurt gezwungen werden sollte, falsche Geständnisse zu machen für Taten, die er nie begangen hatte, die ihn aber belasten würden.21 Als er diese Geständnisse in der folgenden Verhandlung vor dem Richter widerrief, wurde dies zum Anlass genommen, ihn in die psychiatrische Klinik in Pfaffenroda bei Mühlhausen (Thüringen) einzuweisen. Eine Ärztin stellte sich Farg vor und zeigte Verständnis für seine Situation. Sie ermutigte ihn, eine Aussage über seine Situation zusammenzuschreiben. Außerdem führte die Ärztin nach Angaben Fargs bei diesem eine Liquorpunktion durch, also die Entnahme von Hirnwasser aus dem Rückenmarkskanal. Dies geschah ohne jegliche Anästhesie. Farg erinnert sich, während dieses Eingriffs Wortfetzen verstanden zu haben, die auf die Bestimmung dieser gewonnen Proben hindeuten, so z.B. »noch eine Probe für Dr. […] medizinische Fakultät«. Diese Aussage sowie das völlige Fehlen von Hinweisen auf den weiteren Verbleib der Liquorprobe ließen Farg ver-

19 BStU, MfS HA IX Nr. 9695 Teil 2 von 2, Blatt 384. 20 Ebd. 21 Das Zitat entstammt dem der Autorin vorliegenden Schriftverkehr.

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muten, ohne Aufklärung Proband einer Studie geworden zu sein. Dieses kurze Treffen mit der Ärztin führte zu einem Gutachten in Fargs Haftunterlagen, die ihn als psychiatrischen Patienten einstuften.22 Ellen Thiemann berichtet in ihrem autobiografischen Werk »Wo sind die Toten von Hoheneck?« von Röntgenaufnahmen, die sie bei der Einsicht in ihre Haftunterlagen entdeckte.23 Diese waren während ihrer Untersuchungshaft in Hohenschönhausen von ihr gemacht worden, ohne dass es einen diagnostischen Grund dafür gegeben hätte.24 Auf den verschiedenen Aufnahmen in kurzem Zeitabstand sind laut Aussagen der Ärztin von Thiemann keinerlei Auffälligkeiten zu erkennen.25 Gründe für die Aufnahme dieser Bilder konnten nicht recherchiert werden. Allerdings legen das Fehlen jeglicher Notwendigkeit sowie die Anzahl der in einem relativ kurzen Zeitrahmen gefertigten Röntgenaufnahmen einen Rückschluss auf eine Studie nahe. Aber auch Strahlungsexperimente scheinen in den Gefängnissen der DDR stattgefunden zu haben. So berichteten zwei ehemalige Häftlinge, die sich auf den oben genannten Aufruf im Stacheldraht hin meldeten, über Strahlungsversuche an ihnen. Einer der Zeugen beschrieb in seinem Brief die drastischen Methoden, mit denen die Beamten die Bestrahlung kurz vor der Entlassung durchführten. Falls er sich weigern würde, käme er doch wieder zurück in seine Zellen, wo er »verfaulen« könne. Der Betroffene leidet noch heute unter den Folgen der Haft und lebt zurückgezogen. Auch Scheinexekutionen wurden offenbar an ihm durchgeführt, um ein Geständnis zu erlangen. Dies alles, da ihm versuchte Republikflucht vorgeworfen worden war, die jedoch nie nachgewiesen werden konnte. Die zusammengetragenen Berichte können nicht als endgültiger Beweis von Forschung in Gefängnissen der DDR gewertet werden. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass es hier noch vieles zu erforschen gibt und im Rahmen einer Wiedergutmachung für die Opfer dringend geschehen sollte. Dieses Unrecht darf nicht in Vergessenheit geraten, sondern sollte von Wissenschaftlern aufgearbeitet werden.

22 Das Zitat entstammt dem der Autorin vorliegenden Schriftverkehr. 23 Thiemann (2013), S. 122. 24 Vgl. Thiemann (1990). 25 Vgl. den der Autorin vorliegenden Schriftwechsel aus dem Jahr 2014.

9.

Ist ein informed consent in Gefängnissen möglich?

9.1

E INSCHRÄNKENDE F AKTOREN DER FREIEN Z USTIMMUNG IN H AFTANSTALTEN

Neben diesen grausamen und menschenverachtenden Experimenten, die zuvor vorgestellt wurden, gibt es allerdings auch eine alltäglichere Form der Forschung, z.B. klinische, die noch heute nötig, gerechtfertigt und auf freiwillige Teilnahme angewiesen ist.1 Diese Art der Forschung wird notwendigerweise heute im großen Stil, beispielsweise im Auftrag der Pharmaindustrie, durchgeführt. Allerdings stellt sich auch für Studien mit niedrigerem Risiko die Frage, ob sie – zweifellos legitim an Zivilpersonen – an Gefängnisinsassen durchgeführt werden dürfen. Die bisherigen Darlegungen haben gezeigt, dass Forschung in Gefängnissen problematisch einzustufen ist. Wie bereits oben erläutert, sollte eine Einwilligung in ein Forschungsprojekt nach einer vollständigen Aufklärung vollkommen freiwillig durch den potenziellen Teilnehmer geschehen, ohne Einfluss von außen. Bei Insassen totaler Institutionen, wie es verurteilte Straftäter darstellen, ist dies allerdings schwer zu beurteilen.2 Die Teilnahme an Studien bedeutet oft Vorteile wie Geld und medizinische Versorgung, die für die Inhaftierten anders nicht erreichbar sind. Diese Motivationen sind für freie Bürger kaum Anreiz, können aber zu einer Zustimmung durch Häftlinge führen, die sie in Freiheit eventuell nicht

1

Absatz 9.1, 9.2 und 9.3 vgl. u.a. Amelung (1983), Höfling/Demel (1999), Elger (2013).

2

Maio (2002), Appelbaum et al. (2009), Beauchamp/Childress (2009) sowie Spyk (2011).

98 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

gegeben hätten. So kann der Kontext des potenziellen Studienteilnehmers seine Entscheidungen in hohem – und gegebenenfalls unzulässigen – Maß beeinflussen.

9.2

F REIE E NTSCHEIDUNG TROTZ AUFWANDSENTSCHÄDIGUNGEN IN DER G EFÄNGNISFORSCHUNG

Der größte Anreiz, an Studien teilzunehmen, ist immer die finanzielle Vergütung. Das verdiente Geld wird aus verschiedenen Gründen während des Gefängnisaufenthalts gebraucht, oft aber auch als Starthilfe nach dem Vollzug angesehen.3 Haftinsassen werden jedoch geringere Aufwandsentschädigungen ausgezahlt, da ihnen in der Vollzugsanstalt selbst weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen sollen. Dies dient der Vorbeugung einer Hierarchiebildung. Gleichzeitig sparen sich so die Pharmaunternehmen aber Geld, wenn sie Studien in Gefängnissen durchführen. Um diesen kostensparenden Faktor für die Pharmaindustrie zu umgehen und gleichzeitig den Insassen die Möglichkeit des Gelderwerbs nicht zu versperren, gibt es interessante Alternativkonzepte. Karlheinz Keppler und Heino Stöver4 beschreiben verschiedene Entwürfe: So können z.B. Gelder, die sich das Pharmaunternehmen einsparen würde, an einen Fonds gezahlt werden, dessen Inhalt zugunsten der Ausstattung des Gefängnisses geht oder bei Entlassung an die Insassen ausgezahlt wird. Außerdem könnte dieses überschüssige Geld an die Familien der Sträflinge fließen. Aber auch die Bildung eines häftlingsspezifischen Kontos, auf dem seine Vergütungen bis zum Zeitpunkt der Entlassung eingefroren werden, ist denkbar. Durch solche Maßnahmen würde ein großer Anreiz für Unternehmen, Studien des Geldersparnisses wegen in Gefängnissen durchzuführen, wegfallen.

3

Meyer (1976), S. 13–20.

4

Vgl. Keppler/Stöver (2009).

I ST

9.3

EIN INFORMED C ONSENT IN

G EFÄNGNISSEN MÖGLICH ?

| 99

M INDERUNG DER F REIWILLIGKEIT DURCH DIE BESONDERE , INTRAMURALE MEDIZINISCHE V ERSORGUNGSLAGE

Durch die teilweise sehr schlechte medizinische Versorgung entsteht ein weiterer kritischer Punkt bei der Forschung an Gefängnisinsassen.5 Um an eine angemessene medizinische Betreuung zu gelangen, bleibt diesen oft keine andere Möglichkeit, als an Studien teilzunehmen. Bei manchen Krankheitsbildern ist das die Grundlage der Forderung, Gefängnisinsassen wieder verstärkt zur Forschung zuzulassen. Prinzipiell muss jedoch die Forderung nach einer adäquaten medizinischen Betreuung in Gefängnissen im Vordergrund stehen.6 Die St. Petersburg Times hatte im Jahr 2000 von Beweggründen einiger amerikanischer Gefängnisinsassen zu einer Studienteilnahme berichtet, die nur teilgenommen hatten, um den schlechten medizinischen Bedingungen, vor allem der fehlenden modernen HIV-Therapie in den Gefängnissen Floridas, zu entkommen.7 Dieser Zwischenfall führte zur Einführung eines Beobachtungskomitees in diesem Gefängnis. Dieses Gremium wurde bald aufgelöst und durch einen Rat ersetzt, der sich hauptsächlich aus Angestellten der Haftanstalt zusammensetzte.8 Auch Susan Lederer beschrieb einen ähnlichen Fall:9 Im Rahmen der bereits oben beschriebenen Studie zu Malaria erhielten vier Häftlinge, die an Versuchen teilnahmen, eine zahnmedizinische Versorgung, die normalerweise für Gefängnisinsassen nicht vorgesehen war. Diese Studie enthält noch weitere interessante Details bezüglich der Forschungsethik. Teilnehmer an dieser Studie am Stateville Prison (Illinois) war unter anderem der wegen Mordes verurteilte Nathan Leopold. Dieser schrieb später eine Autobiografie und verteidigte darin die leitenden Forscher jener Malaria-Studie: Sie hätten sehr genau den Ablauf und Inhalt der Studie erklärt. 10 Dabei

5

Vgl. Bögemann et al. (2010), S. 40, Spyk (2011), S. 241, Mariner/Schleifer (2013)

6

Vgl. hierzu z.B. Lines (2008) sowie Elger (2013).

7

Vgl. Talvi (2001).

8

Dober (2008).

9

Lederer (2006), S. 275.

sowie Dober (2014).

10 Ebd., S. 273.

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mussten die Insassen auch schon eine erste Form einer Einverständniserklärung unterzeichnen, die die Forscher von den Risiken und damit verbundenen Forderungen von Seiten der Studienteilnehmer entbanden.11 Sharon Hoffman schildert eindrücklich in ihrem Artikel Beneficial and Unusual Punishment: An Argument in Support of Prisoner Participation in Clinical Trials12 welchen Einfluss auch die Gestaltung der Forschungsabteilungen im Gegensatz zum Gefängnis hat, Insassen zu einer Studienteilnahme zu bewegen, um dem tristen Haftalltag zu entkommen.

9.4

M ORALISCHE V ERPFLICHTUNG DER H ÄFTLINGE ZUR F ORSCHUNGSTEILNAHME ALS W IEDERGUTMACHUNG IHRER T ATEN ?

Ein mögliches weiteres Argument gegen eine völlig frei getroffene Entscheidung zur Studienteilnahme kann durch ein Reuegefühl der Insassen bzw. deren Wunsch nach Partizipation an der Gesellschaft begründet werden.13 Gleichzeitig wird diese Annahme oft genug von forschenden Unternehmen für ihre Zwecke beansprucht. Ein interessantes Beispiel hierfür stellt eine Einwilligungserklärung dar, die bei Experimenten zur Geschlechtskrankheit Gonorrhoe während des Zweiten Weltkriegs in den USA verwendet wurde. In dieser wurden den potenziellen Teilnehmern die Hintergründe zur Krankheit erklärt. Dabei schrieben die Forscher, Gonorrhoe erzeuge einen großen Ausfall in Armee und Marine. Deswegen seien die Insassen aufgerufen, sich zu engagieren. Dies sei ein Weg, wie sie speziell in einer Kriegsangelegenheit helfen könnten. Gleichzeitig sei es aber auch gut möglich, dass es einen Vorteil für den Teilnehmer selbst sowie seine Familie geben würde.14 Vor allem während des Zweiten Weltkriegs wollten viele Gefängnisinsassen in den USA ihrem Land dienen, indem sie sich der Forschung zur Verfügung stellten. So wurde zugunsten der Soldaten an Häftlingen, die sich

11 Vgl. Lederer (2006), S. 274. 12 Hoffman (2000). 13 Vgl. Hornblum (1998), Hoffman (2000), Rothman (2003), S. 48–50 und Lederer (2006). 14 Rothman (2003), S. 45.

I ST

EIN INFORMED C ONSENT IN

G EFÄNGNISSEN MÖGLICH ?

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oft freiwillig gemeldet hatten, zu Gelbfieber, Malaria und Dengue-Fieber geforscht.15 Aber auch Drogen wurden getestet, um die Armee dabei zu unterstützen herauszufinden, ob Soldaten unter Einfluss der Drogen mehr Gewicht tragen könnten.16

15 Vgl. Hoffman (2000), S. 477. 16 Ebd.

10.

Internationale Richtlinien zur Forschung am Menschen

10.1 Z UR V ORGESCHICHTE

MEDIZINISCHER

K ODIZES 1

Die ersten schriftlichen Überlieferungen, Forschungsvorhaben Reglements zu unterwerfen, sind erst aus dem 19. Jahrhundert überliefert. Im Folgenden werden die wichtigsten historischen Beispiele vorgestellt, und anschließend die heute gültigen Leitlinien zusammengefasst. 2 Claude Bernard (1813-1878) ist vor allem bekannt für einen immensen Forscherdrang und die ersten Experimente zu grundlegenden physiologischen Dimensionen zur Natur des Menschen. Von ihm stammt das Zitat: »Ich betrachte das Krankenhaus nur als die Vorhalle der wissenschaftlichen Medizin […], aber das Laboratorium ist das wahre Heiligtum der medizinischen Wissenschaft.«3 Und trotz dieser recht eindeutigen Einstellung zugunsten der Forschung gilt er als Urheber einer der ersten Richtlinien zur Forschungsethik: Sein Werk »Einführung in das Studium experimenteller Medizin«4 ist bemerkenswert in einer Zeit, in der Forscherdrang und Wissbegier oft das Handeln der Ärzte dominierten und die Patienten der

1

Vgl. Frewer/Lehner (2015). Die Wiedergabe in überarbeiteter Form an dieser Stelle erfolgt mit der freundlichen Genehmigung von Prof. Frewer.

2

Vgl. hierzu auch Jary (2010).

3

Bernard (1865), in der deutschen Übersetzung nach Rothschuh (1961), S. 209.

4

Ebd.

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staatlichen Krankenhäuser nicht selten Objekte oder gar Opfer von Experimenten wurden. Heute sind die Versuche Albert Neissers (1848-1912)5 sehr genau bekannt. Dieser war als Professor der Universität Breslau auf Geschlechtskrankheiten spezialisiert. Als seinerzeit die ersten Schutzimpfungen entdeckt und angewandt wurden, wollte er diese neue Präventionsmethode auch für die damalige Volkskrankheit Syphilis anwenden.6 Für seine ersten Versuche zu einem Impfserum injizierte er eine Testsubstanz jungen, teils minderjährigen Frauen, die mit anderen Diagnosen in seiner Behandlung waren. Vor allem aber wurden die Mädchen nicht darüber aufgeklärt, dass sie an einem Versuch teilnahmen. Die Vakzinierung zeigte keinerlei Erfolg, im Gegenteil, Neisser schrieb in seiner Publikation zu der Testreihe, dass bei allen behandelten Patientinnen später Syphilis aufgetreten sei.7 Der Fall rief in der Folge erhebliche Kritik hervor. In der Artikelserie Arme Leute in Krankenhäusern wurden die Versuche aufgegriffen und in Bezug auf die mangelhafte Aufklärung sowie die vorhandenen Risiken kritisiert. Es entbrannte eine vielschichtige politische wie auch moralische Diskussion. Gegen Neisser wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet, er wurde zu einer Strafe von 300 Gold-Mark verurteilt. Dies war für die Zeitgenossen ein ungeheuerlicher Präzedenzfall, denn die Verurteilung eines angesehenen Arztes und erfolgreichen Wissenschaftlers war bis dato kaum für möglich gehalten worden. Der Fall Neisser hatte weitreichende Konsequenzen für die Medizinethik: Am 29. Dezember 1900 wurden die so genannten »Preußischen Anweisungen« erlassen. Diese Rahmenrichtlinien für erlaubte Forschung forderten unter anderem eine klare Unterscheidung zwischen medizinischer Grundlagenforschung und einem ärztlichen Heilversuch. Die Anweisungen beschränkten zudem die Forschung an Minderjährigen: diagnostische Versuche sowie Heil- und Immunisierungsstudien waren nur begrenzt erlaubt. Als zentraler Punkt wurde weltweit sehr früh und explizit für alle Teilnehmer an Forschungsstudien gefordert: nach einer Belehrung muss ein Proband sein Einverständnis zu einem vorgesehenen Versuch geben. Dies war eine wesentliche ethische Errungenschaft.8 Albert Neisser

5

Wormer (1994), S. 51–52.

6

Vgl. ebd.

7

Neisser (1898).

8

Vgl. Tashiro (1991) und Sabisch (2007).

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zeigte trotz seiner Verurteilung allerdings kaum Einsicht in sein Fehlverhalten hinsichtlich der nicht durchgeführten Aufklärung. Nach seiner Verurteilung schrieb er: »Wäre es mir um eine formale Deckung zu tun gewesen, so hätte ich mir die Einwilligung gewiss beschafft, denn es ist nichts leichter, als sachunverständige Personen durch freundliche Überredung zu jeder gewünschten Einwilligung zu bringen, wenn es sich um so harmlose Dinge handelt, wie eine Einspritzung.«9

Nach den Preußischen Anweisungen stellt die Veröffentlichung durch Albert Moll (1862-1939)10 einen weiteren wichtigen Schritt in der Entwicklung der Ethik in der Humanforschung dar. In seinem umfangreichen Werk Ärztliche Ethik (1902) übte er Kritik an Versuchen in Kliniken und bezog sich auf etwa 600 Fälle. In der Weimarer Republik gerieten deutsche Forscher durch die Berliner Vigantol-Experimente in die Diskussion. In einer Studie zur Kinderund Volkskrankheit Rachitis – Knochenerweichung aufgrund fehlender Calcium-Absorption durch Vitamin D-Mangel – hatten Ärzte Experimente betrieben, bei denen Waisenkinder im Keller leben mussten, um die Wirkung einer künstlichen Vitaminsubstitution zu untersuchen. Nicht nur die sprachliche Ausdrucksweise der beteiligten Pädiater mit Passagen wie: »wir taten dies an einem Material von 100 Ratten und 20 Kindern«, zeigte die Perspektive der Forschenden auf ihre unfreiwilligen Studienteilnehmer. Insbesondere das Heranziehen von (Waisen-)Kinder aus den ärmsten Teilen der Bevölkerung für Studien stieß auf Kritik. Nach den geforderten Einwillligungserklärungen oder einem medizinischen Nutzen für die Kinder sucht man vergeblich – die Preußischen Anweisungen waren für den klinischen Alltag ohne Konsequenzen geblieben.11 Einen Tiefpunkt erlebte die experimentelle Medizin mit dem Lübecker Totentanz (1930/31): Nach der Entdeckung eines Impfserums gegen Tuberkulose durch die Franzosen Albert Calmette (1863-1933) und Camille Guérin (1872-1961) sollte diese Präventionsmaßnahme auch sehr früh in Lübeck eingeführt werden. Aufgrund fehlerhafter Verarbeitung wurde der Impfstoff jedoch offenbar mit

9

Elkeles (1996) und Schmidt/Frewer (2007a).

10 Goerke (1994), S. 733. 11 Frewer (2000).

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pathogenen Tuberkulose-Bakterien verunreinigt. Von 256 geimpften Neugeborenen starben 77. Julius Moses (1868-1942), Arzt und Gesundheitspolitiker der Weimarer Republik, machte auf den Fall aufmerksam und kritisierte die »Experimentierwut der Ärzte«. Als Konsequenz dieser Tragödie wurden vom Innenministerium 1931 – bereits vorbereitete – Reichsrichtlinien für die Forschung am Menschen veröffentlicht.12

10.2 D ER N ÜRNBERGER K ODEX 13 Die Erfahrungen der Humanexperimente im Dritten Reich führten erneut zu Forderungen nach Leitlinien in der Forschung. Mit dem Urteil gegen angeklagte Ärzte des nationalsozialistischen Regimes wurde im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses ein Schriftstück mit Leitlinien zur Forschung an Menschen entwickelt, der Nürnberger Kodex. Er formulierte wichtige – und bis heute oft zitierte – Richtlinien zur medizinischen Forschung am Menschen – es »wurden durch den Nürnberger Kodex fundamentale Menschenrechte in der Medizin etabliert«.14 An erster Stelle steht die freiwillige Einverständniserklärung des Forschungsteilnehmers.15 Dabei ist auch die Voraussetzung für eine solche Einwilligung genannt, vor allem fehlender Zwang und die Fähigkeit der freien Willensäußerung. Die Umstände des Experiments werden näher erläutert: ein erwarteter Nutzen ist die Voraussetzung und die Ergebnisse dürfen nicht anders als durch Versuche an Menschen erlangt werden können. Wichtig im Nürnberger Kodex ist zudem die Formulierung, dass der Forscher zu jedem Zeitpunkt und Stadium des Versuchs darauf vorbereitet sein muss, diesen abzubrechen, und dass Versuchsteilnehmer jederzeit ein Ende der Versuche fordern können. Weitere Punkte machten den Kodex bedeutsam: Die Forscher müssen wissenschaftlich geschult sein. Für den Teilnehmer dürfen keinerlei vermeidbare psychische oder physische Schäden durch die Forschung entstehen und letztendlich: »Die Gefährdung darf niemals über jene Grenzen hinausgehen, die

12 Anonymus (1931), Hahn (1995) und Nadav (2004). 13 Vgl. Deutsch (1985), Elger (2008a), (2008b) und Elger/Spaulding (2009). 14 Frewer (2001), S. 358. 15 Ebd.

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durch die humanitäre Bedeutung des zu lösenden Problems vorgegeben sind.«16 Trotz seiner wenigen, einfach gehaltenen Leitlinien war der Nürnberger Kodex aber nicht vor Kritik geschützt. Henry K. Beecher kritisierte die Formulierung, dass Experimente nicht erlaubt sind, die ihrer Natur nach überflüssig seien. Immerhin habe man sicherlich eine Herzkatheterisierung oder die Lobotomie zu Beginn ihrer Anwendung auch als unwirksam eingestuft. Auch wenn, so Beecher weiter, dies bei der Lobotomie für viele heute wieder zutreffe, so sei sie einige Jahre zuvor von vielen als wichtig und sinnvoll erachtet worden. Die Einstufung als wertvoll oder nicht sei also zeitabhängig und vor allem nicht vor einer Versuchsreihe beurteilbar.17 Dabei spielte er auf die bekannten – und umstrittenen – Versuche im Rahmen der Herzkatheterisierung durch Werner Forssmann sowie die Lobotomie von Vernon Mark und Kollegen an, die bereits früher in dieser Arbeit vorgestellt worden sind. Allgemein schienen die amerikanischen Ärzte der Überzeugung zu sein, der Nürnberger Kodex sei für die Europäer, nicht für sie selbst, relevant.18

10.3 D EKLARATION VON H ELSINKI : E THISCHE G RUNDSÄTZE FÜR DIE MEDIZINISCHE F ORSCHUNG

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Nach dem Nürnberger Kodex wurde aber auch ein Werk direkt aus den Reihen der Ärzte selbst erwartet. Den Forderungen tat die World Medical Association 1964 mit der Declaration of Helsinki (DoH) Genüge. 19 Auch in diesem Werk werden die zentralen Punkte zur Regulierung der Forschung an Menschen festgehalten. Allerdings fasst die DoH sie in deutlich andere Worte, oder – wie Ulf Schmidt es formuliert: »Compared to the Nuremberg Code, the Helsinki Declaration is a researchers’ paradise, full of legal loopholes.«20

16 Vgl. Mitscherlich (1960), S. 272 sowie Frewer (2007), S. 105–106. 17 Beecher (1959), S. 122. 18 Katz (1992), S. 228 und Katz (1996), S. 1662. 19 Vgl. World Medical Association (1964) sowie Wiesing et al. (2014). 20 Schmidt (2001), S. 14.

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Die DoH (in ihrer Fassung von 1964) stellte klar: Versuche an Menschen dürfen nur basierend auf Tierversuchen durchgeführt werden. Auch die wissenschaftliche Ausbildung der Forscher sowie die Verhältnismäßigkeit der Gefahr für den Einzelnen im Gegensatz zum Nutzen für die Allgemeinheit hob das Dokument hervor. Ebenso wie im Nürnberger Kodex sind die erwarteten nützlichen Ergebnisse Voraussetzung für die Experimente. Versuche, die das Potenzial zur Wesensänderung bei Menschen haben, sind dabei unter besonderer Aufmerksamkeit und Vorsicht durchzuführen. Die Autoren unterschieden auch explizit zwischen Forschung mit und ohne therapeutischem Ziel. Bei der therapeutischen Forschung steht in erster Linie die Zustimmung des aufgeklärten Patienten – bzw. seines gesetzlichen Vertreters – im Vordergrund. Bei den nicht-therapeutischen Experimenten ist den Autoren vor allem der bleibende Anspruch dem Arzt gegenüber wichtig: »In the purely scientific application of clinical research carried out on a human being it is the duty of the doctor to remain the protector of the life and health of that person.«21 Hier wird natürlich wieder eine umfassende Aufklärung zu den Zielen und Risiken vorausgesetzt. Dafür muss der Versuchsteilnehmer aber nach den gesetzlichen Vorgaben und psychisch wie auch physisch zu einer Willensäußerung in der Lage sein. In der DoH wird ebenfalls die ständige Möglichkeit des Versuchsabbruchs festgehalten.22 Der Inhalt auf dem Stand des Jahres 1964 war nicht das Außergewöhnliche an der DoH. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie immer wieder überarbeitet wurde und wird, wodurch sie auch bei neuen Problemen der sich entwickelnden medizinischen Wissenschaft aktuell bleibt. Dies zeigt sich wieder an der neuesten Version der DoH von 2013. Sie stärkt die Rechte von Entwicklungsländern und deren Zugang zu neuesten medizinischen Erkenntnissen. Ebenso die Aufforderung an die Forschenden, auch negative bzw. unerwartete Ergebnisse zu veröffentlichen, und einige andere neue Punkte sind festgehalten und zeigen die Möglichkeit der DoH, auf neue Probleme zu reagieren.23 Das Ansehen des Nürnberger Kodex erklärt sich durch den historischen Wert und seine besondere Entstehungsgeschichte. Die

21 Deklaration von Helsinki (1964). Vgl. Anhang S. 181. 22 Vgl. ebd. 23 Vgl. hierzu Frewer/Schmidt (2014).

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DoH hingegen gewinnt durch ihre bleibende Aktualität an Einfluss, der sich hoffentlich in der Zukunft noch steigern wird. Wichtig für die vorliegende Studie ist der Aspekt der Umsetzung dieser Forderungen in Haftanstalten. 1973 wurde eine Studie zur medizinischen Versorgung in amerikanischen Gefängnissen in den USA durchgeführt. Demnach gab es in 82% der 3.000 untersuchten Institutionen keine offizielle Regelung zur medizinischen Versorgung. Ein Erste-Hilfe-Kasten war in immerhin 65% vorhanden; 16,7% der untersuchten Haftanstalten hatten keinerlei medizinische Versorgungsstruktur.24 Diese Zahlen sollen an dieser Stelle nur die Situation verdeutlichen, in der sich die Gefängnisse und die Inhaftierten in der Frühphase der DoH befanden. Aufgrund der mangelnden Aufmerksamkeit den Haftanstalten und ihren Insassen gegenüber kam es zu immer weiter ausufernden Forschungen in diesen Institutionen. Diese fanden letztendlich jedoch Mitte der 1970er Jahre ein Ende – unter anderem im Rahmen der Anhörungen vor dem US-Senat, vor allem durch Senator Kennedy.25

10.4 B ELMONT R EPORT Als Reaktion auf die Forschungsskandale in den USA wurde noch ein wieteres Schriftstück entwickelt, der Belmont Report, verfasst von der National Commission for the Protection of Human Subjects of Biomedical and Behavioral Research. Den Autoren war es wichtig, festzuhalten, dass der Bericht keine speziellen Empfehlungen für das Gesundheitsministerium mache. Vielmehr sollte der Belmont Report als Ganzes übernommen werden.26 Die Definition des Begriffs Forschung, die den Report einleitete, ist bereits bekannt.

24 Dubler/Sidel (1989), S. 630. 25 Vgl. Culliton (1975) und (1976). 26 Der Belmont Report ist verfügbar unter http://www. hhs. gov/ohrp/humansujects/ guidance/belmont.html (19.05.2013).

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Der Belmont Report zeichnete sich dadurch aus, dass er drei grundlegende Prinzipien für die Forschung am Menschen festhielt: respect for autonomy, beneficence und justice.27 Der Respekt leitet sich den Autoren nach aus zwei Überzeugungen ab: jedes Individuum soll als selbstständig handelnde Person gesehen werden; Personen mit eingeschränkter Selbstbestimmung brauchen besonderen Schutz. Dieser Respekt ist auch die Begründung für die unbedingte Forderung nach der Einwilligung des Versuchsteilnehmers. Besonders gehen die Autoren auf das Dilemma um die Forschungsteilnahme Gefangener ein – zwischen dem Respekt gegenüber dem Gefängnisinsassen, ihm die freie Entscheidung zu lassen und dem Gebot des Schutzes dieser vulnerablen Gruppe. Beneficence setzt sich für die Autoren aus zwei Punkten zusammen: »(1) do not harm and (2) maximize possible benefits and minimize possible harms.«28 Dem Probanden darf also nicht nur kein Schaden zugefügt werden, die Forschung muss auch einen anwendbaren Nutzen als Ziel haben. Dabei ist jedoch nicht zwangsläufig ein Nutzen für den Probanden selbst gemeint, es kann – in engen Grenzen – auch ein Vorteilsgewinn für die ganze Gesellschaft als Ziel formuliert sein. Eine effektive Behandlung einer Kinderkrankheit könne ein Vorteil sein, der angemessene Forschung an Kindern rechtfertige, auch wenn die teilnehmenden Kinder selbst keinen direkten Nutzen hätten. Der dritte Teil des Reports umfasst die Voraussetzungen, die bei Forschungsprojekten erfüllt werden müssen. Auch der Belmont Report setzt (inhaltlich wie formal) den informed consent an erste Stelle. Die Autoren weisen nochmals darauf hin, dass diese Forderung nach der Einverständniserklärung sich durch den Respekt gegenüber dem Individuum begründet. Die Einverständniserklärung nach Aufklärung beinhaltet drei wichtige Punkte: die Information, die gegeben wird, deren Verständnis und die Freiwilligkeit der Einverständnisgabe. Dem Forschungsteilnehmer müssen alle Informationen zur Studie und den Risiken gegeben werden, z.B. das genaue Vorgehen, Risiken und Nutzen

27 Vgl. hierzu auch Sims (2010), S. 173–174. 28 The National Commission for the Protection of Human Subjects of Biomedical and Behavioral Research (1979).

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der Teilnahme, bei therapeutischer Forschung alternative Behandlungsmethoden sowie die Aufklärung über die Möglichkeit des Teilnehmers, jederzeit Informationen zu verlangen und die Teilnahme abzubrechen. Dabei ist es wichtig, dass der Forscher nicht entscheiden darf, welche Informationen er für wichtig hält, sondern dass jeder Teilnehmer vollständig informiert werden muss. Auch wenn es direkten Nutzen gebe, müssen dem Teilnehmer die Risiken und Freiwilligkeit seiner Teilnahme klargemacht werden. Eine unvollständige Aufklärung ist nur zulässig, wenn dies für wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse der Studie unerlässlich ist, die dadurch verschleierten Risiken höchstens minimal sind bzw. es einen Plan gibt, wie die Teilnehmer im Nachhinein aufgeklärt und mit den Forschungsergebnissen versorgt werden. Es reicht jedoch nicht, all diese Informationen aufzulisten, der Forscher muss auch sicherstellen, dass sie verstanden worden sind. Dies würde zu Einschränkungen der Forschung an Patienten mit eingeschränkten geistigen Fähigkeiten führen, weswegen eine Ausnahme für diese Gruppe formuliert wurde. Die Einwilligung zur Forschungsteilnahme muss hier von einem autorisierten Dritten gegeben werden (gesetzlicher Vertreter o.ä.). Diesem sollte jederzeit die Möglichkeit offenstehen, bei dem Forschungsprojekt zugegen zu sein und es zu beobachten. Ferner muss die Entscheidung des eigentlichen Patienten jederzeit an erster Stelle stehen, solange die Studie nicht ein einzigartiges Therapieangebot beinhaltet. Eine weitere Voraussetzung für Forschung im Sinne des Belmont Reports ist die Freiwilligkeit der Teilnahme. Dies schließt Zwang oder Beeinflussung aus. Allerdings fällt eine Abgrenzung der Beeinflussung zur bloßen Aufmunterung zur Teilnahme schwer, vor allem da die Grenzen sich durch geänderte Umstände wie geistige Behinderung oder Abhängigkeitsverhältnisse wandeln können. Neben dem informed consent stellt die Bewertung von Risiken und Nutzen (Assessment of Risks and Benefits) eine Voraussetzung für die Forschung dar. Risiken stellen die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung dar, und können in vielen Formen auftreten: psychisch, physisch, aber auch juristisch oder ökonomisch. Der Nutzen hingegen stellt keine Wahrscheinlichkeit dar und muss nicht direkt mit dem Teilnehmer verbunden sein, sondern kann sich auch für die Gesellschaft bzw. zukünftige Patienten ergeben. Während immer die Forderung besteht, Risiko und Nutzen in ein angemessenes Verhältnis zu bringen, besteht nur selten die Möglichkeit, diese

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Parameter direkt zu messen. Trotzdem sollten, wenn möglich, eine genaue Analyse der Risiken erfolgen und vor allem auch Alternativen erarbeitet werden. Daher müssen immer folgende Punkte beachtet werden: Brutale oder unmenschliche Behandlung eines Menschen ist niemals gerechtfertigt. Risiken müssen minimiert werden. Dafür sollten auch immer alternative Behandlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden. Bei signifikant hohem Risiko muss das Review-Komitee die Rechtfertigung überprüfen. Sind vulnerable Gruppen in die Forschung involviert, muss deren Teilnahme als angebracht erwiesen sein, dabei müssen viele Faktoren beachtet werden, wie die damit verbundenen Risiken und Nutzen, aber auch die Bedingungen der involvierten Bevölkerung. Darüber hinaus muss die Auswahl der Forschungsteilnehmer beachtet werden, um der geforderten Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Der Belmont Report unterscheidet dabei zwischen individueller Gerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Dem Individuum gegenüber muss Gerechtigkeit gewährleistet werden, indem jeder in der potenziell für die Forschung interessanten Gruppe Zugang zu der Studie hat und die Teilnehmenden ohne Präferenzen des Studienleiters ausgewählt werden. Die soziale Gerechtigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass ganze Gruppen einer Gesellschaft, wie zum Beispiel Kinder, zu deren Schutz in der Forschung »vernachlässigt« werden bzw. nur unter strengeren Auflagen teilnehmen dürfen: »some classes of potential subjects (e.g., the institutionalized mentally infirm or prisoners) may be involved as research subjects, if at all, only on certain conditions.« Dem Belmont Report zufolge stellen institutionalisierte Gruppen eine Einheit dar, die in der Forschung aufgrund ihrer guten Erreichbarkeit und Kontrollierbarkeit häufig vertreten ist. Dies und ihre zusätzliche Belastung durch die Institutionalisierung an sich stelle eine Ungerechtigkeit dar. Im Nachhinein muss man sehen, dass dieser Standpunkt die Gefängnisinsassen zwar ursprünglich schützen sollte, ihnen aber heute den Zugang zu experimentellen, da neuen Therapien versagt. Das Besondere am Belmont Report ist die ausgewiesene Detailliertheit sowie die geisteswissenschaftlichen Hintergründe. Die genaue Formulierung verschiedener Situationen und Gruppen macht den Belmont Report praxisnah und einfach anwendbar für Forscher.

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10.5 I NTERNATIONAL E THICAL G UIDELINES FOR B IOMEDICAL R ESEARCH I NVOLVING H UMAN S UBJECTS (CIOMS) Heute ist als modernes Werk neben der Deklaration von Helsinki noch ein weiteres zu nennen, die International Ethical Guidelines for Biomedical Research Involving Human Subjects, herausgegeben vom Council for International Organizations of Medical Sciences (CIOMS).29 Auch in diesen Leitlinien beruft man sich auf die drei Grundkriterien justice, beneficence und respect for autonomy. Allerdings werden andere Schwerpunkte gesetzt als im Belmont Report oder in der Helsinki-Deklaration. Prinzipiell wird festgehalten, dass Humanversuche gerechtfertigt sind durch den Nutzen für die Menschheit. Dafür muss aber als Voraussetzung die Forschung zielführend und dem Stand der Wissenschaft entsprechend sein, damit sie auch Nutzen zeigen kann. Dementsprechend wurden einige Voraussetzungen formuliert; an erster Stelle steht für die Autoren eine Prüfung durch Ethikkomissionen und wissenschaftliche Gremien, die unabhängig von forschenden Einrichtungen sind. Bei ausländischen Geldgebern und Forschungsgruppen müssen diese Gremien sich zunächst an die Richtlinien ihrer eigenen Länder halten. Darüber hinaus sollte das Forschungsthema den Bedürfnissen und Prioritäten des Landes, in dem die Versuche stattfinden, entsprechen. Natürlich wird auch im Dekret des CIOMS ein informed consent von einwilligungsfähigen Probanden nach Erhalt der notwendigen Informationen gefordert. Die Auskünfte zu den Experimenten müssen selbstverständlich ohne Einflussnahme oder Druckausübung gegeben worden sein. Die Einwilligung muss die ganze Zeit über vorliegen auf dem Boden aller vorhandenen Informationen: neue Erkenntnisse müssen mitgeteilt werden, bei langen Studien muss gegebenenfalls die Einwilligung erneuert werden. Vor allem aber müssen die Aufklärung sowie die Einverständniserklärung der jeweiligen Kultur des Versuchsteilnehmers angepasst sein; dabei ist zu

29 Vgl. hierzu www.cioms.ch. Der Council for international organizaions of medical sciences wurde 1949 von WHO und UNESCO gegründet. Heute besteht der CIOMS aus 49 Institutionen und überwacht als regierungsunabhängige, internationale Organisation die Entwicklungen der biomedizinischen Wissenschaft. Vgl. zudem Gostin (2007).

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beachten, dass die Einwilligung immer von der betreffenden Person selbst kommen muss. Die Aufklärung muss ein festes Repertoire an Informationen umfassen. Entscheidend ist die Aussage, dass die Versuchsteilnahme freiwillig ist und der Teilnehmer jederzeit ohne Konsequenzen abbrechen kann. Der Unterschied zur regulären medizinischen Versorgung, Ziel und Vorgehen sowie das Studiendesign müssen erklärt werden. Bei Placebo-Anwendung muss das absichtliche Verschweigen der eventuellen Scheinmedikation erläutert werden und die Dauer der Beobachtung, die Zahl der daraus entstehenden Klinikaufenthalte und die Nennung eventueller Entschädigungszahlungen angeführt sein. Bereits in der Aufklärung muss dem Teilnehmer zugesichert werden, dass nach Ende der Forschung die Ergebnisse der Studienreihe und die individuellen Ergebnisse mitgeteilt werden sowie die erkannten Risiken und Nebenwirkungen von Therapien und erwartete Erkenntnisse. Bei erwiesener Wirksamkeit muss im Vorhinein geklärt werden, ob die erforschte Therapie danach für Teilnehmer weiterhin offensteht. Außerdem müssen dem Probanden die Maßnahmen zur Anonymisierung, aber auch die Grenzen der Geheimhaltung genannt werden. Die Finanzierung und das weitere Verfahren gewonnener Proben müssen erläutert werden. Darüber hinaus muss die doppelte Rolle als Arzt und Forscher aufgezeigt werden. Weitergehende medizinische Behandlungen und die Entschädigung von möglicherweise entstehenden Komplikationen müssen abgeklärt sein. Falls Aufwandsentschädigungen für Anfahrt, Lohnausfall o.ä. gezahlt werden, muss dies von der Ethikkommission genehmigt sein. Dies gilt auch für Zahlungen, die an Versuchsteilnehmer ohne direkten Nutzen durch die Experimente für entstandene Unannehmlichkeiten und den Zeitaufwand geleistet werden. Immer muss eine medizinische Versorgung der Probanden gewährleistet sein. Studien sollten stets das Ziel haben, Risiken zu minimieren und Nutzen zu maximieren. Dabei darf die zu erforschende Therapie niemals schlechter sein als der geltende Standard. Wenn eine Einwilligung aus z.B. psychiatrischen Gründen nicht vollständig gewährleistet sein kann, dürfen die entstehenden Risiken nicht größer sein als bei einer Routineuntersuchung. Besonders für finanziell schwächere Länder wichtig ist der folgende Punkt: Hier müssen die Forschungsansätze orientiert sein an den Bedürfnissen der teilnehmenden Population. Die erworbenen Ergebnisse müssen

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danach für diese Gruppe zugänglich gemacht werden. Placebos sind nur zugelassen, wenn noch keine Standardmethode existiert, wenn eine PlaceboBehandlung schonender ist als die übliche Therapie, oder falls das Placebo keinen Nachteil, dafür aber bessere Ergebnisse für die Studie bringt. Die Risiken innerhalb der Gruppe müssen gleichmäßig verteilt sein und Ausschlusskriterien möglicher Profiteure müssen begründet sein. Anschließend werden in den CIOMS-Regeln der besondere Status vulnerabler Gruppen und besondere Richtlinien bei Forschung an Kindern erläutert. Die Verfasser gehen auch auf die Sonderstellung von Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten und geistiger Retardierung ein, auf Frauen im gebärfähigen Alter und Schwangere als Forschungsobjekte. Außerdem wird die bereits früher erwähnte Entschädigung von Gesundheitsschäden, die durch Forschung entstanden sind sowie die weitere medizinische Versorgung nochmals detailliert besprochen.

10.6 E THICAL C ONSIDERATIONS F OR R ESEARCH I NVOLVING P RISONERS (IOM) Erörtert man die Thematik Forschung an Gefängnisinsassen, muss heute noch eine weitere Richtlinie herangezogen werden. Das Institute of Medicine of National Acadamies (IOM) hat am 12. Juli 2006 ein wichtiges Dokument veröffentlicht: Ethical Considerations for Research Involving Prisoners. Zu Beginn wird die Definition des Begriffs »Häftling« in erweiterter Form neu gegeben, indem er ausgeweitet wird auf alle Personen, die unter einer Einschränkung ihrer Freiheiten durch das Strafvollzugssystem stehen. Dies erschien den Autoren nötig aufgrund der modernen Formen des Strafvollzugs wie elektronischer Überwachung oder offenem Vollzug etc. Daraus resultierend wird ein allgemein gültiger Schutz aller formuliert, die unter diese Definition fallen. Außerdem fordert das IOM, dass Forschung sich nicht länger an zugelassenen oder vulnerablen Gruppen von Studienteilnehmern orientierten, sondern eine Nutzenabwägung für die Beteiligten in den Vordergrund stellen solle. Außerdem solle über die Forschungsvorhaben in einem weiteren Rahmen diskutiert werden: das würde vor allem auch eine Beteiligung von Interessensvertretern der Häftlinge beinhalten in Form von

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gewählten Vertretern, Anwälten oder Angehörigen. Zusätzlich wurde eine zentral organisierte Überwachungsinstanz gefordert.30 Der Vorstoß des IOM traf auf viel Widerstand. Allen Hornblum, der Autor des oben besprochenen Buchs Acres of skin, äußerte sich zu dem IOMDokument: »I’ve seen too many cases where good people can do some very damaging things […]. I’m going to do my best to articulate that [the Department of Health and Human Services, Auftraggeber des Dokuments des IOM, Anm. AML] should not open up those prison doors for research. I have great fears that they’re going to turn back the clock.«31

Auch der Bostoner Medizinethiker George J. Annas kritisierte in einem Aufsatz American Vertigo das Dokument des IOM. Er beanstandete vor allem, dass in dem modernen amerikanischen Schriftstück in keiner Weise auf die Gefängnisse Abu Ghraib und Guantanamo eingegangen wird. Insgesamt bezieht er ziemlich deutlich Stellung gegen den Bericht. Das Komitee würde den Nürnberger Kodex nur als »historische Anomalie« ansehen, anstatt als fundamentalen ethischen und rechtlichen Text zur weltweiten Regulation von Experimenten an Menschen.32 Außerdem lässt Annas sich darüber aus, dass der IOM-Report so offen formuliert sei, dass man ihn sowohl für als auch gegen Forschung in Gefängnissen interpretieren könne. Die Erweiterung der Forschung in Gefängnissen und gleichermaßen der Schutz vor der Ausbeutung der Insassen seien als Ziele formuliert.33 Der Ethiker Timothy Wiegand sieht den IOM-Vorstoß ebenfalls kritisch, indem er wohl kaum zufällig einen interessanten Zusammenhang erkennen lässt: Gegenwärtig gebe es eine auffällig große Nachfrage nach pharmazeutischen Tests. Von 1995 bis 2005 sei die Summe der Zahlungen an Versuchsteilnehmer von einer Milliarde auf sieben Milliarden pro Jahr gestiegen, begründet durch den höheren Bedarf an Versuchsteilnehmern. 34 Die Forderung nach einer zentralen, überwachenden Instanz kann Wiegand nicht

30 Institute of Medicine of National Academies (2007). 31 Vgl. Waltz (2006), S. 3. 32 Annas (2006), S. 639. 33 Ebd., S. 636. 34 Wiegand (2007), S. 37.

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umstimmen. Eine Überwachung sei bereits unter den gegenwärtigen Umständen schwierig. In Gefängnissen sei dies nochmals komplizierter umzusetzen.35 Das Argument, mehr Forschung in Gefängnissen würde den Häftlingen neue Therapiemöglichkeiten eröffnen, lässt Wiegand nicht gelten. Vor allem in den USA sei die medizinische Versorgung von Sträflingen keineswegs äquivalent zu freien Bürgern. Daher argumentiert Wiegand, wenn Gefängnisinsassen nicht einmal die Basisversorgung wie Antibiotika oder Medikamente gegen Bluthochdruck bekommen könnten, sei es unbedacht, vorzuschlagen, dass sie von innovativer und teuerster Therapie profitieren würden, indem sie als Versuchsteilnehmer dienen. Er verweist auf Häftlingsfürsprecher, die befürchten, dass Häftlinge an den Versuchen nur teilnehmen würden, um zum Gesundheitssystem Zutritt zu erlangen. 36

10.7 ALLGEMEINE B EWERTUNG

VON

R ICHTLINIEN

Abschließend sei noch auf Beauchamp und Childress hingewiesen, die mit ihrem Werk Principles of Biomedical Ethics 1977 ein Grundlagenwerk der Medizinethik svjrieben. Auch sie haben eine eindeutige Meinung zu Forschungskodizes: »Historically, few codes have had much to say about the implications of several moral principles and rules such as veracity, respect for autonomy, and justice that have been the subjects of intense discussion in contemporary biomedical ethics.«37

Sie betonen, dass Ärzte schon immer Kodizes für sich selbst entwickelt hätten, ohne diese dem strengen Blick oder der Zustimmung der Patienten bzw. der Öffentlichkeit auszuliefern. Sie lassen offen Kritik an der ärztlichen Profession erkennen. Die Formulierung von Professionsleitlinien sei meist eher geschehen, um die eigenen Interessen zu schützen, als um einen unabhängigen Standpunkt zu formulieren oder die Punkte von Bedeutung an Patienten und die Gesellschaft zu nennen.38

35 Ebd., S. 38. 36 Wiegand (2007), S. 38. 37 Beauchamp/Childress (2013), S. 8. 38 Ebd.

118 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Die grundlegenden Probleme damit, einen universellen Code zu formulieren, hat bereits Henry K. Beecher sehr gut auf den Punkt gebracht. Schon 1959 schrieb er, dass es niemals einen Kodex geben würde, der die Fehler eines nicht gewissenhaften Mitarbeiters, oder die schlechte Einstellung eines Medizinstudierenden, der seine eigenen Ambitionen über menschliche Bedürfnisse und Rechte des Patienten stellt, ausgleichen könne.39 Außerdem hielt Beecher fest, es sei unmöglich, einen Kodex mit generellen Ratschlägen zu formulieren, der alle auftretenden Veränderungen abdecken würde.40

39 Roelcke/Maio (2004), S. 229. 40 Beecher (1959), S. 123.

11.

Aktuelle Entwicklungen der Forschung an Häftlingen

11.1 F ORDERUNGEN NACH L OCKERUNG DER B EGRENZUNGEN VON INTRAMURALEN E XPERIMENTEN Aktuell ist die Debatte um die Nutzung von Gefängnisinsassen wieder neu entfacht worden und steht vielleicht nach über dreißig Jahren strikten Verbots an einer Kehrtwende. Viele Vertreterverbände verurteilter Straftäter, aber auch Gefängnismitarbeiter fordern ein Umdenken und eine Abkehr vom strengen Verbotsdenken. Studien ergaben, dass 1996 die Rate HIV-positiver Gefängnisinsassen fünfmal höher war als in der durchschnittlichen USBevölkerung. 12-15% aller Hepatitis B-Patienten waren 1996 in Haftanstalten untergebracht.1 Diese Zahlen zeigen, dass in den Gefängnissen ein großer Bedarf an medizinischer Versorgung besteht. Doch leider haben gerade Inhaftierte oft keinen adäquaten Zugang zu moderner medizinischer Versorgung. Und so kann der Eindruck entstehen, dass Gefängnisinsassen an Studien teilnehmen, um eine angemessene Behandlung zu bekommen. 2 Umso mehr, da in einigen Bereichen der modernen Medizin eine experimentelle Therapie die einzige Behandlungsoption darstellt. Es gibt z.B. bei einigen bösartigen Hirntumoren bisher noch keine standardisierte Therapie,3 sodass hierfür ein möglichst gutes Therapieergebnis eine Studienteilnahme obligat ist. Dies wegen des traditionellen Schutzreflexes den Gefängnisinsassen zu

1

National Commission on Correctional Health Care (2002), S. 631.

2

Vgl. Talvi (2001) und Charles et al. (2016).

3

AWMF (2014).

120 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

verwehren, wäre nicht angemessen.4 Die experimentelle Behandlung muss in solchen Fällen für Häftlinge zugänglich sein.5 Neben dieser medizinischen Notwendigkeit einer Novellierung ist aber auch eine gerechte Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen – wie sie z.B. im Belmont Report gefordert wird – ein Faktor.6 Vulnerable Gruppen müssen die Chance auf Zugang zu Forschung haben, um im gleichen Maß repräsentiert zu sein. Es gibt aber auch Stimmen gegen eine erneute Lockerung der Forschungsverbote. So spricht Wolfgang U. Eckart an, dass es noch andere Beweggründe für diese neuen Vorstöße geben könnte. Zwar zeige eine Teilnahme an medizinischen Experimenten so etwas wie das Bild des reuigen Insassen, gleichzeitig, so argumentiert er weiter, spielen jedoch auch wirtschaftliche Überlegungen eine große Rolle.7 Denn rein ökonomisch gesehen werden immense Kosten eingespart, führt man eine Medikamentenstudie mit Gefängnisinsassen als Probanden durch. Der wirtschaftliche Faktor scheint oft der Hintergrund der neuen Forderungen zu sein.8 Gleichzeitig bleibt bei der Diskussion um Medikamentenforschung immer ein gewisser Vorbehalt gegen die Pharmaindustrie an sich, der bei vielen Argumenten mitschwingt und bei den Überlegungen mit einbezogen werden sollte. Selbst wenn man Forschung zu Gunsten der Gesellschaft als wichtig erachtet und damit auch potenzielle Schäden Einzelner in Kauf nimmt, muss man doch auch immer beachten, dass die Pharmaindustrie den größten Gewinn von erfolgreichen Studien hat.9 Zum Schutz der Insassen müsste man die bestehenden Leitlinien – wie z.B. die Deklaration von Helsinki oder die Guidelines der CIOMS – umschreiben, sodass sie, ohne in ihrer Schutzfunktion abgeschwächt zu werden, die Forschung an Gefängnisinsassen ermöglichen. Dabei bleibt immer die Frage bestehen, wie ausreichend unsere aktuellen Leitlinien tatsächlich sind,

4

Diese Problematik ist in der EU gelöst durch das Additional Protocol to the Convention on Human Rights and Biomedicine, concerning Biomedical Research, das Gefängnisinsassen nach dem Äquivalenzprinzip Zugang zu allen Therapieoption gewährleistet. Vgl. Council of Europe (2005).

5

Vgl. hierzu Hoffman (2000).

6

Charles et al. (2014), S. 6.

7

Eckart (2009), S. 43.

8

Ebd.

9

Kunze (2013), S. 2.

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| 121

da verabschiedete Leitlinien eine trügerische Illusion von Sicherheit darstellen können. Nur weil sie geschrieben wurden, sagt das nichts über ihre tatsächliche Beachtung aus.10 Eine Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichtes wäre hier wünschenswert, vor allem auch um allen Beteiligten Rechtssicherheit zu gewährleisten.

11.2 Z UR F ORSCHUNGSSITUATION IN G EFÄNGNISSEN DER G EGENWART Doch noch während in der Fachwelt darüber diskutiert wird, wieder mehr Forschung in Haftanstalten zuzulassen, werden dort schon lange erneut Versuche durchgeführt. Sicherlich nicht in dem Ausmaß und der Regelhaftigkeit wie etwa bei Kligman, doch es gibt erneut Studien, was in diesem Kapitel genauer gezeigt werden soll. Dabei stellt sich aber auch die Frage, wo Forschung endet, und wo Folter beginnt. So steht die Behauptung im Raum, dass an inhaftierten Al-KaidaKämpfern Forschung betrieben wurde (und wird). Um die Hintergründe zu ergründen, die einen Menschen dazu bewegen, einer Armee des Untergrundes beizutreten und wie man ihn von seinen religiösen Überzeugungen wieder abbringt, werden die jungen Männer »befragt«. Unter einer solchen Fragestellung kann man seine Verhöre und »Versuche« als Forschung deklarieren. Doch welche Fragemethoden man braucht, um jemandes Überzeugungen zu ändern, kann man sich anhand der bekannten Bilder aus Abu Ghraib und anderen Kriegsgefängnissen gut vorstellen. Umso mehr, da die Insassen nicht als Kriegsgefangene unter besondere Schutzrichtlinien des Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen11 fallen, weil im amerikanische »Kampf gegen den Terror« keine zwei Staaten gegeneinander Krieg führen.12 Auch George Annas sieht in einigen Handlungen des amerikanischen Militärs heute noch experimentelle Versuche an Gefangenen. Befehlshaber in den Gefängnissen sprachen laut einer Untersuchung des amerikanischen

10 LaFleur (2008), S. 263. 11 Vgl. Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft (1950). 12 Moreno (2003), S. 32–33.

122 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

Senats von diesen als Kriegslabor der Amerikaner. Hier wurden neue Befragungsmethoden getestet, die experimentellen Charakter hatten. 13 Auch als 2005 Häftlinge des Gefangenenlagers Guantánamo Bay in den Hungerstreik traten, wurden neue Mittel ausprobiert, um diesen zu brechen; unter anderem führte man die Verwendung eines Fixierungsstuhls ein, um die Häftlinge, angebunden an den Stuhl, mit einer Magensonde durch Zwang zu ernähren. Annas wertet dies als Experiment, da es, wie oben im Text am Beispiel der Unterbringung von RAF-Mitgliedern gezeigt, keiner standardmäßigen Behandlung Hungerstreikender entspricht. Auch wenn es keine offiziellen Unterlagen gibt, die dieses Vorgehen als Studie kennzeichnen, so wird es zum Experiment, indem es regelmäßig entgegen der Norm angewandt wird.14 Annas hebt auch nochmals die enge Beziehung zwischen Folter und vermeintlicher Forschung hervor: »But even if not considered torture, it seems correct to me to label it as a form of human experimentation since this ›medical device‹ (the restraint chair) had never been used for the purpose of breaking a mass hunger strike before, and the U.S. military was ›studying‹ it to see if it was safe and effective.«15

Auch im ICRC Report on the treatment of fourteen »high value detainees« in CIA custody des Internationalen Roten Kreuzes vom Februar 2007 wird der Vorwurf von experimentellen Befragungsmethoden an Insassen des Militärgefangenenlagers Guantánamo Bay erhoben.16 Einer der befragten Insassen beschreibt in dem Report seine Vernehmungen, die an systematische Versuche erinnern, die Gefangenen psychisch sowie ohne physische Zeichen zu foltern und so Geständnisse von nicht begangenen Taten zu erhalten. Er berichtete, dass ihm gesagt worden sei, dass er der erste sei, an dem diese Befragungstechnik ausprobiert werde. Ihm schien es, als sollten diese Abläufe getestet werden, um sie später an anderen Gefangenen verwenden zu können mit einer besseren Vorhersagekraft der Ergebnisse.17 CIA-Agenten,

13 Annas (2011), S. 634. 14 Ebd. 15 Ebd., S. 640. 16 Vgl. ICRC (2007) und Anonymus (2014). 17 ICRC (2007), S. 31.

A KTUELLE E NTWICKLUNGEN DER FORSCHUNG

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H ÄFTLINGEN

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denen Folter vorgeworfen worden war, verteidigten ihre Vorgehensweise mit den Worten: »Das hier ist eine Wissenschaft.«18 Neben dieser Grauzone der Forschung gibt es auch offen als Versuche deklarierte Manöver in Gefängnissen. Besonders erschreckend ist dies in Zusammenhang mit der in Europa geächteten Todesstrafe. Seitdem europäische Firmen den Giftstoff für Hinrichtungen nicht mehr liefern, sind die USA auf der Suche nach einem neuen Medikamentencocktail. 19 Die Suche nach einem äquivalenten Mittel führen zu Szenarien wie bei der Hinrichtung von Dennis McGuire. Dieser starb den Berichten zufolge erst nach minutenlangen Qualen unter Schmerzen und durch Ersticken. Eine Berufung des Angeklagten war zuvor abgelehnt worden mit der Begründung, »es gebe kein Recht auf einen schmerzfreien Tod.«20 Der zum Tode Verurteilte Willie Trottie hatte es vor seiner Hinrichtung in einem Interview selbst drastisch in Worte gefasst.21 Auf die Frage hin, ob er sich vor der Hinrichtung fürchte, verneinte er und meinte, er fürchte sich nur vor der Giftmischung. Da man nie wisse, welche Medikamente zur Vollstreckung angewandt werden würden, könne man nicht ausschließen, dass einem selbst nicht ein qualvoller Tod bevorstehe. Willie Trottie benutzte dabei bewusst die Worte »Sie experimentieren mit uns«. Das zeigt einerseits, wie hilflos und ausgeliefert er sich vorkommt, aber auch, dass die Praxis der experimentellen Giftauswahl bekannt ist. Doch nicht nur in pharmakologischen Studien waren und sind Gefängnisinsassen interessante Forschungsobjekte. Die menschliche Anatomie ist an frisch Hingerichteten am besten zu untersuchen – junge, gesunde Menschen, die direkt nach dem Versterben der Untersuchung zur Verfügung stehen. Nach vereinzelten Körperstudien, wie sie wahrscheinlich schon von Aristoteles, sicher aber in Alexandria durchgeführt wurden, sind aus dem 14. Jahrhundert erste ausführlich dokumentierte Sektionen festgehalten von Anatomen wie Henri de Mondeville oder Mondinus. Zu dieser Zeit durften ausschließlich Verurteilte zur (teils öffentlichen) Leicheneröffnung herbeigezogen werden.22 Im Dritten Reich lebte die Verwendung Hingerichteter

18 Kohlenberg (2016), S.12. 19 Vgl. Sperber (2014). 20 Anonymus (2014). 21 Sperber (2014). 22 Becker (2002).

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bzw. zu Tode Verurteilter für anatomische Studien wieder auf.23 Auch heute stellen manche Wissenschaftler die anatomischen Vorzüge über die ethischen Bedenken. In Zusammenarbeit mehrerer Universitäten wollte man in einem Großprojekt, dem Visible Human Project, auch für die studentische Lehre, hochauflösende 3D-Bilder je eines männlichen und eines weiblichen Körpers erstellen.24 1993 gab ein Verurteilter dem Gefängnispriester gegenüber seine Einwilligung, seine Leiche für wissenschaftliche oder medizinische Zwecke zu verwenden.25 Wie bereits dargelegt, ist es bei Häftlingen schwer, von einem wahren informed consent zu sprechen. Und auch die Ausgangslage, einen zum Tode verurteilten Häftling für solch ein Vorhaben zu »benutzen«, ist fragwürdig. Es gibt in diesem Fall aber noch einen weiteren gewichtigen Grund, dieses Vorgehen zu verurteilen: Die Gründe des »Körperspenders«, seine Leiche zur Verfügung zu stellen, hätte die Wissenschaftler von ihrem Vorhaben abhalten müssen und widersprechen dem informed consent. Eine Schwester des Verurteilten berichtete, dass sie Grund zur Annahme habe, dass ihr Bruder seinen Körper nur spendete, um seiner Familie die Kosten des Begräbnisses zu ersparen. Neben Forschungsprojekten, die nun wieder öffentlich werden und sich bisher allerdings nur für amerikanische Gefängnisse nachweisen lassen, gibt es noch viele weitere ethische Dilemmata, die sich in Haftanstalten abspie-

23 Vgl. Spann (1998), S. 17–29, Arango (2013) S. 96–97 und Hildebrand (2014). Eduard Pernkopf (1888-1955) war österreichischer Anatom. Er trat 1934 der SA bei. Von 1938 bis 1943 war Pernkopf Dekan, ab 1943 Rektor der Universität Wien. In dieser Zeit begann er seine Arbeit an einem anatomischen Atlas. Im Nachhinein gibt es viele Anzeichen dafür, dass Pernkopf für sein Werk Leichen aus Konzentrationslagern untersuchte. Einige Details wie die ausgezehrte Erscheinung und schlecht rasierte Köpfe haben eine erschreckende Ähnlichkeit zu den Gesichtern, die man von den Fotos aus Konzentrationslagern kennt. Die Gerüchte haben sich weder völlig ausräumen, noch definitiv bestätigen lassen, allerdings geht man heute von der Korrektheit dieser Vermutung aus. 24 U.S. National Library of Medicine (2014). 25 Arango (2013), S. 97.

A KTUELLE E NTWICKLUNGEN DER FORSCHUNG

AN

H ÄFTLINGEN

| 125

len. So gibt es aus Belgien die ersten Berichte der Euthanasie von Häftlingen,26 unfreiwillige Sterilisationen an weiblichen Häftlingen in amerikanischen Gefängnissen27 und eine fortlaufende Debatte über den Umgang mit Sträflingen im Hungerstreik bzw. mit Suizidgefahr überall auf der Welt.28

26 Vgl. Cook (2014). 27 Vgl. Johnson (2013). 28 Vgl. Symons (2014) und Tag/Groß (2012).

12.

Schlussfolgerungen und Perspektiven

Es konnte gezeigt werden, dass Gefängnisinsassen seit jeher »perfekte« Populationen für Forschende darstellen.1 Seit der Antike, in der sie immer wieder den Zwecken autoritärer Herrschern dienten, waren sie als vulnerable Gruppe Opfer von Forschung. Vor allem in Kriegszeiten wurde auf diese Bevölkerungsgruppe zurückgegriffen, wie z.B. im Zweiten Weltkrieg oder auch im Kalten Krieg. Auffällig ist dabei die große Zahl von Forschungsskandalen in den USA. Sicherlich muss man Amerika hier eine hohe Aufklärungsrate zu Gute halten. Aber trotzdem erstaunt die große Zahl an bekannten und gut erforschten Studien, die noch dazu sehr professionell organisiert waren. Angaben zu anderen Ländern sind selten und basieren oft nur auf Spekulationen und Annahmen.2 Dass es jedoch Forschung auch in anderen Ländern gab und gibt, sollte vor allem am Beispiel DDR, aber auch mit Japan, gezeigt werden. In Deutschland werden mit Forschung an Gefangenen primär die Humanexperimente in den KZs des Dritten Reichs verbunden. Diese waren ohne Frage schrecklich und grausam, doch das primäre Bild von Experimenten in Haftanstalten muss – leider – angesichts der heutigen Erkenntnisse erweitert werden um die Versuche in den amerikanischen Haftanstalten. Eine weitere Forderung ist außerdem die vollständige Aufklärung der ethisch fragwürdigen und illegalen Versuche an Insassen der DDR. Hier

1

Vgl. Wiegand (2007).

2

Zu Japan vgl. Bäringhausen (2008). Während den Recherchen wurden keine validen Quellen zu Versuchen in der UdSSR gefunden, vgl. lediglich Radio Freiheit (2017), auch aus europäischen Staaten ist der Autorin nach 1945 nichts bekannt.

128 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

konnten bisher keine umfassenden, tiefgehenden Recherchen betrieben werden. Die derzeit ausgewerteten Akten sind noch nicht aussagekräftig. Doch auch auf der Grundlage der Aussagen von Zeitzeugen und durch Anhaltspunkte in den medizinischen Akten der Insassen ließe sich ein noch tiefer gehendes Bild rekonstruieren, als es hier dargestellt werden konnte. Dies wäre nicht nur für ein realitätsgetreues Bild des sozialistischen Systems nötig, sondern auch den Opfern des Regimes der DDR geschuldet. Bisher erfahren die Opfer noch keine Anerkennung ihres Leidens. Das muss in einem umfassenden Rahmen geschehen, wobei sich auch die vorliegende Arbeit als Teilbeitrag versteht, die Verfehlungen oder gar Verbrechen darzulegen und den Betroffenen so im Nachhinein Aufmerksamkeit zu zollen. Dies kann aber nicht nur für die ehemalige DDR gelten, sondern muss in allen Ländern durchgesetzt werden. Noch wurde zu diesem Thema in vielen Ländern nicht geforscht, so z.B. in der ehem. UdSSR3; es gibt noch wenig deutschsprachigen Informationen über die Situation zu Gefängnisforschung in der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, Kuba ist noch unerforscht – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Die vorliegende Arbeit soll keinesfalls den Eindruck erwecken, als sei die Forschung an Gefängnisinsassen ein primär amerikanisches Problem, hier wurde lediglich bereits viel Aufarbeitung betrieben. Nach den erfreulichen Entwicklungen hin zum Schutz von Gefangenen – hauptsächlich angestoßen durch Veröffentlichungen wie von Beecher oder Pappworth – ist die Forschung seit Mitte der 1970er Jahre durch einen umfassenden Ausschluss Gefangener gekennzeichnet. Es gab vereinzelte Ausnahmen, wie die Erforschung neuer Tötungsmittel beim Vollzug der Todesstrafe. Die starke Reaktion auf solche einzelnen Experimente zeigt das ausgeprägte Bewusstsein für den Schutz der Inhaftierten. Interessant zu beobachten sind die neuen Entwicklungen in der Forschungsethik. Es ist zu erwarten, dass restriktive Abschnitte der Richtlinien in ihrer gegenwärtigen Form nicht mehr aufrechterhalten werden können. Es sollte im Sinne der

3

Es gibt zunehmend historische Forschung und damit einhergehend neue Erkenntnisse zur UdSSR. Unter anderem gibt es Berichte über verschiedene atomare Humanexperimente, z.B. im Senipalatinsk-Gelände oder das Totskoye Experiment 1954, mit bis zu 700.000 Teilnehmern, darunter wohl die Hälfte Gulag-Inhaftierte. Vgl. Radio Freiheit (2017).

S CHLUSSFOLGERUNGEN UND P ERSPEKTIVEN

| 129

Häftlinge in allen Teilen der Welt Zugang zu experimentellen Therapieoptionen gewährleistet sein, wie es in Europa der Fall ist. Grundlage dafür ist jedoch ein adäquater Zugang zu zeitgemäßer medizinischer Betreuung. Erst wenn die Unterschiede in der Patientenversorgung zwischen Gefängnisinsassen und freien Bürgern beseitigt sind kann über einen Zugang zu Forschung für Inhaftierte diskutiert werden. Dies sollte der erste Konsens sein, auf den man sich international einigen und der durchgesetzt werden muss. Dann kann im nächsten Schritt von einer angemessen freien Wahl durch den Häftling für oder gegen eine Studienteilnahme gesprochen werden, wobei eine Zulassung zu experimentellen Therapieansätzen in diesem Konsens automatisch impliziert wäre, da so eine zeitgemäße Versorgung gewährleistet werden kann. Eine inadäquate medizinische Betreuung darf nicht Beweggrund zur Teilnahme an Experimenten sein. Auch im Sektor der Rehabilitation und der Epidemiologie können weitere Forschungsvorhaben im Sinne der Häftlinge angewandt werden. Hauptsächlich im Bereich der Aggressionsprophylaxe und der Wiedereingliederung scheint mehr Forschung nötig zu sein, um den Sträflingen bei einer Rückkehr in die Gesellschaft mit wirkungsvollen Mitteln helfen zu können. Gleichzeitig muss unbedingt darauf geachtet werden, dass es auf keinen Fall zu einem Rückfall in den alten Missbrauch der Inhaftierten zu menschlichen Versuchskaninchen kommt, sondern vielmehr ein gerechter, der freien Bevölkerung entsprechender Zugang zur Forschung unter Wahrung von Respekt und Würde gewährleistet wird. Hierfür werden gesonderte Ethikkommissionen nötig sein, die überwachen, dass ein Zugang zu Studien nur nach einer freien Entscheidung stattfindet. Gleichzeitig müssen Alternativen geschaffen werden, durch eine besser durchdachte Form der Gewinnauszahlung, aber auch in Alternativen zur Ablenkung durch Studienteilnahme in der Freizeitgestaltung oder in der Möglichkeit, Kontakt zur Außenwelt aufzubauen. Ein beinahe vollständiger Ausschluss von der Forschungsteilnahme allerdings, wie er gegenwärtig (weitgehend) noch besteht, kann nicht mehr gehalten werden und widerspricht dem Prinzip von Gleichheit und Gerechtigkeit. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass es für viele Länder, wie z.B. Nordkorea, Russland oder auch Kuba, keine unabhängigen Berichte gibt, ob in der Gegenwart Forschung in den Haftanstalten durchgeführt wird. Hier muss ein Schutz der Gefangenen und die Umsetzung der heute geltenden Reglements sichergestellt werden.

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Es bleibt zu hoffen, dass auch die USA als das Land, aus dem die maßgeblichen Autoren der Nürnberger Kodex – Andrew C. Ivy (1893-1978) und Leo Alexander (1905-1985) sowie die Richter der Nürnberger Prozesse – stammen ihrer Verpflichtung den Häftlingen gegenüber bewusst werden. Verurteilte sollten nicht mehr nur als Täter angesehen werden, sondern als Träger von Menschenrechten sowie rehabilitationswürdige Bürger.

13.

Zusammenfassung

13.1 H INTERGRUND DER ARBEIT Die vorliegende Dissertation stellt wissenschaftliche Untersuchungen zum Themenfeld »Medizinische Forschung in Gefängnissen« vor. Diese Problematik wird vor allem in der deutschen Literatur zur Medizinethik nur selten behandelt. Bei jeder medizinischen Forschungsstudie müssen zahlreiche ethische Fragestellungen beachtet werden. Für Experimente an Gefangenen kommen noch weitere Dilemmata hinzu, die hier vertiefend erörtert werden sollen. Die Thematik der Forschung an Gefängnisinsassen beinhaltet eine Vielzahl ethischer Konflikte und moralischer Fragestellungen in Bezug auf Autonomie und Interessenkonflikte, weswegen sie sowohl in historischen Betrachtungen als auch in Diskussionen um gegenwärtige Probleme einen größeren Raum einnehmen sollte. Deswegen wird in dieser Arbeit darüber hinaus ein Überblick zu historisch belegten Forschungsprojekten an Gefängnisinsassen gegeben, die vor allem im deutschsprachigen Raum oft noch sehr wenig bekannt sind. Absicht der Dissertation war es aber auch, gleichfalls die deutsche Geschichte in diesem Themengebiet noch genauer zu beleuchten, um dieses vernachlässigte Kapitel insbesondere für die DDR-Geschichte zu vertiefen und darauf aufmerksam zu machen, dass die (zeit-)historische und ethische Forschung intensiviert werden muss. Ausgangspunkt der vorliegenden Studie ist eine Übersicht zu medizinischer Forschung an Menschen im Allgemeinen, um die Bedeutung wissenschaftlicher Untersuchungen in ihrer generellen Entwicklung darzustellen. Leider lässt sich an der Zusammenstellung in dieser Arbeit ablesen, dass sich in der Geschichte der Medizin wiederholt bzw. durchgehend problematische Versuche an der vulnerablen Gruppe der Gefängnisinsassen finden lassen.

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Obwohl heute in vielen Staaten ein Verbot für Forschung an Häftlingen existiert, kommt es allerdings immer noch auch in diesen Ländern zu Verstößen. Deswegen soll in dieser Arbeit auch vor dem Hintergrund neuer Debatten die allgemeine Problematik der Gefängnisforschung und von Miss- bzw. Gebrauch Gefangener problematisiert werden. Darüber hinaus wurde in der vorliegenden Dissertation eine Übersicht zusammengestellt zu den wichtigsten Richtlinien, die geschrieben wurden, um der Ärzteschaft als Leitlinien für gerechtes und moralisches Handeln in ihrer Tätigkeit – unter anderem als Forscher – zu dienen. Diese sind trotz ihrer internationalen Bedeutung oft bei den klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten unbekannt. Das Wissen über die Regularien und ihren Inhalt schützt die Mediziner jedoch, indem sie sich in Konfliktsituationen auf diese international anerkannten Dokumente berufen können und so gleichzeitig einen Leitfaden für moralisches Handeln an die Hand bekommen.

13.2 M ETHODEN Die Dissertation basiert vor allem auf Literaturrecherche und Quellenstudien. Für die Beispiele der Gefängnisforschung aus Amerika dienten primär Bücher als Grundlage, aber auch CIA-Dokumente aus dem Privatarchiv »Erinnerungsort der Geschichte« des Camp King konnten als Quellen hinzugezogen werden. Das dritte Kapitel konnte anhand bisher unveröffentlichter Schriftstücke eines Nachlasses aus der Countway Library, Harvard University, Boston geschrieben werden. Die Quellen für Forschung an Gefängnisinsassen zu Zeiten der DDR erwiesen sich als sehr eingeschränkt. Deshalb wurden für diesen Abschnitt mittels eines Fachbeitrags Zeitzeugen gesucht und zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Da sich erfreulicherweise einige Betroffene auf den Artikel hin meldeten, konnte eine Einschätzung der Geschehnisse in den Gefängnissen der DDR erstellt werden. Dieser Abschnitt stützt sich zum größten Teil auf die Berichte der Betroffenen, in Einzelfällen konnten sogar die zugehörigen Haftunterlagen eingesehen werden. Einige Erzählungen mussten kritisch betrachtet werden; in den vielen persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen zeigte sich bei einzelnen Gesprächspartnern psychopathologische Auffälligkeiten, sodass einzelne Berichte nicht für diese Arbeit verwertet wurden. Darüber hinaus konnten aufgrund von Unregelmäßigkeiten

Z USAMMENFASSUNG

| 133

in den Darstellungen (überprüfbare Zeitangaben oder politische Hintergründe) nicht alle Schilderungen in die Dissertation aufgenommen werden.

13.3 B EOBACHTUNGEN UND E RGEBNISSE In der Übersicht der geschichtlich dokumentierten Gefängnisforschung wird deutlich, dass diese schon seit den wissenschaftlichen Anfängen im antiken Alexandria vorkam und sich seitdem durch die Geschichte zieht und bis heute nachweisen lässt. Die forschenden Ärzte waren dabei getrieben von dem Wunsch nach Erkenntnisgewinn, vor allem über die Anatomie des menschlichen Körpers und die menschliche Entwicklung. Hierfür wurden seit dem hellenistischen Alexandria bis ins Mittelalter Vivisektionen an Sträflingen durchgeführt und noch Jahrhunderte später Kinder in einen Keller eingesperrt, um ihr geistiges Wachstum zu beobachten.1 Vor allem in den USA, auf die in der vorliegenden Arbeit ein Schwerpunkt gelegt wurde, war die Forschung an Gefängnisinsassen weit verbreitet – auch noch nach der Veröffentlichung so wichtiger Richtlinien wie des Nürnberger Kodex durch amerikanische Juristen. So war das Holmesburg Prison, Pennsylvania, jahrelang Ort zahlreicher Forschungsreihen, unter anderem für kosmetische Tests, aber auch gefährliche und unwissenschaftliche Experimente wie z.B. Versuche zu Drogen oder Giften. Bis 1973 forschte dort der Dermatologe Albert Kligman an hunderten Häftlingen ohne diese über die getesteten Substanzen aufzuklären.2 Auch die Frage, warum ein Mensch kriminell wird, war immer wieder Mittelpunkt verschiedener Studien. Im San Quentin Gefängnis untersuchte man, ob Kastration einen Einfluss auf das Verhalten haben würde. 3 Ein wichtiger Beitrag zum Schutz von Häftlingen muss dem Bostoner Anästhesisten Henry K. Beecher zugesprochen werden. Dieser angesehene Arzt wird heute mancherorts sogar als Vater der modernen Medizinethik angesehen, da er seinen Einfluss nutzte und eine stärkere klinische Beachtung der Ethik in der klinischen Medizin in den USA wie auch weltweit forderte. Er setzte sich zudem ganz konkret für die Umsetzung seiner Forderungen

1

Rupke (1987), Staden (1989), Görich (2006), Engelhardt (2007), S. 59, S. 112 und Houben (2008), S. 114.

2

Hornblum (1998).

3

Blue (2009).

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ein, wie in der vorliegenden Arbeit anhand von Dokumenten seines Nachlasses gezeigt wird – und trotzdem kann Beechers Wirken nicht nur positiv beurteilt werden, da er selbst Forschung an nicht aufgeklärten Probanden durchgeführt hatte. Parallel zu Beecher steht der britische Arzt Maurice H. Pappworth (19101994), der – ähnlich wie sein amerikanischer Kollege – wieder mehr moralisches Handeln in der klinischen Praxis forderte und dies mit drastischen Beispielen ärztlicher Verfehlungen unterstrich. Auch er widmete sich explizit Häftlingen als Forschungsopfern. Er veröffentlichte, wie auch Beecher, Beispiele von Studien an Gefängnisinsassen. Unter anderem diskutierte er darin ein Experiment zur Mangelerkrankung Pellagra. Deren Pathogenese war seit 1735 beschrieben. Nichtsdestoweniger mussten sich elf Gefangene des Mississippi State Penitentiary an eine strenge Diät halten, bis bei ihnen die Krankheitszeichen eintraten.4

13.4 ABSCHLIESSENDE B ETRACHTUNG An den Recherchen zu den Vorkommnissen in der DDR lässt sich ablesen, dass damals Versuche in den Haftanstalten durchgeführt worden sein müssen, was bisher noch kaum aufgearbeitet wurde. Hier kann die vorliegende Arbeit nur einen kleinen Teilbeitrag leisten und ist vor allem darauf ausgelegt, weitere Nachforschungen anzustoßen. Mit großem Aufwand konnten Zeitzeugen gefunden werden und eine begrenzte Zahl an Interviews geführt werden. Die These der Forschung in den sozialistischen Gefängnissen kann trotzdem aufgrund der unterschiedlichen Berichte aufrecht erhalten bleiben – zusätzlich zu dem persönlichen Leid, dass sich in den Schreiben und Aussagen widerspiegelt. Es wurde vor allem von Versuchen mit Hormonen berichtet, aber auch Strahlungsexperimente scheinen vorgekommen zu sein. Durch die abschließende Diskussion der heute gültigen Richtlinien in der Medizinethik wird deutlich, dass in der Theorie ein umfassender Schutz aller vulnerablen Gruppen besteht. Die in der Arbeit besprochenen Studien an Häftlingen der letzten 100 Jahre können somit als Verstöße gegen zum großen Teil schon zu jener Zeit geltende Richtlinien aufgefasst werden. Auch deswegen sollte eine inhaltliche Zusammenfassung der Dokumente in dieser

4

Pappworth (1986).

Z USAMMENFASSUNG

| 135

Arbeit erscheinen, um zu unterstreichen, dass es schon damals einen Konsens unter führenden Juristen und Medizinern gab gegen einen Missbrauch von Häftlingen und anderen Randgruppen. Eine abschließende Bewertung der heutigen Situation medizinischer Forschung in Haftanstalten zeigt, dass Gefangene nach wie vor eine gefährdete Population darstellen. Bei den gegenwärtigen Überlegungen bezüglich Studien hinter Gefängnismauern sollte der bestehenden moralischen Ambivalenz Rechnung getragen werden. Ein Schutz der Häftlinge muss gewährleistet bleiben. Gleichzeitig jedoch widerspricht ein globaler Ausschluss der Inhaftierten von wissenschaftlichen Studien der Gleichberechtigung eines jeden Menschen in der Medizin. Darüber hinaus ist den Verurteilten so der Zugang verwehrt zu neuen, experimentellen Therapieansätzen und der Erforschung bestehender Probleme in Haft und ihrer Lösung. Insassen totaler Institutionen jeglicher Art müssen weiterhin als vulnerable Gruppe geachtet bleiben, gleichzeitig darf ihnen aus dieser Situation kein Nachteil erwachsen. Diese Balance in neuen Überarbeitungen der Deklaration von Helsinki zu finden, ist eine besondere Herausforderung für Ärzte, Forschende, Juristen sowie Ethiker 70 Jahre nach Veröffentlichung des Nürnberger Kodex zur Medizinethik.

14.

Abstract

14.1 B ACKGROUND This dissertation presents scientific investigations on the topic of medical research in prison. There is a gap in the literature related to this issue; and this is even more true for literature published in German, where the topic has received less attention than in the international arena. While every medical study poses various ethical challenges, even more dilemmas occur in the case of experiments conducted with and on prisoners. The latter is the focus of this thesis. The topic of research in prison involves numerous moral questions concerning autonomy and conflicts of interest. Therefore, this issue should be taken into account both in historical research, as well as in discussions about present problems. For this reason the dissertation also includes a summary of documented studies on convicts, mainly in the US, which are widely unknown – especially in German-speaking countries. Moreover, this survey sheds light on German – and especially East German – history related to this topic and points to the need for further investigations on this matter. This dissertation first reviews medical human research publications to highlight historic developments and effects to then conclude that studies on so-called ›vulnerable groups of inmates‹ have happened routinely and continuously throughout the period examined. Although most countries prohibit experiments on prisoners today, violations still occur. What is more, those lobbying for continuing research in prisons seek to weaken current legal provisions. They argue that convicts are crucial as research objects and that, rather than banning research outright, it should be legalized and thus be subject to government regulations. This study also addresses this new development. It moreover includes a summary of the most important guidelines, to be used as a code of conduct for medical professionals. Even though ethical

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codes of conduct for medical research are widely discussed amongst academics, they are often unknown to practitioners. In summary, this paper wants to provide ethical codes of conduct by analyzing and discussing an understudied topic. It gives practitioners an ethical benchmark against which to measure their choices, so they can handle ethical decision with confidence.

14.2 M ETHODS This dissertation is based on an extensive literature review as well as primary source material. Most examples of American prison research are taken from books; the author used CIA documents from the private archive of Camp King as an additional source. The third chapter draws on so far unpublished material provided by the Countway Library at Harvard University, Boston. The author could only locate very few sources on medical research in the GDR. The respective chapter is thus largely based on first-hand accounts and was sometimes supplemented by a review of the historical files of the prison in question. Where the description of the experiments was irregular, the respective reports were not included in the sample and disregarded.

14.3 L ITERATURE R EVIEW The review of documented prison research reveals an early beginning to those types of scientific studies, which range from studies in the ancient library and Museion of Alexandria to the present day. These early researchers were driven by a desire to understand the anatomy and biology of the human body. By the beginning of the 20th century, children were still held captive in basements to observe their development in a closed environment. Turning to more contemporary times, this thesis focuses mainly on the US in the 20th century. It gives various examples of studies in American penitentiaries that were conducted even after the Nuremberg Code, one of the first international ethical guidelines, established by American lawyers. Medical staff at Holmesburg Prison, Pennsylvania, for example, conducted various questionable studies for years; those ranged from cosmetic tests to dangerous and unscientific experiments on drugs and poisons. Up until 1973, Albert Kligman (1916-2010) used hundreds of prisoners for his research without their

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consent.1 Researchers also scrutinized the origins and motives for criminal behavior in other prisons: In San Quentin Penitentiary inmates were castrated to examine the impact of this procedure on their bodies.2 The Anesthetist Henry K. Beecher (1904-1976) had a big influence on the research and protection of prisoners. Today, he is seen as one of the fathers of medical ethics and used his reputation to raise awareness of the ethics of clinical medicine in the US and worldwide. Though Beecher’s was not only a benign figure, he managed to not only call for ethical decisions but also managed to implement his ideas in his model judgments as member of various ethical commissions. Similarly, the British doctor Maurice H. Pappworth (1910-1994) demanded ethical behavior in hospitals and cited examples of medical misconduct in his book »Human Guinea pig«. He also dedicated an entire chapter of his book to the vulnerability of prisoners. In 1944, doctors at Stateville Penitentiary examined how mosquitos transmit malaria and studied different therapies of the tropical disease using 500 prisoners as research subjects.3 In 1915, convicted men in Mississippi State Penitentiary were asked to join an experiment on pellagra, a disease caused by lack of nutrition. However, doctors had known that malnutrition causes pellagra since 1735, which calls into question why the study was conducted in the first place. Nevertheless, eleven prisoners were starved until they showed signs of malnutrition in the name of science and promised to be released from prison of they agreed to participate.4

14.4 C ONCLUSIONS The paper finds that unethical experiments are likely to have taken place in the socialist prisons of the GDR and that those have not yet been subject to academic enquiries. This dissertation remains preliminary in scope but can serve as a stepping stone for further research.

1

See Hornblum (1998).

2

See Blue (2009).

3

Alving et al. (1946).

4

See Goldberger/Wheeler (1915).

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The concluding discussion of modern guidelines of medical ethics illustrates that vulnerable groups are protected in theory. But the examples of experiments in prisons, conducted over the last 100 years, must be seen as violation of applicable laws. Therefore, this dissertation includes a summary of these documents to highlight a broad consensus between law makers and medical professionals when it comes to the prohibition of misusing of inmates and other vulnerable groups. A closing evaluation of today’s situation in medical research in prisons illustrates that convicts are still a vulnerable population and conducting research on them will therefore remain morally ambivalent. Prisoners’ protection should be non-negotiable. Nevertheless, excluding prisoners from medical studies entirely would contradict medical standards of human equality. Moreover, inmates ought to be able to participate in modern, experimental therapies and research about detainment and its effects on the individual. Their protection still has to be brought to our attention – even 70 years after the »Nuremberg Code of Medical Ethics« was enacted to regulate experiments on prisoners.

15.

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164 | M EDIZIN UND M ENSCHENRECHTE IM G EFÄNGNIS

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16.

Anhang

16.1 E XPERIMENTE

AN VULNERABLEN VERÖFFENTLICHT DURCH M AURICE H. P APPWORTH 1

1

G RUPPEN

Säuglinge und Kinder

24

»Schwachsinnige« und Geisteskranke

13 (davon 8 Kinder)

Strafgefangene

9

Intra- und perioperative Patienten

14

Schwangere

13

Sterbende

17

Patienten als Kontrolle

46

Andere

53

Zusammengestellt anhand von Pappworth (1968).

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Säuglinge und Kinder Gesamt

Infektionen

Genetik

Anatomie

Radioaktivität

Toxizität

26

4

2

16

2

2

Kreislauf/ Liquor

Medikamente/ Toxizität

Infektionen

Genetik

»Schwachsinnige«

Gesamt

Stoffwechsel

13

2

3/1

1/1

4

1

Strafgefangene Gesamt 9

Ernährung 2

Infektionen 1

Medikamente 1

Tumor 3

Blutspende 1

Anatomie 1

Intra- und perioperative Patienten Gesamt

Gehirnaktivität

14

1

Kreislauf 10

Anatomie 1

Lungenfunktion

Leberfunktion

1

1

Schwangere Gesamt

Atropin

Wehenmedikation

Blutkreislauf

13

1

2

10

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| 167

Sterbende Gesamt 17

Kreislauf 16

Diabetisches Koma 1

Patienten als Kontrolle Gesamt

Stoffwechsel

Kreislauf

Radioaktivität

46

8

23

1

Tumor 3

Medikamente 11

Andere 2

2

Leberkranke

Herzkranke

Selbstexperimente

Gesunde Freiwillige

27

13

5

8

An diesen Untergruppen wurden so unterschiedliche Experimente durchgeführt bzw. diese nicht näher erläutert, sodass eine tabellarische Auflistung nicht möglich ist.

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16.2 Z EITZEUGEN -E RINNERUNGEN ZUR DDR 16.2.1 Gespräch mit einer früheren Gefängnisinsassin über vermeintliche Hormonverabreichung (Gedächtnisprotokoll vom 30.07.2014) Die Zeugin war nach einem missglückten Fluchtversuch 1976 zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach der Untersuchungshaft in Potsdam wurde sie für die Haft nach Frankfurt/Oder verlegt. Nach einigen Wochen beendete man die Isolationshaft und sie bekam eine Zellengenossin. Nach einigen Wochen setzte bei beiden Frauen gleichzeitig die Periode aus. Die befragte Zeugin hatte zum Zeitpunkt der Verhaftung einen Lebensgefährten, verhütete aber nach eigenen Angaben mit oralen Kontrazeptiva (der »Pille«), sodass eine Schwangerschaft bei ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden konnte. Auf Nachfrage hin gab die Zeugin an, bis dahin seien keinerlei Unregelmäßigkeiten in der Menstruation aufgefallen. Parallel kam es zu einem objektiv feststellbaren Wachstum und Umbaus des Brustgewebes, sowie zu einer Zunahme des Bauchumfangs der beiden Zellengefährtinnen. Selbst dem Vernehmer der Zeugin seien diese körperlichen Veränderungen aufgefallen, sodass sie zur Untersuchung bei einem Gefängnisarzt geschickt wurde. Dieser begründete die Angaben der Zeugin allerdings mit der seelischen Verfassung derer und erfasste keine weiteren Maßnahmen. Als einige Zeit später allerdings dieser Gefängnisarzt im Urlaub war, wurde die Zeugin auf Anlass ihres Vernehmers in ein ziviles Krankenhaus in Frankfurt/Oder zur Untersuchung gebracht. Der dortige Arzt verneinte das Vorliegen einer Schwangerschaft. Von diesem Arzt wurde jedoch nie ein Gutachten an die Zeugin weitergereicht, noch findet es sich in ihren Haftunterlagen. Während dieser ganzen Zeit sei der Zeugin jedoch immer ein Beigeschmack bei verschiedenen Gerichten aufgefallen, was sie zu der Annahme veranlasst, dass ihnen auf diese Weise Stoffe verabreicht wurden. Auch als sie eine neue Zellengenossin bekam, trat bei dieser das gleiche Symptom der Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung) auf. Wenige Tage vor dem Transport der Zeugin nach Hoheneck, wo sie ihre restliche Strafe abzuleisten hatte, bekam sie erstmals wieder ihre Blutung, am gleichen Tag wie ihre beiden Leidensgenossinnen. Bei dieser Blutung sei aufgefallen, dass sie besonders stark gewesen sei und das Blut dunkler gefärbt gewesen sei, was Hinweise auf eine Abbruchblutung sein könne, also keine natürlich

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Periode, sondern eine Blutung, ausgelöst durch das Fehlen verabreichter Hormone bzw. dem Absinken des Hormonspiegels, wie es z.B. bei Kontrazeption durch die »Pille« der Fall ist. Nach der Verlegung nach Hoheneck hatte die Zeugin nur noch wenige, sehr wenig ausgeprägte Blutungen, bevor sie mit Anfang Vierzig viel zu früh in die Wechseljahre kam. Zur Wahrung der Privatsphäre und Anonymität sowie auf Bitten der Zeugin hin wird hier auf die Veröffentlichung der vorliegenden Unterlagen verzichtet. »Liebe Frau Lehner, ich habe meine BStU-Kopien nochmals durchblättert. Ich fand kopierte Karteikarten des Medizinischen Dienstes aus den Haftanstalten und wenige ärztliche Beurteilungen. Darunter aus einer ganz anderen Akte (?) ein Schreiben der Poliklink des Bezirkskrankenhauses Frankfurt (Oder), Am Kleistpark, von der von mir geschilderten Untersuchung am 04.08.1976. Ich war allerdings gegen diese Untersuchung. Sie erfolgte auf Veranlassung des Vernehmers, der meinte ich sei schwanger. Das hatte ich vehement bestritten. Diese Untersuchung ist in der Karteikarte eingetragen. Vorhergehende Untersuchungen sind auch eingetragen. Nach dem ich bei dem Vernehmer nach dem Untersuchungsergebnis nachfragte, wurde mir ein Untersuchungsbefund von der Volkspolizei-Poliklinik vom 02.09.1976 vorgelesen. Das ist eine Fälschung! Das habe ich auch gleich dem Vernehmer so gesagt. Dort war ich an diesem Tag mit Sicherheit nicht! Ich würde mich auch daran erinnern, weil ich am 01.09.1976 Geburtstag hatte. Der Termin ist auch nicht in der Karteikarte vermerkt. In dieser Klinik war ich tatsächlich am 30.06.1976 zur Untersuchung. Das ist auch in der Karteikarte vermerkt mit Hinweis (siehe Anlage), die aber fehlt. Das entspricht meiner Schilderung am 30.07.2014.«

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16.2.2 Auszug aus der schriftlichen Stellungnahme eines Zeitzeugen Transkription: »Während der weiteren Haftzeit war ich Mitglied des Kirchenchores und übernahm als Kirchenkalfaktor der ganzen Haftanstalt die Vorbereitungen zum monatlichen Gottesdienst. Mitte 1964 begannen die Entlassungen durch Abkauf von der Bundesrepublik. Als sie Anfang Oktober aufhörten, war das Entsetzen, nicht dabei zu sein, groß. Fast der ganze Kirchenchor war nicht mehr vorhanden. Mit des Pastors Hilfe bei der Anstaltsleitung stellte ich einen neuen auf. Im 2. Halbjahr 1964 wurde ich oft ärztlich behandelt und mit Medikamenten versorgt. Einen Grund erfuhr ich nicht, sondern nur: ›Halten Sie den Mund, und fügen Sie sich unseren Anweisungen!‹ Mein Erschrecken war groß, als ich keinen Stuhlgang mehr hatte und das eine volle Woche lang. Meine Leber hatte ihre Funktion eingestellt. Laufend bekam ich jetzt ein Klistier. Die Exkremente waren hart wie Stein. Ein ärztlicher Knastologe sagte mir dabei: ›Du mußt ein großes Licht bei der Stasi sein. Du bekommst Medikamente wie kein anderer und zwar das Aufbaumittel Testosteron. Und alles macht die Stasi selbst.‹ Erst Jahre später wurde klar, daß es sich um Doping-Tests eigens für den Einsatz bei DDR-Spitzensportlern ohne Nachweismöglichkeit handelte.«

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| 171

16.3 WMA D EKLARATION VON H ELSINKI : E THISCHE G RUNDSÄTZE FÜR DIE MEDIZINISCHE F ORSCHUNG AM M ENSCHEN Verabschiedet von der 18. WMA-Generalversammlung, Juni 1964 Helsinki (Finnland) und revidiert durch die 29. WMA-Generalversammlung, Oktober 1975, Tokio (Japan), 35. WMA-Generalversammlung, Oktober 1983, Venedig (Italien), 41. WMA-Generalversammlung, September 1989, Hong Kong, 48. WMA-Generalversammlung, Oktober 1996, Somerset West (Republik Südafrika), 52. WMA-Generalversammlung, Oktober 2000, Edinburgh (Schottland), 53. WMA-Generalversammlung im Oktober 2002, Washington (Vereinigte Staaten) (ergänzt um einen klarstellenden Kommentar zu Ziffer 29), 55. WMA-Generalversammlung im Oktober 2004, Tokio (Japan), (ergänzt um einen klarstellenden Kommentar zu Ziffer 30) 59. WMA-Generalversammlung im Oktober 2008, Seoul (Korea) 64. WMA-Generalversammlung im Oktober 2013, Fortaleza (Brasilien) Präambel 1. Der Weltärztebund (WMA) hat mit der Deklaration von Helsinki eine Erklärung ethischer Grundsätze für medizinische Forschung am Menschen, einschließlich der Forschung an identifizierbaren menschlichen Materialien und Daten, entwickelt. Die Deklaration ist als Ganzes zu lesen, und ihre einzelnen Paragraphen sollen unter Berücksichtigung aller übrigen relevanten Paragraphen angewendet werden. 2. Im Einklang mit dem Mandat des WMA wendet sich die Deklaration in erster Linie an Ärzte. Der WMA regt andere an der medizinischen Forschung am Menschen Beteiligte an, diese Grundsätze zu übernehmen.

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Allgemeine Grundsätze 3. Die Genfer Deklaration des Weltärztebundes verpflichtet den Arzt mit den Worten »Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein«, und der Internationale Kodex für ärztliche Ethik legt fest: »Der Arzt soll bei der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit im besten Interesse des Patienten handeln. « 4. Es ist die Pflicht des Arztes, die Gesundheit, das Wohlergehen und die Rechte der Patienten zu fördern und zu erhalten, auch jener, die an der medizinischen Forschung beteiligt sind. Der Erfüllung dieser Pflicht dient der Arzt mit seinem Wissen und Gewissen. 5. Medizinischer Fortschritt beruht auf Forschung, die letztlich auch Studien am Menschen beinhalten muss. 6. Vorrangiges Ziel der medizinischen Forschung am Menschen ist es, die Ursachen, die Entwicklung und die Auswirkungen von Krankheiten zu verstehen und die präventiven, diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen (Methoden, Verfahren und Behandlungen) zu verbessern. Selbst die nachweislich besten Maßnahmen müssen fortwährend durch Forschung auf ihre Sicherheit, Effektivität, Effizienz, Verfügbarkeit und Qualität geprüft werden. 7. Medizinische Forschung unterliegt ethischen Standards, die die Achtung vor den Menschen fördern und sicherstellen und ihre Gesundheit und Rechte schützen. 8. Während vorrangiger Zweck der medizinischen Forschung ist, neues Wissen hervorzubringen, darf dieses Ziel niemals Vorrang vor den Rechten und Interessen der einzelnen Versuchspersonen haben. 9. Es ist die Pflicht des Arztes, der sich an medizinischer Forschung beteiligt, das Leben, die Gesundheit, die Würde, die Integrität, das Selbstbestimmungsrecht, die Privatsphäre und die Vertraulichkeit persönlicher Informationen der Versuchsteilnehmer zu schützen. Die Verantwortung für den

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Schutz von Versuchspersonen muss stets der Arzt oder ein anderer Angehöriger eines Heilberufes tragen und nie die Versuchsperson selbst, auch dann nicht, wenn sie ihr Einverständnis gegeben hat. 10. Ärzte müssen die ethischen, rechtlichen und behördlichen Normen und Standards für Forschung am Menschen ihrer eigenen Länder sowie die maßgeblichen internationalen Normen und Standards berücksichtigen. Keine nationale oder internationale ethische, rechtliche oder behördliche Anforderung soll die in dieser Deklaration niedergelegten Bestimmungen zum Schutz von Versuchspersonen abschwächen oder aufheben. 11. Medizinische Forschung sollte in einer Weise durchgeführt werden, die mögliche Umweltschäden minimiert. 12. Medizinische Forschung am Menschen darf nur von Personen durchgeführt werden, die angemessen ethisch und wissenschaftlich ausgebildet, geübt und qualifiziert sind. Forschung an Patienten oder gesunden Freiwilligen erfordert die Überwachung durch einen kompetenten und angemessen qualifizierten Arzt oder anderen Angehörigen eines Heilberufes. 13. Gruppen, die in der medizinischen Forschung unterrepräsentiert sind, sollten einen angemessenen Zugang zur Teilnahme an der Forschung erhalten. 14. Ärzte, die medizinische Forschung mit medizinischer Behandlung verbinden, sollten ihre Patienten nur soweit in die Forschung einbeziehen, wie dies durch deren möglichen präventiven, diagnostischen oder therapeutischen Wert gerechtfertigt ist und der Arzt berechtigterweise annehmen kann, dass eine Beteiligung an dem Forschungsvorhaben die Gesundheit der Patienten, die als Versuchspersonen dienen, nicht nachteilig beeinflussen wird. 15. Eine angemessene Entschädigung und Behandlung für Versuchspersonen, die aufgrund ihrer Teilnahme an der Forschung geschädigt wurden, muss gewährleistet sein.

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Risiken, Belastungen und Nutzen 16. In der medizinischen Praxis und in der medizinischen Forschung sind die meisten Maßnahmen mit Risiken und Belastungen verbunden. Medizinische Forschung am Menschen darf nur durchgeführt werden, wenn die Bedeutung des Ziels die Risiken und Belastungen für die Versuchspersonen überwiegt. 17. Jeder medizinischen Forschung am Menschen muss eine sorgfältige Abschätzung der voraussehbaren Risiken und Belastungen für die an der Forschung beteiligten Einzelpersonen und Gruppen im Vergleich zu dem voraussichtlichen Nutzen für sie und andere Einzelpersonen oder Gruppen vorangehen, die von dem untersuchten Zustand betroffen sind. Maßnahmen zur Risikominimierung müssen implementiert werden. Die Risiken müssen vom Forscher kontinuierlich überwacht, eingeschätzt und dokumentiert werden. 18. Ärzte dürfen sich nicht an einem Forschungsvorhaben am Menschen beteiligen, wenn sie nicht überzeugt sind, dass die mit der Studie verbundenen Risiken angemessen eingeschätzt worden sind und in zufriedenstellender Weise beherrscht werden können. Sobald sich herausstellt, dass die Risiken den potentiellen Nutzen übersteigen oder wenn es einen schlüssigen Beweis für gesicherte Ergebnisse gibt, müssen Ärzte einschätzen, ob die Studie fortgesetzt, modifiziert oder unverzüglich beendet werden muss. Vulnerable Gruppen und Einzelpersonen 19. Einige Gruppen und Einzelpersonen sind besonders vulnerabel und können mit größerer Wahrscheinlichkeit ungerecht behandelt oder zusätzlich geschädigt werden. Alle vulnerablen Gruppen und Einzelpersonen sollten besonders bedachten Schutz erhalten. 20. Medizinische Forschung mit einer vulnerablen Gruppe ist nur gerechtfertigt, wenn das Forschungsvorhaben auf die gesundheitlichen Bedürfnisse oder Prioritäten dieser Gruppe reagiert und das Forschungsvorhaben nicht an

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einer nicht-vulnerablen Gruppe durchgeführt werden kann. Zusätzlich sollte diese Gruppe in der Lage sein, aus dem Wissen, den Anwendungen oder Maßnahmen Nutzen zu ziehen, die aus dem Forschungsvorhaben hervorgehen. Wissenschaftliche Anforderungen und Forschungsprotokolle 21. Medizinische Forschung am Menschen muss den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen entsprechen sowie auf einer gründlichen Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur, anderen relevanten Informationsquellen, ausreichenden Laborversuchen und, sofern angemessen, auf Tierversuchen basieren. Auf das Wohl der Versuchstiere muss Rücksicht genommen werden. 22. Die Planung und Durchführung einer jeden wissenschaftlichen Studie am Menschen muss klar in einem Studienprotokoll beschrieben und gerechtfertigt werden. Das Protokoll sollte eine Erklärung der einbezogenen ethischen Erwägungen enthalten und sollte deutlich machen, wie die Grundsätze dieser Deklaration berücksichtigt worden sind. Das Protokoll sollte Informationen über Finanzierung, Sponsoren, institutionelle Verbindungen, mögliche Interessenkonflikte, Anreize für Versuchspersonen und Informationen bezüglich Vorkehrungen für die Behandlung und/oder Entschädigung von Personen enthalten, die infolge ihrer Teilnahme an der wissenschaftlichen Studie einen Schaden davongetragen haben. Bei klinischen Studien muss das Protokoll auch angemessene Vorkehrungen für Maßnahmen nach Abschluss der Studie beschreiben. Forschungs-Ethikkommissionen 23. Das Studienprotokoll ist vor Studienbeginn zur Erwägung, Stellungnahme, Beratung und Zustimmung der zuständigen Forschungs-Ethikkommission vorzulegen. Diese Ethikkommission muss transparent in ihrer Arbeitsweise, unabhängig vom Forscher, dem Sponsor und von jeder anderen unzulässigen Beeinflussung, sowie angemessen qualifiziert sein. Sie muss den Gesetzen und Rechtsvorschriften des Landes oder der Länder, in dem

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oder denen die Forschung durchgeführt werden soll, sowie den maßgeblichen internationalen Normen und Standards Rechnung tragen, die jedoch den in dieser Deklaration festgelegten Schutz von Versuchspersonen nicht abschwächen oder aufheben dürfen. Die Ethikkommission muss das Recht haben, laufende Studien zu beaufsichtigen. Der Forscher muss der Ethikkommission begleitende Informationen vorlegen, insbesondere Informationen über jede Art schwerwiegender unerwünschter Ereignisse. Eine Abänderung des Protokolls darf nicht ohne Erwägung und Zustimmung der Ethikkommission erfolgen. Nach Studienende müssen die Forscher der Kommission einen Abschlussbericht vorlegen, der eine Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Studie enthält. Privatsphäre und Vertraulichkeit 24. Es müssen alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um die Privatsphäre der Versuchspersonen und die Vertraulichkeit ihrer persönlichen Informationen zu wahren. Informierte Einwilligung 25. Die Teilnahme von einwilligungsfähigen Personen an der medizinischen Forschung muss freiwillig sein. Auch wenn es angemessen sein kann, Familienangehörige oder führende Persönlichkeiten der jeweiligen Gemeinschaft hinzuziehen, darf keine einwilligungsfähige Person in ein Forschungsvorhaben aufgenommen werden, wenn sie nicht freiwillig zustimmt. 26. Bei der medizinischen Forschung an einwilligungsfähigen Personen muss jede potentielle Versuchsperson angemessen über die Ziele, Methoden, Geldquellen, eventuelle Interessenkonflikte, institutionelle Verbindungen des Forschers, den erwarteten Nutzen und die potentiellen Risiken der Studie, möglicherweise damit verbundenen Unannehmlichkeiten, vorgesehene Maßnahmen nach Abschluss einer Studie sowie alle anderen relevanten Aspekte der Studie informiert (aufgeklärt) werden. Die potentielle Versuchsperson muss über das Recht informiert (aufgeklärt) werden, die Teilnahme an der Studie zu verweigern oder eine einmal gegebene Einwilligung jeder-

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zeit zu widerrufen, ohne dass ihr irgendwelche Nachteile entstehen. Besondere Beachtung soll dem spezifischen Informationsbedarf der individuellen potentiellen Versuchspersonen sowie den für die Informationsvermittlung verwendeten Methoden geschenkt werden. Nachdem er sich vergewissert hat, dass die potentielle Versuchsperson diese Informationen verstanden hat, hat der Arzt oder eine andere angemessen qualifizierte Person die freiwillige Informierte Einwilligung (Einwilligung nach Aufklärung – »informed consent«) der Versuchsperson – vorzugsweise in schriftlicher Form – einzuholen. Falls die Einwilligung nicht in schriftlicher Form geäußert werden kann, muss die nichtschriftliche Einwilligung formell dokumentiert und bezeugt werden. Allen Versuchspersonen medizinischer Forschung sollte die Möglichkeit gegeben werden, über den allgemeinen Ausgang und die allgemeinen Ergebnisse der Studie informiert zu werden. 27. Beim Einholen der Informierten Einwilligung in die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie muss der Arzt besondere Vorsicht walten lassen, wenn die potentielle Versuchsperson in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Arzt steht oder unter Zwang einwilligen könnte. In solchen Situationen muss die Informierte Einwilligung durch eine angemessen qualifizierte Person eingeholt werden, die in jeder Hinsicht außerhalb dieses Verhältnisses steht. 28. Bei einer potentiellen Versuchsperson, die nicht einwilligungsfähig ist, muss der Arzt die Informierte Einwilligung des rechtlichen Vertreters einholen. Diese Personen dürfen nicht in eine wissenschaftliche Studie einbezogen werden, die ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nützen wird, sofern nicht beabsichtigt wird, mit der Studie die Gesundheit der Gruppe zu fördern, der die potentielle Versuchsperson angehört, die Forschung nicht mit Personen durchgeführt werden kann, die eine Informierte Einwilligung geben können, und die Forschung nur minimale Risiken und minimale Belastungen birgt. 29. Ist eine potentielle Versuchsperson, die als nicht einwilligungsfähig eingestuft wird, fähig, Entscheidungen über die Teilnahme an der Forschung zuzustimmen, muss der Arzt neben der Einwilligung des rechtlichen Vertreters auch die Zustimmung der potentiellen Versuchsperson einholen. Eine Ablehnung der potentiellen Versuchsperson soll respektiert werden.

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30. Forschung mit Personen, die körperlich oder geistig zu einer Einwilligung nicht fähig sind, beispielsweise mit bewusstlosen Patienten, darf nur dann erfolgen, wenn der körperliche oder geistige Zustand, der das Einholen der Informierten Einwilligung verhindert, ein erforderliches Merkmal für die beforschte Gruppe ist. Unter solchen Umständen muss der Arzt die Informierte Einwilligung des rechtlichen Vertreters einholen. Ist ein solcher Vertreter nicht verfügbar und kann die Forschung nicht aufgeschoben werden, kann die Studie ohne Informierte Einwilligung und unter der Voraussetzung durchgeführt werden, dass die besonderen Gründe für den Einschluss von Versuchspersonen, die aufgrund ihres Zustands nicht zu einer Informierten Einwilligung fähig sind, im Studienprotokoll festgehalten worden sind und die Studie von einer Forschungs-Ethikkommission zustimmend bewertet worden ist. Die Einwilligung zur weiteren Teilnahme an der Forschung muss sobald wie möglich bei der Versuchsperson oder einem rechtlichen Vertreter eingeholt werden. 31. Der Arzt muss den Patienten vollständig über die forschungsbezogenen Aspekte der Behandlung informieren. Die Weigerung eines Patienten, an einer Studie teilzunehmen, oder der Entschluss des Patienten, aus der Studie auszuscheiden, darf niemals die Patienten-Arzt‐ Beziehung nachteilig beeinflussen. 32. Bei medizinischer Forschung, bei der identifizierbare menschliche Materialien oder Daten verwendet werden, wie zum Beispiel in Biobanken oder ähnlichen Depots enthaltenes Material oder Daten, müssen Ärzte für ihre Sammlung, Lagerung und/oder Wiederverwendung eine Informierte Einwilligung einholen. In Ausnahmesituationen kann es sich als unmöglich oder nicht praktikabel erweisen, eine Einwilligung für derartige Forschung zu erhalten. In solchen Situationen darf die Forschung erst nach Beurteilung und Zustimmung einer Forschungs-Ethikkommission durchgeführt werden. Die Verwendung von Placebos 33. Nutzen, Risiken, Belastungen und Wirksamkeit einer neuen Maßnahme müssen mit denjenigen der nachweislich besten Maßnahme(n) verglichen werden, außer unter folgenden Umständen:

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 

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Wenn keine nachgewiesene Maßnahme existiert, ist die Verwendung von Placebo oder das Unterlassen einer Maßnahme zulässig, oder wenn aus zwingenden und wissenschaftlich fundierten methodischen Gründen die Verwendung einer weniger wirksamen Maßnahme als die nachweislich beste, die Verwendung eines Placebos oder das Unterlassen einer Maßnahme, notwendig sind, um die Wirksamkeit oder Sicherheit einer Maßnahme festzustellen, und wenn die Patienten, die eine weniger wirksame Maßnahme als die nachweislich beste, ein Placebo oder keine Maßnahme erhalten, keinem zusätzlichen Risiko eines ernsten oder irreversiblen Schadens ausgesetzt werden, welches sich daraus ergibt, dass sie nicht die nachweislich beste Maßnahme erhalten haben. Mit größter Sorgfalt muss ein Missbrauch dieser Option vermieden werden.

Maßnahmen nach Abschluss einer Studie 34. Im Vorfeld einer klinischen Studie sollten Sponsoren, Forscher und Regierungen der Einsatzländer Vorkehrungen für Maßnahmen nach Abschluss der Studie für alle Teilnehmer treffen, die noch eine Maßnahme benötigen, die in der Studie als nützlich erkannt wurde. Diese Information muss den Teilnehmern auch während des Aufklärungs- und Einwilligungsprozesses mitgeteilt werden. Registrierung von Forschung sowie Publikation und Verbreitung von Ergebnissen 35. Jedes Forschungsvorhaben, an dem Versuchspersonen beteiligt sind, ist vor der Rekrutierung der ersten Versuchsperson in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zu registrieren. 36. Forscher, Verfasser, Sponsoren, Herausgeber und Verleger haben im Hinblick auf die Veröffentlichung und Verbreitung der Forschungsergebnisse ethische Verpflichtungen. Forscher sind verpflichtet, die Ergebnisse ihrer Forschung am Menschen öffentlich verfügbar zu machen und sind im Hinblick auf die Vollständigkeit und Richtigkeit ihrer Berichte rechenschaftspflichtig. Alle Beteiligten sollen anerkannten Leitlinien für ethische

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Berichterstattung (»ethical reporting«) folgen. Negative und nicht schlüssige Ergebnisse müssen ebenso wie positive veröffentlicht oder in anderer Form öffentlich verfügbar gemacht werden. In der Publikation müssen Finanzierungsquellen, institutionelle Verbindungen und Interessenkonflikte dargelegt werden. Berichte über Forschung, die nicht mit den Grundsätzen dieser Deklaration übereinstimmt, sollten nicht zur Veröffentlichung angenommen werden. Nicht nachgewiesene Maßnahmen in der klinischen Praxis 37. Bei der Behandlung eines einzelnen Patienten, für die es keine nachgewiesenen Maßnahmen gibt oder andere bekannte Maßnahmen unwirksam waren, kann der Arzt nach Einholung eines fachkundigen Ratschlags mit Informierter Einwilligung des Patienten oder eines rechtlichen Vertreters eine nicht nachgewiesene Maßnahme anwenden, wenn sie nach dem Urteil des Arztes hoffen lässt, das Leben zu retten, die Gesundheit wiederherzustellen oder Leiden zu lindern. Diese Maßnahme sollte anschließend Gegenstand von Forschung werden, die so konzipiert ist, dass ihre Sicherheit und Wirksamkeit bewertet werden können. In allen Fällen müssen neue Informationen aufgezeichnet und, sofern angemessen, öffentlich verfügbar gemacht werden. © World Medical Association, Inc. - All rights reserved. © Weltärztebund, World Medical Association, WMA – alle Rechte vorbehalten © 2013 Weltärztebund (World Medical Association, WMA), alle Rechte vorbehalten. Alle Urheberrechte der Deklaration von Helsinki liegen beim Weltärztebund. Vormalige Genehmigungen zur Veröffentlichung oder Vervielfältigung anderer WMA Positionen bis zum 1. Januar 2014 beziehen sich nicht auf diese Version der Deklaration von Helsinki. Bei weiteren Fragen, wenden Sie sich bitte an das WMA Sekretariat unter [email protected].

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16.4 G ESETZ ÜBER DEN V ERKEHR MIT ARZNEIMITTELN (ARZNEIMITTELGESETZ – AMG) [AUSZUG ] Sechster Abschnitt – Schutz des Menschen bei der klinischen Prüfung § 40 Allgemeine Voraussetzungen der klinischen Prüfung (1) Der Sponsor, der Prüfer und alle weiteren an der klinischen Prüfung beteiligten Personen haben bei der Durchführung der klinischen Prüfung eines Arzneimittels bei Menschen die Anforderungen der guten klinischen Praxis nach Maßgabe des Artikels 1 Abs. 3 der Richtlinie 2001/20/EG einzuhalten. Die klinische Prüfung eines Arzneimittels bei Menschen darf vom Sponsor nur begonnen werden, wenn die zuständige Ethik-Kommission diese nach Maßgabe des § 42 Abs. 1 zustimmend bewertet und die zuständige Bundesoberbehörde diese nach Maßgabe des § 42 Abs. 2 genehmigt hat. Die klinische Prüfung eines Arzneimittels darf bei Menschen nur durchgeführt werden, wenn und solange 1. ein Sponsor oder ein Vertreter des Sponsors vorhanden ist, der seinen Sitz in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder in einem anderen Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum hat, 2. die vorhersehbaren Risiken und Nachteile gegenüber dem Nutzen für die Person, bei der sie durchgeführt werden soll (betroffene Person), und der voraussichtlichen Bedeutung des Arzneimittels für die Heilkunde ärztlich vertretbar sind, 2a. nach dem Stand der Wissenschaft im Verhältnis zum Zweck der klinischen Prüfung eines Arzneimittels, das aus einem gentechnisch veränderten Organismus oder einer Kombination von gentechnisch veränderten Organismen besteht oder solche enthält, unvertretbare schädliche Auswirkungen auf a) die Gesundheit Dritter und

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b) die Umwelt nicht zu erwarten sind, 3. die betroffene Person a) volljährig und in der Lage ist, Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung zu erkennen und ihren Willen hiernach auszurichten, b) nach Absatz 2 Satz 1 aufgeklärt worden ist und schriftlich eingewilligt hat, soweit in Absatz 4 oder in § 41 nichts Abweichendes bestimmt ist und c) nach Absatz 2a Satz 1 und 2 informiert worden ist und schriftlich eingewilligt hat; die Einwilligung muss sich ausdrücklich auch auf die Erhebung und Verarbeitung von Angaben über die Gesundheit beziehen, 4. die betroffene Person nicht auf gerichtliche oder behördliche Anordnung in einer Anstalt untergebracht ist, 5. sie in einer geeigneten Einrichtung von einem angemessen qualifizierten Prüfer verantwortlich durchgeführt wird und die Prüfung von einem Prüfer mit mindestens zweijähriger Erfahrung in der klinischen Prüfung von Arzneimitteln geleitet wird, 6. eine dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechende pharmakologisch-toxikologische Prüfung des Arzneimittels durchgeführt worden ist, 7. jeder Prüfer durch einen für die pharmakologisch-toxikologische Prüfung verantwortlichen Wissenschaftler über deren Ergebnisse und die voraussichtlich mit der klinischen Prüfung verbundenen Risiken informiert worden ist, 8. für den Fall, dass bei der Durchführung der klinischen Prüfung ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt wird, eine Versicherung nach Maßgabe des Absatzes 3 besteht,

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die auch Leistungen gewährt, wenn kein anderer für den Schaden haftet, und 9. für die medizinische Versorgung der betroffenen Person ein Arzt oder bei zahnmedizinischer Behandlung ein Zahnarzt verantwortlich ist. Kann die betroffene Person nicht schreiben, so kann in Ausnahmefällen statt der in Satz 3 Nummer 3 Buchstabe b und c geforderten schriftlichen Einwilligung eine mündliche Einwilligung in Anwesenheit von mindestens einem Zeugen, der auch bei der Information der betroffenen Person einbezogen war, erteilt werden. Der Zeuge darf keine bei der Prüfstelle beschäftigte Person und kein Mitglied der Prüfgruppe sein. Die mündlich erteilte Einwilligung ist schriftlich zu dokumentieren, zu datieren und von dem Zeugen zu unterschreiben. (1a) Der Prüfer bestimmt angemessen qualifizierte Mitglieder der Prüfgruppe. Er hat sie anzuleiten und zu überwachen sowie ihnen die für ihre Tätigkeit im Rahmen der Durchführung der klinischen Prüfung erforderlichen Informationen, insbesondere den Prüfplan und die Prüferinformation, zur Verfügung zu stellen. Der Prüfer hat mindestens einen Stellvertreter mit vergleichbarer Qualifikation zu benennen. (1b) Einer Versicherung nach Absatz 1 Satz 3 Nummer 8 bedarf es nicht bei klinischen Prüfungen mit zugelassenen Arzneimitteln, wenn die Anwendung gemäß den in der Zulassung festgelegten Angaben erfolgt und Risiken und Belastungen durch zusätzliche Untersuchungen oder durch den Therapievergleich gering sind und soweit eine anderweitige Versicherung für Prüfer und Sponsor besteht. (2) Die betroffene Person ist durch einen Prüfer, der Arzt oder, bei zahnmedizinischer Prüfung, Zahnarzt ist, oder durch ein Mitglied der Prüfgruppe, das Arzt oder, bei zahnmedizinischer Prüfung, Zahnarzt ist, über Wesen, Bedeutung, Risiken und Tragweite der klinischen Prüfung sowie über ihr Recht aufzuklären, die Teilnahme an der klinischen Prüfung jederzeit zu beenden; ihr ist eine allgemein verständliche Aufklärungsunterlage auszuhändigen. Der betroffenen Person ist ferner Gelegenheit zu einem Beratungsgespräch mit einem Prüfer oder einem Mitglied der Prüfgruppe, das Arzt oder, bei zahnmedizinischer Prüfung, Zahnarzt ist, über die sonstigen Bedingungen der Durchführung der klinischen Prüfung zu geben. Eine nach Absatz 1 Satz 3 Nummer 3 Buchstabe b erklärte Einwilligung in die Teilnahme an einer

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klinischen Prüfung kann jederzeit gegenüber dem Prüfer oder einem Mitglied der Prüfgruppe schriftlich oder mündlich widerrufen werden, ohne dass der betroffenen Person dadurch Nachteile entstehen dürfen. (2a) Die betroffene Person ist über Zweck und Umfang der Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten, insbesondere von Gesundheitsdaten zu informieren. Sie ist insbesondere darüber zu informieren, dass 1. die erhobenen Daten soweit erforderlich a) zur Einsichtnahme durch die Überwachungsbehörde oder Beauftragte des Sponsors zur Überprüfung der ordnungsgemäßen Durchführung der klinischen Prüfung bereitgehalten werden, b) pseudonymisiert an den Sponsor oder eine von diesem beauftragte Stelle zum Zwecke der wissenschaftlichen Auswertung weitergegeben werden, c) im Falle eines Antrags auf Zulassung pseudonymisiert an den Antragsteller und die für die Zulassung zuständige Behörde weitergegeben werden, d) im Falle unerwünschter Ereignisse des zu prüfenden Arzneimittels pseudonymisiert an den Sponsor und die zuständige Bundesoberbehörde sowie von dieser an die Europäische Datenbank weitergegeben werden, 2. die Einwilligung nach Absatz 1 Satz 3 Nr. 3 Buchstabe c unwiderruflich ist, 3. im Falle eines Widerrufs der nach Absatz 1 Satz 3 Nr. 3 Buchstabe b erklärten Einwilligung die gespeicherten Daten weiterhin verwendet werden dürfen, soweit dies erforderlich ist, um a) Wirkungen des zu prüfenden Arzneimittels festzustellen, b) sicherzustellen, dass schutzwürdige Interessen der betroffenen Person nicht beeinträchtigt werden, c) der Pflicht zur Vorlage vollständiger Zulassungsunterlagen zu genügen,

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4. die Daten bei den genannten Stellen für die auf Grund des § 42 Abs. 3 bestimmten Fristen gespeichert werden. Im Falle eines Widerrufs der nach Absatz 1 Satz 3 Nr. 3 Buchstabe b erklärten Einwilligung haben die verantwortlichen Stellen unverzüglich zu prüfen, inwieweit die gespeicherten Daten für die in Satz 2 Nr. 3 genannten Zwecke noch erforderlich sein können. Nicht mehr benötigte Daten sind unverzüglich zu löschen. Im Übrigen sind die erhobenen personenbezogenen Daten nach Ablauf der auf Grund des § 42 Abs. 3 bestimmten Fristen zu löschen, soweit nicht gesetzliche, satzungsmäßige oder vertragliche Aufbewahrungsfristen entgegenstehen. (3) Die Versicherung nach Absatz 1 Satz 3 Nr. 8 muss zugunsten der von der klinischen Prüfung betroffenen Personen bei einem in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder einem anderen Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum zum Geschäftsbetrieb zugelassenen Versicherer genommen werden. Ihr Umfang muss in einem angemessenen Verhältnis zu den mit der klinischen Prüfung verbundenen Risiken stehen und auf der Grundlage der Risikoabschätzung so festgelegt werden, dass für jeden Fall des Todes oder der dauernden Erwerbsunfähigkeit einer von der klinischen Prüfung betroffenen Person mindestens 500 000 Euro zur Verfügung stehen. Soweit aus der Versicherung geleistet wird, erlischt ein Anspruch auf Schadensersatz. (4) Auf eine klinische Prüfung bei Minderjährigen finden die Absätze 1 bis 3 mit folgender Maßgabe Anwendung: 1. Das Arzneimittel muss zum Erkennen oder zum Verhüten von Krankheiten bei Minderjährigen bestimmt und die Anwendung des Arzneimittels nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft angezeigt sein, um bei dem Minderjährigen Krankheiten zu erkennen oder ihn vor Krankheiten zu schützen. Angezeigt ist das Arzneimittel, wenn seine Anwendung bei dem Minderjährigen medizinisch indiziert ist. 2. Die klinische Prüfung an Erwachsenen oder andere Forschungsmethoden dürfen nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft keine ausreichenden Prüfergebnisse erwarten lassen.

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3. Die Einwilligung wird durch den gesetzlichen Vertreter abgegeben, nachdem er entsprechend Absatz 2 aufgeklärt worden ist. Sie muss dem mutmaßlichen Willen des Minderjährigen entsprechen, soweit ein solcher feststellbar ist. Der Minderjährige ist vor Beginn der klinischen Prüfung von einem im Umgang mit Minderjährigen erfahrenen Prüfer, der Arzt oder, bei zahnmedizinischer Prüfung, Zahnarzt ist, oder einem entsprechend erfahrenen Mitglied der Prüfgruppe, das Arzt oder, bei zahnmedizinischer Prüfung, Zahnarzt ist, über die Prüfung, die Risiken und den Nutzen aufzuklären, soweit dies im Hinblick auf sein Alter und seine geistige Reife möglich ist; erklärt der Minderjährige, nicht an der klinischen Prüfung teilnehmen zu wollen, oder bringt er dies in sonstiger Weise zum Ausdruck, so ist dies zu beachten. Ist der Minderjährige in der Lage, Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung zu erkennen und seinen Willen hiernach auszurichten, so ist auch seine Einwilligung erforderlich. Eine Gelegenheit zu einem Beratungsgespräch nach Absatz 2 Satz 2 ist neben dem gesetzlichen Vertreter auch dem Minderjährigen zu eröffnen. 4. Die klinische Prüfung darf nur durchgeführt werden, wenn sie für die betroffene Person mit möglichst wenig Belastungen und anderen vorhersehbaren Risiken verbunden ist; sowohl der Belastungsgrad als auch die Risikoschwelle müssen im Prüfplan eigens definiert und vom Prüfer ständig überprüft werden. 5. Vorteile mit Ausnahme einer angemessenen Entschädigung dürfen nicht gewährt werden. (5) Der betroffenen Person, ihrem gesetzlichen Vertreter oder einem von ihr Bevollmächtigten steht eine zuständige Kontaktstelle zur Verfügung, bei der Informationen über alle Umstände, denen eine Bedeutung für die Durchführung einer klinischen Prüfung beizumessen ist, eingeholt werden können. Die Kontaktstelle ist bei der jeweils zuständigen Bundesoberbehörde einzurichten.

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§ 41 Besondere Voraussetzungen der klinischen Prüfung (1) Auf eine klinische Prüfung bei einer volljährigen Person, die an einer Krankheit leidet, zu deren Behandlung das zu prüfende Arzneimittel angewendet werden soll, findet § 40 Abs. 1 bis 3 mit folgender Maßgabe Anwendung: 1. Die Anwendung des zu prüfenden Arzneimittels muss nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft angezeigt sein, um das Leben dieser Person zu retten, ihre Gesundheit wiederherzustellen oder ihr Leiden zu erleichtern, oder 2. sie muss für die Gruppe der Patienten, die an der gleichen Krankheit leiden wie diese Person, mit einem direkten Nutzen verbunden sein. Kann die Einwilligung wegen einer Notfallsituation nicht eingeholt werden, so darf eine Behandlung, die ohne Aufschub erforderlich ist, um das Leben der betroffenen Person zu retten, ihre Gesundheit wiederherzustellen oder ihr Leiden zu erleichtern, umgehend erfolgen. Die Einwilligung zur weiteren Teilnahme ist einzuholen, sobald dies möglich und zumutbar ist. (2) Auf eine klinische Prüfung bei einem Minderjährigen, der an einer Krankheit leidet, zu deren Behandlung das zu prüfende Arzneimittel angewendet werden soll, findet § 40 Abs. 1 bis 4 mit folgender Maßgabe Anwendung: 1. Die Anwendung des zu prüfenden Arzneimittels muss nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft angezeigt sein, um das Leben der betroffenen Person zu retten, ihre Gesundheit wiederherzustellen oder ihr Leiden zu erleichtern, oder 2. a) die klinische Prüfung muss für die Gruppe der Patienten, die an der gleichen Krankheit leiden wie die betroffene Person, mit einem direkten Nutzen verbunden sein,

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b) die Forschung muss für die Bestätigung von Daten, die bei klinischen Prüfungen an anderen Personen oder mittels anderer Forschungsmethoden gewonnen wurden, unbedingt erforderlich sein, c) die Forschung muss sich auf einen klinischen Zustand beziehen, unter dem der betroffene Minderjährige leidet und d) die Forschung darf für die betroffene Person nur mit einem minimalen Risiko und einer minimalen Belastung verbunden sein; die Forschung weist nur ein minimales Risiko auf, wenn nach Art und Umfang der Intervention zu erwarten ist, dass sie allenfalls zu einer sehr geringfügigen und vorübergehenden Beeinträchtigung der Gesundheit der betroffenen Person führen wird; sie weist eine minimale Belastung auf, wenn zu erwarten ist, dass die Unannehmlichkeiten für die betroffene Person allenfalls vorübergehend auftreten und sehr geringfügig sein werden. Satz 1 Nr. 2 gilt nicht für Minderjährige, für die nach Erreichen der Volljährigkeit Absatz 3 Anwendung finden würde. (3) Auf eine klinische Prüfung bei einer volljährigen Person, die nicht in der Lage ist, Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung zu erkennen und ihren Willen hiernach auszurichten und die an einer Krankheit leidet, zu deren Behandlung das zu prüfende Arzneimittel angewendet werden soll, findet § 40 Abs. 1 bis 3 mit folgender Maßgabe Anwendung: 1. Die Anwendung des zu prüfenden Arzneimittels muss nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft angezeigt sein, um das Leben der betroffenen Person zu retten, ihre Gesundheit wiederherzustellen oder ihr Leiden zu erleichtern; außerdem müssen sich derartige Forschungen unmittelbar auf einen lebensbedrohlichen oder sehr geschwächten klinischen Zustand beziehen, in dem sich die betroffene Person befindet, und die klinische Prüfung muss für die betroffene Person mit möglichst wenig Belastungen und anderen vorhersehbaren Risiken verbunden sein; sowohl der Belastungsgrad als auch die Risikoschwelle müssen im Prüfplan eigens definiert und vom Prüfer ständig überprüft werden. Die kli-

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nische Prüfung darf nur durchgeführt werden, wenn die begründete Erwartung besteht, dass der Nutzen der Anwendung des Prüfpräparates für die betroffene Person die Risiken überwiegt oder keine Risiken mit sich bringt. 2. Die Einwilligung wird durch den gesetzlichen Vertreter oder Bevollmächtigten abgegeben, nachdem er entsprechend § 40 Abs. 2 aufgeklärt worden ist. § 40 Abs. 4 Nr. 3 Satz 2, 3 und 5 gilt entsprechend. 3. Die Forschung muss für die Bestätigung von Daten, die bei klinischen Prüfungen an zur Einwilligung nach Aufklärung fähigen Personen oder mittels anderer Forschungsmethoden gewonnen wurden, unbedingt erforderlich sein. § 40 Abs. 4 Nr. 2 gilt entsprechend. 4. Vorteile mit Ausnahme einer angemessenen Entschädigung dürfen nicht gewährt werden. § 41a Registrierungsverfahren für Ethik-Kommissionen (1) An dem Verfahren zur Bewertung eines Antrags auf Genehmigung einer klinischen Prüfung nach der Verordnung (EU) Nr. 536/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. April 2014 über klinische Prüfungen mit Humanarzneimitteln und zur Aufhebung der Richtlinie 2001/20/EG (ABl. L 158 vom 27.5.2014, S. 1) dürfen nur öffentlich-rechtliche EthikKommissionen der Länder teilnehmen, die nach Landesrecht für die Prüfung und Bewertung klinischer Prüfungen bei Menschen zuständig sind und nach den Absätzen 2 bis 5 registriert sind. (2) Der Antrag auf Registrierung ist vom jeweiligen Träger der öffentlichrechtlichen Ethik-Kommissionen der Länder bei dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu stellen. (3) Im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut genehmigt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Antrag auf Registrierung, wenn folgende Voraussetzungen durch geeignete Unterlagen nachgewiesen werden: 1. die erforderliche aktuelle wissenschaftliche Expertise der Mitglieder sowie der externen Sachverständigen,

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2. die interdisziplinäre Zusammensetzung der Ethik-Kommission unter Beteiligung von je mindestens einem Juristen, einer Person mit wissenschaftlicher oder beruflicher Erfahrung auf dem Gebiet der Ethik in der Medizin, einer Person mit Erfahrung auf dem Gebiet der Versuchsplanung und Statistik, drei Ärzten, die über Erfahrungen in der klinischen Medizin verfügen, davon ein Facharzt für klinische Pharmakologie oder für Pharmakologie und Toxikologie, sowie einem Laien, 3. der Ethik-Kommission gehören weibliche und männliche Mitglieder an und bei der Auswahl der Mitglieder und externen Sachverständigen werden Frauen und Männer mit dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe gleichermaßen berücksichtigt, 4. eine Geschäftsordnung, die insbesondere verpflichtende Regelungen zur Arbeitsweise der Ethik-Kommission trifft; dazu gehören insbesondere Regelungen zur Geschäftsführung, zum Vorsitz, zur Vorbereitung von Beschlüssen, zur Beschlussfassung sowie zur Ehrenamtlichkeit und Verschwiegenheitspflicht der Mitglieder und externen Sachverständigen, 5. eine Geschäftsstelle mit dem für die Organisation der Aufgaben der Ethik-Kommission erforderlichen qualifizierten Personal, 6. eine sachliche Ausstattung, die es ermöglicht, kurzfristig Abstimmungsverfahren durchzuführen und fristgerecht Stellungnahmen und Bewertungsberichte zu erstellen, 7. die Ethik-Kommission holt zu jedem Antrag Unabhängigkeitserklärungen der beteiligten Mitglieder und externen Sachverständigen ein, die beinhalten, dass diese keine finanziellen oder persönlichen Interessen, die Auswirkungen auf ihre Unparteilichkeit haben könnten, haben. (4) Registrierte Ethik-Kommissionen teilen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Änderungen, die die Voraussetzungen der Registrierung betreffen, unverzüglich mit. (5) Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte kann im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut das Ruhen der Registrierung an-

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ordnen oder die Registrierung aufheben, wenn bekannt wird, dass die Voraussetzungen zur Registrierung nicht oder nicht mehr vorliegen oder wenn ein Verstoß gegen die nach § 41b Absatz 1 festgelegte Verfahrensordnung vorliegt. (6) Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte veröffentlicht eine Liste der registrierten Ethik-Kommissionen im Bundesanzeiger. Personenbezogene Daten dürfen nur mit Einwilligung der jeweiligen Person veröffentlicht werden. Die Liste ist regelmäßig zu aktualisieren. § 41b Verfahrensordnung und Geschäftsverteilungsplan (1) Das Bundesministerium erstellt durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates eine Verfahrensordnung über die Zusammenarbeit der Bundesoberbehörden und der registrierten Ethik-Kommissionen bei der Bearbeitung von Anträgen auf die Genehmigung von klinischen Prüfungen nach der Verordnung (EU) Nr. 536/2014. In der Verfahrensordnung werden insbesondere die Einzelheiten des Registrierungsverfahrens, die Fristen für die Stellungnahmen der registrierten Ethik-Kommissionen, die festen Gebührensätze oder Rahmensätze jeweils nach dem Personal- und Sachaufwand für die Stellungnahmen und Bewertungsberichte der registrierten Ethik-Kommissionen, die Kriterien für einen Geschäftsverteilungsplan einschließlich der für die Verteilung der zu bearbeitenden Anträge maßgeblichen Faktoren sowie die Zuständigkeiten bestimmt, vom Sponsor zusätzliche Informationen nach der Verordnung (EU) Nr. 536/2014 zu ersuchen. (2) Die bis zum 30. September 2017 registrierten Ethik-Kommissionen oder eine von ihnen benannte Stelle erlassen bis zum 1. Januar 2018 einen gemeinsamen Geschäftsverteilungsplan für alle registrierten Ethik-Kommissionen. Dieser ist jährlich zum 1. Januar zu aktualisieren. Der Geschäftsverteilungsplan kann in besonderen Fällen abweichend von Satz 2 aktualisiert und geändert werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte veröffentlicht den jeweils aktuellen Geschäftsverteilungsplan. Personenbezogene Daten dürfen nur mit Einwilligung der jeweiligen Person veröffentlicht werden.

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§ 41c Verordnungsermächtigung Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung, die nicht der Zustimmung des Bundesrates bedarf, eine Bundes-Ethik-Kommission bei dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und dem PaulEhrlich-Institut einzurichten, wenn dies erforderlich ist, um die Bearbeitung der in der Verordnung (EU) Nr. 536/2014 geregelten Verfahren sicherzustellen. Für die Bundes-Ethik-Kommission gelten die Vorgaben dieses Abschnitts mit der Maßgabe, dass die Bundes-Ethik-Kommission als registriert gilt, entsprechend. § 42 Verfahren bei der Ethik-Kommission, Genehmigungsverfahren bei der Bundesoberbehörde (1) Die nach § 40 Abs. 1 Satz 2 erforderliche zustimmende Bewertung der Ethik-Kommission ist vom Sponsor bei der nach Landesrecht für den Prüfer zuständigen unabhängigen interdisziplinär besetzten Ethik-Kommission zu beantragen. Wird die klinische Prüfung von mehreren Prüfern durchgeführt, so ist der Antrag bei der für den Leiter der klinischen Prüfung zuständigen unabhängigen Ethik-Kommission zu stellen. Das Nähere zur Bildung, Zusammensetzung und Finanzierung der Ethik-Kommission wird durch Landesrecht bestimmt. Der Sponsor hat der Ethik-Kommission alle Angaben und Unterlagen vorzulegen, die diese zur Bewertung benötigt. Zur Bewertung der Unterlagen kann die Ethik-Kommission eigene wissenschaftliche Erkenntnisse verwerten, Sachverständige beiziehen oder Gutachten anfordern. Sie hat Sachverständige beizuziehen oder Gutachten anzufordern, wenn es sich um eine klinische Prüfung bei Minderjährigen handelt und sie nicht über eigene Fachkenntnisse auf dem Gebiet der Kinderheilkunde, einschließlich ethischer und psychosozialer Fragen der Kinderheilkunde, verfügt oder wenn es sich um eine klinische Prüfung von xenogenen Arzneimitteln oder Gentherapeutika handelt. Die zustimmende Bewertung darf nur versagt werden, wenn 1. die vorgelegten Unterlagen auch nach Ablauf einer dem Sponsor gesetzten angemessenen Frist zur Ergänzung unvollständig sind,

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2. die vorgelegten Unterlagen einschließlich des Prüfplans, der Prüferinformation und der Modalitäten für die Auswahl der Prüfungsteilnehmer nicht dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen, insbesondere die klinische Prüfung ungeeignet ist, den Nachweis der Unbedenklichkeit oder Wirksamkeit eines Arzneimittels einschließlich einer unterschiedlichen Wirkungsweise bei Frauen und Männern zu erbringen, oder 3. die in § 40 Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 bis 9, Abs. 4 und § 41 geregelten Anforderungen nicht erfüllt sind. Das Nähere wird in der Rechtsverordnung nach Absatz 3 bestimmt. Die Ethik-Kommission hat eine Entscheidung über den Antrag nach Satz 1 innerhalb einer Frist von höchstens 60 Tagen nach Eingang der erforderlichen Unterlagen zu übermitteln, die nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach Absatz 3 verlängert oder verkürzt werden kann; für die Prüfung xenogener Arzneimittel gibt es keine zeitliche Begrenzung für den Genehmigungszeitraum. (2) Die nach § 40 Abs. 1 Satz 2 erforderliche Genehmigung der zuständigen Bundesoberbehörde ist vom Sponsor bei der zuständigen Bundesoberbehörde zu beantragen. Der Sponsor hat dabei alle Angaben und Unterlagen vorzulegen, die diese zur Bewertung benötigt, insbesondere die Ergebnisse der analytischen und der pharmakologisch-toxikologischen Prüfung sowie den Prüfplan und die klinischen Angaben zum Arzneimittel einschließlich der Prüferinformation. Die Genehmigung darf nur versagt werden, wenn 1. die vorgelegten Unterlagen auch nach Ablauf einer dem Sponsor gesetzten angemessenen Frist zur Ergänzung unvollständig sind, 2. die vorgelegten Unterlagen, insbesondere die Angaben zum Arzneimittel und der Prüfplan einschließlich der Prüferinformation nicht dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen, insbesondere die klinische Prüfung ungeeignet ist, den Nachweis der Unbedenklichkeit oder Wirksamkeit eines Arzneimittels einschließlich einer unterschiedlichen Wirkungsweise bei Frauen und Männern zu erbringen,

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3. die in § 40 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1, 2, 2a und 6, bei xenogenen Arzneimitteln auch die in Nummer 8 geregelten Anforderungen insbesondere im Hinblick auf eine Versicherung von Drittrisiken nicht erfüllt sind, 4. der zuständigen Bundesoberbehörde Erkenntnisse vorliegen, dass die Prüfeinrichtung für die Durchführung der klinischen Prüfung nicht geeignet ist oder dass von dieser die in Nummer 2 bezeichneten Anforderungen an die klinische Prüfung nicht eingehalten werden können oder 5. die in § 40 Absatz 4 oder § 41 geregelten Anforderungen nicht erfüllt sind. Die Genehmigung gilt als erteilt, wenn die zuständige Bundesoberbehörde dem Sponsor innerhalb von höchstens 30 Tagen nach Eingang der Antragsunterlagen keine mit Gründen versehenen Einwände übermittelt. Wenn der Sponsor auf mit Gründen versehene Einwände den Antrag nicht innerhalb einer Frist von höchstens 90 Tagen entsprechend abgeändert hat, gilt der Antrag als abgelehnt. Das Nähere wird in der Rechtsverordnung nach Absatz 3 bestimmt. Abweichend von Satz 4 darf die klinische Prüfung von Arzneimitteln, 1. die unter die Nummer 1 des Anhangs der Verordnung (EG) Nr. 726/2004 fallen, 2. die Arzneimittel für neuartige Therapien, xenogene Arzneimittel sind, 3. die genetisch veränderte Organismen enthalten oder 4. deren Wirkstoff ein biologisches Produkt menschlichen oder tierischen Ursprungs ist oder biologische Bestandteile menschlichen oder tierischen Ursprungs enthält oder zu seiner Herstellung derartige Bestandteile erfordert, nur begonnen werden, wenn die zuständige Bundesoberbehörde dem Sponsor eine schriftliche Genehmigung erteilt hat. Die zuständige Bundesoberbehörde hat eine Entscheidung über den Antrag auf Genehmigung von Arzneimitteln nach Satz 7 Nr. 2 bis 4 innerhalb einer Frist von höchstens 60

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Tagen nach Eingang der in Satz 2 genannten erforderlichen Unterlagen zu treffen, die nach Maßgabe einer Rechtsverordnung nach Absatz 3 verlängert oder verkürzt werden kann; für die Prüfung xenogener Arzneimittel gibt es keine zeitliche Begrenzung für den Genehmigungszeitraum. (2a) Die für die Genehmigung einer klinischen Prüfung nach Absatz 2 zuständige Bundesoberbehörde unterrichtet die nach Absatz 1 zuständige Ethik-Kommission, sofern ihr Informationen zu anderen klinischen Prüfungen vorliegen, die für die Bewertung der von der Ethik-Kommission begutachteten Prüfung von Bedeutung sind; dies gilt insbesondere für Informationen über abgebrochene oder sonst vorzeitig beendete Prüfungen. Dabei unterbleibt die Übermittlung personenbezogener Daten, ferner sind Betriebsund Geschäftsgeheimnisse dabei zu wahren. (3) Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates Regelungen zur Gewährleistung der ordnungsgemäßen Durchführung der klinischen Prüfung und der Erzielung dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechender Unterlagen zu treffen. In der Rechtsverordnung können insbesondere Regelungen getroffen werden über: 1. die Aufgaben und Verantwortungsbereiche des Sponsors, der Prüfer oder anderer Personen, die die klinische Prüfung durchführen oder kontrollieren einschließlich von Anzeige-, Dokumentations- und Berichtspflichten insbesondere über Nebenwirkungen und sonstige unerwünschte Ereignisse, die während der Studie auftreten und die Sicherheit der Studienteilnehmer oder die Durchführung der Studie beeinträchtigen könnten, 2. die Aufgaben der und das Verfahren bei Ethik-Kommissionen einschließlich der einzureichenden Unterlagen, auch mit Angaben zur angemessenen Beteiligung von Frauen und Männern als Prüfungsteilnehmerinnen und Prüfungsteilnehmer, der Unterbrechung oder Verlängerung oder Verkürzung der Bearbeitungsfrist und der besonderen Anforderungen an die Ethik-Kommissionen bei klinischen Prüfungen nach § 40 Abs. 4 und § 41 Abs. 2 und 3, 3. die Aufgaben der zuständigen Behörden und das behördliche Genehmigungsverfahren einschließlich der einzureichenden Unterlagen, auch mit Angaben zur angemessenen Beteiligung von Frauen und Männern als

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Prüfungsteilnehmerinnen und Prüfungsteilnehmer, und der Unterbrechung oder Verlängerung oder Verkürzung der Bearbeitungsfrist, das Verfahren zur Überprüfung von Unterlagen in Betrieben und Einrichtungen sowie die Voraussetzungen und das Verfahren für Rücknahme, Widerruf und Ruhen der Genehmigung oder Untersagung einer klinischen Prüfung, 4. die Anforderungen an die Prüfeinrichtung und an das Führen und Aufbewahren von Nachweisen, 5. die Übermittlung von Namen und Sitz des Sponsors und des verantwortlichen Prüfers und nicht personenbezogener Angaben zur klinischen Prüfung sowie Ergebnissen der klinischen Prüfung von der zuständigen Behörde an eine europäische Datenbank, 6. die Befugnisse zur Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten, soweit diese für die Durchführung und Überwachung der klinischen Prüfung erforderlich sind; dies gilt auch für die Verarbeitung von Daten, die nicht in Dateien verarbeitet oder genutzt werden, 7. soweit Arzneimittel betroffen sind, die aus einem gentechnisch veränderten Organismus oder einer Kombination von gentechnisch veränderten Organismen bestehen oder solche enthalten, a) die Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten, soweit diese für die Abwehr von Gefahren für die Gesundheit Dritter oder für die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge erforderlich sind, b) die Aufgaben und Befugnisse der Behörden zur Abwehr von Gefahren für die Gesundheit Dritter und für die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge, c) die Übermittlung von Daten in eine öffentlich zugängliche europäische Datenbank und d) den Informationsaustausch mit der Europäischen Kommission;

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ferner kann die Weiterleitung von Unterlagen und Ausfertigungen der Entscheidungen an die zuständigen Behörden und die für die Prüfer zuständigen Ethik-Kommissionen bestimmt sowie vorgeschrieben werden, dass Unterlagen auf elektronischen Speichermedien eingereicht werden. In der Rechtsverordnung sind für zugelassene Arzneimittel Ausnahmen entsprechend der Richtlinie 2001/20/EG vorzusehen. § 42a Rücknahme, Widerruf und Ruhen der Genehmigung oder der zustimmenden Bewertung (1) Die Genehmigung ist zurückzunehmen, wenn bekannt wird, dass ein Versagungsgrund nach § 42 Abs. 2 Satz 3 Nr. 1, Nr. 2 oder Nr. 3 bei der Erteilung vorgelegen hat; sie ist zu widerrufen, wenn nachträglich Tatsachen eintreten, die die Versagung nach § 42 Abs. 2 Satz 3 Nr. 2, Nr. 3, Nummer 4 oder Nummer 5 rechtfertigen würden. In den Fällen des Satzes 1 kann auch das Ruhen der Genehmigung befristet angeordnet werden. (2) Die zuständige Bundesoberbehörde kann die Genehmigung widerrufen, wenn die Gegebenheiten der klinischen Prüfung nicht mit den Angaben im Genehmigungsantrag übereinstimmen oder wenn Tatsachen Anlass zu Zweifeln an der Unbedenklichkeit oder der wissenschaftlichen Grundlage der klinischen Prüfung geben. In diesem Fall kann auch das Ruhen der Genehmigung befristet angeordnet werden. Die zuständige Bundesoberbehörde unterrichtet unter Angabe der Gründe unverzüglich die anderen für die Überwachung zuständigen Behörden und Ethik-Kommissionen sowie die Europäische Kommission und die Europäische Arzneimittel-Agentur. (3) Vor einer Entscheidung nach den Absätzen 1 und 2 ist dem Sponsor Gelegenheit zur Stellungnahme innerhalb einer Frist von einer Woche zu geben. § 28 Abs. 2 Nr. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes gilt entsprechend. Ordnet die zuständige Bundesoberbehörde die sofortige Unterbrechung der Prüfung an, so übermittelt sie diese Anordnung unverzüglich dem Sponsor. Widerspruch und Anfechtungsklage gegen den Widerruf, die Rücknahme oder die Anordnung des Ruhens der Genehmigung sowie gegen Anordnungen nach Absatz 5 haben keine aufschiebende Wirkung. (4) Ist die Genehmigung einer klinischen Prüfung zurückgenommen oder widerrufen oder ruht sie, so darf die klinische Prüfung nicht fortgesetzt werden.

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(4a) Die zustimmende Bewertung durch die zuständige Ethik-Kommission ist zurückzunehmen, wenn die Ethik-Kommission nachträglich davon Kenntnis erlangt, dass ein Versagungsgrund nach § 42 Absatz 1 Satz 7 vorgelegen hat; sie ist zu widerrufen, wenn die Ethik-Kommission davon Kenntnis erlangt, dass nachträglich 1. die Anforderungen an die Eignung des Prüfers, seines Stellvertreters oder der Prüfstelle nicht mehr gegeben sind, 2. keine ordnungsgemäße Probandenversicherung mehr besteht oder die Voraussetzungen für eine Ausnahme von der Versicherungspflicht nicht mehr vorliegen, 3. die Modalitäten für die Auswahl der Prüfungsteilnehmer nicht mehr dem Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechen, insbesondere die klinische Prüfung ungeeignet ist, den Nachweis der Unbedenklichkeit oder der Wirksamkeit eines Arzneimittels einschließlich einer unterschiedlichen Wirkungsweise bei Frauen und Männern zu erbringen, oder 4. die Voraussetzungen für die Einbeziehung von Personen nach § 40 Absatz 4 oder § 41 nicht mehr gegeben sind. Die Absätze 3 und 4 gelten entsprechend. Die zuständige Ethik-Kommission unterrichtet unter Angabe der Gründe unverzüglich die zuständige Bundesoberbehörde und die anderen für die Überwachung zuständigen Behörden. (5) Wenn der zuständigen Bundesoberbehörde im Rahmen ihrer Tätigkeit Tatsachen bekannt werden, die die Annahme rechtfertigen, dass der Sponsor, ein Prüfer oder ein anderer Beteiligter seine Verpflichtungen im Rahmen der ordnungsgemäßen Durchführung der klinischen Prüfung nicht mehr erfüllt, informiert die zuständige Bundesoberbehörde die betreffende Person unverzüglich und ordnet die von dieser Person durchzuführenden Abhilfemaßnahmen an; betrifft die Maßnahme nicht den Sponsor, so ist dieser von der Anordnung zu unterrichten. Maßnahmen der zuständigen Überwachungsbehörde gemäß § 69 bleiben davon unberührt.

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§ 42b Veröffentlichung der Ergebnisse klinischer Prüfungen (1) Pharmazeutische Unternehmer, die im Geltungsbereich dieses Gesetzes ein Arzneimittel in den Verkehr bringen, das der Pflicht zur Zulassung oder Genehmigung für das Inverkehrbringen unterliegt und zur Anwendung bei Menschen bestimmt ist, haben Berichte über alle Ergebnisse konfirmatorischer klinischer Prüfungen zum Nachweis der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der zuständigen Bundesoberbehörde zur Eingabe in die Datenbank nach § 67a Absatz 2 zur Verfügung zu stellen. Diese Berichte sind innerhalb von sechs Monaten nach Erteilung oder Änderung, soweit die Änderung auf konfirmatorischen klinischen Prüfungen beruht der Zulassung oder der Genehmigung für das Inverkehrbringen zur Verfügung zu stellen. (2) Wird eine klinische Prüfung mit einem bereits zugelassenen oder für das Inverkehrbringen genehmigten Arzneimittel durchgeführt und wird dieses nicht als Vergleichspräparat eingesetzt, hat der Sponsor die Ergebnisse der klinischen Prüfung innerhalb eines Jahres nach ihrer Beendigung entsprechend Absatz 1 zur Verfügung zu stellen. (3) Die Berichte nach den Absätzen 1 und 2 müssen alle Ergebnisse der klinischen Prüfungen unabhängig davon, ob sie günstig oder ungünstig sind, enthalten. Es sind ferner Aussagen zu nachträglichen wesentlichen Prüfplanänderungen sowie Unterbrechungen und Abbrüchen der klinischen Prüfung in den Bericht aufzunehmen. Im Übrigen ist der Ergebnisbericht gemäß den Anforderungen der Guten Klinischen Praxis abzufassen. Mit Ausnahme des Namens und der Anschrift des pharmazeutischen Unternehmers oder des Sponsors sowie der Angabe des Namens und der Anschrift von nach § 4a des Bundesdatenschutzgesetzes einwilligender Prüfärzte dürfen die Berichte nach Satz 1 keine personenbezogenen, insbesondere patientenbezogenen Daten enthalten. Der Bericht kann in deutscher oder englischer Sprache verfasst sein. § 63b Absatz 3 Satz 1 ist nicht anzuwenden. Die Vorschriften zum Schutz des geistigen Eigentums und zum Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen bleiben ebenso wie die §§ 24a und 24b unberührt.

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16.5 STELLUNGNAHME DES KOMITEES FÜR ETHISCHE ÜBERLEGUNGEN ZUR REVISION DER DHHS- REGELUNGEN FÜR DEN SCHUTZ VON GEFANGENEN, DIE IN FORSCHUNGSVORHABEN INVOLVIERT SIND3 Das Komitee für Ethische Überlegungen zur Revision der DHHS- Regelungen für den Schutz von Gefangenen, die in Forschungsvorhaben involviert sind, hat im Zuge seiner Arbeit Befragungen mit dem Personal der Gefängnisbehörden von Kalifornien, Florida, New York, Texas, Iowa und Utah durchgeführt, sowie von den übrigen 44 Staaten, von denen 42 antworteten, Informationen erhalten. Zudem hat es die Artikel über Forschung mit Strafgefangenen von 1999 bis 2005 ausgewertet. Dies führte das Komitee zu folgenden Erkenntnissen:  Die meisten Staaten (46 von 48) erlauben Forschung, die die Bewertung administrativer Aufzeichnungen sowie die Auswertung des DOC 4- Programms umfasst.  Soziale/Verhaltensstudien nichttherapeutischer Natur, die lediglich ein minimales Risiko mit sich bringen (z.B. Befragungen, Umfragen etc.), werden gewöhnlich auch erlaubt (36 von 48 Staaten).  Ca. die Hälfte der Staaten erlaubt soziale oder Verhaltensstudien, die einen Eingriff durch einen außenstehenden unabhängigen Forscher beinhalten.  Manche Staaten (5 von 48) erlauben soziale oder Verhaltensstudien, die größere als nur minimale Risiken mit sich bringen.  Therapeutische biomedizinische Forschung ist in 15 von 48 staatlichen DOCs erlaubt. Mehrere Staaten verbieten diese Forschung durch Gesetze oder DOC- Politik,  Staaten lassen biomedizinische Studien nichttherapeutischer Art zu.  5 von 6 DOCs verbieten den Strafgefangenen die Teilnahme, wenn Geld oder andere Annehmlichkeiten dafür geboten werden.  Viele Forschungsprojekte werden im Sinne der 6 staatlichen DOCs, die auf die Tiefeninterviews reagierten, durch das interne Personal initiiert

3

Vgl. Jary (2010), S. 246–247 bzw. Gostin/Vanchieri/Pope (2007), S. 59–60 und S. 66-67.

4

Departement of Correction, Anm. der Verfasserin.

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(hauptsächlich Befragung und Bewertung). Jedes von ihnen erhält Anträge von externen Forschern. Wenn man jedoch bedenkt, dass biomedizinische Forschung in den meisten Staaten verboten ist, sind pharmazeutische Firmen gewöhnlich nicht als Quelle extramuraler Forschungsanträge erwähnt.

17. Hinweis auf Vorveröffentlichungen

Frewer, Andreas/Lehner, Anna Maria (2015): Moralische Probleme von Humanexperimenten in der Medizin. Ethik und Menschenrechte bei der Entwicklung von Forschung. In: Fiedler, Christine/Raddatz, Bettina (Hrsg.) (2015): Study Nurse/Studienassistenz. Das Kompendium für die Weiterbildung und Praxis. Springer Verlag, Heidelberg, S. 44-51. Lehner, Anna M. (2014): Perfekte Population. Wurden in DDR-Gefängnissen medizinische Versuche durchgeführt? Der Stacheldraht. Für Freiheit, Recht und Demokratie 5 (2014), S. 10. Lehner, Anna M./Frewer, Andreas (2014): Forschung gegen Menschenrechte und die Helsinki-Deklaration? Zu Gehirnstudien und Gefängnisexperimenten in den USA der Nachkriegszeit. In: Frewer, Andreas/Schmidt, Ulf (Hrsg.) (2014): Forschung als Herausforderung für Ethik und Menschenrechte. 50 Jahre Deklaration von Helsinki (19642014). Jahrbuch Medizin-Ethik, Band 27. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, S. 35-51.

18. Danksagung

Diese Arbeit wäre niemals geschrieben worden ohne die großartige Unterstützung, die ich jederzeit von vielen Seiten bekommen habe. An erster Stelle muss natürlich Herr Prof. Andreas Frewer genannt werden. Danke für Ihre ständige geduldige, professionelle Betreuung im Rahmen des EFI-Projektes »Human Rights in Healthcare« und die vielen Ratschläge, Erklärungen und Durchhalteparolen! Sie waren immer ansprechbar für mich und haben E-Mails zu jeder Uhrzeit gut gelaunt beantwortet und mir dabei auch noch immer Mut gemacht. Ich habe diese Zusammenarbeit jederzeit sehr geschätzt und möchte mich dafür herzlichst bei Ihnen bedanken! Auch dem Rest des Instituts möchte ich danken, hier vor allem Frau Dr. Leyla Fröhlich-Güzelsoy, Herrn PD Lutz Bergemann und Herrn Dr. Rainer Erices für anregende Diskussionen, kritische Nachfragen und ermunternde Ratschläge. Cornelia Geisler, B.A., Anja Koberg, M.A., Frauke Scheller, M.A. und Kerstin Wagner, M.A. im Sekretariat der Professur für Ethik in der Medizin gebührt mein ganz besonderer Dank für die Bearbeitung meiner zahlreichen Emails und Telefonanrufe, die jedes Mal unverzüglich, versehen mit einem lieben Wort, beantwortet wurden. Vor allem Frau Koberg: ohne Ihre Hilfe würde es dieses Buch nicht geben! Viel Geduld und Hilfsbereitschaft hat aber auch Frau Wieczorek vom transcript-Verlag bewiesen, danke für Ihre Unterstützung und Ausdauer. An dieser Stelle sollen auch nochmals alle Zeitzeugen erwähnt werden, die sich auf meinen Artikel im »Stacheldraht« hin gemeldet haben. Ihnen gebührt mein voller Respekt! Sie haben einen wertvollen Beitrag zu dieser Arbeit geleistet, vor allem aber waren es zutiefst ergreifende Gespräche und sehr intime Einblicke. Neben dem wissenschaftlichen Aspekt haben diese Treffen einen sehr hohen persönlichen Wert für mich. Ich bedanke mich für

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das mir entgegen gebrachte Vertrauen, ich hoffe, ich habe Sie nicht enttäuscht! Bei meinen Recherchen durfte ich so großartigen Menschen wie Herrn Kopp begegnen, der eine großartige Arbeit am Erinnerungsort Camp King (Oberursel bei Frankfurt a.M.) leistet. Das Treffen mit Ihnen hat mich persönlich sehr bereichert! In diesem Zuge möchte ich auch der Redaktion des »Stacheldraht« danken sowie den Mitarbeiter/-innen der BStU, hier sei v.a. Herr Dr. Tobias Wunschik erwähnt, die sich auch auf die unkonventionelle Art eingelassen haben. Auch Frau Dipl.-Soz.-Päd. Kornelia Beer, Frau Prof. Bernice Elger, Herrn Prof. Wolfgang U. Eckart, Herrn Prof. Ulf Schmidt, Herrn Dr. Markus Wahl und Herrn Dr. Gregor Weißflog danke ich für die kollegiale und unkomplizierte Hilfe. Schreiben musste ich diese Arbeit allein. Aber fertig geworden wäre sie nie ohne meine wunderbaren Eltern, Geschwister und meinen Lebensgefährten! Danke, dass ihr meine Launen jederzeit ertragen habt und dabei noch gute Ratschläge, ehrliche Kritik und interessierte Nachfragen hattet. Ihr habt mich motiviert und wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, Rechtschreibfehler ausgebessert und bis nach Brandenburg für ein Interview gefahren. Ihr seid toll!

Geschichtswissenschaft Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hg.)

Lexikon der »Vergangenheitsbewältigung« in Deutschland Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945 2015, 494 S., kart. 34,99 E (DE), 978-3-8376-2366-6 E-Book PDF: 34,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-2366-0

Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hg.)

Techniken der Globalisierung Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie 2016, 296 S., kart. 29,99 E (DE), 978-3-8376-3021-3 E-Book PDF: 26,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-3021-7

Alban Frei, Hannes Mangold (Hg.)

Das Personal der Postmoderne Inventur einer Epoche 2015, 272 S., kart. 19,99 E (DE), 978-3-8376-3303-0 E-Book PDF: 17,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-3303-4

Leseproben, weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten finden Sie unter www.transcript-verlag.de

Geschichtswissenschaft Manfred E.A. Schmutzer

Die Wiedergeburt der Wissenschaften im Islam Konsens und Widerspruch (idschma wa khilaf) 2015, 544 S., Hardcover 49,99 E (DE), 978-3-8376-3196-8 E-Book PDF: 49,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-3196-2

Pascal Eitler, Jens Elberfeld (Hg.)

Zeitgeschichte des Selbst Therapeutisierung — Politisierung — Emotionalisierung 2015, 394 S., kart. 34,99 E (DE), 978-3-8376-3084-8 E-Book PDF: 34,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-3084-2

Thomas Etzemüller

Auf der Suche nach dem Nordischen Menschen Die deutsche Rassenanthropologie in der modernen Welt 2015, 294 S., kart., zahlr. z.T. farb. Abb. 29,99 E (DE), 978-3-8376-3183-8 E-Book PDF: 26,99 E (DE), ISBN 978-3-8394-3183-2

Leseproben, weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten finden Sie unter www.transcript-verlag.de