Lehrjahre eines Gora-Schülers (Gindler Arbeit)

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Lehrjahre eines Gora-Schülers (Gindler Arbeit)

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Für Renale, die mir nicht nur bei der Entstehung dieses Buches geduldig zur Seite stand, sondern mit mir seil 29 Jahren verständnisvoll und mit viel Rückhalt durch dick und dünn gehl.

Gunter Stallmann Lehrjahreeines Gora-Schülers

MeinWegzu Gora

Alsichim Jahre 1976meinerAtem-Lehrerin,FriedaGoralewski,von ihren Schülern schlichtGora genannt, zum ersten Mal begegnete, war ich siebenunddreißigJahre alt, hatte zwei Berufe zu Grabe getragen,einigeHoffnungenverbranntund manchesLeidbeerdigt. Damals ahnte ich nicht,dass die Begegnungmit Gora ein entscheidender Einschnittsein würde, der meinem Leben eine neue Richtung gab. Gora trat als ein wirklichesGottesgeschenkin mein Leben.Mehr aus Intuition als von klarer Überlegungoder Suche geleitet,hatte michmein Wegdamals zu ihr geführt.Wahrscheinlichwar es eine SacheschicksalhafterEingebungoder ein Zufall;und dennochhatte das GanzeetwasseltsamBestimmtes.Eineswar sicher,ich hatte ins Schwarzegetroffen.Dassich michan einer „Schuledes Lebens"eingeschriebenhatte,war mir allerdingsnichtklar,als ich michderzeit für die Körper-Arbeitentschied.Dochrechtbald wussteich,in Gora hatte ich eine weise Wegbegleiteringefunden, und ich vertraute michihr bis zu ihrem Todim Januar 1989 und darüberhinausan.

ErsteBegegnung

An der Schwelledes Jahres1976suchteich Gorazum ersten Malauf. Es geschah aus dem Impuls,etwas für mein krankes Knie zu tun. Allerdings wäre es eine nachträgliche Verdrehung, wollte ich behaupten,dass alleinder Gedankean mein lädiertesKniemichzu ihr führte. Meine Freundin Renate hatte voller Begeisterungvon Goraerzählt.Ichwurde neugierigund machtemichmit ihr gemeinsam auf den Weg in die NaussauischeStraße, Goras damaliges Zuhause. Wasich bei der ersten Begegnungerlebte,blieb mir unvergesslich. Goraselbstöffnetemir dieTür und empfingmichfreundlich.Ichwar überrascht,so eine kleine,zierlichePerson hatte ich nicht erwartet. Ebensowar ich nicht darauf vorbereitet,dass Gora,durch ein Hüftleiden stark behindert,an einem Stock ging. Ich war irritiert, ihre Erscheinungpasste so gar nicht in mein Bild von einer Atem-und Bewegungslehrerin.In den hellen,hohen Räumender BerlinerAlt-

bauwohnungjedochherrschte eine spürbar angenehme,harmonische Atmosphäre,so dass sich in mir recht schnellein Wohlgefühl einstellte. Zuerstbetrat ich den Umkleideraum.Hierstand ein Regalmit allerlei merkwürdiganmutendenUtensilien.Dünneund dickeHanfseile lagen im untersten Fach am Boden,darüber befanden sich farbig bezogene,dicke Rollen.Bälle in verschiedenenGrößen und eine beachtlicheZahl bunter Sandsäckchenwaren in Körben untergebracht, Balancierstangenhingen geordnet an speziellenHalterungen,und in einerKistefandeineVielzahlvon HolzkeulenihrenPlatz. Dem Regal gegenüber stand ein vergilbtesSkelett,welches wohl dem Anschauungsunterrichtdiente. Aufdem Wegzur Toilettehatte ich Gelegenheit,einen Blickin Goras Schlaf-und Wohnraumzu werfen.Das Zimmer lag dem Arbeitsraum gegenüber;die Tür stand - wie ich später bemerkte - immer dann weit offen,wenn nichtgeradeeine Einzelstundestattfand.Der Raumwar einfacheingerichtetund beherbergtekeineüberflüssigen Besitztümer.In seiner Schlichtheitstrahlte er eine wohltuende Behaglichkeitaus.NebeneinemeinfachenBettgestell,einemNachttisch,einemHockerund einemBücherregalbildeteein runder Tisch den Blickpunktdes Raumes.Aufdem Tischstanden vieleBlumensträuße, kleine Geschenkpäckchenund Briefelagen dort ebenfalls zu Hauf.ZweiBilderschmücktendie Wände. Nachdemich michumgezogenhatte,betrat ich beinahe ehrfürchtig und schüchtern den Turnraum, der mit einem roten Wollteppich ausgelegtwar.- WieGora uns später erzählte,war diese kräftigrote Farbeim Zusammenspielmit den sonniggelbgestrichenenWänden besonders geeignet, die Entspannung und Aufmerksamkeitder Schüler zu fördern.- Gora saß bereits mit einer Präsenz,die den Raum erfüllte,auf einer kleinen Bank.Ihre Hände ruhten in ihrem Schoß,regungslos,aber nicht schlaff,sondern wie gute Hüllen um ein starkes Leben.Zumersten Maldurfteichmiterleben,welchwunderbare Gelassenheitund gesammelteStillevon diesem Menschen ausging. Als der Unterrichtbegann, geschah für mich etwas Unglaubliches. Da saß diesesehr kleine,schmale,in einen Faltenrockund eine weiße Blusegekleidete83jährigeFrauaufihrem Bänkchenund begann mit einer unerhört lebendigen,kraftvolljungen Stimme den Unter-

richt mit den Worten:,,Nunspüren Siesicheinmal ordentlichin den Körper!Spüren!Spüren!Sichräkeln!"Goras klare,warme Stimme füllteden Raum.WelchlebensbejahendeKraftlagdarin!DieseStimme traf mich in meinem Innersten.Ganz eingenommendavon,hob ich meinen Kopf,um mich zu vergewissern,ob es wirklich diese scheinbargebrechlicheFrau war, die jetzt sprach.Ja, da saß dieser fast durchsichtigwirkende, zarte Menschin ruhiger Gelassenheit.

Da war nichtsvon Gebrechenund Alterzu spüren,ganz im Gegenteil.VollgeistigerBeweglichkeitund Frische,dem Unterrichtdurch und durch zugewandt,wies sie uns Schülerauf die Notwendigkeit hin,das Lebenin uns lebendigwerden zu lassen.Mitihrer enormen Vitalitäthatte sie mich sogleichin ihren Bann gezogen.Und diese Präsenz!EineGegenwärtigkeit,die mir völligneu war.Ja,daswar es, was ichvom erstenTagan an Gorageliebthabe! Wir Schüler versammelten uns um Gora, wie um jemanden, der Lebenerzeugt.Beiihr konntenwir miterleben,wiesie tagein,tagaus auf die lebendigsteWeiseden Unterrichtgestaltete.Mit ihrer ruhigen Stimmewies Gora uns an, uns hinzulegen;sie ließ uns vielZeit, in einen Zustand der Bereitschaftund Empfänglichkeiteinzutauchen.Zunächsteinmal schuf sie das richtigeinnere Klima,das die nötigeRuhe gewährte,um unsere ungeteilteAufmerksamkeitdem Körperund den Sinnenzuzuwenden.In einerAtmosphäreder Stille und Offenheitkonnte sie ihre Schüler wie Zen-Möncheund ZenNonnen in Meditationzu sich selbst bringen.Hier wurden wir aus unserer vertrauten Gewohnheit,unsere Sinne nach außen zu richten, herausgenommenund in einen KokontotalerAufmerksamkeit eingesponnen.Wirwaren in das vertieft,was Gora uns als Aufgabe stellte und kamen mehr und mehr in Beziehungzu uns selbst.Das Denken schwand im Genügen an den Sinneswahrnehmungen dahin. Aus der wachsendeneigenen inneren Stille heraus fühlten wir uns in jenes Gewahrseindes Geschehensein, das ständig von einem Augenblickzum anderenvor sichgeht.Wirwaren bereit,mit aufgeschlossenemGeist die Erfahrung in uns wirken zu lassen. Indem wir mit unseren Sinnen und unserem Körper in Kontakt kamen,wurden wir uns auch unserer geistigenVerfassungbewusst und konnten teilnehmen an dem Vorgangdes Geschehenlassens, befreitvon hinderndenGedanken. Da lagen,standen,gingenodersaßen wir und erforschten,erspürten unter GorasAnleitunguns selbst- unser Sein und unser Verhalten. Wir lauschten dem Atem, wie er durch den Körper fließt. Unser Wahrnehmungsvermögenentwickeltesich in uns durch Achtsamkeit wie ein neues Organ. Nicht,dass ich zu diesemZeitpunktall diesesschonbegriffenhätte, ganz im Gegenteil,eigentlichverstand ich anfangs ganz und gar nicht,worum es bei dieser Arbeit ging. Sitzen,stehen, laufen und

atmen machte ich doch immerzu,was sollte ich denn nun noch lernen? Bis ich das verstehen konnte,musste noch eine geraume Zeit verstreichen.Abernichtsdestotrotzfühlteich michan diesemersten Tag nach dem Unterrichtirgendwieanders, leichterals zuvor,aber mehr hätte ich nicht dazu sagen können. Am Ende der Stunde fiel mir auf,dass sichdie Schülervon Gora mit großer Herzlichkeitund Dankbarkeitverabschiedeten.

Aufden Körperhören

Für mich als Anfängerwaren die ersten Stunden nicht nur angenehm. Ich erinnere mich noch rechtgut daran, wie schwerich mich in der ersten Zeit tat, etwas zu begreifen.Davonmöchteich ein Bild geben. Beinahe regelmäßig begann Gora den Unterrichtdamit, uns erst einmal die Füße und Beine durchklopfenzu lassen. Ich schlug so energischauf meine Beine ein, dass Gora mit einem vergnügten Lächelnzu mir sagte:,,NunerschlagenSie sich nichtgleich!Spüren Sie!KommenSie in Kontaktzu Ihren Beinen!Gehen Sie behutsam mit sich um! Die Hände und die Schulterndabei lockerlassen!"Ich war an die Aufgabeohne Beziehungzu mir selbst herangegangen, ganz mechanisch,war voller Wollenund einer gigantischenFestigkeit. MitfröhlicherStimmeforderteGora uns auf:,,Nunräkeln und dehnen Sie sich mal tüchtig!"Ich riss die Arme aus den Schultergelenken hoch und bewegtemich unter größtem Einsatzso demonstrativ hin und her, dass man wahrlich hätte meinen können, ich bringe mich um. Alles war von außen gemacht,ohne innere Teilnahme, nichts erspürt, sodass ich die Dehnung und deren Auswirkungim Körperüberhaupt nicht wahrnahm.Auchalle folgendenBewegungen machte ich mit zuvielWollen,Anstrengungund Druck,anstatt t die Sacheheranzugeaus innerer Stilleund mit Aufmerksamkeian hen. Ichhatte eine Idee im Kopfvon dem, was wir tun sollten,nämlichdie Vorstellung,dass ich mich anstrengenmusste,um etwaszu erreichenund gut zu machen.Dabei zog ich unbewusstden Bauch ein, hielt den Atem an, drückte die Kiefergelenkeineinander und bemerkte nicht, dass all dies mit dem wirksamen Funktionieren

meines Körpersnicht das Geringste zu tun hatte. Ich hörte Gora: ,,Öffnetsich da etwas in Ihnen für das, was gerade im Momentpassiert? Warten,bis der Organismusselbst sein Bedürfniskundtut." Wasmeintesie damit?Ichtat dochdas,was sie uns vorgab,oderetwa nicht? Gorawiesuns daraufhin,dasswir uns erst einmalinnerlichauf eine Aufgabevorbereitensollten.Gora: ,,DieVorbereitung,die Einstimmung ist wichtig!Bin ich in Kontaktmit mir und zu meiner Aufgabe? Kann ich warten, bis ich im Gesamten auf diese Aufgabe eingestelltbin und sich dann die Bewegungvon innen heraus entfaltet,ohne dass ich willentlichetwas dazu tue? WievielUngeduld wird beim Ausführeneiner Aufgabespür-und sichtbar?" Anstatterst einmal das,was mein Körpermir signalisierte,auf mich wirken zu lassen,so wie es war, wollte ich unbedingt sofort etwas nach außen verändern.Gora:,,Nichtsmachen,nur etwas zulassen! Es sich dehnen lassen.Nur erlauben,was von selbst kommt. Empfindsamwerden für die Vorgänge,die sich in uns abspielenwollen und den kleinstenVeränderungen,die nötigsind,nichtim Wegestehen:' Ichwolltemöglichstallesgut machen,deshalbkam icheinfachnicht von der Absichtlos, es richtigmachen zu wollen.Ich meinte,wenn ich es nach außen gut und richtig mache,dann sei es gleichgültig, was ich dabei spüre und erlebe.Zumalichja auch sowiesonichtviel spürte.Im Laufemeiner Ausbildungermahnte mich Gora des öfteren:,,LassenSiedochdiesewildeEntschlossenheit,es gut machenzu wollen.In den Schläfen,in der Stirn,am Schädelrandlockerlassen, überall loslassen.Nicht denken, nicht wollen,nicht machen. Man muss ein Gespür dafür bekommen,wie man an die Dinge herangeht. Wirwollendas Leben immer begreifen,anstatt uns ergreifen zu lassen.Die aktive Haltung ist am falschenPlatz.Wennwir von etwasergriffensind,kommt das Begreifenganzvon selbst:'Anfangs habe ich GorasWortenur gehört,der Inhalt des Gesagtenerreichte mich nicht. Immerwiederließ ichmichvon einerArtEhrgeizund persönlichem Vorsatzleiten. Lange Zeit hatte ich das unbestimmte Gefühl,eine Prüfung bestehen zu müssen, durch die ich dann immer fiel,weil meine Ergebnissenicht meinen überspanntenund falschenErwartungen entsprachen. Wieso wurde ich nicht gelobt für meine

Anstrengungen?Sah Gora nicht wie sehr ich mich bemühte? Ich dachte:Ichbin hier der schlechtesteSchülerund begreifegar nichts. Alsich dies eines TagesGora gegenüberäußerte, sagte sie: ,,Esgibt keine guten oder schlechtenSchüler,es gibt nur das Gewahrsein oder den Mangelan Gewahrseindafür,was in unserem Lebenvor sich geht."Einmal entfuhr mir bei dem Versuch,einer Anweisung Goras zu folgen:,,Ichkann es nicht!"WoraufGora sehr bestimmt antwortete:,,Soetwasgibt es gar nicht:Das kann ich nicht!" DesbesserenVerständnisseshalber möchteich hier erwähnen,dass die Gindler/ Goralewski-ArbeitkeineTechnikist.Der Lehrerbringt dem Schülerkein besonderesKönnenbei. Die Aufgabenstellungist von jedemzu erfüllen.Esgeht also nichtum die Aufgabeals solcher, sondernum das „Wie":Wieführeichbewusstund erspürteine Bewegung aus.Mankönntevielleichtsagen:Esgeht um die Qualitäteiner Bewegung.Um diese zu erforschen,bedarf es zunächsteinmal der Neugierund des Interesses,damit die notwendigegeistigeAusrichtung gegebenist.DasjeweiligeaktuelleBefindenwird dann erspürt wir müssenoffensein für das,was wirfühlen und wahrnehmenund, wennnötig,Veränderungenzulassen.Waswir brauchen,ist Gewahrsein.Das Lebenin uns und um uns gewahr werden.Die Erfahrung, wie sie sich in jedem Augenblickanfühlt,ohne Urteiloder Idee aufnehmen.MitanderenWorten:Wirsolltendie Erfahrungselbstzulassen und nicht noch Meinungen und Beurteilungen über sie hinzufügen,denn sonsthaben wir uns von dem Seingetrennt.Wenn wir die Schwerkraftnichtspüren,dann solltenwir nichtdenken:,,Ich spüre keine Schwerkraft:'Wennwir die Schwerkraftaber spüren, sollten wir auch nicht denken: ,,Oh,wie wunderbar,ich spüre die Schwerkraft."Es genügt zu beobachten,was wir spüren.Wir lassen die Vorgängesich in uns abspielen,Sekunde für Sekunde,ohne sie im Geringstenzu beeinflussen. Es geht bei dieser Arbeitnicht um Übungen,die wir entwedergut oderwenigergut ausführen,sondernwir schulenunserBewusstsein für gegenwärtigesGeschehen.Bei jeder Gelegenheitkönnen wir volles Dabeisein und Geöffnetseineinbringen,wenn wir Kontakt mit unserem Inneren aufnehmen und aufgeschlossensind. Das Augenmerkliegt auf der inneren Beteiligung,die stets vom natürlichen,freienAtembegleitetwird.MitmechanischemÜbenerzielen wir keine entscheidendenÄnderungenin unserem Gesamtverhal-

ten.Der AkzentdieserArbeitliegtauf dem Erfahren,Erspüren,Erleben unseres sich ständig verwandelnden körperlichen,geistigen und seelischenGeschehens.Gora: ,,Ichmöchteaber nicht,dass Sie sicheinfachauf das verlassen,was ich sage.Darum geht es nicht.Es ist ein Prozess,bei dem wir selbstherausfindensollen,wiewir funktionieren". Nachdem Räkelnarbeitetenwir häufigerst im Liegen.Gora forderte uns auf, die Wirkungder Schwerkraftzu entdecken.Gora:,,Spüren Siedie Erdeunter sich?Sieträgt uns.RuhenSieauf dem Boden? KönnenSie erlauben,das Gewichtan den Bodenabzugeben?Spüren Sieeinmalihr eigenesKörpergewicht! Einfachsichselbstspüren: Kopf,Brustkorb,Becken,Beine,Fersen,Arme.- Und wie wirkt die Schwerkraftauf den Atem?Aufdas Innere unseresKörpers?" Goras AnweisungenFolge zu leisten, fiel mir schwer.Ich spürte weder mein Körpergewich~noch nahm ich wahr, wie der Boden michtrug,so sehr ichauchversuchte,etwaszu spüren.Daswar auch nichtverwunderlich,denn ich folgteder zwanghaftenGewohnhei~ vom Kopfher zu suchenund zu verstehen,aber geradedas war nicht nur überflüssigund störend,sondernvölligunzweckmäßig. Ich hörte Goras Worte:,,Sichselbst fragen: Wie bin ich in diesem Augenblickda? SuchenSie Ihren Körper,und spüren Sie sich in ihn hinein!"Aber ich wurde zunächst nicht klug aus dem, was sie mit „suchen"überhaupt meinte.Viele,vieleMonatespäter dämmertees mir dann. Sie meinte damit weder das Suchen mit dem Verstand, noch mit dem Willen,sondern ein Erforschen,Tasten,Bereit-sein, Lauschen,Warten-können,ein sich Einlassen.Beim Suchen oder Hineinhorchenkommt schließlichdie Erkenntnisganz von selbst. Dafürbrauchenwir keine Lehrerinoder keinenLehrer.Diesehelfen nur,mit ihren Anweisungenden Wegzu ebnen,und sie zeigenuns, wie und wo wir suchen können und welche körperlichen Zusammenhängeaufzuspürensind. Das Gewahr-werdenund die Verfeinerungunserer vielschichtigenSinneswahrnehmungen ist ein persönliches,individuellesEmpfinden,das niemandlehren oder zeigenkann. Wirvertrauen nur unserer Eigennatur,den innewohnendenFähigkeitenunseresOrganismus. Gora konfrontierte uns mit Fragen, die für mich anfangs völlig unverständlichwaren. Gora:,,Hatdie Atmunggenug Raum? Ist es möglich,sich dem Spü-

ren zu überlassen, ohne zu denken? Kann ich meine Gewohnheiten aufgeben? KönnenSie spüren,wie die Beineaus dem Becken am Schädelrandhängen?" Anfangs machten mich solche Fragen ratlos, und ich blieb lange außerhalb der Erfahrungstehen,auchwenn ich michihr beharrlich zu nähern versuchte.Das Erleben,was im Organismusvor sichgeht, war mir fremd.Das,was sich in mir abspielte,davonhatte ich nicht die leisesteAhnungund keinerleiunterscheidendesEmpfinden. MitlebhafterStimme ermahnte uns Gora:,Wirwissenkaum noch, was es heißt an etwasbeteiligtzu sein.Dass wir leben,müssenwir erfahrenund nichtnur wissen.Nun fühlenSie,was in Ihnen vor sich geht erlebenSie,werdenSiesichIhresKörpersals Ganzesbewusst!" Das ist alles schönund gut dachteich,aber was tut man, um es ins Gefühlzu bringen?Wieschaffeiches, dass ichmichals Ganzesspüre; wiewerde ich mir dieser Empfindungbewusst?Ichverstanddas alles nicht. UnterGorasAnweisungführtenwir vielfältige,einfacheund an sich von jedem Menschenzu leistendeBewegungenaus. Gora:,,Lassen Sie das Beckenlos!Spüren Sie,wie es mit der Wirbelsäuleverbunden ist. Wenn das Beckennicht hängt können die Schultern nicht loslassen.Allessteht in Wechselwirkungzueinander:'Selbstwenn ich ruhig auf dem Bodenlag,spannte ich unbewusstund unnötigerweiseMuskelnan. DieseAnspannungfixiertesich im Gewebe,dieseswurde fest störtedieAbläufeim Mechanischenund vorallemdie Durchblutung, wodurch auch die Beziehung zur Schwerkraft erstarrte. Ich war an diese dauernde Überspannung,die sich vom Geistigenüber das Vegetativeauf das Organischeauswirkte,so sehr gewöhnt dass ich sie gar nicht als etwas Störendes bemerkte. Es wolltesich nichts legen,ordnen und verwandeln.Da war im wahrsten Sinnedes Wortesnichtszu machen. Was können wir gegen Verspannungenund sonstige Störungen tun? Natürlichkann man sich nicht zwingenoder sich sagen: Lass los!und dann erwarten,dass die Verkrampfungennachgeben.Das funktioniertleidernicht.UmVerspannungenaufzulösen,muss man sie zunächstals solcheempfinden,das heißt man spürt sie in sich selbst auf, man schult sich darin, sie wahrzunehmen.Wir können also lernen, uns der Körperempfindungenbewusst zu werden,die den Verspannungenzugrunde liegen.Waswir demnachbrauchen,

ist die Möglichkeitder Bewusstwerdung.Erst dann wird die differenzierteFähigkeitentwickeltVerspannungenin ihrer ganzenTiefe nach und nach aufzulösen.Dies geschiehtallmählich,durch ständiges Probieren,Experimentierenund durch die wachsendeungeteilte Aufmerksamkeitmit der wir alle Bewegungenvom Morgenbis zum Abendausführensollten. Gora:,,Nichtmit dem Willenan eine Sache herangehen,es geschehen lassen!"Eigentlichkonnte ich mir damals gar nicht vorstellen, dass etwas in mir ohne meinen Willengeschehenkann, nämlichin dem Sinne:Esgeschiehtmir!- MeinWillestand mir zu sehr im Weg. Die Gewohnheitetwas zu „machen"und es nichtgeschehenzu lassen, saß sehr tief. Ständig „wollte"ich eine von Gora angeleitete Bewegung,wie etwa die Arme heben,gut machen,anstatt gelassen und mit innerer Bereitschaftund Beteiligungdie Bewegungaus mir heraus entstehenzu lassen.Wieoft wies michGora darauf hin, nicht mit meinem „Wollen"an das Leben heranzugehen.Gora: ,,Nichts machen, nur Änderungenzulassen!Nur erlauben, was von selbst kommt' MeineeingefleischteGrundhaltungaber hieß:,,Ichnehme die Sachein die Hand,ichwerdemichbemühen."Nur,solangemein .,Ich"so vorging,lebte ichnichtwirklichin der Erfahrung. Gora versuchte,mit immer neuen sprachlichenBildernuns in eine Gestimmtheit zu bringen, in der nichts mehr gedacht, geplant erstrebt erwünscht erwartet wurde;also in einen Zustand,der von Grund auf absichts-losund ich-loswar. Erst wenn dieses „ichwill" nicht mehr im Vordergrundsteht sind wir in der Lage,dem Leben oder dem Ruf des „wahrenSelbst"zu dienen.Wir können ja auch nicht mit dem WillenGefühleerzeugen oder unterdrücken.Es ist nichtmöglich,mit dem Willenunserem Nackenzu sagen:Jetztentkrampfedich!Es ist sinnlos!Man kann nicht mit seinem Ichbefehlen: Lasslos!Es klappt nicht.Wennwir hinhören,um Musikbesser aufzunehmen,dann tun wir etwas,greifenein,statt nur offenfür die Klängezu sein, die ganz von allein an unser Ohr herantreten.Wir können nichtbesser hören,wenn wir hinhören,besser sehen,wenn wir hinsehen oder besser denken,wenn wir uns dabei anstrengen. Wir hindern ständig die dem OrganismusinnewohnendenFähigkeiten des Zusammenwirkens,wenn wir die natürlichenAbläufein uns nicht einfachgewährenlassen.Um sich diesen inneren Bedürfnissenüberlassenzu können,muss man wachsein.Undeben dieses

Wach-werdenbeziehungsweise Wach-sein ist ein wesentlicher AspektdieserArbeit.Dazu bedarfes der Offenheitund der geistigen Bereitschaftoder,anders ausgedrückt,einer sinnlichenund kontemplativenEinstellungzur Erfahrung. Ich benötigteviele Jahre der Praxis,bis ich das heimtückischeund tief verwurzelte Streben, Wollen und das Sich-anstrengen als Hemmschuherfuhr und es nach und nach lernte,aufzugeben.Später entdeckte ich durch die Erfahrungdes Geschehen-lassensund durch die Überwindungder Klippenauf dem Wegedahin, dass der Wahn des Machen-müssensUnfreiheitbedeutet und viele Dimensionendes Seinsignoriert. Nichtnur im Unterricht,auch im täglichenLeben stürzte ich mich auf Aufgabenoder Tätigkeitenmit dem Bemühen,bald ans Zielzu gelangen,schnelletwaszu erledigen,anstatt ohne Hastdas Bewusstsein auf die Handlungzu richtenund sie gelassenauszuführen.Wie sagte uns Gora einmal im Unterricht:,,Wirlassenjede Sachereifen und beobachten nur das Wachsen,wie ein Gärtner das Wachsen einer Pflanzebeobachtet.Wirkönnen nichtserzwingen;wir können es aber ohne Eile,ohneZweckund ohne Zielwachsenlassen.Sobald wir unsere Bereitschaftdavon abhängig machen, dass wir etwas schnellerledigenwollen,stimmt etwasEntscheidendesnicht." InjederUnterrichtsstundehörtenwir vieleMaledasWort:Loslassen. „NunlassenSie dochlos!Loslassen,geschehenlassen!LassenSiees atmen!HaltenSiesichnichtan sichselbstfest!Lassensie endlichdie Brustbeinspitzelos,die Rippen!Erstdann kann es freiin uns atmen!" Mit Loslassenwar jedochnicht gemeint,unsere Spannkraftzu verlieren,sich gehenzulassenoder gar schlaffzu werden,also die Vitalität einzubüßen. In reiner Aktivität benötigen wir keine Anspannungüber die physischeMuskelanspannunghinaus,die zur Aktivitätselbst notwendigist. Gemeintwar also,zu lernen,jeweils nur soviel Kraftaufzuwenden,wie der Körperfür die Ausführung einer ökonomischenBewegungbenötigt.Unter Loslassenverstand Goraweiter,sichallen hemmendenErscheinungendes Körpers,die wir Anspannung,Verspannungoder Blockadenennen, gewahr zu werdenund sichin die entsprechendenKörperbereicheimmer tiefer hineinzuspüren.Gorabezogdas Loslassennichtnur auf den Körper und auf den Atem,sondernauch auf das Vertrauenin das Lebenmit seinen Gedanken, Glaubensanschauungen,Begriffen,Gefühlen,

Vorstellungen.Für sie war das Loslassendie grundlegendeHaltung des Vertrauens.Es ist wie mit der Atmung.Wirbrauchenkeine Kontrolle des Atmens,sondern das Vertrauen,dass der Atem einfach ganz alleinzwanglosund unverkrampftkommt und geht.Diessteht als Symbol,wie auch als praktischeHilfe,um das ganze Lebenauf allen Ebenenkommen und gehen zu lassen,ohne nach ihm zu greifen,da die Weise,wie ein Menschatmet,bezeichnenddafür ist,wieer lebt. Es klingt heute noch in meinen Ohren,als Gora im Unterrichtmit heiterer Stimme sagte:,,SeienSie doch mehr bei sich und mehr da für das, was Sie gerade tun und was in Ihnen geschieht und nur dafür!Nichtssonst.Das wäre vielleichtdas Dringlichste,das andere kommt dann ganzvon selbst'

Sehnsuchtnach neuen Wegen

Nachdemich etwa einen Monatan GorasUnterrichtteilgenommen hatte, rief sie mich zu sich.Mein Herz klopfteaufgeregt,als ich ihr gegenübersaß. Sie fragte,ob mich diese Arbeitanspreche.Mit der scheuen Furchtsamkeiteines Neulingsbedankte ich mich für die Stunden und bejahte ihre Frage,allerdingsnicht aus vollsterÜberzeugung.Ich verstand nämlich noch gar nicht richtig,um was es ging.Außerdemtat ichmichschwer,ichwar so verkrampft,dasssich die rechte Freudeund das rechteVertrauenin die Arbeit noch nicht eingestellt hatten. Vielleichtahnte ich aber instinktiv,dass diese „Arbeitam Menschen"- wie es Frau Eisa Gindler,auf die diese Arbeitzurückzuführenis~einmal nannte - trotz aller Widrigkeiten, odergeradedeshalb,das richtige„Fach"für michwar.Meintäglicher Gang in Goras Unterrichtwurde nicht von rationaler Überlegung geleite~sondernintuitivgehorchteicheineminneren Auftrag.Ganz im Verborgenenarbeitete etwas in mir, das mich veranlasste,ganz regelmäßigan den Stunden teilzunehmen.Man sagt ja auch „Holz arbeitet".In diesemSinn meineich,wollteichwiederentdecken,was in mir arbeitete. VonBeginnan bestärkte Gora mich in dem Gefühl,dass ich etwas für michtun und mein eigenesLebenselbstverantwortlichauf mich nehmen konnte.Sie leitete mich,sie gab mir einen Schlüsselin die

Hand,zu dem ich das Schlossfinden sollte.Mit der Zeit nahm ich immerstärker ein heimlichesAufflackernwahr,spürteden Funken, der michmit blindemEiferin den Unterrichtgehen ließ. Die Kraft,die michtrieb,die michüber dieseArbeithinausins Leben und durchs Lebenführte,war wohl die Sehnsuchtnach Wachstum, Bildungund nach Erzogen-werden.KeinTalentist in mir hervorstechend angelegt,außer vielleichtdas Talent - wenn ich es denn so nennen darf - die Bereitschaftzu besitzen,sich erziehenzu lassen. Natürlichvorausgesetzt,dass ich eine besondere Affinitätund ein besonderesVertrauenzu dieser Personempfinde.Durch das Scheitern in meinemBerufals Regisseurund durchlangeArbeitslosigkeit hatte ich nach einer Aufgabeförmlichgelechzt.Eswaren zwar nicht die einzigenBeweggründe,aber dieentscheidenden.MicheinerAufgabe hinzugeben,fiel mir nicht schwer,im Gegenteil.In meinem Innerstengab es etwas,das weiterkommen,das sich verwirklichen und ausdrückenwollte.Unbewusstzog es michdorthin.Dort,in der NassauischenStraße, konnte ein neuer Anfang in diese Richtung verwirklichtwerden.Ich war auf der Suchenach einer neuen Richtung auf meinem persönlichen Lebensweg,nach einer Aufgabe, nachEingebundensein,nach Geborgenheit. Entscheidendblieb die Tatsache,dass ich die Stunden rechtbald als etwas Erfüllendeserlebte.Der Unterrichtsteigertemein Lebensgefühl und förderteein stärkendes und beglückendesErweiternmeines Bewusstseins.Mit der Zeit blühte etwas in mir auf, voller Erwartungund Energie- soll iches Lebenskraftnennen? Ich erinnerte mich einmal nach einer Unterrichtsstundeauf dem WegnachHause,wieichJahrezuvormein Studiuman der Film-und Fernseh-Akademieaufgenommen hatte. Ich musste an jenes frühlingshafte,wohligeGefühldenken,als ich hungrig nach einem LebenvollerPläne und vollerSehnsüchtein drängendemWerdefieber war. ÄhnlicheEmpfindungenstiegen nun in mir noch einmal hoch. Ich konnte es kaum glauben, dass ich mich auf etwas eingelassen hatte, das nichts mit Leistung,Schnelligkeit,Hast zu tun hatte. Ein Leben lang bekam ich von allen Seiten immer wieder zu hören: „Machees dochin allerRuhe!Hetzedochnichtso!..'.'Jetztgingichan eine Arbeit heran, die viel Geduld,viel Warten-könnenverlangte. Unddas Erstaunlichewar,ichging an dieseArbeitfreiwilligund mit

Freudeheran,wie ein Fischer,der stundenlangstillam Ufersitz~um zu warten,bis ein Fischanbeißt.

Ortder Stille unddes Vertrauens

Was wir Schüler alle schätzten, war, dass diese Schule etwas Beständigeshatte. Man konnte sich auf Gora und ihre Stätte verlassen,wie auf die unwandelbare Bahn der Planeten.Vonmontags zwischen9:00 und 20:00 Uhr bis samstags 16:00 Uhr durften wir Schüler zu jeder angebotenen Unterrichtsstundeerscheinen, das ganze Jahr über. Nur im Sommer etwa drei Wochen und zur Weihnachtszeitzwei Wochenlegte Gora eine Pause ein. Wenndie Ferienzeit ihr Ende erreichte,war es für mich nicht wie früher in der Schule zu meinem Leidwesen,sondern ich erwartete den Eintritt in diese Stätte mit freudiger Ungeduld.Jahr für Jahr führte Gora dieses vom Unterrichten in Gruppen und Behandeln in Einzelsitzungenbestimmte Leben,ohne etwas an den Riten ihres Tagesablaufszu ändern. Der monatliche Beitrag betrug im Jahr 1976 40 DM, egal, wie oft jemand am Tag oder in der Woche erschien.Es gab eifrige Schüler,die zeitweisezweimal täglichden Unterricht aufsuchten. Menschen,die wenig Geld zur Verfügung hatten, zahlten auf Goras Geheiß einen noch geringeren Betrag. Es klingt heute noch in meinen Ohren,als Gora mich fragte,ob ich auch wirklich 40 DM zahlen könne. Diese Herangehensweise beeindruckte mich so, dass es für mich, als ich später anfing zu unterrichten, ein Leichtes war, diese Praxis von ihr zu übernehmen. DieMenschenkamen zu Gora,um bei ihr das Loslassen,das Lebendig-und Wachseinneu zu entdecken,eben mit dem Wunsch,etwas für sich zu tun. VieleSchülerinnenund Schülerbetrachtetendiese Arbeit als eine wunderbare Möglichkeitzur Selbstfindung.Es war ein Ort, der Gelegenheitbot, jenseitsvon Alltagssorgen,Kummer, Stadtlärm und Hetze,Kontemplationzu erleben.UnzähligenMenschen wies Gora im Laufeihrer beinahe sechzigjährigenTätigkeit als Atem-undBewegungslehrerinden Wegzu mehr Lebensqualität und Kreativität.Allefühltensichin ihrer Nähegut aufgehoben.Kraft ihrer PersönlichkeitschaffteGora ein Klima des Vertrauensund

Angenommenseins,die „Arbeitam Menschen"tat das ihrige dazu . Ich hatte das Gefühl,dass Gora über das Vermittelnder GindlerArbeit hinaus noch eine andere Aufgabeerfülle.Nämlichdie, den Menschen,denen sie begegnete,Mut,Zuversichtund vor allen Dingen Trostzu spenden.VielenSchülernhalf sie,den Glaubenan sich selber zu entwickeln und zu stärken. Wenn Gora von einer Not erfuhr,gab sie sichdem Rufohne weitereshin. WirSchülerspürten, wie sichdas Lebenmit und durch Gora als Mittemit Sinn füllte.Für viele war sie nicht nur eine große Lehrmeisterin,sondern ebenso Ärztin, Priesterin oder Seelsorgerin.Sie stützte, richtete auf und erleichterteden Gefährdetenunter uns das Weiterleben.Gora verstand es, Heilkunstund Seelsorge,Menschenführungund GindlerArbeit zu einem Ganzen zu verweben. Für mich war Gora eine Zen-Meisterin.

LernendurchGorasLebensbeispiel

Das, was uns Gora durch die Gindler-Arbeitvermittelte,nämlich natürlich,spontan,empfänglich,reaktionsbereitund wach zu sein, lebte sie selbst in der höchstenVollendung.Ihre Art auf die Gegebenheitendes täglichenLebensgleichwelcherCouleurzu reagieren und mit ihnen umzugehen, beeindruckte mich sehr. Goras Ausstrahlungund ihr Lebensbeispielwecktenin mir eine Ahnungeiner mir bis dahin unbekannten, erstrebenswertenLebensqualität.In ihren Äußerungen,in ihrem Tun und Lassen, ihrem Reden und Schweigen,ihrer Art des Zuhörens, ihrer Absichtslosigkeitund Ungezwungenheitbegegnetesie mir anders, als die meisten Menschen,die ichbis dahin kennengelernthatte.Auchwenn sie die gleichen Dinge tat wie jeder andere, bewirkte ihre innere Haltung zu ihrem Tun,dass die Handlung in gewisserWeiseeine andere Qualität hervorbrachte. Welch ein Genuss mitzuerleben, wie Gora ohne den kleinsten Anflugvon Hast eine Tätigkeitverrichtete,wie sie beispielsweise eineTassezum Mundführte,einenFingerhob,aus ihrem Korbeinen Weckerherausnahmodereine lästigeFliegeverscheuchte.Selbstdie kleinsten Handlungen hatten eine Ausdruckskraft die so beredt war,dasssie mich immer wiederin ihren Bann zogen.Dies miterle-

ben zu dürfen,hatte etwas Unvergleichliches und brachtemir einen unerhörteninneren Gewinn. In einer feuchtenKellerwohnunghatte Gorasichwährenddes Zweiten Weltkriegesein schweresHüftleidenzugezogen,das zeitlebens ein starkes Handikapblieb.Zum Gehen benötigtesie stets Hilfsmittel.Eslässtsichkaum beschreiben,wenn man es nichtselbstgesehen und miterlebthat, welcheindrucksvollesErlebnises war,wie Gora anfangs noch mit einem Stockund später mit einem Gehgerätden Unterrichtsraumbetrat. Konzentriertauf jeden ihrer Schrittedurchquertesie den Raum.TrotzkörperlicherGehemmtheitliefdieseFrau wie durch ein besonderes Gebot aufgefordert,in unbedingterund vollkommenerNatürlichkeitund Leichtigkeit,verbunden mit der Schwerkraft,verbundenmit dem Boden.Manspürte regelrecht,wie sie im Einklangmit der Anziehungskraftwar und diese nutzte,wie ein Seglerden Wind.Ihre vollkommeneBeziehungzu dieser Kraft war die Quelleihrer Leichtigkeit.Waswir erlebten,war,dasssie den Schwerpunktbeim Gehen auf die Achtsamkeitlenkte,auf das, was sichin jedemAugenblickin ihr und um sie herum abspielte.Nichtsie ging, sondern „es" ging. So war jede ihrer Handlungenein schöpferischesTun und eine neue Erfahrung,gespeistvom Zentrum und ausgeführtvom ganzenMenschen.In GorasTunwar die Einheitder körperlichenGebärde mit der geistigenHaltung und dem augenblicklichenseelischenBefindensichtbarausgedrückt. Wiefaszinierendwar es für mich,anzusehen,mit welcherNatürlichkeit Gora - gewöhnlichmit überkreuztenFüssen- auf ihrem kleinen Bänkchenwährend des Unterrichtssaß. Welcheine Ruhe und unfassbare Kraft strahlte sie aus! Ihre Art zu sitzen war genauso selbstverständlichwie das Stehen eines Stuhls auf dem Fußboden. Sie basierteauf etwasganz Naturhaftemund Einfachem. Wenn ich mit Gora zusammen war, hatte ich immer das Gefühl, dass sie Liebe ausstrahlte, wie die Sonne Wärme.Eine Liebe,die sich nicht aufdrängte und nichts forderte.Es war eine schenkende Liebe,die gab ohne Erwartung,sichergoss wie Sonnenlicht.Mochte es ihr gut oder übel gehen,mochtesie einmal betrübt oder voller Schmerzensein,niemals verließsie der Drang zur Teilnahmeoder der Fluss ihrer Herzenswärme.Ihr Mitgefühloffenbartesich nicht als bloße Emotion,sondern drückte sich aus in Offenheitfür das, was war. Gora lebte wirklichMitgefühlund christlicheLiebe,aber

predigte sie nicht. Ihr Mitgefühl war nicht an Bedingungen geknüpft, es entstand vielmehr aus dem Verbundenseinmit dem Gegenüber.

Der Geist des Suchens

Ich ging nun bereits über ein Jahr zu Gora, aber immer noch verharrte ich allzusehr im Wollen;immer noch bewegte ich mich im Bereichder Zweckeund Absichten.ObwohlichjedenTagden Unterricht aufsuchte und auch im Alltag auf mein Verhalten achtete, waren die Veränderungenkläglich; ich gelangte nicht in tiefere Dimensionender inneren Wahrnehmung.Zwar hatte ich mit dem Verstandbegriffen,dass es sich bei dieser Arbeit nichtum Leistung oder darum handelte,etwasgut und richtigzu machen,dochWissen und Erkenntnisbedeutetennoch langenicht,dass es mir auch wirklichmöglichwar,diesumzusetzenund zu leben. So gab es immer wiederMomenteder Anfechtungen,der Mutlosigkeit und der Verzagtheit.Außerdem bedrängten mich weiterhin lästige Depressionen,und selbst mit Goras Hilfevermochteich es nicht immer, mich aus dieser Verfassungherauszubringen.Trotz ihrer beständigenTeilnahmefühlteich michzeitweisehoffnungsloser denn je und war den widerstreitendstenKräftenausgeliefert. Sollteich einfachfernbleiben?Natürlichwar es ein dummer Gedanke, ich wusste ganz genau, dass es unmöglich war, auszusteigen, denn dafür war inzwischenzuvielmit mir geschehen. Eswar wirklich ein Segen,Gora an meiner Seite zu wissen.Wennich in Panik geriet,sagte sie in heiterer Freundlichkeitzu mir: ,,KommenSie in die Stunden und forschenSie, dann werden Sie allmählichbesser begreifen,dann wird Ihr Lebenswegsichganz vonselbstöffnen:'Ich weiß nicht, welche Eingebungsie veranlasste,so etwas zu sagen, jedenfallssolltensichihre WorteJahrespäter als wahr erweisen. TäglichbestärkteGorain mir das Gefühl,dassichetwasfür michtun könne, sie unterstützte mich und stärkte mein Selbstvertrauen durch ermunternde Anteilnahme.Goras Unterrichtund ebenso ihr Anblickwogenalle Schwierigkeitenmeines Lebensauf.Siegab mir zu verstehen,dassich,wiejederandereauch,Fortschrittemachte,die Arbeit immer besser begriff. Oft beruhigte sie mich einfach mit

einem freundlichenWor~und immer wieder brachte sie es schon alleindurch ihre bloße Gegenwartfertig,dass ich michwohlerfühlte. Es genügteein banaler Satz wie:,,Schön,dass Sie immer wieder den Weghierher finden!"

EinpersönlichesGesprächmit Gora

Voneinem vertrautenVerhältniszwischenGora und mir konnte im erstenJahr keineRedesein.Gernehätte ich einmalmit ihr über meine Problemegesprochen,und es verstimmtemich,dasssichmir keine Gelegenheitbo~michihr aucheinmalaußerhalb des Unterrichts zu nähern. Ich legte ihr gegenüber eine geradezu lähmende Ehrfurcht und Scheuan den Tagund war viel zu befangen,verklemmt und zu schüchtern,Gora außerhalb der Stunden etwas zu fragen oder gar ein Gesprächmit ihr zu führen. Mehrmalsnahm ich mir vor,mich ihr anzuvertrauenund sagte mir: Wennje der Augenblick gekommen sei, dann jetzt. Aber wenn ich mich ihr dann näherte, fühlte ich mich wie zugeschnürt.Entwederverließ mich der Mu~ oder in dem Momen~in dem ich ansetzen wollte,löste sich mein Begehren,welchesgerade noch übermächtigwar,auf. Ich stand da, und von all dem, was ich hatte sagen wollen,war nichts mehr vorhanden.Waswar das? Warichschlichtwegnur eingeschüchtertoder feige? Da ich es nicht fertigbrachte,mich Gora zu nähern, um ihr für alles zu danken und ihr zu sagen,dass ich mich nicht zurechtfände,versuchte ich es mit einem Brief.Aber ich saß mit dem Füllfederhalter in der Hand lange da und wusste nicht,wie ich beginnen sollte.Es erschien mir ungeheuerschwierig,das starke menschlicheGefühl von Dankbarkeit und Liebe,das ich für Gora empfand,in entsprechende Wortezu fassen,geschweigedenn, ihr mit meinen Problemen zu kommen.Ich legte den Füllfederhalterwiederhin, und das Blatt blieb leer, andere Blätter landeten mit unpassendenWorten bekritzeltim Papierkorb.Nachvielen Anläufenkam dann schließlichdochein Briefzustande.Womitichnichtgerechnethatte,am folgenden Tagerhielt ich postwendendeinen Antwortbrief,den ich in meinemkleinenBuch:,,Gora- Begegnungmit einerschönenSeele" wiedergegebenhabe.

Goras Brief hatte meine Scheu vermindert und so fasste ich mir schließlichein Herz und bat sie um ein Gespräch.OhneZögernsagte sie:,,KommenSie doch morgen nach der letztenUnterrichtsstunde zu mir'.' Als ich am nächstenTag aufgeregtvor ihr stand, grüßte mich ihr freundlichesGesichtmit einemwohltuendenLeuchtenund lächelte michvollerWärmean. BeieinerTasseTeesaß ich nun das erste Mal allein mit meiner verehrtenLehrerinin der Küche.Zuerst als wäre es das Selbstverständlichsteder Welt fragte sie mich heiter,ob ich nichteine Zigaretterauchenwolle.Obwohlichsicherlichgerne eine gerauchthätte, lehnte ich aus Verschämtheitab. Nachund nach legte sichmeine Schüchternheitund ich begann zu erzählen.Da Gora mit viel Wärme,Präsenz und gütiger Bereitschaftzuhörte,gab sie mir die Möglichkeit,mich ganz zu öffnen.Ichwurde immer redseliger und sichererund sprachüber all das,was michbeschäftigte. Gora sagte nichts,nur manchmalkam ein bestätigendes„na eben" oder „ja eben" über ihre Lippen,oder sie nickte freundlich,zustimmend mit dem Kopf.Geduldigund gelassennahm sie alles auf,enthielt sichjeder Unterbrechungund versuchtemit keinem Wort mir ihre Sicht der Dinge darzulegen.Ihre Haltung war, Vertrauenzu wecken,nichts zu bewerten und nicht zu richten.So lauschteGora mit leicht geneigtem Kopf meinem Monolog,das gütige Lächeln wichnichtaus ihren Zügen,kein Wortund keine Gebärdeder Ungeduld oder des Widerspruchsunterbrachenmich.Wennich für einen Augenblickinnehielt und schwieg,füllte Gora diese Momentemit schweigendemEinverständnis,so dassichdas Gefühlhatte,ichkönne ruhig weitererzählenund tiefer gehen.Der Ausdruckdes Wohlwollens in ihrem weisen Gesicht schien noch zu wachsen. Gora schwiegauf einesanfte,beruhigendeWeise.Ihr freundlichesSchweigen öffneteeineWeite,in die ichmeineWortefreiund ungezwungen entlassen konnte. Sie strömten aus mir heraus, unbehindert,wie Regen.Alsichihr für eine Sekundein die Augenschaute,meinte ich, etwasMerkwürdigesin ihrem Blickzu entdecken:Ihre Augensahen nichtnach außen, sondernwaren nach innen gerichtet Nachdemich mit meinen Ausführungengeendet hatte, sagte Gora langeZeitnichts,sie lächeltenur ein wenig.Verstohlenmusterteich sie und ließ dann meinen Blicküber verschiedeneGegenständeauf demTischwandern.EinenMomentsah sie michan. Ichnahm Goras

ruhigen Blick entgegen. Es war ein Blick ohne Festlegung,ohne Urteil,wie hellesSonnenlicht.Endlich,nacheiner langenPause,sagte sie etwas,das von großer Schlichtheitwar.,,Ichglaube,wir sollten das Lebennichtzu ernst nehmen!Wiewäre es,wenn Siesicheinfach mehr in Ruhelassenund nichtsovieldenkenwürden?"DiesenWorten,die sie aussprach,als verstündensie sichvonselbst fügtesie seelenruhig hinzu: ,,Wirmüssen doch immer mit dem zufriedensein, was ist, was sich ergibt und was wir vom Lebengeschenktbekommen, auchwenn es nichtleichtist auch wenn es nichtangenehmist. Oder etwa nicht? Das Leben richtet sich nicht danach, wie wir es haben wollen,es ist einfachso, wie es ist. Vielleichtfinden wir es nichtgerecht.Aberich meine,wir solltenes wertschätzen'.' GorasGesichtsausdruckwar völligernst als sie dies sagte.Plötzlich gewahrteich,wie der Ausdrucksich blitzschnellwandelte,sichvon innen erhellte,ganz Freudewurde,und dann sagte sie beschwingt: „LassenSie das Leben doch leben! Etwasgeschieht;ich nehme es wahr, ich nehme es an. Wiralle müssen doch lernen, uns zu lassen, oder nicht?"Dabeisah sie michmit einemBlickan, der wohlwollende Teilnahmeund die Andeutungeiner zwischenuns entstandenen Beziehungenthielt der BeziehungzwischenLehrerinund Schüler. Nachdem eine weitere Ewigkeitverstrichen war, wandte sie ihr Gesichtmir zu und sagte heiter:,,Ja,Sie wissenes doch selbst dass wir dem Leben nicht entgehen können. Alles bedarf nur unserer Zustimmungund unseres Einverständnisses.Aber vielleichtsollte ich Ihnendas gar nichtpredigen,Siekönnen es selbstherausfinden'.' Undwiedernach einer langenWeile,ein wenigleiser:,,Ach,ichwürde es Ihnen so gerne verständlichmachen,aber ich merke selbst dass es nicht geht. Horchensie weiter in sich hinein, damit sie es selbstfinden,dann können Sie es auch leben und vom Lebengetragen werden'.'Mit der Kraft und Natürlichkeit mit der Gora diese Wortesprach, erreichten sie mich wie eine Offenbarung.Deshalb habe ich sie wohl bis heute nichtvergessen.Ihre Äußerungbrachte Gora in so liebevollerWeisevor, dass ich das Gefühlhatte,sie überlasse mir die Freiheit ihre Ansichtanzunehmen oder abzulehnen. Wiederhielt sie eine gute Weileinne. Ihre Miene zeigte nicht die geringsteRegungund Unruhe.Siesenkte ihreAugenund begabsich in jene typischeHaltung,die wir Schülervom Unterrichther kannten,wobeifür michauch diesesMaloffenblieb,ob sie in Meditation,

in Schlafoder im Spürenversank.Ichdachte:,,Woist sie jetzt? Ist sie im Himmel?Und wie sieht dieser Himmel aus?" Ihrer Mienewar nichtdie geringsteAndeutungzu entnehmen,was sie empfandoder dachte,aber ihre überlegeneRuhe konnte ich deutlichspüren.Nach langemVersunken-seinglichsie schließlicheiner Erwachenden,die nach tiefem Schlaf die Augen öffnet und es für selbstverständlich nimmt, die ihr vertraute Umgebung lückenlos wiederzufinden. OhneRuckglittsie sozusagenins Daseinzurück,als ob kein Sprung zu machenwäre von hier nach dort,von dort nach hier.NachminutenlangemSchweigen,das mir viellängerzu dauernschien,sagtesie in ihrer ganz eigenen,natürlichenWeise:,,KommenSie,und geben Sie mir ihren Rücken!" Durcheine Handbewegungwurde ich aufgefordert,mich auf einen Hockervor sie zu setzen.Gora legte ihre so lebendigen,fühlenden Hände auf meine Schultern,sie waren leichtwie ein Schmetterling und dochstark spürbar.Sie sammelteihre Kraftin der Versenkung, ruhte im Grundeder geheimenStille,und dies übertrugsichnun auf mich.In mir breitete sich ebenfallswohltuende Ruhe aus, die klärend,ordnendund heilendin mir wirkte.IhrenHändenfolgendfühlte ich michin meinenKörperund in meinenAtemhinein.Ja,ich ließ michimmer stärker auf die Ebeneder Wahrnehmungein und kam immer mehr vomDenkenweg und zum Spürenhin,zur lebendigen Erfahrung. Sanft erforschte Gora mit ihren Händen - die Tastinstrumenten vergleichbarwaren - die Spannungen, Stauungen, Blockadenin der Haut und im Muskelgewebe.Ihre Hände, die wie ein Kraftstrom wirkten, hielten hier und dort inne, um einen Augenblick lang nachzuspüren,ehe sie ihren Wegfortsetzten.Manchmalblieben sie lange auf den Schulterblättern,den Schlüsselbeinenoder sonst wo liegen,dann wieder glitten sie wie von selbst zur Wirbelsäule oder auf eine andere Stelle und weilten dort längere Zeit. Plötzlichtauchte eine Hand vorne am Brustbein auf und strich in RichtungBrustbeinspitzekräftig hinunter,aber so, als koste es sie nicht die geringste Mühe,während die andere Hand genau gegenüberliegend auf der WirbelsäulePlatz fand. Ich erlebte erstmals meinen Brustraum wirklich als „Raum"! Dabei hatte ich das Gefühl, dass Goras Hände von meinem Körperzustand geleitet wurden.Sie reagierten auf das,was das Befindenvon ihnen forder-

te und folgteneiner inneren Notwendigkeit. Es war unglaublich,mit welcher Tiefe Gora sich in mich hineinspürte.In mir öffnetesichetwas,und die mir innewohnendenEnergien kamen in Fluss.Die Sinne wurden ebenso wach und geklärt, wie der Geiststill wurde,und dies hatte eine beruhigendeWirkung auf die Nerven.Da mir Gora genug Zeit gewährte,konnte ich mit wachen Sinnen die Reaktionen meines Körpers erspüren und zulassen, mehr Raum für die Atmung zu schaffen.Rücken und Schultern,Bauch und Brust sowie Nacken und Kopftraten in ihre körpergerechteBeziehungzueinander;die inneren Wegeöffneten sich und ließen alle Körpersäfteungehindert fließen. Ab und zu kam aus der Stille heraus mit leiser Stimme: ,,Daswar aber jetzt gut."Das war alles,was Gora sagte.Je länger das „Kneten"dauerte, so nannte Gora das,was sie tat, desto stillerwurde ich,desto besser floss die Lebensenergiein mir, desto mehr fühlte ich mich verändert. Spannungenum Augen,Ohren,Nase,Hals und überall in den Räumen dazwischenlösten sich auf. In mir taten sich völlig neue Dimensionenauf!Eine sehr angenehme,wohltuende Wanderung durch innere Landschaftenhatte ich durchlebt. Schließlichklopfte Gora mir mit ihren feinfühligenHänden den Rückenund die Arme durch, um Muskelnund Nervenanzuregen, um die Blutzirkulationzu belebenund zu mehr Elastizitätzu stimulieren.Alsihre Händezum Schlusswichen,bliebsie nocheine ganze Weilestumm.Wirsaßen da und ließendie Behandlungnachklingen. Dann sagte sie mit liebevoller,beschwingterStimme,in der ein Zug gutmütigerVerschmitztheitund Spitzbübereinicht fehlte:,,So,jetzt springenSie mal fröhlichaus dem Zimmer.Die Sonne scheintdoch noch so schön.UndverlierenSie es nicht gleichwieder,Sie Schuft!" Dabeigab sie mir einen ebensoherzlichenwie unsanftenSchlagauf den Rücken.Sie lächelte.Ein wunderschönesLächeln!Bevor ich ging, hielt ich einen Augenblickinne, um nach einer Geste zu suchen,mit der ichmitteilenkonnte,dass ich ihr so dankbar war,für all das, was sie mir gab. Ich brachte aber kein Wortheraus, machte einen artigen Diener und sagte nur: ,,Danke!"Bevor ich mich umdrehteund ging,schenkteGoramir nochein sanftesLächeln. Ichwusstenicht,wie lange diesesKnetengedauerthatte,mein Zeitempfinden hatte sich aufgelöst.Die innere Unruhe, mit der ich gekommenwar,hatte sich in wohligeGemütsruheverwandelt,und

meinHerzwar vonZuversichtund Vertrauenerfüllt.Tiefbewegtzog ich davon.Draußen auf der Straße fühlteichmichallein - alleinmit meinem Glück.Gora hatte mir ungeheuren Auftriebgegeben.Es trat sovielLebendigkeitzutage,und eine großeLastwar mir vonden Schulterngefallen.Innerlichjubelndhatte ich Lust,allem und jedem danke zu sagen: Gott, dem Leben, den Bäumen, dem erstbesten Menschenauf der Straße.

Geduld MeineFortschrittein den ersten Jahrenließenauf sichwarten.Selbst kleinsteVeränderungenzeigtensichnur vorübergehendund hatten lange Zeit keine bleibendeWirkung.Nach einer Unterrichtsstunde fühlteichmichfastimmer freier,gelöster,ausgeglichenerund zufriedener. Aber diese Wirkung verflüchtigtesich auch schnell wieder. Der Orientierungsprozessauf körperlicherwie auch auf seelischer Ebene,der uns in den Stundenvermitteltwurde,fandin meinemAlltag nochkeinetiefgreifendeFortsetzung.Schnellverlorichim Alltag wiederdie Beziehungund den innerenKontaktzu mir selbst,verfiel in alte Gewohnheitenund meine eingefleischtenVerhaltensweisen funktioniertennachwie vor. MeineUngeduldwuchs.SchließlichsuchteichwiedereinmalRatbei Gora.Alsich ihr gegenübersaß, erzählteich ihr,was michbedrükkte.AmEndewarteteichungeduldigauf ein Echovonihr.AberGora ließ sichZeit,bevorsie mit verständnisvollerStimmesagte:,,Achja, wir alle haben so wenig Geduld und lernen nur schwerzu warten. Jeder kennt das, ich ebenso wie Sie.Vielleichtsolltenwir die Ungeduld,wenn wir ihrergewahrwerden,beobachtenund sehen,was sie mit uns macht, wie wir uns in den Muskeln festmachen,wie wir unser Lebenstören und aus dem Gleichgewichtkommen.Das einfacherleben.Nichtwahr,Sie wissenes dochselbst?Ganz bestimmt sogar'.'Dabei lächeltesie sanft.Liebevollbetrachteteich die knochigen Hände, die sich ab und zu mit weicher Geste ein ganz klein wenigvon ihrem Schoßnachoben lösten.ZumSchlusswiessie mich fröhlichdarauf hin, nichtan ihren Wortenfestzuhalten,sondern das Gesagteals Erfahrungimmer neu zu erproben. Besonderslebhaft habe ich noch vor Augen,wie meine Freundin

und ich mit Goraan einemschönenSommertageinen Ausflugnach Lübarsmachten.Nachder Spazierfahrtmit Goraim Rollstuhlließen wir uns draußen in einem Gartenrestaurantnieder und genossen Kaffeeund Kuchen.Da Gora am frühen Abend noch eine Einzelstundezu gebenhatte,bat sie uns,den Heimwegbald anzutreten.Ich schautemich nach einem Kellnerum, aber niemand ließ sichblikken. Ungeduldigrutschte ich auf dem Stuhl hin und her. Gora saß seelenruhigda.Ichwandte michaufgeregtalleAugenblickeum und wurde immer ungehaltener,als kein Kellnerin Sicht war. Endlich erblickteich einen und rief unwirschnach ihm. Aber er hörte nicht, oder er ignorierte mich? Ich dachte: Ich raste aus, wenn er nicht gleich an unserem Tisch erscheinl Natürlichentging Gora meine Ungeduldnicht.Sie lächelteamüsiert,hob langsamihr Gesicht,das auf das Freundlichstezu lächelnfortfuhrund sagte völligruhig,mit heitererStimme:,,Wiewäre es,wenn Sieeinfachwarten,bis der Kellner ganzvonselbsterscheint?Abervielleichtwäre es das Allerbeste, wenn Sie einmal selbst ihr Herumgezappleerleben könnten. Das wäre vielleichtwas!"Dabeischmunzeltesie vergnügt.

Unterrichtserlebnisse

Eswar einigeZeitvergangen,ehe ich dem Lebenwiedermehr Freude abgewinnenkonnte und mein inneres Triebwerkden Schwung zur Wendefand. Ganz allmählichtrug mein Eifer Früchte.Immer besser war ich in der Lage,in Kontaktmit dem zu sein,was ich tat und was mir begegnete.Die Saat,die Gora gestreuthatte,ging nach und nach auf. Ichwurde empfänglicherfür das,was sich in mir ordnen und verändern wollte,stolpertehäufigerüber hinderlicheVerhaltensweisenund reagierte auf das Leben insgesamt spontaner und gelassener.Es gelang mir, mehr „da" zu sein, selbstverständlicherauf die Botschaftenmeiner Sinne zu hören und zu reagieren, ohne mich einzumischen.In den Unterrichtsstundenmachte ich immer häufigerdie Erfahrung,was es wirklichheißt:Erlebe,spüre, nimm wahr,sei gegenwärtig,sei reaktionsbereit,sei für den gegenwärtigen Augenblickoffen! Das Hineinspüren,Beobachten und Erlebenwurde zu einerTür,die sichlangsamöffnete. Esgab Augenblicke,da ging mir plötzlichein Lichtauf.Wieoft hatte

ich von Gora den Satz gehört:,,DasKiefergelenklocker!Der Unterkieferhängt aus dem Oberkiefer!DasKiefergelenkloslassen."Jahrelang spürte ich überhaupt nicht, dass ich meinen Kiefer ständig festhielt.Da, eines Tagesgeschahes dann zum ersten Mal,dass ich mir dessenbewusstwurde.Ichfühlteplötzlichdie Starre und Festigkeit ganz deutlich.Welcheine unglaublicheEntdeckung!Ichwusste nicht, wie dieses Empfinden zustande gekommen war, aber ich erlebtees unzweifelhaftganz deutlich.Ein inneresBegreifenerfüllte mich.Eswar ein Augenblick,der mir die Möglichkeitbot, die Gindler-Arbeitin ihrer ganzenTiefeauszukosten.Vielleicht,weildamals die lebendige Erfahrung mit dem Erleben ohne Rest in eins verschmolz.Wennman keine Erwartunghat, kein Ergebnisanstrebt, dann gewinntman manchmalplötzlichauf wunderbareWeiseund ohne Grund mehr,als man je gesuchthat. Die Erfahrungdes Loslassensmeines Kiefergelenkserinnerte mich an Erlebnisseaus meiner Kindheit.Der Momentdes Erlebenswar vergleichbarmit dem Augenblick,als ich erstmalig den Dreh herausbekommen hatte, die Schnürsenkel meiner Schuhe zu einer Schleifezu binden.Tausendmalhatte ich es probiert,aber es wollte partout keine Schleifewerden.Dann war es dochgeschehen,es hatte geklappt! Übrigens,es dauerte nocheine ganzeWeileund erfordertebei jeder sich bietenden Gelegenheitein stets neues Erforschenund tiefes Hineinspüren,bis ich mein Kiefergelenkwillentlichloslassenkonnte,wenn ich es wiedereinmal aus Gewohnheitangestrengtfesthielt. In manchen Unterrichtsstundenwurden mir weitere beglückende und aufschlussreicheErfahrungen zuteil. Dies geschah wohl an Tagen,an denen ich michoffenbarbesondersgut öffnenund auf das Geschehen einlassen konnte. Die Atmosphäre - oder sollte ich sagen,die Energie- im Raum tat wohl das Übrigehinzu;sie wirkte auf mich wie ein belebender Funke,der mich aus meinem Alltagsbewusstseinlöste und mich in eine andere Schwingungsebenehob. Besondersan ein Erlebniskann ichmichnoch rechtgut erinnern. Goraforderteuns auf:,,NunsetzenSiesichin den Schneidersitzund suchen Sie im Sitzen ihren Körper.Die Sitzhöcker,das Becken,die Wirbelsäuleerspüren. Ist das Becken aufgerichtet oder sind Sie zusammengesunken?Sind Sie mit dem Bodenunter sichin Verbindung? Wieträgt uns der Boden?FühlenSie sich im Gleichgewicht?

Wofühlen Siesich nochsteif und unlebendig?Wiesitzen Sie,angestrengt oder locker? Alle Anstrengungweglassen!Ist das Gesicht frei? Die Stirn loslassen!NehmenSie mal Ihren Hals wahr und den Schädelrand.Ruht der Kopflockerauf dem ersten Halswirbel?Kein Halten!Sichnichthinter den Ohren festmachen!Der Atemhift uns! Hat der AtemzwischenBrustkorbund Beckengenug Raum?Ist der Bauchlocker?Die Atmung muss vollständigvon allein geschehen, das heißt, dass wir auf die Einatmung warten, bis sie von selbst geschieht,ohne dass wir versuchen,tiefLuftzu holen.Die Luftfließt leichtund geräuschlosdurch die Naseein. Die Luftwird nichtaktiv eingeatmet;man lässtsie zwangloseinströmenund dann,wenn die Lungengefülltsind,wartenwir ab,bis die Luftwiedervon alleinausströmt.Zwerchfellrauf,Zwerchfellrunter!"Pause.,,Wiefühltsichdas jetzt an: ,,Ichsitze!"ErlebenSiees, was Sie fühlen,bleiben Siedabei, was Siespüren,nehmen Siees wahr!" Währendihrer Anweisungenließ uns Gora viel Zeit,die einzelnen Stationenauf der Wanderungdurch den eigenen Körperzu erspüren. Dadurch,dass ich nun wirklich die Schwerkraftspürte, mein Körpergewichtan den Boden abgab, ließ das Becken los, und ich fühltemichtiefgeerdet.DerBauchbekam Platz,woraufdie Atmung mit größerer Ausdehnung reagierte. Die Lendenwirbelrichteten sich mehr auf, weilsie durch den Atemgestütztwurden.Ichspürte, was an inneren Wandlungenvon selbst geschah und was dieser Wandelauslöste,aber ebensoregistrierteich,dass weitereVeränderungen nochnötigund möglichwaren.DieseZusammenhängewurden mir erlebbar,weil ich ganz bei mir war.Es stelltesich nicht nur ein starkes Gefühlvon Lebendig-seinein,sondernaucheine emporstrebendeAufrichtung,die voninnen kam. Dashatte nichtsmit Sichhalten-müssenzu tun oder mit einervon außen gemachtenHaltung. Ichkonnte förmlichdas EnergiefeldzwischenSchwerkraftund Aufrichtungbis hin zum Kopfspüren.Eswar wiedieReaktioneinersehr durstigenPflanze,die endlichwiederWasserbekommt.Ihr schlaffes Gewebefülltsichnach und nach,bis sie schließlichkraftvollaufrecht und frischdasteht.Vielehunderte Male hatte ich schon im Schneidersitzaufgerichtetgesessen,aber nie zuvorhatte ich dieseLeichtigkeit, dieses Gefühlvon frei sein so stark empfundenwie in jenem Augenblick.Icherlebteeinesehr tiefeBerührungmit meinemInnersten,und das lösteein wohltuendesGlücksgefühlaus.

Anfangsmachte ich aus solchen Erfahrungenviel Aufhebens.Ich hatte etwas Ungewöhnlicheserlebt und fand das durchaus mitteilenswert,wobei meine Eitelkeit gleichsam auf die Probe gestellt wurde.Aber schonbald kam ich auf den Bodender Realitätzurück. Die Einheit für einen Augenblickzu spüren heißt noch nicht,dass das Leben nun auf Dauer freier wird. Genau das konnte ich nach kurzerZeitfeststellen.Alsich Goraeinmalvon solcheinem Erlebnis erzählte,war ihre ärgerlicheAntwort:,,NunmachenSienichtein solchesTamtamdarum!" In dieserArbeitgeht es nichtum die Suchenach und um das Erleben von besonderen oder großartigen Erfahrungen oder gar Erleuchtungserlebnissen,- es sei denn, Erleuchtungbedeutet einfach,das Lebenwahrzunehmen,wie es ist - es geht auch nicht um die Erlangung erhabener Bewusstseinszustände,die uns von der tristen Erfahrung des Alltagslebenbefreien sollen, sondern es geht um wirklichesErfahren,also Wahrnehmenaußerhalb von Raum und Zeitin jedem Augenblick. Wennauch wahrlich nicht in jeder Unterrichtsstundesolch tiefgehende Empfindungenin mir ausgelöstwurden, so stellte ich dennoch fest,dass ich beinahe immer die Turnstube- wie Gora ihren Arbeitsraumnannte - lebendigerund fröhlicherverließ,als ich sie betretenhatte.Undso manchesMal- wenn mein Zeitplanes erlaubte - gönnteich mir,bevorich nach Hausefuhr,einen Abstecherzum Grunewaldsee. VonLockerheitund Beschwingtheitgetragen,machteichmichleichten Schrittes auf den Weg.Diese wunderbare Abwesenheit von Schwerewar einfachherrlich.Allesum michher schienverwandelt. Das Licht,die Farben der Natur,die Geräusche,die Vögel,die Menschen,ja einfachalles wirkte auf mich so neu, so frisch,so klar und intensiv.Ichbliebstehen und verfolgtedas lustige,quirligeSpielder Spatzen.Natürlichhatten sie Stunden zuvor auch schon unter den Bäumengesessenund sichlauthalskundgetan,aber wirklichsehen und hörenkonnteichsie erst jetzt.Erfülltvon Glückgab ichmichder Stimmung hin und ließ mich von der sanften Ekstaseder Spatzen anstecken.Ichertapptemichsogardabei,dass ichein paar ausgelassene Hüpfereinlegte.

Die Weltist Klang

JedenSonntagvormittagrief Gora meine Freundinund michan, sie nahm Anteil an unserem Leben.Die schlichteFrage:.,GutenTag. Wiegeht es Ihnen, haben Sie heute etwas Schönesvor?" war etwa das,was sie sagte.In der Art,wiesie es sagte,lag unendlichvielWärme und Teilnahme.Der Funke sprang nicht nur durch ihre Worte über,sondern ebenso durch ihre Stimmlage,in der sich ihre ganze Herzenswärmeausdrückte.Ichkann gar nichtsagen,wie michdiese sonntäglichenTelefonate,die jahrelang mit Regelmäßigkeitstattfanden,stärkten.Nachjedem Anruffühlteichmichgut. Besondersan ein Telefonaterinnere ich mich noch sehr gut. Es regnete draußen wie aus Kübeln,der Himmelwar schwarz.Als Gora mich fragte,wie es mir gehe,antworteteich,dass ich einen miserablen Tag erwischt hätte. Darauf Gora völlig spontan, mit jugendlicher Frische:.,Gunter,lauschenSie einfachauf den Regen,nichts anderes'.'Sofort,nachdemich den Hörer aufgelegthatte, öffneteich die Balkontür.Der Geruchvon Frischeströmtemit der feuchtenLuft ins Zimmer.Nacheiner Weiledrängte es mich,auf den Balkonhinauszutreten.Regentropfenklatschtenauf die Kastanienkronen,ein fernerDonnerrolltelangsamaustönendüber das Himmelsgewölbe. Verschiedeneandere Laute drangen an mein Ohr, wie das Hupen eines Autosund das Rinnendes ablaufendenWassersin der Gosse. Ichließ selbstfernsteGeräuscheins Ohr eindringen,ließ den Klang, das Rauschendes anhaltendenRegengussessichauf meinemTrommelfellabspielen.Der Geschmackder kühlen Luft,die ich einsog, vermischtesichmit dem Geprasseldes Regens. Eine Weilestand ich mit geschlossenenAugenda und verlor mich gedankenlosin ein anderes beharrliches,leisesGeräusch.Dann öffnete ich die Augenund sah, wie Wassertropfenauf ein StückBlech sprangen,das auf der Straße lag, und wie zu dessen Seiten Ströme sprudelndenRegenwassersflossen.DiesesHorchenließ ein Gefühl für Ruheund Raumentstehenund war eine große Hilfe,die Gedankenaktivitätin den Hintergrundtreten zu lassen,sodassein inneres Geordnet-und Gelöstseinohne mein Zutun in mir wuchs.Dadurch wurdeauchder Atemohnejede Absichttiefer,leichterund gleichmäßiger.Je längerich mit Offenheitlauschte,destomehr traten Vorstellungen und Gefühle zurück Es gab weder Denken noch Wissen,

sondern nur das augenblicklicheGeschehen.Der Klangdes Regens kam aus einerungeheurenTiefeder Gegenwart,aus dem Raummeines Hier-und-Jetzt-Seins. Nach einigerZeit fühlte ich mich verwandelt.Nichtichwar es,der etwasmachte,sondernes geschahetwasmit mir.Eswurdeetwaswirksam,was effektiverwar,alsdas menschliche Wollen.Ich konnte michso sehr loslassenund in einen Zustandder reinenErfahrunggeraten,dass ichmichfür einenkurzenAugenblick nichtals „ich"empfand,sondern mich identischfühltemit den Vorgängen,die sichim Innerenund Äußerenvollzogen.Indemichmich selbstverlorwieein Wassertropfen, der sichmit demMeervermischt, verschmolzichmit dem Regen. Das Gewitterzog vorüber,das Geprasselließ allmählichnach,wich immer mehr einem Getropfe und hörte schließlichganz auf. Der Windlegtesich,dann kam ein neuer Windstoß,bewegtevon neuem das Blattwerk,und als die nächsteBöe kam, begannen die Bäume, ihre Tropfenabzuschütteln.Die dichtenWolkenrissenlangsamauf, und der Himmel,der nochvor ein paar Minutenganz grau und trüb gewesenwar, färbte sich leuchtendbunt, zu einem Durcheinander von rosafarbenen,grauen und gelben Streifen, die langsam von Westenher über die ganze Stadt zogen.Im nächsten Augenblick brachein Lichtstrahldurchdie Wolken,es wurde unvermitteltheller. Stücke blauen Himmelsschienen hervor.Irgendwiehatte sich der gräuliche Himmel über Berlin fast unmerklich mit Sonnenschein gesättigt,und nun war er ganz und gar von Sonne durchdrungen. Das überströmendeweiße Leuchtenwurde weiter und weiter,alles löstesichdarin auf und verging. Nochheute befolgeichhäufigdiesenwertvollenRatschlag.Wennich eine starke Beunruhigungin mir spüre, halte ich einen Moment inne,lasse Stilleentstehenund machenichtsanderes,als mit ungeteilter Aufmerksamkeitalles zu hören,was an mein Ohr herantritt, lassedieWeltlaut werden,ohne zu denken.Ichempfangedie Geräusche der Weltso, wie ich der Musiklausche.Allesist Laut,alles ist Klang;allesLebentritt plötzlichaus dem Raumhervor.Jetzt!Gerade jetzt!

Schweigen

Goranahm an meinemLebenswegteil,ohne etwaszu fordern,ohne mir Fragenzu stellen,ohne mir Ratschlägezu geben,wie ich mein Lebenändern oder gestaltensollte.Es sei denn, ich wünschteeinen Rat, oder sie sah sich durch mein Verhaltenveranlasst,etwas zu sagen.Es lag ohnehin nichtin ihrem Wesen,vieleWortezu machen. Gora ließ generelljeden in seiner Art gelten,leben und gewähren, versuchte nicht, durch ForderungenEinflusszu nehmen und griff nur dann ein, wenn ihre Intuitionoder ihr gesunder Menschenverstand es nahe legten.Dabeiüberließsie uns Schüleraber nichtunbeteiligt uns selbst, sondern - und dadurch erhielt ihre Hilfe ihren unvergleichlichenWert- halfsie durch„Nichthelfen",indemsie uns zur eigenenEntfaltungunserer Fähigkeitenermunterte.Gora überzeugte durch „Nichtüberzeugen wollen",am stärksten durch ihr eigenesLebensbeispiel.Sie lehrte durch „Nichtlehren",sie ließ uns selbstErfahrungenmachen.Sieveranlassteuns,dafür aufmerksam zu werden,dasswir das,was wir suchtenund erforschten,nur in uns selbstentdeckenkönnen. EinMittel,dessensichGorabei ihren Unterweisungenbediente,um uns für Erfahrungen aufzuschließen,war das Schweigen. Das Schweigenals Wegzu Erfahrungen,in denen wir das pulsierende Lebenin all seinen Nuancenselbstspüren und zulassen. Icherinnere michnoch deutlichan die Situation,als ich wiedereinmal eine Gelegenheitfand, Gora von meinen Kümmernissenzu erzählen. Natürlicherhoffteich von ihr einen Rat und insgeheim auch Trost.Zuerst tranken wir gemeinsam in der KücheTee.Den Kopfein klein wenignach unten geneigt,innerlichin einemZustand der Offenheitund höchsterLebendigkeit,saß sie gelöstda. Sie faltete ihre Hände und schlosshalb die Augen.Wortlossaß Gora mir gegenüber und wartete, bis ich anfing zu erzählen. Indem Gora zuhörte,schiensie tragen zu helfenund das Angestauteoder Problematische zum Fließen und Abströmeneinzuladen.Alles von mir Gesagtewar nichtins Leeregesprochen,sondernwurdevielmehrim Gehört-werdenverwandelt,erleichtertund gelöst.Meine Lehrerin hörte mit einer so großen Aufmerksamkeitund Intensitätzu, dass sie mir den Eindruck vermittelte, es gäbe nichts Wichtigeresim Augenblick,als meinegesprochenenWortezu empfangen.Während

ich erzählte,hob auch Gora in Abständendie Teetasse,führte sie an ihre Lippenund trank einen Schluck.Dann stelltesie in aller Ruhe dieTassevor sichab.Nachder nächstenTasseTeefragtesie liebevoll: ,,Na,wieschmecktIhnen der grüne Tee?"Augenblicklichbegriffich, dass sie mich von meinem Redenwegbringenwollte.Und im gleichen Momenthatte ichkeinerleiBedürfnismehr,auch nur noch ein Wortzu verlieren.Währendich den Nachhallmeiner lebhaftenAussprachein mir fortschwingenfühlte,wurde ich allmählichruhiger. Fragenund Gedankenverstummten.Gora schwieg,und um sie her war diese stille Leere.Absolutes,vollkommenesSchweigen.Ganz eingefangen von der unbegreiflichen Stille, schaute ich einen Moment verlegen zu ihr hinüber. Doch dann konnte ich plötzlich diese Stillenicht mehr aushalten.Jetzt muss sie dochendlichetwas sagen! ging es mir durch den Kopf.Mit ziemlicherBeklemmung blickteich Löcherin die Luft.Gora schwiegweiter,und ich wusste nicht,wie ich dieses Schweigenverstehen sollte.Ich wartete.Ganz allmählichbreitetesich in mir ein ruhiges Seinsgefühlaus. Gedanken verflogen,nur Gora und ich blieben zurück. Dann geschah etwas Unerwartetes!Nichts erfolgte,außer einer unwillkürlichen, kaum angedeutetenHandbewegungmit einem aufwärtszeigenden Finger,den Gora schwebendwie einen Flügelschlagmit so sprechenderGebärdezu heben wusste,dass ich beim Anblickder Geste Ungewöhnlicheserlebte.WiedurchZauberhandbefandich michin einer völlig veränderten Gemütslage.Die ganze Weltwar in Ordnung und ich mit ihr eins! Gora wandte schließlichin aller Ruhe ihren Blickzu mir, und in ihrem ernsten Gesichterwachteein Ausdruck,der zu einem sanftenLächelnaufblühte.Daswar alles! ZwanzigJahre sind seitdem vergangen,aber die Geste, die mich magisch erfasst hatte, als Gora lediglichden Zeigefingerum eine Spur nach oben geneigtund ein leichtesLächelnzu erkennen gegeben hatte,sehe ich,wenn ich die Augenschließe,noch immer deutlichvor mir. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht erkannt, welche Kraft im Schweigen,im richtigenZuhörenund in einer Gesteliegenkann.Zu sehr war ich von meiner vorgefasstenDenkart und Sichtweise behindert.Esfehltemir einfachdas Organund damitdie Sensibilität für derartigeSchwingungen.Sicherlichhielt mich auch mein innerer Lärm davon ab, und ich verfehltedadurch das, was nur in der

innerenStilleaufgeht.In späterenJahrenmeinerAusbildunggenügten manchmal spärlicheAndeutungen,um etwas besser zu verstehen. Schweigenempfand ich dann nicht mehr als unangenehme Leere,die schnellgefülltwerdenmusste,sondernals Leere,die mich stillte.Damalsgingenmir der Sinn und die Wirkungvon GorasVorgehensweiseauf. Manchmaltraf es mich wie ein Blitzund manchmal begriff ich erst einige Zeit später, was Gora auf ihre Art und Weisezum Ausdruckbringen wollte- oftmalsverstand ich sie aber gar nicht.Wennmir das Verständnisauch erst sehr spät aufging,so schluges dennochin mir starke Wurzeln.

EinFußbad

In Goras letzten Lebensjahrenverbrachteich so manchen erfüllten Tagin ihrer Nähe.Besondersgern hielt ich michmit ihr in der Küche auf.Ichmochtees,stillneben ihr zu sitzenund mit ihr Teezu trinken. In ihrer Gegenwartkonnte ich mich gut entspannen und hatte das Gefühl,dass das Leben,so wie es sichzeigte,in Ordnungwar. EinesAbendserlebte ich das Beisammenseinauf besondereWeise. Gora, hatte in ihrem Rollstuhl sitzend ihren Stammplatz am Küchentischnahe der Tür eingenommen.Ihre kleine Gestaltwar in eine Wolljackegemummt.Versunken,Zeit und Raum aufgehoben, saß sie mir gegenüber.In ihren Zügen lag ein seltsam ernster Ausdruck,in dem ich aber auch eine beherrschteSeligkeitzu erkennen glaubte. Gora saß in vollkommener Lockerheit und ihr Gesicht strahlte mit nach innen gewandtemBlickin stiller Heiterkeit.Sie war so sehr bei sich,dass mir selbst nichts anderes übrigblieb,als auch einfachruhig zu verweilen.Im stillenMonologdachteich:Ich sitze hier bei einer weisen,alten Frau,meiner Lehrerin!So gesehen bekommt alles seinen Frieden,und das ist eine ausgesprochengute Sache. Nacheiner Weilemachte ich mich an die Vorbereitungdes Abendbrotes.Dabei wechseltenwir ein paar Worte,aber bald begann das Wasserfür den Teeim Kesselzu summen und zu brodeln,und wir verstummten.Schweigendaßen wir ein Butterbrotund trankenTee. Ich schaute aus dem Fenster,und mit einem Mal schien es mir, als würden die Bäume draußen ihre Konturen verändern und die

Geräuscheder Umgebungin nichtgekannterWeisean mein Ohr treten. Das Denken in meinem Kopfwie auch mein Zeitempfinden warenvölligabgeschaltet,sodassichnachhernichthätte sagenkönnen,wie langeichaus dem Fenstergeschauthatte.Für einen Augenblickkam es mir vor,als wäre jetzt nichtjetzt,als wäre ich nicht ich, hier nichthier.Dashört sichsonderbaran, aber ichkann es nichtbesser erklären. Der durchdringendeKlang einer Vogelstimmeholte meinenGeistin die alltäglicheWeltzurück. Obwohlich mich meistscheute,Gora offenins Gesichtzu sehen,so konnte ich diesmal der Versuchungnicht widerstehen, sie erst verstohlen,dann aber offenanzuschauen.Eswar ein Augenblick,der mir die Möglichkeitbot, Goras Gesichtszügein ihrer ganzen Tiefe auszukosten.Diese vierundneunzigjährigeFrau, in deren Antlitz Jogitum,Schlichtheitund große, heitere Geistigkeiteins geworden waren,saß mit halbgeschlossenenLidern,mit einergewissenStrenge auf den Lippen des schönen,geschlossenenMundes direkt vor mir. In ihrem Gesichtkonnte ich eine unglaublicheMischungaus Ernsthaftigkeitund vertrauensvollerErgebenheit,wie auch Geduld und Güte wahrnehmen. Die Milde ihres nach innen gewandten Blickeswies auf eine höhere Seinsstufe hin. Die tägliche hingebungsvolle,unermüdlicheArbeit mit ihren Schülern,hatten nicht nur GorasSinneauf allenEbenengeschärft,sondernsie ebensosehr zur Meisterindes Dienensund der Hingabewerdenlassen.Unddies hinterließ eine Prägung asiatischerStille,Geduld und Versunkenheit auf ihren Gesichtszügen.Ichfühltemich erinnert an Abbildungen von Laotse, an Buddha-Statuen oder auch an Bilder verschiedenerIndianerhäuptlinge.Gesichter,in denen geschrieben steht,dasssie allesverstandenund ohne die geringsteBitterkeitund Sentimentalität auch alles Leidvolleund Schwere ertragen und transformierthaben. Man denkt an Askese,Versenkung,WeltüberwindungohneWeltflucht,ein langesdiszipliniertesLebenim Geiste. Gora,eine Weise,alt und dochzeitlos. Nachdem Abendessenschicktemich Gora mit der Bittein ihr Zimmer, in der obersten Schublade ihrer Kommodesaubere, weiße Säckchenzu suchen und aus dem Badezimmerein paar Taschentücher, Franzbranntweinund ein Handtuch zu holen. Ich gab mir Mühe,die Stille im Haus nicht durch lautes Hantieren zu stören. Dann setzte ich in einem KesselWasserauf, stellte eine Schüssel

parat und bereitetedas allabendlicheFußbadvor.Diesallesgeschah in besinnlicher Ruhe und brachte eine gewisse Ausgewogenheit meines Gemütszustandesmit sich. Es war so, als würde meine zufriedeneSeelesanft hin und her gewiegt,ohne nur im Geringsten etwas anderes zu wollen,als das, was ich gerade tat Die ungeteilte Aufmerksamkeitauf die auszuführendeTätigkeitbewirkte,dassder Augenblickzur Ewigkeitwurde.Völligvertieftin mein Tun wie ein Kindin sein Spiel,vermochtensich keine Gedanken oder Gefühle einzumischen.Im Raumwar alles still,nur das Brodelndes Wassers im Kesselwar zu hören, ein anschwellendesRauschen als stille Begleitung. Nacheiner Weilegossich das heiße Wasserin eine Schüsselund mit einem zweiten Gefäß schüttete ich vorsichtigkaltes Wassernach und prüfte mit der Hand,ob es die richtigeTemperaturhatte.Dann zogich GoradieweißenBaumwollsöckchen aus,und sietauchtemit einembehaglichen„hmmm"ihre Füßein daswohltemperierteWasser.Dabeisah sie michan, und jeder Winkelihres Gesichteslächelte genüsslich,so wie es Babysmanchmalvor Wonnetun. Nach einer Weilegab mir Gora den Wink,heißes Wassernachzuschütten.Vorsichtigschobsie ihre Beineein wenig zur Seite,damit ich genügend Platz hatte, Wasser nachzugießen.Diese Aufgabe erforderte große Achtsamkeit,denn es wäre nicht auszudenken gewesen,wenn Goras Füße etwasvon dem siedendenWasserstrahl abbekommenhätten. Hellwachschöpfteich dann Wassermit meinen zu SchalengeformtenHändenund ergosses mit zügigenBewegungen auf Goras Knie.Aufihrem Gesichtkonnte ich ablesen,wie gut es ihr tat und wie sehr sie das Fußbad genoss.Auchich genoss den Augenblickund war voll und ganz damit zufrieden,an genau jenem Ort zu sein und zu fühlen, in Verbindungmit der zeitlosen Weltzu stehen.EinekleineBewegungihrer Hand gab zu verstehen, dass ich wieder heißes Wasser nachschütten könne. Viele Male schöpfteich noch Wasseraus der Schüsselund ließ es von Goras Knienzurückrinnen.Nacheiner Weilesagte sie ruhig: ,,Nunlassen wir das Vergnügenfür heute'.'Ichknietevor ihr auf dem Boden,breitete ein Handtuchaus,nahm einenFußauf meinenSchoßund trokknete ihn ab. Dann kam der andere dran. Jetztwaren die Füße,die zuvorziemlichkalt gewesenwaren,wohligwarm. Alsich die Sökkchen hochzog,sagte Gora, während sie ihre Füße in den Socken

zufriedenbewegte,mit einem feinenLächelnund heiterer Stimme: ,,Jetztbin ich aber ganz froh!" Bevor ich ging, schenkte Gora mir eine Tafel Schokolade von Hamann - eine besonders erleseneQualität - mit der Bemerkung: „Für Sie und Renate.Gute Nacht,schlafenSie gut und danke für alles."Ein sanftesLächelnhuschteüber ihr liebesGesicht.,,UndvergessenSienicht Renateeinen guten Schlafzu wünschen,und sagen Sie ihr, Sie solle gut acht auf sich geben.Und versprechenSie mir, dass auch Sie gut auf sich aufpassen."Ich verabschiedetemich mit einerkleinenVerbeugung. Alsich draußen auf der Straße stand,sah ich noch einmalhinauf zu GorasEckfenster,das bereits im Dunkeln lag und winkte kurz nach oben.

Einestumm-beredteStunde

WirSchülerlagenauf dem rotenTeppichbodenim Turnzimmerund warteten wie jeden Tag auf Goras Anweisungen.Doch Gora blieb stumm. Eine Atmosphäreder Erwartung füllte den Raum. Mehr oderwenigerlagenwir geduldigda und wartetendarauf,dassetwas geschähe. Um mich herrschte erwartungsvolleStille, nur meine tosendenGedankenverursachteneinen starken Wellengang.Langsam wurdenwir Schülerungeduldig.Warumbegann Goranichtwie sonstmit dem Unterricht?Keinerwagtezu fragen,waslossei.Ichbildete keine Ausnahme.Doch siehe da, nach und nach verebbte die aufkeimendeErregungund machteder Ruhe Platz.Nur nochwenige verletztendie Stille.Nach einiger Zeit begehrte niemand mehr auf.Wiralle überließenuns der Situation,die immer stärker auf uns wirkte. Die Stille breitete sich so sehr aus, dass wir uns mehr und mehr für den Momentöffnenkonnten und nicht mehr nur im Warten und im Denken verharrten.Hierwurden das Schweigenund die Stille,die uns Zeit und Ort vergessenließen,in ihrer ganzen Fülle und Krafttieferfahrbar.DieseStillewar mehr als nur das wohltuende Fehlenvon Lärm,es war die Erfahrungsich erfüllendenLebens selbst und sie beschertesicher nicht nur mir einen seltsamen Seelenfrieden. Völligselbstvergessengenossich den kühlen Luftzug,der durchdas

geöffneteFenster einströmte.Die Augen hatte ich geschlossen,so dass die Außenweltnur über die Schwelleder Ohren an mich herantrat. Alle Geräuscheum mich her nahm ich besonders deutlich und differenziertwahr.Dabeitauchtedas Hörenmeinen Geistebenfalls in diese tiefe Stille;eine Stille,die wir etwa vergleichbardann spüren,wenn der erste Schneeauf die Erde fällt.Alleswar Schweigen!Das Schweigenoffenbartesich im ungestörtenSchwingender Geräusche,die an mein Ohr getragen wurden. VonWeitemdrang der Klangeines Automotorsherüber, und noch weiter entfernt auf der unsichtbarenAvussummte ein dumpfer Bienenschwarmvon Verkehrslärm.Währendich auf dem Boden lag und die stille Morgenweltmich in sich aufnahm,meinte ich von Ferne ganz leiseden Klangeines näherkommendenVogelschwarmszu hören. Ich hatte das Gefühl,ein ganzerSchwarmvon Zugvögelnzogaus großer Entfernungvorüberund verschwandin den Wolken.Eswar mir,als hätte ich diese Tönevor langer,langer Zeit irgendwogehört.In ihrem Klanglag die StimmungweiterFerne.Undfür einen kurzenAugenblick wurde mein Bewusstseinmit etwas in Verbindunggebracht, das mit Freiheitzu tun hat. Zwei Fußgänger, die direkt vor dem Fenster den Bürgersteig entlangliefen,übertöntenjetzt laut diese Klänge.Ganz in der Nähe flöteteeine Amsel,und eine neue leichteBrisetrug frischeLuftherein. Alleswurde zum Ereignisund ging wunderbarerweisein einer AtmosphäreallerersterGüte vonstatten.Je mehr ich ins Wahrnehmen kam, desto mehr konnte sich innerlichetwas ausbreiten und sinken.Ichmachtedie wunderbareEntdeckung,dass der Atemganz von selbstfrei und tief in michhineinströmte. Irgendwann erklang Goras Stimme seelenruhig und ohne Betonung:,,So,Siekönnenjetztgehen!"In uns gekehrt,in stillemGesammelt-seinverließenwir den Raum. Ich bin mir ziemlich sicher,dass wir alle verändert von dannen zogen.Anderskann iches nichtbeschreiben,es war wohldie beredtste Stunde,die ich je erlebt habe. Für mich war es nicht nur deshalb eine ganz besondereStunde,weil sie so aus dem Rahmen fiel,sondern auch,weilichmiterlebenkonnte,wie Goraohne Wortemit uns Schülernam Wacher-werdenarbeitete.Das Organfür die Erfahrung der Stille,das bei mir verkümmertwar,wurde durchdiesesErlebnis enorm geschult.

Spazierfahrten

In Goras letzten Lebensjahrenwar sie aufgrund ihres Hüftleidens auf einen Rollstuhlangewiesen.So fuhr ich sie,wenn es sich ergab, in diesem Gefährt spazieren.Die ersten Male lenkte ich den Rollstuhl völligunsensibel,war weder im Kontaktzum Fahrzeugnoch zu mir. Schon beim Anfahren gab es einen unangenehmen Ruck, und mussteich etwadurcheine schmaleTürfahren,eckteichgarantiert an. Gora fuhr dieseHolprigkeitin alle Glieder,aber es kam ihr nichtin den Sinn,dazuetwaszu sagen.Alsiches das erste Malschaffte, den Wagenetwas geschickterdurch eine enge Tür zu lavieren ohne irgendwoanzustoßen,flüstertesie erstaunt vor sich hin: ,,Das war jetztaber gut:'Ichverstandaugenblicklich.Nichtsdestotrotzpassiertemir beim nächstenMaldas gleicheMalheurwieder,aber diesmal fiel es mir wenigstensselbst auf. Im Laufe der Zeit wurde ich sensibler,ich entwickeltemehr Geschicklichkeitund ein feineres Gespürfür das Fahrenmit dem Rollstuhl,dassichoftdas Gefühlhatte, er lenke sichvon selbst. ZweiSpazierfahrtenhabe ich immer noch deutlichvor Augen.Es war Winter,der erste Schneefiel.In diesem Schneienlag ein Friede und einewohltuendeStimmung,diesichauf mein Inneresübertrug. Ganz eingenommenvon dieser Seligkeit,fuhr ich Gora durch die lautloseWinterlandschaft.Gora saß in eine Wolldeckegehüllt,mit Mütze, Handschuhen und Schal ausgestattet in ihrem Rollstuhl. Schneeflockentänzelten schwerelosvom Himmel,als wollten sie ewig schweben.Die vom Himmel purzelnden Schneekristalleließen sichsanftauf ihrer Deckenieder.Ab und zu bat michGoraanzuhalten, um sich für einen Augenblickan etwas zu erfreuen, wie beispielsweisean dem bunten DurcheinandereinerKinderschar,die veranstaltete. eine Schneeballschlacht Da es bitterkaltwar,mussten wir leiderschon nach kurzer Zeit den Heimwegantreten.Zuhause angekommenwaren meine Hände zu Eisklumpenerstarrt.Gora bemerkte es, da ich versuchte,sie warm zu reiben.,,KommenSie,geben Sie mir ihre Hände!"sagte sie liebevollund legtesogleichdie ihren in die meinen.Wiestaunte ich über das unglaublicheWärmequantum,das Gora nach dem Aufenthalt draußen bei Minusgraden abzugeben vermochte.Als sie meine Hände nach wenigenMinuten losließ,waren sie wieder mit Leben

und Wärmedurchströmt. Da Gora in der Nähe des Grunewaldseeswohnte,steuertenwir ihn als Ziel kleinererAusflügerecht häufigan. So ergab es sichauch an einemherrlichenSommertag.IchschobGorain ihrem Rollstuhlbei schönstemWetterden Weghinunter zum See.Dort angekommen, legten wir eine kleine Rast ein. Ich setzte mich auf eine Bank,und meine geliebteLehrerin saß an meiner Seite.Voruns lag der sonnenüberglänzteSee glatt wie ein Spiegel.Mit großer Gegenwärtigkeit und engelsgleicherRuheverfolgteGoradasTreiben,dassichvor ihr abspielte.Ihr Blickspiegeltestaunende Hingabeund dankbares Entzückenwider. Was es allerdings war, das sie so zum Staunen brachte und das Glück des Schauens erleben ließ, vermochte ich nichtzu entdecken. Während mein Blick über das Wasserschweifte,verharrte ich offensichtlichganz im Gegensatzzu Gora - in krausen Gedanken. Doch von Gora ging eine so große Seelenruheund Kraftaus, dass meine Seele schließlichwie von selbst in ein unbekümmertes Insich-selbst-schwingen überführtwurde.Ichempfandes wie ein Eintauchenin das starke,stilleGlückihrer Präsenz,und es erfülltemich schonbald ein warmes,behaglichesWohlsein,eine Atmosphäredes Friedens,an der ich in GorasGegenwartnun schonso häufigteilhaben durfte.Je längerwir still dasaßen,desto mehr übertrug sichdieser Zustandder Beschaulichkeitauf mich,und so ließ auch ich mich von dem Geschehenum michher einnehmen.Vielegroße und kleine Hunde verschiedensterRassen spielten und bellten vergnügt unten am Wasser.Ein kleinerJungehatte sichvolldes unbewussten Glücksim Spielverloren.Einanderer Knirpsvon zweioder dreiJahren hockte wenige Meter entfernt auf dem Boden,schaufeltemit einer kleinen SchippeSand in seine Händchenund warf ihn dann begeistertin die Luft.Jedesmal,wenn wieder ein Sandschauerauf seinem Kopflandete, brach er in Lachen aus und klatschte in die Hände.Dann wiedersah ich in die GesichtervorübergehenderSpaziergänger,hörte verebbendeStimmen im Gesprächund das helle Lachenzweierjunger Mädchen.Eine Wolkeschob sich gerade vor die Sonne,deren plötzlicherSchattenkundtat, dass sie vorüberzog. EineaufkommendeleichteBrisekräuseltedas Wasserauf dem See. EinigeJungenkamen vorüberund fandeneinenenormen Spaß daran, sich gegenseitiganzurempelnund sich kleine Boxhiebezu ver-

passen.Sie stellten sich dann ans Wasserund ließen kleine Steinchen titschen.Einervon ihnen hatte den Bogenbesondersgut raus. Niemandkonnteso oftwieer einen flachenKieselsteinüber die Wasserflächedes Seesspringenlassen. Selbstvergessenschaute ich über den See und verfolgteden Flug einigerVögelim Sonnenlicht.Ein Schwalbenpaar flogjauchzend,in launischspielerischenBögen durch die Luft.Am Himmel hingen unbeweglich und fächerartig mehrere flamingorot durchzogene Wolken,eine beachtlicheOvation aus Farbe und Form. Gora saß gedankenverlorenda.Siewar einfachnur in ihrer einmaligenArtda, wie auch die Bäume und der See in ihrer Art da waren.Ihre Gegenwart ermöglichte mir dieses Erlebnis und gab ihm schließlich Zusammenhangund Tiefe,die es ohne sie nichtgehabt hätte. Wie angenehm und erhebend es sein kann, in Anwesenheiteines Menschenzu schweigenund dabei gemeinsamin die Welteinzutauchen,ohne Worte,das erlebte ich hier mit Gora auf unvergessene Weise.Ichsah in ihr von innen leuchtendes,vergeistigtesAntlitz,und eine Wogevon Liebeund Verehrungdurchflutetemich.Am liebsten hätte ich ihr gesagt:,,Gora,ich liebeSie!",aber ichbedachte,dass ihr meine Wortevielleichtunangenehmwären,und so schwiegich.Als ob Gora meine Gedanken erraten hätte, sah sie mich plötzlich lächelndan. Ihr Blickschaute dabei, ohne zu sehen, er schien aus einer Bewusstheitzu kommen,die wir Seelenennen.KleineKinder sehen uns manchmalso an. NachdieserEwigkeitder stillenBetrachtungstiegenschließlichwieder Gedankenin mir hoch.Undichweißnichtwarum,dochplötzlich machteicheine Äußerungüber den damaligenKriegin Afghanistan gegendie Sowjetunion.Aufgeschrecktaus ihrer Stille,hob Goraden Kopfein wenig und sagte mit einem leichtenAnflugvon Ärger in ihrer Stimme,und wiemir schienmit leichtemVorwurf:,,Aber,Gunter,bleibenSiebei sich!SchauenSiedoch,hier das Leben,dieKinder, die Bäume,der Wind,die Wolken,die Wärmeder Sonne und diese Luft.Erleben Sie doch das, was ist!"Diese Worte:,,BleibenSie bei sich!",hatte ich auf dem Nachhausewegnoch deutlichim Ohr. Ich höre sie nochimmer.

GorasLehrweise

Goralebteaus ihrem unverfälschtenWesenheraus,sie betriebkeine Psychologieund verhielt sich nicht bewusst pädagogisch.Sie handelte - wie mir schien- nicht aus religiösen,ethischenoder moralischen Einsichtenund Überlegungenheraus,erfüllteihre Aufgaben nicht aus dem Bewusstseineines Sollens oder Müssens,sondern handelteaus dem UrgrundihresWesens,indemsie eben das tat,was aus ihrem Innersten entstehen wollte.Ich meine, sie hatte sich so sehr ihres „Ichs"entledigt,dass sie zum Werkzeugeiner tieferen, ursprünglicherenKraftwurde,aus der heraus,ohne ihr Zutun und ganz absichtslos,die Leistung,wie eine reife Fruchtabfiel.Ihre Mitwirkung lag in ihrer Bereitschaftund Empfänglichkeit.In Goras Sein atmete etwas, was nur Dienen war. In einem Buch über die OrientalistinAlexandraDavidNeelvonJeanChalonlas ichfolgende Sätze,die, wie ich finde,gut auf Gora zutreffen:,,Wohltätigsein für die anderen bedeutet nicht,Handlungenvorzunehmen,von denen du annimmst,sie würden deinen Nächsteneine Wohltatsein.Nein, du selbst musst zu einer Quelledes Wohlbefindenswerden.Schau die Sonne, ihr Einflusswird nicht durch einen festgelegtenPlan bewirkt.Sieist die Sonne,sie kann es nichtverhindern,dasssie Wärme und Lichtausstrahltund dadurchallen KreaturenWohlbefinden vermittelt.Undso strahlt der Weise,der zu einem lebendigenMittelpunkt der Intelligenzund der Gütegewordenist,auf ganznatürliche WeiseEnergieströmeaus,die ihren Einflussüber die ganzeWeltverbreiten." Bei allem, was Gora tat, hatte man den Eindruck,dass sie ganz schlichtihre Arbeit machte,weil es genau das war, was sie konnte. Sie erfüllteihre Bestimmung.Für Gora war das nichts Besonderes. Sie war nur einfachda und tat das, was getan werden musste.Ihr Geistwar frei,siewar eins mit sich,der Weltund ihren Mitmenschen. Undaus diesemEinsseinreagiertesie auf alles Leben. Ausdieser Lebenseinstellungoder,vielleichtbesser gesagt,Lebensausrichtungresultierteihre eher ungewöhnlicheArt,mit Menschen Umgangzu pflegen.WirSchülererlebtendiesTagfür Tagsowohlim Unterricht,als auch im persönlichenKontaktmit ihr. Gora spürte sichin ihr Gegenüberso hinein,dass eine wirklicheVerbindungentstand.AufdieseArt war es ihr möglich,den anderen in seiner Tiefe

zu erkennen und auf ihn so zu reagierenoder einzugehen,wie es die „Eigenart"beziehungsweisedie Situationdes jeweiligenMenschen verlangte.Uns Schüler unterwies sie, je nach Entwicklungsstand und Veranlagung,wechselndin der Herangehensweiseund doch immer in der gleichen unbekümmerten, teilnehmenden und schlichtenArt. Gorahandeltenachden Erfordernissendes Augenblicks.Dabeihielt sie sich selten in langen Erörterungenauf, sondern gab eher einen knappenHinweisodereinen Anstoß.EinmalwarenWortewirksam, ein anderes Mal das Schweigen,einmal ein kurzer Anruf oder ein Zuspruch,mal mit Strenge,mal mit Milde,und zuweilengab es auch ein Donnerwetter,aber allesgeschahim SinneunsererEntwicklung Selbstwenn Gora scheinbarkeinerleiUnterstützungund Zuspruch gab und zeitweisejemanden kaum beachtete,spürten wir, dass in ihrem VerhaltenSinn lag,auch wenn wir ihn nichtgleicherkennen konnten.Besondersin den ersten Jahren war es mir oft nicht vergönnt Gora zu verstehen.Der Kern ihrer für mich oft rätselhaften Äußerungen blieb mir unklar, ja verborgen. Im Laufe der Jahre änderte sich das. Waszuvor durchaus sinnlos oder vernunftwidrig geklungenhatte,erhieltallmählicheinen Sinn.

EinDonnenvetter

Wenn Gora ärgerlich oder gar zornig war, durchbrach ein Strahl Wildheitihre Sanftmutund verschafftesichlauthalsmit einemDonnerwetter Luft.Sie besaß die Fähigkeit ihren Ärger,der durchaus einem Sturm im Universumglich,wirbeln zu lassen. Eines Tages war ich der Auslöserfür eine deutlicheZurechtweisung. Ichkann mich nicht mehr entsinnen,was vorausgegangenwar,auf jeden Fall hatte ich irgendetwasgesagt oder getan, was Gora sehr missfielund sie in Ragebrachte.Ich erinnere mich noch,dass ihre Stimmlage mich aufschreckte,als sie scharf meinen Namen rief. Dann schimpftesie: ,,DenkenSie doch nicht immer so schrecklich viel über sich nach, und nehmen Sie sich nicht so wichtig!"Der strengeTonfallirritierte mich.überrascht blickteich Gora an. Noch nie hatte ich sie so aufgebracht erlebt. Nach einer kleinen Unter-

brechung fuhr sie im selben scharfenTon fort:,,Siehaben es doch wirklich ganz und gar nicht schwer.Es geht Ihnen doch gut. Was verlangen sie eigentlich alles vom Leben?" Ich schluckte. Wie betäubt stand ich da und vernahm nichts mehr als das Pulsen meines Blutes, das mir in den Schläfen pochte, während ich mich gegen diese Äußerung innerlich wehrte. Goras heftige Reaktion und ihr barscher Ton trafen mich mitten ins Herz. Der Gedanke, dass ich wehleidigund dem Leben gegenüber undankbar sei, versetzte mir in den Tiefen meines Bewusstseins einen dumpfen, unangenehmen Schlag. Ich unterdrückte das Bedürfnis, einfach loszuheulen,weil ich ganz genau wusste,dass dies nicht der rechte Augenblickwar,meinem Gefühl freienLaufzu lassen. ObwohlGora sicherlicherkannte,wie verzweifeltich mich bemühte, nicht in Tränen auszubrechen,machtesie wider Erwartenkeine Anstalten,michzu versöhnen.Stattdessenmurmelte sie mit rauher Stimme wie zu sich selbst,wobei ihr Körperdabei ein wenig abgewandt war: ,,Jetztgeht er schnell zu Renate und weint sich bei ihr aus."Dassaß!Der Pfeiltraf genau ins Schwarze.DieseWorteverletzten mich so unmittelbar,dass ich Gora in diesemAugenblickregelrecht hasste. Mit halbgeschlossenen Augen stand ich wie angewurzeltda und suchtenacheinemWort,aber nichtsfielmir ein. -Auch wenn ichimmer wiederfeststellenmuss,dassich leiderkein mutiger Menschbin, so war es in diesem Augenblicknicht Feigheit, die mich stumm machte. Etwas anderes hielt mich davor zurück, Gorazu widersprechen. Ich spürte, dass ich immer stärker gegen die aufsteigendenTränen ankämpfte,doch ich war außerstande,sie zurückzuhalten.Als die ersten Tränen über meine Wangenrollten,wandte ich schnellden Kopfzur Seite,damitGoraihre Prophezeiungnichtauch nochbestätigt sah. Unentwegtsuchte ich mein Gleichgewicht,schautenervös zur Decke und dann wieder senkte ich den Kopfzum Boden oder starrte aus dem Fensterins Leere.Ichwusstenicht,was ich machen sollte.Wennichdochnur gehen könnte!dachteich.Am liebstenhätte ich die Tür hinter mir zugeschlagenund wäre augenblicklichverschwunden, - wahrscheinlich zu meiner Freundin - um mich auszuheulen. Einige Augenblickespäter, als ob nichts passiert sei, so wie nach einem Gewitter,wenn plötzlichder Himmelwiederaufklart und die

ersten Vögelanfangenzu zwitschern,sagte Gora in ihrer normalen Stimmlageund in versöhnlichemTonfall:,,Jetztgehen Sie schon!" Schnellputzte ich mir die Naseund verabschiedetemichmit einem wehleidigenTonin der Stimme,der michselbstanwiderte.Mitruhiger Gebärdesagte Gora freundlich:,,AufWiedersehen'.'FaststimmAber nicht gleichverließich den los entgegneteich:,,Wiedersehen'.' wie angewurzeltreglos, ohne ich stand Weile Raum. Eine ganze stahl ichmichmit schnelgekommen, mir zu Besinnung,da. Wieder und ichmir selbstam unerträglich mir lem Entschlussfort.Alleswar meisten. Als ich draußen war, blieb ich,weiß Gott wie lange,vor dem Haus stehen.Ichwussteeinfachnicht,was ich tun sollte.Nur einen tiefen Seufzerbrachte ich zustande,stellvertretendfür alle,die sich in mir angesammelthatten. Dann lief ich los, lief schnellerund schneller, als wollte ich vor der ganzen Situation und besonders vor meiner eigenen Person davonlaufen,aber auch deshalb, um mein Mitleid mit mir selbstund die in mir aufsteigendeVerzweiflung,die außer Kontrollezu geraten drohte,in die Schrankenzu weisen.Ohne Ziel und ohne die winterlicheStimmungan diesemSonntagim Geringsten wahrzunehmen,bewegteich mich aufs Geradewohlvorwärts. MiterschöpfterSeeleund In mir wogteeine berstendeVerzweiflung. schwerenBeinenkam ichschließlichgegenAbendnach Hause. Die Gedankenließenmichaber auchjetzt nichtlos.GorasÄußerungen hämmertenzum hundertstenMalein meinemKopf.Dochdann war ich zu müde, um weiter zu grübeln,legte michins Bett,zog die Deckeüber den Kopfund wartetedarauf,das Bewusstseinzu verlieren. EinigeZeit revoltiertedieses Erlebnisin mir, ließ mir keine Ruhe, und ich kaute an Goras Wortenimmer wieder herum, bevor sich meine Emotionenallmählichlegtenund ich mir mit mehr Abstand und Sachlichkeitihre Worteansehen konnte.Gora hatte ein Thema berührt, mit dem ich mich einfachnicht auseinandersetzenwollte. Ichwar tatsächlichein undankbarer Mensch,der sich allzu wichtig nahm. Daran war nichtzu rütteln.Ichmusste mir eingestehen,dass sichdurchJammern und Selbstmitleidmeine Lebenssituationnicht ändern würde. Und wenn ich genau hinsah, ging es mir eigentlich ganz gut. Durch das Gewahrwerdenund durch die daraus folgende Einsichtließen meine Verletztheitund mein Beleidigtseinallmäh-

liehnach.Nur den Satz„Jetztgeht er schnellzu Renate...,"konnte ich Goralangenichtnachsehen;es war mir einfachnichtmöglich,diese Worteauf sich beruhen zu lassen.Doch irgendwannwar das Festhalten an meinemGrollauchgegendieseÄußerungverschwunden. Ab diesemMomentder Versöhnungging es mir viel,vielbesser;ich war wieder im Einklang mit mir selbst.Der Stachel in der Wunde war geheilt,ichwar befreitund gelöst.MitErleichterungwurde mir bewusst,wie heilsam es doch ist, den Wegder Versöhnungeinzuschlagen,anstatt zu schmollen,beleidigtzu sein,zu urteilen und zu verurteilen.AmEndeeinerFehdedem Anderendie Handzu reichen, anstatt ihm den Rückenzuzukehren,hat eine wohltuende,befreiende Wirkung.

Sinndes Lebens

Ich hätte es niemalsgewagt,mit Gora weltanschaulicheGespräche zu führen,docheinmal ist es zu einem solchengekommen,welches aber nichtein Dialog,sondernein Monologwar,den ich bestritt und dessen freundliche,geduldigeZuhörerin Gora war. Aus irgendeinem Anlasshatte eine Unterhaltungmich auf die Fragenach dem Sinn des Lebensgebracht.Dabei überkam micheine Beredsamkeit mit missionarischemEifer,die etwas Unangenehmeshatte. Während ich also über den Sinn des Lebenssprach- vielleichtsollteich besser sagen,dozierte- hörte Gora mit ernster Mienezu. Je länger sie schwiegund mit gesenktemHaupt meiner Redelauschte,desto üppigergediehsie.Ichsagte vielesund bemerktenicht,dass ich lauter Selbstverständlichkeitenvon mir gab, dazu noch Ideen,die auf fremdemBodengewachsenund von mir einfachübernommenworden waren. Damals war ich sehr von esoterischenSchriftenbeeinflusst, und ich vermute, dass etwa solche Sätze von mir wiedergegebenwurden wie:,,Esgibt für mich keinen anderen Weg der Entfaltungund Erfüllungals den der möglichstvollkommenen DarstellungmeineseigenenWesensnach dem Gebot:SeiDu selbst, lebe aus deinem wahren Wesenheraus und erfahre das Sein!Der Sinn des Lebensliegtdarin,dem Lebenzu dienen und aus unserem wahren Wesenzu leben. Es geht in unserem Leben darum, das zu erfüllen,wofürwir geboren sind,heil zu werden für das Leben,uns

mit dem Leben zu versöhnen.MeineAufgabeist es, zu wirken und das Meine so rein und aufrichtigwie möglich zur Darstellungzu bringen,auf den Ruf meiner inneren Stimme zu hören und ihm zu folgen.Der Sinn unserer irdischenExistenzist es, sich zu vervollkommnen,zu wachsen,zu reifen,durch Harmoniein unserer Seele ganz zu werden und zur Einheitzurückzukehren.Wennwir im Einklang mit der kosmischenLebensenergieleben,erhältalles,was wir denken und tun, einen Sinn.Je mehr wir zu lieben fähigsind,desto sinnvollerwird unser Leben..." So etwa wird das geklungenhaben, was ichzum Bestengab. Als ich mich mit „meinemGlaubensbekenntnis"über den Sinn des Lebens erschöpfendausgelassen hatte, stellte ich Gora die Frage, worin denn Sie den Sinn des Lebenssehe.Ichwarteteauf eine Antwort,aber außer,dass ein bekümmerterAusdrucküber ihr Gesicht huschte,war aus ihr nichts herauszubekommen.Nach einer unerträglichlangenPause,sah sie michschließlichdurchdie dickenGläsern ihrer Brille mit gütig stillen Augen und mit einem nachsichtigenLächelnan und fragtemich ohne den geringstenBeiklang von Spott: ,,Wannfängt eigentlichdie nächste Stunde an? SchauenSiedocheinmalauf den Plan'.'IchunterließweitereFragen, aber nicht aus Einsicht,sondern aus Scheu,Gora weiter zu belästigen.

Staunen

Gora nähertesichdem Lebenim allgemeinenmit einerweitgehend erwartungsfreienund offenenHaltung,die nicht geprägt war von Vorurteilen,Urteilen oder gar analytischemDenken. Durch diese Offenheitwar ihr eine gewissekindlicheFormdes Staunensund des Überrascht-Seinsin unterschiedlichstenLebenssituationennicht abhanden gekommen.Nie fing der Alltag sie dermaßen ein, dass ihre Verwunderungüber das Leben zurückgedrängtwurde. Vielmehr ließ sie sichimmer wiederneu überraschen,behieltdie Offenheit und das Staunen eines Kindes,das die Welt nicht als etwas Gewohnheitsmäßigessieht,sondern stets als etwasNeues,Wandelbares,manchmal auch Unbegreifliches,etwas,das Erstaunen,Neugier und Nachforschunghervorruft. Diese Haltung dem Leben

gegenüber befähigteGora, einen tieferen Einblickin die Wirklichkeit zu gewinnen,als es die oftmalstrübe und entzaubertePerspektive eines Erwachsenenzulässt. Im Unterrichtkam es mit sprühender Lebendigkeitaus Gora herausgesprudelt:,,Wirsolltenschätzen,was es bedeutet,leben zu dürfen.Es ist ein kostbares Geschenkzu leben'.'Und nach einer Pause fügtesie vergnügtund forderndhinzu:,,Aberwir dürfen das Leben nicht festhalten.Wir müssen es loslassen."Immer wieder hörten wir im Unterricht,dass wir nichtsanderes zu tun brauchten,als uns vertrauensvollvon Augenblickzu Augenblicktragen zu lassen und uns dem frischbewegtenLebenzuzuwenden.,,Wirmüssen nur voller Erwartungsein, dann lebt es sich von selbst.Im Augenblickzu ,sein',das ist das wahre Wunder!" Gora nahm das Lebendurchausnichtals selbstverständlichhin. Ich werde nichtvergessen,mit welchheitererStimmesie einmal sagte: „Istes nicht im Grunde unbegreiflich,dass wir ,da' sind? Ist es nicht eine wunderbareFähigkeit,die wir besitzen,zu sehen und sehen zu dürfen,was das Lebenist?" Ein anderes Mal schwärmte sie im Unterricht über das uns geschenkteLeben:,,Istes nicht wunderbar,einfachdas zu spüren, was das Leben in dieser Sekunde ausmacht?Waswill man mehr! Manstellesicheinmalvor,was alles an einemTagpassiert- was wir sehen,erfahren und erleben.Vorunseren Augenliegt eine wunderbare Schöpfung,bei helllichtemTage.SehenSie sichdochdie Natur an. Wiejede Blüte,jeder Stiel,jedes Blattstrahlt und nach dem Licht strebt. Ist das nicht unglaublich?",ertönte es fröhlichund dankbar aus ihrem Mund.,,GehenSiedochnachder Stundein die Kücheund sehenSiesichdie Blumenan,die uns FrauS.mitgebrachthat.Wiesie leben!Wiesie existieren!Wiesie blühen!" Gora sah in einer Ameise,einem Wurm,einer Blume,einem Baum oder einem Stein ebensosehrein Mysteriumwie in einem Sonnenuntergang oder in einem Menschen.Es war dasselbe Wunder.Ihr Staunen drückteEhrfurchtund Hochachtungvor jeglicherLebensformaus,eine bejahendeEinstellungzu allem Seienden. Resultierendaus ihrerArbeitempfandGoranatürlicheine besondere Hochachtungfür den menschlichenOrganismus.Wie bestaunte sie immer wieder im Unterrichtdie Weisheitdes Körpers.Sie vermittelte uns, dass nicht nur unserer Geist „intelligent"sei, sondern

ebenso unser Körper.Sie sprach über ihn stets so, dass wir Schüler ein Gespürfür dieseArtIntelligenzder Materieals solcherbekamen. In einer ihrer letzten Unterrichtsstundenbestaunte Gora noch einmal in besondererWeisedas Leben.VollerEnthusiasmuskam es aus ihrem Mund:,,SehenSiedochhin!JederGrashalm,jedesKornin seinem Reif-werdenist etwas Lebendiges.Die Schnitterwerden kommen und die Sense nehmen. Was heißt das? Das Korn ist reif.Die Schnitterwerden da sein und mit der Sense durchs Korngehen.Es wird fallen,es wird gebunden zu Gaben, mit dem Dreschschlegel bearbeitet,dass wir Brotaus den Körnernbekommen.Esist alles so ungeheuerlich!Es ist doch alles so einfach!Es ist einfach da! Die Lebendigkeit- immer neu!" NacheinerlangenPausefuhr sie fort:,,Ichmuss nichtaltesLebenmit mir herumschleppen.Ichlebe ja jetzt,in diesem Moment.Da werde ich verlangt.Ichlebe einfachmein Leben'.'Wiedernach einer Pause: „Eine Generation aus der anderen Generation,immer aus einem Elternpaar ein neuer Mensch.Man sollte sich begreifbar machen, wie einfachdochallesist' Wiedereine lange Pause:,,DasHerz schlägt und schlägt - schadet nichts,wenn es aufhört,es kommen immer wiederneue,die weiterschlagen.Je mehr wir es in uns und aus uns lebendigsein lassen, destoleichterist es für uns." SolcheSätzezu verstehen,fiel uns nicht immer leicht.Aberwir hatten wohlalle im Laufeder Zeitein intuitivesGespürfür das entwikkelt, was Gora in ihrer eigenen Sprachesagte.Undso hatte auch in dieserSituationwohljeder der Anwesendeneine Ahnungvom Sinn des Gesagten.Berührt wurden wir schon allein durch die Art und Weise,wie Gora zu uns sprach.JederSatz,jedes Wortwar vom ganzen MenschenGora so durchdrungen,dass, selbstwenn der Inhalt nicht gleichverstanden,die Intention von jedem begriffenwurde, und das Gesagtemitten ins Herztraf. Angeregtdurch ihr Beispielund durch die Arbeit mit ihr, rief Gora diese Fähigkeitdes Staunens auch in uns Schülern wieder wach. Diesgeschahnichtvon heute auf morgen,sondern bedurftevielZeit und Offenheit.In der Kindheitwar uns ja allen dieseEigenschaftvon Naturaus gegeben,aber im Laufedes Heranwachsenshaben wir sie dann mehr oder wenigeraufgegeben.Unddamit verliertdas Leben an Glanz,es wird stumpferund freudloser.

Obwohl mir die Fähigkeit des Staunens, die ich als Kind gut beherrschte,nie ganz verlorenging,so hatte sie im Erwachsenenalter jedochdeutlichnachgelassen.Dank GorasUnterweisungenwurde diese Kraftin mir wiedergewecktund entfaltet,ohne dass es mir eigentlichbewusst wurde. Heute bin ich froh und zufrieden über jeden kleinen Anflugdes Staunensund wunderemich nichtselten, wie oftes dazuAnlassgibt.Da ich michdem Thema„Körper"mit all seinen Facettenzugewandthabe, bieten sich mir des öfterenGelegenheiten, die mich auf die verschiedenstenAspekte, die dieses Wunderwerk vollbringt, stoßen lassen. Bei dessen Bewusstwerdung bleibt mir nichts anderes übrig, als vor Staunen ehrfürchtig zu werden. Aus Staunen erwächst häufig Freude.Wie sehr kann ich mich in manchenAugenblickenan einerBlume,einemKäfer,einervorüberziehendenWolkeerfreuenoder michvom Anblickeiner spielenden Katzefesselnlassen.Wieherrlichist es, sichdem Rauschendes Meeres oder dem Plätscherneines Bacheshinzugeben,einer schönen Musikzu lauschen,sich in ein gutes Buchzu vertiefen,mit Kindern zu spielen oder mit Freunden in Unterhaltungund Spiel aufzugehen. Welch angenehme, friedvolle Empfindungen breiten sich zuweilenin der Meditationaus, wenn jeglichekörperlicheund geistigeUnrastverschwundenist,das Lebensanft dahinfließt,nur vom Gefühldes Seinserfüllt,ohnesichin Empfindungenoder Gedanken zu zersplittern.Die dauerhaftestenFreudenmeines Lebenswurden mir durch menschlicheBeziehungengeschenkt,durch Lehrer,die michunterrichtethaben,durchMenschen,die ich liebeund die mich lieben,durchalljene,die mir nahe stehen und michauf meinemWeg begleiten. Alldas sind Quellen,an die ichmichnur anzuschließenbrauche,und schonbin ichderWeltder Trennungenentlaufen,trete in dieWeltder Einheitein und tue für einen Momentnichtsanderes,als michdem Geschehendes Augenblickshinzugeben.Und manchmalgeschieht es, dass ich in solch ungetrübtemGewahrwerdenund Erleben des alldurchdringendenLebens die Wirklichkeiterfahre, die mit dem, was ich Gott nenne, übereinstimmt.Gott, das Selbst,die BuddhaNatur,die verborgeneEssenz,Brahman,das Absolute,das Tao,oder wie auch immer ich es benenne,ist keine ErklärungdiesesZustandes,sondern eher ein Ausrufdafür wie „Oh"oder „Ah".

Neubeginn

MeineSchwesternahm immer an meinem Lebenteil und verfolgte interessiert meinen Lebensweg.Es war ihr nicht entgangen, mit welch großem Engagement ich mich der Gindler/GoralewskiArbeitverschriebenhatte.EinesTagesmachtesie mir den Vorschlag, in ihrer Arztpraxisdas Gelernte an andere Menschenweiterzugeben.Jahrelanggab es nichtsWichtigeresin meinemLeben,als so oft wie möglichin Goras Kreiszu treten und von ihr zu lernen. Der Gedanke,ichkönne einesTagesselberdieseArbeitanderenvermitteln,war mir nie in den Sinn gekommen. Aus mangelndemSelbstvertrauenzögerteich zunächst diese Herausforderunganzunehmen.Die Ideeließ michaber nicht mehr los. Als ich schließlichGora davon erzählte, machte sie mir Mut und ermunterte mich: ,,Manlernt nur durch Tun".Und mit kraftvoller Stimme fügte sie hinzu: ,,Nehmensie die wunderbare Gelegenheit wahr!" So dauerte es nicht lange, und ich begann, mit einzelnen Menschenzu arbeiten.Endlichkonnte ich meinen Teilzum Leben andererbeisteuernund Verantwortungtragen.Daslange,geduldige Suchennach einer sinnvollenTätigkeit die meinen Neigungenentsprach,hatte sich offenbargelohnt.Es hatte den Anschein,dass nun für mich etwas Neues seinen Anfang nahm. WelcheGnade, oder banaler ausgedrückt:welch günstige Fügung!Ich war dem Leben angesichtsdes Weges,der sichmir eröffnete,dankbar. VonBeginnan bereitetemir die Arbeitviel Freude,wenngleichich mich in der Weitergabenochnichtsicherfühlte.Zum Glückmachte sich diese Unsicherheitnicht sonderlichbemerkbar,und mein Elan überwog.An die erste Stunde erinnere ich mich noch recht gut. Als ichden Unterrichtbegann,war mir GorasGeistso gegenwärtig,dass ich das Gefühlhatte,durch sie geführtzu werden.Zumindestwar es dochso,als wachesie über mich,was ich als sehr hilfreichempfand. Außerdemdurfteichbald feststellen,dass für meineneue Lehrerrolle doch schon ein gutes Fundamentvorhanden war.Was hatte ich nichtalles durchGoragelernt! Etwaein Jahr lang arbeiteteich nun in der Praxismeiner Schwester jeweilsmit einzelnenPatienten,die für dieseArbeitgewonnenwerden konnten. Für mich gab es viel zu lernen im Umgangmit den Menschenund ihren Bedürfnissen.IchfandzunehmendGefallenan

dieserTätigkeitund fühltemichendlicham richtigenPlatz.Dassder NährbodendieserArbeitdas Dienen,die Hingabe,die Achtsamkeit und der Respektvor dem Menschenwaren, hatte ich durch Goras Beispielbegriffen,und es fielmir nichtschwer,dieseAspektezu verwirklichen.Selbstdarstellung,Geltungsdrangund Effekthascherei hatten in dieser Arbeit keinen Platz. Eigentlichselbstverständlich, dassderartigeAnwandlungenfür einenLehrerder Körperarbeitkeine Rollespielensollten,trotzdemwurde mir in der ersten Zeitmeiner Tätigkeit schmerzlich bewusst, wie sehr mir ein gewisser Geltungsdranghin und wiederzur Versuchungwerdenkonnte,und wieschweres manchmalwar,völligauf ihn zu verzichten.Insgesamt aber war ich mit dem zufrieden,was ich bisher erreicht hatte und hegtenichtden Wunsch,etwasandereszu tun, als das,was ich tat. EinesTagesbestellteGora mich zu sich.Alsich vor ihr stand, fragte sie streng und fordernd:,,Wannfangen Sie endlichan, Gruppen zu unterrichten?"Diese Frage kam so überraschendund zugleichso befehlend,dass es mir durch alle Glieder fuhr.Mein Herz begann, heftigzu klopfen.Unterrichten.Ich sollteeiner ganzen Gruppe von MenschenUnterrichterteilen.Der Gedankewar ebenso anziehend wie furchterregend.In kurzer Zeit hat er sich zu formen begonnen, und GorasVorschlagließ ihn wachsen. AufdieseArtwurde ichalsomit der nächstenHerausforderungkonfrontiert,und ichhatte michihr zu stellen.Esdauerte nocheine Weile, bis ich mich an diese Aufgabe heranwagte und die nötigen Schritte dazu unternahm. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass GorasAufforderungzum Handelnmir nur Gutesgebrachthat.Ja,es war der Beginnmeiner Arbeitmit Gruppenund zugleichein großer Schrittauf meinemWeg. Etwazur gleichenZeitgab Goradie LeitungihrerSchulein die Hand eines ihrer langjährigenSchüler,MichelBenjamin.Dieser Schritt brachte einigegravierendeVeränderungenmit sich.Hatte Gora in ihrer beinahe fünfzigjährigenUnterrichtspraxisausschließlichLaienkurse angeboten,entwickelteMichelein neues Konzept,welches nunmehr auch Ausbildungkursevorsah. Dieses Angebotstieß auf breitesInteresse. Schonbald gab es neben den weiterlaufendenüblichenLaienstunden zweiAusbildungsklassen.EineGruppe hatte am Vormittag,die andeream Nachmittagim Schnittdrei StundenUnterricht,im Wech-

sei bei Gora und bei Michel.EineÄrztin,die ebenfallsan der Ausbildung teilnahm, Jutta Wellmann,erteilte den Anatomieunterricht. Späterwurde LeonoreQuestin den Kreisder Lehreraufgenommen; sie übernahm die Sprach-und Stimmbildung.Auchverschiedene Gastdozentinnen,wie Mirka Dzakis / Griechenland(Stimmarbeit) und Gail Turner, eine Schülerin von Bonnie Bainbridge / USA (Organarbeit),unterrichtetenim Rahmender Ausbildung. Für michwar sehr schnellklar,dass ich michauf diesesneue Unternehmeneinlassenwollte.Ichmeldetemichan und wurdeSchülerin Vonda der ersten Gruppe der neu gegründetenGoralewski-Schule. wieUhr acht um morgens täglich lang an gingichzweieinhalbJahre Kinder-und im Schulzeit meiner zu der zur Schule.Im Gegensatz Jugendalterließ ich mich nun mit Begeisterungauf die Sache ein. Eifrigerkonnte man kaum sein, und um die nötige Selbstdisziplin brauchteich mich glücklicherweisenicht zu kümmern. Die Kontinuität tat mir gut,weilsie meinem Lebeneine Struktur gab,und ich erfuhrleibhaftig,dasses zum Lernennie zu spät ist. Das,was wir in der Ausbildunglernten,unterschiedsichim Prinzip nicht so sehr von dem, was auch in den Laienkursenunterrichtet wurde, aber durch die regelmäßigeArbeit in einer festen Gruppe konnteder Aufbaustärkerstrukturiertwerden,und wir nahmen uns sehr viel mehr Zeit,uns mit einzelnenSchwerpunktenzu beschäftigen. So entstand eine ungeheure Intensitätund Verbundenheitmit allem und jedem um uns herum. Jeder von uns Schülern erlebte immer wiederPhasen des Schmerzes,des Aufbegehrens,der Unsicherheit,des Stillstandesund des Zweifelsim Wechselmit Phasen des Fortschreitens,der Leichtigkeitund der des Sich-Wohlfühlens, Zufriedenheit.Wiralle durchliefenin der Ausbildungszeiteinen tiefen Wandlungsprozessund standen am Ende reifer,mit größerer größererWahrnehmungsfähigkeitund ein wenig Bewusstseinstiefe, besserfür das Lebengewappnet,da. In einer Unterrichtsstundehatte uns Gora einmal die Fragegestellt: ,,WaserwartenSie eigentlichvon dieserAusbildung?" Ein Schüler antwortete:,,Gora,wenn man sucht, sucht man dann nichtmehr als nur den Körper,nämlichdas Glück?"Goragab heiter zurück:,,Ichsucheauch das Glück,es liegt nur nichtauf der Straße. Wennder Körpernichtin Ordnungist,dann fehltuns meistetwaszu unserem Glück.Man kann sein Leben nicht aus der ganzen Fülle

leben,wenn man nicht im Gleichgewichtist und die unlebendigen Zonendes Körperszum Lebenerweckthat.WievielGlückwir empfinden,hängt auch davon ab, wie sehr unser Körperin Ordnung ist. Schreibtmal auf:Ichbin in die Schulegekommen,um das Glückzu finden.Das ist wirklichsehr schön,ich meinedas ganz ernst.Das tut man aber mit jeder Ausbildung.Natürlichkönnen wir lernen, mit offenenSinnen und offenemGeist empfänglichzu werden für all das Glück,das uns täglichbegegnenkann und auch begegnet.Aber identifizierenwir unser Daseinund dessenWertmit unseremGlück oder dem Weg,der im Augenblickvor uns liegt?" Eine andere Schülerin nannte Gesundheit als wichtiges Ausbildungsziel. Gora antwortete:,,Natürlichkann das kranke Kniewieder gesund werden,natürlichträgt diese Arbeitzur Gesundungbei, aber kann diese Arbeit eine Sicherheitfür Gesundheit geben? Gibt es denn Beständigkeit?" Eine weitereSchülerinerwartetedas Wachstumder Persönlichkeit. WoraufhinGora leicht schmunzelte und liebevoll,ironisch sagte: ,,Ohja, Persönlichkeit,ja, das wäre vielleichtwas.WennSie mit PersönlichkeitOffenheitmeinen, dann möchte ich auch eine Persönlichkeitsein'.'Dabeischmunzeltesie herzhaftweiter. Gora:,,Wirsuchenden Körper,morgens,mittags,abends,beimEssen und Trinken,bei allen Arbeiten,in unseremganzenVerhalten.- Wir versuchen,einfacherzu werden,also selbstverständlicher. Wirwollen den Weg finden, um langsam eine Ahnung von der eigenen Lebendigkeitzu bekommen, um freier zu werden,uns so frei und wach zu fühlen,wie ein Menscheben sein kann zwischenHimmel und Erde.Ichhabe nochnichtsAnderesgefunden.Jederist eine eigene Lebendigkeit,die aus dem Atemlebt.Wirwerden freier,wacher, offener,eben lebendiger.Es geht um Lebendigkeit!Das ist der Sinn unserer Arbeit,immer wieder den Menschenzu berühren und zu versuchen,ihn dahinzuleiten,dass er in seine eigene Lebendigkeit hineinkommt."

Erfahrungenaus meinem Arbeitsalltag

Ein wesentlicherSchwerpunktunserer Ausbildunglag darin, nicht

nur die Sensitivitätfür den eigenen Körper,für das eigene Sein zu erforschenund zu erweitern,sondern darüber hinaus auch unser Empfindenund unser Verhaltengegenüber unseren Mitmenschen zu beleuchten,wieauchden Umgangmit den Dingenum uns herum im Allgemeinenzu beobachtenund zu vergegenwärtigen. VieleJahre hatte ich damit zugebracht michin erster Linieauf mich selbst zu besinnen. Dies war offenbar für mich notwendig. Die Sensibilisierungder Sinne für das Gewahrseinmeinerselbstbrachte michauf den Weg,mein Sein tieferzu erleben und führte michzu einembesserenVerständnismeinerselbst.Im Laufeder Ausbildung erweitertesichmein Blickfeld,und ichentdecktemehr und mehr die Anderen;ich wurde offenerfür meine Mitmenschenund für Beziehungen.Diesspiegeltesichauch in meinemArbeitsfeldwider.Ohne dass ichmichbewusstin dieseRichtungorientierthatte,wurde eine neue Aufgabean michherangetragen.So übernahm ichneben meiner Arbeitals Atem-und Bewegungslehrerdie Betreuungalter Menschen. Eines Tageswurde ich gefragt ob ich mich um einen alten Herrn kümmern könne, dessen Tochtermit der Pflege des Vater allein überfordertwar. Ichsagte spontan zu. VonAnfangan erfülltemich diese Tätigkeit.Nun konnte ich auch in diesem Bereichetwas von dem weitergeben,was ich durch und mit Gora gelerntund erfahren hatte und was zugleichin mir angelegtwar,etwasvon meinemVerständnis, meiner Hingabe,meiner Freude und meinem Humor kurz,von allem,was in mir lebendigwar. Alsichdas erste Malin den Kreisdes alten Herrn trat waren wir beide ein wenig befangen.Aber bereits nach einigen Treffenwar die Scheu verflogen und machte dem EmpfindenPlatz, dass wir uns schonsehr langekannten.Esentwickeltesichrascheinewohltuende Vertrautheit. KeinenTag versäumte es Dr. Raming,sich auf der Couch auszustreckenund seinen Kopfmit dem langen,sehnigenHals in meine Händezu legen.MitgeschlossenenAugenund einemAusdruckdes Wohlbehagensin seinem Gesichtlag er auf dem Sofa.Meistschlief er schonnach kurzer Zeitein und begann,leisezu schnarchen.Eine Weilespäter wachteer dann auf und fragte:,,MeinGott wo bin ich?" Im gleichenAtemzugschlosser wiederdie Augenund sank zurück in tiefen Schlummer.Hatte er schließlichausgeschlafen,gähnte er

wohligund sagte wie zu sichselbst:,,Esist wundervollberuhigend, wenn mein Kopfin Ihren Händen ruht:' Dabei lächelteer mich an. Und jedesmal, wenn dieser fast hundertjährige Mensch mir ein Lächelnschenkte,erzeugtees in mir eine pulsierendeWirkung. Dieserfeine,gebildeteMensch,in Petersburggeborenund Professor für Japanisch,erzählte mir, während ich ihm ein Fußbad machte oder meine Hände über seinen Rückenstrichen,viele interessante Geschichtenaus seinem Leben.Er zeigte mir seine recht ansehnlichen künstlerischenArbeiten - Aquarellesowie Zeichnungenund ich bekam auch ein selbstangelegtesBuch zu sehen, indem er die besten Witzeaus Tageszeitungenausgeschnittenund sorgfältig eingeklebthatte.Häufigsaßen wir aucheinfachda,ohne zu reden.In wundersamerEintrachtkonntenwir langeZeitstumm aus dem Fenster blicken.Wennwir einen Spaziergangmachten,schobProfessor Ramingseinen Arm unter meinen, und er fand Vergnügendaran, mir unterwegsvon seiner HeimatRussland,von seiner Tätigkeitin Japanodervon den großen StationenseinesLebenszu erzählen.Die Geschichtenund Bilderlebten in ihm weiter,leistetenihm Gesellschaft,blickten ihn aus lebendigenAugen an. Ich spürte in seiner Gegenwartwie er „ja"zum Lebensagte,trotzaller Beschwerden,die das Greisenaltermit sichbrachte.DieangenehmeSeiteseinesAlters war nicht nur der reicheSchatzan Bildern,den er nach einem langen, erfülltenLebenim Gedächtnistrug und mit großer Teilnahme weitergab,sondern ebenso seine Fähigkeitzur Kontemplation.Oft schwiegenwir und lauschtenden Geräuschender Natur, oder wir blieben stehen, und er vertieftesich in den Anblickeines Baumes, einer Blume,einer Wolke. Obwohles Dr. Ramingbewusst war, dass er bald von dieser Welt Abschiednehmen musste,schätzteer die Gegenwart,empfand sie als gut und lebenswert.Er gab sich dem Lebenhin, und gleichzeitig bereiteteer sichauf das Sterbenvor,ordnetesein Hauswesen,plante sogar mit größter Sorgfaltdie Leichenfeierund sorgte dafür,möglichst keine ungeklärten oder unerledigtenVerhältnissezu hinterlassen. Hin und wiederführtenwir auchphilosophischeGespräche.Einmal fragteich ihn,ob er an Reinkarnationglaube.,,Achwas!Davonhalte ichnichts.Wennichtot bin,bin ichtot.Das ist dann das Ende",gab er heiterzur Antwort.,,UndSie haben keine Angstvor dem Tod?"frag-

te ich weiter.,,Inmeinem Alterist man schonein wenigdarauf vorbereitet bald abzutreten. Da hat man es gelernt nicht mehr am Lebenzu haften.Icherwarteden TodohneAngst' Nacheinerlangen Pause fragte mich der alte Professor:,,HerrStallman,glauben Sie denn an ein Lebennach dem Tod?" Ichantwortete,ohne ihn überzeugenzu wollen:,,Fürmichist es aufgrund der buddhistischenLehredurchausvorstellbar,dass der Geist oderdie innersteEssenz,wenn sichder physischeKörperbei seinem Todverflüchtigt auf der subtilsten Ebene weiter existiertund sich nochmals einen Körpersucht. Ich kann mir auch vorstellen,dass unsere Sorgeum das,was uns als das Gute und Rechtescheint eine Auswirkungauf unsere nächste Inkarnation hat und nicht vergebens ist' MitgroßemInteressehörteDr.Ramingzu und fragtenacheinerWeile:,,KennenSieAngstvor dem Tod,und sind Sie freivon Zweifelund Fragen?" „Oh ja", antwortete ich spontan und fuhr fort: ,,In früheren Jahren hatten mich Zweifelund Fragen nach dem Verbleibmeiner Seele hier und da zum Grübeln gebracht.Zweifelund Fragen wie: Vielleichtist dieVorstellungder Reinkarnationnichtsweiterals Wunschdenken und offenbartnur ein Anklammernan das Leben und den sehnlichenWunschnachWiedergeburt?Ichhatte einfachAngstvor dem Unbekanntenund Angst vor meiner Auflösungin ein Nichts. Die Vorstellung,von dieser WeltAbschiedzu nehmen,ohne zu wissen wohin,machtemir Furcht.Eswar dieAngst dassichmeineIdentität verliere,die Angst in den Abgrundder Nichtidentitätzu fallen, ,verloren'zu gehen.Wenndas Lebenim Nichtsendet,ohne eine ewige Ordnung und ohne ein ewiges Leben hinter dieser ungewissen und vergänglichenErfahrungvon Lebenund Tod,schienes mir eine nutzlose Erfahrung zu sein. Ich wollte,dass das Leben einen ,vernünftigen'Sinn hat.MeinGlaubean ein Lebennachdem Todwurde lange Zeit im Wesentlichenaus der Furcht geboren.Der Verstand suchte beständig nach Sicherheitund Fortdauerund hoffteauf ein Mittelzu seinerErfüllung,auf ein künftigesDasein.Dochsind solche Gedankenin den letztenJahrenweitgehendeingeschlafen,und meine Zweifelnur noch gelegentlichwirksam.Das bedeutetaber nicht dass ich heute keine Angstmehr vor dem Todhabe:' EineWeileschwiegenwir gemeinsam.Dann fuhr ichfort:,,Ichglau-

be, es gibt nur einen Weg,die Angst vor dem Tod zu überwinden. Buddha,Jesus,Sokrates,MeisterEckhartund vieleandere haben ihn uns gelehrt:Sich nicht an das Leben klammern,es nicht als Besitz betrachten.Wir dürfen dem Leben keinen Widerstandleisten.Die Anleitungzum Sterben ist dieselbewie die Anleitungzum Leben. Wirdürfen uns nichtfesthalten,besondersnichtan der eigenenPerson.Je mehr man sichdesVerlangensnachBesitzin allenseinenFormen und besondersseiner Ichbezogenheitentledigt,um so geringer wird die Angstvor dem Sterben.Loslassenbedeutet auch,die eigenen störenden Tendenzen zurückzunehmen. Ich möchte mich bereitsjetzt auf den Todvorbereiten,denn ichglaube,wenn ich vorbereitet bin, werde ich höchstwahrscheinlichim Sterbeprozesskeine oder weniger Angst empfinden. Um uns auf den Tod vorzubereiten,müssen wir unseren Geist und unsere Emotionen trainierenund zähmen. Ichwünschemir,dass ich den Todbejahen,ihn als Entwicklungsstufe sehen und empfindenlerne, und ihn als eine der großen,ewigen Formen des Lebens und der Verwandlungannehme. In welcher Weiseoder ob es mir überhaupt gelingt,darum braucheund werde ich mir keine Gedankenmachen.Nur Vertrauenist nötig,den Dingen so zu begegnen,wie sie sind,und dass alles seine Ordnunghat." So etwawird das geklungenhaben,was ichDr.Ramingdamalsüber meine Sichtweisevon Lebenund Toddarlegte.MitWortenantwortete Dr.Ramingnicht,aber sein heitererBlicksagtegenug. Nachdemwir uns fast ein halbes Jahr lang täglichgesehen hatten und uns ein innigesVertrautseinmiteinanderverbundenhatte,fuhr ich für etwa eine Wocheauf ein Sufi-Retreatin die Schweiz.Icherinnere michnoch,wie herzlichmichHerr Ramingmit den Wortenverabschiedete:,,KommenSie bald wieder!Ich brauche Sie und habe schon jetzt Sehnsucht."Dies sagte er mit kräftiger Stimme, gut gelaunt.Dabeinahm er michin die Arme,und in diesemAugenblick besondererVertrautheitneigte er seine Wangean meine und fügte mit herzlichemTonhinzu:,,LebenSie wohl,bis bald!"BeimGehen warf er mir einen Blickzu, der mir noch lange im Gedächtnisblieb, denn er drückte seine warme Zuneigungaus und das Einvernehmen, das uns beideverband. Nach Beendigungdes Retreatswollten meine Freundin und ich in der Berner Umgebung noch ein paar Tage Urlaub machen. Doch

irgendein undefinierbares,starkes Gefühlveranlasstemich,sofort nach Berlin zurückzufliegen.Vielleichthatte meine Intuition eingegriffen und meine Antennen waren empfangsbereit gewesen, sodass ich Herrn Ramings Ruf unbewusst vernommen hatte. Auf jeden Fall setzte ich mit Renates Einverständnis alle Hebel in Bewegung,den Rückflugterminvorzuverlegen.Dies war nicht so leicht,da es sich um einen Billigflughandelte, der eine Änderung der Termine ausschloss. Nur der Freundlichkeit der Dame am Schalter hatte ich es zu verdanken, dass die Umbuchungschließlich doch klappte. Alswir in Berlinlandeten,fuhr ich nach Hause,stelltemein Gepäck ab und machtemich direkt auf den Wegzu Herrn Dr.Raming.Dort angekommen,öffnetemir seineTochterdieTür und sagteaufgeregt: ,,Esgeht meinemVatersehr schlecht.Gut,dass Sieda sind'.'Sie führte mich zu ihm. Er lag auf dem Sofa und machte einen herzzerreißenden,elendenEindruck.Selbsthilflos,sah ich,wieer leidendnach Atemrang.Nochim Mantelsetzte ich michsofortzu ihm und strich sanft in kreisenden Bewegungenüber Lunge und Herz, um seine Atemnotein wenig zu lindern.Es fiel mir nicht leicht,innere Ruhe und Stillezu bewahrenund zu erspüren,was für Dr.Ramingin diesem Moment von Nöten war. Immer wieder richtete ich seinen zusammensinkendenKörperein kleinwenigauf,um ihm Erleichterung beim Atmen zu verschaffen.Und dann - wie soll ich es beschreiben?- wurde es plötzlichganz still um ihn. Still,wie wenn ein Schmerz aufhört. In der ersten Sekunde dachte ich: ,,Gottsei Dank,jetztschläfter,das ist gut so."Ichbegriffnichtsogleich,dassder gute,alte MannsoebenseinenletztenAtemzuggetan hatte und sein kurzer Todeskampfschon vorüber war. Mein Blickruhte auf dem soebenVerstorbenen.Alsichdas Geschehenerfasste,saß ichda und fühlte mich wie ein kleines Kind,das man in einer sonderbaren Gegend allein gelassen hat. Die Einordnungdessen,was sich um michherum ereignete,überfordertemich.Ichsah mich in eine Situation gestellt,auf die ich nicht vorbereitetwar. Lange saß ich wie betäubtvor der Unbeweglichkeitseineszum Leichnamgewordenen menschlichenKörpers.Plötzlichhatte sichder Todso sehr vergegenwärtigt,dass ich zum ersten Mal wirklichspürte, dass auch mein eigenes Leben endlichist. In diesem Momentder Einsichtschätzte und achteteich mein Lebenwie nochnie zuvor.Mitjedem Atemzug

atmete ich mein eigenes Lebenein. In mir verneigtesich etwas vor der Kostbarkeitmeines mir geschenktenLebens.Ichdachtean den Wert dieses Juwels,das wir Leben nennen. Und dann, wie wenig sorgfältigich damit oft umging. Ichweiß nicht,wie langees gedauerthat,bis ichzu Frau Ramingsagte: ,,IhrVaterist soeben fortgegangen'.'MeineSchwester,die als Dr. RamingsHausärztinsogleichgerufenwurde, traf bald ein, und ich verspürte eine große Erleichterung,da sie als Ärztinmit dem Sterben vertraut war. Zugleichempfand ich aufgrund des Ereignisses eine tiefeVerbundenheitmit ihr. NochkeinehalbeStundewar ich nacheinwöchigerAbwesenheitbei Dr.Raminggewesen,als er in meinenArmenverstarb.Späterschien es mir,als hätte dieser feineMenschmichgerufenund seinenTodso langeaufgeschoben,bis ich da war.Aberwer weiß das schon?

Hingabeheißt Tätigsein

Ich bin nicht der Mensch,der besonders fleißig ist, aber wenn ich jemandem zur Hand gehen kann und besonderswenn ein anderer in Notoder auf Hilfeangewiesenist,dann bin ichda. Ichverkörpere nicht das,was man in der Regelunter einem fleißigen,produktiven Menschenversteht,der die Dinge aus eigener Antriebskraftin die Hand nimmt und gestaltet,sondern gehöre eher zu den Menschen, die den Impuls,aktivzu werden,von außen benötigen,um dann die gewünschteAufgabezu erfüllen.Auf dieser Basisentwickeltesich auch mein Arbeitsfeld.Nicht ich kümmerte mich darum, meine Tätigkeitsfelderzu finden, sondern meistens hatte ich das Glück, dass aus meinemFreundes-und BekanntenkreisAufgabenan mich herangetragenwurden,oder dassich mit Menschenin Kontaktkam, die gerade das brauchten,was ich Ihnen geben konnte.Wasan Hingabe und Hilfsbereitschaftvon Natur aus als Same in mir angelegt war,das hatten Gora und mein Umgangmit alten Menschenweiter in mir gefördert,ausgebildetund genährt. In der Rückschaumusste ich allerdings die Feststellungmachen, dasssichmeineHilfsbereitschaftund mein Handelnzu Beginnmeiner Tätigkeitoftmalsmit selbstsüchtigen,egoistischenMotivenvermischthatte. Wennjemand mein Engagementnicht würdigte,war

ich pikiert.Ichgab etwasund wolltedies angerechnethaben. Eswar schließlichfür mich eine schmerzhafteErkenntnis zu sehen, dass das, was ich ta~ von einer Erwartungan den Anderenin Form von Dankbarkeit und Anerkennungbelastet wurde.WahreHilfsbereitschaftund Hingabesind nicht besitzer-greifend,erwarten und fordern nichtsvom Anderen,das hatte ich durch GorasLebensbeispiel erkannt. Aber dieses Wissenin die Praxis umzusetzen,fiel mir im Alltagnicht immer leicht.Es erfordertein großes Maß an Selbstlosigkeit.Im Laufeder Jahre habe ich michzwar für diesenAspektdes Gebenssensibilisier~trotzdemmöchteichnichtbehaupten,dass ich in diesemPunkt nun mit mir zufriedenbin. Beispielsweisegewinnt meineBequemlichkeitimmer mal wiederdie Oberhand,und es fällt mir schwer,mich den Notwendigkeiteneiner Situation zu stellen und das Erforderlichezu leisten. ZwölfJahre lang betreute ich eine ältere, gehbehinderte,alleinstehende Frau. Ihre letzten fünf Lebensjahrenverbrachtesie ans Bett gefesseltin einem Altenpflegeheim,wo ich sie bis zu ihrem Todim Sommer 2000 besuchte.Es hatte sichso eingespielt,dass ich tagein tagaus zu Frau Schusterfuhr. Diese regelmäßigenBesuchehatten sich wie selbstverständlichin meinen Alltag eingereiht.Nur gelegentlichwollte einfachkeine rechte Lust aufkommen,sie aufzusuchen.Ichlag auf meinerCouch,las geradeein spannendesBuchund dachte:Heutestattest du Frau Schusterkeinen Besuchab. Es regnet außerdem und überhaup~Frau Schusterist mir jetzt völligegal.Ich will einfach nicht! Aber schon im nächsten Moment dachte ich anders, nämlich:Sie wartet jetzt bestimmt auf dich. - Es genügte allein die Vorstellung,dass Frau Schusterden ganzen Tag ans Bett gefesseltwar,keinerleiAbwechslungund nichtdie Möglichkeithatte, mit einem Menschenein paar persönlicheliebe Wortezu wechseln. Wäreich in derselben Situationwie Frau Schuster,würde ich michschließlichauchfreuen,Besuchzu bekommen;außerdemwartet sie auf dich!ging es mir durch den Kopf.DieseGedankenbreiteten sichaus und gaben mir einen Stichins Herz.Alsichaber aus dem Fensterschauteund sah,dass der Regenzunahm und dazu nochein kräftiger Wind wehte, gewann meine Bequemlichkeitwieder die Oberhand. Ich versuchte,mich ins Buch zu vertiefen,doch mein schlechtesGewissendurchkreuzteimmer wieder meine Aufmerksamkeit.Letztlichwar es doch mein Mitgefühlund sicherlichauch

mein schlechtesGewissen,das in mir aufkeimte und mir einen unangenehmenStoß versetzte.NacheinerWeileschlugichdas Buch zu,da an Lesensowiesonichtmehr zu denkenwar,schobmeinePassivität beiseite,zog meine Schuhe an, schwangmich aufs Fahrrad und fuhr los.Dochals ichvom Regenvölligdurchnässtauf dem Rad saß und gegen den schneidendenWind ankämpfte, der mir ins Gesichtblies,verwünschteich mein Mitgefühl,welchessovielüber mich vermochte.Mir war es einerlei,ob Frau SchusterAufmunterung und Ansprache brauchte. Als ich von diesen Gedanken beherrschtbeinahe gegen einen Bordsteingefahrenwäre,beruhigten sie sich schlagartig.Das war auch gut so, denn ich musste den Verkehrim Auge behalten, um keinen Sturz zu verursachen,und außerdem galt es, mit dem Wind fertigzuwerdenund um viele Eckenzum Altenheimzu fahren. Alsich dann endlichihr Zimmerbetral strahlte Frau Schusterüber das ganze Gesichtund rief:,,EinGlück,dass Sie trotz des schlechten Wettersgekommensind!Sie sind wirklichein Lichtstrahlfür mich. Der einzige,den ich überhaupt habe". Die uni.iberhörbareFreude, die in ihrer Stimmemitschwang,übertrug sichsofortauf mich.,,Oh, vielen Dank, so viel Lob habe ich schon lange nicht mehr eingeheimsl nein, wirklichFrau Schuster,sovielBedeutungist mir seit meiner Geburt nicht beigemessenworden",flachsteich vergni.igl während die Hosenass an meinen Beinenklebte.Ichgenossdieses Komplimentund fuhr schelmischfort:,,FrauSchuster,ichziehejetzt meine klischnassenSachenaus und lege mich zu Ihnen ins warme Bett".,,Nabitte,dann kommen Sie schon!"gab sie belustigtzurück. Dabei lachtesie, und auch ich lachte und war zufrieden,dass ich es doch geschaffthatte, zu meiner alten Dame zu fahren. Das macht mir nämlichdochFreude.Dann ist allesso,wiees sein sollte,und ich bin nichtnur mit mir,sondernmit der ganzenWeltzufrieden,die ich dochmeistensso sehr liebe.Spüreichdochdabei,wievieldiejenigen, mit denen ich mein Lebenteile,zu geben haben, und das bereichert Geistund Seeleoft mehr als alles andere auf der Welt. Gemeinsamaßen wir die mitgebrachtenFrüchte- wobeieine Banane und ein Joghurtnie fehlendurften- und tranken zusammenSaft. Zum Schlussließ ich wie immer meine Hand eine gute Weileauf ihrem Bauchruhen,während Frau Schusterzugleichmeine andere Hand zutraulichin die ihrige nahm.

Als ich mich nach etwa einer Stunde verabschiedenwollte,sagte sie streng, ohne dabei unfreundlich zu sein: ,,Nein,Sie bleiben noch!Sie haben mir noch nicht die Haare gekämmt, das Gesicht eingecremt, und die Fingernägel könnten auch wieder einmal gemachtwerden.Sie hatten gestern schon vergessen,mir die Füße zu massieren".Ichhörte es gar nichtso ungern,wenn Frau Schuster Ansprüche stellte, denn ansonsten war sie, auch gegenüber den Schwesternund Ärztender Station,die selbstlosestePerson,die ich jemals kennengelernt hatte. Natürlichblieb ich noch. Bevorich ging strich ich ihr noch einmal über Hände und Wange und verabschiedetemich mit den Worten:,;rschüs,bis morgen." Dabei schaute ich ihr ins Gesicht und dachte: Ganz sicher, ihr Gesichtist eng mit etwasin meiner Seeleverbunden,das spüre ich, und diesesEtwasrührt ganz leisemeine Seele. Dann trat ich wieder ins Freie.Jetzt,da sich die Sonne blickenließ und ichden Windim Rückenhatte,wasmeineFahrtzu einemreinen Vergnügenmachte,war es ein Leichtes,beschwingtnach Hause zu fahren.Aufdem Heimwegveranlasstemich das schöneWetter,im Park auf einer Bank Platz zu nehmen. Angeregtdurch die Sonne, fühlteicheineWellebelebenderWärmein mir aufsteigen.Ichsaß da und versenkte mich gedankenverlorenin die Weiteund Tiefe des Himmels.Dabei kam mir Gora in den Sinn.Plötzlichstand sie sichtbar vor mir - sie war nun schonüber 10 Jahre tot - und zog für eine WeilemeineganzeAufmerksamkeitauf sich. Jedesmal wenn ich an Gora denke, an ihre Bescheidenheitund Genügsamkeit, an ihre Einfachheit und Herzensgüte, füllt sich mein Kopfmit edlen Gedanken über diesen wunderbaren Menschen. In solchen Augenblickenhabe ich das Bedürfnis,mich vor ihr zu verneigen und ihr für all das zu danken, was sie mir gegeben hat. Danke Gora!

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