Lustiges Alltagsdeutsch: Gespräche und Szenen für den Ausländer-Unterricht [Reprint 2019 ed.] 9783486771831, 9783486771824

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Lustiges Alltagsdeutsch: Gespräche und Szenen für den Ausländer-Unterricht [Reprint 2019 ed.]
 9783486771831, 9783486771824

Table of contents :
Vorwort zur zweiten Auflage
I. Ein halbes Dutzend Taschentücher
II. Modenschau
III. Zurück zur Natur
IV. Das verlorene Paradies
V. Der Markt
VI. Im wunderschönen Monat Mai
VII. Schriftliche Einladungen
VIII. Mittagsgäste
IX. Ein Kaffeekränzchen
X. Reisefieber
XI. Eine Seereise
XII. Wer zuletzt lacht, lacht am besten
XIII. Konsultation
XIV. Gespräche im Büro
XV. Krause in Berlin
XVI. Besuch beim Mann im Mond
Anhang: Vier deutsche Aufführungen
Inhaltsverzeichnis

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INGRID

BUXBAUM

Lustiges Alltagsdeutsch Gespräche und Szenen für den Ausländer-Unterricht Mit einem Anhang :

Vier deutsche Aufführungen

Herausgegeben vom Goethe-Institut der Deutschen Akademie

2. durchgesehene Auflage

1938 R. Oldenbourg Verlag • München und Berlin

Vorwort zur zweiten Auflage. Der Erfolg des Buches von Ingrid B u x b a u m hat die Hoffnungen der Verfasserin und des Herausgebers bestätigt: Daß wir in dem Buch „Lustiges Alltagsdeutsch" ein Werk besitzen, das den Schüler auf ansprechende und unterhaltsame Weise mit dem Umgangsdeutsch, der täglich gesprochenen Sprache, vertraut macht. Die besondere Anziehungsk r a f t und die pädagogische Wirksamkeit des Werkes liegt in der T a t sache begründet, daß hier Zustände und Handlungen aus dem Alltags-, leben zu humorvollen Szenen und Gesprächen verdichtet sind. Fräulein Ingrid Buxbaum ist es geglückt, auf Grund ihrer reichen Unterrichtserfahrung ein lang entbehrtes Hilfsmittel f ü r den Deutschunterricht im Ausland zu schaffen. Die neue Auflage enthält keine wesentlichen Änderungen. Möge sie dem Werk, und damit unserer Sprache, neue Freunde zu den alten hinzuerwerben. München, im August 1938.

DEUTSCHE

Druck von R.Oldenbourg, München

AKADEMIE.

Ein halbes Dutzend Taschentücher.

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I.

Ein halbes Dutzend Taschentücher. Prolog. F r a u P r o f e s s o r W e i s e : Karl, gib mir doch mal die Zeitung! H e r r P r o f e s s o r W e i s e : Bitte, liebes Frauchen! F r a u W . : Was sehe ich! Großer Frühjahrsverkauf bei Möller und Sohn! Halbleinene Taschentücher, 3 Mark das Dutzend. Das ist ja spottbillig. Ich kaufe dir ein halbes Dutzend, Männchen, du brauchst sehr nötig welche. P r o f . W . : Wie lieb von dir, Frauchen, daß du an mich denkst! Im Warenhause. F r a u W . : Verzeihung, Fräulein, wie komme ich zur Weißwarenabteilung? V e r k ä u f e r i n : Nehmen Sie den Fahrstuhl zum dritten Stock, gnädige Frau. Die Weißwarenabteilüng liegt gleich rechts, wenn Sie an der Abteilung Seidenwaren vorbeikommen. F r a u W . : Besten Dank! In der Weißwarenabteilüng. F r a u W . : Fräulein, was kostet diese Spitze? V e r k . : 5 Mark das Meter, gnädige Frau. F r a u W . : Das ist sehr teuer. Kann ich sie nicht etwas billiger h a b e n ? V e r k . : Bedaure, gnädige Frau, wir können nichts ablassen. F r a u W . : Die Spitze ist wunderschön. Ich nehme fünf Meter. V e r k . : Noch etwas gefällig? F r a u W . : J a , ich möchte mir auch gern H a n d t ü c h e r u n d Bettücher ansehen. In der Lederwarenabteilung. V e r k . : Werden Sie schon bedient, gnädige F r a u ? F r a u W . : Nein. Bitte, zeigen Sie mir Handschuhe! V e r k . : Welche Nummer, b i t t e ? F r a u W . : Sechs dreiviertel. 1*

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Ein halbes Dutzend Taschentücher.

V e r k . : Wie gefallen Ihnen diese Handschuhe aus Wildleder, gnädige F r a u ? Ich kann sie Ihnen wirklich empfehlen. Sie sind sehr elegant und kosten nur 7 Mark 50. F r a u W . : Gut, die nehme ich. Außerdem möchte ich noch diese braune Tasche aus Krokodilleder haben. Ist sie sehr t e u e r ? V e r k . : Dreißig Mark, gnädige Frau. In der Schuhwarenabteilung. V e r k . : Womit kann ich Ihnen dienen? F r a u W . : Ich möchte ein Paar Halbschuhe. V e r k . : Gern! Sollen es Spangenschuhe oder welche mit Lasche sein, mit hohem oder mit niedrigem Absatz? Wir haben Schuhe aus Glattleder und auch sehr elegante aus zweierlei Leder. Vielleicht etwas mit Eidechs- oder Krokodilauflage? F r a u W . : Ich möchte verschiedene Schuhe anprobieren. Meine Schuhgröße ist 36. V e r k . : Einen Augenblick, bitte. Wie passen Ihnen diese Krokodilschuhe, gnädige F r a u ? F r a u W . : Au, tun mir da die Hühneraugen weh. Eine größere Nummer, bitte! Zu eng. Noch größer! Nein, es geht immer noch nicht. Doch, jetzt! Diese Schuhe passen mir vorzüglich. Die nehme ich. Welche Nummer ist d a s ? V e r k . : Nummer 41, gnädige Frau. Ich dachte mir gleich, daß Nummer 36 viel zu klein wäre. F r a u W . : Was erlauben Sie sich, Sie vorlaute Person! Packen Sie die Schuhe sofort ein und schicken Sie sie morgen um 1 Uhr an meine Adresse. Wieviel kosten sie eigentlich? V e r k . : Nur 25 Mark, gnädige Frau. Belm Friseur. D i e F r i s e u s e : Darf ich bitten, Frau Meyer! F r a u W . : Nein, Fräulein, jetzt bin ich an der Reihe. Machen Sie schnell, ich habe wenig Zeit! F r i s . : Bitte, nehmen Sie Platz. Ich hole gleich einen Frisiermantel. F r a u W . : Machen Sie mir Dauerwellen. Dann möchte ich eine Stunde Hand- und Fußpflege und eine Stunde Schönheitspflege. Die habe ich nötig. F r i s . : Gewiß, gnädige Frau. F r a u W . : Wie, b i t t e ? F r i s . : Oh, ich meinte nur — F r a u W . : Es interessiert mich nicht, was Sie meinen. Fangen Sie doch endlich a n !

Ein halbes Dutzend Taschentücher.

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Begegnung. F r a u S t u d i e n r a t M ü l l e r : Guten Tag, Elise! Was fehlt dir denn, du siehst ja so blaß und müde aus? F r a u W . : Liebste Berta, ich bin halbtot vor Müdigkeit, Hunger und Durst. Seit 9 Uhr bin ich auf den Beinen, und jetzt ist es gleich 4. Darf ich dich nicht zu einem kleinen einfachen Essen einladen? F r a u M.: Aber gewiß, mein Herz, sehr gern. Im Restaurant. F r a u W . : Ist dieser Tisch frei, Herr Ober? K e l l n e r : Jawohl, meine Damen. Bitte, nehmen Sie Platz. Hier ist die Speisekarte, und hier die Weinkarte. F r a u W . : Wir nehmen wohl das Gedeck zu 5 Mark: Vorspeise, Austern, Rehbraten mit Gemüse, Kartoffeln und Tunke, Eis und Schweizerkäse. Und eine Flasche Wein — was sagst du dazu, liebe B e r t a ? F r a u M.: Ein Schluck Wein wäre nicht übel. Auch möchte ich gern ein Gläschen Likör haben — und eine anständige Zigarette, wetin du nichts dagegen hast. F r a u W . : Gewiß nicht, Liebste. Herr Ober, bringen Sie uns alles so sc-hnell wie möglich. Im Modesalon. F r a u M.: Ein vorzügliches Essen! Wollen wir uns jetzt noch die neuen Frühjahrshüte ansehen? F r a u W . : Gewiß. Ach, da sind sie ja schon. W a s für reizende Modelle! Fräulein, wieviel kostet dieser lila Seidenhut mit den hellrosa Blüten? V e r k . : 45 Mark, gnädige Frau. Er kommt direkt aus Paris. F r a u W . : Soviel kann ich aber nicht anlegen. F r a u M.: Ida Neureich hat von ihrem Mann einen Pariser H u t zum Geburtstag bekommen. Ich habe sie gestern damit herumstolzieren sehen. F r a u W . : Ist's möglich! Diese unfeine Person! Nun, was die kann, kann ich auch. Fräulein, ich möchte den H u t gleich aufprobieren. J a , er steht mir vorzüglich. Den nehme ich. V e r k . (schreibt die Rechnung aus): Bitte, Kasse eins . . . hier gleich links. F r a u W . : Nein, schicken Sie den Hut morgen an meine Adresse. Mein Mann wird ihn bezahlen.

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Ein halbes Dutzend Taschentücher. In der Möbelwarenabteilung.

F r a u M . : Hier ist die Möbelwarenabteilung. Sieh mal diese wundervolle Zimmereinrichtung! Noch viel schöner als die von Neureichs. F r a u W . : Du hast recht. Die möchte ich gerne haben. Was kostet sie denn, Fräulein? V e r k . : 3000 Mark, gnädige Frau. Es gehören dazu: ein Tisch, ein Sofa, mit roter Seide bezogen, zwei gestickte Kissen, zwei Sessel, vier Stühle, ein Bücherregal, ein Schrank, eine Couch oder ein Liegesofa, ein Spiegel und ein vergoldeter Käfig mit einem Papagei. Der Flügel und der Rundfunkapparat mit Lautsprecher werden extra bezahlt. F r a u W . : Ich habe in verschiedenen Abteilungen des Warenhauses Einkäufe gemacht. Schicken Sie mir bitte alles zusammen, aber morgen vor 1 Uhr! V e r k . : Jawohl, gnädige Frau. Epilog. H e r r P r o f e s s o r W e i s e (am Fenster): Sieh mal, liebe Elise — da hält ja ein mächtiges Lastauto vor unserer Haustür. F r a u W . : Ach, das sind wohl meine Einkäufe von Möller und Sohn. P r o f e s s o r W . : Wa-a-a-a-a-s?!?!?! E i n B o t e : Hier ist die Rechnung von Möller und Sohn f ü r Frau Professor Weise. P r o f e s s o r W . : Wa-a-a-a-a-s?!?!?! (Liest): 5 Meter Spitze: 25 Mark; ein Paar Handschuhe: 7 Mark 50; eine Tasche aus Krokodilleder: 30 Mark; ein Paar Halbschuhe: 25 Mark; ein Pariser H u t : 45 Mark; zwei Essen: 10 Mark; eine Flasche Mosel: 5 Mark; Likör, Zigaretten: 3 Mark; Bedienung: 1 Mark 80; eine Dauerfrisur: 15 Mark; eine Stunde Hand- und Fußpflege: 5 Mark; eine Stunde Schönheitspflege: 10 Mark; eine Zimmereinrichtung: 3000 Mark; ein Flügel: 1500 Mark; ein R u n d f u n k a p p a r a t mit Lautsprecher: 300 Mark. M a c h t z u s a m m e n : 4982,30 M a r k . Ich bin ruiniert — mein Gott! (Er fällt in Ohnmacht.) F r a u W . : Die Taschentücher! Ach, Karlchen, die Taschentücher habe ich ja ganz vergessen! Aufgaben. Denken Sie sich Gespräche im Warenhause aus: 1. In der Weißwarenabteilung. 2. In der Lederwarenabteilung. 3. In der Schuhwarenabteilung. 4. In der Möbelwarenabteilung. 5. Im Schönheitsinstitut. 6. Im Restaurant. Beantworten Sie und erweitern Sie die Fragen! 1. Was wollte Frau Professor Weise f ü r ihren Mann k a u f e n ? 2. Was bekommt man in der Weißwarenabteilung? 3. Was k a u f t e die Frau

Modenschau.

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Professor in der Lederwarenabteilung? 4. Was f ü r Schuhe kaufte sie? 5. W a r u m ärgerte sie sich dabei? 6. Was wollte sie bei der Friseuse? 7. Wen traf sie nachher? 8. Wozu lud sie die Freundin ein? 9. Wohin gingen die beiden Damen nach dem Essen? 10. Wer mußte die Zeche z a h l e n ? 11. Was h a t t e die Frau Professor vergessen? 12. Wieviel Geld h a t t e sie ausgegeben?

II.

Modenschau. F r a u P r o f e s s o r W e i s e : Lieber Karl, du m u ß t auch mal an deine Garderobe denken. Dein Frack, dein Smoking und dein J a c k e t t sind ja noch ganz gut, aber der Straßenanzug — du meine Güte! Auch einen neuen Überzieher müßtest du haben und etwas Unterwäsche. Morgen gehe ich mit dir ins Warenhaus. H e r r P r o f e s s o r W e i s e : Vielen Dank, liebe Elise.

Am nächsten Tage. Im Warenhause. F r a u W . : Mann, ich schäme mich, mit dir zu gehen. Dein Haar hängt lang unter dem H u t hervor, und deine Bartstoppeln — na, ich danke! J e t z t bringe ich dich erst mal zum Friseur. P r o f . W . : Wie du willst, liebe Elise.

Belm Friseur. F r a u W . : Bitte, rasieren Sie meinen Mann und schneiden Sie ihm das Haar. Recht kurz — er sieht sonst so struppig aus. F r i s e u r : Jawohl, gnädige Frau. Ich nehme die Maschine. Die arbeitet schnell und gründlich. P r o f . W . : Ich will aber nicht, daß mein Kopf nachher wie eine Kohlrübe aussieht. Ich will einen ordentlichen Scheitel haben. Und massieren Sie bitte die Kopfhaut mit Haarwasser — ich glaube, ich bekomme schon eine kleine Glatze. F r a u W . : Karl! Es bleibt dabei — das Haar wird ganz kurz geschnitten. Sei doch vernünftig. In einer halben Stunde hole ich dich wieder ab.

In der Wäscheabteilung. F r a u W . : Ich möchte für meinen Mann ein Oberhemd haben. D i e V e r k ä u f e r i n . Hier sind sehr moderne und hübsche Muster — gestreift, kariert, punktiert —

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Modenschau.

F r a u W . : Wieviel kosten diese H e m d e n ? V e r k . : Das hier kostet 9 Mark, und das 8 Mark 75. F r a u W . : Haben Sie keine billigeren? V e r k . : Jawohl, hier ist eines zu 4 Mark 50. Die Qualität ist natürlich lange nicht so gut. F r a u W . : Oh, es ist gut genug. Das nehmen wir. V e r k . : Sonst noch etwas gefällig? F r a u W . : Jawohl, wir möchten noch ein Paar Unterhosen, ein halbes Dutzend Manschetten und Stehumlegekragen und einen gelb und grün karierten Binder zu 1 Mark 50 haben. P r o f . W . : Aber liebe Elise, erlaube mal — diesen Binder kann ich doch nicht zu einem blauen Hemd mit roten Punkten tragen. Ich mache mich ja unmöglich. Ich will nicht — F r a u W . : Karl!!! Fräulein, bitte, packen Sie alles zusammen! Wir nehmen es gleich mit. Belm Herrenschneider. F r a u W.': Ich möchte f ü r meinen Mann einen Sakkoanzug bestellen. Zweireihig... D e r S c h n e i d e r : In dieser Saison ist aber einreihig modern, gnädige Frau. F r a u W . : Wir möchten trotzdem einen zweireihigen. Die Hose mit Umschlag. Eine Brusttasche innen, eine außen, zwei Seitentaschen, eine Hosentasche, eine Westentasche — P r o f . W . : Liebe Elise, das genügt aber nicht. F r a u W . : Sechs Taschen, nicht mehr und nicht weniger. S c h . : Ich werde gleich den Zuschneider rufen, damit er Maß nimmt. Übermorgen schon können Sie zur Anprobe kommen, Herr Professor. F r a u W . : Wir müssen aber erst den Stoff aussuchen. S c h . : Eben haben wir wunderschöne, hochmoderne Stoffe bekommen, Kammgarn, Tweed, Tuch — schwarz, braun, blau, graumeliert — 20 bis 30 Mark das Meter. F r a u W . : Was kostet denn der großkarierte Stoff da in Braun und Grau? S c h . : 4 Mark das Meter. Aber das ist ja ein Futterstoff. F r a u W . : Nun, daraus können Sie doch meinem Mann, einen Straßenanzug machen. Der wird warm und billig. P r o f . W . : Liebe Elise, sei mir nicht böse. Aber einen solchen Anzug — S c h . : Ich kann Ihnen auch nur abraten, Herr Professor. F r a u W . : Natürlich! Die Männer halten immer zusammen, wenn es gegen uns arme Frauen geht. Das ist nun der Dank f ü r meine Mühe. J e t z t werde ich mir auch ein neues Kleid kaufen.

Modenschau.

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In der Abteilung für Damenkleider. F r a u W . : Schnell, Fräulein, ich habe nicht viel Zeit. V e r k . : Bitte, nehmen Sie einen Augenblick Platz, gnädige Frau, bis ich diese Kundin bedient habe. Ich bin gleich fertig. F r a u W . : Das ist ja furchtbar. Wie lange soll ich denn noch w a r t e n ? V e r k . : Ich komme schon, gnädige Frau. Womit kann ich dienen? F r a u W . : Das weiß ich nicht. Ich bin hergekommen, um mir allerlei anzusehen. Was haben Sie denn f ü r Sachen? V e r k . : Mäntel, Kostüme, Blusen, Röcke, Kleider — F r a u W . : Nun, ich möchte ein einfaches, billiges Nachmittagskleid haben. V e r k . : Wie gefällt Ihnen dieses, gnädige F r a u ? Kunstseide, modernes Muster in Blau oder Rot — zwanzig Mark. F r a u W . : Von den billigen Kleidern gefällt mir überhaupt keins. Zeigen Sie mir, bitte, etwas anderes! D i e V e r k . (nachdem sie fast das ganze Lager vorgeführt h a t ) : Hier, meine Dame, sind ein paar elegante Kleider aus reiner Seide — Wiener Modelle. Allerdings sind sie etwas teurer. Dieses pastellblaue hier kostet z. B. 140 Mark. F r a u W . : So viel — nicht möglich! Nun, ich kann es j a immerhin anprobieren. V e r k . : Es steht Ihnen vorzüglich, gnädige Frau. F r a u W . : Was sagen Sie? In der Taille ist es ja viel zu eng. Der Rock ist zu weit, die Ärmel sind zu kurz. V e r k . : Das läßt sich leicht ändern. Ich werde die Zuschneiderin rufen. Morgen schon können wir Ihnen das Kleid liefern. F r a u W . : Erst möchte ich es aber meinem Mann zeigen. Er sitzt draußen vor der Tür und wartet. Ich will ihn gleich rufen. Karl! — J a , wo ist er d e n n ? Begegnung. P r o f . B ü c h e r w u r m : Was sehe ich, lieber Kollege Weise! Hier stehen Sie und machen ein trübseliges Gesicht. Was ist denn los? P r o f . W . : Ach, lieber Bücherwurm, ich warte schon seit einer Stunde auf meine Frau. Sie probiert Kleider an. P r o f . B.: Na, das kennt man ja — das kann ewig dauern. Kommen Sie doch einen Augenblick mit, ich will mir nur Zigarren kaufen. Es ist hier gleich nebenan, Sie brauchen keine Angst zu haben. P r o f . B.: Fräulein, ich möchte eine Fünfzigerpackung Zigarillos und drei Zigarren zu 20 haben. P r o f . W . : Mir geben Sie bitte eine Schachtel Zigaretten, ein Päckchen Pfeifentabak und einen Pfeifenreiniger.

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Modenschau.

P r o f . B.: Wollen wir nicht zusammen ein Glas Bier trinken und von alten Erinnerungen p l a u d e r n ? P r o f . W . : Von unserer gemeinsamen Studentenzeit in Heidelberg? Wissen Sie noch, wie viele Mensuren wir als K o r p s s t u d e n t e n gefochten h a b e n ? Wie viele Bierkommerse wir m i t g e m a c h t h a b e n ? W a r das schön! Schmollis, lieber Kollege! P r o f . B.: F i d u z i t ! Ich komme nach! P r o f . W. ( s u m m t ) : 0 alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du v e r s c h w u n d e n ? Nie kehrst d u wieder, gold'ne Zeit, so froh und u n g e b u n d e n ! Vergebens spähe ich umher, ich finde deine Spur nicht mehr, o jerum, jerum, j e r u m , o quae m u t a t i o rerum. Den Burschenhut bedeckt der Staub, es sank der Flaus in T r ü m m e r . Der Schläger ward des Rostes Raub, erblichen ist sein Schimmer. Verklungen der Kommersgesang, verhallt Rapier- u n d Sporenklang, o jerum, j e r u m , j e r u m , o quae m u t a t i o rerum. J a , es waren glückliche Zeiten. K o m m e n Sie, lieber Kollege, trinken wir ein Glas Bier. P r o f . B.: Einen Augenblick! D a sehe ich zwei Studentinnen der Universität. Reizende junge D a m e n ! P r o f . W . : Gewiß, die kenne ich auch — Fräulein Lerche und Fräulein Schwalbe. Wollen wir sie nicht b e g r ü ß e n ? F r ä u l e i n L e r c h e (an einem Ladentisch): Ich möchte zwei Filmpacks haben. F r ä u l e i n S c h w a l b e : Und ich sechs P l a t t e n f ü r meine K a m e r a . F r l . L.: D a n n entwickeln Sie mir, bitte, diesen Film. Von jeder A u f n a h m e möchte ich sechs Abzüge haben. Vielleicht bestelle ich später noch einige Vergrößerungen. F r l . S c h . : Du, da kommen ja Professor Bücherwurm und Professor Weise. Wir müssen sie wohl begrüßen. P r o f . W . : G u t e n Tag, meine Damen. Es f r e u t uns sehr, Sie hier zu treffen. H a b e n Sie große Eile, oder dürfen wir Sie in die Konditorei zu einer Tasse Kaffee einladen? F r l . L.: Oh, da ist ja heute eine Modenschau. Wir nehmen die Einladung dankend an, nicht wahr, Ursel?

Modenschau.

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In der Konditorei. F r l . L.: Es ist doch schön, bei Kaffee und Kuchen zu sitzen und gute Musik zu hören. Sieh mal, Ursel, d a kommen die Mannequins. F r l . S c h . : Die Vorführdamen, meinst du. Mein Gott, sind die Kleider schön! Da fällt mir ein, ich könnte auch gerade ein neues Nachmittagskleid brauchen. Wie gefällt dir das blaue dort mit den Spitzen? F r l . L.: Ich weiß nicht, für dich vielleicht. So ein mittleres Blau steht Blondinen meistens sehr gut. Ach, sieh doch mal, die braune Sportjacke aus Wildleder. Ich schwärme für so etwas. P r o f . W . : Die Vorführdamen sind alle jung und hübsch. Es ist eine wahre Freude, sie anzusehen, nicht wahr, lieber Kollege? P r o f . B. (schmunzelnd): Hm, das sollte ich meinen. F r l . L.: Aber was kommt denn da f ü r eine alte, häßliche und dicke Vorf ü h r d a m e ! Sie hat ein unglaublich geschmackloses Kleid an, und der H u t — nein, wie ist es nur möglich! P r o f . W . : Um Gotteswillen — still! Das ist ja meine Frau! F r a u W . : Karl! Im ganzen Warenhaus habe ich dich gesucht, und hier finde ich dich. Fort — ich will sofort nach Hause — da wirst du mir Rede und Antwort stehen. Aufgaben. I. Denken Sie sich Gespräche aus: 1. Zwischen dem Schneider und einem Kunden. 2. Zwischen der Schneiderin und einer Kundin. 3. In der Wäscheabteilung. 4. Beim Friseur. 5. Im Zigarrengeschäft. 6. Beim Photohändler. II. Erzählen Sie etwas von deutschem Studentenleben einst und j e t z t ! Fragen. 1. Was schlug Frau Professor Weise ihrem Manne v o r ? 2. Wohin brachte sie ihn zuerst? 3. Wie sollte ihm der Friseur das Haar schneiden? 4. Was f ü r Wünsche h a t t e aber der Professor? 5. Was kaufte die Frau Professor in der Wäscheabteilung? 6. W a r ihr Mann mit den Einkäufen zufrieden? 7. W a r u m wurde nichts aus der Bestellung beim Schneider? 8. Wohin ging Frau Professor Weise n u n ? 9. Warum blieb sie so lange bei der Schneiderin? 10. Wen traf Professor Weise unterdessen? 11. Wohin gingen die beiden H e r r e n ? 12. Wovon sprachen sie? 13. Was kauften die beiden Studentinnen? 14. Warum amüsierten sie sich so gut in der Konditorei? 15. Was für Kleidungsstücke wurden vorgeführt? 16. W a s glaubte Fräulein Lerche, als sie die Frau Professor s a h ? 17. Welchen Eindruck machte die ältere Dame auf sie? 18. Was war das Ende vom Liede?

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Zurück zur Natur.

III.

Zurück zur Natur. Prolog. (Im Münchener Hofbräuhaus.

Sieben Studenten an einem Tisch.)

E r s t e r S t u d e n t : J a , ja — an die X I . Olympiade in Berlin im Sommer 1936 wird man noch lange zurückdenken! Der 36 Kilometer lange Geländeritt h a t mir besonders imponiert. Was hat denn euch am besten gefallen? Z w e i t e r S t u d e n t : Der Marathon-Sieg des Japaners Son. Und dann das Diskuswerfen der Damen. Gisela Mauermayer, die Siegerin, h a t bewiesen, daß sich die Leichtathletik sehr gut f ü r Frauen eignet. D r i t t e r S t u d e n t : Stabhochsprung, Fechten, Segeln, Rudern und Schwimmen sehe ich am liebsten. V i e r t e r S t u d e n t : Ich finde Kugelstoßen, Ringen, Boxen, Fußball und Schießen noch schöner. F ü n f t e r S t u d e n t : Kommt ihr heute mit zum T u r n e n ? Morgen will ich Ski laufen. S e c h s t e r S t u d e n t : Ich laufe Schlittschuh. S i e b e n t e r S t u d e n t : Und ich will rodeln. (Drei Professoren an ihrem Stammtisch.)

P r o f . W e i s e : Sehen Sie nur diese jungen Leute an — prachtvolle Gestalten, strotzend von Kraft und Gesundheit. Das macht der viele Sport, den sie treiben. Wir mit unseren Bäuchlein und unseren krummen Rücken können uns dagegen verstecken. Rechte Stubenhocker sind wir. P r o f . B ü c h e r w u r m : Wie sagt doch Goethes F a u s t : „ S t a t t der lebendigen Natur, da Gott die Menschen schuf hinein, umgibt in Rauch und Moder nur dich Tiergeripp' und Totenbein." P r o f . W . : Flieh! Auf! Hinaus in's weite Land! P r o f . B.: J a , aber wie soll man denn das machen? P r o f . G r ü n d l i c h : Morgen schließt doch das Wintersemester an der Universität, nicht w a h r ? Da leihe ich mir das Auto meines Bruders — ich habe nämlich den Führerschein — und fahre Sie beide nach Garmisch-Partenkirchen. Von dort nehmen Sie die Zugspitzbahn bis zur Station Schneefernerhaus mit dem Sporthotel. Da sind Sie gut aufgehoben und können täglich am Zugspitzplatt wundervolle Skifahrten unternehmen.

Zurück zur Natur.

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P r o f . W . : Vielen Dank, lieber Kollege, f ü r den guten Vorschlag! N u r möchte ich nicht im Hotel wohnen. Nein, eine Schneehütte wollen wir uns bauen. Wir nehmen eine Anzahl Konservenbüchsen mit und bereiten uns selbst ein einfaches Mahl am knisternden Feuer. An Kleidung brauchen wir nicht viel — jeder packt sich etwas in seinen Rucksack. P r o f . B.: Großartig, lieber Weise! F ü r ein paar Wochen wenden wir der Zivilisation den Rücken — der dumpfen Luft des Studierzimmers — den staubigen Folianten — der allzu großen Bequemlichkeit, die Leib und Seele verweichlicht — dem schädlichen Bier. In Schnee und Sonnenschein, unter freiem Himmel werden wir auf unseren Brettern dahinsausen. Abends erwartet uns ein einfaches Mahl und ein tiefer, gesunder Schlaf in unserer Hütte. Zurück zur Natur — das sei jetzt unsere Losung! Auf einer Straße in München. P r o f . G r ü n d l i c h : Grüß Gott, lieber Bücherwurm! Wie Sie sehen, bin ich pünktlich zur Stelle. Ich habe soeben das Auto aus der Garage geholt. P r o f . B ü c h e r w u r m : Ein schöner Kraftwagen! Wollen Sie mir nicht die verschiedenen Teile erklären? Ich verstehe leider sehr wenig von solchen Dingen. P r o f . G.: Also — das ist das Fahrgestell, das die Karosserie mit dem Verdeck. Dies ist der Kühler; dahinter befindet sich der Motor. Wenn ich die Haube abhebe, können Sie ihn sehen. P r o f . B.: Das Steuerrad und die Hand- und Fußbremse kenne ich schon. Ferner die Schutzscheibe mit dem Scheibenwischer, und die Kotflügel. Die Scheinwerfer und die Stoßstange sind mir ebenfalls bekannt. P r o f . G.: Hier ist das Instrumentenbrett mit Uhr und Geschwindigkeitsmesser. Rechts sehen Sie den Gashebel, den Kupplungshebel und den Schalthebel. P r o f . B.: Sie nehmen doch wohl einen Ersatzreifen m i t ? P r o f . G.: Gewiß, auf Pannen muß man immer vorbereitet sein. Legen Sie Ihren Rucksack doch auf den Sitz. Donnerwetter, ist der aber schwer! P r o f . B.: J a , ich habe eine Menge Konserven eingekauft. — Die Skier binden wir wohl am besten am Auto fest, nicht w a h r ? P r o f . G.: Gewiß. Aber wo bleibt denn Kollege Weise? Seine Frau h a t ihn wohl nicht fortgelassen — haha! Doch — da kommt er wirklich, erhitzt und schwer bepackt. P r o f . W e i s e : Entschuldigen Sie nur, verehrte Kollegen, daß ich Sie habe warten lassen. Ich hatte nämlich einen mächtigen Krach mit

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Zurück zur Natur.

meiner Frau. Sie wollte mich nicht fortlassen, aber ich habe ihr gezeigt, wer Herr im Hause ist. Einen halben Schinken, zwei mächtige Würste, zehn hartgekochte Eier und eine Flasche Wein h a t sie mir mitgeben müssen. P r o f . B.: Großartig, lieber Weise! Nun lassen Sie uns aber einsteigen, damit wir endlich fortkommen. P r o f . G.: J e t z t will ich den Motor anlassen. Aber was ist denn d a s ? Es geht ja nicht. Woran mag das liegen? Verzeihen Sie, ich m u ß eine gründliche Untersuchung des Wagens vornehmen. (Eine halbe Stunde später.)

P r o f . G.: Ich fürchte, ich kann Sie nicht nach Garmisch fahren. Den Fehler habe ich nämlich noch nicht gefunden. Am Vergaser habe ich eine neue Düse eingesetzt — die Zündkerzen habe ich zwanzigmal ab- und angeschraubt — P r o f . B.: Haben Sie denn Benzin nachgefüllt? P r o f . G.: Nein, das habe ich tatsächlich vergessen. Na, so was! Station Schneefernerhaus. P r o f . W . : So, da wären wir ja glücklich. Endlich beginnt die lang ersehnte Freiheit, fern von allem Zwang. Doch was sehe ich — du hier, Elise? F r a u W . : Sei mir nicht böse, liebes Männchen — aber ich hatte zu Hause keine Ruhe. Ich bin mit dem Zuge nach Garmisch gefahren, und von dort mit der Zahnradbahn hierher. Nimm mich mit — ich muß f ü r dich sorgen! Du kannst doch nicht — P r o f . W . : Sei still, Elise! J e t z t sollst du mich von einer anderen Seite kennenlernen. Ich will nicht mehr am Gängelband geführt werden — ich will endlich ein freier Mann sein. P r o f . B.: Kollege Weise hat ganz recht; wir können Sie jetzt nicht brauchen, gnädige Frau. P r o f . W . : Elise! Du übernachtest im Sporthotel und morgen f r ü h fährst du nach München zurück. Keine Widerrede, bitte! In vierzehn Tagen bin ich wieder daheim. Bis dahin — leb' wohl! F r a u W . : Aber Karl — ach, Karlchen! (Sie geht weinend zum Hotel.) P r o f . B.: So, der Fall wäre glücklich erledigt. Nun schnallen wir uns die Skier an und gleiten über die funkelnde Schneefläche dahin. P r o f . W . : Die Skier — ja, wo sind sie d e n n ? P r o f . B.: Mein Gott — die haben wir im Auto vergessen! Kollege Gründlich hat sie wieder mit nach München genommen. P r o f . W . : Was n u n ? Ich muß gleich mal mit meiner Frau sprechen P r o f . B.: Nein, bitte, lassen Sie das! Es wäre ja eine fürchterliche Blamage. Wir müssen uns eben ohne Skier behelfen. Kommen Sie!

Zurück zur Natur.

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Nach einer Stunde. Auf dem Zugspitzplatt. P r o f . W . : Ich kann nicht mehr, lieber Kollege. Es wird auch bald dunkel. Lassen Sie uns endlich die Schneehütte bauen! P r o f . B.: Gewiß, wir wollen gleich anfangen. Ich weiß noch genau, wie wir es als Jungen gemacht haben. Sehen Sie — so! (Beide arbeiten eifrig.) P r o f . W . : Na, nun wären wir ja fertig. Schön ist die Hütte zwar nicht geworden, aber sie ist doch ganz gut f ü r die Nacht. Jetzt packen wir unsere Konserven aus und bereiten ein köstliches Mahl. P r o f . B.: Ja, wo sind denn die Rucksäcke? Auch im Auto zurückgeblieben! Du meine Güte — P r o f . W . : Wir wollen doch hier nicht verhungern oder erfrieren. Ich hatte mir eine Wolldecke und einen warmen Schal mitgenommen. Lassen Sie mich, ich will ins Hotel, zu meiner Frau — P r o f . B.: Bitte, machen Sie uns doch nicht lächerlich! Übrigens würden Sie den Weg kaum finden, es ist schon ziemlich finster. Zum Glück habe ich eine Taschenlampe mitgebracht. P r o f . W . : Und ich eine Schachtel Streichhölzer, zum Feuermachen. Nein — ich glaube, die liegt auch im Rucksack. P r o f . B.: Dann müssen wir eben trockenes Holz reiben wie die Wilden, oder Funken aus einem Feuerstein schlagen. Aber Feuersteine gibt es hier wohl nicht. (Eine halbe Stunde später.) P r o f . W . : Jetzt habe ich mir die Hände wundgerieben, aber das Holz fängt kein Feuer. Es ist aus mit uns, lieber Kollege — wir müssen in dieser Hütte elend umkommen. P r o f . B.: Oh, sie schützt ganz gut gegen den kalten Wind. Lassen Sie uns die Türöffnung mit Schnee verschließen und nur ein kleines Guckloch offen lassen. So, nun ist's schon besser. Zum Glück haben wir Schafpelze an und warme Mützen auf. Versuchen Sie, ein wenig zu schlafen; morgen früh werden wir dann weitersehen. Am nächsten Morgen. P r o f . W . : Es dringt ein heller Schein durch unser Guckloch. Endlich ist diese schreckliche Nacht vorüber. Ich bin ganz steifgefroren. P r o f . B.: Mein Bart ist vollständig vereist. Es ist doch wohl am besten, wir gehen jetzt ins Hotel. P r o f . W . : Gewiß, gewiß. Hinaus aus dieser Hütte, so schnell wie möglich! Lassen Sie uns den Schnee fortschaffen, der die Türöffnung verschließt.

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Zurück zur Natur.

P r o f . B.: Hier müssen wir anfangen! Aber was ist denn das — er ist j a ganz fest gefroren — ohne Geräte können wir uns nicht durcharbeiten — mein Gott, jetzt glaube ich auch, daß alles aus ist. (Die Stimme der F r a u P r o f e s s o r W e i s e dringt durch das Guckloch.) In dieser Hütte müssen sie sein — Karlchen, ich bin mit einer Rettungsexpedition hier — eine bange Ahnung trieb mich, euch zu suchen. — Lebt ihr n o c h ? P r o f . W . : Elise, geliebte Elise — dem Himmel sei Dank, daß du gekommen bist! J a , wir leben noch, aber wir können nicht hinaus. Ihr m ü ß t uns helfen, schnell, schnell! Epilog. Im Sporthotel Schneefernerhaus. (Professor Weise und Professor Bücherwurm sitzen an einem Tisch und trinken Bier.)

P r o f . W . : Prost, lieber Kollege! Es lebe die Zivilisation! Nun wollen wir diesen Abend recht genießen, nach all dem Schrecklichen, was wir durchgemacht haben. F r a u W . : Karl! Es ist zehn Uhr, du mußt jetzt unbedingt ins Bett. Ich werde dich schön warm einpacken und dir heißen Tee zu trinken geben, sonst wirst du krank. P r o f . W . : Ich komme schon, liebe Elise. Aufgaben. 1. Erzählen Sie von Ihrem Lieblingssport! 2. Erzählen Sie von den Olympischen Spielen in Berlin oder von anderen großen sportlichen Veranstaltungen! 3. Schildern Sie eine Autofahrt oder eine Skifahrt! Fragen. 1. Wovon sprachen die Studenten im Hof b r ä u h a u s ? 2. Was beschlossen die Professoren, die ihnen zuhörten? 3. Wie rüsteten sich Professor Weise und Professor Bücherwurm f ü r die Fahrt a u s ? 4. Welches sind die Hauptteile eines Autos? 5. W a r u m konnte Professor Gründlich das Auto zuerst nicht in Gang bringen? 6. Wohin brachte er seine Kollegen? 7. Wie kamen diese dann zur Station Schneefernerhaus? 8. Wen trafen sie d o r t ? 9. Was mußte die Frau Professor tun, a n s t a t t ihren Mann zu begleiten? 10. Was hatten die beiden Herren im Auto vergessen? 11. Was bauten sie sich im Schnee? 12. Wie war die Nacht in der H ü t t e ? 13. W a r u m konnten sie am nächsten Morgen nicht hinauskommen? 14. Wie wurden sie g e r e t t e t ? 15. Wo finden wir sie schließlich wieder?

Das verlorene Paradies.

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IV.

Das verlorene Paradies. F r a u P r o f e s s o r W e i s e : Wach auf, Karl! Heute ist Pfingsten. Das ganze Haus ist mit Maien geschmückt, und ich habe herrlichen Kuchen gebacken. P r o f e s s o r W e i s e (erwachend): Uäääh! Wie schön, daß man sich einmal richtig ausruhen kann. Wie ist denn das Wetter heute? Regnet es? Hagelt es? Ist draußen Sonnenschein, oder Nebel, oder Gewitter mit Platzregen, Donner und Blitz? F r a u W . : Rede doch keinen Unsinn. Es ist strahlender Sonnenschein und sehr warm — 20 Grad im Schatten. Der Himmel ist tiefblau und wolkenlos — ein wundervoller Pfingsttag. P r o f . W . : Wie sagt doch Goethe im „Reineke Fuchs": „Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde." F r a u W . : Wir müßten wirklich einen Ausflug machen. Ich werde gleich Bücherwurms und Gründlichs anrufen, damit wir uns mit ihnen verabreden können. Die Kinder bringen sie natürlich mit, dann hat unsere Ilse Gesellschaft. Was meinst du, wenn wir in einem Konzertgarten oder in einer Försterei Kaffee trinken w ü r d e n ? P r o f . W . : Mit hundert fremden Menschen z u s a m m e n ? Ich danke bestens. Nein, heute wollen wir das verlorene Paradies wiedersuchen — auf blumigen Wiesen, in Feld und Wald. Wir werden nach einem entlegenen Dörfchen fahren und Essen in einem Korbe mitnehmen. Wir werden im kristallklaren Wasser eines kleinen Sees baden — dem Naturzustand wollen wir uns wieder nähern — F r a u W . : Ich dachte, du h a t t e s t vom Naturzustand ein f ü r allemal genug — damals auf dem Zugspitzplatt, als wir dich aus der Schneehütte graben mußten. P r o f . W . : Daß du mich doch immer daran erinnerst! Damals herrschte winterliche Kälte, Sturm und Schnee. Heute aber — F r a u W . : Nun ja, wie du willst, Karl.

Einige. Stunden später. (Weises, B ü c h e r w u r m s u n d G r ü n d l i c h s ziehen mit Rucksäcken und Eßkörben beladen auf der Landstraße dahin und singen:) Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. 2

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Das verlorene Paradies. Da bleibe wer Lust hat mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt'! Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht; es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert, es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert. Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl, wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal! Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all, mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

F r a u W . : Puh, diese Hitze! Hier schleppt man sich nun mit dem Essen auf der staubigen Landstraße herum, a n s t a t t ruhig in einer kühlen Laube zu sitzen und bei Musik seinen Kaffee zu trinken. Aber du wolltest es ja durchaus, Karl. Warum hast du nicht auf mich gehört? P r o f . W . : Elise — ich bitte dich — P r o f . B.: Nicht zanken, Kinder! P r o f . G.: Liebe Frau Professor Weise, wie geht es eigentlich Ihrer Tante Kunigunde? F r a u W . : Danke. Sie ist zwar ganz taub, aber sonst ist sie für ihre 90 Jahre noch ziemlich rüstig. P r o f . G.: Was, 90 J a h r e ist sie schon? Bitte, empfehlen Sie mich der alten Dame, wenn Sie sie einmal besuchen. Ich hatte lange nicht das Vergnügen, sie zutreffen. Grüßen Sie sie, bitte, recht herzlich von mir! I l s e : Mutti, ich bin so müde und habe solchen Durst. F r a u W . : Bald gibt es etwas zu trinken, mein Liebling. Nun f a ß t euch mal an die Hände, Kinder, und singt! Dabei marschiert es sich gut. D i e K i n d e r singen: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle! Amsel, Drossel, Fink und Star, ja, die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes J a h r , lauter Heil und Segen. W e r n e r G r ü n d l i c h : Vati, was ist das f ü r ein B a u m ? P r o f . G.: Das ist eine Buche, mein Junge. Dort stehen Eichen, und drüben sehe ich Erlen. Birken scheint es hier nicht zu geben. L o t t e B ü c h e r w u r m : Vati, was wächst d a auf dem Felde? P r o f . B.: Weizen, mein Kind.

Das"verlorene Paradies.

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F r a u B.: Erlaube mal, lieber Anton, das ist Roggen. Du mußt der Kleinen keine falschen Begriffe beibringen. P r o f . B.: Ich gebe zu, daß ich kaum Gerste von Hafer unterscheiden kann. Wenn es aber die Philosophie gilt — F r a u B.: Ich weiß, ich weiß. — Liebe Elise, wo habt ihr denn Ostern gefeiert? F r a u W . : Bei meinen Eltern im Mollwitzer Pfarrhause. I l s e : Oh, Tante Bücherwurm, es war herrlich! Großmama hatte die Eier im Garten versteckt — Großpapa meinte aber, der Osterhase h ä t t e sie gelegt. Lauter kleine Nester mit bunten Eiern fanden wir— aber auch Zuckersachen und sogar Spielzeug. Ich bekam einen Puppenwagen; Cousine Klärchen, Muttis Nichte, bekam ein Gesellschaftsspiel, und Vetter Otto, Muttis Neffe, bekam einen Reifen und einen Ball. — Abends zündeten wir ein Osterfeuer an. Onkel Paul und Tante Berta sprangen zusammen hinüber; das sah zu komisch aus. Großmama sagt, sie hätten sich gern und wollten sich heiraten. Tante Berta h a t sich auch mit Osterwasser gewaschen; davon wird man hübsch und gut, behauptet sie. P r o f . W . : Du hättest das Mittel auch einmal versuchen können, Elise. F r a u W . : Mann! Hier vor den Kindern sagst du mir das! Erzähle ihnen lieber etwas von dem Leben und Wirken auf einem Bauernhof! W e r n e r : Oh, ich weiß schon alles. Im Frühling pflügt und eggt der Bauer seinen Acker, und danach sät er das Korn. Im Herbst kommt dann die Erntezeit. Das Korn wird gedroschen, nach der Mühle gebracht und zu Mehl gemahlen. L o t t e : Im Sommer wird das Gras mit der Sense gemäht. Wenn es getrocknet ist, heißt es Heu und wird auf großen Wagen in die Scheune gebracht. I l s e : Der Bauer hat einen Pferdestall und einen Kuhstall mit Ochsen und Kühen und süßen kleinen Kälbern. Die Kühe werden täglich gemolken. Im Schweinestall wohnt eine dicke Sau mit ihren kleinen Ferkeln. W e r n e r : Im Hühnerhof spaziert der Hahn umher und k r ä h t : Kikeriki! Die Hennen gackern und legen Eier und suchen Würmer f ü r ihre Küchlein. I l s e : Vor dem Truthahn fürchte ich mich, und auch vor den Gänsen. Die schnattern und zischen immer so. W e r n e r : Ich fürchte mich nur vor Schlangen. Aber die Mädels sind ja vor allem bange — vor Hunden und Katzen und Mäusen. L o t t e : Sei still und laß mich auch etwas Sagen! Mancher Bauer hat Ziegen und Schafe. Die Ziegen geben uns Milch, und die Schafe geben uns Wolle. F r a u G.: Da sind wir endlich im Walde. Ach, wie schattig und kühl es hier ist! Wie es in den Tannen und Kiefern rauscht. Seht mal, was 2*

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Das verlorene Paradies.

für eine wundervolle grüne Farbe das Moos hat. Nein, diese prächtigen Farnkräuter! Und wie herrlich die Vögel singen. P r o f . W . : Laßt uns auch ein Lied anstimmen! A l l e singen:

Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister will ich loben, so lang noch mein' Stimm' erschallt! Lebe wohl! Lebe wohl! Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl, du schöner Wald! Tief die Welt verworren schallt, oben einsam Rehe grasen, und wir ziehen fort und blasen, daß es tausendfach verhallt. Lebe wohl, usw.

I l s e : Mutti, Mutti, sieh mal, da auf dem Baume sitzt ein Eichhörnchen! L o t t e : Da fliegt ein Schmetterling und hier ein Bienchen. Oh, wie hübsch ist das! W e r n e r : Es ist ja eine Wespe. Die wird dich bald in die Nase stechen. Sieh mal, wie die Fliegen und Mücken herumschwirren. Wie reizend! Kommt ihr mit, Mädels? Ich gehe auf die Suche nach Hasen, Igeln und Fröschen. F r a u W.: Nein, jetzt lagern wir uns erst hier an der Quelle und packen unsere Schätze aus. Wie herrlich wird alles schmecken! Etwas später. P r o f . G.: Nun ziehen wir drei Männer auf Abenteuer aus. Frauen und Kinder bleiben hier zurück. Wir wollen nämlich im See baden. F r a u W.: Daß du dich nur nicht erkältest, Karl! P r o f . W.: Ach, das Wasser ist ja schon so warm. F r a u W . : Wage dich nicht zu weit hinaus! Du weißt, du bist kein guter Schwimmer; du kannst sehr leicht ertrinken. P r o f . W.: Sei still, Elise! Geh mit den Kindern zum Bach, wo die Blumen blühen. Pflücke Maiglöckchen und Himmelsschlüssel und Gänseblumen und weiße Anemonen oder Windröschen und blaue Anemonen oder Leberblümchen und meinetwegen auch Vergißmeinnicht — nur laß mich in Ruhe. Den Männern geziemt es, mutig den Kampf mit den Elementen aufzunehmen.— F r a u W.: Ich glaube, wir haben alle ein wenig geschlafen. Hier im Walde herrscht so eine tiefe Ruhe. Wieviel Uhr ist es denn eigentlich? Was — schon 10 Minuten nach 8 ? Um halb fünf sind die Herren

Das verlorene Paradies.

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fortgegangen, ein Viertel vor sechs wollten sie wieder hier sein — und jetzt sind sie noch nicht zurück. F r a u B.: Wie schrecklich! Es wird ihnen doch nichts passiert sein? F r a u G.: Ich bin so unruhig — wir müssen doch etwas tun — jede von uns nimmt ihr Kind mit und sucht einen Teil der Gegend ab F r a u W . : Wo mögen sie nur sein? Komm, Ilse, wir wollen nach dem See gehen! Vielleicht finden wir sie dort. I l s e : Vati ist bestimmt ertrunken — u h u u u ü F r a u W . : So mußt du nicht reden, mein Kind. Aber mir kommt die Sache auch bedenklich vor. Es ist ja schon ziemlich dunkel. Ilse (schreit): Mutti, Mutti! Siehst du nicht dort — ein schreckliches Ungeheuer mit drei Köpfen! F r a u W . : Was sagst du, Kind — ja wahrhaftig, du hast recht! Fort, fort, das Tier sieht zu unheimlich aus. I l s e : Das Seeungeheuer — o Mutti, es hat Vati und Onkel Bücherwurm und Onkel Gründlich verschlungen! Und jetzt kommt es auf uns zu — es verfolgt uns, es will uns fressen! F r a u W . : Mein Gott, es sieht fast so aus. Zu Hilfe, zu Hilfe! Hört uns denn niemand? Zu Hilfe-e-e-e-eü! D i e S t i m m e d e s H e r r n P r o f e s s o r W e i s e : Liebe Elise — Ilse — so wartet doch! Wir sind es ja nur. Während wir im See gebadet haben, hat man uns die Kleider gestohlen, und wir mußten dann hinter den Büschen am Ufer warten, bis es dunkel wurde. Da haben wir das Badetuch genommen und es wie eine schützende Wand vorgehalten. Dann sind wir losgegangen, um euch zu suchen. Bitte, geht doch in einen Bauernhof und borgt uns etwas zum Anziehen — wenn es auch noch so einfach ist! F r a u W . : Den Naturzustand zurückrufen — das verlorene Paradies wiederfinden — ich glaube, Karl, es ist dir ganz gut gelungen! Aufgaben. 1. Erzählen Sie von einem Ausflug auf das Land! 2. Schildern Sie das Leben und Wirken auf einem Bauernhofe! Fragen. 1. Welche Vorbereitungen hatte Frau Professor Weise für das Pfingstfest getroffen? 2. Wie war das W e t t e r ? 3. Was für Pläne hatte Frau Professor Weise? 4. Was wollte aber der Professor? 5. Warum war seine Frau so unzufrieden, als sie auf der Landstraße gingen? 6. Was für Bäume zählte Professor Gründlich a u f ? 7. Wie heißen die Getreidearten? 8. Wie schilderte Ilse die Osterfeier? 9. Was t u t der Bauer im Frühling, im Sommer

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Der Markt.

und im Herbst? 10. Was für Tiere befinden sich auf einem Bauernhofe? 11. Wie war es im W a l d e ? 12. Was f ü r Tiere leben d o r t ? 13. Was taten die drei Herren nach dem Essen? 14. Was für Blumen zählte Herr Professor Weise a u f ? 15. Wie lange blieben die Herren f o r t ? 16. Was taten die Frauen in ihrer A n g s t ? 17. Was sahen Frau Professor Weise und Ilse auf dem Wege? 18. W a s war die Lösung des Rätsels?

V.

Der Markt. M a m a : Warum weinst du denn, mein Kind? I l s e : Ach, Mutti, Fräulein Müller hat uns so ein schrecklich schweres Aufsatzthema gegeben — „Der Markt im H e r b s t " . Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. M a m a : Zeige mir mal dein H e f t ! I l s e : Da, Mutti. Du darfst mich aber nicht auslachen. M a m a (liest): „Auf dem Markt stehen viele Marktfrauen. Einige sind dick, andere dünn. Sie sind alle sehr warm angezogen. Sie verkaufen Butter, Eier, Käse, Blumen, wie Rosen, Nelken, Astern und Dahlien, und Fische, wie Hechte, Aale, Barsche, Dorsche, Heringe und Zander. Sie verkaufen auch Gemüse, wie z. B. Spinat, Salat, Spargel, Mohrrüben, Bohnen und Grünkohl, und Obst, wie Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Stachelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren. Im Herbst verkaufen sie auch Pilze. Die Pfifferlinge sind nicht giftig. Die Fliegenpilze sind giftig. Wenn man welche ißt, stirbt man. Hausfrauen und Dienstmädchen kommen, um ihre Einkäufe zu machen. Sie fragen: ,Was kostet dieses alte H u h n ? ' Die Marktfrauen antworten: ,Eine Mark fünfzig, gnädige Frau. Es ist aber nicht alt, es ist sehr jung und zart.' Darauf wickeln sie das Huhn in eine Zeitung. Wenn ich eine einzige Kirsche mause, werden sie böse und schimpfen fürchterlich. Daher liebe ich die Marktfrauen nicht besonders!" Mein Kind, der Anfang ist gar nicht schlecht. Aber was du da von dem Huhn geschrieben hast, ist wirklich zu dumm. W a r u m stellst du denn die armen, braven Marktfrauen in ein so schlechtes Licht? Es ist am besten, du schreibst deinen Aufsatz noch einmal. I l s e (schluchzend): Ich kann nicht, Mutti. M a m a : Weine nicht, mein Liebling. Morgen früh gehen wir beide auf den Markt, und nachher schreiben wir zusammen einen wunderschönen Aufsatz!

Der Markt.

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Auf dem Markt. (Es ist neun Uhr morgens.) M a m a : Der Markt im Herbst — Nein, sieh doch mal, Ilschen, wie schön! Dieser blaue Himmel, diese strahlende Sonne, diese Blumen in leuchtenden Farben — dieses rote u n d gelbe Herbstlaub — Vorboten der sich alljährlich wiederholenden Tragödie des Winters E i n e M a r k t f r a u : Erbsen, meine D a m e ? Erbsen mit Speck schmecken großartig. M a m a : Lassen Sie mich in R u h e ! D e r D i c h t e r : Eine v e r w a n d t e Seele! Gnädige Frau, wollen Sie mir nicht ein Gedicht abkaufen, das ich selbst verfaßt h a b e ? Eine Mark. Bitte schön! M a m a (liest): Der Sommer ist vergangen, die b u n t e n Blumen prangen, das Feuer brennet im K a m i n , es leuchtet rot die Apfelsin'. Wunderbar! Die P f l a u m e n rot und blau sie werden v e r k a u f t von 'ner Frau. Die P f l a u m e h a t leider ' n e n Kern, doch B r a t w u r s t esse ich gern. Pfui, welch ein Q u a t s c h ! I l s e : Mutti, ich will Pflaumen haben. K a u f e mir doch ein halbes Kilo! M a m a : Nein, liebes Kind, heute kaufen wir nichts. Wir sind hergekommen, u m zu schauen, zu studieren. Sieh doch dieses farbenprächtige Bild, diese n e t t e n Buden, diese braven, freundlichen M a r k t f r a u e n — E i n e M a r k t f r a u : W a s wollen Sie h a b e n , meine D a m e ? K a l b s b r a t e n ? L a m m b r a t e n ? Schweinskotelette? M a m a : Ich will gar nichts haben. Lassen Sie mich doch in R u h e ! M a r k t f r a u : Aber dieses Huhn, meine D a m e — spottbillig, sage ich i h n e n ! M a m a : Das ist ja eine alte G r o ß m u t t e r . M a r k t f r a u : W o denken Sie h i n ? Es ist ein ganz junges, zartes Hühnchen. M a m a : Zeigen Sie mal h e r ! Es ist uralt, sage ich Ihnen. M a r k t f r a u : Das ist nicht wahr, meine Dame. M a m a : Doch, sage ich Ihnen! M a r k t f r a u : Nein, sage ich Ihnen! M a m a : J e t z t reißt mir aber die Geduld. W a s erlauben Sie sich, Sie alberne Person! M a r k t f r a u : Alte Spinateule! (Sie stürzen sich aufeinander.) I l s e : Mutti, M u t t i ! Zu Hilfe!

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Der Markt. Zu Hause. (Es ist zwei Uhr mittags.)

P a p a : Wo ist denn meine F r a u ? D a s M ä d c h e n : Die Frau Professor ist vor fünf Stunden iriit Ilse auf den Markt gegangen. Sie sind noch nicht zurückgekommen. P a p a : Das ist aber merkwürdig. Es wird ihnen doch nichts passiert sein? D a s M ä d c h e n : Herr Professor, hier ist die Zeitung mit den neuesten Nachrichten. P a p a (liest): D e r M a r k t im H e r b s t . A m a z o n e n k a m p f . Was soll denn das heißen? „Wegen eines alten Huhnes entstand heute f r ü h auf dem Altmarkt eine Schlägerei zwischen der Gattin des berühmten Professors Weise und der Marktfrau Eulalia Gurkenstengel. Frau Professor Weise hat ihren Regenschirm zerbrochen und die Vorderzähne verloren. Frau Gurkenstengel ist unverletzt. Die beiden Frauen wurden verhaftet. Die Gerichtsverhandlung ist auf den 20. Oktober angesetzt." Oh, mein Gott! Aufgaben. Denken Sie sich Gespräche auf dem Markt aus! Ein Hausfrau k a u f t : 1. Fische; 2. Fleisch; 3. Blumen; 4. Butter, Käse, Eier. Fragen. 1. Was sollte Ilse schreiben? 2. W a r die Mutter mit ihrem Aufsatz zufrieden? 3. Welchen Vorschlag machte sie? 4. In welcher Stimmung befand sich die Mutter auf dem M a r k t e ? 5. Was wollte der Dichter von i h r ? 6. Wie fand sie sein Gedicht? 7. Was wollten die M a r k t f r a u e n ? 8. W a s veranlaßte den Streit zwischen Frau Professor Weise und der Marktf r a u ? 9. Wie endete dieser Streit? 10. Wie erhielt der Vater daheim die Nachricht?

VI.

Im wunderschönen Monat Mai. P r o f . W . : Nein, Elise, es ist nicht mehr zu ertragen. Deine Herrschsucht nimmt täglich zu; ich werde wie ein unmündiges Kind behandelt. Wir müssen uns trennen, es geht nicht anders. So bald wie möglich werde ich die Scheidung beantragen. Ich bin f ü r mein Alter noch ziemlich rüstig und werde sicher ein neues Glück finden — ein hübsches, liebes Weibchen von anschmiegsamem Wesen.

Im wunderschönen Monat Mai.

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F r a u W . : Na, der Jüngste und Schönste bist du ja gerade auch nicht m e h r . . . P r o f . W . : Sieh dich selbst im Spiegel, Elise . . . F r a u W . : Bist du aber liebenswürdig! Hier ist die Zeitung, Karl. Willst du sie lesen? P r o f . W . : Na, was steht denn heute drin? P o l i t i s c h e r T e i l : Königsbesuch in Paris. Die Abrüstungskommission in Genf. Edens Besuch in Monte Carlo. U n t e r d e m S t r i c h : Eine Kurzgeschichte: Liebesfrühling. Dann eine Besprechung von Max Halbes neuem Bühnenwerk „ E r n t e f e s t " . G e m i s c h t e r T e i l : Photographieren verboten. W o die Höflichkeit der Eskimos aufhört. H a n d e l s t e i l : Fortgang der Abwertungswelle. Auch Lira-Senkung mit Zojl-Herabsetzung verbunden. S p o r t : Athletik-Ausklang mit Rekorden. Tennisturnier in Meran. Radrennen Halle verregnet. Interessiert mich nicht — uääh, bin ich müde! R o m a n : Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so h e i ß . . . Dabei fällt mir ein: ich will doch mal den A n z e i g e n t e i l studieren — ob wohl Heiratsinserate dabei sind? Das vornehme, preiswerte Maß-Oberhemd — Sind Magen, Darm und Leber in Ordnung — Graue Haare erhalten Jugendfarbe — das wäre etwas für mich — uääh, ich schlafe bald ein. Hier endlich: H e i r a t s a n z e i g e n ! „Stattlicher, gut erhaltener Akademiker ersehnt neues Eheglück. Suche eine Lebensgefährtin von hohem Seelenadel, jugendliche, hübsche, schlanke Erscheinung, sehr intelligent, häuslich und sparsam, mit größerem Vermögen, vor allem aber s a n f t , v e r t r ä g l i c h u n d fügsam! Zuschriften mit Bild an Heiratsbüro Glückauf. Strenge Diskretion." Das wäre so was — uääh! — Aus der Familie: E s vermählten sich Herr Anton Hahn mit Fräulein Glucki Henne, usw. Theater, Konzerte, Vergnügungen: Deutsches Theater: Amor vincit omnia — uääh, uääh, uääh! Im Heiratsbüro Glückauf. Die V o r s t e h e r i n : J a , es hat sich eine Dame auf Ihre Anzeige hin gemeldet. Sie hat etwas Vermögen. Auch ist sie sehr intelligent — interessiert sich für Wissenschaft, Theater, Konzerte — P r o f . W . : Ist sie jung und hübsch? Kann ich ein Lichtbild von ihr sehen? V o r s t . : Wir haben leider keines. Ich möchte Ihnen aber vorschlagen, daß Sie heute schon die Bekanntschaft der Dame machen. Sicher würde es ihr gefallen, wenn Sie mit ihr ins Theater oder ins Kino gingen. Im „Primus-Palast" läuft gerade ein ausgezeichneter Tonfilm. P r o f . W . : An einer Litfaßsäule sah ich, daß im „Deutschen Theater"

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Im wunderschönen Monat Mai.

um 8 Uhr eine Erstaufführung ist: Amor vincit omnia, von M. Lenz, nach Shakespeares „Verlorene Liebesmüh". „Die Liebe siegt alles 1" Wäre das nicht ein passendes Stück? V o r s t . : Gewiß, Herr Professor. Kaufen Sie die Eintrittskarten und warten Sie dann die Dame an der Kasse. Damit Sie sich gleich kennen, stecken Sie sich beide eine rote Rose an. P r o f . W . : Fein! Wird gemacht.

R. beerer-

An der Theaterkasse. P r o f . W . : Sind noch Karten f ü r die heutige Abendvorstellung d a ? D a s F r ä u l e i n : Jawohl, wir haben noch welche f ü r die Logen und das Parkett. P r o f . W . : Die sind mir zu teuer. Haben Sie keine f ü r die Galerie oder den zweiten R a n g ? F r ä u l . : Bedaure, die sind alle ausverkauft. Da hätten Sie im voraus bestellen müssen, mein Herr. Aber im ersten Rang sind noch Plätze frei. P r o f . W . : Dann geben Sie mir bitte zwei Karten f ü r den ersten Rang, zweite Reihe, Mitte. — Na, jetzt ist es gleich 8 Uhr. Kommt denn die Dame immer noch n i c h t ? Doch, da sehe ich eine rote Rose leuchten — mein neues Glück n a h t — auf, ihm entgegen! Aber — was soll denn das heißen — du, Elise! F r a u W . : Ach, lieber Karl, sei mir nicht böse, aber ich habe mich auf deine Anzeige hin gemeldet. Wir haben uns so nach dir gesehnt, das Kind und ich. Könnten wir denn nicht — P r o f . W . : Ich will mir's überlegen, Elise. J e t z t komm nur schnell mit, die Vorstellung beginnt gleich. In der Garderobe. F r a u W . : Hier, bitte — ein Mantel, ein Überzieher, zwei Hüte, ein Stock. Die Marke nehme ich, Karl, du verlierst sie doch nur. Nein, ein Opernglas habe ich selbst mitgebracht, aber einen Theaterzettel möchten wir haben. So — danke! An der Tür. F r a u W . : Wo sind unsere Plätze? D e r L o g e n s c h l i e ß e r : Zweite Reihe, in der Mitte. P r o f . W . : Einen Augenblick, Elise! Ich will dir eine Schachtel Konfekt kaufen. F r a u W . : Wie lieb von dir, Karlchen! Immer ritterlich und aufmerksam.

Im wunderschönen Monat Mai.

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Im Zuschauerraum. Fr.au W . : Eigentlich wäre ich ja lieber in die Staatsoper gegangen. Da geben sie heute „ G ö t t e r d ä m m e r u n g " . Das Orchester, die Sänger und die Sängerinnen sind großartig, und der Dirigent — du hast ja keine Ahnung! Itn Schauspielhaus gibt man „An des Reiches P f o r t e n " von Hamsun. Aber du hast sicher auch eine gute Wahl getroffen. Wie heißt denn eigentlich das Stück, das wir sehen werden? P r o f . W . : Amor vincit omnia — die Liebe besiegt alles, Elise! F r a u W . : Wie hübsch — wie passend f ü r uns, Karlchen! Ach, denkst du noch manchmal an unseren Hochzeitstag — im wunderschönen Monat Mai? Ich war im weißen Brautkleide, mit Schleier und Kranz — du hattest ein Myrtensträußchen im Knopfloch. Mit unseren Brautjungfern und Brautführern zogen wir feierlich in die Kirche — man spielte einen Hochzeitsmarsch. Die Trauung — die Rede des Pfarrers — ach! P r o f . W . : Ich erinnere mich nur noch, daß ich mich auf dem Standesamt und in der Kirche sehr linkisch benahm, und daß ich froh war, als wir endlich beim Hochzeitsmahl saßen. Unsere Verlobungszeit war aber wunderschön, und der Polterabend mit den netten Aufführungen gefiel mir auch gut. F r a u W . : Still! Der Vorhang geht auf, das Stück beginnt. Was f ü r ein schönes Bühnenbild! Während der Pause gehen wir In die Wandelhalle, Karl, und sehen uns die eleganten Abendkleider der Damen an. Nach der Vorstellung. F r a u W . : Wie danke ich dir für den schönen Abend, lieber Karl! Sollen wir uns nun wieder trennen — f ü r immer — ach! P r o f . W . : Was meinst du, Elise — wollen wir es noch einmal miteinander versuchen? F r a u W . : J a , und tausendmal j a ! Morgen kehre ich mit Ilse in dein Heim zurück. Es soll jetzt anders bei uns werden — du bist von nun an Herr im Hause. Ich werde mich allen deinen Wünschen fügen. P r o f . W . : Das will ich hoffen, liebe Elise. F r a u W . : Karl! Karl!! Da ist er wahrhaftig über seiner Zeitung eingenickt. P r o f . W . (fährt auf): Was ist denn los? Elise, denke dir — ich träumte, wir ließen uns scheiden. F r a u W . : Solch ein Unsinn! Du könntest doch niemals ohne mich fertig werden.

28 P r o f . W.: wieder F r a u W.: P r o f . W.: F r a u W.:

Im wunderschönen Monat Mai. Das stimmt, liebe Elise. Deshalb kamen wir im Traum auch zusammen. Ein wahres Glück f ü r dich, Karl! Du versprachst aber, sehr sanft und gefügig zu werden. Hm — mmm — ramm — Aufgaben.

1. Studieren Sie eine deutsche Zeitung und berichten Sie über die Aufteilung des Stoffes! 2. Setzen Sie einige Anzeigen auf! 3. Schreiben Sie Artikel f ü r eine fingierte deutsche Zeitung! 4. Erzählen Sie von einer Hochzeit in Deutschland! 5. Erzählen Sie von einem Besuch a) im Theater, b) im Kino, c) im Konzert. 6. Besprechen Sie ein Theaterstück oder einen Film! 7. Führen Sie eine Debatte über die Bedeutung des Films oder des Theaters in unserer Zeit! 8. Denken Sie sich Gespräche im Theater aus: a) an der Kasse, b) im Zuschauerraum. 9. Denken Sie sich ein Gespräch im Heiratsbüro aus! Fragen. 1. Warum wollte sich Professor Weise von seiner Frau scheiden lassen? 2. Nahm sie seine Worte ernst? 3. Welches sind die Hauptteile einer deutschen Zeitung? 4. Was studierte Professor Weise mit besonderem Interesse? 5. Wohin wurde er im Traum versetzt? 6. Was schlug ihm die Dame im Heiratsbüro vor? 7. Was für ein Theaterstück wählte e r ? 8. Was f ü r Plätze im Theater wollte er haben? 9. Wer war die Dame, die er an der Kasse treffen sollte? 10. Was muß man in der Garderobe abgeben? 11. Was kann man dort bekommen? 12. Wer weist die Plätze a n ? 13. Wohin wäre Frau Professor Weise am liebsten gegangen? 14. Was wollte sie in der Pause t u n ? 15. Von welchen alten Erinnerungen sprach sie? 16. Was beschlossen die beiden nach der Vorstellung? 17. Was sagte Frau Professor Weise, als ihr der Gatte seinen Traum erzählte?

VII.

Schriftliche Einladungen. D a s M ä d c h e n : Eben sind zwei Briefe angekommen. Ich habe sie auf den Schreibtisch gelegt.

Schriftliche Einladungen.

W a l t e r : Es ist gut.

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(Liest die Aufschrift): „Herrn Dr. Walter König Berlin W 50 Marburger Straße 3." (Er öffnet den Umschlag.)

„Direktor Sauerkraut und Frau geben sich die Ehre, Herrn Dr. König zu einem einfachen Abendbrot am Mittwoch, dem 27. April, abends 8 Uhr, einzuladen. U.A.w.g. (Um Antwort wird gebeten.)" Na, ich danke! Die alte Schachtel soll ich besuchen. Häßlich ist sie wie die Nacht — dabei so kokett! Und mit ihrem Herrn Gemahl, dem alten Esel, soll ich mich den ganzen Abend unterhalten. Schrecklich! Aber er ist ja mein Vorgesetzter. Da ist nichts zu machen. Ich muß schon hingehen. (Er öffnet den zweiten Brief.)

Oh, der ist ja von meiner Braut! (Liest):

„Süßer Schatz! Wenn Du nichts Besseres vorhast, kannst Du mich wohl am Mittwoch besuchen. Ich habe Dir viel zu sagen — wichtige Dinge, die unsere Zukunft betreffen. Komm bestimmt, es gibt Kartoffelsalat und warme Würstchen, Dein Leibgericht. Es grüßt und küßt Dich Deine Frieda." Mein liebes Friedelchen! Natürlich komme ich zu dir. Kartoffelsalat! Warme Würstchen! Ich will ihr gleich schreiben, daß sie mich am Mittwoch erwarten soll. Sauerkrauts bekommen eine Absage. (Eine Viertelstunde später.)

Jetzt sind die beiden Briefe fertig. Anna, wo sind die Umschläge? Schnell, schnell, ich habe große Eile! Am folgenden Tage. F r ä u l e i n F r i e d a L e b e r w u r s t : Oh, da ist schon die Antwort von meinem Schatz! Wie freue ich mich! (Sie liest):

„Dr. Walter König dankt bestens für die freundliche Einladung, ist aber zu seinem Bedauern verhindert, derselben nachzukommen."

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Schriftliche Einladungen. 0 Gott, was soll denn das heißen? Eine Absage — und so steif und förmlich! Er liebt mich nicht mehr. Ach, ich armes Mädchen!

F r a u D i r e k t o r S a u e r k r a u t : Sieh mal, Friedrich, hier ist schon die Antwort von unserem jungen Freunde Walter König. Ein reizender Mensch — so höflich und wohlerzogen! (Sie liest): „Mein Engel, mein süßes Mäuschen! Natürlich komme ich Mittwoch zu Dir. Ich liebe Kartoffelsalat und warme Würstchen, aber Dich liebe ich noch mehr, mein Herzchen. Wie schön bist Du mit Deinen blauen Augen" (sie wirft einen Blick in den Spiegel) — „ m i t Deinen rosigen Wangen" (Gott sei Dank, er hat die Schminke nicht bemerkt) — „Deinen Perlenzähnen" (die sind alle falsch, mein Jungchen, aber der Brief ist wundervoll) — „ m i t Deinen rosigen Lippen, die ich so oft geküßt h a b e " — Um Gotteswillen, der Mensch ist verrückt geworden! Es ist nicht wahr, Friedrich, glaube mir, es ist nicht wahr! H e r r D i r e k t o r S a u e r k r a u t : Schweig, Unglückselige! Ich werde der Sache auf den Grund gehen, nimm dich in acht! Und der Bengel wird morgen verabschiedet — ohne einen Pfennig Gehalt — schweig, sage ich! Aufgaben. Denken Sie sich Telephongespräche aus: 1. Zwischen einem und einer Dame, die einen vergnügten Abend zusammen verleben (der Herr ladet ein). 2. Zwischen zwei Freundinnen. Die eine will die aufs Land einladen. Schreiben Sie eine Einladung und beantworten Sie dieselbe: einer Absage. 2. Mit einer Zusage.

Herrn wollen andere 1. Mit

Beispiel (Zusage) : „Dr. Walter König dankt Herrn und Frau Direktor Sauerkraut bestens f ü r die freundliche Einladung zum Abendbrot am 27. April, abends 8 Uhr, und wird ihr mit Vergnügen Folge leisten." Fragen. 1. Was hatte Dr. Walter König bekommen? 2. Von wem waren die beiden Briefe? 3. W a r u m wollte Dr. König nicht zu Sauerkrauts gehen? 4. W a r u m wollte er so gerne seine Braut besuchen? 5. Was passierte ihm, als er die beiden Briefe beantwortete? 6. Welche Folgen hatte sein Versehen?

Mittagsgäste.

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VIII.

Mittagsgäste. Prolog. M a m a : Trude! Leni! Was soll ich nur anfangen? Ich m u ß doch heute mit Papa zur Hochzeit meiner Cousine Ella nach Hahnendorf fahren. Und da bekomme ich eben ein Telegramm von Onkel Ludwig und Onkel Eduard aus Amerika. Denkt euch nur, sie sind unerwartet mit dem Überseedampfer in Hamburg eingetroffen und kommen nun gleich hierher, um uns zu besuchen. Wir müssen sie doch gut empfangen; ihr wißt, es sind reiche Erbonkels, wir dürfen sie auf keinen Fall beleidigen, sondern müssen sie sehr gut aufnehmen. T r u d e : Sorge dich nicht, Mama; wir können doch ganz gut kochen, Leni und ich. Zu einem feinen Mittagessen werden wir die Onkels einladen, verlaß dich drauf! M a m a : Ihr prächtigen Mädels — wenn ich euch nicht h ä t t e ! Seid nur recht höflich und liebenswürdig gegen die beiden Herren; unterhaltet sie gut und zeigt eure Talente! Dann sorgt ihr dafür, daß eure Gäste recht früh schlafen gehen. Sie werden müde sein. Und lacht nur ja nicht über ihre Eigenheiten! Onkel Ludwig ist klein und dick, und Onkel Eduard lang und mager. Beide sollen etwas wunderlich und unfein in ihrem Benehmen sein — auch gehen sie etwas schäbig angezogen. Aber wie gesagt, behandelt sie mit ausgesuchter Höflichkeit! L e n i : Jawohl, Mama, da kannst du ganz beruhigt sein. In der Küche. T r u d e : Leni, jetzt machen wir erst mal Feuer im Herd. Dann spülst du das Frühstücksgeschirr, und ich suche die Kochtöpfe und die Bratpfannen heraus. Was wollen wir denn unseren Gästen vorsetzen? L e n i : Laß mal sehen. (Blättert im Kochbuch.) Nachgemachte Schildkrötensuppe — gebackene Hähnchen, Weinpudding — wäre das nicht f e i n ? T r u d e : Gewiß, wir wollen gleich anfangen. (Liest): „Man bringt einen ganz frischen, großen Kalbskopf, eine Schweineschnauze und eine geräucherte Ochsenzunge aufs Feuer und kocht dies alles ein paar Stunden gar, aber nicht zu weich . . . " Im Eßzimmer. (Einige Stunden später.) L e n i : J e t z t müssen wir den Tisch decken. Leg schnell das gute Tischtuch auf, Trude! Wir nehmen natürlich das beste Tafelgeschirr und die silbernen Bestecke.

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Mittagsgäste.

T r u d e : Gewiß. Hier sind die Suppenteller, hier die flachen Teller und hier die kleinen Teller für die Süßspeise. Vergiß nicht, f ü r jeden eine Gabel, ein Messer, zwei Löffel und eine Serviette hinzulegen! L e n i : Hier sind die Wein- und die Biergläser. Hier ist das Salzfaß, die Pfefferbüchse und der Ständer f ü r Essig und öl. Jetzt hole ich noch Brot und schmücke den Tisch mit Blumen. — Fertig! Hübsch, nicht w a h r ! T r u d e : Wunderschön, Schwesterlein! Aber horch, da klingelt es schon. Die Onkels! Schnell, mach' auf! An der Tür. (Zwei Männer stehen draußen.) T r u d e : Liebe Onkels, herzlich willkommen! Die Eltern mußten leider zu einer Hochzeit nach Hahnendorf fahren, aber ich hoffe, ihr nehmt es ihnen nicht übel. Wie geht es euch? Darf ich mich vorstellen: Ich bin die Trude, und das ist meine Schwester Leni. Wir wollen es euch so angenehm wie möglich machen. L e n i : Du bist sicher Onkel Ludwig, und du bist Onkel Eduard. Bitte, legt ab! Die Hüte und die Überzieher hängen wir dort auf. Wo ist denn euer Gepäck? Ach, das habt ihr natürlich nicht mitgebracht. Die kleine Handtasche da genügt auch. Ihr bleibt doch über Nacht bei u n s ? L u d w i g : Hm ja — gewiß. T r u d e : Bitte einzutreten! L e n i : Ihr werdet Hunger haben. Ich will gleich nach dem Essen sehen. 5 Minuten später. T r u d e : Es ist angerichtet! Darf ich bitten, liebe Onkels! Du f ü h r s t mich zu Tisch, Onkel Ludwig, und Onkel Eduard f ü h r t Leni. Nun trage ich gleich die Suppe auf. L e n i : Hoffentlich schmeckt es euch! Wir haben uns solche Mühe gegeben, aber v i e l l e i c h t . . . T r u d e : Noch ein wenig von dem Hähnchen, Onkel E d u a r d ? E d u a r d : Ich danke. Aber vielleicht dürfte ich um etwas Brot b i t t e n ? L e n i : Hier, lieber Onkel! Möchtest du noch ein wenig Gemüse haben, Onkel Ludwig? L u d w i g : J a , bitte. T r u d e (schenkt Wein in die Gläser): Zum Wohl, liebe Onkels! L e n i : Gesundheit! L u d w i g u n d E d u a r d : Prost! L e n i : Liebe Onkels, den Kaffee trinken wir wohl im Salon? Dürfen wir euch etwas zum Rauchen anbieten? Hole die Zigarren, die Zigaretten und die Zigarillos, Trude! Hier ist Likör.

Mittagsgäste.

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T r u d e : Wie war denn die Reise, Onkel Ludwig? L u d w i g : Welche Reise? T r u d e (erstaunt): Nun, die von Amerika. L u d w i g : Ach, die — hm ja, ganz schön. L e n i : Liebe Onkels, erzählt doch etwas von Amerika! Dort ist wohl alles sehr großartig? E d u a r d : Hm ja, wie man's nimmt. T r u d e : Ich verstehe, ihr seid heute zu müde zum Plaudern. Morgen werdet ihr ausgeruht sein. Da können wir vielleicht zusammen ins Theater gehen. Was seht ihr denn am liebsten — ein Drama oder ein Lustspiel ? E d u a r d : Am liebsten was Lustiges — die fidele Sau, oder so was. L e n i : Das verstehe ich sehr gut, lieber Onkel. Sollen wir etwas Musik machen? Trude singt recht hübsch, und ich spiele Klavier. L u d w i g : J a , aber man bloß nicht zu lange. T r u d e (etwas gekränkt): Gewiß nicht, lieber Onkel. (Singt): Leise flehen meine Lieder . . . (Ein lautes Gähnen unterbricht sie.) Ach, verzeiht, liebe Onkels, ihr seid gewiß sehr müde von der Reise. Wollt ihr euch zur Ruhe begeben? Wir werden euch gleich in das Gastzimmer führen. L e n i : Erst zeigen wir euch noch das ganze Haus. Es ist groß und schön, aber wir zahlen auch eine ziemlich hohe Miete. Seht, hier ist der Keller. Dort stehen unsere Fahrräder, und dort werden Holz und Kohlen aufbewahrt. T r u d e : Im Erdgeschoß haben wir Eßzimmer, Salon und Küche. Im ersten Stock liegen die Schlafzimmer und das Gastzimmer. Im Dachgeschoß ist der Speicher und die Mädchenkammer. Unser Mädchen ist gestern zu ihrer kranken Mutter gereist. L e n i : Hier auf der Diele steht ein schöner alter Schrank. Den haben wir von Tante Amalie geerbt. Ihr wißt doch, Tante Amalie mit dem Mops und dem Papagei . . . L u d w i g : Gewiß — ha h a ! L e n i : In diesem Schrank wird der ganze Familienschmuck aufbewahrt. Und eine Menge Silbersachen sind dort — wollt ihr sie sehen? L u d w i g (sehr interessiert): Ja, bitte! T r u d e : Hier ist der Schlüssel. (Sie öffnet den Schrank.) Fein, n i c h t ? Oh, hier ist ja auch Papas Geldkasten. Mindestens viertausend Mark sind da drin. Er will sie morgen auf die Bank bringen. E d u a r d : Sehr vernünftig — hä hä! T r u d e : Hier ist nun das Gastzimmer. Hoffentlich gefallen euch die Betten! Es sind Sprungfedermatratzen und wollene Decken. Die Bettücher sind doch wohl ganz trocken? O j a ! Wenn euch die Federbetten zu warm sind, will ich sie wegnehmen. 3

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Mittagsgäste.

L e n i : Auch im Badezimmer ist alles in Ordnung. Ihr k ö n n t gleich ein warmes Bad mit einer ktihlen Brause n e h m e n . Hier sind H a n d t ü c h e r und B a d e t ü c h e r . Seife ist auch da. Frisches Trinkwasser besorgt Trude. T r u d e : Hier ist das Wasser. Und nun gute N a c h t , liebe Onkels! Schlaft recht schön. Leni und ich müssen jetzt zum Bahnhof, um die Eltern abzuholen. Ihr n e h m t es doch nicht ü b e l ? In einer S t u n d e sind wir wieder da. D a n n k ö n n t ihr klingeln, wenn ihr etwas b r a u c h t . L e n i (auf der Treppe): Wie komisch die Onkels sind — sie reden ja kaum ein W o r t , ich werde gar nicht klug aus ihnen. T r u d e : Du w e i ß t doch, was Mama gesagt h a t ! Nun fix, Leni, sonst kommen wir zu spät. Epilog. (Eine Stunde später. Trude und Leni kommen mit ihren Eltern durch den Garten.) M a m a : N u n schlafen die Onkels wohl schon. Es ist sehr n e t t von euch, d a ß ihr so gut f ü r sie gesorgt h a b t . Sicher werden sie euch einmal in ihrem T e s t a m e n t bedenken, wenn sie auch j e t z t etwas schroff sind. E i n T e l e g r a p h e n b o t e : Eine Depesche f ü r Herrn Assessor Lange — ist das hier r e c h t ? P a p a : J a w o h l . Geben Sie her. (Liest): „ A u f g e h a l t e n . K o m m e n erst morgen. Ludwig. E d u a r d . " Was soll denn das h e i ß e n ? M a m a : Die da drinnen — wer sind sie? (Schreit auf): A r t h u r ! Kinder! Hinauf, schnell, schnell! P a p a : Dachte ich's mir doch! Das Gastzimmer ist leer — und der Schrank auf der Diele ist leer — mein Geld — M a m a : Mein Schmuck — meine Silbersachen! (Fällt in Ohnmacht.) Auf der Landstraße. (Zwei Männer radeln mit einem Sack davon.) L u d w i g : Mensch, Ede, das nenne ich Schwein h a b e n ! So etwas Dämliches wie die beiden Mädels ist mir denn doch noch nie vorgekommen. Wir wollen betteln, ein bißchen Umschau halten, um später vielleicht einzubrechen — da lassen sie uns ins H a u s — behandeln uns wie feine Herren, zeigen uns alle Kostbarkeiten und die beiden Räder hier — nee, so w a s ! E d u a r d : J a , Lude — ich möchte nur wissen, was sie sich dabei dachten. Nee, die Menschen sind doch zu komisch.

Ein Kaffeekränzchen.

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Fragen. 1. Warum war die Mama so aufgeregt? 2. Warum mußten die Onkels so gut empfangen werden? 3. Was versprachen die Töchter? 4. Was schärfte ihnen die Mutter ein? 5. Welche Vorbereitungen trafen die Mädchen in der Küche? 6. Wie deckt man einen Mittagstisch? 7. Wie wurden die Gäste empfangen? 8. Wohin wurden sie g e f ü h r t ? 9. War das Gespräch bei Tisch sehr l e b h a f t ? 10. Was tat man nach dem Essen? 11. Interessierten sich die Gäste für Musik? 12. Was zeigten die Mädchen ihnen d a n n ? 13. Was muß man bedenken, wenn man ein Gastzimmer ordnet? 14. Wie gefielen die Gäste den Mädchen? 15. Was geschah, als sie mit ihren Eltern zurückkamen? 16. Was entdeckten sie auf der Diele? 17. Wer waren die beiden Gäste? Aufgaben. Denken Sie sich Gespräche aus: 1. Zwischen einer Hausfrau und einem Dienstmädchen in der Küche. 2. Zwischen dem Wirt, der Wirtin und den Tischgästen. 3. Im Salon nach dem Essen. 4. Zwischen einem Hauswirt und einem Mieter, der das Haus ansehen will.

IX.

Ein Kaffeekränzchen (oder: Wenn Frauen sich die Wahrheit sagen).

F r a u D i r e k t o r D ü n n b i e r : Grete, ist der Kaffeetisch fertig? G r e t e : Jawohl, Frau Direktor. Ich habe das feinste Gedeck aufgelegt, und das gute Geschirr aus Meißener Porzellan mit dem Zwiebelmuster genommen. F r a u D i r e k t o r D.: Für wieviel Personen haben Sie gedeckt? G r e t e : Ich habe fünf Tassen hingestellt, fünf Untertassen und fünf kleine Kuchenteller. F r a u D i r e k t o r D.: Sie haben doch die Servietten und die Kaffeelöffel nicht vergessen? G r e t e : Wie werde ich denn! Die Zuckerdose ist auch schon gefüllt, der Kuchen ist aufgeschnitten, die Kaffeekanne und das Sahnenkännchen stehen auf dem Tablett. F r a u D i r e k t o r D.: Es klingelt. Schnell, Grete, öffnen Sie! (Man hört eine Dame im Vorsaal sprechen.)

F r a u D i r e k t o r D.: Ach, das ist Fräulein Scharf. Was für eine durchdringende Stimme hat die Person! Und immer kommt sie ein paar Minuten zu früh. Wie lästig! 3*

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Ein Kaffeekränzchen.

F r ä u l e i n S c h a r f (tritt ein): Guten Tag, teure, verehrte Frau Direktor! Bin ich wieder die erste? Hoffentlich komme ich nicht zu pünktlich. F r a u D i r e k t o r D.: Ei, nicht doch! Herzlich willkommen! Ich war so froh, als ich Ihre liebe Stimme hörte. Nun können wir ein Weilchen allein plaudern. Wie reizend! Sind Sie zu Fuß hergekommen? F r l . S c h . : Nein, ich habe den Omnibus genommen. Und denken Sie sich — unterwegs f u h r ich an der Frau Bankier Hohenzins vorbei. Sie ging zu Fuß — bei diesem Wetter! Zu geizig, um ein Auto zu nehmen — die steinreiche Person. F r a u D i r e k t o r D.: Unglaublich! F r a u B a n k i e r H o h e n z i n s (tritt ein): Guten Tag, meine Damen. Ich komme pünktlich. Und doch bin ich den ganzen Weg zu Fuß gegangen. Das ist gesund — und billig. Warum soll man unnötigerweise Geld ausgeben? Denken Sie sich, unterwegs f u h r Frau Studienrat Schmalhans im Auto an mir vorüber. Das nenne ich Verschwendung! Kann die Person nicht zu Fuß gehen? Die Familie lebt ja in so dürftigen Verhältnissen. F r a u D i r e k t o r D.: Sie haben ganz recht — gewiß h ä t t e die Person zu Fuß gehen müssen. F r l . S c h . : Aber so ist es. Ihr armer Mann muß sich halbtot arbeiten, und sie macht große Ansprüche ans Leben. F r a u S t u d i e n r a t S c h m a l h a n s (tritt ein): Guten Tag, meine Damen. Da bin ich doch wenigstens nur fünf Minuten zu spät gekommen. Ich habe mir nämlich ein Auto genommen, denn ich mußte unterwegs noch Besorgungen machen. Als ich bei Frau Postrat Rundlich vorüberfuhr, kam sie gerade aus ihrer Haustür. Sie kann erst in einer Viertelstunde hier sein. Immer unpünktlich! F r a u D i r e k t o r D.: Sie haben recht — schrecklich ist das, wenn Leute auf sich warten lassen. Nun können wir noch nicht mit dem Kaffee anfangen, weil die rücksichtslose Person zu spät kommt. F r a u P o s t r a t R u n d l i c h (tritt ein): Guten Tag, teure Frau Direktor, guten Tag, meine Damen! Verzeihen Sie nur, daß Sie mit dem Kaffee auf mich warten mußten! F r a u D i r e k t o r D.: Um so besser wird er schmecken, Liebste. Die paar Minuten haben wir gern gewartet. Darf ich bitten, meine Damen! Sie nehmen auf dem Sofa Platz, verehrte Frau Bankier — und Sie auch, liebste Frau Postrat. Frau Studienrat Schmalhans und Fräulein Scharf — bitte, hier in den bequemen Sesseln. F r a u B a n k i e r H . : Nein, was haben Sie uns da wieder Schönes aufgetischt, liebste Frau Direktor! Alles selbstgebacken? F r a u D i r e k t o r D.: Den Napfkuchen und den Obstkuchen hat meine Grete gemacht, aber die kleinen Kuchen und die Schokoladentorte

Ein Katfeekränzchen.

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habe ich beim Konditor Zuckerle bestellt. Nun will ich den Kaffee einschenken. Oder wünschen die Damen vielleicht lieber T e e ? F r l . S c h . : Ich m u ß leider um Tee bitten, wegen meines Sodbrennens. F r a u D i r e k t o r D.: Wie schade! Aber die anderen nehmen alle Kaffee, nicht w a h r ? F r a u P o s t r a t R . : Natürlich! Gießen Sie nur die Tassen nicht zu voll! Und keine Sahne, wenn ich bitten darf; ich trinke den Kaffee am liebsten schwarz und ohne Zucker. F r a u S t u d i e n r a t S.: Die schlanke Linie — ich verstehe. H m ! F r a u P o s t r a t R.: Sie, liebe Frau Studienrat, mit Ihrer wundervollen Figur, brauchen natürlich nicht so vorsichtig zu sein. F r a u S t u d i e n r a t S.: Nein, ich nehme gern viel Sahne, und.zwei Stück Zucker. Dürfte ich wohl um die Zuckerdose bitten? F r a u B a n k i e r H . : Der Kaffee ist herrlich, aber sehr stark. Bitte, gießen Sie mir ein wenig Wasser zu. So, danke! F r l . S c h . : Der Tee ist wundervoll. Echter Ceylon, nicht w a h r ? F r a u S t u d i e n r a t S.: Der Napfkuchen schmeckt aber gut. Sie müssen mir das Rezept geben. F r a u P o s t r a t R . : Die Pfannkuchen sind wie ein Traum. F r a u D i r e k t o r D.: Darf ich Ihnen noch ein Täßchen einschenken, liebe Frau Bankier? F r a u B a n k i e r H.: Ich bitte! Nein — ich meine — danke! F r a u D i r e k t o r D.: Darf ich die Kuchen noch einmal herumgehen lassen? A l l e : Danke, wir sind vollkommen gesättigt. F r l . S c h . : Nein, wie frisch und blühend Sie heute wieder aussehen, verehrte Frau Bankier! Wie ein junges Mädchen. F r a u B a n k i e r H . : Ihr neuer H u t steht Ihnen vorzüglich, liebes Fräulein Scharf, und Ihr graues Kleid sitzt wie angegossen. Sie haben einen guten Geschmack. F r a u D i r e k t o r D.: Meine Damen, jetzt wollen wir zur Hauptsache übergehen. Sie sind doch heute hergekommen, um einen neuen Verein zu gründen: den Verein gegen üble Nachrede, f ü r Liebe und Eintracht. Als Vorstands-Mitglieder sind vorgeschlagen worden: Frau Bankier Hohenzins, erste Vorsitzende; meine Wenigkeit, zweite Vorsitzende; Frau Studienrat Schmalhans, Schriftführerin; Fräulein Scharf, Kassenwart; Frau Postrat Rundlich, Zeremonienmeisterin. Wählen Sie diese D a m e n ? — Ich stelle fest, daß Sie die Frage mit einem einfältigen — Verzeihung — mit einem einstimmigen „ J a " beantwortet haben. Ich eröffne also die erste Sitzung unseres Vereins und erteile zuerst Fräulein Scharf das Wort. Als Lehrerin ist sie j a gewohnt, ihre Gedanken schön und klar auszudrücken. F r l . S c h . : Meine Damen — nein — liebe, teure Schwestern! Wie wir alle wissen, wird leider auf den meisten Kaffeekränzchen viel geklatscht.

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Ein Kaffeekränzchen.

Hart und unbarmherzig wird über die Abwesenden hergefallen, aber wenn die Betreffenden anwesend sind, ist man der reine Zucker. Welche Falschheit! Welche Heuchelei! Bei uns ist so etwas j a nie vorgekommen, und deshalb wollen wir an der Spitze stehen, wenn es gilt, den Drachen der üblen Nachrede zu bekämpfen. Offen und ehrlich, freundlich und liebevoll wollen wir uns stets die Wahrheit sagen — Auge in Auge und Hand in Hand. So helfen wir einander am besten, unsere kleinen Fehler zu entdecken und zu überwinden. Wir leiten eine Reformbewegung ein, die bald ihren Siegeszug über die ganze Welt ausdehnen wird. Wir stehen vor einem Ereignis von ungeahnter Bedeutung. Vorwärts, liebe Schwestern — auf zum Kampf! Es lebe der Verein gegen die üble Nachrede! A l l e : Hoch — hoch — hoch! F r a u D i r e k t o r D.: Das Wort ist frei, meine Damen. Bitte, beginnen Sie, teure Frau Bankier! F r a u B a n k i e r H.: Ich wende mich zuerst an unsere verehrte Wirtin. Also, Liebste — Sie mögen j a eine ganz tüchtige Hausfrau sein — aber Ihr Kaffee ist unter aller Kritik. Sie haben wohl tüchtig Zichorie hineingetan? F r a u D i r e k t o r D. (eisig): Mein Kaffee war immer allgemein beliebt. Es tut mir leid, daß er Ihnen nicht zusagt. F r l . S c h . : Aber der Tee, verehrteste Frau Direktor — der schmeckte schauderhaft. Haben Sie ihn aus dem alten Schnupftabak Ihres Mannes bereitet? F r a u S t u d i e n r a t S . : Der Napfkuchen war altbacken. Niemals würde ich meinen Gästen solchen Napfkuchen vorsetzen! F r a u P o s t r a t R . : Die Berliner Pfannkuchen schmeckten nach ranzigem Fett. Mir ist ganz übel geworden von dem Zeug. F r a u D i r e k t o r D. (wütend): Nun, es wird lange dauern, bis ich Sie wieder zum Kaffeekränzchen einlade, meine Damen. F r a u B a n k i e r H.: Aber Liebste — was soll das heißen? Wir wollten Sie doch nicht kränken; wir wollten Ihnen doch nur in aller Freundschaft die Wahrheit sagen, unseren Statuten gemäß. Sie haben allen Grund, uns dankbar zu sein. F r a u D i r e k t o r D . : Na also, ich danke recht schön. Und nun weiter im T e x t ! Frau Studienrat Schmalhans hat das Wort. F r a u S t u d i e n r a t S . : Meine liebe Frau Postrat — Sie mögen j a eine herzensgute Person sein, aber Sie sind ziemlich stark. Man sieht selten Damen, die so stark sind wie Sie. Ich finde, Sie sollten etwas dagegen tun. Vermeiden Sie süße und fette Speisen, machen Sie sich viel Bewegung. Heiße Bäder sind auch gut. Sie baden wohl nur selten? F r a u P o s t r a t R . : Meine liebe Frau Studienrat — Sie mögen j a eine ganz achtenswerte Person sein — aber Sie sind ziemlich mager. Man sieht

Ein Kaffeekränzchen.

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selten Damen, die so mager sind wie Sie. Ich finde, Sie sollten etwas tun, um es zu verbergen. Wenn man eine solche Hopfenstange ist, muß man z. B. niemals ausgeschnitten gehen, wie Sie es oft t u n . Es sieht schrecklich aus! F r a u S t u d i e n r a t S. (wütend): Ich danke Ihnen für die liebenswürdige Belehrung. F r a u P o s t r a t R. (höhnisch): 0 bitte! Gleichfalls, gleichfalls. F r a u D i r e k t o r D.: Aber meine Damen — warum sind Sie denn so aufgeregt? Wir wollten uns doch in aller Ruhe und Freundschaft die Wahrheit sagen. F r a u S t u d i e n r a t S.: In aller Freundschaft — na, ich danke! F r a u P o s t r a t R.: Meine Damen, ich bin nicht hergekommen, um mich beleidigen zu lassen. Sie entschuldigen, daß ich mich empfehle. Guten Tag! F r a u S t u d i e n r a t S.: Auch ich muß mich leider verabschieden. Liebe Frau Direktor, würden Sie wohl die Güte haben, mir durch das Mädchen ein Auto bestellen zu lassen? Die Aufregung hat mich ganz elend gemacht, ich fürchte, ich kann nicht gehen. F r a u D i r e k t o r D.: Es tut mir sehr leid, meine Damen, daß Sie schon fort wollen. Hoffentlich — auf baldiges Wiedersehen! 2 Minuten später. F r a u B a n k i e r H.: Nein, wie kann man nur so empfindlich sein! Wir zwei sind vernünftiger, nicht wahr, liebes Fräulein Scharf? Nun wollen wir einander ehrlich und aufrichtig die Wahrheit sagen. Bitte, beginnen Sie! F r l . S c h . : Also, meine teure, verehrte Frau Bankier — ich schätze Sie unendlich hoch. Sie sind eine kluge, tüchtige und liebenswürdige Frau. Doch haben Sie einen kleinen Fehler — Sie sind eitel und putzsüchtig. Eine — hm — ältere Dame wie Sie es sind, sollte sich doch nicht wie ein Backfisch kleiden. Daß Ihr goldblondes Haar nicht echt ist, kann ja ein Blinder sehen. Daß Sie sich pudern und schminken, mag ja noch hingehen — aber warum haben Sie denn Lippen und Nägel knallrot gefärbt? Glauben Sie mir, Verehrteste, Sie machen sich nur lächerlich. Nichts für ungut! F r a u B a n k i e r H . : Mein teures, verehrtes Fräulein Scharf — ich schätze Sie unendlich hoch. Sie sind eine kluge Person und eine tüchtige Lehrerin. Doch haben Sie einen kleinen Fehler — von gutem Geschmack haben Sie keine blasse Ahnung. Eine — hm — ältere Dame wie Sie sollte doch etwas Sorgfalt auf ihr Äußeres verwenden. Daß Ihr graumeliertes Haar in Strähnen herunterhängt, kann ja ein Blinder sehen. Daß Ihr Hut aussieht, wie ein alter verbeulter Kochtopf,

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Ein Kaffeekränzchen.

mag ja noch hingehen. Aber warum tragen Sie denn ein elefantengraues Kleid, in dem Sie aussehen wie eine Vogelscheuche? Und warum laufen Sie mit gelbem, pickligem Teint und einer knallroten Nase u m h e r ? Glauben Sie mir, Verehrteste, Sie machen sich lächerlich. Nichts für ungut! F r l . S c h . : Nein, das geht zu weit! Leben Sie wohl, meine Damen, ich verschwinde. Aber Sie werden noch von mir hören, werte Frau Bankier. Ich lasse Sie wegen öffentlicher Beleidigung verklagen. F r a u B a n k i e r H . : Auf Wiedersehen, liebe Frau Direktor, und vielen Dank für den r e i z e n d e n Nachmittag! 5 Minuten später. G r e t e : Die Damen sind heute aber früh gegangen! Was ist denn los, gnädige F r a u ? F r a u D i r e k t o r D. (schluchzend): Ich kann nicht verstehen, wie alles gekommen ist. Wir hatten doch nur einen Verein gegen üble Nachrede, für Liebe und Eintracht gegründet! Aufgaben. 1. Beschreiben Sie einen schön gedeckten Kaffeetisch! 2. Gespräch zwischen der Hausfrau und dem Dienstmädchen vor einem Kaffeekränzchen. 3. Gespräch zwischen einigen Damen beim Kaffeetisch. 4. Wählen Sie einen Vorstand, gründen Sie einen Verein und führen Sie eine Diskussion über eine interessante Frage (z. B. ob die völlige Aufrichtigkeit immer angebracht ist)! Fragen. 1. Wie hatte Grete das Kaffeekränzchen vorbereitet? 2. Freute sich die Wirtin über den ersten Gast? 3. Worüber sprachen die beiden D a m e n ? 4. Wer kam als zweiter Gast, und was hatte sie zu sagen? 5. Wovon sprach Frau Studienrat Schmalhans? 6. Ließ man Frau Postrat Rundlich merken, daß man böse auf sie w a r ? 7. Wo ließen sich die Damen nieder, und womit wurden sie bewirtet? 8. Fanden sie die Bewirtung g u t ? 9. Was für einen Verein wollten sie gründen? 10. Geben Sie den Inhalt von Fräulein Scharfs Rede wieder! 11. Welche Wahrheiten sagten sich Frau Studienrat Schmalhans und Frau Postrat Rundlich? Frau Bankier Hohenzins und Fräulein Scharf? Was hatten die Gäste zuvor der Wirtin gesagt? 12. Wurden die Wahrheiten gut aufgenommen? 13. Was war das Ende vom Lied?

Reisefieber.

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X.

Reisefieber. Zu Hause. (15. O k t o b e r 1936.) H e r r N i l p f e r d : Liebe Amalie, jetzt müssen wir wohl anfangen, für unsere Sommerreise Pläne zu machen. F r a u N i l p f e r d : Aber Alexander, das ist doch viel zu früh. Wir sind ja erst im Oktober. H e r r N.: Ihr Frauen müßt immer alles bis zur letzten Minute aufschieben! Ich will so etwas beizeiten geordnet haben. Wir wollen doch nach Italien, nicht w a h r ? Seit einem Jahre bereite ich mich durch emsige Studien f ü r diese Reise vor. Und was tust d u ? Hast du eine Ahnung von den Sehenswürdigkeiten der Ewigen S t a d t ? Weißt du etwas von der Umbrischen Schule, von Michelangelo und Raffael? Hast du auch nur ein Wort Italienisch gelernt? Che ore sono — verstehst du, was ich sage? Natürlich nicht — haha! Wieviel Uhr ist es, habe ich gesagt. Da sieht man . . . F r a u N.: Verzeihung, Alexander, es ist schon 2 Uhr, und ich muß in der Küche nach dem Essen sehen. H e r r N.: Die Frauen! Geh nur in deine Küche, da paßt du am besten hin. Ich aber fange morgen schon mit meinen Reisevorbereitungen an, damit alles beizeiten geordnet ist. Im Reisebüro. (16. O k t o b e r 1936.) D a s F r ä u l e i n : Womit kann ich dienen, mein Herr? H e r r N.: Ich möchte im nächsten Sommer mit meiner Frau nach Italien fahren. Können Sie mir einen Reiseplan entwerfen? D a s F r ä u l e i n : Aber natürlich, mein Herr. Sie fahren am besten über München direkt nach Rom, wo Sie die verschiedenen Sehenswürdigkeiten besichtigen können. Dann besuchen Sie Neapel mit der Ruinenstadt Pompeji, und auf dem Rückwege Florenz und Venedig. Wir werden Ihnen den Plan noch näher ausarbeiten. H e r r N.: Gut. Dann besorgen Sie uns natürlich auch Zimmer in guten Hotels, und Platzkarten und Bettkarten f ü r den Schlafwagen, und Rundreisehefte. Aber alles muß pünktlich erledigt werden, hören Sie, pünktlich! Am 15. Mai wollen wir abreisen. Auf Wiedersehen, ich komme in einigen Tagen, um alles abzuholen. Und vergessen Sie nicht, daß ich ein Reisescheckbuch haben will!

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Reisefieber. Im Paßbüro. (30. O k t o b e r 1936.)

D e r B e a m t e : Sie wünschen, mein H e r r ? H e r r N.: Ich möchte einen Paß fürs Ausland haben. Es muß aber schnell gehen. D e r B e a m t e : Wann reisen Sie denn? Morgen? H e r r N.: Nein, erst am 15. Mai, aber — D e r B e a m t e : Nun, dann eilt es doch nicht. Ein paar Tage müssen Sie sich schon gedulden. Wie heißen Sie, und wann sind Sie geboren? H e r r N.: Ich heiße Alexander Nilpferd und bin am 4. Juli 1875 geboren. Ich wohne seit 5 Jahren in Berlin. D e r B e a m t e : Also schreiben wir: Alexander Nilpferd. Beruf: Kaufmann, Fische en gros. Geburtsort: Heringsdorf. Geburtstag: 4 . 7 . 1 8 7 5 . W o h n o r t : Berlin. Gestalt: klein und gedrungen. Gesicht: unregelmäßig. Farbe der Augen: graugrün. Farbe des Haares: rötlich. Besondere Kennzeichen: rote Nase mit drei Warzen, gelbe, vorstehende Zähne, von denen einige fehlen. H e r r N.: Na, mein Herr, der Schönste sind Sie gerade auch nicht. Guten Tag! Zu Hause. (1. Mai 1937.) H e r r N.: Amalie, wo sind denn die Koffer und die Reisetaschen? Es ist doch höchste Zeit, daß wir packen. F r a u N.: Lieber Mann, sie stehen noch auf dem Boden. Wenn man auf drei Wochen verreist, kann man doch in ein paar Stunden packen. Ich nehme zwei Mäntel mit, zwei Nachmittagskleider, ein Abendkleid, ein halbes Dutzend Taghemden, ein halbes Dutzend Nachthemden, soundsoviel Paar Strümpfe, noch einige Kleinigkeiten — das ist alles. H e r r N.: Alles, sagst du! Und die Taschentücher und die Schuhe und die Toilettengegenstände: Zahnbürste, Haarbürste, Kamm, Puderdose und Seife, und Kamera und Reiselektüre — daran hast du wohl gar nicht gedacht! Und der Morgenrock und der Badeanzug und die Bademütze und das Badetuch! Wir wollen doch am Lido baden. F r a u N.: Rege dich nur nicht auf, Alexander! Lena soll gleich die Koffer vom Speicher holen. Deine Sachen sind alle in Ordnung, sauber und ganz. Packe sie nur ein, wenn du willst. H e r r N.: Gewiß will ich das! Ich nehme fünf dicke und fünf dünne Anzüge mit, und zwei Überzieher und drei Hüte und drei Mützen und vier Paar Stiefel und zwölf Paar Strümpfe und drei Dutzend Taschen-

Reisefieber.

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tücher und fünf Schlafanzüge. Ist meine Wäsche fein geplättet — die Hemden und die Kragen und die Unterhosen? Ist die Frackhose gebügelt, und die Weste a u c h ? Hast du meine Schlipse nachgesehen? Sind die Hosenträger ganz? F r a u N.: Alles ist in Ordnung, lieber Mann. Packe du nur, ich warte noch ein wenig. Zu Hause. (15. M a i 1 9 3 7 , u m 6 U h r m o r g e n s . ) H e r r N.: Amalie, schläfst du noch! Wir müssen aufstehen. Schnell, schnell! F r a u N.: Aber lieber Mann, der Zug geht ja erst um 10 Uhr 25 ab. H e r r N.: Wir müssen uns doch anziehen, und die Koffer zumachen, und den Kanarienvogel zur Portierfrau bringen, und die Vorhänge zuziehen, und ein Auto bestellen, und die Türen abschließen. F r a u N.: Nun ja, ich stehe schon auf. Sei nur ruhig! (Um 8 U h r morgens.) H e r r N.: J e t z t bestelle ich ein Auto. Wir müssen zum Bahnhof. F r a u N.: Aber 'Männe, wollen wir nicht erst Kaffee t r i n k e n ? Es ist ja schon alles fertig. H e r r N.: Nein, nein, dann kommen wir zu spät. Ich habe keine Ruhe, bis ich auf dem Bahnhof bin. (Geht zum Fernsprecher.) Zum Donnerwetter, dieser Selbstanschlußbetrieb ist schauderhaft, wenn man Eile h a t ! Ich kann die Nummernscheibe nie richtig drehen. Früher sagte man einfach: „Alexander. Bitte, 3 4 5 6 7 8 " . J e t z t m u ß man mühsam wählen: E 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8. Ein langer Summerton — die Leitung ist besetzt. Ach nein, es ist ja die falsche Nummer. Ich m u ß noch einmal anfangen. — Fräulein, ich möchte ein Auto haben. Nilpferd, Kurfürstendamm 10, 3 Treppen. Wie meinen Sie — ach so, ha ha! Aber sofort, Fräulein, sofort! Auf dem Bahnhof. ( U m 8 U h r 15.) H e r r N.: Träger, Träger! Geben Sie bitte unsere Koffer auf! Das kleine Gepäck nehmen wir mit ins Abteil. Wo steht der durchgehende Schnellzug nach R o m ? Schnell, schnell, wir wollen sofort einsteigen! T r ä g e r : Er steht auf Bahnsteig 6. Sie müssen durch die Unterführung gehen. Aber es ist ja noch viel zu früh, Sie kommen erst um 10 Uhr durch die Sperre. Der Zug geht um 10 Uhr 25 ab. (Er begibt sich zur Gepäckabfertigung.) (15 M i n u t e n s p ä t e r . )

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Reisefieber.

Hier ist der Gepäckschein, mein Herr. Nun müssen Sie aber noch lange warten 1 F r a u N.: Ich habe es dir ja gleich gesagt, daß wir viel zu f r ü h kommen würden! W a s sollen wir nun so lange hier m a c h e n ? H e r r N.: Wir setzen uns in den Wartesaal und lesen. (Geht zur Buchhandlung.) Bitte, ein Kursbuch, und die „Lustigen Blätter", und die „Kölnische Zeitung". So, ich denke, das sollte genügen. F r a u N.: Ich bin so hungrig. Warum konnten wir nicht wenigstens unseren Kaffee trinken! H e r r N.: Auf dem Bahnsteig kannst du dir Obst kaufen, oder Schokolade, oder warme Würstchen. Und im Speisewagen gibt es Mittagessen. F r a u N.: Nein, nein, ich will jetzt meinen Kaffee haben. Ich gehe ins Bahnhofsrestaurant, ob du mitkommst oder nicht. Im Bahnhofsrestaurant. F r a u N.: Ich möchte eine Tasse Kaffee mit viel Sahne und Zucker haben, und zwei Butterbrote mit Käse, und ein Honigbrötchen, und frisches Gebäck. H e r r N.: Und mir geben Sie ein Glas dunkles Bier und ein Beefsteak. Was sehe ich, da ist ja mein lieber Freund Biberpelz! Guten Tag, altes Haus, wie geht's, wie s t e h t ' s ? Wir reisen heute nach Rom, meine Frau und ich. H e r r B i b e r p e l z : Ich gratuliere, Sie Glückspilz! Da muß ich mir natürlich eine Bahnsteigkarte nehmen und dem Zuge nachwinken. Nun plaudern wir noch gemütlich, nicht w a h r ? Sie haben ja reichlich Zeit. ( U m 10 U h r . ) F r a u N.: Alexander, jetzt müssen wir aber wirklich unseren Zug aufsuchen. Es ist 10 Uhr. H e r r N.: Ach was, wir haben ja noch 25 Minuten Zeit! Geh du voran, ich komme mit Biberpelz nach. Suche uns zwei gute Fensterplätze aus in einem Abteil f ü r Nichtraucher. Ach so, wir haben ja Platzkarten. F r a u N.: Jawohl, Alexander. Du wirst mich leicht finden. Komm nur bald nach! (Sie geht.) H e r r N.: Zum Donnerwetter! Ich m u ß ja noch ein wichtiges Geschäftstelegramm aufgeben. H e r r B.: Dann beeile dich aber! Es ist schon 5 M i n u t e n nach 10. Ich gehe zu deiner Frau auf den Bahnsteig. Im Telegraphenamt. H e r r N.: Fräulein, ich möchte dieses Telegramm nach Hamburg aufgeben. Schnell, schnell, mein Zug geht gleich ab!

Reisefieber. D i e B e a m t i n (liest):

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Herrn Direktor Walfisch, Jungfernstieg 3 Hamburg. Sandte heute 3 Faß Lebertran. Brief folgt. Nilpferd.

Das macht 3 Mark, mein Herr. 14 Wörter, und dann die Satzzeichen. An der Sperre. ( U m 10 U h r 23.) D e r B e a m t e : Kann ich Ihre Fahrkarte sehen? H e r r N . : Gewiß, ich habe ein ganzes Fahrscheinheft. J a , zum Donnerwetter, wo ist es d e n n ? (Durchsucht alle Taschen.) Mein Gott, ich habe es zu Hause liegen lassen! Und meine Frau sitzt schon im Zuge — lassen Sie mich durch, ich m u ß zu ihr! D e r B e a m t e : Bedaure, mein Herr, das geht nicht. Kaufen Sie sich schnell eine Fahrkarte nach Rom, wenn Sie mitwollen! Am Schalter. ( U m 10 U h r 25.) H e r r N . : Eine Fahrkarte zweiter Klasse, einfach, schnell, schnell! D e r B e a m t e : Nach welcher S t a t i o n ? H e r r N.: Was haben Sie für Stationen? — Ach, Verzeihung, ich bin etwas nervös, ich meine — eine Fahrkarte nach Rom. Schnell, schnell, damit ich den Zug noch erreiche. D e r B e a m t e : Den bekommen Sie nicht mehr. Der ist eben abgegangen.

Aufgaben. Denken Sie sich G e s p r ä c h e aus 1. Im Reisebüro. 2. Im Paßbüro. 3. Am Telephon. 4. Auf dem Bahnhof. 5. Im Bahnhofsrestaurant. 6. Im Wechselbüro. 7. Im Telegraphenamt. 8. Am Schalter. 9. Auf dem Bahnsteig. 10. In einem Abteil. Fragen. 1. Wie bereitete sich Herr Nilpferd f ü r seine Sommerreise v o r ? 2. Was packte er in seinen Koffer? 3. Was wollte Frau Nilpferd m i t n e h m e n ? 4. Was sollte man im Reisebüro f ü r Herrn Nilpferd besorgen? 5. Worüber

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Eine Seereise.

ärgerte er sich im P a ß b ü r o ? 6. W a r u m stand er am 15. Mai so früh a u f ? 7. Wie telephoniert man in Deutschland? 8. Was besorgte Herr Nilpferd auf dem B a h n h o f ? 9. Wie vertrieben sich Herr und Frau N. die Z e i t ? 10. Was m u ß t e Herr N. noch in der letzten Minute besorgen? 11. Erreichte er den Z u g ?

XI.

Eine Seereise. D e r K a p i t ä n (auf der Kommandobrücke): Steuermann, ist die Ladung verstaut? D e r S t e u e r m a n n : Jawohl, Herr Kapitän, die Schauerleute und die Matrosen haben schon alles in den Schiffsraum gebracht. Auch die Schiffsjungen haben mitgeholfen, vor allem aber die elektrischen Krane. D e r K a p i t ä n : Ist das ö l für die Feuerung g e t a n k t ? D e r S t e u e r m a n n . Jawohl, wir können jetzt den Anker lichten und die Taue einholen. D e r K a p i t ä n : Es sind noch viele Menschen am Kai. Wer mit will, m u ß an Bord gehen. Ich lasse jetzt die Sirene ertönen, und dann wird der Laufsteg eingezogen. Gut, d a ß wir keinen Schlepper brauchen, wie die Überseedampfer. (Die Turbinen setzen ein, die Schiffsschrauben drehen sich.) A r n o l d v o n S t r a h l : Guten Tag, gnädiges Fräulein. Oder darf ich „Fräulein Aurora" sagen? Welch ein großes, unerwartetes Glück, Sie hier zu treffen! A u r o r a D u f t i g : Auch ich bin glücklich, lieber Freund. Zuletzt sahen wir uns in Venedig — Canal Grande — Gondeln — Musik — Mondschein — man glitt dahin auf einem silbernen Strom — alles atmete Sehnsucht — Entzücken — A r n o l d : 20 Lire kostete die entzückende Fahrt. A u r o r a : Wie prosaisch! Jetzt sind wir auf dem Wege von Neapel nach Capri. Der Vesuv erhellt mit Feuerflammen das Dunkel der Nacht — es ist eine herrliche Fahrt. A r n o l d : Aber leider etwas stürmisch. Das Schiff s t a m p f t und schlingert.

Eine Seereise.

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A u r o r a : Ei, das macht nichts. Ich bin vollkommen seefest. Sie doch auch, lieber Freund? A r n o l d : 0 gewiß — hm — natürlich. Aber möchten Sie nicht einen bequemen Liegestuhl haben? A u r o r a : Gern, wenn Sie mir einen verschaffen wollen. Wir bleiben j a die ganze Zeit auf Deck. A r n o l d : Da sind gerade noch zwei Stühle frei. Kommen Sie schnell! Au verflucht, die beiden alten Damen schnappen sie uns vor der Nase weg! Was sehe i c h ? Es sind j a meine alten Tanten Ulrike und Amanda, die Cousinen meiner Mutter. Nun, die werde ich bald vertreiben. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, gnädiges Fräulein, ich komme bald zurück. A u r o r a : Dann warte ich hier an der Reeling. Bleiben Sie nur nicht zu lange fort, lieber Freund! A r n o l d : Guten Tag, Tante Ulrike, guten Tag, Tante Amanda. Welch eine freudige Überraschung, euch hier zu treffen! T a n t e U l r i k e : Grüß Gott, lieber Arnold. Bist du auch in Italien? Wie geht's denn? A r n o l d : Danke, mir geht es gut. Aber du siehst ein wenig blaß aus, Tante Ulrike. Der kalte Wind ist dir sicher schädlich. Du solltest lieber hinuntergehen. T a n t e U l r i k e : Ich sage es j a immer — die Jugend von heute! Die alte Generation ist abgehärtet, mein Junge. Ich bleibe hier oben, wenn es auch hagelt und schneit. Das bißchen Wind — bah! A r n o l d : Aber du, liebe Tante Amanda, du siehst wirklich elend aus! Willst du dich nicht in deiner Kabine etwas hinlegen? Sonst wirst du bestimmt seekrank. Ich werde dich begleiten, komm schnell! T a n t e A m a n d a : Fällt mir j a gar nicht ein! Was redest du da für Unsinn! Ich sollte das bißchen Sturm nicht vertragen? 0 , ich habe schon ganz andere Stürme mitgemacht, mein Jungchen. A r n o l d : Sollte dir dennoch übel werden, so weiß ich ein ausgezeichnetes Mittel gegen Seekrankheit. T a n t e U l r i k e : Nicht möglich! Laß hören! A r n o l d : Also — wenn dir übel wird, laß dir vom Koch ein großes Stück gebratenen Speck geben — recht fetten Speck — so fett, daß er ordentlich trieft. Diesen Speck mußt du essen. Wenn es nicht hilft, binde ein Stück an einen Faden und ziehe es im Halse auf und ab. Ein unfehlbares Mittel! T a n t e A m a n d a : Haha, du Spaßvogel! J a , wir wollen das Mittel versuchen. Hoffentlich hilft es. A r n o l d : Hoffentlich! J e t z t muß ich mir ein bißchen Bewegung machen. Auf Wiedersehen, liebe Tanten!

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Eine Seereise.

A r n o l d : Hier bin ich wieder, mein gnädiges Fräulein. Wenn die alten Damen uns nicht in einer halben Stunde ihre Stühle überlassen, will ich nicht Arnold von Strahl heißen. A u r o r a : Sie sind großartig! Während wir warten, stehen wir hier an der Reeling und blicken über das Meer hinaus. Sehen Sie, dort kommt der Mond aus den Wolken hervor. Silbern fällt sein Licht über die schäumenden Wellen. Ach, mir wird so poetisch zu Mute — so schwärmerisch, so sehnsuchtsvoll. Woran denken Sie jetzt, lieber F r e u n d ? A r n o l d : Wie b i t t e ? Verzeihung . . . A u r o r a : Sie sind zerstreut, lieber Freund. Und so blaß! Kommt es vom silbernen Mondschein — oder von Ihren Gefühlen in dieser S t u n d e ? A r n o l d : Von meinen Gefühlen. (Beiseite): Zum Donnerwetter, was ist denn mit mir los? Hier stehe ich neben dem reizendsten Geschöpf der Welt und kann an nichts anderes mehr denken als — an fetten Speck. (Laut): Riecht es nicht plötzlich stark nach gebratenem Speck, gnädiges Fräulein? A u r o r a (kalt): Das ist wohl möglich. Es wird gebratenen Speck zum Abendbrot geben. Aber wie kommen Sie jetzt darauf — während ich (weinend) — o Gott, Sie verstehen mich nicht . . . A r n o l d : Gnädiges Fräulein — liebes, teures Fräulein Aurora — verzeihen Sie — aber ich — A u r o r a : Still! Kein Wort mehr! Während ich mich meinen Gefühlen hingebe, reden Sie von — gebratenem Speck. Gehen Sie nur — essen Sie — Ihren gebratenen Speck! Guten Appetit! A r n o l d : Schweigen Sie — um Gottes willen, schweigen Sie! Leben Sie wohl — ich m u ß —. (Er stürzt davon.) A u r o r a : Arnold, Arnold! Oh, er ist verrückt geworden — aus Liebe zu mir. Er wird ins Wasser springen — zu Hilfe, zu Hilfe! E i n M a t r o s e : W a s ist denn los? A u r o r a : Haben Sie einen Herrn vorüberstürzen sehen — bleich — mit starrem Blick — er springt ins Wasser . . . Ach, bitte retten Sie ihn, helfen Sie ihm doch! D e r M a t r o s e : Dem ist nicht mehr zu helfen. A u r o r a : Was sagen Sie — tot, wirklich t o t ? (Weint laut.) D e r M a t r o s e : Beruhigen Sie sich, Fräuleinchen, so schlimm ist es nicht. An der Seekrankheit stirbt niemand. So ist es ja immer: auf der See sind die Passagiere hundeelend, aber sobald der Hafen in Sicht kommt, der Pier mit dem Leuchtturm, die Reede — da sind sie wieder auf den Beinen. In einer Stunde haben Sie Ihren Freund wieder. A u r o r a : Ich will ihn nicht wiedersehen — nie, nie wieder. Der Held meiner Träume — das Ideal meines Lebens — seekrank — gebratener

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Speck — pfui, es ekelt mich! 0 Gott, mir wird ganz übel, ich muß hinunter —. (Sie stürzt davon.) T a n t e U l r i k e : Hast du gesehen, Amanda, wie Arnold eben leichenblaß vorüberrannte? Und jetzt das Mädchen. Seekrank, natürlich. J a ja, die Jugend von heute! Ich hab's ja immer gesagt, die taugt nicht viel. Aufgaben. Denken Sie sich Gespräche aus: 1. Zwischen zwei Passagieren, die sich auf einem Dampfer treffen! 2. Zwischen dem Kapitän und einem Manne der Besatzung! 3. Zwischen einem seekranken Passagier und der Stewardeß (Aufwärterin). Der Passagier sagt z. B.: Fräulein, mir ist nicht wohl; mir ist übel. Wo kann ich mich hinlegen? Geben Sie mir bitte ein Gefäß, ich muß mich übergeben. 4. Erzählen Sie von einer Seereise, die Sie gemacht haben! Fragen. 1. Was f ü r verschiedene Arten von Schiffen kennen Sie? 2. Nennen Sie verschiedene Teile eines Schiffes: Der Kiel, der Steven, das Deck, das Zwischendeck, das Hinterdeck oder das Achterdeck, der Schiffsraum, der Laderaum, die Kabine, die Kajüte. Das Vorderteil, das Vorschiff, der Bug, das Achterschiff, das Hinterschiff, das Heck. 3. Wo befindet sich gewöhnlich der K a p i t ä n ? 4. Aus was f ü r Leuten besteht die Bes a t z u n g ? 5. Wer verstaut die L a d u n g ? 6. Wie geht das z u ? 7. Wie heißt das Material f ü r die Feuerung, und wo wird es a u f b e w a h r t ? 8. Was geschieht, wenn ein Dampfer abgehen soll? 9. Wo sind die Passagiere? 10. Wie sind sie an Bord gekommen? 11. Wo stehen noch viele Leute? 12. Wie wird das Schiff getrieben? 13. Wer sind die beiden Personen, die sich an Bord treffen? 14. Freuen sie sich über das Wiedersehen? 15. Was wissen Sie von Venedig? 16. Wohin fahren Arnold und Aurora j e t z t ? 17. Was wissen Sie vom Vesuv, von Neapel, von Capri? 18. Wie ist das Wetter, und was tut das Schiff? 19. Ist Arnold seefest? 20. W a s will er sich und Aurora verschaffen? 21. Gelingt ihm d a s ? 22. Was will er versuchen? 23. Wo wartet Aurora auf i h n ? 24. Wie versucht Arnold, die alten Damen aus den Stühlen zu vertreiben? 25. Ist fetter Speck ein gutes Mittel gegen Seekrankheit? 26. Kennen Sie ein besseres? 27. Wie äußert sich die Seekrankheit? 28. Machen Arnolds Worte großen Eindruck auf die alten D a m e n ? 29. In welcher Stimmung ist Aurora? 30. Ahnt Aurora den Grund seiner Zerstreutheit? 31. Warum wird sie so böse? 32. W a r u m rennt Arnold f o r t ? 33. Was glaubt Aurora? 34. Was sagt 4

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Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

der Matrose? 35. Ist Aurora getröstet? 36. Wie geht es ihr jetzt selbst? 37. Was sagt Tante Ulrike?

XII.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Beim Hotelportier. D e r a l t e H e r r : Haben Sie ein Zimmer f r e i ? D e r P o r t i e r : Jawohl, wir haben gerade noch ein schönes Einzelzimmer mit Bad im ersten Stock. Es liegt nach der Straße. D. a. H.: Wieviel nehmen Sie für dieses Zimmer pro T a g ? P . : Acht Mark fünfzig, mein Herr. Die Bedienung und der Kaffee werden besonders bezahlt. D. a. H.: Ich nehme das Zimmer. Lassen Sie bitte mein Gepäck hinaufbringen! P . : Sofort, mein Herr. Da kommt schon der Hausdiener. Karl, bringen Sie diesen Koffer auf Zimmer Nummer 10. Wollen Sie bitte den Meldeschein ausfüllen, mein H e r r ? D. a. H.: Ich weiß schon. Vorname: Dionysos. Zuname: Bierfasserl. Beruf: Brauereidirektor. Familienstand: Ledig. Geburtsort: Nürnberg. Geburtstag: den 31. Oktober 1860. Staatsangehörigkeit — ach, das ist ja nur f ü r Ausländer. Wohnort und Wohnung: Karlstraße 25, München. Genügt d a s ? P . : Jawohl, Herr Direktor. Nur noch den Ankunftstag und die eigenhändige Unterschrift. So — danke schön, Herr Direktor. Hier ist der Zimmerschlüssel. Der Page wird Sie mit dem Fahrstuhl hinaufbringen. D e r j u n g e H e r r : Kann ich ein Zimmer h a b e n ? P.: Bedaure, es ist augenblicklich alles besetzt. D. j. H.: Ich habe aber schon vor vierzehn Tagen bestellt. P . : Dann will ich mal nachsehen. J a , es ist wirklich noch ein kleines Zimmer zu drei Mark fünfzig frei . . . Nr. 406. Allerdings liegt es im vierten Stock und nach dem Hof.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

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D. j. H . : Das ist ja u n e r h ö r t ! Dann bleibe ich nur bis morgen früh. Bitte, wecken Sie mich um 7 Uhr und bringen Sie mir den Kaffee hinauf! P . : Jawohl, mein Herr. Allerdings komme ich nicht selbst, sondern das Zimmermädchen. Wollen Sie bitte diesen Meldeschein ausfüllen? D. j. H . : Geben Sie her! Also: August Schulze aus München, Geschäftsreisender, geboren am 3. Juli 1910, usw. Bitte, geben Sie mir meinen Schlüssel! Der alte Herr in seinem Zimmer. Mein Zimmer ist wirklich schön. Ölgemälde an den W ä n d e n , Tisch und Stühle aus Mahagoni, ein echter Teppich auf dem Fußboden. Das Bett h a t eine blauseidene Steppdecke, das Badezimmer ist ganz mit weißen Kacheln bekleidet, die W a n n e ist eingebaut. So etwas lasse ich mir gefallen! Der junge Herr in seinem Zimmer. Was f ü r ein elendes Loch ist dieses Zimmer! Ein schlechtes Bett, ein uralter Schrank, die Schüssel auf dem Waschtisch gesprungen, die Kanne leer. (Klingelt dem Zimmermädchen): Fräulein, bringen Sie mir bitte Wasser! Wo k a n n ich das Abendessen e i n n e h m e n ? D a s M ä d c h e n : ' D ^ s R e s t a u r a n t liegt im Erdgeschoß, mein Herr. Fragen. 1. Wer k o m m t in das H o t e l ? 2. Was will der alte Herr h a b e n ? 3. An wen wendet er sich? 4. H a t der Portier ein Zimmer f r e i ? 5. Wo liegt das Z i m m e r ? 6. Was kostet e s ? 7. N i m m t der alte Herr das Z i m m e r ? 8. Wer bringt sein Gepäck h i n a u f ? 9. Was m u ß der alte Herr a u s f ü l l e n ? 10. Wer bringt ihn h i n a u f ? 11. Muß er zu F u ß g e h e n ? 12. W o m i t wird die Zimmertür aufgeschlossen? 13. B e k o m m t der junge Herr gleich ein Z i m m e r ? 14. Wie ist das Zimmer, das er schließlich b e k o m m t ? 15. Ist er damit z u f r i e d e n ? 16. W a n n will er geweckt sein, und was soll man ihm b r i n g e n ? 17. Wie ist das Zimmer des alten Herrn eingerichtet? 18. W a r u m klingelt der junge Herr dem Z i m m e r m ä d c h e n ? 19. Wo k a n n er zu Abend essen? 20. Wie sagt man, wenn man ein Hotelzimmer haben will? Wenn man seinen Schlüssel b r a u c h t ? Wenn man geweckt sein will? 21. Wie m u ß man den Meldeschein a u s f ü l l e n ? Aufgabe. Denken Sie sich Gespräche im Hotel aus! 4*

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Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Im Restaurant.

D e r a l t e H e r r : Guten Abend! Sind Sie nicht August Schulze, der Sohn meines alten Freundes in München? D e r j u n g e H e r r : Jawohl, Herr Direktor. Es freut mich, Sie hier zu sehen. D. a. H.: Ihrem Vater geht es gut, j a ? Wollen wir nicht zusammen essen? Herr Ober, ist ein Tisch f r e i ? D e r K e l l n e r : Hier ist gerade noch ein Fenstertisch frei, Herr Direktor. D. a. H.: Schön, bringen Sie uns die Speisekarte und die Weinkarte! Würden Sie bitte so gut sein, Herr Schulze, und mir die Karte vorlesen; meine Augen sind ziemlich schwach. D. j. H. liest: Speisekarte. Suppen. Kraftbrühe, Erbsensuppe, Schildkrötensuppe, Weinsuppe. Fisch. Hering, Hecht, Zander, Barsch, Lachs, Forelle, Karpfen. Fleisch. Rindfleisch, Beefsteak mit Zwiebeln, Kalbsbraten, Schweinskotelett. Geflügel.

Hammelbraten,

Hühnchen mit Salat, Gänsebraten, Ente, Truthahn. Gemüse. Spinat, Erbsen, Bohnen, Spargel, Mohrrüben, Kohl. Kompott. Kirschen, Stachelbeeren, Äpfel, Birnen, Pflaumen.

Himbeeren,

Johannisbeeren,

Erdbeeren,

Nachtisch. Eis, Obstkuchen, Zitronenpudding. Getränke. Bier, helles und dunkles, Sekt, Rheinwein, Moselwein, Madeira. D. a. H.: Was essen Sie? D. j. H.: Ich nehme ein Schweinskotelett und ein Glas Münchener Bier.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

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D. a. H.: Wie bescheiden! Herr Ober, bringen Sie mir das Gedeck zu vier Mark: Weinsuppe, Lachs, Gänsebraten und Himbeereis. Dazu eine Flasche Mosel. Nachher Schweizerkäse, einen guten Likör und eine gute Zigarre. Später eine Tasse schwarzen Kaffee. D e r K e l l n e r : Jawohl, Herr Direktor. Sofort, Herr Direktor. Eine halbe Stunde später. D e r a l t e H e r r : Nun, junger Freund, wie fanden Sie das K o t e l e t t ? D e r j u n g e H e r r : Ich fand es unter einer Kartoffel. D. a. H.: Hahaha . . . sehr gut! Na, was wollen Sie denn morgen unternehmen? Berlin bietet ja so viel. Wollen Sie das Zeughaus besehen, oder den Zoo, oder die Museen? D. j. H.: Ich m u ß morgen früh nach Hamburg weiterfahren. Und das ist gut, denn mein Zimmer gefällt mir gar nicht. D. a. H.: Wie schade! Ich habe ein herrliches Zimmer. Nr. 10 im ersten Stock. D. j. H. (beiseite): J a , das glaube ich wohl. Wenn ich doch tauschen könnte! (Laut): Nummer 10 ist wunderbar; aber wissen Sie auch, daß sich im vorigen Monat ein Mensch dort erschossen hat, und daß es seitdem um Mitternacht ganz schrecklich s p u k t ? D. a. H.: Hahaha! Sie wollen mich wohl zum besten haben, junger F r e u n d ? Herr Ober, ich möchte zahlen. Bitte, wieviel macht es zusammen? K e l l n e r : Für den Herrn Direktor RM. 8,25 mit Bedienung. Für den jungen Herrn 1 Mark 80. D. a. H.: Hier haben Sie — hahaha! Junger Freund, Sie gehen wohl noch ins Lesezimmer oder ins Rauchzimmer. Ich gehe jetzt zu Bett, wenn es auch spukt. Hähähä! Gute Nacht, gute Nacht! D. j. H.: Gute Nacht, Herr Direktor. Wünsche recht angenehme Ruhe! Fragen. 1. Wo treffen sich die beiden Herren? 2. Kennen sie sich schon? 3. Mit welchen Worten fragt man nach einem Tisch? 4. Bekommen die Herren einen Tisch? 5. Was braucht man, wenn man bestellen will? 6. Wie macht man eine Bestellung? 7. Wer h a t t e das bessere Essen bestellt, der alte oder der junge H e r r ? 8. W a r der junge Herr mit seinem Kotelett zufrieden? 9. Wollte er lange in Berlin bleiben? 10. Was h ä t t e er sich ansehen können, wenn er geblieben w ä r e ? 11. War er mit seinem Zimmer zufrieden? 12. Auf welche Weise versuchte er, den alten Herrn aus seinem Zimmer zu vertreiben ? 13. Gelang es ihm ? 14. Mit welchen Worten drückt man aus, daß man bezahlen will? 15. Was mußte der alte Herr bezahlen? 16. Wohin ging er n u n ? 17. Wo konnte der junge Herr lesen? 18. Wo konnte er rauchen?

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Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Aufgaben.

S c h r e i b e n Sie eine S p e i s e k a r t e u n d eine W e i n k a r t e ! D e n k e n Sie sich ein G e s p r ä c h a u s z w i s c h e n einem H e r r n , einer D a m e u n d einem Kellner im Restaurant!

Der alte Herr in seinem Zimmer. (Es ist Mitternacht.) D e r a l t e H e r r : Ein herrliches B e t t , u n d d o c h k a n n ich n i c h t s c h l a f e n . Vielleicht h a b e ich zu viel W e i n g e t r u n k e n . E s ist d o c h r e c h t u n heimlich, d a ß sich in diesem Z i m m e r ein Mensch erschossen h a t ! H a b e ich d e n n die T ü r ordentlich a b g e s c h l o s s e n ? Ich will doch e i n m a l aufstehen und nachsehen. (Die Tür öffnet sich langsam. D . a. Das D . a. Das

Ein weißes Gespenst steht auf der Schwelle.)

H . : U m G o t t e s willen, w a s ist d e n n d a s ? G e s p e n s t : Huhuuuuuuuuu!!!!!!! H . : W e r ist d a ? W a s wollen S i e ? Ich r u f e u m Gespenst: Huhuuuuuuüü! Im G r a b e ist R u h ! ! !

Hilfe!

D. a. H . : Zu Hilfe, zu Hilfe! Diebe, M ö r d e r ! ! (Das Gespenst verschwindet, der Zimmerkellner erscheint.) D. a. H . : Schnell! H e l f e n Sie mir, m e i n e S a c h e n z u s a m m e n z u p a c k e n ! S o f o r t geben Sie m i r ein a n d e r e s Z i m m e r ! Hier s p u k t es ja. H i e r k a n n ich n i c h t bleiben. D e r Z i m m e r k e l l n e r : Mein H e r r , es i s t kein a n d e r e s Z i m m e r frei. Ü b e r h a u p t j e t z t in der N a c h t — D. a. H . : F o r t ! W e c k e n Sie d e n H e r r n in N u m m e r 4 0 6 ! E r soll m e i n Z i m m e r h a b e n , ich bezahle es. U n d ich n e h m e d a s seinige. Schnell, schnell! Der junge Herr in seinem Zimmer. (Eine halbe Stunde später.) Der

j u n g e H e r r : H a h a h a ! W e r zuletzt lacht, lacht am besten. J e t z t liegt der alte Esel d a oben in d e m schrecklichen B e t t , u n d ich liege hier. D a s h a b e ich fein g e m a c h t — n u r m i t e i n e m w e i ß e n B e t t u c h

Konsultation.

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und einer Taschenlampe. Aber was ist denn d a s ? Brennt die Taschenlampe n o c h ? (Ein Mann mit einer schwarzen Maske, einem Revolver und einer Blendlaterne schleicht heran.)

D i e s c h w a r z e M a s k e : Hände hoch! Mund halten, oder ich schieße! Her mit der Reisekasse! Nur 300 M a r k ? Nicht viel. So, jetzt binde ich Ihnen noch Arme und Beine und stecke Ihnen einen Knebel in den Mund. Gute Nacht, wünsche recht angenehme Ruhe. Frageh. 1. Kann der alte Herr gut schlafen? 2. W a r u m kann er nicht gut schlafen? 3. W a r u m will er noch einmal aufstehen? 4. Wer steht plötzlich auf der Schwelle? 5. Was sagt das Gespenst? 6. Was t u t der alte H e r r ? 7. Wer k o m m t ? 8. Will der alte Herr das Zimmer behalten? 9. Mit wem will er tauschen? 10. Wer war das Gespenst? 11. W a r u m h a t t e der junge Herr sich als Gespenst verkleidet? 12. Wie wurde er b e s t r a f t ? 13. Womit ist der fremde Mann versehen? 14. Hat er gute Absichten?. 15. Was tut er mit dem jungen H e r r n ? Aufgabe. Erzählen Sie Gespenstergeschichten!

XIII.

Konsultation. F r a u M ü l l e r : Schwester, ist der Herr Doktor zu sprechen? S c h w e s t e r A n n a : Eigentlich ist die Sprechstunde schon vorüber, und der Herr Doktor will Krankenbesuche machen. Vielleicht empfängt er Sie aber doch noch. Ich will ihn mal fragen. Bitte, nehmen Sie einstweilen im Wartezimmer Platz! Wen darf ich melden? Frau Müller? Einen Augenblick, bitte! (5 Minuten später.)

D o k t o r P i l l e n d r e h e r - P u l v e r m a n n : Guten Tag, Frau Müller. Sie kommen spät. Ich habe große Eile, denn ich bin sehr beschäftigt. Aber ich will Sie doch noch untersuchen. Wie fühlen Sie sich h e u t e ? F r a u M.: Danke, ausgezeichnet. Ich —

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Konsultation.

D o k t o r P . : Ausgezeichnet! Das ist wohl nicht gut möglich — bei einem solchen Leiden. Sie haben eine ungesunde Gesichtsfarbe und eine rote Nase, die auf schlechte Blutzirkulation hindeutet. Sie müssen sich viel Bewegung machen. F r a u M.: Dazu habe ich keine Zeit. Ich bin doch — D o k t o r P . : Bitte, nehmen Sie Platz! Ich habe Eile. Zeigen Sie mir- Ihre Zunge! Oh, die ist stark belegt. Haben Sie oft Leibschmerzen? Kopfschmerzen ? F r a u M.: Sehr selten, Herr Doktor. D o k t o r P . : Jedenfalls leiden Sie aber an schlechter Verdauung. Sie haben sich eine Magenverstimmung zugezogen. Da müssen Sie strenge Diät halten. Haferschleim und Zwieback, keinen Kaffee — F r a u M.: Ohne Kaffee kann ich nicht leben, Herr Doktor. Ich bin auch ganz gesund. D o k t o r P . : Gesund! Sie zittern ja am ganzen Leibe, und Ihr Herz macht 150 Schläge in der Minute. Tachycardie nennt man das. Haben Sie Fieber? Ich will den Puls fühlen. Oh, der fliegt j a ! Und dann schwitzen Sie* heftig. F r a u M.: Das macht nur die Angst — D o k t o r P.: Nun will ich die Brust beklopfen und ein wenig abhorchen. Sie scheinen mir auch erkältet zu sein. Tief atmen! Husten! Ja, die Lungen sind etwas angegriffen. Wir müssen eine Röntgenaufnahme machen. Nun öffnen Sie mal den Mund recht weit und sagen Sie a-a-a! Ich muß sehen, ob die Mandeln geschwollen sind. F r a u M.: Aber, Herr Doktor — D o k t o r P . : Bitte, tun Sie, was ich sage! So, nun will ich Ihren Blutdruck messen. Dachte ich's mir doch! Der ist viel zu hoch. Und Ihre Nerven sind miserabel. Was f ü r Krankheiten haben Sie denn schon durchgemacht? F r a u M.: Als Kind hatte ich den Keuchhusten und die Masern. Einmal h a t t e ich Lungenentzündung und zweimal die Grippe. Vor drei J a h r e n habe ich mir mal den kleinen Finger verstaucht — nur verstaucht, nicht gebrochen — D o k t o r P . : Das interessiert mich weniger. Aber Ihre Augen sehen mir verdächtig aus. Glotzaugen sind kein gutes Zeichen. F r a u M.: Die liegen bei uns in der Familie, Herr Doktor. Mein Urgroßvater mütterlicherseits hatte auch solche Augen, und meine Tante Ida in P o m m e r n D o k t o r P . : Es scheint also eine erbliche Anlage für den Morbus Basedowii vorhanden zu sein. Ein sehr ernster Fall. Nächste Woche kommen Sie ins Krankenhaus. Wie ich sehe, ist eine Operation nötig. Einstweilen nehmen Sie etwas ein, das ich verschreiben werde. — So bitte, hier ist das Rezept. Bringen Sie es gleich in die Apotheke. Nach

Konsultation.

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jeder Mahlzeit nehmen Sie von dieser Medizin 10 Tropfen auf ein Glas Wasser. F r a u M.: Herr Doktor, ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will nicht operiert werden — D o k t o r P . : Es ist unbedingt notwendig. J e t z t will ich Leber und Nieren untersuchen. Bitte, entkleiden Sie sich, während ich meine Instrumente zurechtlege! Nun, was zögern Sie noch? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich Eile habe. F r a u M.: Ich will mich nicht entkleiden — lassen Sie mich — zu Hilfe! D o k t o r P.: W a s ? Sie sind doch Frau Anna Müller, die mich um eine gründliche Untersuchung gebeten h a t t e ? F r a u M.: Um Gotteswillen — nein! Ich bin Frau Lina Müller, die Schneiderin, bei der Ihre Frau Gemahlin nähen läßt. Frau Doktor hat für 200 Mark Kleider bei mir bestellt, und ich bringe Ihnen jetzt die Rechnung. D o k t o r P.: Hinaus mit Ihnen, Sie Frauenzimmer, oder — Fragen. 1. Was wollte Frau Müller beim A r z t ? 2. Wer empfing sie? 3. Womit kann man sich im Wartezimmer die Zeit vertreiben? 4. Was glaubte der Arzt, als er Frau Müller s a h ? 5. Wie fand er ihr Aussehen? 6. Wie behandelt man eine Magenverstimmung? 7. Wie äußert sich gewöhnlich eine E r k ä l t u n g ? 8. Wie stellt man fest, ob Fieber vorhanden i s t ? 9. Welche Krankheiten hatte Frau Müller durchgemacht? 10. Welche Krankheit stellte der Arzt fest, und welche Behandlung hielt er für die richtige? 11. Wollte sich Frau Müller derselben unterziehen? 12. Warum ärgerte sich Doktor P. so sehr? Aufgaben. 1. Sagen Sie etwas über die inneren Organe des Körpers und ihre Funktionen! 2. Beschreiben Sie einige gewöhnliche Krankheiten, ihre Anzeichen und ihre Behandlung! 3. Denken Sie sich ein Gespräch zwischen einem Arzt und einem Patienten aus! Beim Zahnarzt. D e r P a t i e n t : Guten Tag, Herr Doktor. Ich habe Zahnschmerzen. D e r Z a h n a r z t : J a , das sehe ich. Die Backe ist ja ganz geschwollen. Bitte, nehmen Sie Platz, ö f f n e n Sie den Mund! Oh, da ist ja ein großes Loch. D e r P . : Können Sie es plombieren? Aber bohren Sie nicht zuviel, ich habe solche Angst.

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Gespräche im Büro.

D e r Z.: Ich kann nicht plombieren. Es ist eine Wurzelentzündung mit Eiterung. Ich muß den Zahn mit der Zange ausziehen. D e r P.: Das tut doch schrecklich weh, nicht wahr? , D e r Z.: 0 nein. Ich mache eine Einspritzung, dann spüren Sie gar nichts. So, jetzt halten Sie recht schön still. — Donnerwetter, der Zahn sitzt aber fest! D e r P.: Au—u—u—u—u—u—u—u! D e r Z.: So, da haben wir ihn. Drei große Wurzeln — aber es ist ja auch kein Vorderzahn, sondern ein Backenzahn. Jetzt sind die Schmerzen fort, nicht wahr? D e r P.: Nein. Sie haben bestimmt den falschen Zahn gezogen. Aufgabe. Denken Sie sich ein Gespräch zwischen einem Zahnarzt und einem Patienten aus!

XIV.

Gespräche im Büro. D i r e k t o r D. E. S p o t : Guten Tag, Herr Klein. Sie waren also bei Wolf und Heisig in Stuttgart. Haben Sie viel verkauft? R e i s e v e r t r e t e r K l e i n : Ach, Herr Direktor, leider gar nichts. D i r e k t o r : Was sagen Sie? Das ist ja unglaublich. H e r r Kl.: Ich habe mir die größte Mühe gegeben, aber — D i r e k t o r : Natürlich haben Sie es ganz falsch angefangen. Ich werde Ihnen zeigen, wie man es machen muß. Passen Sie mal auf! J e t z t sind Sie Direktor Wolf, und ich bin Sie. Wenn Sie eintreten, verbeugen Sie sich tief und sagen: „Guten Tag, Herr Direktor! Ich komme von Direktor D. E. Spot und will Ihnen ein großartiges Angebot machen. Wir liefern Ihnen 5 Dutzend Gelenkpuppen mit Patentkopf und 3 Dutzend Puppen mit Schlafaugen zu M. 50.—. Es sind wunderschöne Puppen mit rosigen Backen, blonden Locken und blauseidenen Kleidern. Sie werden großartige Geschäfte damit machen. Nun, was sagen Sie, Herr Direktor?" H e r r Kl.: Kommen Sie von Direktor D. E. Spot, dem widerlichen Kerl? Nein, mit dem will ich nichts zu tun haben. Er soll auch sehr unsolide sein. Für solche Geschäftsverbindungen danke ich. D i r e k t o r : W—a—a—a—a—s? Sind Sie verrückt geworden, Mensch? H e r r Kl.: Bedaure, aber genau so äußerte sich Herr Direktor Wolf.

Gespräche im Büro. D i r e k t o r : H i n a u s m i t I h n e n — auf der Stelle! nicht mehr sehen!

59 U n d lassen Sie sich hier

D i e S t e n o t y p i s t i n : E i n H e r r w ü n s c h t den H e r r n D i r e k t o r zu s p r e c h e n ! D i r e k t o r : W e r sind Sie, u n d w a s wollen S i e ? H e r r M ü l l e r : Ich m ö c h t e m i c h u m die o f f e n e Stelle als K o r r e s p o n d e n t b e w e r b e n . Ich h a b e K u r z s c h r i f t , M a s c h i n e s c h r e i b e n u n d B u c h f ü h r u n g gelernt. D i r e k t o r : W a r e n Sie schon f r ü h e r in einem B ü r o t ä t i g ? H a b e n Sie k a u f männische Vorbildung? H e r r M . : N e i n , a b e r ich bin s e h r poetisch v e r a n l a g t . E i g e n t l i c h wollte ich D i c h t e r w e r d e n , a b e r leider v e r d i e n t m a n dabei zu w e n i g . D i r e k t o r : H i e r h a b e n wir f ü r Poesie keine V e r w e n d u n g . Ich will Sie m i t einem m o n a t l i c h e n G e h a l t v o n 50 M. probeweise u n d auf m o n a t liche K ü n d i g u n g a n s t e l l e n . W e n n Sie sich m a c h e n , b e k o m m e n Sie vielleicht s p ä t e r eine kleine Z u l a g e . Ü b e r s t u n d e n w e r d e n g e s o n d e r t b e z a h l t . So, u n d n u n w e r d e ich I h n e n gleich einen Brief d i k t i e r e n . B i t t e , m a c h e n Sie sich f e r t i g , das S t e n o g r a m m a u f z u n e h m e n ! (Diktiert): An die F i r m a Wolf & Heisig, Stuttgart. Ich g e s t a t t e mir, I h n e n u n s e r e G e l e n k p u p p e n m i t P a t e n t k o p f u n d S c h l a f a u g e n b e s t e n s zu e m p f e h l e n . Bei B a r z a h l u n g e n g e w ä h r e n wir 2 v . H . N a c h l a ß . Die V e r s e n d u n g der W a r e erfolgt a b F a b r i k , auf K o s t e n u n d G e f a h r der K ä u f e r . Ihren w e r t e n A u f t r ä g e n gern e n t g e g e n s e h e n d , z e i c h n e n

wir

Hochachtungsvoll D . E. S p o t & Co. So, n u n s c h r e i b e n Sie diesen Brief schnell ab. ich ihn i m R e i n e n s e h e n .

In fünf M i n u t e n m ö c h t e

(20 Minuten später.) H e r r M . : H i e r ist der Brief, H e r r D i r e k t o r . D i r e k t o r : Das h a t aber lange g e d a u e r t ! (Erliest): G e l e n k p u p p e n h a b e n w i r zu v e r k a u f e n . Sie k ö n n e n s c h l a f e n , a b e r n i c h t l a u f e n . E i n e n P a t e n t k o p f h a b e n sie alle. W i r h o f f e n , d a ß I h n e n die W a r e gefalle. Sie b e k o m m e n 2 % N a c h l a ß , w e n n Sie z a h l e n in b a r . Die V e r s e n d u n g e r f o l g t auf Ihre K o s t e n u n d G e f a h r . Die Kleider der P u p p e n sind b l a u u n d n i c h t r o t . Hochachtungsvoll D i r e k t o r D. E . S p o t .

60

Gespräche im Büro.

D i r e k t o r : Mensch, was soll denn das heißen? H e r r M.: Ich dachte, der Brief würde größeren Eindruck machen, wenn ich ihn in Reimen schriebe. Die Geschäftsbriefe sind gewöhnlich sehr langweilig. Eine Reform auf diesem Gebiet wäre wohl sehr angebracht. Und, Herr Direktor, Sie sagten doch selbst, Sie wollten den Brief in Reimen sehen. D i r e k t o r : Dummkopf, im Reinen habe ich gesagt. Reformieren Sie bitte in anderen Firmen, aber nicht bei mir. Ich kann Sie nicht brauchen, machen Sie, daß Sie fortkommen! Fräulein Meyer, ich will heute niemand mehr empfangen, hören Sie, niemand! (Die Tür geht auf.)

D i r e k t o r : Zum Donnerwetter, wer stört mich schon wieder! Hinaus, oder ich werfe Ihnen den Briefbeschwerer an den Kopf! Hier in meinem Büro habe ich zu bestimmen, ich ganz allein. F r a u D i r e k t o r D. E. S p o t : Emil! Ich verbitte mir diesen Ton! D i r e k t o r : Ach, du bist es, teure Amalie! Ich bitte tausendmal um Verzeihung — ich wußte ja nicht . . . Du wünschest, mein Engel? F r a u D.: Emil! Sofort kommst du mit mir auf den Markt. Ich will 20 P f u n d Äpfel kaufen, und die m u ß t du tragen. Nun, wird's b a l d ? D i r e k t o r : Gleich, liebe Amalie, gleich. Ich will nur meinen Hut und meinen Überzieher holen. Ich renne, ich fliege. In einem Augenblick bin ich fertig. Aufgaben. Denken Sie sich folgende Gespräche aus: 1. Zwischen einem Direktor und einem Reisevertreter, der seine Waren anpreist. 2. Zwischen einem Direktor und einem jungen Manne oder einer jungen Dame, die eine Stellung suchen. Fragen. 1. Wo ist der Reisevertreter Klein gewesen? 2. Hatte er viel v e r k a u f t ? 3. Was wollte der Direktor ihm zeigen? 4. Was f ü r Waren hatte er zu verkaufen, und wie beschrieb er sie? 5. Wie waren seine Bedingungen? 6. W a r u m wurde Herr Klein verabschiedet? 7. Was wollte Herr Müller? 8. Was h a t t e er gelernt? 9. Wie war er v e r a n l a g t ? 10. Wollte der Direktor ihn anstellen? 11. Wie prüfte er seine Fähigkeiten? 12. Wie fiel die Probe a u s ? 13. Was ist von Herrn Müllers Reform zu halten? 14. Wie t r a t Direktor D. E. Spot in seinem Büro a u f ? 15. Vor wem mußte er sich ducken? 16. Was wollte seine Frau von i h m ?

Krause in Berlin.

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XV.

Krause in Berlin oder der wißbegierige

Tourist.

Am Brandenburger Tor. K r a u s e : Sieh da, Emil! Was f ü r ein Glück, daß ich dich treffe! Ich bin heute früh hier angekommen und möchte nun die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt kennenlernen. Du wirst mir alles zeigen, nicht w a h r ? Und jede Frage beantworten? E m i l : Gewiß — ja — hm — K.: Nein, dieser Verkehr! Als Fußgänger muß man sich auf dem Bürgersteig halten, der Fahrdamm ist zu gefährlich. In der Leipziger Straße soll es noch schlimmer sein, habe ich gehört. Wie viele Autos, Straßenbahnen und Omnibusse gehen denn täglich da entlang? E . : Das weiß ich nicht. K . : Das weißt du nicht — und du bist ein alter Berliner? Schäm dich! Nun sag mir mal — wo kann man sich hier in der Hauptstadt am besten amüsieren? E . : Das ist Geschmacksache. Wir haben eine Menge Theater, Lichtspielhäuser und Tanzpaläste. Ein Varieté von Weltruf ist der „Wintergarten" am Bahnhof Friedrichstraße. Den Zoologischen Garten mußt du natürlich besuchen. Abends gehst du einmal den Kurfürstendamm entlang und siehst dir die farbenreiche Lichtreklame an. „Haus Vaterland" ist ebenfalls recht sehenswert. K.: Was gibt es denn da Schönes? E.: Verschiedene sehr interessante Räume — ein türkisches Zimmer, ein italienisches Zimmer, ein japanisches Zimmer, ein Wiener Zimmer, usw. Am besten gefällt mir der Saal mit dem Rheinpanorama. Dort kann man essen, tanzen und Wein trinken. K.: Großartig! Wir wollen sofort zum „Haus Vaterland" fahren! Wir nehmen ein Auto. Auf dem Wege kann ich dich dann recht schön ausfragen. E . : Ich habe leider keine Zeit, dich zu begleiten. Nimm einen Omnibus oder eine Straßenbahn und fahre ein bißchen in Berlin herum. Mit der Untergrundbahn oder der Stadtbahn geht es zwar schneller, aber dann siehst du nicht so viel. K.: Schade, daß du nicht mitkommst. Ich habe so viel zu fragen! E.: Auf Wiedersehen — ein andermal. K.: Auf Wiedersehen.

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Krause in Berlin.

Ein Omnibus kommt. K.: Bitte, geht dieser Omnibus zum Potsdamer P l a t z ? D e r S c h a f f n e r : Nein, dies ist ja Linie 9. Wir fahren nach der Tiergartenstraße. K.: Ist noch ein Platz f r e i ? S c h a f f n e r : Nein, es ist alles besetzt. K.: Welche Linie muß ich denn zum Potsdamer Platz n e h m e n ? Was kostet die Fahrt ? Wie lange dauert sie ? Wie oft fahren die Omnibusse ? Kann ich einen Umsteiger für die Straßenbahn b e k o m m e n ? Ach, jetzt ist er schon weg! Und ich hätte noch soviel zu fragen gehabt. Nein, so was! Auf dem Alexanderplatz. (Eine Straßenbahn kommt.)

K.: Bitte, wohin geht dieser Wagen? S c h a f f n e r : Nach Wittenau. K. (steigt ein und verlangt einen Fahrschein): Einfach! K o s t e t ? S c h a f f n e r : 20 Pfennig. Teilstrecke 10 Pfennig. K.: Und der Umsteiger? S c h a f f n e r : 25 Pfennig. Wollen Sie umsteigen, mein H e r r ? K.: 0 nein. Bitte, in welchem Teil von Berlin liegt eigentlich der Alexanderplatz? Und in welchem Teil befindet sich der Grunewald? S c h a f f n e r : Der Alexanderplatz liegt im Osten, und der Grunewald befindet sich im Westen, dem feinsten Teil von Berlin. K.: Ich habe gehört, daß es am Alexanderplatz zwei Bahnhöfe gibt. Stimmt das? S c h a f f n e r : Jawohl, mein Herr. Der eine, über der Erde, ist der Stadtund Fernbahnhof. Unter der Erde befindet sich der größte U-Bahnhof Berlins. K.: Können Sie mir einige Hochhäuser von Berlin n e n n e n ? S c h a f f n e r : Jawohl, mein Herr. Das Shell-Haus am Landwehrkanal und das Europahaus an der Saarlandstraße. Andere Hochhäuser befinden sich am Potsdamer- und am Alexanderplatz, wie Sie wohl bemerkt haben. E i n K o n t r o l l e u r : Darf ich um die Fahrscheine b i t t e n ? Was sehe ich, Schaffner — hier stehen Sie und schwatzen und versäumen Ihre Pflicht! Wie viele Fahrgäste sind schon ausgestiegen, ohne zu bezahlen? Antworten Sie! Ihre Nachlässigkeit wird schlimme Folgen für Sie haben, machen Sie sich darauf gefaßt.

Krause in Berlin.

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S c h a f f n e r : Ich kann doch nichts dafür, daß dieser Herr soviel wissen will. Er hat mich immerfort gefragt — es ist einzig und allein seine Schuld. K.: Was erlauben Sie sich! Hat man je so etwas gehört! Nun, ich will Sie gewiß nicht weiter bemühen. An der nächsten Haltestelle steige ich aus. Auf einer Rundfahrt durch Berlin. D e r F r e m d e n f ü h r e r : Meine Herrschaften, wir befinden uns jetzt auf der berühmtesten Straße Berlins „Unter den Linden". Sie ist 60 Meter breit. Im Westen derselben bemerken Sie das Brandenburger Tor mit dem Wagen der Siegesgöttin, von dem Bildhauer Schadow. K.: Bitte, erzählen Sie etwas vom Brandenburger Tor! F r . : Es wurde 1788—91 durch K. G. Langhans errichtet. Die Siegesgöttin mitsamt ihrem Viergespann wurde einmal von Napoleon I. mitgenommen, aber wir holten sie uns dann wieder. Durch das Brandenburger Tor hielt Friedrich Wilhelm III. im J a h r e 1814 an der Spitze der siegreichen Preußen seinen Einzug, und seitdem — oh, ich vergesse! Meine Herrschaften, wir sind soeben an der Staatsbibliothek, der Universität und dem Denkmal Friedrichs des Großen von Rauch vorübergekommen. Sie dürfen mich nicht aufhalten, mein Herr. Rechts sehen Sie nun die katholische St. Hedwigs-Kathedrale, und dort erblicken Sie das Palais Kaiser Wilhelms I., mit dem historischen Eckfenster. K.: Ich dachte, das wäre in der Wilhelmstraße. F r . : Nein, mein Herr, dort liegen das Reichspräsidenten- und das Reichskanzlerpalais mit der Reichskanzlei sowie zahlreiche Ministerien. Meine Herrschaften, jetzt kommen wir an der Staatsoper vorbei. K.: Bitte, wer h a t das Opernhaus e r b a u t ? F r . : Knobeisdorff, der Schöpfer von Sanssouci, hat es in seiner Grundform erbaut. Hier, meine Herrschaften, sehen Sie das Zeughaus — K.: Das ist wohl eine Schneiderakademie? F r . : Keine faulen Witze, wenn ich bitten darf. Das Zeughaus ist ein Waffenmuseum. Es enthält auch Feldherrnsäle und eine Gedächtnishalle. K.: Bitte, nennen Sie mir einige große Bahnhöfe von Berlin! F r . : Der Stettiner Bahnhof, der Anhalter Bahnhof, der Lehrter Bahnhof, der Potsdamer Bahnhof, Bahnhof Friedrichstraße . . . V e r s c h i e d e n e S t i m m e n : Aber das gehört doch nicht hierher! Führen Sie doch nicht immerfort Privatgespräche mit jenem Herrn! Nun haben Sie sicher die Hälfte vergessen. Das war doch eben bestimmt das Ehrenmal. Jetzt sind wir natürlich längst vorbei.

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F r . : Verzeihung, meine Herrschaften! Das Preußische E h r e n m a l f ü r die Gefallenen des Weltkrieges, die f r ü h e r e „ N e u e W a c h e " von Schinkel, h a t eine sehr schöne dorische Säulenhalle. — J e t z t kommen wir über die Schloßbrücke oder die Lange Brücke — hier sehen Sie den Dom — den Lustgarten — das Schloß — verschiedene Museen. Alle diese Gebäude liegen auf einer Insel, die durch zwei Spreearme gebildet wird. K . : Bitte, in welchem Museum k a n n m a n den Kopf der Nofretete, der Schwiegermutter T u t a n c h a m o n s , s e h e n ? V e r s c h i e d e n e S t i m m e n : Daß der Mann den Mund nicht halten k a n n — F r . : Im Neuen Museum, mein Herr. Im Alten Museum befinden sich Sammlungen a n t i k e r Skulpturen. Im Pergamon-Museum k a n n m a n den großartigen Pergamon-Altar bewundern. K . : Wo k a n n m a n Gemälde von Menzel s e h e n ? Ich interessiere mich sehr f ü r Menzel. F r . : In der Nationalgalerie sind Sammlungen älterer u n d neuerer Meister. Auch im Kaiser-Friedrich-Museum befinden sich viele schöne Gemälde, u. a. solche der niederländischen und der italienischen Schulen. Deutsche S k u l p t u r e n und andere Werke älterer deutscher K u n s t finden Sie im Deutschen Museum. K . : W a n n sind die Museen g e ö f f n e t ? V e r s c h i e d e n e S t i m m e n : Nein, j e t z t geht es zu weit. Schweigen Sie doch, M a n n ! Wir sind auch noch da, merken Sie sich das! F r . : Die Staatlichen Museen sind Sonntags und an allen W e r k t a g e n mit Ausnahme des Montags von 9—15 Uhr geöffnet. K . : Wieviel kostet der E i n t r i t t ? F r . : Der E i n t r i t t kostet durchschnittlich 10 Pfennig. K . : Bitte, erzählen Sie Näheres von den Sammlungen der Museen! W o befindet sich z. B. das I s c h t a r t o r ? F r . : Im Vorderasiatischen Museum. Aber entschuldigen Sie, mein Herr, ich habe j e t z t wirklich keine Zeit mehr f ü r Sie. Ich m u ß doch auch an die anderen Fahrtteilnehmer denken. K . : J a ja, ich sage kein Wort mehr. Niemand will meine Fragen beantworten. S k a n d a l ! In der Bank. K . : Hier ist also die Compri-Bank. Ich habe gehört, der Name soll eine A b k ü r z u n g sein. W a s mag er wohl b e d e u t e n ? Ich will doch einmal fragen. (An der Kasse für Einzahlungen): Bitte, was bedeutet eigentlich CompriBank?

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D e r B e a m t e : Das bedeutet Commerz- und Privatbank, mein Herr. K.: Kann man hier ein Bankkonto eröffnen? B.: Gewiß, mein Herr. Wieviel wollen Sie denn einzahlen? K . : Gar nichts will ich einzahlen. Wie hoch ist eigentlich die Miete für ein Stahlfach? B.: 15 bis 20 Mark pro Jahr, mein Herr. Wollen Sie Wertpapiere in unserer Stahlkammer unterbringen? K.: 0 nein. Ich wollte nur wissen, wie hoch die Miete ist. Nun sagen Sie mir bitte noch — B.: Bedaure, mein Herr, ich habe wirklich keine Zeit mehr. K.: Nun, da gehe ich eben zu einem anderen Beamten, der höflicher ist. (An der Kasse für Auszahlungen und Devisen): Bitte, wieviel Registermark kann man pro Tag abheben? B.: 50 Mark, mein Herr. Bitte zeigen Sie Ihren Paß und Ihre Schecks vor! Sie müssen die Schecks unterschreiben, und dann bekommen Sie die Registermark ausbezahlt. K.: Ich habe gar keine Schecks. Es interessierte mich nur, zu wissen — B.: Dann belästigen Sie mich bitte nicht mehr, mein Herr. Ich habe anderes zu tun, als unnütze Fragen zu beantworten. Auf dem Postamt. K.: Nein, die vielen Schalter hier! Ich will einmal die Aufschriften studieren. Telegramme — Postanweisungen — Zahlkarten — Nachnahme — Postlagernde Sendungen — Drucksachen — Pakete — da, endlich — Wertzeichen! Ich will mir ein paar Briefmarken kaufen und mir gleichzeitig über verschiedene Dinge Auskunft holen. (Am Schalter): Geben Sie mir drei Briefmarken zu 12 Pfennig! Was kostet eigentlich ein Brief nach Stockholm? B.: 25 Pfennig. K.: Wieviel Zeit gewinne ich durch die Luftpost? B.: Zwölf Stunden, mein Herr. Und der Portozuschlag beträgt nur 20 Pfennig. K.: Wo kann man einen Brief einschreiben lassen? B.: Am Schalter 5, bitte. K.: Wo ist der Briefeinwurf? B.: Gleich rechts, mein Herr. K.: Wann wird der Briefkasten draußen vor der Tür geleert? B.: In zehn Minuten, mein Herr. K.: Wo kann man telephonieren? B.: öffentliche Fernsprechstellen mit Münzfernsprecher befinden sich 5

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unter anderm in allen Postämtern und in den Fernsprechhäuschen auf den Straßen. K.: Wie schicke ich am besten einen Kanarienvogel im Käfig — als Paket — als Warenprobe? B.: Bedaure, mein Herr, ich habe keine Zeit mehr. Es warten ja mindestens zwanzig Leute am Schalter. Sehen Sie denn nicht — K.: Ich gehe schon, lieber Mann, ich gehe schon. Nun, höflich wird man hier in Berlin gerade nicht behandelt! Auf dem Pariser Platz. K.: Die Friedrichstraße und die Leipziger Straße sind doch die größten Geschäftsstraßen von Berlin, nicht w a h r ? S c h u t z p o l i z i s t : Jawohl, mein Herr. K.: Wollen Sie mir bitte jetzt noch einige Fragen beantworten. Wo kann man einen schönen Spaziergang machen? S c h . : Gehen Sie hier durch das Brandenburger Tor, mein Herr. Dann kommen Sie in den Tiergarten, der sich bis nach Charlottenburg ausdehnt. Im Tiergarten finden Sie Schloß Bellevue und die Siegesallee mit 32 Standbildern preußischer Herrscher und ihrer Paladine. Vergessen Sie nicht, auch das Reichstagsgebäude und die Siegessäule auf dem Königsplatz zu besichtigen! K.: Wie hoch ist die Siegessäule? S c h . : 61,5 Meter, mein Herr. Im Tiergarten finden Sie auch die Krolloper, wo der Deutsche Reichstag zusammentritt, die Zelte, bekannte Konzertgärten, und den „Großen Stern", einen offenen Platz, von dem verschiedene Straßen ausgehen. K.: Bitte, nennen Sie mir andere Sehenswürdigkeiten! S c h . : Der Flughafen Berlin-Tempelhof; das Messe- und Ausstellungsgelände am Kaiserdamm mit dem Funkturm. Das Reichssportfeld mit dem Stadion. Der Rennplatz Hoppegarten; Siemensstadt. K.: Kann man von Berlin aus schöne Ausflüge machen? S c h . : Jawohl, mein Herr. Fahren Sie doch z. B. nach Potsdam. Dort liegt u. a. Sanssouci, das berühmte Lustschloß Friedrichs des Großen. Vielleicht machen Sie auch eine Fahrt auf dem Müggelsee. Berlin ist ja von wundervollen Seen und Kiefernwäldern umgeben. Ferner möchte ich den Grunewald mit seiner vornehmen Villenkolonie empfehlen. Dort finden Sie die Avus — die Automobilverkehrs- und Übungsstraße. Im Freibad Wannsee können Sie sich an heißen Tagen erfrischen. K.: Bitte, weiter! Es muß noch mehr Ausflugsorte geben. S c h . : Selbstverständlich, mein Herr. Sie müssen aber entschuldigen,

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ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Dort sehe ich einen Menschenauflauf — es muß etwas passiert sein. K . : Das geht mich nichts an. Ich verlange, daß Sie meine Fragen eingehend beantworten. Sie sind f ü r das Publikum da — S c h . : Was fällt Ihnen ein? Nein, das geht zu weit. Kaufen Sie sich in der nächsten Buchhandlung einen Plan von Berlin, einen Führer durch die Stadt und das Büchlein „20 schöne Ausflüge in die Umgebung" — und lassen Sie mich gefälligst in Ruhe! Aufgaben. 1. Erzählen Sie ausführlich von einigen Sehenswürdigkeiten Berlins! 2. Schildern Sie einen Besuch in der Reichshauptstadt! 3. Denken Sie sich, Sie wären ein Fremdenführer, der eine Rundfahrt durch Berlin leitet! 4. Denken Sie sich Gespräche aus: a) mit einem Schupo auf der Straße, b) in der Straßenbahn, c) auf dem Postamt, d) in der Bank. 5. Stellen Sie eine illustrierte Werbeschrift über Berlin zusammen! Fragen. 1. W a r u m war Krause nach Berlin gekommen? 2. Wen traf er dort zuerst? 3. Was h a t t e Krause über den Straßenverkehr zu sagen? 4. Welche Vergnügungen zählte Emil a u f ? 5. Warum wollte er Krause nicht begleiten? 6. Welche Fragen stellte Krause an den Omnibusschaffner? 7. H a t t e dieser Zeit, sie alle zu beantworten? 8. Was wissen Sie vom Alexanderplatz? 9. Wo gibt es Hochhäuser in Berlin? 10. Wie sagt man, wenn m a n einen Fahrschein haben will? 11. W a r u m war der Kontrolleur mit dem Schaffner so unzufrieden? 12. Wem gab dieser die Schuld? 13. Welche Sehenswürdigkeiten sah Krause auf der R u n d f a h r t ? 14. Was wissen Sie vom Brandenburger T o r ? Von der Wilhelmstraße? Vom Opernhause? Vom Zeughaus? Vom Ehrenmal? Von den Hochhäusern und den Bahnhöfen Berlins? 15. Was wissen Sie von den Museen Berlins? 16. Welche Frage stellte Krause zuerst in der Compri-Bank? 17. Was bedeutet der N a m e ? 18. Wo kann man Wertpapiere unterbringen? 19. Was erfuhr Krause betreffs der Registermark? 20. Welche verschiedenen Aufschriften hatten die Schalter auf dem P o s t a m t ? 21. Welche Fragen stellte Krause, und wie wurden sie beantwortet ? 22. Was kaufte er sich ? 23. Wie heißen die beiden größten Geschäftsstraßen Berlins? 24. Wo k a n n m a n schöne Spaziergänge machen? 25. Welche Sehenswürdigkeiten befinden sich im Tiergarten? 26. Welche anderen Sehenswürdigkeiten nannte der Schupo? 27. Welche Ausflüge empfahl e r ? 28. W a r u m verlor er schließlich die Geduld? 29. Welchen Rat gab er Krause? 5*

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Besuch beim Mann im Mond. XVI.

Besuch beim Mann im Mond. ( A p r i l 1937.) J o u r n a l i s t B e c k e r : Sieh mal, was hier in der Zeitung steht! Professor Piccard behauptet, in der Stratosphäre, auf 15 km Höhe, könne man 700 bis 800 km pro Stunde zurücklegen. J a , eine Rakete würde sogar eine Geschwindigkeit von 27000 km pro Stunde erreichen. Welche Aussichten für den Flugverkehr! J o u r n a l i s t H e n n i g : Wie sollte denn eine solche Stratosphärenmaschine beschaffen sein? B.: Etwa wie ein gewöhnliches Flugzeug. Nur müßte der Passagierraum vollständig luftdicht gemacht werden, mit ganz kleinen, runden Fenstern. Hier kann niemand luftkrank werden, besonders da es ja in der Stratosphäre vollkommen ruhig ist. Durch Kompression wird die dünne Luft genügend verdichtet, so daß der Motor wie gewöhnlich arbeiten kann — nur mit zehnfacher Geschwindigkeit. H . : Das sind doch reine Phantasien? B.: Keine Spur. Wenn sich nur jemand findet, der die Experimente finanziert, werden wir vielleicht bald dem Monde einen Besuch abstatten können. H.: Ach Unsinn! B.: Wollen sehen! (Zehn J a h r e später.) Im Büro der Lufthansa, Berlin. B.: Gibt es heute noch irgendeine Fluggelegenheit nach dem Monde? D e r B e a m t e : Jawohl, um 19 Uhr 30. H . : Wie lange dauert denn die Reise? D e r B e a m t e : Etwa 5 Stunden. B.: Geben Sie uns bitte zwei Karten! D e r B e a m t e : Hier, meine Herren. 500 Mark die Person, macht zusammen 1000 Mark. H.: J a , wir sind doch von der Presse. D e r B e a m t e : Dann bekommen Sie Freifahrscheine. Was wollen Sie denn da o b e n ? Ein Interview mit dem Mann im Mond, was? Haha! Auf dem Tempelhofer Feld. B.: Komm schnell, Hennig! Das Raketen-Flugzeug will gerade abgehen. Unsere Reisetaschen kommen in den Packraum. Hier, das Holztreppchen hinauf — da sind unsere Plätze. Wir scheinen die einzigen Passagiere zu sein.

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In der Stratosphäre. H . : Was für ein Schauspiel! Wie die Sterne funkeln! Die Venus und die anderen Planeten habe ich noch nie so schön gesehen. Die Milchstraße ist wie ein goldner Strom. Diese Pracht der Gestirne! Oh, da saust ein Komet mit leuchtendem Schweif vorbei. Und da — eine Sternschnuppe. Schnell, wünschen wir uns etwas! Auf dem Mond. B.: J e t z t sind wir da. Die Sauerstoffapparate behalten wir um, denn hier gibt es ja keine Luft, wie du weißt. H . : Und kein Wasser — und kein lebendes Wesen. Weder Mensch, noch Tier, noch Pflanze. Ein öder Aufenthalt! B.: Du, da kommt doch ein Lebewesen — aber was f ü r eins! Riesengroß, mit einem gelben, kugelrunden Kopf. Wie grimmig es aussieht — als ob es uns fressen wollte. Direkt zum Fürchten. H . : Der Mann im Monde! Er existiert also doch, obgleich ihn früher nie jemand hier oben angetroffen hat. Es ist am besten, wir sind recht höflich und liebenswürdig gegen den alten Herrn, damit er nicht ungemütlich wird. Das Flugzeug k o m m t ja erst morgen wieder, um uns abzuholen. D e r M a n n i m M o n d e : Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Seitdem dieser verdammte Flugverkehr mit der Erde begonnen hat, ist es mit meiner Ruhe aus. B.: Verzeihung, Eure Exzellenz. Wir sind Journalisten und möchten f ü r unsere Zeitung einen Artikel über den Mond schreiben. Wollen Eure Exzellenz uns ein kleines Interview gewähren? D. M. i. M.: Fällt mir gar nicht ein! Aber Ihr Gepäck will ich untersuchen. Haben Sie zollpflichtige Sachen? Schokolade? Tee? K a f f e e ? T a b a k w a r e n ? Alkohol? H.: Bitte, wollen Eure Exzellenz selbst nachsehen. Kleider, Wäsche, Schuhzeug, Toilettengegenstände — 50 Gramm Schnupftabak, 25 Zigaretten — D. M. i. M.: Alles zollfrei. Aber hier ist ja eine große Flasche Wein. Die müssen Sie verzollen. B.: Vielleicht dürfen wir Eure Exzellenz bitten, die Flasche als Geschenk anzunehmen. Es ist ein wundervoller Rheinwein, 37 er Jahrgang. D. M. i. M.: Das läßt sich hören. Ich danke verbindlichst. Nun, was wollen Sie eigentlich von mir wissen? H . : Zuerst — wie sind Eure Exzellenz hierher gekommen? Die Kinder in meinem Heimatlande erzählen von einem Manne, der am Sonntag ein Reisigbündel schleppte und zur Strafe von unserem Herrgott hierher verbannt wurde —

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D. M. i. M.: Das sind reine Phantasien. Bitte, sagen Sie das den Kindern. Im übrigen möchte ich mich nicht weiter über diese Frage äußern. B.: Manche behaupten, d a ß Eure Exzellenz gar nicht existieren. Andere wieder meinen, Eure Exzellenz seien ein Hase oder ein Reh. D. M. i. M.: Welch ein Unsinn! Nun, ich glaube, Sie haben sich jetzt selbst überzeugt. H . : Etwas Neues, Eure Exzellenz? D. M. i. M.: Was soll hier Neues passieren? Nach wie vor kehrt der Mond der Erde dieselbe Seite zu. Nach wie vor ist er reich an Bergen von 2000 bis 7000 Meter Höhe. Hier sehen Sie den riesigen Krater Clavius; dort ragen der Tycho und der Kopernikus empor. Ferner bemerken Sie das Mare Imbrium und das Mare Serenitatis. B.: Bitte, erzählen Sie weiter, Eure Exzellenz! D. M. i. M.: Nein, erzählen Sie mir lieber etwas von der Erde! Die alte Dame t u t mir wirklich leid. Sie war in ihrer Jugend sehr schön und anziehend. J e t z t bemerke ich überall häßliche Warzen — ich glaube, man nennt sie „ S t ä d t e " . Und das Ungeziefer, das auf ihr herumkrabbelt — die Menschen — p u h ! H . : Eure Exzellenz haben eine schlechte Meinung von den Menschen? D. M. i. M.: Wie könnte es anders sein! Sie machen ja ewig Radau. Ich liebe die Ruhe und den Frieden. B.: J a , Eure Exzellenz haben vollkommen recht. Aber sehen Sie, die besten Kräfte der ganzen Welt bemühen sich um Frieden. D. M. i. M.: Wie heißt denn Ihr Heimatland? B.: Großdeutschland, Eure Exzellenz. D. M. i. M.: Warum Großdeutschland? Gibt es denn auch Kleindeutschland? B.: Nicht mehr, nicht mehr. Bis 1938 gab es Deutschland und Österreich — seitdem sind sie ein Reich. D. M. i. M.: Ich verstehe, ich verstehe. Das Land möchte ich mir doch einmal ansehen. Wie wär's? Bald fliege ich auch einmal zur Erde. H . : Herzlich willkommen, Eure Exzellenz! Bei uns gibt es so viel Schönes zu sehen. Die Hauptstadt Berlin; Hamburg mit seinem H a f e n ; München mit seinen Kunstschätzen und dem großartigen Deutschen Museum; Weimar, die Stadt der Dichter Schiller und Goethe; Wien, eine der anmutigsten Großstädte des Reiches. In Deutschland ist der Rhein mit seinen Burgen und Weinbergen, da sind die Berge der Ostmark mit dem höchsten Gipfel, dem Großglockner, dort ist die Meeresküste mit ihren Dünen — B.: Exzellenz müssen die Redaktion vom Völkischen Beobachter aufsuchen. Dort arbeiten wir nämlich. Der Völkische Beobachter ist das offizielle Organ der NSDAP. D. M. i. M.: Der — wie, bitte?

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B. N S D A P , bedeutet „Nationalsozialistische Deutsche A r b e i t e r p a r t e i " . D. M. i. M.: Gibt es noch andere Parteien in D e u t s c h l a n d ? B.: Nein, aber viele Organisationen der N S D A P . Da ist z. B. die SA. SA. bedeutet Sturmabteilung, die SS.- — Schutzstaffel, die H J . , das ist die Hitlerjugend, und der BDM. — der Bund Deutscher Mädel. Von unserer Volkswohlfahrt k ö n n t e ich viel erzählen — von der Winterhilfe, von M u t t e r und Kind — H . : Wir müssen auch von der K d F . berichten. K d F . , K r a f t durch Freude, ist eine nationalsozialistische Organisation, welche die Volksgenossen lehren will, ihre Freizeit richtig anzuwenden. Sie v e r a n s t a l t e t billige Theatervorstellungen und Reisen. Vielleicht k o m m t auch bald einmal eine Gruppe auf den Mond. D. M. i. M.: Sie soll mir willkommen sein. Meine Herren, lassen Sie uns jetzt die Flasche Wein leeren und auf Deutschland a n s t o ß e n ! Aufgaben. 1. Beschreiben Sie ein Flugzeug! 2. Schildern Sie eine L u f t f a h r t ! 3. Erzählen Sie von der E n t w i c k l u n g des Flugverkehrs! 4. Berichten Sie über eine Reise nach Deutschland! 5. Halten Sie einen kleinen astronomischen V o r t r a g ! 6. Halten Sie kurze Vorträge über D e u t s c h l a n d : seine N a t u r , seine Städte, Flüsse, Industrie, Gewerbe, Literatur, Kunst, Musik; seine politischen Verhältnisse, seine historischen Erinnerungen! Schildern Sie Sitten und Gebräuche in Deutschland, sein Familienleben, seine Volkstrachten, seine Feste, seine Wohlfahrtspflege! Studieren Sie Bilder, Zeitungen, Zeitschriften, Reiseprospekte, und sammeln Sie daraus Ihr Material*)! Fragen. 1. Was lasen die beiden Journalisten in der Z e i t u n g ? 2. Wie sollte das neue Flugzeug beschaffen s e i n ? 3. W o k a u f t e n sie sich ihre Fahrk a r t e n f ü r die Mondreise? 4. Wie lange sollte die F a h r t dauern, und was kostete sie? 5. W o wartete das Flugzeug? 6. W a s sahen die beiden Herren auf dem W e g e ? 7. Wer empfing sie auf dem M o n d e ? 8. W u r d e n sie freundlich e m p f a n g e n ? 9. Wie geschieht eine Zolluntersuchung? 10. W a s besänftigte den Mann im M o n d e ? 11. W a s erzählte e r ? 12. W a s f ü r eine Auffassung h a t t e der Mann im Monde von der Erde und den Menschen? 13. W a s erzählten ihm die Journalisten von D e u t s c h l a n d ? 14. Welchen Eindruck m a c h t e die Schilderung auf i h n ? *) Siehe hierzu das von der Deutschen Akademie herausgegebene Kulturlesebuch „Wir lesen Deutsch". Verlag R. Oldenbourg, München.

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Vier deutsche Aufführungen.

Vier deutsche Aufführungen. i. Rundfunk. Das Bühnenbild zeigt einen mächtigen R a d i o a p p a r a t . E r ist auf P a p p e oder Leinwand gemalt. In der Mitte ist eine große, viereckige Öffn u n g mit einem Vorhang. (Hier wird nachher Theater gespielt.) Daneben befinden sich Klappen, die leicht geöffnet werden können u n d durch die die Dahinterstehenden den Kopf stecken. Über jeder Klappe steht der Name einer Sendestelle. Vor dem A p p a r a t seitlich ein gedeckter Teetisch, an dem F r a u L e h m a n n hantiert. F r a u S c h u l z e (tritt ein. F r a u L e h m a n n eilt ihr entgegen.) F r a u L.: Herzlich willkommen, meine liebe Frau Schulze! Wie nett, daß Sie mich besuchen. Sie trinken doch eine Tasse Tee mit mir, nicht w a h r ? F r a u S c h . : Danke, sehr gern, liebe Frau L e h m a n n . Beim Tee plaudert es sich so gemütlich. (Nimmt Platz. Auf den Apparat zeigend): Was haben Sie denn d a ? F r a u L.: Oh, das ist unser neuer R a d i o a p p a r a t mit Hochantenne, den mir mein Mann zum Geburtstag geschenkt h a t . Es ist ein ganz moderner E m p f ä n g e r , auch f ü r Fernsehbilder eingerichtet. F r a u S c h . : Nein, wie interessant! Bitte, schalten Sie doch den Apparat ein! F r a u L.: Gern. Man m u ß aber sehr vorsichtig sein, denn die Trennungsschärfe ist nicht groß. August h a t mich schon davor gewarnt, den A p p a r a t ohne seine Hilfe anzustellen. W e n n man einen Fehler macht, k o m m t leicht alles durcheinander, und die R e p a r a t u r ist d a n n sehr kostspielig. F r a u S c h . : Vielleicht bitten wir lieber Ihren Mann — F r a u L.: Ach nein, wir werden schon ohne ihn fertig. (Sie schaltet ein. Sofort springt eine Klappe auf, und der Kopf eines Herrn wird sichtbar.) Oh, d a ist schon der Ansager! A n s a g e r : Hier ist der deutsche R u n d f u n k . Angeschlossen die Sender von Stockholm, Oslo und Kopenhagen. (Nach Belieben werden andere Sender genannt.) Zuerst geben wir Ihnen d i e g e n a u e Z e i t an. Bitte, vergleichen Sie! Es ist (Gongschlag) 20 Uhr.

Vier deutsche Aufführungen.

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Sie hören jetzt die Nachrichten des drahtlosen Dienstes und den Wetterbericht. (Ein a n d e r e r H e r r erscheint und liest): W e t t e r b e r i c h t des R e i c h s w e t t e r d i e n s t e s H a m b u r g . Die Überhitzung des Festlandes, die in den westlichen und mittleren Teilen des Reiches 30 Grad Celsius erreichte, führte am Montag zu einzelnen örtlichen Gewittern. Da sich die atlantische Wirbeltätigkeit nach dem nördlichen Nordmeer verlagert, ist mit dem Fortbestand der sommerlichwarmen Witterung zu rechnen, die nur strichweise durch Gewitter gestört werden kann. Allgemeine Wettervoraussage für Dienstag. Schwachwindig, wolkig, örtliche Gewitter, recht warm. Wir hören jetzt die T a g e s n e u i g k e i t e n . (Dieselben werden nach einer deutschen Zeitung zusammengestellt.) Es folgen nun in bunter Reihe d e u t s c h e G e d i c h t e , d e u t s c h e V o l k s l i e d e r , Darbietungen d e u t s c h e r M u s i k . Die verschiedenen Klappen öffnen sich abwechselnd. A n s a g e r : Wir bringen nun ein H ö r s p i e l von der Fernsehbühne in Berlin. (Hier folgt ein kleines T h e a t e r s t ü c k , z. B. aus der Serie M ü n c h e n e r Laienspiele.) A n s . : Professor Weise in München hält jetzt einen V o r t r a g über Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit". P r o f e s s o r W e i s e : Verehrte Zuhörer! In dem zweiten Kapitel seiner Aphorismen, „Von Dem, was Einer ist", sagt Schopenhauer: „Wir können sogar die Sache methodisch untersuchen, indem wir auf die Wurzel aller menschlichen Kraftäußerungen zurückgehen, also auf die d r e i p h y s i o l o g i s c h e n G r u n d k r ä f t e . . . . r r r r r . . . . ui, ui, ui Also zuerst, die Genüsse der R e p r o d u k t i o n s k r a f t : sie bestehen im Essen, Trinken, Verdauen — " (Eine andere Klappe öffnet sich blitzschnell, eine Dame steckt den Kopf heraus und sagt): Ich bespreche heute die Zubereitung von M e c k l e n b u r g i s c h e r L e b e r w u r s t (Methode Davidis): Man n i m m t hierzu Bauchfleisch nebst fettem Schweinefleisch, Nieren, Zunge und Schwarten, alles weich gekocht. Die Leber wird roh gehackt, durch einen Durchschlag gerieben, Bauchfleisch, Zunge, Fett und Schwarten werden feinwürfelig geschnitten, Nieren f.ein gehackt — (Eine dritte Klappe öffnet sich, und ein Herr verliest folgenden) Marktbericht. Schweine, Pfund 2 — Speck, Marke Lucullus, Pfund 1,60 Borsten, Pfund 0,10 Klauen, Pfund 0,09

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Vier deutsche Aufführungen.

F r a u L e h m a n n : Was ist denn das? Es kommt ja alles durcheinander — o Gott, wir haben den Apparat in Unordnung gebracht. August, August, hilf uns doch! Wo bist d u ? (Beide Damen stürzen fort.) II. Im Museum. Schwank. I. Aufzug. (Ein Saal mit Bildern an den Wänden. Im Hintergrunde sitzt eine Malerin an ihrer Staffelei. Durch die geöffnete Tür hört man Kinderstimmen und dann eine männliche Stimme):

J a , der Eintritt ist heute frei. Regenschirme, Pakete und Mappen werden hier in der Garderobe abgegeben. F r ä u l e i n K ä s w u r m (tritt mit einer Schulklasse auf). Liebe Kinder! Aus unserer kleinen Stadt haben wir den weiten Weg hierher gemacht, um die vielen Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Heute will ich euch die Schätze dieses Museums zeigen. Seid recht andächtig und aufmerksam, damit die Kunst eure Seelen erhebe und veredle! D i e K i n d e r : Jawohl, Fräulein Käswurm. F r l . K. (zum Museumsdiener): Von wem ist das große, schöne Gemälde dort? M u s e u m s d i e n e r : Von Rubens. F r l . K.: Original? M u s e u m s d i e n e r : Nein, es ist eine Kopie. Das Original, von Tizian, befindet sich im Pradomuseum zu Madrid. F r l . K.: Wie heißt denn das Gemälde? M u s e u m s d i e n e r : Es heißt „Bacchanale", und das Seitenstück heißt „Venusopfer". Besonders „Bacchanale" zählt man gewöhnlich zu den Meisterwerken von Rubens. F r l . K.: Ich glaube, das Bild eignet sich nicht f ü r junge, unschuldige Gemüter. Kommt, Kinder, wir wollen weitergehen! (Die Malerin erhebt sich von ihrer Staffelei und eilt auf die Lehrerin zu.) D i e M a l e r i n : Was sehe ich — Sie hier, liebe Freundin! Mit Ihren Schulkindern aus dem netten kleinen Dingsda! F r l . K.: Jawohl. Meine Kollegin, Fräulein Süßmilch, besichtigt mit ihrer Gruppe einen andern Teil des Museums. Später wollen wir dann in der ägyptischen Abteilung zusammentreffen. Sie ist sehr schwerhörig, die arme Person; hoffentlich wird sie allein mit den Kindern fertig. D i e M a l e r i n : Hoffentlich!

Vier deutsche Aufführungen.

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E i n M ä d c h e n : Hu, wer ist denn der Mann da mit dem Schwert? Der sieht ja fürchterlich aus. Gewiß der alte gräßliche Nero, oder König Herodes, der die Kinder morden will. F r l . K . : Nein, liebes Kind. Es ist Claudius Civilis, ein altholländischer Held. E i n J u n g e : Was f ü r Heldentaten hat er denn vollbracht? F r l . K . : Er hat seine Landsleute zum Aufruhr gegen die Römer angestachelt. — Liebe Freundin, Sie wissen doch so gut in der Kunstgeschichte Bescheid. Wollen Sie uns nicht etwas über das Bild sagen? M a l e r i n : Gern; erst möchte ich aber meine Staffelei in den Nebenraum bringen. Wollt ihr mir helfen, Kinder? Dort hinter den Vorhang, bitte! (Die Staffelei wird fortgetragen.) M a l e r i n (kommt zurück): Ich kopiere nämlich gerade den „Claudius Civilis". Es ist eine mühsame Arbeit. Wie froh bin ich, wenn mein Werk endlich vollendet ist! F r l . K . : Das verstehe ich, liebe Freundin. Nun erzählen Sie uns bitte etwas von dem Bilde. Paßt recht gut auf, Kinder! D i e K i n d e r : Jawohl, Fräulein Käswurm. (Während der folgenden Unterredung verschwinden sie nach und nach.) M a l e r i n : Also — was wir hier sehen, ist nur eine Kopie. Das Original — von Rembrandt — befindet sich im Stockholmer Nationalmuseum. F r l . K.: Wurde das Bild nicht eigentlich für das Rathaus von Amsterdam gemalt ? M a l e r i n : Doch, das stimmt. Es war ursprünglich f ü n f m a l so groß wie jetzt. Nur das Mittelstück ist noch erhalten. F r l . K . : Sagen Sie uns bitte etwas über R e m b r a n d t ! M a l e r i n : Rembrandt van Rijn, gestorben 1669, war einer der größten Maler aller Zeiten und verstand es wie kein anderer, durch Licht und Schatten eine ungeheuer malerische Wirkung hervorzubringen. F r l . K . : Kinder, merkt euch den Namen: Rembrandt van Rijn! Sprecht ihn alle im Chor nach! Nun, wird's b a l d ? W a r u m sagt ihr nichts? (Dreht sich um): Kinder, wo seid ihr d e n n ? Alle verschwunden — nein, so was! (Zum Museumsdiener): Haben Sie die Kinder nicht gesehen? M u s e u m s d i e n e r : Jawohl. Einige Knaben sitzen drinnen auf der Bank und lesen Indianergeschichten. Drei Mädchen sind draußen vor dem Eingang und kaufen sich Eis. Aber sie kommen wohl gleich wieder. F r l . K.: Und die anderen? Wo sind die anderen? M u s e u m s d i e n e r : Ich sah sie um die Staffelei des Fräuleins da versammelt. Sie scheinen sich sehr f ü r Kunst zu interessieren, denn sie besprachen eifrig die Vollendung des Bildes. Ein. Junge hielt schon den Pinsel in der Hand.

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Vier deutsche Aufführungen.

F r l . K.: Um Gotteswillen, Ihr Gemälde, liebe Freundin! Hoffentlich ist es noch zu retten. (Sie stürzen hinter den Vorhang.) M a l e r i n : Mein Bild, mein Bild! Claudius Civilis sitzt mit einer feuerroten Nase da — um ihn herum lauter Affen und andere Tiere —. Ich Unglückliche, was fange ich nur a n ! Wenn ich den finde, der mir das angetan h a t ! Dann gnade ihm Gott! 11. Aufzug. (Ein kleiner Raum mit allerlei Gerümpel. In der Ecke steht eine Mumie. Mitten auf dem Fußboden zwei Sockel. Dämmerlicht. — E i n e S c h e u e r f r a u mit Eimer und Besen macht rein. Sie geht über die Bühne und verschwindet durch eine Tür hinter der Mumie. — Man hört Schritte. H a n s und F r i t z kommen hereingestürzt.)

H a n s : Wo sollen wir h i n ? Gertrud, die dumme Gans, hat ja erzählt, daß wir das Bild verschmiert haben. J e t z t sind die alten Tanten hinter uns her wie die Furien — wenn sie uns erwischen — F r i t z : — dann hauen sie dir eine runter, daß du nachher durch die Zähne guckst wie der Affe durchs Gitter. Ha ha! Wie wütend die Malerin war — und dabei sollte sie sich doch freuen, daß ihr Bild nun endlich fertig ist. H a n s : Hier sind wir wohl ziemlich sicher. Das muß die Rumpelkammer des Museums sein. Sieh nur, was alles herumliegt! Alte Gewänder, Hüte, Masken. — F r i t z : Du, ich höre sie .kommen. W a s n u n ? Warte — ich weiß! (Aus einer Kiste holen die Knaben ägyptische Masken, die sie vor das Gesicht nehmen. Dann hüllen sie sich in große Tücher und setzen sich als Statuen auf die Sockel.)

F r ä u l e i n S ü ß m i l c h und F r ä u l e i n K ä s w u r m (kommen mit den Schulkindern). F r l . S.: Hier, liebe Kinder, ist ein Raum, der für das Publikum nicht geöffnet ist. Es sind alte Mumiensärge darin. Wir wollen uns nicht lange aufhalten. Doch — was ist denn d a s ? Da sind ja zwei Statuen, die ich noch nie gesehen habe. F r l . K.: Wahrhaftig, liebe Kollegin. Tutanchamon und seine Schwiegerm u t t e r Nofretete, wenn ich nicht irre. F r l . S.: Nein, mein verehrtes Fräulein Käswurm. Der Faltenwurf deutet auf eine ganz andere Epoche. Ich meine es sind Isis und Osiris, aus der Zeit der persischen Herrschaft. F r l . K.: Fehlgeschossen, liebes Fräulein Süßmilch. Ich will mal im Führer nachsehen. (Blättert darin.) Hier habe ich sie — Nr. 22 und 23: Amenophis der Vierte und die Göttin Nut. F r l . S.: H u t ? Nein, die ägyptischen Statuen haben nie einen Hut, meine Liebe, das müßten Sie doch wissen.

Vier deutsche Aufführungen.

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Frl. Frl. Frl. Frl. Frl.

K . : Ach, Sie hören j a alles falsch. S . : W e r war f a l s c h ? A m e n o p h i s ? Davon habe ich nie etwas gewußt. K . : Sie hören alles verkehrt. S . : W e r verkehrte mit i h m ? K . : Mein G o t t ! Ich sagte j a nur, es wären Amenophis der Vierte und die Göttin Nut. F r l . S . : G u t ? J a , die Statue ist wirklich sehr gut gemacht. Sie sieht ganz natürlich aus. (Wendet sich an die Schüler.) Liebe K i n d e r ! Die ägyptischen Statuen in sitzender oder schreitender Stellung, sagt Meyers Konversationslexikon — bitte, wiederholt (die Kinder wiederholen im Chor) — haben eine sich stets gleichbleibende, steife Haltung (Wiederholung.) Der Gesichtsausdruck ist starr, ohne Leben (Wiederholung), ohne W ä r m e der Empfindung (Wiederholung) und meist streng typisch (Wiederholung.) — Ich muß das Material näher untersuchen. Ist es Sandstein oder M a r m o r ? F r l . K . : Das weiß ich nicht. Aber die Nase — F r l . S . : Welche V a s e ? Ich sehe keine. F r l . K . : Die Nase des Amenophis sieht recht eigentümlich aus. Ist es die ursprüngliche, oder ist sie später angesetzt w o r d e n ? (Sie will die Nase untersuchen. D i e S t a t u e n erheben sich und sprechen ägyptisch): Aha semam masa k a h a s i . . . (Alle schreien auf. Fräulein Käswurm fällt in Ohnmacht. Die anderen sind um sie bemüht, bis sie die Augen aufschlägt.) D i e S t a t u e n : Ihre Zungen reden mancherlei Sprachen, und ihre Gestalten und F a r b e n sind verschieden. Du setzest jeden an seinen P l a t z und gibst ihnen, was sie brauchen. F r l . K . (erwacht aus der Ohnmacht): T u t a n c h a m o n s Sonnenlied! H a n s : Darf ich uns vorstellen — Architekt Horus, zwölfte Dynastie, und meine Gemahlin Tête-à-tête. H a n s u n d F r i t z : Kinder einer ruhelosen Zeit — stört unsere vieltausendjährige R u h e nicht. W e n d e t eure Augen von uns ab, oder es wird Unglück und Tod über euch kommen. Hinweg, ihr S c h ä n d lichen, aus dieser stillen K a m m e r ! (Alle stürzen fort.) H a n s u n d F r i t z (werfen die Verkleidungen ab und tanzen umher). Oh, wie herrlich, daß sie weg sind! Das haben wir fein gemacht. H a h a h a ! (Die Mumie beginnt plötzlich zu wackeln.) H a n s u n d F r i t z : Hu, was ist denn d a s ? D i e S c h e u e r f r a u (kommt, mit einem Besen bewaffnet, hinter der Mumie hervor): Ihr verflixten Bengels, ich habe alles mit angehört. W i e könnt ihr euch so betragen! Sofort kommt ihr mit zu euren Lehrerinnen — ich werde ihnen schon die Wahrheit sagen. Nun, l o s ! (Sie führt die sich heftig sträubenden Knaben ab.)

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Vier deutsche Auffahrungen. III. Der Melstertrunk. S p i e l in e i n e m A u f z u g . Personen: J o h a n n T z e r k l a s , Graf von Tilly. G e o r g N u s c h , Altbürgermeister von R o t h e n b u r g ob der T a u b e r . W i l h e l m H o f f m a n n , Ratsherr von Rothenburg. B a l t h a s a r R e i m e r , Rathausdiener u n d Kellermeister. A n n a , seine Tochter. K ä t h i D a c h a u e r , ihre Freundin. W o l f r a m , ein fahrender Sänger.

Zeit der H a n d l u n g : 1631. R o t h e n b u r g ob der T a u b e r .

Ort der H a n d l u n g : Der Ratskeller zu

Erster Auftritt. (Der Ratskeller. Rechts eine Tür, die nach der Straße führt. Links eine Tür nach der Treppe, die zum großen Festsaal hinaufführt. Fenster an der einen Wand. Rechts ein hölzerner Tisch und eine Bank. Im Hintergrunde Fässer und ein Schenktisch. Auf dem Tische rechts ein großer Pokal.) ( W o l f r a m spielt auf seiner Laute. A n n a und K ä t h i hören ihm zu. K e l l e r m e i s t e r R e i m e r tritt auf.) Übt, Mädchen, eure Spiele noch einmal, Denn bald beginnen n u n die Festlichkeiten. Ich will indessen in dem großen Saal F ü r h e u t e Abend alles vorbereiten. (Trommelwirbel und Lärm auf der Straße. Alle stehen wie erstarrt.) K ä t h i (am Fenster): Ach, j e t z t ist keine Zeit f ü r Tanz und Spiel! Der Sieger wütet, und die Feindesmassen Ziehn raubend, p l ü n d e r n d ohne Zweck und Ziel In wilden Rotten l ä r m e n d durch die Gassen. Anna: Oh, welche Schmach! Dem Feind gefällig sein Und große Feste feiern ihm zu E h r e n ! K e l l e r m e i s t e r : Mein Kind, was h i l f t ' s ? Die Macht h a t er allein, Er h a t ' s bestimmt, wir können uns nicht wehren. (Ab durch die Türe links, gefolgt von Käthi.) (Der Lärm auf der Straße wird stärker.)

Der

Vier deutsche Aufführungen. Anna:

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Weh, wie ist mir! Todesschauer beben Lähmend, fürchterlich durch meine Gliederl Sage ward der Friede, Kampf das Leben, Und die Hölle rang den Himmel nieder. (Sie drängt sich wie Schutz suchend an Wolfram.) Wenn die Stürme gehn, die bösen, kalten, Lieber, nimm Du mich in deine Arme! Aber fest, ganz fest mußt Du mich halten, daß mein Herz an Deiner Brust erwarme. (Ruhiger.) Neues Glück Dein süßer Mund mir lächelt, Und es rührt mich an wie Frühlingswehen, Wie ein Hauch, der über Blumen fächelt, Leise, leise, daß sie nicht zergehen — (Sie küssen sich. Wolfram zieht Anna auf die Bank nieder.)

Wolfram:

Gib mir Dein armes Herze Ich wiege es zur Ruh. Vergiß was Dich geplaget, Die Augen schließe zu.

Anna:

Ich kann nicht Ruhe finden, Mir tut das Herz so weh. Ach, singe von den Lilien, Den Lilien weiß wie Schnee!

( W o l f r a m setzt sich zu ihren Füßen nieder und singt zur Laute): Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt' ich auf mein Grab. Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab. Mit Juchheirassasasasasasasa, mit Juvivallerallerallerallera! Da kam ein stolzer Reiter, der brach sie ab. „Ach Reitersmann, ach Reitersmann, laß doch die Lilien stehn, Sie soll ja mein feins Liebchen noch einmal sehn. Mit usw. Sie soll ja mein feins Liebchen noch einmal sehn." „Was schert mich denn dein Liebchen! Was schert mich denn dein Grab. Ich bin ein stolzer Reiter und brech' sie ab. Mit usw. Ich bin ein stolzer Reiter und brech' sie a b . " „Und sterbe ich noch heute, so bin ich morgen t o t ; Dann begraben mich die Leute ums Morgenrot. Mit usw. Dann begraben mich die Leute ums Morgenrot."

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Vier deutsche Aufführungen.

Zweiter Auftritt. (Ratsherr Hoffmann ist während des Gesanges unbemerkt von der Straße hereingekommen und betrachtet finster das junge Paar.)

H o f f m a n n : Was seh' i c h ? Du allein mit meiner Braut, Sie durch Gesang betörend, dreister Knabe! Hinweg! Zu sehr hast Du darauf gebaut Daß ich mit Deiner Jugend Mitleid habe. Wolfram: Ich weiche nicht. Die Holde schütze ich. H o f f m a n n : Mit welchem Recht? W o l f r a m : Herr, mit dem Recht der Liebe. H o f f m a n n : Mein ist sie. W o l f r a m : Weinend nur ergab sie sich, Dem Zwange folgend, nicht dem freien Triebe. H o f f m a n n (legt die Hand an den Schwertgriff): Du wagst es — W o l f r a m : Ratsherr, Eure Macht ist groß. Ein Wort von Euch macht starke Männer beben, Doch von der Liebsten reißt Ihr mich nicht los, Ich schütze sie, und gilt es auch mein Leben. (Er zieht seinen Degen, bereit, Anna zu verteidigen. Der Ratsherr sieht ihn schweigend an und reicht ihm dann die Hand.)

H o f f m a n n : Du bist so jung. Dir blüht ein neues Glück. Um meinen Weg will es schon Abend werden. Drum, Jüngling, gib mir meine Braut zurück! Sie ist mein letzter Sonnenstrahl auf Erden. W o l f r a m (heftig): Und A n n a ? Ratsherr, denkt Ihr nicht an sie? Soll sie ihr Leben Euch zum Opfer bringen? A n n a (ergreift flehend die Hand Hoffmanns): 0 Herr, erbarmt Euch meiner Jugend! Nie Kann Eure Strenge mich zur Liebe zwingen. H o f f m a n n (sanft): Mein Kind, ich war nicht immer streng und kalt. Das böse Leben hat mich hart gehämmert. Es machte vor der Zeit mich müd' und alt, Schon neiget sich der Tag, der Abend dämmert. Ein Blümlein fand ich noch am Wegesrand. Ich wollte es an meinem Herzen tragen, Es schützen immerdar mit starker Hand. Nie sollt' es über Frost und Dunkel klagen. Es war ein Traum. Mir blüht kein holdes Glück. Das Blümlein zittert vor des Herbstes Winden.

Vier deutsche Aufführungen.

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Dem lichten Frühling geb' ich es zurück, An seinem Herzen soll es R u h e finden. (Wolfram will Anna erfreut an sich ziehen. Sie drängt ihn sanft von sich und betrachtet sinnend den Ratsherrn, der sich abgewandt hat.) Dritter Auftritt. (Tilly und der Bürgermeister Nusch kommen von der Straße herein.) Tilly: (Zu Anna)

Herr Georg Nusch, h a b t D a n k f ü r das Geleit! Schnell, Mädchen, gib uns von dem besten W e i n e ! Es ist noch f r ü h ; vertreiben wir die Zeit Beim Glase im geselligen Vereine. (Setzt sich mit dem Bürgermeister an den Tisch.)

Anna: Graf Tilly! H e r r des Himmels, steh uns bei! (Zu Wolfram) Geh, Wolfram, sag dem Vater, daß er eile! (Wolfram geht durch die Türe links hinaus und kehrt bald darauf mit dem Kellermeister und Käthi zurück.) Tilly:

K o m m t , R a t s h e r r H o f f m a n n , hier ist Platz f ü r drei! N e h m t auch ein Glas, wir h a b e n gute Weile. (Hoffmann nimmt Platz. Anna bedient.) (Neuer Lärm auf der Straße. Bürgermeister Nusch wirft einen Blick durch das Fenster und wendet sich dann flehend an Tilly.)

Nusch:

Ich weiß es, Herr, Ihr seid ein h a r t e r Mann, Doch schützt die Armen vor der W u t der Sieger! Tilly: In einer S t u n d e f r a g e t wieder an, Denn Lohn gebühret auch dem t a p f r e n Kfieger. N u n bricht die Strafe über euch herein, Weil ihr den Schwedenkönig aufgenommen. Gott segne i h n ! Ein Trost in aller Pein, Nusch: Ein Retter, der v o m Himmel uns gekommen. Tilly: W a s sagt Ihr, A l t e r ? Ha, die Rache n a h t ! H e u t gibt die S t a d t ein Festmahl mir zu Ehren, Doch morgen strafe ich die Missetat. Durch Feuer will ich R o t h e n b u r g zerstören. H o f f m a n n : Wollt Ihr der Wehrlosen nicht s c h o n e n ? Tilly: Nein. F ü r diesen Frevel sollen alle b ü ß e n . H o f f m a n n (fällt vor Tilly nieder): 0 Herr, mich j a m m e r t ihrer 1 Mich allein L a ß t s t r a f e n ! Flehend lieg ich Euch zu Füßen. 6

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Vier deutsche Aufführungen. Seht, ich bin reich. Nehmt all mein Eigentum, n e h m t Leib und Ehre, doch laßt jene leben! Denn es gereicht Euch wahrlich nicht zum R u h m , Das arme Volk den Flammen preiszugeben. (Anna sieht ihn ergriffen an.)

Tilly:

Es sei. Ich nehme Euer Opfer an, Doch will den ganzen R a t ich köpfen lassen. A n n a (außer sich): Grausamer, weh! W a s seid Ihr f ü r ein M a n n ! Im K a m p f e fürchterlich, und blind im Hassen. (Flehend) Seid Ihr ein Mensch, und h a b t Ihr auch ein Herz, Oh, w a r u m f ü r c h t e t Ihr, es uns zu zeigen? Tilly: Mein Kind, sei still! Bezwinge deinen Schmerz. W e n n Männer reden, sollen Weiber schweigen. A n n a (zornbebend): So t u t es d e n n ! Seht, die Geschichte schreibt In ihre Blätter Eure Grausamkeiten, Und Tillys stolzer Name ist und bleibt Befleckt, verflucht in alle Ewigkeiten. Tilly: Mein t a p f r e s Kind, du scheinst mir gut und klug. Füllt den Pokal, den großen, bis zum R a n d e ! W e r ihn mir leeren kann in einem Zug, Der r e t t e t euren R a t vor Tod und Schande. (Der Kellermeister füllt den Pokal.) T i l l y (zum Kellermeister): Herr Wirt, Euch ziemt's, den ersten Zug zu tun, Denn Euer Bäuchlein scheint mir viel zu fassen. (Der Kellermeister sucht vergeblich den Pokal zu leeren.)

Tilly:

Umsonst. (Zu Wolfram.) Mein Sohn, versuche d u es n u n ! Will auch der J u g e n d ihre Rechte lassen. (Wolfram macht einen vergeblichen Versuch.).

T i l l y (zum Ratsherrn): J e t z t prüfen wir die stolze M a n n e s k r a f t . Auf, R a t s h e r r H o f f m a n n , r e t t e t Euer Leben! (Hoffmann trinkt, muß aber schließlich den Pokal absetzen.) Tilly: Auch Euch mißlang's! Nach strenger K e r k e r h a f t Will ich den Rat dem Henker übergeben. Nusch: Herr, erst l a ß t mich versuchen! Tilly: Ei f ü r w a h r , Die Torheit, Alter, wird Euch niemand danken.

Vier deutsche Aufführungen. Nusch:

Herr Graf, verspottet nicht mein weißes Haar! Der Greis kann siegen, wo die Männer wanken. (Er nimmt den Pokal und leert ihn in einem Zuge.)

T i l l y (erstaunt): Ein Meistertrunk, wie ich noch keinen sah! Herr Georg Nusch, Euch dankt der R a t sein Leben. Doch soll man auch der kleinen Heldin da, Die mich bezwungen, Preis und Ehre geben. Nun folgt mir alle in den großen Saal! Ich lade Gäste ein von Markt und Gassen. Heut abend halten wir ein Freudenmahl, Und morgen will ich Rothenburg verlassen. (Alle, außer Wolfram und Anna, gehen fröhlich durch die Tür links. Nur der Ratsherr wirft einen wehmütigen Blick auf das junge Paar.) Wolfram: Anna:

Sie gehn. J e t z t laß uns fliehn, Herzliebste mein! Dein Vater könnte Unheil uns bereiten. Ich bleibe hier. Der Abend bricht herein. E s ist zu spät, ich kann Dich nicht begleiten.

Wolfram: Anna:

Zu spät? Ja, Lieber. Nicht der Mut allein Schafft Helden — heute lernt' ich es verstehen. Das Größte ist, in Treue t ä t i g sein. Den Weg, den Gott mir zeigte, muß ich gehen.

Wolfram: Anna:

Du willst — Ich bleibe hier bei jenem Mann, Der mein bedarf als Trost in dunklen Tagen, Und danke Gott, wenn ich ihm helfen kann Die Lasten seines Amtes zu ertragen.

Wolfram: Anna:

Du liebst i h n ? Nein, ich liebe Dich, nur Dich. Doch seine Güte hat mein Herz gewonnen. Uns zu beglücken, opferte er sich; Vor fremdem Leide ist sein Stolz zerronnen.

W o l f r a m (heftig): Ich töte mich. Anna: Sei ruhig, wildes B l u t ! Die ganze schöne Welt steht Dir j a offen. Glaub mir, bald bist D u einer andern gut. D u hast noch viel vom Leben zu erhoffen. 6*

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Vier deutsche Auffahrungen. (Ihn innig ansehend.) Leb wohl! Gott schütze Dich auf allen Wegen! Du bist mir wert und wirst es immer sein. E s werde meine Liebe Dir zum Segen; Sie geht mit Dir, Du wanderst nicht allein. Ich bin der Hauch, der Deine Stirn umfächelt, Das Vöglein, das mit süßem Schall Dich grüßt. Ich bin das Blümlein, das im Sterben lächelt, Wenn es die Spuren Deiner Füße küßt. Ein Ein Ein Ein

Jugendtraum — der lieblichste von allen! Duft, der wie Gebet gen Himmel zieht. Ton, der jauchzt und weint noch im Verhallen, Glück, am schönsten wenn es uns entflieht.

(Sie küßt ihn leise auf die Stirn. Er geht traurig fort. Anna steht in der Abendsonne am Fenster und sieht ihm nach. Draußen hört man W o l f r a m s Gesang, der allmählich in der Ferne verklingt): E s waren zwei Königskinder, Die hatten einander so lieb; Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief. „Ach, Schätzchen, könntest du schwimmen, So schwimm' doch herüber zu mir! Drei Kerzchen will ich anzünden Und die soll'n leuchten zu dir." Das hört' ein falsches Nönnchen, Die tat, als wenn sie schlief; Sie t ä t die Kerzlein auslöschen, Der Jüngling ertrank so'tief. Vierter

Auftritt.

(Noch während des Gesanges kommt Käthi.) K ä t h i (ungeduldig): W o bleibt ihr n u r ? Man wartet auf das Spiel. Dein Vater, liebe Anna, ringt die Hände. A n n a (mit Wehmut): Sich selbst zu opfern ist des Lebens Ziel. Der Kampf beginnt, das Spielen h a t ein Ende.

Vier deutsche Aufführungen.

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K ä t h i (nimmt Annas Hand):

Anna:

Was quält dich? Nur ein Schatten, der entflieht, Sekundenlang verdunkelnd meine Wege. Nur eine Wolke, die vorüberzieht, Wenn ich mein Los in Gottes Hände lege. (Sie gehen langsam nach der Türe links.

Der Vorhang fällt.)

Ende. IV. Ein Weihnachtsspiel. (In einem Zimmer liegen H a n s i und M a r i e c h e n in ihren Betten. Der Morgen dämmert gerade. Im Halbdunkel sieht man einen Weihnachtsbaum; darunter verschiedene Spielsachen.)

H a n s i : Mariechen, schläfst Du noch? M a r i e c h e n : Nein, Hansi, ich bin schon wach. Ich habe die ganze Nacht nicht ordentlich geschlafen. Immer wieder mußte ich an den Weihnachtsabend denken — den schönen, schönen Weihnachtsabend! H.: Ich auch. Wie lange hatten wir uns schon auf das Fest gefreut! Weißt Du noch, was ich vorgestern gesungen habe: „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben. Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn' und Säbel und noch mehr, ja, ein ganzes Kriegesheer möcht ich gerne haben." M.: Und ich habe der Mutter bei den braunen Weihnachtskuchen geholfen und dabei gesungen: „Morgen, Kinder, wird's was geben, morgen werden wir uns freun, welch' ein Jubel, welch' ein Leben wird in unserm Hause sein! Einmal werden wir noch wach, heisa, dann ist Weihnachtstag. Wie wird dann die Stube glänzen von der großen Lichterzahl, schöner als bei frohen Tänzen ein geputzter Kronensaal! Wißt ihr noch vom vor'gen Jahr, wie's am Weihnachtsabend w a r ? "

86

Vier deutsche AuffQhrungen.

H.: Ja, und nun ist der Weihnachtsmann schon dagewesen. Ach, wie hübsch war das, als wir endlich die silberne Glocke hörten und in die Weihnachtsstube durften 1 Vati und Mutti h a t t e n den Tannenbaum so schön g e s c h m ü c k t . . . M.: Mit Lichtern und goldenen Kugeln und roten Äpfeln. H.: Und unter dem Baum lagen die Geschenke. So viele wie dieses Mal haben wir noch nie bekommen. Am meisten freue ich mich über die Eisenbahn und den Baukasten und das Auto. Und D u ? M.: Ich freue mich am meisten über die wunderschöne Puppe mit den blonden Locken und dem blauseidenen Kleid. Sie soll Rosalinde heißen. Ist das nicht ein hübscher N a m e ? H.: Doch, sehr hübsch. — Ich denke immer noch an den Gänsebraten und Apfelkuchen und Rheinwein nach der Bescherung. Nichts war vergessen. (Ein heller Lichtschein verbreitet sich im Zimmer.

Sologesang hinter der Bühne.)

„Vom Himmel hoch, da komm' ich her, ich bring' euch gute neue Mär, der guten Mär bring' ich so viel, davon ich sing'n und sagen will. Euch ist ein Kindlein heut geborn, von einer J u n g f r a u auserkorn, ein Kindelein, so zart und fein, das soll eu'r Freud und Wonne sein. Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch f ü h r ' n aus aller Not, er will eu'r Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein. Lob, Ehr' sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein'gen Sohn, des freuen sich der Engel Schar, und singen uns solch neues J a h r . " (Das Christkind tritt ein. Zwei kleine Engel gehen ihm voran.)

D a s C h r i s t k i n d : Etwas hattet ihr doch vergessen. Mich. H.: Wer bist D u ? D a s C h r i s t k i n d : Ich bin das Christkind. Ohne mich kann man kein rechtes Weihnachtsfest feiern — kein d e u t s c h e s Weihnachtsfest. M.: Warum denn n i c h t ? D a s C h r i s t k i n d : Weil ich seit vielen hundert Jahren zu den Menschen komme, wenn sie Weihnachten feiern. Das Fest ist mir geweiht — daran h a b t ihr nicht gedacht. Ihr habt das Weihnachtsevangelium

Vier deutsche Aufführungen. nicht gelesen, h a b t mir keine Lieder gesungen. zeigen, wie man rechte Weihnachten feiert.

87 Nun will ich euch

(Die kleinen Engel zünden die Lichter am Baume an und lassen sich dann daneben nieder.) E i n e S t i m m e verliest das W e i h n a c h t s e v a n g e l i u m : Es begab sich aber zu der Zeit, d a ß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlecht Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Sologesang:

Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art, und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibt's die Finsternis. W a h r ' Mensch und wahrer Gott hilft uns aus allen Leiden, rettet von Sünd' und Tod.

D i e S t i m m e : Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel t r a t zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids. Und das h a b t zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend.

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Vier deutsche Aufführungen. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!

C h o r : 0 du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit! D i e S t i m m e : Und da die Engel vor ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: L a ß t uns nun gehen gen Bethlehem, und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kund getan hat. Und sie kamen eilend, und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. Chor:

Ihr Zur und der

Kinderlein, kommet, o kommet doch all! Krippe her kommet, in Bethlehems Stall, seht, was in dieser hochheiligen Nacht Vater im Himmel f ü r Freude uns macht.

0 seht in der Krippe im nächtlichen Stall, seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl in reinlichen Windeln das himmlische Kind, viel schöner und holder als Engel es sind. Da liegt es, ach Kinder, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh; die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor. 0 beugt wie die Hirten anbetend die Knie, erhebet die Händlein und danket wie sie! Stimmt freudig, ihr Kinder, wer sollt' sich nicht freun, stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein. D i e S t i m m e : Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. Chor:

Stille Nacht, heilige N a c h t ! Alles schläft, einsam wacht

Vier deutsche Aufführungeil.

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nur das traute, hochheilige P a a r . Holder K n a b e im lockigen Haar, schlaf in himmlischer R u h ' , schlaf in himmlischer R u h ' ! Stille Nacht, heilige N a c h t ! Hirten erst k u n d g e m a c h t ! Durch der Engel Halleluja t ö n t es laut von fern und n a h : Christ, der R e t t e r , ist da, Christ, der R e t t e r ist d a ! Stille Nacht, heilige N a c h t ! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb' aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende S t u n d ' , Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner G e b u r t ! H . : Oh, war das schön! W i r danken dir, liebes Christkind, daß du uns gezeigt hast, wie man richtige Weihnachten feiert. D a s C h r i s t k i n d : Noch h a b t ihr es nicht ganz gelernt. W e i h n a c h t e n ist das F e s t der Liebe. D a soll man an andere denken, soll ihnen Freude machen... M . : Ich habe für V a t e r und Mutter schöne Handarbeiten gemacht, und Hansi hat von mir einen Ball bekommen. H . : Das Bilderbuch da habe ich Mariechen geschenkt, und für die E l t e r n h a b e ich etwas gebastelt. D a s C h r i s t k i n d : D a ß ihr die lieben Eltern erfreut, die euch soviel Gutes t u n , ist j a selbstverständlich. Ihr h ä t t e t aber auch an diejenigen denken müssen, die euch nichts schenken können — an die Armen. (Das Christkind winkt. Zwei zerlumpte Kinder treten ein.) Seht, Ännchen und K u r t , die Kinder des Tagelöhners, haben nichts zu Weihnachten bekommen. J a , sie haben sich nicht einmal s a t t essen können, und warme Kleider fehlen ihnen auch. Warum h a b t ihr nicht an sie g e d a c h t ? (Mariechen und Hansi springen aus ihren Betten und laufen zum Weihnachtstisch.) M . : Hier, Ännchen, nimm dir von meinen Spielsachen, was du haben willst! Nachher werde ich die Mutter bitten, daß sie dir ein schönes Kleid und eine warme J a c k e schenkt. Und dann stricke ich dir auch Mfltze, Schal und Handschuhe dazu.

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Vier deutsche Aufführungen.

H . : Bitte, lieber K u r t , sei mir nicht böse, d a ß ich nicht an dich g e d a c h t h a b e ! Suche dir unter meinen Sachen etwas recht Schönes a u s ! N i m m dir auch von den W e i h n a c h t s k u c h e n ! Nachher m u ß t du ordentlich mit uns essen, wenn du Hunger hast. (Die armen Kinder wählen erfreut unter den Spielsachen.) M.: Bist du nun m i t uns zufrieden, liebes C h r i s t k i n d ? D a s C h r i s t k i n d : Noch nicht ganz. Es ist draußen bitter k a l t ; alles ist verschneit, u n d die armen Vöglein haben kein F u t t e r . Hört ihr d e n n nicht, wie sie jeden Tag ans Fenster picken und um ein K r ü m c h e n Brot b i t t e n ? Längst schon h ä t t e t ihr ihnen etwas hinstreuen müssen! M.: Oh, die armen Vöglein! Von jetzt a b werden wir ihnen täglich etwas geben — Brot und Körner, so viel sie haben wollen. D a s C h r i s t k i n d : Weihnachten ist das Fest der Liebe. Die Liebe Gottes u m f a ß t alle seine Geschöpfe — Mensch und Tier. H a b t ihr die Tiere immer als eure Freunde und Brüder b e t r a c h t e t ? H . (beschämt): Nicht immer. Unseren H o f h u n d Nero h a b e ich oft geneckt, und einmal h a b e ich ihn sogar geschlagen. D a s C h r i s t k i n d : Der arme Nero, der tagaus, tagein an der K e t t e liegt! Kinder, h a b t ihr nie daran gedacht, wie bitter weh es tun m u ß , stets gefangen zu sein — sich niemals frei bewegen zu k ö n n e n ? In der Winterkälte — in der Sommerhitze — immer ist es an seine H ü t t e gefesselt, das treue, gute Tier, das Haus u n d Hof bewacht. M.: Oh, d a ß wir nie daran gedacht h a b e n ! Der arme, arme Nero! W i r wollen Vater immer wieder bitten, bis er ihn von der Kette losmacht. W i r werden m i t Nero spielen; er soll sich in der Stube wärmen, er soll es von j e t z t an gut bei uns h a b e n . H . : Nie mehr will ich ihn necken — nie mehr will ich ein Tier quälen. D a s C h r i s t k i n d : So ist es recht, ihr lieben Kleinen! Nun will ich euch noch ein schönes Lied lehren, das ihr mir nächstes J a h r vorsingen sollt, wenn ihr wieder Weihnachten feiert — rechte deutsche Weihnachten. (Das Christkind singt mit den Engeln und den vier Kindern): Alle J a h r e wieder k o m m t das Christuskind auf die E r d e nieder, wo wir Menschen sind.

K e h r t m i t seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.

Ist auch mir zur Seite still und u n e r k a n n t , daß es treu mich leite an der lieben H a n d . Die meisten Lieder in diesem Buch finden sich In dem Volksllederalbum von Ludwig Erk.

Inhaltsverzeichnis. Seite

I. Ein halbes Dutzend Taschentücher (Warenhaus: Weißwaren, Handschuhe, Schuhe, Friseuse, Restaurant, Hut, Möbel) II. Modenschau (Friseur, Wäsche, Herrenkleidung, Damenkleidung, Tabakwaren, Studentenleben, photographische Artikel, Modenschau) . . I I I . Zurück zur Natur (Sport, Auto, Winterfreuden im Gebirge) . . . IV. Das verlorene Paradies (Wetter, Sommerfreuden auf dem Lande, Ostern, Pfingsten, Verwandte, Tiere, Pflanzen) V. Der Markt (Lebensmittel,

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Blumen, einige gerichtliche Ausdrücke)

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V I . Im wunderschönen Monat Mal (Deutsche Zeitung, Heiratsbüro, Kino, Theater, Hochzeit)

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V I I . Schriftliche Einladungen V I I I . Mittagsgäste (Küche, Mittagstisch, Gespräch bei Tische, Haus, Schlafzimmer) I X . Ein Kaffeekränzchen (Kaffeetisch, Klatsch, Verein) X . Reisefieber (Reisebüro, Paßbüro, Packen, Auto bestellen, Bahnhof, Träger, Bahnhofrestaurant, Telegraphenamt, Fahrkarten) X I . Eine Seereise X I I . Wer zuletzt lacht, lacht am besten (Hotel, Restaurant)

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X I I I . Konsultation (Ärztliche Untersuchung)

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X I V . Gespräche im Büro X V . Krause in Berlin (Verkehr, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen, Ausflüge, Bank, Postamt, Omnibus, Straßenbahn)

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X V I . Besuch beim Mann Im Monde (Flugzeug, Luftfahrt, Himmelskörper, Zoll, Deutschland)

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Anhang: Vier deutsche Aufführungen. I. Rundfunk II. Im Museum

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I I I . Der Meistertrunk

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IV. Ein Weihnachtsspiel

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