Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts 9783412213138, 9783412204433

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Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts
 9783412213138, 9783412204433

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Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts

Industrielle Welt Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte Herausgegeben von Andreas Eckert und Joachim Rückert Band 77

Ute Daniel, Axel Schildt (Hg.) Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts

Ute Daniel, Axel Schildt (Hg.)

Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts

2010 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN

Gedruckt mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung, Köln

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abruf bar. Umschlagabbildung: Wahl zum 2. Bundestag am 6. September 1953: Konrad Adenauer gibt vor dem Palais Schaumburg eine Presseerklärung ab. © akg-images/Erich Lessing

© 2010 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau.de

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Gesamtherstellung: Wissenschaftlicher Bücherdienst, Köln Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier Printed in Germany ISBN 978-3-412-20443-3

Inhalt

Vorwort ......................................................................................................................................... 7 Einleitung Ute Daniel & Axel Schildt ....................................................................................................... 9

A Massenmediale Vergesellschaftung „Amerikanisierung“ als Grundzug der europäischen Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts? Jörg Requate ............................................................................................................................... 35 Information, Kommunikation, Unterhaltung. Die technische Entwicklung der Massenmedien Wolfgang König .......................................................................................................................... 59 Mediale Durchdringung des deutschen Alltags. Radio in drei politischen Systemen (1930er bis 1960er Jahre) Inge Marszolek & Adelheid von Saldern ............................................................................ 84 Die Konstruktion europäischer Fernsehpublika Uwe Hasebrink & Hanna Domeyer ................................................................................... 121 Europa und die Wirklichkeiten der Fernsehgesellschaft Knut Hickethier ....................................................................................................................... 149 Produktmedien. Zur Erkundung konjunktiver Erwartungs- und Erfahrungsräume in Europa Rainer Gries ............................................................................................................................. 175

B Medien, Recht und Politik Zwischen Nationalisierung und Internationalisierung. Europäische Auslandsberichterstattung um 1900 Dominik Geppert .................................................................................................................... 203

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Inhalt

Repräsentation und Mobilisierung. Eine Skizze zur Geschichte der Öffentlichkeit in der Sowjetunion und in Osteuropa (1917–1991) Jan C. Behrends ...................................................................................................................... 229 Zwischen Markt und Demokratie. Zur Entfaltung des Medienrechts nach 1945 Friedrich Kübler ...................................................................................................................... 255 Schweigen, Sprechen und Streiken. Die Medialisierung von Arbeitskämpfen in Westdeutschland und Dänemark von den 1950er bis in die 1970er Jahre Peter Birke ................................................................................................................................. 277

C Medienthemen – Medien als Thema Die Politik der Medien. Der Aufstieg der Massenmedien und das politische System in Deutschland und Großbritannien um 1900 Martin Kohlrausch ................................................................................................................. 305 Presse und Kanzel. Päpstliches Medienverständnis und katholische Publizistik in Deutschland (1920er–1970er Jahre) Klaus Große Kracht ............................................................................................................... 331 Die Inszenierung des Militärführers. Deutsche und britische Kriegsberichterstattung des Zweiten Weltkriegs zwischen Zensur und medialer Eigendynamik Thomas Kubetzky .................................................................................................................... 357 Wahlkampf und Medien in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Amerikanisierung, Demokratisierung oder politische Traditionskulturen? Thomas Mergel ........................................................................................................................ 382 Entgrenzte Geschichtsbilder? Fernsehen, Film und Holocaust in Europa und den USA 1945–1980 Frank Bösch .............................................................................................................................. 413 Personenregister ................................................................................................................... 438

Vorwort

Zwei große thematische Felder verbinden sich in diesem Band: zum einen die Untersuchung der Durchsetzung und immer dichteren Durchdringung moderner Gesellschaften des 20. Jahrhunderts mit Massenmedien, einer Vergesellschaftung als Medialisierung; zum anderen die Historisierung der gegenwartsbezogenen Diskussion über die europäische Integration. Denn in dieser – in starkem Maße politisch induzierten – Diskussion werden als materielle Basis der Verähnlichung europäischer Gesellschaften nicht zuletzt gleichgerichtete Trends der Massenkommunikation ausgemacht. Die Zuwendung zur europäischen Sozial- und Kulturgeschichte, die mit dem Blick auf die Massenmedien verbunden ist, kann zudem als Ausdruck des verstärkten geschichtswissenschaftlichen Interesses an einer Überwindung nationalzentrierter Fixierungen und der Gewinnung darüber hinausweisender inhaltlicher und methodologischer Perspektiven gelten. Im Rahmen des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, in dessen Auftrag dieser Band herausgegeben wird, sind die damit zusammenhängenden Forschungsfragen einer europäischen Sozialgeschichten über mehrere Jahre hinweg intensiv diskutiert worden. Die in diesem Band versammelten Beiträge von Historikerinnen und Historikern sowie Kollegen benachbarter Disziplinen nähern sich dem Generalthema auf unterschiedlichen Wegen; sie befassen sich im ersten Teil mit wesentlichen Grundlagen und Aspekten der massenmedialen Vergesellschaftung, der technischen Basis der Massenmedien, der sogenannten Amerikanisierung als säkularem Diskurs und als Chiffre längerfristiger Trends medialer Angebote sowie ihrer Nutzung bis hin zur Konstruktion von Fernsehpublika in Europa im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts; im zweiten Teil geht es um Beispiele des Zusammenhangs von Massenmedien, Recht und Politik in unterschiedlichen politischen Regimen und auf europäischer Ebene; im dritten Teil steht das Verhältnis von wichtigen Medienthemen, die zumeist auch zentrale Themen der allgemeinen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegen und zivilen politischen Auseinandersetzungen waren, und dem Diskurs über Medien im Mittelpunkt der Beiträge. Weit entfernt vom Anspruch, bereits endgültige Thesen formulieren zu können, deutet sich als Ergebnis der in diesem Band enthaltenen Beiträge, ob europäisch übergreifend, ländervergleichend oder als exemplarische Fallstudien angelegt, eine Desillusionierung – oder Korrektur – von Vorstellungen einer zunehmenden politisch-kulturellen Vereinheitlichung durch Massenmedien im europäischen Rahmen an. Auch wenn die Zahl der in diesem Band identifizierten Forschungslücken erheblich ist, zeigen die Beiträge, dass unterhalb hoch

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Vorwort

aggregierter statistischer Daten, die vor allem Angleichungen suggerieren, und neben den parallelen Großtrends der Verbreitung von Presse, Radio, Film und Fernsehen auch eine Vielzahl von national und regional höchst unterschiedlichen Formen des Umgangs mit den Massenmedien existieren, die einfache Erklärungen irritieren. Wir hoffen, mit diesem Band einige Anregungen für eine differenzierte Erforschung der Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts geben zu können. Herzlich bedanken möchten wir uns für die Unterstützung bei der Einrichtung des Manuskripts, kritische Durchsichten und die Erstellung des Personenregisters bei Rupert Marienfeld, Carmen Smiatacz und Lena Vossler in Hamburg und bei Heidi Mehrkens in Braunschweig. Unser herzlicher Dank gilt zudem der Fritz Thyssen Stiftung für die großzügige Förderung der Drucklegung. Ute Daniel (Braunschweig) und Axel Schildt (Hamburg)

Einleitung von Ute Daniel und Axel Schildt

Massenmedien als Medien, die sich in massenhafter Verbreitung an ein disperses Publikum wenden und nicht nur mit ihren Inhalten, sondern als permanenter Konsum die Lebensgewohnheiten breiter Schichten der Bevölkerung und die gesamte Kultur moderner Gesellschaften prägen, bildeten sich bereits im 19. Jahrhundert, zuerst in den USA, Frankreich und England, heran.1 Die zunehmende Alphabetisierung als Voraussetzung der Rezeption, die Professionalisierung des Journalismus, die Liberalisierung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen sowie technische Innovationen – darunter Rotationsdruck, elektrische Telegraphie, die Pressefotografie und Nachrichtenagenturen – hatten zur Wende des 20. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern das erste voll ausgebildete Ensemble von Massenmedien hervorgebracht: In den Hauptstädten erschienen Zeitungen in hoher Auflage zum Teil zwei Mal oder öfter am Tag, es gab erste moderne Illustrierte, das Kino erlebte seine Kindertage. Drei Jahrzehnte später begann der Aufstieg des Rundfunks, löste der Tonfilm den Stummfilm ab, Kennzeichen der zweiten Stufe des Ensembles der Massenmedien; das Heraufdämmern des „Fernsehzeitalters“ mit einem nun audiovisuellen Leitmedium konfigurierte dessen dritte und vorerst letzte Stufe. Nach weiteren drei bis vier Dekaden deutet sich am Ende des Jahrhunderts durch die Verschmelzung mit den Kommunikationsmedien im Zeichen der Digitalisierung und weltweiter Netze eine noch nicht näher bestimmte neue mediale Qualität an. Rückblickend sehen wir die Signaturen des 20. Jahrhunderts als Jahrhunderts der Massenmedien jedenfalls deutlich konturiert.2 Allerdings sind die europäischen Dimensionen von deren Durchsetzung nur in Umrissen bekannt, aber noch keineswegs differenziert erforscht worden. Aus den zugänglichen Statistiken – vor allem zu den elektronischen Massenmedien – erschließen sich die grundsätzlichen Muster der Verbreitung, die bei weitgehender Ähnlichkeit ein charakteristisches Nord-Süd und Ost-West-Gefälle aufwiesen, das wiederum die Unterschiede des materiellen Reichtums in Europa spiegelte. Während für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ansonsten – abgesehen von vereinzelten 1 2

Jörg Requate: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen 1995. Axel Schildt: Das Jahrhundert der Massenmedien. Ansichten einer zukünftigen Geschichte der Öffentlichkeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 27, 2001, S. 177–206; s. zur technikgeschichtlichen Dimension den Beitrag von Wolfgang König in diesem Band.

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Überblicken zu den Rahmenbedingungen3 – europäische Mediengeschichte weitgehend als Addition nationaler Darstellungen zu konstruieren wäre,4 wird die ländervergleichende Ebene zumindest vereinzelt für die zweite Hälfte des Säkulums thematisiert.5 Erst für das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts steht eine Fülle von sozial- und politikwissenschaftlicher Literatur zur Verfügung, die sich allerdings nahezu ausschließlich auf die auditiven und audiovisuellen elektronischen Massenmedien konzentriert.6 Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand dabei zur Jahrtausendwende die sogenannte Wissens- oder Informationsgesellschaft bzw. Informationsrevolution.7 Mit der Erweiterung und Ausdifferenzierung des massenmedialen Ensembles verband sich zugleich die Veränderung der öffentlichen Sphäre, die – bis hinunter zur Straßen- und Versammlungsöffentlichkeit – von den durch Massenmedien vorgegebenen Mustern zunehmend beeinflusst wurde, ohne dass die 3 4

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Eli Noam: Telecommunications in Europe. New York/Oxford 1992. Klassiker-Status hat Asa Briggs: The History of Broadcasting in the United Kingdom. Reprint Oxford (die Erstausgabe erfolgte seit den 1960er Jahren); vgl. mit Beispielen vornehmlich aus Deutschland und aus der Schweiz Kurt Imhof/Peter Schulz (Hg.): Kommunikation und Revolution. Zürich 1998; Hossein Latif: Les Médias Turcs et la Politique Européenne de la Turquie. Paris 2004. Peter J. Humphreys: Mass media and media policy in Western Europe. Manchester/New York 1996; Anthony Weymouth/Bernard Lamizet: Markets and Myths: forces for change in the media of Western Europe. London/New York 1996; Kevin Williams: European Media Studies. London 2005; Hartmut Kaelble: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart. München 2007, S. 269ff. George Wedell/Georg Luyken/Rosemarie Leonard: Mass Communications in Western Europe. An annotated Bibliography. Manchester 1985; Karen Siune/Wolfgang Truetzschler (Hg.): Dynamics of Media Politics. Broadcast and Electronic Media in Western Europe. London/Newbury Park/New Delhi 1992; Bernt Stubbe Oestergaard (Hg.): The Media in Western Europe. The Euromedia Handbook. Second Edition. London/Thousand Oaks/ New Delhi 1997; Mary Kelly/Gianpietro Mazzoleni/Denis McQuail (Hg.): The Media in Europe. Third Edition. The Euromedia Research Group. London/Thousand Oaks/New Delhi 2004. Zur Karriere der Begrifflichkeit seit den 1960er Jahren vgl. Rudolf Stichweh: Die Soziologie und die Informationsgesellschaft, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50, 1998, Sonderheft 38, S. 433–443; ders., Kultur, Wissen und die Theorien soziokultureller Evolution, in: Soziale Welt, 50, 1999, S. 459–470; Christa Maar/Hans Ulrich Obrist/Ernst Pöppel (Hg.): Weltwissen – Wissenswelt. Das globale Netz von Text und Bild. Köln 2000; Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist 2001; Richard O. Hundley u.a.: The Future of the Information Revolution in Europe. Proceedings of an International Conference. Santa Monica, CA 2001; Margit Szöllösi-Janze: Wissenschaftsgesellschaft in Deutschland. Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft, 30, 2004, S. 277–313; Roger Silverstone (Hg.): Media, Technology and Everyday Life in Europe. From Information to Communication. Aldershot/Burlington 2005.

Einleitung

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unterschiedlichen Stufen der Öffentlichkeit deshalb nivelliert worden wären.8 Die Entdeckung der Historizität von – empirisch nur in den Plural zu setzenden – Öffentlichkeiten hat sich in der Geschichtswissenschaft allmählich herumgesprochen. Aber die mittlerweile weithin geteilte Auffassung, dass Medialisierung9 ein markanter Grundzug der europäischen Moderne und ein Kern von deren Dynamik im 20. Jahrhunderts sei,10 nicht zuletzt im Blick auf die Formveränderungen der Urbanisierung und der „europäischen Stadt“, 11 geht einher mit verbreiteter begrifflicher und theoretischer Hilflosigkeit. Während vor noch nicht langer Zeit die sogenannten Medien- bzw. Kommunikationswissenschaften gänzlich ignoriert wurden, besteht heute mitunter geradezu die entgegengesetzte Tendenz, deren für partielle Untersuchungen fruchtbare systemtheoretische Ansätze einfach zu übernehmen und dadurch die Mediensphäre von der umgebenden Gesellschaft und Kultur als selbstreferenzielles System zu isolieren und zu hypostasieren.12 Die Geschichte der technisch basierten Massenmedien wird dadurch weitgehend aus ihren historischen, nationalen oder kulturellen Kontexten gelöst und ihre „Entwicklungen“ – ein historiographisch ebenso unerlässlicher wie problematischer Begriff13 – als säkulare Tendenzen beschrieben, die zusammen die so genannte Medialisierung ausmachen. Das ist analytisch selbstredend legitim und in mancher Hinsicht durchaus erkenntnisfördernd – vor allem insofern, als der Blick auf die Bedeutung gerichtet wird, die den Massenmedien im 20. Jahrhundert nicht erstmals, jedoch in 8

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Karl Christian Führer/Knut Hickethier/Axel Schildt: Öffentlichkeit – Medien – Geschichte. Konzepte der modernen Öffentlichkeit und Zugänge zu ihrer Erforschung, in: Archiv für Sozialgeschichte, 41, 2001, S. 1–38; Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973. Göttingen 2006, S. 31–86. Axel Schildt: Medialisierung und Konsumgesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bochum 2004. Zum Stand der Diskussion vgl. Ulrich Herbert: Europe in High Modernity. Reflections on a Theory of the 20th Century, in: Journal of Modern European History, 3, 2006, S. 5–21; Lutz Raphael: Ordnungsmuster der “Hochmoderne“? Die Theorie der Moderne und die Geschichte der europäischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert, in: ders./Ute Schneider: Dimensionen der Moderne. Festschrift für Christof Dipper. Frankfurt am Main u.a. 2008, S. 73–91. Adelheid von Saldern: Kommunikation in Umbruchszeiten. Die Stadt im Spannungsfeld von Kohärenz und Entgrenzung, in: dies. (Hg.): Stadt und Kommunikation in bundesrepublikanischen Umbruchszeiten. Stuttgart 2006, S. 11–44; Friedrich Lenger/Klaus Tenfelde (Hg.): Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion. Köln/Weimar/Wien 2006. Vgl. zu Tendenzen der Diskussion Fabio Crivellari/Marcus Sandl: Die Medialität der Geschichte. Forschungsstand und Perspektiven einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Geschichts- und Medienwissenschaften, in: Historische Zeitschrift, 277, 2003, S. 619–654. Siehe hierzu Wolfgang Wieland: Artikel „Entwicklung, Evolution“, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck: Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 199–228.

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besonders ausgeprägter Weise zukommt. Diese Bedeutung unter definierbare säkulare Tendenzen zu subsumieren, ist jedoch gar nicht so leicht. Einige kontinuierliche Veränderungen liegen zwar auf der Hand: allem voran die Tatsache, dass Umfang und technische ebenso wie soziale und regionale Reichweite des massenmedialen Ensembles stetig zunehmen und die Geschwindigkeit der Übermittlung steigt. Doch gilt dies auch schon für frühere Epochen, für welche von einer Medialisierung eher seltener bzw. in eingeschränkter Weise gesprochen wird. Darüber hinaus und vor allem aber ist zu fragen, ob diese Prozesse quantitativer Steigerung Medien in ihren jeweiligen historischen Kontexten einen Bedeutungszuwachs – im Sinn eines größeren Folgenreichtums – verleihen und wenn ja, worin er jeweils liegt. Werden Nachrichten wichtiger, weil sie in Echtzeit übermittelt werden? Erfahren Freizeitverhalten und -bedürfnis einen Bedeutungszuwachs, wenn Medienkonsum dabei eine größere Rolle spielt? Werden Kriege oder Wahlen von der Seite gewonnen, die die bessere Medienpolitik betreibt? Hängt die Stabilität diktatorischer Regime von ihrer Propaganda ab? Weder der Alltagsverstand noch die historische oder politik- bzw. kommunikationswissenschaftliche Forschung beantwortet diese Fragen mit einem klaren Ja – vielmehr mit einem nicht ganz so klaren „ja, vielleicht…“ oder auch mit einem klaren Nein.14 Ein kontinuierlicher Zuwachs an Bedeutung in diesen Hinsichten, also im Sinn von zunehmender Geschichtsmächtigkeit in Bereichen des individuellen, politischen oder gesellschaftlichen Lebens, ist weder plausibel noch nachweisbar. Die Krux mit dem Medialisierungsbegriff ist, dass seine Verwendung dazu neigt, entsprechende „Entwicklungen“ implizit zu unterstellen. Die historische Forschung ist also gut beraten, wenn sie ihn sparsam und kontrolliert verwendet – und ihr Augenmerk auf die konkretisierungsfähige Frage richtet, was sich dadurch, dass die Massenmedien ubiquitärer, globaler und immer schneller werden, in welcher Weise in welchen Bereichen verändert und unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen dies geschieht. Erst dann wird eine – immer wieder geforderte,15 jedoch selten eingelöste – Mediengeschichte möglich, die ihren Gegenstand in seinen Wechselwirkungen und Kontexten fasst und analysiert. Der vorliegende Band soll für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts einen Beitrag zu dieser kontextualisierten Version der Mediengeschichte liefern – und damit gleichzeitig umgekehrt zu einer mediengeschichtlichen Erweite14 Die Kommunikationsforschung hat die Vorstellung der per se gegebenen Wirkmächtigkeit der Massenmedien bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts entkräftet; vgl. hierzu Ute Daniel: Suggestive Experten: Zur Etablierung der US-amerikanischen Medienforschung in den 1930–1950er Jahren, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, 30, 2007, H.3, S. 183–198. 15 Frank Bösch: Mediengeschichte im 20. Jahrhundert. Neue Forschungen und Perspektiven, in: Neue Politische Literatur, 52, 2007, H.3, S. 409–429, hier: 428f.; Crivellari/Sandl: Medialität.

Einleitung

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rung der sogenannten allgemeinen Geschichte, die ebenfalls erst seit einigen Jahren im Entstehen begriffen ist.16 Einleitend vorauszuschicken sind grundsätzlichere Überlegungen zu zwei klärungsbedürftigen Voraussetzungen: Zum einen ist danach zu fragen, welche Bedeutung den technisch basierten Massenmedien im Zusammenhang der transnationalen und internationalen Austausch-, Wechselwirkungs- und Abgrenzungsprozesse zukommt, die für die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen und diejenige Europas im Besonderen konstitutiv sind. Denn eine der ebenso anregenden wie anspruchsvollen Herausforderungen einer Mediengeschichte im Kontext ist, ihren Gegenstand so zu konstituieren, dass ihm die den Massenmedien inhärenten trans- und internationalen Bezüge von vornherein eingeschrieben sind. Der europäische Bezug dieses Sammelbandes zielt also nicht auf den Anspruch, einen abgesteckten Bezugsraum namens „Europa“ handbuchmäßig zu erfassen. Vielmehr geht es darum, an ausgewählten Beispielen zu zeigen, wie medial vermittelte Bezugnahmen, gezielte Medienpolitik, Akteure des Medienbetriebs – wie etwa die Auslandskorrespondenten – oder die technische Infrastruktur dazu beitragen, dass Fragmentierungen und Homogenisierungen, Vernetzungen und Grenzziehungen, Angleichungen und Abgrenzungen innerhalb der Nationalstaaten und zwischen ihnen dynamisiert werden. So betrachtet lässt die mediengeschichtliche Perspektive die Grenze zwischen nationaler, trans- und internationaler Geschichte obsolet, aber gleichzeitig deutlich werden, wie sich eine territoriale politische Bezugsgröße wie Europa unter den Bedingungen entfalteter massenmedialer Ensembles konstituiert (oder eben auch nicht konstituiert). Im Anschluss daran ist zu klären, wie für die Zwecke des vorliegenden Bandes die genannte Bedingung eingelöst wird, mediengeschichtliche Analyse nicht ohne Konkretisierung ihrer kontextuellen Voraussetzungen zu betreiben. Die Tendenz, die Geschichte der Massenmedien isoliert von ihren jeweiligen historischen Kontexten zu untersuchen, verstärkt sich noch im Blick auf die europäische Dimension der Massenmedien, deren heutige unzweifelhafte Bedeutung – aus letztlich europapolitisch induziertem Erkenntnisinteresse – häufig auf das gesamte 20. Jahrhundert projiziert und damit enthistorisiert wird. Davon ist 16 Um nur einige Beispiele zu nennen: Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre. Göttingen 2006; Frank Bösch/ Norbert Frei (Hg.): Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert. Göttingen 2006; Lyn Gorman/David McLean: Media and Society in the Twentieth Century. A historical introduction. Oxford u.a. 2003; Schildt: Medialisierung; ders./Arnold Sywottek (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn 1993. Auch die neuere Kulturgeschichte des Politischen integriert die Medialität ihres Gegenstands zunehmend in dessen Konturierung; siehe etwa Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.): Was heißt Kulturgeschichte des Politischen? Berlin 2005.

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eine Spurensuche positiv abzusetzen, die sich auf die Herausbildung transnationaler europäischer Aspekte bezieht, aber eine „europäische Öffentlichkeit“ doch eher als normativen Appell versteht, der auf einer anderen Ebene als die historische Empirie angesiedelt ist, wenngleich er diese beeinflussen möchte.17 Transnationale Weiterungen waren den Massenmedien von Beginn an inhärent. Die Einrichtung von Nachrichtenagenturen und jeweiliger Korrespondentennetze für die Presseberichterstattung aus anderen europäischen Ländern im Frieden, aber auch die Prägung von positiven Helden- und Feindbildern durch die Kriegsberichterstattung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis zum Ersten Weltkrieg und durch diesen stark befördert zu einem professionell elaborierten Propagandasystem ausgebaut wurde, sind mit dem Aufstieg der Massenmedien eng verbunden.18 Vor allem die ästhetisierende Visualisierung und eine enorme Bildproduktion gehörten spätestens seit dem Ersten Weltkrieg zum festen Arsenal der Kriegsführung.19 Die Massenmedien zeigten in ihrem Aufstieg jedenfalls eine durchgehend enge Verbindung von Internationalisierung und Nationalisierung, weshalb auch das Bild der Ablösung eines nationalen 19. durch ein internationales 20. Jahrhundert zu korrigieren ist.20 Im Zentrum der – etwa im Blick auf die Verknüpfung von unterhaltenden und politisch mobilisierenden Inhalten durchaus subtilen – Herrschaftstechniken der faschistischen und stalinistischen Regime der Zwischenkriegszeit stand in jedem Fall die Kontrolle und aggressive Ausrichtung der medialen Öffentlichkeit.21 Aber auch die demokratisch verfassten alliierten Länder konnten im Zweiten Weltkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland und seine Verbündeten nicht allein auf die Vernunft ihrer gerechten Sache und die Überzeugungskraft ihrer Argumente 17 Jörg Requate/Martin Schulze Wessel (Hg.): Europäische Öffentlichkeit. Transnationale Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main/New York 2002; vgl. Hartmut Kaelble/Martin Kirsch/Alexander Schmidt-Gernig (Hg.): Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main/New York 2002; Jan-Henrik Meyer: Europäische Öffentlichkeit aus historischer Sicht, in: Claudio Franzius/Ulrich K. Preuß (Hg.): Europäische Öffentlichkeit. Baden-Baden 2004, S. 209–227; Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden 2006. 18 Ute Daniel (Hg.): Augenzeugen: Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert. Göttingen 2006. 19 Paul Virilio: Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung. Frankfurt am Main 1989; Gerhard Paul: Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des Krieges in der Moderne. Paderborn 2004. 20 S. dazu die Beiträge von Dominik Geppert und Martin Kohlrausch in diesem Band sowie neuerdings Frank Bösch: Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880–1914. München 2009. 21 Vgl. Clemens Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943, Spanien 1936–1951. Wien/Köln/Weimar 2007; s. die Beiträge von Inge Marszolek/Adelheid von Saldern und Jan C. Behrends in diesem Band.

Einleitung

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– auch im Blick auf ein friedliches Nachkriegseuropa22 – setzen, sondern standen im Wettstreit um die wirkungsvollere Propaganda, die einen wichtigen Beitrag zum Sieg leisten sollte – mit langfristiger Wirkung auf darauf gegründete Geschichtsbilder.23 Für das massenmediale Ensemble selbst markierte das Ende des Zweiten Weltkriegs keine tiefe Zäsur. Der Siegeszug des Rundfunks hatte in der Zwischenkriegszeit stattgefunden, diesbezüglich standen zunächst die Rekonstruktion des im Krieg erreichten Höchststandes und danach der restlose flächendeckende Ausbau auf der Agenda. Die politische Funktionalisierung der Massenmedien zeigte in den programmatischen Mustern tiefreichende Kontinuitätslinien vom Krieg in den Kalten Krieg, in dem die Propaganda der sich in Europa gegenüberstehenden Lager – mit den beiden deutschen Frontstaaten – zunehmend systematisiert wurde und eine politische „Kultur des Kalten Krieges“ imaginierte.24 Wegen der gemeinsamen Sprache, familiären Bindungen und nationalen Traditionen war der Erfolg der westlichen Propaganda in Ostdeutschland am wenigsten aufzuhalten, als sich die Struktur des massenmedialen Ensembles auf das neue Leitmedium Fernsehen ausrichtete. Gegen die permanente Macht der Bilder, die vorwiegend nicht direkt auf die Bevölkerung des anderen Lagers zielten, sondern jene am eigenen medialen Angebot teilhaben ließen, half keine Zensur. Mit der KSZE-Schlussakte von Helsinki, in der auch vom freien Fluss der Informationen die Rede war, war sie ohnehin delegitimiert, verschränkten sich seit Mitte der 1970er Jahre Propaganda und Kooperation zwischen Ost und West.25 Vor diesem Hintergrund bildete es eine ironische List der neuesten Geschichte, dass die Fernsehversorgung in den osteuropäischen Ländern in den 1970er und 1980er Jahren – entgegen sonstiger Rückstände des Konsumniveaus – ungefähr den gleichen Stand wie in den westeuropäischen Ländern aufwies. Die enorme Rolle der elektronischen Massenmedien und besonders der Fernsehbilder für den Zusammenbruch des sowjetischen Blocks ist häufig betont 22 Vgl. Stephanie Seul: Europa im Wettstreit der Propagandisten: Entwürfe für ein besseres Nachkriegseuropa in der britischen Deutschlandpropaganda als Antwort auf Hitlers „Neuordnung Europas“ 1940–1941, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 8, 2006, S. 108–161. 23 Christian Delporte/Denis Maréchal (Hg.): Les médias et la Libération en Europe 1945–2005. Paris 2006; s. den Beitrag von Thomas Kubetzky in diesem Band. 24 Bernd Stöver: Die Befreiung vom Kommunismus: amerikanische liberation policy im Kalten Krieg 1947–1991. Köln/Weimar/Wien 2002; Thomas Lindenberger (Hg.): Massenmedien im Kalten Krieg. Akteure, Bilder, Resonanzen. Köln/Weimar/Wien 2006. 25 Günther Wagenlehner: Die gegensätzlichen Systeme im Kontakt. Zur Frage der Freiheit des internationalen Personenverkehrs, des Informationsaustausches und der Medien in Europa, in: Beiträge zur Konfliktforschung, 5, 1975, S. 5–27; Dirk Klapperich: „A thorn in my side“. Die Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle von der KSZE-Schlussakte bis zur Kooperation mit Radio Moskau (1975–1990). München 2007.

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worden, besonders für die Geschehnisse in Rumänien, aber auch für den Verlauf der „friedlichen Revolution“ in der DDR. Die Überlegenheit westlicher Massenmedien im Kalten Krieg ergab sich freilich nicht aus medienimmanenten Gründen, sondern war Ausdruck der höheren Attraktivität der in den westeuropäischen Ländern sich entfaltenden Konsumgesellschaft im neuen Wohlstand des langen Nachkriegsbooms. In diesem Zeitraum erneuerten und festigten sich auch die mit einzelnen Marken von Konsumgütern verbundenen Diskurse, die durchaus auf langen kommunikativen Linien gründeten.26 Der davon ausgehenden Konkurrenz konnten sich die osteuropäischen Länder nicht entziehen, ihr aber auch nur nachhinkend und defizitär folgen. In der geschichtswissenschaftlichen Diskussion sind vor allem die Prozesse der massenmedialen Werbung für kommerzielle und für politische Zwecke mit dem bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufigen Begriff der „Amerikanisierung“ charakterisiert worden.27 Ihre Plausibilität gewinnt die Begrifflichkeit aus dem Vorsprung der USA in der Ausbildung einer Konsumgesellschaft und daraus resultierenden – gemäß der eigenen nationalen Kulturen immer gebrochenen und spezifisch modifizierten – Übernahmen amerikanischer Produkte und Leitbilder in den europäischen Gesellschaften, vor allem in Westeuropa während der „pax americana“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings fallen markante nationale und europäische Unterschiede auch in der Konsum- und Mediensphäre auf, die nicht nur den frühen Vorsprung der USA und sich daraus ergebende Ungleichzeitigkeiten, sondern auch offenbar tiefer begründete charakteristische Differenzen der Verbreitung und des unterschiedlichen Umgangs mit einzelnen Angeboten betrafen28 – das ästhetische Spannungsverhältnis von Hollywood und europäischem Film etwa existiert nicht zufällig.29 Zwar scheinen seit dem Ausgang der 1980er Jahre die Widerstände gegen eine Aufnahme medialer „amerikanischer“ Stile in Europa abzunehmen,30 aber auch für den Bereich der Massenmedien ist nicht zu erwarten, dass die Dialektik von Verähnlichung struktureller Prozesse und daraus resultierenden und daraus beförderten Abgrenzungsbemühungen außer Kraft gesetzt würde. Auch am Ende des 20. Jahrhunderts gibt es wie an seinem Anfang Unterschiede bei den Massenmedien in 26 S. dazu den Beitrag von Rainer Gries in diesem Band. 27 Zuletzt: Marsha Siefert: Twentieth-Century Culture, ‚Americanization‘, and European Audiovisual Space, in: Konrad H. Jarausch/Thomas Lindenberger (Hg.): Conflicted Memories. Europeanizing Contemporary Histories. New York/Oxford 2007, S. 164–193. 28 Vgl. Werner Rammert: Telefon und Kommunikationskultur. Akzeptanz und Diffusion einer Technik im Vier-Länder-Vergleich, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 42, 1990, S. 20–40. 29 Thomas Elsaesser: European Cinema. Face to Face with Hollywood. Amsterdam 2005; Miyase Christensen/Nezih Erdogan (Hg.). Newcastle 2008. 30 S. dazu den Beitrag von Thomas Mergel in diesem Band.

Einleitung

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den USA und Europa,31 hinsichtlich ihrer Organisation ebenso wie hinsichtlich der Aneignungsformen.32 So leicht es fallen mag, auf einer hoch aggregierten Ebene Gemeinsamkeiten, wirtschaftliche, politische und rechtliche Ähnlichkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Programminhalte der Massenmedien in den USA und Europa auszumachen – wobei 1991 immerhin die Hälfte aller in Europa ausgestrahlten TV-Serien aus den USA stammten33 –, so problematisch werden solche Gegenüberstellungen angesichts der fragwürdigen Konstruktion einer homogenen Entität Europa, die es auch politisch nicht gab und gibt, wie etwa in den Debatten über das „alte“ und „neue“ Europa bald nach der Jahrtausendwende deutlich wurde.34 Im Zuge eines zunächst westeuropäischen, mittlerweile aber viel weitere Teile Europas erfassenden wirtschaftlichen und politischen Integrationsprozesses hat sich auf der einen Seite eine Medienpolitik der Europäischen Union entwickelt,35 die medienethische Grundlagen für sich beansprucht,36 auf der anderen Seite begleiten die Massenmedien die Integrationsprozesse in kontinuierlicher publizistischer Praxis – allerdings nur als ein Thema unter vielen anderen und nur zu jenen Ausnahmeanlässen an vorderer Stelle, wo die nationalen Belange direkt berührt

31 S. dazu den Beitrag von Jörg Requate in diesem Band. 32 Hans J. Kleinsteuber/Marcel Rosenbach: Regulation in the USA – Lessons for Europe?, in: European Communication Council (ECC), Report 1997. Exploring the Limits. Europe’s Changing Communication Environment. Berlin/Heidelberg/New York 1997, S. 229–236; Caroline Fehl: Europäische Identitätsbildung in Abgrenzung von den USA? Eine Untersuchung des deutschen und britischen Mediendiskurses über das transatlantische Verhältnis. Münster 2005; Daniela Münkel/Lu Seegers (Hg.): Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert. Deutschland, Europa, USA. Frankfurt am Main/New York 2008. 33 Hans J. Kleinsteuber: Können Medien den Kontinent einen? Der Kommunikationsraum Europa, in: Forschung – Mitteilungen der DFG, 1993, H.3, S. 9–11. 34 Swantje Renfordt: Auf dem Weg zu einer europäischen Öffentlichkeit? Eine Medienanalyse europäischer und amerikanischer Debatten über den Irak-Krieg 2003. Saarbrücken 2007; Hartmut Wessler u.a.: Transnationalization of Public Spheres, Houndmill. Basingstoke/ New York 2008, S. 95ff. 35 Kommission der europäischen Gemeinschaften: Die EG-Politik auf dem Gebiet der audiovisuellen Medien. Luxemburg 1992; Jacint Jordana (Hg.): Governing Telecommunications and the New Information Society in Europe. Cheltenham, UK/Northampton, MA 2002; Christina Holtz-Bacha: Medienpolitik für Europa. Wiesbaden 2006; Werner A. Meier/Josef Trappel (Hg.): Power, Performance and Politics. Media Policy in Europe. Baden-Baden 2007; Georgios Terzis (Hg.): European Media Governance. Bristol/Chicago 2008. 36 Kaarle Nordenstreng (Hg.): Reports on Media Ethics in Europe. University of Tampere 1995; Thomas A. Beuer/Gerhard E. Ortner (Hg.): Werte für Europa. Medienkultur und ethische Bildung in und für Europa. Düsseldorf 2006; mit einigen Aufsätzen zur europäischen Dimension: Franz-Josef Hutter/Carsten Kimmle (Hg.): Das uneingelöste Versprechen. 60 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Karlsruhe 2008.

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werden.37 Dabei wurde deutlich, dass vielfältige Gegensätze zwischen europäischen Vorgaben und nationalen Traditionen nicht eingehegt werden konnten, etwa hinsichtlich der Anerkennung kulturpolitischer Kompetenzen der EU.38 Die rechtliche Materie, die vor allem die grenzüberschreitenden elektronischen Medien tangiert, bleibt deshalb auch nach dem Ende des Kalten Krieges umstritten. Angesichts neuer technischer Möglichkeiten mochten zwar die Kämpfe um Hörfunk-Frequenzen, die nach komplizierten Verhandlungen durch den Kopenhagener Wellenplan 1948 fixiert worden waren,39 in den 1980er Jahren abflauen. Aber die Bemühungen um ein einheitliches europäisches Medienrecht40 37 Kurt Bohr (Hg.): Rundfunk und europäische Integration. Beiträge zu den 2. Saarbrücker Medientagen. Siegen 1992; Christoph Meyer: Europäische Öffentlichkeit als Kontrollsphäre: Die Europäische Kommission, die Medien und politische Verantwortung. Berlin 1997; David Morgan: The European Parliament, Mass Media and the Search for Power and Influence. Aldershot u.a. 1999; Claes H. de Vreese: Framing Europe. Television news and European integration. Amsterdam 2003; Deirdre Kevin: Europe in the Media. A Comparison of Reporting, Representation, and Rhetoric in National Media Systems in Europe. Mahwah, New Jersey/London 2003; Lutz M. Hagen (Hg.): Europäische Union und mediale Öffentlichkeit. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde zur Rolle der Medien im europäischen Einigungsprozess. Köln 2005; Hans-Jörg Trenz: Europa in den Medien. Die europäische Integration im Spiegel nationaler Öffentlichkeiten. Frankfurt am Main/New York 2005; Holtz-Bacha: Medienpolitik, S. 67ff; Loreen Görtler: Europäische Union – Europäische Medienunion? Zur Rolle der Medien im europäischen Integrationsprozess. Saarbrücken 2007. 38 Josef Trappel (Hg.): Medien, Macht, Markt. Medienpolitik westeuropäischer Kleinstaaten. Wien/St. Johann/Pongau 1991; Richard Collins: Broadcasting and Audio-Visual Policy in the European Single Market. London 1994, S. 28ff. (hier zum Widerstand Dänemarks und Großbritanniens gegen kulturpolitische Kompetenzen der EU). 39 Vgl. Shalini Venturelli: Liberalizing the European Media. Politics, Regulation, and the Public Sphere. Oxford 1998; Barthold C. Witte: Der Kampf um die „Neue-Welt-Informationsordnung“ (1968–1990), in: Dietrich Schwarzkopf (Hg.): Rundfunkpolitik in Deutschland. Wettbewerb und Öffentlichkeit. Bd. 2. München 1999, S. 1102–1139; Andrew K. Milton: The Rational Politician. Exploiting the media in new democracies. Aldershot u.a. 2000; Maria Michaelis: Governing European Communications. From Unification to Coordination. Plymouth 2007; Els de Bens: Media between Culture and Commerce. Bristol/Chicago 2007. 40 Heinz Wittmann (Hg.): Kartellrecht und Medien in Europa. St. Pölten 1991; Rainer Hofmann u.a.: Information, Medien und Demokratie. Ein europäischer Rechtsvergleich. Wien 1997; Institut für Europäisches Medienrecht (Hg.): Europäisches Medien- und Telekommunikationsrecht. Baden-Baden 1998; Europäische Audiovisuelle Informationsstelle (Hg.): Juristischer Führer für audiovisuelle Medien in Europa. Neuere rechtliche Entwicklungen in Rundfunk, Film, Telekommunikation und der Globalen Informationsgesellschaft in Europa und angrenzenden Staaten. Strasbourg 1999; Jörg Ukrow: Selbstkontrolle im Medienbereich und europäisches Gemeinschaftsrecht. Eine europarechtliche Untersuchung erstattet im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien. München/Berlin 2000; Fernsehen und neue Medien in Europa. Regulierung – Liberalisierung – Selbstkontrolle. München/Berlin 2001; Alexander Roßnagel/

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konfligierten und konfligieren weiterhin mit dem Primat nationalstaatlicher Rechtssouveränität.41 Dies entspricht auch dem Zuschnitt der Medienmärkte, deren europäische Gemeinsamkeit zwar markante Prozesse ökonomischer Konzentration bilden,42 die mit der in Westeuropa Mitte der 1980er Jahre überall nahezu gleichzeitigen Einrichtung privater Rundfunk- und Fernsehanbieter einen neuerlichen Schub erhielt.43 Allerdings blieben die Medienmärkte und damit auch die Werbemärkte gleichwohl in starkem Maße „nationalstaatlich verhaftet“44 und von jeweiligen „Medienmultis“ – Murdoch, Maxwell, Bertelsmann, Springer, Hachette oder

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Thomas Kleist/Alexander Scheuer: Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa. Dargestellt am Beispiel der EG, Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens und des Vereinigten Königreichs. Berlin 2007. Stefanie Sieber: Neue Medien im Spannungsverhältnis zwischen Europa-, Bundes- und Landesrecht. Baden-Baden 2001; s. dazu den Beitrag von Friedrich Kübler in diesem Band. Jürgen Heinrich: Medien und Markt – europäische Konzentrationstendenzen, in: HansPeter Burmeister (Hg.): Medienmacht und Medienmarkt. Audiovisuelle Medien im neuen Europa. Rehburg-Loccum 1994, S. 49–66; Rolf H. Weber: Medienkonzentration und Meinungspluralismus. Entwicklungstendenzen in Europa und Diskussionsstand in der Schweiz. Zürich 1995; Gillian Doyle: Media Ownership. The economics and politics of convergence and concentration in the UK and European media. London/Thousand Oaks/New Delhi 2002; Alfonso Sánchez-Tabernero u.a.: Media Concentration in Europe. Commercial Enterprise and the Public Interest. Manchester 1993; Christiane Leidinger: Medien – Herrschaft – Globalisierung. Folgenabschätzung zu Medieninhalten im Zuge transnationaler Konzentrationsprozesse. Münster 2003. Barbara Thomaß: Arbeit im kommerziellen Fernsehen. Quantitative und qualitative Effekte neuer Anbieterformen in Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Münster/Hamburg 1993. Jürgen Gerhards: Europäisierung von Ökonomie und Politik und die Trägheit der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit, in: Maurizio Bach (Hg.): Die Europäisierung nationaler Gesellschaften (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 40). Opladen 2000, S. 277–305; wie der Begriff der „Trägheit“ anzeigt, wird hier – am Beispiel der Bundesrepublik von 1950 bis 1995 – von einer systemtheoretisch interpretierten Ungleichzeitigkeit ausgegangen; mit der selben Begrifflichkeit Andreas Beierwaltes: Demokratie und Medien. Der Begriff der Öffentlichkeit und seine Bedeutung für die Demokratie in Europa. Baden-Baden 2000, S. 229ff.; vgl. für das Fernsehen Ingo Köster: Fernsehkultur. Kulturelle und ökonomische Einflüsse auf institutionelle Strukturen im westeuropäischen Fernsehen. Berlin 2008.

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Berlusconi – geprägt.45 Mit europäischer Rechtssprechung war dem bisher nicht beizukommen.46 Transnationale Weiterungen ergaben sich erst seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks in den ost- und südosteuropäischen Ländern, deren politische Transformation durch die Neuordnung der Medienmärkte – unter maßgeblicher Beteiligung von Unternehmen aus westeuropäischen Ländern – forciert wurde. Dabei gestaltete sich der Wandel der Massenmedien auf sehr unterschiedlichen, noch längst nicht überblickten Wegen. Dieses Kapitel noch nicht restlos abgeschlossener jüngster Geschichte dürfte wegen der enormen Geschwindigkeit des Wandels und der engen Zusammenhänge von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, wirtschaftlichen Interessen und Veränderungen medialer Inhalte und Stile zu einem wichtigen Untersuchungsgebiet für eine transnational ausgerichtete zukünftige Zeitgeschichtsforschung avancieren – Material dafür liefert nicht zuletzt eine Vielzahl von sozial- und politikwissenschaftlichen Untersuchungen.47 Allerdings lässt sich bereits jetzt konstatie45 Fritz Hufen/Peter Christian Hall: Fernseh-Kritik. Das Medien-Monopoly. Fernsehmarkt Europa. Mainz 1989; Peter Muzik: Die Medienmultis. Wien 1990; Eugen von Keller/ Gabriela Pfändner/Gernot Wunderle: Erfolgreiche Medienmacher in Europa. Das Geheimnis exzellenter Geschäfte. 11 Fallstudien. Wien 1994; Jürgen Heinrich/Gerd G. Kopper (Hg.): Media Economics in Europe. Berlin 1997; Jürgen Bellers: Der schöne Schein der EU: Nationalstaaten, Geistes- und Rechtsgeschichte, Institutionen, Verwaltung und EU-Politikfelder – Forschung-Bildung, Wirtschaft-Umwelt, Verkehr, Medien, Soziales, Struktur-Sozial-Agrarpolitik, Außenbeziehungen. Siegen 2004, S. 339ff. 46 Peter Humphreys: Regulation for Media Pluralism: Issues in Ownership and Competition, in: Joe Andrew/Malcolm Crook/Diana Holmes/Eva Kolinsky (Hg.): Why Europe? Problems of Culture and Identity 2: Media, Film, Gender, Youth and Education. London 2000, S. 71–93; Internationale Medienenquete. Medienkonzentration und Kontrollmechanismen in Europa: Rechtstatsachen – Rechtsinstrumente – Rechtsberufe. Wien 2004. 47 Peter Gross: Entangled Evolutions. Media and Democratization in Eastern Europe. Washington, D.C./Baltimore/London 1989; Slavko Splichal: Media Beyond Socialism. Theory and Practice in East-Central Europe. Boulder/San Francisco/Oxford 1994; Gerd Hallenberger/Michael Krzeminski (Hg.): Osteuropa. Medienlandschaft im Umbruch. Berichte und Analysen aus neun Ländern. Berlin 1994; Fred L. Casmir (Hg.): Communication in Eastern Europe. The Role of History, Culture, and Media in Contemporary Conflicts. Mahwah/New Jersey 1995; Patrick H. O’Neill (Hg.): Post-Communism and the Media in Eastern Europe. London/Portland, OR 1997; Barbara Thomaß/Michaela Tzankoff (Hg.): Medien und Transformation in Osteuropa. Wiesbaden 2001; Janusz Adamowski/Marek Jablonowski (Hg.): The role of local and regional media in the democratization of the Eastern and Central European Societies. Warschau 2001; David L. Paletz/Karol Jakubowicz (Hg.): Business As Usual. Continuity and Change in Central and Eastern European Media, Cresskill, NJ 2003; Silvia Huber (Hg.): Medien in den neuen EU-Staaten Mittel- und Osteuropas. Inklusive Beitrittskandidat Türkei. Donau-Universität Krems 2003; dies.: Media Markets in Central and Eastern Europe. An Analysis on Media Ownership in Bulgaria, Czech Republic, Estonia, Hungary, Latvia, Lithunia, Poland, Romania, Slovakia and Slovenia. Wien/Berlin 2006; Miklós Sükösd/Péter Bajomi-Lázár (Hg.): Reinventing Media.

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ren, dass selbst in jenen osteuropäischen Ländern, in denen etwa der deutsche Springer-Konzern eine starke Stellung erobert hat wie in Polen, die Berichterstattung der Geschehnisse national in der Farbe des Landes eingefärbt bleiben, dessen Bürger als Publikum erreicht werden sollen – selbst im Fall von solchen Konflikten wie beim Gedenken an die Vertreibung, bei der der gleiche Medienkonzern entgegengesetzte Kommentierungen in den publizistischen Erzeugnissen für Deutschland und Polen anbietet. Eine direkte Europäisierung der Medienagenda ist auch am Ende des 20. Jahrhunderts weder hinsichtlich der Quantität der Berichterstattung noch zunehmender Aufmerksamkeit nationaler Publika für europäische Themen auszumachen. Insofern bleibt die politisch erwünschte Heranbildung einer europäischen Öffentlichkeit als kultureller Mobilisierungs- und Stabilisierungsfaktor für die politischen und wirtschaftlichen Integrationsprozesse – jedenfalls bisher – ein vor allem von oben konstruiertes Projekt, dem durch viele Maßnahmen zur Popularisierung, und auch durch die Entdeckung einer Geschichte dessen, was noch gar nicht hergestellt ist, Leben eingehaucht werden soll. Dabei ist den Massenmedien eine wichtige Funktion zugedacht, aber diese stehen zwischen den Erwartungen der politischen Protagonisten des Projekts einer europäischen Öffentlichkeit und den hauptsächlich national, regional und lokal geprägten Präferenzen der Medien-Konsumenten.48 Der nüchterne Blick über das gesamte 20. Jahrhundert zeigt die Zählebigkeit solcher Prägungen. Obwohl alle europäischen Länder mittlerweile nahezu restlos mit Massenmedien versorgt sind, die Angebote und Muster des Medienkonsums sich prima vista ähneln, gibt es dennoch keine „europäische Öffentlichkeit“ – die Live-Übertragung von europäischen Fußballereignissen entfacht vor allem nationale oder lokalpatriotische Regungen,49 und selbst bekannte UnterhaltungsFormate im Fernsehen, die in mehreren europäischen Ländern ausgestrahlt werden, müssen die jeweiligen kulturellen Spezifika berücksichtigen, wenn sie erfolgreich sein sollen. Die TV-Publika waren und sind eindeutig national konstruiert.50 Media Policy Reform in East-Central Europe. Budapest 2003; Edeltraud Karajoli/Orlin Spassov (Hg.): Medien und interkulturelle Kommunikation. Sofia 2005; Nikolai Genov (Hg.): Ethnicity and Mass Media in South Eastern Europe. Berlin 2006; Karol Jakubowicz: Rude Awakening. Social and Media Change in Central and Eastern Europe. Cresskill, NJ 2006; ders./Miklós Sükösd (Hg.): Finding the Right Place on the Map. Central and Eastern European Media Change in a Global Perspective. Bristol/Chicago 2008. 48 Nick Jankowski/Ole Prehn/James Stappers (Hg.), The People’s Voice. Local Radio and Television in Europe, London 1992. 49 Neil Blain/Raymond Boyle/Hugh O’Donnell, Sport and National Identity in the European Media, Leicester/London/New York 1993; Eggo Müller/Jürgen Schwier (Hg.): Medienfußball im europäischen Vergleich. Köln 2006. 50 S. die Beiträge von Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer sowie von Knut Hickethier in diesem Band.

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Wenn gleichwohl europäische Begegnungsräume – durch Berichterstattung im Frieden oder Propaganda im Krieg –, ähnliche Muster der Veränderung massenmedialer Ensembles, ähnliche Gewohnheiten und Vorlieben von MedienKonsumenten, aber auch Unterschiede und Gegensätze etwa der medienrechtlichen Bedingungen oder der Organisation der Medienmärkte in den Ländern Europas im 20. Jahrhundert Interesse beanspruchen dürfen, so steht dahinter stets auch die Frage nach historiographischen Hintergründen und Voraussetzungen für den sich seit etwa zwei Jahrzehnten vollziehenden und immer noch beschleunigenden Prozess der Medialisierung in einer neuen Intensität und Qualität, der demokratische und friedliche Perspektiven für Europa ebenso befördern wie populistische Gefahren heraufbeschwören könnte. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass durch die Massenmedien eine europäische Öffentlichkeit im Sinne von auf Homogenität gerichteten Visionen – sozusagen als Verbreiterung und volkstümliche Verankerung der Positionen proeuropäischer kultureller Eliten – entstehen. Ein arroganter Eurozentrismus, der durchaus seine sowohl elitären als auch populistischen Traditionen über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg besitzt, ist zudem nicht wünschenswert.51 Wohl aber ließen sich die Massenmedien, zaghafte Beispiele wie das ausbaubare deutsch-französische TV-Projekt ARTE mögen dies andeuten, im Zeitalter digitalen Fernsehens und des Internet52 als Teil eines Kommunikationsraums für sehr differenzierte Öffentlichkeiten vorstellen, in dem die europäische Vielfalt besser erzählbar und verstehbar werden könnte. Die allmähliche Europäisierung medienwissenschaftlicher Diskurse in einem virtuellen Bildungsraum Europa wäre dafür eine Voraussetzung.53 In diesem Sinne wäre es möglich, dass das Jahrhundert der Massenmedien Geschichte werden könnte. 51 Ella Shohat/Robert Stam: Unthinking Eurocentrism. Multiculturalism and the media. London/New York 1994; zur Berichterstattung über Migranten und Migration in europäischen Medien vgl. Heinz Bonfadelli/Heinz Moser (Hg.): Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden 2007. 52 Tanja Loitz: Europäische Öffentlichkeit dank Internet? Politische Öffentlichkeitsarbeit am Beispiel der Europäischen Kommission. Münster/Hamburg/Berlin/London 2001; Stylianos Papathanassopoulos: European Television in the Digital Age. Issues, Dynamics and Realities. Cambridge 2002; Jürgen Lauffer (Hg.): In 8 Sekunden um die Welt. Kinder, Jugendliche, Familien – Internetnutzung im europäischen und internationalen Kontext. Bielefeld 2004; Petros Iosifidis: Public Television in the Digital Era. Technological Challenges and New Strategies for Europe. Houndmills, Basingstoke/New York 2007. 53 Martina Reinke/Ludwig J. Issing: Medienwissenschaft und Medienpraxis. Studien- und Ausbildungsangebote in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Berlin 1992; Angela Schorr/William Campbell/Michael Schenk (Hg.): Communication Research and Media Science in Europe. Perspectives for Research and Academic Training in Europe’s Changing Media Reality. Berlin/New York 2003; Christine W. Wijnen: Medien und Pädagogik international. Positionen, Ansätze und Zukunftsperspektiven in Europa und den USA. München 2008.

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Schließlich ist hier einleitend Auskunft darüber zu geben, wie für die Zwecke des vorliegenden Bandes die oben angesprochene Bedingung eingelöst wird, mediengeschichtliche Analysen nicht ohne Konkretisierung ihrer kontextuellen Voraussetzungen zu betreiben. Das bedeutet, explizit zu machen, worin die historische Bedeutung der Medien im Kontext der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gesehen wird, und Begriffe zur Diskussion zu stellen, mittels derer diese Bedeutung gefasst werden kann. Denn wenn der Vorgang der Medialisierung, der das 20. Jahrhundert in spezifischer und besonders folgenreicher Weise auszeichnet, in seiner Bedeutung anders charakterisiert werden soll als durch die oben angesprochene verengte und techniklastige Begründung mit der Ausweitung, Vernetzung, Globalisierung und Audiovisualisierung der Medien, dann versteht sich diese Bedeutungszuweisung nicht mehr von selbst. Für die Zwecke dieses Sammelbandes, dessen Zielsetzung ist, der Geschichte der Massenmedien in ihren jeweiligen historischen Kontexten nachzuspüren, soll von der vergesellschaftenden Wirkung der Medien ausgegangen werden. Vergesellschaftung, von Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts als prozeduraler und formaler Gegenbegriff zur verdinglichten Vorstellung von „der Gesellschaft“ ausgearbeitet,54 lenkt als heuristische Vorgabe den Blick darauf, welche Wechselwirkungen zwischen Individuen, Gruppen oder Institutionen soziale und kulturelle Konfigurationen entstehen lassen, verfestigen, lösen oder gegeneinander abgrenzen. Als wichtigstes Medium der Vergesellschaftung erschien Simmel interessanterweise das Geld55 – nicht die Massenmedien, die um 1900 noch gar nicht in dieser ubiquitären Form gedacht werden konnten, da sie ausschließlich in Gestalt der Presseerzeugnisse (und des in den Kinderschuhen steckenden Films) verfügbar waren. Hilfreich ist der Begriff der Vergesellschaftung erstens, weil er nicht, wie das Reden über „die Gesellschaft“, dazu verleitet, den Bereich des Sozialen quasi in das Gefäß des Nationalstaats einzufüllen. Das erleichtert die für eine mediengeschichtliche Betrachtung unerlässliche Öffnung hin zu einer trans- und internationalen Perspektive, wie sie eben umrissen wurde. Ein zweiter Vorteil des Vergesellschaftungsbegriffs ist, dass er, anders als „Sozialisation“ – der in der sozialwissenschaftlichen Medienanalyse häufiger verwandte Begriff56 – den Blick 54 Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung [1908](Georg Simmel: Gesamtausgabe, hg. von Otthein Rammstedt, Bd. 11). Frankfurt am Main 1992. 55 Ders.: Philosophie des Geldes [1900/21907](Georg Simmel: Gesamtausgabe, hg. von Otthein Rammstedt, Bd. 6). Frankfurt am Main 1989. 56 Vgl. u.a. Dagmar Hoffmann/Lothar Mikos (Hg.): Mediensozialisationstheorien. Neue Modelle und Ansätze in der Diskussion. Wiesbaden, 2. überarb. Aufl. 2009, und Tilmann Sutter: Sozialisation und Inklusion durch Medien. Zur Ausdifferenzierung sozialwissenschaftlicher Medienforschung. Freiburg i.Br. 2003. Wo die sozialwissenschaftliche Medien- und Kom-

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nicht nur auf die sozialen Zusammenhänge und Folgen kindlichen und jugendlichen Medienverhaltens lenkt: Er verweist darauf, dass sowohl auf der lebensgeschichtlichen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene unaufhörlich Prozesse der Formation und der Auflösung von Gruppenidentitäten, der individuellen wie kollektiven Homogenisierung und Pluralisierung, Angleichung und Abgrenzung ablaufen, in welchen der Umgang mit Medien und ihren Inhalten relevant werden. Ein dritter Vorteil liegt darin, dass die Frage nach der Bedeutung, die Medien für unterschiedliche Formen der Vergesellschaftung haben, nicht selbst bereits normativ aufgeladen ist – im Gegensatz zur Frage danach, welche Bedeutung sie für die Herstellung von „Öffentlichkeit“ haben. Die Redeweise von der „öffentlichen Sphäre“ oder der „Öffentlichkeit“ ist weniger eine Denomination als eine Beschwörungsformel:57 Sie appelliert an Höchstwerte der gesellschaftlichen Selbstthematisierung wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, demokratische Repräsentation u.a.m., die seit der Aufklärung in die Vorstellung von den Medien als „vierter Gewalt“ eingegangen sind. Diese hochgradige politische Aufladung, die die Medien ins Zentrum demokratischer Selbstvergewisserung rückt, macht den Begriff der Öffentlichkeit für die empirische historische Analyse zu einem Problem statt zu einer Lösung.58 Für die Zwecke dieses Sammelbandes liegt ein weiterer wesentlicher Vorteil der Blickrichtung auf die vergesellschaftende Rolle der Massenmedien darin, dass sie es erlaubt, der Jahrhundertfalle zu entgehen: Die Konvention, die Geschichte immer fein säuberlich in Jahrhunderte aufzuteilen, ist bekanntlich nicht ohne intellektuelle Fallstricke. Insbesondere verleitet sie dazu, dem jeweiligen Jahrhundert spezifische Charakteristika und Entwicklungsgänge zu unterlegen, die sich bei genauerer Betrachtung in der Regel dem Regime der runden Zahmunikationsforschung den Terminus „Vergesellschaftung“ in den Vordergrund rückt, geht es meist um eine technikorientierte, z.T. auch technikfixierte Perspektive; vgl. z.B. Michael Jäckel: Online-Vergesellschaftung? Mediensoziologische Perspektiven auf neue Kommunikationstechnologien. Wiesbaden 2005, und Andreas Schelske: Soziologie vernetzter Medien. Grundlagen computervermittelter Vergesellschaftung. München/Wien 2007. 57 Reinhart Koselleck im Gespräch mit Renate Solbach: Öffentlichkeit ist kein Subjekt, in: Iablis 2003, S. 1 (http://www.iablis.de/iablis_t/2003/koselleck.html)[1.6.2009] 58 Das beste Beispiel hierfür ist das Gründungsdokument sozialwissenschaftlicher Beschäftigung mit den Massenmedien, nämlich Jürgen Habermas’ Studie „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ (1962, Reprint Frankfurt am Main 2006), in der Analyse und (kulturpessimistische) normative Aufladung eine höchst problematische Fusion eingegangen sind. Siehe hierzu u.a. Andreas Gestrich: Jürgen Habermas’ Konzept der bürgerlichen Öffentlichkeit: Bedeutung und Kritik aus historischer Perspektive, in: Clemens Zimmermann (Hg.): Politischer Journalismus, Öffentlichkeit und Medien im 19. und 20. Jahrhundert. Ostfildern 2006, S. 25–39, und Ute Daniel: How bourgeois was the public sphere of the Eighteenth Century? Or: Why it is important to historicize Strukturwandel der Öffentlichkeit, in: Das Achtzehnte Jahrhundert, 26, 2002, S. 9–17.

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len nicht fügen (was dann bekanntlich häufig die Erfindung von „kurzen“ und „langen“ Jahrhunderten zur Folge hat). Die Herausgeber ziehen es, um diese eher hilflose Hilfskonstruktion zu vermeiden, demgegenüber vor, auf die kalendarisch-chronologische Pseudo-Evidenz zu verzichten und die Beiträge primär inhaltlich, dann innerhalb der drei Bandabschnitte chronologisch zu gliedern. Analytisch getrennt wird durch die Gliederung des Bandes zwischen – letztlich immer wieder ineinandergreifenden, jedoch durch die Trennung besser sichtbar zu machenden – verschiedenen Dimensionen, die für die Frage nach der Bedeutung der Massenmedien für Vergesellschaftungsprozesse wichtig sind. Im Abschnitt A – „Massenmediale Vergesellschaftung“ – sind Beiträge versammelt, die nach der homogenisierenden bzw. differenzierenden Rolle der Medien fragen: im Zusammenhang mit der Konstruktion Europas (die Beiträge von Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer sowie von Knut Hickethier) und dessen Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, wie es sich in den Debatten über „Amerikanisierung“ widerspiegelt (der Beitrag von Jörg Requate); im Zusammenhang mit der Konsumgesellschaft (der Beitrag von Rainer Gries) und der technischen Basis der Massenmedien (der Beitrag von Wolfgang König); und im Zusammenhang mit der Bedeutung der Medien für die Strukturierung des Alltagslebens (der Beitrag von Inge Marszolek und Adelheid von Saldern). Abschnitt B – „Medien, Recht und Politik“ – ist zwei wichtigen Rahmenbedingungen gewidmet, in deren Kräftefeldern die Medien stehen: das Recht (im Beitrag von Friedrich Kübler) und die politischen Aushandlungsvorgänge zwischen Staaten (im Beitrag von Dominik Geppert), innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften (im Beitrag von Peter Birke am Beispiel der Arbeitskämpfe) und in Diktaturen des sowjetischen Typs (im Beitrag von Jan C. Behrends). Der Abschnitt C – „Medienthemen – Medien als Thema“ – greift einige zentrale Themenbereiche heraus, an deren Beispiel mediale Vergesellschaftung via inhaltlicher Angebote analysiert wird (Klaus Große Krachts Beitrag zur katholischen Publizistik, Thomas Kubetzkys Beitrag zur Kriegsberichterstattung sowie Frank Böschs Beitrag zur medialen Konstruktion des Holocaust nach 1945). Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Thema der Medien selbst, also der gar nicht zu überschätzenden Bedeutung, die die Verständigung über die Rolle der Medien, die Versuche, diese zu beeinflussen, und das Beobachten des Beobachters für die gesellschaftliche Selbstthematisierung haben (Martin Kohlrauschs Beitrag zur Rolle der Massenmedien in der britisch-deutschen Konkurrenzbeziehung vor 1914 und Thomas Mergels Beitrag zur Bedeutung des Mediendiskurses im Kontext westeuropäischer Wahlkämpfe). Selbstverständlich beanspruchen weder diese Gliederungsgesichtspunkte noch die Einzelbeiträge in ihrer Addition, die vergesellschaftende Rolle der Medien im 20. Jahrhundert vollständig zu erfassen. Der Anspruch dieses Bandes ist bescheidener: Er versteht sich als Einstiegshilfe in ein noch unzureichend ver-

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messenes Gebirge, die europäische Mediengeschichte des vergangenen Jahrhunderts als Teil von dessen allgemeiner Geschichte. Wenn er dazu beitragen kann, die historische und aktuelle Relevanz eines solchen Zugangs zur Geschichte der Medien zu unterstreichen und weitere Explorationen in dieses Terrain zu motivieren, dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Literatur ADAMOWSKI, Janusz / JABLONOWSKI, Marek (Hg.): The role of local and regional media in the democratization of the Eastern and Central European Societies. Warschau 2001. BEIERWALTES, Andreas: Demokratie und Medien. Der Begriff der Öffentlichkeit und seine Bedeutung für die Demokratie in Europa. Baden-Baden 2000. BELLERS, Jürgen: Der schöne Schein der EU: Nationalstaaten, Geistes- und Rechtsgeschichte, Institutionen, Verwaltung und EU-Politikfelder – Forschung-Bildung, Wirtschaft-Umwelt, Verkehr, Medien, Soziales, Struktur-Sozial-Agrarpolitik, Außenbeziehungen. Siegen 2004. BENS, Els de: Media between Culture and Commerce. Bristol/Chicago 2007. BEUER, Thomas A. / ORTNER, Gerhard E. (Hg.): Werte für Europa. Medienkultur und ethische Bildung in und für Europa. Düsseldorf 2006. BLAIN, Neil / BOYLE, Raymond / O’DONNELL, Hugh: Sport and National Identity in the European Media. Leicester/London/New York 1993. BÖSCH, Frank: Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880–1914. München 2009. BÖSCH, Frank / FREI, Norbert (Hg.): Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert. Göttingen 2006. BÖSCH, Frank: Mediengeschichte im 20. Jahrhundert. Neue Forschungen und Perspektiven, in: Neue Politische Literatur, 52, 2007, H.3, S. 409–429. BOHR, Kurt (Hg.): Rundfunk und europäische Integration. Beiträge zu den 2. Saarbrücker Medientagen. Siegen 1992. BONFADELLI, Heinz / MOSER, Heinz (Hg.): Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden 2007. BRIGGS, Asa: The History of broadcasting in the United Kingdom. Reprint Oxford (die Erstausgabe erfolgte seit den 1960er Jahren). CASMIR, Fred L. (Hg.): Communication in Eastern Europe. The Role of History, Culture, and Media in Contemporary Conflicts. Mahwah/New Jersey 1995. COLLINS, Richard: Broadcasting and Audio-Visual Policy in the European Single Market. London 1994. CRIVELLARI, Fabio / SANDL, Marcus: Die Medialität der Geschichte. Forschungsstand und Perspektiven einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Geschichts- und Medienwissenschaften, in: Historische Zeitschrift, 277, 2003, S. 619–654. DANIEL, Ute: How bourgeois was the public sphere of the Eighteenth Century? Or: Why it is important to historicize Strukturwandel der Öffentlichkeit, in: Das Achtzehnte Jahrhundert, 26, 2002, S. 9–17. DANIEL, Ute: Suggestive Experten: Zur Etablierung der US-amerikanischen Medienforschung in den 1930–1950er Jahren, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, 30, 2007, H.3, S. 183–198.

Einleitung

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„Amerikanisierung“ als Grundzug der europäischen Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts?

von Jörg Requate

„Endgültig und eindeutig beantwortet“ scheine spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges die Frage zu sein, ob der deutsche Journalismus der Amerikanisierung entgegengehe.1 So schrieben der Kommunikationswissenschaftler Stefan Ruß-Mohl und der Historiker Bernd Sösemann 1990 in ihrer Einleitung zur Neuedition von Emil Dovifats in den zwanziger Jahren erschienenem Klassiker über den amerikanischen Journalismus. Dieser sei, so die Herausgeber, zu einer Bezugsgröße geworden, auf die sich Medienschaffende und Medienkritiker weltweit bezögen. Tatsächlich wird das gesamte 20. Jahrhundert hindurch der Mediendiskurs nicht nur in Deutschland von einem Amerikanisierungsdiskurs begleitet.2 Alle für Deutschland oder Europa neuen Entwicklungen scheinen in den USA in der einen oder anderen Form immer vorweggenommen worden zu sein.3 Dass die Wahrnehmung des amerikanischen Journalismus stets selektiv und verzerrend gewesen ist, versteht sich dabei fast ebenso von selbst wie der Umstand, dass auch die Übernahme von Trends immer selektiv war. Es ist zudem common sense in der Amerikanisierungsforschung, dass Übernahmen nie linear, sondern immer in Form von Aneignungsprozessen verlaufen.4 Die Frage

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3 4

Emil Dovifat: Der amerikanische Journalismus, hg. v. Stephan Ruß-Mohl. Berlin 1990; vgl. hier die Einleitung von Stephan Ruß-Mohl und Bernd Sösemann: Zeitungsjournalismus in den USA – Ein Rückblick auf Dovifats Frühwerk, in: Hebel, S. IX-XLIII. Dovifats Buch hat eine Vielzahl von Rezensionen und eine breite Debatte über die Frage der „Amerikanisierung“ ausgelöst. Vgl. dazu mit umfassenden Angaben die Einleitung von Ruß-Mohl und Sösemann zu der Neuauflage des Buches. Aus der aktuellen Debatte: Daniel C. Hallin/Paolo Mancini: Amerikanisierung, Globalisierung und Säkularisierung: Zur Konvergenz von Mediensystemen und politischer Kommunikation in westlichen Demokratien, in: Frank Esser/Babara Pfetsch (Hg.): Politische Kommunikation im internationalen Vergleich. Opladen 2003, S. 35–55; Jean Chalaby: American Cultural Primacy in a New Media Order. A European Perspective, in: Gazette. The International Journal for Communication Studies, 68, 2006, Nr. 1, S. 33–53. Als neueres Beispiel vgl. etwa: Harald Wenzel (Hg.): Die Amerikanisierung des Medienalltags. Frankfurt am Main 1998. Vgl. aus der umfangreichen Literatur hier u.a.: Alf Lüdtke/Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 1996; Georg Bollenbeck: Tradition, Avantgarde, Reaktion. Deutsche Kontroversen um die kulturelle Moderne 1880–1945. Frankfurt am Main 1999.

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Jörg Requate

nach der Amerikanisierung zielt somit nicht auf ein einfaches „ja“ oder „nein“, sondern hat im Wesentlichen eine heuristische Funktion. Damit bleibt aber die Frage, was unter dem Begriff im Bereich der Medien – jenseits eher diffuser Assoziationen mit Zukunfts- und Modernisierungserwartungen – genauer gefasst werden soll. Oder anders formuliert: Gibt es eine Art Kern dessen, was in dieser Beziehung als spezifisch amerikanisch gelten kann? Wichtig ist ohne Zweifel der kommerzielle Aspekt. Dennoch ging „Amerikanisierung“ nicht in Kommerzialisierung auf. Vielmehr ist es die frühe und offensive Orientierung der Presse und später des Radios und Fernsehens an den tatsächlichen oder vermeintlichen Publikumsinteressen, die als Charakteristikum des amerikanischen Journalismus wahrgenommen wurde und die typische Mischung aus Bewunderung und Abwehr auslöste. „Nicht die Rücksicht auf die Anzeigenkunden, sondern auf den Leserkreis bestimmt (…) die redaktionelle Haltung“, so schrieb Dovifat 1927. „Nur der Leserkreis gibt dem Inseratenraum seinen Wert, und je größer der Leserkreis wird, umso höher kann nicht nur der Preis der Anzeigen und damit der Gewinn steigen, sondern um so unabhängiger wird auch der redaktionelle Teil. Es muß also alles daran gesetzt werden, den Leser zu verwöhnen.“5 Dovifat erschien dieser Punkt aus der deutschen Perspektive der zwanziger Jahre als ebenso bemerkenswert wie problematisch. Gewiss mussten sich auch die deutschen Zeitungen an ihren Lesern orientieren. Deutsche Journalisten und Zeitungswissenschaftler sahen die Zeitungen jedoch in erster Linie im Dienst von Ideen und nicht im Dienst eines auf die Publikumsgunst schielenden Geschäfts.6 Zwar findet sich in der Beobachtung der amerikanischen Presse bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert auch Bewunderung für die Schnelligkeit und Genauigkeit der Informationen und die damit verbundene Entwicklung von journalistischen Standards. Doch standen diese beiden Beurteilungen – schnöder Geschäftssinn auf der einen und professionelles journalistisches Arbeiten auf der anderen Seite – lange unverbunden nebeneinander. Dovifat führte beides auf einen gemeinsamen Kern zurück. Denn seine zitierte Beobachtung bedeutet nichts anderes als die Erkenntnis, dass die Zeitung in den USA ein ganz normales Konsumgut und der Leser (ebenso wie der spätere Radiohörer oder Fernsehzuschauer) der Konsument war, von dem ganz allein der Erfolg des Produktes abhing. Diese Wahrnehmung ist insofern von Bedeutung, als sie sich analytisch konzeptionalisieren lässt. Zum einen trifft Dovifat hier tatsächlich ein wichtiges Spezifikum der amerikanischen Medien- und Journalismuskonzeption. Zum an5 6

Dovifat: Der amerikanische Journalismus, S. 84f. Vgl. hier u.a. Emil Löbl: Kultur und Presse. Leipzig 1903; Walter Hammer: Die Generalanzeiger-Presse kritisch beurteilt als ein Herd der Korruption. Leipzig 41912; Karl Bücher: Gesammelte Aufsätze zur Zeitungskunde. Tübingen 1926; Emil Dovifat: Art. Generalanzeiger, in: Walther Heide (Hg.): Handbuch der Zeitungswissenschaft. Leipzig 1940/41, S. 1217–1232.

„Amerikanisierung“ als Grundzug der europäischen Medienentwicklung im 20. Jahrhundert

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deren eröffnen sich auf diese Weise Anknüpfungspunkte zur Konsumgeschichte, die nicht zuletzt unter dem Aspekt der Amerikanisierung von zentraler Bedeutung sind. Von der Konsumgeschichte ist das Ineinanderfallen des Konsumenten mit dem Bürger als grundlegend für das Verständnis der amerikanischen Gesellschaft insgesamt herausgearbeitet worden. Für die Unterschiede zu Europa, aber auch für „Amerikanisierungstendenzen“ ist dieser Punkt gleichermaßen von Bedeutung. Untersucht man die Mediengeschichte verstärkt unter dem Blickwinkel der Konsumgeschichte, erhält die Frage des Verhältnisses von Bürger und Konsument auch hier eine zentrale Bedeutung. Die deutsche Gegenüberstellung von „Geschäfts-“ und „Gesinnungspresse“ verweist auf eben diesen Unterschied. Auch wenn in anderen europäischen Ländern das idealistische Bild einer von Verkaufsinteressen freien „Gesinnungspresse“ weniger ausgeprägt war, blieb die Verbindung zwischen der Presseentwicklung und der gesellschaftlichen Selbstorganisation in Form von Parteien überall in Europa bis weit in das 20. Jahrhundert eng und wichtig. Diesen Zusammenhang hatte es auch in den USA insbesondere in der Frühphase der amerikanischen Parteienentwicklung gegeben, und er verschwand dort keineswegs.7 Doch dadurch, dass in den USA spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Idee des Bürgers und die des Konsumenten nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzung und Überlagerung gedacht wurden,8 war ein potenzieller Gegensatz zwischen einer Presse, die die (Partei-)Interessen der Bürger repräsentierte, und einer Presse, die den Marktgesetzen folgte, obsolet. Daher war es auch prinzipiell kein Widerspruch, wenn die amerikanischen Journalisten – obgleich zutiefst eingebunden in die Marktmechanismen – in ihrer Selbstwahrnehmung in erster Linie Streiter für Demokratie, Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit waren. Dieses Selbstbewusstsein hat in der Ära des „muckraking“ zu Beginn

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Für das Verhältnis von Politik und Presse im Anschluss an die Amerikanische Revolution vgl. David Sloan: The Early Party Press: The Newspaper Role in American Politics, 1788–1812, in: Journalism History, 9, 1982, H.1, S. 18–24; als übergreifende Darstellungen immer noch gut brauchbar: Frank Luther Mott: American Journalism. A History of Newspapers in the United States through 260 Years: 1690 to 1950. New York 1950; sowie Edwin Emery: The Press and America. An Interpretative History of Journalism. Englewood Cliffs/N.J. 21962. Vgl. dazu u.a. Lizabeth Cohen: Citizens and Consumers in the US in the Century of Mass Consumption, in: Martin Dauton/Matthew Hilton (Hg.): The Politics of Consumption. Material Culture and Citizenship in Europe and America. Oxford 2001, S. 203–221; Charles F. McGovern: Consumption and Citizenship in the United States, 1900–1940, in: Susan Strasser u.a. (Hg.): Getting and Spending. European and American Consumer Societies in the Twentieth Century. Cambridge 1998, S. 37–58; Sherye Kroen: Der Aufstieg des Kundenbürgers?, in: Michael Prinz (Hg.): Der lange Weg in den Überfluss. Paderborn 2003, S. 533–564.

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Jörg Requate

des 20. Jahrhunderts einen wichtigen Schub erhalten.9 Der kommerzielle Erfolg der neuen landesweit erscheinenden Magazine wie McClure oder Cosmopolitan verband sich hier mit neuen journalistischen Praktiken, die der demokratischen Funktion der Presse zusätzlichen Glanz verliehen. Im Kauf der neuen „investigativen“ Magazine manifestierte sich der Käufer gewissermaßen in seiner perfekten Form als „Bürger-Konsument“.10 Pressefreiheit gehörte auch zu den zentralen Werten, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg beim Aufbau eines demokratischen Europas fest verankern wollten. Insbesondere für die Bundesrepublik ist der Neuaufbau demokratischer Strukturen unter Mithilfe und Kontrolle der Alliierten auch unter dem Stichwort der Amerikanisierung diskutiert worden.11 Für die reine Verankerung der Pressefreiheit erscheint der Begriff allerdings wenig sinnvoll. Doch ging es beim Neuaufbau der Medienlandschaft nach 1945 nicht nur in Deutschland um mehr als nur um die Frage der Pressefreiheit im Allgemeinen. Vielmehr stellte sich konkreter die Frage nach der spezifischen Ausgestaltung der Mediensysteme und der etwaigen Übertragung amerikanischer Standards und Organisationsformen auf die europäischen Mediensysteme. Zudem startete die US-amerikanische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg eine regelrechte Kampagne für die Durchsetzung von Pressefreiheit und versuchte so, den Kampf für diesen demokratischen Höchstwert als ein amerikanisches Projekt erscheinen zu lassen. Auch wenn die Verwendung des Amerikanisierungsbegriffs in diesem Kontext problematisch ist, kann der Aspekt hier nicht außer Acht gelassen werden, zumal aus amerikanischer Perspektive das Verständnis der demokratischen Funktion der Presse aufs engste mit dem Verständnis der Presse als Konsumgut verbunden war. So spricht tatsächlich vieles dafür, das entscheidende Charakteristikum der amerikanischen Medien darin zu sehen, dass diese sehr früh weitgehend vorbehaltlos als Konsumgut konzipiert und akzeptiert wurden. In diesem Charakteristikum bündeln sich sowohl die unterschiedlichen Aspekte des eigenen amerikanischen Medienverständnisses als auch Bewunderung und Ablehnung in der Wahrnehmung dieses Mediensystems von außen. Die Frage danach, inwieweit „Amerikanisierung“ zu einem Grundzug der europäischen Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts geworden ist, führt so zu dem Problem, inwieweit sich das 9

Aus der breiten Literatur zu den „muckrakers“ vgl. insbes. Louis Filler: The Muckraker. New and enlarged edition of „Crusaders for American Liberalism“. Chicago 1968; John M. Harrison/Harry H. Stein: Muckraking. Past, Present and Future. University Park 1973; Robert Miraldi: Muckraking and Objectivity. New York 1990. 10 Zur Bedeutung der amerikanischen Magazine vgl. Adelheid von Saldern: Amerikanische Magazine. Zur Geschichte gesellschaftlicher Deutungsinstanzen (1880–1914), in: AfS, 41, 2001, S. 171–204. 11 Hermann-Josef Rupieper: Amerikanisierung in Politik und Verwaltung Westdeutschlands: Ein problematisches Konzept, in: Konrad Jarausch/Hannes Siegrist (Hg.): Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945–1970. Frankfurt am Main 1997, S. 49–65.

„Amerikanisierung“ als Grundzug der europäischen Medienentwicklung im 20. Jahrhundert

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Konzept der Massenmedien als Konsumartikel in Europa durchgesetzt hat, in welchem Maße die amerikanischen Medien dabei eine Vorbildfunktion hatten und welche Gegen- und Eigenentwicklungen es gegeben hat. Ein zentraler Punkt der Argumentation ist, dass mit dem Verständnis der Medien als Konsumgüter die unternehmerisch-organisatorische mit der inhaltlich-gestalterischen Seite verbunden ist. Ohne von einer simplen Dominanz der ökonomischen Faktoren auszugehen, ist die Bedeutung der durchgängig privatwirtschaftlichen Organisation aller amerikanischen Medien einschließlich des Radios und Fernsehens ebenso unübersehbar wie die Bedeutung der seit Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzenden Konzentrationsprozesse. Angesichts der wachsenden Wichtigkeit der globalen Medienkonzentration wird diesen Fragen in der Auseinandersetzung um die Rolle der Medien im 20. Jahrhundert immer noch erstaunlich wenig Gewicht zugemessen. Auch wenn die Konzentrationsprozesse kaum als amerikanisches Phänomen gefasst werden können, hat aus europäischer Perspektive die rein privatwirtschaftliche Organisation des Medienmarktes in den USA dazu geführt, die zunehmende Bedeutung der Marktgesetzlichkeiten auf den europäischen Medienmärkten als Teil eines Amerikanisierungsprozesses zu begreifen. Mit dieser Beobachtung ist die Vorstellung verbunden, dass sich unter dem Einfluss derartiger Entwicklungen auch die medialen Formate und Inhalte immer stärker am Markt orientiert haben. Angesichts der Komplexität der Frage und vor dem Hintergrund des noch wenig ausgeprägten Forschungsstandes kann es hier nur darum gehen, einige vorläufige Thesen zu skizzieren.

1. Konzentrationsprozesse im Pressewesen Nachdem die Presse im ausgehenden 19. Jahrhundert in den westlichen Industriestaaten auf allen Ebenen rasant expandiert war, setzte schon bald darauf ein Prozess der Marktbereinigung und der Konzentration ein. Die amerikanische Presse hatte, was die Dynamik und die zeitlichen Abläufe anging, hier zwar eine gewisse Vorreiterrolle inne.12 Doch prinzipiell ist die Abfolge von schneller Expansion und anschließender Konzentration im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in England, Deutschland und Frankreich und auf quantitativ niedrigerem Niveau auch in den anderen europäischen Ländern zu beobachten. 12 Zur amerikanischen Entwicklung vgl. u.a. Jim McPherson: Mergers, Chains, Monopoly and Competition, in: David Sloan (Hg.): American Journalism. History, Principles, Practices. Jefferson 2002; sowie Edward E. Adams: Chain Growth and Merger Waves: A macroeconomic historical Perspective on Press Consolidation, in: Journalism and Mass Communication Quarterly, 27, 1995, S. 376–389.

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Interessant sind jedoch die Unterschiede, die sich zwischen den amerikanischen und britischen Presseunternehmern auf der einen und ihren kontinentaleuropäischen Pendants auf der anderen Seite ausmachen lassen. Der in England lehrende Medienhistoriker Jean Chalaby hat unter Anlehnung an den Weberschen Idealtypus-Begriff die Charakteristika der britischen und amerikanischen „Pressebarone“ herauszuarbeiten versucht.13 Sie taten in erster Linie das, was aus kontinentaleuropäischer Perspektive als suspekt erschien: nämlich in der Gründung und im Kauf von Zeitungen vorrangig eine wirtschaftliche Investition zu sehen und Presse somit als ein Wirtschaftsgut unter anderen zu betrachten. Nachdem der Investitionsbedarf für Zeitungen und Zeitschriften im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert stark angewachsen war, schafften es einige wenige Unternehmer, sich durch Aufkäufe und Innovationen neu auf dem Pressemarkt zu positionieren. Dabei fällt auf, dass die wichtigsten englischen und amerikanischen Presseunternehmer – anders als viele ihrer kontinentaleuropäischen Pendants – bereits Presseerfahrungen besaßen. Hearst, Pulitzer, Northcliffe und andere gründeten und kauften bezeichnenderweise zunächst Zeitschriften und Magazine, bevor sie sich auf das Terrain der Tageszeitungen wagten. Zudem waren diese Presseunternehmer zugleich erfahrene und fähige Journalisten, die in der journalistischen Innovation die maßgebliche Basis für den Erfolg ihrer Zeitungen sahen. Konkret bestand diese in der Entwicklung eines Journalismus, der einerseits die Schnelligkeit von Nachrichtenübermittlung zu einem wichtigen Qualitätskriterium machte und andererseits in der Lage war, neue Leserschichten zu erschließen.14 So ging es aus wirtschaftlicher Perspektive um die Entwicklung von Zeitungen, die zu einem möglichst billigen Preis an eine möglichst große Zahl von Personen verkauft wurde. Wichtig ist dabei jedoch, dass sowohl in England als auch in den USA die Entwicklung eines populären Journalismus immer wieder an demokratietheoretische Ansprüche rückgebunden werden konnte.15 Die Kongruenz von Konsum und demokratischer Teilhabe spielte dabei die entscheidende Rolle. Chalaby zieht in seiner Typologie der Presseunternehmer allein Frankreich als Vergleich heran und lässt so die anglo-amerikanischen Beispiele als Norm erscheinen. Tatsächlich findet sich aber auch außerhalb Frankreichs auf dem europäischen Kontinent mindestens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kaum 13 Jean Chalaby: No ordinary press owners: press barons as a Weberian ideal type, in: Media, Couture & Society, 19, 1997, S. 621–641. 14 Michael Schudson: Discovering the News. A social History of American Newspapers. New York 1978. 15 In diesem Sinne zentral für England: W.T. Stead: Government by journalism, in: Contemporary Review, 49, 1886, S. 653–674; aus zeitgenössischer Perspektive zum muckraking u.a. William Kittle: What Makes a Magazine Progressive?, in: 20th Century 6, Aug. 1912, S. 345–350.

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ein Presseunternehmer, der dem von Chalaby für England und die USA skizzierten „Ideal-Typus“ nahe kam. Von der Bedeutung des Pressemarktes her ist neben Frankreich vor allem Deutschland wichtig. Leider weiß man über die deutschen Presseunternehmer des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts sehr wenig. Einer von ihnen war der so genannte Generalanzeiger-König August Huck, der als Protagonist einer amerikanisierten Presse galt.16 Er baute sein Unternehmen mit einer Vielzahl von Zeitungen in aufstrebenden mittleren Städten aus, die er unter rein ökonomischen Gesichtspunkten auswählte. Seine wichtigsten Konkurrenten Girardet und Leonhardt agierten ebenso. Alle waren zeitweise durchaus erfolgreich, ebenso wie die Berliner Verleger Mosse, Ullstein und Scherl.17 Mosse und Ullstein waren zwar bekannte Persönlichkeiten, traten jedoch nicht offensiv als innovative Presseunternehmer in Erscheinung. Scherl war als Besitzer des Berliner Lokalanzeigers prominent und war ohne Zweifel auch für dessen Erfolg mit verantwortlich. Den Ruf eines genialen Zeitungsmachers erwarb er sich jedoch kaum. Als Journalist hatte er sich zudem ebenso wenig einen Namen gemacht wie die anderen bekannten deutschen Zeitungsunternehmer, von welchen wohl keiner so massiv und erfolgreich Einfluss auf die Gestaltung der Zeitungen und die Redaktionen ausübte wie die anglo-amerikanischen Vorbilder. In Frankreich waren die Besitzer der größten und wichtigsten Zeitungen durchaus Figuren des öffentlichen Lebens. Doch das Geschäft mit den Zeitungen erscheint bei ihnen lediglich als das zweite Standbein. Das erfolgreichste Blatt des frühen 20. Jahrhunderts war der Petit Parisien, der um 1900 eine Auflage von rund einer Million erreichte, diese bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch einmal verdoppelte und sich damit als auflagenstärkste Zeitung der Welt präsentieren konnte. Dass dieser Erfolg auch mit dem Einfluss des Verlegers, Jean Dupuy, zu tun hatte, versteht sich in gewisser Weise von selbst. Gleichwohl mischte auch er sich in das Tagesgeschäft wenig ein. Dupuy – Minister in verschiedenen Kabinetten – gehörte zu jener vor allem in Frankreich großen Gruppe von Zeitungsunternehmern, die sich vorrangig als Politiker sahen und die Zeitung als publizistische Basis ihrer politischen Ambitionen. Daneben bildete sich gerade in Frankreich eine Tradition von Zeitungsbesitzern heraus, die ursprünglich in anderen Bereichen unternehmerisch tätig waren, so dass die Zeitungen ein Bestandteil von größeren Mischkonzernen wurden. Dies galt für 16 Zum Huck-Verlag vgl. B. Uwe Weller: Wolfgang Huck (1889–1967), in: Heinz-Dietrich Fischer (Hg.): Deutsche Presseverleger des 18. bis 20. Jahrhunderts. München 1975, S. 348–355; sowie verschiedenen Angaben bei Hans Joachim Hofmann: Die Entwicklung der „Dresdner Neueste Nachrichten“ vom Generalanzeiger zur Heimatzeitung. Dresden 1940, S. 14f.; Kurt Koszyk: Deutsche Presse im 19. Jahrhundert. Berlin 1966, S. 259ff. 17 Zu Mosse, Ullstein und Scherl die ausführlichsten Informationen immer noch bei Peter De Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin. Berlin 1982.

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den Besitzer des Matin, Maurice Bunau-Varilla, ebenso wie für den Besitzer des Journal, Léon Letellier, und Adrien Hébrand, Besitzer von Le Temps.18 Einen reinen Zeitungsunternehmer findet man in Frankreich kaum. Insgesamt erweisen sich die Besitzstrukturen in Frankreich über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg als ziemlich unübersichtlich. Zeitungen blieben hier bis heute aufs engste sowohl mit der Industrie als auch mit der Politik verknüpft. Forschungen zu den Ausprägungen und Gründen dieser engen Vernetzungen sind noch sehr spärlich. So seien hier nur zwei Strukturmerkmale genannt: Zum einen litt die französische Presseentwicklung seit dem 19. Jahrhundert an einer klaren Unterfinanzierung durch Anzeigen. Das Problem der Korruption in der französischen Presse, die im Zuge des Panama-Skandals sprichwörtlich gewordene „abominable vénalité de la presse française“, und die sich daraus immer wieder ergebenden Skandale hingen unmittelbar damit zusammen.19 Der Finanzund Wirtschaftsteil der französischen Zeitungen war lange Zeit unmittelbar mit der Finanzwelt verbunden. Zum Teil kauften die Banken den Finanzteil direkt und bewarben hier – für den Leser nicht erkennbar – für ihre Produkte. Zweitens spiegelten sich in den zum Teil häufigen Besitz- und Richtungswechseln der französischen Zeitungen einmal mehr deren enge Verbindungen zur Politik, die ihrerseits durch ein vergleichsweise instabiles Parteiensystem gekennzeichnet war. Exemplarisch zeigen sich diese beiden Aspekte in der Entwicklung des Petit Journal, das um die Jahrhundertwende, im Zuge der Dreyfusaffäre, seine Rolle als erfolgreichstes französisches Massenblatt an den Petit Parisien abgegeben hatte.20 Nach dem Tod seines alten Besitzers erwarb 1919 der Unternehmer und Politiker Louis Loucheur die Mehrheitsanteile an der Zeitung. Erfahrung im Zeitungsgeschäft besaß er nicht. Als Geschäftsmann war er am Ausbau des französischen Eisenbahnnetzes beteiligt, im Ersten Weltkrieg begann seine politische Karriere. Er wurde Abgeordneter, Staatssekretär und Minister in verschiedenen Kabinetten. Dabei war er zunächst für die Bewaffnung und später für den industriellen Wiederaufbau verantwortlich. Die politischen Motive für den Kauf des Petit Journal liegen insofern auf der Hand. Zusätzlich erwarb Loucheur noch eine Reihe weiterer Provinzzeitungen, wodurch er in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten französischen Zeitungsunternehmer wurde. Ein erkennbares Engagement für die Modernisierung seiner Zeitungen zeigte er jedoch nicht. Die Provinzzeitungen hielten sich im Wesentlichen stabil, während die Auflage des Petit Journal, die beim Kauf im Jahr 1919 um die 400.000 Exemplare betragen hatte, auf dem besten Wege war sich zu halbieren, als der Besitzer 1931 starb. In den folgenden Jahren wechselte der Besitz der Zeitung mehrere Male, bis das 18 Vgl. Thomas Ferenczi: L’invention du journalisme en France. Paris 1993, S. 178. 19 Zum Panama-Skandal: Jean-Yves Mollier: Le scandale de Panama. Paris 1991. 20 Fred Kupfermann/Philippe Machefer: Presse et politique dans les années Trente: Le cas du Petit Journal, in: Revue d’Histoire Moderne et Contemporaine, 22, 1975, S. 512–534.

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Petit Journal, das zu einer der wenigen publizistischen Stützen der VolksfrontRegierung gezählt hatte, dann 1937 zum offiziellen Organ des rechtsextremen Parti social français wurde. Als Motto schmückte sich die Zeitung mit den drei Worten „Travail, Famille, Patrie“, der Devise des späteren Vichy-Regimes. Das Petit Journal ist damit ein besonders eindrückliches Beispiel einer Zeitung, die von einem populären Massenblatt unter unterschiedlichen, politisch motivierten Besitzern heruntergewirtschaftet wurde und als mäßig erfolgreiches Organ einer politischen Partei endete. Auch außerhalb Frankreichs war für die Entwicklung der Presse in der Zwischenkriegszeit kennzeichnend, dass sich die Rückbindungen an das politische Milieu eher wieder verstärkten. Dies galt für Deutschland und bis zu einem gewissen Grade auch für England.21 Das bedeutet, dass die Entwicklung der Presseunternehmen hin zu „normalen“ kapitalistischen Unternehmen, wie sie sich im ausgehenden 19. Jahrhundert abzuzeichnen schien, spätestens seit dem Ersten Weltkrieg noch einmal eine neue Wendung erhielt. In Deutschland steht für diese Entwicklung der Name Alfred Hugenbergs welcher hier zum Inbegriff des Pressemoguls wurde, sich jedoch vom anglo-amerikanischen Idealtypus des Presseunternehmers deutlich unterschied.22 Anders als Hearst oder Northcliffe hatte Hugenberg, ähnlich wie die meisten französischen Zeitungsbesitzer, zu Beginn seiner Karriere als Medienunternehmer keinerlei Erfahrung in diesem Bereich. Er war Industriemanager mit politischen Ambitionen und kaufte die Zeitungen aus rein politischen Erwägungen, auch wenn klar war, dass er das Leserinteresse befriedigen musste, um erfolgreich sein zu können. Obwohl Hugenberg mit seiner aggressiven Einkaufs- und Verlagspolitik zu der überragenden Figur unter den deutschen Presseunternehmern der Weimarer Republik wurde, erweist sich sein parteinaher Verlagskonzern als durchaus symptomatisch. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums strukturierte Willi Münzenberg die KPD-Zeitungen zu einer Art von kapitalistischem Konzern um. Bei den Zeitungen des Zentrums und der SPD verbanden sich mit den Fragen der Verbreitung immer mehr auch die der Wirtschaftlichkeit. Und selbst der Verlag des „Generalanzeigerkönigs“ August Huck unterhielt enge Verbindungen zur DDP. Etwas überspitzt könnte man sogar den Auf- und Ausbau der NS-Presse unter Max Amann strukturell als Teil dieser Tradition sehen.23 21 Vgl. dazu George Boyce: The Fourth Estate: the Reappraisal of a Concept, in: ders. u. a. (Hg.): Newspaper History. Constable 1978, S. 19–40; Stephen Koss: The Rise and Fall of the Political Press in Britain, 2 Bde. London 1981/84. 22 Zum Hugenberg-Konzern vgl. Heidrun Holzbach: Das „System Hugenberg“. Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Stuttgart 1981. 23 Dazu ausführlicher: Jörg Requate: Zwischen Profit und Politik. Deutsche Zeitungsverleger im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in: Dieter Ziegler (Hg.): Großbürger und Unternehmer. Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Göttingen 2000, S. 167–186.

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In Deutschland, aber auch in anderen Ländern gestaltete sich die Verbindung von Presse und Politik oft weniger bewegt und weniger spektakulär als in Frankreich. Grundsätzlich aber waren diese Verbindungen in der Zwischenkriegszeit insgesamt wieder enger geworden. Selbst die britischen Presseunternehmer entfernten sich in der Zwischenkriegszeit bis zu einem gewissen Grade von dem Idealtypus, den Jean Chalaby von ihnen entworfen hat. Mit Northcliffe, Beaverbrook, Rothermere versuchten sich auch britische Presseunternehmer zeitweise in politischen Karrieren, wenn auch letztlich nicht sehr erfolgreich.24 Gleichwohl blieb es bei dem wichtigen Unterschied insbesondere zu Frankreich, dass nicht Politiker zu Presseunternehmern wurden, sondern umgekehrt Presseunternehmer zumindest zeitweise und nicht sehr erfolgreich politische Karrieren anstrebten.

2. Besitzstrukturen und journalistische Innovation Durch die Gegenüberstellung eines idealtypischen anglo-amerikanischen Presseunternehmers, der Erfahrung und Engagement in seine Zeitungen investiert und diese modernisiert, mit der Verfallsgeschichte des Petit Journal könnte der Eindruck entstanden sein, dass journalistische Innovation allein im Rahmen des amerikanischen oder britischen Pressemarktes mit ihren spezifischen Zeitungsunternehmern möglich war. Diesen Eindruck gilt es zumindest zu modifizieren. Es lässt sich zeigen, dass die enge Verbindung zwischen der Presse und den Presseunternehmern auf der einen und der Politik auf der anderen Seite bestimmte Dynamiken einer radikalen Publikumsorientierung in den kontinentaleuropäischen Ländern zwar bremste. Doch blieben diese Formen der Innovationen nicht aus, sondern fanden auch in der politisch gebundenen bzw. „versäulten“ Presse statt und führten zum Teil zu eigenen, auch gestalterischen Innovationen insbesondere im Bereich des Bild- und Fotojournalismus. Deutlich gemacht werden soll diese Entwicklung am Beispiel der niederländischen Presse, um von dort ausgehend einige weitere Beispiele zu integrieren. Bereits der Begriff der Versäulung ist dem niederländischen Kontext entlehnt und wird dort nicht zuletzt auf den Bereich der Presse angewendet. Er bringt zum Ausdruck, dass Katholiken, Protestanten, Sozialisten und Liberale jeweils ein eigenes Milieu bildeten, das sich in der entsprechenden Presse widerspiegelte. Auch hier waren die Verbindungen zwischen den Parteien und der Presse sowohl in personeller als auch in ökonomischer Hinsicht eng, was sich insbeson24 Jörg Requate: Medienmacht und Politik. Die politischen Ambitionen großer Zeitungsunternehmer – Hearst, Northcliffe, Beaverbrook und Hugenberg im Vergleich, in: Archiv für Sozialgeschichte, 41, 2001, S. 79–95.

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dere im direkten Besitz von Zeitungen durch politische Parteien und religiöse Gruppen äußerte. Die niederländische Pressegeschichtsschreibung hat aufgrund dieser Strukturen die Epoche zwischen 1914 und 1960 lange als statisch und unbeweglich beschrieben. Der Pressehistoriker Huub Wijfjes hielt jedoch jüngst dagegen, dass eine solche Sichtweise die Dynamik der niederländischen Presse und die Modernisierung innerhalb ihrer Säulen, die zunächst in einem Konzentrationsprozess zum Ausdruck kam, stark unterschätze.25. Ähnlich wie in Deutschland bildeten sich auch in den Niederlanden partei- bzw. milieugebundene Konzerne heraus, insbesondere im Bereich der katholischen und der Arbeiterpresse. Das bedeutete jedoch nicht, dass hier keine journalistische Innovation stattfand. Wijfjes beschreibt eine Weiterentwicklung in der Gestaltung der Zeitungen, in der Präsentation und den journalistischen Formen, für die er seinerseits explizit den Begriff der Amerikanisierung verwendet. Für die Zeitgenossen hatte der Begriff auch in den Niederlanden einen negativen Beigeschmack: Von Kaugummijournalismus sprach man hier.26 In diesem Sinne klagte Mitte der 30er Jahre der Chefredakteur einer sozialistischen Tageszeitung über die „Amerikanisierung“ und den „Sensationalismus“, um kurze Zeit später einem Nachrichtenredakteur mit Entlassung zu drohen, weil er eine Meldung über einen Mordfall nicht gebracht hatte, mit dem andere Zeitungen aufgemacht hatten.27 Jenseits einer Redeweise, die das Verantwortungsbewusstsein pries und den „Sensationalismus“ verwarf, entwickelte sich somit auch in der niederländischen, stark parteigebundenen Presse eine Eigendynamik der Praktiken, die von der englischen und amerikanischen Presse nicht weit entfernt waren. Das, was hier für die niederländische Presse beschrieben wurde, ließe sich für andere Länder, insbesondere die deutsche Presse der Weimarer Republik in erstaunlicher Ähnlichkeit zeigen. Bernhard Fulda hat gerade für die Berliner Massenpresse sehr überzeugend herausgearbeitet, wie parteigebunden auch diese war, wie sie sich aber innerhalb ihres jeweiligen Milieus zunehmend auf die Bedürfnisse ihrer Leserschaft einstellte und hier einiges an innovativer Kraft entwickelte.28 Ähnliches galt für die französische Presse. Auch hier folgten die Zeitungen Eigendynamiken der Form und der journalistischen Praktiken – al25 Huub Wijfjes: Kontrollierte Modernisierung. Form und Verantwortung im niederländischen Journalismus 1914 bis 1960, in: Michael Prinz (Hg.): Gesellschaftlicher Wandel im Jahrhundert der Politik. Nordwestdeutschland im internationalen Vergleich 1920–1960. Paderborn 2007, S. 175–195. 26 Doe Hans: „Cultuur en techniek“, in: De Journalist Nr. 477, 26 mei 1932. 27 Piet Bakker: Zo was het. Amsterdam 1961, S. 76–77. 28 Bernhard Fulda: Die Politik des „Unpolitischen“. Boulevard- und Massenpresse in den zwanziger und dreißiger Jahren, in: Frank Bösch/Norbert Frei (Hg.): Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert. Göttingen 2006, S. 48–72.

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lerdings mit durchaus spezifischer französischer Prägung. Die Entwicklung der Reportage zu einer literarischen Gattung per se wäre hier, ohne dies hier näher ausführen zu können, ebenso zu nennen wie das literarische Interview.29 Hier machte sich einmal mehr bemerkbar, dass die Presse mit dem literarischen Milieu ebenso eng verbunden war wie mit der Politik: Qualitätsjournalismus zeichnete sich in Frankreich immer auch durch seine literarischen Ambitionen aus.

3. Aufstieg des Fotojournalismus Mit dem Begriff der Amerikanisierung ist schließlich nicht zuletzt auch die Entwicklung der äußeren Gestaltung begriffen worden. Insgesamt veränderte sich im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert das Gesicht der Zeitung deutlich, in den USA und in England etwas früher als in weiten Teilen des europäischen Kontinents. Aus den ehemaligen Bleiwüsten wurden nach und nach Zeitungen mit einem modernen Gesicht. Unabhängig davon, inwieweit sich hier ein tatsächlicher Transfer ausmachen lässt, war die amerikanische Presse in der zeitgenössischen Diskussion der Bezugspunkt. Dies galt bis zu einem gewissen Grade auch für den Fotojournalismus. So hieß es etwa 1925 in der Arbeiter Illustrierten Zeitung: „Die illustrierte Zeitung ist das Blatt der nächsten Zukunft. In den Vereinigten Staaten von Amerika, deren zeitungstechnische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten vorbildlich für die Entwicklung der europäischen Zeitungen war, zeigt sich ein allgemeines Anschwellen der illustrierten Blätter auf der einen und ein Rückgang der politischen Zeitungen auf der anderen Seite.“30 Diese Beobachtung muss allerdings eingeschränkt werden. Denn gerade im Bereich der illustrierten Presse wird die gängige Rollenverteilung von Vorreiter und Nachzügler durchbrochen. In der Weimarer Republik entwickelte sich Deutschland geradezu zu einem Pionierland der illustrierten Presse und des Fotojournalismus. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erschienen in Deutschland zwanzig illustrierte Zeitschriften, von denen die Berliner Illustrirte Zeitung die bedeutendste war. Durch den Ersten Weltkrieg und vor allem durch die Inflation von 1922/23 mussten insgesamt 13 Illustrierte aufgeben, bevor dieses Genre dann in Deutschland einen einzigartigen Aufschwung erlebte. Nachdem 1923 zunächst die Münchner Illustrierte Presse erfolgreich gegründet worden war 29 Zu den französischen Reportern vgl. Marc Martin: Les grands reporters. Les débuts du journalisme moderne. Paris 2005; zu den literarischen Interviews: Martin Kött: Das Interview in der französischen Presse. Geschichte und Gegenwart einer journalistischen Textsorte. Tübingen 2004. 30 Arbeiter Illustrierte Zeitung, 12.3.1925, zit. nach Heinz Willmann: Geschichte der Arbeiter-Illustrierten Zeitung 1921–1938. Berlin 1975, S. 24.

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und bald eine Auflage von einer halben Million erreichte, zog 1924 Willi Münzenberg mit der kommunistischen Arbeiter Illustrierten Zeitung ausgesprochen erfolgreich nach. In Berlin fand sich in den 1920er Jahren eine Vielzahl junger ambitionierter Fotografen zusammen, von denen sich nicht wenige einen bleibenden Namen in der Geschichte des Fotojournalismus machen sollten: Erich Salomon, André Kertesz, Stefan Lorant, Simon Guttmann, Tim Gidal, Felix H. Man, Robert Capa, Gerta Taro und einige andere. Neben Berlin entwickelte sich Paris in dieser Zeit zu einem weiteren wichtigen Zentrum des aufstrebenden Fotojournalismus. Die Umwandlung von Paris Soir im Jahr 1931 durch den neuen Besitzer Jean Prouvost zu einer ganz vom Bildjournalismus geprägten Zeitung war hier die zweifellos wichtigste Innovation im Bereich der Presse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während viele andere Zeitungen eher vor sich hin dümpelten, konnte Prouvost die Auflage innerhalb von nur zwei Jahren mehr als verzehnfachen und verkaufte 1934 über eine Million Exemplare.31 In Deutschland wurde diese Entwicklung des Fotojournalismus 1933 jäh unterbrochen. Viele Fotografen waren jüdischer Herkunft, nicht wenige arbeiteten für linke oder liberale Blätter, und da sie mit der Fotografie gewissermaßen über ein universelles Ausdruckmittel verfügten, verließen gerade die jüdischen und politisch verfolgten Fotojournalisten Deutschland wesentlich früher als andere. Viele von ihnen fanden wiederum den Weg in die USA und trugen hier nun dazu bei, dem auch dort aufstrebenden Fotojournalismus neue Impulse zu geben.32 1936 gründete der amerikanische Großverleger Henry Luce mit Life das Blatt, das für rund drei Jahrzehnte der Maßstab für Fotojournalismus schlechthin werden sollte.33 Unterstützung für seine Gründung holte er sich von zwei im Bildjournalismus erfahrenen deutschen Emigranten: Kurt Szafranski und Kurt Korff.34 Beide waren vor ihrer Emigration die maßgeblichen „Macher“ der Berliner Illustrirten gewesen, Korff als Chefredakteur und Szafranski als freier Mitarbeiter. Vor allem Korff war nicht nur als konzeptioneller Berater tätig, er empfahl

31 Claude Bellenger u.a.: Histoire générale de la presse française, Bd. 3. Paris 1971, S. 524. 32 Klaus Honnef/Frank Weyers: Und sie haben Deutschland verlassen… müssen. Fotografen und ihre Bilder 1928–1997. Köln 1997. Vgl. auch Gisèle Freund: Photographie und Gesellschaft. Reinbek b. Hamburg 1979. Kurzbiografien einer großen Zahl von in Deutschland tätigen Fotografen finden sich bei Rolf Sachsse: Die Erziehung zum Wegsehen. Fotografie im NS-Staat. Bielsko-Biala 2003, S. 366ff. 33 Robert Littman u.a.: Life: The first Decade 1936–45. London/New York 1980. 34 Zu Korffs Rolle vgl. insbes. C. Zoe Smith: Germany’s Kurt Korff: An Emigre’s Influence on early LIFE, in: Journalism Quarterly, 65, 1988, S. 412–419; vgl. außerdem Beverly Bethune: A Brief History of Photojournalism, in: Greg Lewis (Hg.): Photojournalism. Content and Technique. Madison 1995, S. 274–294.

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der Redaktion auch weitere aus Deutschland emigrierte Fotografen, die zuvor für die Berliner Illustrirte und andere Fotozeitschriften gearbeitet hatten.35 Das Zentrum des innovativen Fotojournalismus hatte sich damit nicht zuletzt durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die von ihnen erzwungene Emigration vieler Fotografen von Deutschland in die USA verlagert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte diese Entwicklung gewissermaßen wieder nach Europa zurück. Nun war erneut mit Life ein amerikanisches Blatt das Maß aller Dinge in diesem Bereich, was wiederum der Rede von der Amerikanisierung neue Nahrung gab. Bezeichnenderweise wurde bereits im „Dritten Reich“ die von der Propagandakompanie des Heeres mit Blick auf das Ausland konzipierte Zeitschrift Signal zumindest äußerlich nach dem Vorbild von Life gestaltet. Für Signal arbeiteten viele jener Redakteure und Fotografen, die in der Nachkriegszeit Quick, Stern und den Spiegel mit aufbauten.36 Der in den USA erreichte professionelle Standard führte dazu, dass sich nicht zuletzt auch die enorm erfolgreichen Frauen- und Modezeitschriften an amerikanischen Vorbildern ausrichteten. Dies galt insbesondere für die Machart, aber auch die hier transportierten Leitbilder. Gerade am Beispiel der französischen Zeitschriften dieser Art lässt sich allerdings einmal mehr die Komplexität des Amerikanisierungsprozesses in diesem Bereich festmachen. Hélène Lazareff, die gemeinsam mit Françoise Giroud das überaus erfolgreiche Magazin Elle gegründet hatte und leitete, war gebürtige Amerikanerin und hatte mehrere Jahre als Journalistin in den USA gearbeitet. Trotz der deutlich erkennbaren Orientierung an amerikanischen Modellen entwickelten sich insbesondere Elle und MarieClaire weltweit zu enorm erfolgreichen Presseerzeugnissen, die gerade in der Kombination aus „amerikanischer“ Modernität mit französischer Mode und einem als „französisch“ gelabelten Chic eine Attraktivität entfalteten, an der sich viele andere Modezeitschriften ausrichteten.37 Der große Erfolg dieser Blätter bestand somit nicht in der einfachen Übernahme von Modellen, sondern in deren Aneignung und Anpassung an die jeweiligen nationalen Stile.

35 James L. Baughman: Henry R. Luce and the Rise of the American News Media. Baltimore 2001, S. 87. 36 Vgl. Sachsse: Erziehung, S. 199. 37 Vgl. zur Entwicklung der Frauenmagazine: Evelyne Sullerot: La presse feminine. Paris 1983; zum amerikanischen Einfluss auf die französischen Magazine: Kristin Ross: Rouler plus vite, Laver plus blanc. Modernisation de la France et décolonisation au tournant des années 60. Paris 1997, S. 106ff.

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4. Die Neuordnung der Presselandschaft nach der Diktaturerfahrung Für die entstehende Bundesrepublik ist der amerikanische Einfluss auf die Entwicklung des Mediensystems nicht nur wegen der Vergabe von Lizenzen, sondern auch hinsichtlich des Verständnisses von einer freien Presse insgesamt bekannt. Weniger bekannt ist, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg kurze Zeit so etwas wie eine globale Kampagne für die Pressefreiheit führten, die jedoch an ihren inneren Widersprüchen scheiterte.38 Der Völkerbund hatte sich schon in den 1920er Jahren des Problems der Presse- und Informationsfreiheit angenommen, eines Themas, das dann vor allem von amerikanischer Seite, sowohl seitens der Regierung als auch der Presseunternehmer und Journalisten, aufgegriffen wurde.39 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Thema angesichts des Kalten Krieges noch einmal besonders brisant: Der Kampf für Presse- und Informationsfreiheit wurde für die USA zunehmend ein Mittel zur Bekämpfung des kommunistischen Einflusses, in den sie nun die Vereinten Nationen einzuspannen suchten. Die amerikanische Position wurde jedoch erheblich geschwächt, als die Regierung ihrerseits kommunistische Journalisten an der Einreise hindern wollte. So erregte es erhebliches Aufsehen, als dem für Außenpolitik zuständigen Redakteur der Humanité, des Zentralorgans der kommunistischen Partei Frankreichs, im September 1947 die Einreise für die Berichterstattung über die UNO-Vollversammlung verweigert werden sollte. Schließlich stimmte das amerikanische Justizministerium einem Visum genau für die Dauer der Sitzung zu. Anderen als kommunistisch eingestuften Journalisten wurde die Einreise in die USA ganz verweigert. Nicht nur aufgrund dieser Vorfälle war die gesamte Kampagne für eine UN-Resolution zur weltweiten Durchsetzung der Pressefreiheit im Zuge des Kalten Krieges schließlich zum Scheitern verurteilt. Gleichwohl kann für die Zeit nach 1945 insgesamt kein Zweifel am grundsätzlichen Vorbildcharakter des amerikanischen Journalismus herrschen. Für die Frage des Zäsurcharakters von 1945 für die deutsche, aber auch die italienische oder österreichische Mediengeschichte wird man diesen Einfluss ebenso wie den des englischen Vorbilds kaum überschätzen können. Für Europa insgesamt stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Zäsur von 1945 wesentlich komplexer und müsste letztlich für viele Länder oder zumindest Gruppen von Ländern einzeln beantwortet werden. Ein grundsätzlicher Punkt lässt sich jedoch festhalten: Überall dort, wo es zu einem Systemwechsel kam – und dies gilt nicht nur für 1945, sondern etwa auch für den Übergang Portugals, 38 Vgl. dazu: Margret A. Blanchard: Exporting the First Amendment. The Press-Government Crusade of 1945–1952. New York 1986. 39 Ebd., S. 11ff.

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Spaniens und Griechenlands zur Demokratie in den Jahren 1974 und 1975, lässt sich zunächst eine klare Politisierung der Medien, nicht zuletzt unter Beteiligung der Parteien, beobachten. Für Italien galt dies 1945 nach der langen Diktaturerfahrung besonders deutlich: Die Zeitungen dienten hier zunächst als Kommunikationsorgane innerhalb der wieder entstehenden politischen Milieus.40 Eine Parteinähe der Zeitungen war somit für längere Zeit eine Selbstverständlichkeit. Auch in Deutschland wurden die Parteien bzw. Mitglieder von Parteien, insbesondere der SPD, bei der Lizenzvergabe vorrangig bedacht, so dass hier ebenso zunächst die Milieupresse wieder entstand.41 In Frankreich ordnete sich vor allem die Pariser Presselandschaft nach 1945 komplett neu. Auffällig ist vor allem, dass keines der alten, einst so erfolgreichen Massenblätter wieder entstand. Vielmehr verstanden sich die Zeitungen, ähnlich wie zum gleichen Zeitpunkt in Italien, als unmittelbare Teilnehmer an der Neugestaltung des politischen Raumes. Ihre Legitimität beanspruchten sie zunächst nicht dadurch, dass sie sich als populäres Publikumsmedium gaben. Alle wichtigen Zeitungen verorteten sich in der einen oder anderen Form in den unterschiedlichen Zweigen der Résistance. In der Selbstdarstellung ging es somit darum, sich eine politische Glaubwürdigkeit zu verleihen, um auf diese Weise vom Publikum akzeptiert zu werden. In den Niederlanden knüpften die politischen Zeitungen dagegen weitgehend an die Vorkriegssituation und damit an die Versäulung der Presse an. Doch nach einem Jahrzehnt löste sich hier ebenso wie in der Bundesrepublik die Parteibindung zunehmend auf – nicht zuletzt weil sich nur in wenigen Städten mehr als eine Zeitung halten konnte. Spätestens seit Beginn der 1960er Jahre hatten die Zeitungen in nahezu allen Ländern Europas mit einem zum Teil erheblichen Auflagenverlust zu kämpfen, so dass sich der Konzentrationsprozess noch einmal beschleunigte. Nicht wenige Zeitungen, die sich auf lokaler Ebene zuvor auch politisch bekämpft hatten, fusionierten, so dass explizite Parteibindungen zunehmend unmöglich wurden. Mit diesem Prozess waren schließlich auch der Niedergang der klassischen Presseunternehmer und der Aufstieg anonymer Gesellschaften verbunden, allerdings mit einigen markanten Ausnahmen. In der Bundesrepublik gilt dies sicher für Axel Springer, der nun, gewissermaßen nachholend, in Deutschland dem oben beschriebenen Idealtypus des anglo-amerikanischen Presseunternehmers nahe kam. In Frankreich gilt dies in ähnlicher Weise für Robert Hersant, der sein Presseimperium seit den 1950er Jahren kontinuierlich ausbaute und zeitweise Beteiligungen an bis zu 40% aller französischen Zeitungen besaß. Hier zeichnete 40 Paolo Mancini: Professioneller Journalismus in Italien zwischen traditionellen Wurzeln und Anforderungen des Marktes, in: ders. und Gerd G. Kopper (Hg.): Kulturen des Journalismus und politische Systeme. Berlin 1997, S. 93–108, hier: S. 93. 41 Gerd Meier: Zwischen Milieu und Markt. Tageszeitungen in Ostwestfalen 1920–1970. Paderborn 1999, S. 192ff.

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sich ein übergreifender Prozess der Presse- und Medienkonzentration ab, unübersehbar ein Prozess der Globalisierung, für den die Namen Robert Maxwell und Rupert Murdoch und vor allem die der eher anonymen großen Medienunternehmen wie Time-Warner, Bertelsmann und einige andere stehen.

5. Radio und Fernsehen: Amerikanisierung versus Europäisierung Seit langem hat sich der Amerikanisierungsdiskurs von den Printmedien hin zum Fernsehen verlagert. Dies gilt insbesondere für die Zeit nach der Einführung des Privatfernsehens. Zunächst allerdings sind im Bereich von Radio und Fernsehen die größten organisatorischen Unterschiede zwischen Europa und seinen staatlich bzw. öffentlich-rechtlichen Systemen und den USA mit seiner rein privatwirtschaftlichen Organisation auszumachen. Das bedeutet auch, dass England und die USA, die im Bereich der Presse eine vergleichsweise ähnliche Entwicklung nahmen, sich hier in ihren Strukturen erheblich unterscheiden. Zwar begann der Rundfunk in einer Reihe von europäischen Ländern – etwa in England und Frankreich – ebenfalls privatwirtschaftlich, wurde dann aber jeweils verstaatlicht oder in einen öffentlich-rechtlichen Status überführt. Von Beginn an entschlossen, nicht den amerikanischen Weg einzuschlagen, veranlasste der britische Postminister Neville Chamberlain 1922 den Zusammenschluss verschiedener interessierter Firmen zur British Broadcasting Company.42 Die Sendelizenz wurde zunächst nur für einige Monate vergeben. In dieser Zeit erarbeitete eine Kommission einen Bericht mit der Empfehlung einer strikteren Kontrolle des Senders durch den Staat. Der Widerstand gegen diese Empfehlung führte zu einer neuen Kommission, die sowohl die rein privatwirtschaftliche Organisation als auch die schlichte Verstaatlichung zurückwies. Auf dieser Basis wurde dann 1927 die British Broadcasting Company in die British Broadcasting Cooperation umgewandelt und mit einer Royal Charter ausgestattet. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen entwickelte sich dann ein Programm, dem es trotz der staatlichen Aufsicht gelang, weitestgehend unabhängig zu bleiben. Damit entwickelte sich die BBC vor allem nach 1945 zum viel bewunderten Modell, das nicht zuletzt für die Organisation des Rundfunks in der Bundesrepublik als Vorbild diente. Dennoch blieben in den meisten europäischen Staaten das Radio und später das Fernsehen unter stärkerer staatlicher Kontrolle. Eines der wichtigsten Beispiele der Nachkriegszeit ist hier ohne Zweifel Frankreich, wo in den 1920er 42 Tom Burns: The BBC: Public Institution and Private World. London 1977; Asa Briggs: The BBC. The First Fifty Years. Oxford 1985.

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Jahren der Rundfunk allerdings zunächst, ähnlich wie in den USA, privatwirtschaftlich begann. 1928 beschränkte das Postministerium die Zahl der Sender zunächst auf vier in Paris und neun in der Provinz. Daneben entstand gleichzeitig ein staatlicher Rundfunk, dessen Ausbau und Stärkung in den 1930er Jahren kontinuierlich vorangetrieben wurde. Mit der deutschen Besatzung und dem Vichy-Regime kam das Ende für die Privatsender. Die Verstaatlichung der Radiostationen wurde von der Nachkriegsregierung bestätigt, und schon in der Vierten Republik, insbesondere aber unter de Gaulle entwickelte sich der französische Rundfunk zu einer zunehmend staatlichen Veranstaltung – weit entfernt von der Unabhängigkeit der BBC. Ein Erlass aus dem Jahr 1959 wandelte den französischen Rundfunk zwar scheinbar in eine unabhängige „öffentliche Anstalt mit industriellem und kommerziellem Charakter“ um, doch in keinem anderen demokratisch verfassten Land Europas waren Radio und Fernsehen so staatsbzw. regierungsnah wie in Frankreich. Weder über den Algerienkrieg noch über den Mai ’68 wurde unter diesen Bedingungen unabhängig berichtet. Als 1968 die Ereignisse zu eskalieren drohten, gab die Regierung sogar die Anweisung an die staatlichen Medien, jegliche Berichterstattung über die Unruhen zu unterlassen. Die Journalisten reagierten mit Streik und wurden dafür hart bestraft: Insgesamt 72 von ihnen wurden entlassen.43 Die scharfe Kritik, die das Fernsehen für seine Staatsnähe im Zuge dieser Ereignisse einstecken musste, führte zwar insgesamt zu einer gewissen Liberalisierung. Im Juli 1970 brachte Georges Pompidou als neuer Staatspräsident seine Auffassung von der Aufgabe des Rundfunks noch einmal klar zu Ausdruck: „Der ORTF (die französische Rundfunkanstalt, J. R.) ist, ob man will oder nicht, die Stimme Frankreichs. Als solche wird sie vom Publikum angesehen. Folglich sprechen die, die im Fernsehen oder im Radio bei France Inter sprechen, in gewisser Weise im Namen Frankreichs.“44 Daher verlangte er von ihnen „une certaine hauteur de ton“. In der Vorstellungswelt des Staatspräsidenten hatten die Journalisten des staatlichen Fernsehens die Würde der Staatsnation zum Ausdruck zu bringen. Unter den demokratischen Staaten Europas bildeten England und Frankreich die beiden Pole eines breiten Spektrums zwischen relativer Unabhängigkeit und vergleichsweise scharfer staatlicher Kontrolle. Der Versuchung, die öffentlich-rechtlichen Sender einer möglichst großen staatlichen Kontrolle zu unterwerfen, gaben alle Regierungen mit mehr oder weniger Erfolg oder Misserfolg nach. Adenauers gescheiterter Versuch, das Zweite Deutsche Fernsehen als direkten staatlichen Sender aufzubauen, ist hier im europäischen Kontext nur ein Beispiel. Das italienische und nach dem Ende der Diktaturen in den Jahren 43 Aude Vassallo: La télévision sous de Gaulle. Le contrôle gouvernemental de l’information (1958/1969). Brüssel 2005. 44 http://www.ina.fr/archivespourtous (Pressekonferenz vom 2. Juli 1970).

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1974/75 auch das spanische, das portugiesische oder das griechische Fernsehen hatten es lange schwer, sich vom staatlichen Einfluss zu emanzipieren. Gänzlich frei von Versuchen der Einmischung blieb auch die BBC nicht. Doch gerade vor dem Hintergrund eines insgesamt eher gediegenen, mit einem staatlichen Bildungsauftrag versehenen Fernsehens setzte mit der Einführung des privaten Radios und Fernsehens, die im Westen Europas fast überall in den 70er und 80er Jahren erfolgte, erneut – insbesondere bezogen auf das Fernsehen – die Rede von der Amerikanisierung ein. Versteht man darunter die Tatsache, dass das amerikanische Fernsehen sich von Beginn an an dem orientierte, was man für die Bedürfnisse seiner Zuschauer hielt, und dabei weitestgehend frei von staatlichen Auflagen und staatlicher Kontrolle war, hat der Begriff hier einen gewissen heuristischen Wert. Ohne Zweifel gab und gibt es eine gewisse Ausrichtung an demjenigen Markt, der mit Blick auf Publikumswirksamkeit die längste Erfahrung hat, also an den USA. Gleichwohl scheinen gerade Radio und Fernsehen, also diejenigen Medien, für die die Rede von der Amerikanisierung die größte Berechtigung zu haben scheint, noch am ehesten eine Grundlage für ein europäisches Gegenmodell in der Medienlandschaft zu liefern. Von William Randolph Hearst ist einst behauptet worden, er sei der große Amerikanisierer der amerikanischen Presse gewesen. Hier zielt der Begriff der Amerikanisierung auf die Schaffung eines gemeinsamen amerikanischen Kommunikationsraums. 1990 gründete der britische Verleger Robert Maxwell die Wochenzeitung The European, und kündigte sie als „Europe’s first national newspaper“ an. Das Ziel war letztlich, es Hearst gleichzutun und einerseits den großen europäischen Markt für das neue Zeitungsprojekt zu nutzen, andererseits hierdurch auch einen europäischen Kommunikationsraum zu schaffen, der dann kommerziell besser nutzbar gewesen wäre. Maxwell strebte für sein Projekt eine Auflage von 650.000 Exemplaren an; erreicht wurde nicht einmal ein Drittel, von dem wiederum die Hälfte in Großbritannien verkauft wurde. So zeichnete sich das Scheitern des Projektes sehr schnell ab. 1992 verkaufte Maxwell das Blatt an die Barcley Brothers, die anstelle einer Zeitung für das allgemeine Publikum ein Blatt nur noch für ein klar umrissenes Käufersegment, eine europäische Business-Elite, zu machen versuchten. Auch dieses Projekt scheiterte. 1999 wurde die Zeitung eingestellt. Die Aussichten, eine kommerziell erfolgreiche europäische Zeitung, gar eine europäische Massenzeitung herauszubringen, dürften nach diesen Erfahrungen denkbar gering sein. Die Geschichte europäischer, also gezielt transnational angelegter Radiound Fernsehstationen ist sicher noch zu jung, um hier bereits abschließende Urteile fällen zu können. Konzentriert man sich auf den Bereich des Fernsehens und zählt hier alle transnationalen Sender zusammen, kommt man in Europa auf eine durchaus stattliche Zahl von über Hundert. Fast 90% davon sind aller-

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dings Auslandssender für nationale Minderheiten.45 Bleiben noch etwa 15 für ein tatsächlich transnational konzipiertes Publikum. Öffentlich-rechtlich sind davon BBC Prime und BBC World, Euronews, Arte, TV 5 und Eurosport. Die kommerziellen Sender gehören im Wesentlichen amerikanischen Gesellschaften und sind nicht für ein spezifisch europäisches Publikum gemacht, sondern eher als globale Programme konzipiert, die dann auf ein je nationales Publikum zugeschnitten werden – so wie MTV, Fox Kids, Bloomberg TV etc. Zudem sind es Spartenkanäle, die auf der Idee einer globalen, amerikanisch geprägten Kultur beruhen, oder Nachrichtenkanäle, die insbesondere eine global agierende Wirtschaftselite im Blick haben. Als spezifisch europäische Antwort auf das amerikanische Informationsmonopol wurde nach dem Zweiten Golfkrieg BBC World gegründet, und auf Initiative der EU-Kommission sollte mit Euronews der Grundstein für ein tatsächliches europäisches Fernsehen gelegt werden. Der Sender existiert zwar noch, sendet aber mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite sind derartige Sender wie auch Arte oder TV 5, aber auch die verschiedenen BBC-Sender letztlich nur auf öffentlich-rechtlicher Basis denkbar. Zudem ist unverkennbar, dass die nationalen öffentlich-rechtlichen Sender in Europa ihre europäische Berichterstattung seit einigen Jahren verstärken, wenn auch zumeist mit einer nationalen Perspektive. Die öffentlich-rechtlichen Sender begreifen diese Berichterstattung als eine Art Bildungsauftrag, der im kommerziellen Fernsehen keine Rolle spielt.

6. Fazit Die Kongruenz des Bürgers mit dem Konsumenten, die für die amerikanische Gesellschaft insgesamt von großer Bedeutung ist, erweist sich für die amerikanische Konzeption der Medien und des Journalismus als zentral. Eine zunehmende Orientierung am Ideal leichter Konsumierbarkeit, an den – tatsächlichen oder nur zugeschriebenen – Interessen der Leser, Zuhörer und Zuschauer kann damit als Amerikanisierung verstanden werden. Ein solcher Prozess ist über das gesamte 20. Jahrhundert in den europäischen Medien ohne Zweifel zu beobachten. Anders als in den USA blieb in Europa jedoch ein Spannungsverhältnis zwischen dem Staatsbürger und dem Konsumenten erhalten. Wenn die Medienwelt in Europa von ihren Formaten wie von ihren Inhalten her vielfach als „amerikanisiert“ wahrgenommen wird, bezieht sich diese Wahrnehmung in erster Linie auf die immer neu justierte Ausrichtung am Publikum bzw. am Medienkonsumenten. Weite Teile des Diskurses über die Medien nehmen diesen 45 Vgl. hierzu Jean Chalaby: Transnational Television in Europe. The Role of Pan-european Chanals, in: European Journal of Communication, 17, 2002, S. 183–203.

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Medienkonsumenten, an dem der Erfolg vielfach gemessen wird, jedoch eher als Bedrohung des Staatsbürgers wahr und weniger als dessen Verkörperung. Daher ist auch kein einfacher Angleichungsprozess der europäischen an die amerikanischen Medien zu erkennen. Zwei strukturelle Unterschiede lassen sich dafür vorrangig ausmachen. Zum einen waren die meisten europäischen Staaten im 20. Jahrhundert – anders als die USA – gleich mehreren scharfen politischen Umbrüchen, häufig mit Diktaturerfahrungen, unterworfen. Auf diese Weise zog einerseits der Staat immer wieder die Definitionsmacht über die Medien an sich. Andererseits erfüllten die Medien immer wieder eine zentrale Funktion der gesellschaftlichen Selbstorganisation insbesondere im Übergang von Diktaturen zu demokratischen Strukturen. Zum anderen ging in Europa kein Staat – selbst England nicht – so weit, die audiovisuellen Medien Radio und Fernsehen ganz der privatwirtschaftlichen Organisation zu überlassen. Das Maß an staatlicher Einmischung ist dabei sehr unterschiedlich. Sichert nach dem Ideal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Staat den Pluralismus und die Unabhängigkeit, lassen sich selbst in demokratischen Systemen unzählige Beispiele für staatliche Eingriffe benennen, die eben diese Unabhängigkeit und den Pluralismus einschränken und den Rundfunk für die eigenen Interessen instrumentalisieren. Als besonders problematisch erscheint der staatliche Einfluss dann, wenn er sich mit dem privatwirtschaftlichen vermischt. Berlusconi ist hierfür das herausragende, aber keineswegs einzige Beispiel. Trotz dieser Gefahren wird in Europa der Staat weiterhin eher als Garant medialer Pluralität angesehen. Die Krise der Zeitungen, wie sie in manchen europäischen Ländern vermehrt wahrgenommen wird, hat in Frankreich bereits zu der Anregung geführt, eine Art öffentlich-rechtlicher Zeitungen zu schaffen. Eine staatliche Subventionierung der Zeitungen findet hier, wie etwa auch in Italien, ohnehin bereits statt. Die zaghaften Versuche, eine wirklich transnational-europäische Medienlandschaft zu schaffen, scheinen diese Rolle des Staates noch einmal zu stärken. Für europäische Zeitungen oder ein europaweit ausgestrahltes Fernsehprogramm scheint ein Markt derzeit und auch in absehbarer Zukunft nicht vorhanden zu sein. Die Idee von spezifisch europäischen Fernsehprogrammen baut somit auf einem politischen Willen, nicht aber auf einem erkennbaren Konsumbedürfnis auf. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass trotz der unübersehbaren Orientierung am amerikanischen Medienmarkt, die sich in Europa über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg verfolgen lässt, weiterhin eine europäische geprägte Kernidee besteht, die sich von der Idee des Bürger-Konsumenten unterscheidet. An einer politischen Bedeutung der Medien für die Bürger wird ungeachtet aller Forderungen nach voraussetzungsloser Konsumierbarkeit in Europa weiterhin festgehalten.

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Möglicherweise bietet dies dem europäischen Qualitätsjournalismus eine Nische, die es ihm erlauben könnte, die aktuellen Entwicklungen auf dem US-amerikanischen Medienmarkt nicht nachzuvollziehen. Jenseits des Atlantiks nämlich scheint das ursprüngliche Geschäftsmodell ausschließlich anzeigenfinanzierter, durch journalistische Einrahmung marktgängig gemachter Zeitungen an seine Grenzen zu stoßen: Angesichts des Abwanderungsprozesses der Werbung in das Internet, allem voran in die großen Suchmaschinen, droht ein flächendeckendes Zeitungssterben, dem mangels anderer Kernideen als derjenigen des Bürger-Konsumenten schwerlich Schranken zu setzen sind.

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Information, Kommunikation, Unterhaltung Die technische Entwicklung der Massenmedien von Wolfgang König

Die seit etwa 1970 entstehende „moderne Technikgeschichte“1 verstand unter „Technik“ die Struktur und Funktion der technischen Sachsysteme, der Artefakte sowie deren Entstehungs- und Verwendungszusammenhänge.2 Die um die gleiche Zeit wie die moderne Technikgeschichte entstehende Medienkulturgeschichte setzte die Gewichte etwas anders.3 Ins Zentrum der Betrachtung rückten bei ihr, davon ausgehend, dass neue technische Medien zu neuen Formen der Wahrnehmung führen, Wahrnehmungsprozesse. Die Technik ließe sich demnach einerseits als Transportmittel von Information und Kommunikation und andererseits als Medium der Wahrnehmung begreifen. Damit befindet sich die Medienkulturgeschichte in der Nähe aktueller Vorschläge, Technik als „Medium“ zu behandeln, als Möglichkeitsraum zur Gestaltung und Wahrnehmung von Welt.4 Neuerdings hat in der Mediengeschichte der Begriff des Dispo-

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Karin Hausen/Reinhard Rürup (Hg.): Moderne Technikgeschichte. Köln 1975; Ulrich Troitzsch/Wolfhard Weber: Methodologische Überlegungen für eine künftige Technikhistorie, in: Wilhelm Treue (Hg.): Deutsche Technikgeschichte. Vorträge vom 31. Historikertag am 24. September 1976 in Mannheim. Göttingen 1977, S. 99–122; Karl-Heinz Ludwig: Entwicklung, Stand und Aufgaben der Technikgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 18, 1978, S. 502–523; Ulrich Troitzsch/Gabriele Wohlauf (Hg.): Technik-Geschichte. Historische Beiträge und neuere Ansätze. Frankfurt am Main 1980; vgl. zur Geschichte der Technikhistoriographie: Wolfgang König: Technikgeschichte, in: Günter Ropohl (Hg.): Erträge der Interdisziplinären Technikforschung. Eine Bilanz nach 20 Jahren. Berlin 2001, S. 231–243; Wolfhard Weber/Lutz Engelskirchen: Streit um die Technikgeschichte in Deutschland 1945–1975. Münster u.a. 2000. Die Gegenstandsbestimmung wurde in ausgearbeiteter Form weitgehend übernommen von Günter Ropohl: Eine Systemtheorie der Technik. Zur Grundlegung der Allgemeinen Technologie. München/Wien 1979. Vgl. Götz Großklaus: Technikforschung in kulturwissenschaftlicher Perspektive, in: Günter Ropohl (Hg.): Erträge der Interdisziplinären Technikforschung. Eine Bilanz nach 20 Jahren. Berlin 2001, S. 215–230, S. 224ff. Vgl. z.B. Christoph Hubig: Die Kunst des Möglichen. Grundlinien einer dialektischen Philosophie der Technik. Bd. 1: Technikphilosophie als Reflexion der Medialität. Bielefeld 2006; vgl. zur Vielfalt der gegenwärtig diskutierten Technikbegriffe Armin Grunwald/Yannick Julliard: Technik als Reflexionsbegriff. Überlegungen zur semantischen Struktur des Redens über Technik, in: Philosophia Naturalis, 42, 2005, S. 127–157.

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sitivs an Bedeutung gewonnen.5 Er verweist auf den Zusammenhang zwischen Apparat, Sender (Programminhalt) und Empfänger (Zuschauer) und betont damit die Sachtechnik und deren Aneignungsformen stärker als andere medienwissenschaftlichen Ansätze. Der Schwerpunkt dieses Beitrags wird auf dem „technischen Kern“ der Technikgeschichte liegen, auf der Struktur und Funktion der Artefakte; die Entstehungs- und Verwendungszusammenhänge der Technik werden knapper als in einer modernen Technikgeschichte üblich behandelt. Der Argumentationsgang folgt den wichtigsten massenmedialen Sachsystemen6 und berücksichtigt die zentralen Zwecke der (immer multifunktionalen) Medien: Information, Kommunikation und Unterhaltung. So wird das Telefon als prototypisches Medium der technisch vermittelten zwischenmenschlichen Kommunikation vorgestellt. Radio und Musikanlagen sowie Film und Fernsehen werden als akustische und visuelle Unterhaltungsmedien zusammengefasst. Und die Printmedien und das Internet stehen auch deswegen allein, weil sie schwerer als die anderen Medien spezifischen Funktionen zuzuordnen sind. Abschließend werden übergreifende Tendenzen der technischen Entwicklung formuliert, welche alle Medien im 20. Jahrhundert betreffen.

1. Printmedien Das erste Printmedium, welches eine breite Öffentlichkeit mit großer Regelmäßigkeit erreichte, war die Zeitung, deren Aufstieg im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit liberalen und demokratischen Strömungen stand. Politische Partizipation und Pressewesen bildeten Elemente einer neuen Form von Öffentlichkeit. Die technische Entwicklung leistete einen wesentlichen Beitrag dazu, dass zumindest in den Städten um die Jahrhundertwende eine reiche Auswahl an Blättern zur Verfügung stand und dass sich auch Arbeiter eine Tageszeitung leisten konnten. Viele der politisch-weltanschaulich gebundenen oder die Unterhaltungsbedürfnisse einer bunten Leserschar befriedigenden Zeitungen erschienen in zusätzlichen Morgen- oder Abendausgaben. Die wichtigsten technischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert betrafen die Papierherstellung sowie das Setzen und Drucken. Beides, die Rohstoffbasis und die Handarbeit, begrenzte den Output und hielt die Preise hoch. Am Beginn der 5 6

Vgl. Jean-Louis Baudry: Le dispositif. Approches métapsychologiques de l’impression de réalité. Paris 1975. Vgl. Axel Schildt: Zur Historisierung der massenmedialen Revolution. Neue Literatur über Massenkommunikation, Film und Fernsehen, in: Archiv für Sozialgeschichte, 36, 1996, S. 443–458; Michael North (Hg.): Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts. Köln u.a. 1995.

Die technische Entwicklung der Massenmedien

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industriellen Papierproduktion stand die Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich erfundene Papiermaschine. Für die gesellschaftliche Einbindung der Technikentwicklung ist es bezeichnend, dass die in der Französischen Revolution steigende Papiernachfrage die Erfindung motivierte ebenso wie das Bestreben, sich von den aufgrund der Revolution aufsässigen Papierarbeitern unabhängiger zu machen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Papiermaschine in England zur technisch-wirtschaftlichen Reife gebracht. Um 1825 übertraf auf der britischen Insel der Ausstoß an Maschinenpapier den des handgeschöpften. Die Suche nach einem alternativen Papierrohstoff führte zunächst um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Holzschliff; der Nachteil der hergestellten Papiere lag darin, dass sie mit der Zeit bräunlich und brüchig wurden. Diesen Nachteil vermieden die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entwickelten Verfahren, aus Holz Zellstoff (Zellulose) herauszulösen. Bis zum Ersten Weltkrieg verdrängte der Zellstoff aufgrund seines niedrigen Preises die anderen Papierrohstoffe und behielt seine dominante Position bis zur Gegenwart bei. Auch beim Satz und Druck wurde die handwerkliche Arbeit durch Maschinenarbeit abgelöst. Zwischen etwa 1810 und 1870 durchlief die Druckmaschinenentwicklung verschiedene Phasen.7 Die ersten Maschinen arbeiteten nach dem Zylinder-Flachform-Prinzip: Der auf einem flachen Karren montierte Satz wurde auf das um einen Zylinder geheftete Papier übertragen. Dagegen bedruckten bei den späteren Rollenrotationsmaschinen zwei Zylinder beidseitig das zwischen ihnen durchlaufende und von einer Rolle abgewickelte Papier. Nur bei großen Auflagen rentierte sich die Anschaffung der teuren modernen Maschinen mit ihrem enormen Ausstoß. So wurden die meisten Entwicklungsarbeiten an Druckmaschinen durch die großen Zeitungsverleger finanziert, und die fortgeschrittensten Maschinentypen kamen in großen Zeitungsverlagen zum Einsatz. Kleinere Blätter begnügten sich häufig mit älteren Konstruktionen. Ein weiteres Motiv für die technische Aufrüstung lag in der Schnelligkeit, mit der eine Zeitung gedruckt werden konnte; dies kam der Aktualität zugute. Wie sehr der Handsatz als Engpass der Druckereitechnik empfunden wurde, dokumentieren die zahlreichen Vorschläge zur Mechanisierung.8 Die in den 7

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Zu den Druckmaschinen: Claus W. Gerhardt: Geschichte der Druckverfahren. Teil 2: Der Buchdruck. Stuttgart 1975; Reinald Schröder: Die Industrialisierung des deutschen Buchdruckgewerbes im 19. Jahrhundert und ihre Folgen. Nebst Bibliographie zur Geschichte der Setzmaschine und ihrer Einführung in Deutschland. Hannover, Ciudad de Guatemala 1993; Eva Susanne Franke: Netzwerke, Innovationen und Wirtschaftssystem. Eine Untersuchung am Beispiel des Druckmaschinenbaus im geteilten Deutschland (1945–1990). Stuttgart 2000. Zu den Setzmaschinen: Matthias Otto: Die Setzmaschine in Deutschland. Beispiel für eine verzögerte und konfliktarme Technikeinführung, in: Technikgeschichte, 60, 1993, S. 347–364; Brigitte Robak: Vom Pianotype zur Zeilensetzmaschine. Setzmaschinenentwicklung und Geschlechterverhältnis 1840–1900. Marburg 1996.

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USA 1884 entwickelte Linotype – wie der Name sagt: eine Zeilen von Buchstaben herstellende Maschine – trennte den Vorgang des Setzens (von Matrizen) und das Ausgießen der mechanisch empfindlichen Bleizeilen. Die Gesamtheit der Innovationen, die Papiermaschine, der Papierrohstoff Zellulose und die Druck- und die Setzmaschinen, verbilligte die Printmedien im Laufe des 19. Jahrhunderts beträchtlich. Zusätzlich reduzierten die neuen Maschinen die Zeit zwischen der redaktionellen Verarbeitung der Nachrichten und der Auslieferung der Zeitung. Große Zeitungsverlage bildeten die wichtigsten Förderer der technischen Entwicklungsarbeiten und waren die Abnehmer der jeweils besten Technik. Der Aufstieg des Pressewesens zeigt sich in der Papiernachfrage. Im 18. Jahrhundert ging der überwiegende Teil des Papiers in den Buchdruck, im 19. Jahrhundert nahm der Zeitungsdruck diese Position ein. Zusätzlich profitierten die Zeitungen von der Nachrichtentechnik. Die Nachrichtenagenturen verwandten die in den 1830er Jahren entwickelte elektrische Telegraphie für die Weitergabe von Informationen.9 Mit der Verlegung transozeanischer Telegraphiekabel entstand bis etwa 1880 ein weltweites – wenn auch noch weitmaschiges – Netz an Verbindungen, das die Übermittlung von Nachrichten in Lichtgeschwindigkeit erlaubte. Eine – noch ausstehende – Analyse hätte zu zeigen, in welchem Umfang die Presse ihren Lesern die nachrichtentechnisch verdichtete Welt näherbrachte. Die erweiterten technischen Möglichkeiten nutzten zuerst die Zeitungen und dann – mit zeitlicher Verzögerung – auch die anderen Printmedien. Seit etwa 1900 konnten dort auch fotografische Bilder abgedruckt werden. Dahinter standen Verfahren, Halbtonvorlagen in Rasterpunkte zu zerlegen und auf Druckplatten zu übertragen. Die größte Bedeutung gewann dies für die Illustrierte. Die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erscheinenden illustrierten Zeitschriften setzten verschiedene Bilddruckverfahren ein, wie den Holzschnitt und die Lithographie. Die Fotografie erschloss ihnen zusätzlich die – vermeintliche – Authentizität und Spontaneität des Bildes. Anfangs handelte es sich vor allem um mit Plattenkameras aufgenommene Landschafts-, Gebäude- oder gestellte Personenaufnahmen. Der sich in der Zwischenkriegszeit entwickelnde Fotojournalismus arbeitete dagegen mit handlichen Kameras mit kurzen Verschlusszeiten und mit Rollfilmen aus Zelluloid. Sie ermöglichten originelle und spektakuläre Schnappschüsse. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam zum Schwarzweißbild das Farbbild. Bilder drangen, ausgehend von den Illustrierten, auch im Buch- und Zeitungsdruck vor. 9

Zur Telegraphie: Vary T. Coates u.a.: A Retrospective Technology Assessment: Submarine Telegraphy. The Transatlantic Cable of 1866. San Francisco 1979; Wolfgang König: Retrospective Technology Assessment – Technikbewertung im Rückblick, in: Technikgeschichte 51, 1984, S. 247–262; Daniel R. Headrick: The Invisible Weapon. Telecommunications and International Politics. Oxford 1991.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten fotomechanische und fotoelektrische Verfahren die Drucktechnik auf eine neue Basis. Hierzu gehört der in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in den Handel gebrachte Kopierer. In den Druckhäusern löste der Lichtsatz den Bleisatz ab. Bei der Drucktechnik setzte sich bis zur Gegenwart bei Massendrucksachen wie Zeitungen der (elektronische) Offsetdruck durch, beim Einzel- und Kleinauflagendruck der Farbstrahl- oder Laserdruck. Der Vorteil der elektronischen Verfahren liegt unter anderem darin, dass bis unmittelbar vor dem Druck Korrekturen vorgenommen werden können. Heute verlieren die Printmedien, Zeitungen wie Zeitschriften, gegenüber den elektronischen Medien, wie dem Fernsehen und dem Internet, an Boden – ohne in der Gefahr zu stehen, gänzlich zu verschwinden. Die neuere Entwicklung der Drucktechnik verdeutlicht aber auch, dass die Grenzen zwischen Print- und elektronischen Medien nicht mehr in dieser Schärfe zu ziehen sind. Auch die zentrale Bedeutung des Papiers als Informationsträger hat sich erhalten. Jedenfalls erhöhte sich der Papierverbrauch im Gleichschritt mit der Elektronisierung der Medien. Noch vor einiger Zeit gepflegte Visionen des „papierlosen Büros“ oder einer allgemeinen „papierlosen Zukunft“ sind inzwischen selbst in die Ablage gewandert.

2. Das Telefon als Kommunikationsmedium Das 1876 erfundene Telefon benötigte einen etwa hundertjährigen Vorlauf zum Massenmedium.10 In diesem ersten Jahrhundert diente es vor allem beruflichen und geschäftlichen Zwecken. Die erfinderischen Anstrengungen zielten zunächst nicht auf ein technisches Medium für die zwischenmenschliche Kom10 Zum Telefon: Erwin Horstmann: 75 Jahre Fernsprecher in Deutschland 1877–1952. Ein Rückblick auf die Entwicklung des Fernsprechers in Deutschland und auf seine Erfindungsgeschichte unter Beigabe einer Zeittafel zur Geschichte des Fernsprechers von Erwin Müller-Fischer. Berlin 1952; Horst A. Wessel: Die Entwicklung des elektrischen Nachrichtenwesens in Deutschland und die rheinische Industrie. Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Zeitschrift für Unternehmensgeschichte. Beihefte 25). Wiesbaden 1983; Frank Thomas: Telefonieren in Deutschland. Organisatorische, technische und räumliche Entwicklung eines großtechnischen Systems. Frankfurt am Main 1995; Werner Rammert: Telefon und Kommunikationskultur. Akzeptanz und Diffusion einer Technik im Vier-Länder-Vergleich, in: Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 42, 1990, S. 20–40; Jörg Becker (Hg.): Fern-Sprechen. Internationale Fernmeldegeschichte, -soziologie und -politik. Berlin 1994; Harm G. Schröter: Leistungen und Defizite im deutschen Telefonsystem von 1920 bis 1939, in: Kai Handel (Hg.): Kommunikation in Geschichte und Gegenwart. Freiburg 2002, S. 69–95; vgl. für die USA die ausgezeichnete Arbeit von Claude S. Fischer: America Calling: A Social History of the Telephone to 1940. Berkeley, Los Angeles 1992.

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munikation, sondern auf ein physikalisches Demonstrationsgerät für das Hören oder auf ein System für die Mehrfachtelegraphie auf einer Leitung. Die Telefongeschichte verdeutlicht also, dass zu einer erfolgreichen Erfindung nicht nur die Lösung eines technischen Problems, sondern auch die Identifikation einer viel versprechenden Nutzung gehört.11 Die Unsicherheit der Innovatoren, was mit dem neuen Medium anzufangen sei, schlug sich in unterschiedlichen Diensten nieder. Hierzu gehörte die Übertragung von Musik- und Theateraufführungen oder Nachrichten über Telefonleitungen an Abonnenten. In dieser Verwendungsweise bildete das Telefon einen Vorläufer des Unterhaltungsrundfunks. In Deutschland nutzte die staatliche Postverwaltung das Telefon, um die Annahmestellen für Telegramme zu vermehren und hierdurch die bestehenden Telegrafennetze zu erweitern. Die Telefonie war – zumindest bis zu Entfernungen von einigen Dutzend Kilometern – einfach preiswerter als die Telegrafie. Auch Private aus der Ober- und Mittelschicht zeigten Interesse am Telefon, indem sie es – ohne Mitwirkung der Post – innerhalb des eigenen Hauses installierten.12 Den überwiegenden Teil der kommerziellen Telefonie machte jedoch die Geschäftskommunikation aus, wobei die Finanzwelt zu den Pionieren gehörte. Aber selbst in der Geschäftskommunikation brauchte das neue Medium Zeit zur kulturellen Integration. Anfänglich wurden vielfach am Telegrafen entwickelte Verhaltensweisen auf das Telefon übertragen, indem es zur Weitergabe von Informationen und nicht zum Informationsaustausch genutzt wurde. Im Gegensatz zum globalen Telegrafienetz waren die Telefonnetze zunächst lokal begrenzt, weil die analogen Telefonsignale nicht wie die digitalen Telegrafiesignale verstärkt werden konnten. Zahlreiche technische Innovationen erweiterten allmählich die Reichweite der Telefonienetze, eine definitive Lösung brachte aber erst zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Verstärkerröhre. Um die gleiche Zeit erlaubte die – allerdings störungsanfällige – Radiotelefonie Telefongespräche zwischen Europa und den USA. Ein relevanter interkontinentaler Telefonverkehr entwickelte sich jedoch erst nach der Verlegung transozeanischer Telefonkabel, welche 1956 im Nordatlantik begann. Es dauerte also Jahrzehnte, bis die Telefonkunden nicht mehr im Extremfall viele Stunden auf das Zustandekommen des angemeldeten Gesprächs warten mussten. Die Zahl der Kanäle wurde durch die seit Mitte der 1960er Jahre installierten Kommunikationssatelliten vermehrt. Hunderte Glasfaserkabel und Nachrichtensatelliten sorgen heute 11 Vgl. allgemein Gerhard Banse/Hans-Peter Müller (Hg.): Johann Beckmann und die Folgen. Erfindungen – Versuch der historischen, theoretischen und empirischen Annäherung an einen vielschichtigen Begriff. Münster 2001; und für das Telefon David A. Hounshell: Elisha Gray and the Telephone. On the Disadvantages of Being an Expert, in: Technology and Culture, 16, 1975, S. 133–161. 12 Die Haustelefonie gehört zu den unerforschten Themen der Mediengeschichte.

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für den weltweiten Nachrichtentransport. Ein weiteres Problem für die Telefonentwicklung, welches sich mit jedem Teilnehmer vergrößerte, stellte die Vermittlung dar. Anfangs löste man es mit Vermittlungstischen oder -schränken, mit Steckkontakten und mit weiblichen Arbeitskräften. Eine automatische Vermittlung gab es seit dem späten 19. Jahrhundert, doch die weitgehende Ablösung der Handvermittlung fand erst nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Telefonieren war aufgrund der begrenzten Kapazität des Systems lange Zeit teuer. In der Anfangszeit des Telefons ließ sich auf einer Leitung nur ein Gespräch führen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts vermehrten der Übergang von der Gleichstrom- zur Wechselstromtelefonie, die Koaxialkabel und schließlich die Glasfaserkabel die auf einer Leitung zur Verfügung stehenden Kanäle auf viele Tausende. In analoger Weise wurden bei der Radiotelefonie die freigegebenen Frequenzbänder besser ausgenutzt. Seit den 1960er Jahren ergänzte eine neue Übertragungstechnik die Kapazitätserhöhung der Leitungen. Die Digitalisierung der Informationen verband sich dabei mit einer Übertragung in dichter Packung in einem Zeitfenster. Auf diese Weise vergrößerte sich die Kapazität des globalen Systems der Nachrichtenübertragung enorm, was die Preise sinken ließ und die quantitative Ausweitung des Teilnehmerbetriebs sowie die Vermehrung der angebotenen Dienstleistungen erlaubte. Ebenfalls seit den 1960er Jahren schafften sich immer mehr Private ein Telefon an; in der Bundesrepublik kann man seit den 1980er Jahren von einer statistischen Vollversorgung der Haushalte sprechen. In dieser Zeit übertrafen die mit Privatkunden getätigten Umsätze diejenigen, die mit Geschäftskunden gemacht wurden. In anderen europäischen Ländern, so in Skandinavien und in der Schweiz, spielte sich diese Transformation schon früher ab.13 Dabei kamen seit den 1960er Jahren zwei Tendenzen zusammen: der durch die technische Entwicklung bedingte Rückgang der Preise und die Steigerung der Einkommen in der Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Darüber hinaus gibt es aber auch zahlreiche Hinweise, dass die Postverwaltungen ebenso wie die privaten Telefongesellschaften den privaten Markt lange Zeit unterschätzten und vernachlässigten. Der Brief und, falls es eilig war, das Telegramm sowie das persönliche Zusammentreffen schienen den Kommunikationsbedürfnissen der Menschen zu genügen. Das neue Medium Telefon wurde erst in einem längeren Prozess in die privaten Lebenswelten integriert. Dabei bereiteten vielfach die Erfahrungen mit der beruflichen der privaten Nutzung den Weg. Die Verbreitung des Mobiltelefons ging dagegen wesentlich dynamischer vonstatten.14 Die physikalischen Grundlagen der Mobiltelefonie, nämlich die 13 Vgl. Schröter: Leistungen. 14 Zur Mobiltelefonie: Horst A. Wessel: Von der Festnetztelefonie zum Mobilfunk. Die Auswirkungen neuer technischer Möglichkeiten auf das Kommunikationsverhalten, in: Kai

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Nutzung elektromagnetischer Wellen zur Gesprächsübertragung, sind die gleichen, wie sie bereits vor dem Ersten Weltkrieg beim „Sprechfunk“ zum Einsatz kamen. Die Geschichte der Mobiltelefonie ließe sich schreiben als Verkleinerung der Apparate und – im Gleichklang hiermit – als Ausweitung des Anwendungsbereichs. So betrieben in der Zwischenkriegszeit das Militär, die Polizei und auch die Rettungsdienste kleine Mobilfunknetze. Die Sende- und Empfangsapparate befanden sich üblicherweise in Fahrzeugen. Eine breite Kommerzialisierung kam wegen der hohen Kosten und der Unhandlichkeit der Geräte, vor allem aber wegen des Mangels an Frequenzen nicht in Frage. Dies änderte sich allmählich seit 1980. Von entscheidender Bedeutung war dabei die seit den 1990er Jahren erfolgende Digitalisierung. Im Allgemeinen werden die Informationen zwischen den Endgeräten und dem nächsten Sendemast per Funk übertragen, ansonsten nutzt die Mobiltelefonie das bestehende Festnetz. Mobil- und Festnetztelefonie sind technisch also eng miteinander verschränkt. Aus der Perspektive des Kunden findet jedoch eine Ablösung des an die Wohnung gebundenen Telefons durch das mobile „Handy“ statt. Derzeit befinden wir uns in einem Prozess der kulturellen Integration des neuen Massenmediums, dessen Ausgang ungewiss ist.

3. Akustische Unterhaltungsmedien: Radio und Musikanlagen Die meisten Massenmedien dienen in der heutigen Konsumgesellschaft der Unterhaltung. Voraussetzungen ihrer Verbreitung sind eine gewisse Höhe des disponiblen Einkommens, ein Mindestmaß an Freizeit und Mentalitäten, welche nicht mehr die Arbeit in den Mittelpunkt des Lebens stellen.15 Im Laufe des 20. Jahrhunderts boten die Bilder des Kinos und des Fernsehens, die Tonübertragungen des Rundfunks und technisch gespeicherte Musik neue Formen der Unterhaltung. Der Unterhaltungsrundfunk besaß im Funk einen technischen Wegbereiter und kommerziellen Vorläufer.16 Die Funktechnik, die drahtlose Telegrafie, nutzte, wie bis zur Gegenwart alle Systeme zur drahtlosen Informationsübertragung, Handel (Hg.): Kommunikation in Geschichte und Gegenwart. Freiberg 2002, S. 121–141; Heike Weber: Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy. Bielefeld 2008. 15 Die Literatur zur Konsumgeschichte ist mittlerweile kaum noch überschaubar. Als aktueller Einstieg kann benutzt werden: Wolfgang König: Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft. Stuttgart 2008. 16 Zur Funktechnik: Hugh G.J. Aitken: Syntony and Spark: The Origins of Radio. Princeton 19852; Susan J. Douglas: Inventing American Broadcasting 1899–1922. Baltimore, London 1987; Michael Friedewald: Die „Tönenden Funken“. Geschichte eines frühen drahtlosen Kommunikationssystems 1905 – 1914. Berlin 1999; Headrick: The Invisible Weapon.

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elektromagnetische Wellen. Seit den 1860er Jahren wurden elektromagnetische Wellen zunächst theoretisch prognostiziert, dann experimentell nachgewiesen und schließlich – gegen Ende des Jahrhunderts – für die Übertragung von Signalen genutzt. Die etablierte leitungsgebundene Telegrafie beließ dem Funk nur eine Nische: die Kommunikation zwischen beweglichen Zielen. Die wichtigsten Kunden waren denn auch zunächst das Heer, die Kriegsmarine und die Passagierschifffahrt. Die Reedereien erhöhten mit Hilfe des Funks die Sicherheit der Schiffspassagen und verbesserten die Abfertigung in den Häfen. Die – begüterten – Passagiere konnten unterwegs aktuelle Bordzeitungen erstehen sowie Telegramme empfangen und versenden. Abgesehen von der militärischen Verwendung zeigten sich die großen Mächte am Funk auch deswegen interessiert, weil sie Verbindungen mit den Kolonialgebieten aufrechterhalten wollten. Mit Hilfe gigantischer Stationen gelang es dabei bis zum Ersten Weltkrieg, auch größere Entfernungen zu überbrücken. Mit der Funktechnik ließen sich nur diskrete Morsesignale übermitteln. Für die Übertragung von Sprache und Tönen musste man von den durch Funken erzeugten diskontinuierlichen zu kontinuierlichen Schwingungen übergehen. Seit 1906 wurden hierfür mehrere Lösungen entwickelt, von denen sich die Hochfrequenzmaschinensender und die Röhrensender als zukunftsfähig erwiesen. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Sprechfunk erstmals in größerem Umfang genutzt. An diesem Stand der Technik setzte der in den großen Industriestaaten zu Beginn der 1920er Jahre eingerichtete Unterhaltungsrundfunk an.17 Die Ver17 Zum Unterhaltungsrundfunk: Hans Bausch (Hg.): Rundfunk in Deutschland. 5 Bde. München 1980; und darin als Einzelband Winfried B. Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Herkunft und Entwicklung eines publizistischen Mittels. Frankfurt am Main 2 1970; Peter Dahl: Radio. Sozialgeschichte des Rundfunks für Sender und Empfänger. Reinbek bei Hamburg 1983; Carsten Lenk: Die Erscheinung des Rundfunks. Einführung und Nutzung 1923–1932. Opladen 1997; Siegfried Hermann/Wolf Kahle/Joachim Kniestedt: Der deutsche Rundfunk. Faszination einer technischen Entwicklung. Heidelberg 1994; Hans Rindfleisch: Technik im Rundfunk. Ein Stück deutscher Rundfunkgeschichte von den Anfängen bis zum Beginn der achtziger Jahre. Norderstedt 1985; Axel Schildt: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg 1995, S. 209–261; Heide Riedel: 60 Jahre Radio. Von der Rarität zum Massenmedium. Berlin 1983; Ralf Ketterer: Funken, Wellen, Radio. Zur Einführung eines technischen Konsumartikels durch die deutsche Rundfunkindustrie 1923–1939. Berlin 2003; Heinz Pohle: Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des deutschen Rundfunks von 1923/38. Hamburg 1955; Ansgar Diller: Rundfunkpolitik im Dritten Reich. München 1980; Inge Marszolek/Adelheid v. Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden I. Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998; Wolfgang König: Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft. „Volksprodukte“ im Dritten Reich. Vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Paderborn u.a. 2004; Konrad Dussel: Hörfunk in Deutschland. Politik, Programm, Publikum (1923–1960). Potsdam 2002; Weber: Versprechen.

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breitung des Rundfunks hing wesentlich von der Attraktivität des Programms ab, aber auch von den entstehenden Kosten. In wirtschaftlich schwachen Ländern, wie Deutschland, erleichterte der Detektor den Zugang zu dem neuen Medium. Der billige, auch als Bausatz angebotene Empfänger arbeitete nur mit der vom Sender aufgenommenen Energie, benötigte also keinen Strom. Allerdings gestaltete sich der Empfang recht unkomfortabel. Die Einstellung des Senders war schwierig, und abhören konnte man die Sendungen nur über Kopfhörer. Teure Röhrengeräte ermöglichten dagegen Lautsprecherempfang zahlreicher in- und ausländischer Sender in hoher Qualität. Mit einfacheren Röhrengeräten musste man hinsichtlich Qualität und Reichweite Einschränkungen in Kauf nehmen. In die letztere Gruppe gehörten auch die nationalsozialistischen „Gemeinschaftsgeräte“, der Volksempfänger und der Deutsche Kleinempfänger. An sich stimmten bei ihnen Preis und Qualität. Die Rundfunkverbreitung im „Dritten Reich“ wurde weniger durch die Gerätekosten als durch die Betriebskosten gehemmt, bei denen die Rundfunkgebühr den größten Posten ausmachte. Dennoch erhöhte der Rundfunk seine Verbreitung im nationalsozialistischen Deutschland beträchtlich, blieb aber entgegen der Propaganda ein Medium der Mittelschichten. Ähnliche und teilweise schneller ablaufende Wachstumsprozesse fanden in den 1930er Jahren auch in anderen europäischen Staaten statt. So besaßen Schweden und Dänemark eine höhere Rundfunkdichte als Deutschland; unter anderem waren die Wachstumsraten in Frankreich und Norwegen höher.18 Nach dem Krieg entwickelte sich in der Bundesrepublik zunächst eine radiotechnische Besonderheit. Die internationale Verteilung der Mittelwelle hatte Deutschland ausgespart. Deswegen wichen die deutschen Sender auf Ultrakurzwelle (UKW) aus. Zusammen mit der verwendeten Frequenzmodulation erbrachte UKW eine höhere Tonqualität, was insbesondere den Musiksendungen zugute kam. Im Laufe der 1960er Jahre steigerte die Einführung von Stereo den Hörgenuss zusätzlich. Die genannten neuen Technologien bildeten ein wichtiges Motiv dafür, dass die Radiobesitzer ihre alten durch neue Geräte ersetzten. Auch in den staatlichen bzw. öffentlich-rechtlichen Rundfunksystemen entstand mit der Zeit eine beträchtliche Programmvielfalt. Begrenzungen resultierten unter anderem aus der Kapazität des zur Verfügung stehenden Frequenzbandes. Als sich seit etwa 1980 mit den Satelliten und Breitbandkabeln neue Übertragungssysteme am Markt etabliert hatten, entfielen die technischen Gründe für die restriktive Behandlung des Programmangebots. In der Bundesrepublik Deutschland schrieb 1987 ein neuer Rundfunkstaatsvertrag ein aus öffentlich-rechtlichen und aus privaten Anbietern bestehendes „duales Rundfunksystem“ fest. Die Zulassung der Privaten erfolgte zwar in erster Linie mit Blick auf 18 König: Volkswagen, S. 84.

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das Fernsehen, ließ aber auch eine Vielzahl weiterer (privater) Radioprogramme entstehen. Um 1960 bestand auch in Deutschland, etwa anderthalb Jahrzehnte später als in den USA, eine Vollversorgung der Haushalte mit Radios. Mit der Zeit wurde der Besitz mehrerer Apparate zur Normalität. Zweit- und Drittradios fanden ihren Platz in anderen Räumen als im Wohnzimmer. Für die Küche und das Bad entwickelte die Industrie spezielle robuste Geräte. Die einzelnen Familienmitglieder, besonders die Jugendlichen und Kinder, erhielten eigene Radios. Andere Apparate dienten spezifischen Verwendungszwecken: der Radiowecker, das Autoradio, das Koffer- oder Taschenradio. Heute dürfte ein Haushalt über gut ein halbes Dutzend Radios verfügen. Die Mobilisierung des Radios profitierte von der Miniaturisierung – zunächst mit Hilfe von Minizellen, dann von Transistoren.19 Die Aufzeichnung von Musik begann in den 1870er Jahren, also lange vor dem Rundfunk.20 Dabei wurden bei der Aufnahme die Schallschwingungen in ein Trägermaterial geritzt und das in den Rillen Gespeicherte beim Abspielen mit Hilfe einer Nadel und einer Membran wieder in Schallschwingungen zurück verwandelt. Der Phonograph arbeitete mit Walzen, das ihn ablösende Grammofon mit Platten. In der Zwischenkriegszeit drangen die Musikabspielgeräte in die Haushalte der Wohlhabenden und der bürgerlichen Mittelschichten ein, blieben aber hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hinter dem Rundfunk zurück. Die begrenzte Wiedergabequalität und die höchstens vier Minuten betragende Spieldauer der Schelllackplatten begünstigte kurze Gesangs- und Instrumentalstücke mit großem Volumen, aber geringer Dynamik. Die wichtigsten technischen Innovationen der Zwischen- und der Nachkriegszeit betrafen die Wiedergabequalität und die Spieldauer. Um die Mitte der 1920er Jahre fand der Übergang von der mechanischen Akustik zur Elektroakustik statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhöhte die aus Kunststoff bestehende 19 Vgl. Andreas Fickers: Der „Transistor“ als technisches und kulturelles Phänomen. Die Transistorisierung der Radio- und Fernsehempfänger in der deutschen Rundfunkindustrie 1955 bis 1965. Bassum 1998. 20 Zur gespeicherten Musik: Oliver Read/Walter L. Welch: From Tin Foil to Stereo: Evolution of the Phonograph. Indianapolis 21976; Roland Gelatt: The Fabulous Phonograph 1877–1977. London 21977; Walter Bruch: Von der Tonwalze zur Bildplatte. Ein Jahrhundert Ton- und Bildspeicherung. München 1983; Günter Große: Von der Edisonwalze zur Stereoplatte. Die Geschichte der Schallplatte. Berlin 1989; André Millard: America on Record: A History of Recorded Sound. Cambridge 1995; Werner Zeppenfeld: Tonträger in der Bundesrepublik Deutschland. Anatomie eines medialen Massenmarktes. Bochum 1978; Sophie Fetthauer: Deutsche Grammophon. Geschichte eines Schallplattenunternehmens im „Dritten Reich“. Hamburg 2000; Stefan Gauß: Das Erlebnis des Hörens. Die Stereoanlage als kulturelle Erfahrung, in: Wolfgang Ruppert (Hg.): Um 1968. Die Repräsentation der Dinge. Marburg 1998, S. 65–92; Weber: Versprechen.

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Langspielplatte die Spieldauer auf mehr als 20 Minuten, was die Handhabbarkeit verbesserte und das musikalische Repertoire wesentlich erweiterte. Die mit den Platten konkurrierende Tonbandtechnik erreichte erst seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre mit dem Kassettenrekorder und der Kompaktkassette eine massenhafte Verbreitung. Um 1980 übertrafen die Verkaufszahlen der bespielten Kassetten zeitweise die der Schallplatten. Stereo, das räumliche Hören über zwei oder mehr getrennte Lautsprecher, steigerte das musikalische Erlebnis. Voraussetzungen bildeten entsprechende Schallplatten, Tonbänder und Rundfunkausstrahlungen sowie geeignete Abspielgeräte. Eine größere Verbreitung fand die Stereotechnik seit etwa 1960. Mit Stereo erreichte die technisch gespeicherte Musik eine mit den besten Live-Aufführungen vergleichbare Qualität. Normen, wie High Fidelity (HiFi), schrieben hohe Wiedergabestandards für die musikalischen Baukastensysteme vor. Bis zu den 1980er Jahren dürften fast alle Haushalte der Musikliebhaber in den europäischen Wohlfahrtsstaaten über eine Stereoanlage verfügt haben. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wurden die bis dahin führenden Musikträger, die Schallplatte und die Kompaktkassette, durch die Compact Disc (CD) abgelöst. Die CD und die dazugehörigen Player markierten für die breite Öffentlichkeit den Übergang von der analogen zur digitalen Technik. Die Digitalisierung brachte eine höhere, von Nebengeräuschen befreite Qualität des Musikhörens, eine längere Haltbarkeit des Musikträgers und eine erneute Verlängerung der Spieldauer. Seit 1998 sinken die Gesamtumsätze der deutschen Musikindustrie. Gründe hierfür wurden in erster Linie im illegalen Kopieren gesehen. Das Neue bestand darin, dass Internet, Rechner und preiswerte Speichermedien hoher Kapazität das Kopieren beträchtlich erleichterten. Aufgrund dieser technischen Entwicklung dürften in Zukunft neue Märkte und Aneignungsformen für Musik entstehen. Die Miniaturisierung durch Mikroelektronik und die Digitalisierung eröffneten Möglichkeiten, immer größere individuelle musikalische Bibliotheken anzulegen und diese jederzeit mitzuführen. Jugendliche machten davon als erste Gebrauch. Einen überragenden Erfolg errang Sony mit dem 1979/80 auf den Markt gebrachten Walkman, der zum Synonym für eine heute Pocket Stereos genannte Gattung geworden ist. Beim Walkman handelte es sich um ein mehrere hundert Gramm wiegendes Kassettengerät, das nur mit Kopfhörer benutzt werden konnte. Dies galt auch für den seit 1985 produzierten Discman, einen tragbaren CD-Player. Ein spezielles Kompressionsverfahren für Musik begründete die Gattung der MP3-Player. Den größten Markterfolg erzielte Apple mit seinem iPod. Bei weiter reduziertem Gewicht lassen sich auf den MP3-Playern heute Tausende von Songs speichern.

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4. Visuelle Unterhaltungsmedien: Film und Fernsehen Nicht nur sozial und kulturell, sondern auch technisch stand der Kinofilm in der Tradition der Fotografie.21 Seine Voraussetzung bildete der um 1890 zur Verfügung stehende Zelluloidfilm. Ebenso übernahmen die Filmkameras viel von der fotografischen Technik, wobei sich bei Bewegungsaufnahmen in besonderem Maße das Problem kurzer Verschlusszeiten und damit der Lichtstärke der Objektive und der Lichtempfindlichkeit der Filme stellte. Die Vorführung kleiner Filmstreifen in Betrachtungskästen knüpfte an ältere Apparate an, welche mit Hilfe von Bildsequenzen die Illusion von Bewegung erzeugt hatten. Aber erst die Projektion machte den Film zu einem potenziellen Massenmedium. Bei dem 1897 entwickelten Vorführapparat griff ein Mechanismus in die Perforation des Films ein. Er beförderte den Film ruckweise, Bild für Bild, vor die Projektionslampe, mit einer Frequenz von 15 bis 20 Bildern in der Sekunde. Ein Lichtblitz warf die stehenden Bilder auf die Leinwand, die Dunkelphase wurde für den Weitertransport benutzt. Dieses Grundprinzip blieb in der Folgezeit erhalten bei ständigen Verbesserungen. Um die Jahrhundertwende erreichte man eine einigermaßen flimmerfreie Projektion, indem man die Bildwechselfrequenz mit Hilfe einer Mehrfachblende verdoppelte und verdreifachte. Nach der Phase des Wander- und Jahrmarktkinos setzten sich ortsfeste Vorführungsorte durch. Bis zum Ersten Weltkrieg löste der Langfilm den Kurzfilm ab. Hinter dieser Entwicklung standen weniger technische als soziale und ökonomische Gründe. Jedenfalls dominierte im 20. Jahrhundert der längere Spielfilm. Dabei handelte es sich – diesmal aufgrund des defizienten Stands der Technik – um Stummfilme. Allerdings wurden die Stummfilme üblicherweise durch einen Conferencier begleitet oder durch Musik untermalt. Dies bot durchaus Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Conferenciers, Musikern und Publikum. In seiner Frühzeit war der Film eher ein interaktives Medium als später. Von Beginn an fanden Versuche statt, den Film zu vertonen; ihnen war jedoch wenig Erfolg beschieden. Der Projektor ließ sich zwar mit einem Phonographen oder einem Grammofon koppeln, doch bereitete die Synchronisation besonders bei längeren Filmen unüberwindliche Schwierigkeiten.22 Ein 21 Zum Kinofilm: Siegfried Zielinski: Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte. Reinbek bei Hamburg 1989; John Wyver: The Moving Image. An International History of Film, Television and Video. Oxford 1989; Tobias Behrens: Die Entstehung der Massenmedien in Deutschland. Ein Vergleich von Film, Hörfunk und Fernsehen und ein Ausblick auf die Neuen Medien. Frankfurt am Main u.a. 1986; Corinna Müller: Frühe deutsche Kinematographie. Formale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen 1907–1912. Weimar 1994. 22 Zum Tonfilm: Read/Welch: From Tin Foil, S. 275–288; J. Douglas Gomery: The Coming of the Talkies: Invention, Innovation, and Diffusion, in: Tino Balio (Hg.): The American

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weiteres Problem bestand darin, dass sich mit der geringen mechanisch auf den Platten und Walzen gespeicherten Schallenergie nur kleine Räume beschallen ließen. Als in den späten 1920er Jahren leistungsfähige Verstärker und Lautsprecher entwickelt wurden, gab dies den Arbeiten am Tonfilm neue Impulse. Dabei fand ein amerikanisches Entwicklungsteam mit der Tonspur am Rande des Zelluloidfilms eine bis in die Gegenwart verbreitete Lösung. In der ersten Hälfte der 1930er Jahre verdrängte der Tonfilm den Stummfilm weitgehend vom Markt. Die Umstellung erforderte hohe Investitionen in den Kinos und Studios und stellte die Filmschaffenden zudem vor zahlreiche künstlerische Herausforderungen. Bei den allerersten „Farbfilmen“ handelte es sich um eingefärbte Schwarzweißfilme.23 Erst in der Zwischenkriegszeit entstanden Filme, welche ein der Natur ähnliches Farbspektrum boten. Dies erreichte man durch Überlagerung von Filmen, welche jeweils einen Farbauszug enthielten. Die weiteste Verbreitung gewann das bis Mitte der 1930er Jahren entwickelte Verfahren der amerikanischen Firma Technicolor, das mit der Überlagerung dreier Farbfilme arbeitete. Aufgrund ihrer hohen Preise verbreiteten sich die Technicolor-Filme aber nur langsam. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Farbfilme auf den Markt, deren Schichten zu einem Filmträger zusammengefasst waren. Um die Mitte der 1950er Jahre hatten sie Technicolor verdrängt und Parität mit dem Schwarzweißfilm erreicht. Der endgültige Durchbruch des Farbfilms erfolgte seit den 1960er Jahren, als die Studios das expandierende Farbfernsehen in ihre Vermarktungsstrategien einbezogen. Die Verbreitung des Tonfilms wie des Farbfilms fiel in eine Zeit, als die Zuschauerzahlen der Kinos zurückgingen. Aufhalten oder umkehren konnten die neuen Filme den Rückgang nicht, höchstens dämpfen. Das Gleiche galt für weitere technische Innovationen der Nachkriegszeit, wie Verbesserungen des Kinotons, von Stereo bis zu Dolby Surround, sowie Veränderungen der Projektionsfläche und -verfahren, vom Breitwandfilm bis zum Rundum-Kino. Auch die Zusammenfassung von Kinos zu Multiplexen und Bemühungen, diese zu Freizeitstätten umzugestalten, erzielten nur begrenzte Erfolge. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Bundesrepublik seit 1956, sanken die Besucherzahlen – eine Entwicklung, die bis zur Gegenwart anhält. Die Gründe dafür waren vielfältig. Andere Freizeitangebote machten dem Kino Konkurrenz; eine Tendenz zur Verhäuslichung unterstützte die Verbreitung des „Pantoffelkinos“ Fernsehen. Dies hieß letzten Endes, dass das Kino in Nischen abgedrängt wurde, die Filmwirtschaft aber weiter florierte. Das Kino gehörte zu den ersten schichten-, generaFilm Industry. Madison, Wisc., London 1976, S. 193–211; Müller: Frühe deutsche Kinematographie, S. 79ff. 23 Zum Farbfilm: Wyver, The Moving Image, S. 72–76; Tino Balio (Hg.): The American Film Industry. Madison, Wisc. 1985, S. 425ff.

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tions- und geschlechtsübergreifenden Medien. Allerdings dürfte zu keiner Zeit eine Mehrheit der Bevölkerung regelmäßig ins Kino gegangen sein. Erste Überlegungen zur elektrischen Bildübertragung im 19. Jahrhundert und deren technische Realisierung im 20. Jahrhundert bezogen sich zunächst auf stehende, später auf bewegte Bilder. Das Ergebnis bestand in der Bildtelegraphie und im Fernsehen.24 Eine bereits 1884 patentierte elektromechanische Lösung des Fernsehproblems arbeitete mit einer Spirallochscheibe als zentralem Element. Die mit spiralförmig angeordneten Löchern versehene rotierende Scheibe tastete ein Bild zeilenförmig ab; eine Fotozelle wandelte die Lichtverhältnisse in analoge Spannungsimpulse um. Die gesendeten und empfangenen Spannungsimpulse wurden mit Hilfe eines Lichtrelais, einer Großflächenglimmlampe und einer weiteren Spirallochscheibe wieder in ein Bild verwandelt. Aufgrund seiner Trägheit nahm das Auge des Betrachters das zeilenförmig aufgebaute Bild als Einheit wahr. Um 1930 zeigten sich die technischen Grenzen des mechanischen Fernsehens. Die über ein größeres Potenzial verfügende elektronische Technik griff auf die 1896 erfundene Kathodenstrahlröhre zurück. Bei den elektronischen Fernsehempfängern brachte der durch die erhitzte Kathode emittierte Elektronenstrahl auf einer Glasfläche aufgetragene Stoffe zum Leuchten. Der Kathodenstrahl ließ sich magnetisch ablenken, und je nach der Geschwindigkeit der Elektronen waren die erzeugten Punkte und Striche heller oder dunkler. Auf der Aufnahmeseite wurde das Bild in der elektronischen Kamera als der Helligkeitsverteilung analoge Ladungsverteilung repräsentiert. Dieses Ladungsbild tastete ein Kathodenstrahl zeilenförmig ab; es wurde in Spannungsimpulse umgewandelt und übertragen. Die in den 1920er und 1930er Jahren entwickelten Fernsehprototypen besaßen eine sehr kleine Mattscheibe. Das Bild war relativ dunkel; wegen der beschränkten Zahl der Zeilen und Bildpunkte war es nicht sehr scharf; und es flimmerte aufgrund der niedrigen Bildwechselfrequenz. Eine weitgehende Flimmerfreiheit erreichte man durch das Zeilensprungverfahren. Übertragen wurden abwechselnd die geradzahligen und die ungeradzahligen Zeilen, also eine Folge ineinander geschachtelter Halbbilder. Auf der Basis dieser noch im

24 Zum Fernsehen: die Sammelrezension von Andreas Fickers: Nationale Traditionen und internationale Trends in der Fernsehgeschichtsschreibung. Eine historiographische Skizze, in: montage av, 2005, S. 7–28; außerdem: Walter Bruch: Kleine Geschichte des deutschen Fernsehens. Berlin 1967; Heide Riedel: Fernsehen – Von der Vision zum Programm. 50 Jahre Programmdienst in Deutschland. Berlin 1985; Knut Hickethier unter Mitarbeit v. Peter Hoff: Geschichte des deutschen Fernsehens. Stuttgart, Weimar 1998; Konrad Dussel: Vom Radio- zum Fernsehzeitalter. Medienumbrüche in sozialgeschichtlicher Perspektive, in: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammen (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften. Hamburg 2000, S. 673–694.

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Entwicklungsstadium begriffenen Technik wurde in Deutschland,25 in Großbritannien und in den USA seit Mitte der 1930er Jahre der Sendebetrieb aufgenommen. Der Siegeszug des technisch verbesserten Fernsehens zu einem neuen Leitmedium fand in den 1950er und 1960er Jahren statt. Anfang der 1950er Jahre einigten sich die meisten europäischen Länder – bis 1961 mit den wichtigen Ausnahmen Frankreich und Großbritannien – auf die Zeilennorm von 625, die bis heute existiert. In der Frühzeit des Fernsehens wurde – aus technischen Gründen – viel live gesendet. Was fehlte, war ein kostengünstiges und gut handhabbares Speichermedium. Seit 1956 entwickelte das Programm sich durch das Magnetaufzeichnungsverfahren (MAZ)26 zu einer Mischung aus Livesendungen und Konserven, die der Zuschauer nicht mehr auseinander halten konnte. Außerdem erweiterte die MAZ die Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Einen noch größeren Sprung stellte der spätere Übergang von der analogen zur digitalen Technik dar, die schnelle Bildwechsel, Einblendungen, Bildmontagen und später Computeranimationen ermöglichte. Damit entstanden aufregend-attraktive, aber auch flüchtig-oberflächliche Seherlebnisse, am ausgeprägtesten vielleicht bei den musikalischen Videoclips und den Werbeeinblendungen. Die aktuelle Berichterstattung war zunächst auch regional und national eingeschränkt. Live aufgenommene Bilder ließen sich aufwändig über Koaxialkabel oder per Richtfunk von Sendeanlage zu Sendeanlage übertragen. So wurden für die Krönung von Queen Elisabeth II. 1953 und die Olympischen Spiele 1960 in Rom Richtfunkstrecken aufgebaut. Berichte aus entfernten Ländern transportierte man als Film mit dem Flugzeug. Seit Mitte der 1960er Jahre ermöglichte das entstehende Netz von Nachrichtensatelliten globale Live-Übertragungen und Aufzeichnungen. Die Olympischen Spiele in Tokio 1964 wurden erstmals per Satellit übertragen. Satellitenübertragungen, magnetische Aufzeichnung und ein von den großen Anstalten errichtetes weltweites Netz von Korrespondenten und Studios brachten das Weltgeschehen – in der durch das Fernsehen interpretierten Form – täglich und zeitgleich in die Wohnzimmer. Das frühe Fernsehen war schwarzweiß.27 Ein primitives Farbfernsehen gelang bereits in der Zwischenkriegszeit durch mechanische Mischung der drei Primärfarben rot, grün und blau. Marktreife erlangte nach dem Zweiten Weltkrieg ein elektronisches System. Im Prinzip nahmen dabei mit drei Röhren und Farbfil25 Vgl. zum Fernsehen im nationalsozialistischen Deutschland: Klaus Winker: Fernsehen unterm Hakenkreuz. Organisation, Programm, Personal. Köln u.a., 2. akt. Ausg. 1996. 26 Vgl. zur magnetischen Aufzeichnung: Siegfried Zielinski: Zur Geschichte des Videorecorders. Berlin 1986. 27 Zum Farbfernsehen: jetzt umfassend: Andreas Fickers: „Politique de la grandeur“ versus „Made in Germany“. Politische Kulturgeschichte der Technik am Beispiel der PALSECAM-Kontroverse. München 2007.

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tern ausgestattete Kameras drei Farbauszüge auf. Diese wurden übertragen und durch ein Bündel von drei Elektronenstrahlen in ein Farbbild umgesetzt. Bis 1953 entwickelte ein von vier amerikanischen Großfirmen eingesetztes Team ein System, das nach dem Namen des Zusammenschlusses die Bezeichnung NTSC (National Television System Committee) erhielt. Das zentrale Problem stellte die stabile Übertragung der Farbinformation dar. Tatsächlich kam es bei NTSC häufig zu Übertragungsfehlern, was sich in farblichen Veränderungen bemerkbar machte, die der Zuschauer mit Hilfe eines „Geschmacksknopfes“ korrigieren sollte. Im Endeffekt führte dies dazu, dass erst eine verbesserte NTSC-Version das Schwarzweiß-Fernsehen in den 1960er und 1970er Jahren ablöste. Französische und deutsche Entwicklungsarbeiten setzten an den Schwächen des NTSC-Systems an. In Frankreich entstand daraus bis 1958 das System SECAM (Séquentiel Couleur à Mémoire) und in Deutschland bis 1963 das System PAL (Phase Alternation Line). Die Auflösungen der Akronyme weisen auf die entscheidenden Charakteristiken der beiden Systeme hin. SECAM übertrug seine Farbdifferenzsignale zeitverschoben, so dass sich Störungen weniger auswirken konnten. PAL übertrug die Farbinformation in aufeinander folgenden Zeilen in gespiegelter Version, so dass sich die Fehler für das Auge des Betrachters gewissermaßen ausglichen. Zwischen NTSC, SECAM und PAL und ihren verbesserten Versionen entwickelte sich ein harter Konkurrenzkampf. Sein Ausgang hing jedoch weniger von den komplexen Vor- und Nachteilen der Systeme ab als von ihrer wirtschaftlichen und politischen Vermarktung. Als Ergebnis entstand quasi eine West-Ost-Achse der SECAM-Länder und eine Nord-Süd-Achse der PALLänder. Der Zuschauer bekam davon wenig mit, denn die Programme ließen sich mit Hilfe von Decodern ineinander umwandeln. In Deutschland fand der breite Umstieg von der Schwarzweiß- auf die Farbtechnik in den 1980er Jahren statt. Auch beim Fernsehen kam es zu einer Wechselwirkung zwischen der Privatisierung und Kommerzialisierung sowie der technischen Entwicklung. Im Jahre 1987 bildete die fortgeschrittene Übertragungstechnik ein wichtiges Argument für die Zulassung privater Fernsehsender. Durch Verkabelung, Satelliten und leistungsfähigere Antennen ließen sich in der Folgezeit mehr Programme empfangen, was wiederum neue Anbieter auf den Plan rief. Wie bereits erwähnt, erlebten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur die Kinos einen Einbruch, nicht die gesamte Filmwirtschaft. Sehr bald gelangten die Spielfilme auch ins Fernsehen und sorgten für zusätzliche Einnahmen. Eine weitere Verbindung zwischen Film und Fernsehen schuf das Video,28 das sich als Individualisierung von Film und Fernsehen interpretieren lässt. Videokassette 28 Zum Videorekorder: Frederick Wasser: Veni, Vidi, Video. The Hollywood Empire and the VCR (Texas Film and Media Services). Austin 2001; Siegfried Zielinski: Audiovisionen.

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und Videorekorder bauten auf den Entwicklungsarbeiten auf, die zur magnetischen Tonaufzeichnung, dem Kassettenrekorder, sowie zu den MAZ-Geräten der Fernsehanstalten geführt hatten. Die Aufgabe lautete, die MAZ-Geräte handlicher und preiswerter zu machen. Seit Mitte der 1970er Jahre peilte eine Reihe von Videofirmen den Massenmarkt an. Im heftig geführten Kampf der Systeme setzte sich VHS (Video Home System) gegen die Konkurrenz durch. Die Entscheidung für VHS fiel nicht etwa aufgrund einer besseren Technik, sondern einer erfolgreicheren Vermarktung. Vor allem gewannen die VHS-Firmen mehr Lizenznehmer. Um die Jahrtausendwende begann der DVD-Player und ein paar Jahre später der DVD-Rekorder die Videotechnik abzulösen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit und der Preise sein, wann die Videotechnik in die Museen wandert. Die digitalen Speichermedien besitzen eine größere Kapazität als die analogen Vorgänger. Der DVD-Rekorder erlaubt zudem den Zugriff aufs Internet, womit sich die bekannten Probleme des illegalen Kopierens verschärfen.

5. Das Internet und sein Potenzial zur medialen Konvergenz Das Internet demonstriert, dass sich Massenmedien auch ohne zentrale zielgerichtete Planung herausbilden können.29 Seine Ursprünge gehen bis in die 1960er Jahre zurück. Eine dem amerikanischen Verteidigungsministerium angegliederte Forschungsorganisation, die ARPA (Adcanced Research Projects Agency), suchte nach einer Technik, um Forschungseinrichtungen miteinander zu vernetzen. Das Motiv lag in erster Linie in einer ökonomischeren Nutzung der vorhandenen Zentralrechner durch Timesharing. Hierfür wurden Lösungen zur Verbindung der Rechner sowie zur Verknüpfung und zum Versand der Informationen entwickelt. Die tatsächlichen Nutzungen gingen über die Planungen weit hinaus. So gehörte E-mail zu den gefragtesten frühen Anwendungen. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden in den USA und in Europa außerhalb des militärischen Kontexts weitere Netze, welche teilweise mit dem ARPA-Netz verbunden wurden. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte. Reinbek bei Hamburg 1989; Zielinski: Zur Geschichte. 29 Zum Internet: Janet Abbate: Inventing the Internet (Inside Technology). Cambridge, Mass., London 2000; Friedrich Naumann: Vom Abakus zum Internet. Die Geschichte der Informatik. Darmstadt 2001, S. 229–244; Herbert Matis: Die Wundermaschine. Die unendliche Geschichte der Datenverarbeitung – von der Rechenuhr zum Internet. Frankfurt am Main u.a. 2002, S. 303–319; Raymund Werle: 20 Jahre Internet. Entwicklungspfad und Entwicklungsperspektiven, in: Kai Handel (Hg.): Kommunikation in Geschichte und Gegenwart. Freiberg 2002, S. 143–159.

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In den 1980er Jahren baute die National Science Foundation ein allgemeines Wissenschaftsnetz aus, welches das ARPA-Netz nach und nach ersetzte. Für dessen Weiterentwicklung zu einem globalen Informationsmedium spielte eine am internationalen Forschungszentrum CERN in Genf entstandene Kommunikationsplattform, das World Wide Web (www), welches das Suchen und Navigieren im Netz erleichterte, eine wichtige Rolle. Das Internet entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem allgemeinen globalen Kommunikationsraum für staatliche und nicht-staatliche Organisationen, kommerzielle und nichtkommerzielle Anbieter sowie Privatpersonen. Verwaltet wurde das Netz durch eine Reihe von Nicht-Regierungsorganisationen in recht liberaler Weise. Für den Zugang zum Netz und den Umgang mit ihm wurden zahlreiche technische Lösungen wie Internetbrowser und Suchdienste geschaffen. Das Internet nutzte die vor allem für die Telefonkommunikation entstandene globale Infrastruktur Hunderter von Glasfaserkabeln und Nachrichtensatelliten. Um die Jahrtausendwende dürfte die durch das Internet transportierte Datenmenge die per Telefon übermittelte überflügelt haben. Seit den späten 1990er Jahren explodierten die Nutzerzahlen geradezu. Neben den USA gehörte eine Reihe europäischer Staaten zu den Vorreitern, so die skandinavischen Staaten, Island und die Niederlande. Inzwischen dürfte zumindest in den westeuropäischen Staaten die Mehrheit der Bevölkerung das Internet nutzen. Die Art der Nutzung – hinter dem einsamen Spitzenreiter Email30 – ist vielfältig. Das Internet enthält eine Vielzahl an Möglichkeiten der Information, Kommunikation und Unterhaltung; über das Internet lassen sich Informationen abfragen, Bankgeschäfte erledigen, Waren erstehen, Musik herunterladen, Spiele durchführen, Chats abhalten, Tagebücher führen und vieles andere mehr. Die kommerziellen Angebote finanzieren sich durch Gebühren oder durch eingeblendete Werbung. Das schier unermessliche Angebot evoziert natürlich auch zahlreiche Hoffnungen und Befürchtungen. Dies hängt auch damit zusammen, dass das Internet das Potenzial zur universellen medialen Konvergenz besitzt. Alle klassischen Medien, wie Buch und Zeitung, Telefon, Musik, Film, Rundfunk und Fernsehen, lassen sich technisch in digitalisierter Form in das Internet überführen. Allerdings entstehen dabei zahlreiche rechtliche, kommerzielle und kulturelle Probleme. Es bleibt also abzuwarten, in welchem Umfang die vorhandenen technischen Möglichkeiten auch genutzt werden. Ebenso bleibt es der Zukunft vorbehalten, mit welchen stationären und mobilen Endgeräten der Zugriff auf das Internetangebot erfolgen wird. Der Personal Computer als dominierender häuslicher Internetzugang könnte mit Endgeräten vernetzt werden, die ein Hören und Sehen in 30 Vgl. Paul Ferdinand Siegert: Die Geschichte der E-Mail. Erfolg und Krise eines Massenmediums (Technik, Körper, Gesellschaft 2). Bielefeld 2008.

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hoher Qualität ermöglichen. Und bei den mobilen Nutzungen werden zur Zeit große Anstrengungen unternommen, sowohl das Notebook als auch das Handy zu Internet-Empfangsstationen weiterzuentwickeln.

6. Tendenzen der Medientechnik im 20. Jahrhundert Die Mediengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zeichnet sich durch Akkumulation aus: Die Zahl der Medien hat sich vermehrt; zwischen den Medien ist es zu beträchtlichen Bedeutungsverschiebungen gekommen, aber nur wenige Medien sind verschwunden. Besonders das Internet besitzt das Potenzial, sich zu einer Art Metamedium zu entwickeln. Dies hieße, dass die alten Medien eine Repräsentation im Internet erfahren, muss aber nicht bedeuten, dass sie deswegen als selbständige Medien zu existieren aufhören. Neben den Medien selbst hat sich auch die Zahl der für die einzelnen Medien zur Verfügung stehenden Kanäle vermehrt. Über lange Zeit herrschte eine Knappheit an Informationskanälen, was vor allem aufgrund hoher Preise zu einer beschränkten Nutzung führte. Dies änderte sich seit den 1960er Jahren in rasantem Tempo. Kommunikationssatelliten, Glasfaserkabel, Digitalisierung und neue Übertragungstechniken trugen zu dieser Kapazitätsvermehrung bei. Im Zuge der technischen Vermehrung der Kanäle wurden durch Maschinisierung und Massenproduktion zahlreiche Medien erst für die „Massen“ zugänglich und erschwinglich.31 Die Maschinisierung der Papierproduktion, des Setzens und des Druckens verbilligte und vermehrte die Printmedien. Bei den elektronischen Medien sanken aufgrund der industriellen Massenproduktion die Preise für die Endgeräte. Damit wurde der medialen Mehrfachausstattung der Haushalte der Boden bereitet. Nicht wenige Medien, wie das Festnetz- und das Mobiltelefon sowie das Internet, wurden längere Zeit in der Berufs- und Geschäftswelt verwendet, ehe sie massenhaft in die privaten Haushalte eindrangen. Auch anderen Medien räumten die Innovatoren zunächst größere Chancen in professionellen Kontexten ein, wie dem Phonographen als Diktiergerät. Im Laufe des 20. Jahrhunderts zeigte es sich jedoch entgegen der Erwartungen der Anbieter, dass der private Markt ein größeres Potenzial besaß als der kommerzielle. Die damit einhergehende grundlegende Verschiebung bei der Mediennutzung bildete ein Element der Entstehung und Durchsetzung der Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Die private Mediennutzung setzte voraus, dass die neuen Medien ein Mindestmaß an Qualität besaßen. Über lange Zeit konnten weder die Musikapparate mit Livemusik 31 Vgl. zur Maschinisierung und Massenproduktion: Wolfgang König: Geschichte der Konsumgesellschaft. Stuttgart 2000, S. 33–90, und die dort zitierte Literatur.

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mithalten, noch der Film und das Fernsehen mit nicht technisch vermittelten Seherlebnissen. Die neuen Medien fanden dennoch ein kleines, aufnahmebereites Publikum, welches allein schon von der technischen Reproduktion der Töne und Bilder fasziniert war. Die massenhafte Verbreitung war jedoch von deutlichen qualitativen Verbesserungen begleitet: so bei den akustischen Medien vom Übergang von der mechanischen zur elektrischen Technik, beim Plattenmaterial vom Schelllack zum Kunststoff sowie von der Analog- zur Digitaltechnik. Nach Einführung der digitalen Compact Disc machten sich manche Interpreten Gedanken, ob in einer Zeit überlegener Technik Live-Konzerte noch länger Sinn machten. Die visuellen Medien Kino und Fernsehen fügten ihren Bildern Farben hinzu und arbeiten bis zur Gegenwart an der Bildqualität. So vermittelt das – quantitativ im Niedergang begriffene – Kino Bild- und Toneindrücke, die in der Natur kaum vorkommen und in der Wohnung schwerlich zu erzielen sind. Viele Medien entwickelten sich von lokalen und regionalen zu nationalen und globalen. Die materiellen Printmedien profitierten von der wachsenden Leistungsfähigkeit der Transportnetze. Die elektrischen und elektronischen Medien benötigten von vornherein eigene Netze. Es existierte zwar bereits seit den 1880er Jahren ein globales telegrafisches Kommunikationsnetz; doch war es weitmaschig und teuer. Das Telefon brauchte im Unterschied zur Telegrafie mehr als ein halbes Jahrhundert bis zu einer entsprechenden Verbreitung. Funk und Rundfunk wurden in der Zwischenkriegszeit globalisiert. Das Fernsehen wurde mit Hilfe von Richtfunkstrecken in den 1950er Jahren zum (west-) europäischen Medium und mit Hilfe von Kommunikationssatelliten seit den 1960er Jahren zum globalen. Die sich an die räumliche Ausbreitung anschließende Verdichtung der Kommunikationsnetze war und ist mit drahtloser Technik eher zu realisieren als mit den teuren Leitungen. Eine der aktuellen Visionen der Informationsgesellschaft lautet, dass Jeder an jedem Ort zu jeder Zeit „am Netz“ und damit erreichbar ist.

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Mediale Durchdringung des deutschen Alltags Radio in drei politischen Systemen (1930er bis 1960er Jahre) von Inge Marszolek und Adelheid von Saldern

Einleitung Die Medialisierung von Politik und Gesellschaft hat zweifellos mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Qualität erfahren. Diese ist mit dem Rundfunk, der in Deutschland zum ersten Mal auf dem Höhepunkt der Inflation, im Oktober 1923, auf Sendung ging, entscheidend befördert worden.1 Das Radio fungierte für die folgenden dreißig bis vierzig Jahre als Leitmedium, das als Ikone des Modernen und der Moderne galt. Aber es war nicht nur die drahtlose Kommunikation, die einen tiefen Wandel in der Medienlandschaft herbeiführte: Neue, verbesserte Technologien im Druckbereich veränderten die Printmedien und ließen das Angebot von Illustrierten und Broschüren anschwellen. Hinzu kamen Grammophon und Schallplatten sowie der Tonfilm und später das Fernsehen – und noch später das Internet. Das Verhältnis der einzelnen Medien zueinander ist sowohl durch konkurrierende als auch durch komplementäre Strukturen geprägt, die zu einer Steigerung der gesamten Mediennutzung und zu einem Massenpublikum in vollem Wortsinn führten. Zu fragen ist in einer historischen Analyse deshalb, wie und in welchen Ausmaßen es dem Radio als Leitmedium gelang, sich in den Alltag der Menschen einzuschreiben und deren Gewohnheiten zu beeinflussen. Es kann jedenfalls als sicher gelten, dass die Steigerung des Medienkonsums die Sinneshaushalte, die Kommunikationsweisen sowie die Raum- und Zeiterfahrungen der breiten Bevölkerung verändert haben. Zahlreiche Medienforscher haben die von französischen Filmtheoretikern, vor allem von Jean Louis Baudry, in Anlehnung an Michel Foucault entwickelte Vorstellung eines Dispositivs aufgegriffen, wonach Produktion, Apparat und Zuhörende ein Ensemble bilden.2 Dabei kann nicht von einer statischen Binnenstruktur des Dispositivs ausgegangen werden; vielmehr handelt es sich um 1 2

Die erste Rundfunksendung in den USA wurde am 4. November 1920 ausgestrahlt. Es ging um einen Bericht über die Wahl von Harding-Cox zum Präsidenten des Landes. Knut Hickethier: Kommunikationsgeschichte: Geschichte der Mediendispositive. Ein Beitrag zur Rundfrage „Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte“, in: Medien & Zeit, 2, 1992, S. 27; Carsten Lenk: Das Dispositiv als theoretisches Paradigma der Medi-

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ein historisches Ensemble, dessen Konfiguration erst durch empirische Untersuchungen in den einzelnen Zeitphasen genauer bestimmt werden kann. Die Analyse erfordert vor allem eine Rekonstruktion der unter machtpolitischen Aspekten asymmetrisch strukturierten Kommunikation zwischen Produzent, Apparat und Zuhörerschaft. Eine auf Medienwirkung abzielende Rezeptionsgeschichte hat die Dispositions- und Situationsabhängigkeit der Rezeptoren in Betracht zu ziehen, wobei zusätzlich mehrere Lesarten des Dargebotenen zu berücksichtigen sind. Die folgenden Ausführungen wollen keinen systematischen Vergleich zwischen drei politischen Systemen bieten; erst recht geht es nicht um eine Gleichsetzung der beiden deutschen Diktaturen. Angestrebt werden vielmehr diachrone Relationsanalysen, die Kontinuitäten und Brüche zwischen der gemeinsamen NS-Zeit und den beiden Nachfolgestaaten DDR und Bundesrepublik – quasi in Form eines Ypsilons – thematisieren. Hinzu treten offene Vergleiche, in denen die Logiken des Mediums in ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Kontexten und Kräftefeldern skizziert werden.3

1. Das Radio und die Veränderung von Raum und Zeit Sicherlich hatten schon früher Bücher, Zeitschriften und Zeitungen Raum- und Zeitstrukturen verändert, doch das Radio tat dies sowohl in besonders intensiver als auch in medienspezifischer Weise. 1.1 Der Durchbruch medialer Verkoppelungen und Zeitstrukturierungen in der NS-Ära In seinen noch in die Weimarer Republik fallenden ersten vier Anfangsjahren fesselte das Radio die vor allem männlichen Hörer buchstäblich an den Apparat: Sie waren durch die Kopfhörer an ihn gebunden und so in ihrer Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt. Das Suchen der Sender erforderte eine hohe Konzentration und ein gewisses technisches Verständnis. Erst mit der Erfindung des

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enforschung. Überlegungen zu einer integrativen Nutzungsgeschichte des Rundfunks, in: Rundfunk und Geschichte, 22, 1996, S. 5f. Dazu Adelheid von Saldern: Rundfunk im Nationalsozialismus und in der DDR der 50er Jahre. Diachrone Relationsanalysen und offene Vergleiche, in: Klaus Arnold/Christoph Classen(Hg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004; Adelheid von Saldern/Inge Marszolek: „Jawohl, der Deutsche Demokratische Rundfunk kann sich sehen lassen.“ Radio in der DDR. Eine Einführung, in: dies./Inge Marszolek (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 2: Radio in der DDR der fünfziger Jahre. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998, S. 29ff.

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„Eine wirklich gemütliche Stube daheim mit Radio“. Die Propagierung eines neuen Wohnerlebnisses aus der Zeit der Weimarer Republik, aus: Adelheid von Saldern: Neues Wohnen. Wohnungspolitik und Wohnkultur im Hannover der Zwanziger Jahre. Hannover 1993, S. 165. (Ursprüngliche Quelle: Hannoverscher Anzeiger, Illustrierte v. 11.9.1932).

Röhrenradios fügte sich das Gerät als „Möbel“ in das Ambiente des Wohnzimmers ein, wenngleich die Einstellung der Sender auf der Mittelwelle immer noch schwierig war und folglich, zumindest aus der Perspektive der Radiowerbung und der Rundfunkzeitungen, Männersache blieb. Die frühe Werbung für Radioapparate dokumentiert, dass das Radio während der Weimarer Republik primär als ein Medium im bürgerlichen Wohnzimmer fungierte. Gleichgültig, ob auf einem mit Spitzendeckchen verzierten Tisch oder einem niedrigen Schränkchen oder auf einem Regal, das Radio veränderte in jedem Fall den Raum. Die Werbebilder platzierten das Radio auch als Begleiter des Hausherrn neben dem Schachspiel oder als Freizeit-„Accessoire“ der gut gekleideten Hausfrau oder als Medium für die ganze Familie.4 Der Volksempfänger, als seriell hergestelltes Einheitsgerät von deutschen Radioherstellern in den 1930er Jahren auf den Markt gebracht, erschloß zunehmend neue Hörerschichten. Das Ziel der NS-Rundfunkpolitiker war es, neben einer Volkswohnung, einem Volkskühlschrank und später einem Volkswagen 4

Siehe die Abbildungen bei Carsten Lenk: Die Erscheinung des Rundfunks. Einführung und Nutzung eines neuen Mediums 1923–1932. Opladen 1997, S. 262ff.

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auch einen Volksrundfunk zu schaffen.5 Das Radiogerät zog nun allmählich in die Arbeiterhaushalte ein.6 Ende 1938 verfügten 59,5 Prozent aller deutschen Haushalte über ein Rundfunkgerät.7 Als eine Errungenschaft empfanden große Teile der Bevölkerung auch die mediale Verbindung von Stadt und Land. Allerdings ging die Einbeziehung aller Schichten und Gruppen auch nach 1933 nicht ganz so schnell wie erwartet vor sich.8 Der Volksempfänger und ab 1936 der Deutsche Kleinempfänger kosteten zwar „lediglich“ 76 RM, dann ab 1939 sogar „nur“ 59 RM,9 außerdem sollten Teilzahlungen die Kaufentscheidung erleichtern. Doch auch diese Summen waren von zahlreichen Haushalten nicht einfach aufzubringen. Hinzu kam ja noch die Zahlung von zwei RM Rundfunkgebühren im Monat. Diese wurden oftmals als so belastend empfunden, dass der Apparat für die Sommermonate abgemeldet wurde – ein Indiz für die knappen Haushaltskassen großer Bevölkerungskreise in jener Zeit. Allerdings muss auch gesehen werden, dass rund die Hälfte der Radiohaushalte bessere Geräte als den Volksempfänger besaßen.10 Das Radio gestaltete nicht nur Räume, sondern strukturierte auch Zeitbudgets. Das gilt vor allem für die Abendstunden. So saßen in den 1930er Jahren zwischen 20 und 22 Uhr achtzig Prozent der Radiobesitzer vor dem Gerät. Auch das morgendliche Aufstehen erhielt eine durch Radiosendungen gesetzte Zeitstruktur, die von Millionen Menschen gleichzeitig erfahren wurde und den Alltagsablauf prägte. Die auf den Rundfunk bezogene Zeitorientierung wurde vor allem durch die Einrichtung fester Sendeplätze erzielt – eine von den nationalsozialistischen Rundfunkpolitikern genutzte Ausrichtung der Medien, die allerdings primär ihrer eigenen Logik geschuldet war. „Feste Sendezeiten für bestimmte Sparten und Formen bedeuten einen Appell an die Gewohnheit der Hörer. Sie bewirken eine feste Bindung des Hörers an den Rundfunk“, meinte der Rundfunkforscher 5

Siehe auch Wolfgang König: Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft. „Volksprodukte“ im Dritten Reich. Vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Paderborn 2004. 6 In der Weimarer Zeit bot der Arbeiterradiobund eine wichtige Organisation für Arbeiter, um Radioapparate zu basteln und Radio zu hören. 7 Axel Schildt: Moderne Zeiten, Freizeit, Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg 1995, S. 210. 8 Das gilt sogar noch für die 1950er Jahre. Schildt: Moderne Zeiten, S. 210; zum Rundfunkhören auf dem Lande und zum Landfunk in der Weimarer Republik und im Dritten Reich vgl. Florian Cebulla: Rundfunk und ländliche Gesellschaft 1924–1945. Göttingen 2004. 9 Ansgar Diller: Der Volksempfänger, Propaganda- und Wirtschaftsfaktor, in: Studienkreis Rundfunk und Geschichte, 9, 1983, H. 3, S. 148; Uta C. Schmidt: Der Volksempfänger. Tabernakel moderner Massenkultur, in: Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft 1924–1960. Potsdam 1999, S. 141ff. 10 Schildt: Moderne Zeiten, S. 210.

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Gerhard Eckert im Jahre 1941 zutreffend, und er dachte dabei nicht nur an den Tages-, sondern auch an den Wochenrhythmus.11 Wie das Radio mittels fester Sendeplätze das Zeithandeln der Menschen veränderte oder verändern sollte, zeigt das Beispiel des Frohen Samstagnachmittag, einer besonders beliebten Sendung des Reichsenders Köln. Da hieß es eingangs: „Achtung, Achtung! (…) Ist die Milch vom Herd? Das Badewasser abgestellt? Der Sonntagskuchen aus dem Backofen (…) Na, dann können wir ja anfangen (…)“12 Mit anderen Worten: Ältere samstägliche Gewohnheiten wie Baden und Backen sollten auf andere Zeiten verlegt werden, um ganz der Sendung lauschen zu können und das Radio eben nicht nur als Begleitmedium zu nutzen, das neben der Verrichtung anderer Tätigkeiten lief. 1.2 Die Wiederkehr des Alltagsgeräts nach dem Zweiten Weltkrieg Zwar hatten im Krieg viele ausgebombte Familien ihre Geräte verloren oder sie auf der Flucht zurückgelassen, aber immerhin konnten fast 80 Prozent der Geräte gerettet worden. Allerdings gab es keine Ersatzteile mehr, denn deren Fertigung war noch während des Krieges eingestellt worden.13 Doch ebenso schnell wie die Rundfunkanstalten wieder auf Sendung gingen, nahm auch die Industrie die Produktion der Geräte erneut auf. Weil rund 75 Prozent der Geräte auf dem Gebiet produziert worden waren, das seit 1945 zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, mussten allerdings in den Westzonen erst neue Fabriken errichtet werden.14 Wurden 1946 lediglich 120.000 Geräte produziert, so waren es 1951 bereits 2,3 Millionen. Statt der hochformatigen Apparate des Volksempfängers favorisierten die westdeutschen Herstellerfirmen wieder das Längsformat und markierten auf diese Weise auch im Design eine deutliche Abkehr vom NSRundfunk. Mitte der 1950er Jahre verfügten schließlich 80 Prozent der Arbeiterhaushalte in der Bundesrepublik über ein Radio, und bis dahin gelangte auch der größte Teil der Landbevölkerung in den Besitz eines solchen Apparats.15 So wurde das Rundfunkgerät zum gruppen-, schichten- und flächenübergreifenden Alltagsgerät. Nicht mehr der Besitz eines Gerätes diente als Mittel der sozialen Distinktion, sondern die Aufmachung und Ausstattung des Gerätes, welche die 11 Gerhard Eckert: Der Rundfunk als Führungsmittel. Heidelberg 1941, S. 161 (kursiv im Original). 12 Monika Pater: Radioangebote, in: Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden. Bd. 1: Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998, S. 201. 13 Genaue Zahlen über die Rundfunkdichte bei Kriegsende liegen nicht vor. Schildt: Moderne Zeiten, S. 211. 14 Lu Seegers: „Hör Zu!“. Eduard Rhein und die Rundfunkprogrammzeitschriften(1931–1965). Potsdam 2001, S. 278. 15 Schildt: Moderne Zeiten, S. 212ff.

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feinen Unterschiede sowohl zwischen Flüchtlingen und Einheimischen als auch zwischen Arbeiter- und bürgerlichen Haushalten markierten. Wer es sich leisten konnte, kaufte mit zunehmendem Wohlstand ein Radiogerät mit integriertem Schallplatten- und Tonbandgerät, später kombiniert mit dem Fernseher. In der Luxusausführung kamen sogar Edelhölzer zum Einsatz. Gewiss ging mit der besseren Ausstattung der Geräte auch die Verbesserung der Tonqualität einher, doch die entscheidende Wende in dieser Hinsicht brachte die Etablierung von UKW-Sendern. Besonders in Westdeutschland setzte die Rundfunkindustrie früh auf diese Technologie, um bestimmte Engpässe in der Verteilung der Sendeplätze auf der Mittelwelle auszugleichen.16 Obwohl viele Hörer zunächst ihren regionalen Mittelwellen-Stationen treu blieben, stieg die Anzahl der auch mit UKW ausgestatteten Geräte kontinuierlich. Im Februar 1955 waren es bereits 56 Prozent. Dazu hatte zweifellos auch die Kampagne der HÖR ZU! und anderer Zeitschriften beigetragen, welche die Ultrakurzwelle wegen ihrer besseren Tonqualität als „Welle der Freude“ popularisierten. In den Anfangsjahren des UKW befand sich das Radio noch immer vorrangig in den Händen der Erwachsenen. Während tagsüber die Hausfrau – soweit sie nicht erwerbstätig war – es vielfach als Begleitmedium bei ihren häuslichen Arbeiten nutzte, bestimmte abends meist der Ehemann und Vater, was und wie gehört wurde. Erst das Zweitgerät in der Küche und das Transistorgerät ermöglichten für Frauen und Jugendliche seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre mehr und mehr eine Differenzierung des Hörverhaltens. Insbesondere für die entstehende medial geprägte Jugendkultur war das Transistorgerät entscheidend. Gemeinschaftliches Radiohören in Parks und auf Plätzen gehörte zu der so genannten Halbstarken-Szene ebenso wie zu den Anfängen einer „gezähmten“ amerikanisierten Teenager-Kultur, die sich Ende der fünfziger Jahre herausbildete.17 Einen weiteren Sprung hin zu einer verstärkten räumlichen Radio-Mobilität ermöglichte das Autoradio, für das seit Ende der 1950er Jahre keine Gebühren mehr erhoben wurden. Es gehörte seither zur selbstverständlichen Ausstattung eines PKW und begleitete den Berufsfahrer genauso wie den zur Arbeitsstätte Pendelnden und den Urlaubsreisenden. Während der 1950er und 1960er Jahre wurde die zeitliche Programmstrukturierung, wie sie sich schon im NS-Rundfunk etabliert hatte, im Wesentlichen 16 Deutschland erhielt als Kriegsverlierer im „Kopenhagener Wellenplan“ nur wenige Frequenzen zugesprochen. 17 Allg. Kaspar Maase: BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg 1992; Thomas Grotum: Die Halbstarken. Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre. Frankfurt am Main 1994; in welchem Ausmaße AFN und BBC gehört wurden, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Näheres bei Schildt: Moderne Zeiten, S. 232; Dussel, Konrad: Hörfunk in Deutschland. Politik, Programm, Publikum (1923–1960). Potsdam 2002, S. 400.

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beibehalten: Weitestgehend orientierte sich das Programm am Normalarbeitstag. Vor acht Uhr und zwischen 12 und 14 Uhr wurden Nachrichten, „leichte Musik“ und Zeitansagen gesendet.18 Von 1945 bis 1948 bestand das Abendprogramm noch zum großen Teil aus einem Wortprogramm: Zwischen 18 und 20 Uhr handelte es sich in der Regel um Informationen, dann wurden zwischen 20 und 22 Uhr kulturelle Beiträge, oftmals Hörspiele, aber auch klassische Musik, ausgestrahlt. Nach und nach wurde eine Teilung des Abendprogramms vorgenommen, und zwar von allen Sendern. Einer wortdominierten Stunde von 19 bis 20 Uhr folgte das eigentliche Abendprogramm, das sowohl eine Unterhaltungssendung, als auch ein Hörspiel oder klassische Musik enthielt. Ab 22 Uhr war, nach einer Nachrichtensendung, dann das Nachtprogramm zu hören, in der Regel Musik. Diese Programmstruktur galt bis 1958. Seither wurde allmählich mehr Unterhaltungsmusik gesendet, nicht zuletzt aufgrund von Wünschen aus dem Publikum.19 1.3 Parallelen und Spezifika. Entwicklungen in der DDR Ähnlich wie in der Bundesrepublik konturierten auch in der DDR bestimmte Radioprogramme die zeitbezogenen Alltagsroutinen. Auch hier etablierten sich feste Sendeplätze, von den Nachrichten angefangen bis zum Sandmännchen für Kinder. Solange es noch kein Fernsehen gab, dominierte im Alltag ebenfalls das Radio-Programm am Abend.20 Zeit strukturierend wirkte zudem das Radio, ähnlich wie im Westen, in den Morgenstunden: Viel Musik, kurze Wortbeiträge und Zeitansagen wechselten sich in einem klar erkennbaren Rhythmus ab, und dieser verfestigte seinerseits entsprechende Mediengewohnheiten und Alltagsroutinen. An der Platzierung des Radios im Wohnzimmer veränderte sich zunächst wenig. Eine Anzeige aus dem Jahre 1954, in welcher der Mittelwellenempfänger „Schwarzburg“ für 275 Mark präsentiert wurde, zeigte noch immer, wie einst zu Beginn der Radiozeit, eine wohnliche Atmosphäre mit Gummibaum, Stehlampe, einem runden, mit einem Deckchen bestückten Radiotisch sowie einer Frau, die sich am Drehschalter zu schaffen macht.21 Neben typischen Geschlechtervorstellungen ließ die Anzeige auch die Tatsache erkennen, dass die technologische Entwicklung von UKW-Sendern im Unterschied zur Bundesrepublik damals

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Viele Männer kamen noch in den 1950er Jahren zur Mittagspause nach Hause. Konrad Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte. Eine Einführung. Konstanz 1999, S. 319ff. Ebd., S. 154. Schmidt, Uta C.: Radioaneignung, in: Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden. Bd. 2: Radio in der DDR in den fünfziger Jahren. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998, S. 278.

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und noch bis in die 1960er Jahre im deutlichen Rückstand blieb,22 weshalb sich das Radiohören auf Mittelwellen mit oftmals schlechtem Empfang beschränkte. Erst ab Mitte der 1950er Jahre kann, übrigens ähnlich wie in der Bundesrepublik, von einer Vollversorgung der Bevölkerung mit Radioapparaten gesprochen werden23 – also kurz bevor zwischen den späten 1950er und den 1970er Jahren in Ost und West das Fernsehen in den Mittelpunkt rückte: Zwar machte das Fernsehen einerseits aus dem Leitmedium Radio häufig ein Begleitmedium, aber beide wuchsen andererseits auch zu einem Verbund zusammen. Dieser Medienverbund kam nicht zuletzt optisch zur Wirkung, indem beide Medien in Form von Geräte-Kombinationen zusammengeführt wurden. Zu diesem privaten Medienverbund zählten außerdem Plattenspieler, Zeitungen, Illustrierte und Programmhefte.

2. Der transnationale Äther: neue Erfahrungsdimensionen Zu den Charakteristika des Radios gehört seine Transnationalität, die zu Beginn utopische Fantasien entstehen ließ, aber auch tatsächlich neue Dimensionen an Erfahrungen mit sich brachte. 2.1. Vom Auslandssender zum Feindsender und Soldatensender. Die selektierte Äther-Transnationalität in der NS-Zeit Mit Ausnahme des Verbots von Radio Moskau konnten bis zum Kriegsbeginn 1939 in Deutschland durchaus Auslandssender gehört werden. Die Firmen machten sogar damit Werbung und verkauften Zusatzgeräte, etwa bessere Antennen, um den Empfang zu ermöglichen. Die Radiozeitschriften24 bedachten ebenfalls Auslandssender mit entsprechenden Programmhinweisen. Bessere Geräte zeigten an der Skala an, was man alles hören konnte: Hilversum stand immer darauf, ebenso Beromünster. Die Transnationalität des Rundfunks hätte nur durch die Einführung eines Drahtfunks verhindert werden können – kein Wunder, dass NS-Radiopolitiker damit liebäugelten. Doch schließlich nahmen sie von diesem Projekt nicht zuletzt wegen der hiermit verbundenen Kosten und des Zeitaufwands für eine großflächige Umstellung Abstand.25

22 Dussel: Hörfunk, S. 128. 23 Schmidt: Radioaneignung, Bd. 2, S. 270. Auf hundert Haushalte entfielen im Landesdurchschnitt 77,1 angemeldete Geräte, gegen Ende der 1950er Jahre waren es 90. Ebd. 24 Siehe Seegers: „Hör Zu!“. 25 Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios. Weltpolitik und Auslandsrundfunk 1924–1976. Frankfurt am Main u.a. 1977, S. 449.

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Nach Kriegsausbruch bestand allerdings aus Sicht der NS-Herrschaftsträger sofortiger Handlungsbedarf. Nun wurden Auslandssender zu Feindsendern. Die Übertretung des Hörverbots konnte empfindlich mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft werden, im Extremfall sogar mit dem Tode. Gleichwohl kam es im Verlauf des Krieges zur massenhaften Übertretung des Verbots, im Ruhrgebiet als „englisch inhalieren“ bezeichnet. Dies setzte dem angestrebten Informationsmonopol ein Ende. Daran konnte selbst der anfangs recht beliebte Rundfunkkommentator Hans Fritzsche wenig ändern.26 Der Zweite Weltkrieg schuf für die deutschen Armeen die Möglichkeit, weite Teile Europas auch medial zu durchdringen. Hier ist zum einen an die reale Besetzung der „Feindländer“ und die Beherrschung ihrer Kommunikations- und Mediensysteme zu denken. Von herausragender Bedeutung wurde Radio Belgrad, eine Art Europa-Sender mit großer Reichweite, der unter militärischer Leitung stand.27 Mit dem von dort ausgestrahlten legendären Lili-Marleen-Lied zog der Sender schließlich zahlreiche Soldaten – und nicht nur deutsche – viele Male in seinen Bann. Die Mühen und Grausamkeiten des Kriegsalltags sollten nicht nur durch das Lili-Marleen-Lied, sondern auch die von der Wehrmacht neu aufgebauten Soldatensender aufgefangen werden,28 die in allen von Deutschen besetzten Ländern gehört werden konnten. Diese mobilen Sender strahlten vorrangig das aus, von dem man glaubte, dass es sich die Soldaten im Frontalltag wünschten: heiße Tanzmusik, Kabaretts und Bunte Stunden. Mit dem Rückzug der Truppen zogen sich auch die Soldatensender zurück. Am Schluss blieb der Großdeutsche Rundfunk übrig, in dem schließlich der Großadmiral Dönitz die Kapitulation verkündete. 2.2. Der Kalte Krieg im Äther Der Kalte Krieg in Deutschland war auch ein Krieg im Äther: Deutschlandsender und Berliner Welle, aber auch Radio Moskau und Radio Kiew bemühten sich um Hörer im Westen. Ebenso strahlte Radio Berlin international – die Stimme der Deutschen Demokratischen Republik seit der Reorganisation des Auslands-

26 Max Bonacker: Goebbels’ Mann beim Radio. Der NS-Propagandist Hans Fritzsche (1900–1953). München 2007; vgl. auch Marszolek: Lautsprecher und leise Töne. Radio im Nationalsozialismus, in: Nicola Gess/Florian Schreiner/Manuela K. Schutz (Hg.): Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Würzburg 2005, S. 64ff. 27 Boelcke: Die Macht des Radios, S. 231. 28 Dussel: Hörfunk, S. 208.

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dienstes im Jahre 1959 – immerhin täglich drei Programme nach Dänemark und Schweden sowie drei Sendungen in englischer und französischer Sprache aus.29 In umgekehrter Richtung erfolgte die Wellen-Penetration von Anfang an aus verschiedenen Ecken: Der RIAS als amerikanischer Sender in Berlin30 ebenso wie der Deutschlandfunk und die Deutsche Welle, aber auch der Bayerische Rundfunk und der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR)31 konnten auf dem Gebiet der DDR und der angrenzenden Staaten gehört werden. Außerdem ist noch an die amerikanischen Kalte-Kriegs-Sender Radio Free Europe und an Radio Liberty zu denken.32 Sie sollten die kommunistischen Herrschaftssysteme schwächen und die Oppositionsbewegungen stärken, etwa beim Ungarn-Aufstand im Jahre 1956. Zwar wurde die ungarische Revolte nicht von Radio Free Europe initiiert, doch der Sender weckte bei den Oppositionellen die Hoffnung auf ein Eingreifen des Westens.33 Abgesehen von der Einflussnahme des Senders in jener dramatischen Situation des Jahres 1956 war das Hören von Radio Free Europe auch in „normalen Zeiten“ jenseits des Eisernen Vorhangs beliebt. Vor allem sprachen Jugendliche auf die von diesem Sender ebenfalls ausgestrahlte

29 Ebenso sollten die Länder des Nahen Ostens angesprochen werden. Gerhard Walther: Der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone. Bonn/Berlin 1961, S. 103; eine besondere Bedeutung kam den beiden DDR-Geheimsendern, dem Deutschen Freiheitssender 904 (1956 bis 1971) und dem Deutschen Soldatensender 935 (1960–1972) als Produkte des Kalten Krieges zu. Jürgen Wilke: Radio im Geheimauftrag. Der Deutsche Freiheitssender 904 und der Deutsche Soldatensender 935 als Instrument des Kalten Krieges, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004. Beide Sender waren an die Bundesrepublikaner gerichtet; ferner diente der Geheimsender Radio Moldau (Radio Vltava) dazu, den Prager Frühling 1968 zu bekämpfen, indem er sich als tschechischer Untergrundsender tarnte. Näheres siehe Claus Röck: Invasion durch den Äther. Wie die DDR mit dem Geheimdienst Moldau (Radio Vltava) den „Prager Frühling“ bekämpfte, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004. 30 Mit der alsbald erscheinenden Dissertation von Nicholas Schlosser wird erstmals eine grundlegende Studie des RIAS vorliegen. Nicholas Schlosser: Berlin Radio War: Broadcasting in Cold War Berlin and the Shaping of Political Culture in Divided Germany 1945–1961. Diss. Uni. of Maryland 2008; vgl. auch Petra Galle: RIAS Berlin und Berliner Rundfunk 1945–1949: Die Entwicklung ihrer Profile in Programm, Personal und Organisation vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges. Münster 2003. 31 Später handelte es sich um den Norddeutschen Rundfunk (NDR) und den Westdeutschen Rundfunk (WDR). 32 Zu Radio Liberty siehe Bernd Stöver: Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991. Köln etc. 2002, S. 441ff. 33 Arch Puddington: Broadcasting Freedom: The Cold War Triumph of Radio Free Europe and Radio Liberty. Lexington 2000, S. 101.

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westliche Musik an, und dies mag in nicht seltenen Fällen auch die Distanz zu oder gar Abkehr von den kommunistischen Systemen gefördert haben.34 So erpicht die SED-Parteifunktionäre auf die Ausstrahlung ihrer Botschaften in andere Länder waren, so wenig erfreut zeigten sie sich über den ungebetenen Import der Ätherwellen aus dem Westen. Die technologisch ermöglichten transnationalen Grenzüberschreitungen verursachten geschlossenen Gesellschaften wie der DDR große Probleme. Inwieweit sich die DDR-Bevölkerung tatsächlich der westdeutschen Sender im Alltag bedient hat, lässt sich nicht mehr genau feststellen; dass viele Menschen sie einschalteten, ist jedoch unstrittig, obwohl die neuere Forschung davor warnt, die nach Westen gerichteten Hörgewohnheiten zu überschätzen.35 Fest steht lediglich, dass es der DDR durch den WellenImport prinzipiell nicht möglich war, die alleinige Deutungs- und Legitimationshoheit bei politischen und gesellschaftlichen Diskursen zu gewinnen. Und das West-Fernsehen verstärkte in späteren Jahren noch die mediale Durchlöcherung der Blockgrenze. Gleichwohl gab es in der DDR nie ein offizielles Verbot, die Westsender zu hören. Auch die Entfernung von Antennen und andere Schikanen wurden nicht systematisch angewandt und hörten seit Mitte der 1960er Jahre ganz auf. Allerdings konnte sich das Westsender-Hören oder –Sehen im Zusammenhang mit einer justiziellen Verfolgung strafverschärfend auswirken. Ansonsten sollten klare Worte helfen, wie „Du willst kein Ami-Söldner sein, drum schalte nicht den Rias Berlin ein!“, wie es 1952 auf einem SED-Plakat hieß.36 Im Kalten Krieg ging es nicht nur um politische Sendungen. Heiß umkämpft war die Musik, insbesondere Jazz, Rock’n Roll und Pop-Musik, welche vor allem die Soldatensender der westlichen Alliierten – und seit 1957 auch Radio Luxemburg – durch den Äther klingen ließen.37 Politik und Populärkultur gingen Hand in Hand. Geschickt wurde zum Beispiel vom US-Verteidigungsministerium 1958 verbreitet, dass der King of Rock’n Roll, Elvis Presley, der damals gerade seinen Wehrdienst in der Bundesrepublik ableistete, durchaus ein amerikanisches „Geschütz im Kalten Krieg“ sei.38 34 Zur Rolle des Radio Free Europe siehe generell Walter L. Hixon: Parting the Curtain: Propaganda, Culture and the Cold War, 1945–1961. New York 1998. 35 Michael Meyen: Das unwichtige Medium. Radiohören in der DDR, in: K. Arnold/C. Classen (Hg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004; ders.: DenverClan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR. Berlin 2003; Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 155f. 36 Den Hinweis verdanken wir Silke Betscher. 37 Zu Radio Luxemburg siehe Schildt: Moderne Zeiten, S. 232f. 38 Wenig beliebt war allerdings, wenn die deutschen Radiosender politische Sendungen der Stimme Amerikas übernahmen. Bernd Stöver: Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991. München 2007, S. 275; Schildt: Moderne Zeiten, S. 254f.

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3. Der Rundfunk im Spannungsfeld von Staat und Hörerschaft Die Frage, ob der Hauptzweck des Radios darin liege, der Hörerschaft die jeweiligen Staatsinteressen zu vermitteln, oder ob das Radio primär als ein Medium der Allgemeinheit anzusehen ist, ist zentral für die Geschichte des Rundfunks in Deutschland. 3.1 Die NS-Volksgemeinschaft als Volksfamilie Der Gleichschaltung des Rundfunkbetriebs und des Sendeangebots sollte die Gleichschaltung der Hörerschaft samt deren Rezeption des Gehörten folgen. Deshalb wünschten die nationalsozialistischen Herrschaftsträger vorrangig, dass Radio gemeinschaftlich gehört wurde, sei es in der Schule, in der Hitlerjugend, in den Werkshallen, beim Arbeitsdienst oder schließlich an der Front. Zudem war sogar die Ausstattung öffentlicher Räume mit Lautsprechersäulen geplant, und diese wurden punktuell, wie in Breslau, auch eingeführt.39 In kleineren Orten sollte ein „Gemeinderundfunk“ eingerichtet werden. De facto spielte jedoch das Gemeinschaftshören in öffentlichen und halböffentlichen Räumen eine viel geringere Rolle als das Hören von Radiosendungen in Privaträumen. So konnte zwar die Rezeption des Gehörten nicht direkt gesteuert werden, doch verbanden sich damit andere Vorteile. Denn seit Beginn der Radio-Ära hofften Kulturkonservative, dass durch das Radio die Familie im privaten Alltag besser zusammengehalten werden könne, weil die „Nur-Hausfrauen“ die Außenwelt in die private Wohnung „holten“, weil die Männer nicht mehr so oft ins Wirtshaus gingen und weil die Kinder von der Straße ferngehalten würden. Optimal erschien den NS-Rundfunkmachern eine weitgehende Durchdringung der Privatsphäre mit politischen Sendungen für die ganze Familie.40 Um in dieser Beziehung die mehr auf Unterhaltung ausgerichteten Gewohnheiten der Hörer und Hörerinnen punktuell umzulenken, forderten die Nationalsozialisten zu bestimmten Gelegenheiten sogar eine Art Hörpflicht ein, nämlich dann, wenn der „Führer“ sprach oder andere bedeutsame Parteiauftritte stattfanden. Das Plakat „Ganz Deutschland hört den Führer – mit dem Volksempfänger“ präsentiert die idealtypische Vorstellung des Rundfunk hörens im „Dritten Reich“: Über den Köpfen einer endlosen Masse erhebt sich ein strahlender Volksemp39 Dussel: Hörfunk, S. 64. 40 Zur strukturellen Veränderung des Verhältnisses von Öffentlichkeitssphäre und Privatsphäre durch die Medien siehe Kate Lacey: Feminine Frequencies. Gender, German Radio, and the Public Sphere, 1923–1945. Ann Arbor 1996; Karl Christian Führer/Corey Ross: Mass Media, Culture and Society in Twentieth-Century Germany: An introduction, in: dies. (Hg.): Mass Media, Culture and Society in Twentieth-Century Germany. Houndmills 2006, S. 10.

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Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft als Hörgemeinschaft: Werbung im Völkischen Beobachter 1933, aus: Franz Dröge/Michael Müller: Die Macht der Schönheit. Avantgarde und Faschismus oder die Geburt der Massenkultur. Hamburg 1995.

Gemälde von Paul Mathias Padua mit dem Titel „Der Führer spricht“, aus: Inge Marßolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 1: Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung, Tübingen 1998, S. 383. „Die Kunst im Deutschen Reich“ 4 (1940).

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fänger. Auf dem Plakatbild fällt allerdings sogar die Privatsphäre weg, die Hörerschaft ist entgrenzt, befindet sich in einem endlosen Raum und lauscht nur einer Stimme. Doch die Nationalsozialisten waren keine Phantasten: Sie hüteten sich davor, die Privatsphäre vollständig und direkt zu politisieren. Stattdessen sollte diese vom breit angelegten, durch In- und Exklusionen bestimmten Konzept der Volksgemeinschaft medial durchdrungen werden. Auch das wurde in Werbeanzeigen visuell umgesetzt: Eine Reproduktion des Gemäldes von Paul Mathias Padua aus dem Jahre 1940 zeigt eine bäuerliche Großfamilie vor dem im „Heiligenwinkel“ stehenden Volksempfänger, und daneben hängt eine Fotografie vom Führer.41 Die „arische“ Familie wurde zur Volksfamilie erklärt, der Rundfunk avancierte zu einer Art Tabernakel, der in neu gebauten Wohnungen oft in Wandnischen stand. Die mediale Verschränkung von privater und öffentlicher Sphäre wurde zusätzlich durch Live-Sendungen befördert, etwa am 8. April 1933 bei einer großen SA-Feier: 800.000 Uniformierte paradierten zeitgleich im ganzen Reich und wurden mit Millionen Radiohörern und -hörerinnen zusammen geschaltet und als Volksgemeinschaft inszeniert.42 Diese Sendung stellte den rundfunktechnischen Vorlauf zu den Live-Übertragungen am „Tag der nationalen Arbeit“, dem 1. Mai 1933, dar, als der Rundfunk nicht nur die gesamten Ereignisse auf dem Berliner Tempelhofer Feld in die Wohnzimmer übertrug, sondern zugleich aus einem Zeppelin, der über Deutschland flog, berichtete. Außerdem übermittelten die auf den lokalen Aufmarschplätzen im Reich aufgestellten Lautsprecher die Sendung. Die Volksgemeinschaft wurde virtuell im Äther hergestellt und präsentiert,43 und zwar sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum. Damit einher ging der Ausschluss derer, die nicht zu der auf In- und Exklusionen bedachten Volksgemeinschaft gehörten: Am 20. September 1939, also zu Beginn des Kriegs, wurden alle Rundfunkgeräte im Besitz von Juden beschlagnahmt. 3.2 Staatspolitik und Individualinteressen in der DDR Alle vier Radiostationen der DDR44 unterstanden dem 1952 eingerichteten Staatlichen Rundfunkkomitee. Für dieses war es nicht leicht, die SED-Forderungen mit den alltagsbezogenen Bevölkerungswünschen einigermaßen in Übereinstim41 Schmidt: Volksempfänger. 42 Wolfgang Hagen: Das Radio. Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks – Deutschland/ USA. München 2005, S. 115ff. 43 Inge Marszolek: „Aus dem Volke für das Volk“. Die Inszenierung der „Volksgemeinschaft“ im und durch das Radio, in: dies./Adelheid von Saldern (Hg.): Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft 1924–1960. Potsdam 1999. 44 Seit den 1950er Jahren operierten der Berliner Rundfunk und Radio DDR mit ihren diversen Landessendern. Hinzu kam der Deutschlandsender, der sich vor allem an die bun-

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mung zu bringen. Denn die Hardliner in der SED taten sich schwer, medienpolitische Kompromisse einzugehen. Bei ihnen dominierte noch der Glaube, dass die Medien die Menschen direkt beeinflussen könnten, folglich sollten die sich bietenden Chancen auch weitgehend genutzt werden. Andere Parteigenossen, wie der Vorsitzende des Staatlichen Rundfunkkomitees, Gerhard Eisler, setzten hingegen mehr auf Aufklärung. Sie hofften darauf, dass die Anzahl an „vernünftig denkenden“ Menschen anwachsen werde und dass diese dann den ihrer Auffassung nach friedliebenden, fortschrittlichen und damit allein zukunftsträchtigen DDR-Sozialismus unterstützen würden. Das ständige Tauziehen zwischen diesen Kräften führte dazu, dass sich kurze Phasen kultureller Liberalisierung, vor allem 1963/64, mit längeren Phasen verstärkter Restriktionen abwechselten. Zwar bekamen die Menschen in ihren Wohnzimmern die vielen Konflikte hinter den Kulissen nicht mit, doch wurden sie unzufrieden, wenn die Radiosendungen ihrer Meinung nach zu wenig auf ihre alltäglichen und außeralltäglichen Bedürfnisse Rücksicht nahmen. So wünschten sich viele Zuhörer und Zuhörerinnen am Abend und an Wochenenden möglichst viele Sendungen für alle Familienmitglieder. Aus staatsparteilicher Sicht waren solche Wünsche zwar verständlich, doch keineswegs immer willkommen. Denn dies hieß, den ausgeprägten Unterhaltungsbedürfnissen weiter Bevölkerungskreise durch entsprechende Medienangebote nachzugeben. Hinzu kam die Sorge, dass das Radio den seit den späten 1950er Jahren feststellbaren Privatisierungstendenzen in der DDR-Gesellschaft Vorschub leistete und folglich die Menschen lieber zu Hause Radio hörten oder später fernsahen, als auf Partei- und Gewerkschaftsversammlungen zu gehen. Eine solche durch das Medium hervorgerufene Konkurrenzsituation zwischen den Angeboten in der privaten und jenen in der öffentlichen Sphäre sollte durch das Gemeinschaftshören zumindest partiell aufgehoben werden, sei es in der Schule, im Betrieb oder im Ferienheim. Es gelang jedoch nicht, die hauptsächliche Nutzung des Radios in Privaträumen wesentlich einzuschränken. 3.3 Vom Staatsradio zum Radio für die Allgemeinheit Viele westdeutsche Rundfunkpolitiker wollten nach 1945 wieder an die RadioOrganisation der Weimarer Zeit anknüpfen und mit Hilfe der Postbürokratie einen staatsnahen Rundfunk aufbauen.45 Es waren die Westalliierten, die mit großer Verve dagegen auftraten und staatsfreie Organisationen auf regionaler desrepublikanische Bevölkerung richtete. Für die Auslandssendungen war Radio Berlin International zuständig. 45 Edgar Lersch: Die Bedeutung der alten und neuen Medien für Wirtschaft und Gesellschaft, in: Hans Pohl (Hg.): Die Bedeutung der Kommunikation für Wirtschaft und Gesellschaft. Wiesbaden 1989, S. 479.

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Ebene forderten und auch weitgehend durchsetzten: Zwar sollte der Rundfunk nach wie vor durch Gebühren finanziert werden,46 doch die Aufsicht hatten gesellschaftliche Institutionen zu übernehmen: der Rundfunkrat, der Verwaltungsrat und als Exekutive die Intendanten. Welche gesellschaftlichen Institutionen in welchem Ausmaß und mit welchen Aufgaben und Kompetenzen in diesen Gremien mitwirken sollten, darüber wurde viel gestritten.47 Nach der Gründung der Bundesrepublik kamen entgegen den Wünschen der Alliierten auch wieder Vertreter der Landesregierungen in die Gremien. Staatsferne ließ sich also dauerhaft nicht konsequent durchsetzen, die Leitidee wurde partiell unterminiert,48 Asymmetrien bei den Einflusskanälen blieben erhalten oder wurden neu geschaffen, doch von einem Staatsradio kann gleichwohl nicht mehr gesprochen werden. Bundeskanzler Adenauer versuchte allerdings seinerseits mit großer Ausdauer und mit massiver Unterstützung der privatwirtschaftlichen Rundfunkzeitschrift HÖR ZU! den Einfluss der Regierung auf den Rundfunk zu erhöhen und einen Staats-Fernsehsender einzurichten.49 Aber das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1961 entzog diesem Vorhaben schließlich dauerhaft den Boden. Im Zuge der Etablierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems sollte das Radio kein staatliches Verlautbarungsprogramm mehr senden, sondern sich als ein offenes Diskussionsforum verstehen.50 „Der Rundfunk ist Sache der Allgemeinheit. Er wird in voller Unabhängigkeit überparteilich betrieben und ist von jeder Beeinflussung freizuhalten. Die Darbietungen sollen Nachrichten und Kommentare, Unterhaltung, Bildung und Belehrung, Gottesdienst und Erbauung vermitteln und dem Frieden, der Freiheit und der Völkerverständigung dienen.“51 So stand es im Gesetz über den Hessischen Rundfunk vom 2. Oktober 1948. Solche hehren Leitlinien waren freilich nicht ohne weiteres umzusetzen. Beeinflussungen konnten nicht ausgeschaltet werden, die Schere im Kopf der Intendanten und Direktoren half, Skandale zu vermeiden und Kompromisslinien auszuhandeln. Diese erzielten die Rundfunkverantwortlichen am leichtesten, wenn sie vor allem Personen aus der politischen Mitte zu Wort kommen ließen. Deshalb wurden „linke CDU-Leute“ und „rechte Sozialdemokraten“ als Kom46 Zum Massenphänomen des Schwarzhörens siehe Schildt: Moderne Zeiten, S. 213ff. 47 Vertreten waren Arbeitgeber, Arbeiternehmer, Kirchen, Parteien, „volksbildende Institutionen“ und diverse Zweige der Künstlerschaft. Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 187. 48 Überblick und Einzelheiten in ebd.: S. 189ff. 49 Der vom Chefredakteur der HÖR ZU!, Eduard Rhein, initiierte „Arbeitskreis für Rundfunkfragen“ verfolgte das Ziel, unter dem Deckmantel der politischen Neutralität das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zu kippen. Der Arbeitskreis stand in enger Verbindung zum Bundespresseamt und zum Springer-Konzern. Seegers: Hör zu!, S. 333ff. 50 Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 190. 51 Zit. nach ebd., S. 201.

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mentatoren bevorzugt, weil sie, wie es Mitte der 1950er Jahre hieß, „weniger Scherereien verursachen als schärfer profilierte Kommentatoren.“52 Der Trend zur politischen Mitte wurde anfänglich von einem Mischprogramm als einheitlichem Hörfunkprogramm begleitet. Dessen Alltagsbedeutung war in der ersten Hälfte der 1950er Jahre besonders groß, weil in dieser Zeit von einem Standort aus nur wenige Sender gut gehört werden konnten. Im Tages-, Abend- und Nachtverlauf bot das Programm zwar für jeden etwas, aber eben nicht gleichzeitig, sondern hintereinander. Durch weitere Standardisierung der einzelnen Programmteile sollte die Orientierung der Hörerinnen und Hörer erleichtert werden. Doch insgesamt gesehen handelte es sich nur um ein vorübergehendes Stadium. Mit der Erweiterung der jeweils hörbaren Programmanzahl vor allem seit den 1960er und 1970er Jahren erhielten die einzelnen Programme spezifische Schwerpunkte, die sie von den anderen unterschieden.53 So konnten die sich herausbildenden Radio-Publika gleichzeitig ihren unterschiedlichen Hörerwünschen nachgehen – ein Prozess, der durch die Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 noch wesentlich erweitert werden sollte. Die „demokratietheoretischen wie demokratiepraktischen Verdienste des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in seiner ersten Phase“ sieht Konrad Dussel vor allem in der „weitgehend unverzerrten Nachrichtenproduktion“, in der Freiheit der Berichterstattung.54 Dazu gehörte, dass deutlich zwischen Information und Kommentar unterschieden wurde, aber auch, dass Nachrichtensendungen das Programm strukturierten und einen festen Platz erhielten. Wegen der schon in der NS-Zeit eingeübten andersgearteten Hörervorlieben und -routinen reduzierten die Programmgestalter allerdings seit der Mitte der 1950er Jahre die Informations- und Nachrichtensendungen generell, ebenso wie die E-Musik und das Kulturelle Wort. Doch seit Mitte der 1960er Jahre nahmen die informationsund politikhaltigen Hörfunkprogramme wieder zu55 – ein Zeichen für die beginnende Umbruchszeit der politischen Kultur in der Bundesrepublik und ein Zeichen dafür, dass das Radio als ein Seismograph für die jeweilige Verfasstheit der Gesellschaft fungiert.

52 Zit. nach Schildt: Moderne Zeiten, S. 241. Dies gilt allerdings nicht für die „erste Stunde“ (s.u.) 53 Ebd., S. 396ff. Ansätze zur Schwerpunktsetzung in den Sendern gab es allerdings auch im DDR-Radio. Im Jahre 1963/64 ging man dazu über, das Informations- und Unterhaltungsprogramm (IUP) des Radio DDR I weiter zu erhöhen, während Radio DDR II mehr die Interessen der Minderheiten wahrnahm und ein gehobenes Programm anbot. 54 Dussel: Hörfunk, S. 331ff.; ders., Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 207f. 55 Diese Aussage ist empirisch allerdings noch nicht zureichend abgesichert. Ebd.: S. 212f.

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4. Der unaufhörliche Drang der Zuhörerschaft zur Unterhaltung. Zum Programmprofil des Radios Zu den roten Fäden der Rundfunkgeschichte gehört der Wunsch der Zuhörerschaft, möglichst viele Unterhaltungssendungen im Radio geboten zu bekommen. Doch die Programmgestalter hatten diesbezüglich entweder kulturelle Vorbehalte oder verfolgten damit bestimmte Herrschaftsziele. 4.1 Heiterkeit im NS-Radio bis zum Untergang Obwohl schon der bildungsbürgerlich durchdrungene Weimarer Rundfunk Kompromisse mit dem Wunsch des Publikums nach mehr Unterhaltungs(musik) sendungen machte, erfuhr dieses Bedürfnis im Verlauf der NS-Zeit eine noch größere Berücksichtigung. Während mit der Gleichschaltung des Rundfunks zunächst eine Erhöhung des Wortprogramms im ideologischen Sinn erfolgte, wurde zugleich viel Zeit für Unterhaltendes eingeräumt.56 Insbesondere Goebbels und mit ihm einige jüngere Programmpolitiker waren überzeugt, dass politische Botschaften am ehesten dann gehört würden, wenn sie in ein attraktives Programmmuster integriert waren. Goebbels setzte sich das Ziel, einen Volksrundfunk zu schaffen: Unterstützt wurde er dabei vom Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky. Gemeinsam bauten sie den Unterhaltungsanteil, vor allem die Musiksendungen, weiter aus. Im Jahr 1937 bestanden rund 70 Prozent des Gesamtprogramms aus Musik.57 Davon entfiel wiederum ein wesentlicher Teil auf die leichte Musik – und mehr und mehr auf so genannte „gute deutsche Unterhaltungsmusik“. Doch das Radio bot in der NS-Zeit nicht nur Volksunterhaltung und Propaganda: Es bediente auch weiterhin die Wünsche des Bildungsbürgertums nach klassischer Musik. Die Aufsehen erregenden Beethovenkonzerte des Jahres 1933 sollten Zeichen setzen, welche die Kulturfähigkeit der neuen NS-Herrscher gegenüber dem Bildungsbürgertum unter Beweis stellten. Doch diese „Beweisführung“ erfolgte ebenfalls auf der Basis von Exklusionen. Nicht nur wurden atonale Musikstücke, die in der Weimarer Zeit ohnehin selten waren, nun völlig aus dem Programm genommen, sondern auch die Werke aller jüdischen Komponenten und Autoren. Die „Reinigung“ des Programms gleich nach 1933 bedeutete nicht nur im Bereich der klassischen Musik, etwa durch die „Aussonderung“ der Mendelsohn56 Dussel: Hörfunk, S. 188ff.; vgl. auch Clemens Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943, Spanien 1936–1951. Wien etc. 2008. S. 132ff. 57 Daniela Münkel: Produktionssphäre, in: Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 1: Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998, S. 103.

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schen Werke, einen großen Einschnitt, sondern auch und vor allem im Bereich der beliebten Operetten, stammten doch etwa 40 Prozent aus jüdischer Feder.58 Abgesehen von solchen rassistisch motivierten Exklusionen entfalteten sich in der NS-Zeit die typischen medialen Logiken des Rundfunks in Form von Doppelstrukturen: Einerseits wurden Zielgruppensendungen aus der Weimarer Zeit beibehalten und ausgebaut, etwa für Kinder, Jugendliche, Frauen, Schulgänger und Landwirte, jedoch nach den maßgeblichen Grundüberzeugungen der Nationalsozialisten neu und anders gestaltet. Andererseits wurden neue Mischsendungen konzipiert, die diverse Hörergruppen volksgemeinschaftlich zusammenbinden sollten, etwa durch musikalische Potpourris oder Bunte Stunden. Die Kriegsjahre brachten massive Veränderungen im Rundfunk mit sich: Zum einen kam es zu einer Einschränkung der Programme, nicht zuletzt weil ein großer Teil der männlichen Beschäftigten der Rundfunkanstalten eingezogen worden war. Zum anderen beschränkte der Krieg generell die technischen Möglichkeiten des Rundfunks immens. Die im Juni 1940 erfolgte Umstellung der föderalistischen Rundfunkstruktur auf ein „Gemeinschaftsprogramm“ des NSRundfunks war allerdings nicht nur kriegsbedingten Einschränkungen geschuldet, sondern auch dem Gleichschaltungswillen der NS-Rundfunkspitze. Infolge der Umstrukturierung kamen nur mehr wenige regionale Wort-Programme zum Einsatz; stattdessen dominierten recht beliebte Musiksendungen, teilweise rund dreizehn Stunden am Tag. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurde Unterhaltungsmusik ausgestrahlt, lediglich unterbrochen von Nachrichten und anderen Sendungen mit „zeitpolitischen“ Themen, während nicht-politische Wortsendungen fast vollständig entfielen. Das war auch gut so, denn immer mehr Zuhörer und Zuhörerinnen verweigerten dem NS-Rundfunk bei politischen Propagandasendungen während des Krieges die „Gefolgschaft“. Insbesondere war die Glaubwürdigkeit der Berichte über den Kriegsverlauf bereits seit 1941 ins Wanken geraten. 4.2 Sozialistische Unterhaltung in der DDR? Aus dem Blickwinkel breiter Bevölkerungskreise sollte das Radio wie gewohnt vorwiegend zur Unterhaltung und nicht zur Politisierung beitragen. Aus dem Blickwinkel der Programmmacher aber sollte es sich gerade umgekehrt verhalten. Zwar lag die Macht eindeutig beim Staatlichen Rundfunkkomitee, doch war auch die Zuhörerschaft Teil des Dispositivs. Deren Wünsche konnten auf die Dauer nicht ganz übergangen werden. 58 Inge Marszolek: Lautsprecher und leise Töne. Radio im Nationalsozialismus, in: Nicola Gess/Florian Schreiner/Manuela K. Schulz: Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Würzburg 2005; Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 214.

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Zu Beginn der SED-Herrschaft waren Sendungen mit direkter politischer Indoktrination noch recht zahlreich. Doch dann setzte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre eine rundfunkpolitische Ernüchterung ein. Daraufhin gewannen indirekte Beeinflussungs- und Belehrungsversuche mehr Raum. Dem Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik ist zu entnehmen, dass bereits im Jahr 1955 von den im Durchschnitt täglich ausgestrahlten 77 Programmstunden 32 Prozent auf Wortsendungen und 68 Prozent auf Musiksendungen entfielen.59 Lernbereit zeigten sich einige der Rundfunkgestalter auch insofern, als sie zeitweise eigene Abhörgruppen bildeten, die herausfinden sollten, was einen Sender wie Radio Luxemburg so attraktiv machte.60 Auch wenn sie die Gründe nicht gänzlich eruieren konnten, so führte dies doch zu einer selektiven Imitationspolitik: Bestimmte Musikformen wurden zwar übernommen, aber mit neuen Texten versehen. Deshalb ähnelten diverse DDR-Schlager und -Songs den westlichen Vorbildern – ohne in der Regel den Originalen das Wasser reichen zu können.61 Auch der allmähliche Ausbau des Jugendstudios DT 64 seit 1964 signalisierte die Bedeutungszunahme des Unterhaltungssektors. 1972 wurde schließlich auf einer im April abgehaltenen Tanzmusikkonferenz grünes Licht für Rock-Musik gegeben, woraufhin dieses Jahrzehnt als „goldene Ära des DDR-Rocks“ (Rauhut) in die Rundfunkgeschichte einging. Tatsächlich wurde der Anteil der Unterhaltungssendungen am Gesamtprogramm erhöht.62 Dabei obsiegte eine DDR-spezifische Populärkultur mit kleinbürgerlichen Einschlägen. So wünschten sich DDR-Bürger und -Bürgerinnen – ähnlich wie viele ältere Westdeutsche – immer wieder Unterhaltungssendungen, vor allem Bunte Abende und Bunte Nachmittage sowie das Hafenkonzert – Sendeformate, mit denen schon das NS-Radio einst gepunktet hatte. Besonders beliebt war die Radiosendung Da lacht der Bär mit Heinz Quermann, die später auch ins Fernsehprogramm übernommen wurde. Doch konnten die Programmgestalter nicht der Versuchung widerstehen, zahlreiche Unterhaltungssendungen lehrreich zu gestalten. Wenn schon direkte politische Propaganda inopportun erschien, so sollte doch wenigstens die Erziehung der Menschen zu sozialistischen Persönlichkeiten auch medial betrieben werden. Gemeint war die Vermittlung von Werten und Normen, die mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung korrespondierten, inklusive der Erziehung der Menschen zu einem „guten Geschmack“. Wurde die relative Erfolglosigkeit aller Bemü59 Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte, S. 156. 60 Kurze Analyse des Programms von Radio Luxemburg, 28.6.1960, in: Bundesarchiv: DR 6, Nr. 263. 61 Am meisten Offenheit zeigte man – nach dem Vorbild der „sozialistischen Bruderländer“ – noch in Bezug auf Volkslieder, deren Missbrauch in der NS-Zeit jedoch tunlichst übersehen wurde. 62 Vor allem wurde nach dem 17. Juni 1953 das Unterhaltungsprogramm im Radio verstärkt.

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hungen um Geschmacksverbesserungen bei der breiten Zuhörerschaft in den Anfangsjahren der DDR auf das Weiterwirken des Nationalsozialismus zurückgeführt, so verschoben sich mit den Jahren die Argumentationslinien der DDRRundfunkpolitiker. Diese verwiesen im Kalten Krieg verstärkt auf den negativen Geschmackseinfluss, der angeblich von der Bundesrepublik ausging. Verschiedentlich wurden in diesem Zusammenhang auch die Kontinuitäten zwischen dem NS-Regime und der Bundesrepublik betont: Als Beispiel galten die in den Augen der DDR-Rundfunkpolitiker recht geschmacklosen Schlager.63 Erst in den 1980er Jahren initiierten Kulturpolitiker in der DDR erneut Diskussionen über eine geschmacksoffenere, die realen Bevölkerungsvorlieben akzeptierende sozialistische Massenkultur.64 4.3 Der westdeutsche Rundfunk zwischen Umerziehung und Massengeschmack Der Pädagoge und Politiker Adolf Grimme, der im November 1948 sein Amt als Generaldirektor der größten westdeutschen Sendeanstalt, des NWDR, übernahm, bezeichnete in seiner Antrittsrede den Rundfunk als Kompass auf „dieser unserer geistigen Irrfahrt“65, und in der ersten Sendung von Radio Bremen am 23. Dezember 1945 hieß es: „(…) der Rundfunk von 1945 will und wird Dir helfen, Dich in dieser Welt ohne Scheuklappen zurechtzufinden (…)“.66 Reeducation fand im Westen von Anfang an auch im Radio statt und zwar sowohl auf Anweisung der Militärregierungen als auch durch die Selbstverpflichtung der Journalisten. Die politische Umerziehung erforderte zudem eine Entnazifizierung des Rundfunks. Diese bezog sich allerdings in erster Linie auf die politiknahen Redaktionen, während in der Unterhaltungssparte bald die gleichen Stimmen wie zuvor zu hören waren. Und der Unterhaltungssektor boomte. Axel Schildt spricht hier von „der gesteuerten stetigen Anpassung an den immer wieder ermittelten „Massengeschmack“.“67 Es gehört zweifellos zu den Ambivalenzen der fünfziger Jahre, dass auch die von den Nationalsozialisten vertriebenen und verfolgten jüdischen Komponisten mit ihren Operetten wieder in das Radioprogramm integriert wurden, allerdings ohne Kommentierung ihrer Vertreibungsgeschichte. 63 Von Saldern: Rundfunk, S. 282f.; sie bezieht sich auf Wilhelm Penndorf: Tanzmusik im Deutschen Demokratischen Rundfunk, in: Beiträge zur Geschichte des Rundfunks, 3, 1969, Sonderheft, S. 67. 64 Edward Larkey: Rotes Rockradio. Populäre Musik und Kommerzialisierung des DDRRundfunks. Münster 2007, S. 50. 65 Zit. nach Dussel: Hörfunk, S. 315. 66 Radio Bremen, Archiv, Sendemanuskripte, 23.12.1945. 67 Schildt: Moderne Zeiten, S. 237.

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Und es ist ebenso bezeichnend, dass einer der beliebtesten Radio- und später Fernsehunterhalter, Hans Rosenthal, seine jüdische Herkunft lange in der medialen Öffentlichkeit verschweigen zu müssen glaubte. In den Vormittags- und Nachmittagsstunden wurden vor allem Frauen in ihrer Rolle als Hausfrauen und Mütter angesprochen. Besonders beliebt waren praktische Tipps. Mit der Zunahme der Erwerbstätigkeit der Frauen und dem sich langsam wandelnden Frauenbild geriet der Frauenfunk bei den Rundfunkmachern allerdings in die Kritik. Sozialdemokratisch orientierte männliche Redakteure bei Radio Bremen schafften diesen schließlich ab,68 andere Sender behielten jedoch das Format bei.69 Neben der leichten Musik waren im Unterhaltungsprogramm besonders die Bunten Stunden beliebt, ein Sendeformat, das bereits in den 1920er Jahren entwickelt worden war. Von den Nationalsozialisten weiter ausdifferenziert, wurde dieses Genre von beiden deutschen Nachfolgestaaten übernommen. In der Bundesrepublik erhielten die Sendungen allerdings durch die Rezeption amerikanischer Formate, insbesondere des Quiz’, einen neuen Drive. Wie attraktiv gerade die westdeutschen Quizsendungen waren, zeigt sich daran, dass das Fernsehen beliebte Ratespiele vom Hörfunk samt den „Quizmastern“, wie Hans-Joachim Kulenkampff und Hans Rosenthal, übernahm.70 Auffällig ist ferner das Anknüpfen an regionale Eigenarten. Ähnlich wie im beliebten Heimatfilm der 1950er Jahre ging es auch im Radio um die Ausgestaltung einer post-nationalsozialistischen Identität. So kann die beliebte Familiensendung Familie Hesselbach im Kontext einer Neuformulierung der „Volksfamilie“, des Stiftens regionaler Identität, aber auch der Ikonisierung des Ideals der patriarchalischen Familie mit durchaus ironisierenden und emanzipatorischen Elementen gelesen werden.71

68 Michael Augustin: Peter Dahl. Wir grüssen alle unsere Hörer. Radio Bremens frühe Jahre. Berlin 1995, S. 19. 69 Ähnliche Überlegungen zum Frauenfunk fanden auch in der DDR statt. Siehe dazu Michael Münkel: Produktionssphäre, in: Inge Marszolek/Adelheid von Saldern (Hg.): Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 2: Radio in der DDR der fünfziger Jahre. Zwischen Lenkung und Ablenkung. Tübingen 1998, S. 149ff. 70 Schildt: Moderne Zeiten, S. 256ff.; auch im DDR-Radio wurden zahlreiche Quiz-Sendungen ausgestrahlt. Dazu siehe Monika Pater: Auf der Suche nach sozialistischer Unterhaltung. Nonfiktionale Unterhaltungsangebote im Rundfunk der frühen DDR, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004; dies.: Radioangebote, Bd. 2, S. 85f. 71 Patrick Baab: Der „Frankfurter Wecker“ und die „Familie Hesselbach“. Zwei Leitformen der Hörfunk-Unterhaltung im Hessischen Rundfunk 1948 bis 1958, in: Rundfunk und Geschichte, 13, 1987.

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5. Alltag und Laien im Radio. Direkte Kommunikation und Partizipation Der Rundfunk versuchte zunehmend, mit den potentiellen oder tatsächlichen Zuhörern und Zuhörerinnen Kontakte zu knüpfen und Kommunikationsmöglichkeiten aufzubauen. In den einzelnen Gesellschaften erfolgte dies in ähnlichen Formen bei unterschiedlichen Zielsetzungen. 5.1 Experimentieren. Teilnahme an NS-Radiosendungen Zwar fand in der NS-Zeit eine zunehmende Professionalisierung des Radiobetriebs, gerade auf dem Unterhaltungssektor, statt, doch das schloss nicht aus, dass mit dessen Öffnung für Laien experimentiert wurde, zumal wenn damit Werbemaßnahmen verbunden waren, die das Radiohören weiter popularisierten. So wurden an den so genannten Gaurundfunktagen Übertragungswagen und Personal aus den Sendehäusern vor allem in ländliche Gebiete geschickt. Die Menschen sollten dabei Gelegenheit erhalten, die Sprecher der Sendehäuser, die ihnen allenfalls als Stimmen bekannt waren, live zu erleben, denn diese standen an solchen Tagen wie Schauspieler auf der Bühne. Auch machten die so genannten Volkssenderaktionen von sich reden. Die damit verknüpften Inszenierungen, verbunden mit den regionalen und zentralen Funkausstellungen, fanden ein großes Publikum und waren auch bei Frauen und in der Arbeiterschaft beliebt. „Männer und Frauen aus dem Volke“ präsentierten oftmals mundartliche Stücke und Lieder, gemäß dem Motto der NS-Volksgemeinschaft, die deutschen Stämme zu integrieren. In diesem Rahmen fanden auch Rundfunksprecherwettbewerbe statt. Ausgeschlossen waren allerdings Frauen, denn sie eigneten sich angeblich wegen ihrer Stimmen nicht zu diesem Beruf. Während die Volkssenderaktionen diverse Laien in ihr Programm integrierten und die Vorführung dann live ausstrahlten, bot der Rundfunk auch Live-Inszenierungen, die auf anderen Ebenen die Gleichzeitigkeit von Geschehnis und medialer Übermittlung erlebbar machten. Eine besondere Form der Partizipation bot die Sendung Das Wunschkonzert, das Flaggschiff nationalsozialistischer Unterhaltung im Krieg. Hier wurde der Krieg als Opfergemeinschaft inszeniert, Front und Heimat miteinander verkoppelt. So konnten in der Heimat jene Lieder gehört werden, die sich Soldaten an der Front gewünscht hatten, wobei zu Hause vor allem Frauen ganz „Ohr“ sein sollten. Besonders hervorhebenswert ist schließlich die berühmte Weihnachtsringsendung von 1942, die an alle Fronten schaltete – selbst in den Kessel von Stalingrad – und die mit dem gemeinsamen Singen von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ endete.

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5.2 Das Konzept der Massenverbundenheit im DDR-Rundfunk Während der NS-Rundfunk mit der Mitwirkung von Laien zielgerichtet experimentierte, entwickelten die SED-Rundfunkpolitiker ein mehrdimensionales Kommunikationskonzept, das unter dem Etikett der Massenverbundenheit stand. So fuhren Reporter und Reporterinnen mit einem mobilen Radiosender übers Land, übertrugen die vor Ort entdeckten Geschehnisse und machten mit den Menschen Interviews über deren Alltag. Diese bezogen sich in der Regel auf nicht-politische Ereignisse, wie Modeschauen und Fußballspiele. Ferner wollte das DDR-Radio auch seine Hörer und Hörerinnen dadurch bei der Stange halten, dass es nach jungen Talenten suchte. Ansätze dessen, was heute als castingshow betrieben wird, gehen allerdings schon auf die NS-Zeit zurück, wurden aber auch in der DDR mit „sozialistischem Charme“ praktiziert. Neu war hingegen in der DDR der Einsatz von Funkkorrespondenten, deren Berichte von Authentizität zeugen sollten. Ihre Aufgabe bestand darin, als Laien den privaten und den beruflichen Alltag mit dem Medium zu verbinden. Als Vorbilder dienten entsprechende Einrichtungen in der Sowjetunion und die Arbeiterkorrespondenten der KPD-Presse während der Zeit der Weimarer Republik. Fungierten die Funkkorrespondenten quasi als Vermittler zwischen der anonymen Hörerschaft und den Programmgestaltern, so richteten sich einige Maßnahmen direkt an das Publikum. An erster Stelle sind die großen öffentlichen Veranstaltungen zu nennen, etwa am beliebten Tag des Rundfunks. Viel kleineren Formats waren die so genannten Hörerversammlungen als offene Foren rundfunkbezogener Diskussionen vor allem in den 1950er Jahren. Auf solchen Foren vor Ort, die oftmals in Gasthäusern stattfanden, konnte medienbezogene Kritik geäußert werden, etwa an einzelnen Programmteilen oder den Empfangsmöglichkeiten.72 Stein des Anstoßes war vielfach auch ein im Programmheft nicht angekündigter Programmwechsel, woraus ersichtlich ist, dass gezieltes Auswählen von Sendungen noch zum Alltag der 1950er Jahre gehörte. Kritik an Sendungen und Verbesserungsvorschläge flossen auch in die Hörerpost ein, die in der DDR – ähnlich wie die so genannten Eingaben an die Staatsund Parteiführung – ein beträchtliches Ausmaß erreichte.73 Die Briefschreiber 72 Ein Beispiel bei Adelheid von Saldern: Entertainment, Gender Image, and Cultivating an Audience. Radio in the GDR in the 1950s, in: dies.: The Challenge and Modernity. German Social and Cultural Studies, 1890–1960. Ann Arbor 2002, S. 371ff. 73 So gingen allein im Januar 1954 rund 40.000 Briefe ein; Adelheid von Saldern: „Ein Land der Lebensfreude“? Unterhaltungsmusik im DDR – Radio der 50er Jahre, in: Albrecht Riethmüller(Hg.): Deutsche Leitkultur Musik? Zur Musikgeschichte nach dem Holocaust. Wiesbaden 2006, S. 194; Schmidt: Radioaneignung, Bd. 2, S. 299ff.; Edward Larkey:

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nahmen das Medium zum Anlass, um mit den Herrschenden in Kontakt zu treten. Dabei ging es keineswegs allein um Geschmacksfragen und Programmwünsche, sondern auch um Inhalte von Sendungen. In den Briefen an den offensichtlich besonders Vertrauen erweckenden Gerhard Eisler wurden nicht selten ganze Lebensgeschichten ausgebreitet, in der Hoffnung, dadurch die Schranken diskursiver Hegemonie individuell aufzubrechen. Die Antworten waren oftmals mit moralischen Wertkategorien gespickt.74 Besonders schwer taten sich die Programmgestalter, die Hörerbriefe der Jugendlichen, die an die DT 64-Redaktion gerichtet waren, so zu beantworten, dass Autorität und Legitimität der Rundfunkpolitiker gewahrt blieben.75 5.3 Partizipation im pluralistischen Rundfunk der Bundesrepublik Im Rundfunksystem der Bundesrepublik gab es kein geschlossenes Konzept einer Massenverbundenheit, dafür verschiedene offene Partizipationsformen. Unterhaltungssendungen wie das Quiz waren beispielsweise stets auf Hörerbeteiligung angelegt. Zu nennen ist hier vor allem die Sendung Funklotterie, die zum ersten Mal unmittelbar nach der Währungsreform am 15. August 1948 ausgestrahlt wurde. Ähnlich wie im Wunschkonzert wurde auch hier eine virtuelle Volksfamilie konstruiert – jenseits aller Klassenschranken. Die Sendung rief zu Spenden auf; der Hauptgewinn war der Traum der Wiederaufbaugesellschaft, ein Eigenheim. Auf diese Weise schuf die Sendung die mediale Verbindung zwischen dem Konstrukt der NS-„Volksgemeinschaft“ und dem Konstrukt der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ sowie der „Wirtschaftswundergesellschaft“. Außerdem wurde, wie auch das NS- und das DDR-Radio dies auf ihre Weise taten, gerne und oft aus den Regionen direkt berichtet und dabei Laien „vor Ort“ interviewt, etwa in der Sendereihe des NWDR Zwischen Rhein und Weser. Eine weitere Form der Hörerbeteiligung erprobte der NWDR Köln mit der seit 1949 sonntags zwischen 14.30 und 15.00 Uhr im ersten Programm ausgestrahlten Sendung Der Hörer hat das Wort. Das Prinzip der Sendung war, dass sowohl die Themen als auch die Diskussionsbeiträge von den Hörern und Hörerinnen selber kamen. Die Redakteure der Sendung, Hans Otto Wesemann und Hilde Stallmach, redigierten die Beiträge kaum, sie füllten lediglich Übergänge und lasen besonders prägnante Briefstellen vor, was gelegentlich im Publikum den

„Heute muss ich mal an euch schreiben…“. Hörerbriefe an DT 64 und die Aushandlung kulturpolitischer Legitimation beim DDR-Rundfunk, in: Klaus Arnold/Christoph Classen: Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Berlin 2004. 74 Siehe Schmidt: Radioaneignung, Bd. 2, S. 315. 75 Dazu ausführlich Larkey: Rotes Rockradio, S. 283ff.

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Einruck hervorrief, die Briefschreiber würden selber im Radio sprechen.76 Lediglich zweimal ging Wesemann von der unredigierten Wiedergabe der Briefe ab, einmal auf Anweisung des damaligen NWDR-Verwaltungsratvorsitzenden, Adolf Grimme, in einer Sendung über politische Streiks; und ein weiteres Mal entschärfte er die Aussagen einiger Hörer zum Antisemitismus beziehungsweise kommentierte diese sehr kritisch.77 Die vielen verschiedenen Formen der Medienpartizipation im bundesrepublikanischen Radio wurden mit den Jahren weiter ausgebaut und führten insgesamt gesehen dazu, dass die Mitgestaltung von Programmen für die Zuhörerschaft immer wichtiger wurde. Prototypisch hierfür ist zum einen die Entstehung des Offenen Kanals seit Mitte der 1980er Jahre und zum anderen der Aufbau von Sendern, die aus den Neuen sozialen Bewegungen hervorgingen und programmatisch mit einem teilweise veränderten Verständnis von Öffentlichkeit, Bürgerbewegung und Partizipation im Sinne medienbezogener Citizenship verbunden sind.

6. Jenseits aller Alltagsroutine: Das Radio als Deutungsinstanz und Konstrukteur des kulturellen Gedächtnisses Medien spielen bei der Formatierung des kommunikativen wie kulturellen Gedächtnisses eine große Rolle,78 besonders wenn es sich um ein Leitmedium wie das Radio im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts handelt. Das Radio als Deutungsinstanz kam nicht zuletzt zur Wirkung, als es darum ging, sich von der jeweiligen Vorgänger-Gesellschaft abzugrenzen.

76 Dieser Eindruck entstand, weil weibliche Stimmen weibliche Briefschreiber und männliche Stimmen männliche Briefschreiber rezitierten. 77 Daniela Schumacher-Immel: Bestandsübersicht „Der Hörer hat das Wort“, Archiv des WDR Köln, HA 4490; vgl. auch Inge Marszolek: „Join in, go ahead and don‘t remain silent…“. The National Socialist Past and Reconstruction in Postwar German Broadcasting, in: New German Critique, 95, 2005, S. 135ff. 78 Harald Welzer benutzt den Begriff der medial scripts, in der die kommunikative Tradierung „eingehangen“ wird. Siehe u.a. Harald Welzer: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München 2002, S. 178; mit Aleida und Jan Assmann kann man sagen, dass die Medien nicht nur als Speicher fungieren, sondern oftmals den Transfer zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis leisten. Aleida und Jan Assmann: Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Klaus Merten/Siegfried J. Schmidt/ Siegfried Weischenberg (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Köln/Opladen 1994, S. 121ff.

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6.1 Verunglimpfungstiraden und Schalmeientöne. Der Umgang mit der Weimarer Republik im NS-Radio Das NS-Radio zelebrierte die damalige Gegenwart primär als neue Zeit. Inszeniert wurde im Radio die angebliche Geschlossenheit des Volkes, der Aufstieg einer wieder selbstbewusst werdenden Nation, die Volksgemeinschaft sowie der Führerkult. Gleichwohl gab es auch Rückblicke auf die Weimarer Republik, welche die Zeitenwende kontrastierten: Erinnert wurde erstens die Weimarer Republik als eine Zeit des politischen Niedergangs, der nationalen Schmach sowie der gesellschaftlichen Not und kulturellen Zerrissenheit. Zahlreiche Reden Hitlers, die zum Teil im Rundfunk übertragen wurden, zeugen davon. Die Zeit des Liberalismus, in der alle „großen Ideale (…) dem Volke schlecht gemacht wurden“, sei beendet, tönte es auch aus dem Munde des Propagandaministers Goebbels, als er 1933 die neue Rundfunkpolitik verkündete.79 Vorbei sei es mit „jener furchtbaren Verelendung und dumpfen seelischen Verzweifelung der letzten vierzehn Jahre“, mit einem „Kapitel deutscher Schmach und Schande“.80 Die gesellschaftlichen und politischen Bereiche der „Systemzeit“ wurden, zweitens, auffallend häufig durch moralisch-ethische Urteile verunglimpft, indem sich die Anklagen gegen die damals angeblich vorherrschende Korruption und Misswirtschaft häuften. Davon blieb auch der Rundfunk nicht verschont. Ja, der Weimarer Rundfunk avancierte als „Systemrundfunk“ zum Symbol der gesamten „Systemzeit“. In der Zeitschrift Funk verunglimpfte der Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky den Rundfunk der Weimarer Republik als ein System der „politischen Verlotterung und Pfründenwirtschaft, der jüdischen Versippung und des Kultur-Bolschewismus, der Profitjägerei und Dividendengesinnung, der Sabotage an der nationalsozialistischen Erhebung.“81 Es kam sogar zum Schauprozess gegen führende Weimarer Rundfunkpolitiker, der wiederum im Rundfunk übertragen wurde. Kein Wunder, dass, drittens, auch an der Weimarer Kultur, inklusive der Radioprogramme, nichts Gutes gelassen wurde: „Flüsternde Niggertöne, grossmäuliche (sic!) Juden, hirnverpackte (sic!) Asphaltliteraten“,82 so wurden die Programmmacher und ihre Radiosendungen gekennzeichnet, und solche Brandmarkungen sollten die gesamte „liberalistische“ Kultur der „Systemzeit“ treffen. Die überaus scharfen Angriffe auf den Rundfunk der Weimarer Zeit, die von durchgreifenden „Säuberungen“ des Personals begleitet wurden, 79 Zit. nach Hans-Jürgen Koch/Hermann Glaser: Ganz Ohr. Eine Kulturgeschichte des Radios in Deutschland. Köln etc. 2005, S. 85. 80 Manuskript der Radio-Sendung vom Fackelzug am 30. Januar 1933, zit. nach Joseph Wulf: Presse und Funk im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh 1964, S. 273. 81 Zit. nach Peter Dahl: Sozialgeschichte des Rundfunks für Sender und Empfänger. Reinbek bei Hamburg 1983, S. 152. 82 Zit. nach Cebulla: Rundfunk, S. 205.

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erklären sich aus der Überzeugung der NS-Machthaber, dass erst der Nationalsozialismus es verdiente, sich „mit dem modernsten technischen Instrument das ihm eigentümliche Ausdrucksmittel“ zu schaffen.83 Doch es waren nicht nur Hetzparolen und Verunglimpfungen der Weimarer Zeit, die nach 1933 die Ätherwellen übertrugen. Denn die Auseinandersetzung mit der Republik erfolgte, viertens, auch mittels Einsatz von Schalmeientönen. So wurden zum Beispiel auf der Ersten Maifeier 1933 im Rundfunk kulturelle Formen der Arbeiterbewegung, wie die Sprechchöre, übernommen, um in diesen das nationalsozialistische Konzept der Arbeit zu verhandeln. Ähnliches geschah in einer satirischen Hörfolge zum 1. Mai An ihren Taten sollt ihr sie erkennen, in der die Überlegenheit des Nationalsozialismus gegenüber den sozialdemokratischen Vorstellungen verdeutlicht wurde.84 Die Hörfolge, welche die gesamte Zeit der Weimarer Republik umfasste, versah die an sich geschlossenen Texte, deren Zielgerichtetheit klar erkennbar war, mit vielen, kurzweilig wirkenden Einsprengseln, etwa in satirischer oder spöttischer Form. Gemeinsamer Grundtenor aller Rückblicke im Radio war, zusammenfassend gesehen, die Inszenierung und Legitimierung der NS-Machtübernahme als Befreiungsschlag. Die Weimarer Republik diente hierfür als Negativfolie. 6.2 Vom Antifaschismus zur Kalten Kriegs-Kultur. Erinnerungs- und Geschichtspolitik im DDR-Radio Das Radio wurde 1945 nicht nur im Westen, sondern auch im Osten Deutschlands als Goebbels-Schnauze erinnert – eine Erinnerung, die entlastend wirkte, weil das Radio damit als Propaganda-Instrument und Verführungsmedium gesehen wurde, das in den Händen einer kleinen, verbrecherischen Clique gelegen und mit der breiten Bevölkerung nicht viel zu tun hatte. Dazu passten die neuen Narrative über Verfolgung, Widerstand und Opferschicksale, wobei Kampf- und Leid-Erfahrungen der Kommunisten besonders häufig thematisiert wurden.85 Solche Erzählungen, die in den ersten Jahren nach Kriegsende unter Einflussnahme der sowjetischen Besatzungsmacht zustande kamen, sollten integrativ wirken und einen „antifaschistischen Konsens“ über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg herbeiführen und im Gedächtnis der Zuhörerschaft fest verankern. Probleme entstanden dabei allerdings insofern, als solche Berichte bei

83 Funk Nr. 7 v. 9.2.1934, zit. nach Dahl: Sozialgeschichte des Rundfunks, S. 156. 84 Pater: Radioangebote, Bd. 1, S. 153ff.; Marszolek: Aus dem Volke, S. 126ff. 85 Hierzu und zum Folgenden: Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945–1953). Köln etc. 2004, S. 159ff.

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weitem nicht immer den Erfahrungen entsprachen, welche die Mehrheit der Bevölkerung aus der NS-Zeit gespeichert hatte.86 Dem offiziellen Auftrag der Rundfunkpolitiker, die nicht zuletzt vom Nationalsozialismus geprägten Medienmentalitäten der Zuhörerschaft zu verändern oder zumindest zu überschreiben, diente auch die Osteuropäisierung des DDRRundfunkprogramms. So wurde vermehrt Volksmusik aus der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern gesendet. Im Mittelpunkt einer solchen transnationalen Programmpolitik stand freilich die Propagierung der deutschsowjetischen Freundschaft. Wer nicht überzeugter Kommunist war, musste in dieser Hinsicht in großem Ausmaße umdenken lernen, denn die Sowjetunion war – trotz aller Reminiszenzen an die alte positiv konnotierte „russische Seele“ – bereits seit der Revolution von 1917 für große Teile der deutschen Bevölkerung zu einer negativ besetzten Projektionsfolie per se geworden, und in der rassistisch fundierten NS-Zeit gruben sich darüber hinaus Vorstellungen über die Russen als „Untermenschen“ tief in das Gedächtnis der Bevölkerung ein, zumal auch der Angriff auf die Sowjetunion 1941, die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen und der russischen Zivilbevölkerung in diesen rassistischen Kontext gestellt worden waren. Um ein solches in der Bevölkerung weit verbreitetes Deutungsmuster um- oder zumindest „überschreiben“ zu können, bedurfte es eines behutsamen Vorgehens. So wurde beispielsweise der Zweite Weltkrieg in den Kultursendungen der Nachkriegszeit hauptsächlich aus deutscher Perspektive erzählt.87 In welchem Ausmaße all diese im und durch das Radio praktizierten Überschreibungsversuche schließlich erfolgreich waren, ist nicht eindeutig zu beantworten. Doch spricht viel für die Annahme, dass es in weiten Teilen der Zuhörerschaft zu einem dauerhaften Über- und Ineinander recht verschiedener Deutungs- und Erinnerungsmuster gekommen ist. Allerdings begann nach 1948 die NS-Vergangenheit aus den Kultursendungen sowieso zu entschwinden, um dem bipolaren Weltbild des Kalten Krieges Platz zu machen. Nun sollte primär die sozialistische Transformationspolitik als Aufstiegsgeschichte eines Landes, das zum Friedenslager zählte, in Hörbilder umgesetzt werden. 6.3 NS-Vergangenheit im bundesrepublikanischen Radio Eine quantitative Analyse von Christof Schneider über die Thematisierung der NS-Vergangenheit im NWDR während der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigt, dass zunächst, vor allem 1946 im Verlauf der Nürnberger Prozesse, regelmäßig 86 Ebd., S. 177. 87 Ebd., S. 152ff. Dauerhaft beschwiegen wurden im Hörfunk auch all jene Negativ-Erfahrungen, die Kommunisten während ihres mehrjährigen Exilaufenthalts in der Sowjetunion gemacht hatten. Die Moskauer Schauprozesse stellten ja „nur“ die Spitze des Eisberges dessen dar, was unter dem Begriff des Stalinismus als System gemeint ist.

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und häufig über die NS-Herrschaft berichtet wurde. Doch das Interesse daran sank in den folgenden Jahren zusehends.88 Das galt allerdings nicht für die großen Prozesse, den Eichmann-Prozess in Jerusalem und den Auschwitz-Prozess in Frankfurt Anfang der sechziger Jahre.89 Die NS-Zeit fand aber nicht nur während der Prozesse Eingang in die Manuskripte. Sowohl im NWDR als auch bei Radio Bremen wurde der Nationalsozialismus in den so genannten Bunten Stunden und anderen Wortsendungen thematisiert, wenngleich die Sendetexte zeigen, wie begrenzt der Raum des Sagbaren war, wie sich die Journalisten der Abwehr und Vorbehalte der Hörer und Hörerinnen bewusst waren und gleichwohl ihren politisch-pädagogischen Auftrag ernst nahmen.90 Einer, der wie wenige andere diese aufklärerische Funktion des Radios immer wieder in Wortbeiträgen und Berichten vermittelte, war Axel Eggebrecht.91 Seine Berichterstattung zum Auschwitz-Prozess stellt die weit verbreitete These in Frage, dass die deutschen Medien ein höchst problematisches Bild über die NS-Herrschaft gezeichnet hätten, indem sie in ihren Argumentationen vorrangig auf die so genannten Exzess-Täter abhoben und die überlebenden Zeugen weitgehend negierten.92 Zugleich aber ist zu betonen, dass in den fünfziger Jahren, etwa im Hörspiel, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie der Verfolgung und Vernichtung der Juden weitgehend unterblieb. Grund hierfür ist zum einen ein Politikbegriff, insbesondere im Programmsektor des Kulturellen Worts, der die NS-Geschichte als Zeitgeschichte ausschloss und diese stattdessen anthropologisierte oder ins Religiöse verschob. Das hatte zur Folge, dass ein Autor wie Günther Eich, der auch im Nationalsozialismus ein be-

88 Allein im Jahre 1946 handelte es sich um 414 Sendungen, das waren 66,4 Prozent aller politischen Wortsendungen, wobei die hohe Anzahl der Sendungen im Wesentlichen auf die Berichterstattung zu den Nürnberger Prozessen zurückzuführen ist. Der Anteil sank dann 1947 auf 19,3 Prozent, und 1948 waren es nur noch 6,9 Prozent. Christof Schneider: Nationalsozialismus als Thema im Programm des Nordwestdeutschen Rundfunks 1945–1948. Potsdam 1999, S. 91. 89 Während gerade beim Auschwitz-Prozess die Berichterstattung im Radio noch recht ausführlich und umfassend war, stand beim Majdanek-Prozess 1975 bereits das Fernsehen eindeutig im Vordergrund. Daran lässt sich die abnehmende Rolle des Rundfunks als Deutungsinstanz ablesen. 90 Inge Marszolek: „…täglich zu Dir kommt das Radio“ – Zur Repräsentation der NS-Vergangenheit in Sendungen von Radio Bremen 1946–1952, in: Tel Aviver Jahrbuch, 31, 2003. 91 Eggebrecht war zuvor, gemeinsam mit Peter von Zahn, von der britischen Militärregierung mit dem Aufbau des NWDR betraut worden. 92 Inge Marszolek: NS-Verbrechen im Radio: Die Berichterstattung Axel Eggebrechts zum Bergen-Belsen-Prozess 1945 und zum Ausschwitz-Prozess 1962–1965, in: Frank Bösch/ Constantin Goschler (Hg.): Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der Geschichtswissenschaft, Frankfurt am Main 2009, S. 77–104.

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liebter Hörspielautor war und der diese Verschiebungen literarisch zu gestalten verstand, im Hörspielbereich ungebrochen stark vertreten blieb.93 Eine andere Art der Verschiebung in Radio-Narrativen der 1950er Jahre lässt sich zu Gunsten der zeittypischen Abendland- und Europadiskurse feststellen, sei es in Sendungen aus dem Unterhaltungs- und Reisebereich, sei es im Schulfunk oder im Politischen Wort. Beispielsweise wurden in der Sendereihe Unvergessene Landschaften, die im Jahre 1953 von Radio Bremen zum ersten Mal ausgestrahlt und 1955 sowie 1958 in Teilen wiederholt wurde, die für Deutschland verlorenen deutschen Ostgebiete in das Konzept des „christlichen Abendlands“ integriert. Auf diese Weise sollte einerseits die kommunikative Erinnerung an die Landschaft und Kultur dieser Regionen als von Deutschen geprägte Räume im Gedächtnis verankert und wach gehalten werden. Andererseits wurde allen potentiellen nationalistischen Revisionsabsichten indirekt eine Absage erteilt, indem eine solche Gedächtnispolitik als europäischer Missionsauftrag Westdeutschlands gedeutet wurde.94 Insofern gehört diese Sendung auch zu jenen Diskursen, in denen in den 1950er Jahren die Positionierung der Bundesrepublik im Westen ausgehandelt wurde. Dass die Rundfunksender daran großen Anteil nahmen, lässt sich unter anderem an der rund sechzig Stunden dauernden Übertragung der Bundestagsdebatten im März 1955 zeigen, bei denen es um die Annahme der Pariser Verträge ging.

7. Zusammenfassung Obgleich das Radio in den 1950er Jahre noch immer das Leitmedium war, verlor es in beiden NS-Nachfolgestaaten jene Faszination, die es einst in der NS-Zeit zu verbreiten vermocht hatte. Das Radio war zu einem Gebrauchsgegenstand geworden, während die mediale Neugierde sich bereits auf die ersten Fernsehempfänger konzentrierte. Zu den alltagsspezifischen Erfahrungen des Rundfunk-Hörens gehörte die fortschreitende Entwicklung des Radios zum Begleitmedium: Radiohören neben der Küchenarbeit, Radiohören neben Hand- und Reparaturarbeiten, Radiohören beim Autofahren. Dennoch verlor das Radio bis auf den heutigen Tag nie gänzlich seine Faszination als ein Medium, das die ganze Konzentration der Zuhörenden auf sich zu ziehen verstand und versteht. 93 Dussel: Hörfunk, S. 349ff.; vgl. auch Hans-Ulrich Wagner: „Der gute Wille, etwas Neues zu schaffen“. Das Hörspielprogramm in Deutschland von 1945–1949. Potsdam 1997; Ulrike Weckel zeigt deutlich, dass der Vorwurf, die Deutschen hätten sich ausschließlich selbstviktimisiert, der Komplexität der Narrative nicht gerecht wird. Ulrike Weckel: Spielarten der Vergangenheitsbewältigung – Wolfgang Borcherts Heimkehrer und sein langer Weg durch die westdeutschen Medien, in: Tel Aviver Jahrbuch, 31, 2003, S. 160f. 94 Marszolek:“…täglich zu Dir kommt das Radio“, S. 179f.

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In allen politischen Systemen fungierte der Rundfunk durch seine festen Sendeplätze als Zeittakter, und er verstärkte dadurch die Zeitsynchronisierung großer Teile der Bevölkerung. Er formte und formatierte häusliche Verrichtungen, wodurch Alltagsroutinen sich veränderten oder neu geschaffen wurden. Die Radiogeräte gaben den Räumen ferner ein spezifisches Aussehen, insofern sie neue visuelle Fixpunkte schufen. Außerdem wirkte ihr Stellplatz auf die räumlichsituativen Konfigurationen der Familienmitglieder beim Radiohören und später beim Fernsehen ein. Die Raumüberwindung durch Ätherwellen erweiterte die Sinneswahrnehmungen der Zuhörerschaft und öffnete die privaten Wohnzimmer der „Welt von draußen“ – mit immens großen und faszinierenden Potenzialen für Horizonterweiterungen, aber auch für Instrumentalisierungen. Hierzu kam der Anspruch der Radiopolitiker, das Medium als Deutungsinstanz von Gegenwart und Vergangenheit zu nutzen, weswegen der Verfasstheit des medienpolitischen Rahmens – hier Diktatur, dort Demokratie – so große Relevanz zukommt. Allerdings zeigt die Wirkungsgeschichte, soweit sie rekonstruiert werden kann, dass die Deutungsangebote in Form von Subtexten mehrdimensionalen Charakter trugen und folglich auch in unterschiedlicher Weise rezipiert werden konnten. Ein besonderes Kennzeichen der mentalitäts- und alltagsprägenden Radiogeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Staatsbezogenheit des deutschen Rundfunks, die schließlich erst auf Druck der Westalliierten in der Bundesrepublik zu Gunsten eines vergesellschafteten Mediums entscheidend zurückgedrängt werden konnte. Die Staatsbezogenheit, die schon in der Weimarer Republik bei der Organisation des Rundfunks deutlich hervorgetreten war und dann sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR durch Gleichschaltungen historische Höhepunkte erreicht hatte, war Ausdruck der tradierten politischen Kultur in Deutschland. Umso bedeutungsvoller war es, dass der Versuch der Adenauer-Regierung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen beziehungsweise durch einen staatsnahen Rundfunk zu ergänzen, an der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts scheiterte. Medienmentalitäten, Alltagsgewohnheiten und Radionutzungen richteten sich nicht strikt nach der Dauer der Herrschaftssysteme. Oftmals waren in der jungen DDR und in der Bundesrepublik die gleichen oder nur leicht umgewandelten Melodien und Texte zu hören wie in der NS-Zeit, bis schließlich der Musikgeschmack sich selbst wandelte. Auf der Erscheinungsebene ähnelten sich in allen Herrschaftssystemen die Bestrebungen, die medialen Möglichkeiten, die das Medium bot, weitgehend auszunützen und ein medienadäquates Kommunikationssystem aufzubauen, das die Privatsphäre mit der öffentlichen Sphäre verband. Wunschkonzerte, Live-Übertragungen, Hörerbriefe, Programmzeitschriften, Rundfunkausstellungen und -veranstaltungen, Rate- und Quiz-Sendungen sowie Umfragen gab es im Rundfunk in allen politischen Systemen, doch waren

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diese in unterschiedliche Sinn- und Deutungskontexte eingespannt. Die medialen Logiken führten in allen politischen Systemen zum einen zu Sendungen, die für ein breites Publikum gedacht waren, zum anderen zu Zielgruppensendungen, etwa für Kinder, Jugendliche, Frauen und Landwirte. Das Konzept der Massenverbundenheit inklusive der DDR-spezifischen Rundfunkkorrespondenten gab der ostdeutschen Radiopolitik allerdings ein besonderes Gepräge: Nicht die offene Partizipation wurde hierdurch angestrebt, sondern der Aufbau einer auf der Erscheinungsebene dialogisch-aktivistisch strukturierten Kommunikationsstruktur zwischen Programmgestaltern und Zuhörerschaft, wozu auch die Hörerpost zählte. Einerseits war in der DDR das Radio ein Herrschaftsmedium, das den privaten Alltag durchdrang, andererseits handelte es sich auf Grund des Westsender-Hörens um ein Medium, welches die Nicht-Einhaltung staatlich gesetzter Verhaltensregeln und das Überschreiten von Herrschaftsgrenzen symbolisierte. Das erinnert wiederum an das verbotene „Feindsender“-Hören im NS-Kriegsdeutschland. Der mediale Alltag war nach 1945 in Ost und West in die Kultur des Kalten Krieges eingebunden, und zwar zum einen durch den Ätherkrieg, zum anderen durch die medialen Abgrenzungen vom jeweils anderen politischen System. Auffällig ist dabei, dass von Seiten der DDR die Feindbilder über den anderen deutschen Staat eindeutiger und auch früher transportiert wurden, während in der BRD nur allmählich Sendeplätze im Radio eingerichtet wurden, in denen über die DDR informiert werden konnte.95 Stattdessen standen Sendungen im Vordergrund, die sich an die Vertriebenen und Flüchtlinge richteten, die es wiederum in der DDR offiziell gar nicht geben durfte, die also auch nicht in Radiosendungen berücksichtigt werden konnten. Ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Diktaturen und der bundesrepublikanischen Demokratie liegt darin, dass sich erstere medial von Auslandssendern abkapseln wollten – das NS-Regime allerdings mit Ausnahme von Radio Moskau erst seit Kriegsausbruch –, während offene Gesellschaften die Vernetzung mit anderen europäischen Sendern allenfalls als ökonomische Konkurrenz nicht aber als potenzielle Systemgefährdung betrachteten. Während in beiden Diktaturen die Medien als eigenständige Einrichtungen abgeschafft wurden, etablierte sich in der Bundesrepublik schließlich mit dem Rundfunk ein gesellschaftliches Subsystem, das spezifische Organisationsstrukturen aufwies und sich nach eigenen Logiken entwickelte. Wenn die einzelnen Radiostationen in der Bundesrepublik eine Anbindung möglichst zahlreicher Hörer an ihren Sender wünschten, dann sollte damit nicht wie in der NS-Zeit und in der DDR das politische System stabilisiert werden, sondern die finanzielle Grundlage des

95 Am frühesten geschah dies im neu gegründeten WDR.

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Senders gekräftigt, sein Prestige erhöht, die Konkurrenz überrundet und der Einfluss des Senders in der Öffentlichkeit und in der Politik vergrößert werden. Für die in den Kommunikationswissenschaften derzeit diskutierte These, die gesteigerte Mediennutzung habe zu einer zunehmenden Individualisierung geführt,96 ließen sich in historischer Perspektive durchaus einige Anhaltspunkte finden. So erhielten außerhäusliche Veranstaltungen durch das häusliche Radioangebot vermehrte Konkurrenz. Ferner wurde durch die Zweit- und Drittradios, durch das größere und zunehmend diversifizierte Medienangebot sowie durch die räumliche Mobilisierung des Mediums in Form tragbarer Radiogeräte seit den 1960er Jahren die Mediennutzung individualisiert. Dadurch könnten sich wiederum die Individualisierungstendenzen in der Gesellschaft verstärkt haben.

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Inge Marszolek und Adelheid von Saldern

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Die Konstruktion europäischer Fernsehpublika von Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer

1. Einführung Spätestens ein Jahrzehnt nach seiner Einführung in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts erlangte das Medium Fernsehen überall in Europa eine beachtliche gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung; spätestens seit den frühen 1970er Jahren galt es überall als das gesellschaftliche Leitmedium und als maßgebliches kulturelles Forum. Dieser Aneignungsprozess des Mediums verlief allerdings in den verschiedenen europäischen Ländern durchaus unterschiedlich: Entsprechend den jeweiligen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen bildeten die nationalen Fernsehsysteme spezifische institutionelle Strukturen, Angebotskonstellationen und Nutzungsmuster heraus. In dem vorliegenden Beitrag soll untersucht werden, in welcher Weise das Fernsehen in die kulturellen Praxen der Europäer Eingang gefunden und inwieweit es sich dabei auch als Medium der länderübergreifenden Kommunikation in Europa etabliert hat. Im Vordergrund steht dabei die Frage, ob die im Titel angesprochenen europäischen Publika lediglich als nationale Publika in Europa anzusehen sind oder ob sich das Fernsehen auch als länderübergreifendes Forum entwickelt hat, welches Anknüpfungspunkte für die Herausbildung europäischer Öffentlichkeiten bietet. Zunächst wird einführend der Publikumsbegriff diskutiert: Publika werden als diskursive Konstruktionen aufgefasst, mit Hilfe derer die unüberschaubare Fülle individueller fernsehbezogener Alltagshandlungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Interessen zu gesellschaftlich, kulturell oder ökonomisch sinnvollen Einheiten gebündelt wird. Im zweiten Schritt wird dargelegt, wie Fernsehpublika in Europa überwiegend als nationale Publika konstruiert wurden und sich länderspezifische Umgangsweisen mit dem Medium herausbildeten. Drittens werden dann Aspekte der Fernsehnutzung dargestellt, die das zuvor gezeichnete Bild von überwiegend national geprägten Nutzungsmustern relativieren und als Ausgangspunkte für länderübergreifende Publika betrachtet werden können. Im vierten Schritt stehen bisherige Versuche im Vordergrund, Fernsehangebote für pan-europäische oder zumindest mehrere Länder umfassende Publika zu machen. Abschließend werden die beschriebenen Erfahrungen im Hinblick auf die Perspektiven für die Herausbildung europäischer Publika und in der Konsequenz auch europäischer Öffentlichkeiten diskutiert.

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Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer

2. Publika als diskursive Konstruktionen Zu den Charakteristika des Fernsehens wie der Massenkommunikation generell gehört es, dass die Rollen zwischen Sendern und Empfängern eindeutig verteilt sind und die Empfänger insgesamt ein schwer fassbares Phänomen darstellen, das Maletzke als disperses Publikum beschrieb.1 Auch wenn der Begriff der Massenkommunikation mittlerweile angesichts zunehmend individualisierter Angebote und Nutzungsformen sowie angesichts der durch technische Konvergenz verfließenden Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation nur noch mit Vorbehalten benutzt und oft durch den Begriff öffentliche Kommunikation ersetzt wird, ändert sich nichts daran, dass jegliche Form der Massenkommunikation oder öffentlichen Kommunikation mit dem Problem verbunden ist, dass mit der Nutzung und Rezeption der verbreiteten Botschaften ein zentraler Bestandteil des Kommunikationsprozesses mehr oder weniger unbekannt bleibt. Während die technischen und institutionellen Bedingungen der Fernsehproduktion sowie die konkreten Angebote vergleichsweise leicht zu beschreiben sind – es gibt eine endliche Menge von Anbietern und Programmstunden bzw. -strukturen sowie Datensammlungen und Archive, in denen deren Entwicklung dokumentiert wird –, ist das, was die Menschen mit dem öffentlich empfangbar gemachten Fernsehsignal anstellen, eine unüberschaubare Fülle von flüchtigen individuellen Nutzungs- und Rezeptionshandlungen, die jeweils durch spezifische strukturelle Rahmenbedingungen, soziale Konstellationen, Motive und Stimmungen geprägt sind. Vor diesem Hintergrund sind immer wieder mit großem Aufwand Versuche unternommen worden, die Fernsehnutzer „dingfest“ zu machen, sie als messbare Publika zu konstruieren und so unter die den jeweiligen institutionellen Interessen entsprechende Kontrolle zu bringen.2 Die Beschreibung europäischer Fernsehpublika erfordert daher eine Reflexion der unterschiedlichen Interessen, die in die empirischen Daten über die Fernsehnutzung und ihre Interessen eingeflossen sind. Zu den maßgeblichen Konstruktionsprinzipien, die bei der Beschreibung von Publika zur Anwendung kommen, gehören auf der einen Seite die Kennwerte, mit Hilfe derer einzelne Aspekte des Nutzungsverhaltens erfasst werden: Beispiele sind die Reichweite als die Zahl derer, die von einem bestimmten Angebot mindestens kurz erreicht 1 2

Vgl. Gerhard Maletzke: Psychologie der Massenkommunikation. Hamburg 1963. Vgl. Ien Ang: Desperately seeking the audience. London 1991; James G. Webster/Patricia F. Phalen: Victim, consumer, or commodity? Audience models in communication policy, in: James S. Ettema/D. Charles Whitney (Hg.): Audiencemaking. How the media create the audience. London 1994, S. 19–37; Marie-Luise Kiefer: Das Rundfunkpublikum als Bürger und als Kunde, in: Dietrich Schwarzkopf (Hg.): Rundfunkpolitik in Deutschland. Wettbewerb und Öffentlichkeit. München 1999, S. 701–744.

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werden; die Sehdauer als die durchschnittliche Dauer, die die Angehörigen der untersuchten Gruppe durchschnittlich pro Tag mit dem Fernsehen verbringen; die Kanal- und Genrepräferenzen als die Anteile der Fernsehnutzung, die auf bestimmte Programme oder Gattungen oder Genres entfallen. Auf der anderen Seite wird die Konstruktion des Publikums maßgeblich von der sozialen und zeitlichen Aggregatebene bestimmt, auf der das Nutzungsverhalten beschrieben wird: Im Hinblick auf die soziale Ebene ist zu berücksichtigen, ob es um die Gesamtbevölkerung eines Landes geht oder nur um bestimmte Teil- bzw. Zielgruppen der Gesellschaft, z.B. um diejenigen, die die betreffende Staatsangehörigkeit besitzen, oder um die für die Werbewirtschaft attraktiven 14- bis 49-Jährigen. Im Hinblick auf die zeitliche Ebene kann das Interesse der Nutzung in konkreten Situationen und bei konkreten Angeboten oder aber zeitlich überdauernden Nutzungsmustern gelten. Vor dem Hintergrund dieser konzeptionellen Vorbemerkungen kann die Fragestellung dieses Beitrags nicht lauten, ob bzw. inwieweit es europäische Fernsehpublika „gibt“; vielmehr ist zu fragen, wie Fernsehpublika in Europa konstruiert wurden und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich dabei zwischen den Ländern zeigen.

3. Zur Konstruktion nationaler Fernsehpublika Seit der Einführung des Fernsehens, die in den meisten europäischen Ländern in den 50er Jahren erfolgte, diente das Medium insbesondere zur Konstruktion nationaler Publika. Diese These soll im Folgenden auf der institutionellen (3.1), der angebotsbezogenen (3.2) und der nutzungsbezogenen (3.3) Ebene begründet und abschließend resümiert werden (3.4). 3.1 Institutionelle Rahmenbedingungen Die Entstehung nationaler Fernsehsysteme in Europa war zunächst durch den Aufbau öffentlich-rechtlicher oder staatlicher Veranstalter geprägt, die mehr oder weniger starkem staatlichem Einfluss unterworfen waren und explizit den Auftrag hatten, die nationale Integration und Identitätsbildung zu fördern. Aufgrund der damaligen Frequenzknappheit und des hohen finanziellen Aufwands für die Fernsehproduktion und -verbreitung blieben diese Veranstalter in den meisten Ländern über Jahrzehnte die einzigen Anbieter; erst in den 1980er Jahren erfolgte, nicht zuletzt durch die Möglichkeit, per Satelliten- oder Kabelübertragung eine größere Zahl an Programmen zu übertragen, die Etablierung von kommerziellen Veranstaltern. In den ersten Jahrzehnten des Fernsehens war

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dieses Medium also fast ausschließlich durch ein Monopol mehr oder weniger staatsnaher Institutionen geprägt. Die entsprechenden Organisationen entwickelten Medienforschungssysteme, mit Hilfe derer sich der Erfolg bei der Herstellung nationaler Publika überprüfen ließ. Jedes Land baute sein Zuschauerforschungssystem auf, jedes Zuschauerforschungssystem bildete jeweils ein nationales Publikum bzw. zum Teil auch regionale Teilpublika ab (z.B. Belgien, Schweiz). Die Orientierung an der inländischen Bevölkerung geht sogar heute noch so weit, dass die vorliegenden Messsysteme in aller Regel nur die Personen mit der jeweiligen Staatsangehörigkeit berücksichtigen, die Mediennutzung der meisten Migranten also von vornherein nicht berücksichtigt wird. Erst in den letzten Jahren, insbesondere im Zusammenhang mit dem europäischen Einigungsprozess, werden zum Beispiel in Deutschland auch EU-Ausländer in die Grundgesamtheit der Fernsehzuschauerforschung miteinbezogen. Neben der institutionellen Prägekraft der nationalen Veranstalter führte auch die von Land zu Land unterschiedliche Infrastrukturpolitik – insbesondere im Bereich der Kabeltechnik – zu erheblichen Unterschieden für die Fernsehnutzung in verschiedenen Ländern. Noch heute unterscheiden sich die Länder in Hinblick auf die Art der Rundfunkverbreitung gravierend. Während etwa die Benelux-Staaten und Deutschland bereits seit den 1980er Jahren einen hohen Verkabelungsgrad aufweisen, die dortigen Zuschauer also seit längerem zahlreiche Programme empfangen können, waren insbesondere die Zuschauer in den Mittelmeerländern bis vor wenigen Jahren weitgehend auf die fünf bis sechs terrestrisch empfangbaren inländischen Programme angewiesen.3 Im Zuge der Digitalisierung bauen sich diese Unterschiede allerdings seit einigen Jahren schrittweise ab. 3.2 Programmgestaltung Im Hinblick auf die Programmgestaltung der in den verschiedenen Ländern maßgeblichen Veranstalter können hier nur einige grobe Anhaltspunkte gegeben werden, die ebenfalls die These stützen, dass das Fernsehen insbesondere in den ersten Jahrzehnten vor allem ein Instrument zur Konstruktion nationaler Publika war und zu guten Teilen noch ist. Zu diesen Anhaltspunkten gehört die primäre Orientierung der Veranstalter an inländischen Produktionen; dies gilt nahezu vollständig für den Bereich der Informationssendungen, doch auch im Bereich der nicht-fiktionalen Unterhaltung dominieren seit jeher inländische Produktionen. Zwar hat sich in den letzten Jahren ein intensiver Handel mit 3

Vgl. Uwe Hasebrink/Anja Herzog: Mediennutzung im internationalen Vergleich, in: HansBredow-Institut (Hg.): Internationales Handbuch Medien. Baden-Baden 2009, S. 131–154.

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internationalen Unterhaltungsformaten entwickelt, der dazu führt, dass überall in Europa nationale Fassungen von Wer wird Millionär?, Deutschland sucht den Superstar oder Big Brother zu sehen sind. Die entsprechenden Adaptionen dieser Formate sind jedoch – trotz der zum Teil engen Grenzen, die die Lizenzen setzen – sehr stark an den jeweiligen nationalen Sehgewohnheiten und Vorlieben orientiert, so dass sie für die Zuschauer den Eindruck einer inländischen Produktion erwecken. Zwar zeigt sich im Bereich der fiktionalen Angebote ein anderes Bild: Nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen spielen aus den USA importierte Filme und Serien überall in Europa ein große Rolle.4 Doch auch in diesem Sektor ist es das erklärte Ziel nationaler Medienpolitik, zur Stärkung der kulturellen Identität und der inländischen Produktionswirtschaft auf eine Erhöhung des Anteils inländischer Produktionen hinzuwirken. Im Hinblick auf die Berichterstattung in Informationssendungen, die zum Kern der Eigenproduktionen der Fernsehveranstalter gehören, ist weiterhin zu beobachten, dass diese einen starken Fokus auf die Inlandsberichterstattung setzt. Dieser Trend verstärkte sich sogar in den letzten Jahren. Insbesondere kommerzielle Fernsehveranstalter widmen der politischen Auslandsberichterstattung nur wenig Raum.5 Einige Studien zeigen zwar, dass die Berichterstattung über Europa und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gewisse Steigerungsraten aufweist, die als Anzeichen für „europäisierte nationale Öffentlichkeiten“ interpretiert werden können. Dem steht allerdings die Beobachtung entgegen, dass die europabezogene Berichterstattung in den nationalen Medien oft aus einer nationalen Perspektive erfolgt und demnach gerade nicht europäisch angelegt ist. 6

4 5

6

Zum internationalen Programm- und Formathandel siehe auch Abschnitt 4.2. dieses Beitrags. Vgl. Udo Michael Krüger: Info-Monitor 2007. Unterschiedliche Nachrichtenkonzepte bei ARD, ZDF, RTL und SAT.1. Ergebnisse der kontinuierlichen Analyse der Fernsehnachrichten, in: Media Perspektiven, H. 2, 2008, S. 58–83. Für einen Überblick über Studien zum Europäisierungsgrad nationaler Medienangebote siehe Michael Latzer/Florian Saurwein: Europäisierung durch Medien. Ansätze und Erkenntnisse der Öffentlichkeitsforschung, in: Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive, Wiesbaden 2006, S. 10–44; sowie Friedhelm Neidhardt: Europäische Öffentlichkeit als Prozess. Anmerkungen zum Forschungsstand, in: Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden 2006, S. 46–61.

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3.3 Nutzungsverhalten Auch die Fernsehnutzer selbst haben das Medium in erster Linie als ein Forum verwendet, das zwar einen Blick auf die Welt ermöglicht, dabei aber stark durch nationale Wahrnehmungs- und Urteilsmuster geprägt ist. Der Faktor der kulturellen Nähe (cultural proximity7) kommt bei der Fernsehnutzung deutlich zum Tragen: Fernsehnutzer bevorzugen in aller Regel inländische Produktionen vor ausländischen, wobei erstklassige Filme und Serien aus den USA zu den Ausnahmen gehören, die die Regel bestätigen. Auch die vergleichende Fernsehnutzungsforschung, die bisher meist die zur Beschreibung nationaler Publika ermittelten Kennwerte gegenübergestellt hat,8 führt vor allem Unterschiede zwischen den Ländern vor Augen. So unterscheiden sich die Europäer offensichtlich drastisch in der Dauer ihrer Fernsehnutzung (siehe Tabelle 1): Während die Spitzenwerte deutlich über vier Stunden Fernsehnutzung pro Person und Tag liegen (z.B. in Ungarn, Griechenland, Polen, Italien und Estland), widmen die Menschen in der Deutschschweiz und in Norwegen dem Medium eineinhalb bis zwei Stunden weniger Zeit. Es liegt nahe, dies als gravierenden kulturellen Unterschied zu interpretieren. Ähnlich deutliche Unterschiede, die erhebliche Folgen für die Möglichkeiten einer gemeinsamen Programmgestaltung für alle Europäer mit sich bringen, beziehen sich auf die tageszeitliche Platzierung der Fernsehnutzung: In den nord- und mitteleuropäischen Ländern ist das Fernsehen weit überwiegend ein Abendmedium; die Reichweite des Mediums baut sich über den Tag hinweg sehr langsam auf und steigt erst ab ca. 18 Uhr sehr steil an. In den meisten Mittelmeerländern hingegen lässt sich ein klarer Anstieg der Fernsehnutzung zur Mittagszeit beobachten („Siesta-TV“); über den Nachmittag lässt die Nutzung wieder nach, um dann wie auch in den anderen Ländern – nur etwas später – gegen Abend stark anzusteigen.9

7

8

9

Siehe hierzu Sabine Trepte: Cultural proximity in TV entertainment. An eight-country study on the relationship of nationality and the evaluation of U.S. prime-time fiction, in: Communications, 33, 2008, H. 1, S. 1–26. Siehe dazu die aktuelle Ausgabe der jährlich herausgegebenen Broschüre IP International Marketing Committee (CMI) (Hg.): Television 2007. International Key Facts. Luxemburg 2007. Ebd.

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Die Konstruktion europäischer Fernsehpublika

Tabelle 1: Dauer der Fernsehnutzung pro Tag im Jahr 2005 Sehdauer pro Tag in Min. Europa Serbien und Montenegro Kroatien Ungarn Mazedonien Griechenland Polen Italien Estland Rumänien Russland Vereinigtes Königreich Spanien Deutschland Türkei Frankreich Portugal Lettland Ukraine Belgien (Wallonien) Tschechische Republik Niederlande Litauen Slowakische Republik Irland Bulgarien

285 281 279 274 263 254 249 245 242 241 232 228 227 225 217 216 216 212 212 206 204 200 198 190 187

Sehdauer pro Tag in Min. Slowenien Schweiz (italienisch) Schweiz (französisch) Belgien (Flandern) Finnland Österreich Luxemburg Schweden Dänemark Norwegen Island Weißrussland Schweiz (deutsch.)

184 182 175 170 169 163 161 165 160 156 154 154 147

Ausgewählte Länder außerhalb Europas1) USA 295 Japan 213 China/Bejing 199 Brasilien 193 Mexiko 192 167 Australien2) Südafrika 157 3) 106 Indien Südkorea 106

1) Daten, wenn nicht anders angegeben, von 2005 aus IP INTERNATIONAL MARKETING COMMITTEE (CMI) (Hg.): Television 2007. International Key Facts. Luxemburg 2007. 2) Daten von 2004. 3) Daten von 2000 aus IP INTERNATIONAL MARKETING COMMITTEE (CMI) (Hg.): Television 2003. International Key Facts. Luxemburg 2003, S. 26.

Auch im Hinblick auf die Sparten- und Genrepräferenzen lassen sich bemerkenswerte Unterschiede feststellen. Betrachtet man etwa die erfolgreichsten Sendungen eines Jahres, dann sind dies in Deutschland seit Jahren fast ausschließlich Länderspiele der Fußballnationalmannschaft sowie Folgen der Show Wetten,

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dass…?. In Großbritannien hingegen finden sich deutlich häufiger einzelne Serienfolgen unter den erfolgreichsten Sendungen, in Frankreich viele Spielfilme.10 Alle diese Unterschiede sind über die letzten Jahrzehnte erstaunlich stabil geblieben und auch durch die zwischenzeitlich erfolgten tiefgreifenden Veränderungen des Fernsehangebots nicht wesentlich berührt worden. Offensichtlich haben die verschiedenen europäischen Kulturen dem Medium Fernsehen von Beginn an einen je unterschiedlichen Platz zugewiesen. Bei der Interpretation ist allerdings zu beachten, dass es sich hier lediglich um aggregierte Angaben über durchschnittliches Verhalten handelt; dies besagt nicht, dass es nicht in allen Ländern jeweils Teilgruppen gibt, die das Medium in sehr ähnlicher Weise nutzen und insofern als länderübergreifende Teilpublika konstruiert werden könnten. Eine solche Betrachtungsweise ist aber u.W. bisher nicht umgesetzt worden, hier besteht ein wesentliches Forschungsdesiderat (siehe dazu auch Abschnitt 6). 3.4 Resümee der Konstruktion nationaler Publika Im Endergebnis entwickelte sich das Fernsehen seit seiner Gründung zu einem überwiegend an Kriterien nationaler Identitätsbildung orientierten Kommunikationsmittel; die drei skizzierten Faktoren – Institutionalisierung, Programmgestaltung und Zuschauerpräferenzen – bestärkten sich gegenseitig: An nationalen Zielen orientierte Institutionen produzierten national geprägte Programme und begünstigten damit an kultureller Nähe und nationaler Identität ausgerichtete Nutzungsvorlieben, welche wiederum die Institutionen in ihrem Verhalten bestätigten. Doch es gab von Beginn an auch Ausnahmen, die diese Regel bestätigten und Anknüpfungspunkte für länderübergreifende Publika boten; diese sind Gegenstand des folgenden Abschnitts.

4. Länderübergreifende Bezugspunkte nationaler Fernsehpublika Die skizzierte vorherrschende Perspektive der Konstruktion von Fernsehpublika auf nationaler Ebene verdeckt die Tatsache, dass das Fernsehangebot wie auch die Fernsehnutzung auch länderübergreifende Bezüge aufweisen. Diese ergeben sich vor allem aus dem Programmaustausch innerhalb Europas (4.1), dem internationalen Programmhandel (4.2), länderübergreifenden Koproduktionen (4.3) und Medienereignissen (4.4) sowie der Nutzung von ausländischen Programmen (4.5). Besonders bei letzterer spielt die Sprache eine zentrale Rolle (4.6).

10 Ebd.

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4.1 Innereuropäischer Programmaustausch Dass sich die Medienangebote für die Bewohner verschiedener Teile Europas trotz der überwiegend nationalen Prägung der Mediensysteme zu einem guten Teil überlappen, so dass die Europäer auch „gemeinsame Inhalte“ nutzen können, ist unter anderem auf die Aktivitäten der Europäischen Rundfunkunion (European Broadcasting Union, EBU) zurückzuführen.11 Aktive Mitglieder der EBU sind 80 meist öffentlich-rechtliche oder staatliche Rundfunkorganisationen aus 56 Ländern Europas in dem geographischen Sinne, wie er von der International Telecommunications Union definiert wird; dieser umfasst die Länder südlich und östlich des Mittelmeers sowie seit 1993 auch die zuvor in einer eigenen Vereinigung (OIRT) zusammengeschlossenen Veranstalter aus den mittel- und osteuropäischen Ländern. Hinzu kommen 43 assoziierte Mitglieder aus 25 außereuropäischen Ländern. Über die Eurovision, das 1954 von der EBU gegründete Fernsehverbundsystem, wird der Programmaustausch zwischen den Mitgliedsorganisationen abgewickelt.12 Das zentrale Aufgabengebiet der Eurovision ist der regelmäßige Nachrichtenaustausch; ein Großteil der Nachrichtenfilme über Auslandsereignisse, die die Mitgliedsorganisationen in ihren jeweiligen nationalen Nachrichtensendungen anbieten, basiert daher auf identischem Material. Daneben bietet die Eurovision auch Programme, im Vordergrund stehen dabei Sportübertragungen sowie Kulturprogramme – am bekanntesten vermutlich der Eurovision Song Contest. 4.2 Internationaler Programmhandel Jenseits der Aktivitäten der EBU ist zu fragen, inwieweit die nationalen Rundfunkveranstalter bei ihrer Programmgestaltung auf ausländische Importprogramme zurückgreifen und welche Rolle dabei speziell der innereuropäische Austausch von Fernsehproduktionen spielt. Hier gilt nach wie vor, dass die europäischen Fernsehprogrammmärkte wenig entwickelt und weitgehend national separiert sind, so dass der gemeinsame Nenner auf dem europäischen Markt 11 Für eine rechtswissenschaftliche Darstellung der Entwicklung der EBU siehe Rüdiger Zeller: Die EBU. Internationale Rundfunkkooperation im Wandel. Baden-Baden 1999. Für eine historisch-ökonomische Einordnung siehe Christian Henrich-Franke: Die „EBUScreening-Sessions“. Wandlungen des europäischen Markts für Fernsehprogramme 1963– 1985, in: Rundfunk und Geschichte, 31, 2005, H.1–2, S. 17–25. 12 Für eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Eurovision siehe Wolfgang Degenhardt/Elisabeth Strautz: Auf der Suche nach dem europäischen Programm. Die Eurovision 1954–1970. Baden-Baden 1999; sowie Jérôme Bourdon: Unhappy Engineers of the European Soul. The EBU and the Woes of Pan-European Television, in: International Communication Gazette, 69, 2007, H.3, S. 263–280.

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das US-amerikanische Angebot ist.13 Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Herkunft der importierten Fictionangebote (Filme, Serien) in den wichtigsten europäischen Fernsehprogrammen der EU-Mitgliedstaaten. Die Ergebnisse sind deutlich: 2004 stammten nur etwa ein Viertel der angekauften Programme aus anderen europäischen Ländern, wohingegen über 60 Prozent der in den europäischen Fernsehprogrammen angebotenen Importproduktionen aus den USA stammen. Im Jahr 2006 sah das Verhältnis etwas ausgewogener aus, aber nach wie vor stammten mehr als 50 Prozent aller Importe an fiktionalen Programmen aus den USA. Der internationale Erfolg US-amerikanischer Produktionen hängt, so die Vermutung von Ulrich Saxer, wesentlich mit deren offenen Rezeptionsangeboten und ihrer leichten Verständlichkeit durch Übersetzungen zusammen.14 Tabelle 2: Herkunft der importierten Fictionangebote in den wichtigsten Programmen in Mitgliedsländern der EU (in % der Sendestunden für importierte Sendungen) Herkunft der Importproduktionen Großbritannien Frankreich Deutschland Italien Spanien Sonstiges Europa Europäische Koproduktionen Europäisch-/außereuropäische Koproduktionen Europa gesamt USA Australien/Neuseeland Kanada Japan Sonstige außereuropäische Länder Internationale Koproduktionen Außereuropäische Länder gesamt

Anteil am Gesamtimport (in %) 2002 2004 2006* 5,4 4,7 8,8 2,1 2,4 6,5 1,9 1,6 3,4 0,5 0,4 1,5 0,3 0,5 0,3 1,1, 1,0 2,7 4,7 4,8 4,5 6,8 8,9 8,1 22,8 65,0 1,9 1,7 2,1 2,2 3,7 76,6

24,3 62,9 1,8 1,6 2,0 2,5 4,5 75,3

37,6 51,5 1,5 1,7 1,5 1,8 4,4 62,4

Quelle: EUROPÄISCHE AUDIOVISUELLE INFORMATIONSSTELLE STRASSBURG: Jahrbuch 2007. Band 2: Trends im europäischen Fernsehen. Baden-Baden 2007, S.165./* Zahlen für 13 „alte“ EU-Länder. 13 Vgl. schon Winand Gellner (Hg.): Europäisches Fernsehen – American Blend? Fernsehmedien zwischen Amerikanisierung und Europäisierung. Berlin 1989. Für eine kritische Bewertung dieser Tatsache s. Hans Heinz Fabris: Welches Europa der Medien? in: Medien Journal, 17, 1993, H.4, S. 179–189. 14 Vgl. Ulrich Saxer: Sprachenbabel in Europas Medien, in: Media Perspektiven, 1990, H.10, S. 651–660.

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Befunde dieser Art berühren ein Kernelement der Medienpolitik der Europäischen Union. Die im Vergleich mit den USA traditionell schwache Position des audiovisuellen Produktionssektors in Europa wird insbesondere auf den weitaus größeren Heimatmarkt der amerikanischen Produzenten zurückgeführt. Mit der Entwicklung eines europäischen Binnenmarkts will die Europäische Union dieses Ungleichgewicht auch im audiovisuellen Bereich lindern. Als unterstützende Maßnahme ist in der 1989 verabschiedeten und im Juni 1997 geänderten Richtlinie des Europäischen Rates Fernsehen ohne Grenzen15 vorgeschrieben, dass „die Mitgliedstaaten (…) im Rahmen des praktisch Durchführbaren und mit angemessenen Mitteln dafür Sorge (tragen), dass die Fernsehveranstalter den Hauptanteil ihrer Sendezeit, die nicht aus Nachrichten, Sportberichten, Spielshows, Werbung, Videotextleistungen und Teleshopping besteht, der Sendung von europäischen Werken (…) vorbehalten“.16 Eine entsprechende Regelung ist auch in der Ende 2007 verabschiedeten Nachfolge-Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste ohne Grenzen enthalten.17 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Programme europäischer Fernsehveranstalter zum allergrößten Teil aus jeweils inländischen und aus amerikanischen Produktionen bestehen, während der innereuropäische Programmaustausch eine vergleichsweise bescheidene Rolle spielt. Aus diesem Blickwinkel kann daher zwar von Kontaktmöglichkeiten mit internationalen Fernsehangeboten in den nationalen Programmen gesprochen werden, aber kaum von spezifisch „europäischen Inhalten“. Als eine Sonderform des internationalen Programmhandels kann der Handel mit Formaten gelten.18 Hier wird „transkulturelle Konnektivität“ nicht durch den Einkauf von fertigen Angeboten aus dem Ausland, sondern von Sendungskonzepten hergestellt. Die erfolgreichsten Beispiele des vor allem seit den 1990er Jahren boomenden internationalen Formathandels sind die Shows Wer wird Mil15 Europäischer Rat: Richtlinie 89/552/EWG des Rates vom 3. Oktober 1989 zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit; geändert durch Europäisches Parlament/Europäischer Rat: Richtlinie 97/36/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Juni 1997 zur Änderung der Richtlinie 89/552/EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechtsund Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit. 16 Artikel 4 (1) der Richtlinie 97/36/EG vom 19. Juni 1997. 17 Artikel 3i (1) der Richtlinie 2007/65/EG vom 11. Dezember 2007. Vgl. Europäisches Parlament/Europäischer Rat: Richtlinie 2007/65/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Dezember 2007 zur Änderung der Richtlinie 89/552/EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit. 18 Vgl. hier Andreas Hepp: Transkulturelle Kommunikation, Konstanz 2006; siehe auch Gerd Hallenberger: Fernsehformate und internationaler Formathandel, in: Hans-Bredow-Institut (Hg.): Internationales Handbuch Medien 2002/3. Baden-Baden 2002, S. 130–137.

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lionär? und Big Brother sowie die Serien Verbotene Liebe und Gute Zeiten – Schlechte Zeiten. Derartige Formate finden einerseits eine länderübergreifende Verbreitung, werden aber andererseits an den kulturellen Kontext des jeweiligen Produktionslandes angepasst und ähneln somit wiederum häufig Eigenproduktionen. Interessanterweise stammen die erfolgreichsten Konzepte nicht aus den USA, sondern aus Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland und Australien. Abschließend ist noch auf einen für die vorliegende Fragestellung relevanten Aspekt der Gestaltung von Fernsehprogrammen hinzuweisen. Im Umgang mit importierten Filmen und Serien bestehen zwischen den europäischen Ländern große Unterschiede. Die Fernsehveranstalter aus kleineren Sprachgemeinschaften strahlen ausländische Filme und Serien im Original mit Untertiteln aus. Für die Zuschauer aus den großen Sprachgemeinschaften fällt dieser explizite Hinweis, dass es sich hier um ein Angebot aus einem anderen Land handelt, weg – Verkehrspolizisten in den Straßen von San Francisco sprechen im deutschen Fernsehen Deutsch und im französischen Französisch. Während dies für die Zuschauer in diesen Ländern normal ist, wird eine solche Praxis in Skandinavien und den Niederlanden als kulturelle Barbarei empfunden: Verschiedene Studien zeigen übereinstimmend, dass jeweils die große Mehrheit die im eigenen Land übliche Praxis bevorzugt – hier unterscheiden sich die Europäer also ganz erheblich, was unter anderem zu deutlich unterschiedlichen Chancen führt, mit fremdsprachigen Medienangeboten in Kontakt zu kommen.19 Während die große Mehrheit der Menschen in Dänemark, Finnland, Schweden, den Niederlanden und Zypern Originalfilme mit Untertiteln bevorzugt, wird diese Praxis in 15 von 29 untersuchten europäischen Ländern mehrheitlich abgelehnt, vor allem von Ungarn, Tschechen und Deutschen. Insgesamt ziehen 37 Prozent der Europäer untertitelte Originale vor, 56 Prozent bevorzugen „Dubbing“.20 4.3 Länderübergreifende Koproduktionen Als ein Weg zu einer verstärkten Europäisierung der Fernsehangebote und damit auch der Fernsehpublika wurden und werden vielfach länderübergreifende Koproduktionen angesehen, die von vornherein darauf abzielen, verschiedene kulturelle Perspektiven kreativ miteinander zu verbinden. Der jüngste Trend zu internationalen Koproduktionen ist in erster Linie vor dem Hintergrund ökonomischer Überlegungen zu erklären. Um die weltweite Vermarktbarkeit ihrer Produktionen zu fördern, sind insbesondere die Hollywood-Studios dazu über19 Vgl. etwa Richard Kilborn: „Speak my Language“. Current Attitudes to Television Subtitling and Dubbing, in: Media, Culture & Society, 15, 1993, H.4, S. 641–660. 20 European Commission: Special Eurobarometer 243. Europeans and their languages. Full Report. 2006. Elektronisches Dokument: http://europa.eu.int/comm/public_opinion/archives/ebs/ebs_243_en.pdf. (18.04.06)

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gangen, an einigen Produktionen gezielt Künstler aus verschiedenen Ländern zu beteiligen, um so die Aufmerksamkeit für den Film in den jeweiligen Herkunftsländern der Künstler zu steigern. Die einschlägigen EU-Förderprogramme haben von Beginn an viel Wert auf europäische Koproduktionen gelegt. Insbesondere im Rahmen der EBU hat es verschiedene Initiativen der öffentlich-rechtlichen Fernsehveranstalter gegeben, in gegenseitiger Kooperation europäische Formate zu entwickeln. Ein frühes erfolgreiches Beispiel war die Spielshow Spiel ohne Grenzen. Im Fictionbereich gab es 1988–1993 mit der Krimireihe Eurocops den Versuch, in diesem überall in Europa recht populären Genre ein gemeinsames Format zu entwickeln. Es war allerdings nicht zuletzt dieses Format, durch das in der Fachdiskussion das Schlagwort „Europudding“ als Negativetikett für Koproduktionen geprägt wurde, in denen alle möglichen kulturellen Perspektiven zusammengeführt wurden, ohne dass sich daraus eine neue authentische Perspektive ergab. Diese Diskussion führte auch dazu, dass sich die Hoffnungen, die ursprünglich in länderübergreifende Koproduktionen gesetzt wurden, mittlerweile sehr reduziert haben. So ging die 1985 zur Förderung von europäischen Koproduktionen mit spezifisch europäischen Inhalten gegründete European Co-Production-Association (ECA) mittlerweile dazu über, sich auf die Kofinanzierung nationaler Projekte zu konzentrieren..21 Nicht zuletzt wird auch im journalistischen Bereich versucht, durch länderübergreifende Kooperationen und interkulturell zusammengesetzte Redaktionen die Entwicklung einer europäischen Perspektive in der Nachrichtenberichterstattung voranzutreiben. 4.4 Länderübergreifende Medienereignisse Transnationale Bezüge können über das Fernsehen nicht nur dadurch hergestellt werden, dass dieselben Angebote oder Formate in verschiedenen europäischen Ländern genutzt werden. Sie können auch dadurch entstehen, dass Fernsehsender in verschiedenen europäischen Ländern auf dieselben Medienereignisse Bezug nehmen.22 Da sich das Fernsehen besonders für deren Inszenierung eignet, spielt die Übertragung großer Ereignisse wie Sportwettkämpfe oder Zeremonien seit dem Beginn seiner Existenz eine wichtige Rolle. Andreas Hepp unterscheidet „rituelle Medienereignisse“ von „populären Medienereignissen“. Idealtypisch haben erstere ihren Erlebniskern außerhalb der Medien, werden 21 Vgl. Gerd Hallenberger: Eurofiction. Fiktionale Sendungen in Europa, in: Andreas Hepp/ Martin Löffelholz (Hg.): Grundlagentexte zur transkulturellen Kommunikation. Konstanz 2002, S. 421–435. Siehe hierzu auch Sofia Blind/Gerd Hallenberger (Hg.): European CoProductions in Television and Film. Heidelberg 1996. 22 Vgl. Andreas Hepp: Transkulturelle Kommunikation. Konstanz 2006.

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meist ehrfurchtsvoll und feierlich präsentiert und haben eine integrierende Wirkung innerhalb einer Gesellschaft oder sogar darüber hinaus. Zu dieser Art von Medienereignissen zählt Hepp neben Zeremonien und politischen Ereignissen auch Kriege, Terroranschläge und Naturereignisse. Beispiele hierfür wären die Krönung Elisabeths II., der Fall der Berliner Mauer, der Tod von Prinzessin Diana oder die Anschläge vom 11. September 2001. Populäre Medienereignisse hingegen haben meist einen medieninternen Ursprung, werden unterhaltend präsentiert und tragen weniger zu einer breiten Integration als vielmehr zu einer segmentären, dafür aber häufig transkulturellen „Verdichtung von Populärkulturen“ bei und wirken oft polarisierend. Derartige Ereignisse – wie Big Brother, Live8, der Eurovision Song Contest – nehmen an Bedeutung zu. In der Debatte über eine europäische Öffentlichkeit wird die populärkulturelle Berichterstattung über europaweite Medienereignisse häufig als Beleg dafür angeführt, dass eine Europäisierung verstärkt im Unterhaltungsbereich stattfindet.23 Sportereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft, Olympia oder die Champions League sind vor allem wegen ihrer zunehmenden medialen Inszenierung im Übergangsbereich zwischen rituellen und populären Medienereignissen einzuordnen. Wie die hier angeführten Beispiele zeigen, ist jedoch gerade bei den Medienereignissen eine Unterscheidung zwischen wirklich europäischen und globalen länderübergreifenden Bezügen häufig schwierig. 4.5 Nutzung ausländischer Programme Der so genannte TV-Overspill, also die Empfangbarkeit von Fernsehprogrammen aus benachbarten Ländern, ist für das von zahlreichen Grenzen durchzogene Europa seit langem Normalität. Dieser stellt sich als „eine Art Nebeneffekt technischer Sendestärke und historischer Zufälligkeit überall dort ein, wo politische Grenzen zusammenhängende Sprach- und Kulturgebiete zerschneiden“.24 Durch die Ausbreitung der Kabel- und Satellitentechnologie seit den 1980er Jahren erhöhte sich die Zahl der verfügbaren ausländischen Programme drastisch. Durch die Einführung der digitalen Übertragungstechnologie setzt sich diese Entwicklung weiter fort. Bei einem Großteil dieser Programme handelt 23 Vgl. Elisabeth Klaus: Von der Beschränktheit unserer Öffentlichkeitstheorien im europäischen Kontext, in: Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive: Wiesbaden 2006, S. 93–106. Vgl. Margret Lünenborg: Europa ohne Öffentlichkeit? Theorien zur Analyse europäischer Journalismuskulturen, in: Martin Löffelholz (Hg.): Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch, 2. vollständig überarbeitete Auflage. Wiesbaden 2004, S. 435–450. 24 J. Wolfgang Koschnick: Wenn Zuschauer fremdgehen, in: Media Spectrum, 1991, H.4, S. 44–48, hier S. 44.

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es sich um nationale oder regionale Angebote, die durch die zusätzliche Satellitenübertragung über ihren terrestrischen Versorgungsbereich hinaus verbreitet werden. Auf diese Weise können eigentlich nationale (oder regionale) Programme als Sprachraumprogramme fungieren, indem sie von den Gleichsprachigen in anderen Ländern genutzt werden. Diese Form des grenzüberschreitenden Fernsehens hat insbesondere Konsequenzen für kleinere Länder, deren nationale Fernsehveranstalter mit einer Vielzahl gleichsprachiger Programme aus größeren Nachbarländern konkurrieren müssen. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden verstärkten Migration zwischen den europäischen Ländern kann die europaweite Verbreitung nationaler Programme eine zunehmende Bedeutung erlangen, indem sie den im Ausland Lebenden einen Kontakt zur eigenen Kultur ermöglicht. Nicht zuletzt werden ausländische Fernsehangebote auch von Menschen mit einer anderen Muttersprache genutzt (siehe dazu Abschnitt 4.6). Allgemein kann, auf der Basis von Ergebnissen der Zuschauerforschung, die sich über mehrere Jahre als recht stabil herausgestellt haben, gelten: Fernsehnutzung in den europäischen Ländern konzentriert sich überwiegend auf die jeweiligen nationalen Programme. Wie die meisten Regeln hat aber auch diese einige bedeutsame Ausnahmen, nämlich diejenigen kleineren Länder, die an gleichsprachige größere Nachbarländer grenzen; hier entfallen zum Teil erhebliche Anteile der Nutzung auf Programme der Nachbarländer.25 Hohe Reichweiten erzielen ausländische Programme vor allem in der Schweiz: In den einzelnen Sprachgebieten werden die jeweils gleichsprachigen Programme der Nachbarländer stärker genutzt (bis zu zwei Drittel der Gesamtnutzung) als die einheimischen Programme. Das Zuschauerverhalten führt drastisch die Bedeutung der Sprache vor Augen: Die Nutzung entfällt in den Sprachgebieten so gut wie ausschließlich auf das für die jeweilige Sprachgemeinschaft gedachte Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der Schweiz und auf die gleichsprachigen Programme aus den Nachbarländern, die übrigen Schweizer Programme werden kaum genutzt. Dasselbe Muster ist in Belgien zu beobachten: Flamen sehen flämische und niederländische Programme, Wallonen sehen wallonische und französische. Im Hinblick auf gleichsprachige Programme aus Nachbarländern ergibt sich für Irland, Österreich und die Niederlande eine ähnliche Situation. Ganz anders stellt sich die Lage für diejenigen kleineren Länder dar, bei denen die Programme des „großen Nachbarn“ in einer anderen Sprache ausgestrahlt werden, etwa Portugal. In mehreren Untersuchungen konnte übereinstimmend festgestellt werden, dass es hinsichtlich der Nutzung in- und ausländischer Angebote erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Programmgattungen gibt. Das größte Inter25 Vgl. hierzu auch Wolfgang J. Koschnick: TV-Over-spill in Europa. Wenn Zuschauer ins Ausland fremdgehen, in: planung und analyse, 1992, H.3, S. 15–23.

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esse finden ausländische Filme und Unterhaltungsangebote, während eine hohe Loyalität gegenüber inländischen Nachrichtensendungen besteht: Unterhaltung ist danach internationaler als Information.26 4.6 Zur Bedeutung der Sprache bei der länderübergreifenden Nutzung von Medienangeboten Neben den bereits diskutierten nationalen Unterschieden in der Nutzungskultur und in den infrastrukturellen Rahmenbedingungen besteht das Haupthindernis für europaweite Medienangebote in den zahlreichen unterschiedlichen Sprachen in Europa. Es ist die Rede von einem „Sprachenbabel in Europas Medien.“27 Zur Bedeutung der Sprachgrenzen für die Entwicklung der europäischen Medienlandschaft sollen hier ergänzend einige Befunde dargestellt werden, die Aufschluss über die Voraussetzungen für die länderübergreifende Nutzung von Fernsehangeboten geben können. Zahlenmäßig bilden die Personen mit Deutsch als Muttersprache (18%) zwar die größte Einzelgruppe, allerdings wird Englisch am ehesten in allen europäischen Ländern verstanden. Nimmt man Muttersprachler und Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen zusammen, so sprechen 51 Prozent der Europäer Englisch, 33 Prozent Deutsch und 26 Prozent Französisch. Wegen der relativ weiten Verbreitung von Deutschkenntnissen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten liegt Deutsch mittlerweile mit Französisch zusammen an zweiter Stelle der am meisten gesprochenen Fremdsprachen in Europa (jeweils 14%). Russisch und Spanisch teilen sich den dritten Platz (jeweils 6%). Generell sind 56% der Europäer in der Lage, sich in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache zu unterhalten. Die Zahl von mehrsprachigen Europäern steigt. Besonders junge Menschen haben gute Fremdsprachenkenntnisse. So sind 40 Prozent der Europäer zwischen 15 und 24 Jahren in der Lage, sich in mindestens zwei anderen Sprachen als ihrer Muttersprache zu unterhalten. Bei den Über–55-Jährigen sind dies lediglich 19 Prozent. Die meisten Menschen mit Kenntnissen in mindestens einer Fremdsprache finden sich in Luxemburg, der Slowakei, Lettland, Litauen, Malta, den Niederlanden, Slowenien, Schweden, Estland und Dänemark. Englischkenntnisse sind besonders verbreitet in Schweden (89%), den Niederlanden (87%) und Dänemark (86%).28 26 Vgl. z. B. Frank Olderaan/Nick Jankowski: The Netherlands. The Cable Replaces the Antenna, in: Lee B. Becker/Klaus Schönbach (Hg.): Audience responses to media diversification. Coping with plenty. Hillsdale 1989, S. 29–50, hier S. 47. 27 Ulrich Saxer: Sprachenbabel in Europas Medien, in: Media Perspektiven, 1990, H.10, S. 651–660. 28 European Commission: Special Eurobarometer 243. Europeans and their languages. Full Report. 2006. Elektronisches Dokument: http://europa.eu.int/comm/public_opinion/ar-

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Es ist zu betonen, dass die hier angegebenen, auf Selbsteinschätzungen beruhenden Befunde über Sprachkenntnisse nicht unbedingt auf die tatsächliche Sprachkompetenz schließen lassen, sondern nur Anhaltspunkte über die relative Verbreitung der verschiedenen Sprachen in verschiedenen Ländern geben. Dafür, dass diese Werte eher zu hoch angesetzt sind, sprechen Ergebnisse einer Ende 1996 durchgeführten Repräsentativ-Befragung unter Deutschen, die angeben sollten, ob sie sich in der Lage sähen, eine Fernsehnachrichtensendung, einen Zeitungsartikel, einen Spielfilm ohne Untertitel oder eine Hörfunksendung in einer Fremdsprache „zumindest ungefähr zu verstehen“.29 Lediglich 32% der Deutschen bejahten dies zumindest für eines der vier genannten Medien in englischer Sprache; es folgte Französisch mit 9%. Entsprechend gaben auch lediglich 30% der Befragten an, bereits irgendein Medium (TV, Hörfunk, Zeitung, Zeitschrift, Video, Buch, CD-ROM, Online-Medien) in englischer Sprache genutzt zu haben. In derselben Studie wurde allerdings auch deutlich, dass fremdsprachige Medien in verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu jeweils ganz spezifischen Zwecken, die mit den inländischen Medien nicht zu erfüllen sind, genutzt werden; dabei spielen insbesondere berufs- und urlaubsbezogene Motive eine große Rolle. Generell können instrumentelle Gründe wie Aktualität, Exklusivität, Perspektivenvielfalt oder die Internationalität des Gegenstandsbereichs von kulturellen Motiven wie Authentizität, der Assoziation bestimmter Sprachen mit bestimmten Themen, Ästhetik, Auslandsurlaub/-kontakte und Image/Status unterschieden werden. Nicht zuletzt werden fremdsprachige Medien häufig zum Sprachenlernen genutzt.30 Aus der quantitativ geringen Bedeutung dieser Medien sollte allerdings nicht der Schluss gezogen werden, die länderübergreifende Nutzung von Medienangeboten sei eine quantité négligeable. Die Nutzung ausländischer und fremdsprachiger Medienangebote wird durch die zunehmende Bildung, die Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse, durch die technischen Entwicklungen sowie durch die steigende Mobilität der Europäer gestärkt.31 Für die Frage nach der künftigen Entwicklung sprachraumübergreifender Medienangebote in Europa bedarf es daher auch genauerer Untersuchungen, die insbesondere zwischen verschiedenen Angebotsarten unterscheiden: Für eichives/ebs/ebs_243_en.pdf. (18.04.06) 29 Uwe Hasebrink: Fenster zu den Nachbarn? Zur Nutzung fremdsprachiger Medienangebote in Deutschland, in: Siegfried Quandt/Wolfgang Gast (Hg.): Deutschland im Dialog der Kulturen. Medien, Images, Verständigung. Konstanz 1998, S. 251–269. 30 Vgl. Uwe Hasebrink: Englisch als europäische Mediensprache? Empirische Annäherungen an eine interdisziplinäre Frage, in: Dieter Möhn/Dieter Roß/Marita Tjarks-Sobhani (Hg.): Mediensprache und Medienlinguistik. Festschrift für Jörg Hennig. Frankfurt am Main 2001, S. 225–242. 31 Ebd.

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nen Musikkanal wie MTV Europe oder für Mode-Magazine ergeben sich aus der Sprachenfrage geringere Probleme, als dies etwa für Euronews, die (1998 eingestellte) Zeitung The European oder gar für ein europäisches Bildungsfernsehen der Fall ist.32 So ist Saxer der Ansicht, dass die Rezeption fremdsprachiger Medienangebote vor allem im Unterhaltungsbereich besser und häufiger stattfindet.33

5. Konzepte und Publika länderübergreifender Fernsehangebote in Europa Die verschiedenen Versuche, pan-europäische oder zumindest mehrere Länder übergreifende Fernsehangebote zu machen, lassen sich unter der Fragestellung systematisieren, wie sie mit der Lösung der bereits thematisierten Sprachenproblematik umgehen.34 5.1 Pan-europäische, mehrsprachige Fernsehprogramme Die Gründung eines pan-europäischen Fernsehsenders erscheint als der nächstliegende und konsequenteste Ansatz, ein gesamteuropäisches Publikum nach nationalem Vorbild zu konstruieren. So gab es seit den 1960er und verstärkt in den 1980er Jahren auf europäischer Ebene eine breite medienpolitische Debatte über die Gründung – hauptsächlich öffentlich finanzierter – pan-europäischer Kanäle.35 Der Sprachenproblematik wollte man dabei möglichst mit der Produktion von Mehrsprachenprogrammen begegnen. Als Varianten waren ein europäisches Vollprogramm, ein europäischer Bildungssender und ein europäischer Spartenkanal in der Diskussion. Mit Eurikon und Europa-TV scheiterten in den 1980er Jahren zwei Versuche, pan-europäische, mehrsprachige Vollprogramme ins Leben zu rufen. Gründe dafür waren vor allem die problematische Finanzierung, die unausgereiften Programmkonzepte und der große Aufwand für die Erstellung verschiedener Sprachversionen. 32 S. hierzu z. B. Uwe Hasebrink/Friedrich Krotz/Christiane Matzen/Hermann-Dieter Schröder/Jutta Simon: Europäisches Bildungsfernsehen. Strukturen, Konzepte, Perspektiven. Hamburg 1993. 33 Vgl. Ulrich Saxer: Sprachenbabel in Europas Medien, in: Media Perspektiven, 1990, H.10 S. 651–660. 34 Die Unterscheidung von Mehrsprachen-, Sprachraum- und Lingua-Franca-Programmen stammt aus Ulrich Saxer: Sprachenbabel in Europas Medien, in: Media Perspektiven, 1990, H.10, S. 651–660. 35 Vgl. Hans-Peter Siebenhaar: Europäisches Fernsehen. Mehrsprachiges, grenzüberschreitendes Fernsehen als Instrument des Einigungsprozesses, in: Rundfunk und Fernsehen, 42, 1994, H. 1, S. 49–59.

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Im Folgenden konzentrierten sich die medienpolitischen Bemühungen daher auf die Gründung von mehrsprachigen Spartenkanälen.36 Die prominentesten Beispiele hierfür sind der Sportsender Eurosport, der deutsch-französische Kultursender Arte und der Nachrichtensender Euronews. Als Vorteile von Eurosport werden häufig das Vorhandensein einer klaren, länderübergreifenden Zielgruppe, niedrige Kosten und die geringe Bedeutung von Sprache in der Sportberichterstattung angeführt. Arte verkörpert zwar am besten das integrationspolitische Ideal, kulturelle Grenzen zu überwinden und gleichzeitig Vielfalt zu bewahren, ist jedoch bislang auf den deutsch-französischen Sprachraum begrenzt. Dem Kanal wird aber von vielen Seiten das Potential bescheinigt, nach und nach zu einem europäischen Sender mit föderalen Strukturen ausgebaut werden zu können. Euronews wird hingegen oft wegen seiner Unpersönlichkeit und des Fehlens einer wirklich europäischen Perspektive kritisiert. Die Programmgestaltung sei zu rationalisiert und internationalisiert und ignoriere die unterschiedlichen kulturellen Prägungen des Journalismus in verschiedenen Ländern.37 5.2 Auslandssender In vielen europäischen Ländern gibt es einen, häufig öffentlich finanzierten, mehrsprachigen Auslandsrundfunk. Die Aktivitäten der meisten Sender beschränken sich allerdings auf das Radio und/oder das Internet. Fernsehprogramme bieten nur einige von ihnen an. Hierzu gehören zum Beispiel DW-TV, France 24, BBC World News und BBC Prime. Während die ersten beiden jeweils in mehreren Sprachen angeboten werden und damit als ein Sonderfall von paneuropäischem, mehrsprachigem Fernsehen angesehen werden könnten, senden BBC World News und BBC Prime ausschließlich auf Englisch. Bei diesen Sendern handelt es sich also um Lingua-Franca-Programme. Die Auslandssender zielen jedoch sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich ihrer Verbreitung nicht auf ein europäisches, sondern explizit auf ein globales Publikum. Zu ihren wichtigsten Zielen zählen die Verbreitung von Wissen über das Herkunftsland in der Welt sowie die Information von im Ausland lebenden Landsleuten. Die Wurzeln der meisten Auslandssender reichen in eine Zeit zurück, in der diese – je nach Perspektive – als Bestandteil staatlicher Propaganda oder als Instrument zur Aufklärung der Bevölkerungen anderer Länder betrachtet wurden. Besondere 36 Ebd. 37 Vgl. Marcel Machill: Mehrdimensionalität eines europäischen Journalismuslabors. Medienindustrielle Entwicklung in Europa und Spektren transnationaler Journalismusforschung am Fallbeispiel des ersten europäischen Nachrichtenkanals Euronews, in: Gerd G. Kopper (Hg.): Europäische Öffentlichkeit. Entwicklung von Strukturen und Theorie. Berlin 1997, S. 183–208.

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öffentliche Relevanz gewannen entsprechende Angebote in der Vergangenheit immer dann, wenn einzelne nationale Regierungen ihrer Bevölkerung die Informationsfreiheit beschnitten oder mit gelenkten Nachrichten versuchten, ihre Perspektive durchzusetzen. In den letzten Jahren, insbesondere seit dem Ende des Ost-West-Konflikts, hat sich diese ursprüngliche Funktion der Auslandssender schrittweise geändert, indem die Versorgung von im Ausland lebenden Angehörigen der betreffenden Kultur sowie die interkulturelle Verständigung in den Vordergrund rückten. Seit der Novellierung des DW-Gesetzes 2005 sieht sich die Deutsche Welle in ihrer Zielsetzung verstärkt dem Dialog der Kulturen und dem Projekt Europa verpflichtet. Diese Änderungen wurden zum einen durch erhebliche Etatkürzungen nötig, die eine wirklich globale Ausrichtung zunehmend erschweren, zum anderen tragen sie der Tatsache Rechnung, dass die ursprüngliche Form des auf das „Ausland“ gerichteten Rundfunks angesichts der wachsenden europäischen Integration nicht mehr zeitgemäß erscheint. Hans J. Kleinsteuber, zur Zeit der Novellierung selbst Mitglied des Rundfunkrates der Deutschen Welle, plädiert darüber hinaus für den Ausbau europäischer Auslandssender zu einem pan-europäischen Netzwerk.38 Seiner Meinung nach eignen sich diese aufgrund ihres starken inhaltlichen Europabezugs, ihrer europaweiten personellen Infrastruktur und ihrer Unabhängigkeit von Quoten dazu, rein nationale Perspektiven zu überwinden und die Diskurse in den unterschiedlichen Ländern zu einem gesamteuropäischen zu verknüpfen. Allerdings zeigten der fehlende Europabezug der BBC sowie die Neugründung des französischen Auslandssenders France 24, wie sehr viele Staaten immer noch auf einen rein nationalen Auslandsrundfunk setzten. Die Deutsche Welle solle hier als Vorreiter in Sachen Europa fungieren und die länderübergreifende Zusammenarbeit vorantreiben. Die besten Chancen für europaweit ausgestrahlte Formate und Kooperationen sieht Kleinsteuber aufgrund der Zahl vorhandener Mehrsprachenangebote allerdings im Internet und im Radio. So findet in letzterem bereits eine verstärkte länderübergreifende Zusammenarbeit auf Redaktionsebene statt. Im Fernsehbereich beschränkt sich der neue Europa-Schwerpunkt hingegen bisher auf eine verstärkte Thematisierung Europas.

38 Vgl. Hans J. Kleinsteuber: Deutsche Welle & Co und ihr Beitrag zur Stärkung europäischer Öffentlichkeit, in: Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden 2006, S. 305–317; sowie Hans J. Kleinsteuber: Europäische Öffentlichkeit und europäische Auslandssender, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2008, H.11, S. 19–25.

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5.3 Sprachraumprogramme Sprachraumprogramme umgehen die mit der Erstellung mehrsprachiger Angebote verbundenen Probleme, indem sie sich an Publika richten, die zwar in unterschiedlichen Ländern leben, aber dieselbe Muttersprache teilen. Dies ist zum Beispiel der Fall bei 3Sat (deutscher Sprachraum) und TV5 (französischer Sprachraum). Anders als nationale Sender, die wie oben beschrieben von gleichsprachigen Menschen im angrenzenden oder auch weiter entfernten Ausland genutzt werden, haben sich die hier genannten Sprachraumprogramme die Ansprache eines länderübergreifenden Publikums explizit zur Aufgabe gemacht und werden durch die Kooperation von nationalen Rundfunkanstalten erstellt. 5.4 Transnationale Lingua-Franca-Programme Transnationale Lingua-Franca-Programme sprechen ein länderübergreifendes Publikum in einer europäischen oder internationalen Verkehrssprache – hauptsächlich in Englisch – an. Die Deregulierung des europäischen Fernsehmarktes durch die bereits erwähnte EG-Richtlinie Fernsehen ohne Grenzen trieb vor allem die Entwicklung kommerzieller transnationaler Lingua-franca-Sender voran.39 Diese Kanäle und Netzwerke entstanden eher aus wirtschaftlichen Gründen als mit dem Ziel, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen.40 Die meisten von ihnen richten sich außerdem nicht an ein europäisches, sondern an ein internationales Publikum. Beispiele für transnationale Lingua-Franca-Programme sind die Spartenkanäle CNN International, Sky News (Nachrichten), CNBC (Finanzinformationen) und National Geographic Channel (Dokumentationen).41 Um im Konkurrenzkampf überleben zu können, gehen jedoch immer mehr kommerzielle transnationale Sender auf sprachliche und kulturelle Unterschiede bei der Mediennutzung ein..42 Diese als Lokalisierung bezeichnete Strategie reicht von der Schaffung anderer Sprachversionen oder lokaler Fenster (CNN International, National Geographic Channel) bis hin zur Bildung von Netzwerken, z.B. 39 Vgl. Jean K. Chalaby: Deconstructing the transnational. A typology of cross-border television channels in Europe, in: New media and society, 2005, H.2, S. 155–175. 40 Vgl. Werner A. Meier/Josef Trappel: Die transnationale Vermachtung durch Medienkonzerne als Voraussetzung für europäische Öffentlichkeit?, in: Wolfgang R. Langenbucher/ Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden 2006, S. 262–275. 41 Vgl. Chalaby 2005. 42 Vgl. Jean K. Chalaby: Transnational Television in Europe. The Role of Pan-European Channels, in: European Journal of Communication, 17, 2002, H.2, S. 183–203; vgl. Uwe Hasebrink: Europäische Öffentlichkeit. Zur Konstruktion von Kommunikationsräumen in Europa durch Medienpublika, in: Werner Faulstich (Hg.): Öffentlichkeit im Wandel. Neue Beiträge zur Begriffsklärung. Bardowick 2000, S. 97–109.

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Bloomberg TV (Finanzinformationen), Cartoon Network, Fox Kids (Kinder), Discovery Channel (Dokumentationen) und MTV (Musik).43 Derartige Netzwerke kombinieren die Synergieeffekte eines transnationalen Verbunds mit der Adaption an lokale Nutzungskulturen und versuchen so, eine Brücke zwischen lokaler und globaler Ebene zu schlagen und die beim Angebot transnationaler Programme entstehenden kulturellen Schwierigkeiten zu minimieren. 5.5 Publika länderübergreifender Programme Die wachsende Zahl von Programmen, die sich an länderübergreifende Publika richten, stellt die bisher weitestgehend an nationalen Grundgesamtheiten orientierte Reichweiten- und Nutzungsforschung vor große Herausforderungen. Verlässliche Daten über die Reichweiten länderübergreifender oder pan-europäischer Programme liegen bisher kaum vor. Ein früher Versuch einer entsprechenden Erhebung wurde 1985–1995 mit den jährlichen PETAR-Studien (Pan European Television Audience Research) unternommen. Diese Befragung beschränkte sich von Beginn an auf Länder mit einer hohen Verkabelungsdichte, nämlich Belgien (Flandern), Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden. Wie die PETAR-Ergebnisse zeigten, standen auch in verkabelten Haushalten die nationalen bzw. gleichsprachigen Programme bei der Nutzung ganz im Vordergrund, von einer „internationalisierten“ Fernsehnutzung konnte nicht die Rede sein. Die schleppende Entwicklung pan-europäischer Programme hatte auch für die PETAR-Studien Konsequenzen. Letztlich trug nur noch der Musikkanal MTV Europe zur Finanzierung bei; über die letzte Erhebung 1995 (PETAR 8) wurde kein öffentlich zugänglicher Querschnittsbericht mehr vorgelegt, sondern lediglich eine Zusammenstellung der Zuschauermerkmale von MTV Europe. Seit 1996 werden jährlich im so genannten EMS (European Media & Marketing Survey) Daten über die Nutzung internationaler Fernsehkanäle und Printtitel veröffentlicht. Grundgesamtheit dieser in 20 europäischen Ländern durchgeführten Studie sind jeweils die 20 Prozent der Bevölkerung, die über das höchste Einkommen verfügen. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass sich ein großer Teil der bisherigen pan-europäischen Medienangebote (insbesondere die informations- und wirtschaftsorientierten Zeitschriften und Fernsehprogramme) an Zielgruppen mit einem höheren Einkommen richten. Dem EMS vom Winter 2007 zufolge ist der unter der europäischen Einkommenselite mit weitem Abstand meistgesehene Sender der mehrsprachig verbreitete Sportkanal Eurosport, der pro Woche immerhin ein Drittel dieser Zielgruppe in Europa erreicht. Es folgen MTV, Arte, der Discovery Channel, der National Geographic 43 Vgl. Chalaby 2002; vgl. Chalaby 2005.

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Channel, CNN und Euronews.44 Interessanterweise liegen damit Spartensender in den Bereichen Sport, Musik, Kultur und Natur vor Angeboten mit Nachrichten und Wirtschaftsinformationen, die man gerade bei dieser Zielgruppe wohl weiter vorne vermutet hätte. Betrachtet man die nationalen Publika jeweils in ihrer Gesamtheit, liegen die nationalen Marktanteile transnationaler Fernsehkanäle meist unter einem Prozent.45 So errechnete die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) 2007 in Deutschland beispielsweise für 3Sat und Eurosport einen täglichen durchschnittlichen Marktanteil von jeweils 1 Prozent, Arte lag bei 0,7 Prozent, MTV bei 0,5 Prozent.46

6. Perspektiven für europäische Publika Der Rückblick auf die bisherige Entwicklung der Fernsehnutzung in Europa hat gezeigt, dass dieses Medium den Menschen zwar vielfältige Blicke in alle Welt eröffnet hat, dass es aber dennoch nur in begrenztem Maße zur Konstruktion länderübergreifender Publika beigetragen hat. Die institutionellen Rahmenbedingungen waren darauf ausgerichtet, die nationalen Fernsehveranstalter vor allem auf die Pflege der nationalen und der kulturellen Identität zu verpflichten. Die Veranstalter orientierten sich, soweit ökonomisch möglich, an dieser Vorgabe, und die Zuschauer bestätigten diese Strategie mit ihren offenkundigen Vorlieben für inländische Angebote. Mittlerweile verwischt dieses zunächst sehr klare Bild jedoch erheblich; dafür sind verschiedene Entwicklungen verantwortlich, die im Folgenden kurz angesprochen werden sollen. Zu den oben diskutierten Anlässen, um die herum sich länderübergreifende Publika bilden, gehören vor allem große Medienereignisse. In den letzten Jahren ist allgemein eine starke „Eventisierung“ des öffentlichen Lebens festgestellt worden; angesichts der Fülle der insgesamt verfügbaren Informations- und Kommunikationsangebote scheint es ein wachsendes Bedürfnis an solchen Großereignissen zu geben, die die gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu fokussieren vermögen und das Gefühl der Teilhabe, des Dabei-Seins vermitteln. Diese Großereignisse – große Sportwettkämpfe, kulturelle Galaveranstaltungen, Naturkatastrophen oder Terror und Krieg – haben in vielen Fällen einen länderübergreifenden oder sogar globalen Aufmerksamkeitswert und tragen insofern 44 Vgl. Synovate Research Group: European Media & Marketing Survey (EMS) Winter 2007. Kurzübersicht. Elektronisches Dokument: http://ems.synovate.nl/pdf/winter2007. pdf (19.06.08). 45 Vgl. Chalaby 2002. 46 Vgl. Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung: Marktanteile der AGF- und Lizenzsender im Tagesdurchschnitt 2007. Elektronisches Dokument: http://www.agf.de/daten/zuschauermarkt/marktanteile/(18.06.08).

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zur Herausbildung länderübergreifender Publika bei. Inwieweit diese Entwicklung auch eine spezifisch europäische Ebene hat, erscheint fraglich; immerhin gab es – außer den einschlägigen Sportereignissen auf europäischer Ebene wie der UEFA Champions League oder den jeweiligen Europameisterschaften der verschiedenen Sportarten – in der Vergangenheit Versuche, genuin europäische Anlässe auch zu Medienereignissen werden zu lassen, so z.B. die Feierlichkeiten zur Einführung des Euro oder zur Ost-Erweiterung der EU im Jahre 2004. Ein weiterer Faktor, der zu einer verstärkten länderübergreifenden Orientierung von Publika beitragen dürfte, sind die zunehmenden interkulturellen Bezüge in allen Lebensbereichen. Die allgemeine Globalisierung der Wirtschaft, die Europäisierung vieler professioneller Sektoren, die Zunahme interkultureller Kontakte sowohl innerhalb einzelne Länder als auch über Ländergrenzen hinweg tragen dazu bei, dass das Interesse an anderen Kulturen generell wächst – was nicht mit einer positiven Einstellung ihnen gegenüber gleichzusetzen ist. Die Wahrscheinlichkeit, in allen Bereichen – in der Ausbildung, bei der Arbeit, in der Nachbarschaft, im Privatleben, bei der Freizeitgestaltung – mit interkulturellen Perspektiven konfrontiert zu werden, wird steigen, was auch die Herausbildung länderübergreifender Publika befördern wird. Nicht zuletzt trägt die rasante Bedeutungszunahme des Internets dazu bei, dass die Zahl medienvermittelter interkultureller Kontakte wächst. Gerade die junge Generation nutzt im Internet zudem immer mehr audiovisuelle Angebote. Damit hat sich der länderübergreifende Zugang zu Filmen, Serien und anderen Programminhalten sowie zu von Nutzern erstellten Videos erheblich erleichtert. Inwieweit die Nutzung audiovisueller Inhalte im Internet jedoch etwas mit der Tätigkeit „Fernsehen“ gemeinsam hat und welche Arten von Publika durch sie konstruiert werden, ist eine noch zu erörternde Forschungsfrage. Während die zuvor genannten Entwicklungen eher für eine Europäisierung von Publika sprechen, bleiben viele der aufgeführten Faktoren, die die Herausbildung länderübergreifender Publika erschweren, weiterhin relevant, lassen aber teilweise in ihrer Wirkung nach. So wird sich das Sprachenproblem möglicherweise durch die verbesserten Sprachkenntnisse und zunehmende interkulturelle Kontakte in kleinen Schritten reduzieren; aus ökonomischen Gründen spricht aber für die Veranstalter nach wie vor vieles dafür, ihre Angebote gezielt auf einzelne Sprachräume auszurichten. Auch die bisher noch bestehende Dominanz der nationalstaatlichen Ebene für politisches Handeln wird schrittweise abgebaut, indem sich mehr und mehr Entscheidungen auf die europäische Ebene verlagern. Diese Verschiebung bildet sich bisher in den nationalen Diskursen nicht hinreichend ab, wie in vielen Arbeiten zum Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit kritisiert wird. Es ist aber mit der weiter zunehmenden Relevanz der europäischen Ebene davon auszugehen, dass die Europäisierung der Berichterstattung weiter voranschreitet.

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Bisher hat die Forschung zur Fernsehnutzung erheblich dazu beigetragen, dass Fernsehpublika auf nationaler Ebene konstruiert wurden. Die angewandte Forschung der Veranstalter und der werbetreibenden Industrie orientierte sich ganz an den jeweiligen nationalen Märkten, so dass fast ausschließlich Studien vorliegen, die sich auf Grundgesamtheiten beziehen, die als die Bevölkerung eines Staats definiert werden. Die Engführung der Perspektive geht sogar so weit, dass diese Grundgesamtheiten nicht die gesamte Bevölkerung, sondern nur die Personen mit der Staatsangehörigkeit des betreffenden Landes umfassen. Bisher hat auch die akademische Forschung aufgrund des Aufwands, der mit länderübergreifenden Studien verbunden ist, diese Orientierung an nationalstaatlichen Kategorien selten überwinden können. Allerdings gibt es in jüngerer Zeit Anzeichen für eine Perspektivenerweiterung. Mit der zunehmenden Einsicht, dass die europäischen Länder als Einwanderungsländer mittlerweile multikulturelle Gesellschaften geworden sind, wächst auch das Bewusstsein dafür, dass es angesichts der erheblichen kulturellen Unterschiede im Umgang mit dem Fernsehen kaum angemessen ist, auf der Länderebene die durchschnittliche Fernsehnutzung des einen Landes mit der durchschnittlichen Fernsehnutzung des anderen Landes zu vergleichen. Der Druck, in den Reichweitenstudien auch die wichtigsten Migrantengruppen zu berücksichtigen, wächst entsprechend – wenngleich eine Umsetzung nicht zuletzt noch an zahlreichen ungeklärten methodischen Problemen scheitert. Zugleich intensiviert sich die akademische Auseinandersetzung mit Konzepten der transkulturellen Kommunikation und ihres Zusammenhangs mit kulturellen Identitäten. Und schließlich trägt auch die Forschungsförderung der EU dazu bei, dass sich verstärkt europäische Forschungsverbünde bilden, die die Voraussetzungen für eine Überwindung der national geprägten Publikumskonstruktionen verbessern: Durch diese Kooperation werden auch länderübergreifende Gemeinsamkeiten in der Fernsehnutzung bestimmter Teilgruppen erkennbar, welche als Keimzellen für europäische Publika angesehen werden können.

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Europa und die Wirklichkeiten der Fernsehgesellschaft von Knut Hickethier

1. Die Gesellschaft als Fernsehgesellschaft Die hoch entwickelten Gegenwartsgesellschaften, und hierzu zählen vor allem auch die westeuropäischen, werden häufig als „Informationsgesellschaften“, „Kommunikationsgesellschaften“ oder „Mediengesellschaften“ bezeichnet. Im Zentrum dieser „Medialisierung“1 stehen vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Bildschirmmedien und hier besonders das Fernsehen. Am Ende des 20. Jahrhunderts bestimmt ein dichtes Netz von Informationsflüssen, von Datenproduktion und -kontrolle immer mehr Segmente der Gesellschaft: in den Produktionsprozessen, in denen eine computergestützte Fertigung seit den 1970er Jahren immer stärker um sich greift; in der Politik und der öffentlichen Verwaltung, in der die digitale Datenerfassung und -verarbeitung immer zentraler wird; in der individuellen Alltagsorganisation der Menschen, die ohne digitale Kommunikation kaum noch denkbar ist, und schließlich auch in der öffentlichen Kommunikation, in der das Fernsehen und die Kommunikation mithilfe bewegter Bilder im Mittelpunkt stehen. Technisch-apparative Bilder der Repräsentation von Welt werden damit in der gesellschaftlichen Selbstverständigung immer bedeutender. Bildschirme, Displays verbreiten sich überall. Viele Printmedien haben sich seit den 1950er Jahren in umfangreicher Weise visualisiert, von „elektronischer Presse“ ist längst die Rede, und in ihr werden bewegte Bilder eingesetzt. Öffentliche Räume sind mit Bildschirmmedien bestückt, in den U-Bahnen gibt es Displays mit aktuellen Nachrichten, in den Flugzeugen werden Filme vorgeführt, in den Fußballstadien kann man parallel zum eigentlichen Spielgeschehen Ausschnitte davon auf riesigen Bildschirmen verfolgen, und das „public viewing“ hat auf öffentlichen Plätzen zu einer neuen punktuellen Rezeptionskultur des Fernsehens geführt. Im Zentrum der Displays und Bildschirme steht als Bedeutung und Sinn generierendes Medium das Fernsehen. Kein anderes Medium (mit der Ausnahme des Hörfunks) wird in den europäischen Ländern zeitlich so umfangreich genutzt, und kein Publikum wird so intensiv ausgeforscht wie das Fernsehpublikum. Nicht zu1

Friedrich Krotz: Die Mediatisierung kommunikativen Handelns. Wie sich Alltag und soziale Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien wandeln. Wiesbaden 2001.

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letzt bilden die audiovisuellen Medien sowie die Telekommunikation mit ihren digitalen Verschränkungen einen weltweit expandierenden Wirtschaftsbereich. Was macht das Fernsehen zum zentralen Medium in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Es sind seine medialen Eigenschaften, es ist seine spezifische Medialität. Das Fernsehen verbindet die Bildlichkeit der bewegten und tönenden Bilder mit einem Verbreitungsmodus, der innerhalb weniger Sekunden die auf diese Weise erzeugten Informationen an Adressaten übermitteln kann, welche damit fast zeitgleich an einem gerade geschehenden Ereignis in der Welt medial teilhaben können. Eine entsprechende Verbreitungsgeschwindigkeit erreicht nur noch der Hörfunk, dem es aber an der visuellen Anschauung mangelt. Auch das sich am Ende des Jahrhunderts etablierende neue Medium Computer/Internet kann Bilder, Töne und Texte in einer vergleichbaren Verbreitungsgeschwindigkeit vermitteln, kämpft aber noch mit der Unüberschaubarkeit seiner Angebote und einer noch nicht überall optimalen Bild- und Tonqualität. Die Dominanz des Mediums Fernsehen besteht damit weiterhin, auch wenn sich am Horizont des 21. Jahrhunderts Veränderungen abzeichnen. Die technischen Eigenheiten des Fernsehens haben soziale und kulturelle Auswirkungen, die die Kultur der ausgehenden Industriegesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich verändert haben. Denn dieser Verbreitungsmodus mit der in den audiovisuellen Bewegtbildern eingeschriebenen Nähe zur vormedialen Realität erzeugt für ein breites Publikum einen Schein von Unmittelbarkeit und Direktheit, der Teilhabe suggeriert: Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, Teilhabe an einem Leben „draußen“, außerhalb der eigenen Privatheit, Teilhabe an allem, was interessant und wichtig ist oder auch nur so erscheint. Das Fernsehen ist damit auf eine eher unauffällige Weise zu einer „Agentur“ der Gesellschaft geworden, die mediale Teilhabe erzeugt und damit „Fernsehöffentlichkeiten“ geschaffen hat, die – wenn auch in den einzelnen europäischen Ländern zeitlich versetzt – seit den 1960er und 1970er Jahren zu den wichtigsten Orten der gesellschaftlichen Kommunikation wurden.

2. Das Fernsehen als europäische Erfindung Das Fernsehen hat eine lange Entstehungsgeschichte. Fernsehen ist keine singuläre technische Erfindung, sondern in einem kollektiven Prozess in den europäischen und nordamerikanischen Industriestaaten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Basis ist die Entdeckung der Elektrizität und ihre technische Nutzbarmachung im 19. Jahrhundert.2 2

Vgl. Knut Hickethier: Early TV: Imagining and realizing television, in Jonathan Bignell/ Andreas Fickers (Hg.): A European Television History. London 2009.

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Von der Entdeckung der Lichtempfindlichkeit des Selens durch Willoughby Smith und Joseph May 1873, der Idee der mechanischen Bildzerlegung 1884 von Paul Nipkow bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden aus der ersten technischen Idee, Bilder in Lichtpunkte zu zerlegen und diese mittels der Elektrizität zu übertragen, unterschiedliche Vorstellungen, wie Fernsehen technisch zu realisieren sei. Daran waren Erfinder in Deutschland, Ungarn, Österreich, Großbritannien, Frankreich, Italien, Russland, Dänemark, den Niederlanden und nicht zuletzt in den USA beteiligt. In den 1910er und 1920er Jahren griff die Elektrogroßindustrie in den hoch entwickelten Industriestaaten die Idee auf und entwickelte die technischen Erfindungen systematisch zum Fernsehen als Programmmedium weiter. Dabei existierte das Fernsehen nicht von vornherein als eine fertige Idee, sondern das „Konzept Fernsehen“ entwickelte sich in Aufnahme anderer Konzepte, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mediengeschichtlich entstanden waren. Wurde das Projekt „Fernsehen“ zunächst als eine Art von Bildtelegrafie verstanden, weil die Telegrafie das Modell für die elektrische Übertragung darstellte, so wurde mit der Erfindung des Films und des Kinos seit Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fernsehen als einer „Fernkinematographie“ gesprochen und mit der Etablierung des Rundfunks 1923 von einem „Bildrundfunk“.3 Der Öffentlichkeit stiftende Charakter des Radios und seine Konstruktion als Programmrundfunk bildeten das Modell für das Fernsehen, mit dem zunächst in Deutschland (1935 bis 1944), dann auch in Großbritannien (1936 bis 1939), in Frankreich (1938 bis 1939 sowie 1943–1944 als deutsches Besatzungsfernsehen) und in den USA seit 1936 das neue Medium als eine öffentliche Einrichtung begann. Gleichwohl blieb die Durchsetzung des neuen Mediums – trotz mancher propagandistischer Aufwertung – vor 1945 begrenzt. Die Fernsehprogramme in London, Berlin und Paris vor dem Zweiten Weltkrieg waren lokale Erscheinungen. Die politischen Verhältnisse behinderten den Austausch zwischen ihnen. Gleichwohl hat es, folgt man den Berichten über die Programme vor 1945, in allen europäischen Ländern ähnliche Sendungen gegeben, die von der Nachrichtensendung, der Dokumentation, Reportage und Sportübertragung über das Fernsehspiel, die Theaterübertragung, den Kinofilm bis zum Unterhaltungsabend in unterschiedlichen Varianten reichten. Auch konzentrierte sich das Programm auf den Abend mit gelegentlichen Übertragungen am Nachmittag und war zeitlich eng begrenzt. Der Präsentationsstil war unterschiedlich: bei den Deutschen eher förmlich und mit ideologischem Pathos; bei 3

Vgl. Knut Hickethier,: „Das Wunder der Technik“. Die Genese eines Mediums durch die Erprobung anderer Medienparadigmen: das Fernsehen zwischen Telegrafie, Tonfilm und Radio, in: Harro Segeberg (Hg.): Die Medien und ihre Technik. Theorien – Modelle – Geschichte. Marburg 2004, S. 183–206.

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den Briten korrekt, unterhaltend und staatlich. Von einem einheitlichen europäischen Stil des Fernsehens konnte nicht gesprochen werden.

3. Die Durchsetzung des Fernsehens als Massenmedium Die weltweite Durchsetzung des Fernsehens erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg.4 Nicht nur waren seit den 1950er Jahren die nötigen technischen und ökonomischen Ressourcen zur Etablierung eines neuen Massenmediums vorhanden, es gab auch auf der Seite der potentiellen Nutzer ein stärkeres Bedürfnis, sich mit audiovisuellen Bildern zu verständigen, sowie eine gesteigerte Bereitschaft, sich auf eine schnelle, technisch-apparativ vermittelte Information einzulassen. Der Krieg hatte gezeigt, wie lebenswichtig dies sein konnte. Diese Erfahrung gewann in den 1950er Jahren in Europa mit den politischen Kontroversen des Kalten Krieges neue Bedeutung. Das Fernsehen profitierte von dieser Nachfrage und beförderte sie zugleich mit der Etablierung täglich aktueller Bildnachrichten. Von den wöchentlich neu erscheinenden Wochenschaubildern des Kinos im Zweiten Weltkrieg unterschieden sich die in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre täglich erneuerten Bilder der Fernsehnachrichten durch ihre beschleunigte Aktualität. Fernsehen entstand in den verschiedenen Ländern aus technischen Gründen zunächst als regionales und nationales Medium: Die Fernsehsendungen und Programme wurden im Ultrakurzwellen-Frequenzband (UKW) abgestrahlt, diese Wellen schmiegen sich nicht der Erdoberfläche an wie die Mittel- und Langwellen, sondern bleiben gradlinig, so dass die Reichweite eines Fernsehsenders in der Regel 150 km nicht übersteigt. Sollten Fernsehprogramme flächendeckend über größere Räume hinweg abgestrahlt werden, bedurfte es eines Netzes einzelner Sender, die durch Richtfunkstrecken (Dezimeterwellen) miteinander verbunden sein mussten. Da auch internationale Verbindungen erst aufgebaut werden mussten, war ein grenzüberschreitender Empfang von Fernsehprogrammen zunächst nur sehr beschränkt möglich. Die Einführung des Fernsehens in den europäischen Ländern nach 1945 lässt sich in vier Phasen gliedern: In der ersten Phase von 1945 bis 1948 knüpften Großbritannien und Frankreich an ihre Vorkriegsversuche an, wobei Frankreich bereits während der letzten Kriegstage, vom 29. März 1945 an, wieder mit einem Fernsehbetrieb begann und die noch intakten Einrichtungen des deutschen Besatzungssenders nutzte. Großbritannien begann seinen regelmäßigen Fernsehdienst erst am 7. Juni 1946, 4

Vgl. Knut Hickethier: Geschichte des deutschen Fernsehens (unter Mitarbeit von Peter Hoff ). Stuttgart/Weimar 1998.

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also nach dem europäischen Kriegsende. Neben den beiden Siegermächten, die damit auch ihre ökonomische und politische Präsenz demonstrieren wollten, kamen die Niederlande hinzu, die mit einem Programm ab 18. März 1948 starteten. In einer zweiten Phase von 1949 bis 1954, die nun deutlich in die Zeit der politischen Spannungen zwischen Ost und West fiel, begannen Italien (offizieller Programmbetrieb der RAI ab 26. Februar 1952), die Bundesrepublik Deutschland (offizieller Programmbetrieb ab 25. Dezember 1952), Dänemark (ab 1. Oktober 1953) und Belgien (ab 31. Oktober 1953) mit dem Programmbetrieb, erste Versuche dazu gab es jeweils schon vorher. In der dritten Phase der Fernsehausbreitung 1955–1959 nahmen dann Schweden (ab 1. Juli 1957), Finnland (ab 1. Januar 1958), Norwegen (ab 20. August 1960), die Schweiz (ab 1. Januar 1958) sowie Spanien (ab 28. Oktober 1956) und Portugal (ab 7. März 1957) den Fernsehbetrieb auf. Dabei handelte es sich entweder a) um öffentlich-rechtliche Sendebetriebe nach dem Vorbild der BBC, b) um ein öffentlich-rechtliches, durch Gebühren finanziertes Fernsehen in einer eigenständigen nationalen Variation oder c) um ein staatliches Fernsehen, das aus Steuereinnahmen oder ebenfalls über Gebühren finanziert wurde. Häufig gab es, wie in den skandinavischen Ländern, eine gesellschaftlich unabhängige Institution, die unter einer allgemeinen staatlichen Aufsicht einen Programmbetrieb organisierte oder, wie in den Niederlanden, von verschiedenen gesellschaftlichen Verbänden und Volksgruppen organisierte Programme in einem gemeinsamen Kanal ausstrahlte (Säulenmodell). In einigen westlichen Staaten wurde das Fernsehen erst in den 1960er Jahren (vierte Phase der Fernsehausbreitung) eingeführt, nachdem sich gezeigt hatte, dass es in den anderen Ländern durch seine rasante Ausbreitung zu einem bestimmenden Massenmedium geworden war. So begann das irische Fernsehen mit dem offiziellen Programmbetrieb am 31. Dezember 1961, Gibraltar TV und Malta TV 1962 und Griechenland sogar erst 1966 mit der Ausstrahlung eines eigenen Fernsehprogramms. Mit seinen verschiedenen Konzepten, Fernsehen zu organisieren, wurde Europa zum Schauplatz dafür, welches Selbstverständnis eine Gesellschaft von ihrer Kommunikation hat, welche historischen Bedingungen eine Rolle spielen und wie die herrschenden Machtkonstellationen die Formierung eines Mediums beeinflussen. Der Vergleich der Ausbreitungsgeschwindigkeiten des Fernsehens in den einzelnen europäischen Ländern zeigt, dass die Ausbreitung nach einem immer gleichen Schema erfolgte: Nach einer ersten Phase, in der sich das Medium nur langsam ausbreitete und durch zusätzliche Kampagnen und durch die Übertragung großer Medienereignisse (Krönungen, Sportübertragungen) angestoßen wurde, gab es einen Punkt, an dem etwa 3–5 Prozent der Haushalte mit einem Fernsehgerät versehen waren und von dem ab sich die Ausbreitung vor dem

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Hintergrund allgemeiner Wohlstandssteigerung und sinkender Anschaffungspreise sehr schnell weiter vollzog und innerhalb von zehn bis 15 Jahren fast die Sättigungsgrenze erreichte.5 Die Ausbreitung erfolgte zudem bei den später hinzugekommenen Ländern beschleunigt. Nach der langen Inkubationszeit von 1880 bis 1945 entwickelte sich das Fernsehen Anfang der 1970er Jahre im europäischen Raum zum Leitmedium der gesellschaftlichen Selbstverständigung. Das Fernsehen galt in allen Ländern als Medium für eine neue Zeit, das Modernität versprach und gleichzeitig auch traditionsbezogene Angebote lieferte, das den Blick in die Welt – vom Wohnzimmer aus – erlaubte, ohne dass man sich wirklich hinaus begeben musste. Es war ein Medium, das zugleich mit den Dingen des Alltags vertraut machte und von den Neuerungen der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg kündete. Diese Verkörperung der Modernität war Teil einer größer angelegten „Westernisation“,6 der Verwestlichung der europäischen Länder, insbesondere der Bundesrepublik Deutschland, die in den 1950er und 1960er Jahren stattfand. Das Fernsehen in Europa wurde mit Beginn des Kalten Krieges zum Ort der gerade auch in den Medien ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Dabei ging es zunächst nur darum, die eigene Bevölkerung ideologisch einzubinden und die jeweiligen politischen Verhältnisse zu stabilisieren. Dies erfolgte – abhängig von der Distanz zum „Eisernen Vorhang“, der sich quer durch Europa spannte – in unterschiedlichen Formen. Am deutlichsten war diese mediale Konkurrenz der Systeme in Deutschland, wo das Überschreiten der innerdeutschen Grenze durch die Fernsehprogramme den Bewohnern des jeweils anderen Teilstaates in der eigenen Muttersprache einen scheinbar direkten Einblick in die Lebensverhältnisse des anderen Staates gewährte. Dabei orientierten sich die DDR-Bewohner stärker am Westfernsehen als die Bundesbürger am Ost-Fernsehen, auch wenn bundesdeutsche Politiker Ende der 1950er Jahre noch starke Befürchtungen einer Infiltration der Bundesrepublik durch das neue Medium hegten. Weil die beiden deutschen Fernsehsysteme erst nach der Etablierung der beiden deutschen Teilstaaten entstanden, verstanden sie sich von Anfang an als mediale Öffentlichkeiten für ihr jeweiliges Land.

5 6

Vgl. Holger Bonus: Die Ausbreitung des Fernsehens. Meisenhain am Glan 1968. Anselm Doering-Manteuffel: Westernisierung: Politisch-ideeller und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik bis zum Ende der 60er Jahre, in: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammers (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften. Hamburg 2000, S. 311–341.

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4. Die gesellschaftliche Konstitution des Fernsehens Die gesellschaftliche Konstitution des Fernsehens nach 1945 erfolgte in den europäischen Ländern nach deren jeweiligen Bedingungen. Einheitlich war nur, dass das Fernsehen als Rundfunkmedium in Anlehnung an die Organisation des bereits vorhandenen Hörfunks erfolgte. Prägend war weiterhin in einigen Ländern das britische Vorbild der BBC und damit die Form eines public broadcasting, eines öffentlich-rechtlichen, durch Gebühren finanzierten Fernsehens, das durch einen Rundfunkrat, der aus Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zusammengesetzt war, kontrolliert wurde. Dieses Modell wurde in unterschiedlichen Varianten vor allem von den skandinavischen Ländern (Schweden, Dänemark, Norwegen, mit Modifikationen auch in Finnland) sowie in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und in der Schweiz realisiert. Es legte den Grundstein zu einer Unabhängigkeit des Fernsehens gegenüber dem Staat und kommerziellen Gruppen. In den südwesteuropäischen Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien und Portugal etablierte sich das Fernsehen zunächst als eine staatliche Einrichtung, auch hier in unterschiedlichen Formen. In den Diktaturen Spanien und Portugal war das Fernsehen eine staatlichen Ministerien nachgeordnete Einrichtung, in allem abhängig von den Weisungen der Regierung. In Frankreich wurde RadioTélévision Française (RTF) zunächst als staatliche Institution gegründet, deren staatlicher Charakter dann 1959 mit ihrer Umwandlung in die Organisation Radio Télévision Française (ORTF) gelockert wurde. In Italien wiederum wurde die RAI als Aktiengesellschaft in staatlichem Besitz organisiert. Deutlich war hier, dass das Fernsehen zumindest in den ersten beiden Jahrzehnten als ein Sprachrohr des Staates innerhalb der Gesellschaft diente. In den osteuropäischen Ländern prägte das sowjetische Vorbild die Fernsehentwicklung mit dem Verständnis der Medien als Multiplikatoren der Partei und als Organisatoren der Massen im Leninschen Sinne. Das Fernsehen – auch hier aus dem Hörfunk und seiner Organisation heraus entwickelt – unterstand direkt dem Staat sowie der regierenden kommunistischen Partei. Dabei wählte man zumeist folgendes Modell: Lenkungsorgan des Fernsehens war ein staatliches Komitee (in der DDR das „Staatliche Fernseh-Komitee“), in dem Vertreter des Fernsehens, u.a. sein Intendant oder Direktor, Vertreter des zuständigen Kulturministeriums und einzelne Repräsentanten des öffentlichen Lebens saßen. Das Komitee erhielt seine Direktiven vom Politbüro der Partei, erschien aber nach außen als eine eigenständige Einrichtung. Kommerziell betriebenes Fernsehen wurde in Europa zuerst in Großbritannien 1954 eingerichtet. Mehrere regionale Programmgesellschaften produzierten werbefinanziert Sendungen, die in einem von der neu gegründeten Aufsichtsbehörde Independent Television Authority (ITA, später ITV) kontrollierten Pro-

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gramm ausgestrahlt wurden. Dieses Nebeneinander von öffentlich-rechtlichem und kommerziellem Programm wurde dann zum Vorbild auch für kommerzielle Initiativen in anderen Ländern. Kommerziell produzierte Programme – etwa Radio Télévision Luxembourg (RTL) –, entstanden vor allem in kleinen Ländern (Monaco, Luxemburg), die einen Fernsehsender nicht über Gebühreneinnahmen finanzieren konnten, weshalb sie auf Werbeeinnahmen setzten. Sie strahlten ihre Programme absichtsvoll in die Empfangsgebiete ihrer Anrainerstaaten aus und gewannen auf diese Weise ein für die Werbeindustrie interessantes großes Publikum. Diese Fernsehunternehmen wurden teilweise zur Keimzelle für mächtige Medienkonzerne (die RTL Group umfasst 2008 42 Fernseh- und 32 Radiosender).

5. Die Europäisierung des Fernsehens auf der Ebene der Sender Der Rundfunk (und damit auch das Fernsehen) war trotz seiner zunächst nationalen Gründungen und nationalen Spezifika immer auch international organisiert, denn es bedurfte internationaler Vereinbarungen bereits hinsichtlich der Abstimmung der technischen Normen und Standards und der Verteilung der Frequenzen. Neben dem Weltrundfunkverein bestand seit 1925 auch die Union Internationale de Radiodiffusion (UIR), der ab 1946 in Brüssel die Organisation Internationale de Radiodiffusion (OIR) folgte, die 1949 zur Organisation der Rundfunkorganisationen des Ostblocks (OIRT) und später nach Prag verlegt wurde, während die westeuropäischen Staaten sich in der Anfang 1950 gegründeten European Broadcasting Union (EBU) mit Sitz in Genf zusammenschlossen. Damit war für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Spaltung in Ost und West auch in den internationalen Verbänden vollzogen. Schon früh begannen in Westeuropa die ersten Experimente mit einer europäischen Vernetzung des Fernsehens. Im August 1950 kam es zur ersten Verbindung zwischen den Fernsehsystemen von Großbritannien und Frankreich im sogenannten „Calais-Experiment“7, bei der es unterschiedliche Fernsehnormen zu überbrücken gab. Ab Sommer 1951 gab es gemeinsame Sendungen in Großbritannien (BBC) und Frankreich (RTF), wobei die EBU daran noch nicht direkt beteiligt war. Die erste größere transnationale Übertragung von Fernsehsendungen fand im Juni 1953 bei der Krönung der britischen Königin Elisabeth II. in London statt, für die Übertragungsverbindungen nach Belgien, Frankreich, in die 7

Wolfgang Degenhardt/Dorothee Erdmann/Christoph Reinhold/Elisabeth Strautz: Europäisches Fernsehen bis 1970. Eine Idee wird zum Laufen gebracht. Eine kleine Geschichte der Europäischen Rundfunkunion und der Eurovision. Siegen 1996, S. 27.

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Bundesrepublik sowie in die Niederlande aufgebaut worden waren. Aufgrund des Erfolges beschloss die EBU ein Jahr später, „Europäische Programmwochen“ durchzuführen. Dabei wurden Sendungen der verschiedenen europäischen Staaten (acht Teilnehmerstaaten) gemeinsam ausgestrahlt. Diese gemeinsamen Sendungen, die unter dem Kennzeichen „Eurovision“ liefen, waren in der Regel Unterhaltungssendungen, Sportübertragungen, aber auch Fernsehspiele und andere fiktionale Darbietungen. Ab 1956 wurde jährlich der Eurovision Song Contest übertragen, der bis heute jährlich gesendet wird. Die EBU baute sich in Brüssel eine Schaltzentrale für den europäischen Programmaustausch aus, parallel bzw. zeitlich versetzt entstanden auch in den europäischen Ländern Schaltzentralen (zumeist bei den Sendersitzen in den Hauptstädten, in der Bundesrepublik in Frankfurt am Main) für die jeweiligen nationalen Programme. Ab 1958 kam es zum Nachrichtenaustausch, ab 1962 wurden feste Standleitungen für den aktuellen Dienst eingerichtet; der Austausch intensivierte sich in den 1960er Jahren. Dem westeuropäischen Programmaustausch durch die Eurovision stellte die OIRT in Osteuropa die „Intervision“ gegenüber, wobei der hier betriebene Programmaustausch deutlich geringer war als bei der Eurovision. Als Hindernis für eine intensivere Vernetzung der verschiedenen europäischen Länder durch einen Programmaustausch oder vielleicht sogar ein gemeinsames europäisches Programm erwiesen sich die Sprachenvielfalt, die unterschiedlichen Verankerungen des Fernsehens in den einzelnen Kulturen und die Differenzen im Umgang mit dem Medium. Daran änderten auch Voiceover-Programme oder Untertitelungen wie z.B. beim 1985 gegründeten Europa TV wenig.8 Die Ausweitung der Vernetzung der Sender und der Erweiterung der Reichweiten der Programme blieb an den europäischen Grenzen nicht stehen. Die globale Verbreitung seiner audiovisuellen Bilder kann als eine inhärente Tendenz des Mediums gelten, die zur Verbindung mit den USA und anderen außereuropäischen Ländern führte. Seit die Sowjetunion 1957 einen ersten Satelliten („Sputnik“) in eine Umlaufbahn um die Erde geschossen hatte, geriet die Satellitenabstrahlung für die Fernsehverbreitung in den Blick. 1969 kam es zu Übertragungen von Eurovision und Satellitenverbindungen bei der amerikanischen Mondlandung. Die europäische Nutzung des amerikanischen Satelliten Intelsat führte Ende der 1970er Jahre dazu, dass die EBU sich am Aufbau eines europäischen Satellitensystems Eutelsat beteiligte, schließlich kamen in den 1980er Jahre die direkt abstrahlenden Satelliten der Astra-Kette hinzu, bei denen die Fernsehzuschauer mit einer eigenen Empfangsanlage („Schüssel“) diese Satellitenprogramme direkt empfangen konnten.

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Siehe hierzu den Beitrag von Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer in diesem Band.

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Anfang der 1980er Jahre entstanden innerhalb und außerhalb der EBU Ideen zur Schaffung eines übergeordneten transnationalen Fernsehprogramms, mit der Vorstellung, eine europäische Öffentlichkeit – parallel zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas – zu schaffen. Zunächst wurde 1982 ein gemeinsames europäisches Fernsehprojekt mit dem Namen „Eurikon“ von fünf europäischen Rundfunkorganisationen (ARD, Deutschland; RAI, Italien; IBA, Großbritannien; ORF, Österreich; NOS, Niederlande) gegründet, dann ein gemeinsames europäisches „Europa TV“ in Betrieb genommen, das als „Vollprogramm“ konzipiert war und ab Herbst 1985 gesendet wurde. Fehlende finanzielle Ausstattung, die Nichtbeteiligung großer Fernsehnationen wie Frankreich und Großbritannien, aber auch mangelnder Mut und fehlende Ausdauer führten dazu, dass das Programm bereits 1986 eingestellt wurde. Von einem der Initiatoren, Richard Dill, wird der Satz kolportiert: „Europa TV ist das Europa-Programm, von dem jeder übereinstimmt, dass ein anderer es machen soll.“9 Europäische Programme konnten sich nur in Spartenbereichen durchsetzen: als europäischer Nachrichtenkanal EuroNews (ab 1993) und als Kanal für Sportübertragungen Eurosport. Deren geringe Einschaltquoten gelten immer wieder als Indiz dafür, dass transeuropäische Vollprogramme nur eine geringe Akzeptanz finden und deshalb nicht finanzierbar sind. Im Hintergrund der genannten transeuropäischen Fernsehinitiativen ist der wachsende Druck der Pressekonzerne und anderer Medienunternehmen auf das Fernsehen zu sehen, mit dem eine Kommerzialisierung des Mediums durchgesetzt werden sollte. Sie konterkarierten letztlich die Ambitionen der EBU, in der vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Ton angeben. Die neuen Möglichkeiten der Abstrahlung von Fernsehprogrammen über Satelliten und ihre Verbreitung über Kabel führten dazu, dass die Limitierungen der Programmzahl aufgrund terrestrischer Frequenzbeschränkungen entfielen und es in vielen europäischen Ländern zu einer Programmvervielfachung durch kommerzielle Programmanbieter (und auch durch öffentlich-rechtliche Sender) kam. Weiterhin reduzierte die Digitalisierung der Programmproduktion und -distribution mittelfristig die Kosten der Programmherstellung und ihres Vertriebs. Transnationale Programminitiativen der Rundfunkanstalten starteten deshalb mit einem hohen Anteil an Wiederholungen aus den nationalen Programmen oder mit Beteiligungen an der nationalen Programmproduktion. Im deutschsprachigen Raum sind dies seit 1984 das gemeinsame Programm 3sat der Bundesrepublik Deutschland (ZDF, später auch ARD), Österreichs (ORF) und der deutschsprachigen Schweiz (SRG) sowie seit 1992 der deutsch-französische Kulturkanal Arte (Association Relative á la Télévision Européenne). 9

Richard Dill: Europrogramm OLYMPUS rückt näher; in: Medien Forum. München 1985 (Vervielf. Vortrag).

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In den 1950er Jahren bildete sich ein – bei allen Differenzen zwischen den verschiedenen Fernsehsystemen – gemeinsames europäisches Programmmuster des Fernsehens heraus,10 das in starkem Maße von der Vorstellung einer staatlich unabhängigen publizistischen Instanz geprägt war und sich – trotz der fast überall stattfindenden Einführung eines auch kommerziell agierenden Fernsehens in den 1980er und 1990er Jahren – als ein dominantes Merkmal gehalten hat. Dieser europäische „Fernsehstil“, wie ihn Gerhard Eckert 1965 für die 1950er Jahre beschrieben hat,11 war jedoch vor allem formal, inhaltlich bestanden gravierende Unterschiede: So war ein skandinavisches Publikum kaum für die Unterhaltung durch Stierkämpfe zu begeistern, umgekehrt stießen bestimmte nordeuropäische Unterhaltungsformen im Süden auf Befremden.12 Bei allen Ähnlichkeiten blieb deshalb das Fernsehen auch weiterhin ein jeweils national geprägtes Medium, das die Einblicke in andere Kulturen (auch in sogenannten Europasendungen) immer als Einblicke in mehr oder weniger fremde Lebenswelten darbot. Die Konfliktlage des Kalten Krieges rückte das europäische Fernsehen bereits früh näher an das amerikanische Fernsehen mit seinen anderen Bedingungen der Programmproduktion und -distribution. Mitte der 1950er Jahre kam es bei vielen europäischen Sendern zu umfangreichen Programmimporten (insbesondere von Fernsehserien), so dass Eckert befürchtete, Europa werde „trotz seiner Fernsehtraditionen“ zu „einem Fernsehvorland der USA“ werden13. Auch wenn er dies sicherlich zu pessimistisch sah, und das Fernsehen in Europa immer noch seine Eigenständigkeit behalten hat, aus den gemeinsamen Fernsehtraditionen hat sich kein einheitliches europäisches Fernsehen ergeben.

6. Versuche einer gemeinsamen europäischen Programmproduktion Neben den Initiativen zur Schaffung transeuropäischer Fernsehprogramme entstanden zahlreiche Kooperationsvorhaben im Produktionsbereich. In der Kinofilmproduktion war es bereits seit den 1920er Jahren immer wieder zu länderübergreifenden Koproduktionen gekommen, zum einen um die Kosten zu senken, zum anderen um die Filme den verschiedenen nationalen Kulturen anzupassen, so dass die Filme auf eine größere Akzeptanz stießen. Auch inner10 Vgl. Gerhard Eckert: Das Fernsehen in den Ländern Westeuropas. Gütersloh 1965. 11 Vgl. ebd., S. 28ff. 12 Vgl. auch Hans Kleinsteuber: Deutsche Welle & Co. und ihr Beitrag zur Stärkung europäischer Öffentlichkeit, in: Wolfgang Langenbucher/Michael Latzer (Hg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Wiesbaden 2006, S. 305–317. 13 Ebd., S. 27.

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halb der Fiktionsproduktion des Fernsehens kam es deshalb schon in den 1960er Jahren zu zahlreichen Verbindungen. Im deutschsprachigen Raum entstand 1961 eine bayerisch-österreichisch-schweizerische Arbeitsgemeinschaft, aus der 1963 das Europäische Programmkontor Telepool entstand, das für die beteiligten Sender Kultursendungen herstellte. Mitte der 1960er Jahre begannen das ZDF, ORF und SRG eine langfristige Zusammenarbeit. Man wollte, dass die Zuschauer der beteiligten Länder „als Nationen einander näher gebracht“14 werden sollten. Vor allem bei mehrteiligen Fernsehfilmen suchten die Fernsehgesellschaften Koproduktionspartner; zum einen bei den jeweiligen nationalen Filmproduktionsunternehmen mit Film-Fernseh-Koproduktionen, die es als vertraglich geregeltes Vorhaben sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien (Channel Four) und dann auch in abgeschwächter Form in anderen europäischen Ländern gab; zum anderen bemühte man sich bald bei Produzenten und Sendern um eine übernationale Zusammenarbeit. Das ZDF gründete 1985 dafür mit ORF und SRG sowie RAI, Antenne 2, Channel Four und dem spanischen Fernsehsender RTVE eine Europäische Produktionsgesellschaft, um gemeinsam europäische Fernsehserien herzustellen. In den 1980er und 1990er Jahren wurden viele europäische Koproduktionen hergestellt, nicht immer erfolgreich, weil oft die individuelle Handschrift des Regisseurs verloren ging und die Filme zu so genannten „Zutatenfilmen“ wurden, in denen aus jedem Land etwas dabei sein musste und man sich deshalb oft nur auf den kleinsten gemeinsamen ästhetischen Nenner einigen konnte. Am Ende des Jahrhunderts nahm das Interesse an derartigen Koproduktionen deutlich ab. Daneben gab es in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche bi- und trinationale Koproduktionen, wobei hier oft ökonomische Gründe eine Rolle spielten, wenn eine Filmhandlung in verschiedenen Ländern spielen sollte und man durch Koproduktionsvereinbarungen die Kosten reduzieren konnte. Auch gingen die westeuropäischen Fernsehanstalten, insbesondere die deutschen, dazu über, aufwändige Filme und Serien in osteuropäischen Ländern herstellen zu lassen, etwa bei Märchenproduktionen in der Zusammenarbeit mit den tschechischen Filmstudios in Barandov. Einige Länder, wie z.B. die DDR, produzierten Fernsehfilme direkt „für den Export“ in den Westen; sie wurden aufwändiger hergestellt und auf Programmmessen sowohl den bundesdeutschen als auch anderen westeuropäischen Sendern angeboten. Da Fernsehprogramme vom Prinzip her täglich Neues anbieten müssen, ist ein kontinuierliches Programmangebot nur über den Zukauf fremdproduzierter Sendungen möglich. Fernsehproduktionen anderer europäischer Fernsehanstalten wurden deshalb schon in den 1950er Jahren eingekauft und dann – entweder synchronisiert oder mit Untertiteln versehen – in den eigenen Programmen ge14 Anonym: Die ORF und die Coproduktionen, in: TV-Kurier, November 1974, S. 4ff.

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sendet. Dabei waren die Ausstrahlungspolitiken unterschiedlich. Gab es in einigen Ländern, wie z.B. Frankreich, Quoten für ausländische Sendungen, bestanden in anderen Ländern, wie z.B. der Bundesrepublik, keine Beschränkungen. Wurden anfangs vor allem Sendungen oder Sendekonzepte aus anderen europäischen Ländern übernommen, setzte sich schon gegen Ende der 1960er Jahre die Ausstrahlung amerikanischer Filme und Serienproduktionen durch. Diese wurden in großer Zahl auf dem europäischen Markt angeboten und waren bei den verschiedenen nationalen Fernsehpublika wegen ihrer Aktionsorientiertheit und ihrem „Hauch der großen weiten Welt“ beliebt. Auf diese Weise entstanden in den einzelnen Ländern latent internationale (vor allem amerikanisch eingefärbte) Programme – latent deshalb, weil das Internationale von den jeweiligen Muttersprachen „gerahmt“ wurde. Die Fernsehanstalten in den größeren Ländern synchronisierten die eingekauften Sendungen durchweg. Dadurch erschienen die Darstellungen zur eigenen Kultur gehörig, und es störte kaum einen, dass auf diese Weise in anderen Ländern immer deutsch oder französisch gesprochen wurde. In den kleineren Ländern (etwa in den Niederlanden, Dänemark, Norwegen) erschienen ausländische Filme zumeist mit Untertiteln, wodurch sie deutlich einer anderen Kultur zugehörig erschienen. Die größere Verbreitung von Mehrsprachigkeit in den kleineren europäischen Ländern wird häufig auf diese Praxis der Ausstrahlung zurückgeführt, weil die Untertitelungen den Originalton immer noch präsent halten.

7. Die gesellschaftliche Bedeutung des Fernsehens in Europa Allen Bemühungen um ein gemeinsames, für alle Europäer gleiches Fernsehen zum Trotz bleibt dieses Medium durch seine Verschiedenheiten geprägt. Ein transeuropäisches Fernsehen hat sich aus diesen vielfältigen Initiativen nicht entwickelt. Gleichwohl ist es bei allen Verschiedenheiten auch durch Gemeinsamkeiten bestimmt. So übernahm das Fernsehen in allen europäischen Ländern, wenn auch auf unterschiedliche Weise, verschiedene gesellschaftliche Funktionen: eine eigenständige Institution der Öffentlichkeit zu sein, einen Ort der Vermittlung von Weltanschauungen und Weltbildern zu konstituieren, Ratgeber und gesellschaftliche Orientierungsinstanz zu sein und sich als Ort der medialen Unterhaltung zu etablieren. Fernsehen ist damit in den verschiedenen europäischen Gesellschaften eine öffentliche Instanz, deren Einfluss vor allem von seiner Reputation, seiner Unabhängigkeit und der Integrität seines Programmhandelns abhängt. Dabei war und ist der Anspruch auf Glaubwürdigkeit des Mediums in den europäischen Ländern unterschiedlich ausgeprägt. Die öffentlich-rechtlichen Systeme hatten

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– gerade auch aufgrund ihrer Unabhängigkeit vom Staat – einen deutlich größeren Anspruch, überparteilich und staatsfern zu agieren und auch Kritik an staatlichen Einrichtungen formulieren zu können, als das staatlich organisierte Fernsehen z.B. in Frankreich, das noch heute als ein primär staatliches Sprachrohr verstanden wird. Sehr viel geringer war die Autorität des Mediums in den osteuropäischen Ländern bis 1989.15 Letztlich schafft das Fernsehen Öffentlichkeiten, die auf kulturelle Konsensualität ausgerichtet und dem Common Sense einer gesellschaftlichen Mehrheit verpflichtet sind. Das Fernsehen organisiert den „mainstream“ der Meinungen in der Gesellschaft. Darin begründet sich eine harmonisierende – bzw. nivellierende – Funktion des Mediums auf die öffentlichen Debatten. Denn Fernsehen wirkt – nicht zuletzt aufgrund seiner Anschaulichkeit und wegen seiner mainstream-Orientierung – als eine besondere integrative Kraft für die jeweilige Kultur: zum einen auf einer strukturellen Ebene, indem das Medium die Zeit vieler Menschen besetzt, sie mit ähnlichen bzw. denselben Themen beschäftigt, zum zweiten, weil es durch seine Medialität zum Zentrum einer Kultur wird, und zum dritten, weil es über die Beschäftigung mit spezifischen Sichtweisen, Inhalten und Darstellungsformen ein gemeinsames Bewusstsein von der Repräsentation von Welt erzeugt. Diese Integrationsfunktion ist in den verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich ausgeprägt. Gerade in den Fernsehländern, die zum Ostblock gehörten, war dieser Integrationseffekt geringer und in der DDR mit der Einstrahlung der westdeutschen Programme deutlich begrenzt. Hinzu kam in allen Ländern, dass mit der Programmausweitung und der Vervielfachung bei den Zuschauern unterschiedliche Präferenzen ausgebildet wurden, und die Zuschauer unterschiedliche „Lesarten“ entwickelten. Die Effekte, die das Fernsehen bis in die 1980er Jahre erzeugt hat, verweisen auf grundsätzlichere Momente. Die westlichen und östlichen Fernsehsysteme vor 1989 standen in ihren zentralen Prämissen der Argumentationsmuster konträr zueinander: Im Osten zielte in den fiktionalen und dokumentarischen Sendungen die Erfüllung aller Handlungen der Einzelnen tendenziell darauf, etwas zum Fortschritt der gesamten Gesellschaft beizutragen – und sei es als Versprechen für die Zukunft. Im Westen dagegen setzten die Fernsehdarstellungen meist auf das individuelle Glück des Einzelnen im Hier und Jetzt. Das westliche Grundmuster hatte gerade in einem auf audiovisuelle Anschaulichkeit ausgerichteten Medium eine vom einzelnen Zuschauer sehr viel leichter nachvollziehbare Evidenz als das östliche und stand in einer direkten kulturellen Traditionslinie der europäischen Tendenz zur Individualisierung.

15 Siehe hierzu den Beitrag von Jan C. Behrends in diesem Band.

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Diese Grundmuster finden sich als Stereotype in den Programmformen der jeweiligen Fernsehprogramme in unterschiedlichen Ausgestaltungen immer wieder, und gerade deshalb erschien das westliche Fernsehen langfristig attraktiver und war letztlich erfolgreicher. Es ist nicht so, dass eine solche Grundhaltung als ein fertiges „Konzept“ des Fernsehens am Anfang stand und danach das Programm systematisch geplant wurde, sie stellte sich im Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung und im oft experimentierenden Programmmachen nach und nach ein, leitete sich aus den Abgrenzungen ab, die gegenüber den anderen Gesellschaftssystemen und ihrem Medienverständnis getroffen werden mussten. Gerade weil in den „sozialistischen“ Ländern die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen ständig gefordert wurde, konnte als Gegenbegriff in den westlichen Medien der auf den Einzelnen ausgerichtete Freiheitsbegriff besonders herausgestellt werden, der dann nicht zuletzt durch Freiheit im Konsum evident gemacht wurde. Die mediale Tendenz, private Welten herauszustellen, sich mit dem Beziehungsglück zu beschäftigen, die Leistungen einzelner – zum Beispiel in Unterhaltungssendungen – herauszustellen, führte zu veränderten medialen Weltsichten, letztlich zu veränderten Normen und Werten, die das Fernsehen implizit – in der Struktur seiner Angebote – vermittelte. Man muss beim Fernsehen von lang- bzw. mittelfristigen Effekten ausgehen, nicht nur von kurzfristigen „Wirkungen“ einzelner Sendungen. Joshua Meyrowitz hat für das Fernsehen der USA konstatiert, dass dieses Medium mittelfristig zu drei großen Veränderungen geführt habe, die ebenso auch für das europäische Fernsehen gelten. Es trage, weil es jetzt allen Einblicke in die Gesellschaft liefere, bei a) zur Verwischung der Abgrenzungen zwischen Kindheit und Erwachsensein, weil die Kinder jetzt einen frühen Einblick in die Erwachsenenwelt bekämen, b) zur Emanzipation der Frauen, weil die Hausfrauen jetzt auch die Männerwelt kennen lernten und an ihr partizipieren wollten und c) zur Entauratisierung der Politik, weil das Fernsehen Politiker jetzt in größerer Nähe präsentiere, sie dadurch menschlicher mache, wenn sie in scheinbar unbeobachtet geglaubten Momenten aufgenommen würden.16 Die Betonung des Privaten und des glückhaften Gelingens des Lebens (oder des individuellen Scheiterns als Kontrast) steht in allen europäischen Programmen immer im Gegensatz zu journalistischen Programmelementen wie den Nachrichten, die von der Darstellung des Katastrophischen und Schlechten in der Welt bestimmt sind. Die Nachrichtenpraxis ist durch einen Negativismus seiner Meldungen geprägt. In den Fiktionen wird dagegen immer wieder eine Versöhnung mit der Welt propagiert. Dies führte langfristig zu einer Entideologi16 Joshua Meyrowitz: Die Fernseh-Gesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter. Weinheim/Basel 1987.

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sierung der öffentlichen Diskurse, indem die Tradition ideologisch aufgeladener Wertsysteme aufgebrochen wurde. Die Propagierung des individuellen Glücks im Rahmen eines größeren Konzepts der Individualisierung, wie es die Moderne vertrat, entsprach auch der Rezeptionssituation des Fernsehens im privaten Kontext. Das Öffentlichkeit schaffende Fernsehen etablierte sich im Kern der Privatsphäre. Diskutierte man anfangs in einigen europäischen Ländern noch andere, z.B. kollektive Formen des Fernsehens, so setzte sich ziemlich rasch in allen Ländern die Rezeption im Privaten durch. Dies bestimmte nicht nur den Modus der Rezeption, sondern führte zu einer doppelten „Domestizierung“: Zum einen wurde das Fernsehen in der Grundtendenz seines Angebots auf Familiarität eingeschworen, auf eine mittlere Verständlichkeit und den schon erwähnten mainstream der Meinungen, und damit in seinem Potenzial – so zeigt es sich rückblickend – „entschärft“. Zum anderen wurden die Zuschauer damit verstärkt an das Haus gebunden. Dies gilt gerade für die 1950er und 1960er Jahre, und zwar besonders für die Arbeiter- und Angestelltenhaushalte, in denen das Fernsehen zu einer verstärkten Häuslichkeit führte.17

8. Die Kommerzialisierung des europäischen Fernsehens Das Fernsehen ist letztlich als ein Distributionsmedium entstanden, und in dieser Hinsicht fanden die umfassendsten Weiterentwicklungen statt. Durch den Aufbau von Kabelnetzen (in denen dann mehr als nur drei bis fünf Programme vertrieben werden konnten) und der Satellitensysteme, die sehr viel größere Distanzen als die terrestrischen Fernsehsender überbrückten, konnten sehr viel mehr Programme verbreitet werden. Die Etablierung im Orbit „stehender“ Satelliten, die mit hinreichend großen Empfangsanlagen Programme direkt an die Zuschauer abstrahlten, trugen zu einer Weiterentwicklung der Fernsehsysteme in den 1980er Jahren in Europa bei. Dabei war die technische Entwicklung in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. André Lange konstatierte 1996, dass neben den „demographischen, politischen und sprachlichen Besonderheiten“ die „Empfangsvoraussetzungen aus Europa einen äußerst zersplitterten Fernsehmarkt“ entstehen ließen.18 Von allen westeuropäischen Ländern betrieb 17 Rolf Lindner: Fernsehen und Alltag der Zuschauer, in: Medium, 6, 1976, H.6, S. 11–13, Knut Hickethier: Fernsehen in der Erinnerung seiner Zuschauerinnen und Zuschauer. Medienbiographien, historische Rezeptionsforschung und die Verhäuslichung des Fernsehens, in: Jutta Röser (Hg.): MedienAlltag – Domestizierungsprozesse alter und neuer Medien. Wiesbaden 2007, S. 57–70. 18 André Lange: Bouquets in Hülle und Fülle für das europäische Fernsehen, in: Sequentia, 3, 1996, 8, S. 10–15.

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die Bundesrepublik Deutschland die Durchsetzung neuer Technologien mit der ab 1982 begonnenen flächendeckende Verkabelung der Bundesrepublik am stärksten, weil sie dazu diente, die gesellschaftlich stark umkämpfte Einführung des kommerziellen Fernsehens durchzusetzen. In anderen Ländern war dieser Ausbau deutlich geringer. Dies führte dazu, dass das Fernsehen in Deutschland vor allem mit zahlreichen so genannten Free-TV-Programmen, also frei empfangbaren Programmen in den Kabelsystemen und über den Satellitenempfang vertreten ist, während in anderen Ländern, z.B. in Frankreich und Großbritannien, die Zahl der Free-TV-Programme deutlich geringer ist und kommerzielles Fernsehen vor allem als ein Abo- oder Bezahlfernsehen (Pay-TV) verschlüsselt ausgestrahlt wird. Deutschland als der größte europäische Fernsehmarkt stand immer besonders im Blick der privaten Fernsehbetreiber. Vor allem die großen Presse- und Medienkonzerne wie der Springer-Konzern, die WAZ-Gruppe oder der Bertelsmann-Konzern sowie der Filmrechtehändler Leo Kirch engagierten sich stark auf dem Fernsehmarkt. Neben den öffentlich-rechtlichen Programmen (ARD, ZDF mit diversen Spartenprogrammen) entstanden auf diese Weise Senderfamilien um RTL (Bertelsmann) und Sat.1 und ProSieben (Kirch/Springer). Diese Konzerne arbeiten zunehmend europaweit. In den osteuropäischen Ländern bedeutete die Einführung der direktabstrahlenden Satelliten, dass bei einem nun beträchtlichen grenzüberschreitenden Empfang von Fernsehprogrammen (spill over) osteuropäische Zuschauer Fernsehprogramme Westeuropas empfangen konnten. In den internationalen Gremien führte diese Entwicklung in den 1980er Jahren zu einer Auseinandersetzung, weil die osteuropäischen Staaten ein Recht auf Selbstbestimmung über die Fernsehangebote in ihren Ländern für sich reklamierten, während die westeuropäischen Staaten und die USA einen free flow of communication im Sinne einer individuellen Selbstbestimmung der Zuschauer forderten und letztlich dank ihrer technischen Macht über die im Orbit installierten Satelliten auch durchsetzen konnten. Die Einstrahlung dieser Programme trug – neben anderen Faktoren – zum Niedergang der kommunistischen Systeme von Polen, Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion bei. Gegenüber diesen, jeweils als „samtenen“, weil friedlichen, Revolutionen bezeichneten Veränderungen war in Rumänien sogar von einer Fernsehrevolution die Rede,19 weil das Regime mit der Erschießung Ceausescus und seiner Frau nach einer Fernsehansprache vor einer aufgebrachten Menge beseitigt wurde. Die Ausbreitung von kommerziellen Fernsehprogrammen in Europa und die Umwälzungen im Ostblock überlagerten sich und ließen die Konzentrationspro19 Eine Fernsehrevolution? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.12.1989, S. 2.

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zesse der kommerziellen Sender in den Hintergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit treten. Die Einführung marktorientierter (kapitalistischer) Wirtschaftsformen in den osteuropäischen Ländern führte zu einer Aufbruchstimmung in den Medienunternehmen und hatte eine Expansion der westlichen Medienkonzerne in diesen Ländern zur Folge. Die Einführung kommerzieller Programme führte auch zu veränderten Sendeangeboten. Dabei lassen sich gerade aufgrund der länderübergreifenden Strategien der Medienkonzerne (insbesondere der RTL Group) ähnliche Programmstrategien in den verschiedenen Ländern beobachten. Diese wurden durch jeweils kulturelle Bedingungen in den einzelnen Ländern modifiziert (z.B. durch religiöse Bedingungen, durch ethische Wertsetzungen und Normen), wobei diese Praxis wiederum den allgemeinen Prinzipien der Globalisierung von Medienangeboten (glocalization) entspricht. Im Sinne der ökonomischen Effizienzsteigerung waren und sind die Konzerne jedoch mittelfristig an der Beseitigung solcher regionaler Begrenzungen interessiert. Waren die Strategien gerade der größeren kommerziellen Stationen in den 1980er Jahren noch dadurch gekennzeichnet, dass die Programme möglichst rasch rund um die Uhr, also 24 Stunden lang, präsent sein sollten und deshalb viele amerikanische Serien ausstrahlten, so suchten die kommerziellen Programmmacher später nach Angebotsnischen, die die öffentlich-rechtlichen Programme nicht füllten: etwa wenn es um die Ausstrahlung von Softpornos nach 22 Uhr ging, die Verschärfung von Talkshows zu Confrontainment-Shows, in denen eingeladene Politiker schon einmal bloßgestellt wurden, wenn in RealityShows Aufnahmen von Unglücken, Katastrophen, Rettungsaktionen gezeigt und bald auch gezielt inszeniert wurden oder wenn sich in den in den 1990er Jahren nachmittags eingerichteten „Daily Talk Shows“ Alltagsmenschen ihre Beziehungsprobleme öffentlich um die Ohren schlugen, angefeuert durch Talkmaster und ein sensationssüchtiges Studiopublikum. Programmideen wurden jetzt zu kommerziellen „Formaten“ geformt, die, wenn sie erfolgreich waren, per Lizenz in den verschiedenen nationalen Fernsehsendern nachinszeniert wurden. Programmfirmen wie Fremantle (Großbritannien) oder Endemol (Niederlande) spezialisierten sich auf die Erzeugung neuer Sendeformen, zumeist durch Variation oder Kombination bestehender Fernsehgattungen und -genres. Die multimedial aufgestellten Medienkonzerne vermarkteten verstärkt erfolgreiche Sendungen wie Big Brother und Pop Idol quer durch die Medien (Cross Media) und quer durch die verschiedenen Länder. Erfolgreichstes Modell war die Serie Big Brother von der Firma Endemol, in der Formen der fiktionalen Fernsehserie und der Unterhaltungsshow mit Zuschauerbeteilung kombiniert wurden: Authentizitätsanspruch, fiktionale Narrationsmuster und Wettkampfstruktur (dem Sieger winkte eine hohe Geldprämie) sorgten – unterstützt durch zahlreiche Cross Media-Aktionen mit Boulevard- und Programmzeitungen –

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für große Spannung bei den Zuschauern. Weitere derartige Neukonstruktionen, etwa Gerichtsshows, Castingshows, Dokusoaps etc. folgten. Faszinierend für viele Zuschauer war das Prinzip, nach dem sich „reale Menschen“ darstellen und sich teilweise auch öffentlich lächerlich machen. Damit veränderten sich die Funktionen, die das Fernsehen für die Gesellschaft wahrnahm. Denn schon Mitte der 1990er Jahre zeichnete sich ab, dass zum einen die gesellschaftliche Integrationsfunktion abnahm und stattdessen einer Fragmentierung der Gesellschaft durch das Entstehen unterschiedlicher medialer Teilöffentlichkeiten – auch und gerade innerhalb des Mediums Fernsehen – Platz machte. Die Gesellschaft, die zu Beginn der 1990er Jahre von dem Soziologen Gerhard Schulze in verschiedene Milieus unterteilt wurde, die sich vor allem durch Präferenzen des Konsums und der Kommunikation unterschieden,20 zerfiel in unterschiedliche „communities“, Gemeinschaften, die sich um spezifische Unterhaltungsangebote oder um einzelne Programme gruppierten. Theoretisch schien es dadurch möglich zu sein, dass eine europäische Fernsehöffentlichkeit für einzelne Formate und Genres zustande kommen könnte (etwa alle Big Brother-Fan-Gemeinden Europas), doch stellte sich dieser Effekt nicht ein, weil die Formate in den einzelnen Ländern mit jeweils nationalen Kandidaten besetzt wurden und sich das Interesse der Zuschauer jeweils nur auf die der eigenen Nation zugehörigen Kandidaten konzentrierte.

9. Televisuelle Befriedung von Bevölkerungen Auch wenn die Durchsetzung des Fernsehens in allen europäischen Ländern ähnlich verlaufen ist, wird das Medium doch unterschiedlich genutzt. So lässt sich feststellen, dass noch in den 1990er Jahren in Europa ein Nord-Süd-Gefälle bestand und in Ländern wie Italien, Portugal, Großbritannien und Irland täglich eine Stunde mehr ferngesehen wurde als in Norwegen, Schweden, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz,21 am Ende des Jahrhunderts fast überall um die drei Stunden täglich, so dass sich die Unterschiede langsam reduzieren. Von einer mittelfristigen Medialisierung der Wahrnehmung durch das Fernsehen ist deshalb zu sprechen. Bedenkt man, dass noch in den 1930er Jahren die Menschen z.B. in Deutschland in den Städten durchschnittlich maximal einmal im Monat ins Kino gingen, also ca. 30 Stunden pro Jahr bewegte Bilder sahen, kann die Bedeutung des Fernsehens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ermessen werden: Wenn schon Mitte der 1960er Jahre der durchschnittliche Fernsehkon20 Vgl. Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt am Main 1992. 21 Uwe Hasebrink: Fernsehen und Hörfunk in Europa: Angebote und Nutzung, in: HansBredow-Institut (Hg.): Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen. Baden-Baden/Hamburg 1996, S. 76.

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sum in der Bundesrepublik täglich eine Stunde und zehn Minuten betrug, sahen die Menschen fast 400 Stunden bewegte Bilder im Jahr (ohne die Kinobesuche gerechnet), und im Jahr 2000 mit täglich etwa drei Stunden Fernsehkonsum waren es über das ganze Jahr hinweg ca. 1.125 Stunden. Und diese Entwicklung zeigt sich in allen europäischen Ländern in ähnlicher Weise.22 Es liegt auf der Hand, dass dies auch einen enormen Zuwachs an – technisch induzierter – Erfahrung bedeutete. Die Intensität des Zuschauens hat im Verlauf der Jahrzehnte sicherlich abgenommen, was nicht bedeutet, dass nur noch beiläufig gesehen wird. Der Zuschauer hat an Freiheit gewonnen, nach eigenem Gutdünken mit dem Programm umzugehen (er ist jedoch auf vorgegebene Angebote angewiesen). Diese Freiheit ist durch noch so kalkulierte Sendestrategien nicht wieder zurückzuholen, was dazu geführt hat, dass die Programmproduktion, insbesondere auch die Produktion von Werbung, immer raffinierter wird. Denn da die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer wieder neu geweckt und dann auch gehalten werden muss, gewinnt die Kommunikationsplanung auf der Produktionsseite an Bedeutung. Damit entsteht ein Paradoxon in der Fernsehrezeption: Einerseits wird die Gestaltung von Fernsehsendungen, vor allem wenn sie bestimmte Absichten (etwa in der Werbung oder in der Politikdarstellung) verfolgt, immer kalkulierter, andererseits ist das Publikum immer schwerer zu binden. Eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Programmen nimmt zu, so dass die Anreize verstärkt werden müssen. Vor allem die Fernsehunterhaltung setzt auf derartige Reizverstärkung, spielt mit scheinbaren oder tatsächlichen Sensationen, provoziert den guten Geschmack. Im Versuch – vor allem der kommerziellen Konkurrenz – neue Marktanteile zu erobern und dabei von den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht erfüllte Fernsehwünsche zu befriedigen, werden seit den 1990er Jahren auch Zuschauergruppen bedient, die auf dem Bildschirm offensichtlich Sendungen sehen wollen, die deutlich auf erotische Reize setzen, auf Aggressivität der Akteure, auf Beziehungskonflikte von Alltagsmenschen, die diese vor laufender Kamera austragen, auf Bloßstellung, Schadenfreude, Demütigung, Lächerlichmachen. Da derartige Sendungen häufig tagsüber angeboten wurden und in den 1990er Jahren der Fernsehkonsum in vielen Ländern deutlich zunahm, liegt es nahe, dass vor allem Zuschauer, die tagsüber über viel freie Zeit verfügten, also z.B. Arbeitslose, derartige Sendungen verstärkt nutzen. Die Gratifikation aus der Betrachtung solcher Sendungen liegt dann darin, dass das Fernsehen den sozial Benachteiligten zeigte, dass es anderen noch schlechter geht als ihnen; so schlecht, dass sie sich sogar in der Fernsehöffentlichkeit demütigen lassen.

22 S. den Beitrag von Uwe Hasebrink und Hanna Domeyer in diesem Band.

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Man kann darin eine besondere Funktion des Fernsehens sehen, dass es – auf eine wohl eher nicht intendierte Weise – mit zur Befriedung der Gesellschaft beitrug. Denn die große Zahl der Arbeitslosen in den europäischen Ländern in den 1990er Jahren führte nicht zu Unruhen, wie sie bei vergleichbaren Zahlen noch Ende der 1920er Jahren stattgefunden hatten. Der Satiriker Harald Schmidt sprach deshalb nicht ganz unberechtigt vom „Unterschichtsfernsehen“, auch wenn die Zuschauerforschung die Annahme, dass vor allem sozial benachteiligte Schichten das kommerzielle Fernsehen nutzen, nicht bestätigt hat. Eine Mobilisierung sozial schwacher Schichten durch das Fernsehen kann jedoch ebenfalls nicht konstatiert werden.

10. Auswirkungen des Fernsehens auf die europäischen Kulturen Dass das Fernsehen seit Anfang der 1970er Jahre in den meisten europäischen Ländern zum „Leitmedium“ avancierte, bedeutet, dass es sich zum bestimmenden Zentrum der jeweiligen Medienkultur entwickelt und die anderen Medien mittelfristig beeinflusst und verändert hat. Natürlich haben die Künste und anderen Medien weiterhin ihre Eigenständigkeit behalten; doch gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass das Fernsehen für die anderen Künste und Medien zum Synonym für die Gesellschaft geworden ist und gerade in der künstlerischen Kommunikation oft zum Stellvertreter für die Gesellschaft wird. Das Fernsehen stellt am Ende des 20. Jahrhunderts den kulturellen mainstream dar, repräsentiert diesen und weist damit gleichzeitig den anderen künstlerischen Bereichen Randzonen, Nischen zu, in denen sich diese von der medialen Populärkultur abgrenzen und sich selbst in ihren Gestaltungsformen und Themen radikalisieren können. Dabei geht es nicht um eine Telegenisierung der gesamten Kultur; doch das Fernsehen hat sich zum zentralen Feld der Kultur als einer „Massenkultur“ entwickelt. Diese Entwicklung lässt sich, wenn auch mit unterschiedlicher Dominanz, in allen europäischen Ländern beobachten. Eine Telegenisierung ist in öffentlichen Repräsentationsbereichen, z.B. in der Politik und Politikvermittlung, zu beobachten. Hatte noch Meyrowitz von einer „Entauratisierung“ der Politik durch das Fernsehen gesprochen, so reagierte die Politik seit den 1980er und 1990er Jahren in allen europäischen Ländern darauf, indem sie sich den Bedingungen des Mediums anpasste und sich selbst im Fernsehen inszenierte. Fernsehpräsenz war als neue Qualität des Politikers gefragt: Schlagfertigkeit, Schnelligkeit, Humor, vertrauenswürdiges Aussehen und eine Sympathie weckende Physiognomie bestimmten immer stärker die Bewertung der Politiker durch die Bevölkerung. Dabei entwickelten Politiker durchaus eigene Präsentationsstile im Fernsehen, abzulesen etwa an der Differenz in den

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Fernsehauftritten von Merkel und Sarkozy. Politiker suchten seit den 1970er Jahren auch die Unterhaltungsöffentlichkeiten des Fernsehens (Shows, Talkrunden) auf, um sich volkstümlich zu zeigen, was ihnen jedoch mittelfristig eher schadete, weil häufig ihre Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit darunter litt. Ganz ohne Zweifel stellt das Fernsehen eine zentrale Bühne der politischen und kulturellen Selbstverständigung dar. Dabei ist das Fernsehen nicht mehr länger nur ein Programm, in dem verschiedene Sendungen bewusst eingeschaltet und neben anderen Angeboten gezielt genutzt werden. Vielmehr wird das Fernsehen dadurch, dass fast alle Programme heute 24 Stunden lang gesendet werden, auch immer dann eingeschaltet, wenn sich der Zuschauer mit der Gesellschaft in Verbindung setzen will. Das Fernsehen ist damit medial existent geworden: Der Einzelne koppelt sich an die gesellschaftlichen Diskurse an, die im Fernsehen permanent laufen. Die Gesellschaft wird im Fernsehen so repräsentiert, dass viele Menschen den Eindruck gewinnen, dass sie, wenn sie am Fernsehen teilnehmen, direkt an der gesellschaftlichen Kommunikation teilhaben. Mit dem Einschalten der Programme schließen sie sich an diesen Kommunikationsprozess an. Sie haben nicht zuletzt aufgrund des Live-Versprechens, das dem Fernsehen als Ganzem latent und in einzelnen Sendungen auch direkt zugrunde liegt, das Gefühl, teilzuhaben, mehr oder weniger unmittelbar, auch wenn sie dabei wissen, dass es sich um Inszenierungen handelt. Besonders wirkungsvoll und prägend zeigt sich das Fernsehen in der Vermittlung globaler Ereignisse. Denn kann der Zuschauer die Fernsehdarstellung der eigenen Gesellschaft immer noch mit eigenen, direkten Erfahrungen abgleichen, so ist dies bei globalen Ereignissen in der Regel nicht möglich. Ob es Kriegsdarstellungen (etwa die Irak-Kriege), weltweite Terroranschläge (etwa der vom 11. September 2001), Unglücksfälle oder Naturkatastrophen sind: Die Vorstellungen von ihnen sind wesentlich durch die Fernsehberichterstattung bestimmt, und deren Glaubwürdigkeit ist für die meisten Zuschauer nur durch ihre Übereinstimmung mit Berichten in anderen Medien gegeben. Natürlich ist das Weltbild, das dabei entsteht, nicht vollständig. Es ist nicht nur durch die Agenda der Themen, die die Medien präsentieren, weiterhin national determiniert, sondern es blendet auch Informationen aus, die den gängigen Nachrichtenregeln der Medien nicht entsprechen. Doch nicht nur in der aktuellen Berichterstattung prägt das Fernsehen das Bild von der Welt, in der wir leben, auch in den fiktionalen und nicht-fiktionalen Unterhaltungssendungen geschieht dies. Denn der umfangreiche Fernsehkonsum betrifft vor allem die Fernsehunterhaltung. Hier präsentiert das Fernsehen auf eine spielerische Weise Verhaltensnormen und Werte der Gesellschaft, erhebt den Anspruch, Modelle dafür zu bieten, was im alltäglichen Leben als angemessen und als unangemessen gelten kann. Dabei geht es immer um zwi-

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schenmenschliche Beziehungen, die in den fiktionalen Darstellungen (z.B. in Fernsehspielen oder Serien) konzentriert kausale Verhältnisse nach dem „WennDann“-Prinzip vorführen. Der Zuschauer muss diese angebotenen Verhaltensweisen nicht für sich übernehmen, aber er kann seine Weltsicht mit dem in Beziehung setzen, was in den Spielhandlungen vorgeführt wird. Vor allem für Kinder und Jugendliche bilden Sendungen mit Spielhandlungen eine nicht zu unterschätzende Sozialisationsinstanz, weil diese auf implizite Weise vorgeben, dass die Welt so ist, wie sie im Fernsehen dargestellt wird. Fernsehfiguren können deshalb zu Vorbildern für das eigene Verhalten und damit auch zu Autoritäten im Alltag der Zuschauer werden und Einfluss auf deren Lebensentwürfe haben. Nichtfiktionale Unterhaltung ist vor allem durch eine Wettkampfstruktur gekennzeichnet. Auch hier werden auf spielerische Weise Leistungsprinzipien vorgeführt, sei es in den Quizshows, in denen Schnelligkeit, Erinnerungsfähigkeit, Kombinationsgabe oder Wissen abgefragt worden, in den Castingshows, in denen die Kriterien Präsentationsfähigkeit, Ertragen von Demütigungen etc. sind, oder auch in den Daily Talkshows, in denen Verhaltensweisen erwünscht sind, die dem erhöhten Druck in der globalisierten Arbeitswelt und den dort erlebten Demütigungen nicht unähnlich sind. Gerade dass es sich oft um scheinbar sinnlose und mit dem Arbeitsalltag wenig in Beziehung stehende Eigenschaften handelt, in der in den Shows (z.B. bei Wetten, dass…? ) Leistungen gemessen werden, trägt zu einer solchen Anpassung an Erwartungen bei, die in Arbeitsprozessen gestellt werden und die nicht weiter zu hinterfragen sind. Der europaweite Erfolg von Castingshows, bei denen sich oft Zehntausende von Teenagern bewerben, zeigt, dass sie diese Bilder von der schönen GlamourWelt der Fernsehunterhaltung verinnerlicht haben und als erstrebenswerte Zukunft für sich ansehen, obwohl schon eine nüchterne Betrachtung ergeben muss, dass so viele „Stars“ gar nicht in den Medien Platz finden können. Das Fernsehen vermittelt in seinen unterschiedlichen Programmen – unabhängig von den ganz konkreten Geschichten und Themen – auf eine strukturelle Weise Normen und Werte einer sich verändernden Gesellschaft. Die Kommerzialisierung des europäischen Fernsehens hat dabei – bei aller Vielfalt der Programme und Präsentationsweisen – die Formen der nichtfiktionalen Unterhaltungssendungen in großem Maße vereinheitlicht, so dass in den verschiedenen Ländern ähnliche, wenn nicht dieselben Normen und Werte vermittelt werden. War am Anfang vom Fernsehen als einer Agentur der Gesellschaft gesprochen worden, so besteht seine Aufgabe vor allem darin, die Unterhaltungs- und Informationsbedürfnisse der Individuen durch weitreichende Informationen in unterschiedlichen Formen zu befriedigen und umgekehrt die Anforderungen, die die Gesellschaft an die Individuen hat, in den verschiedenen Programmgattungen und Sendeformaten auf eine unauffällige, immer aber unterhaltende

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Weise zu vermitteln. Fernsehen begleitet damit in den europäischen Ländern die permanenten Modernisierungsvorhaben der Gesellschaft und unterstützt sie auf eine oft indirekte und immer vermittelte Weise. Weil sich nach 1990 der westeuropäische Standard von Gesellschaftsthematisierung durch das Fernsehen auch in den osteuropäischen Ländern als ein – zumindest angestrebtes – Ziel nach und nach durchsetzt, trägt das Fernsehen mittelfristig zu einer mentalen Vereinheitlichung Europas bei.

11. Digitale Veränderungen und Perspektiven Am Ende des Jahrhunderts mehren sich die Stimmen, die behaupten, dass die zentrale Bedeutung des Fernsehens an ein Ende kommen könnte. Der Siegeszug des Computers und des Internets scheint die Bedeutung des Fernsehens zu reduzieren. Denn das Netzmedium bündelt auf eine neue Weise die bisherigen Medien: sowohl diejenigen der individuellen Kommunikation wie des Telefons und des Briefes, als auch diejenigen der Text-Medien und der Bild- und Ton-Medien. Es schafft zusätzliche Informationsmedien durch Datenbanken und Suchmaschinen sowie neue Öffentlichkeiten durch Chatrooms, Blogs und virtuelle Räume. Hinzu kommt, dass das Netzmedium auch für Fernseh- und Radioprogramme eine Plattform bildet und diese wiederum mit Kommunikationsdiensten und Rückkanälen verbindet. Derartige interaktive Möglichkeiten hat das bisherige Fernsehen in seiner einseitig gerichteten Übertragungsform per Antenne, Satellit oder Kabel nicht geboten. Das sogenannte IP-TV (Internet Protokoll Fernsehen), das sich bereits in verschiedenen europäischen Ländern etabliert hat, stellt rückkanalfähige Plattformen im Internet bereit, auf denen die bisher schon existenten Programme sowie zusätzliche Angebote vom Zuschauer auf seinem Empfänger gesehen werden können.23 Mit dem Web-TV werden Angebote mit interaktiven Möglichkeiten verkoppelt, so dass die Zuschauer auch selbst Mitteilungen an den Sender schicken, zusätzlich angebotene Produkte kaufen und gezielt einzelne Sendungen abrufen können. Hinzu kommt, dass das Fernsehen zusätzliche Internetportale geschaffen hat, in denen der Zuschauer vertiefende Informationen zu einzelnen Sendungen findet. Im Grunde geht es um eine mediale Erweiterung der audiovisuellen Angebote, wie sie das Fernsehen bislang liefert. Damit werden vor allem die Zeitabhängigkeit der Sendungen und die Bindung der Angebote an eine Programmabfolge aufgelöst. Sendungen sind von großen Datenbanken („Mediatheken“) 23 Christian Breunig: IPTV und Web TV im digitalen Fernsehmarkt, in: Media Perspektiven, 2007, H.10, S. 478–491.

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abrufbar. Damit verändern sich die integrativen Funktionen des Fernsehens, die es trotz aller Systemkonkurrenz in den verschiedenen europäischen Ländern gab und immer noch gibt. Der Mediennutzer kann sich in einer unübersichtlichen Vielzahl von medialen Angeboten bedienen und rezipiert nicht mehr unbedingt das, was seine Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen medial wahrnehmen. Wichtige Ereignisse werden dennoch vermittelt, weil sie in unterschiedlichen Darbietungsweisen in den verschiedenen medialen Angeboten zu finden sind. Welche neue Medienkultur aus den digitalen Veränderungen erwächst und wie die bestehenden Künste und Medien insgesamt darauf reagieren, wird eines der zentralen Themen des 21. Jahrhunderts sein.

Literatur BONUS, Holger: Die Ausbreitung des Fernsehens. Meisenhain am Glan 1968. BREUNIG, Christian: IPTV und Web TV im digitalen Fernsehmarkt, in: Media Perspektiven, 2007, H.10, S. 478–491. DEGENHARDT, Wolfgang/ERDMANN, Dorothee/REINHOLD, Christoph/STRAUTZ, Elisabeth: Europäisches Fernsehen bis 1970. Eine Idee wird zum Laufen gebracht. Eine kleine Geschichte der Europäischen Rundfunkunion und der Eurovision. Siegen 1996. DILL, Richard: Europrogramm OLYMPUS rückt näher, in: Medien Forum München 1985. DOERING-MANTEUFFEL, Anselm: Westernisierung: Politisch-ideeller und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik bis zum Ende der 60er Jahre, in: SCHILDT, Axel/SIEGFRIED, Detlef/LAMMERS, Karl Christian (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften. Hamburg 2000. ECKERT, Gerhard: Das Fernsehen in den Ländern Westeuropas. Gütersloh 1965. HASEBRINK, Uwe: Fernsehen und Hörfunk in Europa: Angebote und Nutzung, in: HANSBREDOW-INSTITUT (Hg.): Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen. BadenBaden/Hamburg 1996. HICKETHIER, Knut: Geschichte des deutschen Fernsehens (unter Mitarbeit von Peter HOFF). Stuttgart/Weimar 1998. HICKETHIER, Knut: „Das Wunder der Technik“. Die Genese eines Mediums durch die Erprobung anderer Medienparadigmen: das Fernsehen zwischen Telegrafie, Tonfilm und Radio, in: SEGEBERG, Harro (Hg.): Die Medien und ihre Technik. Theorien – Modelle – Geschichte. Marburg 2004. HICKETHIER, Knut: Fernsehen in der Erinnerung seiner Zuschauerinnen und Zuschauer. Medienbiographien, historische Rezeptionsforschung und die Verhäuslichung des Fernsehens, in: RÖSER, Jutta (Hg.): MedienAlltag – Domestizierungsprozesse alter und neuer Medien. Wiesbaden 2007. HICKETHIER, Knut: Early TV: Imagining and realizing television, in: BIGNELL, Jonathan/FICKERS, Andreas (Hg.): A European Television History. London (im Druck). KLEINSTEUBER, Hans: Deutsche Welle & Co. Und ihr Beitrag zur Stärkung europäischer Öffentlichkeit, in: LANGENBUCHER, Wolfgang/LATZER, Michael (Hg.). Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Wiesbaden 2006.

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Produktmedien Zur Erkundung konjunktiver Erwartungs- und Erfahrungsräume in Europa von Rainer Gries

1. Die Sprache der Produkte „Die Sprache der Produkte“ verstehe man überall auf der Welt, behauptete eine Anzeige des Waschmittelproduzenten Henkel, veröffentlicht im Jahr 1968 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Illustriert war diese Sentenz mit einem stilisierten menschlichen Kopf, dessen Gehirn eine aufgeklappte Weltkarte barg. Außerhalb des Kopf-Kosmos sah man ein gleichfalls stilisiertes Produkt als Qua-

Die Sprache der Produkte ist universell (Imageanzeige aus dem Jahr 1968).

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der in einem runden Kreis. Ein Pfeil verwies auf die Verbindung zwischen der Welt im Kopf und der Welt des Produktzeichens. Der beigestellte Text erläuterte, Henkel-Produkte gäbe es fast überall auf der Welt. In drei Kontinenten verfüge der Konzern über Produktionsstätten, zu über einhundert Ländern bestünden Exportbeziehungen. Die ungewöhnliche Annonce machte Ende der 1960er Jahre auf ihre Art deutlich, welche Medien in Gegenwart und Zukunft ein plausibles Verständnis von Globalität repräsentierten: Produkte. Gesetzt den Fall, die Metaphorik dieser Annonce reflektiere diskutable und nachvollziehbare Aussagen. Dann stellt sich zuallererst die Frage, worin die zitierte Produktsprache bestehen könnte. Wer sind ihre Akteure? Was sind ihre Übertragungskanäle und Codes? Welche Menschen vermögen diese Sprache zu verstehen? Wollten die Autoren ihrem Publikum sagen, dass Menschen in aller Welt unbeschadet ihrer kulturellen Unterschiede eine universale Produktaussage verstehen? Oder wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie sogar einander verstehen – mit Hilfe von Produkten? Schließlich: Stellt Universalität wirklich eines der entscheidenden Merkmale dieser Art von Verständigung dar? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen; denn die Botschaft wurde selbst in einer Anzeige transportiert: Die Werbung für Güter und Dienstleistungen könnte auf den ersten Blick die gesuchte Produktsprache sein. Unter Werbung versteht man gewöhnlich all jene geplanten Kommunikationsprozesse, bei denen „arbeitsteilig durch die entgeltliche Produktion und Distribution von Medienangeboten zwangfrei, mit wiederholbarem Erfolg und in aller Regel erkennbar bei den Mitgliedern spezifischer Werbezielgruppen kontingente Beweggründe (Wissen, Meinungen, Einstellungen, Emotionen, Verhalten und/oder Handeln) systematisch beeinflusst werden sollen.“1 Soweit eine aktuelle Definition von Werbung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht.2 Im alltäglichen Sprachgebrauch hingegen werden unter Werbung vielfach nur die in dieser Definition ebenfalls angeführten „Medienangebote“ verstanden. Mithin nur die sichtbaren 1

2

Guido Zurstiege: Werbeforschung. Konstanz 2007, S. 14; vgl. Helen Karmasin: Produkte als Botschaften: Individuelles Produktmarketing. Konsumentenorientiertes Marketing. Bedürfnisdynamik. Produkt- und Werbekonzeptionen. Markenführung in veränderten Umwelten. Wien/Frankfurt am Main 21998; 32004. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht siehe auch Guido Zurstiege: Zwischen Kritik und Faszination. Was wir beobachten, wenn wir die Werbung beobachten, wie sie die Gesellschaft beobachtet. Köln 2005; Gabriele Siegert/Dieter Brecheis: Werbung in der Medien- und Informationsgesellschaft. Eine kommunikationswissenschaftliche Einführung. Wiesbaden 2005; Herbert Willems (Hg.): Die Gesellschaft der Werbung. Kontext und Texte. Produktionen und Rezeptionen. Entwicklung und Perspektiven. Wiesbaden 2002; aus historiographischer Perspektive jetzt Pamela E. Swett/S. Jonathan Wiesen/Jonathan R. Zatlin (Hg.): Selling Modernity. Advertising in Twenieth-Century Germany. Durham/ London 2007.

Produktmedien

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und erlebbaren Produkte des Werbebetriebes – Formate und Botschaften, die uns in Massenmedien begegnen: Anzeigen in Printmedien, Werbesendungen und Werbespots im Hörfunk, im Fernsehen und im Kino. Die Alltagssprache versteht unter Werbung also Medieninhalte, die sich bei ihrem Publikum einer gewissen Beliebtheit oder Unbeliebtheit erfreuen. Auf die Suche nach einer „Sprache der Produkte“ scheinen weder die kommunikationswissenschaftlichen noch die alltagssprachlichen Vorstellungen von Werbung hinreichend zu sein, um die komplexen kommunikativen und kulturbildenden Prozesse, die ursächlich mit Produkten in Verbindung stehen, auch nur annähernd zu beschreiben. In mindestens drei zentralen Bereichen zeigt ein solches Verständnis erhebliche Defizite: Die Rolle des Publikums werblicher Medienangebote bleibt blass und die Reflexivität werblicher Kommunikationsprozesse sowie die Temporalität des Geschehens bleiben unerwähnt. Die „Sprache der Produkte“ lässt sich besser verstehen, wenn wir die Perspektive erweitern und über den Begriff Werbung hinausgehen. Mit Hilfe des Konzeptes der Produktkommunikation eröffnen sich sachlich, temporal und territorial neue Horizonte. Erst mit einer Erweiterung theoretischer Setzungen lassen sich auch forschungsstrategische Neuerungen begründen, auch und gerade solche heuristischen Innovationen, die mit europäischen Perspektiven verbunden sind.

2. Produkte sind Medien Über Produkte und Marken kommunizieren Tag für Tag eine Vielzahl von Menschen, weshalb hier unter Produktkommunikation all diejenigen Kommunikationsakte verstanden werden, die über Waren vermittelt werden.3 Kommerzielle Werbung repräsentiert nur einen Teil der über Erzeugnisse laufenden Kommunikationen: Hierbei handelt sich um einen prominenten Teil, dem wiederum vielfache mediale Aufmerksamkeit zuteil wird. Es ist zugleich derjenige Bereich von Produktkommunikation, der über Massenmedien vermittelt wird: „Werbung liefert Versionen, (im wörtlichen und übertragenen Sinne) Bilder, Deutungen von ihrem Objekt und von der (Um-) Welt; sie konstruiert soziale Wirklichkeit, und zwar, was das beworbene Objekt betrifft, tendenziell im Sinne von Idealisierungen. Werbung beeinflusst und erzeugt unter der Voraussetzung mehr oder weniger weit fortgeschrittener (Erfahrungs-),Realitätsverluste‘ Image-Realität durch ,gute Eindrücke‘. Das heißt, Werbung verschafft ihrem Objekt nicht nur 3

Vgl. dazu Rainer Gries: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und in der DDR. Leipzig 2003, S. 53–134; und ders.: Produktkommunikation. Geschichte und Theorie. Wien 2008, S. 22–97.

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eine bestimmte Definition, sondern auch und mit ihr eine positive Bewertung in allen denkbaren Varianten: Attraktivität, ,Aura‘, Achtung, Sympathie (…). Dass Werbung ihr Objekt in ein möglichst günstiges Licht rückt, heißt aber nicht, dass sie immer nur oder vorwiegend diffuse ,Imagepflege‘ betreibt. Die bezweckten ,guten Eindrücke‘ haben vielmehr normalerweise einen strategischen Sinn besonderen Inhalts. Es geht um eine spezifische Imageproduktion, die zu einem spezifischen Ziel führen soll. Werbung versucht mit anderen Worten effektive, nützliche, gewinnbringende Images zu verschaffen.“4

Mit dem Paradigma Produktkommunikation soll der Kosmos von Bedeutungen ins Auge gefasst werden, der seitens potentieller Käufer, der Verbraucher und der Verwender eingebracht wird. Ein produktkommunikativ orientiertes Modell muss darüber hinaus die Kommunikationsleistungen von weiteren Akteursgruppen beobachten und miteinander in Beziehung setzen. Über Produkte kommunizieren deren Produzenten wie deren Hersteller und professionelle Dritte wie Marktforscher und Journalisten. Vor allem aber sind die potentiellen und tatsächlichen Kunden, die stolzen oder enttäuschten Verwender des Produktes, Akteure der Produktkommunikation. In der Mitte des produktkommunikativen Geschehens steht das Produkt selbst, versinnbildlicht durch eine mehrschichtige Kugel. Satelliten gleich gruppieren sich in deren Umfeld alle denkbaren Kommunikationspartner, deren Anzahl ebenso unüberschaubar sein kann wie deren Intentionen. Jedwede denkbare Kommunikation muss also nicht eindimensional bleiben, sondern ist wiederum vielschichtig und reflexiv denkbar, wobei reflexive Informationen nicht notwendig auf derselben Achse zurückfließen müssen: Das dreidimensionale Modell der Produktkommunikation lässt viele Wege, auch Umwege, für einen Rückfluss zu. „Getragen“ werden die zahlreichen kommunikativen Vorgänge von der Anziehungs- und Bündelungskraft der „Produktsonne“ in der Mitte. Um diesen Kern herum und von ihm maßgeblich getragen, legen sich die zeichenhaften Produktzuschreibungen. Zunächst der dünne Ring der eher beständigen und unspektakulären denotativen Anteile. Darauf folgt die schillernde konnotative Aura, die sich im Laufe der Zeit verändern kann und die Gegenstand und Ergebnis der angedeuteten kommunikativen Austauschprozesse ist. Hier entstehen Produktund Markenimages – kohärente Zuschreibungspartikel, die von den Akteuren zu komplexen Bildern verdichtet werden. Diese Produktbilder haben sich über lange Zeit aus Botschaften der Werbung und Bedeutungszuschreibungen der Konsumenten heraus entwickelt. Produktimages sind somit Botschafts- und Be-

4

Herbert Willems: Vom Handlungstyp zur Weltkultur: Ein Blick auf Formen und Entwicklungen der Werbung, in: ders.: Die Gesellschaft der Werbung. Wiesbaden 2002, S. 81.

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deutungskomplexe, über welche sich die Akteure der Produktkommunikation langfristig verständigt haben. Was bedeutet „Marke“ aus der Perspektive dieses produktkommunikativen Ansatzes?5 Marken stellen in diesem Verständnis prägnante Profile dar, die durch ihren universellen Anspruch und durch ihre allgegenwärtige Präsenz gekennzeichnet sind. Diese Produkt-Profile sind territorial wie temporal ubiquitär. Solche Produktimages sind aber vor allem ein Gemeinschaftswerk. Das Image eines Produktes beschränkt sich keinesfalls auf die Produkt-Bilder, welche von der Werbung verbreitet werden. Am Aufbau und an der Modifikation solcher Images waren und sind zahlreiche Akteursgruppen und eine unüberschaubare Anzahl von Akteuren beteiligt – Tag für Tag, Jahr um Jahr. Für die kultur- und sozialhistorische Forschung scheint zweierlei von besonderer Relevanz: • Erstens sind die Käufer und die Verwender an der Produktion des Markenprofils beteiligt.6 Schon die Entscheidung zum Kauf eines Produktes stellt ein Ja zum Image dieses Produktes dar. Akzeptierte Bilder von Produkten verweisen daher auf Aneignungsprozesse durch die genannten Akteursgruppen. Für die historiographische Forschung stellen Produktimages Quellen dar, die Rückschlüsse auf die Produzenten und auf die Werbeleute, vor allem aber auf die potentiellen Käufer und Konsumenten von Erzeugnissen zulassen. • Zweitens: Marken verfügen über Geschichte. Markenprofile weisen über lange Zeiträume hinweg überraschende Konstanzen auf. Images von Marken werden von Generation zu Generation weitergegeben; sie können sich daher im Idealfall als sehr langlebig erweisen. Genau genommen stellen sie ein Gemeinschaftswerk von Vielen über Jahrzehnte, zuweilen sogar über Jahrhunderte dar. Markenprodukte haben sich seit dem 19. Jahrhundert zu Medien entwickelt. Im Anschluss an den Kommunikationswissenschaftler Siegfried J. Schmidt lässt sich von Medien zusammenfassend sagen: • „Medienangebote werden eingesetzt, um unterschiedliche Systeme miteinander zu koppeln. Medien, heißt das, verbinden Menschen ebenso wie soziale Systeme. • Der Begriff Kopplung bezeichnet hier nicht jede beliebige Art von Kopplung, sondern besagt, dass Medienangebote genutzt werden, um Sinn zu machen. • Diese Sinnbildung erfolgt nicht willkürlich, sondern orientiert sich an den Regeln des Gebrauchs spezifischer Medien und Medienangebote, die die 5 6

Kai-Uwe Hellmann: Soziologie der Marke. Frankfurt am Main 2003. Rainer Gries: Die Konsumenten und die Werbung. Kulturgeschichtliche Aspekte einer interaktiven Kommunikation, in: Kai-Uwe Hellmann/Dominik Schrage (Hg.): Konsum der Werbung. Zur Produktion und Rezeption von Sinn in der kommerziellen Kultur (Konsumsoziologie und Massenkultur, Band 1). Wiesbaden 2004.

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meisten Menschen im Verlauf ihrer Mediensozialisation erlernt und verinnerlicht haben.“7 Diese Leistungen erbringen Markenprodukte spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wenn wir davon ausgehen, dass Produkte in modernen Gesellschaften wie Medien funktionieren, dann hebt ein solches Verständnis darauf ab, dass sie als reale, gelebte oder gedachte „Plattformen der sozialen Praxis“ modelliert werden, als „Zeichen- und Bezeichnungszusammenhänge“, „die in der

Lage sind, Deutungen aufzunehmen und auch solche wieder abrufbar zu machen. Medien sind in diesem Verständnis Referenzrahmen für die allgemeine Unterstellung der Wichtigkeit, Gültigkeit und Relevanz von Themen. Sie maximieren daher mögliche individuelle Bedeutungen zu kollektiven Deutungsangeboten – nicht selten in direkter Verbindung mit der Minimierung eines differenzierten Verständnisses des Inhalts selbst. Solche Medien sind aber nicht nur Plattformen gesellschaftlicher Diskurse, sondern – im Sinne des Foucault’schen Diskursbegriffs – mehr noch Dispositive der gesellschaftlichen Ordnung, also der Verteilung von hierarchisierter Gesellschaftlichkeit, vor allem im Zusammenhang von wissensbesetzten Diskursen.“8 Die kollektive Stiftung von Sinn geschieht kommunikativ – allerdings durchaus nicht nur durch die Vermittlung von Botschaften und Bedeutungen über klassische Medien. Persuasiven Formen wie politischer Propaganda und Wirtschaftswerbung kommt ein erheblicher Anteil an der Vermittlung kollektiver Bedeutungs- und Sinntexturen in modernen Gesellschaften zu. Diese Kommunikationen sind überdies durchaus nicht nur monolithisch und monologisch zu verstehen; auch die Botschafts-Offerten, welche persuasive Formate machen, werden von ihrer jeweiligen Klientel angeeignet, in Lebenshorizonte eingeordnet und mit eigensinnigen Bedeutungen aufgeladen. Markenprodukte avancierten im Laufe des 20. Jahrhunderts zu „neuen“ Medien einer so verstandenen Kommunikationskultur: Via Produktkommunikation verständigen sich spätestens seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ganze Gesellschaften, Gruppen und Generationen.9 Diese Reflexivität wird allerdings 7 8 9

Zurstiege: Werbeforschung, S. 121; unter Verweis auf Siegfried J. Schmidt: Kalte Faszination. Medien-Kultur-Wissenschaft in der Mediengesellschaft. Weilerswist 2000. Thomas A. Bauer: Geschichte verstehen. Eine kommunikationstheoretische Intervention, in: medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, 21, 2006, S. 35. Zur Geschichte dieses Medialisierungsprozesses der Markenprodukte im Laufe des 20. Jahrhunderts siehe Rainer Gries: Die Medialisierung der Produktkommunikation. Grundzüge eines kulturhistorischen Entwurfs, in: Habbo Knoch/Daniel Morat (Hg.): Kommunikation als Beobachtung. Medienwandel und Gesellschaftsbilder 1880–1960. München 2003; Rainer Gries/Andrea Morawetz: „Kauft österreichische Waren!“ Die Zwischenkriegszeit im Medialisierungsprozesse der Produktkommunikation, in: Susanne Breuss/ Franz Xaver Eder (Hg.): Geschichte des Konsumierens in Österreich im späten 19. und 20. Jahrhundert. Wien 2006.

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gewöhnlich nicht über massenmediale Vermittlung hergestellt, sondern durch andere Gattungen sozialen Austauschs, zum Beispiel durch interpersonale Kommunikationsformen. Auf diesem Wege vermochte und vermag ein „aktives Publikum“ zum Kommunikator in Regelkreisen zu avancieren, die über Jahre, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte „laufen“ können! Mehr noch: Auch die Produktmedien können Vergemeinschaftungen bewirken – sie vermögen nicht nur zu integrieren, sondern sie segregieren, segmentieren und fragmentieren zugleich. Medien in diesem Sinne sind es, die gemeinschaftsstiftende Bedeutungs- und Sinn-Angebote vermitteln, Identifikationserwartungen befördern sowie Distinktionsverlangen und Gefühlslagen vermitteln können. Gruppen, Generationen und ganze Gesellschaften können zu „sich selbst finden“, indem sich ihre potentiellen Angehörigen und „Mitglieder“ über eine lange Zeitspanne hinweg auf gemeingültige Narrative, Selbst- und Fremdbilder sowie Symbole „einigen“.10 Für einen solchen Einigungsprozess nutzten und nutzen unterschiedliche Gemeinschaften unter unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und publizistischen Bedingungen unterschiedliche Medien der Verständigung. Markenprodukte sind in der Lage, solche kommunikativen und zugleich sozialen Kopplungen zu vermitteln. Wenn also bestimmte Produkte selbst zu Plattformen gesellschaftlichen Austauschs und zu Kristallisationskernen gemeinschaftlicher Selbstverständigung geworden sind, stellt sich die Frage, was diese Entwicklung für die klassischen Medien bedeuten mag. Printmedien und audiovisuelle Medien ebenso wie die neuen Medien sind aus einer solchen Perspektive Trägermedien, die Inhalte, mithin Botschaften und Bedeutungen der Produktmedien transportieren. Das stellt theoretisch keine weitgehende Neuerung dar, denn auch aus der Sicht gängiger Werbetheorie und Werbepraxis galten die klassischen Medien als bloße „Werbeträger“. Von diesen Werbeträgern werden überdies in der Regel konkrete „Werbemittel“ unterschieden.11 Bislang konstruierte man also im strengen Sinne keine Medien der Werbung, sondern nur Träger der Werbung. Wenn nun Produkte selbst wie Medien funktionieren, so bleibt es bei diesem eher instrumentellen Zugriff: Kommerzielle Produktkommunikation, mithin Wirtschaftswerbung, bedient sich so betrachtet weiterhin klassischer und neuer Medien als Sherpas. Allerdings erweitert sich die Palette dieser Arbeitsmedien. Auch 10 Siehe dazu ausführlich Rainer Gries: Waren und Produkte als Generationenmarker. Die Generationen der DDR im Spiegel ihrer Konsumhorizonte, in: Annegrat Schüle/Thomas Ahbe/Rainer Gries (Hg.): Die DDR aus generationsgeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur. Leipzig 2006; und ders.: Das generationengeschichtliche Paradigma in der Kommunikationshistorie. Ein kursorischer Überblick, in: medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, 21, 2006. 11 Günter Schweiger/Gertraud Schrattenecker: Werbung. Eine Einführung. Stuttgart/Jena 5 2001, S. 247.

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redaktionelle Artikel in Zeitungen und Zeitschriften können, so gesehen, zu Trägern produktkommunikativer Gehalte werden. Kommunikationswissenschaftler konnten feststellen, dass sich die klare Grenze zwischen Beiträgen werblicher Provenienz und Beiträgen journalistischer Provenienz in den neunziger Jahren mehr und mehr verwischte. Entertainer zum Beispiel agieren heutzutage wie selbstverständlich als Werbefiguren und als Werbepräsenter. Das erweiterte Blickfeld der Produktkommunikation macht also auch einen Blick auf die Trägermedien notwendig.

3. Europäische Konjunktionen Produkte sind spätestens seit den 1960er Jahren zugleich Formate des Konsums und Formate sozialer Kommunikation. Wir können insofern eine Mediengeschichte dieser Kommunikationsphänomene anstreben, die substantielle Beiträge beispielsweise zu den Debatten um ein Europa der Nationen, um ein Europa der Regionen, aber auch zu einem Europa konjunktiver Erfahrungsräume und zu einem Europa der Generationen zu liefern vermag. Diese Horizonte ergeben sich, wenn wir Produktimages nicht als kurzfristige und oktroyierte Medieninhalte auffassen, sondern, wie geschildert, als langfristig beobachtbare Botschafts- und Bedeutungskomplexe, die nicht zuletzt auch von Käufern und Konsumenten mitgetragen, wenn nicht gar mitgestaltet werden. Es wäre lohnenswert, die Geschichte solcher Produktmedien im europäischen Kontext vor allem unter komparativen und transfergeschichtlichen Auspizien zu untersuchen. Im Fokus solcher Studien sollten die Inhalte und die mit ihnen verknüpften Akteure stehen. 3.1 Das Medienschema der Markenprodukte Während des 20. Jahrhunderts gab es unzählige Produktmedien, die als nationale und regionale Marker dienten. Eine besonders enge Verknüpfung von Marke und Nation scheint bis heute für Fluggesellschaften zu gelten: Der spektakuläre Absturz einer Concorde der Air France im Jahr 2000 oder der Konkurs der „Swissair“ im Jahr 2001 führten zu ernsten Krisen des massenmedial kommunizierten nationalen Wir-Gefühles in Frankreich und in der Schweiz. Marken können also nach wie vor dazu dienen, nationale und damit kulturelle Grenzen zu ziehen.12 Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts gab es in allen europäischen Gesellschaften jedoch überdies eine inhaltliche Entwicklung dieser Medien, die die 12 Vgl. Oliver Kühschelm/André Pfoertner: Unternehmer, Firmen und Produkte als österreichische „Gedächtnisorte“, in: Emil Brix/Ernst Bruckmüller/Hannes Stekl (Hg.): Memoria Austriae III. Unternehmer, Firmen, Produkte. Wien 2005.

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nationale Markierungsfunktion in den Hintergrund drängte. Markenprodukte entwickelten ein präzise wahrnehmbares Medienschema.13 Die Medialisierung der Produktkommunikation hatte zugleich auch eine Spezialisierung mit sich gebracht: Im Spektrum aller Medien in modernen Gesellschaften, also auch der klassischen Medien, nahmen Markenprodukte seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre eine Position ein, die von ihnen definierbare kulturelle Leistungen verlangte. Von den Produktmedien wurde und wird erwartet, dass sie ganz bestimmten inhaltlichen Mustern folgen. Dazu gehört mittlerweile, dass Produkte und die mit ihnen verbundenen Kommunikationen in der Regel keine ausdrücklich politischen oder gesellschaftspolitischen Aussagen transportieren sollen. Das Publikum erwartet seither, dass sie Emotionales, Bilder von Lebenslust und Lifestyle, vermitteln – in ihrer Aussage aber unpolitisch bleiben. Die Medialisierung der Produkte führte also zu einer inhaltlichen Spezialisierung dieser Mediengattung und damit langfristig zu einer Entpolitisierung der Produkterzählungen, wenn man das 19. und das gesamte 20. Jahrhundert überblickt.14 In den 1990er Jahren wurde dieses Muster von einzelnen Marken wie Benetton wieder europa- und sogar weltweit aufgebrochen – was zwar zu vermehrter Aufmerksamkeit, nicht aber zu vermehrtem Absatz führte. Diese medienhistorische Feststellung steht mit konsumgeschichtlichen Bestandsaufnahmen im Einklang. Unter Verweis auf die europaweite Verbreitung eines schwedischen Möbelhauses, auf die Ausbreitung von Pizzerien und türkischen Dönerbuden kommt der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble zu der folgenden Überlegung: „Diese Platzierung nationaler Produkte auf dem europäischen Markt bedeutete eine völlige Umkehrung des Sinns des Nationalen im Konsum. Während nationaler Konsumstil noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem zur Abgrenzung gegenüber Ausländern und zur Selbstversicherung der eigenen Identität eingesetzt wurde, wandelte sich im Verlauf der zweiten Hälfte nationaler Konsumstil zu einer Verkaufsstrategie gegenüber anderen Europäern. Konsum verlor seine Rolle als Abgrenzung gegenüber dem Anderen und gewann umgekehrt einen neuen Anreiz als Zugang zum Anderen, auch wenn dieser Zugang oft eine Konstruktion von Werbung und Marketing war und keine wirkliche Erfahrung des Anderen einschloss. Gleichzeitig homogenisierte sich auch dadurch der europäische Konsum, da diese Nationalprodukte überall in Europa verkauft wurden.“15

13 Zur Charakteristik von Medienschemata siehe Siegfried J. Schmidt/Siegfried Weischenberg: Mediengattungen, Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen, in: Klaus Merten/ Siegfried J. Schmidt/Siegfried Weischenberg (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaften. Opladen 1994, S. 219. 14 Vgl. dazu Gries: Produkte & Politik. 15 Hartmut Kaelble: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart. München 2007, S. 110.

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Einübung in fremde Genüsse: Europäisierung der Produktmedien (Gemeinschaftsanzeige aus den sechziger Jahren).

Werbung für Käse aus Holland, aus der Schweiz und aus Frankreich, Werbung für Wein aus Italien und für Flüge in die Vereinigten Staaten – Modernität und Internationalität waren die beiden großen Paradigmen der Wirtschaftswerbung seit den 1960er Jahren. Für die Mehrzahl der Konsumenten bedeutete dies eine Europäisierung ihrer Warenhaushalte. Der „Duft der großen weiten Welt“, den die Zigarette Peter Stuyvesant den Bundesdeutschen damals verhieß, war ein erster Schritt zur alltagskulturellen Aneignung von Produktmedien und Markenartikeln aus anderen Nationen. In den 1990er Jahren bekam dieser Trend einen weiteren Schub. „Schon immer war Peter Stuyvesant der Inbegriff fortschrittlichen Denkens. Weltoffenheit, Optimismus, Internationalität. „Come together“ ist die zeitgemäße Interpretation des Peter-Stuyvesant-Markenkerns. Internationalität und Weltoffenheit neu gedacht.

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,Come together‘ etabliert die Peter Stuyvesant als Botschafter eines neuen Lebensgefühls für heute und die neunziger Jahre. ,Come together‘ ist das Zusammenkommen der Menschen aus aller Welt. Es ist ein ,Come together‘ der unterschiedlichsten Hautfarben und Nationalitäten.“16

Soweit die Selbstdarstellung einer der „internationalen“ Kampagnen des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, die den Megatrend eines Dezenniums in einer prägnanten Sentenz verdichtete. „Come together“: In den 1990er Jahren kam es zur Herausbildung einer Vielzahl neuer Arenen der Kommunikation. Dazu mussten allenthalben überkommene Barrieren und Schranken überwunden werden – politische, wirtschaftliche, kulturelle, mediale und auch produktkommunikative. Im Laufe des Jahrzehnts erreichten diverse Entgrenzungsprozesse ihren vorläufigen Höhepunkt.17 Trotz dieses Trends zur Internationalisierung und Amalgamierung ist jedoch zu bezweifeln, ob sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich ein „homogenisierter“ europäischer Konsum herausgebildet hat. Wenn man Produkte als Medien betrachtet, wird man vielmehr feststellen, dass seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl von Warenmedien ihr Publikum und ihre Verwender in der Tat grenzüberschreitend finden. Das bedeutet aber nicht, dass die Zuschreibungshorizonte und die Nutzungsweisen sich ganz und gar vereinheitlicht haben. Produkt- und Markenimages lassen nämlich stets eine Bandbreite von Möglichkeiten der Attribuierung zu, die durchaus von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Gruppe zu Gruppe unterschiedliche Lesarten ermöglicht. Für Marken, die über kulturelle Grenzen hinweg am Markt und in den Hirnen und Herzen präsent sind, ist eine solche Offenheit, eine gewisse Ambiguität ihres Bildbestandes, notwendig, um über Kulturen hinweg Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Teilnahmebereitschaft zu erzeugen. In den 1990er Jahren wurde es möglich, gegensätzliche Werte gleichzeitig zu vertreten und zu fühlen. Das galt auch und gerade für die Phänomene der Konsumkommunikation, für das Einkaufsverhalten ebenso wie für die Werbesujets. Hybride Sinnstrukturen wurden kommuniziert und akzeptiert; „PatchworkIdentitäten“ integrierten ohne Irritationen fortan auch gegensätzliche Bilder, Denk- und Gefühlshorizonte. In den 1990er Jahren kam es also zu scheinbar unkomplizierten und gleichzeitig hoch komplexen Gemengelagen von Gegensätzen. „Bisher als unvereinbar geltende Lifestyle-Entwürfe und deren Produktbeziehungsweise Marken-Ikonen werden zwanglos miteinander kombiniert, die Mercedes S-Klasse wird nicht mehr verschämt in der Ecke, sondern offen 16 Jürgen Jeske/Eckhard Neumann/Wolfgang Prang: Jahrbuch der Werbung in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 27. Band 1990. Düsseldorf 1990, S. 212f. Der Slogan wurde seit 1989 eingesetzt. 17 Vgl. dazu ausführlich Gries: Produktkommunikation, S. 263–274.

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direkt vor dem Eingang auf dem Aldi-Parkplatz abgestellt.“18 Die werblichen Botschaften visualisieren seither „paradoxe Essenzen“ (Paradessenz),19 sie rufen kontroverse Gefühlsauren auf. Paradox-polare Werbe-Welten entsprechen seither paradoxen Werte-Welten ihrer Adressaten. „Bei wem nicht zwei Seelen in einer Brust, aber drei Gefühlslagen in einem Kopf miteinander kämpfen, der ist froh, wenn ein Produkt mehr als nur einen der Gefühls-Kontrahenten zu befriedigen verspricht. Einschränkungen und Kompromisse, sonst unausweichlich, scheinen dann endlich einmal unnötig. Die Paradessenz stellt also eine Erweiterung des Möglichkeitsraums in Aussicht und erlaubt es, die eigene Identität umfassender als in anderen Situationen zur Geltung zu bringen.“20

Die Kontingenzerfahrungen des modernen Lebens werden durch diesen Kunstgriff des Marketings visuell thematisiert und emotional aufgehoben, durch ihre polymorphe polysemische Präsenz werden sie gleichzeitig ausgelebt und ihrer Substanz beraubt. Paradessale Produktimages geben nicht nur vor, individualpsychische Dissonanzen zu reduzieren oder gar aufzuheben, sie scheinen überdies ein probates Werkzeug, um europäische und globale Produktgemeinden über soziale und politische Grenzen hinweg formen zu können. Werbung vermag seit mindestens einer Dekade Bedeutungen zu neutralisieren und mit ihnen zu spielen, ohne sich zu entscheiden.21 Aber selbst solche Formate von neutralen Bedeutungen rufen spezifische emotionale Reaktionen bei ihren „Zielgruppen“ auf, haben bestimmte Bedeutungshorizonte für bestimmte Gruppen und Gemeinschaften. Seit Ende der 1950er Jahre stieg die Zahl der Markenprodukte enorm an. Der stets zunehmende Raumbedarf von Super-, Hyper- und Mammutmärkten ist ein verlässlicher Gradmesser allein schon für die exorbitanten quantitativen Steigerungen konsumtiv orientierter Angebote. Die überbordenden Produktofferten mitsamt ihren bilderschwangeren Botschaften müssen von den Rezipienten der Werbung und potentiellen Kunden verarbeitet werden. Dabei sollten die vom Publikum der Werbung produzierten Bedeutungen ebenfalls ins Kalkül gezogen werden. Aus konsumhistorischer wie produktmedialer Perspektive las-

18 Siegert/Brecheis: Werbung, S. 73. 19 Das Kunstwort wurde geprägt von Alex Shakar in seinem Roman: Der letzte Schrei. Reinbek 2002. 20 Wolfgang Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? Frankfurt am Main 2 2006, S. 152. 21 Ralf Vollbrecht: Marken – Mythen – Images. Über die Ko-Evolution von Werbung und Verbrauchern und die Figur der Re-Entrys in der Werbung, in: Herbert Willems (Hg.): Die Gesellschaft der Werbung. Kontexte und Texte. Produktionen und Rezeptionen. Entwicklungen und Perspektiven. Wiesbaden 2002, S. 778.

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sen sich mächtige Trends zur Differenzierung und Pluralisierung feststellen.22 Unterschiedliche Gruppen und Gesellschaften integrieren zunehmend ambivalent offerierte Produktbotschaften ihren Bedürfnissen entsprechend in die eigenen Sinnhorizonte. Unterschiedliche Gruppen und Gesellschaften statten sich überdies mit differenten Produktportfolios aus. So bleibt eine vergleichsweise differenzierte „Gesamtaussage“ des einzelnen Konsumenten und bestimmter Gemeinschaften durch jeweils spezifische Zusammenstellungen und durch jeweils spezifische Inanspruchnahmen der Produktmedien gewahrt. Der homogenisierte Konsument von Bergen bis Brindisi und von Brest bis Białystok ist also längst noch nicht in Sicht – auch dann nicht, wenn bestimmte Markenartikel hier wie dort beworben werden und zu erwerben sind. 3.2 Horizonte europäischer Marken- und Produktgemeinden Produktmedien vermögen Gemeinden und zuweilen sogar Gemeinschaften auszubilden, die es unter europäischen Auspizien zu untersuchen gilt. Eine differenzierte Analyse der Verbreitungs- und Imagegeschichte der Produktmedien dürfte über Produktimages gestiftete Beziehungen entdecken, welche sich außerhalb, vielleicht auch „unterhalb“ augenscheinlicher nationaler und regionaler Konfigurationen entwickelt oder vielleicht auch rückgebildet haben. Eine vergleichende Imageforschung könnte einen Beitrag zur präzisen Aufklärung des Spannungsverhältnisses zwischen kultureller Homogenisierung und Differenzierung leisten. Ein Beispiel für diesen Fragehorizont: Wie genau reagierten europäische Gesellschaften, Gemeinschaften oder Gruppen auf die Anmutungen und Zumutungen der so genannten „Amerikanisierung“ oder der „Globalisierung“? Ziehen wir exemplarisch die über hundertjährige Geschichte von Coca-Cola heran.23 Die ökonomischen und politischen Infrastrukturen für die weltweite Präsenz dieser Marke stellte das „amerikanische Jahrhundert“ zur Verfügung: Der Zweite Weltkrieg und die Eroberung der Exportmärkte schufen das Glacis für den sagenhaften Erfolg dieser Marke.24 Deren Durchsetzungsvermögen beruhte auf ihrer territorialen und temporalen Ubiquität. Durch eine omnipräsente Werbung konnte der eigenwillige Schriftzug mitsamt der markanten Flasche überall in der Welt ins Gedächtnis der Menschen gelangen. Dieses Produkt forderte und fordert 22 Vgl. Hannes Siegrist/Manuel Schramm: Regionalisierung europäischer Konsumkulturen im 20. Jahrhundert. Leipzig 2003. 23 Zur Geschichte dieses Symbols des 20. Jahrhunderts siehe Andrea Exler: Coca-Cola. Vom selbstgebrauten Aufputschmittel zur amerikanischen Ikone. Hamburg 2006; Helmut Fritz: Das Evangelium der Erfrischung. Coca-Colas Weltmission. Reinbek 1985; Mark Pendergrast: For God, country and Coca-Cola. The definitive history of the world’s most popular soft drink. London 2000. 24 Vgl. Tom Standage: Sechs Getränke, die die Welt bewegten. Düsseldorf 2007, S. 204–241.

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Generation für Generation zur Stellungnahme heraus. Die Coca-Cola-Flasche ist zwar zum Megaemblem des „amerikanischen Jahrhunderts“ avanciert – doch welche eigensinnigen Reaktionen behielten sich unterschiedliche Gesellschaften und Gemeinschaften gegenüber dieser „amerikanischen“ Herausforderung vor? Keineswegs gab es nur den Dualismus zwischen Coca-Cola und PepsiCola.25 Bis heute forderte Coca-Cola immer wieder die Produktion nationaler, regionaler respektive alternativer Colamarken und Colaimages geradezu heraus. Zu allen Zeiten wurden Coca-Cola autochthone Colamarken in den Weg oder entgegen gestellt. So eröffnete zum Beispiel der Inhaber der „deutschen“ Africola in den 1930er Jahren eine Kampagne, welche Coca-Cola als „jüdisches Erzeugnis“ politisch desavouieren sollte. Sinalco und Africola machten dem USProdukt stets den deutschen Markt streitig. Seit Ende der 1940er Jahre wurde in Österreich eigens eine Austro Cola produziert. In der DDR setzte die Partei dem allmächtigen Westmythos die Eigenmarken Vita-Cola und Club-Cola entgegen. Für Club-Cola wurde nach der Wende geworben, indem man die Marke ausdrücklich vom amerikanischen Vorbild absetzte; in einer Anzeige hieß es 1992: „Atlanta? New York? BERLIN!“ Der demonstrative Genuss von Mecca-Cola verbindet heutzutage gläubige Muslime in Pakistan und im Nahen Osten, aber auch in Frankreich und in Deutschland. In der Türkei inszeniert sich Cola Turka als das moralisch höher stehende Brausegetränk; im Gottesstaat Iran gehört Zamzam-Cola zum guten Ton. Und für die Verfechter der korsischen Unabhängigkeit ist es politisch korrekt, Corsica Cola zu trinken. Die meisten dieser und vieler anderer Alternativen zum „Real Thing“ sind übrigens in einem rot-weißen Farbklima gehalten. Auch für seine Gegner hat Coca-Cola die ästhetische Norm gesetzt – weltweit. Wie also implementieren und integrieren europäische Kulturen amerikanische oder nicht-europäische Produktimages? Kristallisieren sich Residuen des Eigensinnes im selben Produktmedium? Oder wandern sie gewöhnlich aus, indem ein Konkurrenz- oder gar „Gegenprodukt“ kreiert und vom Publikum favorisiert wird? „Konvergenzen bestanden (…) in einer starken Verflechtung zwischen europäischen Ländern. Das Angebot in den Supermärkten, Möbelgeschäften, Warenhäusern und Restaurants europäisierte sich. Immer mehr Konsumgüter – Nahrungsmittel, Kleider, Autos, Fernsehgeräte – stammten aus anderen Ländern. Die Internationalisierung des Konsums, die ebenfalls in allen Industrieländern festzustellen ist, war für den europäischen Konsumenten vor allem eine Europäisierung des Warenangebots. Sicher gehörten einzelne spektakuläre amerikanische Waren wie Coca Cola, Jeans, Hollywood-Filme, Fast-Food-Läden und japanische Produkte wie Fernsehgeräte, CD-Player, Radios, Autos sowie auch außereuropäische Restaurants und Ferntourismus zum europäischen Konsum. Sie änderten aber 25 Gries: Produkte & Politik. Zur Kultur- und Politikgeschichte der Produktkommunikation. Wien 2006, S. 147ff.

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nichts an der Dominanz des Konsumgüterimports aus europäischen Ländern, der europäischen Restaurants und der Reisen innerhalb Europas.“26

Dieser Befund ist sicher richtig – doch ungeklärt sind die Bedingungen für eine gesamteuropäische Akzeptanz bestimmter Produktmedien. Wie ist der Siegeszug des italienischen Grappa oder des griechischen Feta nachzuvollziehen und zu erklären? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Produkt mitsamt seinem hergebrachten Zuschreibungskern in den Bilder- und Mythenhaushalt einer der genannten Gemeinschaften integriert werden kann? Präsentative Symbole27 wie die Produktimages stiften „Beziehungen“ und Gemeinden, womöglich sogar Gemeinschaften, wobei solche medialen Plattformen über längere Zeiträume zur Verfügung stehen müssen, denn kollektive Verständigungs- und Einigungsprozesse über die Produktmedien benötigen Zeit, – nicht zuletzt deshalb, weil die Kommunikation über diese Art von Medien nur in begrenztem Maß verbal vonstatten geht. Doch welcherart Konjunktionen lassen sich womöglich mit einem solchen Zugriff neu verorten? Einen wesentlichen Beitrag zu einer Gesellschaftsgeschichte unter europäischen Auspizien kann die Aufarbeitung von Produktimages und Imageensembles darstellen, die über zeitliche und räumliche Grenzvorstellungen hinweg kommuniziert und akzeptiert wurden und werden. So gesehen, könnten womöglich die Umrisse von europäischen Erfahrungs- sowie Erwartungsräumen und eines Europas der Generationen in den Blick geraten. Das Geflecht der Produktkommunikation und die von Kommunikationswissenschaftlern so genannte Rezeptionskommunikation der Werbung vermag Gemeinschaften28 zu stiften – Gruppen, Generationen und Gesellschaften finden sich, indem sie Medieninhalte reflektieren, mit Medienofferten umgehen und sich diese diskursiv aneignen.29 Der Soziologe Karl Mannheim sah im Menschen ein Kollektivsubjekt, das Sinn aus Erfahrungen gewinnt, die sich auf „einen bestimmten von einer Gemeinschaft getragenen Erfahrungszusammenhang“ beziehen.30 „Konjunktive Erfahrungsräume“ in diesem Verständnis oder auch „kulturelle Milieus“ sind dadurch charakterisiert, „daß ihre Angehörigen (…) 26 Kaelble: Sozialgeschichte Europas, S. 109. 27 Unter „präsentativer Symbolik“ lässt sich eine „Ganzheit der Erlebens- und Gefühlsvielfalt“ verstehen, die ein bestimmtes Objekt abbildet und bei seinen Rezipienten aufzurufen vermag. Vgl. dazu ausführlich: Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, Bd. 1. Darmstadt 1953; Susanne K. Langer: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Frankfurt am Main 1965, S. 102ff. 28 Die Konstitution von Milieus und Proto-Gemeinschaften durch Markenkommunikationen thematisiert auch Hellmann: Soziologie der Marke, S. 417ff. 29 Zurstiege: Werbeforschung, S. 107f. 30 Karl Mannheim: Strukturen des Denkens. Frankfurt am Main 1980, S. 241.

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durch Gemeinsamkeiten des Schicksals, des biographischen Erlebens, Gemeinsamkeiten der Sozialisationsgeschichte miteinander verbunden sind. Dabei ist die Konstitution konjunktiver Erfahrung nicht an das gruppenhafte Zusammenleben derjenigen gebunden, die an ihr teilhaben“.31 Solche Gemeinsamkeiten können auch durch die ähnliche oder gar gleichartige Aneignung und Akzeptanz beziehungsweise Ablehnung von bestimmten Produktimages gestiftet werden. Das kann überdies durch ein so genanntes disperses Publikum geschehen, das diese Medieninhalte zwar nicht gemeinschaftlich wahrnimmt – das aber doch voneinander und von den eigenen Vorlieben und Abneigungen weiß. Produktkommunikationen ermöglichen Kulturen des Gemeinsamen – und schaffen damit sozial höchst relevante Verbindungen und Beziehungen.32 Freilich gelten Einschränkungen: Nicht jedwede Produktkommunikation kann derartige soziale Bindekräfte freisetzen und bündeln. Es sind Markenartikel und Gattungen von Leitprodukten, die eine solch hohe soziokulturelle Kompetenz und Kohäsion bewirken. Mehr noch: (Marken-)Medien stellen durchaus nicht voraussetzungslos einen Kristallisationskern von WirGemeinden dar. Marken und Produkte avancieren nur dann zu Medien, wenn sie den Artikulationsbedürfnissen der Vielen eine geeignete Plattform bieten. Insbesondere langfristig beobachtbare Absatzerfolge von Produkten können ein erster verlässlicher Hinweis auf eine dauerhafte Akzeptanz und Aneignung sein. Aber selbst eklatante Verkaufseinbußen können auf prägnante Gemeindebildungen verweisen. Mitte der 1980er Jahre kam es beispielsweise zu einer folgenreichen Konfrontation des Coca-Cola-Managements mit den eigenen Kunden. Die Coca-Cola-Führung fühlte sich damals durch eine vergleichende Werbekampagne des härtesten Konkurrenten Pepsi herausgefordert; bei öffentlichkeitswirksam inszenierten Blindverkostungen ging Coca-Cola stets nur als Zweitplatzierte aus dem Rennen, Pepsi blieb der Gewinner dieser Tests. Die Company entschied sich daher zu einem schwerwiegenden Schritt. Coca-Cola änderte die fast einhundert Jahre alte, längst zum Mythos gewordene Produktionsformel. Man entwickelte eine Cola, die dem noch süßeren Pepsi-Geschmack ähnelte. 1985 wurde dieses Getränk als New Coke auf den Markt gebracht – und das traditionelle Coca-Cola nach dem Rezept von 1886 abgeschafft. Diese Entscheidung wurde von den Konsumenten nicht angenommen und eine regelrechte Coca-Cola-Gemeinschaft formierte sich. Atlanta wurde von einer Protestwelle ungeahnten Ausmaßes heimgesucht. Bis zu achttausend Telefonanrufe gingen nun täglich allein in der Zentrale ein. Es gründete sich sogar eigens ein Interessenverband, „The Old Cola Drinkers of America“; der Verein forderte 31 Ralf Bohnsack: Rekonstruktive Sozialforschung – Einführung in qualitative Methoden. Opladen 42000, S. 131. 32 Vgl. Zurstiege: Zwischen Kritik und Faszination, S. 201ff.

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die Veröffentlichung der Originalrezeptur, damit die traditionelle Brause künftig von einem anderen Hersteller produziert werden konnte. Die Weltfirma beugte sich bald dem Willen ihrer Kundschaft – das Nein der Konsumenten zwang sie zur baldigen Aufgabe ihrer Position: Bereits ein Vierteljahr später wurde die alte Coke als Coca-Cola Classic zur Zufriedenheit aller repatriiert. – Ein sehr profiliertes Beispiel für die latente Ausbildung und zeitweise Ausprägung einer geradezu machtvollen Markengemeinschaft. Ein Europa der konjunktiven Erfahrungs- und Erwartungsräume vermag grenzübergreifende Regionen zu entdecken, in denen die Menschen sich auf ähnliche Produktbilder und auf ähnliche Hierarchien und Wertigkeiten dieser Images „geeinigt“ haben. Gerade solche Produktimages können mithelfen, subkutane „Grenzräume“ einer wissenschaftlichen Aufarbeitung zu erschließen. Es gibt zahlreiche Medien und Marker, die Wir-Gruppen und Wir-Räume zu definieren vermögen. Produkte und ihre Images werden in einem Ensemble solcher Kommunikationen wirksam. Das gilt auch für eine andere Gattung konjunktiver Erfahrungen und Erwartungen, die ebenfalls auf Theorien von Karl Mannheim zurückgeht: Die Vermessung von „Isobaren“ der Produktimages könnte uns auch dabei helfen, ein Europa der Generationen, genauer: der Generationszusammenhänge, zu erkennen.33 Nicht nur aus der Perspektive von Karl Mannheim galten die Medien der Gutenberggalaxis wie selbstverständlich als notwendig identisch mit den Medien intragenerationeller Selbstverständigung. Sicher ist der Austausch über Texte, über Thesen und Themen unabdingbarer, vielfach auch zentraler Bestandteil eines generationellen Medien-Mix. Es gibt jedoch Generationen, die sich nicht vorwiegend kognitiv, nicht vorwiegend verbal und nicht vorwiegend literarisch verständigen. Generationen, die überwiegend auf einem Wir-Gefühl und weniger auf einem Wir-Wissen aufbauen, würden wir außer Acht lassen, wenn wir diesem Konzept unbesehen folgen würden. Gerade die Kommunikation und der Austausch von gemeingültigen Wir-Gefühlen findet gewöhnlich über andere Medien statt als der Austausch von gemeingültigem Wir-Wissen.34 Medien generationeller Verständigung in diesem Sinne stellen daher auch und gerade Produkte und Marken dar. Via Produktkommunikation kann es nicht nur zu verbindenden inter- und intragenerationellen Erfahrungs- und Erwartungstransfers kommen, sondern ebenso zur Wahrnehmung von generationellen Diskontinuitäten und Brüchen. Produkthorizonte lassen sich daher sowohl für Individuen wie für Gruppen, Generationszusammenhänge und Gesellschaften ausdifferenzieren. Unter dem 33 Vgl. dazu ausführlich Gries: Waren und Produkte als Generationenmarker. 34 Vgl. dazu ausführlich Habbo Knoch: Gefühlte Gemeinschaften. Bild und Generation in der Moderne, in: Ulrike Jureit/Michael Wildt (Hg.): Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hamburg 2005.

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Produkthorizont sei das emotional belegte sowie durch Erfahrungen und durch Erwartungen begründete charakteristische Aneignungsmuster von Produkten samt deren sozialen Konnotationen verstanden, das eben diesen Generationszusammenhang prägt und von anderen unterscheidet. Generationen können also auch durch die Ablehnung und Akzeptanz von Leitprodukten respektive von Leitmedien gekennzeichnet sein. 3.3 Schaumwein als Medium Bis heute konzentriert sich die Konsumforschung weitgehend auf regionale oder nationale Problemstellungen – darüber hinausgehende Erkundungen wurden bislang nur in Ausnahmefällen betrieben. Abschließend seien einige Aspekte aus der Geschichte des Schaumweins35 aufgegriffen, die deutlich machen, dass diese Produktgattung mitsamt ihrer Markentopographie als europäisches Produktmedium par excellence gelten darf. Bereits der Ursprung des Schaumweines lässt sich als gemeineuropäischer Mythos erzählen: Überall wo Sekt hergestellt und getrunken wird, gilt die Geschichte des Dom Pierre Pérignon als kanonisch. Der Archetyp des Sektes, der Champagner, ist demnach vom Kellermeister der Benediktiner-Abtei in Hautviller „entdeckt“ worden. Dieser Gründungsmythos wurde und wird von all jenen Sekthäusern beschworen, die im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland, in Österreich sowie in Tschechien, der Slowakei und in Ungarn entstanden sind. Eine solche Geschichte wurde seit dem 18. Jahrhundert in ganz Europa erzählt. Über den Transfer dieses Mythos hinaus waren weitere Transferleistungen zu erbringen: Das diffizile handwerkliche Know-how der Sektherstellung musste in Frankreich erlernt und in die anderen Länder Europas importiert werden. Das geschah in der Regel durch die Ausbildung ausländischer Kellermeister, die hernach in ihre Heimatländer zurückkehrten und dort Sektkellereien eröffneten. In seinem Heimatland hatte sich der Champagner bis zum 19. Jahrhundert von einem regionalen Medium zu einem Medium nationaler Selbstverständigung entwickelt.36 Bis ins 20. Jahrhundert repräsentierte der Schaumwein die Grande Nation – ein Anspruch, der von der deutschen Sektpublizistik des 19. Jahrhunderts noch verstärkt wurde. Hier wollte man dem Masterprodukt aus Frankreich mit heimischen Erzeugnissen Paroli bieten. Diesseits wie jenseits des Rheines wurde jedoch seitens des Publikums ein strikter Dualismus vertreten: 35 Zur Geschichte des Schaumweines siehe André Simon/Helmut Arntz: Champagner und Sekt. Die Geschichte des schäumenden Weins. Berlin/Frankfurt am Main/Wien 1962; Gries: Produkte als Medien, S. 285–387. 36 Kolleen M. Guy: When Champagne became French. Wine and the Making of a National Identity. Baltimore 2003.

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hier der echte, der französische Champagner – dort der unechte, der deutsche „Champagner“. Einen Höhe- und Wendepunkt erreichten die Auseinandersetzungen um den wahren Champagner diesseits und jenseits des Rheines, als mit dem Versailler Vertrag festgelegt wurde, dass künftig nunmehr Schaumweine aus Frankreich diese ehrenvolle Bezeichnung führen durften.37 Das Deutsche Kaiserreich hatte damit nicht nur den Ersten Weltkrieg verloren, sondern auch den „deutschen Champagner“. Frankreich hatte die kulturelle und ökonomische Exklusivität eines seiner nationalen Symbole gar zum Gegenstand des Friedensvertrages gemacht. Vergleichbare Entwicklungen dürften auch für die Geschichte des Sektes in Österreich, des Šumivé víno in Tschechien und in der Slowakei sowie des Pezsgő in Ungarn festzustellen sein. Auch in der habsburgischen k.u.k. Monarchie hatten Sektproduzenten lange Zeit mit Vorurteilen gegen die in der Heimat erzeugten Produkte zu kämpfen, die im Ansehen hinter dem Champagner zurückstehen mussten.38 Zu den Herausforderungen der Sektpioniere des 19. Jahrhunderts überall in Europa zählte es, ein Getränk im heimischen Gefühlshaushalt zu etablieren, das wie kein anderes zu einem Symbol der französischen Nation emporgestiegen war. Offenbar gab es in der k.u.k. Monarchie keinen Schaumwein, der die Zusammengehörigkeit des Vielvölkerreiches darstellen konnte. Vielmehr konkurrierten zahlreiche Sektmarken miteinander, mit „national“ gefärbten Zuschreibungselementen. Eine Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreiche ungarische Sektmarke aus dem Hause Imre Petheos wurde denn auch auf den Namen „Nemzeti Pezsgőbor“ („Nationaler Sekt“) getauft. Doch über diese nationalen Markierungen hinaus gab es auch eine sozial bestimmbare Champagnergemeinde diesseits wie jenseits des Rheins: Die gehobenen Stände in der deutschen wie in der österreichisch-ungarischen Monarchie pflegten über die scharf gezogenen nationalen Grenzen hinweg französischen Champagner zu genießen. Das luxuriöse und exklusive Getränk aus Frankreich war weiter dem Adel und dem Großbürgertum vorbehalten, wohingegen das aufstrebende Bürgertum überall in Europa zu nationalen Schaumweinmarken bekehrt werden sollte. Als Sattelzeit in der Kultur- und Sozialgeschichte der Markenmedien erwiesen sich die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Überall in Mitteleuropa 37 Zu den wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles gehörte der so genannte Champagnerparagraph: Artikel 274 und 275 des Vertragswerkes hatten zur Folge, dass „Champagner“ aus Deutschland in Zukunft als „Sekt“ und „Cognac“ aus Deutschland künftig als „Weinbrand“ zu firmieren hatten. 38 Für diese Hinweise danke ich Andrea Morawetz, die an einer von mir betrauten Dissertation an der Universität Wien zum Thema: „In aller Munde – Eine kulturhistorische Untersuchung der Produktkommunikationen des Sektes, des Pezsgő und des Šumivé víno“ arbeitet.

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Einübung einer neuen Sektgeneration (Markenanzeige aus den sechziger Jahren).

fehlte es nach dem Desaster des Ersten Weltkrieges und infolge der Wirtschaftskrisen an Kaufkraft. Viele exklusive Produkte öffneten jetzt ihre sozialen Horizonte und offerierten sich mittleren oder sogar unteren gesellschaftlichen Klassen. Dazu gehörte auch der Schaumwein. In Deutschland wurde Sekt jetzt sogar kumpelhaft beworben: „Dein Sekt sei Deinhard!“ Der Genuss von Sekt wurde zu einer Vision für die Vielen stilisiert. Kommerzielle und auch von den Nationalsozialisten inspirierte Produktkommunikationen in den 1920er und 1930er Jahren legten die mentalen Grundlagen für einen unaufhaltsamen Siegeszug des Sektes, der in Deutschland wie in Österreich in den 1950er Jahren seinen Anfang nahm. Seit Mitte der 1960er Jahre avancierte der Konsum bestimmter Sektmarken in Westdeutschland zum Merkmal eines bestimmten Generationszusammenhanges. Die Aufbaugeneration des Westens, zu welcher die von Mitte der in den 1920er bis etwa Mitte der 1930er Jahre Geborenen gehörten, begann, ihren gesellschaftlichen Aufstieg und Erfolg zu feiern. Die Werbung für Sekt kam jetzt dieser aufsteigenden und tragenden Generation entgegen – und half bei ihrer Schaumwein-Sozialisation. Sekt war nun eines der Medien, über die sich diese

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Altersgruppen definierten konnten – ganz im Gegensatz zu ihren Jahrgangsgenossen in der DDR. In Ostdeutschland feierte dieser Generationenzusammenhang seine Karrieren vor allem mit „arbeiterlichen“ Getränken im Sinne des Soziologen Wolfgang Engler,39 also mit Bier und Schnaps. In der DDR gab es zwar auch Sektmarken, aber die Aura des Schaumweines verharrte im kleinbürgerlich geprägten Arbeiter-und-Bauernstaat auf dem Stand der 1950er Jahre und rekurrierte damit auf die Sektzuschreibungen des 19. Jahrhunderts und der Klassengesellschaft des Kaiserreiches. Eine kulturelle und soziale Öffnung dieses Getränkes wie im Westen blieb völlig außen vor – der Sekt verblieb im Bewusstsein der Leute und de facto in der Sphäre des Staates und gehörte keinesfalls zum Alltag der Gesellschaft. Seit den 1980er Jahren kommt es erneut zu signifikanten europäischen Transfers. Auf die mitteleuropäischen Märkte, selbst nach Frankreich, drängen jetzt spanische Sektmarken – hochwertige, nach der traditionellen méthode champenoise hergestellte Schaumweine zu vergleichsweise günstigen Preisen: „Entdecken Sie spanische Sektkultur.“ Eine junge Schöne mit langem schwarzen Haar, die ihren sehr roten Mund geheimnisvoll halb hinter einem schwarzen Spitzenfächer versteckt, bürgt jetzt für den „stolzen Geschmack“. Mit ihrem ebenso exotischen wie erotischen Flair erobern sie sich nicht nur ein jüngeres Publikum, sondern werden zu Leitprodukten der so genannten Yuppie-Kultur. In den 1990er Jahren wird dieser spektakuläre Transfer einer südeuropäischen Schaumweinkultur von einem weiteren Importerfolg flankiert: Nun beginnt der italienische Prosecco seinen Siegeszug in den mitteleuropäischen Gesellschaften. Untersuchungen des deutschen Sektmarktes zeigten bereits Mitte des vorigen Jahrzehnts, dass spanische und italienische Schaumweinmarken mittlerweile weit besser bekannt sind als französische. Auch die südeuropäischen Transfermarken hatten es also bereits Mitte der 1990er Jahre geschafft, grenzüberschreitende Genuss-Gemeinden zu formieren. Der Schaumwein – Medium der Moderne: Sektmarken trugen dazu bei, konjunktive Erwartungs- und Erfahrungsräume in Europa visuell zu symbolisieren und – zuweilen – sogar verbal zu formulieren. An der Ausformulierung der Zuschreibungen des Sektes waren sowohl die Hersteller wie die Käufer und Konsumenten beteiligt – stets aber auch weitere Akteure: Journalisten und Publizisten, Politiker und Propagandisten. Das Zusammenspiel dieser Akteure läßt sich nicht nur im 19., sondern auch im 20. Jahrhundert immer wieder beobachten. Ein schönes Beispiel dafür ist der „Meteor-Zwischenfall“ im Jahr 1902. In jenem Jahr hatte die französische Firma Moët & Chandon gegen die deutsche Sektkellerei Söhnlein eine Schadensersatzklage auf Zahlung einer Million Goldmark ange39 Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin 1999, S. 200.

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strengt. Der ganze Stolz des Deutschen Kaisers, die Kaiserliche Yacht „Meteor“, war in den USA gebaut worden. Söhnlein hatte in Werbeanzeigen und in redaktionellen Beiträgen das Telegramm des Deutschen Botschafters in Washington verbreitet, die Tochter des Präsidenten der USA, Fräulein Roosevelt, habe das Prachtschiff beim Stapellauf mit Sekt der Söhnlein-Marke Rheingold getauft. In Wirklichkeit sei es Moët & Chandon-Champagner gewesen, behaupteten die Franzosen in ihren Zeitungen. Zum großen Verdruss der Deutschen stimmte diese Behauptung. Dem Vertreter der Champagnerkellerei war es nämlich mit Hilfe der Werft, die den Großauftrag aus Deutschland ausführte, gelungen, der Taufpatin statt des Söhnleinsektes einen Champagner unterzuschieben. Überdies hatten sich die Franzosen ihren Triumph vom Präsidenten der Reederei und einem New Yorker Notar bestätigen lassen. Die Reaktion der deutschen Presse war eindeutig und heftig: „ein Gassenbubenstreich“, eine „Taschenspielerei und dreiste Ungezogenheit ihrer Urheber“, ein „flegelhafter Vertrauensbruch der amerikanischen Schiffsbauer, und dann die freudige Zustimmung der französischen Firma, die von allen Blättern der „Lichtstadt“ wie von allen Provinzzeitungen den erlisteten „Triumph“ ausposaunen läßt“, wetterte beispielsweise der Frankfurter Generalanzeiger.40 Ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel politischer und werblicher Propagandisten: Die deutschen Sektproduzenten und das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda setzten seit 1933 eine integrierte Werbe- und Propagandakampagne in Szene, um „breitesten Volksschichten“ den Sekt als Getränk der „neuen Zeit“ nahe zu bringen. Die Sektsteuer wurde von der nationalsozialistischen Regierung flugs außer Kraft gesetzt: „Die Schaumweinsteuer ist gefallen!“, triumphierte eine Deinhard-Anzeige 1933. Darin war weiter zu lesen: „Deutscher Schaumwein ist kein Luxusgetränk mehr! Es ist nicht im Sinne des Führers, auf eine Freude aus Furcht vor dem Neid anderer zu verzichten. Jede Flasche Deinhard schafft Arbeit, gibt Anregung, bereitet Freude. Deinhard ist nicht teurer als ein mittlerer Flaschenwein.“41 Der Sekt sollte „Volksgetränk“ werden und wie andere „Volksprodukte“42 die „Volksgemeinschaft“ materiell beglaubigen. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre und in den 1930er Jahren wurde von den Sektherstellern im Verein mit den Nationalsozialisten ein Versprechen auf Teilhabe gegeben und Erwartungen aufgerissen, die in den 1960er und 1970er Jahren eingelöst wurden. Eine Grundaussage des Sektmediums blieb über zweihundert Jahre vergleichsweise konstant: Schaumwein gab seit jeher ein Medium ab, um Partizi40 Frankfurter Generalanzeiger vom 12.3.1902; Frankfurter Zeitung vom 1.4.1902; vgl. dazu ausführlich Gries: Produkte & Politik, S. 51–57. 41 Ebenda, S. 93–97. 42 Vgl. Wolfgang König: Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft. „Volksprodukte“ im Dritten Reich: vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Paderborn 2004.

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pation einzufordern oder darzustellen: Zeiten regionaler, nationaler und europäischer Zuschreibungshorizonte folgen geradezu mustergültig aufeinander. Im 19. Jahrhundert dominierte die Inanspruchnahme dieses Produktmediums für nationale Belange – überall in Europa. In jenem Jahrhundert repräsentierte Sekt das Verlangen des aufstrebenden Bürgertums nach politischer und gesellschaftlicher Teilhabe in den Nationalstaaten. Überdies bildeten sich immer wieder auch transnationale Erwartungs- und Erfahrungsgemeinschaften aus. Der demonstrative Genuss französischer Champagnermarken verband die Haute-Volée Frankreichs und Europas bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Die Aufbaugenerationen in Mitteleuropa zeigten seit den 1960er Jahren mit dem Genuss traditioneller Marken ihre Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg und am Wohlstand an. Seit den 1980er Jahren verbindet der Konsum südeuropäischer Schaumweinmarken jüngere Altersgruppen auf dem gesamten Kontinent.

4. Medialität und Mentalität Dieser Beitrag plädiert für die Öffnung von Theorie- und Forschungshorizonten aus drei Perspektiven: • Aus werbewissenschaftlicher Sicht gilt: Das Modell der Produktkommunikation erweitert den tradierten kommunikationswissenschaftlichen wie historiographischen Fokus auf die Wirtschaftswerbung. Nicht nur werbliche Kommunikationen, sondern alle über Produkte formulierten Aussagen werden demnach im Produktganzen gebündelt. Zu den maßgeblichen Akteuren der Produktkommunikation zählen aus diesem Blickwinkel die Käufer und die Konsumenten. • Aus medientheoretischer Perspektive gilt: Das Verständnis von Medien als Plattformen sozialen Austauschs legt besonderen Wert auf deren kulturelles und soziales Leistungsvermögen. Medien segmentieren und fragmentieren, Medien segregieren und integrieren, sie können ihrem „aktiven Publikum“ kollektive Deutungsmuster und Wir-Verständnisse, kognitive wie emotionale Wir-Marker anbieten. • Aus europäischer Perspektive gilt: Wenn Markenprodukte in modernen Gesellschaften wie Massenmedien funktionieren, dann können sie unter bestimmten Umständen als Kristallisationsorte latenter Gemeinden und sogar prägnanter Gemeinschaften dienen. Es gilt, diese Vernetzungs- und Vergemeinschaftungsleistungen in ihren nationalen und sozialen Grenzen, aber auch über Grenzen hinweg zu beobachten. Damit leistet die Geschichte der Produktmedien einen Beitrag zur Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte eines neu verstandenen „Europa der Regionen“ – gemeint ist ein Europa konjunktiver Erwartungs- und Erfahrungsräume.

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Produkte als Medien: Die Chancen einer so verstandenen Geschichte der Produktkommunikation liegen nicht nur in der Aufklärung der Medialität von Marken und Produkten. Die Chancen liegen vor allem in der Aufklärung der Mentalität von historischen Kollektiven. Wenn wir solche Produkte über lange Zeit beobachten, erweisen sie sich als Archive – als Archive der über diese Medien erfolgreich vermittelten und ausgetauschten Botschaften und Bedeutungen, von Bildern und Symbolen, von Zuschreibungen und von Narrativen. Das Besondere dieser Medien ist die Tatsache, dass ihre Inhalte, die Farben und die Formen, die Geschichten und Geschichtchen, die Gesichter und die Gestalten, mit den Gefühls- und Gedankenwelten, kurz mit den Wir-Welten, historischer Kollektive korrespondieren. Das Bemühen um Aufklärung gilt daher nicht eigentlich den Medien, sondern den über sie fass- und fühlbaren Menschen. Die Aufklärung der mit diesen Medien verbundenen Mentalitäten muss demnach als Grundimpetus der Geschichte der Produktkommunikation gelten. Die Geschichte der Produktmedien dokumentiert nicht nur mentale Latenzen, Konstanzen und Kontinuitäten. Aus diesem Wissensbestand heraus kann es ihr überdies gelingen, Einblicke in kollektive emotionale Aneignungen von Ereignissen zu eröffnen, die anderen, vorwiegend rational argumentierenden Medien verschlossen bleiben müssen. Produkte sind Medien, die uns als Seismographen der psychischen Verfasstheit ihrer Nutzer und ihrer Nutzerkollektive dienen können – wenn wir diese Quellen lesen lernen.

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Zwischen Nationalisierung und Internationalisierung Europäische Auslandsberichterstattung um 1900 von Dominik Geppert

Im Juli 1897 veröffentlichte William Thomas Stead, einer der prominentesten Publizisten seiner Zeit, in der britischen Monatsschrift Review of Reviews einen bemerkenswerten Essay mit dem Titel „The United States of Europe“. Darin entwarf er die Vision eines föderierten Europas als eines christlichen Bollwerks gegen die orientalische Despotie des Osmanischen Reiches: mit einer zentralen Regierung und einer gemeinsamen Volksvertretung (in Bern), mit einem obersten Gerichtsherrn (dem deutschen Kaiser), ohne nationale Grenzen und Zölle, dafür aber mit einer einheitlichen Währung. „The progress of mankind to a higher civilisation“, schrieb er, „has been marked at every stage by the continuous widening of the area within which no sword shall be drawn and no shot fired save by command of the central authority.“ Für eine europäische Geschichte der Massenmedien im 20. Jahrhundert ist Steads Vision interessant, weil der Publizist als Triebkraft einer allmählichen Vereinheitlichung der sozialen und politischen Verhältnisse in Europa in erster Linie die Transformation der Kommunikationsinfrastruktur ausmachte: Eisenbahn, Dampfschiff, Telegrafendraht und Postverkehr würden mit der Zeit alle Grenzen zum Verschwinden bringen und Nationalstaaten in Provinzen eines einzigen großen Organismus verwandeln. Zeitungen, so Stead, „with the network of telegraphic agency by which the news of every capital is collected and transmitted for publication in every other, tend to create a sense of unity, if not fraternity, which acts as a powerful although slow solvent of what may be described as national parochialism.“ 1

Hatte Stead als einer der Erfinder des „new journalism“ Mitte der 1880er Jahre der Presse eine führende Rolle bei der innenpolitischen Reform Großbritanniens zugedacht, so schrieb er ihr nunmehr, 1897, eine Vorreiterrolle bei der Überwindung nationaler Egoismen und provinzieller Engstirnigkeit in einem enger zusammenwachsenden Europa zu. Angesichts eines derartigen Enthusiasmus für die Möglichkeiten des „Government by Journalism“2 und die entgrenzenden 1 2

William Thomas Stead: The United States of Europe, in: Review of Reviews, Juli 1897, S. 17–29, hier 26. Ders.: Government by Journalism, in: Contemporary Review, 49, 1886, S. 653–674.

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Wirkungen medialer Kommunikation verwundert es auf den ersten Blick, dass sich derselbe Autor nur drei Jahre später als wütender Kritiker der Presse hervortat. Zwar hätten Menschen zu allen Zeiten gelogen, erklärte er im Sommer 1900 unter der Überschrift „Newspaper and Satan“, in der Gegenwart jedoch griffen sensationslüsterne Zeitungen in jedem Land besonders begierig Lügen auf, um ohne Rücksicht auf die Konsequenzen kurzzeitige Sensationen hervorzurufen: „Peace, union, harmony, good feeling – there is no ,copy‘ in any of these things.“3 Es wäre allzu einfach, wollte man Steads Sinneswandel als persönliche Laune eines flatterhaften Journalisten abtun, der sich auf der Jagd nach dem Zeitgeist nicht um sein Geschwätz von gestern scherte.4 Auch griffe es zu kurz, lediglich auf die Auswirkungen des Burenkrieges zu verweisen, der seit Herbst 1899 zu nationalistischen Exzessen in der europäischen Presse geführt und liberale Intellektuelle wie Stead zutiefst verstört hatte.5 Vielmehr tut man gut daran, die Widersprüchlichkeit von Steads Position als Ausdruck einer tiefer gehenden Ambivalenz ernst zu nehmen, die in den letzten Jahren verstärkt ins Gesichtsfeld der Forschung gerückt ist, auch wenn sie bislang kaum für die Mediengeschichte und die historische Kommunikationsforschung fruchtbar gemacht wurde: Die Rede ist vom Zusammenhang zwischen Nationalismus und Internationalismus, zwischen dynamischer Nationalisierung und zunehmender globaler Verflechtung in den Jahrzehnten zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg.6 Die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird von der Geschichtswissenschaft heute nicht mehr nur als Hochphase nationaler Massenfanatismen und imperialer Machtstaaten angesehen.7 Vielmehr gerät sie zunehmend auch als Epoche beschleunigter Globalisierung in den Blick, in der Verkehr und Mobilität über nationale Grenzen drastisch zunahmen, in der räumliche Distanzen zusammenschrumpften und Zeitverläufe sich in der Wahrnehmung der Menschen erheblich beschleunigten.8 Politische Aktivisten und gesellschaftliche Gruppen 3 4

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Ders.: Newspapers and Satan, in: Review of Reviews, August 1900, S. 241–244. Tatsächlich zählte Konsistenz nicht zu den besonderen Merkmalen von Steads erstaunlichem Lebensweg, der 1912 an Bord der Titanic sein Ende fand; vgl. Frederic Whyte: The Life of W. T. Stead, 2 Bde. Neuaufl. London 1971 (Erstaufl. 1925); Raymond L. Schults: Crusader in Babylon. London 1972. Kenneth O. Morgan: The Boer War and the Media (1899–1902), in: Twentieth Century British History, 13, 2002, S. 1–16. Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich. München 2006; Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860–1914. Göttingen 2005. Dass sie das auch war, zeigt Hagen Schulze: Staat und Nation in der europäischen Geschichte. München 1994, S. 243–317. Stephen Kern: The Culture of Time and Space, 1880–1918. Cambridge, Mass. 2001; aus soziologischer Sicht: Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen

Europäische Auslandsberichterstattung um 1900

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verschiedenster Richtungen schlossen sich in supranationalen Verbänden zusammen, Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen nahmen über Ländergrenzen hinweg Kontakt miteinander auf und vereinbarten überstaatliche Normierungen auf verschiedensten Feldern, vom Post- und Telegrafenwesen über das Seerecht bis zur Einrichtung weltweiter Zeitzonen.9 Globalisierungshistoriker haben überzeugend argumentiert, dass man das Zusammentreffen der beiden Phänomene von Nationalisierung und Internationalisierung um 1900 nicht so sehr als Übergangszeit zwischen einem „nationalistischen“ 19. Jahrhundert und einem „internationalistischen“ 20. Jahrhundert interpretieren sollte, sondern dass man eher von einem gegenseitigen Bedingungsverhältnis auszugehen habe. Folgt man dieser Deutung, so wurden im Verlauf der Globalisierung nicht nur immer öfter und leichter nationale Grenzen überschritten, sondern diese Grenzlinien verdankten ihre Entstehung und Konsolidierung oft erst eben jenen Prozessen transnationaler Interaktion. Nationalstaaten erscheinen aus diesem Blickwinkel nicht nur als „Vorbedingung und Akteure des Austauschs“, sondern mindestens so sehr als „Produkte globaler Zirkulation“.10 Im Lichte dieser Annahmen interpretiert der folgende Beitrag die Auslandsberichterstattung der europäischen Massenmedien zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg. Im Zentrum stehen dabei drei Charakteristika des beginnenden Jahrhunderts der Massenmedien, die als Triebkräfte der Internationalisierung, aber auch als Indikatoren verschärfter Nationalisierung besondere Beachtung verdienen: erstens europäische Nachrichtenagenturen wie Reuters, Wolff ’s Telegraphisches Bureau (WTB) und die französische Agence Havas, die als privatwirtschaftlich organisierte Zwischenhändler neben der Presse auch Banken, Versicherungen und Kaufleute mit politischen und wirtschaftlichen Neuigkeiten versorgten; zweitens die neuartige populäre Massenpresse als Ausdruck einer tief greifenden Transformation der Medienwelt, die sich auf die Eigentums- und Machtverhältnisse in den Zeitungsverlagen ebenso auswirkte wie auf die finanziellen Fundamente der Presse, den Inhalt und Tonfall ihrer Berichterstattung sowie ihr Verhältnis zur Politik; und drittens der Berufsstand der Auslandskorrespondenten, dem gleichsam qua Profession die Aufgabe der grenzüberschreitenden Vermittlung zwischen verschiedenen nationalen Öffentlichkeiten zukam und der, wie zu zeigen sein wird, nicht zufällig gerade in den zwei Jahrzehnten vor 1914 explosionsartig anwuchs. in der Moderne. Frankfurt am Main 2005. Martin H. Geyer und Johannes Paulmann (Hg.): The Mechanics of Internationalism. Culture, Society and Politics from the 1840s to the First World War. Oxford 2001; Akira Iriye: Global Community. The Role of International Organizations in the Making of the Contemporary World. Berkeley 2002. 10 Conrad: Globalisierung, S. 10. 9

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Um die Arbeitsbedingungen und Wirkungsmöglichkeiten der Presse im Zeitalter des Hochimperialismus deutlich zu machen, wird in einem ersten Schritt die Internationalisierung der medialen Infrastruktur als bisher vernachlässigte Antriebskraft der Globalisierung um 1900 analysiert. Ein zweiter Schritt stellt dem die zunehmend nationale Ausrichtung der Berichterstattung im Zuge der Kommerzialisierung des Pressewesens und der Nationalisierung des Korrespondentenberufs gegenüber. In einem dritten Schritt wird schließlich die Wechselwirkung zwischen beiden Prozessen an einigen Fallbeispielen untersucht: (1) dem imperialen Pressesystem im britischen Weltreich; (2) den Pressekongressen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts als fester Bestandteil eines neuen Internationalismus etablierten; (3) den berufsständischen Organisationen der Auslandspresse, die seit den späten 1880er Jahren in den europäischen Hauptstädten entstanden. Obwohl dabei ein großer Teil des empirischen Materials aus dem deutschen und britischen Kontext stammt, sollte deutlich werden, dass wir es mit Entwicklungen zu tun haben, die der Tendenz nach auf die europäische Auslandsberichterstattung um 1900 allgemein zutreffen.

1. Die Internationalisierung der medialen Infrastruktur Wenn die historische Forschung in letzter Zeit die Beschleunigung der Prozesse wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung seit den 1880er Jahren betont hat, bedeutet das nicht, dass grenzüberschreitende Interaktionen vor dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Ausnahme waren. Mit Blick auf die Medien spricht im Gegenteil manches dafür, dass die Presse in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor mindestens ebenso international ausgerichtet und vielleicht sogar stärker an Auslandsnachrichten interessiert war.11 Doch erst technologische Innovationen wie die Telegrafie, später Telefon und Funk revolutionierten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Infrastruktur des globalen Nachrichtenverkehrs.12 Weltweit verzehnfachte sich damals das Telegrafennetz von knapp 100.000 auf über eine Million Meilen, während die Zahl der übermittelten Telegramme von 62 Millionen auf 354 Millionen wuchs. Gleichzeitig nahm der Umfang der gesendeten Informationen zu. 1870 erlaubten die technischen Kapazitäten, achtzig Worte in der Minute telegrafisch zu übertragen. 17 Jahre später waren es 600, die

11 Jürgen Wilke: Nachrichtenauswahl und Medienrealität in vier Jahrhunderten. Eine Modellstudie zur Verbindung von historischer und empirischer Publizistikwissenschaft. Berlin 1984. 12 Vgl. Peter J. Hugill: Global Communications since 1844. Geopolitics and Technology. Baltimore, Md. 1999; Daniel R. Headrick: The Invisible Weapon. Telecommunications and International Politics, 1851–1945. New York 1991.

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mit Hilfe ausgetüftelter Kodierungs- und Abkürzungssysteme ein Vielfaches an Bedeutung transportieren konnten.13 Für die Presse bedeutete die Revolution der Informationstechnologie, dass sich der Zeitraum zwischen einem Ereignis und seiner Berichterstattung drastisch verkürzte, zunächst von Wochen auf Tage, später auf Stunden oder gar Minuten. Die Kunde vom Tode des englischen Königs William 1702 hatte seine amerikanischen Untertanen erst drei Monate später erreicht. Noch die Nachricht von der Ermordung Abraham Lincolns benötigte 1865 – ein Jahr bevor das erste Transatlantikkabel funktionsfähig war – zwölf Tage, um nach London zu gelangen. Vom Attentat auf Präsident James A. Garfield 1881 war dagegen schon 24 Stunden später in den englischen Zeitungen zu lesen.14 Nachrichten ergossen sich mit rasender Geschwindigkeit über Ländergrenzen hinweg. Aktuelle Meldungen aus aller Welt waren in den größeren Städten jederzeit und überall verfügbar, an Bahnhofskiosken, Plakatwänden oder über Straßenverkäufer. Das A und O war dabei die britische Dominanz im globalen Nachrichtenverkehr, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts mindestens ebenso beeindruckend war wie die Seeherrschaft, auf der sie beruhte. London war die unbestrittene Nachrichtenhauptstadt der Welt, und Reuters genoss als führende britische Nachrichtenagentur einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber den europäischen und nordamerikanischen Konkurrenten. Britische Unternehmen beherrschten seit den 1870er und 1880er Jahren das internationale Nachrichten- und Kabelgeschäft nicht zuletzt deswegen, weil Großbritannien als größte Welt- und Handelsmacht ein besonderes Interesse an der Expansion der Telegrafie hatte. Kommerzielle Triebkräfte waren ebenso im Spiel wie militärstrategische Motive. Seit Mitte der 1860er Jahre hatten Privatfirmen Unterseekabel zwischen Europa und Amerika, Indien und Afrika verlegt. Im Jahrzehnt darauf folgten Verbindungen von Europa nach China, Südamerika und Japan. Planmäßig betrieb die britische Regierung den Aufbau von Überlandleitungen und Unterseekabeln, die nur über britisches Territorium führten und das britische Mutterland mit seinen Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien verbanden.15 Anfang der 1890er Jahre befanden sich rund 60 Prozent aller privatwirtschaftlich betriebenen Überlandleitungen und Unterseekabel im Besitz britischer Firmen; von 29 im Jahr 1894 existierenden privaten Kabelgesellschaften hatten 19 ihren Sitz in London.16 1894 besaß 13 Siehe Michael G. Mulhall: Dictionary of Statistics. London 41899, S. 457, 790. 14 Vgl. Donald Read: The Impact of Electric News 1846–1914. The Role of Reuters, in: Frank A. J. L. James (Hg.): Semaphores to Short Waves. London 1998, S. 121–135, hier: 125. 15 Siehe Paul M. Kennedy: Imperial Cable Communications and Strategy, 1870–1914, in: English Historical Review, 86, 1971, S. 728–752. 16 Von den übrigen saß eine in Kopenhagen, je drei hatten ihren Sitz in Paris, New York und Buenos Aires; vgl. Archiv für Post und Telegraphie, 2, 1895, S. 38ff., hier: 39, Kopie in: Bundesarchiv Lichterfelde (künftig: BAL), R 4701/4360.

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Reuters 32 Büros in aller Welt (zehn in Indien und Fernost, acht in Westeuropa, sechs im australischen Raum, drei in Nordamerika, zwei in Afrika und eines in Osteuropa); bis 1906 wuchs deren Zahl auf 47.17 Mit den anderen europäischen Nachrichtenagenturen arbeitete Reuters zum gegenseitigen Vorteil zusammen, indem man exklusive Operationsgebiete absteckte, die sich weitgehend mit den Kolonialreichen und informellen Einflusssphären der Mächte deckten. In einem Kartellvertrag vom Januar 1870 sicherten sich WTB und Reuters gemeinsam mit Havas in ihren jeweiligen Gebieten ausschließliche Verwertungsrechte zu und vereinbarten den Austausch von Nachrichtenmaterial, für das der Empfänger nur die Telegrammgebühren zu begleichen hatte. Konkret bedeutete dies, dass Reuters seinen Kunden nur diejenigen Nachrichten aus Deutschland anbieten durfte, die es direkt von WTB bekommen hatte, und umgekehrt.18 So wie die europäischen Großmächte große Gebiete der Erde als Kolonien untereinander aufteilten, kolonisierten Reuters, WTB und Havas – und später auch die amerikanische Associated Press – ihre Nachrichtenwelt, indem sie Territorien mit begrenztem Zugang schufen: Reuters erhielt Exklusivrechte in Südafrika, Fernost und dem Rest des britischen Empires sowie in den Niederlanden und dessen Kolonien; Havas bekam neben Frankreich und dessen Kolonien die romanischen Länder des Mittelmeerraumes, während Deutschland, Skandinavien, St. Petersburg und Moskau an WTB fielen. Das Osmanische Reich, Ägypten und Belgien teilten sich Reuters und Havas; alle anderen Regionen – insbesondere die Schweiz, Österreich-Ungarn und die Donau-Fürstentümer – erklärte man zu neutralen Territorien, in denen die drei Vertragspartner ihren Geschäften ohne Restriktionen nachgehen konnten.19 Wegen der vergleichsweise geringen internationalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft genügte es WTB zunächst, seine Vormachtstellung in Mittel-, Nordund Osteuropa auszubauen und die außereuropäischen Gebiete mit Ausnahme der wenigen Mitte der 1880er Jahre erworbenen deutschen Kolonien den beiden britischen und französischen Agenturen zu überlassen. Diese einigten sich in zwei Sonderabsprachen 1874 und 1876 über die Aufteilung ihrer weltweiten Interessenssphären: China, Japan und Konstantinopel fielen an Reuters; an Havas gingen Südamerika und der gesamte Mittelmeerraum bis auf Griechenland

17 Donald Read: The Power of News. The History of Reuters. Oxford 21999, S. 108. 18 Ein Exemplar des am 17. Januar 1870 in Paris unterzeichneten Abkommens liegt im Reuters-Archiv (künftig: RA) 1/8818001; eine spätere Auflistung der Vertragsinhalte findet sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (künftig PA-AA), Europa Generalia 86, R 533. 19 Vgl. Terhi Rantanen: Foreign News in Imperial Russia. The Relationship between International and Russian News Agencies, 1856–1914. Helsinki 1990, S. 37–46; siehe auch Dieter Basse: Wolff ’s Telegraphisches Bureau, 1849–1933. München et al. 1991, S. 48–53.

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und Ägypten, das sich beide Seiten zur exklusiven Nutzung teilten.20 Diese Separatabkommen nahmen für den Nachrichtenverkehr den kolonialpolitischen Handel der Entente Cordiale um drei Jahrzehnte vorweg, wenn nicht in den territorialen Einzelheiten, so doch in der Stoßrichtung der Vereinbarungen. Wie die Nachrichtenagenturen suchten auch die Verleger der kommerziellen Massenzeitungen, die seit den 1880er Jahren in vielen europäischen Ländern die Presselandschaft fundamental veränderten, grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Die mächtigsten von ihnen standen an der Spitze international agierender Medienimperien, die Zeitungen in mehreren Ländern herausbrachten und Geschäftsinteressen auf verschiedenen Kontinenten verfolgten. Lord Northcliffe beispielsweise besaß als mächtigster Pressebaron Großbritanniens nicht nur zahlreiche Zeitungen in England und dem Empire, sondern gab in Paris auch eine Europa-Ausgabe seiner Boulevardzeitung Daily Mail heraus; eine 1913 geplante Berlin-Ausgabe kam nur wegen des Kriegsbeginns über das Versuchsstadium nicht hinaus. In Kanada hatte Northcliffe riesige Waldstücke aufgekauft, um bei der Papierzufuhr unabhängig zu sein. Konsequent trieb er Kooperationen mit Massenblättern in anderen Ländern voran. Mit August Scherl, dem Verleger des Berliner Lokal-Anzeigers, vereinbarte er, dass der Berlin-Korrespondent der Daily Mail Zugang zu den Druckfahnen der Nachtausgabe des Lokal-Anzeigers bekam und umgekehrt; auf diese Weise gewannen Northcliffe und Scherl einen Informationsvorsprung gegenüber der jeweiligen nationalen Konkurrenz. Eine ähnliche Abmachung verband Ullsteins B.Z. am Mittag mit Herbert A. White, dem Berlin-Korrespondenten des Daily Express, der zugleich auch belgische, spanische und dänische Zeitungen mit Nachrichten aus Berlin versorgte.21 Nicht zuletzt Vertreter dieser neuartigen Massenzeitungen waren es, die um die Jahrhundertwende die Zahl der Auslandskorrespondenten explodieren ließen. Der „Mann von Welt“, erklärte die Daily Mail ihren Lesern 1896, gebe sich nicht mehr mit einer Zeitung zufrieden, die lediglich die Meldungen der Nachrichtenagenturen abdrucke: „He insists on special and exclusive telegrams (…). It is our aim to make the news in the Daily Mail exclusive in every way.“22 Um dieses Ziel zu erreichen und auch bei der Auslandsberichterstattung mit den traditionellen politischen Richtungszeitungen konkurrieren zu können, musste die kommerzielle Massenpresse Korrespondenten in die wichtigsten europäischen Hauptstädte entsenden. Exakte Zahlen und genaue statistische Aufstellungen 20 Abkommen vom 1./5. Mai 1874 in: RA 1/890503; Abkommen vom Mai 1876 in: RA 1/8818001. Vgl. Rantanen: Foreign News, S. 42–3. 21 Dominik Geppert: „The Foul-Visaged Anti-Christ of Journalism“? The Popular Press between Warmongering and International Cooperation, in: ders., Robert Gerwarth (Hg.): Wilhelmine Germany and Edwardian Britain. Essays in Cultural Affinity. Oxford 2008, S. 369–392. 22 Daily Mail vom 1. August 1896.

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sind notorisch schwer zu greifen, doch der Vergleich zweier journalistischer Großereignisse der Jahre 1895 und 1912 macht den zugrunde liegenden Trend deutlich: Unter den 171 Journalisten, die im Frühsommer 1895 eingeladen wurden, über die Eröffnung des Nordostseekanals zu berichten, befanden sich 13 britische Reporter. Zwölf von ihnen schrieben für Londoner Morgen- und Abendzeitungen, die der politischen Richtungspresse zuzuordnen waren; der dreizehnte war für Reuters tätig; die Provinzpresse war nicht vertreten. Nur vier der 13 Redaktionen, die über die Feierlichkeiten berichteten, unterhielten in Berlin ein ständiges Büro mit eigenem Korrespondenten. Der Rest der englischen Zeitungen entsandte Sonderberichterstatter, die nach dem Ende der Feiern wieder nach London zurückkehrten.23 Als es 17 Jahre später darum ging, über die deutschen Kaisermanöver des Herbsts 1912 zu berichten, konnten die meisten englischen Zeitungen ihre eigenen Korrespondenten damit beauftragen. Nicht nur die großen Hauptstadtzeitungen verfügten nun über Repräsentanten in Berlin, sondern auch eine Reihe führender englischer und schottischer Provinzzeitungen.24 Vor allem aber dominierten Vertreter von Blättern der kommerziellen Massenpresse wie Daily Mail, Daily Mirror und Daily Express, die bis 1912 allesamt feste Korrespondentenbüros in Berlin eingerichtet hatten. Viele Korrespondenten beantragten überdies beim preußischen Kriegsministerium für ihre Berichterstattung von den Herbstmanövern zusätzlich die Zulassung eigener Pressefotografen, ein Berufsstand, der bei der Einweihung des Nordostseekanals noch so gut wie unbekannt gewesen war.25 Ähnlich verhielt es sich mit deutschen Korrespondenten in London. Traditionell hatten nur wenige überregional bedeutende Blätter wie die Kölnische, die Frankfurter oder die Vossische Zeitung dauerhaft Vertreter in der britischen Hauptstadt unterhalten. In den 1890er Jahren kamen die Münchener Neuesten Nachrichten, Mosses Berliner Tageblatt und Scherls Berliner Lokal-Anzeiger hinzu. In den letzten Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entsandten dann auch zahlreiche deutsche Boulevardzeitungen und Regionalblätter Vertreter nach London, etwa Ullsteins Berliner Morgenpost und die BZ am Mittag, die Dresdner Neuesten Nachrichten, die Schlesische Zeitung und das Leipziger Tageblatt.26 Je zahl23 Vorschläge des Presseausschusses über die Einladungen für die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Nordostseekanals, ohne Datum, GSPK, I. HA, Rep. 77, tit. 945, Nr. 35 (Preußisches Innenministerium), Bl. 6–10. 24 Vgl. Kühlmanns Bericht über die englische Presse, 30. August 1912, PA-AA, Botschaft London, Bd. 1335. 25 Zimmermann (AA) an Botschafter Marschall in London, 2. August 1912, PA-AA, London 1333; ähnlich für das folgende Jahr: Jagow an Lichnowsky, 17. Juli 1913, PA-AA, London 1333. 26 Siehe die Unterlagen der Botschaft London, PA-AA, London 792, 1019, 1085, 1332–1335.

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reicher sie waren, desto selbstbewusster traten diese Auslandskorrespondenten auf. „The Newspaper Correspondent is the Ambassador of the Democracy“, hatte Stead schon 1898 behauptet. „He manufactures the opinion to which it is the function of the regular ambassador to give effect. It is difficult to overestimate his importance or to measure his influence for weal or for woe.“27 Der Berlin-Korrespondent der polnischen Zeitung Rzeczpospolita, Gorińsky, brachte ein Vierteljahrhundert später den gleichen Gedanken zum Ausdruck, als er schrieb, „dass heute auf der ganzen Welt der Berichter der Auslands-Zeitung als der ,Gesandte der öffentlichen Meinung‘ behandelt wird“.28 Stead und Gorińsky standen nicht allein mit ihrer Überzeugung von der wachsenden Bedeutung der Presse. Das bezeugt schon ein kursorischer Blick in die Aktenbestände der Außenministerien der europäischen Großmächte dieser Jahre. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin beispielsweise dokumentiert die Vermehrung der diplomatischen Überlieferung zu den Pressebeziehungen, wie sehr das Gewicht von Zeitungen und Zeitschriften in den Augen der Wilhelmstraße zugenommen hatte. Der Bestand „Frankreich 91“, der allgemeinen Fragen der französischen Presse gewidmet ist, umfasst für die Jahre 1881 bis 1899 nur 16 Bände, für die verbleibenden 14 Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hingegen 22. Der russischen Presse sind von 1882 bis 1900 insgesamt 14 Bände gewidmet, gegenüber 26 für die Zeit von 1900 bis 1914. Im englischen Fall ist geradezu eine Explosion der Akten zu verzeichnen: für die Jahre 1881 bis 1900 genügten ganze drei Bände, für den Zeitraum von 1902 bis 1914 hingegen verzehnfachte sich die Anzahl.29 Die Zeiten seien vorüber, schrieb 1908 der für Pressefragen zuständige Referent im Auswärtigen Amt, Otto Hammann, „wo die Geschicke der Völker in einem kleinen und abgeschlossenen Kreise höfischer und diplomatischer Persönlichkeiten entschieden wurden. (…) auf die politischen Entscheidungen haben die öffentlichen Meinungen der Völker einen vorher nicht geahnten Einfluss errungen“.30

27 Review of Reviews, April 1898, S. 429. 28 Rzeczpospolita Nr. 160 vom 14. Juni 1923 (Morgenausgabe), deutsche Übersetzung („Die Leiden der Auslandspresse“) in: PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia, Bd. 1, R 121602. 29 PA-AA, Frankreich 91, R 6615–6651; Russland 74, R 10505–10542; England 73, R 5612–5643. Ähnliches gilt für den Bestand „England 81 Nr. 3“, in dem Informationen über einzelne britische Journalisten abgelegt wurden; während für die elf Jahre von 1889 bis 1900 ein einziger Aktenband genügte, benötigte man für die folgenden 14 Jahre derer sechs; PA-AA, England 81 Nr. 3, R 5958–5964. 30 Redeentwurf Hammanns für Bülow zum Thema „Pressepolitik im Auslande“ (o. D., ca. 1908), BAL, NL 2106, Otto Hammann, 4/63.

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2. Die Nationalisierung der Berichterstattung In dem Maße, in dem Auslandskorrespondenten nicht mehr als bloße Berichterstatter wahrgenommen wurden, sondern als publizistische Botschafter ihres Landes, veränderte sich das Anforderungsprofil, das sie zu erfüllen hatten. So ist in den zwei Dekaden vor dem Ersten Weltkrieg der Prozess einer zunehmenden Nationalisierung des Korrespondentenberufs zu beobachten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es schon aus Kostengründen üblich gewesen, dass Journalisten für ausländische Zeitungen über ihr Heimatland berichteten. Noch im Jahr 1891 bemerkte beispielsweise der damalige Berlin-Korrespondent der Times, Charles Lowe, missbilligend, dass die meisten Londoner Tageszeitungen in Berlin und Wien von deutschen beziehungsweise österreichischen Juden vertreten würden.31 Tatsächlich verließ sich die Times selbst bis 1878 in Berlin auf die Dienste des preußisch-deutschen Juden Dr. Carl Abel, der Teile seiner Jugend in England verbracht hatte und später kurze Zeit auch für den Standard aus Deutschland berichtete. Abels Nachfolger beim Standard, Dr. Martin Waldeck, war gleichfalls Deutscher, ebenso Dr. Emil Witte, der 1892/93 als Vertreter von Reuters in Berlin stationiert war. Der Daily Chronicle hatte sich Anfang der 1890er Jahre zwischenzeitlich von Theodor Reuß in Berlin vertreten lassen, dem Namen nach zu urteilen ebenso wenig ein Brite wie der erste Berlin-Korrespondent der Daily Mail, Vize-Konsul a. D. Ferdinand Moos. Die Daily News ließ sich jahrelang von einem hauptamtlichen Mitarbeiter des Berliner Lokal-Anzeigers namens Philipp Goldschmied in Berlin vertreten.32 Diese Praxis fand spätestens seit der Jahrhundertwende immer weniger Anhänger. Zum Teil spielten dabei schlechte Erfahrungen eine Rolle: Abel wurde sowohl von der Times als auch vom Standard entlassen, weil er angeblich aufgrund seiner Parteinahme für Preußen-Deutschland und antirussischer Ressentiments falsche Berichte über Russland nach London übermittelt hatte. Witte, der in einen Erpressungsfall verwickelt war, wurde von Reuters ebenfalls der Stuhl vor die Tür gesetzt; Reuß entpuppte sich als Agent des Berliner Polizeipräsidiums; und die Redaktion der BZ am Mittag geriet unter immer stärkeren Druck der Reichsregierung, ihre Verbindungen zu White zu lösen.33 Reuters ging des31 Lowe: The German Newspaper Press, in: Nineteenth Century, Dezember 1891, S. 853–871 (870). 32 Vgl. Dominik Geppert: „Ambassadors of the Democracy“: British and German Foreign Correspondents in the Age of High Imperialism, in: ders., Frank Bösch (Hg.): Journalists as Political Actors. Transfers and Interactions between Britain and Germany since the late 19th Century. Augsburg 2008, S. 35–55. 33 Abels Ablösung erwähnt Charles Lowe: The Tale of a Times Correspondent (Berlin 1878–1891). London 1927, S. 71, 98; zu Witte siehe Werndel an Jones, 21. Februar 1919, RA, Box 812, 1/981523; Reuß wird erwähnt in Bismarck an Lucanus, 5. März 1889, GSPK, I.

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wegen dazu über, in die europäischen Hauptstädte nur noch besonders zuverlässige und unabhängige Korrespondenten – „preferably of British nationality“ – zu entsenden.34 Zum Teil war aber auch der zunehmende Nationalismus des hochimperialistischen Zeitalters verbunden mit der stärker werdenden Überzeugung von der gleichsam patriotischen Dimension der Aufgaben eines Auslandskorrespondenten dafür verantwortlich, dass man Ausländer in diesen Positionen immer weniger gern sah und nur Personen von erwiesener Vaterlandstreue mit der Berichterstattung aus fremden Ländern betraut wissen wollte. Lowe beispielsweise hielt es für gefährlich, Nicht-Briten als Vertreter britischer Zeitungen ins Ausland zu entsenden. Es sei ähnlich unklug, schrieb er in seinen Erinnerungen, „to entrust an alien with a prominent post in our journalistic army as to appoint one to a high position in either branch of our militant services“.35 Die mentale Militarisierung des Pressewesens, das machen derartige Aussagen deutlich, wurde zunehmend als notwendig erachtet, um die eigene Nation wehrhaft zu machen. Britische Journalisten, die aus Sicht ihrer Redaktionen allzu wohlwollend und nachsichtig über ihr Gastland berichteten beziehungsweise in den Verdacht mangelnder nationaler Zuverlässigkeit gerieten, liefen verstärkt Gefahr, entlassen zu werden. Ironischerweise war Lowes eigene Abberufung 1891 auf derartige Überlegungen in der Heimatredaktion zurückzuführen.36 Der langjährige Deutschlandkorrespondent des Daily Telegraph, J. L. Bashford, war in Großbritannien als „beastly Bashford“ verschrieen, weil er in dem Ruf stand, sich allzu sehr die deutsche Sicht der Dinge zu eigen zu machen und in unziemlich engem Kontakt mit den deutschen Autoritäten zu stehen. Seine Zeitung trennte sich schließlich von ihm wegen seines „arrant pro-Germanism“, wie es ein Kollege formulierte.37 Ein anderer als deutschlandfreundlich bekannter englischer Journalist beklagte sich, er werde in Großbritannien wegen seiner Einstellung „als Mörder, Press-Kuli, als Kriecher, als deutscher Jude + ich weiß nicht noch was, betitelt“.38 Dass umgekehrt keine vergleichbaren Vorwürfe gegen deutsche Englandkorrespondenten erhoben wurden, lag nicht an der größeren Toleranz deutscher Redaktionen oder der Langmut des deutschen Zeitungspublikums. Vielmehr

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HA, Rep. 89, Nr. 15238 (Geheimes Zivilkabinett), Bl. 6; den Fall White bespricht Riezler an von dem Bussche, 27. Mai 1909, PA-AA, England 81 Nr. 3, R 5962. Anweisung Herbert de Reuters zitiert nach Reid: Power of News, S. 106. Lowe: Tale, S. 98. Vgl. Lowe: Tale, S. 300–309; History of The Times, Bd. 3. London 1947, S. 130. Wile an Northcliffe, 11. Februar 1908, British Library (künftig: BL), Northcliffe Papers, Add. 62207. Whitman an Delbrück, 1. Januar 1913, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (künftig: SBPK), NL Delbrück (Whitman Mappe III).

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achteten deutsche Journalisten im Ausland sorgfältig darauf, alles zu vermeiden, was derartigen Verdächtigungen Nahrung hätte geben können. Selbst Repräsentanten liberaler und fortschrittlicher Blätter gaben sich betont national und deutsch-patriotisch. Otto Brandes, London-Korrespondent des linksliberalen Berliner Tageblatts, trug nach Erinnerung seines Chefredakteurs „die gelegentlich mit dem Eisernen Kreuz geschmückte Preußenbrust immer etwas zu sehr herausgewölbt“.39 Selbst ein Journalist wie Bernhard Guttmann, von 1908 bis 1914 Korrespondent der Frankfurter Zeitung, der sich öffentlich als Gegner der deutschen Flottenrüstung bezeichnete, ließ im Gespräch mit englischen Kollegen keinen Zweifel an seiner vaterländischen Gesinnung aufkommen.40 Die Verschiebungen bei der Zusammensetzung im Auslandskorrespondentenkorps waren dabei nur Teil eines allgemeineren Trends zur Nationalisierung der Berichterstattung in der europäischen Presse. Das lag nicht zuletzt an den Geschäftsstrategien der kommerziellen Massenpresse, die nicht nur die Internationalisierung der medialen Infrastruktur vorantrieb, sondern auch auf den patriotischen Appell an ihre Leser setzte. Diese Presse kalkulierte – anders als die traditionelle politische Richtungspresse – nicht mit Verkaufserlösen oder der Finanzierung durch reiche Mäzene und politische Parteien, sondern mit dem Anzeigengeschäft, das eine möglichst hohe Auflage prämierte. Sie zielte nicht auf die gesellschaftliche Elite, sondern auf kleinbürgerliche Schichten, deren Freizeit und Kaufkraft in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg enorm zunahmen, was sie zu einer interessanten Klientel machte.41 Zwar war diese Lesergruppe nicht automatisch ausländerfeindlich und nationalistisch eingestellt, wie die erfolgreichen Geschäftsstrategien der Berliner Massenpresse aus den Verlagshäusern Ullstein und Mosse beweisen, die sich eher linksliberal-oppositionell gaben und selten chauvinistische Ressentiments bedienten.42 Generell aber war es für eine Massenzeitung, die aus Rücksicht auf ihr Anzeigengeschäft enge parteipolitische Bindungen meiden musste, schwierig, innenpolitisch umstrittene Themen aufzugreifen. Bei außenpolitischen und imperialen Fragen konnte man dagegen eher nationale Einigkeit voraussetzen. Die Londoner Evening News verkündete 39 Zitiert nach Margit Bröhan: Theodor Wolff. Erlebnisse, Erinnerungen, Gedanken im südfranzösischen Exil. Boppard am Rhein 1992, S. 190. 40 Vgl. die handschriftliche Aufzeichnung des Chefredakteurs der Daily News, A. G. Gardiner, aus den 1940er Jahren über ein Gespräch mit Guttmann im Sommer 1907; British Library of Political and Economic Science (künftig: BLPES), Gardiner Papers 3/8. Zu Gutmanns Einstellung gegenüber der deutschen Flottenrüstung siehe dessen Leserbrief an den Manchester Guardian vom 1. Dezember 1911. 41 Vgl. Peter Catterall et al. (Hg.): Northcliffe’s Legacy: Aspects of the British Popular Press, 1896–1996. Houndmills 1996; Hans-Dieter Kübler: Zwischen Parteilichkeit und Markt: Die Presse im Wilhelminischen Kaiserreich, in: Werner Faulstich (Hg.): Kulturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts: Das erste Jahrzehnt. München 2006, S. 23–46. 42 Peter Fritzsche: Reading Berlin 1900. Cambridge 1996, S. 74–79.

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daher in ihrer ersten Ausgabe als Boulevardblatt, sie werde das Evangelium des Empires verkünden und den Glauben an die vereinten Bemühungen aller Völker, die unter der britischen Flagge versammelt seien.43 Der Berliner LokalAnzeiger aus dem Verlagshaus Scherl gab sich ähnlich patriotisch, wenn es um außenpolitische Fragen ging. Außerdem entdeckten die Verleger der populären Massenpresse die Auflagen steigernde Wirkung von Schreckensnachrichten, sogenannten Pressekampagnen und Zeitungskreuzzügen. Diese wurden zu einem politisch-publizistischen Charakteristikum europäischer Öffentlichkeiten vor 1914 und trugen nicht wenig zur mentalen Aufrüstung und kulturellen Konfrontation vor dem Ersten Weltkrieg bei. Das martialische Vokabular, mit dem derartige „Pressekriege“ beschrieben wurden, verwies dabei nicht nur auf die „Militarisierung des politischen Lebens“, wie der britische Ökonom und Publizist John Hobson es genannt hat.44 Es deutete auch an, dass publizistische Initiativen als Spiegelbild staatlicher Unternehmungen beziehungsweise als Ersatz für Regierungsaktivitäten betrachtet wurden. Nicht ohne Grund übernahm die Presse die Begriffe, Symbole und das Zeremoniell staatlich-militärischen Handelns: Sie focht „Scharmützel“, „Schlachten“ oder ganze „Kriege“, erklärte „Waffenstillstände“ und ging ins „Winterquartier“; sie verglich Auslandskorrespondenten mit Botschaftern, forderte „Abrüstung“ und „Entspannung“ nicht nur für die diplomatischen Beziehungen, sondern auch im Verhältnis der Presseöffentlichkeiten verschiedener Länder zueinander.45 Auch bei den Nachrichtenagenturen machten sich Nationalisierungstendenzen bemerkbar. War WTB als führendes deutsches Depeschenbüro in der Bismarck-Ära zufrieden damit gewesen, dass es in seinem Einflussbereich im Nachrichtengeschäft ebenso auf Europa beschränkt blieb wie das Deutsche Reich auf politischer Ebene,46 so änderte sich das seit den 1890er Jahren grundlegend. Die territorialen Beschränkungen und vor allem die Abhängigkeit von Reuters sorgten zunehmend für Unmut, seit sich die deutschen politischen Eliten entschlossen, selbst Weltpolitik zu treiben. „England umspannt mit seinem Kabelnetz die ganze Welt“, klagte im Januar 1898 eine Berliner Zeitung, „und in 43 Evening News vom, 31. August 1894. 44 John Atkinson Hobson: Imperialism. A Study. Ann Arbor 1965 (Erstauflage: London 1902), S. 133. 45 Siehe dazu ausführlich Dominik Geppert: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912). München 2007. 46 Bismarcks gescheiterter Versuch, in den Jahren 1887 bis 1889 analog zur diplomatischen Konstellation einen Dreibund der deutschen, österreichischen und italienischen Nachrichtenagenturen ins Leben zu rufen, verdeutlicht, wie sehr der Blick auf Europa bis zum Schluss seine Politik bestimmte; vgl. Michael Palmer: L’Agence Havas, Reuters et Bismarck. L’echec de la triple alliance télégraphique (1887–1889), in: Revue d’histoire diplomatique, 90, 1976, S. 321–357.

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Heine, Thomas Theodor: Die Lügen-Zentrale, aus: Simplicissimus, 19, Heft 25, 22.09.1914, S. 372. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009.

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diesem Netz sitzt wie eine Riesenspinne das Reuter’sche Bureau.“47 Die britische Dominanz im Telegrafenwesen und Nachrichtengeschäft war dabei nicht nur ein deutsches Problem. Frankreich hatte schon 1885 bei seiner Expedition nach Tongking, dann 1893 im Konflikt mit Siam und erneut fünf Jahre später bei der Konfrontation in Faschoda spüren müssen, wie potentiell desaströs die Abhängigkeit von britischen Leitungen in Krisensituationen sein konnte, und entsprechende Proteste formuliert.48 Spätestens seit dem Burenkrieg riss die Kette von Klagen über angeblich Tatsachen verdrehende oder bewusst lügenhafte Berichte der britischen Agentur nicht mehr ab. Neue Nahrung erhielt sie während des Russisch-japanischen Krieges, als die Regierung in St. Petersburg die sibirische Telegrafenleitung nach Ostasien sperren ließ und der gesamte Nachrichtenverkehr Europas mit dem Fernen Osten über die englischen Kabel und somit über Reuters lief. Die französische Presse veröffentlichte die entsprechenden Telegramme mit dem skeptischen Zusatz „de source Anglaise“.49 Seit Mitte des Jahrzehnts häuften sich auch Klagen aus den Kolonien über die Abhängigkeit von Reuters und die angebliche Einseitigkeit der britischen Telegramme. Aus Kamerun hieß es, die britischen Depeschen seien einseitig und berücksichtigten fast ausschließlich die Verhältnisse Großbritanniens und seiner Kolonien. Die übrigen Mächte verschwänden dagegen mehr oder weniger.50 Ähnliches vernahm man aus Togo, von wo der Gouverneur vermeldete, Reuters Depeschen brächten „deutschfeindlich gehaltene Nachrichten“ oder seien wenigstens so gefärbt, dass alles, was mit deutscher Politik im Zusammenhang stehe, „in ein schiefes Licht gerückt wird und üble Kritik herausfordert“; außerdem hätten die „gehässigen Telegramme“ der britischen Agentur negative Wirkungen auf die Eingeborenen.51 Dementsprechend beschäftigten sich Großbritanniens weltpolitische Konkurrenten zunehmend mit der Frage, wie sie ihre Position im internationalen Nachrichtenverkehr verbessern konnten. Hatten beim Aufbau des Weltkabelnetzes zunächst privatwirtschaftliche Triebkräfte überwogen, so traten seit der Wende zum 20. Jahrhundert politische, nationalwirtschaftliche und strategische Motive immer stärker in den Vordergrund und veranlassten die anderen europäischen Großmächte, vor allem Frankreich und Deutschland, „den Austausch der Nachrichten für die Presse nicht mehr wie

47 Artikel „Die Deutschfeindlichkeit des Reuter’schen Bureaus“ in: Berliner Herold vom 12. Januar 1898, Kopie in: PA-AA, Europa Generalia 86 Nr. 1, R 551. 48 Siehe Headrick: Weapon, S. 79, 84. 49 Report von George Grahame über die französische Presse, 21. Mai 1906, TNA, FO 371/166, S. 99–105. 50 Korvettenkapitän Wilhelm Bertram an AA, 8. März 1906, PA-AA, Deutschland Nr. 126a secr., Bd. 2, R 1487. 51 Gouverneur Zech an AA, 22. Mai 1906, PA-AA, Deutschland Nr. 126a secr., R 1487.

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bisher auf dem Umweg über England, sondern auf eigenen oder wenigstens von England unabhängigen Linien zu erstreben“.52

3. Das Wechselspiel zwischen Nationalisierung und Internationalisierung Die skizzierten Prozesse der Internationalisierung des Nachrichtenverkehrs und einer Nationalisierung der Presseberichterstattung in den Jahrzehnten um 1900 darf man sich dabei, wie gesagt, nicht als gegenläufige Tendenzen vorstellen, sondern muss sie als miteinander einhergehende, ja einander oft noch verstärkende Entwicklungen beobachten. So ist die Forschung mit Blick auf das britische Empire lange Zeit davon ausgegangen, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Einfluss des britischen Pressemodells auf die weißen Dominions in dem Maße nachgelassen habe, in dem sich insbesondere in Australien, Neuseeland und Kanada eine stärker national geprägte Presse herausbildete. Der britische Historiker Simon Potter hat dieser These kürzlich in seiner Studie über die Entstehung eines imperialen Pressesystems im britischen Weltreich zwischen den 1870er und den 1920er Jahren widersprochen, indem er nachwies, dass es in der britischen Welt neben und unabhängig von den jeweiligen nationalen Medienkontexten einen imperialen Mediendiskurs gab. Die imperiale Mediensphäre verdankte ihre Existenz nach Potter nicht nur – und nicht einmal vorrangig – dem ideologischen Wunsch nach einem stärkeren Zusammenhalt des Empire, sondern dem, was die Medienunternehmer in der Metropole und an der Peripherie als ihre genuinen Geschäfts- und Profitinteressen ansahen.53 Potter zeigt vielfältige soziale, politische, kulturelle und ökonomische Verbindungen zwischen dem Mutterland und den Dominions auf: die Abhängigkeit australischer, neuseeländischer und kanadischer Medienunternehmen vom Londoner Kapitalmarkt; die lebhafte Reisetätigkeit von Journalisten auf der Suche nach attraktiven Stellungen, wobei Zeitungsleute aus den weißen Dominions in Großbritannien wegen ihrer „Britishness“ weit eher Anstellung fanden als Journalisten von außerhalb des Empires; umgekehrt waren britische Reporter etwa in Australien gern gesehen, während die Bezeichnung „Yankee journalism“ als Schimpfwort galt. Im Ergebnis, so Potters Fazit, trug die Medienverflechtung dazu bei, eine komplexe

52 Max Roscher: Das Weltkabelnetz, in: Archiv für Post und Telegraphie Nr. 12, Juni 1914, S. 373–389 (375), Kopie in: BA Lichterfelde, R 4701/16362. 53 Simon J. Potter: News and the British World. The Emergence of an Imperial Press System 1876–1922. Oxford 2003; zu ähnlichen Ergebnissen mit Blick auf Indien kommt Chandrika Kaul: Reporting the Raj: The British Press and India, c. 1880–1922. Manchester 2003.

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imperiale Identität im britischen Weltreich neben den nationalen Identitäten zu erhalten, ja zu stärken.54 Ein Herzstück der Studie ist Potters Untersuchung der Imperial Press Conference, zu der 1909 Journalisten aus dem gesamten Weltreich in London zusammentrafen, um gemeinsame Anliegen zu besprechen: von den hohen Telegrammkosten über die Monopolstellung privater Kabelgesellschaften bis zur Funktion der Presse bei der Stärkung des imperialen Zusammenhalts. Derartige internationale Kongresse wurden in den Jahren um 1900 nicht nur von den Medien des britischen Empires veranstaltet, sondern auch von der Presse anderer Länder. Fast jährlich trafen sich Vertreter europäischer Zeitungen auf internationalen Pressekongressen. Im Juli 1905 trat im belgischen Lüttich bereits die zehnte derartige Konferenz zusammen. 1908 folgte ein Treffen in Berlin, im Jahr darauf in London – fast zeitgleich zum Kongress der Empire-Presse.55 Beim Kongress in Wien 1902 zählte man 240 Delegierte aus allen großen europäischen Ländern und einigen überseeischen Staaten, die insgesamt über 10.000 Journalisten repräsentierten, wie ein russischer Vertreter stolz vermerkte.56 Wie wichtig die europäischen Regierungen und Staatsoberhäupter diese Veranstaltungen nahmen, wird aus den hochrangigen Empfangskomitees deutlich, die sich zur Begrüßung der journalistischen Abgesandten einfanden. 1898 in Lissabon gaben sich König Karl mit seiner Gemahlin Marie Amelie die Ehre, zwei Jahre später in Paris Staatspräsident Émile Loubet. In Berlin und London wurden die Außenstaatssekretäre zur Begrüßung aufgeboten. Reichskanzler Bernhard von Bülow ließ es sich nicht nehmen, zu einem Gartenfest in die Reichskanzlei zu bitten.57 Die Themen, die auf den Konferenzen verhandelt wurden, ergaben sich aus der Internationalisierung journalistischer Arbeitsbedingungen. Es ging um die Forderung nach einem Einheitstarif für Pressetelegramme, um international gesicherte Standards bei Urheber- und Autorenrechten, um einen verbesserten Rechtsstatus journalistischer Verträge sowie die Einrichtung eines internationalen Verlegerkomitees.58 Entsprechend wurde in den Festansprachen die Bedeutung des Internationalismus herausgestrichen. Von „Weltjournalisten“ war die Rede, von der „kosmopolitischen Funktion der Presse“, von „Bruderschaft und Kameradschaft“, die alle nationalen Grenzen überschritten. „Their mission was humanity“, beschrieb der Herausgeber des Daily Telegraph die Aufgabe internationaler Pressetreffen, „the welfare, the culture, the progress of humanity. The sun

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Potter: News, S. 12–35, 215. The Times vom 24. Juli 1905; vom 23. September 1908; vom 21. September 1909. The Times vom 16. Dezember 1902. The Times vom 27. September 1898; vom 5. April 1900; vom 23. September 1908; vom 22. September 1909. 58 The Times vom 16. Dezember 1902; vom 24. Juli 1905.

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rose on a better world every day; human society was ever being lifted upward … On the world of the Press the sun never set.“59 Wenn man genauer hinhörte, konnte man jedoch Untertöne vernehmen, die auf die Virulenz nationalistischer Denkmuster und Verhaltensweisen hindeuteten. Das begann damit, dass Politik, Religion und Rasse als Diskussionsthemen von den Konferenzen verbannt waren; offenbar fürchteten die Veranstalter die explosiven Folgewirkungen entsprechender Debatten.60 1904 wurde die Forderung laut, ein internationales journalistisches Ehrentribunal einzurichten – unverkennbar mit dem Ziel, gegen publizistischen Rufmord über Ländergrenzen hinweg vorzugehen. Zugleich verabschiedeten die Delegierten eine Resolution, dass verleumderische Angriffe auf andere Nationen und auf Zeitungen anderer Länder gegen Ehre und Würde der Presse verstießen; auch hiermit reagierte man augenscheinlich auf drängende aktuelle Probleme.61 Diesbezügliche Seufzer klangen jedenfalls in den Festreden der Staatsleute an, etwa wenn Bülow erklärte, natürlich solle jeder Journalist ein guter Patriot sein, aber Patriotismus bedeute nicht Ungerechtigkeit gegenüber anderen. In allen Ländern gehöre Patriotismus zu den wichtigsten Tugenden der Presse, betonte auch der britische Außenminister Grey, „(but) it is not always easy to reconcile and smooth the path of international relations with the expression of patriotism“.62 Das Spannungsverhältnis zwischen transnationaler Kooperation als Berufsgemeinschaft auf der einen Seite und nationalen Loyalitäten auf der anderen bestimmte auch das Wirken der Auslandskorrespondenten in den europäischen Hauptstädten. Mit der zunehmenden Zahl von Vertretern ausländischer Zeitungen wuchs nicht nur das professionelle Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern auch ein Bedürfnis, sich in Organisationen zusammenzutun, mit deren Hilfe gemeinsame Anliegen besser durchsetzbar schienen. Darin unterschieden sich die Auslandskorrespondenten nicht von anderen Journalisten, die sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in berufsständischen Vereinigungen zusammenschlossen.63 Seit den 1890er Jahren schlossen sie sich in eigenen 59 60 61 62

Alle Zitate aus The Times vom 21. September 1909. The Times vom 22. September 1909. The Times vom 4. November 1904. The Times vom 22. September 1909; für Bülow siehe The Times vom 23. September 1908. 63 Der Verein Berliner Presse entstand 1862, der erste Deutsche Journalistentag fand im Mai 1864 in Eisenach statt; vgl. Jörg Requate: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen 1995, S. 222–242; in Großbritannien wurde die erste Standesvereinigung – die National Association of Journalists – 1884 gegründet und 1890 in das bis heute existierende Institute of Journalists umgewandelt; eine Journalistengewerkschaft (National Union of Journalist) gibt es seit 1907; vgl. Christopher Underwood: Institute of Journalists, in: Dennis Griffiths (Hg.): Encyclopedia of the British Press 1422–1992. London 1992, S. 646–647.

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Auslandspresse-Vereinen zusammen. Als Modell diente die 1888 in London gegründete Foreign Press Association (FPA). Wenige Jahre später gab es ähnliche Zusammenschlüsse in Rom und Wien, wo der dortige Times-Korrespondent den Vorsitz übernahm, sowie in Paris, wo mit der Association syndicale de la Presse Etrangère und dem Syndicat de la Presse Etrangère gleich zwei AuslandspresseVereine entstanden; Berlin folgte 1906 mit dem Verein Ausländische Presse.64 Zunächst entwickelten sich die Vereine schleppend. Der erste Jahresbericht der FPA vom Januar 1893 begründete das Fehlen vorausgegangener Rechenschaftsberichte mit der Bemerkung, „that its organisation and development was unaccompanied by any interesting event“. Nach fünf Jahren war die Zahl der Mitglieder immerhin von 17 auf 33 angewachsen.65 Mit ähnlichen Zahlen startete der Verein Ausländische Presse in Berlin: Im ersten Jahr hatte er 34, zwei Jahre später 47 und 1911 schon 55 Mitglieder, darunter Vertreter der meisten führenden Zeitungen Europas und der USA: Le Matin und Le Figaro aus Frankreich, Corriere della Sera und Giornale d’Italia aus Italien, das schwedische Aftonbladet, die Neue Freie Presse aus Wien, Daily Telegraph, The Times, News Chronicle, Daily Express, Evening Standard und Morning Leader aus Großbritannien und New York Times, Chicago Daily News und New York Herald aus den USA.66 Schon bald etablierten sich die Vereine als wichtige Kontaktbörsen und Initiatoren glamouröser Gesellschaftsereignisse. Die FPA richtete eine Geschäftsstelle im vornehmen Londoner Westend ein, die mit Stadtplänen, Nachschlagewerken, Adressverzeichnissen und Schreibmaterial ausgestattet war, so dass sie von den Mitgliedern wie ein Gentlemen’s Club als sozialer Treffpunkt und Arbeitsort genutzt werden konnte. Der Verein organisierte Vortragsveranstaltungen zu politischen und kulturellen Themen und richtete mehrmals jährlich Wohltätigkeitsdinners aus, deren Erlöse in der Regel einem Fond für mittellose ausländische Künstler und Journalisten in London zuflossen.67 Zum traditionellen Frühjahrsempfang des Berliner Vereins kamen im März 1914 mehr als 700 Gäste aus Politik, Diplomatie, Geschäftsleben und Künstlerkreisen ins vornehme Hotel Esplanade.68 Der Hauptzweck der Vereinsgründungen bestand darin, die professionelle Zusammenarbeit zu verbessern und die Korrespondenten zugleich gesellschaft64 Zu Rom siehe Tucher an Blockzyl, 31. Dezember 1923, in: PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 2, R 121603; zu Paris siehe Botschaft Paris an AA, 9. Dezember 1922, ebd., Bd. 1, R 121603; für Wien vgl. The Times vom 23. Februar 1892; zu Berlin siehe PA-AA Deutschland 126 Bd. 3, R 1481. 65 Hermann Pollak: Foreign Press Association. Annual Report 1893. London 1893, S. 3, 7 (ein gedrucktes Exemplar des Berichts findet sich in den Beständen der British Library in London). 66 Clive Freeman: Im Strom der Zeit. 90 Jahre Verein der Ausländischen Presse zu Berlin. Berlin 1996, S. 9f. 67 Vgl. Pollak: Foreign Press Association. 68 New York Times vom 29. März 1914, S. C2.

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lich miteinander in Kontakt zu bringen. Dies sei umso wichtiger, hieß es in den Statuten der FPA, weil in einer Millionenstadt wie London der Einzelne wenig ausrichten könne; nur im Verein mit anderen sei er imstande, „to further his own objects and interests“.69 In vielen Hauptstädten stand dabei der Kampf um die Zulassung ausländischer Berichterstatter zur Pressetribüne der Parlamente ganz oben auf der Prioritätenliste.70 Überall sahen die Vereine außerdem eine Hauptaufgabe darin, den Korrespondenten ausländischer Blätter die Ausübung ihrer Berichterstatter-Tätigkeit zu erleichtern. Laut Statuten bezweckte beispielsweise der Berliner Verein nicht nur, „den Vertretern der ausländischen Presse Rat und Auskunft zu erteilen“ und „geselligen Verkehr anzubahnen und zu pflegen“, sondern auch „gemeinsame Interessen zu wahren“ und „die Ausübung der Berufstätigkeit zu erleichtern“.71 Sorgfältig achteten die Korrespondenten darauf, sich von freischaffenden Publizisten abzugrenzen. In Berlin etwa konnten nur Vertreter von täglich erscheinenden Zeitungen oder Nachrichtenagenturen beitreten, die von zwei Vereinsmitgliedern vorgeschlagen und in geheimer Abstimmung des Vorstands zugelassen wurden. In London wurde noch 1913 einem Schriftsteller die Mitgliedschaft mit der Begründung verweigert, er sei kein „bona fide journalist“, da er selbst zugebe, aus seiner publizistischen Tätigkeit kein festes Gehalt zu beziehen.72 All diese Aktivitäten passten zum Bild einer Presse, die sich zunehmend internationalisierte und in der unterschiedliche Nationszugehörigkeiten gegenüber professionellen Gemeinsamkeiten in den Hintergrund traten.73 Daneben machten sich aber auch die Folgen forcierter Nationalisierung bemerkbar. Um zu vermeiden, dass Korrespondenten einer Nationalität die Geschäfte des Vereins dominierten, legte die Berliner Assoziation fest, dass kein Land durch mehr als ein Mitglied im Vorstand vertreten sein durfte.74 Mit dieser Klausel wollte man nicht zuletzt Vorwürfen der Cliquenwirtschaft entgegenwirken, wie sie bei Gründung der FPA laut geworden waren, weil deren neunköpfigem Vorstand anfangs fünf Franzosen angehört hatten.75 Später hielten viele 69 Pollak: Foreign Press Association, S. 3f. 70 Vgl. Dominik Geppert: The Public Challenge to Diplomacy: German and British Ways of Dealing with the Press, 1890–1914, in: Markus Mößlang/Torsten Riotte (Hg.): The Diplomats’ World: The Cultural History of Diplomacy, 1815–1914. Oxford 2008, S. 133–164. 71 Paul Goldmann (Neue Freie Presse, Wien) an Bülow, Juli 1906, PA-AA Deutschland 126 Bd. 3, R 1481. 72 Protokoll der Sitzung vom 17. Dezember 1913, FPA-Archiv, London. 73 König Edward VII. dankte der FPA im März 1904 für ihre Bemühungen, „to promote harmony, friendship and good will amongst the nations“; zitiert nach Kem Marengo: The Founding Fathers, in: Samuel Goldsmith (Hg.): Britain in the Eye of the World. The Foreign Press Association in London 1888–1988. London 1988, S. 18–19, hier S. 19. 74 Goldmann an Bülow, Juli 1906, PA-AA Deutschland 126 Bd. 3, R 1481. 75 Pollak: Foreign Press Association, S. 3.

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deutsche Korrespondenten die FPA für einen Spielball ihres russischen Präsidenten, Gabriel de Wesselitzky, der den Verein angeblich in antideutsches Fahrwasser lenkte und im Auswärtigen Amt in Berlin als zaristischer Einflussagent galt.76 Das veranlasste die meisten deutschen Berichterstatter, einer Gegengründung, der Society of Foreign Journalists, beizutreten. Erst nach dem Ausscheiden Wesselitzkys im Frühjahr 1911 gelang es, beide Vereine zu fusionieren und mit dem Londoner WTB-Vertreter einen Deutschen als Vizepräsidenten in den Vorstand der FPA zu integrieren.77 Die deutsche Botschaft in London wertete es als erfreuliches Symptom, „dass nunmehr auch deutscher und holländischer Einfluss in diesem Klub stärker vertreten sein werden, da erfahrungsgemäß die Atmosphäre solcher großer Presse-Klubs sich in der Haltung eines guten Teils der europäischen Presse widerspiegelt“.78 In den Folgejahren bis 1914 achtete der Verein penibel darauf, dass die Zusammensetzung des Vorstands den Konstellationen auf der diplomatischen Bühne europäischer Gleichgewichtspolitik entsprach: Noch im Frühjahr 1914 wurde der Vertreter des Figaro als Präsident von zwei deutschen Vizepräsidenten ausbalanciert, während der Schatzmeister aus den Niederlanden stammte und der Schriftführer wiederum aus Frankreich.79 In Kriegszeiten trat der internationale Charakter der Vereine besonders stark hinter nationalistischen Aufwallungen zurück. Schon zu Beginn des Burenkrieges hatte es die FPA im Dezember 1899 für nötig befunden, eine Sonderkonferenz anzuberaumen, um sich von den scharfen Angriffen auf Großbritannien und den teilweise unflätigen Karikaturen Königin Victorias zu distanzieren, die damals in der europäischen Presse kursierten.80 Zwar verabschiedete man eine Resolution, in der die Korrespondenten „Pauschalverurteilungen“ für unehrenhaft erklärten und sich für einen „urbanen und toleranten“ Umgang untereinander aussprachen. Aber zugleich kritisierten französische, deutsche und griechische Journalisten den britischen Krieg als von langer Hand vorbereiteten, heimtückischen Raubzug gegen tapfere burische Freiheitskämpfer.81 Während des Ersten Weltkrieges wurden nicht nur die Korrespondenten der jeweiligen Kriegsgegner ausgewiesen, auch die verbliebenen Vertreter neutraler Staaten sahen sich Anfeindungen ausgesetzt. In London gerieten Kollegen mit deutsch klingenden Namen wie Wenzel, Heitkamp oder Sauerwein, von denen es in den Mitgliederlisten der FPA selbst nach Ausweisung der deutschen und österreichischen Korrespondenten aus Sicht patriotischer Briten noch allzu viele

76 77 78 79 80 81

Vgl. etwa Bernstorff an Bülow, 18. Mai 1903, PA-AA, England Nr. 78, R 5682. Plehn an Mantler, 21. April 1911, PA-AA, England Presse Nr. 73, R 5638. Kühlmann an Bethmann Hollweg, 24. April 1911, PA-AA, London 1332. The Times vom 24. April 1914. Vgl. Geppert: Pressekriege, S. 132–141. The Times vom 18. Dezember 1899.

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gab, unter gewaltigen Druck.82 Oft schwangen dabei antisemitische Vorurteile gegen eingebürgerte Juden deutscher oder österreichischer Herkunft mit, wie im Falle Max Lefos, ehemals Leiter von Reuters’ Wirtschafts- und Börsendienst, der bei Kriegsbeginn von seinem Dienstherrn entlassen worden war. Lefo, „a regular almond-eyed, parrot-beaked Frankfurt Jew“, wie ein früherer Kollege abschätzig bemerkte,83 wurde schriftlich aufgefordert, die FPA freiwillig zu verlassen, andernfalls wollte man ihn zum Austritt zwingen.84 Entsprechend wurden die Vereinsstatuten umgeschrieben. „No journalist of German, Austrian, Bulgarian or Turkish origin“, lautete der einschlägige Passus bei Kriegsende, „should be eligible for membership of the Association.“85 Ähnlich verfuhr man in anderen Ländern. In Paris wurden deutsche und österreichische Juden sowohl aus der Association syndicale de la Presse Etrangère als auch aus dem Syndicat de la Presse Etrangère ausgeschlossen; in Rom wurde sogar noch nach Kriegsende die ausdrückliche Bestimmung in die Vereinssatzung aufgenommen, auch weiterhin keine Journalisten ehemaliger Feindstaaten aufzunehmen.86 An die Stelle einer journalistischen Internationale traten damit mediale Entsprechungen der Großmachtblöcke. Die Lage habe sich infolge des Krieges und mehr noch durch die Methoden der Kriegsführung derart verändert, hieß es im Protokoll einer Mitgliederbesprechung der FPA vom Dezember 1917, „that there does not seem to be any possibility for years to come of a complete International Association in our profession, and that being the case, we must reconstruct an association which will be as much International as possible and will comprise only the Allies – and by this we mean only the Allies who will remain true to their compact till the end – and the Neutral Association who elect to throw their lot with us after peace is signed, and who contain no member of German or Austrian origin“.87

Die Idee einer internationalen Journalistengemeinschaft fiel dem Krieg zum Opfer und war auch danach noch lange Zeit tabu. Bis weit in die 1920er Jahre hinein blieben die Pariser Auslandspresse-Vereine deutschen und österreichischen Journalisten verschlossen. In Rom wurde der entsprechende Passus der Statuten Ende 1923 revidiert. In London nahm die FPA erst 1926 allmählich wieder deut-

82 Vgl. die Protokolle der Sitzung vom 12. November 1914 und 4. Juni 1915, FPA-Archiv, London. 83 Williams an Northcliffe, 16. Mai 1918, BL, Northcliffe Papers, Add. 62210A. 84 Protokollnotiz vom Oktober 1914, FPA-Archiv, London. 85 Protokoll vom 24. September 1918, FPA-Archiv, London. 86 Deutsche Botschaft an AA, 9. Dezember 1922, PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 1, R 121602; Tucher an Blockzyl, 31. Dezember 1923, PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 2, R 121603. 87 Protokoll vom 4. Dezember 1917, FPA-Archiv, London.

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sche Mitglieder auf.88 Im Auswärtigen Amt in Berlin bezweifelte man Anfang der zwanziger Jahre ebenfalls, dass „ein Zusammengehen der auswärtigen Korrespondenten wünschenswert“ sei, und wollte alle Schritte vermieden wissen, „die zu einem engeren Zusammenschluss der Auslandskorrespondenten in Berlin führen müssen“.89

4. Resümee Im Ersten Weltkrieg endete eine Epoche, die auch in der Medienwelt von einer derart engen internationalen Verflechtung geprägt war, wie sie erst mehr als fünfzig Jahre später wieder erreicht wurde. Mit Sicht auf die internationalen Massenmedien ähnelt das 20. Jahrhundert einer Ellipse mit zwei Brennpunkten. Der erste liegt in den Jahren um 1900, der zweite ist mit den kommunikationstechnologischen Revolutionen der 1970er bis 1990er Jahre anzusetzen: mit dem Durchbruch des Kabelfernsehens, der Explosion der TV-Programme, der LiveÜbertragung von Daten und Bildern via Satellit, dem Aufkommen der drahtlosen Telekommunikation und der weltweiten Nutzung des Internets. In beiden Fällen trieb die Logik der Massenmedien nicht nur die Internationalisierung voran, sondern auch Nationalisierungsprozesse. Man denke nur an die Rolle, die das Satellitenfernsehen für die nationale Durchdringung und mediale Vereinheitlichung der gigantischen Flächenstaaten Asiens gespielt hat, zuerst seit Mitte der 1970er Jahre in der Staatspropaganda der Sowjetunion, wenig später auch in Ländern wie Indien, China und Indonesien.90 So wie Satelliten das Fernsehen als Massenmedium im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts internationaler machten und zugleich nationalisierten, hatten auch die Triebkräfte der Kommunikationsrevolutionen um 1900 ambivalente Wirkungen. Die über das globale Telegrafen- und Kabelnetz operierenden Depeschenbüros schufen wenigstens in den großen Städten Europas und Nordamerikas erstmals so etwas wie eine internationale Kommunikationsgemeinschaft auf der Basis täglicher Nachrichten. Zugleich fungierten Agenturen wie Reuters, WTB und Havas aber auch als halbamtliche Institutionen ihrer jeweiligen Regierungen und deren „weltpolitischer“ Ambitionen. Nicht zufällig klagte eine deutsche Zeitung 1907 mit Blick auf die angebliche Rückständigkeit des deutschen Tele88 Deutsche Botschaft an AA, 9. Dezember 1922, PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 1, R 121602; Tucher an Blockzyl, 31. Dezember 1923, PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 2, R 121603; The Times vom 13. Dezember 1938. 89 Aufzeichnung von Müller-Heymer, ohne Datum (Oktober 1920), PA-AA, Presse-Abteilung: Journalisten P27, Generalia Bd. 1, R 121602. 90 David Reynolds: One World Divisible. A Global History since 1945. London 2000, S. 501ff.

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grafie- und Pressedienstes, das Deutsche Reich sei gezwungen „Weltpolitik ohne Hände und Arme“ zu betreiben.91 Auslandskorrespondenten waren unter diesen Bedingungen mehr denn je darauf angewiesen, international zusammenzuarbeiten, um ihre Interessen durchzusetzen und in einem zunehmend professionalisierten Beruf bestehen zu können. Gleichzeitig aber verstanden sie sich immer stärker als publizistische Vertreter ihres Landes, die auf ihrem Gebiet die Interessen ihrer Nation mit ebensolchem – wenn nicht größerem – Nachdruck zu vertreten hatten wie die akkreditierten Botschafter. Bei den kommerziellen Massenzeitungen griffen Internationalisierung und Nationalisierung ebenfalls ineinander. Der neue Pressetyp spitzte in seiner Auslandsberichterstattung Großmachtrivalitäten zu, personalisierte inhaltliche Differenzen und emotionalisierte die internationalen Beziehungen. Die zwischenstaatliche Politik wurde dadurch unberechenbarer; es wurde schwieriger, sie mit den traditionellen diplomatischen Instrumentarien zu steuern. Zugleich aber kooperierte die populäre Massenpresse intensiver – und gewinnbringender – über nationale Grenzen hinweg, als es die politische Richtungspresse je getan hatte. Ihre Verleger verdienten an der Kriegsfurcht der Leser und hatten selbst Angst vor einem großen Krieg, der ihren Geschäftsinteressen irreparablen Schaden zufügen würde. Die Internationalisierung der Medienwelt führte somit nicht automatisch zu Harmonie und Verständigung in Europa, wie Stead 1897 gehofft hatte. Frieden und Eintracht verstießen aber auch nicht per se gegen die Geschäftsinteressen der Presse, wie er drei Jahre später behauptete. Zunehmende wirtschaftliche, technologische und kulturelle Integration koexistierte vielmehr nicht nur mit fortbestehenden politischen, militärischen und weltanschaulichen Antagonismen. Sie verstärkte sogar nationale Deutungsmuster als Orientierungspunkte in einer unübersichtlicher werdenden Welt medialer Verflechtung. In der Auslandsberichterstattung der europäischen Presse um 1900 waren Nationalisierung und Internationalisierung zwei Seiten derselben Medaille.

91 Artikel „Reuter-Depeschen“ in Deutsche Zeitung vom 30. Juni 1907, Kopie in: PA-AA, Europa Generalia 86 Nr. 1, R 551.

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Repräsentation und Mobilisierung Eine Skizze zur Geschichte der Öffentlichkeit in der Sowjetunion und in Osteuropa (1917–1991) von Jan C. Behrends

Eine räsonierende Öffentlichkeit mit einem freien gesellschaftlichen Diskurs sollte es in der kommunistischen Diktatur nicht geben. Die etablierten soziologischen Überlegungen zur „Öffentlichkeit“ in Anlehnung an und Abgrenzung von Jürgen Habermas sind deshalb für die Analyse kommunistischer Diktaturen nur von begrenztem Wert.1 Die Vorstellung einer „bürgerlichen Öffentlichkeit“ bildete für die kommunistischen Herrscher einen negativen Bezugspunkt; an ihre Stelle sollte eine neue, widerspruchsfreie Form der politischen Kommunikation, Herrschaftsrepräsentation und Massenmobilisierung treten. Die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, die den bürgerlichen Idealtyp charakterisierte, wurde weitgehend aufgehoben und der öffentliche Raum parteistaatlicher Kontrolle unterworfen. Um die öffentlichen Sphären zu dominieren, bedienten sich die Parteistaaten insbesondere im Stalinismus ihrer gesamten Macht. Ihr Modus der Herrschaftsrepräsentation erinnerte in vieler Hinsicht an die absoluten Monarchien der Frühmoderne, deren Öffentlichkeiten von Herrscherlob und Zensur geprägt waren. Allerdings trat in der kommunistischen Diktatur die Massenmobilisierung neben die strikte Instrumentalisierung der Medien zur Herrschaftsrepräsentation – zwei Momente, die auch im Nationalsozialismus und in faschistischen Diktaturen zentral waren.2 Die modernen Massenmedien bildeten einen Teil der staatssozialistischen Ökonomie: Sie gehorchten zentraler Planung und Anleitung und standen wie Wirtschaft oder Wissenschaft unter direkter Kontrolle der Staatspartei und ihrer Führer. Zwar wandten sich die Aufständischen gegen kommunistische Herr1

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Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (1962). Frankfurt am Main 1999; vgl. auch zu Deutschland Lucian Hölscher: Öffentlichkeit, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 4. Stuttgart 1978, S. 418–467; Jürgen Schiewe: Öffentlichkeit. Entstehung und Wandel in Deutschland. Paderborn 2004, sowie Andreas Gestrich: Jürgen Habermas’ Konzept der bürgerlichen Öffentlichkeit: Bedeutung und Kritik aus historischer Perspektive, in: Clemens Zimmermann (Hg.): Politischer Journalismus, Öffentlichkeit und Medien im 19. und 20. Jahrhundert. Ostfildern 2006, S. 25–39. Vgl. Clemens Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943 und Spanien 1936–1951. Köln 2007.

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schaft von Kronstadt 1921 bis Budapest 1956 immer auch gegen die autoritäre Ordnung der Öffentlichkeit, die vom Regime oktroyiert war; dem Ideal eines freien Räsonnements verhalfen jedoch erst die Dissidenten der 1970er Jahre wieder zu Gewicht.3 Die Dissidenten betrachteten die durchherrschte Öffentlichkeit der Parteistaaten als Anachronismus, forderten Vielfalt und Dialog und klagten ein, dass die Stimmen der Bürgerinnen und Bürger gehört werden sollten. Die Etablierung und der Wandel dieses Systems durchherrschter Öffentlichkeit werden im Folgenden skizziert. Dabei werden sowohl die Rolle der Massenmedien als auch die Darstellung von Herrschaft im öffentlichen Raum beschrieben. Zur kulturhistorischen Analyse kommunistischer Diktaturen erscheint es sinnvoll, mit einem weiten Begriff von Öffentlichkeit zu operieren.4 Er umfasst die Selbstrepräsentation der kommunistischen Herrschaft in den modernen Massenmedien, den Raum der Straßen und Plätze und die segmentierten Expertenöffentlichkeiten wie beispielsweise innerhalb der Staatspartei, der Wissenschaft oder der Kunst. An diesen Orten fand trotz aller Einschränkungen politische Kommunikation statt. Die Schauseite parteistaatlicher Herrschaft bildet einen Zugangspunkt zur Kulturgeschichte des Kommunismus. In den Massenmedien und im öffentlichen Raum dominierte die Repräsentation parteistaatlicher Macht – hier wurde die Bevölkerung für das utopische Projekt mobilisiert und hier wurde sie sozialisiert. Trotz des Durchherrschungsanspruches und der Dominanz der Staatsparteien gilt es zu fragen, wo die offizielle Ordnung der Öffentlichkeit durchbrochen werden konnte, wo autonome Räume entstanden oder verteidigt wurden, welcher Mittel sich die Opposition bediente, um sich Gehör zu verschaffen. In der Gesamtschau auf sieben Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft sticht eine Epoche besonders heraus: Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Öffentlichkeit ist die Herrschaft Stalins, in der sich die institutionellen und diskursiven Strukturen herausbildeten, die den europäischen Kommunismus prägten. In dieser Zeit entstand in der Sowjetunion eine repräsentative Öffentlichkeit, die nach 1945 im Zuge der Sowjetisierung Ostmittel- und Südosteuropas auch in andere Gesellschaften exportiert wurde.5 3 4

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Suksod Miklos: From Propaganda to „Öffentlichkeit“ in Eastern Europe. Four Models of Public Sphere under State Socialism, in: Praxis International, 10, 1990, S. 39–63. Vgl. Gábor T. Rittersporn/Malte Rolf/Jan C. Behrends: Öffentliche Räume und Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs, in: dies. (Hg.): Sphären von Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs/The Public Sphere in Soviet Type Societies. Frankfurt am Main 2003, S. 7–22. Zum Begriff der repräsentativen Öffentlichkeit: Habermas: Strukturwandel, S. 58–69; den Begriff verwendet für das 19. Jahrhundert Johannes Paulmann: Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg. Paderborn u.a. 2000; für die kommunistische Diktatur Jan C. Behrends: Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR. Köln 2006.

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1. Strukturen der Öffentlichkeit in der kommunistischen Diktatur Ein verkürztes Verständnis kommunistischer Herrschaft beschränkt sich darauf, deren Stabilität allein auf Repression und Gewalt zurückzuführen. Trotz der unstrittigen Bedeutung von Überwachung, Unterdrückung und Terror zur Stabilisierung der Regime waren die Kommunisten immer auch um die Kontrolle der Gefühle und Einstellungen ihrer Subjekte bemüht. Der entgrenzte Herrschaftsanspruch ihrer Diktatur zielte neben den Körpern auf die totale Kontrolle der Herzen und Hirne, die sie erreichen wollten. Bei der Darstellung parteistaatlicher Macht und der Vermittlung der kommunistischen Wertewelt spielten die modernen Massenmedien eine zentrale Rolle. Der öffentliche Raum war der Ort, an dem die Herrschenden ihr Projekt darstellen und im Stalinismus „Neue Menschen“ formen wollten. Wer sich ihnen hier entgegenstellte, geriet ins Visier der Repressionsapparate: Durchherrschung der Öffentlichkeit und Verlust bürgerlicher Autonomie waren eng miteinander verknüpft. Die Sowjetunion und die Parteistaaten Ostmitteleuropas widmeten ihrer Öffentlichkeitsarbeit große Aufmerksamkeit und immense Ressourcen. Dies war vor dem Hintergrund des allgemeinen Mangels keine Selbstverständlichkeit. Zugleich herrschte ein uneingestandener Zielkonflikt zwischen Inszenierung und Mobilisierung. Während einerseits versucht wurde, totale Kontrolle über die Öffentlichkeit auszuüben, versuchte der Propagandastaat andererseits, die Bevölkerung zu mobilisieren und Bewegung in ein starres System zu bringen. Dieser Widerspruch führte dazu, dass die Apparate der Mobilmachung und die Instrumente der Kontrolle nicht nur neben-, sondern auch gegeneinander arbeiteten. Die schwer kontrollierbare Massenmobilisierung konterkarierte häufig den Versuch, die Öffentlichkeit komplett zu überwachen. Bildlich gesprochen war der öffentliche Raum im Kommunismus zugleich Klassenzimmer und Theatersaal. Er war hierarchisch gegliedert und wies jedem Subjekt einen festen Platz zu. Im Stalinismus sollte der „Neue Mensch“ ein politischer und öffentlicher Mensch sein, der über keinen privaten Bereich mehr verfügte.6 Die Massen sollten nicht nur an das öffentliche Leben herangeführt werden, sondern ihr Leben öffentlich machen. Stets organisierte der Parteistaat eine einheitliche öffentliche Meinung der „Werktätigen“, die Fiktion einer geschlossenen Gesinnungsgemeinschaft aus Arbeitern, Bauern und Funktionären, die sich affirmativ in den 6

Vgl. hierzu Ingrid Oswald und Viktor Voronkov: Licht an, Licht aus! „Öffentlichkeit“ in der (post-)sowjetischen Gesellschaft, in: Gábor T. Rittersporn/Malte Rolf/Jan C. Behrends: Öffentliche Räume und Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs, in: dies. (Hg.): Sphären von Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs/The Public Sphere in Soviet Type Societies. Frankfurt am Main u.a. 2003, S. 37–61.

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Medien äußerten. Den Intellektuellen kam die Rolle zu, im Inland erzieherisch zu wirken und im Ausland die Position des eigenen Landes zu vertreten. Für Loyalität wurden sie mit Aufmerksamkeit und materiellen Privilegien entlohnt. Letztlich blieben sie jedoch auch nur Teil des von der Parteiführung dirigierten großen Chores. Die Ziele und Werte der Regime dominierten auf vielfältige Weise den öffentlichen Raum: Plakate, Losungen, Wandzeitungen prägten den Alltag. Doch dieses hohe Maß an öffentlicher Präsenz der Regime korrespondierte mit einem ausgeprägten Kult des politischen Geheimnisses und der bürokratischen Vertraulichkeit: Politische Entscheidungsprozesse blieben der Öffentlichkeit von der Oktoberrevolution bis zum Ende des Kommunismus verborgen. Wie sie verliefen, war primär in Gerüchten zu erfahren.7 Der Informationsmangel über Entscheidungsprozesse machte es der Bevölkerung schwer, sich jenseits parteistaatlicher Parolen eine eigene Meinung zu bilden. Die parteistaatliche Propaganda hatte immense Wirkungen auf das Leben der Einzelnen. Die Macht offizieller Diskurse zeigte sich, wenn es diesen gelang, selbst in Tagebücher und Verlautbarungen der politischen Opposition einzudringen. In seinem Handeln und seinen Texten unterwarf sich das „sozialistische Subjekt“ – bewusst und unbewusst – den Herrschenden; Sprache und Wahrnehmung der Wirklichkeit vermengten sich auf vielerlei Weise mit dem Diskurs der Herrschenden.8 Selbst für die Opposition bildete der offizielle Diskurs und die sprachliche Normierung einen Bezugspunkt, dem sie sich nicht zu entziehen vermochte. Die Kontrolle der Sprache blieb bis zu ihrem Ende eine Stärke kommunistischer Regime. Doch über die Jahre führte ihre Erstarrung zu einer Verlangsamung der politischen Kommunikation. Der reduzierte Kommunikationsmodus, die Trägheit und Unglaubwürdigkeit der medialen Apparate sowie die fehlende Flexibilität in der Reaktion auf unerwartete Ereignisse erwiesen sich im Kalten Krieg als Archillesferse. Die Reaktion auf Propaganda und Mobilisierung lässt sich nur unvollkommen nachvollziehen. Es existieren nur schwer dekodierbare, oft parteistaatlich gefärbte Quellen zur öffentlichen Meinung. Die normierte Sprache, die Kultur des Geheimnisses und auch die Angst vor Repression erschweren es, Stimmen 7

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Vgl. zu Gerüchten am Beispiel Leningrads Sarah Davies: Popular Opinion in Stalin’s Russia. Terror, Propaganda and Dissent, 1934–1941. Cambridge, UK 1997, S. 23–146; siehe auch zur privaten Kommunikation: Orlando Figes: The Whisperers. Private Life in Stalin’s Russia. London 2007; zum kommunistischen Polen: Dariusz Jarosz/Maria Pasztor: W krzywym zwierciadle. Polityka władz komunistycznych w Polsce w świetle plotek i pogłosek z lat 1949–1956. Warschau 1995. Vgl. zur Diskussion über das sowjetische Subjekt: Jochen Hellbeck: Revolution on My Mind. Writing a Diary under Stalin. Cambridge, Mass. 2006; Igal Halfin: Terror in my Soul. Communist Autobiographie on Trial. Cambridge, Mass. 2003; Brigitte Studer u.a. (Hg.): Stalinistische Subjekte. Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern 1929–1953. Zürich 2006.

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der Einzelnen und Stimmungen der Vielen zu rekonstruieren. So kann die öffentliche Meinung unter kommunistischer Herrschaft nur bruchstückhaft rekonstruiert werden.9 Zwar wurde eine vorgestellte öffentliche Meinung von den Propagandaapparaten bewirtschaftet und von den Geheimdiensten protokolliert, doch nicht-parteistaatliche Aufzeichnungen waren selten und – wie etwa Tagebücher – auch nicht frei von Einflüssen des sozialistischen Leviathans. Aussagen über die Stimmungslagen in der Diktatur müssen deshalb fragmentarisch bleiben oder auf alternative Indikatoren zurückgreifen.10 Umso wichtiger ist eine genaue Untersuchung des Alltags in der Diktatur, der Lebenswelten im Zentrum und an der Peripherie, eine Analyse der Identitäten, Erzählungen, Werte und auch Witze.11 Hier warten die Kommunikationsstrukturen diktatorisch durchherrschter Gesellschaften noch weitgehend auf ihre Erforschung.

2. Inszenierung, Mobilisierung und Terror: Öffentlichkeit als parteistaatliche Veranstaltung in der UdSSR und Osteuropa Bereits unmittelbar nach dem Umsturz vom Oktober 1917 sicherten sich die Bol’ševiki die Kontrolle der Öffentlichkeit im revolutionären Russland. Sie zerstörten gezielt die publizistische Pluralität, die das Revolutionsjahr 1917 in Russland gekennzeichnet hatte.12 Die Bol’ševiki beraubten ihre politischen Widersacher der Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Im Kriegskommunismus (1918–1921) verschärften sie ihre Kontrolle durch die Einführung strenger Zensur. Der Bürgerkrieg reduzierte den politischen Diskurs weitgehend auf die Agitation für die eigene Sache. In manchen Gegenden, wie etwa im Ural, kam wegen der Gewaltexzesse das öffentliche Leben über Jahre zum Erliegen.13 In Zeiten des Hungers und der Gewalt bestimmten Überlebensstrategien das Dasein. Doch in 9

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Sarah Davies’ Versuch, aus den Berichten der stalinistischen Geheimpolizei ein umfassendes Bild der öffentlichen Meinung Leningrads zu rekonstruieren, überschätzt die Aussagekraft dieser parteistaatlichen Quellen, die doch primär der Logik des Apparates folgen. Vgl. Davies: Popular Opinion. Vgl. mit innovativen Ansätzen zum Nationalsozialismus Götz Aly (Hg.): Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 2006; siehe auch Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, München 1999; Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung, 1933–1945. Berlin 2006. Vgl. als erste Skizze Ingrid Oswald: Zum sozialen Gedächtnis. Der sowjetische politische Witz, in: Bálint Balla u.a. (Hg.): Soziologie und Geschichte. Geschichte der Soziologie. Hamburg 1995, S. 205–221. Zu 1917 siehe Orlando Figes/Boris Kolonitskii: Interpreting the Russian Revolution. The Language and Symbols of 1917. New Haven, Conn. 1999. Igor’ Narskij: Žizn’ v katastrofe. Bundi naselenija Urala v 1917–1920 gg. Moskau 2001.

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die Jahre des Bürgerkrieges fallen auch die ersten Höhepunkte bolschewistischer Machtinszenierungen. Schon den ersten Jahrestag der Revolution beging die bolschewistische Regierung mit pompösen öffentlichen Feierlichkeiten, die auch die utopische Verve jener Epoche ausdrückten. Der öffentliche Raum der großen Städte, die mit den Parolen der neuen Herrscher geschmückt wurden, fungierte als Bühne zur Selbstdarstellung des neuen Regimes.14 Während der Neuen Ökonomischen Politik (1922–1928) nahm das parteistaatliche Interesse an der Zurschaustellung eigener Politik ab. Zugleich gewährte das Regime der Gesellschaft, insbesondere den Eliten, einen vergleichsweise größeren Spielraum. Dies äußerte sich in der gleichwohl beschränkten Pluralität, die insbesondere den Künsten zugestanden wurde. Nach Revolution und Bürgerkrieg genoss die russische Avantgarde einige Jahre relativer Autonomie. Doch der Parteistaat gab seine uneingeschränkte Dominanz in der politischen Öffentlichkeit zu keinem Zeitpunkt auf. So blieben die Massenmedien auch nach Ende des Bürgerkrieges fest in parteistaatlicher Hand. Im Stalinschen „Großen Umbruch“ der Jahre 1928–1933, der mit der Zwangskollektivierung und der gewaltsamen Industrialisierung neue Prioritäten setzte, steigerte sich erneut das Bedürfnis der Staatspartei, die gesellschaftlichen Veränderungen, den sozialistischen Aufbau, anschaulich zu machen.15 Die Massenmedien wurden zu einem Instrument kaum unterbrochener Mobilisierung, und es kam zur Wiederaufwertung von Festen und Feiern, die jetzt in den Städten zu Zwangsfesten wurden, in denen die Bevölkerung ihre unbedingte Loyalität zeigen sollte.16 Der kulturrevolutionäre Aufbruch drückte sich auch im offiziellen Diskurs über die sowjetischen „Errungenschaften“ und im Führerkult um Stalin und seine Entourage aus, denen zu danken die Bevölkerung verpflichtet wurde.17 Dabei lässt sich beobachten, dass die offiziellen Narrative immer weniger mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit verbunden waren. Die repräsentative Öffentlichkeit avancierte zu einem diskursiven Raum, in dem eine vorgestellte Zukunft, die kommunistische Utopie, abgebildet wurde; die Schattenseiten der Wirklichkeit wurden hingegen ausgeblendet. Sämtliche Missstände wurden imaginierten in14 Richard Stites: Revolutionary Dreams: Utopian Dreams and Experimental Life in the Russian Revolution. Oxford 1991; James van Geldern: Bolshevik Festivals 1917–1920. Berkeley, Cal. 1993; Julia Röttjer: Die Stadt als Bühne. Orte bolschewistischer Massenfeste, in: Karl Schlögel u.a. (Hg.): Sankt Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte. Frankfurt am Main 2007, S. 211–228. 15 Carsten Goehrke: Russischer Alltag, Bd. 3, Sowjetische Moderne und Umbruch. Zürich 2005, S. 17–274. 16 Malte Rolf: Das sowjetische Massenfest. Hamburg 2006, S. 108–117; siehe auch Karen Petrone: Life Has Become More Joyous, Comrades. Celebrations in the Time of Stalin. Bloomington, Ind. 2000. 17 Jeffrey Brooks: Thank You, Comrade Stalin! Soviet Public Culture from Revolution to Cold War. Princeton, NJ 2001, S. 54–105.

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neren und äußeren Feinden zugeschrieben, zu deren Vernichtung das Regime aufrief.18 Besonders deutlich lassen sich diese Transformationen im Bereich der Kunst und Kultur nachvollziehen. Wo in den 1920er Jahren noch begrenzte Spielräume für die sogenannten Mitläufer und eine Vielfalt der Stile existierte, wurde mit der Einführung des sozialistischen Realismus 1934 eine verpflichtende ästhetische und inhaltliche Norm etabliert, an die sich nun Schriftsteller, Künstler oder Regisseure halten mussten.19 Die uniforme „realistische“ Ästhetik trat an die Stelle der avantgardistischen Experimente, die in den 1920er Jahren Aufsehen erregt hatten. Dieser Vereinheitlichungsprozess ging mit einer zunehmenden Abschirmung der sowjetischen intelligencija und der Gesellschaft insgesamt von ausländischen Einflüssen einher. Das Lob der Partei wurde zum beherrschenden Thema künstlerischer Arbeit.20 Wie an einem Fürstenhof waren Intellektuelle auf Patronagebeziehungen zu hohen Parteifunktionären angewiesen.21 Die von Stalin zugewiesene Rolle als „Ingenieure der Seele“ verpflichtete die Schriftsteller auf gesellschaftliche Wirksamkeit im Sinne des Regimes. Für die Künstler selbst wurde es schwierig, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Dies hing auch mit der zentralen Stellung Stalins zusammen, dessen schwer berechenbares Urteil das Schicksal Einzelner, wie auch die Stellung ganzer Genres, entscheidend beeinflussen konnte. Stalins besondere Leidenschaft für das Kino etwa brachte große Risiken für einzelne Regisseure mit sich, die ihre Filme vom Alleinherrscher persönlich abnehmen lassen mussten.22 Seit Mitte der 1930er Jahre stand die Persona Stalins, abgebildet im Führerkult, im Zentrum der Herrschaftsrepräsentation. Stalin war in allen Medien präsent – auch in der Unterhaltung, die in anderen modernen Diktaturen nicht so offensichtlich einem Erziehungsauftrag unterworfen war.23 Die Presse schrieb Stalin sämtliche Errungenschaften zu; in Liedern, in Gedichten, auf der Theaterbühne, im Radio und in der Wochenschau wurde er gefeiert. Seit 1937 stellten verschiedene Schauspieler Stalin auch als Spielfilmhelden dar.24 Bis zu seinem Tode wurde für die Leinwand sukzessive eine Meistererzählung der sowjetischen Geschichte produziert. Es handelte sich um ein historisches Drama, in 18 Goehrke: Russischer Alltag, S. 192–207. 19 Katerina Clark u.a. (Hg.): Soviet Culture and Power. A History in Documents, 1917–1953. New Haven, Conn. 2007, S. 162–215. 20 Brooks: Thank You, S. 105–124. 21 Ebenda, S. 282–301. 22 Vgl. Peter Kenez: Cinema and Soviet Society. From the Revolution to the Death of Stalin. London 2006, S. 131–142. 23 Vgl. zu Nationalsozialismus und Faschismus Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus, S. 257–268. 24 Nikolaus Hülbusch: Im Spiegelkabinett des Diktators. Stalin als Held im sowjetischen Spielfilm (1937–1953). Alfeld 2001.

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dem Stalin der Protagonist war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren epische Stalinfilme wie Die Stalingrader Schlacht (1948) oder Der Fall von Berlin (1950) die aufwendigsten Produktionen des sowjetischen Kinos.25 Auch in Romanen des sozialistischen Realismus spielte er als pater familias der sowjetischen Gesellschaft eine wichtige Rolle.26 Doch nicht nur auf der Ebene der Repräsentation, sondern auch bei der Förderung, Zensur und Verfolgung von Künstlern stand Stalin im Zentrum des Geschehens. Der Alleinherrscher war oberster Zensor, Kunstmäzen, Zeitungszar und in diesen Funktionen Anstifter zahlreicher Kampagnen, die von den Medien ausgeführt wurden. Diese Stellung als unangefochtener Zeremonienmeister der sowjetischen Öffentlichkeit gab er bis zu seinem Tod 1953 nicht wieder ab.27 Diese Fixierung des gesamten Mediensystems auf eine einzelne Person bildet eine Besonderheit der Öffentlichkeit im Stalinismus. Neben der Verklärung des „schönen“ sowjetischen Lebens in der Kunst stand seit Ende der 1920er Jahre die Didaktik des Terrors.28 Die bolschewistische Partei und Stalin persönlich wollten ihre Feinde nicht nur im Geheimen vernichten, sondern auch öffentlich brandmarken. Überall sahen die Herrschenden Verschwörungen skrupelloser Gegner, über die ausführlich berichtet wurde.29 Ihr Säuberungswahn verdichtete sich in den Schauprozessen, deren sorgfältige Inszenierung die Spitzen der Partei beschäftigte. So berichtete das Politbüromitglied Lazar’ Kaganovič 1936 dem im Urlaub weilenden Stalin ausführlich, welche Maßnahmen er ergriffen hatte, um den ersten Prozess gegen die innerparteiliche Opposition in der sowjetischen und internationalen Presse publik zu machen – der Terror selbst war ein mediales Großereignis.30 Nach dem Ende des Prozesses ordnete Stalin an, dass die gesamten Verhandlungen nicht nur in Russisch, sondern in die großen europäischen Sprachen übersetzt und veröffentlicht werden.31 Erst durch seine Medialisierung wurde der Terror allgegenwärtig und versetzte das Regime in die Lage, mit der Außenwelt zu kommunizieren und zu 25 26 27 28

Kenez: Cinema and Soviet Society, S. 205–220. Vgl. Katerina Clark: The Soviet Novel. History as Ritual. Chicago, Ill. 1985. Robert Service: Stalin. A Biography. Cambridge, Mass. 2006, S. 357–366, S. 541–550. J. Arch Getty/Oleg V. Naumov: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932 – 1939. New Haven, Conn. 1999; vgl. auch Robert Conquest: The Great Terror. A Reassessment. London 1990. 29 Gábor T. Rittersporn: The Omnipresent Conspiracy: On Soviet Imagery of Political and Social Relations in the 1930s, in: Chris Ward (Hg.): The Stalinist Dictatorship. London 1998, S. 261–277. 30 Yezhov and Kaganovich to Stalin, 17.8.1936, in: R.W. Davies u.a. (Hg.): The Stalin-Kaganovich Correspondence 1931–1936. New Haven, Conn. 2003, S. 325. 31 Stalin to Kaganovich, 28.8.1936, in: ebd., S. 343; vgl. Report of Court Proceedings. The Case of the Trotskyite-Zinovievite Terrorist Centre, Heard Before the Military Collegium of the Supreme Court of the U.S.S.R., Moscow, August 19–24 1936. Moscow 1936.

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versuchen, durch Terror Sinn zu stiften. Die Schauprozesse wurden in Schulen und Betrieben besprochen und die Verurteilten im Kino und in Zeitungen vorgeführt. Das Publikum wurde aufgefordert, für die Angeklagten die Todesstrafe zu fordern. Ziel des Regimes war es, dass die Öffentlichkeit die Anklagen gegen die Beschuldigten tausendfach reproduzierte, um den Terror zu legitimieren. Jörg Baberowski hat diese Inszenierungen vor Gericht als „Kern der stalinistischen Kulturrevolution“ bezeichnet, in deren Verlauf die „Bolschewiki Öffentlichkeit als Schauprozeß inszenierten und die Gesellschaft dem Ritual von Beschuldigung, Reue und Bestrafung unterwarfen.“32 Seit Ende der 1930er Jahre war die sowjetische Ordnung der Öffentlichkeit etabliert. Der Parteistaat kontrollierte den öffentlichen Raum, und er verfügte über die Möglichkeit, das Land großflächig mit seinen Kampagnen zu überziehen. Eine alternative Erzählung zum offiziellen Diskurs über Geschichte, Gegenwart und Zukunft konnte nicht mehr verbreitet werden. Die Vision des Propagandastaates war Wirklichkeit geworden. Der Triumph im Zweiten Weltkrieg verlieh der Herrschaft Stalins neue Legitimität: In den Augen der sowjetischen Führung hatte der Sieg gegen das nationalsozialistische Deutschland die Überlegenheit ihres Gesellschaftsmodells bestätigt. So nimmt es kein Wunder, dass die Sowjetunion in den 1940er Jahren ihre Ordnung der Öffentlichkeit auch den Staaten Osteuropas aufzwang. Im Schlepptau der Roten Armee exportierte die UdSSR seit 1944 ihre Repräsentationskultur. Die Durchsetzung einer Öffentlichkeit sowjetischen Typs bildete einen zentralen Bestandteil der Sowjetisierung.33 Während in Mitteleuropa unter sowjetischer Herrschaft bis 1946/47 ein gewisses Maß an Pluralität geduldet wurde, setzte 1948 eine forcierte Sowjetisierung ein, deren Ziel es war, die Repräsentationskulturen anderer Nationen dem eigenen Beispiel anzugleichen. Dies beinhaltete die Errichtung einer transnationalen imperialen Öffentlichkeit, deren Kampagnen in zahlreichen Staaten parallel abliefen.34 Zwischen 1949 und 1955 existierte zwischen Elbe und Pazifik ein öffentlicher Raum, der auf das Zentrum Moskau ausgerichtet war und in dem die Modi der Repräsentation in hohem Maße synchronisiert wurden. Um diesen Gleichlauf zu beschreiben, hat Victor Klemperer 1952 anlässlich zweier Reisen nach Polen und Rumänien von der uniformitas sovietica postbellica gesprochen.35 Damit beschrieb der Dresdner Philologe seinen Eindruck, dass in 32 Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. München 2003, S. 122. 33 Vgl. Behrends: Die erfundene Freundschaft, S. 91–170. 34 Vgl. am Beispiel der Friedenskampagnen Jan C. Behrends: Vom Panslavismus zum „Friedenskampf “. Außenpolitik, Herrschaftslegitimation und Massenmobilisierung im sowjetischen Nachkriegsimperium (1944–1953), in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 56, 2008, S. 27–53. 35 Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1950–1957. Berlin 1999, S. 272.

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allen Parteistaaten identische Nachrichten Schlagzeilen machten, stalinistische Losungen das Stadtbild prägten, den lokalen Führern und Stalin gehuldigt wurde und der sowjetische Festkalender galt. Den Massenmedien kam im sowjetischen Nachkriegsimperium eine zentrale Rolle zu. In einer Welt geschlossener Grenzen war das sowjetische Imperium für seine Bürger primär medial erlebbar. In den Zeitungen, Romanen, Spielfilmen und Wochenschauen entfaltete sich die Einheit des Raumes zwischen Ostsee und Pazifik. Zudem versuchten die Herrschenden Osteuropas seit dem Ende der 1940er Jahre, ihre Öffentlichkeiten gegen westliche Einflüsse abzuschirmen, was ihnen jedoch weniger vollständig als ihren sowjetischen Vorbildern gelang. In den ungarischen, rumänischen und tschechoslowakischen Schauprozessen der Jahre 1948–1953 verknüpfte sich auch in Ostmitteleuropa parteistaatlicher Terror mit medialer Macht. Mit Stalins Tod endeten Jahrzehnte des Terrors und der Gewalt, doch es zeigte sich, dass die etablierten Strukturen sich zunächst nur wenig wandelten. Im Zuge der Entstalinisierung vergrößerten sich Unterschiede und Gegensätze zwischen den einzelnen Parteistaaten. Das Ende stalinistischer Uniformität bedeutete jedoch keineswegs, dass die in den 1930er Jahren entstandene Repräsentationskultur vollständig verschwand. Zwar erreichten die Generalsekretäre der osteuropäischen Parteistaaten in ihren Staaten kaum die Machtstellung, die Stalin seit den 1930er Jahren in der Sowjetunion besessen hatte. Doch auch in Ostmitteleuropa und der DDR kontrollierten die Parteichefs bis 1989 in letzter Instanz, was gedruckt und öffentlich gesagt werden konnte. Zugleich pflegten sie – der Stalinschen Tradition verhaftet – einen mehr oder weniger umfassenden Führerkult.36 Es entwickelten sich jedoch seit Beginn der 1960er Jahre deutliche Unterschiede zwischen besonders repressiven Parteistaaten, wie der UdSSR, Bulgarien, Rumänien oder der DDR, und vergleichsweise offeneren wie Polen, Ungarn oder der ČSSR in den Jahren von 1965 bis zum sowjetischen Einmarsch 1968. Das Bild blieb allerdings auch hier unübersichtlich und widersprüchlich: So schloss sich die ČSSR nach 1968 dem Lager der repressiven Regime an, während die polnische Staatspartei ihre Öffentlichkeit zwar nur vergleichsweise lax kontrollierte, sich allerdings nicht scheute, während der periodisch wiederkehrenden Herrschaftskrisen gegen protestierende Bürger massive Gewalt einzusetzen. Die liberalere Ordnung in Polen hatte offensichtlich ihren Preis. Seit den 1960er Jahren lässt sich in Zirkeln der sowjetischen intelligencija und seit der KSZE-Schlussakte zunehmend in den Parteistaaten Ostmitteleu36 Behrends: Erfundene Freundschaft, S. 353–372; ders.: Nach dem Führerkult. Repräsentationen des Generalsekretärs in Polen und der DDR, in: Daniela Münkel u.a. (Hg.): Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert. Deutschland, Europa, USA. Frankfurt am Main u.a. 2008, S. 71–96.

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ropas gesellschaftliche Kritik an der repräsentativen Öffentlichkeit beobachten. Dazu trugen sowohl Einflüsse aus dem Westen als auch die immanente Stagnation des Systems bei. Besonders für kritische Intellektuelle wirkten die Feste und Feiern, die kontrollierten Massenmedien und die Doktrin des sozialistischen Realismus anachronistisch. Der tschechische Dissident Václav Havel fragte 1979, was der Prager Gemüsehändler eigentlich mit der Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ verbinde, die er alljährlich gehorsam in sein Schaufenster stellte.37 Und er forderte die Machtlosen, die Entmündigten auf, sich ihrer Macht zur Verweigerung bewusst zu werden. Aus der Sowjetunion übernahm die mitteleuropäische Dissidenz den Gedanken, dass es an der Zeit sei, in der Öffentlichkeit wieder zu einer authentischen Sprache zu finden. Grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten waren ein antitotalitärer Konsens, die Sehnsucht nach der Wiedergewinnung der Autonomie des Einzelnen, seiner Stimme und seiner Sprache. Die Forderung nach Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit, die in den Texten der Dissidenten zentral war, verdeutlicht, dass es sich um eine Protesthaltung handelte, die sich insbesondere aus moralischer Empörung speiste. In Ost und West verlor seit den 1950er Jahren die totalitäre Ästhetik ihren Reiz. Während die Mehrheit der Bürger sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog und es damit entwertete, gab sich eine aktive Minderheit in der UdSSR und in Osteuropa nicht mehr damit zufrieden, dass die autoritären Strukturen keine Partizipation erlaubten.38 Claqueure wollten zu Bürgern werden und begannen, sich Foren zu schaffen, in denen sie ihre abweichenden Ansichten öffentlich machen konnten. So entwickelte sich seit Mitte der 1970er Jahre eine Kultur von Dissidenz und Opposition, die sich der parteistaatlichen Öffentlichkeit verweigerte.39 Der gewaltfreie Widerstand gegen die Diktatur manifestierte sich im gedruckten Medium. Durch unabhängige Publikationen, den sog. Samizdat (Selbstverlag), durch Publikation im Ausland (Tamizdat) und auch durch Versuche, sich im öffentlichen Raum Gehör zu verschaffen, trugen diese Gruppen zur Delegitimierung kommunistischer Herrschaft bei. Sie nahmen die parteistaatliche Usurpation der Massenmedien und des öffentlichen Raumes nicht länger hin. Allerdings handelte es sich bei den Dissidenten um eine verschwindend kleine Minderheit. Zugleich bezeugte die Gleichgültigkeit der Bevölkerungsmehrheit gegenüber der öffentlichen Sphäre die Perspektivlosigkeit der poststalinistischen Epoche. Vom Enthusiasmus, der in der Stalinzeit wenigstens einen Kern von 37 Vgl. Václav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben (1979). Reinbek bei Hamburg 1989, S. 14ff. 38 Vgl. am sowjetischen Beispiel Dietrich Beyrau: Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der Sowjetunion 1917 bis 1985. Göttingen 1993, S. 156–255. 39 H. Gordon Skilling: Samizdat and an Independant Society in Central and Eastern Europe. Basingstoke 1989; Babara J. Falk: The Dilemmas of Dissidence in East-Central Europe. Citizen Intellectuals and Philosopher Kings. Budapest 2003.

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Gläubigen erfasst hatte, war kaum etwas geblieben. Nicht Aufbruchstimmung, sondern Trostlosigkeit war zum Markenzeichen des öffentlichen Raumes hinter dem Eisernen Vorhang geworden. In den 1980er Jahren erweiterten sich die alternativen Öffentlichkeiten um neue Themen, und die Basis der Oppositionsbewegungen verbreiterte sich. Diese Entwicklung manifestierte sich in der Renaissance der Religionen, in der Umweltbewegung und im Siegeszug westlicher Popkultur, aber auch in der Artikulation der Nationalismen. Auch wenn die Oppositionsbewegungen und die von ihnen geschaffenen alternativen Öffentlichkeiten die kommunistischen Diktaturen nicht zu Fall brachten, so wirkten sie doch als Katalysator im Erosionsprozess autoritärer Herrschaft. Analog zum literarischen Untergrund in den Jahren vor der Französischen Revolution brachen auch sie Tabus, setzten neue Themen, brachten verbotene Texte in Umlauf und trugen dazu bei, die Legitimität der Regime auszuhöhlen.40 Dissidenz und Protest sowie die alternativen Medien der Opposition waren kulturelle Ursachen des europäischen Umbruchs von 1989. In den parteistaatlichen Massenmedien wurde Pluralität jedoch erst möglich, als sich das sowjetische Zentrum selbst für glasnost’ entschied. Seit 1985 erodierten in der UdSSR die Beschränkungen des öffentlichen Diskurses. Wo zunächst nur die Mängel des Alltags kritisiert werden konnten, folgte schon nach wenigen Jahren eine Diskussion über die eigene Geschichte.41 Dem von Michail Gorbačev initiierten Umbruch konnten oder wollten sich die Regime in Ostmitteleuropa nicht entziehen.42 Es war ein Aufbruch zu seit Jahrzehnten nicht gekannter Pluralität und Freiheit im öffentlichen Raum. Dass er nicht unumkehrbar ist, belegt das Russland Putins: Die Versuchung der Herrschenden, sich die Öffentlichkeit zu unterwerfen, besteht weiter fort. An die Stelle des Pluralismus, der in den 1990er Jahren die russischen Medien kennzeichnete, trat wieder eine rigide staatliche Kontrolle. Dabei setzten die Herrschenden eine strikte Kontrolle politischer Kommunikation durch, die ihren Interessen entsprach und auf Muster zurückgriff, die der Bevölkerung vertraut waren.43 Der Kult um den ersten Mann im Staate, die Mobilisierung der Jugend, die Schauprozesse und das 40 Zum publizistischen Untergrund im ancien régime vgl. Roger Chartier: Die kulturellen Ursprünge der französischen Revolution. Frankfurt am Main 1995; Robert Darnton: The Forbidden Best-Sellers of Pre-Revolutionary France. New York, NY 1995. 41 Robert W. Davies: Perestroika und Geschichte. Die Wende in der sowjetischen Historiographie. München 1991. 42 Zum Niedergang kommunistischer Herrschaft in Europa siehe Charles Maier: Das Verschwinden der DDR und der Niedergang des Kommunismus. Frankfurt am Main 1999; Stephen Kotkin: Armageddon Averted. The Soviet Collapse 1970–2000. Oxford 2001. 43 Zur Resowjetisierung Russlands seit 1999 siehe Margareta Mommsen/Angelika Nußberger: Das System Putin. Gelenkte Demokratie und politische Justiz in Russland. München 2007.

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manichäische Denken bauen auf sowjetischen Mustern auf. Zugleich lässt sich beobachten, wie der Rückbau des Pluralismus die gesellschaftliche Entwicklung lähmt. Und wiederum zeigte sich, dass die Kontrolle der Öffentlichkeit mit verschärfter Repression gegen politische Gegner einherging.

3. Zur Funktion der Massenmedien unter kommunistischer Herrschaft Bereits einen Tag nach der kommunistischen Machtübernahme am 9. November 1917 unterschrieb Lenin ein Dekret über die Presse, das seiner Regierung die Schließung bürgerlicher Zeitungen erlaubte – eine Maßnahme, die im kommunistischen Russland nie zurückgenommen wurde.44 Die Bol’ševiki stellten sich damit gegen die Tradition der russischen Linken, die in der Zensur immer eines der Grundübel zarischer Autokratie gesehen hatte. Die Verfassung der Russischen Föderation, die im Sommer 1918 verabschiedet wurde, erlaubte konsequenter Weise kein Privateigentum an Zeitungen oder Druckereien mehr. Nicht Pressefreiheit, sondern die strikte Kontrolle der Printmedien war das Ziel der neuen Herrscher. Nach seiner Vorstellung, die Lenin bereits vor der Revolution entwickelt hatte, sollte die Presse keine vierte Gewalt, sondern eine „Waffe“ der Staatsmacht sein.45 Im Exil erdachte der russische Revolutionär eine Welt, in der die Presse vornehmlich „kollektiver Organisator“ sein sollte. Wie die Einzelnen, so sollte auch das Medium in den Dienst der Partei treten. Sein Nachfolger Stalin bekräftigte in den 1920er Jahren diese Sichtweise Lenins.46 So wurden die Zeitungen im revolutionären Russland von Beginn an Sprachrohr von Partei und Regierung. Sie wandten sich primär an die Parteiöffentlichkeit, an das Milieu der Funktionäre, das sie über die jeweilige „Linie“ informierten. Die Lektüre der Parteiblätter war für die Apparate ein Bestandteil der täglichen Arbeit. An Feier- oder Parteitagen wurde diese Rolle der Presse auf die Spitze getrieben. Zu diesen Anlässen druckte sie seitenlang Reden, Verlautbarungen und Kommuniqués. Auch bei innerparteilichen Machtkämpfen spielte die Kontrolle der Presse eine wichtige Rolle.47 Diejenige Gruppe, die die Medien kontrollierte, hatte es 44 Peter Kenez: The Birth of the Propaganda State. Soviet Methods of Mass Mobilization. Cambridge, Mass. 1992, S. 29–48. 45 Wladimir Iljitsch Lenin: Womit beginnen? (1901), in: W. I. Lenin Werke, Band 5. Berlin (Ost) 1955, S. 5–13. 46 Josef W. Stalin: Die Presse als kollektiver Organisator (1923), in: J. Stalin Werke, Band 5, 1921–1923. Berlin (Ost) 1952, S. 246–249. 47 Mathew Lenoe: Closer to the Masses. Stalinist Culture, Social Revolution, and Soviet Newspapers. Cambridge, Mass. 2004, S. 182–211.

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in der Hand, ihre Gegner mundtot zu machen, zu denunzieren und von der öffentlichen Bildfläche verschwinden zu lassen. Diese Erfahrung machte Trotzki bereits in den 1920er Jahren in seinem Machtkampf mit Stalin.48 Auf eine direkte Weise war Medienmacht in der Sowjetunion politische Macht. Sämtliche Zeitungen, die in der UdSSR erschienen, waren an eine parteistaatliche Institution gebunden. Sie waren tatsächlich ein „Organ“ der Macht – ganz in dem Sinne wie es der Untertitel der Parteizeitungen verkündete. Aufgrund ihrer Zuordnung zum Zentralkomitee war die Parteizeitung Pravda seit den 1920er Jahren tonangebend.49 Andere Medien übernahmen ihre formalisierte Sprache; sie setzte Themen und bestimmte Sprachregelungen. Die Zeitungen der Gewerkschaften, der Massenorganisationen und Regionen orientierten sich an diesem Leitmedium. So konnte weder politische noch regionale Pluralität in die kommunistische Staatspresse Eingang finden. In wichtigen Sparten wie etwa den Auslandsnachrichten ließen sich nur geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Blättern feststellen. Die sowjetische Presse der 1930er Jahre variierte nur wenige Themen; in der Regel waren sie in die Kampagnen des Parteistaates eingebunden. Erst nach dem Krieg verbreiterte sich das mediale Spektrum in der UdSSR in nennenswertem Maße um Fachzeitschriften und Unterhaltungsmagazine. Die offiziellen Zeitungen von Partei, Staat und Massenorganisationen behielten jedoch ihre dominierende Rolle. Die enge Bindung an die Partei bestimmte auch das Berufsbild des Journalisten. Eine unabhängige journalistische Profession lehnten die Bol’ševiki ab. Journalist zu sein hieß, Agitator zu sein, der dem Parteistaat diente und Erzieher seiner Leser war. Aufgrund dieser Strukturen blieb die große Mehrheit der Journalisten im Stalinismus unbekannt. In der hierarchisch strukturierten, verregelten Welt der bolschewistischen Presse war es schwierig, sich auszuzeichnen. Hinzu kam, dass publizistische Tätigkeit bedeutete, eine eigene Meinung öffentlich zu machen. Sich in der falschen Weise exponiert zu haben, konnte Verhaftung, Lager oder Tod bedeuten. Ein prominentes Beispiel ist Michail Kol’cov, der seit den 1920er Jahren zu den bekanntesten sowjetischen Journalisten zählte. Er schrieb in der Pravda und leitete die Redaktionen wichtiger Zeitschriften wie Ogonek und Krokodil. Seine Satiren, in denen er die sowjetische Bürokratie kritisierte, wurden viel gelesen. Durch sein antifaschistisches Engagement, seine Berichte aus dem spanischen Bürgerkrieg und seine Liason mit der deutschen Kommunistin Maria Osten wurde Kolčov international bekannt.50 Trotz hoher 48 Vgl. Lars T. Lih u.a. (Hg.): Stalin’s Letters to Molotov. 1925–1936. New Haven, Conn. 1995, S. 67–96. 49 Jeffrey Brooks: Pravda and the Language of Power in Soviet Russia 1918–1928, in: Jeremy D. Popkin (Hg.): Media and Revolution. Comparative Perspectives. Lexington, KY 1995, S. 156–173. 50 Vgl. Michail E. Kol’cov: Guadalajara: eine Niederlage des Faschismus. Zürich 1937.

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Ämter – er war Mitglied des Obersten Sowjets und der Akademie der Wissenschaften – und seiner ausgewiesenen Loyalität gegenüber Stalin, an dessen kultischer Verehrung er mitwirkte, wurde Kolčov 1938 verhaftet und anschließend hingerichtet. Er teilte das Schicksal anderer prominenter Publizisten und Schriftsteller wie Isaak Babel’, Sergej Tretčjakov oder Willi Münzenberg, die ebenfalls dem Großen Terror zum Opfer fielen.51 Insbesondere ihre zahlreichen Kontakte ins Ausland wurden ihnen zum Verhängnis; sie wurden der Spionage für fremde Dienste bezichtigt. Diejenigen Publizisten, die wie Ilja Ehrenburg oder Konstantin Simonov den Terror überlebten, konnten sich bis zu Stalins Tod 1953 weder aus der direkten Abhängigkeit vom Kreml noch aus dem diskursiven Korsett der bolschewistischen Sprache befreien. Als Publizisten blieben sie Sprachrohr und Büttel der Macht.52 Seit der Revolution bedienten sich die Zeitungen des offiziellen parteistaatlichen Jargons, einhergehend mit einer Leidenschaft für Abkürzungen, die die Verständlichkeit der Presse für die Bevölkerung einschränkte. Mit Begriffen wie „Klasse“, „Imperialismus“ oder „Dialektik“ verbanden viele Leser zunächst wenig. Häufig verschwanden konkrete Entscheidungen hinter obskuren Begriffen wie „wir“, „die Sowjetmacht“, „die Partei“ oder „die Arbeiterklasse“. Außerdem gewannen seit dem russischen Bürgerkrieg militärische Metaphern große Bedeutung. Begriffe wie „Front“, „Kampf “, „Feinde“ oder „Wachsamkeit“ zogen sich bis 1989 durch die offizielle Sprache. Neben diese Kampfmetaphorik trat ein emotional aufgeladener politischer Diskurs, der Begriffe aus dem persönlichen Nahbereich entlehnte. Diese Anthropomorphisierung des Politischen war ein Charakteristikum kommunistischer Presse und Propaganda.53 Es handelte sich um eine Redeweise, die Nähe stiften sollte, wo Distanz vorherrschte. Die politische Sphäre – zuerst die Partei, dann der Staat, dann die sozialistischen Nationen – wurde zur „Familie“ erklärt, der „Führer“ zum „Vater“, die Heimat zur „Mutter“, und die Mitbürger verwandelten sich in „Brüder und Schwestern“. Wenn das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Machthabern beschrieben wurde, sprach man von „heißer Liebe“ oder „unerschütterlichem Vertrauen“. Ähnlich emotional wurden auch die Feinde der neuen Ordnung als „Saboteure“

51 Vgl. Sean McMeekin: The Red Millionaire. A Political Biography of Willi Münzenberg, Moscow’s Secret Propaganda Tsar in the West. New Haven, Conn. 2003. 52 Vgl. zur Beziehung Simonovs zu Stalin Figes: The Whisperers, S. 481–508; am Beispiel Ehrenburgs Jan C. Behrends: Völkerfreundschaft und Amerikafeindschaft. Ilja Ehrenburgs Publizistik und das Europabild des Stalinismus, in: José M. Faraldo u.a. (Hg.): Europa im Ostblock. Vorstellungen und Diskurse (1945–1991). Köln 2008, S. 125–144. 53 Jan C. Behrends: Freundschaft zur Sowjetunion, Liebe zu Stalin. Zur Anthropomorphisierung des Politischen im Stalinismus, in: Frank Bösch u.a. (Hg.): Die Massen bewegen. Medien und Emotionen in der Moderne. Frankfurt am Main 2006, S. 172–192.

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oder „Schädlinge“ beschrieben.54 Bis in die 1980er Jahre beschwor die Presse die „Liebe zur Partei“ oder die „Freundschaft der Völker“. Der emotionale Duktus kennzeichnete die Sprache der Diktatur; Sachlichkeit wäre mangelnde Parteilichkeit gewesen. Debatten über lokale Fragen oder Regierungsbeschlüsse konnten nur in einem engen Rahmen stattfinden. Jede „Diskussion“ in der Presse sollte letztlich zur Bestätigung der offiziellen Linie führen. Nur „gesunde“ und „proletarische“ Kritik war gestattet.55 Wenn diese Grenzen in den regelmäßig wiederkehrenden Herrschaftskrisen überschritten wurden, beendete der Parteistaat Debatten oder schloss Zeitungen, die sich als „liberal“ zu profilieren versuchten.56 Zahlreiche Themen, die sich in den Zeitungen des westlichen Auslands fanden, fehlten vollständig. So wurde in der Regel nicht über Verbrechen berichtet. Missstände oder Skandale wurden nur dann thematisiert, wenn regionale Führungen unter Druck gesetzt werden sollten. Der Alltag wurde vornehmlich in einer idealisierten Weise dargestellt, und human interest stories wurden weitgehend ausgeblendet. Da sich Zeitungen nicht in einem Markt behaupten mussten, konnten sie es sich leisten, auf volkstümliche Themen zu verzichten. Durch einen geringen Preis und Abonnements von Behörden und Institutionen wurden die Auflagen der Massenpresse künstlich erhöht. Um trotz ihrer geringen populären Ausstrahlung sicher zu stellen, dass die Zeitungen gelesen wurden und ihren Erziehungsauftrag erfüllen konnten, verordnete der sowjetische Parteistaat in den 1920er Jahren ihre kollektive Lektüre. Agitatoren sollten in den Fabriken oder auf dem Land zentrale Artikel mündlich vortragen; Lesezirkel und Studiengruppen hatten – in der Regel im betrieblichen Rahmen – gemeinsam die Zeitung zu lesen oder Radio zu hören und zu „diskutieren“.57 Hier handelte es sich um einen Rückgriff auf frühmoderne Lesepraktiken unter neuen Vorzeichen: An die Stelle individueller Lektüre trat das laute gemeinschaftliche Lesen, eine Praxis, die von der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg nach Ostmitteleuropa exportiert wurde, wo sie zumeist auf Befremden stieß. Auch beim Radio förderte der Parteistaat zunächst – nicht nur wegen der Knappheit der Geräte – das kollektive Abhören der Sendungen, 54 Vgl. die Beiträge in: Silke Satjukow u.a. (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus. Leipzig 2005; siehe auch die Beiträge zu Osteuropa, der DDR und Österreich in: Jan C. Behrends u.a. (Hg.): Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa. Bonn 2005. 55 Lenoe: Closer to the Masses, S. 23. 56 Vgl. etwa das Beispiel der polnischen Studentenzeitschrift Po Prostu, die nach ihrer prominenten Rolle bei der Entstalinisierung des Jahres 1956 bereits im folgenden Jahr eingestellt wurde. Adam Leczynski: Sprawy do załatwienia. Listy do „Po Prostu“ 1955–1957. Warschau 2000. 57 Kenez: Birth of the Propaganda-State, S. 51f.

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das zugleich gemeinsames Erlebnis und gegenseitige Kontrolle sicherstellte. Erst nach 1956 verschwanden solche kollektiven Praktiken; der individuelle, private Konsum von Massenmedien, die nun auch stärker unterhalten durften, setzte sich durch. Die hohe Textlastigkeit der Radioprogramme verdeutlicht, wie sehr sich auch der Rundfunk am Leitmedium Zeitung orientierte. Sie beeinträchtigte die Popularität des Mediums.58 In den Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft nahm die Medienreichweite in der UdSSR und Osteuropa beständig zu. Nach Zeitungen, Kino und Radio erreichte seit den 1960er Jahren auch das Fernsehen ein Massenpublikum. Der Ausbau dieses Mediensystems, das langsam, aber stetig auch die agrarisch strukturierten Gebiete Osteuropas durchdrang, war eine Modernisierungsleistung, die auf den Anstrengungen der Parteistaaten fußte. Unter kommunistischer Herrschaft wurde der Medienkonsum alltägliche Erfahrung und trug dazu bei, in den Familien und darüber hinaus moderne Formen der politischen Kommunikation und der Unterhaltung zu etablieren. Trotz medialer Modernität verhinderten die rigiden Kontrollen der Staatsparteien jedoch, dass sich aus den Massenmedien eigenständige gesellschaftliche Dynamiken entfalteten. Das Beispiel des Fernsehens verdeutlicht zudem, dass die Möglichkeiten, die ein neues Medium bot, nur begrenzt begriffen und kaum ausgeschöpft wurden. Wie das Radio, so degradierten die Machthaber das Fernsehen primär dazu, die eigenen Weltbilder zu multiplizieren. Diese Rolle als Lautsprecher des Regimes beschränkte seine Popularität. Formen der Visualisierung von Politik, wie die Paraden und Leistungsschauen, die in den 1930er Jahren und der Nachkriegszeit vielleicht zeitgemäß waren, wirkten auf die Zuschauer zunehmend anachronistisch. Nur in geringem Maße wurde das Potential von Unterhaltung zur Integration der Gesellschaft genutzt. Schließlich blieben die Nachrichtensendungen auf das Verlesen offizieller Verlautbarungen beschränkt. Zahlreiche gesellschaftliche Missstände wurden ausgeblendet. Auch im Fernsehen herrschte das Primat der Inszenierung: So war es in der DDR verboten, unangemeldet Funktionäre vor laufender Kamera zu befragen.59 Es ist wenig verwunderlich, dass das parteistaatliche Fernsehen besonders dort, wo es gegen westliche Sender antreten musste –, wie etwa in der DDR an der Grenze zur Bundesrepublik oder in der estnischen Sowjetrepublik an der Grenze zu Finnland – stark an Reichweite einbüßte. Die Verbreitung von Nachrichten war nicht die primäre Funktion kommunistischer Medien. Wichtiger als die Information der Bevölkerung blieb stets deren Erziehung. Im Kalten Krieg resultierte dies in der Unterlegenheit kommunistischer Massenmedien gegenüber der westlichen Konkurrenz. Dies zeigte 58 Vgl. am Beispiel der DDR Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945–1953). Köln 2004. 59 Jost Arend Bösenberg: Die Aktuelle Kamera (1952–1990). Lenkungsmechanismen im Fernsehen der DDR. Potsdam 2004.

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sich insbesondere in den „volksdemokratischen“ Frontstaaten wie der DDR, Polen oder Ungarn. Die Bevölkerung hatte hier intensivere Kontakte ins westliche Ausland und hörte Sender wie die BBC oder Voice of America ab. In Berlin war der amerikanische RIAS bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs der beliebteste Sender.60 Mit der amerikanischen Offensive im Äther seit Beginn der 1950er Jahre – der Gründung von Radio Liberty und Radio Free Europe – gerieten parteistaatliche Medien noch stärker ins Hintertreffen.61 Diese Konkurrenz führte dazu, dass die offizielle Sphäre des Kommunismus in Ostmitteleuropa – noch stärker als in der Sowjetunion – einen artifiziellen Zug aufwies, was jedoch nicht heißen soll, dass sie bedeutungslos war. Trotz ihres prekären Status gehörten die parteistaatlichen Medien zur Sinnwelt dieser Gesellschaften. Denn ohne ihre Informationen konnten die Bürger gesellschaftlich nicht funktionieren, und auch für zahlreiche politikferne Bereiche – etwa den Sport – hatten sie das Monopol. Wie groß die Integrationskraft ihrer Propaganda letztlich war, lässt sich wohl nur in Fallstudien für einzelne Räume und Epochen benennen. Es ist jedoch deutlich, dass sich das Publikum in den letzten Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft skeptisch und distanziert gegenüber den parteistaatlichen Medien verhielt. Sein Wunsch nach Wirklichkeitsnähe konnte von ihr nicht erfüllt werden.

4. Die Schauseite der Macht im öffentlichen Raum: Fest und Kampagne Von der Machtübernahme der Bol’ševiki bis zum Ende kommunistischer Herrschaft spielten offizielle Feste und Feiern eine zentrale Rolle im öffentlichen Raum. In den 1930er Jahren bildete sich in der UdSSR ein Festtypus heraus, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch in die Länder Ostmitteleuropas exportiert wurde.62 Massenfeste wurden – zunehmend für eine internationale Öffentlichkeit inszeniert – zur zentralen Repräsentation eines Regimes, das im Pomp dieser Darstellungen seine vermeintlichen Erfolge feierte. In Feier und Fest sollte sich das Großartige der sozialistischen Epoche manifestieren, das im Alltag fehlte. Durch ihre mediale Vermittlung sollten die Massenfeste bis in die Provinz hinein wirken und wenigstens an den Feiertagen den Zauber des utopischen Projekts

60 Petra Galle: RIAS Berlin und Berliner Rundfunk 1945–1949. Die Entwicklung ihrer Profile in Programm, Personal und Organisation vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges. Münster 2003. 61 Bernd Stöver: Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg. Köln 2002, S. 413–444. 62 Behrends: Erfundene Freundschaft, S. 190–237.

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abbilden. Getrennte Welten wie die Großstadt und das Land sollten sich durch Kampagne und Fest annähern. Parteistaatliche Feiern und öffentlichen Rituale sollten Gemeinschaft stiften und die parteistaatliche Politik erlebbar machen. In ihnen vollzog sich die Ästhetisierung der Politik, die seit den 1930er Jahren das Bild des Kommunismus prägte. Die Massenfeste stellten auch die gesellschaftlichen Hierarchien dar: Die Herrschenden standen auf der Tribüne, parteistaatlichen Führern und anderen Helden wurde gehuldigt und einige Kollektive wurden öffentlich ausgezeichnet. Die Reihenfolge der Marschierenden bildete ihre soziale Stellung ab, während die Verhafteten, Deportierten und Liquidierten aus dem öffentlichen Raum verschwanden.63 Eben über diesen Ausschluss und die Beseitigung stigmatisierter sozialer und ethnischer Gruppen aus der Feiergemeinschaft definierte sich das Fest der Stalinzeit.64 Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft war prekär: Sie konnte jederzeit entzogen werden. In der disziplinierten Zurschaustellung der vielen Körper, die öffentlich zum Kollektiv verschmolzen, wurde die Vision vom neuen Gemeinschaftsmenschen visualisiert. Die Feiern in den Zentren wie Moskau und Leningrad sowie nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin, Warschau oder Budapest wurden im Kino und später durch das Fernsehen übertragen und bildeten das Vorbild für die Provinz, wo die Spektakel des Zentrums in kleinerem Rahmen nachgeahmt wurden. Nicht zuletzt erfuhren schließlich die Eliten an den Feiertagen die plebiszitäre Bestätigung und offizielle Rückversicherung: So war der Komintern-Vorsitzende Georgi Dimitrov, der am 1. Mai 1939 von der Tribüne des Lenin-Mausoleums seine eigenen Portraits in der vorüber ziehenden Masse zählte, wahrscheinlich keine Ausnahme. Beruhigt notierte er in seinem Tagebuch, dass sein Antlitz neben den Politbüromitgliedern gezeigt wurde und er auch in verschiedenen Losungen Erwähnung fand. Die Gerüchte über seine Person, so hoffte er, entbehrten damit jeder Grundlage.65 In den Feiern und Kampagnen wiederholten sich die bestimmenden Propagandathemen in einer Endlosschleife. Dies galt in der Nachkriegszeit beispielsweise für die Inszenierung der „Freundschaft zur Sowjetunion“. Die Völkerfreundschaft bildete die Schauseite des sowjetischen Nachkriegsimperiums; hinter diesem euphemistischen Begriff verbarg sich die Unterordnung Ostmittelund Südosteuropas unter sowjetische Hegemonie. Während jährlicher Fest- und Mobilisierungskampagnen, den „Monaten der Freundschaft“ zur Sowjetunion, wurde die Sowjetisierung des öffentlichen Raumes forciert.66 Die Gesellschaften 63 Vgl. am Beispiel des Maifeiertages im kommunistischen Polen: Pawel Sowinski: Komunistyczne święto. Obchody 1 maja w latach 1948–1954. Warschau 2000. 64 Rolf: Massenfest, S. 208–214. 65 Eintrag vom 1.5.1939, in: Ivo Banac (Hg.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949. New Haven, Conn. 2003, S. 106–107. 66 Behrends: Erfundene Freundschaft, S. 227–232.

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der „Volksdemokratien“ befanden sich dabei in der Rolle eines Schülers, der sich am sowjetischen Vorbild ausrichten sollte. Sowjetische Experten überwachten bis 1953 die Fest- und Feierpraxis in den neuen Parteistaaten und kritisierten die lokalen Machthaber, wenn es diesen nicht gelang, die Rituale der Vorbildgesellschaft zu imitieren und die „Freundschaft“ zur UdSSR in der Öffentlichkeit abzubilden. Einen Höhepunkt erreichte die stalinistische Festkultur im Dezember 1949 zu Stalins 70. Geburtstag, der in allen Ländern des Imperiums parallel gefeiert wurde.67 Allein die Synchronisierung dieser transnationalen Huldigung war deutlicher Ausweis sowjetischer Macht. Doch der Import sowjetischer Feste stieß vielfach auf Widerstand. So kam es in Polen, wo starke antirussische Ressentiments herrschten, immer wieder zu Störungen der Umzüge. Schon früh signalisierte hier die katholische Kirche, dass sie nicht bereit war, das parteistaatliche Monopol über den öffentlichen Raum zu akzeptieren. Auch die polnische Jugend zeigte ihr Protestpotential. Am 3. Mai 1946, dem traditionellen polnischen Verfassungstag, kam es etwa in Krakau zwischen Studenten und Polizisten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Straßen der Stadt.68 Die oppositionellen Schüler und Studenten wollten sich ihren Feiertag nicht nehmen lassen, weswegen der Parteistaat mit großer Härte gegen sie vorging. In den ersten Jahren nach dem Krieg veranstaltete die katholische Kirche Polens noch Prozessionen, Wallfahrten und Messen, die aufgrund höherer Beteiligung in der Regel parallele parteistaatliche Veranstaltungen in den Schatten stellten.69 Nur zwischen 1949 und 1955, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, gelang es dem polnischen Regime, unabhängige Kundgebungen und religiöse Rituale weitgehend zu unterbinden. Letztlich trug die katholische Kirche entscheidend dazu bei, in Polen nach 1956 eine Gegenöffentlichkeit zu etablieren, die in diesem Umfang in keinem der anderen Parteistaaten existierte. Katholische Zeitungen wie etwa Tygodnik Powszechny und die öffentlichen religiösen Zeremonien, die in den Papstbesuchen der 1970er und 1980er Jahre einen Höhepunkt erreichten, blieben ein deutlicher Hinweis auf die Grenzen kommunistischer Durchherrschungskraft im polnischen Kontext.70 Zugleich verdeutlichen diese Beispiele die Sonderstellung Polens: Die übrigen Parteistaaten erlaubten keine unabhängigen Druckerzeugnisse und auch keine 67 Jan C. Behrends: Exporting the Leader. The Stalin Cult in Poland and East Germany (1944/45–1956), in: Bálazs Ápor u.a. (Hg.): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc. Basingstoke 2004, S. 161–178. 68 Wojciech Mazowiecki: Pierwsze starcie. Wydarzenia 3 Maja 1946. Warschau 1998. 69 Damien Thiriet: Marks czy Maryja? Komuniści i Jasna Góra w apogeum stalinizmu (1950–1956). Warschau 2002. 70 Leonid Luks: Die Tygodnik-Powszechny-Gruppe in den Jahren 1945–1989: Symbol des katholischen Widerstandes im kommunistischen Polen, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 6, 2002, S. 215–258.

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religiösen Großveranstaltungen außerhalb der Kirche. Auch die Panzer des Dezember 1981 konnten die Gegenöffentlichkeit in Polen nicht mehr dauerhaft zum Schweigen bringen. Die Schwäche, nicht die Liberalität des polnischen Regimes bildete seine Ordnung der Öffentlichkeit ab. Bis 1989 sollten Feste und Feiern das Vertrauen zwischen Herrschenden und Volk abbilden. Für die Eliten waren sie ein zentraler Bestandteil ihrer politischen Kultur. Auch wenn der Repressionsdruck nachließ, blieb es für die arbeitende Bevölkerung ratsam, der parteistaatlichen Massenmobilisierung zu folgen und an Festen und Feiern im erwarteten Maße teilzunehmen. Gerade wegen ihres verpflichtenden Charakters und der inhaltlich-ästhetischen Stagnation dürften diese Höhepunkte des offiziellen Lebens aber kaum noch einen bleibenden Eindruck auf die Teilnehmenden gemacht haben. Dennoch gelang es den Parteistaaten mittels der Massenfeste – auch vor der Weltöffentlichkeit des Kalten Krieges – rituell ein Mindestmaß an Geschlossenheit zwischen Bevölkerung und Regime sichtbar zu machen. Darin und in der Selbstbestätigung der Herrschenden lag in den letzten Jahrzehnten wohl ihre gesellschaftliche Bedeutung.

5. Misstrauen und Segmentierung: Konsequenzen der sowjetischen Ordnung der Öffentlichkeit Der öffentliche Raum war in der kommunistischen Diktatur stark segmentiert.71 Jenseits des eigenen Arbeitsumfeldes und der Familie kam es für viele kaum zu gesellschaftlicher Kommunikation. Wie in vormodernen Gesellschaften blieben persönliche Bekanntschaften von entscheidender Bedeutung. Zwar war die Mitgliedschaft in zahlreichen Organisationen – wie etwa den Gewerkschaften – verpflichtend. Der hohe Organisationsgrad in kommunistischen Diktaturen führte jedoch zu einem hohen Misstrauen gegenüber Institutionen und zur Zurückhaltung, sich in der Transformationsperiode zu engagieren. Nach 1989 zeigte sich, dass die sowjetische Ordnung der Öffentlichkeit eine Hypothek für die Gesellschaften im Wandel darstellte: Misstrauen gegenüber Medien und Institutionen sind ebenso ihr Erbe wie eine unterentwickelte Zivilgesellschaft.72

71 Gábor T. Rittersporn/Malte Rolf/Jan C. Behrends: Von Schichten, Räumen und Sphären: Gab es eine sowjetische Ordnung von Öffentlichkeit?, in: Gábor T. Rittersporn u.a. (Hg.): Sphären von Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs. Zwischen parteistaatlicher Selbstinszenierung und kirchlichen Gegenwelten/The Public Sphere in Soviet Type Societies. Between the Great Show of the Party-State and Religious Countercultures. Frankfurt am Main 2003, S. 389–422. 72 Marc Morje Howard: The Weakness of Civil Society in Post-Communist Europe. Cambridge, UK 2003.

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Der historische Versuch, eine Schauseite ihrer Macht zu errichten und den öffentlichen Raum weitgehend herrschaftlich zu dominieren, ist den kommunistischen Parteistaaten gelungen. Die Errichtung einer solchen repräsentativen Öffentlichkeit war jedoch nur um den Preis der Entdifferenzierung der Diskurse und Praktiken zu haben. Wo der Parteistaat seinen Durchherrschungsanspruch durchsetzte, verschwand eine öffentliche Sphäre, in der sich auch zivilgesellschaftliche Akteure und unabhängige Institutionen artikulieren konnten. Während in der westlichen Moderne verschiedene Sphären wie Verfassungsstaat, politische Öffentlichkeit, Zivilgesellschaft und Privatheit voneinander abgegrenzt sind, wurden im Kommunismus diese Differenzen eingeebnet und ein homogener politischen Raum geschaffen, der sich im Stalinismus auch auf das Private erstreckte. Der kommunistische Leviathan zerstörte die Fundamente einer pluralen Öffentlichkeit, insbesondere das private Eigentum an Massenmedien. Das Herrscherlob, die Darstellung staatlicher Macht im öffentlichen Raum und das Abdrängen der Opposition in den Untergrund verweisen auf das historische Beispiel des Absolutismus.73 Trotz dieser Analogien reichte der Durchherrschungsanspruch kommunistischer Diktaturen weit über den der Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts hinaus. Erst die moderne Diktatur hatte die Mittel in der Hand, um sich eine Gesellschaft weitgehend zu unterwerfen, sie mit Terror und Mobilisierungszwängen zu überziehen. In der utopisch geleiteten Radikalität liegt das Spezifikum der Herrschaftsform und der Epoche. Der öffentliche Raum blieb primär ein Forum des Regimes. Es handelte sich um einen geordneten Raum der Paraden und Aufmärsche, der ein steriler Ort blieb, an dem sich keine Kreativität oder Spontaneität ausdrücken sollte. Die Ödnis der großen Plätze und leeren Alleen sozialistischer Städte ging mit der Verwahrlosung neu errichteter Vorstädte und dem Verfall der Dörfer einher. Der Parteistaat, der für alles Zuständigkeit beanspruchte, zeigte sich mit der Bewirtschaftung dieser Räume überfordert. Verantwortungslosigkeit prägte die öffentliche Sphäre einer Gesellschaft, deren Bürger sich in ihre privaten Refugien zurückzogen. Wo eigenständiges Engagement unterblieb, lebten die Menschen in einer grauen und verkommenen Umwelt, aus der sie auf ihre Datschen flohen. Nur wenige fassten den Mut, sich öffentlich dieser Ordnung entgegenzustellen. Auch als Widerstand nach 1953 nicht mehr lebensgefährlich war, zahlten die Dissidenten in der Regel einen hohen Preis für ihre nonkonforme Haltung. Berufsverbot, Überwachung und Inhaftierung blieben für sie an der Tagesordnung. Aus heutiger Perspektive lässt sich nur annäherungsweise beschreiben, wie die Bevölkerung auf die jahrzehntelange Durchherrschung der Öffentlichkeit 73 Vgl. Andreas Gestrich: Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Göttingen 1994.

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reagierte. Nach dem Ende der Zwangsmobilisierung im Stalinismus überwog der Rückzug ins Private. Der Versuch, das Leben des Einzelnen zu politisieren, endete vornehmlich in der Apathie der Vielen gegenüber der politischen Sphäre. Diese Prägungen zeigten sich im Transformationsprozess nach 1989. Zu den Hypotheken der sowjetischen Ordnung von Öffentlichkeit gehört ein spezifisches Misstrauen gegenüber Massenmedien, die weniger als „vierte Gewalt“ denn als Vertreter von Eliteninteressen gesehen werden, sowie die zentrale Rolle des Gerüchts, die Bedeutung personaler Netzwerke und der informellen Kommunikation in der Politik, ein Hang zu Verschwörungstheorien, die Schwäche der Zivilgesellschaft und ein generelles Misstrauen gegenüber Mandatsträgern. Auch wenn die Probleme ebenfalls aus westlichen Gesellschaften vertraut sind, so ist ihre Bündelung und historische Verwurzelung eine Konsequenz der Strukturen, die im Stalinismus geschaffen wurden.

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Zwischen Markt und Demokratie Zur Entfaltung des Medienrechts nach 1945* von Friedrich Kübler

Die Aufgabe, auf beschränktem Raum über die europäische Entwicklung des Medienrechts in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu berichten, konfrontiert mit erheblichen Schwierigkeiten. Im Vordergrund steht die Abundanz des Materials. Der Beitrag soll den Zeitraum abdecken, in dem sich das Medienrecht (oder: Recht der Massenkommunikation) als eigenständiges Rechtsgebiet etabliert hat. Es ist rasch gewachsen und facettenreich: Eine kürzlich erschienene Darstellung des deutschen Medienrechts umfasst mehr als 800 Seiten.1 Zudem ist das Medienrecht aus noch zu erörternden Gründen weiterhin überwiegend national determiniert; die ebenfalls zu behandelnden europarechtlichen Überlagerungen sind vereinzelt geblieben. Schließlich sind die Unterschiede zwischen den europäischen Rechtsordnungen weiterhin beträchtlich. Das beruht auf mehreren kontrastierenden Randbedingungen: dem Stand der ökonomischen, sozialen und kulturellen Entwicklung, den überlieferten Grundmustern des Rechtssystems und einem breiten Spektrum verfassungsrechtlicher Variationen. Das zwingt den Berichterstatter zu Reduktion und Vereinfachung, zur Fokussierung auf Vorgänge, in denen sich grundlegende Entwicklungen spiegeln. Deshalb beschränkt sich der Beitrag auf die klassischen Medien; das Internet bleibt außer Betracht. Die Auswahl des Materials berücksichtigt vor allem die großen und zugleich hoch entwickelten europäischen Staaten; die besondere Betonung des deutschen Medienrechts beruht nicht nur auf der Nationalität und der Erfahrung des Autors, sondern auch und vor allem auf dem Umstand, dass es sich dabei um das am stärksten verrechtlichte System handelt – insoweit sind vergleichbar nur die USA. Der Beitrag versucht, einige besonders auffällige Züge der Entwicklung darzustellen. Wichtige normative Grundlagen sind im 19. Jahrhundert entstanden (dazu 1.). Die Entfaltung des Rundfunkrechts beginnt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; das Jahr 1945 markiert nicht überall eine wichtige Zäsur (dazu 2.). Die wichtigste rechtsstrukturelle Neuerung beruht auf dem fast explosiv expandierenden Einfluss des Verfassungsrechts und der Verfassungsgerichtsbarkeit (dazu 3.). Eine besonders signifikante Facette betrifft * 1

Herrn Gerichtsreferendar Friedrich-Wilhelm Prinz von Preußen danke ich für seine hilfreiche Mitarbeit. Axel Beater: Medienrecht. Tübingen 2007.

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die Regelungen, die zum Schutz des Medienwettbewerbs und zur Sicherung der Meinungsvielfalt geschaffen worden sind (dazu 4.). Zu erwähnen ist schließlich auch der Wandel der Rechtsposition, in der sich das von der Medienberichterstattung betroffene Individuum befindet (dazu 5.).

1. Vorgeschichte: vom Ancien Régime zum liberalen Presserecht2 1.1 Das Ancien Régime Die historische Befassung mit dem Medienrecht konfrontiert mit der Frage, was als ein „Medium“ anzusehen ist. Es herrscht heute breiter Konsens, dass es sich dabei um Formen der Mitteilung handelt, die nicht an einzelne, sondern an zahlreiche Empfänger adressiert sind: Medien betreiben nicht Individual-, sondern Massenkommunikation. Diesem Befund lassen sich freilich keine zeitlichen Grenzziehungen entnehmen. Allgemein wird angenommen, dass die Geschichte der Massenmedien und ihres Rechts mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gensfleisch zum Gutenberg beginnt. Der Erfolg dieser neuen Verbreitungsform beunruhigte zunächst vor allem die geistliche Obrigkeit: 1486 erließ der Fürstbischof von Mainz eine Verordnung, durch die eine Zensurkommission für das ganze Bistum eingesetzt wurde. Nach der Reformation wurde die Zensur vom Staat übernommen. Damit änderte sich ihre Funktion: An die Stelle des Schutzes der christlichen Religion trat die Abschirmung des politischen Handlungsraums gegen ständische Mitspracheforderungen. Es handelte sich grundsätzlich um Vorzensur: Der Druck der Schrift bedurfte einer behördlichen Erlaubnis, die erst nach Prüfung und – eventuell verlangter – Korrektur des Inhalts erteilt wurde. Neben der administrativ praktizierten Zensur stand ein breites Spektrum judiziell durchgesetzter Sanktionen. Sie schützten die durch göttliche Schöpfung oder Anordnung vorgegebene feudalständische Ordnung gegen kritische Äuße2

Literatur: Joseph von Eichendorf: Die konstitutionelle Pressegesetzgebung in Deutschland, in: Neue Gesamtausgabe der Werke und Schriften, Bd. 4. Tübingen 1957, S. 1187ff.; Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Luchterhand 41965; Franz Schneider: Pressefreiheit und politische Öffentlichkeit: Studien zur politischen Geschichte in Deutschland bis 1848. Neuwied 1966; Jürgen Wilke: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Köln 2000; Friedrich Kübler: Redefreiheit und Demokratie: das amerikanische Beispiel, in: FS für Peter K. Mailänder zum 70. Geburtstag am 23. Oktober 2006. Berlin 2006, S. 533ff. Mit weiteren Nachweisen. Friedrich Kübler: Medien, Menschenrechte und Demokratie. Das Recht der Massenkommunikation. Heidelberg 2008, S. 27ff. Mit weiteren Nachweisen.

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rungen. Wer den Kanon der überlieferten Glaubenswahrheiten, etwa das ptolemäische Weltbild, leugnete, machte sich der Häresie schuldig und wurde von der Inquisition verurteilt und verbrannt. Wer dem Herrscher die Kompetenz oder Integrität absprach, beging „laesio maiestatis“3 oder „seditious libel“4 und wurde deshalb zur Rechenschaft gezogen.5 Die Unterscheidung von Meinungsäußerung und Tatsachenbehauptung war irrelevant, denn die Wahrheit der Vorwürfe konnte den Angriff auf den Herrscher oder andere Standespersonen nicht rechtfertigen. Auch die zutreffende Kritik gefährdete nicht nur die Reputation des Angegriffenen, sondern zugleich das Gefüge der überlieferten Ordnung; deshalb war sie in jedem Falle zu unterbinden und zu ahnden.6 1.2 Der Kampf um die Pressefreiheit Die Forderung nach Rede- und Pressefreiheit ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Sie erscheint als Postulat in den Schriften von John Milton7 und Immanuel Kant8. Ihre rechtliche Anerkennung ging von Nordamerika aus. In der Bill of Rights des Staates Virginia von 1776 wurde sie als „eines der großen Bollwerke der Freiheit“ bezeichnet und im ersten Amendment zur Verfassung der Vereinigten Staaten ausdrücklich gegen gesetzliche Beschränkungen durch den Bund geschützt. Die erste europäische Verbürgung der Gedanken- und Meinungsfreiheit enthält Art. 11 der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. In Deutschland fand sich eine frühe rechtliche Gewährleistung in Art. 18d der Bundesakte von 1815;9 sie wurde freilich durch einen weit gefassten Gesetzesvorbehalt relativiert und vier Jahre später durch die Karlsbader Beschlüsse widerrufen. Das von der Bundesversammlung sanktionierte Pressegesetz10 ver3

Dazu Ernst Amadeus Wolff: Ehre und Beleidigung, Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft, 81. 1989, S. 886ff. 4 Das ist die öffentliche Kritik an „officials“ im englischen Common Law, die zunächst von den kirchlichen und später von den staatlichen Gerichten verfolgt wurde: dazu Marc Franklin/David Anderson: Mass Media Law. 51995, S. 195f. 5 Noch im 18. Jahrhundert wurde Christian F. D. Schubart wegen eines abfälligen Gedichts über seinen Landesherrn zehn Jahre lang in der Festung Hohenasperg eingesperrt. 6 Dazu für das Common Law Robert Post: The Social Foundations of Defamation Law: Reputation and the Constitution, California Law Review, 74. 1986, S. 691, 704: „the truth or falsity of the libel is deemed immaterial“; d.h. der Wahrheitsbeweis bewirkte keine Rechtfertigung. 7 Areopagitica (1644); Neuabdruck in Jürgen Wilke (Hg.): Pressefreiheit. Darmstadt 1984, S. 57ff. 8 Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte der Philosophie. 4 1994, S. 55ff. 9 Abgedruckt bei Ernst-Rudolf Huber: Dokumente zur Deutschen Verfassungsgeschichte, Bd. 1. Stuttgart 1961, S. 75ff. 10 Pressegesetz vom 20.9.1819; abgedruckt bei Huber, S. 91f.

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pflichtete die Mitgliedstaaten zur strikten Durchführung der Vorzensur. Angesichts wachsenden liberalen Protestes wurde der Zensurzwang im März 1848 – noch vor Ausbruch der Revolution – aufgehoben. § 143 des Entwurfs der Paulskirchenverfassung von 1849 sollte jedem Deutschen „das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern“, garantieren; diese Bestimmung ist – wie der Entwurf im ganzen – nie in Kraft getreten, hat aber die Fassung der entsprechenden Art. 118 der Weimarer Verfassung und Art. 5 Grundgesetz maßgeblich beeinflusst. Die erste gesetzliche Anerkennung der Pressefreiheit findet sich im „Reichsgesetz über die Presse“ von 1874. Die rechtliche Wirkung dieser konstitutionellen oder legislativen Gewährleistung war freilich sehr begrenzt: In den europäischen Staaten gab es keine zu ihrer Durchsetzung befugte und berufene Verfassungsgerichtsbarkeit. Für das Common Law hat der englische Jurist Blackstone im 18. Jahrhundert festgestellt, dass blasphemische, unmoralische, verräterische, spalterische, herabsetzende und skandalierende Äußerungen von der Rede- und Pressefreiheit nicht geschützt würden.11 Dieses Verständnis bestimmt auch die straf- und zivilrechtlichen Kodifikationen des Kontinents. Die Unterscheidung von Meinungsäußerung und Tatsachenbehauptung setzte sich zunehmend durch; letztere wurde nicht länger sanktioniert, wenn dem sich Äußernden der Wahrheitsbeweis gelang. Herabsetzende Meinungsäußerungen, d.h. Beleidigungen, blieben grundsätzlich strafbar. Es gab allerdings Ausnahmen, für die § 193 des Deutschen StGB von 1871 exemplarisch erscheint: „Tadelnde Urteile“ waren zulässig als Literatur- oder Kunstrezension, im Plädoyer vor Gericht, als Rüge des Vorgesetzten gegenüber Untergebenen, aber nicht als Kritik des Bürgers an der Obrigkeit. Strafbar blieben zudem als unsittlich und als gotteslästerlich empfundene Äußerungen. Die Rede- und die Pressefreiheit fand ihre Grenze im Konsens der bürgerlichen Gesellschaft, für die es verbindliche Standards der Moral, Ästhetik, des Reputationsschutzes und der politischen Rhetorik gibt.

2. Die Herausforderung der elektronischen Medien12 2.1 Die Anfänge des Rundfunks Die Geschichte des Rundfunkrechts ist kurz und kompliziert. Im Herbst 1918 kehrten allein in Deutschland fast 200.000 ausgebildete Militärfunker in die Hei11 William Blackstone: Commentaries on the Laws of England, Bd. 4. Oxford 1765–69, S. 151f. 12 Heinz Pohle: Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des deutschen Rundfunks von 1923–1938. Hamburg 1955; Hans Bausch: Der Rundfunk im politischen Kräftespiel der Weimarer Republik 1923–1933. Tübingen 1959; Winfried Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Herkunft und Entwicklung eines publizistischen

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mat zurück, von denen erwartet wurde, dass sie auf die im Krieg erworbene Fähigkeit der drahtlosen Kommunikation nicht verzichten würden. Daraus ergab sich ein universales Regelungsproblem: Um das Chaos sich ständig überlagernder und gegenseitig störender Botschaften zu verhindern, musste das elektromagnetische Spektrum in möglichst interferenzfreie Frequenzen aufgeteilt und deren Nutzung durch die dafür zuständige Instanz den daran interessierten Personen oder Organisationen zugewiesen werden. In Deutschland wurde diese Aufgabe der Reichspost übertragen; der von ihr erteilten Konzession bedurfte nicht nur, wer senden, sondern auch wer empfangen wollte. Für die Organisation der Rundfunkveranstaltung entwickelten sich zwei klar zu unterscheidende Modelle. In den USA entspricht Radio grundsätzlich der Zeitung: Es wird von privaten Unternehmen angeboten, die Gewinne erzielen wollen und zugleich durch das verfassungsrechtlich gewährleistete Grundrecht der Rede- und Pressefreiheit geschützt sind.13 Da das Frequenzspektrum begrenzt ist, bedarf es – anders als für die Presse – einer gesetzlichen Regelung: „Unlike other modes of expression, radio inherently is not available to all. That is its unique characteristics, and that is why, unlike other modes of expression, it is subject to government regulation“.14 Deshalb wurde durch den Radio Act von 1927 die Federal Radio Commission geschaffen, die durch den bis heute maßgeblichen Federal Communications Act von 1934 in die Federal Communications Commission umgewandelt wurde. Ihre wichtigste Aufgabe ist die Vergabe und die Erneuerung der von privaten Unternehmen beantragten Rundfunklizenzen. Ganz anders die europäische Entwicklung. In Frankreich entstand der Rundfunk als „un véritable service public national“.15 Er ist eine staatliche Einrichtung, der von der Rechtsordnung an die Allgemeinheit zu erbringende Dienstleistungen auferlegt werden. Das gilt verstärkt für Italien und Spanien: Dort wurde der Hörfunk von Anfang an zum Instrument der durch Mussolini und Franco repräsentierten faschistischen Systeme.16 In Großbritannien wurde die British Broadcasting Corporation (BBC) durch Royal Charter als ein „public service“ geschaffen.17 In Deutschland bildeten sich zwar private Rundfunkgesellschaften; ihre Programmtätigkeit wurde aber schrittweise der Kontrolle des Reichsinnen-

13 14 15

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Mittels. Frankfurt am Main 1970; Ingo Fessmann: Rundfunk und Rundfunkrecht in der Weimarer Republik. Frankfurt am Main 1973. Red Lion Broadcasting Co. v. Federal Communications Commission, 395 U. S. 367, 89 S. Ct. 1974. 1969. National Broadcasting Co. v. United States, 319 U. S. 190, 63 S. Ct. 907. 1943. Fromont, Landesbericht Frankreich, in: Martin Bullinger/Friedrich Kübler (Hg.): Rundfunkorganisation und Kommunikationsfreiheit. Landesberichte und Generalbericht der Tagung für Rechtsvergleichung 1979 in Lausanne. Baden-Baden 1979, S. 109/110. Dazu Bernd Holznagel: Rundfunk in Europa: auf dem Weg zu einem Gemeinrecht europäischer Rundfunkordnung. Tübingen 1996, S. 70ff. und 82ff. Mit weiteren Nachweisen. Anthony Lincoln: Landesbericht Großbritannien, in: Bullinger/Kübler, S. 125.

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ministeriums und der Reichspost unterworfen. Unter Franz von Papens Kabinett der „nationalen Konzentration“ wurde der private Anteilsbesitz 1932 verstaatlicht; im März 1933 wurde der Rundfunk dem neuerrichteten, von Joseph Goebbels geleiteten Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda übertragen. Das bedeutete bei allen Unterschieden im Detail: Anders als die Presse und anders als seine amerikanischen Entsprechungen war der europäische Rundfunk kein Medium individueller Meinungsäußerung, sondern eine in staatlicher Verantwortung erbrachte Dienstleistung. Insoweit gibt es freilich signifikante Abweichungen: Neben dem entpolitisierten Unterhaltungs- und Kulturrundfunk der Weimarer Republik18 stand die politische Instrumentalisierung durch die faschistischen Diktaturen in Italien, Spanien, Portugal und Deutschland. 2.2 Vom Staatsrundfunk zur dualen Rundfunkordnung Das „public service“-Modell des europäischen Rundfunks hat den Zweiten Weltkrieg überdauert. Vor allem in Deutschland wurde es aber erheblich verändert. Der Rundfunk wurde zunächst von den Besatzungsmächten veranstaltet. Seine Rückführung in deutsche Hände vollzog sich langsam. Die Alliierten stimmten in dem Ziel überein, nicht nur alle nationalsozialistischen Elemente zu entfernen, sondern auch staatliche Einwirkungen auf Dauer auszuschließen. Deshalb wurde der Rundfunk von der Post gelöst und den dafür geschaffenen öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten übertragen. Vor allem die amerikanische Besatzungsmacht widersetzte sich dem deutschen Drang zu staatlicher Lenkung und zu starkem parteipolitischem Einfluss und beharrte auf der Dominanz der – überwiegend politikfernen – „gesellschaftlichen Kräfte“ in den Rundfunkräten, die mit der Wahl und Beaufsichtigung des Intendanten und mit den maßgeblichen Programmentscheidungen betraut wurden.19 Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat diese Organisationsform 1961 in den Rang einer von der Verfassung gebotenen Struktur erhoben und damit gegen politische Zugriffe abgesichert.20 In anderen Ländern, vor allem in Frankreich und Italien, blieben die Einflussmöglichkeiten der jeweiligen Regierung nahezu unverändert. Mittlerweile begann sich das Fernsehen zu verbreiten. Die amerikanischen Erfahrungen weckten die Erwartung, seine kommerzielle Nutzung werde erheb18 Er ist mit (staatlichen) Museen, Bibliotheken, Universitäten und Theatern vergleichbar. 19 Eingehende Darstellung bei Hans Bausch: Rundfunkpolitik nach 1945. München 1980; es handelt sich um die Bände 3 und 4 des von Bausch herausgegebenen Werkes Rundfunk in Deutschland. 20 BVerfGE 12, 205ff. (Deutschlandfernsehen; die Entscheidung wird auch als das „Erste Rundfunkurteil“ bezeichnet). Das Gericht vereitelte den Plan Konrad Adenauers, neben den zur ARD zusammengefassten Rundfunkanstalten der Länder eine maßgeblich von der Bundesregierung kontrollierte Fernsehanstalt des Bundes zu schaffen.

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liche Gewinne abwerfen. Deshalb drängten kapitalkräftige Gruppen – vor allem Zeitungs- und Buchverleger, in einigen Ländern auch Werbeagenturen – die Gesetzgebung, das amerikanische Modell eines weitgehend durch den Markt gesteuerten Rundfunks zu übernehmen. Zudem hatten die technisch verfeinerte Segmentierung des Frequenzspektrums, die Breitbandverkabelung in den Ballungsgebieten und die Satellitenübertragung von Rundfunksignalen die Zahl der Übertragungswege kontinuierlich erhöht; das nährte die Forderung, die Rundfunkfreiheit wie die Pressefreiheit als grundrechtliche Gewährleistung medienunternehmerischer Initiative zu verstehen. Der erste Erfolg war in Großbritannien zu verzeichnen: 1954 wurde der Television Act verabschiedet, der kommerziellen Rundfunk erlaubte und damit das Monopol der BBC beendete.21 Im übrigen Europa verlief diese Entwicklung wesentlich langsamer. In Frankreich und Italien bildeten sich illegale Sender, die im Laufe der Zeit durch neue Gesetze die Möglichkeit erhielten, ihre Aktivitäten durch Erlangung einer behördlichen Lizenz zu legalisieren.22 Österreich wollte am Monopol des Österreichischen Rundfunks (ORF) festhalten; diese Politik sah sich mit wachsenden Zweifeln konfrontiert, ob sie mit der Gewährleistung der Rundfunkfreiheit durch Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK)23 vereinbar sei.24 Bestätigt wurden diese Bedenken schließlich durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EMRG).25 In Deutschland waren die Verzögerungen sowohl politisch wie rechtlich bedingt. Das Grundgesetz weist die Gesetzgebungskompetenz für den Rundfunk allein den Ländern zu. Sie mussten sich zumindest auf den Grundsatz einigen, dass die Zulassung eines privaten Anbieters durch ein Bundesland die Verbreitung auch in den anderen Bundesländern erlauben würde; dieser Konsens war angesichts divergierender Standortinteressen und medienpolitischer Grundanschauungen nicht leicht zu erzielen. Zudem hatte das Bundesverfassungsgericht in dem erwähnten Ersten Rundfunkurteil der Gewährleistung der Rundfunkfreiheit in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG den folgenden Grundsatz entnommen: „Die Veranstalter von Rundfunkdarbietungen müssen (…) so organisiert werden, dass alle in Betracht kommenden Kräfte in ihren Organen Einfluss haben und im Gesamtprogramm zu Wort kommen können, und dass für den Inhalt des Gesamtprogramms Leitsätze verbindlich sind, die ein Mindestmaß von inhaltlicher Ausgewogenheit, Sachlichkeit und gegenseitiger Achtung gewährleisten“.26 21 22 23 24 25 26

Holznagel (FN 16) S. 52ff. mwN. Holznagel S 28ff. und 70ff. Zu dieser Bestimmung näher unter 3. Karl Korinek: Landesbericht Österreich, in Bullinger/Kübler (FN 15) S. 183, 190f. EGMR, Urteil vom 24.11.1993, (Informationsverein Lentia) Serie A Nr. 276. BVerfGE 12, 205, 262f.; vgl. auch zu FN 20.

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In der Folge ging es darum, diese Anforderungen mit den veränderten Umständen in Einklang zu bringen. Dafür wurde die Leitformel entwickelt, dass die gebotene Vielfalt nicht nur „binnenplural“, durch Gremienstruktur und Gebührenfinanzierung, sondern auch „außenplural“ durch den Wettbewerb einer hinreichenden Zahl von Anbietern gewährleistet werden kann.27 In der Folge erwies es sich als sehr schwierig, diesem Maßstab gerecht zu werden. Deshalb hat das Gericht für die niedersächsische Rundfunkgesetzgebung 1986 festgestellt, dass die Programme der kommerziellen Anbieter den Anforderungen des Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG „nicht in vollem Umfang“ gerecht zu werden vermögen; das ist aber „unschädlich, solange die unerlässliche „Grundversorgung“ mit einem vielfältigen Programmangebot durch den Fortbestand eines lebensfähigen öffentlichen-rechtlichen Rundfunks gewährleistet wird“.28 Dieser muss, wie das Bundesverfassungsgericht für die nordrhein-westfälische Rundfunkgesetzgebung 1991 feststellte, „auch in seiner künftigen Entwicklung gesichert sein“.29 Am Ende dieser Entwicklung findet sich in nahezu allen europäischen Ländern ein Nebeneinander von „public service“ und von kommerziellem Rundfunk,30 das wird als „duale Rundfunkordnung“ bezeichnet. In Deutschland ist sie verfassungsgeboten: Der überwiegend durch Werbung finanzierte kommerzielle Rundfunk bedarf zwingend der Ergänzung durch ein Programmangebot, das weder vom Werbemarkt diktiert noch vom Staat kontrolliert wird. Generell ist festzuhalten, dass die Emergenz des kommerziellen Rundfunks die Lücke schließt, die den Staatsrundfunk der ersten Jahrhunderthälfte von der marktwirtschaftlich verfassten Presse trennt; die lange Zeit separat behandelten Materien des Presse- und des Rundfunkrechts wachsen nunmehr zum Medienrecht oder Recht der Massenkommunikation zusammen. 2.3 Grenzüberschreitungen und Europäisierung Für den privaten Rundfunk sind durchweg vergleichbare Regelungen geschaffen worden. Das den Rundfunk veranstaltende Unternehmen bedarf einer Zulassung oder Lizenz, die von einer dazu geschaffenen Einrichtung erteilt wird. Für 27 BVerfGE 57, 295, 322ff. (FRAG oder „Drittes Rundfunkurteil“). 28 BVerfGE 73, 118, 157ff. (Niedersachsen; „Viertes Rundfunkurteil“). 29 BVerfGE 83, 238, 298 (Nordrhein-westfälische Rundfunkgesetzgebung; „Sechstes Rundfunkurteil“). 30 Nach der in Deutschland vorherrschenden Terminologie stehen sich „öffentlich-rechtlicher“ und „privater“ Rundfunk gegenüber. Das entspricht dem status quo, ist aber verfassungsrechtlich ungenau, weil der binnenpluralistisch organisierte und durch Gebühren finanzierte Rundfunk auch privatrechtlich inkorporiert werden kann (BVerfGE 12, 205, 262): deshalb ist es vorzuziehen, von „public service“ und von kommerziellem Rundfunk zu sprechen.

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das Programmangebot gelten publizistische Grundsätze, etwa das Verbot der Aufstachelung zum Rassenhass, deren Beachtung von der Zulassungsinstanz überwacht wird. Vielfach werden auch Umfang und Inhalte der Werbung beschränkt. Schließlich gibt es fast überall Regeln, die die Meinungsvielfalt gegen übermäßige Konzentration schützen sollen.31 Diese Bestimmungen sind aber nicht synchron, sondern zu unterschiedlichen Zeiten entstanden; vor allem in den Anfängen wiesen sie erhebliche Unterschiede auf, die nach wie vor nicht völlig ausgeräumt sind. Das schuf und erhält Anreize, die erwähnten technischen Möglichkeiten grenzüberschreitender Rundfunkverbreitung zu nutzen: Der Veranstalter erwirbt in dem nur locker regelnden Land A eine Lizenz, um seine Programme in dem sehr viel dichter regelnden Land B zu verbreiten. Dann ist dieses Land B versucht, diese Sendung als Verletzung des eigenen rundfunkrechtlichen ordre public zu behandeln und ihre Verbreitung zu behindern; die Möglichkeiten reichen von der Weigerung, sie in die lokalen Kabelanlage einzuspeisen, bis zur Etablierung von Störsendern. Dieses Szenarium hat eine Reihe von europäischen Reaktionen ausgelöst. Die Satzung des Europarats verpflichtet die Mitglieder zur Achtung von Menschenrechten und Grundfreiheiten. Zur Konkretisierung dieser Pflicht haben seine Organe die Europäische Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten ausgearbeitet.32 Die Meinungs- oder Äußerungsfreiheit wird – einschließlich der Informationsfreiheit – durch Art. 10 geschützt.33 Die erwähnten Grenzblockaden werfen die Frage auf, ob sie die durch Art. 10 verbürgten Rechte sowohl der Veranstalter wie der Empfänger verletzen. Der Europarat hat zudem ein „Europäisches Übereinkommen über das grenzüberschreitende Fernsehen“34 verabschiedet, das die Programmanforderungen angleicht und dafür die Freiheit des Empfangs und der Weiterverbreitung postuliert. Für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) wird diese Konvention überlagert durch das primäre und sekundäre Gemeinschaftsrecht. Das primäre Recht findet sich in den Verträgen, die die Europäische Gemeinschaft (EG) und die EU konstituieren. Sie enthalten keine explizit medienrechtlichen Vorschriften, aber eine Reihe von Bestimmungen, die sich in der Praxis der Kommission der EU und des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) als für den Rundfunk relevant erwiesen haben. Das gilt in besonderem Maße für die durch Art. 49 EGVertrag verbürgte Dienstleistungsfreiheit. Der EuGH hat grenzüberschreitende Hörfunk- und Fernsehsendungen von Anfang an unter den Begriff der Dienst-

31 32 33 34

Dazu näher unter 4. Die EMRK ist am 3.9.1953 in Kraft getreten. Zu dieser Vorschrift näher unter 3. Vom 5.5.1989.

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leistung subsumiert.35 Damit werden strukturelle Regelungen des nationalen Rundfunkrechts zu Beschränkungen, die gemäß Art. 55 und 46 EG-Vertrag nur dann zulässig sind, wenn sie durch Gründe der öffentlichen Sicherheit, Ordnung oder Gesundheit legitimiert werden. Regelungen, die aus dem Ausland zugeführte Programme diskriminieren, wird diese Rechtfertigung versagt.36 Zulässig hingegen sind der „Schutz der Empfänger gegen ein Übermaß an geschäftlicher Werbung bzw. die Erhaltung einer bestimmten Programmqualität im Rahmen der Kulturpolitik“.37 Zum Primärrecht zählen auch die Bestimmungen des EGVertrages, die der Wahrung und Förderung des Wettbewerbs dienen.38 Der Begriff des sekundären Gemeinschaftsrechts bezeichnet die Regelungen, die aus dem im EG-Vertrag angelegten Gesetzgebungsverfahren der Gemeinschaft hervorgehen. Wichtigstes medienrechtliches Beispiel einer derartigen Regelung ist die Fernsehrichtlinie von 1989,39 die 1997 in mehreren Punkten geändert worden ist.40 Zweck und Inhalt entsprechen der erwähnten Europakonvention: Die Richtlinie harmonisiert Anforderungen an die Fernsehprogramme; die Mitgliedstaaten sind nicht befugt, richtlinienkonforme Fernsehprogramme an der Verbreitung in ihrem Sendegebiet zu verhindern. Die Richtlinie ist stärker als die Europakonvention, da die EU-Kommission ihre Befolgung über den EuGH erzwingen kann.

3. Die Konstitutionalisierung des Medienrechts 3.1 Die Rolle der Verfassungsgerichtsbarkeit Art. 5 des Grundgesetzes (GG) für die Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1949 in Kraft getreten ist, verbürgt die Meinungs-, Informations-, Presse- und Rundfunkfreiheit und erlaubt zugleich ihre Beschränkung durch „allgemeine Gesetze“. Der Wortlaut ist durch Art. 118 der Weimarer Verfassung (WV) inspiriert. Trotzdem klafft die Bedeutung der beiden Bestimmungen weit auseinander. Art. 118 WV hat in der Praxis, insbesondere in der Rechtsprechung, 35 EuGH Slg. 1974, 409, 428 (Sacchi); 1980, 833, 855 (Debauve); 1988, 2085, 2131 (Kabelregeling). 36 EuGH Slg. 1988, 2085, 2135 (Kabelregeling); im Ergebnis ebenso EuGH Slg. 1992 I, 6757, 6777 (Kommission/Belgien). 37 EuGH Slg. 1999 I, 7599, 7637 (ARD/ProSieben). 38 Dazu näher unter 4. 39 RL 39/552 vom 3.10.1989, ABl. 1989 Nr. L 289, 23ff.; ihre offizielle Bezeichnung ist Richtlinie „zur Koordination bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften über die Ausübung der Fernsehtätigkeit“. 40 RL 97/36 vom 31.6.1997, ABl. 1997 Nr. L 202, 60ff.

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so gut wie keine Rolle gespielt. Art. 5 GG hingegen ist die bei weitem wichtigste Vorschrift des deutschen Medienrechts. Diese Differenz beruht auf zwei eng zusammenhängenden strukturellen Neuerungen. Art. 1 Abs. 3 GG ordnet an, dass die Grundrechte Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht binden. Und Art. 93 GG schafft ein Bundesverfassungsgericht, das dazu berufen ist, diese unmittelbare Geltung im Konfliktfall durchzusetzen; es kann durch Verfassungsbeschwerde auch von betroffenen Privatpersonen angerufen werden. Die medienrechtliche Bedeutung dieser Erweiterung richterlicher Befugnisse wurde durch den Fall Lüth schlaglichtartig erhellt. Der Hamburger Senatsdirektor und Leiter der staatlichen Pressestelle Erich Lüth hatte zum Boykott des Nachkriegsfilms „Unsterbliche Geliebte“ des Regisseurs Veit Harlan aufgerufen, da dieser ein Jahrzehnt davor auf Veranlassung des Propagandaministers Goebbels die Anfertigung des Drehbuchs und die Regie für das antisemitische Machwerk „Jud Süß“ übernommen hatte; auf Antrag der Produktions- und der Verleihfirma der „Unsterblichen Geliebten“ war dieser Aufruf vom Landgericht und Oberlandesgericht Hamburg durch einstweilige Verfügung untersagt worden; das entsprach der gefestigten Rechtsprechung in Boykottfällen; insoweit wurde die Meinungsfreiheit durch ein „allgemeines Gesetz“ des Zivilrechts beschränkt. Trotzdem war die Verfassungsbeschwerde erfolgreich.41 Dazu entwarf das Bundesverfassungsgericht die „Wechselwirkungslehre“: Gesetze, die die Kommunikationsfreiheit beschneiden, „müssen in ihrer das Grundrecht beschränkenden Wirkung ihrerseits im Lichte der Bedeutung dieses Grundrechts gesehen und so interpretiert werden, dass der besondere Wertgehalt dieses Rechts, der in der freiheitlichen Demokratie zu einer grundsätzlichen Vermutung für die Freiheit der Rede in allen Bereichen, namentlich aber im öffentlichen Leben führen muss, auf jeden Fall gewahrt bleibt“.42 Damit hatte sich das Bundesverfassungsgericht ein Instrument geschaffen, mit dem es vor allem das überlieferte Beleidigungsrecht einer weit reichenden Korrektur unterwarf: Die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehenden „Personen der Zeitgeschichte“ – Politiker, Unternehmer, Industrie- und Verbandsmanager, Gewerkschaftsführer, Wissenschaftler, Autoren sowie die Stars des Schaugeschäfts und des kommerzialisierten Sportbetriebes – müssen sich öffentliche Kritik auch dann gefallen lassen, wenn sie polemisch überzogen wird und sich geschmackloser Ausdrucksformen bedient.43 Der Bundesgerichtshof hat dies für die Kritik an Unternehmen und ih41 BVerfGE 7, 193, 203ff. Dazu eingehend Thomas Henne/Arne Riedlinger (Hg.): Das LüthUrteil in (rechts-)historischer Sicht. Berlin 2002. 42 BVerfGE 7, 198, 208. 43 BVerfGE 12, 113, 124f. (Pressefehde); 42, 163, 171f. (Deutschland-Stiftung); 54, 129, 136ff. (Römerberg); 60, 234, 240ff. (Kredithaie); 61, 1, 11ff. (CSU ist NPD Europas); 82, 272,

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ren gewerblichen Produkten und Leistungen übernommen.44 Zugleich ist an die geschilderte Privatisierung der elektronischen Medien zu erinnern: Die für den kommerziellen Rundfunk maßgeblichen Grundsätze sind nicht von der Gesetzgebung, sondern vom Bundesverfassungsgericht festgelegt worden.45 Dieser Vorgang hat sich drei Jahrzehnte nach Lüth auf der europäischen Ebene wiederholt. Der österreichische Journalist Peter Michael Lingens war wegen Beleidigung des Bundeskanzlers Bruno Kreisky verurteilt worden: er hatte ihm Opportunismus und moralische Defizite attestiert, weil dieser die Nazivergangenheit eines freidemokratischen Kabinettsministers verteidigt und verharmlost hatte; dieses Verdikt wurde vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EMRG), dem die Durchsetzung der Menschenrechtskonvention obliegt, als Verletzung von Art 10 EMRK qualifiziert und Österreich zur Korrektur und zum Kostenersatz verurteilt.46 In diesem und sich anschließenden Entscheiden47 sind die Regeln des österreichischen Ehrenschutzrechts auf ein mit den normativen Vorgaben der EMRK vereinbares Maß reduziert und damit in der Substanz wesentlich verändert worden. 3.2 Gründe der Konstitutionalisierung des Medienrechts Fragt man, warum es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu dieser verfassungsrechtlichen Überlagerung eines Ehrenschutzrechts gekommen ist, das die Eierschalen seiner feudalständischen Herkunft noch nicht abgestreift hatte, dann liegt die Antwort auf der Hand: Die Institution einer Verfassungsgerichtsbarkeit ist erst durch das Grundgesetz von 1949 und die EMRK von 1953 geschaffen worden. Diese Erklärung verliert freilich einen Teil ihrer Plausibilität, wenn die amerikanische Entwicklung in die Betrachtung einbezogen wird. Dort hatte sich 1964 exakt derselbe Vorgang vollzogen: Das höchste Gericht, der Supreme Court der Vereinigten Staaten, hat das law of defamation, das überlieferte Beleidigungsrecht, am Grundrecht der Redefreiheit gemessen und für die Inhaber öffentlicher Ämter (public officials) und sonstige Personen der Zeitgeschichte (public figures) weitgehend zurückgenommen.48 Das ist deshalb bemerkenswert, weil sich der Supreme Court die Funktion eines Verfassungsgerichtes, d. h.

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282ff. (Zwangsdemokrat); 85, 1, 11ff. (Kritische Bayer-Aktionäre); 93, 266, 294ff. (Soldaten sind Mörder). BGHZ 45, 296, 307f. (Höllenfeuer). Vgl. oben 2.2. EMRG Urteil vom 8.7.1986, Serie A Nr. 103 (Lingens). Vgl. vor allem ERMG NJW 1999, 1321 (Oberschlick Nr. 2): Jörg Haider darf als Trottel bezeichnet werden. New York Times v. Sullivan, 84 S. Ct. 710 (1964) für public officials; Curtis Publishing Co. v. Butts, 87 S. Ct. 1975 (1967) für public figures.

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die Befugnis, verfassungswidrige Gesetze für unwirksam zu erklären, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugesprochen hatte.49 Trotzdem ist es lange Zeit zu keinem Konflikt zwischen Gesetzesrecht und Äußerungsfreiheit gekommen; es galt weiterhin der erwähnte Grundsatz des Common Law, dass herabsetzende, unmoralische, blasphemische und andere als schädlich betrachtete Äußerungen von der Rede- und Pressefreiheit nicht geschützt werden.50 Das wurde erst im 20. Jahrhundert zum Problem,51 1931 wurde entschieden, dass das Entfalten einer roten Flagge als Demonstration anarchistischer Überzeugungen nicht länger verboten und bestraft werden darf.52 Diese Umdeutung des die Äußerungsfreiheit verbürgenden First Amendment der amerikanischen Bundesverfassung, seine Aufwertung zum „most celebrated text in all of American Law“,53 wird in einer Art und Weise erklärt, die auch für den parallelen Vorgang in Europa sehr plausibel erscheint.54 Die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts empfindet sich als homogen; sie beruht auf einem Konsens, der nicht nur verfassungs- und wirtschaftspolitische, sondern auch moralische und ästhetische Vorstellungen umfasst. Die Industrialisierung setzt Prozesse frei, die diesen Konsens aushöhlen und schließlich auflösen. Es bilden sich Gewerkschaften und sozialistische Parteien, die die wirtschaftsliberalen Überzeugungen der bürgerlichen Honoratioren in Frage stellen. Es entsteht eine Gesellschaft, die von unterschiedlichen Wertvorstellungen und konfligierenden Interessen beherrscht wird. Sie drängt auf eine zunehmend interventionistische Wirtschafts- und Sozialpolitik; an die Stelle der aus dem Konsens der Gebildeten und Begüterten hervorgehenden – und häufig kodifizierten – volonté générale tritt das zwischen den konkurrierenden Gruppen und Parteien ausgehandelte Gesetz, das im Parlament von der Mehrheit gegen die Minderheit durchgesetzt wird. Die Legitimität dieses Systems der pluralistischen Demokratie verlangt freilich, dass der überstimmten Minderheit die reale Chance verbleibt, die Mehrheit der Stimmen und Sitze zu erlangen. Deshalb muss die derzeitige Mehrheit daran gehindert werden, Gesetze zu schaffen oder beizubehalten, die die 49 Marbury v. Madison, 5 U.S. 137 (1803). 50 Vgl. oben zu FN 11. 51 Der Wandel deutet sich in den berühmten Sondervoten der Richter Oliver Wendell Holmes und Louis Brandeis an; s. Abrahams v. United States, 250 U.S. 616, 624ff. (1919); Whitney v. California, 283 U.S. 357, 372ff. (1927). 52 Stromberg v. California, 283 U.S. 359 (1931). 53 David A. Strauss: Freedom of Speech and the Common Law Institutions, in Lee Bollinger/Geoffrey Stone (Hg.): Eternally Vigilant. Free Speech in the Modern Era. Chicago 2002, S. 32, 33. 54 Dazu Strauss aaO; David A. Rabban: Free Speech in its Forgotten Years. Cambridge 1997, insbes. S. 2ff.; David Yasski: Eras of the First Amendment, Columbia Law Review, 91, 1991, S. 1699, 1703ff.; weitere Nachweise bei Friedrich Kübler: Redefreiheit und Demokratie: das amerikanische Beispiel, FS für Mailänder. Berlin 2006, S. 533ff.

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Agitation der Minderheit als zersetzend und diffamierend verbietet. Im Gefüge der pluralistischen Konkurrenzdemokratie wird die Verbürgung der Kommunikationsfreiheiten zum Schild der Minderheit, der die Mehrheit daran hindert, ihr das Schwert der aggressiven Werbung für ihre Positionen aus der Hand zu schlagen. Und die Verfassungsgerichtsbarkeit wird zum Schiedsrichter des fortgesetzten Kampfs um die Macht; sie hat einzuschreiten, wenn die Kritik an den Herrschenden als Beleidigung bestraft und die Forderung nach umverteilender Gesetzgebung als Gefährdung des Gemeinwohls untersagt wird.

4. Schutz des Wettbewerbs und der Meinungsvielfalt 4.1 Die Massenmedien im Recht gegen Wettbewerbsbeschränkungen Presseerzeugnisse werden traditionell als entgeltliche Ware angeboten; das Grundrecht der Pressefreiheit umschließt die verlegerische Befugnis, Zeitungen und Zeitschriften herzustellen und zu vertreiben. Maßgebliche Instanz der Vermittlung ist der Markt: Die kommunikativen Bedürfnisse der Leser entscheiden, welches Blatt gekauft wird; daraus resultiert der Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen publizistischen Angebots. Generell wird angenommen, dass der wirtschaftliche Wettbewerb zwischen einer Mehr- oder Vielzahl von Verlagserzeugnissen den Empfängern die Auswahl zwischen unterschiedlichen Informationsangeboten und Meinungsrichtungen ermöglicht.55 Deshalb hat das vor allem seit der Mitte des 20. Jahrhunderts virulente Phänomen der Pressekonzentration in allen entwickelten Ländern Besorgnisse und die Suche nach Abhilfe ausgelöst. Es hat viele Facetten.56 Als wichtigster Konzentrationsimpuls gilt die „Kontaktkostendegression“: Dank der überwiegenden Finanzierung aus Inseraten gewinnt die Zeitung durch jeden zusätzlichen Leser mehr, als sie für ihn

55 Diese Annahme ist in der Regel, aber nicht immer begründet. Das lässt sich an einem einfachen Modell zeigen. Wenn drei Zeitungen einen Markt bedienen, der sich aus einer Mehrheitsgruppe von 80% und zwei Minderheitsgruppen von je 10% zusammensetzt, dann ist es für jede dieser Zeitungen am vorteilhaftesten, sich auf die Bedürfnisse der Mehrheit zu konzentrieren, weil dort der größte Absatz zu erzielen ist und der Ertrag selbst dann noch höher ist, wenn er mit den Konkurrenten geteilt werden muss. Anders ist die Lage einer Monopolzeitung: Sie maximiert ihre Verbreitung, wenn sie neben den Bedürfnissen der Mehrheit auch die der Minderheiten berücksichtigt. 56 Unterschieden werden: das Wachstum immer größerer Unternehmen durch Verlagskonzentration, die Zunahme von (lokalen oder regionalen) „Einzeitungsmärkten“ und der Schwund „redaktioneller Einheiten“, d. h. von (Voll-) Redaktionen; dazu näher Sigfried Klaue/Manfred Knoche/Axel Zerdick (Hg.): Probleme der Pressekonzentrationsforschung. Baden-Baden 1980.

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ausgeben muss; dieser Mechanismus treibt die schwächeren Zeitungen im Laufe der Zeit aus dem Markt. Die Konzentration kann auch durch Transaktionen zwischen den auf dem jeweiligen „relevanten Markt“ operierenden Unternehmen bewirkt werden: Ein Verlag kauft ein Konkurrenzunternehmen oder dessen Zeitung auf, oder mehrere Verlage schließen sich zu einem Unternehmen zusammen oder sie kooperieren etwa bei der Einwerbung von Annoncen. Der letztere Fall kann den Tatbestand eines verbotenen Kartells erfüllen; er konfrontiert zugleich mit der Frage, ob diese Absprache im Einzelfall legitimiert werden kann, wenn sie den Fortbestand zweier oder mehrerer im Übrigen von einander unabhängigen Blätter ermöglicht.57 Die erwähnten Zusammenschluss- oder Erwerbsvorgänge fallen grundsätzlich in den Anwendungsbereich der Fusionskontrolle.58 Diese findet grundsätzlich auf zwei Ebenen statt. Die europäische Fusionskontrolle59 erfasst nur Zusammenschlüsse von gemeinschaftsweiter Bedeutung; deshalb ist sie auf die Presse in aller Regel nicht anwendbar, da deren Märkte – nicht zuletzt aus Sprachgründen – weiterhin die Grenzen der Mitgliedstaaten kaum je überschreiten. Auch die nationalen Regelungen der Zusammenschlusskontrolle greifen häufig nicht, da der Erwerb von Regional- oder Lokalzeitungen unter den Schwellenwerten bleibt, die für das Eingreifen der Kartellbehörden festgelegt sind. Deutschland hat deshalb Sonderregeln für die Pressefusionskontrolle in das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen eingeführt.60 Nach ihnen ist für die an relevanten Transaktionen beteiligten Presseverlage das Zwanzigfache der sonst maßgeblichen Umsatzerlöse in Ansatz zu bringen; damit werden auch mittelgroße Printunternehmen im Regional- und Lokalbereich von der gesetzlichen Fusionskontrolle erfasst.

57 Dazu eingehend Ernst-Joachim Mestmäcker: Medienkonzentration und Meinungsvielfalt: eine vergleichende wirtschaftsrechtliche Untersuchung. Baden-Baden 1978. Eine solche Ausnahme von der Anwendung des Kartellverbots sieht der „Failing Newspaper Act“ in den USA vor. 58 Zu ihr Ekkehard Spieler: Fusionskontrolle im Medienbereich. Berlin 1980; Michael H. Thiel: Presseunternehmen in der Fusionskontrolle. München 1998; Astrid Ablasser: Medienmacht und Fusionskontrolle 1998; Ernst-Joachim Mestmäcker, in: Ulrich Immenga/ Ernst-Joachim Mestmäcker (Hg.): Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. München 3 2001. Vor § 35. 59 Für sie gilt die Verordnung EG Nr. 139/2004 des Rates vom 20. Januar 2004 über die Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen („FusionskontrollVO“), ABl. L. vom 29.1.2004. 60 Das ist 1976 durch die 3. Kartellnovelle geschehen.

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4.2 Rundfunkrechtliche Sonderregeln zum Schutz der Meinungsvielfalt Das Recht gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist auch auf den kommerziellen Rundfunk anzuwenden. Hier ist die Fusionskontrolle nach europäischem Recht mehrfach zum Zuge gekommen. Exemplarisch waren die Versuche der (damals) größten deutschen Medienkonzerne, Bertelsmann und Kirch, sich miteinander und mit der Telekom zusammenzuschließen, um gemeinsam Pay-TV zu veranstalten. Das hätte die vertikale Integration mehrerer marktbeherrschender Stellungen bedeutet. Deshalb hat die EU-Kommission alle einschlägigen Vorhaben untersagt61. Trotz dieser vielbeachteten Entscheidungen setzte sich zumindest in den hoch entwickelten europäischen Ländern die Auffassung durch, dass das Recht gegen Wettbewerbsbeschränkungen nicht ausreicht, die medienpolitisch erwünschte und/oder verfassungsrechtlich gebotene62 Vielfalt der Meinungen im Angebot der elektronischen Medien zu wahren und zu fördern. Diese Überzeugung beruht vor allem auf zwei Gründen. Zunächst: mit dem Instrument der Fusionskontrolle lassen sich nur Erwerbs- und Verschmelzungsvorgänge, nicht aber das interne Wachstum von Medienunternehmen kontrollieren. Das ist sinnvoll, wo es allein um ökonomische Effizienz geht. Marktbeherrschende Medienunternehmen gefährden aber zugleich die Funktionsfähigkeit und den Bestand der freiheitlichen Demokratie; das hat die mit dem Berlusconi-Konzern verknüpfte Medienkonzentration in Italien gezeigt. Und: die Fusionskontrolle setzt immer die aktuelle oder potentielle Störung des Wettbewerbs in einem bestimmten Markt voraus. Die Meinungsvielfalt wird aber auch durch die (diagonalen oder konglomeraten) Verflechtungen von Presse- und Rundfunkunternehmen bedroht, die auf völlig getrennten Märkten operieren: Das kann zur Folge haben, dass das lokale, regionale und im Extremfall nationale Nachrichtenangebot von einem einzigen Medienkonzern kontrolliert wird Deshalb sind in allen hoch entwickelten Rechtsordnungen medienspezifische Konzentrationsregeln anzutreffen.63 Sie sind durchweg eng mit dem Verfahren 61 MSG Media Services, Entsch. vom 25.5.1994, ABl. EG Nr. L. 364 vom 13.12.1994 S. 1ff.; Bertelsmann/Kirch/Premiere, Entsch. vom 25.5.1998, ABl. EG Nr. L. 53 vom 27.2.1999 S. 1ff.; Beta/Deutsche Telekom Research, Entsch. vom 27.5.1998, ABl. EG Nr. L. 53 vom 27.2.1999 S. 31ff. 62 Das deutsche Bundesverfassungsgericht verlangt in ständiger Rechtsprechung rundfunkrechtliche Regelungen zur Sicherung der Meinungsvielfalt; BVerfGE 57, 295, 319f. und 323; 73, 118, 152 und 172f.; 74, 297, 323; 83, 238, 295; 87, 181, 197; 95, 163, 272f.; 97, 228, 258 und 266f. Ähnlich der Conseil constitutionnel in Frankreich, Entsch. vom 18.9.1986, 86–217 DC, RJC I. S. 283. 63 Vergleichende Darstellungen bei Holznagel (FN 16) S. 292ff.; Martin Schellenbeerg: Rundfunkskonzentrationsbekämpfung zur Sicherung des Pluralismus im Rechtsvergleich, Rundfunksstaatsvertrag 1997 und Landesmediengesetze im Vergleich mit den Kontroll-

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der Zulassung kommerziellen Rundfunks verknüpft: Die unternehmerische Veranstaltung und Verbreitung von Hörfunk- und Fernsehsendungen bedarf einer Erlaubnis, die von einer dazu eingerichteten Instanz zu erteilen ist; die Lizenz ist zu versagen, wenn sie eine übermäßige Konzentration publizistischen Einflusses zu ermöglichen droht. Dahinter stehen mehrere regulatorische Unterziele: Information aus vielfältigen Quellen soll erhalten bleiben; die „Wachhund“Funktion der Medien einschließlich des investigativen Journalismus soll nicht beeinträchtigt werden; die kulturellen Bedürfnisse und sozioökonomischen Interessen wichtiger Bevölkerungsgruppen sollen auch in den Medien vertreten werden; und: es soll verhindert werden, dass einzelne Personen oder Gruppen übermäßigen Einfluss auf die Prozesse öffentlicher Willens- und staatlicher Entscheidungsbildung erlangen und dadurch die Legitimität der demokratischen Verfassungsordnung untergraben. Die Regelungstechnik, mit der diese Ziele erreicht werden sollen, weist von Land zu Land und im Zeitablauf erhebliche Unterschiede auf, die hier nicht dargestellt werden können.64 4.3 Rundfunkfinanzierung und europäisches Beihilferecht Der nichtkommerzielle – meist als „öffentlich-rechtlich“ bezeichnete – Rundfunk wird durch rechtlich festgelegte Zuwendungen finanziert; dabei kann es sich um direkte staatliche Zuwendungen, aber auch um als „Gebühren“ bezeichnete Beiträge handeln, die den Nutzern von Radio- und Fernsehgeräten auferlegt werden. Auf Drängen kommerzieller Anbieter hat die EU-Kommission ein Verfahren eröffnet, um festzustellen, ob es sich bei diesen Gebühren um eine gemäß Art. 87 EG-Vertrag unzulässige staatliche Beihilfe handelt, durch die der Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten beeinträchtigt wird65. Da die Gebühr als ein pauschaliertes Entgelt für das Programmangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausgestaltet ist, war diese Auffassung von Anfang an wenig plausibel66. systemen in Frankreich, Italien und Großbritannien. Baden-Baden 1997; Peter Mailänder: Konzentrationskontrolle zur Sicherung der Meinungsvielfalt im privaten Rundfunk. Eine vergleichende Untersuchung der Rechtslage in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien, Österreich sowie den Niederlanden und im europäischen Recht. BadenBaden 2000; Uwe Blaurock (Hg.): Medienkonzentration und Angebotsvielfalt zwischen Kartell- und Rundfunkrecht. Baden-Baden 2002; s. zudem den Konzentrationsbericht der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), Fortschreitende Medienkonzentration im Zeichen der Konvergenz, 2000, S. 417ff. 64 Dazu Friedrich Kübler: Medienkonzentration und Angebotsvielfalt zwischen Kartell- und Rundfunkrecht, in: Blaurock (FN 63) S. 111, 122ff. mwN. 65 Dazu Peter Selmer/Hubertus Gersdorf: Die Finanzierung des Rundfunks in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Prüfstand des EG-Beihilferegimes. Berlin 1994. 66 Dazu vor allem Thomas Oppermann: Deutsche Rundfunkgebühren und europäisches Beihilferecht. Berlin 1997 mwN.

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Zudem haben die Mitgliedstaaten der EU 1997 durch eine auf der Amsterdamer Regierungskonferenz einstimmig verabschiedete Protokollerklärung klargestellt, dass die Befugnis der Mitgliedstaaten, die Organisation und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu regeln, durch den EG-Vertrag nicht berührt wird.67 Mittlerweile ist es zu einer Einigung gekommen, die den Mitgliedstaaten die Präzisierung des Programmauftrags des nichtkommerziellen Rundfunks und die Verbesserung der Transparenz des Mitteleinsatzes im Rahmen seiner erwerbswirtschaftlichen Betätigungen auferlegt68.

5. Persönlichkeitsschutz und Öffentlichkeit 5. 1 Reputationsschutz im Wandel der Gesellschaftssysteme69 In den vormodernen feudalständischen Ordnungen werden der Herrscher und die Standespersonen – wie erwähnt70 – auch gegen wahre Tatsachenbehauptungen geschützt, die ihrem Ansehen abträglich sind. Der Anschlag auf ihre Person ist immer auch ein Angriff auf das als vorgegeben geltende Gefüge der überlieferten Ordnung; die Ansprüche auf soziale Anerkennung sind zu eigentumsähnlichen Schutzpositionen verdinglicht. Nach liberalem Verständnis müssen zutreffende faktische Äußerungen grundsätzlich zulässig sein. Damit setzt sich eine für alle modernen Medienrechte grundlegende Unterscheidung durch. Tatsachenbehauptungen sind rechtmäßig, wenn sie der Wahrheit entsprechen; sie können zivil- und strafrechtliche Sanktionen auslösen, wenn sie sich als unzutreffend erweisen. Von ihnen sind strikt abzugrenzen die beleidigenden Meinungsäußerungen, die ein negatives Urteil über eine Person zum Inhalt haben. Sie blieben im liberal-bürgerlichen Zeitalter weiterhin verboten. Hier brachte erst die geschilderte Konstitutionalisierung des Medienrechts71 eine dramatische Wende: Im System der interventionistischen und pluralistischen Demokratie 67 Text bei Albrecht Hesse: Rundfunkrecht: die Organisation des Rundfunks in der Bundesrepublik Deutschland. 3. Aufl. München 2003, 3. Kap. Rn. 38: diese Protokollerklärung ist gemäß Art. 311 EG-Vertrag Teil dieses Vertragswerkes. 68 Schreiben der Kommission vom 24.4.2007: abgedruckt in epd medien 39/2007. 69 Literatur: Robert Post: The Social Foundations of Defamation Law, California Law Review, 74, 1986, S. 692ff.; Thomas Vesting: Soziale Geltungsansprüche in fragmentierten Gesellschaften, Archiv des öffentlichen Rechts, 122, 1997, S. 337ff.; Georgios Gounalakis/Hannes Rösler: Ehre, Meinung und Chancengleichheit im Kommunikationsprozess. Baden-Baden 1998; Friedrich Kübler: Ehrenschutz, Selbstbestimmung und Demokratie. NJW 1999, S. 1281ff.; Knut Amelung: Die Ehre als Kommunikationsvoraussetzung. BadenBaden 2002. 70 Vgl. oben 1. 1. 71 Vgl. oben 3.

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wird der Schutz der „Ehre“, d. h. des Rufs und des Ansehens, gegen herabsetzende Meinungsäußerungen weithin abgebaut.72 Das hat mehrere, miteinander zusammenhängende, Gründe. Zunächst setzt sich die Vorstellung durch, dass soziale Geltung sowohl Ergebnis wie Faktor des politischen und/oder wirtschaftlichen Wettbewerbs sein kann; deshalb soll ihre Berechtigung von der Allgemeinheit, der öffentlichen Meinung, und nicht von der Justiz entschieden werden. Das als diffamierend empfundene Vokabular hat darüber hinaus vielfach seine Eindeutigkeit eingebüßt. Wenn einem Politiker autoritäre Haltung oder libertäre Einstellung vorgeworfen oder er in die Nähe von Faschismus oder Kommunismus gerückt wird, hängt die (mögliche) Kränkung davon ab, welche Bedeutung diesen Begriffen beigemessen wird; wiederum wären die Gerichte überfordert, wenn sie darüber verbindlich urteilen sollten. Die angedeutete historische Entwicklung ist freilich nicht überall bruchlos verlaufen. Autoritäre und totalitäre Regime greifen in aller Regel auf die feudalständische Praxis zurück, jede Kritik an den Herrschenden als Angriff auf das System zu verfolgen und zu unterdrücken. Für Europa ist dazu zu vermerken, dass nicht demokratisch verfasste Staaten von der Aufnahme in den Europarat und in die EU ausgeschlossen sind. Zudem wird Art. 10 EMRK vom EMRG auch gegen das die Redefreiheit beeinträchtigende Beleidigungsrecht der Mitgliedstaaten durchgesetzt73. 5.2 Neue Bedürfnisse: die Bereiche des Privaten und Intimen74 Das Ancien Régime des korporatistischen Obrigkeitsstaates gewährte keinen rechtlichen Schutz gegen unerwünschte Publizität: Zwischen den Sphären des Öffentlichen und des Privaten wurde nicht unterschieden. Die überlieferten Herrschaftsverhältnisse erneuerten ihre Legitimation durch Inszenierung.75 Angehörige der regierenden Stände waren befugt, das Bild, das sie ihrer Umgebung bieten wollen, nicht nur selber zu bestimmen, sondern auch gegen abwertende Darstellungen durchzusetzen. Am unteren Ende der sozialen Pyramide gab es keinen Schutz. Die Subordination der niederen Stände, ihr Untertansein, wurde 72 Das Bundesverfassungsgericht judiziert in ständiger Rechtsprechung, dass nur noch die (eng verstandene) „Schmähkritik“ als Beleidigung verfolgt werden kann: BVerfGE 82, 272, 284; 93, 266, 294; dazu Kübler (FNZ), S. 372 ff. Mit weireren Nachweisen. 73 Vgl. oben zu 3.1. 74 Literatur: Dieter Leuze: Die Entwicklung des Persönlichkeitsrechts im 19. Jahrhundert (1962); Ernst Steindorff: Persönlichkeitsschutz im Zivilrecht (1983); Stefan Gottwald: Das allgemeine Persönlichkeitsrecht: Ein zeitgeschichtliches Erklärungsmodell (1996); Georgios Gounalakis/Lars Rhode: Persönlichkeitsschutz im Internet (2002); James Q. Whitman: The Two Western Cultures of Privacy: Dignity versus Liberty, Yale Law Journal, 113, 2004, S. 1151ff. 75 Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, S. 14ff.

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durch die Sichtbarkeit des öffentlichen Lebens erzwungen: Ihre Beichte war öffentlich; und die für sie bestimmten Sanktionen – Pranger, Stockhiebe, Schafott und Galgen – wurden vor den Augen der Öffentlichkeit vollzogen.76 Die für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts konstitutive Trennung des öffentlichen vom privaten Bereich ließ Schutzbedürfnisse erkennbar werden, die jenseits des traditionellen Ehrenschutzes, der Wahrung von Ruf und Reputation lagen; so wurde etwa das Recht am eigenen Namen und später auch das Recht am eigenen Bild anerkannt. Ein sehr viel weitergehender Wandel hat sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen. Er beruht auf einem Bündel von Veränderungen. Technische Neuerungen erleichtern das Aushorchen und Ausspähen in bislang durch Besitz und Hausrecht hinreichend gesicherten Räumen. Wachsende Unterhaltungsbedürfnisse fördern einen Starkult, den die Wirtschaftswerbung immer üppiger alimentiert. Das trägt wiederum zur Kommerzialisierung des Medienbetriebes bei, die die Spielräume publizistischer Verantwortung zunehmend einengt; dafür ist nur auf den Paparazzo-Journalismus der Boulevard- und der Regenbogenpresse zu verweisen. Die normativen Reaktionen waren und sind vielfältig. Sie reichen von strafbewehrten Intrusionsverboten über detaillierte Regelungen des Datenschutzes bis zur Generalklausel eines allgemeinen Persönlichkeitsrechts, das nach deutschem und europäischen Verständnis in den Grundrechten verankert und deshalb gegen die ranggleichen Medienfreiheiten abzuwägen ist.77 Im Detail ist vieles streitig.78 Die deutsche Rechtsprechung betont zunehmend die Aspekte der kommunikativen Selbstbestimmung79 und der Gleichheit der Chancen im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung.80 Das könnten die Ecksteine eines mit den Erfordernissen demokratischer Öffentlichkeit vereinbaren Persönlichkeitsschutzes sein.81

76 Michel Foucault: Überwachen und Strafen: die Geburt der Gefängnisse. Frankfurt am Main 31979, S. 75ff. Die gehobenen Stände sind von diesen Sanktionen weitgehend ausgenommen; dazu James Q. Whiteman: Harsh Justice, criminal punishment and the widening divide between America and Europe. Oxford 2002, S. 25ff. 77 Für Deutschland vgl. BGHZ 13, 334, 338 (Leserbrief ); BVerfGE 101, 361, 380 (Caroline von Monaco); für Europa EMRG NJW 2004, 267 (Caroline von Hannover). 78 Dazu Friedrich Kübler: Perspektiven des Persönlichkeitsschutzes, Archiv für Presserecht – Sonderheft Medienfreiheit im Wandel, 2007, S. 7ff. 79 BVerfGE 54, 148, 155 (Eppler); 63, 138, 142ff.; 97, 123, 146f. 80 BVerfGE 25, 256, 265 (Blinkfüer). 81 Dazu näher Gounalakis/Rösler: Persönlichkeitsschutz im Internet.

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Schweigen, Sprechen und Streiken Die Medialisierung von Arbeitskämpfen in Westdeutschland und Dänemark von den 1950er bis in die 1970er Jahre von Peter Birke

Die 1950er und 1960er Jahre waren durch die Abwesenheit von Arbeitskämpfen in der öffentlichen Wahrnehmung geprägt, besonders in der Bundesrepublik und in den skandinavischen Ländern. Allerdings waren betriebliche Konflikte nicht verschwunden. Sie wurden lediglich auf einem lokalen, nicht-öffentlichen Niveau ausgetragen. Erst mit den großen Arbeitskämpfen, die wie überall in Westeuropa auch in der Bundesrepublik und den skandinavischen Ländern um 1970 einsetzten, wurden die örtlichen Traditionen der Streiks, die sich seit Mitte der 1950er Jahre entwickelt hatten, in einer allgemeinen Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Die Medialisierung der Arbeitskämpfe, ihr Verlauf und ihre Widersprüche, ist insofern gerade für diese Phase der Streikgeschichte ein wichtiger Gegenstand.

1. Arbeitskämpfe im Wirtschaftswunder Der Begriff des „Fordismus“,1 der in der soziologischen Forschung bis heute prominent ist, wenn es um die Beschreibung der sozialen Verhältnisse jener Zeit geht, ist im Nordwesten Europas mit der Etablierung von „Normalarbeitsverhältnissen“ konnotiert, mit festen und vorgeblich universell gültigen Regeln für Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen, die zentral vereinbart werden und für die gesamte Industrie effektiv sind.2 Als entscheidendes Kriterium gilt 1

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Wie die Orientierung an hegemonialen Mustern der Arbeit und des Konsums, an Fließproduktion, Massenprodukten, staatlicher Regulierung und „nachfrageorientierter“ Wirtschaftspolitik nachwirkt, zeigt die Debatte um den „Postfordismus“, der in seiner informellen, virtuellen und individualistischen Gestalt wie ein (negatives) Abziehbild des Fordismus gezeichnet wird. Die Produktion und der Austausch von „Images“ spielt in dieser Debatte eine starke Rolle und hat in den vergangenen Jahren die Koordinaten dessen verschoben, was als Verlauf der Medialisierung sozialer Proteste (und Streiks) angesehen werden kann, vgl. zum Beispiel Paolo Virno: Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen. Berlin 2005, S. 48–67. Im Mittelpunkt dieser Untersuchungen stehen Kommunikation und Sprache als Produktionsmittel. Der Begriff des „Normalarbeitsverhältnisses“ ist in der letzten Zeit einer gründlichen Kritik unterzogen worden, vgl. unter vielen anderen Dirk Hauer: Strategische Verunsicherung.

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in diesem Zusammenhang die Einbindung der Gewerkschaften. Die skandinavischen Länder kannten bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine direkte Beteiligung der Gewerkschaften an der Gestaltung der staatlichen ökonomischen Politik.3 Dies war angesichts der durch das neoliberale Paradigma diktierten Wirtschaftspolitik der von der CDU geführten Bundesregierungen hierzulande zunächst undenkbar. Nach anfänglichen Verwerfungen etablierten sich im Laufe der 1950er Jahre Regeln der betrieblichen Mitbestimmung, in der Bundesrepublik in Form der Trennung der Aufgaben von Betriebsräten und Gewerkschaften.4 In diesem „dualen System“ wurden die formal unabhängigen Betriebsräte mit der lokalen und die Gewerkschaften mit der überbetrieblichen Regulierung der Arbeitsbeziehungen betraut. Der Effekt war, dass sich die Betriebspolitik tendenziell verselbstständigte. Die Zentralisierung der Tarifpolitik, die in den 1950er Jahren vor allem in der Schwerindustrie konzertierte Verhandlungen unter Einbeziehung der Regierung ersetzte, verstärkte diese Dualität.5 Die Konzertierte Aktion der späten 1960er Jahre war insofern nicht allein durch das oben skizzierte „skandinavische Modell“ inspiriert, sondern auch durch die Notwendigkeit, integrative Angebote gegenüber einer relativ eigenständigen und von der Gesamtverantwortung entbundenen betrieblichen Politik zu machen. Die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickelnde Einbindungen der Gewerkschaften und betrieblichen Interessenvertretungen in die ökonomi-

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4

5

Zu den identitären Fallstricken der Debatte um prekäre Arbeit, in: Sergio Bologna (Hg.): Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus. Berlin 2007, S. 206/207. Vgl. die international vergleichenden Hinweise in Peter Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder, Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark. Frankfurt am Main/New York 2007, S. 70–77. Im Gegensatz dazu sind Vertrauensleute (tillidsmænd) in Dänemark Repräsentanten der Gewerkschaften. Versuche mit Ausschüssen, die den deutschen Betriebsräten ähnliche Funktionen erhalten sollten, wurden seit den 1950er Jahren gemacht, setzten sich aber letztlich nicht durch. Vgl. zu Dänemark: Niels Dalgaard: Ved demokratiets grænse. Demokratisering af arbejdslivet i Danmark 1919–1994. Kopenhagen 1995. Zur Bundesrepublik zuletzt: Heiner Dribbusch: Industrial Action in a low-strike Country. Strikes in Germany 1968–2005, in: Sjaak van der Velden, et al.: Strikes around the World 1968–2005. Amsterdam 2007, S. 267–270. Es führt an dieser Stelle zu weit, die Rolle des lokalen bzw. zentralen Staates in Tarifverhandlungen im europäischen Vergleich darzustellen. Bemerkt werden sollte jedoch, dass die Rolle der Regierungen in Tarifverhandlungen in vielen (auch parlamentarisch verfassten) westeuropäischen Ländern größer war als in der Bundesrepublik. Dies gilt sowohl für Frankreich und Italien, Länder, in denen weite Teile der Arbeitsbeziehungen, die in Westdeutschland per Tarifvertrag geregelt wurden, Sache des Gesetzgebers waren, als auch in Dänemark, in denen Eingriffe des Parlaments „im öffentlichen Interesse“ möglich sind, wenn sich die Tarifparteien auf keinen neuen Vertrag einigen können. Vgl. die Beiträge in Sjaak van der Velden/Heiner Dribbusch/Dave Lyddon/Kurt Vandaele: Strikes around the World. Amsterdam 2007.

Medialisierung von Arbeitskämpfen

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sche Politik geschah sowohl in der Bundesrepublik als auch in Dänemark vor dem Hintergrund einer erstaunlichen Anhäufung von materiellem Reichtum und Konsumgütern. Dabei trugen die sozialen Erfolge der Gewerkschaften letztlich zur Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung bei, indem sie eine Stabilisierung der Binnennachfrage ermöglichten.6 Zwischen 1955 und Mitte der 1970er Jahre wuchsen die Reallöhne, und eine Reihe der historischen Forderungen der Arbeiterbewegung wurden eingelöst.7 „Klasse“ als Moment gesellschaftlicher Machtbeziehungen erschien als diskrete, nach und nach fast unsichtbare Angelegenheit.8 Damit schien sich auch die traditionelle proletarische Öffentlichkeit erledigt zu haben. Konsumgenossenschaften und Sportvereine gerieten in eine Krise, Gewerkschaften und Parteien verstanden sich als zunehmend unspezifische Repräsentanten der „abhängig Beschäftigten“. Und schließlich wurden Arbeitskämpfe öffentlich nur noch sporadisch kommuniziert. Doch im Rahmen der oben skizzierten Dualität konnte die Erfahrung mit Streiks auf lokaler und, da die Betriebs- und Personalräte einem gesetzlichen Streikverbot unterlagen, meist informeller Ebene bewahrt werden. Auch in Dänemark, wo es keine betriebliche Interessenvertretung gab, die den Betriebsräten vergleichbare Rechte und Pflichten hatte, wurde die Arbeitskampftradition dort, wo die zentralen Tarifverhandlungen betriebliche Angelegenheiten nicht oder nicht im Interesse der Beschäftigten regelten, zu einer lokalen Angelegenheit. In beiden Ländern variierten die Formen der Konfliktaustragung: In der Hochkonjunktur spielten Formen wie der Arbeitsplatzwechsel eine Rolle, aber auch der Entzug der Arbeitskraft bis hin zu wilden Streiks erhielt in den 1960er Jahren eine wachsende Bedeutung. Solange solche Arbeitskämpfe „diskret“ gehandhabt wurden und auf 6 7

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Vgl. paradigmatisch: Burkhardt Lutz: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Frankfurt am Main/New York 1989. Hier werden meist die Gleichstellung der Arbeiter und Angestellten bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, die Einführung der Fünf-Tage-Woche und die Verlängerung des Jahresurlaubs erwähnt. Die Etablierung neuer Konsummuster und die starke Ausdehnung der Freizeit wird in der historischen Forschung, und speziell in der Mediengeschichte, als eine Voraussetzung für die Expansion der „Kulturindustrie“ gesehen, vgl. Axel Schildt: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre, Hamburg 1995, sowie die Beiträge von Jarren, Koszyk und Schildt in: ders. und Arnold Sywottek (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn 1993, S. 433–492; statistisch gesehen verbrachten die „abhängig Beschäftigten“ jedenfalls den größeren Teil ihrer neu gewonnen Freizeit mit einem durch die stetige Erhöhung der Reallöhne möglich gewordenen und nach und nach individuell bzw. in der Familie organisierten Medienkonsum; zu den dadurch induzierten Veränderungen; vgl. auch: Gottfried Oy: Die Gemeinschaft der Lüge. Medien- und Öffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik. Münster 2001, S. 49–56. Vgl. zu dieser These Josef Mooser: Arbeiterleben in Deutschland 1900–1970. Frankfurt am Main 1984, S. 224–236.

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dem lokalen Niveau verblieben, fielen diese in der Öffentlichkeit allerdings kaum ins Gewicht. Die Folge war, dass die skandinavischen Länder und die Bundesrepublik zwischen 1950 und 1970 als Musterbeispiele einer sozialfriedlichen Arbeitspolitik gelten konnten. Bis heute hat diese Vorstellung ihre Leuchtkraft bewahrt, weshalb auch die Forschung historischen Arbeitskämpfen nur sehr selten eine traditionssbildende Eigenständigkeit zuschreibt. Streiks, heißt es zur Begründung, seien für die Alltagserfahrung der Arbeitnehmer in aller Regel unbedeutend gewesen.9 Erst in den letzten Jahren hat sich diese Setzung etwas relativiert. Eine Ursache ist sicherlich, dass offen ausgetragene und spektakuläre Streiks eine sichtbar größere Rolle spielen; vom wilden Streik bei Opel in Bochum im Jahr 2004, den Lokführer- und Flughafenstreiks in der Bundesrepublik bis hin zu den massiven Arbeitskämpfen im dänischen öffentlichen Dienst im Jahre 2008. Es ist mithin nur eine Frage der Zeit, bis die Neuentdeckung des Arbeitskampfes in der akademischen Debatte eine größere Rolle spielen wird. Im Zuge dieser „Entdeckung“ wird es wichtig sein, der Vorstellung zu widersprechen, dass die laufenden Konflikte „new and unprecedented“ seien.10 Die Sicht auf die „treintes glorieuses“ ist bislang in der Bundesrepublik von der Idee geprägt, dass die Gewerkschaften historisch stark, erfolgreich, effektiv und vor allem „repräsentativ“ handelten. Meine These ist dagegen, dass die „langen 1960er Jahre“ auch hinsichtlich der Regulierung der Arbeitsverhältnisse dynamische Zeiten waren, in denen sich die Zusammensetzung der Beschäftigten nach Geschlecht, Alter und Herkunft stark veränderte und diese neue Formen und Forderungen entwickelten. Das von Paul Ginsborg als „Zeitalter der kollektiven Aktion“ bezeichnete Ende der 1960er Jahre brachte diese Veränderungen an die Öffentlichkeit, wenn auch im Vergleich zu einigen parlamentarisch verfassten südeuropäischen Ländern mit einiger Verspätung.11

9 Vgl. Dribbusch: Germany, S. 271. 10 Auch Silver fordert die Historisierung dieses Bildes: Beverly Silver: Forces of Labor, Workers' Movement and Globalization since 1870. Cambridge 2003, S. 25. 11 Es war in der Tat in beiden Ländern die Initialphase einer neuen Schwerpunktsetzung des Arbeitskampfes, seiner seit einigen Jahrzehnten anhaltenden „Wanderung“ von der Schwerindustrie (Bergbau, Stahlindustrie, Werften) über die expandierenden Sektoren der 1960er Jahre (chemische Industrie, Automobil- und Elektro- und Elektronikindustrie) in den Dienstleistungssektor und den öffentlichen Dienst. Mit der Ausbreitung der Kämpfe veränderte sich auch das Gesicht der Streiks: die Streikenden von heute sind im Schnitt „weiblicher“ und arbeiten weitaus häufiger als Angestellte als noch in den 1970er Jahren. Vgl. hierzu Peter Birke: Die Steine der Weltgewerkschaftsbewegung. Vom industriellen zum postindustriellen Arbeitskampf. Berlin 2008, erscheint im Frühjahr 2009 (VSA, Hamburg).

Medialisierung von Arbeitskämpfen

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1.1 Die Medialisierung der Arbeitskämpfe Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Streiks der späten 1950er und frühen 1960er Jahre lokalisiert, jedoch weder durchgängig entpolitisiert, noch damit zugleich ohnmächtig und unorganisiert waren. Im Gegenteil wuchs spätestens seit 1960 überall in Nordwesteuropa unter den Bedingungen des Arbeitskräftemangels die faktische relative Selbstständigkeit der Beschäftigten im Arbeitsprozess. Die daraus resultierende „Nicht-Repräsentativität“ der Arbeitskonflikte konnte erst nach einer Phase spektakulärer und zunächst sehr erfolgreicher Streiks um 1970 neu reguliert werden. Sichtbarkeit, Repräsentativität, Veröffentlichung - mit diesen drei Begriffen könnte man beschreiben, was das Bedeutende an den Arbeitskämpfen in der „europäischen Streikwelle“ zwischen ca. 1968 und ca. 1973 war. Die Presse und die AV-Medien wie auch die neue linksorientierte „Gegenöffentlichkeit“ trugen ihren Teil dazu bei, dass Konflikte, die zuvor nur sehr selten einen Nachrichtenwert hatten, nun allgemein als „neue Tendenz“ dargestellt und wahrgenommen wurden. Wenn man mit Bernd Weisbrod „Medialisierung“ als „Politisierung von Kommunikationskonflikten“ definiert,12 dann waren Arbeitskämpfe, wo sie die Schwelle von Abteilung und Betrieb überschritten, nur begrenzt zugänglich für eine rein instrumentelle Logik der medialen Vermittlung. Obwohl die Massenmedien sich in ihren „drei Zeitaltern“13 dem Gegenstand des Arbeitskampfes immerhin eher widmeten als dem unspektakulären Alltag der Arbeitenden, blieb die „Ungewissheit über das Gelingen der Kommunikation“14 das bestimmende Moment der Berichterstattung. Die Umdeutung der „Nachricht“ durch die Rezipienten und die damit einhergehende Verselbständigung der Rezeption ist gerade bei Streiks keine singuläre Erfahrung. Bis heute zeigt sich, dass die öffentliche Wahrnehmung und Legitimität von Streiks unter Umständen durch „Anti-Streik-Berichterstattung“ gefördert werden konnte und kann. Das bedeutet nicht, dass das „Zum-Sprechen-Bringen“ des Arbeitskampfes eine emanzipatorische Wirkung entfalten muss. In der Bundesrepublik trugen 12 Vgl. Bernd Weisbrod (Hg.): Die Politik der Öffentlichkeit – die Öffentlichkeit der Politik. Politische Medialisierung in der Geschichte der Bundesrepublik. Göttingen 2003, S. 20. Die Definition kann an die Semiotik Umberto Ecos anschließen, der im Rahmen der Debatte um die Medienpolitik sozialer Bewegungen darauf bestanden hat, dass es sich bei der medialen Kommunikation nicht um eine „direkte Beziehung“, sondern um eine Vermittlung qua Zeichen handele, die decodiert werden müssen und insofern für eine Aneignung durch den Empfänger offen sind; Umberto Eco: Einführung in die Semiotik. München 1972 (Original 1968), S. 29. Vgl. Oy: Gemeinschaft der Lüge. 13 Zur Periodisierung siehe Axel Schildt: Das Jahrhundert der Massenmedien. Ansichten zu einer künftigen Geschichte der Öffentlichkeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 27, 2001, S. 177–206 14 Weisbrod: Öffentlichkeit, S. 18.

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Schlagzeilen dazu bei, Arbeitskämpfe bekannt zu machen, die in eine andere Richtung wiesen: „Ausländer sind zuverlässiger als Deutsche“ (1965) oder „Türken-Terror in Köln“ (1973) sind Beispiele. Solche Schlagzeilen reproduzierten die Aufteilung in (meist deutsche) Kern- und (oft migrantische) Randbelegschaften. Solche Texte konnten durchaus an die Selbstwahrnehmung der Streikenden bzw. der Streikbrecher anknüpfen. Arbeitskämpfe verfügten und verfügen über eine Symbolsprache, über bestimmte, öffentlich wirksame Rituale, die hinsichtlich ihrer Interpretation grundsätzlich offen und zugleich sehr „flüchtig“ waren und sind, und dies wiederum determiniert die Art, in der an Streikbewegungen erinnert wird. Weil sie die Normalität des Produktionsalltags nur kurzfristig anhalten, entwickeln sie nur eine latente und untergründige Kontinuität, und ihre Interpretation bleibt dauernd umkämpft. Auch Streiks sind Zeichen die „polyvalent und offen“15 sind. Im Folgenden wird skizziert, wie Streiks im bundesdeutsch-dänischen Vergleich immer wieder die Schwelle der „Publizität“ überschritten und dabei neu definiert wurden.16 Zugleich gehe ich auf die Frage nach Netzwerken der Streikenden ein, die gegebenenfalls Botschaften über den Kreis des eigenen, unmittelbaren sozialen Umfeldes transportieren konnten. Auszugehen ist von einer grundsätzlichen Asymmetrie: Der Streik hat niemals eine eigene „Öffentlichkeitsabteilung“ gehabt. In den allermeisten Fällen waren Streikende nur indirekt, als Befragte und nicht als Fragende, präsent. Eine eigenständige Politik wurde in der Regel ad hoc betrieben, Flugblätter und Streikzeitungen sind ihre oft vergessenen Zeugen. Die Sprachlosigkeit wurde meist nur dort überwunden, wo Gewerkschaften oder, am Ende der hier beschriebenen Periode, die (radikale) Linke mehr oder minder extern eingriffen.

15 Ebd., S. 14. 16 Wo im transnationalen Maßstab Forschungsliteratur über die öffentliche Rezeption bzw. die „Mediengeschichte“ des Streiks existiert, handelt es sich meist um mehr oder weniger ausführliche Inhaltsanalysen auf der Grundlage der Tages- und Wochenpresse: vgl. etwa Ralph Weiß: Der Kampf um die Arbeitszeit im Spiegel der Presse. Öffentlichkeit als Medium des Alltagsbewußtseins. Hamburg 1987; Henrik Rahm: Journalistikens anatomi. Analyser av genrer och textmönster i svensk dagspress 1879–1996. Lund 2002. Dabei wird der Gegenstand mitunter als zeitlos gefasst: „The strike has been chosen to make comparisons over time possible“, ebd., Exposé. Eine ebenso seltene wie bemerkenswerte Arbeit aus den USA analysiert den (dort berühmten) Sit-down-Streik bei General Motors, Flint (1936/37) aus der Perspektive einer „Performanz“, die eine selbstständige historische Dynamik entwickelte: „Because the local media maintained an antistrike stance, union forces frequently deployed cultural performances to stimulate an alternative press. To archive their ends, they also staged kangaroo court sessions, dancing pickets, mock funerals, games of labor charades, and skits written and performed by the strikers themselves.“: Kirk W. Fuoss: Striking Performances/Performing Strikes. A look at how two groups of strikers promoted their agendas by mock performances. Jackson/Mississippi 1997.

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2. Streiks in der Traumfabrik: Die 1950er Jahre Sowohl in Dänemark als auch in den Westzonen und der späteren Bundesrepublik waren die ersten Jahre nach dem Ende des Krieges, der Besatzung und der NS-Herrschaft Zeiten öffentlich präsenter Arbeitskämpfe. Das hing mit der Nachkriegssituation zusammen; teils waren die materiellen Möglichkeiten für Zugeständnisse auf betrieblicher Ebene nicht vorhanden, teils waren die Privateigentümer der Betriebe (wenn auch nur für kurze Zeit) entmachtet, und schließlich stärkte die Nachkriegskrise auch in Nordwesteuropa antikapitalistische Bewegungen.17 2.1 Öffentlichkeit und Arbeitskämpfe in den bundesdeutschen 1950ern Während die Arbeitskämpfe in Dänemark, nach einer Phase von Massenprotesten, die von den Aufständen gegen die deutsche Besatzung 1943/44 bis zu Massenstreiks für soziale Verbesserungen und die Beseitigung der Kollaborateure aus der politischen Elite unmittelbar nach Kriegsende reichten, bereits 1946 langsam wieder in unspektakuläre, regulierte Formen übergingen18, waren die Konflikte im deutschen Westen in den ersten Nachkriegsjahren komplexer und langwieriger. Gerade der Umstand, dass die Westalliierten gewerkschaftliche Organisierung zunächst nur im lokalen Maßstab akzeptierten, erschwerte in den ersten Jahren unbeabsichtigt die Eindämmung der Arbeitskämpfe. Eine Verallgemeinerung von Forderungen und ihre Verhandlung im politischen System wurden durch die zunächst gewollte Zersplitterung und Isolation der Kämpfe erschwert. Gleichzeitig waren die Streikenden kaum in der Lage, übergreifende organisatorische Netzwerke zu bilden.19 Die Hungerrevolten von 1945 bis Anfang 1947 umfassten Betriebe, in denen die Machtverhältnisse unklar oder im Übergang waren, und sporadisch griffen sie besonders im Ruhrgebiet auf ganze Städte und 17 Vgl. zu den globalen Konjunkturen des Arbeitskampfes Silver: Forces of Labor, S. 168– 181. 18 Die Phase des Aufbruchs gegenüber der Regulation der asymmetrischen Arbeitsbeziehungen begann in Dänemark schon mit den Aufständen gegen die deutsche Besatzung, die im Spätsommer 1943 und 1944 entscheidend durch Arbeitskämpfe geprägt waren. 1945 setzte sich dieser Zyklus nach der Befreiung fort, aber schon 1946 wurden die Proteste durch die Inkorporation in die offizielle, regierungsnahe und tariftreue Gewerkschaftspolitik zurückgedrängt, vgl. Hans Kirchhoff: Samarbejde og modstand under besættelsen: en politisk historie. Odense 2001; Knud Knudsen/Hanne Caspersen/Vagn Oluf Nielsen: Kampen for en bedre tilværelse. Arbejdernes historie i Danmark fra 1800-tallet til 1990. Kopenhagen 1991, S. 203–242. 19 Vgl. ausführlich: Siegfried Mielke: Die Neugründung der Gewerkschaften in den westlichen Besatzungszonen – 1945–1949, in: Hans-Otto Hemmer/Kurt Thomas Schmitz (Hg.): Geschichte der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 1990, S. 19–83.

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Regionen über. Dabei verband sich die Forderung nach einer Verbesserung der Versorgungslage sowie einer Umverteilung der vorhandenen Güter mit derjenigen nach grundlegenden Verschiebungen in der betrieblichen und kommunalen Machtstruktur. Erst mit der Zeit wurden die Forderungen nach Bestrafung der Naziverbrecher, einer „antifaschistischen“ Regierung, nach demokratischen Rechten und öffentlichen Gütern durch „reine“ Brotforderungen ersetzt. Der gegen die soziale Schieflage der Währungsreform gerichtete Generalstreik im November 1948, der bis heute größte einzelne Arbeitskampf in der westdeutschen Geschichte, erlaubte den eben erst auf der überregionalen Ebene gebildeten Gewerkschaften erstmals eine zusammenfassende Artikulation der sozialen Unzufriedenheit. Er schloss die Phase der ersten, wilden Arbeitskämpfe ab und markierte insofern einen ersten wichtigen Schritt zur Normalität regulierter und zentral verhandelter Arbeitsbeziehungen.20 In den frühen 1950er Jahren kam es dann nach und nach zu einer Regelung des Streikrechts, das anders als in anderen europäischen Ländern in der Bundesrepublik nicht in die Verfassung einging, sondern als „Richterrecht“ bis Ende des Jahrzehnts nach und nach definiert wurde. Ein Meilenstein dieser Tendenz war die Niederlage der Gewerkschaften im Kampf um das Betriebsverfassungsgesetz im Jahre 1952. Der Konflikt um die Regelungsinhalte dieses Gesetzes war zugleich ein Kampf um die öffentliche Meinung. Dabei ging es zunächst um die Frage, ob den Arbeitnehmern auch über die Montanindustrie hinaus das Recht zugestanden werden würde, die wirtschaftlichen Belange der Unternehmen zu beeinflussen. Darüber hinaus war ein großer Teil der in der Protestbewegung Aktiven damit unzufrieden, dass die kommenden Betriebsräte ausdrücklich nicht-gewerkschaftliche, im Sinne des „Betriebsfriedens“ vermittelnde Instanzen ohne eigenes Streikrecht werden sollten.21 Und schließlich wurde die Frage der Öffentlichkeit durch den Arbeitskampf auch direkt berührt. Denn zur Konfrontation, die die Gewerkschaften mit „der Politik“ eingingen, trug ein 48-stündiger Streik in den Tageszeitungen entscheidend bei. Während der Arbeitskampf dem Radio kurzzeitig das Monopol der Meinungsbildung bescherte, wurde von Unternehmern und Politikern der Vorwurf vorgebracht, die Industriegewerkschaft Druck und Papier (DRUPA) handele „putschistisch“, zerstöre die „demokratische Öffentlichkeit“ und strebe einen „Gewerkschaftsstaat“ an. Während die DRUPA mit Schadensersatzklagen überzogen wurde, deren Erfolg dazu beitrug, dass die kleine Gewerkschaft in den fast zwanzig Jahren darauf zu den rhetorisch schärfsten, tatsächlich aber nur unter großen Vorbehalten streikbereiten Ver20 Vgl. Gerhard Beier: Der Demonstrations- und Generalstreik vom 12. November 1948. Frankfurt am Main/Köln 1975. 21 Vgl. auch zu weiterführender Literatur Birke: Wilde Streiks, S. 47–55.

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bänden innerhalb des DGB zählte, illegalisierte das Bundesarbeitsgericht den politischen Streik später unter anderem mit dem Argument des Eingriffs in die bürgerliche Öffentlichkeit während des „Zeitungsstreiks“.22 In der transnationalen Forschung wird die Bedeutung der medialen Aufarbeitung des Arbeitskampfes an einer Schnittstelle der bundesdeutschen Gewerkschaftsgeschichte betont: Fortan herrschte im Westen Deutschlands ein entpolitisiertes Streikrecht.23 Mitte des Jahrzehnts wurde diese Tendenz zur Entpolitisierung durch die Konzeption der „offensiven Lohnpolitik“ eines Viktor Agartz bestätigt, zugleich aber umgangen: Agartz Botschaft war, dass Löhne politisch umkämpfte Fragen seien. Mithilfe der Tarifrunden, so die Hoffnung, könnten somit nicht nur die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, sondern auch die Machtverhältnisse als Ganzes zugunsten der Arbeitnehmer verschoben werden. Dennoch trug die durch den Angriff der DRUPA auf das Allerheiligste der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgelöste Gegenreaktion alles in allem zum Verdrängen der Arbeitskämpfe aus der medialen Sphäre bei. Für die Gewerkschaften war dies nicht unproblematisch. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts begannen sie mit einer gezielten und sporadisch durch lokale Kampagnen begleiteten Sichtbarmachung der diskret gewordenen Arbeitskämpfe. Das erste Beispiel war die strategisch konzipierte Tarifrunde in der Metallverarbeitung Schleswig-Holsteins im Winter 1956/57.24 Die Forderung nach einer Gleichstellung zwischen Arbeitern und Angestellten wurde hier, begleitet von einer zentral organisierten Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit, als „exemplarisch“ verstanden und insofern zwar nicht explizit, aber doch unüberhörbar mit der Forderung nach gesetzlichen Verbesserungen verbunden. Gleichzeitig wurde der Versuch unternommen, die Zeitschrift „Metall“ als mit Abstand größte Gewerkschaftszeitung zu einem „Gegengewicht“ zur Boulevardpresse auszubauen und auch insofern stärker in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu sein.25 Und schließlich sollte der Lokalisierung des Streiks und dem tendenziellen Kontrollverlust der Gewerkschaften durch eine betriebsnahe Tarifpolitik entgegen gewirkt werden, die unter anderem stark auf 22 Xenia Rajewsky: Arbeitskampfrecht in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main 1970, S. 63. 23 Kittner, Arbeitskämpfe, S. 648f., ignoriert allerdings, dass bis Ende des Jahrzehnts sowohl lokal als auch überregional große politische Arbeitskämpfe stattfanden. Protestiert wurde etwa gegen einen Angriff auf die Montanmitbestimmung im Jahre 1955 oder gegen die von Adenauer annoncierte Atombewaffnung der Bundeswehr im Jahre 1958, und beide Male beteiligten sich Hunderttausende an Streiks und Aktionen. 24 Zu deren Äußerungsformen siehe detailliert Irene Dittrich/Wifried Kalk: „Wir wollen nicht länger Menschen zweiter Klasse sein“; der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein 1956/57, in: Demokratische Geschichte, Jahrbuch X, Kiel 1996, S. 351–391. 25 Zur Geschichte der „Metall“ vgl. Maria Kniesburges: Die Funktion der Gewerkschaftspresse im Rahmen innergewerkschaftlicher Diskussion und Willensbildung: am Beispiel der IG Metall-Mitgliederzeitung Metall. Göttingen 1984.

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eine Veröffentlichung der betrieblichen Konflikte abzielte, zunächst jedoch sporadisch und in der Fläche verhältnismäßig unwirksam blieb.26 2.2 Öffentlichkeit und Arbeitskämpfe im Dänemark der 1950er Jahre Nachdem die Jahre 1946 und 1947 in Dänemark zwar nicht mehr durch die Nachwehen der Aufstände seit 1943 geprägt waren, aber dennoch einige zugespitzte Tarifkonflikte stattfanden, ging das offiziell erfasste Ausmaß der Arbeitskämpfe um 1950 stark zurück. In den ersten drei Jahren der 1950er Jahren erreichte die Zahl der durch Danmarks Statistik erfassten „Ausfalltage durch Streiks“ nur noch weniger als ein Zehntel der in den ersten Nachkriegsjahren erfassten Summe. Neben der erfolgreichen Integration der Gewerkschaften in Spitzenverhandlungen mit Unternehmern und Regierung spielte dabei auch die ökonomische Situation eine Rolle. Die Erwerbslosigkeit war nach wie vor hoch, und Dänemark lag ganz am Ende der westeuropäischen Rangliste des Wirtschaftswachstums. Vor allem die Exportindustrie und damit die Hochburg der „konfliktorientierten“ Gewerkschaftsopposition blieb noch bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre in der Krise.27 Doch bereits 1953/54 zeigte sich, dass die ökonomische Konjunktur zwar die mehr oder weni-ger große Verhandlungsmacht der Beschäftigten prägt, sich mit der „Konjunktur des Streiks“ aber keinesfalls deckt. Bereits im Laufe des Jahres 1953 war es immer wieder zu „wilden“, d.h. nach dem dänischen Arbeitsrecht illegalisierten und offiziell nicht von den Gewerkschaften anerkannten Arbeitsniederlegungen gekommen. Auffällig waren hier insbesondere Konflikte in den noch wenigen Inseln der modernen Massenproduktion, das heißt in einer Handvoll hochgradig rationalisierter Betriebe, die sich tayloristischer Managementmethoden bedienten, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Aufgrund der Einbeziehung der Gewerkschaftsspitzen in die Konzeptionalisierung der ökonomischen Politik der Sozialdemokratischen Partei artikulierte sich in diesen Streiks zugleich der Protest gegen die Produktionslinie, eine programmatische Setzung, in der sich die institutionelle Arbeiterbewegung zur Modernisierung der Arbeitstechnik und der Arbeitsformen nach US-Vorbild bekannte und die eine ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums für eine gewisse Zeit befürwortete, weil dadurch die Produktivität gesteigert werden könne.28 Die Proteste thematisierten, ohne ein dezidiertes Gegenmodell gegenüber der 26 Vgl. Birke: Wilde Streiks, S. 99, 110f. 27 Vgl. die Statistik in: Kurt Leihardt: Strejkestatistik – metodisk set, in: Sfah (Hg.): Årbog for arbejderbevægelsens historie. Kopenhagen 1979, S. 125–162. 28 Zur Kritik dieser Setzungen im Zusammenhang mit der dänischen Geschichte der 1950er Jahre vgl. Nils Ole Finnemann: I Broderskabets Aand. Den socialdemokratiske arbejderbevægelses idéhistorie, 1871–1971. Kopenhagen 1985.

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sozialdemokratischen Idee des „Fortschritts“ zu bieten, die Zunahme des Arbeitsdrucks, die Beschneidung der Kommunikation im Arbeitsprozess und nicht zuletzt die angesichts der fortwährenden Massenerwerbslosigkeit noch immer bestehenden Befürchtungen, „wegrationalisiert“ zu werden.29 Es waren solche Konflikte, die im wilden Streik bei der Firma Philips auf der Insel Amager vor Kopenhagen im Herbst 1954 ans Tageslicht gebracht wurden. Mit einer Dauer von fünf Wochen war dieser Ausstand im Vergleich zu den sonstigen Rationalisierungskonflikten ausgesprochen lang. Er löste eine breite Solidarisierung aus und wurde in der Presse der Hauptstadt und in der Provinz stark beachtet.30 Entscheidend war nicht allein die Resonanz, die die Streikforderungen in anderen Betrieben hervorriefen, sondern der Unwille des multinationalen Arbeitgebers zu Kompromissen und die (allerdings in der Presselandschaft insgesamt randständige) Pressearbeit der in Dänemark im Gegensatz zur Bundesrepublik nicht unter Verfolgungsdruck stehenden Kommunistischen Partei. Für die Performanz der Streikenden und die Rezeption des Streiks erwiesen sich vor allem der Charakter der Produktion sowie der Produkte als entscheidend. Die Lampen-, Radio- und Fernsehgerätefabrik war eine der oben erwähnten Inseln der modernen Produktion und der entsprechenden Sozialtechniken. Ihre Produkte repräsentierten die kapitalistische Moderne, wurden zum Projektionsfeld der mit ihnen verknüpften Hoffnungen und Befürchtungen. Der Fernseher war zu einem Zeitpunkt, als er de facto noch in kaum einem Haushalt zu finden war, das Objekt, an dem die Entwicklung der nationalen Konsumindustrie gemessen wurde: Philips war eine „Traumfabrik“, deren Form und Inhalt sich nach Auffassung aller entscheidenden Kräfte der dänischen Arbeitspolitik, Arbeitgebern wie Gewerkschaften, Sozialdemokraten wie „Bürgerlichen“, nach und nach über die gesamte dänische Arbeitswelt verbreiten würde. So ähnelte die Beschäftigtenstruktur bei Philips bereits der später in der Massenfertigung üblichen: Von den ungefähr 500 in der Produktion Beschäftigten waren 275 ungelernte Frauen, 142 ungelernte Männer und 42 Facharbeiter.31 Angesichts der überall in Westeuropa wachsenden Nachfrage nach Elektrogeräten war die Zweigstelle des multinationalen Konzerns in den frühen 1950er Jahren schneller expandiert als andere Betriebe. Die Fluktuation innerhalb der 29 Zu diesen Streiks siehe auch: Marianne Rostgård: Det danske socialdemokrati efter 1945, speciale. Kopenhagen 1979, S. 22–43. 30 Über den Philipsstreik existiert in der dänischen Historiographie eine ähnlich breite Palette an Literatur wie über den Ford-Streik von 1973 in der Bundesrepublik. Siehe unter anderem: Klaus Erik Hamann Hansen: »Philipsstrejken. En komperativ analyse af socialdemokratiets og DKP’s faglige politik i 1950´erne med udgangspunkt i en strejke«, Kopenhagen 1995. Zeitgenössisch bereits: Svend Loft/Jørgen Høj: Philipsstrejken 1954, Kopenhagen 1954. 31 Vgl. Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv/Bestand Dansk Metalarbejderforbund, Nr. 853, 379: Streikbericht.

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wachsenden Belegschaft war sehr hoch, der betrieblichen Gewerkschaftsarbeit fehlte deshalb die Kontinuität.32 Die Management-Strategien machten sich durch gezielte Verunsicherung und ständig revidierte Zeitstudien bemerkbar.33 Am 21. September 1954 bekam ein in der Endbearbeitung von Fernsehapparaten beschäftigter Kollege die Anweisung, statt 11 zukünftig 16 Apparate pro Schicht fertig zu machen, während die durchschnittliche Arbeitsleistung bei neun Geräten lag. Nachdem er erklärt hatte, dass er lieber eine andere Arbeit zugewiesen bekäme, wurde er mit sofortiger Wirkung entlassen.34 Daraufhin solidarisierten sich fünf weitere Beschäftigte und traten in einen unbefristeten Streik. Am folgenden Tag legten alle in der Produktion Beschäftigten die Arbeit nieder und forderten die Wiedereinstellung des Entlassenen. Die Streikenden bildeten einen Sprecherrat, und die noch während des Streikes entstandenen Solidaritäts-Netzwerke starteten eine überaus erfolgreiche Spendenkampagne, die die Kosten des illegalisierten Arbeitskampfes trug.35 Zu Beginn traf der wilde Streik auf Verständnis, auch in der sozialdemokratischen und sogar Teilen der bürgerlichen Presse. Bis Ende Oktober 1954 änderten jedoch Gewerkschaften und Sozialdemokratie nach und nach ihren Kurs und begannen, vor „kommunistischen Provokationen“ zu warnen. Schließlich denunzierten sie die Netzwerke offen als „von den Kommunisten gesteuert“, ein Argument, das vor allem dazu diente, der Verselbstständigung und Diffusion des Streiks Einhalt zu gebieten.36 Das Arbeitsgericht verurteilte den Arbeitskampf schließlich als „tarifwidrig“, verhängte kurz darauf hohe Geldstrafen gegen die Streikenden und (relativ geringfügige) gegen ihre Verbände. Der Dachverband der dänischen Gewerkschaften akzeptierte die Beschäftigung von Streikbrechern, woraufhin der Betrieb mit (nur) 30 Beschäftigten einen Teil der Arbeit wieder aufnahm. Schließlich setzten die Arbeitgeber die Streikenden auf eine „schwarze Liste“, und beim Werk wurde Polizei stationiert. Dass am 23. Oktober 1954 in Kopenhagen Zehntausende in einen Solidaritätsstreik traten, zeigte, dass die öffentliche Sichtbarkeit des Streiks ein eigenes, nicht einfach zu regulierendes Gewicht behielt. So kam es zu einer Vereinbarung, die die Wiedereinstellung aller Beschäftigten und die Überprüfung der Entlassung des Kollegen vorsah. Noch viele Jahre später galt der überwiegend von Arbeiterinnen getragene „Philipsstreik“ als „Wendepunkt der dänischen Streikgeschichte“. Hans-Jørgen Nielsen schrieb in seinem Amager-Roman Fodboldengelen, dass sich damals „erstmals Leute fanden, die sich gegen die neuen Methoden (der tayloristisch 32 Hansen: Philipsstrejken, S. 2. 33 Vgl. Knudsen u.a.: Kampen, S. 247. 34 In Dänemark existierte im Gegensatz zur Bundesrepublik bis Ende der 1950er Jahre weder ein gesetzlicher noch ein tarifvertraglicher Kündigungsschutz. 35 Rostgård: Socialdemokrati, S. 31. 36 Hansen: Philipsstrejken, S. 4.

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inspirierten Menschenführung) auflehnten“37. Dass andere wilde Streiks in jener Zeit nicht dieselbe Beachtung fanden, hatte damit zu tun, dass die Fernseher produzierende Zukunftsindustrie Anschlussflächen für eine Art Anti-Werbung bot: Die Frage, unter welchen Bedingungen die begehrenswerten modernen Produkte entstehen, ist seitdem ein beliebtes Motiv der Streikagitation geblieben. Zugleich markierte der Philipsstreik den Beginn eines kurzen, neuen Zyklus der Arbeitskämpfe in einem auch in der dänischen Historiographie oft als „bleiern“ gefassten Jahrzehnt: 1956 kamen die Gewerkschaften in der zentralen Tarifrunde der Industrie noch einmal auf die Forderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück. Neben einer Arbeitszeitverkürzung von 48 auf 44 Stunden in der Woche bei vollem Lohnausgleich forderten sie eine Lohnfortzahlung im Krankheits- und Unglücksfall. Da der Arbeitgeberverband eine Nullrunde verlangte, begann im März ein legaler Streik, zunächst in Form von „Nadelstichen“ in strategisch wichtigen Bereichen wie der Mineralölindustrie oder der Schifffahrt, während die Buchdrucker kurze Zeit später die bürgerlichen Tageszeitungen bestreikten.38 Wie 1952 in Westdeutschland, löste diese Maßnahme auch 1956 in Dänemark scharfe Proteste der bürgerlichen Parteien aus, zumal die Streikenden das Erscheinen der linken Tageszeitungen nicht ebenfalls unterbanden. Als die Gewerkschaften im Verlauf des Arbeitskampfes zudem mit dem Boykott der Benzinlieferungen drohten, war das Maß voll: Überall sprach man von der Drohung eines „Gewerkschaftsstaates“, in dem die linken Vorsitzenden einiger Einzelgewerkschaften (vor allem des Verbandes der ungelernten Arbeiter) die Macht übernehmen würden. Der dänische Massenstreik von 1956 ist ein Beispiel dafür, wie Anti-StreikAgitation einerseits zu einer Verschärfung der Arbeitskämpfe beitragen konnte, andererseits die Nutzung neuer Medien kurzzeitig überraschende Perspektiven der Diffusion von Arbeitskämpfen eröffnete. Angesichts des Zeitungsstreiks verlangten die nicht-sozialistischen Parteien im Parlament, der „Manipulation der Öffentlichkeit durch die Gewerkschaften“ ein Ende zu setzen, indem ihnen regelmäßig Zeit zugestanden würde, Erklärungen über das staatliche Radio (DR, Danmarks Radio) zu verbreiten. Angesichts dessen, dass das Fernsehen 1956 in Dänemark lediglich die Zukunft, das Radio aber die Massenkommunikation der Gegenwart verkörperte, war dies ein nahe liegender Schritt: Bei einer Einwohnerzahl von rund fünf Millionen standen 30.000 TV-Geräten Mitte der 1950er Jahre 1,2 Millionen Radioapparate gegenüber.39 DR weigerte sich nicht, der Forderung nach täglicher Sendezeit nachzukommen, bestand aber darauf, 37 Hans-Jørgen Nielsen: Fodboldengelen. Kopenhagen 1979, S. 16. 38 Für das Folgende s. Knud Knudsen: Arbejdskonflikternes historie i Danmark. Arbejdskampe og arbejderbevægelse, 1870–1940: Kopenhagen 1999, S. 323. 39 Vgl. Birke: Wilde Streiks, S. 86.

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dies allen politischen Parteien zu ermöglichen. Die DKP (Dänische Kommunistische Partei), die als einzige parlamentarisch vertretene Gruppierung den Streik unterstützte, setzte das Staatsradio zur Streikagitation ein und konnte so ihre öffentliche Resonanz vervielfachen: Die Auflage von Land og Folk, der DKPTageszeitung, betrug damals kaum mehr als 15.000 Exemplare. Allerdings ist die öffentliche Wirkung dieses momentanen Zugangs zu den Mainstream-Medien nicht gleichzusetzen mit jener Umkehrung des Verhältnisses zwischen Sender und Empfänger, von der Tretčjakov oder Brecht in ihren Radio-Theorien träumten; die DKP-Führung nutzte ihre Stimmen-Macht eher zur Kontrolle des Streiks: Nachdem die Resultate der Schlichtung, die wiederum keine entscheidende Arbeitszeitverkürzung vorsahen, von den Arbeitenden in der Urabstimmung abgelehnt worden waren, verbot die sozialdemokratisch geführte Regierung den Streik und setzte das Ergebnis der Schlichtung per Gesetz ein.40 Noch für denselben Tag riefen die Vertrauensleute der Großwerft B&W in Kopenhagen zu Protesten vor dem Regierungssitz auf. Die tägliche Radiosendung half bei der Mobilisierung, und es kam zur bis dahin größten politischen Demonstration der dänischen Geschichte mit mehr als 200.000 Teilnehmenden. Doch noch am selben Tag nutzte die DKP die Radiosendung dazu, eine drohende weitere Eskalation zu unterbinden. Auf der Demonstration forderte ihr Vorsitzender Aksel Larsen, „den Beschluss der Vertrauensleute abzuwarten, die in der heutigen Situation der Generalstab sind“.41 Hier setzte sich nach heftigen Konflikten unter den über 800 Teilnehmenden die Haltung durch, die Arbeit wieder aufzunehmen. Diese Botschaft wurde im Anschluss an das Treffen von den DKP-Beauftragten im Radio verbreitet. Die große Mehrheit der Beschäftigten streikte auch noch am Samstag, ging aber wie vorgeschlagen am Montag wieder zur Arbeit. Einzelne Branchen oder Betriebe führten den Protest weiter, mussten aber aufgeben, als sie durch das Arbeitsgericht zu Geldstrafen in Rekordhöhe verurteilt wurden. Der Massenstreik des Jahres 1956 prägte die dänischen Arbeitsbeziehungen der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Der Boom ermöglichte den Ausbau des Wohlfahrtsstaates, gleichzeitig wurden viele der „Nachkriegsforderungen“ der dänischen Arbeiterbewegung bis Ende des Jahrzehnts nach und nach in Tarifverträgen eingelöst. Im Blick auf die Nutzung der Öffentlichkeit durch die Streikenden kann für die Arbeitskämpfe zwischen 1954 und 1956 gesagt werden, dass ihr spektakulärer Charakter eine landesweite Medienresonanz auslöste. Allerdings hatten die Streikenden keine eigene Stimme, weil ihre Netzwerke in 40 Bis heute ist in Dänemark ein solches Eingreifen möglich und üblich: Die Regierung setzt den Tarifvertrag per Gesetz ein, wodurch weitere Streiks als tarifwidrig gelten. In der Bundesrepublik verzichtete man nach den Erfahrungen mit der Zwangsschlichtung zur Zeit der Weimarer Republik auf diese Möglichkeit. 41 Zit. nach Knudsen: Arbejdskonflikternes historie, S. 325, auch im Folgenden.

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den 1950er Jahren noch nicht in der Lage waren, längerfristig eine eigenständige Öffentlichkeitspolitik zu definieren. Die von Aksel Larsen 1956 geprägte und seitdem in die dänische Arbeitergeschichte eingegangene Bezeichnung Situationens Generalstab verbildlicht dies, und in der Tat waren die Entscheidungsträger, die das Ende und die Resultate des Arbeitskampfes letztlich definierten, die Repräsentanten der Linksparteien. Die legale Existenz der DKP (und später, wenn auch im Rahmen der Arbeiterpolitik nur in eingeschränktem Maße, der Sozialistischen Volkspartei) war hierfür auch nach 1956 eine Voraussetzung, die das dänische und das bundesdeutsche Beispiel unterscheiden. Die Unterstützung, die die DKP der Sowjetunion bei der blutigen Zerschlagung des Aufstands in Ungarn zukommen ließ, denunzierte sie in der dänischen Öffentlichkeit nur wenige Monate nach dem Ende des Streiks. Die Auflage der DKP-Tageszeitung Land og Folk ging noch weiter in den Keller. Die hierarchisch strukturierte Gegenöffentlichkeit, die die Kommunisten während des Streiks erstaunlich erfolgreich entwickelt hatten, fiel in kurzer Zeit in sich zusammen.

3. Schweigen und Sprechen: Arbeitskämpfe in den 1960er Jahren In den 1960er Jahren wurden die Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung der Arbeitsbeziehungen und der Streikgeschichte in beiden Ländern relativiert. Der ökonomische Boom und die damit einhergehende Verhandlungsmacht der Beschäftigten schufen zunächst sowohl in Dänemark als auch in der Bundesrepublik eine starke Tendenz zum latenten Arbeitskonflikt, der kaum auf der Oberfläche der bürgerlichen Öffentlichkeit erschien. Nach einer leichten Rezession, die vor allem die Bundesrepublik 1966/67 betraf, kam es seit 1968 schließlich in beiden Ländern zu einer raschen und tief greifenden „Veröffentlichung“ der Arbeitskämpfe. 3.1 Öffentlichkeit und Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik der 1960er Jahre In den „goldenen Zeiten“ wurde Schweigen zunehmend zur Tugend, zumal in einem Staat, in dem Arbeitskämpfe, wenn sie öffentlich bekannt wurden, von Arbeitgebern, Presse und Politik meist mit „der Infiltration aus dem Osten“ erklärt wurden. Gleichzeitig konnten die Arbeitenden in der Bundesrepublik angesichts des Arbeitskräftemangels, der nach dem Bau der Mauer ausgeprägter als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern war, wesentliche Verbesserungen sozusagen „im Schlaf “ erreichen. Die Form, die die „diskreten“ lokalen Streiks annahmen, schildert ein Zeitzeuge, der seit den späten 1950er Jahren in

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den modernen Automobilwerken von Volkswagen in Wolfsburg und Hannover beschäftigt war: „Irgendwann jedenfalls haben wir gesagt: „Jetzt ist Schluß“, und haben uns in die Wagen gesetzt. Wir haben gesagt: „Wir wollen einen Zuschuß zum Fahrgeld haben, und wenn wir das nicht bekommen, bleiben wir hier sitzen“. Die Werksleitung hat daraufhin große Lautsprecher aufgestellt. Es wurde gesagt: „Liebe Mitarbeiter, überlegen Sie doch einmal und arbeiten Sie weiter!“ Man solle doch weiterverhandeln. Wir haben uns einfach in die Karossen gesetzt und haben geschlafen. Wir wollten solange weiterschlafen, bis die Verhandlungen zu Ende sind. Es ging dann auch sehr schnell; wir haben das Geld gekriegt und weitergearbeitet.“42

Das Zitat, das hier lediglich eine These illustrieren soll, die ich an anderer Stelle ausführlich entwickelt habe,43 wird durch die quantitative Entwicklung der Arbeitskämpfe bestätigt. Zwischen 1953 und 1960 stieg der Anteil der meist lokalen, nicht von den Gewerkschaften organisierten Streiks in der Bundesrepublik an den gesamten Fällen von rund 40 auf 60 Prozent.44 Zwischen 1960 und 1969 kann eine weitere Steigerung auf über 90 Prozent nachgewiesen werden. Gleichzeitig wurden die Arbeitskämpfe immer kürzer, was bis zur Rezession von 1966/67 als Zeichen ihrer Effektivität bei der Durchsetzung zusätzlicher, übertariflicher Löhne und besserer Arbeitsbedingungen angesehen werden kann: In der Kategorie „Ausfalltage pro Fall“ wurde ein Sinken von durchschnittlich 2.978 (1953–1956) auf 435 (1961–1964) verzeichnet. Nach 1960 entwickelten sich die zunehmend zentralisierte Tarifpolitik, die bis auf wenige Ausnahmen wie anlässlich des Metallarbeiterstreiks von 196345 auf dem Verhandlungswege Verbesserungen erreichte, sowie die lokale Gestaltung der Arbeitsbeziehungen immer weiter auseinander. Wie bereits erwähnt, versuchten die IG Metall, aber auch andere Gewerkschaften wie etwa die IG Chemie, mit einer betriebsnahen Tarifpolitik auf diese Entwicklung zu reagieren.46 Gleichzeitig wurde die Forderung nach einer Regulierung der Ökonomie in dreiseitigen Verhandlungen zwischen Staat, Unternehmern und Gewerkschaften nach dem „skandinavischen Modell“ immer stärker, eine Forderung, der sich Ludwig Erhard sowohl als Wirtschafts42 Vgl. Reinhard Doleschal/Rainer Dombrois (Hg.): Wohin läuft VW? Die Automobilproduktion in der Wirtschaftskrise. Hamburg 1982, S. 59. 43 Birke: Wilde Streiks, S. 93–99, 106f., 158–190. 44 Hasso Spode/Heinrich Volkmann/Günther Morsch/Rainer Hudemann: Statistik der Arbeitskämpfe in Deutschland. St. Katarinen 1992, S. 395, eigene Berechnungen der Anteile der wilden Streiks. 45 Walther Müller-Jentsch: Streiks und Streikbewegungen in der Bundesrepublik, 1950–1978, in: Bergmann (Hg.): Beiträge zur Soziologie der Gewerkschaften. Frankfurt am Main 1979, S. 24f. Dieser Arbeitskampf brachte Hanns-Martin Schleyer für lange Zeit den Ruf des „Einpeitschers von Gesamtmetall“ ein. 46 Birke: Wilde Streiks, S. 122f., 158f.

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minister und dann als Kanzler allerdings weiterhin weitgehend verweigerte. Alles in allem kann die erste Hälfte der 1960er Jahre als Zeit der Lokalisierung der betrieblichen Konflikte verstanden werden. Dabei sorgten Kämpfe migrantischer Gruppen (Bergleute, Metallarbeiter) und niedrig entlohnter (heute würde man sagen: prekär beschäftigter) Frauen sporadisch für öffentliche Unruhe, zumal diese Gruppen manchmal gezwungen waren, länger zu streiken, um ihre Forderungen (wenn überhaupt) durchsetzen zu können.47 Mit dem Auseinanderfallen der lokalen Arbeitsbedingungen und der zentralen Regulierung der Arbeitsbeziehungen wuchsen die gewerkschaftlichen Organisierungsprobleme. Besonders bei den neu in die Betriebe kommenden jungen Kolleginnen und Kollegen und bei den eben erwähnten „untypischen“, prekär beschäftigten Gruppen ließ der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Laufe der 1960er Jahre rapide nach. Vor allem die IG Metall versuchte, dieser Tendenz mit neuen Methoden der Bildungs-, Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit entgegen zu wirken. So ist etwa die Organisierungskampagne bei Ford in Köln, die in der ersten Hälfte der 1960er Jahre methodisch vorbereitet und systematisch durchgeführt wurde, ein Beispiel für einen Versuch, durch eine Verbindung aktivistischer, konfliktorientierter Betriebspolitik (vermittelt durch die Stärkung der Vertrauensleutearbeit) mit modernen, quantitativen Methoden der Partizipation (Meinungsumfragen) sowie einer Mobilisierung über Betriebszeitungen die betrieblichen Konflikte zu veröffentlichen und zu politisieren.48 Doch erst nach 1965 begann diese Strategie mehr als nur punktuell Früchte zu tragen. Die leichte Rezession der Jahre 1966/67 bewirkte unter anderem, dass die Unternehmer begannen, die übertariflichen Leistungen zu demontieren, die in den Jahren zuvor teils ausgehandelt, teils erstreikt, aber nie rechtsverbindlich vereinbart worden waren. In der ersten Phase der Rezession betraf dies nur die Randbelegschaften, und die Betriebe entließen vor allem migrantische und weibliche Beschäftigte sowie Arbeitende in Krisenbranchen und -regionen. Doch bereits ein Proteststreik, den die Metallarbeiter in Stuttgart und Umge47 Birke: Wilde Streiks, S. 117–122. Dass in der historischen Dokumentation dieser Streiks die schwache „Gegenöffentlichkeit“ dieser Periode wichtig ist, zeigt sich daran, dass die unabhängig-linke Hamburger „Andere Zeitung“ eines der wenigen überregionalen Blätter war, die sich regelmäßig auch um die Dokumentation untypischer Arbeitskämpfe bemühten. Zu den migrantischen Kämpfen siehe neuerdings: Manuela Bojadzijev: Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration in der Bundesrepublik. Münster 2008. 48 Klaus Peter Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. Marburg 1994. Die Kampagne hinterließ sogar Spuren in der Belletristik, denn in ihrem Rahmen schrieb Günther Wallraff seine erste „Industriereportage“. Dabei blieb, wie Wittemann sehr eindrücklich darstellt, eine Spannung in der Verbindung zwischen Aktivierung und eher instrumentell gedachter „Mobilisierung“ stets erhalten und wirkte sich in einer Reihe betrieblicher und innergewerkschaftlicher Konflikte aus.

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bung gegen die von der Bild-Zeitung kolportierte Schlagzeile „Ausländer sind fleißiger als Deutsche“ Anfang April 1966 spontan durchführten, zeigte, dass die Phase der großzügigen Zugeständnisse bald auch für die männlichen Facharbeiter zu Ende sein würde, die sich bis dahin mit gutem Grund für unverzichtbar halten konnten.49 Kurz darauf durchbrach eine Welle lokaler Streiks das Muster der diskreten Kämpfe, wobei hier die erfolgreichen Bemühungen der IG Metall um eine Veröffentlichung gut dokumentiert werden können. Die Metallgewerkschaft versuchte nämlich mit zwei Weißbüchern so etwas wie eine „Kartierung“ dieser Konflikte.50 Die Dokumentation schloss an eine massive Zunahme wilder Streiks an, die durch ein breites Spektrum von Beschwerden – vom Verbot, die Toilette zu besuchen, bis hin zu Konflikten um Akkordsätze – ausgelöst wurden. Die IG Metall appellierte mit der Weißbuch-Kampagne an die Beschäftigten, diese Konflikte zunächst zu dokumentieren und gegen von ihr als willkürlich bezeichnete Verschlechterungen anzugehen, mit der längerfristigen Perspektive einer Tarifierung und „fairen Behandlung“. Wie wenig die größte Gewerkschaft der Bundesrepublik, in deren Organisationsbereich zu diesem Zeitpunkt etwa 80 Prozent der registrierten wilden Streiks stattfanden, über die betriebliche Situation wusste, zeigt sich daran, dass sie nach eigener Aussage in zwei Drittel der Fälle den Auslöser der Arbeitskämpfe nicht genau bestimmen konnte.51 Im Vergleich zwischen erstem und zweitem Weißbuch wird deutlich, dass die Strategie fruchtete: Das Wissen über die betriebliche Situation war dank der Kampagne deutlich angewachsen. Schließlich taten die Metallunternehmer der Gewerkschaft den Gefallen, mit einer Gegenpublikation namens Moment zu reagieren, die die öffentliche Debatte über die Situation in den Betrieben weiter förderte. Dass es gleichwohl nicht zu einer Eindämmung der lokalen wilden Streiks und eine Überführung in die geregelten Bahnen der Tarifpolitik kam, lag wesentlich an zwei Umständen: Die Gewerkschaften (auch die IG Metall) ließen sich erstens nicht nur auf die Verhandlungen in der Konzertierten Aktion, sondern auch auf die dort vereinbarte Vorgabe der Lohnzurückhaltung ein, und zweitens lenkte die Kampagne gegen die Notstandsgesetze sowie deren Zuspitzung im 49 Zu dieser Aktion, die sich sowohl gegen den Arbeitgeberverband (mit Schleyer an der Spitze), die Bild-Zeitung als auch partiell gegen die migrantischen Kollegen richtete und der die IG Metall mit einer kurzen antirassistischen Kampagne begegnete, vgl.: Karen Schönwälder: Einwanderung und ethnische Pluralität: Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren. Essen 2001. 50 IG Metall (Hauptvorstand): Erstes Weißbuch zur Unternehmermoral sowie Zweites Weißbuch zur Unternehmermoral. Frankfurt am Main 1967. 51 IG Metall (Hauptvorstand): Geschäftsbericht 1965–1967. Frankfurt am Main 1968, S. 132f.

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Mai 1968 die betriebliche und öffentliche Aufmerksamkeit auf andere Fragen. Mit den Protesten gegen die Verabschiedung der Gesetze war eine gegen den Willen des DGB und der IG Metall durchgeführte Agitation der Außerparlamentarischen Opposition (APO) für politische Streiks verbunden.52 Obwohl diese Streiks insofern bemerkenswert waren, als sie eine Tradition der späten 1950er Jahre aufnahmen, kamen sie in ihrem Ausmaß nie an die Proteste gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr heran. Gleichzeitig bedeutete der Rückzug der Gewerkschaften aus der Protestbewegung und ihre Distanzierung von studentisch geprägten Aktionen einen Bruch mit der in den 1960er Jahren entwickelten Zusammenarbeit zwischen IG Metall, IG Druck und Papier, IG Chemie auf der einen, APO und Sozialistischem Studentenbund (SDS) auf der anderen Seite. Diese Entscheidung trug dazu bei, dass die Gewerkschaften die mit der Einbeziehung der sozialistischen Studentenorganisation verbundenen kreativen Potentiale ausgerechnet im Schlüsseljahr 1968 abwiesen. Alles in allem gelang es den bundesdeutschen Gewerkschaften nicht, die Spannungen und Gegensätze zwischen lokalen und zentral regulierten Arbeitskonflikten zu reduzieren, zumal sie noch im Frühjahr 1968 Tarifverträge akzeptierten, die reale Lohneinbußen bedeuteten und nur wenige Monate später durch den nunmehr erneut massiv einsetzenden Boom ad absurdum geführt wurden. Im September 1969 führten die in der Folge der Konzertierten Aktion vereinbarten bescheidenen Lohnsteigerungen angesichts der schnellen Ausdehnung der Produktion zu einer Welle von Streiks in der Montanindustrie an der Ruhr und im Saarland, im Bergbau, der Metall- und Textilindustrie und zuletzt im öffentlichen Dienst. Die Diffusion dieser Arbeitskämpfe erfolgte angesichts der Einbindung der Gewerkschaften in die „konzertierte“ ökonomische Planung spontan, ohne organisierte Steuerung und Vernetzung. Besonders in der Verbreitung der Streiks vom Ausgangspunkt des Ruhrgebiets in das Saarland und (beispielsweise) nach Oberbayern spielte die umfangreiche Berichterstattung der Tagespresse53, aber auch das Radiohören eine erheblich wichtigere Rolle als die Veröffentlichungen der IG Metall oder der Streikenden selbst.54 Dennoch waren die Septemberstreiks für die konfliktorientierte Politik innerhalb der Gewerkschaften ein Durchbruch. Es folgte eine Phase der aktivistischen und 52 Umfassend siehe: Michael Schneider: Demokratie in Gefahr? Der Konflikt um die Notstandsgesetze. Bonn 1986. 53 Vgl. die Sammlung von Dokumenten in Eberhard Schmidt: Ordnungsfaktor oder Gegenmacht. Die politische Rolle der Gewerkschaften. Frankfurt am Main 1972, S. 214–341. Zu den Septemberstreiks (und zur umfangreichen Literatur über diese Bewegung) siehe auch: Birke: Wilde Streiks, S. 220–249. 54 Vgl. z.B. Dietmar Süß: Kumpel und Genossen. Arbeiterschaft, Betrieb und Sozialdemokratie in der bayrischen Montanindustrie 1945 bis 1976. München 2003, S. 231f., der über die Bedeutung des Radios in der Information und Nachahmung der Arbeitskämpfe im Ruhrgebiet berichtet.

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teils ebenso offensiven wie außerordentlich erfolgreichen Lohnpolitik, initiiert vor allem durch die IG Metall und die IG Chemie, später auch durch die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Das Interesse studentischer und in den sozialen Bewegungen engagierter Aktivisten trug zur Bekanntmachung der Streiks bei. Um 1970 hatte die lokale Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Allerdings blieb diese Publizität in der gesamten Phase von 1969 bis zu dem erneuten Beginn einer Welle von wilden Streiks im Jahre 1973 ambivalent: Erstens war die Berichterstattung über die Streiks durch die bürgerliche Presse in aller Regel voreingenommen. Die Mehrheit der Tageszeitungen berichtete über die Arbeitskämpfe wie über eine Krankheit, die kuriert werden müsse: „An der Ruhr wird wieder gearbeitet. Aber leider nur an der Ruhr. Das Gespenst der wilden Streiks, das die Deutsche Mark kaputtmachen kann, ist noch nicht gebannt. Wer ist schuld, dass die englische Krankheit plötzlich nach Deutschland übergriff ?“55

Der Stil der Bild-Zeitung fand sich, in einer etwas weniger plastischen Sprache, in anderen Zeitungen und Zeitschriften durchaus wieder. Die Unterstellung, dass die Arbeitskämpfe von wenigen Radikalen gesteuert worden seien, zog sich kontinuierlich durch die mediale Aufarbeitung von Arbeitskämpfen seit den frühen 1950er Jahren. Ein besonders extremes, aber auch besonders bekanntes Beispiel ist die Berichterstattung über einen wilden Streik bei Ford in Köln im August 1973, der von Express bis Bild-Zeitung, von ARD bis WDR zum „Türkenstreik“ gemacht wurde. Das Ereignis zog zwar eine einmalige bundesweite Aufmerksamkeit auf sich, diese verwandelte sich jedoch, wenn man den zeitgenössischen Meinungsumfragen Glauben schenken will, in Ablehnung. Die mit dem Arbeitskampf – der sich vor allem gegen die unmenschlichen Bedingungen und Zeittakte an den Fließ- und Montagebändern des Betriebes richtete – verknüpften Verschwörungstheorien („als Arbeiter verkleidete Kommunisten“) und Gewaltphantasien („Türken-Terror“) markierten den Höhepunkt und das Ende der Veröffentlichung der diskreten Streikgeschichte der „langen 1960er Jahre“.56 3.2 Öffentlichkeit und Arbeitskämpfe im Dänemark der 1960er Jahre Auch in Dänemark erschienen die Arbeitskämpfe um 1960 als Ausnahme. Ähnlich wie in der Bundesrepublik kam es kaum zu offiziellen, legalen Arbeitskämpfen. Der kurze Aufschwung der offiziellen Streiks im Jahre 1961 war ein Resultat der angesichts des Booms am Anfang des Jahrzehnts 1959/60 erhobenen

55 Bild-Zeitung, 9.9.1969, zit. nach Schmidt: Ordnungsfaktor, S. 299. 56 Vgl. ausführlich: Birke: Wilde Streiks, S. 296–305.

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Forderungen nach linearen Lohnerhöhungen.57 Der verstreute und untypische Charakter dieser Streiks, die vor allem durch Industriearbeiterinnen, aber auch bereits von Beschäftigten im öffentlichen Dienst geprägt wurden, veranlasste Gewerkschaften und Sozialdemokratie zu Strategien der Untersuchung, Aktivierung und Veröffentlichung, die denen der bundesdeutschen Gewerkschaften ähnelten. Allerdings kam es in Dänemark angesichts der Dominanz der Sozialdemokratischen Partei in der Regierung bereits 1963 zu weitaus mehr als einer Konzertierten Aktion: Als Reaktion auf die Unruhen der ersten Jahre des Jahrzehnts vereinbarten Arbeitsmarktparteien und Politik die Aussetzung der Tarifrunden und die Bewirtschaftung der Löhne und Preise. Das Modell zeigte sich zwar nur als begrenzt wirksam, galt jedoch gleichwohl in ganz Westeuropa als Modell einer erfolgreichen Abschaffung der Arbeitskonflikte. In Dänemark wurden die Arbeitskämpfe in der Folge, ähnlich wie zur gleichen Zeit in der Bundesrepublik, weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Ein wesentlicher Unterschied war, dass die Regulation der Arbeitsbeziehungen durch die zwischen 1953 und 1968 sozialdemokratisch geführte Regierung eine größere Bedeutung hatte als südlich von Flensburg. Nur die wenigen aus Protest gegen die Lohnregulierung aus dem Dachverband der dänischen Industriegewerkschaften ausgetretenen Verbände erlebten, wie der Brauereiarbeiterverband, heftige und teils mit Konflikten auf der Straße verbundene Arbeitskämpfe. Sie scheiterten jedoch bei dem Versuch, den durch die Konzertation vorgegebenen Lohnrahmen zu sprengen oder eine stärker egalitär ausgerichtete Lohnpolitik zu erreichen, vorläufig noch an ihrer Isolation innerhalb der dänischen Gewerkschaftsbewegung.58 Dass allerdings auch die Konzertation eine Form des Ins-Gespräch-Bringens von Arbeitsbeziehungen war, welche mit dem Risiko einer alternativen Sprechweise behaftet blieb, zeigt sich daran, dass der Bruch mit der dominanten latenten, lokalen Form der Arbeitskämpfe Ende der 1960er Jahre auch in Dänemark mit einer Auseinandersetzung über die Arbeitsmarktpolitik der Regierung verbunden war. Im Mai 1968, als die Studierenden auch in Dänemark begannen, die Institute zu besetzen und die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg ihren Höhepunkt erreichte, kam es zugleich zu einer größeren Protestaktion der Arbeitenden, weil sich die eben neu gewählte bürgerliche Regierung anschickte, Tarifverhandlungen in einigen Bereichen der Wirtschaft „direkt“ zu steuern und ihre Resultate definieren 57 Zu diesen Arbeitskämpfen gibt es in Dänemark so gut wie keine Literatur, siehe neuerdings die Zusammenfassung bei Peter Birke: Spontane Strejker i „gyldene tider“. Arbejdskampe i dansk industri i 1960'erne, in: Arbejderhistorie, 3. Kopenhagen, 2007, S. 64–81, hier: S. 68–72. 58 Vgl. Jørgen Assens/Anette Eklund Hansen/Bjarne Bo Jensen/Margaret Nielsen: De slukkede vores tørst – og gjorde livet lidt rødere: Bryggeriarbejdernes forbund, DBBMF 1898–1990. Kopenhagen 1993, S. 106–109.

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zu wollen. Die Begrenztheit der Proteste zeigte sich jedoch gerade an diesem Punkt. Anders als in Frankreich oder Italien und sogar anders als im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik ließen sich nur eine Handvoll Studierende und Jugendliche bei den Kopenhagener Arbeiterprotesten blicken, während die Rebellion am Psychologischen und Soziologischen Institut der Kopenhagener Universität und die sich entwickelnde neue Jugendbewegung den meisten Arbeitenden vorläufig fremd blieben. Der Mai 1968 stellte insofern in Dänemark nur den eingeschränkten Beginn in der Entwicklung von Kooperationen zwischen den Protesten der Arbeitenden und den neuen sozialen Bewegungen dar. Ganz ähnlich wie in der Bundesrepublik kam es dann im Herbst 1969 und Frühjahr 1970 auch in Dänemark zu einer Welle von wilden Streiks, die das Ende der einvernehmlichen Lösung von Arbeitskonflikten auf zentraler Ebene markierten. Auch in Dänemark spielten dabei Proteste gegen die mittlerweile in der Massenfertigung breit durchgesetzten tayloristischen Lohnsysteme (und damit eine Aktualisierung der Erfahrungen aus dem oben geschilderten Philipsstreik) sowie die Forderung nach linearen Lohnerhöhungen und damit auch die Kritik an der geschlechtsspezifischen Wertung der Arbeit in der Fabrik eine entscheidende Rolle. Mit dem „Eine-Krone-Streik“ im Februar 197059 begann eine Phase des Streikaufschwungs,60 ein in Nordeuropa einmaliger quantitativer Zuwachs der offenen Arbeitskämpfe. Gleichzeitig veränderte sich die Zusammensetzung der Streikenden: Die Randbelegschaften und Industriearbeiterinnen meldeten sich immer stärker zu Wort, und die Jahre nach 1970 waren der Ausgangspunkt der Wanderung der Arbeitskämpfe in den Dienstleistungsbereich und den öffentlichen Sektor.61 An diesem Punkt konnte die Gegenöffentlichkeit einsetzen, die die sozialen Bewegungen, die Jugend- und Studentenbewegung produzierten. Als besonders erfolgreich erwiesen sich in diesem Zusammenhang nach 1970 studentische „Rapporte“: Broschüren, die Untersuchungen über die Arbeitsbedingungen bestimmter Branchen veröffentlichten und zugleich das taylorisierte und gesund-

59 Vgl.: Margit Velsing Groth: Strejker i Danmark 1969–1972. Kopenhagen 1979. 60 Dies dokumentierte zeitnah: Helge Tetzschner: 1970’ernes strejkeopsving i Danmark, in: Sfah (Hg.), Årbog for arbejderbevægelsens historie. Kopenhagen 1979. 61 Ein Meilenstein dieser Geschichte waren die Maistreiks im Jahre 1974, politische Massenstreiks, die gegen die ökonomische Politik der seit einigen Monaten amtierenden bürgerlichen Regierung gerichtet waren und entscheidend zu deren Rücktritt Anfang 1975 beitrugen. Vgl. Birke, Peter, The Persistence of Labour Unrest: Strikes in Denmark, 1970–2005, in: van der Velden et al. (Hg.): Strikes, S. 222–243. Eine ausgezeichnete dichte Beschreibung der Arbeitskämpfe im öffentlichen Dienst der 1970er Jahre bietet: Flemming Mikkelsen: Radikalisieringen af de offentligt ansatte i Danmark. Kopenhagen 1994.

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heitsschädliche Arbeitsumfeld kritisierten.62 Stärker noch als in der Bundesrepublik trugen diese aktivistischen Untersuchungen in Dänemark zur Kritik an den „modernen“ Arbeitsbedingungen bei, unterstützten lokale Streiks und förderten die Selbstorganisierung bestimmter Arbeitergruppen. Im Umfeld dieser Rapporte und bei der Unterstützung einzelner wilder Streiks kam es schließlich zu nicht-gewerkschaftlichen und überbetrieblichen Organisierungsversuchen, die wiederum ihre eigene Veröffentlichungspolitik hervorbrachten und in das auch in Dänemark explodierende Spektrum der Alternativmedien der frühen 1970er einzuordnen sind. Als Höhepunkt dieser Bewegung kann die Unterstützung eines Arbeitskampfes von Porzellanmalerinnen („Porzellandamen“) gelten, in dessen Rahmen es zu umfangreichen Aktionen mit großer öffentlicher Wirkung kam; die Drucker der Tageszeitung Politiken gingen sogar soweit, eine Solidaritätsschallplatte einzuspielen, die es in die dänischen Charts schaffte.63 Wie im eingangs erwähnten Philipsstreik spielte im erfolgreich verlaufenen Kampf der „Porzellandamen“ das Element einer Anti-Werbung eine bedeutende Rolle. Es ging um eine Gruppe von Arbeitenden, die ein beliebtes und mit dem „goldenen Handwerk“ assoziiertes Produkt herstellten. Der Streik fand um Weihnachten herum statt, eine Zeit, in der bis in die 1980er Jahren in sehr vielen dänischen Haushalten Porzellanteller mit Weihnachts- und „romantischen“ dänischen Landschaftsmotiven begehrt waren. Die Aktivisten nutzten diese Mode, um, wie es in einem Flugblatt hieß, auf „die Rückseite der Weihnachtsteller“ aufmerksam zu machen oder um Porzellanteller zu produzieren, die für die Solidarität mit den Streikenden warben.

4. Schlussbemerkung Die 1968er, schreibt Gottfried Oy, „waren die erste soziale Bewegung die gezielt Massenmedien nutzte, auch weil sie nicht nur politische Ziele im engen Sinne, sondern auch kulturelle Werte, Lebensnormen und Verhaltensmuster öffentlichkeitswirksam thematisierte.“64 Wie verhielten sich die historischen Streikenden zu dieser auch in den Arbeitskämpfen wahrgenommenen Tendenz? Waren die

62 Zusammenfassend: Autorenkollektiv »FADL« (1978): Rapport om rapporter. Hvad sker der efter arbejdsmiljørapporters offentliggørelse? Kopenhagen/Århus/Odense 1978. Die Rapporte stellten zugleich den Zusammenhang zu der in den frühen 1970er Jahren wachsenden Ökologiebewegung her. 63 Vgl. hierzu u.a.: Erik Thygesen (1974) (Hg.): Erfaringer fra en arbejdskamp. Plattkonflikten på Det kongelige Porcelainsfabrik 1972/73. Kopenhagen. 64 Gottfried Oy: Öffentlichkeit und Subversion seit den „1968er Jahren“, Thesen zur Tagung „Alte Linke, neue Linke“. Hamburg 2008, Manuskript.

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Streiks überhaupt Teil dieser „1968er“? Kann die von Oy getroffene Aussage auch für sie gelten? Antworten auf diese Frage sind nur auf der Grundlage einer detaillierten Untersuchung zur Medialisierung des Streiks möglich. Auf Grundlage der vorliegenden Skizze können zumindest einige Thesen formuliert werden. Zunächst: Streiks und soziale Bewegungen sind nicht dasselbe. Arbeitskämpfe haben, entgegen der Vorstellungen, die sich mit ihnen häufig verknüpften, kein über eine längere Zeit stabiles Subjekt. Die Periode der Streikgeschichte, die hier vorgestellt wurde, zeigt das besonders deutlich, denn in den etwas mehr als zwanzig Jahren der „goldenen Zeit“ veränderten sich die tragenden Gruppen der Arbeitskämpfe massiv, und manchmal gerieten sie sogar in einen offenen Gegensatz zueinander. Die Geschichte der alternativen Öffentlichkeit, die von den Streiks produziert wurde, war insofern ebenso ephemer und brüchig wie die Arbeitskämpfe selbst. Die Art, sich an Arbeitskämpfe zu erinnern, ist bis heute eher die der „plötzlichen Aktualisierung“: ein „Bild, das vorbei huscht“, wie es Walter Benjamin in seiner fünften Geschichtsthese schrieb. Auch die Einflüsse, die sowohl in der Bundesrepublik als auch in Dänemark durch die Neue Linke und die auf die Versuche der Gewerkschaften begründet waren, die Verselbstständigung der Arbeitskämpfe einzudämmen, konnten nichts Grundlegendes an dieser fließenden Form der Bezugnahme ändern. Dabei ist schließlich auch die Erfahrung zu berücksichtigen, dass das „Sprechen“ in der allgemeinen Öffentlichkeit aus der Perspektive der Lohnarbeitenden nicht unbedingt eine Errungenschaft und das Interesse an einem Zugang zu den Massenmedien von daher begrenzt ist. Denn die Sprengkraft, die die Streiks der 1960er Jahre entfalteten, wurde gerade durch ihre Diskretion und Latenz gespeist, ihre Öffnung war hingegen der Beginn einer Erneuerung der Kontrolle und sogar einer „Urbarmachung“ der wild wachsenden Proteste. Dieses wurde zum Beispiel in staatlichen Programmen wie dem der „Humanisierung der Arbeit“ in der Bundesrepublik symbolisiert, die in den 1980er Jahren nach und nach in eine Form gebracht wurden, die sie zu Vorgängern neuer „schlanker“ Managementtaktiken machten. Die Resultate der Medialisierung der Streiks waren insofern ambivalent, das heißt umstritten.

Literatur Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv/Bestand Dansk Metalarbejderforbund, Nr. 853, 379: Streikbericht ASSENS, Jørgen/HANSEN, Anette Eklund/JENSEN, Bjarne Bo/NIELSEN, Margaret: De slukkede vores tørst – og gjorde livet lidt rødere: Bryggeriarbejdernes forbund, DBBMF 1898–1990. Kopenhagen 1993. AUTORENKOLLEKTIV »FADL«: Rapport om rapporter. Hvad sker der efter arbejdsmiljørapporters offentliggørelse? Kopenhagen/Århus/Odense 1978.

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Die Politik der Medien Der Aufstieg der Massenmedien und das politische System in Deutschland und Großbritannien um 1900 von Martin Kohlrausch

Im Jahr 2006 veröffentlichte der amerikanische Publizist Joe Klein unter dem Titel „Politics Lost“ eine fulminante und vielbeachtete Abrechnung mit einer durch die Massenmedien entkernten Politik, der jegliche Authentizität, Wahrhaftigkeit und damit auch Problemlösungskompetenz abhanden gekommen sei.1 Angesichts des bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampfes in den USA beschreibt Klein minutiös die zunehmende Sprachlosigkeit der Politiker angesichts der durch die Massenmedien weichgespülten Sphäre des Politischen. Klein steht damit in einer langen Linie pessimistischer Diskussionen, die das Politische – verstanden als staatliches Entscheidungshandeln – und die Massenmedien als antagonistisch betrachtet. Auch in Europa hat die kritische Auseinandersetzung mit Infotainment, Mediokratie und der insbesondere in Frankreich beklagten „Peopolisation“ erheblich zugenommen.2 Dabei wird ebenso die mediale Zurichtung der Politik selbst angeprangert wie die Übernahme ehemals vorrangig staatlich institutionalisierter politischer Aushandlungsprozesse durch die Medien – etwa im Aufstieg der politischen Talkshow auf Kosten der parlamentarischen Debattenkultur. Nun steht außer Frage, dass es sich hier keineswegs um gänzlich neue Phänomene handelt. Klagen über die Massenmedien sind so alt wie diese selbst.3 Allerdings spricht einiges dafür, dass sich in Phasen beschleunigter medialer Entwicklung auch die Befürchtungen über deren Auswirkung verstärken. In dieser Hinsicht erscheint es als besonders lohnend, das Verhältnis von Politik und Medien für die Formationsphase der Massenmedien in den Blick zu nehmen. Nicht 1 2

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Joe Klein: Politics Lost. How American Democracy was Trivialized by People who Think You’re Stupid. New York 2006. Vgl. stellvertretend für eine reichhaltige Literatur: Thomas Meyer: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem. Frankfurt am Main 2001; Andreas Dörner: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt am Main 2001; zur „Peopolisation“, d.h. zur Diskussion von Politik über das Privatleben herausragender Politiker, vgl. jetzt das Themenheft „Peopolisation“, Temps des Medias, 10, 2008; zur Bundesrepublik: Bernd Weisbrod: Die Politik der Öffentlichkeit – die Öffentlichkeit der Politik: Politische Medialisierung in der Geschichte der Bundesrepublik. Göttingen 2003. James Retallack: The German Right 1860–1920. Political Limits of the Authoritarian Imagination. Toronto 2006, S. 225ff.

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zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Veränderungen hat in Deutschland die Erforschung der Medienrevolution um 1900 derart kräftig Schwung aufgenommen, dass es kaum mehr nötig ist, deren Hintergründe und vorrangige Erscheinungsformen zu erläutern.4 Allerdings heißt dies nicht, dass die zugrunde liegenden Phänomene als gut erforscht gelten können. Zwar wissen wir heute wesentlich mehr über die technische Etablierung der Massenmedien, Lesegewohnheiten, die Verortung der Medien in der entstehenden Massenkultur und auch über einzelne Zeitungen und vor allem die Protagonisten – die Journalisten.5 Wesentlich wenigerer günstig stellt sich das Bild allerdings für die Wechselwirkungen zwischen medialer und politischer Entwicklung dar. Dies gilt zumindest, wenn zweierlei in Rechnung gestellt wird: Erstens die Zentralität der hiermit unmittelbar verbundenen Diskussionen um politische Mobilisierung, Parlamentarisierung und Demokratisierung für die politische Geschichte des Kaiserreichs. Zweitens die Notwendigkeit, diese Wechselwirkung als hochgradig komplexen Prozess zu beschreiben, in dem die Massenmedien als qualitativ neues Phänomen begriffen werden müssen. D.h. es reicht weder aus, bestimmte politische Fragen „im Spiegel der Presse“ zu beschreiben, noch den direkten Einfluss der Politik auf die Presse – im Sinne einer Pressepolitik – nachzuzeichnen. Eine solche Geschichte der Wechselwirkungen wird die Massenmedien als amorphe Entität begreifen müssen, deren Ränder nicht klar definiert sind, die durch intensive Interaktion unterschiedlicher Formate – Zeitungen, Zeitschriften, Pamphlete, Fotografien, Film – im „Medienverbund“ gekennzeichnet waren und deren Binnenstruktur sich fortlaufend und in äußerst dynamischer Weise wandelte.6 Vor allem aber muss mit einem stark erweiterten Politikbegriff operiert werden.7 4

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Vgl. hierzu: Andreas Schulz: Der Aufstieg der „vierten Gewalt“. Medien, Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter der Massenkommunikation, in: Historische Zeitschrift, 270, 2000, S. 65–97; Axel Schildt: Das Jahrhundert der Massenmedien. Ansichten zu einer künftigen Geschichte der Öffentlichkeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 27, 2001, S. 177–206; Jörg Requate: Öffentlichkeit und Medien als Gegenstände historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft, 25, 1999, S. 5–33. Neben der genannten Literatur vor allem: Peter Fritzsche: Reading. Berlin 1900. Cambridge Mass. 1996; Jörg Requate: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen 1995 und jetzt: Dominik Geppert: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912). München 2007; sowie Frank Bösch: Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880–1914. München 2009. Bernd Sösemann: Einführende Bemerkungen zur Erforschung der Geschichte der Medien und der öffentlichen Kommunikation in Preußen, in: ders. (Hg.): Kommunikation und Medien in Preußen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Stuttgart 2002, S. 9–21, hier: 10. Vgl. Willibald Steinmetz: Neue Wege zu einer historischen Semantik des Politischen, in: ders. (Hg.): „Politik“. Situationen eines Wortgebrauchs im Europa der Neuzeit. Frankfurt am Main 2007, S. 9–40.

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Letzteres ist das zentrale Anliegen der im vergangenen Jahrzehnt reüssierenden „neuen“, kulturgeschichtlich orientierten Politikgeschichte.8 Mit der Betonung der symbolischen, rituellen und diskursiven Dimensionen politischen Handelns bilden Kommunikation generell und Medien speziell geradezu einen konstitutiven Bestandteil dieser neuen Politikgeschichte. Dabei ist die Annahme entscheidend, dass keine „bloßen Herrschaftsansprüche“ und „reine politische Institutionen“ existieren, sondern dass „die Kommunikation über jene bereits Teil ihrer Konstituierung“ ist.9 Allerdings tut man den in ihrer Bandbreite und Dynamik eindrucksvollen Arbeiten, die sich in der neuen Politikgeschichte verorten, sicher nicht unrecht, wenn man feststellt, dass die genaue Wechselwirkung zwischen Medien und Politik bisher eher angedeutet als umfassend analysiert wurde.10 Die hier präsentierten Überlegungen erheben nicht den Anspruch, dieses Manko aufheben zu können. Es geht vielmehr darum, einige Ansätze für die Historisierung der Veränderung politischer Institutionen durch die „Logik der Massenmedien“ herauszustellen. Der Durchbruch der Massenmedien ist zwar als internationales Phänomen sui generis zu untersuchen, dabei ist aber auf die nationalen Rahmenbedingungen genau zu achten. Um diese Unterschiede beispielhaft herausarbeiten zu können, wird hier die Entwicklung in Deutschland mit derjenigen in Großbritannien kontrastiert. Dies erscheint aus mehrerlei Gründen sinnvoll. Neben den USA und Frankreich war Großbritannien im 19. Jahrhundert der innovativste und am weitesten entwickelte Pressemarkt 8

Generell: Ute Frevert: Neue Politikgeschichte: Konzepte und Herausforderungen, in: dies./Heinz-Gerhard Haupt: Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung. Frankfurt am Main 2005, S. 7–26, hier S. 14–21; und zur medialen Dimension der neuen Politikgeschichte: Ute Frevert: Politische Kommunikation und ihre Medien, in: dies./Wolfgang Braungart (Hg.): Sprachen des Politischen. Medien und Medialität in der Geschichte. Göttingen 2004, S. 7–29; Alexa Geisthövel/Jan Andres/Matthias Schwengelbeck: Einleitung, in: dies.: Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Repräsentation seit der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main 2005; und generell das Programm des Bielefelder SFB 584. Eine kritische Sicht auf diesen Ansatz bei: Andreas Rödder: Klios Neue Kleider. Theoriedebatten um eine Kulturgeschichte der Politik in der Moderne, in: Historische Zeitschrift, 283, 2006, S. 657–688. 9 Luise Schorn-Schütte: Historische Politikforschung. Eine Einführung. München 2006, S. 118f. 10 Vgl. hierzu die knappen Anmerkungen bei: Thomas Mergel: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft, 28, 2002, S. 574–606, hier S. 601; und vor allem als praktische Umsetzung: Ute Daniel: Einkreisung und Kaiserdämmerung. Ein Versuch, der Kulturgeschichte der Politik vor dem Ersten Weltkrieg auf die Spur zu kommen, in: Babara Stollberg-Rilinger (Hg.): Was heißt Kulturgeschichte des Politischen. Berlin 2005, S. 279–328; sowie die Studie des Verfassers: Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Berlin 2005.

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unter den großen Staaten. Hinzu kommt, dass Großbritannien als Monarchie – wenn auch parlamentarisch organisiert – die gleiche Staatsform wie Deutschland aufwies. Zudem bestanden zwischen beiden Staaten – nicht zuletzt über dynastische Bindungen – intensive Austauschbeziehungen. Zudem diente das jeweilige andere Land als bevorzugter Bezugspunkt in den Massenmedien für Vergleiche des politischen Systems.11 Zunächst werden Grundtendenzen der Medienrevolution in ihren politischen Implikationen sehr knapp dargestellt. Anschließend wird am Beispiel der Monarchie und des Parlaments gefragt, wie sich die Veränderungen konkret auswirkten, wobei die Sondersituation des Ersten Weltkriegs ausgeklammert und die Außenpolitik nur am Rande gestreift wird.12 Ebenso außen vor bleibt die wichtige Frage, inwieweit die Politik willentlich und unwillentlich jeweilige Pressespezifika prägte.13

1. Medienrevolution und Politik Bereits um 1850 existierte in England eine populäre Presse, die mit Auflagen von über 100.000 Exemplaren längst die Grenzen bürgerlicher Leserschaft überschritt. In Deutschland war dies erst ab den 1880er Jahren der Fall.14 Das, was heute als Massenkultur bezeichnet wird und durch neue Formen der Aneignung der verbreiterten Angebote gekennzeichnet ist, setzte sich in den Jahrzehnten vor 1900 durch – in zunehmender zeitlicher Parallelität zwischen dem englischen Vorläufer und Deutschland.15 Quantitative Aspekte lassen sich dabei von 11 Vgl. die zahlreichen Beispiele in: Johannes Paulmann: Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg. Paderborn 2000; zur Bedeutung der Monarchie für die Massenmedien in beiden Ländern vgl. generell die beiden Studien: Lothar Reinermann: Der Kaiser in England. Wilhelm II. und die britische Öffentlichkeit. London 2000; Jan Rüger: The Great Naval Game. Britain and Germany in the Age of Empire. Cambridge 2007, S. 182–190; und den Forschungsüberblick: Frank Bösch: Zwischen Populärkultur und Politik. Britische und deutsche Printmedien im 19. Jahrhundert, in: Archiv für Sozialgeschichte, 45, 2005, S. 549–584, insbesondere S. 555ff.; sowie Martin Kohlrausch: Die höfische Gesellschaft und ihre Feinde. Monarchie und Massenöffentlichkeit in England und Deutschland um 1900, in: Neue Politische Literatur, 47, 2002, S. 450–466. 12 Zum Verhältnis von Außenpolitik und Massenmedien vgl. jetzt: Geppert: Pressekriege. 13 Vgl. hierzu für die USA: Paul Starr: The Creation of the Media: The Political Origins of Mass Communications. New York 2004. 14 Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Konstanz 2 2005. Generell: Wolfgang Behringer: Communications Revolutions. A Historiographical Concept, in: German History, 24, 2006, S. 333–374. 15 Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850–1970. Frankfurt am Main 1997, S. 20.

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qualitativen nicht trennen, „Kommunikationsverdichtung“ und Politisierung waren unmittelbar miteinander verbunden.16 Der Begriff „New Journalism“ für die neuen massenmedialen Formate in England bringt dies gut auf den Punkt.17 Mit einschneidend veränderten Lesegewohnheiten wandelte sich auch die Präsentation von Politik in der Presse. Nachrichten gewannen an Bedeutung, während die Orientierung an politischen Parteien abnahm bzw. bei bewusst unpolitischen neuen Formaten von vornherein schwach ausgeprägt war. Gleichzeitig erhöhten der zunehmende Wettbewerb und die Kommerzialisierung der Presse die Orientierung am Markt und die Konkurrenz der Zeitungen untereinander.18 Keine Zeitung konnte es sich mehr leisten, die Themen des Tages, ja nicht einmal die herrschenden Meinungen, zu ignorieren, auch wenn die Parteilinie dies nahelegte. Dabei darf nicht übersehen werden, dass sich die Zeitungen zwar zum mit Abstand wichtigsten Medium entwickelten, immer aber im Verbund mit anderen Publikationsformen – vor allem Zeitschriften und den zahlreichen und auflagenstarken Pamphleten – interagierten.19 Die bereits für die Zeitgenossen ganz offensichtliche Erfolgsgeschichte der Presse und die – trotz aller Anfechtungen – unstrittige Konsolidierung des Journalistenberufs waren neben der schwächer werdenden Berufung auf einen politisch-kulturellen Erziehungsauftrag die wichtigste Quelle des enormen Selbstbewusstseins der Presse:20 „The mass of the people regard (the newspaper) with almost superstitious reverence. It is the modern Bible“ stellte ein engli16 Entscheidende Schritte waren neben der technischen Entwicklung die Schaffung der rechtlich-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch die Abschaffung der Stempelsteuer in England 1855 und das Reichspressegesetz von 1874 in Deutschland. Jörg Requate: Zeitung als Medium, in: Frevert/Braungart (Hg.): Sprachen, S. 139–167, hier S. 145; Aled Jones: Powers of the Press. Newspapers, Power and the Public in Nineteenth-Century England. Aldershot 1996, S. 149. 17 Joel Wiener (Hg.): Papers for the millions. The new journalism in Britain, 1850 to 1914. New York 1988. 18 Dies ist Gegenstand der bekannten Studie von Jürgen Habermas zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Eine Zusammenfassung und Auswege aus der von vielen Missverständnissen gekennzeichneten Debatte um die einschlägigen Thesen bietet jetzt: Andreas Gestrich: The Public Sphere and the Habermas Debate, in: German History, 24, 2006, S. 413–430. 19 Jörg Requate: Kommerzialisierung der Presse im frühen 20. Jahrhundert. Konsumierendes und fragmentiertes Publikum, in: Clemens Zimmermann (Hg.): Politischer Journalismus. Ostfildern 2006, S. 121–137. Zu England: John B. Thompson: Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age. Oxford 2000, S. 20; Jones: Powers, S. 41ff. Zur nicht zu unterschätzenden Rolle politischer Pamphlete: Kohlrausch: Monarch, S. 56–61. 20 Zur Professionalisierung, die eng mit internationalem Austausch verbunden war, vgl. neben der Studie von Requate: Ulf Jonas Bjork: „Scrupulous Integrity and Moderation“. The First International Organization for Journalists and the Promotion of Professional Behavior. 1894–1914, in: American Journalism, 22, 2005, S. 95–112.

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scher Beobachter im Jahr 1900 fest.21 Diese von außen, aber gerade auch von der Presse aus einer gewissen Eigenlogik heraus immer wieder bestätigte Bedeutung äußerte sich am deutlichsten in der selbstbewussten Selbstdarstellung als politischer Akteur eigenen Rechts.22 In England hatte sich dieser Prozess bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen.23 Die Entwicklung in Deutschland verlief durch die Fortdauer strikter Zensur bis weit in die zweite Jahrhunderthälfte, aber auch durch die später einsetzende wirtschaftliche Dynamik und die Zersplitterung der Presse langsamer. Spätestens in den 1890er Jahren hatte sich die Presse jedoch von direkter und indirekter staatlicher Einflussnahme emanzipiert. Anlässlich der Daily-Telegraph-Affäre vom November 1908 erklärte das Berliner Tageblatt euphorisch, aber nicht unzutreffend: „Wir ziehen daraus den erfreulichen Schluss, dass die öffentliche Meinung im Deutschen Reich kein leerer Wahn mehr ist, sondern sich zu einem ausschlaggebenden Faktor unserer Politik herausgemausert hat.“24 Das Zitat unterstreicht das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Presse als politischer Faktor, verbunden mit einer sehr ernst genommen Wächterfunktion. Was hier zum Ausdruck kommt, ist allerdings nicht nur eine selbstbewusst-kritische Haltung gegenüber den staatlichen Instanzen. Es zeigt sich auch die erhebliche Interaktion der verschiedenen Zeitungen, die vor dem Hintergrund einer grundlegend gedachten Gemeinsamkeit als „öffentliche Meinung“ erfolgte. Die neue Bedeutung der Presse beruhte allerdings nicht nur auf einer Autosuggestion. Auch staatliche Stellen erkannten die Presse als politischen Faktor an, der nicht mehr schlicht unterdrückt bzw. manipuliert werden konnte.25 Zwar dauerte in Deutschland die Gängelung insbesondere der sozialdemokratischen Presse an, verlor aber zunehmend an Bedeutung. Dies gilt auch für die Pressepolitik im engeren Sinne, d.h. den Versuch, durch die Gründung oder Finanzierung von Zeitungen und Informationsdiensten auf die öffentliche Meinung einzuwirken. Die Wirkmächtigkeit derartiger Maßnahmen war bereits in der 21 Zitiert nach: Mark Hampton: „Understanding media“. Theories of the press in Britain, 1850–1914, in: Media, Culture & Society, 23, 2001, S. 213–231, hier S. 224. 22 Als signifikantes Beispiel für den Aufstieg der Presse zum politischen Faktor kann das Entstehen umfangreicher Zeitungsausschnittarchive gelten. Vgl. Anke te Heesen: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne. Frankfurt am Main 2006, S. 64ff., S. 77ff. Zum Selbstverständnis der Journalisten als politische Akteure: vgl. die generellen Überlegungen bei: Retallack: Right, S. 262. 23 Vgl. Frank Prochaska: The Republic of Britain, 1760–2000. London 2000, S. 74ff. 24 Klarheit!, Berliner Tageblatt, 3. November 1908, Nr. 562. 25 Vgl. Hartwig Gebhardt: Organisierte Kommunikation als Herrschaftstechnik. Zur Entwicklung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit, in: Publizistik, 39, 1994, S. 175–189 und Ute Daniel: Die Politik der Propaganda, in: dies./Wolfram Siemann (Hg.): Propaganda, Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung 1789–1989. Frankfurt am Main 1994, S. 44–82.

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Bismarck-Zeit nicht so umfassend, wie lange gedacht, und nahm bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs stetig ab.26 Nach 1890 setzte sich die grundsätzliche Auffassung durch, dass eine harte Linie gegenüber der Presse nicht mehr durchgehalten werden könne.27 Nicht nur in dieser Hinsicht ist die Vorstellung einer starken formalen Kontrolle der Presse durch den Staat in Deutschland, der eine informelle und umso wirkmächtigere Einwirkung in England gegenübersteht, allzu überspitzt, wenn auch nicht grundlegend falsch. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahmen die zunächst tatsächlich erheblichen Einflussmöglichkeiten der britischen Regierung sukzessive ab. Auch in Krisensituationen wie dem Burenkrieg konnte ein vielbeachtetes Blatt wie der Manchester Guardian eine eigene Linie durchhalten.28 Aber nicht zuletzt durch die im Vergleich mit Deutschland sehr zahlreichen Kontakte zwischen Politik und Journalisten standen der englischen Regierung effektive informelle Einflussmechanismen zur Verfügung.29

2. Die Monarchie und die Massenmedien Die grundlegende Veränderung der Monarchie durch das Aufkommen der Massenmedien hat in klassischer Weise bereits 1867 Walter Bagehot beschrieben.30 Gut ein Jahrhundert später hat David Cannadine in seiner mittlerweile ebenfalls klassischen Studie über die „Erfindung der britischen Monarchie“ den

26 Gunda Stöber: Pressepolitik als Notwendigkeit. Zum Verhältnis von Staat und Öffentlichkeit im wilhelminischen Deutschland 1890–1914. Stuttgart 2000, S. 47–60. 27 Jutta Birmele: The mass-circulation press and the crisis of legitimation on Wilhelmine Germany. 1908–1918 (Ph.D. Claremont Graduate School)1991, S. 11; besonders signifikant ist die abnehmende Bedeutung des Straftatbestandes Majestätsbeleidigung: Jost Rebentisch: Die vielen Gesichter des Kaisers. Wilhelm II. in der deutschen und britischen Karikatur (1888–1918). Berlin 2000, S. 133. 28 Für das – in dieser Hinsicht geradezu anachronistische – Beispiel des Guardian: Mark Hampton: The Press, Patriotism, and Public Discussion: C.P. Scott, the Manchester Guardian, and the Boer War, 1899–1902, in: The Historical Journal, 44, 2001, S. 177–197, hier S. 189. 29 Vgl. zu England und insbesondere zum Beispiel des Verhältnisses von Northcliffe und Lloyd George: Requate: Zeitung, S. 163ff. und Geppert: Pressekriege, S. 59–70. Vgl. auch die bei Bösch: Populärkultur, S. 569f., S. 572 nachgewiesene Literatur. 30 Walter Bagehot: The English Constitution. London 1872 (zuerst 1867). Vgl. hierzu: Franz Nuschler: Walter Bagehot und die englische Verfassungstheorie. Geschichte eines klassischen Modells parlamentarischer Regierung. Meisenheim 1969. Robert Saunders: Parliament and People. The British Constitution in the Long Nineteenth Century, in: Journal of Modern European History, 6, 2008, S. 72–87.

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Zusammenhang noch einmal in neuer Interpretation aufgegriffen.31 Paradoxerweise war wohl keine politische Institution – dies gilt für Großbritannien wie für Deutschland – so starken Veränderungen durch die Medienrevolution unterworfen wie die traditionellste. Dies gilt, grob vereinfachend, in zweierlei Hinsicht. Zum einen lässt sich ein frappierendes Comeback der zur Jahrhundertmitte in beiden Ländern stark gefährdeten Monarchie unter massenmedialen Bedingungen konstatieren. Der „popular monarchism“, der eine lange Tradition hatte, vervielfältigte sich durch die massenhafte Textverbreitung und vor allem neue Bildmöglichkeiten dramatisch. Als herausgehobene politische Akteure profitierten davon Victoria in England ebenso wie bereits Wilhelm I. in Preußen bzw. Deutschland und dann vor allem Wilhelm II.32 Die „transformation of visibility“ im 19. Jahrhundert kam den herausgehobenen Monarchen in geradezu idealer Weise entgegen, zumindest wenn man öffentliche Aufmerksamkeit als wichtigsten Maßstab nimmt.33 Hierfür waren insbesondere zwei Charakteristika der Monarchie verantwortlich: erstens die Distinktion von allen anderen politischen Akteuren durch Tradition und herausgehobene Machtstellung. Im Falle Wilhelms II. spielte hierbei die vielfältige und außerordentlich bildmächtige militärische Symbolik eine wichtige Rolle, im Falle Victorias die Assoziation mit dem Empire, der „imperial gloss“.34 So entstand eine Basis für öffentliche Sichtbarkeit, über die kein anderer Politiker verfügte – in einer Zeit knapper Aufmerksamkeitsspannen und vagabundierendem medialen Interesse ein entscheidender Vorteil. Zweitens profitierten die Monarchien – in Abwesenheit eines ausdifferenzierten Starsystems – wie keine andere Gruppe von der Personalisierung der Berichterstattung durch die Massenmedien. In den neuen Bildmedien, zunächst der Fotografie, dann dem Film,

31 David Cannadine: The Context, Performance and Meaning of Ritual. The British Monarchy and the „Invention of Tradition“, c. 1820–1977, in: Eric Hobsbawm/Terence Ranger (Hg.): The Invention of Tradition, Cambridge 1993, S. 101–164. 32 Alexa Geisthövel: Wilhelm I. am „historischen Eckfenster“. Zur Sichtbarkeit des Monarchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Andres/Geisthövel/Schwengelbeck (Hg.): Sinnlichkeit, S. 163–185; Eva Giloi: Royally Entertained. Visual Culture and the Experience of Monarchy in Wilhelmine Prussia, in: Intellectual History Review, 17, 2007, S. 203–224. 33 Zum Wandel der Sichtbarkeit prominenter Politiker im 19. Jahrhundert: Thompson: Scandal, S. 33–40. 34 Martin Kohlrausch: Der Mann mit dem Adlerhelm. Wilhelm II. – Medienstar um 1900, in: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder 1900–1949. Göttingen 2009, S. 68–75; John Plunkett: Queen Victoria. First Media Monarch. Oxford 2003, S. 14f.

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in denen Monarchen lange das Feld dominierten, zeigt sich diese Entwicklung schlaglichtartig.35 Die öffentliche Darstellung der Monarchie veränderte sich vor allem dadurch, dass die Massenmedien weit stärker Themen in den Mittelpunkt rückten, die jenseits des persönlichen Bezugsraumes standen und für den Einzelnen nur bedingt Relevanz besaßen – ein Phänomen, das treffend als „mediated intimacy“ bezeichnet wurde.36 Dies äußerte sich vor allem im enormen Erfolg der Verbreitung royaler „trivia“ über die Medien.37 Durch die Ausbreitung der Zeitungen war nicht mehr nur eine Elite, sondern potentiell jeder „Monarchieexperte“. In diesem Sinne ist die Rede vom „Publikum“ zu verstehen, das sich, wie aufmerksame zeitgenössische Beobachter erkannt haben wollten, gegenüber dem Monarchen herausbildete und das frühere, amorphe „Volk“ ablöste.38 Von dieser Entwicklung ist die Veränderung der politischen Bedeutung der Monarchen nicht zu trennen. Dies gilt nicht nur, weil selbstredend die politische Rolle des Monarchen – in Deutschland mehr, in England weniger – das Fundament für dessen Sichtbarkeit bildete, sondern vor allem für neue politische Spielräume und Beschränkungen, Chancen und Risiken durch das Aufkommen der Massenmedien. Wie sehr es sich hierbei um einen strukturellen Prozess handelte, zeigte sich z.B. in der massiven Kritik am Rückzug Victorias aus der Öffentlichkeit nach dem Tod Alberts 1861. Die Kritik einer zeitweise beachtlichen republikanischen Bewegung fokussierte auf die vermeintliche Untätigkeit der Königin, die gewissermaßen keine Gegenleistung für das mit der Zivilliste überwiesene Geld erbrachte.39 Eine zweite Frage, wiewohl hiermit eng verbunden, ist, wie sich die im engeren Sinne politische Funktion der Monarchie durch das Aufkommen der Massenmedien veränderte. Bereits Albert hatte versucht,

35 Vgl. hierzu die Belege bei Franziska Windt/Jürgen Luh/Carsten Dilba: Die Kaiser und die Macht der Medien. Berlin 2005, S. 67–76, 36 Thompson: Scandal, S. 40. 37 Richard Williams: The Contentious Crown. Public Discussion of the British Monarchy in the Reign of Queen Victoria. Aldershot 1997, S. 7. 38 Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings. München 1907, S. 590 und S. 595; vgl. die auffallend ähnliche Sicht in Thomas Mann: Königliche Hoheit. Berlin 1909, S. 258; und die Verwendung des Begriffs bei Rudolf Borchard: Der Kaiser, in: Süddeutsche Monatshefte, S. 5, 1908, S. 237–252, hier S. 240 und S. 247. 39 Williams: Crown, S. 14, S. 32ff..; Prochaska: Republic, S. 98–144; Diese republikanische Bewegung besaß auf deutscher Seite keine direkte Entsprechung. Peter Domann: Sozialdemokratie und Kaisertum unter Wilhelm II. Die Auseinandersetzung der Partei mit dem monarchischen System, seinen gesellschafts- und verfassungspolitischen Voraussetzungen. Wiesbaden 1974.

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die Monarchie wieder als politischen Faktor zu stärken, hatte dabei aber in eher traditioneller Weise auf königlichen Prärogativen beharrt.40 Dies gilt so nicht für Benjamin Disraelis politische Konzeptionen, die bereits in den 1840er Jahren, inspiriert durch die junge Königin, auf eine Neupositionierung der Monarchie setzten. Im Roman Coningsby entwickelt Disraeli das Konzept einer modernen, an der Öffentlichkeit ausgerichteten Form der Monarchie, die das unzulängliche repräsentative Regierungssystem überwinden sollte: „Public opinion has a more direct, a more comprehensive, a more efficient organ for its utterance, than a body of men sectionally chosen.“41 Durch die öffentliche Meinung könnten demnach Klasseninteressen überwunden und ein direkter Austausch zwischen Monarch und Volk hergestellt werden. Die angestrebte Wiederauferstehung der Monarchie folgt hier direkt aus der gewachsenen Bedeutung der Presse.42 Signifikant ist bei Disraeli die Rückbindung eines für sich genommen romantischen Konzepts an das Aufkommen der Massenmedien. Dass es sich keineswegs nur um den Gefühlsüberschwang eines jungen Schriftstellers handelte, zeigte Disraeli als Premierminister mit dem Royal Titles Act und der damit verbundenen „Beförderung“ Victorias zur Kaiserin von Indien.43 Für die zeitgenössische Kritik war offensichtlich, dass Disraeli und die Queen sich an Napoleons III. französischem und Bismarcks deutschem Beispiel orientierten.44 Dies schien durch den vorangegangen „leap in the dark“, den maßgeblich von Disraeli beförderten Reform Act von 1867 und die damit verbundene Ausweitung des Wahlrechts und die Sozialgesetze der zweiten Regierungsperiode Disraelis bestätigt zu werden.45 Die Parallelität zur deutschen Entwicklung sticht insbesondere dann ins Auge, wenn die Massenmedien als eigenständiger Faktor bonapartistischer Politikkonzepte gesehen werden. Die „Imperialisierung“ der Monarchie in Großbritannien brachte schließlich nicht nur einen neuen Titel mit sich, sondern in der Stilisierung der Königin zur Mutter des Empires eine erhebliche Verbesserung der „Mediengängigkeit“ der Königin. Dies zeigte sich, lange nach Disraelis Tod, insbesondere in den vieldiskutierten und in quantitativer Hinsicht extrem erfolgreichen Regierungsjubiläen Victorias – dem goldenen von 1887 und insbe40 Williams: Crown, S. 85, S. 87. Vgl. auch Antony Taylor „Down with the Crown“. British Anti-monarchism and Debates about Royalty since 1790. London 1999, S. 28. 41 Benjamin Disraeli: Coningsby, or the New Generation. Oxford 1844, S. 266. 42 Plunkett: Queen, S. 115; zu Forderungen nach einem sichtbaren, hervorgehobenen Herrscher in England vgl. auch: Monika Wienfort: Monarchie in der bürgerlichen Gesellschaft. Deutschland und England von 1640 bis 1848. Göttingen 1993, S. 163. 43 Vgl. L.A. Knight: The Royal Titles Act and India, in: The Historical Journal, 11, 1968, S. 488–507. 44 Vgl. Williams: Crown, S. 125. 45 Norman McCord: British History 1815–1906. Oxford 1995, S. 256ff., S. 278ff.

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sondere dem diamantenen von 1897.46 Die Maßnahmen Disraelis waren Versuche, die traditionelle Institution Monarchie unter konservativen Vorzeichen, d.h. als politisch bedeutsamen Faktor, in die moderne Gesellschaft einzufügen und dabei auf die Massenmedien zu setzen. In weitaus größerer Dramatik lässt sich dieses „Comeback“ der Monarchie unter modernen Vorzeichen in Deutschland beobachten. Ein Grund war die triviale Tatsache, dass in die Phase des endgültigen Durchbruchs neuer Formate und erheblicher Auflagensteigerungen der Regierungsantritt Wilhelms II. als junger Kaiser fiel. Der neue Monarch bot zunächst eine ideale Projektionsfläche, die sich durch seine offensive Interpretation des Amtes noch ausweitete. Als neues formales Element stechen insbesondere die sogenannten Kaiserreden ins Auge, die erst durch ihre massenmediale Verbreitung zum politischen Faktor wurden. Inhaltlich fällt auf, dass die Monarchie unter Wilhelm II. programmatisch aufgeladen wurde. Gleichzeitig, und hiermit eng zusammenhängend, versuchten in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß die verschiedensten Interessengruppen und Parteien den Kaiser auf ihre Seite zu bringen. Das Aufspüren eines gesellschaftlichen Konsenses wurde dem Monarchen als Aufgabe übertragen.47 Der redende Kaiser, die – freilich nie konsistent erfolgte – programmatische Ausrichtung der Monarchie und die „Politisierung“ des Kaisers hingen vielfältig zusammen und wurden durch die Dynamik der Massenmedien angetrieben. Was dies bedeutet, lässt sich für die wilhelminische Monarchie besonders gut beobachten. Der Monarch als Personalisierung immer komplexerer und anonymerer Prozesse in Bürokratie und Regierung entsprach den Plakativitätsanforderungen der Massenmedien. Die Identifikation des Kaisers mit bestimmten Projekten als „Chefsache“ – wie dem Imperialismus oder dem Aufbau der Flotte – muss auch als Resultat der Bedürfnisse der Massenpresse nach komprimierter politischer Programmatik gesehen werden. Angesichts einer immensen Informationsdifferenzierung hatte die Aggregierung politischer Programmatik im Monarchen – z.B. in den regelmäßigen Bilanzierungen der Reichspolitik zu Kaisers Geburtstag – eine gewisse Logik für sich.48 Dieses Phänomen haben bereits zeitgenössische Beobachter grundsätzlich erkannt und in einigen Fällen auch enthusiastisch begrüßt.49 Friedrich Naumann 46 Cannadine: Context, S. 120–125. 47 Vgl. Kohlrausch: Monarch, S. 73–83. 48 Vgl. die Zusammenstellung von Artikeln zum 20. Regierungsjubiläum Wilhelms II.: Bundesarchiv Lichterfelde, R 8034 II (RLB-Archiv), Bd. 4010, Blatt 67ff. 49 In einer Verteidigungsschrift während der für Wilhelm II. peinlichen Caligula-Affäre von 1894 hieß es z.B.: „Wahre politische Genialität zeigte der Kaiser durch den unmittelbaren und vollkommenen Eintritt in die Öffentlichkeit auf dem Wege, der damals die Zeit beherrschte, auf dem Wege der mündlichen Erörterung der mannigfachsten Gegenstände und des mündlichen Verkehrs mit seinem Volke, woraus Erfolge entsprangen von gera-

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sah im wilhelminischen Neoabsolutismus eine moderne Herrschaftsmethode und pries die „Signalperson“ Wilhelm II. als Angelpunkt politischer Partizipation über die Medien. Die Entstehung der öffentlichen Meinung ermögliche über Presse, Ansprachen und Rundreisen eine Art „modernes Personalverhältnis zur kaiserlichen Zentralperson“.50 Der „neue Typus des Kaisertums“ sei geschichtlich notwendig, weil nur so der Kaiser sein Volk unmittelbar für die neuen Ziele begeistern könne, die er, so Arnold E. Berger 1913, „als persönlicher Träger der Reichsidee und ihrer Zukunftshoffnungen (…) auf unermüdlichen Reisen zu Lande und zu Wasser wie als Redner großen Stiles bei allen erdenklichen Anlässen verkündet.“51 Derartige Beschreibungen wirkten auch deshalb nicht vollkommen verstiegen, weil sie bis zu einem gewissen Grad eine Erfahrung der Zeit reflektierten. In einem wesentlich stärkeren Maße als dies englische Monarchen taten, hatte sich Wilhelm II. in der Öffentlichkeit positioniert. Im direkten Zusammenspiel von Monarch und massenmedial erschlossener Öffentlichkeit schien sich die Möglichkeit für ein effektives – da schnelles – und partizipatorisches Modell politischer Entscheidungsfindung zu eröffnen. Die Attraktivität des Modells zeigt sich nicht zuletzt in der extrem hohen Beachtung, die die Information des Monarchen, d.h. dessen Zeitungslektüre und die Auswahl seiner Berater, fand. Dabei interessierten sich die Medien nicht so sehr für die Berater als Quelle falscher Entscheidungen, sondern als vermeintliches Kommunikationshindernis.52 Voraussetzung war allerdings, wie selbst eine dem Kaiser nahe stehende Zeitung forderte, dass der Monarch „den Wert loyalen Widerstandes, die Berechtigung einer unabhängigen öffentlichen Meinung“ anerkennen.53 Auch in England forderten die Zeitungen, dass die Queen sensibel auf von außen an sie herangetragene Bedürfnisse reagieren solle. Aufgrund der deutlich schwächeren politischen Position des Monarchen lassen sich in Großbritannien

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dezu unschätzbarem Werte.“ H.H. Quidam (Pseudonym), Contra Caligula. Eine Studie über Deutschen Volkswahnsinn. Leipzig 1894, S. 10f. Elisabeth Fehrenbach: Wandlungen des deutschen Kaisergedankens (1871–1918). München 1969, S. 203. Arnold E. Berger: Wilhelm II. und das Reich. Darmstadt 1913, S. 29f. und S. 13; auch Hermann Oncken sprach den Kaiser als „Führer der Nation“ an, der „mitten im grellen Licht des Tages“ stehe, „in jedem Moment sichtbar und gesucht, beobachtet und kritisiert, geliebt und getadelt.“ Hermann Oncken: Der Kaiser und die Nation. Heidelberg 1913, S. 16. Vgl. z.B. die unter dem Titel „Die Zeitungslektüre des Kaisers/Die tägliche Lektüre des Kaisers“ gesammelten Artikel in: Bundesarchiv Lichterfelde. R 8034 II (RLB-Archiv), Blatt 32ff.; und die kritische Auseinandersetzung mit der Idee des wohlinformierten Monarchen aufgrund der persönlichen Defizite Wilhelms II. bei: August Stein: Vom Kaiser und von der Presse, Frankfurter Zeitung, 3. August 1906. F. St. V., Der Kaiser nach zwanzigjähriger Regierung, in: Tägliche Rundschau, 14. Juni 1908, Nr. 275.

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keine mit dem deutschen Fall vergleichbaren Modelle eines direkten Austausches zwischen öffentlicher Meinung und Staatsoberhaupt über politische Tagesfragen und Zukunftsprojekte feststellen. Jedoch finden sich in den 1890er Jahren durchaus positive Reaktionen auf das wilhelminische Modell des starken Monarchen.54 Neben der schwächer konturierten politischen Rolle des Monarchen spielte es eine nicht unerhebliche Rolle, dass in Großbritannien eine Frau auf dem Thron saß. Die von den bürgerlichen Medien weitgehend akzeptierten getrennten Sphären von Frau und Mann schwächten radikal-republikanische Kritik erheblich ab.55 Edward VII. wiederum stellte die über Jahrzehnte etablierte Regierungspraxis nicht mehr in Frage. In der medialen Darstellung des Königs dominierte – in der Kronprinzenzeit negativ, später positiv – der „human interest“-Aspekt medialer Berichterstattung.56 Inwieweit sich gerade in dieser, auch in Deutschland anzutreffenden, Vermischung von „high and low“ eine bemerkenswerte Modernität äußerte und wie deren politische Implikationen zu bewerten wären, kann hier nicht weiter diskutiert werden.57

3. Das Parlament und die Massenmedien Die signifikanten Unterschiede zwischen Deutschland und England hatten ihren Grund auch in der gänzlich verschiedenen politischen Rolle der jeweiligen Parlamente. Ebenso wie die Institution Monarchie war die Institution Parlament Veränderungen durch das Aufkommen der Massenmedien unterworfen. In mancher Hinsicht waren hierbei die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland sogar noch stärker ausgeprägt als für die Monarchie. Mit dem englischen Unterhaus als mächtigem politischen Faktor besaßen die jeweiligen „Leader“ der Mehrheitsfraktion politische Entscheidungskompetenz und waren daher auch öffentlich deutlich profilierter als die – vergleichsweise zahlreichen – deutschen Parteiführer. Politiker wie Benjamin Disraeli, William E. Gladstone oder Lloyd George waren aus dem Parlament hervorgegangen und besaßen hier eine beständige Bühne, die dem Reichskanzler nur gelegentlich zur Verfügung stand, während, wichtiger noch, den Vorsitzenden der deutschen Reichstagsfraktionen politischer Einfluss fehlte. Nach Bismarck, mit Bülow als einziger und

54 Williams: Crown, S. 139; Reinermann: Kaiser, S. 107ff. 55 Vgl. Prochaska: Republic, S. 66. 56 Vgl. Kinley Roby: The King, the Press and the People. A Study of Edward VII. London 1975, S. 281–309; Stanley Weintraub: The Importance of Being Edward. King in Waiting. 1841–1901. London 2000, S. 294–330. 57 Vgl. Plunkett: Queen, S. 237.

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auch nur bedingter Ausnahme, gab es keinen Reichskanzler, der auch nur annähernd das öffentliche Standing eines englischen Premierministers besaß. Dieser Zusammenhang zeigt sich im Falle Gladstones besonders deutlich. In einem zuvor nicht gekannten Ausmaß richtete der liberale Politiker seine Reden in den erfolgreichen Kampagnen von 1879–1880 am „newspaper-reading-public“ aus.58 Während die außerordentlich dynamische Entwicklung der öffentlichen Rede im 19. Jahrhundert, ganz anders als in Deutschland, die Monarchie weitgehend unberührt ließ, veränderte sie in Großbritannien den parlamentarischen Wettkampf. Rhetorisch begabte Redner wie Gladstone konnten einen regelrechten Starstatus erwerben. Dies lag nicht zuletzt an den neuen Möglichkeiten, politische Reden medial zu vervielfältigen und zu verbreiten.59 Die oft wörtliche Wiedergabe in der Presse bestätigte den Status des Redners und sorgte so wiederum für die enormen Auditorien, die den Rahmen für die intensive Redetätigkeit von Politikern außerhalb des Parlaments abgaben. Selbstverständlich verdankten ein Politiker wie Gladstone oder später Lloyd George ihren Ruf zunächst ihren Parlamentsreden, die von den Medien verbreitet wurden. Allerdings stand der Redner Gladstone dem parlamentarischen Stil geradezu diametral gegenüber: „The encoding of purity was ,personally‘ intensified through the leader’s ,passions‘ and emotional range, his exquisitely modulated voice with faint provincial accent , his capacity to abuse, ,natural‘ homeliness as an axewielding woodsman, moral crusading, simple sloganeering, and (a variant of melodrama’s elimination of the middle ground) and astounding evasion of the mediation of the Commons.“60

Der Medienerfolg Gladstones lag mithin nicht nur in seiner rhetorischen Gabe begründet, sondern darin, dass er vor allem in der Kampagne gegen die „Bulgarian Horrors“ Themen zu setzten vermochte, die in ihrer Plakativität und Emotionalität den Medien besonders entgegenkamen, in reinen Parlamentsdebatten hingegen kaum funktioniert hätten.61 Gladstone konnte so sein „unverwechselbares persönliches Profil“ als moralgebundener Politiker von hoher Sachkompetenz schärfen. Dabei wurde dieses Image selbst wichtiger als die einzelnen 58 Kate Campbell: W. E. Gladstone, W. T. Stead, Matthew Arnold and a New Journalism. Cultural Politics in the 1880s, in: Victorian Periodicals Review, 36, 2003, S. 20–40, hier S. 23. 59 Joseph S. Meisel: Public Speech and the Culture of Public Life in the Age of Gladstone. New York 2001, S. 277. 60 Campbell: Gladstone, S. 25. Zur Profilbildung Gladstones vgl. Willibald Steinmetz: Das Sagbare und das Machbare. Zum Wandel politischer Handlungsspielräume, England 1780–1867. Stuttgart 1993, S. 355. 61 Vgl. Simon Goldsworthy: English Nonconformity and the Pioneering of the Modern Newspaper Campaign. Including the Strange Case of W.T. Stead and the Bulgarian Horrors, in: Journalism Studies, 7, 2006, S. 387–402.

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Sachfragen. Allerdings, so sehr sich hier populäre, mediengestützte Politikformen jenseits des Parlaments etablierten, blieben diese doch auf das Parlament als Entscheidungsort bezogen: „For the press to ,represent‘ the people, two relationships had to be developed: that between the press and Parliament, and that between the press and the people.“62 Inwieweit herausgehobene Parlamentarier in Deutschland trotz vergleichsweiser politischer Einflusslosigkeit durch die Massenmedien profitieren konnten, wäre im Einzelfall zu untersuchen. Zumindest was die vordergründige Publizität anging, profitierte das komplexe Gebilde Reichstag allerdings weitaus weniger von den Massenmedien als die Monarchie. Bezeichnend ist, dass der Reichstag in der politischen Karikatur fast keine Rolle spielte und, wenn er auftauchte, meist negativ präsentiert wurde.63 Dennoch nahm die öffentliche Beachtung der Parlamente mit dem Aufschwung der Massenmedien erheblich zu. Dies gilt um so mehr, als in England, und in besonders dramatischer Weise in Deutschland, die Ausweitung des Wahlrechts mit dem Aufstieg der Massenpresse zusammenfiel.64 Die politische Konfiguration der Presse – auch wenn diese an Bedeutung einbüßte – folgte derjenigen des Parlaments und der Parteien. Form und Inhalt der Debatten waren oft durch das Parlament vorgeprägt. Intensive Medienereignisse wie politische Skandale, in denen vor allem Geschwindigkeit zählte, kehrten das Verhältnis aber oft um. In der „Daily Telegraph-Affäre“ etwa diktierte die Presse dem Reichstag regelrecht den Debatteninhalt und verteilte anschließend Leistungsnachweise.65 Apodiktisch benannte Naumann damals den schwächsten Punkt im Kräftedreieck: „Jetzt braucht es nicht mehr viel, so bricht ein Sturm des Unwillens zum zweiten Male los, und dann wird entweder der Reichstag etwas Willen zur Macht bekommen haben oder es gibt dann überhaupt nur noch zwei Faktoren, die direkt miteinander kämpfen, die kaiserliche Person einerseits und die öffentliche Meinung andrerseits.“66 Ein selbstbewusster Journalist wie Maximilian Harden spottete über Abgeordnete, deren politische Arbeit darin bestünde, Zeitungsausschnitte für spätere Debattenbeiträge zusammenzustellen, und Reichskanzler 62 Campbell: Gladstone, S. 23f.; Hampton: Understanding, S. 225. 63 Im Jahr 1909 brachte der Simplicissimus eine Karikatur vor dem Kaiser dienernder Reichstagsmitglieder, die bei Wilhelm II. anfragen, ob er nicht wieder reden könnte. Sie selbst brächten nichts zustande. Rebentisch: Gesichter, S. 78. 64 Zur mittlerweile außerordentlich umfangreichen Literatur zur Wahlkultur im Kaiserreich vgl. Thomas Kühne: Demokratisierung und Parlamentarisierung. Neue Forschungen zur politischen Entwicklungsfähigkeit Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg, in: Geschichte und Gesellschaft, 31, 2005, S. 293–316, insb. S. 296–304. 65 Typisch etwa: Zur Eröffnung des Reichstages, in: Schlesische Zeitung, 4. November 1908, Nr. 778. Vor dem parlamentarischen Sturme, Rheinisch-Westfälische Zeitung, 10. November 1908, Nr. 1179. 66 Friedrich Naumann: Die Tage der nationalen Demütigung, in: Die Hilfe, 14, 1908.

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Bülow weigerte sich bei einer Gelegenheit sogar, im Reichstag zu sprechen, weil aufgrund eines Pressestreiks keine Journalisten anwesend waren.67 Die Frage, die sich hieran anschließt, ist, inwieweit die zweifellos vorhandenen partizipatorischen – und in einer weiten Auslegung des Begriffs – auch demokratischen Potentiale der Massenmedien klassischen liberalen Forderungen nach einer Parlamentarisierung – in Deutschland – bzw. Republikanisierung – in Großbritannien - zuwiderliefen. Für Deutschland ist in den vergangenen Jahren mit guten Argumenten darauf hingewiesen worden, dass die Demokratisierung durch das allgemeine Männerwahlrecht im Reich der Parlamentarisierung voranging und letztere dadurch massiv behinderte.68 Dieser Befund kann sich nicht zuletzt auf zahlreiche und gewichtige zeitgenössische Stimmen stützen. Allerdings ist das von Max Weber beklagte „modische Gerede von der Überlebtheit des Parlamentarismus“ ohne den Faktor Massenmedien nicht zu verstehen.69 Wie wichtig dieser Faktor war, ist anhand des Zuspruchs für eine direkte Verknüpfung von Monarchie und Massenmedien gezeigt worden.

4. Die Medien als neues politisches Forum Auch in England gab es einflussreiche Stimmen, die sich in den Medien ein neues demokratisches Forum jenseits des Parlamentes und der Parteien erhofften. W.T. Stead setzte in geradezu euphorischer Weise auf die Überwindung traditioneller politischer Foren durch Journalisten. Die Presse, betonte Stead, war anders als das Parlament in „perpetual session“ und versprach im Vergleich mit der traditionellen Institution weitaus größere Gruppen in den politischen Prozess einzubeziehen.70 Aufbauend auf ein neues Selbstbewusstsein propagierte Stead ein „Gouvernment by Journalism“. Dies ging über die klassische Vorstellung der „politics by public discussion“ weit hinaus. Die Presse sollte, so forderte Stead, vielmehr zur „Chamber of Initiative“ werden.71 Die Medien fungierten in dieser Sicht als ausschlaggebender politischer Initiativfaktor. Daher bedeutete die mit dem „New Journalism“ verbundene vordergründige Depolitisierung – im 67 Maximilian Harden 1903, zitiert nach: Christian Fälschle: Rivalität als Prinzip. Die englische Demokratie im Denken des wilhelminischen Deutschland 1900–1914. Frankfurt am Main 1991, S. 167. 68 Die verschiedenen Positionen, von denen die Beiträge von Christoph Schönberger am stärksten ins Gewicht fallen, zeichnet in ihren Interpretationschancen und -grenzen nach: Kühne: Demokratisierung, S. 313–315. 69 Wolfgang J. Mommsen: Max Weber und die deutsche Politik. 1890–1920. Tübingen 21959, S. 155. 70 Campbell: Gladstone, S. 33. 71 Hampton: Press, S. 197; Hampton: Understanding, S. 226.

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Sinne abnehmender Parteibindungen von Zeitungen – eben gerade nicht, dass die Presse als politischer Faktor an Bedeutung verlor.72 In der Suchbewegung nach neuen Partizipationsmechanismen spielten die Medien als Akteur und Ziel eine wesentliche Rolle.73 Das Wechselspiel zwischen hochpolitischen Themen, Presse und öffentlichen Vorträgen funktionierte auch mit Journalisten in der Rolle des Protagonisten. In England bietet Stead mit seinen erfolgreichen sozialen Kampagnen und Vorträgen vor über 100.000 Anhängern ein besonders eindrucksvolles Beispiel.74 In Deutschland wiederum fällt auf, dass erfolgreiche Journalisten-Redner wie Harden – und mit Abstrichen auch Naumann – sich über die Auseinandersetzung mit Wilhelm II. profilierten. Harden agierte gewissermaßen als Experte für Kaiserkrisen.75 Da Hardens einschlägige Vorträge – anders als die der entsprechenden Parteiversammlungen – ein übergreifendes Presseecho fanden, erlangten sie nahezu den Status politischer Ereignisse. Während der „Daily Telegraph-Affäre“ etwa erklärte der so erboste wie selbstbewusste Harden gegenüber Walther Rathenau: „Zu den Mitteln, die ich, als einzelner gegen koalierte Verbrecher, leider dabei ergreifen muss, gehört auch die Veranstaltung vieler Volksversammlungen, in denen die Nation von mir über das Ministerium Bülow und seine Behandlung der Prozesse Eulenburg und Moltke bis ins Kleinste aufgeklärt werden wird.“76 Ohne eine entsprechende Erfahrung im Hintergrund sind die statusbewussten Äußerungen von Stead und Harden nicht zu verstehen. Wie tiefgreifend die politischen Implikationen der neuen Medienmacht waren, lässt sich – in aller Ambivalenz – besonders gut am überraschenden Zuspruch für den Faktor öffentliche Meinung in der Publizistik der neuen Rechten in Deutschland sehen. Die Betonung der öffentlichen Meinung bot einerseits die Chance, das bestehende politische System nicht grundsätzlich in Frage stellen zu müssen, implizierte andererseits jedoch massive Kritik an Wilhelm II. Hieran knüpfte 72 Zu diesem Zusammenhang: Thompson: Scandal, S. 80. 73 Ted R. Bromund: Uniting the Whole People. Proportional Representation in Great Britain. 1884–5. Reconsidered, in: Historical Research, 74, 2001, S. 77–94. 74 Vgl. Frank Bösch: Volkstribune und Intellektuelle. W.T. Stead, Maximilian Harden und die Transformation des politischen Journalismus in Großbritannien und Deutschland, in: Clemens Zimmermann (Hg.): Politischer Journalismus, Öffentlichkeiten, Medien im 19. und 20. Jahrhundert. Ostfildern 2006, S. 99–120, 114. 75 Harden erwirtschaftete im Winter 1908/1909 die beachtliche Summe von 70.000 Mark mit über 30 Vorträgen in verschiedenen deutschen Städten. Vgl. Hans Dieter Hellige/ Ernst Schulin (Hg.): Walther Rathenau – Maximilian Harden. Briefwechsel 1897–1920. Heidelberg 1983, S. 574. Vgl. etwa die enthusiastische Reaktion: Also sprach Harden, in: B.Z. am Mittag, 7. November 1908, Nr. 263; und die Zusammenstellung: Kundgebungen zur Politik des Kaisers. Bd. 1, in: BPLH-Potsdam. Pr.Br. Rep. 30 Berlin C. Tit. 94. Akten des königlichen Polizei-Präsidiums. (Politische Polizei). Nr. 12428. (1908–1909). 76 Hellige: Rathenau, S. 567.

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eine neurechte Kritik an, die zunehmend das Thema Öffentlichkeit, historisch eine Domäne der Liberalen, vereinnahmte. Im Jahr 1906 forderte der völkische Publizist Theodor Fritzsch folgerichtig: Unter Ausschaltung des liberalen Spektrums solle der Monarch die Presse zur „Erneuerung unseres nationalen Lebens“ instrumentalisieren.77 Dabei knüpften die neurechten Vordenker geschickt an den enormen Aufschwung der Presse an und griffen Forderungen nach einer verstärkten Partizipation jenseits des Parlaments auf. In einer 1904 erschienen Schrift über Wilhelm II. reflektierte der alldeutsche Journalist Paul Liman das Problem „Der Kaiser in der Debatte“. Liman argumentierte, dass die Mündigkeit des Volkes, die mittlerweile eingetreten sei, einen vollkommen neuen, Partizipation gewährleistenden Herrschaftsstil erfordere.78 Ein kurz darauf erschienenes Buch von Ernst zu Reventlow zum Byzantinismus um Wilhelm II. bot ebenfalls eine – stärker reflektierte – rechte Antwort auf den Wandel der medialen Bedingtheit von Politik. Reventlow forderte eine offene und effektive Kritik des Herrschers durch die Presse, verbunden mit der Forderung nach einer kritischen Fortentwicklung der öffentlichen Meinung.79 Hier zeigt sich ein bisher wenig beachteter Zusammenhang zwischen der Transformation des Konservativismus hin zur Massenpolitik und den neuen medialen Möglichkeiten politischer Kommunikation. Derartige Kritik indiziert darüber hinaus zweierlei: Wilhelm II. konnte die eingangs geschilderten hypertrophen Erwartungen als agenda-setter einer medial mobilisierten Gesellschaft nicht erfüllen. Nicht zuletzt aus diesem Gegensatz speisten sich die großen Skandale um die Monarchie 1906 bis 1909. Der Eulenburg-Skandal jener Jahre 1906–1909 thematisierte schließlich nicht nur die vermeintliche Flaumacherei verweichlichter Kaiserberater, sondern die Kommunikation mit dem Monarchen generell.80 Mindestens ebenso deutlich tritt der Zusammenhang in der „Daily Telegraph-Affäre“ zu Tage. Ein komplexes politisches Gebilde wie das deutsche Reich, so die bemerkenswerte Einsicht der alldeutschen Vordenker Heinrich Claß und Reventlow nach dem fatalen Kaiserinterview, könne nicht mehr durch einen Alleinherrscher gesteuert werden. Vielmehr sei die Mitarbeit aller Staatsbürger notwendig.81 77 Theodor Fritzsch: Der Kaiser und die Journalisten, in: Hammer 5 (1906), S. 505–510. 78 Diese Forderungen beriefen sich auf Bismarck, insbesondere dessen Forderung aus dessen Kissinger Rede: „Wir brauchen die frische Luft der öffentlichen Kritik.“ Paul Liman: Der Kaiser. Ein Charakterbild Wilhelms II. Berlin 1904, S. 9, 12, 40. 79 Ernst Graf zu Reventlow: Der Kaiser und die Byzantiner, München 21906, S. 33, 83 und 69f. 80 Kohlrausch: Skandal, S. 263ff. 81 Vgl. den „Aufruf!“ vom 10. November 1908 im Verhandlungsbericht über die Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Alldeutschen Verbandes am 4. und 5. November 1908, in: BAL, R 8084 (Alldeutscher Verband), Nr. 67, Blatt 52.

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In dieser teils frappierend naiven Hoffnung auf weitgehende Reformen des Reiches durch Stärkung der politischen Rolle der Presse waren Journalisten wie Reventlow und Liman bis weit in die Mitte des politischen Spektrums anschlussfähig. Mit einem einflussreichen Vordenker wie Harden besaßen sie ohnehin viele, auch persönliche Anknüpfungspunkte. Die traditionelle konservative Zurückhaltung gegenüber einer potentiell enthemmten öffentlichen Meinung spielte dagegen eine immer geringere Rolle.

5. Wechselwirkungen, Abgrenzungen und Prägungen In der generellen Entwicklung der Medien in Großbritannien und Deutschland um 1900 fallen eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede auf, vor allem der zunehmend parallel laufende Aufstieg der Massenmedien mit der qualitativen Folge des „New Journalism“ in Großbritannien und eines stärker am Publikum orientierten Journalismus in Deutschland. Auch im Verhältnis von Medien und Politik stechen zunächst die Ähnlichkeiten ins Auge. Der Freiraum der Presse in Deutschland war nicht nur rechtlich, sondern auch praktisch nach 1900 nicht mehr wesentlich kleiner als in Großbritannien. Die zahlreichen medial ausgetragenen Politskandale belegen die Kritikfähigkeit und -willigkeit der Presse überdeutlich. Insbesondere im Zusammenspiel von zwar staatsfixierter, aber eben doch nicht nur in der Theorie unabhängiger Justiz und Medien konnten derartige dramatische Ereignisse politikmächtig werden.82 Trotz der obrigkeitsstaatlichen politischen Struktur war im Kaiserreich Politik gegen die öffentliche Meinung de facto nicht möglich. Der schwankende Regierungsstil Wilhelms II. lag in dessen Persönlichkeit, aber auch in der Tatsache begründet, dass sich monarchische Politik in zunehmendem Maße an der öffentlichen Meinung ausrichten musste.83 Hier ist versucht worden, durch eine Analyse des Wechselverhältnisses der Medien und der wichtigsten politischen Institutionen die Spezifika der jeweiligen Entwicklung herauszuarbeiten. Dabei traten erhebliche Unterschiede zutage. Die politische Mobilisierung, die im Wahlrecht in Deutschland sogar schneller als in Großbritannien erfolgte, bewirkte zwar, dass in beiden Ländern ein äußerst dynamisches Wechselspiel zwischen der in Parteien, Wahlen und 82 Die Häufigkeit von Politskandalen im Kaiserreich ließe sogar vermuten, dass dieses „Ventil“ mangels anderer Aushandlungsmechanismen häufiger genutzt wurde als in Großbritannien. Zur unterschiedlichen Rolle politischer Skandale in Großbritannien und Deutschland: Martin Kohlrausch: Monarchische Repräsentation in der entstehenden Mediengesellschaft. Das deutsche und das englische Beispiel, in: Andres/Geisthövel/ Schwengelbeck (Hg.): Sinnlichkeit, S. 93–122, hier: S. 114ff. 83 Dies zeigt sich insbesondere in den großen außenpolitischen Krisen. Vgl. die zahlreichen Beispiele bei: Daniel: Kaiserdämmerung, S. 312ff.

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Parlamenten ausgehandelten neuartigen Massenpolitik und den Massenmedien entstand. Aber die Auswirkungen dieses Wechselspiels waren in wesentlichen Aspekten verschieden. Die politisch-verfassungsrechtlich starke Monarchie mit einem zwar überforderten, aber um eine aktive Rolle bemühten Monarchen rückte die Monarchie in Deutschland in den Mittelpunkt medialer Diskussionen und medial getragener Partizipationserwartungen und -forderungen, die die massenmediale Mobilisierung erst zu wecken geholfen hatte. Hier kann nur angerissen werden, was es bedeutete, dass der Durchbruch der Massenmedien in Deutschland auf ein vergleichsweise starres, in der Spitze autoritär verfasstes politisches System traf. Ins Auge sticht die Popularität verschiedenster Konzeptionen, die eine direkte Verschaltung von Expertise, öffentlicher Meinung und Exekutive über die neuen Potentiale der Massenmedien zu erreichen hofften. Hier schien ein Ausweg aus der Unmöglichkeit, einerseits das politische System zu bewahren und andererseits den erheblich verschärften und äußerst komplexen Leistungsanforderungen an den Staat gerecht zu werden, aufzuscheinen.84 Letztlich blieben diese Konzepte aber innerhalb der den Medien immanenten Grenzen, da die Exekutive sich den neuen partizipativen Erwartungen fast vollständig verweigerte und ein elastisches Element des Interessenabgleichs in Form des vergleichsweise einflusslosen Parlaments nur bedingt bereitstand.85 Das Problem in Deutschland war weniger die mangelnde demokratische Repräsentation, sondern vielmehr das dysfunktionale politische Prozedere. Das englische Unterhaus konnte mit seinem unmittelbaren Einfluss auf die Exekutive – trotz aller Kritik im Einzelnen – als Scharnier zwischen Presse und Regierung 84 So erklärte der „Tag“, eine dezidiert überparteiliche Gründung des Scherl-Verlages im Jahr 1900, dass die politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Belange der Nation derart komplex geworden seien, dass auf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit gutinformierten Autoritäten nicht verzichtet werden könne: Birmele: Press, S. 55. Hier wäre generell nach der Rolle der Medien in den verschiedenen Reformdiskursen zu fragen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg etwa fand der Taylorismus gerade auch als Möglichkeit einer „effektiven“ Überwindung bzw. Vermeidung des Parlamentarismus Zuspruch. Vgl. Charles S. Maier: Between Taylorism and Technocracy: European ideologies and the vision of industrial productivity in the 1920s, in: Journal of Contemporary History, 5, 1970, S. 27–51, hier: S. 29. 85 Überhaupt fällt auf, wie phantasielos die Exekutive in Deutschland der medialen Herausforderung begegnete und wie unzureichend deren Anpassungsleistungen – auch in der klassischen Pressepolitik – waren. Zur Anpassung der Monarchie an mediale Erfordernisse durch royale Vordenker vgl.: William M. Kuhn: Democratic Royalism. The Transformation of the British Monarchy. 1861–1914. London 1996, S. 142. Zu mangelnden Reformideen der Reichsleitung zuletzt: James Retallack: Ideas into Politics. Meanings of „Stasis“ in Wilhelmine Germany, in: Geoff Eley/James Retallack (Hg.): Wilhelminism and Its Legacies. German Modernities, Imperialism and the Meanings of Reform. 1890–1930. New York 2003, S. 235–252.

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fungieren und war zudem in der Lage, sich der Dynamik der Massenmedien anzupassen. Dies gilt für die mehrfachen Wahlrechtserweiterungen – die in einem direkten Zusammenhang mit der Verbreitung der Presse standen. Dies gilt aber auch für die herausragenden Politiker, für die es – anders als in Deutschland – essentiell wurde, Medientauglichkeit zu demonstrieren. Eine Figur wie der blasse Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wäre in England kaum denkbar gewesen. Hinzu kam schließlich ein persönlicher Faktor: Zwischen den englischen Regierungsspitzen und den wichtigen Herausgebern und Journalisten bestanden vielfältige und intensive persönliche Beziehungen, die in dieser Dichte in Deutschland keine Entsprechung hatten. Den zweiten wesentlichen Unterschied wird man in der Form der Interaktion des politischen Personals mit den Medien suchen müssen. In beiden Ländern lassen sich die Wirkungen der durch die Massenmedien beförderten Individualisierung, Emotionalisierung und Personalisierung auf Politikstile und Politikrezeption deutlich beobachten. Auffällig ist – in starker Zuspitzung –, dass von diesen Prozessen in Deutschland der in seinen Handlungsmöglichkeiten und Fähigkeiten zunächst dramatisch überschätze Kaiser erheblich profitierte. Nach dem offenkundigen Scheitern der unterschiedlich konturierten, aber jeweils stark durch die Massenmedien beeinflussten cäsaristischen Konzepte, reüssierten in einem bemerkenswerten Maße Führerideen jenseits des Monarchen. Wie stark diese an die Massenmedien rückgebunden waren, ist am Beispiel der Neuen Rechten gezeigt worden. In England verlief die Individualisierung und Personalisierung der Sphäre des Politischen wesentlich kontinuierlicher und umfasste mehr Akteure als in Deutschland – vor allem auch jenseits der Monarchie. Disraelis Versuch einer Charismatisisierung der Monarchie blieb letztlich ein Außenseiterversuch und kurzfristige Episode.86 Hingegen konnte der „popular liberalism“ um Gladstone aber auch in den Aktivitäten des Journalisten Stead zu einem wesentlichen massenmedialen Phänomen werden. Die in Deutschland bereits vor 1918 so wirkmächtige Idee des nicht zuletzt durch die Massenmedien plebiszitär legitimierten politischen Führers lässt sich in Großbritannien kaum feststellen. Hier bestätigt sich noch einmal, wie unterschiedlich sich der – trotz aller nationaler Spezifizierungen – universale Prozess des Durchbruchs der Massenmedien in den unterschiedlichen politischen Systemen auswirken konnte. Es zeigt sich aber auch, wie ambivalent die Rolle der Medien bereits in der Medienrevolution des späten 19. Jahrhunderts politisch bewertet wurde – und auch heute noch zu bewerten ist. Der für das deutsche Kaiserreich gestellte Befund einer „dynamischen Demokratisierung der Gesellschaft“ versus einer „blockierten De86 Campbell: Gladstone, S. 22ff. Zur Individualisisierung der englischen Monarchie unter Victoria vgl. Plunkett: Queen, S. 14.

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mokratisierung der staatlichen Herrschaftsordnung infolge unvollendeter Parlamentarisierung“ bezeichnet zwar die Grundproblematik, wird aber den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den beiden Phänomen nur bedingt gerecht.87 Eine strikt dichotome Sicht auf das autoritäre politische System auf der einen Seite und die in den Massenmedien verkörperten demokratischen Potentiale auf der anderen Seite, die wie in einem Nullsummenspiel um den politischen Raum kämpfen, übersähe die langfristigen Prägungen der deutschen Politik durch die Interaktion von monarchischem System und Massenmedien. Schließlich ist mit der „Nationalisierung“ politischer Institutionen ein weiteres wesentliches Phänomen anzusprechen. Während in England das Parlament als elementarerer Bestandteil der eigenen Kultur und Geschichte galt und plebiszitär-cäsaristische Modelle als unenglisch gebrandmarkt wurden, wurde in Deutschland der Parlamentarismus als englisch denunziert und als Ausdruck vermeintlich negativer Entwicklungen der Moderne – der „Plutokratie“, egoistischer Interessengruppen etc. – abgelehnt. In England wiederum speiste sich der Republikanismus immer auch aus antideutschen Vorbehalten gegen die „fremde“ Dynastie bzw. aus antikontinentalen Vorbehalten, die eine starke Monarchie als etwas Fremdes begriffen. Gerade dieser doppelte Prozess aus Abgrenzung gegenüber dem als anders wahrgenommenen Referenzstaat und der Selbstverständigung über Nationalismus und Imperialismus wurde durch die Massenmedien erheblich gefördert.88

Literatur BERGER, Arnold E.: Wilhelm II. und das Reich. Darmstadt 1913. BEHRINGER, Wolfgang, Communications Revolutions. A Historiographical Concept, in: German History, 24, 2006, S. 333–374. BIERBAUM, Otto Julius: Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings. München 1907. BIRMELE, Jutta: The mass-circulation press and the crisis of legitimation on Wilhelmine Germany. 1908–1918 (Ph.D. Claremont Graduate School)1990. 87 Dieter Langewiesche: Politikstile im Kaiserreich. Zum Wandel von Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter des „politischen Massenmarktes“, in: Lothar Gall (Hg.): Regierung, Parlament und Öffentlichkeit im Zeitalter Bismarcks. Politikstile im Wandel. Paderborn 2003, S. 1–21. 88 Vgl. hierzu sehr instruktiv: Mark Hewitson: The Wilhelmine Regime and the Problem of Reform. German Debates about Modern Nation-States, in: Eley/Retallack: Wilhelminism, S. 73–90, insb. S. 79f., 87ff.; zur deutsch-englischen Antagonie: Fälschle: Rivalität, S. 206ff. und 214; zum Vergleich der jeweiligen Protagonisten auf dem Thron durch die Presse: Markus Brechtken: Scharnierzeit 1895–1907. Persönlichkeitsnetze und internationale Politik in den deutsch-britisch-amerikanischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg. Mainz 2006, S. 308–321.

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Presse und Kanzel Päpstliches Medienverständnis und katholische Publizistik in Deutschland (1920er–1970er Jahre) von Klaus Große Kracht

Was immer Religion auch sein mag, eines ist sie zweifellos: eine spezifische Form der Kommunikation, die in kulturwissenschaftlicher Sicht nie „an sich“, sondern immer nur in „Prozessen der aktualisierenden Auslegung, Aneignung und Fortschreibung überlieferter Mythen, Zeichen, Riten und Sinnwelten“ existiert.1 Religion ist somit auf Medien als Träger ihres Sinns angewiesen, Religionsgeschichte ist daher immer auch Mediengeschichte. Vor diesem Hintergrund ist bereits vor einiger Zeit der Vorschlag unterbreitet worden, das viel beschworene „katholische Milieu“ vor allem als eine Kommunikationsgemeinschaft zu begreifen – auch um die lange Zeit dominante sozialgeschichtliche Herangehensweise an die konfessionellen Subgesellschaften der modernen Industrienationen um eine kulturgeschichtliche Perspektive zu erweitern.2 Die Ausprägung der modernen Sozialform des Katholizismus als relativ geschlossene Weltanschauungsgruppe innerhalb vieler europäischer Gesellschaften wäre ohne den Einsatz moderner Kommunikationsmittel jedenfalls kaum denkbar gewesen. Gerade die im 19. Jahrhundert erfolgte Homogenisierung katholischer Frömmigkeits-, Lebens- und Denkwelten3 war zu einem großen Teil das Werk der zeitgenössischen katholischen Publizistik. So lässt sich für Deutschland etwa seit den 1820er Jahren von einer genuin „katholischen Presse“ sprechen, die erheblich zur Formierung eines auch in politischer Hinsicht klar konturierten konfessionellen Blocks beitrug, angefangen bei der Mainzer Zeitschriftengründung Der Katholik (1821) und den Historisch-Politischen Blättern (1838) über die zahlreichen Kirchen-, Sonntags- und Verbandszeitschriften des Kaiserreichs und der Weimarer Republik bis hin zu den überregionalen katholi1

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Friedrich Wilhelm Graf: Euro-Gott im starken Plural? Einige Fragestellungen für eine europäische Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Journal of Modern European History, 3, 2005, S. 231–256, hier S. 237. Urs Altermatt: Katholizismus von innen: Kultur, Mentalität und Religion, in: ders.: Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich 21991, S. 87–95; diese Perspektive fortschreibend: Franziska Metzger: Konstruktionsmechanismen der katholischen Kommunikationsgemeinschaft, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 99, 2005, S. 433–447. Vgl. Wilhelm Damberg: Entwicklungslinien des europäischen Katholizismus im 20. Jahrhundert, in: Journal of Modern European History, 3, 2005, S. 164–181.

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schen Periodika der frühen Bundesrepublik wie der Wochenzeitung Rheinischer Merkur (1946) und der auflagenstarken, von der Forschung bislang aber noch wenig beachteten Monatszeitung Mann in der Zeit (1948).4 Vergleichbare Prozesse der Ausbildung katholischer Presselandschaften lassen sich auch in anderen europäischen Ländern seit dem 19. Jahrhundert beobachten, insbesondere dort, wo sich der Katholizismus gegenüber anderen Weltanschauungen in die Defensive gedrängt fühlte.5 So sah sich die katholische Kirche nicht nur im preußischen Kulturkampf, sondern mindestens ebenso sehr im Frankreich der Dritten Republik – hier besonders seit dem Gesetz von 1905 zur Trennung von Kirche und Staat – von der Regierung in ihrem politischgesellschaftlichen Einfluss beschnitten. Ihrer öffentlichen Präsenz tat dies allerdings keinen Abbruch, wie die Erfolgsgeschichte der 1883 gegründeten und bis heute bestehenden katholischen Tageszeitung La Croix unter Beweis stellt, die immerhin noch Mitte der 1980er Jahre eine Auflagenhöhe von etwa 120 000 Exemplaren erreichte.6 Neben die Presse, die katholischen Kulturzeitschriften und das katholische Verlagswesen7 traten im 20. Jahrhundert Film, Rundfunk und Fernsehen als moderne Medien auch der katholischen Kommunikationsgemeinschaft. In der Tat wusste sich die katholische Kirche beider Massenmedien früh zu bedienen, wie die Gründung von Radio Vatikan im Jahr 1931 oder der Einsatz von katholisch geprägten Lichtspielen in der Pfarrseelsorge seit den 1920er Jahren zeigt.8 Wie sehr auch heute noch der Katholizismus als globale Kommunikationsgemeinschaft vom Einsatz moderner Massenmedien zehrt, hat zuletzt die inten4

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Grundlegend zur Geschichte der deutschen katholischen Presse im 19. und 20. Jahrhundert: Michael Schmolke: Die schlechte Presse. Katholiken und Publizistik zwischen „Katholik“ und „Publik“ 1821–1968. Münster 1971; als Überblick: Otto B. Roegele: Presse und Publizistik des deutschen Katholizismus 1803–1963, in: Anton Rauscher (Hg.): Der soziale und politische Katholizismus. Entwicklungslinien in Deutschland, 1803–1963. 2 Bde. München 1982, Bd. 2, S. 395–434. Einen europäischen Überblick gibt: Michael Schmolke: Information und Massenmedien, in: Hubert Jedin/Konrad Repgen (Hg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Bd. VII: Die Weltkirche im 20. Jahrhundert. Freiburg 1979, S. 411–436. Zur nicht immer rühmlichen Geschichte dieses Flaggschiffs katholischer Publizistik in Frankreich siehe: René Rémond/Émile Poulat (Hg.): Cent ans d’histoire de La Croix 1883–1983. Paris 1988; dort auch die Auflagenzahlen S. 451f. Michael Schmolke: Katholisches Verlags-, Bücherei- und Zeitschriftenwesen, in: Anton Rauscher (Hg.): Katholizismus, Bildung und Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Paderborn 1987, S. 93–117. Zur frühen kirchlichen Filmarbeit in Deutschland siehe: Heiner Schmitt: Kirche und Film. Kirchliche Filmarbeit in Deutschland von ihren Anfängen bis 1945. Boppard am Rhein 1979, für die Zeit danach: Christian Kuchler: Kirche und Kino. Katholische Filmarbeit in Bayern. Paderborn 2006; zur Rundfunkarbeit nach 1945: Heinz Glässgen: Katholische Kirche und Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1962. Berlin 1983.

Päpstliches Medienverständnis und katholische Publizistik

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sive mediale Berichterstattung vom Tod Johannes Pauls II. im Frühjahr 2005 unter Beweis gestellt. Das späte Charisma dieses Papstes verdankte sich nicht unwesentlich der medial vermittelten Wahrnehmung seiner von Krankheit gezeichneten Gestalt, die eine intermediale Distanz zu den gängigen Bilderwelten der Massenmedien aufbaute und – gekoppelt mit der Würde des geistigen Amts – eine Aura der Spiritualität entstehen ließ. Es ist zu vermuten, dass das Bild des todkranken Papstes mehr Menschen der katholischen Kirche näher gebracht hat als seine Ansprachen und Enzykliken zuvor. Die folgenden Ausführungen werden sich im Wesentlichen auf das Verhältnis von katholischer Kirche, katholischer Publizistik und Presseöffentlichkeit in Deutschland im europäischen Kontext zwischen 1920 und etwa 1970 beziehen. Die Konzentration auf das Beispiel Presse ist dabei vor allem auf den Umstand zurückzuführen, dass sich die Diskussionen um den „richtigen“ Umgang mit der modernen, massenmedial vermittelten Öffentlichkeit in der katholischen Kirche bzw. im deutschen Katholizismus im Wesentlichen an diesem Medium entzündet haben. Zunächst soll in einem kurzen Abriss die Geschichte der päpstlichen Lehrmeinungen zum Prinzip der Meinungsfreiheit und des Pressekonsums im 19. und 20. Jahrhundert geschildert werden. Vor diesem Hintergrund wird dann genauer auf die Diskussionen innerhalb der deutschen katholischen Publizistik vom Ende der 1920er bis zum Ende der 1950er Jahre eingegangen. Als besonderer Kristallisationspunkt des schwierigen Verhältnisses von Kirche und medialer Öffentlichkeit soll anschließend das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) als erstes transnationales „Medienereignis“ modernen Ausmaßes in den Blick genommen werden.

1. Vom Prärogativ der „Wahrheit“ zur naturrechtlichen Akzeptanz: Das Recht auf Meinungsfreiheit in den Lehrschreiben der Päpste Der katholische Glaube steht − wie jede Offenbarungsreligion − in einem inneren Spannungsverhältnis zum liberalen Öffentlichkeitsverständnis der Moderne, wie es sich seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Europa herausgebildet hat. Während dieses davon ausgeht, dass „Wahrheit“ nicht einfach vorgefunden wird, sondern in kritisch-deliberativen, öffentlichen Verständigungsprozessen erst erarbeitet werden muss,9 hat die katholische Kirche in ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte immer wieder über Techniken der Kanonisierung, 9

Zum normativ-liberalen Öffentlichkeitsbegriff klassisch: Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1962.

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Dogmatisierung und Juridifizierung bestimmte Glaubensinhalte dem Zugriff der Kritik zumindest intern entzogen. So war es „gerade die nichtdiskutierende und nicht räsonnierende, sondern die, wenn man sie so nennen darf, repräsentative Rede“, d.h. die Verkündigung im Vollbesitz der „Wahrheit“, die das öffentliche Erscheinungsbild der katholischen Kirche bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geprägt hat.10 Das Verhältnis des römischen Lehramtes zum modernen Öffentlichkeitsverständnis, das heißt vor allem zum Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, gestaltete sich daher im Wesentlichen als widerwilliger Anpassungsprozess, der von einer frühen radikalen Ablehnung der Meinungsfreiheit über ein funktionales Interesse an den Medien zur Beeinflussung der Öffentlichkeit bis hin zu einer zaghaften Anerkennung der Meinungsfreiheit als ein menschliches Grundrecht reichte.11 So stand etwa Gregor XVI. (1830–1846) der Pressefreiheit äußerst ablehnend gegenüber, sah er in ihr doch lediglich den Ausweis liberaler „Neuerungssucht“. Denn zu den „seuchenartigen“ Zeitirrtümern, so der vom revolutionären Zeitgeist erschrockene Pontifex, gehöre nicht zuletzt „jene nie genug zu verurteilende und zu verabscheuende Freiheit der Presse, alle beliebigen Schriften unter das Volk zu werfen“.12 Auch wenn nicht alle seine Nachfolger auf dem Stuhle Petri zu ähnlich drastischen Formulierungen greifen sollten, hatte Gregor XVI. die Weichen für das zukünftige Verhältnis zwischen kirchlichem Lehramt und liberalem Rechtsgrundsatz auf Meinungsfreiheit damit zunächst eindeutig gestellt. Sein Nachfolger Pius IX. (1846–1878) kanonisierte die päpstliche Ablehnung der Pressefreiheit dann im „Syllabus errorum“ von 1864, jenem „Verzeichnis der hauptsächlichsten Irrtümer unserer Zeit“, zu denen laut Art. 79 auch die Religions- und Meinungsfreiheit zählte.13 Unter Leo XIII. (1878–1903) zeichnete sich dann jedoch ein erster vorsichtiger Wandel in der Einschätzung der Presse als öffentliches Kommunikationsmittel ab, auch wenn der neue Papst – wie seine Vorgänger – der Rede- und Pressefreiheit noch kein von ihren jeweiligen Inhalten losgelöstes Eigenrecht 10 Carl Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form. 2. Aufl. der Ausgabe von 1925. Stuttgart 2002, S. 39; zu Schmitts innerkatholischer Positionierung siehe: Manfred Dahlheimer: Carl Schmitt und der deutsche Katholizismus 1888–1936. Paderborn 1998. 11 Die folgenden Abschnitte orientieren sich an der konzisen Darstellung bei Giselbert Deussen: Ethik der Massenkommunikation bei Papst Paul VI. München 1973, S. 21–77 (1. Kapitel: Die Päpste von Gregor XVI. bis Paul VI. zur „Freiheit der Publizistik“). 12 Gregor XVI.: Enzyklika Mirari vos (1832), in: Arthur Utz/Brigitta Gräfin von Galen (Hg.): Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung. Eine Sammlung päpstlicher Dokumente vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Bd. 1. Aachen 1976, S. 136–159, hier S. 149. 13 Pius IX.: Syllabus. Verzeichnis der hauptsächlichsten Irrtümer unserer Zeit (1864), in: Helmut Schnatz (Hg.): Päpstliche Verlautbarungen zu Staat und Gesellschaft. Originaldokumente mit deutscher Übersetzung. Darmstadt 1973, S. 21–45, hier S. 45.

Päpstliches Medienverständnis und katholische Publizistik

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zuzubilligen bereit war. Denn, so heißt es auch bei ihm, es widerspreche nun einmal der „Vernunft, daß das Falsche gleiches Recht haben soll wie das Wahre“.14 Daher komme nur Letzterem, der von Gott der Kirche als sein Depositum vermachten „Wahrheit“, das Recht auf freie, uneingeschränkte Mitteilung zu. „Falsche“ Meinungen hingegen könnten dieses Recht nicht für sich in Anspruch nehmen: „Was wahr ist, was gut ist, das hat ein Recht, in weiser Freiheit in der Gesellschaft sich auszubreiten (…); dagegen werden lügenhafte Meinungen, diese größte Pest des Geistes (…), mit Recht von der Obrigkeit sorgfältig unterdrückt (…)“.15 Auch die nachfolgenden Päpste – Pius X. (1903–1914) und Benedikt XV. (1914–1922) – unterschieden in diesem Sinne zwischen einer „guten“, weil kirchlich-katholischen, Presse und einer „schlechten“, weil sozialdemokratischen, liberalen oder doch zumindest weltanschaulich neutralen. Der Grundsatz der „Pressefreiheit“ wurde damit vom römischen Lehramt einseitig funktional auf die Interessen der Kirche bezogen: Katholische Journalisten sollten im Sinne eines kirchlichen Verlautbarungsjournalismus die ewige „Wahrheit“ der Kirche in die Welt tragen, sich von aller Kritik und Sensationslust jedoch fernhalten.16 Die damit aufkommende Idee eines eigenständigen „Presseapostolats“,17 einer rein instrumentellen Nutzung der Massenmedien zum Zwecke der Propagierung kirchlicher Lehre, wurde dann vor allem unter Pius XI. (1922–1939) im Rahmen der von ihm mit Nachdruck betriebenen Laienmobilisierung der „Katholischen Aktion“ weiter ausgebaut.18 Deren Zweck bestand geradezu darin, wie Pius XI. 1937 schrieb, „mit mündlicher und schriftlicher Propaganda (…) jene fundamentalen Prinzipien zu verbreiten, die dem Aufbau einer christlichen Sozialordnung dienen und die in den päpstlichen Erlassen niedergelegt sind“.19 In einer Zeit, in der das Lehramt nicht mehr allein über die Kanzel in eine massenmedial strukturierte Öffentlichkeit vorzustoßen in der Lage war, wurde nun das vormals schärfste Mittel des weltanschaulichen Gegners, die Massenpresse, in den Dienst der katholischen Sache gestellt.

14 Leo XIII.: Enzyklika Libertas praestantissimum (1888), in: Schnatz (Hg.): Päpstliche Verlautbarungen, S. 141–187, hier S. 179. 15 Ebd., S. 169. 16 Vgl. Deussen: Ethik der Massenkommunikation, S. 50ff. 17 Siehe die Nachweise bei Schmolke: Die schlechte Presse, S. 192. 18 Zur „Katholischen Aktion“ siehe: Wilhelm Damberg: „Radikal katholische Laien an die Front!“. Beobachtungen zur Idee und Wirkungsgeschichte der katholischen Aktion, in: Joachim Köhler/Damian van Mehlis (Hg.): Siegerin in Trümmern. Die Rolle der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Stuttgart 1998, S. 142–160. 19 Pius XI.: Enzyklika Divini redemptoris (1937), in: Utz/von Galen (Hg.): Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Bd. 1, S. 224–289, hier S. 279.

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Dieser fromm-klerikale Wunsch, „aus jedem katholischen Publicisten einen wahren Apostel“ machen zu wollen,20 beherrschte, zumindest zu großen Teilen, auch das Medienverständnis Pius’ XII. (1939–1958). Auch für ihn zeichnete sich der gute katholische Journalist vor allem dadurch aus, dass er nicht den „Versuchungen, die aus Parteiinteressen und vielleicht aus Interessen der Presse selber stammen,“ nachgebe, sondern dass er seiner sittlichen Pflicht nachkomme, die öffentliche Meinung „auf Wahrheit und Recht auszurichten, (…) also zu läutern und zu führen“, wobei auch Pius XII. „Wahrheit“ weiterhin im Sinn invarianter Sittengesetze oberhalb aller empirischen Faktentreue verstand.21 Allerdings begründete Pius XII. das Recht auf freie Meinungsäußerung nun nicht mehr nur allein vom Eigenrecht der Kirche auf Verkündigung der „Wahrheit“ her. An einigen Stellen seiner zahlreichen Reden und Äußerungen zu Presse, Film, Rundfunk und Fernsehen klingt vielmehr die Bereitschaft an, dem Recht auf Meinungsfreiheit, wenn auch in bestimmten sittlichen Grenzen, grundrechtlichen (d.h. in der kirchlichen Tradition: naturrechtlichen) Status zuzubilligen, es also nicht mehr als ein Prärogativ der „Wahrheit“ aufzufassen, sondern als etwas, das dem Menschen vor aller inhaltlichen Bestimmung als einer in Gemeinschaft lebenden Person zukomme. So bezeichnete Pius XII. 1950 die „öffentliche Meinung“ geradezu als die „Mitgift jeder normalen Gesellschaft“; sie sei das „natürliche Echo, der mehr oder weniger ursprünglich gemeinsame Widerhall“ von Menschen, die sich der „Gemeinschaft, deren Mitglieder sie sind, verbunden fühlen“: „Die Stimme der Bürger ersticken, sie auf ein erzwungenes Stillschweigen zurückzudrängen, bedeutet in den Augen aller Christen ein Attentat auf das natürliche Recht des Menschen, eine Verletzung der Weltordnung, wie sie Gott eingerichtet hat“.22 Mit dieser grundsätzlichen Anerkennung der Meinungsfreiheit als Naturrecht des Menschen brachte Pius XII., dem zumeist seine rückwärtsgewandte, autoritäre Form der Kirchenführung vorgehalten wird, die Aussöhnung der Kirche mit fundamentalen Prinzipien der modernen Demokratie ein gutes Stück voran. Zumindest mit dem liberalen Recht auf Meinungsfreiheit schien sich die katholische Kirche bis zu einem gewissen Grad ausgesöhnt zu haben. Selbst innerhalb der Kirche war Pius XII. bereit, der Meinungsfreiheit „in Dingen, die der 20 So Kardinalstaatssekretär Merry del Val in seinem Begleitschreiben zu: H. C. Joseph Chiaudano: Die katholische Schriftstellerei. Vom Wesen, den Kennzeichen und Grundsätzen des katholischen Journalisten. Freiburg (Schweiz) 1911, S. 11. 21 Pius XII.: Ansprache an die Mitglieder der Vereinigung der Ausländischen Presse in Rom (1953), in: Arthur-Fridolin Utz/Joseph-Fulko Groner (Hg.): Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens. Soziale Summe Pius XII. 3 Bde. Freiburg (Schweiz) 1954–1961. Bd. 1, S. 1067–1071, hier S. 1070. 22 Pius XII.: Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen katholischen Pressekongresses (1950), in: ebd., S. 1072–1081, hier S. 1073.

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freien Diskussion überlassen“ seien, Raum zu geben: „Denn schließlich ist auch sie ein lebendiger Körper, und es würde etwas ihrem Leben fehlen, wenn ihr die öffentliche Meinung mangelte.“23 Äußerungen wie diese erweckten gerade im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils, das Pius’ Nachfolger Johannes XXIII. (1958–1963) kurz nach Beginn seines Pontifikats angekündigt hatte, hohe Erwartungen hinsichtlich der Anerkennung des Eigenrechts massenmedial vermittelter Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft durch den im Konzil zusammentretenden Gesamtepiskopat. Dies gilt insbesondere für jene katholischen Journalisten und Publizisten, die sich zum einen als treue Mitglieder ihrer Kirche verstanden, zum anderen aber im täglichen Geschäft der Eigenlogik des medialen Betriebs zu folgen hatten.

2. Vom „Presseapostel“ zum katholischen Pressefachmann: Selbstverständigungsdiskurse katholischer Publizisten zwischen Weimarer Republik und früher Bundesrepublik Von Mai bis Oktober 1928 fand in Köln die „Pressa“, die „Internationale PresseAusstellung“, statt, eine beeindruckende Schau der neuesten technischen Möglichkeiten, Arbeitsabläufe und logistischen Verfahren in der Herstellung und Verbreitung des damals noch unbestrittenen Leitmediums öffentlicher Kommunikation in Europa, der Tages-, Wochen- und Monatspresse. Auch die großen Religionsgemeinschaften (Katholiken, Protestanten und Juden) waren mit eigenen Sonderausstellungen vertreten. Die vierundzwanzig Räume, die der katholischen Sonderschau zur Verfügung standen, zeigten größtenteils Exponate aus der Geschichte klösterlicher Kopier- und Buchdruckkunst; für die zeitgenössische katholische Tagespresse des In- und Auslands waren lediglich zwei Räume reserviert. Gegen den mondänen Glanz, die technische Bravour und den ökonomischen Erfolg der großen marktorientierten Verlage und Pressekonzerne nahm sich die kleine katholische Sonderwelt auf der „Pressa“ jedenfalls recht bescheiden aus.24 Während in Köln die Internationale Presseschau noch auf Hochtouren lief, fand in Magdeburg im September 1928 die 67. Generalversammlung der deutschen Katholiken statt, die ganz im Zeichen der päpstlichen Laienmobilisierung der Katholischen Aktion stand. Auch das Presseapostolat wurde auf dem Katholikentag – mit einem neidischen Seitenblick auf die Besucherströme in Köln – ausführlich gewürdigt: „Die Presse ist eine geistige Großmacht geworden, eine 23 Ebd., S. 1080. 24 Pressa, Köln 1928. Amtlicher Katalog (Köln 1928); zur katholischen Sonderschau ebd., S. 242; sowie: Bernhard Marschall (Hg.): Führer durch die katholische Sonderschau der Pressa. Köln 1928.

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öffentliche Rednertribüne an jedem Tag, eine Kanzel, von der herab tagtäglich gepredigt wird. Sie dringt heute im Zeitalter des Autos rasch bis aufs letzte Dorf im Hinterlande vor und ist Trägerin der „Öffentlichen Meinung“. Die Kölner „Pressa“ redet laut darüber.“25 Die Macht der Presse wurde in Magdeburg zur großen „Schicksalsfrage“ des deutschen Katholizismus stilisiert: „Dank der schlechten Presse unseres Landes, dank dem kirchenfeindlichen Journalismus unserer Tage stehen wir vor dem Abgrund, stehen wir vor einer Kulturkatastrophe“, so Felix Hardt, der umtriebige „Milieumanager“ (Olaf Blaschke) des katholischen Presseapostolats im Deutschland der 1920er Jahre.26 Hardt, selbst katholischer Priester, trommelte in Magdeburg für den Aufbau einer breiten katholischen „Pressebewegung“, an deren Spitze er sich eine Art „Journalistenorden“ wünschte, der gegen die „schlechte Presse“ im Sinne der päpstlichen Lehrschreiben publizistisch zu Felde ziehen sollte.27 Denn in der heutigen Zeitungswelt, so Hardt, stünden sich „in gewaltiger Schlachtreihe gegenüber die Presse des Glaubens und der Kirche – und die Presse des Unglaubens und des Irrtums“.28 In seiner dichotomisch-agonalen Sicht auf die Medienwirklichkeit seiner Zeit folgte Hardt dem bekannten instrumentellen Verständnis der Massenmedien, wie es in den päpstlichen Lehrschreiben zugrunde gelegt sowie kurz zuvor von der Fuldaer Bischofskonferenz noch einmal in Erinnerung gerufen worden war.29 Allerdings konnten auch Hardt und seine Mitstreiter nicht übersehen, dass im katholischen Zeitungslager deutliche Missstände zu verzeichnen waren, wie schon die unbefriedigenden Titel- und Auflagenzahlen anzeigten.30 In der Frage allerdings, welchen Weg die katholische Presse angesichts der übergroßen Konkurrenz der so genannten „farblosen Presse“ der Häuser Ullstein, 25 A(dolf ) Donders: Die religiös-geistige Lage im Deutschen Reiche und die Aufgaben der deutschen Katholiken, in: Katholikentag Magdeburg 1928, hg. vom Generalsekretariat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Paderborn (o. J.), S. 47–68, hier S. 66. 26 Felix Hardt: Der Katholik und die Presse, in: ebd., S. 108–121, hier S. 114f.; siehe auch ders.: Die Pressefrage – eine Gewissensfrage, in: ders. (Hg.): Vorträge über die Presse. Wiesbaden 1926; dort auch die Rede vom „Apostolat der Presse“ (S. 5, 30); zu Hardts zahlreichen Bemühungen auf dem Gebiet der katholischen Pressearbeit siehe Schmolke: Die schlechte Presse, S. 232ff. 27 Hardt: Der Katholik und die Presse, S. 118. 28 Ebd., S. 110. 29 Richtlinien der Fuldaer Bischofskonferenz für die Presse (1928), in: Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1918–1933. Bd 2. Bearb. von Heinz Hürten. Paderborn 2007, S. 903–909, hier S. 904f. 30 Hardt: Der Katholik und die Presse, S. 112; ders.: Die Pressefrage, S. 13: „Wenn in Deutschland 1925 den 451 katholischen Blättern eine Zeitungsmacht von 164 sozialistischen und kommunistischen, von 1642 parteilosen, von 1000 ausgesprochen nichtkatholischen Organen gegenübersteht, (…) so mag unsere Furcht um die christliche Kultur, um das Christentum in Europa berechtigt sein (…).“

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Mosse und Hugenberg mit ihren angeblich „neutralen“, dem „Indifferentismus“ zuneigenden Magazinen, Illustrierten und annoncenreichen „Generalanzeigern“ einschlagen sollte, gingen die Meinungen erheblich auseinander.31 Im Grunde changierten sie zwischen zwei Positionen, die bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg präzise formuliert worden waren. So wurde in den Debatten um die Zukunft der katholischen Presse in Deutschland immer wieder auf die bereits 1912 veröffentlichte Kampfschrift „Großmacht Presse“ des deutsch-österreichischen Publizisten Joseph Eberle verwiesen. Der spätere Herausgeber der einflussreichen, in Wien erscheinenden katholischen Kulturzeitschrift „Schönere Zukunft“ hatte in diesem frühen Pamphlet eine streng katholische Presse gefordert, die sich – ungeachtet aller ökonomischen Fragen – von sämtlichen Spielarten des „Kapitalismus“, „Demokratismus“ und „Intellektualismus“ freihalten und zur wahren kirchlichen „Autoritätsverteidigerin“ aufschwingen sollte.32 Vor allem aber sollte sie eins sein: ein großer Gegenentwurf zum „herrschende(n) Walten des Judengeistes“ und seiner „ungeheuren Geldmacht“ in der gegenwärtigen Zeitungswelt.33 Dieser ebenso antimodernistischen wie antisemitischen Position, die in ihrer radikalen Zuspitzung einem verbreiteten Unbehagen innerhalb des deutschen Katholizismus (und nicht nur dort) an den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen um 1900 Ausdruck gab, standen, wenn auch sehr vereinzelt und weniger lautstark, Positionen gegenüber, die in der Tradition des sogenannten „Reformkatholizismus“ die katholische Presse vielmehr zum Anschluss an die neuen technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Zeit zu bewegen versuchten. In diesem Sinne hatte Victor Naumann, ein katholisierender Protestant und Mitarbeiter verschiedener, auch katholischer Zeitungen, in einer im Jahr 1907 zunächst unter dem Pseudonym „Pilatus“ veröffentlichten Schrift den mangelnden Einfluss der katholischen Presse auf den einfachen Umstand zurückgeführt,

31 Zu den Herausforderungen, denen sich die sogenannte „Gesinnungspresse“ mit dem Auftauchen des „Generalanzeigers“ als neuen Typus einer rein an kommerziellen Überlegungen orientierten Massenpresse seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gegenübersah, vgl.: Jörg Requate: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen 1995, S. 358ff. 32 Joseph Eberle: Großmacht Presse. Enthüllungen für Zeitungsgläubige – Forderungen für Männer. München 1912, S. 235, 240, 252; vgl. auch ders.: Die Großmacht Presse, in: Hardt (Hg.): Vorträge über die Presse, S. 40–65; zu Eberle siehe: Anita Ziegerhofer-Prettenthaler: Schönere Zukunft – Die führende Wochenschrift der (österreichischen) Ersten Republik (1925–1838), in: Michel Grunewald/Uwe Puschner (Hg.): Le milieu intellectuel catholique en Allemagne, sa presse et ses réseaux (1871–1963)/Das katholische Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1871–1963). Bern 2006, S. 395–414. 33 Eberle: Großmacht, S. 198f.

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„daß die liberale Presse viel besser „gemacht“ wird – ebenso die sozialistische – als die katholische“.34 Naumann forderte deshalb eine grundsätzliche Modernisierung des gesamten Produktionsablaufes, angefangen von der Ausbildung der Redakteure über das Korrespondentennetz bis hin zur technischen Abwicklung der Annoncen und „Reklame“.35 Wolle die katholische Presse Anschluss an den modernen Meinungsmarkt finden, dürfe sie nicht nur das Schlechte an der Konkurrenz wahrnehmen, sondern müsse sich bemühen, auch „Gutes beim Gegner“ zu entdecken, und bereit sein, dieses zu übernehmen.36 Das Gros der während der Weimarer Republik auf dem Feld der katholischen Publizistik Tätigen wird sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen angesiedelt haben. Selbst Felix Hardt, der in Wortgewalt und Ablehnung der „schlechten Presse“ kaum hinter Eberle zurückstand – übrigens auch nicht im Antisemitismus37–, war für modernes technisches „know how“ durchaus zu haben. Als Herausgeber von Broschüren mit praktischen Ratschlägen für die katholische Pressearbeit und einer eigenen Zeitschrift mit dem Namen Pressekunde behielt er insbesondere auch die Forschungen und Ergebnisse der damals noch recht jungen wissenschaftlichen Disziplin der „Publizistik“ – oder, wie man damals sagte, der „Zeitungswissenschaft“ – im Blick, zumal diese in den 1920er Jahren durch namhafte Katholiken wie Karl d’Ester in München und Emil Dovifat in Berlin deutlich an Profil gewann.38 Durch die Hinzuziehung wissenschaftlicher Experten wurde schließlich auch die Debatte um die Zukunft der katholischen Presse bis zu einem gewissen Grad versachlicht und aus der rein polemischen Abwehrhaltung gegenüber der „schlechten Presse“ herausgeholt. Dies lässt sich beispielsweise an dem für die Abhaltung von „Presselehrgängen“ entwickelten Handbuch „Die Presse und der Katholik“ zeigen, die der damalige Redakteur der katholischen Augsburger Postzeitung Johann Wilhelm Naumann – nicht zu verwechseln mit Victor Naumann, dem Verfasser der „Pilatus“-Schrift von 1907 – im Jahr 1932 mit Unterstützung von Hardt veröffentlichte und an dem ebenfalls Dovifat und d’Ester mitgearbei-

34 Pilatus (Victor Naumann): Die katholische Presse. Eine kritische Studie. Wiesbaden 21907, S. 8. 35 Ebd., S. 18ff., 34ff. 36 Ebd., S. 6. 37 Siehe Hardt: Pressefrage, S. 13ff. 38 Schmolke: Die schlechte Presse, S. 234; Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann. Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945, in: Wolfgang Duchkowitsch/Fritz Hausjell/Bernd Semrad (Hg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Münster 2004, S. 123–144, sowie zu Dovifat detailliert: Bernd Sösemann (Hg.): Emil Dovifat. Studien und Dokumente zu Leben und Werk. Berlin 1998.

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tet hatten.39 Zwar finden sich auch hier durchgehend Anklänge an die bekannte Sprache des alten Presseapostolats, andererseits wird die Presse aber doch als eine „kulturelle Institution“ mit eigenen Gesetzen gewürdigt, wie der Wiener Sozialethiker Johannes Messner ausführte.40 Die aktuellen Aufgaben der katholischen Presse wurden daher vor allem im technischen und praktischen Bereich gesehen, „nicht so sehr auf ideellem als auf wirtschaftlichem Gebiete“, wie der Generalsekretär des „Augustinus-Vereins zur Pflege der katholischen Presse“ in seinem Beitrag zusammenfasste: „Es handelt sich darum, die katholische Presse in der äußeren Form und im inneren Gehalt so auszugestalten, daß sie in jeder Weise konkurrenzfähig ist und bleibt.“41 Professionalisierung und Modernisierung waren damit auf die Tagesordnung der katholischen Publizistik der späten Weimarer Republik gesetzt; Presselehrgänge und journalistische Schulungen sollten die Einsichten der Zeitungswissenschaft im katholischen Raum verbreiten. Denn auch für den weltanschaulich gebundenen Journalisten, so hatte Dovifat bereits zuvor an anderer Stelle geschrieben, muss „das Mittel (…) immer die Nachricht, das Ereignis, die Sensation“ sein, „ja keine Predigt“: „Wer die publizistischen Persönlichkeiten entwickeln will, der lasse sie gewähren“.42 Diesem „Gewährenlassen“ waren jedoch nicht nur innerkirchliche Grenzen gesetzt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der „Gleichschaltung“ der nicht-konfessionellen Presse wurde die katholische Zeitungs- und Zeitschriftenpublizistik, sofern sie nicht ebenfalls auf NS-Kurs gebracht werden konnte, zunächst auf rein kirchlich-religiöse Belange eingeschränkt, bevor sie dann – mit Ausnahme der kirchlichen Amtsblätter – in zwei Schüben, „nämlich durch eine ab 1937 rigoros gehandhabte Verbotspraxis und, für den Rest, 1941 durch Papiersperrung“ vom NS-Regime faktisch ausgeschaltet wurde.43 An eine breite katholische Pressebewegung, an ein öffentliches Presseapostolat, war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Die politischen und ökonomischen Bedingungen führten vielmehr dazu, dass die auf diesem Gebiet vormals Tätigen nun entweder eng an die kirchlichen Amtsstellen heranrückten oder 39 Johann Wilhelm Naumann (Hg.): Die Presse und der Katholik. Anklage und Rechtfertigung. Handbuch für Vortrag und Unterricht. Augsburg 1932; zu Naumann siehe die knappen Hinweise des Herausgebers in: Harald Vocke (Hg.): Johann Wilhelm Naumann zum Gedächtnis (1897–1956). Leitartikel aus der Gründungszeit der Deutschen Tagespost. Würzburg 1986. 40 Johannes Messner: Die negative Kritik an der katholischen Presse vom Standpunkt der Presse-Ethik, in: Naumann (Hg.): Presse und Katholik, S. 41–52, hier S. 45f. 41 Franz Weber: Der Augustinus-Verein zur Pflege der kath. Presse, in: ebd., S. 250–254, hier S. 252f. 42 Emil Dovifat: Lebensaufgaben der katholischen Presse, in: Das Neue Reich, 1929/30, S. 355–357 u. 381–383, hier S. 381f. 43 Schmolke: Die schlechte Presse, S. 254.

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aber ihr berufliches Überleben im gleichgeschalteten NS-Pressesystem zu sichern versuchten. Die erste Strategie lässt sich an Johann Wilhelm Naumann, dem Herausgeber des Handbuches von 1932, illustrieren, der 1933 Berufsverbot erhielt, jedoch 1937 als Sekretär des päpstlichen Missionswerks in Freiburg eine neue Tätigkeit fand.44 Als Beispiel für den zweiten Weg ließe sich Walter Dirks anführen, der – nach vorübergehender „Schutzhaft“ – im Jahr 1934 seine Stelle bei der Rhein-Mainischen Volkszeitung, einem inzwischen gleichgeschalteten linken Zentrumsblatt verlor, im Jahr darauf im Feuilleton der Frankfurter Zeitung jedoch wieder eine Anstellung fand und dort bis zum Verbot derselben im Jahr 1943 weiterhin journalistisch tätig sein konnte.45 Die vom NS-Staat propagierte und seit Mitte der 1930er Jahre vollzogene „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“46 zeitigte somit zwei gegenläufige Prozesse, und dies nicht nur im Bereich der Publizistik: zum einen eine deutliche Verkirchlichung des deutschen Katholizismus, der auf die kirchlichen Autoritäten und Gebietskörperschaften zurückgeführt wurde, zum anderen eine ungewollte professionelle Behauptung der katholischen Eliten in nichtkonfessionellen Arbeitsbereichen. Mit Naumann und Dirks sind auch die beiden Positionen exemplarisch bezeichnet, zwischen denen sich die Diskussion um die Zukunft der katholischen Publizistik nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufspannte. Während Naumann mit dem Aufbau einer neuen rein katholischen Tageszeitung – der bis heute bestehenden (Deutschen) Tagespost – sowie später mit der von ihm begründeten kulturkonservativen Zeitschrift Neues Abendland an die Ideen der Vorkriegszeit anzuschließen versuchte, beschritt Dirks mit den von ihm – zusammen mit dem ehemaligen Eberle-Mitarbeiter Eugen Kogon – herausgegebenen Frankfurter Heften einen neuen publizistischen Weg, der zwar aus christlichem Geist beschritten werden, aber über die engen konfessionellen und politischen Grenzen des katholischen Bevölkerungskreises hinausweisen sollte.47 Ähnlich wie Ende der 1920er Jahre wird sich auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Großteil der katholischen Publizisten irgendwo zwischen diesen beiden Positionen befunden haben. Und so wie bereits damals katho44 Vgl. Vocke: Johann Wilhelm Naumann zum Gedächtnis, S. 9. 45 Zu Dirks siehe mit weiteren Literaturangaben: Klaus Große Kracht: Das Pneuma der Kritik, oder: Linkskatholizismus als intellektueller Habitus bei Walter Dirks, in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Intellektuellen-Götter. Das religiöse Laboratorium der klassischen Moderne. München 2009, S. 143–161. 46 Gerhard Besier: Die Kirchen und das Dritte Reich. Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934–1937. Berlin 2001, S. 222ff. 47 Siehe hierzu: Doris von der Brelie-Lewien: Katholische Zeitschriften in den Westzonen 1945–1949. Ein Beitrag zur politischen Kultur der Nachkriegszeit. Göttingen 1986; zu Naumann und dem „Neuen Abendland“ siehe insbesondere: Axel Schildt: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. München 1999, S. 39–55.

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lische Zeitungswissenschaftler in die Diskussion eingriffen, so waren sie auch nach 1945 erneut wichtige Stichwortgeber der Debatte, zumal sie selbst die NSZeit – zum Teil um den Preis der entsprechenden Anpassungsleistung – relativ gut überstanden hatten.48 Auf der ersten größeren Tagung katholischer Publizisten nach dem Krieg, die unter internationaler Beteiligung im Frühjahr 1948 im Dominikanerkloster Walberberg (zwischen Köln und Bonn) stattfand, sprach sich Dovifat trotz aller Anklänge an die alte Idee des Presseapostolats letztlich gegen einen allzu engen kirchlichen Führungsanspruch in Sachen katholischer Publizistik aus: Am Anfang, so der Berliner Zeitungswissenschaftler, müsse immer das journalistische Können stehen, denn dieses sei der „Schlüssel, durch den sich die religiöse Leistung (…) erst erschließen wird – und nicht umgekehrt“.49 Unterstützung erhielt Dovifat an gleicher Stelle von Walter Hagemann, dem letzten Chefredakteur (1934–1938) der ehemaligen Zentrumszeitung Germania, der 1946 zum Leiter des Instituts für Zeitungswissenschaft an der Universität Münster berufen worden war. An die Stelle der alten Unterscheidung von „Laie oder Kleriker“, so Hagemann, müsse die neue treten: „Fachmann oder nicht Fachmann“. Wer die katholische Publizistik voranbringen wolle, müsse zunächst und vor allem die „Technik der Publizistik“ vermitteln. Erst wenn der eigene Nachwuchs entsprechend geschult werde, könne der katholische Publizist seinem Auftrag gerecht werden, dem Hagemann folgende Wendung gab: „Wir müssen hinaus auf die Märkte. Wir müssen versuchen, in die Menschenkreise hineinzukommen, die uns fernstehen. (…) Diese Missionsarbeit kann jeder als Publizist an seinem Platze leisten, auch in der liberalen Presse, auch in einem überparteilichen Blatt“. Anstatt sich gegen die „schlechte Presse“ abzuschotten, sollten sich katholische Journalisten auch im außerkonfessionellen Bereich behaupten.50 Dovifat und Hagemann formulierten auf der Walberberger Tagung damit Leitlinien eines neuen katholisch-publizistischen Selbstverständnisses, das die modernisierungs- und professionalisierungsfreundlichen Diskurse der späten Weimarer Republik aufgriff und weiter vorantrieb. Seinen institutionellen Nie48 Vgl. dazu im Einzelnen Stöber: Emil Dovifat. 49 Emil Dovifat: Begriff und Aufgabe der katholischen Publizistik heute, in: Heinrich Jansen Cron/Karl Bringmann (Hg.): Katholisches Leben und publizistische Verantwortung. Vorträge und Referate aus der I. Internationalen Werkwoche katholischer Publizisten. Heidelberg 1949, S. 88–102, hier S. 99; zu dieser Tagung und ihren Hintergründen vgl. Klaus Große Kracht: Neudeutschland und die katholische Publizistik. Konfessionelle Elitenbildung und kommunikative Netzwerke 1945–1965, in: Grunewald/Puschner (Hg.): Le milieu intellectuel catholique, S. 483–505. 50 Walter Hagemann: Zur Praxis christlicher Publizistik, in: Jansen Cron/Bringmann (Hg.): Katholisches Leben, S. 103–121, hier S. 117, 119f.; zu Hagemann siehe: Lutz Hachtmeister: Theoretische Publizistik. Studien zur Geschichte der Kommunikationswissenschaft in Deutschland. Berlin 1987, S. 130–205.

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derschlag fand dieser Impuls bereits wenige Wochen später auf dem ersten Nachkriegskatholikentag in Mainz 1948, auf dem – im Beisein von Dovifat und Naumann – die Gründung einer „Gesellschaft Katholischer Publizisten“ (GKP) beschlossen wurde, deren vorrangiges Ziel in der Vernetzung untereinander sowie in der Erfassung und Schulung des Nachwuchses bestehen sollte.51 Dabei wurde insbesondere darauf Wert gelegt, dass nicht nur Publizisten kirchlichkatholischer Medien Aufnahme finden sollten, sondern auch jene katholischen Berufskollegen, die außerhalb des konfessionellen Kommunikationsraumes tätig waren.52 Denn trotz aller Rechristianisierungshoffnung in der unmittelbaren Nachkriegszeit ließ sich hinter die „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ nicht mehr zurückgehen, zumal die Weichenstellung der Alliierten (Lizenzpresse, Trennung von Nachricht und Kommentar, paritätische Besetzung der Rundfunkräte etc.) einem Wiedererstarken der alten Gesinnungspresse deutliche Grenzen gesetzt hatte.53 Die GKP wurde in der frühen Bundesrepublik zum Sammelbecken jüngerer katholischer Publizisten und Medienschaffender, die sich mit der neuen, im Vergleich zur ersten Jahrhunderthälfte weltanschaulich entschärften Medienlandschaft der 1950er Jahre schnell arrangierten. Als Beispiel hierfür ließe sich das langjährige GKP-Mitglied Karl Holzamer anführen, der – aus der katholischen Jugendbewegung kommend – seit 1931 für die Westdeutsche Rundfunk AG (dem späteren Reichssender Köln) tätig war, bevor er als Bordschütze und Kriegsberichterstatter 1939 zur Luftwaffe eingezogen wurde. Nach dem Krieg erhielt Holzamer dann zunächst in Mainz eine Professur für Philosophie, Psychologie und Pädagogik, bevor er 1962 schließlich zum ersten Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens gewählt wurde.54 Dass die rasche Integration katholischer Publizisten in die neue Medienlandschaft der frühen Bundesrepublik dabei keineswegs auf Kosten der konfessionellen Identität gehen musste, stellte ein anderes prominentes Mitglied der GKP unter Beweis: Otto Bernd Roegele. Geboren im Jahr 1920, war er zu jung, um 51 Der Christ in der Not der Zeit. Der 72. Deutsche Katholikentag vom 1.–5. September 1948 in Mainz. Paderborn 1949, S. 175; siehe auch: Karl Bringmann: Die ersten zehn Jahre. Rückblick auf die Entwicklung der Gesellschaft Katholischer Publizisten aus der Sicht von 1958, in: Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (Hg.): Bekannt-Machung. 40 Jahre Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands. Berlin 1988, S. 9–28. 52 Bringmann: Die ersten zehn Jahre, S. 11. Siehe auch Schmolke: Die schlechte Presse, S. 269f. 53 Siehe dazu Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973. Göttingen 2006, S. 133ff. 54 Karl Holzamer: Anders, als ich dachte. Lebenserinnerungen des ersten ZDF-Intendanten. Freiburg 1983; siehe auch: Rundfunk in schwierigen Zeiten. Interview mit Professor Dr. Karl Holzamer über seine Erfahrungen als Redakteur bei der Westdeutschen Rundfunk AG und beim Reichssender Köln, in: Rundfunk und Geschichte, 31, 2005, S. 31–43.

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in die diskursiven Mühlen des Presseapostolats zu geraten. Zur katholischen Publizistik fand der Arzt und Historiker (Dr. med., Dr. phil.) erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihn Franz Albert Kramer 1948 als Leiter der Kulturredaktion zum katholisch-konservativen Rheinischen Merkur holte, dessen Chefredakteur Roegele bereits im darauffolgenden Jahr wurde. Als er 1963 auf den traditionsreichen Lehrstuhl für Zeitungswissenschaft von Karl d’Ester nach München berufen wurde, gab Roegele die Chefredaktion des Rheinischen Merkur ab, hielt aber als (Mit-)Herausgeber dem Blatt weiterhin die Treue. Bereits zuvor, im Jahr 1957, hatte Roegele den Vorsitz der GKP übernommen, ein Jahr später dann auch das Amt des Sprechers des „Arbeitskreises Presse“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.55 Sowohl in seinem tagesjournalistischen Werk als auch in seiner Arbeit im akademisch-institutionellen Bereich unterschied er sich – trotz seiner klar hervortretenden kirchlich-konservativen Einstellung – deutlich von den „Presseaposteln“ früherer Jahre: Während für diese katholische Publizistik im Grunde eine Gegenpublizistik zur weltanschaulich neutralen und an kommerziellen Gesichtspunkten orientierten Zeitungslandschaft meinte, bedeutete katholische Publizistik für Roegele vor allem die professionelle Leistung von bekennenden und kirchlich gebundenen Katholiken innerhalb des Systemzusammenhangs moderner massenmedialer Kommunikation: „Vielleicht ist es zuvörderst ein Wink der Vorsehung,“ so schrieb er bereits Anfang der 1950er Jahre, „daß heute der Weg in die glänzende Einsamkeit einer konfessionellen Tagespresse mit fast unüberwindlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten verbarrikadiert ist. Vielleicht ist es die Aufgabe unserer Zeit, eine große Zahl junger Journalisten heranzubilden, deren berufliches Können so unbezweifelbar ist, daß sie sich allenthalben durchsetzen und in einer Art selbstgewählter „diaspora“ die Bereicherung der deutschen Presse mit christlichem Geistesgut beginnen können.“56 Als Roegele 1951 diese Sätze schrieb, war das römische Lehramt allerdings noch weit davon entfernt, dem modernen Meinungsmarkt ein Eigenrecht zuzubilligen, auch wenn Pius XII., wie oben dargelegt, eine entscheidende Wendung hin zur Anerkennung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit vollzogen hatte. Noch das Zweite Vatikanische Konzil Anfang der 1960er Jahre sollte unter Beweis stellen, wie sehr die katholische Kirche in ihren Lehraussagen hinter dem Reflexionsgrad der Praktiker auf dem Gebiet der katholischen Publizistik zurückblieb. 55 Karl-Joseph Hummel: Otto Bernd Roegele (1920–2005), in: Jürgen Aretz/Rudolf Morsey/ Anton Rauscher (Hg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 12. Münster 2007, S. 201–213. 56 Otto Bernd Roegele: Zum Problem der katholischen Presse in Deutschland, in: Hochland, 44, 1951/52, S. 24–34, hier S. 31.

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3. Das Zweite Vatikanische Konzil oder: Die Verzögerung des medienpolitischen aggiornamento Am 9. Oktober 1958 starb Papst Pius XII. Sein Nachfolger Johannes XXIII. kündigte nur wenige Monate später die Einberufung eines Konzils, einer Weltvollversammlung der katholischen Bischöfe und Ordensoberen, an, die von Oktober 1962 bis Ende 1965 − unterbrochen von drei längeren Sitzungspausen und einem weiteren Pontifikatswechsel − im Vatikan tagte.57 Ziel der Zusammenkunft, an der fast 2000 hohe katholische Würdenträger teilnahmen, sollte, wie Johannes XXIII. sich ausdrückte, ein „aggiornamento“ des kirchlichen Selbstverständnisses, eine Neuausrichtung der Kirche auf die „Welt von heute“, sein. Gespannt verfolgten daher nicht nur die Katholiken das Geschehen im Vatikan, zumal moderne Techniken – wie etwa die 1962 einsetzende Satellitenübertragung − eine weltweite Versorgung mit Informationen und Bildern vom Verlauf des Konzils möglich machten. Das Zweite Vatikanische Konzil war somit das erste transnationale katholische Medienereignis audiovisueller Natur: Dank der „hervorragenden Eurovisions- und Telstarsendung“, so rühmte beispielsweise die Herder-Korrespondenz, das bedeutendste katholische Nachrichtenmagazin im deutschen Sprachraum der damaligen Zeit, habe man „im ganzen freien Europa und in Nordamerika die Feierlichkeiten“ der Konzilseröffnung „genauer verfolgen“ können „als irgendeiner der unmittelbaren Augenzeugen“.58 Was früher nur „eine Handvoll Vertrauter erlebte und in Verschwiegenheit bewahrte“, so kommentierte die Neue Zürcher Zeitung, „wird heute vor Dutzenden Millionen ausgebreitet“.59 Angesichts des großen Medieninteresses hatte sich die Kurie bereits im Vorfeld die grundsätzliche Frage nach dem Anrecht der Öffentlichkeit auf Information über die Konzilsverhandlungen und damit auf deren kritische Begleitung gestellt. Johannes XXIII. hoffte sehr auf einen ruhigen, von der internationalen Medienöffentlichkeit ungestörten Verlauf der internen Debatten, für die er daher zunächst eine Nachrichtensperre verfügte (das sogenannte Konzilsgeheimnis). Lediglich ein Pressebüro sollte die Medienvertreter mit dem Nötigsten versorgen.60 57 Zur Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils siehe grundlegend: Giuseppe Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965). Mainz/Leuven 2000–2009 (5 Bde.). 58 Die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Herder-Korrespondenz (im Folgenden: HK), 17, 1962/63, S. 84–109, hier S. 84. 59 Zit. nach ebd. 60 Zur zurückhaltenden Pressepolitik des Vatikans im Vorfeld des Konzils siehe: J. Oscar Beozzo: Das äußere Klima, in: Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Bd. 1, S. 403–456; Klaus Wittstadt: Am Vorabend des Zweiten Vati-

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In einer Ansprache an die etwa 1.000 Journalisten, die sich zur Konzilseröffnung in Rom eingefunden hatten, bekundete der Papst den Pressevertretern zwar durchaus seinen Respekt, appellierte aber zugleich an ihre „loyale Mitarbeit“: „Takt“, „Zurückhaltung“ und „Sorgfalt um Verstehen und Genauigkeit“ seien dem Gegenstand angemessen, nicht aber die Suche nach dem „Sensationelle(n)“.61 So bat der Papst die anwesenden Journalisten, „Verbindung mit dem Leben der Kirche aufzunehmen“ und sich „bei den verantwortlichen Stellen“ genau zu informieren, die klar „die Meinung des hier versammelten Episkopats der Gesamtkirche wiedergeben“.62 Trotz aller freundlichen und lobenden Worte für die angereisten Pressevertreter lassen sich somit auch bei Johannes XXIII. noch die alten Motive kirchlicher Medienskepsis erkennen: Nicht unabhängig-kritische Berichterstattung, sondern kirchennaher Verlautbarungsjournalismus schien nach wie vor die vatikanische Idealvorstellung gelungener Medienarbeit zu sein.63 Die Mitteilungen des Konzilspressebüros ergingen sich jedoch größtenteils in diplomatischer Inhaltsleere, so dass noch vor dem Beginn der eigentlichen Debatten erste Klagen über die mangelnde Transparenz der Vorbereitungen und geplanten Abläufe aufkamen.64 Die eingeschränkte Informationsmöglichkeit über das Geschehen auf dem Konzil, das schließlich die Kirche zur Welt hin öffnen sollte, genügte selbst katholischen Medienvertretern und Publizisten nicht mehr, die sich inzwischen mehrheitlich vom rein instrumentellen Verständnis des Presseapostolats gelöst hatten: „Von einer Unterrichtung der Christenheit, die diese zum Mitdenken anregen könnte, ist wirklich keine Rede“, so beklagte beispielsweise die Herder-Korrespondenz bereits im Vorfeld des Konzils die Informationspolitik des Vatikans und erinnerte bei dieser Gelegenheit selbstbewusst an die Worte Pius’ XII.: „‚Wo keine Äußerung der öffentlichen Meinung erscheint, muß man darin eine Krankheit des gesellschaftlichen Lebens sehen.‘ Auch in der Kirche!“65

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kanischen Konzils, in: ebd., S. 457–560; sowie Jan Grootaers: L’Information religieuse au début du concile, in: Étienne Fouilloux (Hg.): Vatican II commence… Approches Francophones. Leuven 1993, S. 211–234. Die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, S. 95. Ebd., S. 96. Siehe dazu auch die frühen, in ihrer Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassenden Äußerungen des Generalsekretärs der Zentralkommission für die Konzilsvorbereitung, Erzbischof Felici, in: HK 15, 1960/61, S. 391f. Grootaers: Information religieuse, S. 219; siehe dazu auch den zeitgenössischen Überblick über die außerkatholischen Pressestimmen in: HK, 17, 1962/63, S. 154–156. Aus dem Vatikan: Zweite Session der Zentralkommission für die Konzilsvorbereitung, in: HK, 16, 1961/62, S. 150–154, hier S. 153.

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Unter den führenden katholischen Publizisten deutscher Sprache trat insbesondere Otto Bernd Roegele mit Kritik an der Informationspolitik des Vatikans hervor. Auch er hatte bereits im Vorfeld, während einer Rede auf dem 79. Deutschen Katholikentag in Hannover im August 1962, eine „zuverlässige und umfassende Information über das Konzilsgeschehen“ eingefordert66 und war daher nach Ende der ersten Sitzungsperiode, über deren Diskussionsverlauf nur wenige Informationen nach außen gelangt waren, umso enttäuschter. Die Verlautbarungen des offiziellen Pressebüros, so beklagte er, vermeldeten zwar präzise die äußeren Daten, enthielten jedoch keine Angaben darüber, „wer über was gesprochen und wer welche Position eingenommen“ habe.67 Die öffentliche Kritik an der vatikanischen Informationspolitik scheint durchaus Früchte getragen zu haben, denn mit der Einberufung der zweiten Sitzungsperiode durch Papst Paul VI., den Nachfolger von Johannes XXIII., zeichnete sich im September 1963 eine erste „Lockerung des Konzilsgeheimnisses“ ab.68 So wurde neben dem bereits bestehenden Pressebüro ein neues bischöfliches Pressekomitee eingerichtet, das nicht mehr der Kurie untergeordnet, sondern allein dem Plenum verpflichtet war und jeden Tag ein Kommuniqué mit der Zusammenfassung der verschiedenen Diskussionsbeiträge herausgab. Hinzu kamen Pressekonferenzen einzelner nationaler Episkopate, auf denen über den Verlauf der Verhandlungen zum Teil sehr genaue Auskunft gegeben wurde.69 Die verbesserte öffentliche Transparenz der Konzilsberatungen gab Grund zur Hoffnung auf einen generellen Wandel des kirchlichen Medienverständnisses. Die Erwartungen richteten sich insbesondere auf das während der zweiten Sitzungsperiode abschließend diskutierte Dekret über die „sozialen Kommunikationsmittel“, „Inter mirifica“, das am 4. Dezember 1963 feierlich verkündet wurde. Doch jene, die sich vom Konzil ein „aggiornamento“ auch in medienpolitischer Hinsicht erhofft hatten, sahen sich nach der Lektüre zutiefst enttäuscht, fiel das Dokument doch weit hinter den bei Pius XII. erreichten Stand zurück. Erneut wurde vor den vielfältigen Gefahren, die der Umgang mit Massenmedien mit sich bringe, gewarnt, der Vorrang der „objektiven sittlichen Ordnung“ gegenüber der Freiheit der Kunst unterstrichen und alle „Glieder der Gesellschaft“ aufgefordert, „mit Hilfe dieser Mittel (…) zur Bildung und Verbreitung 66 Die 79. Generalversammlung der deutschen Katholiken in Hannover, in: HK, 17, 1962/63, S. 4–42, hier S. 39; siehe auch: Otto Bernd Roegele: Was erwarten wir vom Konzil? Gedanken eines Laien. Osnabrück 1961, S. 46ff. 67 Otto Bernd Roegele: Publizistische Aspekte des II. Vatikanischen Konzils, in: Publizistik, 8, 1963, S. 337–349, hier S. 344. 68 Die Berichterstattung über das Konzil, in: HK, 18, 1963/64, S. 152–154, hier S. 153. 69 Zur verbesserten Berichterstattung seit der Zweiten Sitzungsperiode siehe: Jan Grootaers: Ebbe und Flut zwischen den Zeiten, in: Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Bd. 2, S. 620–677.

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richtiger öffentlicher Meinungen (!) beizutragen“. Insbesondere die Aufgabe der katholischen Presse sei es, „die Wahrheit zu verbreiten und zu verteidigen sowie christliches Geistesgut den Menschen zu vermitteln“, kurz die Massenmedien als „Mittel für das Apostolat“ zu gebrauchen.70 Es nimmt kaum Wunder, dass der Konzilstext über die „sozialen Kommunikationsmittel“ erfahrene Publizisten und Zeitungsmacher aus dem katholischen Raum nicht zufrieden stellte. So beklagte Roegele mit deutlichen Worten die „moralisierend-weltfernen Vorstellungen“, die aus dem Dekret sprächen, sowie den „antiquierten und inkompetenten Eindruck“, der nach der Lektüre zurückbleibe. Insbesondere ärgerte ihn, dass der Text an „der Situation der meisten Katholiken, die heute in den Publikationsmedien tätig sind“, konsequent vorbeigeschrieben sei.71 In der Sache ähnlich deutlich, wenn auch im Ton moderater, hatte sich bereits zuvor Émile Gabel, der langjährige Chefredakteur von La Croix und Generalsekretär der „Katholischen Weltunion der Presse“, zu Wort gemeldet und beklagt, dass das Konzil die positive Bedeutung der Massenmedien für die gegenwärtige Welt noch immer nicht zur Kenntnis genommen habe. Die Medien würden weiterhin nahezu ausschließlich unter dem Gesichtspunkt „der Gelegenheit zur Sünde und zum Skandal“ gesehen, von einer positiven Würdigung des Rechts auf Information – auch innerhalb der Kirche – sei das Lehramt immer noch weit entfernt.72 Wie sehr „Inter mirifica“ mit seinem statischen Wahrheits- und Öffentlichkeitsverständnis selbst an der Debattenwirklichkeit des Zweiten Vatikanischen Konzils vorbei geschrieben war, lässt sich Roegeles Dokumentation der Ent-

70 Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel, in: Karl Rahner/Herbert Vorgrimler (Hg.): Kleines Konzilskompendium. Alle Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen des Zweiten Vaticanums in der bischöflich beauftragten Übersetzung. Freiburg 1966, S. 95–104, hier S. 97f., 101f. 71 Otto Bernd Roegele: Das Konzilsdekret „Über die Werkzeuge der sozialen Kommunikation“, in: Publizistik 9, 1964, S. 305–347, hier S. 316, 318, 320. „Für einen Journalisten zum Beispiel, der in einer Nachrichtenagentur oder Zeitungsredaktion tätig ist, auch für einen katholischen Journalisten, bedeutet seine Berufsarbeit das Ackern in einem Kultursachbereich von relativer Eigenständigkeit, bei dem es in erster Linie darauf ankommt, schlicht das Rechte zu tun: saubere Information zu geben, gute handwerkliche Arbeit zu leisten, die Funktion des Übermittlers zwischen den Weltereignissen und dem Leser, Hörer oder Fernsehteilnehmer mit einem Höchstmaß von Wahrhaftigkeit auszufüllen. Am Anfang seines Katalogs berufsethischer Postulate steht dann nicht die klug orientierte „apostolische Tendenz“, sondern die tägliche Ehrfurcht vor der „großen Keuschheit der Tatsachen“ (Karl Rahner)“ (ebd. S. 321). 72 Émile Gabel: Recht auf Information. Das Konzil und die Mittel der Massenkommunikation, in: Wort und Wahrheit. Monatsschrift für Religion und Kultur, 18, 1963, S. 409–416, hier S. 410. Zu Gabel siehe: Colloque Père Émile Gabel, 14 et 15 octobre 1988 (= Actes de l’UCIP. Bd. 3). Freiburg (Schweiz) 1989.

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stehungsgeschichte des Dokumentes entnehmen.73 So war der Text im Plenum hoch umstritten und seine Annahme letztlich lediglich das Ergebnis einer allzu strikten Auslegung der Geschäftsordnung. Bemerkenswert ist aber vor allem der Umstand, dass eine kleine Gruppe katholischer Journalisten aus den USA gemeinsam mit einer Handvoll namhafter theologischer Konzilsberater öffentlichen Protest anmeldete und ein Flugblatt an die Konzilsteilnehmer verteilte, in dem sie ihre Kritik an dem bekannt gewordenen Entwurf des Dekrets darlegten. Nachdem diese Aktion ebenso wie andere oppositionelle Voten – darunter ein Eilantrag von immerhin etwa 90 Konzilsvätern − an der Geschäftsordnung gescheitert war, versuchte schließlich eine kleinere Gruppe von Kritikern kurz vor der endgültigen Abstimmung durch eine erneute Flugblattaktion in der Vorhalle des Petersdoms die Mehrheit der Bischöfe in letzter Minute umzustimmen − eine Aktion, die mehr einem öffentlichen Wahlkampf glich als dem Kirchenbarock der großen Konzilsreden.74 Vom Sitzungspräsidenten wurde dieser Akt freier Meinungsäußerung daher auch als unbotmäßige Einflussnahme auf die Abstimmung strengstens gerügt. Doch auch wenn durch diese Aktion die Verabschiedung des Dekrets nicht aufgehalten werden konnte, so zeigt sie doch, dass inzwischen selbst unter hohen katholischen Würdenträgern ein anderes Verständnis von öffentlicher Meinung vorherrschte und praktisch umgesetzt wurde, als es in „Inter mirifica“ zum Ausdruck kam. Es sollten allerdings noch Jahre vergehen, bis sich die katholische Kirche in ihren Lehrschreiben zu einem neuen Verständnis massenmedial hergestellter Öffentlichkeit durchringen konnte. Erst sechs Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils kam es tatsächlich zum lang ersehnten „aggiornamento“ der katholischen Kirche gegenüber den modernen Massenmedien: Paul VI. vollzog − nicht zuletzt aufgrund der massiven Kritik an „Inter mirifica“ − mit der von ihm verfügten Pastoralinstruktion „Communio et progressio“ im Jahr 1971 die entscheidende Wende hin zur Neuausrichtung der päpstlichen Medienlehre. Anstelle der Weitergabe „richtiger öffentlicher Meinungen“ bezeichnete der von einem päpstlichen Expertenstab erarbeitete Text nun den Austausch pluraler Meinungen − das „öffentliche Gespräch der ganzen Gesellschaft“ − als die zentrale Aufgabe der modernen Massenmedien: „Die Kommunikationsmittel bilden gewissermaßen ein öffentliches Forum, auf dem das Gespräch der Menschen hin und her geht. Die Äußerung und der Kampf der verschiedenen Meinungen in der Öffentlichkeit greift tief in das Leben der Gesellschaft ein, bereichert es und 73 Zum Folgenden siehe: Roegele: Konzilsdekret, S. 311ff. 74 Einigen Berichten zufolge soll es sogar zum Einsatz der Schweizer Garde gekommen sein, um die Flugblattaktion zu unterbinden; siehe dazu die ausführliche Darstellung des Geschehens bei: Joseph Famerée: Bischöfe und Bistümer, in: Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Bd. III, S. 139–222, hier S. 206–222.

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beschleunigt ihren Fortschritt.“75 „Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit“ seien die obersten publizistischen Tugenden; auch der katholische Journalist müsse sich vor allem durch „unbestreitbare fachliche Qualität“, durch „fachlich qualifizierte Arbeit“ ausweisen – kaum mehr ein Wort vom alten Presseapostolat und kirchlichen Verlautbarungsjournalismus. Nicht ausführendes Organ, sondern ein „Forum für Begegnung und Gedankenaustausch“ in der Kirche sowie zwischen Kirche und Welt solle die katholische Presse sein. 76 Für katholische Medienvertreter bedeuteten diese Worte nichts weniger als den Durchbruch zu einem modernen Verständnis massenmedialer Öffentlichkeit und damit zugleich eine Anerkennung für ihr eigenes Tun als professionelle Journalisten. Roegele bezeichnete das Dokument später als eine Art „Magna Charta der Beziehungen zwischen Kirche und Medien“: Mit „Communio et progressio“ habe das Lehramt die „innere Ordnung“, die „eigenständige, unabgeleitete Wertwelt der Kommunikation“ anerkannt, welche „die Würde, den Eigenwert und Eigenstand (das proprium) des journalistischen Berufes begründet und rechtfertigt“.77 Anfang der 1970er Jahre hatte das Lehramt damit die Erfahrungswelt der in der katholischen wie nicht-katholischen Publizistik tätigen Laien eingeholt und sich damit vom langen Schatten des alten Presseapostolats befreit.

4. Ausblick: Leserschwund, Entkirchlichung und die Medialisierung des Religiösen Trotz der großen innerkirchlichen Bedeutung von „Communio et progressio“ kam die Pastoralinstruktion für den (west-)europäischen Katholizismus im Grunde zu spät. So hatte die katholische Presse in Deutschland bereits um 1963 den Höhepunkt ihrer akkumulierten Auflage erreicht, danach begann die Talfahrt.78 Auch in anderen europäischen Ländern lassen sich vergleichbare Pro-

75 Pastoralinstruktion „Communio et progressio“ über die Instrumente der sozialen Kommunikation, in: Franz-Josef Eilers u.a. (Hg.): Kirche und Publizistik. Dreizehn Kommentare zur Pastoralinstruktion „Communio et progessio“. Mit dem deutschen Originaltext. München 1972, S. 129–199, hier S. 141, 143; siehe hierzu sowie zur weiteren lehramtlichen Verkündigung zum Thema Massenmedien und Öffentlichkeit: Hermann-Josef Große Kracht: Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit. Paderborn 1997, S. 242ff. 76 Communio et progressio, S. 140, 184. 77 Otto Bernd Roegele: Wie steht es mit den Beziehungen zwischen Kirche und Medien? (Les relations actuelles Église – Médias), in: Colloque Émile Gabel, S. 142–152, hier S. 144, 147f. 78 Michael Schmolke: Die kirchlich-konfessionelle Presse, in: Jürgen Wilke (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1999, S. 350–374, hier S. 361.

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zesse beobachten: Seit den 1960er Jahren ist die katholische Publizistik in eine tiefe Strukturkrise geraten.79 Dessen ungeachtet beschloss die Deutsche Bischofskonferenz 1967 die Gründung einer neuen überregionalen katholischen Wochenzeitung, deren erste Ausgabe im September 1968 erschien: Publik. Der Titel des Blattes spiegelt die Aufbruchstimmung der späten 1960er Jahre in programmatischer Weise wider, als es darum ging, die Errungenschaften des Konzils – etwa hinsichtlich des eigenen Kirchenverständnisses – in die katholische Öffentlichkeit der jeweiligen Länder zu tragen. Unter Marktbedingungen konnte sich das neue, hoch subventionierte Blatt jedoch nicht halten, so dass das Experiment bereits 1971 wieder beendet wurde.80 In der Tat hatte die katholisch-kirchenverbundene Leserschaft seit Mitte der 1960er Jahre einen erheblichen quantitativen Schwund zu verzeichnen: Allein in den Jahren zwischen 1968 und 1973 verlor die katholische Kirche in Deutschland fast ein Drittel ihrer regelmäßigen Gottesdienstbesucher − ein Trend, der sich auch in anderen europäischen Ländern beobachten ließ.81 Das „katholische Milieu“ und mithin seine Organisations- und Kommunikationsstrukturen lösten sich durch diese Prozesse der Entkirchlichung gegen Ende der 1960er Jahre zu großen Teilen auf. Die konfessionelle Identität verlor damit immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich von neuen Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten überlagert, die kaum noch einen Bezug zu religiösen Vorstellungswelten aufwiesen. So unterscheidet sich die Masse der europäischen Katholiken in Lebensstil, Denkgewohnheiten und Moralstandards heute kaum mehr von anderen Segmenten der westeuropäischen Mehrheitsgesellschaften.82 Das rein „Katholische“ genügt selbst überzeugten Katholiken nicht mehr als ausschließliche Handlungsanleitung – zumindest nicht als Auswahlkriterium ihres Medi79 Siehe Michael Schmolke (Hg.): Kirchenpresse am Ende des Jahrtausends. Berichte aus 15 Ländern Europas und aus den Vereinigten Staaten. Paderborn 1992. 80 Vgl. hierzu Michael Schmolke (Hg.): Publik – Episode oder Lehrstück? Auskünfte über eine katholische Wochenzeitung. München 1974. Unter dem Titel Publik-Forum wurde 1972 ein Nachfolgeorgan in der Eigeninitiative ehemaliger Publik-Leser ins Leben gerufen, das bis heute mit kleinem, aber festem Abonnentenstamm existiert; vgl. Heinz Wilhelm Brockmann: Leserinitiative Publik: der „Weg von unten“, in: ebd., S. 53–62. 81 Siehe für Deutschland: Karl Gabriel: Christentum zwischen Tradition und Postmoderne. Freiburg 51996. S. 53; zu Europa insgesamt: Hugh McLeod: The Religious Crisis of the 1960s, in: Journal of Modern European History, 3, 2005, S. 205–229; sowie zum aktuellen Stand: José Casanova: Die religiöse Lage in Europa, in: Hans Joas/Klaus Wiegandt (Hg.): Säkularisierung und die Weltreligionen. Frankfurt am Main 2007, S. 322–357. 82 Vgl. für Deutschland: Michael Ebertz: Erosion der Gnadenanstalt. Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche. Frankfurt am Main 1998, S. 53ff., 318; sowie zu Europa insgesamt die Analysen von Loek Halman/Thorleif Pettersson: Differential patterns of secularization in Europe: exploring the impact of religion on social values, in: Loek Halman/Ole Riis (Hg.): Religion in Secularizing Society. The Europeans’ Religion at the End of the 20th Century. Leiden 2003, S. 48–75.

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enkonsums, zumal inzwischen auch außerkirchliche Anbieter, wie das eingangs erwähnte Beispiel des medialen „hype“ um die letzten Tage Johannes Pauls II. zeigt, recht gut die religiöse Musikalität (Max Weber) ihrer Konsumenten zu stimulieren wissen.

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Klaus Große Kracht

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