Liebesmittel : Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel (Aphrodisiaca)

Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) wird auch gerne als „Einstein des Sex“ bezeichnet – zu den The

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Liebesmittel : Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel (Aphrodisiaca)

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LIEBESMITTEL EINE DARSTELLUNG DER GESCHLECHTLICHEN REIZMITTEL

Dr. MAGNUS HIRSCHFELD UND RICHARD LINSERT VOM INSTITUT FÜR SEXUALWISSENSCHAFT IN BERLIN.

M A N V E R L A G , B E R L I N W. 15

Copyright 1930 by M an Verlag G. m. b. H ., Berlin W 15 Alle Rechte, besonders die Nachdrucks- und Übersetzungsrechte Vorbehalten. Druck der Buchdruckerei Emil Rohr, Kaiserslautern.

VORWORT

Der Versuch einer systematischen Darstellung der geschlechtlichen Reiz­ mittel, den wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben, macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir haben uns freilich bemüht, das in der Literatur zahl­ reich verstreute Material über die Aphrodisiaca und ihre Anwendung zu sichten und zu ordnen; wir haben uns auch angelegen sein lassen, die Er­ fahrungen einer langjährigen Praxis auf sexualwissenschaftlichem Gebiete zu verwerten; — trotz alledem werden sich Lücken finden, die ihre Ursache im wesentlichen darin haben, daß die im Geschlechtsleben zur Anwendung kom­ menden Hilfsmittel auch heute noch durch falsche Moral und unwissendes Recht in einem Maße verpönt sind, wie in vergangener Zeit das gesamte menschliche Liebes- und Geschlechtsleben überhaupt. Die ungeheure Verbreitung und Vielgestaltigkeit geschlechtlicher Reiz­ mittel, die zahlreichen Hinweise in alter und neuer wissenschaftlicher und schöngeistiger Literatur Waren für uns ein Anlaß, einmal den Versuch zu un­ ternehmen, das gesamte Material nach einheitlichen Gesichtspunkten zu­ sammenzufassen. Eine weitere Anregung zu dieser Arbeit bildeten die Er­ fahrungen, die durch unsere systematische Untersuchung der Mittel und Methoden zur Verhütung der Empfängnis gezeitigt wurden. Wir mußten nämlich feststellen, daß Herstellung, Angebot und Verbreitung der Aphro­ disiaca und Antikonzipientien in vieler Beziehung verwandte Erscheinungen aufzeigen. Die Untersuchung dieser Wesens Verwandschaft ergab, daß neben unserer umfangreichen Sammlung empfängnisverhütender Mittel eine Sammlung geschlechtlicher Reizmittel entstand, deren Ergebnis zur Abfassung dieses Buches mit verwendet wurde. Einen besonders lebhaften Antrieb erhielten wir aber durch die Fest­ stellung der Tatsache, daß sowohl hinsichtlich der Antikonzipientien wie auch der Aphrodisiaca die Unwissenheit breiter Schichten der Bevölkerung in ge­ radezu unglaublicher Weise ausgebeutet wird. Die Rücksichtslosigkeit eines V

gewissenlosen Händlertums wird dabei in gewisser Beziehung durch die ge­ schriebenen und ungeschriebenen Gesetze unserer geschlechtlichen Moral unterstützt. Hat man sich eigentlich einmal überlegt, welche Unsummen Volksvermögens in „Geheimmitteln“ zur Anregung und Steigerung des Ge­ schlechtstriebes investiert werden? Hat man einmal darüber Erwägungen angestellt, welches Kapital in den Inseratenplantagen der großen Tageszei­ tungen und Wochenschriften arbeitet, um für Mittel gegen „Männerschwäche“, „Nervenschwäche“, „Sexuelle Neurasthenie“ u, a. m. Kunden zu werben? Nein, wir wissen zwar genau, wann, warum und wie oft ein Hungernder ein Brot stahl — um den N a h r u n g s t r i e b zu befriedigen; — aber wir werden wohl nie erfahren, wie oft ein Mensch ausgebeutet wurde, weil er den G e s c h l e c h t s t r i e b befriedigen mußte. Not und Angst, Lust und Liebe sind eben seit Jahrhunderten vogelfrei. Und von hundert geschlecht­ lichen Reizmitteln taugt vielleicht eines; aber von hundert geschlechtlichen Reizmitteln sind neunundneunzig ein gutes Geschäft! Man soll diese Tatsache in aller Öffentlichkeit feststellen. Man soll aber auch aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen, um schreiende Mißstände abstellen zu können. Wo arglistige Täuschung zutage tritt oder gar Betrug, wo Schaden für die Gesundheit zu erwarten ist, wo Lebensgefahr besteht, werden Aufklärung und Kritik zur Pflicht. Das lohnt noch eher, als neue Gesetze gegen Geheimmittel­ schwindel und Rauschgifthandel, denen bereits in den Ausschüssen der ge­ setzgebenden Körperschaften die Zähne ausgebrochen werden. Nicht neue Strafgesetze, A u f k l ä r u n g tut not. Die moderne Behandlung der Impotenz haben wir in dieser Darstellung absichtlich nur ganz kurz skizziert. Sollen die nach Art und Weise abstoßenden Verfahren der Vergangenheit zur Abschreckung dienen, so sollen die absicht­ lich knapp gehaltenen Hinweise auf die moderne Therapie dem Laien ein Hinweis darauf sein, daß man sich in diesen Dingen nicht von dem „Praktischen Hausarzt“ oder dem Rat guter Freunde, sondern vom Facharzt zu helfen lassen hat. Zwischen dem Wunsch nach Lustgewinn und Krankheit gibt es eine unübersehbare Zahl von Übergängen. Die von uns gezogene Grenze liegt zwischen beiden. Mithin mußte sich diese Darstellung auf diejenigen Reiz­ mittel beschränken, die der gesunde Mensch angewandt hat und wohl auch in Zukunft noch anwenden wird. Wir sind der Überzeugung, daß die mannig­ fachen Formen der Impotenz und ihre Behandlung Gegenstand einer beson­ deren Darstellung sein und bleiben müssen, die in erster Linie für die Hand des Arztes bestimmt ist. Und wir verleihen der Hoffnung Ausdruck, daß die grundlegenden Arbeiten des Leiters der Abteilung für Potenzstörungen am Institut für Sexualwissenschaft, Dr. Bernhard Schapiro, in absehbarer Zeit als Sonderdarstellung dieses Problems sexualwissenschaftlicher Forschung der Öffentlichkeit übergeben werden können. Was wir in kulturhistorischer und sexualwissenschaftlicher Beziehung VI

über die geschlechtlichen Reizmittel in diesem Buche sagen, geht nicht nur die Wissenschaft und den Arzt, sondern jeden gebildeten Laien an. Wir glauben, mit dieser anspruchslosen Darstellung über Sitten und Gebräuche, Einrichtungen und Verhältnisse Aufklärung zu schaffen, die für das Zusammen­ leben der Menschen seit Alters her von weitreichender Bedeutung gewesen sind. Dabei wissen wir sehr wohl, und betonen das noch einmal, daß diese erste Auflage keinen Anspruch darauf machen darf, das Thema erschöpfend zu behandeln. Wir hoffen aber, daß nicht nur die Kritik des Sachkenners, sondern auch die Erfahrungen des Laien dem Buche zugute kommen. Gerade der Laie ist auf geschlechtlichem Gebiete ganz besonders zur Mitarbeit be­ rufen, indem er dem Sexualforscher die Erkenntnisse vermitteln hilft, die dieser im Interesse der menschlichen Gemeinschaft zu verwerten hat. Man braucht in diesem Zusammenhänge nur auf die folkloristischen Arbeiten von Friedrich S. Kraus hinzuweisen, die er in seiner „Anthropophyteia“ niedergelegt hat, um die Bedeutung des Sondergebietes sexualwissenschaftlicher Forschung hervorzuheben, dem wir uns mit dieser Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel gewidmet haben. Wir nehmen darum alle Mitteilungen gerne mit Interesse entgegen, die das Thema unseres Buches betreffen und von Sondererfahrungen des Lesers berichten. Als bescheidenes Hilfsmittel zur Erleichterung von solchen Hin­ weisen haben wir dem Buche einen Fragebogen beigegeben, um dessen gründ­ liche Ausfüllung wir alle die bitten, die Mängel unseres Buches abstellen oder Angaben seiner Verfasser vervollständigen wollen. B e r l in , im Oktober 1929

S a n i t ä t s r a t Dr. M a g n u s H i r s c h f e l d

Institut für Sexualwissenschaft In den Zelten 10 und 9a

Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft

R ic h a rd L in s e rt Abteilungsleiter am Institut

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INHALTSVERZEICHNIS Seite

V o r w o r t ......................................................... E in le itu n g Geschlechtstrieb und Geschlechtswille — Individualität und Beeinfluß­ barkeit der Triebstärke — Der Treppenreflex — Die Psychophysiologie des Geschlechtstriebes — Analyse der Potenz — Begriff des Aphrodisiacums — Geschlechtliche Reizmittel und Ersatzmittel — Wirkungsweise des Aphrodisiacums — Gründe für die Anwendung von Aphrodisiaca — Verbreitung der A phrodisiaca.......................................................................

V -V II

1-32

A b e rg la u b e n Begriff des Aberglaubens — Liebeszauber und Liebesmittel — Liebes­ zauber in alter und neuer Zeit — Die Rolle von Kirche, Magie und Hexeneinmaleins im Liebeszauber — Moderner Liebeszauber — Sym­ pathiekuren und Beschwörungen — Der Amuletglauben — Die Edelstein­ therapie — Pflanzenstoffe — Tierische Stoffe — Die Dreckapotheke — Teile und Ausscheidungen des menschlichen Körpers — Moderner Aber­ glauben ............................................................................................................

33-64

N a h ru n g s - u n d G e n u ß m itte l Grundsätzliches über Nahrungs- und Genußmittel — Die Bedeutung der Vitamine — Das Sexualvitamin — Die Vitamintherapie und ihre Be­ deutung für das Geschlechtsleben — Die Nährstoffe — Die Gewürze — Die Speiseordnung — Die Speisen (Suppen, Fleische, Pflanzen, Eier, Honig, Latwerge und Gebäck) — Die Regelung der Verdauung — Ero­ tisierendes Konfekt (Liebesperlen) — Morsellen — Liebespulver — 'Liebestränke und Liebestinkturen — Allgemeines über die Getränke — Der Alkohol — Grundsätzliches über Rauschgifte — Weine mit und ohne Zusäue —Met in alter und neuer Zeit — Das Bier — Trinkbranntweine — Likör — Absinth — Pflanzenabsude (Mescal, Kakao, Kaffee, Tee mit und ohne Zusäue) — Rauschmittel (Datura Stramonium und Nikotin) — Das ,,richtige Rauchen“ — Opium, Haschisch und Mandragora — Schnupfmittel — K a u m i t t e l ....................................................................... 65-107

B ä d e r, S a lb e n , G e rü c h e , R a u c h w e rk e Die psychophysiologische Wirkung des Bades — Badesitten und ihre Wirkung — Badearten und ihre Anwendungsweisen — Geruch und Reizsalbcn — Europäische und orientalische Salben — Geruchsempfin­ dung und Geschlechtslust — Psychophysiologie des Geruchsinns — Geruchsarten der Menschen, Tiere und Pflanzen und ihre Wirkung auf den Geschlechtstrieb — Pathologische Gcruchssensationen — Die Parfums, ihre Herstellung und Reizwirkung — Eigenartige Duftstoffe — Räucherungen aus Mittelalter und Neuzeit — Technik, Wirkung und S c h w in d e l...................................................................................................... 108-145

P fla n z e n

und

P fla n z e n s to ffe

Die Solanaceen und Strychnosarten — Einige Angaben über Verwendungs- und Wirkungsweise von 172 Pflanzen — Indische Pflanzenrezepte — Die H o l z k o h l e ....................................................................................... 146—205

IX

Seite

T ie re

und tie ris c h e

S to ffe

Historisches — Verwendungsweise — Die Kanthariden — Der Kantharidismus — Der Scincus officinalis — Die Alkermes — Die Verwendung tierischer Körperteile bezw. Organe — Tierische Sekrete — Tier- und Menschenblut, insbesondere Menstruationsblut als Liebesmittel — Aphro­ disiac a für Tiere — Bedeutung der inneren Sekretion für den Geschlechts­ trieb — Andrin und Gynäcin — Die Organotherapie — Kurze M it­ teilungen über eine Auswahl von vierzig Organpräparaten . . . 206—238

C h e m is c h e S to f f e u n d p h a r m a z e u tis c h e P r ä p a r a t e Grundsätzliches — Wirkungsweise der Narkose auf den Geschlechtstrieb - Äther, Bromäther, Chloräthyl, Chloroform und Stickstoffoxydul — Arsen, Aurum chloratum, Barium chloratum, Chinin, Kalium chloricum, Kalium jodatum, Kampfer, Kokain, Laudanum (Meconium), Morphinum hydrochloricum, Oleum Terebinthinae, Phosphor, Resorcin, Strychnin — Kurze Mitteilungen über eine Auswahl von vierzig phar­ mazeutischen P rä p a ra te n ................................................................................239—262

P h y s is c h e

R e iz m itte l

Einiges über die Coitus-Präliminarien — Mittel zur Vergrößerung des Penis — Mittel zur Verkleinerung der Vagina — Operative Eingriffe — Ips atorische Reizmittel — Mechanische Reizmittel für den Mann — Mechanische Reizmittel für die Frau — Temperatur, Massagen, Frik­ tionen, Reiten u. a. als mechanische Reizmittel — Strahlen und Ströme — Sunemitismus — Röntgenstrahlen — Elektrotherapie — Das Graham­ bett — Die Verbesserungen Karls von Eckartshausen durch die „Augen­ musik“ . ....................................................................................... 263 —309

P s y c h is c h e

R e iz m itte l

Orientalische Ratschläge — Widerstand und Defloration — Gebrauchs­ gegenstände — Kartenspiele und Brettspiele — Andere Gegenstände des täglichen Bedarfs — Die Kleidung — Das „Puppenspiel“ — Aktbilder und Fotografie — Andere bildliche Darstellungen — Die Tätowierung — Farben — Die Spintrien — Das Voyeurtum — Die erotische Literatur — Orientalische Liebeslehrbücher — Die pornographische Historie — Die Bibel — Die Moraltheologie — Die Stammbücher — Das Theater — Die „Abendzeitung der Gräfin Dubarry“ — Sprichwort, Witz, Lied und Zote — Brunstschreie — Erotische Schallplatten — Die Musik — Auto­ suggestion — Suggestion — Hypnose ................................................310—342

S c h lu ß Die Rolle der Liebesmittel in der Gegenwart — Die Stellung der Gesell­ schaft — Der Handel mit Liebesmitteln — Vertrieb und Verbreitung der Pornographie — Das Anpreisen und die Verwendung von Liebesmitteln — Die Rolle der Aphrodisiaca in der Kriminologie — Geheimmittelschwindel — Eine W a r n u n g ....................................................................................... 343—37Ö

N a m e n s v e r z e i c h n i s .....................................................................377—383 L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s ............................................................... 385-391 F r a g e b o g e n ü b e r A p h r o d i s i a c a .................................... 393-394 B e s t e l l s c h e i n f ü r d e n s e k r e t i e r t e n T e i l . . . .395 X

EINLEITUNG

Die vorliegende Darstellung will versuchen, die geschlechtlichen Reiz­ mittel einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Bevor wir aber auf Beschaffenheit und Wirkungsweise der Aphrodisiaca eingehen, bevor wir den Begriff des Aphrodisiacums zu umschreiben versuchen, bevor wir alle die Gründe aufzählen können, die für den gesunden und normalen Menschen ein Anlaß sind, eine Anregung oder Steigerung des Geschlechtstriebes auf künst­ lichem Wege anzustreben, scheint es uns notwendig, g r u n d s ä t z l i c h zum Geschlechtstrieb und Geschlechtswillen des Menschen Stellung zu nehmen. Wenn jemand zu der Erkenntnis gelangt ist, wie wurzelhaft tief die Ge­ schlechtspersönlichkeit und der Geschlechtstrieb in der Natur des Menschen ruhen, könnten ihm sehr wohl Zweifel aufsteigen, ob es überhaupt so etwas wie einen Geschlechtswillen gibt, ob nicht alles im Geschlechtsleben unentrinnbares Schicksal ist. Dies wäre aber genau so sehr ein Fehlschluß, wie der, daß die Geschlechtswahl allein vom Geschlechtswillen abhängig ist. So wenig der Mensch über seinen Schatten springen kann, so wenig kann er über seine Sexualkonstitution hinaus. Wer die Funktionen des innersekreto­ rischen Drüsensystems des Menschen kennt, weiß, in wie hohem Maße der Sexualtypus mit dem Individualtypus eines Menschen zusammenfallt. Und doch ist der Mensch nicht ausschließlich ein Produkt der Vererbung, sondern ein Ergebnis von Anlage und Lage, und seine Handlungen sind keineswegs lediglich ein Ausdruck seiner Empfindungen, sondern ein Ergebnis von Trieb und Widerstand. Daraus ergibt sich für jedes Urteil über eine T at oder einen Täter folgendes Grundgesetz: wer einem Täter gerecht werden will, muß Anlage und Lage, wer eine T at beurteilen will, Trieb und Widerstand genau prüfen — jedes für sich und beides zusammen. Anlage und Trieb sind in ihrer eng mit einander verbundenen Eigenart durch die Konstitution gegeben, sie sind angeboren oder „eingeboren“. Lage und Widerstand sind es nicht oder nur zum kleinen Teil. Sie bilden sich — um mit Goethes Tasso zu reden — „im Strom der Welt“ und hängen im i

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wesentlichen von der Lebensführung, von der Lebensgewöhnung und den Lebensgewohnheiten ab. Diese beeinflussen im hohen Grade in positiver oder negativer Richtung die Widerstandskräfte, die Willenskraft, die Willens­ grenzen, mit einem Wort: den Willen, der den Geschlechtstrieb reguliert, soweit er regulierbar ist. Dieser Wille, den wir dort, wo er das Geschlechtsleben betrifft, kurz als Geschlechtswillen bezeichnen, wird sich umso leichter oder schwerer durchsetzen, je kleiner oder größer die Triebstärke ist, die er zu überwinden hat. Denn so engen Spielraum im Menschen die Triebrichtung (der „Fall“, das „Genre“, der „Geschmack“, den jemand in der Liebe hat) besitzt, in so weiten Grenzen bewegt sich die Stärke des Triebes, steigt und fallt das Triebbarometer von kalter, stiller Gleichgültigkeit bis zu glühender stürmischer Leidenschaftlichkeit — teils bedingt durch das Sexualtempera­ ment, teils durch den jeweiligen Zustand der Körperseele. Von Natur ist die Triebstärke sowohl unter Männern als unter Frauen ganz ungemein verschieden, sodaß hier unter noch größeren Schwierigkeiten als sonst auf sexuellem Gebiete die Stelle normiert werden kann, an welcher das Natürliche aufhört und das Krankhafte beginnt. Es gibt Personen, die auf Grand ihrer organischen Beschaffenheit überhaupt kein oder nur ein ge­ ringes Bedürfnis nach geschlechtlicher Betätigung haben. Mindestens ebenso häufig finden sich aber bei beiden Geschlechtern solche, bei denen der kaum befriedigte Trieb bald immer wieder neu erwacht. Sie könnten mit Faust von sich sagen: „So tauml’ ich von Begierde zu Genuß, Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde.“ Wir möchten hierfür einige extreme Fälle als Beispiele anfuhren: uns konsultierte eines Tages eine Frau, die sich darüber beklagte, daß ihr Mann in den acht Jahren ihrer Ehe, von kurzen Zwischenräumen abgesehen, jeden Tag 4—5 Mal den Akt mit ihr vollziehe. Seine Gesundheit schiene darunter nicht gelitten zu haben, wohl aber die ihre. In einem anderen Falle wurde uns von einem unverheirateten Manne glaubwürdig berichtet, daß er während eines einzigen Jahres über tausend Mal in normaler Weise koitiert habe. In einer Gerichtsverhandlung gab der Ehemann im Beisein seiner Frau an, daß sie während der Flitterwochen durchschnittlich 18 Mal innerhalb von 24 Stun­ den verkehrt hätten. Bilden solche „Sexualathleten“ auch nur große und keineswegs rühmliche Ausnahmen, so sind sie doch für die Breite des mög­ lichen (nicht des zulässigen) von lehrreichem Belang. Die bekannten Lebe­ männer und Liebeskünstlerinnen der Geschichte, deren Namen zum Begriff geworden sind, wie Casanova, Don Juan, und August der Starke, Phryne, Messalina und Katharina, stehen auf dem einen Flügel, — Männer wie Immanuel Kant und der Maler Adolph Menzel, von denen behauptet wird, daß sie weder die Liebe noch den Geschlechtsverkehr kannten, und Frauen wie Cornelia Goethe, von der ihr Bruder Wolfgang sagte, daß in ihrem Wesen 2

keine Spur von Sinnlichkeit lag, auf dem anderen Flügel. Zwischen diesen beiden Endgraden gibt es alle nur erdenklichen Abstufungen. Die individuelle Triebstärke erhält sich, von Ausnahmen und periodischen Schwankungen ab­ gesehen, auf ziemlich gleichmäßiger Höhe. Damit soll gesagt sein: gefühls­ kalte Männer und Frauen pflegen einen niedrigeren Grad, temperamentvolle einen höheren Grad der Geschlechtslust als das ihnen eigentümliche Sexual­ temperament zu behalten. Dabei ist angebracht, festzustellen, daß die Triebrichtung als solche mit der Triebstärke nichts zu tun hat. Es können also Menschen, die es zum anderen ebenso wie solche, die es zum gleichen Geschlecht treibt, sehr leiden­ schaftlich sein, oder einen nur schwach entwickelten Geschlechtsdrang be­ sitzen. Handelt es sich um Personen, deren Trieb auf beide Geschlechter gerichtet ist, (Bisexuelle), so pflegt gewöhnlich die Heftigkeit, mit welcher es eine Frau oder einen Mann zum weiblichen oder männlichen Geschlecht zieht, recht verschieden zu sein. Um dies zu veranschaulichen, bedienen sich Bisexuelle oft zahlenmäßiger Vergleiche, etwa so, daß es sie zu 90 Prozent zum weiblichen und zu 10 Prozent zum männlichen Geschlecht ziehe oder umgekehrt. Aber auch Triebart und Triebgrad der Bisexualität sind nicht gewollte oder durch Außeneindrücke erzeugte Zustände, sondern sind in der und durch die Geschlechtspersönlichkeit begründet. Für die Frage der Triebbeherrschbar­ keit im Einzelfall ist die Feststellung der individuellen Triebstärke neben der der Triebrichtung von erheblicher Wichtigkeit. Es gibt überhaupt kein Gebiet der Lebensführung, das nicht vom Ge­ schlecht beeinflußt wird u n d d a s G e s c h l e c h t b e e i n f l u ß t ! Die Art der Arbeit und Erholung, Berufs- und Umgangswahl, die ganze Um­ gebung, Kleidung, Wohnung und Ernährung des Menschen, alles, was wir tun und was mit uns geschieht, hat irgendwelche Beziehung zum Geschlecht und Geschlechtstrieb. Wollten wir alle in Frage kommenden Punkte aus­ führlich erörtern, so würde das den Umfang dieser Darstellung bei weitem sprengen, so lohnend und wünschenswert es an sich gewiß wäre, unsere ganze Lebensweise unter dem Gesichtswinkel sexualwissenschaftlicher Forschung zu überprüfen. Von einem Geschlechtswillen kann jedenfalls nur derjenige Mensch Ge­ brauch machen, der ihn besitzt; es besitzt ihn aber nur der, der ihn sich er­ worben hat, oft leicht erwarb, oft schwer errang.. Wer in sich einen starken Geschlechtswillen ausgebildet hat, vermag viel in dem ihm von der Natur gesetzten Umkreis. Er vermag aber nicht alles. So wenig wie der Ernährungswille den Nahrungstrieb, so wenig kann der Ge­ schlechtswille den Geschlechtstrieb töten. Die Voraussetzung sexueller Energie im Sinne von Selbstbeherrschung, Selbstbemeisterung — nicht Knebelung — des Geschlechtstriebs ist eine in gutem Zustand befindliche Köperseele, die über ein gewisses Maß von Lebensi

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frische, Lebenskraft und Lebensmut verfugt. Vor allem kommt es dabei auf ein gesundes Zentralnervensystem an, dessen Leistungsfähigkeit aber nicht, wie noch vielfach angenommen wird, nur „funktionell“ ist (man sollte mit diesem Wort im Zeitalter der Lehre von der inneren Sekretion recht sparsam umgehen!), sondern an die chemische Beschaffenheit der Gewebe gebunden ist, die ständig mit der Lebensweise wechselt. Jede Kraftverminderung setzt eine Stoffveränderung voraus. Dies be­ zieht sich namentlich auch auf die körperseelische Ermüdung und Erschöpfung, die für die jeweilige Stärke des Geschlechtswillens sehr bedeutungsvoll ist. Mit Stadelmann und Weichard sind wir der Meinung, daß die Ermüdung durch Selbstvergiftung entsteht, hervorgerufen durch einen allzulangen Kräfteverbrauch. Weichart gelang es übrigens, ein sogenanntes Ermüdungs­ toxin aufzufinden. Diese Müdigkeitsgifte ( = „Kenotoxine“), die er aus den Muskeln hochermüdeter Tiere darstellte, haben je nach der Menge ihrer Ein­ verleibung in den tierischen Körper eine verschiedene Wirkung. Werden sie in geringen Mengen der tierischen Zelle zugeführt, so wird die Leistungs­ fähigkeit des Tieres gesteigert, ohne daß die Zelle selbst dadurch geschädigt wird. Eine stärkere Menge dieses Giftes setzt die Leistungsfähigkeit des Or­ ganismus herab und kann sie vollständig aufheben, ja, sogar tötlich wirken. Stadelmann sagt: „Das Ermüdungsgift hat eine Wirkung, wie sie im all­ gemeinen den Nervengiften zukommt, eine erregende im engeren Sinne, und eine lähmende Wirkung. Es bringt dieselben Stadien der gesteigerten und herabgesetzten Reizbarkeit hervor, wie das Chloroform, das Opium, Mor­ phium, der Alkohol, das Kokain, Haschisch und dergl.“ Wir werden in un­ serer Darstellung diesen letztgenannten Stoffen noch verschiedentlich be­ gegnen. Durch höhere Grade der Ermüdung und Erschöpfung wird sowohl die Geschlechtslust als der Geschlechtswille herabgesetzt. Befinden sich die sen­ sorischen Aufhahmeapparate (Sinn und Seele) im Zustande der Ermattung, so leidet ihre Aufnahmefähigkeit. Stärker aber fällt vom sexualpraktischen Gesichtspunkt die Schwächung der sich als Wille auswirkenden Widerstands­ kräfte ins Gewicht. Liegen die Hemmungsmechanismen, rückschließende Überlegung und vorwärtsschauende Überlegenheit, danieder, so haben äußere Sexualreize ein leichteres Spiel, sich durchzusetzen und schlummernde Kräfte in lebende zu verwandeln. Dann gewinnt das Geschlecht im Menschen die Oberhand, nicht weil der Geschlechtstrieb zu groß, sondern der Geschlechts­ wille zu klein wurde. Diese Tatsache spielt in der gerichtsmedizinischen Praxis eine außer­ ordentlich große Rolle, und Magnus Hirschfeld hat dazu in Band I der „Ge­ schlechtskunde“ ausführlich Stellung genommen. Ein schwacher oder starker Geschlechtswille bildet sich nicht in dem Augenblick, in dem er sichtlich in die Erscheinung tritt, vielmehr ist es die

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schwächende oder stärkende Lebensweise, das Verhalten vorher, das ihn er­ zeugt und gebiert. Dennoch hat auch Krafft-Ebing Recht, wenn er nicht über den Geschlechtswillen, sondern über den Geschlechtstrieb schreibt: „Geistig angestrengte Tätigkeit (angestrengtes Studium, körperliche Anstrengung, Ge­ mütsverstimmungen, sexuelle Enthaltsamkeit) sind der Erregung des Sexual­ triebes entschieden abträglich.“ Hier zeigen sich denn auch bereits die An­ sätze zu den Motiven, die auch dem gesunden Menschen den Anlaß geben, zu künstlichen geschlechtlichen Reizmitteln zu greifen. Wir werden darauf weiter unten ausführlich eingehen. Ob jedenfalls aber die von Krafft-Ebing angeführten Momente mehr dem Geschlechtstrieb oder dem Geschlechtswillen abträglich waren, läßt sich selbst aus den Geschlechtshandlungen nicht mit Sicherheit folgern. Wir besitzen leider keine Instrumente, mit denen wir die Stärke des Geschlechtstriebes und der Widerstandskräfte abwägen, berechnen oder messen können, wie etwa die Höhe des Blutdruckes mit dem Manometer oder den Grad des Fiebers mit dem Thermometer. Kämen wir einmal dahin, es wäre viel gewonnen. Wir wären dann nicht, wie jetzt, auf Vermutungen an­ gewiesen, wenn, wie so oft, die Frage auftaucht, ob ein Mensch über einen freien Geschlechtswillen verfügte, als er eine ihm zur Last gelegte T at beging. Es ist im Rahmen dieser Darstellung nicht möglich, auf die außeror­ dentliche Bedeutung dieser Fragen für die gerichtsmedizinische Praxis ein­ zugehen. Es steht jedenfalls fest, daß schwere nervöse Erschöpfungszustände und höhere Grade reizbarer Nervenschwäche (Neurasthenie) die sexuelle Widerstandskraft ebenso stark beeinträchtigen können, wie der ständige Genuß der vielen artfremden Betäubungsmittel, die sich die Menschen einverleiben. Weiter muß festgestellt werden, daß der Geschlechtstrieb zwar viel sel­ tener als der Nahrungstrieb Befriedigung erheischt, diesen bei den meisten Geschöpfen aber an zeitweiser Stärke nicht nur nicht u n t e r legen, sondern ü b e r le g e n ist. Ferner ist d e r S e x u a l r e f l e x e i n T r e p p e n ­ r e f l e x . Auch das ist von großer Bedeutung. Beim einfachen Reflex ruft eine Reizung eine Empfindung, diese eine Bewegung hervor, die das durch den Reiz entstandene Gefühl nicht verstärkt, sondern beseitigt. Nehmen wir ein Beispiel, das für unsere Darstellung von besonderer Bedeutung ist: der Reiz der in der Harnblase sich ansammelnden Flüssigkeit erzeugt eine Em­ pfindung, die als Harndrang wahrgenommen wird, und zu einer Bewegung führt, der Entleerung der Blase, die den Reiz und gleichzeitig den Drang zum Verschwinden bringt. Mit dieser Entspannung hat der einfache Reflex sein Ende erreicht. Anfangs, beim kleinen Kinde, vollzieht sich dieser Reflex­ vorgang automatisch ungehemmt. Das Kind „näßt ein“, „läßt unter sich“. Allmählich aber gelangt es durch allerlei erzieherische Maßnahmen, „wie Ab­ halten“ mit suggestiven Naturlauten, sowie durch eigene Erfahrung und Übung dahin, sich nicht mehr „naß zu machen“, sondern „das Wasser zu halten“, es nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zu lassen. 5

Völlig den Harndrang zu unterdrücken, vermag aber selbst der Willensstärkste nicht, und wäre er dazu imstande, so würde er diese Energie mit einer sehr erheblichen Schädigung des Körpers bezahlen müssen. Der Sexualtreppenreflex unterscheidet sich von diesem einfachen Reflex in mehrfacher Hinsicht. Auch hier löst der Reiz (der „Sexualreiz“) eine Empfindung („Sexualempfindung“), diese eine Bewegung aus. Von welchen Gegenständen und Eigenschaften außer uns der sexuelle Reiz ausgeht und welche für bestimmte Eindrücke empfindliche Stellen er beim Menschen trifft, wird uns noch beschäftigen. Hier kommt es auf den Hinweis an, daß die zielstrebige Bewegung, die als Folge einer durch einen Sexualreiz ent­ standenen Empfindung auftritt, zunächst nicht eine Beseitigung, sondern eine Verstärkung des Reizes herbeiführt. Der Eindruck auf die Sinnes apparate der Körperoberfläche pflanzt sich durch Molekularbewegung bis zur Gehirn­ wurzel der Nerven fort. Hier sucht der Druck nach einem Ausdruck, nicht aber, tun den Druck a l s L a s t z u e n t f e r n e n , s o n d e r n a l s L u s t z u s t e i g e r n . Der gesteigerte Eindruck ruft einen erhöhten Druck, der erhöhte Druck einen gesteigerten Ausdruck hervor, und so geht es weiter und weiter, höher und höher, immer schneller folgen sich Last und Lust, bis es kein zurück mehr gibt, sondern nur ein zwangsläufig auf ein Endziel gerich­ tetes Auf und Ab. Schließlich erreicht dann der unerträglich gewordene Drang durch eine Entleerung, Entladung, Entspannung ein jähes Ende. Das ist das Wesen eines Treppenreflexes. An welcher Stelle noch eine selbständige, willkürliche Unterbrechung dieses Reflexmechanismus möglich ist, kann kaum derjenige beurteilen, in dem der Vorgang sich vollzieht, ge­ schweige denn ein Unbeteiligter. In Magnus Hirschfeld’s „Naturgesetzen der Liebe“ wird folgendes Bei­ spiel eines Treppenreflexes gegeben: „Staffel eins: Blondes, lockiges Haar erregt die periphere Ausbreitung eines Sehnervs. Dieser Anblick ruft im Gehirn ein Lustgefühl wach, das die Hand dazu führt, liebkosend das schöne Haar zu streicheln. Staffel zwei: Diese Handlung bewirkt durch den Reiz, den das weiche Haar an den Fingerspitzen hervorruft, ein gesteigertes Lust­ gefühl, das dazu treibt, das Haar zu küssen. Staffel drei: Diese Tätigkeit erregt die zarten Tastkörperchen der Lippenschleimhaut, veranlaßt dadurch eine stärkere Luststeigerung, welche zu einer Umarmung drängt, und in dieser Weise geht es hirnaufwärts und hirnabwärts, bis entweder eine Unterbrechung oder eine Lösung und Erlösung von dem inneren Drang und Druck statt­ findet ............ “ Wir sehen dabei, daß die so eng miteinander verbundenen Dreiein­ heiten Reiz-Lust-Reaktion (Bewegung) sich umso unmittelbarer folgen, je höher die Climax (Leiter) ansteigt, indem jede Liebeshandlung die frühere Reizung mehrt und der so summierte Reiz verstärkte Tätigkeit erheischt. Die im Vorspiel des Liebesaktes noch unregelmäßigen Aktionen werden dem6

entsprechend immer schneller und rythmischer, die willkürliche Beeinflussung infolgedessen immer schwieriger, bis schließlich der nach möglichster Lust­ höhe drängende Mechanismus, ganz ähnlich wie Goltz es bei enthimten Tieren demonstrieren konnte, fast automatisch funktioniert. Dieser Auto­ matismus drückt sich in dem fast imbelebten Ernst aus, der nach voraus­ gegangenen Liebesscherzen sich in den letzten Stadien der Liebe einstellt. Die durch den Hautsinn hervorgerufenen Lustempfindungen, welche wesentlich leichter als die Fernreize vasomotorische Veränderungen, Wal­ lungen im Körper auslösen, bilden gewöhnlich die Stufen des Treppen­ reflexes, auf denen die Beherrschungskraft und Widerstandsfähigkeit der immer stärker nach Entspannung drängenden Triebe am ehesten nachläßt. Wenn irgendwo, so gelten hier die Worte: „principiis obsta („widerstehe dem Anfang“ aus Ovids „Mittel gegen die Liebe“) und „respice finem“ („denke an das Ende“). Besteht eine heftige erotische Anziehung, so können schon ganz leichte Hautberührungen sexuelle Strömungen bewirken. Man hat nicht mit Unrecht nach Steigerung drängende Liebkosungen mit einem Kätzchen verglichen, mit dem man anfangs tändelnd spielt, und das sich unter den Händen allmählich in einen Tiger verwandelt, zu dessen Spiel­ ball der Spielende wird. Gegen das Ende des Treppenreflexes ist bei fast allen Lebewesen — den Menschen eingeschlossen — ein Stadium unverkennbar, in dem der Reflex­ mechanismus fast automatisch arbeitet. Im Hinblick darauf scheint es uns nicht unwichtig zu sein, mit aller Deut lichkeit darauf hinzuweisen, daß bei einer späteren Untersuchung der Wirkung von geschlechtlichen Reizmitteln sehr wichtig ist, genau zu unterscheiden, zwischen den Mitteln zur Steigerung oder Anregung des Geschlechtstriebes und den vielfältigen Bemühungen „ L i e b e zu erwecken“, wie es vor allen Dingen im Mittelalter, aber auch heute noch, in manchen Kreisen der länd­ lichen Bevölkerung versucht wird. Die Römer sprachen ja schlechthin bei ihren Liebestränken von „pocula amatoria“, während es sich aber in Wirk­ lichkeit eigentlich um „pocula libidinis“ handelte. Den Glauben, mit einem gewöhnlichen Aphrodisiacum „Liebe im höheren Sinne“ erwecken zu können, findet man in einer typischen Äußerung Juvenals in seinen „Satyren“ : „Der eine bietet Magier-Zaubergesang, Thessal’schen Liebestrank der andere Dem Weibe, das damit des Mannes Geist berücken will.“ In Wirklichkeit aber ist gerade das nicht möglich, solange nicht neben den physiologischen auch die psychologischen Voraussetzungen für die Er­ regung des Geschlechtstriebes erfüllt sind, und sehr bezeichnend ist die Mit­ teilung Plutarchs, der von der Mutter Alexander des Großen folgende Ge­ schichte erzählt: Als Olympias gehört hatte, daß eine thessalische Frau durch 7

Liebestränke ihren Gatten, Philipp von Mazedonien, abspenstig gemacht habe, ließ sie sie zu sich kommen. Als diese jedoch vor ihr stand, rief sie die Worte aus: „Du bedarfst wahrlich keines Liebestrankes, Du hast ihn in Dir selbst.“ Wenn im Verhältnis zweier Menschen den natürlichen Anziehungs­ gesetzen der Liebe nicht die Möglichkeit gegeben ist, zu wirken, so werden alle Versuche, ein „höheres Gefühl“ beim geliebten Du für das eigene Ich aus­ zulösen, immer fehlschlagen. Eine Anregung der Libido ist dagegen auf so vielfältigem Wege möglich, daß es schon der Mühe wert ist, hierüber grund­ sätzliche Untersuchungen anzustellen. Diese Einflüsse auf die Libido können bei Anwendung künstlicher Reiz­ mittel entweder in einer gewollten Störung des geregelten Ablaufs der Funk­ tionen derjenigen Teile des Zentralnervensystems bestehen, die direkt mit den Sexualfunktionen im Zusammenhang stehen, oder aber auch, und das ist wohl der häufigere Fall, durch direkte Reizung des Geschlechtsapparates und Beeinflussung der ihn speisenden Blutbahnen. Was hier kurz und andeutungsweise über die Wirksamkeit künstlicher Reizmittel gesagt ist, wird uns noch weiterhin beschäftigen. In Erörterung derjenigen Zustände und Umstände, die den normalen Ablauf von der ge­ schlechtlichen Anregung bis zur geschlechtlichen Entspannung betreffen, muß weiterhin festgestellt werden, daß, je besser die körperseelische Gesund­ heit eines Menschen ist, umso kräftiger und gesünder auch sein Geschlechts­ wille sein wird. Das bezieht sich sowohl auf den ererbten, als auch auf den erworbenen Gesundheitszustand. In sexueller Beziehung erweist sich ner­ vöse Erschöpfung durch Überanstrengung oder äußere Schädigungen des Nervensystems, wie „Nervengifte“, nicht minder verhängnisvoll, als die Nervenschwäche auf ererbter Grundlage, die neuropathische Konstitution. Die allgemeine nervöse Beschaffenheit, nicht die besondere geschlechtliche Veranlagung, bewirkt, daß bei sexuell Abnormalen die Beherrschungskraft vielfach geringer ist, als bei Sexuell-Normalen, nicht weil ihr Trieb als solcher stärker, sondern ihr Hemmungsvermögen schwächer ist. Es ergibt sich da­ raus auch die Lehre, daß Menschen, deren Geschlechtsleben, sei es in der Triebstärke, Triebrichtung oder Triebart, nicht dem Durchschnitt entspricht, in noch höherem Grade als andere bedacht sein müssen, ihre Widerstands­ und Willenskraft d u r c h e i n e g e s u n d e , n a t u r - u n d v e r n u n f t ­ g e m ä ß e L e b e n s w e i s e z u e r h ö h e n , um der erblichen Belastung entgegenzuwirken. Dies zu betonen scheint umso angebrachter, weil in Wirk­ lichkeit bei vielen Menschen eine gegenteilige Neigung besteht, nämlich ein Bestreben, den seelischen Zwiespalt künstlich zu betäuben, das unruhige, reizbare Nervensystem durch Beruhigungsmittel oder Anregungsmittel zu besänftigen oder anzuregen. Hier finden wir wiederum zahlreiche Gründe, weshalb falsche Lebens­ weise sehr leicht dazu führen kann, den irgendwie gestörten Sexualrythmus 8

durch künstliche Mittel regulieren zu wollen. Man überlege sich doch, um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen: würde statt des müden Abends mehr der frische frühe Morgen im Zeichen der Liebe stehen, würden sich mehr vom Schlaf erquickte als von der Arbeit des Tages abgehetzte Männer und Frauen in liebender und zeugender Umarmung finden, wir sind sicher, daß die Zahl neuropathischer, psychopathischer und sexopathischer Menschen sich ver­ ringern würde. Schon die Brautnacht, wie sie jetzt üblich ist, in der das junge Paar, ermattet von den Anstrengungen und Aufregungen des Hochzeitstages nach überreichlichem Festmahl und Festtrunk den ersten Beischlaf vollzieht, entspricht weder der hygienischen, noch der eugenischen Forderung. Die Wahrscheinlichkeit, daß in der Brautnacht gezeugte Kinder gut ausfallen, ist bei den gegenwärtig herrschenden „Sexualsitten“ unter „Kulturvölkern nicht sehr groß. Es ist für nachdenkliche Sexualforscher wohl der Beachtung und Be­ trachtung wert, weshalb von beiden Geschlechtern zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse gerade die Zeit bevorzugt wird, in der die meisten Menschen nach des Tages Last und Mühen am ermüdetsten und erschöpftesten zu sein pflegen: die Abend- und Nachtstunden. Bei der Mehrzahl der anderen Lebe­ wesen ist dies nicht der Fall. Man hat gemeint, es geschehe, um sich nach dem Verkehr besser ausruhen zu können, andere aber, besonders Frauen gestehen es offen ein, daß sie aus Schamhaftigkeit nur im Dunkeln verkehren können; es sei ihnen bei Licht „zu peinlich“, sie schämten sich. Erst vor einiger Zeit berichtete uns ein junger Ehemann, dem wegen schwacher Potenz geraten war, die Morgenerektionen zu benutzen, um zunächst einmal sexuelles Selbstvertrauen zu gewinnen, daß „seine keusche Gattin ihm aus Gründen der Moral sexuelle Annäherung nur bei ausgelöschtem Licht gestatte.“ Warum scheut die Liebe des Menschen das Licht des Tages? Will die Natur es so oder fordert es die Kultur? Gewiß verlangt ein natürlicher Takt, daß Menschen intimere Beziehungen, ja selbst gegenseitige Zärtlichkeiten, nicht öffentlich zur Schau stellen, die es dennoch tim, und ihrer sind nicht wenige, verraten einen erheblichen Mangel an Feingefühl. Ganz anders aber liegt es, wenn zwei Liebende in ihrem Heim allein sind. Ihnen sollte jeder, der kleinste wie der größte Akt der Liebe gleich einem Sonnenaufgang hehr, hell und feierlich sein. Es ist für die Beurteilung des Geschlechtstriebes bei Mann und Weib von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß es sich hier um einen Zustand handelt, der niemals gleichmäßig das ganze Leben des Menschen durchläuft, in jedem Jahr, an jedem Tag, zu jeder Stunde des Daseins vorhanden ist, sondern daß stets Zeiten der Befriedigung mit Zeiten des Bedürfnisses, Ruhe­ pausen und Höhepunkte wechseln, zwischen denen der Geschlechtstrieb auf- und absteigt. Es ist ohne weiteres klar, daß der bis zu seinem individuellen Höhe­ punkt gesteigerte Drang viel stärker fühlbar und daher viel schwerer be9

herrschbar ist, als der entspannt in Ruhe befindliche. In Magnus Hirsch­ felds bereits genannten „Naturgesetzen der Liebe“ werden bei den Menschen zwei Sexualwellen unterschieden: die große Lebenswelle, und die periodische Triebwelle. Bei fast allen übrigen Lebewesen übertrifft ein dritter An- und Abstieg diese beiden an Wichtigkeit: die Jahreswelle, deren Gipfel mit der Jahreszeit zusammenfallt, in der die von der Sonne erschlossenen Quellen der Natur am reichlichsten fließen und am ehesten ein Wachsen der Wesen über sich hinaus gestatten. Die Jahreswelle ist bei dem Menschen nur noch in Resten vorhanden, die ihren Ausdruck finden in einer leichten Steigerung der Befruchtungen im April und Mai, sowie in den sogenannten „Frühlingsgefuhlen“, die jedoch mehr auf klimatischen Einflüssen unmittelbar als auf einer dadurch bedingten Nahrungsveränderung zu beruhen scheinen. Nach den auf Grund der Berliner Geburtenstatistik angestellten Berechnungen von Dr. A. Grünspan im „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“ ist das Konzeptionsmaximum im April und Mai nur noch sehr gering. Während der Jahresdurchschnitt 47,0 Geburten pro Tag ausmacht, beträgt er in den Tagen, die neun Monate nach April und Mai liegen, 49,2 Geburten pro Tag. Für die Verwischungen der menschlichen Jahreskurve sind offenbar dieselben Kulturfaktoren wirksam, die Anlaß geben, daß die Brunst bei den in Gefangenschaft (Zoologischen Gärten) lebenden Tieren und bei den Haus­ tieren ihren periodischen Charakter verloren hat, daß andererseits aber in­ folge reichlicherer Fütterung diese Tiere viel fruchtbarer sind, als ihre wilden Stammesgenossen. So legt die Wildente im Jahre 5—10 Eier, während die zahme Ente in derselben Zeit 80 Eier legt. Sowohl die Jahreswelle wie die Lebenswelle, vor allem auch die periodisch laufende Triebwelle stehen in Parallele mit Reizstoffen, die im entsprechenden Rythmus an die Säftebahn abgegeben werden. Kurze Zeit nach dem Beginn der Geschlechtsreife verschafft sich, anfangs mehr unklar, allmählich aber deutlicher, das Bedürfnis nach geschlechtlicher Entspannung Geltung. Es setzt der Triebrythmus ein, im Tempo von Anstieg — Höhepunkt — Abstieg — Pause, das mehrere Jahrzehnte anhält. Diese Bedürfhiskurve steht weniger mit der Keimzellenbildung, als mit der inneren Absonderung erogener Stoffe im Zusammenhang. Würde der Trieb mit der Keimzellenabstoßung übereinstimmen, so müßte er sich bei der Frau nur alle vier Wochen, in der Mitte zwischen zwei Menstruationen, bemerkbar machen, wo allerdings nach Angabe vieler Frauen bis zu einem gewissen Grade eine gesteigerte Erregbarkeit vorhanden ist. Beim Manne dagegen müßte er täglich auftreten, da nach Bunge und anderen sich die Menge der Keimzellen innerhalb eines Tages wieder ersetzt. In Wirk­ lichkeit zeigt aber die Erfahrung, daß beim Weibe das Liebesbedürfhis stärker, beim Manne geringer ist als ihre Keimproduktion und Befruchtungsmöglich­ keit. 10

Wesentlich beeinflußt wird der Ablauf der periodischen Trieb kurven durch äußere Reizungen. Das Verhältnis beider zu einander ist ein ebenso wichtiges, wie schwieriges Problem. Im allgemeinen kann man sagen: je stärker der chemische Innenreiz auf das Sexualzentrum wirkt, eines um so geringeren nervösen Außenreizes bedarf es zu seiner Erregung, und umge­ kehrt: je geringer der sexuelle Chemismus, umso intensivere Außenreize sind erforderlich. Im einzelnen kommen aber auch hier zwischen den extremen Formen von Unter- und Übergeschlechtlichkeit so bedeutende persönliche Verschiedenheiten vor, daß sich bestimmte zahlenmäßige Werte für die der Bedürfniskurve entsprechenden Zwischenräume kaum geben lassen. Sie schwanken zwischen Tagen und Wochen, in Ausnahmefallen sogar zwischen Stunden und Monaten. Die häufigsten Ablenkungen erleidet die innere Bedürfniswelle durch die geschlechtlichen Wahrnehmungsbahnen, die das Sexualzentrum häufiger in Spannung versetzen können, als es der spontanen Periodizität d. h. von selbst auftretenden Regelmäßigkeit entspricht. Hier tritt uns der Begriff der Ver­ führung entgegen, als der einer peripheren d. h. äußeren Reizung, durch die ein schlummerndes Bedürfnis erweckt werden kann, bevor es sich selbständig regt. Das Begegnen adäquater d. h. mit der Neigung übereinstimmender Liebesobjekte beeinflußt den Triebablauf im positiven Sinne, während ein Fehlen solcher Eindrücke (Eremitentum) ihn in negativer Richtung abändert. Sicherlich waren gegenüber der Häufigkeit, mit der die sexuellen Reflex­ mechanismen sowohl beim Manne, als beim Weibe in Wirksamkeit zu treten vermögen, Schranken geboten, da ein ungehemmtes und ungezügeltes Liebes­ leben auf die Dauer den Gesamtorganismus erheblich schädigen kann, be­ sonders, wenn es sich von den natürlichen Lebensverhältnissen soweit entfernt hat, wie es in der Gegenwart der Fall ist. Die Unterordnung der Liebes­ betätigung unter den Willen war daher zweifellos für den Menschen eine große Kulturerrungenschaft. War es ihm auch nicht möglich, auf die Triebr i c h t u n g willkürlichen Einfluß zu nehmen, so konnte er doch auf dem Gebiet der Trieb b e t ä t i g u n g , der Trieb b e h e r r s c h u n g , Triebs t e i g e r u n g und Trieb a b l e n k u n g wesentliches leisten. Askese in des Wortes ursprünglicher Bedeutung als Übung im Trieb widerstand war gegenüber den fast unbegrenzten Verkehrsmöglichkeiten gewiß von hohem Wert, freilich nicht in Form jener asketischen Übungen, mit denen zeitweise ein förmlicher Sport getrieben wurde. Das letztere gilt auch für das Gegen­ teil: die maßlose Steigerung des Geschlechtstriebes durch künstliche Mittel über den normalen Standard der Triebstärke hinaus. Nietzsche wendet sich in „Menschliches, Allzumenschliches“ gegen beide Extreme geschlechtlicher Betätigung mit folgenden Worten: „Bekannt­ lich wird die sinnliche Phantasie durch die Regelmäßigkeit des geschlecht­ lichen Verkehrs gemäßigt, ja fast unterdrückt; umgekehrt durch Enthalt­ ii

samkeit oder Unordnung im Verkehr entfesselt und wüst.“ Es liegen von Solon (ein Verkehr in zehn Tagen), Zoroaster (einmal in neun Tagen), Mohammed (einmal in acht Tagen), Luther und Albrecht v. Haller (zweimal in der Woche) u. a. zahlenmäßige Angaben über das, was als sexuelle Mäßig­ keit bezeichnet werden könnte, vor. Aber alle diese Ziffern können keinen wissenschaftlichen Wert beanspruchen, da sie weder die individuellen Ver­ schiedenheiten, noch die körperlich und seelisch so verwickelten Vorbe­ dingungen berücksichtigen, als deren Ergebnis uns eine sexuelle Handlung entgegentritt. Um dem Menschen als Geschlechtswesen mit unvoreingenommener Sachlichkeit gerecht zu werden, muß man sich eine richtige und deutliche Vorstellung darüber machen, daß das große kosmische Gesetz von der Erhaltung der Kraft, das für alles Körperliche und Geistige im gesamten Weltall gilt, auch für die geschlechtlichen Kräfte seine volle Gültigkeit hat. Liebe ist Umsetzung ruhender in lebendige Kraft. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft besagt, daß keine Kraft von selbst entsteht, und kein Stoff sich von allein bildet, daß vielmehr überall und immerfort eine Um­ wandlung ruhender in lebendige und lebendiger in ruhende Kräfte, ein un­ unterbrochener Stoffwechsel und Kraftwechsel stattfindet. Nimmt man die ruhenden und lebendigen Kräfte zusammen, so bleibt ihre Gesamtsumme stets die gleiche, so wie auch die Gesamtmenge der ineinander sich wandelnden Stoffe in ihrer verschiedenen Gestaltung (fest, flüssig, gasförmig etc.) stets die gleiche bleibt. Die Gesetzmäßigkeit, „der ewige Pulsschlag der Natur, der das Leben durch die Adern aller Welten treibt“, ist es, der auch im Manne und Weibe und in der Vereinigung beider im Menschen als Bruchteil des Ganzen mit­ schwingt. Nirgends jedoch, weder außer noch in uns, verläuft dieser Puls­ schlag in einer geraden Linie, sondern überall im rythmischen Takt von ruhender und bewegter Kraft. Auch wenn sich in unserem Körperhaushalt Ein- und Abfuhr im Gleichgewicht befinden, der gesamte Stoffwechsel ohne Störungen abläuft, ist niemals Gebrauch und Verbrauch der Kräfte auf gleich­ mäßiger Höhe, sondern stets folgen sich Wellenberg und Wellental; die Arbeit aller Organe wird durch Pausen unterbrochen, die eigentlich nur Samm­ lungen und Verhaltungen ruhender Kräfte sind. Nur ist dieser Lebensryth­ mus des in gesetzmäßiger Regelmäßigkeit verlaufenden Auf und Ab, Hoch und Nieder, von Tätigkeit und Ruhe, von Spannung und Nachlaß, Übung und Schonung, Zusammenziehung und Erschlaffung, von Behagen und Un­ behagen, Lust und Unlust an den verschiedenen Stellen unseres Körpers ein sehr verschiedener. So ist der Lebenstakt in der Herz- und Lungentätigkeit ein ganz anderer, als in den Ausscheidungsorganen (Nieren und Darm), ein anderer wiederum im Nervensystem und in den Geschlechtswerkzeugen. Jeder Teil in uns hat den ihm innewohnenden, hat s e i n e n Rythmus, aus 12

dessen harmonischem Zusammenklang die große und großartige Symphonie von Körper — Seele — Geschlecht ertönt. Hier zeigen sich denn auch die Wurzeln der Gründe, weshalb die zahlreichen Mittel und Methoden, auf irgend einem bestimmten Wege künstlich auf diesen harmonischen Zusam­ menklang einwirken zu wollen, in ihrer tatsächlichen Wirksamkeit nur einen relativen Wert haben können. Bevor wir auf alle die Fragen eingehen können, die mit der Beschaffen­ heit und Wirkungsweise der Aphrodisiaca Zusammenhängen, müssen wir im Rahmen unserer kurzen psycho-physiologischen Untersuchung des Ge­ schlechtstriebes noch auf einige derjenigen physikalischen und chemischen Veränderungen eingehen, die mit dem Kampf des Körpers gegen Krankheit und seiner Auswirkung auf das geschlechtliche Verlangen und Vermögen im hohen Grade einwirken, die den feinen körperlichen Sexualmechanismus stören, Trieb und Widerstand bald steigern, bald schwächen. Eigentlich müßte man eine Krankheit nach der andern untersuchen, um zu erörtern, welchen Einfluß sie auf das Geschlechtsleben haben kann. Das wäre ein gutes Thema für ein eigenes Buch. Hier können wir uns nur auf einige kurze An­ deutungen beschränken. Die meisten akuten Krankheiten setzen den Ge­ schlechtstrieb stark herunter. Es sind zwar verschiedentlich Fälle beobachtet worden, in denen von Männern im hohen Fieber oder mit heftigen Schmerzen der Coitus ausgeübt wurde. Doch das sind Ausnahmen. In der Rekonvales­ zenz nach fieberhaften Krankheiten kann man allerdings sehr oft von einer Steigerung der Geschlechtslust mit häufigen Pollutionen hören. Von mehr chronischen Krankheiten, welche die Geschlechtlichkeit nach­ teilig beeinflussen, seien Malaria, Zuckerkrankheit, Gallen- und Nierenleiden genannt. Es ist notwendig, daß in jedem Falle von Impotenz der Urin unter­ sucht wird, da Zucker und Gallenbestandteile im Blut oft die geschlechtlichen Bedürfnisse sehr herabsetzen und selbst aufheben. Es ist vorgekommen, daß diese Erkrankungen erst dadurch entdeckt wurden, indem die ausbleibende Geschlechtserregung sich dem Erkrankten als eine der ersten Erscheinungen bemerkbar machte. Seit langem ist bekannt, daß auch Fettleibigkeit sexueller Erregung ab­ träglich ist, und zwar nicht nur wegen äußerlicher mechanischer Erschwerung infolge Korpulenz. Es scheint vielmehr, daß in höheren Graden von Fett­ sucht die Verfettung des Herzens, der Leber und der Nieren schließlich auch den Hoden ergreift, und daß vor allen bei fetten Leuten Störungen der inneren Sekretion eintreten, die ein Nachlassen der Geschlechtslust herbeifuhren. Wie enge Beziehungen zwischen innerer Sekretion und Fettbildung bestehen, zeigt nicht nur der bei den meisten Frauen im Rückbildungsalter (den Wechseljahren) eintretende Fettansatz, sondern geht deutlich auch aus den Beobachtungen an Kastraten hervor; werden doch Tiere gerade zwecks Fettgewinnung verschnitten. Das Sprichwort: „Ein guter Hahn wird selten 13

fett“ weist darauf hin, daß diese Wechselwirkung im wesentlichen eine anta­ gonistische (d. h. sich einander bekämpfende, aufhebende) ist. Auf dem inneren Sexualchemismus beruht es auch, daß die verschie­ denen Erkrankungen der innersekretorischen Drüsen, wie die Basedow’sche (welche von der Schilddrüse) und die Addison’sche (welche von den Neben­ nieren ausgeht), sowie die Akromegalie (die von der Hypophyse, dem Himanhang abhängt), eine Verminderung des Geschlechtstriebes bis zum völligen Erlöschen zur Folge haben. Noch drei chronische Leiden seien erwähnt, die mit dem Sexualleben, namentlich mit dem Geschlechtstrieb und Geschlechtswillen in enger Ver­ bindung stehen: Syphilis, Krebs und Tuberkulose, wobei die Bedeutung, die ihnen auch in eugenischer Beziehung zukommt, im Rahmen dieser Dar­ stellung außer Betracht bleiben soll. Nicht nur die akute, floride Syphilis, sondern auch die spätsyphilitischen Erscheinungen, die Gehirnerweichung und Rückenmarkschwindsucht, erschüttern das Zentralnervensystem derart, daß die beklagenswerten Menschen, die von diesen Leiden befallen sind, hin­ sichtlich ihrer Triebbeherrschbarkeit nicht als vollwertig erachtet werden können. Auch die tiefgreifende Blutzersetzung, welche der Krebs, an welcher Stelle er auch seinen Sitz hat, im Gesamtorganismus hervorruft, die sogenannte „Krebskachexie“, vermindert das geschlechtliche Bedürfnis schon frühzeitig sehr stark und tötet es später völlig ab. Daß auch beim Krebs Verbindungen mit der Geschlechtsnatur des Menschen vorliegen, geht daraus hervor, daß es das Alter sexueller Rückbildung ist, in dem diese Krankheit vor allem auftritt, auch daraus, daß beim Weibe hauptsächlich die an der Fort­ pflanzung beteiligten Organe, Gebärmutter und Brüste, betroffen werden. Von der letzten der drei genannten Volksseuchen, der Tuberkulose, geht seit langem die Rede, daß sie auf den Geschlechtstrieb und die Potenz stei­ gernd, auf die sexuelle Widerstandsfähigkeit mindernd einwirkt. Da man bei Tuberkulösen bereits früher eine Vermehrung der Leydig’schen Zwischen­ zellen wahrgenommen hat, von denen man annimmt, daß sie hauptsächlich erotisierend wirken, hat man diese innersekretorische Ursache in erster Linie dafür verantwortlich zu machen gesucht. Es kommt aber sicherlich noch ein weiteres hinzu: der leicht manische, euphorische Erregungszustand (d. h. gesteigerte Lebhaftigkeit), der meisten Tuberkulösen, und vor allem die Tatsache, daß sie sich meist in dem blühenden Alter von 20 bis 30 befinden, das ja ohnehin für die Geschlechtlichkeit des Menschen einen Höhepunkt darstellt. Wie die manisch erhöhte Stimmungslage nicht nur bei den Tuberkulösen, sondern auch sonst die Geschlechtslust erhöht, so wird sie durch depressive Stimmungsschwankungen vermindert und zwar entsprechend dem Grade der Niedergeschlagenheit, sodaß sie bei Melancholikern geradezu als auf14

gehoben gelten kann. Diese tief „Verstimmten“ haben „keine Lust“ mehr — wie bezeichnend ist dieser Ausdruck und wie lebenswahr die Stelle, an der Shakespeare’s Hamlet seinen Freunden Rosenkranz und Güldenstem seine „Gemütslage“ schildert: „Ich habe seit kurzem, ich weiß nicht wodurch, alle meine Munterkeit eingebüßt um dann zu schließen: „Ich habe keine Lust am Manne — und am Weibe auch nicht, wie wohl ihr das durch Euer Lachen zu sagen scheint.“ Wir können in Bezug auf die antierotische Wirkung im Blute kreisender Toxine folgende Stufenleiter aufstellen. Am wenigsten stark, aber immer­ hin nicht unwesentlich, beeinflussen die Ermüdungsgifte den Geschlechts­ trieb und Geschlechtswillen, stärker die Krankheitsgifte, am stärksten die narkotischen Gifte, in deren verhängnisvolle Rauschwirkung der Mensch sich so häufig einschleicht, um das infolge sexueller Disharmonie aus dem harmo­ nischen Gleichgewicht gebrachte Nervensystem künstlich wieder ins Gleich­ gewicht zu bringen. Allen diesen Störungen ist gemeinsam, daß toxische Veränderungen in der Zusammensetzung des Blutes die sexuelle Hormon­ bildung mehr oder weniger behindern, wie überhaupt fast alle chemischen Stoffe, die der Körper nicht aus sich selbst heraus entwickelt, den Sexual­ chemismus und damit auch den Sexualmechanismus störend beeinflussen, in bald mehr akuter, bald mehr chronischer Wirksamkeit. Diese Feststellung erscheint uns im Rahmen dieser Darstellung über die geschlechtlichen Reizmittel von besonderer Bedeutung. So wenig die eben geschilderten Störungen des Geschlechtstriebes durch die landläufigen, im Inseratenteil der Presse angezeigten Aphrodisiaca geheilt werden können, sondern vielmehr der sorgfältigen Behandlung durch den Facharzt bedürfen, ebensowenig wird eine Besserung momentaner Störungen oder Ermüdungen des Geschlechtstriebes durch Genußmittel erreicht werden können, die viel­ mehr, wie zum Beispiel der Alkohol, trotz der anfänglichen gegenteiligen Wirkung, auf die Stärke des Geschlechtstriebes herabsetzend wirken. Wir verbinden deshalb mit unserer ausführlichen psychophysiologischen Dar­ stellung des Geschlechtstriebes und des Geschlechtswillens die eindringliche Warnung, in diesem Buche etwa Heilanweisungen zur Bekämpfung der Impo­ tenz zu suchen. Wir beschränken uns in dieser Darstellung vielmehr ausdrück­ lich auf jene Mittel und Verfahren, die der gesunde normale Mensch aus Gründen, die wir teils erklärten, teils noch erklären werden, zur Anwendung bringt und brachte. Bevor wir nun auf die Darstellung der Aphrodisiaca eingehen, möchten wir noch einmal kurz den Mechanismus der normalen Potenz knapp zu­ sammenfassen, wobei wir dem Schema folgen wollen, das der Leiter der Ab­ teilung für Potenzstörungen am Institut für Sexualwissenschaft, Dr. Bern­ hard Schapiro, ausarbeitete und das durch die beigefugten Tafeln näher erklärt wird. 15

Darnach setzt sich die normale Potenz zusammen aus: „ i. Libido (Geschlechtstrieb) 2. Erektion (Aufrichtung) 2. Ejakulation (Ausspritzung) 4. Orgasmus (Lusthöhe). Die Libido entsteht durch Ladung des Gehirns mit den Hormonen der Keimdrüse. Dabei ist eine bestimmte konstitutionelle Empfänglichkeit der Psyche für erotische Eindrücke Vorbedingung, doch geht diese ihrerseits mit einer ebenfalls konstitutionell bedingten geschlechtshormonalen Prägung einher. Die Erektion entsteht durch Prallfüllung der Schwellkörper (Corpora cavernosa) mit arteriellem Blut. Durch Erregung der parasympathischen Nervi engentes tritt nämlich eine Gefaßerweiterung der zufuhrenden Arterien ein und es erfolgt ein Ein­ strömen des Blutes in das Schwellkörpergewebe. Die Ejakulation und der Orgasmus werden ausgelöst durch Summation der Reize, die zur Erektion geführt haben. Die Ejakulation besteht aus zwei Phasen: a) der Kontraktion der glatten Muskulatur des Samenleiters, der Samen­ blase und der Prostata, wodurch der Samen in die hintere Harnröhre befördert wird, b) dem Herausstoßen des Samens von dort nach außen, — unterstützt durch Mm. ischio- und bulbocavernosi und der Mm. perinei transversi. Der Orgasmus wird während der ersten Phase der Ejakulation ausgelöst. Empfindungsbahnen, die von den Empfangsstellen der Reibungsreize und von der hinteren Harnröhre zur Körper-Fühlsphäre gehen, lassen diese Vor­ gänge der Peripherie im Zentrum als Wollust bewußt werden. Auch für diese Vorgänge, die dem Orgasmus zugrunde liegen, ist aber, wie für die Erektions- und Ejakulations Vorgänge, Voraussetzung die anato­ mische und physiologische Ausreifung = „Prägung“ der Organe, die durch den Hormonstrom von der Keimdrüse aus besorgt wird. Die Innervation des Potenzsystems ist sehr kompliziert, wir wollen sie hier nur streifen. Die Erektion kann auf dreierlei Weise entstehen: i. rein psychisch durch erotische Wahrnehmungen und Vorstellungen. Ausführungsbahnen sind Fasern vom Gehirn zu den Nn. engentes. Sie verlassen das Rückenmark im oberen Lendenmark. Bewiesen wird dies durch die Tatsache, daß bei Rückenmarksverletzungen un­ terhalb des Lendenmarks die Erektionsfähigkeit nicht beeinträchtigt ist, so reagieren zum Beispiel Hunde mit entsprechenden Rücken­ marksverletzungen schon ohne Berührung der Genitalien mit Erek­ tionen bei Annäherung einer Hündin; 16

2. reflektorisch durch Berührung der Genitalien. Dieser Reflex ist nur dann auslösbar, wenn das 2. und 3. Sakralsegment des Rückenmarks intakt ist. Auch wenn oberhalb dieser Segmente das Rückenmark zerstört ist, kann durch Friktion des Penis rein mechanisch eine Erek­ tion ausgelöst werden — im Gegensatz zur psychisch bedingten Erek­ tion, die dann unmöglich ist. Die Reflexbahn verläuft von den Genitalkörperchen der Glans penis durch den Nervus dorsalis penis und N. pudendus communis zum Erektionszentrum, von da durch den N. erigens. 3. Die dritte Entstehungsmöglichkeit ist die automatische vom Rücken­ mark unabhängige. Sie kommt zustande durch Füllung der Samenbläschen und der Harnblase (zum Beispiel morgendliche Erektion beim Erwachen). Das Zentrum hierfür ist in den sympathischen Ganglienzellen des Plexus hypogastricus zu suchen. Auch bei Unterbrechung ihrer spinalen Verbindung ist noch eine Erektion möglich. Die Ejakulation kommt auf reflektorischem Wege zustande. Der Sitz des spinalen Ejakulationszentrums wird im oberen Lumbalmark angenommen. Neuere Erfahrungen sprechen mehr für die Lokalisation im zweiten Sakral­ segment. Auch bei der Ejakulation sind die sympathischen Ganglienzellen des Plexus hypogastricus beteiligt. Nach dieser Vorbemerkung über die einzelnen Komponenten der Potenz möchten wir sie nun als Ganzes behandeln. Vom psycho-dynamischen Gesichtspunkte betrachtet, imponiert sie als Resultierende aus Ladung und Widerstand. Die Ladung besteht darin, daß die Keimdrüsenhormone die Sexual­ zentren im Gehirn und Rückenmark und die autonome Peripherie (Sexual­ ganglien, Erektions- und Ejakulationsmuskulatur, Sekretdrüsen des Genitals usw.) in einen Spannungszustand versetzen, „ionisieren“, „erotisieren“. Durch solche hormonale Prägung entsteht auch die anatomisch-gestaltliche Ausreifung — Prägung des gesamten Geschlechtsapparates. Ladungs­ bedingend ist das Ionengleichgewicht (bes. Kalium- bezw. Kalzium-Ionen), also der Konzentrationsgrad anorganischer Salze im Gewebe. Außerdem kommt auch dem vegetativen System als Regulator und Regulationsempfänger der Ionen-Konzentration Bedeutung für den Ladungsgrad zu; ferner hängt die individuelle Ladung von der konstitutionellen Struktur der Psyche ab. Den Widerstand bildet alles das, was den Ablauf der Sexualvorgänge er­ schwert. An erster Stelle sind das Bahnungs-, Ladungs- und Entladungs­ hemmungen vom Zentrum bis zur Peripherie, darunter vorwiegend auch psychische Hemmungen; so ist zum Beispiel der jeweilige seelische Zustand — die „Stimmung“ — ein wichtiger Widerstandsfaktor. “— 2

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Berücksichtigt man den hier schlagwortartig aufgezeigten, immerhin kom­ plizierten Verlauf von der Anregung der Libido bis zum Orgasmus, so erscheint es begreiflich, daß der Begriff des Aphrodisiacums durchaus nicht so klar liegt, wie es erscheinen könnte, wenn man seiner Erklärung die kurzen Mittei­ lungen des „Wörterbuches“ zugrunde legen würde. Freilich versteht man unter einem Aphrodisiacum ein Mittel, das den Geschlechtstrieb anregt bezw. steigert (das Wort wird hergeleitet von der griechischen Liebesgöttin Aphro­ dite). Aber die Anregung kann auf verschiedenste Weise erfolgen. Deshalb wird man entsprechend dem angestrebten Erfolg zwischen physiologischen und psychologischen Reizmitteln und ihren Kombinationen unterscheiden müssen. Zu den physiologischen Reizmitteln rechnen wir einmal die Lebens­ und Genußmittel, ferner die Bäder, Gerüche, Salben und Räucherungen, dann die Pflanzenstoffe, die tierischen Stoffe und bis zu einem gewissen Grade auch die Organpräparate, die allerdings, da sie weniger zur Steigerung des Geschlechtstriebes, als vielmehr zur Behandlung von Ausfallserscheinungen, insbesondere zur Bekämpfung der Impotenz, dienen, in dieser Darstellung nur gestreift werden können. Zu den physiologischen Reizmitteln sind ferner außer den mechanischen (Instrumenten und Massagen) auch die Strahlen und Ströme zu rechnen. Zu den psychologischen Reizmitteln gehört das ge­ schriebene und gesprochene Wort, sowie die Musik; ferner bildliche Dar­ stellungen und bestimmte suggestive und hypnotische Einflüsse auf die Psyche des Menschen. Interessant ist übrigens, daß der türkische Heilkundige Omer Haleby (nach Stern) die Aphrodisiaca nach „einfachen“ und „komplizierten“ einteilt. „Die einen dienen dazu, um auf den Coitus vorzubereiten, die anderen dazu, um den Coitus zu beruhigen und die verbrauchte Kraft neu zu heben. Der Gebrauch der ersteren stammt direkt von Mohammed; die anderen wurden von Traditionisten und erfahrenen Hodschas empfohlen.“ Wir nehmen davon Abstand, neben den Erektionsmitteln auch noch Regenerationsmittel aufzuführen, da die letzteren hauptsächlich in einer vernunftgemäßen Lebens­ weise und vitaminreicher Nahrung gesucht werden müssen. Sorgfältig müssen wir von allen denjenigen Reizmitteln absehen, die nicht für den durchschnittlich normalen sondern hauptsächlich psychopatholo­ gischen Menschen von Bedeutung sind. Dieses ist umso wichtiger, als z. B. eine französische Monographie über dieses Thema, „Les Aphrodisiaques“, nicht nur die von uns oben genannten Reizmittel der normalen, sondern auch der abnormen Sexualsphäre aufzählt. Alle die zahlreichen Instrumente und Praktiken, die für die fetischistische oder algolagnistische Geschlechtsbetä­ tigung von Belang sind, gehören in das Bereich der Sexualpsychopathologie und müssen aus der Behandlung der landläufigen geschlechtlichen Reizmittel ausscheiden. Es wäre zu überlegen, ob auch geschlechtliche Ersatzmittel in eine Dar­ stellung geschlechtlicher Reizmittel einzubeziehen sind. Es unterliegt keinem 18

Zweifel, daß sehr oft Menschen infolge erzwungener sexueller Abstinenz zu Befriedigungsarten oder Befriedigungsmöglichkeiten greifen, um sich eine geschlechtliche Entspannung zu verschaffen. Wir sind der Ansicht, daß auch gewisse ipsatorische Sexualhandlungen in diese Darstellung, soweit es an­ gängig und möglich ist, einbezogen werden müssen, weil jede Sexualhandlung, gleichgültig ob sie solitär oder mutuell ausgeübt wird, den Zweck ver­ folgt, sich durch bestimmte Sexualreize Lustgewinn zu verschaffen. Es kom­ men selbstverständlich aber nur solche Praktiken zur Darstellung, die nicht in das Gebiet des pathologischen gehören, wobei nebenher darauf hingewiesen werden muß, daß auch hier die Grenzen zwischen normalen und anormalen Erscheinungen des Geschlechtslebens durchaus fließende sind. Das charakte­ risiert vielleicht jenes merkwürdige Zitat aus einem Briefe Goethes an Chri­ stiane Vulpius vom 14. Juli 1803 am besten, in dem es heißt: „Schicke mir mit nächster Gelegenheit Deine letzten, neuen, schon durchgetanzten Schuhe, von denen Du mir schreibst, daß ich nur wieder etwas von Dir habe und an mein Herz drücken kann . . . . “ Man wird hier sicher nicht von „Schuhfetischismus“ bei Goethe sprechen dürfen, aber für unsere Darstellung ist diese Mitteilung Goethes doch insofern bezeichnend, als sie zeigt, daß die Tanzschuhe der Geschlechtspersönlichkeit Goethes doch eine „Anregung“ gegeben haben. Übrigens ist es interessant, daß Birnbaum in seiner ausgezeichneten Darstel­ lung „Psychopathologischer Dokumente“ in diesem Zusammenhang von einer „abseits gerichteten sexualpsychischen E p i s o d e “ spricht und fest­ stellt: „Der Vierundfünfzigjährige (Goethe) fühlt das Bedürfnis nach einem Fetisch, als Ersatz für die langjährig entbehrte Liebes- und Ehegefahrtin.“ Vielleicht zeigt gerade dies Beispiel, wie relativ der Begriff der „Anregung“ aufzufassen ist. Ohne deshalb alle die Mittel und Methoden aufzählen zu wollen, die bei der solitären Ipsation zur Anwendung kommen, halten wir es doch für notwendig, auf die Verfahren einzugehen, die bei der mutuellen Ipsation angewandt werden. Wir denken hier z. B. an ein mechanisches Reizmittel wie den Godemiche, der sehr oft zur solitären Befriedigung be­ nutzt wird; wir wissen aber auch, daß er als Godemiche und in seiner Abart als „Biphallus“ sicher ebensooft auch im lesbischen Verkehr gebraucht wird. Was also in einem Falle sicher nur als Ipsationsinstrument dient, dient im anderen Falle zwei Menschen zur „Anregung und Steigerung des Geschlechts­ triebes“. Bereits an dieser Stelle müssen wir auch darauf hinweisen, daß unsere Arbeit schließlich eine ganze Reihe von Pflanzen, Tieren und Stoffen aufzählt, denen eine geschlechtliche Reizwirkung zugeschrieben wird oder zugeschrieben worden ist, obwohl solche Behauptungen vor der wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten. Das hat seine Ursache in einem merkwürdigen Irrtum, der in der Heilmittellehre des Mittelalters auftauchte, und der besagte, daß von Form, Farbe, Geschmack und Geruch der Heil m i t t e l auf die Heil w i r 2'

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k u n g zu schließen sei. Dem Motiv der „Signatura plantarum“ liegt der Sinn zugrunde, daß die Form der vollkommenste Ausdruck der Funktionen sei, oder, wie sich Paracelsus ausdrückt: „Der Corpus und sein Amt ist ein Ding“, womit er meinte, daß Bau und Funktion im Einklang stehen müsse. Das wurde verkehrt, weil der Sinn mißverstanden wurde und weil Pflanze, Tier oder irgend ein anderer Stoff in ihrer Wirkung nicht auf sich selbst, sondern auf den Menschen bezogen wurden. Das nahm sich bei den Pflanzen beispielsweise so au s: Pflanzensäfte, die nach Sperma oder Vaginalsekreten rochen, Düfte, die den menschlichen Caprylgerüchen ähnlich waren, pflanzliche Gestaltungen, die bei einiger Fantasie den Eindruck eines Menschen oder wenigstens eines Menschen­ teiles, wie Penis oder Vulva, machen konnten, — sie alle wurden sofort in Beziehung zum menschlichen Geschlechtsleben gesetzt und im Volke ver­ breitete sich der Aberglaube, daß diese Pflanzen wegen ihres Aussehens, Ge­ ruchs oder Geschmacks auf das Geschlechtsleben stimulierend wirken müßten. Nicht anders war es bei den Tieren. Die Lebendigkeit eines Lebewesens, starker Begattungsdrang, besonders heftige Brunstzeit, bestimmte Gerüche u. a. m. verbürgten den besonderen Wert des Tieres oder eines Teiles des Tieres als Aphrodisiacum. Hier hat der Instinkt des Volkes übrigens manch­ mal das richtige getroffen. Stierhodenextrakte spielen in der modernen Thera­ pie auch heute noch eine Rolle, während andererseits natürlich auch harmlose Tiere, ohne jede spezifische Wirkung auf den Sexualapparat, mangelnder Naturerkenntnis des Menschen zum Opfer fielen. Sehr oft wurde auch die spezielle Arzneiwirkung eines tierischen Bestandteils bei gewissen Krank­ heiten ohne weiteres auch auf die Behandlung der Impotenz ausgedehnt. Wir zählen, soweit angängig, diese tierischen und Pflanzenstoffe auf, um der irrigen Meinung, es handle sich um geschlechtliche Reizmittel, entgegen­ zutreten. Soweit es am Platze, werden wir auch versuchen, die Ursache aufzuklären, weshalb gerade dieses Tier oder jene Pflanze in den Verdacht kamen, erotisierend zu wirken. Über die Wirkungsweise der Aphrodisiaca findet man verhältnismäßig recht häufig ganz irrige Darstellungen. Sehr häufig wird die Ansicht vertreten, daß etwa sofort nach Genuß des betreffenden Agens eine Steigerung der Ge­ schlechtslust eintritt, wobei oft nicht berücksichtigt wird, daß es kompli­ zierter Wirkungsverhältnisse bedarf, um die Anregung oder Steigerung der Geschlechtsfunktionen zu erreichen. Die Wirkungsweise der Aphrodisiaca kann, wie nach unseren vorhergehenden Erklärungen ohne weiteres klar wird, nach psychologischer und physiologischer Seite hin erfolgen. Sehr oft ist sowohl eine psychologische wie physiologische Funktion des Aphrodisiacums festzustellen. Die psychologische Wirkungsweise tritt einerseits durch sexuelle Asso­ ziationen in Erscheinung, die durch das Aphrodisiacum im Zentralnerven20

System hervorgerufen, bezw. angeregt werden, andererseits ergänzen sie die Wirkung durch Aufhebung des Triebwiderstandes (Enthemmung), wie oben ausführlich angeführt. Ein bestimmter Rauschzustand, sagen wir der des Alkohols oder Kokains, bewirkt, abgesehen vom physiologischen, eine schein­ bare Funktionserhöhung des Denkmechanismus und eine erhöhte Bereitschaft für erotische Sensationen. Wird von außen her noch die Denksphäre ganz besonders auf das geschlechtliche hingelenkt — vielleicht durch Zoten, Witze und dergleichen—, so ist der Antrieb für eine Steigerung der Geschlechts­ funktionen natürlich umso größer. Hierzu tritt in vielen Fällen die physio­ logische Wirkung des Aphrodisiacums, die die psychische Einwirkung auf die Fantasie durch entsprechende Reaktionen auf den Körper weiter verstärkt. Die meisten Aphrodisiaca beeinflussen in allererster Linie den Blutkreislauf: wir finden eine intensive Gefaßerweiterung, eine verstärkte Durchblutung er­ schöpfter Nervengebiete und eine besondere Steigerung der Reflexerregbar­ keit des die Geschlechtsorgane innervierenden Sakralmarks. Die Folge davon kann sich einmal darin äußern, daß die Reaktion auf den Blutkreislauf auf die Emährungsverhältnisse zurückwirkt, sodaß ein gesteigerter Übergang von wertvollem Aufbaumaterial aus dem Blut in die Gewebe erfolgen kann. Dann aber kann die physiologische Wirkung des Aphrodisiacums in einer aus­ gesprochenen Reizwirkung bestehen, in dem nämlich z. B. die Harnwege durch bestimmte Agenzien angegriffen und dadurch offensichtliche Reiz­ wirkungen hervorgerufen werden. Wir erinnern hier an die Kanthariden, deren Reaktion es unter Umständen nicht nur bei einer Reizung bewenden läßt, sondern die schwere unter Umständen sogar tötliche Entzündungen hervorruft. Schwächere Reizungen bewirken eine rein mechanische Erregung des Geschlechtsapparates, die sich beim Manne in chronischer Gliedsteife äußert und weit über den erwünschten Erfolg hinaus zu einem lästigen Pria­ pismus führen kann. — Über die zahlreichen Gründe, die, abgesehen von Erscheinungen der Impotenz, den Menschen veranlassen können, geschlechtliche Reizmittel an­ zuwenden, ist schon einleitend einiges gesagt worden. Menschen, die geistig oder körperlich angestrengt tätig sind und die aus irgendwelchen Gründen unter allen Umständen ihre Potenz demonstrieren wollen, benutzen Aphro­ disiaca. Von anderen psychischen Momenten spielen Sorgen verschiedenster Art oder irgendwelche Hemmungen unter Umständen eine einflußreiche Rolle, die dem Betreffenden die Anwendung eines Reizmittels angezeigt er­ scheinen lassen. Man soll nicht annehmen, daß z. B. sexuelles Lampenfieber, Hemmungen verschiedenster Art so selten wären. Gerade weil sie so häufig sind, stehen ja die Aphrodisiaca in so hohem Ansehen. Man braucht nur die schöne Lite­ ratur zu durchblättern, um die zahllosen Schilderungen zur Kenntnis zu nehmen, die den Seelenzustand des unglücklichen Liebhabers darstellen in 21

dem Moment, in dem er sich der Angebeteten nähern will. Goethe schildert das in seinem Tagebuch 1810: „Und wie ich Mund und Aug und Stirne küßte, so war ich doch in wunderbarer Lage: denn der so hitzig sonst den Meister spielet, weicht schülerhaft zurück und abgekühlet — Und an die Wand gedrückt, gequetscht zur Hölle, ohnmächtig jener, dem sie nichts verw ehrte------verfluchter Knecht, wie unerwecklich liegst du! und deinen Herrn ums schönste Glück betrügst du. Doch Meister Iste hat nun seine Grillen und läßt sich nicht befehlen noch verachten, auf einmal ist er da und ganz im Stillen erhebt er sich zu allen seinen Trachten.“ Frigide Naturen greifen nicht selten zum Aphrodisiacum aus wirtschaft­ lichen Gründen. Wir denken hierbei an die zahlreichen „Verstandesehen“, in denen z. B. dem Ehemann die Ehefrau sexuell gleichgültig ist, in denen aber vielleicht Erbaussichten die Zeugung eines Kindes erwünscht erscheinen lassen. Körperliche Unvollkommenheit ist in solchen Fällen keineswegs so selten der Anlaß, um zu künstlichen Reizmitteln zu greifen. Auch ist uns verschiedent­ lich von Homosexuellen berichtet worden, daß sie angenommen haben, durch die ihnen angebotenen Mittel gegen „Männerschwäche“ den Irrtum der Ehe­ schließung korrigieren zu können. Zu den merkwürdigen Gründen, Anregungsmittel für die geschlechtliche Sphäre zu benutzen, gehören natürlich auch eine ganze Reihe von abergläu­ bischen Vorstellungen. Die Bekämpfung magischer Einflüsse bei Verrichtung bestimmter Arbeiten ist sehr oft durch Anwendung geschlechtlicher Schutzund Reizmittel ausgeglichen worden. So berichtet Wigman, daß zum Beispiel in Schweden ein Mann nicht im Webesaal sein darf, wenn das Gewebe vom Stuhl genommen wird; „denn dadurch würde er etwas von seiner Männlich­ keit verlieren.“ Solche und ähnliche Vorstellungen finden wir weit verbreitet und sie waren in früheren Zeiten sicher oft der Anlaß, bestimmte Liebes­ mittel anzuwenden. Diese Gründe, Hilfsmittel zu gebrauchen, um einerseits den Reiz zu steigern, andererseits sich vor Gefahren zu schützen, werden mit gewissen reli­ giösen Vorstellungen begründet. So finden wir bei den Orientalen den Glauben, daß während des Geschlechtsverkehrs böse Geister in den Genitalapparat der Frau einzudringen versuchen. Sie beeinträchtigen nicht nur den Coitus, son22

dem wollen auch dem Embryo schaden. Um sich vor beidem zu schützen, wendet man Mittel an, die teils eine symbolische Bedeutung besitzen, teils auf den Genitalapparat eine stimulierende Einwirkung haben. Es werden sogar bestimmte religiöse Formeln für den Coitus vorgeschrieben und Omer Haleby führt über den Grund in „El Ktab“ folgendes aus: „Der Coitus ist vom Schöpfer angeordnet und daher der Schlüssel zum Gewölbe der Natur; er werde ausgeübt wie ein Lobgesang auf den allmächtigen Gott, den Fruchtbarmachenden. Aber er ist auch die Konzentration aller Angriffe des Scheitan, dessen Aufgabe es ist, sich in die Trunkenheit und die Freuden der Menschen einzudrängen, um d i e R e i n h e i t d i e s e r G e n ü s s e zu trüben und ihre himmlischen Zwecke zu verunstalten. Dadurch erklärt sich der „unregelmäßige Coitus“ und die Störung in den Geschlechtsorganen ........... “ Omer Haleby will damit sagen, „daß im Momente des Eindringens des Mannes in die Frau die Dschinnen und bösen Geister ebenfalls in die Gebärmutter zu gelangen trachten, um die Kinder krank oder zu Mißgeburten oder zu moralisch verkommenen Wesen zu machen“. Deshalb soll man den Coitus mit einem Segensspruche einleiten und im Momente des Samenergusses abermals Gottes Namen anrufen. Ähnlich sagt der Scheich Dschellaleddin Abu Soleiman Daud: „Im Momente, da man den Coitus beginnt, ist es gut und löblich zu sagen: „Bismillah“. Gleichzeitig aber wurden Salben oder Tränke angewendet, um die durch solche Maßnahmen vom Geschlechts­ verkehr abgelenkte Aufmerksamkeit durch eine erhöhte Reizwirkung im Genitalapparat auszugleichen. Das indische „Anangaranga“, der „Duftende Garten“ des arabischen Scheich Nefzaui, der Islame Omer Haleby u. a. geben zahllose Rezepte dieser Art, auf die wir später noch gelegentlich eingehen werden. Ein anderer Grund, geschlechtliche Reizmittel zu gebrauchen, ist bei Völkern festzustellen, bei denen gewisse Bräuche vorschreiben, den Coitus zu einer ganz bestimmten Zeit zu vollziehen. Um der Sitte in jedem Falle zu genügen, nahm man dann seine Zuflucht zu künstlichen Reizmitteln. Für die Verpflichtung z. B. aus Anlaß bestimmter Feste zu coitieren, wollen wir nur ein Beispiel anführen. So berichtet Pedro de Villagomez, Erzbischof von Lima, daß im alten Peru ein Fest gefeiert wurde, Ende Dezember, wenn die Früchte des Pal’tay reiften. Es begann mit einem fünftägigen Fasten, das nur in der Enthaltung von rotem Pfeffer und in sexueller Abstinenz be­ stand. Während des Fastens trafen sich aber Männer und Weiber völlig nackt an einer bestimmten Stelle in den Obstgärten. Auf ein gegebenes Zeichen begann dann ein Wettlauf nach einem entfernten Hügel. Jeder Mann, der dabei ein Weib einholte, war verpflichtet, sofort in geschlechtlichen Verkehr mit ihr zu treten. Dieses Fest dauerte 6 Tage und 6 Nächte. (Vgl. Tschudi, Beiträge zur Kenntnis des alten Peru, Wien 1891.) Eine weitere beträchtliche Rolle spielen alle die moralischen und reli23

giösen Vorschriften, die dem Gläubigen vorschreiben, innerhalb einer ge­ wissen Zeit geschlechtlich zu verkehren. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß solche Vorschriften sehr oft wörtlich befolgt worden sind. Der Talmud schreibt für gewisse Fälle zum Beispiel vor, täglich einmal zu coitieren, und es kann durchaus angenommen werden, daß Menschen hier und da zu künst­ lichen Reizmitteln gegriffen haben, um den Weisungen der Kirche gerecht zu werden. Das geht auch daraus hervor, daß die Rabbiner des Talmud Heilmittel (Pocula sterilium) angeben, um die Unfruchtbarkeit zu bekämpfen. Die Mittel hatten im wesentlichen einen Einfluß auf die Menstruation, denn man war der Ansicht, daß das Ausbleiben der monatlichen Blutung ohne Vorliegen einer Schwangerschaft die Ursache für die Unfähigkeit zur Be­ fruchtung sei, und alle Mittel gegen Unfruchtbarkeit und für Anregung der geschlechtlichen Betätigung liefen auf eine Korrektion der Menses hinaus. Diese Ansicht findet man übrigens, wie Ploß-Bartels sehr richtig hervorhebt, halb bewußt und halb unbewußt bei vielen anderen Völkern der Erde. Zu diesen religiösen Vorschriften über die Zahl der geschlechtlichen Vereinigungen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes berichtet Abu Horeirah, daß der Prophet Mohammed sich beim Engel Gabriel darüber beklagte, daß er nicht genügend den Beischlaf vollziehen könne, weshalb ihm der Erz­ engel eine besondere Speise empfahl, über die wir an anderer Stelle berichten. Übrigens wird diese Erzählung von anderen bezweifelt, denn die Lieblings­ frau Mohammeds soll erklärt haben: „Die Natur des heiligen Propheten war stark wie die heilige Natur des Koran.“ Sehr merkwürdig ist, daß Omer Haleby der Ansicht des Abu Horeirah ist. Er weiß auch, die Notwendigkeit Mohammeds, geschlechtliche Reizmittel zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes zu benutzen, sehr anschaulich zu begründen: „Man be­ denke, daß der Prophet doch auch nur ein Mensch war; man bedenke seine angestrengte, tägliche Tätigkeit, man bedenke die endlosen Verführungen, denen er bei seinen vielen Frauen und bei all seinen Sklavinnen ausgesetzt war. Denn sie alle ■wünschten begreiflich, die Ehre zu haben, mit dem Ge­ sandten Gottes zu schlafen. Wenn man das alles bedenkt, muß man zugestehen, daß die Erzählung des ehrenwerten Abu Horeirah nur natürlich ist; sie zeigt uns blos, daß Mohammed mehr Kraft von Gott begehrte, um allen Bedürf­ nissen seiner hohen Stellung gnädig und voll entsprechen zu können.“ Ein Grund zu geschlechtlichen Reizmitteln zu greifen, ist gerade im Vorhandensein von Eheverhältnissen zu erblicken, die an die Potenz des Mannes besondere Anforderungen stellen. So weist zum Beispiel Stern darauf hin, und hier ist ihm sicher zuzustimmen, daß einem Orientalen, der mit mehreren Frauen zusammenlebt, nichts unangenehmeres passieren kann, als das, „welches ihn auf eine Stufe mit seinen Eunuchen stellt. Er bringt deshalb jedes Opfer und zahlt selbst drei Pfund für ein Pülverchen, wenn ihm dadurch die Hoffnung winkt, seine Kräfte wieder stärken zu können.“ 24

Es wäre aber irrig, im Vollziehen des Geschlechtsverkehrs in diesen Fällen immer nur die notgedrungene Pflicht zu sehen, eine Körperfunktion auszuüben. Tatsächlich versuchen Albernheit und, wenn man so sagen darf, sexueller Snobismus, den Akt der Beiwohnung mit der Defakation zu ver­ gleichen. Sie begreifen nicht, daß der Orgasmus schließlich nur die letzte Sprosse auf der Leiter der Steigerung des Geschlechtstriebes sein soll. Darum erscheint es auch vielen so unbegreiflich, daß es zu allen Zeiten und bei allen Völkern Menschen gegeben hat, die das letzte, was der Geschlechtstrieb zu geben vermag, als den größten Lustgewinn nicht nur etwa hinauszuschieben, sondern auch noch weiter zu steigern versuchten. Die Erruption des Orgas­ mus konnte nie gewaltig genug sein und die ganze „ars amandi“ der Antike läuft darauf hinaus, den Weg zum Orgasmus über die Norm hinaus zu verlängern. Wer die Liebeskunst am besten beherrschte, der war für den Liebes­ genuß am meisten begehrt. Und deshalb konnte Demosthenes auch sagen: „Wir nehmen uns Frauen, um rechtschaffene Kinder zu zeugen, Beischläfe­ rinnen, um gute Pflege zu haben, und Hetären, um die Liebe zu genießen.“ Ein sehr merkwürdiger Grund, ein Liebesmittel zu benutzen, soll durch die Eifersucht gegeben worden sein. So erzählt man, daß eine eifersüchtige Geliebte (oder gar die eigene Frau Lucila) dem römischen Dichter Lucrez, dem Verfasser des Buches „Über die Natur der Dinge“, einen Liebestrank gegeben habe, um seine Neigungen wieder zu gewinnen. Lucrez ist an dem „Liebestrank“ zugrunde gegangen. Theokrit erzählt ähnliches mit den Worten: „Hat nicht andere Lust er gesucht und unser vergessen? Jetzt nun mit Liebestränken umfang ich ihn. Aber wofern er Mehr mich betrübt — bei den Moiren! An des Hades Tor soll er klopfen! Solch ein verderblich Gift bewahr ich ihm, mein’ ich, im Kästlein, Wie ein assyrischer Fremdling, o Herrscherin, mich es gelehrt.“ Für die Griechen waren die zur höchsten Vollkommenheit entwickelten sexuellen Fähigkeiten von allergrößter Bedeutung. Das erklärt dann auch die Sage, wenn Herakleides Pontikos von einem gewissen Deinias erzählt, dieser habe sich aus Trauer über das Erlöschen seiner Potenz die Genitalien abgeschnitten. Die geschlechtliche Potenz des Mannes bildete zu allen Zeiten Gegen­ stand besonderer Fürsorge und je mehr sie gesteigert werden konnte, desto höher wurde sie eingeschätzt. Hier liefert die „gute alte Zeit“ so manches bemerkenswerte Beispiel dafür, sodaß alles das, was für die besondere „Zucht und Sitte“ der Vergangenheit angeführt wird (womöglich noch in Verbindung mit dem den Kenner der Historie allmählich anödenden Schlagwort der „sittlichen Verwahrlosung der heutigen Zeit“), ein wesentlich anderes Gesicht erhält, wenn man die unzweideutigen Äußerungen mittelalterlicher Text- und Liederbücher sprechen läßt. So zeigt ein Vers aus dem Liederbuch 25

der Klara Hätzlerin, daß gerade das geschlechtliche Vermögen am Manne am meisten geschätzt wurde: „No: du solt sein Ob dem tisch ein Adler, Vf dem veld ain leo, Vf der gassen ein phaw, In der kirchen ein lamb, In dem pett ain Aff!“ Versagte aber der Ehemann, so kannte das Mittelalter merkwürdige Bräuche, auf die wir hier nur kurz eingehen können, und es scheint nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein, daß die Ausbreitung von Liebeszauber und Liebesmitteln auch dadurch befördert wurde, daß im frühen Mittelalter ihre Anwendung für den Fall des Versagens des Ehemannes bei der geschlecht­ lichen Beiwohnung vorgesehen war. War der Ehemann nicht in der Lage, den Beischlaf zu vollziehen, so konnte er einen Stellvertreter bestimmen. Übrigens kennt unsere Kulturgeschichte keine Beweise, daß diese seltsamen Bräuche in jedem Falle zur Anwendung gekommen sind; es seien denn die Sagen und Traditionen der Bauernweistümer, von denen wir einige der Bestimmungen mittcilen möchten, über die Grimm berichtet. Die Hattinger Landfeste aus dem Amt Blenkenstein, das Bochumer Landrecht, das Wendthager Bauernrecht und das Benker Heidenrecht besagen: „Frage: Wenn ein Ehemann seiner Frau ihre Hege und Pflege nicht tun könnte, da sie mit zufrieden wäre, (wie) ers anfangen sollte, daß sie ihre Pflege haben möchte? Antwort: Der soll seine Frau auf den Rücken nehmen und über einen neunahrigen Zaun (neun Zäune weiter) tragen, und so er sie darüber kriegt, soll er die Frau an einen schaffen, der ihr ihre Pflege tun kann, da sie mit zufrieden ist“. (Bestimmung des Bauernrechts von Wendthagen in Schaum­ burg.) In der Hattinger Landfeste soll „der Mann die Frau sachte auf seinem Rücken über neun Grenzzäune tragen und sie ohne Stoßen, Schlagen und Werfen sanft nieder setzen. Dann hat er sie dem Nachbar anzubieten. „Of sine naebur dat niet doen wolden of künden“, sollte er sie zur nächsten Kirch­ weih senden, sauber ausgestattet, mit einem goldbestickten Beutel geschmückt, „dat (sie) seift wat gwerven (ausgeben) künde; kumpt sie dannoch wider ungeholpen, so help ör dar der duifel!“ Noch drastischer lautet der § 52 des Bochumer Landrechts: „Item ein man, der ein echtes Weib hat und ihr an ihren fraulichen Rechten nicht genug helfen kan, der soll sie seinem Nachbar bringen und könte derselbe ihr dan nicht gnug helfen, sol er sie sachte und sanft aufnehmen und thun ihr nicht wehe und halten sie daselbst fünf Uhren lang und rufen wapen! das ime die Leut zu Hülfe körnen und kan man ihr demach nichts helfen, so sol er sie sachte und sanft aufnehmen und setzen sie 26

sachte darnieder und thun ihr nicht wehe und geben ihr ein neu Kleid und einen beutel mit Zehrgeld und senden sie auf ein Jahrmarkt und kan man ihr alsdann noch nicht genug helfe so helfe ihr tausend düfel1“ Eine andere Ursache der ausgedehnten Anwendung von geschlechtlichen Reizmitteln war in vergangener Zeit sicherlich auch der merkwürdige Brauch, daß der Ehegatte coram publico seine Geschlechtsfahigkeit beweisen mußte. Dieser Brauch, der von französischen Gerichten Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt wurde, schrieb vor, daß beide Ehegatten sich am Tage in ein Bett legen mußten, an dem Ärzte, Hebammen etc. als Sachverständige assistierten. Die Vorhänge wurden zugezogen und der Ehegatte hatte den Beweis zu führen, daß er seinen ehelichen Verpflichtungen auch nachkommen konnte. Für den Versuch waren ihm ein bis zwei Stunden gegeben und den Sachverständigen stand es frei, sich über den Stand der Dinge zu unterrichten. Uber das Er­ gebnis wurde ein Protokoll angefertigt. Es wundert uns nicht weiter, daß diese „Eheprobe“ nicht selten imbefriedigend verlief, denn die Situation war doch immerhin so prekär, daß ein Versagen eines oder beider Gatten für unsere heutigen Begriffe erklärlich ist. So lag es nahe, durch künstliche Mittel den Geschlechtsreiz zu steigern und die berüchtigten Kanthariden haben nur zu oft dabei eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Übrigens begann schon bei der Eheprobe, sehr oft von Seiten der Damenwelt, die Intrige, sich des uner­ wünschten Ehegatten ein für alle Mal zu entledigen, und auch das Anaphrodisiäcum mag hier seine Wirkung nicht verfehlt haben. Das beweist jedenfalls, daß zum Beispiel die Ehe eines Fräuleins von Courtomer mit dem Marquis von Langey nach der Probe für nichtig erklärt wurde. Langey heiratete die Mademoiselle Noailles, die ihm später sieben Kinder schenkte. Die Made­ moiselle von Courtomer gebar ihrem späteren Gatten drei Töchter! Das dürfte die Situation hinreichend kennzeichnen. Erst im Jahre 1677 wurde die Beiwohnung unter Zeugen abgeschafft. Eine andere Ursache, durch künstliche Mittel die Potenz zu steigern, ist in den zahlreichen Wetten über Beweise einer besonderen Potenz begründet, wie sie uns aus dem Mittelalter, aber auch aus der Gegenwart berichtet werden. Man denke nur an die animierten Stammtischrunden gewisser Studentenkreise der Vorkriegszeit, bei denen neben der Zote vor allen Dingen Prahlereien über die sexuelle Leistungsfähigkeit besonders im Umlauf waren. An irgend­ eine Übertreibung schloß sich dann eine Wette an, und es ist verschiedentlich vorgekommen, daß der Wettende seiner im Trunk eingegangenen Verpflich­ tung im Bordell nachkam, um vor Zeugen die Zahl der möglichen Beiwoh­ nungen zu erweisen. Von einem ähnlichen Brauch berichtet uns Burcardus in seinem Tagebuch über „Alexander VI. und seinen Hof“. Da heißt es: „Am Abend des letzten Oktober 1501 veranstaltete Cesare Borgia in seinem Gemach im Vatikan ein Gelage mit 50 ehrbaren Dirnen, Kurtisanen genannt, die nach dem Mahle mit den Dienern und den anderen Anwesenden tanzten, 27

zuerst in ihren Kleidern, dann nackt. Nach dem Mahl wurden die Tisch­ leuchter mit den brennenden Kerzen auf den Boden gestellt, und ringsherum Kastanien gestreut, die die nackten Dirnen auf Händen und Füßen zwischen den Leuchtern durchkriechend aufsammelten, wobei der Papst, Cesare und seine Schwester Lukretia zuschauten. Schließlich wurden Preise ausgesetzt, seidene Überröcke, Schuhe, Barette u. a. für die, welche mit den Dirnen am öftesten den Akt vollziehen könnten. Das Schauspiel fand hier im Saal öffentlich statt, und nach dem Urteil der Anwesenden wurden an die Sieger die Preise verteilt“. Natürlich sind in moderner Zeit sehr oft noch ganz andere Motive für die Verwendung geschlechtlicher Reizmittel der Anlaß. Neugier, Verführung und allerlei Torheiten, die dann stets leichtfertigerweise als „Scherz“ be­ zeichnet werden, spielen nicht selten eine peinliche Rolle und beweisen, daß viele Menschen den tiefen Ernst der geschlechtlichen Vereinigung immer noch in einer Weise mißachten, der die falsche Einstellung der gegenwärtigen Sexualmoral zu den Dingen der Geschlechtssphäre offenkundig werden läßt. Damit im Zusammenhang steht auch die Auffassung, einen Menschen, der seinen sexuellen Funktionen nicht im vollen Maße nachkommen kann, zu verspotten, wenn nicht überhaupt als „minderwertig“ anzusehen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß gerade der Vertrieb der Aphrodisiaca recht oft mit dem Geheimmittelschwindel in peinliche Beziehungen kommt, (wenngleich die pharmazeutischen Präparate zur Behandlung der Impotenz vom Angebot in den Annoncenteilen der Tagespresse glücklicherweise aus­ geschlossen sind). Im besonderen gehören die „Geheimmittel“ dieser Art ebenso wie die mangelnde geschlechtliche Leistungsfähigkeit zu den Dingen, über die man auch heute noch „nicht gerne“ spricht. Das ist gegenüber ver­ gangenen Zeiten sogar ein Rückschritt, denn mangelhafte sexuelle Fähig­ keiten waren in den Tageszeitungen Gegenstand aktueller Berichterstattung. So berichtet die „Vossische Zeitung“ in Nr. 142 vom Jahre 1739: „Rom, vom 31. October. Vor einigen Tagen ist der Doctor Bertini und der Chirurgus Benevole nach Mazerate gereiset, um auf geschehene Requisition die Mann­ heit des Genuesischen Fürsten Doria zu besichtigen, welchen seine Gemahlin der Untüchtigkeit zum Ehestande beschuldiget hat.“ Abschließend sei noch ganz kurz einiges über die weite Verbreitung der Aphrodisiaca gesagt. Die vielfältige Anwendungsweise geschlechtlicher Reiz­ mittel war, wie wir ja noch sehen werden, im Altertum und Mittelalter sehr ausgedehnt. Wir wissen auch, daß in unserer Zeit die zahllosen chemischen Präparate im Kulturleben unserer Gesellschaft eine außerordentliche Rolle spielen. Es wäre aber vollkommen falsch, darin etwa ein Dekadenzsymptom unserer Zeit und Zone zu erblicken. Wir keimen vielmehr zahllose Hinweise in der Literatur, in den Berichten der Missionare und Ethnologen, die uns von den bekannten tierischen und Pflanzenstoffen berichten, die von den 28

mehr oder weniger kulturell entwickelten Naturvölkern auch heute noch zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes verwendet werden. Sehr oft werden sie als Mittel zur „Bekämpfung der Unfruchtbarkeit“ bezeichnet; aber schon die Zusammensetzung der einzelnen Präparate zeigt uns, daß es vor allen Dingen auch auf eine Reizwirkung des Genitalapparates abgesehen ist. Wir möchten nachstehend nur einige Beispiele für die ausgedehnte An­ wendung der Aphrodisiaca geben. In Oberägypten wird nach Klunzinger Ingwer, Ambra, Zimt, Rettigoder Karottensamen mit Honig gekocht; ferner Rabengalle, die gebrannten Schalen der Tridacnamuschel mit Honig, aber auch der Blütenstaub der Dattelpalme benutzt. In Fezzan versuchen die Frauen, nach Nachtigal, die Fruchtbarkeit durch reichlichen Genuß getrockneter Eingeweide junger Hasen, die noch an der Mutter saugten, zu heben. Die Indianer in Peru wenden ein Aphrodisiacum an, das besonders die Frauen erotisiert. Für dieses und ähnliche Mittel haben sie den gemeinschaftlichen Namen „Piripiri“. Auf den Fidschiinseln wird der Absud der geschabten Wurzel der Mbokase, einer Art Brotbaum, und von der Nuß der Rerega oder Cago her­ gestellt. Gleich nach Genuß des Trankes wird der Coitus ausgeführt. In Westaustralien wird möglichst viel Kängeruhfleisch gegessen, in Sibirien essen die Mädchen vor der Brautnacht die gekochten Früchte der Iris sibirica. Frauen in Kamtschatka, die gerne Kinder gebären wollen, essen Spinnen; einige, die bald wieder schwanger werden wollen, verzehren die Nabelschnur ihres neugeborenen Kindes. Die Russen brauchen als eine Art Volksmittel Salpeter, innerlich genommen. Und über volksmedizinische Bräuche in Bosnien und der Herzegowina berichtet Glück: „Als befruchtungsfördernd werden empfohlen: saure Milch, in die Blätter von Dillenkraut (Anaethum graveolens) eingeweicht und der Genuß des Dillenkrautes selbst. Dieses Mittel ist durch mehrere Tage Früh und Abends zu nehmen. Vier Tage nach der Menstruation darf kein Beischlaf geübt werden; am Abend des fünften Tages soll die Frau ein kleines Glas voll des aus frischem Königssalbei (Salvia hortensis) gewonnenen Saftes trinken und eine Viertelstunde darauf coitiren. Wiederholt sie dies mehrmals nacheinander, so wird sie, wie versichert wird, Kinder haben. Nächst diesen dem Pflanzenreiche entnommenen Mitteln werden als befruchtungsbefordemd noch empfohlen: eine Suppe von einem alten Hahn, die getrocknete, gebackene und gepulverte Hoden eines Ebers enthält, oder gewöhnliches Trinkwasser, in dem sich etwas Pulver von der gereinigten und getrockneten Gebärmutter einer Häsin befindet. Beide Mittel sind durch längere Zeit zu gebrauchen“. In Böhmen brauchen die Frauen einen Aufguß von Wachholder beeren; die Wanderzigeunerinnen der Donauländer genießen das Blut einer Fleder­ maus mit Eselsmilch zusammen, aber die Fledermaus hat diese Heilkraft nur, wenn sie in der Woche vor Weihnachten geschossen war. In Steiermark 29

werden nach Fossel Spargelsamen mit Wein und die jungen Hopfensprossen als Salat zubereitet und angewendet. Im Frankenwalde genießt, nach Flügel, der Kaffee als Mittel gegen Unfruchtbarkeit ein besonderes Vertrauen. Man hat übrigens diese Reizmittel nicht nur oral genommen, sondern wir erfahren durch Klunzinger> daß man in Oberägypten ein kleines Stückchen Opium für den ersten Tag der Kur in die Vagina einlegt und die drei folgenden Tage „ein Stückchen vom Wanst eines Wiederkäuers“. Diese auf Aberglauben und mangelnde Naturerkenntnis gegründeten Rezepte haben natürlich viel Ähnlichkeit mit den Vorschriften, die wir im Kapitel Aberglauben einer ausführlichen Würdigung unterziehen. Auf sie sei deshalb an dieser Stelle eindringlich hingewiesen. Leider hat man zu allen Zeiten versucht, die Aufklärung gerade über diese Dinge des Geschlechtslebens zu erschweren. Gerade die sexuellen Hilfsmittel begegnen einer besonderen Verpönung und selbst Wissenschaft­ ler oder prominente Politiker haben beträchtliche Unannehmlichkeiten ge­ habt, wenn sie über diese Fragen Aufklärung verbreiten wollten. Eine kuriose Erklärung gibt hierzu der „Schlesische Nouvellen-Courier vom Jahre 1736 (Nr. 64): „Pariß, den 30. Martii. Von Dyon wird gemeldet . . . . Es hat auch der dasige Parlements-Präsident Mr. Bojer ein Tractat von der EheScheidung ex causa impotentiae geschrieben, aber nicht erhalten können, daß solches Werck in Franckreich gedruckt werden möge, westwegen er es zu Neufhatel drucken lassen, und so dann einführen wollen, allein die erste Parthie davon von 500 Exemplarien ist verrathen und weggenommen worden, um desto mehr aber wird das Werck gesuchet, und theuer bezahlet.“ Die „Vossische Zeitung“ bemerkt dazu (1736, Nr. 47): „Man darff sich über der­ gleichen Verfahren in Catholischen Staaten um so viel weniger verwundern, wie gewisser es ist, daß durch Behauptung dergleichen Lehren eine große Stütze der Clerisey umgerissen werden würde.“ Wenn wir diese Darstellung der Öffentlichkeit übergeben, so sind wir uns selbstverständlich darüber klar, daß sich wiederum Kreise finden werden, die uns eine Schilderung der geschlechtlichen Reizmittel „verdenken“ werden. Diejenigen werden ja leider nicht alle, die immer noch glauben, daß das Verschweigen von Mißständen „sittlicher“ ist, als die reine Wahrheit. Wie sehr sich das auf geschlechtlichem Gebiete gerächt hat, müssen wir ja jeden Tag gewahr werden. Auf dem Spezialgebiete dieses Buches hat es dem Ge­ heimmittelschwindel und der verbrecherischen Schädigung der Volksgesund­ heit exorbitanten Vorschub geleistet. Und so ist es leider nicht nur in un­ serer Zeit und Zone gewesen, sondern auch in der sogenannten „guten alten Zeit“, deren gesellschaftliche Zustände von der „Sittenlosigkeit“ unserer Tage sich nur im Grade der Verlogenheit unterscheiden. Sie war nämlich zur Zeit, wo „der Großvater die Großmutter nahm“, ausgeprägter und raffi­ nierter als heute. In Scherrs deutscher Kultur- und Sittengeschichte finden 30

sich über die Bigotterie und falsche Prüderie jener Zeit einige treffende Sätze, die wir d e n Muckern mit Vergnügen Vorhalten möchten, die uns in ihren Traktätchen und verlogenen Pressereportagen der „Sittenlosigkeit“ und „sexuellen Verwahrlosung“ beschimpfen: „Die Prüderie, das Versteckspielen mit der Erotik, das fromme Augenniederschlagen war in jener Zeit an der Tagesordnung. Wir geben zu, entgegen der Meinung Übelwollender, daß Heimlichkeiten hinter Hecken, an Astlöchern, im Dunkeln, damals umso üppiger in die Halme schossen. Und dennoch können wir sagen: Jene Periode war tatsächlich „gesittet“. Das Wort setzen wir aber zwischen Gänsefüßchen. Denn jene Gesittung war nur rein äußerlich. Und so fragen wir noch einmal, ist unsere Zeit, wir meinen die nach dem Kriege, weniger sittlich als die, von der wir sprechen? Ist sie minderwertiger als jene, nur darum, weil sie die erotischen Dinge nicht nur beim Namen nennt, sondern weil sie sich auch nicht scheut, sie offen zu bekennen und offen zu betätigen ? Nein, und aber­ mals nein! Wenn unsere Zeit, auf die wir noch ausführlich zu sprechen kommen werden, aber dennoch das Sittenzeugnis Ia nicht verdient, so geschieht dies keineswegs wegen ihrer von Lebenslust und Lebenswillen zeugenden prak­ tischen Sinnenfreudigkeit, nicht wegen des Sichauslebenwollens, das Männchen wie Weibchen auf ihre Fahnen geschrieben haben; es geschieht vielmehr wegen jener Verrohung und Gefühlskälte, deren sich die Menschen vielfach schuldig machen, schuldig, durch den L e h r m e i s t e r K r i e g . “ Lokesch, der Scherrs glänzende Darstellung neu herausgegeben hat, hätte noch getrost hinzufügen dürfen, daß jene Kreise die heute mit ihrer abgestandenen Ge­ schlechts,.moral“ hausieren gehen und jede Aufklärung über das Geschlechts­ leben als Verbreitung von „Schund und Schmutz“ bezeichnen, geradezu zu den treuesten Schülern des Lehrmeisters Krieg gehörten und sich immer wieder auf die Schulbank des Schlachtfeldes zurücksehnen, weil sie den Sinn und Wert des Menschenlebens nicht erfaßt haben. Die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die Verfolgung des mensch­ lichen Geschlechtslebens, die Unvollkommenheit der Einrichtungen, die das geschlechtliche Leben der Menschen untereinander ermöglichen sollen, die Geschlechtsmoral unserer Zeit mit dem doppelten Boden, d a s a l l e s em­ pfinden wir als unsittlich! Und wir fordern solange das Recht und die Freiheit, über diese Dinge zu sprechen und zu schreiben, solange wir glauben, die sittliche Pflicht zu haben, es tun zu m ü s s e n . Es hat sicher Zeiten gegeben, wo die Verhältnisse des Geschlechtslebens ebenso unhaltbar waren wie heute. Wir erinnern nur daran, daß um die Mitte des vorigen Jahrhunderts herum das soziale Elend Hand in Hand mit dem sexuellen ging, an manchen Orten verhielt sich die Zahl der unehelichen Geburten zu den ehelichen wie i zu 6, ja sogar wie i zu 5 und 4. Die sittliche Verwahrlosung in Bayern war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf 3i

einem Höhepunkt angelangt, wie er in der Sittengeschichte der Völker einzig dasteht. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab e s i n e i n e m Hause in München drei Schwestern, die zusammen 45 imeheliche Kinder in die Welt gesetzt hatten! Von 49512 Geburten, die in München von 1854 bis 1864 registriert wurden, waren 23 714, also nahezu 50 Prozent, unehelich! Das war die „gute alte Zeit“, nach der sich gerade der süddeutsche Spieß­ bürger so sehr zurücksehnt, die er uns als Musterbeispiel für „Tugend“ vor­ zuhalten wagt. Unter Berufung auf sie führt er den Kampf gegen die mo­ derne Sexualreform und unter schäbigsten Vorwänden kämpft er mit Straf­ gesetz und Schund- und Schmutzgesetz gegen die sexualwissenschaftliche Literatur. Man soll sich allmählich abgewöhnen, an die Sittenreinheit vergangener Zeiten zu glauben. Freilich, so schlimm wie in München, ist es kaum wo anders gewesen. In Berlin gab es 1846 schon 10000 Prostituierte. Von 18 000 Dienstmädchen prostituierte sich etwa der vierte Teil zeitweilig; auf 10 000 eheliche Kinder kamen 2000 uneheliche und die Behörden registrierten alljährlich etwa 10 000 Fälle von syphilitischer Ansteckung. Heute sind diese Ziffern entsprechend der Bevölkerungszunahme progressiv gewachsen. Wollen wir die krankhaften Erscheinungen des Geschlechts- und Gesellschafts­ lebens beseitigen, so werden wir auf dem Wege des Verschweigens nicht viel erreichen. Ein Blick in die Tageszeitungen lehrt uns, daß die vielfältigen Er­ scheinungsformen unseres geschlechtlichen Zusammenlebens Bedürfnisse gezeitigt haben, die man nicht übersehen darf. Die Annoncenplantagen großer Tageszeitungen belehren den Sachkundigen, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es sich unsere Schulweisheit träumen läßt. Aus der Vielfältigkeit dieser Erscheinungen haben wir ledighch die Rolle der ge­ schlechtlichen Reizmittel herausgegriffen.

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ABERGLAUBEN

In unserer Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel wird die Schil­ derung abergläubischer Meinungen und Gebräuche insofern einen verhält­ nismäßig großen Platz einnehmen müssen, als das ganze Kapitel „Liebes­ zauber“ hierher gehört. Bevor wir aber auf eine detaillierte Schilderung der vielen merkwürdigen Mittel und Gebräuche eingehen, die angewendet wurden, um den Geschlechtstrieb anzuregen oder zu steigern, wird es notwendig sein, kurz und knapp den Begriff des Aberglaubens zu klären. Albert Hellwig bezeichnet den Aberglauben als „denjenigen Teil des Volksglaubens“, „welchen die herrschende wissenschaftliche Richtung unserer Zeit als irrig erachtet.“ Karl Hellwig definiert den Aberglauben folgender­ maßen: „Aberglaube ist das Inbeziehungsetzen von Sinnlichem und Über­ sinnlichem in einer nichtreligiösen Form und mit unwissenschaftlicher Me­ thode“. Lehmann sieht Aberglauben in jeder allgemeinen Annahme, „die entweder keine Berechtigung in einer bestimmten Religion hat oder im Widerstreit steht mit der wissenschaftlichen Auffassung einer bestimmten Zeit von der Natur“. Nach unserer Meinung kommt Albert Hellwig der Begriffserklärung am nächsten, wenn er vor allen Dingen von der herrschen­ den wissenschaftlichen Richtung spricht, die dann zu ihren relativen Urteilen kommt, einen Brauch oder eine Meinung als irrig oder abergläubisch zu be­ zeichnen. Dabei ist selbstverständlich schon damit gesagt, daß es durchaus immer zweifelhaft sein kann, ob wirklich alles das auch Aberglauben ist, was wir als solchen bezeichnen. Freilich ist nur sehr selten das, was wir in diesem Kapitel darunter zu rubrizieren haben, der Anfang einer durchaus auf richtigem Wege schreitenden Reihe von Erkenntnissen. Wir erinnern aber doch daran, daß zum Beispiel Genitalteile gewisser Tiere im Mittelalter eine ausgedehnte Verwendung als Aphrodisiaca fanden und daß auch heute noch allerdings nicht mehr der Penis, wie früher, wohl aber die Hodenextrakte in der modernen Organotherapie ausgedehnte Verwendung finden. 3

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Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel, die an den abergläu­ bischen Vorstellungen der Vergangenheit und Gegenwart auf diesem Gebiete vorübergehen würde, wäre nicht vollständig. Ja, eine Reihe von Vorstel­ lungen und Redewendungen, die noch in heutiger Zeit durchaus geläufig sind, wären nicht verständlich, wenn man sich über Wesen und Erscheinungs­ formen des Aberglaubens nicht eingehend unterrichten würde. Hinzu kommt noch, daß gerade die abergläubische Vorstellungswelt des Mittelalters eine Fundgrube sexualwissenschaftlich interessanter Tatsachen ist, die keiner übersehen kann, der das Geschlechtsleben und seine Gesetze durchforscht. Magie, Zauberei, Beschwörungen, Talismane, Amulete, Genuß und Verwendung widerwärtigster Stoffe u. a. m. haben gerade auch auf d e m Ge­ biete des Geschlechtslebens eine große Rolle gespielt. Die vielfältigen Er­ scheinungen des Liebeszaubers beweisen das von der Antike an bis in die heutige Zeit. Dabei ist zwischen „Liebeszauber“ und „geschlechtlichem Reizmittel“ insofern ein Unterschied zu machen, als der Liebeszauber mit Hilfe übernatürlicher Kräfte die Absichten der Bindung des geliebten Part­ ners an das eigene Ich verfolgt, weil die eigenen natürlichen Kräfte nicht dazu ausreichen, auch die Geschlechts 1 u s t des geliebten Partners auf die lie­ bende Person hinzulenken und anzuregen. Demgegenüber spielt das Aphrodisiacum lediglich die Rolle des Trieb-Steigerungsmittels, und sehr oft wurde und wird es verwendet, weil einer der beiden Partner befürchtet, durch Ver­ siegen der Geschlechtskraft die Zuneigung des anderen Partners zu verlieren. Die Bedeutung des Aphrodisiacums für das Geschlechtsleben ist heute noch so groß wie im Mittelalter, und wer aufmerksam die Zeitungen liest, wird längst wissen, daß sich auf diesem Gebiete eine riesige Geheimmittel­ industrie herausgebildet hat, die auch heute noch offen oder versteckt „Mittel gegen Männerschwäche“ der verschiedensten Wirkung anpreist und dabei tüchtig aus dem Aberglauben ihrer Mitmenschen Kapital schlägt. Der Liebes­ zauber steht nicht mehr so hoch im Kurs, seitdem der Mensch die Grenzen natürlicher Kräfte erkennen lernte. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß der Glaube an „magische Kräfte“ ausgestorben sei. Vielmehr zeigen Fälle, die die Öffentlichkeit beschäftigten, Bücher, die in riesigen Auflagen verbreitet werden und Charlatane, denen Massen andächtig zu Füßen sitzen, immer wieder, daß die nicht alle geworden sind, die in der Vergangenheit zu den überzeugtesten Anhängern des Liebeszaubers gehört haben. Es muß natürlich darauf hingewiesen werden, daß zwischen Liebes­ zauber und Liebesmittel die Grenzen durchaus fließend sein können. T at­ sächlich gibt es, wie wir noch sehen werden, eine Reihe von Gewürzen, die auf den Geschlechtsapparat anregend wirken können, und man kann sie deshalb mit Recht als L i e b e s m i t t e l bezeichnen. Aber es ist natürlich reinste L i e b e s z a u b e r e i , wenn geglaubt wurde, daß ihre Wirkung nur dann eintrete, wenn sie bei Vollmondschein am Kreuzweg gesammelt werden. 34

Deshalb wohnt den zahllosen Berichten, die die phantastische Wirksamkeit irgend eines Mittels rühmen, manchmal doch ein wahrer Kern inne. Die zahllosen Märchen und Sagen, die sich um die Alraunwurzel gesponnen haben, beweisen das ja. Was nun die verschiedenartigen Liebes z a u b e r anbelangt, so wollen wir nachstehend einen kurzen historischen Überblick geben, um uns dann den einzelnen Arten abergläubischer Liebes m i t t e l zuzuwenden. Die von den Kaldäern als heilsam empfohlenen Liebeszauber waren geradezu phantastisch. Da sollte man Leber und M ark eines Knaben nehmen oder das wächserne Bild der geliebten Person schmelzen, um die Lust zu entfachen. Virgil schildert in recht anschaulicher Weise die Beschwörungen bei einem Liebeszauber, in dem es heißt: „Amaryllos, bringe Wasser, um­ winde den Altar m it flatternden Bändchen, verbrenne wohlriechendes Kraut und kräftigen Weihrauch, damit ich versuchen kann, die Sinne des Flatter­ haften durch Zauber auf mich zu lenken.“ Weiter heißt es: „Führet aus der Stadt zum Dörfchen zurück, o, bringet zurück, ihr Verse, den untreuen Daphnis . . . . Ich umbinde sein Bild mit drei Bändern von verschiedenen Farben, ich schlinge sie dreimal um den Altar, denn die Dreizahl gefallt den Göttern, mache drei Knoten, Amaryllis, in diese dreifarbigen Schnüre. Beeile Dich, Amaryllis, und sprich: ich knüpfe die Knoten der Venus. In einem Feuer verhärtet sich dieser Ton und schmilzt dieses Wachsbild; möge es ebenso sein mit des Daphnis Herz. Streue Mehl aus, entzünde mit Harz diese trocke­ nen Lorbeerblätter, Daphnis entflammt mich, der Grausame. Ich, ich ent­ flamme ihn in diesem Lorbeer.“ Abergläubige Vorstellungen über Verlust der Zeugungsfähigkeit sind im alten Rom in vielfältiger Form verbreitet gewesen. So glaubte man, daß die Strigen den jungen Männern die Potenz raubten. Daher wurde ein untüchtiger auch gefragt: „Quae striges comederunt nervös tuos?“ Bezaube­ rungen verschiedenster Art hielt man für durchaus möglich und schon das Zwölftafelgesetz aus dem Jahre 449 v. Chr. enthält die Bestimmung: „Wer bezaubernden Spruch singt und schädliches Gift macht, wer Früchte be­ zaubert, soll als Vatermörder angesehen werden.“ Horaz erzählt in seiner fünften Epode von dem Zauberwahnwitz der Canidia, die einen Knaben er­ mordet und in ihrer Beschwörung ausruft: „O, Varus, eher wird der Him­ mel sich unter das tieferliegende Meer senken, während sich die Erde darüber ausbreitet, als daß du nicht vor Liebe zu mir entbrennst, wie Erdpech in flam­ mendem Feuer.“ (zit. n.: H. Breiden). Übrigens scheint Horaz an seine Liebeszauber nicht selbst gerade felsenfest geglaubt zu haben, denn er schrieb: „Von Traumgcbilden, magischen Schrecknissen, Erscheinungen, Hexennachtgespenstern und anderen zauberischen Erdichtungen vernehme ich bloß mit Lachen.“ 3

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Die alten Germanen benutzten die mystische Wirkung der Runen zur Erregung der Liebe, wie man dies aus Odhins Runenlied und der isländischen Egilssage kennt. So wird berichtet, daß der isländische Skalde Egil Skalagrimsson eines Tages auf seiner Fahrt nach Wermland zum Bauern Thorfinner kommt und dessen Tochter Helga schwer krank vorfindet. Er vermutet einen bösartigen Zauber und bei der Untersuchung des Bettes des leidenden Mädchens findet er einen Runenstab. Der ihn schnitt, hatte die Kirnst nicht verstanden und statt Liebesnmen (manrunar) die er ritzen wollte, Siechrunen geschnitten. Der Weg der Heilung ist kompliziert: Egil Skalagrimsson schabte die Runen ab, warf den Eäenstab ins Feuer und ließ die Kleider des Mädchens in die Luft hängen. Daraufhin wurde Helga gesund. Im deutschen Mittelalter spielten Liebestrank und Liebeszauber eine große Rolle. Unter den Liebestränken erfreuten sich vor allen die italienischen Produkte einer besonderen Gunst. Sie wurden meist durch „fahrendes Volk“ durch die Lande im Hausierhandel vertrieben. Aber auch bei Volksbelusti­ gungen aller Art wurden sie durch Quacksalber und „Magier“ unter die Leute gebracht. So, wie die Inder, Ägypter, Griechen und Römer ihre Liebestränke herstellten und anwandten, so war es eben auch bei den Deutschen der Fall. Und wenn die Liebestränke versagten, so nahm man zum Liebeszauber seine Zuflucht. Das Aussprechen eines Liebeszaubers war in der Regel von allerhand Hokuspokus begleitet und auf einem Gemälde der flandrischen Schule aus dem 15. Jahrhundert, das sich in Leipzig befindet, sehen wir (nach einer Be­ sprechung von Lücke): „In der Mitte eines mit einem Kamin und reichlichem Hausgerät versehenen Gemaches steht ein nacktes Mädchen, am Unterleibe nur mit einem dünnen Schleier bedeckt; neben ihr befindet sich auf einem Schemel eine Truhe mit geöffnetem Deckel, in derselben erblickt man ein Herz, wahrscheinlich ein Wachsbild. In der rechten Hand hält das Mädchen Feuerstein und Schwamm, in der erhobenen Linken einen Stahl, mit dem sie aus dem Feuerstein Funken schlägt; diese letzteren sprühen auf das Herz herunter, während auch von dem Schwamm auf dasselbe Funken herab­ fallen. Durch eine im Hintergrund sich öffnende T ür tritt ein junger M ann in das Gemach.“ Diese magische Handlung eines Liebeszaubers war im Mittelalter recht verbreitet: man nahm ein Bild aus Wachs oder anderem Stoffe in menschlicher Figur oder auch Gestalt eines Herzens, taufte es mit dem Namen der Person, die man begehrte und machte es dann glühend oder schmelzend. Damit sollte derjenige, dessen Name der Gegenstand trug, indem er ähnliches erlitt, wie das Bild, in Liebe entzündet werden. Jakob Grimm erwähnt analog folgende Stelle aus dem Liede eines fahrenden Schülers: 36

„Mit wunderlichen Sachen ler ich sie denne machen von wahs (Wachs) einen Kobold wil sie daz er ihr werde holt und tönfez in den brunnen und leg in an die sunnen.“ Licimander sagt (1697) über solche merkwürdigen Bräuche weiter: „Derer Zauberer Bekäntnüsse und viele glaubwürdige Exempel weisen, daß durch das sieden des wächsernen Mannes, Vermengung des Geblütes, Setzung gewisser Bäume, Verbindung derer Ringe, Verfertigung gewisser LiebesAepffel und anderer verteuffelter Dinge mehr, welche der höllische Bösewicht auff die Bahn gebracht, eine übermässige Liebe bey dieser oder jener Persohn zugerichtet werden könne.“ Über den Aberglauben, den Liebestrank selbst durch Zaubersprüche zu segnen, spricht Bruder Berthold: „Pfui, glaubst du, daß du einem Manne sein Herz aus dem Leibe nehmen und ihm Stroh dafür hineinstoßen könn­ test ? .............. Es gehen manche mit bösem Zauberwerk um, daß sie wähnen, eines Bauern Sohn oder Knecht zu bezaubern. Pfui,, du rechte Thörin! Wa­ rum bezauberst du nicht einen Grafen oder einen König ? Dann würdest du ja eine Königin werden.“ Der ganze Aberglaube mittelalterlicher Auffassung über das Geschlechts­ leben kommt vor allem in der Kirchenjustiz zum Ausdruck. Im Rahmen unserer Darstellung interessieren uns hier alle die Dinge, die mit vermeint­ licher Impotenz, Liebeszauber und ähnlichem zu tun haben. Ein tolles Stück liefert in dieser Beziehung „Der Hexenhammer“ der beiden Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Vor uns liegt die Übersetzung von J. W. R. Schmidt, die 1923 im Verlage von Hermann Barsdorf in Berlin er­ schien, und es ist interessant, daß in den Kapiteln 8 und 9 tatsächlich die Frage diskutiert wird 1. „ob die Hexen die Zeugungskraft oder den Liebesgenuß verhindern können“ und 2. „ob die Hexen durch gauklerische Vorspielungen die männlichen Glieder behexen, sodaß sie gleichsam gänzlich aus dem Körper herausgerissen sind“. Im 2. Bande geben die Verfasser „über die Art, wie sie die Zeugungskraft zu hemmen pflegen“ und „über die Art, wie sie die männlichen Glieder zu behexen pflegen“ Aufschluß. Glücklicherweise werden in demselben Bande „Heilmittel für diejenigen, welche an der Zeugungskraft behext werden“ angegeben. Diese fünf Heilmittel des Hexenhammers sind selbstverständlich von abergläubischen Gemütern oft angewandt worden, und alle Handlungen, die eine Anregung oder eine Steigerung des Geschlechts­ triebes anstrebten, waren in der damaligen Zeit sehr oft auf diese „Ratschläge“ des Hexenhammers zurückzuführen, „die bei solchen derart behexten erlaub­ terweise angewendet werden können, nämlich die erlaubte Pilgerfahrt zu irgendwelchen Heiligen und wahre Beichte seiner Sünden daselbst und Zer­ 37

knirschung, vielfältiger Ausführung des Rreuzschlagens und frommen Ge­ betes, erlaube Exorzisation vermittels besonnener W orte. . . und vor­ sichtiges Gelöbnis der Behexung wirkt dazu .. Es darf übrigens nicht übersehen werden, daß die katholische Kirche Jahrhunderte hindurch mit solchem und ähnlichem Aberglauben in seinen verschiedensten Erscheinungsformen zu kämpfen hatte. Der Phalluskult konnte auch von ihr, in Frankreich zum Beispiel in den bretonischen Pro­ vinzen, nicht ausgerottet werden, sondern wurde schließlich erst durch die französische Revolution beseitigt. So gehörte die Verehrung des Guignolet in Brest zu einem ausgedehnten phallischen Kultus. Man hatte ihm dort, nach De la Meuse, eine Kapelle mit einem phallischen Standbild geweiht. Un­ fruchtbare Frauen wallfahrten dorthin, um sich von dem Gliede des Heiligen einige Bestandteile abzuschaben, die sie, mit Quellwasser vermischt, tranken. Die Figur des Heiligen war nackt, mit erigiertem Penis, der jeweils erneuert wurde, wenn er von den gläubigen Frauen verbraucht worden war. Der heilige Guignolet hatte, nach Dulaure, übrigens auch in der Nähe von Mon­ treux eine Statue, die bis zum Jahre 1779 verehrt wurde. Dann machte die französische Revolution dem Aberglauben ein Ende. Ein anderes beliebtes Mittel, bei dem Partner die Geschlechtlichkeit zu erwecken, war die Zuflucht zu den schwarzen Magiern. So wie man auf dem Weg über die Heiligen mit Gott in direkte Verbindung treten zu können glaubte, so glaubte man durch die Zauberer und Zauberinnen eine Verbindung mit dem Teufel erhalten zu können. Das Bündnis mit dem „Fürsten der Finsternis“ war die Basis der sogenannten schwarzen Magie, die im Gegen­ satz zur weißen Magie, die ihrerseits aus göttlicher Kraft floß, so genannt wurde, weil man in dem griechischen Worte Nekromantie das verdorbene Nigromanzie (das Eigenschaftswort niger = schwarz) zu finden wähnte. Der Ursprung der schwarzen Magie wird der Sage nach auf den im 8. Kapitel der Apostelgeschichte erwähnten Magier Simon zurückgeführt und das ganze Mittelalter hindurch haben die Schwarzkünstler (Magier) den Leuten die Köpfe verdreht und das Geld aus der Tasche gezogen. Goethe’s „Faust“ war ein solcher Magier, und in Goethe’s großer Dichtung wird uns ja auch ein großer Teil der abergläubischen Beschwörungen geschildert, die damals nicht nur zur Erringung des „Steins der Weisen“, überirdischer Macht, sondern auch zur Anfachung der Geschlechtslust angewendet wurden. Wir verweisen hier nur auf die Stelle in Goethe’s Faust, die die Erotisierung Fausts in der Hexenküche betrifft. Zu diesen interessanten Beschwörungen und Formeln, von denen man sich im Mittelalter eine Wirkung auf den Geschlechtstrieb versprach, gehört auch das Hexeneinmaleins, das uns Goethe im ersten Teil seines Faust in der Hexenküche bei dieser Gelegenheit mitteilt. Bei Herstellung des Liebestrankes, der Faust verjüngen und erotisieren soll, und von dem es heißt: 38

„Und bald empfindest du mit innigem Ergötzen Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt......... Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe. . . “ spricht ja die Hexe die mysteriöse Formel, die mit den Worten beginnt: „Du mußt verstehen! Aus eins mach zehn und zwei laß g e h n M a a c k er­ klärt den Inhalt dieser Formel so: „Über das Hexeneinmaleins haben sich schon viele Faustkommentatoren den Kopf zerbrochen. Es wäre interessant, einmal alle diese heterogenen an den Haaren herbeigezogenen Interpretationen zusammenzustellen. Meine Erklärung, daß das Hexeneinmaleins den Verwandlungsprozeß eines natürlichen Quadrates in ein magisches Quadrat darstellt, ist am ein­ fachsten und ungezwungensten. Ich will die Gründe, welche für die Erklärung sprechen, noch einmal anführen: 1. Die Erklärung paßt vorzüglich in die ganze Situation hinein. Zweck und Aufgabe der Hexenküche ist, den natürlich-alten Faust in einen künstlich-jungen zu verwandeln. Als Einleitung und Auftakt dazu verwandelt die Hexe ein natürliches Quadrat in ein magisches. Hexeneinmaleins und Zaubertrank hängen auf das innigste zusammen! 2. Das magische Neuner-Quadrat ist das älteste von allen magischen Quadraten. Es wurde im Orient von altersher zu magischen Zwecken benutzt und zwar namentlich, wenn es sich um Angelegenheiten der Liebe handelte. Faust aber sollte in der Hexenküche erotisiert werden. Der Hexentrank ist ein Philtrum, ein Liebestrank.“ Maack gibt dann noch eine weitere, ausführlichere Darstellung seiner magiometrischen Erklärungen. Auf sie hier einzugehen, würde zu weit gehen, weshalb wir im Falle eines Spezialinteresses das Studium der einschlägigen Literatur anraten. Im Mittelalter und Altertum wurde mit dem Nestelknüpfen sehr viel Unfug angestellt: durch Knüpfen eines Knotens konnte man den Menschen nicht nur eine Krankheit anzaubem, sondern schon im Altertum war der Glaube verbreitet, daß bei Eheleuten die Geschlechtslust durch Nestelknüpfen verzaubert werden könnte. Im Zusammenhang damit wurden im Mittelalter die Glockenstränge, nachdem sie zu heiligem Dienst verwandt waren, als ganz besonders wirksamer entgegengesetzter Liebeszauber empfohlen. Übrigens kam es bei all den vielfältigen Zauberaktionen sehr auf den Zeitpunkt an, wann die Beschwörungen ausgesprochen wurden. In dem noch in heutiger Zeit weit verbreiteten „6. und 7. Buch Moses“, einer jeder Kritik spottenden Zauberfibel, die in Mengen von denen gekauft wird, die nicht alle werden, heißt es: „ . . . . Sachen der Liebe und des Fleisches zwischen beiden Geschlechtern machen sich ebenfalls am besten, wenn der Mond in 39

voller Pracht und in den Zwillingen steht und noch immer im Wachsen be­ griffen ist, noch besser aber, wenn er gerade im Zeichen der Jungfrau steht. Übrigens wiederholen wir nach allen diesen Andeutungen die große Haupt­ lehre: beginnet nichts ohne Glauben, ohne vollen Glauben, denn ohne diesen ist alles eitel!“ Die leichtgläubigen Gemüter, die im Mittelalter glaubten, durch solchen Hokuspokus ihren Geschlechtstrieb anzuregen oder zu steigern, dieselben leichtgläubigen Gemüter arbeiten heute mit dem 6. und 7. Buche Moses. Für die Verleger solcher Literatur ist heute wie früher eine so glän­ zende Konjunktur, daß gegenwärtig neben den bereits zitierten Büchern Moses auch das 10. und I I . Buch erschienen sind. Juhl berichtet, daß ihm im Jahre 1926 schließlich auch das 13. (!) Buch Moses Vorgelegen hat! Es ist vielleicht nicht unwichtig, zu bemerken, daß nicht etwa nur aus den alten Kulturen zahlreiche Beispiele von angewendetem Liebeszauber überliefert worden sind. Vielmehr wissen wir aus den Arbeiten von Knortz, daß in Amerika Aberglauben in vielfältiger Form bestehen, die allerdings sehr oft auf ihren germanischen bezw. angelsächsischen Ursprung zurückgefuhrt werden können. Einige Beispiele seien hier immerhin angeführt. Wenn sich eine Amerikanerin den Liebesanträgen eines Mannes gegenüber taub verhält, so braucht ihr dieser nur einen aus einem Hufeisen verfertigten Ring an den Finger zu stecken, und die Spröde leiht ihm bald ein williges Ohr. Ein anderes, in Amerika bevorzugtes Glücksmittel ist die Pfote eines Hasen, besonders aber die linke. Wer eine solche in der linken Westentasche trägt, hat Erfolg beim Wetten und Spielen, im Handel und in der Liebe. Neuer­ dings wird die Hasenpfote durch einen von einem Juwelier verzierten Trut­ hahnfuß ersetzt, der aber nicht in der Tasche getragen, sondern im Zimmer aufgehängt wird. In Britisch-Ostindien gießt die Frau, nachdem sie sich ganz ausgezogen hat, an einem Mittwoch resp. Sonntag auf die nackte Klinge eines Schwertes Wasser, damit das Wasser längs der Klinge in einen irdenen Topf fallt; dieses Wasser vermischt sie mit dem Trinkwasser ihres Geliebten. Außerordentlich weit verbreitet sind auch Aberglauben, die Schlüssel und Vorhängeschlösser zum Gegenstand haben. So soll in Bosnien ein Mädchen am Georgentag ein Vorhängeschloß samt Schlüssel nehmen, blicke den Jüngling durch den Bügel des Schlosses an, sperre das Schloß ab und lege es dann an einem Kreuz­ wege nieder.“ Ein ähnlicher Brauch wird aus dem Italienischen bezw. Vene­ zianischen berichtet. Bei den Magyaren werden ein Stück der Unterhosenschnur oder einige Haare des Geliebten in der Nacht unter der Schwelle vergraben. Nach Pöch werden bei den Quorosi (Nordostküste von Britisch-Neuguinea) kleine glatte runde oder längliche Steinchen verwendet, die man ge­ schickt in geknüpfte Fäden einnetzt und dann, an einem Haarbüschel be­ festigt, trägt. 40

Gerstenbergk empfahl, einen Federkiel oder eine ausgehöhlte Haselnuß mit Quecksilber zu füllen: „Das Loch vermache dann wohl mit Wachs. Diesen Federkiel oder die Haselnuß lege unter die Türschwelle, so ist Dir geholfen.“ Aus Rußland berichtet Stern, daß zur Beseitigung der Impotenz eine alte Frau den unglücklichen Gatten auf den Hof fuhrt. Dort muß er alle Nägel berühren, die er findet; denn das Eisen soll die magischen Einflüsse entkräften und den Zauber des Nestelknüpfens vertreiben. Wenn übrigens der Neu­ vermählte dann noch impotent bleibt, so muß er die Entjungferung der Braut durch den Heiratsstifter oder einen Ehrenkavalier vornehmen lassen. Die Entjungferung in der Brautnacht ist obligatorisch. Cambry erzählt, daß in der Bretagne die Frauen nach der Messe den Staub der Kapelle De la Saint-Union aufwirbelten, ihn nach der Seite, von der ihre Männer oder Geliebten kommen mußten, hinbliesen und durch dieses Zaubermittel das Herz desjenigen, den sie liebten, an sich zu fesseln vermeinten. Auch die Asche verbrannter Heiligenbilder, den Speisen bei­ gemengt, gilt noch heute in abergläubischen katholischen Gegenden als be­ sonders wirksam auf den Geschlechtstrieb. Von einem merkwürdigen Brauch bei Liebeszaubern berichtet Stern. Um die Gegenliebe eines spröden Wesens zu gewinnen, blicken bosnische Abergläubische durch Zauberringe auf den geliebten Gegenstand, der dann sofort in heißer Liebe für die ihn so betrachtende Person entbrennen muß. Ein solcher Ring, erzählt eine moslemische Sage, war Ursache, daß ein junger Türke in Dervent zum Vatermörder wurde. Eine Schöne wollte den Sohn erobern und schaute durch den Zauberring auf den Geliebten. Dabei streifte ein Blick auch den Vater und nun entbrannten Vater und Sohn gleichzeitig in wilder Leidenschaft zu demselben Mädchen, sodaß der eifersüchtige Jüng­ ling den Vater tötete. Ein recht merkwürdiger Aberglaube herrscht auf Java. Da liegt bei Batavia eine alte holländische Kanone auf dem Felde und wie Kiehl mitteilt, pflegen die Frauen in ihren besten Kleidern mit Blumen geschmückt rittlings darauf zu sitzen. Opfergaben, wie Reis, Früchte usw., werden niedergelegt, sie werden dann später von den Priestern an sich genommen. Der wunder­ bare Einfluß der Kanone auf das Geschlechtsleben wird begreiflich, wenn man sich das auf der vorhergehenden Seite befindliche Bild näher betrachtet: der Abschluß des Laufes nach hinten zu hat die Form einer menschlichen Hand, deren Finger die sogenannte Fica bilden, d. h. „sie sind zur Faust geballt und der Daumen ist dabei zwischen dem Zeigefinger und dem Mittel­ finger vorgestreckt. Diese Fingerstellung wird aber allgemein für eine Allegorie des Coitus angesehen; damit hängt es sicherlich zusammen, daß diese Kanone, dem Glauben des Volkes gemäß, den Weibern Kindersegen zu verschaffen vermag.“ (zit. n.: Ploß-Bartels.) Im Böhmerwalde gilt der Glauben, daß, wenn man einem Mädchen die 41

Hand mit den Pfötchen eines Laubfrosches, der am Lukastage gefunden wurde, blutig ritzt, sie zur Liebe, ja selbst zur Raserei getrieben wird. Harm­ loser ist schon der Brauch, ein vierblättriges Kleeblatt unter die Sohle zu legen, um eine Person zu gewinnen. Nach Frischbier gibt es in Preußen eine ganze Reihe unschuldiger und teuflischer Mittel, um bei einer anderen Person die Geschlechtslust zu erwecken: Nimmt man zum Heiligen Abendmahl eine Blume mit und wischt mit dieser nach dem Genüsse des Weines den Mund, so erhält die Blume die Kraft, die begehrte Person dauernd in Liebe zu fesseln, wenn sie die Blume annimmt. Semmeln und Früchte, welche man in den Kleidern bei sich trägt und die vom Schweiße des Körpers betaut sind, bietet man dem Begehrten des anderen Geschlechtes an, und bindet diesen an sich, wenn er den Apfel oder die Semmel verzehrt. Wünscht ein Mädchen einen jungen Mann an sich zu fesseln, so muß sie, trifft sie ihn einmal die Hände waschend an, ihm ihre Schürze oder ihr Taschentuch zum Abtrocknen geben. Benutzt er es, so wird er nicht mehr von ihr lassen können und muß ihr stets nachgehen. Zu gleichem Ziele gelangt sie, wenn sie ein seidenes Halstuch einschwitzt, es darauf zu Zunder verbrennt und ihm davon in Speisen oder Getränken zu genießen gibt. Es genügt auch, wenn nur die Bänder der Schürze verbrannt werden, und der so gewonnene Zunder in der angegebenen Weise verwendet wird. Kann man von dem Haupte des Mäd­ chens, das man begehrt, drei Haare bekommen, so klemme man diese in eine Baumspalte, sodaß sie mit dem Baum verwachsen müssen. Das Mädchen kann nicht mehr von einem lassen. Bei den Masuren heftet man, wenn auch nur auf einen Augenblick, die eigenen Kleider mit denen der Geliebten zusammen. Weit verbreitet ist auch der Aberglaube, daß bestimmte Liebeszauber in ihrer Wirksamkeit erhöht werden, wenn sie irgendwie mit dem mensch­ lichen Körper in innigem Konnex gestanden haben. So ist auch in Mecklen­ burg unter der Landbevölkerung die Anschauung verbreitet gewesen, daß die Geschlechtslust einer Persönlichkeit ganz besonders angeregt werden könne, wenn man ihr einen Apfel, der mit dem Achselduft des Partners getränkt sei, zu essen gäbe. Weit verbreitet war und ist auch die Ansicht, daß Muskat­ nüsse und andere Gewürze in ihrer erotisierenden Wirkung besonders ver­ stärkt werden, wenn sie vorher den Verdauungskanal passiert haben. Ebenso zahlreich, wie die Rezepte für geheimnisvolle Liebeszauber, sind natürlich auch die Erfolge, die ihnen nachgerühmt werden. Nicht nur die Ägypter, Griechen oder Babylonier melden in ihren Schriften von den er­ staunlichsten Erfolgen. Sogar die christlichen Kirchenväter sprechen wieder­ holt von geschlechtlichen Reizmitteln und der Triumvir Marcus Antonius, der Häretiker Marcus bei Irenäus, der Heilige Hilarion bei Hieronymos, der König Josaphat bei Damascenus, Papst Leo IX . und Heliodor werden als Zeugen der Wirksamkeit von Liebestränken angeführt; genau so angeführt, 42

wie jene babylonische Jungfrau, die sich mit Kleie einräucherte, um die Ge­ schlechtslust zu steigern, wenn sie sich zu Ehren Melyttas dem Manne hingab. Sehr oft kamen auch geliebte Frauen, z. B. Maitressen in den Verdacht, sich unnatürlicher Mittel bedient zu haben, um ihre Stellung einnehmen zu können. Das begann bereits mit Walrada, die im Jahre 860 den Carolinger Lothar II. durch Liebeszauber an sich gekettet haben soll, und wurde bis in die neuere Zeit zum Beispiel der Gräfin von Rochlitz, der Geliebten Johann Georgs IV. von Sachsen, der Gräfin Cosel, der Geliebten August des Starken, der Grävenitz, der Geliebten Eberhard Ludwigs von Württemberg nachgesagt. Über die Zaubereien der Neitschütz heißt es: „Auch haben sie Johann Georg IV. eine übernatürliche Liebe durch Zauberey beygebracht, welche vermittelst eines Kessels, so unaufherlich über einem Feuer in einem Gewölbe gehangen und von vielen aus Hahnenhertzen und anderen magicis characteribus gesotten, welche dann dergestalt praepariret, daß sie auch des Herrn Werck und Thun nach proportion des siedens daraus abnehmen können, denn sobald der Kessel mit darin enthaltenen zauberischen Materien aufgestiegen, so ist es nicht nach ihrem Willen gewesen, wenn aber derselbe seine Materie sencken und einkochen lassen, so hat er kommen und ihr beywohnen müssen, welches denn die Ursache, daß sie ein stetes Feuer darunter erhalten. Dahero, wenn er bei der durchlauchtigsten Gemahlin gewesen, so ist er dergestalt von einem magischen Feuer angefeuert worden, daß ihm angst und bange geworden. Sobald er aber zur Neitschinne kommen, hat sie das Feuer proportionaliter nach Belieben subtratiret, und hat er Ruhe und Linderung bekommen.“ Außer diesem Mittel brauchte die Neitschütz auch noch anderen Liebes­ zauber um den Kurfürsten an sich zu fesseln. Sie setzte auf Anraten ihrer Mutter dem Kurfürsten eine mit ihrer beider Blute vermischte Pastete vor und brachte ihm das Pulver einer Muskate bei, die sie dreimal verschluckt hatte und die ihr ebensooft beim Stuhlgang wieder abgegangen war. Weiter trug sie am rechten Bein Päckchen von den Schamhaaren des Kurfürsten. Manchmal wirkte ein solcher Liebeszauber noch über den Tod hinaus und kein anderer als Karl der Große soll das erfahren haben. So schreibt Tharsander in seinem „Schau-Platz“ 1736 (zit. n .: Bauer), daß Karl der Große eine schlechte Weibsperson liebgewonnen habe, „also, daß er darüber die Hoheit seiner Person und alle Reichsgeschäfte hindansetzte. Als dis Weib gestorben, hörete seine Liebe nicht auf, sondern er redete mit ihr, und caressirte sie, als ob sie noch lebte. Der Ertzbischoff Turpinus vermuthete darbey ein Zauber-Stückchen, und entdeckte es auch, indem er unter der Zunge des todten Cörpers einen Ring fand, den er zu sich nahm. Hierauf hörete die Liebe des Kaysers zu dem Weibe auf, und er ließ sie begraben, hingegen be­ kam er eine solche Liebe zu dem Ertz-Bischoff, daß er ihn stets um sich haben mußte. Da dieser solches merkte, warf er den Ring bey Aacken (Aachen) ins 43

Wasser, und Carolus M. behielt daher eine beständige Neigung gegen diesen Ort, daß er niemals wegkam, sondern daselbst ein Schloß bauete, und auch sein Leben beschloß.“ Hier soll also der Liebeszauber nicht nur nach dem Tode fortgewirkt, sondern sogar noch eine Triebverkehrung vom Kaiser auf den Bischof bewirkt haben. Daß bei solchen „Erfolgen“ schließlich auch die Komik nicht ausbleiben kann, kann nicht weiter verwundern. Und so berich­ tet Georg Philipp Harsdörfer aus den Aufzeichnungen des Andreas Ratisponensis zum Jahre 1424: „In der obem Pfalz hat sich, wie landkundig, zuge­ tragen, daß sich ein Pfaff in eine ehrliche Bürgersfrau verliebt und, da sie in dem Kindbett gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etliche Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Sie gab ihm aber Geißenmilch. Was er damit getan, ist unbewußt, das aber hat er erfahren, daß ihn die Geiß in die Barch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte tun müssen, so er ihre Milch zuwegen ge­ bracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er es kaufte und schlachten ließ. Und obwohl der Pfaff deßwegen vom Dienst kommen, hat man ihm doch bald nachher eine bessere Pfarr geben. Dergleichen hat sich auch mit einem Mutterschwein gegeben, dessen Milch auch einem solchen Ehebrecher für Frauenmilch gegeben worden, und hat das Schwein vor des Liebeskünstlers Wohnung Tag und Nacht gelegen, daß man es endlich auch hat schlachten müssen.“ Die hier gebrachten Schilderungen abergläubischer Vorstellungen aus dem Mittelalter erscheinen sicher unbegreiflich und sind nur zu verstehen, wenn man den Stand der mittelalterlichen naturwissenschaftlichen Erkennt­ nisse richtig beurteilt. Damit soll nicht gesagt sein, daß unser 20. Jahrhundert nicht auch noch den abergläubischsten Vorstellungen zugänglich wäre. Man schneide einmal eine zeitlang systematisch nicht nur die Inserate aus illustrier­ ten Zeitungen heraus, die Geheimmittel anpreisen, die von der Gedächtnis­ schwäche bis zu den Hämorrhoiden alles heilen, was den kranken Menschen plagt, sondern man lasse sich einmal Proben jener Literatur kommen, die über „Orientalische Geheimnisse“ unterrichtet. Man kann sein blaues Wunder erleben. In einer Schrift „Das Geheimnis der Krankheitsbehandlung durch natürliche Heilmittel“, die im Jahre 1926 (1!) erschien, heißt es tatsächlich: 1. „ U n f r u c h t b a r k e i t ist die Unfähigkeit der Frau oder des Mannes, Kinder zu zeugen. Sie ist häufiger bei der Frau als beim Manne und wird behoben durch Insemination von S c h a f g a r b e in ein Beet oder einen Blumentopf auf dessen Erde das Weib ihr Menstruationsblut oder der Mann seinen Samen hat fallen lassen.“ 2. „ I m p o t e n z ist das Unvermögen des Mannes, den Beischlaf zu vollziehen. Man versuche zuerst die gewöhnlichen, den Geschlechtstrieb anregenden Mittel: Zimt, Vanille, Safran, Myrrhe, Terpentin, Ambra, und wenn diese versagen, so hilft das folgende Verfahren: Schneide drei Tage

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vor Neumond ein Büschel von den Schamhaaren ab, umwickle es mit einem Leinenfaden, hierauf bohre ein Loch in einen Holunderbaum, stopfe es hinein und verschließe das Loch mit einem Keil, der von einem Zweig desselben Baumes geschnitten ist.“ Und so etwas ist 1926 gedruckt worden! — Bei der Behandlung abergläubiger Anschauungen über Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes, Beseitigung von Unfruchtbarkeit etc., muß auch noch auf die sogenannten „Sympathiekuren“ hingewiesen werden, die ebenfalls heute noch in großer Blüte stehen und die entweder durch Worte, bestimmte Handlungen oder Anwendung gewisser Gegenstände durchgeführt werden. Das “Besprechen“ von Warzen hat sein Analogon in der Beschwö­ rung von Dämonen gefunden, die entweder die Unfruchtbarkeit beseitigen oder den Geschlechtstrieb anfachen sollen, damit — um ein Beispiel zu nennen — „der reiche Bauer endlich zum ersehnten Stammhalter kommt“. Von Handlungen sei nur das Knüpfen, Einpflöcken, Vernageln bestimmter Gebrechen oder Mängel von Menschen auf Tiere oder Pflanzen erwähnt. Es haben sich Menschen backen und baden lassen, anhauchen, streichen und tätowieren lassen, um auf ihre Geschlechtspersönlichkeit einen besonderen Einfluß zu gewinnen. Hier winden eben schwülstige Zauberformeln durch geheimnisvolle Zeichen ersetzt, die wahrscheinlich dem Zeichner mehr ein­ gebracht haben, wie dem Gezeichneten. Im dritten Falle sind die Mumia, Talismane und Amulete zu erwähnen, bei denen auch heute noch tierisches oder menschliches Blut, Haare, Haut, Schweiß und Nägel eine große Rolle spielen. In der Regel der Fälle dürfte bei all diesen Praktiken die Autosugge­ stion die größte Rolle spielen, denn alle die Sympathiekuren verlangen, daß der Patient fest an den Erfolg glaube. Es kann wohl keinem Zweifel unter­ liegen, daß das, was die weise Frau oder der alte Schäfer mit viel Firlefanz und Hokuspokus den Leuten einreden, Coue auf eine viel einfachere Formel gebracht hat. Die Türken sprechen gegen Impotenz, welche durch Verschreien und Bezauberung entstanden ist, einen Koranvers. Achmed empfahl: Der Be­ sprecher lege die Hände wie eine Wölbung über das Wasser, das der Kranke trinken soll, und spreche das vorletzte Kapitel des Korans — dann ist das Wasser gefeit vor Zauberei. Hierauf vollführe der Impotente seine Ab­ waschungen und spreche seine Gebete. Schließlich lege er den Zeigefinger der rechten Hand auf seinen Dkör (Penis), den Daumen aber auf seine Magen­ grube und schaue den Besprecher an. Dieser versenke seine Blicke in die des Kranken, spreche in Gedanken die letzten zwei Kapitel des Korans und sage mit lauter Stimme und mit machtvollem Willen: „Gehe!“ „Von diesem Augen­ blick an ist der Zauber gebrochen und du bist nicht mehr impotent“. Ge­ nügt dies nicht, dann wiederhole man die Handlung dreimal, doch lasse man von einem Male zum anderen eine Pause von einer Woche. 45

Weit verbreitet ist und war die Sitte, solche Beschwörungen auf Steine oder in Tafeln einzugraben. Sehr oft begnügt man sich mit der Wiedergabe eines geheimnisvollen Satzes, eines wundertätigen Wortes oder Zeichens. Besonders die Talismane und Amulete sollen in dieser Beziehung auf den Geschlechtstrieb wirken, eine Meinung, die sich bis in unsere Zeit hinein er­ halten hat. Mit dem Worte „Hamalet“ (Anhängsel) bezeichnet der Araber an­ gefädelte, mit allerlei Figuren oder sonstigen Inschriften bedeckte Steine, die irgendwo am Leibe getragen werden, und in der Form „Amulet“ ist das Wort in alle europäischen Sprachen übergegangen. Vor hundert Jahren muß die Damenwelt für solche Amulete und Talismane ein starkes Interesse bekundet haben; wenigstens beginnt der bekannte Orientalist Josef von HammerPurgstall eine Abhandlung, die er im Jahre 1814 „über die Talismane der Moslimen“ veröffentlichte, mit den Worten: „Seit einem Jahrzehnt beiläufig hat die Liebhaberei der Talismane oder Inschriftsteine bei den Schönen der ersten Hauptstädte Europas, vorzüglich aber bei den Damen von Wien und Petersburg, überhand genommen“. Ein besonders typisches Amulet jüdischer Herkunft teilt Blau mit. Es handelt sich um eine Bleitafel, die von den Franzosen im Jahre 1890 bei Ausgrabungen in der Totenstadt des alten Hadrumetum, der Hauptstadt der Landschaft Byzacium in der römischen Provinz Afrika, aufgefunden wurde. Der hochinteressante Text, der unter Anwendung biblischer Formeln die Geschlechtslust des Partners entfachen soll, hat folgenden Wortlaut: „Ich beschwöre Dich, dämonischer Geist, der du hier ruhest, mit dem heiligen Namen Aoth Abaoth bei dem Gotte des Abraan und dem des Isak und dem des Jakob, dem Jao Aoth Abaoth, dem Gotte Israels: höre auf den herrlichen und furchtbaren und großen Namen und eile zu Urbarios, den Urbana geboren, und führe ihn zu Domitiana, die Kandida geboren, daß er, liebend, rasend ohne Schlaf vor Liebe zu ihr und Verlangen, sie bitte zurück­ zukehren in sein Haus und seine Gattin zu werden. Ich beschwöre Dich bei dem großen Gotte, dem ewigen und mehr als ewigen und allmächtigen, der erhaben ist über die erhabenen Götter. Ich beschwöre Dich bei dem, der den Himmel und das Meer geschaffen hat. Ich beschwöre Dich bei dem, der die Frommen absondert. Ich beschwöre Dich bei dem, der seinen Stab in dem Meere trennte (sic), daß Du herbeifuhrest und vereinest Urbanos, den Urbana geboren, mit Domitiana, die Kandida geboren, auf daß er liebend, gequält, ohne Schlaf vor Verlangen nach ihr und Liebe, sie als Gattin heim­ führe in sein Haus. Ich beschwöre Dich bei dem, der der Mauleselin die Jungen versagte. Ich beschwöre Dich bei dem, der das Licht schied von der Finsternis. Ich beschwöre Dich bei dem, der die Felsen zermalmt. Ich be­ schwöre Dich bei dem, der die Berge zerriß. Ich beschwöre Dich bei dem, der die Erde zusammenhält auf ihren Grundfesten. Ich beschwöre Dich bei 46

dem heiligen Namen, den man nicht ausspricht unter den Menschen; ich werde ihn nennen und die Dämonen werden aufgestört, entsetzt und voll Grauen, daß Du herbeiführest und vereinest als Gatten Urbanos, den Urbana geboren, mit Domitiana, die Kandida geboren, und er liebend sie bitte; rasch, schnell! Ich beschwöre Dich bei dem, der eine Leuchte und Sterne an den Himmel setzte durch seiner Stimme Befehl, daß sie leuchteten allen Men­ schen. Ich beschwöre Dich bei dem, der die ganze Welt erschütterte und die Berge sich neigen und erheben läßt, der die ganze Erde erzittern macht und alle ihre Bewohner erneuert. Ich beschwöre Dich bei dem, der Zeichen gethan hat am Himmel und auf der Erde und dem Meere, daß Du herbeiführest und vereinest als Gatten Urbanos, den Urbana geboren, mit Domitiana, die Kandida geboren, auf daß er, sie liebend und ohne Schlaf vor Verlangen nach ihr, sie bitte und angehe, in sein Haus zurückzukehren als seine Gattin. Ich beschwöre Dich bei dem großen Gotte, dem ewigen und allmächtigen, den die Berge fürchten und die Schluchten in der ganzen Welt, durch den der Löwe den Raub läßt und die Berge zittern und die Erde und das Meer, (durch den) weise wird ein jeglicher, den beseelt die Furcht des Herrn, des ewigen, des unsterblichen, des allschauenden, der das Böse haßt, der weiß, was Gutes und Schlechtes geschieht auf dem Meere und den Strömen und den Bergen und der Erde, Aoth, Abaoth, bei dem Gotte des Abraan und dem des Isak und dem des Jakob, dem Jao Aoth Abaoth, dem Gotte Israels: fuhr’ herbei und vereine Urbanos, den Urbana geboren, mit Domitiana, die Kandida geboren, liebend, rasend, gequält von Liebe und Neigung und Verlangen nach Domitiana, die Kandida geboren; vereine sie ehelich und als Gatten in Liebe für die ganze Zeit ihres Lebens. Mach’, daß er wie ein Sklave liebend ihr gehorche und kein anderes Weib noch Mädchen verlange, sondern einzig Domitiana, die Kandida geboren, als Gattin habe für die ganze Zeit ihres Lebens; rasch, rasch! schnell, schnell!“ Die Amuletgläubigen behaupten auch noch heute, daß Liebesamulete ihre Wirksamkeit nicht verfehlen. Dabei sind sie allerdings so vorsichtig ge­ worden, zu sagen, daß kein Fernstehender ein wirksames Amulet verkaufen könne; er könne vielmehr nur d a s M a t e r i a l und d i e F o r m eines Amulets anpreisen. Was zum Beispiel in Berlin in einem Geschäft Unter den Linden verkauft werde, das k ö n n e einmal ein Amulett w e r d e n ; es könne aber auch versagen, selbst wenn es die höchsten Symbole der Magie trägt. Auch hier entscheidet der „Glauben“. Es wundert einen daher nicht, wenn Erttmann darauf hinweist, daß die katholische Kirche, „die das Wesen des Amulets bedeutsamer Weise beibehalten hat“, die fraglichen Medaillen, Kreuze etc. weiht. „Sie weiht auch das Amulet der ehelichen Liebe, den goldenen Reif; sie zeigt damit ein tiefes Verständnis für das Wesen des Amu­ lets und Talismans. Leider aber bleibt der goldne Reif in den meisten Fällen ein rein äußerliches Zeichen, selten wird er zum Talisman.“ (!) Wir glauben, 47

daß sich das Versagen nicht nur auf den Ehering beschränkt, sondern daß hier tatsächlich, wenn überhaupt, die Autosuggestion die Hauptrolle spielt. Erttmann will das bestreiten, aber durch seine Schilderung der nur allzuoft erwiesenen Unwirksamkeit der Amulete und Talismane für das Andauern oder gar die Steigerung eines Liebesverhältnisses widerlegt er ja selbst seine eigene Behauptung, wonach die Liebesamulete das Selbstbewußtsein stärken, im Menschen Kräfte auslösen und klärende Gefühle und Vorstellungen er­ wecken. Daran ändert auch nichts der von ihm gebrachte Hinweis auf die Lingamamulete. Eng im Zusammenhang mit Amuleten und Talismanen, denen eine erotisierende Wirkung zugeschrieben wurde und wird, steht der Glaube an die Kräfte bestimmter Edelsteine und Halbedelsteine. Vor allem im Aberglauben spielen die Edel- und Halbedelsteine eine besonders große Rolle. Das ganze Mittelalter hindurch beschäftigte man sich mit den magischen Einflüssen, die sich bei den Trägern kostbarer Edel­ steine bemerkbar gemacht haben sollten. Und nicht nur im Mittelalter, auch im Altertum spielen die okkulten Kräfte der Steine eine große Rolle. So erinnert man an das Amtsschild, welches der Hohe Priester im alten Palästina trug, dessen zwölf Edelsteine nicht nur den zwölf Stämmen Israels, sondern auch den zwölf Tierkreiszeichen am Himmel entsprachen. Die Vertiefung und Erweiterung der magischen Edelsteinkunde sollen die alten Juden aus der babylonischen Gefangenschaft mitgebracht und später im Abendlande verbreitet haben. Daß schließlich die okkulten Kräfte der Edelsteine auch auf erotischem Gebiete eine Rolle zu spielen begannen, überrascht weiter nicht, wenn man weiß, welche merkwürdigen Eigenschaften in ausführ­ lichen und merkwürdig gelehrten Abhandlungen den Gesteinen nachgerühmt wurden. Dieser Aberglaube hat sich tatsächlich bis in unsere Zeit erhalten und noch im Jahre 1927 wird der Einfluß bestimmter Steine auf das Ge­ schlechtsleben als „magische Wirkung“ gerühmt. Aus dem Altertum wissen wir übrigens, daß bereits damals bestimmte Kostbarkeiten offenkundig als Aphrodisiakum eine Rolle spielten. Es ist interessant, nicht selten der Auffassung zu begegnen, daß die berühmte Ver­ schwendung der Kleopatra, als sie eine kostbare Perle in Essig auflöste, weniger die Absicht der Verschwendung, als die einer besonderen Reiz­ wirkung angestrebt haben soll. Und auch Guhlmann behauptet ja sogar noch im Jahre 1927: „Perlen werden zuweilen medizinisch zur Befreiung des Blutes von der schwarzen Galle angewandt“. Man sieht, daß das Vergehen zweier Jahrtausende nur wenig am Vorkommen abergläubischer Meinungen und Vorstellungen änderte und so hören wir denn auch noch in unserer Zeit, daß der Achat als ein gutes Mittel zur Erlangung von Gunst und Liebe gilt. Wenn der Stein an der Hand getragen wird, so bringt er die Liebe des anderen Geschlechts, „verleiht Anmut und Schönheit“ sowie bezaubernde Worte. Der 48

Aquamarin macht seinen Träger froh und reich und hilft ihm in allen Dingen der Liebe. Und wie es in einem dieser kuriosen modernen Traktate weiter heißt: „mag es sich um eheliche oder außereheliche Liebe handeln“. Be­ sonders merkwürdig ist die Wirkung des Mondsteines. Er erhöht nicht nur die geistige Reinheit, sondern auch Liebe und Treue. Die modernen „Magier“ weisen natürlich darauf hin, daß die Wahl und Wirkung des Steines wesent­ lich bestimmt sein muß durch den Stand der Gestirne. Es wird die besondere Anwendung der „Aszendentenuhr“ empfohlen, um die Kräfte der Edelsteine zu erhöhen. Es unterliegt für uns keinem Zweifel, daß es auch heute noch genug abergläubige Menschen gibt, die glauben, hier irgend ein Manko auf sexuellem Gebiete durch die okkulten Kräfte der Edelsteine ausgleichen zu können. So, wie man uns verschiedentlich ganz ernsthaft fragte, ob der Stand der Gestirne auf die Verhütung der Empfängnis einen Einfluß habe, so wissen wir auch, daß mancher einen Stein im Ring oder als Amulet trägt, weil er auf erotischem Gebiete auf bestimmte Erfolge hofft. Fühner, der in seiner „Lithotherapie“ ein umfassendes Material über die Edelsteinheilkunde des Altertums und Mittelalters zusammengetragen hat, erklärt die auch heute noch von vielen so hochgeschätzten Wirkungen der Steinamulete auf die Psyche (und damit auch auf das Liebes- und Ge­ schlechtsleben) sehr richtig, wenn er sagt: „In unserer Zeit, in welcher der Hypnotismus wieder eine Rolle in der Therapie der Psychosen spielt, in der dem suggestiven Moment bei der Darreichung von Arzneien wieder größere Aufmerksamkeit geschenkt wird, in welcher sog. occultistische Bestrebungen, von Amerika und England ausgehend, wieder in breiterem Strome zu fließen beginnen, mag es nicht müßig erscheinen, eine Gruppe früherer Arznei­ mittel, die Edelsteine, historisch zu betrachten, deren Anwendung mit geheimwissenschaftlichen Vorstellungen und Praktiken, Magie und namentlich Astrologie, eng verknüpft war und ohne solche Beziehungen überhaupt un­ verständlich erscheint. Wenn wir heute von Edelsteintherapie reden, so ist es uns von vornherein klar, daß es sich bei einer etwa angenommenen oder beobachteten, von Edelsteinen ausgehenden Heilwirkung (oder Reizwirkung Anm. d. Verf.) nur um einen Suggestionserfolg handeln kann, daß die ganze Lithotherapie nur eine Psychotherapie darstellt; denn wie sollten unlösliche Dinge, wie Edelsteine, im Tierkörper eine andere, als höchstens mecha­ nische Wirkung hervorbringen ? So war wohl die ursprüngliche Verwendung der edlen Steine nur eine solche als Zaubermittel, als Amulete, denen bestimmte Einflüsse auf den Träger zugeschrieben wurden. Doch hierbei blieb der Mensch, beim Suchen nach Heilmitteln für seinen kranken Leib, nicht stehen; wenn ein Gegenstand schon durch bloße Berührung Veränderungen hervor­ bringt, wie viel kräftiger müssen solche sein, wenn derselbe fein gepulvert, vielleicht noch geröstet, dem Innern des Menschen ein verleibt wird! Die aus dem Lande der Edelsteine, aus Indien stammende innere Edelstein­ 4

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medikation sehen wir hauptsächlich durch Vermittlung der Araber in Europa zu ihrem Höhepunkt gelangen, auf welchem sie sich mehrere Jahrhunderte lang erhalten konnte, bis ihr durch wachsende chemische Erkenntnis der Boden entzogen wurde, und sich bald kein Arzt mehr zu ihr bekannte. Doch im Volke schlummert der Glaube an die Wirksamkeit der Edelsteine fort, und mancher kleine moderne Aberglaube —• ich erinnere an die Apostel- und Monatssteine, an den imglückbringenden Opal, an Diamantpulver als Abortivum — führt mit feinem Faden zurück, auf die einst so hochgeachtete Edel­ steinmedizin.“ Die bereits von uns zitierten Mitteilungen von Guhlmann aus dem Jahre 1927 beweisen das denn ja auch besonders deutlich. Neben Liebeszauber, Talismanen, Amuleten und Edelsteinen spielen im Aberglauben über die willkürliche Beeinflussung des Geschlechtstriebes vor allem auch Pflanzenbestandteile sowie tierische und menschliche Stoße eine überaus große Rolle. Leider müssen wir feststellen, daß gerade auf diesem Gebiete die menschliche Unwissenheit und Verirrung Dinge zu Tatsachen werden ließ, die unserer Zeit unbegreiflich erscheinen könnten, wenn wir nicht auch heute noch immer wieder den letzten Resten solchen Aberglaubens begegnen müßten. Relativ harmlos sind die Vorstellungen in Bezug auf die Wirksamkeit bestimmter Pflanzen. Die Druiden schrieben der Mistel, die heute noch in England in hohem Ansehen steht, und die man „pren-awyr“ d. h. Luftpflanze nannte, medizinische Wirkungen zu. Man hielt sie für ein Symbol heiliger Liebe und glaubte, daß sie die Unfruchtbarkeit verhindern könne. Wer in einigen deutschen Gegenden bei Mädchen Erfolg haben will, dem wird empfohlen, stets die Wurzel der Ringelblume (Calendula officinalis) in einem violettseidenen Tüchlein bei sich zu tragen. Ein Mädchen wird einem Jüng­ ling nichts abschlagen, wenn er die Wurzel des Baldrians (Valeriana officinalis) und der Eberwurz (Carlina vulgaris), in rotem Wachse verwahrt, bei sich trägt. Hierauf scheint auch der Volksspruch hinzudeuten: „Baldrian — Greif mir dran!“ Die zahlreichen Meinungen und abergläubischen Vorstellungen, die mit der erotisierenden Wirkung von Pflanzen und Pflanzenstoffen Zusammenhängen, werden uns später noch ausführlicher beschäftigen. In Indien soll nach dem Anangaranga der Impotente Pillen aus der Asche eines Eies, das man mit Arsen, Safran und der Wurzel einer Eisenhutart (Aconitum heterophyllum) gefüllt und in einem Kuhmistfeuer verbrannt hat, einnehmen. Diese Eiasche mischt man auch mit geklärter Butter und schmiert damit den Penis ein. Noch unangenehmer ist ein anderes Rezept: „Eine Pommeranze ganz verschluckt und, nachdem sie so wieder weggegangen, gerieben, macht ver­ liebt, wenn man sie einem irgendworin eingibt.“ Selbstverständlich wird 50

auch von Erfolgen derartig widerwärtiger Liebeszauber berichtet. So soll die Gräfin Rochlitz, die Geliebte des Kurfürsten Johann Georg IV. von Sachsen, wie wir bereits oben mitteilten, ihrem Liebhaber eine Muskatnuß pulveri­ siert verabfolgt haben, nachdem sie ein und dieselbe Nuß dreimal verschluckt und wieder von sich gegeben hatte. Der Liebeszauber erhöhte sich, je öfter die betreffende Pflanzenfrucht den Magen und Darmkanal passiert hatte. Glücklicherweise gab es eine ganze Reihe anderer Liebeszauber, deren Herkunft und Zubereitung weniger unappetitlich war. So sollte viel Kraft in den Liebesäpfeln stecken, aber auch in Birnen, Zitronen u. a. m. Über die Verfertigung der Liebesäpfel schreibt ein Rezept folgendes vor: „an einem Freitag früh vor Sonnenaufgang gehe in einen Baumgarten und pflücke von einem Baum den schönsten Apfel den du kannst. Hierauf schreib mit deinem Blut auf ein Stückchen weiß Papier deinen Namen und Zunamen, und in die folgende Linie den Namen und Zunamen deiner Geliebten. Dann nimm drey Haare von deiner Geliebten und drey von den deinigen zusammen und binde diesen Zettel mit einem anderen damit zusammen, auf dem weiter nichts als das Wort SCHEVA mit Deinem Blut geschrieben steht. Hierauf spalte den Apfel entzwei, nimm die Kerne heraus, und lege an ihre Stelle deine beyden mit den Haaren verbundenen Zettelchen hinein. Mit zweyspitzigen Spießchen von grünem Myrtenholz vereinige die beiden Hälften des Apfels wieder genau miteinander und laß ihn wohl trocknen im Ofen, so, daß er hart und ganz ohne Feuchtigkeit werde, wie die trockenen Fasten-Äpfel. Endlich wickle ihn in Lorbeer und Myrtenblätter und trachte, daß du ihn unter das Kopf­ kissen deiner Geliebten in ihr Bett legest, jedoch ohne, daß sie es bemerke, und bald wirst du die Proben ihrer Liebe empfangen.“ Wollte man die Wir­ kung dieses Rezeptes steigern, so mußten die Liebesäpfel mit dem Schweiße der Person in Berührung kommen, die den Zauber ausüben wollte. Anstelle des Obstes traten natürlich auch Achselhaare, geschnittenes Brot oder Gebild-Brote, auch ein durchschwitztes seidenes Halstuch zu Zunder ver­ brannt und die Asche Speisen oder Getränken beigegeben, taten denselben Dienst. Weiße Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt und bei sich ge­ tragen, soll Liebe und Freundschaft zwischen beiderlei Geschlecht erwecken und erhalten. Eine andere Vorschrift lautet: „Nym Baldrian in den Mund und küsse eyne, welche Du wilt, Sye gewynnet Dich lieb“; solche und ähn­ liche Vorschriften sind oft erlassen und viel befolgt worden, denn man glaubte, durch zauberkräftige Kräuter die eigene Unwiderstehlichkeit zu erhöhen. Manchmal geben auch bestimmte Stoffe, die in den einzelnen Ländern in besonders hohem Ansehen stehen, den Anlaß, ihnen eine besondere Wir­ kung auf die Stärkung des Geschlechtstriebes zuzuschreiben. So berichten türkische Schriftsteller sehr viel vorteilhaftes in dieser Beziehung vom Hennah, einem Farbstoff, der aus Lawsonia inermis gewonnen wird. Bei den 4'

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Türken sollte das Einreiben von Hennah auf die Fingerspitzen, auf den Schädel und an den Füßen die Sinnlichkeit erregen; auch soll man häufig die Scham­ haare abrasieren und die Schamteile dann mit Hennah einschmieren. „Be­ streichet Euch mit Hennah“, sagt Anas, „es verjüngt, es verschönert, es treibt zu geschlechtlicher Vermischung.“ Aburafi erzählt: „Eines Tages befand ich mich bei unserem heiligen Propheten; ich saß bei ihm, da legte er die Hand auf mein Haupt und sprach: „Gut. Machet Gebrauch von dem Meister der färbenden Kosmetik, vom Hennah. Das Hennah stärkt die Hand, animiert zum Coitus.“ Omer Haleby fugt zur Mitteilung dieser Tradition hinzu: „Nach meiner eigenen Erfahrung gibt es wenige Fälle nichtorganischer Impotenz, die nicht aufgehoben werden könnten, wenn man morgens und abends den Dkör mit dem Kitt von Hennah oder mit flüssigem Hennah einreibt; es ge­ nügen acht oder höchstens vierzehn Tage, um auf diese Weise vollständige Heilung zu erzielen.“ Man wird sich über die absolute Harmlosigkeit des Hennah in dieser Beziehung sicher einig sein. Anders liegen die Dinge bei den zahllosen tie­ rischen Stoffen, die zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes an­ gewendet worden sind. Wir geben nachstehend nur einige Beispiele und weisen daraufhin, daß der menschliche Aberglaube tierische Bestandteile entweder symbolisch verwandte, oder äußerlich in Pulver- oder Salbenform auf bestimmte Körperteile aufstrich. Am häufigsten wurden jedoch Teile oder Sekrete von Tieren geschluckt. Manchmal sind es seltsame Mißverständnisse gewesen, die irgend ein Tier oder Stoff in den Geruch der geschlechtlichen Reizwirkung brachten. Die Friauler identifizierten „mandraule“ (die Bezeichnung für die Mandra­ gora) wie „salamandre“. Das führte dazu, den Salamander mit der Alraune­ wurzel zu verwechseln. Da der Erwerb der Mandragora größere Umstände machte, wie das Fangen der Salamander, so kamen die Tiere in einen Ver­ dacht, der völlig falsch war, und wurden in zahllosen Mengen getrocknet und pulverisiert. Wie stark der Wunsch ist, sich von Tieren geschlechtliche Reizmittel zu verschaffen, geht schon daraus hervor, daß man auch heute noch in Indien nicht einmal vor schwersten Tierquälereien zurückschreckt. John Hagenbeck und Victor Ottmann teilen mit, daß sie eines Nachts durch das klägliche Gebrüll eines Rhinozerosses geweckt worden seien, das sich in einem Abzugs­ graben gefangen hatte. Als sie am Morgen der Ursache der nächtlichen Störung nachgingen, stellte sich heraus, daß Malaien das Tier bereits getötet hatten und vor allen Dingen das Horn des Rhinozerosses bereits gestohlen war, weil es von den Eingeborenen als Aphrodisiacum sehr geschätzt wird. Von den zahlreichen symbolischen und Zauberhandlungen, die mit Tieren oder tierischen Bestandteilen zum Zwecke der Anregung des Ge­ 52

schlechtstriebes oder Liebesauslösung vorgenommen werden, seien nur die nachstehenden Beispiele gegeben. In Bosnien soll das Mädchen den Jüngling, dessen Liebe sie zu be­ sitzen wünscht, dreimal mit einer lebenden Fledermaus umkreisen. Die kleinen Würmchen, die man in der Regenzeit im Kuhmist findet, trocknet man in Britisch-Ostindien und trägt sie in einem Medaillon, das um den Hals ge­ bunden ist. In einigen Gegenden Deutschlands soll man im Frühjahr zwei Frösche im Begattungsakte durchstechen und die Nadel unbemerkt in das Kleid des Mädchens stecken, das man gern haben möchte. Über Reizmittel zum Beischlaf erwähnt Plinius ferner folgendes: Man binde dem Manne den rechten Lungenflügel eines Geyers in einer Kranichhaut um, oder er trage den rechten Hoden eines Hahnes in einem Widderfelle bei sich, oder er halte die Asche einer Stemeidechse, in Leinwand gewickelt, in der linken Hand. Ein Weib wird zum Beischlaf gereizt, wenn sie sich Flock­ wolle, welche mit Fledermausblut getränkt ist, unter den Kopf legt. Läßt ein Mann seinen Harn in den eines Hundes, so ermattet er in der Erfüllung der ehelichen Pflichten nicht. Eine Krötenmuskel am rechtem Arm „erweckt die Liebe“. Andere orientalische Anweisungen besagen: Wenn bei den Batak auf Sumatra eine Ehe kinderlos bleibt, so schreibt man, nach Römer, dies dem Umstande zu, daß die Frau gegen einen ihrer Verwandten von Mannesseite in etwas zu kurz gekommen ist. Das hierfür erforderliche Sühneopfer heißt, wie eigentlich jedes dieser Kategorie, „panaluan“. Um sich von einem Fluche zu reinigen, wird ein Opfer aus drei Heuschrecken zusammengestellt, welche ein Pferd, einen Büffel, oder eine Kuh Vortäuschen, die als Sühnopfer den Göttern angeboten werden. Danach nimmt der Opferbringer eine Schwalbe und fleht die Götter an, alles, was noch von dem Fluche übrig geblieben sein sollte, auf diesen Vogel zu übertragen, wonach er ihm die Freiheit wiedergibt. Nach Wuttke winde der Laubfrosch als Liebeszauber verwendet. Ein merkwürdiger Brauch wird aus Böhmen berichtet. Dort fing die Braut am Abend vor St. Georg eine ganz junge männliche, wilde Taube, pflegt sie, bis sie gut fliegen kann, stellt sich dann des Morgens an den Herd, drückt die Taube an ihre bloße Brust, ans Herz, schiebt sie dreimal durch den linken Hemdärmel und läßt sie unter einem Segensspruch durch den Kamin fliegen. Ein anderes Rezept lautet: Man schieße eine Eule und koche sie in der Mitternachtsstunde. Alsdann suche man aus ihrem Kopfe zwei Knöchelchen, welche wie Hacke und Schaufel gestaltet sind und im Volksmund auch diesen Namen führen. Das übrige von der Eule vergrabe man unter die Traufe. Wünscht man nun ein Mädchen für sich zu gewinnen, so darf man sie nur heimlich mit der Hacke berühren; sie ist „festgehakt“. Wünscht man jedoch, sie wieder los zu sein, so darf man sie nur mit der Schaufel berühren, sie fällt 53

alsbald von dem Geliebten ab. Die Liebe kann man jemanden auch folgender­ maßen „antun“ : Man legt einen Zettel mit dem Namen der Person in einen Topf und stellt diesen am ersten Freitag beim abnehmenden Mond in einen Ameisenhaufen, dann trete man drei Schritte zurück und bete drei Vaterunser im Namen der heiligen Dreifaltigkeit. Sobald die Ameisen den Zettel ver­ zehrt haben, ist die Liebe auch da. Aus dem Egerländischen hören wir: „Die Liebe und unnatürlichen Hang oder Begierde zu einer Person zu beweisen, geben sie den leichtgläubigen jungen Leuten Maulwurf-Brätzlein und sagen sie, es ist ein imgeborenes Kinderhändlein. Wenn die jungen Leute ein solches Händlern bekommen und bei sich tragen, glauben sie, die Liebe von allen in vollem Maße zu erlangen.“ Mannigfaltiger Liebeszauber wird von den Huzulenmädchen geübt. So fängt das Mädchen eine Fledermaus und steckt sie in einen neuen Topf, in welchen mehrere kleine Löcher gebohrt wurden. Hierauf wird das Gefäß gut zugedeckt in einem Ameisenhaufen verscharrt. Nachdem die Ameisen die Weichteile der Fledermaus verzehrt haben, nimmt das Mädchen den Topf heraus und sucht aus dem Skelett jene Knöchelchen aus, welche entweder die Form von Heugabeln oder von Rechen haben. Ist nun ein Liebhaber des Mädchens diesem unangenehm, so stößt es bei irgend einer Gelegenheit unbemerkt denselben mit einem der gabelförmigen Beinchen von sich. Den ihr erwünschten Burschen zieht sie aber mit dem rechen- oder hakenförmig gebildeten Knöchelchen an sich. Bei den Slovaken dient nach Holuby die Natterzunge (Ophioglossum vulgare) als Aphrodisiacum. Mädchen tragen sie bei sich, wenn sie zum Tanze gehen. Abends vor Johannis gefunden, wird sie von Mädchen nachts unter das Kopfkissen gelegt, um vom Lieben zu träumen. Schließlich genügte es auch, gewisse Gegenstände in die Hand zu nehmen, bei sich zu tragen oder in die Kleidung zu nähen: wenn Männer „das Frauen­ zimmer zwingen wollten, ihnen gut zu seyn“, so genügte es, wenn sie sich einen Entenschnabel in den Hosensaum nähten. „Wer einer Jungfern Huld und Liebe zu Wege bringen will, schreibe ihren und seinen Namen auff Jung­ fernpergament, wickele es in Jungfernwachs und heng’ es an seynem Leibe. Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand. Probatum!“ Eine Übergangsform von der symbolischen zur rein äußerlichen An­ wendung eines „tierischen Bestandteiles“ ist die abergläubische Vorstellung von der Wirksamkeit des „Allectorius“. Megenberg teilt darüber mit, daß man im Mittelalter die Hähne ihres „gezeugels“ beraubt habe, d. h. sie kastrierte. Das geschehe, wenn sie „dreier jar alt sein“ ; darnach läßt man sie noch fünf oder sechs Jahre leben, dann findet man in der Leber des Kapaunen „ainen edeln stein, der haizt allectorius, und hiez ze däutsch wol der minneziehr oder der minnezaemer, darumb daz er die frawen ieren 54

manne minnezaem macht.“ Damit sollte gesagt sein, daß sich im Laufe der Jahre in dem kastrierten Tier ein Wunderstein heranbildet, der auf den Geschlechtstrieb des Menschen eine anregende Wirkung ausüben sollte. Von den äußerlich angewandten Salben aus tierischen Bestandteilen nennen wir hier nur eine des Anangaranga, das empfiehlt, „vor dem Bei­ schlaf seinen Lingam mit einem Gemisch von Taubenkot, Steinsalz und Honig einzureiben, um sich „zum Beherrscher seiner Frau“ zu machen. Die folgende Formel ist dem „Livre des secrets de magie“ entlehnt: „Man nehme eine lebende Kröte. Am Freitag, vor Aufgang der Sonne, zur Stunde der Venus, hänge man sie an den Hinterbeinen im Rauchfang auf. Man pulverisiere sie trocken, hülle sie in ein Blatt Papier, lege sie drei Tage unter einen Altar und hole sie am 3. wieder ab. Wenn auf diesem Altar die Messe gelesen worden ist, so genügt es, um alle Frauen dir nachlaufen zu lassen, daß du eine Blume damit bestreuest“. Bereits Plinius behauptet, daß man die Geschlechtsteile geschwächter Personen mit einem Eselspenis bestreichen solle. Ebenso sollen Waschungen mit dem Urin eines Stiers, den dieser nach einer kräftigen Bespringung ge­ lassen habe, heilsam sein. Sind Mann und Frau verhext, so sollen sie in Schwaben Herz und Leber eines Hechtes nehmen, auf glühende Kohlen legen und den Rauch an die Geschlechtsteile ziehen lassen. Lambs berichtet von einem elsässischen Aberglauben, wonach einem Impotenten geraten wird: „Wenn Du von einer Frau bezaubert wirst, daß du mit keiner anderen magst zu tun haben, nimm Bocksblut und schmiere die Hoden damit, so wirst du wieder recht“. Auch Einreibungen der Geschlechtsorgane mit Rabengalle, Einnehmen von fein gestoßenen Korallen und einem ebenso fein zermalmten Zahn einer Leiche wird empfohlen. Von den zahllosen unappetitlichen Rezepten zur Triebsteigerung, die innerlichen Gebrauch von Tieren und tierischen Bestandteilen vorschreiben, kennt die Literatm: des Altertums und Mittelalters so viele, daß wir uns hier auf eine Auswahl der typischen beschränken müssen. Unter den tierischen Bestandteilen, die in dieser Beziehung in der Lite­ ratur der Antike eine außerordentlich große Rolle spielten, findet man vor allem das Hippoman. Die Wunderwirkung dieses Aphrodisiacums soll, wie Porta berichtet, ganz außerordentlich gewesen sein. Nach den einen handelt es sich um ein Stück schwarzer H aut oder eines fleischigen Auswuchses auf der Stirn neugeborener Füllen, etwa in der Größe einer Feige. Die Griechen verbrannten es und verrieben die Überreste zu einem Pulver, das mit dem Blute der liebenden Person vermischt werden mußte. Man beeilte sich sehr, den kostbaren Stoff rechtzeitig zu gewinnen, denn die Stute biß es kurz nach der Geburt ab. Eine andere Erklärung gab Aristoteles, indem er von den Pferden sagt: „Sobald das Übel sie befallt, lassen sie niemanden nahe kommen, bis sie entweder durch die Anstrengung ermatten oder an das Meer gelangen; 55

sodann geben sie etwas von sich, das man, wie bei den Neugeborenen, Hippomanes nennt. Es ist aber wie der Ebergeil und es suchen dies vor allem die Zauberinnen“. Es dürfte sich also hier entweder um den Brunstschleim (das ist das sogenannte „Stutengeil“, ein Sekret, das die Stute in der Brunstzeit aus der Vagina absondert, und das man den Liebestränken zusetzte) der Stuten handeln, oder es handelte sich um Klümpchen von Kindspech, die an verschiedenen Körperteilen des jungen Tieres anhaften. So heißt es denn: „Kräuter auch werden gesucht, die die eherne Sichel im Mondschein abgemäht vollstrotzend von Milch des dunklen Giftes auch wird gesucht, was der Stirn des geborenen Füllens man abriß“. Schließlich schreibt Theokrit, daß es sich beim Hippomanes um eine in Arkadien vorkommende Pflanze handelt, nach deren Genuß die Pferde geil werden. Dioskurides nennt dieses Kraut Apokynon, und Theokrit schreibt darüber: „Roßwut ist ein Gewächs in Arkadien, kosten’s die Füllen, kosten’s die flüchtigen Stuten, so rasen sie wild im Gebirge“. In Wirklichkeit ist das Hippomanes für die Wirkung auf den Genitalapparat ohne jeden Belang gewesen und Ovid sagt im 2. Buche seiner „Ars amandi“ bereits: „Derjenige betrügt sich, der seine Zuflucht zu magischen Künsten nimmt und sich desjenigen Teiles, den er von der Stirn des Füllens abreißt, bedient. Die Kräuter der Zauberin Medea und die mit magischen Tönen verbundenen Medikamente werden nicht bewirken, daß die Liebe rege werde“. Ein römisches Philtrum bestand aus Spargel, Krebsschwänzen, Fischlaich, Taubenblut und der Zunge des Vogels Isop, dem ganz besondere Wunder­ wirkungen zugeschrieben wurden. Auf Grund dieses Rezeptes soll Apulejus die reiche Pudentilla gewonnen haben. Ein anderes Tier, dem eine erotisierende Wirkung zugeschrieben wurde, ist der Salamander. Der Geschlechtstrieb wird nach Sixtus angeregt, wenn man Eingeweide, Füße und Kopf mit Honig anrichtet und als Speise genießt. Übrigens hindert Plinius, der das ebenfalls berichtet, diese Mitteilung nicht, ihn als das größte Scheusal aller giftigen Tiere zu bezeichnen. Als Gegengift gegen Salamander sollte man — Kanthariden nehmen; ein Rat, der uns kaum noch wundert, wenn man weiß, welche riesige Rolle die Kanthariden in der Antike und im Mittelalter gespielt haben. Ein anderes Tier, dem man eine abergläubische Wirkung auf den Ge­ schlechtstrieb zuschrieb, war der Gecko. Die abgelegte H aut wurde als Mittel gegen die Fallsucht verwendet und Plinius traute dem Tier die Bosheit zu, seine Haut lediglich deshalb zu verschlingen, um den Menschen dieses wich­ tige Heilmittel zu entziehen. Die Asche des Gecko, in Leinwand gewickelt, 56

sollte den Geschlechtstrieb aufregen, wenn man sie in der linken Hand hielt; in der rechten Hand wirkte sie als Anaphrodisiacum. Von anderen merkwürdigen tierischen Bestandteilen, mit denen laboriert werden sollte, seien noch folgende erwähnt: gab man der Liebsten „unbemerkt die Zungen von einem jungen Hahn zu essen“, so mußte sie in Liebe ent­ brennen. „Nehme einen Turteltaubenzung ins Maul, rede mit ihr (der Ange­ beteten) lieblich, küsse sie auf den Mund, so hat sie dich lieb, daß sie dich nicht mehr lassen kann.“ Ebenso imappetitlich ist der Rat, zur Erweckung der Liebe Maulwurfsblut oder Eselsgallen in den Mund zu nehmen. In Indien nimmt man bis in die neueste Zeit zur Behandlung fehlender Geschlechtslust eine Suppe aus männlichen Sperlingen bezw. Krebsen oder Fischköpfen zu sich, andere nehmen eine solche Mischung von Erdwürmem, Schildläusen und Eidechsen und, wenn sie sie bekommen können, so verzehrt man die weiße Ameisenkönigin. Diese Suppen soll man sieben resp. einund­ zwanzig Tage lang nehmen und nachher Salep misri (Eulophia campestris) und Speergrasöl (Andropogon contortus), mit Pillen aus Gold, Silber, Queck­ silber (!), Kupfer und Eisen gedreht. In Britisch-Ostindien verwendet man die Asche verbrannter Tausend­ füße, getrocknetes Menstrualblut resp. Epithel von der Vaginalschleimhaut. Diese Mittel vermischt die Frau mit den Bestandteilen des beliebten Primchens Pran, einer Mischung von Arekanuß, Kalk, Tabak und windtreibenden Mitteln, die man in ein Blatt des Piper-Betle einwickelt und kaut. In Schwaben werden „die Gailen der Hirsche, ihre Rute, Hirschbrunst, Bibergail und Hägehoden“ zur Erweckung der Geschlechtslust genommen. Als andere Aphrodisiaca werden gerühmt das Gehirn einer Katze und einer Eidechse, das Menstruationsblut einer Prostituierten, der menschliche Samen, die Gebärmutter einer brünstigen Hündin, die sich dem Hunde ver­ sagt hat, die Eingeweide einer Hyäne und der linke Schädelknochen einer Kröte. Es würde viel zu weit führen, alle die zahllosen tierischen Teile auf­ zuzählen, die ebenfalls noch innerlich genommen wurden. Wir müssen aber doch noch auf die geradezu gräßlichen Rezepte der „Dreckapotheke“ eingehen, die jahrhundertelang in hohem Ansehen standen. Da heißt es in der „Dreckapotheke Paullinis“: „Plinius giebt Ochsenurin, den er gleich von sich läßt, wenn er eine Kuh besprungen hat, auch dessen Mist, die Gegend der Schaam damit beschmiert. Aber dergleichen gefallt mir nicht. Ein ander nahm Hasenkoth und Ochsen­ fett, und schmierte die Gegend seiner Mannheit damit, so er vom Ronseo gelernt hatte. Ein ander brauchte offt zur Schlüpfferung des Leibes Mäusekoth, wovon er ziemlich muthwillig ward. Ein vorwitziger Student hatte aus unzeitigem Lesen eine Begierde bekommen, machte ihm derowegen zur Er­ weckung mehrerer Lust eine Artzney von Rebhünerkoth, Hirsch- und Hasen57

hoden, wie auch dörrem Spatzengehirn, aber es bekam ihm wie dem Hund das Graß fressen. Sonst dergleichen Dinge die Brunst ziemlich anfacheln, wie denn Gr aff Pappenheims Morsellen, so er für ein Secret achtete, aus dem Blut und Gehirn der erschossnen Sperlinge, wenn sie mit ihren Weibergen sich erlustigen, praepariert waren. Ein Edelmann leckte Hirschsaamen, aber nicht zu rechter Zeit. Jener meinte, es wäre ihm ein Possen gethan, und der Nestel verknüpfft, nahm also seinen Trauring, harnte dadurch, und setzte gutes Vertrauen darauff. Aber Herr D. Peter Möller, vormahliger berühmter Professor zu Jena, hernach Kantzlar in Gera, mein werthester Gönner, hält dergleichen Ringpissen für einen bloßen Aberglauben. Daß sonst der Teuffel mit dem Trauring viel Possenspiel anrichten könne, bezeugt die merckwürdige Geschieht, so belobter D. Möller aus andern wiederholt . . .“ . Ein guter Schlucker nahm zur Stärckung pulverisirten Sperlingskoth im ersten Frühling gesammlet, dörrte Hanenhoden, und dann Ehrenpreißsaltz in Knabenkrautwasser fleißig ein, daneben bediente er sich Esels­ bluts mit Melissenwasser. Eselsblut ist ein herrliches Mittel, nur es muß recht damit umgegangen werden. So aber wils Weickard haben. Im Martio lass einem Esel, der zuvor müde getrieben worden ist, die Ader am Halß durch einen Schmied schlagen, und faß das Blut in einem neuen Topff oder Becken, lege darein ein ziemlich Stück neugebleichten Tuchs, so etwas gröb­ lich ist, und laß so lang stehn, biß sich das Blut darein gezogen hat. Alsdenn nimm gemeldtes leinen Tuch wieder herauß, und trockne dasselbe an einem schattichten Ort, daß kein Staub drauff falle: wenn sich nun einer schwach und gebunden befindet, so schneide von dem blutigen Tuch drey Stücklein, jedes drey zwerch Finger breit und lang, gieß darauff blau Hünerdarm- und Eisenkrautwasser, jedes ein halb Echtmaaß, und wenn es also drey Stund infundiret gewesen, so zwing die Tüchlein fein fleißig auß, damit das Wasser davon gantz röthlich werde, mache darauß drey Theile, und gieß zu einem jeden ein paar Löffel voll Taubenkropffsirup, und giebs dem Patienten auff drey Morgen nacheinander warm zu trincken, und laß ihn allezeit wo möglich darauff schwitzen, so wird es mit ihm besser, wofern es nicht lang gewährt hat . . . Zur Bekämpfung „erloschener Mannheit“ werden von der „Dreck­ apotheke“ weiter folgende „Rezepte“ veröffentlicht: „Hiergegen wird der Mäusekoth gerühmt. Weickard und Plater haben folgende Pillen: Nimm Senffsamen I. Quintlein, Mäusekoth, Pfeffer, jedes ein halbes Quintlein, Spanische Fliegen (denen doch zuvor die Flügel abgerissen) 5 Stück, mache mit Gummi-Tragant in Rosenwasser zerlassen Pillen davon, und nimm selbiger ein halbes Quintlein.

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Burnet hat diese Latwerge: Nimm Fuchshoden. 2. Loth, koche sie in Honig und Wasser, thue dazu pineolen, Haselnüsse in Milch und Honig gekocht, jedes I . Loth, Fleisch von der Eydexe, scincus genannt, Mäusekoth und Bisam, jedes ein halbes Quintlein, Syrup von Gtronenschaalen, soviel gnug ist. Den Schnepfenkoth rühmet in erloschener Mannheit sonder lieh Grüling, und will, man solle ihn mit der Galle von Schnepfen zu einem Brey machen und damit die Leihel (Eichel) des männlichen Gliedes salben, werde wunder­ sam Würckung thun.“ Es ist einfach unglaublich, daß Jahrhunderte hindurch geglaubt wurde, dieser Unrat könne auf die Sexualfunktionen des Menschen Einfluß haben. Bezeichnend ist auch die Tatsache, daß die Leipziger Fakultät im Jahre 1697 in einem Gutachten erklärte, diese Dinge vermöchten als „magische M ittel“ Liebe zu erzwingen. Das glaubte man natürlich erst recht auch von verschiedenen Stoffen und Ausscheidungen des m e n s c h l i c h e n Körpers. Auch hier müssen wir im Rahmen dieses Kapitels einige wenige Beispiele bringen, um zu zeigen, wie weit sich menschlicher Aberglaube verirren konnte. In der Oberpfalz reicht man Teile des eigenen Körpers, auf Brot ge­ schmiert, wie Ohrenschmalz, abgeschabtes der Nägel, Pulver verbrannter Haare, Schweiß und Blut, einige Tropfen Menstrualblut, unberedet und unter gewissen Formeln demjenigen, dessen Neigung man gewinnen will. Sehr merkwürdig sind die Anweisungen des Orients. Da wird als Aphrodisiacum empfohlen: „Man verbrenne drei Haare von den Schamteilen und drei andere von der Achselhöhle auf einer Feuerschaufel. Tue das Pulver in irgend eine Speise. Die betreffende Person wird dich niemals verlassen.“ Das indische Anangaranga gibt folgende Rezepte: „Der weise Vatsyayana hat gelehrt, daß jeder, der zerstoßene Mimose (Mimosa pudica), Wurzel des grünen Lotus und madhuka (Bassia latifolia) mit seinem Samen mische und an der Stirn verreibe, sich alle Frauen untertan mache und selbst bei den An­ maßendsten Liebesbrunst erwecke.“ „Wer nach dem Beischlaf etwas von seinem Samen mit der linken Hand auf den linken Fuß der Frau reibt, dem ist sie völlig untertan!“ „Wer zu gleichen Teilen Tagara (Tabemaemontana coronaria), Pfefferwurzel und Narde mit Honig vermischt und von seinen fünf Körperausscheidungen etwas hinzufügt und das Gemisch auf der Stirn verreibt, macht sich alle Frauen des Weltalls untertan!“ Ein recht merkwürdiges Mittel berichtet Jahn aus Konow, Kreis Kamin, das dort von denjenigen angewendet werden soll, der „keine Liebe zum schönen Geschlecht fassen kann“. Er soll am Freitag Abend stillschweigend 59

beim Mondenschein ein Mädchenhemde anziehen und es am Sonntag Morgen wieder ausziehn. Es handelt sich hier nicht etwa um das Verschreiben eines beliebigen Kleidungsstückes, sondern wahrscheinlich soll das Hemd bereits getragen sein und die Erotisierung der frigiden Person soll durch die spezi­ fischen Gerüche (vor allem Schweißgeruch) der Frau hervorgerufen werden. Besonders widerwärtig sind aber alle die Fälle von Aberglauben, in denen die Rezepte die Anwendung von Urin und Menstruationsblut empfeh­ len. Die berüchtigte Dreckapotheke feiert hier wahre Orgien. Allerdings müssen wir feststellen, daß auch die Liebeslehrbücher des Orients Men­ struationsblut immer wieder und wieder anführen. So besagten Rezepte des indischen Anangaranga: „Will sich eine Frau des Gatten Liebe erobern und erhalten, wende sie folgendes a n : Löse den Stein aus dem Magen eines Rindes (Bezoarstein) in dem Monatsblute der Frau auf und mache damit auf der Stirn das Tilakazeichen. Solange der Gatte seinen Blick auf dieses Zeichen gerichtet hält, ist er dir willfährig.“ „Wer Arekawurzel, Narde, Iriswurzel, Cypergras und kustha zu Pulver verreibt, mit dem Blute aus der Scheide der Frau mischt und dieses auf die Stirn bringt, hat immer Glück in der Liebe“. Nach einem deutschen Rezept wurde das Menstrualblut mit folgenden Bestandteilen vermengt: Lorbeerzweigen, dem Gehirn eines Sperlings, den Knochen von der linken Seite einer von Ameisen angefressenen Kröte, Blut und Herz von Tauben, den Testikeln des Esels, des Pferdes und des Hahnes. Die Anwendung der einzelnen Bestandteile wechselte selbstverständlich nach Zeit und Ort. Bei den Huzulenmädchen ist folgender Blutzauber in Verwendung: Das Mädchen wäscht das an seinem Hemde von den Menses anhaftende Blut ab und gibt einige Tropfen dieses Wassers dem Liebhaber in süßem Branntwein ein. Hierbei wird folgendes gesprochen: „So wie mein Blut an meinem Hemde klebt, so soll ich in beständiger Liebe an Deinem Herzen kleben.“ Dieses Mittel soll sehr wirksam und, wie erzählt wird, aus dem Kreise des Volkes auch in die „höheren“ Stände getragen worden sein. Bei den Magyaren ver­ backen die Mädchen Schamhaare oder Blutstropfen aus den Fingerspitzen in Brot und Kuchen. Das Menstruationsblut hat als Liebeszauber und Aphrodisiacum immer schon eine große Rolle gespielt. Der Bischof Burchard von Worms wandte sich schon zu seiner Zeit gegen den Unfug der Frauen, den Männern Men­ struationsblut in Speisen und Trank zu tun und ordnete dafür Kirchenbußen an. Bei dieser Gelegenheit erfahrt man auch von einem noch geschmack­ loseren Verfahren, dessen Darstellung Burchard von Worms in folgende Frage kleidet: „Hast du getan, was einzelne Frauen zu tun pflegen? Sie werfen sich auf das Antlitz und mit entblößten Hinterbacken pflegen sie in der Kerbe Brot zu zerreiben, daß sie dann dem Gatten zu essen geben. Das tun sie, u m die Liebe jener mehr anzufachen.“ Man sprach von diesen ab60

scheulichen Gebacken als „Liebeskuchen“ und die alten Bußbücher berichten noch widerwärtigere Zusammensetzungen solchen Gebäcks. (Die Frauen wälzen sich nackt im Weizen.) Eingeweide von allerlei Getier, Haare, Ex­ kremente nicht nur von Menschen, auch von Tieren, haben neben Mannes­ samen und Menstruationsblut eine Rolle gespielt, die uns heute imbegreiflich erscheint. Man muß wirklich Goethe beipflichten, der einmal sagte: „Der Aberglaube läßt sich Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zu­ sammenziehen, je mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm sicher, trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreis umgeben. Auf ganzen Jahrhunder­ ten lasten solche Übel und werden immer dichter und dichter: die Einbildungs­ kraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit. Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprung gleich Asträa zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht gelingt, seine Rechte durchzusetzen.“ Der Harn von Mensch oder Tier brauchte, ebenso wie das Menstrualblut, keineswegs immer innerlich genommen zu werden. Zahlreiche Bräuche schreiben vielmehr vor, das Harnen unter ganz gewissen Zeremonien vorzu­ nehmen. In Bayern sucht der Mann an drei Morgen durch Urinieren durch den Ehering die Impotenz zu verhindern. Ist einem durch bösen Zauber die Mannheit genommen, so löst er ihn, wenn er durch den mittels Daumen und kleinen Finger gebildeten Ring harnt, oder wenn er einen Becher Frauen­ milch trinkt, oder wer von einer schwarzen oder ganz weißen Henne ein noch warmes Ei nimmt und über dasselbe hinab in ein neuglasiertes Häfelchen harnt, dann das Ei darin bis auf der Hälfte des Wassers sieden läßt. „Alsdann werfe man den Urin abwärts in fließendes Wasser, das Ei aber grabe man in einen „Klemmerhaufen“, öffne es ein wenig, daß die Klemmer davon ftessen können. Sobald die Ameisen das verzehrt haben, wird dem notleidenden Menschen geholfen werden.“ Ein anderer schwäbischer Rat besagt: „Kaufe einen Hecht, wie man ihn bieten tut und trage ihn unberedt an ein fließendes Wasser, laß ihm deinen Urin frisch ins Maul laufen, wirf ihn dann ins Wasser hinein und gehe du das Wasser hinauf, so wird dir wieder geholfen.“ Einem Bräutigam, der glaubt, entkräftet zu sein, wird geraten, vor der Brautnacht durch den Brautring zu urinieren. Oder man soll vor Sonnenaufgang einen eichenen Weinpfahl aus der Erde ziehen, den Urin in das Loch lassen und dann den Pfahl umgekehrt wieder hineinstecken. Von Gerstenbergk empfahl um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, durch einen aus Birkenzweigen gemachten Kranz zu harnen. In Westböhmen wird empfohlen, über alte Stallbesen, die Fahrzeuge der Hexen, zu harnen, oder der Kranke koche seinen Urin in einem gut geschlossenen Töpfchen und lasse dann den Dam pf auf die Geschlechts­ teile wirken. 61

Auch die üble »Dreckapotheke« Paullinis verlangt keineswegs immer die innerliche Zusichnahme des Urins. Im Falle bösartigen Zaubers wird viel­ mehr geraten: „Wenn solcher Zustand von bösen Leuten seinen Ursprung hat, so nimm des Patienten Urin und koche ihn in einem wohlvermachten Topffe beym Feuer, so wird derjenige, der ihn bezaubert hat, mit großer Angst befallen werden, sich selbst angeben und die Bezauberung wegnehmen müssen. Ein fast gleiches Mittel ist dieses: Nimm das Kraut von Stechäpffeln, thue es in einen neuen Topff und geuß von des Patienten Urin dran, koche alles in einem wohlvermachten Hafen bey langsamem Feuer, darnach vergrabs in die Erde an einem unwegsamen Ort. Gemeiniglich geschieht es, daß die bösen Leute nach geschehener Kochung mit größestem Schmertzen Blut von sich geben müssen, wenigstens empfinden sie sehr hefftige Schmertzen solange, bis sie den Bezauberten wiederum gesund gemacht haben.“ Diese Darstellung der »Ars amandi« des Mittelalters ist sicher grauen­ haft. Man darf aber nicht glauben, daß solche Liebeskünste in unserer Zeit nicht möglich wären. Es haben sich genug gefunden, die alte Zaubertraktate aus dem Mittelalter übersetzten und zu „volkstümlichen“ Preisen herausgaben. Vor uns liegen die „Liebeszauberrezepte aus dem wiedergefundenen Zauber-Buche des Alberti Parvi, das ist das überaus köstliche Schatzkästlein der wunderbarsten Geheimkünste, die wahrhaftige Fundgrube für Anhänger der Sympathie.“ Der ganze mittelalterliche Unfug ist Wort für Wort über­ tragen, neu ist lediglich die Orthographie. Die Broschüre, die 1922 (!) erschien, empfiehlt folgende Mittel,, für die Liebe“ : „Lasse eines Freitags im Frühling Dir Blut ab, lasse es in einem Töpfchen in e in e m Backofen, wie bemerkt ward, mit den beiden Hoden eines Hasen und der Leber einer Taube eintrock­ nen, pulverisiere sodann alles ganz fein und gib dann der Person, auf die du Absichten hast, eine halbe Drachme (!) davon ein. Und wenn die Wirkung nicht gleich auf das erste Mal erfolgt, so wiederhole die Gabe noch zwei mal, und du wirst ihre Liebe gewonnen haben.“ „Ziemlich oft findet man an der Stirn des weiblichen Fohlens ein Stück Fleisch, welches in Liebessachen von bewundernswertem Nutzen ist. Kann man nämlich dieses Stück Fleisch, welches die Alten Hippomenes (!) genannt haben, bekommen, so läßt man es in einem neuen gut glasierten irdenen Topf in einem Backofen, aus dem aber das Brot heraus sein muß, trocknen. Nun trägt man es bei sich, und sobald die Person, von der man geliebt sein will, es berührt hat, ist man seines Erfolges gewiß. Kann man es jedoch dahin bringen, daß die bewußte Person nur ein Stück von der Größe zweier Erbsen in irgendeiner Flüssigkeit, Ein­ gemachtem oder Ragout genießt, so ist die Wirkung noch unfehlbarer. Da nun aber der Freitag, der der Venus geheiligte Tag ist, diese aber den My­ sterien der Liebe vorsteht (!), so wird es gut sein, das Experiment an diesem Tage zu machen.“ „Lebe wenigstens 5 bis 6 Tage keusch und am siebenten, 62

der aber ein Freitag sein muß, iß und trinke Nahrungsmittel von hitziger Natur, die zur Liebe reizen. Fühlst Du dich nun in einem solchen aufgeregten Zustande, so versuche eine Unterredung unter vier Augen mit dem Gegen­ stände deiner Liebe zu erhalten und richte es so ein, daß dieser dich und du ihn fest anschauest, sollte es auch nur solange sein, als ein Ave Maria währt. Denn die Strahlen der Augen, die sich gegenseitig begegnen, sind so mächtige Hilfsmittel der Liebe, daß sie bis ins Herz dringen und ihnen weder der größte Stolz noch die größte Unempfindlichkeit widerstehen kann. Allerdings ist es schwierig, ein junges Mädchen, welches schamhaft ist, dahin zu bringen, einen jungen Mann eine zeitlang fest anzublicken, allein man kann dasselbe da­ durch dazu bewegen, daß man ihr im Scherze sagt, man besitze das Geheim­ nis, durch die Augen zu erraten, ob sie sich bald verheiratet oder lange lebe, oder ob sie glücklich in der Ehe sein werde, oder irgend etwas ähnlich, was ihrer Neugierde schmeichelt und sie veranlaßt, den anderen fest anzusehen.“ Von dem Ratschlag dieses Liebesrezeptes bis zur Hypnose ist nur ein Schritt. Wir wollen aber nun noch einige Rezepte aus derselben Broschüre folgen lassen, die uns bereits in nächste Nähe der mittelalterlichen Dreckapotheke bringen. Man höre: „Um hier nicht Dinge zu sagen, welche die Sittlichkeit verletzen (!), will ich hier nicht nacherzählen, was ein sehr geschickter Arzt über die unvergleichliche K raft des menschlichen Samens zur Erweckung der Liebe bemerkt hat, weil man den Versuch nicht machen kann, ohne der Natur Gewalt anzutun, die uns andere Mittel zu gleichem Zwecke darbietet (!). Wir wollen also lieber unsere Zuflucht zu dem Kraute, welches man GlockenAlant nennt, nehmen. Man pflücke dieses Kraut am Vorabend von St. Jo­ hannis im Monat Juni vor Sonnenaufgang, lasse es trocknen und pulverisiere es mit grauem Ambra (!): hat man es nun neun Tage auf dem Herzen ge­ tragen, so gebe man es der Person ein, von der man geliebt sein will und die Wirkung wird nicht ausbleiben. Das Herz einer Schwalbe, Taube oder eines Sperlings (!) gemischt mit dem eignen Blute der Person, die geliebt sein will, hat denselben Erfolg.“ „Ein anderes Mittel für die Liebe“ lautet in dieser Broschüre folgendermaßen: „Es ist nicht genug, daß der Mann sich vorüber­ gehend oder für einmal die Liebe des Weibes verschafft, dieselbe muß fortdauem und unauflöslich sein, und darum muß er sich geheimer Mittel be­ dienen (!), um die Frau zu veranlassen, ihre Liebe weder zu verändern, noch auf einen anderen Gegenstand (!) zu übertragen. Man muß also das Mark, welches sich in dem linken Fuß eines Wolfs (!) befindet, nehmen und daraus eine Art Pomade mit grauem Ambra und Cyperpulver bereiten, dieselbe bei sich tragen, und von Zeit zu Zeit der Frau zu riechen geben, die dann den Mann immer mehr lieben wird.“ Solcher Unsinn wird im Jahre 1922 nicht nur geschrieben, sondern sogar gedruckt! Man muß sich darüber klar sein, daß die, die nicht alle werden, so etwas nicht nur kaufen, sondern sogar befolgen. Der Verfasser der Broschüre

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war so klug, sich hinter dem Pseudonym „Magus“ zu verstecken und auf 48 Druckseiten darf er Rezepte verabfolgen, in denen genau wie vor 500 Jahren die „Asche der Sterneidechse“, „Öl von Johanneskraut und Zibeth“, „Klößchen von Gänsehoden und Hasenbauchfleisch“, „Raute, Knaben­ kraut und Sellerie mit Rosenessig“ zum Gebrauch empfohlen werden! Man soll „die große Zehe des linken Fußes und die Nieren salben und zwar eine Stunde, ehe man ans Werk gehen will, und man wird den Kampfplatz mit Ehre und Zufriedenheit verlassen“ (!). Damit die Dummheit aber auch auf entgegengesetztem Gebiete auf ihre Rechnung kommt, wird auch noch ein Rezept angegeben, „um das allzu große Verlangen der Frau nach Liebe zu mäßigen“. „Man pulverisiere das Glied eines rotgelben Stieres und gebe soviel von diesem Pulver, als ein Taler (!) schwer ist, der allzu hitzigen Frau in einer von Kalbfleisch, Portulak und Lattich gemachten Bouillon ein, von Stund an wird sie dem Mann nicht mehr beschwerlich fallen. Sie wird im Gegenteil Abneigung gegen die Liebe emp­ finden.“ Preis und Ausstattung dieser Broschüre lassen erkennen, daß es sich selbstverständlich nicht um eine wissenschaftliche Darstellung handelt. Sie scheint besonders für den Vertrieb auf dem Lande geschaffen zu sein und wir können uns sehr wohl denken, daß ungebildete, kritiklose Personen auf solchen Schwulst hineinfallen und unter Umständen die Gesundheit ihrer Mitmenschen durch solchen abergläubigen Unfug aufs schwerste schädigen. Wir werden dafür praktische Beweise erbringen und möchten an dieser Stelle die berufenen Organe der Öffentlichkeit auf ein dankbareres Tätigkeits­ feld für die Bewahrung unreifer Menschen vor „Schund und Schmutz“ hinweisen, als es wissenschaftliche Aufklärungsarbeit bietet. Mit diesem kurzen Hinweis auf die großen Gefahren, die auch auf diesem Gebiete mangelnde sexuelle Aufklärung und Aberglauben schlimmster Art in sich bergen, schließen wir dieses Kapitel ab, um uns nunmehr der Dar­ stellung derjenigen Aphrodisiaca zuzuwenden, die auch in unserem auf­ geklärteren Zeitalter das Interesse jedes gebildeten Menschen in Anspruch nehmen dürften.

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NAHRUNGS- UND GENUSSMITTEL

Unter den Stoffen, die am nachhaltigsten auf den Geschlechtstrieb ein­ wirken, spielen die Nahrungs- und Genußmittel die weitaus größte Rolle. In der größten Zahl der Fälle dürften Qualität und Quantität der Nahrungs­ mittel für die Erotisierung des Geschlechtsapparates ausschlaggebend sein. Dabei kommt es weniger darauf an, unter den Nahrungsmitteln zu wählen, denen traditionsgemäß der Ruf anhaftet, besonders auf den Geschlechtstrieb anregend zu wirken, als vielmehr darauf an, festzustellen, welche Gruppen von Nährstoffen besonders gehaltvoll und vitaminreich sind. Bevor wir auf einige besonders wichtige Nahrungs- und Genußmittel hinweisen, muß einiges Grundsätzliche über die Nahrungsmittel und die in ihnen enthaltenen Vitamine gesagt werden: Unter Nahrungsmitteln verstehen wir bekanntlich Natur- und Zuberei­ tungs-Erzeugnisse mit einem bestimmten Gehalt an Stoffen, die wesentliche Körperbestandteile zu ersetzen vermögen, und deren regelmäßige Zufuhr für die Regeneration und Funktion des menschlichen Körperorganismus unent­ behrlich ist. Die Wasserverluste durch Atmung und Entleerungen müssen ebenso ausgeglichen werden, wie die regelmäßige Zuführung von Stickstoff­ substanzen (Protemo der Eiweißstoffe), als den eigentlichen Ernährern, not­ wendig ist. Ebenso notwendig sind die Fette als Hauptwärmelieferer, die Kohlehydrate in den Zucker- und Stärkearten als Kraftlieferanten. Für Knochen- und Blutbildung sind Mineralstoffe, besonders Calciumphosphat und Magnesiumsalze wichtig. Für den Geschlechtstrieb ist von besonderer Bedeutung eine bestimmte Gruppe von Vitaminen. Unter Vitaminen versteht man Ergänzungsnährstoffe von bestimmter Eigenart, deren fortgesetztes Fehlen in den Nahrungsmitteln schwere Funk­ tionsstörungen im menschlichen Organismus zur Folge hat. Skorbut, Rhachitis, Beriberi und Pellagra sind Erkrankungen, die in vieler Beziehung auf das Fehlen spezifischer Vitamine zurückgeführt werden müssen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Lehre von den Vitaminen gilt das Vitamin A als 5

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Sdiwächezustände beim männlichen Geschlecht festgestellt worden ist, kann davon bei den asiatischen Völkern keine Rede sein, obwohl sie dieselben Kulturgifte (Tabak, Alkohol, Opium) brauchen, unter den gleichen Kulturkrankheiten (Tuberkulose, Syphilis) leiden. Bis weit über die Mitte der sechziger Jahre hinaus bleibt die Geschlechtskraft der Japaner, Chinesen und Inder erhalten und selbst Siebzigjährige wagen es sehr oft noch,

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Ehen mit jungen, kraftstrotzenden Frauen zu schließen. Wäh­ rend diese Tatsache früher dem Rassenunterschiede zuge­ schrieben wurde, weiß man seit dem Untergänge des kore­ anischen Kaisertums, daß die Ursache der kraftvollen Sexu­ alität Asiens auf die Wirkungen einer Pflanze „ G i n s e n g “ genannt, Zurückzufuhren ist, die auf der Halbinsel Korea angebaut wird. Von jeher bildete sie den Haupthandelsartikel des Landes und Japan mußte, um diesen Handel an sich zu reißen und zum Staatsmonopol zu machen, Korea erobern. Die G i n s e n g - Wurzel wirkt nicht erregend, sie peitscht nicht wie schädliche Aphrodisiaka die Sinne an, sondern wirkt kräftigend auf die Nerven, speziell auf den N e r v u s v a g u s ein. Deshalb ist Ginseng kem Mittel für Lebemänner, sondern ein Mittel zur dauernden Erhaltung und s i c h e r e n W i e ­ d e rg e w in n u n g d e r v e r lo re n e n K ra ft. In Tablettenform unter dem gesetzlich geschützten Namen

in den Handel gebracht, was bei den ungeheuren Monopol­ preisen und den ungünstigen Valuta Verhältnissen nicht leicht war, hat sich NEURAGINS sehr schnell einen großen An­ hängerkreis erworben. Schon nach 3 bis 4 tägigem Gebrauche wird eine Steigerung des Wohlbefindens, ein Wachsen der Spannkraft und eine Zunahme der Lebensfreudigkeit festgestellt. Die Durchblutung der Unterleibsorgane wird ge­ fördert, die Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen mächtig angeregt. Daß es sich aber nicht um Erregungszustände handelt, s o n ­ d e r n u m Z u n a h m e d e r K r a f t , beweist das Aus­ bleiben unfreiwilliger Samen Verluste (Pollutionen, Spermatorrhoe) sowie das Verschwinden der trüben Stimmung. NEU­ RAGINS ist kein Heil-, sondern ein Kräftigungsmittel von geradezu souveräner Wirkung, das längere Zeit angewendet, niemals seine kräftigende Wirkung versagt. Die Beseitigung der sogenannten Mannesschwäche selbst in schwersten Fällen wird beschleunigt durch gleichzeitige Anwendung meines auf Sexualgymnastik beruhenden, un­ schädlichen

S ex u a l=N erv en stär kers (nach Dr. Zabludowski)

Okasa (gold) (Okasa G. m. b. H., Fabrik chem.-pharm. Präparate, Berlin). Aphrodisiacum für Frauen, enthaltend: Extr. Acanth. vir., Extr. Nuc. Col. Lecithalb., Ovar. sicc. pulv. subt., Cerebr. sicc. Vitamin, Sacchar. und Bindemittel. Indi­ kation: vgl. Okasa (silber).

Okasa (silber) (Okasa G. m. b. H., Fabrik chem.-pharm. Präparate, Berlin.) Aphrodisiacum für Männer, enthaltend: Extr. Acanth. vir., Extr. Nuc. Col. Lecit­ halb., Test. sicc. pulv. subt., Prostat. gland. sicc., Cerebr. sicc., Extr. Turner,. Extr. Cor. Yohimb., Sachar. und Bindemittel. Indikation: Impotenz, Neu­ rasthenie u. degl. 17

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Pnamambra (Einhorn-Apotheke, Berlin.) Über die Zusammensetzung des Mittels sagt der Prospekt, daß Yohimbin, Muira Puama-Extrakt und Calc. Glycerin­ phosphat beigegeben seien. Das Präparat wird in Form von Pillen abgegeben.

Secale cornutum Oligoplex (Dr. Madaus & Co., Radeburg.) Dieses „dynamische Oligoplex“ wird in der Komplex-Homöopathie als Aphrodisiacum für Frauen benutzt. Es enthält in flüssiger Form: Geran. rob., Senec. aur., Ledum, Croc., Sec. com., Ruta grav.

Selen oligoplex (Dr. Madaus & Co., Radeburg.) Dieses „dynamische Oligoplex“ wird in der Komplex-Homöopathie als Aphrodisiacum für Männer benutzt. Es enthält in Pulverform Aur. n. chl., Chin sulf., Ferr. ph., Natr. carb., Selen, Aral. Gins., Kola und Damiana.

Sexursan (Ursan G. m. b. H., Fabrik pharmazeutischer und chemisch-technischer Präparate, Frankfurt/Main.) Das Präparat besteht aus höchstwertigen Sub­ stanzen pflanzlicher Art, bei Erhaltung der wichtigen Vitamine, Salze und ätherischen Öle (Coniferae, Plantaginaceae, Rosaceae-Pruneae, Dipsaceae, Compositae, Papilionaceae, Araliaceae, deren natürliche Salze usw. z. T. angereichert sind). Als besonders wichtige organische Zusätze sind zu nennen: Lecithin ex ovo, Hämoglobinum u. Sacch. lact., gebunden an Massa Cacao.

Tetragol (Dr. Robert Heisler, Chemische Fabrik Chrust bei Chrudim.) Das Präparat weist neben flüchtiger Yohimbin-Wirkung die der beiden anderen Komponenten auf: die Strychnin-Yohimbin Komponente greift am Erek­ tionszentrum an, während die roborierende Wirkung der Arsen Komponente bei neurasthenischen Formen erwünscht ist. Abgabe erfolgt in Ampullen. Indikation: Erschöpfungszustände der Sexualsphäre, insbesondere der Sexual­ funktionen.

Tondos (Schweizer Apotheke, Berlin.) Das Präparat verwendet, außer isolierten Pflanzenalkaloiden unter Vermeidung der Corynanthe yohimbe, Extrakte aus Muira puama, Damiana, Ginseng etc.; außerdem Chinin, Eisen, Glycerin, phosphorsauren Kalk, Lecithin usw. Das Mittel wird in Form von Tabletten abgegeben. 260

Virilium (Chemisch-Pharmazeutische Fabrik Dr. R. und Dr. 0. Weil, Frankfurt/Main.) Das Mittel besteht aus Kolaextr. 12%, Turneraextr. 6%, Yohimberindextr. 0,2%, Lecithin 0,2%, Kohlehydrate 81,6%.

Virit (Kosmos, Fabrik pharmazeutisch-kosmetischer Spezialitäten, Berlin.) Die Hauptbestandteile dieses Präparates sind: Extrakt Muira puama, Testes, Ginseng, Ovolecithin, Calc. phosphor., Sach, alba, Cacao, Vanillin.

Yohimbin Dr. Heißler (Robert Heißler, Chem. Fabrik, Chrust bei Chrudim.) Das Präparat wird in Pulver, Tabletten und Ampullen abgegeben.

Yohimbin Dr. Koch (C. Merck, Chemische Fabrik Darmstadt.) Tablette 0,005 Gramm reines Yohimbin.

Das Präparat enthält pro

Yohydrol (J. D. Riedel — E. de Haen A.-G., Berlin.) Das Yohimbinum hydrocloricum „Riedel“ enthält pro Tablette 0,005 Gramm Yohimbin. Ferner:

Amor und Psyche (Tibia-Libido-Perlen) Chem. pharm. Laboratorium „Tibia“.

Aphrodisiacum Steiner (Muira Puama) Dr. Franz Steiner & Co., Berlin

Aphrodisin Hammerwerk, Dresden N.

Aphrodisium ideale Eugen Bombeion, Bergen.

Erectobin Löwenapotheke, Hannover.

Eronin Chem. Fabrik, Lutegia G. m. b. H., Cassel.

Dr. Hohmeyers Yohhimcitin Tabletten Radlauer Apotheke, Berlin. 261

Muiria Pillen John Janke, Hamburg

Neurotest Elephanten Apotheke, Berlin

Puamaglobin St. Johannis Apotheke, Straßburg

Testocol Dr. H. Schmidt, Berlin

Teston Kali-Chemie A. G. Abt. Rhenania-Kunheim, Berlin. (Wird nicht mehr hergestellt.)

Viril Eda, Berlin

Virilis-Tabletten Eduard Baumann, Basel

Virisanol H. Unger, Berlin. (Wird nicht mehr hergestellt.)

Visibryn Pelikan Apotheke, Berlin

Yohimbin Tabletten Bengen & Co., Hannover.

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PHYSISCHE REIZM ITTEL

Wenn wir die zahlreichen Mittel und Methoden betrachten, die zur rein mechanischen Anregung oder Steigerung des Geschlechtstriebes dienen, so müssen wir einleitend darauf hinweisen, daß zu den taktilen Erotisierungsmethoden besonders auch alle diejenigen Handlungen gehören, die man unter dem Begriff der „Coituspräliminarien“ (LiebesVorspiel) zusammenfaßt. Die gegenseitige Berührung der Partner: das Streicheln der Wangen, die Verschiedenartigkeit des Kusses, das Begreifen der Brüste und der immer inniger werdende Kontakt mit anderen erogenen Zonen des Körpers führt schließlich zum langsamen oder jähen Ansteigen der geschlechtlichen Span­ nung, deren Auslösung mit dem Coitus eingeleitet und mit dem Orgasmus befriedigt wird. Die Wirkung der von den Nervenendkörperchen auf­ genommenen und durch die Nervenbahnen weiter geleiteten Reize bedingt natürlich auch eine psychische Einstellung des einen Partners auf den an­ deren. Uns kommt es im Rahmen dieses Kapitels darauf an, über die Coitus­ präliminarien hinaus, alle jene mechanischen Mittel und Methoden darzu­ stellen, deren man sich bedient hat, um die Intensität des Geschlechtstriebes zu beeinflussen. Hierzu gehören, abgesehen von der rein digitalen Erregung des Ge­ schlechtsapparates, einmal jene Manipulationen, die auf eine Vergrößerung des männlichen Gliedes, auf eine Verengerung der weiblichen Scheide und auf das Anbringen von Fremdkörpern am Penis etc. hinauslaufen. Wir werden uns ferner mit den Reizmitteln beschäftigen müssen, die der Mann für die Frau und die die Frau für den Mann anwendet. Außerdem müssen alle die Ipsationsinstrumente gestreift werden, die zur solitären geschlechtlichen Er­ regung Verwendung finden. Andere mechanische Vorgänge, wie die Massage in ihren verschiedensten Formen, Friktionen und Geißelungen müssen eben­ falls berücksichtigt werden. Schließlich werden wir in diesem Kapitel noch auf bestimmte Strahlen und Ströme eingehen müssen, soweit sie für die An­ regung oder Steigerung des Geschlechtstriebes von Belang sind. 263

Was die Vermehrung der Geschlechtslust im Verlauf der Coituspräli­ minarien anbelangt, so wissen wir, daß schon der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré (1517—1590) den Männern besondere Anweisungen gab, wie sie durch bestimmte Manipulationen die Bereitschaft der Frauen zum und ihre Erregung während des Coitus steigern könnten: „car aucunes femmes ne sont pas si promptes â ce jeu que les hommes“ ( = denn die Frauen sind nicht so bereit wie die Männer“); noch bekannter ist der Ratschlag ge­ worden, den der holländische Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, van Swieten (1700—1772), gab, als ihr Gemahl, Kaiser Franz, sich über die Kälte und Kinderlosigkeit seiner Gattin beschwerte: „Seine Majestät“, meinte er, „müssen Ihre Majestät vorher mehr mit dero Fingerspitzen bearbeiten“ (wörtlich: „tittilare“ = kitzeln). Es wird berichtet, daß der Erfolg (sie schenkte ihm 16 Kinder) die Richtigkeit dieses Rates bestätigte. Seither ist der gleiche Rat bald in mehr volkstümlicher, bald in wissenschaftlicher Form als Reizung der extragenitalen Erogenzonen zur Beseitigung und Herbeiführung eines körperlichen und seelisch befriedigenden Verkehrs unendlich vielen Eheleuten erteilt worden, und wir zweifeln nicht, daß er sich auch oft als nützlich er­ wiesen hat — keineswegs aber in so allgemeiner Weise, wie einige anzunehmen scheinen. Denn die Voraussetzung des Erfolges ist, daß die beiden Partner körperseelisch aufeinander abgestimmt sind. Ist dies nicht der Fall, besteht keine innere Sympathie, so kann leicht auch das Gegenteil bewirkt werden. Die Berührung der feinen Tastkörperchen durch die nicht adäquate Haut und Schleimhaut einer anderen Person erzeugt dann sogar oft ein recht be­ trächtliches Mißbehagen; so befindet sich gegenwärtig eine Frau in unserer Behandlung, bei der eine Gänsehaut am ganzen Körper auftritt, sobald sich ihr der Ehegatte zärtlich nähert. Ihre Gesinnung für ihn war immer nur eine rein geistig freundschaftliche; schon während der Verlobungszeit spürte sie bei seinen Küssen und Umarmungen diesen „degout“ (Widerwillen), „nahm sich aber zusammen“, nachdem ihre Mutter und der Hausarzt, denen sie sich anvertraute, gemeint hatten, in der Ehe würde „sich schon alles finden, da würde das alles ganz anders sein“. Es stellte sich aber, wie so oft, diese op­ timistische Voraussage als Täuschung heraus, der eine bittere Enttäuschung beiderseits folgte. Es erscheint sehr fraglich, ob es unserer, im wesentlichen psychischen Behandlung (unterstützt durch Organotherapie) in diesem Falle gelingen wird, diesen Zustand sexueller Berührungsfurcht zu beheben, der, wenn er sich nicht beseitigen läßt, die Ehe auf die Dauer unhaltbar machen würde. Die Bedeutung der Coituspräliminarien war selbstverständlich auch im Orient bekannt, und für den Übergang vom Liebesvorspiel zum Geschlechts­ akt selbst waren ebenfalls Anweisungen gegeben. So empfiehlt Omer Haleby ein zartes Vorgehen beim Coitus. „Wenn ihr den Akt beginnen wollt, so zieht eure Frau sanft heran und 264

sagt ihr süße Dinge, die sie vorbereiten, eine würdige Teilnehmerin an eurem Vergnügen zu sein. Liebkoset sie, und sie liebkose euch. Küsset sie auf die Wangen, auf die Lippen, auf den Busen, auf den Nacken, und spielt mit ihren Haaren. Wenn ihre Natur eine kalte ist, wenn ihr seht, daß ihre Auf­ regung mit der euren nicht übereinstimmt, so legt eure Hand auf ihre Clitoris, und wenn es unbedingt nötig ist, so erreget sie dort leicht oder ener­ gisch, aber ohne bis zur Onanie zu gehen; denn das Gesetz verpönt im All­ gemeinen solche Praxis. Diese Zärtlichkeiten soll auch die Frau euch er­ weisen; ja, sie soll euch sogar in diesen entzückenden Spielereien voran­ gehen, so wie es der heilige Prophet bei verschiedenen Gelegenheiten em­ pfohlen hat.“ Übrigens war das Liebes Vorspiel schon bei den Alten sehr ausgebildet. Es kann uns daher auch nicht wundem, daß die Griechen eine Reihe von Gottheiten verehrten, die sozusagen als Schutzgottheiten für gewisse Prak­ tiken im Liebesverkehr galten. Wir kennen die Venus-Paribasia-Divaricutrix, die man bei den Körperbewegungen bei Ausübung des Aktes zu Ehren so nannte. Man opferte ihr Phalli aus edlem Metall und Spiegel. Nicht nur die Argiver verehrten sie, sondern Dädalus goß eine Statue, die mecha­ nisch die Bewegungen des Coitus imitierte. Wir kennen weiter die VenusMelanis, die als Göttin der Begattung und erotischen Kunstgriffe verehrt wurde. Ihre Tempel in Corinth, Thespis und Melangis waren sämtlich von verschwiegenen Hainen umgeben, in deren nachtdunkler Undurchdringlich­ keit wilde Orgien vor sich gingen. Was nun die eigentlichen Mittel und Methoden zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes anbelangt, so finden wir vorerst einmal eine Reihe von Anweisungen, um das männliche Glied zu vergrößern. Das indische „Anangaranga“ begründet diese Manipulation folgendermaßen: „Ist aber das Glied klein und schlapp, so ist es unfähig, die Frau zu befrie­ digen und ihr Achtung und Liebe einzuflößen. Daher muß man andere Mittel anwenden, die das Glied groß und kräftig machen.“ Es werden nun eine Reihe von „Mittel zur Erzeugung eines großen und kräftigen Penis“ angegeben: „Nimm gleiche Teile bala (Sida cordifolia), nagabala (Uraria lagopodioides), Iriswurzel, Pfeffer, vajigandha (Physalis flexuola), Oleander, zerkleinere es und mische es mit Butter. Reibe dies in das Glied ein und nach 48 Minuten wird es so groß wie ein Pferdepenis sein. Nimm gleiche Teile Steinsalz, Pfeffer, costus, brhati (Solanum Jaquini), kharamanjari (Achyranthes aspera), gelben Senf und Sesam, verreibe es mit Honig und bringe es auf das Ohrläppchen. Danach wird der Penis dick, bei der Frau angewendet, schwellen die Brüste. Verbrenne schwarzes Salz (die schwarze Färbung erhält das Salz durch Einwirkung des Saftes von Phyllantus emblica) und Naliniblätter (Nelumbium), in die Asche gieße den Saft von brhati. Dieses streiche auf den vorher

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mit den Ausscheidungen einer Büffelkuh gesalbten Penis, sofort wird er steif wie die Mörserkeule, mit der man den Reis zerstößt. Reibe den Penis mit einem Gemisch von Bhallatakanüssen (Semecarpus Anacardium), brhati, Granatapfelbaumrinde und Senfol ein, dann wird er viel größer.“ Der Wunsch der Frau, daß der Partner ein möglichst großes Geschlechts­ organ haben möge, scheint auch im alten Israel besonders kraß in Erscheinung getreten zu sein, und kann durch ein biblisches Zitat belegt werden, denn der Prophet Hesekiel sagt X X III, 20: „Und Oholiba ward brünstig nach ihren Buhlen, die Glieder hatten wie die Esel und Samenerguß wie die Hengste.“ Analog den Mitteln, den Penis zu vergrößern, kennt das Anangaranga solche, die die weibliche Scheide verengern bezw. zusammenziehen, um den Geschlechtsreiz beim Coitus zu erhöhen. Es heißt: „Nimm vom Lotus Blume und Stengel, verreibe sie mit Milch, mache Kügelchen daraus und führe sie in die Scham ein. Die Frau, auch wenn sie fünfzig Jahre zählt, wird wieder zur Jungfrau. Nimm Tannenrinde, zerstoße sie mit Kurkuma (Curcuma longa, Gelb­ wurzel) und mit den Staubfäden der Lotusblume und reibe damit die Scham ein, die sich dann stark zusammenziehen wird. Wenn man die Scham der Frau innen und außen mit Pikaksasamen (Asteracantha longifolia) einreibt, strafft sich die Scheide sofort. Mische gleiche Teile der drei Myrobolanen, der Jamburinde (Eugenia Jambolana), der Baumwollenstaude mit Honig, führe dieses Gemenge in die Scheide ein, so wird die Frau wie ein junges Mädchen ausschauen. Verreibe Kürbissamen und Lodhrarinde und führe diese in die Vulva ein, die Erweiterung nach der Geburt wird schwinden. Verreibe zu gleichen Teilen mit Wasser vajigandha (Physalis flexuosa), Pfeffer, Ingwer und blauen Lotus und führe es ein, die Scheide wird sich dann verengen. Koche Mandhukarinde ab (Bassia latifolia) und mische sie mit Honig, damit fülle die Vulva bis zu den Lippen, so wird sie wie gegerbt aussehen.“ So lauten die Vorschriften des Anangaranga zur Verengerung der Vulva. Poppäa, Neros spätere Frau, soll zur Verengerung ihrer Vagina die folgende Anweisung befolgt haben: „Um stets als Jungfrau zu erscheinen, waschet eure Geschlechtsteile mit einem Wasser, welches durch alkoholisches Benzoe eine milchige Färbung erhalten hat; trocknet dann eure verborgene Gegend mit feinem Leinen und bestreut sie mit Stärke“. Das Kamasutram empfiehlt das folgende Mittel: „Eine Salbe aus den Früchten von Aster­ acantha longifolia“, „solche Salbe zieht selbst die gewaltigste Vulva, die der sogenannten „Elefantenkuh“, für eine ganze Nacht zusammen.“ Neben diesen Mitteln und Methoden zur Vergrößerung des männlichen 266

Gliedes und der Verengerung der weiblichen Scheide, sind zahlreiche andere Operationen und Manipulationen am Genitalapparat bekannt. Einige seltsame Sexualmanipulationen, die man hauptsächlich in Süd­ amerika und Afrika beobachtet hat, beruhen auf Entstellungen der Genitalien. Bei den Frauen ist bekannt die sogenannte Hottentottenschürze, bei der die kleinen Schamlippen und die Clitoris in annormaler Weise ausgedehnt werden. Die Basutomädchen sollen ihre verlängerten Schamlippen sogar auf Holz­ stäbchen aufwickeln. Der Zweck dieser Sexualhandlungen beruht sicher auf kosmetisch-erotische Vorstellungen, die hier und da vielleicht zum Kult der Mädchenbeschneidung führte, und wohl aber kaum dazu diente, der Tribadie entgegenzutreten. Soweit Genitalverunstaltungen beim Manne stattfinden, handelt es sich wohl sehr häufig um Maßnahmen, die durch mechanischen Reiz auf eine Steigerung des Geschlechtsgenusses hinzielen. Kleiweg de Zwaan berichtet zum Beispiel über die Ureinwohner von Borneo, daß sie die Eichel durchbohrten und ein Stäbchen hindurchzogen, dessen Ende in Kugel­ form ausläuft. Die dadurch erzielte Reizwirkung entspricht etwa der der bekannten japanischen Reizringe aus Celluloid oder Horn oder der der be­ kannten Gummiringe. Eine ähnliche Sitte ist auch von den Süd amerikanischen Araukanern bekannt. Gefühlskalte der Frau ist sehr oft mit Unfruchtbarkeit identifiziert worden. Bei durchaus normaler Befruchtungsfähigkeit aber fehlender Libido war man durchaus geneigt, das Fehlen der ersteren bei Fehlen der letzteren an­ zunehmen. Betrachtet man deshalb zum Beispiel die Verhaltungsmaßregeln, die sich in den hyppokratischen Schriften finden, so könnte man meinen, daß durch eine „Reinigung der Gebärmutter“ vielleicht die Beseitigung von mechanischen Hindernissen für die Passage der Spermatozoen gemeint sei. Aber wenn man sich die Mittel ansieht, die für die „Mutterzäpfchen“ Ver­ wendung gefunden haben, so sieht man wieder die bekannten Stoffe, deren ReizWirkung auf den Genitalapparat längst bekannt w ar: Knoblauch, Kümmel u. a. m. spielen auch hier ihre gewichtige Rolle. In den hypokratischen Schriften heißt es u. a. (zit. nach Ploß-Bartels): „Wenn du willst, daß eine Frau schwanger werde, so mußt du sie selbst und ihre Gebärmutter ausreinigen, d. h. es muß ein Mutterzäpfchen von feingeriebenem Natron, Kreuzkümmel, Knoblauch und Feigen mit Honig bereitet in die Gebärmutter gelegt werden und die Frau muß sich warm baden; nachdem dieselbe nüchtern Dill gegessen und echten Wein nachgetrunken hat, wird rotes Natron, Kümmel und Harz mit Honig angemacht und in einem Stück Leinwand als Mutter­ zäpfchen eingelegt. Wenn nun Wasser abfließt, so lege der Frau schwarze erweichende Mutterkränze ein und rate ihr den ehelichen Umgang an. Wenn du willst, daß eine Fran schwanger werde, so reinige sie selbst und ihre Ge­ bärmutter, und lege dann ein abgetragenes, möglichst feines und trocknes Leinwandläppchen in die Gebärmutter ein und zwar tauche das Läppchen 267

in Honig; forme ein Mutterzäpfchen daraus, tauche es in Feigensaft, lege es ein, bis sich der Muttermund erweitert hat, und schiebe es dann noch weiter hinein. Ist nun aber das Wasser abgezogen, so spüle sich die Frau mit ö l und Wein aus, schlafe beim Manne, und trinke, wenn sie ehelichen Umgang genießen will, Poley in Kedros-Wein.“ Die moderne Therapie der Impotenz kennt schließlich eine Reihe von Eingriffen, die zur Herstellung der Möglichkeit, wieder geschlechtlich ver­ kehren zu können, dienen sollen. Es handelt sich allerdings, wie schon betont, immer nur um Maßnahmen an kranken Menschen, die wir unter Hinweis auf unsere Ausführungen im Vorwort, im Rahmen dieser Darstellung nicht behandeln wollen. Wir deuten nur an, daß es sich hier um Ätzungen des Samenhügels handeln kann, einer Heilbehandlung, die man übrigens nicht nur gegen die Impotenz, sondern auch gegen die Ejaculatio präcox anwendet. Andere merkwürdige Mittel und Methoden gibt Vorberg an, die wir hier nur auszugsweise zitieren wollen: „Chirurgen suchten eine Steifung des Gliedes dadurch herbeizufuhren, daß sie die Vena dorsalis penis unterbanden, die das Blut aus dem Schwell­ körper der Harnröhre und der Eichel zurückfuhrt. Die Hemmung des Rück­ flusses sollte zur Steifung führen. Zu diesem Zweck umschnürte man auch Glied und Hodensackwurzel mit einem Gummiband. Nach Lösung des Gummibandes verstärkter Blutzufluß und — Hoffnung auf Erfolg. Eine bessere Durchblutung suchte man auch durch eine Art Schröpf­ kopfbehandlung zu erreichen. Luftpumpen, Saug Vorrichtungen mit Handund Motorbetrieb sollten dem Glied auf helfen. Tatsächlich wird das Glied durch Blutstauung steif, aber nur für einen Augenblick, kaum ist die Pumpe entfernt — ist der schöne Wahn vorbei. Alle diese Vorrichtungen sind bei verfrühter Samenentleerung schädlich, weil sie die Übererregbarkeit noch erhöhen, die reizbare Schwäche mehren. Seelisch können sie unter Umständen einen gewissen Einfluß ausüben, wie auch die stützende Binde an der Wurzel des Gliedes, Schlitten, elektrische Ketten und Gürtel. Gerade die elektrischen Gürtel sind von geriebenen Geschäftsleuten in den Zeitungen marktschreierisch angepriesen worden. Tausende von Mark sind in die Taschen der Beutelschneider geflossen. Die Verkäufer solcher Ketten und Gürtel rechnen mit dem Wunderglauben der Vielzuvielen, die das Geheimnis­ volle lockt.“ Bevor wir auf die verschiedenartigen zum Teil recht kunstvollen und komplizierten geschlechtlichen Reizmittel, die Männer und Frauen an­ wenden können, eingehen, müssen wir darauf hinweisen, daß in sehr vielen Fällen die verschiedensten Gegenstände des täglichen Gebrauchs, aber auch andere Utensilien und Instrumente benützt werden, deren Anwendung man kaum für möglich halten sollte. Rohleder gibt in seiner ausgezeichneten Darstellung der Masturbation folgende Beispiele an. In der männlichen 268

Harnröhre wurden gefunden: Federspulen, Bleistifte, Federhalter, Stroh­ halme, Stricknadeln, Kornähren, Stücke von Bougies und elastischen Ka­ thetern, Ohrlöffel, Zahnstocher, Bohnen, Erbsen, Stecknadeln, Pflanzen­ stiele, Pflanzenstengel u. a. m. Auch äußerlich werden Manipulationen vor­ genommen, über die Rohleder folgende Darstellung gibt: „So erzählt Dupuy­ tren von einem jungen, 20—22 jährigen Menschen, der sich einst in der Klinik vorstellte mit einem Leuchtereinsatz, einer sogenannten Leuchterdille, an der Wurzel des Gliedes, welches er behufs Onanie durch das Instru­ ment durchgesteckt hatte. Das Glied war in Erektion geraten und der Patient hatte nicht vermocht, die Dille vom gesteiften Gliede wieder abzuziehen. Die Einschnürung war derartig stark, daß der vor der Einschnürungsstelle be­ trächtlich angeschwollene Penis sich zur Gangrän anschickte und es Dupuy­ tren nur mit größter Vorsicht unter Anwendung von Zange und anderen Instrumenten gelang, das Glied von der Dille zu befreien, ohne es zu ver­ letzen. Ein anderes, sehr ähnliches Beispiel ist folgendes: Ein junger Mann verfiel während des Badens (in der Wanne) auf folgendes Mittel, sich zu masturbieren. Er steckte den Penis in das Loch der Badewanne, welches zum Ablauf des Wassers angebracht war. Bald aber wurde die Erektion des Penis eine derartige, daß Betreffendem das Zurückziehen des Penis aus dem Loche nicht mehr möglich war, er fand sich wie im Schraubenstock festge­ schraubt. Auf das Schreien des Unglücklichen eilten Leute herbei, denen es nur mit höchster Mühe gelang, den Betreffenden aus seiner Klemme zu be­ freien. Mauriac erzählt in seiner Abhandlung folgenden Fall: Ein Masturbant bediente sich zur Befriedigung eines Eisenstabes von 7—8 Zoll, dessen Ende er in Form eines Hakens gebogen hatte, damit derselbe die Urethraschleimhaut mehr anreize. Eines Tages zersprengte er durch seine unmäßigen Manipu­ lationen die Pars membranaea der Urethra. Bei den größten Anstrengungen, es herauszuziehen, schob er es nur immer tiefer und tiefer hinein. Dr. Fardeau aus Samur wurde gerufen, es zu entfernen. Er erkannte, daß der Haken sich am inneren Rand der Tuberositas ischiadica festgehängt hatte. Eine lange Incision in dieser Richtung erlaubte ihm, den Eisenstab vom Perineum aus zu entfernen. Der Kranke gesundete vollständig wieder. So imglaublich es klingen mag, es sind selbstverständlich auch zahl­ reiche Früchte als geschlechtliche Reizmittel verwendet worden. In der ethnologischen und folkloristischen Literatur, aber auch in der religiösen, werden Mitteilungen darüber gemacht, daß ganz bestimmte Früchte ganz besonders gern als Ipsationsinstrumente Verwendung finden und gefunden haben. So bedient man sich, wie Stern schreibt, in der Türkei ganz besonders derjenigen Naturprodukte, die dem Penis am ähnlichsten sind, wie z. B. die Banane. In der Mythologie von Hawai wird sogar erzählt, daß Göttinnen von den unter ihren Kleidern verborgenen Bananen befruchtet wurden. Was für die Banane gilt, gilt auch für die Gurke. In Konstantinopel benutzten 269

die Frauen eine Eierfrucht, Padlidschan, welche man röstet, bis sie hart ge­ worden ist. In Rumänien und Oberitalien sollen Maiskolben zu diesen Zwecken verwendet worden sein. Spezielle mechanische Gebrauchsgegenstände zur Anregung und Steige­ rung des Geschlechtstriebes sind aus allen Zeiten und Zonen bekannt. Was die Naturvölker anbelangt, so teilt Stoll über die verschiedenartige Anwendung mechanischer Reizmittel sehr interessante Einzelheiten mit. D a ist einmal ein in seiner Wirkung recht brutales Instrument der patagonischen In ­ dianer bekannt, das als „Guesquel“ in der sexuellen Ethnologie registriert worden ist. „E r besteht aus einem Kamm aus den Mähnenhaaren eines Maultiers, die sorgfältig an einer ziemlich langen und dünnen Schnur befestigt sind. Indem dieser Kamm durch Herumwickeln der Schnur hinter der Eichel befestigt wird, und zwar so, daß die Mähnenhaare nach vom gerichtet sind, umgibt derGeusquel die Eichel kranzförmig und wird in dieser Weise beim Coitus in die Scheide eingeführt. Das erste Mal wollen die Indianerinnen den Geusquel nicht leiden, da er ihnen Schmerz und sogar eine leichte Blutung verursacht. Nach und nach gewöhnen sie sich aber sehr an dessen Gebrauch, sogar in der Ehe. Die patagonischen Indianerinnen sind etwas kalt, weshalb die Indianer weiße Frauen bevorzugen, wenn sie solche haben können. Sie be­ haupten, daß die weißen Frauen leichter erregbar sind und sich in einer für den indianischen Mann angenehmen Weise beim Coitus aktiv bewegen, weshalb die Indianer sie „corcoveadores“, d. h. Frauen, die sich krümmen und lebhafte Bewegungen machen, nennen. Um aber auch die eingeborenen Frauen zu lebhafterer Beteiligung am Geschlechtsakt zu veranlassen, dient der Guesquel; dessen Wirkung nun allerdings eine so starke ist, daß die Frauen beim Coitus knirschen und schäumen und in so hochgradigen Orgasmus geraten, daß sie nach dessen Abschwellen ganz betäubt und erschöpft liegen bleiben. Eigentliche Nachteile scheint die Anwendung des Guesquels indessen nicht zu haben. Ein gut gearbeiteter Guesquel steht hoch im Preise, es werden ein bis zwei Pferde dafür bezahlt. Die patagonischen Stämme machen, trotz­ dem auch die Frauen sowohl das Instrument, als auch dessen Namen kennen, den Weißen gegenüber ein Geheimnis daraus, indem die Leute des einen Stammes sagen: „Wir brauchen den Guesquel nicht, dagegen die von dem oder jenem Stamm brauchen ihn.“ Während der patagonische Guesquel ohne Zweifel eine Erfindung der Männer ist, scheinen dagegen einzelne der in den indonesischen Gebieten gebräuchlichen, mechanischen Reizmittel den erotischen Ansprüchen der Frauen ihre Entstehung direkt oder indirekt zu verdanken, wie sie denn, auch sämtlich dazu dienen, das Wollustgefühl der Frauen beim Coitus z a erhöhen. Die Mannigfaltigkeit derartiger Apparate ist in den südostasia­ tischen Gebieten, von Arakan bis zu den Molukken, ganz besonders groß, 270

Doch müssen wir uns hier auf eine kurze Erwähnung der originellsten dieser Reizapparate beschränken. An den Guesquel der Patagonier und an die europäischen Kautschuk­ ringe erinnern z. B. die um die Eichel gebundenen Lidränder von Ziegen­ böcken, deren Lidhaare einen borstigen Kragen um die Eichel bilden und also in ähnlicher Weise reizend wirken, wie die Mähnenborsten des Guesquels. Dieser Apparat ist oder war früher in Nord-Celebes gebräuchlich. — In dieselbe Kategorie der mechanischen Reizmittel gehört es, wenn die Javanen der Preanger Regentschaft sich vor dem Coitus einen Streifen von Ziegen­ fell um die Glans binden oder wenn alte sudanesische Häuptlinge sich aus Tierfell ein ganzes Penisfutteral hersteilen, wo nur die Spitze der Eichel frei bleibt. Weit eingreifender sind eine Reihe von mechanischen Apparaten, die nur auf Grund einer chirurgischen Verletzung der Gewebe am Penis be­ festigt werden können. Die einfachsten derselben sind die Reizsteine, wie sie bei den Batta auf Sumatra nach einem von Staudinger nach den Angaben des Herrn Schadt geschilderten Verfahren am Penis angebracht werden: Nach Aussage glaubwürdiger Battaker werden bei der betreffenden Operation Einschnitte in die Oberhaut des Penis gemacht und die Steine unter die Haut geschoben. Einzelne Individuen haben eine Anzahl Steine in spiralförmiger Anordnung in ihrem Gliede. Die Operation wird der besseren Heilung wegen in fließendem Wasser vorgenommen. Das am meisten begehrte Material zu diesen Steinen soll eine Muschel im oder am Tobasee sein. Reiche Leute nehmen auch Gold- und Silberklümpchen. Noch komplizierter ist die chirurgische Vorbereitung zur Einführung des bei den Dajak-Stämmen von Borneo als Ampallang bezeichneten Reiz­ mittels. Sie besteht nach der Beschreibung, welche von Miklucho-Maclay seinerzeit auf Grund der ihm von Herrn von Gafiron gewordenen Mitteilungen davon gab, darin, daß die Eichel — die Operation wird erst bei Erwachsenen vorgenommen — während einiger Tage durch seitlich daran befestigte Bam­ busplättchen unter Anwendung kalter Umschläge plattgedrückt und dann oberhalb der Harnröhre von einer Seite zur anderen mittels eines Bambus­ pfriems durchstochen wird. In die Perforationsöffinung wird dann sofort eine mit ö l beschmierte biegsame Taubenfeder eingeführt, die nun bis zur Verheilung des Stichkanals unter gleichzeitiger Fortsetzung der kalten Um­ schläge täglich gewechselt wird. Die Taubenfeder hat nur den Zweck, den Kanal offen zu erhalten, wird aber beim Coitus jeweilen herausgenommen und durch den Ampallang ersetzt, über den v. Miklucho-Maclay nun fol­ gendes mitteilt: „Beim Arbeiten und auf Reisen trägt der Dajak eine Feder in der Per­ foration; vor dem Beischlaf wird sie durch den Ampallang ersetzt. Der Ampallang selbst besteht aus einem kupfernen, silbernen oder goldenen 271

Stäbchen von der Länge von 4 cm und der Dicke von 2 mm. An einem Ende des Stäbchens sitzt eine Kugel oder Birne von Achat oder Metall fest, während die andere Kugel nach dem Durchstecken des Ampallangs durch die Eichel am anderen Ende befestigt wird. Man findet auch Ampallange, wo die Kugeln sich um ihre Achse drehen. Der ganze Apparat hat eine Länge von 5% cm. Hat der Mann keinen Ampallang und wünscht die Frau einen solchen, so tut sie ihren Wunsch auf folgende Weise symbolisch kund; der Mann findet in seiner Reisschüssel ein in der Länge zusammengerolltes Sirihblatt, durch welches am einem Ende eine Zigarette gesteckt ist, welche zugleich das Maß des gewünschten Ampallangs darstellt. Die Frauen bestimmen selbst die Länge des Ampallangs, indem sie die Finger der rechten Hand zwischen die Zähne stecken. Die Weite zwischen den Zähnen entspricht der gewünschten Länge des Ampallangs. — Die Dajakfrauen haben das Recht, den Ampallang zu verlangen; will der Mann das nicht, so kann die Frau sich von ihm scheiden. Sie sagen: der Coitus ohne Ampallang schmeckt wie Reis, doch mit dem Ampallang wie Reis mit Salz. Einmal an dieses Reizinstrument gewöhnt, können die Frauen dasselbe bei ihren Männern nicht entbehren. Beim Aus­ üben des Coitus versuchen die Männer, den Ampallang möglichst schräg gestellt in die Vagina einzuführen, worauf die Maschine quer gesetzt wird.“ Die von Miklucho-Maclays Gewährsmann beobachteten Ampallang­ kanäle waren alle in horizontaler Richtung über der Harnröhre durch die Eichel geführt, während Miklucho-Maclay selbst in Batavia an einem Spiri­ tuspräparat des Militärhospitals eine senkrechte Führung der Perforation mit Verletzung der Harnröhre konstatierte. Es scheinen daher in jenen Gegen­ den verschiedene Formen von Ampallang und verschiedene Anlagen der Perforation üblich gewesen zu sein. Auch Riedel hatte ähnliche Ampallang, wie die der Dajak, in früherer Zeit auch für Nord-Celebes in Gebrauch ge­ funden, nur waren diese noch komplizierter, als die der Dajak. Schon die ersten Europäer, welche in jenen Gewässern erschienen, fanden dem Ampallang ähnliche Reizinstrumente im Gebrauch der Eingeborenen vor. Es genügt hier, noch die Beschreibung anzufuhren, die Pigafetta vom Am­ pallang der Insulaner von Cebu gibt: „Alle Männer, groß und klein, haben den Penis an der Eichel durchbohrt und durch die Öffnung ist ein kleiner Zylinder aus Gold oder Zinn von der Dicke eines Gänsekiels geführt, der an den beiden Enden bald eine Art Strahlenstern, bald eine Scheibe von der Form eines großen Nagelkopfes trägt. Der kleine Zylinder läßt indessen den Hamkanal frei. Die Sache war so seltsam, daß ich sie garnicht glauben konnte und sie daher zahllose Male, sowohl an alten, als an jungen Leuten besichtigen wollte. Sie nehmen weder den Zylinder, noch die Sterne jemals heraus und sagen, daß ihre Frauen es so wünschen; sie brauchen dann einen gewissen Kunstgriff, damit der J272

Zeugungsakt, auf den sie ihre Töchter von Jugend an vorbereiten, nicht durch den Apparat behindert werde. Trotz dieses seltsamen Zügels fanden die Frauen dennoch größeres Vergnügen an uns, als an ihren Männern.“ Schon früher haben wir die Beschreibung mitgeteilt, welche Lindschotten von dem eigentümlichen Schellenapparat entwirft, welchen seinerzeit die Männer von Pegu an ihrem Penis trugen, und von dem er angibt, daß er als eine Art Infibulation gegen Homosexualität gedient hätte. Dies scheint aber sehr zweifelhaft, vielmehr ist es wahrscheinlich, daß auch diese Schellen in die Kategorie der mechanischen Reizmittel gehörten. Denn wenn wir der Erzählung Nicolo Contis, des venezianischen Reisenden, der als der einzige Europäer im 15. Jahrhundert nach Hinterindien und den Sundainseln gelangte, irgendwelchen Glauben über diesen Punkt schenken dürfen, so hätten solche Schellen, aus Gold, Silber oder Messing, welche von den Bewohnern von Ava nach seiner Beschreibung an verschiedenen Stellen durch einen Ein­ schnitt unter die Haut des Penis geschoben und dort, gelegentlich bis zu einem Dutzend und darüber, eingeheilt wurden, den Zweck gehabt, den Genuß der Frauen beim Coitus durch die dadurch gesetzten knotenförmigen Unebenheiten und die Schwellung des Penis zu steigern. Er erzählt auch, daß diese kleinhaselnußgroßen Schellen beim Anschlägen des Penis an die Schenkel beim Gehen hörbar erklingen, und erwähnt ferner, daß er selbst wiederholt von den Frauen, die sich über die Kleinheit seines Penis lustig gemacht hätten, aufgefordert worden sei, sich diesen Reizapparat daran anbringen zu lassen, daß er sich aber nicht habe entschließen können, durch etwas, was ihm selbst nur Schmerz bereitet hätte, anderen Leuten Vergnügen zu machen. Endlich möge noch darauf hingewiesen werden, daß nach einer Angabe Riedels auf Serang (Ceram) die Beschneidung der Männer, die nach indonesischer Art durch einfache Spaltung der Vorhaut vollzogen wird, auf Wunsch der Mädchen vorgenommen wird, da diese glauben, daß dadurch der Genuß beim Beischlaf gesteigert werde. Das mechanische Reizmittel par excellence für Frauen ist der Godmiche (auch: Bien taiteur). Dieses französische Wort dürfte von dem latei­ nischen „gaude mihi“ ( = erfreue mich) abzuleiten sein. Im deutschen Handel wird es auch als Phallusphantom bezeichnet. Der künstliche Penis (auch: Penis succedanus) heißt lateinisch Phallus oder Fascinum; italienisch: passetempo, cazzo oder Diletto; vom letzteren Worte stammt die in England ge­ bräuchliche Bezeichnung: Dildoes; der indische Name ist: apadravya; der japanische Name: Harikata, Engi. Das Instrument war nicht nur im klassischen Altertum, sondern auch schon den alten Juden bekannt, wie eine Stelle aus Ezechiel beweist: „Du nähmest auch Deine Zierden von meinem Gold und Silber, welche ich Dir gegeben hatte, und machtest Dir Mannsbilder daraus, und triebest Deine 18

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Hurerei mit ihnen.“ Auch die Ägypter und Babylonier kannten die Anwendung des Godmiches, wie die gemachten Ausgrabungen beweisen. Eine typische Unterhaltung über die Anwendung des Godemiches im alten Griechenland finden wir in den „Mimiamben des Herondas“, auf die wir noch zurück­ kommen werden. Dort wird das Instrument als Baubon bezw. Olisbos be­ zeichnet. Im britischen Museum befindet sich eine Vase, die eine Prosti­ tuierte bei Anwendung des Godmiches zeigt. Die Ausgrabungen in Pompeji forderten eine ganze Anzahl dieser Instrumente zutage. Auch das Mittelalter kannte die Anwendung dieses mechanischen Reiz­ mittels. Immer wieder mußten die Geistlichen den Gebrauch des Godmiches verbieten. Das ging bis zum Zeitalter Elisabeths, wo Marston in seinen Schriften erzählt, wie Lucea einen gläsernen Penis einem warmen Bette vor­ zieht, ja bis zur Gegenwart können wir solche Mittel auch in allen Ländern der Zivilisation angewandt sehen. Als die Spanier zum ersten Male auf den Philippinen landeten, fanden sie dort unter den Frauen den Brauch weit verbreitet, sich eines künstlichen Penis zu bedienen. Bei den Balinesen soll man in jedem Harem einen God­ miche finden, der aus Wachs verfertigt ist. In China werden diese Instru­ mente aus Harz hergestellt, das die natürliche Fleischfarbe aufweist. Diese Apparate sind wegen ihrer außerordentlichen Geschmeidigkeit ganz besonders berühmt und wurden noch bis Anfang dieses Jahrhunderts ungeniert gehan­ delt. In Kanton und Tientsin fanden die Frauen nichts dabei, Godmiches offen zu verlangen. Es wurden gleichzeitig auch illustrierte Alben verabfolgt, in denen die genaue Gebrauchsanweisung verzeichnet war. In unserer ethnologischen Sammlung besitzen wir einen besonders merk­ würdigen Godmiche aus dem Haussaland (Britisch-Nord-Nigeria), Madigo genannt, an dessen unterem Ende sich eine Schweinsblase befindet. Sie wurde vor dem Coitus mit Reismilch oder dem Saft des Dalaku-Baumes gefüllt und bei eintretendem Orgasmus wurde durch Druck auf die Schweinsblase die Ejaculation imitiert. Ähnliche Instrumente werden von Paris aus verbreitet, wo man Apparate kennt, die man je nach Wunsch durch Aufblasen vergrößern oder verkleinern kann. Sie werden m it Milch gefüllt und sollen so eingerichtet sein, daß sie nach einer gewissen Anzahl von Bewegungen zerplatzen, um die Illusion möglichst zu vervollständigen. Jeannel berichtet nach Rohleder aus China, daß in Tientsin noch Ende vorigen Jahrhunderts Godmiches verkauft wurden, die aus einer Mischung von Gummi und Harz hergestellt wurden. Sie waren biegsam und geschmeidig und es wurde ihnen die normale Fleischrötung gegeben. Der Herstellungsort war Canton. Sie wurden in Büchern und Prospekten angepriesen, und durch bildliche Darstellung wurde die Anwendungsweise in allen Details gezeigt. Wir bewahren in unserer „Collectio Japonica Schedel“ eine ganze Reihe dieser Darstellungen auf, von denen wir einige im sekretierten Teile dieses Buches

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reproduziert haben. Übrigens war die Propaganda dieser Reizmittel keines­ wegs nur auf die Prospekte beschränkt. Pouillet berichtet, daß einer seiner Freunde bei einem Theaterbesuch in Tientsin Zeuge einer theatralischen Szene wurde, in der sich die Frau über die Impotenz ihres gealterten Mannes beschwert. Dieser entfernt sich und überreicht ihr nach seiner Rückkehr freudig einen Godmiche, um damit zu sagen: „Sieh, damit begnügen sich in deinem Falle viele Frauen, mach’ es wie diese.“ Wir erwähnten bereits, daß schon im Altertum die Godmiches außeror­ dentlich verbreitet waren. Sehr interessant ist deshalb ein Gespräch aus den „Mimiamben des Herondas“, das zwei Frauen über Anwendung und Qualität des Godmiches (Olisbos, Baubon) führen. Da heißt es: „Metro: Verhehl’ mir nichts, Koritto, und erzähl’ . Aus welcher Werkstatt legtest du Den scharlachfarbnen Dings Dir zu? Koritto: Wo sahst du ihn, ich bitte, sag’s. Metro: In Nossis Hand, vor vorigen Tags. Ein reizendes Präsent fürwahr. Koritto: Hm. Doch wie kam das Exemplar Zu Nossis? Metro: Hältst du reinen Mund, Wenn ich dir’s sag? Koritto: Nie werd es kund Durch meine Schuld — ich schwör es dir Bei diesen schönen Augen hier! Metro: Sie hat ihn aus Eubulens Hand, Die streng ihr auf die Seele band, Nur ja zu schweigen. Koritto: Weibsenbrut! Das Weib, es quält mich bis aufs Blut. Wie sie mir anlag fort und fort, Da ward ich schwach, und auf mein Wort, Eh ich ihn selbst noch anprobiert, Bekam sie ihn und disponiert, Als wär es Strandgut, schenkt ihn her An Leute, die — nein, nimmermehr Sieht sie dies Haus. Wer das Vertrau’n So lohnt, mag sich nach andrer Frau’n Gesellschaft umsehn. Noch dazu Vergibt sie ihn an Nossis, puh, Sie, der ich —■mag es immerhin Stark klingen — hör’s nicht, Hüterin i8«

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Metro:

Koritto: M etro:

Koritto:

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Der Rache! — hätt ich tausend auch, Nicht einen schäb’gen gäb’ in Brauch! Nicht doch, Koritto, ruhig’ Blut. So zorn’ge Wallung tu t nicht gut; Die Botschaft mag ja unlieb sein, Die Frauen aber nenn’ ich fein, Die alles dulden. Aber ach, Mir dankst du all dies Ungemach: Daß man die Plauderzunge mir Ausschnitte, das verdient’ ich schier. Indes, wonach ich eigentlich Dich fragte: wer ihn denn für dich Gesteppt? Wenn du mich lieb hast, sag’s. Du lachst mir ins Gesicht? So mag’s Dir peinlich sein, doch ich begreif* Das Zieren nicht. Warum so steif, Als war ich eine Fremde? Geh, Korittchen, bitte schön, gesteh Und halt’s nicht hinterm Berg: Wer ist Der Meister? Was du dringlich bist! Von Kerdon ist er. Kerdon ? Ei, So heißen meines Wissens zwei, Der eine freilich, blaugeaugt, Der Nachbar Myrtalinens, taugt So gut wie nichts, er pfuscht drauf los. Der andere, dort die Straße, wo’s Fortgeht zu Hermodoros Haus — Einst könnt’ er was, doch nun ist’s aus, Der M ann ist alt, Pylaethis war, Gott hab’ sie selig, manches Jahr, Dort gern gesehen. Daß sie nicht Vergessen werd’, ist Freundespflicht. Ganz richtig, weder der noch der; Von Chios oder dort wo her Ist meiner; Kahlkopf, untersetzt; Wenn du ihn je gesehen, du hättst Geschworen, daß es Zug für Zug Praxinos sei — frappant! Genug, Wie kaum ein Ei dem andern gleicht; Nur wenn er spricht, ersiehst du leicht,

Metro:

Koritto:

M etro: Koritto:

Metro:

Koritto:

Metro:

Der Kerdon ist’s und nicht Praxin. Er hat daheim die Officin, Verkauft auch dort in aller Still’, Denn jeden schreckt die Steuerbill. Die Arbeit aber — welche Pracht! Nicht Kerdon, Pallas hat’s gemacht. Wie er sie brachte, die zwei Stück, Verschlang sie mein entzückter Blick. Nicht einer, unter uns gesagt, Versteht sich drauf, sie so exakt Zu machen: und wie wohl das tut, So zart und sauber! Kurz und gut, Ein Künstler, ich versichere dich, Der unsere Wünsche kennt. Doch sprich, Warum du denn nicht gleich Beschlag Auf beide legtest ? O, ich lag Ihm an nach Kräften. Keine Kunst Blieb unversucht, nicht eine Gunst Versagt’ ich, küßt’ und hätschelt’ ihn, Kredenzt ihm Süßwein, tätschelt’ ihn, Es fehlte nur, ich hätte Leib Und Seel’ ihm ausgeliefert. W eib! Wenn er’s begehrt’, ich hätt ’s getan. Das mein’ ich auch, doch nebenan Stand, sehr zur Unzeit, Biats’ Maid An meiner Handmühl’: ihr Getreid’ Zu mahlen muß ich früh und spät Herhalten, und zu Mulm zerdreht Wird mir mein eigner Stein dabei, Doch ihrer hält sich nagelneu. Wie hat denn Kerdon nun gewußt, Wo er dich finden soll? Du mußt M ir’s treulich sagen. Artemis, Des Gerbers Kandas Tochter, wies Mein Haus ihm. Sie verdient Respekt. Was hat sie nicht schon ausgeheckt Zum Besten der galanten Welt, 277

Die find’ge Frau! Nur eins erhellt Mir nicht: daß du nicht Anlaß nahmst, Und, wie du einen nur bekamst, Nicht fragtest, wes das Gegenstück. Koritto: Ich quält’ ihn ja, doch nicht mit Glück, Denn er beschwor, Verschwiegenheit Müßt er bewahren anderweit. Und darin, Freundin, blieb er fest. Metro: Ich sehe schon, Du überläßt Mir’s selbst, ob ich den Wundermann Bei Artemis erfragen kann. Doch nun empfehl’ ich mich geschwind, s’ ist Essenszeit. Leb wohl, mein Kind.“ Historien vielfältigster Art, die über die Anwendung des Godmiches be­ richten, kann man natürlich auch aus neuerer Zeit berichten. Wir beschränken uns auf die Fälle, wo man den Godmiche zum lesbischen Verkehr gebrauchte, und wobei zum Teil vielleicht auch die geliebte Partnerin über das physische Manko des „Ehegatten“ hinweggetäuscht werden sollte. Aus den alten, von Dr. C. Trümmer herausgegebenen Hamburgischen Rechtsgeschichten darf der in den Jahren 1701 und 1702 zu Hamburg spielende und die gebildete Welt in Atem haltende „Fall Bunck“ mit Recht auch hier seinen Platz finden. „Am 29. Januar 1701 in der Frühe wurde auf dem Schweinemarkt in Hamburg eine nackte Frauenleiche ohne Kopf gefunden. Die Untersuchung ergab, daß die Tote die Ehefrau Margarethe Rieke aus Neuenburg war, die von einem „Monsieur Heinrich“ verführt, in dessen Wohnung, wohin er sie mit Hilfe seiner Frau, einer geb. Jürgens, verschleppt hatte, ermordet worden war. Dieser Monsieur Heinrich war niemand anders als Anna Isalbe Bunck. In der Urgicht vom 5. X. 1701, nachdem sie so schwer gefoltert worden war, daß ihre Knochen zersplitterten, gab sie an, daß sie früher in Bremen unter einem fälschlich angenommenen Namen und in den Kleidern eines Mannes ein liederliches Leben geführt und allerhand gottlose Händel verübt habe. Namentlich habe sie mit einem männlichen Glied, das ihr in einem Hurenhause zu Amsterdam angeklebt worden, Schande und Unzucht getrieben. In Hamburg habe sie sich dann mit der Marie Cäcilie Jürgens trauen lassen. Mit dieser Person habe sie sowohl vor als nach der Kopulation mittels des falschen männlichen Gliedes fast zwei Jahre lang cohabitiert und sie dann nach einem Streit verlassen. Hierauf habe sie sich mit der Anna Elisabeth Paulsen in Altona kopulieren lassen, mit der sie längere Zeit gelebt habe. Dann sei sie wieder zu der Jürgens zurückgekehrt. Die Rieken habe sie ebenfalls verführt und veranlaßt, ihrem Manne zu ent­ laufen. Die Ermordung der Rieke erfolgte jedenfalls, weil sie der alten 278

Tribade mit Anzeige gedroht hatte. Laut fiskalischem Erkenntnis vom 20. Januar 1702 wurde das Schandweib wegen des Mordes und weil sie in ihren beiden Scheinehen, nachdem sie darin durch Gebrauch eines dazu ver­ fertigten Instrumentes unnatürliche und sodomitische Leichtfertigkeit be­ trieben, den göttlichen Namen profaniert habe, „ihresgleichen zum Abscheu“ verurteilt, „an dem Orte, da der Mord geschehen einmal mit glühenden Zangen anzugreifen, hernach mit dem Rade zu töten und folgends deren toter Körper zu verbrennen sei“. In einem Göttinger Gerichtserkenntnis vom 3. Oktober 1823 findet sich folgender Fall von lesbischer Betätigung unter Anwendung eines künstlichen Reizmittels: Sophie Elisabeth Dreves aus Geversdorf, auch die dicke Fieke genannt, 31 Jahr alt, stand von Ostern 1820 bis Ostern 1821 bei dem Land­ wirt Heinrich Mayer in Dienst. „Neben ihr“, so heißt es in der Anklage­ schrift, „diente damals eine Person, welche sich Friedrich Niebuhr nannte, männliche Kleider trug, männliche Arbeiten verrichtete und einen auf Friedrich Niebuhr lautenden Paß und Geburtsschein besaß, wonach sie 22 Jahre alt war. Dieser Mensch stand jedoch wegen gänzlichen Mangels eines Bartes und aus anderen Gründen in Verdacht, ein Weib zu sein. Niebuhr bewarb sich um die Liebe der Sophie Dreves und beredete sie zur Heirat, indem er ihr versicherte, daß er eine beträchtliche Erbschaft zu erwarten habe. Gegen Ostern 1822 überredete er sie durch die Versicherung, daß, wenn er erst Geld habe, eine ordentliche Trauung erfolgen sollte, daß sie als Mann und Frau leben wollen. Sie wurde deshalb gewarnt. Zwei Zeugen sagten ihr, man munkele, daß Niebuhr keine Mannsperson sei, worauf sie entgegnete: „die Leute sprächen viel und sie möge ihn nur leiden; sie wisse wohl, daß Niebuhr einen Fehler habe, wolle ihn aber dennoch haben, denn „ e r k ö n n e d o c h g u t n ü t g e n “. Sie schläft auch darauf m it Niebuhr drei Nächte im Hause des Zeugen Hasselbusch und eine Nacht im Hause des Zeugen Krugwirts Süden in einem Bette. Die beiden verreisen dann auf einige Tage, behaupten aber, nach ihrer Rückkehr im Heimatsdorf Niebuhrs getraut worden zu sein, und veranstalten, nachdem Niebuhr dem Bürgermeister einen gefälschten Trauschein vorgezeigt hatte, in Suden’s Wirtschaft eine förmliche Nach­ hochzeit, „wobei 45 Personen anwesend waren, die 16 M ark 2 Schillings schenkten“. Die Hochzeit selbst kostete 67 M ark 8 Schillinge. Nach der Hochzeit schläft die Dreves mit Niebuhr in einem Bett, worauf dieser in seine Dienststelle zurückkehrt. Am folgenden Sonntag halten sie auch förm­ lichen Kirchgang und genießen das Abendmahl zusammen, in der Absicht, die Leute glauben zu machen, daß sie wirklich verheiratet sind. Um die Erntezeit wird es ruchbar, daß Niebuhr kein Mann sei und daß man ihm schon an einem anderen Orte falsche Virilien abgenommen habe. Die dicke Fieke sagt ihm daher, wütend über die Sticheleien der anderen, „er sei ein altes Weib, habe sie betrogen“, prügelt ihn und jagt ihn f o r t .............. 279

„Als nun“, heißt es weiter in der Anklageschrift, „am 22. Oktober 1822 Niebuhr abends etwas berauscht in eine Wirtschaft kommt, und sich lieb­ kosend und ruhmredig an die anwesenden Frauen wendet, sagen mehrere Männer spöttisch zu ihm: „du hast ja nichts!“ Da aber Niebuhr jeden, der sich mit ihm messen wollte, herausfordert, so machen ihm mehrere Männer die Hosen auf und nehmen ihm das bei den Akten liegende falsche männliche Glied, welches um seinen Leib befestigt war, ab, beleuchten ihn und finden durch den Augenschein, daß er wirklich weiblichen Geschlechtes ist.“ Niebuhr flüchtete darauf aus der Gegend und blieb verschwunden, während wider die Dreves vom Kriminalgericht des Landes Hadeln „eine Untersuchung puncto falsi et sodomiae eingeleitet wurde“. Die Angeklagte leugnet be­ harrlich; sie erklärt m it den Worten: „er könne doch gut nütgen“ habe sie sagen wollen, daß Niebuhr so verliebt sein könne und gibt auf den dringenden Vorhalt, wie sehr sie sich der unnatürlichen Verbindung mit Niebuhr ver­ dächtig gemacht habe, dies zwar zu, bestreitet aber, „mit demselben auf lege Weise zu tun gehabt zu haben“. Der Gerichtshof nimmt jedoch an, daß in ihrer Äußerung, „sie wolle den Niebuhr dennoch haben, denn er könne doch gut nütgen“, nach den Umständen, unter denen solches geschah, ein deutliches Eingeständnis des „Beischlafs“ liege. Der wahre Sinn der gedachten Worte sei viel zu klar, als daß die versuchte Deutung Glauben verdienen könnte. Dazu komme noch, daß sie ungeachtet jener Warnungen mit Niebuhr eine förmliche Nachhoch­ zeit gefeiert und doch nachher eine Nacht bei ihm geschlafen habe“. Da jedoch der überzeugende Beweis nicht vorliege, daß die Angeklagte „das weibliche Geschlecht des sogenannten Friedrich Niebuhr, die Beschaffenheit der falschen Genitalien und also die Naturwidrigkeit des mit dieser Person vollzogenen Beischlafs gekannt habe, wurde sie von der Anklage eines Ver­ brechens der Sodomie (Sodomia sexus) freigesprochen, wegen des Betrugs jedoch, dessen sie sich durch ihre Einwirkung zum Gebrauche des falschen Trauscheins schuldig gemacht, zu vier Wochen Gefängnis verurteilt“. Der Pseudo-Niebuhr wäre jedenfalls auf einige Jahre ins Zuchthaus gekommen, denn zur guten alten Zeit strafte man gesalzen, er aber begnügte sich, bei den Akten zu lassen, was bei den Akten war und ließ sich nicht erwischen.“ In den „Blättern für Gerichtliche Medizin“ erzählt Dr. Müller von einer Tribade, die als Soldat den Feldzug nach Brabant mitgemacht hatte und desertiert war; sie kam ohne Strafe davon, „weil sie das Geschlecht offen­ bart“. Später ließ sie sich in Halberstadt nieder, nannte sich Anastasius Rosenstengel und heiratete als solcher eine gewisse Katharina Mühlhausen. Die junge Frau fand keinen Grund zu Argwohn und Klage gegen den ver­ meintlichen Mann. Die konträrsexuelle Heldin täuschte vermittels eines ausgestopften, ledernen, gliedähnlichen Instrumentes, daran eine kleine, die Hoden markierende Schweinsblase und, zur Befestigung des Ganzen, ein 280

Lederriemen angebracht war, die Zugehörigkeit zum stärkeren Geschlecht vor. Den Eltern der jungen Frau schien von vornherein die Geschichte wenig geheuer zu sein. Ein gewalttätiger Überfall brachte den Schwindel ans Licht und das „Ehepaar“ vor den Richter. Der Urteilsspruch verkündete, daß „Margarete Lincken oder der sogenannte Anastasius Rosenstengel wegen ihrer begangenen und bekannten Missetaten den Nachrichter an seine Hand und Bande zu liefern, von ihm zur gewöhnlichen Richtstatt zu fuhren, allda ihrer selbsten zur wohlverdienten Strafe, anderen aber zu einem abscheu­ lichen Exempel mit dem Strang vom Leben zum Tode zu bringen und solchem nach, deren Körper zu verbrennen sei. Die Katharina Mühlhausen aber zur Erlernung der Wahrheit mit der scharfen peinlichen Frage ziemlicher Massen, nämlich im zweiten Grade, anzugreifen.“ Im Altertum dachte man glücklicherweise über die Anwendung künst­ licher Glieder zum Zwecke der Reizsteigerung viel freier. Man begnügte sich übrigens nicht mit der rein mechanischen Anwendung, sondern komplizierte das Verfahren manchmal in recht eigenartiger Weise. Wir denken hierbei an das merkwürdige Verfahren, das Petron schildert. Enothea suchte den Ge­ schlechtstrieb Enkolps dadurch anzuregen, daß sie einen ledernen Priap in ö l, das mit Pfeffer vermischt war, tauchte; sie wälzte ihn dann in Nesselmehl und schob ihn in den After. Die Schenkel wurden mit Pfefferöl eingerieben, die Weichen mit einer Mischung aus Kressen und Stabwurzsaft. Dann wurden alle Teile unter dem Genital apparat mit einem Büschel grüner Nesseln ge­ peitscht. Diese Behandlung dürfte nicht „gerade milde“ gewesen sein, aber wir wissen, daß solche Radikalkuren auch noch in unserer Zeit angewendet werden. Anal-Ipsation und die Anwendung erektiver Salben haben wir ver­ schiedentlich beobachtet. Über Salben zum Zwecke der Reizsteigerung haben wir bereits berichtet. Auf eine andere Gruppe sehr merkwürdiger mechanischer Reizmittel müssen wir nun zu sprechen kommen, deren Eigenart darin besteht, daß sie zur Erotisierung des Afters dienen. Bekanntlich gehört auch der After zu den erogenen Zonen und wir konnten verschiedentlich beobachten, daß die Reizung dieser Körperöfihung vorgenommen wurde, um sich auf den eigentlich nor­ malen Geschlechtsverkehr zu präparieren. M it Homosexualität, an die in­ folge irrtümlicher Vorstellungen (die auf harmlos gemeinte Witze griechischer Komödienschreiber zurückzufuhren sind) manche immer gleich denken werden, wenn das Wort After fallt, hat diese Ipsationsform nichts zu tun. Wenigstens waren die Personen, die sich wegen solcher Neigungen und deren Folgen an uns wandten, „völlig normal“, meist sogar glücklich verheiratet. Wir haben in unserem Sexualmuseum ansehnliche Stücke aufbewahrt, die von Ärzten unseres Instituts Patienten aus dem Darm herausgeholt werden mußten, die ihnen beim gewaltsamen Hineinpressen in den After entglitten waren, indem sie die inneren Schließmuskel plötzlich übersprangen. In 281

einem Fall handelt es sich um ein Lampengewicht aus Metall, 16 cm lang, Durchmesser 5V2 cm, von abgeplatteter Eiform, in einem anderen um eine mit Zeitungspapier umwickelte Holzrolle von 24 cm Länge und einem Durch­ messer von 5 cm. Die Patienten hatten sehr heftige Schmerzen, als sie zu uns kamen, waren sehr ängstlich und es verursachte erhebliche Mühe, die großen Fremdkörper, von denen das Papier des einen sich an den Darmwänden fest­ geklebt hatte, zu entfernen. Da die Instrumente (Zangen) von der glatten Oberfläche immer wieder abglitten, war die Beseitigung nur durch Ein­ führung der Hand in den Darm möglich, nachdem der an sich durch die lang geübte Instrumentalipsation leichter überwindbare Schließmuskel durch Betäubungsmittel und Fette, die ihn unempfindlicher und elastischer machten, vorbereitet war. Bei diesen zylindrischen godmicheähnlichen Gebilden, handelt es sich bereits um mechanische Instrumente, die nicht zur Erotisierung der Frau, sondern zur Reizsteigerung des Mannes angewendet wurden. Bevor wir auf die anderen Mittel, die zur Anregung des Geschlechtstriebes des Mannes an­ gewendet werden können, eingehen, müssen wir noch eine Gruppe von Instru­ menten behandeln, die ebenfalls zur Reizsteigerung bei der Frau Verwendung finden. Da ist, dem Godmiché nahe verwandt, der Biphallus zu nennen, der vor allen Dingen im lesbischen Verkehr angewendet wird, da er, wie die Abbildung zeigt, eigentlich nichts anderes darstellt, wie die Vereinigung zweier normaler Godmichés. Die Herstellung solcher und ähnlicher Instru­ mente ist ganz besonders bei den Japanern entwickelt. So bewahren wir in unserer Collectio Japónica Schedel ein Necessaire japanischer Reizmittel auf, dessen Inhalt durch die auf der folgenden Tafel wiedergegebenen Abbil­ dungen dargestellt wird. Es handelt sich entweder um Godmichés, Harikata genannt, oder um Penisreizringe, Zuiki genannt. Die letzteren werden her­ gestellt durch kugelförmige Abschnürung der lufthaltigen Blattstiele der „süßen Kartoffel“ — „Sato-imo“ ( = Taro) (Colocasia antiquorum Schott. Farn. Araceae). Diese Ringe, „Zuiki“ genannt, („Zuiki“ = delightful, jogful; pleasure or jog feit insympathy; affected with jog. (Hepbum: Dictionary), wurden aber auch aus Kupfer hergestellt, wie man bei einem Hawaier fest­ stellen konnte. Ihre Anwendung ist ebenfalls in Europa schon im 18. Jahr­ hundert bekannt. So heißt es: „Großer schwarzer Ringe für Männer, so­ genannter „aides“, bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation der Frauen.“ Gegenwärtig werden solche Reizringe, aus weichem Gummi mit Zacken versehen, verkauft, wie unsere Abbildung zeigt. Mantegazza schrieb darüber: „Ich weiß, daß man auch heute in Europa Ampallang ein­ geführt hat, die zwar weniger grausam aber ebenso lasterhaft sind, wie die der Dajaken, und daß man sich in Paris flaumige Streifen von Gänsefedern um das Glied bindet und Kautschukringe mit Sternen verkauft.“ Eigentlich 282

hat die sogenannte „Manschette“ mit dem Ampallang nichts zu tun, denn eine Verletzung des Penis findet nicht statt. Die Kautschukmanschette wird viel­ mehr hinter die Corona glantis geschoben, um durch die feinen Zacken wäh­ rend des Coitus die Frau zu reizen. Ein anderes in Japan weit verbreitetes mechanisches Reizmittel, das wir in unserer Collectio Japonica Schedel aufbewahren, besteht aus zwei Kugeln, in der Größe eines Taubeneies, die rin-no-tama (aber auch „watama“, „ben-wa“) genannt werden. Sie bestehen aus dünnem Messingblech. Die eine ist leer, die andere, der sogenannte kleine Mann, enthält noch eine kleinere, schwere Metallkugel oder Quecksilber, manchmal auch Metall­ zungen, die, in Bewegung gesetzt, vibrieren. Die leere Kugel soll man zuerst in die Vagina einfiihren bis in die nächste Nähe des Muttermundes. Danach wird die andere Kugel eingelagert Bei jeder Bewegung des Beckens vib­ rieren die Kugeln und rufen so ein fortgesetztes Kitzelgefühl hervor, das man mit der Wirkung eines schwachen elektrischen Induktionsapparates ver­ gleichen könnte. Damit die Kugeln nicht herausrollen, wird die Scheide durch feines Papier oder Wattetampone abgeschlossen. Die Japanerinnen wiegen sich dabei mit Vorliebe in Hängematten oder Schaukelstühlen, denn die sanften Schwingungen der Kugeln rufen langsam und allmählig den höchsten Grad geschlechtlicher Erregung hervor. Es handelt sich hier zweifellos um eine ganz besonders raffinierte Er­ findung der Ostasiaten. Die Kugeln sind aber auch nach Europa gekommen und uns ist verschiedentlich von Besuchern mitgeteilt worden, daß auch in unseren Landen die Frauen ähnliche geschlechtliche Reizmittel anwenden. In einem Falle wurde uns berichtet, daß ein Arzt eine kleine silberne Kugel in die Gebärmutter eingelagert habe, um durch den künstlichen Reiz die Empfängnis zu verhüten. Casanova berichtet in seinen Memoiren ebenfalls von diesen Kugeln; sie sollten in eine alkalische Flüssigkeit getaucht werden, scheinen aber weniger der Schwangerschaftsverhütung, als vielmehr der Ipsation gedient zu haben. (Vgl. darüber auch unsere Arbeit „Empfängnis­ verhütung, Mittel und Methoden“. 5. Auflage. Neuer deutscher Verlag, Berlin. S. 34.) Ein anderes in Europa sehr gebräuchliches Mittel ist der abgebildete Fingerling, der zum Zwecke der Reizwirkung mit feinen Gummistacheln versehen ist. Ähnliche Gummistacheln bringt man auch an den Präser­ vativen an, von denen wir eine Anzahl in unserer Sammlung der Antikonzipientien besitzen und von denen wir einige abgebildet haben. Ein anderes Antikonzipiens, das ebenfalls als mechanisches Reizmittel verwendet worden ist, ist die abgebildete Frauendusche, deren glied­ ähnlicher Ansatz den eigentlichen Zweck der Dusche auffällig in Erschei­ nung treten läßt. Durch Druck auf den Knopf wird die Spülflüssigkeit durch den Gummiansatz gespült, womit eine der Spermaexpulsion ähnliche 283

D E U T SC H E S REICH

REICHSPATENTAMT

PATENTSCHRIFT Jtö 476413 KLASSE

30 d

GRUPPE 15

E 36921 IX feod T a g der Hekanntmachung über die Erteilung des Patents: 2. Mai IQ29

Ludwik Ekes in Lemberg, Polen StützbiHse für das männliche Glied

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Ludwik Ekes in Lemberg, Polen Stützhülse für das männliche Glied Patentiert im Deutschen Reiche vom 7. Februar 1928 ab

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Die Erfindung bezieht sich auf eine Stütz­ hülse für das männliche Glied mit aufblas­ barer Doppelwandung aus elastischem Mate­ rial und besteht darin, daß an Stelle des durchgehenden Hohl raum es zwischen den Wandungen zwei voneinander gesonderte und nur durch mindestens einen Luftkanal m it­ einander verbundene aufblasbare Innenring­ wulste nahe den beiden Enden der Hülse derart vorgesehen sind, daß ihnen die Preßluft von einem gemeinsamen Lufteinlaß mit Ventil sich zuführen läßt In die ringwulstförmige Verdickung des Glied wurzelendes der Hülse ist ein kurzes Lufteinlaßröhrcfaen mit Ventil derart eingelagert, daß nur ein kleines Ende des Röhrchens als Stutzen frei herausragt. Auf der Zeichnung ist die Stützhülse in einem Ausführungsbeispiel dargestellt, und zwar zeigt: Abb. i einen Längsschnitt, Abb. 2 einen Querschnitt durch die Mitte der Hülse. Die Stützhülse besteht aus der zylindri­ schen oder schwach kegelförmigen äußeren Hülle i aus ziemlich hartem Gummiraaterial, welche an dem dem Körper zuzuwendenden Ende mit einer wulstförroigen Verdickung 2 versehen ist. Im Innern der Hülse befinden sich ziemlich nahe an den Enden der Stützhülse z w e i r in g fö r m ig e W u ls te 3 , 3*, die untereinander durch den Kanal 5' und mit dem Luftzuführungsrohr 4 durch den L uft­ kanal 5 verbunden sind. Die Innenringwulste 3, 3' sind aus weichem Gummi hergestellt und können derart mit der Stützhülse verbunden sein, daß ein Undicht­ werden ausgeschlossen ist. Die Wulste

können z. B. auch aus einem Stück mit der Stützhülse bestehen. Der Luftkanal 4 ist mit dem Lufteinlaßstutzen 7 durch den Hahn 6 40 verbunden, an dessen Stelle auch ein Ventil o. dgl. verwendet werden kann. Der Lufteinlaßstutzen 7 ist kurz gehalten, um möglichst wenig aus der Stützhülle her­ auszuragen. 45 Bei der Anwendung der Stützhülse wird auf den Stutzen 7 das mit dem Luftball­ gebläse verbundene Gummirohrende aufge­ steckt, der Hahn 6 geöffnet und die Ring­ wulste 3, 3’ werden aufgepumpt; hierauf wird $0 der Hahn 6 geschlossen und das Luftball­ gebläse entfernt. Pa t e n t a n s p r ü c h b :

53 1. Stützhülse für das männliche Glied mit aufblasbarer Doppelwandung aus elastischem Material, dadurch gekenn­ zeichnet, daß an Stelle des durchgehenden Hohlraumes zwischen den Wandungen So zwei voneinander gesonderte und nur durch mindestens einen Luftkanal mitein­ ander verbundene aufblasbare Innen ring­ wulste nahe den beiden Enden der Hülse derart vorgesehen sind, daß ihnen die 65 Preßluft von einem gemeinsamen L uft­ einlaß mit Ventil sich zuführen lä ß t 2. Stützhülse nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß ein kurzes Lufteinlaß­ röhrchen mit Ventil in die ringwulst- 70 förmige Verdickung des Gliedwurzelendes der Hülse derart eingelagert ist, daß nur ein kleines Ende des Röhrchens-als Stut­ zen frei heraus ragt.

Hierzu 1 Qlstt Zeichnungen

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D E U T S C H E S R E IC H

AUSG EGEBEN AM 2. MÄRZ 1923

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PATENTSCHRIFT - JVi 368352 30 d GRUPPE

KLASSE

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(Sch 61402 fXfeod)

Dr. Emst Schubert und Mischa Zolotnitzky in Obernigk b. Breslau. Vorrichtung zur Behebung und Heilung der männlichen Impotenz auf mechanischem Wege. Patentiert im Deutschen Reiche vom 10. April 1921 ab.

Die irapotentia cogundi hat durch die immer mehr zunehmende Nervosität ganz allgemein, insbesondere jedoch durch den jahrelangen Krieg, welcher Millionen von Männern, vor 5 allem die Kriegsgefangenen, zu einer langan286

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dauernden Abstinenz verurteilte, eine große, das allgemeine Volkswohl und damit die Volkswirtschaft schädigende Verbreitung gefunden. Die Erfindung betrifft eine Vorrichtung zur to

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Behebung und Heilung der männlichen Im ­ potenz auf mechanischem Wege. Die Vor­ richtung hat die Form eines gesprengten, mit geeigneten Aussparungen und einer Kappe versehenen Zylinders. Ein diese Merkmale tragender, dem gleichen Zweck dienender Apparat ist bereits bekannt. Der bekannte Apparat besteht aus einem doppelt gesprengten Zylinder, welcher in eine halbkugelförmige, mit einer Öffnung ver­ sehene Kappe ausläuft. Die beiden Zylinder­ hälften werden an der Basis durch einen elastischen Ring zusammengehalten. Die Zylinderhälften müssen, um dem Glied genügen den Halt zu geben, verhältnismäßig breit sein, so daß die seitliche Aussparung etwa nur die Hälfte des Zylindermantels beträgt. Zylinder und Kappe bilden ein einziges Ganzes, sind demnach starr miteinander verbunden. Bei dem neuen Apparat hingegen ist der Zylinder nur einfach der Länge nach ge­ sprengt und oben schräg, schwach bogen­ förmig, abgeschnitten. Die Mantelfläche ist bis auf einen schmalen, den gesamten Rand des offenen Zylinders bildenden Streifen und eine Längsmittelschiene vollkommen ausge­ spart, deren letzterer schlaufenförmige Fort­ setzung zu einer Kappe ausgebildet ist, die mittels elastischer Bänder an die Seitenränder des Zylinders heranziehbar ist. Durch diese Verschiedenheiten der Bauart ergeben sich bei dem Erflndungsgegenstande eine Anzahl Vorteile gegenüber dem be­ kannten Apparat. Durch die etwa fünffach größere Aussparung der Seitenfläche wird ein entsprechend größerer Reiz auf die peripheren Nerven des Gliedes ausgeübt und hierdurch um so sicherer eine Erektion desselben her­ beigeführt. Solche Erektionen wirken suggestiv auf den neurasthenischen Impotenten und führen hierdurch in den meisten Fällen zur Heilung. Bei dem bekannt gewordenen Apparat ist ferner auch die glans penis fast vollständig bedeckt und nur die AusflußÖffnung in der Kappe frei. Beim Erflndungsgegenstande hingegen ist die glans penis bis auf die schmalen Streifen fast vollkommen frei. Auf der Zeichnung ist der Apparat in Abb. i in Vorderansicht dargestellt, während Abb. 2 den ausgebreiteten Apparat im Grundriß veranschaulicht. Abb. 3 zeigt eine Vorrichtung zur Befesti­ gung des Apparates am Körper.

Der Apparat besteht aus einer mit entsprechenden Aussparungen versehenen Platte aus Hartgummi, Horn, Stahl o. dgl. Der beim Zusammenbiegen entstehende Zylinder ist vorn offen, die Seitenteile sind mit a, die Basis mit b und die Mittelschiene mit c bezeichnet. Die Mittelschiene bzw. die Seitenteile laufen in eine Kappe d aus, welche mit einer mittleren Öffnung e versehen ist. An der Kappe sitzen zwei elastische Bänder f t f , welche die Kappe an den oberen Teil der Seitenschienen anschließen Die Vorrichtung zur Befestigung des Apparates am Körper besteht aus einem Gurtg, welcher mit einer mittleren Öffnung A zum Durchführen des Penis ist. Die Schenkelbändert,»' dienen zur Fest­ haltung der Lage des Gurtes. Von der Mitte des Gurtes aus führen zwei Strippen k, k' zur Basis b des Apparates. Die Konstruktion des Apparates als ge­ sprengter Zylinder aus elastischem Material ermöglicht eine Ausdehnung in die Breite bei eintretender Erektion; die an der Basis des Apparates angreifenden Gummibänder lassen ein Nachgeben des Apparates in der Längs­ richtung zu. Die Öffnung an der Spitze deckt sich beim Anlegen mit dem Orificium urethrae derart, daß eine Störung der Sperma-Ejaku­ lation nicht stattflndet Sämtliche Übergänge von Basis und Schenkel untereinander sowie der Spitzenteil sind zur Vermeidung jeglicher Erosionen abgerundet und abgeschKffen. Der Apparat kann in verschiedenen Größen hergestellt werden. Im allgemeinen genügen drei Größen.

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Patbh t- A n spk u c b i Vorrichtung zur Behebung und Heilung

der, männlichen Impotenz auf mecha- 93 nischan Wege in Form eines gesprengten, mit geeigneten Aussparungen und einer Kappe versehenen Zylinders, dadurch ge­ kennzeichnet, daß der Zylinder nur ein­ fach der Länge nach gesprengt, oben im schräg abgeschnitten, bis auf einen schmalen, den gesamten Rand des offenen Zylinders bildenden Streifen und eine Längsmittelschiene ausgenommen ist, deren letzterer schlaufenförmige Fortsetzung 103 zu einer Kappe ausgebildet ist, die mittels elastischer Bänder an die Seitenränder des Zylinders heranziehbar ist

Hierzu 1 Blatt Zeichnungen.

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Z u d e r P a t e n ts c h r if t

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Kl. 30d Gr. 15

PHOTOGR. DRUCK DER RE1CHSDRUCKEREL

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DEUTSCHES REICH AUSCEGEBEN AM 3. NOVEMBER 1924

REICH SPATENTAMT

PATENTSCHRIFT - JB 405400 KLASSE 3 0 d GRUPPE 15 (Sch 68067 lXf30d)

Dr. Em st Schubert in München und Iffischa Zolotnitzky in Berlin. Vorrichtung zur Behebung und Heilung der männlichen Impotenz auf mechanischem Wege. Patentiert Im Deutschen Reiche vom 17.Juni 1923 ab.

Die Erfindung betrifft eine Vorrichtung zur Behebung und Heilung der männlichen Impo­ tenz auf mechanischem Wege in Form eines mit einer Kappe versehenen Zylinders, welcher 5 seiner ganzen Länge nach einfach gesprengt und bis auf einen schmalen, den gesamten Rand des offenen Zylinders bildenden Streifen und eine Längsmittelschienc ausgenommen ist. Das Neue der Erfindung Hegt darin, daß io Schaft und Kappe aus getrennten, nur mecha­ nisch verbundenen Stucken tfon verschiedenem Material bestehen, welches letztere beim

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Schaft fest und elastisch, bei der Kappe da­ gegen dehnbar nachgiebig und weich ist unter Wahrung einer gewissen Elastizität. Am 15 äußeren Ende des Schaftes ist eine zweck­ mäßig aus Gummi bestehende, an Heilapparaten an sich bekannte Schlaufe zum Anlegen des Apparates am scrotum vorhanden. Auf der Zeichnung ist eine Ausführung»- so form des neuen Apparates schaubildlich dargesteilt. Der Schaft ist in bekannter Weise aus einem elastischen, aber festen Material, wie

405400 Zelluloid o. dgl., hergestellt und bis auf die Teile ö, b, e und d ausgespart. Die Kanten des aus Zelluloid bestehenden Teiles sind durch Abschleifen o. dgl. abgerundet, wodurch 5 jede Gefahr etwaiger Schädigungen ausge­ schlossen ist. An dem äußeren Ende des Schaftes ist eine Schlaufee aus Gummi be­ festigt, die in an sich bekannter Weise zum Anlegen des Apparates am scrotum dienen io soll. An dem oberen Rand sitzt die aus Gummi gefertigte Kappe/, welche gleichfalls soweit wie möglich gefenstert ist und eine obere Öffnung g besitzt, im übrigen jedoch in ihrer Form dem Gliede sich anpaßt und ihm 13 hierdurch einen festen Halt gibt. P a t s n t -A n SPRÜCHE.*

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l. Vorrichtung zur Behebung und Heilung der männlichen Impotenz auf mecha­

nischem Wege in Form eines mit einer Kappe versehenen Zylinders, welcher seiner ganzen Länge nach einfach gesprengt und bis auf einen schmalen, den gesamten Rand des offenen Zylinders bildenden Streifen und eine Längsmitte,schiene aus­ genommen ist, dadurch gekennzeichnet, daß Schaft und Kappe aus getrennten, nuT mechanisch verbundenen Stücken von ver­ schiedenem Material bestehen, welches letztere beim Schaft fest und elastisch, bei der Kappe dagegen dehnbar nachgiebig und weich ist unter Wahrung einer ge­ wissen Elastizität 2. Vorrichtung nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß am äußeren Ende des Schaftes eine zweckmäßig aus Gummi bestehende, an Heitopparaten an sich bekannte Schlaufe zum Anlegen des Apparates am scrotum vorhanden ist.

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Wirkung erreicht wird. Auch sonst finden übrigens Frauenduschen als Reiz­ mittel ausgedehnte Verwendung. Wir bewahren in unseren Sammlungen mehrere solcher Exemplare auf. Schließlich weisen wir nur andeutungsweise auf die zahlreichen phanta­ stischen Apparate hin, die als sogenannte „Onaniermaschinen“ bezeichnet werden. In der weitaus größten Zahl der Fälle dürfte es sich um „Erfin­ dungen“ handeln, die praktisch nicht verwertet werden konnten. Immerhin wollen wir nicht unterlassen, eine Reihe von Abbildungen aus unserem Archiv zu veröffentlichen. Für die Männer gibt es analog dem Godmiche künstliche Scheiden. Dieser cunnus succedanus wird in England Merkin genannt, was ursprünglich das nachgeahmte Haar des weiblichen Geschlechtsapparates bedeutete. Neben diesen „Vaginalphantomen“, (der gegenwärtig üblichen Handels­ bezeichnung für Gummischeiden), gibt es eine Reihe anderer Apparate, die als mechanische Reizmittel für den Mann angesprochen werden können. Dabei stellen wir ausdrücklich fest, daß die Zahl dieser Apparate Legion ist und wir mit Rücksicht auf den Raum, der uns zur Verfügung steht, keines­ wegs a l l e „Erfindungen“ auf diesem Gebiete hier behandeln können. Wir beschränken uns deshalb darauf, die wichtigsten Prinzipien der Anwendung durch Wiedergabe einiger „Gebrauchsanweisungen“ kurz anzudeuten. Von den zahllosen Konstruktionen nennen wir einmal den „Virator“, von dem der Prospekt folgendes behauptet: „Es ist neuerdings gelungen, die unge­ heuren Vorteile der Altersbekämpfung ohne Operation, ohne Medikamente, ohne Zeitverlust und Gefahren für das gesundheitliche Wohlbefinden bei der Mensch­ heit allgemein anzuwenden und zwar mit ganz minimalen Unkosten und ge­ ringer Mühe. Das Problem ist in erstaunlicher genialer Weise gelöst. Unter Berücksichtigung der anatomischen Körperverhältnisse hat der Erfinder dem „Virator“ die Form einer Klemmspange (siehe Abbildung) gegeben, die infolge ihrer eigenartigen Konstruktion gestattet, die Hodenleitungen ganz oder teil­ weise in ihrer normalen Funktion zu hindern, die Blutzufuhr nach der männ­ lichen Keimdrüse vorübergehend ganz oder teilweise aufzuheben, oder zu verstärken, wertvolle Körpersäfte zu stauen und so dem übrigen Organismus nutzbringend zu erhalten, hierdurch andererseits wieder anreizend auf die Samenbildung oder den sonstigen Stoffwechsel zu wirken und dergestalt auch einem alternden Manne seine geschlechtlichen Fähigkeiten wieder zurück­ zugeben — ferner die Heilung gewisser Krankheiten günstig zu beeinflussen. Alle jene Vorgänge sind durch verschiedenartige Anwendung des Apparates möglich mit allen Folgewirkungen auf den Organismus. Der Apparat, in Klemmspangenform, nach Modell 14a, welche Aus­ führung am meisten verlangt wird, besitzt, wie die Abbildung zeigt, eine muldenförmige Krümmung am äußeren Ende des unteren Schenkels mit entsprechend gewölbter Form des anderen Schenkels. In die muldenartige 19’

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Vertiefung des unteren Schenkels werden die abzusperrcnden'Hodenleitungen bezw. der Samenleitungsstrang eingelegt, nachdem zuvor beim Anlegen des Apparates der Klemmbügel geöffnet wird in der Weise, wie Abb. 2 ersichtlich macht, und man mittels Zeigefinger und Daumen die Lagerstellen der be­ treffenden Teile ermittelt hatte, alsdann drückt man, indem man die ein­ zulegenden Hodenleitungen in ihrer Lage festhält, beide Bügel gegeneinander und zieht das Stellschräubchen mehr oder weniger fest an. Man fühlt durch die Haut des Hodensackes (scrotum) hindurch bei einiger Aufmerksamkeit die Lage sowohl der Hodenleitungen bezw. Venen als auch der Blutadern ynd unterscheidet von ersteren auch mühelos den stärker und sehniger sich anfühlenden Samenleiter (vas deferens). Die genaue AnwendungsVorschrift liegt jedem Apparat bei. Man tut aber gut, sich durch seinen Arzt über die jeweils zweckmäßige Anwendung des „Virator“ vor dem Gebrauch zu infor­ mieren. Nötigenfalls weisen die Verkaufsstellen des „Virator“ geeignete Ärzte in solchen Fällen nach. Das Tragen des Apparates verursacht bei richtiger Anwendung keinerlei Beschwerden oder Schmerzen, auch kann der Be­ treffende seiner Beschäftigung genau wie zuvor nachgehen, radfahren und dergl. mehr, denn die Konstruktion der Klemmspange schmiegt sich automa­ tisch genau dem Hoden an und hindert körperliche Bewegung durchaus nicht. Die Kur dauert gewöhnlich einige Wochen, und wird der Apparat Zunächst nur wenige Stunden täglich am Körper befestigt. Die Zeitdauer des Tragens wird allmählich gesteigert, bis auf 12 Stunden täglich; jedoch kann von strenger Einhaltung dieser Vorschrift auch abgewichen werden.“ Wir sind der Überzeugung, daß selbst bei noch so vorsichtigem Anlegen dieses Apparates schwere Gesundheitsstörungen nicht ausgeschlossen sind. Durch die Absperrung der Blutzufuhr, den ständigen, womöglich übermäßigen Druck auf das Gewebe, können Entzündungen, unter Umständen Brand entstehen, die die schleimige Entfernung des Virators notwendig machen. • Ein anderer Apparat ist der „Assistent“. Der Prospekt behauptet: „Dieser Apparat ist eine Erfindung von höchster Wichtigkeit. Durch eine direkte Anregung des Stoffwechsels der Sexual-Organe wird eine dauernde Kräftigung der Geschlechtsnerven bewirkt, ohne irgend eine rei­ zende oder schädliche Nebenwirkung zu erzeugen. Die Handhabung des Apparates ist einfach und bequem . . . . . . Der Haupterfolg des Apparates besteht darin, daß derselbe auch auf die tiefer liegenden Sexualorgane einwirkt, also gleichzeitig auf die Prostata, Muskeln, Nerven und Samengefäße direkten Einfluß ausübt. Durch eine kräftige Anregung infolge vermehrten Blutzuflusses und damit bedingter Ernährung der Sexual-Organe verschwindet die Schwäche in überraschend kurzer Zeit.“ Die Gebrauchsanweisung besagt (vgl. hierzu die Ab­ bildung). • f. „I. Erektionsgymnastik (Anregung des Stoffwechsels in den Geweben 292

des Penis und der Harnröhre). Man ziehe die Vorhaut über die Eichel und stecke dieselbe zuerst in den Zylinderhals. Darauf setze man die Pumpe in Tätigkeit und achte darauf, daß der Hals des Zylinderhalses am Bauche luftdicht abschließt. Ist nun der Penis mäßig mit Blut gefüllt, so öflhe man ein wenig das Luftloch im Glaszylinder, damit das Blut zurückfließen kann, um die Gymnastik danach wieder fortsetzen zu können. 2. Pneumatische Saugemassage der tiefer liegenden Sexualorgane. Zu diesem Zweck setze man die Mündung des Zylinderhalses luftdicht auf den sogenannten Damm in der Nähe des Afters, setze den Gummiball in Tätigkeit und lasse leicht ansaugen. Danach ziehe man den Zylinder fort, um wieder an einer anderen Nebenstelle ansaugen zu lassen. Die Behandlung darf nie Schmerz verursachen und nicht übertrieben werden. Behandlung X—2 Mal täglich zu jeder Zeit. Dauer der ganzen Behandlung 5 Minuten. Die Erektionsgymnastik ist in dieser Zeit 5—8 mal, die Saugmassage 5—6 mal zu wiederholen. Vor und nach Gebrauch des Apparates ist die Harn­ röhre mit lauem Wasser auszuspülen. Eine Samenentleerung darf während der Gymnastik nicht eintreten. Nach erfolgreicher Behandlung mit dem engeren Glaszylinder nehme man den weiteren zweiten Zylinder. Der Apparat ist nach dem Prinzip des bekannten Prof. Dr. Bier, Bonn, konstruiert.“ Ein anderer Potenzsteigerungsapparat für Männer nennt sich „AstenonPhilos“. In dem schwungvoll abgefaßten Prospekt heißt es: „Ein ganzer Mann, das ist das stille Sehnen und Wünschen jeder Frau. Glück und Freude in jeder Ehe.“ Der Apparat „Astenon-Philos“, ein untrügliches Mittel zur sofortigen Hilfe und Heilung der Mannesschwäche (sexuelle Neurasthenie, Impotenz, sexuelle Verstimmung usw.). Der Apparat ist aus feinstem Patentgummi hergestellt, automatisch in jeder gewünschten Stärke zu stellen. Beim Gebrauch genau wie die Natur. (!) Preis pro Apparat Rmk. 15.00. Geheimrat Prof. Dr. med. A. Eulenburg, Berlin: „Einfach und bequem in der Anwendung erscheint eine unter dem Namen Astenon-Philos neuerdings verbreitete, patentierte Vorrichtung zur Erektion des Penis.“ Sie besteht aus einem über das Glied zu schiebenden zylinderartigen, mit einem Suspensorium verbundenen Hohlkörper mit elastischer Doppelwan­ dung, deren Mittelraum mittels eines abschließbaren LuftzuführungsSchlauches aufgeblasen werden kann, so, daß die innere Wandung mit ent­ sprechendem Drucke das Glied umschließt. Durch diese Erfindung soll namentlich dem imgenügenden Blutzufluß zu den Schwellkörpem und der infolge davon mangelhaft bleibenden Vo­ lumenzunahme des Gliedes abgeholfen, die Erektion somit hervorgerufen, verstärkt oder dauerhafter gestaltet werden. Einen Nutzen kann man sich daher besonders in Fällen versprechen, wo es sich um verhältnismäßig schwache und ungenügende Erektionslei29 3

stungen beim übrigen normalen Verhalten, und in Fällen sogenannter „rela­ tiver“ und „temporärer“ Impotenz handelt, wie sie ja gerade bei SexualNeurasthenikern nicht selten sind. (Vgl. unsere Abbildung.) Wieder ein anderer Apparat ist der Potentor, den wir ebenfalls ab­ gebildet haben. Die Gebrauchsanweisung besagt folgendes: „Der „Potentor“ wird dicht auf die Wurzel des Gliedes und Hodensacks (also wo beide mit dem Unterleib verwachsen sind) in folgender Weise an­ gebracht. 1.) Nach öfihen des Ventils durch Drehung nach links wird der Ring mit der linken Hand fest zusammengepreßt, wodurch die Luft im Schlauch zum Entweichen gebracht wird. Hierauf wird das Ventil geschlossen, sodaß die Luftleere des Schlauches bestehen bleibt. 2.) Der luftleere Ring wird zuerst über das Glied bis zu seiner Wurzel und dann die Haut des Hodensacks durch den Ring gezogen. Dadurch werden die Hoden an den Eingang des Leistenkanals gedrängt; durch leichten seitlichen Druck werden diese nunmehr ebenfalls nacheinander durch den Ring gebracht. 3. ) Der luftleere Ring wird nun soweit, als bequem möglich, an die Wurzel des Hodensackes und Gliedes geschoben; das Ventil soll schräg in der Richtung zur Leistenbeuge liegen. 4. ) Jetzt wird das Ventil geöffnet, wodurch der Schlauch sich automatisch mit Luft füllt; daraufhin wird das Ventil durch leichtes Zudrehen ge­ schlossen. Der Druck soll ein gelinder sein. In besonderem Bedarfs­ fälle kann der Ring mittels eines Luftgebläses weiter aufgepumpt und dadurch verengert werden. 5.) Der Ring soll möglichst Tag und Nacht getragen werden. Die Wirkung ist am größten während der physiologischen Erektion in den frühen Morgenstunden. Durch zeitweises, kürzeres Ablegen wird die Wirkung nicht beein­ trächtigt. Beim Tragen während des Geschlechtsaktes besteht eine weitere Wirkung in der Verzögerung des Orgasmus und der Ejakulation, wodurch für beide Teile eine wesentliche Erhöhung des Verkehrsgenusses erreicht wird. An das Tragen des „Potentor“ gewöhnt man sich sehr schnell; man hat keinerlei unangenehmes Gefühl und will ihn nicht mehr missen. Die Wirkung macht sich im allgemeinen nach etwa x—2 Wochen bemerkbar (bei schweren Fällen relativ länger) und steigert sich mit der Dauer des Tragens. Aus Gründen der Schonung ist es empfehlenswert, beim öffnen und Schließen des Ventils den Ventilfuß mit der linken Hand festzuhalten. Es würde mich freuen, von Ihnen über die Wirkungen und Ihre Er­ fahrungen zu hören. Ich sichere Ihnen in der Behandlung Ihres Namens volle Diskretion zu.“ Neben den eben geschilderten Apparaten gibt es, wie wir schon sagten, 294

zahlreiche andere Apparate und Verfahren, die sich mit der künstlichen Errigierung des Penis, der Saugmassage und ähnlichen Verfahren beschäf­ tigen. Die medizinische Literatur kennt seit Jahrzehnten solche, unter den verschiedensten Namen propagierten Instrumente. Solche Saugapparate nach Mondat, Roubaud („Ventouses“), Blutzirkulationsregulatoren nach v. Guttzeit (Annulus Priapi), u. a. m. weichen jedoch grundsätzlich kaum von den Verfahren ab, die wir eben geschildert haben. Dasselbe gilt für die primitiven Peniskorsette und ihre komplizierten Verbesserungen, wie den „Sklerator“ nach Schubert-Zolonitzky und die Gerson’sche „Konstruktions­ binde“ aus elastischem, mit Zinkpflaster bestrichenen Gurtstoff. Der Name ändert sich freilich im Laufe der Jahre immer und immer wieder; das System ist geblieben. Einführungsapparate für das erschlaffte Glied (Introduktoren) waren bereits im Mittelalter bekannt und wurden aus den verschiedenartigsten Metallen hergestellt. Meist waren es zwei Metallschienen, die an der Wurzel durch einen starren Ring, am oberen Ende durch einen Gummiring verbunden waren. Das Prinzip hat sich bis in die heutige Zeit erhalten und ist unter Bezeichnungen wie „Amor Star“ oder „Margonal“ in den einschlägigen Ge­ schäften erhältlich. Auch ein „Sexualtechniker“, der Ingenieur Paul Gassen, beschäftigte sich um die Jahrhundertwende in seiner „Mechanica Sexualis“ sehr eingehend mit den Mitteln zur Steigerung bezw. Verbesserung der Potenz. Seine Apparate „Erector“, „Kompressor“, „Cumulator“ und „Ultima“, die er als „die zur Zeit besten Hilfsmittel zur Besserung und Ermöglichung der Potenz“ anzeigte, sind von bedeutenden Fachleuten wie Löwenfeld und Fürbringer als nutzlos und problematisch abgelehnt worden. Nichtsdesto­ weniger macht eine rührige Industrie auch heute noch mit dem Vertrieb von Peniskorsetten oder solchen, bereits beschriebenen maschinellen Einrichtungen große Geschäfte. Bevor wir nun auf alle die mechanisch-physikalischen Verfahren ent­ gehen, die unter dem Sammelbegriff der Massage zusammengefaßt werden können, möchten wir noch darauf hinweisen, daß als sehr merkwürdige Um­ stände, die die Potenz von Mann und Frau steigern können, zwei alltägliche Betätigungsformen genannt werden müssen: das Reiten und das Fahren. Es ist uns verschiedentlich berichtet worden, daß die rythmischen Sattel­ bewegungen auf dem Pferde, zumindest in der ersten Zeit, eine ständige Erregung des Geschlechtsapparates zur Folge haben. Das hängt einmal mit den unvermeidlichen Reibungen am Sattelzeug, dann aber auch mit der ständigen, sozusagen selbsttätigen Massage des Unterleibes zusammen. Auch hat ja das Reiten als Sport dieselbe natürliche Auswirkung auf den Gesamt­ organismus und damit auch auf den Genitalapparat, wie jeder andere kunst­ gerecht betriebene Sport überhaupt. Was die Massage zum Zwecke der Anregung und Steigerung des Ge295

schlechtstriebes anbelangt, so ist ja bekannt, daß die Rückenmassage, das Streichen und Kneten der Rückenmuskeln, das Kneten des Scrotums, die Massage des Oberschenkels (wodurch im letzteren Falle auf dem Wege über den Kremasterreflex Erektionen herbeigeführt werden), sehr häufig zur An­ wendung kommen. Es handelt sich dabei keineswegs um „moderne Wege zur Kraft und Schönheit“, sondern wir können aus der Literatur der Ver­ gangenheit die verschiedenartigsten Massagekuren herausgreifen. Wie man bereits aus der zitierten Erzählung über Enkolp ersieht, war auch den Alten die Spezialmassage des Genitalapparates durchaus geläufig. Sehr sonderbar mutet ein Bericht über die Heilkuren im Tempel des Amphiaraos an; nach der sinngemäßen Auslegung von Licht wurde dort einem „beklagenswerten Alten“ erst ein stimulierendes Linsengericht ver­ abfolgt, dann wurde ihm ein mit Sumpfgras gefülltes Kissen unter das Gesäß geschoben und von einem jungen schönen Mädchen eine gehaltreiche Fleisch­ speise verabfolgt. Nach einem Gebete an den Heros Amphiaraos um glück­ liche Kur begann ein junger Tempelknabe mit einer Massage, wobei er „auf Geheiß des Gottes das Gesäß hin und her vibrieren lassen mußte, so, wie die Bachstelze den Steiß bewegt“. Die gründliche Massage endete schließlich damit, daß der Patient von dem Knaben masturbiert wurde. Diese Sexual­ massage war sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern ein durch­ aus verbreitetes Mittel zur Anregung und Steigerung der Libido. Dabei wurde nicht selten das Genital mit Honig und Pfeifer oder mit Urin von Stieren eingerieben, der am wirksamsten sein sollte, wenn die Harnentleerung kurz nach dem Coitus erfolgt war. Omer Haleby empfiehlt eine sehr merkwürdige Art der Massage, die freilich in vielen Fällen Erfolg haben dürfte, indem: „man sich oft das Glied streichelt und den Beutel kitzelt, so wie es der Prophet getan hat.“ Von einem sehr merkwürdigen Verfahren zur Steigerung der geschlecht­ lichen Potenz wird in „Schottens Juristischem Wochenblatt“ (Leipzig 1773, Jahrgang 2, S. 683 ff.) berichtet: Danach ist der Graf Johann IV. von Habsburg 1373 nach halbjähriger nächdicher Probezeit mit Herzland von Rappoldstein von dieser abgewiesen worden, da sie ihn der Impotenz be­ schuldigte. Darüber schreibt ihr Onkel ausführlich und berichtet schließlich über eine merkwürdige Behandlung bei einem Straßburger Arzt, der sich der untaugliche Ehemann unterzogen hat: „Item och ist zu wissende, daß Groff Rudolfes Sun von Habespurg in diesen Zielen gefüort wert gen Straspurg zu dem besten Artzette, der do was, vndt hatt ime da gerne ein Ding gemacht vndt lag och by demselben Artzette lange zyt zu Straßburg by Meister Hein­ rich von Sachsen, der der beste Meister ist, den man finden kan vnd hiengent ime an in eine Bad an sin Ding ettwie viel Bliges wol fünfzig Pftindt (!) schwer vndt pflasterten ine, als menlich seit vnd verfing alles nit, daß sie imme vt gemachen konnten, daß er verfengklich were zu Frowen.“ 296

Eng in Verbindung mit Massagekunstgriffen steht die Ausnutzung der Temperaturunterschiede. Eine sehr merkwürdige Anweisung gibt die bereits mehrfach von uns zitierte Paullinische Dreckapotheke in ihrem Anhang: „Man verordnet auch Personen deren Zeugungsorgane geschwächt sind, nicht nur Frictionen und Bähungen der Schamteile, sondern auch der Nieren, das Liegen auf dem Rücken, damit die Nieren sich erhitzen und den Samen nach den Testikeln hinleiten. So oft, sagt Rhazes (Contin. c. 5), die Lenden mit erhitzenden Arzneien gerieben werden, müssen Erektionen erfolgen. Der arabische Arzt Misisch sagt bei demselben Rhazes: die Erwärmung des Rückens fordert den Beischlaf, so wie die Erkältung desselben und das Unter­ breiten kühlender Blätter die entgegengesetzte Wirkung hervorbringt.“ In einem Anhang der Dreckapotheke wird schließlich als simpelstes mechanisches Reizmittel das Geißeln empfohlen, nicht etwa um sich auf masochistischem Wege Lustgewinn zu verschaffen, sondern vielmehr lediglich deshalb, um durch die Hautreize die Blutzirkulation anzuregen. Es heißt: „Zuvörderst hat man zu berücksichtigen, daß die Geißelungen denjenigen Teil des Körpers, welchem bei der Operation die Hauptaufgabe zukommt, erhitzen, und das Blut in größerer Masse dahin leiten. Diese Praxis wird von manchen Ärzten befolgt, wo die Empfindung in irgend einem Körperteil zu ersterben scheint. Dieser Gebrauch besteht hie und da noch, denn um diesen Zweck zu erreichen, wenden Einige sogar Nesseln an, deren prickelnde Eigenschaft bekannt genug ist. Reibungen mit Flanell und Bürsten bewirken dasselbe wie die Geißelungen, die man aus Zartgefühl gegen die Kranken nicht mehr verordnet. Diejenigen, welche sich geißeln lassen, um zum Beyschlaf tüchtig zu sein, verlangen, daß man immer nur ihren Hintern streiche. Beobachten wir mm, wie die in dieser Gegend erregte Wärme in die Geschlechtsteile über­ geht. Man wird die Bemerkung machen, daß die Lenden, welche den größeren Teil des Afters einnehmen, durch die Rückenwirbelbeine gebildet sind. Unter diesen befinden sich die Nieren und verschiedene andere Gefäße, welche mit den Zeugungsteilen in Verbindung stehen. Es ist also ausgemacht, daß diese Wärme, indem sie die Hüften ergreift, bis in die Ruthe steigen muß, und bei dem andern Geschlecht in die Mutterscheide. Die Erfahrung lehrt, daß gewisse Personen zu Ruthenhieben Zuflucht nehmen, um sich zum Zeugungsgeschäft tüchtig zu machen. Physiologie und Anatomie zeigen, wie diese Geißelungen auf die Zeugungsteile einwirken, obschon sie auf den After appliziert werden. Die Unglücklichen, welche solcher Reizmittel bedürfen, sind unstreitig zu bedauern, weil sie nur durch heftige Schmerzen die Lust erzwingen können; endlich, weil Cupido’s Bogen nur unter so schimpflichen Bedingungen von ihnen sich spannen lä ß t............. Perser und Russen traktieren ihre Frauen, bevor sie ihnen die eheliche Pflicht erweisen wollen, mit Stockschlägen auf den Hintern. Von den Letztem 297

versichert uns Barclay (Icon. anim. c. S.), daß die Zärtlichkeit des Ehe­ manns nach der Zahl der von ihm ausgeteilten Hiebe abgeschätzt wird. Zwar will der vielgereiste Adam Olearius nichts der Art bemerkt haben, aber Barclay führt als Beleg für die Wahrheit seiner Mitteilung folgendes Histörchen an: Ein Deutscher war nach Rußland ausgewandert. Sein Name war, wenn ihr es durchaus wissen wollt, Jordan. Am Orte seiner Niederlassung ver­ heiratete er sich. Er ließ es nicht an Beweisen von Zärtlichkeit fehlen, dennoch konnte es ihm nicht gelingen, den Trübsinn seiner Frau zu verscheuchen. Als er sie um die Ursache befragte, fiel sie ihm ins Wort: „Du heuchelst nur Liebe, wohl weiß ich, daß du Nichts mich achtest.“ Diese Worte erstickte ein tiefer Seufzer. Als der Gatte wissen wollte, womit er sie gekränkt habe, damit er seinen Fehler erkenne und ablege, antwortete sie: „Warum muß ich seit lange schon Schläge entbehren, in welchen du mir deine Liebe kundgabst? Denn daran erkennt man bei uns zu Lande, ob die Frau ihrem Gatten nicht gleichgültig ist.“ Jordan konnte vor Staunen nicht zum Lachen kommen. Als er endlich wieder die Sprache gewann, versprach er ihren Wunsch bei sich darbietender Gelegenheit zu berücksichtigen. Diese fand sich bald. Das Weibchen hatte Grillen, welche auszutreiben der Mann seinen Stock zu Hülfe nahm. Die Prügel taten ihre Wirkung, denn seitdem liebte die Frau ihren Gatten wieder mit der früheren Zärtlichkeit. Dieselbe Anekdote erzählt auch Peter Peträus von Erlsund in seiner Moscowitischen Chronik Abschnitt 5., welcher zugleich beifügt, daß der Neuvermählte in Rußland die Anschaffung von Ruthen weniger, als irgend ein anderes Stück seines unentbehrlichen Hausrates verabsäumt. Zur Züch­ tigung werden jene Ruthen gewiß nicht gebraucht, folglich dienen sie keinem anderen Zweck als dem vorerwähnten. Denn böse Weiber lassen sich, wie Simonides bei Stobäus sagt, weder durch Drohungen noch durch Schläge bezähmen, und wollte man sogar mit Kieselsteinen ihnen die Zähne ausschlagen. Ein zärtlicher Ehemann hingegen wird gewiß nicht seiner Frau Schmerzen und Wunden verursachen wollen. Ich halte mit Meibomius, dem Vater, dafür, daß das Geißeln der Lenden die Nieren erhitzt, folglich der Same aufgeregt oder sein Zufluß vermehrt wird. Auch Sennert, Olhasius (Olshausen) und Wormius (Wurm) schließen sich dieser Meinung an, wie ich schon an einem anderen Orte zu bemerken Gelegenheit hatte. Nichts ist begreiflicher, als daß durch den beschleunigten Blutumlauf, welcher durch die an den geschlagenen Stellen entstehende örtliche Wärme verursacht wird, das Feuer der Wollust angefacht wird. Wie sehr die Wärme einzelner Körperteile dazu beiträgt, beweist das Rücklingsliegen, welches immer Pollutionen im Schlafe verursacht, und nur die Wärme in den Lenden kann die Ursache davon seyn. Wenn diese Gegend stark gerieben wird, 29 8

entsteht der Liebeskitzel, der zu Paris im Übermaß betrieben, manches Leben kürzt.“ Wir möchten damit unsere Ausführungen über die Massage beenden und abschließend in diesem Kapitel auf die Wirksamkeit bestimmter Strahlen und Ströme eingehen. Bevor wir auf die eigentlichen physikalisch-radiolo­ gischen Verfahren zu sprechen kommen, müssen wir eine merkwürdige psycho-biologische Erscheinung behandeln, für die die Sexualwissenschaft den Begriff des Sunemitismus geprägt hat. Im Rahmen unserer Darstellung ist die Behandlung auch dieses Themas von Bedeutung, weil wir wissen, daß der Sunemitismus in erster Linie zur Anregung und Steigerung des Geschlechts­ triebes angewendet worden ist. Es handelt sich dabei tun folgendes: Seit den ältesten Zeiten kehrt in mannigfacher Weise die Lehre wieder, wonach jeder lebende Körper, vor allem auch der Mensch, ein Fluidum aus­ strahlte, daß auf die Umgebung negativ oder positiv einwirkt. Obwohl die offizielle Wissenschaft solche Gedankengänge verpönt, glauben wir doch, diesen überlieferten Anschauungen eine gewisse Berechtigung zusprechen zu müssen. Sicher ist die Einstellung der Menschen untereinander positiv, negativ oder indifferent; es fragt sich nur, ob es sich hier nicht letzten Endes um eine erotische Strahlung handelt, die, bis ins Unendliche und Unmerk­ liche verfeinert, als solche nicht in das Bewußtsein dringt; vielleicht handelt es sich aber auch um eine besondere, vom Körper ausgehende magnetische Lebenskraft ungeschlechtlicher Art. An diese Erwägungen knüpft der Begriff des Sunemitismus an, der lediglich besagen will, daß Jugend auf das Alter im Allgemeinen erfrischend, belebend, verjüngend, also positiv einwirkt. Das Wort „Sunemitismus“ wird hergeleitet von der bekannten Stelle in der Bibel (im I. Buch der Könige, Kap. I, Vers X—4), die berichtet, daß die Ratgeber des König David dem alternden Herrscher eine Jungfrau verordneten, die schöne Abisag von Sunem, damit sie „vor dem Könige stehe und sein pflege und schlafe in seinen Armen und ihn wärme.“ Es ist in der Literatur verschiedentlich darüber diskutiert worden, ob dadurch eine Rege­ nerierung oder Erotisierung erreicht werden könne. Hagen bezweifelt das und hält die berühmte Schrift des bischöflichen Leibarztes in Münster, Johann Heinrich Cohausen, (1665—1750) für eine Satyre (Der wiederlebende Hermippus, oder curieuse physikalisch-medizinische Abhandlung von der seltnen Art, sein Leben durch das Anhauchen Junger-Mägdchen bis auf 115 Jahre zu verlängern, aus einem römischen Denkmal genommen, nun aber mit medizinischen Gründen befestigt, und durch Beweise und Exempel, wie auch mit einer wunderbaren Erfindung aus der philosophischen Scheidekunst erläutert und bestätiget von Joh. Heinrich Cohausen, M. D. Jetzo aus dem Lateinischen übersetzt. Gedruckt in der alten Knaben Buchdruckerey, 1783. Oktav.) Wir möchten die Ausführungen Cohausens nicht ohne weiteres scherz­ haft nehmen, denn die sehr ausführlichen Erklärungen werden keineswegs 299

dadurch paralysiert, daß der bischöfliche Leibarzt — die theologisch-ortho­ doxe Einstellung Cohausens darf man nämlich nicht außer acht lassen — er­ klärte: „Die Erwärmung von Mägdchen gehöret daher nicht für einen Edel­ mann, Soldaten, Hofmann, Advokaten, Arzt oder Geistlichen, ja, sie gehöret nicht für einen jungen starken Menschen, ja, auch nicht einmal für einen muntern alten. Der vernünftige Leser darf nicht denken, daß ich, indem ich die Eigenschaften eines Mägdchens, welches einen Alten erhalten soll, mit einigem Schein beschrieben, in der T at ihren Beyschlaf billigte, und ihn als Mittel zur Erhaltung des Lebens anpreise. Hieronymus hat dieses selbst an dem Könige David gemißbilliget und es unter die Fabeln gezehlet.“ Schon der Hinweis auf Hieronymus zeigt, daß für Cohausen in erster Linie mora­ lische Erwägungen maßgebend waren, weshalb er denn auch die gehobenen sozialen Schichten von der Regenerierung durch Sunemitismus ausnehmen will. Im übrigen hat er die Quintessenz der biblischen Überlieferung in interessanter Weise erläutert. Der Anlaß dazu war freilich recht merkwürdig. Nach Hagen soll ein bolognesischer Antiquar zu Rom, Gommarus, zufällig ein marmornes Weih­ denkmal gefunden haben, das folgende Inschrift trug, welche von Thomas Reinesius in dem „Syntagma inscriptionum antiquarum“ und später von Johann Kayser im „Parnassus Clivensis“ wieder abgedruckt wurde: „Aesculapio. Et. Sanitati. L. Clodius. Hermippus. Qui. Vivit. Annos. CXV. Dies. V. Puellarum. Anhelitu. Quod. Etiam. Post. Mortem Eins. Non. Parum. Mirantur. Physici. Jam. Posten. Sic. Vitam. Ducite.“ d. h.: „Dem Aesculap und der Sanitas setzet dies L. Clodius Hermippus, welcher 115 Jahre und 5 Tage durch die Ausdünstung junger Mädchen lebte, worüber sich auch nach seinem Tode die Ärzte nicht wenig wundern. Ihr Nachkommen führt Euer Leben auf dieselbe Art.“ Körperliche Ausdünstung, aber sicher auch das psychische Verhalten junger gesunder Menschen soll hier also ein ständiger regenerierender Quell gewesen sein und Cohausen er­ läutert nun den Fall der Abisag von Sunem in seiner Art, wie folgt: „David hatte eine große Zahl Weiber, deren II. Buch der Könige am dritten sechse angeführt werden, nehmlich die Abigail, welche Nabais Weib gewesen, die Achinoa, die er von Jesreel erhalten, die Maacha, Haggith, Abital, Egla, wozu auch noch die Michal zu rechnen ist. Konnten denn diese den König nicht wärmen, daß man nötig hatte, erst deswegen eine Jungfer zu holen. Ich will das Geheimnis, welches hierunter steckt, anzeigen. Die Ärzte wollten den König durch die Wärme und durch das Ein300

hauchen einer irischen Jungfrau, welche bei ihm schlief, wieder aufwännen und länger am Leben erhalten, hierzu aber waren seine Weiber, welche schon die Jugend abgelegt, wie denn die vorher benannten alle ihm Söhne geboren, untüchtig und ungeschickt, sie suchten daher eine junge Frau, welche ge­ sunder und lebhafter als die Weiber war und erwählten ein sehr schönes Mägdchen, weil die Schönheit ein Anzeichen einer guten Leibesbeschaffen­ heit und eines guten Temperamentes ist. Sie erwählten eine solche Jungfrau, welche nicht allein in seinem Schoße schliefe, sondern auch, wie an gedachtem Orte gesagt wird, für ihm stünde und ihn bediente. Damit er auch auf diese Art ihr Anhauchen und ihre Ausdünstung beständig genießen möchte. Sie scheint aber nicht gar zu klein gewesen zu sein, weil sie sonst nicht hätte den König bedienen, und man auch nicht sagen können, daß sie recht keusch gebheben wäre. Denn wenn sie nicht schon den Ruhm für sich gehabt, daß sie sehr keusch gewesen, so würde sie dem Könige nicht die Hoffnung zu einem langen Leben, sondern den Tod m it gebracht haben. Aus dieser Geschichte Davids kann man schließen, was die Hermippischen Mägdchen für Eigenschaften gehabt haben. Die erste ist eine voll­ kommene Gesundheit. Denn wenn die Zähne zerfressen und die Lungen anbrüchig sind, wenn in dem Munde ein Fluß ist, und der Athem stincket, und der gantze Cörper wie eine Pfütze riechet, wie können die Lebensgeister die sich an einem angenehmen Geruch ergötzen, durch einen solchen Hauch erhalten werden? Laß du Alter dir von der Neaera oder Coella tausend verliebte Küsse geben, und sauge tausend Hauche von ihr ein, dein Blut wird doch dadurch nicht munter, noch das kalte Alter wieder warm werden, auch wird nicht der verwelckte Leib wieder neue Stärke und Schönheit er­ langen, wenn du dir gleich einbildest, daß diese Aushauchung nach Narden und Gewürtze röchen. Wir halten es daher für unstreitig war, daß die Jung­ frau von Sunem vollkommen gesund gewesen seye. Die andere Eigenschaft ist die Schönheit, welche an der Königlichen Beyschläfferin so nachdrücklich gerühmt wird, und wodurch wir die Sym­ metrie und eine gute Beschaffenheit des Körpers verstehen. Die dritte ist die Keuschheit, oder die jungfräuliche Unschuld. Denn der Umgang des Davids m it der Abisag ist so unschuldig gewesen, daß sie auch, wie die Geschichte bezeuget, keusch geblieben ist. Und ich glaube, daß die Ärzte Davids bey der Wahl der Sunemitin nicht allein auf die Leibes­ gestalt, sondern auch vielmehr auf die Gabe der Keuschheit gesehen, und sie als große Kenner von der Physiognomie aus der Gesichtsbildung und den Lineamenten geschlossen haben, welche Untersuchung bey einer so großen Anzahl der Israelitischen Jungfrauen allerdings sehr mühsam gewesen ist. Man darf sich nicht einbilden, daß alle Mägdchen so heilsame Aus­ dünstungen haben, daß sie zur Verlängerung des Lebens dienen könnten, indem sie nicht alle mit einer vollkommenen Leibesbeschaffenheit versehen 3d

sind. Es ist aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift bekannt, wie viel Mühe es gekostet, im gantzen Israel eine Jungfrau zu finden, welche sich zur Beyschläferin fur den König schickte. Wenn mir das, was ehmals den Ärzten Davids, aufgetragen würde, und ich einem 70 jährigen König eine nächtliche Wärmerin suchen sollte, so würde ich mich lieber zu den Bauernhütten als zu den Häusern der Vornehmen wenden. Ich würde vielmehr ein gesundes Bauernmägdchen, welches weiße Zähne hätte, und der es aus dem Munde wohl röche, denn dieses wäre ein Anzeichen, daß sie von guter Verdauung und folglich eine gesunde Bluterzeugung und Ausdünstung hätte . . . . dazu erwählen“. Auch Baco de Verulam (1561—’1626) glaubt an sunemitische Wirkungen und sieht in den körperlichen Ausdünstungen „Lebensgeister“, die von einem Menschen auf den anderen übergehen. Er schreibt in „Silva silvarum“ (zit. nach Hagen): „Die Geister junger Personen können einen kalter Körper, wenn sie in denselben kommen, entweder das Leben wieder bringen oder ihn durch eine lange Zeit beständig gesund erhalten. Es wurde beobachtet, daß Greise, welche sich häufig und bei ununterbrochener Unterhaltung den Ver­ sammlungen von Jünglingen zugesellten, langlebig wurden, da ihre Geister aus solcher Vereinigung gestärkt hervorgingen“. Baco will die sunemitische Wirkung noch dadurch vergrößern, daß man die Mädchen m it MyrrhenSalben oder ähnlichen Pasten einreibt, um nicht nur die Annehmlichkeit zu erhöhen, sondern auch, um „die Wärme aus dem lebendigen Körper zu ver­ größern.“ Die Verbreitung solcher Anschauungen scheint im Mittelalter sehr groß gewesen zu sein und im 18. Jahrhundert war das Halten von Sunemitinnen bei prominenten Persönlichkeiten recht häufig. Rétif de la Bretonne hat über das Treiben von Sunemitinnen-Händlerinncn ausführlich berichtet. Eine der bekanntesten war „Madame Janus“. Sie hielt mehr als 40 junge Mädchen aus den Vorstädten und der Provinz zur Verfügung ihrer Kunden. Selten bediente sie sich einiger im Zentrum von Paris geborener Mädchen. Als ehemalige Haushälterin eines berühmten Arztes verstand Madam Janus ihr Metier vortrefflich. Ihre Elevinnen wurden in einem abseits gelegenen Hause „jenseits des Boulevard“ für ihren Beruf ausgebildet. Sie bekamen die gesündesten Speisen und mußten sich durch tägliche Bewegung kräftigen. Madame Janus nahm von den der „Wiederherstellung“ bedürftigen Greisen einen Louisdor für die Nacht. Jedes Mädchen erhielt 6 Francs, sie selbst 12. Bei den ersten Malen war sie selbst zugegen und ließ zunächst den Greis in ein aromatisches Bad steigen, worauf sie ihn massierte und abtrock­ nete, bis eine vollständige Frische und Reinheit seines Körpers erreicht war. Darauf legte sie ihm einen festen Maulkorb (muselière) an, und legte ihn zu den beiden Sunemitinnen ins Bett, sodaß deren Haut genau die seinige berührte. „II s’entrelace dans les deux vierges (car il faut qu’elles le soient). Ein Mädchen konnte nur 8 Nächte hintereinander den Dienst versehen. Die 302

beiden ersten Sunemitinnen wurden dann durch zwei andere ersetzt und konnten sich ausruhen, nahmen Bäder an den beiden ersten Tagen und ver­ gnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Ein Greis hatte drei Paar Mädchen nötig. Die größte Aufmerksamkeit wurde der Erhaltung der Virginität der Sunemitinnen gewidmet. Ein Verlust der Jungfernschaft machte die Mädchen, besonders während der Schwangerschaft, eher schädlich als nützlich für die Greise. Wenn ein solcher ein Mädchen verführte, schadete er nach der Ansicht der Kenner nicht nur sich selbst, sondern ging auch noch einer am ersten Tage deponierten Summe verlustig. Dem Gewerbe der Madame Janus sind die Sitten Verhältnisse der da­ maligen Zeit natürlich sehr zu Hilfe gekommen. Heute dürfte man sich auf ein so kompliziertes sunemitisches Verfahren kaum noch einlassen, obwohl auch in neuester Zeit zum mindesten in Kunst und Literatur auf die Erschei­ nung hingewiesen wird. So hat sich im Jahre 1889 auf einer Ausstellung in München ein Gemälde des Malers Douba aus Prag befunden, das den bib­ lischen Stoff behandelt. Hagen erwähnt einen sunemitischen Roman der im Jahre 1884 in London erschien: „Abishag; a Luscious Tale of a Successfül Physiological Search after Rejuvenescence, Fully disclosing the Secret of the only natural and true Elixir capable of effecting such a desirable necessity, By David II. Jerusalem 185t“. Das „Elixier der Wiederverjüngung“, das im Titel angekündigt wird, besteht in der Berührung mit einem jungen Mädchen. Der Verfasser erzählt, daß er sechs Monate nach seiner Hoch­ zeit seiner Frau überdrüssig, mit seinem Dienstmädchen Jemima ver­ kehrt und diese Beziehungen zwei Jahre unterhält, bis das Mädchen heiratet. M it zunehmendem Alter schwindet sein sexuelles Vermögen immer mehr, bis er Jemimas Nachfolgerin, eine junge Waise von 18 Jahren, die vorher nicht im Dienst gewesen ist, verführt und dadurch wieder in die Lage kommt, sowohl Herrin als auch Dienerin zu befriedigen. Seine Frau beglückwünscht ihn wegen Rückkehr seiner alten Kraft und fragt nach der Ursache, worauf er ihr das Geheimnis enthüllt. Seine Frau ist sehr überrascht, daß von solchem Mädchen eine solche Wirkung ausgehen könne, da sie aber eine kluge Frau ist, beschließt sie, das Geheimnis zu bewahren und aus der Entdeckung ihren Nutzen zu ziehen. Als Polly fortgeht, um einen jungen Schlächter zu heiraten, engagiert sie ein anderes gelehriges junges Mädchen und wechselt von da ab alle drei Monate ihre Dienstmädchen, „as fresh girls are most effective“. Nach diesem kurzen Überblick, der keineswegs Anspruch auf Vollstän­ digkeit macht, kann wohl soviel gesagt werden, daß, fügt man noch die Er­ fahrungen aus dem täglichen Leben hinzu, die jeder im Verkehr mit anderen Altersstufen machen kann, wohl soviel feststehen dürfte: Jugend, Gesund­ heit und Schönheit haben auf alternde Persönlichkeiten einen anregenden Einfluß. Daß in einer sehr großen Zahl der Fälle auch eine Anregung des 3°3

Geschlechtstriebes zu erwarten ist, kann in gewisser Beziehung schon aus der Funktion der geschlechtlichen Anziehungsgesetze erklärt werden. Für die praktische Behandlung der Impotenz dürfte allerdings die Therapie des Sunemitismus aus sozialen und rechtlichen Gründen (zivil- und strafrecht­ licher N atur!) für unsere Zeit nicht in Frage kommen. * Nach dieser Behandlung der psycho-biologischen „Strahlungen“ kommen wir nunmehr zu den Strahlen und Strömen, die auf rein physikalischem Wege erzeugt werden und wirken sollen. In der modernen Elektrobehandlung spielen Strahlen und Ströme eine große Rolle. Galvanisierung des Rückens mit Strömen nicht über 5 Ampere, Hochfrequenz-Effluvien längs der Wirbelsäule, faradische Ströme werden heute häufig angewendet. Dabei bemerken wir, daß es sich nicht etwa immer um eine Heilbehandlung wegen Impotenz handeln muß, sondern daß durchaus gesunde Menschen durch Elektrisierung des Genitalapparates Triebsteigerung hervorrufen wollen. Ein merkwürdiger Fall wurde uns von einem Schweizer berichtet, der unter Zuhilfenahme eines kleinen Elektrisierapparates den Penis elektrisierte, indem er die beiden Pole an Wurzel und Eichel des Gliedes legte. Daß durch solche Manipulationen unter Umständen eine sehr imangenehme Schädigung des Schließmuskels hervorgerufen werden kann, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung. Aber auch die Röntgenstrahlen sind zur Reizsteigerung verwandt worden. Freilich handelt es sich hier um ein Verfahren, das lediglich von der Hand des Facharztes angewendet werden kann und auch nur für die Behandlung der pathologischen Impotenz in Frage kommt. Wir beschränken uns deshalb auf Grund der bereits mitgeteilten Erwägungen nur auf einige Andeutungen. Wie Schmidt im „Archiv für Sexualforschung“ mitteilt, war nach den Be­ obachtungen von Albers-Schönberg, Tilden Brown und Osgood bei Ärzten und Technikern, die sich häufig, wenn auch nur ganz schwachen Röntgen­ bestrahlungen aussetzten, Azoospermie eingetreten, ohne daß etwa in diesen Fällen eine Abnahme der Potentia coeundi festzustellen gewesen wäre. Wichtig ist, zu wissen, daß nach den Beobachtungen von Regud und Dubreuil bei Kaninchen nach Röntgenbestrahlung außer dem Erlöschen der Befruchtungs­ fähigkeit, die Brunst nicht nur erhalten sein, sondern eine ganz bedeutende Steigerung der Libido und der Potentia coeundi festgestellt werden konnte. Diese Steigerung dürfte nach den histologischen Befunden von Simmonds auf die Wucherung der Zwischenzellen zurückzuführen sein. Zum Schluß wollen wir noch auf eine der merkwürdigsten Anwendungs­ formen von mechanisch-physikalischen Reizmitteln eingehen, weil sie uns einen vorzüglichen Einblick in die Sexualsitten eines Zeitalters gestatten, dem die Luststeigerung bis an ihre letzte Grenze in jeder Beziehung das er­ 30 4

strebenswerteste war. Es handelt sich um das sogenannte Grahambett, dessen Klassifizierung als Aphrodisiacum in diesem Kapitel insofern gerechtfertigt erscheint, als neben der Erregung aller fünf menschlichen Sinne, der Doktor Graham vor allen Dingen auch mit elektro-magnetischen Strömen arbeitete, die zu seiner Zeit im Jahre 1780 etwa dieselbe Rolle spielten, wie in unserer Zeit Quarzlicht und Höhensonne. Graham war in seinem Prospekt über das in seinem »Tempel der Gesund­ heit« aufgestellte Bett mit Lob keineswegs sparsam. Da heißt es: „Dieses Bett ist das Ergebnis unermüdlichen Fleißes, angestrengtester Arbeit, von den Kosten ganz zu schweigen, die unermeßlich sind . . . Nichts kommt der gött­ lichen Kraft des himmlischen und elektrischen Feuers gleich, womit das Bett angefullt ist, und jenen magnetischen Strömen, die dieNerven so wirksam beleben.“ Über dieses Bett des Doktors Graham in London wurde zur Zeit der französischen Revolution, aber auch noch später, viel gefabelt. Im magischen Lehrbuch Karls von Eckartshausen finden wir die nachfolgende Darstellung: „Man weiß das Aufsehen, das Doktor Graham in unserem Jahrhundert in London machte. Er erfand ein himmlisches Bett, wie er es nannte, und forderte von dem, der eine Nacht darin zubrachte, 50 Pfund Sterling. Sein Haus nannte er den „Tempel der Gesundheit“. Alles duftete von aromatischen Gerüchen. Er gab einen Lebensbalsam zu trinken und ließ das höchste sinn­ liche Gefühl auf seinem Bette der Götterwonne fühlen. Sein Einfall war gewiß ganz originell und beweist, daß Graham einer der besten Menschenkenner ist. Es konnte ihm unmöglich fehlen, durch seine Erfindung reich zu werden, besonders, wenn man bedenkt, daß er in einem Zirkel von Leuten lebte, worunter eine Menge reicher Wollüstlinge, junger Leute, die sich auf eine kurze Zeit in London vergnügten, und Of­ fiziere von der Marine und Kapers, die das Geld im geringsten nicht achteten, reiche Kaufleute aus Ostindien, Große und ihre Maitressen waren — alle diese Leute wollten seltenste Art von Wollust kosten. Es fragt sich nun, ist Graham ein großer Charlatan oder ist wirklich etwas an seiner Erfindung ? — Ich behaupte, daß Dr. Graham wirklich ein Erfinder ist, daß sein Tempel und himmlisches Bett das Produkt seiner physiologisch- und physikalischen Kenntnisse sind, daß er aber gewußt hat, sich der Schwäche der Menschen und ihrer Sinnlichkeit zu seinem Vorteile zu bedienen, kann man ihm nicht übel ausdeuten. Lohnte wohl je eine nützlichere Erfindung dem Erfinder, wenn er sie nicht mit Charlatanerie zu verbinden gewußt hat? Sinnlichkeit reizt die Großen und Reichen mehr, als kaltes Vernunftgefühl. Des Dr. Grahams himmlischer Tempel und sein Bett des Wonnegefühls sind für einen Physiker kein Geheimnis. Er nennt dieses Bett magnetisch­ elektrisch und behauptet, daß es das einzige sei, das je in der Welt existiert und existiert hat. Es steht im zweiten Stock seines Hauses in einem präch­ 20

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tigen Zimmer, rechterhand seines Orchesters, im Vorderteile einer reizenden Einsiedelei. In einem benachbarten Kabinette ist ein Zylinder, durch welchen die Ausflüsse des himmlischen und alles belebenden Feuers, wie er sich aus­ drückt, in das Schlafzimmer geleitet, und mit den Vapeurs stärkender Medi­ kamente und orientalischer Rauchwerke durch Glasröhren dahingeführt werden. Das himmlische Bett ruht auf sechs massiven transparenten Säulen; die Bettücher sind von Purpur und himmelblauen Atlas; die Matratzen sind mit arabischen und anderen morgenländischen Essenzen parfürmiert im Geschmacke des persischen Hofes. Einer meiner Freunde besah den Tempel aufs genaueste und brachte mir vollständige Nachricht hiervon.“ Interessant ist die Einstellung Eckartshausens zu dem Graham’sehen Wunderbett. Er erbietet sich nicht nur, das Bett billiger herzustellen, sondern erklärt uns auch ganz genau, auf welche Weise er die wunderbaren Wirkungen des Bettes imitierte und unterstreicht auch den geschlechtlichen Reiz der durch fünffache Sinneseindrücke bei dem Benutzer hervorgerufen wird. Im ersten Band seiner Magie heißt es weiter: „Alles, was da eben beschrieben ist, hat wirklich seine physikalischen Ursachen, die Pracht weggerechnet. Ich getraue mir, mit weit weniger Unkosten so einen Tempel herzustellen, der die nämliche Wirkung auf die Sinnlichkeit des Menschen haben muß. Säulen von Glas anstatt des Kristalles tuen die nämlichen Dienste; nur der Purpur und der himmelblaue Atlas sind unentbehrlich; die persisch-aro­ matischen Gerüche können um leichtes Geld gemacht werden, und die Aus­ flüsse des himmlischen Feuers sind für die Kenner auch nicht kostspielig. Alles beruht in einem durch Kunst bestimmten Umlaufe des Geblütes, in einem gewissen Reize der Nerven durch innerliche und äußerliche Gefühle, die nach dem Grade des Körperbaues bestimmt werden müßten, daß sie nicht zur Überspannung, woraus Schmerz erfolgt, übergehen. Es ist richtig, daß es Geheimnisse gibt, die sinnlichen Gefühle aufs höchste zu reizen. Die Perser haben davon große Kenntnisse und noch mehr die Indianer . . . . Die Lage des Körpers, die Art nach welcher äußerliche Eindrücke auf seine Organe wirken, das Maß der Spannung und Erschütterung, die teils durch den Ge­ ruch, teils durch den Ton, teils durch Berührung verursacht werden kann, bringt ganz außerordentliche und nie gefühlte Empfindungen hervor. Es ist zuverlässig und gewiß, daß jedes Wonnegefühl, wenn es nach den Regeln der Vernunft und der Natur genossen wird, dem körperlichen Wohlstände zuträglich ist und wirklich die Nerven stärkt und stählet: allein die Menschen sind in Rücksicht der Sinnlichkeit wie die Kinder, die das, was ihren Gaumen kitzelt, bis zur Schädlichkeit genießen . . . .“ Eckartshausen schildert dann an anderer Stelle eingehend seine Imitation des vielgenannten Graham-Bettes. Wenn wir auch auf diese Darstellung ausführlich eingehen, so deshalb, weil der Gedanke, durch Multiplikation der 306

Sinneseindrücke sich erotische Sensationen zu verschaffen, immerhin nicht alltäglich ist. Auch wissen wir, daß z. B. Schumacher in seinen beiden Ro­ manen über das Leben der Lady Hamilton von diesem Graham-Bette be­ richtet hat. Immerhin verarbeitete er bis zu einem gewissen Grade Über­ lieferungen aus späterer Zeit und es ist für eine Darstellung der geschlecht­ lichen Reizmittel sicher geboten, die Versuche eines Zeitgenossen des Dr. Gra­ ham in dieser Richtung in Kürze wiederzugeben. Eckartshausen schreibt: „Zu wahrer Erholung und Stärkung der Sinne ist nichts besser, als alle Sinne zugleich in sanfte Spannung zu bringen. In diesem Zustande fühlt der Mensch ein Gefühl, das niemand beschreiben kann. Es ist die höchste Wonne des sinnlichen Gefühles, ein Schlummer der reinsten Wollust. Dieses geschieht, wenn die Nerven des Gesichtes, Geruches, Gehöres, Geschmackes und Gefühles zugleich auf das angenehmste in Bewegung ge­ bracht werden. Graham verfertigte ein Ruhebett hierzu, das er das himmlische Bett nannte. D a ich nicht selbst in London war, kann ich auch hierüber nicht anders urteilen, als nach den Erzählungen, die man mir hiervon machte: doch gefiel mir der Gedanke wohl, und ich arbeitete auch selbst danach. Das Resultat meiner Versuche war, daß ein Menschenkörper, der in einer horizontalen Lage, leicht bekleidet, auf einem Ruhebette liegt, das mit elastischen Kissen, die auf Springfedem ruhen, versehen ist, und das immer in sanfte Bewegung kann gebracht werden, eine sehr angenehme Empfindung hat. Wird diese Empfindung durch Wohlgerüche, den Genuß eines ange­ nehmen Getränkes und durch Reflektion angenehmer Farben erhöht, so stärken sich die Nerven außerordentlich. Ich kam einst auf den Einfall, die Töne der Musik zu konzentrieren und sie fühlbarer und wirkender auf die Nerven des Menschen zu machen, ich ließ mir zu dem Ende eine Maschine verfertigen, die einem Resonanzboden ähnlich war. Entfernt in einem anderen Zimmer ließ ich Musik spielen und setzte die Spielende unter eine Maschine von Blech, die einem großen Hute ähnlich war und wovon zwei Röhren bis an den großen Resonnanzboden gingen, auf dem der Mensch lag, so, daß sich diese Töne notwendig im Hute sammeln und durch die Rohre bis ins andere Zimmer verbreiten mußten. Das Gefühl desjenigen, der auf dem großen Resonanzboden lag, war ganz unbeschreiblich. Man empfand ein sanftes Gefühl, das sich im ganzen Körper verbreitete. Das Gefühl äußerte sich meistenteils durch einen ange­ nehmen Kitzel in den Gedärmen und in dem Zwerchfell. Alle Sinne haben Einfluß auf die Gesundheitsumstände des Menschen, wie feiner der perzipierende Sinn ist, umso feiner sind auch seine Wirkungen. Ich beschäftigte mich lange Zeit, die Harmonie aller sinnlichen Eindrücke zu bestimmen, sie anschaulich und fühlbar zu machen. Zu diesem Ende verbesserte ich die bereits von dem Pater Castell erfundene Augenmusik. Ich stellte diese Maschine in ihrer ganzen Vollkommenheit her, so, daß man 20'

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ganze Farbenakkorde wie die Töne hervorbringen kann. Hier ist die Be­ schreibung dieses Instruments. Ich ließ zylindrische Gläser, die im Durchmesser einen halben Zoll be­ tragen, voll gleicher Größe verfertigen und füllte sie mit wässerigen, chemischen Farben. Diese Gläser brachte ich wie die Seiten eines Klaviers in Ordnung und teile die Nuancen der Farben wie die Töne ein. Hinterwärts dieser Gläser ließ ich von Messing kleine Läppchen anbringen, die die Gläser verdeckten, damit man keine Farbe sehen konnte. Diese Läppchen verband ich mit einem Draht mit dem Manual eines Klaviers, sodaß, wenn man einen Klavis be­ rührte, sich die Lappe emporhebt und die Farbe sichtbar wird. Wie der Ton schweigt, wenn der Finger den Klavis verläßt, so verschwindet auch die Farbe, weil die metallene Lappe ihrer Schwere gemäß schnell heruntersinkt und die Farbe bedeckt. Hinterher wird das Klavier m it Wachslichtern be­ leuchtet. Die Schönheit der Farben läßt sich nicht beschreiben, die weit die herrlichsten Edelgesteine übertreffen. Auch kann man sich über das Gefühl im Auge nicht ausdrücken, das die verschiedenen Farbenakkorde erwecken.“ Eckartshausen kommt schließlich zu einer Theorie der Augenmusik und versucht, zu beweisen, „daß auch Farben das Seelengefühl auszudrücken imstande sind“. Bei seinen Versuchen, die verschiedensten Sinneseindrücke zu einer Harmonie zu vereinigen, um den Graham’schen Versuchen näher­ zukommen, kommt er schließlich noch auf den Gedanken „der Harmonie der Gerüche“. Er schreibt: „Ich setzte aromatische ö le zum Grund, und richtete sie ebenfalls nach den Tönen der Musik. Ich ordnete die Wohl­ gerüche so: OrangenRosmarinLilienNelkenBergamotteJasminRosen-Gerüche“. Er führt dann weiter aus, daß so, wie aus Mischung sämtlicher Farben das Weiß entsteht, „so entsteht aus Mischen mehrerer Wohlgerüche allerzeit der Ambrageruch.“ Das führt ihn dazu, im Ambra einen Universalgeruch zu sehen und durch hinzufügen nichtriechender Stoffe will er eine Menge wun­ derlicher Geruchsnuancen erzielt haben. Er elektrisierte seine Geruchskombi­ nationen und erhielt neue ganz imbekannte und angenehme Gerüche. Alle diese Versuche zeigen doch, daß das Graham’sche Prinzip mehr­ facher Sinneseinwirkung zum Zwecke der Erotisierung bei den Zeitgenossen großen Eindruck gemacht haben muß. Wenn man nun noch bedenkt, daß die Literatur der damaligen Zeit eine Abneigung besaß, über die aus­ gesprochenen Angelegenheiten des Geschlechtslebens zu schreiben, so kann 308

man sich denken, was hinter den Kulissen mit solchen Reizmitteln für Unfug getrieben wurde. Es ist die Zeit der Wunderelexiere für ewige Jugend oder ewiges Leben, die Zeit „galanter Bonbons“, die Zeit mystischer Ekstasen, die Zeit der Geisterbeschwörungen und anderem mehr. Es war die Zeit der großen Charlatane, die aus dem Elementartrieb, dem alle unterlagen, direkt oder indirekt durch magischen Betrieb oder Geheimmittelschwindel Vermögen schlugen.

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PSYCHISCHE REIZM ITTEL

Wir haben in den vorhergehenden Kapiteln alle diejenigen geschlecht­ lichen Reizmittel einer Untersuchung unterzogen, die auf dem Wege über bestimmte p h y s i s c h e Funktions- und Reaktionseigenarten des mensch­ lichen Organismus eine Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes be­ wirken. Würden wir sagen, daß von den fünf Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung drei bereits berücksichtigt wurden: nämlich Gefühl, Geschmack und Geruch, so wäre das freilich vollkommen richtig; die geschlechtlichen Reizmittel, die wir im folgenden zu behandeln haben, werden dem mensch­ lichen Erleben durch die beiden letzten Möglichkeiten der sinnlichen Wahr­ nehmung, durch Gehör und Gesicht oder durch beide vermittelt, weshalb wir in diesem Falle mit Recht von psychischen Reizmitteln sprechen können. Man spricht ja von Gesicht und Gehör als von den höheren oder „ästhetischen Sinnen“. Tatsächlich muß auch festgestellt werden, daß die Reaktion auf bildliche oder gehörte Eindrücke ein stärkeres Reagieren des seelischen Empfindungsablaufs verlangt, als bei Anwendung eines beliebigen anderen Reizmittels. An und für sich ist es dem Menschen der gegenwärtigen Kultur nichts neues, daß man sich durch zahllose psychisch erfaßbare Eindrücke einen Geschlechtsreiz verschaffen kann. Wenn wir im folgenden ganz kurz und andeutungsweise verschiedene dieser Momente aufzählen, so beabsichtigen wir keineswegs, etwa dem Leser auf dem Weg über eine Darstellung psychi­ scher Reizmittel selbst eine Möglichkeit des Reizes seiner Sexualpsyche zu geben, sondern wir wollen kurz und knapp die zahlreichen Tatsächlich­ keiten aufzählen, die sich in Literatur und Praxis zeigen. Dabei denken wir nicht etwa daran, eine Entwicklungsgeschichte der pornographischen Lite­ ratur zu schreiben, eine Sammlung von Mikoschwitzen oder Wirtinnenversen zu geben, oder eine Auswahl pornographischer Bildwerke zu zeigen, — wir beschränken uns auf Hinweise und müssen Interessenten schon anheimstellen, sich bei Bibliophilen, Folkloristen oder Sammlern weitere Aufklärung zu holen. 3 10

Was die eine Gruppe von psychischen Reizmitteln anbelangt, so haben wir schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß wir in unserer Darstellung den pathologischen Ablauf sexueller Empfindung und sexuellen Geschehens nach Möglichkeit ausschalten wollen. Das engt diese Darstellung der psychologischen Reizmittel bereits beträchtlich ein. Was übrig bleibt, sind, wie gesagt, alle die Dinge, die mit der normalen Reaktionsweise auf gesehene und gehörte Sinneseindrücke Zusammenhängen. Daneben stehen vielleicht noch jene Momente der sexuellen Annäherung, die mit den Coitus­ präliminarien im engeren Zusammenhang stehen. Wir haben an anderer Stelle bereits darauf aufmerksam gemacht und möchten an dieser Stelle nur darauf hinweisen, daß das Werben um Neigung, Sympathie oder Liebe, das „Nachsteigen“, Vorbereitungen zum Geschlechtsverkehr, der Akt der Ent­ kleidung und ähnliches mehr bedeutsame Faktoren sind, tun die Libido an­ zuregen bezw. zu steigern. Es gibt nicht nur eine „Kunst des Verführens“, sondern auch eine „Kunst des Verführtwerdens“, ebenso, wie es eine „Stra­ tegie der männlichen Annäherung“ gibt. (Die diesbezüglichen Literatur­ hinweise zu diesem Thema befinden sich im Anhang). Wesentlich anders sind die psychologischen Momente zu bewerten, die während des Geschlechtsverkehrs zu beobachten sind. Die indischen und arabischen Liebeslehrbücher legen auf diese Dinge besonderen Wert. Es finden sich zahlreiche Vorschriften, die nicht nur die Technik des Geschlechts­ verkehrs, sondern auch das psychische Verhalten der Partner zueinander berücksichtigen. Die Vorschriften, die Omer Haleby gibt, um die Neigung einer Frau zu gewinnen, klingen freilich recht sonderbar. Es könnte darunter ein Liebeswerben verstanden werden, wenn nicht leise Anklänge an Sugge­ stion zu finden wären. Interessant in dieser Beziehung ist seine sogenannte „Blutbeschwörung“. Er sagt: „Wenn ein Mann eine Frau coitieren möchte, und wenn die Frau ihm widersteht, so lege er alle seine Wünsche und seinen ganzen Willen in seine Augen. Wenn er dann die geliebte Frau erblickt, so fixiere er ihre Augen scharf und übe dabei auf seinen linken Arm genügenden Druck aus, um sein Blut in Bewegung zu bringen; und wenn die geliebte Frau so nahe ist, daß sie ihn zu hören vermag, spreche er: „Es gibt keinen Gott außer Gott! Und ebenso sicher ist es, daß mein Blut eher versiegen wird, als daß meine Begierde, Dich zu besitzen, erstickt werden kann!“ Dieses Zeichen des Liebeswillens muß die Einbildung der Frau derartig beeinflussen, daß ihre Phantasie ein geschickter Advokat des Verliebten wird und für dessen Sache sofort plaidiert. In den Organen der Frau entsteht eine solche Irritation, daß die Sinnlichkeit Herrin über ihren Leib wird. Und da unter den Organen der Frau die Gebärmutter das Impressionabelste und dasjenige ist, welches die meiste Macht über das Gehirn hat, so resultiert daraus, daß die Erregung der Gebärmutter die Frau zum Aufgeben ihres Widerstandes zwingt, und die geliebte Person in die Arme des Geliebten treibt. 311

Hilft das Mittel beim ersten Male nicht, so wiederhole man es ein zweites, selbst ein drittes Mal. Auch sende man der Geliebten rote Rosen, auf welche man dreimal nacheinander mit ganzer Willenskraft seine Wünsche geblasen hat. Könnt ihr der Frau näher kommen, so beeinflusset sie noch mehr mit eueren Blicken, fasziniert sie förmlich, und befehlt ihr, euch zu lieben und euch anzugehören. Wenn ihr sie nicht so nahe sehen könnt, oder nicht in die Lage kommt, zu ihr zu sprechen, und vielleicht mit dem Zeigefinger ihre Stirn zu berühren, so reitet an ihrem Fenster vorbei, tummelt kühn euer Roß oder steht stundenlang vor ihrem Hause und fixiert es ununterbrochen. Auch Musik und Gesang sind mächtige Mittel intellektuellen Liebeszaubers.“ Das sind in unseren Augen, abgesehen von der oben bereits gemachten Einschränkung, sicher harmlose Mittel, sich einen Reiz zu verschaffen und die Zuneigung der Partnerin zu gewinnen. Das negative Gegenstück findet sich in unserer Zeit in der verhältnismäßig oft beobachteten Tatsache, daß sich Männer einen besonderen Lustgewinn verschaffen zu können glauben, wenn sie die Defloration der Frau vornehmen können. Wohl nicht mit Unrecht sagt deshalb Karl Kraus, daß die Jungfernschaft das Ideal derer sei, die gern entjungfern möchten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die bei manchen Männern immer wiederkehrenden Wünsche, möglichst deshalb m it jungen Mädchen zu verkehren, um die Defloration vorzunehmen, sehr oft auf sadistischer Grundlage erwachsen sind. Nichts desto weniger finden sich in Literatur und Praxis doch immer wieder Fälle, wo in der Defloration ein Potenz­ steigerungsmittel erblickt wird. Dabei scheinen vor allen Dingen solche Faktoren eine bedeutende Rolle zu spielen, wie z. B. die Überwindung der Widerstände von Seiten des Mädchens, Schwierigkeiten in der geschlecht­ lichen Vereinigung, vielleicht auch Widerstand oder Schreie der Partnerin. Stead berichtet in allerdings übertriebener und wenig glaubwürdiger Form von einer englischen Kupplerin, die Mädchen gegen ihren Willen zur Deflo­ ration verkuppelte und nicht davor zurückschreckte, die Opfer zu narko­ tisieren. Sie erzählte darüber: „Sie schlief, als er es ta t: sie war fest in Schlaf versunken...........D a liegen sie beinahe wie tot, und das Mädchen weiß erst am nächsten Morgen, was geschehen ist . . . .“ Eine andere, reichgewordene Kupplerin meinte lächelnd: „In meinem Hause können Sie sich an dem Angstschrei der Mädchen sadistisch weiden, mit der Gewißheit, daß niemand es hört, außer ih n e n .......... “ „Hier ist ein Zimmer, wo Sie vollkommen sicher sein können. Das Haus selbst steht auf seinem eigenen Grunde, die Wände sind dick, ein doppelter Teppich bedeckt den Fußboden. Das einzige Fenster, welches rückwärts nach dem Garten schaut, ist doppelt geschützt, erstens mit Fensterläden, zweitens mit schweren Vorhängen. Sie versperren die Türe und können dann tun, was Ihnen beliebt. Das Mädchen kann „Mörder“ ! rufen, bis es blau wird, aber kein Ton wird gehört werden. Die Dienerschaft 312

wird weit entfernt sein; nur ich werde mich umsehen, ob alles still ist. Wenn Mittel, um das Schreien zu ersticken, herumliegen, ein Kissen, ein Taschen­ tuch usw., ist faktisch keine Gefahr vorhanden. Manchen Männern ist jedoch der Schmerzensschrei der Gepeinigten die Essenz ihres G enusses.............“ „Um einen reichen Kunden zu verbinden, der seine Lebenskraft durch Schwel­ gereien und Ausschweifungen so sehr abgenützt hatte, daß nichts als sehr junge Mädchen seinen abgematteten Sinnen dienen konnten, unternahm es eine Megäre, dem Mädchen Hände und Füße an den vier Ecken der Bett­ stelle festzubinden, damit jeder Widerstand, mit Ausnahme des zwecklosen Schreiens unmöglich sei. Ehe man endgültig darüber übereingekommen war, die Mädchen anzubinden, stellte die Frau des Hauses, ein kräftiges Weib, ihre Dienste freiwillig zut Verfügung und hielt die J u n g f r a u mit Gewalt nieder, während ihr reicher Freund sein Vorhaben mit Gewalt ausfuhrte. Das war selbst dem Roue zuviel und er willigte dann ein, daß das Mädchen an dem Unterkörper mittels Riemen befestigt wurde.“ Wir möchten nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die Stead’schen Mitteilungen in weitem Umfange nicht den Tatsachen entsprechen. Es waren von seiner Seite aus Tendenz und Sensationsmache, die ihn bewogen haben, seine psychologisch freilich interessanten Erzählungen in die Welt zu setzen. Was er geschrieben hat, ist sicher zu anderer Zeit und unter anderen Ver­ hältnissen vorgekommen, wie denn überhaupt Vorgänge ähnlicher Art — Geschlechtshandlungen auf sado-masochistischer Grundlage — auch im Sexualleben unserer Zeit in zahllosen Variationen wiederkehren. Eine andere ebenfalls p a t h o l o g i s c h e Art, sich einen besonderen Reiz zu ver­ schaffen, dürfte auch hierhergehören, und wenn wir sie im Rahmen dieser Darstellung zitieren, so deshalb, weil sie als literarische Merkwürdigkeit aus Huysmans „Au Rebour“ interessant genug ist, um Erwähnung zu finden. Es handelt sich nämlich um nichts anderes, als daß die künstlich suggerierte s e l b s t e m p f u n d e n e Angst benutzt wird, um die Geschlechtslust an­ zuregen und zu steigern. Da heißt es: „Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche des Herzogs; die Aufwallungen des Gehirns schmolzen nicht mehr das Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die leiden­ schaftlichen Torheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen Aufregung, zu der Furcht. Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der Tür eine rauhe Säuferstimme: „Wirst du gleich öffnen ? Ich weiß sehr gut, daß du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du Schlange!“ Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf den Böschungen, im Garten der Tuilerien, im Wald oder auf einer Bank 3B

ihre Sinne befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme hinter der Tür tobte und empfand unerhörte Genüsse in diesem Herumstoßen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet. Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn diese schließlich und gab sich noch demselben Abend einem strammen Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber kräftiger waren.“ M it diesem Zitat möchten wir die Darstellung komplizierter, auf patho­ logischer Anlage erwachsener Seelenvorgänge verlassen, und uns jenen Reizquellen zuwenden, von denen das normale Geschlechtsleben in so überaus vielfältiger Weise gespeist wird. Da spielen in erster Linie die Gebrauchs­ gegenstände des täglichen Bedarfs eine besondere Rolle. Bei den Römern z. B. waren Münzen, Messer, Krüge, Schalen, Lampen, Spangen, Vasen und andere Gebrauchsgegenstände sehr oft als sexuelle Symbole geformt oder wenigstens mit sexuellen Emblemen versehen. Es wäre selbstverständlich vollkommen falsch, deshalb ohne weiteres auf eine Laszivität des öffentlichen Lebens zu schließen. Den natürlich denkenden Völkern des Altertums war ein derber Witz eben viel lieber, als irgendwelche Muckerei. In der offenen oder verschleierten Betonung alles Geschlecht­ lichen wurde eine gewisse Genugtuung gefunden. Die Elementartriebe, Nahrungstrieb und Geschlechtstrieb, traten ursprünglicher in Erscheinung als in unserer Zeit, für die die asketische Lebens- und Weltanschauung seit Jahrhunderten zu einer ruinösen Belastung geworden ist. Das Vorstellungsleben wurde bei den Griechen und Römern darum vor allen Dingen auch auf künst­ lichem Wege mit geschlechtlichen Vorstellungen überreichlich gespeist. Natürlich sollte nicht der erotische Gebrauchsgegenstand an und für sich zur Anregung oder Steigerung des Geschlechtstriebes dienen, wenigstens in der Regel der Fälle nicht; aber sie fanden doch vorzugsweise bei solchen Gelegenheiten Verwendung, die mit der Befriedigung des Geschlechtstriebes im direkten Zusammenhänge standen. Hieran denkt man ganz besonders, wenn man an die Ausgrabungen und Funde aus der Antike erinnert wird, die sich im Laufe der Zeit in den großen Museen angesammelt haben. Die Lampen, die zur Beleuchtung der intimen Gemächer dienten, und Zeugen des Liebesspiels waren, Trinkgefäße, die erst bei den Tafelfreuden und dann bei der geschlechtlichen Vereinigung ihre Dienste taten, Schnupftabaksdosen, die sich bis in unsere Zeit im Gebrauche auch von alten Herren finden, denen entweder die Verzierung oder der Inhalt sehr oft auch beides, als handgreifliche Stimulans sehr erwünscht ist, — alle diese Gebrauchsgegenstände machen es mit Recht begreiflich, warum sie mit erotischen Motiven in überreichlichem Maße ausgestattet waren. Es ist auch 314

«ehr wahrscheinlich, daß bei der pornographischen Schnupftabaksdose das erotische Motiv auf dem Wege d e r Assoziation entstanden ist, daß ein Schnupfer für gewöhnlich ein bejahrter Mann sein müsse, und Schneider weist mit Recht darauf hin, daß sich die „Dosenstücke“ zur Bezeichnung einer selbständigen Gattung der erotischen Literatur, der kleinen scharf pointierten Skizzen obszönen Inhalts, ausgebildet haben. Er hat schon recht. Die direkte Beziehung der Gebrauchsgegenstände zum Geschlechtsleben wird vom Volksinstinkt sehr rasch erfaßt, leichter erfaßt, als von dem grü­ belnden Geistesarbeiter, der sich mit der Deutung solcher Gegenstände abgibt (Schneider). Das Mittelalter kannte die seltsamsten Einrichtungen, um bei jeder Gelegenheit die Geschlechtstätigkeit anzuregen und anzureizen. Bauer weist mit Recht daraufhin, daß die verschiedenen Brettspiele in ihrer Ausgestaltung nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Erotisierung dienten. So weiß man, daß mancher wohlhabende Ritter oder Edelmann (aus Paris zum Bei­ spiel) Brettspiele mitbrachte, (Schach- oder Damespiele), deren Figuren oder Steine durch pornographische Darstellungen „verziert“ waren. Ebenso sind die Kartenspiele — übrigens bis in die heutige Zeit — Träger der imglaub­ lichsten Pornographien. Die unflätigen Kartenbilder Flötners und Ammans sind bereits im Mittelalter und auch in der neueren und neuesten Zeit durch Darstellungen übertroffen worden, die so manches in den Schatten stellen, was man bisher gewöhnt ist. Wir veröffentlichen hier eine Reihe von Kartenbildem, deren eines französischer Herkunft ist, während das andere Karten­ spiel von uns in der italienischen Schweiz erworben werden konnte. Das französische Spiel hat sichtbare Darstellungen, die hier und da sicher frei, kaum aber als lasziv bezeichnet werden können. Das Kartenspiel aus dem Tessin zeigt bei oberflächlicher Prüfung nichts besonderes. Erst wenn man das Kartenspiel an das künstliche Licht hält, sieht man die geradezu erstaun­ lich obszönen Darstellungen, die für den gegenwärtigen Stand der geschlecht­ lichen Moral in diesen Dingen außerordentlich bezeichnend sind. Wenn man sich überlegt, daß weit verbreitete Kartenspiele wie Sechsundsechzig, Skat, Jaß, Schafskopf etc. unter Umständen nur die Kulisse für erotische Be­ lustigungen sein können, dann bedarf die Spielkarte als geschlechtliches Reizmittel doch einer genaueren Beachtung. Wir haben einige besonders typische Karten im sekretierten Teile dieses Bandes wiedergegeben. Sie werden keineswegs von denen Ludwig XIV. überboten, die nach zeitge­ nössischen Berichten mit Akten von Bestialität, tierischen Begattungsakten u. a. m. verziert waren. Auch andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs spielten bereits im Mittelalter als geschlechtliche Reizmittel eine besondere Rolle, und man darf wohl sagen, daß in dieser Beziehung die Auffassung des Mittelalters eine viel freiere war als heute. Wir brauchen hier nur an den vielgenannten Holz315

schuherpokal von Peter Flötner zu erinnern, den das Germanische Museum in Nürnberg aufbewahrt. Im Relief werden die verschiedensten Obszönitäten in unendlicher Reihenfolge dargestellt. Bauer wird schon recht haben, daß unsere Museen in ihren „Giftschränken“ viele solcher obszönen Geschirre aufbewahren, die nicht nur den Augen des Beschauers, sondern leider auch sehr oft den Augen des Wissenschaftlers entrückt werden, weil die Verwaltung die folkloristische Bedeutung dieser Dinge nur allzuoft verkennt. Was wir bis heute über sie erfahren haben und was bisher veröffentlicht wurde, steht jedenfalls in keinem Verhältnis zu dem, was tatsächlich an Material vor­ handen ist. In der Sammlung des Instituts für Sexualwissenschaft befinden sich einige Krüge und Tabletts, die im Mittelalter zum täglichen Gebrauch Verwendung gefunden haben. Während bei diesen aber nur die Gravierungen die erotische Darstellungen enthalten, ging man in anderen Fällen, genau wie bei den Inkas, dazu über, einzelne Gefäße den Formen der menschlichen Geschlechtsorgane nachzubilden. Fischart berichtet von Trinkgeschirren, die „nackende Megdlein und Bübelein“ darstellen, und Guarnonius schimpft über „Bruntz- und Saichkachlen“, die man bei Festen benutzte, und die „mit solcher Unschambarkeit gebraucht werden, daß sich ehrliche Augen darob rümpfien und das Angesicht erröten muß. Solche schöne Form der Sauffgeschirr ich schäm halber nit nennen darff noch solle“. Wie die Trink­ geschirre, so waren natürlich auch Schnupftabaksdosen, Uhren u. a. m. mit erotischen Bildern verziert. Vom Türklopfer bis zum Zahnstocher, von den Gläsern bis zu den Tischgeschirren, von der Ofenkachel bis zum Eßmesser, von der Wöchnerinnenschüssel bis zur Schrankfüllung, ja, sogar die Decke eines Prunksaales ließ, wie Bauer anführt, ein geschmackvoller Burgherr durch Abbildungen einer „unverschleierten Liebestätigkeit in Stuck“ ver­ zieren. Als 1709 Böttger in Meißen das Porzellan erfunden hatte, dauerte es garnicht lange, daß auch dieses Material mit erotischen Darstellungen be­ malt wurde. Die berühmten Porzellanfabriken von Sevres, Meißen, Berlin, Vincennes, Rudolstadt, Volkstedt und Kloster Veilsdorf in Thüringen, St. Cloud, Ludwigsburg, Nymphenburg und Frankenthal konnten sich in der Darstellung geschlechtlicher Vorgänge — sei es auf legalem oder illegalem Wege —■nicht genug tun. Münzen und Medaillen erhielten Prägungen, unter denen der „Hahnentritt“ besonders beliebt war. Unter den Münzen neuerer Zeit sind die „Koselgulden“ am bekanntesten geworden. Als August der Starke im Jahre 1707 mit seiner damaligen Mai­ tresse, der Gräfin Kosel, zusammen war, wettete er, er könne ihre Scham auf einer Münze abbilden lassen. Er gewann die Wette, indem er tatsächlich die wohlbekannte Münze schlagen ließ. Alle diese Dinge sollten ihre Träger oder Benutzer immer wieder an die Geschlechtstätigkeit erinnern. Deshalb versah man alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit Plastik oder Malerei. Der ungeheure Anreiz, den ein Trinkgeschirr mit obszönen Dar316

Stellungen bei gleichzeitigem Genuß von Wein, Bier oder anderen Rausch­ mitteln ausübt, braucht wohl nicht weiter unterstrichen zu werden; ebenso­ wenig, wie die Wirkung einer Konfektdose m it verfänglichen Bildern, die die wundertätigen Morsellen enthält, „welche den Frauenzimmern so hoch venerieren“. In unserer Zeit sind erotische Darstellungen auf Gebrauchsgegenständen des täglichen Bedarfs sicher ebenso häufig wie im Mittelalter N ur kaschiert man im allgemeinen die erotischen Bilder so, daß meist erst in „vorgerückter Stunde“ der Besitzer seine Schätze vorfuhrt. Wir denken dabei an jene zahllosen Dinge, die uns von ihren Besitzern, manchmal erst nach »schweren Kämpfen«, überlassen wurden, um in unseren Sammlungen Platz zu finden. Wir besitzen Manschettenknöpfe, bei denen eine Metallplatte zurückgeschoben werden kann, um ein coitierendes Paar aufzudecken. Setzt man ein Uhrwerk in Tätigkeit, so werden die Coitus­ bewegungen vorgefuhrt. Es gibt Streichholzschachteln, die, öflhet man sie, in Plastik ein Pärchen beim Geschlechtsverkehr zeigen, bei einer anderen klappt ein männliches Genital heraus, wenn man die Schachtel aus der Hülle zieht. Zigarren- und Zigarettenetuis, Schnupftabakdosen und Puderbüchsen, werden innerhalb oder außerhalb mit obszönen Darstellungen „verziert“. Manchmal ist die Darstellung durch irgend ein harmloses Bild verdeckt und erst durch Druck auf eine geheime Feder klappt die bedeutungslose Dar­ stellung zurück, um das Pornographicum zu zeigen. Es gibt Bleistifte und Federhalter mit einem feinen Loch: hält man dieses nahe ans Auge, so sieht man, gegen das Licht gehalten, eine obszöne Darstellung. Postkarten mit beweglichen Bildteilen oder solche, hinter denen man m it einem brennenden Streichholz hin- und herfahren muß, um obszöne Schattenbilder zu erhalten, gehören zum eisernen Bestand mancher Stammtischrunden. Münzen mit obszönen Darstellungen, die man heimlich auf den Tisch legt, sind auch heute noch ebenso bekannt, wie die „unanständigen Würfel“. Abziehbilder und Parfümzerstäuber, Ringe und Halsketten mit Darstellungen geschlecht­ lichen Inhalts, sind auch in unserer Zeit in Mengen verbreitet. Besonders „reizvoll“ wird der Endeffekt, wenn das eigentlich Pornographische nach Möglichkeit verhüllt und erst nach längerem Suchen entdeckt wird. So ist uns eine Mascotte bekannt, die einen jungen Burschen darstellt, der in un­ auffälliger (»verdeckte«) Weise angezogen ist. Bei genauerer Prüfung zeigt sich, daß die Nachbildung von Penis und Skrotum nicht vergessen worden ist. Damit kommen wir zu den Beziehungen zwischen Geschlechtsleben und Kleidung, die wir an dieser Stelle natürlich ebenfalls nur andeutungs­ weise behandeln können. Treffend ist das, was Hanns Heinz Ewers in seinem „Nachtmahr“ sagt. Da heißt es: „Wollen Sie mir sagen“, fragte hier der Ingenieur Erhardt, „wie Sie eigentlich dazu gekommen sind? In immer neuer Art variieren Sie, Frau 317

Stuyvesant, in Ihren Blättern dasselbe Thema; einen Menschen so anzuziehnr daß er auf andere Menschen einen faszinierenden Geschlechtsreiz ausübt. Ich besitze alle Ihre Zeichnungen und habe sehr viele Kostüme gesehen, die nach ihnen gearbeitet wurden. Bei aller höchsten Anerkennung für diese Kunst ist es doch zweifellos, daß der bizarre Kitzel, den sie her vorrufen, so stark ist, daß selbst ein Pflasterstein Liebesseufzer ausstoßen möchte“. „Frau Marie brannte eine neue Zigarette an: „Dann, lieber Herr, muß ich weniger empfinden, als ein Pflasterstein! Aber das ist vielleicht darum, weil ich weiß, was wirkt — und warum es wirkt. Sehn Sie, die ganze Kostüm­ kunde ist ja voller „Reizkleidungen“, wie die Gelehrten es nennen, oder wenigstens von Versuchen dazu. Nur sind alle diese Kleider durch die Jahr­ tausende von Stümpern entworfen worden, von Schneidern, PutzmacherinnenDilettanten, die herzlich wenig Ahnung haben. Am besten haben sich noch die Könige und Herzoge und Generäle darauf verstanden, wenn sie aus ihren hübschen Leutnants betreßte Reizpüppchen machten. Es ist erstaunlich, meine Herren, wie alle Weisen dieser Welt herumlaufen, den Schädel voll­ gepfropft mit tiefer Gelehrsamkeit — und dabei doch das allereinfachste nicht wissen. Kleidung, sehr verehrte Herrn, ob sie nun aus Federn oder Pelz, oder Hosen und Röcken besteht, dient den Geschöpfen der Schöpfung gegen die Unbill der Witterung. S c h ö n e Kleidung hat aber nur den einen Zweck, das Auge des Artgenossen des anderen Geschlechts liebestrunken zu machen. Darum hat der Pfauhahn sein strahlendes Rad, darum der Löwe seine stolze Mähne. Wer nicht sieht, daß die Natur s e l b s t uns das lehrt — der ist blind geboren. Daß meine Kostüme sexuell anreizend wirken, ist gewiß — genau so, wie die des Paradiesvogels oder des Zitronenfalters. Und ich möchte wissen, wer es leugnen wollte, daß Sie, Graf Thun, den Augen junger Frauen weit besser gefielen, als Sie noch in der Uniform der Honvedhusaren steckten!“ Es wäre nun nichts falscher, als jede auffällige Kleidung, die den Ge­ schlechtspartner erotisiert, in das Gebiet des Fetischismus zu verweisen. Wir müssen immer wieder auf die grundsätzliche Trennung zwischen der rein pathologischen, fetischistischen Wirkung, die in der Verehrung des toten Gegenstandes ihre Auslösung findet, und der, durch Gegenständlichkeiten hervorgerufenen Reizsteigerung mit dem Ziel auf normale geschlechtliche Betätigung verweisen. Blusen bestimmter Farbe, durchsichtig oder mit Spitzen besetzt, spitzenbesetzte Röcke und ihr beim Gehen hervorgerufenes Ge­ räusch (Frou-Frou), durchbrochene Strümpfe bestimmter Farbe oder mit auffälliger Musterung und viele andere mehr oder weniger individuell be­ tonte Eigenarten in der Kleidung, können auch beim normalen gesunden Mann eine starke geschlechtliche Reizung entwickeln. Es versteht sich von selbst, daß diese Tatsache auch von Prostituierten ausgenutzt wird und hier­ her passen wohl die Verse Ovids: 318

„Künste des Putzes verwenden sie, über ihr Alter zu täuschen, Eifrig stets sind sie bedacht, jung zu erscheinen dem Blick. Tausende Arten der Liebe ersinnen sie, dir zu gefallen So vielerlei, daß kein Buch nennt ihre Namen und Zahl.“ Die partiell fetischistischen Reize der Kleidung verfolgen hier ihr natür­ liches Ziel. Auch dann, wenn der Mann besonders gern an der geliebten Frau einen besonderen Ring sieht, oder die „Bluse aus Seidenmull“ oder „das tief Ausgeschnittene“, bei dessen Anblick man an dies oder jenes denken kann. Nie wird in dieser Beziehung der Anblick der Kleidung zum Selbstzweck. Die Zusammenhänge zwischen Kleidung und Geschlechtsleben haben nicht nur die Sexualwissenschaftler, sondern auch die Kulturhistoriker, Eth­ nologen und Folkloristen immer wieder beschäftigt. Wir verweisen in diesem Zusammenhänge nur auf die Darstellungen von Ploß-Barthels, Eduard Fuchs und Freiherm von Reitzenstein, die immer wieder auf die wichtigen Be­ ziehungen zwischen Kleidung und Geschlechtsleben hingewiesen haben und ausführliche Beispiele brachten. Es liegt ja auch nahe, je nach „sittlicher“ Einstellung, die primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale zu ver­ decken und zu verbergen oder aufzudecken und hervortreten zu lassen. Bei Natur- und Kulturvölkern kennt man bestimmte Körperteile, die den Ge­ schlechtspartner erotisieren und die durch die Kleidung ihre entsprechende Behandlung finden. In unserer Zeit und Zone hält man die primären Ge­ schlechtsmerkmale zwar verdeckt, aber es ist ein altes, noch längst nicht ab­ gebrauchtes geschlechtliches Reizmittel, sei es durch Art der Kleidung, sei es durch Tragen der Kleidung, die Blicke der Beschauers auf die primären Geschlechtsmerkmale hinzulenken. Die sekundären Geschlechtsmerkmale werden durch den Schnitt der Kleidung nicht nur angedeutet, sondern, wie man es zum Beispiel von den Gummibrüsten kennt, sehr oft noch durch künstliche Manipulationen verstärkt, weil man sich d e r Reizwirkung eines vollen Busens durchaus bewußt ist. (Das Korsett spielt lediglich die Rolle einer umgekehrten Geschmacksrichtung!) Auch die mehr oder minder be­ tonte Entblößung der Extremitäten, die Fetischwirkung eines unbekleideten Armes oder eines sichtbaren Frauenschenkels, ist bewußt oder unbewußt von den Modeschöpfern durch ärmellose Kleidung und immer mehr verkürzte Röcke auf den Geschlechtsreiz berechnet. Wenn sogenannte „Kunst“ eine Revue „Tausend nackte Beine“ spielt, dann wird man auch zum Beispiel in der Strumpfmode Farben finden, die sich bemühen, sich bis in die Nuancen der natürlichen Fleischfarbe anzupassen. Und wie oft werden nicht Unbequem­ lichkeiten geduldig ertragen, weil der Träger, besser die Trägerin, einen Reiz zur Schau stellen will, dessen Wirkung ihr nur allzugut bewußt ist. Wer selbst bei strengstem Frost zahlreiche Damen mit kurzgeschürzten Röcken und Seidenstrümpfen, ausgeschnittenen Blusen u. a. m. beobachtet hat, dem 319-

wird man für Modetorheiten aus sexuellen Gründen kaum weitere Beweise liefern müssen. Die „gute alte Zeit“ ist in diesen Dingen keineswegs „besser“ gewesen. Geiler von Kaisersberg schimpft in einer seiner Predigten 1517 weidlich über solche Modetorheiten: „Ohrringe als die zyginer tragen, Knöpfe an Stellen, an denen nichts zu knöpfen ist, die zerhauenen Kleider, „wenn sie sie tragen, zerschnitten und zerhacket“. Über das Haupthaar und vor allen Dingen über den künstlichen Haarschmuck schimpft er: „so sind es die zoepff, die die frawen machen, da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann todten har, das sie darzu binden und mouoss dan herfür gon, das man es sehn und man wen (glaube, wähne) sie haben hübsch har“. Und schließlich schalt er noch über die Säcke, die sie um sich gürten. Wenn sie mager sind, so nehmen sie einen Sack oder grobes dickes Tuch, etwa mit Baumwolle gefüllt, das binden sie um sich, um fett zu erscheinen, wie ein „brotbeckerknecht“. Ein solcher Sack, Speck genannt, war ein bis zu 25 Pfund schwerer Wulst. Man nannte ihn Weiberspeck, Verdugadin, Cochebastard. Auch Bauer weist darauf hin, daß dieses Vortäuschen von Leibesfülle, vor allen Dingen das Betonen einzelner Partien des Unterleibes, besonders der Hüften, das erotische Element in der Mode der damaligen Zeit besonders klar aufzeigt. „Wie der Hosenlatz, soll der Weiberspeck die Fähigkeit zum ehelichen Werke dartun, und zu seiner Betätigung auffeizen.“ Eins der bekannten erotischen Reizmittel bei der Kleidung ist das Décolleté, über das die Schriftsteller schon sehr früh mit allen Mitteln der Polemik herzogen. So schrieb Caselius 1646: „einen Zuchtspiegel, das ist Nothwendige und sehr wohlgemeinte Erinnerung an das Christ- und Ehr­ liebende Frawenzimmer in Deutschland“ und klagte hier, daß viele Frauen aus Übermut und Üppigkeit „ihre Hälse, Schultern und Brüste entblößen oder dieselben nur mit einem subtilen und ganz durchsichtigem Flor bedecken“ und daß „auch arme Mägde, zweifelsohne aus lauter böser Begierde und Mannsucht sich unterfangen, also einher zu treten“. Im Jahre 1689 erschien die Schrift „Der gedoppelte Blasbalg der üppigen Wollust, nemlich die erhöhete Fontange und die bloße Brust, mit welchem das alamodische und die Eitelkeit liebende Frauenzimmer in ihrem eigenen und vieler unvorsichtigen Manns-Personen sich darin vergaffenden Herzen ein Feuer der verbotenen Liebes-Brunst angezündet, so hernach zu einer helleuchtenden großen Flamme einer bitteren Unlust ausschlägt. Jedermänniglich, absonderlich dem Tugend und Ehrbarkeit liebenden Frauenzimmer zu guter Warnung und kluger Vor­ sichtigkeit vorgestellet und zum Druck befördert durch Ernestum Gottlieb, bürtig von Veron.“ Im 18. Jahrhundert wurden für die Dekolletierung neue Variationen ge­ funden, sodaß schließlich eine leichte Bewegung des Oberkörpers genügte, um die Brunst gänzlich bloßzulegen. Immer war es wieder die partielle 320

Fetischwirkung der weiblichen Brüste, die die Männer ganz besonders anzog und es wurde schließlich von Seiten der Frau alles getan, um diese Wirkung möglichst noch durch Kunstgriffe zu unterstützen. Der „Gummibusen“ ist wirklich nicht nur eine Angelegenheit der Satyre gewesen, sondern wir wissen vielmehr, daß aus England her Busengestelle kamen, die zum Teil aus Wachs verfertigt waren, und auf die man selbst die feine Äderung gemalt hatte. Es wurde erzählt, daß diese Busen sogar Springfedem besäßen und daß selbst Seufzer und Herzklopfen künstlich nachgeahmt wurden. Ja man wollte sogar die Erfindung gemacht haben, im Bedarfsfälle ein jungfräuliches Erröten er­ scheinen lassen zu können. Im Jahre 1805 sah man in einem Putzmacher­ laden (zit. nach Rudeck) am Palais Royal künstliche Busen, Schulter- und Rückenstücke von fein gerötetem Leder mit darauf gemalten Äderchen und Ressorts, die das künstliche Atmen nachahmen konnten. Sie kosteten 7 Napoleon d’Or. Man kann in dieser Betonung der sekundären Geschlechtsmerkmale der weiblichen Kleidung ein Analogon in der männlichen Kleidung finden, wenn man daran erinnert, daß eine Zeitlang die primären Geschlechtsmerkmale des Mannes beim Zuschnitt der Hose nicht nur berücksichtigt, sondern sogar noch besonders herausgearbeitet wurden. Unter den Reizerscheinungen, die bestimmte Arten der menschlichen Kleidung hinsichtlich der Geschlechtssphäre hervorriefen, soll an dieser Stelle schließlich auch der falschen Krankenschwestern gedacht werden, die während, vor allem aber auch nach dem Kriege, im Heimatland auftraten. Der Reiz dieser merkwürdigen „Uniform“ ist oft beobachtet worden, und wir haben es hier mit einer Erscheinung zu tun, die nicht etwa nur bei den Schwestern, die unter dem Deckmantel der Christenliebe und der Barm­ herzigkeit, den Männern Liebe und Körper verkauften, sondern auch bei anderen Berufskategorien der Frauen festgestellt werden konnte. Schon Scherr-Lokesch weisen auf die Bollemädchen „mit der aufs Haupt keck auf­ gesetzten Mütze“ hin, die erotisierend wirkt. Während des Krieges konnte das gleiche hinsichtlich der weiblichen Eisenbahnbeamtinnen und Straßenbahnerinnen festgestellt werden. Freilich begegnen wir damit bereits den ersten Andeutungen fetischistischer Einschläge in die Sexualsphäre. Eine weitere Untersuchung nach der annormalen Seite hin kann deshalb hier nicht Platz greifen. Denselben Reiz, den das „lebende Objekt“ auf die Libido haben kann, dieselbe Reizwirkung findet man natürlich auch an der gegenständlichen Nachbildung. Während des Krieges hat man verschiedentlich an der Front und in den Gefangenenlagern die Beobachtung machen können, daß sich Soldaten künstliche Puppen verfertigten, mit denen sie mehr oder weniger offen in geschlechtlichen Kontakt traten. Wir besitzen in unserem Archiv ebenso 21

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auch Darstellungen künstlicher weiblicher Geschlechtsorgane, die, wie wir bereits erwähnt, ungeniert als geschlechtliche Reiz- und Entspannungsinstru­ mente ihre Verwendung gefunden haben. Solche Vorgänge lassen sich aus der sexuellen Not der Betreffenden, der Sucht nach der durch äußere Um­ stände nicht möglichen geschlechtlichen Betätigung ohne weiteres erklären. Puppen und andere leblose Gegenstände haben als Coitusersatzmittel immer schon eine Rolle im Geschlechtsleben der Zwangsabstinenten gespielt. Es sei hier nur an die Nonnen des Mittelalters erinnert, denen durch Lektüre und Abschriften der griechischen und römischen Klassiker von außen her immer neue geschlechtliche Reize zugetragen wurden und die schließlich sehr leicht einen Schritt weitergingen, um im Spiel mit der „Jesuspuppe“, die den himmlischen Bräutigam darstellte, das versteckte sexuelle Unbefriedigtsein zu betäuben, indem sie diese anputzten, mit ihr sprachen und schließlich zu sich ins Bett nahmen. In unserer Zeit begnügt man sich freilich viel öfter damit, bildliche Darstellungen des normalen und annormalen Geschlechtsverkehrs zu betrach­ ten, um sich selbst oder dem Partner auf diese Weise einen Lustgewinn zu ver­ schaffen, bezw. die eigene oder fremde Geschlechtslust zu steigern. Es ist kaum glaublich, in welchem Umfange bildliche pornographische Darstellungen verbreitet sind. Ganze Industrien haben sich entwickelt, um dem „unge­ heuren Bedarf“ Rechnung zu tragen. Man soll doch nur einmal in einer Stammtischrunde die anwesenden Herrn bitten, die Brieftaschen zu zeigen. Unter fünf Personen wird sicher eine, wie es dann so schön heißt, das „obligate unanständige Bild“ bei sich führen. Wer in der großen Berliner Polizeiaus­ stellung die informativen Darstellungen der Polunbi (Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung von Schund und Schmutz in Wort und Bild) gesehen hat, kann sich ungefähr einen Begriff davon machen, welche Rolle die bildliche Porno­ graphie als psychologisches Reizmittel spielt. Das „Cinema Cochon“ süd­ französischer Bordelle, in denen normale oder perverse Geschlechtshandlungen im F i l m vorgeführt werden, ist besonders bezeichnend für das ■ — Zeit­ alter der Technik! Grundsätzlich muß trotzalledem daran festgehalten werden, daß zwi­ schen Pornographie und „Pornographie“ selbstredend ein gewaltiger Unter­ schied besteht. Die echte Pornographie ist aller künstlerischen Qualitäten bar. Es wird doch wohl jedermann einsehen, daß zwischen einer obszönen Abortinschrift und einem Werke von Bayros oder Beardsley ein ganz gewal­ tiger Unterschied besteht. Wir halten es daher für grundverkehrt, alle Dar­ stellungen geschlechtlichen Inhalts nun ohne weiteres in einen Topf zu werfen. Es ist auch durchaus fraglich, ob es sich in jedem Falle der Darstellung um Mittel handelt, die zum Zwecke der geschlechtlichen Anreizung dienen sollen. Sehr oft ist es die Abreaktion von Wunschvorstellungen, oder sind es kom­ plizierte psychische Reaktionsweisen. 322

Die auffällige Diskreditierung der pornographischen bildlichen Dar­ stellungen in unserer heutigen Kultur hat ihre Ursache im wesentlichen in religiösen Motiven. Die christlich-asketische Weltanschauung, die selbst gewisse natürliche geschlechtliche Vereinigungen mit dem Makel der Tod­ sünde verdammt, mußte schließlich die Anschauungen ganzer Zeitalter auf diesem Gebiete beeinflussen. Wenn heute aufgeklärte Kreise zum Beispiel immer noch Einwände gegen die Nacktkörperkultur machen, und dabei doch versuchen, sich von religiösen Vorurteilen zu emanzipieren, so ist das eigent­ lich nur wieder ein Rückfall in die Gedankengänge der kirchlichen Reaktion. Das findet man in der bildenden Kunst und in der modernen Körperkultur; Darstellung und Anblick der Genitalien erinnern an das täg­ lich-nächtliche Leben und assoziativ treten Vorstellungen auf, die das reliogiöse Dogma verurteilt. So wird die Öffentlichkeit noch auf lange Zeit hinaus die pornographische Darstellung auch dann verurteilen, wenn sie von der Hand eines großen Künstlers geschaffen ist; in der jede Darstellung, ohne Rücksicht auf das Objekt, zum großen Kunstwerk wird. Ob Deveria Grevedon Beardsley, Bayros, Peter Fendi, Geiger, oder chinesische Künstler in ihrem Schaffen das pathologische oder perversgeschlechtliche Moment in den Vordergrund stellen, ist gleichgültig — das „Schamgefühl des Normal­ menschen“ wird immer „verletzt“ werden. Es kann doch wohl keinem Zweifel unterliegen, daß gerade die Reizwirkung dieser Darstellungen es ist, die zum Widerspruch herausfordert. Die weitaus größte Zahl der im Bild festgehaltenen geschlechtlichen Handlungen darf jeder getrost im stillen Kämmerlein, allein oder zu zweit, vornehmen; aber in dem Moment, wo sie lediglich im Bild festgehalten werden, soll ihr Betrachten zum Reservatrecht eines Teils der Beamtenschaft werden. Das ist nicht einzusehen. Uns scheint, daß hier der „Gegenentwurf“ des „Kartells für Reform des Sexualstrafrechts“, den richtigen Weg eingeschlagen hat, indem er lediglich dann ein Ein­ schreiten der Behörden fordert, wenn pornographische Bildwerke oder por­ nographische Literatur Jugendlichen demonstriert werden. Es ist ja ver­ schiedentlich beobachtet worden, daß Erwachsene Jugendliche durch Schau­ stellung obszöner Fotografien u. dgl. sexuell aufreizten. Die Ursache dieser merkwürdigen Handlungsweise liegt wohl in der Absicht, durch Betrachten der geschlechtlichen Erregung der Jugendlichen, die eigene Lust und Be­ friedigung zu finden. Wir brauchen wohl nicht erst darauf hinzuweisen, daß nicht nur in un­ serer Zeit obszöne bildliche Darstellungen eine große Rolle gespielt haben. Es ist ja allgemein bekannt, daß gerade die Antike in mehr als freien Dar­ stellungen des menschlichen Geschlechts- und Liebesleben erstaunliches ge­ leistet hat. Wir denken dabei nicht nur an die berühmten Vasen und Gemmen. Wie in Griechenland und Rom in den Verzierungen von Gebrauchs­ gegenständen des täglichen Bedarfs eine ständige Anregung der Sexualsphäre 21

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angestrebt wurde, so war es natürlich auch mit den Wandgemälden, in den Wohnzimmern und Schlafgemächern der Antike, die größtenteils geschlecht­ lichen Inhalt hatten. Ein so ausgezeichneter Kenner der Antike, wie Hans Licht, weist ausdrücklich darauf hin, „daß dadurch eine beständige Erotisierung des Gehirns und damit eine Potenzierung der Geschlechtslust erreicht wurde. Für Griechenland sind wir hier auf die Schriftquellen angewiesen, da uns Originalgemälde aus Hellas leider nicht erhalten sind. Aber aus dem römischen Kulturbereich haben wir noch eine stattliche Anzahl erotischer Wandbilder, aus den verschütteten Vesuvstädten Pompeji, Herkulaneum und anderen, die zwar allmählich der Zerstörung entgegengehen, von denen ich aber eine große Anzahl nach neuen fotografischen Aufnahmen in meiner „Sittengeschichte Griechenlands“ abgebildet habe.“ Bei Behandlung bildlicher Darstellungen als geschlechtliche Reizmittel müssen wir noch einer Sonderform gedenken, der Tätowierung. Über Zweck und Bedeutung der Tätowierung sind Meinungen im Um­ lauf, die durchaus nicht immer den Tatsachen entsprechen. Sicher ist bei vielen Naturvölkern die Tätowierung als Ausdruck der Stammeszugehörigkeit, der Rang- oder Standesfunktion aufzufassen. Sie galt auch als Amulet, als stets wirksames Zaubermittel u. a. m. Falsch ist es aber, in ihr eine primitive Vorstufe der Kleidung zu sehen, die zur Verdeckung der Nacktheit ange­ wendet worden wäre. Wir wissen aus den Ergebnissen der vergleichenden Ethnologie, daß die Kleidung der Naturvölker mit dem Schamgefühl so gut wie nichts zu tun hat. Es scheint vielmehr, daß die Tätowierung in ihrer ganzen Art und Aus­ drucksform sehr eng mit dem Geschlechtsleben verknüpft ist. Sie dient als geschlechtliches Schmuck- und Lockmittel und es ist nicht von ungefähr, daß bei zahlreichen Naturvölkern der Südsee die Mädchen zum Zwecke sexueller Anreizung ausschließlich die genito-anale Körperregion, besonders auch den Schamberg, tätowiert erhalten, damit die Schamgegend interes­ santer, reizvoller und sie dadurch auch selbst anziehender wirken. Auch in unserer Zone finden sich Tätowierungen relativ häufig, wobei auffallend ist, welche außerordentlich starke Rolle erotische Motive in der Darstellung spielen. Die Tätowierungen finden sich zum weitaus größeren Teil bei Per­ sonen männlichen Geschlechts und es ist uns verschiedentlich berichtet worden, daß z. B. im homosexuellen Verkehr die Demonstration der ero­ tischen Tätowierung als erotisches Stimulans angewendet wird. In roma­ nischen Ländern finden sich nach Scheuer erotische Tätowierungsmotive vor allen Dingen auch bei weiblichen Prostituierten. Sie sind zumeist an diskreten Stellen angebracht, um die Lust des Mannes anzureizen und seine Aufmerk­ samkeit auf die sonst verdeckten Körperteile zu richten. Man bevorzugt oft sogar die farbige Ausführung, wodurch der sexuelle Reiz der Tätowierung noch erhöht wird. Daß nach Rau bei Verbrechern, die sich in Gefängnissen 324

tätowieren lassen, masochistische Triebe mitwirken, halten wir für möglich, ist aber im Rahmen dieser Darstellung aus den in der Einleitung mitgeteilten Gründen unerheblich. Wir erwähnten bereits oben die Rolle der Tätowierung als Amulet bei den Südseevölkern. Analog damit begegnen wir symbolischen Darstellungen in der Tätowierung sehr oft auch als Liebeszauber. Freilich haben Leblanc und Lucas darauf hingewiesen, daß sich viele Pariser Prostituierte auch deshalb tätowieren lassen, um die Zeichen syphylitischer Erkrankung zu verdecken. In diesem Zusammenhänge sei auch auf die Arbeiten von Dohi und Florenge hingewiesen, deren Untersuchungen die Vermutungen der obengenannten Autoren wahrscheinlich machen. Wie oft die Anbringung der Tätowierung vom Träger in späterer Zeit bedauert wird und peinliche Operationen notwendig macht, ist allgemein bekannt. Eugen Holländer berichtet den immerhin eigenartigen Fall, wonach er einer Prostituierten ein Stück Haut mit obszönen Tätowierungen auf Ver­ anlassung des Fürsorgeamts, entfernen mußte, weil sie in dem Betrieb eines unter Schwestemaufsicht stehenden Instituts aufgenommen war. Unter den psychologischen Reizmitteln, die auf visuellem Wege wirken, bedürfen die Farben einer besonderen Berücksichtigung. Bereits an anderer Stelle (s. S. 308) berichteten wir von dem Farbenklavier Karls von Eckarts­ hausen. Aber auch sonst ist uns verschiedentlich berichtet worden, daß be­ stimmte Farben auf den Geschlechtstrieb stimulierend wirken sollen. Be­ kannt ist ja die Volksmeinung, die für den Neid die gelbe Farbe, für die Hoff­ nung die grüne Farbe und für die Liebe die rote Farbe als typisch bezeichnet. Im Archiv unserer „Psycho-biologischen Fragebogen“ befindet sich auch ein Lebenslauf, in dem ein Architekt unter Beifügung kolorierter Zeichnungen auseinandersetzt, daß der Wandanstrich bezw. die Farben der Tapeten auf seinen Geschlechtstrieb einen ganz wesentlichen Einfluß haben. Er kennt Räumlichkeiten, deren Innendekoration lusterregend und solche, deren Innendekoration auf den Geschlechtstrieb abschwächend wirkt. Hierbei scheint es sich aber um individuelle Eigenheiten zu handeln, die auf einer besonderen Prädisposition erwachsen sind und auf eine psychopathische An­ lage zurückgeführt werden müssen. Merkwürdig ist auch, daß in einer der zahlreichen Ladenbroschüren, die in der Tagespresse dem Publikum als „Neue Wege zur Verjüngung“ angeboten werden, folgende Mitteilungen zu finden sind: „Ich kann mit Rotund Gelblicht Nerven- und Geschlechtskräfte anbauen, den erregten und überreizten Menschen unter dem Einflüsse eines gewissen Gelbglases ruhig machen, den Rythmus seiner Lebens Vorgänge vorteilhaft beeinflussen, ihn sozusagen in Harmonie bringen . . . . Man kann sich da mit Stückchen far­ bigen Glases, die man in einen im übrigen verhüllten Rahmen in das Fenster stellt, oder abends mit farbigen Lampen ganz wunderbare Kraftquellen und 325

hygienisch-therapeutische Hilfsmittel erschließen. Außerdem auch Gelb­ bestrahlung des Unterleibes im Wechsel mit rot durch dafür bestehende Bestrahlungslampen oder aber auch in einfachen Vorkehrungen häus­ licher Selbsthilfe zur Hebung des Allgemeinbefindens und der Nervenund Geschlechts kraft.“ An einer anderen Stelle heißt es dazu: „Ich erkannte ferner, daß man mit gewissen Farben die Nerven und das Geschlechtsleben zu stärken vermöge. Ein angenehmes Rot im Wechsel mit schönem, kräftigem vielleicht ins Orange schlagendem Gelb stärkt die Geschlechtskraft. Man weiß, daß die Chinesen ein sehr nerven kräftiges Volk sind und sie ver­ danken es ihrem Farbenkult, vor allem der Pflege des nervenstärkenden Gelb.“ In Laienkreisen findet man sehr häufig die Meinung verbreitet, daß die grüne Farbe auf den Sexualapparat besonders anregend einwirken soll. Be­ kanntlich ist bei Übermüdung der Augen ein Ruhen des Blicks auf grünen Flächen eine Erholung; diese Tatsache ist in weiten Kreisen bekannt und es kann nicht Wunder nehmen, daß diese Wirkung des Grünen auch auf andere Gebiete übertragen worden ist. Bezeichnend ist, daß seit Verbot der Ver­ wendung des Schweinfurtergrün zu Farbanstrichen hier und da die Meinung aufgetaucht ist, daß dieses Verbot nicht wegen der Gesundheitsgefahrlichkeit, sondern wegen der sexuellen Reizwirkung erlassen sei! Man wußte einer­ seits, daß das Schweinfurtergrün Arsenik enthält und hatte andererseits die geschlechtliche Reizwirkung des Arseniks gekannt. So wurden dem Ge­ setz vom 5. Juli 1887 über die Verwendung dieser Farbe Motive unter­ geschoben, die absolut nicht stichhaltig sind. Bekanntlich wird das Schweinfurtergrün durch Kochen von Grünspan mit Arsenik und Essig hergestellt, das etwa 33% Kupferoxyd, 56% Arsenik­ säureanhydrid, 8 /►»

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